The Project Gutenberg EBook of Der Courier des Czaar (Michael Strogoff) by
Jules Verne



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Title: Der Courier des Czaar (Michael Strogoff)

Author: Jules Verne

Release Date: October 12, 2010 [Ebook #34064]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER COURIER DES CZAAR (MICHAEL STROGOFF)***





                       Collection Verne. Band 22.


                        *Der Courier des Czaar.*

                          (Michael Strogoff.)

                                  Von

                             *Julius Verne.*


_Autorisirte Ausgabe_

Erster Band.

*Vierte Auflage.*

Wien. Pest. Leipzig.

_A. Hartleben's Verlag._

Alle Rechte vorbehalten.





              K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.





                                 INHALT.


Erster Theil
   1. Ein Fest im Neuen Palais
   2. Russen und Tartaren
   3. Michael Strogoff
   4. Von Moskau nach Nishny-Nowgorod
   5. Eine Verordnung mit zwei Artikeln
   6. Bruder und Schwester
   7. Auf der Wolga stromabwrts
   8. Die Kama stromaufwrts
   9. Tag und Nacht im Taranta
   10. Ein Unwetter in den Uralbergen
   11. Reisende in Noth
   12. Eine Herausforderung
   13. Die Pflicht ber Alles!
   14. Mutter und Sohn
   15. Der Barabinen-Sumpf
   16. Eine letzte Anstrengung
   17. Bibelsprche und Liederverse
Zweiter Theil
   1. Ein tartarisches Feldlager
   2. Alcide Jolivet's Haltung
   3. Schlag fr Schlag
   4. Der siegreiche Einzug
   5. Nun sieh' Dich um
   6. Ein Freund unterwegs
   7. Die Ueberschreitung des Jenise
   8. Ein Hase, der ber den Weg luft
   9. In der Steppe
   10. Baikal und Angara
   11. Zwischen zwei Ufern
   12. Irkutsk
   13. Ein Courier des Czaar
   14. Die Nacht vom 5. zum 6. October
   15. Schlu
[Bemerkungen zur Textgestalt]






                            MICHAEL STROGOFF.




                             Erstes Capitel.


                        Ein Fest im Neuen Palais.


"Sire, eine neue Depesche.

-- Von woher?

-- Aus Tomsk.

-- Ueber diese Stadt hinaus ist die Leitung unterbrochen?

-- Sie ist seit gestern gestrt.

-- General, Sie werden von Stunde zu Stunde ein Telegramm von Tomsk
einfordern und mich auf dem Laufenden erhalten.

-- Zu Ew. Majestt Befehl", antwortete der General Kissoff.

Diese Worte wurden gegen zwei Uhr Morgens gewechselt, als ein im Neuen
Palais abgehaltenes Fest eben in hchstem Glanze strahlte.

Die Capellen der Regimenter von Preobrajensky und von Paulowsky spielten
zu dieser Soire die gewhltesten Nummern ihres Repertoires, Polkas,
Mazurkas, Schottische und Walzer, ununterbrochen auf. Immer neue Paare von
Tnzern und Tnzerinnen rauschten durch die prchtigen Salons dieses
Palastes, der sich nur wenige Schritte entfernt von dem "alten Hause aus
Stein" erhebt, in welch' letzterem sich so viele furchtbare Dramen
abgespielt haben und das jetzt nur die flchtigen Melodien der Quadrillen
wiederhallte.

Der Oberhofmarschall fand bei Erfllung seiner delicaten Pflichten sehr
beachtenswerthe Untersttzung. Die Grofrsten selbst, deren Adjutanten,
die Kammerherren vom Dienst und die Hausofficiere des Palastes unterzogen
sich des Arrangements der Tnze. Die von Diamanten strahlenden
Grofrstinnen und die Hofdamen in gewhltester Galatoilette gingen den
Frauen und Tchtern der hchsten Militr- und Civilbeamten mit
aufmunterndem Beispiele voran. Als das Signal zur Polonaise ertnte, als
die Eingeladenen jedes Ranges herbeieilten zu dieser rhythmischen
Promenade, welche bei derartigen Festlichkeiten die volle Bedeutung eines
Nationaltanzes erlangt, da bot das Gemisch der langen, spitzenberwebten
Roben und der an Ordensschmuck so reichen Uniformen bei dem Glanze der
hundert Kronleuchter, deren Lichtmeer die ungeheuren Spiegel noch zu
verdoppeln schienen, dem Auge ein entzckendes, kaum zu beschreibendes
Bild.

Dazu lieferte der groe Salon, das schnste der Gemcher im Neuen Palais,
fr diese Versammlung hoher und hchster Personen und verschwenderisch
geschmckter Frauen einen entsprechend prachtvollen Rahmen. Die reiche
Decke mit ihren von der Zeit schon etwas gemilderten Vergoldungen erschien
wie beset mit blitzenden Sternen. Der Brokat der Gardinen und der in
schweren Falten herabfallenden Portiren frbte sich mit warmen Tnen,
welche sich nur an den schrferen Kanten des kostbaren Stoffs lebhafter
heraushoben.

Durch die Scheiben der groen Rundbogenfenster drang das Licht des Innern
nur wenig geschwcht, hnlich dem Wiederschein einer Feuersbrunst, nach
auen, und stach grell ab von dem nchtlichen Dunkel, das seit wenig
Stunden diesen glitzernden Palast umhllte. Dieser Contrast mochte auch
die Aufmerksamkeit zweier Ballgste erregen, welche am Tanze keinen
Antheil nahmen. In einer der Fensterffnungen stehend, konnten sie mehrere
jetzt nur undeutlich sichtbare Glockenthrme wahrnehmen, deren riesige
Silhouetten sich am Himmel abzeichneten. Unten bewegten sich schweigend,
das Gewehr wagrecht ber die Schulter gelegt, zahlreiche Wachtposten auf
und ab, und auf den Spitzen ihrer Pickelhauben blitzte es dann und wann
von dem darauf fallenden Lichte aus dem Palaste. Jene vernahmen wohl auch
den Schritt der Patrouillen auf den Steinplatten des Vorplatzes, der gewi
taktgerechter war, als manchmal die Bewegungen der Tanzenden auf dem
Parket des Festsaales. Dann und wann hrte man den Zuruf der Schildwachen
von Posten zu Posten und manchmal mischte sich ein hellschmetterndes
Trompetensignal harmonisch mit den Accorden des Orchesters.

Noch weiter unten erschienen dunkle Massen in den ungeheuren von den
Fenstern des Neuen Palais ausgestrmten Lichtkegeln. Das waren Schiffe,
die auf dem Strome herabglitten, dessen Wellen, berstrahlt von den
grellen Lichtbndeln mehrerer kleiner Leuchtfeuer, den Fu der Terrassen
des Palastes besplten.

Die Hauptperson des Balles, der Festgeber des heutigen Abends, dem
gegenber General Kissoff jene nur den Souvernen zukommende Anrede
benutzte, erschien einfach in der Uniform eines Officiers der Gardejger.
Seinerseits lag hierin keine Affectation, sondern die Gewohnheit eines
Mannes, der fr ueren Pomp wenig empfindlich ist. Seine Erscheinung
contrastirte demnach mit den prachtvollen Costmen, die sich um ihn
drngten, und ebenso zeigte er sich auch gewhnlich inmitten seiner
Escorte von Georgiern, Kosaken und Lesghiern, jener prchtigen
Reiterleibwache in den brillanten Uniformen des Kaukasus.

Jener hochgewachsene Mann mit freundlichem Gesicht, ruhiger Physiognomie,
aber bisweilen sorgenvoller Stirn, ging leutselig von einer Gruppe zur
andern, sprach aber wenig und schien selbst weder den heitern Gesprchen
der jngern Welt eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, noch den
ernsteren Worten seiner hchsten Staatsbeamten oder der Mitglieder des
diplomatischen Corps, welche die Hauptstaaten Europas an seinem Hofe
vertraten. Zwei oder drei dieser scharfsichtigen Politiker - geborene
Physiognomiker, - glaubten auf dem Antlitz ihres hohen Wirths einige
Zeichen von Unruhe bemerkt zu haben, deren Ursache ihnen zwar unerklrlich
blieb, aber ohne da Einer derselben sich erlaubt htte, eingehender
danach zu forschen. Auf jeden Fall lag es, daran war gar nicht zu
zweifeln, in der Absicht des Officiers der Gardejger, durch seine
Geheimnisse die Festesfreude in keiner Weise zu beeintrchtigen, und da er
einer der seltenen Frsten war, dem fast eine ganze Welt, sogar im
Gedanken, zu gehorchen sich gewhnt hatte, so wurden auch die Vergngungen
des Balles nicht einen Augenblick unterbrochen.

Indessen wartete General Kissoff von dem Officier, dem er das Telegramm
aus Tomsk berreicht hatte, auf die Erlaubni sich zurckziehen zu drfen;
aber jener verharrte in Schweigen. Er hatte das Blatt angenommen,
durchlesen und mehr und mehr Wolken lagerten sich auf seine Stirn.
Unwillkrlich fate seine Hand nach dem Degengriff und erhob er diese
wieder bis an die Augen, welche er einen Augenblick bedeckte. Es schien,
als blende ihn der Schein der tausend Flammen und als suche er etwas
Schatten, um besser in sein Inneres blicken zu knnen.

"Wir sind also, begann er wieder, nachdem er den General Kissoff in eine
Fensternische gefhrt, seit gestern ohne alle Verbindung mit dem
Grofrsten?

-- Ohne Verbindung, Sire, und es steht zu befrchten, da die Depeschen
bald nicht einmal die Grenze Sibiriens mehr berschreiten knnen.

-- Aber die Truppen des Amurgebietes, sowie die von Transbaikalien haben
die Ordre empfangen, sofort nach Irkutsk aufzubrechen?

-- Diesen Befehl enthielt das letzte Telegramm, welches ber den Baikalsee
hinaus zu senden mglich war.

-- Doch mit den Gouvernements Jeniseisk, Omsk, Semipalatinsk und Tobolsk
stehen wir seit Beginn des Einfalls stets in directer Communication?

-- Gewi, Sire, dahin gelangen unsere Depeschen und wir sind sicher, da
die Tartaren zur Stunde den Irtysch und Obi noch nicht berschritten
haben.

-- Und von dem Verrther Iwan Ogareff hat man noch keine weitere Kunde?

-- Nein, antwortete General Kissoff; der Polizeichef vermag nicht zu sagen,
ob jener die Grenze berschritten hat oder nicht.

-- Sein Signalement werde sofort nach Nishny-Nowgorod, Perm, Jekaterinburg,
Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan, Tomsk und berhaupt nach
allen Stationen gesandt, mit denen wir noch in telegraphischem Verkehr
stehen.

-- Ew. Majestt Befehle werden unverzglich ausgefhrt werden, erwiderte
der General.

-- Kein Wort ber alles Dieses!"

Nach einem stummen Zeichen ehrfurchtsvoller Ergebenheit verneigte sich der
General, mischte sich erst unbefangen unter die Gste, verlie aber bald
die Salons, ohne da sein Verschwinden irgend welches Aufsehen erregte.

Der Officier blieb trumerisch noch kurze Zeit stehen, und als er sich den
verschiedenen Gruppen von Diplomaten und Militrs wieder nherte, hatte
sein Gesicht die einen Augenblick verlorene Ruhe vollstndig
wiedergefunden.

Die sehr ernste Ursache jener schnell gewechselten Worte war aber
keineswegs so unbekannt, als der Gardejgerofficier und der General
Kissoff glauben mochten. Man sprach zwar nicht officiell davon, ja nicht
einmal officis, da die Zungen jetzt noch nicht gelst waren, aber
verschiedene hochgestellte Personen hatten doch mehr oder weniger genaue
Berichte erhalten ber die Vorgnge jenseit der Grenze.

Was man nur so vom Hrensagen wute, davon unterhielt man sich nicht,
nicht einmal die Mitglieder der Diplomatie unter einander; zwei
Eingeladene aber, welche weder eine Uniform, noch sonst welche
Auszeichnung als berechtigt zu dieser Festlichkeit kennzeichnete, sprachen
mit gedmpfter Stimme ber diese Angelegenheit und schienen sehr genaue
Informationen zu besitzen.

Auf welchem Wege, durch welches Zwischenmittel wuten aber diese beiden
einfachen Sterblichen das, was andere und selbst sehr einflureiche
Personen kaum muthmaten? - Niemand htte das sagen knnen. Waren sie mit
einem Vorgefhl oder mit einer Voraussicht begabt? Besaen sie noch einen
sechsten Sinn, der es ihnen ermglichte, ber den begrenzten Horizont
hinaus zu blicken, der sonst die Tragweite des Menschenauges abschliet?
Hatten sie eine besonders scharfe Witterung, um die geheimsten Neuigkeiten
auszuspren? Sollte sich ihre Natur bei der tief eingewurzelten
Gewohnheit, von und durch die Information zu leben, gnzlich verndert
haben? Man wurde versucht, das zu glauben.

Diese beiden Mnner, der eine Englnder, der andere Franzose, waren lange,
hagere Gestalten, - dieser gebrunt wie die Sdlnder der heien Provence,
- jener roth, wie ein Gentleman aus Lancashire. Der abgemessene, kalte,
phlegmatische, mit Bewegungen und Worten haushlterische Anglo-Normanne
schien nur bei der Auslsung einer Feder zu reden und zu gesticuliren, die
von Zeit zu Zeit in ihm wirkte. Der lebhafte, fast ungestme Gallo-Romane
dagegen sprach gleichzeitig mit Lippen, Augen und Hnden, und schien seine
Gedanken auf zwanzigerlei Art mitzutheilen, whrend seinem Partner nur
eine zu Gebote stand, welche stereotypisch in seinem Hirn fest sa.

Diese physischen Unterschiede htten des oberflchlichen Beobachters
Urtheil gewi leicht irre fhren knnen; der Physiognomiker aber, der
diese beiden Persnlichkeiten aus der Nhe beobachtete, htte den
physiologischen Contrast, der sie charakterisirte, gewi in die Worte
zusammen gefat, da der Franzose "ganz Auge" und der Englnder "ganz Ohr"
sei.

In der That hatte sich der Gesichtssinn des Einen durch den Gebrauch ganz
auerordentlich geschrft. Seine Netzhaut besa dieselbe
Augenblicksempfindlichkeit, wie die der gebten Taschenspieler, welche
eine Karte schon beim schnellen Mischen oder an einem so unscheinbaren
Zeichen erkennen, da es jedem Anderen zweifellos entgeht. Dieser Franzose
besa also in hchstem Grade das, was man so bezeichnend "das Gedchtni
des Auges" nennt.

Der Englnder im Gegentheil schien ganz speciell organisirt, nur zu hren
und in sich aufzunehmen. Traf seinen Gehrapparat der Ton einer Stimme nur
ein einzig Mal, so verga er diesen niemals mehr und htte diese Stimme
nach zehn, nach zwanzig Jahren unter tausend anderen wieder herausgehrt.
Seine Ohren besaen zwar sicherlich nicht das Vermgen, sich so zu
bewegen, wie die der Thiere, welche mit sehr entwickelten Ohrmuskeln
versehen sind; da die Gelehrten aber auer Zweifel gesetzt haben, da die
ueren Ohren des Menschen nur "nahezu" unbeweglich sind, so wre man
anzunehmen berechtigt gewesen, da die des genannten Englnders sich
muten strecken, verschieben und winden knnen, um die Schallwellen unter
den gnstigsten Verhltnissen aufzunehmen, so da einem Sachverstndigen
ihre Bewegungen wohl nicht entgangen wren.

Es sei gleich hierbei bemerkt, da diese Vervollkommnung des Gesichts und
Gehrs den beiden Mnnern bei ihrer Beschftigung sehr zu Statten kam,
denn der Englnder war ein Correspondent des Daily-Telegraph, der Franzose
Correspondent des ... ja, welches oder welcher Journale, das sagte er
nicht, und wenn man ihn darum fragte, so antwortete er scherzend, er
correspondire mit "seiner Cousine Madelaine". Im Grunde war dieser
Franzose trotz seines legren Auftretens ein sehr scharfer Beobachter, und
wenn er so in den Tag hinein plauderte, vielleicht um seine eigentliche
Absicht desto mehr zu verdecken, so gab er sich doch niemals eine Ble.
Gerade seine Redseligkeit diente ihm dazu, zu schweigen, und
wahrscheinlich war er eigentlich verschlossener und discreter, als sein
College vom Daily-Telegraph.

Wenn Beide diesem in der Nacht vom 15. zum 16. Juli im Neuen Palais
gegebenen Feste beiwohnten, so geschah das in ihrer Eigenschaft als
Journalisten und zwar zur grten Erbauung ihrer Leserkreise.

Es versteht sich ganz von selbst, da diese beiden Mnner fr ihre Mission
in der Welt wirklich begeistert waren; da sie es liebten, sich wie
Sprhunde auf die Fhrte der unerwartetsten Neuigkeiten zu strzen, da
Nichts sie zurckschreckte oder abhielt, zu ihrem Ziele zu gelangen, und
da sie das absolut unerregbare, kalte Blut und den wirklichen Muth dieser
Helden von der Feder besaen. Wahrhafte Jockeys dieser Steeple-chase,
dieser Jagd nach Neuigkeiten, sprangen sie ber die Hecken, flogen ber
die Flsse, setzten ber die Hrden mit dem unvergleichlichen Feuereifer
jener Vollblutrenner, die entweder die Ersten am Ziele sein oder sterben
wollen.

Uebrigens geizten ihre Journale nicht mit dem Gelde, jenem bis jetzt
sichersten, schnellsten und vollkommensten Mittel, sich zu informiren. Zu
ihrer Ehre sei aber hier eingeflochten, da weder der Eine noch der Andere
je ber die Mauer des Privatlebens sah oder horchte, und da sie nur dann
in Thtigkeit traten, wenn politische oder sociale Interessen in's Spiel
kamen. Mit einem Worte, sie waren, wie man seit den letzten Jahren zu
sagen pflegt, "die groen politischen und militrischen Berichterstatter".

Inde wird man bei nherer Betrachtung sehen, da sie die Thatsachen und
ihre Consequenzen meist auf besondere Art und Weise ansahen, da sie eben
jeder seine besondere Manier hatten, zu sehen und zu urtheilen. Da sie
jedoch stets mit Freimuth handelten und bei jeder Gelegenheit ihr
Mglichstes thaten, so wrde man Unrecht thun, sie deshalb zu tadeln.

Der franzsische Correspondent hie Alcide Jolivet. Harry Blount war der
Name des englischen Reporters. Sie begegneten sich eben zum ersten Male
bei dem Feste im Neuen Palais, ber welches sie ihren Journalen Bericht
erstatten wollten. Die Verschiedenheit ihres Charakters in Verbindung mit
einer gewissen Geschftsvorsicht, konnte ihnen nur wenig gegenseitige
Sympathie einflen. Jedoch, sie vermieden sich deshalb nicht, ja, sie
suchten sich sogar, um Einer dem Anderen die Neuigkeiten des Tages
abzulocken. Sie waren Alles in Allem zwei Nimrods, die auf dem nmlichen
Gebiete jagten. Was der Eine fehlte, konnte ja dem Anderen zum Schusse
gelegen kommen und ihr Interesse verlangte es, da sie immer so weit
Fhlung behielten, um einander zu sehen und zu hren.

An diesem Abend befanden sich Beide auf dem Anstande. Offenbar lag etwas
in der Luft.

"Und wenn's nur ein Volk Enten wre, sagte sich Alcide Jolivet, einen
Flintenschu wird's doch werth sein!"

Die beiden Correspondenten kamen also in ein Gesprch whrend des Balles,
kurze Zeit, nachdem General Kissoff die Salons verlassen hatte, und Beide
klopften erst gegenseitig auf den Busch.

"Wahrlich, mein Herr, dieses kleine Fest ist reizend! begann Alcide
Jolivet, mit der liebenswrdigsten Miene von der Welt die Unterhaltung mit
dieser ausgesprochen franzsischen Phrase einleitend.

-- Ich habe schon telegraphirt: splendid! antwortete frostig Harry Blount
mit besonderer Betonung dieses Wortes, welches jeder Brger des
Vereinigten Knigreichs als Ausdruck seiner Bewunderung zu gebrauchen
pflegt.

-- Ich jedoch, fgte Alcide Jolivet hinzu, glaubte meiner Cousine ...

-- Ihrer Cousine?... wiederholte Harry Blount erstaunt, indem er seinen
Collegen unterbrach.

-- Ja wohl, fuhr Alcide Jolivet fort, ich stehe mit meiner Cousine
Madelaine in Briefwechsel, sie hat es gern, schnell Alles zu erfahren,
meine Cousine!... Ich glaubte ihr also mittheilen zu mssen, da die Stirn
des Souverns bei diesem Feste doch von einigen Wlkchen beschattet
gewesen sei.

-- Mir dagegen schien sie strahlend frei, antwortete Harry Blount, der
wahrscheinlich seine Ansicht ber diesen Gegenstand zu verbergen suchte.

-- Und in Folge dessen haben Sie sie auch in den Spalten des
Daily-Telegraph 'strahlen' lassen?

-- Gewi.

-- Erinnern Sie sich, Herr Blount, sprach Alcide Jolivet weiter, was im
Jahre 1812 in Zakret vorgekommen ist?

-- So genau, als ob ich dabei gewesen wre, erwiderte der englische
Reporter.

-- Nun, sagte Alcide Jolivet, so ist Ihnen bekannt, da man bei einem dem
Kaiser Alexander zu Ehren gegebenen Feste diesem die Nachricht brachte,
da Napoleon mit der franzsischen Vorhut soeben den Niemen berschritten
habe. Der Kaiser verlie jedoch das Fest nicht, trotz der Wichtigkeit
dieser Nachricht, die ihm seine Herrschaft kosten konnte, und bekmpfte
uerlich jede Unruhe ...

-- So wenig wie unser Wirth eine solche zeigte, als ihm General Kissoff die
Meldung machte, da die telegraphischen Verbindungen zwischen der Grenze
und dem Gouvernement von Irkutsk unterbrochen seien.

-- Ah, Sie kennen diese Einzelheiten?

-- Ich kenne sie.

-- Ich mu wohl davon unterrichtet sein, da mein letztes Telegramm bis
Udinsk gelangt ist, bemerkte Alcide Jolivet mit einer gewissen
Genugthuung.

-- Und die meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte Harry Blount etwas
unwirsch.

-- So wissen Sie auch, da schon Befehle an die Truppen von Nicolajewsk
abgegangen sind?

-- Ja wohl, mein Herr, gleichzeitig als man den Kosaken des Gouvernements
Tobolsk telegraphisch die Ordre zugehen lie, sich zu sammeln.

-- Sehr richtig, Herr Blount, auch diese Manahmen sind mir vollkommen
bekannt, und glauben Sie, meine liebenswrdige Cousine wird schon morgen
Einiges davon zu erzhlen wissen.

-- Ganz so wie die Leser des Daily-Telegraph davon unterrichtet sein
werden, Herr Jolivet.

-- Das kommt davon, wenn man Alles sieht, was ringsum vorgeht ...

-- Und wenn man Alles hrt, was gesprochen wird!

-- Da wird's einen interessanten Feldzug zu verfolgen geben.

-- Dem ich mich anschliee, Herr Jolivet.

-- O, dann kann sich's treffen, da wir uns auf einem minder sicheren
Terrain, als das Parket dieses Saales, wieder begegnen.

-- Wohl einem minder sicheren, aber auch ...

-- Einem weniger glatten!" antwortete Alcide Jolivet, der seinen Collegen
in den Armen auffing, als dieser eben beim Rckwrtsgehen fast umgefallen
wre.

Spter trennten sich die beiden Collegen, ganz zufrieden zu wissen, da
Keiner dem Andern um eine Nasenlnge voraus war.

Jetzt sprangen die Thren der anstoenden Sle auf. Dort zeigten sich
verschiedene groe und prchtig servirte Tafeln, schwer beladen mit
kostbarem Porzellan und goldenen Gefen. Auf der mittelsten, fr die
Prinzen, Prinzessinnen und die Mitglieder des diplomatischen Corps
reservirten Tafel glnzte ein Tafelaufsatz von unschtzbarem Werthe aus
Londoner Werksttten und rund um dieses Meisterwerk der Juwelierarbeit
spiegelten sich unter dem Glanze der Lustres die unzhligen Stcken des
herrlichsten Geschirrs, das jemals die Manufacturen von Svres verlassen
hatte.

Die Gste des Neuen Palais begaben sich nach den Speiseslen.

In diesem Augenblicke nherte sich der General Kissoff, der inzwischen
zurckgekehrt war, rasch dem Officier der Gardejger.

"Nun, wie steht's? fragte dieser lebhaft.

-- Die Telegramme gehen nicht ber Tomsk hinaus, Sire.

-- Sofort einen Courier!"

Der Officier verlie den groen Saal und zog sich in ein daneben liegendes
groes Gemach zurck. Es war das ein mit Eichenmbeln sehr einfach
ausgestattetes Arbeitscabinet an einer Ecke des Neuen Palais. Einige
Bilder, darunter einzelne Oelgemlde von Horace Vernet, hingen an den
Wnden.

Der Officier ri schnell ein Fenster auf, als habe es seinen Lungen an
Sauerstoff gemangelt, und sog auf einem mchtigen Balcon die laue Luft der
schnen Julinacht ein.

Vor seinen Augen breitete sich, in sanftes Mondlicht gebadet, eine Art
Festungswerk aus, in welchem sich zwischen zwei Kathedralen drei Palste
und ein Arsenal erhoben. Rings um dasselbe die bestimmt unterschiedenen
Stdte: Kita-Gorod, Bolo-Gorod und Zemliano-Gorod, das ungeheure
europische, tartarische und chinesische Quartier, berragt von Thrmen
und Minarets, von den Kuppeln der dreihundert Kirchen mit ihren grnen
Dchern und dem silbernen Kreuz darauf. Ein kleiner Flu mit
vielgewundenem Laufe glnzte manchmal in den Strahlen des Mondes. Das
Ensemble bildete eine wunderbare, verschieden gefrbte Mosaik, welche ein
zehn Stunden langer Rahmen umschlo.

Dieser Flu war die Moskowa; diese Stadt war Moskau, jenes Festungswerk
war der Kreml und jener Officier der Gardejger, der mit gekreuzten Armen
und trumerischer Stirn nur halb den Lrmen des Festes hrte, der sich aus
dem Neuen Palais ber die alte Stadt der Moskowiter verbreitete - das war
der Czaar.




                             Zweites Capitel.


                           Russen und Tartaren.


Wenn der Czaar so unerwartet und gerade in dem Augenblicke, als das Fest,
welches er den Spitzen der Civil- und Militrbehrden gab, in schnstem
Glanze strahlte, die Salons des Neuen Palais verlie, so kam das daher,
da sich jenseit des Ural sehr wichtige Ereignisse vorbereiteten. Es war
gar nicht zu bezweifeln: eine furchtbare Invasion drohte die sibirischen
Provinzen der russischen Autonomie zu entziehen.

Das asiatische Ruland oder Sibirien bedeckt eine Oberflche von 560,000
Quadratmeilen (franzsische Lieues) und zhlt etwa zwei Millionen
Einwohner. Es erstreckt sich von dem Gebirgszuge des Ural, der es von dem
europischen Ruland trennt, bis nach dem Gestade des Pacifischen Oceans.
Nach Sden zu schliet es Turkestan und das Chinesische Reich mit einer,
hufig unbestimmten Grenze ab, im Norden der arktische Ocean von dem
Karameere bis zur Behringsstrae. Es wird in Gouvernements oder Provinzen
getheilt, nmlich die von Tobolsk, Jeniseisk, Irkutsk, Omsk und Jakutsk;
ferner umfat es zwei Districte, die von Ochotsk und von Kamschatka, und
besitzt endlich zwei Lnder, welche jetzt dem moskowitischen Scepter
unterthan sind, das Land der Kirghisen und das Land der Tschuktschen.

Diese ungeheure Strecke von Steppen, in der Lngenausdehnung ber 110
Graden von Westen nach Osten umfassend, bildet den Deportationsort fr
Verbrecher, das Exil fr diejenigen, welche ein Ukas mit Verbannung
belegte.

Zwei Generalgouverneure vertreten die Oberherrschaft des Czaaren in diesem
weiten Reiche. Der Eine residirt in Irkutsk, der Hauptstadt des westlichen
Sibiriens. Der Tchuma, ein Nebenflu des Jenisei, trennt die beiden
Hlften des Territoriums.

Noch furcht keine Eisenbahn diese unendlichen Ebenen, unter denen einige
ausnehmend fruchtbar sind; kein Schienenweg entlastet die reichen Mienen,
welche bei ihrer Ausdehnung ber groe Strecken den Boden Sibiriens unter
der Erde kostbarer erscheinen lassen, als auf der Oberflche. Im Sommer
reist man daselbst im Taranta; im Winter im Schlitten.

Eine einzige Verbindung, aber eine elektrische, verknpft die beiden
Grenzen im Westen und im Osten Sibiriens durch einen Draht, der nicht
weniger als 8000 Werst (gleich 8536 Kilom.) lang ist. Nach Ueberschreitung
des Ural passirt er Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk,
Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk, Verkne-Nertschinsk,
Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde, Orlomskaya, Alexandrowsko,
Nicolajewsk, und kostet jedes bis an das uerste Ende zu befrdernde Wort
6 Rubel 19 Kopeken (= fast genau 20 Mark oder 10 Gulden str.). Von
Irkutsk aus verluft eine Zweigleitung nach Kjachta an der mongolischen
Grenze, von wo aus die Depeschen, das Wort fr 30 Kopeken (= 96,7 Pf. oder
48,3 Kreuzer), in weiteren vierzehn Tagen bis Peking befrdert werden.

Jene Drahtleitung war zuerst zwischen Jekaterinburg und Nicolajewsk,
nachher vor Tomsk und einige Stunden spter zwischen Tomsk und Kolyvan
durchschnitten worden.

Eben deshalb hatte der Czaar, nach der zweiten Mittheilung, welche General
Kissoff ihm machte, nur geantwortet: "Sofort einen Courier!"

Seit kurzer Zeit nun stand der Czaar bewegungslos am Fenster seines
Cabinets, als die Huissiers wiederum dessen Thren ffneten. Der erste
Chef der Polizei erschien auf der Schwelle.

"Tritt ein, sagte der Czaar kurz, und theile mir Alles mit, was Du ber
Iwan Ogareff weit.

-- Es ist das ein sehr gefhrlicher Mann, Sire, erwiderte der hohe
Polizeibeamte.

-- Er hatte den Rang eines Obersten?

-- Ja, Sire.

-- Und war ein intelligenter Officier?

-- Gewi, sehr intelligent, aber unmglich zu zgeln und von sinnlosem
Ehrgeiz, der vor nichts zurckschreckte. Er verwickelte sich sehr bald in
verschiedene Intriguen und wurde damals von Sr. kaiserlichen Hoheit dem
Grofrsten erst degradirt und spter nach Sibirien verwiesen.

-- Wann ungefhr?

-- Vor etwa zwei Jahren. Nach sechsmonatlicher Verbannung durch Ew.
Majestt Gnade erlst, kehrte er nach Ruland zurck.

-- Und seit dieser Zeit wandte er sich nicht wieder nach Sibirien?

-- Doch, Sire, aber diesmal kehrte er freiwillig dahin zurck", antwortete
der Chef der Polizei.

Dann fgte er mit etwas zurckgehaltener Stimme hinzu:

"Es gab eine Zeit, Sire, da man nicht zurckkehrte, wenn man nach Sibirien
ging!

-- Mag sein, so lange ich lebe, soll aber Sibirien ein Land sein, aus dem
man auch wiederkehrt!"

Der Czaar hatte wohl ein Recht, auf diese Worte einen besonderen Ausdruck
zu legen, denn wiederholt hatte er durch seine Milde bewiesen, da die
russische Justiz auch zu verzeihen vermge.

Der Polizeichef erwiderte nichts, aber offenbar war er kein Freund von
halben Maregeln. Seiner Ansicht nach durfte Keiner, der den Ural unter
Bedeckung von Gensdarmen berschritten hatte, jemals daran denken, es noch
einmal zu thun. Anders war es aber jetzt unter der neuen Regierung, und
der Chef der Polizei bedauerte das aufrichtig. Wie! Es sollte keine andere
Verbannung auf Lebenszeit mehr geben, als fr Verbrechen gegen das gemeine
Recht? Politische Strflinge kehrten von Tobolsk, von Jakutsk, von Irkutsk
in das Vaterland zurck? Wahrlich, der Polizeichef, gewhnt an die
autokratischen Ukase, welche jede Amnestie ausschlossen, konnte sich mit
dieser Art und Weise zu regieren niemals ausshnen. Doch er schwieg und
wartete es ab, da der Czaar ihn weiter fragen werde.

Das lie nicht lange auf sich warten.

"Ist Iwan Ogareff, begann der Czaar, nach dieser Reise nach den
sibirischen Provinzen, einer Reise brigens, deren eigentlicher Zweck wohl
unerkannt blieb, nicht auch ein zweites Mal nach Ruland gekommen?

-- Gewi, Sire.

-- Und seit dieser Rckkehr hat die Polizei seine Spur verloren?

-- O nein, denn ein Verbannter wird von dem Tage seiner Begnadigung an erst
gefhrlich!"

Ueber die Stirn des Czaaren flog eine leichte Wolke. Vielleicht frchtete
der Polizeichef etwas zu weit gegangen zu sein, obwohl das Festhalten
seiner Ideen gewi nicht grer und strker war, als seine unbegrenzte
Ergebenheit gegen seinen Herrn. Der Czaar aber, der solche indirecte
Vorwrfe bezglich seiner innern Politik unbeachtet lie, fuhr einfach in
seiner Fragestellung fort:

"Und wo befand sich Iwan Ogareff zuletzt?

-- Im Gouvernement von Perm.

-- In welcher Stadt?

-- In Perm selbst.

-- Was that er daselbst?

-- Er schien unbeschftigt und erregte durch seine Lebensweise keinerlei
Verdacht.

-- Er stand nicht unter polizeilicher Aufsicht?

-- Nein, Sire.

-- Zu welcher Zeit hat er Perm verlassen?

-- Etwa im Mrz.

-- Und wandte sich wohin?

-- Das ist mir unbekannt.

-- Seit dieser Zeit wei man auch nicht, was aus ihm geworden ist?

-- Niemand wei es.

-- Recht schn, aber ich, ich wei es! antwortete der Czaar. Geheime
Nachrichten, welche die Bureaux der Polizei nicht passirten, sind an mich
gelangt und in Bercksichtigung der Thatsachen, welche sich jetzt jenseit
der Grenze vollziehen, habe ich allen Grund, an die Richtigkeit derselben
zu glauben!

-- Wollen Sie damit sagen, Sire, rief der Polizeichef, da Iwan Ogareff bei
der Tartaren-Invasion die Hand im Spiele habe?

-- Ja, General, und ich will Dir auch sagen, was Du noch nicht weit. Iwan
Ogareff berschritt, nachdem er das Gouvernement Perm verlassen, den Ural.
Er begab sich nach Sibirien, in die Steppen der Kirghisen, und hat dort
nicht ohne Erfolg die Nomadenvlker aufzuwiegeln gesucht. Darauf hat er
sich weiter nach Sden, bis nach dem unabhngigen Turkestan begeben. Dort
fand er in den Khanaten von Bukhara, Khokhand und Kunduz Huptlinge,
welche bereit waren, ihre Tartarenhorden in die sibirischen Provinzen zu
werfen und einen allgemeinen Aufstand gegen die russische Herrschaft in
Asien hervorzurufen. Die ganze Bewegung ist sehr geheim geschrt worden,
sie bricht aber jetzt wie ein Donnerschlag aus und schon sind alle Wege
und Communicationsmittel zwischen dem stlichen und dem westlichen
Sibirien abgeschnitten! Dazu trachtet Iwan Ogareff, von Rache getrieben,
meinem Bruder nach dem Leben!"

Als er so sprach, war der Czaar erregter geworden und ging mit raschen
Schritten auf und nieder. Der erste Chef der Polizei erwiderte kein Wort,
aber er sagte sich, da Iwan Ogareff's Plne zur Zeit, als die
Selbstherrscher aller Reuen niemals einen Exilirten begnadigten, nicht
htten zur Reife gedeihen knnen.

Still vergingen einige Augenblicke, dann nherte er sich dem Czaaren, der
sich in einen Fauteuil geworfen hatte.

"Ew. Majestt, sagte er, haben unzweifelhaft Befehl gegeben, da dieser
Einfall so schnell als mglich zurckgewiesen wird?

-- Ja, antwortete der Czaar. Das letzte Telegramm, das Nishny-Udinsk hat
erreichen knnen, hat auch die Truppen der Gouvernements Jeniseisk,
Irkutsk und Jakutsk, sowie diejenigen der Amurprovinzen und des Baikalsees
in Bewegung setzen mssen. Gleichzeitig ziehen die Regimenter von Perm und
Nishny-Nowgorod in Eilmrschen nach der Grenze am Ural; leider brauchen
sie aber mehrere Wochen, bevor ein Zusammentreffen mit den Tartarenhorden
mglich ist!

-- Und Ew. Majestt Bruder, Se. kaiserl. Hoheit der Grofrst, der in
diesem Augenblicke allein im Gouvernement Irkutsk weilt, steht mit Moskau
in keiner directen Verbindung mehr?

-- Nein.

-- Er mu aus den letzten Depeschen aber die Maregeln Ew. Majestt
erfahren haben und auch wissen, welche Hilfe er aus den Irkutsk zunchst
gelegenen Gouvernements zu erwarten hat?

-- Das ist ihm bekannt, erwiderte der Czaar, er wei aber nicht, da Iwan
Ogareff sich unter falschem Namen bei ihm zu dienen anbieten wird. Gelang
es ihm dann, sein Vertrauen zu gewinnen, so wird er, wenn die Tartaren
Irkutsk angreifen, die Stadt ausliefern, nebst meinem Bruder, dessen Leben
unmittelbar bedroht ist. Das sind die Nachrichten, welche ich erhielt, die
aber der Grofrst nicht kennt und folglich sofort erfahren mu!

-- Nun wohl, Sire, ein tchtiger, muthiger Courier ...

-- Den erwarte ich.

-- Und beeilen mu er sich, fgte der Chef der Polizei hinzu, denn Sie
gestatten mir auszusprechen, Sire, da dieses ganze Sibirien zur Rebellion
sehr geneigt ist!

-- Glaubst Du, General, da die Strflinge mit den Feinden
gemeinschaftliche Sache machen knnten? rief der Czaar, der bei dieser
Andeutung des Polizeichefs ganz auer sich gerieth.

-- Verzeihung, Majestt!... entgegnete stammelnd der Chef des
Polizeiwesens, denn wirklich war das der Gedanke gewesen, der in seinem
unruhigen und mitrauischen Kopfe aufgestiegen war.

-- Ich traue den Verbannten mehr Vaterlandsliebe zu! erwiderte der Czaar.

-- In Sibirien befinden sich auch andere Strflinge, als die politischen
Verbannten, antwortete der Polizeichef.

-- Die Verbrecher! O, General, die berlasse ich Dir! Das ist der Auswurf
des menschlichen Geschlechts; diese haben berhaupt kein Vaterland. Die
Erhebung, oder vielmehr der Einfall, ist aber nicht gegen den Kaiser
gerichtet, sondern gegen Ruland, gegen die Heimat, welche die Verbannten
doch noch einmal wieder zu sehen hoffen, und die sie wieder sehen
werden!... Nein, nein, nie wird ein Russe sich auch nur eine Stunde lang
mit einem Tartaren verbinden, um die moskowitische Macht zu untergraben
und zu schwchen!"

Der Czaar war berechtigt, an den Patriotismus Derjenigen zu glauben, die
seine Politik zeitweilig verbannt hatte. Jene Milde, der Grundzug seiner
Justiz, wenn er dieselbe selbst handhabte, die weitgehenden
Erleichterungen bei Ausfhrung der frher so schrecklichen Ukase
garantirten ihm, da er sich hierin nicht tusche. Aber auch ohne diese
mchtige Beihilfe zu einem Erfolge der Tartaren-Invasion gestaltete sich
die Sachlage beraus ernst, denn es stand mindestens zu befrchten, da
sich ein groer Theil der Kirghisenbevlkerung den Angreifern anschlieen
werde.

Die Kirghisen zerfallen in drei Horden, die Groe, die Kleine und die
Mittlere, und zhlen etwa 40,000 "Zelte", d. h. gegen 2,000,000 Seelen.
Von diesen verschiedenen Tribus sind die Einen ganz unabhngig, Andere
erkennen entweder die russische Oberhoheit an, oder die der Khanate von
Khiwa, Khokhand oder Bukhara, d. h. der mchtigsten Huptlinge von
Turkestan. Die Mittlere Horde, die rechte, ist brigens auch die
bedeutendste und ihre Lager bedecken den ganzen Raum zwischen den
Wasserlufen des Sara-Su, des Irtysch, des obern Thim und dem Hadisang-
und Aksakalsee. Die Groe Horde, welche die stlich von der Mittleren
gelegenen Gegenden bewohnt, dehnt sich bis zu den Gouvernements Omsk und
Tobolsk aus. Emprten sich diese Kirghisenvlker, so berschwemmten sie
das asiatische Ruland und rissen Sibirien stlich vom Jenisei los.

Zwar sind diese Kirghisen nur Neulinge in der Kriegskunst und weit mehr
nchtliche Ruber oder gewohnt, die Karawanen zu berfallen, als regulre
Soldaten. Levchine sagte von ihnen: "Eine geschlossene Front oder ein
Quarr tchtiger Infanterie widersteht einer zehnfach greren Anzahl
Kirghisen und eine einzige Kanone richtet sie in Massen zu Grunde."

Das mag wohl wahr sein, aber erst ist es doch nthig, da ein Quarr
Infanterie in dem emprten Lande bei der Hand sei und da die
Feuerschlnde die Artillerieparks der russischen Provinzen verlassen,
welche immerhin zwei- bis dreitausend Werst entfernt sind. Auer auf der
directen Strae von Jekaterinburg nach Irkutsk sind aber die hufig
sumpfigen Steppen nur schwierig passirbar und mehrere Wochen muten
unzweifelhaft vergehen, bevor die russischen Truppen in die Lage kamen,
die Tartarenhorden zu Paaren zu treiben.

Omsk, das Centrum der Militrorganisation von Westsibirien, ist dazu
bestimmt, die Kirghisenbevlkerung in Respect zu erhalten. Dort verlaufen
die Grenzen, welche die halbunterjochten Nomaden wiederholt verletzt
haben, und im Kriegsministerium nahm man nicht ohne Ursache an, da Omsk
schon sehr bedroht sei. Die Linie der Militrcolonien, d. h. der
Kosakenposten, welche von Omsk bis Semipalatinsk vertheilt sind, war gewi
an verschiedenen Punkten durchbrochen, und es stand zu befrchten, da die
"Grosultane", welche die Kirghisendistricte regieren, entweder freiwillig
oder gezwungen die Herrschaft der Tartaren, Muselmnner so wie sie selbst,
anerkannten und dabei der durch ihre Botmigkeit schon genhrte Ha sich
durch den Antagonismus der muselmnnischen und griechischen Religion
verstrkte.

Schon seit langer Zeit suchten thatschlich die Tartaren von Turkestan,
und vor Allen die aus den Khanaten von Bukhara, Khiwa und Khokhand, durch
Gewalt ebenso, wie durch Ueberredung, die Kirghisenhorden dem
moskowitischen Scepter zu entreien.

Ueber diese Tartaren nur einige Worte.

Speciell gehren die Tartaren zu zwei verschiedenen Racen, der
kaukasischen und der mongolischen Menschenrace.

Die kaukasische Race, diejenige, von der A. von Rmusat sagt, "da sie in
Europa als der Typus der Schnheit unserer Menschenklassen angesehen wird,
weil alle Vlker dieses Erdtheiles von ihr abstammen", umfat unter
demselben Namen die Trken und die Eingeborenen persischer Abkunft.

Die rein mongolische Race finden wir bei den Mongolen, den Mandschus und
den Thibetanern.

Die Tartaren, welche damals das russische Reich bedrohten, gehrten zur
kaukasischen Race und waren vorzglich in Turkestan zu Hause. Dieses weite
Gebiet wird in verschiedene Staaten getheilt, welche von Khans, daher auch
der Name Khanat, regiert werden. Die wichtigsten Khanate sind die von
Bukhara, Khokhand, Kunduz u. s. w.

Das Khanat von Bukhara war jener Zeit das einflureichste und mchtigste.
Schon mehrmals hatte Ruland Krieg gefhrt mit seinen Huptlingen, welche
aus persnlichem Interesse und um sie unter ihr Joch zu beugen, die
Unabhngigkeit der Kirghisen gegen die moskowitische Herrschaft
vertheidigten. Der dermalige Huptling, Feofar-Khan, folgte ganz den
Fustapfen seiner Vorgnger.

Dieses Khanat von Bukhara erstreckt sich von Sden nach Norden vom 37. bis
zum 41. Breitengrade, von Osten nach Westen vom 61. bis 66. Lngengrade,
d. h. ber eine Flche von gegen 10,000 Quadratmeilen.

Die Bevlkerung des Staates schtzt man auf 2,500,000 Einwohner mit einer
Armee von 60,000 Mann Fuvolk, welches in Kriegszeiten auf das Dreifache
verstrkt wird, und etwa 30,000 Reitern. Es ist ein reiches Land mit
groen Schtzen aus dem Thier-, Pflanzen- und Mineralreiche, und noch
durch den Hinzutritt der Territorien von Balkh, Auko und Memaneh nicht
unwesentlich vergrert. Es besitzt neunzehn bemerkenswerthe Stdte.
Bukhara, umschlossen von einer acht englischen Meilen langen und von
Thrmen flankirten Mauer, eine berhmte Stadt, deren schon die Ovicenna's
und andere Gelehrte des 10. Jahrhunderts erwhnen, wird als Mittelpunkt
muselmnnischer Wissenschaft betrachtet und zu den Hauptpltzen
Centralasiens gerechnet; Samarkand, mit dem Grabe Tamerlan's und jenem
berhmten Palaste mit dem blauen Stein darin, auf welchen sich jeder Khan
bei Antritt seiner Regierung setzen mu, wird von einer ungemein starken
Citadelle vertheidigt; Karschi mit seiner dreifachen Mauer und gelegen in
einer Oase mit sumpfiger, von Schildkrten und Eidechsen wimmelnden
Umgebung, erscheint fast uneinnehmbar; Tscharoschui wird von einer
Volksmenge von fast 20,000 Seelen vertheidigt; endlich Katta-Kurgan,
Nurata, Djizah, Pakande, Karakul, Khuzar und andere, - sie alle bilden
einen Kranz von schwer zu bndigenden Stdten. Dieses durch seine Berge
geschtzte und durch seine Steppen isolirte Khanat von Bukhara ist demnach
ein in Wahrheit zu frchtender Staat, und Ruland mu ihm stets nicht
unbetrchtliche Streitkrfte entgegenwerfen. Damals beherrschte nun der
ehrgeizige und wilde Feofar diesen Winkel der Tartarei. Gesttzt auf die
andern Khans, - vorzglich die von Khokhand und von Kunduz, zwei grausame
und beutegierige Kriegsmnner, welche stets bereit waren, sich zu
betheiligen, wo es ihr Interesse galt, - und unter Mitwirkung der
Huptlinge, welche alle die Horden in Centralasien befehligten, stellte er
sich an die Spitze dieser Invasion, deren eigentliche Seele Iwan Ogareff
war. Dieser Verrther hatte, getrieben durch einen sinnlosen Ehrgeiz und
gestachelt von wildem Hasse, die Bewegung so geleitet, da man zuerst die
groe sibirische Strae in seine Gewalt bekam. In Wahrheit ein
Tollhusler, glaubte er die russische Macht brechen zu knnen, und auf
seine Anordnung berschritt der Emir, es ist das der Titel, den sich die
Khans von Bukhara ausnehmend beilegen, die russische Grenze. Er fiel in
das Gouvernement Semipalatinsk ein, woselbst die zu schwachen
Kosakenposten sich vor seiner Uebermacht hatten zurckziehen mssen. Sogar
ber den Balkhachsee drang er vor und ri die Kirghisenbevlkerung mit
sich fort. Raubend, sengend und brennend wlzte sich der Schwarm von Stadt
zu Stadt. Wer sich unterwarf, ward eingereiht in's Heer, wer Widerstand
leistete, umgebracht. So drang er vor, gefolgt von den unausbleiblichen
Anhngseln eines orientalischen Souverns, seiner aus den Frauen und
Sklaven bestehenden Hausdienerschaft, - immer mit der gedankenlosen
Tollkhnheit eines modernen Gengis-Khan.

Wo stand er in diesem Augenblicke? Bis wohin waren seine Schaaren zu der
Stunde vorgedrungen, als die Nachricht von dem Einfall nach Moskau
gelangte?

Bis zu welchem Punkte in Sibirien hatten die russischen Truppen
zurckweichen mssen? - Niemand vermochte das zu sagen. Die Verbindungen
waren gestrt. Hatten den Draht zwischen Kolyvan und Tomsk aber nur einige
Reiter aus der Vorhut der Tartarenarmee zerschnitten oder berzog schon
der Emir selbst die Provinzen von Jeniseisk? Stand das ganze sdliche
Westsibirien in Flammen? Reichte die Emprung schon bis nach den Gebieten
im Osten? - Keiner wute es. Der einzige Kundschafter, der weder die Klte
noch die Hitze frchtet, weder die Rauhigkeit des Winters, noch die
verdorrende Gluth des Sommers, und der dahin fliegt mit der rasenden
Schnelligkeit des Blitzes, der elektrische Funke, konnte nicht mehr durch
die Steppen laufen, war auer Stande, den Grofrsten zu benachrichtigen
von der Gefahr, die ihm in Irkutsk durch den Verrath Iwan Ogareff's
bedrohte.

Nur ein Courier konnte den unterbrochenen Strom einigermaen ersetzen.
Dieser Mann bedurfte einer gewissen Zeit, um die 5200 Werst (= 5523
Kilom.) von Moskau bis Irkutsk zurckzulegen. Er mute, um die Haufen der
Rebellen und der Feinde zu durchbrechen, einen so zu sagen
bermenschlichen Muth und eben solche Klugheit entwickeln. Doch, mit Kopf
und Herz kommt man ja weit!

"Werde ich diesen Kopf und dieses Herz finden?" fragte sich der Czaar.




                             Drittes Capitel.


                            Michael Strogoff.


Bald ffnete sich die Thr des kaiserlichen Cabinets und der Huissier
meldete den General Kissoff.

"Nun, der verlangte Courier? fragte rasch der Czaar.

-- Ist schon da, Sire, antwortete der General.

-- Du hast einen geeigneten Mann gefunden?

-- Ich wage, mich Ew. Majestt dafr zu verbrgen.

-- Stand er in Palastdiensten?

-- Ja, Sire.

-- Du kennst ihn?

-- Persnlich; und mehrmals hat er schon schwierige Missionen zur
Zufriedenheit ausgefhrt.

-- Im Auslande?

-- Gerade in Sibirien.

-- Woher ist er?

-- Aus Omsk, also selbst ein Sibirier.

-- Er besitzt kaltes Blut, Intelligenz und Muth?

-- Gewi, Sire, er besitzt alle Eigenschaften, auch da zu reussiren, wo
Andere vielleicht scheitern knnten.

-- Wie alt?

-- Dreiig Jahre.

-- Es ist ein gesunder, krftiger Mann?

-- Sire, er vermag Frost, Hunger, Durst und Anstrengung bis zum Aeuersten
zu ertragen.

-- Er hat einen Krper von Stahl?

-- Ohne Zweifel, Sire.

-- Und ein Herz?...

-- Ein Herz von Gold.

-- Sein Name?

-- Michael Strogoff.

-- Er ist bereit abzureisen?

-- Im Saale der Garden erwartet er Ew. Majestt Befehle.

-- Er soll hierher kommen", sagte der Czaar.

Einige Augenblicke spter trat Michael Strogoff in das Cabinet des Kaisers
ein.

Michael Strogoff war hochgewachsen, krftig, hatte breite Schultern und
eine volle Brust. Sein mchtiger Kopf zeigte die besten Merkmale
kaukasischer Race. Seine wohlgebildeten Gliedmaen erschienen wie eben so
viel mechanische Hebel zur sicheren Ausfhrung krftiger Bewegungen. Der
uerlich ansprechende Mann mit gewinnendem Auftreten schien nicht leicht
wider Willen aus seiner Stellung gebracht werden zu knnen, denn wenn er
seine Fe auf den Boden gesetzt hatte, schienen sie schon mehr darin zu
wurzeln. Auf seinem nicht eben kleinen Kopf mit breiter Stirn kruselte
sich ppiges Haar, das in Locken herabfiel, wenn er es mit der
moskowitischen Mtze bedeckte. Vernderte sich sein gewhnlich etwas
blasses Gesicht, so geschah das nur, wenn ihm das Herz schneller schlug,
unter dem Einflusse einer beschleunigten Blutcirculation, welche jenes
lebhafter frbte. Seine tiefblauen Augen mit geradem, offenem und sicherem
Blicke glnzten unter dem vollen Bogen der durch ihre Muskeln etwas
zusammengezogenen Augenbrauen und verriethen seinen Muth, "jenen Muth ohne
Zorn, den die Helden besitzen", wie die Physiologen sagen. Seine nicht zu
kleine Nase beherrschte einen symmetrischen Mund mit ein wenig
hervorspringenden Lippen, jenem Zeichen eines edelmthigen und guten
Charakters.

Michael Strogoff besa das Temperament des entschiedenen Mannes, der
seinen Entschlu schnell zu fassen gewhnt ist, der nicht in der
Ungewiheit die Ngel zernagt, sich nicht im Zweifel hinter den Ohren
kraut und nicht unentschlossen mit den Fen stampft. Karg in Bewegungen
und Worten, stand er vor seinem Vorgesetzten still wie ein Soldat; wenn er
jedoch ging, so zeigte seine Haltung eine groe Leichtigkeit, eine
auffallende Sicherheit der Bewegungen - ein Zeichen des Selbstvertrauens
und der Lebhaftigkeit seines Geistes. Er gehrte zu den Leuten, die immer
etwas vorzuhaben scheinen und die Ausfhrung nicht zu verzgern pflegen.

Michael Strogoff trug eine elegante Uniform, hnlich jener des
Officiercorps der berittenen Feldjger, Stiefeln, Sporen, anliegende
Beinkleider und einen pelzverbrmten Dolman mit gelben Schnren auf
braunem Grunde. Auf seiner breiten Brust glnzten ein Kreuz und
verschiedene Medaillen.

Michael Strogoff gehrte zu der Specialabtheilung der Couriere des Czaaren
und stand bei dieser Elitetruppe in Officiersrang. Ganz zweifellos
erkannte man an seinem Gange, seiner Physiognomie, seiner ganzen Person,
und leicht genug erkannte es auch der Czaar, da dieser Mann gewhnt war,
einem erhaltenen Befehl unbedingt nachzukommen. Er besa also eine der in
Ruland schtzenswerthesten Eigenschaften, eine Eigenschaft, welche, nach
Aussage des berhmten Schriftstellers Turgnjew, im Moskowitenreiche die
Staffel nach den hchsten Ehrenstellen bildet.

Gewi, wenn Einer diese Reise von Moskau nach Irkutsk glcklich vollenden,
in jenem emprten Gebiete alle Hindernisse besiegen, alle Gefahren
berwinden konnte, so war es Michael Strogoff.

Ein fr das Gelingen jenes Vorhabens sehr gnstiger Umstand war es, da
Michael Strogoff das zu durchziehende Land vollkommen kannte und die
verschiedenen Sprachen desselben verstand; nicht weil er jenes schon
bereist hatte, sondern weil er, wie erwhnt, von Geburt selbst Sibirier
war.

Sein Vater, der vor zehn Jahren verstorbene Peter Strogoff, bewohnte die
in dem gleichnamigen Gouvernement gelegene Stadt Omsk, woselbst seine
Mutter, Marfa Strogoff, noch jetzt lebte. Dort, in jenen wilden Steppen
der Provinzen Omsk und Tobolsk, war es, wo der furchtbare sibirische Jger
seinen Sohn Michael "versthlt" hatte, wie der landlufige Ausdruck hie.
Sommer und Winter, im glhenden Sonnenbrande, wie in der grimmigsten
Klte, streifte er ber die endlosen Ebenen, durch die Lrchen- und
Weidengebsche, durch die dstern Kiefernwlder, legte seine Fallen aus,
verfolgte das kleinere Wild mit dem Gewehre, das groe mit dem Spiee und
dem Waidmesser. Unter groem Wilde verstand man hierbei aber den
sibirischen Bren, eine furchtbare und sehr wilde Art, welche an Gre
ihren Verwandten in den Polargegenden vollstndig gleichkommt. Peter
Strogoff hatte mehr als neununddreiig Bren erlegt, das will sagen, da
auch schon der vierzigste unter seiner Hand gefallen war, - und man wei
ja, wenn den Jagdgeschichten aus Ruland einigermaen zu trauen ist, wie
viele Jger bis zum neununddreiigsten Bren glcklich davon kamen und
beim vierzigsten unterliegen muten!

Peter Strogoff hatte diese Unglckszahl also berschritten, ohne auch nur
eine Schramme davon zu tragen. Von da ab unterlie es der damals
elfjhrige Michael Strogoff niemals, seinen Vater bei den Jagdausflgen zu
begleiten, wobei er die "Ragatina" trug, d. h. eine Art Gabelspie, um
seinem Vater, der meist nichts als ein Messer bei sich fhrte, im Nothfall
zu Hilfe zu kommen. Mit dem vierzehnten Jahre hatte Michael Strogoff
seinen ersten Bren erlegt, und zwar ganz allein, was nicht so gar viel
heien will; nachdem er diesen aber abgezogen, hatte er auch das Fell des
riesigen Thieres bis nach dem mehrere Werst entfernten vterlichen Hause
geschleppt, - was bei dem Kinde eine ungewhnliche Kraft voraussetzen
lie.

Diese Lebensweise bekam ihm gut, und als er das Mannesalter erreichte,
vermochte er Alles zu ertragen, Frost und Hitze, Hunger und Durst, Mhsal
und Plage.

Er war mit einem Wort, so wie die Jakuten des unwirthbaren Nordens, ein
ganzer Mann von Eisen. Er hielt leicht vierundzwanzig Stunden aus, ohne
etwas zu essen, zehn Nchte, ohne zu schlafen, und begngte sich mit einem
Lager in der freien Steppe, wo tausend Andere sich zum Tode erkltet
htten. Begabt mit unendlich feinen Sinnen, durch die weie Ebene gefhrt
von einem reinen Delawareninstinct, wenn auch der Nebel den ganzen
Horizont verhllte, und das selbst in hhern Breiten, wo die Polarnacht
schon mehrere Tage anhlt, fand er doch immer seinen richtigen Weg, wo
Andere nicht mehr gewut htten, wohin sie den Fu setzen sollten. Alle
Geheimnisse seines Vaters waren auch ihm bekannt. Er wute sich nach kaum
bemerkenswerthen Anzeichen zu richten, nach der Lage der Eisnadeln, der
Stellung der dnnsten Baumzweige, nach schwachen Gerchen, welche von
auerhalb der Grenze des Horizontes herkamen, nach der Spur der Bltter im
Walde, nach den schwchsten Geruschen in der Luft oder nach entfernten
Detonationen, wie nach dem Zuge der Vgel in der dunstigen Atmosphre, -
nach tausend Einzelheiten, welche fr den Kenner eben so viel Wahrzeichen
sind. Dabei hatte er, der von dem Schneetreiben abgehrtet war, wie der
Stahl in den Wassern von Damascus, wirklich eine Gesundheit von Eisen, und
doch, wie der General Kissoff ganz richtig gesagt hatte, dabei ein Herz
von Gold.

Eine einzige Leidenschaft besa Michael Strogoff, die Liebe zu seiner
alten Mutter Marfa, welche nicht zu bewegen gewesen war, das alte Haus der
Strogoff's in Omsk, an der Grenze von Irtysch, zu verlassen, in dem sie so
lange Zeit mit dem alten Jger vereint gelebt hatte. Als der Sohn sie
verlie, geschah es, um seinem Triebe nach einem greren Wirkungskreise
zu gengen; aber er versprach ihr dabei, stets zeitweilig zu ihr
zurckzukehren, sobald die Umstnde es erlaubten - ein Versprechen, das
mit religiser Strenge eingehalten wurde.

Es war beschlossen worden, da Michael Strogoff mit seinem zwanzigsten
Jahre in den persnlichen Dienst des Kaisers von Ruland eintreten sollte,
und zwar in das Corps der Couriere des Czaaren. Der khne, intelligente,
eifrige und sich wacker auffhrende junge Sibirier fand die erste
Gelegenheit, sich auszuzeichnen, bei einer Sendung nach dem Kaukasus,
mitten durch das von einigen unruhigen Nachfolgern Schamyl's aufgewhlte
Land; spter bei einer wichtigen Mission, welche ihn bis Petropolawsk in
Kamtschatka, nach den uersten Grenzen des asiatischen Ruland, fhrte.
Whrend dieser so weiten Reisen legte er wiederholte Proben seiner
ausgezeichneten Eigenschaften, seiner Kaltbltigkeit, Klugheit und seines
Muthes ab, welche ihm die Anerkennung und das Wohlwollen seiner
Vorgesetzten erwarben und seine Carrire beschleunigten. Den ihm nach so
mhseligen Expeditionen mit Recht zukommenden Urlaub versumte er nie
seiner alten Mutter zu widmen - und wenn er auch Tausende von Wersten
entfernt war von ihr, und der Winter alle Wege fast ungangbar machte.
Jetzt hatte Michael Strogoff, der im Sden des Reichs vielfach beschftigt
wurde, die alte Marfa zum ersten Male seit drei Jahren, fr ihn drei
Jahrhunderte - nicht gesehen! In wenig Tagen sollte er seinen
reglementsmigen Urlaub antreten und hatte auch schon alle Vorbereitungen
zur Reise nach Omsk getroffen, als die uns schon bekannten Ereignisse
eintraten.

Michael Strogoff wurde vor den Czaaren gefhrt, in vollstndiger
Unkenntni dessen, was derselbe von ihm verlangen wrde.

Einige Augenblicke betrachtete ihn der Czaar, ohne ein Wort zu reden, mit
durchdringendem Blicke, whrend Michael Strogoff unbeweglich stehen blieb.

Dann wendete sich der Czaar, offenbar befriedigt von dieser Vorprfung,
nach seinem Schreibtische, machte dem Chef der Polizei ein Zeichen, sich
dahin zu setzen, und dictirte ihm mit leiser Stimme einen Brief von wenig
Zeilen.

Nach Vollendung des Schreibens durchlas es der Kaiser noch einmal mit
grter Aufmerksamkeit und unterzeichnete es, nachdem er seinem Namen noch
die Worte: "_Byt po semu_", welche "So geschehe es" bedeuten und eine
gewhnliche Besttigungsformel der russischen Kaiser ausmachen, vorgesetzt
hatte.

Der Brief ward dann in ein Couvert gesteckt und mit einem Siegel mit dem
kaiserlichen Wappen verschlossen.

Der Czaar erhob das Schriftstck und winkte Michael Strogoff, sich zu
nhern.

Dieser that dann einige Schritte vorwrts und blieb wieder unbeweglich vor
seinem Kaiser stehen.

Noch einmal sah der Czaar ihn durchdringend, Auge in Auge, in's Gesicht.
Dann begann er:

"Dein Name?

-- Michael Strogoff, Sire.

-- Deine Stellung?

-- Kapitn bei den Courieren des Czaaren.

-- Du kennst Sibirien?

-- Ich stamme daher.

-- Du bist geboren?

-- In Omsk.

-- Hast Du Verwandte in Omsk?

-- Meine alte Mutter."

Der Czaar unterbrach einen Augenblick die Reihe seiner Anfragen. Dann fuhr
er fort, indem er dem Courier den Brief zeigte, den er in der Hand hielt:

"Hier ist ein Brief, den ich Dich, Michael Strogoff, beauftrage, dem
Grofrsten eigenhndig, keinem, keinem Anderen! - zu berliefern.

-- Ich werde ihn besorgen, Sire.

-- Der Grofrst befindet sich in Irkutsk.

-- Ich werde nach Irkutsk gehen.

-- Es handelt sich hier aber darum, ein von Rebellen unsicher gemachtes,
von den Tartaren berfallenes Land zu durchreisen, in welchem jene
Meuterer ein Interesse haben knnten, diesen Brief aufzufangen.

-- Ich werde hindurch kommen.

-- Und wirst Dich vor Allem vor einem Verrther, Iwan Ogareff, zu hten
haben, dem Du auf dem Wege vielleicht begegnen knntest.

-- Ich werde ihm auszuweichen wissen.

-- Kommst Du ber Omsk?

-- Mein Weg fhrt mich dahin.

-- Wenn Du Deine Mutter sehen wolltest, wrdest Du Gefahr laufen, erkannt
zu werden. Du darfst Deine Mutter nicht besuchen!"

Michael Strogoff zgerte einen Augenblick mit seiner Antwort.

"Ich werde sie nicht sehen, sagte er.

-- Schwre mir, da nichts Dich vermgen wird, Dir zu entlocken, wer Du
bist und wohin Du gehst.

-- Ich schwre es.

-- Michael Strogoff, fuhr der Czaar fort, indem er dem jungen Courier das
Schreiben einhndigte, so nimm diesen Brief, von dem das Heil Sibiriens
und vielleicht das Leben meines Bruders, des Grofrsten, abhngt.

-- Dieser Brief wird in die Hand Sr. Hoheit des Grofrsten gelangen.

-- Du wirst also auf jeden Fall durchzudringen suchen?

-- Ich dringe hindurch berall, bis man mich tdtet.

-- Ich bedarf aber Deines Lebens.

-- Ich werde auch lebend durch Sibirien kommen", antwortete Michael
Strogoff.

Der Czaar schien mit der einfachen und ruhigen Sicherheit der Antworten
Michael Strogoff's wohl zufrieden.

"So geh' also, Michael Strogoff, sagte er, geh' mit Gott fr Ruland, fr
meinen Bruder und fr mich!"

Michael Strogoff grte militrisch, verlie sofort das Cabinet des
Kaisers und wenige Minuten spter das Neue Palais.

"Ich glaube, Du hast eine glckliche Hand gehabt, General, sagte der
Czaar.

-- Ich glaube es, Sire, antwortete General Kissoff, und Ew. Majestt knnen
versichert sein, da Michael Strogoff alles thun wird, was ein Mann zu
leisten vermag.

-- In der That, das schien ein ganzer Mann zu sein!" bemerkte der Czaar.




                             Viertes Capitel.


                     Von Moskau nach Nishny-Nowgorod.


Die Entfernung, welche Michael Strogoff von Moskau nach Irkutsk
zurckzulegen hatte, betrug 5200 Werst (= 5523 Kilom.). Als noch kein
Telegraphendraht den Zwischenraum zwischen den Bergen des Ural und der
Ostkste Sibiriens berspannte, wurde der Depeschendienst durch Couriere
versehen, deren schnellster mindestens achtzehn Tage bedurfte, um sich von
Moskau nach Irkutsk zu begeben. Das war aber nur eine Ausnahme und dauerte
die Reise durch das asiatische Ruland gewhnlich vier bis fnf Wochen,
obwohl alle Befrderungsmittel den Abgesandten des Czaaren zur Verfgung
gestellt wurden.

Als ein Mann, der weder Frost noch Schnee frchtete, htte es Michael
Strogoff vorgezogen, whrend der rauhen Winterszeit zu reisen, welche es
erlaubt, die ganze Strecke zu Schlitten zurckzulegen. Dann sind alle
Schwierigkeiten, mit denen man sonst des Fortkommens wegen zu kmpfen hat,
bei der Nivellirung der endlosen Steppen durch den Schnee, merklich
vermindert. Kein Wasserlauf tritt hindernd in den Weg. Ueberall die glatte
Eisflche, auf welcher der Schlitten leicht und schnell dahin gleitet.
Zwar sind zu dieser Zeit gelegentlich wohl verschiedene Naturerscheinungen
zu frchten, wie andauernde, dicke Nebel, sehr strenge Klte, lange
andauerndes, furchtbares Schneetreiben, dessen Wirbel manchmal ganze
Karawanen verwehen und begraben. Es kommt wohl auch vor, da von Hunger
gequlte Wlfe die Ebenen zu Tausenden bedecken. Doch immer wre es noch
besser gewesen, sich diesen Gefahren auszusetzen, denn bei solch' hartem
Winter muten die tartarischen Eindringlinge sich vorzugsweise in den
Stdten aufhalten, ihre Marodeure htten die Steppen nicht unsicher
gemacht, jede Truppenbewegung wre unausfhrbar gewesen und Michael
Strogoff leichter hindurch gekommen. Inde er konnte weder Zeit noch
Stunde selbst whlen. Wie auch die Umstnde lagen, er mute sie hinnehmen
und abreisen.

Derart war also die Lage, welche Michael Strogoff klar berschaute, und er
richtete sich darauf ein, sich mit ihr abzufinden.

Dazu kamen ihm nicht die gewhnlichen Verhltnisse eines Couriers des
Czaaren zu Statten. Im Gegentheil durfte Niemand whrend seiner Fahrt
diese Eigenschaft vermuthen. In einem von Feinden berschwemmten Lande
wimmelt es auch von Spionen. Ward er erkannt, so war auch seine Mission
compromittirt. Auch als General Kissoff ihm eine bedeutende Summe
einhndigte, welche zur Reise hinreichen und dieselbe nach Mglichkeit
erleichtern mute, gab er ihm keinerlei schriftliche Ordre mit der
Bezeichnung: "Specialdienst des Kaisers", das Sesam, dessen Krfte nie
versagen. Er begngte sich, ihm nur einen "Podaroshna" auszustellen.

Dieser Podaroshna lautete auf den Namen eines Kaufmanns, Nicolaus
Korpanoff, wohnhaft in Irkutsk. Er berechtigte denselben, sich gegebenen
Falles von einer oder mehreren Personen begleiten zu lassen, und daneben
enthielt er die ausdrckliche Bemerkung, da er selbst dann giltig sei,
wenn das Gouvernement von Moskau auch jedem Anderen den Austritt aus
Ruland verbieten sollte.

Der Podaroshna war nichts Anderes, als ein Erlaubnischein, Postpferde zu
requiriren; Michael Strogoff aber sollte davon nur Gebrauch machen in dem
Falle, wenn dieser Schein keinen Verdacht bezglich seiner Eigenschaft
hervorrufen konnte, d. h. so lange er sich auf europischem Boden befand.
Hieraus folgte, da er in Sibirien, wenn er die aufstndischen Provinzen
durchreiste, sich nicht als Gebieter den Postrelais gegenber benehmen,
noch sich vor Anderen Pferde verschaffen, noch endlich Transportmittel fr
seine eigene Person requiriren konnte. Michael Strogoff durfte das nicht
vergessen; er war nicht mehr ein Courier, sondern ein einfacher Kaufmann,
Nicolaus Korpanoff, der sich von Moskau nach Irkutsk begab, und als
solcher allen Zuflligkeiten einer gewhnlichen Reise unterworfen.

Unbemerkt hindurch zu kommen - ob mehr oder weniger schnell, - aber
jedenfalls hindurch zu kommen, darin lag seine Aufgabe.

Vor dreiig Jahren bestand die Escorte eines Reisenden von Stand aus nicht
weniger als zweihundert berittenen Kosaken, zweihundert Mann Fuvolk,
fnfundzwanzig Baskiren zu Pferde, dreihundert Kameelen, vierhundert
Pferden, fnfundzwanzig Wagen, zwei tragbaren Booten und zwei Stck
Kanonen. Das war das nthige Material bei einer Reise durch Sibirien.

Michael Strogoff freilich sollte weder Reiter, noch Fusoldaten oder
Saumthiere haben. Er reiste zu Wagen, zu Pferde, wenn das mglich war; zu
Fu, wenn es nicht anders anging.

Die ersten 1400 Werst (= 1493 Kilom.), die Strecke zwischen Moskau und der
Grenze Rulands, konnten keine besonderen Schwierigkeiten bieten.
Eisenbahnen, Postwagen, Pferde zum Wechseln an verschiedenen Stationen,
Dampfschiffe - standen hier Jedermann zur Verfgung und waren folglich
auch dem Courier des Czaaren zur Hand.

Am Morgen des 16. Juli begab sich Michael Strogoff ohne jede Uniform, aber
mit einem Reisesack, den er auf dem Rcken trug, bekleidet mit einem
gewhnlichen russischen Anzug, einem an der Taille geschlossenen Oberrock,
dem herkmmlichen Mujik (Grtel), weiten Beinkleidern und an den Kncheln
anschlieenden Stiefeln, nach dem Bahnhofe, um den nchsten Zug zu
benutzen. Er fhrte, wenigstens dem Anscheine nach, keine Waffen bei sich,
unter dem Grtel aber stak ein Revolver und in seiner Tasche einer jener
langen Dolche, welche das Mittel zwischen dem Messer und dem Yatagan
bilden und mit dem ein sibirischer Jger einen Bren sauber auszuweiden im
Stande ist, ohne dessen kostbares Fell zu beschdigen.

Auf dem Bahnhofe in Moskau war ein ansehnliches Menschengedrnge. Die
Perrons der russischen Eisenbahnen bilden hufig gewissermaen
Versammlungsrter ebensowohl fr Diejenigen, welche abreisen, als fr
Solche, welche der Abfahrt nur zusehen. Dort ist fast eine kleine Brse
fr Neuigkeiten.

Der Zug, den Michael Strogoff benutzte, sollte ihn nach Nishny-Nowgorod
fhren. Dort war jener Zeit das Ende des Schienenweges, der Moskau mit St.
Petersburg verbindet und bis zur Grenze Rulands fortgefhrt werden soll.
Die Strecke bis dahin ma etwa 400 Werst (= 426 Kilom.), welche der Zug in
ungefhr zehn Stunden zurcklegen mute. In Nishny-Nowgorod angelangt,
wollte Michael Strogoff je nach den Umstnden entweder zu Lande weiter
reisen oder die Wolgadampfboote benutzen, um die Berge des Ural so schnell
als mglich zu erreichen.

Michael Strogoff machte es sich in seiner Ecke so bequem, wie ein braver
Brger, den seine Geschfte nicht bermig beunruhigen und der sich die
Zeit durch Schlafen zu vertreiben sucht.

Da er in dem Coup aber nicht allein war, schlief er auch nur mit einem
Auge, hrte aber dabei mit beiden Ohren.

Der Aufstand der Kirghisenhorden und der Einfall der Tartaren machte doch
schon einigermaen von sich reden. Die Leute, mit denen der Zufall ihn
zusammenwrfelte, plauderten ebenfalls davon, doch immer noch mit einer
gewissen Zurckhaltung.

Diese Reisenden waren ebenso, wie die meisten Insassen des Zuges,
Kaufleute, die sich zur groen Messe nach Nishny-Nowgorod begaben, eine
erklrlicher Weise sehr gemischte Gesellschaft, welche aus Juden, Trken,
Kosaken, Russen, Georgiern, Kalmcken und Anderen bestand, die sich
indessen Alle der Nationalsprache bedienten.

Man besprach das Fr und Wider der ernsthaften Ereignisse, welche sich
eben jenseit des Ural abspielten; auch schienen diese Kaufleute zu
frchten, da die russische Regierung sich veranlat sehen knnte, einige
beschrnkende Maregeln, mindestens in den Nachbarprovinzen der
asiatischen Grenze, zu ergreifen, - Maregeln, unter denen der Handel ohne
Zweifel leiden mute.

Diese unverbesserlichen Egoisten betrachteten den Krieg, d. h. die
Unterdrckung der Rebellion und die Abwehr jenes Einfalls, nur von dem
einen Standpunkte ihrer bedrohten Interessen. Die Anwesenheit eines
einfachen Soldaten in Uniform - man wei ja, wie gro der Einflu der
Uniform gerade in Ruland ist, - htte gewi hingereicht, die Zungen
dieser Handelsleute zu zgeln. In dem von Michael Strogoff benutzten Coup
lie nichts die Gegenwart einer Militrperson vermuthen, und der Courier
des Czaaren, der sein Incognito bewahren mute, htete sich wohl, seinen
wahren Charakter zu verrathen.

Er horchte gespannt.

"Man spricht von einer Preissteigerung des Karawanenthees, sagte ein
Perser, den man an seiner mit Astrachan besetzten Mtze und dem
abgetragenen braunen und weitfaltigen Rocke erkannte.

-- O, der Thee hat auch keine Baisse zu frchten, erwiderte ein alter Jude
mit verschmitzten Zgen. Was davon in Nishny-Nowgorod am Markte ist, wird
nach Westen hin willigen Absatz finden; leider steht es mit den Teppichen
aus Bukhara aber anders.

-- Wie? Sie erwarten eine Sendung aus Bukhara? fragte ihn der Perser.

-- Das zwar nicht, wohl aber aus Samarkand, und Waarensendungen von dorther
sind eher noch mehr gefhrdet. Verlassen Sie sich einmal auf Zufuhren aus
einem Lande, das durch die Khans von Khiva bis zur chinesischen Grenze in
helle Emprung gebracht ist.

-- Gut! meinte der Perser, wenn die Teppiche nicht ankommen, so ist das von
den Verrthern noch weniger zu erwarten, denke ich.

-- Und der Profit? heiliger Gott Israels, rief der Jude, rechnen Sie den
fr nichts?

-- Sie haben Recht, mischte sich ein anderer Reisender in das Gesprch,
asiatische Artikel werden am Platze empfindlich fehlen; die Teppiche aus
Samarkand ebenso, wie die Wollenwaaren, die Seifen, Oele und die Shawls
aus dem Morgenlande.

-- Ei, nehmen Sie sich in Acht, Vterchen, antwortete ein russischer
Reisender mit spttelnder Miene, Sie werden sich furchtbare Fettflecke in
ihre Shawls bringen, wenn Sie sie mit den Seifen und Oelen zusammenpacken!

-- Das kommt Ihnen wohl sehr komisch vor! versetzte etwas spitzig der
Kaufmann, der solche Scherze nicht besonders liebte.

-- Nun, und wenn man sich die Haare ausraufen und Asche auf's Haupt streuen
wollte, fuhr jener Reisende fort, wrde das den Lauf der Dinge ndern?
Nein! Um keinen Deut mehr als den Transport der Megter.

-- Man erkennt es, da Sie kein Kaufmann sind, bemerkte der kleine Jude.

-- Meiner Treu, nein, wrdiger Nachkomme Abraham's! Ich verkaufe weder
Hopfen noch Theer, Honig oder Wachs, weder Hanfsamen noch Pkelfleisch,
Caviar, Holz, Wolle, Bnder, nicht Hanf oder Leinen, keine Maroquins oder
Pelzwaaren!...

-- Aber kaufen Sie vielleicht davon? fragte der Perser, den Redestrom des
Reisenden unterbrechend.

-- So wenig als mglich und nur fr meinen Privatbedarf, antwortete jener
mit den Augen zwinkernd.

-- Das ist ein Spavogel, raunte der Jude dem Perser zu.

-- Oder ein Spion! erwiderte dieser mit gedmpfter Stimme. Hten wir uns
und sprechen nicht mehr als nthig. Die Polizei ist bei jetzigen Zeiten
nicht sehr zart, und man wei nie, mit wem man zusammen sitzt."

In einer andern Ecke der Wagenabtheilung sprach man etwas weniger ber
Handelsgeschfte, aber etwas mehr von dem Einfalle der Tartaren und dessen
mglichen Folgen.

"Man wird in Sibirien die Pferde requiriren, uerte sich ein Reisender,
und die Communicationen zwischen den verschiedenen Provinzen Centralasiens
werden sehr erschwert sein!

-- Besttigt es sich, fragte sein Nachbar, da die Kirghisen der Mittleren
Horde mit den Tartaren gemeinschaftliche Sache gemacht haben?

-- Man sagt es, antwortete der Reisende halblaut, wer kann sich aber in
diesem Lande rhmen, etwas Bestimmtes zu wissen!

-- Ich hrte schon von Truppenzusammenziehungen an der Grenze sprechen. Die
Donischen Kosaken sollen bereits lngs der Wolga versammelt sein und man
will sie den aufrhrerischen Kirghisen entgegen werfen.

-- Wenn die Kirghisen dem Ufer des Irtysch gefolgt sind, wird auch die
Strae nach Irkutsk unsicher sein, bemerkte der Nachbar. Uebrigens wollte
ich gestern ein Telegramm nach Krasnojarsk senden, das hat aber nicht bis
dahin gelangen knnen. Es steht zu befrchten, da die Tartarenhaufen
binnen Kurzem das ganze stliche Sibirien isolirt haben werden!

-- In Summa, Vterchen, sprach sich der erste Frager aus, diese
Handelsleute da haben alle Ursache, wegen ihrer Geschftsabwickelung
besorgt zu sein. Nach Requisition der Pferde werden die Schiffe an die
Reihe kommen, dann die Wagen und berhaupt alle Transportmittel, bis es
endlich nicht mehr erlaubt sein wird, im ganzen Reiche einen Fu zu
bewegen.

-- Ich frchte sehr, in Nishny-Nowgorod werde die Messe nicht so brillant
enden, wie sie begonnen hat, antwortete der Zweite kopfschttelnd. Aber
die Sicherheit und Integritt des russischen Gebietes geht ber Alles!
Geschfte sind eben doch nur Geschfte!"

Wenn in diesem Coup der Gegenstand der Unterhaltung nicht sehr wechselte,
so war das auch nicht mehr der Fall in den anderen Wagen des Zuges; ein
strenger Beobachter wrde aber in allen Reden der Reisenden unschwer eine
ungemeine Zurckhaltung entdeckt haben. Wagten diese sich einmal auf das
Gebiet der Thatsachen, so gingen sie niemals so weit, weder die Absichten
der moskowitischen Regierung vorauszusehen, noch deren Manahmen zu
kritisiren.

Dieselbe Beobachtung machte auch ein Reisender in einem der vorderen Wagen
des Zuges. Dieser - offenbar ein Auslnder, - hatte seine Augen berall
und warf zwanzigerlei Fragen auf, welche nur ausweichende Beantwortung
fanden. Fortwhrend betrachtete er dabei auch durch das Wagenfenster,
dessen Scheibe er stets zum groen Unbehagen seiner Reisegefhrten
niedergelassen hielt, die Gegend bis zum fernen Horizont. Er erkundigte
sich nach den Namen der unbedeutendsten Ortschaften, ihrer Lage, ihren
Handelsbeziehungen und Gewerbsverhltnissen, nach den Einwohnerzahlen, der
mittleren Sterblichkeit beider Geschlechter u. s. w., und Alles, was er
erfahren konnte, schrieb er in ein mit Bemerkungen berladenes Notizbuch.

Unsere Leser erkannten in ihm wohl schon den Correspondenten Alcide
Jolivet, der so viele Fragen in der Hoffnung stellte, unter den Antworten
doch dann und wann etwas Interessantes "fr seine Cousine" zu erhaschen.
Natrlich sah man ihn deshalb fr einen Spion an und sprach vor ihm keine
Sylbe bezglich der Tagesereignisse.

Als er sich berzeugt, da er ber den Tartareneinfall hier nichts zu
erfahren vermge, schrieb er in das Notizbuch: "Die Reisenden absolut
discret. Schieen ber Politik nur sehr schwer los."

Whrend aber Alcide Jolivet seine Reiseeindrcke mit peinlicher
Gewissenhaftigkeit schriftlich fixirte, lag sein College, der in demselben
Zuge sa und in derselben Absicht reiste, in einem andern Coup ganz der
nmlichen Beschftigung ob. Beide waren sich am Morgen im Bahnhofe zu
Moskau nicht begegnet, und Keiner wute von des Andern Aufbruche nach dem
voraussichtlichen Kriegsschauplatze, um den Ereignissen nher zu stehen.

Dabei hatte nur der allzeit schweigsame Harry Blount bei seinen
Reisegefhrten nicht denselben Verdacht erweckt, wie Alcide Jolivet. Ihn
hatte man nicht fr einen Spion gehalten, und seine Nachbarn plauderten
vor ihm ohne jede Zurckhaltung, wobei sie sich sogar weiter gehen lieen,
als man es von ihrer anerzogenen Zaghaftigkeit erwartet htte. Der
Correspondent des Daily-Telegraph konnte also beobachten, wie sehr die
Ereignisse des Tages alle nach Nishny-Nowgorod ziehenden Kaufleute
berhrten und wie stark der Handel mit Central-Asien dadurch bedroht sei.

Er zgerte also nicht, seinem Notizbuch die ganz gerechtfertigte Bemerkung
einzuverleiben:

"Die Reisenden sehr beunruhigt. Der Krieg steht in Aussicht und man
behandelt dieses Thema mit einer Freimthigkeit, welche zwischen Weichsel
und Wolga erstaunlich zu nennen ist."

Die Leser des Daily-Telegraph muten demnach ebenso gut unterrichtet
werden, wie "die Cousine" Alcide Jolivet's.

Weiter, da Harry Blount an der linken Seite des Zuges sa, hatte er nur
den einen Theil der hier ziemlich hgeligen Landschaft berblicken knnen,
ohne da er es der Mhe werth erachtete, sein Auge einmal nach der rechten
Seite, welche vollkommen eben war, zu wenden, und somit fgte er seiner
Notiz kurz und bndig hinzu:

"Zwischen Moskau und Wladimir Bergland."

Inzwischen lag es auf der Hand, da die russische Regierung angesichts der
ernsten Verwickelungen selbst im Innern des Reiches einige strenge
Maregeln nehmen werde. Die Emprung griff zwar noch nicht ber die Grenze
Sibiriens hinber, doch in den dem Lande der Kirghisen so nahe liegenden
Wolgaprovinzen durfte man sich leicht eines beln Einflusses jener
Ereignisse versehen.

Noch hatte die Polizei Iwan Ogareff's Spuren nicht wieder zu finden
vermocht. Ob dieser Verrther, der die Fremden aufhetzte, um seine
persnliche Rache zu befriedigen, sich wieder mit Feofar-Khan verbunden
habe, oder im Gouvernement Nishny-Nowgorod heimlich die Emprung schre,
wo sich zu dieser Jahreszeit eine aus so bunten Elementen zusammen
gewrfelte Bevlkerung tummelte, - kein Mensch wute es.

Hatte er vielleicht unter diesen bei der Messe so zahlreich vertretenen
Persern, Armeniern und Kalmcken Vertraute, welche die Bewegung im Innern
des Reiches in Flu bringen sollten? Alle diese Hypothesen waren,
vorzglich in einem Lande wie das Reich des Herrschers aller Reuen, nicht
zurck zu weisen.

In der That kann dieses ungeheure Lndergebiet von zwlf Millionen
Quadratkilometern die Homogenitt der westlichen Staaten Europas berhaupt
nicht besitzen. Zwischen den verschiedenen Vlkerschaften desselben
herrschen mehr tiefere Unterschiede, als oberflchliche Nuancen. In
Europa, Asien und Amerika (unsere Erzhlung spielt in der Zeit, da das
russische Amerika noch nicht an die Vereinigten Staaten abgetreten war)
erstreckt sich sein Gebiet vom 35. Grade stl. Lnge (von Ferro) bis zum
110. Grade westlicher Lnge und vom 38. bis zum 81. Grade nrdl. Breite.
Es zhlt nicht weniger als siebenzig Millionen Einwohner, welche dreiig
verschiedene Sprachen sprechen. Die herrschende Race ist zwar die der
Slaven, aber auer den eigentlichen Russen zhlen zu dieser auch die
Polen, Litthauer und die Kurlnder. Rechne man zu diesen noch die Finnen,
Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken, Permiaken, die Deutschen,
die Griechen, Tartaren, die kaukasischen Stmme, die Mongolenhorden,
Kalmcken, Samojeden, Kamtschadalen und Aluten, so sieht man leicht ein,
wie schwierig es sein mu, die Einheit eines so ungeheuren Reiches
aufrecht zu erhalten, und da diese dereinst nur von der Zeit und der
Weisheit der Regierung wirklich geschaffen werden kann.

Wie dem auch sei, jedenfalls hatte Iwan Ogareff sich bisher allen
Nachforschungen zu entziehen gewut. Auf jeder Station aber, wo der Zug
anhielt, erschienen Inspectoren, welche die Reisenden musterten und Alle
scharf in's Auge faten, denn sie hatten auf Befehl des Gromeisters der
Polizei nach Iwan Ogareff zu fahnden. Die Regierung glaubte zu wissen, da
dieser Verrther das europische Ruland noch nicht habe verlassen knnen.
Erschien ein Reisender verdchtig, so mute er sich im Polizeibureau
ausweisen, whrend der Zug weiter sauste, ohne sich um solche
unfreiwillige Nachzgler zu bekmmern.

Es ist vllig nutzlos, mit der russischen Polizei bei ihrer bekannten
Rcksichtslosigkeit verhandeln zu wollen. Ihre Beamten stehen in
militrischem Range und handeln als Soldaten. Hierin liegt das Mittel,
womit ein Souvern sich unbedingten Gehorsam erzwingt, der das Recht hat,
an die Spitze seiner Ukase zu setzen: "Wir, von Gottes Gnaden Kaiser und
Selbstherrscher aller Reuen, von Moskau, Kiew, Wladimir und Nowgorod,
Czaar von Kasan, Astrachan, Polen, Sibirien und des Taurischen Chersones,
Frst von Skof, Groherzog von Smolensk, Litthauen, Wolhinien, Podolien
und Finnland, Herzog von Esthland, Liefland, Kurland und Samland, von
Bialystock, Karelien, Jugrien, Perm, Viatka, Bulgarien und von anderen
Lndern, Herrscher und Grofrst der Territorien von Nishny-Nowgorod,
Tschernikow, Riatsan, Polotzk, Restow, Jeroslaw, Bielozersk, Udorien,
Obdorien, Kondinien, Witepsk und Mtislaw, Machthaber ber die
hyperborischen Lande, Herr der Lande von Iberien, der Kartalinie,
Gruzinien, Kabardinien, Armenien, Erbherr und Souvern der
Tscherkessenfrsten der Berge und der Ebenen, Erbe von Norwegen,
Schleswig-Holstein, Stormarn, Dithmarschen und Oldenburg." In der That ein
mchtiger Herrscher, dessen Wappen, ein zweikpfiger Adler mit Scepter und
Erdkugel in den Klauen, umgeben ist von den Wappenschildern von Nowgorod,
Wladimir, Kiew, Kasan, Astrachan und Sibirien, und umrahmt von dem groen
Bande des St. Andreasordens, ber dem eine Kaiserkrone schwebt! -

Michael Strogoff entging auf Grund seiner Papiere allen polizeilichen
Scheerereien.

Auf der Station Wladimir verweilte der Zug einige Minuten, die dem
Reporter des Daily-Telegraph hinreichend erschienen, eine umfassende
Skizze dieser alten Hauptstadt Rulands zu entwerfen.

Im Bahnhofe zu Wladimir kamen neue Passagiere. Unter Anderen erschien auch
ein junges Mdchen an der Thr von Michael Strogoff's Coup.

Vor dem Couriere des Czaaren war noch ein Platz leer. Das junge Mdchen
nahm diesen ein, nachdem sie eine bescheidene, rothlederne Reisetasche,
scheinbar ihr ganzes Gepck, neben sich gestellt hatte. Dann setzte sie
sich mit niedergeschlagenen Augen und ohne ihren zuflligen Reisegefhrten
auch nur einmal angesehen zu haben, fr eine mehrstndige Fahrt zurecht.

Michael Strogoff konnte sich nicht enthalten, seine neue Nachbarin
theilnehmend zu betrachten. Da sie einen Rcksitz einnahm, bot er ihr
seinen Platz an, wenn sie diesen vorzge, aber sie lehnte das mit einer
leichten Verbeugung dankend ab.

Das junge Mdchen mochte sechzehn bis siebenzehn Jahre zhlen. Ihr
wirklich hbscher Kopf verrieth den rein slavischen Typus, - einen etwas
strengen Typus, nach welchem sie einst mehr schn als hbsch werden mute,
wenn einige Jahre die Zge ihres Gesichtes weiter befestigt haben wrden.
Aus einer Art Fanchon quoll ihr eine Flle goldblonden Haares. Ihre
braunen Augen erstrahlten von einem ungemein sanften Blicke. Die gerade
Nase verband mit beweglichen Flgeln ihre etwas schmalen und blassen
Wangen. Ihr sehr fein geschnittener Mund schien seit lngerer Zeit alles
Lcheln verlernt zu haben.

Die junge Reisende war, so weit man das vor dem faltigen Pelze, den sie
trug, erkennen konnte, gro und schlank. Obwohl sie noch im vollen Sinne
des Wortes als "ein sehr junges, unschuldiges Kind" erschien, so war doch
ihre Stirn gut entwickelt und die bestimmte Form der unteren Partien des
Gesichtes lie auf eine ungewhnliche Energie schlieen, - Einzelheiten,
welche Michael Strogoff nicht entgingen. Offenbar hatte das junge Mdchen
frher schon manches gelitten und auch die Zukunft schien ihr nicht in
rosigem Lichte zu winken; aber ebenso sicher hatte sie gegen die
Widerwrtigkeiten des Lebens sowohl anzukmpfen gewut, als sie die
Entschlossenheit besa, es auch in Zukunft zu thun. Ihre Willenskraft
schien ebenso lebhaft als ausdauernd zu sein, ihre Ruhe unerschtterlich,
vielleicht selbst unter Umstnden, welche einen Mann in Verlegenheit
gebracht htten.

Diesen Eindruck erweckte das junge Mdchen auf den ersten Blick. Michael
Strogoff, selbst ein energischer Charakter, mute sich von einer solchen
Erscheinung getroffen fhlen und beobachtete, bei aller Vorsicht, sie
dadurch nicht zu belstigen, seine Nachbarin doch mit einer gewissen
Aufmerksamkeit.

Die Kleidung der jungen Reisenden zeichnete sich durch die grte
Einfachheit und Sauberkeit aus. Von reichem Herkommen konnte sie offenbar
nicht sein; aber man htte vergeblich nach einer Spur von Nachlssigkeit
an ihr gesucht. Ihr ganzes Gepck barg jene rothe Tasche, die sie aus
Mangel an Platz auf den Knieen hielt.

Sie trug einen langen, rmellosen Pelz von dunkelbrauner Farbe, der sich
mit einem blauen Saume anmuthig um ihren Hals schlo. Unter demselben
bedeckte eine ebenfalls dunkelfarbige Tunica das bis zum Fugelenk
reichende Kleid, dessen unterer Saum wiederum mit wenig aufflliger
Stickerei geziert war. Lederne Halbstiefel mit starken Sohlen, so als
wren sie fr eine lange Reise bestimmt, schtzten die kleinen Fchen.

Michael Strogoff glaubte an manchen Details dieses Costms die Tracht der
Lieflnderinnen zu erkennen und setzte also voraus, da seine Nachbarin in
den baltischen Provinzen zu Hause sei.

Doch wohin ging dieses Kind, allein, in diesem Alter ohne Untersttzung
des Vaters oder der Mutter, ohne den Schutz eines Bruders? Kam sie
wirklich schon nach Zurcklegung einer lngeren Reise aus den westlichen
Provinzen des Reiches? Begab sie sich nur nach Nishny-Nowgorod oder lag
ihr Ziel noch ber den stlichen Grenzen? Erwartete sie ein Anverwandter,
ein Freund bei Ankunft des Zuges? War es nicht vielmehr wahrscheinlich,
da sie sich nach Verlassen des Waggons in der Stadt ebenso vereinsamt
befinden werde, wie in diesem Coup, wo sich, ihrer Ansicht nach, keine
Seele um sie kmmerte?

Das Auftreten, welches man sich in der Vereinsamung anzugewhnen pflegt,
zeigte sich zu deutlich in dem Wesen der jungen Reisenden. Die Art und
Weise, wie sie in das Coup einstieg und sich fr die Fahrt einrichtete,
das Vermeiden jeder Belstigung Anderer, welches an eine gewisse
Schchternheit grenzte, Alles zeigte ihre Gewohnheit, allein zu sein und
nur auf sich selbst zu rechnen.

Michael Strogoff beobachtete sie mit zurckhaltendem Interesse und suchte
nicht einmal ein Gesprch anzuknpfen, wiewohl die Fahrt bis
Nishny-Nowgorod noch mehrere Stunden dauerte.

Nur einmal, als der Nachbar des jungen Mdchens, - jener Kaufmann, welcher
so unvorsichtig Oele und Shawls durch einander warf, - im Einschlafen
seine Nachbarin mit dem groen, auf den Schultern hin und her taumelnden
Kopfe zu belstigen drohte, weckte er diesen etwas barsch auf und gab ihm
zu verstehen, da er gerade sitzen und sich etwas rcksichtsvoller
betragen solle.

Der Kaufmann, von etwas grobem Schrot und Korn, knurrte einige Worte "von
Leuten, die sich in Sachen mischen, welche ihnen nichts angehen"; Michael
Strogoff warf ihm aber einen so viel versprechenden Blick zu, da der
Schlaftrunkene sich nach der andern Seite neigte und die junge Reisende
von seiner unliebsamen Nachbarschaft befreite.

Diese richtete das Auge einen Moment auf den jungen Mann mit einem Blicke,
der ihm einen stummen, bescheidenen Dank ausdrckte.

Es sollte aber noch ein Umstand eintreten, der Michael Strogoff den
Charakter des jungen Mdchens noch klarer erkennen lie.

Etwa zwlf Werst vor Nishny-Nowgorod erhielt der Zug bei einer sehr kurzen
Curve des Geleises einen sehr heftigen Sto. Dann lief er noch eine Minute
neben der Bschung eines Dammes hin.

Ein tchtiges Schtteln der Passagiere, Geschrei, Verwirrung, allgemeine
Unordnung in den Waggons bezeichneten die ersten Folgen des Unfalls. Man
konnte wohl noch ein schweres Unglck befrchten. Noch bevor der Zug zum
Stehen kam, sprangen schon die Waggonthren auf, die entsetzten Reisenden
suchten ihr Heil in der Flucht und strzten aus den Coups.

Michael Strogoff dachte zunchst an seine Nachbarin; doch whrend die
brigen Insassen sich schreiend und stoend hinaus drngten, hielt das
junge Mdchen, deren Gesicht kaum etwas blsser geworden war, ruhig auf
ihrem Platze aus.

Sie wartete. Michael Strogoff ebenfalls.

Sie hatte gar keinen Versuch gemacht, den Waggon zu verlassen. Kein Laut
kam ber ihre Lippen.

Beide blieben ganz ruhig.

"Eine energische Natur!" dachte Michael Strogoff.

Inzwischen war jede Gefahr vorber. Ein Radreifensprung am Gepckwagen
hatte erst den Sto und dann das Anhalten des Zuges veranlat, doch htte
nicht viel gefehlt, da er in Folge einer Entgleisung von dem hohen Damme
in die Tiefe gestrzt wre. Es entstand eine Stunde Aufenthalt. Endlich,
nach Freilegung der Fahrbahn, setzte der Train seinen Weg fort und
gelangte um halb neun Uhr Abends nach Nishny-Nowgorod.

Bevor Jemand die Waggons verlassen durfte, erschienen wieder die
unvermeidlichen Polizisten und inquirirten die Reisenden.

Michael Strogoff wies seinen auf den Namen Nicolaus Korpanoff lautenden
Podaroshna vor, der ihn gengend legitimirte.

Auch die andern Insassen des Coups, welche alle nur nach Nishny-Nowgorod
gingen, schienen zu ihrem Glcke unverdchtig.

Das junge Mdchen fr ihre Person brachte keinen eigentlichen Reisepa
hervor, der ja im Innern Rulands jetzt nicht mehr verlangt wird, sondern
einen Schein mit besonderem Siegel, welcher ganz specieller Art zu sein
schien.

Der Beamte las ihn aufmerksam durch. Dann sagte er nach sorgfltiger
Musterung Derjenigen, deren Signalement der Schein enthielt:

"Du bist aus Riga?

-- Ja, erwiderte das junge Mdchen.

-- Und willst nach Irkutsk?

-- Ja.

-- Auf welchem Wege?

-- Auf der Strae ber Perm.

-- Gut, antwortete der Inspector. Vergi in Nishny-Nowgorod nicht, Deinen
Schein durch das Polizei-Amt visiren zu lassen."

Das junge Mdchen verneigte sich bejahend.

Als er diese Fragen und Antworten hrte, empfand Michael Strogoff
gleichzeitig eine gewisse Bewunderung und ein ehrliches Mitleid. Wie!
Dieses Kind war auf der Reise nach dem entlegenen Sibirien, und noch dazu
jetzt, wo zu den gewhnlichen Unzutrglichkeiten noch alle Gefahren eines
von Feinden berschwemmten, aufrhrerischen Landes hinzutraten! Wie wrde
sie ankommen? - was aus ihr werden?...

Nach Schlu der Inspection wurden die Waggonthren geffnet, doch bevor
Michael Strogoff auch nur eine Bewegung gegen sie machen konnte, war die
junge Lieflnderin bereits ausgestiegen und unter der Menge, welche die
Perrons bedeckte, verschwunden.




                             Fnftes Capitel.


                    Eine Verordnung mit zwei Artikeln.


Nishny-Nowgorod, Unter-Nowgorod, am Zusammenflusse der Wolga und Oka, ist
die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Hier mute Michael
Strogoff den Schienenweg verlassen, der jener Zeit ber die Stadt noch
nicht hinausreichte. Je weiter er vorwrts kam, desto langsamer und
gleichzeitig desto unsicherer wurden die Communicationsmittel.

Nishny-Nowgorod, das gewhnlich nur 30-35,000 Einwohner zhlt, beherbergte
jetzt ber 300,000 Seelen, d. h. die Kopfzahl hatte sich verzehnfacht.
Dieser Zuwachs rhrte von der weltberhmten Messe her, welche in seinen
Mauern, eigentlich nur drei Wochen lang, abgehalten wurde. Frher erfreute
sich die Stadt Makariew dieses Zusammenflusses so vieler Fremden, seit dem
Jahre 1817 aber ward die groe Messe hierher verlegt.

Die sonst ziemlich dstere, einsame Stadt war jetzt der Schauplatz der
lebhaftesten Bewegung. Zehn verschiedene Racen europischer und
asiatischer Kaufleute fraternisirten hier, so lange gegenseitige
Handelsgeschfte im Spiel waren.

Trotz der vorgeschrittenen Stunde, zu welcher Michael Strogoff den Bahnhof
verlie, regte sich doch in den beiden durch das Bett der Wolga getrennten
Stadttheilen Nishny-Nowgorods noch ein ungeheures Leben. Von jenen Theilen
ist die obere, auf einem abschssigen Felsen erbaute Stadt von einer jener
Festungsanlagen vertheidigt, die man in Ruland ganz allgemein "Kreml" zu
nennen pflegt.

Wre Michael Strogoff genthigt gewesen, sich in Nishny-Nowgorod lngere
Zeit aufzuhalten, so htte er wohl Mhe haben sollen, ein Htel oder doch
eine halbwegs passende Herberge zu finden, - Alles war berfllt. Da er
inde auch nicht unmittelbar weiter reisen, sondern nur den
nchstabgehenden Wolgadampfer benutzen konnte, so mute er sich doch wohl
oder bel wenigstens ein Nachtlager suchen. Vorher trieb es ihn inde,
sich ber die Abfahrtszeit des Dampfbootes zu unterrichten; deshalb begab
er sich sofort nach den Bureaux der Gesellschaft, deren Schiffe den Dienst
zwischen Nishny-Nowgorod und Perm versehen.

Dort erfuhr er zu seinem groen Mivergngen, da der "Kaukasus" - so hie
das reisefertige Schiff - erst zu Mittag am nchsten Tage abgehen werde.
Siebenzehn Stunden Aufenthalt! Das war unangenehm fr einen Mann, der es
eilig hatte, und doch mute er sich darein finden. Er that es auch ruhig,
da er nicht unnthig zu auergewhnlichen Mitteln greifen wollte.

Uebrigens htte ihn unter den gegebenen Umstnden auch kein Teleg oder
Taranta, keine Berline oder Postchaise und kein Reitpferd schneller nach
Perm oder Kasan befrdert. Immer blieb es das Beste, die Abfahrt des
Steamers zu erwarten - jenes Befrderungsmittels, das ihn schneller als
jedes andere vorwrts schaffen und die hier verlorene Zeit reichlich
wieder einbringen mute.

Michael Strogoff schlenderte also durch die Stadt und suchte dabei ohne
Uebereilung ein Unterkommen, in dem er die Nacht zubringen knnte. Der
letztere Zweck lag ihm zwar gar nicht sonderlich am Herzen, und ohne das
Gefhl des Hungers, das sich ihm etwas aufdringlich fhlbar machte, htte
er die Straen Nishny-Nowgorods wohl auch die ganze Nacht ber durchirrt.
Es gelstete ihn also weit mehr nach einem tchtigen Abendimbi, als nach
einem Bette. Beides fand er noch unter dem Schilde der "Stadt
Konstantinopel".

Hier konnte ihm der Wirth noch ein mittelmiges Zimmerchen ablassen, das
zwar nur ein drftiges Mobiliar enthielt, dem aber der gebruchliche
Wandschmuck, ein Bild der Jungfrau Maria und mehrere Heiligenbilder in
Goldrahmen, nicht abging. Entenbraten mit einer Farce von suerlichem
Fleisch und rahmartig dicker Sauce, Gerstenbrod, saure Milch, klarer
Zucker mit Zimmet, ein Krug "Kwa", d. i. eine in Ruland sehr verbreitete
Art Bier, wurde ihm bald aufgetragen, und er brauchte gar nicht so viel,
seinen Hunger zu stillen. Jedenfalls a er sich aber satt, und das auch
besser, als sein Tischnachbar, ein orthodoxer "Altglubiger" von der Secte
der Raskolniks, der bei seinem Gelbde der Enthaltung gewisser Speisen die
Kartoffeln von sich wies und sich weislich htete, seinen Thee zu
versen.

Nach beendigter Mahlzeit nahm Michael Strogoff, statt sich nach seinem
Zimmer zu begeben, ganz maschinenmig die unterbrochene Promenade durch
die Stadt wieder auf. Trotz der noch andauernden langen Dmmerung
lichteten sich doch schon die Mengen, die Straen wurden allmlig der und
Jedermann suchte sein Lager.

Warum Michael Strogoff sich nicht gemchlich in's Bett begab, wie man es
nach einem auf der Eisenbahn hingebrachten Tage wohl erwarten sollte?
Dachte er vielleicht noch an die junge Lieflnderin, seine Reisegenossin
whrend einiger flchtiger Stunden? Ja! Da er nichts Besseres zu thun
wute, dachte er wohl an diese. Kam ihm die Befrchtung an, da sie in
dieser geruschvollen Stadt leicht einem Insulte ausgesetzt sein knnte? -
Er frchtete es, und gewi mit Recht. Hoffte er etwa, ihr zu begegnen und
im Nothfall sich zu ihrem Beschtzer aufzuwerfen? Nein. Eine Begegnung war
nur schwierig zu erwarten. Und was seinen Schutz betraf ... mit welchem
Rechte durfte er ihn anbieten?

"Allein, sprach er so fr sich hin, allein inmitten dieser Nomaden! Und
doch verschwinden die jetzigen Gefahren noch gegen die, welche die Zukunft
birgt. Sibirien! Irkutsk! Das, was ich fr Ruland, fr den Czaaren wagen
will, das unternimmt sie fr ... Ja, fr wen? Fr was ... Sie hat einen
Pa zur Ueberschreitung der Grenze! Und das Land ber derselben ist in
Emprung; Tartarenhorden jagen durch die Steppen!..."

Michael Strogoff blieb einen Augenblick, wie berlegend, stehen.

"Unzweifelhaft, dachte er bei sich, fate sie den Plan zu dieser Reise vor
dem Einfalle. Vielleicht wei sie nicht einmal, was jetzt vorgeht. Doch
nein, die Kaufleute haben ja vor ihr von den Unruhen in Sibirien
gesprochen, und sie schien darber nicht im Mindesten betroffen ... Sie
verlangte keine nheren Erklrungen ... Aber dann wute sie davon auch
schon vorher ... und trotzdem brach sie auf? Das arme Kind! Der Grund
dieser gefahrvollen Reise mu ein sehr zwingender sein! Doch so
entschlossen sie auch sein mag - und sie ist es ganz gewi, - die Krfte
werden ihr unterwegs ausgehen, und sie wird, von etwaigen Gefahren und
Hindernissen ganz zu schweigen, die Anstrengungen einer solchen Reise gar
nicht zu ertragen im Stande sein!... O, sie wird niemals bis Irkutsk
gelangen!"

Michael Strogoff ging hierbei immer auf's Gerathewohl weiter. Bei seiner
ausreichenden Localkenntni konnte ihm die Wiederauffindung seiner
Herberge ja nicht schwer fallen.

Nach einstndigem Umherwandeln setzte er sich von ungefhr auf eine Bank
an einer Art Holzhtte, die sich inmitten vieler anderer auf einem groen
Platze erhob.

Etwa fnf Minuten mochten verstrichen sein, als sich eine Hand schwer auf
seine Schulter legte.

"Was treibst Du hier? rief ihn die rauhe Stimme eines hochgewachsenen
Mannes an, dessen Annherung ihm entgangen war.

-- Ich ruhe aus, erwiderte Michael Strogoff.

-- Hast wohl die Absicht, die ganze Nacht hier auf der Bank zu bleiben?
fragte der Mann.

-- Wenn mir das pat, gewi! versetzte Michael Strogoff in einem etwas
bestimmteren Tone, als er seinem Aeuern, d. h. einem einfachen Kaufmanne,
entsprach.

-- Tritt heran, da ich Dich erkenne!"

Michael Strogoff, der sich noch rechtzeitig erinnerte, da er auf keinen
Fall eine Unklugheit begehen drfe, wich unwillkrlich aus.

-- "Mich hat Keiner nthig zu erkennen", erwiderte er.

Ganz ruhig trat er etwa zehn Schritte von dem Anfragenden zurck.

Bei genauerer Betrachtung berzeugte er sich, da er es mit einer Art
Zigeuner zu thun hatte, wie man sie hufig bei allen Messen und Mrkten
trifft, und deren Berhrung nach keiner Seite hin angenehm ist. Weiter
erkannte er auch noch trotz der zunehmenden Dunkelheit einen gerumigen
Wagen, die gewhnliche Wohnung dieser Zigeuner oder Tsiganen, die sich in
Ruland berall in Massen umhertreiben, wo einige Kopeken zu erhaschen
sind.

Der Zigeuner war inzwischen einige Schritte vorgetreten und schickte sich
eben an, Michael Strogoff weiter auszufragen, als sich die Thr der Bude
ffnete. Ein Weib, welches kaum zu sehen war, trat rasch heraus und
eiferte in einem rohen Dialect, den Michael Strogoff als ein Gemisch von
mongolischer und sibirischer Sprache erkannte:

"Wieder ein Spion! La ihn und komm zum Essen. Die 'Papluka'(1) wartet."

Michael Strogoff mute unwillkrlich lachen, als er diesen Titel hrte,
er, der vielmehr allen Spionen mglichst auswich.

In derselben Sprache, aber mit wesentlich abweichendem Accente, antwortete
der Zigeuner einige Worte, etwa des Inhalts:

"Du hast recht, Sangarre; brigens werden wir morgen weg sein!

-- Schon morgen? entgegnete das Weib halblaut und offenbar einigermaen
berrascht.

-- Ja wohl, Sangarre, bedeutete sie der Zigeuner, morgen, unser Vater
selbst sendet uns weg ... wohin wir wollen!"

Hiernach zogen sich Beide in die Bude zurck, deren Thr von Innen
sorgfltig geschlossen wurde.

"Recht nett, sagte sich Michael Strogoff; wenn diese Zigeuner aber hoffen,
nicht verstanden zu werden, so rathe ich ihnen, sich in meiner Gegenwart
einer andern Sprache zu bedienen."

Als geborener Sibirier, der seine ganze frhe Jugend in der Steppe verlebt
hatte, kannte Michael Strogoff, wie erwhnt, fast alle gebruchlichen
Mundarten von der Tartarei bis zum Eismeere. Um die zwischen dem Zigeuner
und dem Weibe gewechselten Worte selbst bekmmerte er sich blutwenig.
Welches Interesse konnte er daran haben?

Bei der schon vorgeschrittenen Nachtstunde gedachte er nun auch nach der
Herberge zurckzukehren, um sich einige Ruhe zu gnnen. Er folgte auf
seinem Rckwege dem Laufe der Wolga, deren Wasser unter der dunklen Masse
unzhliger Fahrzeuge fast verschwand. An der Richtung des Flusses erkannte
er genauer den eben verlassenen Ort. Diese Haufen von Fuhrwerken und Buden
standen auf eben dem gerumigen Platze, auf dem alljhrlich die groe
Messe von Nishny-Nowgorod abgehalten wurde - ein Erklrungsgrund fr die
Anwesenheit einer ganzen Menge von Gauklern und Zigeunern, welche der Wind
von allen Ecken der Welt her hier zusammengeweht hatte.

Eine Stunde spter ruhte Michael Strogoff in etwas unruhigem Schlummer auf
einem jener russischen Betten, welche dem Auslnder so hart vorkommen, und
erwachte am andern Morgen, am 17. Juli, bei hellem Tage.

Noch hatte er fnf Stunden in Nishny-Nowgorod auszuhalten, die ihm ein
Jahrhundert dnkten. Womit konnte er diesen Vormittag anders hinbringen,
als mit einer Wanderung durch die Straen wie am Tage vorher? Hatte er
sein Frhstck verzehrt, seinen Reisesack geschnallt, den Podaroshna von
der Polizei visirt erhalten, so konnte er sofort abreisen. Er war aber
nicht der Mann dazu, bei Sonnenschein sich im Bette zu wlzen; deshalb
stand er auf, kleidete sich an, verbarg den Brief mit dem kaiserlichen
Siegel sorgsam tief in der inneren Tasche seines Ueberkleides, um welches
er den Grtel schnallte. Dann schlo er seinen Reisesack und warf ihn ber
den Rcken. Da er nicht noch einmal nach "Stadt Konstantinopel"
zurckkehren wollte und an dem Ufer der Wolga zu frhstcken gedachte, um
nahe dem Dampfschifflandungsplatze zu sein, bezahlte er seine Rechnung und
verlie das Gasthaus.

Aus bergroer Sorge begab sich Michael Strogoff nochmals nach den Bureaux
der Steamer und versicherte sich, da der "Kaukasus" zur angegebenen
Stunde abfahren werde. Da stieg ihm zum ersten Male der Gedanke auf, da
die junge Lieflnderin, da sie ja ebenfalls ber Perm reisen mute, sich
hchst wahrscheinlich auch auf dem "Kaukasus" einschiffen wrde, in
welchem Fall Michael Strogoff sicher mit ihr zusammentreffen mute.

Die obere Stadt mit ihrem Kreml von zwei Werst Umfang, der dem in Moskau
brigens sehr hnlich ist, erschien damals merkwrdig verdet. Selbst der
Gouverneur hatte seinen Sitz daselbst nicht mehr. So todt aber die obere
Stadt war, so belebt war dafr die untere.

Michael Strogoff gelangte, nach Ueberschreitung einer von Kosakenpiquets
bewachten Schiffbrcke ber die Wolga, nach dem nmlichen Platze, wo er am
Abend vorher den kleinen Auftritt neben der Zigeunerbude erlebt hatte. Die
Messe von Nishny-Nowgorod, mit der sich nicht einmal die Leipziger Messe
vergleichen kann, wird ein wenig auerhalb der Stadt abgehalten. Auf
weiter Ebene jenseits der Wolga erhebt sich der provisorische Palast des
Generalgouverneurs, in welchem derselbe auf hohen Befehl whrend der
ganzen Dauer der Messe seinen Sitz hat, jener Messe, welche Dank den
Elementen, die auf ihr vertreten sind, eine unaufhrliche Bewachung
erfordert.

Diese Ebene war jetzt bedeckt mit symmetrisch vertheilten Holzbauten und
langen, breiten Gngen dazwischen, auf denen die Menschenmenge bequem auf-
und abfluthen konnte. Eine gewisse Anzahl Buden der verschiedensten Gre
und Form bildete allemal ein besonderes Quartier fr je einen bestimmten
Handelszweig. Da gab es Quartiere fr den Handel mit Eisenwaaren,
Quartiere fr die Rauchwaaren, fr Wolle, Holzwaaren, Gewebe, getrocknete
Fische u. s. w. Manche dieser Bauwerke zeigten sich auch aus dem
sonderbarsten Materiale errichtet, so die einen aus kleinen Theekistchen
in Form von Ziegelsteinen, andere aus bruchsteinartig angeordnetem
Salzfleische; - es galt das als Musterkarte fr die Waaren, welche die
Inhaber der Memagazine ihrer Kundschaft anboten. Eine etwas sonderbare,
fast amerikanische Reclame!

Der Menschenzudrang in diesen Budenreihen, ber denen die frh um vier Uhr
aufgegangene Sonne schon hoch am Himmel stand, war ein ungeheurer. Russen,
Sibirier, Deutsche, Kosaken, Turkomanen, Perser, Georgier, Griechen,
Ottomanen, Hindus, Chinesen, eine unentwirrbare Mischung von Europern und
Asiaten, - Alles plauderte, errterte, stritt und feilschte daselbst.
Trger, Pferde, Kameele, Esel, Boote und Fuhrwerke, was nur je zum
Waarentransport dienen konnte, war auf und an diesem Meplatze angehuft.
Pelzwerke, Edelsteine, Seidenstoffe, indische Kaschemirs, trkische
Teppiche, kaukasische Waffen, Gewebe aus Ispahan, Rstungen aus Tiflis,
Karawanenthee, europische Bronzen, Schweizer Uhren, Sammet und Seide aus
Lyon, englische Baumwollwaaren, Sattler- und Wagenbauerarbeiten, Frchte,
Gemse, Mineralien vom Ural, Malachite, Lasursteine, Parfums,
Arzneipflanzen, Holz, Pech, Tauwerk, Horn, Krbisse, Wassermelonen u. s.
w., alle Erzeugnisse Indiens, Chinas, Persiens, die vom Kaspischen und die
vom Schwarzen Meer, aus Amerika und Europa, waren auf diesem einen Punkte
der Erde zusammengehuft.

Das Leben und Treiben, das Toben und Schreien hier spottet jeder
Beschreibung, denn die Eingeborenen der niederen Klassen sind von Natur
sehr zum Lrmen geneigt, und die Fremden glaubten ihnen in dieser Hinsicht
nichts nachgeben zu drfen. Da waren Kaufleute aus Innerasien, die ein
ganzes Jahr daran gesetzt hatten, ihre Waaren ber die endlosen Ebenen zu
bringen und welche vor Verlauf eines weiteren Jahres ihre Lden und
Comptoirs gar nicht wieder sehen konnten. Ja die Bedeutung dieser Messe in
Nishny-Nowgorod ist so gro, da der Werth der Handelstransactionen
daselbst sich auf mindestens hundert Millionen Rubel (= 314 Mill. Mark,
also 157 Mill. Gulden) beziffert.

Auf den Pltzen zwischen den Quartieren dieser improvisirten Stadt
tummelten sich eine ganze Menge wandernder Knstler. Seiltnzer und
Akrobaten betubten mit dem Spektakel ihrer Orchester und dem Ausrufen
ihrer Vorstellungen; Zigeuner aus den Gebirgen, welche den gedankenlosen
Miggngern aus dem stets wechselnden Publicum wahrsagten, oder ihre
ergreifendsten Weisen sangen und ihre originellsten Tnze producirten;
Schauspieler von auswrtigen Gesellschaften, welche die Dramen
Shakespeare's auffhrten, aber zugestutzt nach dem Geschmacke der Menge,
die in hellen Haufen herzustrmte. In den langen Zwischengngen trieben
sich Brenfhrer mit ihren vierbeinigen Knstlern ganz sorglos umher, und
aus den Menagerien tnten die Schreie der Bestien, wenn sie die scharfe
Geiel oder das rothglhende Eisen des Thierbndigers in Wuth brachte;
endlich in der Mitte des groen Centralplatzes, umrahmt von einem
vierfachen Kreise enthusiastischer Kunstliebhaber, ein Chor "Seeleute der
Wolga", die auf dem Boden saen, wie auf dem Verdeck ihrer Barken, und
unter dem Taktstocke eines Orchesterdirigenten, eines wirklichen
Untersteuermanns dieses imaginren Schiffes, gleichzeitig Ruderbewegungen
nachahmten.

Da, welch' eigenthmliche und reizende Sitte! Ueber den Kpfen dieses
Menschenknuels flogen ganze Wolken von Vgeln aus den Kfigen, in denen
man sie zu Markte gebracht hatte, davon. Nach einem in Nishny-Nowgorod
sehr beliebten Gebrauche ffneten die Kerkermeister der Vgel gegen einige
von gutmthigen Seelen gespendete Kopeken ihren befiederten Gefangenen die
Pforten und diese flatterten zu Hunderten mit freudigem Gezwitscher
hinaus.

Das etwa war das Bild dieses Platzes; so blieb es auch whrend der sechs
Wochen, so lange die berhmte Messe zu Nishny-Nowgorod gewhnlich dauert.
Nach dieser geruschvollen Periode erstirbt der ungeheure Lrm wie durch
einen Zauber; die obere Stadt gewinnt ihren officiellen Charakter wieder,
die untere versinkt zu ihrer gewhnlichen Eintnigkeit, und von all'
diesem ungeheuren Zusammenflu von Kaufleuten, welcher aus aller Herren
Lndern in Europa und Asien quillt, bleibt kein einziger Verkufer zurck,
der irgend etwas ausbte, noch auch nur ein einziger Einkufer, der irgend
etwas zu erhandeln suchte.

Es verdient wohl bemerkt zu werden, da England und Frankreich bei der
dermaligen Nishny-Nowgoroder Messe durch zwei hervorragende
Mustererzeugnisse der modernen Civilisation vertreten waren, - durch die
Herren Harry Blount und Alcide Jolivet.

Die beiden Correspondenten hatten sich nmlich zunchst hier eingefunden,
um zum Besten ihrer Leserkreise Eindrcke zu sammeln, und nutzten auch die
wenigen freien Stunden nach besten Krften aus, denn sie wollten ebenfalls
mit dem Dampfer "Kaukasus" weiter reisen.

Sie begegneten sich gerade auf dem Meplatze, ohne sonderlich darber zu
erstaunen, denn der nmliche Instinct mute sie ja auf ein und dieselbe
Spur leiten. Diesmal wechselten sie aber keine Silbe mit einander, sondern
beschrnkten sich auf eine gegenseitige, etwas khle Begrung.

Alcide Jolivet, ein Optimist von Haus aus, glaubte zu finden, da hier
Alles nach Wunsch und Ordnung gehe, und da der Zufall ihm ein gutes
Unterkommen und schmackhafte Tafel bescheert hatte, bereicherte er sein
Notizbuch um einige fr die Stadt Nishny-Nowgorod sehr empfehlende
Anmerkungen.

Harry Blount dagegen, der erst lange Zeit nach einem Abendbrode
umhergetrollt war, hatte endlich gar unter freiem Himmel bernachten
mssen. Er sah demnach Alles von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus und
berlegte sich schon einen geharnischten Artikel ber die Stadt, in der
die Hteliers die Reisenden von der Thr wiesen, welche doch bereit waren,
sich "moralisch und physisch mihandeln zu lassen."

Michael Strogoff schien, als er so die eine Hand in der Tasche und mit der
andern eine lange Pfeife mit Vogelkirschbaumrohr hielt, der
gleichgiltigste und am mindesten ungeduldige von Allen. Inde htte es ein
feinerer Beobachter an dem leichten Runzeln seiner Brauen wohl erkannt,
da er an seinem Zaume nagte.

Schon seit etwa zwei Stunden ging er zwecklos durch die Straen der Stadt,
um immer wieder nach dem Meplatze zurckzukehren. Als er sich da so durch
die Menge wand, bemerkte er an allen Kaufleuten aus den benachbarten
asiatischen Lndern eine offenkundige Unruhe. Die Geschfte lahmten
sichtlich. Zwar setzten die verschiedenen Taschenspieler, Seiltnzer und
Equilibristen ihr Geschrei keineswegs aus; das begreift sich wohl, da sie
ja mit keinem Risico bei irgend einer Speculation betheiligt waren; die
Hndler aber zauderten, sich mit den Kaufleuten aus Central-Asien
einzulassen, deren Heimat durch den Tartarenangriff bedroht erschien.

Hier noch ein anderes Symptom, welches nicht mindere Beachtung verdiente.
In Ruland erblickt man den Soldaten berall. Die Mitglieder des Heeres
mischen sich mit Vorliebe unter die Menge, und vor Allem finden die
Polizeibeamten gerade zur Zeit der Messe zu Nishny-Nowgorod eine allzeit
bereite Hilfe an den zahlreichen Kosaken, welche mit der Lanze auf der
Schulter fr Aufrechterhaltung der Ordnung unter dieser Masse von 300,000
Fremdlingen sorgen.

Heute fehlte es auf dem Meplatze sichtlich an Soldaten, an Kosaken wie an
anderen. Ohne Zweifel blieben sie im Hinblick auf ein pltzliches
Ausrcken in ihren Kasernen consignirt.

Wenn aber keine Soldaten zu sehen waren, so lag das doch anders bezglich
der Officiere. Schon seit dem Tage vorher flogen die Feldjger und
Adjutanten aus dem Palaste des Gouverneurs nach allen Richtungen der
Windrose. Ueberall verrieth sich eine ungewhnliche Bewegung, welche man
sich allein durch den Ernst der Ereignisse erklren konnte. Die Stafetten
jagten einander auf den Straen der Provinz, sowohl in der Richtung von
Wladimir, als nach dem Ural zu. Zwischen Moskau und St. Petersburg
wechselten die Telegramme unaufhrlich. Die Lage Nishny-Nowgorods, unfern
der sibirischen Grenze, erheischte offenbar durchgreifende
Vorsichtsmaregeln. Man durfte nicht vergessen, da die Stadt im 14.
Jahrhundert zweimal von den Vorfahren jener Tartaren eingenommen worden
war, welche Feofar-Khan's Ehrgeiz jetzt durch die Kirghisensteppen jagte.

Eine andere hohe Person, den Polizeiprfecten, drckte die Last der
Geschfte nicht weniger, als den Generalgouverneur. Seine Beamten und er
selbst, denen es oblag, Ordnung zu erhalten, Beschwerden entgegen zu
nehmen, die Ausfhrung aller Reglements zu berwachen, kamen nicht dazu,
die Hnde in den Schoo zu legen. Die Tag und Nacht geffneten Rume des
Polizeiamtes waren unaufhrlich belagert, ebenso von Einwohnern der Stadt,
wie von Fremden aus Europa und Asien.

Michael Strogoff befand sich gerade auf dem groen Mittelplatze, als sich
das Gercht verbreitete, der Polizeiprfect sei soeben durch Estafette zum
Generalgouverneur berufen worden. Eine wichtige, von Moskau eingegangene
Depesche solle die Veranlassung hierzu sein.

Der Chef der Polizei begab sich also nach dem Palaste des
Generalgouverneurs, und bald circulirte auch die Neuigkeit, wie in Folge
einer allgemeinen Ahnung, da eine eingreifende, ganz unerwartete und
auergewhnliche Manahme in Aussicht stehe.

Michael Strogoff lauschte auf das Gercht, um im Nothfall davon Nutzen zu
ziehen.

"Man will die Messe schlieen! rief der Eine.

-- Das Regiment Nishny-Nowgorod hat den Befehl zum Ausrcken erhalten!
meinte ein Anderer.

-- Man sagt, die Tartaren bedrohen schon Tomsk!

-- Da kommt der Polizeiprfect!" scholl es von allen Seiten.

Ein wstes Geschrei hatte sich pltzlich erhoben, legte sich dann allmlig
und machte einer lautlosen Stille Platz. Jeder fhlte, da jetzt eine
wichtige Mittheilung seitens des Generalgouvernements erfolgen werde.

Der Chef der Polizei hatte eben, gefolgt von einem Tro Beamter, den
Palast des Regierungsstellvertreters verlassen. Eine Abtheilung Kosaken
begleitete ihn und brach ihm durch rcksichtslos ausgetheilte und geduldig
hingenommene Rippenste Bahn durch die Menge.

Der Polizeiprfect gelangte so nach der Mitte des centralen Platzes, wo
Jedermann sehen konnte, da er ein Papier in der Hand hielt.

Dort angekommen, verlas er mit lauter Stimme:

            _Verordnung des Gouverneurs von Nishny-Nowgorod._

"1) Kein russischer Unterthan darf, es sei aus welchem Grunde es wolle,
das Land verlassen.

"2) Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden
das Land zu verlassen."




                            Sechstes Capitel.


                          Bruder und Schwester.


In viele Privatinteressen mochten diese Verordnungen sehr unangenehm
eingreifen; die Umstnde rechtfertigten sie gewi vollkommen.

"Kein russischer Unterthan darf das Land verlassen" - wenn sich Iwan
Ogareff jetzt noch hier aufhielt, mute er verhindert oder es ihm
mindestens ungemein erschwert werden, sich Feofar-Khan wieder
anzuschlieen, womit Letzterem der beachtenswertheste Unterbefehlshaber
entzogen wurde.

"Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden das
Land zu verlassen"; damit schaffte man sich grndlich alle jenen Hndler
aus Innerasien vom Halse, alle Zigeuner und anderes Gesindel, welches mit
den Tartaren und Mongolen mehr oder weniger verwandt ist und das die Messe
hier zusammengehuft hatte. So viele Kpfe, so viele Spione; ohne Zweifel
erschien ihre Vertreibung bei der jetzigen Sachlage dringend angezeigt.

Man begreift aber leicht den Eindruck dieser beiden Donnerschlge, welche
auf die Stadt Nishny-Nowgorod niederfielen, die von denselben offenbar
empfindlicher als jede andere getroffen wurde.

Einheimische, deren Geschftsangelegenheiten sie vielleicht ber die
sibirische Grenze gerufen htten, konnten das Land also nicht verlassen,
mindestens fr den Augenblick nicht. An dem Tenor des ersten Artikels der
Verordnung war nichts zu deuteln. Er gestattete keine Ausnahme. Jedes
Privatinteresse mute dem ffentlichen Wohle weichen.

Auch der zweite Artikel der Verordnung lie keinen Zweifel brig. Er bezog
sich nur auf diejenigen Fremden, welche asiatischen Ursprungs waren; diese
hatten auch nichts anderes zu thun, als sofort ihre Waaren zu packen und
des Wegs zu ziehen, auf dem sie gekommen. Fr die Seiltnzer und derlei
Volk, welche mehr als tausend Werst bis zur Grenze zurckzulegen hatten,
erschien der Befehl als ein wahres Unglck.

Zwar erhob sich zuerst gegen diese unerhrten Maregeln ein Murmeln der
Entrstung, die Kosaken und Polizisten wuten dasselbe aber bald zum
Schweigen zu bringen.

Fast augenblicklich begann nun, was man etwa die Abrstung dieses
ungeheuren Lagers nennen knnte. Die vor und ber den Buden ausgespannten
Planen falteten sich zusammen; die fremden Theater gingen in Stcke; Tnze
und Gesnge hrten auf; die Ausrufer verstummten; die Feuer verloschen;
die Seile der Equilibristen glitten herab; die abgetriebenen alten Pferde
der wandelnden Wohnungen kamen aus den Stllen wieder an die Deichseln.
Beamte und Soldaten mit der Knute oder einem Stocke in der Hand trieben
die Sumigen an und zgerten sogar nicht, die Zelte gleich selbst
abzureien, wenn sich auch die halbzerlumpten Insassen noch darin
befanden. Offenbar mute unter dem Einflusse dieser Maregeln der Meplatz
von Nishny-Nowgorod bald vollstndig gerumt sein, und dem geruschvollen
Leben das Schweigen der Wste folgen.

Und - um es noch einmal zu wiederholen, denn darin lag eine weitere
Erschwerung bei dieser Verordnung - allen jenen Nomaden, welche der
Ausweisungsbefehl direct anging, waren selbst die Steppen Sibiriens
verboten, und diese muten sich nach dem Sden des Kaspischen Meeres, nach
Persien, der Trkei oder nach Turkestan wenden. Die Posten des Ural und
der Berge, welche gewissermaen eine Verlngerung dieses Flusses lngs der
russischen Grenze darstellten, htten ihnen den Uebertritt verwehrt. Sie
hatten also eine Strecke von tausend Werst zu durchziehen, bevor sie den
Fu auf freien Boden setzen konnten.

Eben als der Polizeiprfect jene Verordnung verlesen hatte, wurde Michael
Strogoff durch eine Erinnerung, welche sich seiner bemchtigte, sonderbar
erregt.

"Ein ungewhnlicher Zufall! dachte er. Welche Uebereinstimmung zwischen
dieser Verordnung bezglich der Vertreibung der Fremden von asiatischer
Herkunft und den in vergangener Nacht von den beiden Tsiganen gewechselten
Worten! 'Der Vater selbst ist es, der uns wegschickt ... wohin wir
wollen', hatte der Alte gesagt. Aber 'der Vater', das ist der Kaiser! Man
bezeichnet ihn bei diesem Volke niemals anders. Wie konnten diese Leute
die gegen sie ergriffenen Maregeln voraussehen, so als htten sie
dieselben gekannt, und wohin wollten sie nun ziehen? Das scheinen mir
verdchtige Leute, denen gegenber die Verordnung des Generalgouverneurs
weit mehr ntzlich als schdlich sein wird."

Diese ganz zeitgeme Reflexion wurde aber in Michael Strogoff's Geist
durch eine andere Gedankenreihe, welche sich pltzlich ihm aufdrngte,
bald unterbrochen. Er verga die Tsiganen, ihre verdchtigen Aeuerungen,
die sonderbare Uebereinstimmung mit dem Inhalte der Verordnung ... dafr
trat das Bild und das Schicksal der jungen Lieflnderin lebhaft vor sein
Auge.

"Das arme Kind! rief er ganz wider Willen, nun wird sie die Grenze nicht
berschreiten knnen!"

In der That, das junge Mdchen aus Riga war ja Lieflnderin, also Russin
und durfte demnach das russische Gebiet nicht verlassen. Ihr vor diesen
neuesten Maregeln ausgestellter Schein konnte jetzt unmglich noch
Giltigkeit haben. Alle Wege nach Sibirien wurden ihr nun unerbittlich
verschlossen, und welche Ursache sie auch haben mochte, sich nach Irkutsk
zu begeben, jetzt mute es ihr unmglich werden, dasselbe zu erreichen.

Dieser Gedankengang beschftigte Michael Strogoff nicht wenig. Er sagte
sich zuerst so ganz oben hin, da er, ohne bezglich der wichtigen ihm
anvertrauten Mission etwas zu verletzen, vielleicht im Stande sein knnte,
dem guten Kinde einigermaen behilflich zu sein, und er freute sich fast
ber diese Idee. Bekannt mit den Gefahren, denen er persnlich entgegen
ging, konnte er, der energische und kraftvolle Mann, gar nicht verkennen,
da dieselben in einem Lande, dessen Wege und Stege er zwar aus dem Grunde
kannte, fr jenes junge Mdchen doch ungleich furchtbarer werden muten.
Da er sich nach Irkutsk begab, hatte er ja denselben Weg vor sich, wie
Jene; auch sie wrde durch die Horden der Feinde zu dringen suchen mssen,
wie er es selbst versuchen wollte. Wenn ihr, wie hchst wahrscheinlich,
nur die fr eine Reise unter gewhnlichen Umstnden berechneten
Hilfsmittel zu Gebote standen, wie sollte sie damit unter Verhltnissen
auskommen, welche eine solche Reise nicht nur weit gefhrlicher, sondern
auch weit kostspieliger machten?

"Nun gut, schlo er seine Selbstbetrachtung, da sie den Weg nach Perm
einschlgt, ist es ja fast unmglich, da ich ihr nicht begegnen sollte.
Dann werde ich ber sie wachen knnen, ohne da sie es wei, und da sie es
nicht minder eilig als ich zu haben scheint, nach Irkutsk zu gelangen,
wird sie mir keine Ursache zur Verzgerung werden."

Doch ein Gedanke erzeugt ja immer einen andern. Michael Strogoff hatte bis
jetzt nichts anderes im Sinne gehabt, als ein gutes Werk zu thun, einen
Liebesdienst zu erweisen. Da kam ihm pltzlich ein anderer Gedanke, der
die ganze Frage in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen lie.

"Ja, sagte er sich, ich knnte ihrer vielleicht doch noch mehr nthig
haben, als sie meiner Hilfe. Ihre Gegenwart kann mir nicht unntzlich sein
und wird dazu beitragen, jeden Verdacht wegen meiner Person zu zerstreuen.
Unter einem Manne, der ganz allein durch die Steppen zieht, knnte man
weit eher einen Courier des Czaaren vermuthen. Begleitete mich dagegen
jenes junge Mdchen, so mte ich ja in aller Augen weit mehr als der
Kaufmann Nicolaus Korpanoff meines Podaroshna erscheinen. Nun wohl, sie
mu mich also begleiten, ich mu sie wiederfinden! Unmglich kann sie sich
seit gestern Abend einen Wagen verschafft haben, um Nishny-Nowgorod zu
verlassen. Ich will sie suchen, und Gott leite meine Schritte!"

Michael Strogoff verlie den groen Platz, wo der durch die Ausfhrung
jener Verordnung erzeugte Tumult eben den hchsten Grad erreicht hatte.
Die Einsprche der vertriebenen Fremden, das Rufen der Agenten und der
Kosaken, welche sich einmengten, mischte sich zu einem unbeschreiblichen
Getse. Hier konnte sich die Gesuchte unmglich aufhalten.

Es war jetzt neun Uhr Morgens. Der Dampfer sollte erst zu Mittag abgehen.
Michael Strogoff konnte also wohl zwei Stunden verwenden, diejenige zu
suchen, welche er so dringend als Begleiterin auf seiner Reise wnschte.

Von Neuem berschritt er die Wolga und lief durch die Quartiere am anderen
Ufer, wo die Menschenmenge minder betrchtlich war. Er durchforschte, man
konnte sagen, Strae fr Strae, die obere und die untere Stadt. Er trat
in die Kirchen, jener natrliche Zufluchtsort aller Weinenden und
Leidenden. Nirgends traf er auf eine Spur der jungen Lieflnderin.

"Und dennoch, redete er sich ein, kann sie Nishny-Nowgorod nicht verlassen
haben. Ich mu weiter suchen!"

So irrte Michael Strogoff zwei Stunden lang umher. Er eilte weiter ohne
auszuruhen, er empfand keine Ermdung, er gehorchte einem ihn ganz
beherrschenden Gefhle, das ihm keine Zeit lie, lange nachzudenken. Alles
vergeblich!

Da fiel ihm ein, da das junge Mdchen vielleicht noch ohne alle Kenntni
war von der ergangenen Verordnung, - zwar ein unwahrscheinlicher Umstand,
denn ein solcher Blitzschlag konnte sich gar nicht entladen, ohne von
Allen gehrt zu werden. Da sie ein offenbares Interesse haben mute an
Allem, was Sibirien betraf, wie htten ihr die Manahmen des Gouverneurs
entgehen knnen, Manahmen, welche ihr so direct angingen?

Kannte sie dieselben indessen nicht, so mute sie ja in wenig Stunden nach
dem Landungsplatze kommen, wo ein unbarmherziger Beamter schon ihre
Weiterreise hindern werde. Unbedingt mute Michael Strogoff sie noch
vorher sehen und sprechen, um mit seiner Hilfe diesem Schachzuge zu
entgehen.

Doch alle Nachforschungen schienen vergeblich, und schon gab er alle
Hoffnung auf, sie je wieder zu finden.

Die elfte Stunde kam heran. Michael Strogoff dachte daran, - was unter
anderen Verhltnissen ganz unnthig gewesen wre, seinen Podaroshna im
Bureau der Polizei zu prsentiren. Die Verordnung konnte ihn offenbar
nicht treffen, da dieser Fall fr ihn vorhergesehen war; aber er wollte
sich berzeugen, da seinem Austritt aus der Stadt nichts im Wege stehe.

Der Courier mute deshalb nach der andern Seite des Flusses zurckkehren,
nach dem Quartiere, in dem sich die Bureaux des Polizeiprfecten zur Zeit
befanden.

Dort war ein groer Zusammenflu von Menschen, denn wenn die Auslnder
auch den Befehl erhalten hatten, die Provinzen zu verlassen, so ersparte
ihnen das doch keineswegs gewisse Formalitten vor der Abreise. Ohne dem
htte auch jeder bei dem Tartareneinfalle mehr oder weniger betheiligte
Russe unter dem Schutze einer beliebigen Verkleidung das Land verlassen
knnen, was die Verordnung ja gerade verhindern wollte. Man wies mit einem
Worte die Leute fort, zwang sie aber auf der anderen Seite, sich die
Erlaubni zur Abreise erst zu beschaffen.

Der Hof und die Bureaux des Polizeiamtes waren also von Gauklern,
Bnkelsngern, Zigeunern und Tsiganen, auer diesen aber von Kaufleuten
aus Persien, der Trkei, Turkestan und China buchstblich vollgepfropft.

Jeder beeilte sich, da die Transportmittel bei dieser Masse Ausgetriebener
bald mangeln muten, so da Sumige leicht in die Lage kommen konnten, die
festgesetzte Frist zu berschreiten und in Folge dessen sich einer
brutalen Intervention der Beamten des Gouverneurs auszusetzen.

Michael Strogoff vermochte, Dank seiner krftigen Ellenbogen, durch den
Hof zu dringen. Aber in die Expeditionen und bis zu den Schaltern der
Beamten zu gelangen, das war ein weit schwereres Stck Arbeit. Indessen
ein Wort, das er einem Inspector in's Ohr flsterte, und einige
rechtzeitig in dessen Hand gedrckte Rubel besaen die Macht, ihm den
Durchgang zu erzwingen.

Nachdem er den Courier in einen Wartesaal geleitet, meldete ihn der Agent
bei einem Oberbeamten an.

Michael Strogoff mute also mit der Polizei bald in Ordnung und frei in
seinen Bewegungen sein.

Inzwischen sah er sich von ungefhr etwas um. Und was erblickte er?

Da, mehr hingesunken als sitzend auf einer Bank ein junges Mdchen, ein
Opfer der stummen Verzweiflung, deren Gesicht er nicht einmal ganz sehen
konnte, da sich nur das Profil desselben von der weigetnchten Mauer
abhob.

Michael Strogoff tuschte sich nicht; er hatte die junge Lieflnderin
wieder erkannt.

Unbekannt mit der Verordnung des Gouverneurs war sie nach der Polizei
gekommen, ihren Schein visiren zu lassen!... Man hatte ihr das Visum
versagt. Ohne Zweifel war sie legitimirt, nach Irkutsk zu reisen, jene
Verordnung war aber einmal bekannt gegeben, sie machte alle frher
ausgestellten Legitimationen ungiltig und verschlo alle Wege nach
Sibirien.

Michael Strogoff, in seiner Freude sie endlich wieder gefunden zu haben,
nherte sich dem jungen Mdchen.

Diese sah ihn einen Moment an, und ber ihr Gesicht flog ein leichter
Schimmer, als sie den Reisegefhrten wieder erkannte. Sie erhob sich fast
instinctmig und wollte, so wie ein Schiffbrchiger sich an jedes
Trmmerstck klammert, ihn um seine Hilfe ansprechen ...

In diesem Augenblick berhrte der Agent Michael Strogoff's Schulter.

"Der Polizeiprfect erwartet Sie, sagte er.

-- Gut", erwiderte Michael Strogoff.

Und ohne ein Wort zu Der zu sprechen, welche er so lange in der ganzen
Stadt gesucht hatte, ohne sie durch irgend eine Bewegung, welche ihn
selbst oder auch sie htte compromittiren knnen, zu beruhigen, folgte er
dem Agenten durch die gedrngten Massen.

Als die junge Lieflnderin Den verschwinden sah, von dem sie allein einige
Untersttzung erwartet htte, sank sie auf die Bank zurck.

Kaum drei Minuten verstrichen, als Michael Strogoff in Begleitung eines
Agenten wieder im Saale erschien.

In der Hand hielt er seinen Podaroshna, der ihm den Weg nach Sibirien
ffnete.

Er ging auf die junge Lieflnderin zu, streckte ihr die Hand entgegen und
sagte:

"Schwester ...!"

Sie verstand ihn; sie erhob sich, als ob eine pltzliche Eingebung ihr
nicht erlaubte, zu zaudern.

"Sei ruhig, Schwester, wiederholte Michael Strogoff, wir sind autorisirt,
unsere Reise nach Irkutsk fortzusetzen. Kommst Du?

-- Ich folge Dir, Bruder", antwortete das junge Mdchen und legte ihre Hand
in die Michael Strogoff's.

Sofort verlieen Beide das Gebude des Polizeiamtes.




                            Siebentes Capitel.


                       Auf der Wolga stromabwrts.


Kurz vor zwlf Uhr rief die Glocke des Dampfbootes zu dem Landungsplatze
an der Wolga eine groe Menschenmenge zusammen, weil sich daselbst nicht
nur Die einfanden, welche wirklich abreisten, sondern auch Die, welche
hatten abreisen wollen. Die Kessel des "Kaukasus" besaen schon
hinreichende Dampfspannung. Ueber dem Schlote kruselten sich nur leichte
Rauchwirbel, whrend aus dem Dampfrohre und um die Sicherheitsventile der
weie Dampf brodelte.

Selbstverstndlich berwachte die Polizei die Abfahrt des Steamers und
schritt unerbittlich gegen die Reisenden ein, welche sich nicht als
ausreichend legitimirt zum Verlassen der Stadt erwiesen.

Zahlreiche Kosaken ritten den Kai auf und ab, bereit die Polizeiagenten zu
untersttzen; nirgends machte sich indessen ihre Intervention nthig und
Alles verlief ohne offenen Widerstand.

Rechtzeitig ertnte das letzte Glockensignal; die Taue wurden gelst, die
mchtigen Rder des Dampfers peitschten das Wasser mit ihren beweglichen
Schaufeln, und schnell glitt der "Kaukasus" zwischen den beiden
Stadttheilen, welche Nishny-Nowgorod bilden, dahin.

Michael Strogoff und die junge Lieflnderin hatten sich mit eingeschifft
und waren ohne Schwierigkeiten an Bord gekommen. Man erinnert sich, da
der auf den Namen Nicolaus Korpanoff ausgestellte Podaroshna den Kaufmann
berechtigte, sich auf der Reise durch Sibirien begleiten zu lassen. Unter
dem Schutze der kaiserlichen Polizei reisten hier also Bruder und
Schwester.

Still saen Beide auf dem Hinterdeck und sahen die durch den Erla des
Gouverneurs so aufgeregte Stadt ihren Augen entfliehen.

Michael Strogoff hatte kein Wort zu dem jungen Mdchen gesprochen, keine
Frage an sie gestellt. Er wartete es ab, da sie reden wrde, wenn es ihr
passend erschien. Ihr war es ja von Wichtigkeit, diese Stadt zu verlassen,
in der sie ohne das wunderbare Dazwischentreten ihres unerwarteten
Beschtzers gefangen zurckgeblieben wre. Sie sprach zwar nicht, aber
ihre Augen dankten ihm.

Die Wolga, die Rha der Alten, wird fr den bedeutendsten Strom ganz
Europas gehalten, und es erstreckt sich ihr Lauf auf nicht weniger als
4000 Werst (= 4300 Kilom.). Das etwas ungesunde Wasser derselben wird bei
Nishny-Nowgorod durch die Einmndung der Oka, eines schnell flieenden
Nebenstromes aus den mittelrussischen Provinzen, wesentlich verbessert.

Man hat die Gesammtheit der Kanle und Wasserlufe Rulands mit einem
riesigen Baume verglichen, dessen Zweige sich in allen Theilen des
Czaarenreiches versteln. Die Wolga ist es, welche den Stamm dieses Baumes
darstellt, den Stamm, der seinerseits wiederum mit siebenzig Mndungen in
dem Kstengebiete des Kaspischen Meeres wurzelt. Sie ist von Rjef, einer
Stadt im Gouvernement Tver, aus, d. h. im grten Theile ihres Laufes
schiffbar.

Die Schiffe der Speditions-Gesellschaft zwischen Perm und Nishny-Nowgorod
legen die 350 Werst (373 Kilom.) lange Strecke zwischen letzterer Stadt
und Kasan sehr schnell zurck. Freilich laufen die Dampfer dabei mit der
Strmung, die ihrer eigenen Schnelligkeit noch mit zwei Meilen per Stunde
zu Hilfe kommt. Erreichen sie aber die Einmndung der Kama, so vertauschen
sie den Strom mit diesem Flusse, den sie dann bis Perm stromaufwrts
fahren mssen. Alles in Allem gerechnet und trotz seiner mchtigen
Maschine konnte der "Kaukasus" nicht mehr als sechzehn Werst in der Stunde
zurcklegen. Bei nur einstndigem Aufenthalt in Kasan nahm die Fahrt von
Nishny-Nowgorod bis Perm doch sechzig bis zweiundsechzig Stunden in
Anspruch.

Der Steamer besa brigens sehr bequeme Einrichtungen fr die Passagiere,
welche je nach Gefallen oder nach ihren Mitteln in drei verschiedenen
Klassen befrdert wurden. - Michael Strogoff hatte zwei Cabinen erster
Klasse belegt, um seiner Begleiterin zu gestatten, sich in die ihrige
zurck zu ziehen und allein zu sein, soviel es ihr beliebte.

Heut war der "Kaukasus" von Passagieren aller Art berfllt. Eine groe
Anzahl asiatischer Handelsleute mochten es fr gerathen erachtet haben,
Nishny-Nowgorod mit erster Gelegenheit zu verlassen. In der fr die erste
Klasse reservirten Abtheilung des Dampfers begegnete man Armeniern in
langen Gewndern und einer Mitra hnlichen Kopfbedeckungen, - Juden, mit
ihren hohen, konischen Mtzen, - reichen Chinesen in Landestracht, mit
sehr weitem, blauem, violettem oder auch schwarzem, an der Vorder- und
Rckseite offenem Oberkleide und bedeckt von einem zweiten, weitrmeligen
Ueberwurf, der in seinem Schnitte an den Talar der Popen erinnerte, -
Trken mit dem nationalen Turban, - Indier mit viereckiger Mtze, einem
einfachen Stricke als Grtel, von denen einige Stmme, vorzglich aber die
Shikapuris, den ganzen Handel Centralasiens in der Hand haben, - endlich
Tartaren mit buntgestickten Stiefeln und ber der Brust reichverzierten
Kleidern. Diese Kaufleute alle muten im Schiffsraume oder auf dem Verdeck
ihr umfngliches Gepck unterbringen, dessen Transport ihnen gewi theuer
zu stehen kam, da sie vorschriftsmig nur zwanzig Pfund Freigepck
mitfhren durften.

Im Vordertheile des "Kaukasus" befanden sich noch weit zahlreichere
Passagiere, nicht allein Auslnder, sondern auch Russen, denen die
Verordnung nach den Heimatsstdten der Provinz zurckzukehren nicht
verbot.

Dort saen oder standen Mujiks umher mit Kappen oder Mtzen auf dem Kopfe,
bekleidet mit einer Art Hemd aus kleinquarrirtem Stoffe unter dem Pelze;
Bauern aus den Wolgadistricten, die blauen Beinkleider in den Stiefeln,
das Hemd von rthlichem Baumwollengewebe mit einem Strick gegrtet, und
mit flacher Kappe oder Filzmtze. Einige Frauen in geblmten
Baumwollkleidern trugen Schrzen mit mglichst lebhaften Farben und
grellroth gemusterte Tcher um den Kopf. Hieraus setzten sich meist die
Passagiere der dritten Klasse zusammen, welche die Aussicht auf eine
langdauernde Rckfahrt nicht sonderlich zu belstigen schien. Jedenfalls
war dieser Theil des Decks dicht mit Menschen besetzt. Die Insassen des
Hinterdecks vermieden es auch, sich unter Jene zu mischen, deren Bereich
brigens durch Bezeichnung auf den Klappen der Luken begrenzt war.

Mit der vollen Kraft seiner Schaufeln eilte der "Kaukasus" indessen
zwischen den Ufern der Wolga dahin. Er kreuzte sich mit vielen durch
Remorqueure stromaufwrts geschleppten Booten, welche noch allerlei Waaren
nach Nishny-Nowgorod befrderten. Dann schwammen Holzfle daher, so lang
wie die unmebaren Sargassobndel im Atlantischen Ocean, und bis zum
Versinken beladene Flachschiffe, die bis zum Dahlbord im Wasser gingen.
Uebrigens sehr unntze Waarentransporte, insofern ja die Messe bald nach
ihrem Anfang pltzlich geschlossen worden war.

Die von dem Wellenschlage des Dampfers bersplten Ufer der Wolga zeigten
sich mit groen Entenschwrmen besetzt, welche mit betubendem Geschnatter
aufflogen. Darber hinaus weideten auf den drren, von Birken, Weiden und
Espen umrahmten Ebenen einzelne rothbraune Khe, Heerden von Schafen mit
brunlichem Fell und ganze Haufen von weien und schwarzen Schweinen und
Ferkeln. Einige mit magerem Buchweizen oder drftigem Korn bestandene
Felder dehnten sich bis ber kleine Landerhebungen aus, welche inde
nirgends eine bemerkenswerthe Aussicht bildeten. In diesen einfrmigen
Landstrichen htte der Stift des Zeichners, wenn er pittoreske Bilder
suchte, gewi nichts zu thun gefunden.

Zwei Stunden nach der Abfahrt des "Kaukasus" wandte sich die junge
Lieflnderin an Michael Strogoff und fragte:

"Du gehst nach Irkutsk, Bruder?

-- Ja, Schwester, erwiderte der junge Mann. Wir haben Beide den nmlichen
Weg. Wo ich hindurchkomme, wirst auch Du hindurchkommen.

-- Morgen, Bruder, sollst Du erfahren, warum ich die Kste der Ostsee
verlie, um nach jenseits der Berge des Ural zu ziehen.

-- Ich frage nach Nichts, Schwester.

-- Du sollst Alles wissen, antwortete das junge Mdchen, auf deren Lippen
ein schmerzliches Lcheln spielte. Eine Schwester darf ihrem Bruder nichts
verheimlichen. Heute knnte ich aber nicht!... Die Anstrengung, die
Verzweiflung haben meine Krfte verzehrt.

-- Willst Du in Deiner Cabine ausruhen? fragte Michael Strogoff.

-- Ja ... ja ... und morgen ...

-- So komm ...!"

Er brach den Satz ab, so als htte er ihn mit dem ihm noch unbekannten
Namen seiner Begleiterin schlieen wollen.

"Nadia, sagte sie und reichte ihm die Hand.

-- Komm, Nadia, und verfge ber Deinen Bruder Nicolaus Korpanoff ohne alle
Umstnde."

Er geleitete das junge Mdchen nach ihrer Cabine nahe dem Salon des
Hintertheils.

Michael Strogoff kehrte nach dem Deck zurck und mischte sich, begierig zu
hren, doch ohne sich an den Gesprchen zu betheiligen, unter die Gruppen
der Passagiere, aus deren Worten er Das oder Jenes zu vernehmen hoffte,
was seine Reiseprojecte vielleicht zu beeinflussen im Stande wre. Sollte
er zufllig selbst gefragt und zu einer Antwort genthigt werden, so
wollte er sich fr den Kaufmann Nicolaus Korpanoff ausgeben, den der
"Kaukasus" nur nach der Grenze zurcktrug, denn Niemand sollte vermuthen,
da ihn eine specielle Mission berechtigte, nach Sibirien zu reisen.

Die Auslnder auf dem Dampfer konnten offenbar nur von den
Tagesereignissen, jener Verordnung und ihren Folgen, sprechen. Die armen
Leute, welche kaum die Strapazen einer Reise durch das innere Asien hinter
sich hatten, sahen sich gezwungen, wieder umzukehren, und wenn sie ihrem
Zorn nicht in lautem Ausbruche Luft machten, so lag die Ursache nur darin,
da sie das nicht wagten. Eine respectvolle Furcht hielt sie zurck.
Mglicher Weise befanden sich zur Ueberwachung der Reisenden auch auf dem
"Kaukasus" geheime Polizisten; da galt es, die Zunge im Zaum zu halten,
denn diese Austreibung war der Einsperrung in einer Festung doch immer
noch vorzuziehen. Deshalb schwiegen auch die meisten Gruppen oder
flsterten sich die Worte gegenseitig nur so vorsichtig zu, da daraus im
Zusammenhange nichts zu entnehmen war.

Konnte Michael Strogoff aber von dieser Seite nichts vernehmen, oder
schwiegen die Leute wohl auch ganz und gar - denn man kannte ihn ja nicht,
- so traf sein Ohr dafr der Laut einer Stimme, welche ziemlich unbesorgt
zu sein schien, ob sie gehrt wurde oder nicht.

Der Mann mit der hellen Stimme sprach russisch, aber mit fremdem Accente,
und sein mehr zugeknpfter Nachbar antwortete ihm in derselben Mundart,
welche offenbar auch seine Muttersprache nicht war.

"Wie! rief der Erste, wie, auf diesem Schiffe, Herr College, Sie, den ich
bei dem Feste des Kaisers in Moskau und dann erst in Nishny-Nowgorod
wieder sah?

-- Gewi, ich selbst! entgegnete trocken der Andere.

-- Nun, frei heraus gesagt, ich erwartete nicht, da Sie mir so
unmittelbar, so auf den Fersen folgen wrden.

-- Ich folge Ihnen nicht, mein Herr, ich gehe Ihnen voraus.

-- Vorausgehen! Vorausgehen! Wir wollen wenigstens sagen, wir marschiren
gleichen Schrittes in der Front, wie zwei Soldaten bei der Parade, und
vorlufig knnten wir bereinkommen, Keiner dem Andern zuvor zu kommen.

-- Ich werde es doch thun!

-- Das wird sich erst auf dem Kriegsschauplatze zeigen; doch bis dahin
knnen wir, zum Teufel, doch Reisegenossen sein. Spter werden wir noch
Zeit genug finden, gelegentlich Rivalen zu werden.

-- Feinde!

-- Meinetwegen auch Feinde! Ihre Worte, Herr College, besitzen eine
Klarheit des Ausdrucks, welche mich hchst angenehm berhrt. Bei Ihnen
wei Einer doch, woran er ist.

-- Nun, was ist daran so schlimm?

-- O nichts, gar nichts! Erlauben Sie, da auch ich mir die Freiheit nehme,
unseren gegenseitigen Standpunkt fest zu stellen.

-- Nach Belieben.

-- Sie gehen nach Perm ... wie ich?

-- Wie Sie.

-- Und begeben sich von Perm aus wahrscheinlich nach Jekaterinburg, auf dem
besten und sichersten Wege zur Ueberschreitung des Uralkammes.

-- Wahrscheinlich.

-- Nach Ueberschreitung der Grenze werden wir in Sibirien, d. h. inmitten
des berfallenen Gebietes sein.

-- So ist es.

-- Nun dann, aber auch erst dann wird es Zeit sein, zu sagen: 'Jeder fr
sich und Gott mit ...'

-- Gott mit mir!

-- Gott mit Ihnen! Ganz allein! Sehr schn! Da wir inde noch acht neutrale
Tage vor uns haben und es unterwegs voraussichtlich keine Neuigkeiten
regnen drfte, so lassen Sie uns Freunde sein, bis wir zu Rivalen werden.

-- Zu Feinden!

-- Ja wohl, das ist richtiger: Zu Feinden! Bis dahin knnen wir aber in
Uebereinstimmung handeln und brauchen uns gegenseitig nicht zu verzehren!
Ich verspreche Ihnen berdies, Alles fr mich zu behalten, was ich etwa
sehe ...

-- Und ich Alles, was ich etwa hre.

-- Abgemacht?

-- Abgemacht!

-- Ihre Hand darauf?

-- Hier ist sie!"

Und die Hand des ersten Sprechers, d. h. fnf weit offene Finger,
schttelte krftig die beiden Finger, welche der Zweite phlegmatisch
hinhielt.

"Was ich noch sagen wollte, begann der Erste, es gelang mir noch, den
Inhalt der Verordnung diesen Morgen um 10 Uhr 17 Minuten an meine Cousine
zu telegraphiren.

-- Und ich habe dem Daily-Telegraph dieselbe Nachricht um 10 Uhr 13
gesendet.

-- Bravo, Herr Blount!

-- Zu gtig, Herr Jolivet!

-- Bis ich mich revanchire!

-- Drfte Ihnen schwer fallen!

-- Man versucht eben Alles!"

Bei diesen Worten grte der franzsische Correspondent vertraulich den
englischen Reporter, der ihm mit vollem britannischen Stolze dankte.

Diese beiden Neuigkeitsjger, welche ja weder Russen, noch Fremde von
asiatischer Herkunft waren, traf die Verordnung des Generalgouverneurs
nicht. Sie reisten also ab, und wenn sie Nishny-Nowgorod zu derselben
Stunde verlieen, so geschah das, weil der nmliche Instinct sie vorwrts
trieb. Ganz natrlich bedienten sie sich also derselben Fahrgelegenheit
und folgten bis zu den sibirischen Steppen demselben Wege. Ob als einfache
Reisegefhrten, als Freunde oder Feinde, noch hatten sie acht Tage "bis
zum Aufgang der Jagd" vor sich. Dann hie es: Dran und drauf! Jetzt hatte
Jolivet die ersten Zwischenvorschlge gemacht und der Brite sie, wenn auch
so khl als mglich, angenommen.

Jedenfalls saen Beide, der Franzose immer offenherzig bis zur
Schwatzhaftigkeit, der Englnder immer verschlossen, an derselben Tafel
und probirten, zu sechs Rubel die Flasche, einen sogenannten echten
Cliquot, offenbar den Abkmmling des frischen Birkensaftes der Umgegend.

Als Michael Strogoff Alcide Jolivet und Harry Blount so reden hrte,
sprach er fr sich:

"Das sind ein Paar neugierige und indiscrete Leute, denen ich auf der
Reise jedenfalls noch ferner begegne. Mir scheint es geboten, sich diese
drei Schritt vom Leibe zu halten."

Die junge Lieflnderin erschien nicht bei Tische. Sie schlummerte in ihrer
Cabine und Michael Strogoff wollte sie nicht wecken lassen. Der Abend kam
heran, ohne da sie wieder auf Deck erschienen wre.

Mit der langen Dmmerung gewann die Atmosphre eine wohlthuende Frische,
an welcher sich nach der Hitze des Tages Alle gern erquickten. Selbst in
vorgeschrittener Nachtstunde dachten die Meisten gar nicht daran, die
Salons oder Cabinen aufzusuchen. Auf die Bnke gestreckt, athmeten sie
behaglich in dem Luftzuge, den die schnelle Bewegung des Schiffes erregte.
Der Himmel verfinsterte sich in dieser Jahreszeit und in diesen Breiten
zwischen Abend und Morgen nicht allzu sehr und erleichterte es dem
Steuermann, zwischen den vielen Schiffen hindurch zu gleiten, welche die
Wolga stromauf und stromab befuhren.

Inzwischen ward es, da gerade Neumond war, in der Zeit von elf und ein Uhr
doch nahezu Nacht. Die meisten Deckpassagiere schliefen schon und das
Schweigen wurde nur durch das regelmige Klatschen der Schaufelrder
unterbrochen.

Eine eigenthmliche Unruhe hielt Michael Strogoff wach. Er ging, doch
meist nur auf dem Hinterdeck, auf und ab. Einmal jedoch streifte er auch
ber den Maschinenraum hinaus. Er befand sich damit in der fr die
Passagiere zweiter und dritter Klasse bestimmten Abtheilung.

Dort schlief Alles nicht nur auf den Bnken, sondern auch auf Ballen und
Gepckstcken, selbst auf dem Brettboden des Verdecks. Nur die Matrosen
der Wache standen auf dem Vordercastell. Zwei Laternen, eine grne und
eine rothe, vom Backbord und vom Steuerbord, warfen einige schiefe
Strahlen auf die Wand des Dampfers.

Es erforderte eine gewisse Aufmerksamkeit, die ganz beliebig umher
liegenden Schlfer nicht zu treten. Es waren das meist Mujiks, denen bei
ihrer Gewhnung an ein hartes Lager auch das Verdeck des Schiffes schon
gengte, die aber doch Jeden schlecht empfangen htten, der sie vorzeitig
durch einen Futritt erweckte.

Michael Strogoff htete sich also wohl, an Jemand zu stoen. Bei seiner
Wanderung bis an das Ende des Schiffes hatte er keine andere Absicht, als
sich durch eine lngere Promenade des Schlafes zu erwehren.

Auf dem Vorderdeck angelangt, wollte er schon die Stufen nach dem
Vordercastell hinaufsteigen, als er neben sich sprechen hrte. Er hielt
an. Die Stimmen schienen aus einer Gruppe Passagiere zu kommen, welche mit
allerhand Shawls und Decken verhllt dasa, die er aber bei der Dunkelheit
nicht weiter zu erkennen vermochte. Nur manchmal gelang es ihm ein wenig,
wenn dem Rauchfange des Dampfers zwischen den schwarzen Wolken einige
rthliche Flammen entstiegen; dann schien es, als wirbelten Funken mitten
durch die Gruppe oder als erglnzten Tausende von Metallflitterchen in dem
ungewissen Lichte.

Michael Strogoff wollte schon weiter gehen, als er einige Worte deutlicher
vernahm und noch dazu in dem auffallenden Idiome, das schon auf dem
Meplatze in vergangener Nacht an sein Ohr gedrungen war.

Unwillkrlich drngte es ihn, zu lauschen. In dem Schatten des
Vordercastells konnte er nicht gesehen werden, so wenig, wie er die mit
einander redenden Fahrgste eigentlich sehen konnte. Er mute sich demnach
begngen, zu horchen.

Die anfnglich gewechselten Worte besaen, - wenigstens fr ihn, - keine
besondere Bedeutung, doch gengten sie ihm, unzweifelhaft die Stimmen der
Frau und des Mannes wieder zu erkennen, die er schon in Nishny-Nowgorod
gehrt hatte. Er verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Es schien nicht
unmglich, da jene Tsiganen, von deren Gesprch er einige Brocken
aufgefangen, jetzt nach der Austreibung sammt ihren Landsleuten, an Bord
des "Kaukasus" Passage genommen htten.

Wie gut es war, da er horchte, ergab sich aus folgenden in tartarischer
Mundart gewechselten Worten:

"Man sagt, es sei ein Courier auf dem Wege von Moskau nach Irkutsk.

-- Das sagt man wohl, Sangarre, aber dieser Bote wird entweder zu spt oder
auch gar nicht ankommen!"

Michael Strogoff fhlte, wie diese ihn persnlich so nahe angehende
Antwort ihn durchzuckte. Er versuchte sich zu vergewissern, ob der Mann
und die Frau, welche eben sprachen, dieselben seien, die er unter ihnen
vermuthete; aber die tiefe Dunkelheit vereitelte seine Bemhungen.

Bald nachher war Michael Strogoff unbemerkt wieder nach dem Hinterdeck
gelangt und setzte sich, den Kopf in die Hnde gesttzt, nieder. Man htte
meinen sollen, er schliefe.

Er schlief aber weder, noch dachte er berhaupt daran. Er berlegte sich
vielmehr, nicht ohne eine gewisse Besorgni, was er gehrt hatte.

"Wer in aller Welt wei von meiner Abreise und wer hat ein Interesse
daran, sie zu kennen?"




                             Achtes Capitel.


                         Die Kama stromaufwrts.


Am Morgen des 18. Juli kam der "Kaukasus" um sechs Uhr vierzig Minuten an
dem Landeplatze fr Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an.

Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des
Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universitt und eines
griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevlkerung dieser
Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken,
Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den
asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat.

Trotz der groen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze drngte sich eine
ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der
Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie
sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzrmeligem
Kaftan und mit spitzen Mtzen, deren breite Krempen an den gewhnlichen
Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe
ein kleines Scheitelkppchen, wie es die polnischen Juden tragen.
Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich
halbmondfrmig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in
Gruppen bei einander.

Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der
Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl fr die Passagiere,
die den "Kaukasus" hier verlieen, als auch fr andere, welche hier das
Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfltiger Musterung jedes
Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene
Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben.

Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zustrmen, das
man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der "Kaukasus" sollte
behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten.

An's Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er htte
die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Lieflnderin nicht auf
dem Schiffe allein lassen knnen.

Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie
sich's eben fr eifrige Jger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und
mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff
beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er
entweder einige Erscheinungen flchtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug,
als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines
Gedchtnisses nur plaudernd umher lief.

Lngs der ganzen Ostgrenze Rulands schwirrte das Gercht durch die Luft,
da die Emprung und der Einfall sehr gefhrliche Dimensionen annhmen.
Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein
schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den "Kaukasus" verlassen zu
haben, von verschiedenen neuen Ankmmlingen.

Erfllten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so
erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die
Uralkette zu berschreiten, um selbst ber die Bedeutung der Ereignisse
urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen
zu knnen. Fast htte er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere
Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit pltzlich abgelenkt wurde.

Unter den Reisenden, welche den "Kaukasus" verlieen, erkannte Michael
Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod
figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die
ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer
Fhrung, schifften sich etwa zwanzig Tnzerinnen und Sngerinnen im Alter
von fnfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothdrftig
den Flitterstaat darunter verhllten.

Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen,
erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht.
Es war der nmliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem
Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten.

"Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsber
unter dem Verdeck auf und wollte sich whrend der Nacht unter dem
Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es fr gut, mglichst wenig
gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!"

Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel, da der ihn besonders
angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergerhrt habe, die nur dann
und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und da jene Worte zwischen
dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt
worden seien.

Wider Willen nherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des
Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verlie, um nicht wieder zu
kehren.

Dort stand der Alte in sehr demthiger, mit der natrlichen
Unverschmtheit seiner Stammesgenossen wenig bereinstimmender Haltung. Er
sah aus, als meide er es mglichst gesehen zu werden, statt die Blicke
Anderer auf sich zu lenken. Sein schbiger, von der Sonne des ganzen
Erdballs verbrannter Hut sa tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem
breiten Rcken bauschte sich trotz der Wrme der Sonne ein weiter Kittel.
Es wre schwierig gewesen, unter dieser erbrmlichen Hlle seine Figur
deutlich zu erkennen.

Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine groe Frau von dreiig
Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, prchtigen Augen und
ppigem Haar in stolzer Haltung.

Einige der jungen Tnzerinnen waren von auffallender Schnheit, und Alle
zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind
im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Groen, welche
mit den Englndern gern an Excentricitt wetteifern, hat sich nicht
entbldet, ein Weib aus diesem Stamme zu whlen.

Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthmlichem Rhythmus vor sich
hin, dessen erste Verse man etwa so bersetzen knnte:

  Am braunen Hals die Koralle blinkt,
  Die goldene Nadel im Haar;
  Ich ziehe, wo immer das Glck mir winkt,
  Zum Lande der ...

Die lustige Dirne sang gewi weiter, doch Michael Strogoff hrte sie nicht
mehr.

Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre's mit besonderer
Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Zge
ihrem Gedchtni unauslschlich einprgen.

Einige Minuten spter verlie dann auch Sangarre den "Kaukasus", als der
Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.

"Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich
als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit 'Spion'
titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch
deutlich in der Nacht, und Diese knnte wohl wissen ..."

Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu
folgen, aber er bezwang sich noch.

"Nein, nein, dachte er, keinen unberlegten Schritt! Lasse ich den alten
Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito
aufgeben zu mssen. Sie sind ja fort, und bevor sie ber die Grenze
gelangen knnen, werde ich schon weit ber den Ural hinaus sein. Ich wei
wohl, da sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen knnen, aber
dieser bietet keinerlei Befrderungsmittel, und ein Taranta mit tchtigen
sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig,
bleib' ruhig, Freund Korpanoff!"

Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge
verschwunden.

Wenn Kasan mit Recht "das Thor Asiens" genannt wird, wenn man diese Stadt
als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt
das von den zwei hier zusammenlaufenden Straenzgen her, welche ber die
Psse des Uralwalles fhren. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den
ber Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die groe
Poststrae, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit
Relais und setzt sich ber Tschim bis Irkutsk fort.

Daneben verbindet freilich eine zweite Strae, - eben jene von Michael
Strogoff erwhnte, - Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges
ber Perm, welche ber Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie
Europa verlt, und ber Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne fhrt. Mag
sie auch etwas krzer sein, als jene, so hlt der Mangel an Posthusern,
der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Drfern diesem
Vortheil gewi die Wage. Michael Strogoff mute mit seiner Wahl um so
zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach
Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.

Eine Stunde spter lutete die Glocke auf dem Vorderdeck des "Kaukasus",
rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurck. Es mochte bald acht
Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der
Kessel zitterten unter der Pressung der Dmpfe. Das Schiff konnte jeden
Augenblick abfahren.

Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Pltze an Bord schon
eingenommen.

Da fiel es Michael Strogoff auf, da von den beiden Journalisten nur der
eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurck gekehrt war.

Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versumen?

Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue lste, erschien Alcide
Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestoen und die
Landungsbrcke auf den Kai zurck gerollt, der leichtfige Held der Feder
bekmmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte
er ber die Lcke und fiel auf dem Deck des "Kaukasus", fast in die Hnde
seines Collegen, nieder.

"Ich glaubte schon, der 'Kaukasus' sollte ohne Sie weiter gehen, sagte
Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube
hnelte.

-- Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich htte Sie schon einzuholen gewut
und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff
chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst fr zwanzig Kopeken,
nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau
ist's eine tchtige Strecke.

-- Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich
dabei zusammenzogen.

-- Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem
liebenswrdigsten Lcheln.

-- Nun, er ist bis Kolyvan noch in Ordnung?

-- Das wei ich nicht, kann Ihnen dafr aber versichern, da er z. B. von
Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist.

-- Sie gaben eine Depesche auf ... an Ihre Cousine?...

-- Mit reinem Feuereifer!

-- Sie haben also gehrt ...

-- Erlauben Sie, Vterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete
Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimni vor
Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind ber
Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwrmen in hellen Haufen lngs der
Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!"

Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht,
whrend sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben
mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische
Zeitung war um zwei Pferdelngen geschlagen!

Der arme Harry Blount wandelte, die Hnde auf dem Rcken gekreuzt, nach
dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen.

Gegen zehn Uhr Morgens verlie die junge Lieflnderin ihre Cabine und
erschien auf dem Verdeck.

Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand.

"Sieh Dich hier um, Schwester", mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile
des Schiffes gelangt waren.

Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung.

Der "Kaukasus" erreichte jetzt den Zusammenflu der Wolga und Kama. Hier
verlie er nach einer Thalfahrt von ber 400 Werst jenen Strom, um den
immerhin bedeutenden Flu 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu
durchpflgen.

An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserlufe mischten sich deren
verschieden gefrbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer
denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten,
und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug.

Die Kama endigte in weitgeffneter Mndung, umrahmt von lieblich
bewaldeten Ufern. Einige weie Segel belebten das reinliche Wasser, auf
dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit
mchtigen Eichen geschmckte Hgel schlossen den Horizont in harmonischer
Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen
des Himmels zu verschmelzen schien.

Und doch schien es, als blieben diese Naturschnheiten ohne allen Eindruck
auf den Gedankengang des jungen Mdchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr
Reiseziel zu erreichen! - Die Kama bildete fr sie nur einen leichteren
Weg, dahin zu gelangen. Wie glnzten ihre Augen in schnem Feuer auf, wenn
sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont
durchbohren.

Nadia hatte die Hand in der ihres Gefhrten gelassen und fragte, indem sie
sich zu ihm hinwendete:

"Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg?

-- Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff.

-- Neunhundert auf sieben Tausend!" seufzte das junge Mdchen.

Die Zeit zum Frhstcken war gekommen; das Luten einer Glocke meldete es
den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsrumen
des Steamers. Sie berhrte die auf einer seitlichen Tafel servirten
Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Hring in Stcken, anishaltiger
Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte,
der man in allen nrdlichen Lndern, in Ruland ebenso wie in Schweden und
Norwegen begegnet. Nadia a nur wenig, etwa wie ein armes Mdchen, deren
beschrnkte Mittel sie nicht weiter gehen lieen. Michael Strogoff glaubte
sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner
Gefhrtin gengten, nmlich ein wenig "Kulbat", eine Art Pastete aus Reis,
Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getrnk etwas
Thee.

Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten,
nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und
Nadia wieder das Deck des "Kaukasus".

Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle
Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehrt zu
werden:

"Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heie Nadia Fedor. Vor
kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt
nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen.

-- Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es
als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in
die Arme ihres Vaters zu fhren.

-- Ich danke, Bruder!" erwiderte Nadia.

Michael Strogoff fgte noch hinzu, da er fr Sibirien einen speciellen
Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behrden
kein Hinderni im Wege stehen werde.

Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zuflligen Begegnung dieses
einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem
Vater zu gelangen!

"Ich besa, fuhr sie fort, einen Pa, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu
gehen; ihn hat der Erla des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod
ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, htte ich die Stadt, in der Du
mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen wre, nicht verlassen
knnen.

-- Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du
Dich durch die Steppen Sibiriens wagen?

-- Es war meine Pflicht, Bruder.

-- Wutest Du aber nicht, da das emprte und von Feinden berschwemmte
Land kaum zu passiren ist?

-- Der Tartareneinfall war, als ich Riga verlie, noch nicht bekannt,
erwiderte die junge Lieflnderin. In Moskau erst erfuhr ich diese
Neuigkeiten.

-- Und setztest trotzdem Deine Reise fort?

-- Es war meine Pflicht."

Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Mdchens.
Was sie fr ihre Pflicht erkannte, zgerte Nadia niemals auszufhren.

Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein
geschtzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte glcklich im
Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer auslndischen geheimen
Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen
und die Gensdarmen, welche jene Ordre berbrachten, geleiteten ihn ohne
Verzug ber die Grenze.

Wassili Fedor lie man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und
seine hilflos zurckbleibende Tochter zu umarmen, und er vergo heie
Thrnen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen.

Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte
dort, aber fast ohne pecuniren Vortheil, seine Praxis weiter betreiben
knnen. Und doch wre er wohl so glcklich gewesen, wie das einem
Verbannten berhaupt mglich ist, htte er Weib und Kind um sich haben
knnen. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwchlichkeit wegen aber auch
schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des
Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist
dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behrden nun um die bald
zugestandene Erlaubni an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb
Diesem, da sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser
weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen.
Sie that, was sie konnte!... Gott wrde das Uebrige thun!

Inde arbeitete sich der "Kaukasus" gegen den Strom vorwrts. Die Nacht
brach an und die Luft khlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen die
Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem
Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das
Geheul der Wlfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben.




                             Neuntes Capitel.


                        Tag und Nacht im Taranta.


Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der "Kaukasus" am Landungsplatze in
Perm an, der letzten Station, die er an der Kama berhrte.

Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der
umfnglichsten in ganz Ruland und greift ber das Uralgebirge hinweg bis
nach Sibirien hinber. Marmorbrche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie
Steinkohlengruben werden dort in groem Mastabe ausgebeutet. Perm mag
allen Umstnden nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorlufig
aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen.
Fr Diejenigen, welche von Ruland nach Sibirien gehen, fllt jener Mangel
an Comfort nicht allzu sehr in's Gewicht, denn Diese sind gewhnlich mit
allem Nthigen hinlnglich versehen; den Ankmmlingen aus Centralasien
dagegen wrde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewi recht
angenehm sein, die erste europische Stadt des Reiches an der asiatischen
Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenstnden des Bedarfs
versorgt zu sehen.

In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen
meist mehr oder weniger beschdigten Wagen zu veruern; andererseits
kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im
Winter Schlitten, bevor er sich fr mehrere Monate in die verlassenen
Steppenwsten wagt.

Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und
durfte dasselbe nur erfllen.

Gewhnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich
schnell berschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhltnisse
hatte man diesen aber einstellen mssen. Auch ohnedem htte Michael
Strogoff, dem es auf die grte Eile ankam, auf dieses Befrderungsmittel
verzichtet, und wrde er es, um von Niemand abhngig zu sein, vorgezogen
haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu
wechseln, wobei er durch splendide "_na vodku_" (Trinkgelder) den Eifer
der Postillone anzuspornen hoffen durfte.

Zum Unglck hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft
beliebten Manahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge
dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam
also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmhten zu begngen.
Bezglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren auerhalb
Sibiriens wohl seinen Podaroshna in's Treffen fhren, auf welchen hin ihn
die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen befriedigen
wrden. Einmal auer dem europischen Reiche aber sah er sich gleich jedem
Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschrnkt.

An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen
Taranta oder einen Teleg?

Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierrderiges Wgelchen und durchweg
aus Holz construirt. Rder, Axen, Schlungel, Sitze und Deichsel, alles
stammt von den Bumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der
einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke
hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles
Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer
Beschdigung leichter wieder in Stand zu setzen wre. An Tannen fehlt es
lngs der russischen Grenze nicht, und die Schlungel wachsen in den
Wldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden
die unter dem Namen "Perekladno" bekannten Extraposten befrdert.
Manchmal reien zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und
whrend der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der
Vordertheil des Fuhrwerks bei dem nchsten Relais auf zwei Rdern an; aber
man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden.

Michael Strogoff htte sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen
mssen, wenn es ihm nicht gelungen wre, noch einen Taranta aufzutreiben.

Es glaube aber Niemand, da ein derartiges Gefhrt auf der obersten
Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem
Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart;
aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fu von einander entfernten
Rder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen
Straen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schtzt die Insassen vor
dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche
herabgezogen das Gefhrt fast hermetisch verschliet, vor dem Sonnenbrande
und den nicht seltenen Windsten im Sommer. Im Uebrigen ist der Taranta
ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits
weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen.

Michael Strogoff gelang es nur mit groer Mhe, einen solchen Taranta
aufzufinden; vielleicht gab's in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen
zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe
nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff
auch hier treu zu bleiben.

Nadia folgte ihrem Reisegefhrten bei seinen Nachsuchungen nach einem
Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe
Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man knnte
sagen, da sie ein und derselbe Wille drngte.

"Schwester, begann Michael Strogoff, ich htte fr Dich gerne eine
bequemere Fahrgelegenheit gesucht.

-- Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fu
aufgebrochen wre, um meinen Vater zu finden.

-- An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische
Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.

-- Ich wrde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das
junge Mdchen. Wenn Du eine Klage ber meine Lippen kommen hrst, so
verla mich und setze Deinen Weg allein fort!"

Eine halbe Stunde spter standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei
Postpferde vor dem Taranta angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere
hnelten fast den Bren. Sie waren, wie die sibirische Race berhaupt,
klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermaen
angespannt: das eine, etwas grere, stand zwischen einer Gabeldeichsel
mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Glckchen behangen
war, d. i. der russische "_duga_"; die beiden andern waren einfach mittels
Seilen an das Fugestell des Taranta gekoppelt. Von Zaum und Gebi keine
weitere Spur; als Zgel diente einfache Hanfschnur.

Weder Michael Strogoff noch die junge Lieflnderin fhrten vieles Gepck
mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen
mute, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede
Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das
sehr zu Statten, denn der Taranta htte entweder das Gepck oder die
Reisenden nicht aufnehmen knnen. Er war, den Postillon ungerechnet, nur
fr zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch
nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.

Dieser Jemschik wechselt brigens bei jedem Relais. Der Fhrer des
Taranta auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen
Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen
langen Haare ber der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen
Hut, rothen Grtel und einen Capot mit kreuzweisen Schnren an Knpfen mit
dem kaiserlichen Abzeichen.

Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden
des Taranta erst mit prfendem Blicke. Kein Gepck! - Aber wo zum Teufel
htte er solches unterbringen wollen? - Magere Aussichten! Er machte eine
nicht mizudeutende Bewegung.

"Ein Paar Raben, sagte er halb fr sich und unbekmmert darum, ob er
verstanden wurde oder nicht, Raben fr sechs Kopeken die Werst.

-- Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon
recht wohl verstand, Adler, hrst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das
Trinkgeld!"

Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der "Rabe" bedeutet in der
Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten
Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei
Kopeken per Werst bezahlt. Ein "Adler" dagegen ist der Reisende, der auch
vor hohen Preisen nicht zurckschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft.
Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu
fliegen, wie der Knig der Vgel.

Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Pltze in dem Taranta ein.
Einiger wenig umfnglicher Proviant, der in den Sitzksten untergebracht
wurde, gewhrte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzgerung erleiden zu
knnen, wenn sie einmal die durch Frsorge des Staates wohlversehenen
Posthuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde
bergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag
verlie der Taranta, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog
in eine dichte Staubwolke gehllt dahin.

Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, htte jedem
Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, hchlichst
verwundern mssen. Das etwas grere Pferd in der Gabel hielt ungestrt,
wie abschssig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter
Regelmigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart
als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der
Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen
Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber,
wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der
Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er fr sie borgte! Die Schnur, die
ihm als Zgel diente, wre gegenber den ausgelassenen Thieren wohl ganz
nutzlos gewesen, aber "_na pravo_", rechts, oder "_na levo_", links,
diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr
Wirkung, als Zgel und Zaum.

Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der wrdige Rosselenker!

"Vorwrts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwrts meine artigen
Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltubchen! Immer dran, mein Vetter zur
Linken! Greif' aus, Vterchen zur Rechten!"

Wenn sie aber nachlieen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso
vielseitige Verwnschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen
schienen.

"Lauf zu, Du Hllenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwrge
Dich bei lebendigem Leibe, Du Schildkrte! Du sollst noch in jener Welt
verdammt sein!"

Was man aber auch denken mge ber diese Art der Pferdefhrung, welche
mehr die Soliditt der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in
Anspruch nahm, jedenfalls flog der Taranta nur so dahin und bewltigte
zwlf bis vierzehn Werst in der Stunde.

Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Befrderung
gewhnt. Weder das Schtteln noch das Hpfen des Gefhrtes belstigte ihn.
Er wute, da ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder
tiefe Lcher vermeidet, so wenig wie umgestrzte Baumstmme oder Grben,
die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefhrtin freilich lief
Gefahr, durch dieses Stoen des Taranta verletzt zu werden, doch sie
beklagte sich nicht.

Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin
gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur
ankommen! verfolgt, begann sie:

"Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich
mich geirrt?

-- Gewi nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg
werden wir den Fu des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben.

-- Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern?

-- Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, - ich sage Tag und
Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und mu ohne Sumen nach
Irkutsk eilen.

-- Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen
Tag und Nacht fahren.

-- Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so
knnen wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein.

-- Du hast diese Reise schon einmal gemacht?

-- Schon mehrere Male.

-- Im Winter wrden wir schneller und sicherer vorwrts kommen, nicht wahr?

-- Schneller gewi, doch wrdest Du von der Klte und dem Schnee schwer
gelitten haben.

-- Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.

-- Ja wohl, Nadia, aber es gehrt doch ein gewisses Temperament dazu, diese
Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Klte in den Steppen
Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner
Kleidung aus Rennthierfell(2) mein Herz sich mit Eis berziehen, meine
Glieder sich zusammenkrmmen, meine Fe unter dreifacher wollener
Umhllung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt
mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nstern erstarren. Ich sah es,
wie der Branntwein in meiner Krbisflasche zu Stein wurde, so da kein
Messer ihn schneiden konnte!... Mein Schlitten aber flog dahin wie ein
Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der gegltteten und unbersehbar
weien Ebene! Keine Wasserlufe, durch die man sonst eine passirbare Furth
suchen mute! Keine Seen, welche Schiffe nthig machten! Allberall das
harte Eis, die freie, sichere Strae. Aber um den Preis welcher Leiden,
Nadia! Die allein knnten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren
Leichname der wehende Schnee begrub!

-- Und doch bist Du zurck gekehrt, Bruder! sagte Nadia.

-- Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei
seinen Jagdzgen folgte, gewhnte ich mich an all' diese harten Proben.
Als Du, Nadia, mir aber sagtest, da der Winter Dich nicht zurck gehalten
htte, da Du abgereist wrst mit dem Vorsatze, gegen das frchterliche,
unwirthbare Klima Sibiriens anzukmpfen, da sah ich Dich schon im Geiste
verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!

-- Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge
Lieflnderin.

-- Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.

-- Und was thatest Du in Omsk?

-- Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.

-- Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm
die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, da mich
Nichts htte zurckhalten knnen?

-- Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott
wrde Dir geholfen haben!"

Diesen Tag ber wurde der Taranta durch die bei jedem Relais wechselnden
Jemschiks sehr schnell weiter befrdert. Die Adler der Berge htten ihren
Namen durch jene "Adler" der Landstrae nicht als entehrt ansehen knnen.
Der hohe Preis fr jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder
dienten den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den
Postmeistern mochte es nach Verffentlichung jener Verordnung wohl
auffallen, da ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar
Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; inde waren ihre
Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn
auch die Kilometer-(Werst-)Pfhle bald im Rcken des Taranta.

Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden
auf der Strae von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais
ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, da ein Wagen ihm vorausging, ohne
sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darber besondere Sorge zu
machen.

Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die nthigen
Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthuser boten Unterkunft und
Strkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht htte, wre das Haus
jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geffnet gewesen. In diesen
einander beraus hnlichen Drfern mit ihren weien steinernen Capellen
und grnlichen Dchern kann der Reisende wohl an jede Thr klopfen; sie
wird sich gewi ffnen. Dann erscheint der Mujik lchelnden Gesichts und
giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rckt den
"Samowar" ber's Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fhlen. Die
Familie wrde im Nothfalle das Haus rumen, um ihm Platz zu machen. Der
ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der "den Gott selbst
sendet".

Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem
unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie
viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe.

"Vor zwei Stunden, Vterchen, berichtete der Postmeister.

-- Es ist eine Berline?

-- Nein, ein Teleg.

-- Wie viel Reisende?

-- Zwei.

-- Sie haben es eilig?

-- Es sind Adler!

-- Lat schleunigst anspannen."

Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang
aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch.

Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fhlte man, da die
drckender gewordene Luft sich allmlig mit Elektricitt sttigte. Kein
Wlkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein
warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befrchten, da in den
Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael
Strogoff, der gewhnt war, alle atmosphrischen Vorzeichen zu deuten,
fhlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger
Besorgni erfllte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Ste
des Taranta vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb
zurckgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schpfen, nach der
die Lungen in dieser erstickenden Atmosphre begierig verlangten.

Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er mitraute den Jemschiks,
weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den
Relais verloren, keine Stunde unterwegs.

Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die
ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese mchtige Kette, die
Grenzmauer zwischen dem europischen Ruland und Sibirien, lag jedoch noch
in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen
hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst
whrend der folgenden Nacht stattfinden.

Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgngig bedeckt und in Folge
dessen auch die Luftwrme ertrglicher, doch wurde die Witterung immer
gewitterschwler.

Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten
in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff wrde es gewi
unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt htte; als ihn der
Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden
Donner aufmerksam machte, fragte er nur:

"Ein Teleg fhrt uns noch immer voraus?

-- Ja.

-- Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben?

-- Ungefhr eine Stunde.

-- Vorwrts! - Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen frh in
Jekaterinenburg sind."




                             Zehntes Capitel.


                     Ein Unwetter in den Uralbergen.


Die Uralkette erstreckt sich auf einer Lnge von nahe 3000 Werst (3200
Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht,
der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung "Poyas" aus
russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den
betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmig den "Grtel". Mit
dem einen Fue an der unwirthlichen Kste des Arktischen Oceans netzen sie
den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee.

Das war die Grenze, welche Michael Strogoff berschreiten mute, um von
Ruland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwhnt, die Strae
einschlug, die auf der stlichen Abdachung des Ural von Perm nach
Jekaterinenburg fhrt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der
leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten
centralasiatischen Handels dient.

Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderni eintrat, wohl zum Passiren der
Berge ausreichen. Leider kndigte das erste Grollen des Donners ein
Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphre furchtbar zu
werden drohte. Die elektrische Spannung war so gro, da sie sich nur
durch heftige Entladungen ausgleichen konnte.

Michael Strogoff achtete darauf, da seine junge Begleiterin bestmglich
versorgt war. Die Wagendecke, die ein schrferer Windsto leicht htte
wegreien knnen, wurde durch ber und hinter ihr gekreuzte Stricke besser
gesichert. Man verdoppelte die Zugstrnge der Pferde und polsterte aus
bergroer Vorsicht das Stoeisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die
Haltbarkeit der Rder zu vergrern, als auch um die Ste zu mildern, die
in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein wrden.
Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefhrtes,
deren Achsen einfach an den Kasten des Taranta angepflckt waren, mit
einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange.
Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstckes, das an den
Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet.

Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte
sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei
Ledervorhnge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem
Regen und Sturme schtzen muten.

An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei groe Laternen
angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht
gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung
des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so
dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstoen mit einem etwa
entgegenkommenden Wagen.

Man erkennt hieraus, da keine Vorsichtsmaregel versumt wurde, und
gegenber einer so drohenden Nacht waren sie gewi am Platze.

"Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff.

-- So wollen wir fahren", antwortete das junge Mdchen.

Der Jemschik erhielt Befehl, und der Taranta schwankte die ersten
Vorberge des Urals hinan.

Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es,
trotz der in jenen Breiten lnger andauernden Dmmerung, schon recht
dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Wlbung des Himmels herab zu
drcken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie
auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das
doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom
Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art
phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von
sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise nherten sie sich der
Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den
Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den hheren
Luftschichten von oben nach unten. Die Strae fhrte diesen gewaltigen,
dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen.
Binnen Kurzem muten Strae und Dunstmassen einander begegnen, und lsten
die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel,
durch welchen der Taranta nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu
laufen in einen Abgrund zu strzen.

Die Kette der Uralberge erreicht brigens nur eine mittlere Hhe; ihr
bedeutendster Gipfel bersteigt noch nicht 5000 Fu. Der ewige Schnee ist
daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter
ber das Gebirge schttet, schmelzen vollstndig bei der Sonnenwrme des
Sommers. Pflanzen und Bume gedeihen noch in betrchtlicher Hhenlage. Die
Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagersttten kostbarer
Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleiiger Hnde. So
begegnet man denn auch den "Zarody" genannten Dorfschaften ziemlich hufig
und der durch die gewaltigen Engpsse gefhrte Weg ist fr die Postwagen
in gut fahrbarem Zustande.

Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet
Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kmpfen und
man sich in diesem Gewhle befindet.

Aus Erfahrung wute Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen
bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor fr
ebenso gefahrbringend, als die frchterlichen Schneestrme, die hier
whrend des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wthen.

Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das
Wageninnere schtzenden Ledervorhnge aufgehoben, sah hinaus und achtete
scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit
phantastischen Schattenbildern belebte.

Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, whrend
ihr Begleiter mit halbem Krper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel
und die Erde musterte.

Die Atmosphre war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen
rhrte sich vom Platze. Man htte sagen mgen, da die halberstickte Natur
nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene dsteren, dichten Wolken,
aus irgend welchem Grunde gelhmt, nicht mehr functioniren konnten. Das
Schweigen wre ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Rder des
Taranta, die die Kiesel der Strae zerrieben, ohne das Seufzen der Naben
und berhaupt des Holzwerkes am Gefhrte, ohne den keuchenden Athem des
Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte
Funken sprhten.

Uebrigens war die Strae vollkommen de. Der Taranta begegnete weder
einem Fugnger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden
Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Khlers rauchte
im Walde, keine Lagersttte von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar,
keine einzige im Gehlz verlorene Htte. Es bedurfte solcher Grnde,
welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die
Gebirgskette unter den gegebenen Verhltnissen zu unternehmen. Michael
Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmglich; aber - und das
fing doch an ihm eine sonderbare Besorgni einzuflen, - wer in aller
Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Taranta vorausgehenden
Teleg sein; welch' gewichtige Grnde hatten sie, eben so tollkhn zu
handeln?

Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr
begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr
aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten mchtiger Kiefern
auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Strae
gruppenweise flankirten. Nherte sich der Taranta dem Rande der Strae,
dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgrnde neben jener. Von
Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stoen, da der Wagen eine
Brcke aus Baumstmmen passirte, welche kaum zugehauen eine Hhlung des
Weges berdeckten. Je hher sie hinauf kamen, desto mehr ertnte ein
monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe
des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmhreden an seine Thiere
verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphre als durch den
Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens
vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast
zusammen.

"Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael
Strogoff den Jemschik.

-- Um ein Uhr frh ... wenn wir berhaupt hinkommen! antwortete dieser mit
unglubigem Kopfschtteln.

-- Sag' doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den
Bergen, nicht wahr?

-- Nein, und gebe Gott, da es auch nicht mein letztes ist.

-- Hast Du Furcht?

-- Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, da Du unrecht handeltest,
abzufahren.

-- Ich htte noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb.

-- Na, dann vorwrts, meine Tubchen!" erwiderte der Jemschik, als ein
Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen.

In diesem Augenblicke lie sich ein entferntes Gerusch vernehmen; es
glich einem tausendfachen gellenden und betubenden Pfeifen in der bisher
noch halb ruhigen Atmosphre. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes,
dem ein entsetzlicher Donnerschlag folgte, bemerkte Michael Strogoff
einige groe Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm
brach los, jagte aber bis jetzt nur die hhern Luftschichten
durcheinander. Ein trockenes Geknatter lie erkennen, da einige alte oder
schlecht bewurzelte Bume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht
hatten Widerstand leisten knnen. Eine Lawine gebrochener Stmme rollte
bald ber die Strae, schlug hpfend auf die Felsenvorsprnge und verlor
sich, zweihundert Schritte vor dem Taranta, in den Tiefen zur Linken.

Stutzend hielten die Pferde still.

"Immer vorwrts, meine Turteltubchen!" rief der Jemschik, und munter
knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners.

Michael Strogoff ergriff Nadia's Hand.

"Schlfst Du, Schwester? fragte er.

-- Nein, Bruder.

-- Sei bereit fr Alles. Jetzt kommt das Unwetter!

-- Ich bin bereit."

Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhnge zu schlieen.

Wild tobte der Sturmwind heran.

Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die
Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine
schreckliche Gefahr.

Unbeweglich stand der Taranta an einer Biegung des Weges, durch welche
der Sturm hereintobte. Der Wagen mute also dem Winde gerade entgegen
gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so wre er
unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden.
Von den Windsten zurckgedrngt bumten sich die Pferde, ohne da es
ihrem Fhrer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die
Schmeichelworte folgten die krftigsten Flche. Nichts half. Die armen,
von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen,
Artilleriesalven hnlichen Donner betubten Thiere drohten die Strnge zu
zerreien und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines
Gespannes.

Da sprang Michael Strogoff aus dem Taranta und kam dem Kutscher zu Hilfe.
Seiner auergewhnlichen Krperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Mhe,
die Thiere zu bndigen.

Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Strae erweiterte sich an
der eben erreichten Stelle tonnenartig, so da sich der Wind hineinprete,
etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht.
Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstmmen den Abhang
herab zu poltern.

"Hier knnen wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff.

-- Wir werden auch gar nicht lnger hier sein! rief der Jemschik, whrend
er ganz bestrzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht
einherstrmenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran,
uns bergab zu befrdern und das auf dem krzesten Wege.

-- Nimm das Handpferd beim Zgel, Memme! antwortete Michael Strogoff; fr
das linke werde ich stehen!"

Ein neuer heftiger Windsto unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und
er muten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu
werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie
jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine
Strecke zurck, und htte ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm
aufgehalten, so wre er wohl vom Wege abgedrngt worden.

"Frchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.

-- Ich habe keine Furcht", erwiderte die junge Lieflnderin, ohne da ihre
Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen htte.

Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm
verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.

"Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.

-- Nein, wir mssen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu
berwinden, hher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.

-- Aber die Pferde wollen nicht vorwrts.

-- Mach' es wie ich, ziehe sie!

-- Diese Windste werden sich wiederholen.

-- Wirst Du gehorchen?

-- Du willst es.

-- Der 'Vater' selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum
ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmchtigen Namen des Kaisers
gebrauchte.

-- Dann also vorwrts, meine Schwalben!" rief der Jemschik und ergriff das
Pferd zur Rechten, whrend Michael Strogoff die Zgel des linken packte.

So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht
mehr seitwrts ausbiegen, und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das
nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Strae einhalten.
Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei
Schritte vorwrts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren.
Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefhrt
schwebte jeden Augenblick in Gefahr, auer Ordnung zu kommen. Wre die
Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so htte sie der
erste Anprall des Sturmes gewi schon entfhrt.

Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese
kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurckzulegen, welche der Geiel
des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein
in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzglich auch in jenem Hagel
von Gerll und geknickten Stmmen, welchen der Berg um sie herum
niederschttete.

Pltzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein grerer
Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den
Taranta herabstrzte.

Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.

Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe
antreiben.

Nur wenige Schritte, und das Felsstck wre hinter ihnen niedergeschlagen.

In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, da der Taranta
getroffen, seine Gefhrtin zerschmettert werden mte! Er fhlte, da er
sie lebend nicht mehr herauszuholen vermchte ...

Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der Gefahr schpfte er eine
fast bermenschliche Kraft, stemmte den Rcken gegen die Achse, die Fe
fest auf den Boden und drngte das schwerfllige Fuhrwerk einige Schritte
vorwrts.

Der gewaltige Block flog vorber, streifte dem jungen Manne fast die Brust
und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd
und Funken sprhend zersprangen die Steine auf der Strae.

"Bruder!" hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene
beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte.

-- Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia!

-- Um meinetwillen knnte ich mich niemals frchten.

-- Gott ist mit uns, Schwester!

-- Mit mir gewi, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!" sagte
halblaut das junge Mdchen.

Der Ansto, den der Taranta durch Michael Strogoff's Anstrengung erhielt,
sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung fr die stutzenden
Pferde, die frhere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff
und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem
schmalen von Norden nach Sden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den
directen Anprall des Unwetters einigermaen gesichert waren. Die Berglehne
zur Rechten bildete hier eine Art Sgewerk durch einen vorspringenden
Felsen, der sich mitten in einem schumenden Wildwasser erhob. Hier
wthete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien
einigermaen haltbar, whrend in der Peripherie dieser scheinbaren Cyclone
sich gewi kein Mensch oder Thier htte aufrecht erhalten knnen.

Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel
berragten, in einem Augenblick gekpft, so als sauste eine Riesensense
ber die Hochflche dahin.

Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in
den Engpa hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der
Boden schien unter den furchtbaren Schlgen zu erzittern, so als wrde die
ganze Uralkette erschttert.

Zum Glck hatte man den Taranta in einer tiefen Felsenaushhlung ziemlich
gut unterbringen knnen, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf;
doch war er nicht so vollkommen geschtzt, da er nicht manchmal durch
einige von den Bergvorsprngen abgeleitete Seitenstrmungen tchtig
geschttelt worden wre. Dabei stie er wohl gegen die Felsmauer, da man
befrchten mute, ihn in tausend Trmmer zersplittert zu sehen.

Nadia mute den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff
fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushhlung,
die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herrhrte und in
welche sich das junge Mdchen verkriechen mute, bis es mglich wrde, die
Fahrt wieder fortzusetzen.

Jetzt begann - es war gegen ein Uhr Morgens - der Regen in Strmen
herabzustrzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten
Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu
verlschen. Unter diesen Verhltnissen war an den Wiederaufbruch natrlich
gar nicht zu denken.

Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff's - und man begreift wohl, wie gro
diese war - mute er doch das schlimmste Unwetter erst vorbergehen
lassen. Da brigens der Bergrcken, ber den die Strae von Perm nach
Jekaterinenburg fhrt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch
darum, die Bergabhnge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt,
jetzt, ber einen von unzhligen Bergbchen durchwhlten Boden, mitten in
dem Sturm und den Regenschauern, hie wirklich das Leben auf's Spiel
setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.

"Abwarten - es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch
gegen vielleicht noch lngere Verzgerungen. Die Heftigkeit des Gewitters
lt mich annehmen, da es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr
mu der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen drfen, in der
Finsterni bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch
nicht leicht, so doch mindestens ausfhrbar sein.

-- So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt
aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu
ersparen.

-- Ich wei es, Nadia, da Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich
uns Beide aber blostelle, dann setze ich einen noch hheren Preis ein,
als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und
dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfllen habe.

-- Einer Pflicht!..." murmelte Nadia.

Eben zerri ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen
gleichsam zu zerstuben. Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen
Krach. Die Luft erfllte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche
und eine zwanzig Schritte von dem Taranta entfernte Gruppe alter Kiefern
flammte, von dem elektrischen Fluidum entzndet, gleich einer
Gigantenfackel lodernd in die Hhe.

Der Jemschik strzte, wie von einem Rckschlag getroffen, zu Boden, erhob
sich aber glcklicher Weise unverletzt wieder.

Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges
verloren hatte, fhlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia's
ergriffen und hrte sie die Worte in sein Ohr sprechen:

"Hilferufe, Bruder! Hrst Du sie?"




                             Elftes Capitel.


                            Reisende in Noth.


Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Strae
her und unfern der Aushhlung, welche den Taranta deckte, wiederholtes
Hilferufen.

Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von
irgend einem gefhrdeten Reisenden ausging.

Michael Strogoff lauschte aufmerksam.

Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschtteln, so als
scheine es ihm unmglich, hier Beistand zu leisten.

"Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia.

-- Auf uns werden sie nicht zhlen drfen!... fiel rasch der Jemschik ein.

-- Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene
unter gleichen Verhltnissen gewi fr uns thun wrden, sollen wir das
unversucht lassen?

-- Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf's Spiel!...

-- Ich werde zu Fu gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten
Geschirrfhrer.

-- Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Lieflnderin.

-- Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich mchte diesen
nicht allein lassen ...

-- So werd' ich dableiben, erwiderte Nadia.

-- Was auch geschehe, verlasse diese geschtzte Stelle nicht!

-- Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin."

Michael Strogoff drckte dankend die Hand seiner Gefhrtin, eilte nach der
Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen.

"Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Mdchen.

-- Er handelt recht", antwortete einfach Nadia.

Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er groe Eile hatte
den Bedrngten, welche jene Rufe erschallen lieen, helfend beizuspringen,
so war doch auch sein Wunsch nicht minder gro, zu erfahren, wer jene
Reisenden sein mchten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte,
sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht daran, da es
dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Taranta vorausrollte.

Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit
verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden
immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurck
gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Strae verlief mehrfach gekrmmt
und der bluliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der
sich in einen solchen Straenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er
sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende
Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Krfte zu
widerstehen vermochte.

Jedoch, es zeigte sich sehr bald, da die Reisenden, von denen jene
Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie fr
Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar - ob das nun daher kam, da Jene
sich nicht auf der Strae selbst befanden, oder da nur die herrschende
Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, - jedenfalls verstand er ihre
Worte schon ganz deutlich.

Da hrte er denn, - natrlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, -
Folgendes:

"Wirst Du wohl zurckkommen, Schlingel?

-- Dich erwartet die Knute auf dem nchsten Relais.

-- Hrst Du, Du Postillon der Hlle! He! Du, da unten!

-- So wird man in diesem verwnschten Lande befrdert.

-- Und das nennen sie einen Teleg!

-- He, Du dreifacher Erztlpel! - Da reit er aus und scheint's gar nicht
zu bemerken, da er uns hier sitzen gelassen hat!

-- Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Englnder! Ich
werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen
lassen!"

Der, welcher diese Worte herauspolterte, schumte vor Wuth. Aber pltzlich
schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz
anderer Seite betrachtete, denn er hrte nach einem hellen, bei solcher
Scene gewi unerwarteten Gelchter die Worte:

"Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig!

-- Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in rgerlichem Tone der
Brger des Vereinigten Knigreichs.

-- Natrlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn
Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort!
Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!..."

Da erfllte ein heftiger Donnerschlag den Engpa mit schrecklichem
Krachen, das der Widerhall der Berge noch mchtig verstrkte. Dann, als
das letzte schwache Rollen verlscht war, lie sich wiederum die lustige
Stimme vernehmen:

"Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das knnte in Frankreich wahrlich nicht
passiren!

-- In England auch nicht!" antwortete der Brite.

Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Strae und
gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Mnner auf dem hohen Rcksitz eines
sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen
Geleises fest zu sitzen schien.

Michael Strogoff nherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer
weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald
die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem "Kaukasus" den Weg von
Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurckgelegt hatten.

"Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter
diesen Umstnden wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten
Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen."

Der englische Reporter grte und vielleicht wollte er nach allen Regeln
des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen,
als ihn Michael Strogoff unterbrach:

"Nicht nthig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga
gemeinschaftlich befahren haben.

-- Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr ...?

-- Nicolaus Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff.
Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher fr den Einen so erheiternde,
fr den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat?

-- Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide
Jolivet. Stellen Sie sich vor, da unser Postillon mit dem Vordertheile
seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig
sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswrdigen Fahrzeugs.
Da haben wir nun die schlechtere Hlfte eines Telegs fr uns Zwei, aber
keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt
und ber alle Maen drollig?

-- Ich finde gar nichts Lcherliches dabei! knurrte der Englnder.

-- Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten
Seite anzusehen.

-- Aber wie denken Sie denn, da es mglich werden soll, unsern Weg
fortzusetzen? fragte Harry Blount.

-- Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich
beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife
die Zgel, ich nenne Sie 'mein Tubchen', wie ein leibhaftiger Jemschik,
und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein ...

-- Herr Jolivet, fiel der Englnder ein, ein solcher Scherz geht zu weit
und ...

-- O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben,
trete ich an Ihre Stelle und Sie mgen mich dann als engbrstige Schnecke
oder ohnmchtige Schildkrte behandeln, wenn ich Sie nicht in einem
Hllengalop dahinfahre!"

Alcide Jolivet schttelte das Alles mit einem so liebenswrdigen Humor
hervor, da Michael Strogoff sich eines Lchelns nicht enthalten konnte.

"Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da wei ich doch besseren Rath.
Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem hchsten Kamme des Ural und
folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen
befindet sich fnfhundert Schritt weiter rckwrts. Ich will Ihnen eines
meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und
kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhlt, morgen zusammen in
Jekaterinenburg an.

-- Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich, das ist ein Vorschlag,
der aus sehr edelmthigem Herzen kommt.

-- Ich bemerke noch, mein Herr, da ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen
Taranta mit zu benutzen, weil er nur zwei Pltze enthlt, die ich mit
meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche.

-- O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein
College und ich wrden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers
Halbtelegs nthigenfalls bis an's Ende der Welt kommen.

-- Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren gromthigen
Vorschlag an. Aber jener Jemschik ...

-- O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, da ihm solch'
kleiner Unfall zustie, bemerkte Michael Strogoff.

-- Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurck? Er wird recht gut wissen,
da er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende!

-- Er!? Er wei sicher kein Sterbenswrtchen davon.

-- Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreiung des Telegs in zwei Hlften
gar nicht bemerkt haben?

-- Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben
von der Welt nach Jekaterinenburg hinein.

-- Sagt' ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide
Jolivet, da uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei?

-- Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefllig
ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen ...

-- Aber der Teleg? bemerkte der Englnder.

-- Frchten Sie nicht, da er uns davon fliege, mein lieber Blount,
trstete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt,
da er kommendes Frhjahr Knospen treiben mte, wenn man ihn stehen
liee.

-- Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den
Taranta nun hierher schaffen."

Der Franzose und der Englnder verlieen ihre Bank, die aus einem Rcksitz
zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff.

Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner
rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstren im Stande war.

"Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie
ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit.

-- Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als
was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan htte. Wenn sich
Reisende erst nicht mehr gegenseitig untersttzen wollen, mge man lieber
gleich die Landstraen sperren.

-- Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie
weit durch die Steppe reisen, knnten wir uns wohl auch noch einmal
begegnen, und ..."

Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge,
dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu
geben:

"Ich reise nach Omsk, meine Herren.

-- Und Herr Blount und ich, erklrte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich
nur der Nase nach, dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber
Neuigkeiten zu erwischen giebt.

-- Nach den emprten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen
Eifer.

-- Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort
wohl nicht wieder!

-- Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht
lstern nach einer Bchsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu
friedliebender Natur, um mich unnthig dahin zu begeben, wo man sich
herumschlgt.

-- Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewi leid thun, so schnell
von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern
aber doch, da wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stck Weges
zusammen zurcklegen, und wre es nur whrend weniger Tage?

-- Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer
Ueberlegung.

-- Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet.
Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die
Verhltnisse unseren weiteren Weg bestimmen.

-- Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden
wir also zusammen sein."

Michael Strogoff htte es gewi vorgezogen, allein zu reisen, er konnte
sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden
absondern, welche des nmlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide
Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu
machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen, lag fr ihn
brigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer
Gesellschaft zurck zu legen.

"Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen."

Dann setzte er mit mglichst gleichgiltigem Tone hinzu:

"Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten ber den
Tartareneinfall?

-- Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als
in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan's haben die
ganze Provinz Semipalatinsk berschwemmt und dringen jetzt in Eilmrschen
lngs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen
mssen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen.

-- Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff.

-- Dazu geht das Gercht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet
die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten
Provinz, dem Tartarenchef unverzglich anschlieen.

-- Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr
oder weniger begrndeten Neuigkeiten selbstverstndlich sehr
interessirten.

-- Ei, so wie man eben Alles wei, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so
in der Luft.

-- Und Sie haben begrndete Ursache zu glauben, da Colonel Ogareff in
Sibirien sei?

-- Ich habe mindestens davon sprechen hren, da er den Weg von Kasan nach
Jekaterinenburg eingeschlagen habe.

-- O, Sie wten das, Herr Jolivet? lie sich da Harry Blount vernehmen,
den jene Bemerkung des franzsischen Correspondenten aus seiner
Schweigsamkeit aufrttelte.

-- Ich wute es, erwiderte Alcide Jolivet.

-- Und es war Ihnen auch bekannt, da er als Zigeuner verkleidet ging?
fragte Harry Blount.

-- Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkrlich, da er sich der
Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem
"Kaukasus" und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte.

-- Ich hatte davon eben genug erfahren, um darber einen Brief an meine
Cousine zu richten, antwortete lchelnd Alcide Jolivet.

-- Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Englnder in
trockenem Tone.

-- Gewi nicht, liebster College, und whrend der 'Kaukasus' sich
verproviantirte, that ich ganz dasselbe!"

Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplnkel, das sich
zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte
jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht
ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die
jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemhte sich, alle
Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedchtni aufzufrischen, als in
geringer Entfernung ein Knall hrbar wurde.

"Ah, vorwrts, meine Herren! rief Michael Strogoff.

-- Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschsse flieht, meinte
Alcide Jolivet, der luft ber Hals und Kopf dahin, wo er solche hrt!"

Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter ihm Harry Blount, der auch
nicht der Mann dazu war, feig zurck zu bleiben, Michael Strogoff
furchtlos nach.

Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der
den Taranta deckte.

Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzndeten
Fichtengruppe empor. Die Strae war leer. Und doch, Michael Strogoff
konnte sich unmglich getuscht haben; das mute ein Gewehrschu sein, der
vorher an sein Ohr schlug.

Da hrte man pltzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte
ein zweiter Schu.

"Ein Br! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war.
Nadia! Nadia!"

Sein Dolchmesser aus dem Grtel reiend strzte Michael Strogoff hastig
vorwrts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Mdchen zu warten
versprochen hatte.

Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten
den Schauplatz.

In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Taranta erreichte, wlzte
sich ihm eine enorme Masse entgegen.

Es war ein ungeheurer Br. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehlz, das diese
Abhnge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner
gewohnten Hhle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte.

Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt ber den Anblick des
furchtbaren Raubgesellen, ihre Strnge und entflohen; der Jemschik, dem
nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz verga, da das junge
Mdchen nun allein dem Angriffe des Bren ausgesetzt blieb, jagte ihnen
nach.

Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst
nicht bemerkt haben, denn es strzte sich auf das dritte Pferd. Nadia
schlpfte aus der Hhlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen,
ergriff einen von Michael Strogoff's Revolvern, ging kaltbltig auf den
Bren los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Nhe.

Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge
Mdchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Taranta lief,
dessen einzig brig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureien suchte.
Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze
Weiterfahrt zunchst in Frage gestellt. Nadia war also dem Bren wieder
entgegen getreten und gab mit bewunderungswrdig ruhigem Blute, gerade als
jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum
zweiten Male Feuer.

Das war jener zweite Schu, welcher ganz in der Nhe Michael Strogoff's
aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Bren und das
junge Mdchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und
das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine
leblose Masse, vor ihm zusammen.

Es war ein hbsches Prbchen jener Methode der sibirischen Jger, die
stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene
Fell eines Bren nicht zu beschdigen.

"Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff's erste Frage,
als er sich zu dem jungen Mdchen wandte.

-- Nein, Bruder", antwortete Nadia.

Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle.

Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er mute wohl eine
krftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu bndigen. Sein
Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff's mit angesehen.

"Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, fr einen einfachen Kaufmann,
Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich
umzugehen.

-- Sogar sehr geschickt, fgte Harry Blount hinzu.

-- In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir
genthigt, uns um Alles ein wenig zu bekmmern."

Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann.

Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in
der Hand, den einen Fu auf dem Krper des erlegten Bren, sah Michael
Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich
schn aus.

"Ein famoser Kerl!" sagte Alcide Jolivet fr sich.

Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begrte das junge
Mdchen.

Nadia verneigte sich leicht.

Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte:

"Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Br wre, ich riebe
mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswrdigen
Prchen!"

Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange, mit abgezogenem Hute in
einiger Entfernung. Die zwanglose Hflichkeit seines Collegen vermehrte
nur seine natrliche Steifheit.

Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden
Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das
prchtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute fr die Raubvgel
liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr
wieder in Ordnung zu bringen.

Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in
Kenntni und sagte, da er diesen ein Pferd vom Taranta zur Verfgung
stellen wolle.

"Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Inde, zwei Wagen statt
des einen ...

-- Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zgern schnell
genug verstand, ihm in's Wort, Du wirst natrlich auch doppelte Bezahlung
erhalten.

-- Nun denn vorwrts, meine Turteltubchen!" rief der Jemschik.

Nadia hatte den Taranta wieder bestiegen, whrend Michael Strogoff und
seine Begleiter diesem zu Fue nachfolgten.

Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte
nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so da man
leidlich schnell vorwrts kam.

Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Taranta das
Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Rder in den
Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl, da ein heftiger
Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlat hatte.

Das eine der Seitenpferde des Taranta ward nun so gut es eben anging mit
Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten
nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und
gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja
nur die Bergabhnge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere
Schwierigkeit bot.

Sechs Stunden spter langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem
anderen in Jekaterinenburg an, ohne da ein weiterer Unfall diesen zweiten
Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen htte.

Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses
in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der grten
Gemthsruhe zu erwarten schien.

Ohne alle Verlegenheit ging der gutmthige Russe seinen Passagieren
lchelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld
einzuheimsen.

Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, da Harry Blount's Zorn
dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und wre der
Jemschik nicht klglich zurckgewichen, so htte ihm ein nach allen Regeln
der edlen Boxkunst gefhrter Faustschlag wohl sein '_na vodku_' mitten
in's Gesicht gezeichnet.

Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen
und jubelte auf, wie er vielleicht frher noch nie gelacht hatte.

"Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem
vollen Rechte, lieber College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir
keine Mittel fanden, ihm zu folgen!"

Er zog einige Kopeken aus der Tasche.

"Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da,
steck' sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war's ja Deine Schuld
nicht!"

Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount's, der sich an
dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Proze an den Hals werfen
wollte.

"Einen Proze! Und in Ruland! rief Alcide Jolivet; aber unter den
obwaltenden Verhltnissen, bester College, wren Sie nicht im Stande,
dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener
russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Suglings
gegenber klagbar wurde, da sie jenen weiter nhren wollte?

-- Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount.

-- Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Sugling geworden war, als das
Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten fllte?

-- Und was, wenn ich bitten darf?

-- Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!"

Alle brachen in helles Gelchter aus.

Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und
bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Wrterbuche zu figuriren,
durch folgende Bemerkung:

"Teleg, ein in Ruland gebruchlicher Wagen, wenn er abfhrt mit vier, -
wenn er ankommt mit zwei Rdern!"




                            Zwlftes Capitel.


                          Eine Herausforderung.


Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens,
denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Auslufern der
stlichen Berglehne. Trotzdem gehrt es zu dem Gouvernement von Perm und
bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europischen
Rulands. Dieser administrative Uebergriff mu wohl seinen Grund haben. Er
betrifft ein Stck Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Rulands
verblieb.

Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer
so groen, schon im Jahre 1723 gegrndeten Stadt um die Beschaffung der
nthigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen.

In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Mnzsttte des
ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der
Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen
Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhtten, Gold- und Platinwschereien fast
im Ueberflu vorhanden sind.

Zu jener Zeit hatte die Bevlkerung Jekaterinenburgs sich ganz
ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen
und Sibirier strmten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von
Feofar-Khan's Horden schon berflutheten Provinzen und vorzglich aus dem
Lande der Kirghisen, das sich im Sdwesten des Irtysch bis zu den Grenzen
von Turkestan ausdehnt.

Fehlten also die Befrderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu
gelangen, so waren sie dagegen im Ueberflu vorhanden, um diese Stadt
verlassen zu knnen. Bei der jetzigen Lage der Dinge fhlten die meisten
Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben.

Unter eben diesen Umstnden gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount
natrlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen.
Was Michael Strogoff betrifft, so gehrte der Taranta ja ihm an;
letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht
sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter
Pferde, um ihn schnell auf der Strae nach Irkutsk weiter zu befrdern.

Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimsko verlief diese Strae noch sehr
hgelig, denn sie wand sich bis dahin ber die launenhaften
Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden.
Jenseit der Etappe Novo-Zaimsko aber begann die grenzenlose Steppe, die
sich bis in die Nhe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. ber einen Raum von
1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser.

Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im
Vorigen erfahren haben, zunchst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von
Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich nher ber den Verlauf
der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den
im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint,
je nachdem ihr Jgerinstinct sie auf die eine oder die andere Fhrte
leiten wrde.

Dieselbe Strae von Jekaterinenburg nach Ischim, - die sich auch nach
Irkutsk fortsetzt, - war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff
unbedingt benutzen mute. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von
Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu
vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er fr seinen Theil
fest entschlossen, nirgends unnthig eine Stunde zu verweilen.

"Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr
angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft
zurckzulegen, doch mu ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, da
ich die grte Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich
wollen dort unsere Mutter treffen. Wer wei, ob es uns berhaupt mglich
werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Hnde
fllt! Ich werde mich also auf den Relais nie lngere Zeit aufhalten, als
das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen.

-- Wir denken vorlufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount.

-- Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen
Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der ...

-- Der so freundlich ist, fgte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem
Vorder- und Hintertheil bei der nchsten Station anzukommen."

Eine halbe Stunde spter hatte der rhrige Franzose denn auch ohne
besondere Mhe einen Taranta aufgetrieben, der dem Michael Strogoff's
ziemlich hnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort
bequem einrichtete.

Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Pltze im Taranta ebenfalls wieder
ein, und zu Mittag verlieen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg.

Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach
Irkutsk fhrt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Lieflnderin da
wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten,
in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten
Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich
kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht
einmal htte betreten drfen; ihr Blick schweifte hinaus ber den
entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie
beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von
sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des
westlichen Sibiriens, die sich von dem des stlichen so merklich
unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern,
einem, mindest auf der Oberflche, sehr mageren Boden, denn in seinem
Innern birgt er neben einem Ueberflu von Eisen auch viel Kupfer, Gold und
Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl httengewerbliche Anlagen, aber
fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch
die nthigen Arme nehmen, die Erde zu pflgen, die Felder zu besen, die
Erndten einzuholen, wenn es eintrglicher ist, die Eingeweide der Erde mit
Spitzhaue und Schlgel zu durchwhlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann
den Platz gerumt. Die Hacke trifft man berall, den Spaten nirgends.

Manchmal lsten sich Nadia's Gedanken inde doch von den entlegenen
Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre
gegenwrtige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie
sah wieder ihren edelmthigen Reisegefhrten zuerst auf der Eisenbahn von
Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen gefhrt
hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit whrend der Fahrt, seines
Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden
Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner
Sorgfalt fr sie whrend der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen,
was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit
Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten!

Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafr, da er ihr
gerade diesen wachsamen Beschtzer, diesen edelmthigen und verschwiegenen
Freund zugefhrt hatte. Sie fhlte sich neben ihm, unter seinem Schutze
vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder htte nicht besser an ihr
handeln knnen. Sie frchtete jetzt kein Hinderni mehr; sie war
berzeugt, ihr Endziel zu erreichen.

Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen
Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, da er ihm durch diese Begegnung
mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualitt gegen
Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes
Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Mdchens erweckte
die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine
Schwester? Er empfand fr seine schne heroische Begleiterin ebenso viel
Hochachtung als Zuneigung. Er fhlte es, da in ihr eines jener reinen und
seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zhlen kann.

Seitdem er inde den Boden Sibiriens durchzog, begannen fr Michael
Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden
Journalisten sich nicht etwa tuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die
Grenze berschritten hatte, so mute er berall mit der grten Vorsicht
auftreten. Die Verhltnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen
Provinzen wimmelte es gewi von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito
gelftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um
seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff
empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete.

So gestalteten sich die Umstnde in dem ersten Wagen, und wie sah es denn
in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewhnlich. Alcide Jolivet sprach in
lustigen Stzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder
sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich
Anmerkungen ber Vorkommnisse whrend der Reise, Ereignisse, welche
brigens whrend dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens
nicht von besonderem Gewichte waren.

Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten
Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen
werden, so verlie Nadia den Taranta gar nicht. Beabsichtigte man zu
frhstcken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel
Platz, hielt sich aber sehr zurckgezogen und betheiligte sich mglichst
wenig bei der Unterhaltung.

Ohne jemals die Grenzen gebildeter Hflichkeit zu berschreiten, zeigte
Alcide Jolivet doch fr die junge Lieflnderin, die er brigens reizend
fand, stets die grte Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie,
die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umstnden ausgefhrten
Reise gegenber zeigte.

Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr
mittelmig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die
Postmeister an, lie die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das
Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt - gewhnlich zu schnell
und zum groen Leidwesen Harry Blount's, der nun einmal ein methodischer
Esser war, - so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn
sie bezahlten frstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, "als und mit
russischen Adlern(3)".

Es versteht sich von selbst, da Harry Blount sich des jungen Mdchens
wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen
Unterhaltungsgegenstnde, ber welche er mit seinem Gefhrten nicht gern
plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei
Sachen auf einmal zu thun.

Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge
Lieflnderin wohl sein mge, antwortete er ganz ernsthaft und mit
halbgeschlossenen Augen:

"Welche junge Lieflnderin?

-- Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff's.

-- Das ist seine Schwester?

-- Nein, seine Gromutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma
auer Fassung brachte. -- Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu?

-- Wre ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so wrde ich es wissen!"
antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen
wollte.

Der Landstrich, durch den die beiden Taranta dahinrollten, war fast
vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht
bewlkt, die Temperatur ertrglich. Mit besser auf Federn befestigten
Wagen htten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie
kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell
vorwrts.

Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwrtigen
Verhltnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar
keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche
Bauern eine berhmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt
ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige
verlassene Drfer die Annherung der tartarischen Heerhaufen. Die
Einwohner waren unter Mitfhrung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und
Pferden nach den nrdlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene
Stmme der groen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls ber den
Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Plnderungen der Eindringlinge zu
entgehen.

Glcklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Strung, so wenig
wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch
reichte. Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den
vorschriftsmigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die
Beamten an ihren Schaltern zur Befrderung der aufgegebenen Telegramme,
welche hchstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzgerung
erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen
ausgiebigen Gebrauch.

Bis hierher ging Michael Strogoff's Reise also unter befriedigenden
Umstnden von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends
versptet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan ber
Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch
sicher, vor ihnen und in der krzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in
Irkutsk anzulangen.

Am folgenden Tage, nachdem die beiden Taranta Jekaterinenburg verlieen,
erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach
Zurcklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne da sich dabei ein irgend
nennenswerther Zufall ereignet htte.

Dort wurde dem Frhstck ein halbes Stndchen gegnnt. Gleich darauf
eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das
Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklrlich machte.

Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst
weiter in Tiumen an.

Tiumen, dessen normale Bevlkerung gegen 10,000 Seelen zhlt, beherbergte
jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, brigens das erste von den
Russen in Sibirien gegrndete Industriestdtchen, dessen schne
metallurgische Werksttten und Glockengieereien weithin bekannt sind, bot
noch nie vorher einen so belebten Anblick.

Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach
Neuigkeiten. Was die sibirischen Flchtlinge vom Kriegsschauplatze
mittheilten, klang nicht eben sehr trstlich.

Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan's nhere sich in
Eilmrschen dem Thale des Ischim, und man besttigte mehrfach, da der
Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten
werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz
richtig, da die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens
gefhrt werden wrden.

Die russischen Truppen muten ihrer Mehrzahl nach erst aus den
europischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu
entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu knnen. Dagegen bewegten
sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Mrschen auf Tomsk
zu und hofften die Tartarenschwrme dort abzuschneiden.

Um acht Uhr Abends hatten die Taranta weitere fnfundsiebzig Werst
zurckgelegt und kamen in Jalutorowsk an.

Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich auerhalb der Stadt auf
einer Fhre den Tobolflu. Sein sehr friedliches Gewsser erleichterte
diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals,
und dann wohl unter minder gnstigen Umstnden wiederholen mute.

Gegen Mitternacht wurde, fnfundfnfzig Werst weiter, der Flecken
Novo-Saimsk erreicht und nun lieen die Reisenden endlich den leicht
wellenfrmigen Boden mit seinen waldbedeckten Hgeln, den letzten Wurzeln
der Uralberge, hinter sich.

Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis
in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne
Grenzen, eine Art mit Grsern bestandener Wste, an deren Umfang sich
Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen berhrten.
Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die
Telegraphenpfhle zu beiden Seiten der Strae, lngs der die Drhte leise,
wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen.
Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den
feinen Staub, der unter den Rdern der Taranta aufwirbelte. Ohne dieses
weiliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, htte man
geglaubt, in der Wste zu sein.

Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefhrten mit noch
grerer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten
kein besonderes Hinderni zu berwinden, und der Weg verschwand sichtbar
hinter ihnen. Die Taranta flogen direct auf Ischim zu, woselbst die
beiden Correspondenten zunchst bleiben wollten, wenn kein besonderer
Zwischenfall ihre Absichten kreuzte.

Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am
Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurckgelegt sein,
vorausgesetzt, da man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der
Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich groe Herren
oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht auch nur in
der Freigebigkeit bezglich der vertheilten Trinkgelder begrndet sein.

Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Taranta in der
That nur noch dreiig Werst von Ischim.

Da bemerkte Michael Strogoff auf der Strae und vor einer wallenden
Staubwolke kaum sichtbar, da noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da
seine weniger ermdeten Pferde sehr schnell liefen, mute er diesen
offenbar bald einholen.

Jenes war weder ein Taranta, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche;
ber und ber mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich
zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gule los und suchte
sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline
hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie mute auf die Strae nach
Irkutsk ber irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein.

Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie
Alle nur den nmlichen Gedanken, sie zu berholen, vor ihr beim Relais
anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes
an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der
von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.

Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.

Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.

Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er
indessen vorbereilte, so hrte er den Fremden doch mit befehlendem Tone
ihm zurufen:

"Anhalten!"

Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell
berholt.

Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf
der vorbersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline
gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke
verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weilich-grauen Masse
erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit
den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.

Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im
Vorsprung, - ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das
Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das
verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach
einander, wohl zu leisten vermochte.

Eine halbe Stunde spter sah man die weit berholte Berline kaum noch als
ein Pnktchen am Horizonte der Steppe.

Es war acht Uhr Abends, als die beiden Taranta am Posthause, gleich am
Eingange der Stadt Ischim anlangten.

Die Nachrichten ber den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die
Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen
bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehrden auf
Tobolsk zurckgezogen. Ischim besa jetzt weder einen Beamten noch einen
Soldaten.

Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais fr sich
frische Pferde.

Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline noch auszustechen. Gerade
drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die
andern lagen erschpft von irgend einem kurz zuvor zurckgelegten langen
Wege in den Stallungen.

Der Postmeister gab Befehl, den Taranta zu bespannen.

Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige
Weiterbefrderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es fr gerathen hielten,
vorlufig in Ischim zu verweilen; sie lieen also nur ihren Wagen in einer
Remise des Posthofes unterbringen.

Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die
Meldung, da sein Taranta zum Abfahren bereit sei.

"Gut", erwiderte er.

Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.

"Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl
die Zeit des Abschieds fr uns gekommen.

-- Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht
ein Stndchen lang auch in Ischim aufhalten?

-- Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu
haben, bevor die von uns berholte Berline hier eintrifft.

-- Frchten Sie, da der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde
streitig machen knnte?

-- Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.

-- Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, htten wir nur nochmals fr
den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie fr das Vergngen, welches es
uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.

-- Es ist brigens mglich, setzte Harry Blount hinzu, da wir uns nach
Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.

-- Das knnte wohl sein, besttigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin
abgehe.

-- Also glckliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und
Gott bewahre Sie vor allen Telegs."

Die beiden Correspondenten ergriffen die Hnde Michael Strogoff's, um sie
ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu drcken, als von drauen das
Heranrollen eines Wagens hrbar wurde.

Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebudes strmisch aufgerissen und
erschien in demselben eine mnnliche Gestalt.

Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militrischem Aussehen,
der gegen vierzig Jahre zhlen mochte, von hoher, krftiger Gestalt,
mchtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen
Schnurrbart, der unmittelbar in den rthlichen Backenbart berging. Er
trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesbel hing an seiner
Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.

"Pferde!" rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu
befehlen leicht heraushrte.

-- Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfgung, antwortete der
Postmeister mit einer hflichen Verbeugung.

-- Ich brauche solche aber im Augenblick.

-- Es ist unmglich.

-- Was sind das fr Pferde, welche ich eben vor der Thr des Relais an den
Taranta gespannt sah?

-- Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit
einem Hinweis auf Michael Strogoff.

-- So spanne man sie wieder ab!..." sagte der Reisende in einem Tone, der
jeden Widerspruch fast abschnitt.

Michael Strogoff trat einen Schritt vor.

"Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.

-- Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwrts - lebhaft! Ich habe keine Zeit zu
verlieren.

-- Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar", erwiderte Michael
Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Mhe zurckhalten
konnte.

Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien uerlich ruhig und doch
frchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen
htte.

"Genug der Worte!" versetzte der fremde Reisende.

Dann wandte er sich an den Postmeister:

"Sie lassen jenen Taranta wieder abschirren, rief er und bekrftigte
seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor
meine Berline gespannt."

In seiner Verlegenheit wute der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen
sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den
unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.

Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe
seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken mute,
nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde
seine Reise verzgern, und auerdem lag es ihm am Herzen, keinen
zwecklosen Streit zu provociren, der die Ausfhrung seiner Mission htte
in Frage stellen knnen.

Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar
bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Untersttzung anrufen sollte.

"Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben", sagte Michael Strogoff,
aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es fr einen einfachen
sibirischen Kaufmann passend erschien.

Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine
Hand derb auf dessen Schulter fallen lie: "Also so steht es! Du weigerst
Dich, mir Deine Pferde abzutreten?

-- Gewi, antwortete Michael Strogoff.

-- Nun gut, so werden sie dem gehren, der nachher noch im Stande ist
weiter zu reisen! Vertheidige Dich - ich schone Dich nicht!"

Bei diesen Worten ri der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide
und legte sich zum Fechten aus.

Nadia strzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.

Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.

"Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und
kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.

-- Du wirst Dich nicht schlagen?

-- Nein.

-- Auch hiernach nicht?" schrie der Reisende.

Und bevor man ihn zurckhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche
Michael Strogoff's Schulter.

Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen
des jungen Mannes. Seine Hnde hoben sich krampfhaft, als wollten sie den
rohen Gegner zermalmen. Nur mit uerster Anstrengung blieb er seiner
mchtig. Ein Duell, - das war mehr, als eine Verzgerung, das konnte ihn
seine Mission gnzlich verfehlen lassen!... Es schien ihm besser, einige
Stunden zu opfern!... Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!

"Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den
Raufbold eines weiteren Wortes zu wrdigen, whrend er dem Fremden aber
fest in's Auge sah.

-- Die Pferde fr mich! Und augenblicklich!" herrschte Jener.

Er verlie mit diesen Worten das Zimmer.

Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den
Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick
zu.

Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten
hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders gnstig sein. Sie
erschienen sichtlich enttuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann lie
sich schlagen und forderte auch fr eine solche rohe Beleidigung keine
Genugthuung! Sie grten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich
zurck, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:

"Das htte ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Bren des Ural
so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, da der Muth
seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir
unverstndlich. Uns Andern knnte hier vielleicht nur das Eine abgehen,
da wir niemals Leibeigene gewesen sind."

Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Rdern und das Knallen einer
Peitsche, da die mit den Pferden des Taranta bespannte Berline das
Posthaus verlie.

Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd
in dem Wartesaale des Relais zurck.

Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen
niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsule. Nur hatte
eine tiefe Rthe, welche einer Schamrthe dennoch nicht hnlich sah, die
frhere Blsse seines Gesichtes verdrngt.

Fr Nadia lag es auer allem Zweifel, da nur die gewichtigsten Grnde
einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich
ungestraft hingehen zu lassen.

Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in
Nishnij-Nowgorod genhert hatte.

"Deine Hand, Bruder!" redete sie ihn an.

Dabei fing ihre Hand bei einer fast mtterlich-zrtlichen Bewegung eine
Thrne auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordrngte.




                           Dreizehntes Capitel.


                         Die Pflicht ber Alles!


Nadia hatte es durchschaut, da irgend ein wichtiges Geheimni die
Handlungsweise Michael Strogoff's bestimmte, da dieser, aus welchem
Grunde wute sie nicht, sich nicht selbst angehrte, nicht das Recht
hatte, ber seine Person zu verfgen, und da er unter diesen Umstnden
sich heroisch seiner Pflicht zum Opfer brachte, selbst gegenber einer so
frechen, tdtlichen Beleidigung.

Nadia vermied es, von Michael Strogoff irgend eine Erklrung zu
beanspruchen. Der Postmeister vermochte frische Pferde vor dem kommenden
Morgen nicht zu beschaffen; man mute demnach die ganze Nacht auf dem
Relais zubringen. Fr Nadia hatte das den Vortheil, ihr einmal die so
nthige Ruhe nach den Strapazen der letzten Tage zu gewhren. Es wurde fr
sie also ein Zimmer zurecht gemacht.

Gewi wre das junge Mdchen lieber bei ihrem Reisegefhrten geblieben,
aber sie fhlte doch auch die Nothwendigkeit, allein zu sein, und schickte
sich an, das fr sie bestimmte Zimmer aufzusuchen.

Unmglich war es ihr aber, sich zurck zu ziehen, ohne sich von Jenem
wenigstens zu verabschieden.

"Lieber Bruder ...", flsterte sie noch einmal.

Aber Michael Strogoff unterbrach sie durch eine abwehrende Bewegung. Ein
Seufzer entrang sich der Brust des jungen Mdchens, und schweigend verlie
sie das Zimmer.

Michael Strogoff legte sich nicht nieder. Er htte unmglich Schlaf finden
knnen. Die Stelle seiner Schulter, welche die Peitsche des brutalen
Reisenden getroffen hatte, brannte ihm wie Feuer.

"Fr das Vaterland und fr dessen Vater!" murmelte er endlich am Schlusse
eines stillen Abendgebetes.

Jedenfalls empfand er aber eine unbesiegbare Begierde, zu wissen, wer der
Mann sein mge, der ihn zu schlagen gewagt hatte, woher er kme, wohin er
ginge. Die Gesichtszge desselben hatten sich seinem Gedchtni so tief
eingeprgt, da er nie zu befrchten brauchte, dieselben zu vergessen.

Michael Strogoff lie den Postmeister rufen.

Dieser, ein Sibirier von altem Schlage, kam sofort, sah den jungen Mann
etwas ber die Achsel an und erwartete dessen Begehren.

"Du bist selbst aus diesem Lande?

-- Ja.

-- Kennst Du den Mann, der meine Pferde nahm?

-- Nein.

-- Du hast ihn nie vorher gesehen?

-- Niemals.

-- Wer glaubst Du mochte jener Fremde sein?

-- Ein groer Herr, der seinen Willen durchzusetzen wei!"

Wie ein Dolchsto traf Michael Strogoff's Blick den Sibirier bis in's
Herz, aber der Postmeister rhrte die Augenlider nicht.

"Du unterstehst Dich, ber mich abzuurtheilen? rief Michael Strogoff.

-- Ja, antwortete der Sibirier, denn es handelte sich hier um Dinge, die
auch ein einfacher Kaufmann nicht ohne Abwehr hinnimmt.

-- Den Schlag mit der Peitsche meinst Du?

-- Den Peitschenschlag, junger Mann! Ich bin in den Jahren und in der Lage,
Dir das sagen zu knnen."

Michael Strogoff nherte sich dem Postmeister und legte ihm seine beiden
wuchtigen Hnde auf die Schultern.

Dann sagte er mit besonders gemigter Stimme:

"Geh' Deines Weges, guter Freund! - Geh', ich knnte Dich umbringen!"

Diesmal hatte der Postmeister ihn nicht miverstanden. "So sehe ich Dich
lieber", sagte er noch halblaut.

Ohne ein weiteres Wort verlie er den Wartesaal.

Andern Tags, am 24. Juli, stand der Taranta Morgens acht Uhr mit drei
muthigen Rossen bespannt bereit. Michael Strogoff und Nadia nahmen Platz,
und Ischim, fr Beide eine Stadt mit so betrbender Erinnerung, verschwand
bald hinter einer Biegung der Strae.

Auf den verschiedenen Relais, welche Michael Strogoff im Laufe des Tages
berhrte, konnte er sich berzeugen, da die Berline ihm immerfort auf dem
Wege nach Irkutsk vorausfuhr und da der Reisende, der es offenbar ebenso
eilig hatte wie er, keinen Augenblick verlor, die Steppe zu durchjagen.

Gegen vier Uhr Abends mute, fnfundsiebzig Werst weiter, bei der Station
Abatskaja, der Ischimflu, einer der bedeutendsten Nebenarme des Irtysch,
berschritten werden.

Die Ueberfahrt war etwas schwieriger, als jene ber den Tobol. Die
Strmung des Ischim ist nmlich gerade an dieser Stelle eine besonders
heftige. Whrend des sibirischen Winters sind alle diese Steppenflsse,
welche der Frost mit mehrere Fu dickem Eise belegt, leicht zu passiren;
ihr Bett verschwindet dann unter der ungeheuren weien Decke, welche sich
ber die ganze Hlfte des grten Erdtheils lagert; im Sommer knnen sie
dagegen dem Verkehr nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereiten.

Zwei volle Stunden gingen mit der Ueberfahrt ber den Ischim hin, - zwei
Stunden, welche Michael Strogoff schon an sich fast zur Verzweiflung
brachten, noch viel mehr aber, als die Ruderknechte ihm sehr beunruhigende
Nachrichten von dem Tartareneinfalle mittheilten.

Diese lauteten etwa folgendermaen:

Einzelne Plnkler von Feofar-Khan's Truppen waren schon an beiden Ufern
des unteren Ischim, in den sdlichen Landstrichen des Gouvernements
Tobolsk erschienen. Omsk war sehr bedroht. Man sprach unter der Hand von
einem Treffen zwischen den sibirischen und tartarischen Heerhaufen an der
Grenze des Gebietes der groen Kirghisenhorde, - ein Treffen, das fr die
auf diesem Punkte viel zu schwachen Russen nicht zum Vortheile ausgefallen
sein konnte, denn deren Truppen wandten sich zum Rckzug, der gleichzeitig
eine allgemeine Auswanderung der in jenen Gegenden ansssigen Bauern zur
Folge hatte. Man erzhlte sich von haarstrubenden Frevelthaten der
Eindringlinge, von Plnderungen, Diebsthlen, Brandstiftungen und
Mordthaten. Das war die gewohnte Kriegfhrung der Tartaren. Von allen
Seiten suchte man also den Vortruppen Feofar-Khan's zu entfliehen. Bei
dieser Entvlkerung der Flecken und Drfer frchtete Michael Strogoff vor
Allem, da es ihm an den nthigen Vorspannpferden zur Weiterreise fehlen
knne. Er beeilte also seine Ankunft in Omsk auf jede mgliche Weise.
Jenseits dieser Stadt schien es eher mglich, den tartarischen Plnklern,
die lngs des Irtysch herabkamen, zuvor zu kommen und die noch freie
Strae nach Irkutsk zu erreichen.

Der Taranta berschritt den Flu brigens gerade am Ende der Stelle,
welche man in der Militrsprache als "die Ischimsperre" bezeichnet, eine
Reihe von hlzernen Thrmen und Fortificationsanlagen, die sich von der
sdlichen Grenze Sibiriens in einer Lnge von 400 Werst (= 427 Kilometer)
nach Norden ausdehnt. Sonst waren die Blockhuser u. s. w. von
Kosakenabtheilungen besetzt und sicherten die Umgebung ebenso wohl gegen
Uebergriffe der Kirghisen, wie gegen solche der Tartaren. Als die
moskowitische Regierung diese Horden aber fr vollstndig unterworfen
hielt, hatte man sie verlassen, und sie konnten nun nichts mehr ntzen,
obschon sie gerade jetzt htten recht vortheilhaft vertheidigt werden
knnen. Der grte Theil dieser Blockhuser lag in Asche, und einige
Rauchwolken, auf welche die Ruderer Michael Strogoff aufmerksam machten,
bezeugten, am fernen Horizonte aufziehend, die Annherung der tartarischen
Vorhut.

Sobald die Fhre den Taranta nebst Bespannung an das rechte Fluufer
befrdert hatte, ward der Weg durch die Steppe in mglichster
Geschwindigkeit weiter fortgesetzt.

Es war sieben Uhr Abends, der Himmel gleichmig verschleiert. Wiederholt
fiel ein kurzer, aber heftiger Regen, der den Vortheil hatte, den Staub zu
lschen und den Weg eher zu bessern.

Von dem Relais in Ischim aus verharrte Michael Strogoff in trbem
Schweigen, ohne da er deshalb die gewohnte Sorgfalt aus den Augen verlor,
Nadia die Anstrengungen einer solchen Fahrt ohne Ruhe und Rast mglichst
zu erleichtern, wenn auch nie eine Klage ber des jungen Mdchens Lippen
kam. Wie gern htte sie den Pferden des Taranta Flgel verliehen! Ein
unbekanntes Etwas rief ihr zu, da ihr Begleiter wohl noch mehr Eile habe,
in Irkutsk anzukommen, als sie selbst; und wie viele Werst trennten sie
jetzt noch von diesem Ziele!

In ihr stieg auch der Gedanke auf, da bei einer Besetzung von Omsk durch
die Tartaren Michael Strogoff's alte Mutter, welche ja in dieser Stadt
wohnte, manchen Gefahren ausgesetzt war, die ihren Sohn auf's
schmerzlichste beunruhigen muten, und da hierin wohl ein hinreichender
Erklrungsgrund zu finden sei fr seine Ungeduld, mglichst schnell bei
ihr einzutreffen.

Nadia hielt es also fr gerathen, gelegentlich von der alten Marfa zu ihm
zu sprechen, von der Vereinsamung, in der sie sich inmitten dieser so
ernsthaften Ereignisse befand.

"Du hast seit dem Anfange des Tartareneinfalles von Deiner Mutter keine
Nachricht erhalten? fragte sie.

-- Nein, Nadia. Der letzte Brief meiner Mutter datirt schon von vor zwei
Monaten, dieser enthielt jedoch nur gnstige Nachrichten. Marfa ist eine
energische Frau, eine Sibirierin mit offenem Auge. Trotz ihres Alters
bewahrte sie bis jetzt noch ihre ganze moralische Energie. Sie wei sich
auch in miliche Umstnde zu schicken.

-- Ich werde sie besuchen, Bruder, versetzte lebhaft das junge Mdchen. Da
Du mir den Namen Schwester gegeben hast, bin ich auch Marfa's Tochter!"

Michael Strogoff antwortete nicht sofort.

"Vielleicht hat Deine Mutter Omsk schon verlassen knnen? fgte sie hinzu.

-- Das ist wohl mglich, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und ich hoffe
sogar, da es ihr schon gelungen ist, in Tobolsk Zuflucht zu suchen. Die
alte Marfa ist von Ha gegen die Tartaren erfllt. Sie kennt die Steppe,
sie hat keine Furcht, und ich wnschte, sie htte ihren Stab ergriffen und
wre lngs des Irtysch nach Norden gewandert. In der Provinz giebt es
keinen Ort, der ihr unbekannt wre. Wie oft hat sie das ganze Land an der
Seite meines alten Vaters durchzogen, und wie oft bin ich, selbst noch als
Kind, bei ihnen gewesen auf diesen Jagdzgen durch die sibirische
Wstenei! Gewi, Nadia, ich hoffe, meine Mutter wird Omsk glcklich
verlassen haben.

-- Und wann denkst Du sie wieder zu sehen?

-- Jedenfalls ... auf der Rckreise.

-- Wenn Deine Mutter aber noch in Omsk wre, wirst Du ein Stndchen opfern,
sie zu umarmen?

-- Ich werde nicht erst zu ihr gehen.

-- Du willst sie nicht einen Augenblick sehen?

-- Nein, Nadia ...! entgegnete Michael Strogoff, dessen Brust sich mhsam
hob und der wohl einsah, da er die Fragen des jungen Mdchens noch weiter
zu beantworten nicht im Stande sei.

-- Du sagst: Nein! Ach, Bruder, welche Ursachen knnten Dich, wenn Deine
Mutter in Omsk ist, hindern sie zu sehen und zu besuchen?

-- Welche Ursachen, Nadia? Du fragst mich nach den Grnden meiner
Handlungsweise! rief Michael Strogoff mit einer so auffallend vernderten
Stimme, da das junge Mdchen fast dabei erzitterte. Aber wegen der
Ursachen, die mich meinen Zorn berwinden lieen gegenber jenem Elenden,
dessen ..."

Er konnte den Satz nicht vollenden, die Zunge versagte ihren Dienst.

"Beruhige Dich, mein Bruder, redete ihn Nadia mit sanftester Stimme zu.
Ich wei nur Eines, oder vielmehr ich wei es nicht, aber ich fhle es,
da jetzt nur ein Gefhl Dich ganz und gar beherrscht, das Gefhl einer
noch heiligeren Pflicht, als die, welche den Sohn gegen die Mutter
bindet!"

Nadia schwieg und vermied auch von diesem Augenblicke ab jedes Gesprch,
welches zu der gegenwrtigen eigenthmlichen Lage Michael Strogoff's
irgend Bezug haben konnte. Hier lag ein Geheimni, gewi ein wichtiges,
vor. Sie achtete es aufrichtig.

Am andern Tage, dem 25. Juli, langte der Taranta um drei Uhr frh bei dem
Postrelais zu Tjukalinsk an, nachdem er von der Ueberfahrtsstelle am
Ischim gegen 120 Werst zurckgelegt hatte.

Schnell wurden die Pferde gewechselt. Inde erhob hier zum ersten Male der
Jemschik Einspruch gegen die Weiterfahrt mit dem Bemerken, da
Tartarenabtheilungen durch die Steppe streiften und da Reisende, Pferde
und Wagen fr jenes Raubgesindel eine erwnschte Beute sein wrden.

Michael Strogoff besiegte den Widerwillen des Jemschiks nur mit klingender
Mnze, denn in diesem wie in mehreren anderen Fllen wollte er von seinem
Podaroshna keinen Gebrauch machen. Der letzte, durch den Telegraphen
bermittelte Ukas war in den sibirischen Provinzen bekannt, und auf einen
Russen lenkte sich dadurch, da er von der Befolgung der in jenem
enthaltenen Vorschriften speciell dispensirt war, schon die allgemeine
Aufmerksamkeit, die der Courier des Czaar doch vor Allem zu vermeiden
suchte. Sollten die ausgesprochenen Befrchtungen des Jemschiks vielleicht
nur daher rhren, da der Schlaukopf seine Rechnung auf die Ungeduld des
Reisenden grndete? Oder war in der That jetzt ein unliebsames Abenteuer
zu befrchten?

Endlich fuhr der Taranta ab und bewegte sich mit einer solchen
Schnelligkeit weiter, da er um drei Uhr Nachmittags Kulatsinsko, in
einer Entfernung von 80 Werst, glcklich erreichte. Eine Stunde spter
befand er sich an dem Ufer des Irtysch. Omsk lag von hier aus nur noch 20
Werst entfernt.

Dieser Irtysch ist ein bedeutender Strom, eine der sibirischen
Hauptarterien, die ihre Wsser nach dem Norden Asiens hinabrollen.
Entsprungen in den Altabergen, wendet er sich schrg von Sdosten nach
Nordwesten und mndet zuletzt, nach einem Stromlaufe von 700 Werst, in den
Obi ein.

Zu dieser Zeit des Jahres, der Periode des Hochwassers aller Strme der
sibirischen Niederung, war auch der Wasserstand des Irtysch ein
ungewhnlich hoher, so da die heftige, fast reiende Strmung die
Ueberschreitung des Flusses ziemlich schwierig machte. Auch der beste
Schwimmer htte sich wohl nicht hindurch zu arbeiten vermocht; ja, selbst
eine Fhre, das einzige Mittel zur Ueberfahrt ber den Irtysch, bot jetzt
einige Gefahren.

Diese Gefahren aber konnten, ebenso wenig wie alle anderen, Michael
Strogoff und Nadia auch nur einen Augenblick aufhalten, da Beide
entschlossen waren, all' und jedem Hinderni ohne Besinnen zu trotzen.

Inzwischen machte Michael Strogoff seiner jungen Begleiterin den
Vorschlag, erst allein ber den Flu zu gehen, indem er sich auf der mit
dem Fuhrwerk und der Bespannung beladenen Fhre einschiffen wollte, denn
er frchtete, da das Gewicht dieser Ladung die Sicherheit der Fhre
einigermaen in Frage stellen knne. Nachdem er Pferde und Wagen am
jenseitigen Ufer gelandet, wollte er zurckkehren, um Nadia abzuholen.

Nadia verweigerte diese Rcksichtnahme, welche eine volle Stunde
Zeitverlust veranlat htte, und sie wollte um ihrer persnlichen
Sicherheit halber nie die Ursache einer Verzgerung sein.

Die Einschiffung ging nicht gar so leicht von statten, denn das Ufer stand
jetzt theilweise unter Wasser und die Fhre konnte in Folge dessen nicht
so nahe anlegen.

Nach halbstndiger Anstrengung brachte der Fhrmann den Taranta und die
drei Pferde glcklich auf dem Fahrzeug unter. Michael Strogoff, Nadia und
der Jemschik schifften sich ein, und man stie nun vom Ufer.

Whrend der ersten Minuten ging Alles ganz gut. Der Strom des Irtysch, der
sich weiter stromauf an einer weit vorspringenden Landzunge brach, bildete
hier eine Art Wirbel, welchen die Fhre leicht berwand. Die beiden
Schiffer stieen das Fahrzeug mit zwei langen Stangen, deren sie sich sehr
geschickt bedienten, vorwrts; je mehr sie sich aber der Mitte des Stromes
nherten, desto mehr vertiefte sich dessen Bett, so da von den Stangen
kaum noch der obere Theil frei blieb, auf den jene sich mit der Schulter
stemmten. Dieser Kopf der Stange ragte zuletzt kaum noch einen Fu aus dem
Wasser, was die Arbeit der Leute natrlich nicht wenig erschwerte.

Michael Strogoff und Nadia hatten im hinteren Theile der Fhre Platz
genommen und beobachteten, immer in der Furcht eine Verzgerung zu
erleiden, aufmerksam die Anstrengungen der Bootsfhrer.

"Achtung!" rief da der Eine hastig seinem Kameraden zu.

Diesen Zuruf veranlate eine unerwartete Wendung der Fhre, welche mit
groer Geschwindigkeit vor sich ging. Sie ward direct von der Strmung des
Flusses ergriffen und von dieser stromabwrts mit fortgerissen. Es
handelte sich also darum, durch geschickte Handhabung der Stangen die
Fhre wieder in schrge Linie gegen die Richtung der Wellenbewegung zu
bringen. Die Bootsfhrer lieen nichts unversucht, und es gelang ihnen,
wenn auch mit einiger Mhe, die Direction des Fahrzeugs wieder zu
verndern und nach dem rechten Ufer zu etwas an Weg zu gewinnen.

Man konnte schon mit Sicherheit berechnen, da das Fhrboot fnf bis sechs
Werst stromab von der Abfahrtsstelle das Ufer erreichen wrde, was ja
nicht von zu groer Bedeutung war, wenn nur Menschen und Thiere glcklich
das Land erreichten.

Die beiden Bootsfhrer, krftige Mnner, welche noch das Versprechen eines
reichlichen Fhrgeldes besonders antrieb, setzten nicht den mindesten
Zweifel in das glckliche Ueberschreiten des angeschwollenen Irtysch.

Dabei lieen sie freilich einen Zwischenfall auer Acht, den sie unmglich
voraussehen konnten, und weder ihr Eifer noch ihr Geschick htten eben
gegen diesen etwas auszurichten vermocht.

Die Fhre befand sich inmitten der Strmung, etwa in gleicher Entfernung
von beiden Ufern, und schwamm mit der Schnelligkeit von zwei Werst in der
Stunde mit jener thalabwrts, als Michael Strogoff sich erhob und mit
gespannter Aufmerksamkeit die Blicke stromaufwrts richtete.

Er bemerkte in dieser Richtung einige Barken, die der Strom mit ungeheurer
Schnelligkeit herabtrug, denn zu der der Wasserbewegung gesellte sich noch
der Druck der Ruder, mit denen sie ausgerstet waren.

Auf Michael Strogoff's Stirn bildeten sich pltzlich einige Falten und ein
leiser Schrei kam unwillkrlich ber seine Lippen.

"Was giebt es?" fragte das junge Mdchen.

Aber bevor Michael Strogoff noch Zeit fand zu antworten, rief einer der
Bootsfhrer mit erschrockener Stimme:

"Die Tartaren! Die Tartaren!"

Wirklich glitten einige von Bewaffneten besetzte Barken den Irtysch in
grter Schnelligkeit hinab und muten binnen wenigen Minuten die Fhre
erreichen, welche viel zu tief im Wasser ging, um jenen schnell genug
entweichen zu knnen.

Erschreckt durch diesen Anblick schrieen die Fhrleute verzweifelt auf und
verlieen ihre Bootshaken.

"Muth, Muth, Freunde! rief ihnen Michael Strogoff zu! Fnfzig Rubel sind
euer, wenn wir das Ufer noch vor der Ankunft jenes Raubgesindels
erreichen!"

Dieses Versprechen belebte noch einmal die kleinmthigen Fhrleute so
weit, da sie mit dem Aufgebot aller Krfte die scharfe Strmung zu
durchschneiden suchten, aber dennoch zeigte sich bald die Unmglichkeit,
vor Ankunft der Tartaren zu landen.

Wrden diese nun vorberfahren, ohne die Fhre und ihre Insassen zu
belstigen? Wahrscheinlich nicht! Im Gegentheil hatte man von diesen
Barbaren Alles zu frchten.

"Hab' keine Furcht, Nadia, sagte Michael Strogoff, aber bereite Dich vor
auf Alles!

-- Ich bin es, antwortete Nadia.

-- Selbst Dich in den Flu zu strzen, wenn ich es verlangte?

-- Auf Dein erstes Wort.

-- Vertraue mir, Nadia.

-- Ich vertraue Dir stets."

Die Tartarenboote schwammen jetzt nur noch in einer Entfernung von hundert
Schritten daher. Sie trugen eine Abtheilung bukharischer Soldaten, welche
offenbar eine Recognoscirung von Omsk beabsichtigten.

Die Fhre befand sich jetzt noch zwei Schiffslngen weit vom Ufer. Die
Schiffer verdoppelten ihre Anstrengungen. Auch Michael Strogoff sprang
ihnen noch bei und ergriff einen Bootshaken, den er mit bermenschlicher
Kraft handhabte. Vermochte er den Taranta noch auszuschiffen und im Galop
davon zu fahren, so schimmerte ihm doch noch einige Hoffnung, den nicht
berittenen Tartaren zu entgehen.

Aber alle Mhe, alle Anstrengung sollte vergeblich sein!

"_Sarin na kitschu!_" riefen die Soldaten aus dem ersten Boote.

Michael Strogoff verstand das Kriegsgeschrei der tartarischen Piraten, auf
das es keine andere Antwort gab, als sich platt auf den Boden zu werfen.

Und da weder er selbst noch die Bootsfhrer diesem Befehle gehorchten,
knatterte eine krftige Gewehrsalve, von der zwei der Pferde tdtlich
getroffen wurden.

Da - in diesem Augenblick, - folgte auch ein heftiger Sto: die Barken
waren an der Langseite der Fhre angelangt.

"Komm, Nadia!" rief Michael Strogoff, bereit sich mit ihr ber Bord zu
strzen.

Eben wollte das junge Mdchen ihm nachfolgen, als Michael Strogoff von
einem Lanzenstoe getroffen in den Strom fiel. Das Wasser ri ihn mit weg;
einen Augenblick noch kmpften seine Arme ber den Fluthen, dann
verschwand er unter den wirbelnden Wellen.

Nadia hatte es mit einem Schrei gesehen; doch bevor sie noch Zeit gewann,
sich Michael Strogoff nachzustrzen, ward sie ergriffen, weggeschleppt und
in eines der Boote gefangen gesetzt.

Einen Augenblick nachher fielen die Bootsfhrer, von Lanzenstichen
durchbohrt, und die Fhre trieb steuerlos weiter, whrend die Tartaren den
Lauf des Irtysch weiter stromab ruderten.




                           Vierzehntes Capitel.


                             Mutter und Sohn.


Omsk ist die officielle Hauptstadt des westlichen Sibiriens. Es ist zwar
nicht die bedeutendste Stadt des gleichnamigen Gouvernements, da Tomsk
mehr Einwohner zhlt und einen betrchtlicheren Umfang hat, in Omsk
residirt jedoch der Generalgouverneur dieser ersten Hlfte des asiatischen
Rulands.

Omsk besteht genau genommen aus zwei verschiedenen Stdten, von denen die
eine ausschlielich von den Behrden eingenommen und von den zugehrigen
Beamten bewohnt ist, whrend die andere vorzglich die sibirischen
Kaufleute, deren Handelsbeziehungen freilich von keiner besonderen
Bedeutung sind, beherbergt.

Die Einwohnerzahl dieser Stadt mag sich auf 12-13,000 Seelen belaufen. Sie
wird durch eine von Bastionen verstrkte Umwallung vertheidigt; freilich
bestehen diese Befestigungen nur aus Erdwerken und bieten nur einen sehr
unzulnglichen Schutz. Die Tartaren gingen, wohl bekannt mit obiger
Sachlage, eben jetzt daran, die Stadt durch einen Sturmangriff in ihre
Gewalt zu bringen, was ihnen auch nach einer Einschlieung von nur wenigen
Tagen gelingen sollte.

Die kaum 2000 Mann zhlende Besatzung von Omsk hatte mannhaften Widerstand
geleistet. Das obere Quartier von Omsk war hierbei in eine Art Citadelle
umgewandelt, die Huser und Kirchen mit Schiescharten versehen worden,
und in diesem improvisirten Kreml hielten sich die Truppen zur Zeit noch,
trotz der mangelnden Aussicht auf eine baldige Entsetzung. Die
tartarischen Truppen dagegen erhielten unter Benutzung des Wasserweges auf
dem Irtysch tagtglich neuen Zuzug und wurden, - hier ein besonders
wichtiger Umstand, - von einem Officier angefhrt, der zwar ein Verrther
an seinem Vaterlande, aber doch ein Mann von hohem Verdienste und
beispielloser Khnheit war.

Iwan Ogareff befehligte die feindlichen Schaaren.

Iwan Ogareff, ebenso furchtbar, wie der Tartarenchef, den er vorwrts
drngte, zeichnete sich durch tiefe militrische Kenntnisse aus. In seinen
Adern rollte, ein Erbtheil von seiner Mutter, welche von asiatischer
Herkunft war, auch etwas mongolisches Blut; er liebte jede List, legte
gern Hinterhalte und schreckte vor keinem Mittel zurck, wenn es ihm
darauf ankam, dem Gegner eine Falle zu stellen. Arglistig von Natur,
bediente er sich bald der gemeinsten Verkleidungen und trat gelegentlich
selbst als Bettler auf, wobei ihn seine auerordentliche Geschicklichkeit
der Verstellung des uern Ansehens und des ganzen Benehmens wesentlich
untersttzte. Dabei befhigte ihn seine Grausamkeit, im Nothfall den
Henker selbst zu spielen. Feofar-Khan besa in ihm einen Stellvertreter,
der es vollkommen verdiente, ihm bei jenem wilden Kriegszuge beizustehen.

Als Michael Strogoff an den Ufern des Irtysch anlangte, war Iwan Ogareff
schon Herr in Omsk und beeilte die Belagerung des hher gelegenen
Stadtviertels um so mehr, als er Eile hatte, sich nach Tomsk zu begeben,
wo sich die Hauptmacht der Tartarenhorden concentrirte.

Tomsk war nmlich vor einigen Tagen in Feofar-Khan's Hnde gefallen und
von hier aus wollten die Eindringlinge, nach der Besitznahme der
centralsibirischen Gebiete, nach Irkutsk aufbrechen.

Irkutsk bildete das eigentliche Ziel Iwan Ogareff's.

Der Plan des erbrmlichen Verrthers ging dahin, sich dem Grofrsten
daselbst unter falschem Namen anzuschlieen, sein Vertrauen zu
erschleichen und ihn zur gegebenen Stunde sammt der Stadt den Tartaren in
die Hnde zu liefern.

Mit dieser Stadt und einer solchen Geiel im Besitz mute das ganze
asiatische Sibirien in die Gewalt der Eindringlinge kommen.

Wir wissen ja von frher, da dieser Anschlag zur Kenntni des Czaaren
gelangt war, und um ihn zu vereiteln, hatte man Michael Strogoff mit der
hochwichtigen Mission betraut. Deshalb erhielt der junge Mann seiner Zeit
auch die gemessensten Befehle, das von den Feinden berschwemmte Land
unter falschem Namen zu durchreisen.

Bis hierher hatte er seine Mission getreulich erfllt - wrde er sie aber
auch jetzt noch ebenso zu Ende fhren knnen?

Der Lanzensto, den Michael Strogoff empfing, war nicht tdtlich gewesen.
Unter dem Wasser schwimmend erreichte er ungesehen das rechte Fluufer und
brach in dem Gebsch daselbst kraftlos zusammen.

Als er wieder zum Bewutsein kam, sah er sich zu seiner Verwunderung in
der Htte eines Mujik, der ihn aufgehoben und verpflegt hatte, und dem er
zunchst die Rettung seines Lebens dankte. Seit wie lange mochte er der
Gast des braven Sibiriers sein? - er vermochte sich darber keine
Rechenschaft zu geben. Als er die Augen ffnete, bemerkte er ber sich ein
brtiges, aber freundliches Gesicht, auf dem ein theilnehmendes Lcheln
spielte. Schon wollte er fragen, wo er sich befinde, als der besorgte
Mujik ihm zuvorkam:

"Sprich nicht, Vterchen, sprich nicht! Du bist noch zu schwach. Ich werde
Dir sagen, wo Du bist, und erzhlen, was sich zugetragen hat, seitdem ich
Dich in mein Huschen schaffte."

Der redliche Landmann erzhlte hierauf den Verlauf des kurzen Kampfes,
dessen Augenzeuge er zufllig geworden, den Angriff der Tartarenboote, die
Plnderung des Taranta, die Ermordung der Fhrleute ...

Doch darauf hrte Michael Strogoff kaum, er fuhr mit der Hand unter seine
Kleidung und fhlte den kaiserlichen Brief noch immer unversehrt auf
seiner Brust.

Er athmete auf, noch war er inde nicht jeder Sorge ledig.

"Mich begleitete ein junges Mdchen, sagte er.

-- Sie wurde nicht getdtet! antwortete der Mujik, der die Unruhe zu
beschwichtigen suchte, die aus den Augen seines Pflegebefohlenen
leuchtete. In einer Barke haben sie jene entfhrt, als sie den Irtysch
weiter stromab ruderten! Sie ist jetzt eine Gefangene mehr, welche man mit
ihren Leidensgefhrtinnen nach Tomsk schleppt!"

Michael Strogoff konnte keine Sylbe erwidern, er prete seine Hand auf's
Herz, um dessen strmisches Klopfen zu bewltigen.

Und doch, trotz aller Prfungen, beherrschte nur ein Gefhl seine ganze
Seele, das Gefhl seiner heiligen Pflicht.

"Wo bin ich? fragte er.

-- Auf dem rechten Ufer des Irtysch und nur fnf Werst von Omsk entfernt,
antwortete ihm der Mujik.

-- Was fr eine Wunde empfing ich damals, da sie mich so lange
besinnungslos machen konnte? Vielleicht einen Flintenschu?

-- Nein, einen jetzt vernarbten Lanzenstich am Kopfe, erwiderte der Mujik.
Nach einigen Tagen der Ruhe, Vterchen, wirst Du, denk' ich, Deinen Weg
fortsetzen knnen. Du warst in's Wasser gestrzt. Die Tartaren haben Dich
weder berhrt noch geplndert; auch Deine Brse steckt noch in Deiner
Tasche."

Michael Strogoff reichte dem ehrlichen Bauer die Hand. Dann richtete er
sich mit einer pltzlichen Anstrengung auf und fragte:

"Wie lange liege ich schon in Deinem Hause, guter Freund?

-- Seit drei Tagen.

-- Drei ganze Tage verloren!

-- Drei Tage, whrend der Du bewutlos dalagst.

-- Kannst Du mir ein Pferd verkaufen?

-- Du willst weiter reisen?

-- Womglich noch diesen Augenblick.

-- Ich habe weder ein Pferd, noch einen Wagen, Vterchen. Wo die Tartaren
vorber zogen, da ist von solchen Dingen nichts brig geblieben.

-- So werde ich nach Omsk zu Fu gehen mssen, um dort ein Pferd zu kaufen.

-- Pflege Dich nur noch einige Stunden, dann wirst Du besser im Stande
sein, Deinen Weg fortzusetzen.

-- Keine Stunde lnger!

-- So komm, antwortete der Mujik, da er einsah, da er vergeblich dem
festen Willen seines Gastes entgegen trat. Ich werde Dir selbst das Geleit
geben, fgte er hinzu. Uebrigens befinden sich noch viele Russen in Omsk
und vielleicht gelangst Du noch unbemerkt hindurch.

-- Vergelte Dir der Himmel, wackrer Freund, erwiderte Michael Strogoff,
lohne er Dir, was Du Alles fr mich gethan hast!

-- Eine Belohnung! versetzte der Mujik, nur die Thoren erwarten eine solche
auf der Erde."

Michael Strogoff trat aus der Htte. Als er gehen wollte, bermannte ihn
ein so heftiger Schwindel, da er ohne die hilfreiche Untersttzung des
Bauern wohl umgesunken wre, aber bald strkte ihn der Genu der freien
Luft sichtlich. Jetzt fhlte er erst die Nachwehen jenes gegen seinen Kopf
gefhrten Stoes, dessen Heftigkeit seine Pelzmtze glcklicher Weise
gebrochen hatte. Bei der bekannten, ihm innewohnenden Energie war er nicht
der Mann, sich viel um diese Kleinigkeit zu kmmern. Vor seinen Augen sah
er nur das eine Ziel, das entlegene Irkutsk, welches er erreichen mute!
Omsk mute er deshalb ohne jeden Aufenthalt passiren.

"Gott schtze meine Mutter und Nadia, murmelte er, jetzt habe ich kein
Recht, an Beide zu denken."

Michael Strogoff und der Bauer kamen bald in dem Kaufmannsviertel der
Unterstadt an, in welche sie trotz der militrischen Besetzung derselben
unschwer hineingelangten. Der Erdwall um jene zeigte sich an vielen
Stellen zerstrt, die ebenso viele Breschen darstellten, durch welche sich
die Marodeurs der Armee Feofar-Khan's eindrngten.

Im Innern von Omsk, auf den Straen und Pltzen, wimmelte es von
tartarischen Soldaten, aber man konnte dabei doch leicht wahrnehmen, da
eine eiserne Faust sie hier in den Fesseln einer Disciplin hielt, an
welche Jene wohl nur wenig gewhnt waren. Sie liefen auch nie einzeln
umher, sondern marschirten in bewaffneten Abtheilungen, um in der Lage zu
sein, jeden Angriff abzuwehren.

Auf dem zu einem Lager umgestalteten und dicht mit Wachposten besetzten
Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren in guter Ordnung. An eingerammten
Pfhlen standen die Pferde angebunden, aber stets in voller Ausrstung, um
beim ersten Befehl zum Aufbruch fertig zu sein. Immerhin bildete Omsk nur
einen provisorischen Halteplatz fr die Tartarenreiter, welche die
reicheren Ebenen Ostsibiriens vorziehen muten, weil dort die Stdte
bedeutender, die Landschaften fruchtbarer, die Raubzge also jedenfalls
ergiebiger wurden.

Ueber dem Handelsviertel erhaben thronte die obere Stadt, welche Iwan
Ogareff trotz mehrerer strmischer Angriffe, die immer standhaft
abgewiesen worden waren, in seine Gewalt noch nicht hatte bringen knnen.
Von den in Vertheidigungszustand gesetzten Gebuden flatterten noch immer
die Fahnen mit den russischen Farben.

Nicht ohne einen gewi berechtigten Stolz begrten Michael Strogoff's und
seines Fhrers Wnsche das wehende Banner.

Michael Strogoff kannte die Stadt Omsk natrlich vollstndig. Whrend er
scheinbar seinem Fhrer folgte, wute er doch geschickt die lebhaftesten
Straen zu vermeiden. Das geschah nicht aus Besorgni erkannt zu werden.
In dieser Stadt htte nur seine alte Mutter ihn bei seinem wahren Namen
rufen knnen; aber er hatte geschworen, sie nicht zu sehen, er war
entschlossen, an diesem Versprechen zu halten. Uebrigens war diese
vielleicht - was er von ganzem Herzen wnschte, - nach irgend einem
ruhigeren Theil der Steppe entflohen.

Zum Glck kannte der Mujik persnlich einen Postmeister, der es seiner
Annahme nach fr gute Bezahlung nicht ausschlagen wrde, einen Wagen und
Pferde entweder zu verleihen oder zu verkaufen. Dann blieb nur noch die
Schwierigkeit brig, die Stadt selbst zu verlassen, wobei die zahlreichen
Breschen in der Umwallung freilich Michael Strogoff's Entkommen
einigermaen erleichtern muten.

Der Mujik fhrte seinen Gast also geraden Weges nach dem Relais, als
Michael Strogoff pltzlich in einer engen Strae stehen blieb und sich
hinter einem Mauervorsprunge verbarg.

"Was ist Dir? fragte der Bauer, erstaunt ber dieses unerklrliche
Benehmen.

-- Still, still!" flsterte ihm Michael Strogoff hastig zu, indem er noch
den Finger auf seine Lippen legte.

Eben schwenkte eine Abtheilung Tartaren von dem Hauptplatze ab und bog in
dieselbe Gasse ein, welche Michael Strogoff und sein Begleiter ganz kurz
vorher betreten hatten.

An der Spitze der aus etwa zwanzig Berittenen bestehenden Schaar trabte
ein Officier in sehr einfacher Uniform. Obwohl seine Augen immer von einer
Seite zur andern schweiften, konnte er Michael Strogoff, der seinen
Rckzug ebenso schnell als geschickt bewerkstelligte, unmglich gesehen
haben.

Das Detachement zog in scharfem Trabe durch die enge Strae. Weder der
Officier noch seine Leute achteten besonders auf die Bewohner. Die
Unglcklichen gewannen kaum Zeit, der Reiterabtheilung gengenden Platz zu
machen. Da und dort wurde auch ein halb erstickter Schrei mit einem
rcksichtslosen Lanzenstoe beantwortet und der Weg auf diese Weise in
krzester Zeit gesubert.

"Wer war dieser Officier?" fragte Michael Strogoff, als die Abtheilung
vorber getrabt war, den Bauer, dem er sich jetzt wieder anschlo.

Schon als er diese Frage stellte, ward sein Gesicht so bleich, wie das
einer Leiche.

"Das war Iwan Ogareff, antwortete der Sibirier mit leiser Stimme, aus der
man einen verhaltenen Ha heraushrte.

-- Er!" rief Michael Strogoff, dem dieses Wort mit einem Accente des Zornes
entfuhr, den er nicht zu bemeistern vermochte.

Er hatte in dem Officier jenen Reisenden wieder erkannt, der ihn auf dem
Relais zu Ischim geschlagen hatte.

Und gleichzeitig, so als ob ihm pltzlich ein Licht aufging, erinnerte ihn
dieser Reisende, trotzdem er ihn nur ganz kurze Zeit gesehen hatte, an den
alten Zigeuner, von dem er jene Worte auf der Messe in Nischnij-Nowgorod
vernommen hatte.

Michael Strogoff tuschte sich nicht. Diese beiden Erscheinungen gehrten
nur einer Person an. In der Verkleidung als Zigeuner hatte Iwan Ogareff
unter der Truppe der alten Sangarre die Provinz Nischnij-Nowgorod zu
verlassen gewut, wo er unter den zahllosen Fremden, welche die Messe nach
jener Stadt aus Centralasien heranzieht, Spiegesellen zur Ausfhrung
seines fluchwrdigen Vorhabens gesucht haben mochte. Sangarre nebst der
ganzen brigen Gesellschaft standen nur als Spione in seinem Sold und
waren ihm auf Leben und Tod ergeben. Er war es gewesen, der in der Nacht
auf dem Meplatze jene auffallenden Worte gesprochen hatte, deren Sinn
Michael Strogoff jetzt erst ordentlich verstand; er reiste damals mit der
ganzen Zigeunerbande auf dem Dampfer "Kaukasus"; er berschritt den Ural
jedenfalls auf einem andern Wege von Kasan nach Ischim und erreichte
endlich Omsk, das jetzt unter seinem Befehle seufzte.

Iwan Ogareff war selbst vor kaum drei Tagen erst in Omsk eingetroffen und
ohne jenes unangenehme Zusammentreffen in Ischim und dem beklagenswerthen
Vorfalle, der ihn drei Tage lang am Ufer des Irtysch festhielt, htte
Michael Strogoff Jenen auf dem Wege nach Irkutsk gewi weit berholt.

Und wer wei, wie viel Unglck in der nchsten Zeit dadurch vermieden
worden wre!

Jedenfalls, ja, mehr als je vorher mute Michael Strogoff Iwan Ogareff
ausweichen, um von Letzterem nicht gesehen zu werden. Kam einst der
Zeitpunkt, ihm Auge in Auge gegenber zu treten, so wrde er ihn wieder zu
finden wissen, wenn Jener sich auch zum Herrn von ganz Sibirien
aufgeworfen htte.

Der Mujik und er nahmen also ihren Weg durch die Stadt wieder auf und
gelangten unbelstigt nach dem Posthause. Nach Einbruch der Nacht konnte
es nicht allzu schwierig sein, Omsk durch eine der Breschen zu verlassen.
Dagegen stellte sich die Unmglichkeit heraus, an Stelle des Taranta ein
anderes Fuhrwerk zu erhalten. Es fand sich weder ein Wagen zu miethen,
noch zu kaufen. Aber bedurfte denn Michael Strogoff jetzt wirklich eines
Wagens? War er fr den brigen Theil der Reise nicht allein? Ihm mute
auch schon ein Reitpferd gengen, und ein solches war glcklicher Weise zu
beschaffen. Er bekam ein tchtiges, zum Ertragen schwerer Strapazen
offenbar geeignetes Thier, von dem sich Michael Strogoff, ein gewandter,
ausdauernder Reiter, den grten Nutzen versprach.

Das Pferd kostete eine bedeutende Summe; nach einigen Minuten schon stand
es zum Aufbruch bereit.

Es war jetzt etwa um vier Uhr Nachmittags.

Da Michael Strogoff die Nacht abwarten mute, um die Umwallung zu
passiren, sich in den Straen von Omsk aber doch nicht zeigen wollte, so
blieb er gleich im Posthause und lie sich daselbst einige Strkungsmittel
besorgen.

In dem ffentlichen Wartesaale des Hauses ging es sehr lebhaft zu. So wie
wir es von den russischen Bahnhfen kennen gelernt haben, liefen die
ngstlichen Einwohner hier zusammen, um neue Nachrichten zu erhaschen. Man
sprach von der bevorstehenden Ankunft eines Corps russischer Truppen, zwar
nicht in Omsk, aber in Tomsk, - eines Corps, das diese Stadt den Tartaren
Feofar-Khan's wieder entreien sollte.

Michael Strogoff lauschte gespannt auf jedes in seiner Umgebung
gesprochene Wort, vermied es aber, sich selbst in ein Gesprch
einzulassen.

Pltzlich machte ein Aufschrei ihn erzittern, ein Schrei, der hinabdrang
bis zum Grunde seiner Seele, und an sein Ohr schlugen die beiden Worte:

"Mein Sohn! Mein Sohn!"

Seine Mutter, die alte Marfa, stand vor ihm. Sie lchelte und sie zitterte
doch vor Freude und streckte ihm sehnschtig die Arme entgegen.

Michael Strogoff erhob sich. Er wollte ihr entgegenfliegen ....

Da hielt ihn der Gedanke an seine Pflicht, an die ernsthafte Gefahr fr
seine Mutter und ihn bei dieser bedauerlichen Begegnung pltzlich zurck,
und er gewann so viel Herrschaft ber sich, da auch nicht ein Muskel
seines Gerichtes zuckte.

Zwanzig Personen fllten jetzt den Wartesaal. Unter ihnen konnten recht
wohl einige Spione sein, und wute man denn nicht auch, da Marfa
Strogoff's Sohn zu dem Specialcorps der Couriere des Czaaren gehrte?

Michael Strogoff sprach kein Wort.

"Michael! rief seine Mutter.

-- Wer sind Sie, geehrte Dame? fragte Michael Strogoff, der die Worte mehr
hervorstammelte als aussprach.

-- Wer ich bin? Das fragst Du? Mein Kind, erkennst Du Deine Mutter nicht
mehr wieder?

-- Sie tuschen sich! ... antwortete Michael Strogoff kalt, eine
Aehnlichkeit fhrt Sie irre ...."

Die alte Marfa ging gerade auf ihn zu und stellte sich ihm Aug' in Auge
gegenber.

"Du bist nicht Peter und Marfa Strogoff's Sohn?" sagte sie.

Michael Strogoff htte sein Leben darum gegeben, seine Mutter offen in die
Arme schlieen zu drfen, aber wenn er nachgab, war es nicht nur um ihn,
sondern auch um sie, um seinen Auftrag, um seinen Eid geschehen! Er
bezwang sich nach Krften, er schlo die Augen, um nicht die angsterregten
Zge in dem Antlitz der kindlich verehrten Mutter sehen zu mssen; er zog
seine Hnde zurck, um nicht unwillkrlich den zitternden Hnden, die nach
ihm verlangten, zu begegnen.

"Ich wei in der That nicht, liebe Frau, was ich aus Ihren Worten machen
soll, antwortete er, einige Schritte zurckweichend.

-- Michael! rief noch einmal die bejahrte Mutter.

-- Ich heie nicht Michael! Ich bin nie Ihr Sohn gewesen. Ich bin Nicolaus
Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk!..."

Hastig verlie er den Wartesaal, in dem noch einmal die Worte
wiedertnten:

"Mein Sohn! Mein Sohn!"

Michael Strogoff war abgereist, so schwer es ihm wurde. Er sah seine alte
Mutter, welche bewutlos auf einer Bank zusammen gebrochen war, fr jetzt
nicht mehr. Gerade als der Postmeister ihr zu Hilfe eilen wollte, erhob
sich die alte Frau selbst schon wieder. In ihrem Geiste war es pltzlich
hell geworden. Sie, - verleugnet von ihrem leiblichen Sohne, - das war
unmglich! Ebenso unmglich erschien es ihr aber, sich getuscht und einen
Anderen fr ihn gehalten zu haben. Ohne Zweifel war es ihr Sohn gewesen,
den sie eben gesehen hatte, und wenn Dieser sie nicht wieder erkannte, so
wollte er es nicht, so durfte er sie nicht erkennen, so hatte er triftige,
zwingende Grnde, so zu handeln. Dann unterdrckte sie allen Mutterschmerz
in ihrer Brust und peinigte sich mit dem einzigen Gedanken: "Sollte ich
ihn wider Willen in's Verderben gestrzt haben?"

"Ich bin eine Thrin! antwortete sie Allen, die sie fragten. Meine Augen
haben mich betrogen! Dieser junge Mann ist mein Kind nicht! Er hatte ja
gar nicht dessen Stimme! Lassen wir es. Zuletzt werde ich meinen Sohn noch
in Jedermann zu sehen glauben."

Kaum zehn Minuten spter erschien ein Tartarenofficier im Posthause.

"Marfa Strogoff? fragte er laut.

-- Das bin ich, antwortete die betagte Frau so ruhig im Ton und im Antlitz,
da die Zeugen der vorigen Scene sie kaum wieder erkannten.

-- Komm mit mir!" sagte der Officier.

Mit sicherem Schritte folgte Marfa Strogoff dem tartarischen Officier und
verlie das Posthaus.

Wenige Minuten spter befand sich Marfa Strogoff mitten in dem
Truppenlager des Hauptplatzes und gegenber dem gefrchteten Iwan Ogareff,
dem alle Einzelheiten der oben erzhlten Scene unverweilt berichtet worden
waren.

Iwan Ogareff muthmate ebenfalls den wahren Sachverhalt und hatte die alte
Sibirierin selbst darber befragen wollen.

"Dein Name? leitete er das Verhr in strengem Tone ein.

-- Marfa Strogoff.

-- Du hast einen Sohn?

-- Ja.

-- Er ist Courier des Czaaren?

-- Ja.

-- Wo befindet er sich?

-- In Moskau.

-- Du bist von ihm ohne Nachrichten?

-- Ohne jede Nachricht.

-- Seit wie lange?

-- Seit zwei Monaten.

-- Wer ist aber der junge Mann, den Du noch vor wenig Augenblicken im
Posthause Deinen Sohn nanntest?

-- Ein junger Sibirier, den ich fr ihn hielt, antwortete Marfa Strogoff.
Das ist der Zehnte, in dem ich meinen Sohn zu finden glaubte, seit die
Stadt voller Fremden ist. Ich glaube ihn eben berall zu erkennen.

-- Jener junge Mann war demnach Michael Strogoff nicht?

-- Er war es leider nicht.

-- Weit Du, alte Frau, da ich Dich foltern lassen kann, bis Du die
Wahrheit eingestehst?

-- Ich spreche die Wahrheit, und keine Folter wrde meine Aussage
abzundern vermgen.

-- Jener Sibirier war Michael Strogoff wirklich nicht? fragte zum zweiten
Male und eindringlicher Iwan Ogareff.

-- Nein! Er war es nicht! antwortete Marfa Strogoff zum zweiten Male.
Glaubt Ihr, ich wrde um Alles in der Welt einen solchen Sohn, wie mir ihn
Gott gegeben hat, verleugnen?"

Mit boshaftem Auge fixirte Iwan Ogareff die Frau, die ihm in's Gesicht zu
trotzen wagte. Er zweifelte keinen Augenblick, da sie in dem jungen
Sibirier ihren Sohn wirklich erkannt habe. Und wenn dennoch der Sohn
zuerst die Mutter verleugnet hatte, wie es die Mutter jetzt ihrerseits
that, so muten dem unzweifelhaft sehr ernste Ursachen zu Grunde liegen.

Iwan Ogareff galt es als unbestreitbare Thatsache, da der angebliche
Nicolaus Korpanoff kein Anderer sei, als Michael Strogoff, der Courier des
Czaaren, der sich unter einem falschen Namen verbarg und der einen Auftrag
haben mute, dessen Kenntni fr ihn von der weitgehendsten Bedeutung sein
konnte. Er gab also sofort Befehl, Jenen zu verfolgen.

Dann wendete er sich gegen Marfa Strogoff zurck und sagte:

"Diese Frau soll sofort nach Tomsk bergefhrt werden!"

Und whrend die Soldaten Jene roh und grausam fortdrngten, murmelte er
zwischen den Zhnen:

"Zur passenden Zeit werde ich ihr schon die Zunge zu lsen wissen, der
alten Hexe!"




                           Fnfzehntes Capitel.


                           Der Barabinen-Sumpf.


Es war Michael Strogoff's Glck gewesen, da er das Posthaus so schnell
als mglich verlie. Auf Iwan Ogareff's Befehl wurden sofort alle Ausgnge
der Stadt scharf bewacht und sein Signalement allen Postmeistern
mitgetheilt, um sein Entkommen aus Omsk zu verhindern. Als das aber
geschah, hatte er schon eine Bresche des Erdwalls hinter sich, sein Pferd
jagte durch die Steppe, und da er keine unmittelbaren Verfolger hinter
sich sah, durfte er auf das Gelingen seiner Flucht wohl hoffen. Am 29.
Juli, Abends gegen acht Uhr, hatte Michael Strogoff Omsk verlassen. Diese
Stadt liegt ungefhr in der Mitte des Weges von Moskau nach Irkutsk,
woselbst er vor Ablauf von zehn Tagen eintreffen mute, wenn er die
tartarischen Horden hinter sich lassen wollte. Offenbar hatte der
beklagenswerte Zufall, welcher ihn seiner Mutter vor Augen fhrte, sein
Incognito verrathen. Iwan Ogareff konnte nicht mehr darber im Unklaren
sein, da ein Courier des Czaaren auf dem Wege nach Irkutsk durch Omsk
gekommen sei. Die Depeschen dieses Eilboten muten von besonderer
Wichtigkeit sein. Michael Strogoff ahnte also auch, da man Alles daran
setzen werde, sich seiner Person zu bemchtigen.

Was er aber nicht wute, was er nicht wissen konnte, war, da Marfa
Strogoff sich in Iwan Ogareff's Gewalt befand, da sie ben, vielleicht
mit ihrem Leben bezahlen sollte fr die Erregung ihres Mutterherzens, die
sie bei dem unerwarteten Anblick ihres Sohnes nicht zu unterdrcken im
Stande gewesen war. Ein Glck fr ihn, da er davon nichts wute! Htte er
dieser neuen Prfung widerstehen knnen?

Michael Strogoff trieb sein Ro an, er flte ihm gleichsam dieselbe
fieberhafte Ungeduld ein, die ihn verzehrte; er verlangte nur das Eine von
dem Thiere, ihn so schnell als mglich nach dem nchsten Relais zu tragen,
wo er es gegen ein noch schnelleres Befrderungsmittel einzutauschen
hoffte.

Um Mitternacht hatte er siebzig Werst zurckgelegt und machte bei der
Station Kulikowo Halt. Doch auch hier fand er, eine Besttigung seiner
Besorgni, weder Pferde noch Wagen. Einzelne Abtheilungen Tartaren waren
schon auf der Hauptstrae durch die Steppe dahin gezogen. In den Drfern
und den Postrelais hatte man Alles requirirt oder geradezu gestohlen.
Michael Strogoff konnte kaum einige Nahrung fr sich und etwas Futter fr
sein Pferd erhalten.

Er mute dieses Pferd, fr das sich kein Ersatz mehr zu bieten schien,
etwas schonender behandeln. Da er aber zwischen sich und den ihm von Iwan
Ogareff jedenfalls nachgesendeten Reitern den grtmglichen Zwischenraum
sehen wollte, beschlo er, mglichst schnell weiter zu eilen. Nach einer
nur einstndigen Ruhe schlug er also den Weg durch die Steppe schon wieder
ein.

Bisher hatten die Witterungsverhltnisse die Reise des Czaarencouriers
auffallend begnstigt. Die Lufttemperatur hielt sich in ertrglichen
Grenzen. Die zu dieser Jahreszeit kurze, aber von den durch einen leichten
Wolkenschleier dringenden Mondstrahlen mit einem angenehmen Dmmerlichte
gemilderte Nacht machte die Strae leidlich gangbar. Michael Strogoff zog
brigens, als ein seines Weges kundiger Mann, sicher, ohne Zweifel, ohne
Zgern dahin. Trotz der schmerzlichen Gedanken, die ihn hartnckig
verfolgten, hatte er sich doch eine auerordentliche Klarheit des Geistes
bewahrt und steuerte auf sein Ziel zu, als ob dieses Ziel schon am
Horizonte sichtbar sei. Hielt er, vielleicht bei einer Biegung des Weges,
einen Augenblick an, so geschah es, um sein Pferd etwas Athem schpfen zu
lassen. Dann stieg er, zur Erleichterung des Thieres, einmal ab, drckte
das Ohr auf den Erdboden und lauschte, ob sich der Schall von galopirenden
Pferden an der Oberflche der Steppe fortleitete. Hatte er nichts
Verdachterweckendes wahrgenommen, so setzte er seinen Weg wieder fort.

O, breitete sich jetzt doch die Polarnacht ber diese weite sibirische
Ebene, diese mehrere Monate andauernde Nacht! Es wre viel leichter
gewesen, jene sicher zu durchreisen.

Am 30. Juli, gegen neun Uhr Morgens, passirte Michael Strogoff die Station
Turumoff und begab sich von hier aus nun in die Sumpfdistricte der
Barabinen-Steppe.

Auf einem Gebiete von 300 Werst Lnge konnten hier schon die natrlichen
Hindernisse allein groe Schwierigkeiten verursachen. Der Courier wute
das, aber er wute auch, da er alle siegreich berwinden werde.

Die ausgedehnten, von Norden nach Sden zwischen dem 60. und 52.
Breitengrade liegenden Barabinen-Smpfe bilden das groe Sammelbassin
derjenigen atmosphrischen Niederschlge, welche weder durch den Obi noch
durch den Irtysch einen Abflu finden. Der Boden dieser ungeheuren
Tiefebene besteht aus fast ganz undurchlssigem Lehm, so da das Wasser
darber stehen bleibt und eine whrend der warmen Jahreszeit schwer zu
passirende Gegend darstellt.

Gerade durch diesen Landstrich fhrt aber die Strae nach Irkutsk, mitten
durch die zahlreichen Smpfe, Teiche, Seen, deren gesundheitsgefhrliche
Ausdnstungen bei der heien Sommersonne den Reisenden mindestens mit
schweren Mhseligkeiten, wenn nicht gar mit tckischer Gefahr bedrohen.

Im Winter freilich, wenn der Frost Alles, was sonst flssig war, erstarren
lie, wenn der dichte Schnee den Boden geebnet und geglttet, die
schdlichen Miasmen condensirt und unter sich begraben hat, dann fliegen
die leichten Schlitten gefahrlos ber die erhrtete Kruste der
Barabinen-Steppe. Dann durchziehen fleiig die Jger die wildreichen
Grnde und verfolgen die Marder, die Zobel und die kostbaren Fchse, deren
Felle so gesucht sind. Whrend des Sommers dagegen wird diese Sumpfgegend
kothig, brtet gefhrliche Krankheiten aus und ist bei einigermaen hohem
Wasserstande berhaupt gar nicht zu passiren.

Michael Strogoff lenkte sein Pferd quer durch einen Torfmoor, der nicht
mehr mit jenem kurzen, glatten Rasen bedeckt erschien, von welchem sich
die zahllosen sibirischen Heerden sonst fast ausschlielich ernhren. Hier
dehnte sich nicht mehr eine Wiese ohne Grenzen vor seinen Blicken aus,
sondern eine Art ungeheurer Haide mit baumartigem Gestruch.

Der Rasen stieg hier bis fnf und sechs Fu Hhe auf. Das feine Gras hatte
den Platz gerumt vor ppigen Sumpfpflanzen, denen die andauernde
Feuchtigkeit im Verein mit der brennenden Hitze des Sommers wahrhaft
gigantische Formen verlieh. Vorzugsweise waren es Binsen und Schilf,
welche ein unentwirrbares Netz, ein undurchdringliches Gitter bildeten,
geschmckt mit Tausenden von Blumen von ungemein lebhaften Farben,
darunter vor Allem Lilien und Irisarten, deren Wohlgerche sich mit den
warmen, dem Boden entsteigenden Dnsten mischten.

Michael Strogoff galopirte zwischen den hohen Binsen dahin, wobei ihn von
den die Strae begleitenden Smpfen aus Niemand mehr sehen konnte. Die
groen Stengel berragten ihn sammt dem Pferde, und nur das Aufflattern
unzhliger Wasservgel, die sich neben seinem Pferde erhoben und in
schreienden Gruppen in der Luft zertheilten, verrieth, da sich Etwas in
jenem Dickicht bewege.

Die Strae selbst war brigens in leidlichem Zustande. Hier schnitt sie in
gerader Linie durch das dichte Gewirr der Sumpfpflanzen, dort wand sie
sich um das gekrmmte Ufer ausgedehnter Teiche, von denen einige bei einer
Lnge von mehreren Wersten und ebenso groer Breite schon den Namen von
Seen verdient htten. An anderen Stellen endlich hatte man einzelne
stehende Gewsser nicht umgehen knnen; fr Ueberschreitung derselben
dienten aber keine Brcken in unserem gewohnten Sinne, sondern eine Art
Plateform mit bergelegten Bohlen, welche ebenso leicht schwankten, wie
ein zu dnner ber einen Graben gelegter Steg. Einige dieser primitiven
Straenbrcken dehnten sich bis auf zwei- und dreihundert Schritte Lnge
aus, und man erzhlt sich, da Reisende, mindestens reisende Damen beim
Fahren ber einen solchen schwankenden Weg nicht gar so selten eine Art
Seekrankheit bekommen htten.

Michael Strogoff jagte, ob er nun festen oder schwankenden Boden unter
sich hatte, immer mit derselben Schnelligkeit dahin und setzte in khnem
Sprunge ber die Lcken hinweg, welche die halb verfaulten Planken an
manchen Stellen zwischen sich lieen; so schnell aber Ro und Reiter auch
dahin flogen, so konnten sie doch den belstigenden Stichen der
zweiflgeligen Insecten nicht entfliehen, die in jenen sumpfreichen
Gegenden zur wahren Landplage werden.

Sind Reisende gezwungen, im Sommer durch die Barabinen-Steppe zu fahren,
so versehen sie sich mit Masken aus Pferdehaar, an welche sich ein Stck
feinmaschiges Panzerhemd zum Schutze der Schultern anschliet. Doch trotz
dieser Vorsichtsmaregeln kommen nur Wenige wieder, ohne zahllose rothe
Tpfel im Gesicht, auf dem Hals und den Hnden davon getragen zu haben,
aus diesem Sumpfdistricte heraus. Die ganze Atmosphre erscheint dort wie
erfllt mit haarfeinen Nadeln, und man wird zu dem Glauben verfhrt, da
kaum eine complete Ritterrstung zum Schutz gegen die Stacheln dieser
Zweiflgler hinreichen knne. Hier ist eine traurige Gegend, die der
Mensch den Mcken, Schnaken und Stechfliegen nur mit Aufwand vieler Mittel
streitig macht, - ganz zu schweigen von den Milliarden mikroskopischer
Insecten, welche man mit unbewaffnetem Auge berhaupt nicht wahrzunehmen
im Stande ist; doch wenn man sie auch nicht sieht, so fhlt man sie desto
mehr wegen ihrer unertrglich qulenden feinen Stiche, gegen welche auch
hartgesottene sibirische Jger niemals gleichgiltig werden.

Michael Strogoff's Pferd sprang, von den giftigen Dipteren berfallen,
hufig auf, als wrden ihm tausend Sporen auf einmal in die Flanke
gedrckt. Dann jagte es, raste und flog es in toller Wuth Werst fr Werst
mit der Schnelligkeit eines Eilzuges dahin, peitschte die Seiten mit dem
Schweife und suchte in der Flucht eine Linderung seiner Qualen.

Es gehrte ein so sattelfester Reiter wie Michael Strogoff dazu, um durch
die unerwarteten Bewegungen des Pferdes, durch dessen Aufbumen und
Sprnge, zu denen die unausgesetzten Fliegenstiche es reizten, nicht
abgeworfen zu werden. Fast unempfindlich geworden gegen physischen
Schmerz, nur beseelt von dem einen Verlangen, um jeden Preis sein Ziel zu
erreichen, sah er in dieser sinnlosen Jagd nichts weiter, als da er
seinen Weg mit glcklicher Eile zurcklegte.

Wer wrde nun glauben, da diese in der heien Jahreszeit so ungesunde
Barabinen-Steppe doch noch einer Anzahl Menschen Asyl bte?

Und doch ist es an dem. In groen Zwischenrumen tauchen da und dort
sibirische Weiler auf zwischen den gigantischen Binsen. Mnner, Frauen,
Kinder und Greise, in Thierfelle gekleidet und das Gesicht mit einer
pechberzogenen Maske bedeckt, fhren ihre drftigen Heerden zur Weide; um
die Thiere aber vor den Angriffen der Insecten zu schtzen, halten sie
dieselben stets unter dem Winde in der Nhe von Feuern aus grnem Holze,
die sie Tag und Nacht unterhalten und deren beiende Rauchsulen sich
schwerfllig ber die morastige Niederung ausbreiten.

Als Michael Strogoff bemerkte, da sein Pferd auf dem Punkte stand, vor
Erschpfung zusammen zu brechen, machte er in einem jener elenden Drfchen
halt, und rieb, seine eigene Ermdung vergessend, die vielen Stiche des
armen Thieres nach sibirischer Sitte mit warmem Fett ein; dann gab er ihm
eine tchtige Ration Futter, und erst als er es den Umstnden nach
bestmglich untergebracht und mit Allem versorgt hatte, dachte er an seine
Person, verzehrte zur Wiederherstellung seiner Krfte etwas Brod und
Fleisch und trank einige Glser Kwa dazu. Nach einer, hchstens zwei
Stunden der Ruhe begab er sich wieder auf seinen endlosen Weg nach dem
fernen Irkutsk.

Von Turumoff aus hatte er auf diese Weise neunzig Werst zurck gelegt und
kam am 30. Juli, gegen vier Uhr Nachmittags, unempfindlich fr jede
Anstrengung, in Elamsk an.

Daselbst mute er seinem Pferde eine Nacht Ruhe gnnen. Das muthige Thier
htte jetzt die Reise unmglich fortzusetzen vermocht.

In Elamsk fand sich ebenso wenig als anderswo ein bequemeres
Befrderungsmittel. Aus den nmlichen Grnden, wie in den andern kleinen
Stdten und Flecken, fehlte es auch hier vollkommen an Wagen oder Pferden.

Elamsk, eine kleine Stadt, in welche die Tartaren noch nicht eingedrungen
waren, erwies sich fast ganz entvlkert, denn es konnte von Sden her sehr
leicht berfallen, aber von Norden her nur sehr schwierig beschtzt
werden. Auf hheren Befehl waren das Posthaus, das Polizeiamt, das
Regierungsgebude ebenfalls verlassen, und Beamte ebenso wie Einwohner
nach dem nrdlicher gelegenen Kamsk, in der Mitte der Barabinen-Steppe,
ausgewandert.

Michael Strogoff mute sich also darauf beschrnken, in Elamsk die Nacht
zuzubringen und seinem Pferde zwlf Stunden Ruhe zu gnnen. Er erinnerte
sich der ihm in Moskau an's Herz gelegten Instructionen, Sibirien
unerkannt zu durchreisen, auf jeden Fall und sobald als mglich Irkutsk zu
erreichen, aber, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze, den Erfolg
seiner Fahrt nicht der Schnelligkeit wegen auf's Spiel zu setzen, - in
Anbetracht dieser Umstnde hatte er die Verpflichtung, das einzige ihm
noch verbliebene Befrderungsmittel, das Reitpferd, vernnftig zu schonen.

Am folgenden Tage verlie Michael Strogoff Elamsk wieder, eben als man das
Erscheinen tartarischer Plnkler, auf der Strae durch die
Barabinen-Steppe, etwa zehn Werst jenseit der Stadt, anmeldete, und trabte
wieder in die sumpfige Niederung hinaus. Die Strae lief zwar ganz eben
hin, wodurch das Fortkommen erleichtert, aber in vielfachen Windungen,
wodurch der Weg sehr verlngert wurde. Uebrigens verboten es die
Bodenverhltnisse unbedingt, etwa die Einhaltung einer geraden Linie quer
durch diese Tmpel und Teiche zu versuchen.

Am darauf folgenden Tage, am 1. August, erreichte Michael Strogoff gegen
Mittag den 120 Werst weiter gelegenen Flecken Spasko, und um zwei Uhr
hielt er bei der darauf folgenden kleinen Ortschaft, Pokrowsko, zum
ersten Male wieder an.

Sein durch den langen Ritt von Elamsk bis hierher ber Gebhr
angestrengtes Ro htte auch keinen Schritt mehr vorwrts thun knnen.

Bei dieser ihm aufgezwungenen Ruhe verlor Michael Strogoff zwar den Rest
des Tages und die darauf folgende Nacht, aber er gelangte am nchsten
Tage, dem 2. August, nach einem 75 Werst langen Wege durch das halb unter
Wasser stehende Gebiet doch bis zu dem Stdtchen Kamsk.

Hier bot die Landschaft ein wesentlich anderes Bild. Der kleine Flecken
Kamsk liegt wie eine wohnliche, gesunde Insel mitten in diesem
unheilvollen Gebiete. Er nimmt gerade den Mittelpunkt der Barabinen-Steppe
ein. Dort haben sich, eine heilsame Folge der Kanalisirung des Tom, eines
bei Kamsk vorbeiziehenden Nebenflusses des Irtysch, die pestaushauchenden
Smpfe in ppige, fette Weiden verwandelt. Dennoch vermochten diese
Bodenmeliorationen noch nicht vllig jene Fieber zu besiegen, welche den
Aufenthalt in dieser Stadt whrend des Herbstes noch einigermaen
gefhrden. Immerhin flchten sich hierher die wenigen Bewohner der
Barabinen-Steppe, wenn die verderblichen Sumpfmiasmen sie aus den brigen
Theilen der Provinz vertreiben.

Die durch die Tartaren-Invasion verursachte allgemeine Auswanderung hatte
Kamsk doch noch nicht entvlkert. Die Bewohner glaubten sich in der Mitte
ihres fr grere Truppenmassen so schwer zugnglichen Landes
verhltnimig sicher, mindestens waren sie der Ansicht, zur Flucht noch
immer Zeit zu haben, wenn sie unmittelbar bedroht wrden.

Michael Strogoff konnte hier, so sehr er es auch wnschte, keinerlei
neuere Nachrichten erhalten. Jedenfalls htte sich der Gouverneur vielmehr
an ihn gewendet, wre ihm der wirkliche Charakter dieses angeblichen
Kaufmanns aus Irkutsk bekannt gewesen. Kamsk schien in Folge seiner
besonders gnstigen Lage der brigen sibirischen Welt in der That nicht
anzugehren und gnzlich auerhalb der ernsten Ereignisse zu stehen, die
jene erschtterten.

Uebrigens zeigte sich Michael Strogoff mglichst wenig oder gar nicht. Ihm
gengte es nicht, jedes Aufsehen zu vermeiden, er wnschte berhaupt gar
nicht gesehen zu werden. Die Erfahrungen der jngsten Vergangenheit
verdoppelten seine Vorsicht in der Gegenwart wie fr die Zukunft. So hielt
er sich denn ganz zurckgezogen, trug gar kein Verlangen, die wenigen
Straen des Stdtchens zu durchlaufen, und wollte das Gasthaus, in dem er
abgestiegen war, berhaupt nicht verlassen.

In Kamsk htte Michael Strogoff wohl einen Wagen kaufen und das Reitpferd,
welches ihn von Omsk bis hierher getragen, durch ein bequemeres
Befrderungsmittel ersetzen knnen. Nach reiflicher Ueberlegung sagte er
sich aber, da das Einhandeln eines Taranta doch die Aufmerksamkeit mehr,
als ihm lieb war, auf ihn lenken mute, und da er die von den Tartaren
besetzte Linie noch nicht berschritten hatte, eine Linie, welche etwa mit
dem Irtyschstrome abschnitt, so wollte er es nicht wagen, irgend welchen
Verdacht zu erwecken.

Um brigens diese Barabinen-Steppe zu durcheilen, durch diese
Sumpfniederung zu fliehen, im Fall ihn eine directere Gefahr bedrohen
sollte, um den zu seiner Verfolgung entsendeten Reitern einen Vorsprung
abzugewinnen, um sich im Nothfall auch durch das dichteste Binsenmeer
hindurchzuschlagen, war ein Pferd offenbar mehr werth, als ein Wagen.
Spter, vielleicht jenseit Tomsk oder gar hinter Krasnojarsk, hoffte
Michael Strogoff in irgend einer bedeutenderen Stadt Sibiriens passendere
Gelegenheit zu finden, sich mehr Bequemlichkeit zu verschaffen.

Sein jetziges Reitpferd aber gegen ein anderes umzutauschen, dieser
Gedanke kam ihm gar nicht in den Sinn. Er hatte sich an dieses ausdauernde
Thier schon gewhnt; er wute, was er von ihm verlangen konnte. Als er es
in Omsk erkaufte, hatte er eine glckliche Hand gehabt, und dankbar pries
er noch immer jenen Mujik, der ihn dort zu dem betreffenden Posthalter
fhrte. Doch nicht nur Michael Strogoff fhlte eine gewisse Anhnglichkeit
seinem Pferde gegenber, auch dieses schien sich allgemach an die
Strapazen einer solchen Parforce-Reise zu gewhnen, und wenn ihm nur je
einige Stunden Ruhe gegnnt wurden, konnte sein Reiter wohl hoffen, bis
ber die berfallenen Provinzen hinaus zu gelangen.

Whrend dieses Abends und der Nacht vom 2. zum 3. August verhielt sich
Michael Strogoff also in seinem Gasthause am Eingange des Stdtchens,
einem wenig besuchten Gasthause ohne zudringliche und neugierige Gste.

Von Ermdung bermannt, legte er sich zwar bald, aber doch nicht eher
nieder, als bis er wute, da es seinem Pferde an nichts fehle; trotzdem
vermochte er nur einen hufig unterbrochenen Schlummer zu finden. Zu viele
Erinnerungen, zu viele Sorgen fr die Zukunft regten sich in ihm. Die
Bilder seiner betagten Mutter und seiner schutzlos verlassenen, muthigen,
jungen Gefhrtin zogen abwechselnd vor seinem Geiste auf oder verschmolzen
in ihm wohl auch zu einem einzigen sorgenden Gedanken.

Dann erinnerte er sich wieder seiner Sendung, an deren Ausfhrung ein Eid
ihn band. Was er seit seinem Aufbruche von Moskau selbst gesehen, lie ihn
immer mehr die Wichtigkeit derselben erkennen. Fielen dann seine Blicke
einmal auf den mit dem kaiserlichen Siegel verschlossenen Brief, diesen
Brief, der ohne Zweifel das Heilmittel gegen so zahllose Uebel des von
einem wilden, blutigen Kriege zerrissenen Landes enthielt, - dann
bemchtigte sich Michael Strogoff's fast unbesiegbares Verlangen, sofort
wieder durch die Steppe weiter zu jagen, mit der Hast eines Vogels die
Strecke zu berfliegen, die ihn noch von Irkutsk trennte, ein Adler zu
sein, um alle Hindernisse berwinden zu knnen, ein Orkan, um mit der
Schnelligkeit von hundert Werst die Stunde ber der Erde dahin zu rasen
und endlich vor den Grofrsten zu treten und ihm zuzurufen: "Kaiserliche
Hoheit, von Seiner Majestt dem Czaaren!"

Am andern Morgen um sechs Uhr frh ritt Michael Strogoff wieder mit der
Absicht weiter, an diesem Tage die 84 Werst (= 89 Kilometer) von Kamsk bis
Ubinsk zurckzulegen. Jenseit eines Kreises von etwa 20 Werst fand er ganz
die sumpfige Barabinen-Steppe wieder, welche hier kein Ableitungsgraben
mehr trocken legte, so da der Erdboden manchmal einen Fu hoch unter
Wasser stand. Dann war die Strae nur schwierig zu erkennen, aber er legte
diesen Wegtheil, Dank seiner umsichtigen Aufmerksamkeit, doch ohne Unfall
zurck.

In Ubinsk angelangt lie Michael Strogoff sein Pferd die ganze Nacht ber
rasten, denn er wollte am folgenden Tag die 100 Werst betragende
Entfernung zwischen Ubinsk und Ikulsko durchmessen. Er brach also mit der
Morgenrthe auf, aber leider gestaltete sich die Strae durch diesen Theil
der Barabinen-Steppe immer unwegsamer.

Zwischen Ubinsk und Kamakowa hatten sich nmlich die reichlichen
Regenniederschlge der letztvergangenen Wochen wie in einer
undurchlssigen Schssel in der verhltnimig engen Bodensenkung
angesammelt. Das unentwirrbare Netz von Smpfen, Teichen und Seen hing
fast ohne Unterbrechung zusammen. Einen dieser Seen, - brigens einer von
solcher Gre, da er in der geographischen Nomenclatur wohl einen Platz
verdient htte, - den Tschang (ein von den Chinesen ihm beigelegter Name),
mute Michael Strogoff auf einer Strecke von 20 Werst lngs seines Ufers
unter den grten Schwierigkeiten umreiten, was nothwendiger Weise einige
Verzgerungen veranlate, die er trotz seiner Ungeduld doch nicht zu
vermeiden vermochte. Er sah recht deutlich ein, wie gut er daran gethan,
sich in Kamsk nicht einen Wagen zu nehmen, denn sein Pferd kam hier unter
Verhltnissen noch vorwrts, die jeden Wagen unbedingt aufgehalten htten.

Abends gegen neun Uhr in Ikulsko angekommen, verweilte Michael Strogoff
daselbst die ganze Nacht. In diesem in der Barabinen-Steppe verlorenen
Flecken fehlten die Nachrichten vom Kriegsschauplatze natrlich gnzlich.
Dieser Theil der Provinz war durch seine natrliche Lage, mitten in der
Gabel, welche die tartarischen Heerestheile durch ihr verschiedenseitiges
Abschwenken einerseits nach Omsk, andrerseits nach Tomsk zu, bildeten, von
den Schrecken des Einfalls noch gnzlich verschont geblieben.

Bald muten sich nun auch die natrlichen Schwierigkeiten des Weges
vermindern, denn im Fall er keine Verzgerung erlitt, hoffte Michael
Strogoff am nchsten Tage ber die Barabinen-Steppe hinauszukommen. Spter
bot sich ihm wieder ein weit besserer Weg, wenn er die 125 Werst, die ihn
noch von Kolywan trennten, zurckgelegt hatte.

Von diesem etwas bedeutenderen Stdtchen aus rechnete man bis Tomsk nur
noch die gleiche Entfernung. Dann mute er eine weitere Entscheidung
treffen, die hchst wahrscheinlich in dem Sinne ausfiel, letztere von
Feofar-Khan schon besetzte Stadt ganz zu umgehen.

Wenn sich aber diese kleinen Stdtchen, wie Ikulsko, Karguinsk u. a., in
Folge ihrer Lage mitten in der sumpfigen Steppe, die der Entwickelung der
tartarischen Streitkrfte unberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzte,
noch einer glcklichen Ruhe erfreuten, lag da nicht die Befrchtung nahe,
da Michael Strogoff von den reichen, fruchtbaren Ufern des Obi an an
Stelle der natrlichen Hindernisse allerlei Schwierigkeiten und Gefahren
von Seiten der Menschen zu erwarten haben werde? Jedenfalls durfte er
keinen Anstand nehmen, in dieser Gegend von der Strae nach Irkutsk
abzuweichen. Bei einem Ritte durch die einsame Steppe lief er freilich
Gefahr, sich von allen Hilfsmitteln zu entblen. Dort fand sich nmlich
keine weitere Strae, keine Stadt, kein Dorf mehr. Nur ganz einzeln traf
man auf isolirte Farmen, oder vielmehr auf Htten rmlicher Leute, bei
denen trotz ihrer unzweifelhaften Gastfreundlichkeit sich doch kaum das
Nothwendigste finden mochte. Und dennoch, er durfte nicht zaudern!

Endlich gegen halb vier Uhr Nachmittags verlie Michael Strogoff, nachdem
er noch durch die kleine Station Kargatsk gekommen war, die letzte
Niederung der Barabinen-Steppe und der Hufschlag seines Pferdes verrieth
durch den Schall wieder den harten, trockenen Boden des sibirischen
Landes.

Er hatte Moskau am 15. Juli verlassen. Unter Einrechnung der am Ufer des
Irtysch verlorenen zweiundsiebzig Stunden ergab das bis heute, den 5.
August, eine Reisedauer von einundzwanzig Tagen.

Fnfzehnhundert Werst trennten ihn nun noch von Irkutsk.




                           Sechzehntes Capitel.


                         Eine letzte Anstrengung.


Michael Strogoff hatte ganz Recht, in den Ebenen, welche sich stlich an
die Barabinen-Steppe anschlieen, ein unliebsames Zusammentreffen zu
frchten. Die von Pferdehufen zertretenen Felder bewiesen, da die
Tartaren hier vorber gekommen waren, und auf diese Barbaren passen auch
die zuerst auf die Trken angewendeten Worte: "Auf dem Boden, den der
Trke betrat, wchst kein Grashalm wieder!"

Bei seinem Zuge durch diese Gegend mute Michael Strogoff also die grte
Vorsicht beachten. Einige am fernen Horizonte lagernde Rauchwolken sagten
ihm, da hier die Weiler und Flecken angesteckt worden waren. Rhrten
diese Feuersbrnste nun von den Vortruppen her oder marschirte die ganze
Armee des Emir schon nach den uersten Grenzen der Provinz? Befand sich
Feofar-Khan selbst in dem Gouvernement von Jenisesk? Michael Strogoff
wute hierber nichts und konnte, bevor er nicht weitere Nachrichten
erhielt, nach keiner Seite eine Entscheidung treffen. Sollte das Land so
menschenleer geworden sein, da er keinen einzigen Sibirier mehr fnde, um
von ihm Auskunft zu erlangen?

Michael Strogoff ritt auf der ganz leeren Strae etwa zwei Werst weiter.
Nach rechts und links schweiften seine Augen und suchten ein noch nicht
verlassenes Haus, aber alle, alle fand er de und leer.

Eine einzelne Htte, welche er zwischen einer Gruppe Bume entdeckte,
rauchte noch. Als er sich nherte, fand er wenige Schritte von den
Trmmern seines Hauses einen Greis von weinenden Kindern umringt. Eine
noch ziemlich junge Frau, offenbar die Tochter jenes Mannes und die Mutter
der Kinder, lag knieend auf dem Boden, den verzweifelten Blick starr auf
diese Scene der Verwstung geheftet. Ein zarter Sugling von wenigen
Monaten ruhte noch an ihrer Brust. Alles rings um diese Aermsten war Ruine
und Zerstrung!

Michael Strogoff ging auf den Greis zu.

"Bist Du im Stande, mir zu antworten? fragte er mit ernster Stimme.

-- Rede, erwiderte der alte Mann.

-- Sind die Tartaren hier vorber gekommen?

-- Gewi, sonst stnde mein Haus nicht in Flammen.

-- Ein ganzes Heer oder nur eine Abtheilung?

-- Ein ganzes Heer, denn so weit der Blick reicht, sind unsere Felder
verwstet!

-- Commandirt von dem Emir?...

-- Von ihm, denn das Wasser des Obi frbte sich roth.

-- Und Feofar-Khan ist in Tomsk eingezogen?

-- Gewi.

-- Weit Du, ob die Tartaren sich schon der Stadt Kolywan bemchtigt haben?

-- Nein, denn Kolywan steht noch nicht in Flammen.

-- Ich danke, Freund. - Kann ich Etwas fr Dich und die Deinen thun?

-- Nichts.

-- Auf Wiedersehen!

-- Leb' wohl!"

Nachdem Michael Strogoff noch fnfundzwanzig Rubel niedergelegt hatte vor
dem unglcklichen Weibe, welches nicht einmal im Stande war, ihm zu
danken, gab er seinem Pferde die Sporen und setzte den einen Augenblick
unterbrochenen Weg fort.

Er wute nun Eines: da er es um jeden Preis zu vermeiden habe, Tomsk zu
passiren. Eher schien es mglich, nach Kolywan zu gehen, wo die Tartaren
noch nicht herrschten. Auch in dieser Stadt hatte er nichts Anderes zu
thun, als sich zu strken und mit dem Nthigsten fr eine sehr lange
Tagereise zu versehen. Dann mute er die Strae nach Irkutsk verlassen, um
nach Ueberschreitung des Obi Tomsk zu umgehen, - einen anderen Ausweg sah
er nicht vor sich.

Nach Feststellung dieses neuen Reiseplans durfte Michael Strogoff nicht
einen Augenblick zgern. Er zgerte auch nicht, sondern trieb sein Pferd
zu einer noch schnelleren Gangart an und folgte dem directen Wege, der an
das linke Ufer des Stromes fhrte und bis zu dem noch eine Strecke von 40
Werst zurckzulegen war. Wrde er eine Fhre finden, um dort berzusetzen,
oder sollte das Tartarenheer alle Fahrzeuge zerstrt, weggeschleppt haben
und er gezwungen sein, schwimmend den Strom zu berschreiten? Die Zukunft
mute diese Fragen bald beantworten.

Was sein nun auf's Aeuerste erschpftes Pferd betraf, so wollte es
Michael Strogoff, nach Vollendung der bevorstehenden langen und hchst
anstrengenden Tagereise, in Kolywan womglich gegen ein anderes
vertauschen. Er fhlte wohl, da das arme Thier binnen Kurzem unter ihm
zusammenbrechen mute. Kolywan bildete also fr ihn gleichsam einen neuen
Ausgangspunkt, da er von dieser Stadt aus seine Reise unter sehr
vernderten Verhltnissen fortzusetzen hatte. So lange sein Weg ihn durch
die von den Eindringlingen besetzten Gebiete fhrte, muten die
Schwierigkeiten offenbar groe sein; nach glcklicher Umgehung von Tomsk
aber konnte er die Strae nach Irkutsk wieder benutzen, und da die Provinz
Jenisesk den Verwstungen der Feinde noch entzogen geblieben war, durfte
er wohl hoffen, sein Ziel in wenigen Tagen zu erreichen.

Nach einem recht warmen Tage senkte sich die Nacht herab. Um Mitternacht
hllte tiefe Finsterni die weite Steppe ein. Der Wind, der sich mit
Sonnenuntergang gelegt hatte, hinterlie in der Atmosphre eine
vollkommene Stille. Nur den Hufschlag des Pferdes hrte man auf der
verlassenen Strae, und dann und wann einige Worte, mit denen der Reiter
es aufzumuntern suchte. Mitten in dieser Finsterni bedurfte es der
uersten Vorsicht, um nicht von dem Wege abzukommen; denn immer
begleiteten diesen einzelne Teiche oder kleine Nebenarme des Obi.

Michael Strogoff trabte also mglichst schnell, aber immer mit grter
Aufmerksamkeit weiter. Er verlie sich dabei nicht allein auf die groe
Schrfe seiner Augen, die auch die Finsterni durchdrangen, sondern
daneben auch auf die Klugheit seines Pferdes, dessen scharfen Sprsinn er
kannte.

Eben war Michael Strogoff einmal abgestiegen, um sich ber die genaue
Richtung der Strae zu vergewissern, als er von Westen her ein verworrenes
Gerusch zu vernehmen glaubte. Es klang wie entferntes Pferdegetrappel auf
der trockenen Erde. Ohne Zweifel; ein bis zwei Werst weiter rckwrts
hrte er die regelmigen Hufschlge von Pferden.

Michael Strogoff lauschte, das Ohr auf dem Boden, mit gespanntester
Aufmerksamkeit.

"Das ist eine Reiterabtheilung, sagte er sich, welche auf der Strae von
Omsk daherkommt. Sie scheint sich schnell zu bewegen, denn das Gerusch
nimmt merkbar zu. Sind das nun Russen oder Tartaren?"

Michael Strogoff lauschte noch immer.

"Ja, ja, sprach er halblaut fr sich, sie nhern sich in scharfem Trabe!
Vor Ablauf von zehn Minuten mssen sie hier sein. Mein Pferd wird
schwerlich mit ihnen Schritt halten knnen. Sind es Russen, so wrde ich
mich ihnen anschlieen. Sind es Tartaren, so mu ich ihnen entweichen.
Aber wie? Wo knnt' ich mich verbergen in dieser Steppe?"

Michael Strogoff sah sich forschend um, und sein scharfes Auge entdeckte
eine bei der herrschenden Finsterni kaum erkennbare dunklere Masse etwa
hundert Schritt vor sich zur Linken der Strae.

"Da ist ein kleines Gehlz, sagte er. Wenn ich mich darin verberge, laufe
ich zwar Gefahr, den Reitern in die Hnde zu fallen, wenn sie es
durchsuchen sollten. Inde, ich habe keine Wahl. Da, in der Ferne kommen
sie schon!"

Wenige Minuten spter erreichte Michael Strogoff, sein Pferd am Zgel
fhrend, ein kleines Gehlz von Lrchenbumen, das einen Zugang von der
Strae aus hatte. Vor und hinter demselben zog sie sich ganz frei von
Bumen zwischen den Lchern und Tmpeln hin, welche aus Stechginster und
Haidekraut bestehende Gruppen von Zwergbumen trennten. Zu beiden Seiten
war das Terrain also vllig ungangbar und die Reiterschaar mute
zweifellos an dem kleinen Gehlz vorber kommen, da sie offenbar der
Hauptstrae nach Irkutsk folgte.

Michael Strogoff wand sich also zwischen diese Lrchenbume hinein, bis er
sich etwa nach vierzig Schritten von einem Wasserlauf aufgehalten sah, der
den Hain im Halbkreise begrenzte.

Die Dunkelheit war hier aber eine so tiefe, da Michael Strogoff nicht im
Geringsten Gefahr lief entdeckt zu werden, wenn das Gehlz nicht ganz
peinlich durchsucht wurde. Er fhrte sein Pferd also bis an jenes Wasser,
band es daselbst an einen Baum und schlich sich selbst wieder an den Rand
des Dickichts, um bestimmen zu knnen, wie er sich zu verhalten habe.

Kaum hatte er hinter einigen buschartigen Lrchen Platz genommen, als ihm
ein Lichtschein in's Auge fiel, aus dem da und dort einige glnzende
Punkte in lebhafter Bewegung aufleuchteten.

"Wie? Fackeln!" murmelte er.

Schnell wich er wieder weiter zurck und schlpfte wie ein Wilder
geruschlos in das Gebsch, wo es am dichtesten war.

Bei ihrer Annherung an das Gehlz nahmen die Pferde einen langsameren
Schritt an. Recognoscirten die Reiter etwa die Strae, um sie in allen
Einzelheiten genau kennen zu lernen?

Michael Strogoff mute das befrchten und begab sich wenigstens bis nach
dem steilen Uferrand jenes Wasserlaufs zurck, entschlossen, sich im
Nothfalle auch hinein zu strzen.

Als die Reiterschaar bei dem Gehlz ankam, machte sie Halt. Die Mnner
stiegen ab. Es mochten gegen fnfzig sein. Mehrere derselben trugen
Fackeln, welche die Strae in weitem Umkreise beleuchteten.

An gewissen Vorbereitungen bemerkte Michael Strogoff zu seinem Glcke, da
es keineswegs in der Absicht der Berittenen liege, das Gehlz zu
durchsuchen, sondern nur an dessen Rande zu bivouakiren, den Pferden
einige Ruhe zu gnnen und den Mannschaften etwas Nahrung zu sich nehmen zu
lassen.

Die abgezumten Pferde begannen bald das saftige Gras abzuweiden, das hier
den Boden bedeckte. Die Reiter selbst lieen sich lngs der Strae nieder
und vertheilten die Rationen aus ihren Fouragetaschen.

Michael Strogoff hatte seine vollkommene Kaltbltigkeit bewahrt. Er
schlich wieder nher, erst um Etwas zu sehen, dann um womglich einige
Worte zu vernehmen.

Die hier gelagerte Reiterabtheilung kam von Omsk her. Sie bestand aus
usbeckischen Soldaten, einer in der Tartarei vorherrschenden Race, deren
Typus auf ihre Verwandtschaft mit den Mongolen hinweist. Diese
wohlgebauten, alle ber mittelgroen Mnner mit rohem, wildem
Gesichtsausdrucke trugen auf dem Kopfe einen "Talpak", eine Art Mtze aus
schwarzem Schafpelz, und gelbe, hochschaftige Stiefeln, deren vordere
Spitze aufgebogen war, wie man das an den Schuhen aus gewissen Perioden
des Mittelalters zu sehen gewhnt ist. Ihren Rock aus mit grobem
Baumwollenstoffe gefttertem Kattun umschlo ein Ledergrtel mit rother
Stickerei. Als Vertheidigungswaffe fhrten sie einen Schild, als
Angriffswaffen einen krummen Sbel, ein langes Dolchmesser und ein am
Sattelknopfe hngendes Steinschlogewehr. Ihre Schultern bedeckte noch ein
Filzmantel in grellen Farben.

Die in voller Freiheit am Saume des Gehlzes grasenden Pferde waren von
usbeckischer Race, ebenso wie ihre Reiter. Bei dem Scheine der Fackeln,
die ein lebhaftes Licht durch die Aeste der Lrchen verbreiteten, konnte
man das recht gut erkennen. Etwas kleiner als die Pferde der
turkomanischen Race, aber ungemein krftig und ausdauernd, sind diese doch
als echte Vollblutthiere anzusehen, die eine andere Gangart als scharfen
Trab oder Galop gar nicht zu kennen scheinen.

Die Abtheilung selbst fhrte ein "Pendja-Baschi", d. h. ein Befehlshaber
ber fnfzig Mann, dem noch ein "Deh-Baschi", ein Anfhrer von einer Rotte
zu zehn Mann, untergeordnet war. Diese Officiere trugen Panzerhauben und
Waffenrcke; auerdem bildeten kleine, am Sattelknopfe hngende Trompeten
ihre verschiedene Gradauszeichnung.

Der Pendja-Baschi wollte seine von einem weiten Ritte ermdeten
Mannschaften etwas ausruhen lassen. Plaudernd und den "Beng" (d. i. ein
Hanfblatt, der Hauptbestandtheil des "Haschich", von dem die Asiaten einen
so ausgedehnten Gebrauch machen), rauchend, gingen die beiden Officiere am
Rande des Gehlzes so auf und ab, da Michael Strogoff ihre Unterhaltung
hren und auch die Worte verstehen konnte, da sie sich der tartarischen
Sprache bedienten.

Schon die ersten Worte ihres Gesprchs erregten die Aufmerksamkeit Michael
Strogoff's im hchsten Grade.

Zu seinem Erstaunen war von ihm selbst die Rede.

"Jener Courier kann einen so groen Vorsprung vor uns unmglich haben,
sagte der Pendja-Baschi, und auerdem konnte er bestimmt keinen andern Weg
einschlagen, als die Strae durch die Barabinen-Steppe.

-- Wer wei, ob er Omsk berhaupt verlassen hat? erwiderte der Deh-Baschi.
Vielleicht hlt er sich noch jetzt in irgend einem Hause der Stadt
versteckt.

-- Wahrlich, das wre nur zu wnschen! Dann brauchte der Oberst Ogareff
nicht zu frchten, da die Depeschen, deren Trger der Courier doch ohne
Zweifel ist, an ihren Bestimmungsort gelangten!

-- Man behauptet, Jener solle ein Landeskind, ein Sibirier sein, fuhr der
Deh-Baschi fort. Als solchen mu ihm wohl die Provinz bekannt sein und er
konnte recht wohl von der Landstrae nach Irkutsk abweichen in der
Rechnung, sie erst spter wieder aufzusuchen.

-- Dann wren wir ihm aber voraus, antwortete der Pendja-Baschi, denn wir
haben Omsk kaum eine Stunde nach seiner Abreise aus der Stadt ebenfalls
verlassen und sind bei der grten Schnelligkeit der Pferde dem krzesten
Wege gefolgt. Ob er also in Omsk ganz zurck geblieben oder wir vor ihm in
Tomsk ankommen, um ihm den Weg zu verlegen, jedenfalls wird er Irkutsk
nicht zu erreichen vermgen.

-- Eine derbe Frau brigens, jene alte Sibirierin, die offenbar seine
Mutter ist!" bemerkte der Deh-Baschi.

Bei diesen Worten klopfte Michael Strogoff's Herz, als wollte es springen.

"Ja wohl, erwiderte der Pendja-Baschi, sie versuchte es zwar abzuleugnen,
da dieser vermeintliche Kaufmann ihr Sohn sei, aber es gelang ihr nicht.
Der Oberst Ogareff hat sich dadurch nicht tuschen lassen, denn er sprach
es wenigstens aus, er werde die alte Hexe zur passenden Zeit schon zum
Gestndni der Wahrheit zu bringen wissen."

So viele Worte, so viele Dolchstiche waren das fr Michael Strogoff. Er
war also sicher als Courier des Czaar erkannt. Eine zu seiner Verfolgung
ausgesendete Reiterabtheilung mute ihm unfehlbar den Weg verlegen! Dazu
befand sich, zu seinem tiefsten Schmerze, seine Mutter in der Gewalt der
Tartaren, und der grausame Ogareff rhmte sich, er werde sie zum Sprechen
zu bringen wissen, wenn es ihm beliebte.

Michael Strogoff wute recht gut, da die energische Sibirierin Nichts
aussagen und da ihr diese Weigerung jedenfalls das Leben kosten werde!...

Michael Strogoff glaubte zwar, da er Iwan Ogareff niemals mehr zu hassen
im Stande sei, als er ihn bis jetzt gehat habe, und doch drang ihm auf's
Neue ein bitteres Gefhl des Hasses in's Herz. Der Schurke, der sein
Vaterland verrieth, drohte nun auch noch seine alte Mutter zu foltern!

Das Gesprch der beiden Officiere dauerte noch lnger fort, und Michael
Strogoff glaubte zu verstehen, da in der Umgebung von Kolywan ein
Zusammensto zwischen den von Norden herabziehenden russischen Truppen und
den Tartarenhorden zu erwarten sei. Ein schwaches russisches Corps von
2000 Mann nherte sich, den vom unteren Obi eingegangenen Nachrichten
zufolge, in Eilmrschen der Stadt Tomsk. Wenn sich das besttigte, so
mute jenes Corps, welches von der Hauptmacht des Heeres unter Feofar-Khan
aufgefangen wurde, ohne Zweifel vernichtet werden, und dann gehrte die
Strae nach Irkutsk unbestritten den frechen Feinden.

Seine eigene Person betreffend entnahm Michael Strogoff aus einigen
Aeuerungen des Pendja-Baschi, da auf seinen Kopf ein Preis gesetzt und
Befehl ergangen sei, ihn lebend oder todt einzuliefern.

Daraus ergab sich aber die Nothwendigkeit, den usbeckischen Reitern zuvor
zu kommen und auf der Strae nach Irkutsk den Obi zwischen den Courier und
seine Verfolger zu bringen. Zur Erreichung dieser Absicht mute er aber
vor Aufhebung des Bivouaks zu entkommen suchen.

Michael Strogoff bereitete sich sofort, diesen Entschlu auszufhren.

Die Rast konnte unmglich lange whren, und dem Pendja-Baschi durfte es
kaum beikommen, seinen Leuten mehr als eine Stunde Ruhe zu gnnen, obwohl
ihre seit dem Aufbruche aus Omsk sicherlich nicht gegen frische
verwechselten Pferde gewi in demselben Mae und aus denselben Grnden
erschpft sein muten, wie das Reitpferd Michael Strogoff's.

Er hatte also keinen Augenblick zu verlieren. Es war jetzt um ein Uhr
Morgens. Er mute sich die Dunkelheit, welche bald der Morgenrthe zu
weichen drohte, zu Nutze machen, um das kleine Gehlz wieder zu verlassen
und die Strae zu gewinnen; doch trotz der Begnstigung durch die dunkle
Nacht erschien der Erfolg einer solchen Flucht doch im hchsten Grade
unsicher.

Um Nichts vom blinden Zufall abhngig zu machen, nahm sich Michael
Strogoff Zeit zu berlegen und erwog sorgsam die Aussichten fr und wider,
um einen Entschlu zu fassen, der ihm noch die besten bot.

Aus den rtlichen Verhltnissen ergab sich Folgendes: An der der Strae
entgegen gesetzten Seite des Gehlzes vermochte er nicht zu entweichen,
denn um die Bogenlinie der Lrchenbume, deren Sehne eben die Landstrae
darstellte, lief jener nicht nur tiefe, sondern auch breite und schlammige
Wasserarm. Groe Stechginstern machten ein Passiren desselben fast zur
Unmglichkeit. Unter der schumenden Wasserflche befand sich offenbar
eine steile Vertiefung, in der der Fu keinen Sttzpunkt finden wrde.
Auerdem erschien das Land jenseit des Wasserlaufs mit seinen zerstreuten
Gebschen fr eine eilige Flucht auch mehr als ungeeignet. Erweckte er
einmal die Aufmerksamkeit, so wurde Michael Strogoff gewi mit Aufwendung
aller Mittel und Krfte verfolgt, eingeschlossen und zuletzt von den
tartarischen Reitern gefangen.

Es gab fr ihn also nur einen einzigen benutzbaren Weg, einen einzigen,
die groe Landstrae. Diese zu erreichen, indem er am Rande des Hlzchens
hinschlich, und ohne die Aufmerksamkeit seiner Feinde zu erwecken,
wenigstens eine Viertelwerft Vorsprung zu gewinnen, den letzten Rest der
Kraft und Schnelligkeit seines Pferdes zu benutzen, und sollte es am Ufer
des Obi auch todt zusammenbrechen, diesen bedeutenden Strom mittels eines
Bootes zu berfahren, oder wenn es an jederlei Transportmittel mangeln
sollte, zu durchschwimmen, - das war es, was Michael Strogoff versuchen
und wagen mute.

Seine Thatkraft, sein Muth verzehnfachte sich im Angesicht der Gefahr. Es
handelte sich um sein Leben, um seinen Auftrag, um die Ehre seines Landes,
vielleicht um das Wohl seiner Mutter. Er konnte nicht zgern, er ging an's
Werk.

Er hatte nun keinen Augenblick mehr zu verlieren. Schon entstand wieder
einige Bewegung unter den Mannschaften der Abtheilung. Einige Reiter
gingen auf der Strae, an dem Saume des Wldchens hin und her. Die Andern
lagen noch am Fue der Bume ausgestreckt, aber ihre Pferde fanden sich
nach und nach wieder zusammen.

Erst kam Michael Strogoff der Gedanke, sich eines dieser Pferde zu
bemchtigen, aber er sagte sich doch, da diese nicht minder erschpft
sein mten, als das seinige. Es schien ihm also gerathener, sich dem
Thiere anzuvertrauen, dessen er sicher war und das ihm bis hierher so
vortreffliche Dienste geleistet hatte. Das muthige Thier entging, verdeckt
von hohem Haidekraute, glcklich den Blicken der Tartaren. Diese selbst
drangen ja auch gar nicht in die Tiefe des Hlzchens ein.

Auf dem Boden hinkriechend, nherte sich Michael Strogoff seinem Pferde,
das sich gelagert hatte. Er streichelte es mit der Hand, sprach ihm leise
freundlich zu und brachte es geruschlos wieder auf die Fe.

Eben jetzt verlschten zu Michael Strogoff's Glck die vllig
niedergebrannten Fackeln, und es herrschte, mindestens unter den Gipfeln
der Lrchenbume, die dichteste Finsterni.

Nachdem Michael Strogoff das Gebi wieder eingelegt, den Sattelgurt
festgeschnallt und die Riemen der Steigbgel geprft hatte, begann er sein
Pferd langsam am Zgel fortzuziehen. Uebrigens folgte das intelligente
Thier, so als verstnde es, was man von ihm wolle, willig seinem Herrn,
ohne nur ein einziges Mal zu wiehern.

Dennoch hoben einige usbeckische Pferde neugierig die Kpfe und wandten
sich dem Rande des Gehlzes zu.

In der rechten Hand hielt Michael Strogoff seinen Revolver, bereit, dem
ersten tartarischen Reiter, der sich nhern wrde, den Kopf zu
zerschmettern. Glcklicher Weise hrte er aber keinen Weckruf und konnte
den rechts auslaufenden Winkel des Wldchens, da wo dieser an die Strae
herantrat, erreichen.

Um womglich nicht gesehen zu werden, beabsichtigte Michael Strogoff sich
erst so spt als mglich in den Sattel zu schwingen, und jedenfalls erst,
nachdem er ber eine Wendung des Weges, die sich etwa 200 Schritte jenseit
des Gehlzes befand, hinter sich haben wrde.

Zum Unglck aber witterte ihn, als Michael Strogoff eben den Waldrand
berschritt, das Ro eines Usbeck, wieherte und trabte auf ihn zu.

Sein Reiter lief ihm nach, es zurck zu fhren, als er aber beim ersten
schwachen Tagesgrauen ein unerwartetes Schattenbild bemerkte, rief er
laut:

"Achtung!"

Auf diesen Ruf erhob sich die ganze Mannschaft des Bivouaks und strzte
hervor auf die Strae.

Michael Strogoff hatte sich nur in den Sattel zu schwingen und im Galop
davon zu jagen.

Die beiden Officiere des Detachements hatten sich an die Spitze ihrer
Leute gestellt und trieben diese an, sich schnell fertig zu machen.

Jetzt sa Michael Strogoff schon auf dem Pferde.

Da krachte ein Schu und eine Kugel durchlcherte den Mantel des Couriers.

Ohne den Kopf zu wenden und ohne den Angriff zu erwidern, gab er beide
Sporen, erreichte mit einem khnen Sprunge vom Waldrande aus die Strae
und jagte mit verhngtem Zgel in der Richtung nach dem Obi davon.

Die usbeckischen Pferde waren abgezumt worden, er mute also vor den
Reitern des Detachements einigen Vorsprung gewinnen knnen; freilich
beeilten auch diese sich, ihm nachzusetzen, und wirklich hrte er, kaum
zwei Minuten nachdem er das Hlzchen verlassen, die schnellen Tritte
mehrerer Pferde, welche ihm nach und nach nher kamen.

Schon begann es im Osten zu tagen und deutlicher traten in einem weiteren
Umkreise alle Gegenstnde hervor.

Michael Strogoff sah, als er sich einmal umwendete, da ein Reiter ihn
besonders schnell einzuholen drohte.

Es war der Deh-Baschi. Dieser vorzglich berittene Officier sprengte der
ganzen Abtheilung voraus und mute den Flchtling bald erreichen.

Ohne anzuhalten schlug Michael Strogoff mit gewohnter sicherer Hand den
Revolver auf ihn an, zielte einen Augenblick, und mitten in die Brust
getroffen sank der Officier vom Pferde.

Aber die andern Reiter folgten ihm auf dem Fue nach, und ohne sich wegen
ihres gefallenen Fhrers aufzuhalten, sausten sie unter wildem
Rachegeschrei, die Sporen fest in die Flanken der Pferde gedrckt, weiter,
und mehr und mehr verminderte sich die Distanz zwischen ihnen und Michael
Strogoff.

Etwa eine halbe Stunde lang vermochte sich Letzterer auerhalb der
Tragweite ihrer Schiewaffen zu halten, aber er bemerkte leider, da die
Krfte seines Pferdes nun zu Ende gingen, und frchtete mit Recht, da
dieses, wenn es gegen irgend ein Hinderni stiee, strzen wrde, um nicht
wieder aufzustehen.

Jetzt war es schon ziemlich tageshell geworden, wenn auch die Sonne noch
nicht ber dem Horizonte stand.

In einer Entfernung von etwa zwei Werst schlngelte sich eine durch Bume
begrenzte hellere Linie hin.

Das war der Obi, der fast im gleichen Niveau mit dem Erdboden von
Sdwesten nach Nordosten dahinflo und als dessen Thalbett man fglich die
ganze umgebende Steppe ansehen mute.

Wiederholt knatterten die Gewehre hinter Michael Strogoff her, ohne da
eine Kugel ihn verletzte, und mehrmals mute auch er gegen Reiter, die ihm
zu gefhrlich nahe kamen, von seinem Revolver Gebrauch machen. Jedesmal
rollte ein Usbeck, unter dem Wuthgeheul seiner Kameraden, schwerverwundet
in den Sand.

Trotz alledem konnte diese Hetzjagd endlich nur zum Nachtheil Michael
Strogoff's ausfallen. Sein Pferd keuchte athemlos und bis zum Tode
erschpft, doch gelang es ihm noch, dasselbe bis an das Fluufer zu
treiben.

Die Abtheilung Usbecks befand sich jetzt kaum noch fnfzig Schritte hinter
ihm.

Auf dem vollstndig verlassenen Obi erblickte er weder eine Fhre, noch
ein Fahrzeug, die zum Uebersetzen ber den Strom htten dienen knnen.

"Jetzt Muth, mein wackres Ro! rief Michael Strogoff. Vorwrts! Jetzt
gilt's die letzte Anstrengung!"

Er strzte sich in den Flu, dessen Breite hier wohl eine halbe Werst
betragen mochte.

Gegen die rasche Strmung war nur schwer anzukmpfen. Michael Strogoff's
Pferd konnte nirgends Fu fassen. Ohne jeden Sttzpunkt mute es die
brausend schnell dahinziehenden Wellen also nur durchschwimmen. Ein Wunder
von Muth gehrte fr Michael Strogoff dazu, diesem Wasserschwalle zu
trotzen.

Die Reiter hatten am Ufer des Stromes Halt gemacht; sie zauderten, sich
ebenfalls in denselben nachzustrzen.

In diesem Augenblick aber ergriff der Pendja-Baschi sein Gewehr und zielte
sorgfltig auf den Flchtling, der sich schon in der Mitte der Strmung
befand. Der Schu krachte, und tdtlich in der Flanke getroffen versank
das Pferd Michael Strogoff's unter seinem Reiter.

Noch zeitig genug befreite sich dieser aus den Steigbgeln, eben als sein
treues Thier unter den Wellen des Flusses verschwand. Endlich gelangte er
unter fortwhrendem Niedertauchen und nur auf Augenblicke an der
Oberflche Athem schpfend trotz des nachgesendeten Kugelregens glcklich
an das rechte Fluufer und verschwand hinter den Gebschen, die sich lngs
des Obirandes hinzogen.




                          Siebenzehntes Capitel.


                      Bibelsprche und Liederverse.


Michael Strogoff befand sich einigermaen in Sicherheit; immerhin war
seine Lage noch eine schreckliche.

Jetzt, da das treue Thier, das ihm bis hierher so muthig gedient, in den
Wellen des Stromes den Tod gefunden hatte, wie sollte er seine Reise
fortsetzen knnen?

Er war zu Fu, ohne Lebensmittel, in einem durch die Emprung verwsteten,
durch die Plnkler des Emir schon ausgesaugten Lande und dabei noch eine
groe Strecke von dem Ziele, das er erreichen mute, entfernt.

"Bei Gott, ich komme doch noch dahin! rief er wie als Antwort auf alle
Einwnde der Ohnmacht, die in seinem Geiste einen Augenblick aufstiegen.
Der Herr schtzt das heilige Ruland!"

Michael Strogoff befand sich jetzt auerhalb des Bereichs der usbeckischen
Reiter. Diese hatten nicht gewagt, ihn durch den Flu weiter zu verfolgen,
und muten auch annehmen, da er ertrunken sei, da sie ihn nach dem
letzten Verschwinden unter dem Wasser am rechten Ufer des Obi nicht wieder
auftauchen sahen.

Aber Michael Strogoff erreichte, unter dem mannshohen Schilfe des Ufers
hinschlpfend eine hhere Stelle des Abhanges, wenn auch nur mit groer
Mhe, da ein tiefer, von dem Austreten des Stromes zurckgebliebener
Schlamm seinen Weg sehr schlpfrig machte.

Als er festen Grund und Boden unter sich fhlte, hielt Michael Strogoff an
und berlegte, was nun zu thun sei. Vor Allem war er mit sich darber
einig, Tomsk, das von tartarischen Truppen besetzt war, bestimmt zu
vermeiden. Dennoch mute er einen bewohnten Ort, mindestens ein Postrelais
zu treffen suchen, um sich daselbst wieder ein paar Pferde zu verschaffen.
Mit diesen wollte er sich auerhalb der besetzten Wege halten und die
Strae nach Irkutsk erst in der Gegend von Krasnojarsk wieder einschlagen.
Wenn er sich beeilte, durfte er hoffen, den Weg noch frei zu finden, so
da er nach dem Sdosten der Provinzen am Bakalsee herabgelangen konnte.

Zunchst begann Michael Strogoff sich zu orientiren.

Zwei Werst vor ihm lngs des Obi erhob sich eine kleine Stadt in
pittoresken Stufen auf einem leichten Landrcken. Einige Kirchen mit
byzantinischen, grn und goldig verzierten Kuppeln zeichneten sich am
grauen Himmelsgrunde ab.

Das war Kolywan, wohin die niederen und hheren Beamten aus Kamsk und
anderen Stdten sich zu wenden pflegen, um dem ungesunden Klima der
Barabinen-Steppe zu entfliehen. Kolywan konnte nach den letzten Berichten,
die der Courier des Czaar vernommen hatte, noch nicht in den Hnden der
Eindringlinge sein. Die in zwei Colonnen einherziehenden Tartarenhaufen
hatten sich links nach Omsk, rechts nach Tomsk gewendet, das Land in der
Mitte aber frei liegen lassen.

Das einfache und logische Project, das Michael Strogoff entwarf, bestand
darin, Kolywan vor den usbeckischen Reitern, die dem linken Ufer des
Flusses folgten, zu erreichen. Dort wollte er sich, und wre es auch um
den zehnfachen Preis, Kleider und ein Pferd verschaffen und den Weg nach
Irkutsk durch die innere Steppe wieder einschlagen. Es war drei Uhr
Morgens. Die zur Zeit noch ganz ruhigen Umgebungen von Kolywan schienen
vollkommen verlassen. Offenbar hatte sich die Landbevlkerung auf der
Flucht vor dem Einfall, dem sie keinen Widerstand entgegen zu setzen
vermochte, mehr nach Norden in das Gouvernement Jenisesk zurckgezogen.

Michael Strogoff wandte sich demnach raschen Schrittes nach Kolywan, als
entfernte Detonationen an sein Ohr schlugen.

Er stand still und unterschied deutlich ein dumpfes Rollen, welches die
Luftschichten erschtterte, und dazu ein trockenes Knattern, ber dessen
Natur er sich nicht tuschen konnte.

"Das ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer! sprach er fr sich. Das
kleine russische Corps ist also mit der Tartarenarmee zusammengetroffen! O
gebe der Himmel, da ich vor ihnen in Kolywan ankomme!"

Michael Strogoff tuschte sich nicht. Bald wurden die Detonationen
deutlicher, und weiter rckwrts, links von Kolywan, lagerten sich weie
Dmpfe unten am Horizonte, keine Rauchwolken, sondern jene dichten, scharf
abgegrenzten Dampfwolken, wie sie das Feuer der Artillerie erzeugt.

Am linken Ufer des Obi hatten die usbeckischen Reiter Halt gemacht, um den
Ausgang der Schlacht abzuwarten.

Von dieser Seite hatte Michael Strogoff also nichts zu frchten und
beeilte deshalb seinen Marsch nach der Stadt.

Inzwischen wurde der Kanonendonner strker und nherte sich merklich. Es
war kein verschwimmendes Rollen mehr, sondern eine Folge deutlich
unterscheidbarer Donnerschlge. Gleichzeitig erhob sich der vom Winde
entfhrte Dampf in die Luft, und man erkannte, da die Kmpfer im Sden
offenbar an Terrain gewannen. Kolywan war somit einem Angriff von der
Westseite ausgesetzt. Vertheidigten es aber die Russen gegen die
Tartarenhorden oder suchten sie es den Soldaten des Feofar-Khan wieder zu
entreien? Das lie sich fr jetzt unmglich erkennen und setzte Michael
Strogoff in nicht geringe Verlegenheit.

Nur eine halbe Werst von Kolywan befand er sich, als ein hoher Feuerstrahl
mitten aus den Husern der Stadt aufleuchtete und der Thurm einer Kirche
unter einem Wirbel von Staub und Flammen zusammenbrach.

Tobte der Streit schon in Kolywan? Michael Strogoff mute es wohl glauben;
in diesem Falle kmpften die Russen und Tartaren also in den Straen der
Stadt. Bot sie ihm jetzt noch eine Zuflucht? Lief Michael Strogoff nicht
Gefahr, daselbst gefangen zu werden, und durfte er hoffen, da es ihm
gelingen werde, aus Kolywan ebenso glcklich zu entfliehen, wie vorher aus
Omsk?

Alle diese Gedanken flogen durch seinen Kopf. Er zauderte; er stand einen
Augenblick still.

Erschien es nicht besser, sich zu Fu nach Sden oder Osten, bis zu irgend
einem Flecken, vielleicht nach Diachinsk oder einem andern,
durchzuschlagen, und sich dort um jeden Preis ein Pferd zu verschaffen?

Jedenfalls war das der einzige Ausweg, und sofort wandte sich Michael
Strogoff, indem er das Ufer des Obi verlie, nach der rechten Seite von
Kolywan.

Gerade jetzt krachten die Geschtze lauter als je. Bald zngelten Flammen
an der rechten Seite der Stadt in die Hhe; die Feuersbrunst ergriff ein
ganzes Stadtviertel von Kolywan.

Michael Strogoff lief, was er laufen konnte, quer durch die Steppe und
suchte den Schutz einiger Bume zu erlangen, welche da und dort verstreut
standen, als eine Abtheilung tartarischer Cavallerie auf dem rechten
Stromufer erschien.

Michael Strogoff konnte seine Flucht in der vorigen Richtung nicht mehr
fortsetzen; die Reiter sprengten auf die Stadt zu, und es wre ihm schwer
geworden, ihnen zu entgehen.

Da bemerkte er neben einem kleinen, aber dichten Gebsch ein isolirtes
Huschen, das er wohl zu erreichen hoffen durfte, bevor jene ihn sahen.

Michael Strogoff hatte nichts Anderes zu thun, als dort hin zu eilen, sich
daselbst zu verstecken, um Etwas zu bitten, nthigenfalls sich anzueignen,
womit er seine Krfte wieder herstellen knnte, denn er war nun wirklich
erschpft von Hunger und Strapazen.

Er strzte also auf dieses hchstens eine halbe Werst entfernte Huschen
zu. Nher gekommen sah er erst, da dieses Gebude ein Telegraphenbureau
war. Zwei Drhte liefen davon nach Osten und Westen aus und ein dritter
Draht war in der Richtung nach Kolywan gespannt.

Wohl htte man voraussetzen knnen, da dieses Bureau unter den jetzigen
Verhltnissen verlassen sei, doch mochte dem sein wie ihm wollte, Michael
Strogoff konnte dahin fliehen, im Nothfalle die Nacht abwarten und sich
dann wieder in die Steppe hinaus wagen, welche die tartarischen Plnkler
durchirrten.

Michael Strogoff eilte geraden Wegs auf die Thr des Hauses zu und stie
sie schnell und heftig auf.

Eine einzige Person befand sich in dem Zimmer, in dem die
Telegraphenleitungen zusammenliefen.

Es war ein Beamter, der in seiner Ruhe, in seinem Phlegma sich nicht um
das Geringste kmmerte, was in der Auenwelt vorging. Treu auf seinem
Posten ausharrend, wartete er, da das Publicum seine Dienste in Anspruch
nehme.

Michael Strogoff rannte auf ihn zu und fragte mit vor Erschpfung
gebrochener Stimme:

"Was wissen Sie Neues?

-- Ei nichts, erwiderte der Beamte lchelnd.

-- Es sind doch Russen und Tartaren handgemein geworden?

-- Man sagt es.

-- Aber wer ist Sieger?

-- Das wei ich selbst nicht."

So viel Gemtlichkeit unter so schrecklichen Verhltnissen, so viel
Indifferenz erschien doch kaum glaublich. "Und der Draht ist noch nicht
zerschnitten? fragte Michael Strogoff.

-- Zwischen Kolywan und Krasnojarsk ist die Leitung zerstrt, sie
functionirt aber noch zwischen Kolywan und der russischen Grenze.

-- Fr die Regierung?

-- Fr die Regierung, wenn sie es fr nthig erachtet, fr das Publicum,
wenn dasselbe zahlt. Das Wort kostet zehn Kopeken. Wenn es Ihnen beliebt,
mein Herr?"

Michael Strogoff wollte eben diesem Beamten ohne Gleichen antworten, da
er keine Depesche abzusenden habe, sondern nur gekommen sei, um etwas Brod
und Wasser zu erbitten, als die Thr des Hauses wieder hastig aufgerissen
wurde.

Michael Strogoff bereitete sich schon, in dem Glauben, das Haus sei von
Tartaren berfallen, zu einem Sprunge durch das Fenster, als er noch sah,
da nur zwei einzelne Mnner in den Raum eintraten, die tartarischen
Soldaten nicht im Geringsten hnelten.

Mit einem leicht erklrlichen Erstaunen erkannte Michael Strogoff in
diesen zwei Mnnern zwei Persnlichkeiten wieder, an die er jetzt nicht im
Entferntesten dachte und die er berhaupt niemals wieder zu sehen geglaubt
hatte.

Es waren die beiden Berichterstatter Harry Blount und Alcide Jolivet,
jetzt keine Reisegefhrten mehr, sondern Rivalen, ja Feinde, seitdem sie
ihre Thtigkeit auf dem Kriegsschauplatze begannen.

Ischim verlieen sie seiner Zeit nur wenige Stunden nach Michael
Strogoff's Weiterreise, und wenn sie auf derselben Strae Kolywan vor ihm
erreichten, ja, ihn selbst unterwegs berholten, so kam das daher, da
Michael Strogoff am Ufer des Irtysch drei Tage eingebt hatte.

Jetzt, nach Beobachtung des Kampfes zwischen den russischen und
tartarischen Truppen dicht vor der Stadt, hatten sie Kolywan in dem
Augenblicke verlassen, als der Streit sich in die Straen der Stadt hinein
fortsetzte, waren nach der Telegraphenstation gelaufen, um ihre
rivalisirenden Depeschen nach Europa abzulassen und Einer dem Andern die
erste Meldung der Tagesereignisse streitig zu machen.

Michael Strogoff trat etwas bei Seite an eine dunklere Stelle und konnte
von hier aus, ohne selbst gesehen zu werden, Alles sehen und hren.
Jedenfalls durfte er auf wichtige Neuigkeiten hoffen, um aus diesen
abnehmen zu knnen, ob er sich nach Kolywan hinein wagen drfe oder nicht.

Harry Blount, der sich noch mehr beeilte, als sein College, hatte den
Platz am Schalter eingenommen, whrend Alcide Jolivet ganz gegen seine
Gewohnheit ungeduldig mit den Fen stampfte.

"Jedes Wort kostet zehn Kopeken", sagte der Beamte, die Depesche entgegen
nehmend.

Harry Blount stapelte auf einer Zhltafel eine kleine Sule Rubel auf, die
sein College mit einer gewissen Verwunderung betrachtete.

"Schn, schn", sagte der Beamte.

Und mit der unerschtterlichsten Kaltbltigkeit der Welt begann er
folgende Depesche abzutelegraphiren:

                       _"Daily-Telegraph, London._

_"Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._

_"Gefecht zwischen russischen Truppen und Tartaren ..."_

Da die Worte laut vorgelesen wurden, hrte Michael Strogoff auch Alles,
was der englische Correspondent seinem Journale mittheilte.

_"Die russischen Truppen mit groen Verlusten zurckgedrngt. Tartaren an
demselben Tage in Kolywan eingezogen ..."_

Diese Worte beendigten die Depesche.

"Nun ist die Reihe an mir, rief Alcide Jolivet, der eine an seine Cousine
im Faubourg Montmartre adressirte Depesche aufgeben wollte.

Das wollte aber dem englischen Reporter keineswegs passen; denn dieser
dachte gar nicht daran, den Schalter zu verlassen, um alle Ereignisse, die
er von hier aus etwa noch beobachten konnte, sofort nach Hause berichten
zu knnen. Er machte also seinem Gefhrten nicht Platz.

"Sie sind aber doch fertig! ... rief Alcide Jolivet.

-- Ich bin noch nicht zu Ende", antwortete einfach Harry Blount.

Er schrieb sofort eine Reihe Worte auf, die er dem Beamten bergab,
welcher sie mit stets gleichmig ruhiger Stimme durchlas:

               _"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!..."_

Es waren die ersten Verse aus der Bibel, welche Harry Blount
telegraphirte, um die Zeit auszufllen und seinem Collegen gegenber den
einmal eingenommenen Platz zu behaupten. Dieser Ausweg kostete seinem
Journal vielleicht einige tausend Rubel, aber es erhielt dafr auch die
allerersten Berichte. Frankreich konnte warten!

Man begreift wohl den Aerger und die Wuth Alcide Jolivet's. Unter allen
anderen Verhltnissen htte er zwar begriffen, da dieses Verfahren ein
gesetzlich vollkommen begrndetes war, jetzt suchte er aber den Beamten
womglich zu nthigen, da er seiner Depesche vor der Fortsetzung der
seines Collegen den Vorzug gebe.

"Der Herr ist in seinem Recht", bedeutete ihn ruhig der Beamte, indem er
auf Harry Blount wies und ihm liebenswrdig zulchelte.

Und er fuhr pflichtgetreu fort, an den Daily-Telegraph den ersten Vers der
heiligen Schrift zu telegraphiren.

Whrend der Manipulationen an den Apparaten begab sich Harry Blount ruhig
an's Fenster und beobachtete mit einem Fernglase, was etwa um Kolywan
vorging, um seine Berichte zu vervollstndigen.

Einige Augenblicke spter nahm er seinen Platz am Schalter wieder ein und
fgte seinem Telegramm hinzu:

_"Zwei Kirchen stehen in Flammen. Die Feuersbrunst scheint sich nach dem
rechten Fluufer zu auszubreiten. Und die Erde __war wste und leer und es
war finster auf der Tiefe ..."_

In Alcide Jolivet stieg eine hllische Lust auf, den ehrenwerthen
Correspondenten des Daily-Telegraph einfach zu erwrgen.

Wiederholt interpellierte er den Beamten, der ihm stets mit der nmlichen
Ruhe die Antwort gab:

"Der Herr ist in seinem Recht, vollkommen in seinem Recht ... Das Wort
kostet zehn Kopeken."

Und unverdrossen telegraphirte er die folgende Neuigkeit, die ihm Harry
Blount brachte.

_"Russische Flchtlinge drngen sich aus der Stadt. Und Gott sprach, es
werde Licht und es ward Licht!..."_

Alcide Jolivet wollte buchstblich vor Wuth bersten.

Inzwischen war Harry Blount wieder zum Fenster zurckgekehrt, zog aber
seine Beobachtung, wahrscheinlich gefesselt von Interesse an dem
Schauspiel, das sich vor seinen Augen abspielte, etwas zu sehr in die
Lnge. Sobald der Telegraphist also den dritten Vers der Bibel abgesendet
hatte, nahm Alcide Jolivet geruschlos am Schalter Platz und bergab, nach
Deponirung einiger recht anstndiger Rubelrollen, seine Depesche dem
Beamten, der sie wiederum mit lauter Stimme verlas:

                          _"Madeleine Jolivet,_

_"10, Faubourg Montmartre (Paris)._

_"Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._

_"Flchtlinge entweichen aus der Stadt. Die Russen geschlagen. Heftige
Verfolgung durch die tartarische Cavallerie ..."_

Und als Harry Blount nach dem Schalter zurckkehrte, vernahm er nur, wie
Alcide Jolivet sein Telegramm in halb singendem, lustigem Tone
vervollstndigte:

  _"Es ist ein kleines Mnnchen,_
  _Gekleidet ganz in Grau,_
    _In Paris!..."_

Da er es fr unpassend hielt, Profanes und Heiliges unter einander zu
mengen, so benutzte er den Refrain eines lustigen Liedes Branger's an
Stelle der Bibelverse.

"Oha! platzte Harry Blount heraus.

-- Ja ja, so geht's", erwiderte lachend Alcide Jolivet.

Inzwischen gestalteten sich die Verhltnisse in den Umgebungen Kolywans
immer bedrohlicher. Die Schlacht wlzte sich nher heran, der
Geschtzdonner krachte immer entsetzlicher.

Da erzitterte pltzlich das ganze Telegraphenamt in allen Fugen.

Eine Granate hatte die Mauer durchschlagen und eine dichte Staubwolke
erfllte den ganzen Raum.

Alcide Jolivet schrieb erst noch folgende Zeilen vollends nieder:

  _"Bausbckig, wie ein Apfel,_
  _Doch ohn' ein'n Heller Geld ..."_

Dann hielt er inne, strzte auf die Granate zu, erfate sie noch vor der
Explosion derselben mit beiden Hnden, warf sie zum Fenster hinaus und
trat wieder an den Schalter - Alles das Werk eines Augenblicks.

Fnf Secunden spter zersprang die Granate vor dem Hause in tausend
Stcke.

Alcide Jolivet lie sich im weiteren Aufsetzen seines Telegramms gar nicht
stren und fgte dem vllig ruhig und kaltbltig hinzu:

_"Eine sechspfndige Granate schlug soeben durch die Mauer des
Telegraphenamtes. In Erwartung noch weiterer von gleichem Kaliber ..."_

Michael Strogoff schwand jeder Zweifel, da die Russen aus Kolywan
vertrieben seien. Sein einziger Ausweg blieb es also, sich durch die
sdliche Steppe zu wagen.

Da knatterte eine furchtbare Gewehrsalve nahe dem Telegraphenamte und ein
Hagelschauer von Kugeln zersplitterte die Fensterscheiben.

An der Schulter getroffen fiel Harry Blount zur Erde.

Alcide Jolivet eilte, seiner Depesche noch einen Anhang hinzuzufgen.

_"Harry Blount, Correspondent des Daily-Telegraph, an meiner Seite von
einer Kugel getroffen ..."_

Da unterbrach ihn der kaltbltige Beamte und sagte mit seiner
unerschtterlichen Ruhe:

"Mein Herr, die Leitung ist unterbrochen."

Den Schalter schlieend griff er ganz ruhig nach seinem Hute, brstete ihn
sorgfltig mit dem Ellbogen und verlie, immer lchelnd, das Haus durch
eine kleine Nebenthr, welche Michael Strogoff bis dahin entgangen war.

Das Gebude ward unmittelbar darauf von tartarischen Truppen besetzt, so
da weder Michael Strogoff noch die beiden Journalisten ihren Rckzug zu
bewerkstelligen vermochten.

Mit seiner nun zwecklosen Depesche in der Hand eilte Alcide Jolivet zu dem
auf dem Boden liegenden Harry Blount und gab sich Mhe, letzteren auf die
Schultern zu nehmen in der Absicht, mit ihm zu entkommen ... Zu spt!

Beide wurden gefangen und gleichzeitig mit ihnen fiel Michael Strogoff,
als er sich eben anschickte, zu einem Fenster hinaus zu springen, in die
Hnde der Tartaren!



                         Ende des ersten Bandes.





                       Collection Verne. Band 23.


                        *Der Courier des Czaar.*

                          (Michael Strogoff.)

                                  Von

                             *Julius Verne.*


_Autorisirte Ausgabe_

Zweiter Band.

*Vierte Auflage.*

Wien. Pest. Leipzig.

_A. Hartleben's Verlag._

Alle Rechte vorbehalten.




              K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.






                            MICHAEL STROGOFF.


                              Zweiter Theil.




                             Erstes Capitel.


                       Ein tartarisches Feldlager.


Eine Tagereise von Kolyvan und einige Werst jenseit des Fleckens Diachinsk
breitet sich eine groe Ebene aus, auf der sich einige hohe Bume,
vorzglich Tannen und Cedern, erheben.

Whrend der warmen Jahreszeit wird dieser Theil der Steppe gewhnlich von
sibirischen Hirten besucht und gewhrt auch den zahlreichen Heerden
derselben hinlngliche Nahrung. Jetzt htte man wohl vergeblich nach einem
dieser nomadisirenden Bewohner gesucht. Nicht da diese fruchtbare Ebene
verlassen und de gewesen wre, - im Gegentheil, sie zeigte ein ganz
auergewhnliches Leben.

Hier erhoben sich nmlich die Zelte der Tartaren, hier lagerte
Feofar-Khan, der grausame Emir von Bukhara, und eben an diesem Morgen, am
7. August, wurden die bei Kolyvan nach der Zersprengung des kleinen
russischen Corps gemachten Gefangenen hierher eingebracht. Von jenen 2000
Mann, welche sich zwischen die zwei auf Omsk und Tomsk gesttzten,
feindlichen Heersulen gewagt hatten, waren nur noch einige hundert
Soldaten davon gekommen.

Der Verlauf der Ereignisse war also kein gnstiger, und die kaiserliche
Regierung erschien jenseit des Ural ernstlich bedrngt, - mindestens fr
den Augenblick, denn frher oder spter mute es den Russen ja wohl
gelingen, die Eindringlinge zu Paaren zu treiben. Jedenfalls hatten die
ruberischen Horden das Herz Sibiriens erreicht und drohte der feindliche
Einfall sich ber das emprte Land entweder nach den Provinzen im Westen,
oder nach denen im Osten zu verbreiten. Irkutsk war jetzt von aller
Verbindung mit Europa abgeschnitten. Wenn die Truppen vom Amur und aus der
Provinz Jakutsk nicht rechtzeitig eintrafen, um diese Hauptstadt Sibiriens
zu besetzen, so mute sie wohl, bei den mangelhaften Krften zu ihrer
Vertheidigung, den Tartaren in die Hnde fallen, und bevor es dann mglich
wurde, sie diesen wiederum zu entreien, blieb der Grofrst, der Bruder
des Kaisers, den Rachegelsten Iwan Ogareff's preis gegeben.

Was war nun mit Michael Strogoff geschehen? Beugte er sich unter der Last
so vieler Prfungen? Betrachtete er sich als besiegt durch so viel
Hindernisse, die ihn seit dem Unfalle von Ichim unausgesetzt verfolgten?
Gab er seine Partie verloren, sah er seine Sendung fr verfehlt, die
Ueberlieferung seines Mandats fr unmglich an?

Michael Strogoff gehrte zu den Menschen, die sich erst dann nicht mehr
regen, wenn sie todt zusammengebrochen sind. Jetzt lebte er noch, war
sogar ganz unverwundet geblieben, das kaiserliche Handschreiben verwahrte
er noch immer, sein Incognito war noch unverletzt. Gewi befand er sich
unter den zahlreichen Gefangenen, welche die Tartaren wie eine Heerde Vieh
daher trieben; aber mit der Annherung an Tomsk kam er auch Irkutsk nher,
und jedenfalls blieb Iwan Ogareff immer hinter ihm zurck.

"Ich werde noch ankommen!" wiederholte er sich immer wieder.

Seit jener Affaire bei Kolyvan drngte sich seine ganze Lebenskraft
zusammen in dem einen Gedanken, seine Freiheit zu erlangen. Wie er den
Soldaten des Emirs entrinnen wrde? - Das wollte er sehen, wenn der
passende Zeitpunkt da wre.

Feofar's Feldlager bot einen prchtigen Anblick. Zahllose Zelte aus
Thierfellen, Filz oder Seidenstoffen schillerten in den Strahlen der
Sonne. Lange, reiche Troddeln auf ihren schlank zulaufenden Spitzen
wiegten sich zwischen buntfarbigen Fahnen, Standarten und Feldzeichen hin
und her. Die am reichsten ausgestatteten Zelte gehrten den Seids und den
Khodjas, den vornehmsten Mnnern des Khanates, an. Eine besondere Flagge,
mit einem Pferdeschweif als Schmuck, deren Lanzenschaft sich aus einem
kunstvoll geordneten Bndel rother und weier Stbe erhob, bezeichnete den
hohen Rang dieser Tartarenhuptlinge. Weit ber Sehweite hinaus
erstreckten sich endlich die Reihen jener turkomanischen Zelte, "Karaoys"
genannt, die auf dem Rcken der Kameele mitgefhrt wurden.

Das ganze Lager zhlte mindestens 150,000 Mann Soldaten, sowohl Fuvolk
als auch Reiterei. Unter diesen sah man, als die Urtypen von Turkestan,
zuerst die Tadjiks mit ihren schnen, regelmigen Zgen, weier
Hautfarbe, schwarzen Augen und Haaren und dem hohen, mchtigen Wuchse, -
die Hauptmacht der Tartarenarmee, zu der die Khanate von Khokhand und
Kunduz nahezu ein gleich groes Contingent wie Bukhara geliefert hatten.
Neben diesen Tadjiks fanden sich die Vertreter anderer Stmme, welche
entweder in Turkestan sehaft waren oder deren Heimat doch an jene Gebiete
grenzte. Da sah man Usbecks von kleiner Gestalt und mit brennend rothem
Barte, ganz hnlich denen, welche zur Verfolgung Michael Strogoff's
ausgesendet worden waren. Ferner Kirghisen mit abgeplattetem, dem der
Kalmcken hnlichen Gesicht, in Panzerhemden gekleidet, von denen ein
Theil Lanzen, Bogen und Pfeile asiatischer Herkunft fhrte, ein anderer
mit dem Sbel, einem Luntengewehre und dem "Tschakane", d. i. eine kurz
gestielte Axt, welche leicht tdtliche Wunden verursacht, ausgerstet
erschien. Dazu mittelgroe Mongolen mit schwarzem, langem Haar, das in
einen Zopf geflochten auf den Rcken hinabfiel, mit rundlichem,
sonnenverbranntem Gesicht, dunklen, lebhaften Augen und mangelndem oder
sehr sprlichem Barte, gekleidet in blaue, mit schwarzem Pelz verbrmte
Nankingstoffe, geschmckt mit Ledergrteln, mit Silberschnallen,
Schnrstiefeln und seidenen, wiederum mit Pelz garnirten Mtzen, von denen
nach rckwrts drei Bnder hinausflatterten. Endlich sah man auch
tiefdunkle Afghanen; Araber, wahre Musterbilder der schnen semitischen
Racen und Turkomanen mit engen gedrckten Augen, an denen die Lider ganz
zu fehlen schienen, - Alle vereinigt unter der Kriegsfahne des Emirs,
einer Fahne von Mordbrennern und zerstrungsschtigen Horden.

Neben diesen freien Soldaten fand sich auch noch eine gewisse Anzahl
Sklavenhaufen, vorzglich Perser, welche von eingeborenen Anfhrern
befehligt und in der Armee Feofar-Khans keineswegs gering geschtzt
wurden.

Rechne man hierzu noch die als Diener fungirenden Juden in ihrem mittels
eines Strickes zusammengehaltenen langen Rocke, den Kopf, an Stelle des
ihnen verbotenen Turbans, bedeckt mit einem dunkelfarbigen Tuchkppchen,
und endlich darunter gemischt noch Hunderte "Kalender", eine Art
religiser Bettler in zerfetzter, mit einem Leopardenfelle nothdrftig
bedeckter Kleidung, so wird man zu einer nahezu vollstndigen Vorstellung
des fast unbersehbaren Gemisches der verschiedenen Vlker und Stmme
gelangen, welche die Tartarenarmee bildeten.

Fnfzigtausend Soldaten der Armee waren beritten und die Pferde derselben
nicht minder verschieden, als die Mannschaften. Unter den Thieren, die zu
je zehn an zwei parallelen Stricken angebunden und deren Schweife in
Knoten geknpft, deren Rcken aber mit einem seidenen Netze bedeckt waren,
unterschied man die feingebauten, groen Turkomanen mit glnzendem Haar
und stolzer Haltung; die ausdauernden, krftigen Usbecks; die
Khokhandiner, welche auer ihrem Reiter noch zwei Zelte und eine ganze
Kcheneinrichtung tragen; die hellfarbigen Kirghisenrosse, die von den
Ufern des Emba-Flusses herstammen, wo man sie mittels "Arkan", d. i. der
Lasso der Tartaren, einfngt, und endlich viele andere Abkmmlinge
gekreuzter Racen von geringerem Werthe.

Lastthiere zhlten hier ebenfalls nach Tausenden. Hier fanden sich
kleinere, aber wohlgebaute Kameele mit langer Behaarung, deren dichte
Mhne ihren Hals verhllte, gelehrige und leichter als die Dromedare
zhmbare Thiere; ferner einhckerige "Nars" mit rothgelbem, gelocktem
Felle; endlich eine Menge Esel, welche unverdrossen ihre Arbeit leisten
und deren sehr geschtztes Fleisch zum nicht geringen Theile die Nahrung
der Tartaren ausmacht.

Ueber diese ganze Masse von Menschen und Thieren, ber diese ungeheuren
Haufen von Zelten verbreiteten in greren Gruppen zusammen stehende
Cedern und Fichten einen angenehmen, erfrischenden Schatten, der da und
dort durch einige besonnte Stellen unterbrochen wurde. Das Bild bot einen
hchst pittoresken Anblick, zu dessen Wiedergabe ein Maler wohl alle
Farben seiner Palette htte erschpfen mssen.

Als die bei Kolyvan gemachten Gefangenen vor den Zelten Feofar's und der
Growrdentrger des Khanates anlangten, wirbelten die Trommeln und
schmetterten die Trompeten. Zu dem entsetzlichen Getse mischte sich aber
auch noch das Knattern von Gewehrfeuer und der Donner vier- und
sechspfndiger Geschtze, welche die Artillerie des Emirs bildeten.

Feofar lebte hier unter rein militrischer Umgebung und Lebensweise. Seine
Haushaltung und sein Harem befanden sich, ebenso wie die seiner
Bundesgenossen, jetzt in Tomsk, das in den Hnden der Tartaren war.

Nach Aufhebung des Lagers sollte der Sitz des Emirs ebendahin verlegt
werden, bis er diese Residenz endlich mit der Hauptstadt von Ostsibirien
endgiltig zu vertauschen hoffte.

Feofar's Frstenzelt berragte die Zelte seiner Nachbarn. Errichtet aus
breiten Stcken eines prachtvollen Seidenstoffes, den Schnuren mit
goldenen Fransen zusammenhielten, berragt von dichten Troddeln, welche
der Luftzug fcherartig hin und her wiegte, nahm es den Mittelpunkt einer
weiten Lichtung ein, die im Vordergrunde durch prchtige Birken und
gigantische Fichten abgeschlossen war. Vor diesem Zelte lag auf einem
glnzenden, feinen, mit Edelsteinen ausgelegten Tische geffnet der
heilige Koran, dessen Bltter aus ganz dnnen, fein gravirten
Goldplttchen bestanden. Darber flatterte die tartarische Fahne.

Am Umfange der Lichtung erhoben sich im Halbkreise die Zelte der hchsten
Beamten von Bukhara. Da wohnten der Grostallmeister, dem das Recht
zusteht, dem Emir bis in den Hof seines Palastes zu Pferde zu folgen; der
Gro-Falkenier, der "Housch-Begui", d. i. der Siegelbewahrer des
Herrschers, der "Toptschi-Baschi", d. i. der Oberbefehlshaber der
Artillerie, der "Khodja" oder Vorsitzende des Groen Rathes, der von dem
Frsten gekt wird und sich vor ihm mit offenem Grtel zeigen darf, der
"Scheik-ul-Islam", der Erste der Ulemas und Vertreter der Priesterkaste,
der "Cazi-Askev", der in Abwesenheit des Emirs ber alle Streitfragen
zwischen Militrs zu entscheiden hat, und endlich der Chef der Astrologen,
deren Hauptgeschft es ist, die Sterne zu befragen, sobald der Khan
beabsichtigt, seinen Aufenthalt zu wechseln.

Der Emir befand sich, als die Gefangenen in das Lager getrieben wurden,
glcklicher Weise in seinem Zelte. Eine Handbewegung, ein Wort von ihm
htte wohl hingereicht, ein blutiges Strafgericht in Scene zu setzen. Er
hielt sich aber zurck in jener Isolirtheit, welche zum Theil die Majestt
der orientalischen Frsten erhlt. Man bewundert Den, der sich nicht
zeigt, und frchtet ihn mehr.

Die Gefangenen selbst wurden in einer Umzunung eingepfercht, wo sie
mihandelt, nur nothdrftig ernhrt und allen verderblichen Einflssen des
Klimas ausgesetzt, der Entscheidung Feofar's entgegen harrten.

Der gelehrigste von Allen, wenn auch nicht der geduldigste, war gewi
Michael Strogoff. Er lie sich gern fhren, denn man fhrte ihn dahin,
wohin er selbst wollte, und das in verhltnimiger Sicherheit, die er,
frei und allein reisend, auf dem Wege von Kolyvan nach Tomsk nie htte
finden knnen. Eine Flucht vor Erreichung letzterer Stadt htte ihn
unzweifelhaft in die Hnde der Plnkler zurck geliefert, welche die
umgebende Steppe durchschwrmten. Die stlichste, von den Schaaren der
Meuterer zur Zeit besetzte Linie lag nicht ber dem zweiundachtzigsten
Meridian, welcher Tomsk durchschneidet, hinaus. Nach Ueberschreitung
dieses Meridianes durfte Michael Strogoff darauf rechnen, sich auerhalb
des von Feinden berschwemmten Gebietes zu befinden, den Yenise gefahrlos
zu passiren und Krasnojarsk zu erreichen, bevor Feofar-Khan auch diese
Provinz besetzte.

"Einmal in Tomsk, wiederholte er sich manchmal, um einige Regung seiner
Ungeduld, deren er nicht vllig Meister werden konnte, zu unterdrcken,
werde ich binnen wenigen Minuten ber die Vorpostenkette hinaus sein, und
zwlf Stunden vor Feofar, zwlf Stunden nur vor Ogareff voraus zu sein,
das gengt mir, um ihnen nach Irkutsk zuvor zu kommen!"

Was Michael Strogoff am meisten frchtete und wohl auch frchten mute,
das war die Anwesenheit Iwan Ogareff's in dem tartarischen Lager.
Abgesehen von der Gefahr, erkannt zu werden, verrieth ihm ein gewisser
Instinct, da es fr ihn von besonderer Wichtigkeit sei, gerade diesem
Verrther zuvor zu kommen. Er sah auch recht wohl ein, da durch die
Vereinigung der Heeresabtheilungen Iwan Ogareff's und Feofar-Khan's die
feindliche Armee nun vollzhlig wurde und mit aller Macht nach der
ostsibirischen Hauptstadt zu aufbrechen werde. Eben diese Aussicht erregte
in ihm aber die schwersten Befrchtungen, und aufmerksam lauschte er auf
jeden schmetternden Trompetensto, ob dieser etwa das Eintreffen jenes
Unterbefehlshabers des Emirs verknde.

An solche Gedanken reihten sich dann noch die Erinnerungen an seine Mutter
und an Nadia, deren Erstere in Omsk zurck geblieben, die Andere auf den
Barken des Irtysch weggeschleppt worden war. Unzweifelhaft seufzte diese
ebenso wie Marfa Strogoff in harter Gefangenschaft. Und er vermochte
Nichts fr sie zu thun! Wrde er jene Zwei berhaupt wiedersehen?
Krampfhaft zuckte ihm das Herz bei dieser Frage, welche er sich nicht zu
beantworten wagte.

Gleichzeitig mit Michael Strogoff und vielen anderen Gefangenen waren auch
Harry Blount und Alcide Jolivet in das Tartarenfeldlager transportirt
worden. Ihr frherer Reisegefhrte wute zwar, da Jene in derselben dicht
mit Wachtposten besetzten Umzunung untergebracht waren, er hatte sich
ihnen aber nicht zu nhern gesucht. Nur wenig kmmerte es ihn jedoch, was
sie ber ihn bezglich des Auftrittes im Posthofe zu Ichim denken mchten;
er wollte vielmehr allein sein, um im gegebenen Fall schneller allein
handeln zu knnen. Deshalb hielt er sich stets mehr bei Seite.

Alcide Jolivet hatte seit dem Augenblick, da sein College an seiner Seite
fiel, diesem die grte Sorgfalt gewidmet. Von Kolyvan bis nach dem Lager,
daher auf einem Wege von mehreren Stunden, konnte Harry Blount dadurch,
da er sich auf den Arm seines Rivalen sttzte, dem Gefangenenzuge folgen.
Erst wollte er sich in seiner Eigenschaft als Englnder legitimiren, das
htte ihm aber gegenber diesen Barbaren, welche nur mit Lanzensten und
Sbelhieben antworteten, nicht im mindesten gentzt. Der ehrenwerthe
Correspondent des Daily-Telegraph theilte also zunchst das Schicksal
aller Uebrigen, und blieb es ihm berlassen, spter zu reclamiren und
Satisfaction fr die erlittene Behandlung zu verlangen. Diesen Weg legte
er aber seiner Wunde wegen nur mit der grten, schmerzlichen Anstrengung
zurck, und ohne Alcide Jolivet's Hilfe wre er wohl kaum im Stande
gewesen, das Lager zu erreichen.

Alcide Jolivet, den seine praktische Philosophie niemals im Stiche lie,
hatte seinen Genossen physisch und moralisch durch alle ihm zu Gebote
stehenden Mittel mglichst gestrkt. Als er sich unabwendbar in jene Hrde
eingeschlossen sah, eilte er zunchst, Harry Blount's Wunde zu
untersuchen. Es gelang ihm recht gut, Jenen zu entkleiden, und er
berzeugte sich, da dessen Schulter nur von dem Sprengstck einer Kugel
gestreift worden war.

"O, es ist nichts! sagte er. Eine ganz einfache Schramme. Nach zwei oder
drei khlen Aufschlgen ist die ganze Sache vorber.

-- Aber diese nothwendigen Umschlge?... fragte Harry Blount.

-- Die mache ich Ihnen selbst.

-- Sie sind also ein wenig Arzt?

-- Alle Franzosen sind halbe Aerzte!"

Nach dieser dreisten Versicherung zerri Alcide Jolivet sein Taschentuch,
zupfte aus einem Stcke desselben Charpie, legte ein anderes zu einem
Tampon zusammen, holte aus einem in der Mitte des Platzes gelegenen
Ziehbrunnen Wasser, wusch die glcklicher Weise nur leichte Wunde
sorgfltig aus und legte mit groer Geschicklichkeit die feuchten
Leinenstcke auf Harry Blount's Schulter.

"Ich behandle Sie mit Wasser, sagte er. Diese Flssigkeit ist das
wirksamste Sedativum, das man bei der Behandlung von Verwundungen kennt,
und wird jetzt auch ganz allgemein angewendet. Die Aerzte haben nur 6000
Jahre gebraucht, um das zu entdecken! Ja, in runder Zahl so gegen 6000
Jahre!

-- Ich danke Ihnen, Herr Jolivet, erwiderte Harry Blount, indem er sich auf
ein Lager von drren Blttern hinstreckte, das sein Begleiter ihm im
Schatten einer Birke zurecht gemacht hatte.

-- Ei, das ist ja nicht der Rede werth. Sie htten an meiner Stelle
dasselbe gethan.

-- Ja, ich wei nicht ... antwortete Harry Blount ziemlich naiv.

-- Sie Spavogel! Alle Englnder sind edelmthig!

-- Gewi, aber die Franzosen ...?

-- Nun ja, die Franzosen sind gut, vielleicht sogar etwas einfltig; aber
was das wieder gut macht, ist, da sie eben Franzosen sind. Doch sprechen
wir nicht mehr davon, oder noch besser, sprechen wir jetzt lieber gar
nicht mehr. Sie brauchen nun vor allen Dingen Ruhe."

Harry Blount hatte aber verzweifelt wenig Lust zu schweigen. Wenn er als
Verwundeter vernnftiger Weise daran denken konnte, zu schlafen, so war
das doch mit ihm als Correspondenten des Daily-Telegraph keineswegs der
Fall.

"Herr Jolivet, begann er, glauben Sie, da unsere letzten Depeschen noch
ber die russische Grenze befrdert worden sind?

-- Wie kommen Sie darauf? antwortete Alcide Jolivet. Um die jetzige Stunde
wird meine glckselige Cousine schon wissen, was von dem Treffen bei
Kolyvan zu halten ist.

-- Wie viele Exemplare dieser Depeschen druckt Ihre Cousine? forschte Harry
Blount, der diese Frage zum ersten Male unumwunden an seinen Collegen
richtete.

-- Sehr gut! erwiderte lachend Alcide Jolivet. Meine Cousine ist eine
ungemein discrete Person, die nicht gern von sich reden hrt und
unglcklich sein wrde, wenn sie Ihnen den so nothwendigen Schlummer
strte.

-- Ich mag nicht schlafen, versetzte der Englnder. -- Was urtheilt Ihre
Cousine wohl ber die Sachlage?

-- Nun, da es mit den Russen augenblicklich nicht am besten steht. Doch,
was da! die moskowitische Regierung ist mchtig, sie braucht sich wegen
eines Barbareneinfalls nicht ernstlich zu beunruhigen, und Sibirien wird
und kann ihr nicht verloren gehen.

-- Ueberhebung hat schon die grten Reiche gestrzt! antwortete Harry
Blount, der von einer gewissen "englischen" Eiferschtelei wegen der
russischen Prtensionen in Centralasien nicht ganz frei war.

-- O bitte, nur keine Politik treiben, rief Alcide Jolivet. Das ist von der
Facultt untersagt! Fr Schulterwunden giebt es gar nichts Gefhrlicheres!
... Sie mten denn dadurch einschlummern wollen!

-- So sprechen wir davon, was uns zu thun brig bleibt, lenkte Harry Blount
ein. Ich, Herr Jolivet, verspre nicht die mindeste Lust, hier unbedingt
Gefangener der Tartaren zu bleiben.

-- Ich bei Gott auch nicht!

-- Wir werden uns bei erster bester Gelegenheit davon zu machen suchen.

-- Ja, wenn's zur Wiedererlangung unserer Freiheit kein anderes Mittel
giebt.

-- Wissen Sie ein anderes? fragte Harry Blount und sah seinen Begleiter
erwartungsvoll an.

-- Gewi! Wir sind keine Combattanten, wir sind neutral und werden
reclamiren.

-- Bei Feofar-Khan? Bei diesem wilden Thiere?

-- Nein, er verstnde das nicht, erwiderte Alcide Jolivet; aber bei Iwan
Ogareff, seinem Untergeneral.

-- Der ist ein Schurke!

-- Zugegeben; aber dieser Schurke ist wenigstens ein Russe. Er wei, da er
mit dem Vlkerrecht nicht spielen darf, und hat auch kein Interesse, uns
zurckzuhalten. Von dem Herrn etwas zu verlangen, das soll mir nicht
schwer werden.

-- Dieser Herr befindet sich aber nicht im Lager, mindestens habe ich ihn
noch nicht bemerkt, uerte Harry Blount.

-- Er wird hierher kommen. Das kann nicht fehlen. Er mu sich hier dem Emir
anschlieen. Jetzt ist Sibirien in zwei Kriegstheater getheilt, und
offenbar erwartet ihn nur Feofar's Armee, um nach Irkutsk abzumarschiren.

-- Und was thun wir, wenn wir frei sind?

-- Ei nun, wir setzen ebenfalls unsern Feldzug fort und folgen den
Tartaren, bis sich Gelegenheit bietet, in das Lager der Gegner
berzugehen. Zum Teufel, man darf doch nicht fahnenflchtig werden! Wir
stehen ja erst im Anfang. Sie, Herr College, haben schon das Glck gehabt,
im Dienste des Daily-Telegraph eine Wunde davon zu tragen, aber ich, - ich
habe im Dienste meiner Cousine noch gar nichts geleistet. Vorwrts!
Vorwrts! - Ach, schn, fuhr Alcide Jolivet leiser fort, er schlummert
ein. Einige Stunden Schlaf und ein Paar Compressen mit frischem Wasser,
mehr bedarf es nicht, um einen Englnder wieder auf die Beine zu bringen.
Diese Leute sind aus Eisenblech construirt!"

Und whrend Harry Blount der Ruhe geno, wachte Alcide Jolivet an seiner
Seite, nachdem er ein Taschenbuch hervor geholt hatte, das er mit Notizen
bedeckte, gleichzeitig fest entschlossen, diese mit seinem Begleiter,
gewi zur grten Befriedigung der Abonnenten des Daily-Telegraph, ehrlich
zu theilen. Der Gang der Ereignisse hatte die beiden Mnner an einander
geknpft und sie weiterer Eiferschtelei enthoben.

Was also Michael Strogoff vor Allem frchtete, gerade das wnschten die
beiden Journalisten sehnschtig herbei. Das Erscheinen Iwan Ogareff's
mute fr diese offenbar von Vortheil sein, denn sobald ihre Eigenschaft
eines englischen und franzsischen Correspondenten erst festgestellt war,
muten sie hchst wahrscheinlich sofort in Freiheit gesetzt werden. Der
Stellvertreter des Emirs wrde Feofar schon zu belehren wissen, wenn es
dessen Charakter auch entsprochen htte, die Gefangenen einfach als Spione
abzuurtheilen. Das Interesse Alcide Jolivet's und Harry Blount's lief also
dem Michael Strogoff's direct entgegen, und darin lag ein weiterer, zu den
frheren noch hinzutretender Grund, der ihn jede Annherung an die alten
Reisegefhrten sorgfltig vermeiden lie. Er richtete sich also mglichst
so ein, da Jene ihn nicht zu Gesicht bekommen konnten.

Vier Tage verstrichen ohne irgend welche Vernderung der Sachlage. Von der
Aufhebung des Lagers hrten die Gefangenen kein Wort sprechen. Sie wurden
strengstens berwacht. Es wre thatschlich unmglich gewesen, den Cordon
von Fuvolk und Reitern, der sich um die Hrde schlo, zu durchbrechen.
Die ihnen gebotene Nahrung schtzte eben nur vor dem Verhungern. Zweimal
binnen vierundzwanzig Stunden erhielt Jeder ein Stck auf Kohlen
gerstetes Ziegenfleisch gereicht, oder eine Ration von jenem "Krut"
genannten Kse, der aus saurer Schafmilch gewonnen wird und in Stutenmilch
geweicht die gewhnlich "Kumi" genannte Speise der Kirghisen darstellt.
Das war Alles. Hierzu kam, da die Witterung wahrhaft abscheulich wurde.
Heftige Strungen in der Atmosphre fhrten strmische Winde mit
Regenschauern herbei. Schutzlos muten die Unglcklichen diesen ungesunden
Witterungswechsel aushalten, ohne da man ihre Leiden irgendwie zu mindern
gesucht htte. Einige Verwundete, mehrere Frauen und Kinder starben dabei,
deren Leichen die Gefangenen selbst einscharren muten, da ihre Peiniger
jenen sogar ein Grab verweigerten.

Whrend dieser harten Prfungen machten sich Alcide Jolivet und Harry
Blount, jeder auf seine Weise, doppelt ntzlich und waren zu jedem Dienste
bereit, den sie nur irgend zu leisten vermochten. Da sie frher keinen
harten Entbehrungen ausgesetzt und demnach gesund und krftig waren, so
widerstanden sie auch den jetzigen blen Einflssen besser und konnten
sich durch ihren Rath und ihre sorgende Pflege Denen ntzlich erweisen,
welche jetzt empfindlicher litten und der Verzweiflung verfielen.

Sollte dieser Jammerzustand lnger andauern? Wollte Feofar-Khan,
befriedigt durch die ersten glcklichen Erfolge, einige Zeit rasten, bevor
er auf Irkutsk marschirte? Man htte das wohl befrchten knnen, es kam
inde anders. Das von Alcide Jolivet und Harry Blount so herbeigesehnte,
von Michael Strogoff so gefrchtete Ereigni trat am Morgen des 12. August
wirklich ein.

An diesem Tage schmetterten die Trompeten, wirbelten die Trommeln und
knatterten die Musketen. Eine ungeheure Staubwolke wlzte sich langsam
ber der Strae von Kolyvan dahin.

Iwan Ogareff hielt, gefolgt von vielen Tausend Mann, seinen Einzug in das
Lager der Tartaren.




                             Zweites Capitel.


                        Alcide Jolivet's Haltung.


Es war ein ganzes Armeecorps, das Iwan Ogareff dem Emir zufhrte. Diese
Reiter und Fusoldaten bildeten einen Theil der Heeresabtheilung, welche
sich der Stadt Omsk bemchtigt hatte. Da Iwan Ogareff nicht im Stande
gewesen war, die obere Stadt einzunehmen, in welche sich, wie erzhlt, der
Gouverneur zurckgezogen hatte, so entschlo er sich, weiter zu ziehen, um
die Operationen, welche im stlichen Sibirien geplant waren, nicht
aufzuhalten. So lie er nur eine hinreichende Garnison in Omsk zurck.
Dann sammelte er seine Horden, verstrkte sich unterwegs durch die Sieger
von Kolyvan und stellte seine Verbindung mit der Armee Feofar's her.

Die Truppen Iwan Ogareff's hielten vor den Auenposten des Lagers. Sie
erhielten keinen Befehl zum Bivouaquiren. Die Absicht ihrer Fhrer ging
offenbar dahin, sich gar nicht aufzuhalten, sondern sofort weiter zu
dringen und in krzester Zeit Tomsk, die bedeutendere Stadt, in ihre
Gewalt zu bringen, welche von Natur zum Centrum der zuknftigen
Operationen bestimmt schien.

Gleichzeitig mit den Soldaten brachte Iwan Ogareff auch einen Transport
russischer und sibirischer Gefangener, die bei Omsk oder Kolyvan in
Feindeshand gefallen waren. Diese Unglcklichen wurden gar nicht erst in
die Umzunung gefhrt, welche ohnedies schon zu klein fr alle die
erschien, welche darin schmachteten, sondern hielten bei den Vorposten,
ohne jeden Schutz, fast ohne Nahrung. Welches Loos stand diesen wohl durch
Feofar-Khan bevor? Wrde er sie in Tomsk einkerkern oder sollte sie
vielleicht eine blutige Execution, das gewhnliche Verfahren der
Tartarenhuptlinge, decimiren? Noch blieb das ein Geheimni des launischen
Emirs.

Dieses Armeecorps war nicht von Omsk und Kolyvan abgezogen, ohne einen
groen Haufen Bettler, Marodeurs und Zigeuner mitzubringen, welche
gewhnlich den Nachtrab einer Armee auf dem Marsche zu bilden pflegen.
Diese ganze Volksmenge lebte auf Kosten der durchzogenen Landschaften und
lie wenig zu plndern hinter sich zurck. Schon hieraus ergab sich die
Nothwendigkeit, weiter vorzudringen, und geschehe es nur, um fr die
Expeditions-Colonnen den nthigen Proviant zu verschaffen. Der ganze
Landstrich zwischen dem Laufe des Ichim und des Obi war schon verwstet
und bot keinerlei Hilfsquellen mehr. Hinter sich lieen die Tartaren eine
Wste, welche die Russen gewi nur mit grter Schwierigkeit zu
durchziehen im Stande sein konnten.

Unter den Zigeunerschaaren, welche von Westen her mitgekommen waren,
befand sich auch jene Truppe, die Michael Strogoff bis Perm begleitet
hatte. Sangarre zhlte auch noch zu dieser. Diese wilde Spionin, der bse
Geist Iwan Ogareff's, verlie ihren Herrn und Meister niemals. Wir haben
sie schon beide gesehen, wie sie, noch in Ruland selbst, im Gouvernement
von Nishny-Nowgorod, ihre Plne schmiedeten. Nach Ueberschreitung des Ural
hatten sie sich nur auf einige Tage getrennt. Iwan Ogareff suchte damals
Ichim so schnell als mglich zu erreichen, whrend Sangarre und ihre
Gesellschaft durch den Sden der Provinz auf Omsk zu zogen.

Man wird leicht begreifen, welche Hilfe dieses Weib Iwan Ogareff leistete.
Durch ihre Tsiganen drang sie berall ein, hrte und beobachtete Alles.
Iwan Ogareff wurde von jedem Vorfalle in den besetzten Gebietstheilen auf
dem Laufenden erhalten. Hundert Augen, hundert Ohren waren stets in seinem
Dienst geffnet. Uebrigens gewhrte er fr diese Spionendienste, deren
Vortheil ihm gengend einleuchtete, gern einen hohen Lohn.

Als Sangarre frher einmal in eine sehr bedenkliche Sache verwickelt
gewesen war, hatte sie der russische Offizier gerettet. Nie verga sie,
was sie ihm schuldete, und verschrieb sich ihm mit Leib und Seele. Als
Iwan Ogareff dann den Verbrecherpfad des Verrthers beschritt, erkannte er
recht gut, welchen Nutzen er aus der Ergebenheit dieser Frau ziehen
konnte. Er mochte einen Befehl geben, welchen er wollte, - Sangarre fhrte
ihn aus; ein wahrhaft auergewhnlicher Instinct, noch mchtiger
entwickelt als selbst das Gefhl ihrer Dankbarkeit, hatte sie fast
gedrngt, sich dem Verrther als Sklavin zu ergeben, an den sie sich seit
den ersten Tagen seiner Verbannung nach Sibirien anschlo. Geschmeichelt
durch sein Vertrauen, gefiel sich die vaterlandslose Sangarre darin, ihr
Vagabundenleben den Emprern zu widmen, welche Iwan Ogareff nach Sibirien
fhrte. Mit der natrlichen Arglist ihrer Race verband sie eine wilde
Energie, welche keine Vergebung und kein Mitleid kannte. Sie war eine
Wilde, wrdig die Htte eines Apachen oder den Wigwam eines Andamiers zu
theilen.

Seit seiner Ankunft in Omsk, wo sie sich ihm mit ihren Zigeunern wieder
anschlo, hatte Sangarre Iwan Ogareff nicht mehr verlassen. Der Zufall,
welcher Michael und Marfa Strogoff zusammengefhrt hatte, war ihr bekannt.
Die Befrchtungen Iwan Ogareff's wegen des Durchzugs eines Couriers des
Czaaren wute und theilte sie. Fr die gefangene Marfa Strogoff wre sie
die geeignete Furie gewesen, diese mit der Bosheit einer Rothhaut zu
peinigen, um ihr ihr Geheimni zu entreien. Noch war aber die Stunde
nicht gekommen, da Iwan Ogareff die alte Sibirerin zum Reden zwingen
wollte. Sangarre mute warten, und sie wartete, ohne Diejenige aus den
Augen zu verlieren, welche sie wider ihr Wissen belauschte, deren
geringste Geste, deren unschuldigstes Wort sie beobachtete, die sie Tag
und Nacht bewachte, um das Wort "Sohn" einmal ihren Lippen entschlpfen zu
hren, whrend Marfa Strogoff's auerordentliche Kaltbltigkeit vorlufig
noch alle diese Bemhungen vereitelte.

Inzwischen hatten sich bei dem Schmettern der Fanfaren der
Oberbefehlshaber der Artillerie und der Grostallmeister des Emirs,
begleitet von einer glnzenden Escorte, zum Empfange Iwan Ogareff's vor
das Feldlager hinaus begeben.

Als sie diesem nahe kamen, erwiesen sie ihm die hchsten Ehrenbezeigungen
und luden ihn ein, ihnen nach dem Zelte Feofar-Khan's zu folgen.

Ruhig und gemessen wie immer erwiderte Iwan Ogareff nur sehr khl die
Hflichkeiten der zu seinem Empfange entgegengesendeten hohen
Staatsbeamten. Er war nur sehr einfach gekleidet, trug aber, - fast
erschien es wie ein Ausdruck etwas prahlerischer Frechheit, - noch
russische Uniform.

Gerade als er die Zgel seines Rosses fate, um in den Kreis des Lagers zu
reiten, drngte sich Sangarre durch die Reiter der Escorte, nherte sich
ihm und blieb unbeweglich stehen.

"Nichts? fragte Iwan Ogareff.

-- Nichts.

-- Sei geduldig.

-- Nhert sich die Stunde noch nicht, wo Du die alte Frau zum Reden zwingen
wirst?

-- Sie kommt, Sangarre.

-- Wann wird das Weib sprechen sollen?

-- Sobald wir in Tomsk sind.

-- Und dahin kommen wir ...?

-- Binnen drei Tagen."

Wie ein Blitz leuchtete es auf in Sangarre's groen, schwarzen Augen, dann
zog sie sich still und geschmeidig zurck.

Iwan Ogareff gab seinem Pferde die Sporen und wendete sich, mit seinem
Generalstabe im Gefolge, nach dem Zelte des Frsten.

Feofar-Khan war ein hochgewachsener Mann von vierzig Jahren, mit einem
bleichen Gesicht, drohenden Augen und wilder Physiognomie. Der schwarze
Bart wallte in kleinen Ringeln bis auf seine Brust herab. In seiner
Kriegerkleidung, dem gold- und silbermaschigen Panzerhemd, dem von edeln
Steinen glitzernden Degengehnge, mit dem krummen, einem Yatagan hnlichen
Sbel, dessen Scheide mit prchtigen Gemmen eingelegt war, den
schnurenbesetzten Sporenstiefeln und der asiatischen Mtze, an der eine
Aigrette feuerstrahlender Diamanten funkelte, bot Feofar-Khan mehr das
fremdartige, als ehrfurchtgebietende Bild eines tartarischen Sardanapal,
eines unumschrnkten Herrschers, der ber Leib und Blut seiner Unterthanen
ganz nach Gutdnken verfgt, dessen persnliche Macht ohne Grenzen ist,
und dem man, nach der in Bukhara lange herrschenden Sitte, ausschlielich
den Namen "Emir" beilegte.

Als Iwan Ogareff erschien, blieben die Growrdentrger auf ihren
goldbetreten Kissen ruhig sitzen; Feofar-Khan dagegen erhob sich von dem
reichen Divan im Hintergrunde des Zeltes, dessen Fuboden der weiche
Sammet eines bukharischen Teppichs verhllte.

Der Emir nherte sich Iwan Ogareff und gab ihm einen Ku; ein Zeichen,
dessen Bedeutung Jener sehr wohl kannte. Dieser Ku erhob den
Unterbefehlshaber zum Vorsitzenden des Raths und stellte ihn zeitweilig
ber den Khodja.

Hierauf wendete sich Feofar-Khan zu Iwan Ogareff.

"Ich habe Dich nichts zu fragen, begann er, sprich Du selbst, Iwan, Du
wirst hier nur Ohren finden, welche bereit sind, Deine Reden zu hren.

-- Takhsir(4), erwiderte Iwan Ogareff, so hre, was ich zu sagen habe."

Iwan Ogareff sprach tartarisch und drckte sich mit dem emphatischen
Schwunge aus, der die Sprache der Orientalen auszeichnet.

"Takhsir, die Zeit ist unntzen Worten nicht hold! Du weit, was ich an
der Spitze Deiner Truppen gethan habe. Die Linien des Ichim und Irtysch
sind in unserer Macht und die Turkomanenreiter knnen ihre Pferde in dem
nun tartarisch gewordenen Strome trnken. Die Kirghisenhorden erheben sich
auf den Ruf Feofar-Khan's, und Dein ist die Hauptstrae Sibiriens vom
Ichim bis nach Tomsk. Du kannst von hier aus Deine Heersulen ebenso wohl
nach dem Osten entsenden, wo die Sonne aufgeht, als hinaus nach dem
Westen, wo sie sich niederlegt.

-- Und wenn ich mit der Sonne marschire? fragte der Emir, ohne da ein Zug
des Gesichts die Gedanken seines Innern verrieth.

-- Wenn Du mit der Sonne gehst, antwortete Iwan Ogareff, so wirst Du nach
Europa zu gelangen und in schnellem Siegeslaufe die sibirischen Provinzen
von Tobolsk bis nach den Bergen des Ural gewinnen.

-- Und wenn ich der Fackel des Himmels entgegen ziehe?

-- So wirst Du mit Irkutsk die reichen Gebiete des mittleren Asiens der
tartarischen Herrschaft unterwerfen.

-- Doch die Armeen des Sultans von Petersburg? fragte Feofar-Khan, der mit
diesem sonderbaren Titel den Kaiser von Ruland bezeichnete.

-- Von ihnen hast Du nichts zu frchten, weder nach Sonnenaufgang, noch
nach Sonnenuntergang zu, entgegnete Iwan Ogareff. Unser Einfall erfolgte
zu pltzlich, und bevor die russische Armee im Stande ist, ihnen Hilfe zu
leisten, werden Irkutsk oder Tobolsk in Deine Hnde gefallen sein. Die
Truppen des Czaaren sind bei Kolyvan aufgerieben worden, wie es berall
geschehen wird, wo die Deinen gegen jene verchtlichen Heerhaufen des
Occidentes streiten werden.

-- Und welchen Rath giebt Dir Deine Ergebenheit fr die Sache der Tartaren
ein? fragte der Emir nach einer kurzen Pause.

-- Mein Rath, entgegnete Iwan Ogareff lebhaft und schnell, geht dahin, der
Sonne entgegen zu ziehen! Das Gras der stlichen Steppen sollen die Rosse
der Turkomanen abweiden. Jetzt gilt es, Irkutsk einzunehmen, die
Hauptstadt der Provinz des Ostens, und mit ihr eine Geiel zu gewinnen,
welche den Besitz eines groen Landes aufwiegt. Jetzt mu, da es der Czaar
nicht selbst sein kann, an seiner Stelle der Grofrst, sein Bruder, in
Deine Hnde fallen."

Das war das letzte Ziel, dem Iwan Ogareff nachstrebte. Hrte man ihn so
reden, so htte man ihn wohl fr einen Abkommen jenes grausamen Stephan
Razine halten knnen, der das sdliche Ruland im 18. Jahrhundert
verwstete. Sich des Grofrsten zu bemchtigen, ihn ohne Mitleid in
Fesseln zu schlagen, nach dieser Befriedigung seines Hasses geizte er
unablssig. Die Einnahme von Irkutsk unterwarf brigens gleichzeitig das
ganze stliche Sibirien der Herrschaft der Tartaren.

"Es geschehe, wie Du sagst, Iwan, erwiderte Feofar-Khan.

-- Wie lauten Deine Befehle, Takhsir?

-- Noch heute soll unser Hauptquartier nach Tomsk verlegt werden."

Iwan Ogareff verneigte sich und zog sich in Begleitung des Housch-Begui
zurck, um die Befehle des Emirs auszufhren.

Eben als er zu Pferde steigen wollte, nach den Vorposten zurckzukehren,
entstand in einiger Entfernung, in dem von den Gefangenen eingenommenen
Theil des Lagers, ein gewisser Tumult. Man vernahm wstes Geschrei, dem
zwei oder drei Gewehrschsse folgten. Handelte es sich hier um den Versuch
einer Revolte oder einer Massenflucht, welche summarisch zurckgewiesen
wurde?

Iwan Ogareff und der Housch-Begui gingen ein wenig nach der Gegend zu und
fast gleichzeitig erschienen zwei Mnner, trotz der Anstrengung der
Soldaten, sie zu halten, vor den beiden Officieren.

Der Housch-Begui machte ohne weitere Nachforschungen ein Zeichen mit der
Hand, welches einem Todesbefehl gleichkam, der die Kpfe der Gefangenen
wohl schnell htte in den Sand rollen lassen, als Iwan Ogareff einige
Worte fallen lie, die dem schon ber Jenen geschwungenen Sbel Halt
geboten.

Der Russe hatte schnell erkannt, da die beiden Gefangenen Fremde waren,
und befahl, sie ihm vorzufhren.

Man lie nun Harry Blount und Alcide Jolivet vortreten.

Seit der Ankunft Iwan Ogareff's im Lager hatten sie schon verlangt, vor
ihn gebracht zu werden. Die Soldaten schlugen ihren Wunsch einfach ab.
Daraus entspann sich ein Streit, der mit einem Fluchtversuche und einigen
Gewehrschssen endigte, denen die Journalisten noch ohne Verwundung
entgingen; immerhin htten sie ohne das Dazwischentreten des
Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewi bald mit dem Leben zu
ben gehabt.

Letzterer examinirte die ihm vollstndig unbekannten Gefangenen einige
Augenblicke. Dieselben hatten zwar dem Auftritt im Relais zu Ichim
beigewohnt, als Michael Strogoff von Iwan Ogareff geschlagen wurde. Der
brutale Reisende von damals hatte inde den mit anwesenden Personen
keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt.

Harry Blount und Alcide Jolivet dagegen erkannten Jenen vollkommen wieder
und Letzterer sagte halblaut:

"Sieh da! Es scheint, der Oberst Ogareff und der grobe Reisende von Ichim
sind ein und dieselbe Person!"

Dann raunte er seinem Begleiter noch ins Ohr:

"Setzen Sie ihm unsere Angelegenheit auseinander, Blount, Sie erweisen mir
einen groen Gefallen. Dieser russische Oberst in einem Tartarenlager
mifllt mir gar zu sehr, und wenn mein Kopf auch nur Dank seiner
Vermittelung noch auf seinen Schultern sitzt, so wrden sich meine Augen
doch eher verchtlich von ihm abwenden, als ihm in's Angesicht zu sehen."

In Alcide Jolivet's Zgen malte sich die vollstndigste und hochmthigste
Gleichgiltigkeit.

Empfand es Iwan Ogareff, da diese Haltung des Gefangenen etwas
Beleidigendes fr ihn hatte? Jedenfalls lie er nichts davon bemerken.

"Wer sind Sie, meine Herren? fragte er rasch mit zwar sehr kaltem, aber
minder als gewhnlich rauhem Tone.

-- Zwei Correspondenten englischer und franzsischer Journale, erwiderte
Harry Blount lakonisch.

-- Sie besitzen jedenfalls Papiere, ihre Identitt nachzuweisen?

-- Hier sind Schriftstcke, welche uns in Ruland bei den Kanzlern Englands
und Frankreichs accreditiren."

Iwan Ogareff nahm die Papiere, die ihm Harry Blount hinreichte, entgegen
und las sie mit Aufmerksamkeit durch.

"Sie begehren die Erlaubni, unseren militrischen Operationen in Sibirien
zu folgen? begann er darauf.

-- Wir begehren nichts als frei zu sein, entgegnete lakonisch der englische
Reporter.

-- Sie sind es, meine Herren, antwortete Iwan Ogareff, und ich bin sehr
begierig, Ihre Berichte im Daily-Telegraph zu lesen.

-- Mein Herr, versetzte Harry Blount, mit seinem nie aus dem Gleichgewicht
kommenden Phlegma, die Nummer kostet sechs Pence ohne das Postporto."

Dabei wendete sich Harry Blount nach seinem Begleiter zurck, der seine
Worte stillschweigend zu besttigen schien.

Iwan Ogareff lchelte nicht, gab seinem Pferde die Sporen und verschwand
an der Spitze seiner Escorte bald in einer Staubwolke.

"Nun, Herr Jolivet, was meinen Sie ber Iwan Ogareff, den Oberanfhrer der
Tartarenheere? fragte Harry Blount.

-- Ich denke noch daran, lieber College, erwiderte lchelnd Alcide Jolivet,
da jener Housch-Begui eine recht hbsche Geste machte, als er den Befehl
gab, uns um einen Kopf krzer zu machen!"

Welche Empfindung Iwan Ogareff auch bei seinem Verfahren gegen die
Journalisten leiten mochte, jedenfalls waren diese frei und konnten den
Kriegsschauplatz nach Belieben durchwandern. Nun kam es ihnen gewi nicht
in den Sinn, die Flinte in's Korn zu werfen. Auch die Antipathie, welche
sie frher wohl gegen einander fhlten, hatte einer innigen Freundschaft
Platz gemacht. Durch die Umstnde einander genhert, dachten sie gar nicht
daran, sich zu trennen. Die leidigen Fragen einer unntzen Eifersucht
waren fr immer gelscht. Harry Blount konnte niemals vergessen, was er
seinem Begleiter schuldete, der es jedoch vermied, ihn irgend wie daran zu
erinnern; die gegenseitige Annherung erleichterte die Zwecke der
Reportage, gewi zum Vortheile der beiderseitigen Leser.

"Und nun, begann Harry Blount, was werden wir nun mit unserer Freiheit
anfangen?

-- Zum Teufel, wir werden sie ausnutzen und ruhig nach Tomsk gehen, um zu
sehen, was dort geschieht.

-- Bis zu dem, hoffentlich nicht mehr fernen Augenblick, der es gestattet,
uns einem russischen Corps anzuschlieen? -

-- Ganz recht, mein lieber Blount; man darf sich nicht zu sehr
tartarisiren! Die bessere Rolle spielen immer diejenigen, deren Waffen die
Civilisation verbreiten, und offenbar htten die Volksstmme Centralasiens
Alles zu verlieren und gar nichts bei diesem Einfalle der Halbwilden zu
gewinnen; die Russen werden sie aber schon zu vertreiben wissen; das kann
nur eine Frage der Zeit sein."

Das Erscheinen Iwan Ogareff's, dem Alcide Jolivet und Harry Blount ihre
Freiheit verdankten, stellte im Gegentheil aber eine groe Gefahr fr
Michael Strogoff dar. Wenn der Zufall den Courier des Czaaren Iwan Ogareff
vor Augen fhrte, mute dieser ohne Zweifel den Reisenden wiedererkennen,
den er auf dem Relais zu Ichim so brutal behandelt hatte, und wenn Michael
Strogoff damals auch sich nicht, wie er es in jedem andern Falle gethan
htte, gegen die ihm angethane Schmach vertheidigte, so mute er doch der
Gegenstand erhhter Aufmerksamkeit werden, - was der Erreichung seiner
Ziele gewi nicht frderlich sein konnte.

Hierin lag die bedenklichere Seite der Anwesenheit Iwan Ogareff's. Dagegen
durfte es als eine glckliche Folge seiner Ankunft betrachtet werden, da
noch an demselben Tage der Befehl zur Aufhebung des Lagers und zur
Verlegung des Quartiers nach Tomsk erging.

Michael Strogoff's lebhafter Wunsch ging hiermit in Erfllung. Seine
Absicht war es, wie bekannt, Tomsk inmitten der brigen Gefangenen zu
erreichen, d. h. ohne dabei Gefahr zu laufen, Plnklern in die Hnde zu
fallen, welche die Umgegend jener wichtigen Stadt in groer Anzahl
umschwrmten. In Folge der Ankunft Iwan Ogareff's aber und der Furcht, von
diesem erkannt zu werden, entstand ihm doch die Frage, ob er nicht lieber
auf den ersteren Vortheil verzichten und unterwegs zu entfliehen versuchen
solle.

Michael Strogoff htte sich wahrscheinlich noch fr das letztere
entschieden, als ihm zu Ohren kam, da Feofar-Khan und Iwan Ogareff an der
Spitze mehrerer tausend Reiter schon nach jener Stadt abgegangen seien.

"Ich werde es also abwarten, sagte er sich, wenn sich nicht eine ganz
ausnahmsweise gnstige Gelegenheit zur Flucht darbietet. Diesseit Tomsk
berwiegen ja die schlechten Chancen, jenseit desselben nehmen die guten
immer zu, da ich dort binnen wenig Stunden ber die am meisten nach Osten
vorgeschobenen Posten der Tartaren hinausgelangen kann. Noch drei Tage
Geduld und dann stehe Gott mir bei!"

In der That brauchte es nur einer Reise von drei Tagen, welche die
Gefangenen unter strenger Aufsicht einer starken Abtheilung Tartaren durch
die Steppe zurckzulegen hatten. Zwischen dem Lager und der Stadt lag eine
Entfernung von einhundertfnfzig Werst. Den Soldaten des Emirs, die an
nichts Mangel litten, ward dieser Weg zwar leicht genug, desto schwerer
aber den unglcklichen, durch Entbehrungen aller Art geschwchten
Gefangenen. Mehr als eine Leiche sollte ihren Zug ber die sibirische
Heerstrae bezeichnen.

Am 12. August um zwei Uhr Nachmittags, bei groer Hitze und wolkenlosem
Himmel, gab der Toptschi-Baschi Befehl zum Aufbruch.

Nachdem sie sich Pferde gekauft hatten, waren Alcide Jolivet und Harry
Blount schon auf dem Wege nach Tomsk, wo die Logik der Thatsachen die
wichtigsten Personen dieser Geschichte voraussichtlich vereinigen mute.
Unter den von Iwan Ogareff nach dem tartarischen Lager geschleppten
Gefangenen befand sich auch eine bejahrte Frau, deren Schweigsamkeit sie
von allen Uebrigen, welche ihr Loos theilten, auffallend unterschied. Kein
Klagelaut kam ber ihre Lippen. Man htte sie eine Bildsule des Schmerzes
nennen knnen. Diese fast stets unbewegliche, ruhige und aufmerksamer als
die Andern bewachte Frau wurde, ohne da sie es ahnte oder sich darum zu
kmmern schien, stets von Sangarre beobachtet. Trotz ihres Alters hatte
auch sie dem Gefangenentransporte zu Fue folgen mssen, ohne da Jemand
versucht htte, ihr irgend eine Erleichterung zu gewhren.

Dagegen sendete die weise Vorsehung ein muthiges, liebenswrdiges anderes
Wesen an ihre Seite, das ganz dazu geschaffen schien, ihr Beistand zu
leisten. Unter ihren Unglcksgefhrten befand sich ein junges, durch seine
Schnheit und Kaltbltigkeit ausgezeichnetes Mdchen, das es sich zur
Aufgabe machte, ber sie zu wachen. Noch war zwischen den beiden
Gefangenen kaum ein Wort gewechselt worden, und doch war das junge Mdchen
stets zur Hand, wenn es der alten Frau nur den geringsten Dienst leisten
konnte. Letztere hatte von Anfang an die stumme Sorgfalt der Unbekannten
nicht ohne einiges Mitrauen gesehen. Nach und nach besiegte aber der
gerade, offene Blick des Mdchens, ihre Zurckhaltung und die
geheimnivolle Sympathie, welche die Gemeinsamkeit des Schmerzes zwischen
zwei gleichmig Unglcklichen so leicht hervorruft, die stolze, halb
abweisende Klte Marfa Strogoff's. Nadia, - denn sie war es, - hatte auf
diese Weise unbewut der Mutter einen Theil der Wohlthaten zurckzahlen
knnen, die sie dem Sohne schuldete. Ihr von Natur gutes Herz hatte sie
hier doppelt gut geleitet. Dadurch, da sie Jener gern diente, erwarb sich
Nadia fr ihre Jugend und Schnheit den Schutz der lteren Gefangenen.
Mitten in dieser Menge elender, durch ihre Leiden gereizter Leute wuten
sich diese beiden schweigsamen weiblichen Wesen, deren Eine die
Gromutter, die Andere die Enkelin zu sein schien, doch immer eine Art
Hochachtung zu sichern.

Nadia war, nachdem sie die tartarischen Plnkler in die Barken auf dem
Irtysch geschleppt hatten, nach Omsk gebracht worden. In der Stadt
gefangen gehalten, theilte sie das Loos aller derjenigen, welche die
Truppen Iwan Ogareff's bis dahin eingebracht hatten, und folglich auch das
Marfa Strogoff's.

Ohne ihre unbeugsame Energie wre Nadia wohl dem doppelten Schlage, der
sie traf, unterlegen. Die Unterbrechung ihrer Reise und der Tod Michael
Strogoff's drckten und emprten sie zu gleicher Zeit. Vielleicht fr
immer getrennt von ihrem Vater, nach so unsglichen glcklich
berstandenen Mhen, die sie ihm genhert hatten, und, um ihren Schmerz
auf's Hchste zu steigern, der Verlust des unerschrockenen Begleiters, den
Gott selbst ihr auf den Weg gesendet zu haben schien, um sie zum Ziel zu
geleiten, - Alles hatte sie mit einem Schlage verloren. Nie schwand das
Bild Michael Strogoff's, der vor ihren Augen von einem Lanzenstoe
getroffen in den Fluthen des Irtysch versank, aus ihren Gedanken. Mute
ein solcher Mann einen so traurigen Tod finden? Fr wen sparte Gott seine
Wunder, wenn dieser Gerechte, der gewi einem edlen Zwecke diente, so
jammervoll auf seinem Wege aufgehalten werden sollte? Manchmal gewann der
Zorn die Oberhand ber ihren Schmerz. Die schmachvolle Behandlung, die ihr
Begleiter auf dem Relais zu Ichim so unerwartet ruhig ber sich ergehen
lie, kam ihr wieder in den Sinn. Ihr Herzblut kochte bei dieser
Erinnerung.

"Wer wird wohl diesen Todten rchen, sagte sie zu sich selbst, da er es
selbst nicht mehr kann?"

Und dann richtete sie heimlich ihr Gebet zu Gott und rief:

"Mach es, Herr, da ich es sein darf!"

Htte ihr Michael Strogoff nur noch vor seinem Tode sein Geheimni
anvertraut, wie gern htte sie, wenn auch ein Weib und noch ein halbes
Kind, den Auftrag des Bruders zu erledigen versucht, eines Bruders, den
Gott ihr nicht erst htte schenken sollen, wenn sie ihn so zeitig wieder
verlieren sollte!...

Man begreift, da Nadia, von solchen Gedanken erfllt, fr die Leiden
ihrer Gefangenschaft fast unempfindlich wurde.

Da hatte sie der Zufall, ohne die geringste Ahnung ihrerseits, mit Marfa
Strogoff zusammengefhrt. Wie konnte sie auf den Gedanken kommen, da
diese alte Frau, ihre Mitgefangene, die Mutter ihres frheren Begleiters
sein knne, der fr sie ja stets der Kaufmann Nicolaus Korpanoff gewesen
war. Und wie htte Marfa auf der andern Seite ahnen knnen, welches Band
der Erkenntlichkeit das junge Mdchen an ihren Sohn fesselte?

Was Nadia zuerst an Marfa auffiel, das war eine Art geheimer
Uebereinstimmung, womit Jede von ihnen sich ihrem bedauernswerthen Loose
unterwarf. Der stoische Gleichmuth der alten Frau gegenber den Leiden und
Entbehrungen ihres tglichen Lebens, diese Verachtung aller krperlichen
Beschwerden, konnte Marfa nur aus einem geheimen Schmerze gewinnen, der
dem ihrigen an Gre gleichkam. Das waren die Gedanken Nadia's, und wir
wissen, da sie sich damit nicht tuschte. Eine instinctive Sympathie fr
jene Schmerzen, welche Marfa Strogoff nicht zeigte, zog Nadia zuerst zu
ihr hin. Diese Art und Weise, ihr Leid und Weh zu tragen, harmonirte mit
der stolzen Seele des jungen Mdchens. Sie bot Jener ihre Dienste nicht
erst an, sie leistete sie ihr. Marfa kam nicht dazu, diese annehmen oder
abschlagen zu knnen. An beschwerlicheren Stellen des Weges war das junge
Mdchen da und untersttzte sie mit ihren Armen. Wenn Nahrungsmittel
ausgetheilt wurden, htte die alte Frau wohl nie etwas geholt, aber Nadia
theilte mit ihr die eigenen krglichen Mahlzeiten, so da sie Beide den
qualvollen Zug durch das Land auf gleiche Weise zurcklegten. Dank ihrer
jungen Begleiterin vermochte Marfa Strogoff den Soldaten, welche den
Gefangenentransport leiteten, zu folgen, ohne an einen Sattelknopf
gefesselt zu werden, wie manche andere Unglckliche, welche so auf ihrem
Schmerzenswege dahin geschleppt wurden.

"Gott lohne es Dir, meine Tochter, was Du fr meine alten Tage gethan
hast!" sagte einmal Marfa Strogoff, das einzige Wort, das whrend einer
langen Zeit zwischen den beiden armen Wesen gewechselt worden war.

Man htte meinen sollen, da die ltere Frau und das junge Mdchen im
Verlaufe mehrerer Tage, die ihnen wie Jahrhunderte erschienen, sich einmal
ber ihre Verhltnisse ausgesprochen htten. Marfa Strogoff hatte aber aus
leicht begreiflichen Grnden, und auch das nur mglichst kurz, von sich
allein gesprochen. Sie hatte nie ihres Sohnes oder des traurigen
Augenblicks erwhnt, der sie mit ihm zusammenfhrte.

Ebenso verhielt sich Nadia lange Zeit fast stumm, vermied wenigstens jedes
unntze Wort. Erst als sie eines Tages immer deutlicher fhlte, da sie
eine hohe, edle Seele in ihrer Begleiterin vor sich hatte, ging ihr das
Herz ber und sie erzhlte, ohne etwas zu verheimlichen, Alles, was ihr
seit der Abreise von Wladimir bis zum Tode Nicolaus Korpanoff's begegnet
war. Was sie von ihrer jungen Begleiterin hrte, erregte die lebhafteste
Theilnahme der alten Sibirerin.

"Nicolaus Korpanoff, sagte sie, erzhle mir noch mehr von diesem Nicolaus!
Ich kenne nur einen Mann, nur einen einzigen unter der jetzigen Jugend,
von dem mich ein solches Benehmen nicht Wunder genommen htte! Nicolaus
Korpanoff? War das auch sein Name? Bist Du dessen sicher, meine Tochter?

-- Warum sollte er mich hierin getuscht haben, erwiderte Nadia, da er in
allen andern Dingen die Wahrheit sprach?"

Dennoch trieb ein ungewisses Gefhl Marfa Strogoff, an Nadia immer weitere
Fragen zu stellen.

"Du sagst mir er sei unerschrocken gewesen, meine Tochter; Du hast mir
versichert, da er es war, sagte sie.

-- Gewi, unerschrocken, besttigte Nadia.

-- So wre mein Sohn auch gewesen", murmelte Marfa Strogoff halb fr sich.

Dann fuhr sie fort:

"Du sagst mir auch, da Nichts ihn aufhalten konnte, da Nichts ihn
erschreckte, da er so mild war, bei aller Kraft, da Du in ihm ebenso gut
eine Schwester, wie einen Bruder hattest, da er ber Dich wachte, wie
eine Mutter?

-- Ja, ja, erwiderte Nadia, Bruder, Schwester, Mutter, o, er war mir Alles!

-- Und auch ein Lwe, Dich zu vertheidigen?

-- Wahrhaftig, ein Lwe! antwortete Nadia; ja ein Lwe, ein Held!

-- Mein Sohn, mein Sohn! dachte die alte Sibirierin. Du sagst auch, da er
im Posthofe zu Ichim sich eine so unwrdige Behandlung gefallen lie?

-- Ja, er ertrug sie, meinte Nadia und senkte das Haupt.

-- Er hat sie ertragen? murmelte zitternd Marfa Strogoff.

-- Mutter, Mutter! rief Nadia, verdammt ihn nicht! Er trug ein Geheimni
mit sich, worber heut nur Gott noch Richter sein kann.

-- Und damals, fuhr Marfa Strogoff fort, den Kopf wieder aufrichtend und
Nadia scharf ansehend, als wolle sie im tiefsten Grund ihrer Seele lesen,
in jener Stunde der Erniedrigung, hast Du damals jenen Nicolaus Korpanoff
verachtet?

-- Ich habe ihn bewundert, ohne ihn zu verstehen! erwiderte das junge
Mdchen. Ich habe niemals mehr Hochachtung fr ihn gefhlt."

Die alte Frau schwieg einen Augenblick.

"Er war gro? fragte sie hierauf.

-- Sehr gro.

-- Und sehr schn, nicht wahr? Sprich nur meine Tochter.

-- Er war sehr schn, antwortete Nadia leicht errthend.

-- Das war mein Sohn! Ich sage Dir, das ist mein Sohn gewesen! rief die
alte Frau berwltigt und schlo Nadia in ihre Arme.

-- Dein Sohn? versetzte Nadia ganz erstaunt, Dein Sohn!

-- Weiter, drngte Marfa, komme zum Ende, mein Kind. Dein Begleiter, Dein
Freund, Dein Beschtzer, er hatte doch eine Mutter. Hat er Dir niemals von
seiner Mutter gesprochen?

-- Von seiner Mutter? Er hat mir von seiner Mutter gesprochen, wie ich ihm
von meinem Vater. O, er betete sie an, diese Mutter!

-- Nadia, Nadia! Du hast mir die Geschichte meines eigenen Sohnes erzhlt",
schluchzte die alte Frau.

Dann fgte sie ruhiger hinzu:

"Schien es denn gar nicht in seiner Absicht zu liegen, diese Mutter,
welche er, wie Du sagst, so sehr liebte, bei seiner Durchreise in Omsk
einmal zu sehen?

-- Nein, erwiderte Nadia, das wollte er nicht.

-- Wie, rief Marfa, Du wagst mir Nein zu sagen?

-- Ja gewi, aber ich mu wohl noch hinzufgen, da Nicolaus Korpanoff aus
Grnden, die ihm ber Alles gingen und die ich auch selbst nicht kenne,
gezwungen schien, das Land mglichst unerkannt zu durchziehen. Es war fr
ihn eine Frage auf Tod und Leben, und noch mehr, eine Frage der Ehre und
Gewissenspflicht.

-- Eine Frage der Pflicht, der gebieterischen Pflicht, meinte die alte
Sibirierin, einer solchen Pflicht, der man Alles aufopfert, fr deren
Erfllung man alles Andere aufgiebt, sogar die Freude, sich einen Ku, ach
vielleicht den letzten, von seiner alten Mutter zu holen! Ich wei jetzt
Alles, Nadia, was Dir und mir bis zu dieser Stunde unbekannt blieb. Du
hast es mir klar gemacht. Dennoch darf ich Dir das Licht, das Du mir
angezndet hast, nicht auch leuchten lassen. Da mein Sohn Dir sein
Geheimni nicht mittheilte, so mu auch ich es ihm bewahren. Verzeihe mir,
Nadia, ich kann die Wohlthat, die Du mir erwiesen, nicht ebenso vergelten.

-- Ich verlange keine Belohnung, Mutter", antwortete Nadia.

Der alten Sibirerin war nun Alles klar geworden. Alles, bis auf das
unerklrliche Benehmen ihres Sohnes bei ihrem Anblick in dem Gasthause zu
Omsk, in Gegenwart der Zeugen ihres Zusammentreffens. Sie zweifelte keinen
Augenblick mehr, da der Begleiter des jungen Mdchens Michael Strogoff
gewesen sei, da eine geheime Mission, eine wichtige Depesche, die er
durch das berfallene Gebiet zu besorgen hatte, ihn zwang, seine
Eigenschaft als Courier des Czaaren zu verheimlichen.

"O mein braves Kind! dachte Marfa Strogoff; nein, ich werde dich nicht
verrathen und keine Tortur soll mir das Gestndni ablocken, da Du es
wirklich warst, den ich in Omsk gesehen habe!"

Marfa Strogoff htte Nadia mit einem Worte fr ihre erwiesene Ergebenheit
belohnen knnen. Sie konnte ihr mittheilen, da ihr Begleiter Nicolaus
Korpanoff, oder vielmehr Michael Strogoff, nicht in den Wellen des Irtysch
umgekommen sei, da sie selbst ihn mehrere Tage nachher gesehen und selbst
gesprochen hatte!...

Sie hielt aber an sich; sie schwieg und begngte sich zu sagen:

"Gieb die Hoffnung nicht auf, mein Kind! Das Unglck kann Dich nicht fr
immer verfolgen. Du wirst Deinen Vater wiedersehen, ich fhle es, und
vielleicht ist auch der, der Dich Schwester nannte, noch nicht todt! Gott
kann es nicht gestatten, da Dein edler Gefhrte umgekommen sei!... Hoffe
noch immer, meine Tochter! Mach' es wie ich! Die Trauerkleidung, welche
ich trage, gilt meinem Sohne noch nicht!"




                             Drittes Capitel.


                            Schlag fr Schlag.


In dieser Weise gestaltete sich also das Verhltni Marfa Strogoff's und
Nadia's zu einander. Die alte Sibirerin hatte Alles durchschaut, und wenn
dem jungen Mdchen auch nicht bekannt war, da ihr so aufrichtig
betrauerter Begleiter noch lebte, so wute sie doch, was seiner kindlich
verehrten Mutter geschah, und sie dankte Gott dafr, da er ihr die Freude
gewhrte, der Gefangenen den verlorenen Sohn einigermaen zu ersetzen.

Weder die Eine noch die Andere konnten aber wissen, da der bei Kolyvan
gefangene Michael Strogoff sich in demselben Zuge befinde und gleichzeitig
mit ihnen nach Tomsk transportirt werde.

Die von Iwan Ogareff weiter zugefhrten Gefangenen wurden mit denen,
welche der Emir schon in dem tartarischen Lager bewachen lie, vereinigt.
Nach Tausenden zhlten diese Unglcklichen, Russen oder Sibirier, Militrs
oder Civilpersonen, und bildeten einen Zug von mehreren Werst Lnge.
Diejenigen derselben, welche man fr die gefhrlichsten hielt, waren
mittels Handschellen an eine lange Kette geschlossen. Frauen und Kinder
band oder hngte man an die Sattelknpfe, um sie ohne Erbarmen auf der
Strae hinzuschleppen. Man trieb sie wie eine Heerde Vieh vor sich her.
Die begleitenden Reiter sahen auf die Einhaltung einer gewissen Ordnung,
so da es hier keine Nachzgler gab, auer denjenigen, welche zusammen
brachen, um nicht wieder aufzustehen.

In Folge dieser Ordnung kam es, da Michael Strogoff, der sich in den
ersten Reihen befand, die das Feldlager verlieen, d. h. unter den
Gefangenen von Kolyvan, nicht unter die zuletzt aus Omsk angelangten
Gefangenen gemischt wurde. Er konnte also die Anwesenheit seiner Mutter
und Nadia's in demselben Gefangenenzuge ebenso wenig ahnen, wie diese die
seinige.

Dieser Zug vom Lager bis nach Tomsk, unter der Knute der Soldaten und
solch' traurigen Verhltnissen, wurde fr nicht Wenige tdtlich, fr Alle
furchtbar. Man marschirte quer durch die Steppe, auf einer Strae, die
durch den mit seiner Avantgarde vorausziehenden Emir nur noch staubiger
geworden war. Dazu war Befehl gegeben, mglichst schnell nachzurcken, so
da nur selten und dann nur kurze Zeit Halt gemacht wurde. Diese 150 Werst
unter brennender Sonne zurckzulegen schien, trotz der Schnelligkeit der
Bewegung, ein endloser Weg zu sein!

Es ist eine ganz unfruchtbare Gegend, die sich dort vom rechten Ufer des
Obi bis zum Fue der Vorberge erstreckt, welche zu dem von Norden nach
Sden verlaufenden Sayanskgebirge gehren. Kaum unterbrechen einige
magere, halb verbrannte Gebsche die Einfrmigkeit dieser grenzenlosen
Ebene. Von Bodencultur ist bei dem Wassermangel hier keine Rede, und auch
den von dem anstrengenden Marsche erschpften Gefangenen fehlte es vor
allen Dingen an dem erquickenden Wasser. Um einen Flu anzutreffen, htte
man sich etwa fnfzig Werst weiter nach Osten begeben mssen, bis zu dem
Fue jenes Landrckens, der die Wasserscheide zwischen dem Obi und Jenise
darstellt. Dort luft der Tom, ein kleiner Nebenflu des Obi, der auch die
Stadt Tomsk durchfliet, bevor er sich in einer der groen Wasseradern des
Nordens verliert. Dort wre Wasser in Ueberflu, die Steppe minder drr,
die Hitze nicht so drckend gewesen. Die Fhrer des Zuges hatten aber die
gemessensten Befehle erhalten, auf dem krzesten Wege nach Tomsk zu
marschiren, denn der Emir mute jede Stunde frchten, in der Flanke gefat
und von einer aus den nrdlichen Provinzen herab dringenden russischen
Colonne abgeschnitten zu werden. Die groe sibirische Heerstrae berhrte
nun aber die Ufer des Tom nicht, wenigstens nicht mit dem Tracte zwischen
Kolyvan und dem nchsten kleinen, Zabediero genannten Flecken, - und von
der Strae durfte nicht abgewichen werden.

Wir wollen uns nicht unntzer Weise bei den Leiden so vieler unglcklicher
Gefangener aufhalten. Mehrere Hundert fielen auf der Steppe, wo ihre
Leichen einfach liegen blieben, bis die vom Winter wieder hierher
getriebenen hungrigen Wlfe den Rest ihrer Gebeine verzehrten.

So wie Nadia jeden Augenblick bei der Hand war, der alten Sibirerin
helfend beizuspringen, so erwies auch Michael Strogoff, da er sich frei
bewegen konnte, seinen schwchlicheren Leidensgefhrten alle unter diesen
Verhltnissen mglichen Dienste. Er sprach den Einen Muth zu, untersttzte
die Andern, schonte sich selbst nach keiner Seite, ging ab und zu, bis ihn
die Lanze eines Reiters zwang, den ihm in seiner Reihe angewiesenen Platz
wieder einzunehmen.

Weshalb versuchte er nicht zu fliehen? - Weil jetzt sein Entschlu fest
stand, sich nicht eher in die Steppe hinaus zu wagen, als bis sie ihm die
nothwendige Sicherheit bte. Er hatte sich nun einmal vorgenommen, "auf
Unkosten des Emirs" bis Tomsk zu gelangen, und whlte hiermit wohl auch
den besten Theil. Wenn er die zahlreichen kleinen Abtheilungen
bercksichtigte, welche die Ebene auf beiden Seiten des Zuges, bald im
Sden und bald im Norden umschwrmten, so mute er zu der Ueberzeugung
gelangen, da er gewi kaum zwei Werst vorwrts gekommen wre, ohne von
diesen wieder aufgegriffen zu werden. Ueberall schwrmten die
Tartarenreiter umher und schienen manchmal aus der Erde hervor zu kommen,
wie die lstigen Insecten, welche nach einem Platzregen den Boden
bedecken. Uebrigens erschien ein Fluchtversuch unter den obwaltenden
Verhltnissen sehr schwer, wenn nicht ganz unausfhrbar. Die escortirenden
Soldaten wachten mit uerster Strenge, denn fr eine erwiesene
Nachlssigkeit stand ihr eigener Kopf auf dem Spiele.

Am 15. August erreichte der Zug mit sinkendem Tage endlich den kleinen
Flecken Zabediero, etwa dreiig Werst von Tomsk. Hier vereinigte sich die
Strae mit dem Laufe des Tom.

Gern wren die Gefangenen zuerst nach dem Wasser des Flusses geeilt, ihre
Wchter gestatteten ihnen aber nicht eher aus den Reihen zu treten, als
bis ein provisorisches Lager eingerichtet war. Trotz der zu jener Zeit
gerade beraus heftigen Strmung des Tom htte der Flu doch die Flucht
einiger Wagehlse oder Halbverzweifelter begnstigen knnen, weshalb die
sorgsamsten Vorsichtsmaregeln getroffen wurden. Auf den Flu verlegte man
eine Reihe aus Zabediero requirirter Boote, die eine Kette unmglich zu
durchbrechender Hindernisse bildeten. Die Auenlinie der an die ersten
Huser des Stdtchens gelehnten Lagersttte umschlo dagegen ein lckenlos
dichter Cordon von Feldwachen.

Wenn Michael Strogoff auch einen Augenblick daran denken mochte, sich von
hier aus in die Steppe zu flchten, so sah er doch, nachdem er sich ber
die Sachlage unterrichtet, leicht ein, da unter diesen Verhltnissen
jeder Fluchtversuch unmglich sei, und beschlo, sich in Geduld zu fassen,
um nicht Alles auf's Spiel zu setzen.

Die Gefangenen lagerten die ganze Nacht ber an den Ufern des Tom. Der
Emir hatte den Befehl erlassen, seine Truppen am folgenden Tage nach Tomsk
hinein zu fhren. Dort sollte die Verlegung des Hauptquartiers nach jener
wichtigen Stadt durch ein groes militrisches Fest gefeiert werden.
Feofar-Khan residirte schon in dem Fort derselben, whrend das Gros der
Armee vor den Mauern bivouakirte, um vereint mit der nachfolgenden
Abtheilung einen imposanten Einzug zu halten.

Iwan Ogareff hatte den Emir in Tomsk gelassen, woselbst Beide am Tage
vorher eingetroffen waren, und war nach dem Lager von Zabediero zurck
gekehrt. Von dort wollte er am folgenden Tage mit der Arriregarde des
tartarischen Heeres aufbrechen. Zu seinem Nachtquartier fand er daselbst
ein eigenes Haus vorgerichtet. Mit Sonnenaufgang setzte sich die
Infanterie und Cavallerie der Truppe unter seinem Befehle nach Tomsk in
Bewegung, wo der Emir Alle mit dem bei den asiatischen Souvernen
gebruchlichen Pompe empfangen wollte.

Nach Organisirung des Lagers durften die von den drei Marschtagen auf's
Aeuerste erschpften Gefangenen endlich ihren qulenden Durst lschen und
einige Ruhe genieen.

Schon war die Sonne untergegangen und der Horizont nur noch durch ein
schwaches Dmmerlicht erhellt, als Nadia, am Arme Marfa Strogoff, am Ufer
des Tom anlangten. Beide hatten vorher die dichten Massen der
Verschmachteten, welche das Fluufer umdrngten, nicht zu durchbrechen
vermocht und kamen jetzt erst dazu, sich einen erfrischenden Trank zu
erobern.

Die alte Sibirerin beugte sich erschpft ber das Wasser; Nadia schpfte
daraus mit ihrer Hand und fhrte diese an Marfa's Lippen. Dann erst
erquickte sie sich auch selbst. Die bejahrte Frau und das junge Mdchen
tranken ein neues Leben aus den wohlthtigen Fluthen.

Da wandte sich Nadia, eben als sie das Ufer wieder verlassen wollten,
pltzlich um. Ein unwillkrlicher Aufschrei entrang sich ihren Lippen.

Michael Strogoff war da, nur wenige Schritte von ihr!

Ja, er war es! Das letzte Tageslicht fiel auf ihn.

Michael Strogoff erzitterte wohl bei jenem Schrei ... Er gewann aber genug
Herrschaft ber sich, um nicht ein Wort hren zu lassen, das ihn htte
compromittiren knnen.

Gleichzeitig mit Nadia hatte er auch seine Mutter erkannt!...

Tiefbewegt von diesem unerwarteten Zusammentreffen drckte Michael
Strogoff, um seiner Herr zu bleiben, die Hand vor die Augen und entfernte
sich.

Nadia wollte instinctiv auf ihn zueilen, die alte Sibirerin aber hielt sie
zurck und raunte ihr in's Ohr:

"Bleib' hier, meine Tochter!

-- Er ist es! entgegnete Nadia mit vor Erregung unterdrckter Stimme. Er
lebt, Mutter! Er ist es!

-- Ja, es ist mein Sohn, besttigte Marfa Strogoff, das ist Michael
Strogoff, und Du siehst, da ich keinen Schritt zu ihm hin thue. Folge mir
darin, meine Tochter!"

Michael Strogoff war eine Beute der tief innerlichsten Bewegung, die wohl
je ein Mann empfinden kann. Er wute seine Mutter und Nadia hier. Diese
beiden Gefangenen, welche vereint in seinem Herzen wohnten, hatte der
Himmel zu gemeinschaftlichem Unglck zusammen gefhrt. Wute Nadia nun,
wer er war? Nein, denn er hatte Marfa Strogoff's Handbewegung bemerkt, mit
der sie jene zurckhielt, als sie auf ihn zueilen wollte. Marfa Strogoff
hatte Alles durchschaut und sein Geheimni bewahrt.

Zwanzigmal whrend dieser Nacht stand Michael Strogoff auf dem Punkte,
seine Mutter aufzusuchen, aber er sah immer wieder ein, da er dem
herzinnigen Wunsche widerstehen msse, sie in seine Arme zu pressen und
die Hand seiner jungen Gefhrtin zu drcken. Die geringste Unklugheit
konnte ihn ja verderben! Er hatte zudem geschworen, seine Mutter nicht zu
sehen, und freiwillig wenigstens sollte es nicht geschehen. Einmal in
Tomsk angekommen, wollte er, da es in dieser Nacht unmglich war,
hinausflchten in die Steppe, ohne die beiden einzigen Wesen zu umarmen,
an denen sein ganzes Leben hing und die er so vielen Gefahren ausgesetzt
zurck lie.

Michael Strogoff durfte also hoffen, da dieses neue Zusammentreffen im
Lager zu Zabediero weder fr seine Mutter noch fr ihn nachtheilige Folgen
haben werde. Er wute aber nicht, da gewisse Einzelheiten dieser Scene,
trotz ihres schnellen Verlaufes, von Sangarre, der Spionin Iwan Ogareff's,
beobachtet wurden.

Auch die Zigeunerin befand sich nmlich am Ufer, wo sie wie immer die alte
Sibirerin ohne deren Wissen argwhnisch berwachte. Michael Strogoff,
welcher schon verschwunden war, als sie sich umsah, konnte sie damals zwar
nicht gewahr werden, die hastige Bewegung seiner Mutter aber, als sie
Nadia zurck hielt, entging ihr nicht, und ein Aufleuchten in den Augen
Marfa's sagte ihr Alles.

Es stand ihr nun auer Zweifel, da der Sohn Marfa Strogoff's, der Courier
des Czaaren, sich in dieser Stunde in Zabediero, unter den Gefangenen Iwan
Ogareff's befinden msse.

Sangarre kannte ihn nicht, aber sie wute, da er da war! Sie suchte ihn
vorlufig also auch nicht zu entdecken, was bei der Dunkelheit und mitten
in dieser zahlreichen Menschenmenge ohnehin unmglich schien.

Auch eine weitere Beobachtung Nadia's und Marfa Strogoff's hielt sie fr
nutzlos. Offenbar wrden die beiden Frauen uerst vorsichtig sein und
Alles strengstens vermeiden, was den Courier des Czaaren nur irgend
compromittiren knnte.

Die Zigeunerin bewegte nur ein Gedanke, der, Iwan Ogareff Bericht zu
erstatten. Sie verlie also sofort das Lager.

Nach Verlauf einer Viertelstunde gelangte sie nach Zabediero und wurde in
das von dem Oberbefehlshaber des Emirs bewohnte Haus eingelassen.

Sofort empfing Iwan Ogareff die Zigeunerin.

"Was willst Du von mir, Sangarre? fragte er.

-- Der Sohn Marfa Strogoff's befindet sich im Lager, antwortete das Weib.

-- Als Gefangener?

-- Als Gefangener!

-- O, rief Iwan Ogareff, so werde ich wissen ...

-- Du wirst Nichts wissen, Iwan, fiel ihm die Zigeunerin in's Wort, denn Du
kennst ihn ja nicht.

-- Aber Du kennst ihn, Du! Du hast ihn gesehen, Sangarre!

-- Nein, noch sah ich ihn nicht, aber seine Mutter verrieth sich durch eine
Bewegung, die mir Alles erklrte.

-- Tuschest Du Dich nicht?

-- Ich tusche mich nicht.

-- Du weit, welches Gewicht ich auf die Einbringung dieses Couriers lege,
sagte Iwan Ogareff. Wird das ihm in Moskau jedenfalls bergebene
Cabinetsschreiben dem Grofrsten ausgehndigt, so wird dieser auf seiner
Hut sein und ich werde mich ihm nicht zu nhern vermgen. Jenen Brief mu
ich also um jeden Preis erlangen. Nun kommst Du mit der Meldung, der
Ueberbringer jener kaiserlichen Botschaft befinde sich schon in meiner
Gewalt. Ich frage Dich also noch einmal, Sangarre, tuschte Dich Deine
Beobachtung nicht?"

Iwan Ogareff hatte sehr lebhaft gesprochen. Seine Erregung bewies, welchen
Werth er auf den Besitz jenes Briefes legte. Sangarre wurde von der
bestimmten Wiederholung jener Frage keineswegs betroffen oder wankend in
ihrer Ueberzeugung.

"Ich tusche mich nicht, Iwan, antwortete sie mit Nachdruck.

-- Im Lager befinden sich aber mehrere Tausend Gefangene, und Du sagtest,
da Dir Michael Strogoff von Person nicht bekannt sei.

-- Nein, versetzte Sangarre, in deren Augen eine wilde Freude aufblitzte,
ich, ich kenne ihn nicht, aber seine Mutter kennt ihn doch. Nun, Iwan, man
wird seine Mutter zum Sprechen zwingen mssen.

-- Morgen soll das geschehen!" erwiderte Iwan Ogareff.

Dann streckte er der Zigeunerin seine Hand hin und diese kte sie, ohne
da diese bei den Vlkerschaften des Nordens so gebruchliche
Achtungsbezeugung den Anschein der dienerhaften Unterwrfigkeit zeigte.

Sangarre kehrte nach dem Lager zurck. Sie sprte bald die Stelle aus, an
der sich Nadia und Marfa Strogoff befanden, und lie diese nun die ganze
Nacht ber nicht aus den Augen. Die bejahrte Frau und das junge Mdchen
schliefen nicht, trotzdem da die Erschpfung sie fast bermannte. Eine
fieberhafte Unruhe hielt sie munter. Michael Strogoff war am Leben, aber
Gefangener gleich ihnen. Wute das Iwan Ogareff, und wenn nicht, wrde er
es noch erfahren? Nadia beschftigte sich nur mit dem einen Gedanken, da
ihr todt geglaubter Gefhrte noch lebe. Marfa Strogoff's Blick reichte
weiter in die Zukunft, und wenn sie auch um sich selbst nicht besorgt war,
so hatte sie doch Grund genug, fr ihren Sohn das Schlimmste zu
befrchten.

Sangarre schlich sich im Dunkeln bis dicht an die beiden Frauen heran und
verweilte so einige Stunden lang gespannt lauschend ... Vergeblich. Wie
durch ein geheimes Gebot der Klugheit vermieden es Marfa Strogoff und
Nadia, berhaupt ein Wort zu wechseln.

Am folgenden Tage, dem 16. August, Morgens gegen zehn Uhr, schmetterten
helle Fanfaren am Rande des Lagers. Die tartarischen Soldaten traten
augenblicklich unter die Waffen.

Aus Zabediero kam Iwan Ogareff, umgeben von einem zahlreichen Stabe
tartarischer Officiere herangeritten. Sein Antlitz erschien noch
finsterer, als gewhnlich, und die strengen Zge verriethen einen
verhaltenen Zorn, der nur auf eine Gelegenheit zum Ausbruch harrte.

Unter einer Gruppe Gefangener verloren sah Michael Strogoff seinen Feind
vorber kommen. Er hatte das unbestimmte Vorgefhl, da jetzt eine
Katastrophe nahe sei, denn Iwan Ogareff wute, da Marfa Strogoff die
Mutter Michael Strogoff's, des Officiers im Corps der Czaarencouriere,
sei.

Als Iwan Ogareff in der Mitte des Lagers anlangte, stieg er vom Pferde,
und die Officiere seiner Escorte bildeten einen weiten Kreis rings um ihn.

Da nherte sich Sangarre wieder und sagte:

"Ich habe Dir nichts Neues zu melden, Iwan!"

Iwan Ogareff antwortete nur durch Ertheilung eines Befehles an einen der
Officiere.

Bald darauf drngten sich viele Soldaten mit roher Gewalt in die Reihen
der Gefangenen. Von Peitschenschlgen getrieben oder von Lanzenschften
gestoen, muten die Armen sich eiligst erheben und an der Umfassung des
Lagers Stellung nehmen. Ein vierfacher Cordon von Fusoldaten, und hinter
diesen von Reitern, machte jedes Entweichen unmglich.

Bald herrschte Schweigen ringsum, und auf ein Zeichen Iwan Ogareff's begab
sich Sangarre nach der Gruppe, in deren Mitte Marfa Strogoff sich befand.

Die alte Sibirerin sah sie herankommen. Sie errieth, was geschehen solle.
Ein verchtliches Lcheln spielte um ihre Lippen. Dann neigte sie sich zu
Nadia und sagte zu ihr mit gedmpfter Stimme:

"Du kennst mich nicht mehr, meine Tochter! Was auch kommen und wie hart
diese Prfung werden mge, - kein Wort! keine Bewegung! Es handelt sich
hier um ihn, nicht um mich!"

Da legte, nachdem sie sie einen Augenblick angesehen, Sangarre die Hand
auf die Schulter der alten Sibirerin.

"Was begehrst Du? fragte Marfa Strogoff.

-- Komm' mit mir!" erwiderte Sangarre.

Fortdrngend fhrte sie Jene in die Mitte des freien Raumes vor Iwan
Ogareff.

Michael Strogoff hielt die Lider halb geschlossen, um sich nicht durch das
Aufflammen seiner Augen zu verrathen.

Vor Iwan Ogareff angelangt, richtete Marfa Strogoff sich hoch und stolz
empor, kreuzte die Arme und wartete.

"Du bist ja wohl Marfa Strogoff? fragte sie Iwan Ogareff.

-- Die bin ich, antwortete ruhig die alte Sibirerin.

-- Erinnerst Du Dich noch Deiner Antwort, als ich Dich vor drei Tagen in
Omsk um Etwas fragte?

-- Nein.

-- Du weit also nicht, da Dein Sohn als Courier des Czaaren durch Omsk
gekommen ist?

-- Das wei ich nicht.

-- Und jener Mann, den Du im Posthofe als Deinen Sohn zu erkennen
glaubtest, das war Dein Sohn nicht?

-- Nein, das war er nicht.

-- Und seitdem ist er Dir auch hier unter den Gefangenen nicht zu Gesicht
gekommen?

-- Nein.

-- Und wenn ich Dir ihn zeigte, wrdest Du ihn wieder erkennen?

-- Nein."

Bei dieser Antwort, dem Beweise des unerschtterlichen Entschlusses,
nichts zu gestehen, durchlief ein leises Murmeln die Umgebung.

Iwan Ogareff konnte sich einer drohenden Bewegung nicht enthalten.

"So hre: Dein Sohn ist hier und Du wirst ihn mir sofort bezeichnen.

-- Nein!

-- Alle die bei Omsk und Kolyvan gefangenen Mnner werden Dir vorgefhrt
werden, und wenn Du dann Michael Strogoff nicht bezeichnest, erwarten Dich
ebenso viele Knutenhiebe, als Gefangene vorber gekommen sind."

Iwan Ogareff hatte wohl eingesehen, da er die unbeugsame Sibirerin trotz
aller Drohungen und Torturen nicht werde zum Reden bringen knnen. Um den
Courier des Czaaren zu entdecken, rechnete er viel weniger auf jene, als
auf Michael Strogoff selbst. Er hielt es fr unmglich, da Mutter und
Sohn, wenn sie einander gegenber stnden, sich nicht durch irgend eine
Bewegung verrathen sollten. Wre es ihm nur allein um das kaiserliche
Schreiben zu thun gewesen, so brauchte er ja nur einfach einen Befehl zur
Durchsuchung aller Gefangenen zu erlassen. Michael Strogoff konnte das
Schriftstck aber auch vernichtet haben, nachdem er seinen Inhalt
durchlas; wurde er dann nicht erkannt und gelang es ihm vielleicht noch,
nach Irkutsk zu flchten, so waren Iwan Ogareff's Plne durchkreuzt. Der
Verrther mute sich also nicht nur des Briefes, sondern auch des
Ueberbringers desselben versichern.

Nadia hatte Alles mit angehrt; sie wute nun, wer Michael Strogoff sei
und warum er die von den Feinden berfallenen Provinzen Sibiriens
unerkannt durchreisen wollte.

Auf Iwan Ogareff's Befehl defilirten die Gefangenen Mann fr Mann vor
Marfa Strogoff, welche unbeweglich blieb, wie eine Bildsule, und deren
Blicke die vollstndigste Gleichgiltigkeit heuchelten.

Ihr Sohn befand sich unter den Letzten, welche herzutraten. Als er vor
seiner Mutter vorber schritt, schlo Nadia die Augen, um es nicht mit
anzusehen.

Auch Michael Strogoff war scheinbar ruhig geblieben, aber seine hohle Hand
blutete, so fest hatten sich die Ngel eingepret.

Iwan Ogareff war vorlufig besiegt durch die Mutter und den Sohn!

Sangarre, welche neben ihm stand, uerte nur ein Wort.

"Die Knute herbei! sagte sie.

-- Ja! rief Iwan Ogareff, der sich nicht mehr bemeistern konnte, die Knute
dieser alten Schurkin, bis sie den Geist aufgiebt!"

Mit dem schrecklichen Zuchtinstrument in der Hand nherte sich ein
tartarischer Soldat der Marfa Strogoff.

Die Knute besteht aus einer gewissen Anzahl Lederriemen, deren Enden in
geflochtene Drahtstcken auslaufen. Man nimmt an, da eine Verurtheilung
zu hundertzwanzig Knutenstreichen einem Todesurtheil gleich zu achten ist.
Marfa Strogoff wute das wohl, aber sie wute auch, da keine Tortur sie
zum Sprechen zwingen werde, und ihr Leben wollte sie gern zum Opfer
bringen.

Marfa Strogoff ward von zwei Soldaten ergriffen und auf die Knie zu Boden
geworfen. Man ri ihr das Kleid herunter und entblte den Rcken. Nur
wenige Zoll vor ihrer Brust wurde ein Sbel befestigt, so da sie in
dessen Spitze fallen mute, wenn der Schmerz sie niederbeugte.

Der Tartar stand bereit.

Er wartete eines Zeichens.

"Thu' Deine Pflicht!" sagte Iwan Ogareff.

Die Geiel pfiff durch die Luft ...

Aber bevor sie niederfiel hatte eine krftige Faust sie der Hand des
Tartaren entrissen.

Michael Strogoff war am Platze, ihn hielt es nicht bei dieser
entsetzlichen Scene. Wenn er sich auf dem Relais zu Ichim bezwungen hatte,
als die Peitsche Iwan Ogareff's ihn selbst traf, hier, wo sie seiner
Mutter zugedacht war, konnte er sich nicht bemeistern.

Iwan Ogareff hatte gesiegt.

"Michael Strogoff!" rief er.

Dann trat er nher.

"Ah, sagte er hhnisch, der Mann von Ichim?

-- Derselbe!" schrie Michael Strogoff.

Und schnell erhob er die Knute und schlug Iwan Ogareff wthend mehrmals
in's Gesicht.

"Schlag fr Schlag! rief er.

-- Brav zurckerstattet!" lie sich die Stimme eines Zuschauers vernehmen,
die sich glcklicher Weise in dem allgemeinen Tumulte verlor.

Ein Haufe Soldaten strzte sich auf Michael Strogoff, um ihn
umzubringen ...

Doch Iwan Ogareff, dem ein Schrei des Schmerzes und der Wuth entfuhr,
hielt sie durch eine Handbewegung zurck.

"Dieser Mann bleibe der Justiz des Emirs aufgespart, sagte er. Man
durchsuche ihn!"

Das Schreiben mit dem kaiserlichen Siegel ward auf der Brust Michael
Strogoff's gefunden, da dieser nicht Zeit gewonnen hatte, es zu
vernichten. Man reichte es Iwan Ogareff.

Der Zuschauer, von dem der Ausruf: "Brav zurckerstattet!" herrhrte, war
kein Anderer, als Alcide Jolivet. Sein Gefhrte und er wohnten, da sie
sich noch in Zabediero aufhielten, dieser Scene bei.

"Alle Teufel! sagte er zu Harry Blount, diese Leute aus dem Norden sind
doch handfeste Mnner. Sie geben doch zu, da wir unsrem Reisegefhrten
nun eine Ehrenerklrung schulden. Korpanoff und Strogoff halten sich die
Wage! Eine schne Revanche fr die Schmach in Ichim!

-- Gewi, eine gerechte Vergeltung, erwiderte Harry Blount, aber dieser
Strogoff ist nun ein Mann des Todes. In seinem Interesse htte er wohl
besser gethan, die Sache jetzt noch ruhen zu lassen.

-- Um seine Mutter unter der Knute verenden zu sehen!

-- Glauben Sie, da er dieser und seiner Schwester durch seinen
Zornesausbruch ein besseres Loos gesichert hat?

-- Ich glaube gar nichts, erwiderte Alcide Jolivet, ich wei auch nichts,
als da ich an seiner Stelle schwerlich anders gehandelt htte. O, zum
Teufel, manchmal mu man wohl aufwallen im gerechten Zorn. Gott htte
Wasser in unsere Adern gegossen und kein Blut, wenn er wollte, da wir
stets und allezeit unerregt blieben.

-- Ein hbsches Thema fr eine Erzhlung! meinte Harry Blount. Nun sollte
uns Iwan Ogareff nur den Inhalt jenes Briefes mittheilen!..."

Nachdem er sich das Blut, das ihm ber das Antlitz rann, abgewischt, hatte
Iwan Ogareff das Siegel gebrochen. Er las den Brief lange und aufmerksam
durch, so als wollte er seinem Gedchtni jedes Wort des Inhaltes
einprgen.

Endlich gab er noch Befehl, Michael Strogoff sorgsam zu fesseln und mit
den brigen Gefangenen nach Tomsk zu transportiren; dann bernahm er den
Befehl ber die Truppen des Lagers von Zabediero und wendete sich, unter
betubendem Trommelschlag und gellendem Trompetenschall, der Stadt zu, in
der der Emir ihn erwartete.




                             Viertes Capitel.


                          Der siegreiche Einzug.


Tomsk, 1604, fast im Herzen der sibirischen Provinzen gegrndet, ist eine
der bedeutendsten Stdte des asiatischen Rulands. Tobolsk, das schon ber
den 60. Breitengrad, und Irkutsk, das ber den 100. Meridian hinaus liegt,
sahen Tomsk auf ihre Unkosten zunehmen und gedeihen.

Dennoch ist, wie schon erwhnt, Tomsk nicht die officielle Hauptstadt
dieser wichtigen Provinz. Der Generalgouverneur derselben residirt
vielmehr mit den obersten Beamten in Omsk. Dennoch erhob sich Tomsk zur
hervorragendsten Stadt jenes Landestheiles, der an die Altaberge, d. h.
an die chinesische Grenze des Landes der Khalkas, angrenzt. An den
Abhngen dieses Gebirges verlaufen bis in das Thal des Tom herab ergiebige
Adern von Platin, Gold, Silber, Kupfer und goldhaltigem Bleierz. Da das
Land reich ist, ist es auch die Stadt, welche den Mittelpunkt der
eintrglichen Montanindustrie einnimmt. Hier kann der uere und innere
Luxus der Gebude und ihrer Einrichtung, die Pracht der Equipagen wohl mit
den grten Hauptstdten Europas in die Schranken treten. Es ist eben eine
Stadt der Millionre vom Schlgel und der Spitzhaue, und wenn ihr die Ehre
nicht zu Theil ward, den Stellvertreter des Czaaren in ihren Mauern zu
beherbergen, so trstet sie sich damit, da der erste Kaufmann der Stadt,
der Hauptconcessionr der Minen der kaiserlichen Regierung, zum ersten
Range der Notabeln des Reiches zhlt.

Frher huldigte man der Anschauung, Tomsk liege einfach am Ende der Welt.
Wer sich dahin begeben wollte, wagte eine groe Reise. Jetzt ist das,
vorausgesetzt, da keine wilden Feindeshorden die Strae umschwrmen,
durch einen einfachen Spaziergang abzumachen. Bald wird auch der
Schienenweg hergestellt sein, der es mit Ueberschreitung der Uralkette mit
Perm in Verbindung setzen soll.

Hlt man Tomsk fr eine schne Stadt? Die Berichte der Reisenden stimmen
in dieser Hinsicht nur wenig berein. Frau von Bourboulon, welche auf
ihrer Reise von Shang-ha nach Moskau einige Tage daselbst verweilte,
nennt es einen wenig malerischen Huserhaufen. Ihrer Beschreibung nach ist
es eine Stadt ohne besondere Physiognomie, mit alten Gebuden aus Granit
und Ziegelstein und engen, von den Gassen, wie man sie meist in
sibirischen Stdten findet, wenig abweichenden Straen, mit schmutzigen
Quartieren, den Hauptansiedelungsstellen der Tartaren, in welchen
schweigsame Betrunkene umhertaumeln, "deren Trunkenheit ebenso apathisch
erscheint, wie bei allen Vlkern des Nordens".

Dagegen zollt der Reisende Henry Russel-Killough Tomsk seine ungetheilte
Bewunderung. Sollte das nur daher rhren, da er es mitten im Winter sah,
wogegen Frau von Bourboulon es nur whrend des Sommers besuchte? Das ist
wohl mglich und wrde einen weiteren Beitrag zu der Behauptung liefern,
da man kalte Lnder nur whrend der kalten Jahreszeit, warme nur whrend
der heien wirklich kennen und beurtheilen lernt.

Wie dem auch sei, Russel-Killough sagt positiv, da Tomsk nicht nur die
schnste Stadt Sibiriens, sondern vielleicht eine der hbschesten Stdte
berhaupt sei. Er lobt ebenso ihre mit Sulengngen und Peristylen
geschmckten Huser, die bequemen Holztrottoirs, wie berhaupt die
breiten, regelmigen Straen, sammt den fnfzehn prchtigen Kirchen, die
sich in den Wellen des Tom, eines hier schon sehr bedeutenden Flusses,
wiederspiegeln.

Die Wahrheit liegt wohl auch hier in der Mitte. Tomsk breitet sich, bei
einer Einwohnerzahl von 25,000 Seelen, terrassenfrmig ber einen
langgestreckten, aber steil abfallenden Hgel aus.

Die hbscheste Stadt der Welt wird aber zur hlichsten, wenn Feinde in
ihr hausen. Wer htte sie jetzt auch bewundern wollen? Vertheidigt von
wenigen Bataillonen Kosaken zu Fu hatte sie dem Anprall der tartarischen
Heersulen nicht Widerstand zu leisten vermocht. Ein gewisser Theil der
Stadtbevlkerung von verwandtem Ursprunge hatte diese Horden nicht eben
ungern empfangen, und fr den Augenblick erschien Tomsk so wenig russisch
oder sibirisch, als ob es mitten in die Khanate von Khokhand oder Bukhara
versetzt worden wre.

In Tomsk wollte der Emir seine siegreichen Truppen empfangen. Diesen zu
Ehren sollte ein Fest mit Gesngen, Tnzen und Schaugeprnge abgehalten
werden, dessen Ende wie gewhnlich in eine lrmende, wilde Orgie auslief.

Der fr diese nach asiatischem Geschmacke vorbereiteten Belustigungen
ausgewhlte Platz nahm eine gerumige Ebene auf einem Theile des Hgels
ein, der sich etwa hundert Fu hoch ber den Tom erhebt. Den Rahmen dieser
Flche bildeten einerseits die langen eleganten Huserreihen, die vielen
Kirchen mit ihren bauchigen Kuppeln, andrerseits die vielfachen Windungen
des Stromes und entfernte, in warmem Dufte verschwimmende Wlder, oder in
der Nhe dichte Haine von Fichten und riesigen Cedern.

An der linken Seite des Festplatzes hatte man auf einer breiten Terrasse
provisorisch eine blendende Decoration, die Nachahmung eines wunderlichen
Palastes - wahrscheinlich eine Probe der bukharischen, halb maurischen,
halb tartarischen Baudenkmler, - in bizarrstem Style errichtet. Ueber
diesem Palaste und den Spitzen seiner zahlreichen Minarets, zwischen den
hchsten Zweigen der Bume, die das Plateau beschatteten, schwebten zu
Hunderten gezhmte Strche, welche der Tartarenarmee aus Bukhara gefolgt
waren.

Jene Terrasse blieb reservirt fr den Hofstaat des Emirs, fr die
verbndeten Khans, die Growrdentrger des Reiches und fr die Harems
eines jeden der turkomanischen Frsten.

Unter den Sultaninnen, zum grten Theile brigens nur auf den Mrkten von
Transkaukasien und Persien gekaufte Sklavinnen, trugen Einige das Gesicht
unverhllt, whrend Andere fast vollstndig unter einem dichten Schleier
verborgen waren. Alle erschienen in der prchtigsten Kleidung. Reizende
Oberkleider, deren weite Aermel auf der Rckseite aufgeschlagen, eine
eigenthmliche Faltenordnung zeigten, lieen ihre entblten Arme sehen,
deren kostbare Bracelets durch Ketten von Edelsteinen verbunden
erschienen, und ihre kleinen Hnde, an denen die Fingerngel mit dem Safte
der "Henneh" gefrbt waren. Bei der geringsten Bewegung dieser Kleider,
welche zum Theil aus Seide, so fein wie die Fden des Spinnengewebes, zum
Theil aus wundervoll weichem "Aladja" (ein schmalgestreifter, herrlicher
Baumwollstoff) bestanden, lie sich jenes vornehme Rascheln hren, das den
Ohren der Orientalen so lieblich klingt. Unter diesem Ueberwurfe
erglnzten brocatne kurze Rckchen ber den seidenen Beinkleidern, welche
letztere ein wenig oberhalb der feinen, grazis geschweiften und mit
echten Perlen geschmckten Stiefeln befestigt waren. An den schleierlos
erscheinenden Frauen bewunderte man die langen, schwarzen Flechten, die
unter dem Turban hervorquollen, ebenso wie die schnen Augen, die
prchtigen Zhne, den blendenden Teint, der noch mehr durch die
tiefschwarzen, mittels eines feinen Striches verbundenen Augenbrauen und
die mit Bleigltte gefrbten Lider hervorgehoben wurden.

Am Fue der mit Flaggen und Bannern bedeckten Terrasse standen die
Leibgarden des Emirs Wache, mit ihren zwei gekrmmten Sbeln an der Seite,
einem Dolch im Grtel und der zehn Fu langen Lanze in der Hand. Einige
dieser Tartaren trugen weie Stbe, Andere ungeheure Hellebarden mit
mchtigen Troddeln aus Gold- und Silberfden.

Ringsumher, bis zu den uersten Enden dieses Plateaus, auf dem steilen
Abhange, dessen Basis die Wellen des Tom badeten, drngte sich eine
wahrhaft kosmopolitische Menge, zusammengewrfelt aus allen Eingeborenen
Centralasiens. Da sah man die Usbecks mit ihren ungeheuren schwarzen
Schaffellmtzen, dem rothen Bart, grauen Augen und in dem "Arkaluk", einer
besondern Art nach tartarischer Mode geschnittenem Ueberwurf. Dort zeigten
sich Turkomanen in ihrem Nationalcostm, langen Beinkleidern von
schreiender Farbe, Westen und Mnteln aus Kameelhaar, rothen entweder
konisch oder auch oben erweiterten Mtzen, hohen juchtenen Stiefeln,
Seitengewehr und Messer an Riemen um die Taille geschnallt; in der Nhe
ihrer Herren erschienen auch die turkomanischen Weiber, welche ihr von
Natur ppiges Haar noch durch Schnurenschleifen aus Ziegenhaar zu
verlngern pflegen, mit unter der "Tjuba" offnem, blauem, purpurnem oder
grnem Hemd, die Beine in farbige Bnder eingeschnrt, die sich bis herab
ber den Lederstiefeln kreuzten. Endlich begegnete man auch, - so als ob
sich alle Vlkerschaften der russisch-chinesischen Grenze auf den Ruf des
Emirs erhoben htten, - an der Stirn und den Schlfen rasirte Mandschus
mit geflochtenem Haar, langen Ueberrcken, einem Grtel, der die Taille
ber einem seidnen Hemd umschlo, mit ovalen kirschrothen Atlasmtzen mit
gleichfarbenen Fransen; neben ihnen auch jene herrlichen Typen von Frauen
aus der Mandschurei, coquett mit knstlichen Blumen coiffirt, welche
reizende Hubchen, durch goldene Nadeln befestigt, auf den pechschwarzen
Haaren trugen. Auer diesen Allen aber noch Mongolen, Bukharier, Perser,
Chinesen aus Turkestan, welche sich unter die zu dem tartarischen Feste
Geladenen mischten.

Nur die Sibirier fehlten unter diesem Schwarme von Feinden. Wer von ihnen
nicht hatte fliehen knnen, hielt sich im Hause auf, aus Furcht, da
Feofar-Khan noch, zum wrdigen Schlu dieser Siegesfestlichkeit, einen
Befehl zum Plndern ergehen lassen knne.

Um vier Uhr erst hielt der Emir seinen Einzug auf den Festplatz, begleitet
von lustigen Fanfaren, Tamtamschlgen, von Kanonen- und Gewehrsalven.

Feofar ritt sein Lieblingsro, an dessen Kopfe eine Aigrette von Diamanten
funkelte. Er erschien in seinem Kriegeranzuge. Ihm zur Seite marschirten
die Khans von Khokhand und Kunduz, die Growrdentrger des Khanates und
als Gefolge ein zahlreicher Stab.

Zu derselben Zeit betrat auch die erste Frau Feofar's die Terrasse,
gewissermaen die Knigin, wenn man diesen Namen den Sultaninnen der
bukharischen Staaten beilegen darf. Aber ob Knigin oder Sklavin,
jedenfalls war diese Frau, eine geborne Perserin, von bewunderungswrdiger
Schnheit. Ganz entgegen der mohamedanischen Gewohnheit und wahrscheinlich
nur in Folge einer Laune des Emirs, erschien sie mit unverhlltem
Gesichte. Ihr in vier Flechten vertheiltes Haar schmiegte sich um die
blendendweien Schultern, welche nur leicht von einem golddurchwirkten
Schleier bedeckt waren, der sich rckwrts an eine Art mit den
werthvollsten Gemmen geschmckte Haube anschlo. Unter der Tunica von
blauer Seide, mit breiten, dunkleren Streifen fiel der "Zir-djameh" von
Seidengaze herab und ber den Grtel faltete sich der "Pirahn", eine Art
Hemd aus demselben Stoffe, welcher nach dem Halse zu grazis
ausgeschnitten erschien. Vom Kopfe aber bis zu den persischen Pantoffeln
an den Fen glnzte eine solche verschwenderische Pracht von Geschmeide,
goldenen Tomans an Silberschnren, Krnze von Trkisen, Achate, Smaragde,
Opale und Saphire, da ihr ganzer Leib wie von kostbaren Steinen bedeckt
erschien. Die Tausende von Diamanten, die farbenprchtig an ihrem Halse,
den Armen, den Hnden, am Grtel und an den Fen blitzten, wren mit
Millionen von Rubeln wohl kaum bezahlt gewesen; ja, bei dem
Strahlenkranze, den sie um sich verbreiteten, htte man glauben knnen,
da sie unter einander durch einen aus Sonnenstrahlen gebildeten
elektrischen Bogen verbunden seien.

Der Emir und die Khans stiegen von den Pferden, ebenso wie die hohen
Staatsbeamten und militrischen Wrdentrger des Gefolges. Alle nahmen
Platz unter einem prachtvollen Zelte, das sich in der Mitte der Terrasse
erhob. Vor dem Zelte lag wie gewhnlich der geffnete Koran auf dem
heiligen Tische.

Feofar's Befehlshaber lie nicht lange auf sich warten, und noch vor fnf
Uhr meldeten Trompetenste die Ankunft des Verbndeten.

Iwan Ogareff, - "mit der Schmarre", wie man ihn schon nannte - kam, jetzt
in der Uniform eines Tartarenoffiziers, zu Pferde bis vor das Zelt des
Emirs. Er war von einer Abtheilung Soldaten aus dem Lager von Zabediero
begleitet, die sich zu beiden Seiten des Platzes aufstellten, so da in
der Mitte nur der fr die Vorstellungen und Spiele bestimmte Raum frei
blieb. Quer ber das Gesicht des Verrthers zog sich eine blutig
unterlaufene Strieme hin.

Iwan Ogareff stellte dem Emir seine ersten Officiere vor, und Feofar-Khan
empfing sie, wenn auch mit der seiner Wrde entsprechenden Klte, doch in
einer sie scheinbar zufriedenstellenden Weise.

Das glaubten wenigstens Harry Blount und Alcide Jolivet, die beiden jetzt
unzertrennlichen Neuigkeitsjger, zu bemerken. Von Zabediero aus hatten
sich diese schnellstens nach Tomsk begeben. Ihre Absicht ging zwar dahin,
sich sobald als mglich aus der Gesellschaft der Tartaren wegzustehlen,
sich einem russischen Truppencorps anzuschlieen und mit diesem Irkutsk zu
erreichen. Was sie bis jetzt von dem feindlichen Einfalle, den
Feuersbrnsten, Plnderungen, Mordthaten und dergleichen gesehen, konnte
nur das Gefhl der Entrstung in ihnen erwecken und trieb sie noch mehr,
in der sibirischen Armee Aufnahme zu suchen.

Alcide Jolivet machte aber seinem Begleiter begreiflich, da er Tomsk
nicht wohl eher verlassen knne, als bis er eine Skizze des zu erwartenden
Triumpheinzuges der tartarischen Truppen entworfen habe, - und wre es
nur, um die Neugierde seiner Cousine zu befriedigen, - und Harry Blount
hatte zugestimmt, noch einige Stunden zu verweilen; noch an demselben
Abend wollten die Beiden jedoch den Weg nach Irkutsk schon wieder
einschlagen, und hofften bei der Schnelligkeit ihrer guten Pferde auch den
Plnklern des Emirs zuvorzukommen.

Alcide Jolivet und Harry Blount hatten sich also unter die Zuschauermenge
gemischt und wandten den Festlichkeiten alle Aufmerksamkeit zu, um sich
kein Detail des Bildes entgehen zu lassen, das ihnen einen hbschen
Artikel fr die Chronik ihrer Journale versprach. Sie bewunderten
Feofar-Khan in seiner Herrscherpracht, seine Frauen, seine Officiere, die
Garden und allen diesen orientalischen Luxus, von dem die europischen
Ceremonien nicht die blasseste Vorstellung geben. Sie wendeten sich aber
voll Abscheu ab, als Iwan Ogareff sich dem Emir nahte, und warteten nicht
ohne einige Ungeduld auf den Beginn des eigentlichen Festes.

"Sehen Sie, lieber Blount, sagte Alcide Jolivet, wir sind zu zeitig
erschienen, so wie der brave Brger, der fr sein Geld auch etwas
Ordentliches haben will. Das ist alles nur ein Vorspiel und es wre besser
gewesen, erst zum Ballet zu kommen.

-- Zu welchem Ballet? fragte Harry Blount.

-- Ei nun, zu dem obligatorischen Ballet! Ah, ich glaube der Vorhang hebt
sich schon."

Alcide Jolivet sprach, als befinde er sich im Opernhause, zog sein
Perspectiv aus dem Etui und schickte sich an, "die ersten Krfte der
Truppe Feofar-Khans" mglichst genau kennen zu lernen.

Den lustigen Tnzen sollte aber noch eine hchst peinliche Scene
vorhergehen.

Der Triumph der Sieger konnte ja ohne eine qualvolle Erniedrigung der
Besiegten kein vollstndiger sein. Es wurden also einige hundert Gefangene
unter den Knuten der Soldaten vorgefhrt. Diese sollten vor Feofar-Khan
und seinen Verbndeten defiliren, bevor man sie in den Gefngnissen der
Stadt einkerkerte.

In erster Reihe unter diesen Armen befand sich auch Michael Strogoff. Dem
Befehle Iwan Ogareff's entsprechend war eine besondere Abtheilung Soldaten
zu seiner Bewachung bestimmt. Seine Mutter und Nadia waren auch
gegenwrtig.

Das Gesicht der alten Sibirerin, welche stets, wenn es sich nur um sie
allein handelte, eine unbeugsame Energie bewahrte, erschien ungemein
bleich. Sie machte sich wohl gefat auf eine schreckliche Scene. Ihr Sohn
ward gewi nicht ohne besondere Ursache dem Emir vorgefhrt, und sie
zitterte leise fr ihn. Iwan Ogareff, den vor den Augen Aller die schon
fr sie erhobene Knute getroffen, war sicherlich nicht der Mann dazu,
solche Schmach zu verzeihen, und seine Rache wrde wohl ohne Grenzen sein.
Gewi drohte Michael Strogoff ein entsetzliches Gericht, wie es die
Barbaren Centralasiens gern abzuhalten pflegen. Wenn ihn Iwan Ogareff
damals, als seine Knechte sich ber ihn strzen wollten, geschont hatte,
so wute er gewi, was er damit that, ihn der Justiz des Emirs
vorzubehalten.

Seit dem traurigen Auftritt auf dem Felde zu Zabediero war es Mutter und
Sohn unmglich gewesen, auch nur ein Wort zu wechseln. Man hatte sie
unerbittlich von einander getrennt. Welch harte Erschwerung ihrer Leiden,
hier, wo es ihnen ein ser Trost gewesen wre, whrend einiger Tage der
Gefangenschaft doch vereinigt zu sein. Wie gern htte Marfa Strogoff ihren
Sohn um Verzeihung wegen all' des Uebels gebeten, das sie ihm wider Willen
zugefgt hatte, denn sie klagte sich an, ihre mtterlichen Gefhle nicht
gehrig im Zaum gehalten zu haben. Htte sie sich damals im Posthofe zu
Omsk bezwungen, als sie ihm gegenber stand, so kam Michael Strogoff
unerkannt hindurch, - und wie viel Unglck wre dann verhtet worden!

Michael Strogoff seinerseits qulte sich mit dem Gedanken, da man seine
Mutter mit hierher schleppe, um sie fr sein Vergehen ben zu lassen,
vielleicht da sie dieselbe schreckliche Todesart erleiden sollte, wie er
selbst.

Nadia endlich fragte sich, was sie thun knne, um den Einen oder die
Andere zu retten, auf welche Weise sie der Mutter oder dem Sohne zu Hilfe
kommen knne? Sie fand zwar kein Mittel, aber sie fhlte, da es hier vor
Allem darauf ankam, keine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken,
sondern sich mehr zu verstecken und unsichtbar zu machen. Vielleicht wre
sie doch noch im Stande, die Gitter des Kfigs ihres Lwen zu zerbrechen.
Jedenfalls wollte sie, wenn sich ihr eine Gelegenheit zum Handeln bte,
gewi nicht zgern, und nthigenfalls ihr Leben fr den Sohn der Marfa
Strogoff opfern.

Inzwischen zog der grte Theil der Gefangenen vor dem Emir vorber, wobei
jeder als Zeichen der Unterwerfung sich zu Boden beugen und den Sand mit
der Stirn berhren mute, das erniedrigende Merkmal fr den Anfang der
Sklaverei. Krmmten die Unglcklichen den Rcken zu langsam, so warf sie
die rauhe Hand der Garden heftig zu Boden.

Alcide Jolivet und sein Begleiter vermochten einem solchen Schauspiel
nicht ohne die Gefhle der tiefsten Indignation beizuwohnen.

"Dieser erbrmliche Kerl! Fort, fort von hier! sagte Alcide Jolivet.

-- Nein, entgegnete Harry Blount, nun wollen wir auch Alles sehen!

-- Alles sehen!... Ah, dort! rief pltzlich Alcide Jolivet und ergriff den
Arm seines Gefhrten.

-- Was haben Sie? fragte dieser.

-- Sehen Sie dorthin, Blount! Da ist sie!

-- Sie? - Welche sie?

-- Die Schwester unseres Reisegefhrten! Hilflos und gefangen. Wir mssen
sie retten ...

-- Geduld, entgegnete frostig Harry Blount. Unsere Intervention zu Gunsten
des jungen Mdchens drfte ihr eher schdlich als ntzlich werden."

Alcide Jolivet, der sich schon zu Nadia drngen wollte, lie sich
belehren, und Letztere, welche die beiden Reporter nicht gesehen hatte,
ging, von ihrem reichen Haar halb verschleiert, vor dem Emir vorber, ohne
dessen besondere Aufmerksamkeit zu erwecken.

Nach Nadia kam Marfa Strogoff an die Reihe, und da sie sich nicht schnell
genug in den Staub warf, drckten sie die Wachen mit rauher Faust nieder.

Marfa Strogoff fiel zu Boden.

Ihr Sohn schumte auf vor Wuth, so da ihn die bewachenden Soldaten kaum
zu bndigen vermochten.

Die alte Marfa erhob sich wieder und sollte eben fortgefhrt werden, als
Iwan Ogareff das verhinderte.

"Dieses Weib bleibt hier!" rief er.

Nadia ward in den Haufen der Gefangenen zurckgefhrt. Iwan Ogareff's
Blick hatte sie nicht erkannt.

Jetzt wurde Michael Strogoff vor den Emir gebracht und blieb, ohne auch
nur die Augen zu senken, vor diesem stehen.

"Die Stirn auf die Erde! herrschte ihn Iwan Ogareff an.

-- Nein", antwortete Michael Strogoff.

Zwei Soldaten wollten ihn zwingen, sich zu beugen, doch die krftige Hand
des jungen Mannes drckte sie an seiner Statt zu Boden.

Iwan Ogareff sprang auf Michael Strogoff zu.

"Du verwirkst Dein Leben! rief er.

-- Ich werde ruhig sterben, erwiderte stolz Michael Strogoff, aber Deine
Verrtherstirn, Iwan, wird fr immer die schmachvolle Schramme von der
Knute tragen!"

Iwan Ogareff erbleichte bei diesen Worten.

"Wer ist dieser Gefangene? fragte der Emir, dessen ruhige Stimme nur um so
drohender war.

-- Ein russischer Spion", antwortete Iwan Ogareff.

Als er Michael Strogoff fr einen Spion ausgab, wute er recht wohl,
welches entsetzliche Loos ihm bevorstand.

Michael Strogoff hatte sich Iwan Ogareff genhert.

Die Soldaten hielten ihn zurck.

Der Emir machte eine Handbewegung, auf welche sich die ganze groe Menge
niederbeugte. Dann zeigte er nach dem Koran, den man ihm brachte. Er
ffnete das Buch und legte einen Finger auf ein Blatt.

Der Zufall, oder nach dem Glauben der Orientalen, Gott selbst, sollte das
Schicksal Michael Strogoff's entscheiden.

Die Vlker Centralasiens nennen dieses Gerichtsverfahren "Fal". Nach der
Auslegung des von dem Finger des Richters zufllig getroffenen Verses
fllen sie das Urtheil.

Der Emir lie den Finger auf der einen Seite des Koran liegen.

Der Erste der Ulemas trat hinzu und verlas mit lauter Stimme einen Vers,
der mit den Worten schlo:

"Und er wird die Dinge der Erde nicht mehr sehen."

"Spion der Russen, sagte der Emir, Du bist hierher gekommen, zu sehen, was
im Tartarenlager vorgeht; nun sieh mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!"




                             Fnftes Capitel.


                            Nun sieh' Dich um.


Michael Strogoff mute mit gefesselten Hnden vor dem Thron des Emirs am
Fue der Terrasse stehen bleiben.

Ueberwltigt von physischen und moralischen Schmerzen war seine Mutter
endlich zusammengesunken und wagte weder etwas zu sehen noch zu hren.

"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!" hatte Feofar-Khan mit einer
drohenden Handbewegung gegen Michael Strogoff gesagt.

Ohne Zweifel verstand Iwan Ogareff bei seiner Kenntni der tartarischen
Sitte den Sinn dieser Worte gengend, denn um seine Lippen spielte einen
Augenblick lang ein wahrhaft teuflisches Lcheln. Dann hatte er neben
Feofar-Khan Platz genommen.

Jetzt erklangen lustige Trompetenste, das Signal zum Beginn der
Festspiele.

"Da kommt ja das Ballet, sagte Alcide Jolivet zu Harry Blount, diese
Barbaren fhren es aber entgegen unserer Sitte vor dem Drama auf, statt
nachher."

Michael Strogoff sollte sich Alles anschauen. Er that es. Eine Wolke von
Tnzerinnen flog auf den Platz.

Eine fremdartige Musik ertnte von den verschiedensten tartarischen
Instrumenten, der "Dutare", einer langgebauten Mandoline aus dem Holze des
Maulbeerbaumes, mit zwei in dem Intervall einer Quarte gestimmten Saiten
aus fest gedrehter Seide; der "Kobiz", eine Art offenes Violoncell, dessen
Pferdehaarsaiten mittels eines Bogens in Schwingungen versetzt wurden; die
"Tschibyzga", eine lange Flte aus Rosenholz; dazu Trompeten, Tambourins,
Tamtams u. dgl., und das Alles begleitet von den Kehltnen zahlreicher
Snger. Hierzu kam noch das dann und wann hrbare, leise Erklingen eines
besonderen Concertes in der Luft, das von einem Dutzend Papierdrachen
herrhrte, vor deren durchbrochenem Mitteltheile Saiten gespannt waren,
welche von dem Winde gleich Aeolsharfen erklangen.

Sofort begann nun der Tanz.

Die Theilnehmerinnen waren Alle von persischer Abkunft, aber nicht etwa
Sklavinnen, sondern trieben ihr Gewerbe freiwillig.

Frher fungirten sie officiell bei den Festen am Hofe zu Teheran, wurden
aber seit der Thronbesteigung der jetzigen Herrscherfamilie entlassen und
aus dem Reiche verbannt, so da sie ihr Glck in andern Lndern suchen
muten. Sie trugen ihr von Schmuck aller Art berladenes Nationalcostm.
Kleine goldene Dreiecke mit langen Gehngen schaukelten an ihren Ohren,
Spangen von Niellosilber zierten ihren Hals, um die Arme und Beine
schlangen sich Bracelets mit einer doppelten Gemmenreihe, whrend an den
Enden ihrer langen Flechten eine Art Rosette von Perlen, Trkisen und
Karneolen erglnzte. Den Taillengrtel schlo eine Art Diamant-Agraffe, in
der Form des Grokreuzes eines europischen Ordens.

Diese Tnzerinnen fhrten ihre Spiele, bald einzeln, bald in Gruppen, mit
vollendeter Grazie auf. Sie trugen das Gesicht unverhllt, von Zeit zu
Zeit aber zogen sie einen feinen Schleier vor das Antlitz, so da es
schien, als lege sich eine Wolke von Gaze ber alle diese lchelnden
Augen, wie eine zarte Wolke den sternbeseten Himmel bedeckt. Einzelne
dieser Perserinnen trugen ferner als Schrpe eine Art Wehrgehnge aus
perlengesticktem Leder, an welchem mit der Spitze nach unten eine
dreikantige Tasche hing, welche sie zu bestimmter Zeit ffneten. Aus
diesen von Goldfiligran gewebten Taschen holten sie lange schmale Bnder
von scharlachrother Farbe hervor, auf welche Sprche aus dem Koran
gestickt waren.

Sie spannten diese Bnder zwischen sich aus und bildeten so einen Ring,
unter welchem andere Tnzerinnen hindurchschlpften, und je nach dem Verse
ber ihnen sich entweder zur Erde warfen oder in leichten Sprngen
dahinflogen, so als wollten sie unter den Houris des Himmels Mohamed's
verschwinden.

Auffallend erschien bei diesen Bewegungen, und vorzglich fhlte sich
Alcide Jolivet dadurch betroffen, da sich diese Perserinnen weit eher
ruhig als wild zeigten. Es mangelte ihnen alles berauschende Feuer, und
sie erinnerten ebenso durch die Art ihrer Tnze, wie durch deren
Ausfhrung, weit mehr an die stillen, decenten Bajaderen Indiens, als etwa
an die leidenschaftlichen Almes (Tnzerinnen) Egyptens.

Nach Schlu dieses ersten Schauspieles lie sich neben Michael Strogoff
eine ernste Stimme vernehmen:

"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!"

Der Mann, welcher diese Worte wiederholte, ein hochgewachsener Tartar, war
der Vollstrecker der peinlichen Befehle Feofar-Khan's. Er hatte hinter dem
Verurtheilten Platz genommen und hielt einen langen, gekrmmten Sbel in
der Faust, eine jener Damascenerklingen, wie sie die berhmten
Waffenschmiede von Karschi oder Hissar liefern.

An seiner Seite hatten einige Garden ein Kohlenbecken aufgestellt, in dem,
ohne irgend welchen Rauch zu verbreiten, ein Haufen Kohlen glhte. Der
leichte, empor steigende Dampf rhrte nur von der Verbrennung einer
harzigen, wohlriechenden Substanz, einer Mischung von Weihrauch und
Bernstein, her, welche man zeitweilig darauf streute.

Auf die Perserinnen war inzwischen eine andere von ihren Vorgngerinnen
sehr verschiedene Gruppe Tnzerinnen gefolgt, die Michael Strogoff sehr
bald erkannte.

Die beiden Journalisten zweifelten offenbar keinen Augenblick, wen sie vor
sich htten, denn Harry Blount sagte zu seinem Collegen:

"Da, die Zigeunerinnen aus Nishny-Nowgorod!

-- Wahrhaftig, besttigte Alcide Jolivet; ich meine aber, im Dienste als
Spioninnen werden ihnen die Augen wohl mehr Geld einbringen, als hier ihre
Beine!"

Wenn Alcide Jolivet vermuthete, da Jene im Solde des Emirs standen, so
tuschte er sich, wie wir wissen, nicht. In den ersten Reihen der
Zigeunerinnen sah man Sangarre in einem wunderlichen, aber prchtigen
Anzuge, der ihre Schnheit vortheilhaft hervorhob.

Sangarre selbst tanzte nicht, sondern setzte sich, einer Herrscherin
vergleichbar, in die Mitte ihrer Balleteusen, deren phantastische Pas
Reminiscenzen an alle in Europa von ihnen durchzogene Lnder, an Bhmen,
Italien, Spanien, sowie auch an Egypten wach riefen.

Sie erregten sich gegenseitig durch den Lrmen der Cymbeln an ihren Armen,
und durch das Schnarren der "Dares", eine Art baskischer Trommeln, welche
sie mit den Fingern schlugen.

Sangarre hielt ebenfalls einen solchen Dare in der Hand, durch dessen
Schall sie diese Truppe wahrhaftiger Korybanten noch mehr anfeuerte.

Dann trat ein junger Zigeuner von kaum fnfzehn Jahren vor. Er trug eine
Dutare, deren Saiten er durch das Anschlagen mit den Ngeln eine leise
Melodie entlockte. Er sang. Eine Tnzerin nahm neben ihm Platz und
verhielt sich ruhig, so lange er einen Vers seines Liedes vortrug; nur
wenn der Refrain desselben von den Lippen des jugendlichen Sngers
erklang, sprang sie zum rasenden Tanze auf, schlug ihren Dare und suchte
Jenen durch das Getse ihrer Schellentrommel zu bertnen.

Nach dem letzten Refrain umschwrmten die Zigeunerinnen alle den Snger
und verflochten ihn gleichsam in die verworrenen Falten ihres Tanzes.

Als Belohnung fiel ein Regen von Goldstcken aus den Hnden des Emirs,
seiner Verbndeten und denen der Officiere aller Grade nieder, und zu dem
Klingen der Mnzen, welche die Cymbeln der Tnzerinnen trafen, mischten
sich noch die letzten Tne der Dutares und der Tambourins.

"Verschwenderisch, wie die Ruber gewhnlich!" raunte Alcide Jolivet
seinem Gefhrten in's Ohr.

Und es war auch wirklich gestohlenes Geld, welches hier niederfiel, denn
mit den tartarischen Tomans und Sequies regnete es auch Ducaten und
russische Rubelstcke.

Dann ward es einen Augenblick still, und die Stimme des Henkers, der seine
Hand auf Michael Strogoff's Schulter legte, sprach noch einmal die Worte,
deren Wiederholung sie um so unheilvoller klingen lie:

"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!"

Diesesmal bemerkte Alcide Jolivet aber, da der Henker nicht mehr seinen
blanken Sbel in der Hand hatte.

Inde sank die Sonne langsam unter den Horizont. Ein sanftes Helldunkel
verhllte schon die entfernten Theile des Platzes. Der Cedern- und
Pinienwald erschien schwrzer und die in der Ferne dunkel fluthenden
Wellen des Tom verschwanden in dem Abendnebel. Die Stadt ruhte im
Schatten, der auch bald das Plateau erreichen mute.

Jetzt drangen pltzlich mehrere hundert Sklavinnen mit Fackeln in den
Hnden auf den Platz. Von Sangarre gefhrt, traten die Zigeunerinnen und
Perserinnen wieder vor dem Throne des Emirs auf und suchten durch den
Contrast gegen ihre frheren Tnze und Evolutionen noch mehr zu ergtzen.
Alle musikalischen Instrumente des tartarischen Orchesters vereinigten
sich zu wilderen Harmonien, begleitet von den rauhen Kehltnen der Snger.
Die Drachen, welche man vorher herabgezogen hatte, flogen, geschmckt mit
einem ganzen Sternbild buntfarbiger Lampen, wieder auf, und ihre Saiten
erklangen mitten in dieser Luftillumination heller und voller.

Dann schlo sich eine Escadron Tartaren in Kriegsuniform dem Tanze an, der
an Wildheit allmlig zunahm, und bald begann eine Vorstellung, die den
fremdartigsten Eindruck hervorbrachte.

Whrend des Springens und Tanzens erfllten diese Soldaten mit blanken
Waffen die Luft durch das Knallen ihrer langen Pistolen, das Knattern der
Musketen, das sich mit dem rollenden Ton der Tambourins, dem Schnarren der
Dares und dem Knirschen der Doutaren mischte. Ihre Schiewaffen waren
dabei, nach chinesischer Art, mit einem durch gewisse metallische Zustze
farbig abbrennenden Pulver geladen und sprhten lange rothe, grne und
blaue Feuerstrahlen in die Luft, so da es schien, als wogten alle diese
lebenden Gruppen in einem Meere von Feuer. Dieses Divertissement erinnerte
gewissermaen an die Cybistik (Springknste) der Alten, eine Art
militrischen Tanzes, bei dem die Theilnehmer sich mitten zwischen Sbel-
und Dolchspitzen hindurchwanden, und es ist nicht unwahrscheinlich, da
die Berichte davon sich bis auf die Vlker Centralasiens fortgeerbt haben;
diese tartarische Cybistik aber erschien noch weit mrchenhafter durch die
farbigen Flammen, welche ber den Tnzerinnen loderten und die ganze
Gruppe mit glitzernden Funken schmckten. Es war wie ein Kaleidoskop von
Blitzen, das in seinen Zusammenstellungen mit jeder Bewegung der Tanzenden
wechselte. So satt ein pariser Journalist auch gegenber derartigen
Vorstellungen sein mag, in denen es die moderne Bhnentechnik ja so weit
gebracht hat, so konnte Alcide Jolivet doch eine leichte Bewegung mit dem
Kopfe nicht unterlassen, die zwischen dem Boulevard Montmartre und La
Madelaine etwa: "Nicht bel, nicht bel!" bedeutet htte.

Pltzlich verloschen wie auf ein Signal alle Flammen dieses Feuermeeres,
die Tnze hrten auf, die Tnzerinnen verschwanden. Die Ceremonie war
vorbei und nur die Fackeln leuchteten noch auf dem Plateau, das vorher in
tausend Lichtern erglnzte.

Auf ein Zeichen des Emirs ward Michael Strogoff mitten auf den Platz
gefhrt.

"Blount, sagte Alcide Jolivet zu seinem Begleiter, wollen Sie auch das
Ende hiervon noch ansehen?

-- Nicht um Alles in der Welt, erwiderte Harry Blount.

-- Ihre Leser des Daily-Telegraph werden nicht so sehr darauf erpicht sein,
die Einzelheiten einer Gerichtsvollstreckung nach Sitte der Tartaren
kennen zu lernen.

-- Nicht mehr als Ihre Cousine.

-- Armer Kerl! fgte Alcide Jolivet hinzu mit einem Blicke auf Michael
Strogoff. Dieser wackere Soldat htte einen besseren Tod auf dem Felde der
Ehre verdient!

-- Knnen wir etwas zu seiner Rettung thun? sagte Harry Blount.

-- Nein, leider gar nichts."

Die beiden Journalisten erinnerten sich des uneigenntzigen
Entgegenkommens Michael Strogoff's, sie wuten nun, welche Prfung er, ein
Sklave seiner Pflicht, hatte ber sich ergehen lassen, und nichts konnten
sie fr den Gefangenen in der grausamen Hand der Tartaren, gar nichts fr
ihn thun!

Da sie keineswegs begierig waren, der Vollstreckung des Urtheils an dem
Unglcklichen beizuwohnen, so kehrten sie nach der Stadt zurck.

Eine Stunde spter trabten sie schon auf der Strae nach Irkutsk, um unter
dem russischen Heere "den Revanchekrieg", wie Alcide Jolivet schon zu
sagen beliebte, weiter zu verfolgen.

Inzwischen stand Michael Strogoff aufrecht da, mit einem Blicke voll
mnnlichen Stolzes auf den Emir, voll Verachtung gegen Iwan Ogareff. Er
erwartete sterben zu mssen, und doch htte man vergeblich ein Zeichen der
Schwche an ihm zu entdecken gesucht.

Die Zuschauer am Rande des Platzes ebenso wie der Generalstab
Feofar-Khan's, fr welche diese Hinrichtung nur ein Lockmittel zum
Ausharren war, erwarteten die Vollstreckung des Urtheils. Nach Stillung
ihrer Neugier brannte diese wilde Horde vor Verlangen, sich thierisch zu
berauschen.

Der Emir gab ein Zeichen. Von Garden gedrngt nherte sich Michael
Strogoff mehr der Terrasse, und Feofar-Khan sprach zu ihm in der auch ihm
verstndlichen tartarischen Mundart:

"Du kamst, um zu sehen, Spion der Russen. Du hast zum letzten Mal gesehen.
Nach Verlauf einer Minute werden Deine Augen dem Lichte fr immer
verschlossen sein!"

Nicht den Tod sollte Michael Strogoff also erleiden, aber von ewiger
Blindheit geschlagen werden. Ist der Verlust des Gesichts vielleicht nicht
noch schrecklicher, als der des Lebens? Der Unglckliche war verdammt,
geblendet zu werden.

Auch als Michael Strogoff das ber ihn gefllte Urtheil aus dem Munde des
Emirs vernahm, erbleichte er nicht. Er blieb unerschttert, die Augen weit
geffnet, stehen, als wollte er sein ganzes Leben in diesen letzten Blick
zusammendrngen. Diese Unmenschen um Gnade anzuflehen erschien nicht nur
unntz, sondern auch seiner unwrdig. Er dachte berhaupt gar nicht daran.
Alle seine Geistesthtigkeit condensirte sich, so zu sagen, in seiner
unwiderruflich verfehlten Mission, in seiner Mutter und Nadia, die er nie
wiedersehen sollte. Dennoch lie er uerlich nichts von der tiefen
Erregung seines Innern blicken.

Sein ganzes Wesen durchzuckte der Gedanke, sich noch einmal auf irgend
eine Weise zu rchen. Er kehrte sich zu Iwan Ogareff um.

"Iwan, begann er mit drohender Stimme, Iwan, elender Verrther, die letzte
Drohung meiner Augen wird fr Dich sein!"

Iwan Ogareff zuckte mit den Achseln.

Aber Michael Strogoff tuschte sich. Nicht mit einem Blicke der Wuth auf
Iwan Ogareff sollten sich seine Augen fr immer schlieen.

Marfa Strogoff nherte sich ihm.

"Meine Mutter! rief er, Dir, ja Dir sollen meine letzten Blicke noch
gelten, nicht jenem Schurken dort!

-- O bleibe vor mir stehen! La mich Dein geliebtes Angesicht noch sehen!
Mgen sich meine Augen mit diesem letzten Bilde schlieen!..."

Die alte Sibirerin schritt ohne ein Wort auf ihn zu.

"Fort mit diesem Weibe!" befahl Iwan Ogareff.

Zwei Soldaten suchten Marfa Strogoff fortzureien. Sie wich zurck, blieb
aber wenige Schritte vor ihrem Sohne stehen.

Der Henker erschien. Jetzt trug er wieder den bloen Sbel in der Hand,
aber dieser leuchtete in heller Weigluth, wie er ihn aus dem Becken mit
wohlriechenden Kohlen gezogen hatte.

Michael Strogoff sollte nach der gewhnlichen Sitte der Tartaren geblendet
werden, indem man eine weiglhende Klinge dicht vor seinen Augen
vorbeifhrte.

Michael Strogoff leistete keinen Widerstand. Fr seinen Blick war nichts
vorhanden, als seine Mutter, die er mit den Augen zu verzehren suchte!
All' sein Leben drngte sich in diesem letzten Liebesblick zusammen!

Mit weit geffneten Augen, die Arme nach ihm ausbreitend, sah Marfa
Strogoff ihn an ...

Die glhende Klinge streifte die Augen Michael Strogoff's.

Ein Schrei der Verzweiflung. Leblos sank die alte Marfa zu Boden.

Michael Strogoff war blind.

Nach Ausfhrung seines Befehls zog sich der Emir mit seinem ganzen Hofe
zurck. Bald waren nur noch Iwan Ogareff und die Fackeltrger auf dem
Platze.

Iwan Ogareff zog das kaiserliche Schreiben aus der Tasche, ffnete es und
hielt dasselbe in grausamem Spott dem Courier des Czaaren vor die Augen.

"Lies doch nun, Michael Strogoff, lies, und gehe nach Irkutsk, zu melden,
was Du gesehen hast! Der wahrhafte Courier des Czaaren, das bin ich, das
ist Iwan Ogareff!" Mit diesen Worten verbarg der Verrther den Brief
wieder an seiner Brust. Dann verlie er, ohne sich umzuwenden, den Platz,
und lautlos folgten ihm die Fackeltrger.

Michael Strogoff war allein, wenig Schritte von seiner Mutter, welche noch
leblos, vielleicht wirklich todt, auf der Erde lag.

In der Ferne hrte man das Schreien und Singen, das Lrmen der Orgie.
Festlich erleuchtet prangte die unglckliche Stadt.

Michael Strogoff lauschte; der Platz schien ihm still und verlassen.

Tastend suchte er die Stelle zu erreichen, auf der seine Mutter
niedersank. Seine Hand fand sie, er neigte sich ber sie, er legte sein
Antlitz auf das ihre, er hrte die Schlge ihres Herzens. Dann schien es,
als flsterte er ihr einige Worte zu.

Lebte die alte Marfa noch, und hrte sie, was ihr Sohn zu ihr sagte?

Jedenfalls machte sie nicht die geringste Bewegung.

Michael Strogoff kte ihr die Stirn und das weie Haar. Dann erhob er
sich, tastete mit den Fen, suchte seine Hand auszustrecken, um den Weg
zu finden, und schritt langsam nach dem Ende des Platzes.

Pltzlich erschien Nadia.

Sie ging gerade auf ihren Gefhrten zu. Ein Dolch, den sie bei sich trug,
diente ihr, die Fesseln zu durchschneiden, welche Michael Strogoff's Arme
drckten.

Bei seiner Blindheit wute dieser nicht, wer ihn befreite, denn Nadia
hatte noch kein Wort gesprochen.

Nachher erst flsterte sie:

"Bruder, mein Bruder!

-- Nadia, erwiderte Michael Strogoff, Du, Nadia!

-- Komm, Bruder! antwortete sie. Meine Augen werden nun die Deinigen sein,
ich werde Dich nach Irkutsk fhren!"




                            Sechs tes Capitel.


                          Ein Freund unterwegs.


Nach Verlauf einer halben Stunde hatten Michael Strogoff und Nadia Tomsk
verlassen.

Ueberhaupt gelang es im Laufe dieser Nacht einer ganzen Anzahl Gefangenen
zu entweichen, da Soldaten und Officiere im Taumel der wilden
Festlichkeiten die bisher gewohnte strenge Ueberwachung jenes
Menschenknuels vernachlssigten. Nadia vermochte also, nachdem man sie
erst mit den anderen Gefangenen weggefhrt hatte, zu entfliehen und nach
dem Plateau zurck zu kehren, gerade als Michael Strogoff vor den Emir
geschleppt wurde.

Unter der Zuschauermenge verloren, hatte sie Alles mit angesehen. Nicht
ein Schrei entfuhr ihr, als die weiglhende Sbelklinge die Augen ihres
Begleiters streifte. Sie erzwang sich die Kraft, unbeweglich und lautlos
zu verharren. Eine providentielle Ahnung gab ihr den Rath ein, sich zurck
zu halten, um ihre Freiheit zu sichern und den Sohn Marfa Strogoff's nach
dem Ziele zu geleiten, das er zu erreichen geschworen hatte. Einen
Augenblick wohl stand das Herz ihr still, als sie die alte Sibirerin
ohnmchtig niedersinken sah, aber _ein_ Gedanke reichte hin, ihr all' die
frhere Entschlossenheit zurck zu geben.

"Ich werde der treue Hund des Blinden sein!" sagte sie sich.

Als Iwan Ogareff sich entfernte, suchte Nadia sich im Dunkel zu verbergen.
Sie wartete gelassen, bis die Menge sich vom Plateau verlief. Verlassen,
wie ein elendes Geschpf, das man nicht weiter zu frchten hatte, war
Michael Strogoff allein gelassen worden. Sie sah, wie er sich zu seiner
Mutter hin tastete, sich ber sie beugte, ihre Stirn voll heier Liebe
kte und dann zu entfliehen suchte ...

Einige Minuten spter verlieen Beide Hand in Hand den Abhang des Hgels,
folgten bis zum Ende der Stadt den Ufern des Tom und gelangten unbemerkt
durch eine Oeffnung des Umfassungswalles.

Nur die eine Strae nach Irkutsk verlief dort in stlicher Richtung. Nadia
fhrte Michael Strogoff mglichst schnell mit sich fort, in der Besorgni,
es mchten die Plnkler des Emirs nach Schlu der thierischen Orgie, die
sie jetzt feierten, wieder ausschwrmen und jeden Weg verlegen. Ihr galt
es also, Jenen zuvor zu kommen, und Krasnojarsk, das brigens 500 Werst
von Tomsk entfernt liegt, eher als sie zu erreichen. Sich seitwrts von
der Strae zu wagen, das hie dem Ungewissen, Unbekannten, wahrscheinlich
aber dem drohenden Verderben entgegen zu gehen.

Wie Nadia die Anstrengungen der Nacht vom 16. zum 17. August zu ertragen
vermochte; woher sie die Krfte nahm, eine so lange Tagereise auszuhalten;
wie ihre von dem anstrengenden Marsche der vorhergehenden Tage noch
blutenden Fe sie bis dahin tragen konnten, - wohl ist das kaum
begreiflich. Aber trotzdem erreichte sie am nchsten Tage, zwlf Stunden
nach dem Aufbruch aus Tomsk, mit Michael Strogoff den Flecken Semilowsko,
- nach einem Wege von fnfzig Werst Lnge.

Michael Strogoff hatte noch keine Silbe gesprochen. Nicht Nadia hielt
seine Hand, sondern er schlo sich die ganze Nacht ber an die seiner
Begleiterin; aber Dank dieser treuen Hand, die ihn, wenn auch leise
zitternd, leitete, war er gewohnten schnellen Schrittes gegangen.

Semilowsko erwies sich fast vollstndig verlassen. Aus Furcht vor den
Tartaren waren die Einwohner nach der Provinz Yenisesk entflohen, und nur
zwei oder drei Huser bewohnt geblieben. Allen Reichthum der Stadt an
ntzlichen und werthvollen Gegenstnden hatte man auf Karren fort
geschafft.

Dennoch konnte Nadia nicht umhin, hier einige Stunden Halt zu machen.
Beide bedurften nothwendig der Nahrung und der Ruhe.

Das junge Mdchen fhrte seinen Begleiter also nach dem Ende des
Marktfleckens. Dort fand sich ein Haus mit offen stehender Thr. Sie
traten ein. Neben dem in sibirischen Husern gebruchlichen ungeheuren
Ofen stand mitten in der Stube eine einfache hlzerne Bank. Beide setzten
sich dort nieder.

Jetzt erst schaute Nadia ihrem geblendeten Gefhrten in's Gesicht, wie sie
ihn wohl noch nie angesehen hatte. Aus ihrem Blicke sprach noch mehr als
Dankbarkeit, mehr als Mitleid mit dem Unglck. Htte nur Michael Strogoff
sie sehen knnen, er htte in ihrem verzweifelten Blick den Ausdruck der
Ergebenheit ohne Grenzen, der innigsten Zrtlichkeit lesen mssen.

Die von der hellglhenden Klinge gertheten Lider bedeckten zur Hlfte die
trockenen Augen des Blinden. Die Sklerotika (die weie Augenhaut) erschien
leicht gefaltet, wie verhornt, die Pupille auffallend vergrert; die Iris
(Regenbogenhaut) zeigte ein dunkleres Blau als vordem; Wimpern und
Augenbrauen waren zum Theil verbrannt und versengt, - scheinbar aber hatte
der so durchdringende Blick des jungen Mannes sich keineswegs verndert.
Wenn er nicht sehen konnte, wenn seine Blindheit vollstndig war, so
rhrte das von der totalen Zerstrung der Lichtempfindlichkeit der
Netzhute und Sehnerven durch die Hitze des glhenden Stahles her.

Jetzt streckte Michael Strogoff seine hilflosen Hnde aus.

"Du bist hier, Nadia? fragte er.

-- Ja, ich bin bei Dir, erwiderte das junge Mdchen, ich werde Dich niemals
verlassen, Michael."

Michael Strogoff erzitterte im Innern, als Nadia zum ersten Male seinen
wahren Namen aussprach. Er begriff, da seine Gefhrtin Alles wute, wer
er sei und welche Bande ihn mit der alten Marfa verknpften.

"Nadia, fuhr er fort, wir werden uns trennen mssen.

-- Uns trennen? Und warum, Michael?

-- Ich will Dir kein Hinderni Deiner Reise sein. Dein Vater erwartet Dich
in Irkutsk. Du mut zu ihm eilen.

-- Mein Vater wrde mir fluchen, Michael, wenn ich Dich, nach dem, was Du
fr mich gethan, verlassen wollte.

-- Nadia, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und drckte die Hand, welche
das junge Mdchen in die seinige gelegt hatte, Du hast an Niemand als an
Deinen Vater zu denken.

-- Michael, antwortete Nadia fast bitter, Du bedarfst meiner jetzt mehr,
als mein Vater! Willst Du denn darauf verzichten, nach Irkutsk zu kommen?

-- Niemals! sagte Michael Strogoff schnell und in einem Tone, der seine
ganze frhere Energie durchklingen lie.

-- Du besitzest aber jenen Brief nicht mehr ...

-- Den Brief, den Iwan Ogareff mir raubte!... Ja wohl, doch auch das soll
mich nicht abhalten, Nadia! - Sie haben mich als Spion verurtheilt, - gut,
so werde ich handeln wie ein Spion. In Irkutsk will ich Alles sagen, was
ich gesehen, was ich gehrt habe, und, beim allmchtigen Gott, ich schwre
es, da der Verrther mich noch einmal zu Gesicht bekommen soll; nur mu
ich vor ihm in Irkutsk ankommen.

-- Und doch sprichst Du von Trennung, Michael!

-- Die Nichtswrdigen haben mir Alles gestohlen, Nadia.

-- Mir blieben noch einige Rubel und meine Augen. Ich kann fr Dich mit
ihnen sehen und Dich dahin fhren, wohin Du allein niemals gelangen
wrdest.

-- Und wie sollen wir weiter reisen?

-- Zu Fu.

-- Und wovon leben?

-- Wir betteln.

-- Nun denn, mit Gott!

-- Komm, Michael."

Die beiden jungen Leute nannten sich nicht mehr Bruder und Schwester, das
gemeinsame Unglck kettete sie noch inniger an einander. Beide verlieen
das Haus, nachdem sie eine Stunde geruht hatten. Nadia durcheilte vorher
die Straen des kleinen Ortes, und es war ihr geglckt, einige Stcken
"Tschornekhleb", d. i. eine Art Gerstenbrod, und etwas Meth, der in
Ruland mit dem Namen "Meed" bezeichnet wird, zu erlangen. Beides kostete
ihr nichts, denn sie hatte sich bezwungen, als Bettlerin anzuklopfen. Das
Brod und der Meth sttigten nothdrftig Michael Strogoff's Hunger und
Durst. Nadia hatte ihm den greren Theil des krglichen Mahles
aufgenthigt. Er a die Brodbissen, die ihm seine Gefhrtin einen nach dem
andern reichte; er trank aus der Krbisflasche, die sie an seine Lippen
setzte.

"It Du auch, Nadia? fragte er wiederholt.

-- Ja wohl, Michael", beruhigte ihn das junge Mdchen, whrend es sich doch
mit den Ueberresten begngte.

Michael Strogoff und Nadia verlieen Semilowsko und begaben sich wieder
auf den mhseligen Weg nach Irkutsk. Energisch widerstand das junge
Mdchen jeder Ermdung. Htte Michael Strogoff sie gesehen, es wre ihm
wohl der Muth gesunken, weiter zu ziehen. Nadia aber beklagte sich nicht,
und da Michael Strogoff keinen leisen Seufzer hrte, so ging er mit einer
Hast, die er selbst nicht zu zgeln vermochte. Und warum? Durfte er
hoffen, den Tartaren zuvor zu kommen? Er war zu Fu, ohne Geld und -
blind, und wenn Nadia, seine einzige Fhrerin, ihm entrissen werden
sollte, blieb ihm ja nichts Anderes brig, als sich an die Seite der
Strae zu legen und elend zu verderben. Konnte er dagegen durch ungebeugte
Energie nach Krasnojarsk gelangen, so war vielleicht noch nicht Alles
verloren, da der Gouverneur, dem er sich zu entdecken gedachte, ihm ohne
Zweifel die nthigen Mittel gewhren wrde, um Irkutsk zu erreichen.

Michael Strogoff wanderte also karg an Worten und versunken in Gedanken
weiter. Er hielt Nadia's Hand. Beide blieben ununterbrochen vereinigt. Es
schien, als bedrften sie der Sprache zum Austausch ihrer Gedanken gar
nicht mehr. Von Zeit zu Zeit unterbrach Michael Strogoff wohl das
Schweigen.

"Sprich doch zu mir, Nadia, sagte er.

-- Wozu das, Michael? Wir denken ja zusammen!" antwortete die junge
Lieflnderin und bemhte sich, ihre Erschpfung nicht durch ihre Stimme zu
verrathen.

Manchmal aber sanken ihre Fe zusammen, als stnde ihr Puls schon still,
ihr Schritt verlangsamte sich und mit flehend geffneten Armen blieb sie
ein wenig zurck, dann hemmte auch Michael Strogoff seine Schritte und
richtete die Augen auf das junge Mdchen, so als knne er es in der
Dunkelheit, die ihn umgab, erkennen. Seine Brust hob sich; er suchte seine
Begleiterin noch besser zu untersttzen und nahm den ermdenden Weg wieder
auf.

Diese ununterbrochenen Anstrengungen sollten aber heute eine beraus
glckliche Wendung erfahren, welche Beiden fr die Zukunft eine groe
Erleichterung versprach.

Seit zwei Stunden hatten sie Semilowsko verlassen, als Michael Strogoff
stehen blieb und fragte:

"Ist die Strae menschenleer?

-- Vollstndig verlassen, antwortete Nadia.

-- Hrst Du nicht hinter uns irgend ein Gerusch?

-- Ja, wirklich.

-- Das knnten Tartaren sein; wir werden uns verbergen mssen. Passe wohl
auf!

-- Warte ein wenig, Michael!" erwiderte Nadia und ging die Strae einige
Schritte, bis zu einer nahen Biegung rckwrts.

Michael Strogoff blieb, angestrengt lauschend, einige Augenblicke allein.

Nadia kehrte sehr bald zurck und meldete:

"Es ist ein Wagen hinter uns, den ein junger Mann fhrt.

-- Ist er allein?

-- So viel ich sehen kann, ja."

Michael Strogoff zgerte einen Moment. Sollte er sich verbergen? - oder
sollte er im Gegentheil bei der sich bietenden Gelegenheit versuchen, auf
diesem Wagen, wenn auch nicht fr sich selbst, so doch vielleicht fr sie,
einen Platz zu erhalten? Er wrde sich damit begngen, eine Hand auf den
Wagen zu sttzen; ja, er wrde diesen selbst mit schieben, denn seine Fe
versagten ihm voraussichtlich niemals den Dienst, aber er fhlte wohl, da
Nadia durch die lange, achttgige Wanderung vom Obi bis hierher am Ende
ihrer Krfte sein msse.

Er wartete.

Der Wagen zeigte sich bald an dem Knie der Strae.

Es war ein sehr verfallenes, fr hchstens drei Personen eingerichtetes
Fuhrwerk, eine in der dortigen Gegend sogenannte Kibitka.

Gewhnlich bilden drei Pferde die Bespannung einer solchen Kibitka; diese
wurde aber nur von einem Pferde mit langer Behaarung und dickbuschiger
Mhne und Schweif gezogen, dessen offenbar mongolische Abstammung seine
Strke und Ausdauer verrieth.

Als Fhrer sa ein junger Mann auf dem Wagen, neben welchem ein Hund
neugierig hervorguckte.

Nadia erkannte bald, da der junge Mann ein Russe sei. Er hatte ein
freundliches, ruhiges, Vertrauen erweckendes Gesicht. Besondere Eile
schien er auch nicht zu haben. Er trottete ruhigen Schrittes dahin, um
sein Pferd nicht beranzustrengen, und wer ihn so sah, htte gewi nie
geglaubt, da er auf einem Wege fahre, den die wilden Horden der Tartaren
jederzeit abschneiden konnten.

Nadia fate Michael Strogoff's Hand sicherer und trat zur Seite.

Die Kibitka hielt; lchelnd sah deren Fhrer das junge Mdchen an.

"Ei, wo wandert Ihr denn hin?" fragte er mit freundlich theilnehmendem
Blicke.

Der Ton dieser Stimme belehrte Michael Strogoff, da er dieselbe irgendwo
schon einmal gehrt habe. Ohne Zweifel gengte ihm dieser Anhaltepunkt, um
den Fhrer der Kibitka wieder zu erkennen, denn seine sorgenvolle Stirn
heiterte sich pltzlich auf.

"Nun, wohin wollt Ihr denn? wiederholte der junge Mann, indem er sich
direct an Michael Strogoff wandte.

-- Wir gehen nach Irkutsk, antwortete dieser.

-- Aber, Vterchen, Du weit wohl gar nicht, da es noch viele, viele Werst
bis Irkutsk ist.

-- O ja, das wei ich.

-- Und Du reisest zu Fu?

-- Wie Du siehst.

-- Fr Dich mag das angehen, aber die junge Dame ...

-- Das ist meine Schwester, fiel Michael Strogoff ein, der es fr
gerathener hielt, ihr diese Bezeichnung wieder beizulegen.

-- Ja, das ist ganz gut, Vterchen. Aber traue meinem Worte, sie wird zu
Fu niemals nach Irkutsk kommen.

-- Guter Freund, begann Michael Strogoff und nherte sich dem Wagen, die
Tartaren haben uns geplndert und ich besitze keine Kopeke, sie Dir
anzubieten; doch wenn Du nur meine Schwester mit auf den Wagen nehmen
willst, so werd' ich Dir gern zu Fu folgen, nthigenfalls laufen, um Dich
keine Stunde aufzuhalten ...

-- Aber, Bruder, fiel ihm Nadia in's Wort,... ich will das nicht, nein, ich
will nicht!... Mein Bruder ist blind, mein Herr!

-- Blind! rief der junge Mann mit bewegter Stimme.

-- Die Tartaren blendeten ihm die Augen durch Feuer! setzte Nadia dazu,
whrend sie die Hnde ausstreckte, um sein Mitleid anzurufen.

-- Die Augen haben sie Dir ausgebrannt? - O, Du armes Vterchen! - Nun, ich
will nach Krasnojarsk. Warum willst Du nicht mit Deiner Schwester auf
meinem Wagen Platz nehmen? Wenn wir uns etwas einrichten, werden alle drei
Platz finden. Mein Hund wird nichts dagegen haben, weiter zu Fu zu gehen.
Nur fahre ich nicht sehr schnell, um mein Pferd zu schonen.

-- Wie ist Dein Name, Freund? fragte Michael Strogoff.

-- Ich heie Nicolaus Pigassof.

-- Diesen Namen werd' ich niemals vergessen, betheuerte Michael Strogoff.

-- Nun komm, steig' auf, blindes Vterchen. Hinten im Wagen mag Deine
Schwester neben Dir sitzen; ich werde davor Platz finden, um das Pferd zu
fhren. Im Wagen liegt schne Birkenrinde und Gerstenstroh - es ist wie
ein warmes Nest darin. Allons, Sersko, mach' Platz!"

Der Hund sprang, ohne sich bitten zu lassen, herab. Er war von sibirischer
Race mit grauem Fell, von mittlerer Gre, mit groem, gutmthigem Kopfe
und schien sehr an seinem Herrn zu hngen.

Michael Strogoff und Nadia richteten sich schnell in der Kibitka ein.
Michael Strogoff hatte die Hnde ausgestreckt, um die Nicolaus Pigassof's
zu suchen.

"Meine Hand willst Du drcken, Vterchen? sagte Nicolaus. Hier ist sie!
Drcke sie, soviel es Dir Vergngen macht."

Die Kibitka setzte sich wieder in Bewegung. Das Pferd, welches Nicolaus
Pigassof nie mit der Peitsche antrieb, war ein Pagnger. Wenn Michael
Strogoff auch an Schnelligkeit nicht viel gewann, so blieben ihm und Nadia
doch weitere Krperanstrengungen erspart.

Die Erschpfung des jungen Mdchens war auch so gro, da es, geschaukelt
von dem gleichmigen Schwanken der Kibitka, bald in tiefen, fast
todtenhnlichen Schlaf verfiel. Michael Strogoff und Nicolaus Pigassof
betteten die mde Schlferin so gut es ging auf Birkenlaub und Stroh. Der
mitleidige junge Mann war innig bewegt, und wenn sich aus Michael
Strogoff's Lidern keine Thrne drngte, so lag es daran, da das glhende
Eisen deren Quelle versiegen gemacht hatte.

"Es ist ein nettes Mdchen, sagte Nicolaus.

-- O ja, erwiderte Michael Strogoff.

-- Die Pppchen wollen immer stark sein, Vterchen, immer muthig, und im
Grunde sind sie doch nur schwach. - Kommt Ihr von weit her?

-- Von sehr weit.

-- Arme Leutchen, - das mute Dir sehr weh thun, als sie Deine Augen
verbrannten.

-- Ja gewi, erwiderte Michael Strogoff sich umwendend, als htte er
Nicolaus sehen knnen.

-- Und Du weintest dabei nicht?

-- Doch.

-- O, ich htte wohl auch geweint. Zu denken, da man seine Lieben niemals
wiedersehen soll! Aber, sie knnen Euch doch sehen, darin liegt ja
wenigstens _ein_ Trost.

-- Ja, vielleicht. - Sage mir, Freund, fragte Michael Strogoff, solltest Du
mich noch niemals gesehen haben?

-- Dich, Vterchen? Da ich nicht wte.

-- Mir kommt der Ton Deiner Stimme so bekannt vor.

-- Sieh da! versetzte Nicolaus lchelnd. Er kennt den Klang meiner Stimme.
Du fragst mich das vielleicht, um zu erfahren, woher ich komme. O, das
will ich Dir sagen. Ich komme von Kolyvan.

-- Von Kolyvan? wiederholte Michael Strogoff. Dann bin ich Dir aber doch
begegnet. Du warst dort im Telegraphenamte?

-- Das trifft, besttigte Nicolaus. Ich wohnte daselbst als Beamter.

-- Und bliebst dort bis zum letzten Augenblick?

-- Nun, ich war wohl verpflichtet, bis zum Aeuersten auszuharren.

-- Das geschah an dem Tage, da ein Englnder und ein Franzose, die Hnde
voller Rubelstcke, sich um den Platz an Deinem Schalter stritten und der
Englnder die ersten Verse der Bibel abtelegraphiren lie?

-- Das mag sein, Vterchen, doch ich entsinne mich dessen nicht.

-- Wie? Daran erinnerst Du Dich nicht?

-- Ich lese die abzusendenden Depeschen niemals. Es ist meine Pflicht, sie
zu vergessen, und das Krzeste, gar keine Kenntni von ihnen zu nehmen."

Diese Antwort schlo Michael Strogoff den Mund.

Inzwischen bewegte sich die Kibitka in ihrem migen Tempo weiter, das
Michael Strogoff so gern etwas beschleunigt htte. Doch Nicolaus und sein
Pferd erschienen an jenes so gewhnt, da weder der Eine noch das Andere
je davon abgingen. Drei Stunden lang zog das Pferd in gleichem Schritte
weiter, dann ruhte es whrend einer Stunde, - und das Tag und Nacht. An
den Haltestellen weidete das Thier und die Insassen der Kibitka nahmen in
Gesellschaft des treuen Sersko einen Imbi ein. Die Kibitka war mindestens
fr zwanzig Personen verproviantirt, und Nicolaus stellte opferwillig
seine Vorrthe den beiden Gsten, die er fr Bruder und Schwester hielt,
zur Verfgung.

Nach eintgiger Ruhe gewann Nadia ihre Krfte so ziemlich wieder. Nicolaus
sorgte nach Krften fr ihr Wohlergehen. Die Reise ging, wenn auch
langsam, doch regelmig und unter ganz leidlichen Verhltnissen von
statten. Es kam auch vor, da Nicolaus whrend der Nacht, die Zgel in den
Hnden, einschlief, wobei sein ungestrtes Schnarchen ein beredtes Zeugni
fr sein ruhiges Gewissen ablegte. Dann htte man beobachten knnen, da
Michael Strogoff die Zgel des Pferdes zu erlangen und dieses in
schnelleren Gang zu bringen suchte, zum grten Erstaunen Sersko's, der
das inde schweigend geschehen lie. Unwiderruflich verlangsamte sich
dieser Trab aber sofort wieder zu dem alten Pagang, sobald Nicolaus
erwachte; nichtsdestoweniger hatte die Kibitka einige Werst ber die
reglementmige Geschwindigkeit gewonnen.

So kreuzte man den Ischimsk-Strom, durchzog die Flecken Ischimsko,
Berikylsko, Kusko, den Mariinsk-Flu, die gleichnamige Ortschaft,
Bogostowsko und kam endlich ber den Tschula, einen unbedeutenderen
Wasserlauf, der Westsibirien von Ostsibirien scheidet. Die Strae
durchschnitt hier bald ungeheure Haiden, welche einen ausgedehnten
Ueberblick gestatteten, bald dichte Tannenwlder, die gar kein Ende zu
nehmen schienen.

Alles war de; die Wohnsttten der Menschen fast ausnahmslos verlassen.
Die Landleute flchteten sich ber den Yenise, in der Meinung, da dieser
breite Strom den Tartaren Halt gebieten werde.

Am 22. August erreichte die Kibitka den Flecken Atschinsk, 380 Werst von
Tomsk. Hundertzwanzig Werst trennten sie nun noch von Krasnojarsk. Kein
Zwischenfall hatte die Fahrt gestrt. Seit sechs Tagen vereinigt waren
Nicolaus, Michael Strogoff und Nadia die nmlichen geblieben, jener
bezglich seiner unerschtterlichen Ruhe, diese unruhig und besorgt wegen
der Stunde, in der sich ihr Gefhrte von ihnen trennen wrde.

Michael Strogoff sah wirklich die durchfahrenen Landstrecken durch die
Augen Nicolaus' und des jungen Mdchens. Abwechselnd beschrieben ihm Beide
die Gegenden, durch welche die Kibitka fuhr. Er wute, ob in der Umgebung
ein Wald oder eine offene Ebene sei, ob sich ein verlorenes Huschen in
der Steppe oder ein Sibirer in der Ferne zeigte. Nicolaus' Zunge stand
selten still. Er liebte es, zu plaudern, und bei seiner eigenen
Anschauungsweise der Dinge hrte man ihm gern zu.

Eines Tages fragte ihn Michael Strogoff, wie die Witterung sei.

"O, recht schn, Vterchen, antwortete er, aber wir haben nun auch die
letzten angenehmen Sommertage. Der Herbst ist in Sibirien kurz und bald
genug werden sich die ersten Winterfrste melden. Vielleicht beschlieen
die Tartaren, whrend der schlechten Jahreszeit Cantonnements zu
beziehen?"

Unglubig schttelte Michael Strogoff den Kopf.

"Du glaubst es nicht, Vterchen, bemerkte Nicolaus. Du denkst, sie werden
bis Irkutsk vordringen?

-- Ich frchte es, erwiderte Michael Strogoff.

-- Ja ... Du kannst Recht haben. Sie haben da einen Schurken bei sich, der
ihren Kriegseifer nicht auf halbem Wege erkalten lassen wird. - Hast Du
von Iwan Ogareff gehrt?

-- Gewi.

-- Weit Du, da es sehr schlecht ist, sein Vaterland zu verrathen?

-- Ja, das ist es ... antwortete Michael Strogoff, der seine Ruhe mhsam zu
bewahren suchte.

-- Vterchen, versetzte Nicolaus, mir scheint, es emprt Dich gar nicht so
sehr, von Iwan Ogareff sprechen zu hren. Jedes russische Herz zittert
doch sonst vor Wuth, wenn man diesen Namen ausspricht.

-- Glaube mir, Freund, ich hasse ihn mehr, als Du ihn jemals hassen
knntest.

-- Das ist unmglich, erklrte Nicolaus; nein, das ist nicht mglich! Wenn
ich an Iwan Ogareff denke, an das Bse, das er unserm heiligen Ruland
zugefgt hat, so bermannt mich der Zorn und wenn ich ihn unter den Hnden
htte ...

-- Nun, wenn Du ihn httest, Freund?

-- Ich glaube, ich wrde ihn umbringen.

-- Und ich, ich wei das gewi", erklrte ruhig Michael Strogoff.




                            Siebentes Capitel.


                     Die Ueberschreitung des Jenise.


Am 25. August kam die Kibitka mit sinkendem Tage in Sicht von Krasnojarsk
an. Die Reise von Tomsk bis hierher hatte acht Tage in Anspruch genommen.
Wenn sie trotz aller Bemhungen Michael Strogoff's nicht schneller vor
sich ging, kam das daher, da Nicolaus nur sehr wenig schlief. Daraus
ergab sich die Unmglichkeit, die Gangart seines Pferdes zu beschleunigen,
das unter anderen Hnden nur sechzig Stunden zu dieser Strecke gebraucht
htte.

Zum Glck war von den Tartaren noch gar nichts zu spren. Kein Plnkler
lie sich bis jetzt auf der von der Kibitka verfolgten Strae sehen. Es
erschien das ganz unbegreiflich, und offenbar mute ein sehr gewichtiger
Umstand die Truppen des Emirs verhindert haben, ohne Verzug nach Irkutsk
zu weiter zu marschiren.

In der That war ein solches Hinderni eingetreten. Ein neues in aller Eile
gesammeltes russisches Corps war aus dem Gouvernement Jenisesk auf Tomsk
gezogen, um diese Stadt womglich wieder zu erobern. Freilich erwies es
sich der Heeresmacht Feofar-Khan's gegenber noch zu schwach und hatte
sich wieder zurckziehen mssen. Nach Vereinigung seiner eigenen Truppen
mit den Soldaten der Khanate von Khokhand und Kunduz verfgte Feofar-Khan
ber eine Gesammtzahl von 250,000 Mann, denen die russische Regierung noch
keine hinreichende Truppenmacht entgegen zu stellen vermochte. So
frhzeitig die Invasion zu ersticken schien nicht ausfhrbar, und
jedenfalls konnten die Tartarenhaufen versuchen, nach Irkutsk
aufzubrechen.

Am 22. August kam es zu jenem Treffen bei Tomsk, von dem Michael Strogoff
zunchst nichts wute, das aber hinreichend erklrt, warum der Vortrab des
Emirs Krasnojarsk noch am 25. unbelstigt gelassen hatte.

Kannte Michael Strogoff auch die jngsten Ereignisse nicht, so wute er
doch das Eine, da er den Tartaren um mehrere Tage voraus war und nicht
daran zu verzweifeln brauchte, Irkutsk vor ihnen zu erreichen. Die
Hauptstadt Ostsibiriens lag jetzt noch 850 Werst (= 900 Kilometer) von ihm
entfernt.

Er rechnete brigens darauf, da es ihm in Krasnojarsk, einer Stadt von
etwa 12,000 Seelen, an Transportmitteln nicht fehlen knne. Da Nicolaus
Pigassof in dieser Stadt bleiben wollte, machte sich die Beschaffung eines
Fhrers und eines anderen schnelleren Fuhrwerkes nthig. Michael Strogoff
hoffte, es werde ihm, wenn er sich an den Gouverneur der Stadt wendete,
seine Identitt und seine Eigenschaft als Courier des Czaaren nachwies, -
was ihm nicht schwer fallen konnte, - gewi gelingen, mit dessen Hilfe
Irkutsk in krzester Zeit zu erreichen. Er hatte dann dem wackeren
Nicolaus Pigassof nur noch seinen herzlichen Dank abzustatten und
unverzglich mit Nadia abzureisen, denn diese wollte er nicht eher
verlassen, als bis er sie den Hnden ihres Vaters bergeben htte.

Nicolaus' Entschlu, in Krasnojarsk zu bleiben, galt freilich nur "unter
der Bedingung, dort Verwendung zu finden".

Dieses Muster eines Beamten strebte nur darnach, sich, nachdem er seinen
Posten in Kolyvan bis zum letzten Augenblick behauptet, der
Telegraphen-Verwaltung sofort wieder zur Verfgung zu stellen.

"Wie knnte ich einen Gehalt angreifen, den ich nicht verdient htte?"
wiederholte er mehrfach.

Fr den Fall, da man seiner Dienste auch in Krasnojarsk nicht benthigte,
wollte er, da letztere Stadt mit Irkutsk noch immer in telegraphischer
Verbindung stehen mute, sich entweder nach Udinsk, oder auch nach der
Hauptstadt Sibiriens begeben. Dann setzte er aber seine Reise mit dem
Bruder und der Schwester fort, und wo htten diese einen sicherern Fhrer,
einen ergebeneren Freund finden knnen?

Die Kibitka befand sich jetzt nur noch eine halbe Werst von Krasnojarsk.
Rechts und links bemerkte man jene zahlreichen Kreuze, wie sie sich hier
an den Straen in der Nhe der Stadt finden. Es war um sieben Uhr des
Abends. An dem klaren Himmel zeichneten sich die Silhouetten der Kirchen
und die Profile der an dem steilen Abhange des Jenise erbauten Huser ab.
Das Wasser des Flusses erglnzte in den letzten Lichtstrahlen der
Atmosphre.

Die Kibitka hielt an.

"Wo sind wir, Schwester? fragte Michael Strogoff.

-- Eine halbe Werst von den ersten Husern der Stadt, belehrte ihn Nadia.

-- Ist die ganze Stadt eingeschlafen? fuhr Michael Strogoff fort. Kein Laut
dringt zu meinen Ohren.

-- Und ich sehe auch kein Licht erglnzen, keinen Rauch in die Luft
emporsteigen, fgte Nadia hinzu.

-- Eine eigenthmliche Stadt! sagte Nicolaus. Hier macht man keinen Lrmen
und legt sich sehr zeitig nieder!"

In Michael Strogoff stieg eine bse Ahnung auf. Er hatte Nadia noch nicht
mitgetheilt, welche Hoffnung er auf Krasnojarsk setzte, wo er die Mittel
zur sicheren Fortsetzung ihrer Reise zu erlangen glaubte. Jetzt frchtete
er, seine Hoffnung werde noch einmal getuscht werden. Aber Nadia hatte
seine Gedanken errathen, obgleich sie nicht begriff, warum ihr Gefhrte
jetzt, nach Verlust des kaiserlichen Handschreibens, so sehr eilte, nach
Irkutsk zu kommen. Eines Tages hatte sie mit Bezug hierauf auch einige
Worte fallen lassen.

"Ich habe geschworen, nach Irkutsk zu gehen!" Darauf beschrnkte sich
seine ganze Antwort.

Um jedoch den Zweck seiner Sendung zu erfllen, mute er in Krasnojarsk
noch ein schnelles Befrderungsmittel finden.

"Nun, Freund, wandte er sich an Nicolaus, weshalb fahren wir nicht weiter?

-- Ich befrchte, die Bewohner der Stadt durch das Gerusch unsres Wagens
aus dem Schlafe zu stren."

Durch einen leichten Streich mit der Peitsche setzte Nicolaus sein Pferd
wieder in Bewegung. Sersko schlug einige Male an und die Kibitka rollte
mig schnell die Strae hinab, die nach Krasnojarsk hinein fhrte.

Zehn Minuten spter befand sie sich in der Hauptstrae.

Auch Krasnojarsk war verlassen! Kein Athener belebte "das nordische
Athen", wie Frau von Bourboulon die Stadt genannt hat. Keine jener so
prchtig bespannten Equipagen rollte durch die breiten, reinlichen
Straen. Kein Fugnger wandelte auf den Trottoirs der schnen, in
monumentalem Style erbauten Holzhuser. Keine elegante, nach neuester
Pariser Mode gekleidete Sibirerin, promenirte in jenem herrlichen Parke,
der, in einem Birkenwalde angelegt, sich bis an das Ufer des Jenise
fortsetzte. Die groe Glocke der Kathedrale schwieg, die Glockenspiele der
Kirchen blieben stumm, whrend sonst nur selten der Gesang derselben in
den russischen Stdten nicht ertnt. Doch hier war Alles erstorben. Kein
lebendes Wesen athmete mehr in der sonst so verkehrsreichen Stadt!

Das letzte Telegramm aus dem Cabinet des Czaaren vor Unterbrechung der
telegraphischen Verbindung befahl dem Gouverneur, der Garnison, den
Einwohnern allen, Krasnojarsk zu verlassen, jeden werthvollen Gegenstand
und Alles, was den Tartaren htte von Nutzen sein knnen, wegzuschaffen
und nach Irkutsk zu flchten. Dieselbe Verordnung traf die Einwohner aller
kleineren Ortschaften der Provinz. Die russische Regierung suchte vor den
Schritten der Feinde eine Wste herzustellen. Solche eines Rostopschin
wrdige Befehle wurden nicht einen Augenblick lang kritisirt. Man kam
ihnen einfach nach, und deshalb blieb auch kein lebendes Wesen in
Krasnojarsk zurck.

Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus durchwanderten schweigend die Straen
der Stadt. Sie selbst verursachten das einzige Gerusch, das in dieser
todten Stadt ertnte. Von den Empfindungen, die ihn marterten, lie
Michael Strogoff zwar uerlich nichts merken, aber es kochte doch
manchmal auf in ihm ber das unersttliche Migeschick, welches ihn
verfolgte und seine Hoffnungen noch einmal so bitter tuschte.

"Groer Gott, jammerte Nicolaus, in dieser Wstenei werde ich meinen
Gehalt nimmer ehrlich verdienen knnen.

-- Guter Freund, redete ihm Nadia zu, Sie werden mit uns den Weg nach
Irkutsk einschlagen mssen.

-- Freilich mu ich das! antwortete Nicolaus. Zwischen Udinsk und Irkutsk
mu die Leitung noch im Stande sein und da ... Wollen wir weiter,
Vterchen?

-- Warten wir bis morgen, erwiderte Michael Strogoff.

-- Du hast Recht, besttigte Nicolaus. Wir mssen den Jenise passiren und
dazu sehen knnen.

-- Sehen knnen!" murmelte Nadia mit einem Gedanken an ihren blinden
Gefhrten.

Nicolaus hatte doch ihre Bemerkung gehrt und wendete sich an Michael
Strogoff.

"Verzeihe, Vterchen, sagte er. Ach, Nacht und Tag, das ist fr Dich ja
gleichgiltig!

-- Mache Dir keine Vorwrfe, Freund, beruhigte ihn Michael Strogoff und
strich dabei mit der Hand ber seine Augen. Mit Dir als Fhrer kann ich
auch noch etwas ntzen. Ruhe jetzt einige Stunden aus. Auch Nadia mag sich
durch den Schlummer strken. Morgen wird es ja wieder Tag."

Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus hatten nicht lange zu suchen, um eine
Ruhesttte zu finden. Das erste Haus, dessen Thre sie ffneten, war ja
ebenso leer, wie alle die anderen. Nur einige Haufen Laubwerk fanden sich
darin vor. In Ermangelung besseren Futters mute das Pferd sich mit diesem
begngen. Von dem noch nicht erschpften Proviant aus der Kibitka erhielt
jeder seinen Theil. Nachdem sie dann vor einem bescheidenen, an der Wand
hngenden Bilde der Panaghia, welches das letzte Flmmchen einer Lampe
beleuchtete, ihre Knie gebeugt, schliefen Nicolaus und das junge Mdchen
bald ein, whrend Michael Strogoff, den der Schlaf noch floh, neben ihnen
wachte.

Am folgenden Tage, dem 26. August, fuhr die wieder angeschirrte Kibitka
durch den Birkenpark nach dem Ufer des Jenise.

Michael Strogoff war sehr besorgt. Auf welche Weise sollte der Flu
berschritten werden, wenn man, wie anzunehmen war, alle Boote und Fhren
zerstrt hatte, um das Vordringen der Tartaren zu verzgern? Er kannte den
Jenise, den er schon manchmal passirte, sehr gut, ebenso die
betrchtliche Breite desselben, wie die heftigen Stromschnellen zwischen
den Inseln in seinem Bette. Unter gewhnlichen Verhltnissen verlangt die
Ueberschreitung des Jenise mittels besonderer fr den Transport von
Reisenden, Wagen und Pferden eingerichteter Fhren eine Zeit von drei
Stunden, und dabei erreichen diese Fhrboote das rechte Ufer nur unter dem
Aufwande der grten Anstrengungen. Wie sollte nun, beim Mangel jedes
Transportmittels, die Kibitka von einem Ufer zum andern gelangen?

"Und ich mu doch hinber kommen!" sagte sich Michael Strogoff wiederholt.

Der Tag begann zu grauen, als die Kibitka an einer dort auslaufenden Allee
des Parkes das linke Stromufer erreichte. An dieser Stelle erhebt sich das
Uferland etwa hundert Fu ber der Wasserflche, so da diese bis auf
weite Entfernung hin zu bersehen ist.

"Entdeckt Ihr eine Fhre? fragte Michael Strogoff, indem er seine Augen,
eine Folge frher Gewohnheit, hier- und dorthin wendete, als knne er
selbst noch sehen.

-- Noch ist es kaum Tag, antwortete Nadia. Auf dem Strome liegt ein so
dichter Dunst, da man kaum das Wasser zu sehen vermag.

-- Doch ich hre das Rauschen der Wellen", setzte Michael Strogoff noch
hinzu.

Wirklich drang aus den tieferen Nebelschichten ein Brausen von auf
einander treffenden Strmungen und Gegenstrmungen herauf. Das zu dieser
Jahreszeit sehr angeschwollene Wasser rauschte mit furchtbarer Gewalt
dahin. Alle Drei horchten und warteten auf das Verschwinden des
Nebelvorhanges. Rasch stieg nun die Sonne ber den Horizont empor und ihre
ersten warmen Strahlen tranken die angesammelten Dnste weg.

"Nun? fragte Michael Strogoff.

-- Der Nebel beginnt zu weichen, Bruder, antwortete ihm Nadia; schon
durchdringt ihn allmlig das Licht des Tages.

-- Das Niveau des Flusses siehst Du noch nicht?

-- Bis jetzt noch nicht.

-- Etwas Geduld, Vterchen, sagte Nicolaus. Es wird sich Alles machen. Da,
es erhebt sich schon ein frischer Wind; er wird die Nebel bald vertreiben.
Schon zeigen die hohen Hgel des andern Ufers ihre dichten Baumreihen. Die
dienstwilligen Sonnenstrahlen verzehren die angehuften Wasserdnste. O,
wie schn das ist, Du armer Blinder, und welches Unglck fr Dich, dies
prchtige Schauspiel nicht genieen zu knnen!

-- Siehst Du ein Fahrzeug? fragte Michael Strogoff.

-- Ich sehe keines, antwortete Nicolaus.

-- Sieh scharf hinaus, Freund, lngs dieses Ufers und lngs des anderen,
soweit Deine Augen reichen. Ein Boot! eine Barke, nur ein Canot aus
Baumrinde!"

Nicolaus und Nadia, die sich an den uersten Birkenstmmen des steilen
Ufers anhielten, bogen sich fast bis ber den Flu hinaus. Ihr
Gesichtskreis gewann dadurch noch mehr an Ausdehnung. Der Jenise ist an
dieser Stelle nicht weniger als anderthalb Werst breit und bildet zwei
ungleich groe Arme, in welchen die Wellen mit erstaunlicher Schnelligkeit
dahin schieen. Zwischen diesen Armen liegen mehrere Inseln zerstreut, die
mit ihren Erlen, Weiden und Pappeln wie eben so viele im Flusse verankerte
Fahrzeuge aussehen. Ueber diesen erheben sich die Hgel des stlichen
Ufers, gekrnt mit Wldern, deren Baumgipfel jetzt in purpurnem
Morgenlichte flammten. Stromaufwrts und stromabwrts erstreckte sich der
Lauf des Jenise bis ber Gesichtsweite hinaus. Das ganze wunderbar schne
Panorama entrollte sich in einem Umfange von mindestens fnfzig Werst.

Ein Boot aber zeigte sich weder am rechten noch am linken Ufer, noch auch
an dem Rande der Inseln. Schafften die Tartaren also das Material zum Bau
einer Schiffbrcke nicht selbst von Sden hierher, so mute ihr Zug auf
Irkutsk durch den schwer berschreitbaren Jenise eine nicht
unbetrchtliche Verzgerung erfahren.

"Ich erinnere mich, begann da Michael Strogoff, eines kleinen
Ausschiffungsplatzes, weiter oben, nahe den letzten Husern von
Krasnojarsk. Dort legten die Fhren an. La uns den Flu hinauf ziehen,
Freund, und sieh dabei zu, ob nicht eine einzige Barke vergessen worden
ist."

Nicolaus wendete sich nach der angedeuteten Richtung. Nadia ergriff
Michael Strogoff's Hand und fhrte ihn schnellen Schrittes dahin. Eine
Barke, nur ein hinreichend groes Boot, um die leichte Kibitka zu tragen,
und in Ermangelung dessen, nur ein Kahn, um die Insassen der letzteren
berzufhren, - und Michael Strogoff wrde keinen Augenblick gezgert
haben, die Ueberschreitung des Stromes zu wagen.

Zwanzig Minuten spter hatten alle drei die beschrnkte Landungsstelle
erreicht, einen kleinen Hafen, dessen letzte Huser bis an das Niveau des
Flusses herab reichten, etwa wie ein sich an Krasnojarsk anschlieender
kleiner Vorort.

Auch hier fand sich jedoch kein Fahrzeug am Ufer, kein Kahn an der
Pfahlwand, ja, nicht das Geringste, aus dem sich ein fr drei Personen
hinreichendes Flo htte herstellen lassen.

Michael Strogoff befragte Nadia ber den Befund, und diese gab leider die
wenig trostreiche Antwort, da ihr unter den gegebenen Verhltnissen eine
Ueberschreitung des Flusses schlechterdings unmglich scheine.

"Wir kommen hinber", erklrte Michael Strogoff.

Die Nachsuchungen begannen auf's Neue. Man durchstberte die an dem
Abhange gelegenen Gebude, welche ebenso verlassen waren, wie die in der
eigentlichen Stadt. Hchstens die Thren htte man dort ausheben knnen.
Es waren brigens nur vollkommen leere Htten rmerer Leute. Nicolaus sah
sich in der einen um, Nadia durchsuchte die andere. Selbst Michael
Strogoff trat hier und da ein und tastete nach irgend einem Gegenstande,
der ihm jetzt htte von Nutzen sein knnen.

Nicolaus und das junge Mdchen hatten sich vergeblich in den Htten
umgesehen und wollten schon jede fernere Nachsuchung aufgeben, als sie
ihre Namen rufen hrten.

Beide sahen sich auf dem Abhange um und gewahrten Michael Strogoff auf der
Schwelle einer Hausthr.

"Kommt hierher!" rief dieser.

Die Beiden folgten sofort seinem Rufe und traten in das Httchen ein.

"Was ist das hier? fragte Michael Strogoff und berhrte mit der Hand
verschiedene in einer Art Speisegewlbe liegende Gegenstnde.

-- Das sind Schluche, bedeutete ihm Nicolaus, wahrhaftig, ein volles
halbes Dutzend.

-- Sind sie gefllt?

-- Ja wohl, mit Kumi, ein Fund zu sehr gelegener Zeit, um unseren Proviant
zu erneuern."

Der "Kumi" ist ein aus Stuten- oder Kameelmilch bereitetes strkendes,
sogar berauschendes Getrnk, und Nicolaus hatte alle Ursache, sich dieses
Fundes zu freuen.

"Leg' einen bei Seite, sagte Michael Strogoff zu ihm, aber entleere sofort
alle brigen.

-- Sogleich, Vterchen.

-- Diese sollen uns den Jenise berschreiten helfen.

-- Und das Flo?

-- Das stellt die Kibitka selbst vor, welche ja leicht genug ist, um selbst
zu schwimmen. Uebrigens werden wir und das Pferd sie vermittels dieser
Schluche halten.

-- Gut ausgedacht, Vterchen, rief Nicolaus, und mit Gottes Hilfe werden
wir glcklich den Hafen erreichen ... vielleicht nicht in gerader Linie,
denn die Strmung ist sehr stark.

-- Das thut nichts, versicherte Michael Strogoff. La uns nur erst hinber
kommen, die Strae nach Irkutsk finden wir schon wieder.

-- An's Werk also", sagte Nicolaus, der sofort daran ging, die Schluche zu
entleeren und sie nach der Kibitka zu schaffen.

Nur ein mit Kumi gefllter Schlauch ward reservirt, die andern, mit Luft
aufgeblasen und sorgfltig verschlossen, sollten als schwimmende Trger
dienen. Zwei derselben band man an die Seiten des Pferdes, um dieses ber
Wasser zu halten. Zwei andere wurden an dem Sitzkasten der Kibitka
zwischen den Rdern angebracht, um diese zu tragen und sie als Flo
benutzen zu knnen.

Diese Arbeit war bald vollendet.

"Du wirst Dich doch nicht frchten, Nadia? fragte Michael Strogoff.

-- Nein, Bruder, erwiderte das junge Mdchen.

-- Und ich, rief Nicolaus, ich erreiche endlich die Erfllung meiner
Trume, gleich in der Kutsche zu schwimmen."

Das hier sanfter geneigte Ufer begnstigte den Stapellauf (wenn man so
sagen darf) der Kibitka. Das Pferd zog sie bis zum Rande des Wassers, und
bald schwamm der ganze Apparat sammt dem Pferde auf den Wellen des
Flusses. Sersko schwamm dabei munter nebenher.

Die drei in dem Sitzkasten stehenden Passagiere hatten aus Vorsicht die
Fubekleidung abgelegt, doch reichte ihnen, Dank der Tragkraft jener
Schluche, das Wasser kaum bis an die Knchel.

Michael Strogoff fhrte die Zgel des Pferdes und lenkte es, nach den
Anweisungen, welche ihm Nicolaus gab, schief gegen den Strom, ohne das
Thier im vorzeitigen Kampfe gegen das Wasser zu sehr anzustrengen. So
lange die Kibitka sich direct mit der Strmung bewegte, ging Alles ganz
gut von statten, und schon nach wenigen Minuten hatte sie die Quais von
Krasnojarsk passirt. Sie wich dabei nach Norden zu ab, und es lag auf der
Hand, da sie das jenseitige Ufer nur weit stromabwrts von der Stadt
erreichen werde. Doch hierauf legte man kein besonderes Gewicht.

Die Fahrt ber den Jenise wre nun, trotz der sehr mangelhaften
Hilfsmittel, ohne zu groe Schwierigkeit ausgefhrt worden, wenn sich die
Strmung in ihren gewhnlichen, regelrechten Verhltnissen bewegt htte.
Unglcklicher Weise kreuzten sich aber mehrere Wirbel auf der Oberflche
des schumenden Wassers, und bald wurde die Kibitka, trotz aller
Anstrengungen Michael Strogoff's, sie in einer andern Linie zu erhalten,
unwiderstehlich in einen dieser Trichter hinein gezogen.

Die Gefahr war gro. Die Kibitka hielt nicht mehr die Richtung nach dem
stlichen Ufer ein, sie ging nicht ferner stromab, sondern drehte sich mit
ungemeiner Schnelligkeit und nahm eine nach dem Mittelpunkte dieser
Bewegung geneigte Stellung an, wie der Reiter auf der Bahn eines engen
Circus. Ihre Schnelligkeit wuchs noch mehr. Das Pferd vermochte kaum noch
den Kopf ber dem Wasser zu halten und lief Gefahr, in dem Wirbel erstickt
zu werden. Auch Sersko hatte einen Sttzpunkt an der Kibitka suchen
mssen.

Michael Strogoff begriff recht wohl, was hier vorging. Er fhlte sich in
einer immer enger werdenden Spirale dahin gezogen, der er nicht entgehen
konnte. Er sprach kein Wort. Seine Augen schienen die Gefahr sehen zu
wollen, um sie leichter zu vermeiden - sie konnten es nicht!

Auch Nadia schwieg. Ihre Hnde klammerten sich krampfhaft an das Gerst
des Wagens, und so sicherte sie sich gegen die ungeordneten Bewegungen
desselben, als er sich immer mehr dem Depressionscentrum zuneigte.

Begriff auch Nicolaus den ganzen Ernst der Lage? Ueberwog in ihm das
Phlegma oder die Verachtung der Gefahr, der Muth oder die
Gleichgiltigkeit? Hatte das Leben keinen Werth fr ihn und galt es ihm,
nach einem Ausdrucke der Orientalen, so viel, "wie eine Hotelwohnung fr
fnf Tage", die man wohl oder bel am sechsten Tage rumen mu? Jedenfalls
zeigte sein immer lchelndes Gesicht keine Spur einer Vernderung.

Die Kibitka verblieb also in dem reienden Strudel und das Pferd stand am
Ende seiner Krfte. Pltzlich warf Michael Strogoff alle Kleidungsstcke,
die ihm hinderlich sein konnten, ab und strzte sich in das Wasser; dann
ergriff er mit mchtigem Arme den Zgel des halb scheu gewordenen Pferdes
und ri es so mchtig fort, da es sich bis ber den anziehenden
Kreiswirbel hinaus arbeitete, und sobald die Kibitka wieder in die
geordnete Strmung kam, trieb sie mit erneuter Schnelligkeit weiter.

"Hurrah!" rief Nicolaus.

Nur zwei Stunden nach dem Verlassen des Landungsplatzes hatte die Kibitka
den greren Arm des Stromes berschritten und landete, freilich sechs
Werst stromab von der Abfahrtsstelle, an dem Ufer einer Insel.

Das Pferd zog nun den Wagen vollends hinauf auf das Land, wo dem wackeren
Thiere gern eine Stunde Ruhe gegnnt wurde. Dann fuhr die Kibitka unter
dem schtzenden Dache prchtiger Birken quer ber das ganze Eiland und
langte an dem schmleren Arme des Jenise an.

Hier vollzog sich die Ueberfahrt leichter. Kein Wasserwirbel unterbrach
den Strom des zweiten Bettes, die Bewegung des Wassers war aber eine so
schnelle, da die Kibitka das rechte Ufer erst fnf Werst stromabwrts
erreichte. Im Ganzen war sie also um elf Werst verschlagen worden.

Diese groen Stromadern des sibirischen Gebietes, welche bis jetzt noch
nirgends berbrckt sind, bilden berall sehr fhlbare Hindernisse der
Communication. Alle erwiesen sich auch Michael Strogoff mehr oder weniger
verderblich. Auf dem Irtysch hatten die Tartaren die Fhre, welche ihn und
Nadia trug, angefallen. Beim Obi war er, nachdem sein Pferd einer Kugel
erlag, nur wie durch ein Wunder den ihn verfolgenden Reitern entkommen.
Alles in Allem lief diese Ueberschreitung des Jenise noch verhltnimig
am glcklichsten ab.

"Das wre gar nicht so amsant gewesen, uerte Nicolaus, als er, sich die
Hnde reibend, das rechte Ufer hinauf stieg, wenn es nicht solche
Schwierigkeiten geboten htte.

-- Und was fr uns nur schwer durchzufhren war, antwortete Michael
Strogoff, das, guter Freund, wird fr die Tartaren nahezu unmglich sein!"




                             Achtes Capitel.


                    Ein Hase, der ber den Weg luft.


Michael Strogoff konnte nun endlich glauben, da die Strae bis nach
Irkutsk frei sei. Er hatte die bei Tomsk zurckgehaltenen Tartaren gewi
weit berholt, und wenn die Soldaten des Emirs nach Krasnojarsk kamen,
fanden sie da nur eine verlassene Stadt und auerdem keinerlei Hilfsmittel
zur Ueberschreitung des Jenise. Einige Tage Aufenthalt ergaben sich
hieraus unzweifelhaft, da man erst eine hier noch dazu schwer
anzubringende Schiffsbrcke schlagen mute, um sich einen Uebergang
herzustellen.

Zum ersten Male seit dem traurigen Zusammentreffen mit Iwan Ogareff in
Omsk fhlte sich der Courier des Czaaren weniger beunruhigt und durfte
hoffen, da sich kein neues Hinderni zwischen ihm und seinem Ziel erheben
werde.

Die Kibitka rollte nun schrg nach Sdosten und traf nach einem Wege von
etwa fnfzehn Werst wieder auf die lange Strae durch die Steppe.

Der Weg hier war gut, ja dieser Theil der Strae zwischen Krasnojarsk und
Irkutsk wird sogar fr den besten gehalten. Der Wagen erlitt keine Ste
durch unebenen Boden mehr, dichter Schatten schtzte die Reisenden vor den
Strahlen der Sonne, und manchmal erhoben sich hier Wlder von Fichten und
Cedern, die sich wohl hundert Werst weit erstrecken. Hier dehnt sich nicht
mehr die unendliche Steppe aus, deren Grenzlinie am Horizont mit der des
Himmels verschmilzt. Doch dieses reiche Land war jetzt leer, alle Flecken
und Drfer verlassen. Hier gab es keine sibirischen Bauern mehr, die zum
grten Theil einen slavischen Typus zeigen. Rings ghnte eine Wste und,
wie wir wissen, eine knstliche Wste auf Befehl der Regierung.

Das Wetter hielt sich schn; bei den schon khleren Nchten aber erwrmte
sich die Luft nur schwer an den Strahlen der Sonne. Schon rckten die
ersten Tage des Septembers heran, und in dieser in ziemlich hoher Breite
gelegenen Gegend verkrzte sich zusehends der Bogen des Tagesgestirns ber
dem Horizont. Der Herbst whrt hier nicht lange, obwohl dieser Theil des
sibirischen Gebietes nicht ber dem 55. Grade der Breite, also etwa so
hoch wie Kopenhagen oder Edinburgh, liegt. Manchmal folgt sogar der Winter
so gut wie unvermittelt auf den Sommer. Und hart treten diese Winter des
asiatischen Rulands auch auf, wenn man bedenkt, da sie das Quecksilber
im Thermometer nicht selten zum Gefrieren bringen (was ja erst bei
ungefhr 42 unter Null geschieht) und man eine Temperatur von -20 fr
eine ganz ertrgliche hlt.

Die Witterung begnstigte also die Reisenden; sie war weder strmisch noch
regnerisch, die Hitze nur mig, die Nchte frisch. Nadia's und Michael
Strogoff's Gesundheit erhielt sich stets gut, ja seit der Abreise aus
Tomsk hatten sie fast alle frheren Beschwerden vergessen.

Nicolaus Pigassof befand sich niemals besser als jetzt.

Ihm galt diese Reise fr einen Spazierweg, eine angenehme Excursion, mit
der er seine freie Zeit als dienstloser Beamter ausfllte.

"Ganz entschieden, behauptete er, ist das weit besser, als zwlf Stunden
des Tages auf dem Stuhle am Schalter zu sitzen oder mit dem Manipulator
(der Handgriff an den Telegraphenapparaten, mit dem die elektrischen
Zeichen gegeben werden) zu arbeiten."

Inzwischen gelang es Michael Strogoff auch, Nicolaus zu vermgen, da er
das Pferd in etwas schnelleren Gang brachte. Um das zu erreichen, hatte er
ihm anvertraut, da Nadia und er im Begriffe seien, ihren nach Irkutsk
verbannten Vater aufzusuchen, und da sie groe Eile htten, dahin zu
kommen. Natrlich durfte man dem Pferde nicht zu viel zumuthen, denn
wahrscheinlich traf man auf dem Wege kein anderes, um dasselbe zu
ersetzen; wurde ihm aber nach etwa je fnfzehn Werst gengend Ruhe
gegnnt, so konnte man in vierundzwanzig Stunden doch bequem sechzig Werst
zurcklegen. Uebrigens war das Pferd gut bei Krften und schon seiner Race
nach fr lngere Anstrengungen besonders geeignet. An reichlichem Futter
fehlte es ihm lngs der Strae nicht, berall sprote fettes, frisches
Gras fast im Ueberflu. Also konnte man ihm ein solches Arbeitsquantum
wohl zumuthen.

Nicolaus fgte sich diesen Grnden. Ihm ging die Lage dieser jungen Leute,
welche sich anschickten, das Exil ihres Vaters zu theilen, herzlich nahe.
Nichts erschien ihm rhrender. Mit zufriedenem Lcheln sagte er auch zu
Nadia:

"Himmlische Gte, wie wird sich auch Herr Korpanoff freuen, wenn seine
Augen Euch wahrnehmen, seine Arme sich zum Empfange ffnen. Wenn ich bis
Irkutsk mitgehe, und wie die Sachen liegen, wird mir das immer
wahrscheinlicher, werdet Ihr mir gestatten, Zeuge dieses Wiedersehens zu
sein? Ja, nicht wahr?"

Dann schlug er sich vor die Stirn.

"Aber wenn ich an seinen Schmerz denke, fuhr er fort, zu sehen, da sein
armer Sohn geblendet worden ist! O, in dieser Welt mischt sich Freude und
Schmerz doch immer!"

Jedenfalls bewegte sich die Kibitka jetzt schneller vorwrts und legte,
Michael Strogoff's Rechnung nach, zehn bis zwlf Werst in der Stunde
zurck.

Am 28. August kamen die Reisenden durch den Flecken Balask, achtzig Werst
von Krasnojarsk, und am 29. durch Ribinsk, vierzig Werst von Balask.

Am folgenden Tage erreichte die kleine Gesellschaft in einer Entfernung
von fnfunddreiig Werst Kamsk, einen greren Ort, den der gleichnamige
Flu, ein kleiner von den Sayanskbergen herabkommender Nebenarm des
Jenise, besplt. Die Stadt bildet eigentlich nur eine rings um einen
groen Platz errichtete Gruppe von hlzernen Husern; ber diese hinaus
ragt aber der hohe Glockenthurm einer Kathedrale, deren goldenes Kreuz
hell in der Sonne funkelte.

Die Huser waren verlassen. Kein Relais war bedient, kein Gasthof bewohnt;
kein Pferd in den Stllen, kein Hausthier auf der Steppe. Man hatte die
Befehle des moskowitischen Gouvernements mit peinlicher Strenge vollzogen.
Was nicht fortgeschafft werden konnte, wurde zerstrt.

Als sie Kamsk verlieen, theilte Michael Strogoff seinen beiden
Reisegefhrten mit, da sie nun bis Irkutsk nur noch ein kleines
Stdtchen, Nishny-Udinsk, antreffen wrden. Nicolaus antwortete, da er
dasselbe um so besser kenne, weil sich daselbst eine Telegraphenstation
befinde. Erwies sich also auch Nishny-Udinsk so menschenleer wie Kamsk, so
blieb ihm gar nichts anderes brig, als in der Hauptstadt Ostsibiriens
Beschftigung zu suchen.

Die Kibitka konnte den Flu an einer seichten Stelle ohne viel Beschwerde
passiren und gelangte wieder auf die Strae, auf welcher nun, zwischen
Jenise und einem seiner grten Zuflsse, der Angara, die Irkutsk selbst
berhrt, wenigstens bezglich der Wasserlufe, ein ernsthaftes Hinderni
nicht mehr zu gewrtigen war, wenn nicht vielleicht die Dinka noch ein
solches bot. Die Reise konnte also aus diesen Grnden nicht mehr besonders
verzgert werden.

Zwischen Kamsk und dem nchsten Dorfe lag eine groe Strecke von etwa
einhundertdreiig Werst. Natrlich wurden unterwegs die nthigen Pausen
nicht versumt, "ohne welche man sich, wie Nicolaus sagte, einen sehr
gerechtfertigten Widerspruch des Pferdes zuziehen wrde". Nach
stillschweigender Uebereinkunft wute das treue Thier, da es nach je
fnfzehn Werst ausruhen durfte, und wenn man, sei es auch mit einem
Thiere, einen Vertrag abschliet, so mu er von beiden Theilen auch streng
beobachtet werden.

Nach Ueberschreitung des kleinen Biriusaflusses erreichte die Kibitka
Biriusinsk am Morgen des 4. Septembers.

Dort entdeckte Nicolaus, als er sich nach Vervollstndigung seines
Mundvorraths umsah, glcklicher Weise ein Dutzend "Pogatchas", das ist
eine Art Kuchen aus Hammelfett mit einer groen Menge in Wasser gekochtem
Reis. Dieser Zuwachs pate recht gut zu dem Vorrath an Kumi, mit dem die
Kibitka in Krasnojarsk hinreichend versehen worden war.

Hier wurde lngere Zeit Station gemacht und die Reise erst am Nachmittag
des 5. September fortgesetzt. Die Entfernung bis Irkutsk betrug nun
fnfhundert Werst. Von dem Vortrab des Tartarenheeres zeigte sich keine
Spur. Michael Strogoff glaubte also gegrndete Aussicht zu haben, seine
Reise binnen acht, hchstens zehn Tagen zu vollenden und vor dem
Grofrsten zu erscheinen.

Bei der Abfahrt aus Biriusinsk lief ein Hase, etwa dreiig Schritt vor der
Kibitka, ber den Weg.

"O weh! rief Nicolaus.

-- Was ist Dir, Freund? fragte Michael Strogoff, wie es Blinde thun, welche
das geringste Gerusch erregt.

-- Siehst Du nicht" ... antwortete Nicolaus, dessen heiteres Gesicht sich
pltzlich verdstert hatte.

Doch er unterbrach sich.

"Ach nein, fuhr er fort, Du kannst ja nicht sehen; das ist gut fr Dich,
Vterchen.

-- Ich sehe aber auch nichts, sagte Nadia.

-- Desto besser, desto besser! Aber ich ... ich sah ...

-- Nun was denn? fragte Michael Strogoff dringender.

-- Einen Hasen, der unsern Weg kreuzte!" antwortete Nicolaus.

Wenn ein Hase Jemand ber den Weg luft, so hlt das der Volksglaube in
Ruland allgemein fr das Vorzeichen eines drohenden Unglcks.

Aberglubisch wie alle Russen hatte Nicolaus die Kibitka angehalten.

Michael Strogoff verstand recht gut das Zgern seines Gefhrten, obgleich
er den Glauben an eine gewisse Vorbedeutung bezglich des vorberlaufenden
Hasen keineswegs theilte. Er suchte also Jenen zu beruhigen.

"O, deshalb ist nichts zu frchten, Freund, sagte er.

-- Fr Dich nichts, fr sie auch nicht, Vterchen, das wei ich, erwiderte
Nicolaus, wohl aber fr mich!"

Dann fuhr er fort:

"Dem Schicksal kann man ja doch nicht entgehen!"

Er trieb das Pferd wieder an.

Trotz des unglcklichen Vorzeichens verlief der Tag doch ohne jede
Strung.

Am nchsten Tage, dem 6. September, gegen Mittag, hielt die Kibitka in
Alsalewsk, das ebenso verlassen war, wie die ganze Umgebung.

Hier fand Nadia auf der Schwelle eines Hauses zwei solche starke Messer,
wie sie die sibirischen Jger zu gebrauchen pflegen. Sie gab das eine
Michael Strogoff, der es unter seinen Kleidern verbarg, und bewahrte
selbst das andere.

Die Kibitka befand sich nun noch fnfundsiebzig Werst von Nishny-Udinsk
entfernt.

Whrend dieser beiden Tage hatte Nicolaus niemals seine frhere gute Laune
wiederfinden knnen. Das ble Vorzeichen hatte ihn tiefer berhrt, als man
htte glauben sollen, und wenn er frher fast unaufhrlich plauderte, so
verfiel er jetzt manchmal in so dsteres Schweigen, da Nadia Mhe hatte,
ihn zu erwecken. Sein ganzes Innere erschien wie umgewandelt, was bei
einem Bewohner des Nordens weniger auffallen darf, von dessen
aberglubischen Vorfahren die dstere hyperborische Mythologie herrhrt.

Von Jekaterinenburg aus verluft die Strae nach Irkutsk fast stets
parallel dem 55. Breitengrade, hinter Biriusinsk aber wendet sie sich
herab nach Sdosten, so da sie den 100. Meridian schief durchschneidet.
Sie hlt nun die krzeste Linie nach der Hauptstadt Sibiriens ein und
wendet sich ber den letzten Auslauf der Sayanskberge. Dieses Gebirge
stellt selbst nur einen Vorwall der groen Altakette dar, welche man hier
schon in einer Entfernung von zweihundert Werst vor sich sieht.

Die Kibitka eilte also auf dieser Strae hin. Ja, sie eilte. Man fhlte
recht wohl, da Nicolaus jetzt nicht mehr daran dachte, sein Pferd zu
schonen, und da er selbst Eile hatte, anzukommen. Ein wenig Fatalist
trotz seiner Resignation, hielt er sich nirgends mehr fr sicher, als in
den Mauern von Irkutsk. Gewi htten viele Russen dieselbe Empfindung
gehabt, und nicht wenige von ihnen htten wohl gar das Pferd gewendet, um
die Stelle nicht zu berschreiten, an der ihnen ein Hase ber den Weg
gelaufen war!

Den Beobachtungen nach, welche Jener machte und von deren Richtigkeit sich
Nadia berzeugte, bevor sie dieselben Michael Strogoff mittheilte, schien
es allerdings mglich, da die Reihe der ihnen bevorstehenden Prfungen
noch immer nicht abgeschlossen sei.

Von Krasnojarsk bis hierher zeigte sich das Aussehen des Landes nicht
sonderlich verndert, hier aber trugen die Wlder Spuren von Zerstrungen
durch Feuer und Schwert, die Wiesen auf beiden Seiten der Strae waren
verwstet, und es lag auf der Hand, da daselbst eine bedeutende
Truppenmacht vorber gekommen sein mute.

Dreiig Werst vor Nishny-Udinsk wurde die Spur einer erst neuerdings
stattgefundenen Zerstrung immer deutlicher, die ihrer Natur nach nur von
der Hand der Tartaren herrhren konnte.

Hier waren in der That die Felder nicht allein von den Hufen der Pferde
zertreten, die Wlder von der Axt des Holzhauers gefllt. Die in weiten
Zwischenrumen lngs der Strae verstreuten Huser standen nicht nur leer,
nein, zum Theil sah man sie verheert, zum Theil durch Feuer zerstrt. Die
Wnde verriethen noch durch ihre Vertiefungen das Anschlagen von Kugeln.

Michael Strogoff's Beunruhigung kann man sich leicht vorstellen. Es
schwand ihm jeder Zweifel, da ein Tartarencorps vor nicht langer Zeit auf
dieser Strae gehaust hatte, und doch konnten das unmglich Soldaten des
Emirs gewesen sein, denn sie htten ihn, wenn sie den Wagen einholten,
ganz bestimmt treffen mssen. Aber wer sollten diese neuen Eindringlinge
sein, auf welchem Wege durch die Steppe waren sie bis zur Hauptstrae nach
Irkutsk vorgedrungen? Welchen neuen Feinden ging der Courier des Czaaren
noch entgegen?

Michael Strogoff theilte seine Befrchtungen weder Nadia, noch Nicolaus
mit, um diese nicht vor der Zeit oder vielleicht berhaupt unnthig zu
beunruhigen. Im Uebrigen war er ja entschlossen, seinen Weg fortzusetzen,
so lange ihn kein unbesiegbares Hinderni aufhielt. Dann wollte er sehen,
was sich noch thun liee.

Am folgenden Tage kennzeichnete sich ein neuerlicher Durchzug einer
starken Reiterschaar immer deutlicher. Ueber dem Horizonte lagerten
verdchtige Rauchwolken. Die Kibitka bewegte sich nur vorsichtig weiter.
Da und dort brannten in einem Dorfe wohl noch einige Huser, die gewi
erst innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden angezndet worden waren.

Am 8. September endlich stand die Kibitka pltzlich still; das Pferd
scheute zurck. Sersko bellte Klagelaute.

"Was giebt es, fragte Michael Strogoff.

-- Hier liegt ein Leichnam!" antwortete Nicolaus, der sofort vom Wagen
sprang.

Es war der Krper eines grlich verstmmelten Mujiks.

Nicolaus bekreuzte sich. Mit Michael Strogoff's Hilfe schleppte er den
Todten nach der Bschung der Strae. Er gedachte ihn auch ordentlich zu
begraben und wenigstens tief zu verscharren, um die Raubthiere der Steppe
von den Resten dieses Krpers abzuhalten, doch Michael Strogoff lie ihm
nicht die Zeit dazu.

"Vorwrts, Freund, rief er, vorwrts, wir drfen uns auch nicht eine
Stunde aufhalten."

Die Kibitka setzte ihren Weg fort.

Htte Nicolaus brigens allen Leichen, welchen sie weiterhin begegneten,
die letzte Ehre erweisen wollen, er wre nimmer fertig geworden. Mehr in
der Nhe von Nishny-Udinsk fand man die Krper der Ermordeten zu Fnfzigen
auf der Erde liegend.

Dennoch mute man diesem Wege so lange folgen, als es ausfhrbar war, ohne
den Feinden in die Hand zu fallen. Die Richtung wurde also unverndert
beibehalten, obgleich sich die Zeichen einer entsetzlichen Zerstrung mit
jedem Dorfe mehrten.

Alle diese Ortschaften, deren Namen auf ihre Grndung durch verbannte
Polen hinwiesen, waren allen Schrecken der Verwstung und Plnderung
ausgesetzt gewesen. Noch war das Blut der armen Opfer nicht getrocknet.
Wie es berhaupt zu diesem furchtbaren Ereigni gekommen war, das konnte
Niemand erklren, da sich keine lebende Seele fand, die es htte sagen
knnen.

An demselben Tage Nachmittag gegen vier Uhr erkannte Nicolaus am Horizonte
die hohen Thrme der Kirchen von Nishny-Udinsk. Rings um sie wlzten sich
dichte Dunstmassen, welche von Wolken offenbar nicht herrhrten.

Nicolaus und Nadia sahen sich aufmerksam um und theilten Michael Strogoff
die Ergebnisse ihrer Beobachtungen mit. Ein Entschlu mute gefat werden.
War die Stadt verlassen, so konnte man sie wohl ohne Gefahr passiren,
hielten sie aber die Tartaren unbegreiflicher Weise besetzt, so galt es,
sie um jeden Preis zu umgehen.

"Lat uns vorsichtig weiter fahren, empfahl Michael Strogoff, aber
jedenfalls vorsichtig."

Noch eine Werst wurde zurckgelegt.

"Das sind keine Wolken, Bruder, das ist Rauch! rief Nadia, ach, Bruder,
man zndet dort die Stadt an!"

Leider wurde das mit jedem Schritte deutlicher. Mitten durch die
Dunstmassen zngelten rauchige Flammen. Immer dichter stieg der Qualm auf
und wlzte sich gen Himmel. Einen Flchtling sah man aber nicht.
Wahrscheinlich fanden die Brandstifter die Stadt, welche sie der
Zerstrung weihten, schon verlassen. Waren es aber Tartaren, die diese
Verwstung anrichteten, oder thaten es Russen nur auf hheren Befehl? Lag
es in der Absicht der Regierung des Czaaren, da keine Stadt, kein Flecken
vom Jenise und von Krasnojarsk aus den Soldaten des Emirs eine Zuflucht
bieten solle? Sollte Michael Strogoff, wenn er diese Fragen erwog, nun
zurckbleiben oder seinen Weg fortsetzen?

Erst vermochte er sich nicht zu entscheiden. Nach grndlicher Erwgung des
Fr und Wider hielt er es aber doch fr das Wichtigste, selbst um den
Preis einer Reise durch die unwirthliche Steppe, nur den Tartaren nicht in
die Hnde zu fallen. Eben gedachte er Nicolaus vorzuschlagen, die Strae
zu verlassen und erst nach Umgehung von Nishny-Udinsk nach derselben
zurckzukehren, als von der rechten Seite her ein Schu krachte. Eine
Kugel pfiff herber, und zu Tode getroffen strzte das Pferd der Kibitka
zusammen.

Gleichzeitig sprengten wohl ein Dutzend Reiter auf die Strae und
umringten die Kibitka. Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus waren, ehe sie
recht zur Besinnung kommen konnten, gefangen und wurden eiligst nach
Nishny-Udinsk abgefhrt.

Auch bei diesem unerwarteten Angriff verlor Michael Strogoff seine
Kaltbltigkeit nicht. Da er seine Feinde nicht sehen konnte, war es ihm
auch unmglich, sich irgendwie zu vertheidigen. Htte er seine Augen
gebrauchen knnen, er wrde es wohl versucht haben, obwohl das nur zu
einem schrecklichen Blutvergieen gefhrt htte. Doch wenn er nichts sah,
so konnte er doch hren und verstehen, was Jene sagten.

An ihrer Sprache erkannte er, da diese Soldaten Tartaren waren, und an
ihren Worten, da sie der Armee der Feinde vorausschwrmten.

Aus den kurzen Reden, welche Jene jetzt fhrten, und aus einigen Brocken
ihrer spteren Unterhaltung erfuhr Michael Strogoff Folgendes:

Diese Soldaten standen nicht unter dem directen Befehl des Emirs, der noch
immer hinter dem Jenise zurckgehalten war. Sie bildeten eine Abtheilung
einer dritten Colonne, zusammengesetzt aus Tartaren der Khanate von
Khokhand und Kunduz, mit welcher sich die Armee Feofar-Khan's nchstens in
der Nhe von Irkutsk zu vereinigen gedachte.

Auf Iwan Ogareff's Rath hatte sich diese Abtheilung, um den Erfolg des
Einfalls in die stlichen Provinzen zu sichern, nach Ueberschreitung der
Grenze des Gouvernements Semipalatinsk lngs der Sdkste des
Balkhachsee's und dem Fue des Altagebirges hingeschlichen. Gefhrt von
einem Officier des Khans von Kunduz erreichte sie sengend und brennend den
oberen Lauf des Jenise. Dort hatte der Officier in Voraussicht der durch
den Czaaren getroffenen Maregeln zur Erleichterung des Uebergangs der
Armee des Emirs eine ganze Flotille von Barken angesammelt, welche
entweder als solche oder als Brckenmaterial dienen sollten. Nach Umgehung
des Gebirges war diese dritte Abtheilung dann im Thale des Jenise
herabgezogen und hatte die Strae nach Irkutsk erst in der Nhe von
Alsalewsk wieder betreten. Hieraus erklrte sich die Anhufung von Ruinen
jenseit dieser Stadt, das unzweifelhafte Merkmal der Kriegfhrung dieser
Horden. Nishny-Udinsk verfiel eben demselben Schicksal, und die Tartaren,
in einer Gesammtstrke von 50,000 Mann, hatten es schon verlassen, um sich
einiger wichtiger Stellungen vor Irkutsk zu bemchtigen. In kurzer Zeit
sollten sie mit den Truppen des Emirs zusammentreffen.

So lagen die Dinge zu jener Zeit, - gewi eine gefhrliche Lage fr den
vollstndig isolirten Theil des stlichen Sibiriens und fr die
verhltnimig wenigen Vertheidiger seiner Hauptstadt.

Michael Strogoff erfuhr also von der Ankunft einer dritten Colonne der
Tartaren vor Irkutsk, sowie von der bevorstehenden Vereinigung des Emirs
und Iwan Ogareff's mit der Hauptmacht ihrer Truppen. Ein Angriff auf
Irkutsk und die Eroberung der Stadt erschien hiernach nur noch als eine
Frage der Zeit.

Welche Gedanken bestrmten hierbei Michael Strogoff! Wer wrde erstaunen,
wenn er in dieser Lage endlich allen Muth, alle Hoffnung verlor? Und doch
war das nicht der Fall, denn seine Lippen murmelten immer und immer wieder
die Worte:

"Ich werde dennoch ankommen!"

Eine halbe Stunde nach jenem Ueberfall durch die Reiter betraten Michael
Strogoff, Nicolaus und Nadia Nishny-Udinsk. In einiger Entfernung folgte
der treue Hund ihnen nach. In dieser ringsum brennenden Stadt, welche eben
die letzten Marodeure verlieen, sollten sie nicht bleiben.

Die Gefangenen wurden auf Pferde geworfen und eiligst weiter geschleppt.
Nicolaus verhielt sich resignirt, wie immer, Nadia unerschttert in ihrem
Glauben an Michael Strogoff, und dieser zwar uerlich gleichgiltig, aber
immer bereit zu entfliehen, sobald sich eine Gelegenheit bte.

Den Tartaren entging es keineswegs, da einer ihrer Gefangenen blind war,
und ihre natrliche Rohheit benutzte diesen Umstand, um mit dem armen
Unglcklichen noch ihr Spiel zu treiben. Man ritt in schnellem Schritte.
Michael Strogoff's Pferd, das nur von ihm geleitet wurde, machte fters
Seitensprnge, welche den Zug in Unordnung setzten. Dann regnete es
Injurien und Rohheiten, die das Herz des jungen Mdchens brachen und
Nicolaus emprten. Aber was vermochten sie dagegen? Die Sprache der
Tartaren war ihnen nicht gelufig und ihr Dazwischentreten wurde barsch
zurckgewiesen.

Um ihrer Bosheit die Krone aufzusetzen, kamen die Soldaten auf den
Gedanken, Michael Strogoff's Pferd zu wechseln und ihm auch noch ein
blindes Thier zu geben. Die Ursache hierzu gab die Vermuthung eines der
Reiter, den Michael Strogoff sagen hrte:

"Vielleicht kann der verdammte Russe da aber doch sehen!"

Dieses geschah etwa sechzig Werst von Nishny-Udinsk, zwischen den Drfern
Tatan und Chibarlinsko. Michael Strogoff wurde also auf dieses Pferd
gesetzt, dessen Zgel man ihm in die Hand gab. Dann trieb man es durch
Peitschenschlge, Steinwrfe und lautes Schreien in Galop.

Das blinde Pferd stie, da es von seinem ebenfalls blinden Reiter nicht in
gerader Richtung erhalten werden konnte, einmal gegen einen Baum, das
andere Mal kam es ganz vom Wege ab. Dann jagten sie es mit Hieben und
Sten wieder zurck.

Michael Strogoff widersprach nicht. Er lie keine Klage hren. Strzte
sein Pferd, so wartete er, bis man es wieder auf die Fe brachte. Das
geschah dann auch, und das grausame Spiel begann von Neuem.

Bei dieser wahrhaft unmenschlichen Behandlung konnte Nicolaus sich nicht
mehr zurckhalten. Er wollte seinem Begleiter zu Hilfe eilen. Man hielt
ihn zurck und mihandelte ihn.

Gewi htte dieses Spiel noch lange Zeit zum grten Ergtzen der Tartaren
fortgedauert, als ihm ein ernster Zwischenfall ein Ende machte.

Im Laufe des 10. Septembers brach das blinde Pferd auch wieder aus und
lief geraden Wegs auf eine etwa vierzig Fu tiefe Schlucht neben der
Strae zu.

Nicolaus wollte ihm nach, - man hielt ihn zurck. Das fhrerlose blinde
Pferd strzte mit seinem Reiter in die Tiefe.

Nadia und Nicolaus schrieen voll Entsetzen auf; sie muten glauben, da
ihr unglcklicher Gefhrte bei diesem Fall zerschmettert sei.

Als endlich nachgesehen wurde, traf man Michael Strogoff auer dem Sattel
und unverwundet, whrend das Pferd zwei Fe gebrochen hatte und vllig
dienstuntauglich geworden war.

Man lie es an der Stelle verenden, ohne ihm den Gnadensto zu geben, und
band Michael Strogoff an den Sattel eines Tartaren fest, so da er dem
Detachement zu Fue folgen mute.

Ihm entlockte es keine Klage, keinen Widerspruch! Er wanderte schnellen
Schrittes, so da sich der Strick, der ihn mit dem Reiter verband, kaum
anspannte. Er blieb immer "der Mann von Eisen", von dem General Kissoff
dem Czaaren gesprochen hatte.

Am nchsten Tage, dem 11. September, erreichte der kleine Zug den Flecken
Chibarlinsko.

Hier trug sich ein Ereigni zu, das von sehr ernsten Folgen werden sollte.

Die Nacht war gekommen. Whrend einer Stunde der Rast hatten die
tartarischen Reiter sich mehr oder weniger betrunken. Sie wollten jetzt
wieder aufbrechen.

Da wurde Nadia, welche bis jetzt wie durch ein Wunder von den Soldaten
achtungsvoll behandelt worden war, von einem derselben insultirt.

Michael Strogoff zwar sah weder die Beleidigung, noch den Beleidiger, aber
Nicolaus hatte diesen fr ihn gesehen.

Ganz ruhig, ohne es sich weiter zu berlegen und ohne sich von seiner That
Rechenschaft zu geben, schritt Nicolaus gerade auf den frechen Burschen
zu, und bevor dieser eine Bewegung machen konnte, ihn aufzuhalten, ergriff
Jener eine in der Satteltasche steckende Pistole und scho sie dem
Tartaren mitten auf die Brust ab.

Der die Abtheilung commandirende Officier kam auf den Knall des Schusses
herzugelaufen.

Die Reiter wollten den unglcklichen Nicolaus erwrgen, doch auf ein
Zeichen des Officiers begngte man sich, ihn zu fesseln, band ihn quer auf
ein Pferd, und fort ging es wieder in tollem Galop.

Der Strick, mit dem Michael Strogoff angebunden war und der schon halb
durchnagt sein mochte, ri bei der unerwartet heftigen Bewegung des
Pferdes, und sein halb betrunkener Reiter sprengte in wildem Laufe hinaus,
ohne es nur gewahr zu werden.

Michael Strogoff und Nadia befanden sich allein auf der Landstrae.




                             Neuntes Capitel.


                              In der Steppe.


Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie whrend
ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich
aber Alles verndert! Damals gewhrleisteten ihnen ein bequemer Taranta,
eine hufig gewechselte Bespannung und mit allem Nothwendigen
ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt
zogen sie zu Fu dahin, ohne die Mglichkeit, sich ein Befrderungsmittel
zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise
sie nur die dringendsten Lebensbedrfnisse befriedigen wrden, - und dabei
trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch,
da Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia's sah.

Den Freund, den ihnen ein glcklicher Zufall zufhrte, hatten sie unter
den traurigsten Umstnden wieder verloren.

Michael Strogoff lagerte auf der Bschung der Strae; Nadia stand daneben
und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.

Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon
verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Htte zeigte
sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und
Nadia standen ganz, ganz allein.

"Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus!
Das Zusammentreffen mit uns mute Dir so verhngnivoll werden!"

Michael Strogoff erwiderte nichts.

"Michael, fuhr Nadia fort, weit Du es nicht, da er Dich zu schtzen
suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, da er sein Leben fr
Dich wagte?"

Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand
gesttzt, hing er seinen Gedanken nach. Hrte er berhaupt, da er keine
Antwort gab, was das junge Mdchen zu ihm sprach?

Gewi, denn als Nadia hinzufgte:

"Wohin soll ich Dich fhren, Michael? antwortete er:

-- Nach Irkutsk.

-- Auf der groen Landstrae?

-- Ja, Nadia."

Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekrftigten Vorhaben,
sein Ziel unter allen Umstnden zu erreichen, abzubringen. Auf der
Landstrae gelangte er auf krzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde
von Feofar-Khan's Heere zeigte, wrde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu
verlassen.

Nadia fate Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.

Am folgenden Morgen, dem 12. September, gnnten sie sich nach einem
Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowsko eine kurze Rast. Die
ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus'
Leichnam vielleicht an der Strae liegen geblieben sei; doch vergeblich
durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen
Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewi
sparte man ihn fr eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers
bei Irkutsk auf.

Erschpft vom Hunger, der ihren Gefhrten ebenso schrecklich qulte, war
Nadia so glcklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas
trockenes Fleisch und mehrere "Sukharis" (d. s. Brode, welche durch
Verdunstung ausgetrocknet ihre Nhrfhigkeit auf unbegrenzte Zeit
bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem
so groen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung
war also fr mehrere Tage gesichert, und Wasser konnte ja in einer Gegend,
welche tausend kleine Zuflsse zur Angara durchrieselten, nicht leicht
fehlen.

Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren
Schrittes weiter und verlangsamte diesen hchstens ein wenig mit Rcksicht
auf seine Begleiterin, whrend diese sich eifrig bemhte, nicht zurck zu
bleiben. Glcklicher Weise konnte ihr Gefhrte ja nicht sehen, in welch'
beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.

Michael Strogoff schien es jedoch zu fhlen.

"Deine Krfte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.

-- O nein, antwortete sie.

-- Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.

-- Ja wohl, Michael."

Im Laufe dieses Tages muten sie einen kleinen Flu, die Oka,
berschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so da sie ohne
Schwierigkeiten an's andere Ufer kamen.

Der Himmel war bedeckt, die Temperatur ertrglich; freilich drohte die
Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fureise sicher nur
vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber
ziemlich schnell vorber.

So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu
wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rckwrts sorgsam auslugte.
Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang whrend
der Nacht. In einigen Htten entdeckte Nadia auch noch einiges
Schaffleisch, welches hier so gewhnlich ist, da ein Pfund desselben nur
zwei und eine halbe Kopeke kostet.

Aber ganz wider Michael Strogoff's noch immer genhrte Hoffnung fand sich
kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren
alle getdtet oder geraubt. Zu Fu muten sie die Reise durch die
grenzenlose Steppe fortsetzen.

Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf
Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort
stand ein verlassener Wagen. Die Krper der unglcklichen Sibirer
bezeichneten die Strae und huften sich in der Nhe der Drfer. Nadia
kmpfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.

Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Rcken her.
Die von Iwan Ogareff gefhrte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte
jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jenise hinunter
gesendeten Barken bei Krasnojarsk lngst bereit, um den Uebergang ber den
Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg fr die Eindringlinge frei.
Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches
Corps entgegen werfen. Michael Strogoff frchtete also stndlich das
Auftauchen der tartarischen Plnkler.

Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine hher gelegene Stelle
und blickte aufmerksam ber die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt
verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.

Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff
bemerkte, da er die arme Nadia zog, so verzgerte er seine Schritte. Sie
sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus. Das junge Mdchen erinnerte
an Alles, was ihnen jener Begleiter whrend weniger Tage gewesen war.

Michael Strogoff suchte dem jungen Mdchen durch seine Antworten immer
einige Hoffnung einzuflen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er
wute recht gut, da der Arme dem Tode gewi nicht entgehen wrde.

Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:

"Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?"

Von seiner Mutter! Nadia hatte das ngstlich vermieden. Warum sollte sie
seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drckte der
Sohn damals nicht den letzten Ku auf die stummen Lippen, als ihre Leiche
auf dem Plateau bei Tomsk lag?

"Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir
dadurch ein Vergngen."

Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzhlte alles,
was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zuflligen Zusammentreffen in
Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie
gestand, wie ein unerklrlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten
Gefangenen hingezogen und wie gern sie fr jene gesorgt, aber auch, wie
sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit
hielt sie Michael Strogoff ja noch fr Nicolaus Korpanoff.

"Der ich immer htte bleiben sollen", fiel da der Blinde ein, um dessen
Stirn sich dstere Wolken lagerten.

Nach einer Pause fgte er dann hinzu:

"Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter
nicht zu sehen.

-- Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen,
der Zufall nur hat Dich ihr zugefhrt.

-- Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!

-- Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geiel ber Marfa
Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! - Es giebt keinen Eid, der einen
Sohn hindern knnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.

-- Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff
traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mgen es mir vergeben.

-- Michael, sagte das junge Mdchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte
mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu drfen. Von Dir beleidigt mich
nichts.

-- Sprich, Nadia!

-- Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch
immer so dringend nach Irkutsk?"

Michael Strogoff drckte die Hand seiner Fhrerin wrmer, aber er gab
keine weitere Antwort.

"Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?

-- Nein, er war mir unbekannt.

-- Soll ich annehmen, Michael, da nur das Verlangen, mich meinem Vater
zuzufhren, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?

-- Nein, Nadia, ich wrde Dich tuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir
erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann
ich Dich nach Irkutsk fhren, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil
mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, hlt mich nicht Deine
Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste
vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich wei nicht,
wann das Unglck mde sein wird, uns zu prfen, aber ich wei, da ich an
dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Hnde Deines Vaters gefhrt
zu haben, Dir innig danken werde fr Deine treue Leitung auf meinem Wege!

-- Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das
ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, drngst Du jetzt so, in
Irkutsk einzutreffen?

-- Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein mu! gestand ihr Michael Strogoff.

-- Auch jetzt noch?

-- Auch jetzt, und es wird mir gelingen!"

Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Ha gegen den
Verrther. Aber Nadia merkte es, da ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte,
nicht Alles sagen durfte.

Drei Tage spter, am 15. September, erreichten Beide den Flecken
Kuitunsko, siebzig Werst von Tulunowsko.

Das junge Mdchen hielt sich nur mit uerster Anstrengung noch aufrecht.
Ihre wunden Fe versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem
Schmerze, sie bekmpfte die Ermdung; ihr einziger Gedanke war:

"Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!"

Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes Hinderni, keine
Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste
Erschpfung fhlten sie.

So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach
Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen lngs des Weges, die
Brandsttten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung
bergehenden Leichname an den Seiten der Strae.

Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht.
Michael Strogoff erschpfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen,
diese Verzgerung zu erklren. Bedrohten schon hinreichende russische
Streitkrfte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte
isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle
mute es dem Grofrsten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen,
und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenber als ein
Fortschritt zu seiner Abwehr.

Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber
trat ihm das Trgerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele,
und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als lge die Rettung des
Grofrsten nur allein in seinen Hnden.

Sechzig Werst trennen Kuitunsko von Kimiltesko, einem kleinen Flecken
unweit der Dinka, welche der Angara zustrmt. Nicht ohne Besorgni dachte
Michael Strogoff an das Hinderni, welches dieser nicht so unbedeutende
Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Fhren oder Boote zu finden, darauf
durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen
Reisen in gnstigeren Jahreszeiten, da dieser Flu nur mit Gefahr zu
durchwaten war. Dafr unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein
weiterer Strom oder Flu die Strae, welche in einer Lnge von noch 230
Werst nach Irkutsk fhrte.

Um Kimiltesko zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage.
Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie
verlieen sie die physischen Krfte. Michael Strogoff wute das nur zu
gut.

Wre er nicht blind gewesen, Nadia htte gewi zu ihm gesagt:

"Geh', Michael, la mich in einer Htte zurck. Geh' nach Irkutsk! Richte
Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag'
ihm, da ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden
wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich frchte mich nicht. Vor den
Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich fr ihn, fr
Dich! Geh' Du, Michael, - ich kann es nicht mehr!..."

Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael
Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermdung des
jungen Mdchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so
schneller.

Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide
Kimiltesko. Von dem Gipfel eines Hgels bemerkte Nadia eine minder
dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten
sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis
erhellten.

Nadia fhrte ihren Begleiter quer durch die verwstete Ortschaft. Die
Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fnf bis
sechs Tagen hier durchpassirt sein.

Bei den letzten Husern sank Nadia auf eine steinerne Bank.

"Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.

-- Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch
einige Stunden ruhen?

-- Ich wre gern noch bis ber die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich
htte den Flu gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewut. Aber Du
kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?

-- Komm, Michael!" lautete Nadia's Antwort, mit der sie die Hand ihres
Gefhrten ergriff und ihn weiter fhrte.

In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Strae
nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte,
wollte das junge Mdchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim
Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine
grenzenlose Wste, in der sich der kleine Flu verlor. Kein Baum, kein
Hgel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische
Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphre, durch deren
ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt
htte.

Pltzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Fe in
eine Aushhlung des Bodens gekommen wren.

Aus der Steppe her ertnte Gebell.

"Hrst Du das?" fragte Nadia.

Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie ein verzweifelter, letzter
Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.

"Nicolaus! Nicolaus!" rief das junge Mdchen, von einer dsteren Ahnung
erfllt.

Michael Strogoff horchte und schttelte den Kopf.

"Komm, Michael, komm!" bat Nadia.

Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich
eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Krfte wieder.

"Wir sind von der Strae abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht
mehr den feinsandigen Fuboden, sondern ein drres Gras unter seinen Fen
fhlte.

-- Ja, es mu sein!... erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener
Hilferuf."

Einige Minuten spter befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom
Flusse entfernt.

Ein zweites Bellen lie sich hren, das zwar schwcher, aber unzweifelhaft
nher erscholl.

Nadia blieb stehen.

"Ja, sagte Michael, das war Sersko's Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.

-- Nicolaus!" rief das junge Mdchen.

Keine Antwort lie sich vernehmen.

Nur einige Raubvgel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des
Himmels.

Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete
Ebene zu berschauen, sah aber nichts.

Doch noch einmal erklang eine Stimme in klglichem Tone.

"Michael!" verstanden sie deutlich.

Dann sprang ein Hund, ber und ber blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.

Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael
stammeln knnen. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.

Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Hnden.

Da erhob Sersko ein neues Gebell und strzte auf einen ungeheuren
Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.

Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stck auf,
kehrte aber zurck und stie auf den Hund.

Noch einmal strzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der
furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier
zusammen.

Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.

"Da ... da!" rief sie.

Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die
Steppe erhellte, htte sie mit dem Fue daran gestoen.

Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.

Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals
eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu
sterben oder unter dem Zahne der Wlfe oder den Schnbeln der Raubvgel
umzukommen. Eine schreckliche Todesart fr das Opfer, welches der Boden
gefangen hlt, welches die Erde halb erdrckt, die der Verurtheilte nicht
von sich zu stoen vermag, da ihm die Arme am Krper befestigt werden, wie
die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in
der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so
langsam naht!

Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!

... Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun
leider zu spt werden sollte.

Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert,
und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die
gefrigen Vgel.

Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus
dem Grabe zu befreien.

Nicolaus' schon geschlossene Augen ffneten sich noch einmal.

Er erkannte Michael und Nadia.

"Lebt wohl, meine Freunde, flsterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch
einmal gesehen zu haben ... Betet fr mich!..."

Das waren seine letzten Worte.

Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureien, welche durch festes
Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich,
den Krper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch
schlge. - Es schlug nicht mehr.

Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der
Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergrerte das Loch, Nicolaus
Pigassof's Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe fr den Entseelten. Der
treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.

Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstrae ein lauter
Tumult.

Michael Strogoff horchte.

Aus dem Gerusch erkannte er, da sich eine Abtheilung Berittener nach der
Dinka zu bewege.

"Nadia, Nadia!" sagte er heimlich.

Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge
Lieflnderin.

"Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.

-- Ah, die Tartaren!" flsterte sie.

Jene Reiter gehrten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell
auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.

"Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen", sagte Michael
Strogoff.

Schweigend setzte er seine Arbeit fort.

Bald ward der Krper des armen Nicolaus mit ber der Brust gekreuzten
Hnden in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael
Strogoff und Nadia ein letztes Gebet fr das harmlose und gute Geschpf,
das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte.

"Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde berfllte,
nun sollen die Steppenwlfe Dich nicht verzehren!"

Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorberziehenden
Reiterschwarm.

"Vorwrts, Nadia!" sagte er.

Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstrae
nicht mehr einhalten, sondern mute sich quer durch die Steppe schlagen,
um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der
Dinka keine besondere Eile.

Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch fr ihn sehen. Er
nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Sdwesten der Provinz.

Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurck? Wie kam
es, da ihn die Anstrengung nicht berwltigte? Wie konnte er sich
unterwegs ernhren? Welch bermenschliche Energie half ihm, die ersten
Abhnge der Sayanskberge zu berklettern? - Weder Nadia noch er htten auf
diese Fragen die Antwort gewut.

Und doch, - zwlf Tage spter, am 2. October, breitete sich eine ungeheure
Wasserflche vor Michael Strogoff's Fen aus.

Er stand am Bakalsee.




                             Zehntes Capitel.


                            Baikal und Angara.


Der Baikalsee liegt 1700 Fu ber dem Meere. Seine Lnge betrgt gegen 900
Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von
Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, da derselbe "Frau
Meer" genannt sein will und in Wuth gerth, wenn man ihn "Herr See"
titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in
demselben ertrunken.

Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zuflssen ernhrte Swasserbecken wird
von einem prchtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen
anderen Abflu als die Angara, welche bei Irkutsk vorber strmt und sich
etwas oberhalb der Stadt in den Jenise ergiet. Die Berge, welche den See
einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des
orographischen Systems des Altagebirges.

In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Klte schon bemerkbar. Der
Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthmlichen
klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann
vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man
schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um
fnf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank whrend der langen Nacht wohl
bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis
Anfang des nchsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des
Bakal. Whrend des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fu
tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach
belebt.

Geschehe es nun wegen des Verstoes gegen die gute Lebensart, wenn man ihn
"Herr See" nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde,
jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Strmen bewegt. Seine, gleich
denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Flen, den
Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpflgen, nicht wenig
gefrchtet.

An der Sdwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen
Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was
konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten,
als hier erschpft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch
brig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren
zurcklegen mute, um sein Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst lngs
der Sdkste bis zum Abflu der Angara, und achtzig Werst von diesem
Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine
Reise von drei Tagen fr einen krftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch
zu Fue zurcklegen sollte.

Konnte aber Michael Strogoff noch fr einen solchen Mann gelten?

Der Himmel schien ihm diese letzte Prfung ersparen zu wollen. Das
Unglck, sein hartnckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende
des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er de und verlassen glaubte
und der es auch sonst immer ist, - heut' war er es nicht.

Etwa fnfzig Personen standen an dem Winkel, der die sdwestliche Spitze
des Sees bildet.

Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die
letzten Abhnge eines Berges herunterstieg.

Einen Augenblick konnte das junge Mdchen wohl frchten, hier wieder nur
eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet wre, an den
Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes
Entfliehen unmglich sein mute.

Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt.

"Das sind Russen!" rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber
fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael
Strogoff's nieder.

Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie
zukamen, fhrten den Blinden und das junge Mdchen nach einer Stelle des
Ufers, an der ein Flo befestigt lag.

Das Flo schien zur Abfahrt bereit.

Diese Russen, Leute aus allen Stnden, waren Flchtlinge, welche die
nmliche Absicht hier an der Kste des Baikal vereinigt hatte. Von den
tartarischen Plnklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen,
und da das zu Lande ziemlich unmglich war, seitdem die Feinde sich auf
beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel
dadurch zu erreichen, da sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die
Stadt durchstrmt.

Wie hpfte Michael Strogoff's Herz vor Freude, als er diese Absicht
vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten fr ihn auf. Er hatte
aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er fr
angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren.

Der Plan der Flchtlinge war sehr einfach. Nahe dem nrdlichen Ufer des
Sees zeigte sich eine Strmung bis zum Abflu der Angara hin, und diese
wollten sie zunchst benutzen, um nach jenem Ausguthore des Baikal zu
gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit
einer Schnelligkeit von zehn bis zwlf Werst die Stunde dahin. Binnen
anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein.

Am Seeufer fehlte es natrlich an jedem Schiff oder Boot. Man mute diese
zu ersetzen suchen und zimmerte ein Flo, wie man deren hufig auf den
sibirischen Strmen begegnet. Das nthige Holz lieferte ein Tannenwald in
der Nhe. Die mittels Weidenzweigen so gut als mglich verbundenen Stmme
bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden
htten.

Auf dieses Flo fhrte man auch Michael Strogoff und Nadia. Das junge
Mdchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter
etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf
dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel.

Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm
bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich fr einen Bewohner von
Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen
des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fgte nur hinzu,
da die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der
Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde.

Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Klte
empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der
Oberflche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das
Flo auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das
doch zwischen den Ufern der Angara milicher zu gestalten, wenn sich die
Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhuften.

Alle Umstnde drngten also darauf hin, da die Flchtlinge baldmglichst
abreisten.

Um acht Uhr Abends lste man die Seile und von der Strmung gefhrt folgte
das Flo dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte
Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten.

Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando bernommen. Es war ein
Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebruntem Gesicht. Ein dichter weier
Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmtze trug er auf dem Kopfe und
zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen
Grtel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Fen.
Schweigend sa er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch
Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens
reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Flo in der
Strmung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung
nach der offenen See zu hindern.

Wir erwhnten schon, da Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse
Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl
Mnner, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen
Einfalle auf der Reise berraschte Pilger, einige Mnche und ein Pope. Die
Pilger trugen den Reisestab, die Krbisflasche im Grtel und sangen mit
klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom
Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein
schon bejahrter Mann, trug am Grtel eine kleine Sammelbchse mit
Vorlegeschlo, wie man sie an den Eingngen der Kirchen trifft. Alles, was
er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehrte nicht
ihm, und er besa nicht einmal den Schlssel zu der Bchse, welche erst
bei seiner Rckkehr geffnet werden sollte.

Die Mnche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie
die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, da sie
einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln
nahe der Kste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von
Trotsa, die des heiligen Antonius und des heiligen Theodosius in Kiew,
der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das
von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altglubigen, und begaben sich
nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach
Irkutsk.

Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren,
welche das russische Reich zhlt. Seine Kleidung sah erbrmlicher aus, als
die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich
nicht berragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und
sein Stck Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schliet und
Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten
der Tartaren dadurch zu entziehen gewut, da er sie nach den nrdlichen
Provinzen schaffte, whrend er in seiner Parochie bis zum letzten
Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen mssen, und da die
Strae nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht.

Diese verschiedenen kirchlichen Personen saen auf dem Vordertheil des
Flosses zusammen, beteten in regelmigen Zwischenrumen, erhoben ihre
Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres
Gebets hrte man ihre Lippen ein "Slava Bogu", das ist Ehre sei Gott,
flstern.

Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in
tiefer Erschpfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur
sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer.

Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes,
der die Wirkung der Strmung hemmte, noch vierzig Werst von dem Ausflusse
der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr
Nachmittag nicht erreichen. Den Flchtlingen kam das insofern zu statten,
als sie den Flu hinunter whrend der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre
Reise nach Irkutsk begnstigen mute.

Die einzige Besorgni des alten Schiffers betraf nur die Bildung von
Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden
schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach
Westen ziehen. Diese waren nicht zu frchten, da sie in die Angara, deren
Mndung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden
vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der
Strmung angezogen und preten sich zwischen die Fluufer. Das brachte
dann wohl Schwierigkeiten, Verzgerungen oder gar unbersteigliche
Hindernisse hervor, die das Flo aufzuhalten drohten.

Michael Strogoff war es also vom hchsten Interesse, den Zustand des Sees
zu kennen, fr den Fall, da Eisschollen in grerer Anzahl auftreten
sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und lie sich von
ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserflche vorging.

Whrend dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem
Baikalsee noch mancherlei eigenthmliche Erscheinungen, unter andern das
Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees
gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersulen erhoben sich
zu betrchtlicher Hhe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen
Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von
der Klte verdichtet wurden. Gewi htte dieses Schauspiel das Auge jedes
Touristen ergtzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum
Vergngen bereiste.

Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abflu der
Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Kste zur Rechten
erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die
wenigen am steilen Strande erbauten Huser.

Leider wlzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen
zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch
erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Flu zu verstopfen,
sowie die Klte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren.

Das Flo erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann
wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen
vorzunehmen. Die Stmme drohten aus einander zu weichen und muten
nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Strmung der
Angara sicherer zu widerstehen.

Whrend der schnen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein-
und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier
entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der
russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl
durch Dampfboote, als auch durch Kstenfahrer aller Art sehr belebt.

Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den
Verwstungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten.
Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst in ihrem Hafen
berwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig,
reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt
Ostsibiriens zurckgezogen.

Der alte Seemann erwartete also gewi nicht, hier noch weitere Flchtlinge
aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Flo nur anlegte, zwei
Passagiere mit aller Hast aus einem verdeten Hause herabgelaufen.

Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin.

Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff's,
der verwundert den Kopf emporrichtete.

"Was hast Du, Nadia? fragte er.

-- Unsere beiden Reisegefhrten, Michael.

-- Jener Franzose und jener Englnder, denen wir in dem Engpasse des Ural
begegneten?

-- Dieselben."

Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus
dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthllt zu werden.

Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr fr den
Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael
Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf
dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine
Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute ber
das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt
wurde. Sie wuten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste.

Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse.

"Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Englnder sich eingeschifft
haben, so bitte sie, zu mir zu kommen."

Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der
Zufall, sondern die Gewalt der Umstnde, ebenso wie Michael Strogoff, nach
dem Hafen von Livenitchnaia gefhrt hatte.

Man erinnert sich, da sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor
der grlichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schlo, abreisten.
Sie zweifelten gar nicht daran, da ihr alter Reisegefhrte um's Leben
gebracht worden sei, und wuten also nicht, da er auf Befehl des Emirs
damals nur geblendet wurde.

Noch an demselben Abend verlieen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten,
Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte ber den Feldzug nur aus dem
Lager der Russen zu entsenden.

Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in grter Eile nach Irkutsk.
Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und htten das auch unzweifelhaft
durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres,
welche durch das Thal des Jenise ganz unerwartet aus Sden heraufzog,
aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der
Dinka abgeschnitten und muten in Folge dessen nach dem Baikalsee
herabziehen.

Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen.
Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmglich, nach Irkutsk
hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee belagert
wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Flo ankam.

Die Absicht der Flchtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel
vermehrte der Umstand, da es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen
glcklichen Erfolg und auf die Mglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen.
Sie beschlossen also, die Sache zu wagen.

Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um
fr sich und seinen Begleiter Erlaubni mitzufahren zu erlangen, und bot
ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern wrde, an.

"Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt
nur sein Leben, nichts weiter." Die beiden Journalisten schifften sich ein
und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen.

Harry Blount war noch immer der steife, frostige Englnder, der whrend
der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte.

Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewhnlich, was unter den
gegebenen Verhltnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte.

Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet,
als er eine Hand auf seiner Schulter fhlte.

Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes frheren
Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren.

Fast htte er vor Verwunderung einen Schrei ausgestoen, als er das junge
Mdchen einen Finger an ihre Lippen legen sah.

"Kommen Sie mit mir", bat Nadia.

Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm
nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr.

War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon gro genug, Nadia auf
dem Flosse zu begegnen, so berschritt es alle Grenzen, als sie auch
Michael Strogoff's ansichtig wurden, den sie lngst nicht mehr am Leben
glaubten.

Michael Strogoff sprach bei ihrer Annherung nicht.

Alcide Jolivet wendete sich an das junge Mdchen.

"Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die
Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!"

Das lebhafte Gefhl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet's und seines
Gefhrten Zgen. Einen Augenblick spter saen Beide neben Michael
Strogoff, drckten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen
habe.

"Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie drfen nicht
wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben
hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimni zu bewahren. Versprechen Sie mir
das?

-- Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet.

-- Auf Gentlemans Wort, fgte Harry Blount hinzu.

-- Ich danke, meine Herren.

-- Knnen wir Ihnen nach irgend welcher Seite ntzlich sein? fragte Harry
Blount. Wnschen Sie, da wir Sie bei der Ausfhrung Ihrer Auftrge
untersttzen?

-- Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff.

-- Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstrt, sagte Alcide Jolivet.

-- Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind fr mich genug!"

Eine halbe Stunde spter trieb das Flo, nachdem es den kleinen Hafen
verlassen, in den Flu hinein. Es war gegen fnf Uhr Abends. Schon brach
die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die
Temperatur sank schon jetzt bis unter Null.

Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael
Strogoff's Geheimni zu bewahren, so verlieen sie ihn doch nicht. Sie
plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der
Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wute, eine vollstndige
Vorstellung von dem thatschlichen Zustande der Dinge.

Es lag auer Zweifel, da die Tartaren Irkutsk bedrngten und die drei
Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Hchst wahrscheinlich standen
der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt.

Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren
zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem
Grofrsten noch zu bergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal
bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso
wenig als frher Nadia.

Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide
Jolivet zu Michael Strogoff folgendermaen begann:

"Wir mssen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf
dem Relais zu Ichim zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben.

-- Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich fr einen Feigling zu halten!

-- Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes
Schurken verdientermaen mit der Knute bearbeitet, so da er noch lange
die Spuren davon tragen wird.

-- Nein, nicht mehr lange!" antwortete einfach Michael Strogoff.

Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein
Gefhrte alle die harten Prfungen des Schicksals, welche Michael Strogoff
nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rckhalt bewunderten sie
seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Mdchens einigermaen
die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben
Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau uerte: "In der That, das ist
ein Mann!"

Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Flo ungemein schnell
mit der Strmung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich
zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Tuschung
schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker
Bilder ziehe unaufhrlich an ihm vorber. Hier zeigten sich sonderbar
gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein
schumender Bergstrom hervorsprang, manchmal ffnete sich ein weites Thal
vor ihren Blicken, in dem ein zerstrtes Dorf noch rauchte, oder ein
dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterlieen
auch die Tartaren berall hinreichend erkennbare Spuren, so sah man sie
doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den nheren Umgebungen
von Irkutsk zusammendrngten.

Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und
der alte Seemann hielt das Flo, von dem er die zu nahe heran treibenden
Eisschollen mit krftiger Hand abstie, immer streng in der Mitte der
Strmung der Angara.




                             Elftes Capitel.


                           Zwischen zwei Ufern.


Gegen acht Uhr Abends hllte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus
sehen lie, eine tiefe Finsterni die ganze Umgebung ein. Da es jetzt
Neumond war, stieg auch dieser nicht ber den Horizont empor. Von der
Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen
Felsen an den Seiten verschwammen in miger Hhe mit den schwarzen, tief
herabhngenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu
Zeit rauschte ein Windsto von Osten her und schien in dem engen Thale der
Angara zu ersterben.

Die Dunkelheit begnstigte nach der einen Seite gewi das Vorhaben der
Flchtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren lngs der
Ufer, so lie sich doch annehmen, da das Flo ungesehen von ihnen
vorbergleiten werde. Ebenso wenig stand zu befrchten, da die Belagerer
stromaufwrts von Irkutsk den Flu gesperrt haben sollten, da sie recht
gut wuten, da die Russen aus dem Sden der Provinz keine Hilfe zu
erwarten hatten. In kurzer Zeit mute freilich die Natur schon allein
diese Flusperre herstellen, wenn die Klte die einzelnen Schollen fest
aneinander lthete.

Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter
in den Flu eindrang, lieen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr
vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem
Gemurmel, da dasselbe am Ufer unmglich gehrt werden konnte. Auf der
Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Krper der Flchtlinge kaum
die ebene Flche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am
Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begngte sich, nur die
Eisschollen zu vermeiden, was ohne Gerusch zu erreichen war.

Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer gnstiger
Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum
unbersteigbaren Hinderni wurde. Wre es berhaupt mglich gewesen, den
Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn
jetzt zum Theil die Schollen jeder Gre und Form und das
Aneinanderprallen und Krachen derselben bertnte gleichzeitig jedes sonst
vielleicht hrbare verdchtige Gerusch.

Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Flchtlinge, deren
Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie
drngten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der ueren
Temperatur, welche whrend der Nacht bis auf 10 unter Null herabging,
besser zu ertragen. Der schwache Wind, der ber die schneebedeckten Berge
im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln.

Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses
gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten
Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters
nach Krften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern
sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwrtige Situation
beschftigte vollstndig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein
Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche
Allen verderblich werden mute.

Fr einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein lngst erstrebtes
Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch
in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er
sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein wrde,
an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er frchtete nur noch
eine einzige letzte Strung, das Flo mchte durch die Anhufung von
Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte
nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch
durch ein letztes khnes Wagstck seine Absicht durchzusetzen.

Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Krfte wieder
gewonnen, welche das Unglck wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals
den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, da Michael Strogoff
nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und da
sie bei der Hand sein msse, ihn zu fhren. Je mehr sie sich aber Irkutsk
nherte, desto deutlicher trat ihr auch das Bild ihres Vaters vor das
geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er
liebte, jedoch - woran sie niemals zweifelte, - mit dem ganzen Feuer
seines Patriotismus kmpfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr
jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen,
ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts
sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor's
niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie
ganz natrlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater berhaupt
wieder zu sehen, ihres edelmthigen Reisegefhrten, ihres "Bruders", der
nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen
wrde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!...

Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschftigten sich nur mit dem
einen Gedanken, da die Situation hchst dramatisch sei und, gut in Scene
gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben msse. Der Englnder
dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner
Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit
doch nicht ganz erwehren.

"Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man mu selbst bewegt sein, um
Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem
berhmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich
nicht ..."

Dabei suchte er mit seinen berhmten Reporteraugen immer das Dunkel zur
Seite des Flusses zu durchdringen.

Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein die Finsterni und
zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Wlder hervor. Hier stand ein
ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die
traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur da diese
gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara
war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten
ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben
wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Strmung
wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Krper zog das Flo
unbemerkt dahin.

Hier drohte also keine besondere Gefahr.

Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen
und vorzglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz
zufllig und zwar durch folgenden Umstand:

Auf der rechten Seite des Floes liegend, lie derselbe einmal seine Hand
in's Wasser hngen. Pltzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine
klebrige Substanz, etwa ein Minerall, seine Haut benetzte.

Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, - er konnte sich nicht
tuschen. Das war eine Lage flssiger Naphtha, welche auf der Oberflche
der Angara schwamm und mit der Strmung hinabtrieb.

Schwamm das Flo also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so
ungemein leicht entzndlich ist? Woher rhrte diese Naphtha? Hatte sie ein
natrliches Phnomen an die Oberflche der Angara gefhrt, oder sollte sie
als Zerstrungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in
Brand zu setzen suchten? Eine Art der Kriegfhrung freilich, welche unter
gesitteten Vlkern nicht wohl vorkommen knnte.

Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt
er es fr gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu
machen, und Beide kamen auch berein, ihre Reisegefhrten nicht unnthig
durch diese neue Gefahr zu ngstigen.

Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm imprgnirt von
flssigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen
Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China,
in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die
Oberflche. Dort ist das "Oelgebiet", ein Pendant zu dem Theile
Nordamerikas, der diesen Namen wirklich trgt.

Bei gewissen religisen Festen gieen die Eingebornen im Hafen zu Baku,
welche Feueranbeter sind, flssige Naphtha auf die Oberflche des Meeres,
die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat
sich die brennbare Schicht dann ber das Wasser verbreitet, so znden sie
dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das
unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde
auf und niederbewegt.

Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das mute zum Unheil auf den
Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht
oder aus Unvorsichtigkeit angezndet wurde, jedenfalls htte es sich in
einem Augenblicke bis ber Irkutsk hinaus verbreitet.

Auf dem Floe selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher
sein; desto mehr waren die verschiedenen Feuersbrnste an beiden Ufern der
Angara zu frchten, denn es gengte ja schon ein brennendes Holzstckchen,
vielleicht ein bloer Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen.

Die Besorgnisse Harry Blount's und Alcide Jolivet's gegenber dieser neuen
Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht
rathsamer, vorlufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen
und eine Zeit lang zu warten? - Sie legten sich wohl diese Frage vor.

"Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls wei
ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen wrde."

Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an.

Inzwischen schwamm das Flo schnell zwischen den Eisschollen hinab, die
sich immer enger und enger zusammendrngten.

Bisher hatte man an den Uferabhngen der Angara noch nirgends tartarische
Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, da das Flo deren
Vorpostenkette noch nicht erreicht haben knne. Gegen zehn Uhr Abends
glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die
sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der
andern sprangen, schnell nher herankamen.

"Tartaren!" dachte er.

Er schlich sich in die Nhe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und
lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdchtigen Bewegungen.

Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf.

"Das sind nur Wlfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch
werden wir uns zu vertheidigen suchen mssen, ohne dabei Gerusch zu
machen."

Wirklich muten die Flchtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen
die wilden Bestien, welche der Hunger und die Klte nach diesen Gegenden
verschlagen hatte. Die Wlfe witterten das Flo, und bald fielen sie
dasselbe an. Die Flchtlinge muten sich also, ohne von Feuerwaffen
Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte
des Floes untergebracht, die Mnner bewaffneten sich mit Stangen, Messern
oder einfachen Stcken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu
schicken. Kein Ausruf lie sich hren, nur das Geheul der Wlfe
erschtterte die Luft.

Michael Strogoff hatte nicht unthtig bleiben wollen. Er streckte sich an
der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Floes nieder, ergriff
sein furchtbares Messer, und wute dieses allemal, wenn ein Wolf in
erreichbarer Nhe vorberkam, demselben in den Hals zu stoen. Harry
Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre brigen muthigen
Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich
mehrere der Flchtlinge ernsthafte Biwunden davon trugen.

Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Lcken in
der Bande der Wlfe fllten sich immer von Neuem und jedenfalls war die
ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht.

"Das hat auch gar kein Ende!" sagte Alcide Jolivet, whrend er den
bluttriefenden Dolch schwang.

Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Wlfe noch immer
in ganzen Banden ber das Treibeis.

Die erschpften Flchtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu
ihrem Nachtheil. Eben strzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende
Wlfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie glhende Kohlen
leuchteten, auf die Plattform des Floes. Ohne Zgern eilten Alcide
Jolivet und Harry Blount auf diese zu, whrend Michael Strogoff sich
denselben kriechend zu nhern suchte, als die Scene sich pltzlich
vernderte.

Binnen wenigen Secunden hatten die Wlfe nicht nur das Flo, sondern auch
die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten
verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten
Fluufers.

Es rhrte das daher, da Wlfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen,
und jetzt die ganze Flche der Angara pltzlich in hellem Lichte glnzte.

Es war der Wiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken
Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwrmten also Tartaren umher,
die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter fluabwrts die
beiden Ufer besetzt hielten. Die Flchtlinge traten jetzt in die
gefhrliche Zone ihrer nchtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt
noch dreiig Werst von ihnen entfernt.

Es war jetzt gegen halb zwlf Uhr Nachts. Das Flo glitt wieder versteckt
zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur
dann und wann flog ein heller Lichtschein ber dasselbe hin. Auf der
Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen,
die sie htte verrathen knnen.

Die erwhnte Ortschaft brannte auerordentlich schnell nieder. Ihre aus
Fichtenholz erbauten Huser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen
fnfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und
Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebrll der Tartaren.

Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den greren Eisschollen
einsetzte, das Flo mehr nach der rechten Seite, so da sie eine
Entfernung von drei- bis vierhundert Fu von dem durch den Brand
erleuchteten Fluufer trennte.

Nichtsdestoweniger htten die Flchtlinge, auf die zuweilen ein greller
Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden mssen, wenn die Brandstifter nicht
allzu eifrig mit der Zerstrung des Ortes beschftigt gewesen wren. Jeder
wird sich aber leicht die Besorgni Alcide Jolivet's und Harry Blount's
vorstellen knnen, wenn diese an den so flchtigen Brennstoff dachten, auf
dem das Flo noch immer schwamm.

Ganze Funkengarben sprhten aus den Husern auf, welche ebenso vielen
brennenden Schmelzfen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese
Funken fnf- bis sechshundert Fu hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer
selbst schienen die Bume, im Widerscheine des rthlichen Lichtes, selbst
in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die
Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und
Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstrung des Floes und der
Tod seiner Insassen mute dann die nothwendige Folge sein.

Zum Glck wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies
fortwhrend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab.
Mglicherweise konnten die Flchtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr
entgehen.

Wirklich lieen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und
nach erblate der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und
bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara,
welche hier einen scharfen Bogen bildet.

So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterni schtzte wieder das
Flo. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie
zwar nicht, hrte sie aber, brigens glnzten auch die Feuer der uersten
Vorposten hell durch die Nacht.

Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedrngten
Eisschollen nthig, mit grter Vorsicht weiter zu fahren.

Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle
waren vollauf beschftigt, da die Fhrung des Floes immer schwieriger und
das Bett des Flusses immer enger wurde.

Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen.

Alcide Jolivet folgte ihm.

Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten
gewechselten Worte.

"Achtung, dort rechts!

-- Links drngen ein paar Schollen heran!

-- Sto' ab, fest mit der Stange!

-- Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest ...

-- Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist
nichts zu thun.

-- Hren Sie Jene? fragte Alcide Jolivet.

-- Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!"

Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Flo wirklich
aufgehalten, so gelangten die Flchtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk,
sondern muten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen,
das von den Eisschollen gedrckt bald unter ihnen in Stcke gehen wrde.
Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Bnder zu reien, die
von einander weichenden Fichtenstmme unter das Eis zu gerathen und den
Unglcklichen wre nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die
schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages htten sie dann die
Tartaren ohne Zweifel entdecken mssen, von deren Hand keine Gnade zu
hoffen war.

Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt,
zurck. Er nherte sich derselben, fate ihre Hand und legte ihr die oft
wiederholte Frage vor: "Bist Du bereit, Nadia?" - welche sie wie immer mit

"Ich bin stets und zu Allem bereit!" beantwortete.

Noch einige Werst drngte sich das Flo zwischen dem Schollengewirr dahin.
Verengerte sich die Angara noch mehr, so mute sich ein Eisschutz bilden,
der die Weiterbenutzung der Wasserstrae so gut wie unmglich machte.
Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fhlte
man Ste und sah, wie das Flo abwich. Hier mute man sich vor dem
vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren.
Immer wiederholten sich unerwnschte Verzgerungen.

Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige Stunden. Erreichten die
Flchtlinge Irkutsk nicht vor fnf Uhr des Morgens, so konnten sie auch
alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.

Gegen halb zwei Uhr stie das Flo trotz aller Anstrengungen gegen einen
compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrckenden Schollen
drngten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich
fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert wre.

An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so da die Breite
ihres Bettes nur noch die Hlfte der gewhnlichen betrug. Hieraus erklrte
sich diese Anhufung von Schollen, welche allmlig mit einander
verltheten, sowohl durch den ganz betrchtlichen Druck, unter dem sie
standen, als auch durch die Klte, welche fhlbar zunahm. Fnfhundert
Schritt weiter unten dehnte sich das Flubett wieder aus, und hier trieben
einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank lsten, in
der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annherung der Ufer htte sich
die Schollenwand nicht bilden knnen und das Flo wre nach wie vor von
der Strmung fortgetragen worden. Gegen den unglcklichen Zufall war aber
nicht das Geringste zu thun, und die Flchtlinge muten eben auf jede
Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.

Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um
sich Kanle durch das Eisfeld zu brechen, htten sie vielleicht gerade
noch Zeit gehabt, das Hinderni bis zu der wieder erweiterten Stelle des
Stromes zu beseitigen. Aber keine Sge, keine Spitzhaue war zur Hand, um
die von der Klte granitartig verhrtete Kruste mit Aussicht auf Erfolg
anzugreifen.

Was nun?

In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara.
Ein ganzer Kugelregen war auf das Flo gerichtet. Man hatte die Armen also
noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Besttigung, da es jetzt
auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt
dienten die Flchtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs.
Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden
Dunkelheit nur durch Zufall trafen.

"Komm, Nadia", raunte Michael Strogoff dem jungen Mdchen in's Ohr.

Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia "bereit zu Allem" Michael
Strogoff's Hand.

"Wir mssen jetzt die Eisbank bersteigen, flsterte er, aber Keiner darf
gewahr werden, da wir das Flo verlassen!"

Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschtzt von
der Finsterni, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach,
auf die Eisflche.

Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln
rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke
mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen ri ihnen die Hnde
auf, aber sie kamen doch vorwrts.

Zehn Minuten spter erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier
ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier
und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter.

Nadia verstand Michael Strogoff's Absichten.

Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest
hing. "Komm", sagte Nadia.

Beide legten sich auf das Eisstck, das sich nach einigem Schwanken von
der Bank ablste.

Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich,
der Weg stand offen.

Michael Strogoff und Nadia hrten noch das Knallen der Gewehre, die
Ausrufe der Verzweiflung, das Brllen der Tartaren ... Dann verstummten
langsam diese Ausbrche der entsetzlichen Angst und der teuflischen
Freude.

"Unsre armen Gefhrten!" seufzte Nadia.

Whrend einer Stunde trug die Strmung jene Eisscholle mit Michael
Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu
befrchten, da sie unter ihnen in Stcke gehen knne. Von der strksten
Strmung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserflche erhalten, und doch
handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an
einem der Quais in Irkutsk landen sollte.

Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres.
Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fhlte jetzt, da er es erreichen
werde!...

Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen
Horizonte neben den beiden Ufern der Angara.

Zur Rechten rhrte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den
Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers.

Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt.

"Endlich!" murmelte er fr sich.

Aber pltzlich stie Nadia einen furchtbaren Schrei aus.

Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden
Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von
blulichen Reflexen berstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck
an, und dann rief er, als htten sich seine Augen auf's Neue dem Lichte
erschlossen:

"Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!"




                            Zwlftes Capitel.


                                 Irkutsk.


Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zhlt unter gewhnlichen
Verhltnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an
der rechten Seite der Angara trgt seine von einer hohen Kathedrale
berragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten
Huser.

Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Hhe des Berges, ber den
in einer Entfernung von zwanzig Werst die groe sibirische Heerstrae
fhrt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthrmen, seinen den
Minarets hnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische
Art ausgehhlten Dchern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese
Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt
selbst betritt. Zur Hlfte in byzantinischem, zur Hlfte in chinesischem
Stile erbaut, wird sie doch zu einer europischen durch die macadamisirten
Straen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanle in denselben, die
reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebude aus Ziegelstein und
Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die
zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur
Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat,
endlich durch eine groe Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der
Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser
Moden nichts Fremdes sind.

Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtssttte der Bewohner einer
ganzen Provinz, furchtbar berfllt. Alle Bedrfnisse fanden hier dennoch
reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen
Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht
werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale,
den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu frchten, und
konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwsten lassen.

Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm
fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Hnden die
Verwaltungsgeschfte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer
Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich
ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des
unerklrlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende
Persnlichkeit.

Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fu, in der
Strke von etwa 2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit
Helm und blauer, silberbesetzter Uniform.

Auerdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge
eigenthmlicher Verhltnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt
eingeschlossen.

Ueber jene Verhltnisse nur einige Worte.

Eine wichtige politische Reise hatte den Grofrsten in diese entlegenen
Provinzen Ostasiens gefhrt.

Der Grofrst berhrte die hauptschlichsten Stdte Sibiriens, reiste mehr
als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen
Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den
transbakalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische
Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt.

An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der
Grofrst nach Irkutsk zurck, von wo er den Weg nach Europa wieder
einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso
gefhrlichen, als urpltzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die
Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die
Verbindung mit Ruland schon unterbrochen. Einige Telegramme von
Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort
zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umstnden
zerstrt worden.

Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt.

Dem Grofrsten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu
organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchfhrte, von der er
bei anderer Gelegenheit hinlngliche Proben gegeben hat.

Die Nachrichten ber die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine
nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens
mute auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht
rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk
zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrckten, nicht aus, den
tartarischen Heersulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe
offenbar nicht entgehen konnte, so mute die Stadt vor allen Dingen in den
Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten.

Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in
die Hnde der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der
Grofrst, da der Emir von Bukhara und die verbndeten Khans in Person
die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, da der zweite Fhrer
dieser Barbarenhuptlinge, Iwan Ogareff, ein frherer russischer Officier
war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte.

Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen,
veranlat, alle Stdte und Drfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der
Hauptstadt suchte, mute sich noch weiter hinaus, jenseit des Bakalsees,
begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde hchst wahrscheinlich nicht
gelangen konnte. Die Vorrthe an Getreide und Fourrage wurden fr die
Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft
in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten.

Irkutsk, gegrndet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und
der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende
Holzbrcken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des
Fahrwassers ffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstdten am
linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine
Schwierigkeiten. Die Vorstdte wurden gerumt, die Brcken abgebrochen.
Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara wre unter dem Feuer der
Belagerten nicht leicht auszufhren gewesen.

Der Flu konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt
berschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines
Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schtzte.

Alle krftigen Arme wurden nun zunchst zu Fortificationsarbeiten
verwendet. Man war Tag und Nacht thtig. Der Grofrst fand eine beraus
eifrige Bevlkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch
ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern -
Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der
Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwlle aufgeworfen. Auerdem
war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara
speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht
weggenommen werden. Sie mute belagert und gestrmt werden.

Das dritte tartarische Armeecorps, - dasselbe, welches im Thale des
Jenise hinaufgezogen war, - erschien am 24. September vor Irkutsk. Es
besetzte sofort die verlassenen Vorstdte, deren Huser brigens meist
niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des
Grofrsten keine Hindernisse zu bieten.

Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen
von dem Emir und seinen Verbndeten gefhrten Heerhaufen.

Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das
Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der
in den greren Stdten zurckgelassenen Besatzungen unter dem Befehle
Feofar-Khan's vereinigt.

Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst fr
unausfhrbar erklrte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst
stromabwrts mittels Schiffbrcken ber den Flu. Der Grofrst griff
hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stren, aus Mangel
an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so
blieb er, gewi mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk.

Die Tartaren besetzten also auch die rechte Fluseite; dann marschirten
sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des
Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Wldchen
nieder, und begannen nach vlliger Einschlieung der Stadt die regelrechte
Belagerung.

Iwan Ogareff bemhte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu
leiten, nur gingen ihm die nthigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu
erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines
Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen.

Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet gendert.
Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem
Marsche auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Grofrst die
jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wute. An diesen beiden Ursachen
scheiterte seine ursprngliche Absicht und er sah sich zu einer
regelrechten Belagerung genthigt.

Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Rcksicht auf
die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu strmen. Er warf seine
Truppen auf die scheinbar schwchsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe
wurden aber muthig abgeschlagen. Der Grofrst und seine Officiere setzten
sich bei dieser Gelegenheit rcksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit
ihrer eigenen Person ein und fhrten die Civilbevlkerung mit auf die
Wlle. Brger und Mujiks erfllten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem
zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den
Wllen zu erobern. An dem einen Ende der groen, zwei Werst langen und
oben und unten an der Angara ausmndenden Strae von Bolchaa kam es zu
einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Brger setzten den Tartaren
einen so hartnckigen Widerstand entgegen, da sich diese zuletzt in ihre
frheren Stellungen zurckziehen muten.

Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt
nicht erlangen konnte. Wir wissen, da seine Absicht dahin ging, in die
Stadt einzudringen, sich dem Grofrsten zu nhern, dessen Vertrauen zu
erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu
berliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des
Czaar stillen.

Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis in das Lager an der Angara,
trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszufhren.

In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus
dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der
Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In hchstens sechs Tagen muten
sie eintreffen, also wurde es nthig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch
Verrath zu berwltigen.

Iwan Ogareff zgerte keinen Augenblick. -

Eines Abends, am 2. October, wurde in dem groen Salon des
Gouvernementspalastes, in dem der Grofrst residirte, ein Kriegsrath
abgehalten.

Dieses am Ende der Bolchaastrae gelegene Gebude beherrscht weithin den
Lauf des Flusses. Gegenber den Fenstern seiner Hauptfaade sah man das
Lager der Tartaren; htten letztere weiter tragende Belagerungsgeschtze
besessen, so wre dieses Gebude ganz unhaltbar gewesen.

Der Grofrst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef
der Kaufleute und eine Anzahl hhere Officiere besprachen eben
verschiedene nothwendige Maregeln.

"Meine Herren, begann der Grofrst, unsere dermalige Lage ist Ihnen
hinlnglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, da wir Irkutsk bis
zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir
leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an
mir soll es gewi nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser
Gebiet nicht sehr theuer bezahlen.

-- Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der General Voranzoff, da Sie
auf die Bevlkerung von Irkutsk zhlen knnen.

-- Gewi, General, antwortete der Grofrst, und ich erkenne diesen
eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die
Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth
verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den
Wllen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern knnen. Sie hren
meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie,
dieselben weiter zu verbreiten.

-- Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete.
Darf ich wohl auch fragen, nach welchem lngsten Zeitraume auf das
Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist?

-- Hchstens nach sechs Tagen, erklrte der Grofrst. Erst heute Morgen
ist ein gewandter und khner Emissr in die Stadt gekommen, der mir
mittheilt, da fnfzigtausend russische Truppen unter Fhrung des Generals
Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am
Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Klte ihren Zug
aufzuhalten vermgen. Fnfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren
in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien.

-- Ich erlaube mir hinzuzufgen, da wir sofort, wenn Eure kaiserliche
Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu
folgen.

-- Ich danke, mein Herr, sagte der Grofrst. Warten wir es ab, bis die
Spitzen unserer Colonnen auf den nchsten Hhen erscheinen, dann wollen
wir die Feinde zerschmettern."

Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff.

"Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen.
Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke
erhalten und den Tartaren den Uebergang ermglichen.

-- Wrden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der
Kaufleute.

-- Sprechen Sie.

-- Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreiig und vierzig Grade unter
Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen
Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Strmung Schuld zu
sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den
Flu zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, da sie auf diesem Wege
nie nach Irkutsk hinein gelangen werden."

Der Generalgouverneur besttigte die Bemerkung des Chefs der
Kaufmannschaft.

"Das ist gewi ein recht glcklicher Umstand, uerte der Grofrst.
Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualitt in's Auge zu
fassen."

Er wandte sich dann an den Director der Polizei.

"Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er.

-- Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der
Polizeidirector, da mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift
bergeben wurde ...

-- Ausgehend von ...?

-- Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich
hier auf Fnfhundert beluft."

Die politischen Verbannten, welche sonst ber die ganze Provinz verbreitet
sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem
Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die
Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschften
oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der
japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der
Grofrst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und
sie als tchtige Vertheidiger erkannt.

"Was wnschen die Verbannten? fragte der Grofrst.

-- Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubni, ein besonderes
Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu drfen.

-- O, erwiderte der Grofrst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen,
ich wute es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das
Recht, sich fr ihr Vaterland zu schlagen.

-- Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu knnen, sagte der
Generalgouverneur, da Sie keine besseren Soldaten zu finden vermgen.

-- Doch sie brauchen dann einen Fhrer, bemerkte der Grofrst. Wer soll
das sein?

-- Sie wnschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen,
antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten
ausgezeichnet hat.

-- Ist es ein Russe?

-- Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen.

-- Sein Name ...?

-- Wassili Fedor."

Der Verbannte war der Vater Nadia's.

Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk seinem Berufe als
Arzt. Ein kenntnireicher und im Umgange liebenswrdiger Mann, war er
gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede
Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er
den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen
zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der brigen
Bevlkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit
des Grofrsten zu erregen. Bei mehreren Ausfllen hatten sie mit dem
Blute ihre Schuld an das heilige Ruland bezahlt. Wassili Fedor benahm
sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt,
doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die
Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, da
sie beabsichtigen knnten, ihn zu ihrem Fhrer auszuersehen.

Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der
Grofrst, da ihm derselbe nicht unbekannt sei.

"In der That, besttigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein
muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einflu auf die anderen
Verbannten von groer Bedeutung.

-- Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Grofrst.

-- Seit zwei Jahren.

-- Und seine Auffhrung ...?

-- Er fgt sich, antwortete der Polizeidirector, als verstndiger Mann den
Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt.

-- General, antwortete der Grofrst, lassen Sie mir denselben ohne Zgern
zufhren."

Der Befehl des Grofrsten ward ausgefhrt, und noch vor Ablauf einer
halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein.

Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster,
gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, da sein ganzes Leben sich in
dem Worte: Kampf! zusammen fassen lie, und da er gekmpft, aber auch
gelitten hatte. Seine Zge erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia
Fedor.

Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persnlich
schmerzlich berhrt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der
achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief
hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise
seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubni ausgewirkt hatte,
ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten.

Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli.
Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze berschritten hatte, was war
aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe
mute der unglckliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine
Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte!

Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Grofrsten und erwartete
von diesem angesprochen zu werden.

"Wassili Fedor, begann der Grofrst, Deine Genossen in der Verbannung
haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu drfen. Sie vergessen doch
nicht, da in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben
bereit sein mu?

-- Sie sind sich dessen bewut, erwiderte Wassili Fedor.

-- Sie wnschen Dich als Anfhrer?

-- Ja, kaiserliche Hoheit.

-- Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen?

-- Wenn das Heil Rulands es erheischt, gewi.

-- Commandant Fedor, sagte der Grofrst, Du bist nicht mehr verbannt.

-- Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann ber Solche den Befehl fhren, die
es noch sind?

-- Sie sind es nicht mehr."

In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten
Genossen, jetzt seiner Waffengefhrten.

Tief bewegt drckte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Grofrsten
und verlie das Gemach.

Der Letztere wendete sich an seine Officiere.

"Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen
ausstelle, sagte er lchelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt
Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen."

Diese den Verbannten von Irkutsk gewhrte Gnade entsprach in der That
ebenso einer groherzigen Justiz, wie einer klugen Politik.

Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die
Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara
wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen
einige an den alten Pfeilern der frheren hlzernen Brcke hngen blieben.
Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar
konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt
hatte, nur schwer in der ganzen Oberflche zufrieren. Die Gefahr eines
Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also
nicht sonderlich zu frchten.

Eben schlug es zehn Uhr. Der Grofrst verabschiedete seine Officiere und
wollte sich gerade in seine Gemcher zurckziehen, als vor dem Palaste ein
auffallender Tumult entstand.

Fast gleichzeitig ffnete sich die Thr des Salons, ein Feldjger trat ein
und ging auf den Grofrsten zu.

"Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!"




                           Dreizehntes Capitel.


                          Ein Courier des Czaar.


Eine unwillkrliche Bewegung fhrte alle Theilnehmer der Berathung nach
der halb offenen Thr zurck. Ein Courier des Czaar, in Irkutsk
angekommen! Wenn die Officiere nur einen Augenblick ber die
Wahrscheinlichkeit dieser Thatsache nachgedacht htten, muten sie
dieselbe fr unmglich ansehen.

Der Grofrst war lebhaft auf seinen Feldjger zugeschritten.

"La den Courier eintreten!" sagte er.

An der Schwelle erschien ein Mann. Seine uere Erscheinung zeugte von
groer Erschpfung. Er trug die abgenutzte, halb zerrissene Kleidung eines
sibirischen Bauern, an der sogar einige Lcher von Kugeln sichtbar waren.
Seinen Kopf bedeckte eine moskowitische Mtze. Auf der Wange sah man eine
kaum verharschte Schramme. Offenbar hatte dieser Mann einen langen und
beschwerlichen Weg hinter sich. Seine in schlechtem Stande befindliche
Fubekleidung verrieth auch, da er einen Theil seiner Reise zu Fu
zurckgelegt haben mute.

"Seine kaiserliche Hoheit der Grofrst?" fragte er eintretend.

Der Grofrst ging auf ihn zu.

"Du bist Courier des Czaar? fragte er.

-- Ja, Hoheit.

-- Und kommst ...?

-- Aus Moskau.

-- Und hast Moskau verlassen?

-- Am 15. Juli.

-- Dein Name ...?

-- Michael Strogoff."

Es war Iwan Ogareff. Er hatte den Namen und Charakter desjenigen
angenommen, den er unschdlich gemacht zu haben glaubte. In Irkutsk kannte
ihn weder der Grofrst, noch irgend Jemand Anderes, so da er sein
Gesicht nicht einmal zu entstellen brauchte. Da er in der Lage war, seine
etwa angezweifelte Identitt zu beweisen, hatte er keine Entdeckung zu
frchten. Er schickte sich jetzt also an, nachdem er das Ziel durch seinen
eisernen Willen erreicht hatte, durch Verrath und Meuchelmord das Drama
des feindlichen Einfalles zu krnen.

Nach der Antwort Iwan Ogareff's gab der Grofrst seinen Officieren ein
Zeichen mit der Hand, worauf sich diese zurckzogen.

Der falsche Michael Strogoff und er blieben allein in dem Salon zurck.

Der Grofrst betrachtete Iwan Ogareff einige Augenblicke mit scharfer
Aufmerksamkeit. Dann begann er:

"Du hast Moskau am 15. Juli verlassen?

-- Ja, Hoheit, und habe Seine Majestt den Czaaren in der Nacht vom 14. zum
15. Juli im Neuen Palais gesprochen.

-- Du hast einen Brief des Czaar?

-- Ja, hier ist er."

Iwan Ogareff bergab dem Grofrsten das kaiserliche Schreiben, das er auf
das kleinste Format zusammengebrochen hatte.

"Dieser Brief ist Dir in diesem Zustande bergeben worden?

-- Nein, Hoheit, doch mute ich das Couvert zerstren, um ihn vor den
Soldaten des Emirs besser verbergen zu knnen.

-- Warst Du Gefangener der Tartaren?

-- Ja, kaiserliche Hoheit, wenigstens einige Tage lang. Daher kommt es
auch, da ich trotz meiner Abreise am 15. Juli von Moskau, wie sie dieser
Brief auch angiebt, erst am 2. October in Irkutsk eingetroffen bin, d. h.
also, nach einer Reise von neunundsiebenzig Tagen."

Der Grofrst nahm den Brief. Er faltete ihn auseinander, erkannte die
Signatur des Czaar, nebst der von dessen eigener Hand geschriebenen
Eingangsformel. An der Authenticitt dieses Schreibens, wie an der
Identitt des Ueberbringers konnte also kein Zweifel sein. Hatte sein
wildes Antlitz auch erst einiges Mitrauen in dem Grofrsten erweckt, so
schwand dieses doch jetzt vollstndig.

Einige Augenblicke verhielt sich der Grofrst schweigend. Er durchlas
langsam den Brief, wie um seinen Sinn recht scharf zu fassen.

Endlich nahm er wieder das Wort.

"Michael Strogoff, sagte er, Du kennst den Inhalt dieses Schreibens?

-- Ja, Hoheit, ich konnte in die Lage kommen, dasselbe vernichten zu
mssen, um es nicht den Tartaren in die Hnde fallen zu lassen, und war
fr diesen Fall bedacht, dessen Text Eurer kaiserlichen Hoheit mglichst
genau mittheilen zu knnen.

-- Du weit also, da dieser Brief uns auferlegt, eher in Irkutsk zu
sterben, als die Stadt auszuliefern?

-- Ich wei es.

-- Und weit auch, da er mir die Bewegungen der Truppen mittheilt, welche
aufgeboten worden sind, den Einfall zu bekmpfen?

-- Ja, Hoheit, aber diese Bewegungen sind verunglckt.

-- Wie so?

-- Nun Ichim, Omsk, Tomsk, um nur von den bedeutendsten Stdten Sibiriens
zu sprechen, sind den Soldaten Feofar-Khan's nach und nach in die Hnde
gefallen.

-- Ohne da es zu Gefechten gekommen wre? Sollten unsere Kosaken nicht auf
die Tartaren getroffen sein?

-- Mehrmals, kaiserliche Hoheit.

-- Und sie sind zurckgeschlagen worden?

-- Sie verfgten nur ber ungengende Krfte.

-- Wo haben die Treffen, von denen Du sprichst, stattgefunden?

-- Bei Kolyvan, Tomsk ..."

Bis hierher hatte Iwan Ogareff nur die Wahrheit gesagt, um aber die
Vertheidiger von Irkutsk zu entmuthigen, bertrieb er die durch die
Truppen des Emirs erlangten Vortheile und fgte hinzu:

"Und ein drittes Mal vor Krasnojarsk.

-- Und das letzte Treffen?... fragte der Grofrst, ber dessen Lippen kaum
die Worte kamen.

-- Das war mehr als ein Treffen, Hoheit, das war eine Schlacht.

-- Eine Schlacht?

-- Zwanzigtausend Russen, die aus den Grenzprovinzen und dem Gouvernement
Tobolsk heranzogen, strzten sich 150,000 Tartaren entgegen und wurden
trotz ihres verzweifelten Muthes fast aufgerieben.

-- Du lgst, rief der Grofrst, der vergeblich seinen Zorn zu bemeistern
suchte.

-- Ich spreche die Wahrheit, Hoheit, antwortete frostig Iwan Ogareff. Ich
war selbst bei der Schlacht von Krasnojarsk gegenwrtig und gerieth eben
da in Gefangenschaft!"

Der Grofrst ward wieder ruhiger und gab Iwan Ogareff durch ein Zeichen
zu erkennen, da er nicht an seiner Aufrichtigkeit zweifle.

"An welchem Tage fand die Schlacht von Krasnojarsk statt? fragte er.

-- Am 2. September.

-- Und jetzt sind alle tartarischen Truppen um Irkutsk concentrirt?

-- Alle.

-- Und Du schtzest diese ...?

-- Auf 400,000 Mann."

Diese Angabe beruhte wiederum auf einer zu demselben Zwecke vorgebrachten
Uebertreibung Iwan Ogareff's.

"Und aus den westlichen Provinzen habe ich keinen Entsatz zu erwarten?
fragte der Grofrst.

-- Nein, kaiserliche Hoheit, mindestens nicht vor Ausgang des Winters.

-- Nun wohl, so hre, Michael Strogoff. Sollte ich auch weder von Osten
noch von Westen her Untersttzung bekommen, und zhlten die Barbaren
600,000 Mann, ich werde Irkutsk niemals bergeben!"

Das boshafte Auge Iwan Ogareff's bedeckte sich ein wenig. Der Verrther
schien sagen zu wollen, da der Bruder des Czaar seine Rechnung ohne
Rcksicht auf Verrtherei machte.

Der Grofrst hatte bei seinem nervsen Temperament alle Mhe, bei diesen
Unglcksbotschaften seine Ruhe zu bewahren. Er ging im Salon auf und ab
vor den Augen Iwan Ogareff's, die ihm wie einer schon seiner Rache
verfallenen Beute folgten. Er blieb an den Fenstern stehen, blickte nach
den Wachtfeuern der Tartaren und suchte sich ber ein Gerusch
aufzuklren, das ja meist nur von den in der Angara dahintreibenden und
aneinander prallenden Eisschollen herrhrte.

Eine Viertelstunde verging, ohne da er eine weitere Frage stellte. Dann
nahm er den Brief nochmals zur Hand und durchlas eine besondere Stelle
desselben.

"Du weit, Michael Strogoff, da hierin von einem Verrther die Rede ist,
vor dem ich mich hten soll?

-- Ja, Hoheit.

-- Er soll unter irgend einer Verkleidung nach Irkutsk einzudringen suchen
und sich um mein Vertrauen bewerben, um zur gegebenen Zeit die Stadt den
Tartaren zu berliefern.

-- Ich kenne das Alles, kaiserliche Hoheit, und wei auch, da Iwan Ogareff
geschworen hat, persnlich an dem Bruder des Czaar seine Rache zu nehmen.

-- Warum?

-- Man sagt, dieser Officier sei von dem Grofrsten zu einer entehrenden
Degradation verurtheilt worden.

-- Ja, richtig, ... ich entsinne mich ... doch, er verdiente es, dieser
Elende, der spter gegen sein Vaterland diente, um einen Einfall der
Barbaren zu organisiren.

-- Seiner Majestt dem Czaar, fuhr Iwan Ogareff fort, kam es vor allem
darauf an, Sie, kaiserliche Hoheit, von den verbrecherischen Absichten
gegen Ihre Person in Kenntni zu setzen.

-- Ja, der Brief enthlt die nthigen Aufschlsse ...

-- Und Seine Majestt haben das mir auch selbst mitgetheilt und mir
vorzglich eingeschrft, mich bei meiner Reise durch Sibirien ja vor
diesem Verrther zu hten.

-- Bist Du ihm begegnet?

-- Ja, Hoheit, nach der Schlacht von Krasnojarsk. Htte er vermuthen
knnen, da ich der Trger eines an Eure kaiserliche Hoheit gerichteten
Schreibens war, das seine abscheulichen Plne enthllte, so wrde er mir
keine Gnade gewhrt haben.

-- Gewi, dann wrst Du verloren gewesen, antwortete der Grofrst. Doch
wie bist Du berhaupt entkommen?

-- Dadurch, da ich mich in den Irtysch strzte.

-- Und wie kamst Du nach Irkutsk herein?

-- Bei Gelegenheit eines an diesem Abende unternommenen Ausfalles, welcher
der Vertreibung einer Tartarenabtheilung galt. Ich mischte mich unter die
Vertheidiger der Stadt, es gelang mir, mich zu erkennen zu geben, und so
fhrte man mich sofort vor Eure kaiserliche Hoheit.

-- Gut, Michael Strogoff, antwortete der Grofrst. Du hast bei Deiner
Schwierigen Reise Muth und Eifer gezeigt. Ich werde Dich nicht vergessen.
Hast Du mir einen Wunsch vorzutragen?

-- Nein, auer dem, mich an der Seite Eurer kaiserlichen Hoheit schlagen zu
drfen.

-- Es sei, Michael Strogoff, ich nehme Dich von heute ab in meinen
persnlichen Dienst und Du wirst auch in diesem Palaste Wohnung erhalten.

-- Und wenn nun Iwan Ogareff sich, wie er die Absicht haben soll, Eurer
kaiserlichen Hoheit unter einem falschen Namen vorstellt? ...

-- So wird er mit Deiner Hilfe, da Du ihn ja kennst, entlarvt werden, und
soll den Tod unter der Knute erleiden. Geh!"

Iwan Ogareff salutirte vor dem Grofrsten militrisch, indem er nicht
verga, da er Kapitn bei dem Corps der Couriere des Czaar sei, und zog
sich zurck.

Iwan Ogareff begann seine Rolle also mit unleugbarem Erfolge zu spielen.
Das Vertrauen des Grofrsten hatte er schnell und im vollsten Mae
errungen. Er konnte dasselbe mibrauchen, wo und wann es ihm beliebte. Er
sollte ja gar in dem Palaste selbst wohnen, wrde in alle Geheimnisse der
Vertheidigung eingeweiht sein. Er hatte demnach die Situation vollstndig
in der Hand. Niemand in Irkutsk kannte ihn, Niemand konnte ihm seine Maske
abreien. Er beschlo also ohne Zgern an's Werk zu gehen.

Die Zeit drngte in der That. Jedenfalls mute die Auslieferung der Stadt
vor Eintreffen der aus dem Norden und Osten erwarteten Russen erfolgen;
letzteres konnte sich aber nur um wenige Tage handeln. Waren die Tartaren
erst Herren von Irkutsk, so wren sie gewi nur schwer wieder daraus zu
vertreiben gewesen. Und wenn sie auch gezwungen wrden, es spter wieder
aufzugeben, so wrde das doch nicht geschehen, als bis sie es von Grund
aus zerstrt und den Kopf des Grofrsten zu Feofar-Khan's Fen gelegt
htten.

Da Iwan Ogareff jetzt nichts hinderte, zu sehen, zu beobachten und zu
handeln, so beschftigte er sich schon vom andern Tage an damit, die Wlle
zu besichtigen. Ueberall ward er von den Glckwnschen der Officiere,
Soldaten und Brger begrt. Dieser Courier des Czaaren erschien ihnen wie
ein Band, welches sie auf's Neue mit dem Kaiserreiche verknpfte. Iwan
Ogareff erzhlte bei dieser Gelegenheit mit einer Sicherheit, welche ihn
niemals im Stiche lie, von den Drangsalen seiner Reise. Dann sprach er,
ohne das zu Anfange zu sehr zu betonen, von dem Ernste der Lage, wobei er,
ebenso wie vor dem Grofrsten, die Erfolge der Tartaren und die Krfte,
ber welche sie verfgten, absichtlich bertrieb. Seiner Darstellung nach
waren die bevorstehenden Zuzge, selbst wenn sie rechtzeitig eintrafen,
gewi unzureichend, und es stand zu befrchten, da eine Schlacht unter
den Mauern von Irkutsk ebenso verderblich ausfallen wrde, wie die Treffen
bei Kolyvan, Tomsk und Krasnojarsk.

Mit solchen Hiobsposten ging Iwan Ogareff aber keineswegs verschwenderisch
um. Er lie diese mit kluger Berechnung nur nach und nach hren. Er schien
nur zu antworten, wenn man ihn fragte, und dann scheinbar nur mit
Widerwillen. Allemal aber fgte er hinzu, da man sich bis auf den letzten
Mann vertheidigen und die Stadt eher in die Luft sprengen msse, bevor man
sie bergebe.

Auf jede Weise suchte er die ble Lage schlimmer darzustellen. Die
Garnison und die Bevlkerung von Irkutsk waren glcklicher Weise aber viel
zu patriotisch, um sich einschchtern zu lassen. Von allen diesen Soldaten
und Brgern einer am Ende der asiatischen Welt isolirten Stadt dachte auch
kein Einziger nur entfernt an eine Uebergabe. Die Verachtung der Russen
gegen jene Barbaren kannte eben keine Grenzen.

Dagegen argwhnte auch Keiner die hliche Rolle, welche Iwan Ogareff
spielte, Keiner konnte vermuthen, da dieser scheinbare Courier des Czaar
ein erbrmlicher Verrther war.

Ganz erklrlicher Weise trat Iwan Ogareff seit seiner Ankunft in Irkutsk
bald in nhere Beziehungen zu einem der begeistertsten Vertheidiger der
Stadt, zu Wassili Fedor.

Es ist dem Leser bekannt, von welch' verzehrender Unruhe der unglckliche
Vater geqult ward. Wenn seine Tochter, wie er der Datumsangabe ihres
letzten Briefes nach annehmen mute, Ruland wirklich zu jener Zeit
verlassen hatte, was mochte dann jetzt aus ihr geworden sein? Wrde sie
dennoch versuchen, die von den Feinden berschwemmten Provinzen zu
bereisen, oder schmachtete sie vielleicht schon lange in Gefangenschaft?
Wassili Fedor fand kein anderes Betubungsmittel fr seinen Schmerz, als
sich gegen die Tartaren zu schlagen, eine Gelegenheit, die sich leider
viel zu selten darbot.

Als Fedor da die so unerwartete Ankunft eines Couriers des Czaar vernahm,
sagte ihm ein Vorgefhl, da er von diesem werde Nachrichten ber seine
Tochter einziehen knnen. Wenn er sich auch nicht verhehlte, da diese
Hoffnung auf sehr schwachen Fen stehe, so klammerte er sich doch gern an
sie an. War dieser Courier nicht auch gefangen gewesen, wie es Nadia
vielleicht heute noch war?

Wassili Fedor suchte also Iwan Ogareff auf, der begierig diese Gelegenheit
ergriff, mit dem Commandanten in tgliche Berhrung zu kommen. Dachte der
Renegat wohl daran, auch diese Gelegenheit auszuntzen?

Wie dem auch sei, jedenfalls entsprach Iwan Ogareff mit geschickt
verstelltem Eifer dem Entgegenkommen des Vaters Nadia's. Schon am Morgen
nach der Ankunft des vermeintlichen Couriers begab jener sich nach dem
Palaste des Grofrsten. Dort theilte er Iwan Ogareff die Umstnde mit,
unter welchen seine Tochter hchst wahrscheinlich das europische Ruland
verlassen hatte, und sagte ihm, welche Unruhe er jetzt um ihretwillen
empfinde.

Iwan Ogareff kannte Nadia nicht, trotzdem er sie ja auf dem Relais zu
Ichim an jenem Tage gesehen hatte, wo sie sich mit Michael Strogoff
daselbst befand. Damals hatte er aber weder auf sie noch auf die beiden
Journalisten geachtet, die sich gleichzeitig auf jenem Posthofe
aufhielten. Er war also auer Stande, Wassili Fedor die gewnschten
Nachrichten ber seine Tochter mitzutheilen.

"Wann hat Ihre Tochter, fragte Iwan Ogareff, das russische Gebiet etwa
verlassen?

-- Ungefhr zu derselben Zeit, wie Sie, antwortete Wassili Fedor.

-- Ich verlie Moskau am 15. Juli.

-- Nadia wahrscheinlich ganz zu derselben Zeit, wenigstens gab mir ihr
letzter Brief diesen Termin an.

-- Sie war am 15. Juli in Moskau?

-- Ja gewi, an eben diesem Tage.

-- Richtig ..." sagte zgernd Iwan Ogareff.

Dann aber schien er seine Meinung zu ndern.

"Nein, nein, ich tusche mich doch ... ich verwechsele jetzt das Datum,
fgte er hinzu, leider ist es zu wahrscheinlich, da ihre Tochter die
Grenze noch berschritten hat, und Sie knnen nun hchstens die einzige
Hoffnung hegen, da sie sich hat zurckhalten lassen, wenn sie von dem
Einfall der Tartaren Nachricht erhielt.

Wassili Fedor neigte betrbt den Kopf. Er kannte Nadia zu gut und wute,
da nichts im Stande sein wrde, sie von ihrem Vorsatz abzubringen.

Iwan Ogareff beging hier eine unnthige Grausamkeit. Er htte Wassili
Fedor mit einem Worte beruhigen knnen. Hatte Nadia auch, wie wir wissen,
die sibirische Grenze unter ganz besondern Umstnden passirt, so htte
Wassili Fedor doch, wenn Jener ihm die Uebereinstimmung jenes Datums und
des ergangenen Verbotes erwhnte, glauben mssen, da sie nicht den
Gefahren der Invasion ausgesetzt gewesen sei und sich, wenn auch
gezwungen, doch noch auf europischem Gebiete befinden werde.

Iwan Ogareff, ein Mann, der von Anderer Leiden niemals berhrt wurde,
folgte dabei nur seiner Natur, er htte jenes Wort sprechen knnen ... er
sprach es nicht. Wassili Fedor zog sich mit gebrochenem Herzen zurck.
Nach dieser Erkundigung schwand ihm die letzte Hoffnung.

An den beiden folgenden Tagen, dem 3. und 4. October, lie der Grofrst
den vermeintlichen Michael Strogoff wiederholt zu sich bescheiden und
befahl ihm, alles zu wiederholen, was er im kaiserlichen Cabinet des Neuen
Palais gehrt hatte. Iwan Ogareff antwortete, da er sich auf solche Fragen
vorbereitet hatte, stets ohne Zgern. Er verheimlichte dabei absichtlich
nicht, da die Regierung des Czaar durch den Einfall vollstndig
berrascht und der Aufstand in tiefster Verschwiegenheit vorbereitet
worden sei, da die Tartaren schon die Linie des Obi besetzt hatten, als
die ersten Nachrichten davon nach Moskau gelangten, und endlich, da in
den russischen Provinzen Nichts bereit sei, eine zur Vertreibung der
Feinde hinreichende Truppenmacht schnell nach Sibirien zu werfen.

Da er brigens vollkommen sein freier Herr war, begann Iwan Ogareff nun
Irkutsk recht eigentlich zu studiren, den Zustand der Befestigungen und
vorzglich deren schwchste Punkte auszusphen, um davon Nutzen ziehen zu
knnen, wenn irgend ein Umstand ihn an der Ausfhrung der geplanten
Verrtherei hindern sollte. Ganz besonders nahm das Thor von Bolchaa
seine Aufmerksamkeit in Anspruch, da er dieses zu berliefern
beabsichtigte.

An diesem Abend kam er zwei Mal an das Thor. Er ging hier auf und ab ohne
die Kugeln der Belagerer zu frchten, deren erste Posten noch keine Werst
weit von demselben entfernt waren; er wute recht gut, da ihm nichts
widerfahren knne, ja, da man ihn sogar erkenne.

Da bemerkte er einen Schatten, der geruschlos bis an den Fu der Erdwerke
heranschlich.

Sangarre war es, die ihr Leben auf's Spiel setzte, um von Iwan Ogareff
Nachricht zu erlangen.

Uebrigens erfreuten sich die Belagerten seit zwei Tagen einer Ruhe, an
welche die Tartaren sie bisher nicht gewhnt hatten.

Es geschah das auf Anordnung Iwan Ogareff's. Der Lieutenant Feofar-Khan's
wollte alle Versuche, die Stadt mit Gewalt zu erobern, aufgeschoben
wissen. Deshalb schwieg die Artillerie seit seiner Ankunft in Irkutsk
vollkommen. Vielleicht, - wenigstens setzte er noch einige Hoffnung
hierauf, - lie die Wachsamkeit der Belagerten doch etwas nach. Fr jeden
Fall hielten sich bei den Vorposten einige tausend Tartaren bereit, seiner
Zeit gegen das von seinen Vertheidigern entblte Thor vorzugehen, wenn
von Iwan Ogareff die Stunde fr den Angriff bestimmt worden wre.

Das konnte ja nicht lange dauern. Die Entscheidung mute fallen, bevor die
russischen Hilfstruppen vor Irkutsk anlangten. Iwan Ogareff's Beschlu war
gefat und an diesem Abend glitt ein Billet den Wall hinab in die Hand
Sangarre's.

Am andern Tage, in der Nacht vom 5. zum 6. October, wollte Iwan Ogareff
Irkutsk den Todfeinden seines Vaterlandes berliefern.




                           Vierzehntes Capitel.


                     Die Nacht vom 5. zum 6. October.


Iwan Ogareff's Plan war mit grter Sorgfalt vorbereitet und mute, im
Falle nicht ganz unvorhergesehene Ereignisse dazwischen traten, gewi
gelingen, wenn er nur dafr sorgen konnte, das Thor von Bolchaa zur Zeit,
wo er es ausliefern wollte, von Vertheidigern entblt zu halten.
Gleichzeitig sollte die Aufmerksamkeit der Belagerten nach einer andern
Seite der Stadt abgelenkt werden. So hatte er mit dem Emir verabredet.

Ein Scheinangriff fluauf- und fluabwrts auf dem rechten Ufer der Angara
sollte an beiden Stellen mit mglichster Kraftaufwendung ausgefhrt und
auch eine Ueberschreitung des Stromes nach dem linken Ufer versucht
werden. Dabei durfte man voraussetzen, da das Thor von Bolchaa ziemlich
verlassen werden wrde, zumal da die tartarischen Vorposten vor demselben
weiter zurckgezogen werden sollten, um den Glauben zu erregen, sie wren
an anderen Stellen verwendet worden.

Der 5. October war herangekommen. Vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden
sollte die Hauptstadt von Sibirien in den Hnden des Emirs, der Grofrst
in der Gewalt Iwan Ogareff's sein.

Im Laufe dieses Tages entstand in dem Thale der Angara eine ganz
ungewhnliche Bewegung. Von den Fenstern des Palastes und der Huser am
Ufer erkannte man deutlich, da daselbst sehr umfassende Vorbereitungen
betrieben wurden. Viele tartarische Abtheilungen marschirten nach einem
Punkte zusammen und verstrkten die Truppenmacht, welche der Emir
persnlich befehligte. Alles das gehrte zu der verabredeten Diversion und
wurde mglichst auffllig in's Werk gesetzt.

Iwan Ogareff verhehlte auch dem Grofrsten nicht, da von jener Seite ein
Angriff zu befrchten sei. Er glaube annehmen zu mssen, sagte er, da von
beiden Seiten der Stadt ein Sturmangriff geplant werde, und rieth dem
Grofrsten, die bedrohten Punkte mglichst zu verstrken.

Alles, was man sehen konnte, besttigte Iwan Ogareff's Ansicht, der man
sich bald Rechnung zu tragen entschlo. Nach einem im Palais abgehaltenen
Kriegsrathe erging der Befehl, die verfgbare Hauptmacht an beiden Enden
der Stadt, wo sich deren Wlle auf den Strom sttzten, zu concentriren.

Das war es, was Iwan Ogareff vor Allem wnschte. Er rechnete zwar bestimmt
nicht darauf, da das Thor von Bolchaa ganz von Mannschaften entblt
wrde, aber diese konnten doch nur in geringer Strke daselbst verbleiben.
Iwan Ogareff suchte der Diversion der Tartaren eine solche Bedeutung zu
geben, da der Grofrst sich genthigt sehen sollte, alle disponiblen
Krfte gegen dieselbe aufzubieten.

Die Verhltnisse wurden brigens durch ein Ereigni von ungewhnlicher
Bedeutung, wiederum einer Erfindung Iwan Ogareff's, ungemein erschwert,
ein Ereigni, welches jedoch sehr wesentlich zur Erreichung seiner
Absichten beitragen mute. Wenn auch kein Angriff auf Irkutsk an den von
dem Thore von Bolchaa entferntestem Punkte unternommen wurde, so htte
jener Zwischenfall hingereicht, alle Krfte der Vertheidiger dahin zu
concentriren, wo es Iwan Ogareff wnschte. Gleichzeitig mute es eine
entsetzliche Katastrophe ber die arme Stadt herbeifhren.

Es waren also alle Aussichten vorhanden, jenes Thor zur bestimmten Stunde
fast unbedeckt zu finden, whrend mehrere tausend Tartaren in Verstecken
bereit lagen, gegen dasselbe anzustrmen.

Whrend dieser Tage hielten sich die Garnison und die Bevlkerung von
Irkutsk immerfort auf jedes Ereigni gefat. Alle Manahmen zur
Vertheidigung bei dem erwarteten Angriff auf bisher weniger beunruhigte
Punkte wurden eiligst getroffen. Der Grofrst und der General Voranzoff
visitirten die auf ergangenen Befehl verstrkten Posten. Das Elitecorps
Wassili Fedor's hielt den nrdlichen Theil der Stadt besetzt, aber mit der
Weisung, immer dahin beizuspringen, wo die Gefahr am grten wre. Mit
diesen rechtzeitigen und auf Befehl Iwan Ogareff's getroffenen Maregeln
wuchs die Hoffnung, den beabsichtigten Angriff abzuschlagen. Das Ufer der
Angara war mit der geringen Menge Artillerie besetzt worden, ber die man
eben verfgte. Wenn die Tartaren aber abgewiesen wurden, so konnte man
erwarten, da sie fr den Augenblick entmuthigt, einen erneuten Angriff
doch mindestens einige Tage verschieben wrden. Die von dem Grofrsten
erwarteten Truppen muten aber doch nun jede Stunde eintreffen. Das Heil
oder das Verderben von Irkutsk hing also nur an einem Fdchen.

An diesem Tage ging die Sonne um sechs Uhr zwanzig Minuten auf und um fnf
Uhr vierzig Minuten unter, nach Beschreibung eines Tagesbogens von elf
Stunden. Zwei Stunden noch kmpfte die Dmmerung gegen das Dunkel der
Nacht. Dann hllte sich Alles in Finsterni, und auch auf das Erscheinen
des Mondes, der sich gerade in Conjunction befand, war ja nicht zu
rechnen.

Die tiefe Dunkelheit mute offenbar Iwan Ogareff's Plne begnstigen.

Schon seit mehreren Tagen leitete eine ziemlich heftige Klte auf die
bevorstehende Strenge des sibirischen Winters ber und an eben diesem
Abend war sie doppelt fhlbar. Die auf der rechten Seite der Angara
aufgestellten Truppen, welche ihre Anwesenheit nicht verrathen sollten,
hatten deshalb kein Wachtfeuer angezndet. Sie litten von der aufflligen
Erniedrigung der Temperatur ganz entsetzlich. Wenige Schritte unter ihnen
schwammen die Eisschollen hin, welche der Strom mit herantrieb. Den ganzen
Tag ber sah man sie in gedrngten Massen in breitem Zuge zwischen beiden
Ufern. Dieser von dem Grofrsten und seinen Officieren beobachtete
Umstand ward fr besonders glcklich angesehen. Es lag auf der Hand, da
an eine Ueberschreitung der Angara gar nicht zu denken sei, so lange
dieses Gewirr von Eisstcken das Bett derselben bedeckte. Die Tartaren
konnten weder Boote noch Fle benutzen. Dabei brauchte man nicht zu
befrchten, da sie einen Uebergang auf dem etwa frisch aneinander
gefrorenen Eise versuchen wrden, da dieses fr die Passage einer starken
Colonne offenbar zu wenig haltbar war.

Wenn diese Verhltnisse auch den Vertheidigern von Irkutsk ganz
vortheilhaft erschienen, so htte Iwan Ogareff sie doch bedauern mssen.
Doch im Gegentheil! Der Verrther wute ja recht gut, da die Tartaren gar
nicht ernstlich daran dachten, die Angara zu passiren, und da alle ihre
hierauf abzielenden Bewegungen nur eine Kriegslist seien.

Gegen zehn Uhr Abends vernderte sich die Oberflche des Flusses zum
grten Erstaunen und auch zum Nachtheile der Belagerten ganz wunderbar.
Der bisher unpraktikable Uebergang wurde frei. Das ganze Bett des Stromes
reinigte sich. Die Eisschollen, die seit einigen Tagen schon in groer
Menge dahinjagten, verschwanden pltzlich stromabwrts, und nur fnf bis
sechs schwankten noch vereinzelt zwischen den beiden Ufern. Sogar ihre
Structur vernderte sich gegenber denjenigen, welche man zu sehen gewohnt
war, ganz auffallend. Sie erschienen nur als einzelne von einem greren
Eisfelde mit glatten Rndern abgelste Splitter.

Die russischen Officiere meldeten, als sie die Vernderungen am Flusse
wahrnahmen, dieselben dem Grofrsten. Sie erklrten sich brigens
dadurch, da das Eis sich an einer engern Stelle der Angara gestaut hatte
und einen festen Schutz bildete.

Man wei, da dem so war.

Die Passage der Angara mute also jetzt leichter zu forciren sein, was die
Russen nun zu noch grerer Vorsicht nach dieser Seite nthigte.

Bis Mitternacht blieb Alles ruhig. Gerade an der Ostseite, vor dem Thore
von Bolchaa, konnte man nicht die geringste Bewegung wahrnehmen. Kein
Feuerschein glhte in dem Walde, der in der Entfernung mit den niedrigen
Wolken des Horizontes verschmolz.

Im Thale der Angara verrieth dagegen ein vielfacher Wechsel der Feuer eine
allgemeine Bewegung des Heeres.

Etwa eine Werst stromauf- und stromabwrts von den Stellen, wo die
Erdwerke sich den Abhngen des Fluufers anschlossen, lie sich ein
dumpfes Gerusch vernehmen, ein Beweis dafr, da daselbst tartarische
Truppenmassen aufgestellt waren, welche irgend eines Befehles harrten.

Noch eine Stunde verging. Alles blieb wie vorher.

Es schlug zwei Uhr auf dem Glockenthurme der Kathedrale in Irkutsk, und
auch nicht eine ernsthafte Bewegung der Belagerer deutete auf weitere
feindliche Absichten.

Der Grofrst und seine Officiere fragten sich, ob sie nicht in einer
Tuschung befangen wren, zu glauben, da die Tartaren einen Versuch zur
Ueberrumpelung der Stadt wagen wollten. Fast in keiner der vorhergehenden
Nchte ging es so ruhig zu. Immer blitzten sonst in der Vorpostenkette
einzelne Flintenschsse auf und brausten einige grbere Geschosse durch
die Luft, - heute blieb Alles still.

Dennoch verweilten der Grofrst, der General Voranzoff und deren
Adjutanten Jeder auf seinem Posten, bereit je nach den Umstnden die
nthigen Befehle zu geben und zu ertheilen.

Wir wissen, da Iwan Ogareff ein Zimmer des Palastes bewohnte. Eigentlich
war dasselbe ein gerumiger Saal im Erdgescho, dessen Fenster nach einer
Seitenterrasse zu lagen. Mit nur wenigen Schritten ber diese Terrasse
gewann man einen Standpunkt, von welchem aus die Angara weithin zu
bersehen war.

In jenem Saale herrschte eben tiefe Finsterni.

Der Entscheidungsstunde ungeduldig entgegensehend, stand Iwan Ogareff
darin an einem Fenster. Offenbar sollte das Signal zum Losbrechen von ihm
ausgehen. Hatte er dasselbe einmal gegeben und die meisten Vertheidiger
von Irkutsk nach den offen angegriffenen Stellen gelockt, so wollte er das
Palais verlassen, um sein Bubenstck zu vollenden.

Er wartete also im Dunklen, lauernd wie ein Raubthier, das sich auf seine
Beute strzen will.

Einige Minuten vor zwei Uhr verlangte der Grofrst, da Michael Strogoff,
- denn nur dieser Name war ihm ja bekannt, - vor ihn gefhrt werde. Ein
Adjutant begab sich nach dessen Wohnung, fand aber die Thr geschlossen.
Er rief ...

Iwan Ogareff stand unbeweglich und im Dunklen nicht sichtbar am Fenster,
htete sich aber zu antworten.

Man meldete dem Grofrsten, da der Courier des Czaar augenblicklich im
Palais nicht anwesend sei.

Da schlug es zwei Uhr. Das war der Zeitpunkt fr die mit den Tartaren
verabredete Diversion, zu welcher Letztere schon fertig aufmarschirt
waren.

Iwan Ogareff ffnete das Fenster seines Zimmers und begab sich nach dem
nrdlichen Ende der Seitenterrasse.

Im Dunklen unter ihm rauschten die Fluthen der Angara, die sich hrbar an
den Pfeilern der frheren Brcke brachen.

Iwan Ogareff zog ein Feuerzeug aus der Tasche, entzndete dadurch ein
Stckchen mit Pulver imprgnirten Schwamm und warf diesen in den Flu ...

Auf Iwan Ogareff's Befehl waren jene Strme Mineralls auf die Oberflche
der Angara geleitet worden.

Auf dem rechten Ufer des Flusses befanden sich oberhalb Irkutsk, zwischen
dem Dorfe Poschkafsk und der Stadt, ergiebige Naphthaquellen. Iwan Ogareff
verdankte man den teuflischen Gedanken, mittels derselben Irkutsk in Brand
zu stecken. Er brachte also die ungeheuren Reservoirs, welche den
vorrthigen Brennstoff enthielten, in seine Gewalt. Die Durchbrechung
eines Stcks der Umfassungsmauer reichte hin, um jenen in starkem Strome
ausflieen zu lassen.

Das war eben in dieser Nacht einige Stunden vorher geschehen, und war die
Ursache, weshalb das Flo mit dem wirklichen Couriere des Czaar, mit Nadia
und den brigen Flchtlingen in einem Strome von Minerall schwamm. Durch
die Oeffnungen jener, Millionen von Kubikmetern enthaltenden Reservoirs
hatte sich die flssige Naphtha wie ein Sturzbach ergossen und sich, der
natrlichen Bodenneigung folgend, auf dem Wasser der Angara verbreitet,
auf dem sie ja in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes obenauf
schwimmen mute.

So fhrte Iwan Ogareff Krieg! Mit den Tartaren im Bunde handelte er wie
ein Tartar auch gegen seine eigenen Landsleute. -

Der brennende Schwamm fiel in die Wellen der Angara.

In einem Augenblick, so als ob der Strom aus Alkohol bestnde, flammte die
ganze Flche desselben fast mit elektrischer Geschwindigkeit auf. Zwischen
den beiden Ufern wlzten sich bluliche Feuerwogen. Darber wirbelten
dicke Rauchwolken empor. Die wenigen noch in der Strmung vorhandenen
Eisschollen wurden von der Gluth ergriffen, schmolzen wie Wachs am Ofen
und mit Zischen und Pfeifen scho das verdampfende Wasser in die Hhe.

Gleichzeitig knatterte am sdlichen und nrdlichen Ende der Stadt das
Kleingewehrfeuer. Die Batterien im Thale der Angara ffneten ihren groben
Mund. Mehrere Tausend Tartaren strzten sich strmend auf die Erdwerke.
Die hlzernen Gebude am Flusse und dem Abhange daneben fingen an allen
Enden Feuer. Eine entsetzliche Helligkeit besiegte das Dunkel der Nacht.

"Endlich!" sagte Iwan Ogareff fr sich.

Er konnte sich mit vollem Rechte Glck wnschen. Sein Angriffsplan ging
frchterlich in Erfllung. Die Vertheidiger von Irkutsk standen pltzlich
zwischen dem Sturmangriff der Tartaren und den Schrecken des Brandes.

Die Glocken heulten und Alles, was in der Bevlkerung noch krftige
Glieder hatte, eilte herbei nach den bedrohten Punkten und den von dem
Feuer zerstrten Husern, um wenigstens die brige Stadt zu retten.

Das Thor von Bolchaa entbehrte nun fast jeder Bedeckung. Nur wenige Mann
sah man an demselben. Diese waren noch dazu unter dem Einflusse des
Verrthers aus dem kleinen Corps der Verbannten erwhlt, um die letzten
Ursachen der kommenden Ereignisse von sich abwlzen und eher durch den
politischen Ha jener Mannschaften erklren zu knnen.

Iwan Ogareff ging nach seinem jetzt von der brennenden Angara hell
erleuchteten Zimmer zurck. Dann machte er sich bereit, auszugehen.

Doch kaum ffnete er die Thr, als sich ein Weib mit durchnter Kleidung
und wild herab hngendem Haar in das Zimmer strzte.

"Sangarre!" rief Iwan Ogareff im ersten Schrecken, da er kein anderes
weibliches Wesen, als die Zigeunerin, vermuthen konnte.

Aber nicht Sangarre war es, sondern Nadia.

In dem Augenblicke, als das junge Mdchen auf der Eisscholle, dem letzten
Zufluchtsorte, bei dem Aufleuchten des Feuers einen Schreckensruf
ausstie, hatte Michael Strogoff sie mit den Armen umschlungen und sich
mit ihr in das Wasser gestrzt, um unter demselben einen Schutz gegen die
Flammen zu finden. Wie erwhnt befand sich die Scholle, welche sie trug,
nur etwa noch dreiig Klaftern oberhalb des ersten Quais von Irkutsk.

Nachdem er unter dem Wasser hingeschwommen, gelang es Michael Strogoff,
daselbst mit Nadia an das Land zu kommen.

Endlich winkte Michael Strogoff sein heiersehntes Ziel. Er war in
Irkutsk!

"Zum Palaste des Gouverneurs!" rief er Nadia zu.

Kaum zehn Minuten spter erreichten Beide den Eingang des Palais, um
dessen Grundmauern das Feuer gierig, aber unschdlich emporzngelte.

Weiterhin standen die Huser am Ufer alle in Flammen.

Michael Strogoff und Nadia traten ohne Hindernisse in das jetzt berall
offene Gebude. Mitten in der allgemeinen Verwirrung bemerkte sie, trotz
ihrer triefenden Kleidung, Niemand.

In dem groen Parterresaale drngte sich eine Anzahl Officiere, um sich
Befehle einzuholen, neben Soldaten, um letztere auszufhren. Hier wurden
Michael Strogoff und Nadia durch das Stoen und Drngen der erregten Menge
von einander getrennt.

Rathlos durchirrte Nadia die Sle des Erdgeschosses mit lautem Rufen nach
ihrem Begleiter und verlangte, vor den Grofrsten gefhrt zu werden.

Da ffnete sich vor ihr die Thr zu einem vom Feuerscheine hell
erleuchteten Zimmer. Sie trat ein und stand unerwartet vor dem Manne, den
sie in Ichim, wie in Tomsk gesehen hatte, gegenber Demjenigen, dessen
ruchlose Hand in der nchsten Stunde die Stadt ausliefern sollte.

"Iwan Ogareff!" rief sie entsetzt.

Der Elende zitterte, als er seinen Namen hrte. Sein ganzer Plan mute ja
scheitern, wenn dieser Name laut wurde. Ihm blieb nur Eines brig: das
lebende Wesen, wer das auch sei, umzubringen, weil es seinen wahren Namen
kannte.

Iwan Ogareff drang auf Nadia ein; aber in der Hand des jungen Mdchens,
das sich durch eine Mauer im Rcken zu decken suchte, blitzte schon ein
Messer, um sich zu vertheidigen.

"Iwan Ogareff! rief sie nochmals lauter und im Bewutsein, da dieser
verabscheute Name ihr Hilfe herbeirufen werde.

-- Ah, Du wirst schweigen lernen! versetzte der Verrther.

-- Iwan Ogareff!" rief das unerschrockene Mdchen zum dritten Male mit
einer Stimme, deren Strke ihr tdtlicher Ha nur verdoppelte.

In wahnsinniger Wuth ri Iwan Ogareff einen Dolch aus seinem Grtel,
sprang auf Nadia zu und drngte sie nach einer Ecke des Raumes.

Jetzt wre es um sie geschehen gewesen, als eine unwiderstehliche Hand den
Schurken von ihr wegri und zur Erde schleuderte.

"Michael!" rief Nadia.

Es war Michael Strogoff.

Die Ausrufe Nadia's hatten ihm den Weg gewiesen; durch sie war er zu dem
Zimmer Iwan Ogareff's gelangt und durch die halb offen gebliebene Thr
eingetreten.

"Sei ohne Furcht, Nadia, sagte er, sich zwischen diese und Iwan Ogareff
stellend.

-- Nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht, Bruder!... Der Verrther ist
bewaffnet ... Er kann auch sehen, und Du ..."

Iwan Ogareff war wieder aufgestanden, und da er mit dem Blinden leichtes
Spiel zu haben whnte, rannte er auf Michael Strogoff zu.

Dieser packte ihn aber mit der einen Hand am Arme, lenkte mit der andern
seine Waffe ab und warf ihn wieder zu Boden.

Todtenbleich vor Wuth und Scham erinnerte sich Iwan Ogareff, da er ja
einen Degen habe. Er ri diesen aus der Scheide und stellte sich wieder
zum Angriff bereit.

Auch hatte er Michael Strogoff erkannt. Einen Blinden! Er hatte es ja nur
mit einem Blinden zu thun. Die Partie stand offenbar gut fr ihn.

Erschreckt durch die Gefahr, welche ihrem Freunde in einem so ungleichen
Kampfe drohte, eilte Nadia zur Thr, um nach Hilfe zu rufen.

"Schliee die Thr, Nadia! sagte Michael Strogoff. Rufe Niemand, la die
Rache mir allein! Jetzt braucht der Courier des Czaar diesen Schurken
nicht mehr zu frchten. Er mag heran kommen, wenn er es wagt. Ich erwarte
ihn!"

Iwan Ogareff kauerte sich, ohne ein Wort zu sagen, wie ein Tiger zusammen.
Er suchte das Gerusch seines Trittes, selbst das Hauchen seines Athems
dem Ohre des Blinden zu verbergen. Er wollte ihn tdtlich treffen, bevor
er seine Annherung gewahr wrde. Der Schuft dachte nicht daran, sich
ehrlich zu schlagen, er wollte den, dessen Namen er gestohlen hatte,
einfach ermorden.

Voll Entsetzen und doch voll Vertrauen betrachtete Nadia diese
frchterliche Scene mit einer Art Bewunderung. Michael Strogoff's
unerschtterliche Ruhe schien auch ber sie gekommen zu sein. Als Waffe
besa Michael Strogoff nur sein sibirisches Jgermesser, und seinen mit
dem Degen bewehrten Gegner sah er ja nicht einmal. Aber durch welche Gnade
des Himmels vertraute er so sicher seiner Ueberlegenheit ber Jenen? Wie
konnte er, ohne da ein Wort fiel, immer bereit sein, der Degenspitze des
Feindes zu begegnen?

Iwan Ogareff starrte mit sichtlicher Angst auf seinen Gegner. Diese
bermenschliche Ruhe erdrckte ihn. Doch wenn er dann seinen Verstand zu
Rathe zog, sagte er sich wieder, da ja der Vortheil ganz auf seiner Seite
sei. Diese Unbeweglichkeit des Blinden aber machte ihn erstarren. Er
suchte sich die Stelle aus, wo er sein Opfer treffen wollte ... Er glaubte
sie gefunden zu haben ... Was hielt denn seinen Arm zurck?

Endlich sprang er auf und fhrte einen heftigen Sto gegen Michael
Strogoff's Brust.

Eine geschickte und unerklrliche Bewegung des Messers Michael Strogoff's
lenkte den Stahl ab. Der Blinde war nicht getroffen, und kaltbltig schien
er, ohne von der Stelle zu weichen, einen zweiten Angriff zu erwarten.

Aus Iwan Ogareff's Stirn perlte ein eiskalter Schwei. Er trat erst einen
Schritt zurck und drang dann auf's Neue vor. Aber der Todesstreich
milang ihm ebenso wie das erste Mal. Eine einfache Parade des breiten
Messers drngte den nutzlosen Degen zur Seite.

Rasend vor Wuth und Schrecken gegenber dieser lebenden Bildsule heftete
der Verrther seinen Blick auf die weit geffneten Augen des Geblendeten.
Diese Augen, welche in dem tiefsten Abgrund seiner Seele zu lesen schienen
und doch unmglich sehen konnten, wirkten auf ihn mit einer Art
entsetzlicher Zauberkraft.

Pltzlich stie Iwan Ogareff einen Schrei aus. In seinem Innern ward es
unerwartet klar.

"Er sieht, rief er, er kann sehen!..."

Und wie ein Raubthier scheu seine Hhle zu gewinnen sucht, wich er in den
Hintergrund des Saales zurck.

Da belebte sich die Statue, der Blinde ging sicheren Schrittes auf Iwan
Ogareff zu und sagte:

"Ja wohl, er kann sehen! Ich sehe noch den Knutenhieb, mit dem ich Dich
elenden Verrther gebrandmarkt habe. Ich sehe auch die Stelle, an der mein
Messer Dich treffen soll. Auf, wehre Dich Deines Lebens. Ich erweise Dir
noch die unverdiente Ehre eines Zweikampfes! Mein Messer gengt mir gegen
Deinen Degen!

-- Er sieht! rief freudig erschreckt Nadia. Gtiger, gerechter Gott, ist
das mglich?"

Iwan Ogareff fhlte sich verloren. Noch einmal aber raffte er den letzten
Muth zusammen und strzte sich mit dem Degen auf seinen unerschtterlichen
Gegner. Die beiden Klingen kreuzten sich, aber ein Messerhieb Michael
Strogoff's, gefhrt von der gebten Hand des sibirischen Jgers, sprengte
die Klinge in Stcke und durch das Herz getroffen sank der Elende leblos
zu Boden.

In diesem Augenblick wurde die Zimmerthr von auen aufgestoen. Begleitet
von einigen Officieren erschien der Grofrst auf der Schwelle.

Letzterer trat vor. Auf dem Fuboden erkannte er die Leiche Desjenigen,
den er fr den Courier des Czaar gehalten hatte.

Mit drohender Stimme fragte er.

"Wer hat diesen Mann getdtet?

-- Ich that es", antwortete Michael Strogoff.

Einer der Officiere setzte einen Revolver an dessen Schlfe.

"Dein Name? fragte der Grofrst.

-- Kaiserliche Hoheit, erwiderte Michael Strogoff, fragen Sie mich lieber
zuerst nach dem Namen dessen, der vor Ihren Fen liegt.

-- Diesen Mann erkenne ich. Es ist ein Diener meines Bruders, ein Courier
des Czaar.

-- Dieser Mann, Hoheit, ist kein Courier des Czaar! Das ist Iwan Ogareff!

-- Iwan Ogareff? rief der Grofrst.

-- Ja, Iwan, der Verrther seines Vaterlandes.

-- Aber Du, wer bist Du denn?

-- Ich bin Michael Strogoff."




                           Fnfzehntes Capitel.


                                 Schlu.


Michael Strogoff war in der That jetzt weder blind, noch war er es jemals
gewesen. Eine rein menschliche, gleichzeitig moralische und physikalische
Ursache hatte die Wirkung der glhenden Sbelklinge vereitelt, die der
Scharfrichter Iwan Ogareff's damals vor seinen Augen vorbeifhrte.

Der Leser erinnert sich, da bei Vollziehung des grausamen Urtheils die
alte Marfa verzweifelt und mit erhobenen Armen unweit ihres Sohnes stand.
Michael Strogoff sah sie an, wie ein Sohn eben seine Mutter ansehen wird,
wenn er wei, da es zum letzten Male sein soll. Aus seinem Herzen quollen
ihm die Thrnen in die Augen, die sein Stolz vergeblich zurck zu drngen
suchte. Diese sammelten sich unter den Augenlidern, und ihre Verdampfung
auf der Hornhaut rettete ihm die Sehkraft. Da sich die aus den Thrnen
gebildete Dampfschicht zwischen der glhenden Klinge und den Augpfeln
befand, vermochte sie die Wirkung der Hitze unschdlich zu machen. Es ist
das derselbe Vorgang, als wenn ein Gieer nach Anfeuchtung seiner Hand mit
Wasser diese ungestraft durch einen Strahl flssigen Eisens fhrt.

Michael Strogoff hatte die Gefahr schnell erkannt, welche ihm daraus
erwachsen knne, wenn er sein Geheimni gegen irgend Jemand offenbarte.
Ebenso durchschaute er auch den Nutzen, den er aus diesem Umstande
bezglich der Durchfhrung seiner Aufgabe ziehen knne. Nur da er fr
blind galt, schien seine persnliche Freiheit einigermaen sicher zu
stellen. Er mute also blind scheinen, er mute es fr Alle sein, selbst
fr Nadia, und niemals durfte eine unbewachte Bewegung seinerseits an der
Wahrheit seiner Rolle einen Zweifel erregen. Sein Entschlu stand fest. Er
mute selbst sein Leben wagen, um einen Beweis von seiner Erblindung zu
geben, und wir wissen, wie unbedenklich er es auf's Spiel setzte.

Nur seine Mutter allein kannte den wahren Sachverhalt, ihr hatte er es
damals auf dem Platze vor Tomsk in's Ohr geflstert, als er in der
Dunkelheit ber jene gebeugt sie mit seinen heien Kssen bedeckte.

Man entsinnt sich auch, da, als Iwan Ogareff in herzlosem Spotte das
kaiserliche Schreiben vor Michael Strogoff's geblendete Augen hielt,
dieser dasselbe lesen konnte, und natrlich Alles gelesen hatte, was die
verruchten Plne des Verrthers enthllte. Hieraus erklrt sich auch sein
verdoppeltes Drngen, in Irkutsk anzukommen und sich daselbst seiner
Mission wenigstens mndlich zu entledigen. Er wute, da die Stadt
verrathen werden solle, da des Grofrsten Leben in der ernstesten Gefahr
schwebe. Die Rettung des Bruders seines Czaar, ja das Heil ganz Sibiriens
ruhte also in seiner Hand.

Mit wenigen Worten wurden dem Grofrsten alle die frheren Vorkommnisse
mitgetheilt, wobei Michael Strogoff mit Wrme den Antheil hervorhob, der
Nadia bei der Ueberwindung der zahlreichen Hindernisse gebhrte.

"Wer ist das junge Mdchen? fragte der Grofrst.

-- Die Tochter Wassili Fedor's, eines Verbannten.

-- Die Tochter des Commandanten Fedor, fuhr aber der Grofrst fort, ist
nicht mehr die Tochter eines Verbannten. In Irkutsk giebt es jetzt keine
Verbannten mehr!"

Nadia fiel, berwltigt von der Freude, der sie leichter erlag als den
harten Schlgen des Schicksals, dem Grofrsten zu Fen, der sie jedoch
mit der einen Hand wieder aufzog und die andere Michael Strogoff darbot.

Eine Stunde spter lag Nadia in den Armen ihres Vaters.

Michael Strogoff, Nadia und Wassili Fedor waren vereinigt und hoch
schlugen ihre Herzen im Ueberma des Glckes.

Der Angriff der Tartaren auf die Stadt schlug gnzlich fehl. Wassili Fedor
hatte mit seiner kleinen Truppe die ersten Anstrmenden niedergemacht, die
vor dem Thore von Bolchaa in der Meinung, dasselbe schon offen zu finden,
erschienen, whrend Jener mit instinctivem Vorgefhl darauf drang, hier
zur Vertheidigung zurck zu bleiben.

Gleichzeitig mit der Zurckweisung der Tartaren gelang es den Belagerten
auch, die Feuersbrunst zu bewltigen. Die Naphtha auf der Oberflche der
Angara war bald verbrannt, und die auf die Huser lngs des Flusses
concentrirten Flammen verschonten die brigen Theile der Stadt.

Noch vor Tagesanbruch zogen sich die Truppen Feofar-Khan's, unter
Zurcklassung einer groen Anzahl auf den Wllen umherliegender Todter, in
ihr Lager zurck.

Zu den Gefallenen gehrte auch die Zigeunerin Sangarre, welche sich
vergeblich mit Iwan Ogareff in Verbindung zu setzen versucht hatte.

Die beiden folgenden Tage wagten die Belagerer keinen erneuten Angriff.
Iwan Ogareff's Tod hatte sie entmuthigt. Dieser Mann war die Seele des
ganzen Kriegszuges, und er allein besa durch seine unausgesetzten
Agitationen Einflu genug auf die Khans und deren Heerhaufen, um sie zu
dem Versuch einer Eroberung des asiatischen Rulands zu verleiten.

Inzwischen blieben die Einwohner und die Besatzung von Irkutsk, angesichts
der noch andauernden Einschlieung, stets gleichmig wachsam und
kampfbereit.

Am 7. October aber donnerte beim ersten Tagesgrauen der eherne Mund von
Geschtzen auf den umgebenden Hhen der Stadt.

Es war der Gru der Hilfsarmee, die unter der Fhrung des Generals
Kisselef heranrckte und dem Grofrsten ihr Eintreffen anmeldete.

Die Tartaren bedachten sich nicht lange. Sie wollten nicht Gefahr laufen,
unter den Mauern von Irkutsk eine Schlacht annehmen zu mssen, und hoben
daher das Lager im Thale der Angara eiligst auf.

Endlich konnte Irkutsk befreit wieder aufathmen.

Mit den ersten russischen Truppen waren aber auch zwei Freunde Michael
Strogoff's in die Stadt eingezogen, - die unzertrennlichen Collegen Harry
Blount und Alcide Jolivet. Es war ihnen gelungen, ber den Eisschutz das
rechte Ufer der Angara zu erreichen und mit den brigen Flchtlingen zu
entkommen, bevor die brennende Angara das Flo ergriffen hatte. In Alcide
Jolivet's Notizbuch fand sich hierber die lakonische Bemerkung:

"Beinahe umgekommen wie eine Citrone in der Punschbowle!"

Sie freuten sich herzlich, Nadia und Michael Strogoff heil und gesund
wieder zu treffen, vorzglich als sie erfuhren, da ihr muthiger Gefhrte
nicht blind sei. Harry Blount fhlte sich veranlat, als eigene
Beobachtung zu notiren:

"Rothglhendes Eisen scheint unzureichend zu sein, die Sensibilitt des
Sehnerven zu zerstren. Das Verfahren bedarf der Modification."

Nachdem sie in Irkutsk ein behagliches Unterkommen gefunden, gingen sie
an's Werk, ihre Reiseerlebnisse in Ordnung nieder zu schreiben. Nach
London und nach Paris flogen dann zwei hochinteressante Berichte ber den
Einfall der Tartaren, welche sich wunderbarer Weise kaum in den
untergeordnetsten Punkten widersprachen.

Der ganze Feldzug verlief brigens hchst unglcklich fr den Emir und
seine Verbndeten. Dieser ebenso nutzlose Einfall, wie alle anderen gegen
den russischen Kolo gerichteten Angriffe, sollte ihnen sehr verderblich
werden. Bald sahen sie sich von den kaiserlichen Truppen abgeschnitten,
welche in rascher Folge alle eroberten Stdte wieder in ihre Gewalt
brachten. Dazu trat der Winter mit ungewhnlicher Strenge auf, so da von
den durch die Klte decimirten Horden nur ein schwacher Bruchtheil die
Steppen der Tartarei wieder erreichte.

Die Strae von Irkutsk nach dem Uralgebirge war wieder frei. Den
Grofrsten drngte es, nach Moskau zurckzukehren, doch er verschob seine
Abreise, um einer rhrenden Ceremonie beizuwohnen, die sich wenige Tage
nach dem Einzuge der russischen Truppen vollzog.

Michael Strogoff befand sich an Nadia's Seite und sagte zu ihr in
Gegenwart ihres Vaters:

"Nadia, noch immer meine Schwester, hast Du bei Deiner Abreise von Riga
nach Irkutsk einen andern Kummer zurckgelassen, als die Trauer um Deine
Mutter?

-- Nein, antwortete Nadia, gar keinen andern.

-- Kein Stckchen Deines Herzens ist dort zurck geblieben?

-- Keines, Bruder.

-- Dann, Nadia, glaube ich nicht anders, als da es Gottes Absicht war, uns
nicht nur zur vereinten Ueberwindung so schwerer Prfungen, sondern wohl
fr immer zusammen zu fhren."

Mit beseligter Freude sank Nadia in Michael Strogoff's Arme.

Dann wendete sich dieser zu Wassili Fedor.

"Mein Vater! sagte er leicht errthend.

-- Nadia, antwortete Wassili Fedor, mir wird es alle Zeit nur eine Freude
sein, Euch Beide meine Kinder zu nennen!"

Die Vermhlungsfeier ging in der Kathedrale von Irkutsk vor sich. Sie war
nur einfach hinsichtlich des ueren Pompes, aber erhebend durch die
ungeheure Theilnahme der ganzen Bevlkerung, welche ihrer tiefen
Dankbarkeit gegen die beiden jungen Leute Ausdruck verleihen wollte, deren
Irrfahrten schon in Aller Munde lebten.

Selbstverstndlich fehlten auch Alcide Jolivet und Harry Blount nicht bei
dieser Hochzeit, ber die sie ihren Lesern doch Bericht erstatten wollten.

"Nun, und das macht Ihnen noch keine Lust, das Gleiche zu thun? fragte
Alcide Jolivet seinen Collegen.

-- Pah, erwiderte Harry Blount, htte ich freilich eine Cousine so wie
Sie ...

-- Meine Cousine ist nicht mehr zu haben! unterbrach ihn lachend Alcide
Jolivet.

-- Desto besser, meinte Harry Blount, denn man spricht unter der Hand von
Schwierigkeiten zwischen London und Peking. - Htten Sie keine Lust
zuzusehen, was dort vorgeht?

-- Alle Wetter, liebster Blount, rief Alcide Jolivet, eben wollte ich Ihnen
diesen Vorschlag machen!"

Stehenden Fues brachen die beiden Unzertrennlichen auf nach dem
Himmlischen Reiche.

Einige Tage nach der Hochzeit begaben sich auch Michael Strogoff und
Nadia, natrlich begleitet von Wassili Fedor, auf die Rckreise nach
Europa. Diese Schmerzensstrae auf dem Herweg wurde zum Glckspfade fr
den Rckweg. Sie eilten in grter Schnelligkeit dahin auf einem jener
prchtigen Schlitten, welche wie ein Eilzug ber Sibiriens eisbedeckte
Steppen fliegen.

Nur am Ufer der Dinka gnnten sie sich einen einzigen Rasttag.

Michael Strogoff fand die Stelle wieder auf, an der er den armen Nicolaus
begraben hatte. Dort ward ein Kreuz aufgestellt, und Nadia verrichtete ein
letztes Gebet an der Ruhesttte des ergebenen, heldenmthigen Freundes,
den Beide niemals vergessen konnten.

In Omsk empfing sie die alte Marfa in dem kleinen Huschen der Strogoff's.
Mit inniger Liebe umarmte sie Die, welche sie im Herzen schon tausend Mal
ihre Tochter genannt hatte. Heute durfte die alte Sibirerin ihren Sohn
erkennen und ihrem mtterlichen Stolze genug thun.

Nach einigen Tagen Aufenthalt in Omsk reisten Michael und Nadia Strogoff
nach Europa weiter. Wassili Fedor lie sich in Petersburg nieder, und
weder sein Sohn noch seine Tochter verlieen ihn jemals, auer wenn sie
der bejahrten Mutter in der Ferne einen Besuch abstatteten.

Der junge Courier wurde vom Czaar empfangen, der ihm eine Stellung in
seiner unmittelbaren Umgebung anwies und ihm das Ritterkreuz des heiligen
Georg aushndigte.

Michael Strogoff gelangte spter zu hohen Ehren im Reiche. Aber nicht die
Geschichte seiner Erfolge wollten wir hier berichten, sondern nur die
seiner mnnlich berwundenen Prfungen und Leiden.



                       Ende des Courier des Czaar.






                                FUSSNOTEN


    1 Eine Art Blttergebackenes.

    2 Dieses Kleidungsstck heit "_dakha_"; es ist sehr leicht und doch
      fr Klte fast undurchdringlich.

    3 Eine russische Geldmnze im Werthe von 5 Rubeln.

    4 Dieses Wort entspricht vollkommen dem in Europa gebruchlichen "Sir"
      und wird gegenber dem Sultan von Bukhara gewhnlich angewendet.





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Die Originalausgabe erschien in zwei Bnden, die in der elektronischen
Fassung vereinigt sind. Die Inhaltsverzeichnisse am Schlu der beiden
Bnde wurden an den Beginn des Textes gesetzt.

Die Funoten wurden an das Ende des Textes gesetzt.

Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:

      Seite 1-6: "Keliwan" gendert in "Kolywan" ("Nishny-Nowgorod, Perm,
      Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan,
      Tomsk")
      Seite 1-12: "Krasnojask" gendert in "Krasnojarsk" ("Und die
      meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte")
      Seite 1-15: "Okfotsk" gendert in "Ochotsk" ("es zwei Districte, die
      von Ochotsk")
      Seite 1-16: "Elamks" gendert in "Elamsk", "Nishny, Udinsk" in
      "Nishny-Udinsk", "Blagowestenks" in "Blagoweshensk", "Orloneskaga"
      in "Orlomskaya" ("Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk,
      Elamsk, Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk,
      Verkne-Nertschinsk, Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde,
      Orlomskaya, Alexandrowsko, Nicolajewsk")
      Seite 1-26: "Ovirenna" gendert in "Ovicenna" ("deren schon die
      Ovicenna's und andere Gelehrte")
      Seite 1-49: "Tschermissen" gendert in "Tscheremissen" ("Finnen,
      Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken")
      Seite 1-87: "spezielle" gendert in "specielle" ("da ihn eine
      specielle Mission berechtigte")
      Seite 1-101: "Ordnnng" gendert in "Ordnung" ("Nun, er ist bis
      Kolyvan noch in Ordnung?")
      Seite 1-111: "Zaun" gendert in "Zaum" ("Von Zaum und Gebi keine
      weitere Spur")
      Seite 1-137: "Nikolaus" gendert in "Nicolaus" ("Nicolaus Korpanoff,
      Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff")
      Seite 1-189: "bivuakirten" gendert in "bivouakirten" ("mit
      Wachposten besetzten Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren")
      Seite 1-216: "Omsk" gendert in "Tomsk" ("nach glcklicher Umgehung
      von Tomsk")
      Seite 1-218: "begehende" gendert in "bestehende" ("und Haidekraut
      bestehende Gruppen von Zwergbumen")
      Seite 1-233: Anfhrungszeichen entfernt hinter "Gewehrfeuer!" ("Das
      ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer!")
      Seite 1-234: "Diahinsk" gendert in "Diachinsk" ("vielleicht nach
      Diachinsk oder einem andern, durchzuschlagen")
      Seite 2-19: "Instinkt" gendert in "Instinct" ("ein wahrhaft
      auergewhnlicher Instinct, noch mchtiger entwickelt")
      Seite 2-25: "Stellvertreters des" hinzugefgt vor "Emirs" ("des
      Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewi bald mit")
      Seite 2-38: Anfhrungszeichen ergnzt hinter "nicht!" ("gilt meinem
      Sohne noch nicht!")
      Seite 2-43: "bivouaquirte" gendert in "bivouakirte" ("whrend das
      Gros der Armee vor den Mauern bivouakirte")
      Seite 2-76: "Daily Telegraph" gendert in "Daily-Telegraph" ("Ihre
      Leser des Daily-Telegraph werden")
      Seite 2-77: "Ein" gendert in "Eine" ("Eine Stunde spter trabten
      sie schon auf der")
      Seite 2-99: "Hoffnnng" gendert in "Hoffnung" ("glaubte. Jetzt
      frchtete er, seine Hoffnung werde")
      Seite 2-112: "slawischen" gendert in "slavischen" ("die zum grten
      Theil einen slavischen Typus zeigen")
      Seite 2-113: "20" gendert in "-20" ("-20 fr eine ganz
      ertrgliche hlt")
      Seite 2-143: Punkt hinzugefgt hinter "Meere" ("Der Baikalsee liegt
      1700 Fu ber dem Meere.")
      Seite 2-206: "vorher gehenden" gendert in "vorhergehenden" ("Fast
      in keiner der vorhergehenden Nchte")

Nicht vereinheitlicht wurden mehr als einmal vorkommende
Schreibweisenvarianten: "Baikal" und "Bakal"; "Floe" und "Flosse";
"Ischim" und "Ichim"; "Jenise", "Jenisei" und "Yenise" bzw. "Jenisesk",
"Jeniseisk" und "Yenisesk"; "Kamtschatka" und "Kamschatka"; "Kolywan" und
"Kolyvan"; "Madeleine" und "Madelaine"; "Nischny-Nowgorod",
"Nishny-Nowgorod", "Nischnij-Nowgorod" und "Nishnij-Nowgorod"; "Officier"
und "Offizier"; "Sibirier(in)" und "Sibirer(in)"; "Sylbe" und "Silbe".





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER COURIER DES CZAAR (MICHAEL STROGOFF)***



                                 CREDITS


October 12, 2010

            Project Gutenberg TEI edition 1
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            Stefan Cramme, and the Online Distributed Proofreading Team at
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Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
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                                  1.F.1.


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                                  1.F.4.


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                                  1.F.5.


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                               Section  2.


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Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
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Foundation was created to provide a secure and permanent future for
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Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


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