The Project Gutenberg EBook of In Stahlgewittern, by Ernst Jnger

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Title: In Stahlgewittern
       Aus dem Tagebuch eines Stotruppfhrers

Author: Ernst Jnger

Release Date: October 19, 2010 [EBook #34099]
[Last updated. February 5, 2014]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski








                           In Stahlgewittern
                Aus dem Tagebuch eines Stotruppfhrers


                                  Von
                             Ernst Jnger

         Kriegsfreiwilliger, dann Leutnant und Kompagniefhrer
        im Fs. Regt. Prinz Albrecht v. Preuen (Hann. Nr. 73)
           Leutnant im Reichswehr-Regiment Nr. 16 (Hannover)

                            Dritte Auflage
                            6.--8. Tausend

                    _Mit dem Bilde des Verfassers_
             Berlin 1922 / Verlag von E. S. Mittler & Sohn

                  Zur Erinnerung an meine gefallenen
                              Kameraden.

                        Herrn Hermann Stegemann
                         in Verehrung gewidmet

             Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901
             sowie das bersetzungsrecht sind vorbehalten




Vorwort.


Noch wuchtet der Schatten des Ungeheuren ber uns. Der gewaltigste der
Kriege ist uns noch zu nahe, als da wir ihn ganz berblicken, geschweige
denn seinen Geist sichtbar auskristallisieren knnen. Eins hebt sich indes
immer klarer aus der Flut der Erscheinungen: Die berragende Bedeutung der
Materie. Der Krieg gipfelte in der Materialschlacht; Maschinen, Eisen und
Sprengstoff waren seine Faktoren. Selbst der Mensch wurde als Material
gewertet. Die Verbnde wurden wieder und wieder an den Brennpunkten der
Front zur Schlacke zerglht, zurckgezogen und einem schematischen
Gesundungsproze unterworfen. Die Division ist reif fr den Grokampf.

Das Bild des Krieges war nchtern, grau und rot seine Farben; das
Schlachtfeld eine Wste den Irrsinns, in der sich das Leben kmmerlich
unter Tage fristete. Nachts wlzten sich mde Kolonnen auf zermahlenen
Straen dem brandigen Horizont entgegen. Licht aus! Ruinen und Kreuze
sumten den Weg. Kein Lied erscholl, nur leise Kommandoworte und Flche
unterbrachen das Knirschen der Riemen, das Klappern von Gewehr und
Schanzzeug. Verschwommene Schatten tauchten aus den Rndern zerstampfter
Drfer in endlose Laufgrben.

Nicht wie frher umrauschte Regimentsmusik ins Gefecht ziehende Kompagnien.
Das wre Hohn gewesen. Keine Fahnen schwammen wie einst im Pulverdampf ber
zerhackten Karrees, das Morgenrot leuchtete keinem frhlichen Reitertage,
nicht ritterlichem Fechten und Sterben. Selten umwand der Lorbeer die Stirn
des Wrdigen.

Und doch hat auch dieser Krieg seine Mnner und seine Romantik gehabt!
Helden, wenn das Wort nicht wohlfeil geworden wre. Draufgnger,
unbekannte, eherne Gesellen, denen es nicht vergnnt war, vor aller Augen
sich an der eigenen Khnheit zu berauschen. Einsam standen sie im Gewitter
der Schlacht, wenn der Tod als roter Ritter mit Flammenhufen durch wallende
Nebel galoppierte. Ihr Horizont war der Rand eines Trichters, ihre Sttze
das Gefhl der Pflicht, der Ehre und des inneren Wertes. Sie waren
berwinder der Furcht; selten ward ihnen die Erlsung, dem Feinde in die
Augen blicken zu knnen, nachdem alles Schreckliche sich zum letzten Gipfel
getrmt und ihnen die Welt in blutrote Schleier gehllt hatte. Dann ragten
sie empor zu brutaler Gre, geschmeidige Tiger der Grben, Meister des
Sprengstoffs. Dann wteten ihre Urtriebe mit kompliziertesten Mitteln der
Vernichtung.

Doch auch wenn die Mhle des Krieges ruhiger lief, waren sie
bewundernswert. Ihre Tage verbrachten sie in den Eingeweiden der Erde, vom
Schimmel umwest, gefoltert vom ewigen Uhrwerk fallender Tropfen. Wenn die
Sonne hinter gezackten Schattenrissen von Ruinen versankt, entklirrten sie
dem Pesthauch schwarzer Hhlen, nahmen ihre Whlarbeit wieder auf oder
standen, eiserne Pfeiler, nchtelang hinter den Wllen der Grben und
starrten in das kalte Silber zischender Leuchtkugeln. Oder sie schlichen
als Jger ber klickenden Draht in die de des Niemandslandes. Oft
zerrissen jhe Blitze das Dunkel, Schsse knallten und ein Schrei verwehte
ins Unbekannte. So arbeiteten und kmpften sie, schlecht verpflegt und
bekleidet, als geduldige, eisenbeladene Tagelhner des Todes.

Manchmal kamen sie zurck, standen vertrumt auf den Asphaltmeeren der
Stdte und schauten unglubig auf das Leben, das strudelnd in seinen
gewohnten Bahnen flo. Dann strzten sie sich hinein, um keine Minute der
kurzen Tage ungentzt verflieen zu lassen, tranken und kten. Mit der
ihnen Lebensform gewordenen Rcksichtslosigkeit schwangen sie in tollen
Nchten den Becher, bis ihnen die Welt versank. Da lie man die gefallenen
Freunde leben und schierte sich den Teufel um den nchsten Tag. Und dann
ging es wieder auf den gewohnten Straen der Brandung zu.

Das war der deutsche Infanterist im Kriege. Gleichviel wofr er kmpfte,
sein Kampf war bermenschlich. Die Shne waren ber ihr Volk
hinausgewachsen. Mit bitterem Lcheln lasen sie das triviale
Zeitungsgewsch, die ausgelaugten Worte von Helden und Heldentod. Sie
wollten nicht diesen Dank, sie wollten Verstndnis. Kein Dank kann gro
genug sein. Ein Bild: der hchste Alpengipfel, ausgehauen zu einem Gesicht
unter wuchtendem Stahlhelm, das still und ernst ber die Lande schaut, den
deutschen Rhein hinunter aufs freie Meer. -- Einst wird kommen der Tag
. . .

                   *       *       *       *       *

Der Zweck dieses Buches ist, dem Leser sachlich zu schildern, was ein
Infanterist als Schtze und Fhrer whrend des groen Krieges inmitten
eines berhmten Regimentes[1] erlebt, und was er sich dabei gedacht hat. Es
ist entstanden aus dem in Form gebrachten Inhalt meiner Kriegstagebcher.
Ich habe mich bemht, meine Impressionen mglichst unmittelbar zu Papier zu
bringen, weil ich merkte, wie rasch sich die Eindrcke verwischen und wie
sie schon nach wenigen Tagen eine andere Frbung annehmen. Es erforderte
Energie, diesen Stapel von Notizbchern zu fllen, in den kurzen Pausen des
Geschehens, nach dem Tagewerk der Front, beim trben Licht einer Kerze, auf
den Treppen schmaler Stollenhlse, in zeltverhangenem Trichter oder
feuchten Kellern von Ruinen; indes es hat sich gelohnt. Ich habe mir die
Frische der Erlebnisse gewahrt. Der Mensch neigt zur Idealisierung des
Geleisteten, zur Vertuschung des Hlichen, Kleinlichen und Alltglichen.
Unmerklich stempelt er sich zum Helden.

Ich bin kein Kriegsberichterstatter, ich lege keine Helden-Kollektion vor.
Ich will nicht beschreiben, wie es htte sein knnen, sondern wie es war.

Iliacos muros peccatur intra et extra. Der Grad der Sachlichkeit eines
solchen Buches ist der Mastab seines inneren Wertes. Der Krieg setzt sich
wie alle menschlichen Handlungen aus Gut und Bse zusammen. Nur treten
hier, wo sich die Kraft von Vlkern aufs Hchste steigert, die Gegenstze
noch greller hervor als sonst. Neben gipfelnden Werten ghnen dunkelste
Abgrnde. Da, wo ein Mensch die beinah gttliche Stufe der Vollkommenheit
erreicht, die selbstlose Hingabe an ein Ideal bis zum Opfertode, findet
sich ein anderer, der dem kaum Erkalteten gierig die Taschen durchwhlt.
Von groen Worten Berauschte brechen im Moment der Gefahr elend zusammen.
Mnner, deren Gesinnung wie ein Fels schien, stellen sich in entscheidender
Stunde auf den Boden der Tatsachen, ohne den Degen zu ziehen, der sonst
so schallend gerasselt. Andere durchschwelgen die Nchte, in denen fernes
Rot am Himmel glutet und leises Drhnen mahnend an die Fenster schlgt.

Das mu gesagt werden. Um so glnzender hebt sich aus diesem dunkeln
Hintergrunde der wahre Mann, der unscheinbare, echte, vom Geist getriebene
Krieger, der seine Pflicht tat, am letzten Tage wie am ersten. Was war
dagegen der Rausch von 1914? Eine Massensuggestion! Und doch, wie viele
habe ich kennengelernt, die unter dem grauen Tuch ein Herz von Gold und
einen Willen von Stahl bargen, eine Auslese der Tchtigsten, die sich dem
Tode in die Arme warf -- mit stets gleichbleibender Freudigkeit. Ob ihr
gefallen seid auf freiem Felde, das arme, von Blut und Schmutz entstellte
Gesicht dem Feinde zu, berrascht in dunklen Hhlen oder versunken im
Schlamm endloser Ebenen, einsame, kreuzlose Schlfer; das ist mir
Evangelium: Ihr seid nicht umsonst gefallen. Wenn auch vielleicht das Ziel
ein anderes, greres ist, als ihr ertrumtet. Der Krieg ist der Vater
aller Dinge. Kameraden, euer Wert ist unvergnglich, Euer Denkmal tief in
den Herzen eurer Brder, die mit Euch standen, vom flammenden Ringe
umschlossen. Legten wir nicht weie Bnder auf eure Wunden und sahen in
eure brechenden Augen, als euch der Vorhang der Ewigkeit hochrauschte?

Mge dies Buch dazu beitragen, eine Ahnung zu geben von dem, was ihr
geleistet. Wir haben viel, vielleicht alles, auch die Ehre verloren. Eins
bleibt uns: die ehrenvolle Erinnerung an euch, an die herrlichste Armee,
die je die Waffen trug und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten
wurde. Sie hochzuhalten inmitten dieser Zeit weichlichen Gewinsels, der
moralischen Verkmmerung und des Renegatentums ist stolzeste Pflicht eines
jeden, der nicht nur mit Gewehr und Handgranate, sondern auch mit
lebendigem Herzen fr Deutschlands Gre kmpfte.

[Funote 1: Das Stammregiment des Fsilier-Regiments Nr. 73, das vormals
Kniglich Hannoversche Garderegiment, verteidigte von 1779 bis 1783 fast
vier Jahre lang unter General Elliot Gibraltar siegreich gegen die Spanier
und Franzosen. Zur Erinnerung an diese ruhmvolle Waffentat trgt unser
Regiment am rmel des Waffenrocks ein blaues Band mit der Aufschrift
Gibraltar. Dasselbe Zeichen wird jetzt von der 5. Kompagnie des
Reichswehr-Regiments Nr. 16 (Hannover) weitergetragen.]




Vorwort zur 2. Auflage.


Schneller als gedacht, wurde eine zweite Auflage Bedrfnis. Aus Zuschriften
und Gesprchen ersah ich, da der Zweck des Buches erreicht, der Geist der
Leute am Feind getroffen war. Wer sollte ihn auch besser treffen als einer,
der vier Jahre lang in allen Lchern und Hhlen der Westfront in ihrem
Kreise hockte?

Dies Interesse fr das Geschehen einer Zeit, die uns zu Boden hagelte, ist
von Bedeutung. Das Volk im ganzen hat nicht den Willen, das zu verleugnen,
wofr Unzhlige fielen. Der Krieg ist eine Sache, an der alle beteiligt
sind. Sind zur Stunde noch die Nerven erschttert vom Grauenhaften seiner
ueren Gestaltung, so wird er spteren Generationen vielleicht erscheinen
wie manche Kreuzigungsbilder alter Meister: Als groer Gedanke, der Nacht
und Blut berstrahlt. Dann wird man wohl auch mit Rhrung an uns
zurckdenken, an uns und die Hoffnungen und Gefhle, die unsere Brust
durchzuckten, als wir im Dunkel durch brllende Wsten irrten.

Oder sollten Strmungen unserer Zeit dann schon so reiend geworden sein,
da niemand mehr versteht, wie wir das Leben geringer achten konnten als
unsere Idee?

Ich kann es nicht glauben.

_Berlin_, im Juli 1921.




Inhaltsverzeichnis.


   Vorwort
   Orainville
   Von Bazancourt bis Hattonchtel
   Les Eparges
   Douchy und Monchy
   Vom tglichen Stellungskampf
   Der Auftakt zur Somme-Offensive
   Guillemont
   Am St. Pierre-Vaast
   Der Somme-Rckzug
   Im Dorfe Fresnoy
   Gegen Inder
   Langemarck
   Regniville
   Noch einmal Flandern
   Die Cambraischlacht
   Am Cojeul-Bach
   Die groe Schlacht
   Englische Vorste
   Mein letzter Sturm




Orainville.


Der Zug hielt in Bazancourt, einem Stdtchen der Champagne. Wir stiegen
aus. Mit unglubiger Ehrfurcht lauschten wir dem langsamen Takte des
Walzwerkes der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit
werden sollte. Ganz weit zerflo der weie Ball eines Schrapnells im grauen
Dezemberhimmel. Der Atem des Kampfes wehte herber und lie uns seltsam
erschauern. Ahnten wir, da fast alle von uns verschlungen werden sollten
an Tagen, in denen das dunkle Murren dahinten aufbrandete zu unaufhrlich
rollendem Donner? Der eine frher, der andere spter?

Wir hatten Hrsle, Schulbnke und Werktische verlassen und waren in den
kurzen Ausbildungswochen zusammengeschmolzen zu einem groen, begeisterten
Krper, Trger des deutschen Idealismus der nachsiebziger Jahre.
Aufgewachsen im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns allen die
Sehnsucht nach dem Ungewhnlichen, nach dem groen Erleben. Da hatte uns
der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir
hinausgezogen in trunkener Morituri-Stimmung. Der Krieg mute es uns ja
bringen, das Groe, Starke, Feierliche. Er schien uns mnnliche Tat, ein
frhliches Schtzengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schnrer
Tod ist auf der Welt . . . . Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen
drfen!

In Gruppenkolonne antreten! Die erhitzte Phantasie beruhigte sich beim
Marsche durch den schweren Lehmboden der Champagne. Tornister, Patronen und
Gewehr drckten wie Blei. Kurztreten. Aufbleiben dahinten!

   Ach, zu des Geistes Flgeln wird so bald
   Kein krperlicher Flgel sich gesellen!

Endlich erreichten wir das Dorf Orainville, den Ruheort des
Fsilier-Regiments 73, eins der typischen Nester jener Gegend, gebildet
durch 50 Huschen aus Ziegel- oder Kreidesteinen um einen parkumschlossenen
Herrensitz.

Das Treiben auf der Dorfstrae bot den kulturgewohnten Augen einen fremden
Anblick. Man sah nur wenige scheue und zerlumpte Zivilisten; berall
Soldaten in abgetragenen, zerschlissenen Rcken mit wettergegerbten, meist
von groen Brten umrahmten Gesichtern, die langsamen Schrittes
dahinschlenderten oder in kleinen Gruppen vor den Tren der Huser standen
und uns Neulinge mit Scherzrufen empfingen. Irgendwo stand eine nach
Erbsensuppe duftende Feldkche, von kochgeschirrklappernden Essenholern
umringt. Die wallensteinsche Romantik wurde durch den beginnenden Verfall
des Dorfes noch gesteigert.

Nachdem wir die erste Nacht in einer gewaltigen Scheune verbracht hatten,
wurden wir im Hofe des Schlosses vom Regimentsadjutanten, dem damaligen
Oberleutnant v. Brixen, eingeteilt und ich der 9. Kompagnie berwiesen.

Unser erster Kriegstag sollte nicht vorbergehen, ohne uns einen
entscheidenden Eindruck zu hinterlassen: Wir saen in der uns als Quartier
angewiesenen Schule und frhstckten. Pltzlich drhnte eine Reihe dumpfer
Erschtterungen in der Nhe, whrend aus allen Husern Soldaten dem
Dorfeingang zustrzten. Wir befolgten dies Beispiel, ohne recht zu wissen
warum. Wieder ertnte ein eigenartiges, nie gehrtes Flattern und Rauschen
ber uns und ertrank in polterndem Krachen. Ich wunderte mich, da die
Leute um mich sich zusammenduckten wie unter furchtbarer Drohung.

Gleich darauf erschienen schwarze Gruppen auf der menschenleeren
Dorfstrae, in Zeltbahnen oder auf den verschrnkten Hnden schwarze Bndel
schleppend. Mit einem merkwrdig beklommenen Gefhl der Unwirklichkeit
starrte ich auf eine blutberstrmte Gestalt mit lose am Krper
herabhngendem Bein, die unaufhrlich ein heiseres Zu Hilfe! hervorstie
und in ein Haus getragen wurde, von dessen Eingang die Rote-Kreuz-Flagge
herabwehte. -- Was war das nur? Der Krieg hatte seine Krallen gezeigt und
die gemtliche Maske abgeworfen. Das war so rtselhaft, so unpersnlich.
Kaum, da man dabei an den Feind dachte, dieses geheimnisvolle, tckische
Wesen irgendwo dahinten. Das vllig auerhalb der Erfahrung liegende
Ereignis machte einen so starken Eindruck, da es Mhe kostete, die
Zusammenhnge zu begreifen. Es war wie eine gespenstische Erscheinung am
hellen Mittag.

Eine Granate war oben am Portal des Schlosses krepiert und hatte eine Wolke
von Steinen und Sprengstcken in den Eingang geschleudert, gerade, als die
durch die ersten Schsse aufgeschreckten Insassen aus dem Torweg strmten.
Sie erschlug 13 Opfer, darunter den Musikmeister Gebhard, eine mir von den
hannoverschen Promenaden-Konzerten her wohlbekannte Erscheinung. Ein
angebundenes Pferd witterte die Gefahr eher als die Menschen, ri sich
wenige Sekunden vorher los und galoppierte, ohne verletzt zu werden, in den
Schlohof.

Im Gesprch mit meinen Kameraden merkte ich, da dieser Zwischenfall
manchem die Kriegsbegeisterung sehr gedmpft hatte. Da er auch auf mich
stark gewirkt hatte, ersah ich aus zahlreichen Gehrstuschungen, die mir
das Rollen jedes vorberfahrenden Wagens in das fatale Gerusch der
Unglcks-Granate verwandelten.

Am Abend desselben Tages kam der lang ersehnte Augenblick, in dem wir,
schwer bepackt, zur Kampfstellung aufbrachen. Durch die aus phantastischem
Halbdunkel ragenden Ruinen des Dorfes Betricourt fhrte unser Weg nach
einem einsamen, in Tannenwaldungen versteckten Forsthause, der sogenannten
Fasanerie, wo die Regiments-Reserve lag, der bis zu dieser Nacht auch die
dort liegende 9. Kompagnie angehrte. Ihr Fhrer war der Leutnant d. R.
Brahms.

Wir wurden in Empfang genommen, auf die Gruppen verteilt und befanden uns
bald im Kreise brtiger, lehmbekrusteter Gesellen, die uns mit einem
gewissen ironischen Wohlwollen begrten. Wir wurden gefragt, wie es in
Hannover ausshe, und ob der Krieg denn noch nicht bald zu Ende gehen
sollte. Dann drehte sich das Gesprch in eintniger Krze um Schanzen,
Feldkche, Grabenstcke und andere Angelegenheiten den Stellungskrieges.

Nach einiger Zeit erscholl vor der Tr unseres httenartigen Aufenthaltes
der Ruf: Heraustreten! Wir traten bei unseren Gruppen an und stieen auf
das Kommando: Laden und Sichern! mit geheimer Wollust einen Rahmen
scharfer Patronen ins Magazin.

Dann ging es schweigend Mann hinter Mann querbeet durch die nchtliche, von
dunklen Waldstcken beste Landschaft. Ab und zu verhallte ein einsamer
Schu, oder eine Leuchtkugel strahlte zischend auf, um nach kurzer,
geisterhafter Beleuchtung eine noch tiefere Dunkelheit zu hinterlassen.
Monotones Klappern von Gewehr und Schanzzeug durch den Warnungsruf:
Achtung, Draht! unterbrochen. Wie oft bin ich nach diesem erstenmal in
halb melancholischer, halb erregter Stimmung durch ausgestorbene
Landschaften zur vorderen Linie geschritten!

Endlich verschwanden wir in einem der Laufgrben, die sich wie weie
Schlangen durch die Nacht zur Stellung wanden. Dort fand ich mich einsam
und frstelnd zwischen zwei Schulterwehren wieder, angestrengt in eine vorm
Graben liegende Tannenreihe starrend, in der meine Phantasie mir allerhand
Schattengestalten vorgaukelte, whrend ab und zu eine verirrte Kugel durchs
Gest klatschte. Die einzige Abwechslung in dieser schier endlosen Zeit
war, da ich von einem lteren Kameraden abgeholt wurde und mit ihm durch
einen langen, schmalen Gang zu einem vorgeschobenen Postenloch trottete, in
dem wir wiederum damit beschftigt waren, das Vorgelnde zu betrachten.
Zwei Stunden durfte ich in einem kahlen Kreideloche versuchen, den Schlaf
der Erschpfung zu finden. Als der Morgen graute, war ich bleich und
lehmbeschmiert wie die anderen, und es war mir, als ob ich dieses
Maulwurfsleben schon monatelang gefhrt htte.

Die Stellung des Regiments wand sich durch den Kreidebogen der Champagne
gegenber dem Dorfe Le Gauda. Sie lehnte sich rechts an ein zerhacktes
Waldstck, den Granat-Wald, lief dann durch riesige Zuckerrbenfelder, aus
denen die roten Hosen gefallener Strmer leuchteten, und endete in einem
Bachgrund, ber den die Verbindung mit dem Regiment 74 durch nchtliche
Patrouillen aufrechterhalten wurde. Der Bach rauschte ber das Wehr einer
zerstrten, von finsteren Bumen umringten Mhle. Ein unheimlicher
Aufenthalt, wenn nachts der Mond durch zerrissene Wolken wechselnde
Schatten warf, und seltsame Laute in das Murmeln des Wassers und das
Rascheln des Schilfes sich zu mischen schienen.

Der Dienst war der denkbar anstrengendste. Das Leben begann mit dem
Einbruch der Dmmerung, whrend der die ganze Besatzung im Graben stehen
mute. Von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens durften dann je zwei Mann jeder
Gruppe schlafen, so da man einen Nachtschlaf von zwei Stunden geno, der
indes durch frheres Wecken, Strohholen und andere Beschftigungen
illusorisch gemacht wurde.

Entweder hatte man Wache im Graben, oder man zog in eins der zahlreichen
Postenlcher, die mit der Stellung durch lange, ausgehobene Verbindungswege
zusammenhingen; eine Art der Sicherung, die wegen der Exponiertheit der
Posten im Laufe des Stellungskrieges bald aufgegeben wurde.

Diese endlosen, furchtbar ermdenden Nachtwachen waren bei klarem Wetter
und selbst bei Frost noch ertrglich, sie wurden jedoch qualvoll, wenn es,
wie meist im Januar, regnete. Wenn die Feuchtigkeit erst die ber den Kopf
gezogene Zeltbahn, dann Mantel und Uniform durchdrang und stundenlang am
Krper herunterrieselte, geriet man in eine Stimmung, die selbst durch das
Rauschen der heranwatenden Ablsung nicht erhellt werden konnte. Die
Morgendmmerung beleuchtete erschpfte, kreidebeschmierte Gestalten, die
sich zhneklappernd mit bleichen Gesichtern auf das faule Stroh der
tropfenden Unterstnde warfen. Diese Unterstnde! Es waren nach dem Graben
zu offene, in die Kreide gehauene Lcher mit einer Lage von Brettern und
einigen Schaufeln Erde bedeckt. Hatte es geregnet, so tropften sie noch
tagelang nachher; ein gewisser Galgenhumor hatte sie deshalb mit
entsprechenden Namen, wie Tropfsteinhhle, Zum Mnnerbad usw.,
bezeichnet. Wollten mehrere darin der Ruhe pflegen, so waren sie gezwungen,
ihre Beine als unfehlbare Fuangeln fr jeden Vorbergehenden in den Graben
zu legen. Unter diesen Umstnden war natrlich auch tagsber von Schlaf
wenig die Rede. Auerdem mute man noch zwei Stunden Tagesposten stehen,
den Graben reinigen, Essen, Kaffee, Wasser holen und anderes mehr.

Man wird begreifen, da dieses ungewohnte Leben uns sehr hart vorkam,
besonders da wir dazu von den meisten der alten Leute in jeder Weise
schikaniert wurden. Diese aus der Kaserne in den Krieg mitgenommene
Gewohnheit trug viel dazu bei, uns die schweren Tage noch mehr zu
verbittern, verschwand aber nach der ersten zusammen bestandenen Schlacht.
Dem gemeinen Mann war auch die Tatsache, da wir uns freiwillig gemeldet
hatten, schwer verstndlich. Er sah das als einen gewissen bermut an, eine
Auffassung, der ich im Kriege oft begegnet bin.

Die Zeit, whrend der die Kompagnie in Reserve lag, war nicht viel besser.
Wir hausten dann in tannenzweiggedeckten Erdhtten bei der Fasanerie oder
im Hiller-Wldchen, deren mistbepackter Boden wenigstens eine angenehme
Grungswrme ausstrahlte. Manchmal erwachte man in einer zolltiefen
Wasserpftze. Trotzdem ich Rheumatismus bislang nur dem Namen nach gekannt
hatte, sprte ich schon nach wenigen Tagen infolge der dauernden
Durchnssung Schmerzen in allen Gelenken. Die Nchte dienten auch hier
nicht dem Schlaf, sondern wurden benutzt, die zahlreichen Annherungsgrben
zu vertiefen.

Ein Lichtblick in diesem den Einerlei war die allabendliche Ankunft der
Feldkche an der Ecke des Hiller-Wldchens, wo sich bei der ffnung des
Kessels ein kstlicher Duft nach Erbsen mit Speck oder anderen herrlichen
Sachen verbreitete. Aber auch hier gab es einen dunklen Punkt: das
Drrgemse, das von enttuschten Gourmets als Drahtverhau oder
Flurschaden geschmht wurde.

Am angenehmsten waren die Ruhetage in Orainville, die mit Ausschlafen,
Reinigen der Sachen und Exerzieren verbracht wurden. Die Kompagnie hauste
in einer gewaltigen Scheune, die nur zwei hhnerleiterartige Treppen als
Ein- und Ausgang hatte. Obwohl das Gebude noch mit Stroh gefllt war,
standen fen darin. Eines Nachts rollte ich gegen den einen und erwachte
erst infolge der Bemhungen einiger Kameraden, die mich krftigen
Lschversuchen unterzogen. Zu meinem Schrecken gewahrte ich, da meine
Uniform an der Rckseite arg verkohlt war, so da ich lngere Zeit in einem
frackartigen Anzuge umherlaufen mute.

Nach kurzem Aufenthalt beim Regiment hatten wir fast alle Illusionen
verloren, mit denen wir ausgezogen waren. Statt der erhofften Gefahren
hatten wir Schmutz, Arbeit und schlaflose Nchte vorgefunden, zu deren
Bezwingung ein uns wenig liegendes Heldentum gehrte. Diese dauernde
beranstrengung war Schuld der Fhrung, die den Geist des neuartigen
Stellungskrieges noch nicht erfat hatte. In einem kurzen,
draufgngerischen Kriege kann und mu der Offizier die Mannschaft
rcksichtslos erschpfen, in einem sich lang hinschleppenden fhrt dies zu
physischem und moralischem Zusammenbruch. Die ungeheure Postenzahl und die
ununterbrochene Schanzarbeit war zum grten Teil unntig und sogar
schdlich. Nicht auf gewaltige Verschanzungen kommt es an, sondern auf den
Mut und die Frische der Leute, die dahinterstehen. Eiserne Herzen auf
hlzernen Schiffen gewinnen die Schlachten.

Wohl hrten wir im Graben Geschosse pfeifen, bekamen auch ab und zu einige
Granaten von den Reimser Forts, aber diese kleinen kriegerischen Ereignisse
blieben weit hinter unseren Erwartungen zurck. Trotzdem wurden wir
manchmal an den blutigen Ernst gemahnt, der hinter diesem scheinbar
absichtslosen Geschehen lauerte. So schlug am 8. Januar eine Granate in die
Fasanerie und ttete den Leutnant Schmidt, unseren Bataillons-Adjutanten.

Am 27. Januar lieen wir unserem Kaiser zur Ehre drei krftige Hurras
erschallen und stimmten auf der langen Front, von feindlichen Gewehren
begleitet, ein Heil dir im Siegerkranz an.

In diesen Tagen hatte ich ein sehr unangenehmen Erlebnis, das meine
militrische Laufbahn fast zu einem vorzeitigen und unrhmlichen Abschlu
gebracht htte. Die Kompagnie lag am linken Flgel, und ich mute mich
gegen Morgen nach vllig durchwachter Nacht mit einem Kameraden in den
Bachgrund auf Doppelposten begeben. Ich hatte der Klte wegen
verbotenerweise meine Decke um den Kopf geschlagen und lehnte an einem
Baum, nachdem ich mein Gewehr neben mich in einen Busch gestellt hatte.
Pltzlich hrte ich hinter mir ein Gerusch, griff danach -- die Waffe war
verschwunden! Der revidierende Portepee-Trger, ein
Offizier-Stellvertreter, hatte sich an mich herangeschlichen und sie
unbemerkt an sich genommen. Um mich zu bestrafen, schickte er mich
eigenmchtig, nur mit einer Beilpicke bewaffnet, in der Richtung auf die
franzsischen Postierungen, ungefhr 100 Meter weit, vor, eine
Indianeridee, die mich beinahe ums Leben gebracht htte. Whrend meiner
merkwrdigen Strafwache schlich nmlich eine Patrouille von drei
Kriegsfreiwilligen durch das Schilf vor, wurde von den Franzosen bemerkt
und beschossen. Einer von ihnen, namens Lang, wurde getroffen und nie
wieder gesehen. Da ich ganz in der Nhe stand, bekam ich auch mein Teil von
den damals so beliebten Gruppensalven ab, so da mir die Zweige des
Weidenbaumes, an dem ich stand, um die Ohren pfiffen. Ich bi die Zhne
zusammen und blieb aus Trotz stehen. Ich habe dem Offizier-Stellvertreter
diese Gemeinheit nie vergessen knnen.

Wir waren alle herzlich stolz, als uns mitgeteilt wurde, da wir diese
Stellung endgltig verlassen sollten, und feierten unseren Abschied von
Orainville durch einen krftigen Bierabend in der groen Scheune. Am 4.
Februar 1915 marschierten wir, von einem schsischen Regiment abgelst,
nach Bazancourt.

Dieser Monat war fr mich, obwohl der hrteste des ganzen Krieges, doch
eine gute Schule. Ich hatte den Wacht- und Arbeitsdienst in seiner
schwersten Form grndlich kennengelernt. Das bewahrte mich spter, als ich
selbst fhrte, davor, von meinen Leuten Unmgliches zu verlangen.




Von Bazancourt bis Hattonchtel.


In Bazancourt, einem den Champagne-Stdtchen, wurde die Kompagnie in der
Schule einquartiert, die infolge des geradezu erstaunlichen Ordnungssinnes
unserer Leute in kurzer Zeit das Aussehen einer Friedenskaserne annahm. Da
gab es einen Unteroffizier vom Dienst, der Morgens pnktlich weckte,
Stubendienst und allabendliche Appells durch die Korporalschaftsfhrer.
Jeden Morgen rckten die Kompagnien aus, um auf den umliegenden dfeldern
einige Stunden stramm zu exerzieren. Diesem Dienstbetrieb wurde ich nach
einigen Tagen durch Abkommandierung zum Offizier-Aspiranten-Kursus in
Recouvrence entzogen.

Recouvrence war ein entlegenes, in lieblichen Kreidehgeln verstecktes
Drfchen, in das von der Division eine Anzahl junger Leute geschickt wurde,
um durch den von jedem Regiment gestellten Offizier und einige
Unteroffiziere eine grndliche militrische Ausbildung zu erhalten. Wir
73er haben in dieser Beziehung dem uerst fhigen, leider kurz darauf
gefallenen Leutnant Hoppe viel zu verdanken.

Das Leben in diesem weltabgeschiedenen Neste setzte sich aus einer
merkwrdigen Mischung von Kasernendrill und akademischer Freiheit zusammen.
Tagsber wurden die Zglinge nach allen Regeln der Kunst zum militrischen
Menschen geschliffen, abends versammelten sie sich mit ihren Lehrern um
riesige Fsser, wo in ebenso grndlicher Weise gezecht wurde. Wenn in den
Morgenstunden die verschiedenen Abteilungen aus ihren Kneiplokalen
strmten, hatten die kleinen Kreidesteinhuser den ungewohnten Anblick
eines studentischen Walpurgistreibens. Unser Kursusleiter, ein Hauptmann,
hatte brigens die erzieherische Gewohnheit, den Dienst an den
darauffolgenden Tagen mit doppelter Energie zu handhaben.

Unser Verkehr untereinander war, wie bei Leuten derselben Bildungsstufe
unter diesen Verhltnissen selbstverstndlich, sehr kameradschaftlich. Wir
wohnten zu dritt oder viert zusammen und fhrten gemeinsame Wirtschaft.
Besonders ist mir noch unser regelmiges Abendessen von Rhrei und
Bratkartoffeln in guter Erinnerung. Sonntags leisteten wir uns das
landessbliche Kaninchen oder einen Hahn. Da ich den Einkauf fr den
Abendtisch besorgte, legte mir unsere Wirtin einmal eine Anzahl von Bons
vor, die sie von requirierenden Soldaten erhalten hatte; meist des Inhalts,
da der Fsilier N. N. der Tochter des Hauses Liebenswrdigkeiten erwiesen
und dafr 12 Eier requiriert habe. Zur Anfhrung ist diese ergtzliche
Bltenlese des Volkshumors leider durchweg zu saftig.

Mitte Februar wurden wir 73er durch die Nachricht der groen Verluste
unseres Regiments bei Perthes berrascht und waren sehr traurig, diese Tage
fern von unseren Kameraden verbracht zu haben. Am 21. Mrz kamen wir nach
einem kleinen Examen zum Regiment zurck, das wieder in Bazancourt lag. Es
schied in diesen Tagen nach einer groen Parade und einer
Abschiedsansprache des Generals von Emmich aus dem Verbande des X. Korps.
Wir wurden am 24. Mrz verladen und fuhren bis in die Gegend von Brssel,
wo wir mit den Regimentern 76 und 164 zur 111. Infanterie-Division
zusammengestellt wurden.

Unser Bataillon wurde in dem Stdtchen Hrinnes (flmisch: Herne)
untergebracht, inmitten einer Landschaft von flmischer Behaglichkeit. Ich
erlebte hier recht glcklich meinen 20. Geburtstag.

Obwohl die Belgier in ihren Husern gengend Platz hatten, wurde unsere
Kompagnie aus falscher Rcksichtnahme in eine groe zugige Scheune
gesteckt, durch die whrend der kalten Mrznchte der rauhe Seewind jener
Gegend pfiff. Sonst war uns der Aufenthalt in Herne eine gute Erholung; es
wurde zwar viel exerziert, doch gab es auch gute Verpflegung und
Lebensmittel fr geringes Geld.

Die halb aus Flamen, halb aus Wallonen bestehende Bevlkerung war sehr
freundlich zu uns. Ich unterhielt mich oft mit dem Besitzer eines
Estaminets, einem eifrigen Sozialisten und Freigeist, der mich am
Ostersonntag zum Festmahl einlud und sogar fr seine Getrnke kein Geld
nehmen wollte. Man kann sich kaum vorstellen, wie wohltuend eine solche
Begegnung inmitten der rauhen Schule der Feldkameradschaft wirkt.

Gegen Ende unseres Aufenthaltes wurde das Wetter schn und lud zu
Spaziergngen in der lieblichen, wasserreichen Umgebung ein. Die Landschaft
war malerisch verziert durch die vielen entkleideten Kriegsleute, die, ihre
Wsche auf dem Scho, lngs der pappelumsumten Bachufer eifrig der
Lusejagd oblagen. Von dieser Plage bislang ziemlich verschont geblieben,
war ich indes meinem Kriegskameraden Priepke, einem Hamburger
Exportkaufmann, behilflich, in seine wollene Weste, die bevlkert war wie
weiland das Habit Simplicii Simplicissimi, zu Desinfektionszwecken einen
schweren Stein zu wickeln und sie in einen Bach zu versenken. Da unser
Aufbruch von Herne sehr pltzlich erfolgte, wird sie sich dort wohl noch
heute eines ungestrten Aufenthalts erfreuen.

Am 12. April 1915 wurden wir in Hal verladen und fuhren, um Spione zu
tuschen, ber den Nordflgel der Front in die Gegend des Schlachtfeldes
von Mars-la-Tour. Die Kompagnie bezog ihr gewohntes Scheunen-Quartier im
Dorfe Tronville, einem der blichen langweiligen, aus flachdchrigen,
fensterlosen Steinksten zusammengewrfelten lothringischen Drecknester.
Der Fliegergefahr wegen muten wir uns meist in dem berfllten Orte
aufhalten, in dessen Nhe die berhmten Sttten von Mars-la-Tour und
Gravelotte liegen. Wenige hundert Meter vom Dorfe wurde die Strae nach
Gravelotte von der Grenze geschnitten, an der der franzsische Grenzpfahl
zerschmettert am Boden lag. Abends machten wir uns oft das wehmtige
Vergngen eines Spazierganges nach Deutschland.

Unsere Scheune war so baufllig, da man balancieren mute, um nicht durch
die morschen Bretter auf die Tenne zu strzen. An einem Abend, als unsere
Gruppe gerade unter Vorsitz ihres biederen Korporals Kerkhoff beschftigt
war, auf einer Krippe die Portionen zu teilen, lste sich ein ungeheurer
Eichklotz aus dem Geblk und strzte krachend herunter. Zum Glck klemmte
er sich dicht ber unseren Kpfen zwischen zwei Lehmwnden. Wir kamen mit
dem Schrecken davon, aber unsere schne Fleischportion war durch den
aufgewirbelten Schutt ungeniebar geworden. Kaum hatten wir uns an diesem
ominsen Abend niedergelegt, als krftig an das Tor gedonnert wurde und die
alarmierende Stimme des Feldwebels uns vom Lager trieb. Zuerst, wie immer
in solchen Augenblicken, ein Moment der Stille, dann wirres Durcheinander
und Gepolter: Mein Helm! Wo ist mein Brotbeutel? Ich kriege meine Stiefel
nicht an! Du hast meine Patronen geklaut! Hol't Mul, du August!

Zuletzt war doch alles fertig, und wir marschierten zum Bahnhof von
Chamblay, von wo wir in einigen Minuten mit der Bahn bis Pagny-sur-Moselle
fuhren. In den Morgenstunden erklommen wir die Moselhhen und, blieben in
Prny, einem romantischen, von einer Burgruine berragten Bergdorf. Diesmal
war unsere Scheune ein mit aromatischem Bergheu gefllter Steinbau, aus
dessen Luken wir auf die weinbepflanzten Moselberge und das im Tal gelegene
Stdtchen Pagny blicken konnten, das oft mit Granaten und Fliegerbomben
belegt wurde. Einige Male schlug ein Gescho in die Mosel, eine turmhohe
Wassersule hochschleudernd.

Das warme Wetter und die prchtige Landschaft wirkten wahrhaft belebend auf
uns und reizten in den Freistunden zu langen Spaziergngen. Wir waren so
bermtig, da wir abends noch einige Zeit ulkten, bevor alles zur Ruhe
kam. Unter anderem war es ein beliebter Scherz, Schnarchern aus einer
Feldflasche Wasser oder Kaffee in den Mund zu gieen.

Am Abend des 22. April marschierten wir von Prny ab, legten ber 30
Kilometer bis zum Dorfe Hattonchtel zurck, ohne trotz dem schweren Gepck
einen Marschkranken zu haben, und schlugen rechts von der berhmten Grande
Tranche mitten im Walde Zelte auf. Es war aus allen Anzeichen zu ersehen,
da wir am nchsten Tage ins Gefecht kommen wrden. Wir empfingen
Verbandpckchen, zweite Fleischbchsen und Signalflaggen fr die
Artillerie.

Am Abend sa ich noch lange in jener ahnungsvollen Stimmung, von der die
Krieger aller Zeiten zu erzhlen wissen, auf einem von blauen Anemonen
umwucherten Baumstumpf, ehe ich ber die Reihen der Kameraden an meinen
Zeltplatz kroch, und trumte in der Nacht wirres Zeug zusammen, in dem ein
Totenkopf die Hauptrolle spielte. Priepke, dem ich am Morgen davon
erzhlte, hoffte, da es ein Franzosenschdel gewesen sei.




Les Eparges.


Das junge Grn des Waldes schimmerte im Morgen. Wir wanden uns durch
versteckte Wege zu einer engen Schlucht hinter der vorderen Linie. Es war
bekanntgegeben, da das Regiment 76 nach 20minutiger Feuervorbereitung
strmen und wir als Reserve bereitstehen sollten. Punkt 12 Uhr erffnete
unsere Artillerie eine heftige Kanonade, die vielfach in den Waldschluchten
widerhallte. Zum ersten Male vernahmen wir hier das schwere Wort:
Trommelfeuer. Wir saen auf den Tornistern, unttig und erregt. Eine
Ordonnanz strzte zum Kompagniefhrer. Hastige Worte. Die drei ersten
Grben sind in unserer Hand, sechs Geschtze erbeutet! Ein Hurra flammte
auf. Draufgngerstimmung erwachte.

Endlich kam der ersehnte Befehl. Wir zogen in langer Reihe nach vorn, von
wo verschwommenes Gewehrfeuer prasselte. Es wurde ernst. Zur Seite des
Waldpfades drhnten in einem Tannendickicht dumpfe Ste, Zweige und Erde
rauschten nieder. Ein ngstlicher warf sich unter erzwungenem Gelchter der
Kameraden zu Boden. Dann glitt der Mahnruf des Todes durch die Reihen:
Sanitter nach vorn!

Auf der Grande Tranche hasteten Truppen vor. Um Wasser flehende Verwundete
kauerten am Straenrand, bahrentragende Gefangene keuchten zurck, Protzen
rasselten im Galopp durchs Feuer. Rechts und links stampften Granaten den
weichen Boden, schweres Gest brach nieder. Mitten im Wege lag ein totes
Pferd mit riesigen Wunden, daneben dampfende Eingeweide. An einem Baume
lehnte ein brtiger Landwehrmann: Jungens, jetzt feste ran, der Franzmann
ist im Laufen!

Wir gelangten in das kampfzerwhlte Reich der Infanterie. Der Umkreis der
Sturmausgangsstellung war von Geschossen kahl geholzt. Im zerrissenen
Zwischenfelde lagen die Opfer des Sturmes, den Kopf feindwrts; die grauen
Rcke hoben sich kaum vom Boden ab. Eine Riesengestalt, mit rotem,
blutbesudeltem Vollbart starrte zum Himmel, die Fuste in die lockere Erde
gekrallt. Ein junger Mensch wlzte sich in einem Trichter, die gelbliche
Farbe des Todes auf den Zgen. Unsere Blicke schienen ihm unangenehm, mit
einer gleichgltigen Bewegung zog er sich den Mantel ber den Kopf und
wurde still.

Wir lsten uns aus der Marschkolonne. Fortwhrend zischte es in langem,
scharfem Bogen heran, Blitze wirbelten den Boden der Lichtung hoch.
Sanitter! Wir hatten den ersten Toten. Dem Fsilier S. zerri eine
Schrapnellkugel die Halsschlagader. Drei Verbandpckchen waren im Nu
vollgesogen. Er verblutete in Sekunden. Neben uns protzten zwei Geschtze
ab, noch strkeres Feuer anziehend. Ein Artillerieleutnant, der im
Vorgelnde nach Verwundeten suchte, wurde durch eine vor ihm hochfahrende
Dampfsule niedergeschleudert. Er erhob sich langsam und kam mit markierter
Ruhe zurck. Eben ziemlichen Torkel entwickelt! Unsere Augen glnzten ihn
an.

Es dunkelte, als wir den Befehl zu weiterem Vorrcken erhielten. Unser Weg
fhrte uns durch dichtes, geschodurchklatschtes Unterholz in einen
endlosen Laufgraben, den fliehende Franzosen mit Gepck bestreut hatten. In
der Nhe des Dorfes Les Eparges muten wir, ohne Truppen vor uns zu haben,
eine Stellung in festes Gestein hauen. Zuletzt sank ich in einen Busch und
schlief ein.

Mensch, aufstehen, wir rcken ab! Ich erwachte in taufeuchtem Grase.
Durch die sausende Garbe eines Maschinengewehres strzten wir in unseren
Laufgraben zurck und besetzten eine verlassene franzsische Stellung am
Waldsaume. Ein slicher Geruch und ein im Drahtverhau hngendes Bndel
erweckten meine Aufmerksamkeit. Ich sprang im Morgennebel aus dem Graben
und stand vor einer zusammengeschrumpften franzsischen Leiche.
Fischartiges, verwestes Fleisch leuchtete grnlichwei aus zersetzter
Uniform. Mich umwendend prallte ich entsetzt zurck: Neben mir kauerte eine
Gestalt an einem Baum. Leere Augenhhlen und wenige Bschel Haar auf dem
schwarzbraunen Schdel verrieten, da ich es mit keinem Lebenden zu tun
hatte. Ringsumher lagen noch Dutzende von Leichen, verwest, verkalkt, zu
Mumien gedrrt, in unheimlichem Totentanz erstarrt. Die Franzosen muten
monatelang neben den gefallenen Kameraden ausgehalten haben, ohne sie zu
bestatten.

In den Vormittagsstunden durchbrach die Sonne den Nebel und entsandte eine
behagliche Wrme. Nachdem ich etwas auf der Grabensohle geschlafen hatte,
ging ich durch den vereinsamten, am Vortage erstrmten Graben, dessen Boden
mit Bergen von Proviant, Munition, Ausrstungsstcken, Waffen und Zeitungen
bedeckt war. Die Unterstnde glichen geplnderten Trdellden. Dazwischen
lagen die Leichen tapferer Verteidiger, deren Gewehre noch in den
Schiescharten steckten. Aus zerschossenem Geblk ragte ein eingeklemmter
Rumpf. Kopf und Hals waren abgeschlagen, weie Knorpel glnzten aus
rtlich-schwarzem Fleisch. Es wurde mir schwer, zu verstehen. Daneben ein
ganz junger Mensch auf dem Rcken, die glasigen Augen und die Fuste im
Zielen erstarrt. Ein seltsames Gefhl, in solche toten, fragenden Augen zu
blicken. Ein Schaudern, das ich im Kriege nie ganz verloren habe. Neben ihm
lag seine arme, ausgeplnderte Brse.

Mit zunehmender Klarheit verstrkte sich das Artilleriefeuer und steigerte
sich bald zu wstem Tanze. Ich kehrte zu meiner Gruppe zurck. In immer
krzeren Pausen flammte es um uns auf. Weies, schwarzes und gelbes Gewlk
mischte sich. Manchmal erdrhnten Schlge von unheimlicher Brisanz,
dazwischen schwirrten mit eigenartigem Singen die Znder. Bald war der Wald
in Brand geschossen, Flammen kletterten knatternd an den Bumen empor. Ich
sa mit einem Kameraden auf einer in den Lehm der Grabenwand gestochenen
Bank, whrend neben uns ein hagerer Rekrut vor Angst an allen Gliedern
schlotterte. Mein Gefhrte machte sich den grausamen Scherz, heimlich eine
Handvoll aufgeraffter Schrapnellkugeln neben ihn zu schleudern.

Ich beobachtete mit merkwrdiger Ruhe das Vorgelnde. Sie wissen ja gar
nicht, wo du bist. -- Sie knnen dich gar nicht sehen, sie schieen ja ganz
wo anders hin. Es war der Mut der Unerfahrenheit. Pltzlich knallte das
Brett der Schiescharte, und ein Infanteriegescho schlug zwischen unseren
Kpfen in den Lehm. In diesem Augenblick tauchte ein Mann an der Ecke
unseres Grabenstckes auf: Nach links folgen! Wir gaben den Befehl weiter
und schritten die rauchdurchschwelte Stellung entlang. Gerade waren die
Essenholer zurckgekommen und Hunderte von verlassenen Kochgeschirren
dampften auf der Brustwehr. Wer mochte jetzt essen? Eine Menge Verwundeter
mit blutdurchtrnkten Verbnden prete sich an uns vorber, die Aufregung
des Kampfes auf den bleichen Gesichtern. Die Ahnung einer schweren Stunde
trmte sich vor uns auf. Vorsicht, Kameraden, mein Arm, mein Arm! Los,
los, Mensch, halt Anschlu!

Der Graben endete in einem Waldstck. Unentschlossen standen wir unter
gewaltigen Buchen. Aus dichtem Unterholz tauchte unser Zugfhrer, ein
Leutnant, auf und rief dem ltesten Unteroffizier zu: Lassen Sie
ausschwrmen in Richtung auf die untergehende Sonne und Stellung nehmen.
Meldungen erreichen mich im Unterstande an der Lichtung. Fluchend bernahm
jener das Kommando.

Der Eindruck, den dieses Verhalten auf die Leute machte, ist mir whrend
meiner ganzen Fhrerzeit eine eindringliche Lehre gewesen. Spter lernte
ich diesen Offizier, der sich noch oft auszeichnete, als Kameraden kennen
und erfuhr, da er dort Wichtiges zu tun gehabt. Gleichviel, der Offizier
darf sich unter keinen Umstnden in der Gefahr von der Mannschaft trennen.
Die Gefahr ist der vornehmste Augenblick seines Berufes, da gilt es,
gesteigerte Mnnlichkeit zu beweisen. Ehre und Ritterlichkeit erheben ihn
zum Herrn der Stunde. Was ist erhabener, als hundert Mnnern
voranzuschreiten in den Tod? Gefolgschaft wird solcher Persnlichkeit nie
versagt, die mutige Tat fliegt wie Rausch durch die Reihen.

Wir schwrmten aus und legten uns erwartungsvoll in eine Reihe flacher
Mulden, von irgendwelchen Vorgngern ausgehoben. Mitten in scherzende
Zurufe schnitt markerschtterndes Geheul. Zwanzig Meter hinter uns
wirbelten Erdklumpen aus weier Wolke und klatschten hoch ins Gest.
Vielfach rollte der Schall durch den Wald. Beklommene Augen starrten sich
an, Krper schmiegten sich in niederdrckendem Gefhl vlliger Ohnmacht an
den Boden. Schu folgte auf Schu. Stickige Gase schwammen im Unterholz,
Qualm verhllte die Gipfel, Bume und Zweige strzten rauschend zu Boden,
Schreie wurden laut. Wir sprangen hoch und rannten blindlings, von Blitzen
und betubendem Luftdruck gehetzt, von Baum zu Baum, Deckung suchend und
wie gejagtes Wild riesige Stmme umkreisend. Ein Unterstand, in den viele
liefen, erhielt einen Treffer, der den dicken Balkenbelag hochri.

Ich eilte mit dem Unteroffizier keuchend um eine mchtige Buche. Pltzlich
blitzte es in dem weit ausgreifenden Wurzelwerk, und ein Schlag gegen den
linken Oberschenkel warf mich zu Boden. Ich glaubte, von einem Erdklumpen
getroffen zu sein, doch belehrte mich reichlich strmendes Blut bald, da
ich verwundet war. Es zeigte sich spter, da mir ein haarscharfer Splitter
eine Fleischwunde geschlagen hatte, nachdem seine Wucht durch meine dicke
Leder-Geldtasche abgeschwcht war.

Ich warf meinen Tornister fort und rannte dem Graben zu, aus dem wir
gekommen waren. Von allen Seiten strebten Verwundete aus dem beschossenen
Gehlz strahlenfrmig darauf zu. Der Durchgang war entsetzlich, von
Schwerverwundeten und Sterbenden versperrt. Eine bis zum Grtel entblte
Gestalt mit aufgerissenem Rcken lehnte an der Grabenwand. Ein anderer, dem
ein dreieckiger Lappen vom Hinterschdel herabhing, stie fortwhrend
schrille, erschtternde Schreie aus. -- Und immer neue Einschlge.

Ich will offen gestehen, da mich meine Nerven restlos im Stiche lieen.
Nur fort, weiter, weiter! Rcksichtslos rannte ich alles ber den Haufen.
Ich bin kein Freund des Euphemismus: Nervenzusammenbruch. Ich hatte ganz
einfach Angst, blasse, sinnlose Angst. Ich habe spter noch oft
kopfschttelnd an jene Momente zurckgedacht.

In der Nhe lag ein mit Stmmen gedeckter Sanittsunterstand, in dem ich
die Nacht, eng zusammengedrngt mit vielen Verwundeten, verbrachte. Ein
abgespannter Arzt stand mitten im Gewhl sthnender Menschen, verband,
machte Einspritzungen und gab mit ruhiger Stimme Ermahnungen. Als ich am
nchsten Morgen fortgetragen wurde, durchbohrte ein Splitter das Segeltuch
der Tragbahre zwischen meinen Knien.

Ich wurde ber die immer noch schwer beschossene Grande Tranche zum
Hauptverbandplatze und dann in die Kirche des Dorfes St. Maurice
transportiert. Neben mir im stampfenden Lazarettwagen lag ein Mann mit
Bauchschu, der die Kameraden flehentlich bat, ihn mit der Pistole des
Sanitters zu erschieen. In St. Maurice stand schon ein Lazarettzug unter
Dampf, der uns in zwei Tagen nach Heidelberg befrderte. Beim Anblick der
von blhenden Kirschbumen bekrnzten Neckarberge empfand ich ein
eigentmliches, starkes Heimatgefhl. Wie schn war doch das Land, wohl
wert, dafr zu bluten und zu sterben.

Die Schlacht von Les Eparges war meine erste. Sie war ganz anders, als ich
gedacht. Ich hatte an einer groen Kampfhandlung teilgenommen, ohne einen
Gegner zu Gesicht bekommen zu haben. Erst viel spter erlebte ich den
Zusammenprall, den Gipfelpunkt des modernen Kampfes im Erscheinen des
Infanteristen auf freiem Felde, das fr entscheidende, mrderische
Augenblicke die chaotische Leere des Schlachtfeldes unterbricht.




Douchy und Monchy.


Meine Wunde war in vierzehn Tagen geheilt; ich wurde zum Ersatzbataillon
nach Hannover entlassen und meldete mich dort als Fahnenjunker. Nachdem ich
einen Kursus in Dberitz besucht hatte und zum Fhnrich befrdert war, fuhr
ich im September 1915 zum Regiment zurck.

Ich verlie mit einer Abteilung Ersatz beim Sitze des Divisionsstabes, dem
Dorfe St. Lger, den Zug und marschierte nach Douchy, dem Ruheorte des
Regiments. Vorn war die Herbstoffensive im vollen Gange. Die Front hob
sich, eine lange wallende Wolke, aus weitem Gelnde. ber uns knatterten
die Maschinengewehre von Luftgeschwadern. Ein Fesselballon schien uns
erspht zu haben, am Dorfeingang sprang der schwarze Kegel einer Granate
vor uns auf. Ich bog ab und fhrte die Kolonne auf Umwegen in den Ort.

Douchy, das Ruhedorf des Fsilier-Regiments 73, war von mittlerer Gre und
hatte durch den Krieg noch wenig gelitten. Dieser im wellenfrmigen Gelnde
des Artois gelegene Platz wurde dem Regiment whrend seines
eineinhalbjhrigen Stellungskampfes in jener Gegend zur zweiten Garnison,
zu einer Sttte der Erholung und inneren Festigung nach schweren Tagen des
Kampfes und der Arbeit in vorderer Linie. Wie oft atmeten wir auf, wenn uns
durch dunkle Regennchte ein einsames Licht vom Dorfeingang
entgegenschimmerte! Man hatte doch wieder ein Dach ber dem Kopf und sein
einfaches, ungestrtes Lager. Wie neugeboren war man am ersten Ruhetage,
wenn man gebadet und den Anzug vom Schmutz des Grabens gereinigt hatte. Auf
den umliegenden Wiesen wurde exerziert und Turnspiele veranstaltet, um die
eingerosteten Knochen gelenkig zu machen und das Zusammengehrigkeitsgefhl
der in langen Nachtwachen vereinsamten Leute wieder zu erwecken. Das gab
Spannkraft fr neue, lastenreiche Tage. In der ersten Zeit marschierten die
Kompagnien abwechselnd in die vordere Linie zu nchtlicher Schanzarbeit.
Diese anstrengende Doppelbeschftigung unterblieb spter auf Anordnung
unseres Oberstleutnants von Oppen. Die Sicherheit einer Stellung beruht auf
der Frische und dem unerschpften Mut ihrer Verteidiger, nicht auf dem
verschlungenen Bau ihrer Annherungswege und der Tiefe der Kampfgrben.

In den freien Stunden bot Douchy seinen grauen Bewohnern manche Quelle
ungezwungener Erholung. Zahlreiche Kantinen waren reichlich versehen mit
E- und Trinkbarem; es gab ein Lesezimmer, eine Kaffeestube und spter
sogar, kunstvoll in eine groe Scheune eingebaut, ein Lichtspiel. Die
Offiziere hatten ein vorzglich eingerichtetes Kasino und eine Kegelbahn im
Garten des Pfarrhauses. Oft wurden groe Kompagniefeste gefeiert, bei denen
Offiziere und Mannschaft auf gut altdeutsch im Trinken wetteiferten.

Da die Zivilbevlkerung noch im Dorfe wohnte, mute der vorhandene Raum in
jeder Weise ausgenutzt werden. In den Grten waren zum Teil Baracken und
Wohnunterstnde erbaut; ein groer Obstgarten in der Mitte des Dorfes war
zum Kirchplatz, ein anderer, der sogenannte Emmich-Platz, zum Lustgarten
umgewandelt. Am Emmich-Platz lagen in zwei mit Baumstmmen bedeckten
Unterstnden die Rasierstube und die Zahnstation. Eine groe Wiese neben
der Kirche diente als Begrbnisplatz, zu dem fast tglich eine Kompagnie
marschierte, um einem oder vielen Kameraden unter den Klngen eines Chorals
das letzte Geleit zu geben.

Die franzsische Bevlkerung war am Ausgange nach Monchy kaserniert. Meist
scheue, mitleiderweckende Gestalten, die schwer am Kriege zu tragen hatten.
Ahnungslose Kinder spielten vor den Schwellen der bauflligen Huser, und
Greise schlichen gebeugt durch das neue Getriebe, das ihnen mit brutaler
Rcksichtslosigkeit die Sttten entfremdete, an denen sie ihr Leben
verbracht hatten. Die jungen Leute muten jeden Morgen antreten und wurden
vom Ortskommandanten, dem Oberleutnant Oberlnder, der ein strenges
Regiment fhrte, zur Bewirtschaftung der Dorfgemarkung eingeteilt. Wir
kamen mit den Einheimischen nur zusammen, wenn wir ihnen unsere Wsche zum
Reinigen brachten oder Butter und Eier einkaufen wollten. Zarte Beziehungen
waren uerst selten; die Erotik fand keinen Raum in dem wsten,
zerrttenden Getriebe.

Eine merkwrdige Erscheinung war der vllige Anschlu zweier verwaister
kleiner Franzosen an die Truppe. Die beiden Jungen, von denen der eine
acht, der andere zwlf Jahre alt sein mochte, waren ganz in feldgrau
gekleidet, sprachen flieend deutsch und grten alle Vorgesetzten auf der
Strae vorschriftsmig. Von ihren Landsleuten sprachen sie, wie sie es den
Soldaten abgesehen hatten, nur verchtlich als Schangels. Ihr grter
Wunsch war, einmal mit ihrer Kompagnie in Stellung gehen zu drfen. Sie
konnten tadellos exerzieren, traten bei Appells an den linken Flgel und
baten, wenn sie den Kantinengehilfen zum Einkauf nach Cambrai begleiten
wollten, um Urlaub. Als das zweite Bataillon fr einige Wochen zur
Ausbildung nach Quant kam, sollte der eine, namens Louis, auf Befehl des
Oberstleutnants von Oppen in Douchy zurckbleiben, um der Zivilbevlkerung
keinen Anla zu unwahren Gerchten zu geben; er wurde auch whrend des
Marsches nicht mehr gesehen, sprang aber bei der Ankunft des Bataillons
ganz vergngt aus dem Packwagen, in dem er sich versteckt hatte. Leider
nahmen unvernnftige Leute die Kleinen fters mit in die Kantine und
machten sich den schlechten Spa, ihnen Alkohol zu geben. Der ltere soll
spter nach Deutschland auf Unteroffiziersschule geschickt worden sein.

Kaum eine Stunde Weges von Douchy entfernt lag Monchy-au-bois, das Dorf, in
dem die beiden Reserve-Kompagnien des Regiments untergebracht waren. Es war
im Herbst 1914 das Ziel erbitterter Kmpfe gewesen, zuletzt war es in
deutscher Hand geblieben und der Kampf im engen Halbkreis um die Trmmer
des ehemals reichen Ortes zum Stehen gekommen.

Nun waren die Huser ausgebrannt und zusammengeschossen, die verwilderten
Grten von Granaten durchfurcht und die Obstbume geknickt. Das Steingewirr
war durch Grben, Stacheldraht, Barrikaden und betonierte Sttzpunkte zur
Verteidigung eingerichtet. Die Straen konnten von einem im Mittelpunkte
liegenden Betonklotz, der Feste Torgau, unter Maschinengewehrfeuer
genommen werden. Ein anderer Sttzpunkt war die Feste Altenburg, ein
Feldwerk rechts vom Dorfe, das einen Zug der Reservekompagnie beherbergte.
Sehr wichtig fr die Verteidigung war ein Bergwerk, dem in Friedenszeiten
der Kreidestein zum Bau der Huser entnommen war, und das wir nur durch
Zufall entdeckt hatten. Ein Kompagniekoch, dem der Wassereimer in einen
Brunnen gefallen war, hatte sich hinuntergelassen und dabei ein sich
hhlenartig erweiterndes Loch bemerkt. Man untersuchte die Sache, und
nachdem noch ein zweiter Eingang gebrochen war, bot es bombensichere
Unterkunft fr eine groe Zahl von Kmpfern.

Auf der einsamen Hhe am Wege nach Ransart lag eine Ruine, ein ehemaliges
Estaminet, wegen des weiten Ausblicks auf die Front Bellevue genannt, ein
Ort, der mich trotz seiner gefhrlichen Lage besonders anzog. Die
Verlassenheit und das tiefe Schweigen, ab und zu vom dumpfen Ton der
Geschtze unterbrochen, verstrkten den traurigen Eindruck der Zerstrung.
Zerrissene Tornister, abgebrochene Gewehre, Zeugfetzen, dazwischen in
grausigem Kontrast ein Kinderspielzeug, Granatznder, tiefe Trichter der
krepierten Geschosse, Flaschen, Erntegerte, zerfetzte Bcher,
zerschlagenes Hausgert, Lcher, deren geheimnisvolles Dunkel einen Keller
verrt, in dem vielleicht die Gerippe der unglcklichen Hansbewohner von
den beraus geschftigen Rattenschwrmen benagt werden, ein
Pfirsichbumchen, das seiner sttzenden Mauer beraubt ist und hilfesuchend
seine Arme ausstreckt, in den Stllen die noch an der Kette hngenden
Skelette der Haustiere, im verwsteten Garten Grber, dazwischen grnend,
tief im Unkraut versteckt, Zwiebeln, Wermut, Rhabarber und Narzissen, auf
den benachbarten Feldern Getreidediemen, auf deren Dchern schon die Krner
wuchern; all das durchzogen von einem halbverschtteten Laufgraben, umgeben
vom Geruch des Brandes und der Verwesung. Traurige Gedanken beschleichen
den Krieger, dessen Fu auf den Trmmern einer solchen Sttte ruht, wenn er
derer gedenkt, die noch vor kurzem hier friedlich lebten.

Die Kampfstellung verlief, wie schon berichtet, in engem Halbkreis um das
Dorf, mit dem sie durch eine Reihe von Laufgrben verbunden war. Sie war in
zwei Unterabschnitte, Monchy-Sd und Monchy-West, geteilt. Diese gliederten
sich wiederum in die sechs Kompagnie-Abschnitte A bis F. Die bogenfrmige
Fhrung der Stellung bot dem Englnder eine gute Flankierungsmglichkeit,
die auch gehrig ausgenutzt wurde und uns schwere Verluste brachte.

Ich war der sechsten Kompagnie zugeteilt und rckte einige Tage nach meiner
Ankunft als Fhrer einer Gruppe mit in Stellung, wo mir gleich durch einige
englische Kugelminen ein unangenehmer Empfang bereitet wurde. Der Abschnitt
C, in dem die Kompagnie lag, war der exponierteste des Regiments. Wir
hatten indes in unserem Kompagniefhrer, dem Leutnant d. R. Brecht, der zu
Beginn des Krieges von Amerika herbergeeilt war, einen Offizier, der zur
Verteidigung eines solchen Platzes der geeignete Mann war. Seine
Draufgngernatur suchte die Gefahr und brachte ihm zuletzt einen ruhmvollen
Tod.

Unser Leben im Graben verlief sehr geregelt; ich schildere im folgenden den
Verlauf eines normalen Tages.

Der Schtzengrabentag beginnt erst mit hereinbrechender Dmmerung. Um 7 Uhr
weckt mich ein Mann meiner Gruppe aus dem Nachmittagsschlafe, den ich in
Voraussicht der nchtlichen Wachen getan habe. Ich schnalle um, stecke
Leuchtpistole und Handgranaten ins Koppel und verlasse den mehr oder minder
gemtlichen Unterstand. Beim ersten Durchschreiten des wohlbekannten
Zugabschnitts berzeuge ich mich, ob alle Posten an ihren richtigen Pltzen
stehen. Mit leiser Stimme wird die Parole ausgetauscht. Inzwischen ist die
Nacht hereingebrochen, und die ersten Leuchtkugeln steigen silbern in die
Hhe, whrend angestrengte Augen ins Vorgelnde starren. Eine Ratte
raschelt zwischen den ber Deckung geworfenen Konservenbchsen. Eine zweite
gesellt sich pfeifend zu ihr, und bald wimmelt es von huschenden Schatten,
die den Ruinenkellern des Dorfes oder zerschossenen Stollen entstrmen. Die
Jagd auf sie bietet eine beliebte Abwechslung in der de des
Postendienstes. Ein Stckchen Brot wird als Kder ausgelegt und das Gewehr
darauf eingerichtet, oder es wird Sprengpulver von Blindgngern in ihre
Lcher gestreut und angezndet. Quiekend schieen sie dann mit versengtem
Fell hervor. Es sind widerliche, ekelhafte Geschpfe. Ein greulicher Dunst
umwebt ihre schwirrenden Rudel. Ich mu immer an ihre verborgene,
leichenschnderische Ttigkeit in den Kellern des Dorfes denken. Auch
einige Katzen sind aus den zerstrten Drfern in die Grben gezogen; sie
lieben die Nhe der Menschen. Ein groer weier Kater mit zerschossener
Vorderpfote geistert hufig im Niemandslande umher und scheint bei beiden
Parteien zu verkehren.

Doch ich sprach ja vom Grabendienst. Man liebt solche Abschweifungen, man
wird leicht gesprchig, um die dunkle Nacht und die endlose Zeit zu fllen.
Deshalb bin ich auch bei einem bekannten Krieger oder einem anderen
Unteroffizier stehen geblieben und lausche mit gespanntem Interesse seinen
tausend Nichtigkeiten. Als Fhnrich werde ich auch fters von dem
wachthabenden Offizier, der sich ebenso unbehaglich fhlt, in ein
wohlwollendes Gesprch verwickelt. Ja, er wird sogar ganz
kameradschaftlich, redet leise und eifrig, kramt Geheimnisse und Wnsche
aus. Und ich gehe gern darauf ein, denn auch mich drcken die schweren,
schwarzen Wlle des Grabens, auch ich bange nach Wrme, nach irgend etwas
Menschlichem in dieser unheimlichen Einsamkeit.

Das Gesprch wird matter. Wir sind ermdet. Apathisch lehnen wir an einer
Schulterwehr und starren auf die glhende Zigarette des andern . . . .

Bei Frost trampelt man frierend auf und ab, da die harte Erde von vielen
Tritten erklingt. Sehr oft regnet es, dann steht man traurig mit
hochgeschlagenem Mantelkragen unter den Regendchern der Stolleneingnge
und lauscht dem gleichfrmigen Falle der Tropfen. Hrt man die Schritte
eines Vorgesetzten auf der nassen Grabensohle, so tritt man rasch hervor,
geht weiter, dreht sich pltzlich um, schlgt die Hacken zusammen und
meldet: Unteroffizier vom Grabendienst. Im Abschnitt nichts Neues! Denn
das Stehen in den Stolleneingngen ist verboten.

Die Gedanken wandern. Man sieht in den Mond und denkt an schne gemtliche
Tage zu Hause oder an die groe Stadt weit dahinten, in der jetzt gerade
die Menschen aus den Kaffees strmen, und viele Bogenlampen das rege,
nchtliche Treiben des Zentrums bestrahlen. Es scheint, als ob man das nur
irgendwo getrumt htte.

Da raschelt irgend etwas vorm Graben, zwei Drhte klirren leise. Im Nu
zerflattern die Trume, alle Sinne sind bis zum Schmerz geschrft. Man
klettert auf den Postenstand, schiet eine Leuchtkugel hoch: nichts rhrt
sich. Es wird wohl nur ein Hase oder Rebhuhn gewesen sein.

Oft hrt man den Gegner an seinem Drahtverhau arbeiten. Dann schiet man
rasch hintereinander dorthin. Nicht nur, weil es befohlen ist, man
empfindet auch eine gewisse Befriedigung dabei. Jetzt sitzen sie drben
aber in Druck. Vielleicht hast du sogar einen getroffen. Auch wir ziehen
fast jede Nacht Draht und haben hufig Verwundete. Dann fluchen wir auf
diese gemeinen Schweine von Englndern.

Mitunter hrt man auch ein pfeifendes, flatterndes Gerusch nach dumpfem
Abschu. Achtung, Mitte! Man strzt zum nchsten Stolleneingang und hlt
den Atem an. Die Minen krachen ganz anders, viel aufregender als die
Granaten. Sie haben berhaupt so etwas Reiendes, Hinterlistiges, etwas von
persnlicher Gehssigkeit. Es sind heimtckische Wesen. Die Gewehrgranaten
sind nicht viel besser. Leuchtet es an bestimmten Stellen des feindlichen
Hinterlandes auf, so springen alle Posten von ihren Stnden und
verschwinden. Sie wissen aus langer Erfahrung ganz genau, wo die Geschtze
stehen, die auf den Abschnitt C eingerichtet sind.

Endlich zeigt das Leuchtzifferblatt, da zwei Stunden verflossen sind. Nun
rasch die Ablsung geweckt und in den Unterstand. Vielleicht haben die
Essenholer Briefe, Pakete oder eine Zeitung mitgebracht. Man empfindet ein
ganz merkwrdiges Gefhl, wenn man die Nachrichten von der Heimat und ihren
friedlichen Sorgen liest, whrend die Schatten der flatternden Kerze ber
das niedrige, rohe Geblk huschen. Nachdem ich mir mit einem Holzspan den
grbsten Dreck von den Stiefeln gekratzt und an ein Bein des primitiven
Tisches gestrichen habe, lege ich mich auf die Pritsche und ziehe meine
Decke ber den Kopf, um fr vier Stunden zu rcheln, wie der Fachausdruck
lautet. Drauen knallen die Geschosse in eintniger Wiederholung auf
Deckung, eine Maus huscht ber Gesicht und Hnde, ohne meinen festen Schlaf
zu stren. Auch vor dem niederen Getier habe ich Ruhe, wir haben den
Unterstand erst vor einigen Tagen grndlich desinfiziert.

Noch zweimal werde ich aus dem Schlafe gerissen, um meines Amtes zu walten.
Whrend der letzten Wache kndet ein heller Strich hinter uns am stlichen
Himmel den neuen Tag. Die Umrisse des Grabens werden schrfer; er macht im
grauen Frhlicht einen Eindruck unsglicher de. Eine Lerche steigt hoch;
ich empfinde ihr Getriller als aufdringlichen Kontrast, es irritiert mich.
An eine Schulterwehr gelehnt, starre ich im Gefhl einer groen
Ernchterung auf das tote drahtumschlossene Vorfeld. Da die letzten
zwanzig Minuten auch gar kein Ende nehmen wollen! Endlich klappern die
Kochgeschirre der zurckkehrenden Kaffeeholer im Laufgraben: es ist 7 Uhr,
die Nachtwache ist beendet.

Ich gehe in den Unterstand und trinke Kaffee. Das macht mich munter; ich
habe die Lust verloren, mich hinzulegen. Um 9 Uhr mu ich ja auch schon
wieder meine Gruppe zur Arbeit einteilen und anstellen. Wir sind wahre
Allesknner, der Graben stellt tglich seine tausend Anforderungen an uns.
Wir whlen tiefe Stollen, bauen Unterstnde und Betonkltze, bereiten
Drahthindernisse vor, schaffen Entwsserungsanlagen, verschalen, sttzen,
nivellieren, erhhen und schrgen ab, schtten Latrinen zu und so weiter.

Um ein Uhr wird das Mittagessen in groen Gefen, ehemaligen Milchkannen
und Marmeladeeimern, aus der Kche, die in einen Keller Monchys eingebaut
ist, herausgeholt. Nach dem Essen wird etwas geschlafen oder gelesen.
Allmhlich kommen auch die beiden Stunden heran, die fr den Grabendienst
des Tages bestimmt sind. Sie verlaufen bedeutend schneller als die der
Nacht. Man beobachtet die wohlbekannte feindliche Stellung durch Glas oder
Scherenfernrohr und kommt auch fters zum Schu aus der Fernrohrbchse
gegen Kopfziele. Aber Vorsicht, auch der Englnder hat scharfe Augen und
gute Glser.

Ein Posten strzt pltzlich blutberstrmt zusammen. Kopfschu. Die
Kameraden reien ihm die Verbandpckchen vom Rock und verbinden ihn. Hat
ja keen Zweck mehr, Willem. Mensch, hei atmet doch noch! Dann kommen die
Sanitter, um ihn zum Verbandplatz zu tragen. Die Bahre stt hart gegen
die winkligen Schulterwehren. Kaum ist sie entschwunden, ist alles wieder
beim alten. Einer wirft einige Schaufeln Erde ber die rote Lache und jeder
geht seiner Beschftigung nach. Man ist ja so stumpf geworden. Nur ein
Neuling lehnt noch mit bleichem Gesicht an der Verschalung. Er mht sich
noch ab, die Zusammenhnge zu fassen. Das war ja so pltzlich, so furchtbar
berraschend, ein unsglich brutaler berfall. Das kann ja gar nicht
mglich, nicht Wirklichkeit sein. Armer Kerl, im Hintergrunde lauern auf
dich noch ganz andere Dinge . . .

Oft ist es auch ganz nett. Manche sind mit sportsmigem Interesse bei der
Sache. Mit einer gewissen Schadenfreude betrachten sie die Einschlge der
eigenen Artillerie im feindlichen Graben. Junge, der sa. Donnerwetter,
sieh mal, wie das spritzt! Armer Tommy! Gern schieen sie Gewehrgranaten
und leichte Minen hinber, sehr zum Mivergngen ngstlicher Gemter.
Mensch, la doch den Bldsinn, wir kriegen gerade Dunst genug!

Die Stunde des Nachmittagskaffees ist manchmal direkt gemtlich. Oft mu
der Fhnrich einem der Kompagnieoffiziere dabei Gesellschaft leisten. Es
geht ganz frmlich zu: Darf ich mir gestatten? Danke gehorsamst! Eine
schne Eigenschaft des preuischen Offiziers, diese korrekte
Geschlossenheit in jeder Lage. Sie verleiht auch dem ganz jungen etwas
Festes, Persnliches.

Es schimmern sogar zwei Porzellantassen von der Tischdecke aus
Sandsacktuch. Nachher stellt der Bursche eine Flasche und zwei Glser auf
den wackligen Tisch. Das Gesprch wird vertraulicher. Merkwrdigerweise
bildet auch hier der liebe Nchste einen willkommenen Gegenstand der
Unterhaltung. Es hat sich sogar ein ppiger Grabenklatsch entwickelt, der
bei den Nachmittagsvisiten eifrig gepflegt wird. Bald wie in einer kleinen
Garnison. Vorgesetzte, Kameraden und Untergebene werden einer grndlichen
Kritik unterzogen. Ein neues, interessantes Gercht hat im Nu die
Zugfhrer-Unterstnde smtlicher sechs Kampfabschnitte vom rechten bis zum
linken Flgel durchlaufen. Die Beobachtungsoffiziere, die mit Fernrohr und
Skizzen-Mappe die ganze Regimentsstellung abgehen, sind nicht ganz
unschuldig daran.

Herr Leutnant, darf ich mich verabschieden, ich habe in einer halben
Stunde Dienst! Drauen glnzen die Lehmwlle der Bschungen in den letzten
Strahlen der Sonne, der Graben liegt bereits in tiefem Schatten. Bald
steigt die erste Leuchtkugel empor, die Nachtposten ziehen auf, der neue
Tag des Schtzengrabensoldaten hat begonnen.




Vom tglichen Stellungskampf.


So verliefen unsere Tage in anstrengendem Gleichma, unterbrochen durch die
kurze Ruhezeit in Douchy. Doch auch in Stellung bot sich manche schne
Stunde. Oft sa ich mit einem Gefhl behaglicher Geborgenheit am Tische
meines kleinen Unterstandes, dessen rohe, waffenbehangene Bretterwnde an
Wildwest erinnerten, trank eine Tasse Tee, las und rauchte, whrend mein
Bursche an dem winzigen Ofen beschftigt war, der den Raum mit dem Geruch
gersteter Brotscheiben erfllte. Welcher Grabenkmpfer kennt diese
Stimmung nicht? Drauen am Postenstande stapften schwere, gleichmige
Schritte, eintniger Zuruf erscholl, wenn jemand im Graben entlang ging.
Das abgestumpfte Ohr hrte kaum noch das nie erlschende Gewehrfeuer, den
kurzen Hieb auf Deckung schlagender Geschosse oder die Leuchtkugel, die
neben der Mndung des Lichtschachtes verzischte. Dann nahm ich mein
Notizbuch aus der Kartentasche und schrieb in kurzen Worten die Ereignisse
des Tages nieder. So entstand mit der Zeit eine gewissenhafte Chronik des
Abschnitts C, dieses kleinen, winkligen Stckes der langen Front, in dem
wir zu Hause waren, in dem wir lngst jeden verwachsenen Stichgraben, jeden
verfallenen Unterstand kannten. Um uns ruhten in aufgetrmten Lehmwllen
die Leichen gefallener Kameraden, auf jeder Fubreite Boden hatte sich ein
Drama abgespielt, hinter jeder Schulterwehr lauerte das Verhngnis, Tag und
Nacht, sich wahllos ein Opfer zu greifen. Und doch empfanden wir alle ein
starkes Zugehrigkeitsgefhl zu unserem Abschnitt, waren fest mit ihm
verwachsen. Wir kannten ihn, wenn er sich als schwarzes Band ber die
verschneite Landschaft zog, wenn die blumige Wildnis ringsum ihn zur
Mittagsstunde mit betubenden Gerchen durchstrmte, oder wenn die
spukhafte Blsse des Vollmondes seine dunklen Winkel umspann, in denen
pfeifende Rattenscharen ihr geheimnisvolles Wesen trieben. Wir saen heiter
an langen Sommerabenden auf seinen Lehmbnken, wenn die laue Luft
geschftiges Klopfen und heimatliches Lied zum Feinde trug; wir strzten
ber Geblk und zerhackten Draht, wenn der Tod mit sthlerner Keule auf die
Grben loskolbte und trger Qualm aus zerrissenen Lehmwnden kroch. Oft
wollte uns der Oberst einen ruhigeren Teil der Regimentsstellung anweisen,
jedesmal bat die ganze Kompagnie wie ein Mann, im Abschnitt C bleiben zu
drfen. Ich bringe hier einen kurzen Auszug von den Notizen, die ich damals
in den Nchten von Monchy niederschrieb.

7. 10. 1915. Stand in der Morgendmmerung neben dem Posten meiner Gruppe
auf dem Schtzenauftritt bei unserem Unterstande, als ein Gewehrgescho dem
Mann die Feldmtze von vorn bis hinten aufri, ohne ihn zu verletzen. Zur
selben Stunde wurden am Draht zwei Pioniere verwundet. Der eine
Querschlger durch beide Beine, der andere Schu durchs Ohr.

Am Vormittag erhielt der linke Flgelposten einen Schu durch beide
Backenknochen. Das Blut sprudelte in dicken Strahlen aus der Wunde. Zu
allem Unglck kam heute auch noch der Leutnant von Ewald in unseren
Abschnitt, um die nur 50 Meter vom Graben entfernt liegende Sappe N. zu
photographieren. Als er sich umdrehte, um wieder vom Postenstand
herunterzusteigen, zerschmetterte ihm ein Gescho den Hinterkopf. Er starb
augenblicklich. Ferner bekam ein Mann einen leichten Schulterschu.

19. 10. Der Abschnitt des mittleren Zuges wurde mit 15-Zentimeter-Granaten
beschossen. Ein Mann wurde vom Luftdruck gegen einen Pfahl der
Grabenverkleidung geschleudert. Er erlitt schwere innere Verletzungen,
auerdem durchschlug ihm ein Splitter die Armschlagader. Im Morgennebel
entdeckten wir beim Ausbessern unseres Drahtes vorm rechten Flgel eine
franzsische Leiche, die schon Monate alt sein mute. -- In der Nacht
wurden beim Drahtziehen zwei unserer Leute verwundet.

30. 10. In der Nacht strzten infolge starker Regenschauer smtliche
Schulterwehren ein und verbanden sich mit dem Regenwasser zu zhem Brei,
der den Graben in einen schwer passierbaren Sumpf verwandelte. Der einzige
Trost war, da es dem Englnder auch nicht besser ging, denn man sah, wie
aus seinen Grben eifrig Wasser geschpft wurde. Da wir etwas erhht
liegen, pumpten wir ihm unseren berflu noch herunter. -- Die
herabstrzenden Grabenwnde legten eine Reihe von Leichen aus den Kmpfen
des vorigen Herbstes blo.

21. 11. Ich fhrte eine Abteilung Schanzer von der Feste Altenburg in den
Abschnitt C, von denen der Landsturmmann Diener auf einen Vorsprung der
Grabenwand stieg, um Erde ber Deckung zu schaufeln. Kaum war er oben, als
ein aus der Sappe abgefeuertes Gescho quer durch seinen Schdel schlug und
ihn tot auf die Grabensohle warf. Er war verheiratet und Vater von vier
Kindern. Seine Kameraden lauerten noch lange Zeit hinter den
Schiescharten, um Blutrache zu nehmen. Sie weinten vor Wut. Es ist
merkwrdig, wie wenig objektiv sie den Krieg auffassen. Sie schienen in dem
Englnder, der das tdliche Gescho abgefeuert, einen ganz persnlichen
Feind zu sehen. Ich kann es ihnen nachfhlen.

24. 11. Ein Mann der M. G. K. bekam in unserem Abschnitt einen schweren
Kopfschu. Einem anderen von unserer Kompagnie wurde eine halbe Stunde
spter durch Infanteriegescho die Backe aufgerissen.

Am 29. 11. rckte unser Bataillon fr 14 Tage nach dem in der Etappe der
Division gelegenen Stdtchen Q., das spter eine so blutige Berhmtheit
erlangen sollte, um dort zu exerzieren und sich der Segnungen des
Hinterlandes zu erfreuen. Whrend unseres Aufenthaltes dort erfuhr ich
meine Befrderung zum Leutnant und wurde in die zweite Kompagnie versetzt,
in der ich viele heitere und ernste Tage verleben sollte.

Wir wurden in Q. und den Nachbarorten fters von dem Ortskommandanten zu
schwerem Umtrunk geladen und bekamen einen kleinen Einblick in die fast
unumschrnkte Gewalt, mit der diese Dorffrsten ihre Untergebenen und die
Einwohner beherrschten. Unser Rittmeister nannte sich Knig von Q. und
erschien jeden Abend, durch Erheben der rechten Hnde und ein donnerndes:
Es lebe der Knig begrt, an der Tischrunde, wo er als launige Majestt
 la Shakespeare bis in den grauenden Morgen regierte, jeden Versto gegen
die Etikette und seinen uerst komplizierten Komment mit einer Bierrunde
bestrafend. Wir Frontleute kamen als Neulinge natrlich sehr schlecht dabei
weg. Am nchsten Tage sah man ihn dann nach dem Mittagessen meist leicht
verschleiert im Dogcart durch seine Lndereien fahren, um den
Nachbarknigen bei krftigem Bacchusopfer seine Visite abzustatten und sich
so wrdig fr den Abend vorzubereiten. Einmal geriet er in einen Zwist mit
dem Knige von I. und lie durch einen berittenen Feldgendarmen Fehde
ansagen. Nach mehreren Kampfhandlungen, whrend deren sich sogar zwei
Abteilungen von Pferdeknechten aus kleinen, drahtbefestigten Grben mit
Erdklumpen bewarfen, war der Knig von I. so unvorsichtig, sich in der
Kantine von Q. an bayrischem Biere gtlich zu tun und wurde beim Besuche
eines einsamen Ortes berrascht und gefangengenommen. Er mute sich mit
einer gewaltigen Tonne Bieres loskaufen. So endete der Orlog der beiden
Gewaltigen.

Die Einwohner standen unter strenger Disziplin, bertretungen und Vergehen
wurden vom Ortskommandanten in schneller Justiz mit empfindlichen Geld- und
Freiheitsstrafen geahndet. So sehr ich Anhnger der logischen Durchfhrung
des Machtgedankens bin, so zuwider und peinlich waren mir schon damals
seine Auswchse, wie die Grupflicht jedes Einwohners, auch der Frauen, den
Offizieren gegenber. Derartige Anordnungen sind zwecklos, entwrdigend und
schdlich. So wirtschafteten wir aber im ganzen Kriege: schneidig in
Kleinigkeiten, unentschlossen gegenber schweren inneren Schden.

Am 11. 12. begab ich mich ber Deckung in die vordere Linie, um mich beim
Leutnant d. R. Wetje, dem Fhrer der zweiten Kompagnie, die auch den
Abschnitt C besetzte, zu melden. Als ich in den Graben springen wollte,
erschrak ich ber die Vernderung, die die Stellung whrend unserer
vierzehntgigen Abwesenheit erlitten hatte. Sie war zu einer riesigen, mit
meterhohem Schlamm gefllten Mulde zusammengesackt, in der die Besatzung
ein traurig pltscherndes Amphibiendasein fhrte. Mit Wehmut dachte ich,
schon bis zur Hfte versunken, an den runden Tisch des Knigs von Q.
zurck. Wir armen Frontschweine! Fast alle Unterstnde waren eingestrzt
und die Stollen versoffen. Wir muten in den nchsten Wochen unausgesetzt
arbeiten, um uns nur etwas festen Boden unter die Fe zu bringen.
Vorlufig hauste ich mit den Leutnants Wetje und Boje zusammen in einem
Stollen, dessen Decke trotz der darunter gehngten Zeltbahn wie eine
Giekanne tropfte, und aus dem die Burschen alle halbe Stunden das Wasser
mit Eimern nach oben schaffen muten.

Als ich am anderen Morgen vllig durchnt den Stollen verlie, glaubte ich
meinen Augen nicht trauen zu drfen. Das Gelnde, dem bisher die Einsamkeit
des Todes ihren Stempel aufgedrckt, hatte das Aussehen eines Jahrmarktes
angenommen. Die Besatzung beider Grben war von dem furchtbaren Schlamm auf
die Brustwehren getrieben, und schon hatte sich vor den Drahtverhauen ein
lebhafter Verkehr und Austausch von Schnaps, Zigaretten, Uniformknpfen
usw. entwickelt. Die Menge khakifarbener Gestalten, die den bisher so den
englischen Grben entquoll, wirkte direkt verblffend.

Pltzlich fiel drben ein Schu, der einen unserer Leute tot im Schlamm
versinken lie, worauf beide Parteien maulwurfartig in den Grben
verschwanden. Ich begab mich zu dem Teil unserer Stellung, der der
englischen Sappe gegenberlag und rief hinber, da ich einen Offizier
sprechen mchte. Wirklich begaben sich einige Englnder zurck und brachten
nach kurzer Zeit einen jungen Mann mit, der sich, wie ich durchs Glas
beobachten konnte, von ihnen durch eine zierlichere Mtze unterschied. Wir
verhandelten zunchst in englischer, dann etwas flieender in franzsischer
Sprache, whrend die Leute ringsumher zuhrten. Ich hielt ihm vor, da
einer unserer Leute durch einen hinterlistigen Schu gettet wre, worauf
er antwortete, da das nicht seine, sondern die Nachbarkompagnie getan
htte. Il y a des cochons aussi chez vous! meinte er, als einige aus
unseren Nebenabschnitt abgefeuerte Geschosse in der Nhe seines Kopfes
einschlugen, worauf ich mich vorbereitete, sofort volle Deckung zu nehmen.
Wir erzhlten uns indes noch viel in einer Weise, die, ich mchte fast
sagen, eine sportsmnnische Achtung ausdrckte, und htten am Schlu zum
Andenken gern ein Geschenk ausgetauscht.

Es ist im Kriege immer mein Ideal gewesen, den Gegner unter Ausschaltung
jedes Hagefhls nur im Kampfe als solchen zu betrachten und ihn als Mann
seinem Mute entsprechend zu werten. Ich habe gerade in diesem Punkte unter
den englischen Offizieren viele verwandte Naturen kennengelernt.

Um wieder klare Verhltnisse zu bekommen, erklrten wir uns feierlich den
Krieg binnen drei Minuten nach Abbruch der Verhandlungen, und nach einem
Guten Abend seinerseits und einem Au revoir! meinerseits gab ich trotz
des Bedauerns meiner Leute einen Schu gegen sein Schutzschild ab, von dem
drben sofort einer folgte, der mir fast das Gewehr aus der Hand geschlagen
htte.

Zum ersten Mal konnte ich bei dieser Gelegenheit das Zwischenfeld vor der
Sappe bersehen, da man sonst an dieser gefhrlichen Stelle nicht einmal
seinen Mtzenrand zeigen durfte. Ich machte dabei die Beobachtung, da
dicht vor unserem Draht ein franzsischen Skelett lag, dessen weie Knochen
aus blauen Uniformfetzen schimmerten.

Kurz nach dieser Unterredung gab unsere Artillerie einige Schsse auf die
feindliche Stellung ab, worauf vor unseren Augen vier Bahren ber das freie
Feld getragen wurden, ohne da von unserer Seite ein Schu darauf abgegeben
wurde. An den englischen Mtzenschildern stellten wir an diesem Tage fest,
da uns das Regiment Hindostan-Leicestershire gegenberlag.

Die Witterung wurde gegen Weihnachten immer trostloser; wir muten Pumpen
im Graben aufstellen, um des Wassers einigermaen Herr zu werden. Den
Christabend verbrachten wir in Stellung. Die Leute stimmten, im Schlamm
stehend, Weihnachtslieder an, die jedoch von den Englndern mit M. G.'s
bertnt wurden. Am Weihnachtstage verloren wir einen Mann des dritten
Zuges durch Querschlger in den Kopf. Gleich darauf versuchten die
Englnder eine freundschaftliche Annherung, indem sie einen Christbaum auf
ihre Brustwehr stellten, der jedoch von unseren erbitterten Leuten mit
einigen Schssen heruntergefegt wurde, was sie wiederum mit Gewehrgranaten
beantworteten. So verlief unser Weihnachtsfest recht ungemtlich.

Am 28. 12. war ich Kommandant der Feste Altenburg. Es wurde an diesem
Tage einem meiner besten Leute durch Granatsplitter ein Arm abgerissen. Ein
anderer wurde von einer der vielen verirrten Kugeln, die unser in einer
Senke liegendes Erdwerk umschwirrten, am Oberschenkel schwer verwundet.
Auch mein getreuer August Kettler fiel auf dem Wege nach Monchy, von wo er
mein Essen holen wollte, als erster meiner vielen Burschen, einem
Schrapnellschu zum Opfer, der ihn mit durchschlagener Luftrhre zu Boden
streckte.

Auch der Januar war ein Monat anstrengendster Arbeit. Jede Gruppe entfernte
mit Schaufeln, Eimern und Pumpen zunchst den Schlamm in der unmittelbaren
Nhe ihres Unterstandes und suchte dann, nachdem sie sich festen Boden
unter den Fen geschaffen hatte, Verbindung mit den Nachbargruppen
herzustellen. Im Walde von Adinfer, dem Standorte unserer Artillerie, waren
Holzfller-Kommandos beschftigt, junge Bume der ste zu entkleiden und in
lange Scheite zu spalten. Die Grabenwnde wurden abgeschrgt und vollkommen
mit diesem Material verkleidet. Auch wurden zahlreiche Wasserlcher,
Sickerschchte und Abflsse gebaut, so da wir allmhlich wieder
ertrgliche Lebensverhltnisse bekamen.

Am 28. 1. 1916 wurde ein Mann meines Zuges durch Splitter eines an seinem
Schutzschild zerschellenden Geschosses in den Leib getroffen. Am 30. bekam
ein anderer eine Kugel in den Oberschenkel. Als wir am 1. 2. abgelst
wurden, lag gerade ein lebhaftes Feuer auf den Annherungswegen. Ein
Schrapnell fuhr direkt vor die Fe meines ehemaligen Putzers von der 6.
Kompagnie, des Fsiliers Junge, explodierte aber nicht, sondern brannte
aus, so da er mit schweren Verbrennungen fortgetragen werden mute.

In diesen Tagen wurde auch ein Unteroffizier der 6. Kompagnie, den ich gut
kannte, und dessen Bruder vor einigen Tagen gefallen war, durch eine
Kugelmine, die er gefunden hatte, tdlich verletzt. Er hatte den Znder
abgeschraubt und steckte, da er bemerkt hatte, da das Pulver glatt
abbrannte, eine glimmende Zigarette in die ffnung. Die Mine explodierte
natrlich und brachte ihm ber 50 Wunden bei. Auf diese und hnliche Weise
hatten wir alle Augenblicke Verluste durch den Leichtsinn, den der stndige
Umgang mit Sprengstoffen mit sich brachte. Ein unbehaglicher Nachbar in
dieser Beziehung war der Leutnant Pook, der einen einsamen Unterstand im
verwickelten Grabengewirre hinter dem linken Flgel bewohnte. Er hatte dort
eine Anzahl riesiger Blindgnger zusammengeschleppt und beschftigte sich
damit, die Znder abzuschrauben und zu untersuchen. Ich schlug jedesmal
einen groen Kreis um diese unheimliche Behausung, wenn mich mein Weg daran
vorberfhrte.

In der Nacht vom 3. 2. waren wir nach einer anstrengenden Stellungsperiode
wieder in Douchy angekommen. Ich sa am nchsten Morgen so recht in der
Stimmung des ersten Ruhetages in meinem Quartier am Emmichs-Platz und trank
behaglich Kaffee, als pltzlich ein Ungetm von Granate, der Auftakt zu
einer schweren Ortsbeschieung, dicht vor meiner Tr krepierte und mir die
Fenster ins Zimmer warf. In drei Stzen war ich im Keller, den auch die
anderen Hausbewohner schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit aufgesucht
hatten, um dort das Bild einer klglichen Gruppe zu bieten. Da der Keller
halb ber dem Boden gebaut und nur durch eine dnne Mauer vom Garten
getrennt war, drngte sich alles in einem kurzen, engen Stollenhals
zusammen. Zwischen den zusammengepreten Krpern zwngte sich winselnd mein
Schferhund mit dem Instinkt des Tieres in die finsterste Ecke. Weit in der
Ferne hrte man in regelmigen Abstnden eine Reihe matter Abschsse,
denen nach einigen Sekunden das pfeifende Heranheulen der schweren
Eisenkltze folgte, das rings um unser Huschen in krachenden Explosionen
endete. Jedesmal fuhr ein unangenehmer Luftdruck durch die Kellerfenster,
Erdklumpen und Splitter prasselten auf das Ziegeldach, whrend in den
Stllen die aufgeregten Pferde schnaubten und bumten. Dazu winselte der
Hund, und ein dicker Musiker schrie bei jedem Heranpfeifen laut auf, als ob
ihm ein Zahn gezogen werden sollte.

Endlich war das Unwetter vorber, und wir konnten uns wieder in die frische
Luft begeben. Die verwstete Dorfstrae war belebt wie ein beunruhigter
Ameisenhaufen. Mein Quartier sah bse aus. Dicht neben der Mauer des
Kellers war die Erde an verschiedenen Stellen aufgerissen, Obstbume waren
umgeknickt, und mitten im Torweg lag hhnisch ein langer Blindgnger. Das
Dach war arg durchlchert. Ein groer Splitter hatte den halben Schornstein
mitgenommen. In der nebenan liegenden Kompagnie-Schreibstube hatten einige
handliche Splitter die Wnde und den groen Kleiderschrank durchbohrt und
fast smtliche dort verwahrten Offiziersuniformen zerfetzt, zum groen
rger der Betroffenen, zu denen ich brigens nicht gehrte.

Am 8. 2. bekam der Abschnitt C starkes Feuer. Schon am frhen Morgen scho
die eigene Artillerie einen Blindgnger in den Unterstand meiner rechten
Flgelgruppe, der zur unangenehmen berraschung der Insassen die Tr
eindrckte und den Ofen umwarf. Ein Witzbold zeichnete spter eine
Karikatur, auf der sich acht Mann zugleich ber den qualmenden Ofen durch
die zerschmetterte Tr pressen, whrend der Blindgnger aus einer Ecke
bsartig blinzelt. Ferner wurden uns am Nachmittag noch drei Unterstnde
zusammengeschossen, glcklicherweise dabei aber nur ein Mann leicht am Knie
verwundet, da sich alles bis auf die Posten in die Stollen zurckgezogen
hatte. Am folgenden Tage wurde ein Mann meines Zuges durch die
Flankierungsbatterie tdlich in die Seite getroffen. Am 25. 2. wurden wir
durch einen Todesfall, der uns einen vortrefflichen Menschen und beliebten
Kameraden entri, besonders ergriffen. Kurz vor der Ablsung bekam ich in
meinem Unterstand die Meldung, da soeben der Kriegsfreiwillige K. im
Stollen nebenan gefallen wre. Ich begab mich dorthin und fand, wie schon
so oft, eine ernste Gruppe um die regungslose Gestalt stehend, die mit
verkrampften Hnden auf blutgetrnktem Schnee lag, mit glsernen Augen gen
Himmel starrend. Wieder ein Opfer der Flankierungsbatterie! K. war bei den
ersten Schssen im Graben gewesen und sogleich in den Stollen gesprungen.
Ein groer Splitter einer auf die dem Eingang gegenberliegende Grabenwand
schlagenden Granate sauste in den Stollenhals und traf ihn am Hinterkopf,
als er sich bereits in Sicherheit whnte. Er starb einen schnellen,
unvermuteten Tod.

Die Flankierungsbatterie war in diesen Tagen berhaupt sehr rege. Ungefhr
stndlich gab sie eine einzige, berraschende Salve ab, deren Sprengstcke
genau den Graben abfegten. In den sechs Tagen vom 3. 2. bis 8. 2. kostete
sie uns 3 Tote, 3 Schwer- und 4 Leichtverwundete. Trotzdem sie hchstens
1500 Meter von uns entfernt an einem Bergabhang in unserer linken Flanke
stehen mute, war es unserer Artillerie unmglich, sie zum Schweigen zu
bringen. Unser einziges Mittel, ihre Wirksamkeit zu vermindern, bestand in
der Vermehrung und Erhhung unserer Schulterwehren, um ihre Reichweite auf
kleine Grabenstcke zu beschrnken.

Anfang Mrz hatten wir den grbsten Dreck hinter uns. Das Wetter wurde
trocken, und der Graben war sauber verschalt, so da wir hufiger ein paar
gemtliche Freistunden hatten. Jeden Abend sa ich im Unterstande vor
meinem kleinen Schreibtisch und las oder plauderte, wenn ich Besuch
bekommen hatte. Wir waren mit dem Kompagniefhrer 4 Offiziere und fhrten
ein sehr kameradschaftliches Zusammensein. Jeden Tag tranken wir im
Unterstande des einen oder des anderen Kaffee oder saen zu Abend, oft bei
einer oder mehreren Flaschen, rauchten, spielten Karten und fhrten eine
landsknechtsmige Unterhaltung. Diese gemtlichen Unterstandsstunden
wiegen in der Erinnerung manchen Tag voll Blut, Schmutz und Arbeit auf. Sie
waren auch nur in dieser langen und verhltnismig ruhigen
Stellungsperiode mglich, wo wir uns fest ineinander eingelebt und beinahe
friedensmige Gewohnheiten angenommen hatten. Unser Hauptstolz war unsere
Bauttigkeit, in die uns von hinten sehr wenig hineinregiert wurde. In
rastloser Arbeit wurde ein 30stufiger Stollen neben dem andern in den
lehmigen Kreideboden getrieben und durch Quergalerien verbunden, so da wir
bequem sechs Meter unter der Erde vom rechten zum linken Flgel unserer
Zge gelangen konnten. Mein Lieblingswerk war ein 60 Meter langer
Stollengang von mir zum Kompagniefhrer-Unterstand, der rechts und links
mit Munitionskammern und Wohnrumen versehen war. Diese Anlage war whrend
der spteren Kmpfe von hohem Wert.

Wenn wir uns nach dem Morgenkaffee (man bekam sogar fast regelmig die
Zeitung nach oben), frisch gewaschen, mit dem Zollstock in der Hand im
Graben begegneten, verglichen wir die Fortschritte unserer Abschnitte,
whrend sich das Gesprch um Stollenrahmen, Musterunterstnde,
Arbeitszeiten und hnliche Sachen drehte. Ich empfand abends, wenn ich mich
auf meine Pritsche legte, immer ein angenehmes Gefhl in dem Bewutsein,
den Erwartungen der Heimat an meinem Platze entsprochen zu haben, indem ich
mit aller Energie fr die Verteidigung meiner 200 Meter Schtzengraben und
fr das Wohl meiner 60 Mann gesorgt hatte.

Am 14. 3. schlug der Volltreffer einer 15-Zentimeter-Granate in unseren
rechten Nachbarabschnitt, ttete drei Mann und verwundete drei andere
schwer. -- Am 18. erhielt der Posten vor meinem Unterstande einen
Granatsplitter, der ihm die Backe aufri und einen Ohrzipfel abschlug. --
Am 19. wurde ein Mann am linken Flgel durch Kopfschu schwer verwundet. --
Am 23. fiel rechts neben meinem Unterstande der Fsilier L. durch
Kopfschu. Am selben Abend meldete mir ein Posten, da eine feindliche
Patrouille im Drahtverhau steckte. Ich verlie mit einigen Leuten den
Graben, konnte jedoch nichts feststellen.

Am 7. 4. Wurde am rechten Flgel ein Mann durch Gewehrgeschosplitter am
Kopfe verwundet. Diese Art von Verwundungen war bei uns infolge der beim
geringsten Aufprall zerschellenden englischen Munition sehr hufig. Am
Nachmittag wurde die Umgebung meines Unterstandes stundenlang mit schweren
Granaten beworfen. Mein Lichtschachtfenster wurde zum x-ten Male
zersplittert, und bei jeder Detonation flog ein Hagel von hartem Lehm durch
die ffnung, ohne uns indes beim Kaffeetrinken stren zu knnen.

Nachher hatten wir ein frmliches Duell mit einem tollkhnen Englnder,
dessen Kopf ber den Rand eines hchstens 100 Meter entfernten Grabens
schaute, und der eine Reihe haarscharf gezielter Schsse auf unsere
Schiescharten abgab. Ich erwiderte das Feuer mit einigen Leuten, doch
schlug sofort eine famos gezielte Kugel auf den Rand unserer Scharte, die
uns die Augen voll Sand spritzte und mich durch einen kleinen Splitter
unbedeutend am Hals verwundete. Wir lieen jedoch nicht locker, indem wir
auftauchten, kurz zielten und wieder verschwanden. Gleich darauf platzte
ein Gescho am Gewehre des Fsiliers Storch, dessen Gesicht durch
mindestens zehn Splitter getroffen, an allen Stellen blutete. Der nchste
Schu ri ein Stck aus dem Rand unserer Schiescharte; ein weiterer
zerschmetterte den Spiegel, mit dem wir beobachteten, doch hatten wir die
Genugtuung, da unser Gegner nach einigen genau auf der Lehmbank vor seinem
Gesicht aufgeschlagenen Geschossen spurlos verschwand. Gleich darauf scho
ich mit drei Schu K-Munition das Schutzschild, hinter dem dieser rabiate
Bursche immer wieder aufgetaucht war, ber den Haufen.

Am 9. 4. flogen zwei englische Flieger wiederholt dicht ber unsere
Stellung. Die ganze Grabenbesatzung strzte aus den Unterstnden und
erffnete ein rasendes Feuer. Ich sagte gerade zu dem neben mir stehenden
Leutnant Sievers: Wenn nur die Flankierungsbatterie nicht aufmerksam
wird! als uns auch schon die eisernen Fetzen um die Ohren flogen, und wir
in den nchsten Stollen sprangen. Sievers stand vorm Eingange, ich riet
ihm, weiter hineinzukommen und klatsch! sa ein handbreiter, noch
dampfender Splitter vor seinen Fen. Gleich darauf bekamen wir noch
etliche Schrapnellminen, die ber unseren Kpfen krepierten. Ein Mann wurde
durch einen nadelkopfgroen Splitter auf die Achsel getroffen, der trotz
seiner Kleinheit ziemlich schmerzhaft war. Ich antwortete mit einigen
Wurfminen, denn es war stillschweigende bereinkunft der Infanterie, sich
auf das Gewehr zu beschrnken. Die Anwendung von Sprengstoffen wurde unter
allen Umstnden im Verhltnis von mindestens 2:1 erwidert. Leider hatte der
Gegner meist so reichliche Munition, da uns zuerst der Atem ausging.

Auf diesen Schrecken tranken wir in Sievers' Unterstande einige Flaschen
Rotwein, die mich unversehens so in Stimmung brachten, da ich trotz hellen
Mondscheins ber Deckung zu meinem Domizil zurckspazierte. Bald verlor ich
die Richtung, geriet in einen riesigen Minentrichter und hrte im nahen
feindlichen Graben die Englnder arbeiten. Nachdem ich durch zwei
Handgranaten sehr ruhestrend gewirkt hatte, zog ich mich eiligst in
unseren Graben zurck, wobei ich noch in den aufgerichteten Stachel einer
unserer schnen, aus vier geschrften Eisenspitzen bestehenden Fuangeln
strzte. Es herrschte in diesen Tagen berhaupt lebhafte Ttigkeit vorm
Draht, die zuweilen eines gewissen blutigen Humors nicht entbehrte. So
wurde einer unserer Patrouillengnger von eigenen Leuten angeschossen, weil
er stotterte und den Paroleruf nicht schnell genug herausbringen konnte.
Ein anderes Mal stieg einer, der in Monchy bei der Kche die Mitternacht
gefeiert hatte, ber das Hindernis und erffnete ein selbstndiges
Schtzenfeuer gegen den eigenen Graben. Er wurde, nachdem er sich
verschossen hatte, hereingezogen und gehrig verprgelt.




Der Auftakt zur Somme-Offensive.


Mitte April 1916 wurde ich nach Croisilles, einem Stdtchen hinter der
Divisionsfront, zu einem Offizier-Ausbildungskursus kommandiert, der unter
persnlicher Leitung des Divisions-Kommandeurs, Generalmajor Sontag, stand.
Es wurde theoretischer und praktischer Unterricht in einer ganzen Reihe von
militrischen Fchern erteilt. Besonders fesselnd waren die taktischen
Ausritte unter dem Major von Jarotzky. Hufige Ausflge und Besichtigungen
der meist aus dem Boden gestampften Einrichtungen des Hinterlandes gaben
uns, die wir gewohnt waren, alles ber die Achsel anzusehen, was sich
hinter dem ersten Graben befand, einen Begriff von der unermelichen
Arbeit, die im Rcken der kmpfenden Truppe geleistet wurde. So besuchten
wir die Schlachterei, das Proviantdepot und die Geschtzreparaturstelle in
Boyelles, die Sgemhle und den Pionierpark im Walde von Bourlon, die
Molkerei, die Schweinezchterei und die Kadaververwertungsstelle in Inchy,
den Flugpark und die Bckerei in Quant. Sonntags fuhren wir in die
naheliegenden Stdte Cambrai, Douai und Valenciennes, um wieder mal Frauen
mit Hten zu sehen. -- Am 16. 6. wurden wir vom General wieder zur Truppe
entlassen mit einer kleinen Ansprache, aus der wir entnahmen, da sich eine
groe feindliche Offensive an der Westfront vorbereitete, deren linker
Flgel ungefhr unserer Stellung gegenberliegen sollte.

Da etwas in der Luft liegen mute, wurde uns auch nach der Rckkehr zum
Regiment klar, denn die Kameraden erzhlten von der zunehmenden Unruhe des
Gegners. Die Englnder hatten zweimal, allerdings ohne Erfolg, eine
Gewaltpatrouille gegen den Abschnitt C unternommen. Wir hatten uns durch
einen schwer vorbereiteten Angriff von drei Offizierspatrouillen auf das
sogen. Grabendreieck gercht und dabei eine ganze Anzahl von Gefangenen
gemacht. Whrend meiner Abwesenheit war Leutnant Wetje durch eine
Schrapnellkugel am Arme verwundet, bernahm jedoch bald nach meiner Ankunft
wieder die Fhrung der Kompagnie. Mein Unterstand hatte sich inzwischen
auch verndert, er war durch einen Treffer um die Hlfte kleiner geworden.

Am 20. 6. bekam ich den Auftrag, vorm feindlichen Graben zu lauschen, ob
der Gegner mit Minierarbeiten beschftigt wre und kletterte mit dem
Fhnrich Wohlgemut, dem Gefreiten Schmidt und dem Fsilier Parthenfelder um
11.30 ber unser eigenes, ziemlich hohes Drahtverhau. Wir gingen die erste
Strecke gebckt vor und krochen dann nebeneinander ber das dicht
bewucherte Vorfeld weiter. Tertianer-Erinnerungen aus Karl May kamen mir
ins Gedchtnis, als ich so auf dem Bauche durch betautes Gras und
Distelgestrpp rutschte, ngstlich bemht, jedes Rascheln zu vermeiden, da
sich 50 Meter vor uns der englische Graben als schwarzer Strich aus dem
Halbdunkel hob. Die Garbe eines entfernten Maschinengewehres klatschte fast
senkrecht um uns nieder; ab und zu fuhr eine Leuchtkugel hoch und warf ihr
kaltes Licht auf den unwirtlichen Flecken Erde.

Einmal ertnte hinter uns lebhaftes Rascheln, zwei Schatten huschten
zwischen den Grben dahin. Whrend wir uns bereitmachten, auf sie
loszustrzen, waren sie schon spurlos verschwunden. Gleich darauf verriet
der Donner von zwei Handgranaten im englischen Graben, da eigene Leute
unseren Weg gekreuzt hatten. Langsam krochen wir weiter vor.

Pltzlich krampfte sich die Hand des Fhnrichs um meinen Arm: Achtung
rechts, ganz nahe, leise, leise! Gleich darauf hrte ich zehn Meter rechts
von uns vielfaches Rauschen im Grase. Mit der blitzschnellen, logischen
Schrfe, die man in solchen Situationen entwickelt, bersah ich die Lage.
Wir waren die ganze Zeit am englischen Draht entlang gekrochen, der Feind
hatte uns gehrt und kam nun aus seinem Graben, um das Vorgelnde zu
untersuchen.

Unvergelich sind solche Augenblicke auf nchtlicher Schleiche. Auge und
Ohr sind bis zum uersten gespannt, das nher kommende Rauschen der
fremden Fe im hohen Grase nimmt eine merkwrdige, unheildrohende Strke
an, -- es fllt einen fast ganz aus. Der Atem geht stoweise; man mu sich
zwingen, sein keuchendes Wehen zu dmpfen. Mit kleinem, metallischem Knacks
springt die Sicherung der Pistole zurck; ein Ton, der wie ein Messer durch
die Nerven geht. Die Zhne knirschen auf der Zndschnur der Handgranate.
Der Zusammenprall mu kurz und mrderisch werden. Man zittert unter zwei
gewaltigen Sensationen: der gesteigerten Aufregung des Jgers und der Angst
des Wildes. Man ist eine Welt fr sich, vollgesogen von der dunklen,
entsetzlichen Stimmung, die ber dem wsten Gelnde lastet.

Eine Reihe verschwommener Gestalten tauchte dicht neben uns auf, Flstern
wehte herber. Wir wandten ihnen den Kopf zu; ich hrte, wie der Bayer
Parthenfelder auf die Klinge seines Dolches bi.

Sie kamen noch einige Schritte auf uns zu, fingen dann aber an, am Draht zu
arbeiten, ohne uns bemerkt zu haben. Wir krochen ganz langsam, sie immer im
Auge behaltend, zurck. Der Tod, der schon in ragender Erwartung zwischen
den Parteien gestanden hatte, entglitt mimutig. Nach einiger Zeit erhoben
wir uns und gingen aufrecht weiter, bis wir wohlbehalten in unserem
Abschnitt angekommen waren.

Der gute Ausgang dieses Ausfluges begeisterte uns zu dem Gedanken, einen
Gefangenen zu machen, und wir beschlossen, am nchsten Abend wieder
loszugehen. Am Nachmittage hatte ich mich deshalb gerade zur Ruhe gelegt,
als ich durch einen donnerartigen Krach in der Nhe meines Unterstandes
hochgeschreckt wurde. Die Englnder schickten Kugelminen herber, die trotz
dem geringen Abschugerusch von solcher Schwere waren, da ihre Splitter
die baumdicken Verschalungspfhle glatt abschlugen. Fluchend kletterte ich
von meinem coucher und begab mich in den Graben, um, wenn ich drben
wieder einen der schwarzen Stielblle seine bogenfrmige Laufbahn antreten
sah, mit dem Geschrei: Mine links zum nchsten Stollen zu sausen. Mit
Minen aller Gren und Arten wurden wir in den nchsten Wochen so ausgiebig
versorgt, da es uns Gewohnheit wurde, bei unseren Gngen durch den Graben
immer ein Auge in die Luft, das andere nach dem nchsten Stolleneingang zu
richten.

In der Nacht schlich ich also wieder mit drei Begleitern zwischen den
Grben herum. Wir robbten uns auf den Fuspitzen und Ellenbogen bis dicht
vor das englische Hindernis und verbargen uns dort hinter einzelstehenden
Grasbscheln. Nach einiger Zeit erschienen mehrere Englnder, die eine
Rolle Draht schleppten. Sie blieben dicht vor uns stehen, setzten die Rolle
ab, knipsten mit einer Drahtschere daran herum und unterhielten sich
flsternd. Wir schlngelten uns aneinander heran und fhrten im Hauchton
eine hastige Unterhaltung: Jetzt 'ne Handgranate dazwischen und dann auf
ihn! Mensch, das sind vier Mann! Hei hett de Bx all wedder gestrichen
vull! Quatsch doch nich! Leise, leise! Meine Warnung kam zu spt; als
ich hochsah, krochen die Englnder gerade wie die Eidechsen unter ihren
Draht und verschwanden im Graben. Nun wurde die Stimmung doch etwas schwl.
Der Gedanke: Gleich bringen sie ein M. G. in Stellung verursachte mir
einen faden Geschmack im Munde. Auch die anderen hegten hnliche
Befrchtungen. Wir rutschten unter groem Waffengerassel auf dem Bauche
nach rckwrts. Im englischen Graben wurde es lebhaft. Getrappel,
Geflster, Hin- und Herlaufen. Pschschscht . . . eine Leuchtkugel.
Ringsumher wurde es taghell, whrend wir uns bemhten, unsere Kpfe in
Grasbscheln zu verstecken. Noch eine Leuchtkugel. Peinliche Momente. Man
mchte in die Erde verschwinden und lieber an jedem anderen Orte sein, als
zehn Meter vorm feindlichen Graben. Noch eine. Peng! Peng! Der
unverkennbare scharfe, betubende Knall einiger aus nchster Entfernung
abgefeuerter Gewehrschsse. Oha! Wir sind entdeckt!

Wir schrien uns ohne weitere Rcksicht unsere Absicht, wegzulaufen, zu,
sprangen auf und rasten in dem nun losprasselnden Feuer auf unsere Stellung
zu. Nach einigen Stzen stolperte ich und schlug in einen kleinen, ganz
flachen Granattrichter, whrend die drei anderen, mich fr erledigt
haltend, an mir vorbeihetzten. Ich prete mich fest an den Boden, zog Kopf
und Beine ein und lie die Geschosse durch das hohe Gras ber mich
hinwegfegen. Ebenso unangenehm waren mir die glhenden Magnesiumklumpen der
herabfallenden Leuchtkugeln, die zum Teil dicht neben mir abbrannten.
Allmhlich wurde das Schieen schwcher, und nach einer weiteren
Viertelstunde verlie ich zunchst langsam, dann so schnell mich Fe und
Hnde tragen wollten, meinen Zufluchtsort. Da inzwischen der Mond
untergegangen war, verlor ich bald jede Orientierung und wute weder wo die
englische, noch wo die deutsche Seite sich befand. Nicht einmal die
charakteristische Ruine der Monchy-Mhle hob sich mehr vom Horizonte ab. Ab
und zu kam ein Gescho von der einen oder anderen Seite mit geradezu
bengstigender Rasanz durch die Gegend geflogen. Ich legte mich resigniert
ins Gras und beschlo, die Morgendmmerung abzuwarten. Pltzlich ertnte
dicht neben mir Gewisper. Ich nahm wieder Gefechtsbereitschaft ein und gab
als vorsichtiger Mann zunchst eine Reihe von Naturlauten ab, nach denen
ich ebenso gut ein Englnder als ein Deutscher sein konnte. Den ersten
englischen Zuruf beschlo ich mit einer Handgranate zu quittieren. Zu
meiner Freude stellte sich jedoch heraus, da ich meine Leute vor mir
hatte, die gerade beim Abschnallen der Koppel waren, um meine Leiche darauf
zurckzutragen. Wir saen noch eine Weile in dem Trichter zusammen und
freuten uns ber unser glckliches Wiedersehen. Dann begaben wir uns in
unseren Graben zurck, den wir nach dreistndiger Abwesenheit erreichten.

Am Morgen hatte ich schon wieder um 5 Uhr Grabendienst. Im Abschnitt des
ersten Zuges fand ich den Feldwebel H. vor seinem Unterstande. Alle ich
mich wunderte, ihn zu so frher Stunde zu sehen, erzhlte er mir, da er
beim Anstande auf eine groe Ratte wre, die ihm den Nachtschlaf raubte.
Dabei betrachtete er angelegentlich seinen lcherlich kleinen Unterstand,
den er Villa Leberecht Hhnchen getauft hatte.

Als wir so nebeneinander standen, hrten wir einen dumpfen Abschu, der
indes nichts Besonderes zu bedeuten hatte. H., der am Tage vorher beinahe
von einer groen Kugelmine erschlagen wre und daher sehr nervs war, fuhr
wie ein Blitz nach dem nchsten Stolleneingang, rutschte in seiner Hast die
ersten 15 Stufen sitzend hinunter und benutzte die letzten 15 dazu, sich
dreimal zu berschlagen. Ich stand oben am Eingang und verga vor Lachen
Mine und Stollen, als ich diese schmerzhafte Unterbrechung einer Rattenjagd
von dem armen Opfer unter empfindlichem Reiben verschiedener Krperstellen
beklagen hrte. Der Unglcksmensch gestand mir auch noch, da er gestern
gerade beim Abendbrot gesessen htte, als die Mine ankam. Erstlich wre
sein ganzes Essen versandet gewesen und er auerdem schon gestern recht
empfindlich die Treppe hinuntergefallen.

Nach dieser erheiternden Episode begab ich mich in meinen Unterstand,
sollte indes auch heute nicht zum erquickenden Schlummer kommen. Vom frhen
Morgen an wurde unser Graben in immer krzeren Zwischenrumen mit Minen
beworfen. Gegen Mittag wurde mir die Sache zu bunt. Ich machte mit einigen
Leuten unseren Lanzschen Minenwerfer fertig und nahm die feindlichen Grben
unter Feuer, eine allerdings etwas schwchliche Erwiderung der schweren
Geschosse, mit denen wir reichlich bedacht wurden. Schwitzend hockten wir
auf dem von der Junisonne heigebrannten Lehm einer kleinen Grabenmulde und
schickten Mine auf Mine nach drben. Da sich die Englnder durchaus nicht
stren lieen, begab ich mich mit Leutnant Wetje ans Telephon, wo wir nach
reiflicher berlegung folgenden Notruf erschallen lieen: Helene spuckt in
unseren Graben, lauter dicke Brocken, wir brauchen Kartoffeln, groe und
kleine! Dies Kauderwelsch wurde angewandt, um dem etwa mithrenden Gegner
nichts zu verraten; es kam dann auch bald vom Oberleutnant Deichmann die
trstliche Antwort, da sogleich der dicke Wachtmeister mit dem strammen
Schnurrbart nebst einigen kleinen Jungen nach vorn kommen wrde, und gleich
darauf sauste unsere erste Zwei-Zentner-Mine mit unerhrtem Krachen in den
feindlichen Graben, gefolgt von einigen Gruppen der Feldartillerie, so da
wir fr den Rest des Tages Ruhe hatten.

Am nchsten Mittag begann indes der Tanz in bedeutend schrferer Weise.
Beim ersten Schu begab ich mich durch meinen unterirdischen Gang in den
zweiten Graben und von dort in den Laufgraben, in dem wir unseren
Minenwerfer aufgebaut hatten. Wir erffneten das Feuer in der Weise, da
wir bei jeder ankommenden Kugelmine eine Lanz-Mine abschossen. Nachdem wir
ungefhr 40 Minen gewechselt hatten, schien sich der feindliche
Richtschtze auf uns persnlich einzuschieen. Bald schlugen einige
Geschosse rechts, andere links neben uns ein, ohne unsere Ttigkeit
unterbrechen zu knnen, bis eine gerade auf uns zukam. Wir rissen im
letzten Moment noch unsere Abzugsleine durch und liefen dann so schnell wie
mglich fort. Gerade war ich in einen schlammigen, drahtdurchzogenen Graben
gelangt, als das Unding dicht hinter mir krepierte. Der gewaltige Luftdruck
warf mich ber ein Bndel Stacheldraht in ein mit grnlichem Schlamm
geflltes Granatloch, whrend gleichzeitig ein Schauer harter Lehmklumpen
auf mich herabrasselte. Halb betubt und bel zugerichtet erhob ich mich.
Hose und Stiefel waren durch den Stacheldraht zerrissen, Gesicht, Hnde und
Uniform mit zhem Lehm berkleistert, und das Knie blutete aus einer langen
Schramme. Ziemlich abgekmpft schlich ich durch den Graben in meinen
Unterstand, um mich auszuruhen.

Sonst hatten die feindlichen Minen keinen groen Schaden angerichtet. Der
Graben war an einigen Stellen zerstrt, ein Priester-Minenwerfer
zerschmettert, und Villa Leberecht Hhnchen hatte durch einen Volltreffer
den Rest bekommen. Der unglckliche Besitzer hatte schon unten im Stollen
gesessen, sonst htte er wohl bei dieser Gelegenheit seinen dritten
Treppensturz vollfhrt.

Den ganzen Nachmittag ging die Schieerei ununterbrochen weiter und wurde
in den Abendstunden durch eine Unzahl zylindrischer Minen zum Trommelfeuer
gesteigert. Unsere Leute nannten diese walzenfrmigen Geschosse die
Waschkorb-Minen, da es manchmal den Eindruck machte, als wrden sie mit
Krben vom Himmel geschttet.

Wir saen mit gespannter Erwartung in den Stolleneingngen, bereit, jeden
Ankmmling mit Gewehr und Handgranate zu begren, jedoch flaute das Feuer
nach einer halben Stunde wieder ab. In der Nacht hatten wir noch zwei
Feuerberflle, whrend deren unsere Posten unerschtterlich auf ihren
Stnden Ausschau hielten, zu bestehen. Sowie das Feuer nachlie,
bestrahlten zahlreiche emporsteigende Leuchtkugeln die aus den Stollen
hervorstrzenden Verteidiger, und ein rasendes Feuer berzeugte den Feind
von der unbeugsamen Entschlossenheit hannverscher Fsiliere.

Trotz dem wahnsinnigen Feuer verloren wir nur einen Mann, dem durch eine
auf ein Schutzschild schlagende Mine der Schdel zerschmettert wurde. Ein
anderer wurde am Rcken verwundet.

Auch am Tage, der diese unruhige Nacht ablste, bereiteten uns zahlreiche
Feuerwirbel auf einen baldigen Angriff vor. Unser Graben wurde whrend
dieser Zeit kurz und klein geschossen und durch die zerschlagenen Hlzer
der Verschalung fast ungangbar gemacht, auch wurde eine Reihe von
Unterstnden eingedrckt.

Wir beschlossen, whrend der kommenden Nacht smtlich wach zu bleiben, und
verabredeten, da derjenige, der auf den Zuruf Hallo nicht seinen Namen
riefe, sofort niedergeschossen werden sollte. Jeder Offizier hatte seine
Leuchtpistole mit einer roten Kugel geladen, um die Artillerie unverzglich
verstndigen zu knnen.

Die Nacht wurde noch toller als die vorige. Besonders ein Feuerberfall um
2.15 Uhr bertraf alles Vorhergegangene. Rings um meinen Unterstand schlug
ein Hagel schwerer Geschosse ein. Wir standen in voller Bewaffnung auf der
Stollentreppe; das Licht der kleinen Kerzenstmpfe schimmerte vielfach an
den nassen, schimmligen Wnden. Durch die Eingnge strmte blauer Qualm,
Erde brckelte von der Decke. Wumm! Donnerwetter! Streichholz,
Streichholz! Alles fertigmachen! Das Herz schlug bis zum Halse.
Fliegende Hnde lsten die Kapseln der Handgranaten. Das war die letzte!
Rrraus! Als wir zum Ausgang strzten, ging noch eine Mine mit verzgerter
Zndung los und schleuderte uns durch ihren Luftdruck wieder zurck.
Trotzdem waren, whrend noch die letzten Eisenvgel herunterrauschten,
schon alle Postenstnde von der wackeren Mannschaft besetzt. Knatterndes
Schnellfeuer sprang auf, und Leuchtkugeln strahlten Mittagshelle auf das
mit dichten Rauchschwaden behngte Vorgelnde.

Als das Feuer schon verstummt war, erlitten wir noch einen Verlust. Der
Fsilier N. fiel pltzlich von seinem Postenstande und rollte polternd die
Stollentreppe herunter, mitten in den Kreis seiner unten versammelten
Kameraden. Als wir den unheimlichen Ankmmling untersuchten, fanden wir
eine kleine Wunde an der Stirn und eine blutende ffnung ber der rechten
Brustwarze. Es blieb uns unklar, ob die Verwundung oder der jhe Sturz
seinen Tod herbeigefhrt hatte.

Am Ende dieser Schreckenssnacht wurden wir von der 6. Kompagnie abgelst.
Mit jener eigentmlichen Mistimmung, die eine in der Morgensonne
strahlende Landschaft auf die erschpften, bernchtigten Nerven ausbt,
zogen wir durch die Laufgrben nach Monchy und von dort zu der sich vor dem
Waldrande von Adinfer hinziehenden zweiten Stellung, von wo wir einen
grandiosen Ausblick auf den ersten Auftakt zur Sommeschlacht hatten. Die
Frontabschnitte links von uns waren in weie und schwarze Rauchwolken
gehllt, turmhoch spritzte ein schwerer Einschlag neben dem anderen;
darber zuckten zu Hunderten die kurzen Blitze platzender Schrapnells.

Als wir am Abend endlich einmal ausschlafen wollten, bekamen wir Befehl, in
Monchy schwere Minen zu verladen und muten die ganze Nacht vergeblich auf
irgendeinen steckengebliebenen Wagen warten, whrend der Englnder mit M.
G.-Steilfeuer und die Strae hinunterfegenden Schrapnells verschiedene, zum
Glck erfolglose Attentate auf unser Leben ausbte.

In dieser Nacht gab mir der Gegner ein Beispiel seiner hchst sorgfltigen
Beobachtung. In der zweiten Stellung, ungefhr 2000 Meter vom Feinde, war
vor einem im Bau befindlichen Munitionsstollen ein Haufen Kreide
aufgeschichtet. Der Englnder zog daraus den leider richtigen Schlu, da
dieser Hgel in der Nacht verzogen wrde und scho eine Gruppe Schrapnells
darauf ab, durch die er wirklich drei Mann schwer verwundete.

Am Morgen wurde ich schon wieder durch den Befehl, meinen Zug zum Schanzen
in den Abschnitt C zu fhren, aus dem Schlaf gerissen. Meine Gruppen wurden
innerhalb der 6. Kompagnie verteilt. Ich ging mit einigen Leuten zum Walde
von Adinfer zurck, um sie beim Holzhauen anzustellen. Auf dem Rckwege zur
Stellung trat ich in meinen Unterstand, um dort ein halben Stndchen
auszuruhen. Doch umsonst, ich sollte in diesen Tagen keine ungestrte Ruhe
finden. Kaum hatte ich die Stiefel ausgezogen, als ich unsere Artillerie
vom Waldrande her merkwrdig lebhaft feuern hrte. Gleichzeitig erschien
mein Bursche Paulicke am Stolleneingang und schrie herunter: Gasangriff!

Ich ri die Gasmaske heraus, fuhr in die Stiefel, schnallte um, rannte nach
drauen und sah dort, wie eine riesige Gaswolke in dichten weilichen
Schwaden ber Monchy hing und sich auf den im Grunde liegenden Punkt 124
zuwlzte.

Da mein Zug zum grten Teil vorn in Stellung und ein Angriff sehr
wahrscheinlich war, gab es fr mich kein langes berlegen. Ich sprang ber
das Hindernis der zweiten Stellung, rannte vor und war bald mitten in der
Gaswolke. Ich setzte die Maske auf, ri sie aber gleich wieder herunter, da
ich so stark gelaufen war, da ich durch den Einsatz nicht gengend Luft
bekommen konnte; auch waren die Augenglser im Nu beschlagen und vollkommen
undurchsichtig. Da ich Bruststiche versprte, versuchte ich, die Wolke
wenigstens so schnell wie mglich zu durchqueren. Vor dem Dorfrande mute
ich noch einen Sperrfeuerriegel passieren, dessen Einschlge, von
zahlreichen Schrapnellwolken unterbrochen, eine lange, regelmige Kette
ber die verdeten, sonst nie betretenen Felder zog.

Artilleriefeuer in derartig offenem Gelnde, in dem man sich frei bewegen
kann, hat weder dieselbe tatschliche, noch moralische Wirkung wie in
Ortschaften oder Stellungen. So hatte ich im Nu die Feuerlinie hinter mich
gelegt und befand mich in Monchy, das unter einem tollen Schrapnellhagel
lag. Ein Schauer von Kugeln, Ausblsern und Zndern fegte durch das Gest
der Obstbume in den verwilderten Grten und klatschte gegen die Reste der
zerstrten Mauern.

In einem Unterstande der Grten sah ich meine Kompagnie-Kameraden Sievers
und Vogel sitzen; sie hatten ein loderndes Holzfeuer entzndet und beugten
sich ber die reinigende Flamme, um den Wirkungen des Chlors zu entgehen.
Ich leistete ihnen bei dieser Beschftigung Gesellschaft, bis das Feuer
abgeflaut war, und ging dann durch den Laufgraben 6 nach vorn. Da ich in
meinem unverbesserlichen Phlegma ganz langsam durch den Graben schlenderte,
begegnete es mir, da ich, nur 50 Meter vom Kompagniefhrer-Unterstande
entfernt, noch einmal in einen wahnsinnigen Feuerberfall geriet und, in
eine kleine Nische gedrckt, das Unwetter ber mich ergehen lassen mute.

Vorn waren alle Leute beschftigt, ihre Gewehre einzufetten, die durch das
Gas vollkommen geschwrzt waren. Ein Fhnrich zeigte mir wehmtig sein
neues Portepee, das seinen strahlenden Glanz eingebt und dafr ein
grnlich-schwarzes Aussehen angenommen hatte.

Da beim Gegner alles ruhig geblieben war, rckte ich mit meinen Gruppen
wieder ab. In Monchy sahen wir vor dem Revier eine Menge von Gaskranken
sitzen, die sich die Hnde in die Seiten preten, sthnten und wrgten,
whrend ihnen das Wasser aus den Augen lief. Die Sache war keineswegs
harmlos, denn einige von ihnen starben etliche Tage darauf nach furchtbaren
Schmerzen. Wir hatten einen Blasangriff von reinem Chlor auszuhalten
gehabt, einem Kampfgas, das durch tzen und Verbrennen der Lungen wirkt.
Auf dem Rckwege ging ich, um etwas zu kaufen, in die Kantine des II.
Bataillons und fand dort den betrbten Kantinenjngling inmitten eines
Haufens zerschlagener Waren vor. Eine Granate war durch die Decke gefahren,
im Laden krepiert und hatte seine Schtze in ein merkwrdiges Gemisch von
Marmelade, ausgelaufenen Konserven und Seife verwandelt. Er hatte gerade
mit echt preuischer Genauigkeit eine Unkostenaufstellung von 82 Mark und
58 Pfennig entworfen.

Am Abend wurde mein Zug, der bisher detachiert in der zweiten Stellung
gelegen hatte, der unsicheren Gefechtslage wegen bis in das Dorf vorgezogen
und bekam das Bergwerk als Aufenthaltsort angewiesen. Wir richteten uns die
zahlreichen Nischen als Lagerpltze ein und zndeten ein riesiges Feuer an,
dessen Rauch wir durch den Brunnenschacht abziehen lieen, sehr zum rger
einiger Kompagniekche, die beim Wasserholen fast erstickten. Da wir einen
krftigen Grog empfangen hatten, setzten wir uns rings um das Feuer auf die
Kreideblcke, sangen, tranken und rauchten.

Um Mitternacht ging im Gefechtsbogen von Monchy ein Hllenspektakel los.
Dutzende von Alarmglocken bimmelten, Hunderte von Gewehren knallten und
ununterbrochen stiegen grne und weie Leuchtkugeln hoch. Gleich darauf
setzte unser Sperrfeuer ein, schwere Minen krachten und zogen Schweife von
feurigen Funken hinter sich her. berall, wo im Trmmergewirr eine
Menschenseele hauste, erscholl der langgezogene Schrei: Gasangriff!
Gasangriff!

Im Scheine der Leuchtkugeln wlzte sich eine weiliche Gaswand durch das
Dorf. Da sich auch im Bergwerke ein starker Chlorgeruch bemerkbar machte,
zndeten wir vor den Eingngen groe Strohfeuer an, deren beizender Qualm
uns fast aus unserem Zufluchtsort vertrieb und uns zwang, die Luft durch
Schwenken von Mnteln und Zeltbahnen zu reinigen.

Am nchsten Morgen konnten wir im Dorfe die Spuren, die der Gasangriff
hinterlassen hatte, bestaunen. Ein groer Teil aller Pflanzen war verwelkt,
Schnecken und Maulwrfe lagen tot umher, und den in Monchy untergebrachten
Pferden der Meldereiter lief das Wasser aus Maul und Augen. Die berall
verstreuten Geschosse und Granatsplitter waren von einer schnen, grnen
Patina berzogen. Auch in dem weit zurckliegenden Douchy machte sich die
Gaswolke noch bemerkbar. Die Zivilisten, denen die Sache unheimlich wurde,
versammelten sich vor dem Quartier des Oberstleutnants von Oppen und
verlangten Gasmasken. Sie wurden auf Lastautos gesetzt und in weiter
zurckliegende Ortschaften transportiert.

Die nchste Nacht verbrachten wir wieder im Bergwerk; am Abend bekam ich
Nachricht, da um 4.15 Uhr Kaffee empfangen werden sollte, da ein
englischer berlufer ausgesagt htte, da um 5 Uhr angegriffen wrde.
Wirklich, kaum hatten mich am Morgen die zurckkehrenden Kaffeeholer aus
dem Schlaf gestrt, als der uns nicht mehr fremde Ruf Gasangriff!
erscholl. Drauen lag slicher Phosgengeruch in der Luft, und im
Monchy-Bogen tobte starkes Trommelfeuer, das jedoch bald abflaute.

Ein erquickender Morgen folgte dieser unruhigen Stunde. Aus dem Laufgraben
6 trat der Leutnant Brecht auf die Dorfstrae, einen blutigen Verband um
die Hand gewunden, von einem Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr und einem
gefangenen Englnder begleitet. Er wurde im Stabsquartier West im Triumph
empfangen und erzhlte folgendes:

Die Englnder hatten um 5 Uhr Gas- und Rauchwolken abgeblasen und
anschlieend den Graben stark mit Minen betrommelt. Unsere Leute waren wie
gewhnlich noch im Feuer aus Deckung gesprungen und hatten dabei ber 30
Verluste gehabt. Dann waren, in Rauchwolken verborgen, zwei starke
englische Patrouillen erschienen, von denen eine in den Graben eingedrungen
war und einen verwundeten Unteroffizier mitgenommen hatte. Die andere war
schon vor dem Drahtverhau zusammengeknallt worden. Ein einziger, der
bereits das Hindernis berwunden hatte, wurde von dem Leutnant Brecht, der
vorm Kriege ein Pflanzerleben in Amerika gefhrt hatte, an der Gurgel
gepackt und mit einem Come here, you son of a bitch! in Empfang genommen.
Dieser einzige wurde nun mit einem Glase Wein bewirtet und schaute mit halb
erschreckten, halb verwunderten Augen auf die eben noch menschenleere
Dorfstrae, die jetzt von Essenholern, Krankentrgern, Meldegngern und
Neugierigen wimmelte. Bald traf ein langer Zug von Bahren am Verbandsplatze
ein. Auch vom Abschnitt Sd kamen viele Verwundete, denn im
Kompagnieabschnitt E war ebenfalls eine starke Patrouille in den Graben
gedrungen. Ungefhr 50 Tragen, auf denen sthnende Menschen mit weien,
blutdurchtrnkten Verbnden lagen, waren vor einigen Wellblechbgen
aufgestellt, unter denen der Arzt seines Amtes waltete.

Ein junges Kerlchen, dessen blaue Lippen als schlimmes Vorzeichen aus einem
schneeweien Gesicht leuchteten, stammelte: Ich bin zu schwer . . . ich
werde nicht wieder . . . ich -- mu -- sterben. Ein dicker
Sanitts-Unteroffizier sah ihn mitleidig an und murmelte verschiedene Male
ein trstendes: Nun, nun, Kamerad!

Trotzdem der Englnder diesen kleinen Angriff, der hauptschlich Krfte von
uns zum Vorteil der Somme-Offensive binden sollte, durch zahlreiche
Minenberflle und Gaswolken vorbereitet hatte, fiel ihm dabei nur ein,
dazu verwundeter Gefangener in die Hnde, whrend er zahlreiche Tote vor
unserem Draht liegen lie. Unsere Verluste waren allerdings auch
betrchtlich, das Regiment verlor an diesem Vormittage ber 40 Tote,
darunter drei Offiziere.

Am nchsten Nachmittag rckten wir endlich wieder fr einige Tage nach
unserem lieben Douchy ab. Noch am selben Abend feierten wir den glcklichen
Verlauf dieser kleinen Aktion durch einige wohlverdiente Flaschen.

Am 1. Juli wurde uns die traurige Aufgabe, einen Teil unserer Toten auf
unserem Kirchhofe zu bestatten. 39 rohe Holzsrge wurden nach einer
ergreifenden Ansprache des Pfarrers Philippi, whrend der die Leute weinten
wie Kinder, in die Grube gesenkt. Der Pfarrer sprach ber den Text: Sie
haben einen guten Kampf gekmpft, und begann mit den Worten: Gibraltar,
das ist Euer Zeichen und frwahr, Ihr habt gestanden wie der Fels im
brandenden Meer![2]

In dieser ergreifenden Stunde wurde mir der hohe ethische Wert unserer
feierlichen Handlungen klar. Oft haben wir auf irgendeinem Schlachtfelde
die zehnfache Zahl von Kameraden liegen lassen mssen und waren von dem
Verlust doch nicht so tief gepackt, wie hier vor den offenen Grbern.

Whrend dieser Tage lernte ich die Leute erst recht schtzen, mit denen
zusammen ich noch drei Kampfjahre verbringen sollte.

In der ganzen Armee wird man keinen Mann finden, der so verllich, einfach
und ohne Phrase seine Pflicht tut wie der Niedersachse. Wenn es galt zu
zeigen: hier steht ein Mann und wenn es sein mu, fllt er hier, war jeder
bis zum letzten zur Stelle. --

Am Abend des 3. Juli rckten wir wieder nach vorn. Es war verhltnismig
ruhig, doch verrieten kleine Anzeichen, da noch etwas in der Luft liegen
mute. Bei der Mhle klopfte und hmmerte es leise und unaufhrlich. Oft
fingen wir verdchtige Ferngesprche ber Gasflaschen und Sprengungen, an
einen englischen Pionieroffizier in vorderer Linie gerichtet, auf. Vom
Morgengrauen bis zum letzten Tagesschimmer flogen feindliche Flugzeuge eine
dichte Luftsperre. Der Durchschnitt der tglichen Grabenbeschieung war
bedeutend strker als gewhnlich. Trotzdem wurden wir am 12. Juli abgelst,
ohne unangenehme Erlebnisse gehabt zu haben und blieben als Reserve in
Monchy.

Am 13. abends wurden unsere Unterstnde in den Grten durch ein
24-Zentimeter-Schiffsgeschtz beschossen, dessen gewaltige Granaten in
scharfer Flachbahn herangurgelten und mit wahrhaft furchtbaren: Knall
zerbarsten. In der Nacht wurden wir durch lebhaftes Feuer und einen
Gasangriff geweckt. Wir saen im Unterstande mit aufgesetzter Gasmaske um
den Ofen herum, bis auf Vogel, der seine Maske nicht finden konnte und
jammernd hin- und herlief, whrend einige schadenfrohe Gesellen vorgaben,
einen immer strkeren Gasgeruch zu verspren. Schlielich gab ich ihm meine
zweite Atempatrone, und er hockte eine Stunde lang wie ein Hufchen Unglck
hinter dem gewaltig qualmenden Ofen, hielt sich mit Jammermiene die Nase zu
und sog an seinem Einsatz.

Ein Angriff erfolgte in dieser Nacht nicht; trotzdem kostete die dumme
Geschichte dem Regiment 25 Tote und viele Verwundete. -- Am 15. und 17.
hatten wir zwei weitere Gasangriffe auszuhalten. Am 17. wurden wir abgelst
und hatten in Douchy zwei schwere Beschieungen zu bestehen. Eine
berraschte uns gerade whrend einer Offiziersbesprechung durch den Major
von Jarotzky in einem Obstgarten. Trotz der Gefahr bot es einen Anblick von
berwltigender Komik, zu sehen, wie die Gesellschaft auseinanderspritzte,
auf die Nase fiel, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Hecken
zwngte und blitzschnell in allen mglichen Deckungen verschwunden war.
Eine Granate ttete im Garten meines Quartiers ein achtjhriges kleines
Mdchen, das dort in einer Grube nach Abfllen suchte.

Am 20. Juli rckten wir in Stellung. Am 28. verabredete ich mich mit dem
Fhnrich Wohlgemut, den Gefreiten Bartels und Birkner zu einer Patrouille.
Wir hatten kein anderes Ziel im Auge, als etwas zwischen den Drhten
herumzustreichen und zu sehen, was uns das Niemandsland Neues brchte. Am
Nachmittag kam der mich ablsende Offizier der 6. Kompagnie, Leutnant
Brauns, zu Besuch in meinen Unterstand und brachte mehrere gute Flaschen
mit. Um  12 Uhr brachen wir die Sitzung ab; ich ging in den Graben, wo
meine drei Gefhrten schon im dunklen Winkel einer Schulterwehr
zusammenstanden. Nachdem ich mir einige trockene Handgranaten ausgesucht
hatte, kletterte ich in der frhlichsten Stimmung ber den Draht, whrend
Brauns mir ein Hals- und Bauchschu! nachrief.

Wir hatten uns in kurzer Zeit an das feindliche Hindernis herangepirscht.
Dicht davor entdeckten wir im hohen Grase einen ziemlich starken, gut
isolierten Draht. Ich hielt die Beobachtung fr wichtig und beauftragte
Wohlgemut, ein Stck davon abzuschneiden und mitzunehmen. Whrend er sich
in Ermangelung eines anderen Instruments mit seiner Zigarrenschere daran
abplagte, klirrte es direkt vor uns im Draht; einige Englnder tauchten auf
und begannen zu arbeiten, ohne unsere ins Gras gedrckten Gestalten
wahrzunehmen.

Der bsen Erfahrungen der vorigen Patrouille eingedenk, hauchte ich fast
unhrbar: Wohlgemut, Handgranate dazwischen! Herr Leutnant, ich glaube,
wir lassen sie noch etwas arbeiten! Direkter Befehl, Fhnrich!

Der Geist des preuischen Kasernenhofes verfehlte auch in dieser Einde
nicht seine mchtige Wirkung. Mit dem fatalen Gefhl eines Mannes, der sich
in ein sehr ungewisses Abenteuer eingelassen hat, hrte ich neben mir das
trockene Knistern der herausgerissenen Zndschnur und sah, wie Wohlgemut,
um sich mglichst wenig zu zeigen, die Handgranate ganz flach ber den
Boden rollen lie. Sie blieb im Gestrpp, beinahe zwischen den Englndern,
liegen, die nichts bemerkt zu haben schienen. Es vergingen einige Momente
hchster Spannung. Krrrach! Ein Blitz beleuchtete taumelnde Gestalten.
Mit dem Angriffsgebrll: You are prisoners! strzten wir uns wie Tiger in
die weie Wolke. Eine wste Szene wickelte sich in Bruchteilen von Sekunden
ab. Ich hielt meine Pistole mitten in ein Gesicht, das mir wie eine blasse
Maske aus der Dunkelheit entgegenleuchtete. Ein Schatten schlug mit
qukendem Aufschrei rcklings ins Drahtverhau. Links neben mir feuerte
Wohlgemut seine Pistole ab, whrend der Gefreite Bartels in seiner Erregung
blindlings eine Handgranate zwischen uns schleuderte.

Beim ersten Schu war mir das Magazin aus dem Pistolenkolben gesprungen.
Ich stand schreiend vor einem Englnder, der sich entsetzt mit dem Rcken
in den Stacheldraht prete und drckte immer wieder den Abzugsbgel zurck,
ohne da ein Schu ertnte. Es war wie ein Alpdruck. Im Graben vor uns
wurde es laut. Zurufe erschollen, ratternd setzte ein Maschinengewehr ein.
Wir sprangen zurck. Noch einmal blieb ich in einem Trichter stehen und
richtete die Pistole auf einen mir folgenden Schatten. Diesmal erwies sich
das Versagen als ein Glck, denn es war Birkner, den ich schon lngst
zurck glaubte.

Nun ging es in sausendem Laufe dem eigenen Graben zu. Vor unserem Draht
pfiffen die Geschosse schon so, da ich in einen wassergefllten,
drahtversponnenen Minentrichter springen mute. Auf schwingendem
Stacheldraht ber dem Wasserspiegel pendelnd, hrte ich mit gemischten
Gefhlen die Geschosse wie einen gewaltigen Immenschwarm ber mich
hinwegbrausen, whrend Drahtfetzen und Geschosplitter in die Bschung des
Trichters fegten. Nach einer halben Stunde, als sich das Feuer beruhigt
hatte, arbeitete ich mich ber unser Hindernis und sprang, von den Leuten
freudig begrt, in den Graben. Wohlgemut und Bartels waren schon da; nach
einer weiteren halben Stunde erschien auch Birkner. Alles freute sich ber
den glcklichen Ausgang und bedauerte nur, da uns der ersehnte Gefangene
auch diesmal entschlpft war. Da das Erlebnis an die Nerven gegangen war,
merkte ich erst, als ich im Unterstande zhneklappernd auf einer Pritsche
lag und trotz der Erschpfung keinen Schlaf finden konnte. Am nchsten
Morgen konnte ich kaum gehen, da sich ber mein eines Knie ein langer
Drahtri zog und in dem anderen ein Splitterchen der von Bartels
geschleuderten Handgranate steckte.

Diese kurzen, sportsmigen Sensationen waren indes ein gutes Mittel, den
Mut zu sthlen und die Eintnigkeit des Grabendaseins zu unterbrechen.

Am 11. 8. trieb sich im englischen Hintergelnde vor dem Dorfe
Berles-au-bois ein schwarzes Reitpferd herum, das von einem Landwehrmann
mit drei Schu zur Strecke gebracht wurde. Der englische Offizier, dem es
entlaufen war, wird bei diesem Anblick wohl kein sehr vergngtes Gesicht
gemacht haben. In der Nacht flog dem Fsilier S. der Mantel eines
Infanteriegeschosses ins Auge. Auch im Dorfe wurden die Verluste immer
hufiger, da die durch Artilleriefeuer rasierten Mauern immer weniger
Schutz vor den ins Blinde gesandten Garben der Maschinengewehre boten. Wir
begannen, das Dorf mit Grben zu durchziehen und an den gefhrlichsten
Stellen neue Mauern zu errichten.

Der 12. August war der lang ersehnte Tag, an dem ich zum zweiten Male
whrend des Krieges auf Urlaub fahren konnte. Kaum war ich jedoch zu Hause
wieder etwas warm geworden, als mir ein Telegramm nachgeflogen kam: Sofort
zurckkommen, Nheres erfragen bei Ortskommandantur Cambrai. Drei Stunden
spter sa ich im Zuge. Auf dem Wege zum Bahnhof schritten drei Mdchen an
mir vorber in hellen Kleidern, lachend, Tennisschlger unter dem Arm. Ein
strahlender Abschiedsgru des Lebens, an den ich drauen noch lange denken
mute.

Am 21. war ich wieder in der bekannten Gegend, deren Straen infolge des
Abmarsches der 111. und des Zuzuges einer neuen Division von Truppen
wimmelten. Das I. Bataillon lag in dem zwei Jahre spter von uns wieder
erstrmten Dorfe Ecoust-Saint-Main, wo ich mit acht anderen Offizieren die
Nacht auf dem Dachboden eines leer stehenden Hauses verbrachte.

Am Abend saen wir noch lange wach und tranken in Ermangelung von etwas
Strkerem den Kaffee, den uns zwei Franzsinnen im Nebenhause brauten. Wir
wuten, da es diesmal in eine Schlacht ging, wie sie die Weltgeschichte
noch nie gesehen hatte. Bald schwoll die erregte Unterhaltung zu einem
Gelrm, an dem alte Landsknechte oder friderizianische Grenadiere ihre
Freude gehabt htten. Nach einigen Tagen waren nur noch wenige Teilnehmer
dieser frhlichen Tafelrunde am Leben.

[Funote 2: Vgl. Anmerkung auf Seite V.]




Guillemont.


Am 23. August 1916 wurden wir in Lastautomobile verladen und fuhren bis Le
Mesnil. Obgleich wir schon erfahren hatten, da wir im damaligen Brennpunkt
der Sommeschlacht, dem Dorfe Guillemont, eingesetzt werden sollten, war die
Stimmung vorzglich. Scherzworte flogen unter allgemeinem Gelchter von
einem Auto zum andern. Von Le Mesnil marschierten wir nach Einbruch der
Dunkelheit bis Sailly-Saillisel, wo das Bataillon auf einer groen Wiese
die Tornister ablegte und Sturmgepck fertigmachte. Vor uns rollte und
donnerte ein Artilleriefeuer von nie geahnter Strke, tausend zuckende
Blitze hllten den westlichen Horizont in ein glhendes Flammenmeer.
Fortwhrend schleppten sich Verwundete mit bleichen, eingefallenen
Gesichtern zurck, oft jh von vorberrasselnden Geschtzen oder
Munitionskolonnen in den Straengraben gedrckt.

Ein Mann im Stahlhelm meldete sich bei mir, um meinen Zug in das berhmte
Stdtchen Combles zu fhren, wo wir vorlufig in Reserve bleiben sollten.
Neben ihm im Straengraben sitzend, fragte ich natrlich begierig nach den
Verhltnissen in Stellung und vernahm eine eintnige Erzhlung von
tagelangem Hocken in Granattrichtern ohne Verbindung und Annherungswege,
von unaufhrlichen Angriffen, von Leichenfeldern und wahnsinnigem Durst,
vom Verschmachten Verwundeter und anderem mehr. Das halb vom Stahlhelm
umrahmte, unbewegliche Gesicht und die monotone, vom Lrm der Front
begleitete Stimme machten den Eindruck unheimlichen Ernstes. Man merkte dem
Manne an, da er jeden Schrecken bis zur Verzweiflung durchgekostet und
dann verachten gelernt hatte. Nichts schien zurckgeblieben als eine groe
und mnnliche Gleichgltigkeit.

Wer fllt, bleibt liegen. Da kann keiner helfen. Niemand wei, ob er
lebend zurckkommt. Jeden Tag wird angegriffen, doch durch kommen sie
nicht. Jeder wei, da es auf Leben und Tod geht.

Mit solchen Leuten kann man kmpfen.

Wir schritten auf einer breiten Chaussee, die sich im Mondschein wie ein
weies Band ber das dunkle Gelnde spannte, dem Kanonendonner entgegen,
dessen verschlingendes Gebrll immer unermelicher wurde. Lasciate ogni
speranza! Bald schlugen die ersten Granaten rechts und links von unserem
Wege ein. Die Unterhaltung wurde leiser und verstummte zuletzt ganz. Jeder
lauschte mit jener seltsamen Spannung, die das ganze Fhlen und Denken auf
das Ohr konzentriert, dem gezogenen Heranheulen der Geschosse. Besonders
das Passieren von Frgicourt-Ferme, einer kleinen Husergruppe vor dem
Friedhof von Combles, die unter stndigem Feuer lag, war eine Nervenprobe.

Combles war, soweit wir in der Dunkelheit beobachten konnten, vllig
zerschossen. Groe Mengen von Holz zwischen den Trmmern und auf den Weg
geschleudertes Hausgert verrieten, da die Zerstrung ganz jungen Datums
sein mute. Nach dem bersteigen zahlreicher Schutthaufen, das durch eine
Reihe von Schrapnells beschleunigt wurde, erreichten wir unser Quartier,
ein groes, von Lchern durchsiebtes Haus, das ich mit drei Gruppen zum
Wohnsitze erwhlte, whrend meine beiden anderen Gruppen den Keller einer
gegenberliegenden Ruine bezogen.

Schon um 4 Uhr wurden wir von unserem aus Bettstcken zusammengesuchten
Lager geweckt, um Stahlhelme zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit fanden
wir in einer Kellernische einen Sack voll Kaffeebohnen, eine Entdeckung,
die eine eifrige Kaffeesiederei zur Folge hatte.

Nachdem ich gefrhstckt hatte, sah ich mich etwas im Orte um. In wenigen
Tagen hatte die Wirkung der schweren Artillerie ein friedliches
Etappenstdtchen in ein Bild des Grauens verwandelt. Ganze Huser waren
durch einen Treffer niedergestampft oder mitten auseinandergerissen, so da
die Zimmer und ihre Einrichtung wie Theaterkulissen ber dem Chaos
schwebten. Aus vielen Ruinen drang slicher Leichengeruch, denn der erste
Feuerberfall hatte eine Menge von Zivilisten unter den Trmmern ihrer
Wohnungen begraben. Vor der Schwelle einer Haustr lag ein totes kleines
Mdchen in einer roten Lache.

Ein stark beschossener Ort war der Platz vor der zerstrten Kirche
gegenber dem Eingang der Katakomben, eines uralten Hhlenganges mit
eingesprengten Nischen, in denen zusammengedrngt fast smtliche Stbe der
kmpfenden Truppen hausten. Es wurde erzhlt, da die Zivilisten bei Beginn
der Beschieung mit Hacken den vermauerten Zugang freigelegt htten, den
sie whrend der ganzen Besatzungszeit den Deutschen verheimlicht hatten.

Die Straen bestanden nur noch aus schmalen Trampelpfaden, die sich in
Schlangenlinien durch und ber gewaltige Hgel von Balken und Mauerwerk
wanden. In zerwhlten Grten verkam eine Unmenge von Frchten und Gemsen.

Nach dem Mittagessen, das wir uns in der Kche aus den im berflu
vorhandenen eisernen Portionen gekocht hatten und das natrlich durch einen
krftigen Kaffee beschlossen wurde, legte ich mich oben in einen Lehnstuhl.
Aus umherliegenden Briefen ersah ich, da das Haus dem Brauereibesitzer
Lesage gehrte. In dem Zimmer standen aufgerissene Schrnke und Kommoden,
ein umgestrzter Waschtisch, eine Nhmaschine und ein Kinderwagen. An den
Wnden hingen zerschlagene Bilder und Spiegel. Auf dem Boden waren in
meterhoher Unordnung herausgerissene Schubladen, Wsche, Korsetts, Bcher,
Zeitungen, Nachttische, Scherben, Flaschen, Notenbcher, Stuhlbeine, Rcke,
Mntel, Lampen, Gardinen, Fensterlden, aus den Angeln gerissene Tren,
Spitzen, Photographien, lgemlde, Albums, zerschmetterte Kisten,
Damenhte, Blumentpfe und zerfetzte Tapeten wirr ineinander verknult.

Durch die demolierten Fensterlden blickte man auf das von Granaten
zerpflgte Viereck eines verdeten Platzes, den das Gest zerfetzter Linden
bedeckte. Dieser Komplex von Eindrcken wurde noch verfinstert durch das
unaufhrliche Artilleriefeuer, das rings um den Ort tobte. Ab und zu
berbrllte der gigantische Einschlag einer 38-Zentimeter-Granate den Lrm.
Wolken von Splittern fegten dann durch Combles, klatschten gegen die Zweige
der Bume oder schlugen auf die wenigen noch stehenden Huser, da die
Schiefertafeln herabrollten.

Im Laufe des Nachmittags schwoll das Feuer zu solcher Strke, da nur noch
das Gefhl eines ungeheuren Getses verblieb, in dem jedes Einzelgerusch
verschluckt wurde. Von 7 Uhr an wurden der Platz und die umliegenden Huser
in Abstnden von halben Minuten mit 15-Zentimeter-Granaten beworfen. Es
waren viele Blindgnger darunter, die trotzdem noch die Huser ins
Schwanken brachten. Wir saen whrend der ganzen Zeit in unserem Keller auf
seidenbezogenen Sesseln rund um den Tisch, den Kopf in die Hnde gesttzt
und zhlten die Zeit zwischen den Einschlgen. Die Witzworte wurden immer
seltener, und endlich lie die Nervenanstrengung auch den Verwegensten
verstummen. Um 8 Uhr brach das Nebenhaus nach zwei Volltreffern zusammen.

Von 9 bis 10 Uhr nahm das Feuer eine wahnwitzige Wucht an. Die Erde wankte,
der Himmel schien ein brodelnder Riesenkessel.

Hunderte von schweren Batterien krachten um und in Combles, unzhlige
Granaten kreuzten sich heulend und fauchend ber uns. Alles war in dichten
Rauch gehllt, der von bunten Leuchtkugeln unheildrohend bestrahlt wurde.
Bei heftigsten Kopf- und Ohrenschmerzen konnten wir uns nur noch durch
abgerissene, gebrllte Worte verstndigen. Die Fhigkeit des logischen
Denkens und das Gefhl der Schwerkraft schienen aufgehoben. Man hatte das
Empfinden des Unentrinnbaren und unbedingt Notwendigen wie einem Ausbruch
der Elemente gegenber. Ein Unteroffizier des dritten Zuges wurde
tobschtig.

Um 10 Uhr beruhigte sich diese Fastnacht der Hlle allmhlich und ging in
ein ruhiges Trommelfeuer ber, in dem man allerdings den einzelnen Abschu
auch noch nicht wahrnehmen konnte.

Um 11 Uhr kam eine Ordonnanz und brachte Befehl, die Zge auf den
Kirchplatz zu fhren. Wir vereinigten uns daraufhin mit den beiden anderen
Zgen zum Abmarsch in Stellung. Um Verpflegung nach vorn zu bringen, war
noch ein vierter Zug unter Fhrung des Leutnants Sievers ausgeschieden.
Diese Leute umdrngten uns, whrend wir uns unter hastigen Zurufen an dem
gefhrlichen Ort sammelten und beluden uns mit den damals noch reichlich
vorhandenen Lebensmitteln. Sievers drngte mir ein Kochgeschirr voll Butter
auf, drckte mir zum Abschied die Hand und wnschte uns viel Glck.

Dann marschierten wir ab in Reihe zu einem hintereinander. Jeder hatte
Befehl, sich unbedingt hinter seinem Vordermann zu halten. Gleich am
Ortsausgang merkte unser Fhrer, da er sich verirrt hatte. Wir waren
gezwungen, bei starkem Schrapnellfeuer kehrtzumachen. Dann ging es, meist
im Laufschritt, an einem zur Orientierung ausgelegten, in kleine Teile
zerschossenen, weien Band entlang ber freies Feld. Oft muten wir gerade
an den belsten Stellen stehen bleiben, wenn der Fhrer die Richtung
verloren hatte. Dabei war es zur Aufrechterhaltung der Verbindung verboten,
sich hinzulegen.

Trotzdem waren pltzlich der erste und dritte Zug verschwunden. Weiter! In
einem heftig beschossenen Hohlweg stauten sich die Gruppen. Hinlegen! Ein
ekelhaft aufdringlicher Geruch belehrte uns, da diese Passage schon viele
Opfer gefordert hatte. Nach todbedrohtem Lauf gelangten wir in einen
zweiten Hohlweg, der den Unterstand des Kampftruppenkommandanten (K. T. K.)
barg, verrannten uns und machten im qualvollen Gedrnge nervser und
aufgeregter Menschen kehrt. Hchstens fnf Meter neben dem Leutnant Vogel
und mir schlug eine mittlere Granate mit dumpfem Krach auf die hintere
Bschung und bewarf uns mit gewaltigen Erdklumpen, whrend Todesschauer
ber unseren Rcken glitten. Endlich fand der Fhrer durch den Merkpunkt
einer aufflligen Leichengruppe den Weg wieder.

Weiter! Weiter! Leute brachen im Laufe zusammen, von uns hart bedroht, um
die letzte Kraftanspannung aus ihren erschpften Krpern zu pumpen.
Verwundete schlugen mit unbeachtetem Hilfeschrei rechts und links in die
Trichter. Weiter ging es, die Augen starr auf den Vordermann gerichtet,
durch einen knietiefen, von einer Kette riesiger Trichter gebildeten
Graben, in dem ein Toter neben dem anderen lag. Widerstrebend trat der Fu
auf die weichen, nachgebenden Krper. Auch der in den Weg strzende
Verwundete verfiel dem Schicksal, unter die Stiefel der weiter Hastenden
getreten zu werden.

Und immer dieser sliche Geruch! Auch meine Gefechtsordonnanz, der kleine
Schmidt, Begleiter auf mancher gefhrlichen Patrouille, begann zu taumeln.
Ich ri ihm das Gewehr aus der Hand, wobei der gute Junge sich selbst in
diesem Moment noch aus Hflichkeit struben wollte.

Endlich gelangten wir in die vordere Linie, die von eng in die Lcher
gekauerten Leuten besetzt war, deren tonlose Stimmen vor Freude zitterten,
als sie erfuhren, da die Ablsung da wre. Ein bayrischer Feldwebel
bergab mir mit einigen Worten Abschnitt und Leuchtpistole.

Mein Zugabschnitt bildete den rechten Flgel der Regimentsstellung und
bestand aus einem flachen, muldenartig zertrommelten Hohlweg, der ein paar
hundert Meter links von Guillemont und etwas nher rechts am Bois de Trnes
lag. Von der rechten Nachbartruppe, dem Infanterie-Regiment 76, trennte uns
ein 500 Meter breiter, unbesetzter Raum, in dem sich wegen des beraus
heftigen Feuers niemand aufhalten konnte.

Der bayerische Feldwebel war pltzlich spurlos verschwunden, und ich stand
ganz allein, meine Leuchtpistole in der Hand, mitten in dem unheimlichen
Trichtergelnde, das am Boden lagernde weie Nebelschwaden in ein noch
drohenderes und rtselhafteres Aussehen hllten. Hinter mir ertnte ein
andauerndes, unangenehmes Gerusch; ich stellte mit merkwrdiger
Objektivitt fest, da es von einem riesenhaften, in Zersetzung
bergehenden Leichnam herrhrte.

Da mir nicht einmal klar war, wo der Feind ungefhr sein knnte, begab ich
mich zu meinen Leuten und riet ihnen, sich auf das Schlimmste gefat zu
machen. Wir blieben alle wach; ich verbrachte die Nacht mit meinem Burschen
und meinen beiden Gefechtsordonnanzen in einem Fuchsloch von vielleicht
einem Kubikmeter Rauminhalt.

Als der Morgen graute, entschleierte sich die fremde Umgebung allmhlich
den staunenden Augen.

Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger, mit Uniformstcken,
Waffen und Toten gefllter Trichter; das umliegende Gelnde war, soweit der
Blick reichte, vllig von schweren Granaten umgewlzt. Nicht ein einziger
armseliger Grashalm zeigte sich dem suchenden Auge. Der zerwhlte
Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die
toten. Beim Graben von Deckungslchern bemerkten wir, da sie in Lagen
bereinander geschichtet waren. Eine Kompagnie nach der anderen war dicht
gedrngt im Trommelfeuer ausharrend vernichtet. Dann waren die Leichen
durch die von den Geschossen hochgeschleuderten Erdmassen verschttet, und
die nchste Kompagnie war an den Platz der Gefallenen getreten.

Der Hohlweg und das Gelnde dahinter lag voll Deutscher, das Gelnde davor
voll Englnder. Aus den Bschungen starrten Arme, Beine und Kpfe; vor
unseren Erdlchern lagen abgerissene Gliedmaen und Tote, ber die man zum
Teil, um dem steten Anblick der entstellten Gesichter zu entgehen, Mntel
oder Zeltbahnen geworfen hatte. Trotz der Hitze dachte niemand daran, die
Krper mit Erde zu bedecken.

Das Dorf Guillemont unterschied sich vom brigen Terrain nur dadurch, da
die Trichter infolge der zu Staub zermalmten Steine der Huser von
weilicherer Farbe waren. Vor uns lag der wie ein Kinderspielzeug
zerknllte Bahnhof von Guillemont und weiter hinten der in Spne zerrissene
Wald von Delville.

Kaum war der Tag hereingebrochen, als sich ein tieffliegender Englnder
heranschraubte und uns gleich einem Aasvogel ununterbrochen berkreiste,
whrend wir in unsere Lcher flohen und uns dort zusammenkauerten. Das
scharfe Auge des Beobachters mute uns trotzdem erspht haben, denn bald
ertnten von oben in kurzen Abstnden langgezogene, dumpfe Sirenentne.
Nach kurzer Zeit schien eine Batterie die Zeichen aufgenommen zu haben. Ein
schweres Flachbahngescho nach dem anderen sauste mit unglaublicher Wucht
heran. Wir hockten unttig in unseren Zufluchtsorten, ab und zu eine
Zigarre anzndend und wieder fortwerfend, gewrtig, jeden Augenblick
verschttet zu werden. Schmidts Rockrmel wurde durch einen groen Splitter
zerrissen.

Gleich beim dritten Schu wurde der Bewohner des Erdloches neben uns durch
einen ungeheuren Einschlag verschttet. Wir gruben ihn sofort wieder aus;
trotzdem war er durch den Druck der Erdmassen zu Tode erschpft, sein
Gesicht eingefallen und einem Totenkopf hnlich. Es war der Gefreite Simon.
Er war durch den Schaden klug geworden, denn wenn im Laufe des Tages Leute
bei Fliegersicht sich auer Deckung bewegten, vernahm man seine scheltende
Stimme und sah seine Faust aus einer ffnung seines zeltbahnverhangenen
Fuchsloches drohen.

Um 3 Uhr nachmittags kamen meine Posten von links und gaben an, sich nicht
mehr halten zu knnen, da ihre Lcher zusammengeschossen wren. Ich mute
meine ganze Rcksichtslosigkeit anwenden, um sie wieder auf ihre Pltze zu
bringen.

Kurz vor 10 Uhr abends setzte am linken Flgel des Regiments ein Feuersturm
ein, der nach 20 Minuten auch auf uns bergriff. Nach kurzer Zeit waren wir
vllig in Rauch und Staub gehllt, doch lagen die meisten Einschlge dicht
vor oder hinter dem Graben. Whrend des uns umbrausenden Orkans ging ich
den Abschnitt meines Zuges ab. Die Leute standen in steinerner
Unbeweglichkeit, das Gewehr in der Hand, am vorderen Hange des Hohlweges
und starrten in das Vorgelnde. Ab und zu beim Scheine einer Leuchtkugel
sah ich Stahlhelm an Stahlhelm, Seitengewehr an Seitengewehr blinken und
wurde von dem stolzen Gefhl erfllt, einer Handvoll Mnnern zu gebieten,
die vielleicht zermalmt, nicht aber besiegt werden konnten. In solchen
Augenblicken triumphiert der menschliche Geist ber die gewaltigsten
uerungen der Materie, der gebrechliche Krper stellt sich, vom Willen
gesthlt, dem furchtbarsten Gewitter entgegen.

Im linken Nachbarzuge wollte der Feldwebel H., der unglckliche
Rattenfnger von Monchy, eine weie Leuchtkugel abschieen, vergriff sich
indes und ein rotes Sperrfeuersignal zischte, von allen Seiten
weitergegeben, gen Himmel. Im Nu setzte unsere Artillerie ein, da es eine
Freude war. Eine Mrsergranate neben der anderen kam hoch aus den Lften
herabgeheult und zerschellte im Vorgelnde zu Splittern und Funken. Ein
Gemisch von Staub, stickigen Gasen und dem Dunsthauch aufgeschleuderter
Leichen braute aus den Trichtern.

Nach dieser Orgie der Vernichtung flutete das Feuer wieder auf sein
gewhnliches Niveau zurck, das es whrend der Nacht und des nchsten Tages
beibehielt. Der aufgeregte Griff eines einzelnen Mannes hatte die ganze
gewaltige Kriegsmaschinerie ausgelst.

H. war und blieb ein Unglcksmensch; er scho sich noch in derselben Nacht
beim Laden seiner Pistole eine Leuchtkugel in den Stiefelschaft und mute
mit schweren Brandwunden zurckgetragen werden. Am nchsten Tage regnete es
stark, was uns nicht unlieb war, da das ausgetrocknete Gefhl im Gaumen
nach dem Verschwinden des Staubes nicht mehr so qulend war und die groen,
blauschwarzen Fliegen, die sich in riesigen Klumpen an den sonnigen Stellen
gesammelt hatten, vertrieben wurden. Ich sa fast den ganzen Tag vor meinem
Fuchsloch auf dem Boden, rauchte und a trotz der Umgebung mit gutem
Appetit.

Am nchsten Vormittag erhielt der Fsilier Knicke meines Zuges von
irgendwoher einen Gewehrschu durch die Brust, der auch das Rckenmark
streifte, so da er die Beine nicht mehr bewegen konnte. Als ich nach ihm
sah, lag er sehr gefat in einem Erdloche. Er wurde am Abend durch das
Artilleriefeuer geschleppt, wobei er durch das hufige Deckungnehmen seiner
Trger noch ein Bein brach. Er starb auf dem Verbandplatze.

Am Nachmittag rief mich ein Mann meines Zuges und lie mich ber das
abgerissene Bein eines Englnders zum Bahnhof Guillemont visieren. Ich sah
durch einen flachen Laufgraben Hunderte von Englndern nach vorn eilen.
Durch das Gewehrfeuer von uns paar Leuten lieen sie sich nicht sonderlich
stren. Dieser Anblick war bezeichnend fr die Ungleichheit der Mittel, mit
denen wir kmpften. Htten wir dasselbe gewagt, so wren unsere Abteilungen
innerhalb weniger Minuten zusammengeschossen worden. Whrend nicht ein
Fesselballon von uns zu sehen war, standen auf englischer Seite gleich ber
30 auf einem Klumpen und beobachteten mit Argusaugen jede Bewegung, die
sich in dem zerstampften Gelnde zeigte, um sofort einen Eisenhagel dorthin
zu dirigieren.

Am Abend schnurrte mir noch ein groer Granatsplitter gegen den Magen, der
zum Glck ziemlich am Ende seiner Flugbahn war und nach einem krftigen
Schlage vor mein Koppelschlo zu Boden fiel.

Vor dem Abschnitt des ersten Zuges erschienen bei Einbruch der Dunkelheit
zwei englische Essenholer, die sich verlaufen hatten. Beide wurden auf
krzeste Entfernung niedergeschossen, der eine schlug mit dem Oberkrper in
den Hohlweg, whrend seine Beine auf der Bschung liegen blieben. Gefangene
zu machen war allen Leuten unerwnscht, denn wie sollte man sie durch die
Sperrfeuerzone bringen, in der man mit sich selbst schon so viel zu tun
hatte?

Gegen 1 Uhr nachts wurde ich von Schmidt aus wirrem Schlaf gerttelt.
Nervs fuhr ich hoch und griff nach dem Gewehr. Unsere Ablsung war
gekommen. Wir bergaben, was zu bergeben war, und verlieen so schnell wie
mglich diesen Ort des Teufels.

Kaum hatten wir den flachen Laufgraben erreicht, als die erste Gruppe
Schrapnells zwischen uns krepierte. Mein Vordermann taumelte infolge einer
Wunde am Handgelenk, aus der das Blut spritzte und wollte sich auf die
Seite legen. Ich packte ihn am Arm, ri ihn trotz seines Sthnens hoch und
gab ihn erst beim Sanittsunterstand neben dem K. T. K. ab.

In beiden Hohlwegen ging es scharf her. Wir kamen stark auer Atem. Die
schlimmste Ecke war ein Tal, in das wir gerieten, und in dem ununterbrochen
Schrapnells und leichte Granaten aufflammten. Brrruch! Brrruch! umkrachte
uns der eiserne Wirbel, einen Funkenregen in die Dunkelheit sprhend.
Huiiiii! Wieder eine Gruppe! Mir blieb der Atem aus, denn ich wute
Bruchteile von Sekunden vorher aus dem immer schrfer werdenden Heulen, da
der absteigende Ast der Geschokurve unmittelbar bei mir enden mute.
Gleich darauf wuchtete neben meiner Fusohle ein schwerer Aufschlag, weiche
Lehmfetzen hochschleudernd. Gerade diese Granate ging blind!

Hier war eine Mustergelegenheit, den Einflu des Offiziers geltend zu
machen. berall eilten ablsende und abgelste Trupps durch Nacht und
Feuer, zum Teil vllig verirrt, vor Aufregung und Erschpfung sthnend;
dazwischen erschollen Zurufe, Befehle und in eintniger Wiederholung die
langgezogenen Hilfeschreie im Trichtergelnde verlorener Verwundeter. Ich
gab Verirrten im Vorbeirasen Auskunft, zog Leute aus Granatlchern,
bedrohte die, die sich hinlegen wollten, schrie dauernd meinen Namen, um
alle zusammenzuhalten und brachte so meinen Zug wie durch ein Wunder nach
Combles.

Wir muten von Combles noch ber Sailly und die Gouvernements-Ferme zum
Walde von Hennois marschieren, in dem wir biwakieren sollten. Jetzt zeigte
sich unsere Erschpfung erst in vollem Mae. Den Kopf stumpfsinnig zu Boden
gerichtet, schlichen wir, oft von Automobilen oder Munitionskolonnen an die
Seite gedrckt, unsere Strae entlang. In einer Art von krankhafter
Nervositt war ich fest berzeugt, da die vorbeirasselnden Fahrzeuge nur
uns zum rger so scharf am Wegrande fuhren und berraschte meine Hand mehr
als einmal am Kolben des Revolvers.

Nach dem Marsche muten wir noch Zelte aufschlagen und konnten uns dann
erst auf den harten Boden werfen. Whrend unseres Aufenthaltes in diesem
Waldlager gingen gewaltige Regengsse nieder. Das Stroh in den Zelten
begann zu faulen, und viele Leute erkrankten. Wir fnf Kompagnieoffiziere
lieen uns durch die Nsse wenig stren, sondern saen jeden Abend auf
unseren Koffern im Zelte hinter einer Batterie von Flaschen zusammen.

Nach drei Tagen rckten wir wieder nach Combles ab, wo ich mit meinem Zug
vier kleinere Keller bezog.

Am ersten Morgen war es verhltnismig ruhig; ich machte daher einen
kleinen Spaziergang durch die verwsteten Grten und plnderte mit
kstlichen Pfirsichen behangene Spaliere. Bei meinen Irrgngen geriet ich
in ein von hohen Hecken umschlossenes Haus, das ein Liebhaber schner,
alter Sachen bewohnt haben mute. An den Wnden der Zimmer hing eine
Sammlung bemalter Teller, wie sie der Nordfranzose liebt, Weihwasserbecken,
Kupferstiche und holzgeschnitzte Heiligenbilder. In groen Schrnken
stapelte altes Porzellan, zierliche Lederbnde waren auf den Boden
geschleudert, darunter eine kstliche alte Ausgabe des Don Quijote. Es war
ein Jammer, all diese Schtze dem Verderben preisgegeben zu sehen.

Als ich in mein Domizil zurckkehrte, hatten die Leute, die auch ihrerseits
die Grten untersucht hatten, aus Gemse und Fleischkonserven, Kartoffeln,
Erbsen, Mhren, Artischocken und vielerlei Grnkram eine Suppe gebraut, in
der der Lffel stehen blieb. Whrend des Essens schlug eine Granate ins
Haus und drei in die Nhe, ohne uns weiter zu stren. Wir waren durch die
berflle der Eindrcke schon zu sehr abgestumpft. In dem Hause mute sich
schon Blutiges zugetragen haben, denn auf einem Schuttberg im Mittelzimmer
erhob sich ein rohgeschnitztes Kreuz mit einer Reihe ins Holz gegrabener
Namen. Am nchsten Mittag holte ich mir aus dem Hause des Porzellansammlers
einen Band der illustrierten Beilagen des Petit Journal, die in fast
jedem franzsischen Hause zu finden sind und von wster Geschmacklosigkeit
strotzen; dann setzte ich mich in ein erhaltenes Zimmer, entzndete im
Kamin aus Mbelstcken ein Feuerchen und begann zu lesen. Ich mute hufig
den Kopf schtteln, denn mir waren die zur Zeit der Faschoda-Affre
gedruckten Nummern in die Hnde geraten. Ungefhr um 7 Uhr hatte ich die
letzte Seite umgewandt und ging in den Vorraum vor dem Eingang des Kellers,
wo meine Leute an einem kleinen Herd kochten.

Kaum stand ich zwischen ihnen, gab es vor der Haustr einen scharfen Knall,
und im selben Moment sprte ich einen starken Schlag gegen meinen linken
Unterschenkel. Mit dem uralten Kriegerruf: Ich habe einen weg! sprang
ich, meine Shagpfeife im Munde, die Kellertreppe hinunter.

Es wurde rasch Licht angezndet und der Fall untersucht. In der
Wickelgamasche klaffte ein gezacktes Loch, aus dem ein Blutstrahl auf den
Boden sprang. Auf der anderen Seite erhob sich der rundliche Wulst einer
unter der Haut liegenden Schrapnellkugel. Meine Leute verbanden mich und
trugen mich ber die beschossene Strae in die Katakomben, wo mich unser
Oberstabsarzt in Empfang nahm. Whrend mir der herbeigeeilte Leutnant Wetje
den Kopf hielt, schnitt er mir mit Messer und Schere die Schrapnellkugel
heraus, wobei er mich beglckwnschte, denn das Blei war scharf zwischen
Schien- und Wadenbein hindurchgegangen, ohne einen Knochen zu verletzen.
Habent sua fata libelli et balli, meinte der alte Korpsstudent schmunzelnd,
indem er mich einem Sanitter zum Verbinden berlie.

Whrend ich bis zum Einbruch der Dunkelheit auf einer Bahre in einer Nische
der Katakomben lag, kamen zu meiner Freude viele meiner Leute, um Abschied
von mir zu nehmen. Auch mein verehrter Oberstleutnant von Oppen besuchte
mich fr kurze Zeit.

Am Abend wurde ich mit anderen Verwundeten an den Ortsausgang getragen und
dort in einen Sanittswagen geladen. Ohne auf das Geschrei der Insassen zu
achten, raste der Fahrer auf der unter starkem Feuer liegenden Chaussee
ber Trichter und andere Hindernisse hinweg und gab uns endlich an ein Auto
weiter, das uns bis zur Kirche des Dorfes Fins fuhr, die mit Hunderten von
Verwundeten belegt war. Eine Krankenschwester erzhlte mir, da in der
letzten Zeit mehr als 30000 Verwundete ber Fins abtransportiert wren. Von
dort kam ich nach St. Quentin, dessen Fensterscheiben vom unaufhrlichen
Donner der Schlacht zitterten, und dann im Lazarettzuge weiter nach Gera,
wo ich im Garnisonlazarett eine vorzgliche Pflege fand.

Von Kameraden der anderen Bataillone, die nach mir verwundet waren, erfuhr
ich das weitere Schicksal meiner Kompagnie, die am Tage nach meiner
Verwundung wieder in Stellung gerckt war. Nach verlustreichem Anmarsch und
zehnstndigem Trommelfeuer war sie infolge der groen Frontlcken von allen
Seiten angegriffen worden. Der kleine Schmidt, Fhnrich Wohlgemut,
Leutnants Vogel und Sievers, kurz, fast alle Kameraden hatten, bis zur
letzten Sekunde fechtend, den Tod gefunden. Nur wenige berlebende,
darunter Leutnant Wetje, waren dem Feinde in die Hnde gefallen; kein
einziger war nach Combles zurckgekehrt, um dort von dem Heldenkampfe, der
mit so unerhrter Erbitterung ausgefochten war, zu erzhlen. Selbst der
englische Heeresbericht erwhnte ehrend die Handvoll Mnner, die in eherner
Treue bei Guillemont gestanden hatten bis zuletzt.

Wenn ich mich auch des Zufallstreffers freute, der mich am Vorabend der
Schlacht wie durch ein Wunder dem sicheren Tode entrissen hatte, so htte
ich anderseits doch, so seltsam es manchem klingen mag, gern das Los der
Kameraden geteilt und mit ihnen vereint auch ber mich den eisernen Wrfel
des Krieges dahinrollen lassen. Stets hat mich, auf den Hhepunkten der
blutigen Schlachten, die ich noch erleben sollte, der strahlende,
unauslschliche Ruhm dieser Kmpfer gemahnt, mich der ehemaligen
Kameradschaft wrdig zu erweisen.

                   *       *       *       *       *

Die Tage von Guillemont machten mich zum ersten Male mit den verheerenden
Wirkungen der Materialschlacht bekannt. Wir muten uns ganz neuen Formen
des Krieges anpassen. Jede Verbindung der Truppe mit der Fhrung, der
Artillerie und den Anschluregimentern war durch das furchtbare Feuer
lahmgelegt. Die Meldelufer fielen dem Eisenhagel zum Opfer, der
Telephondraht war, kaum gezogen, bereits in kleine Stcke zerhackt. Selbst
die Blinkzeichen der Signallampen versagten in dem dampf- und
staubberwlkten Gelnde. Hinter der vorderen Linie erstreckte sich eine
kilometerbreite Zone, in der nur der Sprengstoff herrschte.

Selbst der Regimentsstab erfuhr erst, als wir nach drei Tagen zurckkamen,
wo wir eigentlich gelegen hatten und wie die Front verlief. Bei diesen
Verhltnissen war ein genaues Schieen der Artillerie ausgeschlossen.

Auch die Stellung der Englnder war uns vllig unklar, obwohl wir oft, ohne
es zu wissen, nur wenige Meter auseinander lagen. Manchmal lief ein Tommy,
der sich durch die Trichter tastete, wie eine Ameise durch einen Sandweg,
direkt in ein von uns besetztes Granatloch und umgekehrt, da unsere vordere
Linie nur aus einzelnen, verbindungslosen Stcken bestand, die man leicht
verfehlen konnte.

Das Landschaftsbild ist dem, der es geschaut, unvergelich. Vor kurzem
hatte diese Gegend doch noch aus Drfern, Wiesen, Wldern und Feldern
bestanden, und nun war buchstblich kein Strauch, kein winziges Hlmchen
mehr zu sehen. Jede Handbreit Bodens war umgewhlt und immer wieder
umgewhlt, die Bume entwurzelt, zerfetzt und zu Mulm zermahlen, die Huser
weggeblasen und zu Pulver zerstubt, Berge abgetragen und das Ackerland zur
Wste verwandelt.

In dieser Wstenei, umgeben von Toten und halbverdurstet, kmpften Mnner
tage- und wochenlang mit dem Bewutsein, im Falle einer Verwundung
rettungslos dem Tode des Verschmachtens preisgegeben zu sein.

An den im Verhltnis zur Breite der Angriffsfront ungeheuren Verlusten trug
die mit altpreuischer Zhigkeit durchgefhrte starre Lineartaktik die
Hauptschuld. Ein Bataillon nach dem andern wurde in die berfllte vordere
Linie geworfen und in wenigen Stunden zusammengetrommelt.

Erst recht spt sah man ein, da es so nicht weiter gehen konnte und hrte
auf, um wertlose Gelndestreifen zu kmpfen, um sich einer beweglicheren
Verteidigung, deren Hhepunkt die elastische Zonentaktik wurde, zuzuwenden.

Daher wurde nie wieder mit solch verbissener Erbitterung gekmpft wie
damals, wo man wochenlang um zerschossene Waldstcke oder unkenntliche
Ruinen rang. Der Name auch des kleinsten pikardischen Nestes erinnert an
unerhrte Heldenkmpfe, die wahrhaft einzig in der Weltgeschichte dastehen.
Erst dort sank die Blte unserer disziplinierten Jugend in den Staub.
Erhabene Werte, die das deutsche Volk gro gemacht hatten, leuchteten dort
noch einmal in blendendem Glanze auf, um langsam in einem Meere von Schlamm
und Blut zu erlschen.




Am St. Pierre-Vaast.


Nachdem ich 14 Tage im Lazarett und ebensoviele auf Urlaub verbracht hatte,
begab ich mich wieder zum Regiment, das in Stellung bei Deuxnouds, ganz
nahe der wohlbekannten Grande Tranche, lag. Es blieb nach meiner Ankunft
nur zwei Tage dort und die gleiche Zeit in dem idyllischen, altertmlichen
Bergneste Hattonchtel. Dann dampften wir vom Bahnhof Mars-la-Tour wieder
in der Richtung auf das Sommegebiet ab.

Wir wurden in Bohain ausgeladen und in dem naheliegenden Dorf Brancourt
untergebracht. Diese Gegend, die wir spter noch oft berhrten, ist von
Ackerbauern bewohnt, doch steht in fast jedem Hause ein Webstuhl. Die
Bevlkerung schien mir unsympathisch, schmutzig und auf geringer Kultur-
und Moralstufe stehend. Ich war in einem Huschen einquartiert, das durch
ein Ehepaar und seine Tochter bewohnt wurde. Man mu den Leuten lassen, da
sie mir fr mein gutes Geld vorzgliche Eierspeisen zubereiteten. Die
Tochter erzhlte mir gleich beim Antrittskaffee, da sie mit Poincar nach
seiner Rckkehr einen guten Kaffee trinken, das heit ihm ordentlich die
Meinung sagen wrde. Niemals habe ich jemand mit so groer
Zungengelufigkeit schimpfen hren wie diese filia hospitalis auf die
Anschuldigung einer Nachbarin hin, in einer gewissen Strae von St. Quentin
gewohnt zu haben. Ah, cette plure, cette pomme de terre pourrie, jete sur
un fumier, c'est la crme de la crme, sprudelte sie hervor, whrend sie
mit krallenartig vorgestreckten Hnden durch das Zimmer raste, ohne ein
Objekt fr ihre Wut finden zu knnen.

Am Morgen, wenn diese Rose von Brancourt mit der Zubereitung der Butter und
anderen huslichen Arbeiten beschftigt war, sah sie unglaublich wenig
einladend aus, doch nachmittags, wenn es galt, die Dorfstrae auf und ab zu
stolzieren oder Freundinnen zu besuchen, hatte sich die garstige Puppe in
einen prchtigen Schmetterling verwandelt. Mit einem gewissen Mitrauen
betrachtete ich immer eine groe Schachtel voll Reispuder, die dauernd auf
dem Tische stand und Wasser und Seife vllig zu ersetzen schien.

Ihr Vater bat mich eines Tages, ihm eine Anklageschrift an den
Ortskommandanten aufzusetzen, da ihn ein Nachbar an der Kehle gepackt,
geprgelt und unter dem Rufe: Demande pardon! mit dem Tode bedroht htte.

Derartige kleine Beobachtungen gaben mir die trstliche Versicherung, da
Nationalstolz auch in Frankreich keine Eigenschaft der Allgemeinheit ist.
Diese Erkenntnis half mir zwei Jahre spter ber den merkwrdigen Empfang
hinweg, den uns manche Volksgenossen nach vier Jahren ehrenvoller hrtester
Kmpfe in der Heimat zuteil werden lieen. Il y a des cochons partout.

Die zweite Kompagnie wurde nun durch den Leutnant Boje gefhrt. Wir
verlebten hier eine Reihe durch gute Kameradschaft verschnter Tage. Ich
mu gestehen, da wir oft bei schwerem Umtrunk zusammensaen, bis wir die
ganze Welt nur noch als ein lcherliches Phantom, das um unseren Tisch
kreiste, betrachteten. Auch aus dem Zimmer der Burschen drang meist ein
gewaltiger Lrm. Wer sich noch nie in der kurzen Zeitspanne zwischen zwei
mrderischen Schlachten befunden hat, mag darber absprechend urteilen, wir
gnnten jedenfalls uns und unseren Leuten aus vollem Herzen jede Stunde des
Rausches, die wir dem Leben abringen konnten, solange es uns noch in seinem
Kreise hielt.

Fr den kommenden Einsatz war ich als Sphoffizier bestimmt und stand mit
einem Sphtrupp und zwei Unteroffizieren und vier Mann der Division zur
Verfgung.

Am 8. November fuhr das Bataillon bei strmendem Regen nach dem von der
Zivilbevlkerung verlassenen Dorfe Gonnelieu. Von dort wurde der Sphtrupp
nach Liramont abkommandiert und dem Leiter des
Divisionsnachrichtendienstes, Rittmeister Bckelmann, unterstellt. Der
Rittmeister bewohnte mit uns vier Sphoffizieren, zwei
Beobachtungsoffizieren und seinem Adjutanten das gerumige Pfarrhaus, in
dessen gemtlich eingerichteten Zimmern ein kameradschaftliches
Zusammenleben gefhrt wurde.

Unsere Vorgnger machten uns mit der Stellung der Division vertraut. Wir
muten uns jede zweite Nacht nach vorn begeben. Unsere Aufgabe war, die
Stellung genau festzulegen, die Anschlsse zu prfen und uns berall zu
orientieren, um im Notfalle Truppen einweisen und eventuelle Auftrge
ausfhren zu knnen. Der mir als Arbeitsgebiet zugewiesene Abschnitt lag
links vom St. Pierre-Vaast-Walde, unmittelbar vor dem sogenannten
Namenlosen Walde. In der ersten Nacht geriet ich, nachdem ich beim
Durchstreifen eines vom Tortille-Bach durchflossenen Sumpfes fast ertrunken
wre, in eine dichte Geschowolke von Phosgengas, die mich trnenden Auges
zum Vaux-Walde zurckscheuchte, wobei ich, durch die beschlagene Gasmaske
geblendet, von einem Trichter in den anderen strzte.

Am 12. November trat ich, auf besseres Glck hoffend, mit dem Auftrage, die
Anschlsse in der Trichterstellung festzustellen, meinen zweiten Gang nach
vorn an. An einer in Erdlchern verborgenen Kette von Relaisposten strebte
ich meinem Ziele zu.

Die Trichterstellung trug ihren Namen zu Recht. Auf einem vor dem Dorfe
Rancourt liegenden Plateau waren zahllose Miniaturkrater verstreut, hier
und dort von einigen Leuten besetzt. Das Gelnde machte in seiner
Einsamkeit, in der nur das Pfeifen und Krachen der Geschosse ertnte, einen
Eindruck bengstigender de.

Nach einiger Zeit verlor ich den Anschlu an die Trichterlinie und ging
zurck, um nicht den Franzosen in die Hnde zu laufen. Ich stie dabei auf
einen bekannten Offizier vom Regiment 164, der mich warnte, in der
anbrechenden Dmmerung noch lnger zu verweilen. Ich durchschritt daher
eilig den Namenlosen Wald und stolperte durch tiefe Trichter, ber
entwurzelte Bume und ein fast undurchdringliches Gewirr herabgeschlagener
ste.

Als ich aus dem Waldrande trat, war es hell geworden. Das Trichterfeld lag
ohne eine Spur von Leben vor mir. Ich stutzte, denn in der modernen
Schlacht sind menschenleere Flchen stets verdchtig.

Pltzlich fiel ein von einem unsichtbaren Schtzen abgegebener Schu, der
mich an beiden Unterschenkeln traf. Ich warf mich in den nchsten Trichter
und verband die Wunden mit meinem Taschentuch, da ich meine Verbandpckchen
natrlich wieder vergessen hatte. Ein Gescho hatte mir die rechte Wade
durchbohrt und die linke gestreift.

Mit uerster Vorsicht kroch ich in den Wald zurck und humpelte von dort
durch das schwerbeschossene Gelnde zum Verbandplatz.

Kurz davor erlebte ich wieder ein Beispiel dafr, von wie kleinen Umstnden
das Glck im Kriege abhngt. Ungefhr 100 Meter vor einer Straenkreuzung,
auf die ich zustrebte, rief mich der Fhrer einer schanzenden Abteilung an,
mit dem ich in der 9. Kompagnie zusammen gefochten hatte. Kaum hatten wir
eine Minute gesprochen, als mitten auf der Kreuzung eine Granate krepierte,
die ohne diese zufllige Begegnung wahrscheinlich mich getroffen haben
wrde.

Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ich bis Nurlu auf einer Bahre getragen.
Der Rittmeister Bckelmann erwartete mich freundlicherweise mit einem Auto.
Auf der von feindlichen Scheinwerfern bestrahlten Chaussee zog der Fhrer
pltzlich den Bremshebel an. Ein dunkles Hindernis sperrte die Strae. Es
war eine Infanteriegruppe mit ihrem Fhrer, die soeben einem Volltreffer
zum Opfer gefallen war. Die im Tode vereint liegenden Kameraden hatten das
friedliche Aussehen stiller Schlfer.

Im Pfarrhause mute ich in den Keller getragen werden, da Liramont gerade
seinen Abendsegen bekam. Ich wurde am selben Abend in das Feldlazarett
Villeret und von dort zum Kriegslazarett Valenciennes transportiert.

Das Kriegslazarett war nahe dem Bahnhof im Gymnasium eingerichtet und
beherbergte ber 400 Schwerverwundete. Tag fr Tag verlie unter dumpfem
Trommelschlag ein Leichenzug das groe Portal. In dem weiten Operationssaal
konzentrierte sich der ganze Jammer des Krieges. An einer Reihe von
Operationstischen walteten die rzte ihres blutigen Handwerkes. Hier wurde
ein Glied amputiert, dort ein Schdel aufgemeielt oder ein festgewachsener
Verband gelst. Wimmern und Schmerzensschreie hallten durch den von
mitleidlosem Licht durchfluteten Raum, whrend weigekleidete Schwestern
geschftig mit Instrumenten oder Verbandzeug von einem Tisch zum andern
eilten.

Der Soldat, der nach solchem Anblicke wieder in alter Frische ins Feuer
geht, hat seine Nervenprobe bestanden, denn jeder neue, schreckliche
Eindruck krallt sich im Hirn fest und reiht sich an den lhmenden
Vorstellungskomplex, der die Zeitspanne zwischen Heranbrausen und Einschlag
der Eisenklumpen immer furchtbarer gestaltet.

Neben meinem Bette lag ein Feldwebel, der ein Bein verloren hatte, im
Sterben. In seiner letzten Stunde erwachte er aus wirren Fieberschauern und
lie sich von der Schwester sein Lieblingskapitel aus der Bibel vorlesen.
Dann bat er mit kaum hrbarer Stimme smtliche Stubengenossen um
Entschuldigung, da er sie durch seine Fieberdelirien so oft aus der Ruhe
gestrt htte und war in wenigen Minuten tot, nachdem er, um uns
aufzuheitern, noch versucht hatte, den komischen Dialekt unserer Ordonnanz
nachzuahmen.

Ich war froh, als ich halbgeheilt nach 14 Tagen diese Sttte gehuften
Elends verlassen konnte. Mit Stolz hatte ich von dem inzwischen so glnzend
durchgefhrten Sturm des Fsilier-Regiments gegen den St. Pierre-Vaast-Wald
gelesen.

Die 111. Division hatte noch dieselbe Stellung inne. Als mein Zug in Ephy
einrollte, ertnte eine Reihe von Explosionen. Verstreute verbeulte Trmmer
vom Gterwagen verrieten, da hier nicht gespat wurde.

Was ist denn hier los? fragte ein mir gegenbersitzender Hauptmann, der
anscheinend frisch aus der Heimat exportiert war. Ohne mich mit einer
Antwort aufzuhalten, ri ich die Tr des Abteils auf und nahm hinter dem
Bahndamm Deckung. Zum Glck waren diese Einschlge die letzten. Es waren
nur einige Pferde verwundet.

Da ich noch nicht gut marschieren konnte, wurde mir der Posten eines
Beobachtungsoffiziers bertragen. Die Beobachtung lag an dem abfallenden
Hang zwischen Nurlu und Moislains. Sie bestand aus einem in einen
Unterstand eingebauten Scherenfernrohr, durch das ich die mir wohlbekannte
vordere Linie beobachten konnte. Bei strkerem Feuer, bunten Leuchtkugeln
oder sonstigen besonderen Ereignissen war die Division telephonisch zu
benachrichtigen. Tagelang hockte ich frierend auf einem Sthlchen hinter
dem Doppelglase im Novembernebel ohne eine andere Abwechslung als ab und zu
eine Leitungsprobe. War der Draht zerschossen, so mute ich ihn durch
meinen Strungstrupp flicken lassen.

Das moderne Schlachtfeld gleicht einer ungeheuren, ruhenden Maschinerie, in
der ungezhlte verborgene Augen, Ohren und Arme unttig auf die eine Minute
lauern, auf die es allein ankommt. Dann fhrt als feurige Ouverture eine
einzelne rote Leuchtkugel aus irgendeinem Erdloche in die Hhe, tausend
Geschtze brllen zugleich auf, und mit einem Schlage beginnt das Werk der
Vernichtung, von unzhligen Hebeln getrieben, seinen zermalmenden Gang.

Befehle stiegen als Funken und Blitze durch ein engmaschiges Netz, um vorn
zu gesteigerter Vernichtung anzuspornen und von hinten in gleichmigem
Strome neue Menschen und neues Material in Bewegung zu setzen und in die
Brandung zu schleudern. Jeder fhlt sich wie durch einen Strudel von
weither durch einen rtselhaften Willen gepackt und mit unerbittlicher
Przision zu den Brennpunkten tdlichen Geschehens getrieben.

Nach je 24 Stunden lste mich ein anderer Offizier ab, und ich erholte mich
im nahen Nurlu, wo in einem groen Weinkeller ein verhltnismig bequemes
Quartier eingerichtet war. Ich erinnere mich noch manchmal der langen,
nachdenklichen Novemberabende, die ich, meine Pfeife rauchend, einsam vor
dem Kamin des kleinen, tonnenfrmigen Kellergewlbes verbrachte, whrend
drauen im verwsteten Park der Nebel von kahlen Bumen tropfte und in
langen Pausen ein widerhallender Einschlag die Stille unterbrach.

Am 18. November wurde die Division abgelst und ich stie wieder zum
Regiment, das im Dorfe Fresnoy-le-Grand in Ruhe lag. Ich bernahm dort fr
den beurlaubten Leutnant Boje die Fhrung der zweiten Kompagnie. In Fresnoy
hatte das Regiment vier Wochen ungestrter Ruhe, und jeder bemhte sich,
davon so viel als mglich zu profitieren. Weihnachten und Neujahr wurden
durch groe Kompagniefeste gefeiert, bei denen Bier und Grog in Strmen
flo. Es waren gerade noch fnf Mann in der zweiten Kompagnie, die das
vorige Weihnachtsfest mit mir zusammen in den Schtzengrben von Monchy
gefeiert hatten.

Ich bewohnte mit dem Fhnrich Gornick und meinem Bruder Fritz, der als
Fahnenjunker fr sechs Wochen zum Regiment gekommen war, den sogenannten
Salon und zwei Schlafzimmer eines franzsischen Kleinrentners. Wir machten
uns redlich lustig ber das spieige Ehepaar, das seine Plschmbel und
Markartbuketts sowie den im Hofe aufgestapelten Holzvorrat mit wahren
Argusaugen bewachte und mit den Burschen auf stndigem Kriegsfue lebte.

Der Becher wurde in dem kleinen Neste schlimmer denn je geschwungen. Wenn
man spt durch die engen Gassen schritt, hrte man berall aus
Mannschafts-, Unteroffiziers- und Offiziersquartieren das Gewirr frhlicher
Gelage. Im Kriege ist alles auf rcksichtslose Wirkung berechnet, daher kam
wohl auch die Vorliebe des Feldsoldaten fr den Alkohol in seinen
konzentrierten Formen. Der Verkehr mit der Zivilbevlkerung war teilweise
von unerwnschter Vertraulichkeit; Venus entzog dem Mars manchen Diener.

Der Dienst wurde selbstverstndlich sofort in altpreuischer Strammheit
aufgenommen, und es war ein vorzgliches Zeichen fr Fhrer und Truppe, da
nach 14 Tagen die Mannszucht wieder auf der alten Hhe stand.

In der ersten Woche fand eine Besichtigung durch den Divisionskommandeur,
Generalmajor Sontag, statt, bei der das Regiment fr seine hervorragende
Haltung beim Sturm auf den St. Pierre-Vaast-Wald gerhmt und mit
zahlreichen Auszeichnungen bedacht wurde. Als ich dem Divisionskommandeur
die zweite Kompagnie im Parademarsch vorfhrte, bemerkte ich, da der
Oberstleutnant v. Oppen dem General ber mich zu berichten schien. Einige
Stunden spter wurde ich zum Divisionsstabsquartier befohlen, wo mir der
General das Eiserne Kreuz I. Klasse berreichte.

Am 17. Januar 1917 wurde ich von Fresnoy fr vier Wochen nach dem
franzsischen Truppenbungsplatz Sisonne bei Laon zu einem
Kompagniefhrerkursus abkommandiert. Der Dienst wurde uns durch den Leiter
unserer Abteilung, den Hauptmann Funk, sehr angenehm gemacht, der es in
glnzender Weise verstand, das Wesen ber die starre Form zu stellen und
uns mit Interesse fr die Sache zu erfllen.

Die Verpflegung whrend dieser Zeit war wohl die kmmerlichste, die ich im
Kriege erlebt habe. Auf den Tischen unseres riesengroen Kasinos stand
whrend der ganzen vier Wochen selten etwas anderes als ein dnnes
Steckrbengemse. Dabei war der Dienst keineswegs leicht.




Der Somme-Rckzug.


Zum Regiment zurckgekehrt, das seit einigen Tagen bei den Ruinen von
Villers-Carbonnel in Stellung lag, bekam ich vertretungsweise die Fhrung
der 8. Kompagnie. Ruheort war Devise.

Wenn man von dort nach der Front marschierte, mute man die Somme-Niederung
bei den Drfern Brie und St. Christ berschreiten, deren trostlose
Verwstung inmitten der melancholischen Sumpflandschaft mich besonders
nachts in eine traurige Stimmung versetzte, wenn dunkle Wolkenfetzen ber
den Mondhimmel jagten und durch unheimliche Beleuchtungsdifferenzen den
Eindruck des Chaotischen verstrkten.

Die Stellung war whrend der letzten Zeit unseres Aufenthaltes zahlreichen
englischen Vorsten ausgesetzt, die mit unserer eifrig vorbereiteten
groen Rumung des Sommegebietes zusammenhingen. Der Gegner entsandte fast
jeden Morgen eine Kampfpatrouille gegen unsere Linie, um sich von unserer
Anwesenheit zu berzeugen. Ich bringe hier einige Erlebnisse der damaligen
Periode:

4. 3. 1917. Am Nachmittag herrschte des klaren Wetters wegen lebhafte
Feuerttigkeit. Besonders eine schwere Batterie ebnete unter
Ballonbeobachtung den Abschnitt meines 3. Zuges fast vollkommen ein. Um
meine Stellungskarte zu vervollstndigen, patschte ich am Nachmittag durch
den vollstndig versoffenen namenlosen Graben zum 3. Zuge. Whrend dieses
Weges sah ich vor uns eine riesige, gelbe Sonne zur Erde sinken, eine
lange, schwarze Rauchfahne nach sich ziehend. Ein schneidiger Flieger hatte
sich an den unangenehmen Fesselballon herangemacht und ihn in Brand
geschossen. Er entkam trotz rasendem Verfolgungsfeuer.

Am Abend kam der Gefreite Schnau zu mir und meldete, unter seinem
Gruppenunterstande schon seit vier Tagen ein pickendes Gerusch vernommen
zu haben. Ich gab diese Beobachtung weiter und bekam ein Pionierkommando
mit Horchapparaten gestellt, das allerdings nichts Verdchtiges wahrnahm.
Spter erfuhren wir, da damals die ganze Stellung unterminiert gewesen
sein soll.

Am 5. 3. nherte sich in den frhen Morgenstunden eine Patrouille unserem
Graben und begann, das Drahtverhau zu durchschneiden. Der Leutnant Eisen
eilte mit einigen Leuten auf die Meldung eines Postens herbei und warf
Handgranaten, worauf die Angreifer sich zur Flucht wandten und zwei Mann
liegen lieen. Der eine, ein junger Leutnant, starb gleich darauf; der
andere, ein Sergeant, war schwer an Arm und Bein verwundet. Aus den
Papieren des Offiziers ging hervor, da er den Namen Stokes trug und dem
Royal Munster 2. Fsilier-Regiment angehrte. Er war sehr gut angezogen,
und sein vom Tode verkrampftes Gesicht war intelligent und energisch
geschnitten. Wir begruben ihn hinter unserem Graben und setzten ihm ein
einfaches Kreuz. Ich ersah aus diesem Erlebnis, da nicht jeder
Patrouillengang so glcklich zu enden brauchte wie meine bisherigen.

Am nchsten Morgen griff der Englnder nach kurzer Artillerievorbereitung
den Abschnitt der Nachbarkompagnie, in dem der Leutnant Reinhardt
befehligte, mit 50 Mann an. Der Gegner hatte sich vor den Draht
geschlichen, und nachdem einer von ihnen mit einer am rmelaufschlag
befestigten Reibflche ein Lichtzeichen gegeben hatte, um die englischen
Maschinengewehre zum Schweigen zu bringen, war er gleichzeitig mit seinen
letzten Granaten gegen unseren Graben angelaufen. Alle hatten berute
Gesichter, um sich mglichst wenig von der Dunkelheit abzuheben.

Unsere Leute empfingen sie indessen so meisterhaft, da nur ein einziger in
den Graben gelangte. Dieser rannte gleich bis zur zweiten Linie durch, wo
er, nachdem er die Aufforderung, sich zu ergeben, nicht beachtet hatte,
niedergeschossen wurde. Den Draht zu berspringen, gelang nur einem
Leutnant und einem Sergeanten. Der Leutnant wurde, trotzdem er unter der
Uniform einen Panzer trug, erledigt, da ihm eine von Reinhardt  coup
portant entgegengesandte Pistolenkugel eine ganze Panzerplatte in den Leib
jagte. Dem Sergeanten wurden durch Handgranatensplitter beide Beine fast
abgerissen, trotzdem behielt er mit stoischer Ruhe seine kurze Pfeife bis
zum Tode zwischen den zusammengebissenen Zhnen.

Am Vormittag dieses erfolgreichen Morgens schlenderte ich durch meinen
Graben und sah auf einem Postenstande den Leutnant Pfaffendorf, der von
dort mit einem Scherenfernrohr das Feuer seiner Minenwerfer leitete. Ich
trat neben ihn und bemerkte sofort einen Englnder, der hinter der dritten
feindlichen Linie ber Deckung ging und sich in seiner khakibraunen Uniform
scharf vom Horizont abhob. Ich ri dem nchsten Posten das Gewehr aus der
Hand, stellte Visier 600, nahm den Mann scharf aufs Korn, hielt etwas vor
den Kopf und zog ab. Er tat noch drei Schritte, fiel dann auf den Rcken,
als ob ihm die Beine unter dem Leib fortgezogen wren, schlug ein paarmal
mit den Armen und rollte in ein Granatloch, aus dem wir durch das Glas noch
lange seinen braunen rmel leuchten sahen.

Am 9. 3. wurde unser Abschnitt mit schweren Granaten zugedeckt. Ich hatte
einen Toten und mehrere Verwundete. Der Eingang meines Stollens wurde wie
eine Streichholzschachtel zermalmt. Am Abend wurden wir abgelst und
marschierten nach Devise.

Am 13. bekam ich vom Oberst v. Oppen den ehrenvollen Auftrag, den
Kompagnieabschnitt mit einer Patrouille von zwei Gruppen bis zum vlligen
bergang des Regiments ber die Somme zu halten. Jeder der vier Abschnitte
in vorderer Linie sollte durch eine derartige Patrouille, deren Fhrung
energischen Offizieren bertragen war, besetzt werden. Die Abschnitte waren
vom rechten Flgel den Leutnants Reinhardt, Fischer, Lorek und mir
unterstellt. Die Drfer, die wir auf unserem Marsch nach vorn passierten,
hatten das Aussehen groer Tollhuser angenommen. Ganze Kompagnien stieen
und rissen Mauern um oder saen oben auf den Dchern und zertrmmerten die
Ziegel. Bume wurden gefllt, Scheiben zerschlagen, rings stiegen von
gewaltigen Schutthaufen Rauch und Staubwolken auf, kurz, es wurde eine
Orgie der Vernichtung gefeiert.

Man sah Leute in den von den Einwohnern zurckgelassenen Anzgen und
Frauenkleidern, Zylinderhte auf den Kpfen, voll unglaublichem Eifer
umherrasen. Sie fanden mit geradezu genialem Scharfsinn den Hauptbalken der
Huser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit dem taktmigen
Geschrei grter Anstrengung so lange, bis alles zusammenprasselte. Andere
schwangen gewaltige Hmmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg
kam, vom Blumentopfe vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen Glaskonstruktion
eines Wintergartens.

Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trmmerhaufen, jeder Baum
gefllt, jede Strae unterminiert, jeder Brunnen verpestet, jeder Flulauf
abgedmmt, jeder Keller gesprengt oder durch versteckte Bomben gefhrdet,
alle Vorrte oder Metalle zurckgeschafft, jede Schiene abmontiert, jeder
Telephondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt; kurz, das Land, das den
vordringenden Gegner erwartete, war in deste Wste verwandelt.

Die moralische Berechtigung dieser Zerstrungen ist viel umstritten, doch
scheint mir das chauvinistische Wutgeheul diesmal verstndlicher als der
befriedigte Beifall der Heimkrieger und Zeitungsschreiber. Wo tausende
friedlicher Menschen ihrer Heimat beraubt werden, mu das selbstgefllige
Machtgefhl schweigen.

ber die Notwendigkeit der Tat bin ich als preuischer Offizier natrlich
keinen Augenblick im Zweifel. Kriegfhren heit, den Gegner durch
rcksichtslose Kraftentfaltung zu vernichten suchen. Der Krieg ist der
Handwerke hrtestes, seine Meister drfen der Menschlichkeit nur so lange
das Herz ffnen, als sie nicht schaden kann.

Da diese Handlung, die die Stunde forderte, nicht schn war, tut nichts
zur Sache. Der aufmerksame Beobachter ersah es schon aus der Weise, in der
sich der objektive Fhrerwille bei der Mannschaft in eine Reihe von
niederen Instinkten umsetzte.

Am 13. verlie die zweite Kompagnie die Stellung, die ich mit meinen beiden
Gruppen bernahm. In dieser Nacht fiel ein Mann mit dem ominsen Namen
Kirchhof durch Kopfschu. Merkwrdigerweise war dieses Unglcksgescho das
einzige, das vom Gegner innerhalb mehrerer Stunden abgeschossen wurde.

Ich ordnete alles Mgliche an, um den Gegner ber unsere Strke zu
tuschen. Bald wurden hier, bald dort einige Schaufeln voll Erde ber
Deckung geworfen, und unser einziges Maschinengewehr mute bald vom
rechten, bald vom linken Flgel eine Reihe von Schssen abgeben. Trotzdem
klang unser Feuer recht dnn, wenn niedrigfliegende Beobachter die Stellung
berkreuzten oder eine Abteilung von Schanzern das feindliche Hinterland
durchquerte. Daher tauchten jede Nacht an verschiedenen Punkten vor unserem
Graben Patrouillen auf, die sich am Draht zu schaffen machten.

Am vorletzten Tage htte ich beinahe ein rgerliches Ende gefunden. Der
Blindgnger einer Ballonabwehrkanone sauste aus gewaltiger Hhe herunter
und explodierte auf der Schulterwehr, an die ich mich ahnungslos gelehnt
hatte. Ich wurde durch den Luftdruck genau in die gegenberliegende ffnung
eines Stollens geschleudert, wo ich mich uerst verdutzt wiederfand.

Am 17. morgens merkten wir, da ein Angriff nahe bevorstehen mute. Im
vorderen, sonst unbesetzten, stark verschlammten englischen Graben erklang
das Patschen vieler Stiefel. Das Lachen und Rufen einer starken Abteilung
verriet, da diese Leute sich auch innerlich gut angefeuchtet haben muten.
Dunkle Gestalten nherten sich unserem Draht und wurden durch Schsse
vertrieben, eine brach jammernd zusammen und blieb liegen. Ich zog meine
Leute igelfrmig um die Einmndung eines Laufgrabens zusammen und bemhte
mich, das Vorgelnde in dem pltzlich einsetzenden Artillerie- und
Minenfeuer durch Leuchtkugeln zu erhellen. Da uns die weien bald
ausgingen, jagten wir ein wahres Feuerwerk von bunten in die Luft. Als um 5
Uhr die Stunde der befehlsmigen Rumung anbrach, sprengten wir noch rasch
die Unterstnde mit Handgranaten auseinander, soweit wir sie nicht vorher
mit teilweise genial konstruierten Hllenmaschinen versehen hatten.

Zur festgesetzten Zeit zogen sich smtliche Patrouillen, teilweise schon in
Handgranatenkmpfe verwickelt, gegen die Somme zurck. Nachdem wir als die
Letzten die Niederung berschritten hatten, wurden die Brcken durch
Pionierkommandos in die Luft gesprengt. Auf unserer Stellung tobte noch
immer das Trommelfeuer. Erst nach einigen Stunden erschienen die ersten
feindlichen Patrouillen an der Somme. Wir zogen uns hinter die noch im Bau
befindliche Siegfriedstellung zurck; das Bataillon bezog Quartier in dem
am Canal de St. Quentin gelegenen Dorfe Lehaucourt. Ich bewohnte mit
meinem Burschen ein kleines, gemtliches Huschen, in dem der Hausrat der
verbannten Bewohner noch in Truhen und Schrnken aufgespeichert war. Als
bezeichnenden Zug fr das Wesen unserer Leute mchte ich anfhren, da mein
Bursche, der treue Knigge, trotz allem Zureden nicht zu bewegen war, sein
Nachtlager im warmen Wohnzimmer aufzuschlagen, sondern durchaus in der
kalten Kche schlafen wollte. Diese dem Niedersachsen eigene Zurckhaltung
machte dem Fhrer den Verkehr mit der Mannschaft leicht. Die Disziplin im
Regiment wurde erst von dem Tage an lockerer, an dem wir Angehrige anderer
Stmme als Ersatz einstellen muten.

Am ersten Ruheabend lud ich meine Freunde zu einem mit smtlichen vom
Hausbesitzer hinterlassenen Gewrzen gefeuerten Glhwein ein, denn unsere
Rckzugspatrouille hatte nicht nur das Lob aller Vorgesetzten, sondern auch
einen vierzehntgigen Urlaub zur Folge gehabt.




Im Dorfe Fresnoy.


Mein Urlaub, den ich einige Tage spter antrat, wurde diesmal nicht
unterbrochen. Am 9. April 1917 kam ich wieder bei der zweiten Kompagnie an,
die im Dorfe Merignies unweit Douai in Quartier lag. Die Wiedersehensfreude
wurde durch einen unerwarteten Alarm gestrt, der mir besonders durch den
Auftrag, den Gefechtstro nach Beaumont zu fhren, unangenehm wurde. Durch
Regenschauer und Schneegestber ritt ich an der Spitze der ber die
Chaussee schleichenden Wagenkolonne, bis wir um 1 Uhr nachts unser Ziel
erreicht hatten.

Nachdem ich Pferde und Leute aufs notdrftigste untergebracht hatte, ging
ich auf Suche nach einem Quartier fr mich, doch fand ich auch den
kleinsten Platz schon besetzt. Endlich kam ein Feldintendanturbeamter auf
den guten Gedanken, mir sein Bett anzubieten, da er am Telephon wachen
mute. Whrend ich mich mit Stiefeln und Sporen darauf warf, erzhlte er
mir, da die Englnder den Bayern die Vimy-Hhe und ein groes Stck
Gelnde abgenommen htten. Trotz seiner Gastfreundlichkeit mute ich
feststellen, da ihm die Verwandlung seines stillen Etappendrfchens in
einen Rendez-vous-Platz der Kampftruppen uerst unangenehm schien.

Am folgenden Morgen marschierte das Bataillon dem Kanonendonner entgegen
bis zum Dorfe Fresnoy. Dort bekam ich Befehl, eine Beobachtungsstelle zu
errichten. Ich suchte mir mit einigen Leuten am Westrande des Dorfes ein
Huschen aus, durch dessen Dach ich einen zur Front gerichteten Ausguck
schlagen lie. Unsere Wohngemcher verlegten wir in den Keller, bei dessen
Ausrumung uns als angenehmer Zuschu zu unserer uerst knappen
Verpflegung ein Sack Kartoffeln in die Hnde fiel. Auch schickte mir der
Leutnant Gornick, der das bereits gerumte Dorf Villerwal mit einem Zuge
als Feldwache besetzt hielt, als kameradschaftliches Geschenk aus den in
der Eile zurckgelassenen Bestnden eine groe Dose Leberwurst und einige
Flaschen Rotwein. Eine von mir sofort mit Kinderwagen und hnlichen
Transportmitteln ausgerstete Expedition zur Bergung dieser Schtze mute
leider unverrichteter Dinge wieder umkehren, da der Englnder den Dorfrand
bereits mit dichten Schtzenlinien erreicht hatte.

Am 14. April bekam ich den Auftrag, im Dorfe eine Nachrichtensammelstelle
zu errichten. Es waren mir zu diesem Zwecke Meldelufer, Radfahrer,
Telephone, Lichtsignalstation, Erdtelegraph, Brieftauben und eine
Leuchtpostenkette zur Verfgung gestellt. Ich suchte mir am Abend einen
passenden Keller mit eingebautem Stollen aus und begab mich dann zum
letztenmal in meine alte Wohnung am Westrande.

In der Nacht glaubte ich einige Male Krachen und Geschrei meines Burschen
zu hren, war aber so schlaftrunken, da ich nur murmelte: La man
schieen! und mich auf die andere Seite wlzte, trotzdem der ganze Raum
dicht voll Staub war. Am nchsten Morgen wurde ich durch den Neffen des
Obersts von Oppen, den kleinen Schultz, mit dem Rufe geweckt: Mensch,
wissen Sie noch gar nicht, da Ihr ganzes Haus zusammengeschossen ist? Als
ich aufstand und mir den Schaden besah, merkte ich, da eine schwere
Granate oben am Dache geplatzt war und smtliche Rume mit dem
Beobachtungsstande eingerissen hatte. Der Znder htte nur ein wenig grber
zu sein brauchen, und das Gescho htte uns im Keller an die Wnde geklebt.
Schultz erzhlte mir, da seine Ordonnanz beim Anblick des zerstrten
Hauses gesagt htte: Da hat doch gestern ein Leutnant drin gewohnt, wir
wollen doch mal sehen, ob der noch is. Mein Bursche war ganz auer sich
ber meinen unglaublich festen Schlaf.

Am Vormittag siedelten wir in unseren neuen Keller ber. Auf dem Wege
dorthin htten uns beinahe die Trmmer des einstrzenden Kirchturms
erschlagen, der von einem Pionierkommando sans faon in die Luft gesprengt
wurde, um der feindlichen Artillerie das Einschieen zu erschweren. In
einem Nachbardorfe hatte man sogar vergessen, einen Doppelposten zu
benachrichtigen, der aus der Turmluke beobachtete. Wunderbarerweise konnte
man die Leute unverletzt aus dem Geblk hervorziehen.

Wir richteten uns in unserem gerumigen Keller ganz leidlich ein, indem wir
Mbelstcke aus Schlo und Htte, die uns gerade praktisch erschienen,
zusammenschleppten.

Whrend der ganzen Tage spielte sich ber uns eine Reihe erbitterter
Fliegerkmpfe ab, die fast immer mit der Niederlage der Englnder endeten,
da die Kampfstaffel Richthofen ber der Gegend kreiste. Oft wurden fnf,
sechs Flugzeuge nacheinander auf den Boden gedrckt oder brennend
abgeschossen. Einmal sahen wir den Insassen in weitem Bogen herausfliegen
und als schwarzen Punkt von seiner Maschine getrennt zur Erde strzen. Das
Hinaufstarren barg allerdings auch seine Gefahren, so wurde zum Beispiel
ein Mann der 4. Kompagnie durch einen herabfallenden Splitter tdlich am
Halse getroffen.

Am 18. April besuchte ich die 2. Kompagnie in Stellung, die in einem um das
Dorf Arleux geschlungenen Frontbogen lag. Leutnant Boje erzhlte mir, da
er bislang nur einen einzigen Verwundeten gehabt htte, da das planmige
Einschieen der Englnder jedesmal eine Rumung der beschossenen Abschnitte
gestattete.

Nachdem ich ihm alles Gute gewnscht hatte, mute ich der stndig
einschlagenden schweren Granaten wegen das Dorf im Galopp verlassen. 300
Meter hinter Arleux blieb ich stehen und betrachtete die Wolken der
hochspritzenden Einschlge, die, je nachdem Ziegelmauern zermalmt oder
Gartenerde aufgeschleudert wurde, rot oder schwarz gefrbt waren, vermischt
mit dem zarten Wei platzender Schrapnells. Als jedoch einige Gruppen
leichter Granaten auf die schmalen Trampelpfade fielen, die Arleux mit
Fresnoy verspannen, verzichtete ich auf weitere Impressionen und rumte
eiligst das Feld, um mich nicht antten zu lassen, wie der damals gerade
bliche Fachausdruck der zweiten Kompagnie lautete.

Derartige Spaziergnge, die ich zum Teil bis zum Stdtchen Henin-Litard
ausdehnte, machte ich ziemlich oft, da in den ersten 14 Tagen trotz meines
groen Personals nicht eine einzige Meldung zu befrdern war.

Vom 20. April ab wurde Fresnoy durch ein 30,5-cm-Geschtz beschossen,
dessen Granaten mit geradezu infernalischem Fauchen heranheulten. Nach
jedem Einschlag war das Dorf in eine gewaltige, rotbraune Pikrinwolke
gehllt. Ein Mann der 9. Kompagnie, auf dem Schlohofe von einem derartigen
Gescho berrascht, wurde hoch ber die Bume des Parkes geschleudert und
brach beim Aufsturze smtliche Knochen.

An den Nachmittagen lag das Dorf unter dem Feuer verschiedenster Kaliber.
Trotz der Gefahr konnte ich mich nicht vom Dachfenster meines Quartiers
trennen, denn es war ein spannender Anblick, einzelne Abteilungen und
Meldegnger hastig und sich oft niederwerfend ber das beschossene Gelnde
eilen zu sehen, whrend rechts und links von ihnen der Boden aufwirbelte.

Von Tag zu Tag wurde die Artilleriettigkeit lebhafter und schlo jeden
Zweifel an einem baldigen Angriffe aus. Am 27. bekam ich um Mitternacht den
Fernspruch: 67 von 5 a. m., was nach unserem Zifferncode von 5 Uhr
vormittags an erhhte Alarmbereitschaft bedeutete.

Ich legte mich also, um den voraussichtlichen Anstrengungen gewachsen zu
sein, gleich nieder, doch als ich gerade beim Einschlafen war, schlug eine
Granate ins Haus, drckte die Wand der Kellertreppe ein und warf uns das
ganze Mauerwerk in den Raum. Wir sprangen hoch und eilten in den Stollen.

Als wir verdrossen und mde beim Scheine einer Kerze auf der Treppe
hockten, kam der Fhrer meiner Lichtsignalisten, deren Station nebst zwei
wertvollen Signallampen am Nachmittage zerschmettert war, angestrmt und
meldete: Herr Leutnant, der Keller von Haus Nr. 11 hat einen Volltreffer
bekommen, es liegen noch welche unter den Trmmern! Da ich im Haus Nr. 11
zwei Radfahrer und drei Telephonisten liegen hatte, eilte ich mit einigen
Leuten zu Hilfe.

Ich fand dort im Stollen einen Gefreiten und einen Verwundeten und erhielt
folgenden Bericht: Als die ersten Schsse verdchtig nahe einschlugen,
beschlossen vier von den fnf Bewohnern, sich in den Stollen zu begeben.
Der eine sprang gleich hinunter, einer blieb ruhig auf seinem Bette liegen,
whrend die brigen erst ihre Stiefel anzogen. Der Vorsichtigste und der
Gleichgltigste kamen, wie so oft im Kriege, gut davon, der eine ganz ohne
Verwundung, der Schlafende mit einem Splitter am Oberschenkel. Die drei
anderen wurden von der durch die Kellerwand fliegenden und in der
gegenberliegenden Ecke zerschellenden Granate zerrissen.

Nach dieser Erzhlung zndete ich mir fr alle Flle eine Zigarre an und
trat in den raucherfllten Raum, in dessen Mitte sich ein wster
Trmmerhaufen von zerschlagenen Bettstellen, Strohscken und anderen
Mbelstcken fast bis zur Decke emporwlbte. Nachdem wir einige Lichter
zwischen die Mauerfugen gesteckt hatten, machten wir uns an die traurige
Arbeit. Wir packten die aus den Trmmern ragenden Gliedmaen und zogen die
Leichen heraus. Dem einen war der Kopf abgeschlagen und der Hals sa am
Rumpf wie ein groer, blutiger Schwamm. Aus dem Armstumpf des zweiten ragte
der zersplitterte Knochen, und die Uniform war vom Blute einer groen
Brustwunde durchtrnkt. Dem dritten quollen die Eingeweide aus dem
aufgerissenen Leib. Als wir diesen herauszogen, stemmte sich ein
zersplittertes Brett mit hlichem Gerusch in die schauerliche Wunde. Die
eine Ordonnanz machte eine Bemerkung darber und wurde von meinem Burschen
mit den Worten: Swieg man stille, bi solchen Sachen hat Quasseln kein
Zweck! zur Ruhe verwiesen.

Ich nahm ein Verzeichnis der Wertsachen auf, die wir bei ihnen fanden. Es
war ein unheimliches Geschft. Die Kerzen flackerten rtlich durch den
dichten Dunst, whrend die beiden Leute mir Brieftaschen und silberne
Gegenstnde zureichten wie bei einer geheimen, dunklen Tat. Auf den
Gesichtern der Toten hatte sich das feine gelbe Ziegelmehl niedergeschlagen
und gab ihnen das starre Aussehen von Wachsmasken. Wir warfen Decken ber
sie und eilten aus dem Keller, nachdem wir unseren Verwundeten in eine
Zeltbahn gepackt hatten. Mit dem stoischen Rate: Bei die Zhne zusammen,
Kamerad! schleppten wir ihn durch ein wildes Schrapnellfeuer zum
Sanittsunterstand.

In meine Behausung zurckgekehrt, strkte ich mich zunchst durch eine
Reihe Sherry-Brandies, denn die Ereignisse waren mir doch auf die Nerven
gefallen. Bald bekamen wir wieder lebhaftes Feuer und versammelten uns
eiligst im Stollen, da uns allen das eben geschaute Beispiel von
Artilleriewirkung in Kellern noch deutlich vor Augen stand.

Um 5.14 Uhr schwoll das Feuer in wenigen Sekunden zu unerhrter Strke.
Unser Stollen wankte und zitterte wie ein Schiff auf strmischer See;
ringsum erdrhnte das Bersten von Mauerwerk und das Krachen der
zusammenstrzenden benachbarten Huser.

Um 7 Uhr fing ich einen Lichtspruch der Brigade an das zweite Bataillon
auf: Brigade will sofort Klarheit ber die Lage. Nach einer Stunde
brachte mir ein Meldelufer die Nachricht zurck: Feind besetzte Arleux,
Park von Arleux. Setzte achte Kompagnie zum Gegensto an, bislang keine
Nachricht. Rocholl, Hauptmann.

Dies war die einzige, allerdings sehr wichtige Nachricht, die ich mit
meinem riesigen Apparat von Verbindungsmitteln whrend der drei Wochen
meines Aufenthaltes in Fresnoy weitergab. Jetzt, wo meine Ttigkeit von
grtem Wert war, hatte mir die Artillerie fast alle Anlagen auer Gefecht
gesetzt. Das waren die Folgen der ber-Zentralisation.

Mir wurde durch diese berraschende Aufklrung verstndlich, warum schon
seit einiger Zeit aus ziemlicher Nhe abgefeuerte Infanteriegeschosse gegen
die Mauern klappten.

Kaum waren wir uns ber die groen Verluste des Regiments klar, als die
Beschieung mit erneuter Wucht einsetzte. Mein Bursche stand als letzter
noch auf der obersten Stollenstufe, als ein Donnerkrach ankndete, da es
dem Englnder endlich gelungen war, unseren Keller einzuschieen. Der
biedere Knigge bekam einen derben Kantstein auf den Buckel, nahm aber sonst
keinen Schaden. Oben war alles kurz und klein geschlagen. Das Tageslicht
blickte nur noch durch zwei in den Stolleneingang geprete Fahrrder zu uns
herab. Wir zogen uns ziemlich kleinlaut auf die unterste Stufe zurck,
whrend fortwhrend dumpfe Erschtterungen und Steingepolter uns von der
Unsicherheit unseres Asyles berzeugten.

Wie durch ein Wunder war das Telephon noch unbeschdigt; ich stellte dem
Chef des Divisionsmeldewesens unsere unzweckmige Lage vor und bekam
Befehl, mich mit den Leuten in den naheliegenden Sanittsstollen
zurckzuziehen.

Wir packten also unsere notwendigsten Sachen zusammen und schickten uns an,
den Stollen durch den zweiten noch erhaltenen Ausgang zu verlassen. Trotz
meiner energischen, durch unzweideutige Drohungen untersttzten Befehle
zgerten die wenig kriegsgewandten Leute der Fernsprechkompagnie so lange,
sich aus dem Schutze des Stollens ins Feuer zu begeben, bis auch dieser
Eingang, von einer schweren Granate zermalmt, krachend zusammenbrach. Zum
Glck wurde niemand getroffen, nur unser kleiner Hund heulte jmmerlich auf
und war von diesem Augenblick an verschwunden.

Wir rissen nun die den Ausgang zum Keller versperrenden Fahrrder zur
Seite, krochen auf allen Vieren ber den Trmmerhaufen hinweg und gewannen
durch eine enge Mauerspalte das Freie. Ohne uns mit der Betrachtung der
unglaublichen Verwandlung des Ortes innerhalb dieser wenigen Stunden
aufzuhalten, rannten wir dem Dorfausgang zu. Kaum hatte der Letzte das
Hoftor verlassen, als das Haus schon wieder durch einen mchtigen Einschlag
getroffen wurde.

Auf dem Gelnde zwischen dem Dorfrand und dem Sanittsstollen lag ein
kompakter Feuerriegel. Leichte und schwere Granaten mit Aufschlag-, Brenn-
und Verzgerungszndern, Blindgnger, Hohlblser und Schrapnells vereinten
sich zu einer Raserei akustischer und optischer Effekte. Dazwischen
strebten, rechts und links dem Hexenkessel des Dorfes ausweichend,
Untersttzungstrupps nach vorn.

In Fresnoy lste eine kirchturmhohe Erdsule die andere ab, jede Sekunde
schien die vorhergehende noch bertrumpfen zu wollen. Wie durch Zaubermacht
wurde ein Haus nach dem andern vom Erdboden eingesogen; Mauern brachen,
Giebel strzten, und kahle Sparrengerste wurden durch die Luft
geschleudert, die benachbarten Dcher abmhend. ber weilichen
Dampfschwaden tanzten Wolken von Splittern. Auge und Ohr hingen wie gebannt
an dieser wirbelnden Vernichtung.

Im Sanittsstollen verbrachten wir noch zwei Tage in qualvoller Enge, denn
auer von meinen Leuten wurde er noch von zwei Bataillonsstben,
Ablsungskommandos und den unvermeidlichen Versprengten bevlkert. Der
starke Verkehr vor den Eingngen blieb natrlich nicht unbemerkt. Bald
saen in Abstnden von einer Minute scharf gezielte Granaten auf dem
vorberfhrenden Feldwege und verwundeten alle Augenblicke ein paar Leute.
Ich bte durch diese unangenehme Schieerei vier Fahrrder ein, die wir
neben den Stolleneingang gelegt hatten. Sie wurden, zu seltsamen Gebilden
verbogen, in alle Winde geschleudert.

Vor dem Eingang lag steif und stumm in eine Zeltbahn gerollt, die groe
Hornbrille noch im Gesicht, der Fhrer der 8. Kompagnie, Leutnant Lemire,
den seine Leute hierher geschafft hatten. Er hatte einen Schu in den Mund
bekommen. Sein jngerer Bruder fiel einige Monate spter durch genau
dieselbe Verletzung.

Am 30. April bernahm mein Nachfolger von dem ablsenden Regiment Nr. 25
meine Geschfte, und wir rckten nach Flers, dem Sammelort des ersten
Bataillons, ab. Das Kalkwerk Chez-bon-temps mit seinen schweren
Einschlgen links liegenlassend, schlenderten wir seelenvergngt durch den
wunderschnen Nachmittag ber den Feldweg nach Beaumont. Die Augen genossen
wieder die Schnheit der Erde und die Lunge berauschte sich an der milden
Frhlingsluft, froh, der unertrglichen Enge des Stollenloches entronnen zu
sein. Den Kanonendonner im Rcken, empfand ich das Dichterwort nach:

   Frwahr ein Tag, von Gott gemacht,
   Zu besserm Ding als sich zu schlagen.

In Flers fand ich das mir zugewiesene Quartier von einigen Feldwebeln der
Etappe besetzt, die sich unter dem Vorwande, das Zimmer fr einen Freiherrn
von X. bewachen zu mssen, weigerten, Platz zu machen, jedoch nicht mit den
aufs uerste gespannten Nerven eines ermdeten Frontsoldaten rechneten.
Ich lie von meinen Begleitern kurzerhand die Tr einschlagen und nach
einem kleinen Handgemenge vor den Augen der erschreckt im Neglig
herbeigeeilten Hausbewohner flogen die Herren die Treppe hinunter. Mein
Bursche trieb die Hflichkeit sogar so weit, ihnen ihre langen Stiefel
nachzuschleudern. Nach diesem Angriffsgefecht bestieg ich das angewrmte
Bett, dessen Hlfte ich noch meinem ohne Quartier herumirrenden Freunde
Kius anbot. Der Schlaf in diesem langentbehrten Mbel tat uns so wohl, da
wir am nchsten Morgen in alter Frische erwachten.

Da das erste Bataillon whrend der verflossenen Kampftage die wenigsten
Verluste gehabt hatte, war die Stimmung vorzglich, als wir zum Bahnhof
Douai marschierten. Von dort fuhren wir bis zum Bahnknotenpunkt Busigny, in
dessen Nhe das Dorf Srain lag, wo wir uns einige Tage erholen sollten.
Wir fanden bei der freundlichen Bevlkerung gute Quartiere, und schon am
ersten Abend drang aus vielen Husern der frhliche Lrm
kameradschaftlicher Wiedersehensfeiern.

Dieses Trankopfer nach glcklich bestandener Schlacht zhlt zu den
schnsten Erinnerungen alter Krieger.

Und wenn zehn vom Dutzend gefallen waren, die letzten zwei fanden sich mit
tdlicher Sicherheit am ersten Ruheabend beim Becher, brachten den toten
Kameraden ein stilles Glas und besprachen scherzend die gemeinsamen
Erlebnisse. Den berstandenen Gefahren ein Landsknechtslachen, den
knftigen ein Schluck aus voller Flasche, ob Tod und Teufel dazu grinsten,
wenn nur der Wein gut war. So war von je rechter Kriegsbrauch.

Das hat mir vor allem den Offizierstisch wert gemacht. Hier, wo die
geistigen Trger und Vorkmpfer der Front zusammenkamen, konzentrierte sich
der Wille zum Siege und wurde Form in den Zgen wetterharter Gesichter.
Hier war ein Element lebendig, das die Wstheit des Krieges unterstrich und
doch vergeistigte, das man bei den Leuten, mit denen man zusammen in den
Trichtern lag, so selten fand, die sportsmige Freude an der Gefahr, der
ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Zum mindesten habe ich in
diesem viel verlsterten Kreise niemals ein Wort des Zagens vernommen.

Am nchsten Morgen erschien mein Bursche und las mir Befehle vor, aus denen
mir gegen Mittag klar wurde, da ich die Fhrung der vierten Kompagnie
bernehmen sollte. In dieser Kompagnie war im Herbst 1914 der
niederschsische Dichter Hermann Lns gefallen.




Gegen Inder.


Am 6. Mai 1917 waren wir schon wieder auf dem Marsche nach dem
wohlbekannten Brancourt, und am folgenden Tage rckten wir ber
Montbrhain, Ramicourt, Joncourt in die Siegfriedstellung, die wir erst vor
einem Monat verlassen hatten.

Der erste Abend war strmisch; starke Regenschauer prasselten unaufhrlich
auf das berschwemmte Gelnde nieder. Bald vershnte uns jedoch eine Reihe
von schnen, warmen Tagen mit unserem neuen Aufenthaltsort.

Unsere Stellung bildete einen halbmondfrmigen Vorsprung vor dem Kanal von
St. Quentin, dahinter lag die berhmte Siegfriedstellung. Es war mir
rtselhaft, warum wir uns in die engen, unvollkommenen Kreidegrben legen
muten, whrend wir das mchtige, riesenstarke Bollwerk hinter uns hatten.

Die vordere Linie schlngelte sich durch ein idyllisches, von kleinen
Baumgruppen beschattetes Wiesengelnde in den zarten Farben des ersten
Frhjahrs. Man konnte sich ungestraft hinter und vor den Grben bewegen, da
zahlreiche, kilometerweit vorgeschobene Feldwachen die Stellung sicherten.
Diese Postierungen waren dem Gegner ein Dorn im Auge, und es verging in
mancher Woche keine Nacht, wo er nicht hier oder dort mit List oder Gewalt
die kleinen Besatzungen zu vertreiben suchte.

Unsere erste Stellungsperiode verging jedoch in angenehmer Ruhe; die
Witterung war so schn, da die Leute die milden Nchte im Grase liegend
verbrachten. Am 14. Mai wurden wir von der achten Kompagnie abgelst und
rckten, das brennende St. Quentin zur Rechten, nach unserem Ruheort
Montbrhain, einem groen Dorfe, das noch wenig durch den Krieg gelitten
hatte und infolgedessen sehr gemtliche Quartiere aufwies. Am 20. besetzten
wir als Reservekompagnie die Siegfriedstellung. Wir hatten die reinste
Sommerfrische, tagsber saen wir in den zahlreichen in die Bschung
eingebauten Lauben oder badeten und ruderten im Kanal.

Der Nachteil solcher Idealstellungen ist der hufige Besuch von
Vorgesetzten, der gerade in den Schtzengrben am wenigsten geschtzt wird.
Allerdings hatte sich mein linker, an das Dorf Bellenglise grenzender
Flgel keineswegs ber Mangel an Feuer zu beklagen. Gleich am ersten Tage
bekam einer meiner Leute einen Schrapnellsteckschu in die rechte
Gesseite. Als ich auf diese Nachricht hin zur Unglcksstelle eilte, sa
er schon wieder ganz vergngt, die Sanitter erwartend, auf der linken
Seite, trank Kaffee und a eine riesige Marmeladenstulle dazu.

Am 25. Mai lsten wir die zwlfte Kompagnie in der Riqueval-Ferme ab. Diese
Ferme, ein ehemaliger groer Gutshof, diente jeweilig einer der vier
Stellungskompagnien zum Aufenthalt. Es waren mit je einer Gruppe drei im
Hintergelnde verstreute Maschinengewehrsttzpunkte zu besetzen. Diese
schachbrettartig hinter der Kampfstellung gruppierten Kampfnester waren die
ersten Versuche einer elastischen Verteidigung.

Die brigen Leute wurden des Nachts zum Schanzen nach vorn entsandt.

Die Ferme lag hchstens 1500 Meter hinter der vorderen Linie, trotzdem
waren ihre von einem verwachsenen Park umschlossenen Gebude noch vllig
unzerstrt. Sie war, da Stollen erst im Bau waren, auch dicht bewohnt. Die
blhenden Rotdorngnge des Parks und die anmutige Umgebung verliehen
unserem Dasein trotz der Nhe der Front eine Spur jenes heiteren
Lebensgenusses, den der Franzose unter seinem vie de campagne versteht.
In meinem Schlafzimmer hatte sich ein Schwalbenprchen eingenistet, das
schon in den frhesten Morgenstunden mit der geruschvollen Ftterung
seiner unersttlichen Nachkommenschaft begann.

Am 30. Mai hatte dieses Idyll fr mich ein Ende, denn der aus dem Lazarett
entlassene Leutnant Vogeley bernahm wieder die Fhrung der vierten
Kompagnie. Ich begab mich zu meiner alten zweiten Kompagnie, die jetzt
unter Fhrung eines Kavallerieleutnants stand, in den Schtzengraben.

Unser Abschnitt war von der Rmerstrae bis zum sogenannten
Artilleriegraben von zwei Zgen besetzt; der Kompagniefhrer lag mit dem
dritten hinter einem kleinen Hange ungefhr 200 Meter zurck. Dort erhob
sich auch eine winzige Bretterbude, die ich mit Leutnant Kius zusammen in
rhrendem Vertrauen auf die Stmperhaftigkeit der englischen Artilleristen
bewohnte. Die eine Seite war an einen kleinen, in der Schurichtung
verlaufenden Hang geklebt, die drei anderen boten dem Feinde trutzig die
Flanken. Jeden Tag, wenn der Morgengru angefegt kam, konnte man ungefhr
folgendes Zwiegesprch, das sich zwischen dem Besitzer der oberen und dem
der unteren Pritsche entspann, vernehmen:

Du, Ernst!

Hm?

Ich glaube, sie schieen!

Na, la uns man noch ein bichen liegen; ich glaube, das waren die
letzten.

Nach einer Viertelstunde:

Du, Oskar!

Ja?

Das hrt ja heute gar nicht mehr auf; ich glaube, eben ist eine
Schrapnellkugel durch die Wand geflogen. Wir wollen doch lieber aufstehen.
Der Artilleriebeobachter nebenan ist schon lange ausgerissen!

Die Stiefel hatten wir leichtsinnigerweise immer ausgezogen. Wenn wir
fertig waren, war es der Englnder meist auch, und wir konnten uns vergngt
an den lcherlich kleinen Tisch setzen, den von der Hitze sauer gewordenen
Kaffee trinken und die Morgenzigarre anznden. Nachmittags wurde vor der
Tr der englischen Artillerie zum Hohn ein Sonnenbad auf der Zeltbahn
genommen.

Auch sonst war unsere Bude uerst kurzweilig. Wenn man im dolce far niente
auf der Drahtpritsche lag, pendelten riesige Regenwrmer an der Erdwand,
die bei Strungen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit in ihre Lcher
schossen. Ein grmlicher Maulwurf schnffelte ab und zu aus seinem Bau
heraus und trug viel zur Belebung unserer ausgedehnten Siesta bei.

Am 12. Juni mute ich mit 20 Mann die zum Kompagnieabschnitt gehrige
Feldwache besetzen. Zu spter Stunde verlieen wir die Stellung und
schritten auf einem Trampelpfade, der sich durch das wellige Gelnde
schlngelte, in den lauen Abend. Die Dmmerung war so weit vorgeschritten,
da der rote Mohn auf den verwilderten Feldern mit dem hellgrnen Grase in
einem merkwrdig satten Farbenton zusammenschmolz. Wir schlenderten, jeder
mit seinen Gedanken beschftigt, mit umgehngtem Gewehr lautlos ber den
blumigen Teppich und hatten nach 20 Minuten unser Ziel erreicht. Flsternd
wurde die Wache bergeben, leise die Posten aufgestellt, dann entschwand
die abgelste Mannschaft im Dunkel.

Die Feldwache lehnte sich an einen kleinen Steilhang. Im Rcken flo ein
wirr verwachsenes Waldstck in die Nacht, vom Hange durch einen 100 Meter
breiten Wiesenstreifen getrennt. Davor und in der rechten Flanke erhoben
sich zwei Hgel, auf denen die englische Linie verlief. Zwischen diesen
Hgeln fhrte ein Hohlweg zum Gegner.

Dort traf ich beim Abgeben meiner Posten den Vizefeldwebel Hackmann mit
einigen Leuten der siebenten Kompagnie im Begriff, eine Patrouille zu
machen. Ich schlo mich ihnen als Schlachtenbummler an, trotzdem ich
eigentlich meine Feldwache nicht verlassen durfte.

Wir berschritten, indem wir eine von mir erfundene Methode des Vorgehens
anwandten, zwei den Weg sperrende Drahtverhaue und gelangten,
seltsamerweise ohne auf einen Posten zu stoen, ber den Hgelkamm, auf dem
wir rechts und links vor uns Englnder schanzen hrten. Spter wurde mir
klar, da der Gegner seine Postierungen zurckgezogen hatte, um sie nicht
bei dem Feuerberfall auf unsere Feldwache, von dem ich gleich berichten
werde, in Mitleidenschaft zu ziehen.

Meine eben erwhnte Art des Vorgehens bestand darin, da ich in einem
Gelnde, in dem wir jeden Augenblick auf den Feind stoen muten, die
Patrouillenteilnehmer abwechselnd vorkriechen lie. So befand sich zur Zeit
immer nur einer, den sich das Fatum auswhlen mochte, in der Gefahr, von
einem lauernden Schtzen erschossen zu werden, whrend die anderen
geschlossen weiter hinten zum Eingreifen bereit waren. Ich pflegte mich
natrlich fr meine Person von diesem Amte niemals auszuschlieen, trotzdem
ich meine Anwesenheit bei der Patrouille selbst fr wichtiger hielt. Indes
mu der Frontoffizier im Kriege manchmal aus Rcksichten subjektiver Art
taktische Fehler begehen.

Wir umschlichen mehrere schanzende Abteilungen, die leider durch dichte
Hindernisse von uns getrennt waren. Nachdem der Vorschlag des etwas
exzentrischen Feldwebels, sich als berlufer auszugeben und so lange zu
verhandeln, bis wir den ersten feindlichen Posten umgangen htten, in einer
kurzen Beratung verworfen war, pirschten wir uns mimutig zur Feldwache
zurck.

Dort setzte ich mich am Steilhange auf meinen Mantel, zndete mir so
versteckt wie mglich eine Pfeife an, und berlie mich meiner Phantasie.
Inmitten des schnsten Luftschlosses wurde ich durch ein merkwrdiges
Rascheln im Waldstck und auf der Wiese hochgeschreckt. Vorm Feinde liegen
die Sinne immer auf der Lauer und es ist sonderbar, da man in solchen
Augenblicken bei gar nicht ungewhnlichen Geruschen sofort bestimmt wei:
Jetzt ist etwas los!

Gleich darauf kam der nchste Posten angestrzt: Herr Leutnant, es gehen
70 Englnder gegen den Waldrand vor!

Ich wunderte mich etwas ber die przise Zahlenangabe, versteckte mich aber
vorsichtshalber mit den vier in meiner Nhe liegenden Leuten oben auf dem
Steilhange im hohen Grase, um die weitere Entwicklung der Dinge zu
beobachten. Nach einigen Sekunden sah ich einen Trupp ber die Wiese
huschen. Whrend meine Leute die Gewehre darauf richteten, rief ich ein
leises: Wer da? Es war der Unteroffizier Teilengerdes, ein bewhrter
alter Krieger der zweiten Kompagnie, der seine aufgeregte Gruppe zu sammeln
versuchte.

Ich raffte rasch alles zusammen und lie eine Schtzenlinie formieren,
deren Flgel sich an Steilhang und Waldstck lehnten. In einer Minute
standen die Leute mit aufgepflanztem Seitengewehr. Als ich die Richtung
nachsah und einen etwas zurckstehenden Mann zurechtweisen wollte, bekam
ich zur Antwort: Ich bin Krankentrger. Der Mann hatte sein
Exerzierreglement gut im Kopfe. Beruhigt durch diesen Triumph preuischer
Disziplin, lie ich antreten.

Whrend wir den Wiesenstreifen berschritten, setzte von englischer Seite
ein Schrapnellhagel und wildes Maschinengewehrgeknatter ein. Wir gingen
unwillkrlich in Laufschritt ber, um den toten Winkel des vor uns
liegenden Hgels zu gewinnen.

Pltzlich erhob sich vor mir ein dunkler, Schatten. Ich ri eine
Handgranate ab und schleuderte sie ihm entgegen. Zu meinem Schrecken
erkannte ich beim Aufblitzen der Explosion den Unteroffizier Teilengerdes,
der unbemerkt vorgelaufen und ber einen Draht gestolpert war.
Glcklicherweise blieb er unverletzt. Gleichzeitig ertnte neben uns das
schrfere Krachen englischer Handgranaten, und das Schrapnellfeuer
verstrkte sich zu unangenehmer Dichte.

Meine Schtzenlinie zerflatterte und verschwand in der Richtung auf den
Steilhang, der unter schwerem Feuer lag, whrend ich mit Teilengerdes und
drei Getreuen meinen Platz behielt. Pltzlich stie mich einer an: Die
Englnder!

Wie eine Vision bohrte sich sekundenlang auf der nur durch stiebende Funken
erhellten Wiese eine Doppelschnur knieender Gestalten in mein Auge, sich
gerade erhebend und avancierend. Ich erkannte deutlich die Figur des
Offiziers am rechten Flgel.

Wir sprangen auf und rannten dem Steilhang zu. Trotzdem ich ber einen
tckisch durchs hohe Gras gespannten Draht stolperte und mich berschlug,
kam ich doch glcklich an und brachte meine erregten Leute allerdings nur
durch Anwendung hchster Energie in eine auf Tuchfhlung gedrngte
Schtzenlinie.

Ich habe immer erfahren, da in solchen Augenblicken der gewhnliche Mann,
der vollauf mit seiner persnlichen Gefahr beschftigt ist, die scheinbar
unbeteiligte Sachlichkeit des Fhrers bewundert, der inmitten der tausend
entnervenden Eindrcke des Gefechts die Ausfhrung seines Auftrages klar im
Auge hat. Diese Bewunderung hebt jeden ritterlich Gesinnten ber sich
selbst hinaus und spornt ihn zu immer greren Leistungen an, so da Fhrer
und Mannschaft sich aneinander zu gewaltiger Energieentfaltung entznden.
Der moralische Faktor ist eben alles.

Schlagartig verstummte das Feuer, whrend ein vielfaches Knacken und
Rauschen durch das Unterholz des Wldchens glitt.

Halt! Wer da! Parole?!

Wir brllten wohl fnf Minuten lang und schrieen auch das alte Losungswort
des 1. Bataillons Lttje Lage, ein Ausdruck fr Schnaps und Bier, jedem
Hannoveraner gelufig; doch antwortete uns nur ein seltsames,
unverstndliches Geschrei. Endlich nahm ich die Verantwortung auf mich und
lie feuern, trotzdem einige Leute behaupteten, deutsche Worte gehrt zu
haben. Meine zwanzig Gewehre fegten ihre Geschosse in das Wldchen, die
Kammern rasselten, und bald hatte sich das Geschrei drben in Wimmern
verwandelt. Ich hatte dabei ein flaues Gefhl der Ungewiheit.

Doch blitzten uns ab und zu gelbe Flmmchen entgegen. Einer von uns bekam
einen Schulterschu und wurde durch den Sanitter verbunden.

Stopfen!

Langsam drang das Kommando durch, und das Feuer ruhte. Die Spannung der
Nerven war durch die Tat gedmpft.

Erneutes Parolerufen und meinerseits die berredende Aufforderung: Come
here, you are prisoners, hands up!

Darauf drben vielstimmiges Geschrei. Ein einzelner lste sich vom Waldsaum
und kam auf uns zu. Einer beging die Dummheit, ihm Parole!
entgegenzurufen, worauf er stehen blieb und sich umdrehte.

Schiet ihn kaputt!

Ein Dutzend Schsse; die Gestalt sank zusammen und glitt ins hohe Gras.

Dieser kleine Zwischenakt erfllte uns mit einem Gefhl der Genugtuung. Vom
Waldrande erscholl wieder wirres Rufen; es klang, als ob die Angreifer sich
gegenseitig ermutigten, gegen die geheimnisvollen Verteidiger vorzugehen.

In hchster Spannung starrten wir auf den dunklen Streifen. Es begann zu
dmmern, und ein leichter Nebel stieg vom Wiesengrunde auf.

Da hob sich eine Reihe von Schatten aus dem Dunkel. Fnf, zehn, fnfzehn,
eine ganze Kette. Zitternde Hnde lsten die Sicherungsflgel. Auf 50 Meter
waren sie heran, 30, 15 . . . . . Feuerrr! Minutenlang knatterten die
Gewehre. Funken sprhten auf, wenn spritzende Bleikerne gegen Waffen und
Stahlhelme wuchteten.

Pltzlich ein Schrei: Aaaachtung, links! Eine Schar von Angreifern
schnellte von ganz links auf uns zu, voran eine Riesengestalt mit
vorgestrecktem Revolver, eine weie Keule schwingend.

Linke Gruppe links schwenken!

Die Leute flogen herum und empfingen die Ankmmlinge stehend. Einige der
Gegner, darunter der Fhrer, brachen unter den hastig abgefeuerten Schssen
zusammen, die anderen verschwanden spurlos, ebenso schnell wie sie gekommen
waren.

Das war der Moment zum Draufgehen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr und
wtendem Hurra strmten wir das Wldchen. Handgranaten flogen in das
verschlungene Gestrpp, und im Nu waren wir wieder im Alleinbesitz unserer
Feldwache, allerdings ohne den geschmeidigen Gegner gepackt zu haben.

Wir sammelten uns in einem angrenzenden Kornfeld und starrten in die
blassen, bernchtigen Gesichter der Kameraden. Die Sonne war strahlend
aufgegangen. Eine Lerche stieg hoch und rgerte uns durch ihr Trillern. Wir
waren ungefhr in derselben Stimmung, in der man nach einer durchspielten
Nacht die Karten auf den Tisch wirft, wenn die khle Morgenluft sich durch
die aufgerissenen Fenster mit abgestandenem Zigarrenqualm vermengt.

Whrend wir uns die Feldflaschen boten und eine Zigarette ansteckten,
hrten wir, wie sich der Gegner mit einigen laut jammernden Verwundeten
durch den Hohlweg entfernte.

Ich beschlo den Kampfplatz abzugehen. Aus der Wiese, auf der wir die
Schtzenlinie zusammengeschossen hatten, stiegen fremdartige Rufe und
Schmerzensschreie. Wir entdeckten im hohen Grase eine Reihe von Toten und
drei Verwundete, die uns um Gnade anflehten. Sie schienen fest berzeugt,
von uns umgebracht zu werden.

Auf meine Frage: Quelle nation? antwortete einer: Pauvre Radschput!

Wir hatten Inder vor uns, weit bers Meer gekommen, um sich bei diesem
gottverlassenen Stck Erde an Hannoverschen Fsilieren die Schdel
einzurennen.

Die zierlichen Gestalten waren bel zugerichtet. Auf diese kurzen
Entfernungen besitzt das Infanteriegescho Sprengwirkung. Keiner hatte
weniger als zwei Schsse bekommen. Wir nahmen sie auf und schleppten sie zu
unserem Graben. Da sie schrieen, als ob sie am Spie stken, verstopften
ihnen meine Leute den Mund und drohten mit der Faust, wodurch sie in ihrer
Angst noch bestrkt wurden. Einer starb schon whrend des Transportes. Er
wurde doch noch mitgenommen, da auf jeden Gefangenen, ob tot oder lebendig,
eine Prmie gesetzt war. Die beiden anderen suchten unser Wohlgefallen zu
gewinnen, indem sie fortwhrend riefen: Anglais pas bon! Weshalb diese
Leute franzsisch sprachen, ist mir nicht recht klar geworden.

Im Graben wurden wir von der Kompagnie, die den Lrm des Kampfes gehrt und
schweres Absperrungsfeuer bekommen hatte, mit Jubel empfangen und unsere
Beute gebhrend bestaunt. Ich zog mich mit Kius, der gleich ein halbes
Dutzend Aufnahmen machte, in unsere Htte zurck und lie mich von ihm zur
Feier des Tages mit Spiegeleiern bewirten.

Unsere Leistung erregte berechtigtes Aufsehen und wurde im
Divisionstagesbefehl lobend besprochen. Wir hatten mit 20 Mann einer um das
Mehrfache berlegenen Abteilung, die uns schon in den Rcken gekommen war,
siegreich widerstanden. Ein solcher Erfolg ist natrlich nur durch eine
glnzend disziplinierte Truppe von hoher moralischer Qualitt zu erzielen.

Ich selbst konnte mir mit Befriedigung sagen, da ich durch berlegenheit
ber die Situation und persnliche Einwirkung auf meine Leute dem
feindlichen Fhrer eine arge Enttuschung und ein frhzeitiges Grab
bereitet hatte. Wir beiden hatten unsere Fhigkeiten in derselben Weise
gemessen, wie es bei kleinen Offiziersbungen in der Garnison blich ist;
nur hatten wir nicht mit Platzpatronen geschossen.

Sollte ein Angehriger der 1st Hariana Lancers diese Zeilen lesen, so sei
ihm hier meine Achtung ausgesprochen fr eine Truppe, die solche Fhrer ihr
eigen nennt wie diesen Oberleutnant, gegen den ich die Ehre hatte zu
kmpfen.

Was sagt Nietzsche vom Kriegsvolke? Ihr drft nur Feinde haben, die zu
hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten. Ihr mt stolz auf Euren
Feind sein, dann sind die Erfolge des Feindes auch Eure Erfolge.

Am nchsten Abend bekam ich Befehl, die Feldwache, bei der sich tagsber
der Sichtverhltnisse wegen niemand aufhalten konnte, wieder zu besetzen.
Kius und ich faten mit 50 Mann zangenfrmig um das Gehlz und trafen am
Steilhange zusammen. Vom Feinde war nichts zu bemerken, nur aus dem
Hohlwege, den ich mit dem Feldwebel Hackmann erkundet hatte, rief uns ein
Posten an, scho eine Leuchtkugel ab und feuerte. Wir merkten uns den
unvorsichtigen jungen Mann fr unseren nchsten Ausflug vor.

An der Stelle, wo wir in der vorigen Nacht den Flankenangriff abgeschlagen
hatten, lagen drei Leichen. Es waren zwei Inder und ein weier Offizier mit
zwei goldenen Sternen auf den Achselstcken, also ein Oberleutnant. Er
hatte einen Schu ins Auge bekommen. Das Gescho hatte die entgegengesetzte
Schlfe durchbohrt und den Rand seines Stahlhelmes zerschmettert, der sich
heute in meiner Sammlung derartiger Dinge befindet. Seine Rechte hielt noch
die von eigenem Blut bespritzte Keule, die Linke einen groen,
sechsschssigen Coldrevolver umspannt, dessen Trommel nur noch zwei scharfe
Patronen enthielt.

Meine Leute plnderten die Gefallenen. Dieser Anblick hat mich immer
unangenehm berhrt, doch mischte ich mich nicht ein, da die Sachen doch nur
dem Verderben ausgesetzt waren, und sthetische oder moralische Bedenken
mir in dem dunklen Wiesengrund ber dem noch die ganze rohe
Unerbittlichkeit des Kampfes schwebte, nicht recht am Platze schienen.

In den nchsten Tagen machte sich noch eine Anzahl im Unterholz des
Wldchens verborgener Leichen bemerkbar, ein Zeichen der schweren Verluste
der Gegner, das den Aufenthalt auf Feldwache noch weniger einladend machte.
Als ich mich einmal allein durch das Gestrpp arbeitete, fiel mir ein
merkwrdiges, zischendes und sprudelndes Gerusch auf. Ich trat nher und
stie auf zwei Leichname, die infolge der Hitze zu einem gespenstischen
Leben erwacht schienen.

Am Abend des 19. Juni ging ich mit dem kleinen Schultz, zehn Mann und einem
leichten Maschinengewehr von dem allmhlich etwas beklemmenden Orte auf
Patrouille aus, um dem Posten, der sich neulich so forsch im Hohlweg
bemerkbar gemacht hatte, einen Besuch abzustatten. Schultz ging mit seinen
Leuten rechts, ich links vom Hohlweg vor mit der Verabredung, uns
gegenseitig beizuspringen, wenn ein Trupp Feuer bekme. Wir arbeiteten uns
kriechend, ab und zu lauschend, durch Gras und Ginstergestrpp vor.

Pltzlich ertnte das klappernde Gerusch einer Gewehrkammer. Wir lagen wie
angegossen am Boden. Jeder alte Patrouillengnger wird die Reihe
unangenehmer Gefhle der nchsten Sekunden zu wrdigen wissen.

Ein Schu zerri die drckende Stille. Ich lag hinter einer Ginsterstaude
und wartete ab. Rechts von mir warf ein Mann Handgranaten in den Hohlweg.

Schlagartig sprhte eine Feuerlinie vor uns auf. Der ekelhaft scharfe Knall
der Abschsse verriet, da die Schtzen nur wenige Meter von uns lagen. Ich
sah, da wir in eine ble Falle geraten waren und rief zum Rckzug. Alles
sprang hoch und rannte in wahnsinniger Hast zurck, whrend auch zu unserer
Linken Gewehrfeuer einsetzte. Inmitten dieses entnervenden Geknatters gab
ich jede Hoffnung an heiles Zurckkommen auf. Das Unterbewutsein war in
stndiger Erwartung eines Treffers. Der Tod hielt eine Hetzjagd ab.

Irgendwo neben uns ging eine Abteilung mit schrillem Hurrh auf uns los.
Der kleine Schultz gestand mir spter, die Vorstellung gehabt zu haben, da
ein hagerer Inder messerschwingend hinter ihm her wre und ihn schon fast
am Kragen gepackt htte.

Einmal strzte ich und ber mich hinweg der Unteroffizier Teilengerdes. Ich
verlor Stahlhelm, Pistole und Handgranaten. Nur weiter! Endlich erreichten
wir den schirmenden Steilhang und preschten hinunter. Zu gleicher Zeit kam
der Leutnant Schultz mit seinen Leuten an. Er berichtete mir ganz auer
Atem, da er wenigstens den frechen Posten durch Handgranaten gezchtigt
htte. Gleich darauf brachten zwei Leute den Fsilier F. angeschleppt, der
Schsse durch beide Beine bekommen hatte. Alle anderen waren unverwundet.

Das grte Unglck war, da der Mann, der das Maschinengewehr getragen
hatte, ein Rekrut, ber den Verwundeten gefallen war, und das Ding liegen
gelassen hatte.

Whrend wir noch lebhaft debattierten und eine zweite Expedition planten,
setzte ein Artilleriefeuer ein, das mich genau an die Nacht vom 12.
erinnerte, auch in bezug auf die heillose Verwirrung, die sofort ausbrach.
Ich fand mich ohne Waffe am Steilhang allein mit dem Verwundeten, der sich
mit beiden Hnden vorwrtszog, an mich herankroch und jammerte: Herr
Leutnant, nicht allein lassen!

Ich mute, so leid es mir tat, ihn liegen lassen und mich an der
Aufstellung der Feldwache beteiligen. Ich sammelte die Leute in einer Reihe
von Postenlchern am Waldrande, war jedoch herzlich froh, als der Morgen
dmmerte, ohne da sich etwas Besonderes ereignet htte.

In derartigen Augenblicken war ich immer wieder erstaunt und gerhrt von
dem glubigen Vertrauen des Mannes auf die berlegenheit den Offiziers ber
die Lage.

Herr Leutnant, wo sollen wir hin? Herr Leutnant, zu Hilfe, ich bin
verwundet! Wo ist der Leutnant?

Dann Fhrer zu sein mit klarem Kopfe, birgt den schnsten Lohn in sich, wie
die Feigheit ihre Strafe. Ich habe stets den Feigling bemitleidet, dem die
Schlacht zu einer Reihe hllischer Qualen wurde, die der Mutige in
gesteigerter Lebenskraft nur als eine Kette aufregender Ereignisse
betrachtete.

Die nchste Nacht fand uns an demselben Orte mit der Absicht, unser
Maschinengewehr wiederzuholen, doch verriet uns eine Reihe verdchtiger
Gerusche beim Anschleichen, da wieder eine starke Besatzung lauern mute.

Es wurde daher beschlossen (ein Ehrenstandpunkt, der wie so mancher andere
im Kriege uns innerlich fluchen machte), die verlorene Waffe mit Gewalt
wiederzuerobern. Wir sollten um 12 Uhr nachts nach einer Feuervorbereitung
von drei Minuten die feindlichen Postierungen angreifen und das Gewehr
suchen.

Ich machte gute Miene zum bsen Spiel und scho am Nachmittage selbst
einige Batterien ein.

Um 11 Uhr fand ich mich mit meinem Unglckskameraden Schultz wieder auf dem
unheimlichen Stck Erde, auf dem mir schon so manche wilde Stunde geblht
hatte. Der Verwesungsgeruch in der schwlen Luft war kaum mehr auszuhalten.
Wir berstreuten die Leichen mit Chlorkalk, den wir in Scken mitgebracht
hatten. Wie Leichentcher leuchteten die weien Flecke aus dem Dunkel.

Das Unternehmen fing damit an, da uns die eigenen Maschinengewehrgeschosse
fortwhrend um die Beine flogen und in den Steilhang klatschten. Deswegen
entstand ein heftiger Zank zwischen mir und dem kleinen Schultz, der die
Gewehre selbst eingerichtet hatte. Wir vershnten uns jedoch wieder, als
Schultz mich hinter einem Busche im Zwiegesprch mit einer Flasche
Burgunder entdeckte, die ich zur Strkung fr das bedenkliche Abenteuer
mitgenommen hatte.

Zur verabredeten Zeit brauste die erste Granate heran. Sie schlug 50 Meter
hinter uns ein. Ehe wir uns noch ber diese seltsame Schieerei verwundern
konnten, sa eine zweite neben uns auf dem Steilhange und berschauerte uns
mit einem Erdregen. Hierbei durfte ich noch nicht einmal fluchen, denn ich
hatte die Geschtze ja selbst eingeschossen.

Nach dieser wenig ermunternden Einleitung gingen wir vor, mehr der Ehre
wegen als in der Hoffnung auf Erfolg. Wir hatten das Glck, da die Posten
anscheinend ihre Pltze verlassen hatten, sonst wre uns wohl ein sehr
unsanfter Willkomm zuteil geworden. Leider fanden wir das Maschinengewehr
auch nicht.

Da wir am folgenden Tage durch Truppen einer anderen Division abgelst
wurden, hatte das Geplnkel ein Ende.

Wir kamen vorlufig nach Montbrhain zurck und marschierten von dort nach
Cambrai, wo wir fast den ganzen Monat Juli verlebten.

Die Feldwache ging in der auf unsere Ablsung folgenden Nacht endgltig
verloren.




Langemarck.


Cambrai ist ein ruhiges, vertrumtes Stdtchen des Artois, an dessen Namen
sich manche historische Erinnerung knpft. Enge, altertmliche Gassen
schlingen sich um das mchtige Rathaus, verwitterte Stadttore und viele
Kirchen. Wuchtige Trme ragen aus einem Gewirr winkliger Giebel. Breite
Alleen fhren zu dem gepflegten Stadtpark, den ein Denkmal des Fliegers
Blriot ziert.

Die Einwohner sind stille, freundliche Leute, die in den groen, einfach
aussehenden und reich ausgestatteten Husern ein behagliches
Spiebrgerdasein fhren. Viele Rentiers verbringen hier ihren Lebensabend.
Das Stdtchen fhrt mit Recht den Beinamen la ville des millionaires, denn
kurz vor dem Kriege zhlte man darin ber 40 Millionre.

Der groe Krieg ri das stille Nest brutal aus seinem Dornrschenschlummer
und verwandelte es in einen Brennpunkt riesiger Schlachten. Ein hastiges,
neues Leben rasselte ber das holperige Pflaster und klirrte gegen die
kleinen Fenster, hinter denen ngstliche Gesichter lauerten. Fremde
Gesellen tranken die liebevoll gefllten Keller leer, warfen sich in die
mchtigen Mahagonibetten und strten in stndigem Wechsel die beschauliche
Ruhe der Privatiers, die nun inmitten des verwandelten Milieus an den Ecken
und Haustren zusammenstanden, sich mit vorsichtiger Stimme Schauermren
und sicherste Nachrichten ber den baldigen Endsieg der Landsleute
zuraunend.

Die Leute wohnten in einer Kaserne, die Offiziere waren in der
Rue-des-Liniers untergebracht. Diese Strae nahm whrend unserer
Anwesenheit das Aussehen eines Studentenviertels an; allgemeine
Unterhaltungen aus den Fenstern, nchtliche Gesnge und kleine romantische
Abenteuer waren an der Tagesordnung.

Jeden Morgen rckten wir zum Exerzieren auf den groen Platz bei dem spter
berhmt gewordenen Dorfe Fontaine. Ich hatte einen sehr interessanten
Dienst, denn der Oberst von Oppen hatte mir die Ausbildung des Sturmtrupps
bertragen.

Mein Quartier war uerst behaglich; selten lieen meine Wirte, das
freundliche Juwelierehepaar Plancot-Bourlon, mich mittags essen, ohne mir
irgend etwas Gutes heraufzuschicken. Abends saen wir bei einer Tasse Tee
zusammen, spielten und plauderten. Besonders oft wurde natrlich die schwer
zu beantwortende Frage errtert, warum die Menschen Krieg fhren mten.

Whrend dieser Stunden gab der gute Monsieur Plancot mancherlei Schwnke
der allzeit migen und witzigen Brger Cambrais zum besten, die in
Friedenszeiten Straen, Weinschnken und Wochenmarkt in schallendes
Gelchter versetzt hatten, und die mich lebhaft an Claude Tilliers
kstlichen Onkel Benjamin erinnerten.

Am 25. Juli nahmen wir Abschied von dem lieben Stdtchen und fuhren
nordwrts nach Flandern. In den Zeitungen hatten wir gelesen, da dort
schon wochenlang ein Artilleriekampf tobte, wie ihn die Weltgeschichte noch
nicht gesehen.

In Staden wurden wir unter fernem Kanonendonner ausgeladen und marschierten
durch die ungewohnte Landschaft nach dem Ohndanklager. Rechts und links von
der schnurgeraden Chaussee grnten fruchtbare, beetartig erhhte Felder und
saftige, wasserreiche, von Hecken besumte Wiesen. Weit verstreut lagen
saubere Bauernhfe mit niederen Stroh- oder Ziegeldchern, an deren Mauern
Bndel von Tabakspflanzen zum Trocknen aufgehngt waren. Die des Wegs
kommenden Landleute waren von germanischem Typ und unterhielten sich in
derber, heimatlich anmutender Sprache. Wir verbrachten den Nachmittag in
den Grten von Einzelgehften, der Sicht der feindlichen Flieger entzogen.
Ab und zu sausten mit weit herkommendem Gurgeln gewaltige Granaten von
Schiffsgeschtzen ber unsere Kpfe hinweg und explodierten in der Nhe.
Eine schlug in einen der zahlreichen kleinen Bche und ttete einige
badende Leute vom Regiment 91.

Gegen Abend mute ich mit einem Vorkommando zur Stellung des
Bereitschaftsbataillons abrcken, um die Ablsung vorzubereiten und meine
Leute einzuweisen. Wir gingen durch den Houthulster Wald und das Dorf
Kokuit zum Reservebataillon und wurden auf diesem Wege durch schwere
Granaten einige Male aus dem Schritt gebracht. In der Dunkelheit hrte
ich die Stimme eines Rekruten: Der Leutnant legt sich ja nie hin.

Der wei ganz genau Bescheid, wurde er durch einen lteren belehrt. Wenn
eine richtig kommt, ist er der erste, der liegt!

Der Mann hatte meinen stets befolgten Grundsatz durchschaut. Nimm nur
Deckung, wenn es ntig ist, dann aber pltzlich. Den Grad der
Notwendigkeit kann allerdings nur der Kriegserfahrene beurteilen, der den
Endpunkt der Geschokurve schon im Gefhl hat, ehe der Neuling noch das
leichte, ankndigende Flattern wahrnimmt.

Unsere Fhrer, die ihrer Sache nicht ganz sicher schienen, wanden sich
durch einen endlos langen Schachtelgraben vor. So nennt man Grben, die des
Grundwassers wegen nicht tief gebaut, sondern mit Sandscken und Faschinen
auf den gewachsenen Boden gesetzt sind. Dann streiften wir einen unheimlich
zerflederten Wald, aus dem der Erzhlung der Fhrer zufolge vor einigen
Tagen ein Regimentsgefechtsstand durch die Kleinigkeit von 1000
24-cm-Granaten vertrieben war. Hier scheint es ja grozgig zuzugehen,
dachte ich mir dabei im stillen.

Nachdem wir kreuz und quer durch dichtes Unterholz geirrt waren, standen
wir ratlos, von unseren Fhrern verlassen, auf einem schilfbewachsenen
Stck Erde, von moorigen Smpfen eingefat, auf deren schwarzen Spiegeln
sich das Mondlicht brach. Fortwhrend krachte es irgendwo auf, und
hochgeschleuderter Schlamm klatschte pltschernd ins Wasser. Endlich kam
der unglckliche Fhrer, auf den sich unsere ganze Wut verdichtete, zurck
und gab an, den Weg gefunden zu haben. Er fhrte uns jedoch wieder irre,
bis zu einem Sanittsunterstand, ber dem in regelmigen, ganz kurzen
Abstnden zwei Schrapnells explodierten, die ihre Kugeln und Hohlblser
durch das Gest prasseln lieen. Der diensthabende Arzt gab uns einen
vernnftigen Mann mit, der uns zur Museburg, dem Sitze des
Bereitschaftskommandeurs, geleitete.

Ich begab mich gleich weiter zu der Kompagnie des Regiments 225, die von
der zweiten Kompagnie abgelst werden sollte und fand nach langem Suchen im
Trichtergelnde einige zerfallene Huser, die innen unauffllig durch
Eisenbeton verstrkt waren. Das eine war am Tage vorher durch einen
schweren Treffer eingedrckt und die Besatzung durch die niederkrachende
Dachplatte wie in einer Mausefalle zerquetscht worden.

Den Rest der Nacht brachte ich in dem berfllten Betonklotz des
Kompagniefhrers, eines biederen Frontschweins, zu, der sich mit seinen
Ordonnanzen die Zeit mittels einer Schnapsflasche und einer groen Dose
Schweinefleisch vertrieb und fters diese Beschftigung unterbrach, um
kopfschttelnd dem stndig wachsenden Artilleriefeuer zu lauschen. Dann
pflegte er die schnen Zeiten in Ruland zu beseufzen und fluchte ber die
Auspumpung seines Regiments. Endlich fielen mir die Augen zu.

Der Schlaf war schwer und beklommen; die in der undurchdringlichen
Dunkelheit rings um das Haus niederfallenden Brisanzgranaten riefen
inmitten der toten Landschaft ein unbeschreibliches Gefhl der Einsamkeit
und Verlassenheit hervor. Ich schmiegte mich unwillkrlich an einen Mann,
der neben mir auf der Pritsche lag. Einmal wurde ich durch einen starken
Sto hochgeschreckt. Meine Leute leuchteten die Wnde ab, um nach einem
Loch zu suchen. Es stellte sich heraus, da eine leichte Granate an der
Auenwand geplatzt war.

Den nchsten Nachmittag verbrachte ich beim Bataillonskommandeur auf der
Museburg, da ich mich noch ber einige wichtige Fragen informieren mute.
Andauernd schlugen neben der Befehlsstelle 15-cm-Granaten ein, whrend der
Rittmeister mit seinem Adjutanten und dem Ordonnanzoffizier einen endlosen
Skat spielte und eine Seltersflasche voll schlechten Fusels kreisen lie.
Manchmal legte er die Karten hin, um einen Melder abzufertigen oder stellte
mit sorgenvoller Miene die Bombensicherheit unseres Betonklotzes zur
Diskussion. Trotz seiner eifrigen Gegenreden (der Wunsch war deutlich der
Vater des Gedankens) berzeugten wir ihn, da wir einem Treffer von oben
nicht gewachsen wren.

Am Abend entbrannte das allgemeine Feuer zu rasender Heftigkeit, vorn
stiegen in unaufhrlicher Folge bunte Leuchtkugeln hoch. Staubbedeckte
Lufer brachten die Meldung, da der Feind angriffe. Nach wochenlangem
Trommeln wurde der Infanteriekampf eingeleitet.

Zum Stande des Kompagniefhrers zurckgekehrt, wartete ich auf das
Eintreffen der zweiten Kompagnie, die um 4 Uhr morgens whrend eines
lebhaften Feuerberfalls erschien. Ich bernahm gleich meinen Zug und
fhrte ihn an seinen Platz, einen von den Trmmern eines vernichteten
Hauses bedeckten Betonbau, der unsglich verlassen inmitten eines riesigen
Trichterfeldes von grauenhafter Wstheit lag.

Um 6 Uhr morgens lichtete sich der dichte flandrische Nebel und gab uns
einen Ausblick auf unsere schaurige Umgebung. Gleich darauf erschien, dicht
ber dem Erdboden hngend, ein Schwarm feindlicher Flieger und
durchforschte, Sirenensignale abgebend, das zerstampfte Gelnde, whrend
versprengt umherirrende Infanteristen sich in Granatlchern zu verbergen
suchten.

Eine halbe Stunde spter setzte ein furchtbarer Feuerberfall ein, der
unsere Zufluchtsinsel einem taifungepeitschten Meere gleich umbrandete. Der
Wald von Einschlgen um uns verdichtete sich zu einer wirbelnden Wand. Wir
hockten zusammen und erwarteten jeden Augenblick den schmetternden Treffer,
der uns samt den Betonblcken spurlos hinwegfegen und unseren Aufenthalt
der Trichterwste gleichmachen mute.

Unter derartigen gewaltigen Feuersten, auf die wir uns in lngeren Pausen
vorbereiten konnten, verging der ganze Tag.

Am Abend erschien eine erschpfte Ordonnanz und bergab mir einen Befehl,
aus dem ich entnahm, da die erste, dritte und vierte Kompagnie um 10.50
Uhr zum Gegensto antreten, die zweite ihre Ablsung erwarten und in die
vordere Linie einschwrmen sollte. Um den nchsten Stunden gekrftigt
entgegensehen zu knnen, legte ich mich nieder, nicht ahnend, da mein
Bruder Fritz, den ich noch in Hannover whnte, mit einer Gruppe der dritten
Kompagnie durch den Feuerorkan dicht an meiner Htte vorbei zum Sturm
vorging.

Mein Schlaf wurde lange durch das Jammern eines Verwundeten gestrt, den
zwei im Trichterfelde verirrte Sachsen, die vllig erschpft eingeschlafen
waren, bei uns niedergelegt hatten. Als sie am nchsten Morgen erwachten,
war ihr Kamerad tot. Sie trugen ihn in das nchste Granatloch, berdeckten
ihn mit ein paar Schaufeln Erde und entfernten sich, eines der unzhligen
einsamen und unbekannten Grber des Krieges zurcklassend.

Ich erwachte erst um 11 Uhr aus tiefem Schlummer, wusch mich in meinem
Stahlhelm und schickte nach Befehlen zum Kompagniefhrer, der zu meinem
Erstaunen schon abgerckt war, ohne mich und den Zug Kius berhaupt
benachrichtigt zu haben.

Es zeigten sich eben die Folgen davon, da Offiziere fremder
Waffengattungen, die nicht einmal Gewehr ber! kommandieren konnten, nur
ihres Dienstalters wegen gleich an der Spitze von Kompagnien in die
Infanterieschlacht geschickt wurden. Derartige Anciennittsrcksichten mag
man, wenn man nicht ohne sie auszukommen glaubt, da anwenden, wo keine
Menschenleben in Frage kommen.

O, rhret, rhret nicht daran! Wir haben so manches Mal im Unterstand und
hinterm Becher darber geflucht, aber nur unter uns. Es war angenehmer,
gegen das Fort Douaumont Sturm zu laufen, als gegen dieses uralte Erbbel.
Den friderizianischen Geist in hohen Ehren, aber Percken, Zpfe und
Rangordnung auf Kammer zu den Donnerbchsen von 1806, wenn es noch einmal
losgehen sollte.

Whrend ich noch fluchend auf meiner Pritsche sa und berlegte, was ich
tun sollte, erschien eine Ordonnanz vom Bataillon und bergab mir den
Befehl, sofort die achte Kompagnie zu bernehmen.

Ich erfuhr, da der Gegenangriff des I. Bataillons in der vorigen Nacht
unter starken Verlusten zusammengebrochen war, und da die Reste in einem
vor uns liegenden Wldchen, dem sogenannten Dobschtzwald, und rechts und
links davon eine Verteidigungsstellung bezogen htten. Die achte Kompagnie
hatte den Auftrag gehabt, zur Verstrkung in das Wldchen einzuschwrmen,
war jedoch im Zwischengelnde unter starken Verlusten im Sperrfeuer
zerstoben. Da auch der Kompagniefhrer, Oberleutnant Bdingen, gefallen
war, sollte ich die Kompagnie erneut vorfhren.

Nachdem ich mich von meinem verwaisten Zuge verabschiedet hatte, machte ich
mich mit der Ordonnanz auf den Weg quer durch die schrapnellbestreute
Einde. Eine verzweifelnde Stimme hielt unseren gebckten Lauf fr einen
Augenblick an. In der Ferne winkte eine halb aus einem Trichter ragende
Gestalt mit blutendem Armstumpfe. Wir wiesen auf unsere eben verlassene
Htte und hasteten weiter.

Ich fand die achte Kompagnie als ein entmutigtes, hinter einer Reihe von
Betonkltzen hockendes Huflein vor, das ein nochmaliges Vorgehen gegen die
uns vom Dobschtzwald trennende Wand schwerer Einschlge fr unmglich
erklrte. Sieben Mann meldeten sich krank.

Dagegen blieb mir nur der Beweis ad oculos brig. Ich befahl, mir zu
folgen, und sprang mitten ins Feuer hinein. Schon nach ein paar Stzen
berschttete mich eine Granate, die ihren Kegel zum Glck ganz steil
hochwarf, mit Erde und schleuderte mich in den nchsten Trichter. Ich
merkte jedoch bald, da die Wut des Feuers weiter vorn geringer wurde.
Nachdem ich mich 200 Meter weit vorgearbeitet hatte, sah ich mich um. Das
Gelnde war menschenleer.

Endlich tauchten zwei Mann aus Rauch- und Staubwolken auf, dann noch einer,
dann wieder zwei. Mit diesen fnf Leuten erreichte ich glcklich mein Ziel.

In einem halb zerschmetterten Betonklotz saen Leutnant Sandvo, Fhrer der
dritten Kompagnie, und der kleine Schultz mit drei schweren
Maschinengewehren. Ich wurde mit lautem Hallo und einem Schluck Kognak
empfangen, dann erklrten sie mir die Lage, die sehr wenig angenehm war.
Dicht vor uns sa der Englnder, rechts und links war kein Anschlu.

Ganz unvermittelt fragte mich Sandvo, ob ich etwas von meinem Bruder
gehrt htte. Man wird sich meine Gefhle vorstellen knnen, als ich
erfuhr, da er den gestrigen Sturm mitgemacht habe und vermit sei.

Gleich darauf kam ein Mann und teilte mir mit, da mein Bruder verwundet in
einem nahen Unterstand lge und zeigte dabei auf ein wstes, von
entwurzelten Bumen bedecktes Blockhaus. Ich eilte ber eine Lichtung, die
unter gezieltem Gewehrfeuer lag und trat ein. Welch ein Wiedersehen! Mein
Bruder lag in einem von Leichengeruch erfllten Raum inmitten einer Menge
chzender Schwerverwundeter. Er war in einer traurigen Verfassung. Beim
Sturm hatten ihn zwei Schrapnellkugeln getroffen, die eine hatte die Lunge
durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk zerschmettert. Das
Fieber glnzte ihm aus den Augen; er konnte nur mit Mhe sich bewegen,
sprechen und atmen. Wir drckten uns die Hand und erzhlten.

Es war mir klar, da er nicht an diesem Orte bleiben durfte, denn jeden
Augenblick konnte der Englnder strmen, oder eine Granate dem
schwerbeschdigten Betonklotz den Rest geben. Der beste Bruderdienst war,
ihn sofort zurckzuschaffen. Trotzdem Sandvo sich gegen jede Schwchung
unserer Kampfkraft strubte, gab ich den fnf mit mir gekommenen Leuten den
Auftrag, meinen Bruder zum Sanittsunterstand Kolumbusei zu schaffen und
von dort Leute zur Bergung der anderen Verwundeten mitzubringen. Wir
knpften ihn in eine Zeltbahn und steckten eine lange Stange hindurch, dann
nahmen ihn zwei Mann auf die Schultern. Noch ein Hndedruck, dann setzte
sich der traurige Zug in Bewegung.

Ich sah vom Waldrande aus der schwankenden Last nach, die sich durch einen
Wald kirchturmhoher Granatfontainen wand.

Nachdem ich aus den Trichtern am vorderen Waldrande noch etwas mit den
langsam vordringenden Englndern geplnkelt hatte, verbrachte ich die Nacht
mit meinen Leuten und einer Maschinengewehrbedienung zwischen den Trmmern
des Betonklotzes. Andauernd schlugen in der Nhe Brisanzgranaten von ganz
auergewhnlicher Wucht ein, von denen mich am Abend eine um ein Haar
gettet htte. Gegen Morgen ratterte pltzlich der Maschinengewehrschtze
los, da sich dunkle Gestalten nherten. Es war eine Verbindungspatrouille
des Infanterieregiments 76, von der er einen Mann niederstreckte. Derartige
Irrtmer kamen in diesen Tagen hufig vor, ohne da man sich lange darber
aufhielt.

Um 6 Uhr morgens wurden wir durch Teile der neunten Kompagnie abgelst, die
mir den Befehl berbrachten, mit meinen Leuten die Rattenburg zu besetzen.
Auf dem Wege dorthin wurde mir noch ein Fahnenjunker durch Schrapnellschu
kampfunfhig gemacht.

Die Rattenburg prsentierte sich uns als ein zerschossenes, mit
Betonquadern ausgemauertes Haus hart an dem sumpfigen Bette des Steenbachs,
das seinen Namen wahrscheinlich wohl verdiente.

Ziemlich zermrbt hielten wir unseren Einzug und warfen uns auf die
strohbedeckten Pritschen, bis uns ein reichliches Mittagessen und die
ermunternde Pfeife Tabak hinterher wieder etwas auf die Beine brachten.

In den frhen Nachmittagsstunden setzte eine andauernde Beschieung mit
schweren und schwersten Kalibern ein. Von 6 bis 8 Uhr jagte eine Explosion
die andere; oft wurde der Bau durch die ekelhaften Ste in der Nhe
einschlagender Blindgnger erschttert und drohte einzustrzen. Als das
Feuer gegen Abend verebbte, pirschte ich mich zum Sanittsunterstand
Kolumbusei und erkundigte mich bei dem Arzt, der gerade das grauenhaft
zugerichtete Bein eines Sterbenden untersuchte, nach meinem Bruder. Mit
Freude hrte ich, da er in verhltnismig guter Verfassung
zurckgeschafft sei.

Zu spter Stunde erschien mein Essentrgertrupp und brachte der kleinen,
auf 20 Mann zusammengeschmolzenen Kompagnie warmes Essen, Bchsenfleisch,
Kaffee, Brot, Tabak und Schnaps. Wir aen krftig und lieen ohne lstigen
Standesunterschied die Flasche mit 98prozentigem rundgehen. Dann gaben
wir uns dem Schlafe hin, der durch aus dem Bachgrund aufsteigende
Mckenschwrme, Granaten und zeitweilige Gasbeschieungen reichlich gestrt
wurde.

Infolgedessen schlief ich am nchsten Morgen so fest, da mich meine Leute
nach stundenlangem, schwerstem Feuer wecken muten. Sie berichteten, da
von vorn dauernd Leute zurckkmen mit der Angabe, die vordere Linie sei
gerumt und der Gegner im Vordringen.

Nach dem alten Soldatengrundsatz: Gut gefrhstckt, hlt Leib und Seele
zusammen, strkte ich mich zunchst, steckte mir eine Pfeife an und sah
dann zu, was drauen los war.

Ich hatte nur einen bescheidenen berblick, da die ganze Umgebung in
dichten Qualm gehllt war. Das Artilleriefeuer wurde von Minute zu Minute
gewaltiger und erreichte bald jenen Hhepunkt, auf dem die Nervenerregung,
keiner weiteren Steigerung fhig, in eine beinahe lustige Gleichgltigkeit
umschlgt. Andauernd prasselten Schauer von Erdklumpen auf unser Dach,
zweimal wurde das Haus selbst getroffen. Brandgranaten warfen schwere,
milchweie Wolken hoch, aus denen feurige Tropfen zur Erde rieselten. Ein
Stck dieser brennenden Masse klatschte auf einen Stein vor meinen Fen
und brannte noch minutenlang weiter. Verzgerungsgeschosse whlten sich
drhnend in den Boden, flache Erdglocken hochstoend. Gas- und
Nebelschwaden krochen schwerfllig ber das Schlachtfeld. Kurz vor uns
ertnte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, ein Zeichen, da der Feind schon
nahe herangekommen sein mute.

Unten im Steenbachgrunde schritt eine Gruppe von Leuten durch den
wechselnden Wald hochspritzender Schlammgeiser. Ich erkannte den
Bataillonskommandeur, Hauptmann von Brixen, der sich mit verbundenem Arm
auf zwei Sanitter sttzte, und eilte nach ihm hin. Er rief mir hastig zu,
da der Feind im Vordringen sei und warnte mich vor lngerem Verweilen ohne
Deckung.

Bald klatschten die ersten Infanteriegeschosse in die umliegenden Trichter
oder zerschellten an den Mauerresten. Immer mehr flchtige Gestalten
verschwanden hinter uns im Dunst, whrend rasendes Gewehrfeuer fr die
erbitterte Verteidigung der vorn Festhaltenden zeugte.

Es galt zu handeln. Ich beschlo, die Rattenburg zu verteidigen und machte
den Leuten, von denen einige bedenkliche Gesichter zogen, klar, da ich an
Rckzug nicht im entferntesten dchte. Die Mannschaft wurde hinter
Schiescharten verteilt, und unser einziges Maschinengewehr in eine
Fensterffnung gestellt. Ein Trichter wurde zum Verbandplatz bestimmt, und
ein Sanitter, der gleich reichliche Arbeit fand, hineingesetzt. Auch ich
nahm ein herumliegendes Gewehr auf und hing einen Gurt Patronen um den
Hals.

Da mein Huflein sehr klein war, versuchte ich, es durch die zahlreichen
fhrungslos umherirrenden Leute zu verstrken. Die meisten folgten willig
unseren Zurufen, froh, sich anschlieen zu knnen, whrend andere, von
ihren Nerven verlassen, weiter eilten, nachdem sie einen Augenblick
gestutzt hatten. In solchen Fllen hrt jede zarte Rcksicht auf.

Anschlagen! rief ich meinen Leuten zu, die vor mir im Schutze des Hauses
standen, und schon fielen ein paar Schsse. Von den Mndungen der Gewehre
magnetisch angezogen, kamen diese in jeder Schlacht unvermeidlichen
Drckeberger langsam nher, obgleich man ihren Mienen ansah, wie ungern sie
uns Gesellschaft leisteten. Eine mir wohlbekannte Kasinoordonnanz
versuchte, sich durch allerlei Ausflchte loszuwinden, ich lie jedoch
nicht locker. Aber ich habe ja gar kein Gewehr! Dann warten Sie, bis
einer totgeschossen wird!

Whrend einer letzten gigantischen Feuersteigerung, bei der die Trmmer des
Hauses mehrere Male getroffen wurden und die Ziegelbrocken hoch aus der
Luft auf unsere Stahlhelme klirrten, wurde ich im Blitze eines furchtbaren
Schlages zu Boden geworfen. Zum Erstaunen der Leute raffte ich mich
unverletzt wieder hoch.

Nach diesem mchtigen Schluwirbel wurde es ruhiger. Das Feuer sprang ber
uns hinweg und blieb an der Strae Langemarck--Bixschoote stehen. Uns war
nicht wohl dabei zumute. Bislang hatten wir den Wald vor Bumen nicht
gesehen, die Gefahr war so gewaltig und vielgestalt auf uns eingedrungen,
da wir uns nicht mit ihr beschftigen konnten. Nachdem der Sturm ber uns
hinweggebraust war, fand jeder Zeit, sich fr das zu rsten, was
unvermeidlich kommen mute.

Und es kam. Die Gewehre vor uns verstummten. Die Verteidiger waren
erledigt. Aus dem Qualm tauchte eine dichte Schtzenlinie. Meine Leute
schossen, hinter den Trmmern kauernd, das Maschinengewehr tackte. Wie
weggewischt verschwanden die Angreifer in den Trichtern und fesselten uns
durch ihr Feuer. Rechts und links gingen starke Abteilungen vor. Bald waren
wir von einem Kranze von Schtzen umgeben.

Die Lage war aussichtslos; es hatte keinen Zweck, die Mannschaft
hinzuopfern. Ich gab Befehl zum Rckzuge. Es war schwierig, die im Kampfe
verbissenen Leute hochzubekommen.

Eine im Grunde lagernde Rauchwolke ausnutzend, entkamen wir, ohne bemerkt
zu werden. Ich verlie die kleine Feste als Letzter, den Leutnant Hhlemann
untersttzend, der aus einer schweren Kopfwunde blutete und sich mit
einigen Witzen ber seine Unbeholfenheit hinwegsetzte.

Beim berschreiten der Strae stieen wir auf die zweite Kompagnie, die zur
Verstrkung vorgeschickt war. Nach kurzer Beratung beschlossen wir, stehen
zu bleiben und den Gegner zu erwarten. Auch hier muten wir Leute anderer
Truppenteile, die den Rckzug eigenmchtig fortsetzen wollten, zwingen, zu
bleiben. Besonders Artilleristen, Lichtsignalisten, Fernsprecher usw. waren
nur durch Gewalt zu der Einsicht zu bringen, da unter diesen Umstnden
auch sie sich mit einem Gewehr in die Schtzenlinie zu legen htten. Mit
Bitten, Befehlen und Kolbensten schaffte ich mit Hilfe von Kius und
einigen ruhigen Leuten bald Ordnung.

Dann setzten wir uns in einen angedeuteten Graben und frhstckten. Kius
zog seinen unvermeidlichen Apparat hervor und photographierte. Links vor
uns am Ausgang von Langemarck entstand Bewegung. Unsere Leute schossen auf
umherlaufende Gestalten. Bald darauf erschien ein Unteroffizier und
meldete, da sich eine Kompagnie der Gardefsiliere an der Strae
eingenistet und durch unser Feuer Verluste erlitten htte.

Ich lie daraufhin unter starkem Gewehrfeuer bis in ihre Hhe vorgehen.
Einige Leute fielen, der Leutnant Bartmer von der zweiten Kompagnie wurde
schwer verwundet. Kius blieb an meiner Seite, im Vorgehen sein Butterbrot
zu Ende essend. Als wir die Strae besetzt hatten, von der das Gelnde zum
Steenbach abfiel, bemerkten wir, da die Englnder im Begriff gewesen
waren, dasselbe zu tun. Bis auf 20 Meter waren die ersten khakifarbenen
Gestalten schon heran. Soweit das Auge blicken konnte, war das Vorgelnde
von Schtzenlinien und Reihenkolonnen erfllt. Auch um die Rattenburg
wimmelten sie schon herum.

Wir nutzten unser berraschendes Erscheinen energisch aus und knallten
gleich ordentlich dazwischen. Am Steenbach brach eine ganze Reihe zusammen.
Einer von ihnen hatte eine Rolle Draht auf dem Rcken, von der er eine
Leitung abwickelte. Andere sprangen wie die Hasen hin und her, whrend
neben ihnen die Staubwlkchen unserer Geschosse aufwirbelten. Ein strammer
Gefreiter der achten Kompagnie legte mit der grten Ruhe sein Gewehr auf
einen zersplitterten Baumstumpf und scho nacheinander vier Gegner ab. Der
Rest verkroch sich in Granattrichter, um sich dort bis zur Dunkelheit
verborgen zu halten. Wir hatten gut aufgerumt.

Gegen 11 Uhr schraubten sich kokardengeschmckte Flugzeuge auf uns herunter
und wurden durch lebhaftes, von oben erwidertes Feuer vertrieben.

Gleich nach der Besetzung der Strae hatte ich dem Regiment gemeldet und um
Untersttzung gebeten. Am Nachmittag kamen Infanteriezge, Pioniere und
Maschinengewehre zur Verstrkung. Nach der Taktik des Alten Fritzen wurde
alles in die berfllte vordere Linie gesteckt. Ab und zu streckte der
Englnder einige unvorsichtig ber die Strae gehende Leute nieder.

Gegen 4 Uhr begann eine sehr unangenehme Schrapnellschieerei. Die Ladungen
wurden haarscharf auf die Chaussee geschleudert. Mir war klar, da die
Flieger unsere neue Widerstandslinie festgestellt hatten und uns noch
schwere Stunden bevorstehen muten.

Wirklich setzte bald eine gewaltige Beschieung mit leichten und schweren
Granaten ein. Wir lagen dicht nebeneinander in dem berfllten,
schnurgeraden Straengraben. Das Feuer tanzte uns vor den Augen, Zweige und
Lehmklumpen pfiffen auf uns herab. Links neben mir flammte ein Feuerblitz
auf, weien, stickigen Dampf zurcklassend. Ich kroch auf allen Vieren zu
meinem Nebenmann. Er regte sich nicht mehr. Das Blut sickerte ihm aus
vielen, von schmalen, zackigen Splittern geschlagenen Wunden. Auch weiter
rechts traten schwere Verluste ein.

Nach einer halben Stunde wurde es still. Wir gruben emsig tiefe Lcher in
die flache Mulde des Grabens, um bei einem zweiten berfall wenigstens
Schutz gegen Splitter zu haben. Unsere Spaten stieen dabei auf Gewehre,
Koppelzeug und Patronenhlsen aus dem Jahre 1914, ein Zeichen, da dieser
Boden nicht zum ersten Male Blut trank. Whrend der Dmmerung wurden wir
noch einmal grndlich bedacht. Ich hockte neben dem Leutnant Kius in einem
Sitzloch, das uns manche Schwiele gekostet hatte. Der Boden rollte wie eine
Schiffsplanke unter fortwhrenden nchsten Einschlgen. Wir waren auf das
Ende gefat.

Den Stahlhelm in die Stirn gedrckt, zerkaute ich meine Pfeife und starrte
auf die Chaussee, deren Steine unter aufspringenden Eisenbrocken Funken
sprhten. Die merkwrdigsten Gedanken schossen mir durch den Kopf. So
beschftigte ich mich lebhaft mit einem franzsischen Schundroman le
vautour de la Sierra, der mir in Cambrai in die Hnde gefallen war.
Mehrere Male murmelte ich ein Wort Ariost's: Ein groes Herz fhlt vor dem
Tod kein Grauen, wann er auch kommt, wenn er nur rhmlich, ist. Heute
schmeckt es mir etwas nach Theater, damals half es mir, Haltung vor mir
selbst zu bewahren. Wenn die Granaten dem Ohr etwas Ruhe lieen, hrte ich
Bruchstcke des schnen Liedes vom schwarzen Walfisch zu Askalon neben mir
ertnen und hielt meinen Freund Kius fr bergeschnappt. Jeder hat eben
sein eigenes Nervenberuhigungsmittel.

Am Ende der Beschieung flog mir ein groer Splitter gegen die Hand. Kius
leuchtete mit seiner Taschenlaterne. Wir stellten einen oberflchlichen Ri
fest.

Stunden wie die eben erlebte waren ohne Zweifel die schrecklichsten des
ganzen Krieges.

Du kauerst zusammengezogen einsam in deinem Erdloch und fhlst dich einem
unbarmherzigen, blinden Vernichtungswillen preisgegeben. Mit Entsetzen
ahnst du, da deine ganze Intelligenz, deine Fhigkeiten, deine geistigen
und krperlichen Vorzge zur unbedeutenden, lcherlichen Sache geworden
sind. Schon kann, whrend du dies denkst, der Eisenklotz seine sausende
Fahrt angetreten haben, der dich zu einem formlosen Nichts zerschmettern
wird. Dein Unbehagen konzentriert sich auf das Gehr, das das Heranflattern
des Todbringers aus der Menge der Gerusche zu unterscheiden sucht.

Dabei ist es dunkel. Du mut alle Kraft zum Aushalten aus dir allein
schpfen. Du kannst nicht einmal aufstehen und dir mit blasiertem Lcheln
eine Zigarette anznden, dich an den bewundernden Blicken deiner Kameraden
aufrichtend. Du wirst nicht ermutigt durch deinen Freund, der sich das
Monokel einklemmt, um einen Einschlag auf der Schulterwehr neben dir zu
betrachten. Du weit, wenn es dich trifft, wird kein Hahn danach krhen.

Ja, warum springst du nicht auf und strzt in die Nacht hinein, bis du in
einem sicheren Gebsch wie ein erschpftes Tier zusammenbrichst? Warum
hltst du noch immer aus, du und deine Braven? Kein Vorgesetzter sieht
dich.

Und doch beobachtet dich jemand. Dir selbst vielleicht unbewut, wirkt der
moralische Mensch in dir und bannt dich durch zwei mchtige Faktoren am
Platze: die Pflicht und die Ehre. Du weit, du bist zum Kampfe an diesen
Ort gestellt und ein ganzes Volk vertraut darauf, da du deine Sache
machst. Du fhlst, wenn ich jetzt meinen Platz verlasse, bin ich ein
Feigling vor mir selbst, ein Lump, der spter bei jedem Worte des Lobes
errten mu. Du beit die Zhne zusammen und bleibst.

An diesem Abend hielten alle aus, die dort an der dunklen flandrischen
Chaussee lagen. Man sah, da Fhrer und Mannschaft in einem heroischen
Geiste erzogen waren.

Pflicht und Ehre mssen die Grundpfeiler jeder Armee sein. Und dem Offizier
als Vorkmpfer mu das Gefhl gesteigerter Pflicht und gesteigerter Ehre
anerzogen werden. Dazu braucht man geeignetes Material und gewisse Formen.
Das wird einem erst im Kriege ganz klar. --

Nach Mitternacht begann es zu rieseln; Patrouillen eines inzwischen
eingeschwrmten Regiments, die bis zum Steenbach vorgingen, fanden nur
schlammgefllte Trichter vor. Der Feind hatte sich hinter den Bach
zurckgezogen.

Von den Anstrengungen dieses gewaltigen Tages erschpft, setzten wir uns
bis auf die in Wachen eingeteilten Leute in unsere Lcher. Ich zog mir den
zerfetzten Mantel meines toten Nebenmannes ber den Kopf und verfiel in
einen unruhigen Schlaf. Zur Zeit der Dmmerung erwachte ich durch ein
merkwrdig kaltes Gefhl und entdeckte, da ich mich in einer betrblichen
Lage befand. Es regnete in Strmen, und die Rinnsale der Strae ergossen
sich in die Tiefe meines Sitzloches. Ich errichtete einen kleinen Damm und
schpfte meinen Ruheort mit dem Kochgeschirrdeckel aus. Infolge des
stndigen Steigens der Wassermenge mute ich meinem Erdwerke eine Krone
nach der anderen aufsetzen, bis endlich der schwache Bau dem wachsenden
Druck wich, und ein schmutziger Strom mein Sitzloch gurgelnd bis obenhin
fllte. Whrend ich mich bemhte, aus dem Schlamm Pistole und Stahlhelm zu
angeln, trieben Tabak und Lebensmittel den Chausseegraben entlang, dessen
brigen Bewohnern es hnlich ergangen war. Zitternd und frierend, ohne
einen trockenen Faden am Leibe standen wir in dem Bewutsein, der nchsten
Beschieung vllig deckungslos ausgesetzt zu sein, im Schlamm der Strae.
Es war eine erbrmliche Situation. Ich machte hier die Beobachtung, da
kein Artilleriefeuer die Widerstandskraft des Menschen so grndlich zu
brechen vermag wie Nsse und Klte.

Fr den weiteren Verlauf der Schlacht war dieser Landregen ein wahres
Gottessgeschenk, denn die englische Offensive mute ja dadurch gerade in
den ersten, wichtigsten Tagen ins Stocken kommen. Der Gegner mute mit
seiner Artillerie die versumpfte Trichterzone berwinden, whrend wir
unsere Munition auf intakten Straen heranrollen konnten.

Um 11 Uhr erschien, als uns schon die Verzweiflung gepackt hatte, ein
rettender Engel, in Gestalt eines Meldelufers, der den Befehl brachte, da
sich das Regiment in Kokuit sammeln sollte.

Auf dem Wege sahen wir, wie schwierig die Verbindung nach vorn am
Angriffstage gewesen sein mute. Die Straen waren best von Menschen und
Pferden. Neben einigen bis zur Unkenntlichkeit zerschmetterten Protzen
lagen zwlf grauenhaft verstmmelte Pferde auf einem Haufen.

Auf einer regenfeuchten Wiese, ber der sich die milchweien Blle
vereinzelter Schrapnells wlkten, sammelten sich die Reste des Regiments.
Wir wurden erschttert durch den Anblick dieser kleinen Schar von der
Strke einer Kompagnie, in deren Mitte ein Grpplein von Offizieren stand.
Welche Verluste! Von zwei Bataillonen fast alle Offiziere und Mannschaften.
Dsteren Blicks standen die berlebenden im strmenden Regen, bis die
Quartiere angewiesen waren. In einer Holzbaracke trockneten wir uns, um
einen glhenden Ofen geschart, und faten bei einem krftigen Frhstck
wieder frischen Lebensmut. Die menschliche Natur ist eben unverwstlich.

Gegen Abend schlugen Granaten ins Dorf. Eine der Baracken wurde getroffen
und eine Reihe von Leuten der dritten Kompagnie gettet. Trotz der
Beschieung legten wir uns bald nieder mit der einzigen Hoffnung, nicht zum
Gegenangriff oder pltzlicher Verteidigung wieder in den Regen
hinausgeworfen zu werden.

Um 3 Uhr morgens kam der Befehl zum endgltigen Abrcken. Wir marschierten
ber die mit Leichen und zerschossenen Wagen bestreute Chaussee nach
Staden. Um den Krater eines riesigen Einschlages herum lagen allein zwlf
Tote. Staden, das bei unserer Ankunft noch so belebt gewesen war, wies
schon viele zerschossene Huser auf. Der verdete Marktplatz war mit
fortgeworfenem Hausgert best. Eine Familie verlie mit uns das Stdtchen,
als einzigen Besitz eine Kuh hinter sich herziehend. Der Mann hatte ein
Stelzbein, die Frau hielt die weinenden Kinder an der Hand. Der wirre Lrm
im Rcken erhhte das Traurige des Bildes.

Die berreste des II. Bataillons wurden in einem einsamen Hof
untergebracht, der sich inmitten saftiger, hochaufgeschossener Felder
hinter dichten Hecken verbarg. Dort wurde mir die Fhrung der siebenten
Kompagnie bertragen, mit der ich bis zum Schlu des Krieges Freud und Leid
teilen sollte.

Am Abend saen wir vor dem mit alten Kacheln ausgelegten Kamin, strkten
uns durch einen steifen Grog und lauschten dem wieder auflebenden Donner
der Schlacht. Aus dem Heeresbericht einer neuen Zeitung sprang mir der Satz
in die Augen: Es gelang uns, den Feind an der Steenbachlinie aufzuhalten.

Es war seltsam, zu empfinden, da unser scheinbar wirres Tun in finsterer
Nacht weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hatte. Wir hatten ein gut Teil
dazu beigetragen, die mit so gewaltigen Krften begonnene feindliche
Offensive zum Stillstand zu bringen.

Bald begaben wir uns zur Ruhe auf den Heuboden. Trotz des ausgiebigen
Schlaftrunkes phantasierten die meisten Schlfer und wlzten sich hin und
her, als ob sie die Flandernschlacht noch einmal durchkmpfen mten.

Am 3. Juli setzten wir uns, reichbeladen mit Vieh und Feldfrchten der
verlassenen Gegend nach dem Bahnhof des nahen Stdtchens Gits in Marsch. In
der Bahnhofskneipe trank das ganze zusammengeschrumpfte Bataillon schon
wieder in glnzender Stimmung Kaffee, den zwei derbe flmische Kellnerinnen
zum allgemeinen Vergngen mit sehr gewagten Redewendungen wrzten.
Besonderen Spa machte es den Leuten, da sie nach Landesbrauch jeden, auch
die Offiziere, mit du traktierten.

                   *       *       *       *       *

Nach einigen Tagen erhielt ich aus einem Gelsenkirchener Lazarett einen
Brief meines Bruders. Er schrieb, da er wohl einen steifen Arm und eine
klapprige Lunge behalten wrde.

Ich entnehme seinem Tagebuch folgende Zeilen, die meinen Bericht ergnzen
und die Eindrcke eines in das Tosen der Materialschlacht geworfenen
Neulings anschaulich wiedergeben:

-- -- Antreten zum Sturm! Das Gesicht meines Zugfhrers und
Vizefeldwebels Schnell beugte sich ber den Eingang der kleinen laub- und
bretterberdachten Hhle, in der wir seit Stunden rauchend und essend
lagen. Die drei Leute neben mir beendeten ihr Gesprch und rafften sich
fluchend auf. Ich erhob mich, schnallte um, rckte den Stahlhelm fest und
trat in die Dmmerung hinaus.

Es war neblig und khl. Das Bild hatte sich inzwischen verndert. Das
Granatfeuer hatte sich verzogen und lagerte dumpfdonnernd auf anderen
Teilen des riesigen Schlachtfeldes. Flugzeuge durchknatterten die Luft und
beruhigten das ngstlich sphende Auge durch ihre groen eisernen Kreuze.

Ich lief noch einmal zu einem Brunnen, der zwischen Trmmern und Schutt
sich merkwrdig klar erhalten hatte, zog den Eimer hoch, trank und fllte
meine Feldflasche.

Die Leute der Kompagnie traten in Zgen an. Ich hakte mir eilig vier
Handgranaten in das Koppel und begab mich zu meiner Gruppe, von der zwei
Mann nicht zur Stelle waren. Kaum hatte ich noch Zeit, die Namen
aufzuschreiben, als alles sich in Bewegung setzte. In Reihen zu einem
bewegten sich die Zge durch das Trichtergelnde, umbogen Balken, preten
sich an Hecken, tauchten in Tiefen unter und wanden sich klirrend und
polternd auf den Feind zu.

Ich war mir meines Auftrages klar bewut. Das zweite Bataillon unseres
Regiments und ein Bataillon des Nachbarregiments hatten den Befehl,
englische Abteilungen, die ber den Kanal gestoen waren, zurckzuwerfen.
Mir war zugedacht, mit meiner Gruppe vorn liegen zu bleiben und den
Gegensto aufzufangen.

Whrend ich all dieses noch einmal berlegte, traf mein Blick auf das
blasse, entschlossene Gesicht eines jungen Unteroffiziers. Bachmann,
dachte ich, obgleich ich ihn nicht kannte. Es war mein Kamerad,
Fahnenjunker-Unteroffizier, ebenfalls bei der Kompagnie Sandvo. Ich verlor
ihn aus dem Gesicht und betrachtete staunend die Landschaft, die sich
pltzlich vor unseren Augen entwickelt hatte.

Wir waren vor den Trmmern eines Dorfes angekommen. Aus der schrecklich
zernarbten Ebene Flanderns ragten schwarz und zersplittert die astlosen
Stmpfe einzelner Bume, berreste eines groen Waldes. Ungeheure
Rauchschwaden zogen durch die Luft und verhngten den Himmel mit dsterem,
schwerem Gewlk. ber der kahlen Erde, so unbarmherzig zerrissen und wieder
zerrissen, schwelten stinkende Gase, die gelb und braun trge
umherwanderten.

Es wurde Gasbereitschaft befohlen. In diesem Augenblick setzte schlagartig
ein ungeheures Feuer ein. Erde sprang auf in fauchenden Fontnen, und ein
Hagel von Splittern fegte wie ein Regenschauer das Land. Einen Augenblick
stand jeder erstarrt. Dann strzte alles wie rasend auseinander. Einmal
noch hrte ich unverstndlich die brllende Stimme unseres
Bataillonskommandeurs, Rittmeister Bckelmann.

Meine Leute waren verschwunden, ich befand mich in einem anderen Zuge und
drngte mich mit den anderen nach den Trmmern eines Dorfes, das die
unerbittlichen Granaten bis auf die Grundmauern rasiert hatten. Wir rissen
die Gasmasken heraus.

Mit einem Schlage setzte ein tolles Maschinengewehrfeuer ein. Alles warf
sich nieder. Links neben mir kniete der Leutnant Ehlers, neben ihm lag
sphend ein Unteroffizier. Vor uns flackerte gelb eine Feuerwand,
Detonation folgte auf Detonation; Huserreste, ein Schauer von Erdklumpen,
Ziegelstcken und Eisensplittern hagelte auf uns herab und schlug helle
Funken aus den Stahlhelmen. Ich starrte in diesen glhenden Hexenkessel
hinein.

Was war dagegen das halbstndige Trommelfeuer, das diesen verfehlten
Angriff vorbereitet hatte. Denn da er verfehlt war, war mir klar wie eine
Vision. Zweimal verschlang ein ungeheuerlicher Krach in kurzen
Zwischenrumen das Toben. Ganze Schuttfelder flogen in die Luft, wirbelten
durcheinander und strzten mit hllischem Prasseln nieder.

Auf eine schreiende Aufforderung Ehlers' schaute ich nach rechts. Er erhob
die linke Hand, winkte nach hinten, rief und sprang vor. Ich stand
schwerfllig auf und folgte laufend. Meine Fe brannten von der
vorhergehenden Nacht noch immer wie Feuer, das Blut war jedoch von den
Strmpfen aufgesogen und der stechende Schmerz hatte nachgelassen.

Ich hatte keine zwanzig Schritt gemacht, da blendete mich, als ich aus
einem Trichter wieder auftauchte, das brennende Licht eines Schrapnells,
das keine zehn Schritt vor mir in drei Meter Hhe auseinandersprang. Ich
fhlte zwei dumpfe Schlge gegen Brust und Schulter. Automatisch fiel mir
das Gewehr aus der Hand, ich brach, den Kopf nach hinten, zusammen und
kollerte in den Trichter zurck. Verschwommen hrte ich noch die Stimme
Ehlers, der im Vorbeilaufen rief: Den hat's erwischt.

Er sollte den nchsten Tag nicht beenden. Der Vorsto milang, und er wurde
beim Zurckspringen mit all seinen Begleitern gettet. Ein Schu durch den
Hinterkopf setzte dem Leben dieses tapferen Offiziers ein Ende.

Als ich nach einer langen Ohnmacht erwachte, war es ruhig geworden. Ich
versuchte mich aufzurichten, empfand jedoch heftigen Schmerz in der rechten
Schulter, den jede Bewegung des Armes verstrkte. Der Atem ging kurz und
stoweise, die Lunge konnte nicht genug Luft schaffen. Prellschu an Lunge
und Schulter, dachte ich, warf Sturmgepck, Koppel und in einem Zustande
vlliger Apathie auch die Gasmaske fort. Den Stahlhelm behielt ich auf und
hngte die Feldflasche an den Taillenhaken.

Nach fnf Schritten blieb ich in einem Nebentrichter regungslos liegen.
Nach vielleicht einer Stunde versuchte ich das zweite Mal fortzukriechen,
da das Feld schon wieder von leichten Trommelfeuern berschauert wurde.
Auch dieser Versuch milang; ich verlor meine Feldflasche und versank in
eine unendliche Erschpfung, aus der mich nach langer Zeit das Gefhl
brennenden Durstes erweckte.

Es begann leise zu regnen. Mit dem Stahlhelm gelang es mir, ein wenig
schmutziges Wasser zu sammeln. Ich hatte jede Orientierung verloren. Ein
Gewitter zog auf, seine Donnerschlge wurden bertnt von dem einsetzenden
Lrm eines neuen Trommelfeuers. Ich drckte mich an die Trichterwand. Ein
Lehmklumpen traf meine Schulter, schwere Splitter fegten ber meinen Kopf
dahin. Allmhlich verlor ich auch den Sinn fr die Zeit.

Einmal tauchten zwei Leute auf, die in langen Sprngen ber das Feld
setzten. Ich rief sie an; sie verschwanden, ohne auf mich zu hren wie
Schatten in den Nebeln. Endlich kamen drei Leute gerade auf mich zu. Ich
erkannte in dem mittleren den Unteroffizier vom Tage vorher. Sie nahmen
mich mit zu einer kleinen Htte, die in der Nhe stand, vollgestopft von
Verwundeten, die von zwei Sanittern gepflegt wurden. Ich hatte 13 Stunden
im Trichter gelegen.

In einer Ecke erkannte ich Bachmann, der, seinen Schmerz verbeiend,
krampfhaft sein zerschossenes Knie hielt. Wir unterhielten uns abgebrochen;
manchmal, wenn jemand ihn anstie, sthnte er leise.

Fortwhrend arbeitete das gewaltige Feuer fort. Granate auf Granate schlug
neben uns ein, hufig das Dach mit Sand und Erde berschttend. Man verband
mich, gab mir eine neue Gasmaske, ein Brot mit grober, roter Marmelade und
ein wenig Wasser. Der Sanitter sorgte fr uns wie ein Vater.

Die Englnder begannen vorzudringen. Sprungweise nherten sie sich und
verschwanden in den Trichtern, wie ich aus drauen erschallenden
ngstlichen Ausrufen schlo.

Dann trat mein Kompagniefhrer, der Leutnant Sandvo ein, fragte mich, ob
ich gehen knnte und verschwand, von einer Ordonnanz abberufen. Gleich
darauf hrte ich seine befehlende Stimme, Maschinengewehre wurden
umpostiert und begannen zu tacken.

Pltzlich strzte von den Schuhen bis zum Stahlhelm mit Lehm beschmiert ein
junger Offizier, mit dem E. K. I auf der Brust, herein. Es war mein Bruder,
der unten schon am vorigen Tage totgesagt war. Wir begrten uns, ein wenig
seltsam und gerhrt lchelnd. Nach wenigen Minuten verlie er mich und
brachte die letzten fnf Leute seiner Kompagnie herbei. Ich wurde auf eine
Zeltbahn gelegt und unter dem Donner der Geschtze vom Schlachtfelde
getragen. --




Regniville.


Am 4. Juli 1917 stiegen wir in dem berhmten Mars-la-tour aus. Die siebente
und achte Kompagnie kam in Doncourt unter, wo wir einige Tage lang ein ganz
beschauliches Leben fhrten. Nur brachten mich die knappen
Verpflegungsstze in manchen Konflikt. Es war streng verboten, in den
Feldern zu furagieren, trotzdem meldeten mir fast jeden Morgen die
Feldgendarmen einige Leute, die sie beim nchtlichen Kartoffelroden
angetroffen hatten und deren Bestrafung ich nicht umgehen konnte.

Am 9. wurde die Kompagnie durch den Divisionskommandeur, Generalmajor von
Busse, besichtigt, der uns sein Lob fr gutes Verhalten im Gefecht
aussprach. Am nchsten Nachmittag wurden wir verladen und fuhren bis in die
Nhe von Thiaucourt. Von dort marschierten wir gleich in unsere neue
Stellung, die sich auf den waldreichen Hhen der Cte Lorraine gegenber
dem zerschossenen, aus manchem Tagesbefehl bekannten Dorfe Regniville
hinzog. Am ersten Morgen besah ich meinen Abschnitt, der mir reichlich lang
fr eine Kompagnie vorkam und aus einem unbersichtlichen Gewirre zum Teil
halbverfallener Grben bestand. Auch die vordere Linie war an vielen
Stellen durch die in dieser Stellung blichen schweren, dreibeinigen
Flgelminen eingeebnet. Mein Stollen lag um 100 Meter zurck in dem sogen.
Verkehrsgraben, nahe der aus Regniville herausfhrenden Strae. Zum ersten
Male seit langer Zeit lagen wir wieder Franzosen gegenber.

Die Grabenwnde bestanden aus Kalkstein, einem Material, das der Witterung
bedeutend mehr widerstand als der gewohnte Lehmboden. Stellenweise war der
Graben sogar sorgfltig ausgemauert und die Sohle auf lange Strecken
betoniert, so da selbst die strksten Regenmassen leicht ablaufen konnten.
Der rtlich-weie Fels wimmelte von Fossilien. Jedesmal, wenn ich den
Graben durchschritt, kam ich mit Taschen voll Muscheln, Seesternen und
Ammonshrnern in den Unterstand zurck.

Mein Stollen war tief und tropfig. Er hatte eine Eigenschaft, die mir wenig
Freude machte, trotzdem ich sonst leidenschaftlicher Entomologe bin. Es
kamen nmlich in dieser Gegend statt der blichen Luse die viel
beweglicheren Verwandten vor. Diese beiden Arten stehen anscheinend in
demselben feindschaftlichen Verhltnis zueinander wie Wander- und
Hausratte. Hier half nicht einmal der gewohnte Wschewechsel, denn die
sprunggewandten Schmarotzer lauerten tckisch im Stroh der Lagersttte. Der
zur Verzweiflung getriebene Schlfer ri endlich seine Decken heraus und
konnte mit Mephisto sprechen:

   Ich schttle einmal noch den alten Flaus,
   Noch einer flattert hier und dort hinaus,
   Hinauf, umher in hunderttausend Ecken,
   Eilt Euch, ihr Liebchen zu verstecken.

Auch die Verpflegung lie viel zu wnschen brig. Auer der dnnen
Mittagssuppe gab es nur ein Drittel Brot mit einer lcherlich kleinen
Beilage, die meist aus halbverdorbener Marmelade bestand. Die Hlfte davon
fra mir jedesmal eine fette Ratte auf, der ich oft vergeblich nachstellte.

Die Reserve- und Ruhekompagnie hielten sich in tief im Walde versteckten,
romantisch gelegenen Blockhaus-Siedlungen auf. Besonders gefiel mir mein
Quartier in der Reservestellung, dem Stumpflager, das im toten Winkel an
den Hang einer engen Waldschlucht geklebt war. Ich hauste dort in einer
winzig kleinen, halb in den Hang eingebauten Htte, die dicht von
Haselnustruchern und Kornelkirschen umfat war. Das Fenster bot einen
Ausblick auf den gegenberliegenden bewaldeten Bergrcken und einen
schmalen bachdurchflossenen Wiesenstreifen im Grunde. Eine an der Rckwand
aufgestapelte Kollektion von Flaschen aller Sorten verriet, da hier schon
mancher Einsiedler beschauliche Stunden verbracht haben mute, und auch ich
bemhte mich, des Ortes ehrwrdigen Brauch nicht zu vernachlssigen. Wenn
abends die Nebel aus dem Grunde stiegen, sich mit dem schweren, weien
Qualm meines Holzfeuers mischten, und ich bei offener Tre im ersten Dmmer
zwischen der frischen Herbstluft und der Wrme des Feuers hockte, schien
mir nur ein Getrnk dazu passend: Rotwein mit Eierkognak zur Hlfte in
einem bauchigen Glase. Diese intimen Feiern trsteten mich auch ber die
Tatsache, da ein vom Ersatz-Bataillon gekommener, dienstlterer Herr meine
Kompagnie bernommen hatte, und ich als Zugfhrer wieder den langweiligen
Grabendienst verrichtete. Ich suchte die endlosen Wachen nach alter
Gewohnheit durch hufige Patrouillen zu umgehen.

Am 24. August wurde der tapfere Rittmeister Bckelmann durch einen
Granatsplitter verwundet, der dritte Bataillons-Kommandeur, den das
Regiment innerhalb kurzer Zeit verlor. -- Am 29. stattete ich mit dem
Unteroffizier Kloppmann, dem tchtigsten Angehrigen der siebenten
Kompagnie, der feindlichen Linie einen Besuch ab.

Wir krochen auf eine Lcke des feindlichen Hindernisses zu, die Kloppmann
in der Nacht vorher geschnitten hatte. Zu unserer unangenehmen berraschung
war der Draht geflickt; trotzdem durchschnitten wir ihn wieder mit
ziemlichem Gerusch und stiegen in den Graben. Wir kauerten uns hinter der
nchsten Schulterwehr nieder und lauschten. Nach einer viertelstndigen
Lauerpause schlichen wir weiter, einen Telephondraht verfolgend, der bei
einem in die Erde gesteckten Seitengewehr endigte. Wir fanden die Stellung
mehrfach durch Draht und einmal durch eine gitterfrmige Tr versperrt,
doch unbesetzt. Nachdem wir alles genau angesehen hatten, gingen wir
denselben Weg zurck und verspannen die Lcke wieder sorgfltig, um unseren
Besuch nicht zu verraten.

Am nchsten Abend spionierte Kloppmann wieder um die Stelle herum, wurde
jedoch mit Gewehrschssen und zitronenfrmigen Handgranaten, den sogen.
Enteneiern, empfangen, deren eine dicht neben seinem in den Boden
gepreten Kopf niederfiel ohne zu krepieren. Er mute schleunigst
Fersengeld geben.

Am 10. September begab ich mich vom Stumpflager zum
Regiments-Gefechtsstand, um Urlaub einzureichen. Ich habe schon an Sie
gedacht, erwiderte mir der Oberst von Oppen, das Regiment mu jedoch eine
gewaltsame Patrouille machen, deren Fhrung Sie bernehmen sollen. Suchen
Sie sich die geeigneten Leute aus und ben Sie mit ihnen unten im
Souloeuvre-Lager.

Wir sollten an zwei Stellen in den feindlichen Graben eindringen und
versuchen, Gefangene zu machen. Die Patrouille zweigte sich in drei Teile,
zwei Stotrupps und eine Sicherheitsbesatzung, die die erste Linie besetzen
und uns den Rcken decken sollte. Ich bernahm die Fhrung des linken
Trupps, den rechten bekam der Leutnant v. Kienitz. Die Leute setzten sich
nur aus Freiwilligen zusammen; einige berzhlige weinten fast, als ich sie
zurckwies. Mein Trupp bestand, mich eingerechnet, aus 14 Mann, darunter
der Fhnrich v. Zglinitzky, Unteroffizier Kloppmann, Unteroffizier Mevius,
Unteroffizier Dujesiefken und zwei Pioniere. Die tollsten Draufgnger des
zweiten Bataillons hatten sich zusammengefunden.

Zehn Tage lang trainierten wir uns im Werfen von Handgranaten und fhrten
unser Unternehmen an einem der Wirklichkeit nachgebildeten Sturmwerk aus.
Es war ein Wunder, da ich bei dem bereifer meiner Leute nur drei schon
vorher durch Splitter Verletzte hatte. Im brigen taten wir keinen Dienst,
so da ich am Nachmittag des 22. Septembers als Meister einer verwilderten,
aber brauchbaren Bande zur zweiten Stellung zog, in der wir fr die Nacht
untergebracht werden sollten.

Abends pilgerten v. Kienitz und ich durch den dunklen Wald zum
Bataillons-Gefechtsstand, da wir vom Bataillons-Kommandeur, Rittmeister
Schumacher, zu einer Henkersmahlzeit geladen waren. Dann legten wir uns in
unserem Stollen schlafen. Es ist ein merkwrdiges Gefhl, wenn man wei,
da man am nchsten Morgen einen Kampf auf Leben und Tod zu bestehen hat
und vorm Einschlafen noch eine Zeit lang in sich hineinhorcht.

Um 3 Uhr wurden wir geweckt, standen auf, wuschen uns und lieen das
Frhstck zurechtmachen. Ich hatte gleich einen tchtigen rger, da mir
mein Bursche die Spiegeleier, die ich mir zur Strkung und Feier des Tages
leisten wollte, vollkommen versalzen hatte.

Wir schoben die Teller zurck und sprachen zum hundertsten Male alle
Einzelheiten durch, die uns begegnen konnten. Zwischendurch boten wir uns
gegenseitig Cherry Brandies an, whrend v. Kienitz einige uralte Witze zum
Besten gab. Zwanzig Minuten vor fnf nahmen wir die Leute zusammen und
fhrten sie in die Bereitschaftsbunker der vorderen Linie. Es waren schon
Lcken in den Draht geschnitten und lange, mit Kalkmehl gestreute Pfeile
wiesen auf unsere Angriffspunkte. Wir trennten uns mit einem Hndedruck und
harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Ich war vollkommen in Dre: Vor der Brust zwei Sandscke mit je vier
Stielhandgranaten, links mit Aufschlag-, rechts mit Brennznder, in der
rechten Rocktasche eine Pistole 08 am langen Bande, in der rechten
Hosentasche eine kleine Mauserpistole, in der linken Rocktasche fnf
Eier-Handgranaten, in der linken Hosentasche Leuchtkompa und
Trillerpfeife. Am Koppel Karabinerhaken zum Abreien der Handgranaten,
Dolch und Drahtschere. In der inneren Brusttasche steckte eine gefllte
Brieftasche und meine Heimatadresse, in der hinteren Rocktasche eine platte
Flasche voll Cherry Brandy. Achselklappen und Gibraltarband hatten wir
abgelegt, um dem Gegner keinen Aufschlu ber unsere Herkunft zu geben. Als
Erkennungszeichen trugen wir an jedem Arm eine weie Binde.

Vier Minuten vor fnf setzte bei der linken Nachbardivision Ablenkungsfeuer
ein. Punkt 5 Uhr brach schlagartig unser Artillerie- und Minenfeuer los.
Ich stand mit dem Unteroffizier Kloppmann vorm Stolleneingang und rauchte
eine letzte Zigarre; wir muten jedoch wegen zahlreicher Kurzschsse
Deckung nehmen. Mit der Uhr in der Hand zhlten wir die Minuten.

Punkt 5.05 Uhr ging es aus dem Stollen heraus und auf den vorbereiteten
Wegen durchs Hindernis. Ich rannte, eine Handgranate hochhebend, voran und
sah auch die rechte Patrouille in der ersten Dmmerung vorstrmen. Das
feindliche Verhau war schwach; ich bersprang es in zwei Stzen, stolperte
aber ber eine dahintergezogene Drahtwalze und strzte in einen Trichter,
aus dem mich die Unteroffiziere Kloppmann und Mevius hervorzogen. Rin!
Wir sprangen in die erste Linie, ohne auf Widerstand zu stoen, whrend
rechts ein krachender Handgranatenkampf begann. Ohne uns darum zu kmmern,
setzten wir ber die den nchsten Graben absperrende Sandsackbarrikade und
sprangen von Trichter zu Trichter vor, bis wir zwei Reihen Spanischer
Reiter erreichten, die uns von der zweiten Linie trennten. Da diese
vollkommen zerstrt war und keine Hoffnung auf Gefangene gab, eilten wir,
ohne uns aufzuhalten, durch einen verbarrikadierten Laufgraben weiter vor.

Bei der Einmndung in die dritte Linie fiel vor mir ein glimmendes
Zigarettenende zu Boden. Ich gab meinen Leuten ein Zeichen, fate die
Handgranate fester und schlich vorsichtig durch den gut ausgebauten Graben
vor, an dessen Wnden zahlreiche verlassene Gewehre lehnten. In solchen
Situationen registriert das Gedchtnis unbewut auch das Nebenschlichste.
So prgte sich mir an dem Grabenkreuz das Bild eines Kochgeschirres ein, in
dem ein Lffel stand. Diese Beobachtung rettete mir 20 Minuten spter das
Leben.

Pltzlich verschwanden vor uns schattenhafte Gestalten. Wir rannten hinter
ihnen her und gerieten in eine Sackgasse, in deren Wand ein Stolleneingang
gebohrt war. Ich stellte mich davor und schrie: Montez! Eine
herausgeschleuderte Handgranate war die Antwort. Sie explodierte in Hhe
meines Kopfes an der gegenberliegenden Wand, zerfetzte meine seidene
Mtze, verwundete meine linke Hand mehrfach und schlug mir die Kuppe des
kleinen Fingers weg. Dem neben mir stehenden Pionier-Unteroffizier wurde
die Nase durchbohrt. Wir zogen uns einige Schritte zurck und bombardierten
den gefhrlichen Platz mit Handgranaten. Ein bereifriger schleuderte eine
Brandrhre in den Eingang und machte dadurch jeden weiteren Angriff
unmglich. Wir machten kehrt und verfolgten die dritte Linie in
entgegengesetzter Richtung, um endlich einen Gegner zu fassen. berall
lagen fortgeworfene Waffen und Ausrstungsstcke. Die Frage: Wo mgen nur
die Leute zu diesen vielen Gewehren sein? stieg immer unheimlicher in uns
empor, doch hasteten wir entschlossen mit fertiger Handgranate und
vorgehaltener Pistole weiter durch die den, pulverdampfverhangenen Grben.

Unser Weg von da an ist mir erst bei spterem Nachdenken klar geworden.
Ohne es zu bemerken, bogen wir in einen dritten Laufgraben ein und nherten
uns, bereits mitten im eigenen Absperrungsfeuer, der vierten Linie. Ab und
zu rissen wir einen der in die Wnde eingebauten Ksten auf und steckten
uns zum Andenken eine Handgranate in die Tasche.

Nachdem wir einige Male durch Kreuz- und Quergrben gelaufen waren, wute
niemand mehr, wo wir uns befanden und in welcher Richtung die deutschen
Stellungen lagen. Allmhlich wurden alle aufgeregt. Die Nadeln der
Leuchtkompasse tanzten in den fliegenden Hnden, und beim Suchen des
Polarsternes lie uns in der Erregung unsere ganze Schulweisheit im Stich.
Stimmengewirr in nahen Grben verriet, da der Gegner sich von der ersten
berraschung erholt hatte. Er mute unsere Lage bald erraten.

Nachdem wir wieder einmal kehrt gemacht hatten, ging ich als Letzter und
sah pltzlich vor mir ber einer Sandsackschulterwehr die Mndung eines
Maschinengewehres hin- und herpendeln. Ich sprang, ber eine franzsische
Leiche stolpernd, darauf zu und erblickte den Unteroffizier Kloppmann und
den Fhnrich v. Zglinitzky, die sich mit dem Gewehre beschftigten, whrend
der Fsilier Haller mit blutbeschmutzten Hnden einen zerfetzten Krper
nach Papieren durchwhlte. Wir hantierten, ohne uns um die Umgebung zu
kmmern, in fieberhafter Eile an der Waffe herum, um wenigstens eine Beute
mitzubringen. Ich versuchte, die Halteschrauben zu lsen; ein anderer kniff
mit der Drahtschere den Ladestreifen ab; endlich packten wir das auf einem
Dreifu stehende Ding, um es unzerlegt mitzunehmen. In diesem Augenblick
ertnte aus einem Parallelgraben in der Richtung, in der wir unseren Graben
vermuteten, eine Stimme: Qu'est ce qu'il y a und ein schwarzer Ball flog,
sich undeutlich vom dmmernden Himmel abhebend, auf uns zu. Achtung!
Zwischen Mevius und mir blitzte es auf; ein Splitter fuhr Mevius in die
Hand. Wir stoben nach allen Seiten auseinander, uns immer tiefer in das
Grabengewirre verstrickend. Bei mir befand sich nur noch der
Pionier-Unteroffizier und Mevius. Unser Glck war nur die Angst der
Franzosen, die sich immer noch nicht aus ihren Lchern herauswagten. Es
konnte sich indes nur noch um Minuten handeln, bis wir auf eine strkere
Abteilung stoen muten, die uns mit Vergngen den Garaus gemacht htte.
Pardonstimmung lag nicht in der Luft.

Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, wieder heil aus diesem Kessel
herauszukommen, entfuhr mir pltzlich ein Freudenschrei. Mein Blick war auf
das Kochgeschirr mit dem Lffel gefallen; nun war ich orientiert. Da es
schon ganz hell geworden war, hatten wir keine Sekunde zu verlieren. Wir
sprangen ber freies Gelnde, von den ersten Gewehrkugeln umpfiffen, den
eigenen Linien zu. Im vorderen franzsischen Graben stieen wir auf die
Patrouille des Leutnants v. Kienitz. Als uns der Ruf Lttje Lage!
entgegentnte, wuten wir, da wir das Grbste hinter uns hatten. Ich fiel
von oben leider gerade auf einen schwer Blessierten, den sie zwischen sich
liegen hatten. Kienitz erzhlte mir hastig, da er franzsische Schanzer im
ersten Graben durch Handgranaten vertrieben und beim weiteren Vorgehen
gleich zu Anfang durch eigene Artillerie Tote und Verwundete gehabt htte.

Nach lngerem Warten erschienen noch zwei meiner Leute, der Unteroffizier
Dujesiefken und der Fsilier Haller, der mir wenigstens einen kleinen Trost
mitbrachte. Er war beim Umherirren allein in einen kleinen Stichgraben
geraten und hatte dort drei verlassene MG. entdeckt, von denen er eins vom
Gestell geschraubt und mitgenommen hatte. Da es immer heller wurde,
hasteten wir ber das Niemandsland in unsere vordere Linie.

Von den vierzehn Mann, die mit mir ausgezogen waren, kamen nur vier zurck,
und auch die Patrouille Kienitz hatte schwere Verluste. Meine
Niedergeschlagenheit wurde etwas erhellt durch die Worte des biederen
Oldenburgers Dujesiefken, der, als ich mir im Stollen die Hand verbinden
lie, vorm Eingang seinen Kameraden die Ereignisse berichtete und mit dem
Satze schlo: Vor Leutnant Jnger habe ich jetzt aber Respekt; Junge,
Junge, der flitzte dich man so ber die Barrikaden!

Anschlieend marschierten wir durch den Wald zum Regiments-Gefechtsstand.
Der Oberst von Oppen begrte uns und lie uns Kaffee einschenken. Er war
zwar sehr betrbt ber unseren Mierfolg, sprach uns jedoch seine ganze
Anerkennung ber das Geleistete aus. Dann wurde ich in ein Auto gepackt und
fuhr zur Division, die genauen Bericht haben wollte. Vor wenigen Stunden
noch im wsten Handgranatenkampf durch zerschossene Grben strmend, geno
ich in vollen Zgen die Wohltat, zurckgelehnt in schnellem Fluge ber die
Landstrae zu brausen.

Der Generalstabsoffizier empfing mich in seinem Arbeitszimmer und versuchte
vergeblich, mir zu beweisen, da ich durch bereiltes Vorgehen den Verlust
meiner Leute verschuldet htte. Ich dachte: Du kannst mir hier, zwanzig
Kilometer hinter dem vorderen Graben, viel erzhlen, und gab zu verstehen,
da ich in der feindlichen Linie weder einen grnen Tisch, noch die Ste
von Karten darauf gehabt htte. Auerdem hatte ich nur die Ehre des Kampfes
gehabt, der Plan, an dem ich manches auszusetzen gefunden, war mir fertig
in die Hand gedrckt worden. Ich hatte vorher gebeten, den Angriffspunkt an
die markante Linie der Chaussee zu verlegen oder wenigstens farbige
Leuchtkugeln aus dem eigenen Graben hochzuschieen, um den Verirrten den
Weg zu weisen. Man hatte mir bedeutet, da dadurch das feindliche Feuer
angezogen wrde. Zum Teufel, was schiert mich das feindliche Feuer? Das bin
ich gewohnt. Aber ich bin keine Eule, die ihren Weg im Dunkeln findet!

Der Divisions-Kommandeur begrte mich sehr liebenswrdig und verscheuchte
bald meine Mistimmung. Beim Mittagessen sa ich im verschlissenen
Feldrocke mit verbundener Hand neben ihm und bemhte mich, nach dem Worte:
Nur die Lumpe sind bescheiden! unsere Taten vom Morgen in das richtige
Licht zu stellen.

Am nchsten Tage besichtigte der Oberst von Oppen die Patrouille noch
einmal, verteilte Eiserne Kreuze und gab jedem Teilnehmer vierzehn Tage
Urlaub. Am Nachmittag wurden die Gefallenen, deren Zurckschaffung gelungen
war, auf dem Soldatenfriedhof Thiaucourt begraben. Zwischen den Grbern
dieses Krieges ruhten dort auch Kmpfer von 1870/71. Eins dieser alten
Grber schmckte ein bemooster Stein mit der schlichten Inschrift: Dem
Auge fern, dem Herzen ewig nah! In eine groe Steintafel war gemeielt:

   Heldentaten, Heldengrber reihen neu sich an die alten,
   Knden wie das Reich erstanden, knden wie das Reich erhalten.

Abends las ich im franzsischen Heeresbericht: Ein deutsches Unternehmen
bei Regniville miglckte; wir machten Gefangene. Da die Gefangenen nur
gemacht waren, weil unsere Leute sich bei der Suche nach dem ausgerissenen
Gegner verirrt hatten, war nicht hinzugesetzt. Htten die Franzosen ihre
Grben verteidigt, wie mutige Soldaten zu tun pflegen, so wre es wohl
anders gekommen.

Einige Monate spter erhielt ich einen Brief von einem der Vermiten, dem
Fsilier Meyer, der dort im Handgranatenkampfe ein Bein verloren hatte; er
war mit drei Kameraden nach langem Umherirren in einen Kampf verwickelt und
schwer verwundet gefangen genommen worden, nachdem die anderen, darunter
auch der brave Unteroffizier Kloppmann, gefallen waren.

Ich habe im Kriege manches Abenteuer bestanden, doch keins war
unheimlicher. Noch immer gerate ich in eine beklommene Stimmung, wenn ich
an unseren Irrweg durch die unbekannten, vom kalten Frhlicht erhellten
Grben denke.

Einige Tage darauf sprangen die Leutnants Domeyer und Zrn mit mehreren
Begleitern nach einigen Schrapnellschssen in die erste franzsische Linie.
Domeyer stie auf einen franzsischen Landwehrmann mit mchtigem Vollbart,
der seine Aufforderung: Rendez-vous! mit grimmigem Ah non! erwiderte
und sich auf ihn strzte. Im Verlauf eines erbitterten Ringkampfes scho
Domeyer ihn mit der Pistole durch den Hals und mute wie ich ohne
Gefangenen zurckkehren. Nur war bei meinem Unternehmen eine
Artilleriemunition verpulvert, die 1870 fr eine ganze Schlacht ausgereicht
htte.




Noch einmal Flandern.


Am gleichen Tage, als ich von meinem vierzehntgigen Urlaub zurckkehrte,
wurden wir vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 5 abgelst und
zunchst in dem nahegelegenen Dorfe Labry, einem der typischen Drecknester
jener Gegend, untergebracht. Am meisten frappierte mich in diesen
lothringischen Drfern die vergebliche Suche nach einer verschwiegenen
rtlichkeit. Eine Badewanne schien zu den unbekannten Dingen zu gehren. In
dieser Beziehung habe ich in Frankreich berhaupt eigentmliche Erfahrungen
gemacht. Selbst in den prunkvollen Schlssern mute man gewisse
Schattenseiten mit diskretem Lcheln ignorieren. So sehr ich den Franzosen
schtze, halte ich doch diese Seite seines Wesens fr eine bezeichnende.

   Was schadet's, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt,
   Wenn nur der Trknopf vorn blitzt und blinkt.

Am 17. Oktober 1917 wurden wir verladen und betraten nach anderthalb Tagen
wieder den Boden Flanderns, den wir erst vor zwei Monaten verlassen hatten.
Wir bernachteten in dem Stdtchen Iseghem und marschierten am nchsten
Morgen nach Roulers oder, wie es flmisch heit: Roselaire. Die Stadt
befand sich im ersten Stadium der Zerstrung. Noch wurden in den Lden
Waren feilgehalten, doch hauste die Bevlkerung schon in den Kellern, und
die Bande des brgerlichen Lebens waren durch hufige Beschieungen
zerrissen. Ein Schaufenster mit Damenhten gegenber meinem Quartier machte
auf mich in dem Kriegsgewhl einen merkwrdig deplacierten Eindruck. Nachts
versuchten Plnderer, in die verlassenen Wohnungen einzubrechen.

In meinem in der Oststraat gelegenen Quartier war ich der einzige Bewohner
der berirdischen Rume. Das Haus gehrte einem Tuchhndler, der zu Beginn
des Krieges geflohen war und eine alte Wirtschafterin mit ihrer Tochter zur
Bewachung zurckgelassen hatte. Die beiden sorgten fr ein kleines,
verwaistes Mdchen, das sie whrend unseres Vormarsches, von seinen Eltern
verlassen, in den Straen umherirrend aufgefunden hatten. Sie kannten nicht
einmal Alter und Namen des Kindes. Sie hatten eine fabelhafte Angst vor
Bomben und beschworen mich fast auf den Knien, oben kein Licht zu machen,
um die bsen Flieger nicht anzulocken. Mir verging das Lachen allerdings
auch, als, whrend ich neben Leutnant Reinhardt am Fenster stand und einen
im Lichte der Scheinwerfer dicht ber die Dcher fliegenden Englnder
betrachtete, eine Riesenbombe in der Nhe des Hauses aufschlug und der
Luftdruck uns die Splitter der Fensterscheiben um die Ohren warf.

Ich war fr die bevorstehende Aktion zum Sphoffizier bestimmt und dem
Regimentsstabe zugeteilt. Um mich zu orientieren, begab ich mich schon vor
unserem Einsatz zum Gefechtsstand des bayerischen Reserve-Regiments 10, das
wir ablsen sollten. Ich fand in dem Kommandeur einen sehr freundlichen
Herrn vor, obgleich er zuerst beim Empfang etwas ber mein rotes
Mtzenbandl brummte. Ich legte damals schon lngst keinen Wert mehr auf
einen sortiert feldmigen Anzug. Am Fexentum erkennt man berall den
Neuling.

Zwei Ordonnanzen fhrten mich zu dem sogenannten Meldekopf, der einen sehr
guten berblick bieten sollte. Wir hatten kaum den Gefechtsstand verlassen,
als eine Granate bei uns einschlug. Da bin ich schon, des Chaos
vielgeliebter Sohn! Meine Fhrer wuten indes dem Feuer, das gegen Mittag
in unaufhrliches Rollen berging, in dem durch zahlreiche kleine
Pappelgehlze maskierten Gelnde sehr geschickt auszuweichen.

Auf der Schwelle eines einsamen Gehftes, das die Spuren frischer
Einschlge aufwies, erblickten wir einen auf dem Bauch liegenden Toten.
Den hat's a derwischt! uerte der biedere Bayer. Dicke Luft, meinte
der andere mit witterndem Umblick und schritt rasch weiter. Der Meldekopf
lag jenseits der stark beschossenen Strae Paschendale--Westroosebeke und
erwies sich als eine Meldesammelstelle, hnlich der, die ich in Fresnoy
gefhrt hatte. Er lag neben einem zum Schutthaufen zusammengeschossenen
Hause und hatte so wenig Deckung, da ihn der erste derbere Treffer
vernichten mute. Ich lie mich von drei Offizieren, die dort ein
geselliges Hhlendasein fhrten und ber die baldige Ablsung sehr erfreut
waren, ber Feind, Stellung und Annherung orientieren und ging dann ber
Roodkruis--Oostnieukerke nach Roulers zurck, wo ich dem Oberst Bericht
erstattete.

Auf dem Wege durch die Straen der Stadt las ich mit Vergngen die
gemtlichen Namen der zahlreichen kleinen Schenken, die so recht die
flmische Behbigkeit ausdrckten. Wer fhlt sich nicht angezogen durch ein
Wirtschaftsschild, das den Titel De Zalm (Salm), De Reeper (Reiher),
De Nieuwe Trompette, De drie Koningen oder Den Olifant fhrt? Klingt
das nicht nach Teniers und De Coster? Schon der Empfang in der krftigen
unverwelschten Sprache mit dem traulichen Du versetzt in behagliche
Stimmung. Gott gebe, da dieses prchtige Land in seinem alten Wesen von
den furchtbaren Wunden des Krieges wieder auferstehe.

Am Abend wurde die Stadt wieder mit Bomben beworfen. Ich stieg in den
Keller, in dem sich die Frauen zitternd in eine Ecke gedrckt hatten und
knipste meine Taschenlampe an, um das kleine Mdchen zu beruhigen, das im
Dunkeln vor Angst schrie, da eine Explosion das Licht verlscht hatte. Hier
zeigte sich wieder, wie fest der Mensch mit seiner Heimat verwachsen ist.
Trotz der gewaltigen Furcht, die diese Frauen vor der Gefahr hatten,
klammerten sie sich fest an die Scholle, die jeden Augenblick zum Grabe
werden konnte.

Am Morgen des 22. Oktober brach ich mit meinem Sphtrupp von vier Mann nach
Kalve auf, wo der Regimentsstab im Laufe des Vormittags ablsen sollte. An
der Front tobte ein gewaltiges Feuer, dessen Blitze dem Frhmorgennebel das
Aussehen eines brodelnden, blutigroten Dampfes gaben. Am Eingange von
Oostnieukerke strzte neben uns ein Haus, von einer schweren Granate
getroffen, krachend zusammen. Steintrmmer rollten ber die Strae. Wir
versuchten, den Ort zu umgehen, muten aber doch hindurch, da wir die
Richtung Roodkruis--Kalve nicht kannten. Im Vorbeieilen fragte ich einen
bayerischen Unteroffizier, der im Eingange eines Kellers stand, nach dem
Wege. Statt zu antworten, vergrub er seine Hnde in die Taschen und zuckte
die Achseln. Da ich infolge der dauernd einschlagenden Geschosse keine Zeit
zu verlieren hatte, sprang ich auf dieses Produkt einer verfehlten
militrischen Ausbildung zu und erzwang mir durch die ihm unter die Nase
gehaltene Pistole Auskunft. Wenn der Mann inzwischen nicht gefallen oder
desertiert ist, wird er sicher die Spartakusgruppe um ein wrdiges Mitglied
bereichert haben.

Bei Roodkruis, einem kleinen Gehft an einer Straengabel, wurde die Sache
bedenklich. Protzen rasten ber die beschossene Strae, Infanterietrupps
schlngelten sich zu beiden Seiten durchs Gelnde, und zahllose Verwundete
schleppten sich von vorne zurck. Einem jungen Artilleristen, der uns
begegnete, ragte ein langer, zackiger Splitter aus der Schulter. Wir bogen
rechts von der Strae ab zum Regimentsgefechtsstand, der von einem starken
Feuerkranze umgeben war. In der Nhe legten zwei Telephonisten Leitung ber
ein Kohlfeld. Unmittelbar neben dem einen schlug eine Granate ein; wir
sahen ihn strzen und hielten ihn fr erledigt. Er erhob sich jedoch gleich
wieder und zog seinen Draht mit anerkennenswerter Kaltbltigkeit weiter. Da
der Gefechtsstand nur aus einem winzigen Betonblock bestand, der kaum fr
den Kommandeur mit Adjutanten und Ordonnanzoffizier Platz bot, mute ich in
der Nhe Unterkunft suchen. Ich zog mit dem Nachrichten-, Gasschutz- und
Minenwerferoffizier in eine leichte Holzbaracke, die nicht gerade das Ideal
einer bombensicheren Unterkunft darstellte.

Am Nachmittag ging ich in Stellung, da die Meldung eingelaufen war, da der
Feind am Morgen unsere fnfte Kompagnie angegriffen htte. Mein Weg fhrte
ber den Meldekopf zum Nordhof, einem zur Unkenntlichkeit zerschossenen
Gehft, unter dessen Trmmern der Kommandeur des Bereitschaftsbataillons
hauste. Von dort lief ein allerdings nur noch angedeuteter Pfad zum
Kampftruppen-Kommandeur. Durch die starken Regenflle der letzten Tage war
das unbersehbare Trichterfeld in ein Meer von Schlamm verwandelt, das
besonders im Paddebachgrunde eine lebensgefhrliche Tiefe aufwies. Auf
meinen Irrfahrten kam ich an manchem einsam oder vergessen liegenden Toten
vorbei; oft ragte nur noch der Kopf oder eine Hand ber den schmutzigen
Spiegel der Trichter. Tausende schlummern so, ohne da ein von Freundeshand
errichtetes Kreuz die unbekannte Grabsttte schmckt.

Nach dem uerst anstrengenden berschreiten des Paddebaches, das nur durch
einige von Granaten darbergeschleuderte Pappeln ermglicht wurde,
entdeckte ich in einem Riesentrichter den Fhrer der fnften Kompagnie,
Leutnant Heins, inmitten eines Hufleins von Getreuen. Die Trichterstellung
lag an einem Hange und konnte, da sie nicht vllig versoffen war, von
anspruchslosen Frontsoldaten als bewohnbar bezeichnet werden. Heins
erzhlte mir, da am Morgen eine englische Schtzenlinie erschienen und auf
Beschieung verschwunden wre. Diese hatte wiederum einige verirrte 164er,
die bei ihrer Annherung fortgelaufen waren, erschossen. Sonst war alles in
Ordnung; ich begab mich daher zum Gefechtsstand zurck, wo ich dem Oberst
Bericht erstattete.

Am Tage darauf wurde unser Mittagessen in grbster Weise durch einige uns
vor die Tr gesetzte Granaten unterbrochen, deren Dreckfontnen in
langsamem Wirbel auf unser Teerpappdach trommelten. Alles strzte aus der
Tr; ich flchtete in ein nahes Gehft, in das ich des Regens wegen
hineinging. Am Abend wiederholte sich der Vorgang, nur blieb ich diesmal
vor dem Hause stehen, da es trockenes Wetter war. Die nchste Granate
schlug mitten in das zusammenbrechende Gebude. So spielt der Zufall im
Kriege. Mehr als anderswo gilt hier: Kleine Ursachen, groe Wirkungen.
Sekunden und Millimeter entscheiden.

Am 25. wurden wir schon um 8 Uhr aus den Baracken getrieben, von denen die
uns gegenberliegende beim zweiten Schu einen Volltreffer erhielt. Durch
die Erfahrungen des vorigen Tages gewitzigt, suchte ich mir in dem groen
Kohlfelde hinter dem Regimentsgefechtsstand einen einsamen,
vertrauenerweckenden Granattrichter aus, von dem ich mich jedesmal erst
nach einer angemessenen Sicherheitspause wieder trennte. Whrend dieses
Tages bekam ich die mir sehr nahegehende Nachricht vom Tode des Leutnants
Brecht, der als Sphoffizier der Division in dem Trichterfeld rechts vom
Nordhof den Heldentod gefunden hatte. Ich hatte Brecht stets als Vorbild
und lebenden Beweis des Spruches: Fortes fortuna adjuvat bewundert. Er
war einer der wenigen, die infolge ihres unermdlichen Draufgngertums
sogar in diesem prosaischsten aller Kriege von einem romantischen Nimbus
umgeben waren.

Die Morgenstunden des 26. wurden durch ein Trommelfeuer von
auergewhnlicher Heftigkeit ausgefllt. Auch unsere Artillerie verdoppelte
auf die von vorn hochsteigenden Sperrfeuersignale hin ihre Wut. Jedes
kleine Waldstck und jede Hecke war mit Geschtzen gespickt, hinter denen
halbtaube Kanoniere ihres Amtes walteten.

Da zurckkommende Verwundete unklare und bertriebene Angaben ber einen
englischen Angriff machten, wurde ich mit meinen vier Mann um 11 Uhr nach
vorn geschickt, um dort Genaueres zu erkunden. Unser Weg fhrte durch
scharfes Feuer. Zahlreiche Verwundete begegneten uns, darunter Leutnant
Spitz, Fhrer der zwlften Kompagnie, mit einem Kinnschu. Schon vor K. T.
K. kamen wir in gezieltes Maschinengewehrfeuer, ein Beweis, da der Feind
unsere Linien eingedrckt haben mute. Dieser Verdacht wurde mir durch den
Major Dietlein, Fhrer des III. Bataillons besttigt. Ich fand den alten
Herrn gerade beschftigt, aus dem Eingange seines dreiviertel unter Wasser
stehenden Betonklotzes zu kriechen, eifrig nach seiner in den Schlamm
gefallenen Meerschaumspitze fischend. Wenn doch jeder Deutsche sich ohne
Rcksicht auf Alter und Gesundheit so eingesetzt htte.

Der Feind war in die vordere Linie eingedrungen und hatte einen Hhenrcken
genommen, von dem er den wichtigen Paddebachgrund, in dem der K. T. K. lag,
unter Feuer nehmen konnte. Nachdem ich diese Vernderung der Lage mit
einigen Blaustiftstrichen in meine Karte eingetragen hatte, setzte ich mit
meinen Leuten zu neuem Dauerlauf durch den Schlamm an. Wir sprangen im
schnellsten Tempo ber die eingesehene Flche bis hinter die nchste
Bodenwelle, von dort langsamer zum Nordhof. Rechts und links schlugen
Granaten in den Sumpf und schleuderten riesige, von unzhligen kleineren
umgebene Schlammberge in die Hhe. Der Nordhof lag unter
nervenerschtterndem Brisanzfeuer und mute sprungweise berwunden werden.
Ein Schrapnell warf seine Kugelladung mit vielfachem Klatschen zwischen
uns. Einer meiner Begleiter wurde am hinteren Stahlhelmrand getroffen und
zu Boden geschleudert. Nachdem er eine Zeitlang betubt gelegen hatte,
raffte er sich hoch und lief weiter. Das Gelnde um den Nordhof war von
einer Menge furchtbar zugerichteter Leichen bedeckt. Nachdem wir noch
glcklich den stark beschossenen Grund hinter der Strae
Paschendale--Westroosebeke durchschritten hatten, konnte ich dem
Regiments-Kommandeur Meldung erstatten.

Am nchsten Morgen wurde ich schon um 6 Uhr mit dem Auftrage,
festzustellen, ob und wo das Regiment Anschlu htte, nach vorn geschickt.
Unterwegs traf ich den Feldwebel-Leutnant Ferchland, der der achten
Kompagnie den Befehl berbringen mute, auf Goudberg vorzugehen und, falls
eine bestehen sollte, die Lcke zwischen uns und dem linken
Nachbar-Regiment auszufllen. Um meinen Auftrag so schnell wie mglich
auszufhren, konnte ich nichts besseres tun, als mich anzuschlieen. Wir
fanden nach lngerem Suchen den mir befreundeten Fhrer der achten
Kompagnie, Leutnant Tebbe, in einem unwirtlichen Teile der
Trichterlandschaft nahe dem Meldekopf. Er zeigte sich ber den Auftrag,
eine derartig auffllige Bewegung bei hellem Tage auszufhren, wenig
erfreut. Wir steckten uns whrend unserer kargen, durch die unsgliche
Nchternheit des morgenbeschienenen Trichterfeldes bedrckten Konversation
eine Zigarre an und warteten, bis sich die Kompagnie gesammelt hatte. Schon
nach wenigen Schritten erhielten wir von den gegenberliegenden Hhen
gezieltes Infanteriefeuer und muten einzeln von Trichter zu Trichter
vorspringen. Beim berschreiten des nchsten Hanges konzentrierte sich das
Feuer so, da Tebbe eine Trichterstellung beziehen lie, um den Schutz der
Nacht abzuwarten. Er ging, eine Zigarre rauchend, mit groer Kaltbltigkeit
den ganzen Abschnitt ab, um seine Gruppen einzuteilen.

Ich beschlo, weiter vorzugehen, um die Gre der Lcke festzustellen und
ruhte mich noch einen Augenblick in Tebbes Trichter aus. Schon begann die
feindliche Artillerie zur Strafe fr das khne Vorgehen der Kompagnie sich
auf den Gelndestreifen einzuschieen. Ein auf den Rand unseres
Zufluchtsortes wuchtendes Sprengstck, das Karte und Augen voll Lehm
spritzte, mahnte mich zum Aufbruch. Ich verabschiedete mich von Tebbe und
wnschte ihm viel Glck fr die nchsten Stunden. Er rief hinter mir her:
Lieber Gott, la Abend werden, Morgen wird's von selber!

Wir schritten vorsichtig durch den eingesehenen Paddebachgrund, uns hinter
den Laubmassen umgeschossener Pappeln verbergend und ihre Stmme als Brcke
benutzend. Ab und zu verschwand einer bis ber die Hften im Schlamm und
wre ohne die helfend hingestreckten Gewehrkolben der Kameraden unfehlbar
ertrunken. Ich whlte als Marschrichtungspunkt eine Gruppe von Leuten, die
einen Betonblock umstanden. Vor uns bewegte sich eine von vier Sanittern
geschleppte Bahre in derselben Richtung. Durch die Beobachtung, da ein
Verwundeter nach vorn geschleppt wurde, stutzig gemacht, sah ich durchs
Glas und erblickte eine Reihe von khakifarbenen Gestalten mit flachen
Stahlhelmen. In diesem Augenblick knallten auch schon die ersten Schsse.
Da Deckungnehmen unmglich war, rannten wir zurck, whrend die Geschosse
rings um uns in den Schlamm spritzten. Die Hetze durch den Morast war
wahnsinnig anstrengend; doch als wir, vllig ausgepumpt, uns eine Weile den
Englndern als Zielscheibe hinstellten, verlieh uns eine Gruppe
Brisanz-Granaten wieder die alte Frische. Sie hatte immerhin das Gute, uns
durch ihren Qualm der feindlichen Sicht zu entziehen. Das unangenehmste bei
diesem Lauf war das Bewutsein, durch eine Verwundung unfehlbar zur
Moorleiche verwandelt zu werden. Blutige Rinnsale aus einzelnen Trichtern
verrieten, da hier schon mancher verschwunden war.

Zu Tode erschpft, erreichten wir den Regiments-Gefechtsstand, wo ich meine
Skizzen abgab und Bericht ber die Lage erstattete.

Am 28. Oktober wurden wir wieder durch das bayerische Reserve-Regiment 10
abgelst und, zu stetem Eingreifen bereit, in den Drfern hinter der Front
untergebracht. Der Stab zog nach Most.

Am Abend saen wir schon wieder uerst vergngt im Zimmer einer
verlassenen Schenke beim Wein und feierten die Befrderung und Verlobung
des Leutnants Zrn, der gerade vom Urlaub zurckgekommen war. Zur Strafe
fr diesen Leichtsinn wurden wir am folgenden Morgen durch ein
Riesentrommelfeuer geweckt, das trotz der Entfernung noch meine
Fensterscheiben sprengte. Gleich darauf wurde alarmiert. Es ging das
Gercht, da der Gegner bei der immer noch bestehenden Lcke links der
Regimentsstellung eingedrungen wre. Ich verbrachte den Tag, auf Befehle
wartend, beim Beobachtungsstande des A. O. K., dessen Umgebung unter
schwachem Streufeuer lag. Eine leichte Granate fuhr durch das Fenster eines
Huschens, aus dem drei ziegelmehlbestubte verwundete Artilleristen
hervorstrzten. Drei andere lagen als Leichen unter den Trmmern.

Am Morgen darauf bekam ich von dem bayerischen Kommandeur folgenden
Gefechtsauftrag: Durch abermaligen Vorsto des Gegners ist die Stellung
des linken Nachbarregiments noch mehr zurckgedrngt und die Lcke zwischen
beiden Regimentern sehr vergrert. Da Gefahr bestand, da die Stellung des
Regiments von links umgangen wurde, trat gestern abend das I. Bataillon des
Fsilier-Regiments Nr. 73 zum Gegensto an, wurde aber anscheinend vom
Sperrfeuer zerfledert und kam nicht an den Feind. Heute morgen wurde das
II. Bataillon gegen die Lcke vorgeschickt. Nachricht ist bislang nicht
eingetroffen. Es ist die Stellung des I. und II. Bataillons zu erkunden.

Ich machte mich auf den Weg und begegnete schon beim Nordhof dem Hauptmann
von Brixen, Kommandeur des II. Bataillons, der die Aufstellungsskizze
bereits in der Tasche hatte. Ich zeichnete sie ab und hatte meinen Auftrag
damit eigentlich erledigt, begab mich jedoch noch zum Betonblock des K. T.
K. um einen persnlichen berblick zu gewinnen. Auf dem Wege lag eine Menge
frischer Leichen, deren blasse Gesichter aus wassergefllten Trichtern
starrten oder bereits so von Schlamm berzogen waren, da man die
menschliche Gestalt kaum erkennen konnte. Leider leuchtete von den rmeln
der meisten das blaue Gibraltarband. Kampftruppen-Kommandeur war der
bayerische Hauptmann Rademeyer. Dieser uerst energische Offizier teilte
mir ausfhrlich mit, was mir der Hauptmann von Brixen bereits hastig
erzhlt hatte. Unser II. Bataillon hatte groe Verluste erlitten, u. a.
waren der Bataillons-Adjutant und der Fhrer der braven siebenten Kompagnie
gefallen. Das Schicksal des Adjutanten, Leutnants Lemire, war besonders
tragisch, da sein Bruder erst im April dieses Jahres bei Fresnoy als Fhrer
der achten Kompagnie den Tod gefunden hatte. Die beiden Brder waren
Liechtensteinsche Staatsangehrige, trotzdem aus Begeisterung fr die
deutsche Sache in die Armee eingetreten. Es ist nicht gut, zwei Shne im
selben Regiment in den Krieg zu schicken. Wir hatten im Offizierkorps vier
Brderpaare. Von diesen acht jungen Leuten fielen fnf, und zwei, darunter
mein Bruder, brachten schwere Schden mit nach Hause. Ich bin der einzige,
der einigermaen heil herausgekommen ist. Dies kleine Beispiel illustriert
die Verluste des Fsilier-Regiments.

Der Hauptmann zeigte auf einen Betonblock 200 Meter vor dem unsrigen, der
gestern besonders heldenhaft verteidigt war. Kurz nach dem Angriff sah der
Kommandant der kleinen Feste, ein Feldwebel, einen Englnder, der drei
Deutsche abtransportierte. Er scho den Englnder heraus und verstrkte mit
den drei Leuten seine Besatzung. Helden schien er dem Vaterlande freilich
nicht erhalten zu haben. Als sie ihre Munition verschossen hatten, setzten
sie einen gut verbundenen Englnder als friedliches Aushngeschild vor die
Tr, konnten sich jedoch nach Einbruch der Dunkelheit noch unbemerkt
zurckziehen.

Ein anderer Betonklotz, den ein Leutnant kommandierte, wurde durch einen
englischen Offizier zur Ergebung aufgefordert; statt einer Antwort sprang
der Deutsche heraus, packte den Englnder und zog ihn vor den Augen seiner
verdutzten Leute hinein.

An diesem Tage sah ich das einzige Mal im Kriege kleine Trupps von
Krankentrgern mit erhobenen Roten-Kreuzflaggen sich offen in der Zone des
Infanteriefeuers bewegen, ohne da ein Schu gegen sie fiel. Solche Bilder
zeigten sich dem Frontkmpfer in diesem unterirdischen Kriege nur, wenn die
Not bis zur Unertrglichkeit gestiegen war. Trotzdem erfuhr ich spter, da
verborgene englische Schtzen einige unserer Krankentrger niedergeschossen
hatten.

Viele Leser werden diese Tat fr den Gipfel der Vertierung halten, und doch
kann ich mir erklren, da schwache Naturen dem atavistischen Triebe, zu
vernichten, erliegen, der den eindgewohnten Grabenkmpfer packt, wenn
drben Menschen erscheinen. Ich habe ihn selbst nur zu oft empfunden.

Mein Rckweg wurde durch unangenehmes, nach faulen pfeln riechendes
Reizgas englischer Granaten, das sich im Boden festgesogen hatte und die
Augen trnen machte, erschwert. Gleich darauf sollte ich einen
schmerzlicheren Grund zum Vergieen von Trnen bekommen. Nachdem ich im
Gefechtsstande meine Meldung erstattet hatte, begegnete ich kurz vorm
Verbandsplatze Kalve den Bahren zweier befreundeter, schwer verwundeter
Offiziere. Der eine war Leutnant Zrn, den wir zwei Abende zuvor in
frhlichem Kreise gefeiert hatten. Jetzt lag er, halb entkleidet, mit jener
wachsgelben Gesichtsfarbe, die ein sicheres Vorzeichen des Todes ist, auf
einer losgerissenen Tr und sah mich mit stieren Augen an, als ich
herantrat, um ihm die Hand zu drcken. Dem anderen, Leutnant Haverkamp,
waren Arm- und Beinknochen durch Granatsplitter so zerschmettert, da eine
Amputation sehr wahrscheinlich war. Er lag totenbla mit in Fatalismus
versteinerten Zgen auf seiner Bahre und rauchte eine Zigarette.

Wir hatten in diesen Tagen wieder erschreckende Verluste an jungen
Offizieren aufzuweisen. Jedesmal, wenn ich heute das abfllige Urteil der
Masse ber den Kriegsleutnant hre, mu ich an diese Mnner denken, die den
alten Preuengeist von Pflicht und Ehre, den Geist von Kolin, hinaustrugen
in Blut und Schlamm, aufrecht bis zum bitteren Ende.

Am 3. November wurden wir in dem uns von den ersten Flanderntagen her
wohlbekannten Bahnhof Gits verladen. Wir konstatierten, da die beiden
Flminnen nicht mehr die alte Frische zeigten. Auch sie schienen inzwischen
manchen Gro-Kampftag erlebt zu haben.

Wir kamen fr einige Tage nach Tourcoing, einer ansehnlichen Schwesterstadt
von Lille, in Ruhe. Das erste und letzte Mal im Kriege schlief hier jeder
Mann der siebenten Kompagnie in einem Federbett. Ich bewohnte ein
prachtvoll eingerichtetes Zimmer im Hause eines Industriebarons in der Rue
de Lille. Mit unsglichem Behagen geno ich den ersten Abend in einem
Klubsessel vorm Feuer des unvermeidlichen Marmorkamins.

Die wenigen Tage wurden von allen benutzt, sich des hart errungenen Daseins
zu freuen. Noch konnte man es kaum fassen, da man dem Tode entronnen war.
Man fhlte den Zwang, sich des Lebens zu vergewissern, es in all' seinen
Formen zu genieen.




Die Cambraischlacht.


Die schnen Tage von Tourcoing waren bald vorber. Wir lagen noch kurze
Zeit in Villers-au-tertre, wo wir durch neuen Ersatz aufgefllt wurden, und
fuhren am 15. November 1917 nach Lcluse, dem Aufenthaltsort des jeweiligen
Ruhebataillons der uns zugewiesenen Stellung. Lcluse war ein greres, von
Seen umgebenes Dorf des Artois. Die ausgedehnten Schilfflchen bargen Enten
und Wasserhhner, die Gewsser wimmelten von Fischen. Obwohl das Fischen
streng verboten war, hrte man nachts auf dem Wasser oft rtselhafte
Gerusche. Eines Tages bekam ich von der Ortskommandantur auch ein paar
Soldbcher von Leuten meiner Kompagnie, die beim Fischen mit Handgranaten
erwischt waren, zugestellt. Ich verlor indes kein Wort darber, da mir die
gute Stimmung der Mannschaft bedeutend mehr am Herzen lag als die Schonung
der franzsischen Jagd oder die Mittagsmahlzeiten des Ortsgewaltigen.
Seitdem wurde fast jeden Abend von unbekannter Hand ein Riesenhecht auf
meinem Tische niedergelegt. Am nchsten Mittag gab ich dann meinen beiden
Kompagnie-Offizieren ein Essen mit dem Hauptgange Hecht  la Lohengrin
(Nie sollst du mich befragen).

Am 19. besichtigte ich mit meinen Zugfhrern die Stellung, die wir in den
nchsten Tagen besetzen sollten. Sie lag vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Wir
kamen jedoch nicht so rasch in die Grben, wie wir gedacht hatten, da fast
jede Nacht alarmiert und wir wegen eines vermuteten englischen Angriffes
abwechselnd in der Wotanstellung, dem Artillerieschutzriegel oder dem Dorfe
Dury bereitgestellt wurden. Erfahrenen Kriegern war klar, da das nicht
lange gut gehen konnte.

Wirklich erfuhren wir am 29. November durch unseren Bataillons-Kommandeur,
Hauptmann von Brixen, da wir an einem gro angelegten Gegenangriff auf den
Stellungsbogen teilnehmen sollten, den die Tankschlacht von Cambrai in
unsere Front gedrckt hatte. Obwohl wir froh waren, endlich einmal die
Rolle des Ambosses mit der des Hammers vertauschen zu knnen, hegten wir
unserer noch von Flandern her ausgepumpten Leute wegen Bedenken. Trotzdem
setzte ich festes Vertrauen in den Geist meiner Kompagnie und deren
eisernes Rckgrat, die erfahrenen Zugfhrer und vorzglichen
Unteroffiziere.

In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember wurden wir in Lastautomobile
verladen. Dabei erlitt meine Kompagnie die ersten Verluste dadurch, da ein
Mann eine Handgranate fallen lie, die auf rtselhafte Weise explodierte
und ihn nebst einem Kameraden schwer verwundete. Ein anderer versuchte sich
wahnsinnig zu stellen, um der Schlacht zu entgehen. Ich wute nicht, ob ich
lachen oder wtend werden sollte. Endlich wurde er durch den krftigen
Rippensto eines Unteroffiziers wieder vernnftig und wir konnten endlich
einsteigen. Wir fuhren, eng zusammengepkelt, bis dicht vor Baralle, wo wir
in einem Straengraben stundenlang auf Befehle warteten. Ich legte mich
trotz der Klte auf eine Wiese und schlief bis zum Morgengrauen. Wir
erfuhren mit einer gewissen Enttuschung, da das Regiment 225, dem wir
unterstellt waren, auf unsere Mitwirkung beim Sturm verzichtet hatte. Wir
sollten whrenddessen im Schlopark von Baralle in Reserve liegen.

Um 9 Uhr setzte unsere Artillerie in wuchtigen Feuersten ein, die sich
von 11.45 Uhr bis 11.50 Uhr zum Trommelfeuer verdichteten. Der
Bourlon-Wald, der wegen seiner starken Befestigungen nicht frontal
angegriffen, sondern ausgespart wurde, verschwand unter gelbgrnen
Gaswolken. Um 11.50 sahen wir durch unsere Glser Schtzenlinien aus dem
leeren Trichterfelde tauchen, whrend im Hintergelnde Batterien anspannten
und zum Stellungswechsel vorjagten. Ein deutscher Flieger scho einen
englischen Fesselballon in Brand, dessen Beobachter mit Fallschirm
absprang.

Nach dem Genu dieses Schlachtenpanoramas, das wir von der Hhe des
Schloparkes betrachtet hatten, leerten wir ein Kochgeschirr Nudeln, legten
uns trotz der Klte zu einem Nachmittagsschlaf auf den Boden und bekamen um
3 Uhr den Befehl, bis zum Regiments-Gefechtsstand vorzurcken, der in der
Schleusenkammer eines ausgetrockneten Kanalbeckens versteckt war. Wir
legten diesen Weg zugweise unter schwachem Streufeuer zurck. Von dort
wurde die siebente und achte Kompagnie zum Bereitschaftskommandeur
vorgeschickt, um zwei Kompagnien von 225 abzulsen. Die 500 Meter, die im
Kanalbett zu berwinden waren, lagen unter dichtem Feuerriegel. Wir rannten
ohne Verluste, in einem Klumpen zusammengeballt, zum Ziel. Zahlreiche Tote
verrieten, da hier schon manche Kompagnie blutigen Zoll gezahlt hatte.
Reserven lagen dicht an die Bschungen gepret und waren beschftigt, in
fieberhafter Hast Deckungslcher in die ausgemauerten Wnde zu schlagen. Da
alle Pltze besetzt waren und der Ort als Gelndemarke das Feuer auf sich
zog, fhrte ich die Kompagnie in ein Trichterfeld rechts daneben und
berlie jedem einzelnen, sich dort einzurichten. Ein Splitter flog
klirrend gegen mein Seitengewehr. Ich suchte mir mit dem Leutnant Tebbe,
der mit seiner achten Kompagnie unserem Beispiel gefolgt war, einen
passenden Trichter aus, den wir mit einer Zeltbahn berspannten. Wir
steckten eine Kerze an, aen zu Abend, rauchten unsere Pfeifen und
unterhielten uns frstelnd. Um 11 Uhr bekam ich Befehl, in die ehemalige
vordere Linie einzurcken und mich bei dem K. T. K. zu melden, dem die
siebente Kompagnie unterstellt war. Ich lie sammeln und fhrte die Leute
vor. Es schlugen nur noch vereinzelte, mchtige Granaten ein, von denen
eine gleich einem Gru der Hlle vor uns zerschellte, das ganze Kanalbett
mit finsterem Qualm fllend. Die Mannschaft verstummte wie von einer
eisigen Faust in den Nacken gepackt und stolperte hastig ber Stacheldraht
und Steintrmmer hinter mir her. Ein unbeschreiblich unangenehmes Gefhl
beschleicht die Nerven beim Durchschreiten einer unbekannten Stellung zur
Nachtzeit, auch wenn das Feuer nicht sonderlich stark ist. Auge und Ohr des
Kriegers werden durch die sonderbarsten Tuschungen gereizt; er fhlt sich
zwischen den drohenden Wnden des Grabens einsam wie ein Kind, das sich in
dunkler Heide verirrt hat.

Endlich fanden wir die enge Mndung der vorderen Linie in den Kanal und
wanden uns durch menschenberfllte Grben zum Bataillons-Gefechtsstand.
Ich trat ein und fand einen Haufen von Offizieren und Ordonnanzen inmitten
einer pantagruelschen Atmosphre vor. Ich erfuhr, da der Angriff an dieser
Stelle nicht viel erreicht htte und am nchsten Morgen weiter vorgetrieben
werden sollte. Die Stimmung im Raum hatte wenig Zuversichtliches. Zwei
Bataillonskommandeure begannen eine lange Verhandlung mit ihren Adjutanten.
Ab und zu warfen Offiziere der Spezialwaffen einige Brocken von der Hhe
ihrer Pritschen, die wie Hhnerkrbe bevlkert waren, in die Debatte. Der
Zigarrenqualm wurde erstickend. Burschen versuchten in dem Gedrnge fr
ihre Herren Brote zu schneiden. Ein hereinstrzender Verwundeter rief durch
die Meldung eines feindlichen Handgranatenangriffes vorbergehenden Alarm
hervor.

Endlich konnte ich meinen Angriffsbefehl niederschreiben. Ich sollte mit
der Kompagnie um 6 Uhr morgens den Drachenweg und von dort so weit als
mglich die Siegfried-Linie aufrollen. Die beiden Bataillone des
Stellungs-Regiments sollten um 7 Uhr rechts von uns angreifen. Diese
Zeitdifferenz erweckte in mir sofort einen ganz bestimmten Verdacht. Ich
erhob entschiedenen Einspruch gegen den zersplitterten Angriff und
erreichte, da auch wir erst um 7 Uhr antreten sollten. Der nchste Morgen
zeigte, da diese nderung von groer Bedeutung war. Der kriegserfahrene
Fhrer kann in solchen Fllen seiner Truppe viel unntzes Blut sparen.

Eine aus ihrem Verbande gerissene Kompagnie wird unter fremdem Befehle
nicht verwhnt. Da mir die Lage des Drachenweges uerst schleierhaft war,
bat ich beim Abschied um eine Karte, die aber angeblich nicht entbehrt
werden konnte. Ich dachte mir mein Teil und ging.

Nachdem ich mit den schwerbepackten Leuten lange Zeit in der Stellung
umhergeirrt war, entdeckte ein Mann an einem kleinen, nach vorn
abzweigenden Graben, der durch spanische Reiter gesperrt war, ein Schild
mit der halbverwischten Aufschrift Drachenweg. Als ich hineinging, hrte
ich schon nach wenigen Schritten fremdartiges Stimmengewirr. Ich war
uerst berrascht, den Gegner so nahe, beinahe in der eigenen Stellung zu
finden, ohne da Sicherungsmaregeln getroffen waren, und sperrte den
Graben sofort durch eine Gruppe ab.

Dicht neben dem Drachenweg lag ein riesiges Erdloch, anscheinend eine
Tankfalle, in der ich die ganze Kompagnie zusammenzog, um den
Gefechtsauftrag zu erklren und die Zge zum Angriff einzuteilen. Meine
Ansprache wurde mehrere Male durch leichte Granaten unterbrochen. Einmal
sauste sogar ein Blindgnger in die rckwrtige Wand der Grube. Ich stand
oben auf dem Rande und sah bei jedem Einschlag eine tiefe, gleichmige
Verneigung der mondbeglnzten Stahlhelme unter mir.

Aus Sorge vor einem groen Unglckstreffer schickte ich den ersten und
zweiten Zug in die Stellung zurck und blieb mit dem dritten in der Grube.
Mannschaften einer Abteilung, die am vorigen Mittag im Drachenweg
abgeschmiert war, machten meine Leute kopfscheu, indem sie erzhlten, da
nach 50 Metern ein englisches Maschinengewehr den Graben als
unberwindliches Hindernis sperrte. Ich kam daraufhin mit den Zugfhrern
berein, beim ersten Widerstand rechts und links auf Deckung zu springen
und konzentrisch mit Handgranaten anzugreifen. Inmitten des fremden
Verbandes galt es besonders, die Waffenehre des Regiments hochzuhalten. Die
endlos langen Stunden verbrachte ich, eng an den Leutnant Hopf gekauert, in
einem Erdloch. Um 6 Uhr erhob ich mich und traf in der eigentmlichen
Stimmung, die jedem Angriff vorausgeht, die letzten Anordnungen. Man hat
ein seltsames, flaues Gefhl im Magen, redet mit den Gruppenfhrern,
versucht Scherze zu machen, luft hin und her wie vor einer Parade vor dem
kommandierenden General; kurz, man sucht sich mglichst zu beschftigen, um
den bohrenden Gedanken zu entgehen. Ein Mann bot mir eine auf Hartspiritus
erwrmte Tasse Kaffee an, die Wrme und Zuversicht ins Mark zauberte.

Punkt 7 Uhr traten wir in der bestimmten Reihenfolge in langer Schlange an.
Wir fanden den Drachenweg unbesetzt; eine Reihe leerer Trommeln hinter
einer Barrikade verriet, da das MG. zurckgenommen sein mute. Unser
Angriffsgeist wurde dadurch entfacht. Wir betraten einen kleinen Hohlweg,
nachdem ich einen rechts abzweigenden, gut ausgebauten Graben durch ein
paar Mann abgeriegelt hatte. Der Hohlweg wurde immer flacher, und zuletzt
fanden wir uns im grauenden Morgen auf freiem Felde. Wir machten kehrt und
betraten den rechten Graben, der gestopft voll Kriegsgert und englischer
Toter lag. Es war die Siegfried-Stellung. Pltzlich ri der Fhrer der
Stogruppen, Leutnant Hoppenrath, einem Manne das Gewehr aus der Hand und
scho. Er war auf einen englischen Posten gestoen, der nach einigen
Handgranatenwrfen die Flucht ergriff. Es ging weiter, bis gleich darauf
von neuem Widerstand geleistet wurde. Handgranaten flogen von beiden Seiten
und barsten mit vielfachem Krachen. Die Stotrupp-Technik trat in Funktion.
Wurfgeschosse wanderten von Mann zu Mann durch die Kette der Hnde;
Scharfschtzen nisteten sich hinter Schulterwehren ein, um die feindlichen
Werfer aufs Korn zu nehmen, die Zugfhrer sphten ber Deckung, um einen
Gegensto rechtzeitig zu erkennen und die Bedienungen der leichten MG.
bauten ihre Waffen an schufeldbietenden Stellen auf.

Nach kurzem Kampfe erschollen drben aufgeregte Stimmen, und ehe wir recht
begriffen, was geschehen, kamen uns die ersten Englnder mit hochgereckten
Hnden entgegen. Einer nach dem anderen bog um die Schulterwehr und
schnallte ab, whrend unsere Gewehre und Pistolen drohend auf ihn gerichtet
waren. Es waren lauter junge, stramme Kerle in neuen Uniformen. Ich lie
sie mit der Aufforderung: Hands down! passieren und beauftragte eine
Gruppe mit dem Abtransport. Die Meisten zeigten durch ihr zuversichtliches
Lcheln, da sie uns nichts Unmenschliches zutrauten. Andere suchten mit
vorgehaltenen Zigarettenschachteln und Schokoladentafeln uns zur Milde zu
stimmen. Mit der gesteigerten Freude eines Weidmannes sah ich, da wir
einen gewaltigen Fang gemacht hatten; der Zug wollte gar kein Ende nehmen.
Schon hatten wir 150 Mann gezhlt, und immer noch erschienen neue mit
erhobenen Armen. Ich hielt einen Offizier an und fragte ihn nach dem
weiteren Verlauf und der Besetzung der Stellung. Er antwortete sehr
hflich, beeintrchtigte indes den guten Eindruck, den er auf mich machte,
dadurch, da er stramm stand. Er geleitete mich dann zu dem Fhrer der
Kompagnie, einem verwundeten Captain, der sich in einem nahen Stollen
aufhielt. Ich fand einen jungen Mann von ungefhr 26 Jahren mit
feingeschnittenem Gesicht, der mit durchschossener Wade an dem
Stollenrahmen lehnte. Als ich mich vorstellte, hob er seine Hand, von der
eine goldene Kette blitzte, an die Mtze, nannte seinen Namen und bergab
mir seine Pistole. Seine ersten Worte zeigten, da ich einen Mann vor mir
hatte. We were surroundet about. Es drngte ihn, seinem Gegner zu
erklren, warum sich seine Kompagnie so rasch ergeben htte. Wir
unterhielten uns in franzsischer Sprache ber verschiedenes. Er erzhlte
mir, da eine Reihe deutscher Verwundeter, die von seinen Leuten verbunden
und verpflegt wren, in einem nahen Unterstande lgen. Als ich mich
erkundigte, wie stark die Siegfriedstellung weiter hinten besetzt wre,
verweigerte er die Auskunft. Nachdem ich versprochen hatte, ihn und die
anderen Verwundeten zurckschaffen zu lassen, verabschiedeten wir uns durch
einen Hndedruck.

Vorm Stollen standen meine Leute und meldeten, da wir an 200 Gefangene
gemacht htten. Fr eine Kompagnie von 80 Kpfen eine schne Leistung.
Nachdem ich Postierungen ausgestellt hatte, sahen wir uns in dem eroberten
Graben um, der von Waffen und Ausrstungsstcken starrte. Auf den
Postenstnden lagen MG., Minenwerfer, Hand- und Gewehrgranaten,
Feldflaschen, Pelzwesten, Gummimntel, Zeltbahnen, Dosen voll Fleisch,
Marmelade, Tee, Kaffee, Kakao und Tabak, Kognak-Flaschen, Handwerkszeug,
Pistolen, Leuchtpistolen, Wsche, Handschuhe, kurz alles, was man sich nur
denken konnte. Ich legte eine kleine Pause ein, um den Leuten Zeit zu
geben, sich auszuruhen und die guten Sachen etwas nher zu untersuchen.
Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir von meinem Burschen
in einem Stolleneingang ein kleines Frhstck zusammenstellen zu lassen und
eine Pfeife des langentbehrten navy cut zu entznden, whrend ich meinen
Bericht an den Kampftruppen-Kommandeur kritzelte. Als vorsichtiger Mann
schickte ich ein Duplikat an unseren Bataillons-Kommandeur.

Nach einer halben Stunde traten wir in gehobener Stimmung (ich will nicht
ableugnen, da die englischen Kognakflaschen ein wenig dazu beigetragen
haben mochten) wieder an und pirschten uns von Schulterwehr zu Schulterwehr
die Siegfriedstellung entlang.

Aus einem in dem Graben eingebauten Blockhaus erhielten wir Feuer und
stiegen, um uns zu orientieren, auf den nchsten Postenstand. Whrend wir
mit den Insassen einige Kugeln wechselten, wurde ein Mann wie durch eine
unsichtbare Faust zu Boden gestoen. Ein Gescho hatte den Scheitel seines
Stahlhelms durchbohrt und eine lange Rille in die Schdeldecke gerissen.
Das Gehirn hob und senkte sich in der Wunde unter jedem Schlage des Blutes,
trotzdem konnte er noch allein zurckgehen.

Ich rief Freiwillige auf, um den Widerstand durch einen Angriff ber freies
Feld zu brechen. Die Leute sahen sich zgernd an; nur ein unbeholfener
Pole, den ich immer fr bldsinnig gehalten hatte, kletterte aus dem Graben
und stapfte schwerfllig auf das Blockhaus los. Nun sprang auch der
Fhnrich Neupert mit seiner Gruppe auf Deckung, whrend wir gleichzeitig im
Graben vorgingen. Die Englnder gaben einige Schsse ab und rissen aus, das
Blockhaus uns berlassend. Einer der Leute des Fhnrichs war mitten im
Anlauf tot zusammengebrochen und lag wenige Schritte vorm Ziel mit dem
Gesicht auf dem Boden.

Beim weiteren Vorgehen stieen wir auf die erbitterte Gegenwehr
unsichtbarer Handgranatenwerfer und wurden im Verlaufe eines lngeren
Gemetzels wieder bis zum Blockhaus zurckgedrngt. Dort verbarrikadierten
wir uns. Sowohl wir als die Englnder lieen in dem umkmpften Grabenstck
eine Anzahl von Leichen zurck. Leider befand sich darunter auch der
Unteroffizier Mevius, den ich in der Nacht von Regniville als tollkhnen
Kmpfer schtzen gelernt hatte. Er lag mit dem Gesicht in einer groen
Blutlache. Als ich ihn umdrehte, sah ich an einem groen Loch in der Stirn,
da hier keine Hilfe mehr not tat.

Nachdem sich auch der Gegner etwas zurckgezogen hatte, begann ein
hartnckiges Feuergefecht, whrenddessen ein 50 Meter von uns postiertes
Lewis-Gewehr unsere Kpfe niederzwang. Ein leichtes Maschinengewehr von uns
nahm das Duell auf. Eine halbe Minute lang knatterten die beiden
Mordwaffen, von Geschossen umspritzt, gegen einander los. Dann brach unser
Richtschtze, der Gefreite Motullo, mit einem Kopfschu zusammen. Obwohl
ihm das Gehirn bis zum Kinn ber das Gesicht lief, war er noch bei klarem
Verstande, als wir ihn in den nchsten Stollen trugen. Allmhlich wurde es
etwas ruhiger, da auch die Englnder an einer Barrikade arbeiteten. Um 12
Uhr erschienen Hauptmann von Brixen, Leutnant Tebbe und Leutnant Vogt und
beglckwnschten mich zu den Erfolgen der Kompagnie. Wir setzten uns in das
Blockhaus, frhstckten von den englischen Vorrten und besprachen die
Lage. Zwischendurch unterhandelte ich schreiend mit ungefhr 25 Englndern,
deren Kpfe 100 Meter vor uns aus dem Graben tauchten, und die sich
anscheinend ergeben wollten. Sowie ich mich aber ber Deckung erhob, wurde
ich von weiter hinten beschossen.

Pltzlich entstand bei der Barrikade Bewegung. Handgranaten flogen. Gewehre
knallten, MG. ratterten. Sie kommen! Sie kommen! Wir sprangen hinter die
Sandscke und schossen. Einer meiner Leute, der Gefreite Kimpenhaus, sprang
in der Hitze des Kampfes oben auf die Barrikade und scho so lange in den
Graben, bis ihn zwei schwere Armschsse herunterfegten. Ich merkte mir
diesen Helden des Augenblicks und hatte die Freude, ihm 14 Tage spter zum
E. K. I gratulieren zu knnen.

Kaum waren wir von diesem kleinen Intermezzo zum Frhstck zurckgekehrt,
als von neuem ein Heidenlrm losbrach. Es trat einer jener merkwrdigen
Zwischenflle ein, an denen die Kriegsgeschichte im groen und kleinen so
reich ist. Das Geschrei rhrte von einem Offizier-Stellvertreter des linken
Nachbar-Regiments, der mit uns Verbindung aufnehmen wollte und von
gewaltiger Rauflust beseelt war. Alkoholgenu schien seine angeborene
Tapferkeit zur Raserei entfacht zu haben. Wo ist der Tommy? Ran an die
Hunde! Los, wer kommt mit? In seiner Wut ri er unsere schne Barrikade
ein und strzte vor, sich den Weg mit krachenden Handgranaten bahnend. Vor
ihm glitt seine Ordonnanz durch den Graben und erledigte mit Gewehrschssen
die dem Sprengstoff Entronnenen.

Mut, tollkhner Einsatz der eigenen Person wirken immer begeisternd. Auch
wir wurden vom Draufgngertum gepackt und beeilten uns, einige Handgranaten
aufraffend, an dem improvisierten Sturm teilzunehmen. Bald befand ich mich
neben dem Offizier-Stellvertreter, und auch die anderen Offiziere, gefolgt
von Leuten meiner Kompagnie, lieen sich nicht lange bitten. Selbst der
Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, befand sich mit einem Gewehre
in der Hand unter den Vordersten und streckte ber unsere Kpfe hinweg
mehrere feindliche Werfer nieder.

Die Englnder wehrten sich wacker. Es wurde um jede Schulterwehr gerungen.
Die schwarzen Blle der Mill-Handgranaten kreuzten sich in der Luft mit
unseren Gestielten. Hinter jeder genommenen Schulterwehr fanden wir Leichen
oder noch zuckende Krper. Man ttete sich, ohne sich zu sehen. Auch wir
hatten Verluste. Neben der Ordonnanz fiel ein Stck Eisen zu Boden, dem der
Mann nicht mehr ausweichen konnte; er brach zusammen, whrend sein Blut aus
vielen Wunden auf den Lehm sickerte.

ber seinen Krper hinweg sprangen wir weiter. Donnerkrachen zeichnete
unseren Weg. Hunderte von Augen lauerten in dem toten Gelnde hinter Gewehr
und Maschinengewehr auf Ziel. Wir waren schon weit vor den eigenen Linien.
Von allen Seiten pfiffen uns Geschosse um die Stahlhelme oder zerschellten
mit hartem Knall am Grabenrand.

Ein rechts abzweigender Graben wurde von uns folgenden Leuten des Regiments
225 ausgerumt. In die Zwickmhle geratene Englnder versuchten, ber
freies Feld zu entkommen und wurden niedergeschossen wie bei einer
Treibjagd.

Dann kam der Hhepunkt; der atemlose Gegner, dem wir hart auf den Fersen
geblieben waren, machte Anstalten, durch einen rechts abbiegenden
Verbindungsgraben zu entweichen. Ich sprang auf einen Postenauftritt und
sah, da dieser Graben eine ganze Strecke lang dem unsrigen in einer
Entfernung von 20 m parallel lief. Der Feind mute also noch einmal an uns
vorbei. Wir konnten von unserem erhhten Standpunkt den Englndern, die vor
Eile und Aufregung stolperten, direkt auf die Stahlhelme sehen. Ich
schleuderte den Vordersten eine Handgranate vor die Fe, so da sie
stutzend stehen blieben, und die ihnen Folgenden eingekeilt wurden. Nun
entstand eine unbeschreibliche Vernichtung; Handgranaten flogen wie
Schneeblle durch die Luft, alles in weilichen Qualm hllend. Zwei Leute
reichten mir ununterbrochen fertige Wurfgeschosse zu. Zwischen den
zusammengeballten Englndern zuckten Blitze auf, Fetzen und Stahlhelme
hochschleudernd. Wut- und Angstgebrll mischte sich. Feuer vor den Augen,
sprangen wir schreiend auf den Grabenrand.

Mitten in diesem Taumel wurde ich durch einen furchtbaren Schlag zu Boden
geworfen. Ernchtert ri ich meinen Stahlhelm herunter und erblickte zu
meinem Schrecken zwei groe Lcher darin. Der Fahnenjunker-Unteroffizier
Mohrmann, der mir beisprang, beruhigte mich durch die Versicherung, da an
meinem Hinterkopfe nur ein blutender Ri zu sehen wre. Das Gescho eines
weiter entfernten Schtzen hatte meinen Stahlhelm durchschlagen und den
Kopf gestreift. Halb betubt, wankte ich mit verbundenem Kopfe zurck, um
mich aus diesem Brennpunkte des Kampfes zu entfernen. Kaum hatte ich die
nchste Schulterwehr passiert, als ein Mann hinter mir herstrzte und
hervorstie, da Leutnant Tebbe an derselben Stelle soeben durch Kopfschu
gefallen wre.

Diese Nachricht gab mir den Rest. Ich strubte mich, die Tatsache zu
fassen, da ein Freund, mit dem ich jahrelang Freud, Leid und Gefahr
geteilt, und der mir vor wenigen Minuten noch ein Scherzwort zugerufen
hatte, durch ein sinnloses Stck Blei sein Ende gefunden haben sollte. Es
war leider nur zu wahr.

Gleichzeitig verbluteten in diesem mrderischen Grabenstckchen smtliche
hervorragenden Unteroffiziere und ein Drittel meiner Kompagnie. Auch der
Leutnant Hopf fiel, ein bereits lterer Mann, Lehrer von Beruf, deutscher
Ideal-Schulmeister im besten Sinne des Wortes. Meine beiden Fhnriche und
viele andere wurden verwundet. Trotzdem hielt die siebente Kompagnie die
glorreich eroberte Stellung unter Fhrung des Leutnants Hoppenrath, des
letzten Kompagnieoffizieres, bis zur Ablsung.

Auch das moderne Gefecht hat seine groen Augenblicke. Man hrt so oft die
irrige Ansicht, da der Infanteriekampf zu einer uninteressanten
Massenschlchterei herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je
entscheidet der einzelne. Das wei jeder, der sie in ihrem Reich gesehen
hat, die Frsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern,
tollkhn, so sehnig, geschmeidig vor- und zurckspringend, mit scharfen,
blutdrstigen Augen, Helden, die kein Bericht nennt. Der Grabenkampf ist
der blutigste, wildeste, brutalste von allen, doch auch er hat seine Mnner
gehabt, Mnner, die ihrer Stunde gewachsen waren, unbekannte, verwegene
Kmpfer. Unter allen nervenerregenden Momenten des Krieges ist keiner so
stark, wie die Begegnung zweier Stotruppfhrer zwischen den engen
Lehmwnden des Grabens. Da gibt es kein Zurck und kein Erbarmen. Blut
klingt aus dem schrillen Erkennungsschrei, der sich wie Alpdruck von der
Brust ringt.

Auf dem Rckweg blieb ich neben dem Hauptmann von Brixen stehen, der, mit
einigen Leuten einen Feuerkampf gegen eine Reihe von Kpfen fhrte, die aus
einem nahen Parallelgraben ragten. Ich stellte mich zwischen ihn und einen
anderen Schtzen und beobachtete die Geschoeinschlge.

Pltzlich warf mich wieder ein Prall vor die Stirne auf die Grabensohle,
whrend meine Augen durch herabstrmendes Blut geblendet wurden. Der Mann
neben mir strzte zu gleicher Zeit und begann zu jammern. Kopfsteckschu
durch Stahlhelm und Schlfe. Der Hauptmann frchtete, seinen zweiten
Kompagniefhrer an diesem Tage verloren zu haben, stellte indes bei nherem
Hinsehen nur zwei oberflchliche Lcher an der Haargrenze fest;
wahrscheinlich durch das zerschellende Gescho oder Stahlhelmsplitter des
Verwundeten verursacht.

Durch den erneuten Blutverlust geschwcht, schlo ich mich dem Hauptmann
an, der zu seiner Befehlsstelle zurckging. Den hart beschossenen Dorfrand
von Moeuvres im Laufschritt berwindend, gewannen wir den Unterstand im
Kanalbett, wo ich Verband und Tetanusspritze erhielt. -- Am Nachmittag
setzte ich mich in ein Lastauto und fuhr nach Lcluse, wo ich dem
begeisterten Oberst von Oppen beim Abendessen Bericht erstattete. Nachdem
ich halb im Schlaf, aber in vorzglicher Stimmung, eine Flasche Wein
geleert hatte, verabschiedete ich mich und warf mich nach diesem gewaltigen
Tage mit einem Feierabendgefhl in das Bett, das mir mein treuer,
freudestrahlender Vinke bereitet hatte. Am bernchsten Tage rckte das
Bataillon in Lcluse ein. Am 4. Dezember hielt der Divisions-Kommandeur,
Generalmajor von Busse, eine Ansprache an die beteiligten Bataillone, in
der die Verdienste der siebenten Kompagnie besonders hervorgehoben wurden.

Ich konnte mit Recht stolz auf meine Leute sein. Kaum 80 Mann hatten ein
langes Grabenstck erobert; eine Menge Maschinengewehre, Minenwerfer und
Material erbeutet und 200 Gefangene gemacht. Leider hatten wir auch eine
Verlustziffer von 50 Prozent, darunter besonders viele Chargen. Ich hatte
die Freude, eine lange Reihe von Befrderungen und Auszeichnungen verknden
zu knnen. Verdientermaen erhielten der Leutnant Hoppenrath, Fhrer der
Stotruppen, Fhnrich Neupert, der Blockhausstrmer und last not least, der
khne Barrikadenverteidiger Kimpenhaus das E. K. I. Ich bekam als Pflaster
auf meine fnfte Verwundung einen vierzehntgigen Weihnachtssurlaub,
whrenddessen mir das Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit
Schwertern ins Haus geschickt wurde. Ich habe mir im Verlaufe des Krieges
ber Orden eine eigentmliche Anschauung erworben, indes gestehe ich, da
ich mir das goldgerandete Emaillekreuz mit Stolz an die Brust heftete.
Dieses Kreuz, mein durchschossener Stahlhelm und ein silberner Pokal mit
der Inschrift Dem Sieger von Moeuvres, den mir die drei anderen
Kompagniefhrer des Bataillons schenkten, sind meine Erinnerungszeichen an
den Tag von Cambrai.




Am Cojeul-Bach.


Nach wenigen Tagen der Ruhe lsten wir am 9. Dezember 1917 die zehnte
Kompagnie in vorderer Linie ab. Die Stellung lag, wie ich schon berichtete,
vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Mein Kompagnieabschnitt wurde rechts durch die
Strae Arras--Cambrai, links durch das versumpfte Bett des Cojeul-Baches
begrenzt, ber das wir die Verbindung mit der Nebenkompagnie durch
nchtliche Patrouillen aufrechterhielten. Die feindliche Stellung wurde
durch eine zwischen den vorderen Grben liegende Erhebung der Sicht
entzogen. Auer ein paar Patrouillen, die sich nachts an unserem Draht zu
schaffen machten, und dem Surren eines in der nahen Hubertus-Ferme
aufgestellten Lichtmotors nahmen wir nichts von der feindlichen Infanterie
wahr.

Mein Unterstand war in die steile Wand einer hinter der Stellung ghnenden
Kiesgrube getrieben, die fast jeden Tag stark beschossen wurde. Dahinter
ragte in grotesker Wstheit das Eisengerst einer zerstrten Zuckerfabrik.

Die Kiesgrube war ein unheimlicher Aufenthaltsort. Zwischen den mit
verbrauchtem Kriegsmaterial gefllten Trichtern steckten die windschiefen
Kreuze verfallener Grber. Nachts konnte man nicht die Hand vor Augen sehen
und mute von dem Erlschen der einen Leuchtkugel auf das Hochsteigen der
anderen warten, um nicht vom sicheren Pfade der Laufrosten in den Schlamm
des Cojeul-Grundes zu geraten.

Die Tage verbrachte ich, wenn ich nicht bei dem im Bau befindlichen
Postengraben zu tun hatte, in dem eisigkalten Stollen, las ein Buch und
trommelte mit den Fen zur Erwrmung gegen die Stollenrahmen. Demselben
Zweck diente auch die in einer Nische des Kalkfelsens verborgene Flasche,
der von meinen Ordonnanzen und mir stark zugesprochen wurde.

Htten wir indes aus der Kiesgrube den Dampf eines Feuerchens zum trben
Dezemberhimmel emporsteigen lassen, so wre der Platz gnzlich unbewohnbar
geworden, da der Feind bislang die Zuckerfabrik fr den Sitz der
Befehlsstelle zu halten schien und demgem bedachte. So kam erst zur
Stunde der Dmmerung Leben in unsere erstarrten Glieder. Der kleine Ofen
wurde in Brand gesetzt und verbreitete neben dichtem Qualm auch eine
behagliche Wrme. Bald klapperten auf der Stollentreppe die Kochgeschirre
der aus Vis zurckkehrenden Essenholer, die bereits sehnschtig erwartet
wurden. Wenn dann die ewige Folge von Steckrben, Graupen und Drrgemse
durch Bohnen oder Nudeln unterbrochen wurde, lie die Stimmung nichts mehr
zu wnschen brig. Ich freute mich manchmal, an meinem kleinen Tische
sitzend, ber die urwchsige Unterhaltung der Leute, die, in Tabakswolken
gehllt, um den Ofen hockten, von dem ein Kochgeschirr voll Grog krftige
Gerche ausstrmte. Krieg und Frieden, Kampf und Heimat, Ruheort und Urlaub
wurden in trockener niederschsischer Art besprochen, auch die Erotik
spielte eine Hauptrolle.

Am 17. Dezember trat ich meinen Urlaub an, von dem ich am 2. Januar
zurckkehrte.

Am 19. Januar wurden wir um 4 Uhr morgens abgelst und marschierten durch
dichtes Schneegestber nach Gouy, wo wir lngere Zeit bleiben sollten, um
uns fr die Aufgaben der groen Offensive zu schulen. Die wunderbar klaren
Ausbildungsbefehle Ludendorffs, die bis zu den Kompagniefhrern verteilt
wurden, stellten den Angriff fr die nchste Zeit in Aussicht.

Wir bten die fast vergessenen Formen des Schtzengefechts und
Bewegungskrieges, auch wurde eifrig mit Gewehr und Maschinengewehr
geschossen. Da alle Drfer hinter der Front bis zur letzten Dachkammer
belegt waren, wurde jede Bschung als Scheibenstand benutzt, so da die
Geschosse manchmal wie bei einem Gefecht ber das Gelnde flirrten. Ein
Richtschtze meiner Kompagnie scho mit seinem leichten Maschinengewehr den
Kommandeur eines fremden Regiments mitten in einer Kritik aus dem Sattel.
Zum Glck war die Verwundung eine leichte und unsere Tterschaft nicht klar
erweislich.

Einige Male unternahm ich mit der Kompagnie bungsangriffe mit scharfen
Handgranaten auf verwickelte Grabensysteme, um die Erfahrungen der
Cambraischlacht auszuwerten. Auch dabei gab es Verwundete. Wo Holz gehauen
wird, fallen Spne.

Am 24. Januar verabschiedete sich unser von allen verehrter Oberst v.
Oppen, um im fernen Sdosten eine Brigade zu bernehmen. Das Scheiden
dieses hervorragenden, whrend der langen Jahre des Krieges fest mit seiner
Truppe verwachsenen Fhrers war dem ganzen Regiment ein schmerzlicher
Verlust. Neben einer warmen Teilnahme am Geschick seiner Untergebenen besa
er die bei im eintnigen Friedensdienst alt gewordenen Offizieren nicht
hufige Eigenschaft, sich den gewaltigen Neuerungen des Krieges mit
Leichtigkeit anpassen zu knnen. Ein solcher Mann kann im Kriege
Unermeliches leisten. Leider gingen seine Abschiedsworte: Auf Wiedersehen
in Hannover! nicht in Erfllung. Unser lieber Oberst hat weder die Heimat
noch sein stolzes Regiment wiedergesehen. Er ruht in fremder Erde, fern von
der Heimat, von tckischer Seuche dahingerafft.

Am 6. Februar siedelten wir wieder nach Lcluse ber und wurden am 22. fr
vier Tage im Trichterfelde links der Strae Dury--Hendecourt untergebracht,
um nachts in vorderer Linie zu schanzen. Bei der Besichtigung der Stellung,
die dem Trmmerhaufen des ehemaligen Dorfes Bullecourt gegenberlag, wurde
mir klar, da ein Teil des gewaltigen Angriffs, von dem an der ganzen
Westfront erwartungsvoll geraunt wurde, an dieser Stelle stattfinden mute.

berall wurde mit fieberhafter Hast gebaut, Stollen getrieben und neue Wege
angelegt. Das Trichterfeld wimmelte von mitten im Gelnde stehenden
Schildchen, auf denen unverstndliche Ziffern standen, die anscheinend die
Pltze fr Batterien und Befehlsstellen bezeichneten. Dauernd flogen unsere
Flugzeuge Sperre, um den feindlichen den Einblick zu verwehren. Eine
interessante Neuerscheinung an der Front war, da jeden Mittag punkt 12 Uhr
von den Fesselballons ein schwarzer Ball heruntergelassen wurde, der um
12.10 Uhr verschwand. Es geschah dies, um die Truppe mit genauer Uhrzeit zu
versorgen.

Gegen Ende des Monats marschierten wir wieder nach Gouy in unsere alten
Quartiere. Nach mehreren bungen im Bataillons- und Regimentsverbande
exerzierten wir zweimal an einer groen tracierten Stellung einen
Durchbruch der ganzen Division. Anschlieend hielt der Divisionskommandeur
eine Ansprache an seine Offiziere, bei der jedem klar wurde, da der Sturm
in den nchsten Tagen losbrechen sollte. Der eherne Geist des Angriffs, der
Geist der preuischen Infanterie, schwebte ber den Massen, die sich hier
auf nordfranzsischem Felde beim Frhlingserwachen zur Kampfprobe
versammelt hatten.

Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, das die Fhrung sich gesteckt hatte, so
war es nicht die Schuld der Offiziere und der Leute, die nach 44 Monaten
schwerster Kmpfe sich dem Feinde mit einer Begeisterung entgegenwarfen,
wie je im August 1914. Frwahr, es mute sich die ganze Welt in die Bresche
stemmen, um solcher Sturmflut standzuhalten. Wenn sich im Laufe der Jahre
einst die Wogen des Hasses geglttet haben, wird die Geschichte anerkennen,
da wir gekmpft haben wie nie ein Volk zuvor.

Mit Vergngen erinnere ich mich auch jener Abendstunden, wo wir am runden
Tisch zusammensaen und uns mit heien Kpfen ber den bevorstehenden
frisch-frhlichen Bewegungskrieg unterhielten. Ging auch in der
Begeisterung der letzte Taler fr Wein drauf, was brauchten wir noch Geld
jenseits der feindlichen Linien oder gar im besseren Jenseits?

   Wer wei, ob nicht die Welt
   Morgen in Schutt zerfllt,
   Wenn sie nur heut noch hlt,
   Heute ist heut!

Nur durch die Vorstellung, da die Etappe doch auch leben wollte, konnte
uns der Hauptmann v. Brixen am letzten Abend davon abhalten, Glser,
Flaschen und Porzellan gegen die Wnde zu feuern. Auch die Leute waren gut
in Form. Hrte man sie in ihrer trockenen niederschsischen Weise von dem
bevorstehenden Hindenburg-Flachrennen reden, so wute man, da sie
anpacken wrden wie immer, zh, zuverlssig und ohne unntiges Geschrei.
Wie htte man hinten sein knnen, wenn sie ins Gefecht gingen, diese
stillen Shne alter, eichenumrauschter Hfe? Viel schimmernde Ideale, die
ber unseren Zielen hingen, hat mir der Krieg zerschlagen, eins blieb fr
immer: diese unerschtterliche Treue.

Am 17. Mrz marschierten wir nach Dunkelwerden von den uns bereits
liebgewordenen Quartieren nach Brunemont. Alle Straen waren berfllt von
rastlos sich vorwlzenden Marschkolonnen, unzhligen Geschtzen und
endlosen Trains. Trotzdem herrschte genaue Ordnung nach einem von
Generalstabsoffizieren ausgearbeiteten Mobilmachungsplan. Wehe der Truppe,
die nicht peinlich Weg- und Marschzeit innehielt; sie wurde rcksichtslos
in den Straengraben gedrngt und mute stundenlang warten, ehe sie sich in
eine Lcke zwngen konnte. Einmal gerieten wir doch ins Gedrnge, wobei
sich das Reitpferd des Hauptmanns v. Brixen auf eine beschlagene
Wagendeichsel spiete und verendete.




Die groe Schlacht.


Das Bataillon wurde im Schlo von Brunemont untergebracht. Wir erfuhren,
da wir in der Nacht vom 19. zum 20. Mrz 1918 nach vorn marschieren
sollten, um in der Nhe von Cagnicourt in Stollen des Trichterfeldes
bereitgestellt zu werden, und da der groe Angriff am Morgen des 21.
beginnen sollte. Das Regiment hatte den Auftrag, zwischen den uns von
1915/16 her wohlbekannten Drfern Ecoust-St. Mein und Noreuil durchzustoen
und womglich am ersten Tage Mory zu erreichen.

Ich schickte den Leutnant Schmidt, den wir seines netten Wesen wegen gar
nicht anders nennen konnten als Schmidtchen, voraus, um die Unterkunft
der Kompagnie zu sichern.

Zur bestimmten Stunde marschierte das Bataillon aus Brunemont ab. Trotz
strmenden Regens war die Stimmung gut. Einen Betrunkenen, der grhlend
zwischen den Gliedern meiner Kompagnie taumelte, bersah ich. Jetzt mute
jedes scharfe Wort schaden. Die Ausbildung war vorber, nun kam die Sache
selbst. Man mute jedes Rdchen laufen lassen.

Von einer Straenkreuzung, an der uns unsere Fhrerkommandos erwarteten,
marschierten die Kompagnien selbstndig nach vorn. Als wir in der Hhe der
zweiten Linie waren, in der wir untergebracht werden sollten, stellte sich
heraus, da sich unsere Fhrer verlaufen hatten. Es begann ein Umherirren
in dem schwach beleuchteten, aufgeweichten Trichtergelnde und ein Fragen
bei unzhligen, ebensowenig orientierten Trupps. Um meine Leute nicht
vllig zu erschpfen, lie ich halten und schickte die Fhrer in
verschiedenen Richtungen aus.

Die Gruppen setzten die Gewehre zusammen und drngten sich in einen
gewaltigen Trichter, whrend ich mit dem Leutnant Sprenger auf dem Rande
eines kleineren sa. Schon seit einiger Zeit waren ungefhr 100 Meter vor
uns einzelne Einschlge aufgeflammt. Ein neues Projektil schlug in
geringerer Entfernung ein; Splitter klatschten in die Lehmwnde des
Trichters. Ein Mann schrie auf und behauptete, am Fue getroffen zu sein.
Ich rief den Leuten zu, sich in die umliegenden Lcher zu verteilen,
whrend ich mit den Hnden den schlammigen Stiefel des Getroffenen nach
einem Einschu untersuchte.

Da pfiff es wieder hoch in der Luft; jeder hatte das zusammenschnrende
Gefhl: die kommt hierher! Dann schmetterte ein betubender, ungeheurer
Krach; -- die Granate war mitten zwischen uns geschlagen. . . .

Halb ohnmchtig richtete ich mich auf. Aus dem groen Trichter strahlte
unsere in Brand gesetzte Maschinengewehrmunition ein intensives rosa Licht.
Es beleuchtete den schwelenden Qualm des Einschlages, in dem sich schwarze
Krper wlzten und die Schatten der nach allen Seiten auseinanderstiebenden
berlebenden. Gleichzeitig ertnte ein vielfaches, grauenhaftes Gebrll und
Hilfegeschrei.

Ich will nicht verheimlichen, da ich zunchst, wie alle anderen, nach
einem Augenblick starren Entsetzens aufsprang und planlos in die Nacht
rannte. Erst in einem kleinen Granatloch, in das ich kopfber gestrzt war,
wurde mir der Vorgang klar. Nichts mehr hren und sehen! Fort, weit weg,
verkriechen! Und doch meldete sich sofort die andere Stimme: Mensch, du
bist doch der Kompagniefhrer! Genau so. Ich sage es nicht, um mich zu
rhmen; ich mchte eher sagen: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den
Verstand dazu. Ich habe an mir und anderen oft erfahren, da das
Verantwortlichkeitsgefhl des Fhrers die persnliche Angst bertubte. Man
hatte einen Halt, etwas, an das man denken mute. Ich zwang mich also an
den schrecklichen Ort zurck; unterwegs stie ich auf den Fsilier Haller,
der whrend meiner November-Patrouille das Maschinengewehr erbeutet hatte,
und nahm ihn mit.

Die Verwundeten stieen noch immer ihre furchtbaren Schreie aus. Einige
kamen auf mich zugekrochen und winselten, meine Stimme erkennend: Herr
Leutnant! Herr Leutnant! Einer meiner liebsten Rekruten, dem ein Splitter
den Schenkel zerknickt hatte, klammerte sich an meinen Beinen fest. Meinem
Unvermgen zu helfen, fluchend, klopfte ich ihm ratlos auf die Schulter.
Solche Augenblicke vergit man nie.

Ich mute die Unglcklichen dem einzig berlebenden Krankentrger
berlassen, um das Huflein Getreuer, das sich um mich gesammelt hatte, aus
dem gefhrdeten Bereich zu fhren. Vor einer halben Stunde noch an der
Spitze einer kriegsstarken, ausgezeichneten Kompagnie, irrte ich nun mit
wenigen, seelisch vollkommen deprimierten Leuten durch das Grabengewirre.
Ein blutjunges Milchgesicht, das vor einigen Tagen noch, von seinen
Kameraden verspottet, beim Exerzieren der schweren Munitionsksten wegen
geweint hatte, schleppte nun diese Last, die es aus der furchtbaren Szene
gerettet hatte, getreulich auf unserem mhsamen Wege mit. Diese Beobachtung
gab mir den Rest. Ich warf mich zu Boden und brach in ein krampfhaftes
Schluchzen aus, whrend die Leute dster um mich herumstanden.

Nachdem wir einige Stunden lang erfolglos, oft von einschlagenden Granaten
bedroht, durch Grben gehastet waren, in denen Schlamm und Wasser fuhoch
standen, verkrochen wir uns, zu Tode erschpft, in einige in die Wnde
eingebaute Munitionsnischen. Mein Bursche breitete seine Decke ber mich;
trotzdem konnte ich infolge der furchtbaren Nervenerregung kein Auge
schlieen und erwartete, Zigarren rauchend, die Dmmerung.

Das erste Tageslicht entschleierte ein ganz unglaubliches Leben im
Trichterfelde. Zahllose Trupps Infanterie suchten noch ihre Deckungen zu
erreichen. Artilleristen schleppten Munition, Minenwerfer zogen ihre
Fahrzeuge; Fernsprecher und Lichtsignalisten bauten Leitungen. Es war der
reinste Jahrmarktstrubel tausend Meter vorm Feinde, der
unbegreiflicherweise nichts zu merken schien.

Zum Glck stie ich auf den Fhrer der zweiten Maschinengewehrkompagnie,
Leutnant Fallenstein, einen alten Frontoffizier, der mir unsere Unterkunft
zeigen konnte. Sein erstes Wort war: Mensch, wie sehen Sie denn aus? Ich
fhrte meine Leute in einen groen Stollen, an dem wir in der Nacht wohl
ein dutzendmal vorbeigelaufen waren, und in dem ich Schmidtchen vorfand,
der von unserem Unglck noch nichts wute. Auch die Fhrer fand ich hier
wieder. Seit diesem Tage habe ich, wenn wir eine neue Stellung bezogen, die
Auswahl der Fhrer stets selbst und mit der grten Sorgfalt getroffen. Im
Kriege lernt man grndlich, aber das Lehrgeld ist teuer.

Nachdem ich meine Begleiter untergebracht hatte, machte ich mich auf den
Weg nach der Schreckensstelle der vergangenen Nacht. Der Platz sah schaurig
aus. Rings um die verbrannte Einschlagsstelle lagen ber 20 geschwrzte
Leichen, fast alle bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Einige der Gefallenen
muten wir spter als vermit fhren, da nichts von ihnen vorzufinden war.

Einige Soldaten fremder Truppenteile fand ich beschftigt, aus dem
grlichen Gewirr die blutbesudelten Sachen der Toten hervorzuziehen und
nach Beute zu durchsuchen. Angeekelt jagte ich das Hynengelichter fort und
gab meiner Ordonnanz den Auftrag, soweit mglich, die Brieftaschen und
Wertsachen an sich zu nehmen, um sie fr die Hinterbliebenen zu retten. Wir
muten sie allerdings am folgenden Tage beim Sturm zurcklassen.

Zu meiner Freude kann aus einem nahen Stollen der Leutnant Sprenger mit
einer Schar von Leuten, die dort die Nacht verbracht hatten. Ich lie die
Gruppenfhrer melden und stellte fest, da mir noch 63 Mann zur Verfgung
standen. Mit ber 150 war ich am Abend zuvor in bester Stimmung ausgezogen!
Es gelang mir, ber 20 Tote und ber 60 Verwundete, von denen spter noch
viele ihren Verletzungen erlagen, zu ermitteln.

Der einzige schwache Trost war, da es noch schlimmer htte kommen knnen.
So stand z. B. der Fsilier Rust so dicht neben dem Einschlag, da die
Tragegurte seiner Munitionsksten anfingen zu brennen. Der Unteroffizier
Peggau, der allerdings am nchsten Tage sein Leben lassen mute, stand
zwischen zwei Leuten, die vollkommen zerrissen wurden, ohne auch nur
geritzt zu werden.

Wir verbrachten den Tag in gedrckter Stimmung, meist schlafend. Ich mute
hufig zum Bataillonskommandeur, da immer wieder etwas ber den Angriff zu
besprechen war. Sonst fhrte ich mit meinen beiden Offizieren, auf einer
Pritsche liegend, eine Unterhaltung ber die nebenschlichsten Dinge, um
den marternden Gedanken zu entgehen. Der stete Refrain war: Mehr als
totgeschossen knnen wir Gott sei Dank nicht werden! Eine kleine
Ansprache, mit der ich die Leute zu ermuntern suchte, die wortlos auf der
Stollentreppe zusammenkauerten, schien wenig Wirkung zu haben. Ich war auch
zum Ermutigen nicht disponiert.

Um 10 Uhr abends brachte eine Ordonnanz den Befehl zum Abmarsch in vordere
Linie. Wenn ein Tier der Wildnis aus seiner Hhle hervorgezerrt wird, oder
ein Seemann die rettende Planke unter seinen Fen sinken sieht, mgen sie
hnliche Gefhle haben wie wir, als wir uns von dem sicheren, warmen
Stollen trennen muten. Jedoch kam nicht einem meiner Leute der Gedanke,
unbemerkt zurckzubleiben.

Wir eilten in scharfem Schrapnellfeuer durch den Felixgraben und kamen ohne
Verluste vorn an. Dem Bataillon war ein ganz schmaler Abschnitt zugewiesen.
Smtliche Stollen waren im Nu gestopft voll Menschen. Die brigen gruben
sich Lcher in die Grabenwnde, um whrend des dem Angriff vorausgehenden
Artilleriefeuers wenigstens etwas Schutz zu haben. Nach vielem Hin und Her
hatte jeder sein Pltzlein gefunden. Noch einmal versammelte der Hauptmann
von Brixen die Kompagniefhrer zur Besprechung. Nachdem zum letzten Mal die
Uhren verglichen waren, trennten wir uns mit einem Hndedruck.

Ich setzte mich neben meine beiden Offiziere auf eine Stollentreppe, um den
Zeitpunkt 5.05 Uhr zu erwarten, mit dem die Feuervorbereitung beginnen
sollte. Die Stimmung hatte sich etwas aufgeheitert, da der Regen aufgehrt
hatte und die sternklare Nacht einen trockenen Morgen versprach. Wir
verbrachten die Zeit mit Erzhlen und Essen; es wurde stark geraucht, und
die gefllte Feldflasche machte stetig die Runde. In den ersten
Morgenstunden war die feindliche Artillerie so lebhaft, da wir frchteten,
der Englnder htte Lunte gerochen.

Kurz vor Beginn wurde folgender Funkspruch bekanntgegeben: S. M. der
Kaiser und Hindenburg haben sich an den Schauplatz der Operationen
begeben. Er wurde mit Beifall begrt.

Immer weiter rckte der Zeiger; wir zhlten die letzten Minuten mit.
Endlich stand er auf 5.05 Uhr. Der Orkan brach los. Ein rasender Donner,
der auch die schwersten Abschsse in seinem gewaltigen Rollen verschlang,
lie die Erde erzittern. Das gigantische Vernichtungsgebrll der unzhligen
Geschtze hinter uns war so furchtbar, da auch die grten der
berstandenen Schlachten dagegen ein Kinderspiel schienen. Was wir nicht
gewagt hatten zu hoffen, geschah: Die feindliche Artillerie blieb stumm;
sie war mit einem einzigen Riesenschlage niedergeschmettert. Wir hielten es
im Stollen nicht lnger aus. Auf Deckung stehend, bewunderten wir die ber
den englischen Grben flammende Feuerwand, die sich hinter wallenden,
blutroten Wolken verschleierte.

Unsere Freude wurde durch Augentrnen und Brennen der Schleimhute gestrt,
verursacht durch die vom Winde zurckgetriebenen Dnste unserer
Gasgranaten. Die unangenehmen Wirkungen des Blaukreuzgases zwangen viele
Leute durch Wrge- und Hustenreiz, die Masken abzureien. Ich war sehr
besorgt; doch vertraute ich fest darauf, da unsere Fhrung unmglich eine
Berechnung gemacht haben knnte, die unser Verderben werden mute. Trotzdem
zwang ich mit Aufbietung aller Energie den ersten Husten zurck, um den
Reiz nicht zu frdern. Nach einer Stunde konnten wir die Masken absetzen.
Es war Tag geworden. Hinter uns wuchs das ungeheure Getse fortwhrend. Vor
uns war eine dem Blick undurchdringliche Wand von Rauch, Staub und Gas
entstanden. Leute liefen durch den Graben und brllten sich freudige Zurufe
ins Ohr. Infanteristen und Artilleristen, Pioniere und Fernsprecher,
Preuen und Bayern, Offiziere und Mannschaften, alle waren berwltigt,
begeistert durch diese elementare uerung deutscher Kraft und brannten
darauf, um 9.40 Uhr zum Sturm anzutreten. Um 8.25 griffen unsere schweren
Minenwerfer ein, die in engen Zwischenrumen hinter dem vorderen Graben
standen. Wir sahen die gewaltigen Zweizentner-Minen im hohen Bogen durch
die Luft fliegen und drben mit vulkanartigen Explosionen zu Boden fallen.

Selbst die Naturgesetze schienen ihre Gltigkeit verloren zu haben; die
Luft flimmerte wie an heien Sommertagen. Der wechselnde Brechungsexponent
lie feste Gegenstnde hin und her tanzen. Schwarze Schattenstriche
huschten durch das Gewlk.

Die letzte Stunde der Vorbereitung wurde gefhrlicher als die vier anderen,
whrend deren wir uns ruhig auf Deckung bewegt hatten. Der Feind brachte
eine schwere Batterie ins Feuer, die Schu um Schu in unseren gedrngt
vollen Graben warf. Um auszuweichen, begab ich mich nach links und stie
auf den Adjutanten, Leutnant Heins, der mich nach dem Leutnant Freiherrn v.
Solemacher fragte: Der mu sofort das Bataillon bernehmen, Hauptmann v.
Brixen ist eben gefallen. Erschttert von dieser Schreckensnachricht ging
ich zurck und setzte mich in ein tiefes Erdloch. Auf dem kurzen Wege hatte
ich die Tatsache schon wieder vergessen. Mein Gehirn klammerte sich nur
noch durch die Zahl 9.40 Uhr an die Wirklichkeit. Ich schien mich indes
sehr kouragiert zu benehmen, denn alle Leute lchelten mir beifllig zu.

Vor meinem Erdloch stand der Unteroffizier Dujesiefken, mein Begleiter bei
Regniville, und bat mich, in den Graben zu kommen, da beim kleinsten
Einschlage die Erdmassen ber mir zusammenstrzen knnten. Eine Explosion
ri ihm das Wort vom Munde: mit einem abgerissenen Bein strzte er zu
Boden. Ich sprang ber ihn hinweg und hastete nach rechts, wo ich in ein
Fuchsloch kroch, das bereits von zwei Pionieren besetzt war. Im engen
Kreise um uns setzten die schweren Geschosse ihr Wten fort. Man sah
pltzlich schwarze Erdklumpen aus einer weien Wolke wirbeln; die
Detonation ging im allgemeinen Tosen unter. Man hrte eigentlich berhaupt
nichts mehr. Im Grabenstckchen links neben uns wurden drei Leute meiner
Kompagnie zerrissen. Einer der letzten Treffer, ein Blindgnger, ttete das
arme Schmidtchen, das noch auf der Stollentreppe sa.

Ich stand zusammen mit Sprenger, die Uhr in der Hand, vor meinem Fuchsloch
und erwartete den groen Augenblick. Um uns hatten sich die Reste der
Kompagnie geschart. Es gelang uns, sie durch Scherzworte von einer
Derbheit, die sich hier leider nicht wiedergeben lt, aufzuheitern und
abzulenken. Der Leutnant Meyer, der einen Augenblick um die Schulterwehr
lugte, erzhlte mir spter, da er uns fr wahnsinnig gehalten htte.

Um 9.10 Uhr verlieen die Offizier-Patrouillen, die unsere Aufstellung
sichern sollten, den Graben. Da die vorderen Linien ber 800 Meter
auseinanderlagen, muten wir noch whrend der Vorbereitung antreten und uns
im Niemandslande derart bereitlegen, da wir um 9.40 in die erste
feindliche Linie springen konnten. Auch Sprenger und ich kletterten nach
einigen Minuten, gefolgt von unseren Leuten, auf Deckung.

Nun wollen wir mal zeigen, was die siebte Kompagnie kann! Jetzt ist mir
alles ejal! Rache fr die siebte Kompagnie! Rache fr Hauptmann von
Brixen! Wir zogen die Pistolen und berschritten unseren Draht, durch den
sich schon die ersten Verwundeten zurckschleppten.

Ich blickte nach rechts und links. Die Vlkerscheide bot ein seltsames
Bild. In den Trichtern vor dem feindlichen Graben, der in hchster
Feuersteigerung wieder und wieder umgewhlt wurde, harrten in unbersehbar
breiter Front, kompagnieweise zusammengeklumpt, die Angriffsbataillone.
Beim Anblick dieser aufgestauten gewaltigen Massen schien mir der
Durchbruch gewi. Ob aber auch die Kraft in uns steckte, die feindlichen
Reserven zu zersplittern und vernichtend auseinanderzureien? Ich erwartete
es mit Bestimmtheit. Der Endkampf, der letzte Anlauf schien gekommen. Die
Stimmung war sonderbar, geladen von hchster Spannung. Offiziere standen
aufrecht und riefen sich nervse Scherzworte zu. Oft ging eine schwere Mine
zu kurz, warf eine kirchturmhohe Fontne hoch und berschttete uns mit
Erde, ohne da einer auch nur den Kopf beugte. Der Schlachtendonner war so
frchterlich geworden, da keiner mehr bei klarem Verstande war. Die Nerven
konnten keine Angst mehr empfinden.

Drei Minuten vor dem Angriff winkte mir mein Bursche, der treue Vinke, mit
einer gefllten Feldflasche. Sein einfacher Horizont erkannte das Gebot der
Stunde. Ich tat einen tiefen Zug. Es war, als ob ich Wasser trnke. Nun
fehlte noch die Offensiv-Zigarre. Dreimal lschte der Luftdruck mein
Streichholz aus.

Der groe Augenblick war gekommen. Die Feuerwalze rollte ber die ersten
Grben hinweg. Wir traten an.

In einer Mischung von Gefhlen, hervorgerufen durch Blutdurst, Wut und
Alkoholgenu gingen wir im Schritt auf die feindlichen Linien los. Ich war
weit vor der Kompagnie, gefolgt von meinem Burschen und einem Einjhrigen.
Die rechte Hand umklammerte den Pistolenschaft, die linke einen Reitstock
aus Bambusrohr. Ich kochte vor einem mir jetzt unbegreiflichen Grimm. Der
bermchtige Wunsch zu tten, beflgelte meine Schritte. Die Wut entprete
mir bittere Trnen.

Der ungeheure Vernichtungswille, der ber der Walstatt lastete,
konzentrierte sich in den Gehirnen. So mgen die Mnner der Renaissance von
ihren Leidenschaften gepackt sein, so mag ein Cellini gerast haben,
Werwlfe, die heulend durch die Nacht hetzen, um Blut zu trinken.

Ohne Schwierigkeiten durchschritten wir ein zerfetztes Drahtgewirre und
setzten in einem Sprunge ber den ersten Graben. Die Sturmwelle tanzte wie
eine Reihe von Gespenstern durch weie, wallende Dmpfe.

Wider Erwarten knatterte uns aus der zweiten Linie Maschinengewehrfeuer
entgegen. Ich sprang mit meinen Begleitern in einen Trichter. Eine Sekunde
spter gab es einen furchtbaren Krach und ich sackte vorn ber. Vinke
packte mich am Kragen und drehte mich auf den Rcken: Sind Herr Leutnant
verwundet? Es war nichts zu finden. Der Einjhrige hatte ein Loch im
Oberarme und versicherte sthnend, da ihm eine Kugel in den Rcken
geschlagen wre. Wir rissen ihm die Uniform vom Leibe und verbanden ihn.
Die aufgewhlte Erde zeigte, da ein Schrapnell in Hhe unserer Gesichter
auf den Trichterrand geschlagen war. Ein Wunder, da wir noch lebten.

Whrenddessen waren die anderen an uns vorbeigeschritten. Wir strzten
ihnen nach, den Verwundeten seinem Schicksal berlassend. Halb links vor
uns tauchte der mchtige Eisenbahndamm Ecoust-Croisilles, den wir
berschreiten muten, aus dem Dunst. Aus eingebauten Schiescharten und
Stollenfenstern prasselte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer.

Auch Vinke war abhanden gekommen. Ich folgte einem Hohlweg, aus dessen
Bschung eingedrckte Unterstnde ghnten. Wtend schritt ich voran, ber
den schwarzen, aufgerissenen Boden, dem noch die stickigen Gase unserer
Granaten entschwelten.

Da erblickte ich den ersten Feind. Eine Gestalt kauerte etwa drei Meter vor
mir, anscheinend verwundet, in der Mitte der zertrommelten Mulde. Ich sah
sie bei meinem Erscheinen zusammenfahren und mich mit weit geffneten Augen
anstarren, als ich ganz langsam, die Pistole vorstreckend, auf sie
zuschritt. Zhneknirschend setzte ich die Mndung an die Schlfe des vor
Angst Gelhmten; mit einem Klagelaut griff er in seine Tasche und hielt mir
eine Karte vor Augen. Es war das Bild von ihm, umgeben von einer
zahlreichen Familie . . .

Nach sekundenlangem inneren Kampfe hatte ich mich in der Hand. Ich schritt
vorber.

Von oben sprangen Leute meiner Kompagnie in den Hohlweg. Mir war glhend
hei. Ich ri den Mantel herunter und schleuderte ihn fort. Ich wei noch,
da ich einigemale sehr energisch rief: Jetzt zieht Leutnant Jnger seinen
Mantel aus, und die Fsiliere dazu lachten, als ob ich den kstlichsten
Witz gemacht htte. Oben lief alles ber Deckung, ohne der hchstens 400
Meter entfernten Maschinengewehre zu achten. Auch mich zwang der
Vernichtungstrieb in die Feuergarben. Ich rannte den feuerspeienden
Bahndamm frontal an. In irgend einem Trichter sprang ich auf eine
pistolenschieende Gestalt in braunem Manchester. Es war Kius, der sich in
hnlicher Stimmung befand und mir zur Begrung eine Hand voll Munition
zusteckte.

Wir mssen nun eine ganze Zeit lang kreuz und quer durch die Trichter
gerannt sein und auf verschiedene Ziele geschossen haben. Jedenfalls befand
ich mich auf einmal am Fue des Bahndammes und merkte, da aus einem mit
Sackleinewand verhllten Stollenfenster dicht neben mir gefeuert wurde. Ich
scho durch das Tuch; ein Mann neben mir ri es fort und warf eine
Handgranate in die ffnung. Ein Sto und eine entquellende weiliche Wolke
verrieten die Wirkung. Das Mittel war rauh, doch probat. Wir beiden rannten
an der Bschung entlang und bearbeiteten die nchsten Luken in hnlicher
Weise. Ich hob die Hand, um unsere Leute, deren Geschosse uns aus nchster
Entfernung um die Ohren schellten, zu verstndigen. Sie winkten freudig
zurck. Danach erklommen wir mit hundert anderen zugleich den Damm. Zum
ersten Male im Kriege sah ich Massen aufeinanderprallen. Die Englnder
hielten auf der hinteren Bschung zwei terrassenartig eingehauene Grben
besetzt. Geschosse wurden auf wenige Meter gewechselt, Handgranaten flogen
im Bogen hinunter.

Ich sprang in den ersten Graben; um die nchste Schulterwehr strzend,
stie ich mit einem englischen Offizier in offener Jacke und herabhngender
Halsbinde zusammen. Auf den Gebrauch der Pistole verzichtend, packte ich
ihn an der Gurgel und schleuderte ihn gegen eine Sandsackpackung, vor der
er zusammenbrach. Hinter mir tauchte der Kopf eines alten Majors auf, der
mir zuschrie: Schlagen Sie den Hund tot!

Ich berlie diese Arbeit den Folgenden, wandte mich dem unteren Graben zu,
der von Englndern wimmelte und scho meine Pistolenkugeln mit solchem
Eifer darauf ab, da ich nach dem letzten Schu wohl noch zehnmal
abdrckte. Ein Mann neben mir warf Handgranaten unter die Davonhastenden.
Ein tellerfrmiger Stahlhelm stieg kreiselnd hoch in die Luft.

In einer Minute war der Kampf entschieden. Die Englnder sprangen aus ihren
Grben und flohen zu Bataillonen ber das freie Feld. Von der Dammkrone
raste tolles Verfolgungsfeuer los. Die Fliehenden berschlugen sich im
Laufen, und in einigen Sekunden war der Boden mit Leichen bedeckt. Nur
wenige entkamen.

Ich ri einem Unteroffizier, der dieses Schauspiel mit offenem Munde
beglotzte, das Gewehr aus der Hand. Mein erstes Opfer war ein Englnder,
den ich auf 150 Meter zwischen zwei Deutschen herausscho. Er klappte wie
ein Messer zusammen und blieb liegen.

Nachdem so ganze Arbeit geschafft war, ging es weiter. Der Erfolg hatte
Angriffsgeist und Draufgngertum jedes Einzelnen zur Weiglut entfacht. Von
der Fhrung einheitlicher Verbnde war keine Rede mehr. Trotzdem kannte
jeder Mann nur noch eine Parole: Vor! Jeder rannte geradeaus los.

Als Ziel whlte ich mir eine kleine Anhhe, auf der die Trmmer eines
Huschens, ein Grabkreuz und ein zerstrtes Flugzeug zu sehen waren. Mein
stures Vorstrmen fhrte mich mitten in die Flammenwand der eigenen
Feuerwalze. Ich mute mich in einen Trichter werfen, um Deckung zu nehmen
und das weitere Vorschreiten des Feuers abzuwarten. Neben mir entdeckte ich
einen jungen Offizier eines anderen Regiments, der sich gleich mir ganz
allein ber das gute Gelingen des ersten Ansturmes freute. Die gemeinsame
Begeisterung brachte uns in den wenigen Augenblicken so nahe, als ob wir
uns schon jahrelang gekannt htten. Der nchste Sprung trennte uns auf
Nimmerwiedersehen.

Neben der Hausruine lag ein kleines Grabenstck, das vom jenseitigen Grunde
mit Maschinengewehren abgekmmt wurde. Ich sprang in einem Anlauf hinein
und fand es unbesetzt. Gleich darauf erschienen die Leutnants Kius und von
Wedelstdt. Eine Ordonnanz Wedelstdts, die als letzter kam, brach mitten
im Sprunge zusammen und blieb, durchs Auge getroffen, tot liegen. Als
Wedelstdt diesen Letzten seiner Kompagnie strzen sah, sttzte er seinen
Kopf auf die Grabenwand und weinte. Auch er sollte den Tag nicht berleben.

Im Grunde lag eine stark befestigte Hohlwegstellung, davor an den beiden
Rndern einer Mulde zwei Maschinengewehrnester. Die Feuerwalze war schon
ber diese Stellung hinweggerollt, der Gegner schien sich erholt zu haben
und scho, was aus den Lufen wollte. Wir waren von ihm durch einen 500
Meter breiten Gelndestreifen getrennt, ber den die Geschogarben wie
Bienenschwrme surrten.

Nach kurzer Atempause sprangen wir mit wenigen Leuten aus unserem
Grabenstck auf den Feind zu. Es ging um Leben und Tod. Nach ein paar
Sprngen lag ich mit einem Begleitmann allein dem linken
Maschinengewehrnest gegenber. Deutlich sah ich hinter einem kleinen
Erdaufwurf einen flach behelmten Kopf neben einer emporsteigenden feinen
Wasserdampfsule. Ich nherte mich durch ganz kurze Sprnge, um keine Zeit
zum Zielen zu geben. Jedesmal, wenn ich lag, schleuderte mir der Mann einen
Rahmen Patronen zu, mit denen ich eine Reihe wohlgezielter Schsse abgab.
Patronen, Patronen! Ich wandte mich um und sah ihn zuckend auf der Seite
liegen. -- --

Wenn ich heute an diesen blinden Anlauf ber freies Feld gegen eine
gespickte Stellung zurckdenke, mu ich gestehen, da wir von einer ganz
unwahrscheinlichen Verwegenheit besessen waren. Und doch, wo wre der
Erfolg im Kriege, wenn nicht der Rausch zur Tat einzelne packte und
vorwrtswrfe in unwiderstehlichem Schwung? Manchmal schien es mir, als ob
selbst der Tod sich scheute, ihnen in den Weg zu treten. -- -- --

Von links, wo der Widerstand nicht so stark war, erschienen einige Leute,
welche die Verteidiger fast mit Handgranaten erreichen konnten. Ich setzte
zum letzten Sprunge an und stolperte ber ein Drahtverhau in das
Grabenstck. Die Englnder rannten, von allen Seiten beschossen, zum
rechten Maschinengewehrnest hinber, ihre Waffe zurcklassend. Das
Maschinengewehr war halb unter einem riesigen Haufen abgeschossener Hlsen
verborgen. Es war noch glhendhei und dampfte. Davor lag ein athletischer
Leichnam, dem ein Kopfschu, der auf meine Rechnung kam, ein Auge
herausgetrieben hatte. Der Riesenkerl mit dem groen weien Augapfel vorm
Schdel sah schaurig aus. Da ich vor Durst fast verschmachtete, hielt ich
mich nicht weiter auf, sondern suchte nach Wasser. Ein Stolleneingang zog
mich an. Ich blickte hinein und sah unten einen Mann sitzen, der
Munitionsgurte ber seine Knie zog und ordnete. Anstatt ihn sofort zu
erledigen, wie es die Vorsicht gebot, rief ich ihm zuvor zu: Come here,
hands up! Er sprang hoch, starrte mich entgeistert an und verschwand im
Dunkel des Stollens. Wahrscheinlich ist er der Handgranate zum Opfer
gefallen, die ich ihm nachschleuderte.

Endlich entdeckte ich einen Blechkasten voll Khlwasser. Ich strzte die
lige Flssigkeit in langen Zgen hinunter, fllte mir eine englische
Feldflasche und gab auch den anderen Leuten zu trinken, die pltzlich das
Grabenstck fllten.

Whrenddessen leistete das rechte Maschinengewehrnest und der 60 Meter vor
uns liegende Hohlweg noch immer erbitterten Widerstand. Wir versuchten, das
englische Maschinenegewehr darauf einzurichten, hatten aber keinen Erfolg
damit, vielmehr sauste mir bei diesem Bemhen ein Gescho am Kopfe vorbei,
streifte einen hinter mir stehenden Jgerleutnant und verwundete einen Mann
sehr bedenklich am Oberschenkel. Mit mehr Glck brachte die Bedienung eines
leichten Maschinengewehrs ihre Waffe am Rande unseres kleinen
Grabenhalbmondes in Stellung und jagte den Englndern eine Reihe von
Geschossen in die Flanke.

Diesen Moment der berraschung benutzten die Strmer rechts und liefen
frontal auf den Hohlweg los, voran unsere noch ganz intakte neunte
Kompagnie unter Fhrung den Leutnants Gipkens. Aus allen Trichtern erhoben
sich nun gewehrschwingende Gestalten und rannten mit rollenden Augen und
schumendem Munde unter furchtbarem Hurragebrll gegen die feindliche
Stellung an, aus der die Verteidiger zu Hunderten mit hochgehobenen Hnden
hervorkamen.

Pardon wurde nicht gegeben. Die Englnder eilten mit hochgereckten Armen
durch die erste Sturmwelle nach hinten, wo die Kampfeswut noch nicht zu
solcher Siedehitze gestiegen war. Eine Ordonnanz von Gipkens legte mit
seiner 32schssigen Repetierpistole wohl ein Dutzend von ihnen um.

Ich kann unseren Leuten dies blutdrstige Gebaren nicht verbeln. Einen
Wehrlosen umzubringen, ist eine Gemeinheit. Mir war im Kriege niemand
widerlicher, als die Stammtischhelden, die mit fettigem Lachen die bekannte
Geschichte von den Bayern und dem Gefangenentransport erzhlten: Haben Sie
schon gehrt, die Sache von dem Schlaganfall? Kstlich!

Andererseits mu ein Verteidiger, der dem Angreifer bis auf fnf Schritt
seine Geschosse durch den Leib jagt, die Konsequenzen tragen. Der Kmpfer,
dem whrend des Anlaufs ein blutiger Schleier vor den Augen wallte, kann
seine Gefhle nicht mehr umstellen. Er will nicht gefangennehmen; er will
tten. Er hat jedes Ziel aus den Augen verloren und steht im Banne
gewaltiger Urtriebe. Erst, wenn Blut geflossen ist, weichen die Nebel aus
seinem Hirn; er sieht sich um wie aus schwerem Traum erwachend. Erst dann
ist er wieder moderner Soldat, imstande, eine neue taktische Aufgabe zu
lsen.

In diesem Zustande befanden wir uns nach der Eroberung der Hohlweges. Eine
Menge Leute waren zusammengekommen und standen, durcheinanderschreiend, auf
einem Klumpen. Offiziere zeigten ihnen die Verlngerung der Mulde, und der
gewaltige Kampfhaufen setzte sich mit erstaunlicher Gleichgltigkeit,
schwerfllig in Bewegung.

Die Mulde lief in eine Hhe aus, auf der feindliche Kolonnen auftauchten.
Wir gingen, ab und zu stehenbleibend und schieend, vor, bis wir durch
heftiges Feuer aufgehalten wurden. Es war ein uerst peinliches Gefhl,
die Kugeln neben dem Kopf in den Boden knallen zu hren. Kius, der wieder
herangekommen war, hob ein abgeplattetes Gescho auf, das einen halben
Meter vor seiner Nase liegen geblieben war. Wir benutzten eine kleine
Pause, um einen der hier bereits selten gewordenen Trichter zu erreichen.
Dort fanden sich eine Menge von Offizieren unseres Bataillons zusammen, das
jetzt von dem Leutnant Lindenberg gefhrt wurde, da leider auch der
Freiherr von Solemacher eine tdliche Verwundung erhalten hatte. Am rechten
Hange der Schlucht spazierte zur allgemeinen Heiterkeit der von den 10.
Jgern zu uns kommandierte Leutnant Breyer, den Spazierstock in der Hand
und eine lange grne Jgerpfeife im Munde, mit umgehngter Flinte durch das
Maschinengewehrfeuer, als ob es zur Hasenjagd ginge.

Wir erzhlten uns in kurzen Worten unsere bisherigen Abenteuer und boten
uns Feldflasche und Schokolade an, dann ging es auf allgemeinen Wunsch
wieder vor. Die Maschinengewehre, anscheinend in der Flanke bedroht, waren
verschwunden. Wir mochten bislang drei bis vier Kilometer gewonnen haben.
Die Mulde wimmelte von Angriffstruppen. Soweit das Auge nach hinten blicken
konnte, rckten Truppen in Schtzenlinie, Reihe und Gruppenkolonne heran.
Wir waren leider viel zu dicht, wieviele wir liegen lieen, wurde uns zum
Glck im Sturm nicht klar.

Ohne Widerstand zu finden, erreichten wir die Hhe. Rechts von uns sprangen
einige khakifarbige Gestalten aus einem Grabenstck, hinter denen wir
stehend freihndig herknallten. Die meisten wurden umgelegt. Die Hhe war
durch eine Reihe von Unterstnden befestigt. Teils zeigten aufquellende
Dampfwolken, da mit Handgranaten kurzer Proze gemacht wurde, teils kamen
die Insassen mit hochgehobenen Armen und schlotternden Knien heraus. Es
wurden ihnen Feldflasche und Zigaretten abgenommen und die Richtung nach
hinten gezeigt, in der sie mit groer Geschwindigkeit enteilten. Ein junger
Englnder hatte sich mir bereits ergeben, als er sich pltzlich umdrehte
und wieder in seinem Unterstand verschwand. Da er trotz meiner
Aufforderung, herauszukommen, sich unten versteckt hielt, machten wir
seinem Zgern mit einigen Handgranaten ein Ende und gingen weiter. Ein
schmaler Fupfad verschwand jenseits der Hhe. Ein Wegweiser besagte, da
er nach Vraucourt fhrte. Whrend sich die anderen noch bei den
Unterstnden aufhielten, berschritt ich mit dem Leutnant Heins die Hhe.

Jenseits dem Grunde lagen die Ruinen des Dorfes Vraucourt. Davor blitzten
die Abschsse einer feuernden Batterie auf, deren Bedienung bei dem
Erscheinen der ersten Sturmwelle ins Dorf flchtete. Auch die Besatzung
einer Reihe in einen Hohlweg eingebauter Unterstnde strzte heraus und
entfloh. Ich scho einen davon in dem Augenblick, als er aus dem Eingange
des ersten sprang, nieder.

Mit zwei Leuten meiner Kompagnie, die sich inzwischen bei mir gemeldet
hatten, ging ich in dem Hohlweg vor. Rechts davon lag eine besetzte
Stellung, aus der wir starkes Feuer erhielten. Wir zogen uns in den ersten
Unterstand zurck, ber dem sich bald die Geschosse beider Parteien
kreuzten. Davor lag mein Englnder, ein blutjunges Kerlchen, den mein Schu
quer durch den Schdel getroffen hatte. Ein merkwrdiges Gefhl, einem
Menschen ins Auge zu sehen, den man selbst gettet.

Wir lieen uns durch das zunehmende Feuer nicht stren, sondern richteten
uns in dem Unterstande ein und rumten unter den zurckgelassenen
Lebensmitteln auf, da unser Magen uns daran erinnerte, da wir whrend des
ganzen Angriffs noch nichts genossen hatten. Wir fanden Schinken, Weibrot,
Marmelade und einen Steinkrug voll Ingwer-Likr. Nachdem ich mich gestrkt
hatte, setzte ich mich auf eine leere Biskuitdose und las einige englische
Zeitschriften, die von recht geschmacklosen Ausfllen gegen the Huns
wimmelten. Allmhlich wurde uns die Lage doch zu langweilig, und wir
kehrten in Sprngen zum Anfange des Hohlweges zurck, wo sich eine Menge
von Leuten angesammelt hatte. . . Von dort sahen wir schon ein Bataillon
164er links neben Vraucourt. Wir beschlossen, das Dorf zu strmen, und
eilten wieder durch den Hohlweg vor. Kurz vor dem Dorfrande setzte uns die
eigene Artillerie, die stumpfsinnig bis zum Morgen auf denselben Fleck
weiterscho, ein Ziel. Eine schwere Granate schlug mitten auf dem Wege ein
und zerri vier Leute. Die anderen liefen zurck.

Wie ich spter erfuhr, hatte die Artillerie Befehl, mit hchster Entfernung
weiterzuschieen. Diese unverstndliche Anordnung ri uns die schnsten
Frchte des Sieges aus der Hand. Zhneknirschend muten wir vor der
Feuerwand Halt machen.

Um eine Lcke des Feuers zu suchen, wandten wir uns weiter nach rechts, wo
gerade ein Kompagniefhrer des Infanterie-Rgts. 76 zum Sturm auf die
Vraucourt-Stellung ansetzte. Wir beteiligten uns mit Hurra, aber kaum waren
wir eingedrungen, als uns die eigene Artillerie wieder herausscho. Dreimal
strmten wir und dreimal muten wir wieder zurck. Fluchend besetzten wir
einige Trichter, in denen uns ein durch die Granaten verursachter
Wiesenbrand, bei dem viele Verwundete umkamen, auerordentlich lstig
wurde. Auch tteten englische Gewehrgeschosse einige Leute.

Langsam brach die Dmmerung herein. Stellenweise lohte das Gewehrfeuer noch
einmal gewaltig auf, um allmhlich zu erlschen. Die erschpften Kmpfer
suchten sich einen Ort, wo sie die Nacht verbringen konnten. Offiziere
schrieen ununterbrochen ihren Namen, um die zersplitterten Kompagnien zu
sammeln.

Zwlf Mann der siebenten Kompagnie hatten sich whrend der letzten Stunde
um mich geschart; da es kalt zu werden begann, fhrte ich sie zu dem
kleinen Unterstande, vor dem mein Englnder lag und schickte sie aus, um
Decken und Mntel von Gefallenen zu suchen. Als ich alle untergebracht
hatte, gab ich meiner Neugier nach, die mich in die vor uns liegende
Artilleriemulde trieb. Ich nahm den Fsilier Haller mit, dem ich den
grten Sportsgeist zutraute. Wir schritten mit schubereitem Gewehr gegen
die Mulde vor, auf der noch immer unser Artilleriefeuer wuchtete und
untersuchten zunchst einen Unterstand, der anscheinend vor kurzem von
englischen Artillerieoffizieren verlassen war. Auf einem Tische stand ein
riesiges Grammophon, das Haller sofort in Bewegung setzte. Das lustige
Couplet, das von der Walze schnurrte, machte einen geisterhaften Eindruck.
Ich warf den Kasten auf den Boden, wo er wie ein Erschlagener noch ein paar
schnarrende Tne von sich gab und verstummte. Der Unterstand war uerst
behaglich eingerichtet; sogar ein kleiner Kamin, auf dessen Sims Pfeifen
und Tabak lagen, mit im Kreise herumgestellten Sesseln fehlte nicht. Merry
old England! Wir legten uns natrlich keinen Zwang auf, sondern nahmen, was
uns gefiel. Ich suchte mir einen Brotbeutel, Wsche, eine kleine
Metallflasche voll Whisky, eine Kartentasche und einige wundernette
Toiletteartikel von Roger und Gallet aus, vermutlich zrtliche Erinnerungen
an einen Pariser Fronturlaub.

Ein nebenan liegender Raum enthielt eine Kche, deren Vorrte wir
ehrfurchtsvoll bestaunten. Da war eine ganze Kiste voll roher Eier, von
denen wir uns gleich eine erhebliche Zahl einverleibten, da wir sie kaum
noch dem Namen nach kannten. Auf den Wandborden stapelten Bchsen voll
Fleisch, Dosen kstlicher eingedickter Marmelade, ferner Flaschen voll
Kaffee-Essenz, Tomaten und Zwiebeln; kurz alles, was der Gourmet sich
wnschen konnte.

Dieser Anblick trat mir spter noch oft vors Gedchtnis, wenn wir
wochenlang bei schmaler Brotportion, wssrigen Suppen und dnner Marmelade
im Schtzengraben lagen. Der deutsche Feldsoldat eilte in verschlissenem
Rock, schlechter verpflegt als ein chinesischer Kuli, vier Jahre lang von
Schlachtfeld zu Schlachtfeld, um die an Zahl vielfach berlegenen,
wohlausgersteten und -genhrten Gegner immer wieder seine Eisenfaust
spren zu lassen. Es gibt kein greres Zeichen fr die Macht der Idee, die
uns trieb. Dem Tode entgegenschreiten, sterben in Augenblicken der
Begeisterung, ist viel; fr seine Sache hungern und darben, ist mehr. -- --
--

Nach diesem kleinen Einblick in die wirtschaftlichen Verhltnisse des
Gegners verlieen wir den Unterstand und schritten in die Mulde, in der wir
zwei funkelneue verlassene Geschtze vorfanden. Ich nahm einen Kreidestein
und zeichnete sie mit der Nummer meiner Kompagnie. Dann kehrten wir, da die
eigene Artillerie uns noch fortwhrend Eisen um die Ohren schmi, zu den
anderen zurck.

Unsere vordere Linie, inzwischen von nachrckenden Truppen gebildet, war
200 Meter hinter uns. Ich stellte einen Doppelposten vor den Unterstand und
befahl den anderen, das Gewehr im Arm zu behalten. Nachdem ich die Ablsung
geregelt, noch etwas gegessen und die Tageserlebnisse in kurzen Stichworten
notiert hatte, schlief ich ein.

Um 1 Uhr wurden wir durch Hurrageschrei und lebhaftes Feuer rechts von uns
geweckt. Wir packten die Gewehre, strzten aus dem Raum und postierten uns
in einem groen Granattrichter. Von vorn kamen einige versprengte Deutsche
zurck, auf die von unserer Linie geschossen wurde. Zwei von ihnen blieben
auf dem Wege liegen. Durch diesen Zwischenfall gewitzigt, warteten wir, bis
sich hinter uns die erste Aufregung gelegt hatte, machten uns durch Zurufe
verstndlich und gingen in die eigene Linie zurck. Dort sa der Fhrer der
zweiten Kompagnie, Leutnant Kosik, der vor Erkltung kein Wort sprechen
konnte und am Arm verwundet war, mit ungefhr sechzig 73ern. Da er sich zum
Sanittsplatze zurckbegeben mute, bernahm ich das Kommando ber seine
Schar, bei der sich drei Offiziere befanden. Auerdem bestanden vom
Regiment noch die beiden ebenso zusammengewrfelten Kompagnien Gipkens und
Vorbeck.

Bataillonsfhrer war Hauptmann Freiherr von Ledebour, Regimentskommandeur
Major Dietlein, da Major v. Bardeleben bereits am Morgen durch Verwundung
ausgeschieden war.

Den Rest der Nacht verbrachte ich mit einigen Unteroffizieren der zweiten
Kompagnie zusammen in einem kleinen Erdloch, in dem wir vor Klte
erstarrten. Am Morgen frhstckte ich von den erbeuteten Bestnden und
schickte Leute nach Quant, um von der Kche Kaffee und Essen zu holen. Die
eigene Artillerie begann wieder mit ihrer verfluchten Schieerei und setzte
uns als ersten Morgengru einen Volltreffer in einen Trichter, der vier
Leute der MG.-Kompagnie beherbergte. In der ersten Dmmerung stie noch ein
Zugfhrer meiner Kompagnie, der Vizefeldwebel Kumpart, mit einigen Leuten
zu mir.

Kaum hatte ich mir die Nachtklte etwas aus den Gliedern gestampft, als ich
Befehl bekam, weiter rechts mit den Resten des Regiments 76 zusammen die
Vraucourt-Stellung zu strmen, die bei uns schon teilweise genommen war.
Wir zogen im dichten Morgennebel zum Bereitstellungsraum, einer Hhe
sdlich von Ecoust, auf der viele Tote des vorigen Tages lagen. Es gab wie
meist vor unklar gefaten Angriffsbefehlen ein gewaltiges Palaver der
Sturmfhrer, das erst durch die Garbe eines feindlichen Maschinengewehres
beendet wurde. Alles sprang in die nchsten Trichter bis auf den Feldwebel
Kumpart, der jammernd liegen blieb. Ich eilte mit einem Sanitter zu ihm
und verband ihn. Er hatte einen schweren Knieschu erhalten. Wir entfernten
mit einer Zange mehrere Knochenbrocken aus der Wunde. Er ist einige Tage
spter gestorben. Mir ging der Fall besonders nahe, weil Kumpart vor drei
Jahren in Recouvrence mein Exerziermeister gewesen war.

In einer Besprechung mit dem Hauptmann von Ledebour legte ich das Sinnlose
eines Frontalsturmes dar, da die zum Teil schon in unserem Besitz
befindliche Vraucourt-Stellung mit viel geringeren Verlusten von links her
aufgerollt werden konnte. Wir beschlossen, den Angriff nicht auszufhren,
und die Folge zeigte, da wir recht gehandelt hatten.

Bei solchen Gelegenheiten rchte sich die Einrichtung der weit
zurckliegenden Befehlsstellen der hheren Fhrung, deren Notwendigkeit mir
natrlich klar ist. Jedoch verrieten derartige Befehle deutlich einen
Mangel an Fronterfahrung. Die Zeiten des unvorbereiteten Frontalangriffes
sind fr immer vorber. Der einfache Mann, dem die feindlichen Gewehre das
Gesetz des Handelns vorschrieben, konnte auf solche Irrtmer nicht
verfallen. Er kam nur da vor, wo der Gegner schwach war. Die starken
Stellungsteile fielen dann von selbst . . . . . .

Vorlufig richteten wir uns in den Trichtern auf der Hhe ein. Allmhlich
brach die Sonne durch, und es erschienen englische Flugzeuge, die mit
Maschinengewehren unsere Lcher abstreuten, indes bald von den unsrigen
vertrieben wurden. Im Grunde von Ecoust fuhr eine Batterie auf, ein
ungewhnliches Bild fr alte Grabenkrieger; sie wurde auch bald
zusammengeschossen. Ein einzelnes Pferd ri sich los und galoppierte durch
das Gelnde; ein gespenstischer Anblick, dieses rasend gewordene Tier auf
weiter, einsamer Flche, vom wechselnden Gewlk der Geschosse behangen. Die
feindlichen Flieger waren noch nicht lange verschwunden, als wir das erste
Feuer bekamen. Zuerst platzten einige Schrapnells, dann zahlreiche leichte
und schwere Granaten. Wir lagen wie auf dem Prsentierteller. Mehrere
ngstliche Gemter vermehrten das Feuer noch, indem sie kopflos hin und her
liefen, anstatt in ihre Trichter geduckt, den Segen ber sich ergehen zu
lassen. In solchen Lagen mu man Fatalist sein. Diesen Grundsatz beherzigte
ich, indem ich den geradezu groartigen Inhalt einer erbeuteten Bchse voll
Stachelbeer-Marmelade verspeiste. So wurde es langsam Mittag.

Schon seit lngerer Zeit war links in der Vraucourtstellung Bewegung zu
beobachten. Jetzt sahen wir gerade vor uns die bogenfrmige Flugbahn und
den weien Einschlag deutscher Stielhandgranaten. Das war der gegebene
Augenblick.

Ich lie antreten. Ohne strkeres Feuer zu bekommen, gelangten wir an den
feindlichen Graben und sprangen hinein, freudig begrt von einem
Sturmtrupp des Regiments 76. Im aufrollenden Handgranatenangriff ging es,
hnlich wie bei Cambrai, langsam vor. Der feindlichen Artillerie blieb es
leider nicht verborgen, da wir uns langsam in ihren Linien vorfraen. Ein
scharfer Feuerberfall von Schrapnells und leichten Granaten fate uns
vorne noch gerade, in der Hauptsache jedoch die Reserven, die hinter uns
ber freies Feld dem Graben zustrmten. Wir bemhten uns, mglichst schnell
mit dem Gegner fertig zu werden, um das Feuer zu unterlaufen.

Die Vraucourt-Stellung schien noch im Bau gewesen zu sein, denn manche
Grabenstcke waren nur durch Abheben der Rasenschicht angedeutet. Wenn wir
ein solches Stck bersprangen, konzentrierte sich das ganze Feuer des
Umkreises auf uns. Ebenso nahmen wir den ber diese Stellen vor uns her
hastenden Gegner unter Feuer, so da die kurzen tracierten Stcke bald mit
Leichen behuft waren. Es war eine nervenpeitschende Hetzjagd. Wir eilten
an noch warmen, stmmigen Gestalten vorber, unter deren kurzen Rckchen
krftige Knie glnzten, oder krochen ber sie hinweg. Es waren Hochlnder,
und die Art des Widerstandes zeigte, da wir keine Feiglinge vor uns
hatten.

Nachdem wir so einige hundert Meter gewonnen hatten, geboten uns immer
dichter fallende Hand- und Gewehrgranaten Halt. Die Leute begannen zu
weichen.

Der Tommy macht einen Gegensto!

Bliew stahn! Ich will blo Verbindung aufnehmen!

Handgranaten nach vorn; Handgranaten, Handgranaten!

Achtung, Herr Leutnant!

Gerade im Grabenkampf, wo am brutalsten gefochten wird, sind solche
Rckschlge am hufigsten. Die Mutigsten strzen, schieend und werfend, an
der Spitze vor. Die Masse folgt als willenlose Herde auf den Fersen. Beim
Aufeinanderprall springen die Kmpfer hin und her, um den vernichtenden
Wrfen auszuweichen und stoen dabei auf die Nachdrngenden. Nur die
vordersten bersehen die Lage; weiter hinten bricht unter der im engen
Graben zusammengekeilten Menge wilde Panik aus. Erkennt der Gegner den
Augenblick, ist alles verloren; jetzt mu der Fhrer zeigen, ob er die
Achselstcke zu Recht trgt, obgleich ihn selbst das bekannte mulmige
Gefhl beschleicht.

Es gelang mir, eine Handvoll Leute zusammenzuraffen, mit denen ich hinter
einer breiten Schulterwehr ein Widerstandsnest bildete. Auf wenige Meter
tauschten wir mit einem unsichtbaren Gegner Geschosse. Es gehrte Mut dazu,
bei den knallenden Aufschlgen den Kopf hochzuhalten, whrend der Sand der
Schulterwehr aufgepeitscht wurde. Ein 76er neben mir scho mit wildem
Gesichtsausdruck, ohne an Deckung zu denken, eine Patrone nach der anderen
ab, bis er blutberstrmt zusammenbrach. Ein Gescho hatte ihm mit dem
Knall eines aufschlagenden Brettes die Stirn durchbohrt. Er knickte in
seiner Grabenecke zusammen und blieb, den Kopf gegen die Wand gelehnt, in
kauernder Stellung stehen. Sein Blut flo, wie aus einem Eimer gegossen,
auf die Grabensohle. Sein schnarchendes Rcheln ertnte in immer lngeren
Abstnden und hrte endlich ganz auf. Ich ergriff sein Gewehr und feuerte
weiter. Endlich trat eine kleine Pause ein. Zwei Mann, die noch vor uns
gelegen hatten, machten den Versuch, ber Deckung zurckzuspringen. Einer
fiel mit einem Kopfschu in den Graben, der andere konnte ihn eines
Bauchschusses wegen nur mehr kriechend erreichen.

Wir setzten uns abwartend auf die Grabensohle und rauchten englische
Zigaretten. Ab und zu pfeilten sich gut gezielte Gewehrgranaten herber.
Der Verwundete mit dem Bauchschu, ein blutjunger Mensch, lag zwischen uns
und dehnte sich fast wohlig wie eine Katze in den warmen Strahlen der
untergehenden Sonne. Er schlief mit einem kindlichen Lcheln in den Tod
hinber. Es war ein Anblick, bei dem nichts Trbes und Unangenehmes,
sondern nur ein klares Gefhl der Zuneigung zu dem Sterbenden mich
berhrte. Auch das Sthnen seines Kameraden verstummte allmhlich.

Mehrere Male versuchten wir, tief geduckt an den tracierten Stellen ber
die Leichen der Hochlnder vorkriechend, uns weiter vorzuarbeiten, wurden
aber immer wieder durch Maschinengewehrfeuer und Gewehrgranaten
zurckgetrieben. Jeder Treffer, den ich sah, war tdlich. So fllte sich
der vordere Teil des Grabens allmhlich mit Leichen; dafr bekamen wir von
hinten dauernd Verstrkung. Bald stand hinter jeder Schulterwehr ein
leichtes oder schweres Maschinengewehr. Ich stellte mich hinter eine dieser
Kugelspritzen und scho, bis der Zeigefinger von Rauch geschwrzt war. Wenn
das Khlwasser verdunstet war, wurden die Ksten herumgereicht und unter
wenig feinen Scherzen durch ein sehr einfaches Verfahren wieder gefllt.

Die Sonne stand tief am Horizonte. Der zweite Kampftag schien vorber. Ich
sah mir zum erstenmale genau die Umgebung an und schickte Meldung und
Skizze nach hinten. Unser Graben schnitt in 500 Meter Entfernung die Strae
Vraucourt--Mory, die durch an den Bumen befestigte Stoffblenden
verschleiert war. Auf einem Hange dahinter eilten feindliche Trupps ber
das geschobestreute Gelnde. Den blauen, unbewlkten Abendhimmel
durchschnitt ein schwarz-wei-rot bewimpeltes Geschwader. Die scheidenden
Strahlen der Sonne tauchten es gleich einer Kette von Flamingos in zartes
Rosenrot. Wir entfalteten unsere Stellungskarten und legten die weie
Rckseite aus, um zu zeigen, wie weit wir uns in den Feind hineingebohrt
hatten.

Ein khler Abendwind kndete eine scharfe Nacht an. Ich lehnte, in einen
englischen Mantel gehllt, an der Grabenwand und unterhielt mich mit dem
kleinen Schultz, dem Gefhrten meiner Inderpatrouille, der mit vier
schweren MG. nach altem kameradschaftlichen Brauche dort erschienen war, wo
die Sache am brenzlichsten stand. Auf den Postenstnden saen Leute aller
Kompagnien mit jungen, scharfgeschnittenen Gesichtern unterm Stahlhelm.
Ihre Fhrer waren gefallen; sie standen aus eigenem Antrieb am rechten
Orte.

Da ertnte von rechts erneut Handgranatenkrachen und links stiegen deutsche
Leuchtzeichen hoch. Von irgendwo flatterte mit dem Winde ein dnnes,
vielstimmiges Hurra herber. Das zndete. Sie sind umgangen, sie sind
umgangen! In einem jener Augenblicke der Begeisterung, die groen Taten
vorangehen, griff alles zu den Gewehren und strmte in dem Graben vor. Nach
kurzem Handgranatengefecht eilte ein Trupp Hochlnder der Strae zu. Nun
gab es kein Halten mehr. Trotz warnender Zurufe: Vorsicht, das
Maschinengewehr links schiet noch! sprangen wir aus dem Graben und hatten
im Nu die Strae erreicht, die von verstrten Hochlndern wimmelte. Ein
langes dichtes Drahtverhau verhinderte ihr Entweichen nach hinten, so da
sie unter tosendem Hurragebrll und rasendem Schnellfeuer in einer
Entfernung von 50 Metern wie eingelapptes Hochwild an uns vorberlaufen
muten. Rasch aufgebaute Maschinengewehre machten das Gemetzel vernichtend.

Fluchend mit einer Ladehemmung beschftigt, die mich am Schieen hinderte,
wandte ich mich infolge eines Schlages auf die Schulter um, und blickte in
das wutverzerrte Gesicht des kleinen Schultz: Da schieen sie noch, die
verfluchten Schweine! Ich folgte seiner Handbewegung und sah in einem
kleinen Grabengewirre, von uns durch die Strae getrennt, eine Reihe von
Gestalten, teils ladend, teils das Gewehr an der Backe. Schon flogen von
rechts die ersten Handgranaten, den Oberkrper eines von ihnen hoch in die
Luft schleudernd.

Die Vernunft gebot, an meinem Platze zu bleiben und die Gegner in aller
Ruhe mit einigen Schssen zu erledigen. Statt dessen warf ich mein Gewehr
fort und strzte mit geballten Fusten zwischen beide Parteien auf die
Strae. Zum Unglck trug ich noch immer den englischen Mantel und meine rot
berandete Feldmtze. Mitten im Hochgefhl des Sieges versprte ich einen
scharfen Schlag an der linken Brustseite; es wurde Nacht um mich. Vorbei!
Ich glaubte bestimmt, ins Herz getroffen zu sein, doch empfand ich bei der
Erwartung meines sofortigen Todes weder Schmerz noch Angst. Da ich indes zu
meinem Erstaunen nicht zusammenbrach und auch kein Loch in der Bluse
entdeckte, wandte ich mich wieder dem Feinde zu. Ein Mann meiner Kompagnie
strzte heran: Herr Leutnant, den Mantel 'runter! und ri mir das
gefhrliche Kleidungsstck von der Schulter.

Ein neues Hurra zerri die Luft. Von rechts, wo auch schon den ganzen
Nachmittag mit Handgranaten gearbeitet worden war, sprang eine Anzahl
Deutscher ber die Chaussee zur Hilfe herbei, voran ein junger Offizier in
braunem Manchester. Es war Kius. Die Schotten wurden in wenigen
Augenblicken der Wut durch Gewehr und Handgranaten vernichtet. Die Strae
war mit Leichen bedeckt, whrend die wenigen berlebenden mit Feuer
verfolgt wurden.

Als ich, mich mit Kius unterhaltend, in dem eroberten Grabenstck stand,
versprte ich ein feuchtes Gefhl auf der Brust. Die Bluse herunterreiend,
sah ich, da ich einen Schu quer ber dem Herzen bekommen hatte. Das
Gescho war gerade unter dem E. K. I durchgeflogen, zwei Lcher in der
Bluse und zwei im Krper hinterlassend. Ohne Zweifel hatte mich einer der
Unseren (ich hatte den, der mir den Mantel abri, in starkem Verdacht) fr
einen Englnder gehalten und auf eine Entfernung von wenigen Schritten
angeschossen.

Kius legte mir einen Verband um und konnte mich nur mit Mhe bewegen, in
diesem interessanten Augenblick das Schlachtfeld zu verlassen. Wir trennten
uns mit einem: Auf Wiedersehen in Hannover!

Ich whlte mir einen Begleiter, suchte auf der scharf beschossenen Chaussee
meine Kartentasche, in der mein Tagebuch steckte und ging durch den Graben,
in dem wir uns vorgekmpft hatten, zurck.

Unser Angriffsgeschrei war so gewaltig gewesen, da die feindliche
Artillerie schlagartig eingesetzt hatte. Auf dem Gelnde hinter der Strae
und vor allem auf dem Graben selbst lag ein Sperrfeuer von seltener Dichte.
Ein heiles Durchkommen war wenig wahrscheinlich. Wir bewegten uns
sprungweise von Schulterwehr zu Schultermehr zurck.

Pltzlich gab es neben mir am Grabenrande einen schmettern den Krach. Ich
bekam einen Schlag auf den Hinterschdel und fiel betubt vornber. Als ich
erwachte, hing ich mit dem Kopfe nach unten ber dem Schlitten eines
schweren Maschinengewehrs und starrte auf die Grabensohle in eine sich
bengstigend schnell vergrernde rote Lache. Das Blut sprudelte so
unaufhaltsam hervor, da ich ein Davonkommen fr ausgeschlossen hielt. Da
mein Begleiter indes behauptete, noch kein Hirn zu sehen, raffte ich mich
hoch und lief weiter. Hier hatte ich die Quittung fr meinen Leichtsinn,
ohne Stahlhelm ins Gefecht zu gehen.

Trotz des doppelten Blutverlustes war ich gewaltig aufgeregt und beschwor
jeden, der mir im Graben begegnete, wie von einer fixen Idee besessen, nach
vorne zu eilen und sich am Kampfe zu beteiligen. Bald waren wir der Zone
der leichten Feldgeschtze entronnen und verlangsamten unser Tempo.

Im Hohlwege von Noreuil kam ich am Brigade-Gefechtsstand vorbei, lie mich
beim Generalmajor Hbel melden, dem ich ber unseren Erfolg Bericht
erstattete, und bat, den Strmern mit Reserven zu Hilfe zu kommen. Der
General erzhlte mir, da ich bei den Gefechtsstnden schon seit gestern
tot gesagt wre. Es war nicht das erste Mal im Kriege.

In Noreuil stand dicht am Wege ein hoher Stapel von Handgranatenkisten in
hellen Flammen. Wir eilten mit sehr gemischten Gefhlen daran vorber.
Hinter dem Dorfe nahm mich ein Fahrer mit auf seinen leeren Munitionswagen.
Ich geriet scharf mit dem fhrenden Trainoffizier zusammen, der zwei
verwundete Englnder, die mich whrend des letzten Teiles meines Weges
gesttzt hatten, vom Wagen werfen lassen wollte.

Auf der Strae Noreuil--Quant herrschte ein unglaublicher Verkehr. Wer es
nicht gesehen hat, kann sich kein Bild von den endlosen Kolonnen machen,
die zu einer groen Offensive gehren. Hinter Quant steigerte sich das
Gewhl ins Fabelhafte. Ich wandte mich an einen der durch weie Binden
kenntlichen Verkehrsoffiziere, der mir einen Platz in einem Personenauto
zum Feldlazarett Sauchy-Cauchy anwies. Wir muten oft halbe Stunden warten,
wenn ineinandergeschachtelte Wagen und Automobile den Weg sperrten. Die
rzte im Operationsraum des Feldlazaretts waren fieberhaft beschftigt;
trotzdem wunderte sich der Chirurg ber die glckliche Art meiner
Verletzungen. Auch die Kopfwunde hatte Ein- und Ausschu, ohne da die
Schdeldecke beschdigt war.

Nachdem ich whrend der Nacht vorzglich geschlafen hatte, wurde ich am
nchsten Morgen zur Kranken-Sammelstelle Cantin transportiert, wo ich zu
meiner Freude den Leutnant Sprenger antraf, den ich seit Beginn des Sturmes
nicht mehr gesehen hatte. Er war durch Infanteriegescho am Oberschenkel
verwundet.

Nach einem kurzen Aufenthalt im bayrischen Feldlazarett 14 (Montigny)
wurden wir in Douai in einen Lazarettzug geladen und fuhren bis Berlin.
Dort heilte diese sechste Doppelverwundung bei vierzehntgiger Pflege
ebenso gut wie alle vorhergehenden.

Leider erfuhr ich in Hannover, da unter vielen anderen Bekannten whrend
des Handgemenges auch der kleine Schultz gefallen war. Kius war mit einer
harmlosen Bauchwunde abgekommen. Wer unsere Wiedersehensfeier in einer
kleinen hannoverschen Bar beobachtete, kam wohl schwerlich auf den
Gedanken, da wir uns erst vor vierzehn Tagen bei einer anderen Musik als
dem friedlichen Knalle von Pfropfen getrennt hatten.




Englische Vorste.


Am 4. Juni 1918 kam ich wieder beim Regiment an, das ganz in der Nhe des
jetzt weit hinter der Front befindlichen Dorfes Vraucourt in Ruhe lag. Der
neue Kommandeur, Major von Lttichau, bergab mir die Fhrung meiner alten
siebenten Kompagnie.

Als ich mich den Quartieren nherte, liefen mir die Leute entgegen, nahmen
mir meine Sachen ab und empfingen mich im Triumph. Es war, als ob ich in
den Kreis einer Familie zurckkehrte.

Wir bewohnten ein Huflein von Wellblechbaracken inmitten einer
verwilderten Wiesenlandschaft, aus deren Grn unzhlige gelbe Blmchen
schimmerten. Das wste Gelnde, das wir Die Wallachei getauft hatten, war
durch Herden weidender Pferde bevlkert. Trat man vor die Tr der Htten,
so empfand man jenes bengstigende Gefhl der Leere, von dem der Cowboy,
der Beduine und jeder andere Eindbewohner zuweilen gepackt wird. Des
Abends machten wir lange Spaziergnge im Umkreise der Baracken und suchten
Rebhuhngelege oder im Rasen verborgenes Kriegsmaterial. Eines Nachmittags
ritt ich nach dem vor zwei Monaten so hart umkmpften Hohlweg bei
Vraucourt, dessen Rnder mit Grabkreuzen best waren. Ich fand manchen
bekannten Namen.

Bald bekam das Regiment Befehl, die vordere Linie der vorm Dorfe
Puisieux-au-Mont liegenden Stellung zu besetzen. Wir machten auf
Lastautomobilen eine Nachtfahrt bis Achiet-le-Grand. Oft muten wir halten,
wenn die Strahlenkegel der Fallschirm-Leuchtkugeln nchtlicher
Bombenflieger das weie Band der Strae aus dem Dunkel hoben. Nah oder fern
wurde das vielfache Pfeifen der schweren Sprengpfeile von den rollenden
Sten der Einschlge verschlungen. Dann tasteten die unsicheren Arme der
Scheinwerfer den dunklen Himmel nach den tckischen Nachtvgeln ab,
Schrapnells zersprhten wie zierliches Spielzeug, und Leuchtgeschosse
jagten in langer Kette gleich feurigen Wlfen hintereinander her.

Ein widriger Geruch nach Leichen lagerte ber der eroberten Gegend, bald
mehr, bald weniger intensiv, immer aber die Nerven erregend und in eine
Stimmung phantastischer und ahnungsvoller Unheimlichkeit hllend.

Offensiv-Parfm erscholl neben mir die Stimme eines cynischen alten
Kriegers, als wir einige Minuten lang eine Allee von Massengrbern zu
passieren schienen.

Von Achiet-le-Grand schritten wir an dem nach Bapaume fhrenden Bahndamm
entlang und dann querbeet auf die Stellung zu. Der Feuerbetrieb war
lebhaft. Als wir einen Augenblick rasteten, schlugen zwei mittlere Granaten
neben uns ein. Die Erinnerung an die unvergeliche Schreckensnacht des 19.
Mrz trieb uns vorwrts. Dicht hinter der vorderen Linie stand eine
abgelste, lrmende Kompagnie, an der uns das Fatum gerade vorberfhrte,
als ihr der Mund durch einige Dutzend Schrapnells gestopft wurde. Mit einem
Hagel von Schimpfworten strzten sich meine Leute kopfber in den nchsten
Laufgraben. Drei muten blutend zum Sanittsunterstand zurckkehren.

Um 3 Uhr kam ich vllig erschpft in meinem Unterstande an, dessen
drangsalsvolle Enge mir eine Reihe wenig genureicher Tage in Aussicht
stellte.

Das rtliche Licht einer Kerze glhte inmitten einer unbeschreiblichen
Dunstwolke. Ich stolperte ber ein Gewirr von Beinen und brachte durch die
Zauberformel Ablsung! Leben in die Bude. Einem backofenfrmigen Loch
entstieg eine Kette von Flchen, dann erschienen nach und nach ein
unrasiertes Gesicht, ein Paar ramponierte Achselstcke, eine verwitterte
Uniform und zwei Lehmkltze, in denen wahrscheinlich die Stiefel steckten.
Wir setzten uns zusammen an den sogenannten Tisch und erledigten das
Geschft der bergabe, bei dem jeder versuchte, den anderen um ein Dutzend
eiserne Portionen und einige Leuchtpistolen zu prellen. Dann wrgte sich
mein Vorgnger durch den engen Stollenhals ins Freie mit der Prophezeiung,
da das Dreckloch keine drei Tage mehr stehen wrde. Ich blieb zurck als
neuer Kapitn des Abschnitts A.

Die Stellung, die ich am nchsten Morgen besichtigte, bot wenig
Erfreuliches. Gleich vorm Unterstande kamen mir zwei blutende Kaffeeholer
entgegen, die im Annherungswege durch eine Schrapnellladung getroffen
waren. Einige Schritte weiter meldete sich der Fsilier A. mit einem
Prellschu ab.

Wir hatten das Dorf Bucquoy vor uns und Puisieux-au-Mont im Rcken. Die
Kompagnie lag ungestaffelt in der flachen, schmalen, vorderen Linie und war
rechts vom Infanterie-Regiment 76 durch eine groe, unbesetzte Lcke
getrennt. Der linke Flgel des Regiments-Abschnitts schlo ein zerhacktes
Gehlz, das Wldchen 125, ein. Befehlsgem waren keine Stollen
ausgeschachtet. Je zwei Mann hausten in kleinen Erdlchern, die durch
sogenannte Siegfriedbleche gesttzt waren.

Da mein Unterstand hinter einem ganz anderen Abschnitt lag, suchte ich mir
zunchst eine neue Behausung. Ein httenartiges Gebilde in einem
verfallenen Grabenstck schien mir ganz geeignet, nachdem ich es durch
zusammengeschleppte Mordinstrumente in einen verteidigungsfhigen Zustand
versetzt hatte. Ich fhrte dort mit meinem Burschen zusammen ein Leben wie
ein Einsiedler im Grnen, das nur zuweilen durch Meldegnger und
Ordonnanzen gestrt wurde, die den umstndlichen Papierkrieg selbst in
diese entlegene Hhle trugen. Kopfschttelnd konnte man dann zwischen den
Einschlgen zweier Granaten neben anderen wichtigen Sachen die Neuigkeit
lesen, da dem Ortskommandanten von X. ein schwarzgefleckter Terrier, auf
den Namen Zippi hrend, entlaufen wre; wenn man sich nicht gerade mit
grimmigem Humor in die Alimentationsklage der Dienstmagd Makeben gegen den
Gefreiten Meyer vertieft hatte. Auch sorgten Zeichnungen und hufige
Terminmeldungen fr die ntige Abwechslung. Stets hatte man soviel mit der
inneren Organisation zu tun, da man sich um die taktischen Kleinigkeiten
kaum noch kmmern konnte. Man wurde auch wenig danach gefragt. Oft schien
die fortgeworfene Patronenhlse weit wichtiger. Ich lief jedesmal, wenn mir
ein revidierender Vorgesetzter angemeldet wurde, durch den Graben, las
Papier und Hlsen auf und instruierte die Posten, wie sie zu melden und die
Hacken zusammenzuklappen htten. Auch da sie nicht etwa das Verbrechen
begingen, dabei das Gesicht vom feindlichen Graben abzuwenden, aus dem sich
schon seit drei Monaten kein Nasenzipfel mehr gezeigt hatte, oder gar das
Gewehr aus der Hand zu stellen. Dafr waren drei Tage Mittelarrest
unbedingte Taxe.

Diese fr uns typischen Dinge haben sehr geschadet. Die Form erstickte den
Geist. Der Krieg wurde brokratisiert. Indes hatte der Frontleutnant viel
zu viel Disziplin in den Knochen, um das, worber in jedem
Zugfhrerunterstande vor und nach dem Besuchsschnaps in allen Tonarten
geflucht wurde, zur Sprache zu bringen. Trotzdem war er der Berufene, den
altpreuischen Geist mit den Formen des neuen Krieges zu verschmelzen.

Doch zurck zu meinem Unterstand, dem ich den schnen Namen Haus
Wahnfried verliehen hatte. Den einzigen Kummer machte mir die Deckung, die
nur als relativ bombensicher anzusprechen war, das heit nur solange, wie
kein Schu daraufging. Jedoch trstete ich mich mit dem Gedanken, in keiner
besseren Lage als meine Leute zu sein. Jeden Mittag legte mein Bursche mir
eine Decke in einen Riesentrichter, zu dem wir einen Gang gewhlt hatten,
um ihn als Sonnenbad einzurichten. fters wurde meine Siesta allerdings
durch in der Nhe einschlagende Granaten oder die herabsurrenden
Sprengstcke von Fliegerbeschieungen gestrt.

Die vordere Linie hatte unter feindlichem Feuer verhltnismig wenig zu
leiden, sie wre sonst auch bald unhaltbar geworden. Hauptschlich lagen
Puisieux und die benachbarten Mulden unter dauernder Beschieung, die sich
in den Abendstunden zu berfllen von auerordentlicher Dichte steigerte.
Essenholen und Ablsung wurden dadurch sehr gefhrdet.

Am 14. Juni wurde ich um 2 Uhr morgens von Kius, der auch zurckgekehrt war
und die zweite Kompagnie fhrte, abgelst. Wir verbrachten unsere Ruhezeit
am Bahndamm bei Achiet-le-Grand, unter dessen Schutze unsere Baracken und
Unterstnde lagen. Der Englnder belegte uns hufig mit schwerem
Flachbahnfeuer, dem unter anderen der etatsmige Feldwebel der dritten
Kompagnie, Rackebrand, zum Opfer fiel. Einige Tage zuvor hatte sich bereits
ein furchtbares Unglck ereignet. Ein Flieger hatte seine Bombe mitten in
die von einem Zuhrerkranze umringte Kapelle des Infanterie-Regiments 76
geworfen. Unter den Getroffenen befanden sich auch viele 73er.

In der nheren Umgebung des Bahndammes lag eine Reihe zerschossener Tanks,
die ich auf meinen Spaziergngen mit Interesse besichtigte. Sie trugen zum
Teil spttische, drohende oder glckbringende Namen und Kriegsbemalungen,
waren aber alle bel zugerichtet. Der enge, von Geschossen zerschmetterte
Panzerraum mit seinem Gewirr von Rohren, Stangen und Drhten mute beim
Sturm ein uerst ungemtlicher Aufenthaltsort sein, wenn die Kolosse, um
den Flammenschlgen der Artillerie zu entgehen, gleich unbeholfenen
Riesenkfern sich in Bogenlinien ber die Walstatt wlzten. Ich dachte
lebhaft an die Mnner im feurigen Ofen.

Am Morgen des 18. Juni mute die siebente Kompagnie der unsicheren Lage
wegen schon wieder nach Puisieux, um dort dem K. T. K. zum Materialtragen
und taktischer Verwendung zur Verfgung zu stehen. Wir bezogen am Ausgang
nach Bucquoy liegende Keller und Stollen. Gerade als wir ankamen, hieb eine
Gruppe schwerer Granaten in die umliegenden Grten. Trotzdem lie ich mich
nicht abhalten, in einer kleinen Laube vorm Eingang meines Stollens zu
frhstcken. Nach einer Weile brauste es wieder heran. Ich warf mich hin.
Neben mir flammte es auf. Ein in der Nhe stehender Sanitter meiner
Kompagnie, der mit einigen Kochgeschirren voll Wasser vorbeikam, brach
durch den Unterleib getroffen, zusammen. Wir verbanden ihn, whrend groe
Schweitropfen auf seine Stirne traten. Als ich versuchte, ihn zu trsten,
sthnte er hervor: Der Schu ist tdlich, ich fhle es ganz genau. Trotz
dieser Prophezeiung konnte ich ihm nach einem halben Jahre beim Einzuge in
Hannover die Hand schtteln.

Am Nachmittage machte ich einen einsamen Spaziergang durch das vllig
zerstrte Puisieux. Das Dorf war schon whrend der Sommeschlachten zu einem
Trmmerhaufen zusammengehmmert. Trichter und Mauerreste waren mit dichtem
Grn berzogen, aus dem berall die weien Scheiben des ruinenfreundlichen
Hollunders leuchteten. Zahlreiche frische Geschoeinschlge hatten das
hllende Gewebe zerrissen und die schon so oft umgewhlte Erde der Grten
von neuem blogelegt.

Die Dorfstrae war mit dem Kriegsschutt des zum Stillstand gekommenen
Vormarsches besumt. Zerschossene Wagen, weggeworfene Munition,
Nahkampfmittel und die Umrisse halbverwester Pferde, von blitzenden
Fliegenwolken umbraust, verkndeten die Nichtigkeit aller Dinge im Kampfe
ums Leben. Die auf dem hchsten Punkt ragende Kirche bestand nur noch aus
einem wsten Steinhaufen. Whrend ich einen Strau wundervoller
verwilderter Rosen pflckte, mahnten mich einschlagende Granaten zur
Vorsicht auf diesem Tanzplatz des Todes.

Nach einigen Tagen lsten wir die neunte Kompagnie in der
Hauptwiderstandslinie, die ungefhr 500 Meter hinter der vorderen lag, ab.
Dabei wurden drei Leute meiner Kompagnie verwundet. Am folgenden Morgen
wurde in der Nhe meines Unterstandes der Hauptmann von Ledebour durch eine
Schrapnellkugel am Fu verletzt. Obwohl schwer lungenkrank, fhlte er doch
im Kampfe seine Bestimmung. So mute er der geringen Wunde erliegen. Er
starb kurze Zeit darauf im Lazarett. Am 28. wurde der Fhrer meiner
Essenholer durch einen Granatsplitter getroffen. Dies war der neunte
Verlust in der Kompagnie binnen kurzer Zeit.

Nachdem wir eine Woche in vorderer Linie gelegen hatten, muten wir
nochmals die Hauptwiderstandslinie besetzen, da unser Ablsungsbataillon
durch die spanische Krankheit fast aufgelst war. Auch von unseren Leuten
meldeten sich tglich mehrere krank. Bei der Nachbardivision wtete die
Grippe so stark, da ein feindlicher Flieger Zettel abwarf, auf denen
stand, da der Englnder die Ablsung bernehmen wrde, wenn die Truppe
nicht bald zurckgezogen wrde. Doch erfuhren wir, da sich die Seuche auch
auf der Gegenseite mehr und mehr ausbreitete. Bei uns traten noch
verschrfend die schlechten Verpflegungsverhltnisse hinzu. Dabei standen
wir dauernd in hchster Gefechtsbereitschaft, da das Wldchen 125 durch
fortwhrende Hchstbeschieung dauernd bedroht war. Infolge der
Explosionsgase war dort ein Teil der sechsten Kompagnie an
Kohlenoxydvergiftung erkrankt. Wir muten viele Leute mit
Sauerstoffapparaten herausholen.

Eines Nachmittags fand ich beim Durchschreiten meines Abschnittes mehrere
vergrabene Ksten voll englischer Munition und sprengte mir in meinem
Leichtsinn beim Auseinandernehmen einer Gewehrgranate die Kuppe des rechten
Zeigefingers ab. Am selben Abend platzte, als ich mit dem Leutnant Sprenger
auf der Deckung meines Unterstandes stand, eine schwere Granate in der
Nhe. Wir stritten uns ber die Entfernung, die Sprenger auf 10, ich auf 30
Meter schtzte. Um zu sehen, wie weit ich meinen Angaben in dieser
Beziehung trauen knnte, ma ich nach und fand den Trichter 22 Meter von
unserem Standorte entfernt. Man ist leicht geneigt, die Entfernung zu
unterschtzen.

Am 20. Juli lag ich mit meiner Kompagnie wieder in Puisieux. Den ganzen
Nachmittag stand ich auf einem Mauerrest und beobachtete das Gefechtsbild,
das einen sehr verdchtigen Eindruck machte.

Das Wldchen 125 wurde oft durch mchtige Feuerste in dichten Qualm
gehllt, whrend grne und rote Leuchtkugeln auf- und niederstiegen.
Manchmal schwieg das Artilleriefeuer, dann hrte man das Tacken einiger
Maschinengewehre und den matten Knall entfernter Handgranaten. Das Ganze
sah sich von meinem Standorte fast wie ein zierliches Spiel an. Es fehlte
das Gewaltige des Grokampfes, und doch sprte man das erbitterte Ringen
zwischen zwei ehernen Krften. . . . . .

Aus dem leeren, weiten Gelnde starren die Augen tausend Verborgener nach
dem kleinen Waldstck, aus dem in wechselndem Reigen braune Erdbrunnen die
Gipfel der strzenden Eichbume umtanzen. In der Tiefe des Umkreises
staffeln in Grben, Trichtern, Hhlen und Ruinen Menschen und Material, des
Einsatzes gegen das von zerhackten Strnken bedeckte Stck Erde harrend.

Weit hinten an zwei Gegenpolen sitzen zwei Generale an kartenverdeckten
Tischen. Eine Meldung, ein kurzer Vortrag, einige Stze an einen
Ordonnanzoffizier, ein Telephongesprch. Eine Stunde spter umflammen die
Blitze eines neuen Feuerstoes die alten Trichter, eine frische
Menschenhekatombe verblutet in stickigem Qualm. . . . . .

Gegen Abend wurde ich zum Bereitschaftskommandeur berufen, wo ich erfuhr,
da der Gegner am linken Flgel in unser Grabensystem eingedrungen wre. Um
uns wieder etwas Vorfeld zu schaffen, war befohlen, da der Leutnant
Petersen mit der Sturmkompagnie den Heckengraben, ich mit meinen Leuten
einen ihm in einer Mulde parallel laufenden Annherungsweg aufrumen
sollte. Wir zogen im Morgengrauen los, bekamen aber schon in unserer
Sturmausgangsstellung so starkes Infanteriefeuer, da wir vorlufig auf die
Ausfhrung verzichteten. Ich lie den Elbinger Weg besetzen und holte in
einem riesigen Hhlenstollen den versumten Nachtschlaf nach. Um 11 Uhr
vormittags weckte mich Handgranatenkrachen vom linken Flgel, wo wir eine
Barrikade besetzt hielten. Ich eilte hin und fand das bliche Bild des
Barrikadenkampfes. Bei der Verschanzung wirbelten weie Handgranatenwolken,
einige Schulterwehren zurck rasselte auf jeder Seite ein Maschinengewehr.
Dazwischen Leute geduckt vor und zurckspringend. Der kleine Handstreich
der Englnder war bereits abgeschlagen, hatte uns jedoch einen Mann
gekostet, der, von Handgranatensplittern zerrissen, hinter der Barrikade
lag.

Gegen Abend bekam ich Befehl, die Kompagnie nach Puisieux zurckzufhren,
wo ich bei der Ankunft die Order vorfand, mich am nchsten Morgen mit zwei
Gruppen an dem Aufrollen des Grabens in der Mulde zu beteiligen. Um 3.40
Uhr brachen wir, das heit der Leutnant Voigt von der Sturmkompagnie mit
einem Stotrupp und ich mit meinen beiden Gruppen zur Ausgangsstellung auf.
Wir hatten Befehl, den Graben nach einer fnfminutigen Artillerie- und
Minenvorbereitung vom Rotpunkt K bis zum Rotpunkt Z1 aufzuteilen.

Ich darf nicht verschweigen, da wir beide die Feuervorbereitung und
berhaupt das Nehmen und Besetzen des tief in der Mulde liegenden, von
allen Seiten eingesehenen Grabens fr unntig und verkehrt hielten. Der
entscheidende Punkt war der Heckengraben; wollte man angreifen, so mute
man ihn nehmen und war dann auch im Besitze der Mulde. Ich hegte den
bestimmten Verdacht, da der Angriff von hinten nach der Karte befohlen
war, denn wer das Gelnde vor Augen hatte, konnte keine derartigen
Anordnungen treffen.

Nach der Vorbereitung, bei der einer unserer Leute verwundet wurde, traten
wir an und rollten den Graben auf. Kurz vor Z1 stieen wir auf Widerstand,
der durch Handgranaten gebrochen wurde. Da wir unser Ziel erreicht hatten
und auf weiteren Kampf nicht erpicht waren, bauten wir eine Barrikade und
lieen eine Gruppe mit einem Maschinengewehr dahinter zurck.

Das einzige Vergngen an der Sache bereitete mir das Benehmen der Leute vom
Sturmtrupp, die mich lebhaft an Grimmelshausens Simplizissimus erinnerten.
Diese jungen Krieger mit gewaltigen Haarschpfen und Wickelgamaschen
gerieten 20 Meter vorm Feinde in einen heftigen Streit, weil einer den
anderen Schlappsack geschimpft hatte und fluchten dabei wie die
Landsknechte. Mensch, alle haben doch nicht so'n Schi wie du!, schrie
zuletzt einer und rollte allein noch 50 Meter Graben auf.

Schon am Nachmittag kam die Barrikadengruppe zurck. Sie hatte Verluste
gehabt und sich nicht lnger halten knnen. Ich hatte die Leute bereits
aufgegeben und wunderte mich, da berhaupt jemand lebend bei Licht den
langen Schlauch des Muldengrabens hatte passieren knnen. Das sind die
Folgen des Papierkrieges.

Trotz unserer Gegenste sa der Feind fest im linken Flgel unserer
vorderen Linie und in den verbarrikadierten Verbindungswegen, die
Hauptwiderstandslinie bedrohend.

Am 24. Juli begab ich mich zur Orientierung in den neuen Abschnitt C der
Hauptwiderstandslinie, den ich am nchsten Tage bernehmen sollte. Ich lie
mir von dem Kompagniefhrer, Leutnant Gipkens, die Barrikade am
Heckengraben zeigen und setzte mich neben ihn auf einen Postenstand.
Pltzlich packte mich Gipkens und ri mich zur Seite. Im nchsten
Augenblick spritzte ein Gescho auf dem Sand meines Sitzplatzes
auseinander. Durch einen glcklichen Zufall hatte er beobachtet, wie ein
Gewehr langsam aus einer Schiescharte der 40 Meter entfernten feindlichen
Barrikade geschoben wurde und mir so durch seine scharfen Knstleraugen das
Leben gerettet. Wie mir nachher erzhlt wurde, waren an dieser so harmlos
aussehenden Stelle schon drei Mann der neunten Kompagnie durch Kopfschu
gefallen. Am Nachmittag wurde ich durch eine nicht sonderlich starke
Schieerei aus meinem Bunker gelockt, in dem ich gerade gemtlich lesend am
Kaffeetische sa. Vorn stiegen bestndig Sperrfeuerzeichen hoch.
Zurckhumpelnde Verwundete erzhlten, da die Englnder in den Abschnitten
B und C in die Hauptwiderstandslinie, in A ins Vorfeld eingedrungen wren.
Gleich darauf kam die Unglcksbotschaft, da die Leutnants Vorbeck und
Grieshaber bei der Verteidigung ihrer Abschnitte gefallen, Leutnant Kastner
schwer verwundet wre. Um 8 Uhr kam auch der Leutnant Sprenger, der
stellvertretend die fnfte Kompagnie gefhrt hatte, mit einem Splitter im
Rcken in meinen Unterstand, krftigte sich durch einen Blick in die
Rhre und begab sich mit dem Zitat: Rckwrts, rckwrts, Don Rodrigo
zum Verbandplatze. Ihm folgte sein Freund, Leutnant Domeyer, mit blutender
Hand.

Am nchsten Morgen lsten wir die Besatzung des Abschnittes C ab, der
inzwischen wieder vom Feinde gerumt war. Ich fand dort Pioniere Boje und
Kius mit einem Teile der zweiten, Gipkens mit den Resten der neunten
Kompagnie vor. Im Graben lagen acht tote Deutsche und zwei Englnder
(Mtzenschild: South-Africa, Otago-Rifles). Alle waren durch
Handgranatentreffer bel zugerichtet. Ihre angstverzerrten Gesichter wiesen
furchtbare Verletzungen auf. Zweien waren beide Augen ausgeschossen.

Als ich mich mit Boje und Kius in unserem gewhnlichen
pessimistisch-ironischen Ton begrte, fhlte ich die entsetzten Augen
eines meiner Rekruten, eines Seminaristen, auf mir ruhen. Ich durchschaute
seinen Gedankengang und erschrak zum erstenmale ber die abstumpfende
Wirkung des Krieges. Man kam dazu, den Menschen nur noch als Sache zu
betrachten.

Ich lie die Barrikade besetzen und den Graben aufrumen. Um 11.45 Uhr
erffnete, ohne da wir zuvor benachrichtigt wurden, die eigene Artillerie
ein wildes Feuer auf die vor uns liegende Stellung, bei dem wir jedoch mehr
Treffer bekamen als die Englnder. Das Unglck lie nicht lange auf sich
warten. Der Ruf Sanitter! flog von links durch den Graben. Hineilend,
fand ich vor der Barrikade im Heckengraben eine unfrmliche Leichenmasse,
die berreste meines besten Zugfhrers. Er hatte den Volltreffer einer
eignen Granate mitten ins Kreuz bekommen. Uniform- und Wschefetzen, die
ihm der Druck der Explosion vom Leibe gerissen hatte, hingen ber ihm im
zerhackten Gezweig einer Weidornhecke. Ich lie eine Zeltbahn ber ihn
werfen, um den Leuten den Anblick zu ersparen. Gleich darauf wurden an
derselben Stelle noch drei Mann verwundet, einem von ihnen beide Hnde am
Gelenk durchschlagen. Er taumelte mit totbleichem Gesicht, die Arme auf die
Schultern einen Krankentrgers gelegt, blutberspritzt zurck. Der Gefreite
Ehlers wand sich, vom Luftdruck betubt, auf der Erde.

Ich sandte einen Protest nach dem andern an die Befehlsstellen und forderte
dringend Einstellung des Feuers oder die Anwesenheit von
Artillerieoffizieren im Graben. Statt aller Antwort setzte noch ein
schwerer Minenwerfer ein und machte mir den Graben vollends zur
Fleischbank. berall lagen Blut, Hirn und Fleischfetzen, auf denen sich
Schwrme von Fliegen sammelten.

Um 7.15 Uhr (!) bekam ich einen Befehl, demzufolge 7.30 Uhr starkes
Artilleriefeuer einsetzen und um 8 Uhr zwei Gruppen der Sturmkompagnie
unter Leutnant Voigt ber die Barrikade des Heckengrabens vorbrechen
sollten, um bis zum Rotpunkt A aufzurollen und nach rechts Verbindung mit
einer parallel vorgehenden Stotruppe herzustellen. Zwei Gruppen meiner
Kompagnie sollten zur Besetzung des eroberten Grabenstckes folgen.

Ich traf in aller Eile, whrend schon das Artilleriefeuer einsetzte, die
ntigen Anordnungen, bestimmte zwei Gruppen und sprach kurz mit dem
Leutnant Voigt, der einige Minuten spter befehlsgem vorging. Ich hielt
die Sache mehr fr einen Abendspaziergang und schlenderte in Mtze, eine
Stielhandgranate unterm Arm, hinter meinen beiden Gruppen her. Im
Augenblick des Angriffs richteten sich die Gewehre der ganzen Gegend auf
den Heckengraben. Wir sprangen gebckt von Schulterwehr zu Schulterwehr. Es
ging sehr schn vorwrts, die Englnder flchteten unter Zurcklassung
eines Toten in eine rckwrtige Linie.

Ich hatte als Letzter gerade die Einmndung eines links abzweigenden
Grabens passiert, als mein Vordermann, ein Unteroffizier, einen Schrei
hchster Erregung ausstie und mir am Kopf vorbei nach links scho. Da ich
mir sein Benehmen nicht erklren konnte, ging ich einige Schritt zurck und
stand pltzlich einem athletisch gebauten Englnder in dem Augenblick, als
er dem fliehenden Unteroffizier eine Handgranate nachschleuderte,
gegenber. Gleichzeitig ertnte von allen Seiten das Angriffsgeschrei
anderer, die ber Deckung heranstrmten, um uns abzuschneiden. Ich zog die
Handgranate, meine einzige Waffe, ab und schleuderte sie in kurzem Zirkel
dem Tommy vor die Fe. Dann gab ich, von Handgranaten umkracht, Fersengeld
in der Richtung auf unseren Graben. Ein einziger, der kleine Wilzek von
meiner Kompagnie, hatte die Besonnenheit, hinter mir herzulaufen. Ein uns
nachgeworfenes Eisenei zerri ihm Koppel und Hosenboden, ohne ihn weiter zu
verletzen.

Voigt und die anderen Leute, die nach vorn ausgewichen waren, schienen
umringt und verloren. Kampfgeschrei und zahlreiche Explosionen kndeten,
da sie ihr Leben teuer verkauften.

Um ihnen zu Hilfe zu kommen, fhrte ich die Gruppe des
Fahnenjunker-Unteroffiziers Mohrmann durch den Heckengraben vor. Wir muten
indes vor einer Sperre hageldicht einschlagender Flaschenminen Halt machen.
Ein Splitter flog mir gegen die Brust und wurde von der Hosentrgerschnalle
abgefangen. Auerdem brach schlagartig ein Artilleriefeuer von gewaltiger
Strke los.

Rings spritzten Erdstrahlen aus farbigen Dmpfen, metallisches Geschmetter
durchschrie das dumpfe Drhnen schwerer Schlge, Eisenblcke brausten in
unheimlicher Krze heran, dazwischen sangen und schwirrten Wolken von
Splittern. Da ein Angriff zu befrchten stand, setzte ich mir einen
herumliegenden Stahlhelm auf und eilte mit einigen Begleitern in den
Kampfgraben zurck.

Drben tauchten Gestalten auf. Wir legten uns auf die zerwalzte Grabenwand
und schossen. Neben mir fingerte ein ganz junger Krieger mit fiebernden
Hnden am Ladehebel seines Maschinengewehres, ohne einen Schu aus dem Lauf
zu bekommen. Einige Englnder klappten um, die andern verschwanden im
Graben, whrend das Feuer immer toller wurde. Die eigene Artillerie schien
keine Parteien mehr zu kennen.

Als ich, von einer Gefechtsordonnanz gefolgt, zu meinem Bunker schritt,
schlug irgend etwas zwischen uns in die Wand, ri mir mit enormer Wucht den
Stahlhelm vom Kopf und schleuderte ihn weit weg. Ich glaubte, eine ganze
Schrapnell-Ladung erhalten zu haben, und legte mich halb betubt in mein
Fuchsloch, auf dessen Rand einige Sekunden spter eine Granate schlug, den
kleinen Raum mit dichtem Qualen fllend. Ein langer Splitter zerschmetterte
eine Bchse voll Gurken, die neben meinen Fen lag. Um nicht verschttet
zu werden, kroch ich wieder in den Graben und spornte die beiden
Gefechtsordonnanzen und meinen Burschen zur Wachsamkeit an.

Es war eine wirklich unangenehme halbe Stunde, whrend deren die Kompagnie
viele Verluste hatte. Nachdem die Feuerwelle verebbt war, ging ich durch
den Graben, besah den Schaden und stellte fest, wieviel Leute mir noch zur
Verfgung standen. Da die Kopfzahl von 15 Mann zur Linearverteidigung zu
gering war, bertrug ich dem Fahnenjunker Mohrmann und drei Leuten die
Verteidigung der Barrikade, zog die Trmmer zu einem Schtzenigel in einem
Riesentrichter hinter der eigenen Linie zusammen und lie alle Handgranaten
dort anhufen. Mein Plan war, den angreifenden Gegner ruhig in den Graben
kommen zu lassen, um ihn dann auf einen Pfiff von oben her
zusammenzuknallen. Jedoch beschrnkte sich die Kampfttigkeit auf ein
fortwhrendes Geplnkel mit leichten Minen, Gewehr- und Handgranaten.

Am 27. Juli wurden wir durch eine Kompagnie des Infanterie-Regiments 164
abgelst. Wir waren auch restlos ausgepumpt. Der Fhrer dieser Kompagnie
wurde schon beim Anmarsch schwer verwundet; einige Tage spter wurde mein
Bunker eingeschossen und begrub seinen Nachfolger. Wir atmeten alle
erleichtert auf, als wir das vom heraufziehenden Gewitter der groen
Endoffensive umgrollte Puisieux im Rcken hatten.

                   *       *       *       *       *

   111. Inf. Division.

   Div. Gef. Stand, 12. 8. 18.

   _Divisionstagesbefehl._

Das Fsilier-Regt. 73 hat seinen hohen Ruf als tapfere, kampferprobte
Truppe in den harten Kmpfen am 25. 7. gegen einen an Zahl weit berlegenen
Gegner erneut aufs glnzendste in Verteidigung und Gegensten bewiesen.
Ich erkenne das um so lieber an, als ich wohl wei, welch hohe
Anforderungen an die Truppen der Division bei dem langen Einsatz an
schwieriger Front an Ausdauer und Pflichttreue gestellt werden mssen fr
unser geliebtes Vaterland.

Insbesondere verdient Leutnant Jnger, schon sechsmal verwundet und diesmal
wie immer ein leuchtendes Vorbild fr Offiziere und Mannschaften, erneute
Anerkennung.

   _v. Busse_,
   Generalmajor und Divisions-Kommandeur.




Mein letzter Sturm.


Am 30. Juli 1918 bezogen wir Ruhequartiere in Sauchy-Lstre, einer
wasserumglnzten Perle des Artois. Nach einigen Tagen marschierten wir noch
weiter zurck nach Escaudoeuvres, einem kleinen, nchternen
Arbeitervorstdtchen von Cambrai.

Ich bewohnte in der Rue-des-Bouchers das typische Staatszimmer eines
nordfranzsischen Arbeiterhuschens. Das bliche Riesenbett als ominses
Hauptmbel, ein Kamin mit scheulichen roten und blauen Glasvasen auf dem
Sims, ein runder Tisch, Sthle; an den Wnden einige der furchtbaren
Farbendrucke des Familistre, Vive la classe, souvenir de premire
communion, Postkarten und anderer Plunder. Alles zusammen der Gipfel von
Talmi, verlogener Sentimentalitt und Ungemtlichkeit. Ich fhlte mich
inmitten dieser selbstgeflligen Geschmacklosigkeit unbehaglicher als im
nssesten Stollen und versuchte, wenigstens durch einen auf dem Tisch
gestapelten Kartensto und die auf das Familienbett geschleuderten
Reitstiefel meine Anwesenheit etwas zu motivieren.

Die hellen Vollmondnchte begnstigten den hufigen Besuch feindlicher
Flieger, der uns einen Begriff von der erdrckenden Materialberlegenheit
auf der Gegenseite gab. Nacht fr Nacht schwebten mehrere Geschwader heran
und lieen Bomben von unheimlicher Brisanz auf Cambrai und die Vorstdte
fallen. Ich wurde weniger durch das feine, moskitoartige Summen der Motore
und die Gruppen lang widerhallender Detonationen als durch das ngstliche
In-den-Keller-Strzen meiner Wirtsleute gestrt. Einen Tag vor meiner
Ankunft war allerdings eine Bombe vor dem Fenster aufgeschlagen, hatte den
in meinem Bette schlafenden Hausherrn betubt ins Zimmer geschleudert und
die Mauern von Splittern durchlchert. Gerade dieser Zufall gab mir indes
die Beruhigung, da eine Wiederholung ziemlich unwahrscheinlich sein wrde.

Nach einem Ruhetage setzte die verhate, aber unentbehrliche
Ausbildungsleier wieder ein. Exerzieren, Unterricht, Appells, Besprechungen
und Besichtigungen fllten einen groen Teil des Tages. Einen ganzen
Vormittag verbrachten wir sogar damit, einen ehrengerichtlichen Spruch zu
fllen. Die Verpflegung war wieder einmal miserabel. Eine Zeitlang gab es
als Abendportion nur Gurken, denen der trockene Humor der Leute den
trefflichen Namen Grtnerwurst beilegte.

Es war nicht leicht, meine dezimierte Kompagnie wieder zu einer Einheit
zusammenzuschmelzen. Trotzdem mir die Notwendigkeit klar war, empfand ich
es oft peinlich, immer wieder mit den Kleinigkeiten des Exerzierens an die
Leute herantreten zu mssen. Der Drill wird als Mittel zum Zweck bei keinem
Heere zu entbehren sein, er lt sich weder durch individuelle noch durch
sportliche Erziehung ganz ersetzen. Ein Mann, dessen innerer Wert nicht
ber jeden Zweifel erhaben ist, mu bis zum Stumpfsinn gehorchen lernen,
damit seine Triebe auch in den schrecklichsten Momenten durch den geistigen
Zwang des Fhrers gezgelt werden knnen.

Vor allem widmete ich mich der Ausbildung einer Stotruppe, da mir im
Verlaufe des Krieges immer klarer geworden war, da aller Erfolg der Tat
des einzelnen entspringt, whrend die Masse der Mitlufer nur Sto- und
Feuerkraft darstellt. Lieber Fhrer einer entschlossenen Gruppe als einer
zaghaften Kompagnie.

Meine Freizeit verbrachte ich mit Lesen, Baden, Schieen und Reiten. Auf
den Spazierritten fand ich massenhaft herabgeworfene Flugbltter, die den
Proze der moralischen Zersetzung unserer Armee beschleunigen sollten. Es
war sogar ein Gedicht Schillers vom freien Britannien dabei. Ich fand es
recht klug vom Englnder, das deutsche Gemt mit Gedichten zu bombardieren,
und auch recht schmeichelhaft fr uns. Ein Krieg, in dem man sich durch
Verse bekmpft, wre eine recht segensreiche Erfindung. Die Fundprmie von
30 Pf. pro Exemplar verriet, da die Heeresleitung die Gefhrlichkeit
dieser vergifteten Waffen nicht gering schtzte. Die Unkosten wurden
allerdings der Bevlkerung des besetzten Gebietes zur Last gelegt. Wir
schienen also doch nicht mehr das ganz reine Verstndnis fr Poesie zu
besitzen.

Eines Nachmittags setzte ich mich aufs Rad und fuhr nach Cambrai. Das
liebe, alte Stdtchen war wst und de geworden. Lden und Kaffees waren
geschlossen; die Straen schienen tot trotz der feldgrauen Woge, die sie
durchflutete. Ich fand Herrn und Frau Plancot, die mir das Jahr zuvor ein
so schnes Quartier geboten hatten, herzlich erfreut ber meinen Besuch.
Sie erzhlten mir, da sich die Verhltnisse in Cambrai in jeder Beziehung
verschlechtert htten. Besondere beklagten sie sich ber die hufigen
Fliegerbesuche, die sie zwngen, des Nachts oft mehrere Male die Treppen
auf und nieder zu rennen, ber das Problem streitend, ob es ratsamer sei,
im ersten Keller durch die Bombe selbst oder im zweiten durch Verschttung
umzukommen. Die alten Herrschaften mit den sorgenvollen Mienen taten mir
herzlich leid. Einige Wochen spter muten sie Hals ber Kopf infolge der
Beschieung das Haus verlassen, in dem sie ihr Leben verbracht hatten.

Am 23. August gegen 11 Uhr wurde ich durch heftiges Pochen gegen meine Tr
hochgeschreckt, als ich gerade sanft eingeschlafen war. Eine Ordonnanz
brachte Marschbefehl. Schon tags vorher war von der Front das eintnige
Rollen und Stampfen eines ungewhnlich heftigen Artilleriefeuers
herbergebrandet und hatte uns beim Dienst, beim Essen und beim Kartenspiel
gemahnt, uns keinen Illusionen in bezug auf eine lngere Dauer unserer
Ruhezeit hinzugeben. Fr dieses Brodeln entfernten Kanonendonners hatten
wir den klangvollen Frontausdruck es wummert geprgt.

Rasch packten wir und traten whrend eines wolkenbruchartigen Gewitters auf
der Strae nach Cambrai an. Unser Marschziel war Marquion, wo wir gegen 5
Uhr morgens eintrafen. Der Kompagnie wurde ein groer, von einer Reihe
demolierter Stallgebude eingeschlossener Hof zugewiesen, indem sich jeder
so gut wie mglich unterbrachte. Ich kroch mit meinem einzigen
Kompagnieoffizier, dem Leutnant Schrader, in ein kleines Backsteinverlie,
das zu friedlicheren Zeiten anscheinend als Ziegenstall fungiert hatte,
jetzt allerdings nur noch von einigen groen Ratten bewohnt war.

Am Nachmittag war eine Offiziersbesprechung, bei der wir erfuhren, da wir
in der Nacht rechts der groen Strae Cambrai--Bapaume unweit Beugny
bereitgestellt werden sollten. Wir wurden vor einem wahrscheinlichen
Angriff der neuen, schnellen und wendigen Tanks gewarnt.

Ich teilte meine Kompagnie in einem kleinen Obstgarten zum Gefecht ein.
Unter einem Apfelbaume stehend, sprach ich ein paar Worte zu den Leuten,
die mich im Hufeisen umschlossen. Ihre Gesichter sahen ernst und mnnlich
aus. Es war wenig zu sagen. Jeder wute, da wir nicht mehr siegen konnten.
Aber der Gegner sollte sehen, da er gegen Mnner von Ehre kmpfte.

Bei solchen Gelegenheiten vermied ich, mich vom Draufgngertum fortreien
zu lassen. Es wre wenig taktvoll gewesen, den Leuten, die zum Teil mit der
Angst um Frau und Kind zur Vernichtung zogen, zu zeigen, da man der
Schlacht mit einer gewissen Lust entgegensah. Auch war es mein Grundsatz,
nicht durch groe Worte zum Mute anzuspornen oder den Feigling zu bedrohen.
Ich suggerierte: Ich wei genau, da mich niemand im Stiche lt. Wir haben
alle Angst, aber wir mssen dagegen kmpfen. Es ist menschlich, wenn jemand
von seiner Schwche bermannt wird. Er mu dann auf seinen Fhrer und die
Kameraden sehen. Schon beim Sprechen fhlte ich, da solche Worte den
Leuten verstndlich waren. Die Erfolge rechtfertigten diese psychologische
Vorbereitung in glnzender Weise.

An unserem aus einer Karre und einer Haustr improvisierten Tisch a ich im
Hof mit Schrader zu Abend und trank eine Flasche Wein dazu. Dann rollten
wir uns in unseren Ziegenstall, bis uns um 2 Uhr morgens der Posten
meldete, da die Lastautos auf dem Marktplatz verladebereit stnden.

In geisterhafter Beleuchtung rasselten wir durch das kampfzerwhlte Gelnde
der vorjhrigen Cambraischlacht und wanden uns durch die von Trmmerwllen
eingefaten Dorfstraen abenteuerlich zerschossener Nester. Dicht vor
Beugny wurden wir ausgeladen und in unsere Aufstellungsrume gefhrt. Das
Bataillon besetzte einen Hohlweg an der Strae Beugny--Vaux. In den
Vormittagsstunden brachte eine Ordonnanz den Befehl, da sich die Kompagnie
bis an die Strae Frmicourt--Vaux vorzuschieben htte. Dies typische
Vorrcken gab mir die Gewiheit, da uns bis zum Abend noch Blutiges
bevorstand.

Ich schlngelte meine drei Zge in Reihen durch das Gelnde, das kreisende
Flieger mit Bomben und Geschossen bestreuten. Am Ziele verteilten wir uns
in Trichter und Erdlcher, da vereinzelte Granaten bis ber die Strae
hinausgriffen.

Ich befand mich an diesem Tage so schlecht, da ich mich sofort in ein
kleines Grabenstck legte und einschlief. Nach dem Erwachen las ich in
Laurence Sterne's Tristram Shandy und verbrachte so, mit der
Gleichgltigkeit eines Kranken, in der warmen Sonne liegend, den
Nachmittag. Ab und zu trank ich einen Schluck Wermut.

Um 6.15 Uhr nachmittags rief ein Gefechtslufer die Kompagniefhrer zum
Hauptmann von Weyhe.

Ich habe Ihnen die ernste Mitteilung zu machen, da wir angreifen. Das
Bataillon tritt nach halbstndiger Feuervorbereitung um 7 Uhr (!) vom
Westrande Favreuil zum Sturm an. Marschrichtungspunkt der Kirchturm von
Sapignies.

Nach kurzem hin und her und einem krftigen Hndedruck strzten wir zu den
Kompagnien, da das Feuer in zehn Minuten beginnen sollte und wir noch eine
groe Strecke zu marschieren hatten. Ich verstndigte meine Zugfhrer und
lie antreten.

Die Gruppen in Reihe zu einem mit 20 Meter Zwischenraum. Marschrichtung
halblinks die Baumkronen von Favreuil!

Ein gutes Zeichen fr den Geist, der in den Leuten steckte, war, da ich
einen Mann bestimmen mute, zurckzubleiben, um die Feldkche zu
benachrichtigen. Freiwillig hatte sich keiner melden mgen.

Ich schritt mit meinem Kompagniestabe und dem Feldwebel Reinecke, der die
Gegend genau kannte, weit vor der Kompagnie. Hinter Hecken und Ruinen
sprangen die Abschsse unserer Geschtze auf. Das Feuer glich mehr einem
wtenden Gebell als einer vernichtenden Sturmwelle. Hinter mir sah ich
meine Gruppen in bewunderungswrdiger Ordnung vorgehen. Neben ihnen
staubten die Wlkchen der Fliegergeschosse auf, Kugelladungen, Hohlblser
und Treibplatten von Schrapnells fuhren mit hllischem Fauchen durch die
Zwischenrume der schmalen Menschenstreifen. Rechts lag das schwer
beschossene Beugntre, aus dem gezackte Eisenstcke schwerfllig
herberbrummten und sich mit kurzem Schlag in den lehmigen Boden stanzten.

Noch ungemtlicher wurde der Anmarsch hinter der Strae Beugntre--Bapaume.
Pltzlich platzte eine Reihe von Brisanzgranaten vor, hinter und zwischen
uns. Wir spritzten auseinander und warfen uns in die Trichter. Ich strzte
mit dem Knie in das Angstprodukt eines Vorgngers und lie in der Eile von
meinem Burschen mit dem Messer eine grobe Suberung vornehmen.

Um den Dorfrand Favreuil ballten sich die Wolken zahlreicher Einschlge,
dazwischen stiegen und fielen braune Erdsulen in hastigem Wechsel. Um mich
zu orientieren, ging ich allein bis zu den ersten Ruinen vor und gab dann
mit dem Spazierstock das Zeichen zum Folgen.

Das Dorf war von zerschossenen Baracken umsumt, bei denen sich allmhlich
Teile des ersten und zweiten Bataillons sammelten. Whrend des letzten
Wegabschnittes forderte ein Maschinengewehr verschiedene Opfer. Unter
anderen erhielt der Vizefeldwebel Balg von meiner Kompagnie einen Schu
durchs Bein. Eine Gestalt in braunem Manchester schritt gleichgltig ber
das beschossene Stck und schttelte mir die Hand. Kius und Boje, Hauptmann
Junker und Schaper, Schrader, Schlger, Heins, Findeisen, Hhlemann und
Hoppenrath standen hinter einer von Blei und Eisen durchfegten Hecke und
hielten ein groes Angriffspalaver. Wir hatten an manchem Tage des Zorns
auf einem Felde gefochten, und auch diesmal sollte die schon tief im Westen
stehende Sonne noch das Blut fast aller bestrahlen.

Teile des I. Bataillons rckten in den Schlopark. Vom II. Bataillon hatten
nur meine und die fnfte Kompagnie ungefhr vollzhlig den flammenden
Vorhang durchschritten. Wir arbeiteten uns durch Trichter und Husertrmmer
zu einem Hohlweg am Westrande des Dorfes vor. Unterwegs stlpte ich mir
einen gefundenen Stahlhelm aufs Haupt, eine Handlung, die ich nur in
kritischen Momenten vorzunehmen pflegte. Zu meinem Erstaunen lag Favreuil
vollkommen tot da, die Besatzung hatte anscheinend ihren
Verteidigungsabschnitt verlassen.

Hauptmann von Weyhe, der bereits einsam und schwerverwundet in einem
Trichter des Dorfes lag, hatte angeordnet, da fnfte und achte Kompagnie
in vorderer, sechste in zweiter und siebente in dritter Linie strmen
sollten. Da von der sechsten und achten Kompagnie noch nichts zu sehen war,
beschlo ich draufzugehen, ohne mich lange um Staffelungen zu kmmern.

Es war 7 Uhr geworden. Durch die Kulisse von Huserresten und Baumstmpfen
sah ich bei schwachem Gewehrfeuer eine Schtzenlinie auf das freie Feld
heraustreten. Es mute die fnfte Kompagnie sein.

Ich stellte meine Leute im Hohlweg auf und gab Befehl, in zwei Wellen
anzutreten. Abstand 100 Meter. Ich selbst befinde mich zwischen erster und
zweiter Welle!

Es ging zum letzten Sturm. Wie oft waren wir in den verflossenen Jahren in
hnlicher Stimmung in die westliche Sonne geschritten! Les Eparges,
Guillemont, St. Pierre-Vaast, Langemarck, Paschendale, Moeuvres, Braucourt,
Mory! Wieder winkte ein blutiges Fest.

Wir verlieen den Hohlweg ganz programmig, nur befand ich selbst, wie
die schne Befehlsformel lautet, mich pltzlich neben dem Leutnant Schrader
weit vor der ersten Welle.

Vereinzelte Gewehrschsse knallten uns entgegen. Den Spazierstock in der
rechten, Pistole in der linken Hand stapfte ich vor und lie, ohne es recht
zu merken, die Schtzenlinie der fnften Kompagnie zum Teil hinter, zum
Teil rechts neben mir. Whrend des Vorgehens merkte ich, da mein Eisernes
Kreuz sich von der Brust gelst hatte und zu Boden gefallen war. Schrader,
mein Bursche und ich begannen eifrig zu suchen, trotzdem verborgene
Schtzen uns aufs Korn zu nehmen schienen. Endlich zog Schrader es aus
einem Grasplacken hervor, und ich steckte es wieder fest.

Das Gelnde senkte sich. Verschwommene Gestalten bewegten sich vor einem
Hintergrund aus braunem Lehm. Ein Maschinengewehr hackte uns seine
Geschogarben entgegen. Mich packte ein fatales Gefhl der
Aussichtslosigkeit. Trotzdem begannen wir zu laufen. Mitten im Sprunge ber
ein Grabenstck ri mich ein durchdringender Sto vor die Brust aus der
Luft. Mit lautem Schrei wirbelte ich um die Lngsachse und klirrte betubt
zu Boden.

Ich erwachte im Gefhl eines groen Unglcks, eingeklemmt zwischen enge
Lehmwnde, whrend durch eine geduckte Menschenreihe der Ruf glitt:
Sanitter! Der Kompagniefhrer ist verwundet!

Ein lterer Mann einer anderen Kompagnie beugte sich mit gutmtigem Gesicht
ber mich, lste das Koppel und ffnete meinen Rock. Zwei blutige
Kreisflecke leuchteten von der Mitte der rechten Brust und vom Rcken. Ein
Gefhl der Lhmung fesselte mich an die Erde, und die glhende Luft des
engen Grabens badete mich in qualvollem Schwei. Der mitleidige Helfer
erquickte mich durch fchelndes Schwingen meiner Kartentasche. Ich hoffte,
nach Luft ringend, auf baldiges Dunkelwerden, um mich zurckschleppen zu
lassen.

Pltzlich brauste von Sapignies her ein Feuerorkan los. Es war klar, da
dieses lckenlose Rollen, dieses gleichmige Brllen und Stampfen mehr
drohte als Abwehr unseres so schlecht angesetzten Angriffes. ber mir
blickte ich in das unterm Stahlhelm versteinerte Gesicht des Leutnants
Schrader, der wie eine Maschine scho und lud, scho und lud. Es entspann
sich zwischen uns ein Gesprch, das an die Turmszene der Jungfrau von
Orleans erinnerte. Sehr humoristisch war mir indes nicht zumute, denn ich
hatte die klare Erkenntnis, verloren zu sein.

Oben sprang der Schreckensschrei: Links sind sie durch! Wir sind
umgangen! von Mund zu Mund. Er gab mir die alte Kraft zurck. Ich fate in
ein Loch, das ein Maulwurf in die Grabenwand gebohrt hatte, und zog mich
hoch, whrend das Blut aus den Wunden rieselte. Mit bloem Kopf und offenem
Rock, die Pistole in der Faust, starrte ich ins Gefecht.

Durch weiliche Rauchschwaden strzte eine Kette bepackter Menschen
schnurgeradeaus. Einige fielen und blieben liegen, andere schlugen Rad wie
getroffene Hasen. 100 Meter vor uns wurden die letzten vom Trichtergelnde
eingesogen.

Wie an einer Schnur gezogen krochen vier Tanks ber den Kamm einer
Bodenwelle. In wenigen Minuten waren sie von der Artillerie in die Erde
gestampft. Der eine klappte wie ein Spielzeug aus Blech in zwei Hlften
auseinander. Rechts brach der wackere Fahnenjunker Mohrmann mit einem
Todesschrei zusammen.

Die Sache schien noch nicht verloren. Ich flsterte dem Fhnrich Wilsky zu,
nach links zu kriechen und mit seinem Maschinengewehr die Lcke abzufegen.
Er kam gleich darauf zurck und meldete, da sich 20 Meter weiter schon
alles ergeben htte. Es lagen dort Teile des Regiments 99 (Zabern). Mich
umwendend, hatte ich ein seltsames Bild. Von hinten kamen Leute mit
erhobenen Hnden nach vorne! Der Feind mute bereits das Dorf, aus dem wir
gestrmt hatten, genommen haben.

Die Szene belebte sich immer mehr. Ein Kreis von Englndern und Deutschen
umringte uns und forderte uns auf, die Waffen fortzuwerfen. Ich ermunterte
mit schwacher Stimme die Nchststehenden zum Kampf aufs Messer. Sie
schossen auf Freund und Feind. Ein Kranz von Stummen und Schreienden
umschlo unser Huflein. Links tauchten zwei hnenhafte Englnder ihre
Bajonette in ein Grabenstck, aus dem sich flehende Hnde reckten.

Auch unter uns wurden gellende Stimmen laut: Es hat keinen Zweck mehr!
Gewehre weg! Nicht schieen, Kameraden!

Ich blickte nach den beiden Offizieren, die mit mir im Graben standen. Sie
lchelten fatalistisch zurck und lieen ihre Koppel zu Boden fallen.

Es blieb die Wahl zwischen Gefangenschaft und einer Kugel. Nun war ja der
Augenblick gekommen, wo es galt, zu zeigen, ob das, was ich meinen Leuten
in manchem Ruhetage ber den Kampf gesagt hatte, mehr war als leere Phrase.
Ich kroch aus dem Graben und taumelte auf Favreuil zu. Zwei Englnder, die
einen Trupp gefangener 99er auf ihre Linien zufhrten, stellten sich mir
entgegen. Ich hielt dem nchsten die Pistole vor den Leib und drckte ab.
Er klappte wie eine Schiebudenfigur zusammen. Der andere brannte sein
Gewehr auf mich ab, ohne zu treffen. Die hastigen Bewegungen trieben das
Blut in hellen Schlgen aus der Lunge. Ich konnte freier atmen und begann,
an dem Grabenstck entlang zu laufen. Hinter einer Schulterwehr kauerte der
Leutnant Schlger inmitten einer feuernden Gruppe. Sie schlossen sich an.
Einige Englnder, die ber das Gelnde schritten, blieben stehen, setzten
ein Lewisgewehr auf den Boden und beschossen uns. Bis auf mich, Schlger
und zwei Begleiter wurden alle getroffen. Schlger, der seinen Kneifer
verloren hatte, erzhlte mir spter, da er nichts gesehen htte als meine
auf- und niederfliegende Kartentasche. Der dauernde Blutverlust gab mir die
Freiheit und Leichtigkeit eines Rausches, mich beunruhigte nur der Gedanke,
zu frh zusammenzubrechen.

Endlich gelangten wir an einen halbmondfrmigen Erdaufwurf rechts von
Favreuil, aus dem ein halbes Dutzend schwerer Maschinengewehre auf Freund
und Feind Feuer spieen. Feindliche Geschosse zerspritzten im Sande der
Schanze, Offiziere schrien, aufgeregte Leute tanzten hin und her. Ein
Sanittsunteroffizier der sechsten Kompagnie ri meine Jacke herunter und
riet mir, mich sofort hinzulegen, da ich sonst in wenigen Minuten verblutet
sein knnte.

Ich wurde in eine Zeltbahn gerollt und am Ortsrand von Favreuil entlang
geschleppt. Einige Leute meiner und der sechsten Kompagnie begleiteten
mich. Nach einigen hundert Schritten bekamen wir auf nchste Entfernung aus
dem Dorfe Gewehrfeuer. Knallend schlugen Geschosse in menschliche Krper.
Den Sanitter der sechsten Kompagnie, der das Hinterende meiner Zeltbahn
trug, ri ein Kopfschu zu Boden; ich strzte mit ihm.

Die kleine Schar hatte sich glatt auf die Erde geworfen und kroch, von
Aufschlgen umpeitscht, der nchsten Senkung zu.

Ich blieb einsam, in meine Zeltbahn eingeknpft auf dem Felde, den
Endtreffer erwartend.

Doch solange noch ein Mann meiner Kompagnie lebte, war ich nicht ganz
verlassen. Neben mir ertnte die Stimme des Gefreiten Hengstmann: Ich
nehme Herrn Leutnant auf den Rcken, entweder kommen wir durch, oder wir
bleiben liegen.

Leider kamen wir nicht durch; zu viele Gewehre waren auf krzeste
Entfernung auf uns gerichtet. Als ich, die Arme um den Hals des Getreuen
geschlungen, auf seinem Rcken sa, erklang mitten im Lauf ein feines
metallisches Sirren. Hengstmann sank ganz sanft unter mir zusammen. Ich
lste mich aus seinen Armen, die meine Schenkel noch fest umklammert
hielten. Ein Gescho hatte ihm Stahlhelm und Schlfen durchschlagen. Der
Tapfere, der die Treue zu seinem Fhrer mit dem Tode besiegelte, war ein
Lehrerssohn aus Letter bei Hannover. Ich habe spter seine Familie
aufgesucht und halte sein Andenken heilig.

Das schlimme Beispiel schreckte einen anderen Helfer nicht ab, einen neuen
Versuch zu meiner Rettung zu wagen. Es war der Sanitts-Sergeant
Strichalsky. Er nahm mich auf seine Schultern und brachte mich glcklich in
den toten Winkel der nchsten Gelndewelle.

Es dunkelte. Die Leute suchten die Zeltbahn eines Toten und trugen mich
ber ein einsames Gelnde, auf dem nah und fern zackige Strahlensterne
hochflammten. Ich mute nach Luft ringen, eins der qualvollsten Gefhle,
die der Mensch haben kann. Der Duft einer Zigarette, die ein Mann zehn
Schritt vor mir rauchte, drohte mich zu ersticken.

Endlich gelangten wir an einen Verbandsunterstand, in dem der mir
befreundete Doktor Key seines Amtes waltete. Er mischte mir eine kstliche
Zitronenlimonade und versenkte mich mittels einer Morphiumspritze in
erquickenden Schlummer.

Am nchsten Tage setzte die bliche, etappenweise Rckbefrderung ein. Die
wste Autofahrt zum Kriegslazarett brachte mich an den Rand des Grabes.
Dann kam ich in die Hnde der Schwestern. Trotzdem ich kein Weiberfeind
bin, irritierte mich jedesmal das weibliche Wesen, wenn mich das Schicksal
der Schlacht in das Bett eines Krankensaales geworfen hatte. Aus dem
mnnlichen, zielbewuten und zweckmigen Handeln des Krieges tauchte man
in eine Atmosphre undefinierbarer Ausstrahlungen. Eine wohltuende Ausnahme
bildete die abgeklrte Sachlichkeit der katholischen Ordensschwestern.

Nach 14 Tagen lag ich in dem federnden Bett eines Lazarettzuges und hatte
das Glck, in Hannover ausgeladen zu werden. Dort lag ich im
Clementinenstift mit einem jungen Kampfflieger der Staffel Richthofen
zusammen, der bereits zwlf Gegner im Luftkampf gestreckt hatte. Der letzte
hatte ihm zuvor durch ein Gescho den Oberarmknochen zersplittert. Auf
unserem ersten Genesungsgange trafen wir meinen Bruder und einige
Kameraden, mit denen wir zu Abend aen. Da unsere baldige Kriegstchtigkeit
angezweifelt wurde, fhlten wir beide das unbedingte Bedrfnis,
verschiedentlich ber einen gewaltigen Sessel zu eskaladieren. Es bekam uns
sehr schlecht. Trotzdem fhlten wir uns recht bald wieder in Form fr eine
neue Winterkampagne. Diese wurde vorlufig vertagt. Wir sollten uns bald an
anderen Kmpfen beteiligen, als uns getrumt. -- -- --

Am 22. September 1918 erhielt ich folgendes Telegramm:

Seine Majestt der Kaiser hat Ihnen den Orden Pour le Mrite verliehen.
Ich beglckwnsche Sie im Namen der ganzen Division.

   General von Busse.

Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Buchdruckerei G. m. b. H., Berlin SW 68,
Kochstr. 68-71.





End of the Project Gutenberg EBook of In Stahlgewittern, by Ernst Jnger

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN STAHLGEWITTERN ***

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http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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