The Project Gutenberg EBook of Das Buch der Bilder, by Rainer Maria Rilke

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Title: Das Buch der Bilder

Author: Rainer Maria Rilke

Release Date: November 30, 2010 [EBook #34521]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BUCH DER BILDER ***









DAS BUCH DER BILDER

VON

RAINER MARIA RILKE


LEIPZIG

IM INSEL-VERLAG

MCMXX



DES ERSTEN BUCHES ERSTER TEIL



EINGANG


Wer du auch seist: Am Abend tritt hinaus
aus deiner Stube, drin du alles weit;
als letztes vor der Ferne liegt dein Haus:
Wer du auch seist.
Mit deinen Augen, welche mde kaum
von der verbrauchten Schwelle sich befrein,
hebst du ganz langsam einen schwarzen Baum
und stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein.
Und hast die Welt gemacht. Und sie ist gro
und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift.
Und wie dein Wille ihren Sinn begreift,
lassen sie deine Augen zrtlich los....




AUS EINEM APRIL


  Wieder duftet der Wald.
  Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die ste den Tag, wie er leer war,--
  aber nach langen, regnenden Nachmittagen
    kommen die goldbersonnten
      neueren Stunden,
vor denen flchtend, an fernen Huserfronten
      alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flgeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
ber der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Gerusche ducken sich ganz
in die glnzenden Knospen der Reiser.




ZWEI GEDICHTE ZU HANS THOMAS SECHZIGSTEM GEBURTSTAGE



MONDNACHT


Sddeutsche Nacht, ganz breit im reifen Monde
und mild wie aller Mrchen Wiederkehr.
Vom Turme fallen viele Stunden schwer
in ihre Tiefen nieder wie ins Meer,--
und dann ein Rauschen und ein Ruf der Ronde,
und eine Weile bleibt das Schweigen leer;
und eine Geige dann (Gott wei woher)
erwacht und sagt ganz langsam:
                               Eine Blonde ...



RITTER


Reitet der Ritter im schwarzen Stahl
hinaus in die rauschende Welt.
Und drauen ist alles: der Tag und das Tal
und der Freund und der Feind und das Mahl im Saal
und der Mai und die Maid und der Wald und der Gral,
und Gott ist selber vieltausendmal
an alle Straen gestellt.

Doch in dem Panzer des Ritters drinnen,
hinter den finstersten Ringen,
hockt der Tod und mu sinnen und sinnen:
Wann wird die Klinge springen
ber die Eisenhecke,
die fremde befreiende Klinge,
die mich aus meinem Verstecke
holt, drin ich so viele
gebckte Tage verbringe,--
da ich mich endlich strecke
und spiele
und singe.




MDCHENMELANCHOLIE


Mir fllt ein junger Ritter ein
fast wie ein alter Spruch.

Der kam. So kommt manchmal im Hain
der groe Sturm und hllt dich ein.
Der ging. So lt das Benedein
der groen Glocken dich allein
oft mitten im Gebet....
Dann willst du in die Stille schrein
und weinst doch nur ganz leis hinein
tief in dein khles Tuch.

Mir fllt ein junger Ritter ein,
der weit in Waffen geht.

Sein Lcheln war so weich und fein:
wie Glanz auf altem Elfenbein,
wie Heimweh, wie ein Weihnachtsschnein
im dunkeln Dorf, wie Trkisstein,
um den sich lauter Perlen reihn,
wie Mondenschein
auf einem lieben Buch.




VON DEN MDCHEN



I


Andere mssen auf langen Wegen
zu den dunklen Dichtern gehn;
fragen immer irgendwen,
ob er nicht einen hat singen sehn
oder Hnde auf Saiten legen.
Nur die Mdchen fragen nicht,
welche Brcke zu Bildern fhre;
lcheln nur, lichter als Perlenschnre,
die man an Schalen von Silber hlt.

Aus ihrem Leben geht jede Tre
in einen Dichter
und in die Welt.



II


Mdchen, Dichter sind, die von euch lernen
das zu sagen, was ihr einsam seid;
und sie lernen leben an euch Fernen,
wie die Abende an groen Sternen
sich gewhnen an die Ewigkeit.

Keine darf sich je dem Dichter schenken,
wenn sein Auge auch um Frauen bat:
denn er kann euch nur als Mdchen denken:
das Gefhl in euren Handgelenken
wrde brechen von Brokat.

Lat ihn einsam sein in seinem Garten,
wo er euch wie Ewige empfing
auf den Wegen, die er tglich ging,
bei den Bnken, welche schattig warten,
und im Zimmer, wo die Laute hing.

Geht!... Es dunkelt. Seine Sinne suchen
eure Stimme und Gestalt nicht mehr.
Und die Wege liebt er lang und leer
und kein Weies unter dunklen Buchen,--
und die stumme Stube liebt er sehr.
... Eure Stimmen hrt er ferne gehn
(unter Menschen, die et mde meidet)
und: sein zrtliches Gedenken leidet
im Gefhle, da euch viele sehn.




DAS LIED DER BILDSULE


Wer ist es, wer mich so liebt, da er
sein liebes Leben verstt?
Wenn einer fr mich ertrinkt im Meer,
so bin ich vom Steine zur Wiederkehr
ins Leben, ins Leben erlst.

Ich sehne mich so nach dem rauschenden Blut;
der Stein ist so still.
Ich trume vom Leben: das Leben ist gut.
Hat keiner den Mut,
durch den ich erwachen will?

Und werd ich einmal im Leben sein,
das mir alles Goldenste gibt,--
 *       *       *       *       *
so werd ich allein ,
weinen, weinen nach meinem Stein.
Was hilft mir mein Blut, wenn es reift wie der Wein?
Es kann aus dem Meer nicht den Einen schrein,
der mich am meisten geliebt.




DER WAHNSINN


Sie mu immer sinnen: Ich bin... ich bin....
Wer bist du denn, Marie?
  Eine Knigin, eine Knigin!
  In die Kniee vor mir, in die Knie!

Sie mu immer weinen: Ich war ... ich war....
Wer warst du denn, Marie?
  Ein Niemandskind, ganz arm und bar,
  und ich kann dir nicht sagen wie.

Und wurdest aus einem solchen Kind
eine Frstin, vor der man kniet?
  Weil die Dinge alle anders sind,
  als man sie beim Betteln sieht.

So haben die Dinge dich gro gemacht,
  und kannst du noch sagen wann?
  Eine Nacht, eine Nacht, ber eine Nacht,--
  und sie sprachen mich anders an.
  Ich trat in die Gasse hinaus und sieh:
  die ist wie mit Saiten bespannt;
  da wurde Marie Melodie, Melodie ...
  und tanzte von Rand zu Rand.
  Die Leute schlichen so ngstlich hin,
  wie hart an die Huser gepflanzt,--
  denn das darf doch nur eine Knigin,
  da sie tanzt in den Gassen: tanzt!...




DIE LIEBENDE


Ja, ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, da ich Das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

... jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet,
meine Stille war wie eines Steines,
ber den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frhlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewuten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht wei, was ich noch gestern war.




DIE BRAUT


Ruf mich, Geliebter, ruf mich laut!
La deine Braut nicht so lange am Fenster stehn.
In den alten Platanenalleen
wacht der Abend nicht mehr:
sie sind leer.

Und kommst du mich nicht in das nchtliche Haus
mit deiner Stimme verschlieen,
so mu ich mich aus meinen Hnden hinaus
in die Grten des Dunkelblaus
ergieen....




DIE STILLE


Hrst du, Geliebte, ich hebe die Hnde--
hrst du: es rauscht....
Welche Gebrde der Einsamen fnde
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hrst du, Geliebte, ich schliee die Lider,
und auch das ist Gerusch bis zu dir,
hrst du, Geliebte, ich hebe sie wieder....
... Aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drckt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Atemzgen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Dfte zur Trnke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.




MUSIK


Was spielst du, Knabe? Durch die Grten gings
wie viele Schritte, flsternde Befehle.
Was spielst du, Knabe? Siehe, deine Seele
verfing sich in den Stben der Syrinx.

Was lockst du sie? Der Klang ist wie ein Kerker,
darin sie sich versumt und sich versehnt;
stark ist dein Leben, doch dein Lied ist strker,
an deine Sehnsucht schluchzend angelehnt.--

Gib ihr ein Schweigen, da die Seele leise
heimkehre in das Flutende und Viele,
darin sie lebte, wachsend, weit und weise,
eh du sie zwangst in deine zarten Spiele.

Wie sie schon matter mit den Flgeln schlgt:
So wirst du, Trumer, ihren Flug vergeuden,
da ihre Schwinge, vom Gesang zersgt,
sie nicht mehr ber meine Mauern trgt,
wenn ich sie rufen werde zu den Freuden.




DIE ENGEL


Sie haben alle mde Mnde
und helle Seelen ohne Saum.
Und eine Sehnsucht (wie nach Snde)
geht ihnen manchmal durch den Traum.

Fast gleichen sie einander alle;
in Gottes Grten schweigen sie,
wie viele, viele Intervalle
in seiner Macht und Melodie.

Nur wenn sie ihre Flgel breiten,
sind sie die Wecker eines Winds:
Als ginge Gott mit seinen weiten
Bildhauerhnden durch die Seiten
im dunklen Buch des Anbeginns.




DER SCHUTZENGEL


Du bist der Vogel, dessen Flgel kamen,
wenn ich erwachte in der Nacht und rief.
Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namen
ist wie ein Abgrund, tausend Nchte tief.
Du bist der Schatten, drin ich still entschlief,
und jeden Traum ersinnt in mir dein Samen,--
du bist das Bild, ich aber bin der Rahmen,
der dich ergnzt in glnzendem Relief.

Wie nenn ich dich? Sieh, meine Lippen lahmen.
Du bist der Anfang, der sich gro ergiet,
ich bin das langsame und bange Amen,
das deine Schnheit scheu beschliet.

Du hast mich oft aus dunklem Ruhn gerissen,
wenn mir das Schlafen wie ein Grab erschien
und wie Verlorengehen und Entfliehn,--
da hobst du mich aus Herzensfinsternissen
und wolltest mich auf allen Trmen hissen
wie Scharlachfahnen und wie Draperien.

Du: der von Wundern redet wie vom Wissen
und von den Menschen wie von Melodien
und von den Rosen: von Ereignissen,
die flammend sich in deinem Blick vollziehn,--
du Seliger, wann nennst du einmal Ihn,
aus dessen siebentem und letztem Tage
noch immer Glanz auf deinem Flgelschlage
verloren liegt.
Befiehlst du, da ich frage?




MARTYRINNEN


Martyrin ist sie. Und als harten Falls
mit einem Ruck
das Beil durch ihre kurze Jugend ging,
da legte sich der feine rote Ring
um ihren Hals und war der erste Schmuck,
den sie mit einem fremden Lcheln nahm:
aber auch den ertrgt sie nur mit Scham.
Und wenn sie schlft, mu ihre junge Schwester
(die, kindisch noch, sich mit der Wunde schmckt
von jenem Stein, der ihr die Stirn erdrckt,)
die harten Arme um den Hals ihr halten,
und oft im Traume fleht die andre: Fester, fester.
Und da fllt es dem Kinde manchmal ein,
die Stirne mit dem Bild von jenem Stein
zu bergen in des sanften Nachtgewandes Falten,
das von der Schwester Atmen hell sich hebt,
voll wie ein Segel, das vom Winde lebt.

Das ist die Stunde, da sie heilig sind,
die stille Jungfrau und das blasse Kind.

Da sind sie wieder wie vor allem Leide
und schlafen arm und haben keinen Ruhm,
und ihre Seelen sind wie weie Seide,
und von derselben Sehnsucht beben beide
und frchten sich vor ihrem Heldentum.

Und du kannst meinen: Wenn sie aus den Betten
aufstnden bei dem nchsten Morgenlichte
und, mit demselben trumenden Gesichte,
die Gassen kmen in den kleinen Stdten,--
es bliebe keiner hinter ihnen staunen,
kein Fenster klirrte an den Huserreihn,
und nirgends bei den Frauen ging ein Raunen,
und keines von den Kindern wrde schrein.
Sie schritten durch die Stille in den Hemden
(die flachen Falten geben keinen Glanz)
so fremd und dennoch keinem zum Befremden,
so wie zu Festen, aber ohne Kranz.




DIE HEILIGE


Das Volk war durstig; also ging das eine
durstlose Mdchen, ging die Steine
um Wasser flehen fr ein ganzes Volk.
Doch ohne Zeichen blieb der Zweig der Weide,
und sie ermattete am langen Gehn
und dachte endlich nur, da einer leide,
(ein kranker Knabe, und sie hatten beide
sich einmal abends ahnend angesehn).
Da neigte sich die junge Weidenrute
in ihren Hnden drstend wie ein Tier:
jetzt ging sie blhend ber ihrem Blute,
und rauschend ging ihr Blut tief unter ihr.




KINDHEIT


Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen....
Und dann hinaus: die Straen sprhn und klingen,
und auf den Pltzen die Fontnen springen,
und in den Grten wird die Welt so weit.--
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid,
ganz anders als die andern gehn und gingen--:
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,
o Einsamkeit.

Und in das alles fern hinauszuschauen:
Mnner und Frauen; Mnner, Mnner, Frauen
und Kinder, welche anders sind und bunt;
und da ein Haus und dann und wann ein Hund
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen--:
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,
o Tiefe ohne Grund.

Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen
in einem Garten, welcher sanft verblat,
und manchmal die Erwachsenen zu streifen,
blind und verwildert in des Haschens Hast,
aber am Abend still, mit kleinen steifen
Schritten nach Haus zu gehn, fest angefat--:
O immer mehr entweichendes Begreifen,
o Angst, o Last.

Und stundenlang am groen grauen Teiche
mit einem kleinen Segelschiff zu knien;
es zu vergessen, weil noch andre gleiche
und schnere Segel durch die Ringe ziehn,
und denken mssen an das kleine bleiche
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien--:
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche.
Wohin? Wohin?




AUS EINER KINDHEIT


Das Dunkeln war wie Reichtum in dem Raume,
darin der Knabe, sehr verheimlicht, sa.
Und als die Mutter eintrat wie im Traume,
erzitterte im stillen Schrank ein Glas.
Sie fhlte, wie das Zimmer sie verriet,
und kte ihren Knaben: Bist du hier?...
Dann schauten beide bang nach dem Klavier,
denn manchen Abend hatte sie ein Lied,
darin das Kind sich seltsam tief verfing.

Es sa sehr still. Sein groes Schauen hing
an ihrer Hand, die ganz gebeugt vom Ringe,
als ob sie schwer in Schneewehn ginge,
ber die weien Tasten ging.




DER KNABE


Ich mchte einer werden so wie die,
die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren,
mit Fackeln, die gleich aufgegangnen Haaren
in ihres Jagens groem Winde wehn.
Vorn mcht ich stehen wie in einem Kahne,
gro und wie eine Fahne aufgerollt.
Dunkel, aber mit einem Helm von Gold,
der unruhig glnzt. Und hinter mir gereiht
zehn Mnner aus derselben Dunkelheit
mit Helmen, die wie meiner unstt sind,
bald klar wie Glas, bald dunkel, alt und blind.
Und einer steht bei mir und blst uns Raum
mit der Trompete, welche blitzt und schreit,
und blst uns eine schwarze Einsamkeit,
durch die wir rasen wie ein rascher Traum:
die Huser fallen hinter uns ins Knie,
die Gassen biegen sich uns schief entgegen,
die Pltze weichen aus: wir fassen sie,
und unsre Rosse rauschen wie ein Regen.




DIE KONFIRMANDEN

(PARIS, IM MAI 1903)


In weien Schleiern gehn die Konfirmanden
tief in das neue Grn der Grten ein.
Sie haben ihre Kindheit berstanden,
und was jetzt kommt, wird anders sein.

O kommt es denn! Beginnt jetzt nicht die Pause,
das Warten auf den nchsten Stundenschlag?
Das Fest ist aus, und es wird laut im Hause,
und trauriger vergeht der Nachmittag....

Das war ein Aufstehn zu dem weien Kleide
und dann durch Gassen ein geschmcktes Gehn
und eine Kirche, innen khl wie Seide,
und lange Kerzen waren wie Alleen,
und alle Lichter schienen wie Geschmeide,
von feierlichen Augen angesehn.

Und es war still, als der Gesang begann:
Wie Wolken stieg er in der Wlbung an
und wurde hell im Niederfall; und linder
denn Regen fiel er in die weien Kinder.
Und wie im Wind bewegte sich ihr Wei,
und wurde leise bunt in seinen Falten
und schien verborgne Blumen zu enthalten--:
Blumen und Vgel, Sterne und Gestalten
aus einem alten fernen Sagenkreis.

Und drauen war ein Tag aus Blau und Grn
mit einem Ruf von Rot an hellen Stellen.
Der Teich entfernte sich in kleinen Wellen,
und mit dem Winde kam ein fernes Blhn
und sang von Grten drauen vor der Stadt.

Es war, als ob die Dinge sich bekrnzten,
sie standen licht, unendlich leicht besonnt;
ein Fhlen war in jeder Huserfront,
und viele Fenster gingen auf und glnzten.




DAS ABENDMAHL


Sie sind versammelt, staunende Verstrte,
am ihn, der wie ein Weiser sich beschliet,
und der sich fortnimmt denen er gehrte,
und der an ihnen fremd vrberfliet.
Die alte Einsamkeit kommt ber ihn,
die ihn erzog zu seinem tiefen Handeln;
nun wird er wieder durch den lwald wandeln,
und die ihn lieben, werden vor ihm fliehn.

Er hat sie zu dem letzten Tisch entboten
und (wie ein Schu die Vgel aus den Schoten
scheucht) scheucht er ihre Hnde aus den Broten
mit seinem Wort: sie fliegen zu ihm her;
sie flattern bange durch die Tafelrunde
und suchen einen Ausgang. Aber er
ist berall wie eine Dmmerstunde.





DES ERSTEN BUCHES ZWEITER TEIL




INITIALE

Aus unendlichen Sehnschten steigen
endliche Taten wie schwache Fontnen,
die sich zeitig und zitternd neigen.
Aber, die sich uns sonst verschweigen,
unsere frhlichen Krfte--zeigen
sich in diesen tanzenden Trnen.




ZUM EINSCHLAFEN ZU SAGEN


Ich mchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich mchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich mchte der einzige sein im Haus,
der wte: die Nacht war kalt.
Und mchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.--
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und strt einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe gro
die Augen auf dich gelegt;
sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.




MENSCHEN BEI NACHT



Die Nchte sind nicht fr die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so mut du bedenken: wem.

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern truft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrngt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Hnden hngt
die schwere Gebrde, mit der sie sich
bei ihren Gesprchen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.




DER NACHBAR


Fremde Geige, gehst du mir nach?
In wieviel fernen Stdten schon sprach
deine einsame Nacht zu meiner?
Spielen dich Hunderte? Spielt dich einer?

Gibt es in allen groen Stdten
solche, die sich ohne dich
schon in den Flssen verloren htten?
Und warum trifft es immer mich?

Warum bin ich immer der Nachbar derer,
die dich bange zwingen zu singen
und zu sagen: Das Leben ist schwerer
als die Schwere von allen Dingen?




PONT DU CARROUSEL


Der blinde Mann, der auf der Brcke steht,
grau wie ein Markstein namenloser Reiche,
er ist vielleicht das Ding, das immer gleiche,
um das von fern die Sternenstunde geht
und der Gestirne heller Mittelpunkt.
Denn alles um ihn irrt und rinnt und prunkt.

Er ist der unbewegliche Gerechte,
in viele wirre Wege hingestellt;
der dunkle Eingang in die Unterwelt
bei einem oberflchlichen Geschlechte.




DER EINSAME


Wie einer, der auf fremden Meeren fuhr,
so bin ich bei den ewig Einheimischen;
die vollen Tage stehn auf ihren Tischen,
mir aber ist die Ferne voll Figur.

In mein Gesicht reicht eine Welt herein,
die vielleicht unbewohnt ist wie ein Mond,
sie aber lassen kein Gefhl allein,
und alle ihre Worte sind bewohnt.

Die Dinge, die ich weither mit mir nahm,
sehn selten aus, gehalten an das Ihre--:
in ihrer groen Heimat sind sie Tiere,
hier halten sie den Atem an vor Scham.




DIE ASCHANTI

(Jardin d'Acclimatation)


Keine Vision von fremden Lndern,
kein Gefhl von braunen Frauen, die
tanzen aus den fallenden Gewndern.

Keine wilde, fremde Melodie.
Keine Lieder, die vom Blute stammten,
und kein Blut, das aus den Tiefen schrie.

Keine braunen Mdchen, die sich samten
breiteten in Tropenmdigkeit;
keine Augen, die wie Waffen flammten,

und die Munde zum Gelchter breit.
Und ein wunderliches Sich-verstehen
mit der hellen Menschen Eitelkeit.

Und mir war so bange hinzusehen.

O wie sind die Tiere so viel treuer,
die in Gittern auf und nieder gehn,
ohne Eintracht mit dem Treiben neuer
fremder Dinge, die sie nicht verstehn;
und sie brennen wie ein stilles Feuer
leise aus und sinken in sich ein,
teilnahmslos dem neuen Abenteuer
und mit ihrem groen Blut allein.




DER LETZTE


Ich habe kein Vaterhaus
und habe auch keines verloren;
meine Mutter hat mich in die Welt hinaus
geboren.
Da steh ich nun in der Welt und geh
in die Welt immer tiefer hinein
und habe mein Glck und habe mein Weh
und habe jedes allein.
Und bin doch manch eines Erbe.
Mit drei Zweigen hat mein Geschlecht geblht
auf sieben Schlssern im Wald
und wurde seines Wappens md
und war schon viel zu alt;--
und was sie mir lieen und was ich erwerbe
zum alten Besitze, ist heimatlos.
In meinen Hnden, in meinem Scho
mu ich es halten, bis ich sterbe.
Denn was ich fortstelle,
hinein in die Welt,
fllt,
ist wie auf eine Welle
gestellt.




BANGNIS


Im welken Walde ist ein Vogelruf,
der sinnlos scheint in diesem welken Walde.
Und dennoch ruht der runde Vogelruf
in dieser Weile, die ihn schuf,
breit wie ein Himmel auf dem welken Walde.
Gefgig rumt sich alles in den Schrei.
Das ganze Land scheint lautlos drin zu liegen,
der groe Wind scheint sich hineinzuschmiegen,
und die Minute, welche weiter will,
ist bleich und still, als ob sie Dinge wte,
an denen jeder sterben mte,
aus ihm herausgestiegen.




KLAGE


O wie ist alles fern
und lange vergangen.
Ich glaube, der Stern,
von welchem ich Glanz empfange,
ist seit Jahrtausenden tot.
Ich glaube, im Boot,
das vorberfuhr,
hrte ich etwas Banges sagen.
Im Hause hat eine Uhr
geschlagen....
In welchem Haus? ...
Ich mchte aus meinem Herzen hinaus
unter den groen Himmel treten.
Ich mchte beten.
Und einer von allen Sternen
mte wirklich noch sein.
Ich glaube, ich wte,
welcher allein
gedauert hat,
welcher wie eine weie Stadt
am Ende des Strahls in den Himmeln steht....




EINSAMKEIT


Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fllt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen,
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttuscht und traurig voneinander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen mssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flssen....




HERBSTTAG


Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gro.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren la die Winde los.

Befiehl den letzten Frchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei sdlichere Tage,
drnge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Se in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Bltter treiben.




ERINNERUNG


Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mchtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.

Es dmmern im Bcherstnder
die Bnde in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Lnder,
an Bilder, an die Gewnder
wiederverlorener Fraun.

Und da weit du auf einmal: Das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.




ENDE DES HERBSTES


Ich sehe seit einer Zeit,
wie alles sich verwandelt.
Etwas steht auf und handelt
und ttet und tut Leid.

Von Mal zu Mal sind all
die Grten nicht dieselben;
von den gilbenden zu der gelben
langsamem Verfall:
wie war der Weg mir weit.

Jetzt bin ich beiden leeren
und schaue durch alle Alleen.
Fast bis zu den fernen Meeren
kann ich den ernsten schweren
verwehrenden Himmel sehn.




HERBST


Die Bltter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Grten;
sie fallen mit verneinender Gebrde.

Und in den Nchten fllt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fllt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Hnden hlt.




AM RANDE DER NACHT


Meine Stube und diese Weite,
wach ber nachtendem Land, -
ist Eines. Ich bin eine Saite,
ber rauschende breite
Resonanzen gespannt.

Die Dinge sind Geigenleiber,
von murrendem Dunkel voll;
drin trumt das Weinen der Weiber,
drin rhrt sich im Schlafe der Groll
ganzer Geschlechter....
Ich soll
silbern erzittern: dann wird
alles unter mir beben,
und was in den Dingen irrt,
wird nach dem Lichte streben,
das von meinem tanzenden Tone,
um welchen der Himmel wellt,
durch schmale, schmachtende Spalten
in die alten
Abgrnde ohne
Ende fllt....




GEBET


Nacht, stille Nacht, in die verwoben sind
ganz weie Dinge, rote, bunte Dinge,
verstreute Farben, die erhoben sind
zu Einem Dunkel, Einer Stille,--bringe
doch mich auch in Beziehung zu dem Vielen,
das du erwirbst und berredest. Spielen
denn meine Sinne noch zu sehr mit Licht?
Wrde sich denn mein Angesicht
noch immer strend von den Gegenstnden
abheben? Urteile nach meinen Hnden:
liegen sie nicht wie Werkzeug da und Ding?
Ist nicht der Ring selbst schlicht
an meiner Hand, und liegt das Licht
nicht ganz so, voll Vertrauen, ber ihnen,--
als ob sie Wege wren, die beschienen
nicht anders sich verzweigen als im Dunkel?...




FORTSCHRITT


Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.
Dem Namenlosen fhl ich mich vertrauter:
mit meinen Sinnen, wie mit Vgeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefhl.




VORGEFHL


Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und mu sie leben,
whrend die Dinge unten sich noch nicht rhren:
die Tren schlieen noch sanft, und in den Kaminen
                                   ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist
                                   noch schwer.

Da wei ich die Strme schon und bin erregt wie
                                   das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem groen Sturm.




STURM


Wenn die Wolken, von Strmen geschlagen,
jagen:
Himmel von hundert Tagen
ber einem einzigen Tag--:

Dann fhl ich dich, Hetman, von fern
(der du deine Kosaken gern
zu dem gresten Herrn
fhren wolltest).
Deinen wagrechten Nacken
fhl ich, Mazeppa.

Dann bin auch ich an das rasende Rennen
eines rauchenden Rckens gebunden;
alle Dinge sind mir verschwunden,
nur die Himmel kann ich erkennen:

berdunkelt und berschienen
lieg ich flach unter ihnen,
wie Ebenen liegen;
meine Augen sind offen wie Teiche,
und in ihnen flchtet das gleiche
Fliegen.




ABEND IN SKNE


Der Park ist hoch. Und wie aus einem Haus
tret ich aus seiner Dmmerung heraus
in Ebene und Abend. In den Wind,
denselben Wind, den auch die Wolken fhlen,
die hellen Flsse und die Flgelmhlen,
die langsam mahlend stehn am Himmelsrand.
Jetzt bin auch ich ein Ding in seiner Hand,
das kleinste unter diesen--Schau:

Ist das ein Himmel?:
Selig lichtes Blau,
in das sich immer reinere Wolken drngen,
und drunter alle Wei in bergngen,
und drber jenes dnne groe Grau,
warmwallend wie auf roter Untermalung,
und ber allem diese stille Strahlung
sinkender Sonne.

Wunderlicher Bau,
in sich bewegt und von sich selbst gehalten,
Gestalten bildend, Riesenflgel, Falten
und Hochgebirge vor den ersten Sternen
und pltzlich, da: ein Tor in solche Fernen,
wie sie vielleicht nur Vgel kennen....




ABEND


Der Abend wechselt langsam die Gewnder,
die ihm ein Rand von alten Bumen hlt;
du schaust: und von dir scheiden sich die Lnder,
ein himmelfahrendes und eins, das fllt;

und lassen dich, zu keinem ganz gehrend,
nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwrend
wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt;

und lassen dir (unsglich zu entwirrn)
dein Leben, bang und riesenhaft und reifend,
so da es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.




ERNSTE STUNDE


Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,
ohne Grund weint in der Welt,
weint ber mich.

Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,
ohne Grund lacht in der Nacht,
lacht mich aus.

Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,
ohne Grund geht in der Welt,
geht zu mir.

Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,
ohne Grund stirbt in der Welt,
sieht mich an.




STROPHEN


Ist einer, der nimmt alle in die Hand,
da sie wie Sand durch seine Finger rinnen.
Er whlt die schnsten aus den Kniginnen
und lt sie sich in weien Marmor hauen,
still liegend in des Mantels Melodie;
und legt die Knige zu ihren Frauen,
gebildet aus dem gleichen Stein wie sie.

Ist einer, der nimmt alle in die Hand,
da sie wie schlechte Klingen sind und brechen.
Er ist kein Fremder, denn er wohnt im Blut,
das unser Leben ist und rauscht und ruht.
Ich kann nicht glauben, da er unrecht tut;
doch hr ich viele Bses von ihm sprechen.




STURMNACHT


Der Gott erschrak in seiner Einsamkeit.
Er sah tief unten in der grauen Zeit
den Herbsttag gehn. Der war so greisenhaft,
als reichte nicht zum Abendrande weit
der matte Pfeil vom Bogen seiner Kraft.
Oft stand er still und starrte nach den Hgeln,
und endlich sank er matt ins arme Gras;
und wie der giere Geier auf das Aas,
so fiel auf ihn mit schweren, schwarzen Flgeln
die nasse Nacht, die seine Seele fra.

Die schwarze Nacht sa auf dem toten Tag,
und Gott erschrak:
sein Blick ging lange in dem Dunkel irr;
und als er trat aus Wolken und Gewirr,
fand er die Ferne nicht, nicht Flut noch Feld:
die schwarze Nacht fra an der ganzen Welt.

Da ahnte Gott, der schauernd niederblickte,
wie unter diesem schweren Schwingenschlag
die weite Welt erstarrte und erstickte
so wie ein Tag.
Und pltzlich wute er: Er liebte sie.
Doch reglos schattend blieb das Nachtgefieder,
als von dem Rand der leeren Himmel nieder
sein Wille schrie....

Aber der Gott wird grer im Grimme;
wenn er einmal sein einsames Leid
in die erwachenden Weiten schreit,
ist der Sturm seine Stimme.
Und dann reit sein wehendes Wort
von den Monden die Wolken fort:
und so sah er im Schimmer thronen
lauter hnliche Ewigkeiten,
sah die Sterne der Stille wohnen
und die Welten im Wandel schreiten.

Und sein Bangen fand alles geborgen
in dem leise liebkosenden Licht,--
aber ber dem Gestern und Morgen
schwieg die Nacht, und sie rhrte sich nicht.

Und da war der Gott wie ein Kind,
und er wurde vor Weinen blind,
und durch den wimmernden Wind
griff er mit hilflosen Hnden:
ob sie im ther die Ufer fnden,
welche die Spitzen der Trme sind.
Sein Weinen verwaiste und rief:
"Ist denn die Welt so tief, so tief,
da der Gott, der Sommer und Sonnen sann,
der in alle Gedanken tauchte,
den Rauch, der um ihre Gipfel rauchte--
ihren Atem--nicht einmal erreichen kann?
Ist dort kein Garten, der Blten weht,
kein lauschendes Leid, kein waches Gebet,
keine Stille, die mich versteht?"

       *       *       *       *       *

Auf Erden war nur ein winziges Licht,
das in dem samtenen Dunkel dicht
an der Wiege des Kindes wachte
und an sein rmliches Dasein dachte,
als die Stimme des Sturmes klang.
Da wurde dem Funken so heimwehbang,
da er aus blinkendem Becher sachte
wie der Quell aus dem Felsen sprang
und, die Falten des Vorhangs entlang,
wnschend nach allen Wnden griff,
bis sich berstend die Balken bogen,--
und auf hohen, lodernden Wogen
trieb die Wiege, das schlummernde Schiff.

Da regt sich die Welt. Von den Hngen hebt
scheu sich die Nacht vor dem siegenden Scheine.
Es lchelt der Gott; er wei nur das eine:
Sie lebt!





DES ZWEITEN BUCHES ERSTER TEIL




INITIALE

Gib deine Schnheit immer hin
ohne rechnen und reden.
Du schweigst. Sie sagt fr dich: Ich bin.
Und kommt in tausendfachem Sinn,
kommt endlich ber jeden.




VERKNDIGUNG



DIE WORTE DES ENGELS


Du bist nicht nher an Gott als wir;
wir sind ihm alle weit.
Aber wunderbar sind dir
die Hnde benedeit.
So reifen sie bei keiner Frau,
so schimmernd aus dem Saum:
Ich bin der Tag, ich bin der Tau,
du aber bist der Baum.

Ich bin jetzt matt, mein Weg war weit,
vergib mir, ich verga,
was er, der gro in Goldgeschmeid
wie in der Sonne sa,
dir knden lie, du Sinnende,
(verwirrt hat mich der Raum).
Sieh: Ich bin das Beginnende,
du aber bist der Baum.

Ich spannte meine Schwingen aus
und wurde seltsam weit;
jetzt berfliet dein kleines Haus
von meinem groen Kleid.
Und dennoch bist du so allein
wie nie und schaust mich kaum;
das macht: Ich bin ein Hauch im Hain,
du aber bist der Baum.

Die Engel alle bangen so,
lassen einander los:
noch nie war das Verlangen so,
so ungewi und gro.
Vielleicht, da etwas bald geschieht,
das du im Traum begreifst.
Gegrt sei, meine Seele sieht:
Du bist bereit und reifst.
Du bist ein groes, hohes Tor,
und aufgehn wirst du bald.
Du, meines Liedes liebstes Ohr,
jetzt fhle ich: Mein Wort verlor
sich in dir wie im Wald.

So kam ich und vollendete
dir tausendeinen Traum.
Gott sah mich an: er blendete....

Du aber bist der Baum.




DIE HEILIGEN DREI KNIGE



LEGENDE


Einst als am Saum der Wsten sich
auftat die Hand des Herrn
wie eine Frucht, die sommerlich
verkndet ihren Kern,
da war ein Wunder: Fern
erkannten und begrten sich
drei Knige und ein Stern.

Drei Knige von Unterwegs
und der Stern berall,
die zogen alle (berlegs!)
so rechts ein Rex und links ein Rex
zu einem stillen Stall.

Was brachten die nicht alles mit
zum Stall von Bethlehem!
Weithin erklirrte jeder Schritt,
und der auf einem Rappen ritt,
sa samten und bequem;
und der zu seiner Rechten ging,
der war ein goldner Mann;
und der zu seiner Linken fing
mit Schwung und Schwing
und Klang und Kling
aus einem runden Silberding,
das wiegend und in Ringen hing,
ganz blau zu rauchen an.

Da lachte der Stern berall
so seltsam ber sie
und lief voraus und stand am Stall
und sagte zu Marie:

Da bring ich eine Wanderschaft
aus vieler Fremde her.
Drei Knige mit Magenkraft,
von Gold und Topas schwer
und dunkel, tumb und heldenhaft,--
erschrick mir nicht zu sehr.
Sie haben alle drei zu Haus
zwlf Tchter, keinen Sohn,
so bitten sie sich deinen aus
als Sonne ihres Himmelblaus
und Trost fr ihren Thron.
Doch mut du nicht gleich glauben: Blo
ein Funkel frst und Heidenscheich
sei deines Sohnes Los.
Bedenk, der Weg ist gro.
Sie wandern lange, Hirten gleich,
inzwischen fllt ihr reifes Reich
wei Gott wem in den Scho.
Und whrend hier, wie Westwind warm,
der Ochs ihr Ohr umschnaubt,
sind sie vielleicht schon alle arm
und so wie ohne Haupt.
Drum mach mit deinem Lcheln licht
die Wirrnis, die sie sind,
und wende du dein Angesicht
nach Aufgang und dein Kind;
dort liegt in blauen Linien,
was jeder dir verlie:
Smaragda und Rubinien
und die Tale von Trkis.




IN DER CERTOSA


Ein jeder aus der weien Bruderschaft
vertraut sich pflanzend seinem kleinen Garten.
Auf jedem Beete steht, wer jeder sei.
Und einer harrt in heimlichen Hoffarten,
da ihm im Mai
die ungestmen Blten offenbarten
ein Bild von seiner unterdrckten Kraft.

Und seine Hnde halten, wie erschlafft,
sein braunes Haupt, das schwer ist von den Sften,
die ungeduldig durch das Dunkel rollen,
und sein Gewand, das faltig, voll und wollen,
zu seinen Fen fliet, ist stramm gestrafft
um seinen Armen, die, gleich starken Schften,
die Hnde tragen, welche trumen sollen.

Kein Miserere und kein Kyrie
will seine junge runde Stimme ziehn,
vor keinem Fluche will sie fliehn;
sie ist kein Reh.
Sie ist ein Ro und bumt sich im Gebi,
und ber Hrde, Hang und Hindernis
will sie ihn tragen weit und weggewi,
ganz ohne Sattel will sie tragen ihn.

Er aber sitzt, und unter den Gedanken
zerbrechen fast die breiten Handgelenke,
so schwer wird ihm der Sinn und immer schwerer.

Der Abend kommt, der sanfte Wiederkehrer,
ein Wind beginnt, die Wege werden leerer,
und Schatten sammeln sich im Talgesenke.
Und wie ein Kahn, der an der Kette schwankt,
so wird der Garten ungewi und hangt
wie windgewiegt auf lauter Dmmerung.
Wer lst ihn los?...

Der Frate ist so jung,
und langelang ist seine Mutter tot.
Er wei von ihr: sie nannten sie La Stanca;
sie war ein Glas, ganz zart und klar. Man bot
es einem, der es nach dem Trunk zerschlug
wie einen Krug.

So ist der Vater.
Und er hat sein Brot
als Meister in den roten Marmorbrchen.
Und jede Wchnerin in Pietrabianca
hat Furcht, da er des Nachts mit seinen Flchen
vorbei an ihrem Fenster kommt und droht.

Sein Sohn, den er der Donna Dolorosa
geweiht in einer Stunde wilder Not,
sinnt im Arkadenhofe der Certosa,
sinnt, wie umrauscht von rtlichen Gerchen:
denn seine Blumen blhen alle rot.





DAS JNGSTE GERICHT



AUS DEN BLTTERN EINES MNCHS


Sie werden alle wie aus einem Bade
aus ihren mrben Grften auferstehn;
denn alle glauben an das Wiedersehn,
und furchtbar ist ihr Glauben, ohne Gnade.

Sprich leise, Gott! Es knnte einer meinen,
da die Posaune deiner Reiche rief;
und ihrem Ton ist keine Tiefe tief:
da steigen alle Zeiten aus den Steinen,
und alle die Verschollenen erscheinen
in welken Leinen, brchigen Gebeinen
und von der Schwere ihrer Schollen schief.
Das wird ein wunderliches Wiederkehren
in eine wunderliche Heimat sein;
auch die dich niemals kannten, werden schrein
und deine Gre wie ein Recht begehren:
wie Brot und Wein.

Allschauender, du kennst das wilde Bild,
das ich in meinem Dunkel zitternd dichte.
Durch dich kommt alles, denn du bist das Tor,--
und alles war in deinem Angesichte,
eh es in unserm sich verlor.
Du kennst das Bild vom riesigen Gerichte:
Ein Morgen ist es, doch aus einem Lichte,
das deine reife Liebe nie erschuf,
ein Rauschen ist es, nicht aus deinem Ruf,
ein Zittern, nicht von gttlichem Verzichte,
ein Schwanken, nicht in deinem Gleichgewichte.
Ein Rascheln ist und ein Zusammenraffen
in allen den geborstenen Gebuden,
ein Sichentgelten und ein Sich vergeuden,
ein Sichbegatten und ein Sichbegaffen,
und ein Betasten aller alten Freuden
und aller Lste welke Wiederkehr.
Und ber Kirchen, die wie Wunden klaffen,
ziehn schwarze Vgel, die du nie erschaffen,
in irren Zgen hin und her.

So ringen sie, die lange Ausgeruhten,
und packen sich mit ihren nackten Zhnen
und werden bange, weil sie nicht mehr bluten,
und suchen, wo die Augenbecher ghnen,
mit kalten Fingern nach den toten Trnen.
Und werden mde. Wenige Minuten
nach ihrem Morgen bricht der Abend ein.
Sie werden ernst und lassen sich allein
und sind bereit, im Sturme aufzusteigen,
wenn sich auf deiner Liebe heitrem Wein
die dunklen Tropfen deines Zornes zeigen,
um deinem Urteil nah zu sein.
Und da beginnt es, nach dem groen Schrein:
das bergroe frchterliche Schweigen.
Sie sitzen alle wie vor schwarzen Tren
in einem Licht, das sie, wie mit Geschwren,
mit vielen grellen Flecken berst.

Und wachsend wird der Abend alt und spt.
Und Nchte fallen dann in groen Stcken
auf ihre Hnde und auf ihren Rcken,
der wankend sich mit schwarzer Last beldt.
Sie warten lange. Ihre Schultern schwanken
unter dem Drucke wie ein dunkles Meer,
sie sitzen, wie versunken in Gedanken,
und sind doch leer.
Was sttzen sie die Stirnen?
Ihre Gehirne denken irgendwo
tief in der Erde, eingefallen, faltig:
Die ganze alte Erde denkt gewaltig,
und ihre groen Bume rauschen so.

Allschauender, gedenkst du dieses bleichen
und bangen Bildes, das nicht seinesgleichen
unter den Bildern deines Willens hat?
Hast du nicht Angst vor dieser stummen Stadt,
die, an dir hangend wie ein welkes Blatt,
sich heben will zu deines Zornes Zeichen?
0, greife allen Tagen in die Speichen,
da sie zu bald nicht diesem Ende nahen,--
vielleicht gelingt es dir noch auszuweichen
dem groen Schweigen, das wir beide sahen.
Vielleicht kannst du noch einen aus uns heben,
der diesem frchterlichen Wiederleben
den Sinn, die Sehnsucht und die Seele nimmt,
einen, der bis in seinen Grund ergrimmt
und dennoch froh durch alle Dinge schwimmt,
der Krfte unbekmmerter Verbraucher,
der sich auf allen Saiten geigt
und unversehrt als unerkannter Taucher
in alle Tode niedersteigt.
... Oder, wie hoffst du diesen Tag zu tragen,
der lnger ist als aller Tage Lngen,
mit seines Schweigens schrecklichen Gesngen,
wenn dann die Engel dich, wie lauter Fragen,
mit ihrem schauerlichen Flgelschlagen umdrngen?
Sieh, wie sie zitternd in den Schwingen hngen
und dir mit hunderttausend Augen klagen,
und ihres sanften Liedes Stimmen wagen
sich aus den vielen wirren bergngen
nicht mehr zu heben zu den klaren Klngen.
Und wenn die Greise mit den breiten Brten,
die dich berieten bei den besten Siegen,
nur leise ihre weien Hupter wiegen,
und wenn die Frauen, die den Sohn dir nhrten,
und die von ihm Verfhrten, die Gefhrten,
und alle Jungfraun, die sich ihm gewhrten:
die lichten Birken deiner dunklen Grten,--
wer soll dir helfen, wenn sie alle schwiegen?

Und nur dein Sohn erhbe sich unter denen,
welche sitzen um deinen Thron.
Grbe sich deine Stimme dann in sein Herz?
Sagte dein einsamer Schmerz dann:
Sohn!
Suchtest du dann das Angesicht
dessen, der das Gericht gerufen,
dein Gericht und deinen Thron:
Sohn!
Hieest du, Vater, dann deinen Erben,
leise begleitet von Magdalenen,
niedersteigen zu jenen,
die sich sehnen, wieder zu sterben?

Das wre dein letzter Knigserla,
die letzte Huld und der letzte Ha;
aber dann kme alles zu Ruh:
der Himmel und das Gericht und du.
Alle Gewnder des Rtsels der Welt?
das sich so lange verschleiert hlt,
fallen mit dieser Spange.
... Doch mir ist bange....
Allschauender, sieh, wie mir bange ist,
mi meine Qual!
Mir ist bange, da du schon lange vergangen bist,
als du zum erstenmal
in deinem Alleserfassen
das Bild dieses blassen
Gesichtes sahst,
dem du dich hilflos nahst, Allschauender.
Bist du damals entflohn?
Wohin?
Vertrauender
kann keiner dir kommen

als ich,
der ich dich
nicht um Lohn
verraten will wie alle die Frommen.
Ich will nur, weil ich verborgen bin
und mde wie du, noch mder vielleicht,
und weil meine Angst vor dem groen Gericht
deiner gleicht,
will ich mich dicht,
Gesicht bei Gesicht,
an dich heften;
mit einigen Krften
werden wir wehren dem groen Rade,
ber welches die mchtigen Wasser gehn,
die rauschen und schnauben--
denn: Wehe, sie werden auferstehn.
So ist ihr Glauben: gro und ohne Gnade.




KARL DER ZWLFTE VON SCHWEDEN
REITET IN DER UKRAINE

I

Knige in Legenden
sind wie Berge im Abend. Blenden
jeden, zu dem sie sich wenden.
Die Grtel um ihre Lenden
und die lastenden Mantelenden
sind Lnder und Leben wert.
Mit den reichgekleideten Hnden
geht, schlank und nackt, das Schwert.


Ein junger Knig aus Norden war
in der Ukraine geschlagen.
Der hate Frhling und Frauenhaar
und die Harfen und was sie sagen.
Der ritt auf einem grauen Pferd,
sein Auge schaute grau
und hatte niemals Glanz begehrt
zu Fen einer Frau.
Keine war seinem Blicke blond,
keine hat kssen ihn gekonnt;
und wenn er zornig war,
so ri er einen Perlenmond
aus wunderschnem Haar.
Und wenn ihn Trauer berkam,
so machte er ein Mdchen zahm
und forschte, wessen Ring sie nahm
und wem sie ihren bot--
Und: hetzte ihr den Brutigam
mit hundert Hunden tot.

Und er verlie sein graues Land,
das ohne Stimme war,
und ritt in einen Widerstand
und kmpfte um Gefahr,
bis ihn das Wunder berwand:
wie trumend ging ihm seine Hand
von Eisenband zu Eisenband
und war kein Schwert darin;
er war zum Schauen aufgewacht:

es schmeichelte die schne Schlacht
um seinen Eigensinn.
Er sa zu Pferde: ihm entging
keine Gebrde rings.
Auf Silber sprach jetzt Ring zu Ring,
und Stimme war in jedem Ding,
und wie in vielen Glocken hing
die Seele jedes Dings.
Und auch der Wind war anders gro,
der in die Fahnen sprang,
schlank wie ein Panther, atemlos
und taumelnd vom Trompetensto,
der lachend mit ihm rang.
Und manchmal griff der Wind hinab:
da ging ein Blutender,--ein Knab,
welcher die Trommel schlug;
er trug sie immer auf und ab
und trug sie wie sein Herz ins Grab
vor seinem toten Zug.
Da wurde mancher Berg geballt,
als wr die Erde noch nicht alt
und baute sich erst auf;
bald stand das Eisen wie Basalt,
bald schwankte wie ein Abendwald
mit breiter steigender Gestalt
der grobewegte Hauf.
Es dampfte dumpf die Dunkelheit,
was dunkelte, war nicht die Zeit,--
und alles wurde grau,
aber schon fiel ein neues Scheit,
und wieder ward die Flamme breit
und festlich angefacht.
Sie griffen an: in fremder Tracht
ein Schwrm phantastischer Provinzen;
wie alles Eisen pltzlich lacht:
von einem silberlichten Prinzen
erschimmerte die Abendschlacht.
Die Fahnen flatterten wie Freuden,
und alle hatten kniglich
in ihren Gesten ein Vergeuden,--
an fernen flammenden Gebuden
entzndeten die Sterne sich....

Und Nacht war. Und die Schlacht trat sachte
zurck wie ein sehr mdes Meer,
das viele fremde Tote brachte,
und alle Toten waren schwer.
Vorsichtig ging das graue Pferd
(von groen Fusten abgewehrt)
durch Mnner, welche fremd verstarben,
und trat auf flaches schwarzes Gras.
Der auf dem grauen Pferde sa,
sah unten auf den feuchten Farben
viel Silber wie zerschelltes Glas.
Sah Eisen welken, Helme trinken
und Schwerter stehn in Panzernaht,
sterbende Hnde sah er winken
mit einem Fetzen von Brokat...

Und sah es nicht.

Und ritt dem Lrme
der Feldschlacht nach, als ob er schwrme,
mit seinen Wangen voller Wrme
und mit den Augen von Verliebten....





DER SOHN


Mein Vater war ein verbannter
Knig von berm Meer.
Ihm kam einmal ein Gesandter:
sein Mntel war ein Panther,
und sein Schwert war schwer.

Mein Vater war wie immer
ohne Helm und Hermelin;
es dunkelte das Zimmer
wie immer arm um ihn.
Es zitterten seine Hnde
und waren bla und leer,--
in bilderlose Wnde
blicklos schaute er.

Die Mutter ging im Garten
und wandelte wei im Grn
und wollte den Wind erwarten
vor dem Abendglhn.
Ich trumte, sie wrde mich rufen,
aber sie ging allein,--
lie mich vom Rande der Stufen
horchen verhallenden Hufen
und ins Haus hinein:

Vater! Der fremde Gesandte...?
Der reitet wieder im Wind....
Was wollte der? Er erkannte
dein blondes Haar, mein Kind.

Vater! Wie war er gekleidet!
Wie der Mantel von ihm flo!
Geschmiedet und geschmeidet
war Schulter, Brust und Ro.
Er war eine Stimme im Stahle,
er war ein Mann aus Nacht,--
aber er hat eine schmale
Krone mitgebracht.
Sie klang bei jedem Schritte
an sein sehr schweres Schwert,
die Perle in ihrer Mitte
ist viele Leben wert.
Vom zornigen Ergreifen
verbogen ist der Reifen,
der oft gefallen war:
es ist eine Kinderkrone,--
denn Knige sind ohne;
--gib sie meinem Haar!
Ich will sie manchmal tragen
in Nchten, bla vor Scham.
Und will dir, Vater, sagen,
woher der Gesandte kam.
Was dort die Dinge gelten,
ob steinern steht die Stadt,
oder ob man in Zelten
mich erwartet hat.

Mein Vater war ein Gekrnkter
und kannte nur wenig Ruh.
Er hrte mir mit verhngter
Stirne nchtelang zu.
Mir lag im Haar der Ring.
Und ich sprach ganz nahe und sachte,
da die Mutter nicht erwachte,--
die an dasselbe dachte,
wenn sie, ganz wei gelassen,
vor abendlichen Massen
durch dunkle Grten ging.



So wurden wir vertrumte Geiger,
die leise aus den Tren treten,
um auszuschauen, eh sie beten,
ob nicht ein Nachbar sie belauscht.
Die erst, wenn alle sich zerstreuten,
hinter dem letzten Abendluten,
die Lieder spielen, hinter denen
(wie Wald im Wind hinter Fontnen)
der dunkle Geigenkasten rauscht.
Denn dann nur sind die Stimmen gut,
wenn Schweigsamkeiten sie begleiten,
wenn hinter dem Gesprch der Saiten
Gerusche bleiben wie von Blut;
und bang und sinnlos sind die Zeiten,
wenn hinter ihren Eitelkeiten
nicht etwas waltet, welches ruht.

Geduld: es kreist der leise Zeiger,
und was verheien ward, wird sein:
wir sind die Flstrer vor dem Schweiger,
wir sind die Wiesen vor dem Hain;
in ihnen geht noch dunkles Summen--
(viel Stimmen sind und doch kein Chor)
und sie bereiten auf die stummen
tiefen heiligen Haine vor....





DIE ZAREN

EIN GEDICHTKREIS (1899 und 1906)




I


Das war in Tagen, da die Berge kamen:
die Bume bumten sich, die noch nicht zahmen,
und rauschend in die Rstung stieg der Strom.
Zwei fremde Pilger riefen einen Namen,
und aufgewacht aus seinem langen Lahmen
war Ilija, der Riese von Murom.

Die alten Eltern brachen in den ckern
an Steinen ab und an den wilden Wuchs;
da kam der Sohn, ganz gro, von seinen Weckern
und zwang die Furchen in die Furcht des Pflugs.
Er hob die Stmme, die wie Streiter standen,
und lachte ihres wankenden Gewichts,
und aufgestrt wie schwarze Schlangen wanden
die Wurzeln, welche nur das Dunkel kannten,
sich in dem breiten Griff des Lichts.

Es strkte sich im frhen Tau die Mhre,
in deren Adern Kraft und Adel schlief;
sie reifte unter ihres Reiters Schwere,
ihr Wiehern war wie eine Stimme tief,--
und beide fhlten, wie das Ungefhre
sie mit verheienden Gefahren rief.

Und reiten, reiten ... vielleicht tausend Jahre.
Wer zhlt die Zeit, wenn einmal einer will.
(Vielleicht sa er auch tausend Jahre still.)
Das Wirkliche ist wie das Wunderbare:
es mit die Welt mit eigenmchtigen Maen;
Jahrtausende sind ihm zu jung.

Weit schreiten werden, welche lange saen
in ihrer tiefen Dmmerung.




II


Noch drohen groe Vgel allenthalben,
und Drachen glhn und hten berall
der Wlder Wunder und der Schluchten Fall;
und Knaben wachsen an, und Mnner salben
sich zu dem Kampfe mit der Nachtigall,

die oben in den Kronen von neun Eichen
sich lagert wie ein tausendfaches Tier,
und abends geht ein Schreien ohnegleichen,
ein schreiendes Bis-an-das-Ende-reichen,
und geht die ganze Nacht lang aus von ihr;

die Frhlingsnacht, die schrecklicher als alles
und schwerer war und banger zu bestehn:
ringsum kein Zeichen eines berfalles
und dennoch alles voller bergehn,
hinwerfend sich und Stck fr Stck sich gebend,
ja jenes Etwas, welches um sich griff,
anrufend noch, am ganzen Leibe bebend
und darin untergehend wie ein Schiff.

Das waren berstarke, die da blieben,
von diesem Riesigen nicht aufgerieben,
das aus den Kehlen wie aus Kratern brach;
sie dauerten, und alternd nach und nach
begriffen sie die Bangnis der Aprile,
und ihre ruhigen Hnde hielten viele

und fhrten sie durch Furcht und Ungemach
zu Tagen, da sie froher und gesnder
die Mauern bauten um die Stdtegrnder,
die ber allem gut und kundig saen.

Und schlielich kamen auf den ersten Straen
aus Hhlen und verhaten Hinterhalten
die Tiere, die fr unerbittlich galten.
Sie stiegen still aus ihren bermaen
(beschmte und veraltete Gewalten)
und legten sich gehorsam vor die Alten.




III


Seine Diener fttern mit mehr und mehr
ein Rudel von jenen wilden Gerchten,
die auch noch Er sind, alles noch Er.

Seine Gnstlinge flchten vor ihm her.

Und seine Frauen flstern und stiften
Bnde. Und er hrt sie ganz innen
in ihren Gemchern mit Dienerinnen,
die sich scheu umsehn, sprechen von Giften.

Alle Wnde sind hohl von Schrnken und Fchern,
Mrder ducken unter den Dchern
und spielen Mnche mit viel Geschick.

Und er hat nichts als einen Blick
dann und wann; als den leisen
Schritt auf den Treppen, die kreisen;
nichts als das Eisen an seinem Stock.

Nichts als den drftigen Berrock
(durch den die Klte aus den Fliesen
an ihm hinaufkriecht wie mit Krallen),
nichts, was er zu rufen Wagt,
nichts als die Angst vor allen diesen,
nichts als die tgliche Angst vor allen,
die ihn jagt durch diese gejagten

Gesichter an dunklen, ungefragten,
vielleicht schuldigen Hnden entlang.
Manchmal packt er einen im Gang
grade noch an des Mantels Falten,
und er zerrt ihn zornig her;
aber im Fenster wei er nicht mehr:
Wer ist Haltender? Wer ist gehalten?
Wer bin ich und wer ist der?




IV


Es ist die Stunde, da das Reich sich eitel
in seines Glanzes vielen Spiegeln sieht.

Der blasse Zar, des Stammes letztes Glied,
trumt auf dem Thron, davor das Fest geschieht,
und leise zittert sein beschmter Scheitel
und seine Hand, die vor den Purpurlehnen
mit einem unbestimmten Sehnen
ins wirre Ungewisse flieht.

Und um sein Schweigen neigen sich Bojaren
in blanken Panzern und in Pantherfellen,
wie viele fremde frstliche Gefahren,
die ihn mit stummer Ungeduld umstellen.
Tief in den Saal schlgt ihre Ehrfurcht Wellen.

Und sie gedenken eines andern Zaren,
der oft mit Worten, die aus Wahnsinn waren,
ihnen die Stirnen an die Steine stie.
Und denken also weiter: jener lie
nicht so viel Raum, wenn er zu Throne sa,
auf dem verwelkten Samt des Kissens leer.

Er war der Dinge dunkles Ma,
und die Bojaren wuten lang nicht mehr,
da rot der Sitz des Sessels sei, so schwer
lag sein Gewand und wurde golden breit.

Und weiter denken sie: Das Kaiserkleid
schlft auf den Schultern dieses Knaben ein.
Obgleich im ganzen Saal die Fackeln flacken,
sind bleich die Perlen, die in sieben Reihn
wie weie Kinder knien um seinen Nacken,
und die Rubine an den rmelzacken,
die einst Pokale waren, klar von Wein,
sind schwarz wie Schlacken--

Und ihr Denken schwillt.

Es drngt sich heftig an den blassen Kaiser,
auf dessen Haupt die Krone immer leiser
und dem der Wille immer fremder wird;
er lchelt. Lauter prfen ihn die Preiser,
ihr Neigen nhert sich, sie schmeicheln heiser,
und eine Klinge hat im Traum geklirrt.




V


Der blasse Zar wird nicht am Schwerte sterben,
die fremde Sehnsucht macht ihn sakrosankt;
er wird die feierlichen Reiche erben,
an denen seine sanfte Seele krankt.

Schon jetzt, hintretend an ein Kremlfenster,
sieht er ein Moskau, weier, unbegrenzter,
in seine endlich fertige Nacht gewebt;
so wie es ist im ersten Frhlingswirken,
wenn in den Gassen der Geruch aus Birken
von lauter Morgenglocken bebt.

Die groen Glocken, die so herrisch lauten,
sind seine Vter, jene ersten Zaren,
die sich noch vor den Tagen der Tataren
aus Sagen, Abenteuern und Gefahren,
aus Zorn und Demut zgernd auferbauten.

Und er begreift auf einmal, wer sie waren,
und da sie oft um ihres Dunkels Sinn
in seine eignen Tiefen niedertauchten
und ihn, den Leisesten von den Erlauchten,
in ihren Taten gro und fromm verbrauchten
schon lang vor seinem Anbeginn.

Und eine Dankbarkeit kommt ber ihn,
da sie ihn so verschwenderisch vergeben
an aller Dinge Durst und Drang.
Er war die Kraft zu ihrem berschwang,
der goldne Grund, vor dem ihr breites Leben
geheimnisvoll zu dunkeln schien.

In allen ihren Werken schaut er sich
wie eingelegtes Silber in Zieraten,
und es gibt keine Tat in ihren Taten,
die nicht auch war in seinen stillen Staaten,
in denen alles Handelns Rot verblich.




VI


Noch immer schauen in den Silberplatten
wie tiefe Frauenaugen die Saphire,
Goldranken schlingen sich wie schlanke Tiere,
die sich im Glnze ihrer Brnste gatten,
und sanfte Perlen warten in dem Schatten
wilder Gebilde, da ein Schimmer ihre
stillen Gesichter finde und verliere.
Und das ist Mantel, Strahlenkranz und Land,
und ein Bewegen geht von Rand zu Rand,
wie Korn im Wind und wie ein Flu im Tale,
so glnzt es wechselnd durch die Rahmenwand.

In ihrer Sonne dunkeln drei Ovale:
das groe gibt dem Mutterantlitz Raum,
und rechts und links hebt eine mandelschmale
Jungfrauenhand sich aus dem Silbersaum.
Die beiden Hnde, seltsam still und braun,
verknden, da im kstlichen Ikone
die Knigliche wie im Kloster wohne,
die berflieen wird von jenem Sohne,
von jenem Tropfen, drinnen wolkenohne
die niegehofften Himmel blaun.

Die Hnde zeugen noch dafr;
aber das Antlitz ist wie eine Tr
in warme Dmmerungen aufgegangen,
in die das Lcheln von den Gnadenwangen
mit seinem Lichte irrend sich verlor.

Da neigt sich tief der Zar davor und spricht:
Fhltest du nicht, wie sehr wir in dich drangen
mit allem: Fhlen, Frchten und Verlangen;
wir warten auf dein liebes Angesicht,
das uns vergangen ist; wohin vergangen?

Den groen Heiligen vergeht es nicht.

Er bebte tief in seinem steifen Kleid,
das strahlend stand. Er wute nicht, wie weit
er schon von allem war und ihrem Segnen,
wie selig nah in seiner Einsamkeit.

Noch sinnt und sinnt der blasse Gossudar.
Und sein Gesicht, das unterm kranken Haar
schon lange tief und wie im Fortgehn war,
verging, wie jenes in dem Goldovale,
in seinem groen goldenen Talar.

(Um ihrem Angesichte zu begegnen.)

Zwei Goldgewnder schimmerten im Saale
und wurden in dem Glanz der Ampeln klar.





DER SNGER SINGT VOR EINEM FRSTENKIND

DEM ANDENKEN VON PAULA BECKER-MODERSOHN




Du blasses Kind, an jedem Abend soll
der Snger dunkel stehn bei deinen Dingen
und soll dir Sagen, die im Blute klingen,
ber die Brcke seiner Stimme bringen
und eine Harfe, seiner Hnde voll.

Nicht aus der Zeit ist, was er dir erzhlt,
gehoben ist es wie aus Wandgeweben;
solche Gestalten hat es nie gegeben;--
und Niegewesenes nennt er das Leben.
Und heute hat er diesen Sang erwhlt:

Du blondes Kind von Frsten und aus Frauen,
die einsam warteten im weien Saal,--
fast alle waren bang, dich aufzubauen,
um aus den Bildern einst auf dich zu schauen:
auf deine Augen mit den ernsten Brauen,
auf deine Hnde, hell und schmal.

Du hast von ihnen Perlen und Trkisen,
von diesen Frauen, die in Bildern stehn,
als stnden sie allein in Abendwiesen,--
du hast von ihnen Perlen und Trkisen,--
und Ringe mit verdunkelten Devisen
und Seiden, welche welke Dfte wehn.

Du trgst die Gemmen ihrer Grtelbnder
ans hohe Fenster in den Glanz der Stunden,
und in die Seide sanfter Brautgewnder
sind deine kleinen Bcher eingebunden,
und drinnen hast du, mchtig ber Lnder,
ganz gro geschrieben und mit reichen, runden
Buchstaben deinen Namen vorgefunden.

Und alles ist, als wr es schon geschehn.

Sie haben so, als ob du nicht mehr kmst,
an alle Becher ihren Mund gesetzt,
zu allen Freuden ihr Gefhl gehetzt
und keinem Leide leidlos zugesehn;
so da du jetzt
stehst und dich schmst.

... Du blasses Kind, dein Leben ist auch eines,--
der Snger kommt dir sagen, da du bist.
Und da du mehr bist als ein Traum des Haines,
mehr als die Seligkeit des Sonnenscheines,
den mancher graue Tag vergit.
Dein Leben ist so unaussprechlich deines,
weil es von vielen berladen ist.

Empfindest du, wie die Vergangenheiten
leicht werden, wenn du eine Weile lebst,
wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten,
jedes Gefhl mit Bildern dir begleiten,--
und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeiten
fr eine Geste, die du schn erhebst.--

Das ist der Sinn von allem, was einst war,
da es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere,
da es zu unserm Wesen wiederkehre,
in uns verwoben, tief und wunderbar:
So waren diese Frauen elfenbeinern,
von vielen Rosen rtlich angeschienen,
so dunkelten die mden Knigsmienen,
so wurden fahle Frstenmunde steinern
und unbewegt von Waisen und von Weinern,
so klangen Knaben an wie Violinen
und starben fr der Frauen schweres Haar;
so gingen Jungfraun der Madonna dienen,
denen die Welt verworren war.
So wurden Lauten laut und Mandolinen,
in die ein Unbekannter grer griff,--
in warmen Samt verlief der Dolche Schliff,--
Schicksale bauten sich aus Glck und Glauben,
Abschiede schluchzten auf in Abendlauben,--
und ber hundert schwarzen Eisenhauben
schwankte die Feldschlacht wie ein Schiff.
So wurden Stdte langsam gro und fielen
in sich zurck wie Wellen eines Meeres,
so drngte sich zu hochbelohnten Zielen
die rasche Vogelkraft des Eisenspeeres,
so schmckten Kinder sich zu Gartenspielen,--
und so geschah Unwichtiges und Schweres
nur, um fr dieses tgliche Erleben
dir tausend groe Gleichnisse zu geben,
an denen du gewaltig wachsen kannst.
Vergangenheiten sind dir eingepflanzt,
um sich aus dir, wie Grten, zu erheben.

Du blasses Kind, du machst den Snger reich
mit deinem Schicksal, das sich singen lt:
So spiegelt sich ein groes Gartenfest
mit vielen Lichtern im erstaunten Teich.
Im dunklen Dichter wiederholt sich still
ein jedes Ding: ein Stern, ein Haus, ein Wald.
Und viele Dinge, die er feiern will,
umstehen deine rhrende Gestalt.





DIE AUS DEM HAUSE COLONNA


Ihr fremden Mnner, die ihr jetzt so still
in Bildern steht, ihr saet gut zu Pferde,
und ungeduldig gingt ihr durch das Haus;
wie ein schner Hund, mit derselben Gebrde
ruhn eure Hnde jetzt bei euch aus.

Euer Gesicht ist so voll von Schauen,
denn die Welt war euch Bild und Bild;
aus Waffen, Fahnen, Frchten und Frauen
quillt euch dieses groe Vertrauen,
da alles _ist_ und da alles _gilt_.

Aber damals, als ihr noch zu jung
wart, die groen Schlachten zu schlagen,
zu jung, um den ppstlichen Purpur zu tragen,
nicht immer glcklich bei Reiten und Jagen,
Knaben noch, die sich den Frauen versagen,
habt ihr aus jenen Knaben tagen
keine, nicht eine Erinnerung?

Wit ihr nicht mehr, was damals war?

Damals war der Altar
mit dem Bilde, auf dem Maria gebar,
in dem einsamen Seitenschiff.
Euch ergriff
eine Blumenranke;
der Gedanke,
da die Fontne allein
drauen im Garten in Mondenschein
ihre Wasser warf,
war wie eine Welt.

Das Fenster ging bis zu den Fen auf wie eine Tr;
und es war Park mit Wiesen und Wegen:
seltsam nah und doch so entlegen,
seltsam hell und doch wie verborgen,
und die Brunnen rauschten wie Regen,
und es war, als kme kein Morgen
dieser langen Nacht entgegen,
die mit allen Sternen stand.

Damals wuchs euch, Knaben, die Hand,
die warm war. (Ihr aber wutet es nicht.)
Damals breitete euer Gesicht sich aus.





DES ZWEITEN BUCHES ZWEITERTEIL




FRAGMENTE AUS VERLORENEN TAGEN



Wie Vgel, welche sich gewhnt ans Gehn
und immer schwerer werden, wie im Fallen:
die Erde saugt aus ihren langen Krallen
die mutige Erinnerung von allen
den groen Dingen, welche hoch geschehn,
und macht sie fast zu Blttern, die sich dicht
am Boden halten--
wie Gewchse, die,
kaum aufwrts wachsend, in die Erde kriechen,
in schwarzen Schollen unlebendig licht
und weich und feucht versinken und versiechen,
wie irre Kinder,--wie ein Angesicht
in einem Sarg,--wie frohe Hnde, welche
unschlssig werden, weil im vollen Kelche
sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind,--
wie Hilferufe, die im Abendwind
begegnen vielen dunklen groen Glocken,--
wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken,
wie Gassen, die verrufen sind,--wie Locken,
darinnen Edelsteine blind geworden sind,--
wie Morgen im April
vor allen vielen Fenstern des Spitales:
die Kranken drngen sich am Saum des Saales
und schaun: die Gnade eines frhen Strahles
macht alle Gassen frhlinglich und weit;
sie sehen nur die helle Herrlichkeit,
welche die Huser jung und lachend macht,
und wissen nicht, da schon die ganze Nacht
ein Sturm die Kleider von den Himmeln reit,
ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist
ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust
und der den Dingen alle Brde
von ihren Schultern nimmt,--
da etwas drauen gro ist und ergrimmt,
da drauen die Gewalt geht, eine Faust,
die jeden von den Kranken wrgen wrde
inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben.--
... Wie lange Nchte in verwelkten Lauben,
die schon zerrissen sind auf allen Seiten
und viel zu weit, um noch mit einem zweiten,
den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen,--
wie nackte Mdchen, kommend ber Steine,
wie Trunkene in einem Birkenhaine,--
wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen
und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter
ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter
durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen,
wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen
und dann versterben, so da keiner je
abwenden knnte das verhngte Weh,
wie volle Rosen, knstlich aufgezogen
im blauen Treibhaus, wo die Lfte logen,
und dann vom bermut in groem Bogen
hinausgestreut in den verwehten Schnee,--
wie eine Erde, die nicht kreisen kann,
weil zuviel Tote ihr Gefhl beschweren,
wie ein erschlagener verscharrter Mann,
dem sich die Hnde gegen Wurzeln wehren,--
wie eine von den hohen, schlanken, roten
Hochsommerblumen, welche unerlst
ganz pltzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen,
weil ihre Wurzel unten an Trkisen
im Ohrgehnge einer Toten
stt....

Und mancher Tage Stunden waren so.
Als formte wer mein Abbild irgendwo,
um es mit Nadeln langsam zu mihandeln.
Ich sprte jede Spitze seiner Spiele,
und war, als ob ein Regen auf mich fiele,
in welchem alle Dinge sich verwandeln.





DIE STIMMEN

NEUN BLTTER MIT EINEM TITELBLATT



TITELBLATT


Die Reichen und Glcklichen haben gut schweigen,
niemand will wissen, was sie sind.
Aber die Drftigen mssen sich zeigen,
mssen sagen: ich bin blind,
oder: ich bin im Begriff, es zu werden,
oder: es geht mir nicht gut auf Erden,
oder: ich habe ein krankes Kind,
oder: da bin ich zusammengefugt....

Und vielleicht, da das gar nicht gengt.

Und weil alle sonst, wie an Dingen,
an ihnen vorbeigehn, mssen sie singen.

Und da hrt man noch guten Gesang.

Freilich die Menschen sind seltsam; sie hren
lieber Kastraten in Knabenchren.

Aber Gott selber kommt und bleibt lang,
wenn ihn diese Beschnittenen stren.




DAS LIED DES BETTLERS


Ich gehe immer von Tor zu Tor,
verregnet und verbrannt;
auf einmal leg ich mein rechtes Ohr
in meine rechte Hand.
Dann kommt mir meine Stimme vor,
als htt ich sie nie gekannt.

Dann wei ich nicht sicher, wer da schreit,
ich oder irgendwer.
Ich schreie um eine Kleinigkeit.
Die Dichter schrein um mehr.

Und endlich mach ich noch mein Gesicht
mit beiden Augen zu;
wie's dann in der Hand liegt mit seinem Gewicht,
sieht es fast aus wie Ruh.
Damit sie nicht meinen, ich htte nicht,
wohin ich mein Haupt tu.




DAS LIED DES BLINDEN


Ich bin blind, ihr drauen, das ist ein Fluch,
ein Widerwillen, ein Widerspruch,
etwas tglich Schweres.
Ich leg meine Hand auf den Arm der Frau,
meine graue Hand auf ihr graues Grau,
und sie fhrt mich durch lauter Leeres.

Ihr rhrt euch und rckt und bildet euch ein,
anders zu klingen als Stein auf Stein,
aber ihr irrt euch: ich allein
lebe und leide und lrme.
In mir ist ein endloses Schrein,
und ich wei nicht, schreit mir mein
Herz oder meine Gedrme.

Erkennt ihr die Lieder? Ihr sanget sie nicht,
nicht ganz in dieser Betonung.
Euch kommt jeden Morgen das neue Licht
warm in die offene Wohnung.
Und ihr habt ein Gefhl von Gesicht zu Gesicht,
und das verleitet zur Schonung.




DAS LIED DES TRINKERS


Es war nicht in mir. Es ging aus und ein.
Da wollt ich es halten. Da hielt es der Wein.
(Ich wei nicht mehr, was es war.)
Dann hielt er mir jenes und hielt mir dies,
bis ich mich ganz auf ihn verlie.
Ich Narr.

Jetzt bin ich in seinem Spiel, und er streut
mich verchtlich herum und verliert mich noch heut
an dieses Vieh, an den Tod.
Wenn der mich, schmutzige Karte, gewinnt,
so kratzt er mit mir seinen grauen Grind
und wirft mich fort in den Kot.




DAS LIED DES SELBSTMRDERS


Also noch einen Augenblick.
Da sie mir immer wieder den Strick
zerschneiden.
Neulich war ich so gut bereit,
und es war schon ein wenig Ewigkeit
in meinen Eingeweiden.

Halten sie mir den Lffel her,
diesen Lffel Leben.
Nein, ich will und ich will nicht mehr,
lat mich mich bergeben.

Ich wei, das Leben ist gar und gut,
und die Welt ist ein voller Topf,
aber mir geht es nicht ins Blut,
mir steigt es nur zu Kopf.

Andere nhrt es, mich macht es krank;
begreift, da man's verschmht.
Mindestens ein Jahrtausend lang
brauch ich jetzt Dit.




DAS LIED DER WITWE


Am Anfang war mir das Leben gut.
Es hielt mich warm, es machte mir Mut.
Da es das allen Jungen tut,
wie knnt ich das damals wissen.
Ich wute nicht, was das Leben war--,
auf einmal war es nur Jahr und Jahr,
nicht mehr gut, nicht mehr neu, nicht mehr wunderbar,
wie mitten entzweigerissen.

Das war nicht seine, nicht meine Schuld;
wir hatten beide nichts als Geduld,
aber der Tod hat keine.
Ich sah ihn kommen (wie schlecht er kam),
und ich schaute ihm zu, wie er nahm und nahm:
es war ja gar nicht das Meine.

Was war denn das Meine; meines, mein?
War mir nicht selbst mein Elendsein
nur vom Schicksal geliehn?
Das Schicksal will nicht nur das Glck,
es will die Pein und das Schrein zurck,
und es kauft fr alt den Ruin.

Das Schicksal war da und erwarb fr ein Nichts
jeden Ausdruck meines Gesichts,
bis auf die Art zu gehn.
Das war ein tglicher Ausverkauf,
und als ich leer war, gab es mich auf
und lie mich offen stehn.




DAS LIED DES IDIOTEN


Sie hindern mich nicht. Sie lassen mich gehn.
Sie sagen, es knne nichts geschehn.
Wie gut.
Es kann nichts geschehn. Alles kommt und kreist
immerfort um den Heiligen Geist,
um den gewissen Geist (du weit)--,
wie gut.

Nein, man mu wirklich nicht meinen, es sei
irgendeine Gefahr dabei.
Da ist freilich das Blut.
Das Blut ist das Schwerste. Das Blut ist schwer,
manchmal glaub ich, ich kann nicht mehr--.
(Wie gut.)

Ah, was ist das fr ein schner Ball;
rot und rund wie ein berall.
Gut, da ihr ihn erschuft.
Ob der wohl kommt, wenn man ruft?

Wie sich das alles seltsam benimmt,
ineinandertreibt, auseinanderschwimmt:
freundlich, ein wenig unbestimmt;
wie gut.




DAS LIED DER WAISE


Ich bin niemand und werde auch niemand sein.
Jetzt bin ich ja zum Sein noch zu klein;
aber auch spter.

Mtter und Vter,
erbarmt euch mein.

Zwar es lohnt nicht des Pflegens Mh:
ich werde doch gemht.
Mich kann keiner brauchen: jetzt ist es zu frh,
und morgen ist es zu spt.

Ich habe nur dieses eine Kleid,
es wird dnn, und es verbleicht,
aber es hlt eine Ewigkeit
auch noch vor Gott vielleicht.

Ich habe nur dieses bichen Haar
(immer dasselbe blieb),
das einmal Eines Liebstes war.

Nun hat er nichts mehr lieb.




DAS LIED DES ZWERGES


Meine Seele ist vielleicht grad und gut;
aber mein Herz, mein verbogenes Blut,
alles das, was mir wehe tut,
kann sie nicht aufrecht tragen.
Sie hat keinen Garten, sie hat kein Bett,
sie hngt an meinem scharfen Skelett
mit entsetztem Flgelschlagen?

Aus meinen Hnden wird auch nichts mehr.
Wie verkmmert sie sind, sieh her:
zhe hpfen sie, feucht und schwer,
wie kleine Krten nach Regen.
Und das andere an mir ist
abgetragen und alt und trist;
warum zgert Gott, auf den Mist
alles das hinzulegen?

Ob er mir zrnt fr mein Gesicht
mit dem mrrischen Munde?
Es war ja so oft bereit, ganz licht
und klar zu werden im Grunde;
aber nichts kam ihm je so dicht
wie die groen Hunde.
Und die Hunde haben das nicht.




DAS LIED DES AUSSTZIGEN


Sieh, ich bin einer, den alles verlassen hat.
Keiner wei in der Stadt von mir,
Aussatz hat mich befallen.
Und ich schlage mein Klapperwerk,
klopfe mein trauriges Augenmerk
in die Ohren allen,
die nahe Vorbergehn.
Und die es hlzern hren, sehn
erst gar nicht her, und was hier geschehn,
wollen sie nicht erfahren.

Soweit der Klang meiner Klapper reicht,
bin ich zuhause; aber vielleicht
machst du meine Klapper so laut,
da sich keiner in meine Ferne traut,
der mir jetzt aus der Nhe weicht.
So da ich sehr lange gehen kann,
ohne Mdchen, Frau oder Mann
oder Kind zu entdecken.

Tiere will ich nicht schrecken.





VON DEN FONTNEN



Auf einmal wei ich viel von den Fontnen,
den unbegreiflichen Bumen aus Glas.
Ich knnte reden wie von eignen Trnen,
die ich, ergriffen von sehr groen Trumen,
einmal vergeudete und dann verga.

Verga ich denn, da Himmel Hnde reichen
zu vielen Dingen und in das Gedrnge?
Sah ich nicht immer Groheit ohnegleichen
im Aufstieg alter Parke vor den weichen
erwartungsvollen Abenden,--in bleichen,
aus fremden Mdchen steigenden Gesngen,
die berflieen aus der Melodie
und wirklich werden und als mten sie
sich spiegeln in den aufgetanen Teichen?

Ich mu mich nur erinnern an das alles,
was an Fontnen und an mir geschah,
dann fhl ich auch die Last des Niederfalles,
in welcher ich die Wasser wiedersah:
und wei von Zweigen, die sich abwrts wandten,
von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten,
von Teichen, welche nur die Uferkanten
schwachsinnig und verschoben wiederholten,
von Abendhimmeln, welche von verkohlten
westlichen Wldern ganz entfremdet traten,
sich anders wlbten, dunkelten und taten,
als wr das nicht die Welt, die sie gemeint....

Verga ich denn, da Stern bei Stern versteint
und sich verschliet gegen die Nachbargloben?
Da sich die Welten nur noch wie verweint
im Raum erkennen?--Vielleicht sind wir oben,
in Himmel andrer Wesen eingewoben,
die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben
uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele
zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele
von fremden Flchen, die uns nie erreichen,
Nachbaren eines Gottes, den sie meinen
in unsrer Hhe, wenn sie einsam weinen,
an den sie glauben und den sie verlieren,
und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren
suchenden Lampen, flchtig und verweht,
ber unsere zerstreuten Gesichter geht....





DER LESENDE



Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag,
mit Regen rauschend, an den Fenstern lag.
Vom Winde drauen hrte ich nichts mehr:
mein Buch war schwer.
Ich sah ihm in die Bltter wie in Mienen,
die dunkel werden von Nachdenklichkeit,
und um mein Lesen staute sich die Zeit.--
Auf einmal sind die Seiten berschienen,
und statt der bangen Wortverworrenheit
steht: Abend, Abend ... berall auf ihnen;
ich schau noch nicht hinaus, und doch zerreien
die langen Zeilen, und die Worte rollen
von ihren Fden fort, wohin sie wollen....
Da wei ich es: ber den bervollen
glnzenden Grten sind die Himmel weit;
die Sonne hat noch einmal kommen sollen.--
Und jetzt wird Sommernacht, soweit man sieht:
Zu wenig Gruppen stellt sich das Verstreute,
dunkel auf langen Wegen gehn die Leute,
und seltsam weit, als ob es mehr bedeute,
hrt man das Wenige, das noch geschieht.

Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe,
wird nichts befremdlich sein und alles gro.
Dort drauen ist, was ich hier drinnen lebe,
und hier und dort ist alles grenzenlos;
nur da ich mich noch mehr damit verwebe,
wenn meine Blicke an die Dinge passen
und an die ernste Einfachheit der Massen,--
da wchst die Erde ber sich hinaus.
Den ganzen Himmel scheint sie zu umfassen:
der erste Stern ist wie das letzte Haus.





DER SCHAUENDE



Ich sehe den Bumen die Strme an,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ngstlichen Fenster schlagen,
und hre die Fernen Dinge sagen,
die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.

Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.

Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das gro;
lieen wir, hnlicher den Dingen,
uns so vom groen Sturm bezwingen,--
wir wrden weit und namenlos.

Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
des Alten Testaments erschien:
Wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kampfe sich metallen dehnen,
fhlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.

Wen dieser Engel berwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und gro aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte
von immer Grerem zu sein.





AUS EINER STURMNACHT

ACHT BLTTER MIT EINEM TITELBLATT




TITELBLATT


Die Nacht, vom wachsenden Sturme bewegt,
wie wird sie auf einmal weit,--
als bliebe sie sonst zusammengelegt
in die kleinlichen Falten der Zeit.
Wo die Sterne ihr wehren, dort endet sie nicht
und beginnt nicht mitten im Wald
und nicht an meinem Angesicht
und nicht mit deiner Gestalt.
Die Lampen stammeln und wissen nicht:
Lgen wir Licht?
Ist die Nacht die einzige Wirklichkeit
seit Jahrtausenden....




In solchen Nchten kannst du in den Gassen
Zuknftigen begegnen, schmalen blassen
Gesichtern, die dich nicht erkennen
und dich schweigend vorberlassen.
Aber wenn sie zu reden begnnen,
wrst du ein Lange vergangener,
wie du da stehst,
langeverwest.
Doch sie bleiben im Schweigen wie Tote,
obwohl sie die Kommenden sind.
Zukunft beginnt noch nicht.
Sie halten nur ihr Gesicht in die Zeit
und knnen, wie unter Wasser, nicht schauen;
und ertragen sie's doch eine Weile,
sehn sie wie unter den Wellen: die Eile
von Fischen und das Tauchen von Tauen.




In solchen Nchten gehn die Gefngnisse auf.
Und durch die bsen Trume der Wchter
gehn mit leisem Gelchter
die Verchter ihrer Gewalt.
Wald! Sie kommen zu dir, um in dir zu schlafen,
mit ihren langen Strafen behangen.
       Wald!




In solchen Nchten ist auf einmal Feuer
in einer Oper. Wie ein Ungeheuer
beginnt der Riesenraum mit seinen Rngen
Tausende, die sich in ihm drngen,
zu kauen.
Mnner und Frauen
staun sich in den Gngen,
und wie sich alle aneinander hngen,
bricht das Gemuer, und es reit sie mit.
Und niemand wei mehr, wer ganz unten litt;
whrend ihm einer schon das Herz zertritt,
sind seine Ohren noch ganz voll von Klngen,
die dazu hingehn....




In solchen Nchten, wie vor vielen Tagen,
fangen die Herzen in den Sarkophagen
vergangner Frsten wieder an zu gehn:
und so gewaltig drngt ihr Wiederschlagen
gegen die Kapseln, welche widerstehn,
da sie die goldnen Schalen weitertragen
durch Dunkel und Damaste, die zerfallen.
Schwarz schwankt der Dom mit allen seinen Hallen.
Die Glocken, die sich in die Trme krallen,
hngen wie Vgel, bebend stehn die Tren,
und an den Trgern zittert jedes Glied:
als trgen seinen grndenden Granit
blinde Schildkrten, die sich rhren.




In solchen Nchten wissen die Unheilbaren:
Wir waren....
Und sie denken unter den Kranken
einen einfachen guten Gedanken
weiter, dort, wo er abbrach.
Doch von den Shnen, die sie gelassen,
geht der jngste vielleicht in den einsamsten Gassen;
denn gerade diese Nchte
sind ihm, als ob er zum erstenmal dchte:
Lange lag es ber ihm bleiern,
aber jetzt wird sich alles entschleiern,--
und: da er das feiern wird,
       fhlt er....




In solchen Nchten sind alle die Stdte gleich,
alle beflaggt.
Und an den Fahnen vom Sturm gepackt
und wie an Haaren hinausgerissen
in irgendein Land mit ungewissen
Umrissen und Flssen.
In allen Grten ist dann ein Teich,
an jedem Teiche dasselbe Haus,
in jedem Hause dasselbe Licht;
und alle Menschen sehn hnlich aus
und halten die Hnde vorm Gesicht.




In solchen Nchten werden die Sterbenden klar,
greifen sich leise ins wachsende Haar,
dessen Halme aus ihres Schdels Schwche
in diesen langen Tagen treiben,
als wollten sie ber der Oberflche
des Todes bleiben.
Ihre Gebrde geht durch das Haus,
als wenn berall Spiegel hingen;
und sie geben--mit diesem Graben
in ihren Haaren--Krfte aus,
die sie in Jahren gesammelt haben,
       welche vergingen.




In solchen Nchten wchst mein Schwesterlein,
das vor mir war und vor mir starb, ganz klein.
Viel solche Nchte waren schon seither:
Sie mu schon schn sein. Bald wird irgendwer
       sie frein.





DIE BLINDE



_Der Fremde_:
  Du bist nicht bang, davon zu sprechen?
_Die Blinde_:
  Nein.
  Es ist so ferne. Das war eine andre.
  Die damals sah, die laut und schauend lebte,
  die starb.
_Der Fremde_:
  Und hatte einen schweren Tod?
_Die Blinde_:
  Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen.
  Stark mu man sein, sogar wenn Fremdes stirbt.
_Der Fremde_:
Sie war dir fremd?
_Die Blinde_:
  --Oder: sie ists geworden.
  Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter.--
  Doch es war schrecklich in den ersten Tagen.
  Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt,
  die in den Dingen blht und reift,
  war mit den Wurzeln aus mir ausgerissen,
  mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag
  wie aufgewhlte Erde offen da und trank
  den kalten Regen meiner Trnen,
  der aus den toten Augen unaufhrlich
  und leise strmte, wie aus leeren Himmeln,
  wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen.
  Und mein Gehr war gro und allem offen.
  Ich hrte Dinge, die nicht hrbar sind:
  die Zeit, die ber meine Haare flo,
  die Stille, die in zarten Glsern klang,
  und fhlte: nah bei meinen Hnden ging
  der Atem einer groen weien Rose.
  Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht
  und glaubte einen hellen Streif zu sehn,
  der wachsen wrde wie ein Tag;
  und glaubte auf den Morgen zuzugehn,
  der lngst in meinen Hnden lag.
  Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer
  hinunterfiel vom dunklen Gesicht,
  der Mutter rief ich: "Du, komm her!
  Mach Licht!"
  Und horchte. Lange, lange blieb es still,
  und meine Kissen fhlte ich verneinen,--
  dann wars, als sh ich etwas scheinen:
  das war der Mutter wehes Weinen,
  an das ich nicht mehr denken will.
  Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum:
  Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum
  mir vom Gesicht und von der Brust.
  Du mut ihn heben, hochheben,
  mut ihn wieder den Sternen geben;
  ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir.
  Aber Sprech ich zu dir, Mutter?
  Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter?
  Wer ist denn hinter dem Vorhang?--Winter?
  Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag!
  Oder: Tag?... Tag!
  Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein?
  Fehl ich denn nirgends?
  Fragt denn niemand nach mir?
  Sind wir denn ganz vergessen?
  Wir?... Aber du bist ja dort;
  du hast ja noch alles, nicht?
  Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemht,
  ihm wohlzutun.
  Wenn deine Augen ruhn
  und wenn sie noch so md waren,
  sie knnen wieder steigen.
  ... Meine schweigen.
  Meine Blumen werden die Farbe verlieren.
  Meine Spiegel werden zufrieren.
  In meinen Bchern werden die Zeilen verwachsen.
  Meine Vgel werden in den Gassen
  herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.
  Nichts ist mehr mit mir verbunden.
  Ich bin von allem verlassen.--
  Ich bin eine Insel.
_Der Fremde_:
  Und ich bin ber das Meer gekommen.
_Die Blinde_:
  Wie? Auf die Insel?... Hergekommen?
_Der Fremde_:
  Ich bin noch im Kahne.
  Ich habe ihn leise angelegt--
  an dich. Er ist bewegt:
  seine Fahne weht landein.
_Die Blinde_:
  Ich bin eine Insel und allein.
  Ich bin reich.--
  Zuerst, als die alten Wege noch waren
  in meinen Nerven, ausgefahren
  von vielem Gebrauch:
  da litt ich auch.
  Alles ging mir aus dem Herzen fort,
  ich wute erst nicht wohin;
  aber dann fand ich sie alle dort,
  alle Gefhle, das, was ich bin,
  stand versammelt und drngte und schrie
  an den vermauerten Augen, die sich nicht rhrten.
  Alle meine verfhrten Gefhle....
  Ich wei nicht, ob sie Jahre so standen,
  aber ich wei von den Wochen,
  da sie alle zurckkamen gebrochen
  und niemanden erkannten.

  Dann wuchs der Weg zu den Augen zu.
  Ich wei ihn nicht mehr.
  Jetzt geht alles in mir umher,
  sicher und sorglos; wie Genesende
  gehn die Gefhle, genieend das Gehn,
  durch meines Leibes dunkles Haus.
  Einige sind Lesende
  ber Erinnerungen;
  aber die jungen
  sehn alle hinaus.
  Denn wo sie hintreten an meinen Rand,
  ist mein Gewand von Glas.
  Meine Stirne sieht, meine Hand las
  Gedichte in anderen Hnden.
  Mein Fu spricht mit den Steinen, die er betritt,
  meine Stimme nimmt jeder Vogel mit
  aus den tglichen Wnden.
  Ich mu nichts mehr entbehren jetzt,
  alle Farben sind bersetzt
  in Gerusch und Geruch.
  Und sie klingen unendlich schn
  als Tne.
  Was soll mir ein Buch?
  In den Bumen blttert der Wind;
  und ich wei, was dorten fr Worte sind,
  und wiederhole sie manchmal leis.
  Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht,
  findet meine Augen nicht....
_Der Fremde_ (leise):
  Ich wei.





REQUIEM

CLARA WESTHOFF GEWIDMET



Seit einer Stunde ist um ein Ding mehr
auf Erden. Mehr um einen Kranz.
Vor einer Weile war das leichtes Laub ... Ich wand's:
und jetzt ist dieser Efeu seltsam schwer
und so von Dunkel voll, als trnke er
aus meinen Dingen zuknftige Nchte.
Jetzt graut mir fast vor dieser nchsten Nacht,
allein mit diesem Kranz, den ich gemacht,
nicht ahnend, da da etwas wird,
wenn sich die Ranken rnden um den Reifen;
ganz nur bedrftig, dieses zu begreifen:
da etwas nicht mehr sein kann. Wie verirrt
in nie betretene Gedanken, darinnen wunderliche Dinge stehn,
die ich schon einmal gesehen haben mu....

... Fluabwrts treiben die Blumen, welche die
Kinder gerissen haben im Spiel; aus den offenen
Fingern fiel eine und eine, bis da der Strau nicht
mehr zu erkennen war. Bis der Rest, den sie nach
Haus gebracht, gerade gut zum Verbrennen war.
Dann konnte man ja die ganze Nacht, wenn einen
alle schlafen meinen, um die gebrochenen Blumen
weinen.

Gretel, von allem Anbeginn
war dir bestimmt, sehr zeitig zu sterben,
blond zu sterben.
Lange schon, eh dir zu leben bestimmt war.

Darum stellte der Herr eine Schwester vor dich
und dann einen Bruder,
damit vor dir wren zwei Nahe, zwei Reine,
welche das Sterben dir zeigten,
das deine:
dein Sterben.
Deine Geschwister wurden erfunden,
nur, damit du dich dran, gewhntest
und dich an zweien Sterbestunden
mit der dritten vershntest,
die dir seit Jahrtausenden droht.
Fr deinen Tod
sind Leben erstanden;
Hnde, welche Blten banden,
Blicke, welche die Rosen rot
und die Menschen mchtig empfanden,
hat man gebildet und wieder vernichtet
und hat zweimal das Sterben gedichtet,
eh es, gegen dich selbst gerichtet,
aus der verloschenen Bhne trat.

... Nahte es dir schrecklich, geliebte Gespielin?
war es dein Feind?
Hast du dich ihm ans Herz geweint?
Hat es dich aus den heien Kissen
in die flackernde Nacht gerissen,
in der niemand schlief im ganzen Haus...?
Wie sah es aus?
Du mut es wissen....
Du bist dazu in die Heimat gereist.
       *       *       *       *       *
Du weit,
wie die Mandeln blhn,
und da Seen blau sind.
Viele Dinge, die nur im Gefhle der Frau sind,
welche die erste Liebe erfuhr,
weit du. Dir flsterte die Natur
in des Sdens sptdmmernden Tagen
so unendliche Schnheit ein,
wie sonst nur selige Lippen sie sagen
seliger Menschen, die zu zwein
eine Welt haben und eine Stimme--
leiser hast du das alles gesprt,--
(o wie hat das unendlich Grimme
deine unendliche Demut berhrt).
Deine Briefe kamen von Sden,
warm noch von Sonne, aber verwaist,--
endlich bist du selbst deinen mden
bittenden Briefen nachgereist;
denn du warst nicht gerne im Glnze,
jede Farbe lag auf dir wie Schuld,
und du lebtest in Ungeduld,
denn du wutest: Das ist nicht das Ganze.
Leben ist nur ein Teil ... Wovon?
Leben ist nur ein Ton ... Worin?
Leben hat Sinn nur verbunden mit vielen
Kreisen des weithin wachsenden Raumes,--
Leben ist so nur der Traum eines Traumes,
aber Wachsein ist anderswo.
So lieest du's los.
Gro lieest du's los.
Und wir kannten dich klein.
Dein war so wenig: ein Lcheln, ein kleines,
ein bichen melancholisch schon immer,
sehr sanftes Haar und ein kleines Zimmer,
das dir seit dem Tode der Schwester weit war.
Als ob alles andere nur dein Kleid war,
so scheint es mir jetzt, du stilles Gespiel.
Aber sehr viel
warst du. Und wir wuten's manchmal,
wenn du am Abend kamst in den Saal;
wuten manchmal: jetzt mte man beten;
eine Menge ist eingetreten,
eine Menge, welche dir nachgeht,
weil du den Weg weit.
Und du hast ihn wissen gemut
und hast ihn gewut
gestern....
Jngste der Schwestern.

Sieh her,
dieser Kranz ist so schwer.
Und sie werden ihn auf dich legen,
diesen schweren Kranz.
Kann's dein Sarg aushalten?
Wenn er bricht
unter dem schwarzen Gewicht,
kriecht in die Falten
von deinem Kleid
Efeu.
Weit rankt er hinauf,
rings rankt er dich um,
und der Saft, der sich in seinen Ranken bewegt,
regt dich auf mit seinem Gerusch;
so keusch bist du.
Aber du bist nicht mehr zu.
Langgedehnt bist du und la.
Deines Leibes Tren sind angelehnt,
und na
tritt der Efeu ein....
       *       *       *       *       *
Wie Reihn
von Nonnen,
die sich fuhren
an schwarzem Seil,
weil es dunkel ist in dir, du Bronnen.
In den leeren Gngen
deines Blutes drngen sie zu deinem Herzen;
wo sonst deine sanften Schmerzen
sich begegneten mit bleichen
Freuden und Erinnerungen,
wandeln sie wie im Gebet
in das Herz, das, ganz verklungen,
dunkel, allen offen steht.
Aber dieser Kranz ist schwer
nur im Licht,
nur unter Lebenden, hier bei mir;
und sein Gewicht
ist nicht mehr,
wenn ich ihn zu dir legen werde.
Die Erde ist voller Gleichgewicht,
deine Erde.
Er ist schwer von meinen Augen, die daran hngen,
schwer von den Gngen,
die ich um ihn getan;
ngste aller, welche ihn sahn,
haften daran.
Nimm ihn zu dir, denn er ist dein,
seit er ganz fertig ist.
Nimm ihn von mir.
La mich allein! Er ist wie ein Gast....
Fast schm ich mich seiner.
Hast du auch Furcht, Gretel?

Du kannst nicht mehr gehn?
Kannst nicht mehr bei mir in der Stube stehn?
Tun dir die Fe weh?
So bleib, wo jetzt alle beisammen sind,
man wird ihn dir morgen bringen, mein Kind,
durch die entlaubte Allee.
Man wird ihn dir bringen, warte getrost,--
man bringt dir morgen noch mehr.

Wenn es auch morgen tobt und tost,
das schadet den Blumen nicht sehr.
Man wird sie dir bringen. Du hast das Recht,
sie sicher zu haben, mein Kind,
und wenn sie auch morgen schwarz und schlecht
und lange vergangen sind.
Sei deshalb nicht bange. Du wirst nicht mehr
unterscheiden, was steigt oder sinkt;
die Farben sind zu, und die Tne sind leer,
und du wirst auch gar nicht mehr wissen, wer
dir alle die Blumen bringt.

Jetzt weit du das andre, das uns verstt,
sooft wir's im Dunkel erfat;
von dem, was du sehntest, bist du erlst
zu etwas, was du hast.
Unter uns warst du von kleiner Gestalt,
vielleicht bist du jetzt ein erwachsener Wald
mit Winden und Stimmen im Laub.--
Glaub mir, Gespiel, dir geschah nicht Gewalt:
dein Tod war schon alt,
als dein Leben begann;
drum griff er es an,
damit es ihn nicht berlebte.

Schwebte etwas um mich?
Trat Nachtwind herein?
Ich bebte nicht.
Ich bin stark und allein.--
Was hab ich heute geschafft?

... Efeulaub holt' ich am Abend und wand's
und bog es zusammen, bis es ganz gehorchte.
Noch glnzt es mit schwarzem Glanz.
Und meine Kraft
kreist in dem Kranz.



SCHLUSSSTCK


Der Tod ist gro.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.



  INHALT

  DES ERSTEN BUCHES ERSTER TEIL

  Eingang
  Aus einem April
  Mondnacht
  Ritter
  Mdchenmelancholie
  Von den Mdchen I
                 II
  Das Lied der Bildsule
  Der Wahnsinn
  Die Liebende
  Die Braut
  Die Stille
  Musik
  Die Engel
  Der Schutzengel
  Martyrinnen
  Die Heilige
  Kindheit
  Aus einer Kindheit
  Der Knabe
  Die Konfirmanden
  Das Abendmahl

  DES ERSTEN BUCHES ZWEITER TEIL

  Initiale
  Zum Einschlafen zu sagen
  Menschen bei Nacht
  Der Nachbar
  Pont du Carrousel
  Der Einsame
  Die Aschanti
  Der Letzte
  Bangnis
  Klage
  Einsamkeit
  Herbsttag
  Erinnerung
  Ende des Herbstes
  Herbst
  Am Rande der Nacht
  Gebet
  Fortschritt
  Vorgefhl
  Sturm
  Abend in Skne
  Abend
  Ernste Stunde
  Strophen
  Sturmnacht

  DES ZWEITEN BUCHES ERSTER TEIL

  Initiale
  Verkndigung
  Die heiligen drei Knige
  In der Certosa
  Das Jngste Gericht
  Karl der Zwlfte von Schweden reitet in der Ukraine
  Der Sohn (und: So wurden wir vertrumte Geiger)
  Die Zaren
  Der Snger singt vor einem Frstenkind
  Die aus dem Hause Colonna

  DES ZWEITEN BUCHES ZWEITER TEIL

  Fragmente aus verlorenen Tagen
  Die Stimmen
  Von den Fontnen
  Der Lesende
  Der Schauende
  Aus einer Sturmnacht
  Die Blinde
  Requiem
  Schlustck





End of Project Gutenberg's Das Buch der Bilder, by Rainer Maria Rilke

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BUCH DER BILDER ***

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