The Project Gutenberg EBook of Der Pfaffenspiegel, by Otto von Corvin

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Title: Der Pfaffenspiegel
       Historische Denkmale des Fanatismus in der rmisch-katholischen Kirche

Author: Otto von Corvin

Release Date: December 5, 2010 [EBook #34581]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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    Pfaffenspiegel

    Historische Denkmale des
    Fanatismus in der rmisch-katholischen Kirche

    von

    Corvin

    Dritte neu durchgesehene Auflage


                                Dem Ross eine Peitsche, dem Esel einen
                                Baum und dem Narren eine Rute auf den
                                Rcken.
                                    Sprchew. Salom. Kap. 26, V.3


    Stuttgart

    Vogler & Beinhauer

    1870


                    Pio Nono!

                    "Sollte Dir, heiligster Vater, dieses Bchlein
                    gefallen und Du mir solches ffentlich zu erkennen
                    geben, so will ich mich bemhen, mit hnlichen
                    Geschenken aufzuwarten."
                        Ulrich von Hutten




Vorrede zur zweiten Auflage


        "Welchen nun diese Bienen werden
        stechen, der mag, schreien und sich rchen.
        So werden sie ihn noch mehr stechen."
            Philipp von Marnir
            Herr von St. Aldegonde

Es sind nun mehr als zwanzig Jahre verflossen, seit die erste Auflage
dieses Buches in Leipzig erschien. Es begann damals sich berall zu
regen. Der sich mndig fhlende Geist der Menschheit emprte sich gegen
die ihm von dem Despotismus vergangener Jahrhunderte aufgezwngten
Formen und die Regierungen wandten die schon oft erprobten Mittel an,
ihn zur Unterwrfigkeit zu bringen. Die Zensur bte ihr Amt mit
bornierter Strenge; Zeitungen wurden widerrechtlich unterdrckt und
Schriftsteller gemaregelt und eingesperrt, denn durch sie sprach der
Geist der Zeit zum Volk, welches nicht wissen sollte, dass es der
Kinderstube entwachsen war.

Die Kirche blieb nicht zurck. Die alten und bereits beiseite gestellten
Dogmen und Reliquien wurden aus der rmischen Rumpelkammer wieder
hevorgesucht und mit mitleidsvollem Zorn sah der Genius des neunzehnten
Jahrhunderts die glubige Herde zu Hunderttausenden nach Trier
wallfahrten, einen von dem dortigen Bischof ausgestellten, angeblichen
Rock Christi anzubeten.

Leipzig war zu jener Zeit noch die ziemlich unbestrittene Metropole des
deutschen Buchhandels und in ihr vereinigte sich ein Kreis tchtiger,
strebsamer Mnner, deren Namen zum Teil schon damals ruhmvoll bekannt
waren, oder es seitdem geworden sind. In dem neu entstandenen deutschen
Schriftstellerverein fanden sie einen Vereinigungspunkt, wo mancher
Gedanke geboren wurde, der spter zur Tat reifte.

Ich war einer der vierzehn Stifter dieses Vereins und kein unttiges
Mitglied. Wir erlebten das Jahr 1848. Ich hatte den fnften Band meiner
Geschichte der groen niederlndischen Revolution vollendet und mit Held
die illustrierte Weltgeschichte begonnen. Zu meiner geistigen
Erfrischung diente mir die Teilnahme an Helds Wochenschrift "Die
Lokomotive", deren scharfer Pfiff dem verschlafenen Volk verkndete,
dass die Zeit der geistigen Hauderer und Landkutscher vorber sei, dass
der Genius der Freiheit mit neuer Kraft durch die Welt brause und dass
die abgetriebenen Mhren des geistlichen und weltlichen Despotismus dem
Abdecker verfallen seien.

Die Rockfahrt nach Trier emprte selbst die gebildete katholische Welt.
In den von Robert Blum inspirierten schsischen Vaterlandsblttern
erschien der bekannte Absagebrief von Johannes Ronge. Es entstand eine
groe Bewegung, von der man sich viel versprach und die auch
bedeutendere Folgen gehabt haben wrde, wenn die Leiter derselben ihrer
Aufgabe mehr gewachsen gewesen wren. Sie hatten guten Willen, aber zu
wenig Talent.

Ich teilte die Hoffnungen Vieler und beschloss, mein Teil zur Erfllung
derselben beizutragen. Meine historischen Quellenstudien, namentlich die
fr meine Geschichte der niederlndischen Revolution gegen Philipp II.
von Spanien, in welcher das religise Element eine Hauptrolle spielte,
hatten mich mit Dingen nher bekanntgemacht, welche dem Volk von den
seine Erziehung eiferschtig bewachenden Priestern sorgfltig verhehlt
oder nur verstmmelt oder kirchlich zurechtgemacht mitgeteilt wurden.
Ich hatte die Schriften der "Kirchenvter" und die der geachtetsten
Kirchenschriftsteller zu lesen und je mehr ich las und forschte, desto
mehr wurde mir die Nichtswrdigkeit des entsetzlichen Verbrechens klar,
welches die rmische Kirche an der Menschheit verbt hatte, desto mehr
erstaunte ich ber die unerhrte Dreistigkeit und Perfidie, mit welcher
es begangen wurde und noch immer begangen wird. Ich sah immer mehr ein,
dass die Knechtschaft, unter welcher das Menschengeschlecht seufzt, in
der Kirche wurzelte und dass all unsere Bestrebungen zur Freiheit
ohnmchtig sein wrden, wenn wir uns nicht zuerst von den Fesseln
befreiten, in welche die Kirche den Geist der Menschen geschlagen hatte.
Dieser Erkenntnis entsprach der Entschluss, ein Buch zu schreiben,
welches dem von den Priestern betrten Volk die Decke von den Augen nahm
und ihm gestatten sollte, einen Blick in die Werkstatt zu tun, in
welcher seine Fesseln geschmiedet wurden.

Der religisem Glauben entspringende Fanatismus zeigte sich berall als
der entsetzlichste Feind der Freiheit, und um ihn zu bekmpfen und zu
vernichten, schien es mir ntig, dem Volk nicht allein die grsslichen
Folgen des Fanatismus durch historische Beispiele vorzufhren, sondern
auch zugleich die trben Quellen des Glaubens selbst nachzuweisen,
dessen Folge er ist. Da nun dieser Glaube auf angeblichen Tatsachen
beruht, an deren Wahrheit das Volk deshalb nicht zweifelt, selbst wenn
sie der Erfahrung und der Vernunft widersprechen, weil sie von Priestern
erzhlt werden, an deren greren Verstand, Wahrheitsliebe,
Uneigenntzigkeit und sittlichen Charakter das Volk glaubt: so habe ich
zur Bekmpfung dieses Autorittsglaubens ebenfalls fr ntig gehalten,
die Natur dieser Autoritten, das heit der Ppste und Priester,
historisch zu beleuchten und nachzuweisen, dass das glubige Volk in
dieser Hinsicht von durchaus falschen Voraussetzungen ausgeht.

Um diese verschiedenen Zwecke zu erreichen, beschloss ich, in einer
Einleitung darzulegen, wie sich die Macht der Ppste und Priester im
Laufe der Zeit entwickelte, welche Mittel sie dazu benutzten und welche
Wirkung diese Mittel auf die Gesellschaft im Allgemeinen und auf die
Priester selbst hatten. Dann sollte die Geschichte der Geiler, der
Albigenser und Waldenser, der Wiedertufer, der Inquisition, der
Judenverfolgung etc. nachfolgen.

Die Einleitung bot sehr groe Schwierigkeiten, denn ein seit
Jahrhunderten angesammeltes Material sollte in den engen Rahmen eines
migen Bandes gezwngt werden. Ferner geboten die Umstnde ganz
besondere Sorgfalt und Vorsicht in der Auswahl dieses Materials. Die
Zensur existierte noch und abgesehen von dieser Beschrnkung durfte ich
nur solche Tatsachen benutzen und anfhren, deren Wahrheit nicht allein
mir als unzweifelhaft schien, sondern die auch von den rmischen
Priestern selbst angefochten werden konnten.

Der damalige Zensor in Leipzig war ein Professor Hardenstern. Er sandte
mir hufig mein Manuskript mit dicken Strichen versehen zurck, allein
er hatte die missliebigen Stellen meistens wieder freizugeben, wenn ich
ihm bewies, dass sie dem von der rmischen Kirche approbierten Buch
eines Heiligen oder andern groen Kirchenlichtes entnommen waren.

So erschien also die Einleitung zu meinem Werk gewissermaen besttigt
durch die schsische Regierung, an deren Spitze ein rmisch-katholischer
Knig stand. Das Buch wurde auch, auer in sterreich, nirgends
konfisziert, und die Wahrheit nicht einer einzigen der darin angegebenen
Tatsachen ist selbst von der rmischen Geistlichkeit, obwohl sie das
Buch wie begreiflich hchlich verdammte, angefochten oder gar widerlegt
worden.

Von der Kritik wurde mein Buch durchweg uerst gnstig aufgenommen und
meinem Flei und Bestreben die vollste Anerkennung zuteil.

Einige wohlmeinende Freunde sprachen gegen mich die Meinung aus, dass
mein Buch eine noch bessere Wirkung hervorgebracht haben wrde, wenn ich
die emprendsten Tatsachen weggelassen und bei Beurteilung der
mitgeteilten mehr Migung beobachtet htte.

Gegen diese Ansicht muss ich mich entschieden erklren. Wollte ich
handeln, wie diese Wohlmeinenden es verlangen, so handelte ich
jesuitisch. Eine Linie, die nicht gerade ist, ist krumm und entstellte
Wahrheit ist Lge.

Es ist allerdings mglich, dass einigen Katholiken die von mir
mitgeteilten Tatsachen so unglaublich scheinen, dass sie dieselben fr
bswillige Erfindungen halten, worin sie natrlich von ihren Geistlichen
bestrkt werden; allein sollte ich aus diesem Grunde mich gerade der
wirksamsten Waffen berauben? Wer mich der Lge beschuldigt, der mag
offen auftreten; ich will ihm beweisen, dass, was er als Lge
bezeichnet, den Schriften eines verehrten Heiligen, Bischofs oder
Prlaten wrtlich entnommen ist.

Was nun meine Urteile anbetrifft, so sind sie allerdings oft in herben
und derben Worten ausgedrckt, allein ich frage, welche Ansprche hat
denn die rmische Kirche auf eine rcksichtsvolle und zarte Behandlung?
Die Wahrheit sagen ist in der Tat nicht so grob, als jemand verbrennen,
weil er an eine handgreifliche Lge nicht glauben kann! Nein! was ich
fr schlecht halte, das werde ich schlecht nennen. Der Ausdruck meiner
Entrstung ber diese oder jene rmische Niedertrchtigkeit muss dieser
Entrstung angemessen sein, und ist dies absichtlich nicht der Fall,
dann lge ich und bin ebenso verchtlich wie diejenigen, welche ich
tadele.

Die rmische Kirche ist kein Freund der Menschheit, dessen Schwchen und
Gebrechen aufzudecken und zu verhhnen mir Schande bringen knnte; sie
ist der noch immer starke, freche und gewissenlose Feind unserer
Freiheit, der die emprendsten Mittel nicht verschmht, seine Zwecke zu
erreichen; Torheit und Schwche wre es, im offenen und ehrlichen Kampf
mit dem Todfeind dieser Freiheit die Blen nicht zu benutzen, die er
bietet: ich stoe hinein mit aller Kraft, und wenn ich kann, nach dem
Herzen.

Das Buch ist nicht fr den Gelehrten, auch nicht fr den Salon bestimmt,
es ist fr das Volk geschrieben, und damit dasselbe es lese, ist es
geschrieben wie es geschrieben ist. Sind darin vorkommende Tatsachen und
Worte nicht immer anstndig, dann halte man sich deshalb an diejenigen
Heiligen, Ppste oder Priester, welche solche unanstndigen Handlungen
begingen, oder unanstndige Worte gebrauchten; - auf die zarten Nerven
parfmierter Dandys kann man nicht Rcksicht nehmen, wenn man gegen
einen frechen, unverschmten Fein und fr die Wahrheit kmpft.

Der zweite Band, "Die Geiler", folgte bald dem ersten; allein ehe der
dritte noch erscheinen konnte, brach der Sturm von 1848 los, der mich in
Paris fand, wo ich Zeuge der Februar-Revolution wurde. Die Zeit des
Schreibens war nun vorlufig vorber, und mit Tausenden Gleichgesinnter
griff ich zum Schwert. Ich focht in erster Reihe und bis zuletzt. Die
frstliche Gewalt hatte bereits berall in Deutschland gesiegt, als wir
die Festung Rastatt bergaben, deren Verteidigung ich als Chef des
Generalstabes geleitet hatte.

Ich wurde zum Tode verurteilt, aber nicht einstimmig. Die eine
dissentierende Stimme, die Anwendung eines in Bezug darauf erlassenen
Gesetzes und ein Zusammentreffen anderer glcklicher Umstnde retteten
mich vom Tod; allein ich ward volle sechs Jahre in der einsamen Zelle
eines pennsylvanischen Gefngnisses lebendig begraben.

Wen die Einsamkeit eines solchen Gefngnisses nicht geistig zertrmmert,
den lutert und krftigt sie. Manche meiner Leidensgefhrten starben,
manche kehrten mit zerstrtem Krper und Geist hilflos in die Welt
zurck. Es war im Herbst 1855, als ich mein Grab verlie. Weder mein
Geist noch meine Gesundheit hatten gelitten; im Gegenteil, was andere
zerstrte, hatte mich gekrftigt.

Von der regierenden Gewalt verfolgt und von Ort zu Ort getrieben, hatte
ich nach England zu fliehen, "to eat the bitter bread of banishment" -
das bittere Brot der Verbannung zu essen.

Der groe Brgerkrieg in Amerika brach aus und im Herbst 1861 schiffte
ich hinber, als Special-Correspondent der Augsburger Allgemeinen
Zeitung und Correspondent der London Times.

Ich sah dort viel und lernte viel. In der sechsjhrigen Einsamkeit des
Gefngnisses machte ich innere Entdeckungen und Erfahrungen, und durch
den sechsjhrigen Aufenthalt mitten in dem jugendkrftigen Leben und
Treiben der groen Republik wurde mir reichlich Gelegenheit gegeben, die
praktischen Resultate der Prinzipien zu beobachten und zu prfen, fr
deren Verwirklichung wir in Europa Gut und Blut daran gesetzt hatten.

In Amerika wird man hufig von Amerikanern und Deutschen hren "um
Amerika und die Amerikaner zu verstehen, muss man wenigstens fnf Jahre
im Land gelebt haben" und ich kann das zur Beherzigung fr die Leute
hier besttigen, welche so schnell und absprechend ber amerikanische
Zustnde urteilen.

Vertrieben aus meinem Vaterland wurde ich zwar ein Brger der groen
Republik, in welcher meine Ansichten und berzeugungen mich nicht zum
Verbrecher stempelten; allein wenn auch dem erweiterten Verstand die
ganze Welt als Vaterland nicht zu klein ist, so hngt doch das Herz
jedes Menschen mehr oder weniger an dem Land, in welchem seine Wiege
stand und in welchem er seine Jugend verlebte. Das Herz des Deutschen
bleibt berall deutsch, wenn auch seine Zunge englisch redet, und jeder
sehnt sich danach, Deutschland wiederzusehen.

Diese Sehnsucht erfasste auch mich und es verlangte mich, an Ort und
Stelle zu sehen, wie die Saat stnde, welche wir vor zwanzig Jahren mit
Blut und Trnen eingest hatten. Ich kehrte daher im vorigen Jahr als
Correspondent der New Yorker "Times" fr "Deutschland und angrenzende
Lnder" in mein Geburtsland zurck.

"Der aus dem Jahr 1848 bekannt Corvin ist aus Amerika zurckgekehrt"
berichtete eine befreundete Zeitung und die andern druckten es nach. Als
ich diese brillante Anerkennung fr ein der Freiheit und dem Volk
gewidmetes Leben las, lachte ich hell auf; nicht bitter, sondern mit dem
glcklichen, heiteren Sinn, der mich in den Stand setzte, ruhigen Auges
den standrechtlichen Kugeln entgegenzusehen, in der wehedurchzitterten,
brotsuppendurchdufteten Einsamkeit der entsetzlichen Zuchthauszelle
geistig und krperlich gesund zu bleiben; die groen und kleinen Miseren
des Flchtlingslebens mit Humor zu tragen; in des "Schiffbruchs
Knirschen", wo die Glubigen zittern, ruhig zu schlafen und mitten im
"Schlachtendonnerwetter" meinen Zeitungsbericht zu schreiben.

Wer kmmert sich heute noch um die Leute, welche die Bume pflanzten,
die uns Schatten und Nutzen gewhren! - Ich war mit dem zufrieden, was
ich in Deutschland sah. Das Blut der Mrtyrer von 1848 und 49 und die
Trnen ihrer Weiber und Kinder sind nicht umsonst geflossen. Die
Vernderungen in der menschlichen Gesellschaft entwickeln sich eben in
hnlicher Weise wie die in der Natur, - allmhlich und langsam und es
ist unvernnftig von denen, die doch sonst die Wunder leugnen, Wunder zu
verlangen.

Von den politischen Folgen der Jahre 1848 und 49 will ich indessen hier
nicht reden; ich habe mit ihnen hier nichts zu tun, ich will nur den
geistigen Fortschritt in Betracht ziehen.

Der unvernnftige Glauben hat in diesen zwanzig Jahren viel Terrain
verloren und die Hauptsttze desselben, das Papsttum hngt noch an einem
schwachen Lebensfaden. Die Macht der Pfaffen ist unterwhlt selbst in
sterreich, Italien und Spanien und die ungeheuren Anstrengungen, die
gemacht werden, die aufrecht zu erhalten, sind nutzlos. Die Presse ist
frei und sogar dem Papsttum treusten Regierungen sind von der
ffentlichen Meinung gezwungen worden, die Wissenschaft gewhren zu
lassen, und selbst in die Notwendigkeit versetzt, die Anmaungen der
Pfaffen zu bekmpfen.

Unsere Aufgabe ist es, die errungenen Vorteile zu bentzen, und der
zweckmigste Weg dazu, das Wissen unter dem Volk zu verbreiten und vor
allem danach zu streben, den Pfaffen mit und ohne Tonsur die Erziehung
der Jugend aus den Hnden zu winden.

Wohl wei ich, dass die protestantischen orthodoxen Pfarrherren ebenso
fanatisch sind, wie die dummglubigen Mnche, und dass sie, wenn sie die
Macht htten, ihre despotischen Gelste zu befriedigen, dies mit
hnlichen Mitteln tun wrden, wie sie die rmische Kirche gebrauchte;
allein wir knnen Herrn Knaak und hnliche Stillstandshelden ruhig ihre
Glaubensdummheiten zu Markt bringen lassen, das protestantische Volk
lacht darber und die paar alten Weiber, die ihnen glauben, tun wenig
Schaden. Ich lasse daher die innerhalb der protestantischen Kirche
auftauchenden Dummheiten unbercksichtigt, wenigstens sind sie nicht der
Hauptgegenstand dieses Buches. Ich habe es hier speziell mit den von Rom
ausgehenden Dummheiten und Nichtswrdigkeiten zu tun und zeige dem Volk
das Gesicht der rmischen Pfaffheit, wie es in dem Spiegel der
Geschichte erscheint.

Die erste Auflage dieses Buches war bald vergriffen und meine lange
Abwesenheit von Deutschland hinderte mich daran, eine zweite zu
veranstalten. Als ich jedoch im vorigen Jahr von Amerika zurckkehrte,
wurde ich von sehr verschiedenen Seiten dringend dazu aufgefordert. Im
Buchhndler-Brsenblatt wurde das Buch fast wchentlich gesucht und es
war selbst antiquarisch nirgends zu haben. Ich selbst konnte kein
Exemplar auftreiben und hatte es mir von einem Privatmann zu borgen,
welcher es an jemanden verliehen, der es wiederum einem Freunde in einer
anderen Stadt mitgeteilt hatte!

Obwohl mit mancherlei Arbeiten berhuft, entschloss ich mich nun zu
einer zweiten Auflage. Die Vernderungen, welche whrend dieser zwanzig
Jahre in Deutschland stattgefunden hatten, machten eine teilweise
Umarbeitung notwendig. Die ganze Einleitung passte nicht mehr und ich
schrieb eine andere. Zeitanspielungen durchzogen das ganze Buch und ich
hatte es durchaus zu revidieren und vermehrte dasselbe durch ein
Kapitel, welches ich hauptschlich dem zweiten Band entnahm. Ich
vernderte auch den Titel, da mir christlicher Fanatismus eine
contradictio in adjecto schien.

Wenn ich an den mitgeteilten Tatsachen nichts nderte, hchstens einige
hinzufgte, und ebenso wenig an dem Stil und Ton des Buches, so tat ich
das mit voller berlegung. "Narren muss man mit Kolben lausen" heit das
derbe deutsche Sprichwort und wie ein Anatom, der zum Besten der
Menschheit in faulen Krpern whlt, keine Handschuhe anziehen kann, so
kann auch ich den faulen Pfaffenkrper nicht mit Glachandschuhen
anfassen. Dass ich mir aber bei dem ekelhaften Geschft eine
humoristische Zigarre anstecke, kann mir kein Mensch bel nehmen, und
sie kommt ja auch dem Leser zu gut. Ebenso wenig halte ich es fr
angemessen es aufzugeben, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Wenn
ich einen fr unanstndig gehaltenen Gegenstand berhaupt so bezeichnen
muss, dass man versteht, was ich meine, so wird der Gegenstand dadurch
nicht anstndiger, dass ich umschreibe, was ich mit einem deutschen Wort
bezeichnen kann.

Hoffentlich wird mein Buch noch zur Kirchenversammlung fertig, von der
sich der Papst die Wiederherstellung der rmischen Herrlichkeit
verspricht; mein Buch mag den Herren zum Nachschlagen dienen, wenn sie
vielleicht vergessen haben sollten, was die rmische Kirche vorschreibt
und glaubt.

    1868 im Oktober.
        Corvin




Vorrede zur dritten Auflage


Ich war freilich vollstndig davon berzeugt, dass mein Pfaffenspiegel
ein zeitgemes Buch sei; allein dennoch berraschte es mich sehr
angenehm, dass bereits nach einigen Wochen eine dritte Auflage ntig
wurde, welche hoffentlich nicht die letzte sein wird.

Ein gnstiges Geschick untersttzte die in dem Buch vertretene gute
Sache dadurch, dass es gerade um die Zeit seines Erscheinens Dinge an
das Tageslicht brachte, welche die in demselben aufgestellte Behauptung
bewahrheiteten, dass die in frheren Zeiten innerhalb der rmischen
Kirche, namentlich in den Klstern, verbten Ruchlosigkeiten und
himmelschreienden Verbrechen keineswegs allein barbarischen Zeitaltern
angehrten, sondern dass sie eine natrliche Folge des in der rmischen
Kirche herrschenden, unwandelbaren Prinzips sind, und heute noch ebenso
vorkommen wie vor tausend Jahren, nur in vielleicht noch schrecklicherer
und mehr raffinierter Nichtswrdigkeit.

Als die rmische Kirche noch ber Kaiser, Knige und Volk unumschrnkt
gebot, hielten es die Pfaffen kaum fr der Mhe wert, ihre
Gewaltttigkeiten zu verbergen, da die Kirche selten den Willen, und das
weltliche Gesetz nicht die Macht hatte, die unter dem Deckmantel der
Religion verbten Scheulichkeiten zu verhindern, oder zu bestrafen. Das
hat sich indessen seit der Reformation und den aus derselben sich
entwickelnden Revolutionen gendert. Selbst solche Kaiser und Knige,
welche noch sehr geneigt wren, die rmische Kirche gewhren zu lassen,
weil die durch dieselbe gefrderte Verdummung der Despotie gnstig ist,
- sind von der ffentlichen Meinung, welche durch den Arm des Volkes
manchmal Throne zertrmmert und Kronen, - samt den Kpfen -
herunterschlgt, gezwungen worden, ihrer unumschrnkten Gewalt feierlich
zu entsagen und ihre despotischen Gelste hinter sogenannten
Konstitutionen zu verbergen, ber welche sie lachen mgen, die aber das
Volk sicher zur Wahrheit machen wird, wenn es sich erst von der
geistigen Knechtschaft der Kirche befreit und damit unehrlichen Frsten
alle Hoffnung auf die Rckkehr zur alten despotischen Herrlichkeit
abgeschnitten hat.

Die Frsten, die sich selbst dem Gesetz fgen mssen, knnen die Pfaffen
nicht lnger schtzen, welche verfassungsmige Gesetze verletzen, denn
die ffentliche Meinung verlangt gleiches Recht fr alle und will
Privilegien der Kirche und ihrer Diener nicht lnger dulden.

Die rmische Kirche hlt jedoch ihre Grundstze und Gesetze fr
vollkommen und erklrt, dass der Zeitgeist auf Abwegen sei und durch ein
Konzil wieder in das althergebrachte Gleis gebracht werden msse; und
die einzige Konzession die sie, aus Notwendigkeit, macht, ist, dass sie
die ihr unberechtigt erscheinende staatliche Gewalt, welche ihren
ungesetzlichen Handlungen Schranken setzen und gar bestrafen will,
betrgt und als Verbrechen denunzierte Vorgnge mit der dreistesten
Unverschmtheit ableugnet und alle Beweise mglichst schnell vernichtet
oder sonst aus dem Weg rumt. Dass bei einem solchen Zustand die Opfer
kirchlicher Tyrannei nicht besser wegkommen, als im Mittelalter, liegt
auf der Hand.

Nach den Enthllungen, welche innerhalb der letzten zwanzig Jahre
gemacht worden sind, lsst es sich mit Bestimmtheit annehmen, dass alle
Verbrechen, welche in meinem "Pfaffenspiegel" nach authentischen Quellen
berichtet sind, auch noch heutzutage innerhalb der rmischen Kirche und
namentlich in den Klstern begangen, aber nur sorgfltiger geheim
gehalten werden, und dass es daher eine von der Menschlichkeit gebotene
Pflicht ist, die Regierungen auf dem gesetzlichen Weg zu veranlassen,
die strengsten Untersuchungen anzuordnen, und ferner alle
Ausnahmegesetze fr Priester, oder die Kirche im Allgemeinen, aufzuheben
und die Gleichheit vor dem Gesetz eine Wahrheit werden zu lassen.

Schlielich ersuche ich nochmals alle Leser, welche es mit der
Menschheit wohl meinen, mir unter der Adresse der Verlagshandlung
Mitteilungen ber pfffische Nichtswrdigkeiten zu machen, die zu ihrer
Kenntnis kommen, und deren Untersuchung und geeigneter Stelle angeregt
werden soll, ohne den Namen der Mitteiler zu nennen. Unzweifelhafte
Flle sollen dann in folgenden Auflagen und auch durch die Zeitungen zur
Kenntnis des Publikums gebracht werden.

    Rorschach am Bodensee, August 1869.
        Corvin




    Inhalt


    Vorrede zur zweiten Auflage
    Vorrede zur dritten Auflage
    Einleitung
    Wie die Pfaffen entstanden sind
    Die lieben, guten Heiligen
    Die heilige Trdelbude
    Die Statthalterei Gottes in Rom
    Sodom und Gomorrha
    Die Mncherei
    Der Beichtstuhl




Einleitung


                        "Je erhabener gttliche Dinge sind, je ferner
                        sie von der Sinnenwelt abliegen, desto mehr
                        muss sich das Streben unserer Vernunft nach
                        ihnen richten; der Mensch wird wegen der ihn
                        auszeichnenden Vernunft mit dem Bild Gottes
                        verglichen; daher soll der Mensch sie auf
                        nichts lieber richten, als auf den, dessen
                        Bild er durch sie vorstellt."
                                                    Ablard


Wenn der schwache Mensch sich unter den Schlgen des Unglcks erliegen
fhlt und weder in sich selbst, noch in andern, noch berhaupt irgendwo
auf Erden Trost und Hilfe fr seine Leiden findet, dann treibt ihn ein
natrlicher Hang dazu, sich mit der in Gefhlen, Gedanken oder Worten
ausgedrckten Bitte an die von jedem geahnte, wenn auch nicht begriffene
Macht zu wenden, welcher er den Ursprung und die Erhaltung alles
Bestehenden, der Welt, zuschreibt und die wir mit dem allgemeinen Namen
Gott bezeichnen.

Es kann nur eine Weltursache, einen Gott geben, aber das Wesen - die
Beschaffenheit und Art dieser schaffenden und erhaltenden Kraft ist das
groe Weltgeheimnis, welches nie ergrndet wurde, nie ergrndet werden
wird und nie ergrndet werden kann.

Jeder Mensch, der berhaupt eines Gedankens fhig ist, macht sich
indessen von diesem Wesen eine Vorstellung, welche dem Grade der
Ausbildung der ihm mit der Geburt gegebenen Vernunft angemessen ist.
Diese Vorstellung ist sein Gott, und somit jeder Mensch der Schpfer
seines Gottes.

Die Vernunft entwickelt sich infolge sehr mannigfaltiger Einflsse sehr
verschieden, und wie es kaum zwei Menschen gibt, die durchaus krperlich
gleich sind, so gibt es auch nicht zwei, deren geistige Ausbildung oder
Entwicklung genau dieselbe ist. Daraus folgt, dass es, streng genommen,
ebenso viele Gtter als Menschen gibt, - das heit Vorstellungen von
Gott.

Was verschiedenen Menschen fr eine Ansicht ber die Natur der Sonne
haben, ndert die Sonne nicht, und Gott bleibt derselbe, wie verschieden
sich auch die Vorstellung der Menschen gestalten mag. Der Neger, der vor
dem von ihm selbst geschnitzten Fetisch kniet, welcher der verkrperte
Ausdruck seiner Gott-Vorstellung ist, wie der Inder, der Feueranbeter,
der Mohammedaner, Jude oder Christ, - alle beten zu demselben Gott, und
die sogenannten Materialisten und Atheisten, die nicht beten, haben nur
eine von der mehr allgemeinen abweichende Ansicht. Die sogenannten
Gottesleugner verneinen nicht eigentlich das Vorhandensein Gottes, was
eine absolute Dummheit wre, sondern erklren sich nur gegen die
Vorstellung von einem persnlichen Gott.

Alle Gottesvorstellungen sind zwar aus ein und derselben Urquelle
geschpft; allein je nach den Einfluss benden verschiedenen
Verhltnissen bildeten sie sich verschieden und oft zu so seltsam und
wunderlich erscheinenden Formen aus, dass es selbst dem kundigen,
denkenden Forscher schwer wird, den gemeinschaftlichen Ursprung
nachzuweisen.

Da nun die Gottesvorstellung die Grundlage jeder Religion ist, so
erklrt sich einerseits das Vorhandensein so vieler verschiedener
Religionen und andrerseits wieder der Umstand, dass Vlker, die sich
unter denselben oder hnlichen Verhltnissen entwickelten, dieselbe
Religion haben.

Das Nachweisen des gemeinschaftlichen Ursprungs der verschiedenen
Religionen wrde ein eigenes Werk erfordern, und da es fr den mir
vorliegenden Zweck gengt, so beschrnke ich mich darauf, eine Skizze
von dem allgemeinen Entwicklungsgange aller Religionen zu geben.

Als die Erde in ihrer Entwicklung auf dem dazu geeigneten Punkte
angelangt war, entstanden Menschen. Diese empfanden die angenehmen und
unangenehmen Wirkungen der verschiedenen Naturerscheinungen zum ersten
Mal, und da sie mit Vernunft begabt waren, so forschten sie bald, oder
vielmehr machten sich Gedanken ber deren Ursprung.

Die unmittelbarsten Eindrcke empfanden sie von der Witterung, und
Regen, Wind, Gewitter, Hitze und Klte waren umso mehr geeignet, ihre
Neugierde zu erregen, als deren Urheber ihren Augen verborgen waren.

Die Vernderungen, welche vor Regen und Gewitter am Himmel vorgingen,
konnten sie indessen sehen, und da der Regen und der Blitz aus den
Wolken kamen, so lag es sehr nahe, die verborgenen Urheber "im Himmel",
das heit in den Wolken zu suchen.

Die Sonne, von welcher Tag und Nacht, Hitze und Klte mit ihren
Wirkungen abhngen, musste natrlich ebenfalls ein hauptschlicher
Gegenstand ihrer verwunderten Betrachtung werden.

Auch der Wechsel der Jahreszeiten mit seinen Annehmlichkeiten und
Unannehmlichkeiten musste die Frage nach dessen Ursache erzeugen.

Da die Erfahrung, die Mutter aller Wissenschaft, noch in der Kindheit
war, so bewegte sich die Phantasie, das ungeregelte Spiel der Vernunft,
nur in dem sehr beschrnkten Kreis des Sichtbaren und knpfte daran ihre
Schlsse in Bezug auf das Verborgene. Als handelnde Wesen kannte man nur
Tiere und Menschen und die Geschpfe der Phantasie, die man als die
Urheber der genannten Naturerscheinungen dachte, konnten nur tier- oder
menschenhnliche Wesen sein.

In manchen Menschen ist die Phantasie reger als in andern, und sie
teilten mit, was sie ber die Handlungen und Verhltnisse dieser Wesen
zueinander dachten und aus den uerungen der ihnen zugeschriebenen
Ttigkeit erfanden. So entstanden Mrchen und Sagen, welche durch die
mit besonders lebhafter Phantasie begabten Menschen, Dichter, immer
weiter ausgesponnen, in mehr oder minder vernnftigen Zusammenhang
gebracht und mit Personen bevlkert wurden.

Solche in der Kinderstube des Menschengeschlechts entstandene Mrchen
pflanzten sich als wirklich geschehen, von Geschlecht zu Geschlecht
fort, und ihre Spuren sind noch nach Jahrtausenden selbst unter den am
weitesten entwickelten Vlkern nachzuweisen, und ben noch heute einen
gewissen Einfluss. Das wird einem jeden begreiflich sein, der sich ber
seine eigenen Gefhle und Empfindungen Rechenschaft gibt. Selbst der
aufgeklrteste und gebildetste Mann wird noch am Ende seines Lebens
Anklnge der Eindrcke entdecken, die er in seiner Kinderstube empfing;
es wird keinem gelingen, sich absolut von dem Ammenmrchen loszumachen.

Da sich die Urmenschen die in den Wolken oder an andern ihnen
unzulnglichen Orten vermuteten Urheber der Naturerscheinungen -
"Gtter" - nur als mchtigere Tiere oder Menschen dachten, so schrieb
man ihnen natrlich auch dieser Vorstellung angemessene Empfindungen zu,
wie Zorn, Hass, Rache, Wohlwollen, Gte usw. Da sich nun der Zorn von
Menschen besnftigen und dessen uerung abwenden lsst, so lag der
Gedanke nahe, dies auch mit den Gttern zu versuchen, und so entstanden
die Opfer.

Diese Opfer bestanden in Gegenstnden, die Menschen angenehm waren, und
da die Gtter im Himmel wohnten und diese Opfer nicht abholten, so
musste man sie ihnen in den Himmel senden, was in keiner anderen Weise
geschehen konnte als dadurch, dass man sie verbrannte, da doch
wenigstens der Geruch und Rauch zum Himmel aufstiegen.

Die geschftige Phantasie bildete sich bald eine Theorie ber die
Wirkung dieser Opfer, und da man dabei nie den menschlichen, oder rein
sinnlichen Standpunkt verlie, so kam man natrlich zu dem Schluss, dass
das, was Menschen ganz besonders angenehm, was selten und daher schwer
zu verschaffen, was ihnen vorzglich lieb war, den Gttern das
angenehmste Opfer sein msse.

Da nun aber der Zorn der Gtter schwer zu besnftigen war, das heit da
unangenehme Naturerscheinungen oft lange dauerten und man viele Opfer
gebrauchte, bis sie mit ihren Wirkungen aufhrten, solche seltene den
Gttern besonders angenehme Opfer aber schwer zu verschaffen waren und
dem einzelnen oft fehlten, so vereinigten sich viele, den Bedarf fr die
Gtter herbeizuschaffen, da alle den Wunsch haben mussten, sie zu
vershnen. So bildeten sich Opfervereine, die wohl als der Anfang der
Religion bezeichnet werden knnen.

Die herbeigeschafften Opfervorrte mussten aufbewahrt und endlich den
Gttern dargebracht werden, und es wurden bald besondere Personen mit
diesem Geschft beauftragt. So entstanden Priester.

Da diese Priester diejenigen Personen waren, welche den Gttern, die man
sich stets als mehr oder weniger idealisierte Menschen dachte, die Opfer
darbrachten, also mit ihnen in unmittelbare Verbindung traten, so lag
der Gedanke nahe, dass die Gtter ihnen als den wirklichen Spendern
besonders gnstig seien und ihnen zunchst ihre Wnsche mitteilten.
Daraus folgte wieder, dass man ihnen einen gewissen Einfluss auf die
Entschlsse der Gtter zuschrieb und sich um ihre Gunst bemhte, damit
sie diesen vorausgesetzten Einfluss fr diejenigen anwendeten, welche
sich ihre Zuneigung zu erwerben verstanden.

Herrschsucht liegt aber in der Natur jedes Menschen, und es ist
begreiflich, dass den Priestern der von ihnen erlangte Einfluss angenehm
war und sie denselben zu erhalten und zu vermehren trachteten. Sie
wussten freilich, dass die in Bezug auf ihr Verhltnis zu den Gttern
gehegten Voraussetzungen irrtmliche waren; allein der Irrtum hatte
dieselbe Wirkung, wie ihn die Wahrheit gehabt haben wrde, und es lag in
ihrem Interesse, denselben zu erhalten und zu vermehren.

Die Priester in dieser Kinderperiode der Menschheit glaubten brigens
selbst an die Gtter und hatten von ihrer Natur im Hauptschlichen
dieselbe Vorstellung wie die brigen Menschen; sie hielten daher eine
unmittelbare Verbindung mit denselben fr keineswegs unerhrt oder
unmglich, und Trume und Visionen, ber deren Ursprung und Natur die
Erfahrungen noch gering waren, mochten sie darin bestrken, dass ein
solcher Verkehr mit den Gttern nicht nur mglich sei, sondern auch
wirklich stattfinde.

So entstand denn allmhlich infolge unabsichtlicher und absichtlicher
Tuschung ber die Beziehung zwischen Gttern, Priestern und den anderen
Menschen ein System, welches auf dem Glauben beruhte, den das Volk den
Aussagen der Priester schenkte. Diese, die vertraut mit den Gttern
waren, wussten was diesen angenehm und unangenehm war, und sie
verstanden es, die Sprache zu deuten, durch welche sie sich den
Erdenkindern mitteilten. Die Priester ordneten die Art und Weise an, wie
die Opfer gebracht werden sollten, und dass sie bei all diesen
Anordnungen sich selbst nicht vergaen, versteht sich wohl von selbst.
So wuchs das Ansehen der Priester von einem Menschenalter zum andern
immer mehr, und sie waren die eigentlichen Herrscher des Volkes.

Auer den im Himmel, das heit in den Wolken, wohnenden Gttern gab es
aber auch auf der Erde dem Menschen mehr oder weniger furchtbare
Gewalten; zunchst starke und reiende Tiere und endlich Menschen, die
ihre grere krperliche Kraft zum Nachteil anderer anwandten. Gegen
diese musste man sich schtzen, und es ist begreiflich, dass diejenigen,
welche vermge grerer Kraft, greren Mutes und Geschicklichkeit sich
bei der Jagd und im Kriege auszeichneten, Einfluss und Macht unter ihren
Mitmenschen erwarben. Sie wurden Huptlinge, - Frsten.

Verstand und Krperkraft sind nur selten in gleichem Mae in denselben
Menschen vereinigt, und als im Laufe der Zeit die Verhltnisse der
Gesellschaft verwickelter wurden, ward auch das Herrschen schwieriger,
und Frsten und Priester fanden es zweckmig, sich gegenseitig zu
untersttzen, wobei je nach den Umstnden bald die Gewalt der Frsten,
bald die der Priester berwog.

Die Religion wurde daher die Sttze der Despotie und umgekehrt.

Viele sind strker als einer, und da sich die Interessen des Einen nicht
immer mit denen der Vielen vertragen, so wrde es noch hufiger
vorkommen, als es der Fall war und ist, dass die Vielen den Einen
zwingen, nach ihrem Willen zu regieren, wenn nicht die Religion, die auf
die Furcht vor den verborgenen, mchtigen Gttern gegrndet war, ein
solches Auflehnen durch den Mund ihrer anerkannten Vertreter, der
Priester, als ein Verbrechen gegen diese Macht schon deshalb gestempelt
htte, weil durch die Verminderung der Macht der Despoten die der
Priester gefhrdet wurde, indem diese sie dazu gebrauchten, den
gefhrlichsten Feind der von ihnen erfundenen Religion zu bekmpfen.

Dieser Feind ist die Vernunft, das Denken und die daraus folgende
Erkenntnis, die Wissenschaft.

Die Macht der Priester und alle Religion beruhte auf der Phantasie,
welche in der Kinderperiode der Menschheit die Gtter erschuf. Die
Spekulation der Priester bildete diesen traditionellen Glauben zu einem
komplizierten System aus, welches aus Tuschungen und Dichtungen
zusammengesetzt und von vornherein auf Einbildungen erbaut war.

Je mehr sich in den Menschen die Vernunft entwickelte und sie anfingen
zu beobachten und zu denken, das heit aus Erfahrungen Schlsse zu
ziehen, desto hufiger entdeckten sie, dass manche von den Priestern als
positive Wahrheiten ausgegebene Dinge gerade das Gegenteil waren, was
natrlich Misstrauen gegen andere Behauptungen erzeugte, auf denen die
Priestergewalt hauptschlich gesttzt war. Jeder Schritt, den die
Wissenschaft vorwrts tat, trat irgendeiner Priesterlge auf den Kopf.

Es war daher eine Lebensfrage fr das Ansehen der Priester oder was sie
mit sich selbst zu identifizieren verstanden, der Religion, die
Entwicklung der Vernunft nach Krften zu hemmen und die Verbreitung der
unvertilgbaren Resultate der Wissenschaft zu verhindern, was zunchst
durch die despotische Macht geschehen konnte.

Da nun aber hufig Konflikte zwischen der Herrschsucht der Priester und
derjenigen der Frsten entstanden, so waren die ersteren darauf bedacht,
fr ihre Macht eine noch festere Begrndung zu schaffen, als sie das sie
mit den Despoten verbindende gemeinschaftliche Interesse darbot, welches
nur bis zu einer gewissen Grenze gemeinschaftlich war. Das Verfahren der
Priester, um diesen selbstschtigen Zweck zu erreichen, war ebenso
praktisch als fr die Menschheit und deren geistige Entwicklung
verderblich; der menschliche Geist musste der Aufklrung mglichst
unzugnglich und schon von Kindheit an in eine Form gezwngt werden,
welche ihn ntigte, sich in der gewnschten Weise zu entwickeln. Zu
diesem Ende bemchtigten sie sich der Erziehung der Jugend.

Das gengte indessen ihrer Vorsicht noch nicht. Dieses Lehrerverhltnis
musste fr das ganze Leben beibehalten und die Herrschaft der Priester
ber die Seele der Menschen in solcher Weise ausgedehnt werden, dass
diese von der Wiege bis zum Tod keinen Gedanken denken konnten, von dem
die Priester nicht Kenntnis erhielten.

Das Mittel, dies vollkommen zu erreichen war, in den Menschen die Furcht
zu pflanzen vor entsetzlichen Gefahren (die einzig in dem Gehirn der
Priester ihren Ursprung fanden) und gegen welche allein die Priester die
Mittel zu vergeben hatten.

Es ist hiermit keineswegs gesagt, dass alle Priester bewusste Betrger
waren. Das wohlersonnene und konsequent durchgefhrte System verfehlte
seine Wirkung auf die Priester selbst nicht, welche aus dem Volk
hervorgingen und nach der als zweckmig und notwendig erkannten Art
erzogen worden waren. Ein groer Teil der Priester glaubte wirklich, was
sie lehrten, und diejenigen, die nicht glaubten, begriffen bald den
Vorteil, den es ihnen brachte, den Glauben im Volk zu erhalten.

Der Glaube war der Hauptpfeiler des ganzen von den Priestern erbauten
Religionsgebudes, und da mit seiner Zerstrung dasselbe durchaus fallen
musste, so war es die Hauptsorge aller Priester, diesen Glauben als das
Heiligste und Unantastbarste hinzustellen und schon den bloen Zweifel,
welcher der Vernunft den Weg bahnte, als ein Verbrechen darzustellen,
welches die Gtter als das schrecklichste von allen bestraften.

Dieser Gedanke, welcher schon seit Jahrtausenden von Priestern aller
Religionen den Kindern eingeprgt wurde und sich von Generation zu
Generation weiter vererbte, behauptete sich unter den Menschen mit
solcher Gewalt, dass noch heute, nachdem die Vernunft und die trotz
aller Hemmnisse unaufhaltsam fortschreitende Wissenschaft die
Abgeschmacktheit aller auf den Glauben gegrndeten Religionen erkannt
hatte, selbst Nichtglubige es nicht wagen drfen zu sagen: ich glaube
nicht an Gott, ohne unter Millionen Entsetzen zu erregen, obwohl mit
diesen Worten doch weiter nichts ausgedrckt ist als: die Vorstellung,
welche ich, ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts, von der Weltursache,
von Gott habe, ist eine durchaus andere als diejenige, welche die
Mehrzahl der Menschen vor Jahrtausenden hatte, und welche noch die Basis
der heutigen herrschenden Religion bildet.

Da nun der Glaube sich als der Hauptfeind des menschlichen Fortschritts
erwies und noch erweist, und es Zweck dieses Buches ist, zu der
Wegrumung dieses mchtigen Hindernisses beizutragen, so wird es ntig
sein, die Natur desselben zu untersuchen.

Was ich aus eigener Erfahrung kenne, brauche ich nicht zu glauben, das
wei ich; ich kann nur glauben oder nicht glauben, was ich aus dieser
Erfahrung schliee, oder was mir andere als ihre Erfahrung, oder als
Schlsse, die aus derselben gezogen sind, mitteilen.

Es gibt zwei Arten von Glauben: der vernnftige und der unvernnftige,
und ihre Erklrung liegt schon im Beiwort. Was meine Vernunft als
mglich annimmt, kann ich glauben ohne unvernnftig zu sein, selbst wenn
das mir als Faktum mitgeteilte nicht wahr sein sollte; glaube ich aber
an das Geschehensein einer Handlung, welche meine Vernunft als unmglich
erkennen muss, so ist mein Glaube ein unvernnftiger.

Der Mastab, den die Vernunft fr die Mglichkeit einer Sache hat, ist
ursprnglich einzig und allein die Erfahrung. Beispiele werden meine
Ansicht klarer machen als Definitionen.

Erzhlt mir jemand, er habe im Oktober einen Kastanienbaum blhen
gesehen und ich glaube ihm, so ist mein Glaube ein vernnftiger, selbst
wenn derjenige, der mir die Sache erzhlt, eine Unwahrheit sagen sollte.
Ich selbst habe Kastanienbume oder andere Pflanzen um diese Zeit blhen
gesehen, welche sonst nur im Frhjahr zu blhen pflegen und dasselbe ist
mir von vielen Personen bekannt, von denen ich keinen Grund habe
anzunehmen, dass sie eine Unwahrheit sagen.

Man sagt, die Sonne sei einundzwanzig Millionen Meilen entfernt. Ich
glaube es, und mein Glaube ist kein unvernnftiger, obwohl ich die
Entfernung nicht gemessen habe, da mir dazu die Mittel, das heit die
ntigen Kenntnisse fehlen. Ich habe aber Kenntnisse genug, um durch
Berechnung der Entfernung von mir zu Punkten zu messen, zu denen ich
nicht mit dem Mastab gelangen kann und habe die Richtigkeit meiner
Rechnung durch Abschreiten oder mit dem Mastab nicht selten geprft,
wenn das Hindernis, welches mich von dem Gegenstand trennte, vielleicht
spter weggerumt wurde. Ich wei daher, dass die Wissenschaft Mittel
bietet die Entfernung von Punkten zu messen, zu denen man nicht gelangen
kann. Mein Glaube ist daher auf Erfahrung begrndet, also vernnftig.

Es teilt mir jemand mit, ein Mensch sei von Liverpool nach New York
durch die Luft geflogen. Wenn ich es glaube, so mag man mich
leichtglubig nennen, allein mein Glaube ist kein absolut
unvernnftiger, denn ich wei aus Erfahrung, dass der Unterschied
zwischen der Schwere des Krpers und der Luft durch verschiedene Mittel
ausgeglichen werden kann und sehe Vgel fliegen mit Hilfe einer
mechanischen Vorrichtung, der Flgel.

Sagt man mir, es habe ein Mensch durch sein Wort einen Krper
geschaffen, das heit ohne andere vorhandene Stoffe zur Hilfe zu nehmen,
aus dem Nichts hervorgerufen, und ich glaube es, so ist mein Glaube ein
unvernnftiger, denn ich selbst kann durch meinen Willen nicht einmal
ein Staubkorn schaffen, noch ist es jemals bewiesen worden, dass es von
einem Menschen geschehen ist.

Glaubt man, dass ein Gemlde oder ein Steinbild geredet oder eine
willkrliche Bewegung gemacht habe, so ist dieser Glaube ein
unvernnftiger, da eine solche Tat allen Erfahrungen widerspricht.
Trotzdem mgen Personen, welche behaupten hnliches erlebt zu haben,
nicht absolut Lgner zu nennen sein, da die Erfahrung lehrt, dass es
Seelenzustnde gibt, in denen sich Menschen so fest einbilden, Dinge zu
sehen oder zu hren, dass sie dieselben fr Wahrheit halten, whrend sie
in der Tat nur auf Sinnestuschung beruhen.

Der Kreis unserer persnlichen Erfahrung kann wegen der Krze unseres
Lebens selbst bei dem Gebildetsten nur beschrnkt sein und wir wrden
uns gewissermaen in die hilflose Lage der ersten Menschen versetzen,
wenn wir allein das als wahr annehmen oder glauben wollten, was wir von
unseren eigenen Erfahrungen und den daraus gefolgerten Mglichkeiten auf
dem Wege des vernnftigen Denkens ableiten. Die wirklich festgestellten
Erfahrungen vor uns lebender Beobachter sind das kostbarste, nie wieder
zu verlierende Erbteil des lebenden Geschlechts.

Die Vernnftigkeit des Glaubens an diese die Erfahrung begrndenden
Tatsachen hngt von den Grnden ab, welche wir haben, an die
Wahrhaftigkeit der Personen zu glauben, von welchen sie uns mitgeteilt
wurden, wie auch von dem Grad ihrer geistigen Ausbildung, ihrem
Charakter und ob sie fhig sind, eine absichtliche Unwahrheit zu sagen,
wenn es ihrem Interesse dienen kann; ferner ob die berichtete Tatsache
isoliert dasteht; ob gleichartige von andern beobachtet wurden; ob sie
ganz bekannten Naturgesetzen in bestimmter Weise zuwider sind und von
vielen andern Grnden. Die Glaubwrdigkeit einer mitgeteilten Tatsache
beruht daher zunchst auf der Autoritt der Person, von welcher sie
berichtet wird, und ob sie wirklich als selbst gesehen oder erfahren,
oder als geglaubt, von Hrensagen angegeben wird.

Auf Erfahrung beruht die Wissenschaft; die Tatsachen sind die Sprossen
der Leiter, welche unsere Vernunft zur Erkenntnis der Wahrheit fhren,
und daher ist die Wissenschaft der Todfeind des unvernnftigen Glaubens,
da sie ihn als solchen erkennen lehrt und mit dieser Erkenntnis
vernichtet.

Unvernnftigen Glauben nennt man gewhnlich Aberglauben und nach der
Erklrung, die ich von der Entstehung der Religion gegeben habe, kann
ich ohne alles Bedenken den religisen Glauben als unvernnftigen oder
Aberglauben bezeichnen. Dies gilt nicht nur von den Religionen der
ersten Menschen, sondern von allen noch jetzt auf der Erde bestehenden
Religionen, von denen sich ohne Schwierigkeiten nachweisen lsst, dass
sie nur eine in der Form vernderte Erweiterung der "vom Himmel", das
heit aus den Wolken gekommenen Urreligion sind.

    "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind."

Wenn wir die vergangenen und bestehenden Religionen untersuchen, so
finden wir, dass sie alle, ohne Ausnahme, auf Wunder gegrndet sind,
welche der Dichter sehr richtig als das Kind des (religisen) Glaubens
bezeichnet.

Im Allgemeinen nennt man Wunder jede Erscheinung, Handlung oder
Tatsache, deren Ursprung die Wissenschaft nicht angeben und nachweisen
kann; ja, wir dehnen den Begriff dieses Wortes auch auf solche
Erscheinungen aus, deren Ursachen wir wohl kennen, die uns aber als
ungewhnlich oder besonders merkwrdig auffallen, und in diesem Sinne
reden wir zum Beispiel von Naturwundern.

Obwohl nun auch die Religion, das heit die Priester, solche natrliche
Wunder zu ihrem Zwecke benutzte, als deren Ursachen dem Volk noch
unbekannt waren, so ist doch das eigentliche religise Wunder ganz
anderer Art und charakterisiert sich dadurch, dass es gegen die Natur
ist, das heit eine Aufhebung der bekannten Naturgesetze vorausgesetzt.

Den Vlkern frherer Zeiten erschien eine Sonnen- oder Mondfinsternis,
oder ein Komet als ein Wunder, und derselbe Fall war es mit einer Menge
von Erscheinungen, deren Ursprung die jetzige Wissenschaft nicht nur
ganz klar nachweist, sondern auch ganz genau im Voraus berechnet. -
Manchen wilden Vlkern ist ein Streichhlzchen noch ein Wunder und
selbst unsern eigenen niederen Volksklassen erscheint manches als
Wunder, was dem Gebildeten eine alltgliche Erscheinung ist.

Die Priester, welche hauptschlich mit den Gttern zu verkehren und
ihren Willen zu erforschen hatten, der sich, wie wir gesehen haben, fr
sie in Naturerscheinungen uerte, mussten durch Beobachtung wohl
zunchst mit der Tatsache bekannt werden, dass es bestimmte Naturgesetze
gebe. Indem sie ihre Erfahrungen von Priestergeschlecht zu
Priestergeschlecht fortpflanzten, kamen sie auf dem Wege der
Wissenschaft allmhlich zur Kenntnis von Dingen, die sie fr sich
behielten, da sie diese Kenntnis zur Erhhung ihres Ansehens im Volk
uerst brauchbar fanden. Einen Beweis dafr finden wir in dem Verhalten
der alten gyptischen Priester, die in der Erkenntnis der Natur und der
Eigenschaft vorhandener Dinge sehr weit fortgeschritten waren und
Erfindungen und Entdeckungen machten, die erst nach sehr vielen
Jahrhunderten auf anderen Wegen ebenfalls entdeckt und allgemein bekannt
wurden. Man fand z.B. in gyptischen Grbern metallene Gegenstnde,
deren Hervorbringung man sich gar nicht erklren konnte, bis man erst in
diesem Jahrhundert durch die Erfindung der Galvanoplastik in den Stand
gesetzt wurde, zu erkennen, dass sie auf galvanoplastischem Wege gemacht
waren. Diese Kunst setzt aber schon bedeutende andere Erfahrungen und
Entdeckungen in Bezug auf die Eigenschaften natrlicher Substanzen
voraus.

Dass die gyptischen Priester die Wissenschaft zu dem eben angefhrten
Zwecke benutzten, wissen wir mit Bestimmtheit. Sie verrichteten
Handlungen, welche die brigen Menschen als Wunder betrachteten und
viele Schriftsteller der alten Zeit berichten von gyptischen Knsten
und gyptischer Wissenschaft.

Ich erwhne diese gyptische Wissenschaft insbesondere deshalb, weil sie
die Mutter der in der Bibel erzhlten Wunder ist, die wieder die
Veranlassung zu den Wundern der rmisch-katholischen Kirche wurden,
welche jedoch meistens keineswegs mit Hilfe der Wissenschaften
hervorgebracht, sondern von den Priestern erfunden wurden. Wunder, wie
sie die gypter taten, setzten Kenntnisse voraus, die schwer zu erlangen
waren; allein die rmischen Priester fanden, dass sich noch wunderbarere
Dinge erfinden lieen, die mit Rcksicht auf ihren Zweck, ganz dieselbe
Wirkung hervorbrachten, da sie geglaubt wurden; geglaubt, weil sie als
Tatsachen von Mnnern erzhlt wurden, an deren Autoritt man nicht
zweifelte und die zum Teil selbst glaubten.

Eigentliche Wunder, das heit Dinge, welche gegen die Naturgesetze sind,
kann es nicht geben; was geschieht, geschieht auf natrliche Weise und
entspringt aus natrlichen Ursachen, und wenn wir diese Ursachen nicht
erkennen knnen, da unsere Kenntnis von den Eigenschaften und Krften
der Natur noch beschrnkt ist, so ist die Annahme doch eine durchaus
vernnftige, wie aus den folgenden Auseinandersetzungen hervorgehen
wird.

Viele gebildete Leser werden sich darber wundern, dass ich mich bei den
Wundern so lange aufhalte, da dies, um eine Modephrase zu gebrauchen,
"ein lngst berwundener Standpunkt" ist; allein wenn dies auch in Bezug
auf den Gebildeten der Fall sein mag, so hat doch das Volk im
Allgemeinen diesen Standpunkt noch keineswegs berwunden und selbst der
grte Teil derer, die sich zu den Gebildeten zhlen, werden aus den
folgenden Beweisen erkennen, dass sie an Wunder glauben.

Die Verteidiger des Wunderglaubens sagen zum Beispiel: Gott ist
allmchtig, aus Nichts hat Gott die Welt gemacht; und Millionen nehmen
dies als eine so unumstliche Wahrheit an, dass sie es mit Abscheu als
ein Verbrechen betrachten, wenn jemand sagt: "Gott ist nicht allmchtig;
Gott hat nicht die Welt aus Nichts gemacht; denn ein solcher Glaube ist
unvernnftig."

Dass das Weltall, welches aus getrennten Krpern besteht, die nach
bestimmten Gesetzen zusammengesetzt und vermge der jedem Krper
innewohnenden Eigenschaften miteinander zu dem groen Ganzen vereinigt
sind, einen Ursprung, eine Ursache haben muss, muss jeder mit Vernunft
begabte Mensch zugeben. Die Ursache oder Macht, welche das was ist
bewegt und erhlt, ist Gott; und was ich in dem hier Folgenden sage,
bezieht sich durchaus auf diesen Begriff und auf keine subjektive
Vorstellung der Weltursache, wie sie irgendeiner der bestehenden oder
vergangenen Religionen zu Grunde liegt.

Ich rede auch nicht von der Vorstellung, die ich mir selbst von Gott
mache, denn diese, so vernnftig sie auch sein oder erscheinen mag, hat
doch immer nur einen subjektiven Wert wie jede andere Gottesvorstellung;
ich untersuchte mit meiner Vernunft einfach, inwieweit sich die Idee der
Allmacht und einer Erschaffung aus dem Nichts mit dem von mir oben
definierten Begriff Gott vertrgt. Ein Streben, das Wesen Gottes zu
erkennen, ist gewiss der erhabenste Gebrauch, den der Mensch von dieser
ihm von Gott gegebenen Vernunft machen kann.

Wir erkennen die Beschaffenheit einer Ursache einzig aus ihrer Wirkung,
und zunchst erscheint uns als eine solche das Weltall mit den Gesetzen,
die es erhalten und bewegen. Wir haben keinen anderen Anhaltspunkt fr
die Beurteilung dieser Kraft, welche den Stoff zu organischen Krpern
vereinigt, als unsern eigenen Gedanken, kraft dessen wir im Stande sind,
aus vorhandenem Material, dessen Eigenschaften wir aus Erfahrung kennen,
Zusammensetzungen herzustellen, durch deren Aufeinanderwirken ein
bestimmter Zweck erreicht wird, wie es durch eine Maschine oder durch
ein chemisches Prparat geschieht.

Vergleichen wir eine Sperlingsfalle, die sich ein Kind aus Ziegelsteinen
baut, mit einer Dampfmaschine, die ein Schiff bewegt, so ist es klar,
dass ein bedeutend mehr ausgebildeter Geist dazu gehrte, diese Letztere
zu erdenken, allein die Ttigkeit oder Kraft, durch die beide
hervorgebracht wurden, die Ursache, ist gleichartig.

Vergleichen wir nun aber den gewhnlichen Organismus, der einen Teil des
groen Ganzen, der Welt bildet, zum Beispiel ein Blume oder einen Baum,
mit der allervollkommensten Maschine, welche der menschliche Gedanke
hervorbrachte, so sieht auch der oberflchliche Beobachter, dass beide
in Bezug auf Vollkommenheit noch unendlich verschiedener sind als die
Falle des Kindes und die Dampfmaschine; allein trotzdem ist der Schluss
vernnftig, dass der Organismus, den wir bewundern, seinen Ursprung
einer geistigen Ttigkeit verdankt, die derjenigen hnlich ist, welche
die Sperlingsfalle und die Dampfmaschine zusammensetzte.

Wenn wir aber den wunderbaren Organismus der ganzen Welt betrachten, so
weit wir denselben erkennen knnen, so schlieen wir aus der
Vollkommenheit, die wir berall entdecken, dass der Geist, welchem
dieser Organismus seinen Ursprung verdankt, die hchste Potenz geistiger
Vollkommenheit sein msse.

Manches in der Welt erscheint dem Beobachter allerdings unzweckmig und
unvernnftig, also unvollkommen; allein die Erfahrung lehrt uns, dass
eine unendliche Menge von Einrichtungen und Dingen, die frher den
Menschen so erschienen, spter als bewundernswrdig und vollkommen
erkannt wurden, nachdem man den Zweck entdeckt hatte. Diese Erfahrung
ist so hufig gemacht und die Menschen sind so oft von ihrem Irrtum
berfhrt worden, dass es vollkommen vernnftig ist anzunehmen, dass der
Weltorganismus vollkommen, dass er der angewandte Gedanke der hchsten
Vernunft, und dass alles, was ist, vernnftig ist.

Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die geistige Ursache der
Weltorganisation, von der wir selbst einen Teil bilden, also Gott, dem
menschlichen Geiste hnlich sei und sind daher vernunftgem berechtigt,
von diesem Anhaltspunkt weiter zu schlieen.

Der menschliche Geist kann vorhandenen Stoff zu bestimmten Zwecken
zusammensetzen, allein er kann durch seien Gedanken oder Willen keinen
Krper aus dem Nichts hervorrufen oder schaffen, auch nicht einmal das
kleinste Sandkrnchen. Da nun unser Geist der einzige Anhaltspunkt fr
das Verstndnis geistiger Kraft ist, und wir aus der erkannten
Gleichartigkeit des menschlichen Geistes mit Gott auf die Eigenschaften
Gottes nur von denen schlieen, die wir selbst besitzen, so kommen wir
zu dem logischen Schluss, dass Gott die Welt, das heit den Stoff, nicht
geschaffen haben kann.

Da wir aber wissen, dass alles, was innerlich dieser Welt - von einem
darber Hinausliegenden knnen wir berhaupt gar keinen Begriff haben, -
geschieht und ist, eine Ursache hat, so fragen wir natrlich, welches
ist die Ursache des Stoffes? - und um sie zu lsen, sind wir wieder auf
unsere Erfahrung und Vernunft angewiesen, die jedes Urteil berhaupt
begrnden.

Kein Mensch kann einen Krper aus dem Nichts schaffen; allein ebenso
wenig vermag er es, den Stoff zu vernichten. Die Form, in welcher sich
der Stoff zeitweilig darstellt, sehen wir tglich zerstren und wir
vermgen das ebenfalls; allein von dem Stoff selbst, aus dem irgendein
Krper zusammengesetzt ist, geht auch nicht das kleinste Teilchen
verloren, wie jeder Chemiker am besten wei, der sich tglich damit
beschftigt, Krper in ihre verschiedenen Bestandteile zu zersetzen.

Unser eigener Krper kehrt nach den Tode "zur Erde zurck". Das heit,
die Bestandteile, aus denen er besteht, zersetzen sich und werden wieder
Bestandteile anderer Krper. Legen wir Silber in Salpetersure, so lst
dieselbe das Metall auf und verwandelt dasselbe in eine Flssigkeit, in
der das Silber durch das Auge nicht zu erkennen ist; allein wir wissen,
dass es darin steckt und haben Mittel, es wieder in seiner Gestalt als
Metall herzustellen. - Verbrennen wir einen Krper, das heit zerstren
wir seine Form durch Feuer, so zersetzt er sich in Asche, Rauch und
Gase, in andere Krper; denn wenn auch das Gas unsichtbar ist, so ist es
doch andern Sinnen wahrnehmbar, zum Beispiel dem Geruch, und wir knnen
es messen und wiegen und aus der Verbindung von Gasen sogar wieder
sichtbare Krper herstellen, wovon das Wasser das bekannteste Beispiel
ist.

Da unsere Erfahrung keinen aus dem Nichts entstandenen Krper kennt und
ebenso wenig von der absoluten Vernichtung eines solchen wei, so kommen
wir zu dem Schluss, dass der Stoff, das Krperliche, die Materie weder
geschaffen wurde noch vernichtet werden kann, also vorwrts und
rckwrts ewig ist.

Der Begriff der Ewigkeit ist fr uns unfassbar, weil wir zu ihrer
Beurteilung nur die Zeit haben, welche ein endlicher Begriff ist. Ob wir
zu der Ewigkeit eine Minute oder eine Million Jahrhunderte hinzutun oder
davon hinwegtun, ist gleichgltig, denn es bleibt immer Ewigkeit.

Noch unfassbarer, weil wir dafr auch nicht den Schein eines
Anhaltspunktes haben, ist fr uns ein absoluter Geist oder absolute
geistige Kraft; denn jeder Geist und jede geistige uerung, die wir
kennen, steht in Verbindung mit der Krperwelt, und ebenso ist uns ein
Krper undenkbar ohne geistige Beeinflussung, denn selbst der Stein ist
gewissen Gesetzen unterworfen.

Wir kommen daher zu dem Schluss, dass der Stoff und der ihn belebende
Geist ewig verbunden waren, und dass ein von der Welt abgesonderter Gott
undenkbar und unmglich ist.

Da Gott die hchste Potenz der Vernunft und der zur Welt
zusammengesetzte Stoff das Werk derselben ist, so ist alles, was ist,
vernnftig, vollkommen und keiner Verbesserung fhig, wie auch keiner
nderung, die nicht nach den ewigen, absolut vollkommenen Gesetzen vor
sich geht. Da nun ein Wunder nach der frher gegebenen Erklrung eine
Handlung oder ein Ereignis ist, welches den Naturgesetzen widerspricht,
so ist ein solches selbst Gott unmglich, denn die hchste Vernunft kann
nicht irren.

Gott kann also kein Wunder tun und kann keinen Stoff aus dem Nichts
erschaffen, ist also nicht allmchtig, und die Vorstellung von einem
wundertuenden, allmchtigen Gott ist eine in sich selbst zerfallende.
Diejenigen, welche damit ihrer Verehrung vor dem hchsten Wesen den
hchstmglichen Ausdruck gegeben zu haben meinen, sind im Irrtum, da,
wie eben gezeigt wurde, diese Vorstellung von Gott eine zu geringe ist.

Sie wrde fr die Welt im Allgemeinen keine grere Bedeutung haben, wie
irgendwelche andere, wenn sie nicht einer Religion zu Grunde lge,
welche als Hauptsttze des Despotismus gilt und seit Jahrhunderten zu
diesem Zwecke benutzt wurde.

Die Regierungen selbst der als aufgeklrt geltenden Staaten gehen noch
immer von der Idee aus, welche ursprnglich Priester und Despoten
verband, dass nur Furcht vor der unsichtbaren Macht, welche doch der
Hauptfaktor der Religion der Religisen ist, im Stande sei, die Achtung
vor dem Gesetz und dem Frsten zu erhalten. Aus diesem Grunde wird die
Erziehung der Jugend auf das strengste vom Staat berwacht und der
Kontrolle der Priester berlassen, damit diese die Kinderseele bereits
mit dem Glauben vergiften, welcher zur Erhaltung der Religion absolut
ntig ist.

Der Grund dieser Religionspflege, dieser Sorge fr den religisen Sinn
von Seiten der Regierungen ist eine mehr oder weniger bewusste Maregel
despotischer Gelste und Tendenzen und das Vorgeben, dass der religise
Sinn zum individuellen Wohl der Untertanen mit solcher Strenge
aufrechterhalten werde, eine offenbare Heuchelei und handgreifliche
Lge.

Knigin Christina von Schweden, die Tochter Gustav Adolfs, war
katholisch geworden und hielt sich viel in Rom auf. Als sie den alten
Oxenstierna einlud, dorthin zu kommen, entsetzte sich der orthodoxe
Protestant bei dem Gedanken, dass der Papst es auf seine Seele abgesehen
habe. Christina, die den Papst und seine Absichten besser kannte,
antwortete lachend: "Glaubt mir, der Papst gibt nicht vier Taler fr
eure Seele". Ich glaube kaum, dass irgendeine Regierung aus bloer
vterlicher Teilnahme fr das Schicksal einer Seele, nachdem deren
Inhaber durch den Tod aus dem Untertanenverband ausgeschieden ist, -
vier Silbergroschen geben wrde.

Ich habe nicht ntig, ber diesen Vorwand fr den ausgebten
Religionszwang noch ein Wort zu sagen und darf dreist behaupten: je
sorgfltiger eine Regierung die Religion durch Zwangsmaregeln
untersttzt, je ngstlicher sie darauf bedacht ist, die Erziehung in der
Hand der Priester zu lassen, desto despotischer sind ihre Neigungen.

Die Behauptung, dass der Religionszwang zur Erreichung des vernnftigen
Staatszwecks noch immer notwendig sei, dass ohne denselben die Gesetze
nicht hinreichen wrden, Verbrechen zu verhindern, ist eine falsche,
welche durch die Erfahrung widerlegt wird.  Diese lehrt, dass in
denjenigen Lndern, in welchen durch die Reformation ein Teil des
religisen Glaubenswustes weggerumt und der durch die Wissenschaft
verbreiteten Aufklrung mehr Spielraum gewhrt wurde, weit weniger
Verbrechen begangen werden, als in den katholischen. Wilberforce beweist
uns, dass bereits dreiig Jahre nach der Reformation die Zahl der in
England hingerichteten Verbrecher sich von 2000 auf 200 jhrlich
verminderte.

Seit die Reformation der "Freiheit eine Gasse" bahnte, sind aber ber
drei Jahrhunderte vergangen, und wenn auch die reformierten Frsten und
Priester ber die Ntzlichkeit des Religionszwanges ganz dieselben
Ansichten hatten wie die katholischen, so war die Organisation der
reformierten Kirche doch nicht so geeignet wie die der katholischen, der
Entwicklung der Wissenschaft hindernd in den Weg zu treten, obwohl es an
dem aufrichtigen Willen hierzu besonders bei den Geistlichen wahrhaftig
nicht fehlte. Die Wissenschaft hat der Tat nach den Aberglauben
vollstndig berwunden und trotz aller Bemhungen der Finsterlinge,
trotz aller Hausmittel der Despoten, wie Zensur, Lehrzwang usw., gewinnt
sie tglich mehr und mehr Einfluss im Volk und dasselbe sieht tglich
klarer, dass es seit Jahrhunderten das Opfer des grandiosesten
Schwindels war, den die Geschichte kennt; und dass der Eigennutz der
Priester und Despoten an der Menschheit ein Verbrechen beging, welches
an Schlechtigkeit und Gemeinschdlichkeit jedes andere bertrifft.

Wre die Ansicht richtig, dass der kirchliche Glaube ntig sei, die
Achtung vor dem Gesetz zu erhalten, dann msste die grte Zahl der
Verbrecher aus den gebildeten Stnden kommen, die, wenn sie sich
aufrichtig prfen, gestehen mssen, dass sie von dem was im Katechismus
gelehrt wird, sehr wenig oder gar nichts so glauben, wie es die Kirche
verlangt.

Der wirklich Gebildete verletzt nicht das Gesetz, weil er sich vor
irgendwelcher Strafe frchtet, die ihn hier oder nach dem Tode treffen
knnte, sondern einfach, weil das Gefhl fr Recht und Unrecht in ihm
Fleisch und Blut geworden ist. Je ausgebildeter der Verstand eines
Menschen ist, desto weniger wird er selbst der Versuchung ausgesetzt
sein, ein Verbrechen zu begehen; und durch ein Befrdern der Mittel,
welche die Bildung erzeugen, wrde die Regierung am besten dazu
gelangen, in Bezug auf die zur Erreichung des vernnftigen Staatszweckes
ntigen Gesetze einen Zustand herzustellen, wie er bereits faktisch in
Bezug auf die Anstandsgesetze besteht. Selbst wenn die Polizei es
gestattete, wrde es doch unter tausend Menschen kaum einem einfallen,
entblt durch die Straen zu gehen, und wenn es jemand tut, so bedarf
es meistens nicht der gesetzlichen Gewalt ihn daran zu verhindern, oder
dafr zu bestrafen, denn es geschieht durch die Gesellschaft selbst.

Mag die Religion auch in den frheren Jahrhunderten einen guten Einfluss
gebt und nicht allein zur Unterdrckung der Despotie, sondern berhaupt
der gesellschaftlichen Ordnung gedient haben; im gegenwrtigen
Jahrhundert ist sie fr den Staatszweck nicht nur durchaus unntz,
sondern geradezu schdlich, da sie der Entwicklung der Wissenschaft und
der durch sie erzeugten Bildung hinderlich ist.

Die tgliche Erfahrung lehrt, dass heutzutage die Menschen, selbst der
ungebildeten Klassen, nicht durch religise Furcht von Verbrechen
abgehalten werden. Man frage nur einen Polizei- oder Kriminalbeamten auf
sein Gewissen, und jeder wird gestehen mssen, dass - mit uerst
seltenen Ausnahmen - selbst der dmmste Bauer einen Gendarmen, also das
Gesetz und die durch dasselbe diktierte Strafe, mehr frchtet als Gott
oder den Teufel. Alles, was die Regierungen durch ihre Zwangsmaregeln
in Bezug auf Religion erzeugen, ist einerseits Gleichgltigkeit dagegen,
wenn nicht Hass und Verachtung gegen die bornierte oder despotische
Zwecke verfolgende Regierung, oder eine zur Gewohnheit gewordene, alle
Schichten der Gesellschaft durchdringende und sie demoralisierende
Heuchelei.

Was wir von unseren Regierungen verlangen, ist, dass sie als solche von
der Religion gar keine Notiz nehmen und sie nicht, wie es jetzt fast
noch berall der Fall ist, den Aberglauben aussen und sein Wachstum
befrdern zu knnen glauben. Wer das Bedrfnis zur Religion fhlt, mag
dieselbe ausben und sich mit andern zu diesem Zwecke vereinigen; das
Gesetz wird ihn in dieser Ausbung beschtzen und sich erst dann
hindernd einmischen, wenn durch diese Ausbung die gesetzlichen Rechte
anderer beeintrchtigt werden. Ist die Religion durch sich selbst stark,
so braucht sie keine Untersttzung und Begnstigung von Seiten der
Regierung; hat sie aber Grund, die Wissenschaft zu frchten, so beruht
sie auf Aberglauben, und je eher sie dem Feind desselben unterliegt,
desto besser ist es fr die Menschheit.

Wie wir allmhlich die Regierungen gezwungen haben, den Despotismus
aufzugeben, oder wenigstens seine Unberechtigung dadurch anzuerkennen,
dass sie ihn unter konstitutionellen und anderen Masken verstecken, so
werden sie auch durch die Macht der ffentlichen Meinung gezwungen
werden, ihre schtzende Hand von dem Aberglauben abzuziehen und seine
Ausrottung der Wissenschaft zu berlassen.

Wir wissen sehr wohl, dass die Trennung von Kirche und Staat nicht ohne
Schwierigkeiten vonstatten geht und knnen die Natur derselben nach
denen beurteilen, mit welchen in diesem Augenblick die sterreichische
Regierung nur deshalb zu kmpfen hat, weil sie die zu anmaend gewordene
Dienstmagd in ihre Schranken zurckzuweisen gezwungen wurde. Der
Widerstand geht nicht allein von den Pfaffen aus, sondern er wird durch
das von ihnen im Aberglauben erzogene und erhaltene Volk teilweise
untersttzt. Nun rcht sich "der Fluch der bsen Tat" an der Regierung,
welche, als sie es noch wagen durfte, despotisch zu sein, mit allem
Eifer den Pfaffen die Waffen schmieden half, welche dieselben nun gegen
sie anwenden.

Der Kampf gegen die Anmaungen der in ihren Ansprchen durchaus
logischen rmischen Kirche wrde ohne besondere Schwierigkeiten zu Ende
gefhrt werden knnen, wenn die Regierungen sich entschlieen knnten,
ehrlich mit dem Aberglauben zu brechen; allein sie wnschen von
demselben zu behalten, was den despotischen Tendenzen ihrer Leiter
ntzt, welche freiere Institutionen meistens nicht deshalb bewilligen,
weil sie von der Berechtigung des Volkes zur Freiheit und
Selbstregierung berzeugt, sondern einfach, weil sie zu Konzessionen und
Aufgabe eines Teils ihrer Macht gezwungen sind, um nicht alles zu
verlieren. Sie fhlen, dass der religise und politische Aberglaube
Zweige desselben Stammes sind, deshalb hten sie sorgfltig die Wurzel.

Die Erfahrung lehrt, dass das Wissen den Aberglauben jeder Art zerstrt
und dass es unmglich ist, seiner Verbreitung gnzlich Einhalt zu tun,
denn wie Luft und Licht dringt das Wissen durch kaum wahrnehmbare Poren
in den geistigen Krper des Volks und entwickelt in ihm die latenten,
natrlichen Krfte, welche den Aberglauben zersetzen und ausscheiden.

Es hat Zeiten gegeben, wo der dem Eindringen des Wissens
entgegengesetzte Widerstand bedeutend strker war, als es jetzt der Fall
ist und wo die Mnner, die sich seine Verbreitung zur Lebensaufgabe
stellten, ihr Streben mit Leben und Freiheit zu bezahlen hatten; dennoch
lieen sie nicht ab und das Wissen schritt fort. Es wre trichte
Feigheit, den Kampf nicht krftiger fortzufhren, da der endliche Sieg
des Wissens ber den Aberglauben von keinem mit gesundem Sinne begabten
Menschen mehr bezweifelt werden kann.

Obwohl jeder allgemein fr die Verbreitung des Wissens wirken kann, so
ist es doch zweckmig, wenn die Kmpfer ihre Wirksamkeit auf besondere
Punkte in der feindlichen Schlachtlinie richten, welche andere
Situationen beherrschen.

Einer der Schlsselpunkte der feindlichen Stellung ist der persnliche
Einfluss der rmischen Priester auf das Volk, denn der Aberglaube
desselben wurzelt ursprnglich in Autorittsglauben. Das Volk glaubt,
dass die Mnner, welche ihm die Lehre der rmischen Kirche erklren,
achtungswerte Mnner sind, die nicht allein selbst glauben was sie
sagen, sondern auch einzig und allein das Wohl der Menschen im Auge
haben, wenn sie von ihnen unbedingten Glauben und ein Befolgen der von
der rmischen Kirche verlangten Handlungen fordern. Es wird daher ein
verdienstliches Werk sein, dem Volk zu beweisen, soweit dies durch die
Geschichte mglich ist, dass die ehrlichen Priester, das heit
diejenigen, die selbst glauben, von unehrlichen Priestern betrogen
wurden; dass Aussagen und Fakten, die als wirklich geschehen berichtet
werden, zu diesem oder jenem selbstschtigen Zwecke erfunden wurden, und
dass das ganze Gebude der Kirche auf einem Fundament von greifbaren
Lgen erbaut wurde. Es wird daher verdienstlich sein, historisch
nachzuweisen, dass die grte Zahl der Ppste und ihrer Priester
bewusste Betrger waren, welche nicht entfernt das Wohl des Menschen,
sondern einzig und allein ihren eigenen Vorteil im Auge hatten und zur
Erreichung dieses nichtswrdigen Zweckes die allernichtswrdigsten
Mittel anwendeten.

Dies historisch nachzuweisen, ist der spezielle Zweck des nachfolgenden
Buches. Mich treibt dazu kein eigenntziger Zweck, denn welcher
persnliche Vorteil liee sich dadurch erzielen? Mich treibt einzig die
Liebe zur Wahrheit und der Wunsch, vielleicht einige Menschen, die sich
von den Fesseln des Aberglaubens bedrckt fhlen, davon zu befreien,
indem ich ihnen zeige, dass diese Fesseln Einbildungen sind; mit dieser
Erkenntnis wird der Geist frei.

Da ich nun keinen eigenntzigen Zweck mit der Verbreitung der Wahrheit
verbinden kann, so drfte ich gewiss ebenso viel Anspruch auf
Glaubwrdigkeit machen, wie irgendein Priester, der, so ehrlich er auch
sein mag, doch immer zu derjenigen Klasse gehrt, welche von dem, was
ich als Lge blolege, Nutzen zieht; allein ich verlange gar keinen
Glauben; es stehen ja jedem dieselben Quellen zu Gebot, aus denen ich
diejenigen Tatsachen schpfe, die mir als Beweise dienen und denen ich
Glauben schenke, weil ich keinen vernnftigen Grund habe, ihnen zu
misstrauen; wer meint, dass ich im Stande sei, irgendwelche Aussagen
einem Heiligen oder hochgeachteten katholischen Kirchenlehrer
unterzuschieben, kann sich ja leicht davon berzeugen, indem er die von
der Kirche selbst anerkannten und verffentlichten Werke dieser Mnner
nachliest.

Katholische Priester, welche von Leuten befragt werden, die dieses Buch
lesen, werden hchstwahrscheinlich alle oder viele von mir gemachten
Angaben als Lgen bezeichnen und viele werden ihnen glauben, wie sie
ihnen andere Dinge glauben. Viele Priester werden meine Angaben wirklich
fr Lgen halten, weil sie eben unwissend sind. Wenn sie im Stande sind,
ihre Faulheit zu berwinden und ihnen an der Wahrheit liegt, so mgen
sie sich belehren. Dies Buch, welches unendliche Mhe und groen Flei
erforderte, ist ebenso wohl fr ehrlich strebende unwissende Priester,
wie fr diejenigen geschrieben, welche von ihnen ebenso betrogen werden,
wie sie selbst es von Unwissenden oder von bewussten Lgnern wurden.

Das in Rom sich vorbereitende Konzil knnte den Glauben erwecken, als
sei es die Absicht des Papstes, die rmisch-katholische Religion den
Erfordernissen der Gegenwart anzupassen. Es wird sich diese Ansicht
jedoch sehr bald als eine irrtmliche herausstellen. Die ganze
Handlungsweise sowohl des vorigen, wie des jetzigen Papstes liefert den
klaren Beweis, dass beide im Gegenteil danach streben, die
Glaubensherrlichkeit des Mittelalters wieder herzustellen, und dass
sogar die Hoffnung gehegt wird, smtliche Protestanten in den Scho der
"alleinseligmachenden" Kirche zurckzufhren. Es liegt dieser Zuversicht
eine wunderbare Verblendung, ein gnzliches Verkennen des Zeitgeistes zu
Grunde, und wir hegen die wohlbegrndete Erwartung, dass diese
Kirchenversammlung, welche die Aufmerksamkeit selbst der Gleichgltigen
auf religise Gegenstnde lenken muss, durch die von ihr zu Tage
gefrderten Glaubensdummheiten der rmisch-katholischen Kirche einen
hrteren Sto versetzen wird, als es in den letzten Jahren selbst durch
die Wissenschaft geschehen ist.




Wie die Pfaffen entstanden sind


                        Hte dich vor dem Hinterteil des Maultiers,
                        vor dem Vorderteil des Weibes,
                        vor den Seiten des Wagens
                        und vor allen Seiten des Pfaffen.
                            Altes Sprichwort


Zur Zeit, als Augustus sich zum rmischen Kaiser gemacht hatte,
schmachtete die ganze damals bekannte Welt unter dem Joch der
Rmerherrschaft. Geldgierige und gewaltttige Statthalter des Kaisers
sogen die Lnder des Orients aus und nahmen den Bewohnern noch das
Wenige, was ihnen von ihren einheimischen Frsten gelassen wurde, welche
die Rmer aus Grnden einer klugen Politik nicht berall abschafften.
Freiheit, Leben und Eigentum der Menschen waren der Willkr der
Herrschenden preisgegeben; ihr Zustand war ein trostloser, und der
unterdrckte Orient seufzte nach Erlsung von dem harten Joch.

Alle unterdrckten Vlker hoffen auf einen Helden, welcher sie aus der
Knechtschaft erlsen wird, und die Dichter schaffen eine Sage und werden
Propheten. Die aus dem Gefhl und Bedrfnis des Volkes hervorgegangene
Prophezeiung wird hufig Ursache ihrer Erfllung.

Die geknechteten Vlker des Orients hofften auf einen solchen
Befreiungshelden, den Messias, unter welchem sie sich eine Art von
Washington oder Garibaldi dachten, der sie von dem verhassten Rmerjoch
befreien sollte.

An diese Messiashoffnung klammerten sich die Menschen jener Zeit umso
fester und inbrnstiger, als sie sonst keine Hoffnung und keinen Trost
nach irgendeiner Richtung hin hatten und von ihrer eigenen Ohnmacht,
sich selbst zu helfen, vollstndig berzeugt waren. Sogar auerhalb der
Erde fanden ihre trostlosen Herzen keinen Sttzpunkt. Die Gtter hatten
ihren Kredit verloren, und der Glaube an ihre Hilfe und unparteiische
Gerechtigkeit war niemals besonders gro gewesen. Der Olymp verkehrte
wenig mit dem Plebs, sondern hielt sich zur Aristokratie. Die von Homer
und Hesiod erfundenen Gtter, denen die Griechen und ihre
Geistesvasallen Tempel bauten, waren der gebildeteren Klasse ein Spott
geworden. Der Glaube des Volkes an ihre Hilfe erstreckte sich vielleicht
ungefhr so weit, als der norddeutscher Katholiken an die der Heiligen.

Die Hoffnung auf den Messias war unter den Juden noch lebhafter und
ungeduldiger, weil ihnen die Herrschaft der Rmer noch verhasster war
als andern Vlkern. Sie hatten eine Vergangenheit, auf welche sie mit
Stolz zurckblickten; sie glaubten, das auserwhlte Volk Jehovas zu
sein, welcher als ihr unsichtbarer Knig galt, der stets seit Moses
durch die Propheten mit ihnen verkehrte. Die Knechtschaft, in welche sie
verfielen, betrachteten sie als eine fr ihren Ungehorsam von Jehova
ber sie verhngte Strafe, und da diese schon lange dauerte und hart
empfunden wurde, so war es natrlich, dass ihre Dichter, die Stimmen des
Volksherzens, an Prophezeiungen reich waren. Die Rmer waren den Juden
als Heiden ein besonderer Gruel; sie meinten, ihre Not und Demtigung
knne keinen hheren Grad erreichen und die Zeit des Erscheinens des
Messias msse nahe sein. David und sein Sohn waren ihre grten Knige
gewesen, und die Propheten hatten verkndet, dass der Messias aus dem
Geschlecht Davids entstehen solle. Die Religion der Juden, die schon von
Anbeginn hauptschlich in der Beobachtung von bestimmten Vorschriften
bestand, die Moses mit klugem Sinn fr die Regenerierung des jdischen
Volkes gab und als unmittelbare Gebote Jehovas darzustellen fr
zweckmig fand, war im Laufe der Jahrhunderte zu einem leeren
Zeremoniendienst ausgeartet. Die Zeit war reif fr das Erscheinen des
Messias. Der Erlser erschien; allein er erschien in einer anderen
Gestalt, als ihn das Volk trumte; das Volk erkannte ihn nicht an, und
die Aristokratie verachtete, verfolgte und kreuzigte ihn; denn kamen
seine Grundstze zur Geltung, so zerstrten sie nicht sowohl die
Herrschaft der Rmer, sondern machten der ihrigen ein Ende. Jesus war
ein Revolutionr, der auch in unserer Zeit, wenn nicht gekreuzigt, doch
standrechtlich erschossen oder in ein Zuchthaus gesperrt werden wrde.

Der als der von den Propheten verheiene Messias auftretende Jesus, der
Sohn eines kleinen Handwerkers aus einem Landflecken, lehrte: "Es gibt
nur einen Gott; er ist ein Gott der Liebe und kein zorniges,
rachedurstiges Wesen, sondern ein gtiger Vater aller Menschen. Das
Leben auf dieser Erde ist nur eine Vorbereitung fr ein ewiges Leben mit
Gott, und es ist in die Hand eines jeden gegeben, dasselbe zu einem
freudenreichen zu machen. Knige und Sklaven sind vor Gott gleich, und
er richtet und belohnt die Menschen nicht nach ihrem Ansehen auf Erden,
sondern nach ihren Handlungen und Absichten. Die Letzten und Geringsten,
die ihre Leiden und Entbehrungen am geduldigsten tragen und tugendhaft
bleiben, werden im ewigen Leben die Ersten, die Glcklichsten sein."

Diese Lehre war Balsam fr die verzweifelten Herzen der Armen; wer an
sie glaubte, fest und innig glaubte, dem gab sie Kraft, alle und selbst
die herbsten Leiden nicht nur zu ertragen, sondern selbst mit Freuden zu
tragen und dem Tod ohne Furcht entgegenzugehen, denn derselbe war eine
Erlsung, die Pforte zu einem ewigen Leben voll Glck. Der Glaube an
diese Lehre raubte in der Tat "dem Tod den Stachel", er erlste die
Menschheit.

So trostreich diese Verheiung auch klang, so wenig lie sich ihre
Wahrheit beweisen; denn vor der prfenden Vernunft besteht sie ebenso
wenig wie irgendeine andere, die ber den Tod hinausreicht. Jesus
substituierte nur eine Behauptung durch eine andere; da aber der Glaube
an seine Behauptung die Menschheit glcklicher machte als jeder andere,
da er sie von den Leiden der Erde und der Furcht vor dem Tode erlste,
so war es ein sehr verdienstliches Werk, dessen Glauben zu erzeugen. Der
in der Lehre enthaltene Trost machte die Menschen diesem Glauben sehr
geneigt; allein der alte Glaube der Juden beruhte auf der Autoritt von
Mnnern, die als Propheten galten, mit Gott in direktem Verkehr zu
stehen vorgegeben und dieses Vorgeben durch wunderbare Handlungen
untersttzt hatten.

Aller Glaube ist Autorittsglaube; wollte der Sohn des Zimmermanns aus
Nazareth, dessen Eltern und Geschwister man kannte, Glauben an seine
Autoritt gewinnen und als Prophet, als der Messias anerkannt werden, so
musste er Handlungen verrichten, wie sie die Propheten verrichtet
hatten. Alle Propheten von Moses an hatten "Wunder" getan; also musste
Jesus Wunder verrichten und verrichtete sie.

Selbst auf dem Wege vernnftiger Untersuchung gefundene Wahrheit kommt
noch heutigen Tages nicht zur Geltung, wenn sie nicht durch uere
Umstnde untersttzt wird und nicht in zeitgemem Gewand auftritt,
besonders wenn sie viele Interessen verletzt, und selbst Aberglauben hat
weit grere Aussicht auf augenblicklichen Erfolg, wenn er diesen
Interessen schmeichelt.

Der Glaube, den Jesus erzeugen wollte, obwohl dem Armen und
Unterdrckten Heil verheiend, verletzte die Interessen der herrschenden
Klasse. Auf ihre Mithilfe konnte Jesus nicht rechnen, und durch Wunder
waren sie nicht zum Glauben zu bringen; denn die Wissenden und
Eingeweihten wussten, was sie von Wundern zu halten hatten. Die
Heilsamkeit des Glaubens fr das Volk, den Jesus predigte, konnte sie
nicht bewegen, ihn zu untersttzen, selbst wenn sie ihn einsahen; ihr
Egoismus veranlasste sie vielmehr, diesen Glauben womglich im Keim zu
unterdrcken und dessen Urheber zu vernichten. Die heutigen hohen
Priester und Phariser handeln ebenso wie die unter den Juden in jener
Zeit.

Jesus musste sich also gnzlich auf das Volk sttzen. Er verfuhr dabei
auf durchaus praktische, ich mchte sagen mathematische Weise, die zwar
keinen augenblicklichen, aber einen sicheren Erfolg haben musste. Er
whlte sich als "Jnger" zwlf schlichte, ungebildete Leute aus dem
Volk, welchen er durch Beobachtung seines Handelns und seines reinen
Wandelns persnliche Liebe und Anhnglichkeit und unbegrenztes Vertrauen
einzuflen verstand, woraus der feste Glaube an alles, was er sagte und
verhie, in ihnen erzeugt wurde. Wenn jeder von diesen Jngern auf
hnliche Weise verfuhr und dieses System fortgesetzt wurde, so musste
sich die Zahl der Glubigen nach einer bestimmten Progression vermehren.

Diese Jnger sahen die Wunder Jesu; sie glaubten an ihn und deshalb an
seine Verheiung und lebten nach seiner Vorschrift. Seine Lehre war so
einfach, dass Jesus es nicht fr ntig hielt, sie niederzuschreiben; er
vertraute dem lebendigen Wort der Jnger, in deren Herzen er diese Lehre
niederlegte.

Derselbe Weg, den Jesus zur Ausbreitung seiner Lehre einschlug, hatte
sich schon sechs Jahrhunderte vor dem Auftreten Jesu als praktisch
bewhrt; Buddha, der Reformator der indischen Religion, hatte ihn
angewandt. Der Erfolg war derselbe und, wie wir jetzt beurteilen knnen,
sogar in seinen Ausartungen und deren Folgen. Europer, welche zum
ersten Mal in einen modernen buddhistischen Tempel in China treten, sind
erstaunt ber die hnlichkeit, die sie berall in den Gebruchen mit
denen der rmischen Kirche finden. Die Buddhisten haben ihre
Rosenkrnze, Reliquien und Klster so gut wie die rmischen Katholiken.

Buddha war jedoch der Sohn eines Knigs, Jesus der Sohn eines
Handwerkers, und diese Verschiedenheit bedingte schon eine
Verschiedenheit der Handlungsweise. Whrend dem Prinzen ein tugendhaftes
Leben gengte, den Brahmanen gegenber seiner revolutionren, den
Kastenunterschied aufhebenden Lehre Erfolg zu sichern, musste der unter
den Juden als Prophet auftretende Handwerkersohn auerdem "Wunder" tun
und, damit "die Prophezeiungen der Propheten erfllt wrden", fr seine
Lehre sterben.

Dieser Opfertod erschien Jesus als eine Notwendigkeit; er war eine
reiflicher berlegung entsprungene Handlung. Dass dieses Opfer ein sehr
schweres war und Jesus unter Herzensangst darber nachdachte, ob sich
nicht ein anderer Weg finden lasse, geht aus den Evangelien ganz klar
hervor. Am lberg betete er: "Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von
mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe." (Anm.d.Red. Luk.
22,42)

Wir sind es gewohnt, wenn wir an Jesus denken, ihn uns mit der Glorie
vorzustellen, mit der ihn der Erfolg und neunzehn Jahrhunderte
bekleideten; allein wenn er auch die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen,
das heit der Juden und der in ihrem Land befindlichen Rmer, erregte,
so war er doch vom Volk sehr bald vergessen und sein Andenken lebte nur
in dem sehr beschrnkten Kreis seiner Jnger und deren Anhnger. Philo,
der ungefhr zwanzig Jahre nach dem Tode Jesu starb, erwhnt ihn gar
nicht. Josephus, der einige Jahre spter geboren wurde und sein
Geschichtswerk in den letzten Jahren des ersten Jahrhunderts schrieb,
erwhnt ganz beilufig mit wenigen Worten seine Hinrichtung; allein die
Zahl der Anhnger seiner Lehre war noch so gering und unbedeutend, dass
dieser Geschichtsschreiber, der alle Sekten aufzhlt, die zu seiner Zeit
bestanden, die Christen gar nicht mitnennt. Erst in den Schriften
spterer Jahrhunderte wird Jesus als der Stifter der christlichen
Religion genannt.

Alles, was wir von Jesus wissen, wissen wir durch die Schriften seiner
Jnger, die aus der Erinnerung aufzeichneten, was sich das Volk von der
Jugend Jesu erzhlte und was sie mit ihm erlebt und er bei dieser oder
jener Gelegenheit gesagt hatte. Diese Jnger waren Leute aus dem Volk,
ohne besondere Bildung und Talent, die Jesus liebten und an ihn
glaubten, ihn aber nur sehr unvollkommen verstanden und von seiner
Seelengre keinen Begriff hatten. Die Evangelien wurden viele Jahre
nach dem Tod Jesu niedergeschrieben, und selbst das des Matthus,
welches das lteste ist, entstand erst etwa vierzehn Jahre danach. Es
ist daher sehr begreiflich, dass die Reden Christi nicht so wiederholt
werden konnten, wie er sie sprach, sondern meist in der Weise
wiedergegeben wurden, wie sie von den Jngern verstanden wurden. Die
natrliche Folge davon ist, dass die verschiedenen Erzhlungen nicht nur
voneinander abweichen, sondern auch Irrtmer und Widersinnigkeiten
enthalten, welche spterhin zu den wahnwitzigsten Auslegungen und
Folgerungen Veranlassung gaben, wovon wir im Verlauf dieses Werks
zahlreiche Beispiele finden werden.

Hier wollen wir nur zwei Hauptmomente in Betracht ziehen, auf welche die
rmische Kirche den allergrten Wert legt, indem sie weit mehr auf
diese als auf die Lehre Christi selbst basiert ist. Es sind dies die
Wunder und die  Gttlichkeit Christi.

In der Einleitung haben wir uns ber die Wunder ausgesprochen. Sind die
dort ausgefhrten Folgerungen richtig, so konnte Christus keine Wunder
verrichten und die ihm zugeschriebenen wunderbaren Handlungen geschahen
auf natrliche Weise. Die Jnger, welche darber als Augenzeugen
berichten, sprachen die Wahrheit, das heit, sie erzhlten, was sie
sahen, wie sie es verstanden. Sie kannten die Mittel nicht, durch welche
diese Handlungen bewirkt wurden, denn wre dies der Fall gewesen, so
wrden die Wunder ihnen nicht als solche erschienen sein und gerade die
damit bezweckte Absicht, Glauben an Jesus zu erwecken, verfehlt haben.
Was nun die Art der Erzhlung der Jnger von dem Geschehenen selbst
anbetrifft, so wird man sie leicht begreifen und beurteilen knnen, wenn
man die Erzhlung eines ungebildeten Mannes, zum Beispiel eines in sein
Dorf zurckgekehrten Bauern, anhrt, der in der Residenz den
Vorstellungen eines "Zauberers" beiwohnte, welcher sein Publikum durch
geschickte und sinnreiche Anwendung von mehr oder weniger bekannten
natrlichen Krften in Erstaunen versetzt.

Der Hinweis auf sogenannte Taschenspielerknste in Verbindung mit den
von Christus verrichteten Wundern hat fr Christen etwas Widerwrtiges
und Abstoendes; allein das liegt mehr in der besonderen Ansicht, die
sich in Bezug auf die Person Jesu Geltung verschafft hat, und in der
verhltnismig geringen Achtung, in welcher moderne Zauberer in einer
Zeit stehen, in welcher die Wissenschaft schon so weit fortgeschritten
ist, dass ihre Resultate zu Spielereien und zu bloer Unterhaltung des
Publikums benutzt werden knnen, ohne dasselbe wirklich zu tuschen.

Was den Enkeln kindisch und trivial erscheint, wurde aber oft von unsern
Groeltern mit dem grten und furchtbarsten Ernst behandelt, wovon zum
Beispiel das Hexenwesen einen betrbenden Beweis liefert, da diesem
Aberglauben Hunderttausende unschuldiger Menschen zum Opfer fielen.

Wenn wir als wahr annehmen, dass Jesus wunderbare Handlungen
verrichtete, und zu dem vernnftigen Schluss gekommen sind, dass sie
keine Wunder waren, so mssen wir auch erstlich zugeben, dass sie zu
einem bestimmten Zweck verrichtet wurden und andererseits, dass sie "mit
natrlichen Dingen" zugingen.

Der Zweck war offenbar der, die Jnger und andere zu berzeugen, dass
Jesus mit hheren Krften begabt sei als die gewhnlichen Menschen, was
durchaus ntig war, um ihn als Propheten, als den verheienden Messias,
zu legitimieren und Glauben an seine gttliche Sendung zu erwecken, ohne
welchen das groe, die Menschheit erlsende Werk absolut nicht zu
vollbringen war und zu welchem erhabenen Zweck Jesus selbst sein Leben
opferte.

Gingen die Wunder aber "mit natrlichen Dingen" zu, so musste Jesus eine
Kenntnis dieser natrlichen Dinge und diese auf irgendeine natrliche
Weise erworben haben, da es auf eine wunderbare, das heit naturwidrige
Weise, nicht geschehen sein konnte.

Diese Kenntnisse verborgener natrlicher Krfte sind Resultate der
forschenden Wissenschaft und es drngt sich uns natrlich die Frage auf:
wo erwarb der Sohn eines Handwerkers diese Kenntnisse, welche selbst den
Gebildetsten unter den Juden verborgen waren?

Ein rmischer Schriftsteller, welcher beilufig sagt, dass in Juda ein
Mann namens Jesus hingerichtet worden sei, welcher wunderbare Handlungen
verrichtete, die er in gypten erlernte, gibt uns einen Anhaltspunkt, da
die Evangelien ber die Erziehungsperiode Jesu gnzlich schweigen und
uns ber sein Leben von seinem zwlften bis zu seinem dreiigsten Jahr
gnzlich im Dunkeln lassen.

Schon in der Einleitung haben wir erwhnt, dass die gyptischen Priester
in den Naturwissenschaften weit fortgeschritten waren und ihre
Kenntnisse fr sich behielten, da die Wissenschaft ihnen die Herrschaft
ber das Volk sicherte. Diese Wissenschaft gab ihnen natrlich auch
andere Anschauungen ber das Wesen Gottes und die Religion, und
diejenige, welche sie selbst hatten, war sehr verschieden von
derjenigen, welche sie fr das Volk fr zweckmig hielten und demselben
lehrten.

gyptische Knste waren in der damaligen Welt weit und breit berhmt und
man belegte mit diesem Namen fast alle wunderbaren Handlungen, die man
sich auf natrliche Weise nicht erklren konnte. Wenn daher der rmische
Schriftsteller sagt, dass Jesus die wunderbaren Handlungen, die er
verrichtete, in gypten erlernte, so ist das wohl noch nicht gerade als
ein Beweis zu betrachten, dass Jesus in gypten erzogen wurde; allein
die Wahrscheinlichkeit dieser Behauptung wird durch andere Umstnde
bedeutend vermehrt, - und am Ende musste doch Jesus irgendwo zu dem
Manne erzogen sein, der er war, was in Nazareth, wo seine Eltern lebten,
ganz sicher nicht mglich war.

Die hnlichkeit der Wunder, welche Moses und nach ihm die Propheten
verrichteten, mit denen Christi, macht es wahrscheinlich, dass sie aus
derselben Quelle, gypten, stammten.

Moses war von der Tochter Pharaos gerettet und durch ihre Vermittlung
mit der Erlaubnis des Knigs von den Priestern so gut erzogen worden,
wie es nur der Sohn des Knigs selbst htte wnschen knnen. Wie uns der
jdische Schriftsteller Josephus erzhlt, offenbarte der Knabe einen
sehr krftigen Sinn und es ist wahrscheinlich, dass man ihn mit groer
Sorgfalt und Liebe in die Geheimnisse gyptischer Wissenschaft einweihte
und dass er in den erlernten Knsten selbst die gyptischen Priester
bertraf, welche ihm der Knig entgegenstellte, als er seine
Wissenschaft zur Befreiung der Juden aus der gyptischen Knechtschaft
anwandte.

Seit jener Zeit vererbte sich die Wissenschaft unter den Juden, allein
nur an einzelne, an Propheten, da sie sonst ihren Zweck verfehlt haben
wrde. Als die Knige der Juden gegen das Volk tyrannisch wurden und
sahen, dass ihnen die Propheten widerstrebten, verfolgten sie dieselben,
rotteten sie aus, wo sie konnten und zerstrten ihre Schulen. Die
geheimen Wissenschaften kamen in Verfall durch diese Verfolgungen und
die an Unmglichkeit grenzende Schwierigkeit, sie zu lehren. Waren doch
sogar die Gesetzbcher des Moses gnzlich verloren gegangen, und selbst
unter den Knigen und Priestern hatten sie sich einzig auf dem Weg der
Tradition nur unvollkommen erhalten. Der Priester Hilkija, unter der
Regierung des Knigs Josia, fand endlich eine Abschrift der Bcher Moses
durch Zufall im Tempel. (Anm.d.Red. 2.Kn. 22,8)

Die Geburt Jesu erregte ein vorbergehendes Aufsehen durch die damit
verknpften Umstnde, welche den misstrauischen und tyrannischen Herodes
veranlassten, alle in Bethlehem innerhalb zwei Jahren geborene Kinder
ermorden zu lassen. Joseph, der Vater Jesu, floh mit seiner Frau und dem
Kind nach gypten, ein Land, welches seit den ltesten Zeiten von
hebrischen Handelsleuten besucht wurde und in dem eine Menge Juden
wohnten, von denen viele stets zum Osterfest nach Jerusalem kamen.

Joseph blieb ungefhr zwei Jahre in gypten, nmlich bis zum Tod des
Herodes, und es ist natrlich, dass unter den Freunden, die ihm zur
Flucht halfen und in gypten untersttzten, der Grund dieser Flucht viel
besprochen wurde und dass man fr das Kind stets ein besonderes
Interesse behielt.

Als Jesus zwlf Jahre alt war, finden wir den Knaben im Tempel, wo er
durch seine klugen Fragen und Antworten die Priester und
Schriftgelehrten in Erstaunen setzt. Der aufgeweckte Geist des Knaben
mochte einige der vornehmen Leute interessieren und Nachfragen nach
seiner Herkunft veranlassen, wobei die bei seiner Geburt stattgehabten
Vorflle gewiss wieder zur Sprache kamen. Es ist nicht unwahrscheinlich,
dass sich irgendjemand unter diesen Vornehmen veranlasst fhlte, fr die
Erziehung Jesu Sorge zu tragen und dass dies infolge der bei der Flucht
nach gypten angeknpften Bekanntschaften in gypten geschah.

Die Talente, die Jesus zeigte, mochten Veranlassung werden, dass er zu
einer besonderen Rolle ausersehen wurde, welche die Befreiung der Juden
vom rmischen Joch bezweckte, wie einst Moses dieselben vom Joch der
gypter befreit hatte.

Die eigentmliche Weise, in welcher sich der Charakter Jesu entwickelte,
mochte anderen, oder wahrscheinlich ihm selbst, den weit hheren
Gedanken eingeben, diese Erlsung von der Knechtschaft geistiger
aufzufassen und durch Schpfung eines neuen Glaubens die Menschen von
der Last des Lebens und der Furcht vor dem Tod zu befreien.

Um diesen Zweck zu erreichen, hielt er es fr unumgnglich notwendig,
sein Leben zu opfern und groe Leiden zu erdulden. Er fand die Kraft
dazu in seiner Liebe zu der Menschheit; allein begreiflich ist es, dass
die Versuchung ihm nahe trat, die ihm innewohnende geistige Kraft und
die erlangte Wissenschaft auf eine andere, weniger aufopfernde Weise
anzuwenden, indem er als Held und Befreier des Volks von der
Rmerherrschaft auftrat. Die Erzhlung von der Versuchung durch den
Teufel, der ihn auf einen hohen Berg fhrte und alle Reiche der Erde
zeigte, kann schwerlich einen anderen Sinn haben.

Die Wunder des Moses, der Propheten und Jesu aus den in der Bibel
enthaltenen Erzhlungen erklren zu wollen, wre ein ganz nutzloses
Unternehmen.

Die rmische Kirche und andere Wunderglubige werden eine solche
Erklrung auch ganz berflssig finden; sie sagen, Jesus war Gottessohn,
Gott selbst, und Gott ist allmchtig. Darauf haben wir schon frher
geantwortet; allein es wird ntig sein, auf die Gttlichkeit Christi
etwas nher einzugehen, ehe wir diese Abschweifung von dem eigentlichen,
historischen Zweck dieses Kapitels schlieen.

Als Jesus auftrat, war der Glaube an die Gtter der Griechen unter den
in der Nhe der Juden und unter ihnen vorhandenen Fremden noch nicht
gnzlich erloschen und es war von jeher geglaubt, dass sich die Gtter
unter die Menschen mischten. Der Sohn eines Gottes war den Heiden keine
so fremde Erscheinung. Groe Knige und Helden wurden durch ihren
Glauben zu Gttershnen gemacht.

Selbst unter den Juden war dieser Gedanke nicht so unerhrt, denn wenn
Moses auch fr zweckmig gefunden hatte, dem Volk diese Vorstellung von
einem unsichtbaren Gott zu geben, so war der Jehova der alten Juden doch
eine sehr verschiedene Vorstellung von dem Gott der heutigen
aufgeklrten Juden. Nach den Erzhlungen der Bibel sah Adam Gott, und
Moses erschien er unter verschiedenen Gestalten; er war also ein
persnliches, gewissermaen krperliches Wesen. Da nun die Juden viel
mit den Heiden in Berhrung kamen und der Gtzendienst selbst unter
ihnen eine bedeutende Ausdehnung gehabt hatte, wie wir aus der Bibel
sehen, so war es sehr begreiflich, dass viele unter dem Volk einen Mann,
der so wunderbare Handlungen wie Jesus verrichtete, fr einen Sohn
Gottes hielten.

Obwohl Jesus sich Gottes Sohn nannte, so bezeichnete er doch auch alle
Menschen als Kinder Gottes und selbst das Gebet, welches er fr alle
gab, nennt ihn Vater.  Andererseits sagt er aber auch ausdrcklich zu
dem rmischen Hauptmann Cornelius, der vor ihm nieder fiel: "Stehe auf,
ich bin ja auch nur ein Mensch."  (Anm.d.Red. Apostel 10,26, Corvin
verwechselt hier Jesus mit Petrus)  - Die Mehrzahl der ersten Anhnger
Jesu hielt ihn fr einen bloen Menschen und als einige Schwrmer unter
ihnen die Ansicht aussprachen, dass er nur die Gestalt eines Menschen
angenommen habe, wurden sie deshalb von seinem Freunde und Schler
Johannes getadelt.

Die Gttlichkeit Christi ist jedoch der Grundstein der rmischen Kirche
und die ganze theologische sogenannte Wissenschaft beruht auf dieser
Abgeschmacktheit, die sich brigens auch in vielen anderen Religionen,
namentlich in der indischen, findet und weiter nichts ist als eine
Allegorie der Naturreligion.

Es wrde mich zu weit von meinem Ziele fhren, wenn ich mich auf einen
Nachweis darber einlassen wollte; das haben tiefere Forscher und
Geschichtskundige zur Genge getan. Ich will nur mit wenigen Worten
nachweisen, dass die Lehre von der Gttlichkeit Christi, die ihn in den
Augen der Menschen erhhen soll, abgesehen davon, dass sie eine Dummheit
in sich selbst ist, das Verdienst des Erlsers zunichte macht.

Die Kirchenlehrer sind bei der Erklrung dieser Lehre noch weit unklarer
als gewhnlich und hllen sich in einen Schwall von Worten, die dem
nichtdenkenden Volk imponieren, weil es sie nicht versteht, was es in
diesem Falle nicht nur mit den Denkern, sondern sogar mit den Erklrern
selbst gemein hat, "denn eben wo Gedanken fehlen, da stellt ein Wort zu
rechter Zeit sich ein". So vornehm und entrstet sich diese Erklrer
auch gebrden, wenn man sie ber diesen Glaubensartikel befragt, so ist
es mir doch nie gelungen, irgendeinen klaren, rein vernnftigen Gedanken
auf dem Grund ihrer Erklrungen zu finden. Die aufgeklrtesten
protestantischen Geistlichen, die ich hrte, suchen den Frager damit
abzufertigen, dass sie Jesus einen "Gottmenschen" nennen; was aber keine
besondere Menschenrasse oder Klasse, sondern nur ein Mensch ist, dessen
Geist sich zu der hchsten Vollkommenheit ausgebildet hat, die eben ein
Mensch erreichen kann.

Eine solche Erklrung ist aber eine Ketzerei in den Augen der Kirche,
denn diese will, wir sollen glauben, dass Jesus ein nicht von einem
menschlichen Geiste, sondern von Gott, der hchsten Potenz geistiger
Vollkommenheit, belebter und regierter menschlicher Krper war.

Vor und nach Jesus gab es tugendhafte Menschen, die ebenso rein und
tadellos lebten, wie es seine Schler, die ihn drei Jahre lang tglich
beobachteten, von ihm erzhlten und andere, welche noch weit grere
Leiden, als sie Jesus erduldete, noch standhafter als er fr eine von
ihnen fr gro und gut gehaltene Sache ertrugen. Ihre Tugend und ihre
Kraft waren ihr Verdienst, jedenfalls das Resultat der hheren
Ausbildung ihres unvollkommenen menschlichen Geistes. Der Geist aber,
der den Krper Jesu belebte, war nach der Kirchenlehre Gott, die hchste
Potenz der geistigen Vollkommenheit, also keiner Vervollkommnung
bedrftig oder fhig. Ein solcher Geist, in einen menschlichen Krper
gedacht, hat gar keinen Kampf zu bestehen, da er nicht einmal den
Gedanken der Versuchung zulsst. Tugend und Seelenkraft im Leiden und
davon hergeleitetes Verdienst existieren nur fr den Menschen, das heit
fr einen ursprnglich unvollkommenen menschlichen Geist, der einen
menschlichen Krper belebt. Der Gedanke an einen in Versuchung fhrenden
oder leidenden Gott setzt eine so niedrige Gottesvorstellung voraus,
dass sie jedem selbst an einen persnlichen Gott glaubenden Menschen als
eine Gotteslsterung erscheinen muss. Ein Gott, der am Kreuz
verzweifelt, ist geradezu abgeschmackt und lcherlich.

Wie anders dagegen erscheint uns Jesus, wenn wir ihn als einen Menschen
betrachten, dessen zarter Krper von einem rein menschlichen Geist
belebt war! Das reine Leben eines solchen Jesus knnen wir bewundern und
mit der Hoffnung nachahmen, das hohe Muster zu erreichen, da Jesus ein
Mensch war; fr seine Leiden haben wir Mitgefhl und Trnen, da er ein
Mensch war und fr das Opfer, welches er mit seinem Leben der ganzen
Menschheit brachte, fhlen wir die innigste Liebe, da es der hchsten,
reinsten und uneigenntzigsten Liebe entsprungen war.

Die Versuchung und die Zeichen der Schwche, sozusagen die Kennzeichen
seiner Menschheit, die wir an ihm entdecken, machen ihn uns noch
liebenswerter. Welcher fhlende Mensch kann sich der Trnen enthalten,
wenn er sich im Geist in die Lage Jesu am lberg versetzt. Die Stunde
der Erfllung des groen Opfers naht heran, und der rein menschliche
Trieb der Lebenslust macht sich mit aller Kraft und Verlockung geltend.
Alle Schrecken des Todes, dem er entgegen geht, stehen vor seinem Geist
und noch einmal sucht er mit inbrnstiger Hoffnung nach einem andern
Weg, seinen groen Zweck zu erreichen. Er ringt mit dem Tod, und "ein
Engel steigt vom Himmel herab, ihn zu strken"; der Gedanke an die durch
seinen Tod vollbrachte Erlsung der Menschen, an die Gre dieses Zwecks
ist der Engel, der ihm den Tod besiegen hilft.

Wie rhrend menschlich ist die Handlung Christi bei der Einsetzung des
Abendmahls! Wenn seine Jnger das Brot beim Essen zerbrechen und Wein
trinken, sollen sie seiner und seines groen Liebesopfers mit Liebe
gedenken. Er wei, dass seine Todesstunde herannaht, und er kennt den
bsen Menschen, der als Werkzeug dienen wird, ihn den Henkern zu
berliefern; der Gedanke macht ihn traurig.

Die Geschichte seines Leidens ergreift uns nur, weil wir ihn als einen
Menschen betrachten, denn Gott ist ber den Spott der Kriegsknechte so
erhaben, dass er ihn nicht empfindet und was die krperlichen
Misshandlungen anbetrifft, so berwanden diese ja selbst die gemeinen,
mit Jesus gekreuzigten Verbrecher so weit, dass sie ihn verspotten
konnten; ein Gott musste sicher so viel Seelenkraft haben, solche
krperliche Schmerzen gar nicht zu empfinden. Er empfand sie aber sehr
schmerzlich, und als ihn in seiner Todespein die Kraft verlsst und ihn
vielleicht der verzweiflungsvolle Gedanke berfllt, dass sein groes
Opfer fr die Erlsung der Menschheit nutzlos gebracht sein mchte, ruft
er aus: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" - Welches
menschliche Herz erzittert hier nicht in seinen tiefsten Tiefen und wer
ehrt und liebt nicht das Andenken an diesen erhabenen Menschen, der mit
vollem Bewusstsein dessen, was ihm bevorstand, aus Liebe fr die
Menschen sich ein so schweres Opfer auferlegte!

Die Kirche verfehlt nicht, unser Mitgefhl fr diese Leiden in Anspruch
zu nehmen und betrachtet dann Jesus ganz als Mensch. Den Pfaffen ist
Christus bald Gott, bald Mensch, wie sie es eben fr ihren Hokuspokus
brauchen. -

Jesu trostreiche Lehre verbreitete sich mit groer Schnelligkeit. Die
Apostel und deren Schler verkndeten sie nicht allein in Juda und den
benachbarten Lndern, sondern machten zu diesem Zweck weitere Reisen und
trugen die "frohe Botschaft" (Evangelium) von dem Erlser der Welt in
ferne Lnder. Die Zahl der Anhnger, die sie gewannen, war
auerordentlich gro, besonders unter der rmeren Volksklasse, aus der
Christus und die Apostel selbst hervorgegangen waren.

Nachdem Jerusalem, siebzig Jahre nach Christi Geburt, von dem
nachherigen rmischen Kaiser Titus zerstrt worden war, wurden die stets
zum Aufruhr geneigten Juden ber das ganze rmische Reich zerstreut und
mit ihnen die Christianer - so nannte man die Anhnger Jesu - welche als
eine jdische Sekte betrachtet wurden, wie es deren mehrere gab. Dies
trug sehr viel zur Ausbreitung des Christentums bei, und gewiss nicht
wenig wirkten dafr die zahlreichen Christen unter den rmischen
Legionen, die der Krieg bald in dieses, bald in jenes Land fhrte.

Zur Zeit der Apostel und kurz nach derselben fhrten die Christen ein
Leben, wie es den Lehren ihres Meisters wrdig war; aber bald artete die
Begeisterung, die sie beseelte und ohne welche keine gute Sache gedeihen
kann, in religise Schwrmerei aus und nahm allmhlich den Charakter
einer Geisteskrankheit an. Man wollte sich gleichsam selbst in
Frmmigkeit berbieten und kam auf die wunderlichste Auslegung der
verschiedenen, durch die Apostel aufbewahrten Aussprche Jesu. Wo er
weise Migung empfahl, da glaubte man, in seinem Sinne zu handeln, wenn
man gnzlich entsagte, und so entstand allmhlich die verkehrte Ansicht,
dass die Freuden des Lebens verwerflich und eines Christen unwrdig
seien. Indem man alle Gensse mied und sich freiwillig Leiden auferlegte
und qulte, glaubte man, die Sndhaftigkeit der menschlichen Natur zu
berwinden und sich grere Freuden im Leben nach dem Tod zu sichern.

Mit dieser Ansicht verband sich bald eine Art von Hochmut, der sich
unter uerer Demut versteckte. Der roheste Christ hielt den
gebildetsten und tugendhaftesten Nichtbekenner Jesu fr einen
Verworfenen; ja, er glaubte sich durch jede nhere Gemeinschaft mit den
Heiden zu verunreinigen. Aus diesem Grunde sonderten sich die Christen
bald ganz und gar von diesen ab, zerrissen die zwischen ihnen
bestehenden Verwandtschafts- und Freundschaftsverhltnisse und flohen
alle Lustbarkeiten und Feste gleich Verbrechen. Mit einem Wort, trotz
aller Tugendhaftigkeit und Rechtschaffenheit ihres Lebens fingen sie an,
kopfhngerische, trbselige Narren zu werden.

Die mit Schnelligkeit anwachsende Menge der Christen, ihr
menschenfeindliches, abgesondertes Wesen, ihre geheimnisvollen
Zusammenknfte, denen die Verleumdungen der jdischen und heidnischen
Priester bald politische und verbrecherische Zwecke unterlegten, ihr
feindseliges Benehmen gegen die Heiden, - alles dies erregte die
Aufmerksamkeit der rmischen Regierung; allein sie befolgte die sehr
vernnftige Politik, sich nicht um die Religion ihrer Untertanen zu
bekmmern, wenn diese nicht die Veranlassung wurde zu Feindseligkeiten
gegen die Einrichtungen des Staates und seine Gesetze. Die Christen
htten also ungestrt unter der rmischen Herrschaft leben und sich
entwickeln knnen, wenn sie sich von solchen Vergehen ferngehalten
htten, die kein Staat ungestraft lassen kann. Dies taten sie aber
nicht, sondern in ihrem fanatischen Eifer forderten sie gleichsam die
Regierung heraus. Sie verweigerten auf Grund ihrer Religion die
allgemeinen Brgerpflichten, wollten weder in den Krieg ziehen noch
ffentliche mter annehmen und bewiesen den Kaisern Verachtung, anstatt
ihnen die herkmmlichen Ehren zu zeigen. Es war daher ganz natrlich,
dass diese die Sekte der Christen fr staatsgefhrlich erkannten und
beschlossen, sie zu zwingen, sich den Gesetzen des Staates zu
unterwerfen und sie fr die Verletzung derselben zu bestrafen. Darin
waren die Kaiser in ihrem vollsten Recht und wir finden, dass gerade die
besten und weisesten unter ihnen gegen die widerspenstigen Christen am
strengsten verfuhren.

Sie erreichten indessen ihren Zweck nicht, sondern bewirkten gerade das
Gegenteil von dem was sie bewirken wollten. Die Verachtung des Lebens
und aller Leiden war bei den schwrmerischen Christen so hoch gestiegen,
dass sie den Tod als hchst wnschenswert betrachteten, sich
scharenweise den Hnden ihrer Verfolger berlieferten und diese durch
ihren herausfordernden Trotz zur grten Grausamkeit anregten. Je
grere Leiden die Christen um Christi willen erduldeten, desto grer
fiel ihrer Meinung nach die Belohnung aus, die sie im verheienen ewigen
Leben erwartete.

Die Standhaftigkeit, mit welcher die Geopferten den qualvollsten Tod
ertrugen und die religisen Ehren, welche die Gemeinde dem Andenken der
Mrtyrer widmete, fachten die Schwrmerei der Christen zum Fanatismus
an. Der Mrtyrertod erschien als das hchste Glck, weil man glaubte,
dass er alle Snden tilge und sogleich zu Christus in das Paradies
fhre. Diese Mrtyrerschwrmerei nahm so berhand, dass die Besonnenen
unter den Christen, welche das Unmoralische einer solchen
Lebensverachtung einsahen, vergeblich dagegen ankmpften.

Die Heiden, welche Zeugen von der Standhaftigkeit und Freudigkeit waren,
mit welcher die Christen die rgsten Qualen und den Tod erduldeten,
wurden mit Bewunderung erfllt fr eine Religion, die solche Kraft gab,
und bekannten sich in Menge zu derselben. Die Zahl der Christen nahm
tglich zu, gewann immer mehr Eingang auch unter den hheren Stnden und
selbst am Hofe der Kaiser. Endlich kam es dahin, dass Kaiser Konstantin,
der 324 bis 337 regierte, es aus politischen Grnden fr gut hielt, die
christliche Religion zur Staatsreligion zu machen. -

Die Christen zur Zeit der Apostel hatten sich von der Gemeinschaft der
Juden nicht getrennt, denn sie betrachteten sich vielmehr als die wahren
Israeliten und Jesus als den lngst erwarteten Messias. Endlich zwang
sie aber die Feindseligkeit der Juden, eine eigene Gemeinde zu bilden.

Die Verfassung dieser ersten christlichen Gemeinde war wie die einer
jeden Gesellschaft, die aus gleichstehenden Mitgliedern besteht, denn
alle Christen nannten sich Brder. Keiner hatte vor dem anderen einen
Vorrang, und sowohl ihre Pflichten als ihre Rechte waren vollkommen
gleich.

Zu ihren Vorstehern whlte die Gemeinde einige in allgemeiner Achtung
stehende Mnner, welche Presbyter (lteste) oder auch Bischfe
(episcopi, Aufseher) genannt wurden. Ihr Amt war es, Ruhe, Eintracht und
Ordnung in der Gemeinde zu erhalten, ohne dass sie deshalb einen hheren
Rang eingenommen htten als den, welchen ihnen die Achtung der brigen
Brder freiwillig einrumte. Den Presbyter standen Diakone (Helfer) zur
Seite, welche die reichlich beigesteuerten Almosen an die rmeren
Gemeindemitglieder austeilten und andere kleine Geschfte bernahmen,
die nicht schon von den ltesten verrichtet wurden.

Die Gemeinden der ersten Christen waren vollkommene Republiken, und
selbst die Apostel, welche mehrere derselben stifteten und eine Art
Oberaufsicht ber sie fhrten, maten es sich nicht an, eigenmchtig
ber die Gesellschaft betreffende Einrichtungen zu bestimmen, sondern
begngten sich damit, den Gemeinden mit Rat und Tat an die Hand zu
gehen. Der Apostel Paulus machte es den ltesten ausdrcklich zur
Pflicht, dass sie ber die Gemeinden nicht herrschen, sondern sie durch
ihr musterhaftes Beispiel leiten sollten. Das taten auch die Presbyter
der alten Zeit; sie betrachteten sich als die Diener der Gemeinde,
welche sie fr ihre Dienste durch freiwillige Geschenke belohnte.

Einen uerlichen Gottesdienst kannte man nicht; die religisen
Versammlungen der apostolischen Christen fanden statt ohne alle
Zeremonien und auf die Sinne berechnete Gebruche. Man kam zusammen in
irgendeinem gerumigen Saal, ohne denselben weder zu diesem Zweck
auszuschmcken, noch ihm eine besondere Weihe und Heiligkeit
beizumessen, denn dergleichen erschien den Christen als heidnische
Torheit.

Die Versammlungen waren einzig und allein der Belehrung und Erbauung
gewidmet. Man las in ihnen die Briefe der umherreisenden Apostel vor
oder Stellen aus den heiligen Bchern der Juden. Dann folgte ein
belehrender Vortrag, den wohl meistens einer der Presbyter hielt oder
auch irgendein anderes Mitglied der Gemeinde, welches sich dazu geeignet
und berufen fhlte. Das Gehrte wurde dann besprochen und den
Unwissenden das erklrt, was sie etwa nicht verstanden hatten. So waren
diese Versammlungen der Christen der apostolischen Zeit die ersten
Volksschulen. Nach der Besprechung setzte man sich zu einem gemeinsamen
Mahle nieder - welches Liebesmahl hie - und am Schluss oder auch am
Anfang wurden Brot und Wein herumgereicht und beim Genuss desselben mit
Rhrung und Dankbarkeit des fr die Menschheit gestorbenen Jesus
gedacht, wobei auch wohl die Worte wiederholt wurden, die er bei der
Einfhrung dieses schnen Gebrauchs sprach. Den Schluss der Versammlung
machte eine Beisteuer fr die Armen.

Leider nderte sich aber dieser wrdige und einfache Zustand der
christlichen Gemeinden sehr bald und ging endlich in die Form der
heutigen katholischen Kirche ber. Es wird fr unseren Zweck gengen,
nur in leichten Umrissen anzugeben, wie eine so auffallende Vernderung,
die dem christlichen Geist so sehr widerspricht, bewerkstelligt werden
konnte.

Wir haben oben gesagt, dass die Presbyter mit der Leitung der
Gemeindeangelegenheiten beauftragt waren. Bei ihren Beratungen fhrte
anfangs der lteste den Vorsitz, aber dieser war oft eben wegen seines
Alters dazu nicht immer der tauglichste, und so zogen es denn die
Presbyter vor, den geeignetsten aus ihrer Mitte zum Vorsitzenden zu
whlen, welcher, da er ber alles die Aufsicht fhrte, zur
Unterscheidung von seinen, ihm sonst brigens durchaus gleichgestellten
Kollegen, vorzugsweise der Bischof genannt wurde.

Diese Bischfe maten sich bald einen hheren Rang an, und wir erblicken
sie in den Versammlungen auf einem erhabenen Sessel, whrend die anderen
Presbyter auf niedrigeren Sthlen um sie her sitzen, hinter denen die
Diakone, gleich den dienenden Brdern in den Synagogen, stehen. Die
Gemeinden gewhnten sich bald daran, in dem von ihren Vorstehern so
ausgezeichneten Bischof ihren geistlichen Oberherrn zu sehen.

Besondere Umstnde trugen dazu bei, das Ansehen dieser Bischfe zu
vermehren.

Die Christen auf dem Land hatten sich anfangs den Gemeinden in den
Stdten angeschlossen; als ihre Zahl sich aber vermehrte, wnschten sie
eigene Gemeinden zu bilden, wenn sie auch die Gemeinschaft mit den
Gemeinden in den Stdten nicht aufgeben wollten, da ihnen dieselben
besonders zur Zeit der Verfolgung und berhaupt von Nutzen war. Sie
baten daher die Stadtbischfe, sie mit Lehrern und Vorstehern zu
versehen, und ein solcher sandte ihnen gewhnlich einen seiner
Presbyter.

Dieser Landbischof hatte nun zwar dieselbe Gewalt ber seine Gemeinde
wie der Stadtbischof ber die seinige; aber aus der ganzen Natur der
Sache erklrt es sich, dass er in vielen Beziehungen von dem Letzteren
gewissermaen abhngig wurde. Dadurch bekam der Stadtbischof einen
Kirchensprengel oder, wie es damals hie, eine Dizese (Bezirk) oder
Parochie.

So wurde also schon in der ersten Hlfte des zweiten Jahrhunderts nach
Christi Geburt der Grund zur kirchlichen Aristokratie gelegt.

Nachdem man nun einmal den Anfang damit gemacht hatte, jdische
Einrichtungen auf das Christentum anzuwenden, so griff dieser Unfug umso
schneller um sich, als er der Eitelkeit und Herrschsucht ehrgeiziger
Bischfe ntzte, die sich bald der Leitung aller christlichen
Gemeindeangelegenheiten zu bemchtigen wussten.

Am Anfang des dritten Jahrhunderts war es schon so weit gekommen, dass
man die Gewalt der Bischfe aus dem Priesterrechte des Alten Testaments
herleitete und alles, was Moses ber Priesterverhltnisse festsetzte,
ohne weiteres auf die Bischfe und Presbyter anwendete. Bis dahin waren
sie noch immer als das, was sie auch in der Tat waren, als Diener der
Gemeinde, betrachtet worden; aber ihr Stolz lehnte sich dagegen auf, und
im Laufe des dritten Jahrhunderts hatten sie schon geschickt den Glauben
verbreitet, dass sie nicht von der Gemeinde, sondern von Gott selbst
eingesetzt wren zu Lehrern und Aufsehern derselben; dass sie also nicht
Diener der Gemeinde, sondern Diener Gottes wren und daher sowohl das
Lehreramt wie auch der Dienst der neuen Religion nur von ihnen allein
versehen werden knne, weshalb sie einen von der Gemeinde abgesonderten,
vorzglicheren Stand bilden mssten.

Um die noch immer Zweifelnden vollends zu bercken, denen ein solches
Verhltnis nicht den Lehren Christi gem erschien, griffen die Bischfe
zu einem anderen Mittel, ihnen das, was sie durchsetzen wollten,
begreiflicher und annehmbarer zu machen.

Wenn nmlich die Apostel einen Lehrer oder Presbyter bestellten, legten
sie ihm die Hand auf das Haupt und riefen Gott an, dass er ihm zu seinem
Amt auch den Verstand verleihen mge. Diese Sitte war dem jdischen
Ritus entnommen, ohne dass die Apostel daran dachten, welchen Missbrauch
ihre dereinstigen Nachfolger damit treiben wrden. Die Bischfe
behaupteten nmlich, dass durch dieses Handauflegen der den Aposteln
innewohnende heilige Geist auch auf die Geweihten bergegangen sei und
dass diese auch die Kraft htten, ihn auf dieselbe Weise an andere zu
bertragen. Es gelang ihnen vortrefflich, diese Ansicht unter den
Christen populr zu machen, und am Ende des dritten Jahrhunderts glaubte
man allgemein daran und sah in den Bischfen, Presbytern und Diakonen
Wesen ganz anderer Art und fand es ganz natrlich und
selbstverstndlich, dass sie einen Stand fr sich bildeten.

So bedeutend nun auch der Einfluss der Bischfe auf die Gemeinden schon
war, so hatte die demokratische Verfassung derselben doch noch
keineswegs aufgehrt. Die Bischfe konnten in den religisen
Angelegenheiten durchaus nicht nach Gefallen schalten und walten,
sondern waren an die Einwilligung der Presbyter und der ganzen Gemeinde
gebunden. Dies war ihnen sehr unbequem, da sie nach unumschrnkter
Gewalt strebten, und zur Erlangung derselben benutzten sie die
Provinzialsynoden.

Wir haben schon frher beilufig bemerkt, wie falsch die Aussprche und
Lehren Jesu hufig von den Christen verstanden wurden. Es entspannen
sich ber deren Auslegung bald Streitigkeiten, und schon im zweiten
Jahrhundert finden wir, dass sich mehrere Gemeinden vereinigten, um
dieselben durch gemeinschaftliche Besprechungen auszugleichen. Als diese
Streitigkeiten sich mit der Zeit vermehrten, fhlte man die
Zweckmigkeit und Notwendigkeit solcher schiedsrichterlichen
Versammlungen und ordnete sie fr die Gemeinden eines bestimmten Bezirks
oder Landes regelmig und wenigstens einmal im Jahr an. So entstanden
die Provinzial-Kirchenversammlungen. Die Gemeinden wurden auf denselben
durch Abgeordnete vertreten, welche aus den Bischfen, Presbytern,
Diakonen und einigen anderen Gemeindemitgliedern bestanden.

So bedeutend nun auch der Einfluss der Bischfe auf die Beschlsse
dieser Kirchenversammlungen war, so standen ihnen noch immer die groe
Anzahl der anderen Abgeordneten der Gemeinde entgegen, und es wurde
vorerst die Aufgabe der Bischfe, diese von den Kirchenversammlungen zu
entfernen. Zuerst gelang es ihnen mit den nicht priesterlichen
Mitgliedern der Gemeinde, dann mit den Diakonen und endlich auch mit den
Presbytern, so dass die Gesamtheit der christlichen Gemeinden auf den
Synoden einzig und allein durch die Bischfe vertreten wurde.

Dies war zwar ein bedeutender Gewinn, denn nun konnten diese
beschlieen, was sie in ihrem Interesse fr ntig hielten; aber noch
immer bedurften die gefassten Beschlsse der Zustimmung der Gemeinde. Um
diesen lstigen Zwang zu entfernen, erfand man ein eigentmliches
Mittel, welches wir einen plumpen und ungeschickten Betrug nennen
wrden, wenn er - nicht gelungen wre.

Es war nmlich bei den Christen Gebrauch geworden, jede Versammlung mit
der Bitte an Gott zu erffnen, dass er die Anwesenden durch seinen Geist
erleuchten und bei ihren Beratungen leiten mge. Diese Sitte wurde auch
bei der Erffnung von Kirchenversammlungen beobachtet, und nun erzeugten
die Bischfe bei den nur zu glubigen Christen den Wahn, dass durch
dieses Gebet der Heilige Geist auch stets veranlasst werde, bei der
Synode gleichsam den Vorsitz zu fhren, so dass alle ihre Beschlsse als
Aussprche des Heiligen Geistes, also Gottes selbst, zu betrachten
wren, die der Besttigung nicht bedrften! Durch diese List waren die
christlichen Gemeinden um den letzten Rest ihrer Freiheit gebracht und
der eigenntzigen Willkr der Bischfe preisgegeben.

Nachdem diese einmal so weit gekommen waren, gingen sie in ihren
Anmaungen immer weiter, und es kam bald eine Zeit, wo die vor kurzem
noch so ehrwrdigen Vorsteher der christlichen Gemeinden grtenteils
die eigenntzigsten, schamlosesten und verworfensten Menschen waren.
"Aus den hlzernen Kirchengefen wurden goldene, aber aus den goldenen
Bischfen wurden hlzerne."

Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion
machte, erlitten alle Verhltnisse der christlichen Kirche eine
bedeutende Vernderung. Die Kaiser betrachteten sich selbst als
Oberhupter derselben; sie beriefen nicht nur nach ihrem Gefallen
Kirchenversammlungen, leiteten die Wahlen der Bischfe oder ernannten
diese geradezu, sondern entschieden auch theologische Streitigkeiten
nach ihrem Gutdnken. Dadurch gingen freilich viele der angematen
Rechte der Bischfe fr den Augenblick verloren; aber die Vorteile,
welche sie auf der anderen Seite gewannen, waren so gro, dass sie sich
ganz auerordentlich demtig und fgsam zeigten, und so geschah es, dass
alles in der Kirche nach dem Wink der Kaiser ging.

Der Kaiser war der Gnadenborn, aus dem auf seine Gnstlinge Ehren und
Reichtmer strmten, und die Bischfe und Geistlichen wetteiferten in
niedriger Schmeichelei, um deren mglichst viel zu schnappen. Die Armut
der Kirche und ihrer Diener hatte ein Ende. Schon Kaiser Konstantin
bestimmte einen Teil der Staatseinknfte zum Unterhalte der Geistlichen
und begnadigte sie mit wichtigen Vorrechten. Das allereintrglichste war
aber das Gesetz, durch welches er sie fr berechtigt erklrte,
Schenkungen anzunehmen, welche ihnen durch testamentarische Verfgungen
gemacht wurden, was nach dem Gesetz des Kaisers Diokletian keinem Verein
gestattet war.

Nun war der Habgier der Geistlichkeit ein weites Feld geffnet. Die
niedrigsten und verchtlichsten Mittel wurden angewandt, um die bereits
in Aberglauben aller Art versunkenen Christen zu reichen Schenkungen zu
bewegen, und bereits nach zehn Jahren wagte niemand mehr zu sterben,
ohne der Geistlichkeit ein Legat zu vermachen. Diese betrieb ihr
Geschft auf so schamlose Weise, dass nicht sehr lange darauf die Kaiser
Gratian und Valentinian sich gezwungen sahen, durch Gesetze der
Erbschleicherei der Geistlichen Einhalt zu tun.

Hieronymus, der Geheimschreiber des rmischen Bischofs Damasus, der
Zeuge war von dem nichtswrdigen Treiben der Pfaffen, rief bei der
Bekanntmachung des Gesetzes: "Ich bedaure nicht des Kaisers Verbot,
sondern mehr das, dass meine Mitbrder es notwendig gemacht haben!"
Diese Mitbrder schildert er auf wenig schmeichelhafte Weise, indem er
sagt: "Sie halten kinderlosen Greisen und alten Matronen den Nachttopf
hin, stets geschftig um ihr Lager; mit eigenen Hnden fangen sie ihren
Auswurf auf, und Witwen heiraten nicht mehr; sie sind weit freier, und
Priester dienen ihnen um Geld." Selbst der Bischof des Hieronymus,
Damasus, hatte sich den Beinamen Ohrenkrabbler der Damen erworben.

Als Julianus (361 n. Chr.) zur Regierung kam, geriet der ganze
Pfaffenschwarm in groe Bestrzung, denn dem gebildeten, mit der
Philosophie seiner Zeit bekannten und darin aufgezogenen Kaiser erschien
das bereits durch Aberglauben und Fabeln aller Art entstellte
Christentum abgeschmackt und lcherlich. Er "fiel daher vom Glauben ab",
wie die Kirchenphrase heit, und erwarb dafr von den christlichen
Geschichtsschreibern den Beinamen Apostata (Abtrnniger).

Die reine und einfache Lehre Christi hatte in der Tat bereits eine
traurige Vernderung erlitten und war durch Wundermrchen und lppische
Fabeln verunstaltet worden. Vor der ersten allgemeinen
Kirchenversammlung zu Nica (325 n. Chr.) gab es gegen fnfzig
Evangelien, von denen nur die noch in der Bibel enthaltenen beibehalten
wurden, weil die anderen den Heiden doch gar zu viel zu spotten und zu
lachen gaben. Sie enthielten die abgeschmacktesten Erzhlungen und
trivialsten Geschichten, und wenn auch ihre Verfasser mit der Mutter
Jesu nicht so vertraut waren wie jener Portugiese, der ein "Leben im
Bauch der Maria" schrieb, so berichten sie uns doch unter anderem, dass
dem frechen Menschen, der Maria unzchtig anzufassen wagte,
augenblicklich die Hand verdorrte. Auch von Wundern erzhlen sie, die
Jesus als Kind verrichtete. Einst habe derselbe mit anderen Kindern
gespielt und mit ihnen aus Ton Vgel geformt; die von ihm gemachten
seien sogleich fortgeflogen. Als er grer geworden, habe er einst einen
Tisch gefertigt, und als er von seinem Vater gescholten worden sei, weil
er zu kurz war, habe er an dem Tisch gezogen und ihn so lang gemacht,
wie Meister Joseph wollte. (Anm.d.Red. Kindheitsevangelium nach Thomas)

Kaiser Julianus versuchte es, das Christentum zu strzen, obwohl er die
Christen nicht verfolgte, und als er schon nach zweijhriger Regierung
im Kriege gegen die Perser fiel, verursachte sein Tod groe Freude.

Sein Liebling, der Philosoph Libanius, fragte einst spttisch einen
christlichen Lehrer zu Antiochien: "Was macht des Zimmermanns Sohn?" Er
erhielt zur Antwort: "Einen Sarg fr deinen Schler." Bald darauf starb
der Kaiser, und Libanius vermutete, eben vielleicht wegen dieser
Antwort, dass er durch irgendeinen fanatischen Christen seinen Tod fand.
Sterbend unterhielt sich der Kaiser ber die Erhabenheit der
menschlichen Seele, aber die Christen erzhlten, er habe eine Hand voll
Blut gen Himmel gespritzt und ausgerufen: "Du hast gesiegt, Galiler!"

Mit Julianus starb der letzte heidnische Kaiser; unter seinen Nachkommen
breitete sich die Macht der Pfaffen immer mehr aus, und dieses
Ungeziefer des Christentums verunstaltete dasselbe von Jahrhundert zu
Jahrhundert immer mehr und wurde immer unverschmter und ppiger.




Die lieben, guten Heiligen


                            Zu alten Zeiten hie heilig, wenn
                            der Fliegen, der Heuschrecken fra,
                            und jener gar mit seinem heil'gen Hintern
                            in einem Ameis'nhaufen sa,
                            um voller Andacht drin zu berwintern.

                                (Anm.d.Red. Samuel Butler, Hudibras)


Es ist ein durch die Wissenschaft noch nicht vollstndig gelstes
Problem, wodurch Epidemien entstehen, wie Pest, Cholera und dergleichen
grssliche bel, durch welche das Menschengeschlecht von Zeit zu Zeit
heimgesucht wird. Noch unerklrlicher sind Epidemien des Geistes, deren
Vorkommen so alltglich ist, dass wir gar nicht mehr darauf achten und
sie am allerwenigsten fr eine geistige Strung halten.

Woher kommt es, dass irgendein dummes Lied die Runde ber den Erdball
macht, dass man ihm nirgends entfliehen kann, selbst nicht, wenn man
allein ist, da man es dann selbst summt? Dasselbe ist der Fall mit einem
schlechten Witz oder einer abgeschmackten Redensart oder einer Mode,
ber deren Mglichkeit man spter selbst erstaunt ist. Es ist nicht
ntig, dass wir Beispiele anfhren, denn jeder Mensch wird irgendein
Lied, Redensart oder Mode anfhren knnen, die epidemisch auftrat.

Das Merkwrdige bei solchen geistigen Epidemien ist, dass Absperrung
dagegen kein unfehlbares Mittel ist, denn wir kennen Gewohnheiten, die
sich zum Beispiel in Klstern ganzer Lnder verbreiteten, die doch unter
sich in gar keiner Verbindung standen. In einem der folgenden Kapitel
werden wir davon merkwrdige Beispiele anfhren.

Die Keime der in ihren Folgen grsslichsten geistigen Epidemien enthlt
die Religion und keine mehr als die missverstandene christliche. Sie hat
Europa Jahrhunderte hindurch in ein trbseliges Narrenhaus verwandelt
und Millionen von Schlachtopfern sind der durch sie erzeugten Tollheit
gefallen.

Dieses Kapitel handelt von den Heiligen der rmischen Kirche, denn die
protestantische hat sie abgeschafft und nur die Scheinheiligen behalten.
All diese Heiligen, einige Ausnahmen abgerechnet, waren durch die
Religion wahnsinnig gemachte Menschen und wrden, wenn sie heutzutage
lebten, in Narrenhuser gesperrt werden. Jeder Leser, der nicht von
derselben Narrheit ergriffen ist, wird am Ende dieses Kapitels von der
Wahrheit meiner Behauptung berzeugt sein.

Die Lehre Christi, dass dies Leben nur eine Vorbereitung fr ein
knftiges sei und dass jeder, welcher die ihm hier auferlegten Leiden
gottergeben trage, dafr im ewigen Leben belohnt werden wrde, war
darauf berechnet, die leidende und bedrckte Menschheit durch die
Hoffnung zu trsten. Je grer die unverschuldeten Leiden waren, die
einen Glubigen trafen, desto grere Hoffnung hatte er, durch
geduldiges Ertragen ein freudenreiches ewiges Leben zu gewinnen und es
ist begreiflich, dass es Menschen gab, welche sie betreffende
Unglcksflle als ein Glck ansahen, da sie ihnen Gelegenheit gaben, den
Himmel zu verdienen.

Der bergang zu dem Gedanken, dass Leiden berhaupt verdienstlich sei,
war nicht besonders schwierig, besonders da er durch mehrere von den
Aposteln berichtete Aussprche Christi untersttzt wurde, und so kam es,
dass man sich endlich selbst Leiden und Qualen erschuf, nur um sie zu
ertragen und weil man damit meinte, fr sein Seelenheil zu sorgen. Das
Egoistische und Unmoralische einer solchen Handlungsweise wurde gar
nicht erkannt.

Die Idee von der Verdienstlichkeit, krperliche Martern mit Freudigkeit
zu ertragen und sich selbst zu schaffen, kam erst recht zur Geltung, als
die whrend der Verfolgungen unter den Kaisern Diokletian und Decius
hingerichteten Christen durch ihre Standhaftigkeit so hohen Ruhm
einernteten. Mgen sich auch die Kirchenschriftsteller nicht immer von
bertreibungen ferngehalten haben, wenn sie die Leidensgeschichten der
Mrtyrer erzhlen, so verdienen sie doch im Allgemeinen Glauben, denn es
ist eine bekannte Erfahrung, dass Menschen in hoher geistiger Aufregung
Schmerz oft gar nicht empfinden, wie manche alte Soldaten bezeugen, die
es in der Hitze des Kampfes oft gar nicht bemerkten, dass sie verwundet
wurden.

Diese Schwrmerei nahm besonders im vierten Jahrhundert berhand, und
was Zeno, Bischof von Verona (um d. J. 360), sagte, war ziemlich der
allgemeine Glaube: "Der grte Ruhm der christlichen Tugend ist es, die
Natur mit Fen zu treten." (Anm.d.Red. vgl. Zeno: Traktat V. Die
Enthalsamkeit.)

Diese dstere Ansicht verbreitete ber die ganze christliche Welt eine
Trbseligkeit, welche die Erde in der Tat zu einem Jammertal machte. Die
frommen Christen hielten sich nicht fr wert, dass die Sonne sie
bescheine; jeder Genuss erschien ihnen ein Schritt zur Hlle und jede
Qual ein Schritt zum Himmel.

Spter gestaltete sich freilich alles weit lustiger in der christlichen
Kirche, so lustig, dass es ein Skandal und Gruel und die Reformation
dadurch erzeugt wurde; aber Luther machte die Leute wieder mit der Bibel
bekannt, die ihnen von der rmischen Kirche entzogen war, und das Lesen
derselben brachte hnliche Wirkungen hervor wie das Lesen der Evangelien
unter den Christen der ersten Jahrhunderte.

Beweise dafr finden wir genug in der Geschichte wie auch in den
Predigten und anderen geistlichen Schriften aus der Zeit nach der
Reformation. Besonders reich daran sind die Gesangbcher, in denen sich
hin und wieder noch jetzt nicht minder seltsame Verse finden wie der
folgende, der wrtlich einem noch nicht sehr alten Breslauer Gesangbuch
entnommen ist:

    Ich bin ein altes Raben-Aas,
    Ein rechter Snden-Krppel,
    Der seine Snden in sich fra,
    Als wie den Rost der Zwibbel.
    O Jesus, nimm mich Hund am Ohr.
    Wirf mir den Gnadenknochen vor,
    Und schmei mich Sndenlmmel
    In deinen Gnadenhimmel.

Weil Jesus es fr ntig hielt, vierzehn Tage in die Wste zu gehen - zu
welchem Zweck hat er niemand gesagt - so meinten die Schwrmer, auch in
die Wste laufen und ihren Leib durch Fasten und allerlei Qualen
kasteien zu mssen, denn Christus hatte gesagt: "Will mir jemand
nachfolgen, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und
folge mir", und ferner: "Es sind etliche verschnitten aus Mutterleibe
von Menschen, etliche aber, die sich selbst verschnitten haben um des
Himmels willen. Willst du vollkommen sein, so gehe hin und verkaufe
alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im
Himmel haben - komm und folge mir nach."

Mancher, der schon aus Mutterleibe - am Gehirn - verschnitten und von
Natur ein Narr war, mag durch Zufall mit unter die Heiligen geraten
sein; aber der grte Teil der Heiligen wurde erst durch solche hnliche
Stellen der Bibel zu Narren.

Die Wsteneien Syriens und gyptens bevlkerten sich mit frommen
Christen, welche "Jesum nachfolgen" wollten und, weil dieser gelitten
hatte, es fr verdienstlich hielten, sich noch weit grere Qualen
freiwillig aufzulegen. Jeder dieser Frommen strebte danach, die Natur
mit Fen zu treten, und es gelang manchem so vortrefflich, dass uns
dabei die Haut schaudert. Diese Schwrmerei wurde epidemisch und die
sonst einsamen Wsten bevlkerten sich wie Stdte.

Das anschaulichste Bild von dem Leben dieser "Vter der Wste" gibt uns
folgende Schilderung eines Mannes, der ihr Leben und Treiben einen
ganzen Monat lang als Augenzeuge beobachtet hat: "Einige flehen mit gen
Himmel gerichteten Augen, mit Seufzen und Winseln, Barmherzigkeit;
andere, mit auf den Rcken gebundenen Hnden, halten sich in der Angst
ihres Gewissens nicht fr wrdig, den Himmel anzuschauen; andere sitzen
auf der Erde, auf Asche, verbergen ihr Gesicht zwischen die Knie und
schlagen ihren Kopf gegen den Boden; andere heulen laut wie beim Tode
geliebter Personen; andere machen sich Vorwrfe, nicht Trnen genug
vergieen zu knnen. Ihr Krper ist, wie David sagt, voll Geschwre und
Eiter; sie mischen ihr Wasser mit Trnen und ihr Brot mit Asche; ihre
Haut hngt an den Knochen, vertrocknet wie Gras. Man hrt nichts als
Wehe! Wehe! Vergebung! Barmherzigkeit! Einige wagen kaum, ihre brennende
Zunge mit ein paar Tropfen Wasser zu erfrischen, und kaum haben sie
einige Bissen Brot genossen, so werfen sie das brige von sich, im
Gefhl ihrer Unwrdigkeit. Sie denken nichts als Tod, Ewigkeit und
Gericht! Sie haben verhrtete Knie, hohle Augen und Wangen, eine durch
Schlge verwundete Brust und speien oft Blut; sie tragen schmutzige
Lumpen voll Ungeziefer, gleich Verbrechern in Gefngnissen oder wie
Besessene. Einige beten, sie ja nicht zu beerdigen, sondern hinzuwerfen
und verwesen zu lassen wie das Vieh!" -

Wer von diesen Wsteneinsiedlern noch nicht verrckt war, musste es bei
der oben geschilderten Lebensweise notwendig werden. Das Beispiel reizte
die Eitelkeit auf und einer suchte den anderen an Strenge und
Selbstqulerei zu bertreffen.  (Anm.d.Red. vgl. Theodoret von Cyrus:
Mnchsgeschichte - Historia Religiosa)

Einer dieser armen Verirrten und Verwirrten - Heiligen! - lebte fnfzig
Jahre lang in einer unterirdischen Hhle, ohne jemals das freundliche
Licht der Sonne wiederzusehen! Andere lieen sich bei der grten Hitze
bis an den Hals in den glhenden Sand graben; noch andere in Pelze
einnhen, so dass nur ein Loch zum Atmen frei blieb; bei afrikanischer
Sonnenhitze eine treffliche Sommerbekleidung, allein doch noch
ertrglicher als der Paletot, den ein anderer sich aus einem Felsen
aushieb und bestndig mit sich herumschleppte wie die Schnecke ihr Haus.

Sehr viele behngten sich mit schweren eisernen Ketten und Gewichten.
Der heilige Eusebius trug bestndig zweihundertundsechzig Pfund Eisen an
seinem Krper. Einer dieser Narren namens Thalelus klemmte sich in den
Reifen eines Wagenrades und brachte in dieser angenehmen Stellung zehn
Jahre zu, worauf er sich, zur Belohnung fr seine Ausdauer, in einen
engen Kfig zurckzog. Wahrlich ein rarer Vogel!

Einige taten das Gelbde - Frauen taten das, glaub' ich, nicht -
jahrelang kein Wort zu reden, niemand anzusehen oder auf einem Bein
herumzuhinken oder nur Gras zu fressen und was des Unsinns mehr ist.

St. Barnabas hatte sich einen scharfen Stein in den Fu getreten; er
litt die entsetzlichsten Schmerzen, aber er lie sich den Stein nicht
herausziehen. Wieder andere schliefen auf Dornen, ja, manche versuchten,
gar nicht zu schlafen und hungern konnten sie wie deutsche Schullehrer
und Dichter; nur hatten sie den Vorteil voraus, dass sie verrckte
Heilige waren und es eine bekannte Erfahrung ist, dass Wahnsinnige sehr
lange ohne Nahrung leben knnen. Simeon, der Sohn eines gyptischen
Hirten, a nur alle Sonntage und hatte seinen Leib mit einem Stricke so
fest zusammengeschnrt, dass berall Geschwre hervorbrachen, die so
entsetzlich stanken, dass es niemand in seiner Nhe aushalten konnte.

Dieser Simeon glaubte immer, dass er sich noch nicht genug qule, und
erfand daher etwas ganz Neues oder was wenigstens von den Christen noch
nicht angewandt wurde, da Anbeter der groen Gttermutter, der Kybele,
in Syrien hnliches getan hatten. Simeon stellte sich nmlich auf die
Spitze einer Sule und blieb hier jahrelang stehen. Die erste Sule, die
er zu diesem Zweck bentzte, war nur vier Ellen hoch, aber je hher sein
Wahnsinn stieg, desto hher wurden auch seine Sulen. Als seine Tollheit
den Gipfelpunkt erreicht hatte, war seine Sule vierzig Ellen hoch; auf
dieser stand er dreiig Jahre!

Wie er es eigentlich anfing, nicht herunterzufallen, wenn ihn der Schlaf
berkam, ist schwer zu begreifen; allein wahrscheinlich gewhnte er
sich, stehend zu schlafen wie Pferde und Esel. Eine seiner
Lieblingsunterhaltungen war es, sich beim Gebet bis auf die Fe zu
bcken. Er muss noch einen geschmeidigeren Rcken gehabt haben als
irgendwelche Kammerherrn, denn ein Augenzeuge berichtete, dass er bis
1244 solcher Bcklinge gezhlt habe, der Heilige aber noch unendlich
lange in seiner frommen Turnbung fortgefahren sei.

Simeon brachte es dahin, dass er vierzig Tage hungern konnte! Als seinem
ausgemergelten Krper endlich die Kraft zum Stehen fehlte, lie er auf
seiner Sule einen Pfahl errichten und sich an denselben mit Ketten in
aufrechtstehender Stellung befestigen.

Diese Sulentollheit fand viele Nachahmer, besonders im warmen
Morgenland. Im Abendland ist nur ein Sulenheiliger bekannt und die
fromme Stadt Trier hat den Ruhm, dass er einer ihrer Shne war. Der
damalige Bischof war aber noch nicht so tief in den Geist der rmischen
Kirche eingedrungen wie Herr Bischof Arnoldi, der vor etwa zwanzig
Jahren den angeblich ungenhten Rock Jesu fr Geld zeigte, denn sonst
wrde er nicht die Sule haben umstrzen und den Narren - ich meine den
Heiligen - zur Stadt hinausjagen lassen.

Da es das hchste Ziel aller dieser fr ihre Seligkeit sich qulenden
Toren war, "die Natur mit Fen zu treten" und jede "vom Fleische"
stammende Regung zu unterdrcken, so wurde denn natrlich auch der
Geschlechtstrieb als hchst unchristlich verdammt und bekmpft. Der
Kampf mit diesem mchtigsten der Triebe kostete aber die allergrte
Mhe und hatte, wie wir noch in der Folge sehen werden, die
allerverderblichen Folgen fr die sich Christen nennende Menschheit.

St. Hieronymus (geb. 330 und gest. 422) erzhlt ganz kalt, dass dieser
Kampf mit der Natur Jnglingen und Mdchen Gehirnentzndungen und oft
Wahnsinn zugezogen habe. Die armen Narren, die ihren Leib kasteiten, um
den Unzuchtsteufel in sich zu demtigen, wussten ja nicht, dass sie
dadurch das bel nur rger machten, denn der Teufel - der bekanntlich
berall seine Hand im Spiel hat - fhrte ihnen die ppigsten Bilder vor
die Phantasie.

Einige bestrichen, um sich den Kampf zu erleichtern, ihre rebellischen
Glieder mit Schierlingssaft und andere machten der Sache vllig ein
Ende, indem sie die Wurzel des bels ausrotteten. Dann hrte freilich
alles auf, auch die Versuchung, und wenn ein Verdienst im berwinden
liegt, auch das Verdienst. Der sonst so vernnftige Kirchenvater
Origenes tat dies ebenfalls; aber seine Tat war keineswegs originell, da
heidnische Priester der Kybele diese unangenehme Operation ziemlich
hufig mit sich vornahmen. Leontius, ein Priester zu Antiochien,
Jakobus, ein syrischer Mnch, und noch viele andere unter den Priestern
und Laien folgten diesem Beispiel, was daraus hervorgeht, dass ein
Gesetz gegen die Kapaunirwut gegeben werden musste. Nun, Gott sei Dank,
vor der Rckkehr dieses Fanatismus sind wir sicher!

Andere, welche sich zu einer solchen Radikalkur nicht entschlieen
konnten oder auch durch ihre Frmmigkeit davon abgehalten wurden, litten
Hllenqualen. Den heiligen Pachomius trieb das innerliche Feuer in die
Wste, weil er es hier leichter zu ersticken meinte als in der Welt, wo
soviel zweibeiniger Zndstoff umherluft. Er kmpfte oft mit sich, ob er
seinen entsetzlichen Qualen nicht durch den Tod ein Ende machen solle.
Einst legte er sich nackt in eine Hhle, welche von Hynen bewohnt
wurde. Diese Bestien beschnupperten ihn, lieen ihn aber ungefressen
liegen, wahrscheinlich weil sie ihm anrochen, dass er ein Heiliger war.

Eines Tages gesellte sich zu dem geplagten Manne ein schnes
thiopisches Mdchen, setzte sich auf seinen Scho und reizte ihn so
sehr, dass er wirklich glaubte zu tun, was jeder nicht so heilige Mann
in seiner Lage unfehlbar getan haben wrde. Als das Entsetzliche
geschehen war, ging es ihm wie manchem andern nach hnlichen Vorfllen;
er erkannte jetzt, wer seine Hand dabei im Spiel hatte, und gab dem
schnen Mdchen als Dank eine ungeheure Maulschelle. Und seine Vermutung
war richtig; das Mdchen war der Teufel in eigener Person, denn
Pachomius' Hand stank von der Berhrung ein ganzes Jahr lang so
entsetzlich, dass er fast ohnmchtig wurde, wenn er sie der Nase zu nahe
brachte.

rgerlich darber, dass ihn der Teufel so erwischt hatte, rannte er in
der Wste umher. Er fand eine Aspis oder kleine Brillenschlange und
setzte sie in seiner Wut gleich einem Blutegel an das Glied, welches
Origenes sich abschnitt. Aber die Schlange war ebenso ekel wie die Hyne
und wollte nicht anbeien. Pachomius hielt dies fr ein Wunder, und eine
innere Stimme sagte ihm, dass er nun Ruhe haben sollte, und somit
scheint ihn das Teufelsmdel kuriert zu haben.

Mit Mystizismus vereinigte Dummheit und daraus entstehende Schwrmerei
stecken an und verbreiten sich wie Pest und Cholera. Die ganze
Christenheit wurde von dieser asketischen Schwrmerei angesteckt. Ganze
Scharen rannten in die Wste, so dass sich die Heiligen auf die Fe
traten und gentigt wurden, ungeheure Gemeinschaften - Klster zu
bilden.

St. Pachomius, der eigentliche Stifter derselben, hatte in dem seinigen
vierzehnhundert Mnche und fhrte noch ber siebentausend andere die
Aufsicht. Im vierten Jahrhundert gab es in gypten wenigstens
hunderttausend Mnche und Nonnen; denn dass die leicht erregbaren und
verrckt zu machenden Weiber von dieser Tollheit nicht frei blieben,
kann man sich denken. In den gut gelegenen Wsten fing es an, an Platz
zu fehlen, und man schaffte sich knstliche Wsteneien, das heit
Klster, in den Stdten. Die Stadt Oxyrrhinchus hatte mehr Klster als
Wohnhuser und in ihnen beteten und arbeiteten nicht weniger als
dreiigtausend Mnche und Nonnen.

Die Heiden mochten spotten soviel sie wollten, um dieses heilige Feuer
auszulschen; es gelang ihnen nicht, denn die geachtetsten Kirchenlehrer
priesen das Mnchs- und Einsiedlerleben ber alles und nannten es den
geraden Weg in das Paradies. Die heiligsten Bande der Natur wurden
zerrissen. Jnglinge verlieen ihre Brute, wie der heilige Alexius, der
in der Brautnacht in die Wste rannte. Ammo las seiner Braut die Briefe
des Paulus an die Korinther vor! Die Braut wurde dadurch so begeistert,
dass sie mit Ammo in die Wste lief und hier gemeinschaftlich mit ihm
eine elende Htte bezog, wo sie lebte - keusch wie eine Henne, die mit
einem Hund zusammen wohnt.

Johannes Colybita, der Sohn angesehener Eltern, wurde ebenfalls in der
Brautnacht von dem frommen Kanonenfieber gepackt; er floh die Versuchung
und ging in die Wste. Das unberwindliche Heimweh trieb ihn in die
Vaterstadt zurck. Hier lebte er siebzehn Jahre als elender Bettler in
einer Hundehtte, die er neben die Wohnung seiner um ihn trauernden
Eltern gestellt hatte, denen er sich erst in seiner Todesstunde zu
erkennen gab.

Dies waren die Frchte der Lehren solcher Mnner wie St. Hieronymus, der
sagte: "Und wenn sich deine jungen Geschwister an deinen Hals werfen,
deine Mutter mit Trnen und zerstreuten Haaren und zerrissenen Kleidern
den Busen zeigt, der dich ernhrt hat, dein Vater sich auf die
Trschwelle legt, stoe sie mit Fen von dir und eile mit trockenen
Augen zur Fahne des Kreuzes."

Sehr viele trieben auch die Eitelkeit und der Ehrgeiz zum asketischen
Leben, denn die Einsiedler und Mnche standen im hchsten Ansehen. Kamen
sie in eine Stadt, so wurden sie im Triumph empfangen, und zogen sie bei
einer solchen vorbei, dann strmten Tausende zu ihnen heraus, um sich
ihren Rat und ihren Segen zu erbitten.

Die ganze Gegend, in welcher ein besonders toller Einsiedler sein Wesen
trieb, hielt sich fr beglckt, und man hat Beispiele, dass diese
Heiligen von den Bewohnern anderer Landschaften gleichsam wie die wilden
Affen in Pechstiefeln eingefangen wurden.

Salamanes aus Kapersana, einem Dorfe am Euphrat, hatte sich in ein Haus
sperren lassen, welches weder Fenster noch Tren hatte. Einmal im Jahr
ffnete er diesen Kfig, um die Lebensmittel in Empfang zu nehmen,
welche ihm herbeigeschleppt wurden, wobei der heilige Mann aber mit
niemandem redete. Die Bewohner seines Geburtsortes glaubten, ein Recht
auf diese Blume der Heiligkeit zu haben und entfhrten den Narren; aber
kaum hatten sie ihn einige Tage, als er ihnen wieder von den Bewohnern
eines benachbarten Dorfes gestohlen wurde. Alle diese gewaltsamen
Vernderungen waren nicht im Stande, dem Heiligen ein Wort zu entlocken.

Die Verehrung gegen diese Wstennarren ging so weit, dass Kaiser
Theodosius ihnen sogar seine Shne Honorius und Arkadius zur Erziehung
anvertraute. Es wurde freilich nichts Gescheites aus ihnen, denn
Honorius war frmlich bldsinnig geworden und fand sein grtes
Vergngen daran, das Federvieh zu fttern. Eine recht unschuldige
Liebhaberei fr einen Kaiser, die auch moderne Imperatoren haben, wenn
das Federvieh nur aus der rechten Tonart krht.

Theodosius war berhaupt ein groer Freund der Mnche, und sowohl er wie
andere Kaiser nahmen zu ihnen wie zu Orakeln ihre Zuflucht. Er ahmte dem
groen Alexander nach, indem er sagte: "Wenn ich nicht Theodosius wre,
so mchte ich ein Mnch sein." Sein Volk hatte Ursache genug, zu
bedauern, dass er Theodosius war.

Unter den "Vtern der Wste" haben manche einen ganz besonderen Ruf der
Heiligkeit erworben, teils durch die unerhrten Qualen, welche sie sich
selbst auferlegten, teils durch die Wunder, welche ihnen zugeschrieben
wurden. Unter den schrecklichen Operationen, die sie mit ihrem Krper
vornahmen, litt auch der Geist, und so darf es uns nicht befremden, wenn
diese Leute allerlei Erscheinungen und Visionen hatten, die sie fr
Wirklichkeit nahmen und die nur dazu dienten, ihren zerrtteten Verstand
noch mehr zu verwirren. Die Kirchenschriftsteller, welche diese Wunder
nacherzhlen, waren ernsthafte Mnner und tun dies im festen Glauben an
die Wahrheit dessen, was sie berichten. Erst die spteren mag hin und
wieder Eigennutz zum absichtlichen Betrug verleitet haben.

Ich wrde alle diese Wunder als abgeschmackt bergehen, wenn man sie nur
allein in jener finsteren Zeit geglaubt htte, allein noch heute gelten
sie Tausenden von rmischen Katholiken als Wahrheit.

Der gemeine Katholik in den echt katholischen Lndern wei von Gott sehr
wenig; er versteht die philosophische Dreieinigkeitsgeschichte nicht und
zerbricht sich auch nicht den Kopf darber; er kennt nur seine
wunderttigen Heiligen und den Teufel.

Lange wollen wir uns brigens in dieser halb bemitleidenswerten, halb
lcherlich tollen, heiligen Gesellschaft nicht aufhalten. Wer den ganzen
Unsinn der Wunder kennen lernen will, braucht nur eines der
Heiligenbcher zu lesen, welche von der Geistlichkeit in den
rmisch-katholischen Lndern empfohlen und verbreitet werden.

Den grten Ruf unter den Wstenheiligen erlangten: St. Paulus, St.
Pachomius, St. Antonius, St. Hilarion und St. Macarius Nr. 1 und Nr. 2.
Die Schlachten, welche diese Himmelsstrmer mit dem Teufel lieferten,
waren unzhlig und die ungeheure Ttigkeit des "Erzfeindes" kann nicht
in Erstaunen setzen, da diese religisen Don Quichote in jedem Affen, in
jedem andern Tier und namentlich in jedem Weibe, welche ihnen unvermutet
begegneten, nicht nur hllische Windmhlen, sondern den hllischen
Windmller selber sahen.

Alle bel, welche ihr krankhafter Krper- und Seelenzustand mit sich
brachte, wurden fr Wirkungen des Teufels gehalten. Antonius schlief auf
der bloen Erde und in feuchten Grbern und zog sich dadurch sehr
begreiflicherweise die Gicht zu, wie das auch jedem Nichtheiligen
begegnet wre; er aber bildete sich ein, dass die Schmerzen, die er
empfand, von einem Faustkampf mit dem Teufel herrhrten, - weil er
vielleicht wirklich hufig Kmpfe mit den starken Affen zu bestehen
hatte, die sich im sdlichen gypten aufhielten und die wahrscheinlich
die Erzvter der Waldteufel sind. Schne Weiber, die ihm im Traum
erschienen, hielt er erst recht fr Teufel, da sie ihn am strksten
versuchten und eine derartige "Versuchung des heiligen Antonius" sieht
man hufig gemalt, weil sie die Phantasie der Maler lebhaft anregte.

Manche der Einsiedler mag auch die Eitelkeit verfhrt haben,
Erscheinungen vorzugeben, um ihr Verdienst in den Augen der Menschen zu
erhhen. Wer vermag es, hier die Grenze zwischen wirklichen uerungen
des Wahnsinns und Dichtungen anzugeben? Wie lange ist es her, dass die
Hexenprozesse aufgehrt haben? Mag bei diesen Letzteren manche
absichtliche Nichtswrdigkeit vorgegangen sein, so kann man doch fr
gewiss annehmen, dass noch vor hundert Jahren viele der geachtetsten
Theologen und Juristen an die Mglichkeit der Teufelserscheinungen und
des fleischlichen Umgangs mit dem Teufel und andern bsen Geistern
glaubten; denn wre dies nicht der Fall, so msste man die Richter,
welche Hunderttausende von Hexen verbrennen lieen, fr absichtliche
Mrder halten. Hexenprozesse fanden noch im vorigen Jahrhundert statt,
und der gemeine Mann in vielen, nicht nur rmisch-katholischen Lndern,
glaubt noch heute steif und fest an Hexen.

Dem heiligen Antonius werden viel Wunder zugeschrieben. Die
Kirchenschriftsteller erzhlen, dass ihm die Tiere der Wste gehorchten
wie dressierte Pudel. Gar hufig umgaben sie zudringlich seine Hhle,
warteten aber stets bis er sein Gebet vollendet hatte, dann empfingen
sie seinen Segen und zogen mit den christlichen Gedanken auf Raub aus.
Als er den in seinem hundertunddreizehnten Jahr gestorbenen heiligen
Paulus aus dem gyptischen Theben begrub, halfen ihm zwei fromme Lwen
das Grab machen. Als sie fertig waren, empfingen sie seinen Segen und
zogen, christlich mit dem Schwanz wedelnd, vergngt und mit
erleichtertem Gewissen tiefer in die Wste.

St. Macarius, der sich zur Unterdrckung des ihm arg zusetzenden
Wollustteufels mit bloem Hintern in einen Ameisenhaufen setzte, genoss
ebenfalls das Vertrauen der wilden Bestien. Einst kam eine Hyne an
seine Tr und pochte bescheiden an. Als der Heilige ffnete, legte ihm
die glubige Mutter ein blindes Junges zu Fen, zugleich aber ein
Lammfell als Honorar fr die Kur. "Du hast es geraubt, ich mag es
nicht!" schnob der Heilige die fromme Hyne an, welche so bestrzt
wurde, dass ihren Augen Trnen entrollten. Dies rhrte den Heiligen und
er sprach freundlicher zu der bufertigen Bestie: "Willst du kein Lamm
mehr rauben, so nehme ich das Fell und heile." Die Hyne nickt zu, der
Heilige heilt. Dieser geht in seine Zelle, jene trollt vergngt in die
Wste und raubt von nun an keine Lmmer mehr, sondern wahrscheinlich -
Schafe.

Das erste Wunder, welches der heilige Hilarion tat, klingt nicht so
unglaublich. Eine junge Frau, die von ihrem Manne verachtet wurde, weil
sie ihm keine Kinder gebar, holte sich Rat bei dem
zweiundzwanzigjhrigen Heiligen. Er betete allein mit ihr, und nach neun
Monaten kam sie wirklich mit einem durch ttiges Gebet bewirkten kleinen
Heiligen nieder.

Doch wozu noch mehr dieser Wunder anfhren? - Hier reitet ein Heiliger
auf einem Krokodil durch den Nil, dort fhrt ein anderer einen grimmigen
Drachen an einem Bindfaden; hier lsst ein anderer Schnee anbrennen,
Eisen schwimmen und Frchte auf Weidenbumen wachsen; dort benutzt ein
Heiliger einen lebendigen Adler als Regenschirm oder hat den Teufel vor
seinen Pflug gespannt; - kurz, diese Heiligen machten nicht allein die
Menschen, sondern auch die Natur konfus. Und all dieser Unsinn wurde
geglaubt, denn daran zweifelte kein Mensch, dass so heilige Leute die
ewigen Naturgesetze ganz nach Willkr verndern und unterbrechen
konnten!

Die im Orient entstandene Schwrmerei fand auch in Europa den
lebhaftesten Anklang, und besonders wirkte dafr St. Ambrosius, Bischof
von Mailand, dem wir den Ambrosianischen Lobgesang, das Te deum
laudamus, verdanken, und St. Hieronymus, von dem wir schon frher
geredet haben. Beide wirkten sowohl durch eigenes Beispiel als durch
Schriften. Hieronymus lebte selbst lngere Zeit in der syrischen Wste
und schrieb ein Werk, betitelt "Lob des einsamen Lebens", welches fr
ein Meisterstck der Beredsamkeit gilt. Ich werde spter noch manchmal
Stellen aus seinen Schriften anfhren mssen. Er war 331 in Strydon in
Dalmatien geboren, hielt sich lange Zeit in Rom auf und starb 422 in
seinem Kloster in Bethlehem.

Der Hang zum asketischen Leben nahm nun schnell in Europa berhand, und
Heilige und Klster schossen berall wie Pilze auf. Der heilige Martin
war der erste, welcher Klster in Frankreich anlegte. Er war 316 in
Pannonien geboren und hatte das Kriegshandwerk ergriffen. Als er einst
einem Armen die Hlfte seines Mantels gab, bildete er sich ein, Christi
Stimme zu hren, welche ihm zurief: "Was du andern getan hast, hast du
mir getan." Dies bewog ihn, sein Regiment zu verlassen und unter die
Heiligen zu gehen. Sein Ruf verbreitete sich bald; er wurde Erzbischof
von Tours und ein sehr stolzer Heiliger. Als er vor Kaiser Valentinian
erschien, wollte dieser sich nicht von seinem Throne erheben, um St.
Martin zu begren. Diesen verdross solcher Hochmut, er betete, und - so
erzhlt die "Geschichte" - feurige Flammen schlugen aus dem Thronsessel
empor, so dass seine kaiserliche Majestt schnell in die Hhe fahren
musste, wollte sie nicht ihren allerhchsten allerdurchlauchtigsten
Allerwertesten verbrennen.

Die Zahl der europischen Heiligen ist sehr gro, und ich mchte gern
ihr ganzes heiliges Leben und all ihre Wunder erzhlen; allein leider
habe ich weder Zeit noch Raum zu einem so umfassenden, interessanten
Werk und will mich daher damit begngen, nur von denjenigen zu reden,
die fr die Welt als Stifter von Mnchsorden oder als sogenannte Apostel
wichtig wurden, und auch dann noch ist ihre Zahl so gro, dass ich eine
Auswahl treffen muss.

Ehe ich aber dazu schreite, will ich die glubigen Christen darber
belehren, was denn eigentlich solch ein Heiliger bedeutet und wozu er
noch heute gut ist. Es versteht sich von selbst - so lehrt natrlich die
rmische Kirche - dass ein Heiliger nicht nur selig ist, sondern dass er
auch im Himmel einen besonders hohen Platz einnimmt, gewissermaen zu
der Familie des lieben Gottes gehrt und bestndig mit Christus, der
Jungfrau Maria, deren neuerdings unbefleckt empfangenen Frau Mutter, dem
Heiligen Geist, den vornehmsten Engeln und den Aposteln verkehrt. Man
kann sich also wohl denken, dass solch ein Heiliger direkten oder
indirekten Einfluss bei dem lieben Gott hat und nicht leicht vergebens
bittet. Die Heiligen haben ganz auerordentlich viel zu tun, denn sie
haben nicht allein diejenigen auf Erden lebenden Menschen zu beschtzen
und zu behten, deren spezielle Schutzpatrone sie sind, sondern auch
noch spezielle Zweige der Heiligenwissenschaft zu vertreten. Die
angeseheneren Heiligen sind auerdem Vorsteher ganzer Nationen oder
besonderer Stdte, und somit sieht jeder ein, dass ihr Amt im Himmel
keine Sinekure ist. Damit nun jeder, den irgendeine religise Blhung
oder ein krperliches Gebrechen qult, welches er wohlfeiler kuriert
haben will, als es von einem irdischen unheiligen Doktor geschehen kann,
wei, was er zu tun hat, so will ich einige Hauptheilige nebst ihren
Funktionen anfhren.

Der Adel steht unter der besonderen Protektion der drei groen Heiligen
St. Georg, St. Moritz und St. Michael; der Patron der Theologen ist
hchst seltsamerweise der zweifelschtige "unglubige" St. Thomas, und
der Schutzheilige der Schweine ist St. Antonius. Die Jurisdiktion ber
die Juristen hat St. Ivo, ber die rzte St. Cosmus und St. Damian, ber
die Jger St. Hubertus und die Trinker stehen unter dem Schutze St.
Martins. So hat auch jedes Gewerbe seinen besonderen Heiligen, denen die
rmisch-katholischen Handwerker wahrscheinlich ihr Geschft anvertrauen,
wenn die vielen Festtage oder die Wallfahrten zur heiligen Garderobe sie
abhalten, selbst dafr zu sorgen.

Auch jede Nation hat ihren besonderen Schutzheiligen. Die Portugiesen
haben St. Antonius, der neben den Schweinen auch sie behtet; die
Spanier St. Jakob, welcher sich krzlich als der wahre Jakob erwiesen
hat; die Franzosen St. Denis, die Englnder St. Georg, die Venezianer
St. Markus, und die Deutschen werden einen eigenen Schutzheiligen
bekommen, wenn sie eine Nation sind; einstweiligen besorgen die
Schutzheiligen anderer Nationen ihre diplomatischen Geschfte, im
Himmel.

Auch haben einige Heilige, die mit der Leitung von Nationen und
besonderen Stnden nicht zu sehr beschftigt sind, ihre Mue im Himmel
benutzt, einige bel der armen Erdenwrmer besonders grndlich zu
studieren, und der liebe Gott, der doch nicht alles selbst tun kann, hat
ihnen nach dem Glauben vieler Katholiken erlaubt, ihm hier und da
auszuhelfen.

St. Aja hat die Rechtswissenschaft studiert und hilft in Prozessen; St.
Cyprian beim Zipperlein, St. Florian bei Feuersgefahr, St. Nepomuk gegen
Wasserflut und in Verleumdung; St. Benedikt gegen Gift; St. Hubertus
gegen die Hundswut, St. Petronella im Fieber, St. Rochus gegen die Pest,
St. Ulrich gegen die Ratten und Muse, St. Apollonia gegen Zahnweh, wenn
es nicht von Schwangerschaft kommt, denn in diesem schmerzlichen Fall
muss man sich an St. Margaretha wenden, welche auch bei schweren
Geburten hilft. St. Blasius blst das Halsweh weg, und St. Valentin
hilft gegen die fallende Sucht; St. Lucia gegen Augenbel, und Vieharzt
im Himmel ist St. Leonhard.

St. Benedikt ist der Vater der zahlreichen Benediktinermnche. Er wurde
480 in Nursia in Umbrien geboren und starb 543. Die Legende erzhlt von
ihm merkwrdige Dinge. Schon im Mutterleibe sang er Psalmen, und wenn er
als Kind weinte, dann brachten ihm die Engel Bischofsstbe,
Bischofsmtzen und Breviere zum Spielen und machten Musik auf
Instrumenten, die erst viele Jahrhunderte spter unter den Menschen
erfunden wurden. Sein erstes Wunder war, dass er einen zerbrochenen Topf
wieder ganz betete!

Im Beten besaen diese Heiligen, wenn wir den Kirchenschriftstellern
glauben wollen, eine ordentlich schauerliche Innigkeit und Ausdauer.
Einige erhoben sich vor lauter Inbrunst einige Fu ber die Erde und
blieben so in der Luft hngen. Ein irlndischer Heiliger, namens Kewden,
betete so hartnckig und lange, dass eine Schwalbe in seine gefalteten
Hnde Eier legen und ausbrten konnte!

Es versteht sich von selbst, dass St. Benedikt vom Teufel heftig
verfolgt wurde, der ihn, als der fromme Mann sich in eine Einde
vergraben hatte, bestndig in Gestalt einer Amsel umschwrmte. Als er,
nmlich der Heilige und nicht der Teufel, Abt eines Klosters wurde,
verfhrte der Teufel einen Pfaffen, sieben schne Mdchen in der
Naturuniform im Klostergarten laufen zu lassen, so dass fast alle Mnche
des Teufels wurden. Nahe daran waren sie, denn sie machten Versuche,
ihren strengen Abt zu vergiften, die natrlich alle misslangen, denn
bald betete er den Giftbecher entzwei, bald kam ein Rabe, der das
vergiftete Brot sofort in die Wste trug.

Benedikt stiftete eine groe Menge von Klstern, darunter das berhmte
von Monte Casino, und gab seinen Mnchen eine Regel, die fr einen
Heiligen und sein Zeitalter sehr vernnftig ist. Seine Mnche sollten
arbeiten; allein von Selbstqulerei und dergleichen ist darin nichts
vorgeschrieben. Seine Klosterregel wurde bald die Grundlage aller
anderen, und die Benediktinerklster waren die Zufluchtsorte fr Knste
und Wissenschaften, welche ohne sie vielleicht ganz und gar im rohen
Mittelalter von dem Christentum verschlungen sein wrden. Wir mgen
daher immerhin St. Benedikt als einen der achtungswertesten Heiligen
verehren und ihm die dummen Wunder nicht zur Last legen, welche ihm
sptere Verehrer andichteten.

Von seiner Klosterregel weicht die des irdischen Mnches Columbanus
merklich ab; in seinem Zuchtbuch regnet es fr das geringste Vergehen
Dutzende von Hieben. Wer einem Bruder widersprach, ohne hinzuzufgen:
"Wenn du dich recht erinnerst, Bruder", erhielt fnfzig Hiebe, und wer
gar allein mit einem Frauenzimmer redete, - zweihundert, wohlgezhlt.

Der englische Mnch Winfried, der nachher St. Bonifazius hie, wird
gewhnlich der Apostel der Deutschen genannt. Er fhrte die Klster in
Deutschland ein und mit ihnen allen Segen Roms. Die Friesen erwarben
sich das Verdienst, ihn nebst dreiundfnfzig Pfaffen totzuschlagen (am
5.Juni 759). Htten sie es frher getan, dann wssten wir vielleicht
nichts von Ehelosgikeit der Priester, Wallfahrten, Bilderdienst,
Reliquien und dergleichen Dingen, die er in Deutschland heimisch machte.

St. Adalbert, der sogenannte Apostel der Preuen, war Bischof von Prag
und ein ganz guter Mann, dem es nur an Verstand fehlte. Was er
eigentlich fr ein Landsmann war, wei ich nicht; aber ich vermute ein
Deutscher, denn er war so demtig, dass er am Hofe seines Freundes
Kaiser Otto II. den Hofleuten heimlich die Stiefel putzte.

Ihn gelstete sehr nach der Mrtyrerkrone und er schlug allerdings,
obwohl aus heiliger Einfalt, den allerkrzesten Weg dazu ein, sie auf
das schleunigste zu erlangen. Er zog mit zwei Gefhrten Psalmen singend
durch das Land der wilden, heidnischen Preuen. Dies wilde Volk hielt
ihn anfangs gar nicht fr einen Heiligen, sondern fr einen Verrckten
und wurde in diesem Glauben noch bestrkt, als Adalbert auf ihre
Gtterbilder schimpfte, ja, sie wohl gar verunehrte und ihnen dafr
Kreuz, Hostie, Marienbilder und andern rmisch-christlichen Hausbedarf
anbot. Als die Preuen ihn auslachten, schimpfte er auf die Verstockten
und wurde zornig, und ehe er sich dessen versah, steckten ihm sieben
heidnische Wurfspiee im heiligen Leibe, die ihn zum Mrtyrer machten.

Bruno, einem Benediktiner aus Magdeburg, ging es einige Jahre spter
nicht besser; die Preuen schlugen ihn nebst achtzehn seiner Gefhrten
ebenfalls tot.

Ebenso wichtig als Frderer des Klosterwesens und als Heiliger, aber bei
Weitem wichtiger und bedeutender als Mensch, ist der heilige Bernhard.
Luther sagt von ihm: "War je ein wahrer, gottesfrchtiger Mnch, so war
es Bernhard; seinesgleichen ich niemals weder gehrt noch gelesen habe,
und den ich hher halte, denn alle Mnche und Pfaffen des ganzen
Erdbodens."

Bernhard stammte aus einer altadeligen burgundischen Familie und wurde
1091 zu Fontaines bei Dijon geboren. Er war ein Schwrmer, aber ein
durchaus edler Mensch, dem es wahrer Ernst war, die verdorbenen
Geistlichen und die Menschen berhaupt zu bessern. Er qulte seinen
Krper auf grauenhafte Weise, indem er mit seinen Mnchen oft nur von
Buchenblttern und dem elendsten Gerstenbrot lebte. Genoss er einmal zur
Strkung seines geschwchten Magens etwas Mehlbrei mit l und Honig,
dann weinte er bitterlich ber diese Schwachheit.

Seine Frmmigkeit und sein scharfer Verstand erwarben ihm bald einen
bedeutenden Ruf. Als er einst in Mailand einzog, waren ihm Hnde und
Arme geschwollen von den Kssen, mit denen ihn die zudringlichen
Glubigen berdeckten. Er htte Erzbischof, ja, Papst werden knnen, er
schlug alle Wrden aus; aber als einfacher Bruder von Citeaux bte er
den bedeutendsten Einfluss aus. Er schlichtete Streitigkeiten zwischen
Ppsten und Knigen, zwischen Frsten und ihren trotzigen Vasallen, und
der wildeste Kriegsmann zitterte vor dem gewaltigen Mnch. Weder Kaiser
noch Papst wagten es, in Bernhards Kloster Citeaux einzureiten, sie
gingen demtig zu Fu.

Er war die Seele des zweiten der Kreuzzge, - dieser groartigen
Narrheit, die sieben Millionen Menschen das Leben kostete, die aber aus
religisem Eifer von Bernhard gefrdert wurde. Selbst ber die
hartnckigsten Widersacher siegte seine Beredsamkeit, wie zum Beispiel
ber Kaiser Konrad III., der in Speyer seinen Kaisermantel ablegte und
den Heiligen auf seinen Schultern durch das Gedrnge trug. Seine
verfhrerische Zunge entvlkerte die Stdte von Mnnern, so dass in
manchen kaum einer fr sieben Weiber zurckblieb, denn "alles, was die
Wand bepisst", nahm das Kreuz.

Der heilige Bernhard verdiente ein eigenes Buch, und ich werde spter
noch hier und da manches zu erwhnen haben, was seine Verdienste besser
ins Licht setzt. Hier will ich nur noch einige Wunder anfhren, welche
ihm die Legende zuschreibt und ohne welche er schwerlich in den
Heiligenkalender gekommen wre, trotz all seiner Verdienste.

Die Erzhlungen von den Siegen ber den Teufel, welche er durch die
Kraft seines Gebetes errang, sind unzhlbar. Sein Gebet war aber auch so
innig, dass es Steine erbarmte. Einst machte sich ein steinerner
Christus vom Kreuze los und stieg herab, um den frommen Beter zu
umarmen. Ein steinernes Marienbild ging noch weiter. Es reichte dem
Heiligen die Brust, und dieser trank aus dem Stein die seste
Frauenmilch! Es ist diese Gte der heiligen Mutter Gottes umso mehr zu
bewundern, als St. Bernhard sie eigentlich immer schlecht behandelte und
nicht einmal an ihre Jungfrauschaft glauben wollte! Als er einst in den
Dom zu Speyer trat, grte er das dort befindliche Marienbild: "Sei
gegrt, o Knigin!" Wie erstaunten die Anwesenden, als die
geschmeichelte und angenehm berraschte steinerne Mutter Gottes die
steinernen Lippen ffnete und ausrief: "Wir danken dir schn, unser
lieber Bernhard", aber noch verwunderte man sich, als der verdrieliche
Heilige die Worte des Apostels zurckbrummte: "Weiber schweigen in der
Versammlung."

Bernhard starb 1153. Er erschien seinen Mnchen mehrmals verklrt im
Himmelsglanz, aber - und Sptter sollten sich das ad notam nehmen - in
der Mitte seines Leibes war ein unangenehmer Makel, eben weil er an die
makellose Jungfrauschaft der Mutter des Jesukindleins nicht hatte
glauben wollen.

St. Bernhard selbst hatte 160 Klster angelegt, die eine zahlreiche
Nachkommenschaft hatten, denn schon zehn Jahre nach des Heiligen Tod gab
es 500, und hundert Jahre spter gegen 2000 Bernhardiner- oder
Zisterzienserklster. Die Mnche dieses Ordens zeichneten sich lange
Zeit vor allen andern durch Arbeitsamkeit und Sittenreinheit aus, so
dass Knige und Frsten in die Gemeinschaft desselben traten.

Den Segen, den diese Mnche und die Benediktiner dem rohen Mittelalter
htten bringen knnen, vernichteten die nun bald entstehenden
Bettelorden, welche knechtische Unterwerfung der Vernunft unter den
blindesten Glauben lehrten und damit die zgelloseste Sittenlosigkeit zu
verbinden wussten. Sie verbreiteten eine dicke geistige Finsternis ber
die Erde, welche die Ppste und ihre Verbndeten so sehr zu schtzen
wussten, dass sie auf das sorgfltigste bemht waren, dieselbe bis auf
den heutigen Tag zu erhalten.

Die Idee der Bettelorden entsprang in dem Gehirn Giovanni Bernardone's,
eines verdorbenen Kaufmannssohnes aus Assisi in Umbrien. Er ist bekannt
unter dem Namen des heiligen Franz von Assisi oder des seraphischen
Vaters. - Da der junge Mann zum Kaufmann nichts taugte, so wurde er
Soldat, geriet in Gefangenschaft und verfiel in eine schwere Krankheit.
Als er genas, war er - ein Heiliger! Das heit vorlufig nur ein simpler
Narr, der sich unter Bettlern und Ausstzigen umhertrieb, ihre Geschwre
ksste, sich mit ihren Lumpen kleidete und seinen Vater bestahl, um das
Gestohlene zum Ausbau einer verfallenen Kirche zu verwenden. Der Bischof
von Assisi nahm den Dmmling in Schutz, und bald zog er im Land umher,
bettelnd fr den Bau der eben erwhnten Kirche. Die Kollekte fiel so
reichlich aus, dass er auf den Gedanken geriet, einen Bettelorden zu
stiften. Papst Honorius sagte zwar von ihm: "Ihr seid ein
Einfaltspinsel", aber Papst Innozenz III., dazu durch einen Traum
veranlasst, besttigte die von Franz aufgesetzte Mnchsregel, die er
doch anfangs eine Regel fr Schweine, aber nicht fr Menschen genannt
hatte.

Anfangs wurde Franz verspottet und verhhnt, aber in der Zeit von drei
bis vier Jahren stieg der Ruf seiner Heiligkeit so sehr, dass ihm, wenn
er einer Stadt nahte, Geistlichkeit und Volk feierlich entgegenkamen und
mit allen Glocken gelutet wurde. (1211.)

Seine Regel verbot es streng ein Eigentum zu haben, und die uerste
Demut war den Mnchen Gesetz. "Die Almosen", sagte Franz, "sind unser
Erbe, Almosen unsere Gerechtigkeit, das Betteln unser Zweck und unsere
Knigswrde! Die Schmach und Verachtung unsere Ehre und unser Ruhm am
Tag des Gerichts."

Er ging selbst mit dem Beispiel voran, denn er war demtig wie ein Hund.
Je mehr ihn die Gassenjungen verhhnten, desto lieber war es ihm, und
ganz vergngt war er, wenn sie ihn gar mit Schmutz bewarfen. Aus lauter
Demut lie er sich oft mit Fen treten. Wenn er in Assisi umherging und
bettelte, so steckte er alles Essbare, das er erhielt, in einen Topf,
und wenn ihn hungerte, so langte er zu und a von dem ekelhaften
Gemisch. Einst wurde Franz von einem Kardinal zu Tisch geladen; er lie
jedoch alle Gerichte unberhrt und a zum Ekel der delikaten Gste den
Schweinefra, den er gesammelt hatte.

Die Tiere hatte er sehr lieb und nannte sie seine Brder und Schwestern.
Gar oft predigte er den Gnsen, Enten und Hhnern, und als ihn einst die
Schwalben und Sperlinge durch ihr Gezwitscher strten, bat er die
"lieben Schwestern" um Ruhe. Einen Bauer, der zwei Lmmer zu Markte
trug, fragte er: "Weshalb qulst du so meine Brder?" - Eine Laus, die
sich auf seine Kutte verirrt hatte, nahm er sorgfltig zwischen die
Finger, ksste sie und sagte: "Liebe Schwester Laus, lobe mit mir den
Herrn!" Dann setzte er sie auf seinen Kopf, woher sie gekommen war.

Seinen Krper nannte er "Bruder Esel", und wenn diesen Esel der Hafer
stach, dann plagte er ihn wacker. Er wlzte sich, wie es auch St.
Benedikt tat, nackt auf Dornen, stieg bis an den Hals in gefrorene
Teiche oder legte sich in den Schnee, bis jede wollstige, eselhafte
Regung verschwunden war. Einst machte er sich in spahafter Laune Weib
und Kinder von Schnee und umarmte sie so lange inbrnstig, bis sie
zerschmolzen waren.

Sein Orden mehrte sich auerordentlich schnell, denn schon im Jahr 1216,
als er ein Generalkapitel desselben nach Assisi ausschrieb, kamen hier
5000 Franziskaner zusammen, obgleich ein groer Teil davon nur
Abgeordnete von Klstern waren. Ihre Zahl wuchs bald wie Sand am Meer.
Der Franziskanergeneral bot einst dem Papst Pius III. 40.000
Franziskaner zum Trkenkrieg an und versicherte, dass die geistlichen
Verrichtungen darunter nicht leiden sollten. Whrend der Pest 1348
starben allein in Deutschland 6000 Franziskaner, und man merkte die
Verminderung nicht. Die Reformation zerstrte unendlich viele ihrer
Klster, allein noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts rechnete man die
Zahl derselben auf 7000 Mnchs- und 900 Nonnenklster!

Franz starb 1226, und da er ein Heiliger war, so tat er denn
selbstverstndlich auch eine Menge von Wundern. Christi Wunder
verschwinden vor denen, welche seine Mnche von ihm berichten.

Einst zog er sich in die Apenninen zurck und hungerte hier vierzig Tage
lang. Da erschien ihm ein Seraph, der ihm die fnf Wundmale Christi
aufdrckte, so dass sie bluteten. Von daher hie Franz auch der
seraphische Vater und sein Orden der Seraphienorden. Die Verehrer dieses
Heiligen gingen so weit, ihn wirklich weit ber Christus zu setzen und
ihm die tollsten und verrcktesten Wunder zuzuschreiben.

Franzens Nachfolger als Ordensgeneral war der Bruder Elias, ein
schlauer, durchtriebener Patron, der sich die Einfalt Franzens trefflich
zunutze zu machen wusste. Er und seine Nachfolger verstanden es
herrlich, Franzens Ordensregeln auszulegen, und dabei wurden ihre
Klster so reich wie keine anderen.

Die geschworenen Feinde und Widersacher der Franziskaner waren die
ungefhr um dieselbe Zeit entstehenden Dominikaner, so benannt nach
ihrem Stifter, dem heiligen Dominikus. Er hie Dominikus Guzman und war
1170 in Altkastilien geboren. Er ward zur Bekehrung der Waldenser nach
Frankreich geschickt und bekam hier den Gedanken, einen Mnchsorden zu
stiften, dessen Wirksamkeit besonders auf das Volk berechnet sein und
der sich mit Predigten und Unterrichtgeben und zu seinem Unterhalt mit
dem eintrglichen Betteln abgeben sollte. Er erhielt vom Papst die
Besttigung, und dieser scheuliche Orden trat ins Leben, um die Welt
mit der Inquisition und der Zensur der Bcher zu beglcken. Dominikus
selbst war der erste, welcher frmliche Ketzerjagden anstellte.

Er wollte seinen Orden mit dem des heiligen Franz vereinigen; aber
dieser hatte keine Lust dazu. Beide Orden standen sich indessen anfangs
bei; aber bald gerieten sie aus Handwerksneid in bitterste Feindschaft;
auch wollten die gebildeteren Dominikaner stets etwas Besseres sein als
die Franziskaner, von denen durchaus keine Gelehrsamkeit gefordert
wurde. Der Dominikanerorden wuchs ebenfalls schnell, und 1494 gab es
4143 Klster desselben.

St. Dominikus verdankt die Klosterwelt eine groe Erfindung, nmlich
neunerlei Stellungen beim Gebet, mit denen man zur Unterhaltung
abwechseln konnte, damit die Sache nicht zu langweilig wurde. Man konnte
beten: stehend, kniend, auf dem Rcken, dem Bauch, den Seiten liegend,
die Arme ins Kreuz ausgestreckt, gekrmmt stehend, bald kniend, bald
aufspringend. Er selbst betete so inbrnstig, dass er von der Erde
verzckt wurde, das heit einige Fu hoch vom Boden in der Luft
schwebte. Er starb 1221 zu Bologna. Von seinen berirdischen Taten,
nmlich seinen Wundern, wollen wir schweigen, wir haben genug an seinen
irdischen. Fliehen wir aus der Gesellschaft dieses bleichen
Henkerknechtes! und wessen Christentum es erlaubt, der mag dem Vater der
Inquisition aus vollem Herzen einen Fluch nachrufen, ich stimme von
ganzer Seele ein!

Ich hoffe, die Leser werden bereits genug haben an dem Unsinn, den ich
ihnen nach den Berichten der Kirchenschriftsteller von den
achtungswertesten der Heiligen erzhlte, und ich will ihre Geduld jetzt
nicht weiter auf die Probe stellen, da ich ohnehin spter noch diesen
oder jenen Heiligen erwhnen muss. Wre ich nur darauf ausgegangen, die
Heiligen und ihre Wunder lcherlich zu machen, dann htte ich eine ganz
andere Auswahl getroffen, dann htte ich St. Antonius von Padua, welchen
der heilige Franz selbst "ein Rindvieh" nannte, und Konsorten gewiss
nicht ausgelassen.

Schlielich will ich nur noch einige heilige Frauen erwhnen; ihre Zahl
ist nicht weniger gro als die der mnnlichen Heiligen, und ihre
Schwrmereien und Wunder sind noch bei weitem wunderbarer. Es ist hier
nicht der Ort, die Ursachen auseinanderzusetzen, warum das weibliche
Geschlecht weit mehr zur Schwrmerei geneigt ist als das mnnliche und
der Verstand der Weiber leichter berschnappt. Die Erfahrung lehrt es
uns tglich. Von somnambulen Mnnern habe ich noch nichts gehrt, aber
dergleichen Mdchen - nicht Frauen - gibt es in groer Menge. Eine groe
Zahl der heiligen Mdchen waren ganz sicher Somnambulen.

Eine der ltesten Heiligen ist St. Afra. Ihre Mutter hielt ein Bordell
in Augsburg, und sie war darin eine der fungierenden Priesterinnen. Der
Zufall, natrlich, fhrte einst den spanischen Bischof Narzissus in dies
Haus. Er bekehrte die Priesterinnen der Venus zum Christentum, und Afra,
mit der er sich am meisten beschftigte, machte er zur Heiligen. Sie
wurde spter als Mrtyrerin verbrannt.

Die heilige Therese war eine Spanierin aus adeliger Familie, geboren
1515 und gestorben 1582. Ihre Verehrer gaben ihr die seltsamsten Titel:
Arche der Weisheit, himmlische Amazone, Balsamgarten, Orgel und
Kabinettssekretr des Heiligen Geistes usw. Schon als Kind wurde sie von
der Schwrmerei ergriffen und wollte nach Afrika gehen, um dort den
Mrtyrertod zu finden. Endlich, als sie siebzehn Jahre alt war, hielten
es die Eltern nicht mehr mit ihr aus und brachten sie in das
Karmeliterkloster zu Avila. Sie hatte nun bald Erscheinungen aller Art,
und als ihr gar einst eine Hostie aus der Hand des Bischofs von selbst
in den Mund flog, da war die Heilige fertig. Sie ward endlich btissin
eines eigenen Klosters zu Pastrana, und nun konnte sie ihrer Heiligkeit
freien Lauf lassen.

Jesus war von ihrer Heiligkeit so entzckt, dass er ihr einst die Hand
reichte und sie zu seiner Braut weihte, indem er sagte: "Von nun an bin
ich ganz dein und du ganz mein." Einst erschien ihr ein Seraph, der sie
mit einem "glhenden Pfeil" einige Mal tupfte; aber der Schmerz war so
s, dass sie wnschte, ewig so getupft zu werden. Die Spanier feiern
noch heute dies Fest der Bepfeilung am 27. August.

Die Nonnen der heiligen Therese mussten barfu gehen und sich die
strengste Zucht gefallen lassen. Der blindeste Gehorsam war ihnen
Gesetz, und die geringste Abweichung davon wurde furchtbar bestraft.
Eine Nonne, die ber schlechtes Brot eine verdrieliche Miene machte,
wurde nackend an die Eselskrippe gebunden und musste hier zehn Tage lang
Hafer und Heu fressen! Solche barbarische Strenge hatte denn auch zur
Folge, dass jeder ihrer Befehle auf das pnktlichste befolgt wurde. Eine
Nonne fragte sie einst, wer heute die Abendmette singen solle. Die
Heilige war verdrielich und antwortete "Die Katze". Die Nonne nahm also
die Katze, ging damit an den Altar und zwickte sie in den Schwanz, so
dass das arme Tier in den erbrmlichsten Liedern das Christentum
anklagte.

Selbstqulerei war in diesem Kloster an der Tagesordnung. Theresens
Nonnen verbrauchten eine Unmasse von Ruten. Sie schliefen auf Dornen
oder im Schnee, tranken aus Spucknpfen, nahmen tote Muse und anderes
ekelhaftes Zeug in den Mund, tranken Blut, tauchten ihr Brot in faule
Eier und durchstachen sich die Zunge mit Nadeln, wenn sie das Schweigen
gebrochen hatten.

Eine hchst merkwrdige Antipathie hatte die heilige Therese gegen
behos'te Mnner, und htte sie die Macht gehabt, so htte sie allen die
Hosen abgezogen. Soweit sie Gewalt hatte, tat sie es auch. Die unter ihr
stehenden Karmelitermnche mussten die Hosen ablegen und dafr ein
kleines Schrzchen von brauner Wolle tragen. Sie hielt indessen nur
Mnnerhosen fr unchristlich, denn ihre Nonnen mussten Hosen tragen; ob
sie es selbst tat, darber haben uns die gelehrten Karmelitermnche
keine Nachricht hinterlassen.

St. Therese war auch Schriftstellerin und schrieb Bcher, die manchem
armen Mdchen den Kopf verrckten. Nach ihrem Tod erschien sie einer
vertrauten Nonne und gestand ihr, dass sie mehr aus Inbrunst der Liebe
als an der Heftigkeit der Krankheit gestorben sei. Von der Liebe scheint
diese heilige Hosenfeindin berhaupt mehr verstanden zu haben, als man
einer btissin sonst zutraut, denn irgendwo schreibt sie: "Der Teufel
ist ein Unglcklicher, der nichts liebt, und die Hlle ein Ort, wo man
auch nicht liebt"; ein Gedanke, der eines Dichters wrdig ist.

Ungefhr um dieselbe Zeit wie Therese lebte die Italienerin Katharina
von Cardone. Sie war aus Liebe verrckt, wohnte in einer Hhle und trug
ein Kleid von Ginster, mit Dornen und Eisendraht durchflochten. Sie fra
Gras wie ein Tier, ohne sich der Hnde zu bedienen, und einmal fastete
sie gar vierzig Tage lang. So lebte sie drei Jahre!

Die heilige Katharina von Genua war in Liebe, zu Christus natrlich,
dermaen entbrannt, dass sie darber toll wurde. Sie glhte wie ein
Ofen, und oft wlzte sie sich an der Erde und schrie: "O Liebe! Liebe,
ich halte es nicht mehr aus!"

Die heilige Passidea, eine Zisterziensernonne aus Siena, qulte sich,
noch ehe sie ins Kloster ging, rger als die Vter der Wste. Sie
geielte sich mit Dornen und wusch dann die Wunden mit Essig, Salz und
Pfeffer; sie schlief auf Kirschkernen und Erbsen, trug ein Panzerhemd
von sechzig Pfund Schwere und stieg in gefrierende Teiche, um sich mit
einfrieren zu lassen. Ja, sie trieb den Unsinn so weit, dass sie sich
mit dein Kopf nach unten lange Zeit in den rauchenden Schornstein
hngte! Als sie Nonne war, erschien ihr einst Christus und drckte ihr
seine fnf Wundmale ein. Zwei Nonnen sahen durch das Schlsselloch, wie
Jesus sie drckte und verschwand und wie die Wunden bluteten!

Die heilige Klara war aus Assisi und schwrmte mit dem heiligen Franz.
Sie lief zu ihm und bat, dass er sie zur Nonne machen und Shne und
Tchter mit ihr zeugen mchte, - natrlich geistlicherweise. Ihre
Schwester Agnes wurde bald darauf von derselben Schwrmerei ergriffen,
und die armen Eltern waren ganz unglcklich. Die Verwandten wollten die
beiden Nrrinnen mit Gewalt aus dem Kloster holen, aber da wurde - so
erzhlt die Legende - Agnes pltzlich so schwer, dass zwlf Mnner sie
nicht von der Stelle bringen konnten, und der Oheim, der sein Schwert
gezogen hatte, blieb stehen, als hre er Hons Zauberhorn.

Die heilige Klara lebte sehr streng. Als Hemd trug sie eine Schweinshaut
oder auch eine Gewebe aus Rosshaaren, und aus Demut ksste sie der
schmutzigsten Viehmagd die Fe, welche sie dann erst wusch, als wren
sie durch ihren Kuss verunreinigt worden. Als sie starb, fanden sie in
ihrem Herzen im kleinen alle Passionsinstrumente, wie in einem
Hechtskopf, und in ihrer Blase drei geheimnisvolle Steinchen, smtlich
von gleichem Gewicht, aber wovon eines so schwer als alle drei, zwei
nicht schwerer als eins und das kleinste davon so schwer als alle drei
waren! - St. Klara war die Mutter der weiblichen Franziskaner, und ihr
verdanken wohl 900 Klarissenklster ihr Entstehen.

Die heilige Katharina von Siena war auch mit Jesus verlobt worden, der
ihr einen kostbaren Diamantring an den Finger steckte, welchen aber
niemand sah als sie allein. Sie pflegte die ekelhaftesten Kranken, wofr
sie mit dem rosinfarbenen Blute aus seiner Seitenwunde getrnkt wurde.
Seitdem nahm sie von Aschermittwoch bis Himmelfahrt weiter keine
Nahrung, sondern lebte blo vom Abendmahl. Christus drckte ihr auch
seine fnf Wunden ein, was der Orden pour le mrite Religionsklasse der
Heiligen zu sein scheint. ber diese Auszeichnung kamen die Dominikaner
mit den Franziskanern in einen Streit, der vierzig Jahre dauerte und
welchen Papst Urban VIII. dahin entschied, dass Katharinas Wundmale
nicht geblutet htten wie die des heiligen Franz. Auch wurde den Malern
befohlen, die Heilige nur mit fnf Strahlen vorzustellen.

Die heilige Agnes lie der Stadtrichter, weil sie seinen Sohn nicht
heiraten wollte, nackt in ein Bordell bringen; aber pltzlich bekam sie
so lange Haare, dass sie sich darin einwickeln konnte wie in einen
Mantel, und das ganze liederliche Haus verwandelte sie in ein Bethaus.

Die heilige Paula, die einst ein unheiliger Jngling notzchtigen
wollte, erhielt auf ihr Gebet einen garstigen langen Bart, vor dem sich
der Liebhaber entsetzte und floh.

Die heilige Brigitte befreite einst ein neapolitanisches Mdchen von
einem in Gestalt eines Jnglings auf ihr liegenden Teufel.

Wir wollen die Reihe der Heiligen schlieen mit der heiligen Rosa von
Lima, einer Dominikanerin, die auf knotigem Holz und Glasscherben
schlief und als Nachttrunk einen Schoppen Galle trank. Jesus war von
ihrer Heiligkeit so entzckt, dass er an einem Palmsonntag als
Steinmetzgeselle zu ihr kam und sich mit ihr verlobte, indem er sprach:
"Rosa, Schatz meines Lebens, du sollst meine Braut sein." Maria war mit
dabei und gratulierte ihr, indem sie sagte: "Siehe, was fr eine groe
Ehre dir mein Sohn antut." Las die Heilige, so erschien Jesus auf dem
Blatt und lchelte sie an; nhte sie, so setzte er sich auf ihr
Nhkissen und scherzte mit ihr. Besuchte Jesus eine andere Nonne - denn
er hatte gar zu viele Brute -, so war Rosa vor Eifersucht auer sich,
bis er wiederkam.

Ihre heilige Schwiegermutter, die Jungfrau Maria, diente ihr
einundzwanzig Jahre lang als Kammerjungfer, und wenn die Frhmette kam,
rief sie: "Stehe auf, liebe Tochter, es ist Zeit." Das Kloster wimmelte
von Flhen, aber keiner von diesen freigeisterischen Springern hatte die
Dreistigkeit, die Braut Christi zu stechen. - So steht es in der
ppstlichen Bulle, welche die Heiligsprechung enthlt!

Auer den in diesem Kapitel genannten Heiligen und noch vielen hundert
anderen, die ich nicht nannte, beten die rmischen Katholiken noch zu
einigen, die niemals lebten und die einer lcherlichen Fabel ihren
Ursprung verdanken, wie St. Christophorus, St. Georgius, St. Mauritius
und 6600 Gesellen, die sieben Schlfer, Ursula mit ihren 11.000
Jungfrauen und St. Guinefort, der ein vierbeiniger Hund war!

Jeder gute Katholik, der das Vergngen haben will, nach seinem Tod unter
die Heiligen versetzt zu werden, konnte dies unter dem vorigen Papst
noch haben - von dem jetzigen wei ich es nicht - der den Toten fr
100.000 Gulden kanonisierte. Wunder fanden sich, da eben niemand ohne
Wunder Heiliger werden kann.

Die Christen der ersten Jahrhunderte wussten von Heiligen nichts. Sie
verehrten allerdings die Mrtyrer oder Blutzeugen, welche ihres Glaubens
wegen hingerichtet wurden, sie erwhnten dieselben in ihren
Versammlungen und stellten sie der Gemeinde als Muster hin; und das war
sehr natrlich und durchaus zu billigen. Erst als Konstantin zum
Christentum bertrat und viele der heidnischen Bruche in die
christliche Kirche bergingen, kam auch der Heiligendienst in Aufnahme.
Die Heiden waren gewohnt, ihren Heroen zu opfern; die christlichen
Priester trugen diesen Gebrauch auf ihre Glaubensheroen ber.

Solange jeder Mensch Gott gleich nahe zu stehen glaubte, musste der
Heiligendienst als Unsinn betrachtet werden; als jedoch die Pfaffen sich
als Makler zwischen Gott und den brigen Menschen stellten, war der
Schritt zu dem unsinnigen Glauben nicht weit, dass die Heiligen im
Himmel gleichsam wie Minister und Kammerherren den Hofstaat Gottes
bildeten und dass, wer bei Sr. himmlischen Majestt etwas durchsetzen
wollte, nur diese durch Gebete und Opfer zu bestechen brauchte!

rger konnten die Pfaffen die christliche Religion nicht verhhnen als
durch diesen Heiligendienst, der dadurch noch unwrdiger wird, als es
schon seiner inneren Natur nach der Fall ist, dass viele dieser
Heiligen, wie uns die Geschichte lehrt, die verworfensten,
lasterhaftesten Menschen, ja, geradezu Schufte waren. Selbst die besten
waren nicht ganz richtig im Kopf und entweder Schwrmer oder
Wahnsinnige. Es gibt noch heute eine Menge solcher Heiliger unter
Protestanten und Katholiken, nur dass man sie nicht mehr anbetet,
sondern in Narrenhuser sperrt.

Carl Julius Weber, einer unserer geistreichsten Schriftsteller,
charakterisierte diese Heiligen derb aber richtig. Er sagt: "Bei
weiblichen Mystikern sitzt der Jammer gewhnlich auf dem Fleckchen, das
man nicht gerne nennt, und bei den mnnlichen hat den Fleck Hudibras
getroffen. -

    So wie ein Wind in Darm gepresst
    Ein - wird, wenn er niederblst,
    Sobald er aber aufwrtssteigt,
    Neu Licht und Offenbarung zeugt."

Der Hysterie und den blinden Hmorriden verdankt die rmische Kirche die
meisten ihrer Heiligen, und sie darf sich daher nicht wundern, wenn wir
dieselben - als Afterheilige betrachten.




Die heilige Trdelbude


                                Die Welt hat es erfahren,
                                dass einst der Glaub' in Priesterhand
                                mehr Bses tat in tausend Jahren,
                                als in sechstausend der Verstand.


"Geld ist Macht." Das erkennt niemand besser als die rmische Kirche,
die nach beiden und durch das eine zum anderen strebte. In der rmischen
Kirche gibt es keine Einrichtung oder Satzung, welche nicht auf irgend
eine Gelderpressung hinausliefe, und so lange die Welt steht, gab es
keine Institution, die ein umfangreicheres, frecheres und
eintrglicheres Schwindelgeschft betrieb, als die rmische Kirche.

Als die eintrglichsten Betrgereien derselben erwiesen sich der Handel
mit Reliquien und mit "Ablass", ein Handel, welcher Jahrhunderte durch
mit groem Erfolg betrieben wurde und der noch heutzutage keineswegs
aufgehrt hat. Um ihn aufrechtzuerhalten, wurde der krasseste Aberglaube
geflissentlich auf die gewissenloseste Weise in die Herzen des Volks
gepflanzt und auf die unverschmteste Weise ausgebeutet.

Eine Geschichte des Handels zu schreiben, den die rmische Kirche trieb
und noch treibt, wrde eine Riesenarbeit sein, welche die Grenzen, die
ich mir notwendig setzen muss, weit berschreiten wrde; ich kann nur
eine flchtige Skizze desselben geben, die indessen vollkommen
hinreichend sein wird, um den ungeheuren Umfang des Betruges und die
Frechheit desselben erkennen zu lassen.

Auf menschliche Schwchen und Neigungen verstehen sich die Pfaffen
vortrefflich, und dieser Kenntnis verdanken sie ihren Reichtum und ihre
Macht. Ihnen konnte es nicht entgehen, dass alle Menschen mehr und
weniger Reliquiennarren sind, und sie machten diese Narrheit zu einer
Goldgrube, die noch heute nicht erschpft ist.

Ich bin berzeugt, dass jeder Mensch irgendeine Reliquie wert hlt, sei
es die Locke einer Geliebten, eine gestickte Brieftasche oder eine
trockene Blume oder ein Band, woran sich angenehme liebe Erinnerungen
knpfen. Ebenso kann man sich eines gewissen Interesses nicht erwehren,
wenn man Gegenstnde sieht, welche von bedeutenden historischen Personen
einst gebraucht wurden.

Sowohl die Griechen als die alten Rmer hatten ihre wert gehaltenen
Reliquien, und einige davon waren fast rmisch-katholisch, wie zum
Beispiel das Ei der Leda! Das Palladion war ja auch eine Reliquie, und
noch dazu eine wunderttige, wie auch der vom Himmel gefallene heilige
Schild und viele andere.

Die Inder fhrten um einen bermenschlich groen Zahn von Buddha blutige
Kriege, und die Mohammedaner bewahren Fahne, Waffen, Kleider, den Bart
und zwei Zhne ihres Propheten, und so finden wir Reliquien bei jedem
Kultus und bei jedem Volk.

Wir entdecken in der Geschichte der christlichen Kirche keine Spur von
Reliquienkultus, ehe Konstantin Christ wurde. Von diesem wird erzhlt,
dass er whrend der Schlacht an der Milvischen Brcke am Himmel ein
glnzendes Kreuz sah mit der griechischen berschrift, welche in
deutscher bersetzung "In diesem siege" heit. Er lie nun eine
Kreuzfahne machen, der seine meistens christlichen Soldaten mit
Enthusiasmus folgten.

Seitdem wurde das Kreuz Mode, und bald fand die Mutter des Kaisers,
Helena, das wahre Kreuz auf, an welchem Jesus vor lnger als dreihundert
Jahren gekreuzigt worden war, wie auch das Grab, in welchem sein Krper
bis zur Auferstehung gelegen hatte. Die gleichzeitigen Schriftsteller
melden zwar von dieser Entdeckung nichts; sogar der Fabelhans Eusebius,
welcher die Reise der Kaiserin Helena nach Palstina beschreibt, sagt
kein Wort von diesem merkwrdigen Fund; aber die Geschichte ist einmal
als wahr angenommen, und die rmische Kirche feiert ein eigenes
"Kreuzerfindungsfest".

Der Segen, den Helena entdeckte, war aber zu gro; sie fand nicht allein
das Kreuz Christi, sondern auch das der beiden "Schcher". Die
Inschrift, die Pilatus zur Verhhnung der Juden hatte anheften lassen,
fand sich nicht mit vor; wie sollte man nun das heilige Kreuz von den
beiden anderen unterscheiden? Pfaffen sind aber erfinderisch, und so war
man denn auch nicht um eine Auskunft verlegen. Man legte einen Kranken
auf eins der Kreuze, und er wurde weit krnker. Man vermutete daher,
dass dies wohl das Kreuz des gottlosen Schchers sein msse, der Jesus
verspottete, und legte den Kranken auf ein anderes. Ihm ward um vieles
besser, und endlich als er von diesem Kreuz des frommen Schchers auf
das dritte gelegt wurde, - stand er sogleich frisch und gesund auf. Das
Kreuz Christi war gefunden!

Man fand nun auch bald die Grber der Apostel, und ihre Krper sind,
glaub' ich, smtlich vorhanden. Wusste man nicht, wo sie gestorben oder
begraben waren, so hatte man gttliche Offenbarungen. Auf diese Weise
gelangte man zu den berresten von allen mglichen Mrtyrern und
Heiligen, die natrlich smtlich Wunder taten. Solcher Offenbarungen
wurden, wie sich von selbst versteht, nur Mnche und Geistliche
gewrdigt; aber recht frommen Leuten gelang es mit Hilfe der Letzteren
auch, mit den Heiligen in direkten Verkehr zu treten.

Eine fromme Frau zu St. Maurin hatte Johannes den Tufer zu ihrem
Lieblingsheiligen ausersehen. Drei Jahre lang bat sie tglich den
Heiligen nur um irgendwelches Teilchen von seinem Leib, den er ja doch
nicht mehr brauchte, sei es auch was es sei; - der hartherzige Johannes
wollte sich nicht erbarmen! Nun wurde die Frau trotzig und schwor,
nichts mehr zu essen, bis der Heilige ihre Bitte erhrt habe. Sieben
Tage hatte sie schon gehungert, da endlich! fand sich auf dem Altar -
ein Daumen des Tufers. Drei Bischfe legten mit groer Andacht diese
kostbare Reliquie in Leinwand, und drei Blutstropfen fielen aus dem
Daumen heraus, - so dass doch fr jeden der drei Bischfe auch noch
etwas abfiel.

Wie unendlich schwer ist es uns geworden, die berreste Schillers und
Webers aufzufinden! und beide starben doch als geachtete und
hochverehrte Mnner, in ruhiger Zeit und in Staaten, wo jeder
Neugeborene und jeder Gestorbene in ein besonders darber gefhrtes
Register eingetragen wird; umso mehr ist es zu bewundern, dass man in
jener Zeit noch nach Jahrhunderten nicht allein die Gebeine, sondern
auch die Kleidungsstcke von Heiligen vorfand, die als Verbrecher
hingerichtet und deren Leichen irgendwo eingescharrt wurden. Ja, was
noch wunderbarer ist, man fand von manchem Heiligen so viele
Krperteile, dass man daraus, wenn man sie zusammensetzte, sechs und
mehr vollstndige Skelette htte machen knnen! Der heilige Dionysius
existiert zum Beispiel in zwei vollstndigen Exemplaren zu St. Denis und
zu St. Emmeran, und auerdem werden noch in Prag und in Bamberg Kpfe
von ihm gezeigt und in Mnchen eine Hand. Der Heilige hat also zwei
vollstndige Leiber, fnf Hnde und vier Kpfe!

Die Christen der ersten Jahrhunderte wussten nichts von einer Anbetung
der Jungfrau Maria oder der Heiligen, sondern verspotteten vielmehr die
Heiden wegen ihrer vielen Untergtter, die gleichsam Jupiters Hofstaat
bildeten, und wegen der gttlichen Verehrung der Kaiser, mit der es
brigens gar nicht so arg war. Man gab ihnen den Beinamen "der
Gttliche", setzte ihre Namen in den Kalender und errichtete ihnen
Bildsulen. Mit Ludwig XIV. und anderen Frsten haben Christen weit
rgeren Gtzendienst getrieben.

Die ersten Heiligen waren meistens unbekannte Menschen, und wunderbar
ist es, dass man auf die Anbetung der Maria erst weit spter verfiel,
denn eine Jungfrau, die Gott sich unter den Millionen Mdchen der Erde
vorzugsweise zum "Gef der Gnade" ersah, war doch auf jeden Fall mehr
der Anbetung wrdig als ein hirnverbrannter schmieriger Einsiedler, der
ein Sitzbad in einem Ameisenhaufen nimmt.

Noch im vierten Jahrhundert dachte man nicht daran, die Jungfrau Maria
gttlich zu verehren, ja, man war auf dem besten Wege, sie zu
verketzern. Man sagte ihr Dinge nach, welche die Christen der damaligen
Zeit sehr gottlos fanden. Der berhmte Kirchenvater Tertullian warf ihr
vor, dass sie an Jesus nicht geglaubt habe! Origenes und Basilius
beschuldigen sie unheiliger Zweifel bei den Leiden ihres Sohnes, und
Chrysostomus hlt sie des Selbstmordes fr fhig, indem er erzhlt, dass
der Engel ihr die Empfngnis Christi frher verkndet, als sie ihre
Schwangerschaft bemerkte, weil sie sonst bei der pltzlichen Entdeckung
leicht aus Scham ihrem Leben htte ein Ende machen knnen.

Die Verehrung der Maria beginnt erst im fnften Jahrhundert, und bald
hatte sie nicht allein alle Heiligen, sondern selbst Gott und Jesus
berflgelt. "Wer Maria nicht verehrt, dem wird keine Vergebung", sagten
die Priester.

Die Liebe verfllt schon auf wunderbare Beinamen, und mein Tubchen,
mein Muschen, mein Hmmelchen, mein Puttchen usw. usw. sagt noch heute
gar mancher Jngling zu seiner Geliebten; aber die der Jungfrau Maria
beigelegten zrtlichen Namen sind oft so seltsam und komisch, dass es
nicht zu begreifen ist, wie Katholiken die marianische Litanei ohne
Lachen herplappern knnen. Sie wird unter anderen genannt: du
geistliches Gef, ehrwrdiges Gef, vortreffliches Gef der Andacht,
geistliche Rose, Turm Davids, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus, Arche
des Bundes, Thron Salomons, brennender Dornbusch, Honigfladen Simsons,
Tempel der Dreieinigkeit, geweihte Erde, Seehafen, Sonnenuhr,
Himmelsfenster usw.

Der Name "Mutter Gottes", der jetzt ganz gewhnlich geworden ist,
erregte im fnften Jahrhundert groes rgernis; der fromme Kirchenvater
Nestorius fand ihn lcherlich und unschicklich und den "Mutter Christi"
vernnftiger. Die Kirchenversammlung von Ephesus entschied aber fr
Mutter Gottes.

Natrlich war es, dass man nun auch auf die Verehrung der "Gromutter
Gottes" verfiel; aber Papst Clemens XI. gebot Halt, und ohne ihn wrden
die Katholiken vielleicht heute zu allen Onkeln und Tanten Gottes beten.

Christus ist Gottes Sohn nach der Lehre der christlichen Kirche, und
doch ist er wieder Mensch; aber er ist eins mit Gott dem Vater und Gott
dem Heiligen Geist. ber diese Menschwerdung Gottes und ber das Wesen
der Dreifaltigkeit ist mancher schon einfltig geworden. Die
Menschwerdung Gottes erklrt der heilige Bernhard ebenso einfach als
elegant, indem er sagt: "Aus Gott und Mensch wurde eine Heilsalbe fr
alle; diese beiden Spezies wurden im Leibe der Jungfrau Maria wie in
einer Reibschale gemischt, und der Heilige Geist war die Mrserkeule."

Minder geistreich, wenn auch ebenso einfach, ist jenes Franziskaners
Erklrung der Dreieinigkeit, die er vergleicht mit Hosen, die zwar drei
ffnungen htten, aber doch nur ein Stck wren.

Maria wurde Veranlassung zu unendlich vielen Znkereien zwischen den
Gelehrten und Pfaffen. Besonders heftig war der Streit ber "die
befleckte oder unbefleckte Empfngnis der Jungfrau"; das heit nicht
darber, ob Maria Jesus ohne Verlust ihrer physischen Jungfrauschaft
empfangen habe - denn darber war man ziemlich einig - sondern ob sie
selbst von ihrer Mutter auch "ohne Erbsnde" empfangen sei oder nicht.
Die Dominikaner sagten mit, die Franziskaner ohne Erbsnde und stritten
jahrhundertelang darber mit Waffen aller Art. Noch im Jahr 1740 machten
gelehrte Mnner diese Dummheit zum Gegenstand ihrer ernsthaften
Untersuchung, und der gegenwrtige Papst hat sie zu einem Dogma der
Kirche erhoben!

Die heilige Jungfrau ist sehr empfindlich in dieser Hinsicht und rchte
sich an denjenigen, welche an ihrer unnatrlichen Entstehung zweifelten.
Ein Fall solcher Rache wird von den Franziskanern mit Triumph erzhlt.
Ein Dominikaner predigte mit grter Heftigkeit gegen die unbefleckte
Empfngnis und forderte gleichsam die "Himmelsknigin" heraus, ein
Zeichen zu geben, wenn es nicht wahr sei, was er geredet. Kaum hatte er
diese Lsterung ausgesprochen, als der Boden der Kanzel brach und der
dicke Pater bis zur Mitte des Leibes hindurchfiel. Der Oberkrper mit
der Kutte blieb oben, so dass die hosenlose Vorder- und Hinterfront der
unteren Etage des geistlichen alten Hauses der Betrachtung und dem
Gelchter seiner Gemeinde preisgegeben war.

Die Art und Weise, wie Maria Jesus empfangen habe, war auch ein
Gegenstand groen Kopfzerbrechens. Einige meinten, es sei durch das Ohr
geschehen, andere meinten durch die Seite. Dann zankte man sich auch
sehr darber, ob Maria noch nach der Geburt Jesu Jungfrau geblieben sei.
St. Ambrosius verteidigt diese Meinung sehr hartnckig und bringt fr
dieselbe hchst wunderbare Dinge vor. Er sagt unter anderem: "Da er
(nmlich Christus) gesagt hat: ich mache alles neu, so ist er auch von
einer Jungfrau auf unbefleckte Weise geboren worden, damit man ihn desto
mehr fr den ansehe, der da ist Gott mit uns. Sie sagen: als Jungfrau
hat sie empfangen, aber nicht als Jungfrau geboren. Ist das Eine
mglich, so ist auch das Andere mglich. Denn die Empfngnis geht ja
vorher und die Geburt folgt nach. Man sollte doch den Worten Christi,
man sollte doch den Worten des Engels glauben, dass bei Gott kein Ding
unmglich sei (Lukas 1,37). Man sollte dem apostolischen Symbolum
glauben. Sagt ja der Prophet, eine Jungfrau werde nicht nur empfangen,
sondern auch gebren (Jesaja 7,14). Jene Pforte des Heiligtums, welche
verschlossen bleibt, durch welche niemand gehen wird, als allein der
Gott Israels (Ezechiel 44,1.2), was ist sie anders als Maria, durch
welche der Erlser in diese Welt eingegangen ist? Sind doch so viele
Wunder gegen die Gesetze der Natur geschehen, was ist's denn Wunder,
wenn eine Jungfrau wider den Lauf der Natur einen Menschen geboren hat?"
usw.

Maria wurde von allen Kirchenlehrern, welche die Unterdrckung des
Geschlechtstriebes predigten, als das hchste unerreichbare Muster des
jungfrulichen Lebens aufgestellt und bald von den Mdchen und Weibern
weit mehr als Gott verehrt. Dieser Gtzendienst war natrlich denen,
welche die Lehre Christi rein bewahren wollen, ein Gruel, und - daher
die Opposition gegen Maria.

Helvidius schrieb (383) zur Verteidigung des Christentums ein Buch, in
welchem er beilufig behauptete, dass Maria nach Jesu Geburt noch mit
Joseph einige Kinder hatte, wobei er sich sowohl auf Matth. 1, 25
berief, wo es heit: "Joseph wohnte der Maria nicht bei, bis sie ihren
ersten Sohn geboren" wie auch auf andere Bibelstellen, wo oftmals von
Brdern und Schwestern Jesu die Rede ist.

Der heilige Hieronymus geriet auer sich ber diese Frechheit. Er
schrieb gegen Helvidius und ruft den Heiligen Geist an, "dass er das
Quartier des heiligen Leibes, in dem er zehn Monate gewohnt habe, gegen
allen Argwohn eines Beischlafes schtzen", und Gott Vater, "dass er die
Jungfrulichkeit der Mutter seines Sohnes kundtun mge".

hnliche Lehren wie Helvidius trug ein rmischer Mnch, Jovinian, vor,
und nun entspann sich um die Jungfrauschaft der Maria ein heftiger
Kampf, der damit endete, dass Jovinian und seine Anhnger aus der
Gemeinschaft der christlichen Kirche ausgeschlossen und seine Lehren als
Ketzerei verdammt wurden!

Es ist nicht mglich, ernsthaft zu bleiben, wenn man liest, ber welche
seltsamen Dummheiten die Geistlichen schrieben und disputierten! Pater
Suarez handelt sehr gelehrt die Frage ab, "ob Maria mit oder ohne
Nachgeburt geboren habe", und erzhlt, dass Fromme verschiedene Speisen
in Form der Nachgeburt genossen htten! - brigens ist er ein
Antinachgeburtianer, da der Prophet Ezechiel prophezeit habe: "Diese Tr
wird verschlossen sein und nicht aufgemacht werden."

Man glaube indessen nicht, dass dieser ekelhafte Unsinn der grte ist,
ber welchen Pfaffen stritten, und verhhne nicht die jdischen
Rabbiner, welche ernstlich untersuchten, ob Adam schon mit Stahl und
Stein Feuer geschlagen habe? Ob das Ei, welches eine Henne am Festtag
gelegt habe, gegessen werden drfe? Ich kann eine ganze Galerie solcher
christlichen Streitfragen anfhren, die den erwhnten an
Abgeschmacktheit durchaus nichts nachgeben, die mit der grten
Erbitterung abgehandelt wurden und wobei es gar hufig zu Schlgereien
und selbst Blutvergieen kam.

Die Pfaffen stritten darber: ob Adam einen Nabel gehabt habe? Zu
welcher Klasse von Schwalben die gehrte, welche Tobias ins Auge machte?
Ob Pilatus sich mit Seife gewaschen, als er Jesus das Urteil sprach? Ob
ein Kind bei widernatrlicher Lage auf den Hintern getauft werden
drfte? Was das fr ein Baum gewesen, auf den der kleine Zachus stieg,
als er Jesus sehen wollte? Mit welcher Salbe Maria Magdalena den Herrn
gesalbt? Ob der ungenhte Rock, ber den die Kriegsknechte das Los
warfen, Christi ganze Garderobe gewesen sei? Wie viel Wein auf der
Hochzeit zu Kana getrunken worden sei? Was wohl Jesus geschrieben, als
er mit dem Finger in den Sand schrieb? Wie Jesus das Erlsungswerk habe
vollbringen knnen, wenn er als Krbis zur Welt gekommen wre? Ob Gott
wie ein Hund bellen knne? Ob nicht schon ein einziger Blutstropfen
hingereicht habe fr die Snde der Welt? Ob Gott der Vater sitze oder
stehe? Ob er einen Berg ohne Tal, ein Kind ohne Vater hervorbringen und
eine Entjungferte wieder zur Jungfrau machen knne? Ob die Engel Menuett
oder Walzer tanzten? Ob sie lauter Diskant- oder auch Bassstimmen
htten? Was man wohl in der Hlle treibe, und zu welchem Thermometergrad
die Hitze dort wohl steige? Eine Menge Fragen muss ich ihrer
Unfltigkeit wegen weglassen und will nur zwei als Probe in lateinischer
Sprache ausfhren: An Christus cum genitalibus in coelum ascenderit, et
S. Virgo semen emiserit in commercio cum Spiritu sancto?

Die Lehren vom Abendmahl, von der Taufe und wie die christlichen
Mysterien und Narrenspossen alle heien, boten gleichfalls Gelegenheit
genug zu Streitigkeiten. Man zankte sich darber, ob der Teufel
rechtmig taufen knne? Ob man im Notfall auch mit Wein, Bier, Sand
usw. taufen knne? Oder ob auch bloes Anspucken genge? Ob eine Maus,
die vom Taufwasser gesoffen, fr getauft zu halten sei? Was zu tun, wenn
ein Kind das Taufwasser verunreinige? Das tat der nachherige Kaiser
Wenzel, und deshalb wurde ihm auch alles mgliche Unheil prophezeit.

Doch die Untersuchung der Jungfernschaft der Mutter Gottes hat mich auf
Abwege gefhrt; kehren wir wieder zu ihr zurck.

Albertus Magnus (Albrecht von Lauingen), Bischof von Regensburg, der
1280 zu Kln starb, hat sich sehr grndlich mit der Jungfrau Maria
beschftigt und untersucht, ob sie blond oder brnett, ob sie
schwarzugig oder blauugig, ob sie schlank oder dick, gro oder klein
gewesen sei. Was er eigentlich herausuntersucht hat, finde ich nirgends
und habe keine Lust, die einundzwanzig Foliobnde deshalb durchzulesen,
die uns von seinen 800 Bchern erhalten worden sind. Nach den berresten
von ihrem Haar zu urteilen, ist es scheckig gewesen, denn man zeigt
braune, blonde, schwarze und rote. Diejenigen Haare, mit welchen sie an
einem Marientage hchsteigenhndig das Hemd des Erzbischofs St. Thomas
flickte, waren brigens malizis blond.

Schn war Maria indes auf jeden Fall, denn wenn sich auch kein
authentisches Portrt von ihr vorgefunden hat, so stimmen doch alle
heiligen Kirchenvter darin berein, und als Heilige erschien ihnen
natrlich die "Himmelsknigin" hufig.

St. Damiani, der 1059 starb, erzhlt, "dass Gott selbst durch die
Schnheit der heiligen Jungfrau in heftiger Liebe zu ihr entbrannt sei.
In einem hierauf berufenen himmlischen Konvent habe er den verwunderten
Engeln von der Erlsung des Menschengeschlechts und der Erneuerung aller
Dinge erzhlt und ihnen von Maria Kunde gegeben. Der Engel Gabriel
erhielt sogleich einen Brief, in dem ein Gru an die Jungfrau, die
Fleischwerdung des Erlsers, die Art der Erlsung, die Flle der Gnade,
die Gre der Herrlichkeit und die Gre der Freuden enthalten waren.
Gabriel kam zu Maria, und sobald er mit ihr gesprochen hatte, fhlte sie
den in ihre Eingeweide hineingefallenen Gott und dessen in der Enge des
jungfrulichen Bauches eingeschlossene Majestt."

Im Koran ist erzhlt, dass Maria an einem Palmbaum stand, als der Engel
zu ihr trat und sagte: "Ich will dir einen reinen Knaben schenken."

Die Zahl der Wunder, welche der heiligen Jungfrau zugeschrieben werden,
ist sehr gro und es fllt mir schwer, eine Auswahl zu treffen. Spter
findet sich vielleicht eine Gelegenheit, das eine oder andere zu
erzhlen.

Die Legende erzhlt, dass Engel das ganze Haus der Maria aus Bethlehem
nach Italien getragen htten. Anfangs lieen sie es bei Tersatto in der
Nhe von Fiume stehen; aber im Jahr 1294 trugen sie es nach Loreto.

Als das heilige Haus vorbeigetragen wurde, bogen sich die Balken -
damals noch in ihrer Jugend als Bume - vor demselben! Hchst merkwrdig
ist es aber, dass zwei Jahrhunderte lang kein Schriftsteller von diesem
hchst wunderbaren Transport erzhlt! Die Inschrift des heiligen Hauses
heit: "Der Gottesgebrerin Haus, worin das Wort Fleisch geworden." ber
dem unscheinbaren Haus, welches neueren Forschungen zufolge sich in
Baumaterial und Form von den andern Bauernhtten - um Loreto gar nicht
unterscheiden soll, erhebt sich eine prachtvolle Kirche, und Tausende
von Wallfahrern strmten hierher, um ihre Rosenkrnze in dem
Breinpfchen Christi umzurhren und, was fr die Kirche die Hauptsache
war, ein mehr oder minder betrchtliches Smmchen zu opfern. So wurde
denn durch einen jedem vernnftigen Menschen offenbaren Betrug ein
unermesslicher Schatz zusammengestohlen!

Doch die guten Katholiken waren von ihren Pfaffen so gut gezogen, dass
sie lieber ihren eigenen Augen als einem Pater misstrauten. Der Mnch
Eiselin zog 1500 zu Aldingen in Wrttemberg umher mit einer Schwungfeder
aus dem Flgel des Engels Gabriel. Wer diese ksste, sagte er, dem
sollte die Pest nichts anhaben. Ein solcher Kuss wurde natrlich nicht
umsonst gestattet. Die kostbare Feder wurde dem Pfaffen gestohlen!
Eiselin war indessen gar nicht verlegen. Im Beisein der Wirtin fllte er
sein leeres Kstchen mit Heu, welches wahrscheinlich auf ihrer eigenen
Wiese gewachsen war, und gab es aus fr Heu aus der Krippe, in welcher
Jesus in Bethlehem gelegen hatte; wer es ksste, sollte pestfrei sein.
Alles drngte sich zum Kuss herzu, und selbst die Wirtin ksste, so dass
Eiselin erstaunt flsterte: "Und auch du, Schatz?"

Die frommen Herrn Geistlichen und Mnche trieben mit den Reliquien den
abscheulichsten Betrug. Jeder christliche Altar musste seine Reliquie
haben, und je heiliger diese war, desto grer war der Nutzen, den sie
davon zogen; denn die Reliquien waren weder umsonst zu sehen, noch
wurden sie verschenkt. Der Reliquienhandel wurde bald sehr eintrglich.
Natrlich, alte Knochen, Lumpen und dergleichen fand man berall, man
brauchte kein Anlagekapital, und der Preis, den man sich bezahlen lie,
war hoch!

Als die Bischfe von Rom Ppste wurden, da steuerten sie etwas diesen
Handel, aber nur, um selbst davon greren Vorteil zu ziehen. Die
Reliquien mussten in Rom geprft werden und wurden nur fr echt befunden
- wenn die Besitzer die echt rmischen, klingenden Beweise beizubringen
wussten. Eine gute Reliquie war ein wahrer Schatz fr ein Kloster, und
nicht alle btissinnen gingen damit so leichtsinnig um, wie die Nonnen
zu Macon.

Das dortige Kloster besa die Haut des heiligen Dorotheus, der
geschunden wurde; Simon, der Gerber, hatte das heilige Fell gegerbt, und
diese kostbare Reliquie war durch mancherlei Hnde endlich in den Besitz
der Nonnen zu Macon gekommen. Diese stopften die Haut mit Baumwolle aus
und stellten den Heiligen her, als ob er lebe. Sie gerieten aber aus
bergroer Verehrung auf ganz kuriose Spielereien und Abwege, so dass es
die btissin fr ratsam hielt, die Reliquie, deren Wert sie nicht
kannte, den Jesuiten zu schenken.

Diese entdeckten bald die Kostbarkeit und stifteten eine Bruderschaft
zum heiligen Leder, wodurch sie sehr viel Geld verdienten. Nun ging den
Nonnen pltzlich ein Licht auf! Sie klagten beim Papst, reklamierten von
den Jesuiten ihr Heiligtum, und es wurde ihnen auch zugesprochen. Der
Jubel der Nonnen war gro, aber, o Schreck! die malizisen Jesuiten
hatten den frommen Jungfrauen die ganze Freude verdorben, indem sie den
lieben Heiligen verstmmelt hatten, und zwar auf unverantwortliche
Weise! Er sah nun aus wie der heilige Bernhard, als er seinen Mnchen
verklrt erschien. -

Die indignierten Jungfrauen wandten sich abermals an den Papst mit der
Bitte, dass er den Jesuiten befehlen mge, ihnen das Fehlende
herauszugeben. Der Papst hielt jedoch diesen Mangel, besonders fr ein
Nonnenkloster, nicht fr erheblich und sandte den Bittenden als Ersatz -
zwei geweihte Muskatnsse! - Man denke sich die Beschmung und den Zorn
der guten Nnnchen!

Zur Zeit der Kreuzzge wurde Europa erst recht mit Reliquien
berschwemmt. Man brachte aus dem Heiligen Land Heiligtmer aller Art
mit. Eroberte man eine Stadt, so suchte man vor allen Dingen erst nach
Reliquien, denn sie waren weit kostbarer als Gold und Edelsteine.

Ludwig der Heilige, Knig von Frankreich, machte zwei unglckliche
Kreuzzge; aber er trstete sich ber sein Unglck, denn es war ihm
gelungen, einige Splitter vom Kreuz, einige Ngel, den Schwamm, den
Purpurrock Christi und die Dornenkrone - um eine ungeheure Summe zu
erkaufen. Als diese Heiligtmer ankamen, ging er mit seinem ganzen Hofe
denselben barfu bis Vincennes entgegen!

Heinrich der Lwe brachte eine groe Menge Reliquien mit nach
Braunschweig. Die Krone derselben aber war ein Daumen des heiligen
Markus, fr welchen die Venezianer vergebens 100.000 Dukaten boten.

Der Glaube an diese Reliquien war ebenso unerhrt wie der Preis, der
dafr bezahlt wurde. Die Pfaffen htten Engel sein mssen, wenn sie die
Dummheit der Menschen nicht benutzt htten.

Die ganze Garderobe Christi, der Jungfrau Maria, des heiligen Joseph und
vieler anderer Heiligen kam zum Vorschein. Man fand die heilige Lanze,
mit welcher der rmische Ritter Longinus Christus in die Seite stach;
das Schweituch, mit welchem die heilige Veronika Jesus den Schwei
abtrocknete, als er nach Golgatha ging, und in welches er zum Andenken
sein Gesicht abdrckte! Von diesem Tuch gab es so viele Stcke, das sie
zusammen wohl fnfzig Ellen lang sein mochten. Ein sehr respektables
Taschentuch.

Man fand auch die Schssel von Smaragd, welche Salomon der Knigin von
Saba schenkte und aus der Christus sein Osterlamm verspeiste. Die
Weinkrge von der Hochzeit von Kana entdeckte man auch, und in ihnen war
noch Wein enthalten, der nie abnahm. Ursprnglich waren es nur sechs,
aber sie vermehrten sich, und man zeigte sie zu Kln und zu Magdeburg. -
Splitter vom Kreuz gab es so viel, dass man aus dem dazu verwendeten
Holz htte ein Kriegsschiff bauen knnen und Ngel vom Kreuz viele
Zentner. Dornen aus der Dornenkrone fanden sich (an jeder Hecke); einige
bluteten an jedem Karfreitag.

Der Kelch, aus welchem Jesus trank, als er das Abendmahl einsetzte, fand
sich auch vor, nebst Brot, welches von dieser Mahlzeit briggeblieben
war. Ferner die Wrfel, mit welchen die Soldaten um Christi Rock
spielten. Solcher ungenhter Rcke zeigte man eine ganze Menge, unter
anderem zu Trier, Argenteuil, Santiago, Rom und Friaul usw. Die grte
Wahrscheinlichkeit der Echtheit hat ein zu Moskau aufbewahrter, der
durch den Soldaten, der ihn gewann, einen Georgier, mit nach Hause
gebracht worden sein soll. Die Ausstellung des alten Kleidungsstcks in
Trier im Jahr 1845, welche die ganze gebildete Welt emprte, veranlasste
eine Menge Untersuchungen ber diese heiligen Rcke, und es erschienen
mehrere darauf bezgliche Broschren, die noch im Buchhandel zu haben
und zum Teil sehr interessant sind. Alle diese heiligen Rcke haben eine
wohlbezahlte ppstliche Bulle fr sich, in denen ihre Echtheit bezeugt
ist. Da nur einer echt sein kann, so ist die Besttigung der Echtheit
mehrerer durch den Papst ein geflissentlicher Betrug.

Man fand Hemden der Maria, die so gro sind, dass sie einem dicken Mann
als Paletot dienen knnen; einen sehr kostbaren Trauring der Maria, der
zu Perusa gezeigt wurde; sehr niedliche Pantffelchen und ein Paar
ungeheuer groer roter, welche sie trug, als sie der heiligen Elisabeth
ihren Besuch machte. Ja, man fand Haare der Heiligen Jungfrau von allen
mglichen Farben nebst ihren Kmmen. Eine Zahnbrste ist aber nicht
entdeckt worden. Dagegen fand sich so viel Milch von ihr vor, als
schwerlich zwanzig Altenburger Ammen in einem ganzen Jahre produzieren
knnten. Blut Christi fand sich bald tropfenweise, bald auf Flaschen
gezogen. Etwas davon, so erzhlt die Legende, hatte Nikodemus, als er
Christus vom Kreuze nahm, gesammelt und damit viele Wunder verrichtet.
Aber die Juden verfolgten ihn, und er sah sich gentigt, das heilige
Blut in einen Vogelschnabel (!) zu verbergen und nebst schriftlicher
Nachricht ins Meer zu werfen. An der Kste der Normandie, man kann
denken nach welchen Irrfahrten, schwamm dieser Schnabel ans Land. Eine
in der Nhe jagende Gesellschaft vermisste pltzlich Hunde und Hirsch.
Man forschte nach und fand sie - smtlich kniend vor dem wundervollen
Schnabel. Der Herzog von der Normandie lie sogleich auf der Stelle ein
Kloster bauen, welches Bec (Schnabel) genannt wurde und welchem das
heilige Blut Millionen eintrug.

Windeln Christi fanden sich in groer Menge; auch die jammervoll kleinen
Hschen des heiligen Joseph entdeckte man nebst seinem Zimmermanns-
Handwerkszeug. Einer der dreiig Silberlinge fand sich vor nebst dem
ungeheuer dicken, zwlf Schuh langen Strick, an welchem sich der
Verrter Judas erhngte; sein sehr kleiner, leerer Geldbeutel tauchte
ebenfalls auf nebst der Laterne, mit welcher er leuchtete, als er Jesus
verriet.

Sogar die Stange kam zum Vorschein, auf welcher der Hahn sa, als er
Petri Gewissen wachkrhte, nebst einigen Federn dieses Vogels; ferner
der Stein, mit welchem der Teufel Jesus in der Wste versuchte; das
Waschbecken, in welchem sich Pilatus die Hnde wusch; die Knochen des
Esels, der Christus am Palmsonntag getragen, wie auch einige der an
diesem Tage gebrauchten Palmzweige. Ferner fand man die Steine, mit
denen St. Stephanus gesteinigt wurde, - herrliche Achate! - die
fabelhaft groe Gurgel des fabelhaften St. Georg; eine Unmasse von
Knochen der zu Bethlehem umgebrachten Kinder; die Ketten des Petrus und
auch einen eingetrockneten Arm des heiligen Antonius, der sich aber als
- die Brunstrute eines Hirsches erwies!

Sogar aus dem Alten Testament fanden sich Reliquien vor! Manche hatten
demnach wohlerhalten Jahrtausende auf die fromme Entdeckung gewartet.
Man fand den Stab, mit welchem Moses das Rote Meer zerteilte, Manna aus
der Wste, Noahs Bart, die eherne Schlange, ein Stckchen von dem
Felsen, aus welchem Moses Wasser schlug, mit vier erbsengroen Lchern;
Dornen von dem feurigen Busch; den Schemel, von dem Eli herunterfiel und
den Hals brach; das Schermesser, mit dem Delila den Samson schor; den
Stimmhammer Davids, der zu Erfurt gezeigt wurde, usw.

Eine Reliquie von groem Rufe war das Gewand des heiligen Martin (capa
oder capella), welches in den Feldzgen als Fahne vorgetragen wurde. Die
Geistlichen, welche dieses Heiligtum trugen, hieen Capellani und die
Kirche, in welcher es verwahrt wurde, Capella. Dieser Name erhielt bald
eine weitere Ausdehnung, und daher die Kapellen und die Kapellane.

Der Glaube des Volks an diese Reliquien war so stark, dass die Pfaffen
es wagen konnten, Dinge als solche zu zeigen, die unsinnig und unmglich
waren, und wenn ich einige derselben anfhre, so werden die Leser
glauben, ich scherze! Allein dies ist nicht der Fall; man zeigte sie
einst wirklich und zeigt sie in echt katholischen Lndern wohl heute
noch.

Da sah man eine Feder aus dem Flgel des Engels Gabriel, den Dolch und
den Schild des Erzengels Michael, deren er sich bediente, als er mit dem
Teufel kmpfte; etwas von Christi Hauch in einer Schachtel; eine Flasche
voll gyptischer Finsternis, etwas von dem Schall der Glocken, die
gelutet wurden, als Christus in Jerusalem einzog; einen Strahl von dem
Sterne, welcher den Weisen aus dem Morgenland leuchtete; etwas von dem
Fleisch gewordenen Wort; einige Seufzer, die Joseph ausstie, wenn er
knotiges Holz zu hobeln hatte; den Pfahl im Fleisch, der dem heiligen
Paulus so viel zu schaffen machte, und noch unendlich viel andern
Unsinn.

Die Unverschmtheit der Pfaffen kannte keine Grenzen, denn die Dummheit
der Menschen war unbegrenzt. Oben habe ich ein Prbchen sowohl von der
Unverschmtheit als von der Dummheit in der Geschichte mit dem Mnch
Eiselin gegeben; hier mag noch eine Probe folgen, welche Poggio
Bracciolini erzhlt, der beinahe vierzig Jahre lang ppstlicher
Geheimschreiber war und 1459 als Kanzler der Republik Florenz starb.

Ein Mnch hatte sich in eine hbsche Frau verliebt und versuchte es auf
alle Weise, sie zu verfhren. Es gelang ihm auch. Sie stellte sich sehr
krank und verlangte nun den Mnch als Beichtvater. Dieser kam, blieb mit
ihr der Sitte gem allein, um ihr die Beichte abzunehmen, und wurde
erhrt. Am andern Tag kam er wieder und legte, um es sich bequemer zu
machen, seine Hosen auf das Bett der Frau. Dem Manne schien die Beichte
etwas lange zu dauern; er wurde neugierig und trat unvermutet in das
Zimmer. Der Mnch absolvierte so schnell als mglich und floh, aber -
verga, seine Hosen mitzunehmen.

Diese fielen nun dem racheschnaubenden Ehemann in die Hnde. Er strzte
damit auf die Gasse und zeigte diese Verrter seinen Nachbarn,
entflammte sie zur Wut und brach mit ihnen in das Kloster ein. Der Mnch
sollte sterben! Ein alter besonnener Pater versuchte es vergebens, den
Hitzkopf zu beruhigen, der brigens jetzt die Sache gern vertuscht
htte, wenn es angegangen wre. Das merkte der alte Pater und sagte ihm:
er brauche wegen dieser Hosen nichts bles zu denken, denn dieses wren
die Beinkleider des heiligen Franziskus, welche Krankheiten wie die,
woran seine Frau litte, grndlich heilten. Zu seiner Beruhigung wolle er
die Hosen feierlich abholen.

Alsbald zogen Mnche mit Kreuz und Fahne nach dem Hause des ehrlichen
Dummkopfes, legten die heilige Reliquie auf ein seidenes Kissen,
stellten sie zur Verehrung aus und reichten die heiligen Hosen des
liederlichen Mnchs den Glubigen zum Kuss herum. Dann trug man sie in
feierlichem Bittgang zum Kloster zurck und legte sie hier zu den
brigen heiligen Reliquien. *)

---- *) Es ist dies keine erfundene Anekdote oder ein Scherz des
genannten Autors. Die Erzhlung findet sich in einem ganz ernsten Werk,
in welchem Poggio mit groer Entrstung von der Verderbtheit der
Geistlichen redet. berhaupt verschmhe ich es durchaus, auf Kosten der
historischen Wahrheit zu scherzen, und alle in diesem Werk gemachten
Angaben kann ich historisch nachweisen, so seltsam sie auch manchmal
klingen mgen. ----

In dieses Kapitel von den Reliquien gehren auch die wunderttigen
Heiligenbilder und ihre Verehrung. Die Pfaffen hatten mit den heiligen
Knochen und Lumpen noch nicht genug. Bald fanden sich Bilder von
Christus und der Jungfrau Maria, welche der Evangelist Lukas gemalt
haben sollte. Sie zeugten weder von der Kunst des Malers noch von der
Schnheit der Personen, welche sie vorstellen sollten, denn sie waren
ganz schauderhaft! Andere, nicht bessere Bilder fielen vom Himmel, und
endlich lie man sie ganz ungescheut von Malern malen.

Diese Bilder verehrte man wie Reliquien, und die Verehrung ging bald in
frmliche Anbetung ber. ber den Bilderdienst entstanden die blutigsten
Kmpfe, und endlich wurde er der Grund zur Trennung der Kirche in die
griechische und lateinische. Dieser Bilderstreit dauerte zwei
Jahrhunderte lang. Kaiser Konstantin V., welcher 741 starb, erklrte
alle Bilder fr Gtzenbilder und fegte das ganze Land von Bildern und
Reliquien rein. Er verwandelte die Klster zu Konstantinopel in
Kasernen, und Mnche und Nonnen machte er lcherlich,  indem er sie zum
Beispiel paarweise einen Umzug im Zirkus halten lie.

Im Westen fand dieser Bilder- und Reliquiendienst anfangs auch viele
Widersacher. Der Bischof Claudius von Turin meinte: "Wenn man das Kreuz
anbetet, an dem Jesus gestorben, so muss man auch den Esel anbeten, auf
dem er geritten ist", was denn auch in der Folge wirklich geschah!
Andere aber hielten diesen Bilderdienst fr sehr wichtig. Ein Mnch
hatte, um den Unzuchtsteufel zu besnftigen, diesem das Gelbde getan,
das tgliche Gebet vor den Bildern in seiner Zelle zu unterlassen. Im
Zweifel darber, ob er eine Snde damit begangen, beichtete er dies dem
Abt, und dieser sagte zu ihm. "Ehe du das Gebet vor den heiligen Bildern
unterlsst, gehe lieber in jedes Bordell der Stadt." - So behielten wir
denn in Europa die Bilderanbetung, und die griechische Kirche erhielt
sie gar bald auch wieder. -

Sobald das Heilige Grab aufgefunden war, strmten die frommen Christen
dorthin; die Wallfahrten nach dem Heiligen Land kamen auf und nach allen
Stellen desselben, welche durch die Bibel eine besondere Bedeutung
erlangt hatten. Man wallfahrtete sogar zu dem Misthaufen, auf welchem
Hiob gesessen!

Den Pfaffen gefiel es indessen nicht im allergeringsten, dass das schne
Geld so weit hinweggetragen wurde, und ihre Heiligenbilder und Reliquien
taten Wunder ber Wunder, um die frommen Scharen anzulocken. Schrecklich
waren die Erzhlungen von den Strafen, welche die Unglubigen und
Sptter getroffen. Die Heiligen wussten ihre Ehre zu schtzen, wie zum
Beispiel der heilige Gangulf. Dieser wurde von einem Priester, dem
Liebhaber seiner Frau, totgeschlagen und fing pltzlich an, im Grab
Wunder zu tun. Das liederliche Weib, welches am besten wusste, dass ihr
Alter durchaus kein Wunder tun konnte, lachte, als sie es hrte, und
rief. "Der tut ebenso wenig Wunder, als mein Hintern singt" und - o
Graus! - dieser fing an zu singen!

Die Wallfahrten kamen aber erst recht in Gang, als damit der Ablass
verbunden wurde. Der bergroe Missbrauch dieses Missbrauches wurde die
Veranlassung zur Reformation, und wir mssen denselben etwas genauer
betrachten. Der Ablass ist ein Kind des Fegefeuers und der Ohrenbeichte.

In der ersten Zeit der christlichen Kirche mussten diejenigen, welche
wegen grober Vergehen aus der Gemeinde ausgestoen waren, wenn sie in
dieselbe wieder aufgenommen sein wollten, alle ihre Snden und
Verbrechen ffentlich vor der Gemeinde bekennen; diese Bue nannte man
die Beichte. Als die Pfaffen mchtig wurden, verwandelten sie dieses
ffentliche Bekenntnis gar bald in ein geheimes, um ihre Macht zu
erhhen. Papst Innozenz III. ordnete aber (1215) an, dass ein jeder
jhrlich wenigstens einmal einem Priester seine Snden insgeheim
bekennen und die ihm dafr auferlegte Bue tragen solle. Wer die Beichte
unterlie, wurde von der Kirche ausgeschlossen und erhielt kein
christliches Begrbnis.

Jeder begreift, welche ungeheure Gewalt die Priester durch diese
Einrichtungen erlangten, denn abgesehen davon, dass sie von den
Glubigen die geheimsten Dinge erfuhren, die sie zu ihren Zwecken
benutzen konnten, lag es auch ganz in ihrer Hand, den Beichtenden
freizusprechen oder nicht, und sie wussten diese Gewalt trefflich zu
benutzen, indem sie ihn freisprachen - absolvierten - je nachdem der
Snder zahlte.

Das Fegefeuer war eine Erfindung des rmischen Bischofs Gregor des
Groen (590-604). Fegefeuer hie der Ort, wo seiner Erklrung nach die
menschlichen Seelen gelutert wurden, damit sie rein in den Himmel
kamen; also eine Art himmlischer Seelenwaschanstalt. Wer so halb
zwischen Himmel und Hlle balancierte, der konnte darauf rechnen, dass
er gehrig lange im Fegefeuer - denn Feuer war das Reinigungsmittel -
schwitzen musste, wenn nicht die Pfaffen, die sich mit den Waschteufeln
auf du und du standen, ihn fr Geld durch gute Worte frher in den
Himmel spedierten. Das Reglement im Fegefeuer war nur den Pfaffen
bekannt, und daher konnten sie allein beurteilen, wie viele Messen dazu
gehrten, um die Seele aus dem Fegefeuer loszubeten; - aber diese Messen
wurden keineswegs umsonst gelesen.

Friedrich der Groe kam einst in ein Kloster im Klevischen, welches von
den alten Herzgen gestiftet war, damit darin Messen zu ihrer Befreiung
aus dem Fegefeuer gelesen werden knnten. "Nun, wann werden denn endlich
meine Herren Vettern aus dem Fegefeuer losgebetet sein?" fragte er
ziemlich ernsthaft den Pater Guardian. Dieser machte eine tiefe
Verbeugung und antwortete: "dass man dies so eigentlich nicht wissen
knne, er es aber Sr. Majestt sogleich melden lassen wolle, sobald er
die Nachricht aus dem Himmel bekme".

Die Kreuzzge waren anfangs eigentlich weiter nichts als bewaffnete
Wallfahrten. Die Ppste begnstigten sie sehr, da sie hofften, dadurch
auch ihre Macht auf Asien ausdehnen zu knnen, wo sie durch den
Mohammedanismus verlorengegangen war. Sie wandten daher alle nur
mglichen Mittel an, die Leute zu bewegen, "das Kreuz zu nehmen"; das
hauptschlichste und wirksamste war der Ablass. Der Papst lie nmlich
predigen, dass alle Snden, die ein Mensch begangen, sie mchten auch
noch so gro sein, vergeben wren, sobald derselbe sich das Kreuz auf
seinen Rock geheftet habe. Diese Erfindung des Ablasses wurde nun von
den Pfaffen auf alle Arten benutzt, und sie wurde fr sie eine
Goldgrube, unerschpflich wie die Dummheit der Menschen.

Manche wollten nicht recht an die Macht des Papstes, die Snden zu
vergeben, glauben; aber Clemens VI. gab ber sein Recht dazu und ber
das Wesen des Ablasses durch seine Bulle von 1342 die ntige und
gengendste Erklrung. "Das ganze Menschengeschlecht", sagt er in der
Bulle, "htte eigentlich schon durch einen einzigen Blutstropfen Jesu
erlst werden knnen; er habe aber so viel vergossen, dass dieses Blut,
welches doch gewiss nicht umsonst vergossen sei, einen unermesslichen
Kirchenschatz ausmache, vermehrt durch die gleichfalls nicht
berflssigen Verdienste der Mrtyrer und Heiligen. Der Papst habe nun
zu diesem Schatz den Schlssel und knne zur Entsndigung der Menschen
ablassen, soviel er wolle, ohne Furcht, solchen jemals zu erschpfen."

Ich werde spter auf diese Ablasstheorie zurckkommen und zeigen, wie
herrlich sich dieselbe entwickelte, jetzt aber zu den Wallfahrten
zurckkehren. Als, wie gesagt, der Ablass mit ihnen verbunden wurde,
kamen sie erst recht in Aufnahme. Wer zu diesem oder jenem Gnadenort
wallfahrte und - notabene - das bestimmte Geld auf dem Altar opferte,
der erhielt Ablass nicht allein fr schon begangene Snden, sondern
sogar fr einige Jahre im Voraus!

In Deutschland gab es wohl hundert Marienbilder, zu denen gewallfahrtet
wurde, und in anderen Lndern noch mehr. Ein einziger Schriftsteller
zhlt 1200 wunderttige Marienbilder auf! Das berhmteste ist aber wohl
das zu Loreto, in dem Haus der Maria, welches von St. Lukas aus
Zedernholz abscheulich geschnitzt worden sein soll. Der Dampf der
Millionen Wachskerzen hat das Bild allmhlich schwarz geruchert wie
eine Kohle, aber das tut seiner Wunderkraft keinen Abbruch, die
hauptschlich darin besteht, den Leuten das Geld aus der Tasche zu
locken. Der Marmor rings um das Huschen ist von Wallfahrern so
verrutscht, dass sich darin eine frmliche Rinne gebildet hat. Sonst
kamen jhrlich gegen 200.000 fromme Christen nach Loreto, allein in
neuerer Zeit ist diese Zahl auf weniger als ihr Zehntel
zusammengeschrumpft.

Als die Franzosen nach Loreto kamen, eigneten sie sich von dem Schatz
an, was die Pfaffen nicht beiseite gebracht hatten. Ob ihnen die Heilige
Jungfrau den Schatz schenkte, das wei ich nicht, aber unmglich ist so
etwas nicht, wie folgende Geschichte beweist.

Als Friedrich der Groe in Schlesien war, verschwanden von einem
Muttergottesbild nach und nach allerlei Kostbarkeiten, und die Pfaffen
entdeckten endlich den Dieb in einem Soldaten, der deshalb beim Knig
verklagt wurde. Der Soldat entschuldigte sich und behauptete, er sei
kein Dieb, denn die Mutter Gottes habe ihm alle die Sachen geschenkt,
die man vermisste. Friedrich der Groe fragte nun die geistlichen
Herren, ob so etwas wohl mglich sei? - "Allerdings, mglich ist es",
erwiderten die verwirrten Pfaffen, "aber durchaus nicht wahrscheinlich."
Der Dieb kam ohne Strafe davon, aber nun verbot Friedrich seinen
Soldaten bei Todesstrafe, dergleichen Geschenke von der Heiligen
Jungfrau anzunehmen.

Nach Loreto war wohl Santiago de Compostela der berhmteste Gnadenort,
und an hohen Festtagen sah man hier noch in neuerer Zeit mehr als 30.000
Wallfahrer.

In der Schweiz ist Einsiedeln sehr berhmt. Das dortige Gnadenbild ist
ein ebenso elendes hlzernes Machwerk wie das zu Loreto, aber ebenso wie
dieses ist es geschmckt mit den kostbarsten Juwelen.

In Deutschland gibt es unendlich viele Gnadenorte, aber ich will nur
einige nennen. Waldthren im badischen Main- und Tauberkreis ist berhmt
wegen des wunderttigen Korporals. Es ist dies aber kein
altsterreichischer Korporal mit seinem Wundertter an der Seite, den
man im sterreichischen als Haling weniger verehrte als frchtete; auch
kein preuischer Korporal aus dem Wuppertal, sondern ein Tuch, welches
zum Daraufstellen des Kelchs und Hostientellers dient und Korporale
genannt wird. Im Jahr 1330 vergoss ein Priester etwas von dem Wein auf
dieses Korporale. Der Wein verwandelte sich sogleich in Blut, und die
einzelnen Tropfen auf dem Tuch in so viele mit Dornen gekrnte
Christuskpfe. Dieses Korporale tut nach der Erzhlung der Geistlichen
entsetzlich viel Wunder, und vor und nach dem Fronleichnamfest
wallfahrten die Scharen der Glubigen nach Waldthren, um sich hier am
Korporale gestrichene rote Seidenfden zu holen, welche die Pest,
vorzglich aber den Rotlauf, heilen - wenn man nmlich ein reines
Gewissen und vor allen Dingen den rechten Glauben hat. Die Zahl der
Wallfahrer belief sich jhrlich auf ca. 40.000.

hnliche Wallfahrtsorte wie Waldthren gibt es in allen katholischen
Distrikten Deutschlands, und ich will mich nicht bei ihnen aufhalten.

Noch eintrglicher fr die Geistlichen sind diejenigen Wallfahrten,
welche zu solchen sehr heiligen Reliquien stattfinden, die nur alle
sieben Jahre ausgestellt werden. Diese konomische Einrichtung hat nicht
etwa ihren Grund darin, dass sich die Reliquien von dem Wundertun in der
Ausstellungszeit erholen mssen, sondern einzig und allein in der
Schlauheit der Pfaffen. Wren die "Heiligtmer" bestndig zu sehen, so
wrde das Interesse an ihnen gar bald erkalten. Durch die Seltenheit
ihrer Erscheinung locken sie an und den Leuten das Geld aus der Tasche,
- das einzige Wunder, welches berhaupt irgendeine Reliquie jemals
vollbracht hat.

Der allerkostbarste Schatz dieser Art wird zu Aachen aufbewahrt. Die
hchsten Kleinodien desselben sind der riesenmige Rock der Maria, die
Windeln Jesu von braungelbem Filz und das Tuch, auf welchem das
abgeschlagene Haupt Johannes des Tufers gelegen hat.

Im Jahr 1496 strmten 142.000 Andchtige nach Aachen, um die heiligen
Lumpen zu sehen, und die Ernte war vortrefflich. 1818, als die Reliquien
nach langer Pause wieder einmal vierzehn Tage lang gezeigt wurden,
fanden sich nur 40.000 Wallfahrer ein. Die Reformation, die Revolution
und die verdammte Aufklrung hatten ein groes Loch in den Glauben
gerissen!

Seitdem ist aber viel an diesem Loch geflickt worden, und dieser
geflickte Glaube zeigte sich fast strker als selbst im dunkelsten
Mittelalter, dank der von den Regierungen beliebten Maregel, die
Schulen unter der Kontrolle der Pfaffen zu lassen. Mit Erstaunen
erlebten wir es, dass noch im Jahr 1844 eine Million Wallfahrer nach
Trier zogen, um hier einen alten Kittel zu kssen, der fr den Leibrock
Christi ausgegeben wird, um welchen die Soldaten neben dem Kreuz
wrfelten.

Zu jener Zeit verursachte diese heilige Rockfahrt nach Trier groes
rgernis unter der ganzen gebildeten Welt, und sehr gelehrte und
verstndige Mnner gaben sich die eigentlich berflssige Mhe,
nachzuweisen, dass dieser "heilige Rock" nichts vor den noch
existierenden zwanzig anderen voraus habe, sondern durchaus unecht und
ein plumper Betrug sei. Die schlagendsten Beweise dafr brachten die
Herren Professoren Gildemeister und von Sybel herbei, und ich halte es
nicht fr ntig, darber auch nur noch ein Wort zu verlieren.

Dass die Ppste die christlichen Schafe schoren, wei jedermann, aber
nicht so bekannt mchte es sein, dass der Heilige Vater - ganz ohne
Allegorie - sich mit der Schafzucht beschftigt und einen Preis fr die
gewonnene Wolle erlangt, wie er keinem veredelten Schafsjunker auf der
Wollmesse jemals bezahlt wurde. - Der Papst unterhlt nmlich eine
kleine Anzahl Lmmer, die er ber den Grbern der Apostel geweiht hat
und aus deren Wolle die Pallien gewebt werden.

Das Pallium ist ursprnglich ein rmischer Mantel. Die Kaiser schenkten
ein solches Kleidungsstck, welches von Purpur und kstlich mit Gold
bestickt war, den Patriarchen und ausgezeichneten Bischfen, um ihnen
ihre Zufriedenheit und Gnade zu bezeugen, wie heutzutage die Geistlichen
in manchen Staaten Orden erhalten, wenn sie in den Geist der Regierungen
einzugehen verstehen.

Papst Gregor I. erlaubte sich zuerst, ohne Anfrage beim Kaiser ein
solches Pallium den Bischfen zuzusenden, bald als Zeichen der
Zufriedenheit, bald als Zeichen der Besttigung. In dem Usurpieren von
Rechten sind die Ppste gro, ja, ihre ganze Macht ist darauf gegrndet,
und so kam es bald dahin, dass sie sich nicht nur ausschlielich das
Recht anmaten, dergleichen Pallien zu erteilen, sondern gingen bald so
weit, einen jeden Erzbischof wie auch einige grere Bischfe zu
zwingen, sich das Pallium von Rom zu holen, - denn die Gnadensache hatte
sich in eine Abgabe verwandelt. Ein solches Pallium kostete 30.000
Gulden, und diese Einnahme behagte den Ppsten so wohl, dass Johann
VIII. unverschmt genug war, bekannt zu machen, dass jeder Erzbischof
als abgesetzt zu betrachten sei, der sein Pallium nicht innerhalb drei
Monaten von Rom habe.

Die Ppste waren so geizig und so gewohnt, aus nichts Geld zu machen,
dass ihnen trotz des hohen Preises der Mantel zu kostbar war. Dieser
schrumpfte gar bald zu einer Art von Hosentrger zusammen, zu vier
Finger breiten wollenen, mit rotem Kreuz versehenen Bndern, die ber
Rcken und Brust herabhngen. Diese Bnder sind aus der geweihten Wolle
von Nonnenhnden gearbeitet und mgen vielleicht sechs Lot wiegen. Die
Ppste verkauften demnach den Stein ihrer Wolle fr nicht weniger als
vierthalb Millionen Gulden!

Diese Palliengelder brachten den Ppsten ungeheure Summen, denn die
Erzbischfe sind meistens alte Herren und lsen einander schnell ab, und
jeder neue Erzbischof muss ein neues Pallium kaufen; er musste dies
sogar tun, wenn er versetzt wurde. Wie einige Geheimrte die Exzellenz
haben, so hatten auch einige deutsche Bischfe, wie die von Wrzburg,
Bamberg und Passau, das kostbare Pallienrecht.

Salzburg zahlte innerhalb neun Jahren 97.000 Scudi (etwa 5 Mark)
Palliengelder. Der Erzbischof Markulf von Mainz musste das linke Bein
eines goldenen Jesus verkaufen, um sein Pallium zu bezahlen. Er bekam
also wahrscheinlich mehr fr dieses Bein als der Verrter Judas fr den
ganzen Christus! -

Der Erzbischof Arnold von Trier geriet in nicht geringe Verlegenheit,
als ihm von zwei Gegenppsten zwei Pallien zugeschickt wurden, natrlich
mit doppelter Rechnung. Wie er sich aus der Verlegenheit zog, wei ich
nicht, vielleicht durch den heiligen Rock. Sein Nachfolger, Bischof
Arnoldi, der 1844 diesen alten Kittel ausstellte, wre sicherlich nicht
um lumpige 60.000 Gulden in Verlegenheit gewesen. Eine Million
Wallfahrer, jeder taxiert zu fnf Silberlingen, macht 166.666 Taler
preuisch Kurant oder 300.000 Gulden.

Da nun die Erzbischfe vom Papst so gebrandschatzt wurden, ist es ganz
natrlich, dass sie wieder ihre Untertanen oder Angehrigen ihres
Sprengels brandschatzten, denn das Volk ist ja das Schaf mit dem
Goldenen Vlies, dem ein Stck nach dem andern von seinem Fell
abgeschunden wird, um die Bedrfnisse der groen Herren zu befriedigen,
heien sie nun Erzbischfe oder Frsten.

Die Ppste hatten Geld wie Heu, aber die meisten von ihnen verstanden es
auch lustig durchzubringen. Sixtus VI. (1471 bis 1484) verschwendete
schon als Kardinal in zwei Jahren 200.000 Dukaten, was nach dem jetzigen
Geldwert weit ber das Doppelte mehr ist. Eine seiner Mahlzeiten kostete
manchmal 20.000 Florenen; aber was tat das, er verspeiste ja nur die
Snden der Christenheit und dann verstand er es auch, sich
Extraeinnahmen zu schaffen. So erlaubte er zum Beispiel einigen
Kardinlen fr eine bedeutende Abgabe whrend der Monate Juni, Juli und
August - Sodomiterei! Auch legte er in Rom ffentliche Bordelle an,
welche ihm jhrlich an sogenanntem Milchzins 40.000 Dukaten einbrachten.
- Nun, wir werden spter noch heiligere Ppste kennenlernen.

Eine wahrhaft goldene Idee hatte Papst Bonifaz VIII.; er erfand das
Jubeljahr! - Die Rmer feierten den Anfang eines neuen Jahrhunderts
durch groe Festlichkeiten und auch die Juden ihr Jubel- oder
Vershnungsjahr. Dies brachte den genannten Papst hchstwahrscheinlich
auf den Gedanken, solche Jubeljahre in der Christenheit einzufhren. Wer
in dem Jubeljahr nach Rom wallfahrte und hier sein Scherflein auf dem
Altar niederlegte, der erhielt vollkommenen Ablass fr alle Snden, die
er in seinem ganzen Leben begangen hatte, und war wieder unschuldig wie
ein neugeborenes Kind oder noch unschuldiger, denn in diesem steckt doch
nach der Kirchenlehre noch der Teufel, welcher erst durch die Taufe
ausgetrieben wird. -

Wer wre nicht gern seiner Snden ledig. Ein ganz kurzer Mord kann einem
ehrlichen Menschen das ganze lange Leben verbittern; wer erhielte nicht
gern die Versicherung, dass dieser fatalen Kleinigkeit am Tage des
Gerichts nicht weiter gedacht werden soll? Kurz, von allen Seiten
strmten die Snder nach Rom. Im Jahr 1300 brachten 200.000 Fremde das
Jahr in dieser Stadt zu und der Gewinn, den sowohl die Einwohner
derselben als auch der Schatz des Papstes davon hatten, war
unermesslich.

Was von den reichen Leuten an Gold und Silber geopfert wurde, hat die
ppstliche Schatzkammer nicht fr gut befunden, laut werden zu lassen;
allein nur an Kupfergeld kamen in diesem goldenen Jahr 50.000 Goldgulden
ein. Nach einer ungefhren Schtzung belief sich der ganze Ertrag des
Jubeljahres auf 15 Millionen. Fr die damalige Zeit war das eine ganz
auerordentliche, unerhrte Summe.

Die ganz unerwartet reiche Ernte machte den Ppsten natrlich Lust zu
einer baldigen Wiederholung. Hundert Jahre sind gar zu lang, und Papst
Clemens VI. hatte die beispiellose Gte zu bestimmen, dass das Jubeljahr
alle 50 Jahre gefeiert werden solle, denn ihm war ein ehrwrdiger Greis
mit zwei Schlsseln - also wahrscheinlich St. Peter - erschienen, der
ihm mit drohender Gebrde zugerufen hatte: "ffne die Pforte!" Da musste
er natrlich gehorchen.

Urban VI. verkrzte diese Zeit noch bis auf 33 Jahre, zum Andenken an
die Lebensjahre Jesu! An einem anstndigen Vorwand hat es den Ppsten
nie gefehlt. Sixtus IV. war "wegen der Krze des Menschenlebens" noch
gndiger und setzte diese Zeit auf 25 Jahre herab.

Das zweite Jubeljahr unter Clemens VI. (1350) fiel noch reichlicher aus
als das erste. In der Jubelbulle "befiehlt er den Engeln des Paradieses
auch die vom Fegefeuer erlsten Seelen derjenigen, die auf der Reise
nach Rom gestorben sind, in die Freuden des Paradieses einzufhren".

Solche berschwngliche Gnade war natrlich fr die dummglubige Menge
hchst anlockend. Rom wurde so mit Fremden berschwemmt, dass die
Gastwirte, die sich doch sonst auf das Geldnehmen vortrefflich
verstehen, damit nicht fertig werden konnten.

Am Altar St. Pauls lsten sich Tag und Nacht zwei Priester mit
Croupiersrechen in der Hand ab, die unaufhrlich das geopferte Geld
einstrichen und fast unter der Last ihrer Arbeit erlagen. Das Gedrnge
in der Kirche war so gro, dass viele der Glubigen erdrckt wurden.
Zehntausend der Wallfahrer erhielten gleich Gelegenheit, die
Ntzlichkeit des Ablasses zu erproben, denn sie starben an der Pest;
aber man merkte ihren Abgang gar nicht, denn ihre Zahl gibt man auf eine
Million und einige Hunderttausende an und den Ertrag dieser Jubelernte
auf mehr als zweiundzwanzig Millionen!

Es ist ordentlich spahaft zu sehen, wie nun jeder Papst auf ein neues
Mittel sann, die Erfindung seines Vorgngers Bonifazius noch
eintrglicher zu machen, denn - preti, frati e polli non son mai satolli
(Priester, Mnche und Hhner werden nie satt).

Bonifazius IX. berechnete, dass viele Christen nicht nach Rom kmen,
weil die Reise zu viel kostete und weil sie vielleicht auch wegen ihrer
Geschfte nicht abkommen konnten. Diesen schickte er die Gnade ins Haus,
indem er Leute aussandte, welchen er die Macht beilegte, fr den dritten
Teil der Reisekosten nach Rom vollgltigen Ablass zu erteilen! - Trotz
dieser Erleichterung strmten die Fremden doch noch nach Rom und in dem
Jubeljahr unter Nikolaus V. konnte die Tiberbrcke die Menge der
Menschen nicht tragen; sie brach zusammen, und zweihundert verloren
dabei das Leben.

Papst Alexander VI. machte eine noch ntzlichere Erfindung. Von ihm
rhrt nmlich die sogenannte Goldene Pforte der Peterskirche her. Beim
Beginn des Jubeljahres tat der Papst mit goldenem Hammer drei Schlge an
diese Tr; dann wurde sie geffnet und am Ende des Jahres wieder
vermauert. Wer durch diese Pforte einging, war seiner Snden ledig; ja,
fr eine bestimmte Summe konnte man auch im Auftrag eines Entfernten
hindurchgehen und diesen von seinen Snden befreien. Diese Maregel
brachte viel Geld ein.

Die Ppste wurden durch diese Erfolge immer geldgieriger gemacht. Sie
konnten oft die 25 Jahre nicht abwarten, und bei besonderen
Veranlassungen, um die man nie verlegen war, wurde ein Extra-Jubilum
angesetzt, oder Reisende, die in Ablass "machten", wurden in der Welt
umhergeschickt. Sie waren noch zudringlicher als Weinhandlungsreisende,
so dass sie von manchen Gemeinden, den Pfarrer an der Spitze, zum Dorf
hinausgeprgelt wurden.

Die Reformation machte diesem Jubilumsschwindel so ziemlich ein Ende,
denn mit der Einnahme der spteren Jubeljahre wollte es nicht mehr recht
"flecken". Sogar das Jahr 1825 wurde noch zu einem Jubeljahr erhoben;
allein es kamen wenig mehr Fremde als gewhnlich nach Rom, meistens nur
italienisches Lumpengesindel, von dem nichts zu holen war. Auch trafen
die Frsten Anstalten, die Wallfahrten nach Rom zu erschweren, da sie
das Geld ihrer Untertanen im Land selbst brauchten. Sogar die damalige
sterreichische Regierung verbot ihren italienischen Untertanen, ohne in
Wien ausgestellte Psse nach Rom zu wallfahrten. Wer da nicht beizeiten
um einen Pass einkam, konnte leicht das Jubeljahr verpassen.

Nach einer wahrscheinlich viel zu geringen Berechnung haben die
Jubeljahre den Ppsten gegen 150 Millionen eingetragen.

Der Ablassschwindel wurde von Leo X. auf die hchste Spitze getrieben.
Die ungeheuren Einnahmen, die aus ganz Europa in den ppstlichen Schatz
flossen, gengten diesem ppigen und prachtliebenden Papst noch immer
nicht, und doch waren sie fast unermesslich! Mehrere der Goldquellen,
welche sich die Ppste zu ffnen verstanden, habe ich bereits genannt;
alle anzufhren wrde zu weitlufig sein, doch einige will ich noch
angeben.

Eine nicht unbedeutende Einnahme fr die Ppste sind die Annaten. So
nennt man nmlich die erste Jahreseinnahme eines neuen Bischofs, welche
an den Papst gezahlt werden muss. Man kann dieselbe durchschnittlich
immer auf 12.000 Taler annehmen, und wenn man gering rechnet, dass
wenigstens 2000 Bischfe ihre Annaten an den Ppstlichen Stuhl zahlten,
so macht dies schon 36 Millionen Taler.

Die Dispensationsgelder der Priester wegen ermangelnden Alters zu sechs
Dukaten; die Dispensation von Fasten und die Erlaubnis zu Ehen zwischen
Blutsverwandten brachten groe Summen. Die Letzteren mussten natrlich
sehr hufig vorkommen, dafr hatten die Ppste gesorgt, indem sie die
Ehe zwischen Blutsverwandten bis zum vierzehnten Grad verboten. Es hat
sich jemand die Mhe genommen, auszurechnen, wie viel jeder Mensch
durchschnittlich solche Blutsverwandte als lebend annehmen kann, und -
sechzehntausend gefunden. Werden alle Arten der Verwandtschaft
berechnet, so steigt ihre Zahl auf wenigstens 1.048.576. Da konnte es
natrlich an Dispensgeldern nicht fehlen. - Auerdem wurde noch fr
Kreuzzugs- und Trkensteuer und unter unzhligen andern Namen den
Glubigen Geld aus dem Beutel gelockt.

Ganz vortrefflich verstand sich auf dieses Wunder Papst Johann XXII. Er
ist der Erfinder der schndlichen Liste der fr Dispensationen und
Absolutionen zu entrichtenden Taxen, von welchen ich spter reden werde.
Dieser Papst scharrte so viel zusammen, dass er, der arme
Schuhflickerssohn, - sechzehn Millionen gemnztes Gold und siebzehn
Millionen in Barren hinterlie!

Doch, wie gesagt, alle diese reichen Einknfte reichten nicht hin, die
"Bedrfnisse" des Papstes Leo X. zu befriedigen. Seine Kinder,
Verwandten, Possenreier, Komdianten, Musiker wie seine Liebhaberei fr
die Knste verschlangen unermessliche Summen, und der ppige Heilige
Vater geriet in groe Verlegenheit.

Um sich derselben zu entziehen, beschloss er, den Ablass systematisch
zur Erpressung von Geld zu benutzen. Eine Beisteuer zur Fhrung eines
Krieges gegen die Trken und zur Fortsetzung des schon von seinem
Vorgnger begonnenen Baues der Peterskirche gab den Vorwand. Die sehr
verbrauchte Trkensteuer wollte nirgends mehr recht ziehen, und Kardinal
Ximenes, der weise spanische Minister, verbot sogar dafr zu sammeln,
"weil er ganz sichere Nachrichten habe, dass jetzt von den Trken
durchaus nichts zu befrchten sei". Der Papst erlie also eine Bulle,
worin allen, welche durch Geldbetrge den Bau der Peterskirche befrdern
wrden, Ablass verkndigt wrde.

Die ganze christliche Erde wurde nun in verschiedene Bezirke eingeteilt
und Reisende des groen rmischen Handelshauses dorthin geschickt, unter
dem Titel ppstlicher Legaten oder Kommissarien. Die Ablassbriefe,
welche diese commis voyageurs des Statthalters Gottes verkauften,
lauteten wie folgt:

"Im Namen unseres allerheiligsten Vaters, des Stellvertreters Jesu
Christi, spreche ich dich zuerst von aller Kirchenzensur los, die du
verschuldet haben knntest, hiernchst auch von allen Missetaten und
Verbrechen, die du bisher begangen, so gro und schwer dieselben auch
sein mgen; auch von denen, welche sonst allein der Papst vergeben kann,
soweit sich die Schlssel der heiligen Mutterkirche erstrecken. Ich
erlasse dir vollkommen alle Strafen, die du um dieser Snden willen
billig im Fegefeuer erleiden solltest. Ich mache dich wieder der
Kirchensakramente und der Gemeinschaft der Glubigen teilhaftig und
setze dich von neuem in den reinen und unschuldigen Zustand zurck,
worin du gleich nach der Taufe warst, so dass, wenn du stirbst, die
Pforten der Hlle, wodurch man zur Qual und Strafe einzieht,
verschlossen sein sollen, damit du geraden Weges in das Paradies
gelangen mgest. Solltest du aber jetzt noch nicht sterben, so bleibt
dir diese Gnade ungekrnkt."

In der ppstlichen Kanzleitaxe war der Preis festgesetzt, fr welchen
die allerscheulichsten Snden vergeben wurden. Eltern- und
Geschwistermord, Blutschande, Kindermord, Fruchtabtreibung, Ehebruch
aller Art, die unnatrlichste Wollust, Meineid - kurz alles, was man nur
Snde oder Verbrechen heit, fand hier seinen Preis. Ich wrde dies
emprende Dokument fr eine Erfindung der Feinde des Papstes halten,
wenn die Echtheit desselben nicht unzweifelhaft bewiesen wre.

Die schamloseste und frechste Nichtswrdigkeit enthlt aber der Schluss
dieser Taxe; er lautet: "Dergleichen Gnaden knnen Arme nicht teilhaftig
werden, denn sie haben kein Geld, also mssen sie des Trosts entbehren!"

Fr die Bezahlung von zwlf Dukaten war es sogar den Geistlichen
erlaubt, ganz nach Gefallen Hurerei, Ehebruch, Blutschande und
Sodomiterei mit Tieren zu treiben!

Des Papstes Spekulation glckte; unermessliche Summen wanderten nach
Rom; sie lassen sich gar nicht berechnen. Ein ppstlicher Legat zog
allein aus dem kleinen Dnemark mehr als zwei Millionen durch
Ablassverkauf.

Leo X. fand es vorteilhaft, den Ablass in einigen Bezirken an groe
Unternehmen fr bestimmte Summen zu verpachten. Die Generalpchter
hatten wieder ihre Unterpchter, damit die Lnder ja recht grndlich
ausgesogen wurden.

Einer dieser Generalpchter war der Markgraf Albrecht von Brandenburg,
Bischof von Halberstadt, Erzbischof von Magdeburg und endlich auch
Erzbischof von Mainz und Kardinal! Er war dem Papst 30.000 Dukaten
Palliengelder schuldig und bernahm den Ablasskram in einigen Lndern,
in der Hoffnung, die Summe dabei zu gewinnen, welche ihm auch gegen
Verpfndung des Ablasserlses von dem Grafen Fugger in Augsburg
vorgeschossen wurde.

Der edle Kurfrst, Kardinal und Erzbischof betrieb diese Sache mit
groem Eifer und kaufmnnischem Geschick, und sehr interessant ist die
von ihm den Ablasskrmern gegebene Instruktion, weshalb ich ihren Inhalt
hier mitteilen will.

"Zuerst sollen die Ablassprediger dem Kurfrsten schwren, dass sie ihn
nicht betrgen. Dann gibt er ihnen Gewalt, nach aufgerichtetem Kreuz und
aufgehngtem Wappen des Papstes, in den Kirchen den Ablass zu
verkndigen und ihn denjenigen Personen zu erteilen, welche von ihren
ordentlichen Geistlichen in den Kirchenbann getan oder mit sonstigen
Kirchenstrafen belegt sind.

Dann wird dem Ablassprediger befohlen, in jeder Ablasspredigt dem Volk
drei bis vier Stcke aus der Ablassbulle des Papstes nach Mglichkeit zu
erklren und anzupreisen, damit die ppstliche Gnade nicht-in Verachtung
gerate und die Leute nicht einen Ekel von dem Ablass bekommen mgen.

Ferner will der Kurfrst, dass dem Volk gesagt werden solle, es gelte
auer dem seinigen in den nchsten acht Jahren kein anderer Ablass, den
man bereits erhalten habe oder noch erhielte; aber durch diesen erlange
nicht nur jeder vllige Vergebung der Snden, sondern er komme nach dem
Tode auch gar nicht in das Fegefeuer.

Den Kranken, welche nicht in die Kirche kommen knnten, solle der Ablass
auch zu Hause, aber fr eine grere Summe, erteilt werden. Wenn die
Prediger die Gre des Ablasses jemandem hinlnglich erklrt haben und
es dazu kommt, zu bestimmen, was er wohl zu zahlen habe, so sollen sie
ihn fragen, wie viel Geld er wohl fr den vlligen Ablass um Vergebung
seiner Snden aufopfern werde? Dies sollen sie vorausschicken, um die
Leute desto leichter zum Kaufen des Ablasses zu bewegen.

Wenn nun auch die Ablassprediger stets den Nutzen der Peterskirche vor
Augen haben und den Beichtenden vorreden mssen, dass eine so hohe Gnade
niemals zu teuer bezahlt sei, um sie zu einer mglichst hohen Abgabe zu
bewegen, so spricht sich dennoch der Kurfrst wie folgt aus: Weil die
Beschaffenheit der Menschen zu sehr verschieden und Wir demnach gewisse
Taxen zu bestimmen nicht vermgen, so vermeinen Wir doch, dass in der
Regel die Taxen also knnten gesetzt werden: Groe Frsten geben 25
rheinische Goldgulden. bte, hhere Prlaten, Grafen, Freiherren und
ihre Frauen zahlen fr jede Person 10 rheinische Goldgulden. Andere
Leute, die jhrlich 500 Goldgulden einzunehmen haben, zahlen 6
Goldgulden; Frauen und Handwerker einen, noch Geringere einen halben
Gulden.

Obwohl eine Frau von des Mannes Gtern nichts geben kann, so kann sie
doch von ihren Dotal- und Parapharnalgtern, in diesem Falle auch wider
des Mannes Willen, beitragen. Wenn arme Weiber und Tchter die Taxen von
andern erbetteln knnen, sollen sie solche ebenfalls in den Ablasskasten
liefern.

Wenn jemand fr eine Seele im Fegefeuer so viel beitrgt, als er etwa
fr sich zu bezahlen htte, so ist nicht ntig, dass er im Herzen
bufertig sei oder mit dem Munde beichte! Denn dieser Ablass grndet
sich auf die Liebe, mit welcher der, so im Fegefeuer sitzt, abgeschieden
ist, und auf die Beitrge der Lebendigen.

Wer einen Beichtbrief von den Ablasspredigern kauft, wird teilhaftig
aller Almosen, Fasten, Wallfahrten nach dem Heiligen Grabe, Messen,
Reinigung und guten Werke, die in der ganzen christlichen Kirche
verrichtet werden, ob er gleich weder bufertig ist noch gebeichtet hat.

Dass auf einen gewandten, guten Reisenden sehr viel ankommt, wei jeder
Kaufmann, und der Erzbischof war bemht, einen solchen zur Verbreitung
seiner Ware aufzufinden. Er fand ihn in dem Dominikanermnch Johann
Tetzel aus Pirna. In der Jugend hatte sich derselbe etwas mit dem
Studieren abgegeben, und sein Religionseifer erwarb ihm die Wrde eines
Doktors der Theologie. In Innsbruck wurde er einst darber erwischt, als
er - wie die Chronik sagt - seinen geistlichen Samen in fremden Acker
streute. Kaiser Maximilian I. hatte Befehl gegeben, die Brunst des
verliebten Paters im Wasser zu khlen, das heit, ihn in einem Sacke zu
ersufen. Nur auf dringende Frbitte des Kurfrsten Friedrich kam er mit
dem Leben davon.

Dieser unverschmte, feiste Schlingel, dessen Portrt in einem sehr
guten Kupferstiche vor mir liegt, ist das wahre Ideal eines Pfaffen. Der
Spitzbube sieht so durchtrieben und humoristisch aus, dass ich beinahe
glaube, ich liee mir selbst von ihm einen Ablasszettel anschwatzen.
Welch ein Glck musste er nun erst bei den Glubigen machen!

Er fhrte einen eisernen, mit dem Wappen des Papstes verzierten Kasten
mit sich herum und zog von Markt zu Markt, indem er sang: "Sowie das
Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt!" berall
versammelte er eine groe Menge um sich, und seine Anpreisungen des
Ablasses waren wahrhaftig sehr ergtzlich, wenn auch fromme Christen sie
gotteslsterlich nannten.

Er rhmte von sich, dass er durch den Ablass mehr Seelen aus der Hlle
errettet habe, als von dem Apostel Petrus durch die Predigt des
Evangeliums Heiden bekehrt worden wren. Er knne nicht allein begangene
Snden vergeben, sondern auch solche, die man erst begehen wolle, und
die Kraft seines Ablasses sei so gro, dass es keine Snde gebe, welche
durch denselben nicht geshnt werden knne; ja, wenn jemand, was doch
unmglich sei, "die Mutter Gottes genotzchtigt und geschwngert habe" -
durch seinen Ablass knne derselbe von der dadurch verwirkten Strafe
befreit werden.

Dieser Tetzel trieb die Frechheit so weit, dass der damalige Johann von
Meien vorhersagte, dieser Mnch wrde der letzte Ablasskrmer sein.

Man erzhlt von ihm eine Menge Stckchen, die Zeugnis ablegen von seiner
grenzenlosen Unverschmtheit. In Annaberg, wo damals reiche
Silberbergwerke waren, machte er den Leuten weis, dass alle Berge rings
umher gediegenes Silber werden wrden, wenn sie nur brav zahlten. In
dieser Stadt scheint es ihm gefallen zu haben, denn er blieb hier zwei
Jahre. - In Freiberg sammelte er binnen zwei Tagen zweitausend Gulden;
aber als er wieder dorthin kam, hatte Luther den Leuten den Star
gestochen, und die Bergleute waren so wtend, dass Tetzel es fr geraten
hielt, sich schleunigst davonzumachen.

In Zwickau wollte er sich einst bei dem dortigen Kster zu Gaste bitten;
allein dieser entschuldigte sich mit seiner Armut. Darauf befahl er
diesem, im Kalender nachzusehen, ob auf dem andern Tag der Name eines
Heiligen zu finden wre. Der Kster fand aber nur den heidnischen Namen
Juvenal.

"Das tut nichts", sagte Tetzel, "Wir wollen diesen Heiligen schon zu
Ehren bringen; beruft nur morgen das Volk durch alle Glocken zur Kirche,
wie Ihr es sonst an den hchsten Festtagen zu tun pflegt."

Der Kster tat, wie ihm befohlen, und die Einwohner der Stadt strmten
in Menge in die Kirche. Tetzel predigte. "Die alten Heiligen", sagte er,
"sind alt und mde, uns zu helfen; aber dieser heilige Juvenal, dessen
Gedchtnis wir heute feiern, ist noch ziemlich unbekannt; wenn Ihr ihn
anfleht und ihm opfert, so wird er sich gewiss beeilen, Euch zu helfen."
Darauf riet er zur Freigebigkeit und ermahnte besonders die Vornehmen,
mit gutem Beispiel voranzugehen.

Er blieb bei dem "Gotteskasten" stehen und sah zu, was jeder
hineinlegte, und die guten Zwickauer steuerten reichlich zu Ehren des
heiligen Juvenal! Tetzel flsterte dem Kster ins Ohr: "Es ist genug
geopfert, nun wollen wir weidlich davon schmausen."

In der Schweiz absolvierte Tetzel einen reichen Bauern wegen eines
Totschlags, und als dieser ihm gestand, dass er noch einen Feind habe,
den er gern ermorden wolle, erlaubte es ihm der elende Pfaffe gegen eine
kleine Summe!

Trotz aller Pfiffigkeit wurde Tetzel aber doch einmal angefhrt. - In
Magdeburg kam ein Herr von Schenk zu ihm und bot ihm eine nicht
unbedeutende Summe, wenn er ihn fr eine groe Snde absolvieren wolle,
die er noch zu begehen gedenke. Schmunzelnd strich der Pfaff das Geld
ein und gab den verlangten Ablassbrief.

Als nun einige Tage darauf Tetzel von Magdeburg nach Braunschweig zog,
beladen mit einigen tausend Gulden, berfiel ihn in einem Wald bei
Helmstedt der Herr von Schenk und nahm ihm seine ganze Barschaft ab. Der
Pfaff schrie Zetermordio und klagte ber Gewalt; allein Schenk zeigte
seinen Ablassbrief vor und sagte: "Entweder hat mein Verfahren nichts zu
bedeuten, oder deine Ware ist Betrug." Schenk behielt das Geld, und
Tetzel hatte das Nachsehen.

Dieser nichtswrdige Mnch hatte die rechte Art, den Leuten das Geld aus
dem Beutel zu schwatzen, und er nahm mehr ein als alle anderen
Ablasskrmer, die sich damit begngten, folgende stehende Redensarten
herzuplappern:

"Seht doch, der Himmel steht Euch berall offen. Wollt Ihr jetzt nicht
hineingehen, wann werdet Ihr denn hineinkommen? O Ihr unsinnigen und
verstockten Menschen, die Ihr fast den wilden Tieren gleich seid und die
groe Verschwendung und Ausgieung der ppstlichen Gnade nicht zu
wrdigen versteht. Sehet! so viel Seelen knnt Ihr aus dem Fegefeuer
erlsen! O ihr Hartnckigen und Saumseligen! Ihr knnt mit zwlf
Groschen euren Vater aus dem Fegefeuer reien und seid doch so
undankbar, dass Ihr euren Eltern in so groer Not nicht beisteht. Ich
will am jngsten Gerichte die Schuld davon nicht auf mich nehmen" usw.

Tetzel wusste die Sache den Leuten viel plausibler zu machen, und da war
keine Dirne, die ihm nicht einige Groschen fr irgendeine kleine Snde,
die sie begehen wollte, gezahlt htte. Wie schnell er Geld
zusammenzubringen wusste, beweist Folgendes: In Grlitz war die
Peterskirche gebaut worden, und es fehlte nur noch das kupferne Dach,
wozu 1800 Zentner Kupfer erforderlich waren, die damals 48.600 Taler
kosteten. Man wandte sich an Tetzel, und in drei Wochen hatte er diese
Summe gesammelt.

Luthers 95 Thesen gegen den Ablass ruinierten dem Pater den ganzen
Handel. Vielleicht war es der rger darber, der ihn in Leipzig auf das
Krankenlager warf, von dem er nicht wieder aufstand. Er starb und liegt
in dieser Stadt im Paulino begraben, wo sein Monument wahrscheinlich
noch zu sehen ist. -

Die Ablassrechnung ist eine ganz kuriose Rechnung, und es ist schwer,
sich hineinzufinden. Manche Leute kauften Ablass fr mehrere hundert
Jahre, whrend sie doch hchstens auf hundert zhlen konnten. Aber die
Jahre im Fegefeuer zhlten mit, und das nderte die Rechnung! Fr diese
Snde hatte man, nach Angabe der Pfaffen, zwanzig Jahre zu braten, fr
jene gar dreiig, und so kamen bei einem gebten Snder leicht schon
einige hundert Jhrchen zusammen. Wollte er nun dennoch direkt in den
Himmel spazieren, so musste er schon fr so viele Jahre Ablass kaufen,
als ihm kraft seiner Snden im Fegefeuer zukamen.

Das war brigens noch nicht so schwer, denn wer eine Reliquie ksste und
besonders wer dafr bezahlte, erhielt auf drei oder mehr Jahre Ablass,
je nach der Heiligkeit der Reliquie. Erzbischof Albrecht besa einen
solchen Schatz von Reliquien, dass damit Ablass zu gewinnen war auf
"neununddreiig Mal tausend, zweihundert Mal tausend,
fnfundvierzigtausend, hundert und zwanzig Jahre, zweihundert und
zwanzig Tage."

Unter den Reliquien, die er von Halle nach Mainz schaffen lie, befanden
sich aber auch sehr rare und heilige Stcke! Achtmal vom Haar der
Jungfrau Maria; fnfmal von ihrer Milch; dann das Hemd, in welchem sie
Jesus geboren, ein halber Kinnbacken von St. Paulus nebst vier Zhnen
usw.

Man glaube ja nicht, dass diese Ablassrechnungen der vergangenen Zeit
angehren und mit dem Mittelalter abgetan sind; sie werden noch
heutzutage von rmischen Priestern angestellt und den Glubigen
vorgetragen. In den "geistlichen Neujahrsgeschenken" der Dizese Mans in
Frankreich, welche vor etwa zwanzig Jahren erschienen, wird folgende
Berechnung ber den Ablass gegeben: Wenn man einen geweihten Rosenkranz
hat, sagt die heilige Brigitte, so erlangt man hundert Tage Ablass, so
oft man das Credo, das Gloria Patri, das Paternoster und das Ave betet.
Wenn man also den gewhnlichen Rosenkranz betet, der aus 53 Ave, 6
Paternoster, 6 Gloria Patri und einem Credo besteht, so erlangt man 6600
Tage Ablass, den man den Seelen im Fegefeuer zuwenden kann. Sagt man den
Rosenkranz von 150 Gebeten her, so erhlt man 19.000 Tage Ablass, und
berdies 7 Jahre und 7 vierzigtgige Fristen! - Fr "eine Viertelstunde
frommer Betrachtung" erhlt man 7 Jahre und 289 Tage Ablass; fr die
Begleitung des Sanktissimum, wenn es zu Kranken getragen wird, 5 Jahre
und 200 Tage; wenn man es aber mit einer Kerze begleitet, erlangt man 2
Jahre und 83 Tage mehr.

Die Summen, welche die Geistlichkeit durch ihren Handel gewann, sind
unberechenbar und lassen sich aus einzelnen Angaben nur annherungsweise
schtzen. Liest man solche Angaben, so kann man gar nicht begreifen, wie
es nur mglich war, bei dem frheren hohen Wert des Geldes soviel
zusammenzuscharren.

Als in der franzsischen Revolution die Klster aufgehoben und die
geistlichen Gter eingezogen werden sollten, bot die Geistlichkeit der
Nationalversammlung vierhundert Millionen Franken bar Geld! - Die
Venezianer schtzten das Vermgen ihrer Geistlichkeit auf 206 Millionen
Dukaten.

Von der Einnahme der Geistlichkeit, die herrlich und in Freuden leben
wollte und viel verbrauchte, ging nur ein kleiner Teil in die ppstliche
Schatzkammer; und deshalb wird die Angabe dieser Summe den allerbesten
Mastab dafr abgeben, was dem schon ohnehin genug geplagten Volk von
den Pfaffen abgeschwindelt wurde.

Aus dem Gebiete von Venedig, welches nur zweiundeinehalbe Million
Einwohner zhlte, gingen innerhalb zehn Jahren 2.760.164 Scudi nach Rom,
und aus sterreich unter Maria Theresia binnen vierzig Jahren
110.414.560 Scudi! Sind diese Angaben richtig - und sie sind
zuverlssigen Quellen entnommen -, so erscheint die Berechnung viel zu
gering nach welcher innerhalb 600 Jahren aus der katholischen
Christenheit nur 1.019.690.000 Gulden nach Rom gezahlt wurden.

Und wofr wurde dies Geld bezahlt? Fr Dinge, welche zum Elend und zur
Demoralisation des Volkes mehr beitrugen als irgend etwas in der Welt,
und an wen gingen die 1019 Millionen? - An einen italienischen Bischof,
der uns so wenig angeht wie der Mikado von Japan und der sich mit
demselben Recht Statthalter Christi nennt, wie ich es tun knnte, und
der unter diesem Titel zu seiner Zeit behauptete, Herr der ganzen Erde
zu sein, von welcher derjenige, dessen Statthalter er zu sein vorgibt,
nicht einmal soviel besa, um sein Haupt daraufzulegen! - Was aber diese
"Statthalter Christi in Rom" fr Menschen waren und wie wenig sie die
Verehrung verdienen, welche ihnen die Christen zollten, werden wir im
nchsten Kapitel mit Abscheu und Ekel erfahren.




Die Statthalterei Gottes in Rom


    "Als die Leute schliefen und stockdumm
    waren, hat der bse Feind, der Teufel,
    das Papsttum gestiftet."


Mit konsequenter Unverschmtheit kann in der Welt alles durchgesetzt
werden, es mag auf den ersten Anblick noch so abgeschmackt und verrckt
erscheinen. Beweise davon liefert die Geschichte in Menge; aber den
schlagendsten und demtigendsten die des Papsttums.

Eine Geschichte des Papsttums wrde die Grenzen berschreiten, die ich
mir notwendig setzen muss; ich beabsichtige nur in der bisher befolgten
skizzenhaften Weise zu zeigen, dass das Papsttum auf den grbsten Betrug
gegrndet ist, welche nichtswrdigen Wege die Ppste einschlugen, welche
verbrecherischen Mittel sie anwendeten, sich die Welt tributpflichtig zu
machen, und welchen moralischen Wert die Menschen hatten, welche von der
rmischen Kirche als "Statthalter Gottes" an ihre Spitze gestellt
wurden.

Ich schreibe mit der unverhllt ausgesprochenen Absicht, den als
Aberglauben frher charakterisierten religisen Glauben zu vernichten,
und da derselbe auf die Autoritt der Ppste und der rmischen Priester
gesttzt ist, so trachte ich zunchst danach, diese Autoritt dadurch zu
vernichten, dass ich auf geschichtlichem Weg die unreinen Quellen der
Glaubensstze nachweise und durch Erzhlungen der Handlungen der Ppste
den Glubigen beweise, dass sie auf die Aussagen von Menschen
vertrauten, die ihres Vertrauens in jeder Beziehung unwrdig sind.

Dieser offen ausgesprochene Zweck macht mir die uerste Vorsicht in
Angabe von Tatsachen zur Pflicht und erlaubt mir nur, solche zu
berichten, welche historisch so klar bewiesen sind, dass eine
Widerlegung unmglich ist. Aus dem Folgenden wird es dem Leser
verstndlich werden, warum ich es fr ntig hielt, diese Bemerkung
voranzuschicken. -

In dem ersten Kapitel habe ich in der Krze nachgewiesen, wie die
Pfaffen entstanden sind und wie die Bischfe eine geistliche Obergewalt
ber ihre Gemeinden usurpierten.

Die Bischfe begngten sich mit der erlangten Macht nicht und je besser
es ihnen glckte, ihre Brder zu knechten, desto ausschweifender wurden
sie in ihren Ansprchen. Die Macht der jdischen Hohenpriester, ihrer
Vorbilder, war es, nach welcher sie trachteten. Das Bild des Priesters
Samuel schwebte ihnen bestndig vor Augen.

Ein Betrger schmiedete falsche Schriften, welche er den Aposteln
zuschrieb und welche unter dem Namen der apostolischen Konstitutionen
bekannt sind. Ihr Zweck war es, das Ansehen und die Gewalt der Bischfe
zu erhhen und sie enthielten das Verrckteste, was man bisher zur Ehre
der Bischfe gesagt hatte. Diese wurden darin irdische Gtter, Vter der
Glubigen, Richter an Christi Statt und Mittler zwischen Gott und den
Menschen genannt. In demselben Sinn sprachen von den Bischfen viele
angesehene Kirchenvter.

Als die rmischen Kaiser zum Christentum bertraten, behaupteten sie
zwar selbst ihre Wrde als Oberpriester (Pontifices maximi), aber sie
befrderten das Ansehen der Bischfe ihren Gemeinden gegenber. Ja,
manche Kaiser waren so verblendet und unklug, ihre Kinder diesen
Bischfen zur Erziehung anzuvertrauen, was dann die ganz natrliche
Folge hatte, dass diese "in der Furcht Gottes", das heit in der Demut
gegen die Pfaffen erzogen wurden und, als sie selbst Kaiser wurden, ihre
Knie vor denselben beugten und ihnen die Hnde kssten. Dass diese
dadurch nur immer aufgeblasener und anmaender wurden, liegt in der
menschlichen Natur und wir drfen uns nicht darber wundern, wenn schon
Bischof Leontius von Tripolis verlangte, dass die Kaiserin Eusebia,
Gemahlin des Kaisers Constantius, vor ihm aufstehen und sich verneigen
sollte, um seinen Segen zu empfangen.

Die protestantischen Bischfe der neueren Zeit htten es gern auch so
weit gebracht. Als Friedrich Wilhelm III. von Preuen einst in Magdeburg
aus dem Wagen stieg und sich dabei bckte, erhob schon der Bischof
Drseke seine Hnde und seine Stimme, um ihm den Segen zu erteilen. Zum
groen Verdruss des Bischofs schob ihn der sonst so fromme Knig
beiseite und sagte rgerlich in seiner kurzen Weise: "Dumm Zeug! - so
was nicht leiden!"

Das Hauptstreben der Bischfe war darauf gerichtet, die Einmischung der
"weltlichen" Macht in die Kirchenangelegenheiten zu beseitigen, ja, wo
mglich die Kaiser sich unterzuordnen. Der Bischof von Mailand,
Ambrosius, machte damit gleich auf sehr freche Weise den Anfang. Er nahm
es sich heraus, den Kaiser Theodosius zu exkommunizieren, das heit, von
der Kirchengemeinschaft auszuschlieen.

Manche Kaiser, denen die Pfaffen mit der Hlle zusetzten, waren schwach
genug, zu den pfffischen Anmaungen zu schweigen und wenn nun das Volk
sah, wie ihre gefrchteten Oberherren sich so demtig gegen die Bischfe
betrugen, musste es natrlich auf den Gedanken kommen, dass diese
bermenschliche Wesen seien. In einigen Orten wurden denn auch die
Bischfe von den Christen mit dem evangelischen Hosianna empfangen.

So stieg der Hochmut der Pfaffen von Jahr zu Jahr. Schon 341 n. Chr.,
auf der Synode von Antiochien, wurde es den Geistlichen verboten, sich
in kirchlichen Angelegenheiten ohne Erlaubnis der Bischfe an den Kaiser
zu wenden. Die niedere Geistlichkeit wurde berhaupt immer mehr
unterdrckt, und die Landbischfe, welche ber ihre Gemeinden ganz
dasselbe Recht gehabt hatten wie die Stadtbischfe, wurden 360 durch
Beschluss der Synode von Laodica ganz abgeschafft.

Das gewhnliche Sprichwort sagt: "Eine Krhe hackt der andern nicht die
Augen aus"; aber die Pfaffen machten es zunichte, denn sie hackten sich
nicht nur die Augen aus, sondern die Kpfe ab, wenn sie konnten und es
ihnen passte. Wegen der lcherlichsten theologischen Streitigkeiten
lagen sie sich fortwhrend in den Haaren und erfllten deshalb die Welt
mit Unruhe und Mord.

Einen bedeutenden Anteil an den theologischen Streitigkeiten hatten die
zahllosen Mnche, welche ihre Ansichten nicht allein mit geistlichen
Waffen, sondern weit wirksamer mit hchst irdischen Knppeln verfochten.
Sie bildeten frmliche Freikorps, welche von den fanatischen Bischfen
benutzt wurden und oft die grulichsten Exzesse begingen. Ein rmischer
Feldherr, Vitalianus, musste 314 in Konstantinopel einrcken, um die
Stadt vor den wtenden Mnchen zu schtzen.

Die zweite Kirchenversammlung zu Ephesus 449 n. Chr. erhielt den Namen
Mrderversammlung, weil hier die tollen Mnche mit dem Schwert in der
Hand die Annahme der Glaubensstze erzwangen, welche sie fr gut
hielten.

Einer der grten Fanatiker war der Bischof Cyrillus von Alexandrien.
Sein Hass traf die in dieser Stadt seit siebenhundert Jahren wohnenden
Juden. Er hetzte die Mnche und den Pbel gegen sie auf, lie ihre
Synagogen niederreien und jeden Juden niederhauen, der in ihre Hnde
fiel. So verlor Alexandrien vierzigtausend seiner fleisigsten Brger!

Der rmische Prfekt Orestes wollte der Verfolgung Einhalt tun, allein
er verlor darber beinahe sein Leben, indem er von einem wtenden Mnch
mit einem Stein am Kopfe schwer verwundet wurde. Die rmische Regierung
schwieg, da sie die Schuldigen nicht zu strafen wagte. So hoch war die
Macht der Pfaffen bereits gestiegen.

Die schndlichste Grausamkeit verbten diese christlichen Mnche aber
gegen die Geliebte dieses Prfekten, die Tochter des Mathematikers
Theon, die liebenswrdige Philosophin Hypatia. Zur Fastenzeit rissen die
Mnche dies herrliche Weib aus ihrem Wagen, zogen sie nackend aus und
schleppten sie wie ein Opferlamm in die Kirche. Hier ermordete man sie
auf die grausamste Weise: Kannibalische Pfaffen kratzten ihr mit
Muscheln das Fleisch von den Knochen und warfen die noch zuckenden
Glieder ins Feuer.

Stolz, Herrschsucht und Geldgier hatten in den Herzen der christlichen
Priester die Stelle der christlichen Liebe eingenommen und die
demokratische christliche Gleichheit war schon lngst als unchristlich
gebrandmarkt worden. Jeder Bischof trachtete nur danach, sich ber die
andern Bischfe emporzuschwingen, und so entstanden unter ihnen allerlei
Rangabstufungen.

Die Bischfe in den Hauptstdten und Provinzen der Lnder erlangten bald
eine Art von Oberhoheit ber die der anderen Stdte und nannten sich
Metropoliten. Auch unter diesen maten sich einige wieder einen hheren
Rang an und wussten die Bischfe mehrerer Lnder unter ihre Oberhoheit
zu bringen. Sie nannten sich zuerst Exarchen, dann aber Patriarchen.

Zur Zeit des Kaisers Theodosius II. gab es fnf solcher Patriarchen, zu
Konstantinopel, Antiochien, Jerusalem, Alexandrien und Rom. Sie waren
voneinander vollkommen unabhngig und in ihrem Rang wie in ihren
Vorrechten vollkommen gleich.

Rom war die Hauptstadt der damaligen Welt; von hier gingen alle Befehle
aus, durch welche sie regiert wurde. Die Pfarrer der rmischen Gemeinde,
welche sahen, wie trefflich es sich von Rom aus regieren lie, wurden
lstern danach, die kirchliche Welt in hnlicher Weise zu regieren wie
die Kaiser die politische.

Die brigen Gemeindevorsteher, die Bischfe, fanden das natrlich und
mit Recht sehr anmaend und emprten sich ber die Lgen, durch welche
ihre Kollegen in Rom ihre Prtensionen zu Rechten zu erheben trachteten.
Wenn wir diese Lgen untersuchen, so wissen wir in der Tat nicht, ob wir
mehr ber die Dummheit und Unverschmtheit dieser Lgen, oder ber die
Dummheit der Menschen erstaunen sollen, die sich auf solche
handgreifliche Weise bertlpeln lieen.

Die Bischfe zu Rom sagten: "Jesus machte Petrus zum Obersten der
Apostel; diese waren ihm untergeordnet. Petrus war 24 Jahre, 5 Monate
und 10 Tage Bischof in Rom; wir sind seine Nachfolger, folglich - stehen
alle Bischfe und Frsten der Christenheit unter unserer Oberhoheit!"

Selbst wenn Jesus so unchristlich gehandelt und Petrus einen Vorrang vor
den anderen Jngern gegeben htte, selbst wenn Petrus Bischof in Rom
gewesen wre, so ist es doch noch immer eine seltsame Behauptung, dass
deshalb seine Nachfolger Statthalter Gottes auf Erden seien! Doch diese
Behauptung und Anmaung wird erst dadurch zur frechsten Unverschmtheit,
dass es Jesus nie einfiel, Petrus einen Vorrang zu geben, und endlich
Petrus niemals in Rom und daher nicht Bischof dort war!

Das erste bedarf kaum eines Beweises. Jesus spricht es oft genug gegen
seine Jnger aus, dass keiner vor dem andern einen Vorrang habe, und es
ist Petrus auch niemals eingefallen, sich einen solchen anzumaen, wie
aus seinen Briefen klar hervorgeht. In einem derselben sagt er: "Die
ltesten, so unter Euch sind, ermahne ich als Mitltester" usw. (1.
Petr. 5,1). Auch Paulus sagt kein Wort von dem Avancement des Petrus und
hlt sich selbst den andern Aposteln gleich (2. Kor. 11-12,5).

Auerdem verdiente es auch nchst Judas Petrus von den Jngern wohl am
wenigsten, gleichsam als Oberhaupt an ihrer Spitze zu stehen. Er zeigte
sich schwcher als jeder andere, indem er Jesus drei Mal verleugnete und
nicht einmal eine Stunde fr Jesus wachen konnte, nachdem er doch vorher
ruhmredig versichert hatte, dass er sein Leben fr ihn lassen wolle.

Petrus war ein unberlegter Hitzkopf, der mancherlei bereilungen
beging, wozu der gegen Malchus gefhrte Streich - den ich ihm brigens
keineswegs belnehme - und die Ermordung des Ananias und seines Weibes
gehren. Nebenbei war er ein Duckmuser, den Paulus wegen seiner
Heuchelei schilt (Gal. 2,11-13), ja, der sogar einmal den sanften Jesus
so in Eifer brachte, dass er ihn einen Satan nannte (Matth. 16,23).

Dass Petrus die christliche Gemeinde in Rom gegrndet habe, ja, dass er
hier nahe an 25 Jahre Bischof gewesen sei, ist eine noch frechere Lge,
die sich gewissermaen mathematisch aus der Bibel nachweisen lsst,
weshalb es die Ppste auch nicht dulden wollen, dass dieselbe von den
Katholiken gelesen wird.

Die Apostelgeschichte geht bis in das Jahr 61 nach Christi Geburt. Nach
der Erzhlung der ppstlichen Geschichtsschreiber ist Petrus schon ber
20 Jahre frher nach Rom gekommen; aber die Apostelgeschichte, die doch
am Anfang so viel und so weitlufig von Petrus spricht - sagt von dieser
so wichtigen Reise kein Wort!

Ganz sicher ist bewiesen, dass Paulus in Rom war und hier unter dem
Kaiser Nero zwischen den Jahren 66-68 den Mrtyrertod erlitt, zugleich
mit Petrus lgen die ppstlichen Geschichtsschreiber hinzu. Paulus war
zwei Jahre in Rom und schrieb von dort Briefe an verschiedene
christliche Gemeinden, in denen er mehrere seiner Freunde und Anhnger
nennt; aber von Petrus schreibt er kein Wort!

Wre dieser Bischof in Rom gewesen, so htte es Paulus gar nicht umgehen
knnen, von ihm zu reden, sei es auch nur, um sich ber ihn zu
beschweren, dass er ihn nicht in seinem Werk untersttzte, denn er sagt
ausdrcklich, dass diejenigen, die er nennt, "sind allein meine Gehilfen
am Reiche Gottes, die mir ein Trost geworden sind" (Kolosser 4, 7-14).
Also "Paulus schreibt davon nichts", dass Petrus jemals in Rom war.

Doch wenn dieser auch, ganz gegen seinen Beruf als Apostel, 25 Jahre
Pfarrer einer Anzahl armer, verfolgter Christen in Rom gewesen wre,
folgt dann daraus, dass die nachherigen Bischfe von Rom ein Recht
hatten, mit Vlkern, Kaisern und Knigen wie mit Lumpengesindel
umzuspringen? - Mchten sich die Ppste immerhin Nachfolger Petri oder
Pauli nennen, allein auch nicht mehr Ansprche machen als diese!

Wo Petrus gestorben ist, wei man zum Glck fr die Ppste nicht, und so
konnten diese eine schne rhrende Geschichte erfinden, die gar keine
historische Begrndung hat. Nach ihrer Erzhlung wurde Paulus als
rmischer Brger nur enthauptet; allein der Jude Petrus wurde gegeielt
und dann gekreuzigt, - den Kopf nach unten, wie er es - nach der Legende
- aus Demut und zum Unterschied mit Christus verlangte. In dieser Demut
sind die Ppste nicht seine Nachfolger!

Aller Wahrscheinlichkeit nach war die Gemeinde der Christen zu Rom zur
Zeit, als Paulus dort war, noch nicht so gro, dass sie eines eigenen
Aufsehers bedurfte, und von einem Bischof im spteren Sinn kann vollends
nicht die Rede sein. Das Verdienst, die christliche Gemeinde zu Rom
gestiftet zu haben, gebhrt also unbedingt dem Paulus; dem Petrus aber
auf keinen Fall.

Alle Ansprche also, welche die sich Ppste nennenden rmischen Bischfe
darauf grndeten, dass sie Nachfolger Petri wren, - zerfallen demnach
in nichts. - Ursprnglich waren diese Peterlgen von ihnen nur deshalb
erfunden worden, weil sie dadurch bewirken wollten, dass ihre Stimme bei
Kirchenstreitigkeiten als entscheidende gelten sollte. Als sie dies erst
durchgesetzt hatten, griffen sie weiter, denn l'apptit vient mangeant.

Konsequenterweise beginnen die Ppste ihre Reihe mit Petrus. Nach ihm
nennt man eine Menge zum Teil vllig erdichteter Namen, um nur die
Lcken auszufllen; denn die frhere Geschichte der rmischen Bischfe
ist noch dunkler als die der rmischen Knige. Es ist zwecklos, diese
Herren Stadtpfarrer, denn anderes waren sie nicht, namentlich
aufzufhren; ich will mich damit begngen, nur diejenigen nher zu
beleuchten, welche die greren Schritte taten, dem Gipfelpunkt
nherzukommen, nach welchem alle strebten.

Die Reihen der rmischen Kaiser, die der asiatischen Despoten, kurz,
keine Frstenreihe der Welt - ja, nicht einmal die chamber of horrors
der Madame Toussaut in London bietet solche moralische Ungeheuer dar als
die Reihe der Ppste, die sich die Statthalter Gottes nennen. - Aber sie
mochten es noch so arg treiben, den verdummten Menschen gingen die
blden Augen nicht auf. Frsten und Vlker lieen sich von diesen
ekelhaften Bsewichten das Fell ber die Ohren ziehen und kssten dafr
den Tyrannen noch demtig den Pantoffel.

Fuhr einmal ein vernnftiger Frst dem hochmtigen Priester zu Rom ber
die Glatze, dann schrie das dumme Volk Zetermordio, und war einmal das
Volk vernnftig genug, den rmischen Anmaungen entgegenzutreten - dann
kam gewiss ein dummer Frst mit geweihtem Schwert und Hut und wetterte
hernieder auf die verfluchten Ketzer.

So kam es denn, dass die Ppste bis auf den heutigen Tag ein Recht
ausben, das ihnen niemand gegeben. Durch eine unerhrte Dreistigkeit,
durch die klgste Benutzung der Dummheit der Menschen haben sie sich
Schritt vor Schritt in den Besitz desselben gesetzt; denn die Christen
der ersten Jahrhunderte waren weit entfernt, ihnen dasselbe einzurumen.
Ein Unrecht kann aber nie ein Recht werden, mag es auch Jahrtausende
faktisch bestanden haben und selbst von dem Gesetz anerkannt sein;
diejenigen, welche darunter leiden, haben vollkommen recht, sich von dem
aufgezwungenen Joch loszumachen, sobald sie knnen. Dies kann aber ein
jeder, sobald er aufgehrt zu glauben; tut er das, so ist er schon frei
ohne weitere Anstrengung.

Wie schon oben gesagt, hatte vor Ende des ersten Jahrhunderts die
rmische Gemeinde wahrscheinlich weder einen besonderen Bischof noch
eine besondere Kirche. Die armen Christen mussten sich herumdrcken, wie
sie konnten, und ihre ltesten waren gewiss Mnner von unbescholtenen
Sitten, denen es mit der Lehre Christi ernst war. Das Mrtyrertum war
ihnen unter den Verfolgungen so ziemlich gewiss, und daraus geht schon
ganz sicher hervor, dass sie andere Leute waren als ihre Nachfolger, die
keineswegs nach der Mrtyrerkrone verlangten.

Der erste rmische Bischof, von dem wir wissen, dass er schon mehr
gelten wollte als seine Kollegen, hie Viktor (192 bis 201). Er
verlangte sehr ungestm, dass alle brigen Christen das Osterlamm zu der
Zeit essen sollten, wenn es in Rom geschah, nmlich am Auferstehungstage
Jesu, und nicht, wie es die anderen Christen beibehalten hatten, am
jdischen Passahfest, zu welcher Zeit es auch Christus a.

Die anderen Bischfe meinten, es rapple dem Herrn Kollegen in Rom unter
der Mtze, und von seiner Berufung auf Petrus, der diesen Gebrauch in
Rom eingefhrt haben sollte, nahmen sie nur so viel Notiz, dass ihm der
Bischof Polykrates von Ephesus antwortete: "dass nicht Petrus, sondern
Johannes an der Brust Jesu gelegen wre". Von einer Oberhoheit des
Petrus ber die anderen Apostel schien man damals, so nahe der Quelle,
noch nichts zu wissen, aber tausend Jahre spter hatte sich die
beharrliche Lge allgemeinen Glauben verschafft.

Als die Christen in Rom einst zur Bischofswahl versammelt waren, setzte
sich zufllig eine Taube auf den Kopf eines Mannes namens Fabianus, und
mit echt heidnischem, altrmischem Wunderglauben riefen die Christen:
"Der soll Bischof sein!" Seitdem nahm man an, dass der Heilige Geist bei
jeder Bischofswahl gegenwrtig sei und sie leite. Das war bequem, denn
nun konnte jede dumme Wahl ihm zur Last gelegt werden.

Stephanus, welcher 253 Bischof wurde, war der erste, welcher behauptete:
"er sei mehr als die andern Bischfe, denn er sei der Nachfolger des
heiligen Apostels Petrus". Ja, dieses Papstwickelkind ging schon so
weit, dass es den asiatischen Bischfen die Kirchengemeinschaft
aufkndigte, weil sie seinen Vorschriften nicht gehorchen wollten.

Diese waren hchlich erstaunt ber die Frechheit ihres Herrn Bruders in
Christo, und der Bischof Firmilian von Kappadokien uerte sich in einem
den Bischfen zugeschickten Zirkular wie folgt: "Mit Recht muss ich mich
in diesem Punkt ber eine so offenbare als unverkennbare Torheit des
Stephanus rgern, welcher sich seines Bischofssitzes rhmt und sich fr
einen Nachfolger des Apostels Petrus ausgibt."

Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion
machte, da wurde dieser Umstand sogleich von den rmischen Bischfen zur
Erhhung ihrer Macht benutzt. Durch niedrige Schmeichelei und Kriecherei
gelang es ihnen, denen stets das Ohr des Kaisers zu Gebote stand, diesen
zu bewegen, dass ihnen immer mehr Vorrechte eingerumt wurden. Dabei
waren sie nicht blde; sie nahmen, wo sie etwas bekommen konnten, wie
schon im ersten Kapitel erzhlt ist. So wurden sie reich und mit dem
Reichtum von Jahr zu Jahr hochmtiger.

Die Stelle des rmischen Bischofs wurde nun eine sehr begehrte und
beneidete. Der heidnische Statthalter zu Rom, Prtextatus, sagte: "Macht
mich zum Bischof von Rom, dann will ich sogleich Christ werden." Die
Bewerber um diese Stelle lieferten sich die blutigsten Gefechte, in
denen Hunderte von Menschen ihr Leben einbten.

Mit der Frmmigkeit und Heiligkeit der rmischen Bischfe war es lngst
vorbei und wir sehen auf dem Bischofsstuhl schon Mrder und Ehebrecher.
Doch bei solchen Kleinigkeiten drfen wir uns nicht aufhalten und ebenso
wenig bei den ehrgeizigen Kmpfen zwischen den Bischfen von Rom und
denen der anderen Stdte.

Obwohl es interessant ist, zu beobachten, wie durch konsequente
Anwendung der Lge, Unverschmtheit, List und Gewalt die Macht der
rmischen Bischfe immer weiter um sich griff, so wrde mich doch eine
solche Auseinandersetzung hier zu weit fhren, und ich will mich damit
begngen, die Stellung der rmischen Bischfe in den verschiedenen
Jahrhunderten, sowohl ihren Mitbischfen als der weltlichen Macht
gegenber, zu charakterisieren und nur einzelne dieser Ehrenmnner als
Beispiel anfhren.

Schon im vierten Jahrhundert hatten die rmischen Bischfe es verlangt,
dass ihnen der erste Rang unter den Patriarchen, also auch unter allen
Bischfen, zuerkannt wrde. Dies geschah jedoch nicht, weil sie sich fr
Nachfolger Petri ausgaben, sondern weil sie ihren Sitz in der damaligen
Hauptstadt der Welt hatten. Aber man dachte noch nicht daran, ihnen eine
hhere Wrde als den andern Patriarchen einzurumen.

Mehr erlangten sie auch nicht im fnften, sechsten und siebten
Jahrhundert, wenn sie selbst auch schon anfingen, sich eine hhere
Stellung anzumaen und zu behaupten, dass sie vermge der ihnen von
Petrus anvertrauten Gewalt mit der Vorsorge fr die allgemeine Kirche
beauftragt wren.

Diese Anmaungen wurden indessen noch von niemand anerkannt. In diesen
Jahrhunderten hielt man noch die allgemeinen Kirchenversammlungen fr
die einzige rechtmige kirchliche Behrde, welche fr die Erhaltung der
Einheit der Kirche Sorge tragen musste. ber die Beobachtung der
allgemeinen Kirchengesetze hatte jeder Bischof in seiner Dizese und
vorzglich jeder Patriarch in seinem Bezirk zu sorgen.

Die von den Aposteln gestifteten Gemeinden waren allerdings und
begreiflicherweise die Richtschnur fr die brigen, und da Rom im
Abendland die einzige der Art war (da sie von Paulus gestiftet wurde),
so war es denn ganz natrlich, dass sich die abendlndischen Bischfe
hin und wieder in streitigen Fllen kollegialisch an die Bischfe von
Rom wandten und um Rat baten.

In solchen Fllen waren diese stets darauf bedacht, ihren Rat in die
Form eines Befehls zu kleiden und wohl gar hinzuzufgen: "So beliebt es
dem Apostolischen Stuhl." Wenn nun auch einzelne Bischfe zu solchen
Anmaungen schwiegen, worauf die rmischen sogleich ein Recht grndeten,
so protestierte man doch von allen Seiten dagegen, und an ein Primat des
rmischen Stuhls dachte vollends noch niemand, als hchstens die
rmischen Bischfe selbst. - Kaiser Justinian erklrte sogar durch ein
eigenes Gesetz, die Kirche zu Konstantinopel sei das Haupt aller
christlichen Kirchen, und andere legten dem dortigen Patriarchen, zum
grten rger des rmischen, den Titel und Charakter eines allgemeinen
Bischofs bei.

Selbst im Abendland, wo doch der rmische Bischof noch im hchsten
Ansehen stand, rumte man ihnen zu dieser Zeit nicht einmal einen
besonderen Titel ein. Alle Bischfe nannten sich Papst (von papa,
Vater), auch Oberpriester, auch sogar Stellvertreter Christi, und gaben
sich untereinander diese Titel, also auch dem Bischof von Rom, der bald
Papst der Stadt Rom, bald schlechtweg Papst genannt wurde.

Sogar der Titel Patriarch wurde im Abendland nicht einmal allein dem
Bischof von Rom gegeben; es nannten sich die meisten Metropoliten so,
und noch im Jahre 883 wurde der Bischof von Lyon, der auf der zweiten
Synode zu Macon den Vorsitz fhrte, Patriarch genannt. Hierin liegt der
Beweis, dass man selbst im Abendland gar nicht daran dachte, dem Bischof
von Rom einen hheren Rang einzurumen.

ber das Verhltnis der rmischen Bischfe gegenber den Kaisern habe
ich bereits im ersten Kapitel gesprochen. Es blieb dasselbe im fnften,
sechsten und siebten Jahrhundert. Zeigten sich einzelne Kaiser
nachgiebiger gegen die Bischfe, so lag das in ihrer Persnlichkeit. Der
rmische Bischof stand wie jeder andere Staatsbeamte unter dem Kaiser,
und dieser und sein Statthalter waren seine Richter. Die Reichssynoden
wurden von den Kaisern berufen, und diese prsidierten hier durch einen
Kommissarius, und wenn auf der Synode zu Chalcedon der Legat des
rmischen Bischofs Leo den Vorsitz fhrte, so geschah es, weil dieser es
sich vom Kaiser als eine besondere Gnade erbeten hatte. Die Beschlsse
dieser Synoden wurden nicht vom Bischof in Rom, sondern von den Kaisern
besttigt, und selbst wenn eine solche Kirchenversammlung gegen den
Willen des rmischen Bischofs gehalten wurde, so verlor sie dadurch
nichts von ihrer allgemeinen Gltigkeit.

Bei streitigen Bischofswahlen entschied immer der Kaiser, und kein
Bischof durfte seine Wrde antreten ohne die kaiserliche Besttigung.
Machte auch der Hochmut hin und wieder einen der Bischfe verrckt, so
wagten sie es doch nicht, sich ber den Kaiser zu erheben.

Selbst Gregor I. (590-604), in dem schon der Geist der spteren Ppste
spukte, war demtig wie ein Hund vor den Kaisern. In seinen Briefen an
den Kaiser Mauritius gebrauchte er die kriechendsten Ausdrcke und
schreibt zum Beispiel: "Wer bin ich, der ich zu meinem Herrn rede, als
Staub und Wurm."  Er nennt den Kaiser seinen "frommen Herrn, dem die
Gewalt ber alle Menschen vom Himmel herab erteilt worden sei", und sich
selbst nennt er seinen unwrdigen Diener. - Dies war er in der Tat, denn
er war durch und durch ein lasterhafter, heuchlerischer Schurke. Sein
Benehmen gegen den Tyrannen Phokas beweist das schon zur Genge.

Der Kaiser Mauritius, einer der edelsten Menschen, die jemals auf einem
Thron saen, wurde durch diesen Phokas, einen seiner Hauptleute,
entthront. Selbst Nero ist gegen dieses blutdurstige Ungeheuer ein guter
liebreicher Mensch, Phokas lie fnf Kinder des Mauritius vor dessen
Augen grausam hinrichten und dann ihn selbst. Er rottete die ganze
kaiserliche Familie aus und mordete auf die scheulichste Weise bis an
das Ende seines Lebens.

Gregor hatte von Mauritius nur Gutes erfahren; er nannte ihn selbst
seinen Wohltter, und dennoch verleumdete er aus Kriecherei gegen Phokas
den edlen Kaiser. An den blutdurstigen Tyrannen schrieb er: "Bisher sind
wir hart geprft gewesen; der allmchtige Gott aber hat Eure Majestt
erwhlt und auf den kaiserlichen Thron gesetzt, um durch Eure Majestt
barmherzige Gesinnung und Einrichtung aller unserer Not und Traurigkeit
ein Ende zu machen. Der Himmel freue sich daher, und die Erde sei
frhlich, und das ganze Volk msse wegen einer so glcklichen
Vernderung Dank sagen."

Und so warf sich Gregor weg, um Phokas und sein gleich nichtswrdiges
Weib auf seine Seite zu ziehen, damit er ihm vor dem Bischof von
Konstantinopel bevorzuge, welcher zum grten Missvergngen Gregors den
Titel "allgemeiner Bischof" angenommen hatte. Doch ich muss die
uerungen der Verachtung gegen diesen elenden Pfaffen unterdrcken,
denn wo soll ich sonst Worte finden, die noch nichtswrdigeren
Handlungen seiner noch verruchteren Nachfolger zu bezeichnen?

Dieser Gregor I. steht in der rmischen Kirche in ganz besonders hoher
Achtung, denn ihm verdankt sie die Einfhrung einer Menge sinnloser oder
vielmehr dummer Zeremonien, die noch bis zum heutigen Tag Geltung haben.
Er war es, welcher aus der rmischen Kirche die letzten Spuren wahren
Christentums, wie es Jesus und allenfalls seine Apostel verstanden,
austilgte. Er ist der Erfinder des Fegefeuers, dieser ppstlichen
Prellanstalt, die besser rentierte als irgendein Schwindelgeschft,
welches je ein beschnittener oder unbeschnittener Jude machte. Gregor
ist auch der eifrigste Frderer des Mnchswesens. Er hinterlie einen
Wust selbst verfasster Schriften, die von dem wundervollsten Unsinn
strotzen. In ihnen sind auch Regeln fr Geistliche enthalten, aus denen
ich eine Probe anfhre, damit die der rmischen Kirche angehrigen Leser
untersuchen knnen, ob ihr Bischof derselben entspricht. Es handelt sich
nmlich darum, wie die Nase eines Bischofs beschaffen sein msse. "Ein
Bischof darf keine kleine Nase haben - denn er muss Gutes und Bses zu
unterscheiden wissen wie die Nase Gestank und Wohlgeruch, daher auch das
hohe Lied sagt: 'Deine Nase ist gleich dem Turm auf dem Libanon.' Ein
Bischof darf aber auch keine allzu groe oder gekrmmte Nase haben, um
nicht spitzfindig oder niedergedrckt von Sorgen zu sein; - er darf
nicht triefugig sein, denn er muss helle sehen; noch weniger krtzig
oder beherrscht vom Fleische."

Im siebten Jahrhundert trug sich eine Vernderung zu, welche zwar dem
Christentum einen harten Sto gab, aber fr das Ansehen der rmischen
Bischfe in der Folge hchst vorteilhaft wirkte. Mohammed trat als der
Stifter einer neuen Religion auf.

Mohammed lehrte: "Es ist nur ein einziger Gott, welcher die ganze Welt
beherrscht; er will von den Menschen treu verehrt sein durch Tugend.
Tugend besteht in Ergebung in den gttlichen Willen, andchtigem Gebet,
Wohlttigkeit gegen die Armen und Fremden, Redlichkeit, Keuschheit,
Nchternheit, Reinlichkeit, tapferer Verteidigung der Sache Gottes bis
in den Tod. Wer diese Pflichten erfllt, ist ein Glubiger und empfngt
den Lohn des ewigen Lebens."

Diese Lehre musste in der damaligen Zeit groen Anklang finden, denn sie
war einfach und verstndlich, whrend die der Christen sich von der Jesu
so weit entfernt hatte, dass sie unverstndlicher, unklarer, mystischer
und unvernnftiger geworden war, als die der Heiden jemals gewesen. Dazu
kam noch ein zwar auf sehr sinnliche Vorstellungen gegrndeter, aber
deshalb sehr praktisch und verlockend erfundener Himmel, whrend ein
Mensch mit gesunden Sinnen dem von den Mnchen geschilderten
Christenhimmel weder eine fassbare Vorstellung noch den allergeringsten
Geschmack abgewinnen kann.

Der praktische Wert des Islam im Vergleich mit der zu jener Zeit als
Christentum geltenden Religion war besonders bei den Vlkern des Orients
berwiegend, und die Lehre Mohammeds verbreitete sich mit groer
Schnelligkeit ber ganz Asien und Nordafrika und vernichtete die
christliche Kirche in diesen Lndern. Dadurch verschwanden die
Patriarchen von Antiochien, Jerusalem und Alexandrien und mit ihnen die
gefhrlichsten Gegner der rmischen Anmaungen. Mohammed und die Kalifen
arbeiteten fr die rmischen Ppste.

Diese waren aber bis zum Ende des siebenden Jahrhunderts noch gar weit
von ihrem Ziel entfernt. Die Kaiser kssten ihnen noch nicht den
Pantoffel, wie sie es spter taten, sondern gingen mit ihnen ebenso um,
wie die preuische Regierung es mit den evangelischen Bischfen tut, das
heit, sie betrachteten sie einfach als Staatsbeamte.

Der Bischof Liberius, welcher sich in Glaubenssachen nicht fgen wollte,
wurde vom Kaiser Konstantin abgesetzt und verwiesen. Der stolze Bischof
Leo "der Groe" (452) musste sich vom Kaiser Valentinian als Gesandter
an den Hunnenknig schicken lassen, und der Bischof Agapet wurde in
derselben Eigenschaft von dem Ostgotenknig Theodat an Kaiser Justinian
abgesendet.

Wie demtig Gregor war, haben wir gesehen, und das war wenigstens klug
von ihm, denn die Kaiser lieen nicht immer mit sich scherzen, wie es
Konstans dem Bischof Martin (649 bis 655) bewies.

Martin wagte es, den Befehlen des Kaisers entgegenzuhandeln, ja, er lie
sich in hochverrterische Plne ein. Dies bewog den Kaiser, den
rmischen Bischof durch seinen Statthalter in Rom gefangen nehmen und
nach der Insel Naxos bringen zu lassen, die durch Ariadne bekannter
geworden ist als durch Martin, der hier ein ganzes Jahr lang im
Gefngnis sa.

Von hier brachte man den Heiligen Vater nach Konstantinopel, sperrte ihn
39 Tage lang ein und stellte ihn dann vor ein Gericht, welchem der
Groschatzmeister prsidierte. Der rmische Papst hatte das ppstliche
bel, das Podagra, in den Beinen - seine Nachfolger hatten es hufig im
Kopf - und erschien sitzend in einem Sessel. Der Richter befahl ihm
jedoch, das Verhr stehend abzuwarten, und da er dies nicht konnte, so
wurde er von zwei Mnnern aufrecht gehalten.

Die Schuld war offenbar, und so ward ihm denn bald das Urteil
gesprochen: "Du hast gegen den Kaiser verrterisch gehandelt", sagte der
Groschatzmeister, "du hast Gott verlassen, und Gott hat dich wieder
verlassen und in unsere Hnde gegeben." Darauf bergab er den Bischof
von Rom dem Gouverneur von Konstantinopel mit der Weisung, ihn ohne
Bedenken in Stcke zerhauen zu lassen, wenn er wolle.

Dem hochverrterischen rmischen Papst wurde nun ein Halseisen umgelegt,
und an Ketten wurde.er durch die Stadt geschleppt. Vor ihm her ging der
Scharfrichter mit entbltem Schwert, zum Zeichen, dass der Verbrecher
zum Tode verurteilt war. Darauf wurde Martin ins Gefngnis gebracht, mit
Ketten auf eine Bank geschlossen und unter freien Himmel gestellt, wie
es mit allen Verbrechern den Tag vor ihrer Hinrichtung geschah.

ber den armen deutschen Knig Heinrich erbarmte sich niemand, als er
halbnackt im Schlosshof von Canossa im Schnee stand, aber Martin fand
mitleidige Seelen. Die Gefngniswrter legten ihn ins Bett, und der
Kmmerling des Kaisers lie ihm zu essen bringen. Ja, der sterbende
Patriarch Paulus von Konstantinopel, ein frommer Mann, den Martin
feierlich als Ketzer verflucht hatte, bat auf seinem Sterbebett den
Kaiser um seines Feindes Leben. Es wurde ihm bewilligt. Martin wurde aus
dem Land verwiesen. Wo bat jemals ein rmischer Papst um das Leben
seines Feindes? Ich konnte in der Geschichte keinen Fall auffinden und
wrde jedem dankbar sein, der mir einen solchen nachweisen knnte. -

Der Nachfolger des abgesetzten Martins zeichnete sich durch nichts aus
als dadurch, - dass er diesen verhungern lie.

Im achten Jahrhundert taten die Ppste einen mchtigen Sprung vorwrts,
wozu sie im Anfang desselben nicht die allergeringste Hoffnung hatten.
Als die Langobarden Herren Italiens waren, beschrnkte sich die Macht
der rmischen Bischfe nur auf die Dizese, denn die barbarischen Knige
derselben erkannten sie nicht einmal als die Patriarchen von Italien an,
und die andern Bischfe dieses Landes behaupteten ihre Unabhngigkeit.

Das nderte sich aber bald, als das langobardische Reich unter die
Herrschaft der Franken kam. Durch sie wurden die Bischfe von Rom die
grten Landbesitzer in Italien, und dies, wie die Untersttzung der
Frankenknige, half ihnen zu dem Primat in Italien.

Sie verloren zwar in dieser Periode allen Einfluss auf Spanien, dafr
traten sie aber wieder in nhere Berhrung mit Gallien und legten den
Grund zu ihrer Herrschaft in Deutschland. In England hatten sie schon zu
Ende des sechsten Jahrhunderts festen Fu gefasst, indem die dortigen
christlichen Kirchen auf ihre Veranlassung gestiftet wurden.

Von 715 bis 735 sa Gregor II. auf dem bischflichen Stuhl zu Rom. Unter
ihm brach der groe Bilderstreit aus, von dem ich schon frher
gesprochen habe und der das ohnedies schon durch Thronstreitigkeiten
zerrttete ostrmische Reich noch mehr schwchte.

Eigentlich hatte man sich schon seit den ersten Jahrhunderten des
Christentums wegen der Verehrung der Bilder gezankt, und die
angesehensten und frmmsten Kirchenlehrer hatten den Bilderdienst als
abscheulichsten Gtzendienst verdammt. Um von den vielen Beispielen nur
eins anzufhren, setze ich den Ausspruch Tertullians her: "Ein jedes
Bild ist nach dem Gesetz Gottes ein Gtze, und ein jeder Dienst, der
demselben erwiesen wird, eine Abgtterei."

So wie dieser verdammen Eusebius von Csarea, Clemens von Alexandrien,
Origenes, Chrysostomus und viele andere der geachtetsten Kirchenvter
die Verehrung der Bilder als eine der christlichen Lehre durchaus
hohnsprechende Abgtterei. Aber die rmischen Bischfe und die Mnche,
welche ihren Vorteil kannten, den ihre Kasse aus diesem Gtzendienst
ziehen musste, verteidigten die Bilder mit Leib und Leben.

Gregor II. war ein groer Bildernarr, und als der ostrmische Kaiser
Leo, der Isaurier, die Bilder mit Gewalt aus den Kirchen Italiens
entfernen lassen wollte, da kam es zu den blutigsten Streitigkeiten,
welche der Langobardenknig Liutprand dazu benutzte, seine Herrschaft in
diesem Land immer weiter auszudehnen.

Gregor hetzte alles gegeneinander und wiegelte das Volk gegen den Kaiser
auf. An diesen schrieb er einen unverschmten Brief, in welchem er ihn
einen "Ignoranten, einen Tlpel, einen dummen und verrckten Menschen,
einen gottlosen Ketzer" nannte. Der rechtschaffene Kaiser, anstatt
diesen hochmtigen Pfaffen nach dem Gesetz strafen zu lassen, antwortete
ihm mit groer Migung, aber nun stieg erst recht die Frechheit
Gregors, und in einem seiner Briefe schrieb er an seinen Kaiser und
Herrn: "Jesus Christus schicke dir den Teufel in den Leib, damit dein
Geist zum Heil gelange."

Leo griff nun den rebellischen Bischof am richtigen Fleck an; er entzog
ihm sein ganzes Patrimonium in Sizilien und Kalabrien und unterwarf es
dem Patriarchen von Konstantinopel. Dadurch verlor Gregor alljhrlich
224.000 Livres Einknfte. Dafr verehrt denn aber auch die rmische
Kirche diesen Gregor II. als einen Heiligen.

Sein Nachfolger Gregor III. fuhr ganz in demselben Geist fort und
wiegelte das Volk zu offener Emprung gegen den Kaiser auf. Als er aber
auch den Langobardenknig beleidigte, rckte dieser vor Rom. Der
gengstigte Bischof, den nun alle heiligen Knochen nicht schtzen
konnten und der fr seine eigenen frchtete, bat Karl Martell, den
frnkischen Majordomus, um Hilfe und wand sich vor ihm wie ein Wurm.
Endlich lie sich der Franke bewegen, ihn zu schtzen, als er versprach,
sich vom Kaiser loszusagen und Rom ihm zu unterwerfen.

Nach Gregors und Martells Tod wurde der folgende Bischof von Rom,
Zacharias, wieder arg von den Langobarden bedrngt und sah nirgends
Trost und Hilfe als bei den Franken. Hier fhrte der Sohn Karl Martells,
Pipin, das Schwert des Reiches und hatte groe Lust, den schwachen Knig
Childerich III. zu entthronen. Zacharias wusste es nun so zu lenken,
dass die frnkischen Stnde an ihn die Frage richteten: "Ob nicht ein
feiger und untchtiger Knig des Thrones beraubt und ein wrdigerer an
seine Stelle gesetzt werden drfe?" Der rmische Bischof antwortete:
"Ja" und machte sich dadurch den nun zum Frankenknig erwhlten Pipin
zum Freunde.

Zacharias erlebte aber die Frchte seiner Politik nicht. Von ihm
verdient noch bemerkt zu werden, dass er einen Bischof, namens
Virgilius, in den Bann tat und als Ketzer verdammte, weil derselbe
behauptet hatte, "dass die Erde eine Kugel sei und dass auf der andern
Seite derselben Menschen wohnten, die uns die Fusohlen zukehrten".

Bischof Stephanus II. (752-757) erntete, was seine Vorgnger sten.
Bedrngt von den Langobarden, begab er sich in Person zu Pipin. Dieser
schickte ihm seinen Sohn Karl dreiig Meilen weit entgegen und ritt
selbst eine Meile, ihn zu begren. Er litt nicht, dass der Bischof vom
Pferde stieg, sondern begleitete ihn selbst zu Fu, gleich einem
Stallknecht. So erzhlen die ppstlichen Geschichtsschreiber.

Pipin lie sich in Paris von Stephan salben, und dieser entband ihn
feierlich des Eides, den er seinem Knige geleistet, und tat die
Franken, wenn sie Pipin und seine Nachfolger nicht als Knige anerkennen
wrden, in den Bann. Das tapfere Volk war bereits so sehr von
ppstlichem Aberglauben umgarnt, dass die Dreistigkeit des Stephanus sie
nicht emprte, sondern vielmehr die Macht Pipins befestigte. Dieser
zeigte sich dankbar; er schenkte dem rmischen Bischof das Exarchat,
nmlich die heutige Romagna und Ankona, ein Land, welches Pipin gar
nicht zu verschenken hatte, da es ihm nicht gehrte!

Als Stephan nach Rom zurckgekehrt war und die Franken zu lange
zgerten, ihn von den Langobarden zu befreien, schrieb er einen Brief
nach dem andern an Pipin, und als derselbe immer noch nicht kam, griff
er zu einem ebenso dummen wie schamlosen Betrug, der aber trotzdem
gescheit war, da er bei den aberglubischen Franken Erfolg hatte.
Stephan schickte nmlich einen Brief des Apostels Petrus an Pipin,
seinen Sohn und die frnkische Nation, in welchem der Apostel auf die
Langobarden schimpft, dringend um Hilfe bittet, aber dem Frankenknig
mitteilt, "dass, wenn er nicht helfen wolle, er vom Reich Gottes
ausgeschlossen sei".

Es mit dem "Himmelspfrtner" zu verderben war eine ernste Sache, und die
Franken entschlossen sich, in Italien einzurcken. Die Langobarden waren
gezwungen, das Exarchat zu rumen, und Bischof Stephan in den Besitz
eines Landes gesetzt, welches dem ostrmischen Kaiser gehrte, dessen
Untertan Stephanus war!

Whrend die rmischen Bischfe selbst dafr besorgt waren, in Italien
ihr Schfchen ins Trockene zu bringen, arbeitete fr sie in Deutschland
Bonifazius, welcher seiner Beschtzer ganz wrdig war. Ich habe schon
frher von diesem Unglcksapostel gesprochen, dem Deutschland all das
Unheil verdankt, welches die rmische Kirche ber dasselbe gebracht hat.
Dieser Bonifazius kam nach Rom und leistete Gregor II. ber dem
erlogenen Grab der Apostel einen Huldigungseid, durch welchen er sich
dem Papsttum, nicht dem Christentum, mit Leib und Seele unterwarf.

Mit heiligen Knochen aller Art ausgerstet, ging er nun nach Deutschland
und wandte alle von seinem Meister in Rom erlernten Mittel an, die
deutschen Bischfe dem Rmischen Stuhl zu unterwerfen.

Das Christentum hatte in Deutschland lngst Wurzel gefasst; allein
Bonifazius rottete es als Ketzerei aus und gab ihm dafr das moderne
Heidentum, welches man schon damals in Rom christliche Religion nannte.
Er stiftete als Legat des rmischen Bischofs eine Menge Kirchen in
Deutschland, die er alle demselben unterwarf, und seinen Bemhungen
gelang es, zu Stande zu bringen, dass im Jahr 744 smtliche deutsche
Bischfe dem Rmischen Stuhle bestndigen Gehorsam gelobten.

Auch ber die frnkischen Bischfe erlangte der zu Rom eine Art von
Oberhoheit; allein sowohl hier als in Deutschland hatte dieselbe noch
ziemlich enge Grenzen, und man war weit davon entfernt, ihm die
gesetzgebende Gewalt ber die ganze Kirche einzurumen. Aber es war
schon genug, dass man ihm eine gewisse Autoritt einrumte; mit Lug und
Trug kamen, wie wir sehen werden, die Ppste bald weiter.

Wenn auch Pipin sich sehr demtig zeigte, so fiel es doch seinem Sohn,
Karl dem Groen, obwohl er sich in Rom vom Papst zum Kaiser krnen lie;
nicht im allerentferntesten ein, sich diesem unterzuordnen; er
betrachtete ihn als den ersten Reichsbischof, denn er selbst trat in
alle Rechte, welche sonst der rmische Kaiser ausgebt hatte. Aber
dieser sonst so vernnftige Mann, welcher die Geistlichkeit wegen ihrer
Habsucht, Prachtliebe und Sittenlosigkeit sehr derb zurechtwies, beging
den dummen Streich, den Pfaffen ein wichtiges Recht zu gewhren, welches
nur dazu diente, die Macht zu strken, von der Karls Nachfolger
misshandelt wurden; er besttigte das Recht des Zehnten.

Als die christlichen Priester sich ganz nach dem Muster der jdischen
bildeten, verlangten sie auch wie diese den zehnten Teil der Ernte usw.
fr sich. Bisher hatten sie die glubigen Christen zur Zahlung dieser
Abgabe zu berreden gewusst, und wenn auch schon am Ende des siebten
Jahrhunderts eine frnkische Synode den Zehnten fr eine gttliche
Satzung erklrte und jeden mit dem Bann bedrohte, der ihn nicht bezahlen
wollte, so war dies doch eben weiter nichts als ein Beweis pfffischer
Unverschmtheit, die wir deren so viele haben.

Karl der Groe machte den Zehnten erst gesetzlich, und bald dehnten ihn
die Pfaffen auf alles mgliche aus. Sie verlangten nicht nur den Zehnten
von den Feldfrchten, Schafen, Ziegen, Klbern, Hhnern und dem Erwerb,
sondern sie wollten ihn sogar von Dingen erheben, die sich fr
Geistliche sehr schlecht schickten. Als Beweis mag folgender Fall
dienen:

Zu Brescia belehrte ein Pfarrer die Frauen im Beichtstuhl, dass sie ihm
auch den Zehnten von - den ehelichen Umarmungen entrichten mssten. Eine
der Frauen, welche sich von der Rechtmigkeit der geistlichen Ansprche
hatte berzeugen lassen, wurde von ihrem Manne wegen ihrer langen
Abwesenheit zur Rede gestellt; von ihm gedrngt, beichtete sie das
saubere Beichtstuhlgeheimnis. Der beleidigte Ehemann sann auf eine herbe
Zchtigung. Er veranstaltete ein groes Gastmahl, zu welchem auch der
zehntlustige Pfarrer geladen wurde. Als man in der besten Unterhaltung
war, erzhlte der Wirt der Gesellschaft die Nichtswrdigkeit des Pfaffen
und wandte sich dann pltzlich an diesen, indem er ihm sagte: "Da du nun
von meiner Frau den Zehnten von allen Dingen verlangst, so empfange nun
auch den hier!" Dabei berreichte er dem Pfaffen ein Glas voll Urin usw.
und zwang den halbtoten Pfarrer, dasselbe vor den Augen der ganzen
Gesellschaft zu leeren. Seitdem wird ihm wohl der Appetit nach dem
Zehnten etwas vergangen sein.

Karls des Groen unwrdige Nachfolger begingen die Torheit, sich
gleichfalls von den Ppsten krnen zu lassen, und so wurde in dem Volk
bald die Idee erweckt, dass der Papst die Krone zu vergeben habe, da er
den Kaiser erst durch die Krnung zum Kaiser mache. Die Einwilligung,
welche aber die Ppste zu ihrer Wahl vom Kaiser bedurften, wurde stets
in aller Stille und ohne Sang und Klang eingeholt, damit das Volk davon
nichts merke.

Papst Eugenius entwarf selbst den Eid, welchen er "seinen Herren, den
Kaisern Ludwig und Lothar", leistete und den auch seine Nachfolger den
Kaisern schwren mussten. Dieser Eid, den ich nicht ausfhrlich
hersetzen will, steht auch in den Diplomen, die von den Kaisern Otto I.
und Heinrich I. in der Engelsburg in Rom aufgefunden wurden. Es ist also
klar bewiesen, dass die Ppste selbst sich damals durchaus als
Untergebene der Kaiser betrachteten.

Man erstarrt frmlich ber die grenzenlose Unverschmtheit, mit welcher
die Ppste dies abzuleugnen suchen! Wahrhaft gro darin war Nikolaus I.
(858-868). Er behauptete: "dass die Kaiser, wenn sie Synoden fr ntig
hielten, stets nach Rom geschrieben und nicht befohlen, sondern nur
gebeten htten, eine Synode zusammenzurufen und dann gutgeheien oder
verdammt htten, was man in Rom fr ntig fand".

Dieser Nikolaus war sogar dreist genug, zu behaupten, "dass die
Untertanen den Knigen, die den Willen Gottes (d. h. des Papstes) nicht
tten, keinen Gehorsam schuldig wren". Seinen Namen setzte er in allen
Schriften vor den der Knige, ja, er wagte es, Lothar zu
exkommunizieren, und dieser - bat wirklich demtig um Absolution!

Die Erzbischfe Teutgaud von Trier und Gnther von Kln traten khn dem
frechen Nickel entgegen. "Du bist ein Wolf unter Schafen", sagten sie zu
ihm, "du handelst gegen deine Mitbischfe nicht wie ein Vater, sondern
wie ein Jupiter; du nennst dich einen Knecht der Knechte und spielst den
Herrn der Herren, - du bist eine Wespe - aber glaubst du, dass du alles
tun drftest, was dir gefllt? Wir kennen dich nicht und deine Stimme
und frchten nicht deinen Donner, - die Stadt Gottes, von der wir Brger
sind, ist grer als Babylon, das sich rhmt, ewig zu sein, und das sich
brstet, als ob es nie irren knne."

Doch was halfen solche vereinzelte Anstrengungen? Die starke Kreuzspinne
zu Rom spann ihre Lgengewebe ber ganz Europa und bestrickte damit
endlich Knige, Bischfe und Volk! Es ging aber damit den Ppsten noch
immer zu langsam, sie ersannen einen Betrug, der ihnen schneller zum
Ziele helfen sollte und, Dank der Dummheit der Menschen, leider auch
half!

Niemand wollte noch an die Rechtmigkeit all der Rechte glauben, welche
die Ppste nach und nach usurpiert hatten. Dies war ihnen in vielen
Fllen fatal, und sie mussten sehr wnschen, nachweisen zu knnen, dass
schon die ersten rmischen Bischfe solche Machtvollkommenheit gehabt
htten, wie sie dieselben in Anspruch nahmen.

Zu diesem Ende wurden zu Anfang des neunten Jahrhunderts die in der
Geschichte unter dem Namen der pseudoisidorische Dekretalen bekannten
falschen Urkunden von einem ppstlichen Betrger zusammengestellt. Sie
wurden unter dem Namen des hchst geachteten Bischofs Isidor von
Sevilla, der 636 starb, verbreitet und begannen mit sechzig Briefen der
allerersten Bischfe Roms, denen eine Menge bischflicher Dekretalen
(Beschlsse), echte und falsche durcheinander, folgten.

Der Hauptzweck dieser Flschung war es, die ganze Kirchenzucht ber den
Haufen zu werfen, den rmischen Bischof zum unumschrnkten
Kirchenmonarchen zu machen, ihm mit Vernichtung aller Metropolitan- und
Synodalgewalt die Bischfe unmittelbar zu unterwerfen; die Kirche von
aller weltlichen Gerichtsbarkeit unabhngig zu machen und allen Einfluss
des Staates auf kirchliche Angelegenheiten und Verhltnisse zu
zerstren.

In diesem sauberen Spitzbubenwerk ist auch eine Schenkungsurkunde
enthalten, durch welche der Kaiser Konstantin dem Apostel Petrus das
ganze abendlndische Reich und dessen Hauptstadt Rom zusichert!

Das Betrgerische dieser Briefe und Urkunden liegt so klar am Tage, dass
man kaum begreift, wie selbst Bischfe ihnen damals Glauben schenken
konnten. Aber die meisten derselben waren ungelehrte Leute, welche nicht
einmal die Geschichte ihrer Kirche kannten. Fragte ein Gescheiter einmal
nach den Originalen dieser Dekretalen, die doch in Rom aufbewahrt sein
mussten und von denen man die Abschriften gemacht hatte, dann wusste man
sehr schlau und ausweichend zu antworten, und die meisten Bischfe
lieen fnf gerade sein, da sie lieber von dem entfernten Bischof von
Rom als von ihrem Metropolitan abhngig sein wollten, der ihnen zu nah
auf die Finger sehen konnte.

In diesen Briefen, die angeblich von den rmischen Bischfen der ersten
Jahrhunderte geschrieben sein sollten, kommen Bezeichnungen von Dingen
vor, die man zu ihrer Zeit noch gar nicht kannte. Ja, der betrgerische
unwissende Flscher, welcher dies Buch verfasste, lsst diese Bischfe
Stellen aus der Bibel nach der bersetzung des viel spter lebenden
heiligen Hieronymus, selbst aus Bchern zitieren, die erst im siebten
Jahrhundert geschrieben waren! Noch mehr, es sind sogar Stellen aus den
Beschlssen einer Synode zu Paris im Jahr 829 in diesem ungeschickten
Machwerk aufgenommen!

Doch, wie lcherlich es auch klingen mag, diese  pseudoisidorische
Dekretalen, diese anerkannte Flschung, sind die Grundlagen des
Papsttums. Durch sie wurden die Ppste unumschrnkte Gesetzgeber in
geistlichen und weltlichen Dingen, durch sie erhoben sie sich ber
Frsten und Vlker, lieen sich als Halbgtter anbeten, verfgten
willkrlich ber groe Reiche, ja, verschenkten ganze Weltteile.

Der Titel also, den ein meuchelmrderischer Schurke Phokas erteilte; die
Schenkung ihm nicht gehrigen Gutes, welche ein Usurpator, Pipin,
machte, und eine ganz gemeine Flschung, diese  pseudoisidorische
Dekretalen, bilden die unheilige Dreieinigkeit, auf welcher die
ppstliche Macht gegrndet ist. Mord, Diebstahl, Flschung! Ein sauberes
Fundament!

Das Gebude, welches darauf erbaut wurde, hielt bis auf den heutigen
Tag, denn es war gemrtelt mit der Dummheit der Menschen, und die Risse,
welche die Vernunft zu manchen Zeiten darin machte, wurden zugeleimt mit
dem Blut von Millionen!

Die pseudoisidorische Dekretalen uerten schon ihre Kraft unter dem
oben genannten Papst Nikolaus I. und noch mehr unter Johannes VIII., der
872 den Rmischen Stuhl bestieg. Er gebrdete sich schon wie ein rechter
Papst und sprach von dem Kaiser Karl dem Kahlen: "da er von Uns zum
Kaiser gekrnt sein will, so muss er auch zuerst von Uns gerufen und
erwhlt sein." Er war der Erste, welcher den Kronkandidaten eine
frmliche Kapitulation vorlegte, ehe sie zur Krnung nach Rom kommen
durften.

Karl dem Dicken, der einige Klostergter verschenkt hatte, schrieb er:
"Wenn du solche binnen sechzig Tagen nicht wieder schaffst, sollst du
gebannt sein, und wenn auch dies nicht hilft, durch derbere Schlge klug
werden."

Er sprach in einem Schreiben an die deutschen Bischfe mit drren Worten
aus, wohin das Streben aller Ppste zielte: "Was schaffen wir denn in
der Kirche an Christi Statt, wenn wir nicht fr Christus gegen der
Frsten bermut kmpfen? Wir haben, sagt der Apostel, nicht mit Fleisch
und Blut, sondern wider die Frsten und Gewaltigen zu kmpfen." -

Stephan V. (885-891) war schon nicht mehr damit zufrieden, ein Mensch zu
sein, denn er sagte: "Die Ppste werden, wie Christus, von ihren Mttern
durch die berschattung des Heiligen Geistes empfangen"; alle Ppste
seien so eine gewisse Art von Gott-Menschen, um das Mittleramt zwischen
Gott und den Menschen desto besser betreiben zu knnen; ihnen sei auch
alle Gewalt im Himmel und auf Erden verliehen worden.

Doch nicht nur die Ppste der alten Zeit beanspruchten solche
Gottmenscherei; alle rmischen Priester tun es bis in die neueste Zeit,
und als Beweis dafr will ich eine Stelle aus einer Predigt anfhren,
welche am 16. August 1868 in der Pfarrkirche zu Ebersberg von dem
Kooperator in Oberdorfen, Anton Hring, gehalten wurde. Dieser
Gott-Hring sagt: "Mit der Absolutionsgewalt hat Christus dem
Priestertum eine Macht verliehen, die selbst der Hlle furchtbar ist,
der selbst Luzifer nicht zu widerstehen vermag; eine Macht, die sogar
hinberreicht in die unermessliche Ewigkeit, wo sonst jede irdische
Macht ihre Grenze und ihr Ende findet; eine Macht, sage ich, die Fesseln
zu brechen vermag, welche fr eine Ewigkeit geschmiedet waren durch die
begangene schwere Snde. Ja, frwahr! diese Macht der Sndenvergebung
macht den Priester gewissermaen zu einem zweiten Gott, denn - Snden
vergeben kann naturgem eigentlich nur Gott. Und doch ist das noch
nicht die hchste Spitze der priesterlichen Macht, seine Gewalt reicht
noch hher; Gott selbst nmlich vermag er sich dienstbar zu machen!
Wieso? Wenn der Priester zum Altar schreitet, um das heilige Messopfer
darzubringen, da erhebt sich gleichsam Jesus Christus, der da sitzt zur
Rechten des Vaters, von seinem Thron, um bereit zu sein auf den Wink
seines Priesters auf Erden. Und kaum beginnt der Priester die
Konsekration, da schwebt auch schon Christus, umgeben von himmlischen
Scharen, vom Himmel zur Erde und auf den Opferaltar nieder und
verwandelt auf die Worte des Priesters hier Brot und Wein in sein
heiliges Fleisch und Blut und lsst sich dann von den Hnden des
Priesters heben und legen, und wenn er auch der sndhaftigste und
unwrdigste Priester ist. Frwahr, eine solche Macht bertrifft selbst
die Macht der hchsten Himmelsfrsten, ja, sogar die Macht der
Himmelskniginnen. Darum pflegte der heilige Franziskus von Assisi mit
Recht zu sagen: 'Wenn mir ein Priester und ein Engel zugleich begegnen
wrden, so wrde ich zuerst den Priester gren, dann erst den Engel,
weil der Priester eine viel hhere Macht und Hoheit besitzt als die
Engel.'"

Ich fhre diese Stelle aus einer erst wenige Jahre alten Predigt nur
deshalb an, um zu beweisen, dass der dumme Glauben unter den
rmisch-katholischen Christen noch kein berwundener Standpunkt ist, wie
viele Leute im Norden von Deutschland glauben. - Doch kehren wir zu den
Ppsten zurck.

Der Strom der ppstlichen Nichtswrdigkeit und Unflterei wird nun immer
breiter und stinkender. Mit dem zehnten Jahrhundert beginnt die Zeit,
welche in der Geschichte als das "rmische Hurenregiment" berchtigt
ist. Gemeine Huren regieren die Christenheit und schalten und walten
nach Gefallen ber den sogenannten Apostolischen Stuhl.

Ich knnte leicht parteiisch erscheinen, wenn ich diese schmachvolle
Periode der Wahrheit getreu charakterisierte, deshalb mag fr mich ein
durchaus ppstlicher Schriftsteller reden, nmlich Kardinal Baronius. Er
sagt: "In diesem Jahrhundert war der Gruel der Verwstung im Tempel und
Heiligtum des Herrn zu sehen, und auf Petri Stuhl saen die gottlosesten
Menschen, nicht Ppste, sondern Ungeheuer. Wie hsslich sah die Gestalt
der rmischen Kirche aus, als geile und unverschmte Huren zu Rom alles
regierten, mit den bischflichen Sthlen nach Willkr schalteten und
ihre Galane und Beischlfer auf Petri Stuhl setzten."

Doch man darf ja nicht glauben, dass nur die Ppste ein so unwrdiges
Leben fhrten, nein, verdorben wie das Haupt, so waren auch die Glieder.
Knig Edgard sagte in einer Rede von der englischen Geistlichkeit: "Man
findet unter der Klerisei nichts anderes als ppigkeiten, liederliches
Leben, Vllerei und Hurerei. Ihre Huser haben sie ganz infam gemacht
und sie in Hurenherbergen verwandelt. Tag und Nacht wird darin gesoffen,
getanzt und gespielt. Ihr Bsewichte, msst Ihr die Vermchtnisse der
Knige und die Almosen der Frsten so anwenden?" - Ich werde spter
hinlngliche Beweise anfhren, dass Knig Edgard die Wahrheit sprach und
dass seine Strafrede nicht allein die Geistlichen Englands, sondern
aller Lnder anging.

Nicht der Heilige Geist, sondern die Mtresse des mchtigen Markgrafen
Adalbert von Toskana, Marozia, erhob Sergius III. auf den Ppstlichen
Stuhl und zeugte mit ihm hier ein Shnlein, welches spter ebenfalls
Papst wurde. Als Sergius starb, gaben ihm Marozia und ihre Schwester
Theodora ihren Liebhaber Anastasius II. zum Nachfolger. Diesem folgte in
kurzer Zeit, weil das Schwesternpaar viel Ppste konsumierte, Johannes
X., der es aber mit Marozia verdarb, die ihn gefangen setzen und
ersticken lie. Leo VI., der ihm folgte, wurde ebenfalls nach einigen
Monaten ermordet.

Endlich machte Marozia ihren mit Sergius III. erzeugten Sohn Johannes
XI., der noch fast ein Kind war, zum Papst. Mord und Totschlag erfllte
Rom. Einer der Feinde des Papstes bemchtigte sich desselben und lie
ihn im Gefngnis vergiften.

Die tolle Wirtschaft, die in Rom und berhaupt in Italien zu dieser Zeit
herrschte, ist zu bunt und verwirrt, als dass ich mich auf Einzelheiten
einlassen knnte.

Im Jahr 956 gelang es einem Enkel der Marozia, namens Oktavian, den
Ppstlichen Stuhl zu erobern, obwohl er erst neunzehn Jahre alt und
niemals Geistlicher gewesen war. Er nannte sich Johannes XII. und ist
ein wahres Juwel von einem Papst, der es noch toller trieb als sein
gleichzeitiger Kollege, der griechische Patriarch Theophylaktus, - ein
Junge von sechzehn Jahren!

Johannes verkaufte Bistmer und Kirchenmter an den Meistbietenden und
verwandte ungeheure Summen auf Pferde und Hunde. Von den ersteren hielt
er nicht weniger als 2000, und diese ftterte er aus bloer
Verschwendungssucht mit Pistazien, Rosinen, Mandeln und Feigen, die
vorher in gutem Wein eingeweicht waren. Guter Hafer und Heu wre ihnen
wahrscheinlich lieber gewesen.

Unter seiner Regierung ging es recht lustig zu, man lachte und tanzte in
der Kirche und sang dazu liederliche Lieder. Der ppstliche Palast wurde
von Johannes XII. in einen Harem verwandelt. "Kein Weib war so keck,
sich sehen zu lassen, denn Johannes notzchtigte alles, Mdchen, Frauen
und Witwen, selbst ber den Grbern der heiligen Apostel." So erzhlt
von ihm der Bischof von Cremona, Liutprand.

Diese Wirtschaft wurde endlich Kaiser Otto I. zu toll. Er berief ein
Konzil und hier erfuhr er von dem "Heiligen Vater" hchst unheilige
Dinge. Die achtungswertesten Bischfe traten gegen ihn als Anklger auf.
Einer sagte, dass er gesehen, wie der Papst einen im Pferdestall zum
Bischof ordinierte. Andere bewiesen, dass er Bischofstellen fr Geld
verkaufte und dass er einen zehnjhrigen Knaben zum Bischof von Lodi
machte. Die Unzucht will ich hier bergehen, da sie zu viel Platz
wegnehmen wrde. Man beschuldigte ihn ferner, dass er den
Kardinalsubdiakon kastriert, mehrere Huser in Brand gesteckt, beim Wein
auf des Teufels Gesundheit getrunken und beim Wrfelspiel oftmals Venus
und Jupiter angerufen habe.

Nachdem die Synode feierlichst die Wahrheit dieser Aussagen beschworen
hatte, bat sie den Kaiser, den Papst trotz aller Beweise nicht ungehrt
zu verdammen. St. Johannes wurde daherzitiert, aber statt seiner kam ein
Brief, in welchem er schrieb: "Wir hren, dass Ihr einen andern Papst
whlen wollt. Ist das eure Absicht, so exkommuniziere ich Euch alle im
Namen des allmchtigen Gottes, damit Ihr auer Stand gesetzt werdet,
weder einen Papst zu verdammen noch eine Messe zu halten."

Nun machte Otto I. nicht viel Umstnde mit dem liederlichen Hans, setzte
ihn ab und den von Volk, Adel und Geistlichkeit erwhlten Leo VIII. an
seine Stelle. Hnschen hatte sich mit den Schtzen der Peterskirche
davongemacht.

Als Kaiser Otto mit seinen schwerflligen Deutschen abmarschiert war, da
verlangten die rmischen Damen nach ihrem Liebling Johannes und wussten
es durch ihren Anhang dahin zu bringen, dass er wieder im Triumph in Rom
eingeholt wurde. Leo gelang es zu entkommen, aber mehrere seiner Freunde
fielen Johannes in die Hnde, der sie schndlich verstmmeln lie.
Otgar, Bischof von Speyer, einer dieser Freunde, der noch in Rom war,
wurde so lange gepeitscht, bis er tot war!

Der Heilige Vater, Johannes XII., genoss aber die neue Herrlichkeit
nicht lange. Er entfhrte eine schne Frau, wurde von dem Mann derselben
auf der Tat ertappt und auf der Bresche der erstrmten Zitadelle
totgeschlagen. Ein seltsames Sterbekissen fr einen heiligen Papst!

Ich habe die Taten dieses Johannes etwas ausfhrlicher erzhlt, um die
Leser vorzubereiten auf die spteren Ppste, die noch heiliger waren als
er. Die andern "Heiligkeiten" dieses Jahrhunderts will ich krzer
abhandeln.

Leo VIII. und Benedikt V. wurden bald abgetan, und es bestieg den
ppstlichen Stuhl Johann XIII. (965-972), den die Rmer wegjagten, weil
er zu stolz und gewaltttig war und an dessen Stelle Benedikt VI. zum
Papst gemacht wurde. Dieser wurde aber auch bald von einem Sohn der
Marozia und des Papstes Johann X. ins Gefngnis geworfen und erdrosselt.

Johann XIV. lie einen seiner Gegenppste ebenfalls einsperren und
vergiften; aber dieser Giftmischer, Bonifazius VII., starb bald darauf,
und seine Leiche wurde von den erbitterten Rmern durch alle Pftzen
geschleift und dann auf offener Strae liegen gelassen wie ein Aas.
Einige Geistliche holten sie hinweg und begruben sie heimlich.

Johann XV. (985-996) mate sich das ausschlieliche Recht der
Seligsprechung und Heiligsprechung an, welches bisher jeder Bischof nach
Gefallen ausgebt hatte.

Johann XVI. wurde von seinem Gegner Gregor V. (996-998) gefangen
genommen und hatte ein klgliches Ende. Gregor lie ihn an Augen, Ohren
und Nase schrecklich verstmmeln, in einem beschmutzten priesterlichen
Gewand rcklings auf einem Esel, den Schwanz in der Hand, durch die
Strae fhren und dann in einem Kerker elend verhungern.

Ich darf nicht vergessen, hier eine Sage einzuschieben, welche von den
Feinden des Papsttums immer mit groer Schadenfreude erwhnt wurde, wenn
auch neuere Schriftsteller sie als eine Erdichtung behandeln. Es ist die
berchtigte Geschichte von der Ppstin Johanna.

Man erzhlt nmlich, dass zwischen Leo IV. und Benedikt III. ein
Frauenzimmer unter dem  Namen Johann VIII. auf dem Ppstlichen Stuhl
gesessen habe. Bald machte man diese Ppstin zu einem englischen, bald
zu einem deutschen Mdchen und nennt sie Johanna, Guta, Dorothea,
Gilberta, Margaretha oder Isabella. Sie soll mit ihrem Liebhaber, als
Jngling verkleidet, nach Paris gegangen sein, dort studiert und sich
solche Gelehrsamkeit erworben haben, dass man sie, als sie spter nach
Rom kam, zum Papst whlte.

Dieser Papst war aber, so erzhlt die Sage weiter, vertrauter mit dem
Kmmerer als mit dem Heiligen Geist, und der Heilige Vater fhlte, dass
er eine Heilige Mutter werden wollte. Es erschien ihr ein Engel - die
Engel flogen damals noch wie die Sperlinge herum - der ihr die Wahl
lie, ob sie ewig verdammt oder vor der Welt ffentlich beschimpft sein
wollte. Sie whlte das Letztere und kam in ffentlicher Prozession
zwischen dem Kolosseum und der Kirche St. Clemens mit einem jungen
Ppstlein nieder.

Jeder Hof hat seine geheime Geschichte, und die vorgefallenen
Schndlichkeiten werden meist so gut vertuscht, dass der sptere
gewissenhafte Geschichtsschreiber die sich hin und wieder davon
vorfindenden, sich oft widersprechenden Erzhlungen als nicht
hinlnglich begrndet verwerfen muss. Ich habe Bchertitel gelesen, auf
denen versprochen ist, die Echtheit der Ppstin Johanna aus mehr als
hundert ppstlichen Schriftstellern nachzuweisen; aber andere Titel, die
ebenso grndlich und zuversichtlich klingen, versprechen gerade das
Gegenteil. Die Sache ist an und fr sich nicht so wichtig, deshalb habe
ich meine Zeit nicht damit verloren, sie historisch zu untersuchen, was
eine sehr mhsame Arbeit sein mchte, und ich muss sie dem Glauben oder
Unglauben der Leser berlassen.

Seit dieser rgerlichen Geschichte, fhrt die Sage fort, musste sich der
neuerwhlte Papst auf einen durchlcherten Stuhl setzen vor versammelter
Geistlichkeit und Volk. Dann musste ein Diakon unter den Stuhl greifen
und sich handgreiflich davon berzeugen, ob der Papst das habe, was der
Johanna fehlte und was ein Papst jener Zeit durchaus zur Regierung der
Christenheit nicht entbehren konnte. Fand er alles in Ordnung, dann rief
er mit feierlicher Stimme: Er hat, er hat, er hat! (habet, habet,
habet!) Und das Volk jubelte: Gott sei gelobt! - Dieser Stuhl hie der
Untersuchungsstuhl oder auch sella stercoraria. Erst Leo X. soll diesen
Gebrauch abgeschafft haben.

Gregor V., der letzte Papst im zehnten Jahrhundert, war der erste,
welcher das Interdikt auf ein Land schleuderte, und zwar auf Frankreich.
"Das Interdikt war die furchtbarste und wirksamste Taktik der
Kirchendespoten und der recht eigentliche Hebel der geistlichen
Universalmonarchie."

Jetzt mag der Papst bannen und interdizieren, soviel er will, es krht
kein Hahn danach; allein in jener finsteren Zeit konnte ein Land kein
greres Unglck treffen als das Interdikt. Trauer und Verzweiflung
waren ber dasselbe ausgebreitet, als wte die Pest. Der Landmann lie
seine Arbeit liegen, denn er glaubte, dass der verfluchte Boden nur
Unkraut statt Frucht trge; der Kaufmann wagte es nicht, Schiffe auf die
See zu schicken, weil er befrchtete, Blitze mchten sie zertrmmern;
der Soldat wurde ein Feigling, denn er meinte, Gott sei gegen ihn.

Keine Wallfahrt, keine Taufe, keine Trauung, kein Gottesdienst, kein
Begrbnis mehr! Alle Kirchen waren geschlossen, Altre und Kanzeln
entkleidet, die Bilder und Kreuze lagen auf der Erde; keine Glocke tnte
mehr, kein Sakrament wurde ausgeteilt: die Toten wurden ohne Sang und
Klang verscharrt wie Vieh, in ungeweihter Erde! - Ehen wurden nur
eingesegnet auf den Grbern, nicht vor dem Altar, - alles sollte
verknden, dass der Fluch des Heiligen Vaters auf dem Land laste. Kurz,
die ganze Pfaffheit mit allem, was daran und darum hngt, war
suspendiert. Es war ein Zustand, wie ich ihn - die Dummheit des Volkes
abgerechnet - dem deutschen Volk von ganzem Herzen wnsche.

Der Bann oder die Exkommunikation kommt schon weit frher in der
christlichen Kirche vor, aber dann war er immer nur gegen einen
einzelnen gerichtet, und dieser hatte daran schwer zu tragen, wenn er
sich auch persnlich gar nichts daraus machte. Das Volk betrachtete ihn
als dem Teufel verfallen und floh seine Gemeinschaft, als ob er ein
Pestkranker sei. Die berbleibsel seiner Tafel, und wenn es die einer
kaiserlichen waren, rhrte selbst der rmste nicht an; sie wurden
verbrannt.

Mit der Exkommunikation wurde der Gebannte auch zugleich fr brgerlich
tot erklrt. Er konnte keine Rechtssache vor Gericht fhren, nicht Zeuge
sein, kein Gut zu Lehen oder in Pacht geben usw. Vor die Tr eines
Gebannten stellte man eine Totenbahre, und seine Leiche durfte nicht in
geweihter Erde begraben werden. Hieraus wird man es erklrlich finden,
dass selbst Knige vor dem Bann zitterten.

Sylvester II., der Nachfolger Gregors V., ist der einzige Papst, von
welchem die ppstlichen Geschichtsschreiber mit Bestimmtheit melden,
dass ihn der Teufel geholt habe. Er war nmlich ausnahmsweise gescheit,
trieb viel Mathematik, begnstigte die Wissenschaften und dergleichen
Teufeleien. Ihm verdanken wir auch die arabischen, dass heit unsere
gewhnlichen Zahlen.

Diesem gescheiten Papst hatte, so erzhlt man, der Teufel die Papstwrde
verheien und versprochen, ihn nicht eher zu holen, als bis er in
Jerusalem Messe lesen wrde. Dazu war wenig Hoffnung, denn diese Stadt
war von den Sarazenen besetzt, und Sylvester glaubte, die Bedingung
eingehen zu knnen. Wie der Teufel mit dem Heiligen Geist fertig wurde,
der sonst die Papstwahlen leiten soll, wei ich nicht; genug, Sylvester
wurde gewhlt und hatte nicht die geringste Lust, in Jerusalem Messe zu
lesen. - Aber der Teufel ist ein Schalk. Es gab in Rom eine Kapelle,
welche den Namen Jerusalem fhrte; hier las der Papst Messe, ohne an den
Namen zu denken, und der Teufel holte ihn gewissenhafterweise.
Sylvesters Grab hat lange geschwitzt, und seine Gebeine rasselten.
Schrecklich!

Die pseudoisidorische Dekretalen hatten im zehnten Jahrhundert schon
ihre Blten entfaltet; aber im elften fingen sie an, ausgiebig Frucht zu
tragen. In demselben sehen wir das Papsttum in seiner hchsten Macht und
Gregor VII. auf dem Gipfelpunkt derselben.

Ehe ich noch von dem gewaltigen Papst rede, muss ich erwhnen, dass
schon vor seiner Zeit das Kollegium der Kardinle zu sehr hoher
Bedeutung gelangte. Ursprnglich gab es nur sieben Kardinales (von
cardo, Trangel), und es waren dies die vornehmsten Geistlichen Roms. Da
nun der Einfluss dieser Herren sehr stieg und alle Geistlichen nach
dieser Wrde trachteten, so sahen sich die Ppste gentigt, die Zahl der
"Trangeln der Kirche" unter allerlei Abstufungen zu vermehren, bis sie
endlich, weil Jesus siebzig Jnger hatte, auf diese Zahl stieg.

Allmhlich wurde der Geistlichkeit und dem Volk das Recht der Papstwahl
"entzogen", was man in nicht diplomatischem Deutsch gestohlen nennt, und
die Kardinle maten sich das ausschlieliche Recht derselben an. Dieses
Kollegium, aus und von welchem der Papst nun gewhlt wurde, hatte ein
direktes Interesse daran, das Ansehen des Ppstlichen Stuhls auf jede
Weise zu frdern, denn es konnte ja jedes Mitglied desselben selbst
Papst werden.

Die Kardinle wussten sich bald die grten Vorrechte zu verschaffen.
Sie machten Anspruch auf einen Rang unmittelbar nach den Knigen und
verlangten den Vorrang vor allen Kurfrsten, Herzogen und Prinzen. Sie,
die eigentlichen Privatdiener des Papstes, standen weit hher als
Erzbischfe und Bischfe, welche doch smtlich ebenso viel wie der Papst
selbst waren. Da haben ja auch in manchen unserer deutschen Staaten die
Kammerherren, die dem Frsten den Operngucker nachtragen mssen,
Oberstenrang.

Die Kardinle trugen Purpur. Begegneten sie einem Verbrecher auf seinem
Weg zum Galgen, so konnten sie ihn befreien. Sie selbst verdienten, wie
wir sehen werden, diesen Galgen sehr hufig; allein ich glaube nicht,
dass jemals ein Kardinal durch rechtskrftigen Urteilsspruch zum Tode
verurteilt worden ist, denn es war beinahe unmglich, ihn eines
Verbrechens zu berfhren, da nicht weniger als zweiundsiebzig Zeugen
dazu ntig waren. Kardinle durften jede Knigin oder Frstin auf den
Mund kssen, und keiner durfte ein Einkommen unter 4000 Scudi jhrlich
haben. Der Posten eines Kardinals ist einer der bequemsten in der ganzen
Christenheit.

Gregor VII. (1073-85) war der Sohn eines Handwerkers und heit
eigentlich Hildebrand. Er war nur klein von Krper, aber der grte und
krftigste Geist, der je auf dem Ppstlichen Stuhl gesessen. Sein
Zeitgenosse, der Kardinal Damiani, nannte ihn einen heiligen Satan und
die spteren reformierten Schriftsteller titulierten ihn nie anders als
Hllenbrand.

Schon als Kardinal beherrschte er unter den ihm vorhergehenden Ppsten
den "Apostolischen Stuhl" und wusste es durch Intrigen und Heuchelei
dahin zu bringen, dass man ihn selbst auf denselben erhob und dass
Kaiser Heinrich IV., trotz aller Warnungen gutgesinnter Bischfe, ihn
besttigte.

Dieser Grobschmiedssohn Hildebrand schmiedete die Kette, unter welcher
die Welt seit achthundert Jahren seufzt. Er ist der eigentliche
Begrnder des Papsttums. Unablssig trachtete er danach, seine Idee von
einer Universalmonarchie zu verwirklichen, und seinem echt pfffischen
Genie, welches kein Mittel verschmhte, gelang es auch.

Kaum war er Papst, so behauptete er: die ganze Welt sei ein Lehen des
Ppstlichen Stuhls. Mehrere Frsten waren so tricht, dieser Ansicht
beizupflichten und ihre Reiche von ihm zu Lehen zu nehmen. Diejenigen
Frsten, bei denen all seine nichtswrdigen Knste und Lgen nichts
fruchteten, tat er in den Bann, und ich habe oben gezeigt, was ein
solcher Bann damals zu bedeuten hatte. Ein exkommunizierter Knig war
nach Gregors Grundsatz seiner Macht und Wrde entsetzt und alle
Untertanen waren ihres Eides und Gehorsams entbunden. Da man sich
bereits daran gewhnt hatte, den Papst als den Statthalter Gottes zu
betrachten, so wurde es ihm nicht schwer, bei der verdummten Menschheit
seinen Anmaungen Geltung zu verschaffen.

Zur Ausfhrung seiner ehrgeizigen Plne hielt es Gregor fr ntig, die
Geistlichkeit von allen Banden zu trennen, durch welche sie mit der
brgerlichen Gesellschaft und mit dem Staate verbunden war; sie sollte
kein anderes Interesse als das der Kirche haben und dieser mit Leib und
Seele angehren. Da Familienbande die fesselndsten und einflussreichsten
Bande von allen sind, so unternahm er es, um jeden Preis die Ehe bei
Geistlichen auszurotten.

Gregor VII. ist der Urheber der erzwungenen Ehelosigkeit der Priester
oder des Zlibats.

Wer die Sigkeit und den Segen des Familienlebens kennt kann sich wohl
vorstellen, dass die Geistlichen dem Papst hierin den grten Widerstand
leisteten. Der Kampf der Priester um ihre Weiber dauerte zwei
Jahrhunderte; endlich unterlagen sie. In der Folge werde ich mich
weitlufiger ber diesen Kampf auslassen, bei welchem der dumme
Fanatismus der Vlker die Ppste mchtig untersttzte, wie auch ber die
verderblichen Folgen, welche das Zlibat fr die menschliche
Gesellschaft hatte.

Ein anderer Schritt, den Gregor zur Erreichung seines Zwecks tat, war
die Vernichtung des Investiturrechtes.

Die hhere Geistlichkeit war von den Frsten mit Reichtmern
berschttet, mit Land und Leuten begabt und mit frstlichen Ehren und
Rechten versehen worden; allein Erzbischfe, Bischfe und bte waren
Vasallen des Reichs. Als solche bergaben ihnen die Frsten bei der
Belehnung einen Ring zum Zeichen der Vermhlung des Bischofs mit der
Kirche, und einen Hirtenstab, als Zeichen des geistlichen Hirtenamts.
Der Geistliche wurde nicht eher in den Genuss seiner Wrde eingesetzt,
bis diese Zeremonie stattgefunden hatte, welche die Investitur genannt
wurde. Sie war das Band, durch welches die Bischfe mit dem
Landesfrsten zusammenhingen.

Dieses Band wollte Gregor lsen, um der weltlichen Macht alle Gewalt
ber die Kirche und deren Diener zu entziehen. Auf einer Synode (1075)
erlie er ein Dekret, welches allen Geistlichen bei Strafe des Verlustes
ihrer mter verbot, die Investitur aus der Hand eines Laien, das heit
Nichtgeistlichen, zu empfangen und welches den Laien untersagt, dieselbe
bei Strafe des Banns zu erteilen.

Die Frsten waren erstaunt ber die neue Anmaung des hochmtigen
Pfaffen und kehrten sich nicht an seine Befehle. Gregor wusste jedoch
sehr wohl, was er wagen konnte; er mhte sich nicht mit den kleineren
Frsten ab; er wollte ihnen seine Macht zeigen, indem er sie gegen den
angesehensten unter ihnen, gegen den Kaiser, seinen Herrn, richtete.

Heinrich IV. hatte in Deutschland unter den Mchtigen viele Gegner.
Gregor schrte die Streitigkeiten mit denselben und machte die Sache der
Feinde des Kaisers zu der seinigen. Endlich hatte er die Frechheit, den
Kaiser nach Rom zu zitieren, damit er sich vor ihm verantworte!

Heinrich, dessen Vater noch drei Ppste abgesetzt hatte, war emprt ber
diese Unverschmtheit und berief eine Synode nach Worms, von welcher
Gregor einstimmig in den Bann getan und abgesetzt wurde.

Whrend dies in Worms geschah, sprang auch in Rom eine Mine gegen
Gregor. Eine Menge Gebannter vereinigte sich, berfiel ihn in der
Kirche, als er gerade Hochamt hielt, und schleppte ihn bei den Haaren
ins Gefngnis; der verblendete Pbel in Rom setzte ihn wieder in
Freiheit.

Gregor lechzte nach Rache. Die Absetzungsdekrete beantwortete er damit,
dass er Heinrich IV. und alle seine Anhnger in den Bann tat, die
Untertanen ihres Eides entband und den Kaiser absetzte! Zugleich
berschwemmten Mnche, die bereitwilligen Handlanger der Ppste, ganz
Deutschland und bearbeiteten das Volk.

Zuerst schrie man hier fast einstimmig gegen den verwegenen Papst, denn
im Schreien waren die Deutschen schon damals gro; aber Heinrichs Gegner
handelten. Durch Hildebrands Intrigen verfhrt, fielen allmhlich die
Anhnger des Kaisers von demselben ab, nur Herzog Gottfried von
Lothringen blieb ihm treu; Gregor schaffte ihn durch Meuchelmord aus dem
Wege.

Die erbrmlichen deutschen Frsten versammelten sich zu Tibur und
erklrten hier dem Kaiser: "dass sein Reich zu Ende sei, wenn er sich
nicht innerhalb eines Jahres vom Bann befreie!"

Niedergedrckt von dem finsteren Geist seiner Zeit, von aller Welt
verlassen - nur wenige Soldaten waren noch bei ihm - entschloss sich der
deutsche Kaiser, nach Rom zu gehen und den durch die Dummheit der
Menschen so furchtbar gewordenen Gegner zu vershnen. - In der
strengsten Klte, in einem armseligen Aufzug ging er ber die Alpen. Die
Italiener strmten ihm zu und verlangten, er solle an der Spitze eines
Heeres den rebellischen Gropfaffen zur Rede stellen, aber die
Niedertrchtigkeit der Deutschen hatte den Mut und das Herz des ohnehin
schwachen Kaisers gebrochen. Er wollte demtig von Gregor Gnade
erflehen.

Dieser lie sich nichts weniger trumen als das. Er war auf einer Reise
nach Augsburg begriffen und bereits nach der Lombardei gekommen. Als er
die Ankunft des Kaisers vernahm, floh er eiligst nach dem festen Schloss
Canossa, welches seiner Buhlerin, der reichen Markgrfin Mathilde von
Toskana, gehrte.

Hier erschien der deutsche Kaiser. In einem wollenen Berhemd, bloen
Haupts, barfu stand er in dem Raum vor der inneren Ringmauer des
Schlosses, - drei Tage und drei Nchte lang, mitten im Januar, zitternd
vor Frost und matt vor Hunger und Durst!

Aus den Fenstern des Schlosses schaute Gregor an der Seite seiner
Buhlerin auf seinen gedemtigten Feind herab und htte ihn gern so
sterben sehen. Des Papstes unmenschliche Hrte brachte alle Hausgenossen
zum Murren, und endlich gab er den Bitten der Markgrfin nach, die zwar
Heinrichs Feindin, aber barmherziger war, und fhrte den Kaiser an den
Altar. Hier durchbrach Gregor eine Hostie. "Bin ich der Verbrechen
schuldig, deren du mich in Worms bezichtigt hast", redete er ihn an, "so
mag Gott der Herr meine Unschuld bewhren oder mich durch einen
pltzlichen Tod strafen!" - Dann nahm er die Hlfte der Hostie. Gregor
war nicht aberglubisch und nicht nervenschwach. Er blieb am Leben.

Der Bann wurde nun von Heinrich genommen, aber unter den entehrendsten
Bedingungen. "Wirst du dich", sagte Gregor, "auf dem zusammenzurufenden
Reichstage rechtfertigen und die Krone wieder erhalten, so sollst du mir
gehorsam und untertnig sein."

Nach Deutschland zurckgekehrt, richtete der von Kummer aller Art
betroffene Kaiser sein Auge auf den von ihm selbst erbauten Dom zu
Speyer und sagte zu seinem alten Freund, dem Bischof: "Siehe, ich habe
Reich und Hoffnung verloren, gib mir eine Pfrnde, ich kann lesen und
singen." Der Bischof antwortete: "Bei der Mutter Gottes! das tue ich
nicht." -

Die lombardischen Stdte und Frsten waren emprt ber die Demtigung
Heinrichs und sagten ihm unverhohlen ihre Meinung. Da ermannte sich der
niedergedrckte Kaiser und stellte sich an die Spitze der bald um ihn
versammelten Armee. Die pflicht- und ehrvergessenen deutschen Frsten
aber erwhlten in dem Herzog Rudolph von Schwaben einen neuen Kaiser.

Gregor verhielt sich ruhig, solange nichts Entscheidendes geschehen war;
als aber Heinrich in einer Schlacht geschlagen wurde, sandte er dem
Gegenkaiser eine Krone zu mit der stolzen Inschrift: Der Fels (der
Kirche) gab Petrus, Petrus gab Rudolph die Krone. ber Heinrich wurde
aufs Neue der grssliche Bannfluch ausgesprochen.

Der Kaiser hatte jedoch seine Mannheit wiedergefunden. Eine Synode
setzte Gregor abermals ab, und Guibert, Erzbischof von Ravenna, wurde
als Clemens III. zum Papst erwhlt. Gregor versuchte seine alten Knste.
Er gab den Rebellen die Versicherung, dass noch in demselben Jahr vor
dem Petersfest ein falscher Knig sterben werde. Um seine Prophezeiung
an Heinrich zu erfllen, sandte er einige Meuchelmrder aus; aber des
Papstes bse Absicht wurde zum Segen fr Heinrich. Am 15. Juni 1080
schlug er Rudolph, und dieser starb infolge einer in der Schlacht
erhaltenen Wunde.

Nun rckte Heinrich gegen Rom, vernichtete das Heer der Papsthure
Mathilde, eroberte die Stadt und belagerte den rasenden Hildebrand in
der Engelsburg. Die von diesem zur Hilfe gerufenen Normannen, welche
damals in Unteritalien herrschten, befreiten ihn zwar; aber Gregor
musste vor der Wut der Rmer fliehen. Er ging nach Salerno zu den
Normannen und endete hier sein fluchbeladenes Leben.

Gregor war der erste wirkliche Papst. Er befahl auf einer Synode, dass
von nun an nur einer Papst heien solle in der Christenheit, denn bisher
nannten sich alle Bischfe so. Ein Schriftsteller aus jener Zeit sagt
schon: Das Wort Papst in der Mehrzahl ist ebenso gotteslsterlich als
den Namen Gottes in der Mehrzahl zu gebrauchen.

Gregor wollte Kaiser und Knige zu seinen Untergebenen machen und keine
andere Herrschaft als die seinige auf der Erde dulden. Darum schrieb er
an Heriman, Bischof von Metz: "Der Teufel hat die Monarchie erfunden."

Um die christliche Kirche leichter zu regieren, ordnete Gregor an, dass
beim Gottesdienst berall die rmischen Gebruche befolgt und die
lateinische Sprache gebraucht werden sollten. In den meisten deutschen
Kirchen hatte das schon der Rmerknecht Bonifazius eingefhrt.

In einem seiner hinterlassenen Briefe hat Gregor seine Grundstze
niedergelegt. (Anm.d.A. Man hat hin und wieder an der Echtheit dieses
Briefes gezweifelt, doch wie mir scheint, ohne besonders gute Grnde.)
Es sind 27, aber ich will nur einige anfhren:

Der Papst allein kann den kaiserlichen Schmuck tragen. - Alle Frsten
mssen dem Papst den Fu kssen und drfen dieses Zeichen der Ehre auer
ihm keinem anderen erweisen. - Es ist dem Papst erlaubt, Kaiser
abzusetzen. - Sein Urteil kann von keinem Menschen umgestoen werden, er
aber kann aller Menschen Urteil umstoen. - Die rmische Kirche hat nie
geirrt und wird auch nach der Schrift niemals irren. - Derjenige ist
kein Katholik, der es nicht mit der rmischen Kirche hlt. - Der Papst
kann die Untertanen vom Eid der Treue lossprechen, den sie einem bsen
Frsten geleistet haben. -

Es scheint mir nicht ntig, noch einige Bemerkungen ber Gregor
hinzuzufgen. Bischof Thierry von Verdun sagt von ihm: "Sein Leben klagt
ihn an, seine Verkehrtheit verdammt, seine hartnckige Bosheit verflucht
ihn."

Ich habe nun das Papsttum bis zum Gipfel seiner Macht begleitet. Der
Raum gestattet mir nicht, in derselben Weise fortzufahren und ich muss
mich darauf beschrnken, aus jedem Jahrhundert einige Ppste
biographisch zu skizzieren und an ihnen zu zeigen, wie sie alle danach
strebten, Gregor nachzueifern und das von ihnen aufgestellte System der
Universalmonarchie zur Ausfhrung zu bringen und fest zu begrnden. Alle
gefielen sich in der Vorstellung: "Sich als Christus, die weltlichen
Regenten als die Eselin, die er ritt, und das Volk als das Eselsfllen
zu betrachten." - Die Eselin ist unterdessen gestorben, aber das
Eselsfllen ist seitdem ein alter Esel geworden, der geduldig auf sich
reiten lsst.

Im elften Jahrhundert trennt sich die griechische Kirche vollends von
der abendlndischen, indem die griechische behauptete, dass weder die
Lehren noch die Disziplin der Letzteren mit der Heiligen Schrift und den
heiligen berlieferungen bereinstimmten, also ketzerisch seien. Die
Oberherrschaft des Ppstlichen Stuhls verwarf sie als eine
antichristliche Einrichtung.

Unter Hadrian IV., der 1153 den "Apostolischen Stuhl" bestieg, begann
der Kampf der Ppste mit den deutschen Kaisern aus dem Geschlecht der
Hohenstaufen. Friedrich I., der Rotbart, trat den Anmaungen des Papstes
krftig entgegen, und die Ehrenbezeugungen, welche derselbe von ihm
verlangte, machte er lcherlich, selbst indem er sie gewhrte. Friedrich
hielt dem Papst den Steigbgel - so weit war es bereits mit den Kaisern
gekommen -, aber er hielt ihn auf der rechten Seite, auf welcher der
Schinder zu Pferde steigt, und antwortete auf die Bemerkung Hadrians
darber: "Ich war nie Stallknecht, Ew. Heiligkeit werden verzeihen."

Den schwersten Stand hatte Friedrich mit Alexander III. (1159-1181). Es
war dies einer der mutigsten und klgsten Ppste, der niemals im Unglck
verzagte oder im Glck bermtig wurde; aber stets darauf bedacht war,
die Errungenschaften seiner Vorgnger zu behaupten. Der groe Kaiser
Friedrich kam 1177 zum ersten Mal mit ihm in Venedig zusammen und -
ksste ihm den Pantoffel.

Die Pfaffenlegende erzhlt, dass der Papst bei diesem Kuss den Fu auf
des Kaisers Nacken gesetzt und gesagt habe: "Auf Schlangen und Ottern
mgest du gehen und treten auf junge Lwen und Drachen." Aber Alexander
war gewiss viel zu klug, um den ihm an Geist ebenbrtigen Kaiser durch
solche unntze Worte zu reizen, und Friedrich viel zu stolz, um sich
dergleichen gefallen zu lassen. Glaublicher ist die Version, dass der
Kaiser beim Pantoffelkuss sagte: "Nicht dir gilt es, sondern Petrus",
und Alexander antwortete: "Mir und Petrus."

Auch der krftige Knig Heinrich II. von England musste sich vor dem
Wort des mchtigen Papstes beugen. Heinrich hatte seinen Liebling,
Thomas Becket, mit Gnaden berschttet und endlich zum Erzbischof von
Canterbury gemacht. Nun war der Schurke am Ziel. Er verband sich mit dem
Papst gegen seinen Herrn und Wohltter, dem er durch pfffische
Niedertrchtigkeiten aller Art das Leben verbitterte. Im Unmut rief
einst der geplagte Knig aus: "Wie unglcklich bin ich, dass ich in
meinem Knigreiche vor einem einzigen Priester nicht Frieden haben kann!
Ist denn niemand zu finden, der mich von dieser Plage befreit?"

Diese Worte hrten vier Ritter, welche dem Knig treu ergeben waren; sie
eilten sogleich hinweg, fanden den Erzbischof vor dem von ihm
geschndeten Altar, spalteten ihm den Kopf und machten ihn dadurch zum
Heiligen, denn Wunder fanden sich. Einige Stallleute des Knigs hatten
einst dem Pferd des Erzbischofs den Schwanz abgehauen und fr diesen
Frevel zeugten sie forthin lauter Kinder - mit Schwnzen!

Die Pfaffen schnoben wegen dieses Mordes nach Rache. Alexander drohte
mit dem Interdikt, und Heinrich, der sein Volk nicht leiden sehen
wollte, unterwarf sich allen Strafen, die der Papst ber ihn verhngte.
Der Knig schwor feierlich, dass er den Mord des Erzbischofs nicht
gewollt habe; es half ihm nichts. Er musste barfu zum Grabe des neuen
Heiligen wallen, sich hier andchtig nieder werfen und - von achtzig
Geistlichen geieln lassen! Jeder gab ihm drei Hiebe - macht
zweihundertundvierzig.

Mit Kaisern und Knigen gingen jetzt die Ppste oft wie mit Hunden um.
Als Coelestin III. (1191-1198) den Sohn des in Palstina gestorbenen
Friedrich I., Heinrich VI., gekrnt hatte und dieser ihm den Pantoffel
ksste, stie er dem Kaiser mit dem Fue die Krone vom Kopfe, zum
Zeichen, dass er sie ihm geben und nehmen knne.

Der mchtigste Papst aller Ppste war Innozenz III. (1198 bis 1215).
Alle Rechte, die Gregor VII. zu haben behauptete, bte dieser mchtige
Papst wirklich aus. Als er den Ppstlichen Stuhl bestieg, war er in
seiner vollen Manneskraft, denn er war erst 37 Jahre alt. Die Knige
zitterten vor ihm, wie Schulknaben vor dem strengen Schulmeister. Allen
gab er seine Rute zu fhlen. Johann von England rief einst beim Anblick
eines sehr feisten Hirsches aus: "Welches dicke und feiste Tier, und
doch hat es nie Messen gelesen!" Aber auch dieser Sptter ber das
Pfaffentum kroch demtig zum Kreuz, als ihm das heilige Raubtier zu Rom
die apostolischen Zhne wies.

Innozenz III. ist der Erfinder der wahnsinnigen Lehre von der
Transsubstantiation, das heit von der Lehre: dass sich durch die
Weihung des Priesters das Brot und der Wein beim Abendmahl wirklich in
Fleisch und Blut Christi verwandeln.

Hierbei fllt mir die Antwort eines Indianers ein, welchen der
Missionar, nachdem er ihm das Abendmahl gereicht hatte, fragte: "Wie
viele Gtter gibt es?" - "Gar keine", antwortete der Indianer, "denn du
hast ihn mir ja soeben zu essen gegeben." Dem rohen Menschen war das
Mysterium dieser sublimen Gottfleischfresserei nicht offenbart worden.

Ebenso materielle Vorstellung vom Abendmahl hatte ein lutherischer
Bauer. Der Herr Pastor war ein groer Whistspieler, und durch Zufall war
eine weie, runde elfenbeinerne Whistmarke mit unter die runden Oblaten
auf den Hostienteller geraten. "Nehmet und esset, denn dies ist mein
Leib", sagte der Geistliche und steckte dem Bauer die unglckliche Marke
in den Mund. Der Bauer biss herzhaft zu; als er aber das Ding gar nicht
klein bekommen konnte, rief er: "Wies der Dbel, Herr Pastor, ick mut
'nen Knoken derwischt hebben!"

Innozenz III. fhrte auch die Ohrenbeichte ein, von der ich schon frher
geredet habe und im letzten Kapitel dieses Buches noch weitlufiger
reden werde; ferner das scheulichste Tribunal, welches jemals die
Menschheit schndete - die Inquisition.

Der gefhrlichste Feind des Papsttums kam mit dem groen Hohenstaufen
Friedrich II. auf den deutschen Kaiserthron. Er hatte in der Jugend
unter der Vormundschaft von Innozenz gestanden, aber dennoch wurde er
keineswegs ein Pfaffenknecht, vielmehr ein Mann, dessen religise
Ansichten seiner Zeit bedeutend vorangeeilt waren. Htte ihn das Volk
untersttzt, dann wren vielleicht damals schon dem Papsttum die Flgel
gestutzt worden. Sein Wahlspruch war: "Lass lrmen und druen und die
Esel schreien." Sein Kanzler Petrus de Vinea untersttzte ihn wacker und
schrieb unter anderem 1240 gegen die Jurisdiktion des Papstes.

Den heftigsten Kampf hatte Kaiser Friedrich II. mit Gregor IX.
(1227-1241). Dieser tat ihn einmal ber das andere in den Bann und legte
ihm Verbrechen zur Last, die ihn als den verruchtesten Ketzer
brandmarken sollten. Friedrich wurde angeklagt, gesagt zu haben: Die
Welt sei von drei Betrgern getuscht worden, wovon zwei in Ehren
gestorben, der dritte aber am Galgen: Moses, Mohammed und Christus. -
Ferner habe er darber gelacht, dass der allmchtige Herr des Himmels
und der Erde von einer Jungfrau geboren sein sollte, und geuert, dass
man nichts glauben solle, was nicht durch Natur und Vernunft bewiesen
werden knne. Freilich eine ebenso schndliche als schdliche Lehre, da
sie dem ganzen Pfaffenschwindel den Hals brechen wrde, wenn sie zur
Geltung kme.

Diese letzte uerung sah brigens dem Kaiser sehr hnlich, der aus dem
Morgenland, wohin er einen Kreuzzug unternehmen musste, sehr freie
Ansichten ber die Religion mitgebracht hatte. Einst uerte er: Wenn
der Gott der Juden Neapel gesehen htte, wrde er gewiss nicht Palstina
auserwhlt haben; und beim Anblick einer Hostie rief er: "Wie lange wird
dieser Betrug noch dauern!?" Als er einst an ein Weizenfeld kam, hielt
er sein Gefolge vor demselben zurck und sagte: "Achtung, hier wachsen
unsere Gtter." Die Hostie wird nmlich aus Weizenmehl gebacken.

Gregor hatte den deutschen Ritterorden so sehr lieb gewonnen, und da ihm
ja die ganze Erde gehrte, so schenkte er demselben Preuen. Die Ritter
zeigten sich aber nicht besonders dankbar gegen den Ppstlichen Stuhl
und gegen die Pfaffheit. Einer ihrer Gromeister, Reu von Plauen,
sagte: "Man muss den Geistlichen keine Gter geben, sondern nur
Besoldung, wie anderen Staatsdienern auch; sie sollen sich an den
schlichten Text des Evangeliums halten." Der Hochmeister Wallenrode
uerte: "Ein Pfaff in jedem Land ist genug, und den muss man einsperren
und nur herauslassen, wenn er sein Amt verrichten soll."

Innozenz IV. (1243-1255) setzte den Kampf mit Friedrich II. fort. Er war
ein Graf Fiesko und genauer Freund des Kaisers gewesen. Als man diesen
wegen der Wahl seines Freundes beglckwnschte, antwortete Friedrich:
"Fiesko war mein Freund, Innozenz IV. wird mein Feind sein; kein Papst
ist Ghibelline" nmlich (liberal).

Es war so, wie der Kaiser sagte, der bald in den Bann getan wurde, den
Friedrich anfing, als seinen natrlichen Zustand zu betrachten. Er war
keineswegs zerknirscht, sondern rckte dem Papst zu Leibe, und der
Heilige Vater machte, als Soldat verkleidet, einen Angstritt von 54
italienischen Meilen in einer kurzen Sommernacht, um der Gefangenschaft
zu entgehen.

Der Papst floh nach Lyon, wo er 1245 eine Synode zusammenberief, auf der
Friedrich abermals gebannt und abgesetzt wurde. Friedrich kmpfte wie
ein Mann; aber die Menschen waren noch dumm, und man band ihm berall
die Hnde. Besonders die deutschen Frsten zeigten sich dem edlen groen
Kaiser gegenber so niedrig, so unendlich klein! Elende Pfaffenknechte.
Nur in der Schweiz schlugen ihm treue Herzen trotz Bann und Interdikt.
Mehrere Kantone sandten ihm Hilfstruppen, und Luzern und Zrich hielten
zu ihm bis zuletzt.

Kaiser Friedrich starb an ppstlichem Gift. Innozenz jubelte; nun stand
ihm der Weg nach Rom wieder offen. Er zog ab und bedankte sich bei den
Lyonesern fr die gute Aufnahme. Diese hatten aber keine Ursache, sich
beim Papst zu bedanken, denn Kardinal Hugo sagt in seinem
Abschiedsschreiben mit echt pffischer, zynischer Unverschmtheit: "Wir
haben Euch, Freunde, seit unserer Anwesenheit in dieser Stadt einen
wohlttigen Beitrag gestiftet. Bei unserer Ankunft trafen wir kaum drei
bis vier Huren; bei unserem Abzug hingegen berlassen wir Euch ein
einziges Hurenhaus, welches sich vom stlichen bis zum westlichen Tor
durch die ganze Stadt verbreitet." Lyon hatte demnach hnlichkeit mit
einer deutschen, katholischen Hauptstadt, von welcher ihr Knig dasselbe
sagte und welche Papst Pius VI. "Deutsch Rom" nannte.

Innozenz IV. verlieh den Kardinlen als Auszeichnung rote Hte. Auf ihn
folgte eine Reihe unbedeutender Ppste. Urban IV., der Sohn eines
Schuhflickers, stiftete das Fronleichnamsfest zu Ehren der Hostie oder
vielmehr des Abendmahls. Eine verrckte Nonne hatte ein Loch im Mond
gesehen, und das flickte der ppstliche Schuhflicker mit einem neuen
Kirchenfest aus.

Martin V., ein Franzose, war ein erbitterter Feind der Deutschen. Er
wnschte, "dass Deutschland ein groer Teich, die Deutschen lauter
Fische und er ein Hecht sein mchte, der sie auffresse wie der Storch
die Frsche".

Die Hohenstaufen erlagen im Kampf mit dem Papsttum. Die Habsburger
nahmen sich ein warnendes Exempel daran; sie spielten daher lieber mit
ihm unter einer Decke und zogen nun dem armen Volk vereinigt das Fell
ber die Ohren. Aus diesem Grund werden auch beide gleiche Dauer haben.

Innozenz V. war der erste Papst, der im Konklave gewhlt wurde. Sein
Vorgnger Gregor X. hatte nmlich befohlen, dass nach seinem Tod
smtliche Kardinle in ein Zimmer geschlossen werden sollten, welches
fr jeden eine besondere Zelle und keinen anderen Ausgang hatte als zum
Abtritt. Jeder Kardinal hatte nur einen Diener bei sich. Das Zimmer
durfte nicht verlassen werden, bis ein neuer Papst gewhlt war. War dies
nach drei Tagen nicht geschehen, so erhielt jeder der Kardinle in den
folgenden vierzehn Tagen nur ein Gericht und nach dieser Zeit nur Brot,
Wein und Wasser. Diese Hungerkur befrderte merklich den Verkehr mit dem
Heiligen Geist!

Unter der Kirchenherrschaft von Nikolaus IV. (1288-1292) regierte ber
Tirol der wackere Graf Meinhard. Dieser hielt die liederlichen Pfaffen
gehrig im Zaum und zog sich dadurch den Zorn des Papstes zu, der ihn in
den Bann tat. Meinhard verteidigte sich wacker; er sagte: "Ich bin nicht
der Angreifer, sondern meine Bischfe, die keine Hirten, sondern Wlfe
sind. Statt zu lehren, suchen sie sich nur zu bereichern, Bastarde in
die Welt zu setzen, zu tafeln und zu zechen. Weidet man so die Schafe
Christi? Sie nehmen gerade umgekehrt das Wort: 'Gebet ihnen den Rock';
sie nehmen auch noch den Mantel und sind schlimmer als Juden, Trken und
Tataren. Sie blenden das Volk durch Zeremonien, und es gengt ihnen
nicht, die Schafe zu melken und zu scheren; sie schlachten sie."

Coelestin V. wurde aus einem einfltigen Eremiten ein noch einfltigerer
Papst, und als Kardinal Caetani eines Nachts durch ein versteckt
angebrachtes Sprachrohr in sein Schlafzimmer schrie: "Coelestin,
Coelestin, Coelestin! - lege dein Amt nieder, denn diese Last ist dir zu
schwer", glaubte der Dummkopf, der liebe Gott wrdige ihn einer
persnlichen Unterredung, und dankte ab.

Kardinal Caetani trat als Bonifazius VIII. (1295-1303) an seine Stelle.
Auf einem kostbar aufgezumten Schimmel, der von den Knigen von Apulien
und von Ungarn gefhrt wurde, ritt er zur Krnung. Nach der Rckkehr aus
der Kirche, bei welcher Gelegenheit vierzig Menschen im Gedrnge selig
gedrckt wurden, tafelte er ffentlich, und die beiden Knige standen
als Bediente hinter seinem Stuhl und warteten ihm auf.

Den neuen Papst verdross es sehr, dass viele die Abdankung Coelestins
als ungltig betrachteten, der berall als Heiliger angestaunt wurde. Um
der Sache ein Ende zu machen, lie ihn Bonifaz einfangen. Der arme
heilige Waldesel bat fufllig, ihn doch wieder in seine Hhle
zurckkehren zu lassen; aber all sein Flehen war umsonst. Er wurde auf
dem festen Schloss Fumone in ein enges Behltnis eingesperrt, wo er so
wenig zu essen bekam, wie er nur immer wollte, so dass er klglich
verhungerte.

Dieser Bonifazius war ebenso stolz wie Gregor VII. und Innozenz III. In
einer Bulle von 1294 sagte er: "Wir erklren, sagen, bestimmen und
entscheiden hiermit, dass alle menschliche Kreatur dem Papst unterworfen
sei und dass man nicht selig werden knne, ohne dies zu glauben."

Dieser ungemessene Stolz musste ihn sehr bald in feindselige Berhrung
mit stolzen weltlichen Monarchen bringen. Philipp IV. der Schne, von
Frankreich geriet mit Bonifaz auf das heftigste zusammen. Aber der Knig
war kein Heinrich IV., seine Groen keine Deutschen und der Papst kein
Hildebrand. Er schrieb zwar an Philipp: "Bischof Bonifaz an Philipp,
Knig von Frankreich. Frchte Gott und halte seine Gebote! Du sollst
hiermit wissen, dass du uns im Geistlichen und Weltlichen unterworfen
bist. - Wer anders glaubt, den halten wir fr einen Ketzer."

Hierauf antwortete ihm der von seinem Parlament wacker untersttzte
Philipp: "Philipp, von Gottes Gnaden, Knig von Frankreich an Bonifaz,
der sich fr den Papst ausgibt, wenig oder gar keinen Gru! Du sollst
wissen, Erzpinsel (maxima Tua Fatuitas), dass wir in weltlichen Dingen
niemandem unterworfen sind. Andersdenkende halten wir fr Pinsel und
Wahnwitzige."

Wie jmmerlich erscheint dagegen Knig Erich von Dnemark, welcher, mit
Bann und Interdikt bedroht, schreibt: "Erbarmen, Erbarmen! Was haben
meine Schafe getan? Alles was Ew. Heiligkeit mir auferlegen, will ich
tragen. - Rede, dein Knecht hret."

Der stolze "Erzpinsel" wurde aber bitter gedemtigt. Philipps
Abgesandter, Nogaret, verbunden mit Sciarra Colonna, gegen dessen
Familie der Papst die unerhrtesten Grausamkeiten begangen hatte,
berfielen ihn in seinem Schloss Anagni und nahmen ihn gefangen. "Willst
du die Tiara abtreten, die du gestohlen hast?" schnob ihn der wtende
Colonna an. Bonifaz antwortete hochmtig. Da loderte der Zorn des schwer
misshandelten rmischen Edelmannes hoch auf, er schlug den Papst ins
Gesicht und schrie: "Willst du das Maul halten, Hllensohn! alter
Snder!" Mit Mhe hielt Nogaret den Wtenden zurck, dass er seine Rache
nicht vollends befriedigte und dem sechsundachtzig jhrigen Bsewicht,
der Seelenstrke genug hatte, Colonna zuzurufen: "Hier ist der Hals und
hier das Haupt!"

Darauf setzte man den Vizegott auf ein Pferd ohne Sattel und Zaum, das
Gesicht dem Schwanz zugekehrt, und brachte ihn in ein elendes Gefngnis,
wo er, aus Furcht vergiftet zu werden, drei Tage und drei Nchte lang
nichts genoss, als ein wenig Brot und drei Eier, welche ihm ein altes
Mtterchen zusteckte. - Man mchte Mitleid haben mit dem alten Manne;
aber er war ein alter Bsewicht, und man denke an den armen Coelestin,
den er verhungern lie.

Das Volk zu Anagni befreite Bonifaz und brachte ihn im Triumph nach Rom.
Aber die erlittene Demtigung hatte den stolzen alten Mann wahnsinnig
gemacht. Er befahl seinen Dienern, sich zu entfernen, und schloss sich
in seinem Zimmer ein. Am Morgen fand man ihn tot. Sein weies Haar war
mit Blut befleckt; vor seinem Mund stand Schaum, und der Stock, den er
in der Hand hielt, war von seinen Zhnen zernagt.

So endet Bonifaz VIII., wie man vorhergesagt hatte: "Er wird sich
einschleichen wie ein Fuchs, regieren wie ein Lwe und sterben wie ein
Hund."

Er starb wie ein Hund und lebte wie ein Schwein. Er erklrte ffentlich,
dass Hurerei, Ehebruch und Unzucht gar keine Snde sei, weil Gott Weiber
und Mnner dazu gemacht habe. Er lebte mit einer verheirateten Frau und
mit ihrer Tochter zu gleicher Zeit und missbrauchte seine Pagen zu
unnatrlicher Wollust, so dass sich diese untereinander die "Huren des
Papstes" nannten.

Was von seinem Glauben zu halten ist, ergibt sich aus folgenden
uerungen, deren ihn Philipp gegen Clemens V. beschuldigt: Gott lasse
es mir wohlgehen auf dieser Welt, nach der anderen frage ich nicht so
viel, als nach einer Bohne. - Die Tiere haben so gut Seelen wie die
Menschen. - Es ist abgeschmackt, an einen und an einen dreifachen Gott
zu glauben. An Maria glaube ich so wenig als an eine Eselin und an den
Sohn so wenig als an ein Eselsfllen. Maria war eine Jungfrau, wie meine
Mutter eine war. - Sakramente sind Possen usw.

Philosophen und andere Freigeister haben dergleichen Gedanken wohl schon
fters ausgesprochen; allein im Mund eines Papstes klingen sie umso
seltsamer, als die Inquisition Tausende wegen weit unbedeutenderer
Ausdrcke verbrennen lie. - Clemens V. erklrte Bonifaz jedoch fr
einen frommen, katholischen Christen und nun wissen wir doch, wie ein
solcher beschaffen sein muss, um den Ppsten zu gefallen.

Bonifaz VIII. ist derjenige Papst, welcher das Jubeljahr erfand. Er war
auch der erste Papst, der ein Wappen fhrte und der auf die Tiara oder
ppstliche Mtze eine zweite Krone setzte. Frher trugen die rmischen
Bischfe die sogenannte phrygische Mtze der Priester der Kybele, Mitra
genannt. Ein Bischof, Hormidas, setzte die von Knig Chlodwig erhaltene
Krone hinzu. Die dritte Krone kam erst mit Johann XXII. oder mit
Benedikt XII. auf die ppstliche Narrenkappe.

Mit Clemens V. begann die sogenannte babylonische Gefangenschaft der
Ppste (von 1305-1374). Knig Philipp der Schne fand es nmlich
vorteilhaft, die Ppste fr seine Zwecke bei der Hand zu haben, und
verleitete sie durch allerlei Lockungen, ihren Sitz in Avignon zu
nehmen, wo sie siebzig Jahre lang residierten. Sie waren hier vllig
abhngig von den franzsischen Knigen, lebten aber unter dem Schutz
derselben dafr auch weit sicherer als in Rom. Sie beschftigten sich in
ihrem Exil damit, neue Geldprellereien zu ersinnen und das umliegende
Land durch ihre eigene und die Sittenlosigkeit ihres Hofes zu
demoralisieren.

Nach dem Zeugnis der geachtetsten Geschichtsschreiber stammt die sptere
groe Sittenlosigkeit in Frankreich hauptschlich von dem
siebzigjhrigen Aufenthalt der Ppste in Avignon her.

Clemens V. trat ebenso fest wie Bonifazius, nur nicht so heftig und
deshalb klger auf, wodurch er auch mehr gewann. In dem deutschen Kaiser
Heinrich VII., dem Luxemburger, wrde wahrscheinlich ein Feind des
Papsttums gleich Friedrich II. erwachsen sein, wenn er nicht, wie man es
in Russland nennt, gestorben worden wre. Der Dominikaner Bernard von
Montepulciano, so erzhlt man, reichte ihm eine vergiftete Hostie und
der Kaiser war zu religis, um dem Rat seines Arztes zu folgen und ein
Brechmittel zu nehmen. So starb er denn an seiner Frmmigkeit.

Das grte Schanddenkmal hat sich Clemens V. durch den nichtswrdigen
Prozess gegen den Ritterorden der Tempelherren und den Justizmord der
unglcklichen Ritter gesetzt. Er war freilich nur die Katze, welche ihre
heiligen Pfoten Philipp dem Schnen lieh, um fr ihn die Kastanien aus
dem Feuer zu langen. Die Sittenverderbnis unter den Tempelherren war
allerdings gro; allein waren etwa die anderen geistlichen Herren und
die Ppste selbst reiner?

brigens wrde ihre Sittenlosigkeit den Tempelherren schwerlich den Hals
gebrochen haben; ihr Verbrechen war es, vernnftigere und freiere
Religionsansichten zu haben als der andere Kuttenpbel, und dann - waren
sie ungeheuer reich. Indem man ihnen den Prozess machte, schlug man, wie
man zu sagen pflegt, "zwei Fliegen mit einer Klappe".

Johann XXII., eines Schuhflickers Sohn, war schon ein Schuft und
Betrger, ehe er den Ppstlichen Stuhl bestieg, und auf demselben
vervollkommnete er sich noch in seinen Spitzbubentugenden. Ich habe
schon im vorigen Kapitel Erbauliches von ihm berichtet und fge nur noch
weniges hinzu.

Er lag in bestndigem Streit mit dem deutschen Kaiser Ludwig dem Bayern
und dem Knig von Frankreich. Ersterer wehrte sich zwar tchtig,
"kuschte" aber doch zuletzt, denn "er hatte zwei Seelen, eine
kaiserliche und eine bayerische".

Philipp der Schne aber lie dem bermtigen Papst sagen, "er werde ihn
als Ketzer verbrennen lassen". Leider ist das nicht geschehen; er starb
90 Jahre alt. Er hinterlie auer seinen 33 Millionen, welche die Kirche
verdaute, die bekannte schne Hymne: "Stabat mater dolorosa".

Sein Nachfolger Benedikt XII. war ein herzensguter Mann und man kann ihm
weiter nichts zur Last legen, als dass er Papst war. Aber selbst diesen
Fehler suchte er nach besten Krften zu mildern, indem er wenigstens
erklrte, "ein Papst habe keine Verwandte", wodurch er seine Vorgnger
und Nachfolger beschmte, welche ihre "Neffen" usw. nicht reich genug
beschenken konnten. Hohe Personen hielten um seine Nichte an; aber er
sagte: "Fr ein solches Ross schickt sich nicht solch ein Sattel", und
gab sie einem Kaufmann aus Toulouse.

Clemens VI., der Benedikt XII. folgte, war nach dem Ausdruck eines
gleichzeitigen Geschichtsschreibers "hchst ritterlich und nicht sehr
fromm", welches Letztere man wohl von mehreren "Heiligen Vtern" sagen
konnte. Er benahm sich sehr hochmtig gegen Kaiser Ludwig und hatte
leichtes Spiel mit dessen Gegner, dem "Pfaffenknig" Karl IV. Obwohl er
selber sehr locker lebte, so hielt er es doch fr ntig, die hhere
Geistlichkeit wegen ihres liederlichen Lebenswandels abzukanzeln und
sagte den Herren unter anderem in seiner Strafpredigt: "Ihr wtet wie
eine Herde Stiere gegen die Khe des Volkes!"

Clemens war sehr prachtliebend, und mit unerhrtem Pomp krnte er Don
Sanchez, den zweiten Sohn des Knigs von Kastilien, zum Knig der
glcklichen Inseln, wie damals die kanarischen hieen. Beim Krnungszug
kam als ble Vorbedeutung ein Platzregen, welcher Papst und Knig bis
auf die Haut durchnsste; und in der Tat wurde auch das Knigreich zu
Wasser, denn die khnen Normannen hatten es in Besitz genommen und
hielten es fest.

Mit diesem Sanchez hatte Clemens groe Absichten. Er versprach ihn an
die Spitze eines Kreuzzuges zu stellen und ihm den Titel "Knig von
gypten" zu geben. Der Prinz war auer sich vor Dankbarkeit und rief:
"Nun, so mache ich Ew. Heiligkeit zum Kalifen von Bagdad!" - So erzhlt
uns der berhmte Dichter Petrarca.

Philipps des Schnen Beispiel hatte den Ppsten bse Frchte getragen,
denn die Kraft des Banns fing an zu erlahmen. Das fhlte Urban V. Ein
Erzbischof weigerte sich, einen Mnch zu ordinieren, der ihm von seinem
Landesherrn, Bernab Visconti von Mailand, empfohlen war. Dieser
gottlose Mensch lie den Erzbischof zitieren und sagte zu ihm: "Weit du
nicht, du alter Hurer, dass ich Knig, Papst und Kaiser in meinem
eigenen Reich bin!" Fr dieses ungeheure Verbrechen tat ihn Urban in den
Bann und belegte sein Land mit dem Interdikt!

Als die Legaten des Papstes die Bannbulle nach Mailand brachten, fhrte
sie Visconti samt ihrem Wisch auf die Navigliobrcke und fragte sie sehr
ernsthaft: "Wollt Ihr essen oder trinken?" Die Legaten sahen mit sehr
langen Gesichtern auf den Fluss und verlangten hchst kleinmtig zu
essen. "Nun, so fresst den Wisch da!" - Die Herren Legaten fraen.

Gregor XI. verlegte die Statthalterei Gottes wieder nach Rom. Ich habe
schon frher bemerkt, welche demoralisierenden Folgen die Residenz der
Ppste fr Avignon und Frankreich berhaupt hatte. Geschichtsschreiber
jener Zeit knnen von der dort herrschenden Unzucht nicht genug
erzhlen, und die meisten Dinge verschweigen sie aus Schamgefhl.

Ein schnes Papstexemplar war Urban VI. (1378-1389), doch war er mehr
Tiger als Affe. Seine Grausamkeit war emprend. Fnf Kardinle, die
nicht fr ihn gestimmt hatten, und mehrere Prlaten lie er frchterlich
foltern und dann teils in Scke stecken und ins Meer werfen, teils
lebendig verbrennen, erdrosseln oder enthaupten. Einen sechsten
Kardinal, der von der Tortur so elend war, dass er nicht fortkonnte,
lie er unterwegs erwrgen. Als die Kardinle zur Tortur abgefhrt
wurden, sagte der Statthalter Gottes zum Henker: "Martere so, dass ich
Geschrei hre." Dabei ging er in seinem Garten spazieren und las in
seinem Brevier.

Die Leichen von zwei Kardinlen lie dieser Henkerpapst in fen
austrocknen und dann zu Staub zerstoen. Dieser Staub wurde auf seinen
Befehl in Scke getan und nebst den roten Hten der Kardinle auf seinen
Reisen auf Maulesel vor ihm hergefhrt, anderen als schreckliches
Exempel!

Zu Ende des 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts finden wir immer
wenigstens zwei, meistens drei Ppste zugleich, die jeder von den
verschiedenen Parteien als die echten Statthalter Gottes betrachtet
wurden.

Ich habe es herzlich satt, die scheulichen Handlungen der Menschen zu
berichten, welche den Namen "Statthalter Gottes" zum schndlichsten Hohn
machten; allein ich msste vollends ermden, wenn ich die Schandtaten
und Verbrechen dieser verschiedenen Gegenppste berichten sollte. Man
durchwandere einen Bagno oder irgendein Zuchthaus und lasse sich von
jedem der Strflinge erzhlen, welche Verbrechen er begangen hat, so
wird man doch ein nur unvollkommenes Verzeichnis der Verbrechen haben,
welche von den Ppsten dieser Periode begangen wurden.

Das bse Beispiel der Ppste und berhaupt der Geistlichkeit hatte die
belsten Folgen. Von der Zgellosigkeit, welche damals unter dem Volk,
namentlich aber unter den hheren Stnden herrschte, hat man heutzutage
kaum einen Begriff, so sehr man auch ber die Sittenverderbnis der
jetzigen Zeit klagt. Alle Gesetze der Moral und der Sitte waren durch
die Liederlichkeit der Pfaffen aufgelst. Die Notwendigkeit einer
Beendigung dieses Zustandes wurde von allen gefhlt, in denen noch das
Gefhl fr das Gute lebte, und man kam dahin berein, auf einem groen
Konzil vorerst die Ordnung in der Kirche wiederherzustellen.

Dies Konzil wurde 1414 zu Konstanz gehalten und ist eines der
glnzendsten, die jemals stattgefunden haben. Man sah auf demselben
nchst einem Papst und dem Kaiser alle Kurfrsten, 153 Frsten, 132
Grafen, ber 700 Freiherrn und Ritter, 4 Patriarchen, 29 Kardinle, 47
Erzbischfe, 160 Bischfe, ber 200 bte, ein Heer von Mnchen,
Geistlichen jeder Art und Rechtsgelehrten und - die gewhnliche
Begleitung des ppstlichen Hofes, gegen 1000 ffentliche Dirnen, die
privatim unterhaltenen und heimlichen gar nicht mitgerechnet.

Drei Ppste stritten sich um die Tiara: Johann XXIII., ein Gregor und
ein Benedikt. Johann war dreist genug, auf dem Konzil zu erscheinen,
allein als man ernstlich daran ging, seinen Lebenslauf zu mustern, hielt
der Heilige Vater es fr geratener, als Postknecht verkleidet, mit Hilfe
des Herzogs Friedrich von Tirol zu entfliehen.

Man hatte seine Verbrechen in 70 Artikeln zusammengefasst und gab sie
dem Heiligen Vater zur Durchsicht. Er uerte aber kein Verlangen, sein
Sndenregister zu lesen und versuchte lieber das Konzil durch seine
Flucht zu sprengen, was aber misslang. Johanns Taten wurden ffentlich
verlesen, das heit nur 54 Artikel davon, da man sich schmte, die
anderen vor aller Welt auszusprechen. 37 Zeugen bewiesen, dass Johann
nicht nur Hurerei, Ehebruch, Blutschande, Sodomiterei, Simonie,
Freigeisterei, Ruberei und Mord verschuldet, sondern auch 300 Nonnen
verfhrt oder genotzchtigt und sie dann zum Lohn zu btissinnen und
Priorinnen gemacht habe.

Sein eigener Sekretr, Niem, erzhlt, dass der Papst zu Bologna einen
Harem von 200 Mdchen unterhalten habe. Auch beschuldigt man Johann,
seinen Vorgnger Clemens V. vergiftet zu haben.

Johann wurde abgesetzt. Gregor dankte freiwillig ab; aber der alte
Benedikt spielte in einem Winkel Spaniens, wohin er geflohen war, den
Vizegott; allein niemand kehrte sich an seine Bannflche. Endlich lie
der neuerwhlte Papst, Martin V., den neunzigjhrigen Benedikt
vermittelst Gift aus dem Weg rumen.

Unbegreiflich ist es, wie dieser in Wollust aller Art sich wlzende
Heilige Vater ein so hohes Alter erreichen konnte. Berhmte
Kanzelprediger predigten ffentlich gegen sein abscheuliches Leben, und
einer derselben sagte: "J'aime mieux baiser le derrire d'une vielle
maquerelle, qui aurait les hemmorodes, que la bouche de ce Pape l!"

Das Konzil von Konstanz verurteilte Jan Hus und Hieronymus von Prag als
Ketzer zum Feuertod und verursachte dadurch blutige Kriege; aber der
Zweck des Konzils, eine Reformation an Haupt und Gliedern der Kirche,
wurde nicht erreicht.

Im Jahr 1418 gingen die Herren Reformatoren auseinander. Die Stadt
Konstanz hatte vier Jahre lang einen schnen Verdienst durch die 100.000
Fremden mit 40.000 Pferden, die sie so lange beherbergen musste. Fr ihr
gutes Verhalten erhielt die Brgerschaft vom Kaiser unschtzbare
Belohnungen, die ihn nichts kosteten, nmlich das Recht, eine
vierzehntgige Messe zu halten, mit rotem Wachs zu siegeln, im Felde
eigene Trompeter zu halten und auf ihr Banner - einen roten Schwanz zu
setzen, der sie vielleicht an die vielen Kardinle erinnern sollte; ich
bin nicht bewandert genug in der Heraldik, um die Bedeutung dieses
seltsamen Wappenvogels zu erklren. Der Brgermeister wurde zum Ritter
geschlagen, da das kleine Geld der Frstengunst, die Orden, noch nicht
blich waren.

Von Eugen VI., Calixt III. und Pius II., der sich schminkte und eine
Krone trug, die 200.000 Dukaten wert war; ebenso von dem schndlichen
Meuchelmrder Sixtus IV., der in Rom die ersten ffentlichen Bordelle
anlegte und jeden seiner Kardinle auf die Erwerbnisse von 20-30 Huren
anwies; der fr Geld die Erlaubnis erteilte, bei der Frau eines
Abwesenden die Stelle des Mannes zu vertreten; der mit seiner Schwester
einen Sohn zeugte, seine beiden Shne zu unnatrlicher Wollust
missbrauchte und unendlich viele andere Schandtaten beging: von allen
diesen Ppsten schweige ich, obgleich ihre Geschichte gewiss sehr
lehrreich und erbaulich sein wrde.

Innozenz VIII. (1484-1492) sorgte mit vterlicher Zrtlichkeit fr seine
Kinder und scharrte unendlich viel Geld zusammen. Doch das taten alle
Ppste. Er zeichnete sich nur noch durch seine Sndentaxordnung aus, die
in 42 Kapiteln 500 Taxanstze enthielt. Ich habe schon frher davon
gesprochen; hier nur noch einige Beispiele aus diesem Schanddokument:
Begeht ein Geistlicher vorstzlich einen Mord, so zahlt er nach
Reichswhrung zwei Goldgulden acht Groschen. Vater-, Mutter-, Bruder-
und Schwestermord ist taxiert zu ein Gulden zwlf Groschen! Wollte aber
ein Ketzer absolviert werden, so hatte er vierzehn Gulden acht Groschen
zu bezahlen. Eine Hausmesse in einer exkommunizierten Stadt kostete
vierzig Gulden.

Dieser Papst Innozenz VIII. widmete dem Hexenwesen ganz besondere
Aufmerksamkeit und kann als der Begrnder der Hexenprozesse betrachtet
werden, welche so vielen armen alten und jungen Weibern das Leben
kosteten. In der abgeschmackten Bulle, die er hierber erlie, faselt er
von bsen Geistern, die sich auf den Menschen, und solchen, die sich
unter ihn legen!

Alexander VI. (1492-1502) war der Nachfolger von Innozenz, und obwohl er
nicht schlechter und lasterhafter war als viele seiner Vorgnger, so
sind doch seine Handlungen mehr bekannt geworden als die anderer Ppste,
und er gilt gewhnlich als die Quintessenz ppstlicher Schlechtigkeit.

Er war in Valencia geboren und hie ursprnglich Rodrigo Langolo; aber
sein Vater vernderte seinen Namen in Borgia. Rodrigo studierte, wurde
dann aber Soldat und verfhrte eine Witwe namens Vanozza und ihre beiden
Tchter. Von einer derselben hatte er vier Shne: Juan, Cesare, Pedro
Luis und Jofr, und eine Tochter Lucrezia.

Sein Oheim, Alfons Borgia, wurde unter dem Namen Calixtus III. Papst,
und Rodrigo begab sich schleunigst nach Rom. Der Papst berschttete
seinen Neffen mit Wrden und Geschenken und machte ihn endlich zum
Kardinal. Nun richtete derselbe seine Augen auf die ppstliche Krone.
Als Innozenz VIII. starb, bestach er von 27 Kardinlen 22 durch
Versprechungen und wurde Papst. Als er sein Ziel erreicht hatte,
ermahnte er die bestechlichen Kardinle zur Besserung und rumte sie als
ihm unbequem allmhlich durch ppstliche Hausmittelchen aus dem Wege.

Fr das Schicksal seiner Kinder war Alexander VI. auf das zrtlichste
bedacht. Er verheiratete sie alle vortrefflich und sorgte fr ihr
Fortkommen. Cesare Borgia wurde zum Kardinal gemacht und hatte die
Freude, seinen Bruder Jofr mit Sancha, der Tochter des Knigs Karl
VIII. von Frankreich zu verheiraten, der noch weit grere Opfer bringen
musste, um den Papst zu bewegen, seine Absichten auf das Knigreich
Neapel zu untersttzen. Karl musste unendlich viele Dukaten opfern, denn
Geld war bei Alexander VI. die Losung.

Um Geld zu erlangen, verschmhte dieser Papst kein Mittel. Einen Beweis
fr seine Handlungsweise liefert sein Betragen gegen den unglcklichen
Prinzen Cem. Dieser hatte sich gegen seinen Bruder, den Sultan Bayezit,
emprt, war gefangen und dem Papst Innozenz gegen ein Jahrgeld von
40.000 Dukaten zur Aufbewahrung anvertraut worden. Um Geld zu gewinnen,
lie Alexander VI. dem Sultan weismachen, dass Karl VIII., wenn er
Neapel erobert habe, gegen ihn ziehen wolle und sich bereits seinen
Bruder Cem erbeten habe, um ihn an die Spitze des Unternehmens zu
stellen. Zugleich erbat sich Alexander die flligen 40.000 Dukaten.

Der wirklich besorgte Sultan schickte gleich 50.000 und schrieb an den
"ehrwrdigen Vater aller Christen", so nannte er Alexander, einen sehr
freundschaftlichen Brief, in welchem er ihn aufmuntert, "seinen Bruder
sobald als mglich von dem Elend dieser Welt zu befreien und ihm zu
einem glcklichen Leben zu verhelfen". Wenn der Papst diese seine Bitte
erfllen wolle, so verspreche er ihm feierlich und eidlich 300.000
Dukaten, die kostbare Reliquie des Leibrocks Christi und ewige
Freundschaft.

Alexander wollte aber noch mehr Nutzen aus dem Heiden ziehen, der in
seinem Gewahrsam war; er lieferte ihn Karl VIII. fr 20.000 Dukaten aus,
aber bereits mit einem Trank im Leib, der ihn in Mohammeds Paradies
befrderte. Einer der Geschichtsschreiber sagt: "Er starb an einer
Speise oder einem Trank, die ihm nicht gut bekam." - Bayezit war ebenso
ehrlich wie der Papst und zahlte mit Freuden das Blutgeld.

Alexander erhob seinen ltesten Sohn Juan, Herzog von Gandia, den er am
liebsten hatte, zum Herzog von Benevent. Dies war dessen Tod, denn sein
eiferschtiger Bruder Cesare lie ihn ermorden. Man zog den von neun
Dolchstichen durchbohrten Leichnam aus dem Tiber, und die Rmer sagten
spottend: "Alexander ist der wrdigste Nachfolger Petri, denn er fischt
aus dem Tiber sogar Kinder." - Alexander war ber den Tod seines
Lieblings auer sich; aber er vergab Cesare den kleinen Mord sehr bald
und bertrug auf diesen wrdigsten Sprssling all seine vterliche
Zrtlichkeit.

Um nicht daran gehindert zu sein, durch Heirat zur Macht zu gelangen,
verlie der Kardinal Cesare Borgia den geistlichen Stand - ein bis dahin
nie vorgekommener Fall, - wurde von dem Knige von Frankreich zum Herzog
von Valence in der Dauphin ernannt und heiratete bald darauf eine
Tochter der Knigin von Navarra.

Seine anderen Kinder verga der zrtliche Vater aber auch nicht.
Lucrezia hatte schon viel herumgeheiratet, als sie an Alfons, Herzog von
Bisceglia, gelangte, der aber ermordet wurde und einem Prinzen von
Ferrara Platz machen musste.

Die ppstliche Familie fhrte ein uerst gemtliches Familienstilleben.
Die Brder und der Vater schliefen abwechselnd bei der schnen Lucrezia,
und der Letztere hatte die Freude, ihr einen Sohn zu erzeugen, der
Rodrigo genannt wurde und welcher demnach der Bruder seiner Mutter und
der Sohn und Enkel seines glcklichen Vaters war, der das Wunderkind zum
Herzog von Sermonata machte.

Die italienischen Frsten, welche von dem Heiligen Vater und seinem Sohn
Cesare auf das schamloseste geplndert wurden, vereinigten sich gegen
diese Ungerechtigkeiten, allein sie wurden fast smtlich gegen ihre
bessere berzeugung zur Seligkeit befrdert. Ein halbes Dutzend von
ihnen besorgte Cesare zur Ruhe und einen andern der Herr Papa.

Cesare wrde sich wahrscheinlich unter dem Schutze seines Heiligen
Vaters ein ganz artiges Reich zusammengeraubt haben, wenn dieser
Musterpapst nicht aus Versehen gestorben wre. Das ging auf folgende
Weise zu.

Alexander hatte die Gewohnheit, solche reiche Leute, die er gern beerben
wollte, in die bessere Welt zu befrdern, und eins seiner
Lieblingsmittel dazu war Gift, welches er hchst gemtlich "Requiescat
in pace" nannte. - Der Kardinal Corneto, ein unchristlich reicher Mann,
sollte so beruhigt werden und wurde zu diesem Zweck vom Papst zum
Abendessen geladen. Durch ein Versehen reichte ein Diener dem Papst den
"in der Hlle gewrzten" fr den Kardinal bestimmten Wein, und dieser
endete am andern Tag sein heiliges Leben im 72. Lebensjahre. Cesare, der
auch von dem vergifteten Wein getrunken, hatte ein volles Jahr daran zu
verdauen.

Mit den Schandtaten dieses Papstes knnte man ein ganzes Buch fllen,
aber ich will den Lesern nur einige mitteilen.

Von der Macht und der Stellung der Ppste hatte Alexander die hchsten
Begriffe, denn er sagte: "Der Papst steht so hoch ber dem Knig wie der
Mensch ber dem Vieh", und mit der Religion, welche damals die
christliche hie, war er vollkommen zufrieden, denn er uerte: "Jede
Religion ist gut, die beste aber - die dmmste", und es wrde schwer
geworden sein, etwas Dmmeres als das Christentum der rmischen Kirche
jener Zeit aufzufinden. Alexander selbst hatte gar keine Religion.

Hchst originell ist eine Unterredung, welche der gelehrte Prinz Piko di
Mirandola mit dem Papst nach der Niederkunft der Lucrezia mit Rodrigo
hatte. Alexander fragte ihn: "Kleiner Piko, wen hltst du fr den Vater
meines Enkels?"

"Nun, Ihren Schwiegersohn!", nmlich den fr impotent bekannten Alfons.

"Wie kannst du das glauben?"

"Der Glaube, Ew. Heiligkeit, besteht ja darin, Unmgliches zu glauben",
und nun kramte der Prinz eine solche Menge geglaubter Unmglichkeiten
aus, dass der Heilige Vater sich beinahe vor Lachen ausschttete.

"Ja, ja", sagte der Papst, "ich fhle wohl, dass ich nur durch Glauben,
nicht aber durch meine Werke selig werden kann."

"Ew. Heiligkeit", antwortete der Prinz, "haben ja die Schlssel des
Himmelreichs; aber ich, - wie ginge es mir dort, wenn ich bei meiner
Tochter geschlafen, mich des Dolchs und der Cantarella (Gift) so oft
bedient htte!"

"Ernsthaft, sage mir", fuhr der Papst fort, "wie kann Gott am Glauben
Vergngen finden? Nennen wir nicht den, der da sagt, er glaube was er
unmglich glauben kann, einen Lgner?"

"Groer Gott!" rief der Prinz und schlug ein Kreuz, "ich glaube, Ew.
Heiligkeit sind kein Christ!"

"Nun, ehrlich gesprochen, ich bin's auch nicht."

"Dacht' ich's doch!" sagte der Prinz, und damit endete die seltsamste
Unterredung, die wohl je zwischen einem Papst und einem Laien
stattgefunden hat.

Die Liederlichkeit Alexanders lsst sich in unserer keuschen Sprache
nicht wohl beschreiben; sie kommt nur der Cesare Borgias und seiner
Schwester Lucrezia gleich. Alle Abarten der Wollust, welche wir
Deutschen meistens nicht einmal dem Namen nach kennen und welche von den
frheren Ppsten einzeln getrieben wurden, dienten diesem Papst
gewordenen Priap zur Unterhaltung.

Burckard, der Zeremonienmeister Alexanders VI., hat in seinem Diarium
das Leben am ppstlichen Hofe geschildert, und die ppigste Phantasie
kann nichts erdenken, was hier nicht getrieben wurde. Burckard sagt:
"Aus dem apostolischen Palast wurde ein Bordell, und ein weit
schandvolleres Bordell, als je ein ffentliches Haus sein kann."

"Einst wurde", so erzhlt Burckard, "auf dem Zimmer des Herzogs von
Valence (Cesare Borgia) im apostolischen Palast eine Abendmahlzeit
gegeben, bei welcher auch fnfzig vornehme Kurtisanen gegenwrtig waren,
die nach Tische mit den Dienern und anderen Anwesenden tanzen mussten,
zuerst in ihren Kleidern, dann nackend. Darauf wurden Leuchter mit
brennenden Lichtern auf die Erde gesetzt und zwischen denselben
Kastanien hingeworfen, welche die nackten Weibsbilder, auf allen Vieren
zwischen den Leuchtern durchkriechend, auflasen, whrend Seine
Heiligkeit, Cesare und Lucrezia zusahen. Endlich wurden viele
Kleidungsstcke fr diejenigen hingelegt, die mit mehreren dieser
Lustdirnen ohne Scheu Unzucht treiben wrden, und sodann diese Preise
ausgeteilt. Diese schne Szene fiel vor an der Allerheiligen-Viglie
1501."

Einst lie Alexander rossige Stuten und Hengste vor sein Fenster fhren
und ergtzte sich mit Lucrezia an dem Schauspiel. - Dieses Weib war ber
alle Beschreibung liederlich, ob sie aber nach dem Papstrecht das
Prdikat Hure verdient, wei ich nicht, denn einige Glossatoren
desselben haben aufgestellt, dass man nur diejenige eine wahre Hure
nennen knne, die 23.000 Mal gesndigt habe!

Lucrezia genoss das unbeschrnkte Vertrauen ihres Vaters. In dessen
Abwesenheit erbrach sie alle Briefe, beantwortete sie ntigenfalls und
versammelte die Kardinle nach Gefallen. Man schrieb ihr folgende
Grabschrift: "Hier liegt, die Lucrezia hie und eine Thais war,
Alexanders Weib, Tochter und Schwiegertochter"; Letzteres, weil einer
ihrer vielen Mnner ein anderer Sohn des Papstes, also ihr Halbbruder
war.

Die zu jener Zeit auflebenden Wissenschaften und die immer weiter um
sich greifende Anwendung der hllischen Erfindung der Buchdruckerkunst
machte den Papst sehr besorgt. Er frchtete, dass eine freie Presse dem
Schandleben der Ppste ein Ende machen mchte, und hatte daher nicht
Unrecht zu frchten. Er fhrte daher die Bcherzensur ein, die bis auf
die neueste Zeit geblieben ist und wo sie endlich vor der ffentlichen
Meinung weichen musste, in die fast noch schlimmere Phase der
Pressprozesse bergegangen ist, die sehr hufig im Sinne Richelieus
gefhrt werden, der behauptete, kein Schriftsteller knne fnf Worte
schreiben, ohne sich eines Verbrechens schuldig zu machen, welches ihn
in die Bastille bringt. Derjenige, zu dem er dies sagte, schrieb: "Zwei
und eins macht drei!" - "Unglcklicher!" rief der Kardinal, "Sie leugnen
die Dreieinigkeit!" Seitenstcke dazu liefern manche moderne
Pressprozesse.

Julius II. (1502-1513) gelangte ebenfalls durch List und Bestechung auf
den Ppstlichen Stuhl. Er war ein tchtiger Soldat; das ist das einzige,
seltsame Lob, welches man diesem Statthalter Gottes geben kann. Er
hetzte alle Frsten gegeneinander, lie Armeen marschieren, kommandierte
sie selbst und belagerte und eroberte Stdte.

Seine Gegner beriefen eine Synode nach Pisa, um dem martialischen Sohn
der Kirche sein unberufenes Handwerk zu legen. Von dieser
Kirchenversammlung wurde er "als Strer des ffentlichen Friedens, als
ein Stifter der Zwietracht unter dem Volk Gottes, als ein Rebell und
blutdurstiger Tyrann und als ein in seiner Bosheit verhrteter Mensch"
aller geistlichen und weltlichen Verwaltung entsetzt.

Julius kehrte sich natrlich nicht an dieses Urteil; es erbitterte ihn
nur noch mehr gegen seine Feinde und besonders gegen den vortrefflichen
Knig von Frankreich, Ludwig XII., den er absetzte. Ganz Frankreich
wurde ebenfalls mit dem Interdikt belegt; aber die aus dem Vatikan
geschleuderten Blitze zndeten nicht mehr.

Julius II. handelte nach dem Ausdrucke des berhmten
Geschichtsschreibers Mezeray "wie ein trkischer Sultan und nicht wie
ein Statthalter des Friedensfrsten und wie ein Vater aller Christen".
In den Kriegen, die er aus Rachbegierde und Blutdurst fhrte, verloren
zweihunderttausend Menschen ihr Leben. Er starb mitten unter
Vorbereitungen zu neuen Kriegen.

Er war so liederlich wie Alexander VI., und vor diesem hatte er noch
voraus, dass er ein Trunkenbold war. Kaiser Maximilian I. sagte einst:
"Ewiger Gott, wie wrde es der Welt gehen, wenn du nicht eine besondere
Aufsicht ber sie httest, unter einem Kaiser wie ich, der ich nur ein
elender Jger bin, und unter einem so lasterhaften und versoffenen
Papst, als Julius ist!"

Der Zeremonienmeister dieses Papstes, de Grassis, erzhlt, dass der
Heilige Vater einmal so heftig von der Krankheit angesteckt war, welche
der Ritter Bayard le mal de celui qui l'a nennt, dass er am Karfreitag
niemand zum Fukuss lassen konnte.

Ein ebenso liederlicher Mensch war sein Nachfolger Leo X. (1513-1521),
welcher seine Erhebung zum Papst derselben Krankheit verdankte, die
Julius am Fukuss verhinderte. Als er zur neuen Papstwahl ins Konklave
kam, litt er an einem venerischen Geschwr am Hintern, welches einen
pestilenzialischen Geruch verbreitete. Die anderen Kardinle, welche
angesteckt zu werden frchteten, befragten die rzte des Konklaves, und
diese erklrten einstimmig, dass Leo gewiss bald sterben wrde. Um nur
baldigst von dem Gestank befreit zu werden, whlten ihn die Kardinle
zum Papst.

Leo X., ein Sprssling der berhmten Frstenfamilie der Medicis, war ein
gescheiter Mann, welcher Knste und Wissenschaften liebte und manch
andere Eigenschaft hatte, die wir an einem weltlichen Frsten recht hoch
schtzen wrden. Er lebte "vergngt wie ein Papst" und kmmerte sich
ebenso wenig um die Christenheit wie um Geschfte, wenn er nicht durch
seine ungeheuren Geldbedrfnisse dazu gezwungen war.

Er soll whrend der acht Jahre seiner Herrschaft 14 Millionen Dukaten
verbraucht haben, was sehr glaublich ist, da er das so leicht erworbene
Geld ebenso leicht ausgab. Bei seiner Krnung verschenkte er 100.000
Dukaten. Dichter und Maler erhielten von ihm sehr bedeutende Summen;
aber die guten Christen deckten das alles. Einst sagte Leo zum Kardinal
Bambus: "Wie viel uns und den unsrigen die Fabel von Christo eingebracht
hat, ist aller Welt bekannt."

Sein Hof war der prchtigste, den es gab, und das Geld wurde mit vollen
Hnden weggeworfen, wie an denen der altrmischen Kaiser. So war es denn
kein Wunder, dass er trotz seines Ablasskrams noch bedeutende Schulden
hinterlie.

Leo verkaufte alles, was nur Kufer fand, und sein Finanzminister
Armellino war der unverschmteste Blutsauger. Einst sagte Colonna von
Letzterem. "Man ziehe diesem Schinder das Fell ber die Ohren und lasse
ihn fr Geld sehen, was mehr einbringen wird, als wir brauchen."

Leo wurde durch einen pltzlichen Tod aus seinem ppigen Leben
hinweggerissen und hatte nicht einmal Zeit, die kirchlichen Sakramente
zu empfangen. Dieses gab einem Dichter Veranlassung zu einem Epigramm,
welches in der bersetzung lautet: "Ihr fragt, warum Leo in der
Sterbestunde die Sakramente nicht nehmen konnte? - Er hatte sie
verkauft."

Leos Ablasskram, von dem ich bereits geredet habe, gab die nchste
Veranlassung zur Reformation. Die Geschichte derselben ist unendlich oft
geschrieben worden und befindet sich in den Hnden des Volks; ich darf
sie also als bekannt voraussetzen.

Die gefhrliche Lage des Ppstlichen Stuhls htte einen recht krftigen
Papst erfordert; aber Leos Nachfolger, Hadrian VI. (1521-1523), war dies
durchaus nicht. Er war ein bornierter Gelehrter, mehr geeignet, "sich
und die Jungens zu ennuyieren", als das lecke Schifflein Petri ber
Wasser zu erhalten, obwohl sein Vater Schiffszimmermann in Utrecht war.

Seiner Gelehrsamkeit wegen hatte man ihn zum Lehrer Karls V. gewhlt,
und als sein Zgling Kaiser war, machte man ihn zum Rektor der
Universitt Lwen. Luther sagt von ihm: "Der Papst ist ein Magister
noster aus Lwen, da krnt man solche Esel." Man mchte geneigt sein,
dies summarische Urteil zu besttigen, wenn man liest, dass Hadrian bei
den herrlichsten Kunstwerken Roms, wie Laokoon, Apoll von Belvedere
usw., mit einem flchtigen Seitenblick vorberging, indem er sagte: "Es
sind alte Gtzenbilder."

Als dieser "deutsche Barbar" zu Fu nach Rom kam, als er zu seinem
Unterhalt tglich nicht mehr als zwlf Taler brauchte und - horribile
dictu - Bier dem Wein vorzog, - da machten die Kardinle sehr lange
Gesichter und kamen zu der Einsicht, "dass der Heilige Geist keinen als
einen Italiener verstehe".

Hadrian war ein hlzerner Pedant und viel zu ehrlich, als dass man ihn
lange auf dem Ppstlichen Stuhl htte dulden knnen. Die Satiriker
nahmen ihn scharf mit. Der Dichter Berni charakterisierte dieses Papstes
Regierung sehr ergtzlich. Die bezgliche Stelle heit in der
bersetzung: "Eine Regierung voll Bedacht, Rcksicht und Gerede, voll
Wenn und Aber, Jedennoch und Vielleicht, und Worten in Menge ohne Saft
und Kraft, voll Glauben, Liebe, Hoffnung, das heit voll Einfalt, - wird
Hadrian allgemach zum Heiligen machen."

Hadrian beging ein in den Augen aller Kardinle und Geistlichen
grssliches Verbrechen; er gestand nmlich ein, dass Luther mit seinem
Verlangen nach einer Reformation gar nicht so unrecht habe, indem er
ehrlich genug war zu schreiben: "Gott gestattete die Verfolgung um der
Snde willen; die Snde des Volks stammt von den Priestern, die daher
Jesus auch zuerst im Tempel aufsuchte, und dann erst in die Stadt ging.
Selbst von diesem unserem Heiligen Stuhl ist so viel Unheiliges
ausgegangen, dass es kein Wunder ist, wenn sich die Krankheit vom Haupt
in die Glieder, von Ppsten in die Prlaten gezogen hat. Wir wollen
allen Flei anwenden, damit zuerst dieser Hof, von dem vielleicht alles
Unheil ausging, reformiert werde, je begieriger die Welt solche Reformen
erwartet."

So etwas war unertrglich, und Hadrian "wurde gestorben". Der Jubel der
Rmer bei seinem Tode war sehr gro, und sie begingen die
Unschicklichkeit, die Tr seines Leibarztes zu bekrnzen und mit der
Inschrift zu versehen: Liberatori Patriae S.P.Q.R. (Der Senat und das
Volk Roms dem Befreier des Vaterlandes).

Damit man nicht in Versuchung kommt, das Schicksal dieses ehrlichen,
gelehrten Dummkopfes gar zu sehr zu beklagen, bemerke ich, dass er fnf
Jahre lang Groinquisitor in Spanien war und dort 1620 Menschen lebendig
und 560 im Bildnis verbrennen lie und 21.845 andere zu
Vermgenskonfiskation, Ehrlosigkeit usw. verurteilte.

Clemens VII. (1523-1534), wieder ein Medici, folgte dem "Magister noster
Esel" und verstand es besser als dieser, den Kirchenmonarchen zu
spielen; aber die Reformation konnte er ebenso wenig unterdrcken. - Er
hatte groe Not auszustehen, denn der Konnetable Karl von Bourbon
strmte mit seinem unbezahlten Heer Rom. Der Feldherr wurde zwar bei dem
Sturm erschossen, allein dies diente nur dazu, die Wut der beutelustigen
Soldaten mehr anzufachen. Unter ihnen befanden sich 14.000 Deutsche
unter Georg von Frondsberg, der es besonders auf den Papst abgesehen
hatte und einen goldenen Strick bei sich trug, um Se. Heiligkeit damit
eigenhndig in den Himmel zu befrdern.

Der Papst floh in die Engelsburg, und mit Rom wurde unbarmherzig
umgegangen. Die Kardinle hatten schlimme Zeit, denn selbst die
katholischen Spanier gingen hart mit ihnen um. Die Damen nahmen die
Sache von der besten Seite; sie waren neugierig auf die stmmigen
deutschen Landsknechte, und Geschichtsschreiber erzhlen boshafterweise,
dass sie es gar nicht erwarten konnten, bis das Notzchtigen losging.

Die Soldaten raubten, wo sie etwas fanden; denn wenn die Krieger der
damaligen Zeit Geld witterten, dann suspendierten sie alle Religion,
stahlen und mordeten nach Herzenslust und lieen sich dann absolvieren.
Die Beute belief sich an Gold, Silber und Edelsteinen auf mehr als zehn
Millionen Gold, und an barem Geld, womit sich die Vornehmen ranzionieren
mussten, auf eine noch grere Summe.

Ich habe da ein altes Buch von 1569 vor mir, in welchem Adam Reiner,
der in Diensten Frondsbergs mit in Rom war, die tolle Wirtschaft, welche
die Soldaten dort neun Monate lang trieben, sehr einfach und treuherzig
beschreibt. Ich will eine Stelle daraus wrtlich hersetzen:

"Die Landsknecht haben die Cardinls Ht auffgesetzt, die roten langen
Rck angetan, vnd sind auff den Eseln in der Statt vmbgeritten, haben
also jr Kurzweil vnd Affenspiel gehalten. Wilhelm von Sandizell ist
oftermals mit seiner Rott, als ein rmischer Bapst, mit dreyen Kronen
fr die Engelburg kommen, da haben die andern Knecht in den Cardinls
Rkken irem Bapst Reverentz gethan, ire lange Rck vornen mit den Hnden
auffgehebt, den hindern Schwantz hinden auff der Erd lassen
nachschleyffen, sich mit Haupt und Schultern tief gebogen, niederkniet,
Fu vnd Hnd gekt. Alsdann hat der vermeynt Bapst Clementen einen
Trunk gebracht, die angelegte Cardinl sind auff jren Knien gelegen,
haben ein jeder ein Glavoll Wein autrunken, vnd dem Bapst bescheyd
gethan, darbey geschrien, Sie wollen jetzt recht fromme Bpst vnd
Cardinl machen, die dem Keyser gehorsam, vnd nicht wie die vorige
widerspenstig, Krieg vnd Blutvergiessen anrichten."

"Zuletzt haben sie laut vor der Engelsburg geschrien: Wir wllen den
Luther zum Bapst machen! welchen solchs gefallen, der soll ein Hand
aufheben, haben darauff all jre Hnd auffgehebt, vnd geschrien, Luther
Bapst, und viel dergleichen schimpffliche lcherliche Spottreden
gethan."

"Grnenwald, ein Landsknecht schrey vor der Engelsburg mit lauter stimm.
Er hett lust, dass er den Bapst ein stck au seinem Leib solt reissen,
weil er Gottes, de Keysers, vnd aller Welt Feind sey" usw.

Nachdem Papst Clemens an die Truppen noch gegen 400.000 Dukaten bezahlt
hatte, lie man ihn, als Diener verkleidet, aus der Engelsburg
entwischen.

Clemens hatte kein Glck, aber auch kein Geschick. So viel htte er mit
seinem Verstand erkennen knnen, dass die Zeit der Innozenze vorber
war; allein er war unpolitisch genug, es mit dem despotischen Heinrich
VIII. von England zu verderben, den er exkommunizierte und der sich
dafr mit seinem ganze Land von Rom lossagte. Dadurch verlor der
Ppstliche Stuhl den Petersgroschen, eine Abgabe, welche seit 740 von
jedem englischen Hause nach Rom bezahlt wurde und die bis dahin gegen 38
Millionen Gulden eingebracht hatte.

Die Reformation machte unter diesen beiden letzten Ppsten immer weitere
Fortschritte, und die 1522 auf dem Reichstage, zu Nrnberg versammelten
Reichsstnde erklrten: "dass sie die ppstlichen und kaiserlichen
Verordnungen nicht vollstrecken lassen knnten, weil das Volk, welches
den Lehren Luthers in groer Menge zugetan sei, dadurch leicht auf den
Argwohn geraten knnte, als wolle man die evangelische Wahrheit
unterdrcken und die bisherigen Missbruche untersttzen, und dies
knnte leicht zu Aufruhr und Emprung Anlass geben".

Die deutschen Frsten auf dem Reichstage nahmen diesmal kein Blatt vor
den Mund, und in den "hundert Beschwerden der deutschen Nation" sprachen
sie geradezu von den Betrgereien der Ppste, was sie nicht einmal
heutzutage wagen wrden. berhaupt sagten die Verteidiger der
Reformation damals vieles sogar mit dem Beifall der Frsten, was selbst
heute in anstndiger Sprache nicht gewagt werden drfte, aus Furcht vor
endlosen Pressprozessen. Man lie Luthers "Satyren" ungehindert
passieren, obwohl sie eigentlich nichts als unfltige Schimpfereien
waren.

Der "Gottesmann Lutherus" zeigte wenig Respekt vor Ppsten oder Frsten,
wenn es die Verteidigung seiner Sache galt. Er ging mit ihnen um, als ob
sie Bettelbuben gewesen wren, und sagte sowohl dem Knig von England
als dem Herzog Georg von Sachsen auf das allerderbste Bescheid. Den
Herzog von Braunschweig nannte er nur den "Hansworst"; aber am
schlimmsten kam der Papst weg.

In seinem Buch: "Das Papsttum, vom Teufel gestiftet" nennt er die Kirche
"die Lerche" und den Papst "den Kuckuck, der die Eier fresse und dafr
Kardinle hineinscheie". Er nennt Se. Heiligkeit "einen Gaukler, das
Leckerlein von Rom, ppstliche Hllischkeit und Spitzbube, ein
epikurisch Schwein, das vom Teufel hintenaus geboren, und will, dass man
ihm den Hintern ksse, einen beschissenen und furzenden Papstesel, vor
dessen Frzen sich der Kaiser frchtet und der alle Frze der Esel
binden und die selbsteigenen angebetet haben will, und dass man ihm
dabei noch den Hintern lecke".

Wenn es heutzutage ein Schriftsteller wagen wrde, so gegen den Papst zu
schreiben oder gegen den Kaiser Napoleon, dann fiele halb Europa in
Ohnmacht und dem Verfasser winkte ein Pressprozess mit darauf folgendem
Gefngnis, so lang wie das Fegefeuer.

Seine Gegner blieben Luther indes nichts schuldig, und Dr. Eck, den der
Reformator stets Dreck nannte, zahlte ihm mit gleicher Mnze. Die
gewhnlichen Titel, die man ihm gab, waren Doktor Dreck-Mrte, Doktor
Sauhund von Wittenberg und dergleichen. Der Jesuit Weislinger sagt von
ihm in Bezug auf die Tischreden: "Luther ist Zeremonienmeister bei Hofe,
wo man Mist ladet, Advokat zu Sauheim, wo nicht gar Stadtrichter zu
Schweinfurt; - gbe es ein Mistingen, Schmeisau oder Dreckberg, so
gehre der Sauluther dahin." Das war, wie bemerkt, im sechzehnten
Jahrhundert "Satyre".

Clemens VII. war ein groer Freund der Mnche. Unter ihm entstanden die
Kapuziner, eine Abart der Franziskaner, welche sich von den Letzteren
nur durch ihre grere Dummheit und Schweinerei auszeichneten. Die
spitzen Kapuzen, die sie tragen und einem Lichtauslscher sehr hnlich
sehen, knnen zugleich als ihr Feldzeichen dienen, denn Clemens hoffte
durch sie das Licht auszulschen, welches durch Luther angezndet war.

Paul III. (1539-1549), der nach Clemens Papst wurde, war schon im 26.
Jahr Kardinal geworden und zwar, weil er seine schne Schwester Julia
Farnese an Alexander VI. verkuppelt hatte. Er war einer der
liederlichsten Ppste. Blutschande, Mord und hnliche Verbrechen waren
ihm gelufig. Er vergiftete sowohl seine eigene Mutter wie seine
Schwester!

Doch das sind eigentlich Familienangelegenheiten, die uns weniger
angehen. Weit wichtiger war es fr die Welt, dass Paul am 27. September
1540 den Orden der Jesuiten besttigte. Wir werden diese Fledermuse
noch nher kennen lernen und wollen ihnen dann sagen, was sie waren und
was sie sind; denn sie selbst wollten und konnten darber keine Auskunft
geben und sagten, sie wren tales quales; das heit: diejenigen, welche
- - -

Julius III. war ein Papst, der noch weniger taugte als seine Vorgnger.
Er hielt sich mit dem Kardinal Creszentius gemeinschaftlich
Beischlferinnen, und die Kinder, welche dieselben bekamen, erzogen sie
gemeinschaftlich, da keiner von beiden wusste, wer der Vater sei. Seinen
Affenwrter, einen hsslichen Jungen von sechzehn Jahren, machte er zum
Kardinal, und als ihm die andern Kardinle deshalb Vorwrfe machten,
rief er: "Potta di Dio! was habt Ihr denn an mir gefunden, dass Ihr mich
zum Papst machtet?"

Der Heilige Vater lie einst in Rom Musterung ber alle Freudenmdchen
halten und es fanden sich nicht weniger als 40.000 in der Stadt. Unter
einem so liederlichen Papst wie Julius musste ihr Handwerk natrlich
gedeihen. Sein Nuntius Johann a Casa, Erzbischof von Benevent, schrieb
ein Buch ber die Sodomiterei, worin er diese lebhaft in Schutz nimmt.
Dies Buch ist 1552 in Venedig gedruckt und - dem Papst dediziert!

Paul IV. war ein vor Stolz halb wahnsinniger, achtzigjhriger Narr und
nebenbei ein mordlustiger Pfaffe. Unter ihm konnte die Inquisition nicht
genug Opfer erwrgen. Hren wir, was Pasquino ber ihn sagte. Aber
vorher noch einige Worte ber Pasquino.

Nach der Sage war dieser ein lustiger Schneider in Rom, dessen Schwnke
viele Leute nach seiner Bude lockten. Dieser gegenber stand eine
verstmmelte Statue, an welcher man hufig Satiren angeklebt fand, die
man dem Schneider Pasquino zuschrieb. Daher das Wort Pasquill. Es gibt
indessen noch andere Traditionen darber. Bald wurde nun eine andere
Statue am Kapitol dazu ausersehen, Antworten auf die Fragen aufzunehmen,
die man an der ersten Statue fand, und so entstand das Frage- und
Antwortspiel, welches nicht nur sehr ergtzlich, sondern auch von groem
Nutzen war. Es war der rmische Kladderadatsch in primitiver Gestalt.

Als Paul IV. 1559 gestorben war, schlug Pasquino folgende Grabschrift
vor.- "Hier liegt Caraffa (aus dieser Familie stammte der Papst),
verflucht im Himmel und auf Erden, dessen Seele in der Hlle, dessen Aas
im Boden ist. Der Erde missgnnte er den Frieden, dem Himmel Gebet und
Gelbde; ruchlos richtete er Klerus und Volk zu Grunde; vor den Feinden
kroch er, gegen Freunde war er treulos; wollt Ihr alles auf einmal
wissen? - er war Papst!"

Der Name Papst war damals in Rom zum Schimpfwort herabgesunken. Pasquino
erwiderte einem Fragenden: "Warum jammerst du?" - "Ach, der Schimpf
bricht mir das Herz!" - "Nun, was ist's?" - "Du errtst es nicht? - Sie
haben mich", ruft er unter Schluchzen, "sie haben mich - einen Papst
genannt."

Paul war Kaiser Karls V. erbitterter Feind gewesen und wollte nach
dessen Abdankung Kaiser Ferdinands Wahl nicht anerkennen, weil dessen
Sohn und Thronfolger, Maximilian, meist unter Lutheranern aufgewachsen
sei.

Der Kaiser kehrte sich wenig an den Papst, dazu angeregt durch den
Reichs- Vizekanzler Dr. Seld, den Beust Ferdinands I. Dieser Minister
sagte in einem Gutachten: "Man lacht jetzt ber den Bann, vor dem man
sonst zitterte; man hielt sonst alles, was von Rom kam, fr heilig und
gttlich, jetzt speiet mnniglich, er sei alter oder neuer Religion,
darber aus. Die alten Kaiser haben die Ppste beim Kopfe genommen,
gestcket, gepflcket und abgesetzt; wir haben selbst erlebt, wie Karl
mit Clemens umgegangen; solchen Ernstes sind Ew. Majestt nicht einmal
bentigt. brigens wei man, dass Se. Heiligkeit die Kardinle, welche
Wahrheiten sagen, Bestien und Narren gescholten, solche mit Stecken
geschlagen, woraus anzunehmen, dass dieselben Alters oder anderer
Zuflle wegen nicht wohl bei Vernunft und Sinnen seien."

Unter Pius IV. wurde das berhmte Trientiner Konzil geschlossen (im
Dezember 1563), welches achtzehn Jahre versammelt gewesen war, um die
schon lngst als notwendig erkannte Reformation der Kirche an "Haupt und
Gliedern" vorzunehmen.

Das Konzilium stand unter der unmittelbaren Beaufsichtigung des Papstes.
Kardinal del Monte stand mit ihm durch eine ununterbrochene Kurierlinie
zwischen Trient und Rom in fortwhrender Verbindung und des Papstes
Instruktionen hatten auf alle Beschlsse den entschiedensten Einfluss.
Alle Welt schrie, das Konzil sei nicht bei Trost, aber niemand konnte
das ndern.

Der Bischof Dudith von Tina in Dalmatien und mehrere andere sagten: "Der
Heilige Geist, der die versammelten Vter in Trient belehrte, kam im
rmischen Felleisen."

Die Heiligen Vter strengten sich nicht bermig an. Alle Monate einmal
eine Sitzung, wenn nicht Ferien oder Festlichkeiten die Zeit wegnahmen,
und hielt man einmal eine Sitzung, so verging dieselbe meistens mit sehr
viel unntzen Redereien.

Man disputierte mit allem Ernst, der so wichtigen Dingen gebhrt, ber
den Rang der Abgeordneten, ber Kleidung, Siegel und dergleichen. Dann
fragte man, ob man vom Glauben oder von der Reformation anfangen wolle?
Endlich entschied man sich dann fr den Glauben, da einige Vorwitzige
unverschmt genug waren, die Meinung zu uern, dass die Reformation bei
den Huptern beginnen msse!

Die Franzosen und selbst die so geduldigen Deutschen verloren die
Geduld. Ein kaiserlicher Gesandter behauptet gar, der Papst und seine
Legaten "htten die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen, um sich den Schein
zu geben, vorwrts zu gehen, whrend sie doch rckwrts gingen".

Wenn das Volk, welches sich nach all den schnen Versprechungen auf die
Konziliumsbeschlsse wie Kinder auf den Heiligen Christ freute, durch
seine Vertreter deshalb anfragen lie, dann erhielt es immer zur
Antwort, dass der Bericht noch nicht fertig sei".

Als aber der Bericht endlich fertig war, da machte alle Welt ein langes
Gesicht und "entsatzete" sich. Beim Schluss der Synode stand der
Kardinal von Guise auf und rief: "Verflucht seien alle Ketzer!"
"Verflucht! verflucht! verflucht!" brllten die Herren Gesandten im Chor
und der "Heilige Geist" in Rom lachte ins Fustchen. Dies war freilich
nicht der Weg, die Protestanten in den Scho der Kirche zurckzufhren,
welches eigentlich der Hauptzweck der langen Synode war.

Es bedarf in der Tat keiner groen Prophetengabe, um vorhersagen zu
knnen, dass das in diesem Jahr abzuhaltende Konzil ganz denselben
rmischen Stuhlgang haben wird wie das Trienter. Der alte Mann, der
jetzt die wurmstichige Tiara trgt, leidet an der Einbildung, dass wir
1368 schreiben, und handelt demgem. Es ist ein Glck, dass es ziemlich
gleichgltig ist, was das Konzil beschliet, da sich niemand daran
kehren wird, und dass die Tage des Landvogtes Gottes gezhlt sind:

    Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Landvogt,
    Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen.

Das Trienter Konzil war das letzte, welches gehalten wurde, und seine
Beschlsse sind bis auf den heutigen Tag das Gesetz fr die rmische
Kirche. Hume sagt bei der Geschichte der Knigin Elisabeth von England:
"Das Trienter Konzil ist das einzige, das in einem Jahrhundert
beginnender Aufklrung und Forschung gehalten wurde; die Wissenschaften
mssten tief sinken, wenn das Menschengeschlecht aufs neue zu einem
solchen groben Betrug geschickt wrde."

Der protestantische Schriftsteller Heidegger verglich das Papsttum mit
einer Hure, die immer unverschmter wird, je lnger sie mitmacht. Dieser
Vergleich ist zwar nicht sehr hflich; aber wenn man die Beschlsse des
Trientiner Konzils durchliest, - muss man ihm beistimmen. Aller Unsinn,
welcher sich allmhlich in die christliche Kirche eingeschlichen hatte,
wurde dadurch feierlich sanktioniert, und was von der Trientinischen
Glaubensformel abwich, hatte "den Verlust der Seligkeit zu erwarten".

Dass aus der Synode nicht viel werden konnte, lag auf der Hand, denn die
Jesuiten nahmen sich ihrer an und soufflierten dem Heiligen Geist.

Dieses Konzil hatte groe Folgen, und die allerschlimmste war wohl die,
dass die Ppste, welche bisher bestndig gegen die weltliche Macht
Opposition gebildet hatten, von nun an gemeinschaftliche Sache mit ihr
machten, um das sichtbare Streben nach einem besseren Zustande und nach
politischer Freiheit zu lhmen.

Pius IV. "gab seine Seele durch den Teil des Leibes von sich, durch
welchen er sie empfangen hatte". Ihm folgte Pius V., ein ehemaliger
Groinquisitor. Bei seiner Wahl soll er geuert haben - "Als Mnch
hoffe ich selig zu werden; als Kardinal zweifle ich daran, und als Papst
halte ich die Sache fr unmglich."

Dieser Pius V., der als Groinquisitor eine geeignete Vorschule gehabt
hatte, war der grausamste unter allen Ppsten. Ihn belebte nur eine
Idee: Ausrottung der Ketzer. Er ist der Urheber der Pariser
Bluthochzeit, der schrecklichen Verfolgungen in den Niederlanden unter
Herzog Alba, der sich rhmte, dass er in sechs Jahren 18.000 Personen
hinrichten lie, und aller Verschwrungen in Schottland und England.

Das Motiv der Grausamkeit dieses Papstes war nicht allein religiser
Fanatismus. Er lie zum Beispiel Nik. Franko wegen eines unschuldigen
Distichons hngen, welches er auf dem im Lateran (ppstlichen Palast)
neuerbauten Abtritt machte!

    Papst Pius V., der beladenen Buche sich erbarmend,
    Errichtete diesen Abtritt, ein edles Werk.

Das ist die bersetzung der Zeilen, die den Poeten an den Galgen
brachten. Der arme Mensch rief mit Recht: "Das ist zu arg!", und noch
auf der Leiter wollte er nicht glauben, dass die Sache ernst sei, und
fragte: "Wie, Nikolaus an den Galgen?"

Als Pius unter grsslichen Steinschmerzen seine Henkerseele ausgehaucht
hatte, herrschte allgemeine Freude. Die whrend seiner Regierung beinahe
in den Ruhestand versetzten ffentlichen Mdchen versammelten sich
jubelnd um seine Leiche, und sogar der trkische Sultan lie
Freudenfeste wegen dieses Todes anstellen.

Doch ich darf nicht das Gute unerwhnt lassen, was von diesem Papst zu
melden ist, und umso weniger, als es auf dem "Apostolischen Stuhl" eine
Seltenheit ist. Er fhrte ein sehr strenges Leben, wie ein Einsiedler,
trug einen handbreiten, stachligen Drahtgrtel (Cilicium genannt) auf
dem bloen Leib und kein Hemd. Seine Speise bestand aus Gemse und sein
Getrnk aus Wasser.

Gregor XIII. war seinem Vorgnger an fanatischem Ketzerhass gleich, wenn
auch nicht an Sittenstrenge. Er erffnete dem spitzbbischen
Jesuitengeneral Aquaviva, dass es Protestanten, besonders Gelehrten,
Frsten, hheren Beamten und anderen einflussreichen Personen, wenn sie
zur rmischen Kirche bergingen, aus besonderer ppstlicher Gnade
gestattet sein sollte, ihren neuangenommenen Glauben verleugnen und noch
alle protestantischen Kirchengebruche mitmachen, kurz, nach wie vor
sich als Protestanten benehmen zu drfen.

Nach Gregor kam Sixtus V. (1585-1590) auf den Ppstlichen Stuhl. Sein
Vater war Weingrtner, seine Mutter eine Magd, und er selbst htete in
seiner Jugend die Schweine. Deshalb scherzte er oftmals: "Ich bin aus
einem durchlauchtigen Hause; Sonne, Wind und Regen hatten freien Zugang
in die Htte meiner Eltern."

Sein Name war Felice Peretti, und er wurde 1521 zu Grotta a Mare, nicht
weit von Montalto in der Mark Ankona geboren. Ein Franziskaner, dem der
Junge gefiel, nahm ihn von den Schweinen weg und brachte ihn in ein
Kloster und somit auf die Leiter, die ihn zum Apostolischen Stuhl
fhrte. - Er stieg schnell. Papst Pius V. war ihm gewogen und machte ihn
zum Kardinal Montalto; aber Gregor konnte ihn nicht leiden, und so hielt
er es denn fr zweckmig, sich ganz zurckzuziehen und dem Anschein
nach ein vlliger Franziskaner zu werden. Er spielte seine Rolle so gut,
dass smtliche Kardinle angefhrt wurden. Er stellte sich uerst
demtig, einfltig und krperlich hinfllig, lie sich geduldig "der
Esel aus der Mark" nennen und dachte, wer zuletzt lacht, lacht am
besten.

Die Kardinle waren bei der Papstwahl in sechs Parteien geteilt und da
keine der andern den Willen tun wollte, rief die grte Zahl der
Kardinle, "dass der Esel aus der Mark Papst sein solle". Kaum wurde der
an seiner Krcke einherschleichende Montalto gewahr, dass er die meisten
Stimmen fr sich habe, als er sogleich seine Krcke wegwarf, sich
kerzengerade in die Hhe richtete, bis an die Decke der Kapelle spuckte
und mit einer Stentorstimme ein Te Deum anstimmte, dass die Fenster
zitterten.

Man kann sich den Schrecken der berlisteten Kardinle denken. Als der
Zeremonienmeister den neuen Papst dem Gebrauch gem fragte, ob er die
Wrde annehme? antwortete er: "Ich htte noch Kraft zu einer zweiten",
und als ihm einer der stolzesten Kardinle wegen seines guten Aussehens
Komplimente machte, sagte er lachend: "Ja, ja, als Kardinal suchten wir
gebckt die Schlssel des Himmelreichs; wir fanden sie und sehen nun
aufrecht gen Himmel, da wir auf Erden nichts mehr zu suchen haben."

Einer der Kardinle, der sich immer fr ihn interessiert hatte, wollte
seine verschobene Kapuze in Ordnung bringen, aber Montalto wies ihn
zurck und sagte: "Tut nicht so vertraut mit dem Papst."

Kardinal Farnese, der dem nunmehrigen Papst niemals recht getraut und
ihn stets den Paternosterfresser genannt hatte, uerte nun zu seinen
Kollegen: "Ihr meintet, einen Gimpel zum Papst zu machen; Ihr habt einen
dazu gemacht, der mit uns allen wie mit Gimpeln umgehen wird!" -
Pasquino erschien mit einem Teller voll Zahnstocher.

Sixtus V. blieb auch als Papst ein strenger Mnch und griff nun mit
Energie in die bisher so jmmerlich schlaff gehandhabten Zgel der
Regierung. Zuerst war er darauf bedacht, das Land von den unzhligen
Ruberbanden zu reinigen, die unter Gregor XIII. so berhand genommen
hatten, dass kein Mensch seines Lebens sicher war. Fnfhundert
Verbrecher erwarteten, wie es bei einem Regierungsantritte gewhnlich
war, ihre Befreiung; allein Sixtus lie ihnen den Prozess machen und die
Galgen wurden nicht leer. "Ich sehe lieber die Galgen voll als die
Gefngnisse", pflegte er zu sagen.

Ganz Rom geriet in Entsetzen, denn seine Strenge traf Reiche und Arme,
was man bisher gar nicht gewohnt gewesen war. Graf Pepoli, welcher die
Banditen beschtzt hatte, wurde zu Bologna enthauptet, und die Villa des
Prlaten Cesarino lie der Papst niederreien, weil sie ein bekannter
Banditenschlupfwinkel war.

"Ich verzeihe", sagte er, "was unter Montalto geschehen ist; aber als
Sixtus muss ich dieses Haus niederreien und einen Galgen an die Stelle
setzen." Cesarino wurde vor Angst Karthuser.

Einer der Bargellos (Landhscher), die nur zu oft mit den Banditen
gemeinschaftliche Sache machten, wollte sich verbergen, als er Sixtus
gewahr wurde. Dieser lie ihn in Ketten legen und gab ihn nur unter der
Bedingung frei, dass er ihm innerhalb acht Tagen eine bestimmte Anzahl
Banditenkpfe einliefere.

Ja, der Papst ging in seiner grausamen Gerechtigkeitsliebe zu weit, dass
er, um Verbrecher zu entdecken, die alten Kriminalakten durchstbern
lie. Einen gewissen Blaschi, der schon vor 36 Jahren wegen eines Mordes
nach Florenz entwischt war, lie er requirieren und enthaupten.

Diese Strenge gab Pasquino hinlnglich Stoff. Einst sah man an der
Bildsule die Engelsbrcke abgebildet, mit den sich gegenberstehenden
Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Petrus war in Stiefeln und
Reisemantel. Paulus uerte sein Erstaunen und fragte nach der Ursache
des Reisekostms, und Petrus antwortete: "Ich will mich fortmachen, denn
ich habe vor 1500 Jahren Malchus das Ohr abgehauen."

Sixtus trieb seine Justiz mit frmlicher Leidenschaft, und einst nach
einer groen Hinrichtung uerte er bei Tische: "Mir schmeckt es nie
besser als nach einem solchen Akt der Gerechtigkeit." - Pasquino
erschien wieder mit einem Becken voll kleiner Galgen, Rder, Beile usw.
und sagte: "Diese Brhe wird dem Heiligen Vater Esslust geben."

Die Mtter schreckten jetzt ihre Kinder mit dem Papst, und wenn dieser
sich auf der Strae blicken lie, so drckte sich jeder beiseite. Ein
Zeichen, dass es in Rom viele Spitzbuben und andere Leute gab, welche
die Strenge des Papstes zu frchten hatten. Er verfolgte nicht allein
Banditen, sondern auch die Menschenfleischhndler oder die Kuppler,
welche den Kardinlen und liederlichen Reichen ihre Weiber und Tchter
zu verhandeln pflegten. Eine berhmte Buhlerin, Pignaccia, welche man
nur die Prinzessin nannte, lie er hinrichten und von ihrem Vermgen ein
schnes Hospital erbauen.

Fr die Armen sorgte er in bedrngter Zeit vterlich und lie nicht
allein Lebensmittel austeilen oder die Preise derselben herabsetzen,
sondern auch Seiden- und Tuchfabriken anlegen; den Adel ntigte er,
seine Schulden zu bezahlen, was demselben hart genug ankam.

Ein schner Zug von Sixtus war es, dass er sich frher erhaltener
Wohltaten erinnerte. Einem Schuster hatte er einst fr ein Paar Schuhe
nur sechs Paoli bezahlt und gesagt: "Das brige werde ich bezahlen, wenn
ich Papst bin." Nun bezahlte er seine Schuld mit Interessen und gab dem
Sohne des Schusters - ein Bistum. Ebenso belohnte er einen Prior, der
ihm vor vierzig Jahren vier Scudi geborgt hatte.

Seine Verwandten verga er brigens auch nicht, aber trotz dieser
Ausgaben und der nun bedeutend geringer gewordenen Einnahmen des
Ppstlichen Stuhles legte er doch drei Millionen Scudi im ppstlichen
Schatz nieder, whrend andere Ppste Schulden machten.

Sixtus besa Verstand und selbst Witz, aber gegen den anderer war er
sehr empfindlich. Pasquino trocknete einst sein Hemd am Sonntag. -
"Warum wartest du nicht bis Montag?" - "Ich trockne es, bevor die Sonne
verkauft wird", und sein ungewaschenes Hemd entschuldigte er: "Der Papst
hat mir meine Wscherin (seine Schwester Camilla) zur Prinzessin
gemacht."

Dieser Spott beleidigte Sixtus sehr. Er versprach dem Entdecker des
Verfassers tausend Dukaten, indem er dem Letzteren das Leben zusicherte.
Der Sptter dachte die Belohnung selbst zu verdienen und war dumm genug,
sich zu melden. Sixtus lie ihn am Leben, wie er versprochen, allein er
lie ihm die Zunge ausreien und die Hnde abhauen, dann tausend Dukaten
auszahlen.

Trotz seiner mancherlei guten Eigenschaften und seines Hasses gegen die
Jesuiten und gegen den spanischen Tyrannen Philipp II. blieb er doch
immer ein fanatischer Mnch und fand es ganz in der Ordnung, dass die
Ketzer brennen mssten. Die Ermordung Heinrichs III. von Frankreich
billigte er, und als die rachschtige Elisabeth von England Maria Stuart
hatte hinrichten lassen, rief er aus: "Glckliche Knigin! Ein gekrntes
Haupt zu ihren Fen!"

Knig Heinrich IV. und Elisabeth wusste er brigens zu wrdigen und
uerte einst: "Ich kenne nur einen Mann und nur eine Frau, wrdig der
Krone." Elisabeth erfuhr es und scherzte: "Wenn ich je heirate, muss es
Sixtus sein." Dieser rief, als man ihm die uerung hinterbrachte: "Wir
brchten einen Alexander zustande!"

Die Jesuiten wollten Sixtus berreden, dass er einen Jesuiten als
Beichtvater annehmen solle, wie die andern Groen; er aber meinte: "Es
wrde besser fr die Kirche sein, wenn die Jesuiten dem Papst beichten
wollten."

Er tat auerordentlich viel fr die Verschnerung Roms und legte mehrere
ntzliche Anstalten an. Unter ihm wurde auch der groe gyptische
Obelisk auf dem Piazza del Popolo wieder aufgerichtet, der zwei hchst
merkwrdige Inschriften hat: "Csar Augustus Pontifex Maximus unterwarf
sich gypten und weihte ihn der Sonne" auf der einen Seite und auf der
anderen: "Sixtus V. Pontifex Maximus weiht diesen Obelisken, nach dessen
Reinigung, dem Kreuze".

Sixtus V. war den Kardinlen und den Rmern zu streng, und so ist es
denn nicht zu verwundern, dass er bald anfing zu krnkeln. Sein Leibarzt
fhlte an des Patienten Nase, aber dieser fuhr zornig in die Hhe und
rief: "Wie! Du wagst es, einem Papst an die Nase zu greifen?" Der arme
Doktor ward krank vor Schrecken.

Im Jahr 1590 starb dieser letzte gefrchtete Papst. Er htte immer noch
lnger leben knnen, wahrscheinlich zum Heil der Menschheit, denn er
ging damit um, die meisten Mnchsorden aufzulsen. Vielleicht starb er
an diesem Vorsatz.

Die Rmer waren froh, dass sie diesen Zuchtmeister los waren, und gaben
ihre Freude dadurch zu erkennen, dass sie die auf dem Kapitol stehende
Bildsule des Papstes in Stcke schlugen. Pasquino sagte: "Mache ich je
wieder einen Mnch zum Papst, so soll mir ewig der Rettich im Hintern
bleiben."

Der erste Papst im 17. Jahrhundert war Paul V., der nach den
verwickeltsten und seltsamsten Intrigen im Konklave gewhlt wurde. Er
htte gern Sixtus V. nachgeahmt; aber die Reformation hatte das Ansehen
der Ppste mchtig erschttert. Paul wollte Venedig seine Macht fhlen
lassen; aber der Senat dieser Republik kehrte sich wenig an den
Bannstrahl des Papstes, der bereits zum Theaterblitz herabgesunken war.

Der Papst tobte und verlangte durchaus Gehorsam; allein der savoyische
Gesandte klrte ihn ber seinen Standpunkt in Bezug auf Regierungen und
Frsten auf und sagte ihm geradezu: "Das Wort Gehorsam ist unschicklich,
wenn von einem Frsten die Rede ist. Alle Welt wrde es fr vernnftig
halten, wenn Ew. Heiligkeit Migung gebrauchten."

Die Jesuiten versuchten es vergebens, das venezianische Volk zur
Emprung zu verleiten und endlich verlieen sie mit einer Menge anderer
Mnche die Stadt. Das Volk schickte ihnen Verwnschungen nach. Der Senat
benahm sich berhaupt gegen die geistlichen Anmaungen mit groer
Energie; alle Geistlichen gehorchten ihm und kehrten sich nicht an das
Interdikt. Nur der Grovikar des Bischofs von Padua lie dem Senat auf
sein Verbot des Interdikts antworten, dass er tun werde, was Gott ihm
eingebe; als man ihm aber antwortete, Gott habe dem Senat eingegeben,
einen jeden Ungehorsamen hngen zu lassen, da kroch der Kuttenheld zu
Kreuze.

In diesem Kampf zwischen Venedig und der ppstlichen Gewalt zeichnete
sich der Servite Paul Sarpi, auch Fra Paolo genannt, aus, indem er mit
seiner gewandten Feder die Anmaungen des Papstes mit groer
Geschicklichkeit bekmpfte. Die Kardinle Bellarmin und Baronius
strengten vergebens ihren Geist an, um Sarpi zu schlagen, trotzdem sie
die ganze Ppstliche Rstkammer von Lgen zu Hilfe nahmen.

Um den gefhrlichen Feind los zu werden, beschloss man, Sarpi zu
ermorden. Eines Abends (1607) berfielen ihn Banditen und versetzten ihm
fnfzehn Dolchstiche. Als er sie erhielt, rief der Mrtyrer der
Wahrheit: "Ich kenne den Griffel der rmischen Kurie!"

Sarpi starb indessen nicht an seinen Wunden, und der Anteil, welchen
alle Venezianer an seinem Schicksal nahmen, belohnte den wackeren
Schriftsteller fr das, was er gelitten hatte. Da man den "rmischen
Kurialstil" kannte, so musste eine Sicherheitswache Sarpi begleiten,
wenn er ausging, und der Arzt, der ihn geheilt hatte, wurde zum St.
Markusritter ernannt.

Urban VII., der 1644 starb, war ein kleiner Tyrann, da es ihm an Macht
fehlte, ein groer zu sein. Die Ketzer aller Art hasste er grndlich und
war eifrig bemht, berall das Feuer des Fanatismus gegen sie
anzuschren. Er publizierte die wahnsinnige Bulle, die In coena Domini
beginnt und in welcher alle Spielarten der Ketzer bis in den
allertiefsten Abgrund der Hlle "im Namen des allmchtigen Gottes, des
Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" verflucht werden. Diese
Bulle wird bis auf den heutigen Tag alljhrlich am Grndonnerstag zur
Erbauung der Glubigen in allen rmischen Kirchen ffentlich vorgelesen.

Nebenbei war auch dieser liebenswrdige Papst, was man beim Militr
einen "Gamaschenfuchser" nennt. Er bekmmerte sich um die geringsten
Kleinigkeiten und behandelte sie mit der grten Wichtigkeit. So verbot
er bei strenger Strafe, in der Kirche Tabak zu kauen, zu schnupfen oder
zu rauchen. Aber der sptere Innozenz XII. ging noch weiter, indem er
jeden exkommunizierte, welcher in der Peterskirche schnupfen wrde! -

Urban befahl auch, dass sich die Chorherren von St. Anton nicht mehr im
Scherze - kitzeln sollten und dass man am Feste des heiligen Markus
keine - Ochsen mehr in die Kirche lasse. An anderen Festtagen gehen
seitdem desto mehr hinein, denn er ordnete auch an, dass neben den 52
Sonntagen noch 34 Feiertage bei Todsnde gefeiert werden sollten.

Er scharrte 20 Millionen Scudi zusammen, die er aber meistenteils fr
seine Familie verwandte, und hinterlie noch eine Schuldenlast von 8
Millionen.

Innozenz X. war ein elender Papst, der sich ganz und gar von Donna
Olympia, der Witwe seines Bruders, seiner Mtresse, leiten lie. Dieses
unverschmte Weib regierte die christliche Kirche und verhandelt ohne
Scheu mter und Pfrnden. Um nur Geld zu bekommen, skularisierte sie
zweitausend Klster, das heit, sie hob sie auf und zog deren Gter ein.
Noch in den zehn letzten Tagen vor dem Tode des Papstes soll sie eine
halbe Million Scudi beiseite geschafft haben.

Als sie einst beim Spiel eine sehr bedeutende Summe verlor, sagte sie
lachend: "Ach, es sind ja nur die Snden der Deutschen." Eine hnliche
uerung erzhlte man sich von Alexander VI.

Der Papst protestierte gegen den Westflischen Frieden, welcher der Welt
nach dreiigjhrigem Krieg den Frieden wiedergab, weil durch ihn zehn
Stifte skularisiert werden sollten. Selbst sterreich war emprt ber
solche Niedertrchtigkeit, und die Bulle, welche der ppstliche Nuntius
an allen sterreichischen Kirchen hatte anschlagen lassen, wurde
abgerissen und der Drucker derselben eingesperrt und um 1000 Taler
gestraft.

Selbst Kaiser Ferdinand, so bigott er war, sagte zum Nuntius Melzi: "Der
Papst hat gut reden; im Reich geht es bunt zu, whrend er sich von
Olympia krabbeln lsst."

Der letzte Papst im siebzehnten Jahrhundert war Innozenz XII., ein Mann,
der im Vergleich zu den anderen Ppsten ziemlich vernnftig genannt zu
werden verdient. Er erlebte die Freude, dass der Frst, in dessen Land
die Reformation entstanden war, wieder in den Scho der "allein
seligmachenden" rmischen Kirche zurckkehrte, nmlich Friedrich August,
Kurfrst von Sachsen, der diesen Schritt tun musste, wenn er Knig von
Polen werden wollte und der wie Heinrich VI. von Frankreich dachte,
"dass eine Knigskrone schon eine Messe wert sei".

Im Innern dachte Friedrich August gar nicht rmisch-katholisch, das
heit, er war ein in Religionssachen freidenkender Mann. Als Prinz hatte
er in Wien genauen Umgang mit dem nachherigen Kaiser Joseph I. Dieser
klagte, dass ihm in der Burg ein Gespenst erschienen sei, welches ihn
vor Irrlehren gewarnt und gedroht habe, in drei Tagen wiederzukommen,
wenn er sich nicht bessere.

Der schsische Prinz bat Joseph, in seinem Zimmer schlafen zu drfen,
denn er hatte groe Lust, die nhere Bekanntschaft dieses Gespenstes zu
machen. Es kam auch wirklich wieder, aber Friedrich August packte es so
krftig, dass das arme Vieh von einem Gespenst in seiner Angst: Jesus,
Maria, Joseph! sthnte. Der Prinz warf das Gespenst zum Fenster hinaus
und siehe! es war Se. Hochwrden, der Beichtvater!

Von den Ppsten im achtzehnten Jahrhundert ist nicht viel mehr zu sagen,
als dass sie meistens nach der Pfeife der Jesuiten tanzten und es
versuchten, ihre so ziemlich gestrzte ffentliche Macht auf
Schleichwegen wiederzuerlangen, indem sie das Fundament des Staates
durch die Jesuiten, ihre Hofmaulwrfe, unterminieren lieen, welche aber
nur soweit fr das Interesse des Papstes arbeiteten, als es mit dem
ihrigen bereinstimmte.

Im Allgemeinen fingen jetzt selbst die Heiligen Vter an, menschlicher
zu werden; das heit, die viehischen Unfltereien, mit denen sich der
ppstliche Hof bisher beschmutzt hatte, wurden mehr im geheimen
getrieben, da man nunmehr Ursache hatte, ffentlichen Skandal zu
frchten. In alten Zeiten setzte man sich in Rom ber die ffentliche
Meinung hinweg; allein die Reformation hatte gelehrt, dass man dies
nicht ungestraft tun drfe und dass es selbst den Vizegttern nicht mehr
gestattet war, wie die Schweine zu leben.

Benedikt XIV. (1740-1758) war der gelehrteste und humoristischste Papst,
der bisher auf dem angeblichen Stuhl Petri gesessen hatte. Er war
natrlich durch seine Stellung dazu gezwungen, die althergebrachten
Anmaungen der Ppste, besonders solche, die Geld eintrugen, zu
untersttzen und zu verteidigen; allein so viel er konnte, suchte er
doch zu mildern und zu vershnen.

Ich will nur zwei Anekdoten von ihm erzhlen, die ihn als Mensch
ziemlich charakterisieren.

Nachdem er einst dem Herzog von York, also einem Ketzer, alle
Merkwrdigkeiten des Vatikans gezeigt hatte, umarmte er ihn und sagte:
"Um Absolution kmmern Sie sich nicht, aber der Segen eines alten Mannes
wird Ihnen nichts schaden."

Ein alter Seekapitn, namens Mirabeau, stellte sich mit seinen jungen
Offizieren dem Papst vor. Die jungen Herren konnten sich nicht
enthalten, ber die Etikette zu lachen. Der Kapitn stammelte einige
Entschuldigungen; aber Benedikt unterbrach ihn: "Seien Sie ruhig, ich
bin zwar Papst, aber ich habe keine Macht, Franzosen am Lachen zu
hindern."

Clemens XIII. (1758-1768) war wieder ein Fanatiker. Er konnte die Zeit
nicht aus dem Sinn bekommen, wo Kaiser vor den Ppsten auf den Knien
herumgerutscht waren und wo sich die Vlker ohne Murren das Fell ber
die christlichen Ohren ziehen lieen. Alle ppstlichen Anmaungen,
selbst diejenigen, welche man allgemein als solche verdammt hatte, waren
ihm geheiligte Anstalten zur Erhaltung der Kirche; sie waren ihm
Religion und Sache Gottes.

Er erwartete alles Heil von den Jesuiten und sammelte diese um seinen
Thron. Dies gab Pasquino genug Veranlassung zum Spott. Einst uerte
sich dieser steinerne rmische Kladderadatsch: "Ich hatte einen Weinberg
gepflanzt und wartete, dass er Trauben brchte, und er brachte
Herlinge." Clemens setzte einen Preis auf die Entdeckung des Sptters;
am anderen Morgen antwortete Pasquino: "Es ist der Prophet Jeremias!"

Der Papst erlebte indessen den Jammer, dass das fromme Portugal, ja auch
Frankreich, die Jesuiten zu ihrem Vater, dem Teufel, jagten und
Letzteres sie "fr Feinde aller weltlichen Macht, aller Souverne und
der ffentlichen Ruhe" erklrte.

Clemens nahm indessen nicht Vernunft an; er besttigte die Jesuiten aufs
neue; hatte aber kein Glck damit. Seine deshalb erlassene Bulle wurde
in Frankreich durch Henkershand verbrannt und ihre Bekanntmachung in
Portugal bei Lebensstrafe verboten. Das bigotte Spanien entschloss sich
sogar zu einem krftigen Schritt. Alle Jesuiten in diesem Land wurden an
einem schnen Frhlingsmorgen aufgepackt und - nach dem Kirchenstaat
geschickt. Kurz, von allen Seiten wurde Jagd auf dieses gefhrliche
Ungeziefer gemacht. Der von ihm nun halb aufgefressene Papst - er sollte
all die schwarzen Blutsauger ernhren! - trieb es so weit, dass
Frankreich groe Lust bekam, den Starrkopf zu Rom selbst beim Kragen zu
nehmen; aber der Tod rettete ihn vor diesem Schicksal.

Sein Nachfolger Clemens XIV. musste endlich der allgemeinen Stimme Gehr
schenken. Am 21. Juli 1773 wurde der Orden der Jesuiten aufgehoben.
Dieser Akt verursachte in ganz Europa den ungeheuersten Jubel. Als
Clemens die Aufhebungsbulle unterzeichnete, sagte er: "Diese Aufhebung
wird mich das Leben kosten." Er kannte seine Leute. Clemens starb an
Jesuitengift. Ein Groer in Wien fragte ganz naiv einen Ex-Jesuiten:
"Clemens ist tot, nicht wahr, Ihr habt ihm vergeben?" - "Ja, wie wir
allen Schuldigen vergeben!" antwortete mit der sanftesten Miene der
wrdige Schler Loyolas.

Clemens XIV. war unter 200 Ppsten der beste. Er sa von 1768 bis 1774
auf dem "Stuhl Petri", und wenn es denn doch einmal Ppste geben muss,
so wollte ich, er se noch heute darauf. Mit Vergngen liest man die
Lebensgeschichte dieses Mannes, und ich bedaure nur, dass ich nicht
lnger bei derselben verweilen kann.

Sein eigentlicher Name war Ganganelli. Er stieg durch seine Talente
allmhlich zu den hchsten Kirchenwrden und als er, ohne dass er es
suchte, Papst wurde, blieb er ebenso einfach, wie er als Mnch gewesen
war. Seine Mittagsmahlzeit war ganz brgerlich einfach, und als die
Hofkche ber diese Einfachheit jammerten, sagte er: "Behaltet euer
Gehalt, aber verlangt nicht, dass ich ber eure Kunst meine Gesundheit
verliere."

Alle anderen Ppste waren darauf bedacht, ihre Nepoten - d.h. Vettern -
zu bereichern; er aber sorgte vterlich fr das Wohl seiner Untertanen.
Als man ihn fragte, "ob man seiner Familie nicht durch einen Kurier von
seiner Erhebung Nachricht geben solle?", erwiderte er: "Meine Familie
sind die Armen, und diese pflegen die Neuigkeiten nicht durch Kuriere zu
erhalten."

Ganganelli war ein vortrefflicher Mensch in jeder Beziehung und machte
eine der wenigen Ausnahmen von dem alten Erfahrungssatz, "dass sich
jeder ganz und gar ndere, sobald er Papst werde". Von seiner
ppstlichen Gewalt machte er, wo er konnte, den wohlttigsten Gebrauch,
und seine Menschenfreundlichkeit und Mildttigkeit waren unbegrenzt.

Zwei Soldaten wurden zum Tode verurteilt und endlich einer von ihnen
begnadigt. Sie sollten nun um ihr Leben wrfeln, aber der Papst duldete
dies nicht, sondern begnadigte beide, indem er sagte: "Ich habe ja
selbst die Hasardspiele verboten." - Ein englischer Lord war von dem
Papst so entzckt, dass er ausrief: "Drfte der Papst heiraten, ich gbe
ihm meine Tochter."

Nachdem Clemens die Sache der Jesuiten drei Jahre lang selbst auf das
sorgfltigste geprft hatte, unterschrieb er die berhmte Bulle: Dominus
ac redemptor - die Bullen werden stets nach den Anfangsworten bezeichnet
-, wodurch die Jesuiten aufgehoben wurden und damit, wie er wohl wusste,
sein Todesurteil. - Schon in der Karwoche 1774 wirkte das Jesuitengift
in den Eingeweiden des trefflichen Mannes. Alle Gegenmittel waren
wirkungslos; er starb am 22. September. Der Krper war durch das Gift so
zerstrt worden, dass selbst das Einbalsamieren nichts half. Die Haare
fielen aus, und selbst die Haut lste sich vom Kopf, so dass schlielich
bei der Ausstellung der Leiche das Gesicht mit einer Maske bedeckt
werden musste. -

Schlielich muss ich von diesem Papst noch bemerken, dass er es fr
unschicklich hielt, die Ketzer an jedem Grndonnerstag zu verfluchen,
und dass er daher die frher erwhnte berchtigte Bulle In coena Domini
aufhob. Er schtzte alle Mnner von Verdienst, mochten sie nun
Katholiken oder Protestanten sein. Die Inquisition war ihm ein Gruel,
und schon ehe er Papst war, befreite er manche aus ihren Krallen.

Der dankbare Kammerpchter des Papstes, Giorgi, setzte ihm ein von dem
berhmten Bildhauer Canova verfertigtes Denkmal; aber ein weit schneres
und unvergnglicheres errichtete Clemens XIV. sich selbst in der
Geschichte.

Nach langem, heftigem Kampf im Konklave setzten es die Jesuiten durch,
dass abermals einer ihrer Freunde, namens Braschi, als Pius VI. Papst
wurde (1775-1799). Er war unwissend, listig, intolerant, stolz,
hochmtig, ausschweifend, starrsinnig, habschtig, herrschschtig,
jhzornig, diebisch, selbstgefllig und eitel. - Eine schne Galerie von
schlechten Eigenschaften; aber dafr ist die Reihe der guten desto
krzer, so dass es sich kaum der Mhe lohnt, sie zu nennen. Er war ein
guter Komdiant und ein hbscher alter Mann; das sind alle seine
Verdienste.

Ein solcher Mensch war allerdings nicht geeignet, das wankende Papsttum
aufrechtzuerhalten. Ein Stckchen nach dem anderen brckelte davon los,
und eine tchtige Bresche in demselben verursachte ihm das Werk eines
Deutschen, des Weihbischofs von Trier, J. R. von Hontheim. Es handelte
"ber den Zustand der Kirche und von der rechtmigen Gewalt des
Papstes", und in ihm war bewiesen, dass der Zustand der Kirche
erbrmlich und die Gewalt der Ppste usurpiert sei.

Dieses vortreffliche Buch, das Resultat eines dreiundzwanzigjhrigen
Fleies, wurde in verschiedene Sprachen bersetzt, tat dem Papsttum
unendlichen Schaden und rief eine Menge hnlicher Schriften hervor. Der
achtzigjhrige Hontheim wurde indessen durch allerlei Qulereien dahin
gebracht, zu widerrufen; er tat es, um in seinem hohen Alter Ruhe zu
haben; allein die in seinem Buche enthaltenen Beweise konnten dadurch
ihre Bedeutung nicht verlieren; widerlegt hat sie niemand.

Kaiser Joseph II. machte mit dem Papst und den Pfaffen wenig Umstnde.
Er hob sehr viele Klster auf und hielt es fr besser, das Geld seines
Volkes im Land zu behalten, als es nach Rom zu senden. Die Wechsel aus
Wien blieben aus und da Pius VI. dieselben nicht entbehren konnte, so
entschloss er sich, dorthin zu reisen, um womglich die Verstopfung zu
heben. Der Kaiser lie ihm zwar sagen, "er werde nchstens selbst nach
Rom kommen, um sich von Sr. Heiligkeit Rat zu erbitten," - allein Pius
wollte den Wink nicht verstehen.

Die Wiener gerieten ganz auer sich ber die Anwesenheit des Papstes in
ihrer Stadt. Seit dem Konstanzer Konzil war kein Papst in Deutschland
gewesen, und nun kam gar einer nach Wien! Und dazu einer, der es
verstand, prchtig Komdie zu spielen. Die Damen waren rein nrrisch vor
Vergngen und alles drngte sich herzu, um den im Vorzimmer
ausgestellten Pantoffel Sr. Heiligkeit zu kssen.

Kaiser Joseph zuckte die Achseln zu dem Enthusiasmus seiner Wiener,
erwies dem Papst alle Ehre, allein machte dessen Reisezweck vollstndig
zunichte. Als Pius nmlich auf die Hauptsache kommen wollte, bat Joseph,
alles schriftlich zu machen, er verstehe nichts von Theologie und
verwies ihn an den Staatskanzler Kaunitz.

Der Papst erwartete nun wenigstens den Besuch dieses Ministers; allein
er wartete vergebens und der Heilige Vater musste sich entschlieen,
selbst zu ihm zu gehen, unter dem Vorwand, seine Gemlde zu besehen.
Pius reichte dem Kanzler die Hand zum Kuss, aber dieser begngte sich
damit, sie recht herzlich zu schtteln, und der Heilige Vater war ganz
verblfft. Er wurde es noch mehr, als ihn Kaunitz ohne Umstnde vor
seinen schnsten Gemlden hin und her schob, damit er den richtigen
Standpunkt finde. Dies wollte aber Pius in Wien nicht gelingen, und die
Million Scudi, welche die Reise kostete, war weggeworfen.

Der Kaiser schenkte dem Papst einen schnen Wiener Reisewagen -
wahrscheinlich auch ein diplomatischer Wink! - und ein Diamantkreuz,
200.000 Gulden in Wert, als Pflaster auf die Wunde, die dem ppstlichen
Ansehen geschlagen war.

Auf der Rckreise passierte Pius Mnchen und verga hier die erlittenen
Demtigungen. Er nannte diese Stadt das deutsche Rom, ein Name, um den
es andere deutsche Stdte nicht beneiden.

"Ich hoffe mein Volk noch zu berzeugen, dass es katholisch bleiben
kann, ohne rmisch zu sein", sagte der beste deutsche Kaiser einst zu
Azara. Armer Kaiser! Es ging ihm wie seinem Vorgnger Friedrich II. von
Hohenstaufen; das dumme Volk lie ihn im Stich.

Pius erlebte aber nicht nur einen abtrnnigen Kaiser von sterreich, er
erlebte sogar die groe Revolution, welche mit den Pfaffen den Kehraus
tanzte. 1798 rckte Berthier in Rom ein, und die neurmischen
Republikaner sangen:

    Non abbiamo Pazienza,
    non vogliamo Erninenza,
    non vogliamo Santita,
    ma - Egualianza e Liberta.

(Wir haben keine Geduld, wir wollen keine Eminenz, keine Heiligkeit,
sondern Freiheit und Gleichheit.)

Man hatte gehofft, der nun schon sehr alte Heilige Vater werde vor
Alteration gen Himmel fahren; als er aber dazu noch keine Anstalten
machte, sannen die Republikaner darauf, ihn wenigstens aus Rom
fortzuschaffen. Der General Ceroni ging zu ihm und sagte: "Oberpriester!
die Regierung hat ein Ende; das Volk hat die Souvernitt selbst
bernommen."

Darauf nahm man dem Papst seine Kostbarkeiten und selbst seinen Ring ab
und verlangte, dass er die dreifarbige Kokarde aufstecken sollte. Der
alte Pius weigerte sich jedoch und sagte: "Meine Uniform ist die Uniform
der Kirche." Da nun nichts mit dem alten Manne anzufangen war, so packte
man ihn in einen Wagen, brachte ihn unter sicherer Eskorte nach Siena
und endlich nach Florenz in die dortige Karthause.

Die frommen Katholiken untersttzten ihn reichlich, und der gedemtigte
alte Mann wrde hier gern sein Leben beschlossen haben; allein so gut
wurde es ihm nicht. Nachdem ihm sein Nepote noch den Schmerz bereitet
hatte, mit dem Rest seiner Reichtmer durchzugehen, zwangen ihn die
Republikaner, bei der Annherung des Feindes nach Frankreich zu reisen.

Pius war krank und zeigte den rzten seine geschwollenen Fe und Beulen
mit den Worten des Pilatus: Ecce homo! Aber das, was das Volk so lange
von Ppsten und Frsten erdulden musste, hatte die Herzen der
Republikaner fr die Leiden eines alten Papstes unempfindlich gemacht.
Sie hatten die Bedrckung von Jahrhunderten und das Blut von Millionen
zu rchen, welches die Ppste "fr den Glauben" vergossen hatten. Pius
musste fort ber die Alpen durch Eis und Schnee, meistenteils bei Nacht,
um Auflufe der Katholiken zu verhindern, bis er nach Valence an der
Rhone kam.

Wir Deutsche sind weichmtige Narren, und die Leiden eines alten,
kranken, gedemtigten, wenn selbst bsartigen Feindes gehen uns ans
Herz. Mir geht es ebenso, und damit ich nicht sentimental werde, rufe
ich mir den deutschen Kaiser Heinrich IV. ins Gedchtnis, wie er,
krperlich und geistig krank, zu Fu im strengsten Winter durch Schnee
und Eis die Alpen bersteigt, um im Schlosshof zu Canossa barfu und
fast nackt sich vor einem Papst zu demtigen; ich sehe die Opfer der
Inquisition sich am Marterpfahl winden - und freue mich nur, dass die
Rachsucht der Republikaner nicht zufllig einen guten Papst, sondern
einen lasterhaften traf.

Pius benahm sich indessen in seinen Leiden wie ein Mann, und es wre
eine Ungerechtigkeit, das nicht anzuerkennen. Man wollte ihn von Valence
abermals weiter nach Dijon bringen, als er am 29. August 1799 starb. Er
hinterlie nichts als seine kleine Garderobe, 50 Livres an Wert, welche
der Maire fr Nationaleigentum erklrte. - Die Revolutionen tun oft
einzelnen weh; aber noch hufiger tun sie der Gesamtheit der Menschen
gut. - Wo wren wir ohne 1848?

Pius hatte versucht, sich durch viele geschmacklose Bauwerke zu
verewigen, auf welche er stets seinen Namen und sein Wappen setzen lie,
und unternahm es auch, die berchtigten Pontinischen Smpfe
auszutrocknen, obwohl ohne Erfolg. Er verlor dadurch ungeheure Summen
und erwarb damit nichts als den Spottnamen Il Seccatore, welches der
Austrockner heit, aber zugleich auch einen berlstigen Menschen
bedeutet.

Bei Pius' Tode hatte Pasquino viel zu tun. Er antwortete auf die Frage:
"Wie fand man den Leichnam des Heiligen Vaters?" - "Im Kopf waren seine
Nepoten, im Magen Josephs Kirchenordnung und in den Fen die
Pontinischen Smpfe."

Wer htte es jemals gedacht, dass Frankreich, welches vor tausend Jahren
die Macht des Papstes schuf, einst den Vizegott auf Pension setzen
wrde. Aber die Zeit der Wunder war wiedergekehrt, nur dass der
Wundertter kein glubiger Heiliger, sondern Napoleon I. war.

Der groe Bonaparte verriet die Freiheit und war klein genug, Kaiser
werden zu wollen, und das konnte er nur, wenn er die Dummheit der
Menschen frderte, und dazu brauchte er wieder einen Papst; denn Pfaffen
und Despotie gehren zusammen wie Stiel und Hammer.

Der neue Papst Pius VII. salbte Napoleon. Pasquino konnte sein Maul
nicht halten; er antwortete auf die Frage: "Warum ist das l so teuer?"
- "Weil soviel Knige gesalbt und so viele Republiken gebacken sind."

Mit Zittern und Zagen ging Pius nach Frankreich; aber die wilden Lwen
der Republik waren bereits wieder sanfte Schafe der Kirche geworden und
der Papst uerte selbst: "Ich rechne darauf, als ehrlicher Mann
empfangen zu werden, aber nicht als Papst."

Die Pariser waren indessen - durch das Revolutionssieb filtrierte
Pariser. Der Krnungszug war fr sie kein heiliges Schauspiel, sondern
eine Farce, und als Pius VII. seinen Segen erteilte, riefen die Gamins:
bis! bis!

Der Esel, auf welchem der Kreuztrger vor dem ppstlichen Wagen herritt,
erregte ihre ganz besondere Heiterkeit: "Ach, seht da die ppstliche
Kavallerie! Ach, der apostolische Esel: der heilige Esel, der Esel der
Jungfrau!" und schallendes Gelchter erschallte vor Notre Dame.

Der Kaiser lie den Papst eine Stunde in der Kirche warten und setzte
sich dann mit seiner Gemahlin selbst die Krone auf. Pius VII. spielte
eine untergeordnete Figurantenrolle.

Zorn im Herzen, kehrte der Heilige Vater nach Rom zurck. Der Spott der
Pariser hatte ihn vielleicht etwas verrckt gemacht. Er wurde im
Kalender irre und meinte wahrscheinlich acht Jahrhunderte frher zu
leben, denn er dachte ernsthaft daran, alle Frsten und alle Kirchen
wieder von sich abhngig zu machen. Er hatte das Papstfieber.

Napoleon hatte indessen erreicht, was er wollte, und schonte den toll
gewordenen Papst nicht lnger. Am 2. Februar 1808 rckte General Miollis
in Rom ein. Pius trat ihm entgegen und fragte: "Sind sie Katholik?" -
"Ja, Heiliger Vater", stammelte der General ganz verlegen. Pius gab ihm
schweigend den Segen und ging in sein Kabinett.

Lachen wir auch ber die Anmaungen des Papstes, so mssen wir doch
gestehen, dass er seine Rolle dem allmchtigen Kaiser gegenber gut
spielte. Das rmische Volk war durch die harte Behandlung, die man den
Kardinlen und selbst dem Papst zuteil werden lie, gegen die Franzosen
so erbittert, dass es diesem nicht schwer gewesen wre, ein Seitenstck
zur Sizilianischen Vesper hervorzurufen. Dass er dazu Lust hatte, lsst
sich vermuten; allein, die Sache war doch zu gewagt, und Pius beschloss,
gute Miene zum bsen Spiel zu machen.

Napoleon wollte ihn jedoch in Frankreich unter seiner speziellen
Aufsicht haben. Eines Nachts drangen Soldaten in den Vatikan, und der
Heilige Vater wurde in einem Lehnstuhl durch das Fenster hinabgelassen
und nach Frankreich gebracht. Hier lebte der Vizegott nicht "wie der
liebe Gott in Frankreich", sondern zurckgezogen und einfach und
begngte sich damit, gegen die ihm angetane Gewalt zu protestieren. Er
gab dem Kaiser nicht einen Zoll breit nach, und das war mnnlich. In
einer Privatunterhaltung, die zufllig belauscht wurde, nannte er
Napoleon verchtlicherweise "Komdiant!", was den Kaiser so wtend
machte, dass er, um seinem Zorn Luft zu machen, ein kostbares
Porzellangef auf dem Boden zertrmmerte.

Als Napoleon nach Elba verbannt wurde, zog Pius VII. (im Mai 1814) nach
Rom und gebrdete sich als echter Papst. Er hatte es erfahren, dass die
Macht aus den geistlichen Hnden wieder in die weltlichen bergegangen
war. Mit Gewalt war sie nicht wiederzuerlangen, dazu fhlte er sich zu
unmchtig, aber es gab andere Wege, heimliche, verborgene, und die
Menschen waren noch immer dumm.

Sein erstes Werk war es, die Jesuiten wiederherzustellen (7. August
1814). Die Erweckung der anderen Mnchsorden folgte nach, wie auch die
der Bulle In coena Domini, die alle Ketzer verflucht. Ja, die
Inquisition, selbst die Folter, trat wieder ins Leben und wurde gegen
mehrere unglckliche Carbonari angewandt. All der Unsinn der frheren
Jahrhunderte kam wieder zutage. Pius ffnete die seit Jahren
geschlossene Rumpelkammer des ppstlichen Zeughauses, und heraus
flatterten mittelalterliche Eulen und Fledermuse. - Prozessionen,
Wallfahrten, Heiligenbilder und wie der Gaukelapparat heien mag, kamen
aufs neue zur Geltung; das neue Licht sollte mit Gewalt ausgelscht
werden. -

Pius VII. fiel auf dem Marmorboden seines Zimmers, brach einen Schenkel
und starb am 20. August 1823 in einem Alter von 81 Jahren.

Sein Andenken muss jedem Freunde fast noch verhasster sein als
irgendeines anderen Papstes aus der Zeit des frheren Mittelalters, weil
Pius im neunzehnten Jahrhundert lebte und aus Herrschsucht und Habgier
das rmische Ungeziefer ber die Erde loslie, unbekmmert ber das
Unglck, welches dadurch angerichtet wurde; gleich jenem Jungen, von dem
die Zeitungen berichteten, der Scheunen in Brand steckte, - um dadurch
zu den Ngeln zu gelangen, wovon er den Erls vernaschte.

Leo XII., der nun folgte, war ein munterer Lebemann, von dem manche
deutsche Dame zu erzhlen wusste. Dabei war er Jagdliebhaber, kurz, ein
ganz flotter Bursche. Pasquino meinte: "Wenn der Papst ein Jger ist, so
sind die Kardinle die Hunde, die Provinzen die Forste und die
Untertanen das Wild." - Ach, guter Pasquino, Wild waren die Untertanen
immer und das wird sich nur ndern, wenn sie ernstlich wild werden!

Als Leo Papst wurde - wurde er eben wieder ein Papst! Er verkndete 1825
ein Jubilum und lud die Glubigen ein, "die Milch des Glaubens aus den
Brsten der rmischen Kirche unmittelbar zu saugen". Bon appetit!

Dieser Leo war ein solcher - Papst, dass er die Kuhpockenimpfung als
gottlos verbot, weil der Eiter eines Tieres mit dem Blut eines Menschen
vermischt werde! - Unter frheren Ppsten wurde fr Geld selbst
Sodomiterei mit den Tieren erlaubt, und doch machen die Ppste Anspruch
auf Unfehlbarkeit.

Leo trat ganz in die Fustapfen seines Vorgngers, und die Kirche, von
den Regierungen, besonders aber von der sterreichischen, mit
despotischer Liebe untersttzt, erholte sich immer mehr von dem Schlag,
den ihr die Revolution versetzt hatte. Im Jahr 1827 bestand der
ppstliche Generalstab aus 55 Kardinlen, 10 Nuntien, 118 Erzbischfen
und 642 Bischfen. Die Armee der Weltgeistlichen, Mnche und Jesuiten
vermag ich nicht zu taxieren.

Leo starb 1829, und ihm folgte Pius VIII., der bereits am 30. November
1830 ebenfalls starb, nachdem er den Obskurantismus nach besten Krften
befrdert hatte. Wer daran zweifelt, der lese sein Generaledikt des
heiligen Officiums vom 14. Mai 1829, worin in Gemheit eines heiligen
Gehorsams und unter Strafe der Ausschlieung und des Verbanntseins auer
den anderen Strafen, welche schon durch die heiligen Kanone, Dekrete,
Konstitutionen und Bullen der Ppste ausgesprochen werden, allen und
jeden, die der Gerichtsbarkeit des Generalinquisitors untergeben sind,
geboten wird: "binnen Monatsfrist alles, was sie wissen und erfahren
werden, gerichtlich anzugeben, in Betreff alles oder eines jeden von
denen, welche Ketzer oder der Ketzerei verdchtig und von ihr angesteckt
oder ihre Gnner und Anhnger sind - die vom katholischen Glauben
abgefallen sind - welche sich den Beschlssen der heiligen Inquisition
widersetzt haben oder sich widersetzen, die entweder in eigener Person
oder durch andere, auf welche Art es auch geschehen mag, einen Diener,
Anklger, einen Zeugen bei dem heiligen Gerichte in ihrer Person, ihrer
Ehre und ihren Vorrechten beleidigt haben oder beleidigen, zu beleidigen
gedroht haben oder zu beleidigen drohen - welche in eigener Wohnung oder
bei andren Bcher von ketzerischen Verfassern, Schriften, die Ketzereien
enthalten oder religise Gegenstnde ohne Bevollmchtigung des Heiligen
Stuhles behandeln, ehedem besessen haben oder jetzt besitzen" etc. etc.

Am 2. Februar 1831 bestieg der Kardinal Mauro Capellari unter dem Namen
Gregor XVI. den Ppstlichen Stuhl. Er hie eigentlich Bartolommeo
Alberti Capellari und wurde 1765 in Belluno im Venitianischen geboren.
Im Jahr 1783 trat er unter dem Namen Mauro in den Kamaldulenserorden,
und nachdem er 1801 Abt, 1823 General seines Ordens geworden war, machte
man ihn 1826 zum Kardinal.

Die Unzufriedenheit im Kirchenstaate war gro, und bald nach seiner
Besteigung des Ppstlichen Stuhles brachen Aufstnde aus, welche jedoch
mit Hilfe sterreichischer und franzsischer Truppen unterdrckt wurden.
Anstatt, wie er verheien, das Los seiner unglcklichen Untertanen zu
erleichtern, zog er auf den Rat einiger Kardinle die Zgel der
Regierung noch schrfer an, und jede freie uerung wurde im
Kirchenstaat noch hrter bestraft als zu jener Zeit selbst in sterreich
oder Preuen.

Schon unter Pius VIII. war Gregor XVI. zu politischen Unterhandlungen
gebraucht worden, und namentlich leitete er diejenigen, welche mit
Preuen wegen der gemischten Ehen gepflogen wurden. Als Papst geriet er
mit allen Regierungen in Streit, denn er trachtete danach, seine
geistliche Gewalt in ihrer alten Herrlichkeit wiederherzustellen. Alle
Anmaungen der Ppste und der Hierarchie wurden von ihm mit Starrsinn
aufrechterhalten, alles, was dem entgegenstand, bekmpft und Anstalten
und Einrichtungen begnstigt, welche seit Jahrhunderten zur
Untersttzung dieses Strebens gedient hatten. Die Wissenschaften wurden
unterdrckt, die Jesuiten begnstigt und Klster errichtet oder neu
aufgefhrt.

Mit Spanien und Portugal kam er in Streit, ebenso mit Preuen wegen der
Erzbischfe Droste von Vischering und Dunin; mit Russland gleichfalls
und auch mit der Schweiz wegen Aufhebung der Klster im Aargau.

Er starb am 1. Juni 1846, und die Welt freute sich, einen Mann los zu
sein, dessen ganzes Trachten es gewesen war, die Weltuhr
zurckzustellen, whrend es berall grte und das Volk zum Fortschritt
drngte.

Zu seinem Nachfolger wurde Pius IX. erwhlt, der jetzt noch auf dem
sogenannten Stuhl Petri sitzt und von dem man hofft, dass er der letzte
eigentliche Papst gewesen sein wird. Sein Name war Giovanni Maria Graf
Mastai-Ferretti. Er wurde am 13. Mai 1792 in Sinigaglia geboren. Er war
ein von den Damen sehr wohlgelittener junger Mann geworden, als er 1815
in die ppstliche Garde treten wollte; allein leider konnte er nicht
angenommen werden, da er an der fallenden Sucht oder Epilepsie litt. Er
beschloss daher, die geistliche Laufbahn einzuschlagen, und fing an, die
unntze Wissenschaft zu studieren, welche man Theologie nennt, die aber
den relativen Nutzen hat, dass sie zu hohen Ehren und Stellen fhren
kann.

Ein rmisch-katholischer Priester darf aber an keinem krperlichen
Gebrechen leiden, und die Kirche hat sehr triftige Grnde dafr; der
junge Graf Ferretti wrde daher mit seinen epileptischen Anfllen
gleichfalls von ihr zurckgewiesen worden sein, wenn sich nicht der
Himmel mit einem Wunder hineingemischt htte. Ein Geistlicher in Loreto,
namens Strambi, heilte ihn von dem grsslichen bel durch Magnetismus,
das heit durch Handauflegen, - eine Kraft, welche brigens auch viele
Ketzer haben und ausben.

Da nun nichts seiner Weihe als Priester im Wege stand, so wurde er in
Rom als Priester ordiniert und 1823 mit der Mission nach Chile in
Sdamerika geschickt. Von dort kehrte er nach zwei Jahren zurck, wurde
1827 Erzbischof von Spoleto, 1833 Bischof von Imola und 1840 Kardinal.
Am 16.Juni 1846 wurde er zum Papst gewhlt und als Pius IX. am 21. Juni
gekrnt.

Selten trat ein Papst seine Regierung unter so gnstigen Umstnden an,
denn die Hrte seines Vorgngers lie jede vershnliche Maregel, jede
Verbesserung als doppelt wertvoll erscheinen. Da Pius IX. ein milder und
fr einen Papst freisinniger Mann war, so trugen ihm die Italiener eine
an Enthusiasmus grenzende Liebe entgegen. Man erwartete indessen mehr
von ihm, als er in seiner Stellung als Papst leisten konnte und wollte,
und die von der revolutionren Partei ihm zugemuteten Schritte
berschritten diese Grenze.

Das Jahr 1848 brach an; auch der Papst musste dem Sturm folgen und die
Verfassung vom Mrz 1848 bewilligen, obwohl mit Widerstreben. Das
konstitutionelle Regieren war aber einem Papst ein ungewohntes Ding, und
um den heraufbeschworenen Geist in seine Schranken zu bannen, wurde von
ihm Graf Pelegrino de Rossi zum Minister ernannt, welcher das Volk durch
strenge Maregeln in Furcht halten wollte. Das ging nicht im Jahr 1848,
und die Folge waren Aufstnde in Rom und die Ermordung des missliebigen
Ministers. Die Aufregung stieg, und das von dem Volksverein dirigierte
Volk zog vor den Quirinal, seine Wnsche darzulegen. Der Papst wollte
"sich nicht imponieren lassen", allein als man das kanonische Recht -
das heit wirklich metallische Kanonen - gegen ihn anwandte, hatte er
nachzugeben und ein demokratisches Ministerium zu ernennen, an dessen
Spitze Graf Mamiani della Rovere stand. Da sich Pius aber aller Macht
beraubt sah, so hielt er es fr zweckmig, am 24. November 1848 unter
dem Schutze des bayerischen Gesandten Graf Spaur und in einer
Verkleidung als Abbate aus Rom zu fliehen und sich in Gaeta unter den
Schutz des Knigs von Neapel zu stellen. Die Folge davon war, dass Rom
zur Republik erklrt wurde.

Eine politische Geschichte Roms liegt auer dem Bereich dieser Schrift,
die weniger mit dem Frsten des Kirchenstaates als mit dem Oberhaupt der
rmisch-katholischen Christenheit zu tun hat. Dass dieser zugleich
weltlicher Frst und als solcher in politische Hndel verwickelt ist,
ist ein Umstand, welcher selbst von vielen Katholiken beklagt wird, da
er dem Oberhaupt der Kirche die Wrde raubt. Wie derselbe in seiner
Eigenschaft als Frst durch franzsische Bajonette noch immer knstlich
erhalten wird, ist bekannt wie auch die ziemlich gewisse Hoffnung, dass
mit dem Aufhren dieses Schutzes der Papst von seinen weltlichen
Regierungssorgen erlst werden wird.

So bewegt und trbe die Laufbahn des Papstes Pius IX. als Frst war, so
waren doch seine Erfolge als Oberhaupt der Kirche fr ihn sehr gnstig.
Er trat genau in die Fustapfen seines Vorgngers, allein er tat es in
weniger schroffer Weise als dieser. Es gelang ihm, mit fast allen
Mchten Konkordate abzuschlieen, durch welche die Macht und das Ansehen
der rmischen Kirche wiederhergestellt wurden. Besonders erfolgreich war
er in dieser Beziehung in Frankreich und sterreich, wo die Kirche ihren
ganzen verderblichen Einfluss auf die Schulen wiedergewann.

Die Frsten, durch das Jahr 1848 erschreckt, hielten es fr notwendig,
den verdummenden und knechtenden Einfluss der Kirche auf das Volk wieder
zur Untersttzung ihrer eigenen despotischen Gelste zu Hilfe zu rufen,
whrend andererseits die rmische Kirche, besonders in Deutschland,
danach strebte, sich von dem Einfluss der weltlichen Regierungen
mglichst frei zu machen. Zu dem letzteren Zweck wurden die Piusvereine
gestiftet, deren erster 1848 im April in Mainz gegrndet wurde und deren
Zahl bald so sehr wuchs, dass bereits im Oktober desselben Jahres eine
Generalversammlung von 83 solcher Vereine beschickt wurde. Von diesen
Vereinen gingen nun unter verschiedenen Namen wieder andere Vereine
hervor, die smtlich fr die Wiederherstellung der rmischen
Herrlichkeit in der umfassendsten und praktischsten Weise wirkten.

Der ausgesprochene Zweck dieser Vereine ist es, mit allen gesetzlichen
Mitteln zu wirken fr die Freiheit des rmischen Glaubens und Kultus,
fr das gttliche Recht der Kirche zu lehren und zu erziehen; fr
unbeschrnkten Verkehr zwischen Bischfen und Gemeinden und zwischen
beiden und dem Papst; fr Heilung der Notstnde und fr freie Verwaltung
und Verwendung des Kirchenvermgens. In politischer Beziehung wollten
die Vereine nur zur Untersttzung der obrigkeitlichen Gewalt und zur
Frderung der staatlichen Zwecke indirekt beitragen; allein sie
beschrnkten sich keineswegs darauf, sondern griffen, wo immer mglich,
direkt in die Politik ein.

Pius IX. ist weit entfernt, das Unzeitgeme der Lehren der rmisch-
katholischen Kirche zuzugeben, sondern im Gegenteil eifrig bemht, den
Glauben an alle im Mittelalter zur Geltung gebrachten Dogmen wieder zu
erwecken, und die Welt erlebte von ihm die wunderbare Tatsache, dass er
die wahnsinnige Lehre von der unbefleckten Empfngnis der Jungfrau Maria
am 8. Dezember 1854 in der Peterskirche durch feierlichen Akt zum Dogma
erhob.

Whrend die Ttigkeit der rmischen Kirche in Deutschland solche Erfolge
errang, verlor sie immer mehr und mehr in Rom und in ganz Italien und
besonders in Sardinien und im jetzigen Knigreich Italien, dessen
konstitutionelle Regierung den Anmaungen der Kirche entschieden
entgegentrat.

Den hrtesten Schlag erhielt jedoch die rmische Kirche, oder vielmehr
die ppstliche Gewalt, durch den im Jahr 1866 stattgehabten Umschwung
der Dinge. Die von dem sterreichischen Reichstag ausgesprochene
teilweise Aufhebung des Konkordats beraubte sie der Leitung des
Schulwesens und der Kontrolle ber die Ehe und damit zweier der
mchtigsten Hebel ihrer Macht.

Die groe Ttigkeit, welche die rmische Kirche durch ihre Vereine und
andere ihr zu Gebot stehenden Mittel entwickelt, und das immer dreistere
Auftreten derselben machten nicht nur manche Regierungen stutzig,
sondern veranlassten auch die Mnner der Wissenschaft und selbst
diejenigen, welche sich nie um Religion kmmerten, sich gegen die
verfinsternden und die Entwicklung des freien Volksfortschritts
hemmenden Bestrebungen der Kirche mit aller Kraft zu erheben. Was immer
auch Papst Pius IX. von dem in diesem Jahr von ihm zusammenberufenen
Konzil fr sanguinische Hoffnungen hegen mag, wer die Lage der Dinge mit
vorurteilsfreiem Auge betrachtet, sieht mit sonnenheller Klarheit, dass
ein fr das Mittelalter berechnetes Institut im Jahr 1869 nicht wieder
aufblhen kann. Der Genius der Freiheit wird die Finsterlinge in den
Staub treten.




Sodom und Gomorrha


                "Es ist kein feyner Leben auf erden,
                denn gewisse zin haben von seinem Lehen,
                eyn Hrlein daneben und unserem Herre Gott
                gedienet."


Die Reformation wurde recht eigentlich durch das Schandleben der
rmisch-katholischen Geistlichen hervorgerufen, denn der Ablassunfug war
nur die nchste Veranlassung. Es lohnt sich daher schon der Mhe, einen
Blick in diese geistliche Kloake zu tun und zu prfen, woher es kommt,
dass gerade diejenigen, welche durch ihre Stellung vorzugsweise dazu
berufen waren, den Menschen als Muster der Sitte voranzugehen, sich
durch die zgellosesten sinnlichen Ausschweifungen so sehr befleckten,
dass sie dadurch den allgemeinen Abscheu gegen sich hervorriefen.

Die schaffende und erhaltende Kraft oder Macht, die wir Gott nennen, hat
allen lebenden Geschpfen den Geschlechtstrieb gegeben. Sie machte ihn
zu dem mchtigsten Trieb, weil sie damit die Fortpflanzung verband,
worauf sie bei allen organischen Geschpfen besonders vorsorglich
bedacht war; ja, sie stellte es nicht in den freien Willen, dem
Geschlechtstriebe zu folgen, sondern zwang dazu, ihm zu folgen, indem
sie die unnatrliche Unterdrckung desselben empfindlich strafte. Der
gewaltsam unterdrckte Geschlechtstrieb macht Tiere toll und Menschen zu
Narren, wie wir an einigen Beispielen im Kapitel von den Heiligen
gesehen haben.

Die Befriedigung des Geschlechtstriebes ist also eine Naturpflicht und
an und fr sich ebenso erlaubt und unschuldig wie die Befriedigung des
Durstes. Vom sittlichen Standpunkt aus beurteilt, verdienen der Fresser
und der Sufer in nicht geringerem Grade unsern Tadel als der in der
sinnlichen Liebe ausschweifende Wollstling und die seltsame und
verkehrte Ansicht, wodurch wir selbst die naturgeme Befriedigung des
Geschlechtstriebes gleichsam zu einem Verbrechen oder doch zu einer
Handlung stempeln, deren man sich schmen muss, - verdanken wir einzig
und allein der missverstandenen, verunstalteten, christlichen Religion.

Das gesellschaftliche Zusammenleben machte es durchaus notwendig, dass
die Leidenschaften der Menschen geregelt werden, sei es nun durch die
sogenannte Sitte oder durch Gesetze. Wollte ein jeder seinen
Leidenschaften die Zgel schieen lassen, so wrden sich Staat und
Gesellschaft bald in wilde Anarchie auflsen. Damit ein jeder Brger,
auch der schwchste, im Genuss seines Lebens und Eigentums selbst gegen
den strksten geschtzt sei, muss jeder seinen natrlichen
Leidenschaften eine vom Gesetz bestimmte Grenze setzen, welche von den
Vollziehern dieser Gesetze, hinter denen die Gesamtheit des Volks steht,
sorgfltig bewacht und geschtzt wird.

Die Erfahrung lehrt, dass der Geschlechtstrieb gar oft die gewaltigsten
und verderblichsten Wirkungen hervorbringt, und so musste er denn
natrlich auch die ganz besondere Aufmerksamkeit der Gesetzgeber in
Anspruch nehmen. Sie fanden in der Ehe das geeignetste Mittel, den
Folgen geschlechtlicher Ausschweifungen vorzubeugen, und alle
zivilisierten Vlker alter und neuer Zeit betrachten die Ehe als die
festeste Grundlage des Staatslebens und in jeder Hinsicht als ein hchst
segensreiches und die Menschen veredelndes Institut.

Die christliche Kirche verkannte die Wichtigkeit der Ehe durchaus nicht,
und da sie unablssig bemht war, den grtmglichen Einfluss auf die
Menschen zu erlangen, so bemchtigte sie sich auch vorzugsweise der Ehe,
obwohl dieselbe die Kirche nicht mehr berhrt als jede andere
gesellschaftliche Einrichtung, und behauptete, dass zur Schlieung
derselben die priesterliche Einsegnung durchaus ntig sei; ja, sie ging
so weit, dass sie diese rein gesellschaftliche bereinkunft, ber welche
hchstens dem Staat eine Kontrolle zusteht, fr ein sogenanntes
Sakrament erklrte.

Wir haben im vorigen Kapitel gesehen, dass die Ppste selbst die
schamlosesten Betrgereien nicht scheuten, wenn es die Vergrerung
ihrer Macht galt, und so kann es uns nicht mehr besonders auffallen,
wenn wir nachweisen, dass sie auch in Bezug auf die Ehe wahrhaft
lcherliche Inkonsequenzen begingen.

Die Ehe, dieses heilige Sakrament, wurde den Geistlichen verboten, weil
es sie verunreinige! - Den wahren Grund dieses Verbotes habe ich bei
Erwhnung Gregors VII. im vorigen Kapitel erwhnt, und der angegebene
Zweck wurde damit erreicht, obwohl dadurch Folgen erzeugt wurden, welche
der rmischen Kirche fast ebenso groen Nachteil brachten wie den
Menschen im Allgemeinen.

Die Geistlichen wurden durch das Zlibat - so nennt man die erzwungene
Ehelosigkeit rmischer Priester - vllig isoliert und ihre Verbindung
mit den brigen Menschen und dem Staat zerrissen, dafr aber desto
fester an die Kirche, das heit an den Papst, gefesselt; denn dieser ist
es ja, von dem jeder rmisch-katholische Geistliche in hchster Instanz
sein zeitliches Heil zu erwarten hat. Der alte Vizegott in Rom ist ihm
Familie und Vaterland. Ein echt rmisch-katholischer Geistlicher kann
gar kein guter Patriot oder guter Staatsbrger sein.

Was kmmern sich die Ppste um die abscheulichen Folgen des Zlibats.
Sie wollen unumschrnkt herrschen um jeden Preis, wenn auch durch ihren
schndlichen Egoismus die Moralitt der ganzen Welt samt dem Christentum
zu Grunde geht. Die Heiligen Vter in Rom werden durch nichts anderes
bewegt als durch ihren Eigennutz, welche erhabenen Grnde sie auch mit
salbungsvollen Worten zur Bemntelung desselben vorbringen mgen.

Weder Tonsur noch Weihen vermgen es, den Geistlichen die "menschlichen
Schwchen", wie man dummerweise die Regungen des Naturtriebes hufig
nennt, abzustreifen. Die Natur respektiert einen geweihten Pfaffenleib
ebenso wenig wie den irgendeines anderen tierischen Organismus und
kmpft mit ihm um ihr Recht. Diese Kmpfe endeten bei gewissenhaften
Geistlichen, denen es mit ihrem Keuschheitsgelbde ernst war, gar hufig
mit Selbstmord oder Wahnsinn oder mit unnatrlicher Befriedigung des
Geschlechtstriebes oder mit freiwilliger Verstmmelung. - Der
schlechtere Teil der Geistlichen, die ich hauptschlich mit "Pfaffen"
meine, betrachtet dagegen die Ehe als eine Fessel, von der sie der gute
Gregor befreit hat, und tut wie jener Mnch, der nach langen Kmpfen
endlich dem Rate eines alten Praktikus folgte: "Wenn mich der Teufel
reizt, so tue ich, was er will, und dann hrt der Kampf auf." Sie wissen
sich, was die Befriedigung des Geschlechtstriebes anbetrifft, fr die
Ehe schadlos zu halten, indem sie nach Clemens VI. Ausdruck "wie eine
Herde Stiere gegen die Khe des Volkes wten".

Diese Pfaffen nennt der heilige Bernhard "Fchse", die den Weinberg des
Herrn verderben und die Enthaltsamkeit nur zum Deckel der Schande und
Wollust brauchen, vor denen schon der Apostel Petrus gewarnt habe. "Man
msse", fhrt er fort, "ein Vieh sein, um nicht zu merken, dass man
allen Lastern Tr und Tor ffne, wenn man rechtmige Ehen verdamme."

Jesus war selbst nicht verheiratet; aber bei vielen Gelegenheiten
uerte er sich ber die Ehe und erkannte sie als eine durch gttliche
Anordnung geheiligte Anstalt an (Matth. 5,31. 32; 19,3-7. 9.);  ja, wir
wissen, dass er mit seiner Mutter und seinen Jngern einer
Hochzeitsfeier in Kana in Galila beiwohnte (Joh. 2,2) was er nicht
getan haben wrde, wenn er die Ehe berhaupt als eine unsittliche
Verbindung erkannt htte.

Die Apostel hatten drber ganz dieselben Ansichten. Paulus nennt die Ehe
einen in allen Betrachtungen ehrwrdigen Stand (Hebr. 13,4) und erklrt
sogar die Untersagung derselben fr eine Teufelslehre (1.Tim. 4,3).
Kurz, nach allen in der Bibel enthaltenen Lehren des Christentums ist
das Band, welches die Ehe um Mann und Weib schlingt, ein hchst
ehrwrdiges.

Die Christen der ersten Zeit waren auch weit davon entfernt, die Ehe der
Geistlichen als etwas Unerlaubtes zu betrachten, ja, sie setzten
dieselben bei ihnen sogar voraus. Petrus selbst, dessen Nachfolger die
Ppste sein wollen, und die meisten der Apostel waren verheiratet.
Paulus verlangt von den Bischfen und Diakonen, dass sie im ehelichen
Stande leben sollten. Er schreibt an Thimotheus: "Ein wahres Wort: wer
ein Bischofsamt sucht, der strebt nach einem edlen Geschft. Ein Bischof
muss deswegen tadellos sein, eines Weibes Mann, nchtern, ernst,
wohlgesittet, zum Lehrer tchtig; kein Trunkenbold, nicht streitschtig
(nicht schmutziger Habgier ergeben), sondern sanft, friedliebend, frei
von Geiz; der seinem Haus gut vorstehe, der seine Kinder im Gehorsam
erhalte mit allem Ernst: denn wer seinem eigenen Haus nicht vorzustehen
wei, wie kann er die Gemeinde Gottes regieren? (1.Tim. 3,1-5) Die
Diakonen seien eines Weibes Mnner, wohl vorstehend ihren Kindern und
ihren Husern." (Tim. 1,3. 12.)

An Titus schreibt er: "Deswegen habe ich Dich in Kreta zurckgelassen,
damit Du das, was noch fehlt, vollends in Ordnung brchtest und in jeder
Stadt Priester (lteste) ansetzest, wie ich Dir aufgetragen habe; wenn
nmlich jemand unbescholtenen Rufes ist, eines Weibes Mann, der glubige
Kinder hat." (Tit. 1,5-6)

Diese Stellen, welche noch durch zahlreiche andere vermehrt werden
knnten, sprechen so deutlich, dass es kaum begreiflich erscheint, wie
die Ppste es wagen konnten, die Rechtmigkeit des Zlibats der
Geistlichen aus der Bibel beweisen zu wollen. Sie wrden auch mit diesem
Gesetz nie durchgedrungen sein, wenn nicht schon seit frher Zeit in der
christlichen Kirche die Idee von der Verdienstlichkeit des ehelosen
Lebens gespukt htte.

Wie diese dem Christentum so durchaus fremde Ansicht von der Ehe in
demselben allmhlich Wurzeln fasste, auseinanderzusetzen wrde sehr
weitlufig sein, und da ich hier mich darauf nicht einlassen kann, so
will ich mich bemhen, den Gang der Sache in flchtigen Umrissen zu
skizzieren.

Zur Zeit, als Jesus auftrat, hatte der Glauben an die alten Gtter
eigentlich lngst aufgehrt. Der ffentliche Gottesdienst bestand in
leeren Zeremonien, und an die Stelle der Religion war die Philosophie
getreten. Selbst das Volk nahm teil an den philosophischen
Streitigkeiten wie heutzutage an den religisen und hing teils diesen,
teils jenen der unendlich vielen aufgestellten Systeme an.

Als nun das Christentum entstand und die Zahl der Anhnger desselben
sich vermehrte, wurden auch die alten philosophischen Ansichten, deren
man sich nicht so schnell entuern konnte, in dasselbe mit
hinbergenommen, und man versuchte es, so gut es anging, dieselben mit
den christlichen Lehren zu vereinigen.

Die reine Philosophie - Vernunftswissenschaft, Erkenntnislehre - kann
nie Schwrmerei erzeugen, welche eine entschiedene Feindin der Vernunft
ist; werden ihr aber religise Bestandteile beigemischt, so kann sie gar
leicht nicht allein zur Schwrmerei, sondern selbst zum wtendsten
Fanatismus fhren. Aber fast alle philosophischen Systeme jener Zeit
hatten religise Bestandteile in sich aufgenommen, teils griechischen,
altorientalischen, gyptischen oder jdischen Ursprungs, und ihre
Anhnger und Bekenner waren meistens Gnostiker, das heit Geheimwisser
oder Offenbarungskundige. In diese Systeme kam nun noch das christliche
Element, und das Resultat dieser Vereinigung waren oft sehr erhabene,
aber noch hufiger hchst abgeschmackte Lehrbegriffe ber Gott,
Weltschpfung, die Person Christi, den Ursprung des bels, das Wesen des
Menschen usw. Wir haben es hier nur mit ihren Ansichten ber die Ehe zu
tun.

Vorherrschend unter den Offenbarungs-Philosophen war die Ansicht, dass
die Materie - das Krperliche - die Quelle alle Bsen und dass die Welt
nicht durch den hchsten Gott, sondern durch ein ihm untergeordnetes,
unvollkommeneres Wesen - Demiurg (Werkmeister) - geschaffen sei. Der
Krper der Menschen stehe unter der Herrschaft der Materie und des bald
mehr oder minder bsartig gedachten Demiurgs, und das Heil des
menschlichen Geistes bestehe darin, dass es sich von den Fesseln der
Materie und des Demiurgs losmache und zu dem hchsten Gott zurckkehre.
Mit anderen Worten heit das: der Mensch soll ein rein geistiges Leben
fhren und alle vom Krper ausgehenden sinnlichen Regungen wie einen
Feind bekmpfen.

Hieraus geht schon deutlich hervor, dass die Ansichten dieser Schwrmer
der geschlechtlichen Vereinigung und der Ehe nicht gnstig sein konnten.
Ehe ich einige dieser Ansichten namhaft mache, muss ich noch von dem
Brief des Paulus an die Korinther reden, welcher auf diese "Philosophie"
von bedeutendem Einfluss war.

Die Christen in Korinth konnten sich ber ihre Meinung von der Ehe nicht
einigen und baten den Apostel Paulus um Belehrung. Dieser erfllte ihr
Begehr, und was er ihnen antwortete, kann jeder in der Bibel nachlesen
(1. Korinth. Kap. 7). Aus diesem Schreiben geht hervor, "dass es Paulus
fr besser hielt, unverheiratet zu bleiben; aber er erklrt
ausdrcklich, dass er mit diesem Rat den Christen keine Schlinge werfen
wolle und dass derjenige, der es fr besser halte zu heiraten, damit
durchaus keine Snde begehe. (1. Korinth. 7,32.)

Vergleichen wir die in diesem Brief enthaltenen Ratschlge mit seinen an
andern Stellen stehenden Aussprchen ber die Ehe, so mchte man mit dem
rmischen Statthalter Festus ausrufen: "Paule, dein vieles Wissen macht
dich rasen!" Allein in dem Brief selbst ist der Schlssel zu seiner
Handlungsweise enthalten: "Ich wollte Euch aber vor Sorgen bewahren."

Die Christen erwartete damals eine strmische Zeit der Verfolgungen und
Trbsal, dann auch die baldige Wiederkehr Christi zum Weltgericht, und
dieser Glauben hatte auf die Antwort des Paulus unverkennbaren Einfluss.
Ein Unverheirateter wird die Leiden des Lebens meistens leichter
ertragen als ein Familienvater; das wird jeder fhlen, der eine Familie
hat.

Dieser Brief des Paulus diente den Verteidigern des Zlibats der
Geistlichen als Hauptsttze; sie vergaen dabei aber auer den
besonderen Umstnden, unter denen er geschrieben wurde, dass er an alle
Christen zu Korinth und nicht allein an die Geistlichen geschrieben war;
und htte man die in ihm in Bezug auf die Ehe enthaltenen Ratschlge
allgemein als Befehl anerkennen wollen, so wrde das Christentum bald
ein Ende gehabt haben, indem seine Anhnger ausgestorben wren. - Denn,
wenn Paulus sagt: wer heiratet, tut wohl; wer nicht heiratet, tut
besser, so sagt er doch auch: Es ist dem Menschen gut, dass er kein Weib
berhre. Das htten sich die Geistlichen, welche das Zlibat
verteidigen, nur ebenfalls merken und als einen Befehl erachten sollen.
Ehe ist besser als Hurerei, und was Paulus darber dachte, geht aus
Folgendem hervor:

Durch die Ratschlge des Apostels, vielleicht auch dadurch verfhrt,
dass die Frauen, welche Ehelosigkeit gelobten, von der christlichen
Gemeinde erhalten und oft zu untergeordneten Kirchenmtern - zu
Diakonissen - gewhlt wurden, versprachen mehrere Witwen in Korinth,
sich nicht wieder zu verheiraten. Die jungen Weiber hatten sich jedoch
zu viel Kraft zugetraut. Die Ehelosigkeit wurde ihnen hchst unbequem,
und viele von ihnen htten gern wieder geheiratet, wenn sie es wegen
ihres Gelbdes gedurft htten. Aber der "Fleischesteufel" - um auch
einmal diesen beliebten pfffischen Ausdruck zu gebrauchen - kehrt sich
an kein Gelbde und plagte die armen, verliebten Weiberchen so sehr,
dass sie es endlich machten wie der oben erwhnte Mnch und ihm den
Willen taten, damit sie nur Ruhe gewannen. - Sie waren aber sehr schwer
zu beruhigen, und ihr unzchtiges Leben fing an, Aufsehen zu machen.
Paulus fand sich dadurch veranlasst, zu verordnen, dass diese Frauen,
wenn sie Neigungen dazu bekmen, trotz ihres Gelbdes lieber heiraten
als ein unzchtiges Leben fhren sollten, "damit nicht den Gegnern des
Christentums dadurch eine willkommene und gerechte Veranlassung gegeben
werde, dasselbe zu verlstern".

Die Ppste handelten jedoch ganz anders als der Apostel. Ihnen war es
nur um Ausrottung der Ehe unter den Priestern zu tun und sie gestatteten
sogar gegen eine Geldabgabe auereheliche, geistlich-fleischliche
Ausschweifungen, unbekmmert um das rgernis, welches dadurch gegeben
wurde; ja, sie gingen selbst mit dem schndlichsten Beispiel voran!

Von ihnen gilt, was Paulus ahnungsvoll vorhersah: "Bestimmt aber sagt
der Geist, dass in den letzten Zeiten einige vom Glauben abfallen
werden, achtend auf Irrgeister und Teufelslehren, die mit
Scheinheiligkeit Lgen verbreiten, gebrandmarkt am eigenen Gewissen, die
verbieten zu heiraten und gewisse Speisen zu genieen, welche Gott
geschaffen, dass sie dankbar genossen werden von den Glubigen und von
denen, welche die Wahrheit erkannt."

Doch ich will wieder zu unseren Offenbarungsnarren zurckkehren und
anfhren, was einige Sekten derselben von der Ehe hielten.

Julius Cassianus, ein Hauptnarr, erklrte die Ehe fr Unzucht, und die
ganze zahlreiche Sekte der Enkratiten floh die Berhrung der Weiber
berhaupt als eine Snde. Zu ihnen gehrten die Abeloniten in der Gegend
von Hippo in Afrika, die sich durchaus des geschlechtlichen Umgangs
enthielten. Um aber die Vorschrift des Paulus (1. Korinth. 7,29), dass
"diejenigen, die Weiber haben, seien, als htten sie keine",
buchstblich zu erfllen, nahmen die Mnner ein Mdchen und die Weiber
einen Knaben zur bestndigen Gesellschaft zu sich, um in Verbindung mit
dem andern Geschlecht, aber doch auer der Ehe, zu leben.

Ein gewisser Marzion, der von dem Heidentum zum Christentum bertrat,
trieb es mit der Entsagung besonders weit und litt wahrscheinlich am
Unterleibe, denn dafr sprechen seine hypochondrischen Lebensansichten.
Seine Genossen redete er gewhnlich an: Mitgehasste und Mitleidende! -
Dieser trbselige Narr erklrte jedes Vergngen fr eine Snde; er
verlangte, dass jeder von den schlechtesten Nahrungsmitteln leben
sollte, und von der Ehe wollte er vollends nichts wissen, denn diese
erschien ihm als eine privilegierte Unzucht. Er verlangte von seinen
Anhngern, wenn sie verheiratet waren, dass sie sich von ihren Weibern
trennten oder doch das Gelbde leisteten, sie nicht als ihre Weiber zu
betrachten. - Diese Sekte bestand bis zur Mitte des vierten Jahrhunderts
unter besonderen Bischfen.

Manche Lehrer dieser philosophischen Christensekten fhrten zur
Auflsung aller sichtlichen Ordnung. Karpokrates, der wahrscheinlich zur
Zeit des Kaisers Hadrian in Alexandrien lebte, lehrte: dass die
Befriedigung des Naturtriebes nie unerlaubt sein knne und dass die
Weiber von der Natur zum gemeinschaftlichen Genuss bestimmt wren. Wer
sich der sittlichen Ordnung unterwerfe, der bleibe unter der Macht des
Erdgeistes; sich aber allen Lsten ohne Leidenschaft hingeben heie
gegen ihn kmpfen und ihm Trotz bieten.

Ein anderer Schwrmer namens Marzius fhrte geheimnisvolle Zeremonien
ein und machte besonders die Weiber damit bekannt, wodurch bei ihnen
alle Schamhaftigkeit vernichtet wurde.

Von den Anhngern des Karpokrates erzhlt man, dass sie bei ihren
Versammlungen die Lichter verlschten und untereinander das taten, wobei
sich brigens niemand gern leuchten lsst. Die Adamiten trieben es
hnlich. Vor ihrem Tempel, den sie das Paradies nannten, war eine
bedeckte Halle. Unter dieser entkleideten sie sich und marschierten dann
nackt und paarweise in die Versammlung. Hier ergriff jedes Mnnlein ein
Frulein - - und das nannte man die mystische Vereinigung. Ganz so wie
bei unsern gut protestantischen Muckerversammlungen. Die Seelenbrute
sind eine uralte Erfindung.

Andere Hretiker - so hie die ganze Klasse dieser seltsamen Philosophen
- gestatteten zwar die Ehe, verhinderten aber die Schwangerschaft, indem
sie es machten wie Onan, der Erzvater der Onanie.

Montanus, der in der Mitte des zweiten Jahrhunderts in Phrygien lebte,
sagte: dass Jesus und die Apostel der menschlichen Schwche viel zu viel
nachgesehen htten. Er verachtete alles Irdische und legte auf die
Ehelosigkeit sehr groen Wert.

Die Valesier, eine Sekte des dritten Jahrhunderts, zwangen ihre Anhnger
zur Kastration, ja, sie trieben dieselbe so leidenschaftlich, dass sie
gar hufig Fremde durch List in ihre Huser lockten und diese
unangenehme Operation mit ihnen vornahmen.

Die Lehren dieser Schwrmer, besonders ber das Verdienst der
Ehelosigkeit, fanden in der christlichen Kirche sehr groen Beifall, und
besonders waren es die des Montanus, welche sowohl unter den Geistlichen
wie Laien groen Anhang fanden. Wenn nun auch die rmische Kirche schon
frhzeitig jede kirchliche Gemeinschaft mit den Montanisten abbrach, so
behielt sie doch ihre Lehre ber das Fasten und das Verdienstliche der
Ehelosigkeit.

Das alles Irdische verachtet werden msste, wurde bald der allgemeine
unter den orthodoxen Christen geltende Grundsatz. Wie den Anhngern des
Montanus waren ihnen Jesus und seine Jnger viel zu milde und
nachsichtig, und auf welche Abwege sie durch ihre asketische Schwrmerei
gerieten, haben wir im ersten Kapitel gesehen.

Je mchtiger der Geschlechtstrieb war und je mehr sinnliches Vergngen
seine Befriedigung gewhrte, desto verdienstlicher erschien es, ihn zu
bekmpfen, und diejenigen, denen es vollkommen gelang, standen im
hchsten Ansehen und waren Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.

Die Kirchenvter in den ersten Jahrhunderten waren meistens der Ansicht,
dass die Seelen gefallener Geister zur Strafe in einen Krper gebannt
wren und dass die sittliche Freiheit des Menschen in der Fhigkeit
bestnde, sich durch Besiegung "des Fleisches" aus der niederen Ordnung
emporzuschwingen. - Der Irrtum lag in der bertreibung; setzt man statt
"Besiegung" und Abttung Herrschaft, so wird wohl jeder Vernnftige mit
der Lehre einverstanden sein.

Die Ehe hielt man zwar nicht eigentlich fr bse; allein man betrachtete
sie als ein notwendiges bel zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts
und zur Verhinderung der Ausschweifungen, von dem man so wenig als nur
mglich Gebrauch machen msse; man wrdigte das schnste Verhltnis zu
einer bloen Kinderbesorgungsanstalt herab.

Die Vorliebe fr den ehelosen Stand wurde immer allgemeiner und stieg
zum Fanatismus, so dass einer der ltesten Kirchenlehrer, Ignatius, sich
zu der Erklrung gezwungen sah: dass es sndlich sei, sich der Ehe aus
Hass zu entziehen.

Der Philosoph Justinus, welcher den Mrtyrertod erduldete, hielt es fr
sehr verdienstlich, wenn man den Geschlechtstrieb ganz und gar
unterdrcke, indem man sich dadurch dem Zustande der Auferstandenen
annhere. Er verwarf daher auch die Ehe ganz und gar und verwies auf
Christus, der nur deshalb von einer Jungfrau geboren sei, um zu zeigen,
dass Gott auch Menschen hervorbringen knne ohne geschlechtliche
Vermischung. Einen Jngling, der sich selbst kastrierte, lobte er sehr.

Athenagoras und andere, die nicht so strenge waren, gaben die Ehe nur
wegen der Kindererzeugung zu. Clemens von Alexandrien verteidigte zwar
die Ehe und wies auf das Beispiel der Apostel hin; allein er gestand
doch zu, dass derjenige vollkommener sei, welcher sich der Ehe enthalte.

Origenes, der sich selbst entmannte, sein Schler Hierax und Methodius
verdammten die Ehe, und ihre Lehren fanden unter den Mnchen gyptens
groen Beifall.

Einer der heftigsten Eiferer gegen die Ehe war Quintus Septimus Florens
Tertullian, Priester zu Karthago. Er erklrte die Ehe zwar nicht fr
bse, aber doch fr unrein, so dass sich der Mensch derselben schmen
msse. Die zweite Ehe nannte er geradezu Ehebruch. Auf die Frage, was
aber aus dem Menschengeschlecht werden solle, wenn die Ehe aufhre,
antwortete er: "Es kmmere ihn wenig, ob das Menschengeschlecht
ausstrbe; man msse wnschen, dass die Kinder bald strben, da das Ende
der Welt bevorstnde." - Und Tertullian war selbst verheiratet.

Die Lehren dieses sehr geachteten Kirchenvaters waren von sehr groem
Einfluss. Die Geistlichen, welche diese Ansichten von der
Verdienstlichkeit der Enthaltsamkeit verbreiteten und anpriesen, mussten
natrlich mit dem Beispiel vorangehen, und sie hatten in jener Zeit auch
noch die besten praktischen Grnde, sich der Ehe zu enthalten, da sie es
ja hauptschlich waren, welche den Verfolgungen zum Opfer fielen.

So kam es denn allmhlich, dass die verheirateten Kirchenlehrer in eine
Art von Verachtung gerieten, und dieser Umstand war ein Beweggrund mehr
fr die Geistlichen, sich der Ehe zu enthalten. Fanatische Bischfe
wussten es bei den ihnen untergebenen Geistlichen mit Gewalt
durchzusetzen, dass sie sich nicht verheirateten, und das Volk sah immer
mehr in dem ledigen Stand einen greren Grad der Heiligkeit.

Diese Ansicht war schon im fnften Jahrhundert ziemlich allgemein, und
diejenigen Geistlichen, welche nicht aus berzeugung unverheiratet
blieben, taten es aus Scheinheiligkeit, und die verheiratet waren,
wussten den Glauben zu erwecken, als lebten sie mit ihren Frauen wie mit
Schwestern. Flle von Selbstentmannung kamen hufig vor; aber dessen
ungeachtet war um diese Zeit die Ehelosigkeit der Geistlichen weder
allgemein, noch wurde sie von der Kirche geboten.

Der erste Versuch hierzu geschah im vierten Jahrhundert auf der in
Spanien von neunzehn Bischfen abgehaltenen Synode zu Elvira (zwischen
305-309). Hier wurde es nicht allein verboten, Verheiratete als Priester
anzustellen, sondern man untersagte auch denen, die bereits im Ehestand
lebten, den geschlechtlichen Umgang mit ihren Weibern.

Andere Synoden folgten dem Beispiel, und da man nun sehr hufig den
unverheirateten Geistlichen den Vorzug gab, so bewog dies viele zum
ehelosen Leben, und der Scheinheiligkeit und Heuchelei waren Tr und Tor
geffnet.

Auf der ersten allgemeinen Kirchenversammlung zu Nica (325) stellte ein
spanischer Bischof den Antrag, die Ehe der Priester allgemein zu
untersagen; allein da erhob sich Paphnutius, Bischof von Ober-Thebais,
ein achtzigjhriger, in der hchsten Achtung stehender, unverheirateter
Mann, und verteidigte die Ehe mit solcher Wrme und so berzeugend, dass
sich die Versammlung damit begngte, den Geistlichen die
Beischlferinnen zu verbieten. - Doch selbst die Erlaubnis, sich zu
verheiraten, brachte den dazu geneigten Priestern wenig Nutzen, denn der
Zeitgeist erklrte sich nun einmal gegen die Ehe.

Einen bedeutenden Einfluss auf diese Zlibatsschwrmerei hatte das
Mnchswesen. Den fanatischen Mnchen war die Ehe und jede
geschlechtliche Berhrung ein Gruel; ja, sie gingen in ihrem verkehrten
Eifer so weit, dass sie sogar die Frauen verfluchten, und behaupteten,
dass man sie gleich einer ansteckenden Seuche oder gleich giftigen
Schlangen fliehen msse. Sie riefen sich, wenn sie einander begegneten,
Sentenzen zu, welche sie immer daran erinnern sollten, dass das Weib zu
verachten sei, wie z. B. "Das Weib ist die Torheit, welche die
vernnftigen Seelen zur Unzucht reizt" und dergleichen.

Was die allgemein auf das hchste verehrten Mnche als verwerflich
bezeichneten, erschien nun auch den Laien so, und wenn sich auch nicht
jeder zum Mnchsleben stark genug fhlte, so suchte man doch, selbst in
der Welt lebend, soviel als mglich Ansprche auf asketische Heiligkeit
zu erwerben.

Dieses Streben nach Heiligkeit erzeugte heldenmtige Entschlsse, die
zwar subjektiv immer zu bewundern sind, aber doch mit Bedauern darber
erfllen, dass soviel moralisches Pulver ins Blaue hinein verschossen
wurde.

Jnglinge und Jungfrauen schwrmten fr die Keuschheit. Pelagius, spter
Bischof von Laodicea, bewog noch im Brautbett seine Braut zu einem
enthaltsamen Leben; andere wurden in derselben kritischen Lage von ihren
Bruten dazu beredet. Einige Beispiele habe ich schon frher angefhrt.

Einzelne Sekten, wie die Eustathianer und Armenier, erklrten jetzt
geradezu, dass kein Verheirateter selig werden knne, und wollten von
verehelichten Priestern weder das Abendmahl annehmen noch sonst mit
ihnen irgendeine Gemeinschaft haben. Da sie aber auch das Fleischessen
fr sndlich erklrten und sie behaupteten, dass die Reichen, wenn sie
nicht ihrem ganzen Vermgen entsagten, nicht selig werden knnten, so
wurden ihre Lehren auf einem Konzil als irrtmlich verdammt.

Das weitere Umsichgreifen des Mnchswesens erzeugte ein immer
allgemeineres Vorurteil gegen die Ehe, und die verheirateten Priester
bekamen einen immer schwierigeren Stand.

Viele der Kirchenvter, deren Schriften allgemeine Verbreitung fanden,
waren mit asketischen Ansichten aufgewachsen und eiferten heftig gegen
die Ehe. Dies taten Eusebius und Zeno, Bischof von Verona, derselbe, der
erklrte, dass es der grte Ruhm der christlichen Tugend sei, die Natur
mit Fen zu treten.

Ambrosius, rmischer Statthalter der Provinz Ligurien und Aemilien, trat
zum Christentum ber und wurde acht Tage nach seiner Taufe zum Bischof
von Mailand gemacht. Er kannte kaum die christlichen Lehren, und da er
nicht hoffen konnte, sich durch Gelehrsamkeit auszuzeichnen, so
versuchte er es durch ein asketisches Leben. - Da es bis dahin noch fr
Ketzerei galt, die Ehe zu verdammen - die Apostel waren ja verheiratet
gewesen, - so gestand er ihr immer noch einiges Gute zu; aber er konnte
in den Anpreisungen des ehelosen Lebens kein Ende finden und hatte es
besonders darauf abgesehen, den Jungfrauen ihre Jungfrauschaft zu
erhalten. Maria stellte er ihnen bestndig als Muster auf und erzhlte
die seltsamsten Wunder, die stattgefunden haben sollten, um die
Jungfrauschaft dieses oder jenes Mdchens zu retten. Ja, er ging so
weit, die Kinder zum Ungehorsam gegen die Eltern zu verfhren, indem er
in einem Aufrufe an die Jungfrauen sagte: "berwinde erst die Ehrfurcht
gegen deine Eltern! Wenn du dein Haus berwindest, so berwindest du
auch die Welt."

Er erzeugte in Mailand durch seine Predigten einen solchen
Keuschheitsfanatismus unter den Mdchen, dass die jungen Mnner in
Verzweiflung gerieten und vernnftige Eltern ihren Tchtern verbieten
mussten, seine Predigten zu besuchen. Sein Ruf war so weit verbreitet,
dass man ihm aus Afrika Jungfrauen zusandte, damit er sie zur Keuschheit
verfhre.

Augustin, der nach einem wilden Leben zum Christentum bertrat und
endlich auch Bischof von Hippo wurde, verdammte zwar die Ehe ebenfalls
nicht geradezu, trug aber durch seine Schriften sehr viel zur
Zlibatsschwrmerei bei. Er lehrte, dass der unverheiratete Sohn und die
unverheiratete Tochter weit besser seien als die verehelichten Eltern,
und sagte: "Die ehelose Tochter wird im Himmel eine weit hhere Stufe
einnehmen als ihre verehelichte Mutter: ihr Verhltnis wird zueinander
sein wie das eines leuchtenden und eines finsteren Sterns."

Die Ehe zwischen Joseph und Maria stellte er als Muster einer Ehe auf,
denn sie lebten im ehelichen Verhltnis, hatten sich aber gegenseitig
Enthaltsamkeit gelobt. Frher sei die Ehe notwendig gewesen, um das Volk
Gottes fortzupflanzen, jetzt aber, da das Christentum bereits verbreitet
sei, msse man auch diejenigen, welche sich Kinder zeugen wollten, zur
Enthaltsamkeit ermahnen. Man msse wnschen, dass alles ehelos bleibe,
damit die Stadt Gottes eher voll und das Ende der Welt beschleunigt
wrde. - brigens forderte Augustin von den Geistlichen nicht durchaus
Ehelosigkeit.

Von dem allergrten Einfluss auf das Zlibat und auf das Mnchsleben
war der uns schon bekannte Hieronymus. Er hatte selbst aus Erfahrung die
Macht des Geschlechtstriebes kennengelernt und schildert seine Kmpfe so
lebhaft, dass es Grauen erregt.

"Ich", schrieb er an Eustochium, "der ich mich aus Furcht vor der Hlle
zu solchem Gefngnis verdammte, der ich mich nur in der Gesellschaft von
Skorpionen und wilden Tieren befand, befand mich doch oft in den Chren
von Mdchen. Das Gesicht war blass vom Fasten, und doch glhte der Geist
von Begierden im kalten Krper und in dem vor dem Menschen schon
erstorbenen Fleisch loderte das Feuer der Wollust. Von aller Hilfe
entblt, warf ich mich zu den Fen Jesu, benetzte sie mit meinen
Trnen, trocknete sie mit meinen Haaren, und das widerspenstige Fleisch
unterjochte ich durch wochenlanges Hungern."

Besonders eifrig bemht war auch Hieronymus, die Frauen fr das
enthaltsame Leben zu gewinnen. Dies gelang ihm vortrefflich, denn durch
seinen Umgang mit den vornehmen Rmerinnen hatte er sich eine sehr
genaue Kenntnis des weiblichen Herzens und seiner schwachen Seiten
erworben.

Eine Stelle in seinen Briefen zeigt dies schon deutlich und beweist,
dass die Weiber vor tausend Jahren nicht anders waren, als sie es
heutzutage sind. Er schreibt nmlich an ein junges Mdchen, welchem der
Aufenthalt im Haus der Mutter zu eng wird:

"Was willst du, ein Mdchen von gesundem Krper, zart, wohlbeleibt,
rotwangig vom Genuss des Fleisches und Weins und vom Gebrauch der Bder
aufgeregt, bei Ehemnnern und Jnglingen machen? Tust du auch das nicht,
was man von dir verlangt, so ist es doch schon ein schimpfliches Zeugnis
fr dich, wenn solche Dinge von dir verlangt werden. Ein wollstiges
Gemt verlangt unanstndige Dinge desto brennender, und von dem, was
nicht erlaubt ist, macht man sich desto lockendere Vorstellungen.

Selbst dein schlechtes und braunes Kleid gibt ein Kennzeichen deiner
verborgenen Gemtsart ab, wenn es keine Falten hat, wenn es auf der Erde
fortgeschleppt wird, damit du grer zu sein scheinst; wenn es mit Flei
irgendwo aufgetrennt ist, damit zugleich das Garstige bedeckt werde und
das Schne in die Augen falle. Auch ziehen deine schwrzlichen und
glnzenden Hosen, wenn du gehst, durch ihr Rauschen die Jnglinge an
sich.

Deine Brste werden durch Binden zusammengepresst, und der verengte
Busen wird durch die Grtel in die Hhe getrieben. Die Haare senken sich
sanft entweder auf die Stirn oder auf die Ohren herab. Das Mntelchen
fllt zuweilen nieder, um die weien Schultern zu entblen, und dann
bedeckt sie wieder eilends, als wenn es nicht gesehen werden sollte,
dasjenige, was sie mit Willen aufgedeckt hatte."

Um die Mdchen zu verfhren, Jesus zum Brutigam zu erwhlen, gebrauchte
er oft sehr seltsame Mittel, indem er dieses zarte Verhltnis hchst
ppig und unzart schilderte. So schreibt er zum Beispiel an Eustochium:
"Es ist der menschlichen Seele schwer, gar nichts zu lieben; etwas muss
geliebt werden. Die fleischliche Liebe wird durch die geistliche
berwunden. Seufze daher und sprich in deinem Bette: des Nachts suche
ich denjenigen, den meine Seele liebt. Dein Brutigam muss in deinem
Schlafgemach nur mit dir scherzen. Bitte, sprich zu deinem Brutigam,
und er wird mit dir sprechen. Und hat dich der Schlaf berfallen, so
wird er durch die Wand kommen, seine Hand durch das Loch stecken und
deinen Bauch berhren."

Die keusche Ehelosigkeit erschien Hieronymus als das Hchste, und von
der Ehe wei er nur das zu rhmen, - dass aus ihr Mnche und Nonnen
erzeugt wrden!

In sehr heftigen Streit geriet er mit Jovian, welcher die Ehe
verteidigte. Er bekmpfte die Lehren desselben mit groer Gewandtheit,
wenn uns auch die beigebrachten Argumente sehr hufig ein Lcheln
ablocken.

In einer seiner Streitschriften fhrt er den Jovian redend ein. Er lsst
ihn fragen, wozu Gott die Zeugungsglieder geschaffen und warum er die
Sehnsucht nach Vereinigung in den Menschen gelegt habe? - Darauf
antwortet Hieronymus, dass diese Krperteile geschaffen wren, um den
Flssigkeiten, mit denen die Gefe des Krpers bewssert sind, Abgang
zu verschaffen!

"Auf das aber", fhrt er fort, "dass die Geschlechtsorgane selbst, der
Bau der Zeugungsteile, die Verschiedenheit zwischen Mann und Weib, und
die Gebrmutter, welche geeignet ist zur Empfngnis und Ernhrung der
Frucht, einen Geschlechtsunterschied zeigen, will ich in Krze
antworten.

Wir sollen wohl deshalb nie aufhren, der Wollust zu frnen, damit wir
nie vergebens diese Glieder mit uns herumtragen? Warum soll wohl da die
Witwe ehelos bleiben, wenn wir blo dazu geboren sind, nach Weise des
Viehes zu leben? Was brchte es mir denn fr Schaden, wenn ein anderer
meine Frau beschlft? - Was will da der Apostel, dass er zur Keuschheit
auffordert, wenn sie gegen die Natur ist? Gewiss verdient es der
Apostel, der uns zu seiner Keuschheit auffordert, zu hren: Warum trgst
du dein Schamglied mit dir herum? Warum unterscheidest du dich von dem
Geschlecht der Weiber durch Bart, Haare und durch andere Beschaffenheit
der Glieder? usw. Lasst uns Christus nachahmen, der sich der
Zeugungsglieder nicht bediente und sie doch hatte."

Die Art und Weise, wie der heilige Hieronymus die Ehe bekmpfte, fand
indessen wenig Beifall, wenn auch sehr viele mit ihm in der Hauptsache
bereinstimmen, und er sah sich gentigt, sich zu verteidigen.

"In Streitschriften", sagte er, "habe man mehr Freiheit als im
Lehrvortrag und knne sich in ihnen selbst einer Art von Vorstellung
bedienen, um seinen Feind desto besser zu Boden zu strzen."

So schreibt er gegen einen Mnch, der ihn in Verdacht bringen wollte,
dass er die Ehe berhaupt verdamme, ganz in der alten Art, und schliet:
"Weg mit dem Epikur, weg mit dem Aristippus! Sind die Sauhirten nicht
mehr da, dann wird auch die trchtige Sau nicht mehr grunzen. Will er
nicht gegen mich schreiben, so vernehme er mein Geschrei ber so viele
Lnder, Meere und Vlker hinweg: Ich verdamme nicht das Heiraten! Ich
verdamme nicht das Heiraten! Ich will, dass jeder, welcher etwa wegen
nchtlicher Besorgnisse nicht allein liegen kann, sich ein Weib nehme."

Im ersten Kapitel habe ich angegeben, wie sich die Republik der
christlichen Gemeinde allmhlich in eine Despotie verwandelte. Diese
Vernderung, in Verbindung mit dem mchtigen Einfluss des Mnchswesens,
wirkte fr die Priesterehe sehr nachteilig. Ihre Gegner traten immer
entschiedener auf, und von der ffentlichen Meinung untersttzt, folgten
immer mehr Konzilien dem Beispiel der von Elvira.

Ein allgemeines Verbot der Priesterehe war indessen bis zum Ende des
vierten Jahrhunderts noch nicht gegeben worden; aber dessen ungeachtet
verdankte sie ihr Fortbestehen weniger der Anerkennung ihrer
Rechtmigkeit als vielmehr einer teils auf besonderen Ansichten, teils
auf dem Gefhl der Unausfhrbarkeit der strengen Grundstze begrndeten
Nachsicht von Seiten der Bischfe, whrend fortdauernd das Bestreben
dahin gerichtet war, ihr vllig ein Ende zu machen.

Einen sehr bedeutenden Anteil an der Unterdrckung der Priesterehen von
Seiten der Machthaber der Kirche hatten der Geiz und die Geldgier
derselben. War es den Priestern erlaubt zu heiraten, so fiel auch ihr
Nachlass an ihre rechtmigen Kinder, und alles, was mit List und Betrug
zusammengescharrt war, ging der Kirche verloren.

Da ich keine Geschichte der Kmpfe um die Priesterehe schreiben, sondern
mehr das Verderbliche des Zlibats zeigen will und auch dargetan habe,
wie die Idee von der Verdienstlichkeit der Ehelosigkeit unter den
Christen Eingang gewann, so kann ich mich in Bezug auf den ersten Punkt
umso krzer fassen, als ich im Verfolg des zweiten noch gentigt sein
werde, auf jene Kmpfe zurckzukommen.

Die griechische Kirche hatte die berzeugung gewonnen, dass ein so
unnatrliches Gesetz wie das Zlibat ohne die grten Nachteile nicht
durchfhrbar sei, und auf einer unter Justinian II. im kaiserlichen
Palast Trullum gehaltenen Synode (692) wurde beschlossen, dass die
Geistlichen nach wie vor heiraten und mit ihren Weibern leben knnten.
Dieser vernnftige Beschluss behielt in der griechischen Kirche bis auf
den heutigen Tag seine Geltung.

Die Trullanische Synode begngte sich aber nicht allein damit, die
Priesterehe stillschweigend zu gestatten, wie es die von Nica tat, denn
dies wrde am Ende wenig geholfen haben, sondern sie verordnete: dass
ein jeder, der es wagte, den Priestern und Diakonen nach ihrer
Ordination die eheliche Gemeinschaft mit ihren Weibern zu untersagen,
abgesetzt werden sollte. Ferner, dass diejenigen, welche ordiniert
werden und unter dem Vorwand der Frmmigkeit nun ihre Weiber
fortschicken, exkommuniziert werden sollten.

Die Ppste Konstantin und Hadrian I. waren vernnftig genug, die
Beschlsse der Trullanischen Synode zu billigen, und Papst Hadrian II.
(867-871) war selbst verheiratet. Noch am Anfang des elften Jahrhunderts
kann man es als Regel an nehmen, dass berall der bessere Teil der
Geistlichen in einer rechtmigen Ehe oder doch wenigstens in einem
Verhltnis lebte, welches der Ehe gleichgeachtet wurde.

Die Ppste Viktor II., Stephan IX. und Nikolaus II. setzten jedoch die
Versuche fort, die Priesterehe abzuschaffen; aber der Hauptfeind
derselben war Gregor VII.; er verbot sie geradezu und zwang die schon
verheirateten Priester, ihre Weiber zu verlassen.

Der Kampf der Geistlichen um ihre Rechte als Menschen, dauert zwei
Jahrhunderte. Endlich unterlagen sie; aber dieser Sieg brachte der
rmischen Kirche keinen Segen. Die traurigen Folgen des Zlibats riefen,
wie ich schon im Eingange bemerkte, die Reformation hervor. Aber selbst
diese vermochte es nicht, den Starrsinn der Ppste zu brechen. Die
Frsten drangen bei der Trientiner Kirchenversammlung auf Abschaffung
des Zlibats, welches als die Wurzel allen bels betrachtet wurde; aber
vergebens; das Zlibat wurde von diesem Konzil besttigt, und seine
Beschlsse gelten noch bis heute.

Das Vorurteil von der Verdienstlichkeit der Selbstqulerei und der
Vorzug, welchen fanatische Bischfe den unbeweibten Geistlichen gaben,
bewogen viele von diesen zum ehelosen Leben, wenn auch ihre Neigungen
damit durchaus nicht bereinstimmten. Sie wussten es indessen schon
anzustellen, dass sie den Schein der Heiligkeit bewahrten, dabei aber
doch dem brllenden Fleischesteufel im Geheimen opferten. Sehr gnstig
war dafr die seltsame Sitte, dass unverheiratete Geistliche oder auch
Laien Jungfrauen zu sich ins Haus nahmen, welche gleichfalls Keuschheit
gelobt hatten. - Diese Jungfrauen nannte man Agapetinnen oder
Liebesschwestern. Mit diesen lebten die Geistlichen "in geistiger
Vertraulichkeit und platonischer Liebe". Sie waren fortwhrend mit ihnen
beisammen und schliefen sogar meistens mit ihnen in einem Bett,
behaupteten aber, dass sie - eben nur miteinander schliefen.

Dies zu glauben - nun dazu gehrt eben Glauben. Von einigen wei man mit
Bestimmtheit, dass sie mitten in den Flammen der Wollust unverletzt
blieben. Der heilige Adhelm zum Beispiel legte sich zu einem schnen
Mdchen, das sich alle Mhe gab, das geistliche Fleisch rebellisch zu
machen. Der Heilige benahm sich aber wie die drei Mnner im feurigen
Ofen und bannte den Unzuchtteufel durch fortwhrendes Psalmensingen.

Ich kannte einen zwanzigjhrigen Dragonerfhnrich, dem dies Kunststck
ohne Psalmensingen gelang. Wahrscheinlich ging es ihm und St. Adhelm wie
jenem Abt in Baden, von dem uns Hemmerlin, Kanonikus zu Zrich und
Probst zu Solothurn (starb 1460), erzhlt, der sich zur Gesellschaft
zwei hbsche Dirnen holen lie, und als sie nun da waren, hchst
rgerlich ausrief: "Die verfluchten Versuchungen, gerade jetzt bleiben
sie aus!"

Das faule Leben, welches die Pfaffen fhrten, und die asketischen
bungen, welche sie mit sich vornahmen, waren der Keuschheit nichts
weniger als gnstig. Von den geachtetsten und wrdigsten Kirchenlehrern
aus den ersten Jahrhunderten, denen es mit Besiegung des
Geschlechtstriebes vollkommen ernst war, wissen wir, wie viel ihnen
derselbe zu schaffen machte und welche Kmpfe sie zu bestehen hatten.

Basilius hatte sich in eine reizende Einde zurckgezogen; aber er
gestand, dass er wohl dem Getmmel der Welt, aber nicht sich selbst
entgehen knne. "Was ich nun in dieser Einsamkeit Tag und Nacht tue",
schreibt er an einen Freund, "schme ich mich fast zu sagen; - - indem
ich die innewohnenden Leidenschaften mit mir herumtrage, bin ich berall
gleicherweise im Gedrnge. Deshalb bin ich durch diese Einsamkeit im
Ganzen nicht viel gefrdert worden."

Gregor von Nazianz behandelte seinen Krper auf hrteste Weise, aber
dessen ungeachtet klagt er ber die unaufhrlichen Neigungen zur
Wollust, ber die Anflle des Teufels und seine eigene Schwche. Er
droht seinem rebellischen Fleisch, es durch Schmerzen aller Art so zu
entkrften, dass es ohnmchtiger als ein Leichnam werden solle, wenn es
nicht aufhren wrde, seine Seele zu beunruhigen. Aber gerade seine
Kasteiungen machten ihn so entzndbar, dass er einst, als ein Verwandter
mit einigen Frauen in die Nhe seiner Wohnung zog, aus dieser flchtete,
um nur seine Keuschheit zu retten!

hnliche Beispiele haben wir schon im zweiten Kapitel kennengelernt.
Alle diese heiligen Mnner sind entzndbar wie Streichhlzchen und
gleichen jenem wrdigen Priester aus dem Gebiet von Nursia, welcher
gewissenhaft und standhaft genug war, seine Frau nach seiner Ordination
zu fliehen. Als er hochbetagt war, erkrankte er an einem Fieber und war
im Begriff, sein Leben zu enden, als seine Frau sich liebevoll ber ihn
beugte, um zu lauschen, ob er noch atme. Da raffte der Sterbende seine
letzten Lebenskrfte zusammen und rief: "Fort, fort, liebes Weib, tu'
das Stroh hinweg, noch lebt das Feuer!"

Climacus wusste ebenfalls aus Erfahrung, dass der "Fleischesteufel" der
am hrtesten zu besiegende ist. Er sagte. "Wer sein Fleisch berwunden
hat, hat die Natur berwunden, ist ber der Natur, ist ein Engel. - Ich
kann mit David sagen, dass ich in mir den Gottlosen wahrgenommen, der
durch seine Wut meine Seele ngstigte, - durch Fasten und Abttung
verlor er seine Hitze, und da ich ihn wieder suchte, fand ich kein
Merkmal seiner Gewalt mehr in mir." Warum er ihn aber wieder suchte, das
hat der fromme Mann vergessen anzugeben.

Der heilige Bernhard war ebenfalls ehrlich genug, die Macht dieses
"Gottlosen" anzuerkennen. "Diesen Feind knnen wir weder fliehen noch in
die Flucht schlagen, wenngleich Hieronymus die Flucht vor dem Weibe
anrt als der Pforte des Teufels, der Strae des Lasters - der Mann ist
eine Stoppel, nhert er sich, so brennt er."

Was manche Heilige fr wunderliche Dinge vornahmen, um die verzehrende
Liebesglut zu ersticken, haben wir schon frher gesehen. Der heilige Abt
Wilbelm legte sich auf ein Bett von - glhenden Kohlen und lud seine
Verfhrerin ein, sich zu ihm zu legen! Ja, dieser Heilige lie das Grab
seiner verstorbenen Geliebten ffnen, weil er das Andenken an sie nicht
ausrotten konnte, und nahm ihren faulenden Krper mit in seine Zelle, um
ihn sich als Strkungsmittel unter die Nase zu halten, wenn ihn der
Fleischteufel kitzelte.

Solche Kmpfe hatten also sogar Heilige zu bestehen und gestanden ihre
Schwachheit ein; aber wie wenige Heilige gibt es unter den Geistlichen!
Die meisten gleichen wohl dem heiligen Augustin, Bischof von Hippo, der
bekannte, dass er einst Gott gebeten habe: "Er mge ihm die Gabe der
Keuschheit verleihen, aber nicht sogleich, indem er wolle, dass seine
wollstigen Triebe erst gesttigt werden mchten." Dann ist die
Keuschheit freilich leicht.

So stark nun auch der Glaube in der ersten Zeit des Christentums war, so
hie es ihm doch etwas zu viel zumuten, nichts Bses zu denken, wenn ein
junger Mann und ein junges Weib in einem Bett schliefen, und viele
vernnftige Kirchenlehrer trachteten danach, dies anstige und
verdchtige Zusammenleben zu bekmpfen.

Dies tat unter andern schon der heilige Chrysostomus. Er schrieb: "Ich
preise glcklich diejenigen, welche mit Jungfrauen zusammen wohnen und
keinen Schaden nehmen, und wnschte selbst, dass ich solche Strke
htte; auch will ich glauben, dass es mglich sei, solche zu finden.
Aber ich wnsche auch, dass die, welche mich tadeln, mich berzeugen
knnten, dass ein junger Mann, welcher mit einer Jungfrau zusammen
wohnt, sich an ihrer Seite befindet, mit ihr an einem Tische speist,
sich mit ihr den ganzen Tag unterhlt, mit ihr, um ein anderes zu
verschweigen, lchelt, scherzt, schmeichelnde und liebkosende Worte
wechselt, von Begierde ferngehalten werden knne. - - Ich habe
vernommen, dass viele zu Steinen und Statuen Neigung empfunden haben.
Vermag aber so viel ein Kunstwerk, was muss da erst vermgen ein zarter
lebender Krper?"

Jedenfalls musste solches Zusammenleben den Weltkindern Stoff zum Spott
und zur Verdchtigung geben, und wenn man einen Pfaffen angreifen
wollte, so griff man ihn immer zuerst bei seiner Liebesschwester an.
Viele Jungfrauen bestanden zwar auf Untersuchung ihrer Jungfrauenschaft
durch Hebammen; aber der heilige Cyprian meint mit Recht: "Augen und
Hnde der Hebammen knnen auch getuscht werden."

Am sichersten war es freilich, wenn der Geistliche den Beweis seiner
Unschuld fhren konnte, wie der Patriarch Acacius, der von der
Kirchenversammlung zu Seleucia (489) der Unzucht beschuldigt wurde. Er
hob seine Kutte auf und bewies den ehrwrdigen Vtern durch den
Augenschein, dass Unzucht bei ihm ein Ding der Unmglichkeit sei.

Schon Tertullian spricht von der oftmals vorkommenden Schwangerschaft
solcher "Jungfrauen" und von den verbrecherischen Mitteln, welche sie
anwendeten, dieselbe zu verheimlichen; denn damals konnten sie sich noch
nicht damit entschuldigen, dass sie einen Papst gebren wrden, wie es
spter oftmals vorkam, als die Lehre geltend gemacht wurde, dass der
Vater der Ppste der - Heilige Geist sei!

Die Synode von Elvira fand es auch schon fr ntig, ihr Augenmerk auf
die platonischen Bndnisse zu richten, und verordnete, dass Bischfe und
Geistliche nur Schwestern oder Tchter (aus frherer Ehe erzeugte) bei
sich haben sollten, welche das Gelbde der Keuschheit geleistet hatten.
Aber in den Verordnungen des Erzbischofs Egbert von York (um 750) finden
wir Strafen festgesetzt fr Bischfe und Diakonen, welche mit Mutter,
Schwester usw., ja mit vierfigen Tieren Unzucht treiben! Ein Beweis,
dass solche Vergehen vorkamen.

Spter suchte man das bel dadurch zu steuern, dass man das Alter,
welches die Liebesschwestern haben mussten, sehr hoch ansetzte. Schon
Theodosius II. sah sich gentigt, zu bestimmen, dass die im Dienste der
Kirche stehenden Diakonissen ber sechzig Jahre alt sein mussten, da es
vorgekommen war, dass ein Diakon eine vornehme Frau in einer Kirche von
Konstantinopel geschndet hatte. Dieses Alter schtzte jedoch nicht
gegen die Unzucht, und ein ungenannter Bischof, der dagegen eiferte,
kannte die geile Natur der Pfaffenspatzen - so nannte man spter die
Franziskaner zum Unterschied von den Dominikanern, die Schwalben hieen
- indem er schrieb: "Auch nicht ein altes noch hssliches Frauenzimmer
sollen die Geistlichen in ihr Haus nehmen, weil man da, wo man vor
Verdacht sicher ist, am schnellsten sndigt; auch die Lust sich nicht an
das Hssliche kehre, indem der Teufel ihr das hbsch mache, was
abscheulich ist."

Den Beweis, wie frh sich schon die verderblichen Folgen des Vorurteils
gegen die Priesterehe zeigten, liefern die Beschlsse der ersten
Konzilien. Das zu Elvira sah sich schon gentigt, Strafen festzusetzen
gegen unzchtige Geistliche. "Wenn ein im Amt befindlicher Bischof,
Priester oder Diakon", heit einer ihrer Beschlsse, "erfunden worden
ist, dass er Unzucht getrieben habe, so soll er auch am Ende seines
Lebens nicht zur Kommunion gelassen werden."

Das Konzil zu Neu-Csarea bestimmte, dass ein solcher Geistlicher
abgesetzt werde und Bue tun solle. Ja, diese Beschlsse redeten auch
schon von Knabenschndungen und Sodomiterei mit Tieren.

Doch was ntzen alle strengen Strafbestimmungen, wenn sie gegen eine
Sache gerichtet sind, welche der Natur durchaus entgegen ist; sie knnen
hchstens bewirken, dass sich die mit der Strafe Bedrohten mehr Mhe
geben, ihre Handlungen zu verheimlichen; und schon die hier genannten
Kirchenversammlungen reden von Frauen der Geistlichen, die ihre im
Ehebruch erzeugten Kinder umbrachten.

Gar viele Geistliche, die sich nach ihrer Ordination nicht von ihren
Frauen trennen wollten, gelobten sich ihrer zu enthalten; aber der
heilige Bernhard sagt: "Eine Frau haben und mit dieser nicht sndigen
ist mehr als Tote erwecken." - Wie oft wurde nicht dieses Gelbde
gebrochen, und wie oft wurde es nicht eben mit dieser Absicht geleistet!
War ein Geistlicher gewissenhaft, so hatte er den grten Schaden davon,
denn die mit der Enthaltsamkeit ihres Mannes unzufriedene Frau suchte
sich einen Stellvertreter, und zeigten sich die Folgen dieses Umgangs,
dann kam der unschuldige Mann in Verdacht, sein Gelbde gebrochen zu
haben.

Dass die Frauen der Geistlichen sich gar hufig auf solche Weise und
manchmal selbst mit der Erlaubnis oder mit Wissen ihrer Mnner
entschdigten, beweisen abermals die Bestimmungen des schon oft
genannten Konzils von Elvira. Eine derselben lautet: "Wenn die Frau
eines Geistlichen hurt und ihr Mann dies wei und sie nicht sogleich
verstt, so soll er auch nicht am Ende des Lebens die Kommunion
empfangen."

Doch nicht allein die Ehe der Geistlichen, ja sogar die der Laien wurde
von der Kirche auf das sorgfltigste berwacht. Ich finde augenblicklich
dafr keinen frheren Beweis als in dem Buch von den Kirchenstrafen,
welches Regino, Abt von Prm, im Jahr 909 auf Befehl des Erzbischofs
Rathbod von Trier schrieb. Dort heit es: "Der Verehelichte, der sich 40
Tage vor Ostern und Pfingsten oder Weihnachten, an jeder Sonntagsnacht,
am Mittwoch oder Freitag, von der sichtbaren Empfngnis bis zur Geburt
des Kindes von der Frau nicht enthlt, muss, wenn ein Sohn geboren wird,
30 Tage, wenn eine Tochter geboren wird, 40 Tage Bue tun. Wer in der
Quadragesima (der vierzigtgigen Fastenzeit vor Ostern) seiner Frau
beiwohnt, muss ein Jahr Bue tun, oder 16 Solidos an die Kirche bezahlen
oder unter die Armen verteilen. Tut er es in der Besoffenheit und
zufllig, so darf er nur 40 Tage Bue tun. - Jeder muss sich vor Empfang
des Abendmahls der Frau sieben, fnf oder drei Tage enthalten."

Die Kirche verdankt das groe Licht St. Iso in St. Gallen nur dem
Umstand, dass er von seinen vornehmen Eltern - in der Osternacht erzeugt
wurde, welche darber Gewissensskrupel hatten und ihn der Kirche
widmeten.

Schon frher bemerkte ich, dass der Eigennutz der Bischfe groen Anteil
an der Verdammung der Priesterehe hatte. Bekam ein verheirateter
Priester keine Kinder, - nun dann sah man durch die Finger. Die Folge
davon war, dass sie die Schwangerschaft ihrer Weiber entweder
verhinderten, wie Onan, oder dass sie zu gefhrlichen Mitteln ihre
Zuflucht nahmen.

Ein sdamerikanischer Indianerstamm soll ein ganz unschdliches Mittel
besitzen, die Empfngnis der Weiber zu verhindern, was oft von solchen
Frauen angewendet wird, die nicht gleich eine Familie haben wollen. Mich
wundert, dass noch niemand dasselbe aufgefunden und nach Europa gebracht
hat; er knnte sich groe Verdienste um die rmische Kirche und sonst
erwerben.

Den Beweis dafr, wie es der Kirche ganz hauptschlich darauf ankam,
dass die Geistlichen keine Kinder bekommen, die sie beerben konnten,
liefert ein Konzilium, welches Erzbischof Johann von Tours im Jahr 1278
in London hielt.

Dort heit es in einer der Verordnungen: "Da die Fleischelust den
Klerikalstand vielfltig entehrt, besonders wenn es zum Kinderzeugen
kommt, so verordnen wir, dass die Kleriker, besonders die in den
heiligen Weihen sich befindlichen, sich nicht unterstehen, ihren im
geistlichen Stand erzeugten Shnen und ihren Konkubinen etwas
testamentarisch zu vermachen. Solche Vermchtnisse sollen der Kirche des
Testators zufallen."

Das Leben der Geistlichen in den ersten Jahrhunderten lernen wir sehr
genau aus den Schriften der Kirchenvter kennen, welche sich bemhten,
die unter denselben herrschende Verderbnis zu bekmpfen. Es erscheint
oft unglaublich, dass die Religion, die Jesus lehrte, zu so
abscheulichen Lastern fhre konnte, wie sie uns in diesen Schriften
berichtet werden. Dass die Geistlichen sich fr das Verbot der Ehe auf
andere Weise zu entschdigen suchten, nun, das ist menschlich und an und
fr sich zu entschuldigen. Bei solchen Vergehen muss man nicht sowohl
den schwachen Menschen als vielmehr das naturwidrige Verbot verdammen,
welches zur Verletzung der Sittengesetze zwingt; aber anders ist es mit
den von den Bischfen begangenen Schndlichkeiten und Verbrechen, die in
dem Geiz, der Herrschsucht und anderen bsen Leidenschaften ihre
Ursachen haben.

Basilius schreibt an Eusebius, Bischof von Samosata: "Nur an die
allernichtswrdigsten Menschen ist jetzt die bischfliche Wrde
gekommen"; in einem Brief, welchen er und zweiunddreiig andere Bischfe
an smtliche Bischfe Galliens und Italiens richten, wird der
schmachvolle Zustand der Kirche mit groer Wehmut geschildert: "Die
Schlechtigkeit der Bischfe und Kirchenvorsteher", heit es darin, "sei
so gro, dass die Bewohner vieler Stdte keine Kirchen mehr besuchen,
sondern mit Weib und Kind auerhalb der Mauern der Stdte unter freiem
Himmel fr sich Gebete verrichteten."

Gregor von Nazianz, Chrysostomus, Cyrill von Jerusalem usw. knnen nicht
grell genug die Sittenverderbnis der Geistlichen schildern. Diese hatten
es damit so weit gebracht, dass man die Unzucht als frmlich zum Pfaffen
gehrig betrachtete und nicht mehr fr ein Verbrechen hielt. - Die
afrikanischen Synoden sahen sich gezwungen, zu verordnen, dass kein
Geistlicher allein zu einer Jungfrau oder Witwe gehen solle!

Am lebhaftesten schildert die Geistlichen und den Sittenverfall der
damaligen Zeit der schon oft genannte heilige Hieronymus. Er schreibt in
einem Briefe an Eustochium: "Sieh, die meisten Witwen, die doch
verehelicht waren, ihr unglckliches Gewissen unter dem erlogenen Gewand
verbergen. Wenn sie nicht der schwangere Bauch oder das Geschrei der
Kinder verrt, so gehen sie mit emporgestrecktem Hals oder hpfendem
Gang einher. - Andere aber wissen sich unfruchtbar zu machen und morden
den noch nicht geborenen Menschen. Fhlen sie sich durch ihre
Ruchlosigkeit schwanger, so treiben sie die Frucht durch Gift ab. Oft
sterben sie mit daran, und dreifachen Verbrechens schuldig, gelangen sie
in die Unterwelt, als Selbstmrderinnen, als Ehebrecherinnen an
Christus, als Mrderinnen des noch nicht geborenen Sohns. Ich schme
mich, es zu sagen, o der Abscheulichkeit! es ist traurig, aber doch
wahr.

Woher brach die Pest der Agapetinnen in unsere Kirchen herein? Woher ein
anderer Name der Eheweiber ohne Ehe? Ja, woher das neue Geschlecht der
Konkubinen? Ich will mehr sagen, woher die Hure eines Mannes? Ein Haus,
ein Schlafgemach, nur oft ein Bett umfasst sie, und nennen uns
argwhnische Leute, wenn wir etwas Arges vermuten."

Und weiter in demselben Briefe: "Es gibt andere, ich rede von Leuten
meines Standes, welche sich deshalb um das Presbyteriat und Diakonat
bewerben, um die Weiber desto freier sehen zu knnen. Ihre ganze
Sorgfalt geht auf ihre Kleider, auf dass sie gut riechen und die Fe
unter einer weiten Haut nicht aufschwellen. Die Haare werden rund
gekruselt, die Finger schimmern von Ringen, und damit ihre Fusohlen
kein feuchter Weg benetze, berhren sie ihn kaum mit der Spitze. Wenn du
solche siehst, solltest du sie eher fr Verlobte als fr Geistliche
halten. Einige bemhen sich ihr ganzes Leben hindurch nur darum, die
Namen, Huser und Sitten der Matronen kennenzulernen. Einen von ihnen,
den vornehmsten in dieser Kunst, will ich kurz beschreiben, damit du
desto leichter am Lehrer die Schler erkennst.

Er steht eilfertig mit der Sonne auf, entwirft die Ordnung seiner
Besuche, sieht sich nach einem krzeren Wege um, und der berlstige
Alte geht beinahe bis in die Kammern der Schlafenden. Wenn er ein
zierliches Kissen oder Tuch oder sonst etwas vom Hausrat sieht, so lobt,
bewundert und berhrt er es; indem er klagt, dass es ihm fehle, presst
er es mehr ab, als dass er es verlangte, weil sich eine jede Frau
frchtet, den Stadtfuhrmann zu beleidigen. Ihm sind Fasten und
Keuschheit zuwider; eine Mahlzeit billigt er nach ihrem feinen Geruch
und nach einem gemsteten jungen Kranich. Er hat ein barbarisches und
freches Maul, das immer zu Schmeichelworten gewaffnet ist. Du magst dich
hinwenden, wohin du willst, so fllt er dir zuerst in die Augen." -
Solcher geistlichen "Stadtfuhrleute" gibt es auch noch heutzutage und
ich knnte dem wackeren Hieronymus mehrere nennen, die zu seinem Portrt
vortrefflich passen wrden.

Dergleichen Schilderungen erweckten dem Hieronymus natrlich viele
Feinde, die sich dadurch rchten, dass sie ihn verlsterten. Viele Not
hatte er mit einem Diakon namens Sabinian. Dieser hatte eine Wallfahrt
zu allen liederlichen Husern Italiens unternommen und nebenbei eine
Menge Jungfrauen genotzchtigt und Ehefrauen verfhrt, von denen mehrere
wegen dieser Verbrechen ffentlich hingerichtet wurden. Endlich
verfhrte er auch die Frau eines vornehmen Goten, der diesen Schimpf
entdeckte, echt gotisch darber ergrimmte und den liederlichen Pfaffen
auf Tod und Leben verfolgte. - Dieser kam mit einem Empfehlungsschreiben
zu St. Hieronymus nach Bethlehem, wo er in ein Kloster gesteckt wurde.
Hier sah er eines Tages eine Nonne aus dem Kloster der Paula, verliebte
sich in dieselbe, schrieb ihr Liebesbriefe und erhielt die Versicherung,
dass alle seine Wnsche erfllt werden sollten, - als der Handel
entdeckt und die Keuschheit der Nonne gerettet wurde. - Sabinian fiel
Hieronymus zu Fen und erhielt Verzeihung unter der Bedingung, dass er
die ihm auferlegte Bue tragen solle. Er versprach alles, hielt aber
nichts, lebte lustig wie zuvor und verleumdete Hieronymus, wo er konnte.
- Solche Galgenfrchte trug schon damals der heilige Christbaum der
Kirche!

Die Gesetzgebung des Justinian war der Priesterehe durchaus nicht
gnstig, denn in einer Verordnung von 528 heit es: "Indem wir die
Vorschrift der heiligen Apostel befolgen, verordnen wir, dass so oft ein
bischflicher Stuhl in einer Stadt erledigt ist, die Bewohner derselben
ber drei Personen von reinem Glauben und tugendhaftem Leben sich
vereinigen, um aus ihnen den Wrdigsten hervorzuheben. Doch treffe die
Wahl nur einen solchen, der das Geld verachtet und sein ganzes Leben
Gott weiht, der keine Kinder und keine Enkel bat. - - Der Bischof muss
durchaus nicht durch Liebe zu den fleischlichen Kindern verhindert
werden, aller Glubigen geistlicher Vater zu werden. Aus diesen Ursachen
verbieten wir, jemanden, der Kinder und Enkel hat, zum Bischof zu
weihen." In derselben Verordnung wird den Bischfen auch verboten, in
ihrem Testamente ihren Verwandten etwas von dem zu vermachen, was sie
als Bischfe erwarben.

Die Gesetzgebung des Justinian war der Priesterehe durchaus nicht
gnstig, denn in einer Verordnung von 528 heit es: - "Indem wir die
Vorschrift der heiligen Apostel befolgen, verordnen wir, dass, so oft
ein bischflicher Stuhl in einer Stadt erledigt ist, die Bewohner
derselben ber drei Personen von reinem Glauben und tugendhaftem Leben
sich vereinigen, um aus ihnen den Wrdigsten hervorzuheben.  Doch treffe
die Wahl nur einen solchen, der das Geld verachtet und sein ganzes Leben
Gott weiht, der keine Kinder und keine Enkel hat. - - Der Bischof muss
durchaus nicht durch Liebe zu den fleischlichen Kindern verhindert
werden, aller Glubigen geistlicher Vater zu werden. Aus diesen Ursachen
verbieten wir, jemanden, der Kinder und Enkel hat, zum Bischof zu
weihen."  In derselben Verordnung wird den Bischfen auch verboten, in
ihrem Testament ihren Verwandten etwas von dem zu vermachen, was sie als
Bischfe erwarben.

Die folgenden Bestimmungen sind noch strenger, und in einem Erlass von
531 befiehlt Justinian, dass niemand zum Bischof geweiht werde, als wer
keiner Frau ehelich beiwohne und Kinder zeuge. Statt der Frau mge ihm
die heiligste Kirche dienen. - Diese ist aber, nach des heiligen
Ambrosius ppiger Schilderung: eine nackte reizende Braut, deren schne
und bezaubernde Gestalt Christus mit Begierde erfllt und ihn bewogen
habe, sie zur Gemahlin fr sich zu erwhlen!

Dass alle strengen Gesetze wenig fruchteten, dafr knnte man unendlich
viele Beweise anfhren. Alle Synoden waren bemht, schrfere
Verordnungen zu erlassen und auf einer im Jahr 751 gehaltenen wurde
bestimmt: "Der Priester, welcher Unzucht bt, soll in ein Gefngnis
gesteckt werden, nachdem er vorher gegeielt und ausgepeitscht worden
ist."

Rather von Verona, der zu Anfang des 10. Jahrhunderts lebte, klagt: "Oh!
wie verworfen ist nicht die ganze Schar der Kopfgeschorenen, da unter
ihnen keiner ist, der nicht ein Ehebrecher ist oder ein Sodomit."

Unter so bewandten Umstnden war es dann wohl natrlich, dass vielen
Christen Bedenken kamen, ob es wohl ziemlich sei, dass sie das, was sie
fr das Heiligste hielten, das Abendmahl, aus so beschmutzten Hnden
annehmen knnten.

Auf eine deshalb an ihn gerichtete Frage antwortete Papst Nikolaus I.:
"Es kann niemand, so sehr er auch verunreinigt sein mag, die heiligen
Sakramente verunreinigen, welche Reinigungsmittel aller Befleckungen
sind. Der Sonnenstrahl, welcher durch Kloaken und Abtritte geht, kann
doch dieserhalb keine Befleckung an sich ziehen. Daher mag der Priester
beschaffen sein wie er will, er kann das Heilige nicht beflecken." Aus
diesem beruhigenden Bescheid und passend gewhlten Vergleich sieht man
brigens, dass die Pfaffen beim Papst in nicht besonders gutem Geruch
standen!

Die Ansichten der Kirche von der Ehe bten aber nicht nur ihren
demoralisierenden Einfluss auf die Pfaffen selbst aus; die Ehrwrdigkeit
der Ehe im Allgemeinen litt darunter, denn es war nur natrlich, dass
ein Verhltnis, welches von den so hochverehrten Lehrern verachtet
wurde, auch bei den Laien nicht in besonderer Achtung stehen konnte. Die
Liederlichen benutzten daher gern die Zeitansicht, um ledig zu bleiben
und so ungezwungener ihren Leidenschaften zu folgen; und die
Verheirateten, welche ihrer Weiber berdrssig waren, fanden leicht
einen heiligen Vorwand, sich ihrer zu enthalten und sich auer dem Haus
zu entschdigen.

Das Leben der Ppste um diese Zeit, besonders im elften Jahrhundert, war
wenig geeignet, auf die Sittlichkeit der Geistlichkeit vorteilhaft
einzuwirken. Ich verweise in Bezug hierauf auf das vorige Kapitel.

Ein groer Eiferer gegen die Priesterehe, obwohl auch gegen die Unzucht
der Pfaffen, war der Kardinal Petrus Damiani, der durch seine Schriften
einen ganz auerordentlich groen Einfluss ausbte; das heit in Bezug
auf das Zlibat, aber nicht auf die Besserung der Geistlichen. Er war im
Jahr 1002 in Ravenna von ganz armen Eltern geboren, die schon so viele
Kinder hatten, dass sie nicht wussten, was sie mit dem neuen Ankmmling
anfangen sollten. Die harte Mutter fasste den Entschluss, den Knaben
auszusetzen, wurde aber durch die Frau eines Priesters davon abgehalten.

Petrus weihte sich der Kirche und wurde endlich im Jahr 1058 oder 59
Kardinalbischof von Ostia. Er nahm diese Stelle nur mit Widerstreben an
und, emprt ber die Verderbtheit der Pfaffen, gab er sie bald wieder
auf und zog sich in ein Kloster zurck, wo er 1069 starb.

Damiani entwirft von dem Schandleben der Pfaffen in seinem Liber
Gomorrhianus ein trauriges Bild. Er beklagt und schildert darin ihre
Hurerei, ihre widernatrliche Unzucht, insbesondere ihre Sodomiterei,
ihre Unzucht mit Jnglingen und Knaben, ihre Unfltereien mit Tieren;
die Unzucht der Pfaffen und Mnche untereinander, mit ihren
Beichtkindern, und fhrt an, wie die gemeinschaftlichen Verbrecher, um
ungestrt fortsndigen zu knnen, sich einander in der Beichte
absolvieren.

Damiani wird in seinem Eifer gegen die Weiber der Priester oft spahaft,
und seine Anrede an dieselben ist wahrhaft originell. "Indes rede ich
auch Euch an, Ihr Schtzchen der Kleriker, Ihr Lockspeise des Satans,
Ihr Auswurf des Paradieses, Ihr Gift der Geister, Schwert der Seelen,
Wolfsmilch fr die Trinkenden, Gift fr die Essenden, Quelle der Snden,
Anlass des Verderbens. Euch, sage ich, rede ich an, Ihr Lusthuser des
alten Feindes, Ihr Wiedehopfe, Eulen, Nachtkuze, Wlfinnen, Blutegel,
die Ihr ohne Unterlass nach Mehrerem gelstet. Kommt also und hrt mich,
Ihr Metzen und Buhlerinnen, Lustdirnen, Ihr Mistpftzen fetter Schweine,
Ihr Ruhepolster unreiner Geister, Ihr Nymphen, Sirenen, Hexen, Dirnen
und was es sonst fr Schimpfnamen geben mag, die man Euch beilegen
mchte.

Denn Ihr seid Speise der Satane, zur Flamme des ewigen Todes bestimmt.
An Euch weidet sich der Teufel wie an ausgesuchten Mahlzeiten und mstet
sich an der Flle eurer ppigkeit. Ihr seid die Gefe des Grimms und
des Zorns Gottes, aufbewahrt auf den Tag des Gerichts. Ihr seid grimmige
Tigerinnen, deren blutige Rachen nur nach Menschenblut drsten, Harpyen,
die das Opfer des Herrn umflattern und rauben und die, welche Gott
geweiht sind, grausam verschlingen.

Auch Lwinnen mchte ich Euch nicht unpassend nennen, die Ihr nach Art
wilder Tiere eure Mhne erhebt und unvorsichtige Menschen zu ihrem
Verderben in blutigen Umarmungen ruberisch umklammert. Ihr seid die
Sirenen und Charybden, indem Ihr, whrend ihr trgerisch anmutigen
Gesang ertnen lasst, unvermeidlichen Schiffbruch bereitet. Ihr seid
wtendes Otterngezcht, die Ihr vor Wollustbrunst Christus, der das
Haupt der Kleriker ist, in euern Buhlen ermordet."

Damiani muss ein komischer Kauz gewesen sein, und um seinen Reichtum an
Schimpfwrtern knnte ihn manches Fischweib beneiden. Nicht weniger
seltsam sind oft seine Vergleiche. So zum Beispiel vergleicht er, um der
Markgrfin Adelheid von Turin die Nachteile der Priesterehe begreiflich
zu machen, die Priester mit ihren Frauen den Fchsen, die Samson bei den
Schwnzen aneinanderband, Fackeln dazwischen steckte, sie anzndete und
sie dann in die Saatfelder der Philister jagte.

Damiani war es vorzglich, welcher Papst Gregor VII. den Weg bahnte.
Durch ihn und andere Eiferer kam es endlich so weit, dass die Orthodoxen
die auereheliche Unzucht fr weit weniger verbrecherisch hielten als
die Ehe, und zur Zeit Kaiser Heinrichs IV. verstieen viele Ehemnner,
sowohl Geistliche als Laien, ihre Weiber und gesellten sich zu
Jungfrauen, die ebenfalls wie sie Keuschheit gelobt hatten. Kurz, es
erneuerte sich wieder der Unfug mit den Liebesschwestern, der eigentlich
unter den Geistlichen nie aufgehrt, nur dass man die geheuchelte
Keuschheit beiseite getan und in ehrlicher, offener Hurerei gelebt
hatte.

Andere Ehemnner, in Verzweiflung darber, dass sie als Verheiratete
nicht selig werden knnten, verstieen gleichfalls ihre Frauen und
begaben sich samt Hab und Gut unter den Schutz der Mnche und fhrten
eine gemeinsame kanonische Lebensweise.

Trotzdem stie aber Gregors VII. Zlibatsgesetz auf den entschiedensten
Widerstand. Lambert von Aschaffenburg erzhlt, dass bei der
Bekanntmachung desselben die ganze Schar der Geistlichen gemurrt habe.
Alle wren der Meinung gewesen, "dass es besser sei, zu freien, als
Brunst zu leiden, und dass durch das Verbot der Ehe der Hurerei Tor und
Tr geffnet wrde. Wolle Gregor auf seiner Meinung bestehen, so wollten
sie lieber dem Priestertum entsagen, dann mge er, den Menschen
anstinken, sehen, woher er Engel zur Regierung des Volkes in den Kirchen
bekomme."

Mehrere Anhnger Gregors, welche das Zlibatsgesetz mit Gewalt
durchsetzen wollten, verloren beinahe das Leben darber. Als Bischof
Altmann von Passau den Befehl des Papstes von der Kanzel verkndigte,
mussten ihn die anwesenden vornehmen Laien vor den wtenden Priestern
schtzen, die ihn in Stcke reien wollten. - Der Bischof Heinrich von
Chur geriet durch seinen Eifer fr das Zlibat ebenfalls in
Lebensgefahr.

Als Erzbischof Johann von Rouen auf einer Synode das Gesetz verlas,
entstand ein Tumult; man bombardierte den Erzbischof mit Steinen, so
dass er in groer Eile die Kirche verlassen musste.

In England fand Gregors Gesetz ebenfalls bedeutenden Widerstand; aber
einer der englischen Prlaten trstete sich, indem er sagte: "Man kann
wohl den Priestern die Weiber, aber nicht den Weibern die Priester
nehmen."

Bis zum Tode Heinrichs IV. von Deutschland wurden hier die beweibten
Priester auf das grausamste verfolgt, und da es den Ppsten nur um
Ausrottung der Priesterehe zu tun war, so wurden auereheliche Unzucht
und oft daraus entstehende Verbrechen weniger hart bestraft.

Auf die Anfrage des Abtes Rudolf von Saz, was einem Mnch geschehen
solle, der es versucht hatte, einen Ehemann zu vergiften, antwortete
Anselm, Erzbischof von Canterbury - man solle ihn nicht zum Diakonat
oder Presbyteriat befrdern!

Die englischen Geistlichen zeichneten sich ganz besonders durch ihre
Liederlichkeit aus, und ehrenhalber musste der Papst endlich offiziell
dagegen einschreiten. Auf der Synode zu London (1125) wurde also bei
Strafe der Absetzung den Priestern das Zusammenleben mit Weibern
verboten. Der Legat des Papstes, Kardinal Johann von Crema, hatte groe
Mhe gehabt, diesen Beschluss durchzukmpfen, und noch am Abend
desselben Tages, wo es ihm gelungen war, ertappte man ihn mit einer
feilen Dirne. Er war unverschmt genug, sich damit zu entschuldigen,
"dass er nur ein Zuchtmeister der Priester sei".

Bischof Ranulph von Durham, genannt Flambard oder Passaflaberer, war
vielleicht der liederlichste Geistliche in der Welt. Er lebte wie ein
trkischer Sultan. Schne Mdchen in ppiger Entkleidung kredenzten ihm
bei Tisch den Wein, und damit er stets die Mittel hatte, flott zu leben,
so bedrckte und plnderte er seine geistlichen Pflegekinder.

Sein Ruf war auch zu dem ppstlichen Legaten gedrungen. Dieser lie ihn
vor die Synode nach London zitieren; allein Ranulph fand es nicht fr
gut, diesem Ruf zu folgen, und der Kardinal Johann entschloss sich,
selbst nach Durham zu gehen, um sich hier durch den Augenschein von der
Wahrheit der Gerchte zu berzeugen.

Ranulph wusste zu leben. Er empfing den Legaten Sr. Heiligkeit auf das
freundlichste, veranstaltete ein groes Gastmahl, bei dem alle
Leckereien der Welt und die feinsten Weine aufgetragen wurden, so dass
der Kardinal ganz auer sich vor Entzcken war, besonders da eine schne
"Nichte" des Bischofs, die auf ihre Rolle einstudiert war, sich alle
mgliche Mhe gab, ihn vortrefflich zu unterhalten, ja, sich endlich
bewegen lie, bei dem ppstlichen Legaten zu schlafen.

Nachdem dieser wie ein Gimpel in die ihm gestellte Falle gegangen war,
versammelte der Bischof seine Kleriker und Knaben, welche Becher und
Lichter trugen, und begab sich jetzt in feierlicher Prozession an das
Bett. Der Chorus rief: Heil! Heil!

Der verwirrte Legat fragte erstaunt: "Soll dies eine Ehrenbezeugung fr
den heiligen Petrus sein?" "Mein Herr", antwortete der Bischof, "es ist
in unserem Land Sitte, dass, wenn ein Vornehmer heiratet, man ihm diese
Ehre zeigt. Steht auf und trinkt, was in diesem Kelche ist. Weigerst du
dich, so sollst du den Kelch trinken, nach welchem du nicht mehr drsten
wirst."

Der Legat musste gute Miene zum bsen Spiel machen; er erhob sich,
"nackt bis zur Hlfte des Leibes", und trank den dargereichten Becher
seiner Bettgenossin zu. Darauf entfernte sich der Zug mit dem Bischof,
der nun wegen seines Bistums unbesorgt war.

Die Veranlassung zu dem Streit zwischen Knig Heinrich von England und
Thomas Becket war auch ein liederlicher Priester zu Worcestershire, der
die Tochter eines Pchters geschndet und diesen ermordet hatte und
welchen der Knig trotz allen Protestierens des Erzbischofs vor den
weltlichen Richterstuhl zog.

In Frankreich trieben es die Geistlichen ungefhr ebenso wie in England.
Der Erzbischof von Besanon zum Beispiel machte sich aller mglichen
Verbrechen schuldig. Um seinen Geiz zu befriedigen, verkaufte er alles,
was Kufer fand, und plnderte seine Geistlichen dermaen aus, dass sie
in rmlicher Kleidung wie Bauern umhergehen mussten. Nonnen und
Geistlichen gestattete er fr Geld die Ehe. Er selbst lebte mit einer
Verwandten, der btissin von Reaumair Mont, hatte ein Kind von einer
Nonne und nebenbei die Tochter eines Priesters als Konkubine; kurz, er
gestattete sich alle geschlechtlichen Ausschweifungen, und seine
Geistlichen hielten sich Konkubinen.

Der Erzbischof von Bordeaux unterhielt eine Ruberbande, die er zu
seinem Vorteil auf Expeditionen aussandte. Einst kam er mit einer Menge
liederlicher Mdchen und Kerle in die Abtei des heiligen Eparchius,
lebte hier drei Tage in Saus und Braus und zog endlich ab, nachdem er
das Kloster rein ausgeplndert hatte. "Seine brigen Verbrechen
verbietet die Schamhaftigkeit zu nennen", sagt Papst Innozens III. in
seinen Briefen. Wer die Schandtaten der Pfaffen in jener Zeit studieren
will, der lese diese ppstlichen Briefe. Dem Papst wurden so viele
berichtet, dass er bald allein wrde haben Messen lesen mssen, wenn er
sie alle nach Verdienst bestraft htte; er hielt es daher fr besser,
Milde zu ben, so sehr und oft diese schlecht angebrachte Milde auch
empren musste.

Ein Mnchpriester hatte mit einem Mdchen verbotenen Umgang gehabt. Als
die Dirne schwanger war, ergriff er sie, als wolle er mit ihr scherzen,
am Grtel und verletzte sie so hart, dass eine Fehlgeburt erfolgte. Der
Fall kam vor Papst Innozens III. und dieser entschied: "dass, wenn die
Fehlgeburt noch kein Leben gehabt habe, der Mnch den Altardienst auch
ferner verrichten knne; dass er aber, wenn diese schon Leben gehabt
habe, des Altardienstes sich enthalten msse".

Schon im Jahr 428 hatte Papst Coelestin es fr ntig gefunden, Strafe
darauf zu setzen, wenn Geistliche ihre Beichtkinder zur Unzucht
verfhrten. Dergleichen Flle kommen unendlich oft vor und ich werde im
letzten Kapitel ausfhrlicher ber die Beichte reden.

Einem starken Affen in einer Menagerie zu nahe zu kommen war fr eine
Frau nicht so gefhrlich, wie mit einem Pfaffen in Berhrung zu geraten.
Da diese ein faules Leben hatten, so erhitzten sie Tag und Nacht ihre
Phantasie mit ppigen Bildern und dachten an nichts anderes, als wie sie
ihre geilen Triebe befriedigen knnten. Flle der Notzucht kamen
unendlich viele vor.

Unter Heinrich VI. baten die Geistlichen in England um Erlassung der
Strafen wegen begangener Notzucht. - Zu Basel hatte im Jahr 1297 ein
Geistlicher eine Jungfrau mit Gewalt geschndigt. Man kastrierte ihn zur
Strafe und hing das Corpus delicti zum abschreckenden Beispiel fr
andere Pfaffen mitten in der Stadt an einer frequenten Passage auf. -
Die Venezianer lieen in spterer Zeit einen Augustiner zu Brecia, der
ein elfjhriges Mdchen genotzchtigt und dann ermordet hatte,
vierteilen.

Sodomiterei und Knabenschndung waren unter den Geistlichen ganz
gewhnlich, und das schon seit den ltesten Zeiten der christlichen
Kirche, wie die Konzilienbeschlsse beweisen, von denen ich einige
angefhrt habe. Im Jahr 1212 wurde auf einem Konzil den Mnchen und
regulierten Kanonikern verboten, zusammen in einem Bett zu liegen und
Sodomiterei zu treiben.

Im Jahr 1409 wurden zu Augsburg auf Befehl des Rats vier Priester und
ein Laie wegen Knabenschndung am Perlachturm mit gebundenen Hnden und
Fen in einem hlzernen Kfig aufgehngt, bis sie verhungerten. - Im
nchsten Kapitel von den Klstern werde ich zeigen, dass Sodomiterei bis
auf die neueste Zeit als Folge des Zlibats unter den Pfaffen
gebruchlich ist.

Aus dem, was ich bisher mitteilte, geht schon hervor, dass die Bischfe
ihren Geistlichen in der Sittenlosigkeit meistens vorangingen, wenn sie
es auch nicht alle so arg trieben wie der Bischof Heinrich von Lttich,
der eine btissin zur Mtresse und in seinem Garten einen frmlichen
Harem hatte und der sich rhmte, in 22 Monaten vierzehn Shne gezeugt zu
haben.

Unter so bewandten Umstnden waren die Laien froh, wenn es diesen
Kirchenstieren erlaubt wurde, Konkubinen zu halten, damit nur ihre
Weiber und Tchter vor ihnen sicher wren. Ja, die Friesen gingen so
weit, dass sie gar keine Priester duldeten, die nicht Konkubinen hatten.
"Se gedulden oek geene Preesteren, sonder eheliche Fruwen (d. h.
Konkubinen), up dat sie ander lute bedde nicht beflecken, wente sy
meinen, dar idt nicht mogelygk sy, und baven die Natur, dat sick ein
mensche ontholden konne", heit es in der Chronik.

Ich bemerkte schon frher, dass es den Ppsten mehr um die Vernichtung
der Priesterehe als um die Erhaltung der Keuschheit der Geistlichen zu
tun war, denn sie wollten nicht, dass rechtmige Kinder das Gut erbten,
was sie als Kirchengut betrachteten. Wenn nun auch die Konzilien auf
Betrieb einzelner dem Konkubinenwesen ein Ende machen wollten, indem sie
Verordnungen dagegen erlieen, so war man eben nicht streng auf die
Befolgung derselben bedacht.

Ja, vielen Bischfen wre es gar nicht recht gewesen, wenn ein Papst
durchgreifende Maregeln angeordnet htte, denn diese Konkubinen waren
fr sie eine Quelle der Gelderpressung. Hufig, wenn sie Geld brauchten,
fiel es ihnen ein, ihren Geistlichen das Konkubinat auf das strengste zu
verbieten, da es ihnen nur um die Strafgelder zu tun war.

Heinrich von Hewen, der in der Mitte des 15. Jahrhunderts Bischof von
Konstanz war, fhrte selbst ein ppiges Leben, und die Abgaben, welche
ihm seine Geistlichen von ihren Konkubinen entrichteten, verschafften
ihm eine jhrliche Einnahme von 2000 Gulden.

Zur Zeit der Reformation mussten die Priester in Irland fr jedes mit
ihren Konkubinen erzeugte Kind ihrem Bischof acht bis zwlf Taler
bezahlen.

Unter solchen Verhltnissen war es denn kein Wunder, wenn das Konkubinat
trotz aller Verbote, welche bei allen Synoden wenig beachtete stehende
Artikel wurden, in voller Wirksamkeit blieb, und endlich sahen die
Ppste ein, dass es ein unvermeidliches bel sei und suchten nun selbst
Vorteil daraus zu ziehen. Sie dekretierten, dass jeder Geistliche,
mochte er nun eine Konkubine haben oder nicht, einen bestimmten
jhrlichen Hurenzins entrichten msse.

Als Beleg dafr, dass das Konkubinat unter den Geistlichen im 15.
Jahrhundert allgemein war, und zugleich um die Sitten des Klerus
berhaupt durch den Mund eines Zeitgenossen kennenzulernen, will ich
einige Stellen aus einem Werke des Nicholas de Clemancis anfhren, der
in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts lebte, eine Zeit lang
ppstlicher Geheimschreiber, Schatzmeister und Kanonikus der Kirche zu
Langres war und 1440 als Kantor und Archidiakonus zu Liseur starb.

Seine Schilderung der Bischfe ist wahrhaft scheulich. Nach ihm trieben
und gestatteten sie fr Geld alle Laster. Vorzglich sind aber die
Domherren und ihre Vikare verdorbene Menschen. Sie sind der Habsucht,
dem Stolz, Miggang und der Schwelgerei ergeben. Sie halten ohne Scham
ihre unehelichen Kinder und Huren gleich Eheweibern im Haus und sind ein
Gruel in der Kirche.

Die Priester und Kleriker leben ffentlich im Konkubinat und entrichten
ihren Bischfen den Hurenzins. Die Laien wissen an mehreren Orten den
Schndungen der Jungfrauen und Ehefrauen keinen anderen Damm
entgegenzustellen, als dass sie die Priester zwingen, sich Konkubinen zu
halten.

"Ist jemand", schreibt Clemancis, "heutzutage trge und zum ppigen
Miggang geneigt, so eilt er sogleich, ein Priester zu werden. Alsdann
besuchen sie fleiig liederliche Huser und Schenken, wo sie ihre ganze
Zeit mit Saufen, Fressen und Spielen zubringen, betrunken schreien,
fechten und lrmen, den Namen Gottes und der Heiligen mit ihren unreinen
Lippen verwnschen, bis sie endlich aus den Umarmungen ihrer Dirnen zum
Altar kommen."

Clemancis erwhnt hier auch das Saufen der Priester. Darin waren sie
besonders stark und setzten einen Ruhm darein, es den Laien zuvorzutun.
Schon im ersten Jahrhundert stoen wir auf Bischfe, die vollendete
Trunkenbolde waren. Einer derselben, Droctigisilus, verfiel in
Suferwahnsinn. Die Pfaffen sagten, wenn sie guter Laune waren, von sich
selbst: "Wir sind das Salz der Erde, aber man muss es anfeuchten, denn
kein guter Geist wohnt im Trockenen." Besonders gut trank man in den
Klstern. Doch davon spter.

Zu einem guten Trunk gehrt natrlich auch eine gute Tafel, und es ist
ja noch heute jedem bekannt, dass die katholischen Geistlichen einen
trefflichen Tisch fhren. Bischfe jagten unermessliche Summen durch
ihren Schlund, und um der nchternen Gegenwart einen Begriff von ihren
kostspieligen Fressereien zu geben, setze ich den Kchenzettel fr das
Gastmahl am Tag der Installation Georg Nevils, Erzbischof von York,
hierher.

Zu diesem Feste waren erforderlich: 300 Quart Weizen, 330 Tonnen Ale,
104 Tonnen Wein, 1 Pipe Gewrzwein, 80 fette Ochsen, 6 wilde Stiere,
1004 Hammel, 300 Schweine, 300 Klber, 3000 Gnse, 3000 Kapaunen, 300
Ferkel, 100 Pfauen, 200 Kraniche, 200 Ziegenlmmer, 2000 junge Hhner,
4000 junge Tauben, 4000 Kaninchen, 204 Rohrdommeln, 4000 Enten, 200
Fasanen, 500 Rebhhner, 4000 Schnepfen, 400 Wasserhhner, 100 groe
Brachvgel und 100 Wachteln, 1000 Reiher, 200 Rehe und 400 Stck
Rotwild, 1506 Wildbretpasteten, 1400 Schsseln gebrochenen Gelee, 4000
Schsseln ganzen Gelee, 4000 kalte Custards, 2000 warme Custards, 300
Hechte, 300 Brachsen, 8 Robben, 4 Delphine oder Taumler und 400 Torten.
- 62 Kche und 515 Kchendiener besorgten die Zubereitung dieser
Speisen, und bei der Tafel selbst warteten 1000 Diener auf.

Doch kehren wir wieder von der Pfaffenvllerei zur Pfaffenhurerei
zurck. - Die Basler Synode (1431-1448) gab sich die nutzlose Mhe,
ernstliche Verordnungen gegen das Konkubinat zu erlassen; aber zu dem
einzigen Mittel, demselben ein Ende zu machen, konnte man sich nicht
entschlieen, obgleich sehr angesehene Mnner auf der Synode, wie der
Geheimschreiber und Zeremonienmeister derselben, Clemens Sylvius
Piccolomini, gnstig fr die Priesterehe gestimmt waren. Er uerte: "Es
gab, wie Ihr wisst, verheiratete Ppste, und auch Petrus, der
Apostelfrst, hatte eine Frau. Vielleicht drfte es gut sein, wenn den
Priestern zu heiraten gestattet wre, weil viele verheiratete im
Priestertum ihr Seelenheil befrdern wrden, welche jetzt ehelos zu
Grunde gehen."

Groe Eiferer gegen das Konkubinat in dieser Zeit waren Bischof Berthold
von Straburg und Bischof Stephan von Brandenburg. Der Letztere klagt
bitter ber die Geistlichen in seiner Dizese und sagt, dass sehr viele
Beischlferinnen hielten und durch ihr liederliches Leben "nicht nur
gemeine Leute, sondern auch Frsten und Groe" rgerten.

"Und diese Priester", sagt er auf einer Synode zu Brandenburg, "haben
eine solche Hurenstirn, dass sie es fr eine Kleinigkeit halten, Unzucht
und Ehebruch zu begehen. Denn wenn aus Schwachheit des Fleisches ihre
Kchinnen und Mdchen von ihnen oder vielleicht von den anderen
geschwngert sind, so leugnen sie die Snde nicht ab, sondern achten es
sich zur hohen Ehre, die Vter aus so verdammlichem Beischlaf erzeugter
Kinder zu sein. - Ja, sie laden die benachbarten Geistlichen und Laien
beiderlei Geschlechts zu Gevattern ein und stellen groe Festlichkeiten
und Freudengelage ber die Geburt solcher Kinder an. Verflucht seien
die, welche durch eigenes Gestndnis das kund werden lassen, was sie
durch Leugnen noch zweifelhaft machen, und so einigermaen der
rechtlichen Strafe entgehen knnten!" - Es ist dies ein schnes Prbchen
bischflicher Moral.

Die Regierungen mancher Lnder, welche einsahen, dass nur dadurch
grerem rgernis vorgebeugt werde, waren vernnftig genug, das
Konkubinat der Geistlichen beinahe als rechtmige Ehe gelten zu lassen.
Dies taten zum Beispiel mehrere Regierungen in der Schweiz, und die
Obrigkeit schtzte hier die Konkubinen der Geistlichen und deren Kinder
gegen die Habsucht der geistlichen Vorgesetzten, indem sie
Testamentsvermchtnisse fr die ersteren als gltig anerkannte.

Zu dem Bischof von Tarent, der Legat des Papstes in der Schweiz war,
sagte jemand, dass die Nonnen dort tun knnten, was sie wollten, es
wrde nicht untersucht etc., bekmen sie aber Kinder, dann erwarte sie
ein frchterlicher finsterer Kerker. Darauf erwiderte der Legat: "Selig
sind die Unfruchtbaren!"

Doch mit den Klstern haben wir es noch nicht zu tun, sondern vorlufig
nur mit den Weltgeistlichen. - Das Konkubinat derselben, selbst wenn es
gewissermaen vom Gesetz geschtzt war, konnte doch niemals die Ehe
ersetzen und diente nur dazu, die Geistlichkeit verchtlich und
lcherlich zu machen. Es lag in der Natur dieses Verhltnisses, dass
selten Frauen von einigem Wert ein solches eingingen. Kam auch wohl hin
und wieder ein Fall vor, wo sich ein Mdchen aus Liebe ber die
bestehenden Vorurteile hinwegsetzte, so waren es doch meistens nur
gemeine Dirnen, welche nur darauf trachteten, die Geistlichen zu
plndern. "Pfaffengut fliet in Fingerhut", sagt ein altes Sprichwort.

Dieses halbgeduldete Verhltnis konnte niemals ein geachtetes werden und
bleibt stets eine Entwrdigung. Es kam wohl vor, dass einzelne
Geistliche ihren Konkubinen alle Achtung zollten, wie sie einer Gattin
zukommt, allein meistens und besonders von den Gebildeten wurden sie als
Kchinnen oder sonstige Dienstboten im Haus gehalten. Solche Personen
wussten nun den erlangten Vorteil trefflich zu ihrem Vorteil zu
bentzen. Sie schmten sich des Verhltnisses nicht, wohl aber der
gebildetere Geistliche, der ihr Herr war und der sich viel gefallen, ja
oft ganz und gar unter den Pantoffel bringen lie, damit nur seine
menschlichen Schwachheiten nicht unter die Leute gebracht wrden; denn
diese ermangelten nicht, ihre Spe ber die "Pfaffenkchinnen"
anzubringen, und gar mancher Geistliche musste sich still wegschleichen,
wenn die jungen Burschen sangen:

    Mdchen, wenn du dienen musst,
    So diene nur den Pfaffen,
    Kannst den Lohn im  Bett verdienen
    Und darfst nicht viel schaffen.

Viele verdorbene Geistliche waren froh, dass die Ehe sie nicht an eine
Frau fesselte; sie konnten ihre Lsternheit nach Abwechslung
befriedigen, indem sie die Dirne, die ihnen nicht mehr gefiel, wegjagten
und eine neue nahmen. Solche Konkubinate, die leider sehr hufig
vorkamen, waren gemeine Hurerei, und dadurch wurde bei den Pfaffen eine
Gemeinheit und Rohheit erzeugt, die sich besonders in ihrer Denkungsart
ber geschlechtliche Dinge uerte, wie sie in der Ehe wohl nur selten
entstehen knnen.

Solche Pfaffen machten aus ihrer Liederlichkeit gar kein Geheimnis; ja,
sie rhmten sich derselben, und gleichzeitige, sehr glaubwrdige
Schriftsteller erzhlen, dass bei Fress- und Saufgelagen diese
"Pfarrfarren" und "Kuttenhengste", wie sie Fischart nennt, mit den
Bauern Wetten machten, deren Gegenstand so obszn war, dass ich sie gar
nicht einmal nher andeuten mag, obwohl mir alle Prderie sehr
fernliegt.

Ja, diese Pfaffen scheuten sich nicht, ihre unzchtigen Verhltnisse auf
der Kanzel zu erwhnen, und oft machten sie diese Ungeschicklichkeit
dadurch noch schlimmer, dass sie dieselbe mit irgendwelchen rohen Spen
wrzten.

An den Kirchenweihen wurden von ihnen die wildesten und liederlichsten
Gelage gefeiert. Alle benachbarten Pfarrer mit ihren Kchinnen besuchten
den Geistlichen, der sein Kirchweihfest feierte, und dann wurde
gefressen, gesoffen und andere Liederlichkeiten getrieben.

Als der Bischof von Mainz den Bischof von Merseburg einst besuchte und
unterwegs bei einem Pfarrer einkehrte, wo eben das Kirchweihfest
gehalten wurde, begleitete ihn sein Leibarzt, der davon folgende
ergtzliche Erzhlung liefert:

"Der Bischof steigt abe, und nahet zu der Pfarrhe zu, zu seinem
Handwerk. Nun hatte der Pfarrher zehn ander Pfarren geladen zur
kirchweyhe, und ein yeglicher hatte eine kchin mit sich gebracht. Do
sie aber leutte kommen sahen, lauffen die Pfaffen mit den huren alle in
einen stalle, sich zu verbergen. Indes gehet ein Grafe, der an des
Bischoffs hofe war, in den Hofe, seinen gefug zu thun, und da er in den
stall will, darin die hren und bben geflohen waren, schreyt des
pfarrers kchin, Nicht Junker, nicht. Es seind bse hunde darinnen, sie
mchten euch beissen. Er let nicht nach, gehet hinein vnd findet einen
groen hauffen hren und bben im stalle.

Da der Grafe in die stuben kumpt, hatt man dem Bischoff eyn feyste Gan
frgesetzt zu essen, hebt der Graf an, vnd sag di geschicht dem
Bischoff zum Tischmerlein, gen abend, kamen sie gen Merburg, daselbs
sagt der Bischoff von Mentz, dies geschicht dem Bischoff von Merburg.
Da das der heylig vatter hrete, betrbet er sich nicht vmb das, das die
Plaffen hren haben, sondern darumb, da die Kchin die bben im stalle
hunde geheien htte, vnd spricht, Ach Herre Gott, vergebe es Gott dem
weibe, das die gesalbten de Herren hunde geheien hat. Das hab ich
darumb erzelet das man sehe, wie wir Deutschen das Sprichwort so
festhalten, Es ist kein Drflein so klein, es wird des jars einmal
kirme darinne. Das aber geschrieben stehet, Es kumpt kein hurer im
Himmel, des achten wir nit."

"Da wir uns nun genug mit der Hurerei beschftigt haben", heit es in
der Predigt, "so wollen wir zum Ehebruch bergehen."

Das Konkubinat war noch am Ende das allerunschuldigste Ergebnis des
Zlibatsgesetzes. Einen weit verderblicheren Einfluss auf die Moralitt
des Volkes hatten die sonstigen aus demselben entstehenden Folgen.

Man kann es als Regel annehmen, dass es noch immer der bessere Teil der
Geistlichen war, welcher mit stndigen Konkubinen in einem der Ehe
hnlichen Verhltnis lebte. Die echten Pfaffen betrachteten aber die
Frauen und Tchter der Laien als Wild, auf welches sie Jagd machten und
welches sie durch alle mglichen niedertrchtigen Verfhrungsknste in
ihre Netze zu locken trachteten.

Diese Knste mussten einen umso greren Erfolg haben, als ihr Stand die
Pfaffen mit den Frauen in hufige Berhrung brachte und die Dummheit der
Mnner diesen Verkehr noch erleichterte. Trotz aller Beispiele und
tglich unter ihren Augen vorgehenden Niedertrchtigkeiten wurden die
Mnner nicht klug, denn die Pfaffen wussten sich einen solchen heiligen
Schein zu geben, dass die Ehetlpel es kaum wagten, auch nur einen
Verdacht zu haben.

Alle Erzhlungen von ihrer Liederlichkeit erklrten die Pfaffen
natrlich fr schamlose Lgen, und war ein Fall einmal gar zu
offenkundig geworden, dann verboten sie streng, davon zu reden, und
verwiesen auf das Beispiel des Kaisers Konstantin, der einst einen
Priester in flagranti ertappte, mit seinem kaiserlichen Mantel zudeckte,
und prgten ihren Beichtkindern ein, was der fromme Rabanus Maurus sagt:
"Wenn man einen Geistlichen she, die Hand auf dem Busen eines Weibes,
so msse man annehmen, dass er sie segne!" - Allerdings befanden sie
sich nach solchem Segen gar hufig in "gesegneten Umstnden"!

Einer derjenigen Schriftsteller frherer Zeit, welche die Schandtaten
der Pfaffen mit der grten Rcksichtslosigkeit aufdeckten, war Poggio
Bracciolini, den ich schon frher nannte. Die ganze Kuttenwelt geriet in
Alarm, und sein berhmter Gnner Cosmo de Medici empfahl ihm die grte
Vorsicht. Im siebten Kapitel, wo wir ber den Missbrauch des
Beichtstuhls reden, werden einige der von ihm erzhlten Flle mitgeteilt
werden.

Felix Hemmerlin, gestorben 1457, Chorherr zu Zrich und Zofingen und
Propst zu Solothurn, schildert besonders die Verdorbenheit der Mnche;
aber auch von den Weltgeistlichen wei er manche Dinge zu erzhlen, die
man fr ganz unglaublich halten msste, wenn sie nicht auch noch von
anderen geachteten, ernsten und wahrheitsliebenden Mnnern jener Zeit
besttigt wrden. - Die bestialische Rohheit mancher Pfaffen berstieg
alle Begriffe. Selbst die Beschlsse der Konzilien lieferten die Beweise
davon. Bald wird ihnen durch dieselben verboten, barfu oder in
zerrissenen Jacken und Hosen den Gottesdienst zu halten; bald, keine
obsznen Grimassen am Altar zu machen und keine schmutzigen Lieder zu
singen.

Dies musste ich vorausschicken, um folgender Geschichte Glauben zu
verschaffen, die Hemmerlin erzhlt: Ein Priester lebte in einem
unerlaubten Verhltnis mit einer sehr angesehenen Frau. Die Sache wurde
bekannt, und er wurde gezwungen, von seiner Pfarre zu fliehen. Als er
verzweiflungsvoll im Wald umherirrte, begegnete ihm ein Mnch, der ihn
fragte, weshalb er so betrbt umherlaufe. Der Priester erzhlte ganz
treuherzig sein Leiden. Aber der vermeintliche Mnch war der Satan -
vielleicht auch ein Schalk in einer Kutte - und erwiderte: "Nicht wahr,
wenn du das bse Glied nicht httest, dann knntest du in deiner Pfarrei
sicher wohnen?" - "Allerdings, mein Herr", antwortete der Pfarrer. -
"Nun, so hebe dein Gewand auf, damit ich es berhre, wie sie es ja auch
berhrt hat, dann kannst du dich ohne Scheu deiner Gemeinde zeigen, und
es wird in dem Augenblick verschwunden sein." Der Geistliche tat, was
der Mnch wollte, und rannte dann voller Freude in seine Pfarrei zurck,
lie die Glocken luten, versammelte die Gemeinde und bestieg die
Kanzel. Voll Zuversicht hob er seine Kleider auf - et mox membrum suum
abundantius quam prius apparuit.

Sehr lesenswert sind die Schriften von Johann Busch, der Propst der
regulierten Chorherrn zu Soltau, in der Nhe von Hildesheim, und
Visitator des Erzbistums Magdeburg war. Er verfolgte mit groem Eifer
die Priester, welche Konkubinen hielten, und bestrafte sie nicht mit
Geld, wie sie es bis dahin gewohnt waren, sondern mit kanonischen
Strafen.

Einst lud er einen Pfarrer samt seiner Konkubine zu sich. Ersteren lie
er in das Kloster kommen, aber die Dirne musste drauen bleiben. Auf das
schrfste befragt, leugnete der Pfarrer standhaft und beteuerte mit
einem heiligen Eid, dass er ganz keusch mit seiner Magd lebe. Nun ging
Busch vor die Tr zu dem Mdchen und sagte: "Ich habe gehrt, dass du
bei deinem Herrn zu schlafen pflegst", aber sie leugnete und meinte,
dass sie nur mit Khen, Klbern und Schweinen zu tun habe. Als aber
Busch sagte, dass ihr Herr bereits gestanden habe, da gestand sie auch,
und der geistliche Herr hatte falsch geschworen.

Von den Satirendichtern jener Zeit will ich gar nicht einmal reden, denn
es ist wahrscheinlich, dass sie hin und wieder etwas erfanden, um die
Pfaffen lcherlich zu machen. Ihre Schriften wurden indes berall mit
Beifall gelesen, denn alle Welt war ber die freche Sittenlosigkeit der
Pfaffen emprt.

Giovanni Francesco Pico, Prinz von Mirandola, der die seltsame
Unterredung mit Papst Alexander VI. hatte, schilderte in einer Eingabe
an Papst Leo X. (1513) den Verfall des Klerus und ist besonders darber
emprt, dass solche Knaben, welche den hheren Geistlichen zur
Befriedigung ihrer unnatrlichen Wollust gedient, zum Kirchendienste
erzogen wurden.

Geiler von Kaisersberg (starb 1510) war Lehrer der Theologie zu Freiburg
und wurde dann Prediger zu Straburg. Er erklrte einst dem Bischof:
dass, wenn ein Unkeuscher keine Messe lesen drfe, er nur die
Geistlichkeit des ganzen Sprengels suspendieren mge, denn die meisten
lebten in einem rgerlichen Konkubinate.

Dieser ebenso sittenreine als gelehrte originelle Mann schilderte in
seinen trefflichen Predigten die Mnche und Pfaffen nach dem Leben. In
einer derselben "Vom menschlichen Baum" heit es: "Soll nmlich die
Frucht der ehelichen Keuschheit auf den sten des Baumes wachsen, so
hte dich, sieh dich vor, schme dich. Zum ersten hte dich vor den
Mnchen. Diese Tengerferlin gehen nicht aus den Husern, sie tragen
etwas von der Frucht hinweg.

Ja, wie soll ich sie aber erkennen! Zu dem ersten erkenne sie, wenn
einer in dein Haus kommt, so ketscht er ein kleines Novizlein mit sich,
es ist kaum eine Faust gro, das bleibt in einem Winkel sitzen, dem gibt
man einen Apfel, bis die Frau ihn durch das ganze Haus gefhrt hat.

Zum andern, so siehe seine Hnde an, so bringt er Gaben, das schenkt er
dir, das der Frau, das den Kindern, das der Dienerin.

Das dritte Zeichen ist, wenn er dir unbescheidene Ehre antut. Wenn du
ein Handwerksmann bist, nennt er dich Junker. - Wenn du ein
semmelfarbenen Mnch siehst, so zeichne dich mit dem heiligen Kreuze,
und ist der Mnch schwarz, so ist es der Teufel, ist er wei, so ist es
seine Mutter, ist er grau, so hat er mit beiden teil.

Zu dem andern hte dich vor den Pfaffen, die mache dir nicht geheim,
besonders die Beichtvter, Leutpriester, Helfer und Kaplne. Ja,
sprichst du, meine Frau hasset Mnche und Pfaffen, sie schwrt, sie habe
sie nicht lieb. Es ist wahr, sie wirft es so weit weg, dass es einer in
drei Tagen mit einem Pferd nicht errennen mchte. Glaub ihr nicht, denn
der Teufel treibt die Frauen, dass sie der geweihten Leut begehren."

Interessante Belege zu der Liederlichkeit der Geistlichen enthalten die
Schriften der rzte. Aus ihnen lernt man die schrecklichen Folgen des
Zlibats an den Leibern der Pfaffen selbst erkennen. Es war nur ein
Unglck, dass sie diese weiter mitteilten und auch die Menschen
krperlich zu Grunde richteten, welche sie bereits geistig elend gemacht
hatten. Alle rzte klagten, dass die Lustseuche, welche deutsche
Landsknechte aus Frankreich mitgebracht haben sollten, durch die Pfaffen
auf eine grauenerregende Weise verbreitet wurde.

Vergebens waren alle Ermahnungen zur Migkeit. Gaspar Torella, erster
Kardinal am Hofe Alexanders VI., Bischof von St. Justa in Sardinien und
Leibarzt des Papstes, bat die Kardinle und smtliche Geistlichen, "doch
ja nicht des Morgens bald nach der Messe Unzucht zu treiben, sondern des
Nachmittags, und zwar nach geschehener Verdauung, sonst wrden sie ihre
Sndhaftigkeit mit Abzehrung, Speichelfluss und hnlichen Krankheiten zu
ben haben, und die Kirche wrde ja ihrer schnsten Zierden beraubt
werden".

Einige rzte waren sogar boshaft genug, die Besorgnis auszusprechen,
dass die Geistlichen die Lustseuche auch in den Himmel verpflanzen
wrden; und der Arzt Wendelin Hock forderte den Herzog von Wrtternberg
auf, der Liederlichkeit der Pfaffen Einhalt zu tun, da sonst das ganze
Land verpestet werde. Diese Besorgnis war keineswegs aus der Luft
gegriffen, denn die venerischen Krankheiten nahmen so berhand, dass man
in den meisten greren Stdten eigene Spitler dafr erbaute, welche
man Franzosenhuser nannte.

Bartholomus Montagna, Professor der Heilkunde zu Padua, hatte an den
Leibern seiner geistlichen Freunde die beste Gelegenheit, die Lustseuche
zu studieren, und schrieb daher ein Buch, in welchem er einige
Kardinalkrankheiten schrecklich genug schilderte. Alexander VI. selbst
hatte frchterlich zu leiden, und der Kardinalbischof von Segovia, der
die Aufsicht ber die Hurenhuser zu Rom hatte, widmete ihnen so groe
Sorgsamkeit, dass er darber sein Leben einbte.

Zur Zeit der Reformation kamen unzhlige Nichtswrdigkeiten der Pfaffen
an das Licht. Als Luther anfing, Lrm zu schlagen, da regte es sich von
allen Seiten, und Schriften gegen die Geistlichkeit erschienen in
unendlicher Zahl und berschwemmten ganz Europa.

Luther, Melanchthon, Zwingli und andere forderten laut die Erlaubnis zur
Ehe fr die Priester, und Letzterer richtete im Namen vieler Geistlichen
Schriften an seine Vorgesetzten, die aber alle nichts fruchteten. Aus
einer derselben will ich nur Folgendes anfhren.

Ein Schulmeister, der verheiratet war, hatte Lust, ein Priester zu
werden, und wurde es mit Einwilligung seiner Frau. Er hatte sich aber zu
viel zugetraut, indem er dachte, das Keuschheitsgelbde halten zu
knnen. Er wehrte sich lange und htte gern seine Frau wieder zu sich
genommen; da er aber dies nicht durfte, so hing er sich an eine Dirne,
verlie den Wohnort seiner Frau, um diese nicht zu krnken, und kam in
das Bistum Konstanz. Die Frau, welche hrte, dass er eine Haushlterin
habe, zog ihm nach. Der Mann, welcher sie lieb hatte, schickte die
Haushlterin weg und nahm seine Frau wieder zu sich, da er meinte, es
sei dies doch besser, da es ohne "weibliche Pflege" nun einmal nicht
ginge. Der Generalvikar und die Konsistorialrte teilten aber seine
Ansicht nicht; sie befahlen ihm bei Verlust seiner Pfrnde, seine Frau
wegzuschicken. Der arme Geistliche erbot sich, dieselbe als Konkubine
jhrlich zu verzinsen; allein, das war umsonst, sie musste fort. Darauf
nahm er seine fortgeschickte Konkubine wieder zu sich, und alles war in
bester pfffischer Ordnung; der Generalvikar hatte nichts dagegen zu
erinnern!

Der Rat von Zrich gestattete bald nach einer Disputation, in welcher
Zwingli die Ehe wacker verteidigt hatte, dass sich die Priester
verheirateten. Mehrere machten sogleich von dieser Erlaubnis Gebrauch
und verkndeten ihren Entschluss von der Kanzel. Das Volk bezeugte laut
seinen Beifall, und bei der Trauung eines Priesters in Straburg, wo man
bald dem guten Beispiel folgte, rief man im Volk, er habe recht getan,
und wnschte ihm tausend glckliche Jahre.

Erasmus von Rotterdam, der durch seine Schriften sehr viel beitrug, die
Macht der Ppste zu untergraben, nannte die Reformation das "lutherische
Fieber" oder ein Lustspiel, da es mit einer Heirat schliee. Als er
Luthers Vermhlung erfuhr, scherzte er: Es ist ein altes Mrlein, dass
der Antichrist von einem Mnch und einer Nonne kommen soll. Er schrieb
gleichfalls gegen das Zlibat, meinte aber, dass die Ppste es
schwerlich abschaffen wrden, da ihnen der Hurenzins gar zu gut tue.

Auf der Trientiner Synode, wo all der alte rmische Kohl wieder
aufgewrmt wurde, besttigte man auch wieder aufs neue das Zlibat und
erlie die strengsten Befehle gegen das Konkubinat. Aber auch diese
Beschlsse halfen nicht viel. In Polen lebten zur Zeit der Reformation
fast alle Geistlichen in heimlicher Ehe, und viele bekannten sie selbst
ffentlich. Dieser Zustand nderte sich auch nach der Trientiner Synode
nicht, und dass das Konkubinat fortbestand, lehren die unzhligen
spteren Verordnungen dagegen.

In denjenigen Lndern, in welchen die Reformation festen Fu gefasst
hatte, waren die Geistlichen freilich darauf bedacht, ihr Schandleben
vor den Augen der Welt immer mehr zu verbergen; aber wie begreiflich
wurde damals nichts fr die Sittlichkeit gewonnen, sondern diese wurde
im Gegenteil noch mehr dadurch gefhrdet. Die Pfaffen blieben trotz
aller Konzilienbeschlsse liebebedrftige Menschen, um die Sache einmal
recht zart auszudrcken, und da beim unvorsichtigen Genuss harte Strafen
drohten, so waren sie darauf angewiesen, sich in der Kunst der
Verstellung und Heuchelei zu vervollkommnen. Das Handwerk des
Frauenverfhrers wurde nun jesuitischer betrieben, und das war wahrlich
kein Gewinn.

In den echt katholischen Lndern genierte man sich indessen weniger, und
der Kardinal Bellarmin zum Beispiel fhrte ein Leben, als htte nie eine
Reformation stattgefunden. Man erzhlt von ihm, dass er 1624 Geliebte
gehabt und nebenbei zur Sodomiterei noch vier schne Ziegen gehalten
habe! Mehr kann man von einem Kardinal billigerweise nicht verlangen.

Im siebzehnten Jahrhundert erschienen noch sehr zahlreiche, die Unzucht
der Pfaffen betreffende Verordnungen, und da man einmal das Konkubinat
nicht ausrotten konnte, soviel Mhe man sich auch gab, so bestimmte man
nun das Alter der Kchinnen und Haushlterinnen auf fnfzig Jahre, und
trotz dieses Alters, welches gegen das hchst rcksichtslose
Kinderbekommen sicherte, worauf es hauptschlich ankam, mussten die
Pfaffenkchinnen sich einer strengen Prfung unterwerfen.

Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert werden die Provinzialsynoden
immer seltener, und dies ist der Grund, weshalb die bestndigen
Erinnerungen an die Keuschheitsgesetze wegfallen, welche nur hin und
wieder in den bischflichen Hirtenbriefen eingeschrft werden.

Man hatte eingesehen, dass Pfaffenfleisch sich nicht ertten lsst, und
war weit diplomatischer geworden. Anstatt bei Keuschheitsvergehen an die
groe Glocke zu schlagen, vertuschte man sie und suchte den Glauben zu
verbreiten, als stehe es mit der Keuschheit der Pfaffen sehr gut. Fand
man eine Erinnerung ntig, so sorgte man auch dafr, dass keine Kunde
davon unter die Leute kam, und in dem Ausschreiben Joseph Konrads,
Bischof von Freisingen und Regensburg, an den Regensburger Klerus vom 7.
Januar 1796 heit es ausdrcklich: "brigens wollen wir, dass von diesen
Statuten keine Nachricht unter das Volk komme, damit nicht der Klerus
verachtet und verspottet werde. Wir haben uns auch deswegen der
lateinischen Sprache bedient, damit fr die Ehre des Klerus gesorgt und
das Volk bei seiner guten Meinung erhalten werde, da einige in demselben
glauben, es drfte auch nicht der Verdacht eines schndlichen
Verbrechens auf die Priester und seine Seelsorger fallen."

Ein Umlaufschreiben des Bischofs Ignaz Albert von Augsburg vom 1. April
1824 ist im Allgemeinen auerordentlich diplomatisch und umso mehr wird
man darin von folgender Stelle frappiert: - "Ja, wir wissen es, dass es
bei einigen Pfarrern schon zur Gewohnheit geworden ist, an Kirchfesten
und Jahrmrkten mit den Kchinnen zu erscheinen und im Pfarrhaus oder in
Wirtshusern einzusprechen und in spter Nacht vollgefressen und
vollgesoffen nach Hause zurckzukehren."

In Spanien stand es mit der Sittlichkeit der Geistlichen in den ersten
Jahrzehnten dieses Jahrhunderts sehr schlecht, und der Groinquisitor
Bertram erklrte: dass die ganze Strenge der Inquisition dazu ntig sei,
um Kleriker und Mnche von Verbrechen zurckzuhalten und zu verhindern,
dass der Beichtstuhl in ein Bordell umgewandelt werde. - Wie es mit der
Moralitt der Geistlichen in der Schweiz steht, werden wir im nchsten
Kapitel an einigen Beispielen sehen. - In Sdamerika berbieten die
Pfaffen alle anderen Stnde an Liederlichkeit, was dort etwas heien
will. In Peru besteht das Konkubinat in voller Blte.

Wie es mit der Sittlichkeit der rmischen Geistlichkeit in Deutschland
steht, will ich hier nicht errtern. Leser, die in katholischen
Distrikten unseres Vaterlandes wohnen, wissen es. Das Zlibat besteht
noch, und wenn auch die hhere Bildung unseres Zeitalters es nicht
gestattet, dass die Liederlichkeit der Pfaffen mit derselben frechen
Unverschmtheit auftritt wie frher, so bleiben die Folgen dieses
Zlibats doch berall dieselben. Diese Folgen waren es fast ebenso sehr
wie die Habsucht der Pfaffen, welche die Reformation herbeifhrten; und
wenn das jetzt zusammentretende Konzil ber die Mittel beraten sollte,
die katholische Religion in den schwankenden Lndern zu rehabilitieren,
so sollte es nicht vergessen, dass die Aufhebung des Zlibats das
wirksamste sein wrde.




Die Mncherei


                                            Im Weltgewhle wohnt
                                            Der Snde freche Flle
                                            In heil'gen Mauern thront
                                            Unheiligkeit in Stille


Wie das Mnchswesen entstand, habe ich frher angedeutet. Klster
stiegen im Mittelalter wie Pilze aus der Erde hervor. Bis zur
Reformation waren allein 14.993 Bettelmnchklster errichtet worden!
Durch die Reformation und die darauf folgenden Kriege gingen in
Deutschland 800 Klster zu Grunde, in Sachsen allein 130; aber dessen
ungeachtet fand Kaiser Joseph II. bei seinem Regierungsantritt noch 1565
Mnchs- und 604 Nonnenklster in seinen Staaten. Zur Zeit Luthers belief
sich die Zahl der Mnche auf 2.465.000 und das stehende Heer der
Bettelmnche allein auf eine Million!

Es ist fast unmglich, alle Spielarten dieser Mnche und Nonnen
aufzuzhlen und ich unterlasse es daher, wie Marnix de St. Aldegonde in
seinem berhmten "Bienenkorb de heil. Rm. Immenschwarms etc." und
bemerke nur mit seinen Worten: "Wie etliche in Schneeweis, etliche inn
kohlschwarz, die anderen in Eselgraw, inn grasgrn, in feuerrodt, in
himmelblaw, inn bund oder geschecket gekleyd gehn, die eynen eyn helle,
die andern ein trbe kapp antragen, die eyn Rauchfarb vom Fegefeuer
geruchert, die andern von Requiem Todenpleych. Den einen Mnch graw wie
ein Spatz, den andern hellgraw wie eyn Klosterkatz: Etliche vermengt mit
schwarz und weis, wie Atzeln, Raupen vnd Lus, die andern Schwefelfarb
und Wolffsfarb, die Dritten Eschenfarb vnd Holtzfarb, etliche inn vil
Rcken vber einander, die andern in eyner blosen Kutt: Etliche mit dem
hemd vberm Rock, die andern ohn ein hemd, oder mit eym pantzerhemd, oder
hrin hemd, oder Sanct Johannes Cameelshaut auf bloser haut: Etliche
halb, etliche gantz beschoren; etliche brtig, die andern Unbrtig und
Ungeberdig: Etliche gehn barhaupt, vil Barfig, aber alle miteynander
mig: Etliche sind ganz Wllin, etlich Leinin, etlich Schfin, etlich
Schweinin: Etlich fren Juden Ringlein auff der Brust, die andern zwey
schwerter kreutzweis zum kreutzstreich darauff geschrenkt, die dritten
ein Crucefix fr die Bottenbchs, die Vierten zwen schlssel. Die
fnfften Sternen, die sechsten krntzlin: die siebenden Spiegel au dem
Eulenspiegel, die achten Bischofshut, die Neunten fligel, die Zehenden
Tuchschren, die eylfften Kelch, die zwlfften Muscheln und Jacobsstb,
die Dreizehnden geysseln, die Viertzehenden schilt vnd andre sonst auff
der Brust seltsam grillen, von Paternostre, Ringen vnd Prillen. Sehet
da, die Feldzeychen sind schon ausgetheylt, es flen nur die Federpusch,
so ziehen sie hin inn Krig gerst."

Es war dies eine ungeheure Macht, besonders durch ihren Reichtum, zu
welchem sie durch die Schenkungen frommer Schwachkpfe und durch -
Betrgereien gelangten. Hatte eine Kirche oder ein Kloster Lust nach
einem schnen Landstrich, so fand sich bald im Klosterarchiv eine
vergilbte Pergamenturkunde, ausgestellt von diesem oder jenem Frsten
der Vorzeit, welcher den ersehnten Landstrich dem Kloster schenkte. Im
Kloster St. Medardi zu Soissons war eine frmliche Fabrik von falschen
Dokumenten. Der Mnch Guernon beichtete auf dem Sterbelager, dass er
ganz Frankreich durchzogen habe, um fr Klster und Kirchen falsche
Dokumente zu machen. Da war es denn freilich kein Wunder, dass zur Zeit
der Revolution das Vermgen der Geistlichkeit in Frankreich auf 3000
Millionen Franken angeschlagen werden konnte!

Die Pfaffen verschmhen kein Mittel, um reich zu werden, denn sie hatten
lngst erkannt, dass Geld Macht ist, und dann - sie wollten gut leben.
Ihre Gelbde wussten sie damit trefflich zu vereinigen, und was die
fanatischen Stifter der Klster eingerichtet hatten, um dem Wohlleben zu
steuern, wurde von ihren Nachkommen so gedreht und gewendet, dass es
ihnen zu einer Quelle des Erwerbs und Wohllebens wurde.

Die Karthuser zum Beispiel, denen ihre Regel den Genuss des Fleisches
verbot, kultivierten die Obstbaumzucht und die Fischereien in solchem
Grade, dass sich von deren Ertrage auch ohne Fleisch sehr luxuris leben
lie. Karthuserobst ist in der ganzen Welt bekannt. Die Obstbaumschule
der Karthause in Paris trug jhrlich 30.000 Livres ein. Dafr konnte
denn auch ihr Prior whrend einer Krankheit fr 15.000 Livres
Hechtbouillon verzehren!

Die Messe war, wie die Mnche lehrten, die einzige Erfrischung fr die
armen Seelen im Fegefeuer, die mchtigste Vogelscheuche fr den Teufel,
und war fr 30 Kreuzer zu haben, ja, die Bettelmnche lasen fr die
Hlfte und standen sich umso besser.

Einzelne Klster wurden auerordentlich reich durch einen Ablass, zu
welchem ihnen der Papst ein besonderes Privilegium gegeben hatte. Der
Portiunkula-Ablass brachte den Franziskanern Millionen. - Ein
Hieronymitenkloster bei Valladolid mit achtzig Mnchen hatte das
ausschlieliche Privilegium, die Kreuzbulle zu verkaufen, was ihm
jhrlich 12.000 Dukaten eintrug.

So gern nun auch die Mnche nahmen, so ungern gaben sie, und jeder, der
es wagte, sie mit Gewalt dazu zu zwingen, wurde bis in den tiefsten
Abgrund der Hlle verflucht, wie folgende Formel zeigt, die einer jeden
Schenkungsurkunde angehngt war: "Sein Name ist vertilgt aus dem Buch
des Lebens; und alle Plagen Pharaons sollen ihn treffen - der Herr werfe
ihn aus seinem Eigentum und gebe solches seinen Feinden - sein Teil sei
bei dem Verrter Judas - bei Dattam und Abiram - seine cker werden wie
Sodom, und Schwefel verderbe sein Haus wie Gomorra, - die Luft schicke
Legionen Teufel ber ihn - er sei verflucht vom Fu bis zum Haupt, dass
ihn die Wrmer mit Gestank verzehren und seine Eingeweide ausschtte wie
Judas - sein Leichnam werde verzehrt von den Vgeln und wilden Tieren,
und sein Gedchtnis von der Erde vertilgt - verflucht alle seine Werke,
verflucht, wenn er aus- und eingeht, verflucht sei er im Tod wie ein
Hund, wer ihn begrbt, sei vertilgt. Verflucht die Erde, wo er begraben
wird, und er bleibe bei den Teufeln und seinen Engeln im hllischen
Feuer!" - Dabei musste einem Christen des Mittelalters wohl der Appetit
nach Klostergut vergehen!

Wenn nun auch das Hauptgeschft der Mnche im Handel mit geistlicher
Ware bestand, so lieen sie sich doch auch zu dem mit irdischen Dingen
herab, als die ersten im Kurs zu fallen begannen. Viele Klster wussten
sich das Recht zu erwerben, Wein und Bier zu verzapfen und verdienten
damit viel Geld. In Nrnberg verkaufte eins jhrlich 4500 Eimer Bier.
Jeder Bettler, der in seine Bierstube kam, erhielt einen Pfennig, aber
das Glas Bier wurde ihm fr zehn Pfennig verkauft.

Im Allgemeinen gaben sich die Mnche aber mehr mit dem Trinken als mit
dem Verkaufen ab, und die Klosterkeller stehen bei allen alten Zechern
im besten Andenken. Die frommen Vter hatten in ihren Kellern Fsser,
die grer waren als die Zellen ihrer Vorfahren, der armen Einsiedler.

Als man in sterreich die Klster aufhob, fand man selbst in
Nonnenklstern herrlich versehene Weinkeller. Die Kanonissinnen zu
Himmelspforten in Wien hatten in dem ihrigen noch 6800 Eimer und Raum
fr das Doppelte. Es gab da einen Gottvaterkeller, Gottsohn- und
Heiligengeistkeller, einen Muttergottes-, Johannes-, Xaveri- und
Nepomukkeller. Der allergrte, der Gottsohnkeller, war leer bis auf ein
einziges Fass. - Was mag nun erst in Mnchsklstern fr ein Vorrat
gewesen sein!

Saufen galt bei den alten Rittern als eine Tugend und es war die
einzige, in welcher sie es einigermaen weit brachten, worin sie aber
dennoch im Allgemeinen von den Mnchen bertroffen wurden; einzelne
Ausnahmen fanden freilich statt, und es kam sogar vor, dass Mnche von
einem Ritter totgesoffen wurden.

Ein sehr geachteter protestantischer Geistlicher zu Caen in Frankreich
war angeklagt worden, ber die Ohrenbeichte der Katholiken schlecht
gesprochen zu haben. Die Sache wurde sehr streng untersucht, aber man
konnte an dem Geistlichen keine Schuld finden und er wurde
freigesprochen. Der Jubel darber war in Caen ungeheuer und jeder suchte
seine Freude auf irgendeine Weise an den Tag zu legen. Dies tat denn
auch ein Ritter, welcher in einem ziemlich schlechten Ruf stand. Er lud
zwei Kapuziner ein und "der Wein floss in Strmen". Es begann ein
Wettsaufen, welches damit endete, dass einer der Mnche mausetot auf dem
Platz blieb. - Seelenvergngt ging nun der protestantische Edelmann zu
dem Geistlichen und sagte: "Er sei ber dessen Freisprechung
auerordentlich erfreut und habe gedacht, dies durch nichts besser an
den Tag zu legen als dadurch, dass er dieser Freude einen Mnch opferte.
Eigentlich htte es ein Jesuit sein sollen; da er diesen aber nicht habe
bekommen knnen, so mge der Geistliche diesmal mit einem Kapuziner
vorlieb nehmen."

Wenn die Klster nicht selbst stark genug waren, sich zu beschtzen, so
rechnete es sich irgendein Frst zur Ehre, ihr Schutzherr zu sein, wofr
ihm dann von den Klosterherren diese oder jene Rechte eingerumt wurden.
Aber nicht alle Schutzherren machten davon einen so ernsthaften Gebrauch
wie der Herzog Julius von Braunschweig. Dieser lie die btissin von
Gandersheim, eine geborene von Warberg, die sich mit ihrem
Stiftsverwalter zu tief eingelassen hatte, nach der Stauffenburg
abfhren und hier (1587) lebendig einmauern!

Meistens brauchten die Klster keinen Schutz; die bte und Prlaten
waren groe Herren, welche Lehnsleute hatten, die ihnen zu allerlei
Diensten verbunden waren, wie auch Leibeigene. Oft war es bei diesen
Lehnsleistungen brigens nur auf einen gndigen Spa abgesehen, der
mitunter sehr mittelalterlich derb war.

Der Lehnsmann eines Klosters zu Bologna musste jhrlich dem Abt einen
Topf mit Reis und einem Huhn darin bringen und diesen Sr. Hochwrden
unter die Nase halten, denn - er war nur den Dampf davon schuldig.

Ein Bauernhof in Soest in Westfalen hatte die Verpflichtung, dem
Dominikanerkloster alljhrlich ein Ei auf einem vierspnnigen Wagen zu
bringen. - Im Quedlinburgischen mussten Brute den Herren Pfaffen ihren
"Stech- oder Bunzengroschen" zahlen und im Paderbornschen eine Bockshaut
liefern. - Mehreren schwbischen Klstern mussten die Brute einen
kupfernen Kessel geben, "so gro, dass sie darin sitzen konnten", und
die Beweisfhrung war natrlich das Hauptgaudium fr die frommen Herren.

Die Grfin Hidda von Eulenberg lie sich von den Witwen, die wieder
heirateten, einen Beutel ohne Naht mit zwei "Schreckenbergern" darin
liefern, und unfruchtbare Eheleute mussten im Hildesheimschen
alljhrlich, wegen des Abgangs an Taufgeld, damit man mit ihrem
Unvermgen Geduld habe, einen "Geduldshahn" opfern.

Die Fuchsnatur der Pfaffen offenbarte sich auch in ihrer Lsternheit
nach Hhnern und ihre Lehnsleute mussten davon herbeischaffen, soviel
sie nur immer konnten. Es gab Haupt- und Leibhhner, Rauchhhner,
Erbzins- und Fastnachtshhner, Pfingst-, Sommer-, Herbst-, Ernten-,
Wald-, Garten-, Heu- und Ehrenhhner! Audubon hat diese Hhnerarten in
seiner Naturgeschichte der Vgel vergessen; doch waren sie ja auch nur
in Europa zu Hause, und Gloger, als er sein treffliches Werk schrieb,
htte sich darum bekmmern sollen.

Manche bte und Bischfe unterhielten Heere, wie es Frsten nicht
vermochten. Der Bischof Galen von Mnster hatte 42.000 Mann Infanterie,
18.000 Reiter und die schnste Artillerie, und die meisten Klster waren
verbunden, ein mehr oder minder bedeutendes Kontingent zu den Truppen
des Landesbischofs stoen zu lassen. Als die Reformation und die
Revolution die Klster gehrig angezapft hatte, da wurde dies manchem
schwer genug, und eine btissin schrieb an die Kreisdirektion: "dass sie
und ihre Kanonissinnen im letzten Krieg so von den Franzosen zugerichtet
worden, dass sie nicht im Stande seien, auch nur einen halben Mann
aufsitzen zu lassen."

Ehe wir nun einen Blick in die Klster tun, wollen wir einmal prfen,
welchen Nutzen die Mnche der Welt brachten. Wir werden leider finden,
dass dieser zu dem bel, dessen Ursache sie waren, so wenig im
Verhltnis steht, dass er fast ganz und gar verschwindet.

Die Verteidiger des Mnchswesens machten geltend, dass durch Mnche das
Christentum in die fernsten Weltteile getragen wurde. Es ist das ein
sehr zweifelhaftes Verdienst, denn das Mnchs-Christentum brachte mehr
Fluch als Segen, wohin es auch immer kam, namentlich aber solchen
Vlkern, die unter dem Einfluss eines ewig milden heiteren Himmels sich
gebildet hatten und fr welche das scheuliche Mnchs-Christentum mit
seinen trbseligen asketischen Ansichten eine moralische Unmglichkeit
war. Das erste Kloster wurde 1525, also vier Jahre nach der Eroberung
von Mexiko, gebaut und 10 Millionen unglcklicher Indianer wurden dem
blutigen Pfaffengott als Opfer geschlachtet!! hnlicher Art waren die
Wirkungen des durch Mnche verbreiteten Christentums fast berall. Die
Marianneninseln wurden frher von 150.000 glcklichen Naturkindern
bewohnt, und im Laufe der Zeit wurden sie durch christliche Krankheiten,
Trunksucht und das Franziskaner-Evangelium auf 1500 elende, Christen
genannte Subjekte reduziert.

Um auch dem Teufel zu geben, was ihm gebhrt, will ich wenigstens
bemerken, dass die Jesuiten, welche sich viel mit dem Missionswerk
beschftigten, neben dem vielen Schlechten, dessen Urheber sie sind, in
manchen Gegenden der Erde segensreich wirkten, so dass das Untergehen
ihrer Missionen zu beklagen ist, wie zum Beispiel in Sdamerika, an den
Ufern des Amazonenstroms und des Orinoko.

Das Missionswesen, wie es von Katholiken und Protestanten betrieben
wurde und zum Teil noch betrieben wird, ist ein an der Menschheit
begangenes himmelschreiendes Unrecht, welches ich ein Verbrechen nennen
wrde, wenn ihm nicht, groenteils wenigstens, ehrlich-dummer
Glaubenseifer zu Grunde lge. Die protestantischen Missionare, besonders
diejenigen, welche von dem puritanischen England auszogen, haben vor den
Mnchen nur allein das voraus, dass ihr Fanatismus weniger blutig war.
Die Bewohner der Freundschaftsinseln lieferten die schlagendste
Illustration zu dieser Behauptung, die jedem in die Augen fallen muss,
der die Schilderungen der dort lebenden Indianer vor und nach Einfhrung
des Christentums liest. - Mnner wie Dr. Livingstone sind unter den
Missionaren sehr selten. Er und die wenigen ihm gleichgesinnten Mnner
sind ein Segen fr die Menschheit; allein ihr gelutertes Christentum
wrde wenige Gnade finden vor den Augen der Inquisition oder selbst vor
orthodoxen englischen Christen. Ich nenne hier Dr. Livingstone und die
ihm gleichgesinnten Mnner, da es ein bitteres Unrecht sein wrde, sie
in den Tadel einzuschlieen, der den grten Teil derjenigen trifft,
welche sich wie sie "Missionare" nannten und nennen.

Den Mnchen verdanken wir, sagen die Klosterverteidiger weiter, die
Erhaltung der Kunst und der Wissenschaft, wie auch die der meisten alten
Klassiker. Daran ist allerdings etwas Wahres, und besonders erwarben
sich die Benediktiner Verdienste in dieser Beziehung; aber eine andere
Frage ist es, ob sich nicht ganz ohne Mnche, ja ganz ohne Christentum,
Knste und Wissenschaften weit frhzeitiger und herrlicher entfaltet
haben wrden.

Die alten Griechen dienen uns noch heute in manchen Zweigen der Kunst
als unerreichbare Muster und sind jemals die Wissenschaften unter der
Herrschaft der rmischen Kirche so ins Volk gedrungen wie bei ihnen? -
Alle die herrlichen Resultate, welche sie erzielten, erreichten sie ohne
Christentum, ohne Mnche, und eine Tatsache ist es, dass die
Wissenschaften in Europa erst anfingen, recht aufzublhen, als das
Mnchsleben anfing abzusterben. Ja noch mehr, sind nicht noch heutzutage
die Heimatlnder der Pfaffen und Klster in Bezug auf Wissenschaften so
gut wie Null?

In der Malerei, Bildhauerkunst und Baukunst leisteten die Mnche noch
das meiste; allein, welch krasse Geschmacklosigkeit herrscht nicht in
den mnchischen Erzeugnissen der erstgenannten Knste. Einige technische
Fertigkeit mochten sie allenfalls erlangen; aber bei der Komposition der
Gemlde wie der Skulpturen war ihnen berall ihre Unwissenheit im Wege,
und sie brachten Dinge hervor, die an Abgeschmacktheit nicht
ihresgleichen finden. Wer alte Gemlde gesehen hat, besonders solche,
die aus Mnchshnden hervorgingen, wird mir recht geben.

Von den unendlich vielen Beispielen mnchischer Geschmacklosigkeit und
Borniertheit, wie sie sich in Gemlden uert, nur zwei. In Erfurt
befand - oder befindet sich vielleicht noch - ein Gemlde, welches die
Transsubstantiation verherrlichen soll. Die vier Evangelisten werfen
kleine Papierchen in eine Handmhle, und auf den Zetteln liest man die
Worte: "Das ist mein Leib." Die vier groen Kirchenlehrer halten einen
Kelch unter, und das Jesulein fhrt geschroten aus der Mhle in den
Kelch.

An einem anderen Ort befindet sich eine Darstellung von dem Opfer
Abrahams. Isaak kniet klglich auf dem Holzsto, und sein Vater setzt
ihm eine Pistole auf die Brust. Der Hahn ist gespannt, und man sieht,
der Erzjude will eben abdrcken; man zittert, aber oben in den Wolken
schwebt schon der Erretter, ein Engel, der so geschickt aus der Hhe
herunterpisst, dass durch sein heiliges Wasser das Pulver auf der Pfanne
nass und dadurch Isaak gerettet wird.

Es wrde mich zu weit fhren, wollte ich den Einfluss des mnchischen
Christentums auf die Malerei und Kunst berhaupt weiter ausfhren; ich
berlasse das den unbefangenen Fachmnnern und begnge mich damit, auf
die in den Museen aufgehngten Erzeugnisse hinzuweisen, welche dieser
Religionsanschauung ihr Dasein verdanken. Es ist gewiss viel relativ
Herrliches darunter; allein man vergleiche es mit den Werken, die aus
einer Zeit und von Knstlern stammen, die sich von dem eigentlichen
rmischen Christentum emanzipiert haben.

Den Mnchen verdanken wir auch die Schauspiele, rufen die
Klosterfreunde. - Nun, auf diesen Ruhm werden die frommen Mnner,
welchen die Schauspiele ein Gruel sind, eben nicht besonders stolz
sein; allein die Sache hat ihre Richtigkeit. Unsere Schauspiele gingen
allmhlich aus den sogenannten Mysterien hervor, welche in den Klstern
aufgefhrt wurden; aber Shakespeare, Lessing, Schiller, Goethe und
Konsorten, welche die rein christlichen Vorbilder verlieen und sich zu
viel mit den Schauspielen der alten Heiden beschftigten, haben sie
vollkommen verpfuscht!

In diesen Klosterschauspielen erreicht die Mnchsdummheit ihren
Gipfelpunkt, und wer einmal recht von Herzen lachen will, der suche sich
dergleichen Machwerke zu verschaffen, und wer das nicht kann, der lese
das vortreffliche Werk von Karl Julius Weber, Die Mncherei . Der
treffliche Mann ist tot; aber wenn er sich noch um die Erde bekmmern
sollte, wrde er sich gewiss freuen, dass ich in diesem Buch mir seine
fabelhafte Belesenheit zunutze machte.

Ein Lieblingsthema der Mnche scheint die Schpfung gewesen zu sein,
denn sie wurde sehr oft dargestellt, und hchst erbaulich ist es, wenn
Gott, der im Schlafrock mit Brille und Percke erscheint, von Adam auf
den Knien darum gebeten wird - erschaffen zu werden.

In einem dreiaktigen "Passionsspiel", welches 1782 unter dem Titel "Die
Sndflut" in Ingolstadt aufgefhrt wurde, klagt Gottvater ber das
sndige Leben der Menschen:

    Ist das, o Mensch!das Leben dein!
    Der Henker soll Gottvater sein,
    Es tut mich bis in Tod verdrieen,
    dass ich Euch Schweng'l hab' machen mssen.

Neptun und Alus bieten nun Gott ihre Dienste an, das sndige Geschlecht
zu vertilgen, und ersterer sagt hchst rgerlich:

    Tut lnger Ihr so barmherzig sein,
    So schlagens uns noch in d'Fressen 'nein,
    Ein Exempel msst Ihr statuieren,
    Sonst tun's einem noch ins Haus hofieren.

Endlich ist die Arche fertig und zum Abfahren bereit. Der Engel trinkt
mit Noah eine Flasche Wein; dieser geht endlich in die Arche, der Engel
schiebt den Riegel vor, und nun geht das Donnerwetter, das Regnen und
der Sturm los, dass die Menschen in der Luft herumfliegen.

Als endlich die Geschichte zu Ende ist und Noah opfert, spricht Gott:

    Potz Element, was riecht so s?
    Das ist zu meiner Ehre gewiss.
    Zum Zeichen, wie ich dir gewogen,
    Nimm um den Hals den Regenbogen.

Fama posaunt dies nach allen vier Winden in einer herrlichen Arie aus:

    Das bleibt der Welt nun immer kund,
    Geschlossen ist der Gnadenbund.
    Pum, Pum, Pumpidipum, Pum!

In einer Passionskomdie, die in einem schwbischen Kloster aufgefhrt
wurde, tritt Judas zu den versammelten Pharisern:

    Judas   Gelobt sei Jesus Christ, Ihr lieben Herrn!
    Phar.   In Ewigkeit! Judas, was ist dein Begehr'n?
    Judas   Ich will Euch verraten Jesum Christ,
            Der fr uns am Kreuz gestorben ist.

Grerer Unsinn kann wohl nicht leicht in vier Zeilen gesagt werden!

Besonders stark in derartigen Schauspielen waren die Jesuiten; wenn sie
sich auch von solchen plumpen Dummheiten frei hielten; so ersetzten sie
dieselben reichlich durch mehr innerliche. Ein sehr schnes, originelles
Stck ist des Paters Sautter "Genius der Liebe", und ein Theaterdirektor
knnte heutzutage sein Glck machen, wenn er diese brillante Oper, mit
Offenbachscher Musik, auf die Bhne brchte.

Heilige Jungfrauen (aus meinem zweiten Kapitel) bringen dem Genius
"Gaben der Liebe" in goldenen Schalen. Der Genius singt:

    Genius          Nun! was bringt mir, liebe Brute,
                    Euer Galantismus heute?

    St. Luzia       Herr! dir zum sen Augenschmaus
                    Stach ich mir selbst die Augen aus.

    St. Euphemia    Fr dich, o Herr, zur Morgengab',
                    Schnitt ich mir Nas' und Lefzen ab.

    St. Apollonia   Viel weier als das Elfenbein
                    Siehst du hier Zhne, Jesus mein!

    St. Magdalena   Ich bringe dir zum Opfer dar
                    Meine schne blonde Haar;
                    Nimm auch von mir verschreiten Musch
                    Den roten und den weien Tusch.

    Chor            Pupillen,
                    Mamillen
                    Und Zhne schneewei!
                    Jungfrulich Haar',
                    Nasen und Lefzen und mehr solche War'
                    Steh'n, heilige Liebe, hier alle dir preis!

Die Prozessionen sind auch eine Erfindung der Mnche, und ihr seltsamer
Geschmack verwandelte sie in die seltsamsten, abenteuerlichsten und
lcherlichsten Possenspiele. Besonders bunt und toll waren die am
Karfreitag und am Fronleichnamsfest. Alle Personen aus dem Alten und
Neuen Testament erschienen in entsprechendem Kostm - natrlich nach
mnchischer Anordnung und Angabe - im Zuge. Wie im wilden Heer wirbelte
der tollste Maskenzug, Menschen und Tiere durcheinander, die Strae
entlang. Jede Gruppe sang ihr eigenes Lied, und dem Zuschauer wurde ganz
schwindlig dabei. Nahm er aber nicht andchtig den Hut ab oder
unterstand er sich gar, ber den tollen Spuk zu lachen, dann konnte es
ihm leicht sehr bel ergehen, denn die Geistlichen ermahnten selbst von
der Kanzel herab, die Sptter zu zchtigen.

Noch unter Karl Theodor von Bayern predigte der Karmeliter F. Damascenus
in Mnchen: "Liebe Christen, morgen ist Prozession. Ihr werdet da an
vielen Fenstern Freimaurer und Freidenker sehen, - Unchristen, die
unsrer spotten. Waffnet Euch mit dem Eifer des Herrn, greifet nach
Steinen und werfet sie nach ihnen." - Anstatt den Eiferer zu bestrafen,
lie ihm Karl Theodor sein Wohlgefallen an seinem Eifer zu erkennen
geben! -

Diese Prozessionen endeten gar hufig mit Liederlichkeiten und
Saufereien, wenn sie nicht schon damit begannen. Engel, Apostel und
Teufel soffen sich gemeinschaftlich voll, und der Bauernlmmel, der
Christus vorstellte und der gewhnlich der Dmmste war, kam meistens
betrunken ans Kreuz und fing an zu extemporieren. Ein solcher Christus,
den ein nicht ganz klar sehender Ritter Longinus mit der Lanze in der
Seite kitzelte, anstatt die mit Blut gefllte Schweinsblase zu treffen,
schrie ganz erbost: "Hol mich der Teufel, Arm und Bein schlag ich dir
entzwei, wenn ich herunterkomme!"

Es kamen noch weit unanstndigere und lcherliche Szenen bei dieser
Kreuzigung vor, die ich aber weglassen muss, weil sie zu sehr an die
Zote streifen. - Wre ich ein Pfaffe oder ein Frommer, so msste ich mit
einem Seufzer meine Augen zum Himmel aufschlagen und an diesen
"Missbrauch des Heiligsten" meine salbungsvollen Redensarten knpfen;
ich mache aber nicht den geringsten Anspruch darauf, von irgend jemand
fr einen "frommen Christen" gehalten zu werden, und muss ehrlich
gestehen, dass mich diese Sachen weit mehr amsieren als empren.

Da wir aber nun einmal bei der spahaften Seite der Mncherei sind, die
ich bei der Charakteristik derselben nicht unbercksichtigt lassen
durfte, so mgen diejenigen Leser, welche sich vielleicht daran rgern,
diesen Kelch auf einmal leeren. Ich will es brigens kurz machen, obwohl
dieses Thema ein besonderes Buch verdiente.

Wer htte nicht schon von den berhmten Predigten des Paters Abraham a
Sancta Clara gehrt! Sie sind in einer neuen Auflage zum Amsement der
Ketzer erschienen, und ich will mich daher nicht lange bei ihnen
aufhalten, da sie jedem zugnglich sind.

Diese Predigten, welche oft die originellsten und seltsamsten Vergleiche
und Wendungen enthalten, hatten seinerzeit auf das Volk eine groe
Wirkung. In seinem Eifer brachte er oft die seltsamsten Dinge vor, wovon
der Schluss einer Predigt ber den Ehebruch als Probe dienen mag: "Ja,
ja! es gibt so verdorbene Mnner, dass sie diesem Laster nachrennen und
wenn sie zu Hause die schnsten Frauen haben! Wie gern wrden wir, was
uns betrifft, die Stelle dieser Mnner vertreten!"

In hnlicher Art, aber noch derber und oft unfltig, predigte in der
Mitte des 16. Jahrhunderts der Pater Cornelius Adriansen zu Brgge in
Flandern, wo er in dem zu jener Zeit herrschenden groen
Revolutionskrieg eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Er sprach, was
ihm gerade in den Mund kam, und das war dann hufig sehr derb
niederlndisch.

Einst verglich er des Himmels Sigkeit mit - Hammelfleisch und weien
Rben, welches Gericht er wahrscheinlich sehr gern a. Der Rat der Stadt
konnte es ihm nie recht machen, und er schimpfte ber ihn ganz
ffentlich von der Kanzel, so dass ihm endlich das Predigen untersagt
wurde. Eine Rede gegen diesen Rat schloss er mit einer neuen
Beschuldigung und bereitete auf dieselbe mit den Worten vor: "Nun noch
eine Klette an seinen Hintern!" - Diesen Pater Cornelius werden wir im
nchsten Kapitel genauer kennenlernen, wenn ich von dem Missbrauch des
Beichtstuhls rede.

Noch populrer und einflussreicher als Cornelius und Abraham a Sancta
Clara bte der kurz vor der Revolution in Neapel verstorbene Pater Rocco
aus. Dieser sagte dem Knig Ferdinand die derbsten Wahrheiten, und man
durfte ihn nicht hindern, denn in seiner Hand lag das Schicksal Neapels.
Alle Lazzaroni zitterten, wenn er den Mund auftat und niemand wagte eine
Miene zu verziehen, wenn er auch die lcherlichsten Dinge vorbrachte.

Einst jagte er einen Marktschreier von seiner Bhne herab, trat an seine
Stelle, hielt das Kreuz in die Hhe und rief mit Donnerstimme. "Dies ist
der wahre Policinello!" Alles zitterte und er hielt den Ehebrecherinnen
eine furchtbare Strafpredigt ber den seltsamen Text: "und Alexanders
Bucephalus lie niemand aufsitzen als seinen Herrn und bertraf die
Menschen an Tugend."

"Ich will sehen," sprach er, "ob eure Snden Euch leid sind. - Wem es
mit der Bue Ernst ist, der hebe die Hand in die Hhe." - Alle Hnde
reckten sich in die Hhe. - "Nun, heiliger Michael, der du mit deinem
Flammenschwert am Thron des Ewigen stehst, haue alle die Hnde ab, die
sich in Heuchelei erheben!" - und alle Hnde sanken wie mit einem
Schlage herunter. Nun aber begann Rocco eine furchtbare Strafpredigt und
schloss dieselbe mit Erzhlung einer Vision oder eines Traumes, in
welcher er durch eine Abtrittsffnung tief, tief hinuntergesehen auf
eine ungeheure Schar von Lazzaronis, die der Teufel sich alle hinten
hineingesteckt habe in eine ffnung, die so gro gewesen sei wie der See
Agnano.

Die rmische Kirche zhlt unter ihren Mnchspredigern so viele
originelle Leute, dass ich nur einige wenige anfhren kann. - Ein
Kapuziner hatte sich von einem anderen eine Passionspredigt machen
lassen; sie schloss: "Und Christus verschied." Dieser Schluss schien dem
Pater doch gar zu drftig, und er fgte noch schnell hinzu: "Nun, Gott
sei dem armen Snder gndig!"

Der Liebling des Wrzburger Publikums am Ende des vorigen Jahrhunderts
und einer der grten Feinde der Aufklrung war der achtzigjhrige
Kapuziner Pater Winter. Eine Rosenkranzpredigt schloss er einst mit
folgender Frage: "Wer sind die Neuerer?" - sehr lange spannende Pause 
"Esel sind sie, Amen!"

Ein Franziskaner hielt 1782 bei Einkleidung einer Nonne zu Gmnd eine
Predigt, die von ganz Deutschland mit vielem Lachen gelesen wurde.
Besonders komisch ist der Schluss: "Nun, geistliche Braut, seien Sie ein
junger Affe, der seiner Mutter, der wrdigen Frau Oberin, alles nachfft
- ffen Sie nach dem alten Affen in Tugenden, Kasteiungen und Buwerken,
- ffe nach, du junger Affe, ihre Keuschheit, Demut, Geduld und
Auferbaulichkeit! - Und Sie, wrdige Oberin! gleichen Sie dem alten
Bren, der ein ungelecktes Stck Fleisch so lange leckt, bis es die
Gestalt eines jungen Bren hat; - lecke, du alter Br, gegenwrtiges
geistliches Stck Fleisch so lange, bis es dir vollkommen hnlich ist; -
lecke du auch dein ganzes Konvent, samt allen Kost- und
Klosterfruleins! - Lecke, du alter Br, die smtliche Familie der
geistlichen Braut und alle hier in dem Herrn Versammelten; - zuletzt
lecke auch mich, damit wir alle wohlgeleckt und gereinigt den Gipfel der
Vollkommenheit erreichen mgen. Amen!"

Eines der originellsten Predigertalente war aber wohl der sogenannte
Wiesenpater zu Ismaning in Bayern, der vor hundert Jahren lebte. Seine
Rosenkranzpredigt: "Der heilige Rosenkranz ber'waltigt d'Hllenschanz"
und seine Schwanzpredigt sind hchst komisch. Die Letztere sollte
bewirken, dass die Bauernburschen sich nicht mehr, wie sie zu tun
pflegten, Sauschwanz schimpften, sondern beim Namen nannten. In ihr
kommt folgende Stelle vor: "Warum, meine Christen, ist gewachsen dem
Hund sein Schwanzerl? Dem Hund sein Schwanzerl ist gewachsen, damit er
wedle und wackle, dass ihm nicht fahren die Mucken ins Loch. - Wir
Geistlichen sind aber die wahren Schwanzerl, wir mssen wedeln und
wackeln, damit nicht fahren die Seelen der glubigen Christen ins Loch
des Teufels!"

Wenn nun auch einzelne Sptter ber solche Mnchspredigten lachten, so
waren sie doch von Wirkung auf das Volk und dem Bildungsgrad derselben
angemessen. Wre dies nicht der Fall gewesen, so htte Luther gewiss
nicht in derselben Weise gepredigt. Einst predigte er ber die letzte
Posaune: "So geht es in die Feldschlacht; man schlgt die Trommel und
blst die Trompete Tara-tan-ta-ra! - man macht ein Feldgeschrei Her!
Her! Her! - der Hauptmann ruft Hui-Hui-Hui! Bei Sodom und Gomorrha waren
die Trompete und Posaune Gottes, da ging es
Pumperlepump-Plitz-Platz-Schein! - Schmier! Denn wenn Gott donnert, so
lautete es schier wie eine Pauke Pumperlepump - das ist das Feldgeschrei
und die Taran-tan-tara Gottes, dass der ganze Himmel und alle Luft wird
gehen Kir-Kir-Pumperlepump!" - Nun denke man sich dazu die Gebrden des
heftigen Mannes und bewundere die Zuhrer, welche zitterten und bebten
und nicht lachten!

Von den evangelischen, protestantischen, lutherischen und anderen
nichtrmischen Predigern hrt man auch zuzeiten Unsinn, welcher dem
vorangefhrten nicht viel nachgibt. Ich kannte einen Garnisonsprediger
Ziehe in Berlin, der sehr hufig in Knittelversen predigte. Meistens
reden die Herren aber langweilen Unsinn.

Htten die Mnche weiter nichts getan als schlechte Schauspiele
aufgefhrt und verrckte Predigten gehalten, dann knnte man ihnen ihr
Dasein allenfalls verzeihen, allein sie bten einen unendlich
unheilvollen Einfluss dadurch, dass sie sich der Erziehung des Volks
bemchtigten und ber die Schule hinaus demselben Laster einimpften, die
in den Klostermauern ausgebrtet wurden und in denselben die grten
Schandtaten und Niedertrchtigkeiten hervorbrachten, die in der "Welt"
sicher sehr selten vorkommen und dann mit den hrtesten und
entehrendsten Strafen, die das Gesetz vorschreibt, bestraft werden.

Wer von den Klostergeistlichen nichts weiter kennt als ihre
Lcherlichkeiten, der ist gar leicht geneigt, sie fr harmlose Dummkpfe
zu halten; wer aber tiefer in das Klosterleben hineinsieht, der entsetzt
sich vor der Bosheit und Verworfenheit dieser "frommen" Herren, die in
echt rmisch-katholischen Lndern noch heute den grten Einfluss haben.

Mnche zu Lehrern des Volkes zu machen, ist das schwerste und
verderblichste Unrecht, welches man an demselben begehen kann und
unbegreiflich bleibt es, dass die Erfahrungen von Jahrhunderten darber
noch nicht gengend aufgeklrt haben und dass in vielen Lndern Europas
das Schulwesen mit dem Mnchswesen auf das engste verbunden und selbst
in protestantischen Lndern von der Kirche abhngig gemacht worden ist.

Das pedantische Pennalwesen, welches noch heutzutage selbst in vielen -
protestantischen Schulen, besonders in England, herrscht, ist die Folge
der Mnchsschulen, wo die Kinder auf die schauderhafteste Weise
behandelt wurden.

Man sollte es kaum fr mglich halten, dass die preuische Regierung
noch am Anfang dieses Jahrhunderts den Trappisten, den
allerwahnsinnigsten Mnchen, die es gab, die Erlaubnis erteilte, zu
Bieren und Walda im Paderbornischen Schulen zu errichten!

Diese fanatischen, bornierten Mnche bernahmen junge Leute, ja Kinder
beiderlei Geschlechts von drei bis vier Jahren - zur Erziehung! Der Abt
reiste berall selbst umher, leichtglubige Eltern zu verfhren, ihm
ihre armen Kinderchen zu bergeben. Auf diese Weise wurden Hunderte
dieser unglcklichen Opfer zusammengeschleppt. Es wre ihnen besser
gewesen, man htte sie gleich bei der Geburt erstickt! - Die Mtter
wren wahnsinnig geworden, htten sie gesehen, wie die Trappisten mit
den unschuldigen Kindern umgingen. Die Schilderung, welche ein
Augenzeuge davon machte, wendet einem nicht ganz gefhllosen Menschen
das Herz im Leibe herum!

Die Kinder, meistens im Alter von vier bis zehn Jahren, lebten in
dsteren Zellen, deren ganzes Gert ein Strohsack, ein Totenkopf, Spaten
und Hacke war, womit sie ihre Kartoffelfelder bearbeiteten, die sie
nebst Wasser und Brot nhrten. Sie waren gekleidet wie die Trappisten
und mussten ganz ebenso leben wir ihre Lehrer. Sie durften nicht reden
und die ganze Anstalt glich einem Taubstummen-Institut. Wenn solch ein
armes Kind zur Unzeit sprach, lachte, a oder sonst einen kleinen Fehler
beging, wurde es bis aufs Blut gegeielt . Fortwhrend Prgel, gewrzt
durch etwas Latein, das war die ganze Erziehung, denn alle anderen
Wissenschaften wurden verachtet.

Es konnte nicht ausbleiben, dass viele der Kinder durch die Flucht sich
dieser barbarischen Behandlung zu entziehen suchten; allein die armen
Geschpfe wurden leicht wieder eingefangen, und die frchterlichsten
Strafen schreckten von ferneren Fluchtversuchen ab. Klagen konnten die
rmsten niemandem, denn die Eltern durften ihre Kinder nicht sprechen,
und diese waren bis zum 21. Jahr Eigentum des Klosters!

Die Folge davon war, dass eine groe Menge der Kinder krank oder
wahnsinnig wurden. Es kamen Gerchte davon unter das Volk, und der
Ex-Jesuit Le Clerc schrieb ffentlich gegen diese Kindermordanstalt.
Seine Stimme fand Gehr, und Friedrich Wilhelm III. von Preuen machte
der Scheulichkeit ein Ende.

Aber nicht alle Frsten denken so vernnftig, und wir sehen in anderen
Staaten Klster und Klosterschulen in hchster Blte. Die Mnche
trachten danach, ihre Schler zu Mnchen oder doch mglichst
mnchhnlich zu machen, und in der hchsten Vollkommenheit zeigen sich
diese Bestrebungen bei der Erziehung der Novizen, weshalb ich einiges
darber sagen will.

Climakus spricht: "Es ist besser gegen Gott sndigen als gegen seinen
Prior." Das erste Gesetz in einem Kloster ist unbedingter Gehorsam, und
deshalb trachtet man denn auch vor allen Dingen danach, Geist und Krper
in Fesseln zu legen. Ein Novize darf gar keinen Willen haben; er muss
auf den Wink der frommen Vter oder des Novizenmeisters aufpassen wie
ein Pudel in der Dressur. Er muss auf Befehl krank und gesund sein, sich
in Wasser oder Feuer strzen und die unsinnigsten Dinge vornehmen, wenn
sie ihm geheien werden.

Die Novizen sind die Hofnarren der Patres und mssen sich alle Ausbrche
ihrer guten oder bsen Laune gefallen lassen. Diese nehmen mit ihren
Zglingen die allerverrcktesten Dinge vor, um sie "an Gehorsam und
Demut zu gewhnen".

Die Novizen mussten zum Beispiel manchmal, mit schweren Reitstiefeln
angetan, auf einem Bein um den Tisch hpfen oder ein Dutzend Purzelbume
schlagen, so gut sie es konnten. Dann wurde ihnen wieder befohlen,
Fischeier oder Salz in die Erde zu sen, oder man spannte sie an einen
Wagen und lie sie einen Strohhalm oder eine Feder spazieren fahren.

Kapuziner haben ihren Novizen Heu und Stroh vorgesetzt oder sie aus
Sautrgen essen lassen. Ein Vergngen, welches sie sich oftmals machten,
war, dass sie auf dem Fuboden einen Strich mit Kreide zogen und nun den
Novizen befahlen, diesen aufzulecken. Das war an und fr sich schon arg
genug; aber berdies zogen sie den Strich absichtlich ber den Speichel,
womit sie die Dielen zu verzieren pflegten.

Oft lie man die armen Dulder auch exerzieren. Es wurde ihnen ein alter
Kessel ber den Kopf gestlpt, ein Bratspie oder ein Flederwisch an die
Seite gesteckt und eine Bratpfanne als Gewehr ber die Schulter gelegt.

Wehe dem Unglcklichen, der es wagte, die Miene zu verziehen oder sich
gar Worte des Widerspruchs zu erlauben; ihn erwarteten strenge Strafen.
Wenn ein Novize vielleicht beim Gesang zu frh einfiel oder die Tr zu
heftig zuwarf, etwas fallen lie und dergleichen, so war dies eine culpa
levis, und man strafte ihn damit, dass man ihn, auf den Knien liegend,
mit ausgestreckten Armen ein langes Gebet sprechen lie oder indem er
einen Finger in die Erde steckte, was man Bohnenpflanzen nannte.

Eine culpa media war es, wenn es der Novize unterlie, dem Obern die
Hand oder den Grtel zu kssen, oder verga, sich vor dem
Allerheiligsten, wenn es vorbeigetragen wurde, zu verneigen oder wenn er
ohne Erlaubnis auslief. Fr solche Vergehen musste er hungern oder mit
seinem Grtel um den Hals an der bloen Erde essen.

Ging er "ohne geistliche Waffen", das heit ohne Rock, Skapulier und
Grtel zu Bette; besa er irgend etwas als Eigentum; schrieb er Briefe
oder opponierte sich gar gegen Obere, dann beging er eine culpa gravis
und wurde mit entsetzlichen Hieben, Fasten und Einsperrung bestraft.

Eine culpa gravissima aber war es, wenn er einen anderen geschlagen,
verwundet oder gar gettet oder wenn man den Novizen auf wiederholter
Unkeuschheit ertappt hatte oder wenn er den Versuch machte, aus dem
Kloster zu entweichen. Diese Verbrechen wurden nach den Umstnden oder
nach der Laune der Obern mit einjhriger Einsperrung bei Wasser und Brot
oder auch mit tglicher Geielung und ewigem Gefngnis bestraft.

Und was fr Gefngnisse waren es, in welchen die rmsten oft wegen
geringer Vergehen jahrelang sitzen mussten. Pater Franz Sebastian
Ammann, der Benediktinerstudent im Kloster Fischingen und dann Guardian
(Vorsteher) mehrerer Klster in der Schweiz gewesen war und dem wir die
interessantesten und abschreckendsten Aufschlsse ber das jetzige
Klosterleben verdanken, beschreibt auch den im Kapuzinerkloster auf dem
Wesamlin bei Luzern befindlichen Kerker (Custodie). Er liegt an einem
feuchten und grauenhaften Ort, ist von dicken Balken aufgefhrt, mit
zwei Tren und einem kleinen stark vergitterten Fenster versehen und
inwendig ungefhr 12 Fu lang, 6 breit und ebenso hoch. Da er nicht
heizbar ist, so hat hier schon mancher durch Klte und schlechte Nahrung
sein Leben eingebt. Wie mgen nun erst dergleichen Lcher im
Mittelalter beschaffen gewesen sein.

Die gewhnliche Beschftigung der Novizen war sehr dazu geeignet, den
Menschen in ihnen zum Vieh herabzuwrdigen. Ihre wissenschaftlichen
Studien bestanden darin, dass sie aszetische Schriften oder das Brevier
lesen mussten, woraus allerdings sehr viel Weisheit zu holen war! - Dann
mussten sie sich im Schweigen und im Niederschlagen der Augen, kurz, in
der Heuchelei ben. Wer zu unrechter Zeit den Mund auftat, musste eine
Zeitlang ein Pferdegebiss im Mund tragen, und wer seine Augen zu viel
umherschweifen lie, erhielt ein Brille oder Scheuklappen.

Ferner war es das Geschft der Novizen, zu luten, die Treppen, Gnge,
ja selbst die Abtritte zu fegen. Wer verschlief, der musste mit der
Matratze oder mit dem Nachttopf am Hals erscheinen oder im Sarg
schlafen. - Holz, Licht und Wasser herbeizuholen, gehrte ebenfalls zu
ihren Verrichtungen, und auerdem mussten sie noch im Chor singen bis
zur uersten krperlichen Erschpfung.

Dabei fehlte es nicht an allerlei Kreuzigungen des Fleisches. Sie
mussten in der grten Hitze drsten, bis sie fast verschmachteten; den
Absplicht der Geschirre als Suppe essen oder, wenn sie hungrig waren,
mit jedem Lffel voll Speise eine Leiter hinaufsteigen und durften ihn
erst dann in den Mund stecken, wenn sie oben angelangt und noch etwas
darin war.

Zu Meran in Tirol musste 1747 an einem Fest ein Kapuziner-Noviz - er war
der Sohn eines Grafen - drei Stunden lang gebunden an einem Kreuze
hngen und fortwhrend rufen: "Erbarmen mir groem Snder!" - Er hatte
einen Krug zerbrochen! Fischingen, in welchem der oben genannte
ehemalige Guardian Ammann von seinem siebten bis vierzehnten Jahr war,
stand in dem Rufe, eines der sittenreinsten und vorzglichsten Klster
der Schweiz zu sein, und welche Nichtswrdigkeiten gingen hier vor!

(ffnet die Augen, Ihr Klsterverteidiger u.s.w. von F. S. Ammann. 7.
Aufl. Bern, bei C. A. Jenni Sohn, 1841. Ein hchst lesenswertes
Schriftchen, welches nur wenige Groschen kostet)

Die liederlichen Patres lebten untereinander wie Hund und Katze und
einer suchten den anderen auf jede Weise zu schaden. Ammann wurde von
einem seiner Lehrer so lange mit einem schweren Lineal auf die
Fingerspitzen geschlagen, bis Blut herausspritzte und die Hnde ganz
dick geschwollen waren. Dann musste er in einem offenen Gange mitten im
Winter zwei Stunden lang auf dem Ziegelboden sitzen; und warum? - Weil
er von einem andern Lehrer nichts Bses zu sagen wusste! - Mnche sind
nur eins in ihrem Hass gegen die Weltgeistlichen, aber diese werden von
ihnen grndlich gehasst.

Ein von dem ehemaligen Benediktiner zu Rom Raffaeli Cocci, 1846 (bei
Pierer in Altenburg) verffentlichtes Buch enthlt ber die Novizen und
ber die Klosterverhltnisse so entsetzliche Tatsachen, dass sich beim
Lesen derselben die Haare struben. Der Unglckliche wurde durch seine
von den Geistlichen ganz umgarnten Eltern gezwungen, ins Kloster zu
gehen und hatte hier Schreckliches zu leiden, bis es ihm endlich 1842
gelang, nach England zu fliehen, wo er wohl noch lebt.

Interessant ist zu beobachten, wie den Knaben schon von Jugend auf unter
dem Schleier der Religion der bitterste Hass gegen die Protestanten in
das Herz gepflanzt wird. Diese, lehrte man, beteten den Mammon als Gott
an und glaubten nicht an Christus; tglich kmen bei ihnen Flle vor, wo
einer den anderen totschlge; die Rmisch-Katholischen, die in ihre
Lnder kommen, wrden zum Tode verurteilt; sie htten keine Gesetze,
sondern lebten fortwhrend in einem anarchischen Zustand.

Wenn ein Novize Vernunft zeigte, dann war es um ihn getan: er hatte die
entsetzlichsten Qualen zu erdulden. Man wandte die uersten Mittel an,
den rebellischen Geist des Knaben durch Einwirkungen auf die Sinne zu
brechen, was bei vielen zum Wahnsinn fhrte. Cocci fand einst nach einer
schrecklichen Predigt in seiner Zelle ein grinsendes Totengerippe und
ein anderes Mal ein scheuliches Gemlde des Jngsten Gerichts, welches
mit vielen Lichtern beleuchtet war. Wenn solche Mittel nicht fruchten
wollten, dann folgten die grausamsten Geielungen.

Weiter unten, wenn ich von den Folgen des Zlibats in den Klstern rede,
wird sich zeigen, welchen schndlichen Verfhrungen die unter Leitung
der Mnche stehenden Knaben ausgesetzt sind, und ein jeder Vater wird
daraus erkennen knnen, wie hchst gefhrlich es fr seine Kinder ist,
wenn er diese in Klosterschulen unterrichten lsst.

Welche Vorteile kann auch diesen Gefahren fr die Sittlichkeit gegenber
die Erziehung durch Geistliche gewhren! Der grte Teil derselben,
mgen sie nun Katholiken, Lutheraner oder Reformierte heien, sind
beschrnkt und diejenigen, die es nicht sind, mssen so scheinen, da
ihre Existenz davon abhngt. Die unter ihrer Leitung erzogenen Knaben
saugen von Jugend auf eine Menge falscher Ansichten und Vorurteile ein,
die sie dann ihr ganzes Leben lang wie eine Sklavenkette mit sich
herumschleppen und die ihnen vielfach an ihrem Fortkommen hinderlich
sind. Man nehme die Erziehung aus den Hnden der Geistlichen und trenne
die Kirche durchaus von der Schule; ehe das nicht geschieht, werden wir
nicht Mnner erziehen, welche den Anforderungen des gegenwrtigen
Jahrhunderts entsprechen.

Ich erwhnte oben, dass die Novizen fr geringe Vergehen grausam
gegeielt wurden, und muss einiges ber das Geieln berhaupt sagen, da
es eine ganz auerordentlich groe Rolle in der rmischen Kirche und
besonders in den Klstern spielt. Ich habe einen ganzen Band ber das
Geieln geschrieben, und andere haben es vor mir getan, aber dennoch den
Gegenstand nur oberflchlich behandeln mssen, da er in der Tat zu
reichhaltig ist, um in einem Band erschpft werden zu knnen. Hier muss
ich mich vollends nur auf wenige und fragmentarische Angaben
beschrnken.

Schon unter den Christen der ersten Jahrhunderte gewann der Gedanke
Raum, dass es verdienstlich und zur Erlangung der Seligkeit frderlich
sei, sich Entbehrungen und krperliche Qualen freiwillig aufzuerlegen.
Der Gedanke lag nahe, sich diese durch selbst erteilte Schlge zu
verursachen, und wir finden daher schon frhzeitig unter den Christen
Selbstgeiler, besonders unter den Mnchen. In den Statuten vieler
Klster heit es darber: "Wenn die Mnche die Geielung an sich selbst
ausben, so sollen sie sich an Christus, ihren liebenswrdigsten Herrn,
erinnern, wie er an die Sule gebunden und gegeielt ward, und sollen
sich bemhen, wenigstens einige geringe von den unaussprechlichen
Schmerzen und Leiden selbst zu erfahren, welche er erdulden musste." -

Andere Grnde fr die Selbstgeielung waren, dass man dadurch sein
Gewissen beruhigte, wenn man eine Snde begangen hatte, und als durch
die Pfaffen der Glaube aufkam, dass man durch diese oder jene von ihnen
auferlegte Pnitenz sich entsndigen knne, so lag der Gedanke nahe,
dass dies durch selbst gegebene Schlge geschehen knne. Ein weiterer
Grund dafr war auch der, dass man dadurch die "Anfechtungen des
Fleisches" besiegen wollte.

Allmhlich wurde die freiwillige Geielung als Bumittel immer
beliebter. Es bildeten sich besondere Gebruche dabei und das Verhltnis
zwischen Snde und Hiebe wurde festgestellt. Besondere Bubcher
bestimmten, durch welche Strafen gewisse Snden gebt werden knnten.
Geielhiebe wurden gleichsam die Scheidemnze der Bue besonders fr
diejenigen, welche der rmischen Kirche keine anderen Mnzen zahlen
konnten.

In der Mitte des 11. Jahrhunderts gab es in Italien einige Mnner,
welche im Selbstgeieln Unerhrtes leisteten. Sie geielten sich nicht
nur fr ihre Snden, sondern bernahmen auch die Bue fr die Snden
anderer.

Von den vielen Geielhelden will ich nur den berhmtesten anfhren. Es
war dies der Mnch Dominikus der Gepanzerte, welchen Namen er erhielt,
weil er bestndig, auer wenn er sich geielte, einen eisernen Panzer
auf dem bloen Leibe trug, Petrus de Damiani, der Kardinalbischof von
Ostia, war Abt des Benediktinerklosters zu Fonte-Avallana, in welchem
Dominikus lebte. Er erzhlt:

"Kaum vergeht ein Tag, ohne dass er mit Geielbesen in beiden Hnden
zwei Psalter hindurch seinen nackten Leib schlgt, und dieses in den
gewhnlichen Zeiten, denn in den Fasten oder wenn er eine Bue zu
vollbringen hat (oft hat er eine Bue von hundert Jahren bernommen),
vollendet er hufig unter Geielschlgen wenigstens drei Psalter. Eine
Bue von hundert Jahren wird aber, wie wir von ihm selbst gelernt haben,
so erfllt: Da dreitausend Geielschlge nach unserer Regel ein Jahr
Bue ausmachen und, wie es oft erprobt ist, bei dem Hersingen von zehn
Psalmen hundert Hiebe stattfinden, so ergeben sich fr die Disziplin
eines Psalters fnf Jahre Bue, und wer zwanzig Psalter mit der
Disziplin *) absingt, kann berzeugt sein, hundert Jahre Bue vollbracht
zu haben. Doch bertrifft auch darin unser Dominikus die meisten, da er
als ein wahrer Schmerzenssohn, da andere mit einer Hand die Disziplin
ausben, mit beiden Hnden unermdet die Lste des widerspenstigen
Fleisches bekmpft. Jene Bue von hundert Jahren vollendete er aber, wie
er mir selbst gestanden hat, ganz bequem in sechs Tagen." - Er gab sich
also nach dem angegebenen Mastab (3000 fr ein Jahr) whrend dieser
sechs Tage 300.000 Hiebe. Er musste sich also tglich sieben Stunden
geieln und in jeder Sekunde zwei Hiebe geben, was angeht, da er sich
mit beiden Hnden geielte.

---- *) Ursprnglich bedeutet dieses Wort alle Strafen und Zchtigungen;
als aber die Disziplin durch Geieln ber jede andere Art den Preis
davontrug, wurde das Wort Disziplin der technische Ausdruck, womit man
diese Art Zchtigungen bezeichnete, und endlich nannte man selbst das
Instrument, welches zum Schlagen gebraucht wurde, die Disziplin. ----

Welchen Anblick mag der Krper dieses Geielhelden dargeboten haben,
denn schon beim achten Psalter war das Gesicht zerschlagen, voller
Striemen und blau und braun. Der Krper Dominikus', erzhlt Damiani mit
Stolz, habe ausgesehen wie die Kruter, welche der Apotheker zu einer
Ptisane zerstoen habe!

Es entstand unter den Frommen Streit darber, ob man sich beim Geieln
entkleiden solle oder nicht, und ferner, ob Schlge auf Rcken und
Schultern oder auf den Hintern der Gesundheit weniger nachteilig oder
dem Himmel angenehmer seien. Die ganze geielnde Welt teilte sich in
zwei Parteien; die eine zog die obere Disziplin vor (disciplina supra,
oder im besten Mnchslatein secundum supra), die andere die untere
Disziplin (disciplina deorsum, secundum sub.). Die Gegner der unteren
Disziplin sagen, sie verstoe gegen die Schamhaftigkeit, und der Abb
Boileau sagt in seinem berhmten Werk darber: "Der hl. Gregorius von
Nyssa lobt in seiner kanonischen Epistel den Gebrauch, die toten Krper
zu vergraben, welches man seiner Meinung nach tue, damit die Schande der
menschlichen Natur nicht dem Sonnenlicht ausgesetzt werde. - Aber ist es
bei der verdorbenen Natur nicht weit schamloser und niedertrchtiger,
beim Lichte der Sonne die Lenden junger Mdchen und ihre, obwohl der
Religion geweihten, nichtsdestoweniger wunderschnen Schenkel zu zeigen
als einen bloen und entstellten Leichnam?"

Trotzdem fand die untere Disziplin bei den Frauen den meisten Beifall,
und die medizinischen Grnde des gelehrten Abb Boileau, die ich
hierhersetze, machten wenig Eindruck; - im Gegenteil.

"Wenn man ein bel flieht", sagt der Abb, "so muss man wohl achtgeben,
dass man nicht unklugerweise in das entgegengesetzte rennt und dass man,
nach dem lateinischen Sprichwort, um die Szylla zu vermeiden, nicht in
die Charybdis gert. Wenigstens ist die Geielung der Lenden umso viel
gefhrlicher, als die Krankheiten des Geistes mehr zu frchten sind als
die des Krpers. Die Anatomen bemerken, dass die Lenden sich bis zu den
drei ueren Muskeln der Hinterbecken erstrecken, dem groen, dem
mittleren und dem kleinen, so dass darin drei Zwischenmuskeln enthalten
sind oder ein einzelner, welchen man den dreikpfigen Muskel nennt oder
den triceps, weil er an drei Orten des os pubis beginnt, an dem oberen
Teil nmlich, an dem mittleren und dem inneren. Hieraus folgt nun ganz
notwendig, dass, wenn die Lendenmuskeln mit Ruten- oder Peitschenhieben
getroffen werden, die Lebensgeister mit Heftigkeit gegen das os pubis
zurckgestoen werden und unkeusche Bewegungen erregen. Diese Eindrcke
gehen sogleich in das Gehirn ber, malen hier lebhafte Bilder verbotener
Freuden, bezaubern durch ihre trgerischen Reize den Verstand, und die
Keuschheit liegt in den letzten Zgen.

Man kann nicht daran zweifeln, dass die Natur auf dieselbe Weise
verfhrt, weil es auer den Nierenblut-, Samen- und Fettadern (veines
emulgentes, spermatiques et adipeuses) noch zwei andere gibt, welche man
Lendenadern nennt und die sich zwischen dem Rckgrat, zu beiden Seiten
des Rckenmarkes, befinden und vom Gehirn einen Teil der
Samenbestandteile herfhren, so dass diese durch die Heftigkeit der
Peitschenhiebe erhitzte Materie sich in die Teile strzt, welche zur
Fortpflanzung dienen und durch den Kitzel und den Sto des os pubis zur
rohen fleischlichen Lust anreizen."

Diese hier erwhnten Folgen der untern Disziplin - die wir Mttern zur
Beachtung empfehlen - waren entweder ihren Anhngern nicht bekannt oder
wurden von ihnen nicht gefrchtet, indem sie es, so knstlich zu
fleischlicher Lust aufgeregt, vielleicht fr umso verdienstlicher
hielten, ihr "Fleisch" zu besiegen. Wie die Herren Jesuiten auf diese
Wirkung spekulierten, werden wir im letzten Kapitel sehen.

Die Kirche wollte lange Zeit hindurch das Geieln nicht als eine
Notwendigkeit anerkennen; allein die Gegner desselben unterlagen, und
das Selbstgeieln sowohl als das Geieln als Strafe wurde allgemein und
mit einem Fanatismus betrieben, der in unserer Zeit vllig unbegreiflich
ist. Der heilige Antonius von Padua kann die Geielmode nicht genug
loben; aber der heilige Franziskus nennt ihn ein "Rindvieh", und ich
will dem Heiligen umso weniger widersprechen, als dieses heilige
Rindvieh der Urheber der Geielprozessionen *) wurde, aus denen die
Geilerbrderschaften hervorgingen, die Jahrzehnte hindurch eine groe
Rolle in der rmischen Kirche spielten.

---- *) Wer sich ber den rmisch-katholischen Wahnsinn nher
unterrichten will, lese "Die christlichen Geilergesellschaften" von Dr.
G. G. Frstemann, oder l'Histoire des Flagelans von Thiers, oder den
zweiten Teil der Histr. Denkmale des christl. Fanatismus, die Geiler,
von Corvin. ----

Das Geieln fand unter den frommen Frauen besonders viele Anhnger und
wurde in den Nonnenklstern besonders mit Leidenschaft getrieben. ber
den Grund will ich mir weiter keine Untersuchungen gestatten, sondern
nur den Verdacht aussprechen, dass der triceps und das os pubis mehr mit
dieser Leidenschaft zu tun hatten als die Religion und als die armen
Frauen selbst ahnten.

Die Karmeliter hatten eine ziemlich vernnftige Regel, bis sie unter die
Herrschaft der heiligen Therese kamen; dieselbe, welche den Mnchen
buchstblich die Hosen auszog und diese ihren Nonnen anzog. In den
Regeln, die sie gab, spielte die Selbstgeielung eine Hauptrolle.
Whrend der Fasten besonders geielten sich manche ihrer Mnche und
Nonnen drei- bis viermal tglich, ja sogar whrend der Nacht.

Das Kloster zu Pastrana war eine freiwillige Marteranstalt. Eine Zelle
war gleichsam das Geielzeughaus. Hier waren alle nur mglichen
Geielinstrumente angehuft, und jeder Novize hatte das Recht, sich
dasjenige Folterwerkzeug auszusuchen, welches ihm fr seine Bue am
passendsten schien. - Eine beliebte Art der Selbstqulerei war das
sogenannte Ecce homo. Sie wurde gewhnlich in Gesellschaft vorgenommen.
Die bubedrftigen Brder stellten sich im Refektorium auf. Einer trat
nun aus der Reihe heraus. Er war nackt bis zum Grtel und sein Gesicht
mit Asche bedeckt. Unter dem linken Arm schleppte er ein schweres
hlzernes Kreuz und auf dem Kopf trug er eine Dornenkrone, in der
rechten Hand hatte er eine Geiel. So ging er mehrmals im Refektorium
auf und nieder, peitschte sich fortwhrend und sagte mit klglicher
Stimme einige besonders zu dieser Gelegenheit verfasste Gebete her. -
War er fertig, dann folgten die andern Brder.

Der Karmeliterorden hat berhmte Geielhelden und -heldinnen
hervorgebracht, und ich erinnere nur an die heilige Therese und an die
heilige Katharina von Cardone, von denen ich schon im Kapitel von den
Heiligen weitlufiger gesprochen habe. Die Letztere brauchte zum Geieln
Ketten mit Hkchen oder eine gewhnliche Geiel, in welche sie Nadeln
und Ngel steckte oder sie mit Dornenzweigen durchflochten hatte. Mit
solchen grsslichen Werkzeugen geielte sie sich oft zwei bis drei
Stunden lang.

Maria Magdalena von Pazzi, eine Karmeliternonne zu Florenz, erlangte
durch ihre Selbstqulerei und mehr noch durch die Folgen derselben einen
hohen Ruf. Sie war 1566 in Florenz geboren und die Tochter angesehener
Eltern. Schon als Kind hatte sie eine Leidenschaft fr das Geieln, und
als sie siebzehn Jahre alt war, nahm sie den Schleier. Es war ihre
grte Freude, wenn die Priorin ihr die Hnde auf den Rcken binden lie
und sie in Gegenwart smtlicher Schwestern mit eigener Hand auf die
bloen Lenden geielte.

Diese schon von Jugend auf vorgenommenen Geielungen hatten ihr
Nervensystem ganz und gar zerrttet, und keine Heilige hat so hufig
Entzckungen gehabt. Whrend derselben hatte sie es besonders mit der
Liebe zu tun und schwatzte darber das wunderlichste Zeug. Der
himmlische Brutigam erschien ihr sehr hufig, und sie sah ihn in allen
mglichen Lagen. Einst blieb sie, das Kruzifix in der Hand, sechzehn
Stunden lang in Betrachtungen ber das Leiden Christi versunken und sah
im Geiste eine der Martern nach der anderen, welche er erduldet hatte.
Dieser Anblick rhrte sie so sehr, dass sie Strme von Trnen vergoss
und ihr Bette davon so nass wurde, als ob es in Wasser getaucht worden
wre. Dann fiel sie in Ohnmacht, blass wie der Tod, und blieb eine lange
Zeit ohne Bewegung liegen.

In diese Entzckungen verfiel sie gewhnlich, nachdem sie das Abendmahl
genommen hatte oder wenn sie sich in die Betrachtung eines heiligen
Ausspruchs vertiefte. Besonders geschah das, wenn sie ber ihren
Lieblingstext nachdachte; dieser war: Und das Wort ward Fleisch. Einst
geriet sie dabei in eine Verzckung, welche von abends fnf Uhr bis zum
anderen Morgen dauerte. Whrend derselben rief sie pltzlich aus: "Das
ewige Wort ist in dem Schoe des Vaters unermesslich gro; aber in
Mariens Scho ist es nur ein Pnktchen. - Deine Gre ist unergrndlich
und Deine Weisheit unerforschlich, mein ser, liebenswrdiger Jesus!"

Das innere Feuer drohte- sie zu verzehren, und hufig schrie sie: "Es
ist genug, mein Jesus! Entflamme nicht strker diese Flamme, die mich
verzehrt! - Nicht diese Todesart ist es, die sich die Braut des
gekreuzigten Gottes wnscht; sie ist mit allzu vielen Vergngungen und
Seligkeiten verbunden!"

So steigerte sich ihr Zustand von einer Stufe des Wahnsinns zur anderen,
und endlich bildete sie sich ein, frmlich mit Christus vermhlt zu sein
und sowohl von ihm wie von ihrem Schwiegervater und dessen Adjutanten,
dem Heiligen Geist, Visiten zu erhalten. Die Hysterie erreichte den
hchsten Grad, und "der Geist der Unreinheit" blies ihr die
wollstigsten und ppigsten Phantasien ein, so dass sie mehrmals nahe
daran war, ihre Keuschheit zu verlieren. Aber die Qualen, denen sie sich
nach solchen Versuchungen unterzog, waren entsetzlich. Sie ging in den
Holzstall, band einen Haufen Dornengestruch los und wlzte sich so
lange darauf, bis sie am ganzen Krper blutete und der Teufel der
Unzucht sie verlassen hatte. So ging es fort, bis endlich der
barmherzige Tod ihren Qualen ein Ende machte. Die arme Wahnsinnige wurde
natrlich heilig gesprochen.

Die unendlich vielen Abarten des Zisterzienserordens haben sich im
Punkte des Selbstgeielns sehr ausgezeichnet, allein von ihnen keine so
sehr wie die Trappisten. Sogar Mnche nannten den Stifter dieses
Klosters zu La Trappe den "Scharfrichter der Religisen". Der Orden war
durch die Revolution sehr herabgekommen, aber Karl X. nahm ihn unter
seinen besonderen Schutz, und von 1814-1827 zhlte man in Frankreich
nicht weniger als 600 Nonnenklster dieses Ordens. Die Geiel war hier
an der Tagesordnung, und Mademoiselle Adelaide de Bourbon, die
Beschtzerin dieser Klster, wie auch die alternde Frau von Genslis,
geielten sich von Zeit zu Zeit mit den Nonnen in frommer Andacht.

Die Krone der Zisterzienser ist aber die hochgepriesene Mutter Passidea
von Siena, von der ich schon frher erzhlte, dass sie es fr
verdienstlich hielt, sich wie einen Schinken in den Rauch zu hngen. Im
Geieln leistete sie Dinge, welche selbst Dominikus den Gepanzerten mit
Neid erfllt haben wrden. Die natrliche Folge des unmigen Geielns
war ebenfalls ein dem Wahnsinn nahekommender Zustand, in welchem ihr
Christus erschien. Das Blut floss aus seinen Wunden, er streckte ihr die
Arme entgegen und rief mit zrtlicher Stimme: "Schmecke, meine Tochter,
schmecke!" -

Elisabeth von Genton geriet durch das Geieln frmlich in bacchantische
Wut, was aber die Pfaffen heilige Verzckung nannten. Am meisten raste
sie, wenn sie, durch ungewhnliche Geielung aufgeregt, mit Gott
vereinigt zu sein glaubte, den sie sich als einen schnen nackten Mann
und in bestndigem Brutigamstaumel mit seiner irdischen Geliebten
dachte. Dieser Zustand des Entzckens war so berschwnglich beglckend,
dass sie hufig in den Ausruf ausbrach: "O Gott! o Liebe, o unendliche
Liebe! o Liebe! o Ihr Kreaturen, rufet doch alle mit mir: Liebe! Liebe!"
-

Ich knnte die Zahl solcher Beispiele unendlich vermehren: allein, ich
halte es fr berflssig, da die Wirkungen so ziemlich berall dieselben
waren.

Dass das Geieln unter den Strafen die Hauptrolle spielte, kann man sich
nach dem Gesagten wohl denken. Die Klosterregel der Heiligen Therese ist
so reichlich mit Geielverordnungen gespickt, dass manches Kloster,
welches derselben folgte, ein eigenes Magazin fr Ruten haben musste.

Die beschuhten oder graduierten Karmeliter, die sich viel mit dem
Studieren beschftigten und deshalb einige Vorrechte genossen, erhielten
dennoch trotz ihrer Gelehrsamkeit bei den kleinsten Vergehen Prgel. Am
allerhrtesten wurden aber die Vergehen mit hbschen Klosterfrauen
bestraft, besonders ein mit denselben begangenes Verbrechen, welches
zwar nicht genannt, aber in dem Orden sehr hufig vorgekommen sein muss.
Schon auf den bloen Verdacht hin, dasselbe begangen zu haben, wurde ein
Mnch, ohne Hoffnung auf Milderung oder Barmherzigkeit zu haben, mit
ewigem Gefngnis bestraft, und zwar: um dort erbrmlich geqult zu
werden, wie der Beisatz in den Statuten lautet.

Nicht so streng scheint man indessen dergleichen Vergehen genommen zu
haben, wenn sie mit nichtgeistlichen Frauen begangen wurden, und die
Mnche trugen Sorge, dass solche in der Nhe waren. Besonders scheinen
die Weiber der Klosterdiener, die in den Wirtschaftsgebuden, der
sogenannten Vorstadt, wohnten, eine groe Anziehungskraft fr die
heiligen Vter gehabt zu haben, und einen besonderen Wert hatten
diejenigen Weiber, welche keine Kinder bekamen oder in der
Klostersprache "steriles" (Unfruchtbare) waren. - Der bekannte
Schriftsteller Karl Julius Weber wohnte einst einer Unterhaltung bei,
welche ein Domherr mit seiner Kchin hatte, die von ihm einen hheren
Lohn forderte. Der Domherr wollte nicht einsehen, warum sie mehr
verlange als eine andere; allein sie machte ihre Vorzge geltend und
rief mit Selbstgefhl: "Ja, ich bin aber auch eine Sterelise!"

Der Orden von Fontevrauld war ein kurioser Orden. In dem Kloster lebten
Mnche und Nonnen zusammen, die oft beieinander schlafen mussten, um
Versuchungen gewaltsamerweise und einzig zu dem Zwecke herbeizufhren,
sie desto glorreicher zu berwinden. Die Regel dieses Ordens fand so
viele Liebhaberinnen, dass nicht selten zwei- bis dreitausend Nonnen im
Kloster waren. Da die Schwangerschaften gar zu hufig vorkamen, musste
die Zucht etwas strenger eingerichtet werden.

Dieses Kloster zu Fontevrauld oder Eberardsbrunnen hatte fnfzig
Mnchsklster unter sich. Besonders zahlreich war aber die Zahl der
Novizen im Stammhaus, und meistens fhrten hier frstliche oder andere
vornehme Damen das Regiment, denn dieser Orden hatte das Eigentmliche,
dass hier das mnnliche Geschlecht dem weiblichen untergeben war.

Das Geieln an einem jungen Frater oder Novizen war fr die Damen ein
Hauptvergngen und wurde hchsteigenhndig vollzogen und am liebsten der
"unteren Disziplin" der Vorzug gegeben. Oft lieen sich beide Teile -
Mnche und Nonnen - zusammen disziplinieren; die Nonnen vom Beichtvater
und die Mnche von der btissin.

Die verbesserten Regeln des Zisterzienserordens waren besonders beim
weiblichen Geschlecht mit dem Geieln sehr freigebig. War eine Nonne
gestorben, dann mussten die Schwestern sich noch viele Wochen lang zum
Heil der Seele der Toten den Hintern zerhauen. Dies Geieln zum Heil der
armen im Fegefeuer schwitzenden Seelen fand in vielen Nonnenklstern
statt, und auch in Leyden, wie uns der gelehrte aber etwas derbe Marnix
Herr von St. Aedegonde in seinem "Bienenkorb" folgendermaen erzhlt:

"Noch vber alle dise heylsame hlffmittel, haben die liebe andchtige
Schwestern zu Leyden in Holland, vnd in allen Regularissenklstern, noch
etwas gefunden, das sehr artig ist. Den zwischen Remigy und aller
Heyligentag, nachdem man die Vigilien von neun Lektionen sehr andchtig
hat gesungen, so geht jhre Frau Mater inn eyn finster Kellerlein, mit
eyner Ruten inn der hand, ynnd da kommen die Schwesterlein, eyne vor,
die ander nach, mit dem hintern bloshaupts, ja etliche auch wol gantz
Mutternackend, vnnd legen sich fr sie, vnnd empfangen die selige
Disziplin oder zchtigung fr die Seelen im Fegfeuer. Dann als manchmal
sie zehen streich empfangen, so manche Seelen fliegen knapp in schnapps
dem Himmel zu, wie die Ke in eyn Musloch. Ist das nicht kstlich Ding,
mit Nonnenrssen die Seelen aufplasen? Ei der krfftigen Nonnenfrz,
welche so feine Blablg inns Fegfeuer geben! Ich denk, die andern
Nonnen, Beginen vnnd Schwestern werdens jnen auch nach thun mssen, vnnd
solls allein wolstandshalben geschehen; auch das es der Pater oftmals
thun muss, wann kein Mater vorhanden ist; denn malet schon der Mller
mit bei tag, so versiehts doch die Mllerin bei nacht."

Sebastian Ammann, der Ex-Prior der Kapuziner, den ich schon frher
erwhnte, gibt eine Beschreibung davon, wie die Geielung noch in
gegenwrtiger Zeit in den Kapuzinerklstern angewandt wird. Ich fhre es
hier nur an, damit die Leser nicht glauben, dass, was ich erzhlte, nur
dem "finsteren Mittelalter" angehre.

"Die Geiel ist ein Instrument, aus Eisendraht geflochten, ungefhr vier
Schuh lang; ein Teil davon, den man beim Schlagen um die Hand windet,
ist einfach, derjenige aber, mit dem man auf den Leib schlgt, fnffach
geflochten und an den fnf Enden gewhnlich mit eisernen Zacken
versehen. Die Geielung geschieht bei den Kapuzinern auf zweierlei Art.
Im Chor nachts bei der Mette heben sie die Kutten auf und klopfen sich
auf den bloen Stei, bis der Obere ein Zeichen zum Aufhren gibt. Da
sie keine Hosen tragen, so geht die Szene schnell auf das Kommando vor
sich. In dem Speisezimmer, wo die Geielung am hellen Tage im Angesicht
aller Konventualen vor sich geht, pflegt sie auf folgende Weise zu
geschehen. Derjenige, welchem die Strafe zuteil wird, muss, bevor er zu
Tische geht, das wollene Hemd (Schweibltz) und die leinene Schrze
(Mutande), die unter der Kutte getragen werden, ausziehen und so mit den
anderen sich zum Tischgebet einstellen. Nach diesem gehen alle brigen
zu Tisch; der Strfling aber wirft sich auf die Knie, legt die Geiel
vor sich hin auf den Boden, fasst mit beiden Hnden die Kapuze und zieht
sich die Kutte ber den Kopf aus, legt dieselbe vor seine Brust hin, so
dass der vordere Leib bedeckt, der hintere aber ganz nackt ist. In
dieser Lage hlt er mit der linken Hand die Kutte und in der rechten die
Geiel.

Auf ein Zeichen, das ihm der Obere gibt, beginnt er laut Bupsalmen, das
Miserere, De profundis und lateinische Gebete zu sprechen und schlgt
sich so lange auf den nackten Rcken ber die Achseln, bis der Obere
zufrieden ist und das Zeichen zum Aufhren gibt. Zwickt sich der
Pnitent mit der Geiel nicht heftig genug, so lsst ihn der Guardian
lnger beten und zuschlagen. - Wer noch nicht alles Schamgefhl verloren
hat wie ergraute Kapuziner, der unterzieht sich dieser Operation gewiss
ungern. Dass diese schamlose Handlung Anlass zu der naturwidrigsten
Unzucht gegeben hat, knnte ich jedem mannigfach beweisen, der daran
zweifeln sollte." -

Die Folgen des Zlibats zeigten sich bei den Mnchen auf eine noch
widerlichere Weise als bei den Weltgeistlichen, die durch ihren Verkehr
mit den Menschen doch noch Gelegenheit fanden, den mchtigen
Geschlechtstrieb auf natrliche Weise zu befriedigen. Die strenge Zucht
in vielen Klstern erschwerte dies aber den Mnchen sehr, und so nahmen
denn bei ihnen die unnatrlichen Laster auf eine schaudererregende Weise
berhand. Die zahlreichen Verbote, keine weiblichen Tiere in
Mnchsklstern und keine Schohndchen in Nonnenklstern zu leiden,
sprachen laut genug dafr, welche Wege der unterdrckte Geschlechtstrieb
aufsuchte.

Das asketische Leben, die schwchende Dit und der hufige Genuss der
Fische wie auch das Geieln trugen sehr viel dazu bei, den
"Fleischesteufel" mehr gegen die Mnche als gegen andere Menschenkinder
aufzureizen; und ich sehe eigentlich nicht ein, warum nicht statt des
Zlibatsgesetzes ein anderes gegeben wurde, welches alle Knaben, die
sich dem Klosterleben widmeten, zur Kastration verurteilt. Dann wrden
sie Ruhe haben und nicht durch fleischliche Anfechtungen in ihren
frommen Betrachtungen gestrt werden und das Familienleben durch ihre
Unsittlichkeit verpesten.

brigens ist der Gedanke kein Originalgedanke; es gab schon lngst vor
mir Leute, welche ihn praktisch ausfhrten. Der Ritter Bressant de la
Rouveraye, emprt ber die skandalse Prozession, welche zur Feier der
Bluthochzeit in Rom veranstaltet wurde, gelobte, alle Mnche zu
kombabisieren, die ihm in die Hnde fielen. Wie ein Indianer die Skalpe
seiner Feinde, so trug der grimmige Ritter die fr die Erfllung seines
Gelbdes zeugenden Trophen an seinem Wehrgehnge. - Iphauer Bauern,
welche das Kloster Birkling in der Grafschaft Kastell zerstrten, nahmen
an den erwischten Mnchen dieselbe Operation vor.

Die in den Klstern herrschende Sittenlosigkeit bertrifft die khnste
Phantasie. Um die Folgen derselben zu verbergen, wurden sehr hufig die
Mittelchen der Klosterapotheke in Anspruch genommen, und manches
gefallene Mdchen blieb durch ihre Hilfe in den Augen der Welt eine
reine Jungfer; aber auch mancher Ehemann verschwand durch sie.

Ammann kennt einen Pater, der einem Mdchen in Rapperswyl, das von ihm
schwanger gewesen sein soll, einen Trank zum Abtreiben gab. Der
Vorgesetzte war genau davon unterrichtet; aber er hielt es "zur Ehre der
Geistlichkeit" nicht fr angemessen, davon viel Aufhebens zu machen.

Mnche und Nonnen lebten in der innigsten Vertraulichkeit und schienen
der Ansicht, dass sie nur dazu geschaffen wren, sich einander zu
ergnzen. Bebel wollte ein Nonnenkloster kennen, in welchem nur eine
keusche Nonne gewesen, - die nmlich noch kein Kind gehabt hatte.

Das Kinderbekommen war die Schattenseite des Nonnenlebens, aber die
frommen Vestalinnen wussten sich zu helfen. Das Mittel war sehr einfach,
"zur Ehre der Geistlichkeit" wahrscheinlich brachten sie die Kinder um.
Bei Abbrechung des Klosters Mariakron fand man "in den heimlichen
Gemchern und sonst - Kinderkpfe, auch ganze Krperlein versteckt und
vergraben", und der Bischof Ullrich von Augsburg erzhlt, dass Gregor
I., der auch sehr fr das Zlibat eingenommen gewesen, davon
zurckgekommen sei, als einst aus einem Klosterteiche sechstausend
Kinderkpfe herausgefischt wurden. Das Wort des Bischofs mag fr diese
fast unglaublich klingende Tatsache brgen.

Als Kaiser Joseph II. diese Wiedehopfnester ausnahm, fragte er einen
Prior: "Wie stark sind sie?" - "Zweihundert, Ew. Majestt." - "Wie?" -
"Ja, Ew. Majestt, wir haben aber auch vier Nonnenklster zu versehen."
- Der Kaiser drehte dem offenherzigen Prior den Rcken zu, um sein
Lachen zu verbergen.

Die btissinnen waren aber auch fr ihre Freunde, die Mnche, auf das
liebevollste besorgt. Kranke Nonnen wurden nicht aufgenommen, ja nicht
einmal solche, welche einen belriechenden Atem hatten. Was dieser der
Heiligkeit fr Hindernisse in den Weg legen soll, kann ich nicht wohl
begreifen; allein fr die Unheiligkeit ist er hchst unbequem und bei
Eheleuten, wenn ich nicht irre, in manchen Lndern ein Grund zur
Scheidung.

Nichts ist possierlicher - erzhlt der Ex-Prior Ammann - als wenn sich
die Nonnen die krperlichen Gebrechen ihrer geliebten Patres vorwerfen.
Dies erinnert an andere keineswegs der Keuschheit geweihten Huser, und
viele Geschichtsschreiber aus der Zeit der ppstlichen "babylonischen
Gefangenschaft" sagen auch wirklich geradezu: "Von Nonnen kann man aus
Scham gar nicht sprechen; ihre Klster sind Hurenhuser, und ein
Mdchen, das den Schleier nimmt, tut dasselbe, als ob sie sich fr eine
Hure erklre."

Schon die Synode zu Rouen (um 650) sah sich gentigt, das Gesetz zu
erlassen: dass Nonnen, die mit Geistlichen oder Laien Unzucht getrieben,
durchgeprgelt und ins Gefngnis geworfen werden sollten.

Robert von Abrissel, der Stifter des oben erwhnten Klosters von
Fontevrauld, ein sehr heiliger Mann, brachte die Nchte bei Nonnen zu,
um seine Strke zu prfen in der Tugend der Enthaltsamkeit. Sehr
vernnftig war es von ihm, dass er sich zu dieser Probe nur die
allerschnsten Nonnen aussuchte. Siegte er, dann war sein Sieg umso
verdienstlicher, und unterlag er, nun, dann lohnte es doch auch der
Mhe.

Bebel, den ich schon mehrmals nannte, ist sehr reich an spahaften
Anekdoten von Mnchen und Nonnen. Zwei mgen hier einen Platz finden.

Ein Mnch, der in einem Nonnenkloster einkehrte, wurde von den Nonnen
auf das freundlichste aufgenommen und bewirtet. Er sprach so viel von
Tugendsinn, Gottesfurcht und Zchtigung, dass ihn die Nonnen fr ein
Muster der Enthaltsamkeit hielten und ihm sogar in ihrem eigenen
Schlafsaal ein Bett anwiesen.

Mitten in der Nacht fing der Mnch pltzlich an zu schreien: Ich mag
nicht! Ich mag nicht! Man kann sich denken, wie die Nnnchen die Ohren
spitzten und wie eifrig sie herbeiliefen, um sich nach der Ursache des
sehr verdchtig klingenden Ausrufs zu erkundigen.

Der Schalk erzhlte ihnen nun, dass ihm eine Stimme vom Himmel befohlen
habe, sich zu der jngsten Nonne ins Bett zu legen, denn sie beide wren
dazu ausersehen, einen Bischof hervorzubringen; er aber wolle nicht.

Die frommen Nonnen waren hocherfreut, wussten ihn zum Gehorsam gegen
Gottes Stimme zu bekehren und fhrten ihn endlich an das Bett der
glcklichen Schwester. Als diese einiges Bedenken fand, erklrten sich
sogleich alle brigen bereit, ihre Stelle zu vertreten, so dass sie sich
bestimmen lie und den Mnch zu sich nahm. -

Das Resultat war aber - eine Tochter! Diese konnte freilich nicht
Bischof werden; und als man den Mnch zur Rede stellte, schob er den
missratenen Bischof darauf, dass die Nonne nicht freiwillig gekommen
wre.

Einen hnlichen Streich spielte den Nonnen der Pfrtner ihres Klosters,
welcher den sonderbaren Namen Omnis mundus fhrte. Whrend einer Nacht
kroch er in die Feueresse und brllte durch ein groes Rohr in den Kamin
ihres Schlafsaals: "O Ihr Nonnen, hrt das Wort Gottes!" Die Nonnen
zitterten und zagten; als sie aber in der nchsten Nacht wieder dieselbe
Stimme hrten, fielen sie alle nieder, denn sie meinten, ein Engel
sprche zu ihnen, und sangen: "O Engel Gottes, verknde uns deinen
Willen!"

Die Antwort lie nicht lange auf sich warten; sie lautete: "Haec est
voluntas Domini ut Omnis mundus inclinet vel suppont vos!" - Was
bedeutet dieser Orakelspruch? fragten sich die Nonnen und kamen bald
dahin berein, dass der Pfrtner Omnis mundus bei ihnen schlafe, woraus
wohl ein Bischof oder gar ein Papst entstehen sollte.

Der schlaue Pfrtner wurde gerufen. Er fgte sich, und die btissin,
welche zuerst mit ihm allein blieb, sang beim Hinausgehen: "Wie freut
mich das, was mir gesagt worden ist." - Nun kam die Priorin an die
Reihe. Diese sang: "Herr Gott, dich loben wir!" Die dritte Schwester:
"Der Gerechte wird sich im Herrn freuen", und die vierte: "Lasset uns
alle frhlich sein."

Aber nun hatte das Latein des Pfrtners ein Ende, und als er davonlief,
schrien ihm die brigen Nonnen nach: "Wann erhalten wir denn nun den
Ablass!" (Die Einfhrung der erzwungenen Priesterehelosigkeit usw. von
Theiner, Bd. 2, S. 108.)

Aber nicht immer kam ein reisender Mnch, der angenehme Offenbarungen
hatte, und nicht jedes Kloster besa einen brauchbaren Pfrtner; aber
das Verlangen war da und wollte befriedigt sein. Viele behalfen sich so
gut es ging; aber was wollte das sagen? Einige verliebten sich in Jesus
und schwrmten so lange fr ihn, bis sie sich wirklich einbildeten oder
trumten, Besuche von ihm zu empfangen.

Die Nonne Armelle glaubte wirklich in der Seitenwunde Christi zu wohnen,
und Maria de la Coque erhielt gar von ihm die Erlaubnis, ihr Herz in das
seinige zu legen. Dann bekam sie es wieder; aber Christus riet ihr, wenn
sie von der Operation Seitenstechen empfinde, sich zur Ader zu lassen.

Andere, die nicht so schwrmerisch waren, beschftigten sich in ihren
Gedanken fortwhrend mit Mnnern, und als Abraham a St. Clara einst in
einem Nonnenkloster die Beichte hrte, gestanden ihm fast alle Nonnen,
dass sie von Hosen getrumt htten. - Der fromme Pater war nicht wenig
ergrimmt. "Was! Ihr wollt Brute Christi sein?" fuhr er sie an.
"Christus hatte keine Hosen; ist euer Brutigam ohne Hosen, und Ihr
denkt und trumt von Hosen? - Geht hin in das ewige Feuer, da werdet ihr
Hosen sehen, glhende, feurige Hosen, die Ihr werdet angreifen und damit
spielen mssen" usw.

Neben ihren Trumereien von Mnnern, Hosen und dergleichen
phantastischen Dingen verliebten sich die armen Nnnchen in Ermangelung
anderer Liebesgegenstnde ineinander. Grecourt erzhlt ein Geschichtchen
von zwei Nonnen, die ihre Reize bewundern und in ihrer Unschuld mit dem
Rosenkranz messen:

    - Eh bon Dieu! dit Sophie,
    Qui l'aurait cru? Vous l'avez, chre amie,
    Plus grand que moi d'un Ave Marie!

Die Nonnen waren berhaupt ein seltsames Vlkchen und der Mangel an
Mnnern brachte bei ihnen neben den beklagenswerten auch oft hchst
komische Wirkungen hervor.

In einem flandrischen Kloster fing pltzlich eine Nonne an, in ihrem
Bett hchst befremdliche Bewegungen zu machen. Das htte am Ende nichts
zu bedeuten gehabt: aber die Sache wurde ansteckend, und bald arbeiteten
die Nonnen smtlich des Nachts so heftig, dass die Bettstellen knackten.
Das sonderbare bel pflanzte sich in andere Klster fort und machte so
groes Aufsehen, dass die Geistlichkeit amtlich einschritt und mit
Weihkessel und Wedel in die Klster einrckte, um die Teufel aus den
Nonnen auszutreiben. Ob sie "die Teufel -  la Boccaccio - in die Hlle
schickten", davon meldet die Chronik nichts.

Im 15. Jahrhundert bekam eine deutsche Nonne den Einfall, eine andere zu
beien. Dieser gefiel der Spa, und sie biss wieder eine andere, bis das
Beien frmlich epidemisch wurde und sich mit rasender Schnelligkeit von
einem Nonnenkloster zum anderen verbreitete. Bald bissen sich alle
Klosterktzchen von der Ostsee bis nach Rom!

In einem franzsischen Kloster wurde es unter den Nonnen Mode, wie die
Katzen zu miauen, und die Sache nahm so berhand, dass es viel Skandal
gab. Alle Verbote fruchteten nichts, und das Miauen wurde immer rger.
Endlich erhielt eine Kompanie Soldaten den Befehl, diesen Katzenteufel
zu bannen, in ein Kloster zu rcken und eine der Klosterktzchen nach
der anderen ber die Knie zu legen und mit Ruten zu bearbeiten, bis
ihnen das Miauen verginge. Es verging ihnen aber schon von der bloen
Furcht, und die Exekution wurde berflssig.

Diese Nonnen, besonders wenn sie alt und garstig wurden, konnten aber
wahre Teufel sein, und ihr ganzer Hass traf die jungen und hbschen
Schwestern. Diese wurden mit Argusaugen bewacht, und wehe ihnen, wenn
sie auf dem Umgang mit einem Manne ertappt wurden. Dann vergaen jene
ihre eigene Jugend und begingen die emprendsten Grausamkeiten. Von den
unzhligen Beispielen will ich nur einige anfhren.

Im Kloster Wattum verliebte sich eine Nonne in einen Mnch. Solch Liebe
war selten platonisch, und diese war es auch nicht, denn die Nonne
fhlte sich schwanger. Sie verbarg ihre Lage, solange es irgend angehen
wollte, dann aber entdeckte sie sich ihren Mitschwestern. Das hatte ihr
ein bser Geist geraten, denn diese strzten ber sie her und
berhuften sie mit Schmhungen und Schimpfworten. Einige riefen, die
Verbrecherin zu schinden oder zu verbrennen; andere wollten, dass sie
auf glhende Kohlen gelegt werde!

Nachdem sich der erste Sturm gelegt hatte, lieen die erfahreneren
Nonnen sie in ein Gefngnis werfen und fesseln. Hier musste sie bei Brot
und Wasser unter fortwhrenden Misshandlungen liegen. Dem Mnche war es
gelungen, zu entfliehen.

Als die Stunde der Niederkunft heranrckte, bat das arme Geschpf
flehentlich, man mge sie aus dem Kloster entlassen, denn ihr Geliebter
habe ihr versprochen, sie mitzunehmen. Die Nonnen lockten ihr nun nach
und nach heraus, dass der Mnch sie auf erhaltene Nachricht an einer
bestimmten Stelle in der Nacht und in weltlichen Kleidern erwarten
wrde.

Diese Entdeckung war den Megren willkommen! Ein handfester Pater,
begleitet von einigen andern, begab sich, gehrig verschleiert und mit
einem Knittel versehen, an den bezeichneten Ort. Der Mnch wurde
ergriffen und im Triumph ins Kloster geschleppt. Hier erwartete ihn
seine Geliebte und ein grssliches Schicksal! Das arme Weib wurde von
den Nonnen gezwungen, ihren Geliebten zu entmannen! Dann wurde die
Unglckliche wieder in das Gefngnis geschleppt.

Das arme gequlte Geschpf schlief hier einst vom Fasten und Weinen
ermattet ein und trumte, oder glaubte zu trumen, dass ein Bischof mit
zwei Weibern zu ihr komme, und dass die letzten bald darauf mit ihrem in
glnzende Windeln gehllten Kind davongingen. Als sie wieder zu sich
kam, fhlte sie sich ihrer Brde entledigt. Die Nonnen untersuchten
hierauf ihre Brste, ihren ganzen Leib, berhrten und drckten alle
Teile desselben und fanden ihn weder irgendwo verletzt, noch eine Spur
von Ermordung des Kindes. Die Geschichte wurde nun fr ein Wunder
erklrt und als solches im Kloster bis auf spte Zeiten fr den
Neugierigen erzhlt. Dies trug sich in der Mitte des 12. Jahrhunderts in
England zu.

Doch wir brauchen nicht so weit zurckzugehen, denn noch weit rgere
Schndlichkeiten wurden von den Nonnen in neuerer Zeit begangen.

Am Ende des vorigen Jahrhunderts wurden in einem deutschen Staate die
Klster aufgehoben. Der mit der Regulierung dieser Angelegenheit
beauftragte Kommissarius hatte die Nonnen eines Karmeliterklosters
aufgefordert, dasselbe zu verlassen. Da seinem Befehl nicht Folge
geleistet wurde, so begab er sich selbst in das Kloster und wiederholte
der btissin und ihren geistlichen Tchtern den frstlichen Befehl.
Zugleich lie er sich die ntigen Nachweisungen und auch das
Personenverzeichnis geben. In diesem waren einundzwanzig Nonnen
angegeben; als er aber die Versammelten mit den Augen zhlend berlief,
konnte er immer nur zwanzig herausbekommen. Er zhlte noch einmal -
dasselbe Resultat.

Um sich unntze Mhe zu ersparen, rief er die Personen namentlich auf;
die Nonne Alberta fehlte. Auf die Frage des Kommissars, warum diese
nicht anwesend sei, konnte er deutlich bemerken, dass smtliche Nonnen
in groe Verlegenheit gerieten und die btissin mit dem Beichtvater sehr
seltsame Blicke wechselte. Dies veranlasste ihn, ernstlich auf das
persnliche Erscheinen der Nonne zu dringen.

Die btissin hatte sich unterdessen gefasst. Sie sagte, dass der
gegenwrtige Zustand der Nonne Alberta ihr persnliches Erscheinen
unmglich mache, da sie gefhrlich krank sei. Der Kommissar, der nun
einmal misstrauisch gemacht war und irgendeine Nichtswrdigkeit
vermutete, drang darauf, zur Kranken gefhrt zu werden, denn er wollte
sie sehen. Nach vielen Ausflchten rckte die btissin endlich mit dem
Gestndnis heraus, dass die Abwesende in so hohem Grade wahnsinnig sei,
dass sie gewiss niemanden erkennen und ein Besuch ganz nutzlos sein
wrde.

Das ganze eigentmliche und befremdende Benehmen der Nonnen, die blass
waren wie ein Tuch und so zitterten, dass sie sich kaum auf den Fen
halten konnten, veranlasste den Regierungsbeamten, nach den nheren
Umstnden der Krankheit zu forschen, und so erfuhr er denn, dass der
gegenwrtige Klosterarzt gar nichts von dem Wahnsinn der Nonne wisse.
Sein Vorgnger habe die Krankheit fr unheilbar erklrt, und zur Wahrung
der Ehre des Klosters habe man die Sache geheimgehalten. Seit acht
Jahren befinde sich die Nonne Alberta in einem beklagenswerten Zustand.
Nheren Aufschluss wollte ihm niemand geben. Der Regierungsbeamte hielt
es jedoch fr seine Pflicht, der Sache auf den Grund zu gehen, und nach
ernstlichen Drohungen lieen sich endlich zwei Nonnen dazu bewegen, ihn
zu Alberta zu fhren.

Sie leiteten ihn treppauf treppab durch eine Menge schmaler Gnge in
eine Art von Hintergebude, bis sie endlich wieder vor einer Treppe
stehenblieben. Der Kommissar wollte hinaufgehen, aber die Nonnen sagten
ihm, dass hier die Wohnung der Nonne Alberta sei. Er entdeckte jedoch
nichts, was nur entfernt einem Aufenthaltsort fr Menschen hnlich sah,
und war starr vor Erstaunen, als die Nonnen auf einen Bretterverschlag
unter der Treppe wiesen, in welchem sich selbst ein Hund elend gefhlt
haben wrde.

Aus diesem Verschlage trat ein groes, bleichgelbes Mdchen von etwa
fnfunddreiig Jahren hervor, mit bloen Fen und mit halbverfaulten
Lumpen nur notdrftig bekleidet. Die langen schwarzen Haare flatterten
unordentlich um ihren Kopf, und aus ihren tiefen Augenhhlen blitzte in
unheimlicher Glut ein dunkles Augenpaar, dessen Feuer weder Leiden noch
Trnen hatten erlschen knnen.

Die ganze Erscheinung erweckte das tiefste Mitleid. Mit herzzerreiendem
Gewimmer warf sich das arme Geschpf dem Kommissar zu Fen, umklammerte
seine Knie und bat, sie doch nicht wieder so entsetzlich zu geieln. Als
sie aber die teilnehmende Miene des tief erschtterten Mannes sah, bat
sie um Rettung und Befreiung.

Ihre Reden waren abgerissen und verwirrt, und man sah, dass die langen
Leiden den Geist dieses krftigen Mdchens gestrt hatten. Sie wurde
sogleich in das Refektorium gebracht, wohin sie nur ungern folgte, denn
der Anblick ihrer weiblichen Henker konnte sie nicht ermutigen. - Der
Kommissar befahl sogleich, dass ihr reinliche Kleidung und ein gutes
Bett gegeben wrden, und verlie am anderen Tage in der heftigsten
Entrstung das Kloster, nachdem er die Nonnen mit den schwersten Strafen
fr die geringste Misshandlung der Alberta bedroht hatte.

Bald darauf begab sich der Vizeprsident des damaligen Landeskollegiums,
Graf Th . . ., mit dem Kommissar in das Kloster. Die Lage des armen
Mdchens hatte sich aber leider wieder verndert und der Wahnsinn die
Oberhand gewonnen. Sie sprach ohne Zusammenhang und gebrauchte eine
Menge unfltiger Worte. Die Oberin und die Nonnen konnten ihre hmische
Schadenfreude nicht unterdrcken. Der Prsident, der dies bemerkte,
hielt den entarteten Weibsbildern eine Predigt, wie sie dieselbe wohl
noch niemals von einem ihrer geflligen Patres gehrt haben mochten und
die deshalb auch einen tiefen Eindruck machte. Dann stieg er mit Alberta
in einen bereitgehaltenen Mietwagen und brachte sie in zweckmige
Pflege.

Diese hatte auch einen guten Erfolg. Die krperliche Gesundheit kam
wieder; aber nun zeigte sich an ihr die Hysterie, welche wohl der
Hauptgrund ihres Wahnsinns gewesen sein mochte, in einem furchtbaren
Grade; ja, ihre Begierde nach Befriedigung des Geschlechtstriebes ging
so weit, dass sie die sich ihr nhernden Mnner mit Gewalt anpackte.

In den lichten Zwischenrumen gab sie Aufschluss ber ihre Geschichte.
Sie war aus Wrzburg, mitten im schnen Franken, wo ihr Vater ein
ziemlich bedeutender Weinhndler war. In seinem Hause waren die Pfaffen
willkommene Gste, und besonders hatten sich die barfigen Karmeliter,
die in der Stadt ein Kloster besaen, darin eingenistet.

Alberta war eine auffallende Schnheit. Wie es aber besonders schnen
Mdchen oft zu gehen pflegt, hatte sie keine Neigung zur Huslichkeit
und lie sich lieber von den Herren den Hof machen. Bald spann sie ein
Liebesverhltnis an, welches durch den Reiz des Geheimnisses noch
anziehender wurde und damit endete, dass sie ihre Jungfrulichkeit
einbte.

Ihre Eltern, welche noch mehrere Kinder hatten, waren mit ihr sehr
unzufrieden und wren sie gern aus dem Haus los gewesen. Unter solchen
Verhltnissen fand der Vorschlag der Karmeliter, Alberta in ein Kloster
zu schicken, bei ihnen bald Anklang. Alberta, leichtsinnig und bigott
dabei, lie sich durch Schmeicheleien und Drohungen bewegen, ihre
Einwilligung zu geben, und wurde in ein Kloster nach N-brg gebracht. Man
empfing sie dort freundlich und behandelte sie auch whrend des
Probejahres recht gut, denn ihr Vater hatte versprochen, das seiner
Tochter zukommende Vermgen an das Kloster zu zahlen.

Als sie aber das Gelbde abgelegt hatte und sich die Auszahlung des
versprochenen Geldes verzgerte, ja sogar die Aussicht bevorstand, dass
dieselbe niemals geschehen werde, da musste es Alberta ben, welche von
den Nonnen schon wegen ihrer Schnheit und ihrer Abneigung gegen alle
weiblichen Beschftigungen gehasst wurde.

Mit dem Zustand dieses Mdchens ging unterdessen eine traurige
Vernderung vor. Das einsame Leben in der Zelle und der Mangel an
teilnehmenden Umgebungen waren Veranlassung, dass sie fortwhrend an
ihren Geliebten dachte, von welchem sie durch Mnchskniffe getrennt
worden war. Die Phantasie verweilt so gern bei vergangenen Freuden,
besonders in trauriger Einsamkeit. Diese Phantasien nahmen aber bald
eine fr ihre Gesundheit bedenkliche Richtung. Sie hatte vom Baum der
Erkenntnis gegessen, und die vernderte Lebensweise trug sehr viel dazu
bei, ihre Sinnlichkeit aufzuregen.

Die Karmeliternonnen drfen kein Fleisch essen, und ihre Nahrung besteht
grtenteils aus stark gewrzten Mehlspeisen und Fischen, welche das
Blut erhitzen und der Keuschheit nichts weniger als zutrglich sind.
Alberta suchte ihre rebellischen Sinne durch Mittel zu besnftigen,
welche gerade das Gegenteil bewirkten, und wurde dadurch in einen
solchen Zustand versetzt, dass sie sich endlich gentigt sah, sich dem
Klosterarzt zu entdecken. Es war dazu fast zu spt, denn die Hysterie
hatte sich beinahe zur Mannestollheit (Nymphomanie) ausgebildet.

Vielleicht wurden die Andeutungen des hchst achtbaren Arztes
missverstanden; vielleicht reizte auch das Pikante der Sache den
Vorstand des mnnlichen Karmeliterhospiziums, kurz, er und die Oberin
kamen dahin berein, dass er versuchen solle, die Nonne zu kurieren. Er
musste der Oberin aber bald gestehen, dass er dieser Kur nicht gewachsen
sei und riet nun, es mit der Geiel und hufigem Fasten zu versuchen.

Aber das hie l ins Feuer gieen. Die arme Nonne ging bei diesem Kampf
mit ihren Sinnen fast unter, und die Oberin, anstatt aufs neue rztliche
Hilfe herbeizurufen, beschloss, sie von allen lebenden Wesen zu
entfernen, damit der Ruf des Klosters nicht leide. Man brachte sie in
den abscheulichen Verschlag unter der Treppe, gab ihr nicht einmal
notdrftige Nahrung und Kleidung und lie sie tglich von boshaften
Nonnen geieln; so dass durch die schlechte Behandlung, welche sie acht
Jahre lang zu erdulden hatte, ihre Krankheit in Wahnsinn berging. -
Alberta wurde nicht wieder gesund; sie endete ihr Leben in einem
Irrenhaus.

Es ist eine ziemlich bekannte Erfahrung, dass die Weiber im Allgemeinen
weit grausamer sind als Mnner. Von der Grausamkeit der Nonnen will ich
noch ein anderes, ebenfalls der neueren Zeit angehriges Beispiel
anfhren.

Der Wundarzt Friedrich Baumann, der in dem Drfchen Hornstein in der
Nhe einer Prmonstratenserabtei wohnte, hatte eine groe Vorliebe fr
die Klster und dieselbe wurde von seiner Frau geteilt. Aus diesem
Grunde beschlossen beide, ihre jngste Tochter Magdalena "dem Himmel" zu
weihen, da die lteste groe Geschicklichkeit und Neigung fr die
Landwirtschaft zeigte.

Der Hausfreund Baumanns war der Abt der benachbarten Abtei, und er
bestrkte die Eltern noch in ihrem Entschluss, ja verwendete sich selbst
bei den Klarissinnen in der Hauptstadt fr die knftige Aufnahme des
Mdchens und bewirkte, dass man von ihr nur eine mige Aussteuer
verlangte. Magdalena wurde nun in allen einer Nonne dienlichen
Geschicklichkeiten und auch in der Wundarzneikunst unterrichtet und
meldete sich nach vollendetem sechzehnten Jahr zur Aufnahme.

Sie war ein wunderschnes Mdchen geworden und bezauberte alle Herzen
durch ihr anmutiges Wesen. Es fehlte ihr daher auch nicht an Freiern,
unter denen der junge Rehling die redlichsten Absichten hatte und in
keiner Hinsicht zu verwerfen war. Magdalena blieb aber fest bei ihrem
Entschluss, ins Kloster zu gehen, in welchem sie durch ihre bigotte
Mutter nur noch mehr bestrkt wurde.

Der Vater war wankend geworden, denn die seltsamen, schmunzelnden Mienen
und die hchst besonderen Redensarten des Beichtvaters des Klosters wie
auch das habgierige Benehmen der Nonnen erfllten ihn mit bangen
Besorgnissen, aber er hatte nicht die Energie genug, der Mutter und den
Pfaffen gegenber fest aufzutreten.

Magdalena wurde eingekleidet und vor allen Dingen in die Mysterie des
Geielns eingeweiht, fr welches das arme Mdchen bald anfing zu
schwrmen. Die kleine Disziplin bestand aus 36, die groe aus 300 Hieben
auf Rcken und Hintern. - Das Noviziat ging zur Zufriedenheit vorber,
und Magdalena tat Profe zur Verzweiflung des jungen Rehling.

Sie sah aber bald allerlei Dinge, die ihr teils gar nicht gefielen,
teils sehr befremdlich vorkamen; allein sie durfte ihre Bemerkungen
nicht laut werden lassen. - Endlich kam das Fest der Himmelfahrt Mari
und mit ihm die groe Disziplin, die sie nur der Theorie nach und im
Allgemeinen kennengelernt hatte. - Das Zimmer, in welchem die Geielung
vorgenommen wurde, war zwar verdunkelt; allein durch die Ritzen der
Fensterlden fiel Licht genug herein, um alles, was vorging, ziemlich
genau erkennen zu lassen. Nur mit groem Widerwillen lste die
schamhafte Jungfrau den Grtel und entblte den untadelhaften,
wunderschnen Krper, an welchem sich die lsternen Blicke der alten
Klosterkatzen und der btissin weideten.

Magdalena geielte sich mit allem Eifer, bemerkte aber, dass es die
andern Nonnen mehr wie eine Spielerei betrieben. Nur eine Nonne, namens
Griselda , bertrieb die Sache so sehr, dass das Blut ber ihren Krper
herabstrmte und die Spitzen der Geiel an manchen Orten wohl einen Zoll
tief in das Fleisch eingeschnitten hatten.

Magdalena, welche zur Klosterapothekerin ernannt worden war, eilte ihr
zu Hilfe und stellte sie in kurzer Zeit gnzlich wieder her. Sie hatte
es aber nicht unterlassen knnen, Griselda aufzufordern, sich in der
Folge nicht wieder zu hart zu geieln, und dies kam der btissin zu
Ohren, welche darber sehr ungehalten wurde. Als sich Magdalena
entschuldigen wollte, schrie sie dieselbe herrisch an und gebot ihr zu
schweigen. Die Folge davon war ein erhhter Bueifer der Griselda. Diese
fuhr nicht allein fort, sich so hart wie frher zu geieln, sondern
qulte sich auch dermaen mit dem Cilicium - ein stachliger Drahtgrtel,
der auf der bloen Haut getragen wird -, dass die Stacheln tief in das
Fleisch eingedrungen waren. Der herbeigerufene Wundarzt erklrte, dass
nur die sorgfltigste Operation der Nonne das Leben retten knne, und
nun erst verbot die btissin mit Gutbefinden des Beichtvaters der
Griselda auf das strengste, sich ferner so heftig zu geieln.

Magdalena, der nun auch das Aderlassen und Schrpfen berlassen wurde,
bemerkte bald, dass die erstere Operation mit der zweiundzwanzigjhrigen
Schwester Theodora fast jeden Monat vorgenommen werden musste. Sie
bemerkte dem Mdchen, dass ein so groer Blutverlust notwendig die
Wassersucht zur Folge habe, und die arme Nonne gestand ihr weinend, dass
sie dies auf Befehl der btissin tun msse, um die Wallungen des Blutes
und die damit verbundenen wollstigen Trume und verbotenen Gelste,
welche Folgen des hufigen Geielns wren, zu unterdrcken, was auch
immer fr kurze Zeit durch das Aderlassen gelinge. - Die Unterhaltung
Magdalenas mit Theodora und andere hnliche Dinge kamen der btissin zu
Ohren und erbitterten sowohl diese als die lteren Nonnen.

Der Pater Beichtvater hatte seine Plne auf das schne Mdchen nicht
aufgegeben, sondern ging recht systematisch zu Werke, zum Ziele zu
gelangen. Auf seine Veranlassung wurde sie zur Oberkrankenpflegerin des
Klosters ernannt, welcher Posten sie in hufige Berhrung mit dem Pater
Olympius brachte, vor dem sie indessen von einer wohlmeinenden Schwester
gewarnt wurde. Dieser scheinheilige Schurke machte ihr allerlei
geistliche Geschenke und erwies ihr berhaupt so viel Aufmerksamkeit,
dass die andern Nonnen neidisch wurden. Magdalena suchte sich von dem
ihr bertragenen Amte loszumachen, nur um die Berhrungen mit dem Pater
Olympius zu vermeiden. Dieser erkannte sehr gut ihre Absicht und machte
ihr im Beichtstuhl darber heftige Vorwrfe, so dass sie gentigt war,
denselben zu verlassen.

Magdalena war nun bereits drei Jahre im Kloster, und die Augen waren ihr
vollstndig geffnet. Mit Schaudern erkannte sie nun zu spt, dass der
Weg zur Rckkehr in die Welt fr sie verschlossen sei und verfiel in
tiefe Schwermut. Hufig fand man sie seufzend und in Trnen. Es fing ihr
an alles gleichgltig zu werden, und in ihrer Betrbnis achtete sie
nicht immer auf die vorgeschriebenen Formen und beging allerlei Fehler,
die mit leichten Buen bestraft wurden, welche sie bei ihrer gereizten
Stimmung sehr erbitterten.

Zu dieser Zeit war die Tochter eines anderen Wundarztes Nonne geworden,
und da sie einige Proben von Geschicklichkeit abgelegt hatte, so nahm
man Magdalena ihre bisherige Stelle und fing an, sie mit groer
Geringschtzung zu behandeln. Man warf ihr die Geringfgigkeit des von
ihr ins Kloster gebrachten Geldes vor und nannte sie ein lstiges,
durchaus unntzes Geschpf.

Nun ging dem armen Mdchen die Geduld aus. Anstatt die Vorwrfe ruhig
hinzunehmen, antwortete sie heftig und mit Spott und wollte nicht
schweigen, wenn die parteiische Priorin ihr den Mund verbot. Alsbald
wurde der btissin dies widersetzliche Benehmen hinterbracht und ihr
Magdalena als ein durchaus boshaftes, znkisches und ungehorsames
Geschpf geschildert. Die btissin fuhr zornig auf und schrie: "Ein
solches Benehmen soll dieser Bauerndirne nicht ungestraft hingehen; man
muss ihr den Nacken beugen und sie durch Zwang in die Schranken der
Ordnung bringen." Damit lie sie Magdalena zu sich bescheiden.

Diese erschien und sah, dass bereits zwei stmmige Laienschwestern bei
der btissin waren; eine der Mgde hatte eine groe Kinderrute in der
Hand. Die btissin las Magdalena ordentlich den Text und kndigte ihr
an, dass sie bestraft werden sollte. Die Arme weinte und bat; alles
vergeblich. Endlich uerte sie in ihrem Eifer, dass sie kein Kind und
der Rute lngst entwachsen, eine solche Zchtigung auch fr eine Nonne
unschicklich sei. Die btissin wurde immer zorniger und gebot Magdalena,
die Erde zu kssen.

Diese war sehr bereit, dem Befehl Folge zu leisten, denn sie hoffte,
dass es mit dieser Strafe fr diesmal abgetan sein werde. Kaum lag sie
auf der Erde, als sogleich eine der Laienschwestern ber sie herfiel und
sich auf ihren Rcken setzte, whrend die andere ihr das Gewand aufhob
und die Rute tchtig gebrauchte. Als dies vorber war, musste Magdalena
der btissin die Hnde kssen und sich fr die gndige Strafe bedanken.
Die Nonnen standen auf der Lauer und begleiteten sie mit Hohngelchter,
als Magdalena wieder in ihre Zelle ging.

Von nun an hatte die Unglckliche fortwhrend von den Verfolgungen zu
leiden, deren Ziel sie durch Feindschaft der btissin, der Priorin und
des Beichtvaters geworden war.

Als sie eines Abends nicht in ihrer Zelle war und in der ihrer einzigen
Freundin Crescentia gefunden wurde, schleppte man sie am folgenden Tage
durch frmlichen Kapitelbeschluss zur groen Disziplin. Doch damit war
es noch nicht genug, es trafen sie noch eine Menge anderer Strafen,
darunter auch die Degradation von dem Nonnenrang zu dem einer
Laienschwester.

Sie beging die Unvorsichtigkeit, einen Brief an ihre Eltern zu
schreiben, in welchem sie ihnen ihre grauenvolle Lage schilderte und auf
rhrendste Weise um Hilfe bat. Der Brief wurde abgefangen und sie
gezwungen, einen andern lgenhaften abzuschicken, den ihr der Pater
Olympius in die Feder diktiert hatte. Fr das Verraten von
Klostergeheimnissen an Laien erhielt sie abermals eine derbe Geielung
und wurde vier Wochen lang in den Turm gesperrt, wo sie einen Tag um den
andern Wasser und Brot erhielt.

Ihre Lage verschlimmerte sich noch, als die btissin starb und ihre
Hauptfeindin, die Priorin, an deren Stelle kam. Vergeblich bat Magdalena
um Rckgabe des schwarzen Nonnenschleiers; sie musste nach wie vor als
Laienmagd Dienste in der Kche verrichten. Fr jedes kleine Vergehen
erhielt sie hier die Rute, und als sie einstmals bei der Feier des
Palmenfestes einen aus Blei gegossenen und fnfzig Pfund wiegenden
"heiligen Geist", weil derselbe ihr zu schwer war, fallen lie, so dass
derselbe zerbrach, erklrte dies Olympius fr absichtliche Bosheit, fr
ein Religionsverbrechen! Die rmste empfing in dem neben dem Refektorium
gelegenen Gefngnisse eine starke Disziplin.

Um diese Zeit erhielt sie Besuch von einigen Verwandten, welche sie
jedoch nur hinter der Klausur sprechen durfte. Was sie gesprochen hatte,
wurde untersucht, und man erklrte sie fr ein gnzlich verworfenes
Geschpf. -

Die Sehnsucht nach "der Welt" wurde nun in Magdalena immer mchtiger,
und sie sann auf Flucht. Sie war auch so glcklich, das Freie zu
gewinnen, aber spter wurde sie ertappt und musste wieder in das Kloster
zurckkehren, obgleich ein hoher Geistlicher, den sie um Hilfe angerufen
hatte, sich fr sie verwendete.

Pater Olympius reizte die btissin zu stets neuen Verfolgungen an, und
Magdalena wurde endlich zum Gefngnis auf unbestimmte Zeit verurteilt.
Als man sie dorthin bringen wollte, wehrte sie sich mit der Kraft der
Verzweiflung, und man musste einen Franziskanerlaienbruder zu Hilfe
rufen. - Durch diesen Widerstand erbittert, lie ihr die btissin in
Gegenwart der Priorin in dem Gefngnis auf einem Bunde Stroh abermals
sehr derb die Rute geben.

Als einst Magdalenas Gefngnis ausgebessert werden musste, wurde sie in
ein benachbartes gebracht, in welchem die Schwester Christine nun schon
dreizehn Jahre sa. Sie war zum Gerippe abgezehrt, vom Geieln lahm und
dem Wahnsinn nahe.

An Festtagen wurde Magdalena zum Abendmahl in die Kirche gelassen und
musste monatlich einmal bei Pater Olympius beichten. Dieser Schurke
hatte seinen Verfhrungsplan noch immer nicht aufgegeben und drang mit
unzchtigen Antrgen in sie; allein sie schrie um Hilfe, und der Pater
stellte sich, als habe er ihr nur die Disziplin geben wollen. Um
wenigstens in etwas seinem Sinnen zu gengen, befahl ihr der heilige
Mann, sich zu entblen; allein es kamen einige Schwestern herbei, bei
denen er sein Betragen schlecht genug entschuldigte.

Die Einkerkerung des unglcklichen Geschpfs hatte nun unter
fortwhrenden Misshandlungen drei Jahre und acht Monate gedauert, als
endlich ein Schornsteinfeger, der in der Nhe ihres Gefngnisses
arbeitete und ihr Gewimmer hrte, die Sache der Obrigkeit anzeigte. Es
wurde vom betreffenden Ministerium sogleich eine Kommission ernannt,
welche in dem St. Klarenkloster eine Untersuchung anstellte.

Als man Magdalena ihre Freiheit ankndigte, weinte sie laut vor Freuden;
allein die rmste war so elend, dass sie sich kaum bewegen konnte. Man
bergab sie sogleich dem Leibarzt des Kurfrsten und dem Hofwundarzt zur
sorgfltigsten Pflege.

Das von beiden ber den Zustand des armen Mdchens abgegebene Gutachten
sprach sich dahin aus, dass die unaufhrlichen Geielungen ihr die
heftigsten Schmerzen zugezogen htten, an denen sie fortwhrend leide,
besonders bei verhrtetem Stuhlgange, ohne dass man dies als eine
Wirkung der goldenen Ader betrachten knne. Durch die lange Einsperrung
ohne alle Bewegung und durch die heftigen Schlge auf die muskulsen und
tendinsen Teile der Schenkel und Fe seien diese so entzndet, und da
man bei ihr keine verteilenden Mittel angewendet habe, so htten sich
diese Teile dermaen verhrtet und zusammengezogen, dass sie gnzlich
estorpiert und schwerlich Hoffnung vorhanden sei, sie wieder so weit zu
heilen, dass sie ihre geraden Glieder wieder wrde gebrauchen knnen.

Whrend ihrer rztlichen Behandlung wurde Magdalena viermal verhrt, und
es kamen alle im Kloster verbten Schndlichkeiten an den Tag, sosehr
sich auch das Pfaffengezcht schlangengleich drehte und wand.

Eine Nonne, namens Paschalia, die ebenso wie Magdalena geqult worden
war, sollte wahnsinnig geworden und an einem Nervenschlage gestorben
sein; aber einige von den fnf Nonnen, die den Mut hatten, die Wahrheit
zu gestehen, behaupteten, sie habe sich in der Verzweiflung im Gefngnis
an ihrem Busenschleier erhngt. Dass man auf einen solchen Selbstmord
von Seiten Magdalenas ebenfalls gefasst war, ergab sich aus den Papieren
der Abtei.

Obgleich alle Umstnde gegen die btissin und ihr Gelichter sprachen,
obgleich sich ber Magdalenas Bestrafung kein einziges Protokoll
vorfand, - die Schuldigen wussten sich doch so durchzulgen, dass sie
ohne Strafe davonkamen, und die einzige Folge dieser Entdeckungen war
eine Einschrnkung der Macht der btissin und genauere Beaufsichtigung
des Klosters.

Magdalena sollte zeitlebens im kurfrstlichen Hospital bleiben und, wenn
sie genesen wrde, Freiheit haben, auszugehen, anstndige Gesellschaften
zu besuchen und zu empfangen. Das Klarenkloster musste ihr die ntige
Ausstattung und auerdem jhrlich zweihundert Gulden geben.

Erst nach fnf bis sechs Jahren konnte Magdalena wieder gehen, und ihr
geknickter Krper erholte sich allmhlich. Im Klostergefngnis hatte sie
im Fall der Befreiung eine Wallfahrt nach Loreto gelobt. Diese unternahm
sie nun mit Erlaubnis der Behrde; allein sie kehrte nicht mehr in die
Heimat zurck. Im August 1778 starb sie, fnfundvierzig Jahre alt, in
einem Krankenhospital zu Narni in Italien.

Trotz solcher Erfahrungen gibt es doch noch heute Klster! Und dass in
denselben noch hnliche Schandtaten verbt werden, beweisen die
Schriften von Sebastian Ammann, Rafaello Ciocci und andern.

Von der Lieblosigkeit, mit welcher Kranke in den Klstern behandelt
werden, hat uns ebenfalls Ammann folgendes Beispiel erzhlt: - "Im
Kloster Solothurn litt P. Theophil an einem ungeheuren Leistenbruch so
schmerzhaft, dass er verzweifelte. Man legte ihn in einem Zimmer neben
der Kche auf einen Strohsack und lie ihn da zappeln. Niemand besuchte
ihn als der Klosterknecht, der ihm dreimal des Tages Essen zutrug. Ich
habe in den letzten Tagen seines Lebens nie einen Arzt bei ihm gesehen.
Seine Unterleibsbeschwerden, das erschreckliche Elend und die gnzliche
Verlassenheit mgen ihm sein martervolles Leben unertrglich gemacht
haben. - An einem Tag vor dem Mittagessen, um halb elf Uhr, war ich noch
bei ihm und fand ihn uerst schwermtig; es ist aber gewiss, dass er um
elf Uhr noch lebte. Um halb zwlf Uhr wollte der Klosterknabe die
Speisegeschirre bei P. Theophil abholen und fand ihn, an der Zimmerdecke
aufgeknpft, leblos. Als wir die Anzeige von diesem Unglck hrten,
sprangen wir alle vom Tische auf; ich war der erste bei ihm und wollte
mit einem Messer das Handtuch zerschneiden, an dem er hing; aber P.
Guardian Raimund untersagte mir dies, weil es schade um das Handtuch
sei. Man ging lieber langsam zu Werke, weil man keine Rettung versuchen
wollte. Seine Hnde und Fe waren noch ganz warm, und ich verlangte,
dass man auf der Stelle einen Arzt herhole, damit man die mglichsten
Anstalten zum Wiedererwecken des vielleicht noch nicht Entseelten
treffe. Allein P. Raimund tobte und verbot die Herbeirufung eines Arztes
auf das strengste, weil es ein erschreckliches rgernis absetze, wenn es
unter die Weltlichen kme, es habe sich ein Kapuziner erhngt. Keine
Brste wurde zum Reiben seines Leibes angewandt, sondern man legte den
Leichnam ohne weiteres auf einen Totensarg und machte bekannt, P.
Theophil sei an einem Schlagfluss (Apoplexie) gestorben."

Ein anderes Beispiel, wie schnell die Pfaffen diejenigen zu expedieren
wissen, die ihnen unbequem oder gefhrlich werden, erzhlt Rafaello
Ciocci.

Don Alberico Amatori, Bibliothekar im Kloster Santa Croce di Gerusalemme
zu Rom, war durch das Lesen der Bibel von vielen Irrtmern und
Missbruchen der rmischen Kirche berzeugt worden. Er und fnfzehn ihm
gleichgesinnte Mnche, darunter Rafaello Ciocci, unterschrieben eine
Eingabe an den Ordensgeneral Nivardi Tassini, in welcher sie um
Einrumung eines bequemen Klosters baten, wo sie nach ihrer berzeugung
leben konnten.

Alle diese Mnche schienen mit dem Charakter ihrer Mutter Kirche sehr
schlecht bekannt zu sein, da sie einfltig genug waren zu glauben, dass
dieselbe auch nur im entferntesten daran denken knne, ihre Wnsche zu
erfllen. Der unerhrte Vorschlag erregte allgemeines Entsetzen! Amatori
wurde vor ein Tribunal gefordert, und mit Entrstung vernahmen die
geistlichen Herren, dass er  la Luther die Bibel zur Grundlage des
ganzen Kirchenwesens machen wolle. Man gebot ihm Schweigen, um die Sache
nicht ffentlich werden zu lassen, und fasste im Geheimen einen
Entschluss ber das Schicksal der ketzerischen Mnche.

Der Mnch Stramucci wurde ins Kloster San Severin in den Smpfen
geschickt, wo er infolge "der ungesunden Luft" oder durch anderes Zutun
nach Verlauf weniger Monate von einem starken Mann in ein Gerippe
verwandelt war. Don Andrea Gigli wurde nach Rom berufen. Er war damals
sehr gesund; allein er nahm tglich mehr ab, und nach zwei Monaten wurde
er eines Morgens tot im Bett gefunden. - Don Eugenio Ghioni blieb in
Rom; aber nach vier Monaten starb auch er, erst 31 Jahre alt. - Don
Marian Gabrielli, ein blhender Jngling, starb ebenfalls. Alle diese
Krankheiten nannte man "Auszehrung"! - Der Abt Bucciarelli , ein Mann
von herkulischer Gestalt, starb nach kurzer Krankheit von nur drei
Tagen. Der Abt Berti hatte nach zwei Monaten einen "Fieberanfall" und
starb nach einer Krankheit von zehn Tagen. - Don Antonio Baldini bekam
nach Verlauf von 34 Tagen furchtbare Krmpfe und starb. - Die brigen
sechs kmpften monatelang zwischen Leben und Tod. Nur Don Alberico und
Ciocci blieben lange Zeit von dem geheimnisvollen Todesengel unberhrt.

Aber die Rache zgerte nur, sie schlief nicht. Eines Abends nach dem
Essen bekam Ciocci schreckliche Krmpfe im Magen und ein furchtbares
Brennen in Brust und Gurgel. In wenigen Minuten war er schwarzgelb im
Gesicht, und vor den Mund trat ihm Schaum. - Die herbeilaufenden Mnche
schrien, dass er besessen sei, und versuchten nun ihren abgeschmackten
Hokuspokus mit Weihwasser und Reliquien, wodurch der Kranke, der diesen
Unsinn verabscheute, nur gergert wurde. Endlich kam ein Arzt, aber
nicht der gewhnliche, sondern, wie man sagte, der nchste, den man habe
finden knnen. Er gab Ciocci eine Arznei, wodurch aber die Schmerzen
sogleich noch bedeutend vermehrt wurden.

Ciocci bestand nun darauf, dass man den gewhnlichen Klosterarzt holen
solle, der sein Freund war, und da man wahrscheinlich hoffte, dass er zu
spt kommen werde, schaffte man ihn auch herbei. Nachdem derselbe sich
etwas orientiert hatte, betrachtete er die vom ersten Arzt gegebene
Arznei, von der noch einige Tropfen im Glas waren, und voll Zorn und
Entsetzen warf er sie nach der Untersuchung und einem bedeutungsvollen
"Aha" zum Fenster hinaus. - Durch die zweckmigen Mittel, welche der
wackere Mann anwendete, wurde Ciocci gerettet.

In demselben Kloster wurde eines Tages der Novizenlehrer Pacifico
Bartoci , der sich durch seine Strenge verhasst gemacht hatte, im
inneren, offenen Hof des Klosters von unbekannter Hand mit einem Steine
auf den linken Schlaf getroffen, dass er infolge der erhaltenen
Verletzung zehn Tage darauf starb.  (Ungerechtigkeiten und Grausamkeit
der rmischen Kirche im neunzehnten Jahrhundert. Erzhlung von Raffaele
Ciocci. Altenburg bei Pierer.)

Man bemerke wohl, dass hier nicht vom Mittelalter, sondern von der Zeit
zwischen 1835 und 1845 die Rede ist und dass diese oder hnliche
Nichtswrdigkeiten noch ebenso wahrscheinlich heutigen Tages
stattfinden.

Ich wrde die mir gesteckten Grenzen zu sehr berschreiten, wenn ich
auch nur einen kleinen Teil der mir noch bekannten im Kloster begangenen
Schandtaten anfhren wollte, deshalb bergehe ich auch die sehr
interessante Geschichte des Urban Grandier, der durch die
nichtswrdigsten Schikanen auf den Scheiterhaufen gebracht wurde, weil
er die Begierden einer btissin und ihrer Nonnen zu Loudun nicht
befriedigen wollte. Einer unserer besten Romanschriftsteller, Willibald
Alexis, hat diesen Stoff zu einem Roman bearbeitet.

Ein in den Klstern gebruchliches Sprichwort sagt: "Man kommt zusammen,
ohne sich zu kennen, man lebt miteinander, ohne sich zu lieben, und
stirbt, ohne beweint zu werden." Ein unter solchen Verhltnissen
bestehendes Zusammenleben musste den besseren unter den Mnchen zur
Hlle werden, und mancher arme Pater, den seine bigotten Eltern dem
Klosterleben in frher Jugend geopfert hatten, sprach mit heien Trnen
den Wunsch aus, dass ihn die Mutter bei der Geburt doch lieber ersuft
als in ein Kloster geschickt haben mchte.

Zur Zeit, als das Klosterleben in seiner hchsten Blte war, etwa im
elften Jahrhundert, herrschte unter den Menschen eine wahre Wut, ins
Kloster zu gehen; nur als Mnch glaubte man der Seligkeit gewiss zu
sein. Hermann, Herzog von Zhringen, schlich sich in Bauernkleidung vom
Frstenstuhl ins Kloster zu Clugny und diente demselben als Schweinehirt
bis an seinen Tod, wo erst sein Stand bekannt wurde. Der Mann eignete
sich ganz gewiss besser zum Schweinehirten als zum regierenden Frsten,
und es war schn von ihm, dass er seinen Beruf erkannte.

Doch nicht alle trieb Andacht oder Demut ins Kloster; viele suchten in
demselben weiter nichts als ein faules, liederliches Leben, was sie auch
meist in reichem Mae fanden. Das Gelbde der Keuschheit, welches den
Laien immer als das schrecklichste erschien, betrachtete man in sehr
vielen Klstern als eine leere Form, und Saul, der Abt des Klosters zur
heiligen Maria im Bistum Mondennadi in Spanien, verwandelte dasselbe
geradezu in ein Bordell.

Sogar das Konkubinat, ja selbst die Ehe waren unter den Mnchen nicht
selten. Im zehnten Jahrhundert lebten in manchen. Klstern die bte und
smtliche Mnche im Konkubinat oder in frmlicher Ehe und statteten ihre
Shne und Tchter mit Klostergtern aus. Unter Abt Hadamar von Fulda
waren die meisten Mnche verheiratet.

Doch wir brauchen nicht so weit ins graue Mittelalter hinaufzusteigen;
dergleichen Flle kamen noch in neuerer Zeit vor. Im Jahr 1563 fand man
in vielen Klstern Niedersterreichs Eheweiber, Konkubinen und Kinder
der Mnche, und noch vor einigen zwanzig Jahren hielt der Prlat
Augustin Bloch in der Schweiz ein allerliebstes Kammermdchen, welches
als Student verkleidet war.

Doch ich wollte es diesen Klosterherren gern verzeihen, wenn sie ihre
Schtzchen hinter den heiligen Mauern sittsam verbergen; davon hat die
Welt eben keinen Schaden; aber mehr Unheil richten sie an, wenn sie ihre
Verfhrungsknste auerhalb derselben wirken lassen. Um dies tun zu
knnen, mssen sie die Grundstze lockern, kurz, die sinnlichen
Ausschweifungen als hchst unbedeutende, kleine Verirrungen hinstellen,
besonders wenn sie mit einem Pater begangen werden.

Wo die Mnche zu Hause sind, da gibt es fast kein Brger- oder
Bauernhaus, wo nicht ein Pater der Hausfreund ist. Kommt der heilige
Mann, dann lecken ihm die Alten die schmutzigen Hnde und die Kinder
liegen auf den Knien, bis er seinen Segen erteilt hat. Das Beste wird
nun dem geehrten Gast vorgesetzt, und wenn die Leute auch zu arm sind,
sich selbst ein Glas Wein zu gnnen, so ist doch gewiss eins fr den
heiligen Mann bereit. Er lsst es sich gut schmecken, denn die armen
Leute wrden es ja fr Verachtung auslegen, wenn er ihre Gaben
verschmhte! Welch Gesicht schneidet er aber, wenn das gewhnliche Glas
Wein oder seine Leibspeise fehlen!

"Was die Tchter der Lust den Wstlingen der Welt, das sind die Mnche
den Betschwestern und den Stillen im Land", denn diese Herren haben
Tugenden, welche Frauen zu schtzen wissen, und sind - verschwiegen. Vor
einem solchen heiligen Manne brauchen sie sich ihrer Sndhaftigkeit
nicht zu schmen , denn die Beichte zwingt sie ja, die geheimsten Snden
zu sagen. Diese Beichte wird daher von den Mnchen sehr heilig gehalten.
Denjenigen, der das Beichtgeheimnis verletzt, treffen die
schrecklichsten Strafen und selbst vor den weltlichen Gerichten, - was
auch ganz in der Ordnung ist. Das Gericht zu Toulouse lie 1579 einen
Priester enthaupten, welcher einen ihm in der Beichte anvertrauten Mord
der Behrde anzeigte. Der Mrder blieb unbestraft. Man gert in
Verlegenheit zu entscheiden, wie man ber dieses Urteil urteilen soll.

Mnche sind nicht allein sehr liebevolle, sondern auch sehr bequeme
Hausfreunde. Mag ein junger Bursche ein Mdchen gern, dann braucht er
sich nur an seinen Herrn Pater zu wenden, dann wird sich die Sache schon
machen. Mit der kleinen Snde wird es sich schon finden; denn der fromme
Herr hat einen berfluss an Absolution, und wenn man noch so oft
sndigte, eine Beichte - und man ist wieder rein wie ein neugeborenes
Kind! Man glaube daher ja nicht, dass die Beichte dazu beitrgt, die
Sittlichkeit zu befrdern; wozu sie benutzt wird, davon werden wir im
nchsten Kapitel einige Beispiele sehen.

So leicht nun die Mnche geschlechtliche Verirrungen nehmen, so streng
sind sie, wenn jemand das Fasten gebrochen hat, und es ist emprend,
wenn wir lesen, dass die reiche Abtei St. Claude in Burgund im Jahr 1629
einem gewissen Guillon den Kopf abschlagen lie - weil der arme Mann
whrend einer Hungersnot zur Fastenzeit sich ein Stck Pferdefleisch vom
Schindanger geholt hatte!

Starb ein Abt, so waren die liederlichen Mnche darauf bedacht, einen
solchen an die erledigte Stelle zu setzen, von dem sie nicht besorgen
durften, dass er sie in ihrer Lebensweise stre. Die Wahl traf daher
nicht selten das liederlichste Subjekt des ganzen Klosters.

Johann Busch erzhlt, dass die Mnche eines Klosters nach dem Tode des
Abtes zur Wahl eines anderen schritten, der dem Verstorbenen an Tugenden
gleiche. Die meisten Stimmen hatte ein Pater, der nicht anwesend war,
sondern whrend der Wahl in der Schenke sa und soff. Da man ihn von
diesem angenehmen Orte nicht weglocken konnte, so ging eine Deputation
der Mnche dorthin, ihm das Ergebnis der Wahl zu verkndigen. Erst nach
langen Bitten lie er sich bewegen, die neue Wrde anzunehmen. Als es
geschehen war, wurde ein groes Gastmahl gehalten, bei dem alle Mnche
mit ihren Konkubinen sich volltranken. Whrend sie so betrunken waren,
dass sie nichts sahen und hrten, kam Feuer aus, und die ganze feiste,
liederliche Gesellschaft verbrannte lebendigen Leibes.

Obwohl nun die Mnche unzhlige gefllige Nonnen hatten - in Deutschland
gab es allein 200.000 - so sind sie doch besonders lstern nach Kindern
der Welt. Oft geraten sie dadurch freilich in arge Verlegenheit, welche
Spott und Hohn oder unendliche Prgel zur Folge haben.

Der Abt des Klosters zu Guldholm bei Schleswig hatte ein Liebchen in der
Stadt, bei welchem er oftmals die Nacht zuzubringen pflegte. Gewhnlich
nahm er des besseren Scheins wegen einen vertrauten Pater mit. Dieser
wurde ihm endlich unbequem, und er lie den Begleiter zu Hause. Dies
verdross denselben, und echt mnchisch dachte er sogleich auf Rache.

Als nun der Abt wieder einmal die Nacht bei seiner Geliebten zubrachte,
weckte der boshafte Mnch das ganze Kloster und rief: Dominus noster
Abbas mortuus est in anima. Die Mnche deuteten das auf den leiblichen
Tod des Abtes, und das war es eben, was der Pater wollte. Alsbald zog
man mitten in der Nacht mit Fackeln, Kreuz und Fahne an den bezeichneten
Ort, um die Leiche des Abtes einzuholen, und war nicht wenig berrascht,
den frommen Herrn anstatt auf der Totenbahre bei seiner Buhlerin zu
finden.

Doch ich brauche abermals nicht so weit zurckzugehen; die neuere Zeit
liefert Beweise dieser Art in Menge, und Ammann, der dreiig Jahre im
Kloster war, fhrt deren eine Menge an.

Im Jahr 1832 pflegte ein Pater namens Amandus jedes Mal, wenn er sich
unter einem frommen Vorwand entfernen konnte, die Nacht bei einem
berchtigten Frauenzimmer in Mels zuzubringen. Um den frommen Heuchler
auf der Tat zu ertappen, lauerten ihm einst einige junge Burschen auf
und erwischten ihn richtig in den Armen der Buhlerin. Im Triumph
schleppten sie ihn nach dem Kloster, und die Versetzung nach Schwyz war
seine ganze Strafe.

Zwei andere Klostergeistliche, Pater Augustin, Pfarrer in Tunang, und
P. Benedikt, Pfarrer in Bettwiesen, verfhrten viele Frauen und gingen
ganz ungescheut in ihre Huser unter dem Vorwand, dass sie die
Sterbesakramente dorthin zu bringen htten.

In mehreren Orten der Schweiz, wo Klster waren, wagte sich kein
Frauenzimmer am Abend auf die Strae, denn die brnstigen Pfaffen fielen
sie frmlich an, und ihre viehische Geilheit schonte selbst nicht
unreife Kinder.

Pater Friedrich aus dem Kapuzinerkloster in Appenzell hatte sich,
solange er noch bloer Frater war und nicht das Kloster verlassen
durfte, mit unnatrlichen Ausschweifungen beholfen; als er aber Pater
wurde und mehr Freiheit hatte, verlangte er nach natrlichen. - Eines
Tages zog er von Appenzell nach dem Flecken Teufen in das St. Galler
Land, um in einigen katholischen Gemeinden zu predigen und Beichte zu
hren. Als er nicht weit von Teufen sich einem Wald nherte, lief ihm
ein Mdchen nach und bat ihn um ein Heiligenbildchen' wie die Kinder
berall, wenn sie einen Kapuziner sehen, zu tun pflegten. - Pater
Friedrich zog ein gemaltes Bildchen aus seiner Kapuze, zeigte es dem
Mdchen und versprach, es ihm zu schenken, wenn es weiter mit ihm kommen
wollte. Auf diese Weise lockte er das unschuldige Kind in den Wald.
Sobald er dasselbe in ein Gebsch gebracht hatte, verbte er an ihm die
brutalste Notzucht.

Das kleine Mdchen schrie um Hilfe, und der Vater, der ihre Stimme hrte
und erkannte, eilte auf das schnellste herbei und ertappte den geilen
Pfaffen auf der Tat. Er behielt Migung genug, dem Mnche nicht auf der
Stelle den verdienten Lohn zu geben, machte aber sogleich Anzeige von
den schndlichen Handlungen des Paters. Dieser wurde festgenommen und
nach Troegen gebracht, wo man die Sache gerichtlich untersuchte. Es
ergab sich, dass das arme Kind geschndet und bedeutend verletzt war.

Hchst merkwrdig sind die Ansichten, welche den Pater zu diesem
Verbrechen leiteten, die aber fast von allen Mnchen in den Klstern
geteilt werden. Er glaubte, die Reformierten wren alle so schlecht,
dass sie nichts fr Snde hielten und dass bei ihnen alles erlaubt sei,
weil sie nicht beichten mssen! Daher meinte er denn, in den Augen
derselben kein Verbrechen zu begeben, wenn er ein reformiertes Kind
notzchtigte!

Der Pater wre zur ffentlichen Ausstellung an den Pranger und zum
Staupenschlag oder zu einer groen Geldbue verurteilt worden, wenn sich
der damalige Landammann Joseph Anton Bischofsberger des Schurken nicht
auf das angelegentlichste angenommen htte. Er kam also ohne die
verdiente Strafe davon. (Wer die tolle Wirtschaft, welche die Pfaffen in
der Schweiz mit den Brgerfrauen und Mdchen treiben, genau kennenlernen
will, der lese das Bchelchen vom Ammann, welches ich weiter oben
anfhrte.)

Diese Pfaffenliederlichkeit ekelt mich an und wahrscheinlich auch die
Leser; allein der Vollstndigkeit wegen muss ich doch noch einige Worte
ber die in den Klstern herrschenden unnatrlichen Laster sagen, welche
traurige Folgen des schndlichen Zlibats sind.

Ammann behauptet, dass unter 200 Kapuzinern wenigstens 150 Onanisten
sind. Er ist darber ein kompetenter Richter, denn nur ein Kapuziner
konnte diese so genau kennen, als es bei ihm der Fall ist.

Im Kloster Fischingen trieb ein gewisser Pater Berchthold sein Wesen,
dessen hauptschliches Geschft es zu sein schien, Klosterschler und
junge Mnche zu verfhren. Absichtlich hrte er die Beichte nicht in
einem ffentlichen Beichtstuhl, sondern in einem dunklen Winkel, und
viele Knaben, die ihm hier beichteten, klagten, dass er sie habe
verfhren wollen; allein der Guardian nahm davon nicht die mindeste
Notiz. Berchthold wurde natrlich immer dreister und trieb sein
abscheuliches Laster so ungescheut, dass man doch endlich gezwungen war,
ihn auf seine Zelle zu beschrnken und zu versetzen.

Als Ammann eben die Gelbde abgelegt hatte, schlich dieser
Knabenschnder auch in der Nacht zu ihm, setzte sich auf sein Bett,
holte eine Flasche Schnaps und einiges Gebck hervor und begann, ihm von
seinen Siegen ber die Frauen zu erzhlen. Als Ammann ihn bat, von etwas
anderem zu reden oder seine Zelle zu verlassen, sagte er: "Ja es ist
eitel, von solchen guten Bissen zu reden, die wir einmal nicht haben
knnen. Doch knnen wir einander auch Freude machen." - - Ammann wurde
endlich gentigt, durch Klopfen an der dnnen Seitenwand der Zelle Hilfe
herbeizurufen, worauf ihn der Verfhrer verlie.

An die Stelle dieses sauberen P. Berchtbold kam P. Joseph aus Freiburg.
Dieser war noch rger als sein Vorgnger, indem er sich nicht allein
durch das oben bezeichnete Laster, sondern auch noch durch seine
verschmitzte Heuchelei und raffinierte Bosheit auszeichnete.

Dieser Schandbube wurde niemals bestraft, sondern nur versetzt, wodurch
nur Veranlassung gegeben wurde, dass sich seine abscheuliche Wirksamkeit
immer wieder verbreitete.

In Sursen hatte dieser P. Joseph einen bildschnen Jngling so sehr
entkrftet, dass derselbe unter den schrecklichsten Schmerzen starb und
noch auf dem Sterbebett seinen Verfhrer und Mrder verfluchte.

Dieses unnatrliche Laster ist bei Mnchen und selbst bei weltlichen
katholischen Geistlichen in der Schweiz sehr gewhnlich, und im Jahr
1835 wurden zwei derselben, Professor Schr und Kaplan Eisenring, im
Stdtchen Wyl wegen Sodomiterei zur Untersuchung gezogen und spter zum
Zuchthaus verurteilt. Es gelang ihnen aber, ins Ausland zu entfliehen.

Das Verhr ergab die abscheulichsten Tatsachen, und das Publikum wollte
anfangs gar nicht glauben, dass diese Mnner, welche Stifter und
Bezirksprsidenten des katholischen Vereins waren, solche Schandtaten
begangen haben konnten. Sie wurden durch Ammann selbst angeklagt, der
sich dadurch viele Feinde machte.

Diese Untersuchung hatte noch eine andere Entdeckung zur Folge. Ein
sechzehnjhriger Knabe kam zu Ammann und entdeckte ihm, dass der Prior
der Karthause zu Ittlingen im Thurgau mit ihm noch weit schndlichere
Dinge getrieben, als sie Schr und Eisenring zur Last gelegt wurden. Er
habe, durch den Prior beschwichtigt, nicht geglaubt, eine so groe Snde
zu begehen, aber jetzt sei ihm die Sache klar, da jene beiden dafr zum
Zuchthaus verurteilt wren.

hnliche Tatsachen wrden ans Tageslicht kommen, wenn wir einmal von den
Klstern anderer Lnder so genaue und offenherzige Schilderungen
erhielten, wie sie uns Ammann und Rafaello Ciocci von der Schweiz und
von Rom geliefert haben. Es ist durchaus kein Grund vorhanden,
anzunehmen, dass die Mnche in anderen Gegenden sittenreiner sind, denn
dieselben Ursachen erzeugen gewhnlich auch dieselben Wirkungen,
hchstens mit einigen, in der Hauptsache nichts ndernden Variationen.

Und solchen Mnnern sollen wir unsere Kinder zur Erziehung anvertrauen!?
Haben die Regierungen nicht den Mut und den Willen, das Volk von dieser
moralischen Pest zu befreien, so muss sich jeder Familienvater selbst
helfen. Die Zeiten haben sich wesentlich gendert, und keine Regierung
wagt es mehr, die Untertanen in die Kirche zu treiben oder sie zu
zwingen, zur Beichte zugehen. bt sie auch noch einen Zwang aus auf
solche Brger, die Staatsdienste suchen, so sollten doch wenigstens
diejenigen, welche ihre eigenen Herren sind, ihr Haus gegen den Einfluss
liederlicher, scheinheiliger Pfaffen bewahren und durch vernnftige
Lehren im Haus den in der Schule erhaltenen Unterricht unschdlich
machen, wenn die Regierung nmlich darauf besteht, den Besuch
sogenannter konfessioneller Schulen zu erzwingen. Wenn das Volk es
ernstlich verlangt, wird nicht nur die Schule von dem Einfluss der
Kirche befreit werden, sondern der Staat wird auch aufhren, sich um die
Religion seiner Untertanen weiter zu bekmmern, als es zum Schutz der
kein Gesetz verletzenden Ausbung der verschiedenen Religionen ntig
ist.

Werft zunchst die Pfaffen aus den Husern und aus den Schulen und den
unvernnftigen Glauben aus dem Herzen, - das weitere findet sich von
selbst.




Der Beichtstuhl


                                        Tout homme est homme, et les
                                        Moines sur tous.
                                                    La Fontaine


Eine der sinnreichsten und verderblichsten Erfindungen der rmischen
Kirche ist die Ohrenbeichte. Mit Hilfe derselben hat sie lange die Welt
regiert ohne groe Kosten und Beschwerden. ber den hohen Wert derselben
herrscht nur eine Stimme, und selbst der Ketzer Marnix von St. Aldegonde
meinte schon vor dreihundert Jahren, dass dieselbe der Kirche nehmen,
ihr die Augen ausstechen heie. Er sagte nmlich: - "denn diese
Ohrenbeichte ist ihr unzweifelhaft ein Paar Augen wert: nmlich das eine
braucht sie, um alle Heimlichkeiten und verborgenen Anschlge aller
Knige und Frsten dieser Welt zu erfahren, wodurch sie in den
friedlichen Besitz aller Regierungen und Herrschaften gekommen ist. Das
andere gebraucht sie, um damit in den Busen der jungen Mdchen und
betrbten Frauen zu sehen und zu tasten und dadurch ihre Heimlichkeiten
zu ergrnden und zu erfahren und ihnen danach solche liebe Bue
aufzuerlegen, dass ihre gengstigten Gewissen getrstet und ihre Herzen
merklich erleichtert werden. O, wie manchmal haben die heiligen Pfaffen
und Mnche den betrbten und unfruchtbaren Weibchen in ihrer
Ohrenbeichte so guten Rat gegeben, dass sie dadurch bald frhliche
Mtter geworden sind und von derselben Zeit an zu ihren heiligen
Beichtvtern solche innige Liebe wie zu ihren eigenen Mnnern selbst
bekommen haben."

Ich habe schon in den vorhergehenden Kapiteln hin und wieder von der
Beichte geredet. Ich will mir nicht die unntze Mhe geben zu beweisen,
dass die Ohrenbeichte ihre Rechtfertigung nicht in den Evangelien
findet, denn die zu ihren Gunsten angefhrten Stellen begrnden sie
ungefhr in derselben Weise wie mit der Stelle des Psalms "Lobet den
Herrn mit Pauken" das Geieln. Die Ohrenbeichte war eben, wie das
Fegefeuer und andere sinnreiche Erfindungen hnlicher Art, eines der
vielen Mittel, durch welche sich die rmische Kirche die Herrschaft ber
die Menschen erwarb.

Das Beichtgeheimnis sollte heiliggehalten werden; allein die Jesuiten
hatten darber ihre besondere Ansicht, und es ist bewiesen, dass sie den
Inhalt der Beichte ihren Vorgesetzten mitteilten, besonders wenn sie fr
die Erhaltung und das Beste ihres Ordens zweckmig erschien. Um berall
zu herrschen und die Fden der Regierung in der Hand zu haben, waren sie
stets auf das eifrigste bestrebt zu bewirken, dass Jesuiten als
Beichtvter regierender Frsten oder sonstiger sehr einflussreicher
Personen angestellt wurden. Da sie in Bezug auf Snden sehr spitzfindig
und tolerant waren, so nahm man sie auch gerne als Beichtvter an.

Jesuiten durften nichts schreiben und verffentlichen ohne Zustimmung
ihrer Vorgesetzten; was also von irgendeinem dem Orden Angehrigen
verffentlicht wurde, kann als ein Ausdruck der in demselben
gutgeheienen Ansicht betrachtet werden. Obwohl ich aus den Werken der
Jesuiten eine sehr reichhaltige, interessante Auswahl von Stellen
treffen knnte, ber deren Moral sich jeder rechtliche Mensch entsetzen
wrde, so begnge ich mich doch damit, nur einige wenige anzufhren, die
hinreichend begrnden, weshalb die Jesuiten als Beichtvter gern gewhlt
wurden.

"Die erste Regel sei: Sooft Worte ihrer Bedeutung nach zweideutig sind
oder verschiedene Sinne zulassen, ist es keine Lge, selbige in dem
Sinne zu gebrauchen, den der Sprechende mit ihnen verbinden will;
obschon die Zuhrenden und der, dem man schwrt, selbige in einem
anderen Sinne nehmen - ja, ob auch der Sprechende von keiner gerechten
Sache geleitet werde." (Sanchez opus mor. Lib. I. cap. 9 n. 13 pag. 26.)

Zwei Seiten spter, nachdem der gelehrte Jesuit verschiedene Arten
erlaubter Lgen aufgefhrt hat, sagt er: "Ja, es ist dies von groem
Nutzen, um vieles verdecken zu knnen, was verdeckt werden muss, aber
ohne Lge nicht verdeckt werden knnte, wenn nicht diese Art und Weise
gestattet wre. - - Man hat aber gerechte Ursache, sich solcher
Zweideutigkeiten zu bedienen, sooft dies notwendig und ntzlich ist, um
das Heil des Krpers, die Ehre und das Vermgen zu schtzen: oder zur
bung irgendeiner anderen Tugend." -

"Es ist erlaubt, denjenigen zu tten, von dem man gewiss wei, dass er
sofort einem nach dem Leben stellt, so dass eine Frau z. B., wenn sie
wei, dass sie in der Nacht von ihrem Mann gettet wird und nicht
entfliehen kann, jenem zuvorkommen darf."

Und weiterhin: "Sooft jemand zufolge des oben Gesagten ein Recht hat,
einen anderen zu tten: dann kann dies auch ein anderer fr ihn tun,
wenn dies die christliche Liebe anrt." (Busenbaum: Med. Theolog. mor.
L. III. Tract. IV. D. V. et VIII. Praec. n. X. ibid).

"Ist einem Beichtvater, der eine Frau oder einen Mann zu verzeihlichen,
bsen Handlungen verlockt, das Begehen einer schweren Schuld
beizumessen? - Die Hnde oder die Brste einer Frau zu berhren, mit den
Fingern zu kneifen und zu zwacken: das sind in Betreff der Keuschheit
lssliche Snden, wenn es zur bloen Ergtzlichkeit ohne weitere Absicht
oder Gefahr der Befleckung vorgenommen wird." (Escobar: Theol. mor.
Tract. V. Exam. II. Cap. V. n. 110 pag. 608.)

"Wie verhlt es sich rcksichtlich des Beischlafes mit der Verlobten
eines anderen?" - "Er berschreitet nicht die gewhnliche Hurerei, weil
sie noch nicht die Frau eines Mannes ist (ibid. Tract. I. pag. 141)."

"An mortiferum, virile membrum in os uxoris immittere? Negat Sanchez
tom. 3 de Matr. tom. 3 lib. 9 d. 17. n. 15 At cum aliis auderem objicere
tanto Doctori, id non esse simpliciter osculum pudendorum, sed quendam
ad peccatum diversae speciei, id est, praeposteram venerem ausum."
(Escobar: Theol. mor. Tract I. Exam. VIII. Cap. III. n. 69. pag. 148.)

"Wer nur uerlich geschworen hat, ohne den Vorsatz 'zu schwren', ist
nicht gebunden (es sei denn des etwaigen Skandals wegen), da er nicht
geschworen hat, sondern (mit dem Eid) gespielt hat." (Busenbaum: Medull.
Theol. lib. III. Tract. II. De II. Dec. Praec. dubium IV. An in
juramento liceat uti aequivocatione u. V. pag. 143.)

"Ist derjenige, der zum ersten Male Hurerei treibt, verbunden, diesen
Umstand in der Beichte zu entdecken? - Jungfrauen sind hierzu wegen der
Defloration verbunden; aber Jnglinge nicht." So meint Suarez. Jedoch
halte ich es mit Vasquez fr wahrscheinlicher, dass auch eine Jungfrau
nicht dazu verbunden ist, sei es selbst, dass sie noch unter elterlicher
Gewalt stehe, da, wenn die Jungfrau freiwillig einwilligt, ihre Hurerei
keine Schndung ist; sie begeht kein Unrecht weder gegen sich selbst
noch gegen ihre Eltern, da sie die Herrin ihrer Jungfrauschaft ist.
(Escobar: Theol. mor. Exam. II. Cap. VI. n. 41. pag. 13.)

Die Fehler eines Frsten knnen vornehmlich im zarten Alter durch gute
Erziehung gebessert werden (wodurch oft verdorbene Naturen gezgelt und
umgewandelt worden sind). Aber wenn dies nicht gehen sollte und Bitten
und Mhen erfolglos bleiben: so halte ich dafr, dass man sie bersehe,
soweit dies das ffentliche Wohl gestattet und die verderbten Sitten des
Frsten nur Privatsachen berhren; dagegen wenn er den Staat in Gefahr
bringt, wenn er sich als Verchter der vterlichen Religion zeigt und
sich nicht bessern will, so halte ich dafr, dass man ihn ab- und einen
anderen einsetze, was, wie wir wissen, in Spanien nicht blo einmal
geschehen ist. Wie ein gereiztes Tier muss er durch alle Geschosse
angegriffen werden, weil er die Menschlichkeit verleugnet und zum
Tyrannen geworden ist. (Mariani: de rege et regis institutione lib. I.
Cap. III.)

"Ob es erlaubt ist, einen Tyrannen mit Gift zu tten?" - Es ist
rhmlich, dieses ganze pestartige und verderbliche Geschlecht aus der
Gesellschaft der Menschen zu vertilgen. - - Und Beispiele solcher Morde
gibt es viele sowohl in alter als neuer Zeit. Es ist zwar schwer, einem
Frsten Gift zu mischen, indem er von seinem Hofe umgeben ist und zudem
die Speisen vorher kosten lsst. Wenn sich aber dazu eine gnstige
Gelegenheit darbietet, wer sollte da so spitzfindig und subtil sein,
dass er unter beiden Todesarten einen Unterschied zu machen suchte? -
Mariani ibid.*)

---- *) Die Erlaubnis, dieses Buch zu drucken, lautet:

Stephanus Hojeda Visitator Societas Jesu in provincia Tolctana,
potestate facta a nostro patre Generali Claudio Aquaviva, do facultatem,
ut imprimantur libri tres, quos de Rege et Regis institutione composuit
P. Johannes Mariana, ejusdem Societatis, quippe approbatos prius a viris
doctis er gravibus ex eodem nostro ordine In cujus sei fidem has literas
dedi meo nomine subscriptas, et mei officii sigillo munitas. Madriti in
collegio nostro quarto Nonos Decembris MDLXXXXVIII.

Stephanus Hojeda, Visitator. ----

Diese Proben der Jesuitenmoral, die ich bedeutend vermehren knnte, auf
den Beichtstuhl angewandt, erklren es hinlnglich, warum Jesuiten als
Beichtvter Glck machten. Der Beichtstuhl wurde zur Erreichung
politischer und kirchlicher Zwecke benutzt, aber hauptschlich diente er
den Pfaffen dazu, ihre Lsternheit zu befriedigen.

Schon im Jahr 428 hatte Papst Coelestin es fr ntig gefunden, Strafe
darauf zu setzen, wenn Geistliche ihre Beichtkinder zur Unzucht
verfhrten. Dergleichen Flle kamen unendlich oft vor, und mit diesen
Beichtstuhlgeschichten knnte man Folianten fllen.

Poggio Bracciolini, von dem ich schon frher redete, erzhlt, dass die
Beichtsthle dazu benutzt wurden, die Mdchen und verheirateten Frauen
zu verfhren. Beichtete eine derselben, dass sie sich eine fleischliche
Schwachheit habe zuschulden kommen lassen, so kam es sehr hufig vor,
dass ihr der fromme Beichtvater die unzchtigsten Antrge machte. Um
sich das Verfhrungswerk zu erleichtern, verfehlten sie nicht, den
lsternen Kindern recht berzeugend vorzureden, dass ein bisschen
Unzucht mit einem frommen Geistlichen so gut wie nichts zu bedeuten habe
und dass die Snde hundertmal kleiner sei, als wenn sie mit einem
fremden Ehemann begangen wrde.

Ansiniro, ein Augustinereremit zu Padua, hatte alle seine Beichttchter
verfhrt. Die Sache wurde ruchbar und er deshalb angeklagt. Vor Gericht
drang man sehr ernstlich in ihn, alle diejenigen anzugeben, welche ihm
den Willen getan. Er nannte eine groe Menge von Mdchen und Frauen aus
den angesehensten Familien, stockte dann aber pltzlich und wollte nicht
weiterreden. Der Sekretr, der ihn vernahm, bedrohte ihn mit den
hrtesten Strafen, wenn er nicht die Wahrheit reden und in seinem
Bekenntnis fortfahren werde. So gedrngt, nannte der Pater auch den
Namen, welchen er verschweigen wollte, und man kann sich die
berraschung des Sekretrs denken, als er den seiner eigenen fr so
tugendhaft gehaltenen Frau hrte!

Hin und wieder kamen die Pfaffen auch schlimm an. Ein Priester, dem eine
hbsche Frau beichtete, fand den Platz hinter dem Altar sehr bequem und
wollte sie bewegen, hier seinem unzchtigen Gelste zu gengen. Die Frau
uerte, dass sie den Platz nicht anstndig finde, versprach aber, an
einem anderen Orte seine Wnsche zu erfllen und schickte ihm als
Liebespfand eine sehr schne Torte und eine Flasche guten Wein. Der
erfreute Pfaffe dachte, zwei Fliegen mit einer Klappe zu treffen, und
berreichte die herrliche Torte seinem Bischof, der damit bei einem
Gastmahl seine Tafel zierte. Als man sie aufschnitt, fand man darin, was
man gewhnlich nicht dem Beichtstuhl, sondern dem Nachtstuhl anvertraut.

Man forschte natrlich nach dem Ursprung dieser schmutzigen
berraschung, und dieser ergab sich bald aus der Untersuchung.

Kein Ort war den geilen Pfaffen zu heilig, und die Regierungen mussten
dieselben oft strafen, weil sie einen Altar oder einen andern fr heilig
geltenden Ort als Sofa betrachtet hatten. Ein Kaplan zu Solothurn beging
selbst die schreiende Snde, die Orgel zum Schauplatz seiner unerlaubten
Freuden zu whlen!

Wre die Kirche nicht stets darauf bedacht gewesen, das Ntzliche mit
dem Angenehmen zu verbinden und ihre frommen Diener soviel als tunlich
fr die mancherlei mit ihrem Amte verbundenen Entbehrungen zu
entschdigen, dann htte sie dem Skandal schnell ein Ende machen knnen.
Sie htte nur zu verordnen brauchen, dass die Weiber bei Weibern statt
bei Mnnern beichteten; aber wahrscheinlich frchteten sie, dass die
Weiber nicht schweigen knnten.

"Mensch bleibt Mensch und ein Pfaffe vorzglich." Ich wrde auch lieber
das Sndenregister eines schnen Mdchens mit anhren als das eines
alten Mannes, und hin und wieder wrde ich wahrscheinlich auch schwach
genug sein, die gemachten Entdeckungen zu meinem Privatvorteil zu
benutzen; allein ich bin auch kein Priester. Wsste ich es nicht aus
anderen Quellen, so wrde mich schon die Ermahnung des heiligen
Borromus an die Pfaffen lehren, dass sehr viele von diesen die Beichte
der Weiber lieben hrten als die der Mnner. Der Heilige, der stets des
oben angefhrten Mottos eingedenk ist, schreibt den Beichtvtern vor,
alle Tren zu ffnen, wenn sie die Beichte irgendeiner Weibsperson
anzuhren htten; er schlgt ihnen vor, irgendeinen Vers aus den
Psalmen, zum Beispiel cor mundum crea in su Domine, an einem freien Ort
anzuschreiben, wo er ihnen bestndig vor Augen wre und sie ihn bei
vorkommenden Versuchungen gleichsam als Zauberformel oder als Retro
Satanas gebrauchen knnten. -

Von dem Geieln habe ich schon geredet. Da dieses nicht ohne Entblung
stattfinden konnte, so ist es begreiflich, dass es die lsternen Pfaffen
sehr bald bei der Beichte einfhrten. Anfnglich begngten sie sich
damit, die Geielung als Bue vorzuschreiben; allein gar bald maten sie
sich das Recht an, dieselbe eigenhndig zu erteilen. Dies wurde von der
Kirche selbst als ein Missbrauch angesehen, und Papst Hadrian 1., der im
Jahr 772 Papst wurde, verordnet. "Der Bischof, Priester und der Diakon
sollen diejenigen, welche gesndigt haben, nicht geieln."

Die Verordnung fruchtete jedoch nichts. Die Geistlichen lieen sich das
angenehme Recht nicht nehmen, besonders da sie darin durch hochstehende
Prlaten untersttzt wurden und der schon frher genannte Kanzler der
rmischen Kirche, Kardinal Pullus, nicht das geringste Bedenken trug,
nicht allein das Geieln zu empfehlen, sondern auch sogar ffentlich
bekanntzumachen, dass die vllige Entkleidung der Benden und ihr
Niederwerfen zu den Fen des Beichtvaters selbst in den Augen Gottes
das Verdienst des Snders vermehre, da es noch Kennzeichen uerster
Demut und Erniedrigung wren.

Solche Lehren trugen den Pfaffen gute Frchte. Das Hinterteil des Mannes
zu zerbluen konnte, wenn derselbe eine hohe Stellung in der Welt hatte,
allenfalls ihrem Stolze und ihrer Eitelkeit schmeicheln; allein die
Strafe bei Frauen anzuwenden hatte fr den Schnheitssinn der Pfaffen
einen weit hheren Reiz, und alle Mittel, welche der Kirche zu Gebote
standen, wurden angewandt, die natrliche Schamhaftigkeit der Weiber und
Mdchen zu besiegen.

Bei der Schamhaftigkeit fllt mir eine Anekdote ein, die zu spahaft
ist, als dass ich sie den Lesern vorenthalten sollte. In den vierziger
Jahren kam ein junges Mdchen zu dem katholischen Pfarrer eines Ortes,
um bei ihm zu beichten. Nachdem sie allerlei unbedeutende Snden
gestanden hatte, stockte sie und wurde feuerrot. Der Pfarrer ermahnte
vterlich, fortzufahren, aber das verschmte Mdchen sagte, dass es ihr
unmglich sei, ihm hier ihre Snden zu bekennen. Der gute Geistliche,
dem dergleichen wohl schon oft vorgekommen sein mochte, fragte, ob sie
ihm lieber zu Hause beichten wolle, wo sie weniger beobachtet wre, und
das Mdchen erklrte sich seufzend bereit dazu.

Zur bestimmten Stunde erschien sie auf dem Zimmer des Herrn Pfarrers,
der sie mit einiger Unruhe und Neugierde erwartet hatte. "Nun, mein
Kind, wir sind allein, was ist's, das dich drckt. - Die Mutter Kirche
hat Trost; habe Zutrauen usw." - "Ach, Herr Pfarrer, ich kann's nicht
sagen", erwidert die kleine Unschuld und hlt den Schrzenzipfel vor das
Gesicht. - "Nun, mein Gott, es wird doch keine Todsnde sein!" - "Ach
nein, aber -." - "Nur offen heraus, was ist's?" -"Ach, ich habe mit
meinem Liebsten etwas - etwas gemacht!" - "Nun, was denn, mein Kind?" -
"Ach, ich kann's wahrhaftig nicht sagen." - "Nun, hat er vielleicht das
getan?" fragte der Pfarrer, indem er ihr in die Backen kneipt, um ihr
das Gestndnis zu erleichtern. - "Ach nein!" - "Oder vielleicht das?" -
wobei er den Arm um ihre Taille legt und ihr einen Kuss auf den Mund
drckt. - Das Mdchen schttelt bestndig mit dem Kopf, und der Pfarrer,
ein noch junger Mann, glhte im Gesicht beinahe ebenso sehr wie seine
verschmte Beichttochter. - Er wird in seinem heiligen Eifer immer
hitziger und versucht alles mgliche, was der Geliebte nur mit ihr getan
haben konnte, und da sie fortwhrend beharrlich schttelt, so schreitet
er sogar zum alleruersten, in der vollen berzeugung, dass er nun das
Richtige getroffen habe. Aber wie gro ist sein Erstaunen, als er auf
seine Frage ein abermaliges Kopfschtteln als Antwort erhielt. - "Nun,
in Satans Namen", bricht er los, "was hast du denn mit ihm gemacht?" -
"Ach, Herr Pfarrer - - ich habe - ihn krankgemacht!" - Ich berlasse es
den Lesern, sich das Gesicht des guten Pfaffen auszumalen. -

Auf solche Weise verfuhren nun wohl nicht alle rmisch-katholischen
Geistlichen, um die Schamhaftigkeit ihrer Beichtkinder zu besiegen; bei
den meisten gelang es ihnen durch biblische Spitzfindigkeiten und, wo
dieselben nicht helfen wollten, mit Verweigerung der Absolution und
Androhung der ganzen Teufelskche. Zu solchen uersten Mitteln
brauchten die heiligen Vter indessen nur selten zu schreiten, denn die
Beichte ist schon an und fr sich ein hchst wirksames Mittel zur
Erttung der Scham.

Das Mdchen oder die Frau, welche einem fremden Manne die geheimsten
Regungen ihrer Sinnlichkeit und die dadurch hervorgebrachten Wirkungen
mit allen Details - so verlangen es hufig die lsternen Beichtvter -
schildern kann, kostet es auch keine groe berwindung, sich vor
demselben zu entblen; wer die nackte Seele gesehen hat, mag auch den
nackten Krper sehen! -

Weigerte sich indessen dennoch eine Beichttochter und wollte nicht daran
glauben, dass die Pfaffen ein Recht dazu htten, die Entblung zu
verlangen, dann entgegneten diese ihnen, dass Christus gesagt habe:
Gebet hin und zeiget Euch den Priestern; wollte es eine andere
unschicklich und anstig finden, dann antwortete man ihr: "Ach
Larifari! Adam und Eva waren im Paradies nackt, und am Auferstehungstage
werden wir keine Hosen tragen." So kam es allmhlich so weit, dass man
gar nichts mehr darin fand, wenn ein Beichtvater einem Mdchen oder
einer Frau mit eigener Hand die Rute gab.

Die Pfaffen standen schon seit den ltesten Zeit mit vollem Recht in
schlechtem Ruf, und es ist daher wohl begreiflich, dass die Ehemnner
ziemlich unruhig waren, wenn ihre Frauen zur Beichte gingen. Selbst sehr
fromme und heilige Bcher enthalten darber hchst ergtzliche
Geschichten, wenn sie auch meistens ernsthaft langweilig und im
schrecklichsten Mnchslatein erzhlt sind.

In einem Buche von Scotus, betitelt Mensa philosophica, findet sich zum
Beispiel die folgende: Einem Weibe, welches eben in den Beichtstuhl
ging, um ihre Snden zu bekennen, folgte im geheimen ihr Ehemann nach,
da ihn die Eifersucht plagte, zu welcher er auch wohl gute Grnde haben
mochte. Er verbarg sich in der Kirche so, dass er seine Frau genau
beobachten konnte; aber kaum sah er sie von dem Beichtvater hinter den
Altar fhren, als er sehr eifrig hervorstrzte und demselben vorstellte,
dass seine Frau viel zu zart sei, die Geielung auszuhalten; solle aber
einmal gegeielt werden, nun, dann erbiete er sich, die Strafe auf sich
zu nehmen. Die Frau war sehr vergngt ber diesen Vorschlag, und der
Beichtvater willigte ein. Kaum hatte sich der Mann vor diesem nieder
geworfen und in die gehrige Geielpositur gesetzt, so rief seine Frau:
"Nun, ehrwrdiger Vater, haut nur recht tchtig zu, denn ich bin eine
sehr groe Snderin!" -

Nach den Beispielen von den Wirkungen des Zlibats auf die Geistlichen
welche ich in den vorigen Kapiteln gegeben habe, werden es die Leser
sehr natrlich finden, dass diese Art und Weise der beichtvterlichen
Absolution zu unendlich vielen Missbruchen Veranlassung gab. Die Zahl
der davon bekannten Beispiele ist unendlich gro, obgleich die Pfaffen
stets bemht waren, dergleichen Erzhlungen als Verleumdungen
hinzustellen. Ich knnte eine ganze Galerie davon auffhren, begnge
mich aber damit, nur einige Geschichten dieser Art zu erzhlen, deren
Wahrheit bis in die kleinsten Details durch gerichtliche Untersuchungen
ans Tageslicht gekommen ist, und weil sie mir ganz vorzglich geeignet
scheinen, die rmisch-katholischen Geistlichen und ihre Beichte zu
illustrieren.

Die erste davon ist die von dem Bruder Cornelius Adriansen zu Brgge.
Derselbe war zu Dortrecht geboren. Seine Eltern bestimmten ihn zum
geistlichen Stand, und nachdem er seine Studien vollendet hatte, kam er
im Jahr 1548 nach Brgge in das dortige Franziskanerkloster. Bald
entdeckte man in ihm eine Menge theologischer Kenntnisse und eine ganz
besondere Gabe, "populr" zu predigen, wodurch seine Oberen bewogen
wurden, ihm das Predigeramt anzuvertrauen.

Seine Predigten waren ganz eigentmlicher Art, und man wird sie am
besten beurteilen knnen, wenn ich ein Bruchstck aus einer derselben
mitteile. Seine Reden wurden brigens schon bei seinen Lebzeiten
gesammelt und zum Ergtzen der Ketzer in den Niederlanden im Druck
herausgegeben.

Am 15. Dezember 1560 ereiferte er sich sehr, weil einige angesehene
deutsch-protestantische Prediger und Anhnger der Augsburgischen
Konfession nach Antwerpen gekommen waren. Nachdem er einen Teil des
Textes ausgelegt hatte, ergriff er die Gelegenheit, seinem Grimm ber
die Ketzer Luft zu machen. Er brllte wie verrckt: "Bah! ich mchte
beinah vor Zorn und Tollheit aus der Haut fahren! Ah Bah! da sind nun zu
Antwerpen, dem hllischen Pfuhl, dem teuflischen Abgrund, wo alles
verfluchte Gift und stinkender Unflat zusammenkommt, wiederum neue
Verrter, Verfhrer, Betrger, neue Schelme und Bsewichter aus dem
verdammten und verfluchten Deutschland angekommen und vermeinen, in
diesen edlen Niederlanden - die sich jederzeit so standhaft im
christlichen Glauben gehalten, bis die mageren, drren, ledernen
deutschen Arschkerben ihre beschissene Supplikation bergeben - ihre
Augsburgische Konfession einzufhren und fortzupflanzen. Bah, seht doch
wie schnell sie mit ihrer teuflischen Augsburger Konfession gelaufen
kommen, sobald sie gehrt, dass diese verfluchten Geusen die Religion
verndern wollen! Ei ja, eben recht! wie? wir sitzen da und warten
darauf, bis Ihr kommt? Bah, alles bereit? Ah bah, es ist zu verwundern,
wie Ihr so lange geblieben seid mit eurer schnen Konfession von
Augsburg, welche erstlich so s, lieb und betrglich von dem falschen,
verdammten, hllischen Ketzer, dem unbestndigen Zweifalter und
Wetterhahn Philipp Melanchthon, verfasst und zusammengestellt, dann aber
mit seinem teuflischen, hllischen Gift so verdorben und nach seinem
ketzerischen Sinn verflscht worden, dass auch die Zwinglianer,
Calvinisten und Sakramentierer sich damit behelfen und verteidigen
knnen und wollen. Darum schei ich in die Augsburgische Konfession!
Bah! die Zeit soll noch kommen, dass diese Konfession an den Galgen
gehngt und mit Kot und Dreck soll beworfen werden, ja, dass alle
Katholischen den Arsch daran wischen werden; bah, so sehet! - Ah bah!
die Wiedertuferei ist tausendmal besser als die Konfession von
Augsburg. Bah! Gott schnde die Augsburgische Konfession, bah! der
Teufel hole die Augsburgische Konfession! Wie, was meint Ihr, dass wir
toll und tricht sein und dass wir uns so von diesen ledernen
Arschkerben sollen berteufeln und ffen lassen, von diesen deutschen
Verrtern, den ersten Abtrnnigen und Ausgebannten von der
rmisch-katholischen Kirche?" usw.

Seine Predigten wimmelten von Unfltereien, von denen die obigen nur
eine bescheidene Probe sind, und hrte er, dass man sich darber
aufgehalten habe, dann schrie er von der Kanzel wie besessen: "Bah,
darum haltet das Maul und lasst mich predigen, was mir der Heilige Geist
eingibt!" Er bte indessen einen bedeutenden Einfluss auf den groen
Haufen aus und seine Predigten waren besonders geschickt dazu, den Hass
gegen die Protestanten zum Fanatismus anzufachen. Einstmals predigte er
gar, "dass man schwangeren Weibern der Ketzer den Leib aufschneiden
solle, um die Kinder, ehe sie geboren wren, zu verbrennen".

Diese Predigten fallen indessen schon in eine sptere Zeit. Bald nach
Antritt seines Predigeramtes hatte er sein Augenmerk auf einen anderen
Gegenstand gerichtet, - nmlich auf die schnen Mdchen und Frauen von
Brgge. Er fing an, gegen das eheliche Leben zu predigen, und setzte es
mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln herab; denn es sei fast nicht
mglich, als Verheirateter selig zu werden. Dagegen konnte er die
Jungfrulichkeit nicht hoch genug preisen und verhie den Mdchen,
welche darin beharren wrden, ganz gewiss die Seligkeit.

Heutzutage wrde man darber selbst in streng katholischen Lndern
lachen und hchstens einige verhimmelnde Ebelianische Seelenbrute
wrden vielleicht in dem guten Pater den sehr fleischgewordenen Paraklet
sehen; aber damals, als die meisten Leute noch eine ungeheure Sorge um
ihr "Seelenheil" hatten, verursachten seine Predigten einen solchen
Aufruhr unter den Weibern in Brgge, dass alle Mnner die Geduld
verloren, denn ihre Frauen flohen sie frmlich und die Mdchen
beschlossen, in ihrem Leben nicht zu heiraten. - Doch "der Geist ist
willig, aber das Fleisch ist schwach". Die armen Frauen gerieten in
Verzweiflung und liefen zu Bruder Cornelius, um sich Trost und Rat zu
holen. Dieser hrte sie freundlich an und belehrte sie ber die Mittel,
durch welche es mglich sei, im ehelichen Stand fortzuleben, ohne vom
Teufel geholt zu werden. Zunchst, sagte er, sei es ntig, "der Begierde
und dem Gefallen an dem fleischlichen Werke der Ehe" zu widerstehen,
wenn auch dem Werk oder der Ausbung selbst nicht. "Denn", argumentierte
er, "das Werk an und fr sich ist von Gott angeordnet, aber die
verdorbene ausgeartete Natur hat es verunreinigt, befleckt, beschmutzt
und verunehrt mit ihren schlechten, faulen, fleischlichen Affekten und
Neigungen!" Darum sollten sie denselben durchaus widerstehen und das
eheliche Werk ausben, als bten sie es nicht aus. Dies war nun freilich
fr die meisten ein unmgliches und bermenschliches Ding, besonders
wenn sie ihre Mnner lieb hatten und tglich kamen sie zu ihm mit
weinenden Augen und beklommenen Herzen.

Zu denen, die weder jung noch sonderlich hbsch waren, sagte er, dass
sie ihre Anfechtungen und bertretungen ihrem Pastor oder Beichtvater
sehr genau und ausfhrlich berichten mssten, damit sie ihnen vergeben
wrden und die Absolution bekmen; aber zu denen, die er fr seine
Betgenossenschaft (deuotarship) wnschte, sagte er: weil sie nun solchen
innerlichen Snden und Gebrechen ihres Krpers nicht widerstehen
knnten, so wre es ntig, dass derselbe gekasteiet werde mit einer
uerlichen Strafe oder Pnitenz. Die betrbten Frauen willigten sehr
gern darin, sich derselben zu unterziehen.

Hierauf sagt er ihnen, dass sie sich ganz und gar unter seine Aufsicht
und seinen Gehorsam begeben mssten, und als sie auch damit
einverstanden waren, gab er ihnen eine Regel, nach welcher sie alle
Monate auf einen bestimmten Tag bei ihm mit Bewilligung ihrer Mnner zur
Beichte erscheinen und in welcher sie ihm ihre bertretungen mitteilen
mussten.

Als sie nun die Regel angenommen hatten und bei ihm zur Beichte
erschienen, gebot er ihnen bei dem Gelbde ihres Gehorsams, alle
unkeuschen Gedanken, Begierden und Handlungen, die sie hatten und
begingen, ungeschminkt, frei heraus, ohne Scham zu gestehen; je glatter,
unverhohlener, grber und genauer, je besser: damit er im Stande sei,
sie davon zu subern, reinigen, purgieren, absolvieren und deshalb zu
kasteien und strafen. Dies taten denn die Frauen ebenfalls. "Nun,
wohlan, meine Tchter", sagte Cornelius darauf, " fr diese heimlichen
und unkeuschen fleischlichen Snden des Krpers gehrt sich auch eine
heimliche Suberung, Purgierung, Reinigung (er liebte es sehr, wohl fnf
bis sechs Synonyme hintereinander zu gebrauchen) und heilige Disziplin
oder sekrete Pnitenz, welche vor den Augen der Menschen verborgen
gehalten werden muss, weil sie nicht verstehen und begreifen was
geistlich ist; ja, sie wrden sich darber aufhalten und rgernis
nehmen, wenn sie es wssten; so sind sie durch die Verderbtheit des
Fleisches in ihren Ansichten und Begriffen verwirrt, geblendet und
geschndet. Darum, meine Tchter, legt die Hand auf eure Brust und
schwrt bei Gott und allen Heiligen, dass ihr diese heimliche Disziplin
oder heilige, sekrete Pnitenz weder euren Mnnern, noch euren Eltern,
noch irgendeinem der weltlich gesinnten Menschen, noch irgendeinem
Geistlichen, sei es in der Beichte oder anders, nicht zu erkennen geben
und offenbaren wollt."

Nachdem nun die Frauen diesen Eid geleistet hatten, nahm er sie als
Berinnen und Disziplintchter an und hie sie in das Haus der Nhterin
Calle de Naighe, seiner Vertrauten, stets durch die Vordertr zu gehen;
denn dieses Haus hatte von der Seite des Klosters her ebenfalls einen
Eingang, so dass diejenigen, welche Bruder Cornelius durch denselben
hineingehen sahen, die Frauen nicht sahen und umgekehrt.

Als nun die frommen Frauen das erste Mal zu der Nhterin kamen, gab sie
jeder derselben eine Rute und hie sie dieselben in das Disziplinzimmer
tragen, das nchste Mal aber selbst Besen zu kaufen und davon eine Rute
mitzubringen.

Als Cornelius in das Disziplinzimmer zu seinen Beichttchtern eintrat
sagte er: "Nun, wohlan, meine Tchter, damit Ihr diese heilige Disziplin
oder sekrete Pnitenz bequem empfangen knnt, ist es ntig, dass ihr
euern Krper entblt; darum befehle ich Euch bei dem Gelbde eures
Gehorsams, dass Ihr Euch entkleidet."

Als die Frauen seinen Willen erfllt hatten, mussten sie ihm selbst die
Rute in die Hand geben und ihn demtig bitten, dass er ihren sndigen
Krper diszipliniere und kasteie, was er denn sehr bedchtig mit einer
Anzahl Schlge tat, die eben nicht weh tun konnten. Diese Handlung
begleitete er mit allerlei vom Geieln handelnden Reden aus alten
Bchern und sagte unter anderem: dass Gott die Demut der Benden, die
sich nackt auszgen, lieber habe als die Heftigkeit der Schlge.

Im Winter, wenn es zu kalt war, um sich nackt auszuziehen, mussten seine
Disziplinkinder sich auf einem groen Kissen niederlegen: Bruder
Cornelius hob ihnen den Rock auf und disziplinierte sie auf diese Weise.
Ebenso machte er es auch im Sommer mit denjenigen Frauen, die nicht
lange von Hause wegbleiben konnten oder mit Witwen, die lange unter
seiner Disziplin gestanden hatten und an deren Buwerkzeugen er sich
bereits satt gesehen hatte; ja, zuletzt lie er wohl zu, dass diese die
Disziplin von seiner Vertrauten, der Nhterin, empfingen.

Dass die Witwen, die bereits vom Baum der Erkenntnis gegessen,
Anfechtungen hatten, nahm er als selbstverstndlich an und interessierte
sich vor allen Dingen fr ihre Trume, die sie ihm stets ganz genau
erzhlen mussten.

Ehe er aber die verheirateten Frauen und Witwen zu seiner Buanstalt
heranzog, hatte er schon lngst eine Disziplinschule von jungen Mdchen
errichtet, bei der ich mich etwas lnger aufhalten muss, da sich dabei
die ganze Schndlichkeit des nichtswrdigen Pfaffen offenbart und weil
es Jungfrauen waren, die den alten lsternen Snder zuschanden machten
und sein Treiben zur Untersuchung brachten. -

Abb Parny in seiner kstlichen Satire "La guerre des Dieux", in welcher
die Heidengtter von der heiligen Dreieinigkeit mit den himmlischen
Heerscharen besiegt werden, hat den kstlichen Einfall, alle Satyren und
Faune der alten Heidenzeit die Stammvter der Mnche werden zu lassen.
Der witzige Abb kannte gewiss viele Mnche von der Art des Bruders
Cornelius.

Im Jahr 1553 befand sich unter den Frauen, welche tglich die Predigten
des Bruders Cornelius besuchten, eine fromme und geachtete.Witwe mit
ihrem schnen und gescheiten Tchterchen. Diese machte die Bekanntschaft
einiger junger Mdchen, die schon lange zu der Betgesellschaft des
Pastors gehrten und stets bemht waren, fr dieselbe Rekruten zu
erwerben. Das reizende sechzehnjhrige Calleken Peters schien ihnen
besonders der Mhe wert. - Die Mutter sah mit Vergngen, wie ihr
Tchterchen durch die Unterhaltung mit den frommen Mdchen so schn ber
geistliche Dinge reden lernte, und lie Calleken die Gesellschaft
derselben besuchen, so oft sie nur wollte.

Hier hrte sie von der geheimen Pnitenz und fragte, was dieselbe denn
eigentlich zu bedeuten habe? Bisher waren die Mdchen sehr bereit
gewesen, ihr Rede und Antwort zu geben, allein nun meinten sie, dass
Calleken darber nur von Pater Cornelius selbst belehrt werden knne,
und rieten ihr, sich an den heiligen Mann zu wenden, was sie denn auch
beschloss.

Cornelius, der benachrichtigt wurde, dass sich ein so frisches Fischchen
fangen wolle, setzte einen Tag fest, an welchem sie bei ihm erscheinen
solle, und auer ihr fanden sich an demselben noch zwei ausgezeichnet
schne Mdchen ein, die ebenfalls in der Disziplin unterrichtet werden
sollten; sie hieen Aelken van den B. und Betken P.

Der Pater fragte Calleken, ob es ihr Ernst damit sei, ihre jungfruliche
Reinheit und Sauberkeit zu bewahren und zu dem Ende unter seine
Obedienz, Untertnigkeit und Gehorsam sich verdemtigen wolle? Als sie
bejahte, lobte er sie sehr und ersuchte sie, ihn mit Einwilligung ihrer
Mutter an einem bestimmten Tage der Woche zu besuchen.

Nach einer mehrwchigen Vorbereitung nahm er sie feierlich als
Beichtkind an und lie sie den schon oben angefhrten Eid schwren.
Darauf wies er sie an, gleich den anderen Mdchen in seine
Disziplinkammer zu kommen und sich dort zur Pnitenz vorzubereiten. -
Diese Kammer hatte er damals in einem Hause auf dem Steinhauersdyk in
Brgge bei einer Witwe, Frau Pr., bei der die oben genannte Betken und
einige andere Mdchen in Kost waren, um die Kochkunst zu erlernen. Die
Nhterin wurde erst des Paters Vertraute nach dem Tode der Witwe.

Als Calleken zum ersten Mal in die Kammer trat, forderte sie Cornelius
auf, bei dem Gelbde ihres Gehorsams ihm alle Anfechtungen und
Versuchungen, welche der menschlichen Natur so eigen, zu beichten und
namentlich die unkeuschen Trume, Gedanken und Begierden, welche der
jungfrulichen Reinigkeit so sehr zusetzen, ungescheut ihm mitzuteilen,
indem er nur auf diese Weise Mittel finden knne, Letztere zu
beschtzen.

Das arme, unschuldige Kind, welches von dergleichen Anfechtungen noch
durchaus nichts wusste, stotterte etwas her, aber Cornelius erwiderte:
"Bah, ich wei recht gut, dass Euch alle die Unkeuschheiten und
Unreinigkeiten, welche zwischen Verheirateten und Weltmenschen
vorzufallen pflegen, bekannt sind: denn die Welt ist so arm im Argen und
verdorben, dass junge Mdchen von acht bis neun Jahren recht gut wissen,
auf welche Weise sie in die Welt gekommen sind. Bah! ein Mdchen von
sechzehn bis siebzehn Jahren wie Ihr sollte nichts von solchen
Versuchungen, Begierden, Qulungen wissen? Bah, Ihr httet in der Welt
bleiben sollen, Ihr wrt bald Mutter von drei bis vier Kindern."

Calleken, vor Scham ganz rot, sah zur Erde nieder und wusste nichts
weiter zu sagen, als dass ihre Mutter sie auf das sorgfltigste vor
allen eitlen, leichtfertigen und unehrbaren uerungen bewahrt htte. -
"O bah!" fuhr der Pfaffe fort, "darauf achte ich noch nicht. Die
angeborene und gebrechliche Natur muss Euch in dem Alter, welches Ihr
nun habt, darber belehren; darum ist es nicht mglich, dass Ihr nicht
bisweilen mit fleischlichem Streit angefochten werdet, den Ihr allein
aus Verschmtheit mir verschweigt. Aber ich kann Euch durchaus nicht
absolvieren, denn meine Seligkeit hngt daran, und darum bereitet Euch
das nchste Mal besser darauf vor, alle eure natrlichen Anfechtungen zu
erkennen zu geben.' - Hiermit entlie er Calleken und befahl ihr, auf
einen bestimmten Tag wiederzukommen, was sie in Gottes Namen zu tun
gelobte.

Als sie wieder zu ihm kam, nahm er sie in seine Disziplinkammer und
ermahnte sie, alle Verschmtheit, die er ein falsches, bses Tier
nannte, drauen zu lassen. Auf seine abermaligen Fragen nach
fleischlichen Regungen antwortete ihm das unschuldige Mdchen, dass sie
tglich Gott bitte, sie vor dergleichen Anfechtungen zu bewahren. Das
lobte der Pater zwar, meinte aber doch, sie msse Gott eigentlich um
Versuchungen und Anfechtungen bitten, denn ein Zustand, in welchem diese
ausbleiben, sei keine Heiligkeit zu nennen. "Bah!" fuhr er fort, "es ist
eine Ehre, eine qulende Natur zu haben, und dass man zu ungleichen
Personen, nmlich Frauen zu Mnnern und Mnner zu Frauen, mit natrlich
brennender Hitze geneigt ist; allein was ist das fr ein Verdienst, wenn
man kein Gefhl dafr hat? Bah, mein Kind, schmt Euch nicht zu
gestehen, dass Ihr auch Fleisch und Blut gleich allen Menschen habt,
oder ich muss Euch fr heuchlerisch und ganz und gar fr durchtrieben
halten, weil Ihr nicht gestehen wollt, bisweilen fleischliche Gedanken
oder unreine Begierden zu haben." Nun fuhr er fort, sie zu ermahnen, ihm
rund heraus, je unumwundener je besser, alle ihre unkeuschen Gedanken
und dergleichen zu sagen. Calleken wurde immer verschmter, je lnger
sie den Satyr in Priestertracht anhrte. Dieser glaubte daher vor allen
Dingen darauf hinarbeiten zu mssen, diese ihm so hinderliche Scham zu
vernichten, und nachdem er sie durch vterliche, gleisnerische Worte
zutraulich gemacht hatte, fragte er feierlich: "Nun, Calleken, mein
Kind, sagt mir, ob Ihr mir die Seligkeit eurer Seele auch mit ganzem
Herzen anvertraut?" Sie antwortete: "Ja, ehrwrdiger Vater." - "Nun
wohl", fuhr er fort, "wenn Ihr mir euer Seelenheil anvertraut, so knnt
Ihr mir mit noch minderer Gefahr euren irdischen vergnglichen Krper
anvertrauen; denn wenn ich eure Seele selig machen soll, so muss ich vor
allem euren Krper geeignet, rein, sauber und fhig machen zu allen
Tugenden, Andachten und Pnitenzien. Ist's nicht so, mein Kind?" - Sie
antwortete: "Ja, ehrwrdiger Vater." - "Nun wohlan, mein Kind, so ist es
ntig, dass Ihr meiner heiligen Obedienz untertnig seid und tut, was
ich Euch befehlen werde."

Hierauf setzte er sich auf eine Bettstelle, die in dem Zimmer stand, und
sie musste sich zwei Schritte von ihm hinstellen. Darauf sagte er, dass
es zur berwindung der Verschmtheit, welche der Disziplin und Pnitenz
so durchaus zuwider, durchaus ntig sei, dass sie sich seinem Willen
fge, und er gebiete ihr daher bei ihrem Gelbde des Gehorsams, sich
sogleich vor ihm nackt auszuziehen.

Calleken antworte heftig erschrocken: "Ach, ehrwrdiger Vater, wie
knnte ich das tun, ich msste mich gar zu sehr schmen!" - "Mein Kind",
rief er, "das muss so sein, unser beider Seligkeit hngt daran, darum
weg mit der Scham und tut gehorsamlich, was ich befohlen habe." - "Ach,
ehrwrdiger Vater", stammelte das gengstigte Mdchen, "ich will Euch
lieber knftig alle meine Anfechtungen und fleischlichen Gedanken
offenbaren (das arme Kind htte sie gewiss erfinden mssen), als dies
tun, denn ach - mir ist, als wrde ich lieber sterben! Darum bitte ich
demtig, ehrwrdiger Vater, erlasst es mir!" - Cornelius bestand aber
fest darauf, denn ohne dasselbe sei es gar nicht mglich, eine
vollkommene Andchtige zu werden; es sei das erste Mittel zum Empfang
der heiligen, heimlichen Disziplin. Er verlangte unbedingten Gehorsam,
wie ihn alle brigen Disziplinschler leisteten.

Seine Worte hatten endlich die gewnschte Wirkung. Das schne Mdchen
hakte ihr Mieter auf und zog es aus; als sie aber ihr Leibchen
aufschnrte, strzten ihr die hellen Trnen aus den Augen, und Cornelius
sagte: "Bah, mein Kind, fasst Mut und kmpft tapfer und klug gegen die
Verschmtheit und Heuchelei, dann sollt Ihr einen Sieg feiern, dann soll
alles Triumph, Friede und Glorie sein."

Als sie nun bis aufs Hemd entkleidet war und auch dieses fallen lassen
sollte, verwandelte sich die Glut ihres Gesichts in tdliche Blsse. -
Als Cornelius dies sah, stand er eiligst auf und holte aus seinem
Schrank einige stark riechende Essenzen, mit deren Hilfe sie bald wieder
aus der Ohnmacht erwachte.

Fr dieses Mal ist es genug, mein Kind", redete er ihr freundlich zu,
"das nchste Mal sollt Ihr nicht allein bei mir sein, sondern in
Gesellschaft einiger Mdchen, die Ihr kennt und die Euch mit gutem
Beispiel vorangehen werden." Als sie sich wieder angekleidet hatte,
ermahnte er sie, keinem Menschen etwas zu sagen und ihm zu geloben, am
bestimmten Tage sich auch wirklich wieder in seinem Disziplinzimmer
einzustellen.

Sie hielt Wort und fand dort die oben erwhnten beiden schnen Mdchen,
die gar keine Umstnde machten, sich sogleich auskleideten und ganz
dreist nackt vor den Pater hinstellten. Calleken folgte dem Beispiel,
und Cornelius lobte sehr das Glorreiche eines solchen Siegs ber die
verfluchte Scham, die allem frommem Werk im Wege sei. Damit hatte es fr
dieses Mal sein Bewenden, denn Cornelius pflegte seine frommen Tchter
mehrere Monate lang im Entkleiden zu ben, denn sein Grundsatz war, sie
mussten freiwillig die Scham aufgeben und selbst die Disziplin begehren.

Whrend dieser mit Calleken vorgenommenen seltsamen Exerzitien wurde sie
von einem Mdchen, das schon seit langem zu des Paters schamlosen
Freikorps gehrte, gefragt: ob sie denn nun wisse, was die Disziplin
oder heilige sekrete Pnitenz sei? Calleken antwortete, dass sie es wohl
beinahe ahne, aber noch nicht sicher wisse. "Ei", sagte das Mdchen,
"wenn du diese noch nicht verdient hast, dann musst du wohl ein ganz
anderes reines Mdchen sein als alle anderen; allein ich denke, dass du
deine Anfechtungen nicht recht bekannt und gestanden hast." Nun wurde
sie zum unbedingten Gehorsam gegen Bruder Cornelius ermahnt: sie msse,
hie es, ihre Seele ihm ganz und gar bergeben, den sonst knne es
unmglich etwas werden. Calleken versprach, ganz zu tun, wie die Mdchen
ihr rieten.

Die vielen Reden von fleischlichen Anfechtungen, von natrlichen
unsauberen Begierden, unkeuschen Trumen usw. hatten das unschuldige
Mdchen ganz verwirrt gemacht, so dass sie Tag und Nacht an nichts
anderes dachte, was denn auch mit wirklichen Anfechtungen endete, so
dass sie dem erfreuten Pater etwas zu beichten hatte. Sie wurde nun der
Disziplin fr wrdig erachtet und wurde eine Devote wie die andern.

Diese Bugenossenschaft, zu welcher die schnsten Frauen und Mdchen von
Brgge gehrten, bestand eine ganze Reihe von Jahren, ohne dass
auerhalb des Kreises derselben das geringste verlautete. Aber der Krug
geht so lange zu Wasser bis er bricht, und auch den frommen
Beschftigungen des faunischen Paters sollte ein Ende gemacht werden.

Bei einer kleinen Festlichkeit einiger Mitglieder dieser Genossenschaft,
der auch Pater Cornelius beiwohnte, ging es sehr lustig zu. Der Pater
tanzte mit einer hbschen Beichttochter und ksste sie in seiner frommen
Weinlaune auf den Mund. -Calleken Peters hrte davon durch eine der
Anwesenden und war sehr betreten, dann sagte sie - "man steht doch
mutternackt vor ihm, und wie kann man wissen, ob ihn nicht etwas
Menschliches anwandelt." Die andere erklrte ihn fr einen Engel in
Menschengestalt, der nicht sndigen knne; allein Calleken antwortete:
"Ich behaupte nicht gerade, dass er sndigt, aber wie nun, wenn ihn eine
menschliche Schwachheit ergreifen sollte, wie wolltest du dich benehmen,
um nicht mit zu sndigen?" - "Ich wrde es in Demut geschehen lassen",
antwortete die andere, "denn ich bin berzeugt, unser Herrgott wrde mir
solches nicht zur Snde rechnen um des heiligen Mannes willen, indem
dieser die Handlung ohne eigentlich fleischliches Gelste vollbrchte."

Calleken wollte diese Religion nicht einsehen, allein der Pater, der
Nachricht von dieser Unterredung erhielt, bekam einen groen Schrecken
und nach mehreren Unterredungen mit Calleken lie er sich von ihr in
Gegenwart eines anderen Paters eine Erklrung unterschreiben, dass sie
an ihm nie etwas bemerkt, was ihr rgernis gegeben habe, und dass sie
nichts von einer heimlichen Disziplin wisse. Der Pater stellte ebenfalls
ein Zeugnis aus, dass er Ohrenzeuge einer solchen Erklrung gewesen und
Cornelius wurde wieder ruhig, besonders da er sah, dass Calleken Peters
das Geheimnis bewahrte und auch nicht aus seiner Beichtgenossenschaft
austrat.

Nach zwei Jahren kamen ihr aber Skrupel, und sie wollte von dem Pater
aus der Bibel bewiesen haben, dass die heimliche Disziplin zur Seligkeit
absolut notwendig sei. Sie warf ihm vor, dass er auf der Kanzel die
Bibelstellen ganz anders auslege als ihr, und er rief sehr verlegen: "Ah
bah! wenn ich auf der Kanzel stehe, rede ich fr die Weltkinder."

Bei einem abermaligen Disput ber diesen Gegenstand riss dem Pater die
Geduld, und er befahl ihr, sich auf der Stelle zu entkleiden und die
Pnitenz zu empfangen; allein Calleken weigerte sich durchaus und
erklrte, dass nur Beweise aus der Bibel sie vermgen knnten, zum alten
Glauben an die Notwendigkeit der heimlichen Disziplin zurckzukehren. Er
tobte und gab ihr drei Wochen Zeit, sich zu bedenken.

Sie war bei ihrem Entschluss geblieben und ging nach drei Wochen ins
Kloster. Cornelius war nicht zu Hause, und sie kam auf den Gedanken,
eine Unterredung mit dem Guardian zu haben. Im Laufe derselben fragte
sie denselben, ob er Kenntnis habe von der Art und Weise, wie Pater
Cornelius diszipliniere?

Nach dem der Guardian sich berzeugt hatte, dass nur Gewissensangst das
Mdchen zu ihm trieb, so erklrte er ihr endlich, dass Cornelius zu den
Menschen gehre, von denen Christus gesagt - "Wehe denen, die einen von
diesen kleinsten rgern; es wre ihm besser, dass ihm ein Mhlstein an
seinen Hals gehngt und er in die Tiefe des Meeres versenkt wrde."

Sie ging nun nicht mehr zu Cornelius, allein dieser belstigte sie
fortwhrend, und sie beschloss daher, gegen alle fernere Teilnahme an
der Busodalitt zu protestieren. Cornelius war wtend, behandelte sie
wie einen bsen Geist und bergab sie feierlich dem Teufel.

Bis jetzt hatte das Mdchen geschwiegen, aber nun erhob es sich mit dem
Stolz und Mut der gekrnkten und misshandelten Unschuld und rief: "Wehe
Euch, ihr fleischlich gesinnter Mensch, der ihr mit all diesem
Nacktauskleiden und Disziplinieren nichts anderes gesucht habt, als eure
unkeuschen Augen und niedertrchtigen Begierden zu befriedigen zum
groen rgernis und Skandal von so viel unschuldigen Mdchen. Wehe Euch,
es wre besser, dass Euch ein Mhlstein an den Hals gehngt und ihr in
die Tiefe des Meeres versenkt wrdet!"

Die Wut des Paters war unbeschreiblich. Die Szene endete damit, dass er
sie am Arm ergriff und zur Tr hinausschob, wobei er wie wahnsinnig
schrie: "Weg von hier, Ihr Paulianerin! ich sehe nun, dass Ihr eine
Paulianerin geworden seid wie Betken Maes; weg, weg, ich bergebe Euch
dem Teufel!"

Calleken Peters ging ruhig nach Hause und lebte still und sittsam, ohne
- aus Rcksicht fr den Guardian und andere Frauen - von der seltsamen
Buanstalt des Paters zu reden, die immer fortblhte. Sie heiratete und
kmmerte sich nicht darum; aber drei Jahre nach der oben erzhlten Szene
kam die ganze Geschichte durch die oben erwhnte Betken Maes an den Tag.

Es war dies ein ausgezeichnet braves Mdchen. Sie hatte sich ganz und
gar der Krankenpflege gewidmet und wohin sie immer kam, erschien sie wie
ein Engel des Trosts. Sie hatte auch zur Bugesellschaft von Cornelius
gehrt, allein gab ihn als Beichtvater auf und beichtete einem
trefflichen Augustinermnch. Cornelius war wtend und verketzerte sie
berall, allein Betken schwieg.

Als sie einst bei einer Kranken war, die zu sterben meinte, verlangte
dieselbe, in einer Kapuze zu sterben, die sie von Cornelius erhalten,
der ihr gesagt hatte, dass sie, wenn sie in derselben sterbe, gar nicht
einmal in das Fegefeuer kommen werde. Betken suchte, ihr den Unsinn
auszureden, die Frau wurde bse, genas aber und erzhlte die Sache
Cornelius.

Dieser verleumdete sie nun in allen Klstern und Privathusern, welche
ihr die Kundschaft aufkndigten. Er wusste es sogar so weit zu bringen,
dass ihr Beichtvater, weil er seine vereidigten Beichttchter verleite,
in den Bann getan wurde. Betken selbst wurde als Ketzerin sogar auf der
Strae verfolgt und verspottet.

In dieser Not beichtete sie dem Provinzial der Augustiner das Geheimnis
der Buanstalt. Der Provinzial beschloss, den Vermittler zu machen, und
bewog Cornelius, gegen ihr Versprechen zu schweigen von der Kanzel seine
Reden gegen sie zu widerrufen. Er tat dies in verblmter, nur wenigen
verstndlicher Weise und erklrte berall, dass er den Schritt nur auf
Andringen angesehener, dem Erasmianismus anhngender Huser getan habe.
Seine Meinung aber ber das Mdchen sei dieselbe.

Betken Maes war vllig wie vogelfrei; sie traute sich aus Furcht vor dem
Pbel nicht auf die Strae, und die Nchte durchwachte sie in Angst, da
sie jeden Augenblick eine Gewalttat der Fanatiker oder einen Besuch der
schrecklichsten Inquisition erwartete. Der Trieb der Selbsterhaltung
bewog sie zum letzten Mittel. In mehreren Husern, wo man sie noch
duldete, erzhlte sie die Betrgereien des Paters Cornelius und gab
detaillierte Schilderungen von seiner Pnitenzanstalt. Anfangs glaubte
man, sie erzhle ein von der Rachsucht eingegebenes Mrchen; aber die
Sache verbreitete sich und kam dem Magistrat zu Ohren, der diese
Gelegenheit nicht ungern ergriff, um dem verhassten Mnch an den Kragen
zu kommen.

Cornelius opponierte und drohte sogar mit der Inquisition. Das zwang den
Rat vollends, alle Rcksichten fallenzulassen, und Calleken Peters und
alle Sodalinnen des Paters mussten zu ihrer groen Beschmung persnlich
vor Gericht erscheinen. Unter ihnen befanden sich sehr viele angesehene
Frauen und Fruleins. Ihre Unschuld erkannte man wohl im Allgemeinen an,
aber es erging ihnen wie den vornehmen "Seelenbruten" des Knigsberger
Muckers Ebel, der Makel des Lcherlichen blieb zeitlebens an ihnen
kleben.

Das Urteil gegen Cornelius fiel sehr milde aus, denn die Pfaffen hatten
damals noch die Oberhand. Er wurde von Brgge nach Ypern versetzt, da
ihm kein frmlicher Angriff auf die Tugend der Frauen bewiesen werden
konnte. Mehr als das Gericht bestrafte ihn die Satire des Volkes, die
ihn auf alle mgliche Weise verfolgte. Er starb im Jahr 1581, aber sein
Name hat sich noch in der Tradition erhalten, und manches Mdchen wird
rot und kichert heimlich, wenn "Broer Cornelius" genannt wird.

Doch was wollen alle Knste des plumpen flmischen Paters sagen gegen
die feine Niedertrchtigkeit der Jesuiten in dergleichen Dingen! Sobald
sie ihre Wirksamkeit begonnen, bemhten sie sich, Mdchen und Frauen fr
ihre Geielsodalitten zu gewinnen. Sie hatten sich nicht fr die
Geielung auf den Rcken, sondern fr die unterhalb desselben gelegene
Gegend entschieden. Diese Art der Disziplin wurde von den Jesuiten in
Lwen die Spanische genannt und angewandt, weil sie der Gesundheit
zutrglicher sei als die obere, oder aus andern Grnden.

Whrend die roheren Mnche des Mittelalters wirklich hin und wieder aus
dummem Religionseifer die Geiel anwendeten, taten es die Jesuiten
meistens, um unter dem Deckmantel der Religion ihre raffinierte Wollust
zu befriedigen. Wie sie dabei zu verfahren pflegten, will ich in der
berchtigten Geschichte von dem Jesuiten Girard und Frulein Cadire
zeigen, soweit es der Umfang dieser Bltter gestattet. Der Prozess, den
das Frulein gegen ihren Beichtvater einleitete, machte im Anfang des
18. Jahrhunderts ein ungeheures Aufsehen; ganz Europa nahm daran teil. -
Das Hauptwerk ber diesen wichtigen Rechtshandel umfasst acht Bnde, und
man wird es begreiflich finden, dass meine Darstellung nur eine sehr
skizzenhafte sein kann.

Catherine Cadire war die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns zu Toulon
und am 12. November 1702 geboren. Sie hatte drei Brder; der lteste
verheiratete sich, der zweite trat in den Dominikanerorden, und der
dritte wurde Laienpriester. Der Vater war schon whrend der
Minderjhrigkeit Catherines gestorben, die nun bei ihrer borniert
bigotten Mutter als deren Liebling blieb. Sie entwickelte sich sowohl
krperlich als geistig auf die vorteilhafteste Weise. Das heit, sie
wurde sehr schn, und ihrer trefflichen Gemts- und Geistesanlagen wegen
wurde sie von allen, die sie kannten, sehr wohl gelitten. Allein die
Erziehung ihrer bigotten Mutter, die darin von Geistlichen untersttzt
wurde, die abgeschmackten Heiligenlegenden und mystischen Bcher, die
man ihr schon frhzeitig zu lesen verstattete, gaben ihrem Geist eine
ganz eigentmliche schwrmerische, mystische Richtung. Das Beispiel der
heiligen Frauen der rmischen Kirche und die heiligen Offenbarungen und
Visionen, deren dieselben gewrdigt wurden, lagen ihr bestndig im Sinn,
und ihr hchster Wunsch war es, diesen halbtollen Nrrinnen hnlich zu
werden. Dies war denn auch der Grund, weshalb sie mehrere vorteilhafte
Heiratsantrge ausschlug.

So erreichte sie das Alter von fnfundzwanzig Jahren und man darf
voraussetzen, dass in einem krperlich so ppigen und dabei so
phantasiereichen Mdchen die gewaltsam unterdrckte Natur lngst
angefangen hatte, ihre Rechte geltend zu machen, und dass es nur eines
leichten Reizes bedurfte, um ihre sinnlichen Begierden zu hellen Flammen
anzublasen.

Zu dieser Zeit, im Jahr 1728, kam der Jesuit Pater Johann Baptist Girard
als Rektor des Kniglichen Seminars der Schiffsprediger zu Toulon an.
Frher hatte er in Aix gelebt. Ihm ging ein groer Ruf als
ausgezeichneter Kanzelredner und als durchaus streng sittlicher Mann
voraus, und er erlangte denn auch gar bald in seinem neuen
Wirkungskreise eine ganz auerordentliche Geltung und Verehrung.
Besonders strmten die Frauen zu seinen Predigten und in seinen
Beichtstuhl. Eine groe Menge junger Mdchen trat in eine Art von Orden,
in welchem unter Girards Leitung fromme bungen vorgenommen wurden. Die
fromme Schar machte ihm viel Freude, denn es waren schne Mdchen
darunter, und die Frmmigkeit und Ehrbarkeit des Jesuiten waren nur das
Schafsfell, mit welchem der reiende Wolf der rohesten Sinnlichkeit
bedeckt wurde.

Vor allen Dingen trachtete Girard zunchst danach, durch seine Lehren
die Herzen und die Phantasie der jungen Mdchen zu vergiften. Wie eine
Spinne ihr Opfer mit unendlich vielen feinen Fden umzieht, ehe sie ihm
das Blut aussaugt, so war auch der Jesuit bemht, seine Opfer im Netz
der raffiniertesten Sinnlichkeit zu fangen. Er durfte nicht zu schnell
vorwrts gehen, denn bereilung konnte alles verderben. Auch hatte er
dazu keine Ursache, da er ber den sicheren Erfolg seiner
Verderbungstheorie vollkommen beruhigt war.

Als er bemerkte, dass die Mdchen bereits mit schwrmerischer Innigkeit
und felsenfestem Vertrauen an ihm hingen, fing er allmhlich an, ihnen
andere Strafen, als es bisher geschehen war, fr ihre Snden
aufzuerlegen, und kam nach und nach auf die Disziplin.

Die meisten Mdchen ahnten aus Dummheit auch nicht das allergeringste
Bse und andere, durch das Geieln angenehm sinnlich aufgeregt, fanden
ein geheimes Vergngen daran, wenn sie sich dessen vielleicht auch nicht
klar bewusst waren. Noch andere mochten wohl den Pater und seine
Absichten durchschauen, allein sie waren weit entfernt, denselben
entgegenzuwirken, weil sie es nicht ungern gesehen haben wrden, wenn
sie heimlich und ungestraft von der verbotenen Frucht htten naschen
knnen. Diese und vielleicht auch finanzielle Grnde machten eine der
Beichttchter, Frulein Guiol, dem Jesuiten ganz und gar ergeben, und
sie lie sich zu all seinen Plnen gern gebrauchen.

Diese Guiol war ein gescheites, durchtriebenes Geschpf und dem Pater
von unendlichem Nutzen. Er durfte bei seinen Beichttchtern bald
weitergehen und bei der Disziplin seine Lsternheit noch auf andere
Weise als mit den Augen befriedigen, wenn er sich auch wohl htete, zum
uersten zu schreiten, wo er seiner Sache nicht ganz gewiss war wie
etwa bei der Guiol.

Zur Zahl seiner Pnitentinnen gehrte auch Catherine Cadire. Das in
seiner vollsten Blte prangende geistvolle Mdchen erregte nicht nur
seine Sinnlichkeit, sondern flte ihm auch ein Gefhl ein, welches ich
Liebe nennen wrde, wenn ich es fr mglich hielte, dass eine solche
hohe Leidenschaft in der Brust eines derartigen Menschen Raum gewinnen
knnte. Ihr verstndiges und tugendhaftes Wesen erforderte aber ganz
besondere Behandlung und Rcksicht und er beschloss, hier mit
ungewhnlicher Umsicht zu Werke zu gehen. Er machte die Guiol zu seiner
Vertrauten und diese verhie ihm ihren Beistand.

Als er das Innere des Mdchens sondierte, erkannte er bald ihre
schwrmerische Richtung und war bemht, den Funken zur Flamme
anzublasen. Er rhmte ihre ganz besonderen Anlagen, prophezeite, dass
Gott mit ihr ganz besondere Absichten hege, und wusste sie zu dem
Versprechen zu bewegen, sich zur schnelleren Erreichung derselben
gnzlich seiner Leitung und seinem Willen zu berlassen.

So wurde das Mdchen innerlich vergiftet, ohne nur eine Ahnung davon zu
haben. In ihrem Busen wogte ein Meer von unbestimmten, aber
unbeschreiblich sen Gefhlen. Kurz, "das Pppchen wurde geknetet und
zugericht, wie's lehren tut manch welsche Geschicht." Dahin war Girard
im Lauf eines Jahres gelangt; nun galt es, den zndenden Funken in das
Brennmaterial zu werfen, welches er in ihr angehuft hatte.

Catherine war lngere Zeit krank gewesen und besuchte Girard im
Refektorium der Jesuiten. Er machte ihr zrtliche Vorwrfe, dass sie ihn
whrend ihrer Krankheit nicht habe rufen lassen, und gab ihr einen
glhenden Kuss. - Dem erfahrenen Mdchenkenner konnte es nicht entgehen,
welche auerordentliche Wirkung dieser Kuss hervorbrachte. Katharina
musste ihm in den Beichtstuhl folgen, und hier forschte er genau nach
ihren Ideen und Stimmungen, befahl ihr tglich zum Abendmahl zu gehen
und fleiig die Kirche zu besuchen; auch weissagte er ihr baldige
Visionen und ermahnte sie, ihm ber diese wie berhaupt ber ihre
psychischen und physischen Zustnde den gewissenhaftesten Bericht
abzustatten.

Diese Visionen stellten sich denn auch wirklich ein und erhitzten ihr
Blut und ihre Phantasie immer mehr. Ob sie allein durch den aufgeregten
Gemtszustand des Mdchens und durch das geistige Gift des Pfaffen oder
durch materielle Mittel hervorgerufen wurden, wei ich nicht anzugeben.
Es kam aber endlich so weit, dass sie ihm klagte, wie sie nicht mehr im
Stande sei, laut zu beten und ihm die heftige Liebe zu verbergen, die
sie fr ihn empfinde. ber den ersten Punkt beruhigte er sie bald und
"die Liebe", fuhr er fort, "die Ihr zu mir tragt, soll Euch keinen
Kummer machen; der liebe Gott will, dass wir beide miteinander vereinigt
werden sollen. Ich trage Euch in meinem Scho und in meinem Herzen; von
nun an seid Ihr nichts mehr als eine Seele in mir, ja die Seele meiner
Seele. So lasst uns denn in dem heiligen Herzen Jesu einander recht
brnstig lieben."

Anstatt nun der Natur freien Lauf zu lassen und der aufs hchste
aufgeregten Sinnlichkeit Genge zu leisten, verfuhr er weit teuflischer.
Sein Bemhen war nun darauf gerichtet, den durch ihn hervorgerufenen
hysterischen Zustand zur uersten Stufe heranzubilden. Dies gelang ihm
auch. Frulein Cadire verfiel in hysterische Krmpfe, whrend welcher
sie wunderbare Visionen heiliger und unheiliger Art hatte, die sich aber
meistens um Pater Girard bewegten.

Schon zur Fastenzeit des Jahres 1729 hatte sie eine wunderbare Vision.
Sie hrte eine Stimme, welche ihr zurief: "Ich will dich mit mir in die
Wste fhren, wo du nicht mehr mit Menschenkost, sondern mit Engelspeise
genhrt werden sollst."  - Von nun an widerstand ihr jede Speise, und
berwand sie ihren Ekel dagegen mit Gewalt, so folgte darauf heftiges
Erbrechen. Dann bekam sie einen Blutsturz. Pater Girard und seine
Vertrauten erklrten diese Zuflle als ein Zeichen der ihr nun bald
zuteil werdenden Wundergabe.

Catherine verfiel nun aus einer Verzckung in die andere. Auf ihrem
Gesicht standen Blutstropfen und an ihrer linken Seite und an den Hnden
und Fen wurden blutige Stigmen oder Wundmale sichtbar, mit denen nach
dem rmischen Aberglauben besonders heilige von Gott auserlesene
Personen begnadigt werden. - Ja, hiermit endeten die Wunder nicht. Als
der Pater dem Frulein die Haare abgeschnitten hatte, bildete sich um
ihr Haupt eine Art Heiligenschein, und das Tuch, mit welchem sie ihr
Gesicht abgetrocknet hatte, erhielt davon das Bild eines leidenden
Christus mit der Dornenkrone!

Wie weit diese wunderbaren Zustnde der geistigen und krperlichen
Krankheit des Fruleins und wie weit sie jesuitischem Betrug
zugeschrieben werden mssen, wei ich nicht zu beurteilen. Dass Girard
jedoch die Entdeckung des Letzteren sehr frchtete, geht schon aus der
Sorgfalt hervor, mit welcher er darber wachte, dass von dem Zustand des
Fruleins auerhalb des eingeweihten und glubigen Kreises nichts
bekannt wurde. Der Mutter hatte er gesagt, dass Catherine in
vierundzwanzig Stunden sterben wrde, wenn man nur ein Wort ber die
wunderbaren Vorgnge fallen liee.

Girard hatte nun selbstverstndlich freien Zutritt im Haus der Madame
Cadire, denn er musste ja fr die Seele ihrer Tochter sorgen und - die
Stigmen untersuchen! Bei diesen Visiten war er stets so vorsichtig, den
jngeren Bruder Catherines, der damals gerade im Jesuitenkollegium
Theologie studierte, bis an die Haustr mitzunehmen und sich auch von
ihm wieder abholen zu lassen. Er schloss sich stets mit seiner
Beichttochter in deren Zimmer ein und konnte sich an den wunderbaren
Stigmen, besonders dem in der Seite, gar nicht satt sehen. Verfiel
Catherine in hysterische Krmpfe und Ohnmacht, was fr Besessenheit
galt, dann wandte der Jesuit die ihm dadurch vergnnte Zeit dazu an,
seine Lsternheit auf brutale Weise zu befriedigen, soweit es anging.
Wenn das Frulein erwachte, fand sie sich unanstndig entblt, und
hinter ihr stand mit hmischem Gesicht der fromme jnger Jesu.

Frulein Cadire beklagte sich hierber mehrmals bei der Guiol, aber
diese leichtfertige Person lachte sie aus, dass sie dabei nur etwas
Unanstndiges finden knne, und ebenso erzhlten ihr die anderen
Mitglieder der Schwesternschaft, dass Pater Girard sich mit ihnen noch
ganz andere Freiheiten herausnehme, worber sie indessen durchaus nicht
ungehalten wren.

Der galante Jesuit war aber auch stets bemht, sich immer fester in die
Gunst seiner Schlerinnen zu setzen. Er wusste ihnen die Andacht sehr zu
erleichtern und sorgte dafr, dass sowohl ihre Sinnlichkeit als ihr
weltlicher Sinn fortwhrend Nahrung erhielten. Er sorgte stets fr gute
Bedienung, fr eine vortreffliche Kche, Landpartien und Blumenstrue.
Die Knigin all seiner Gedanken aber blieb Catherine.

Bei dieser rckte er nun seinem Ziele immer nher. Er fhrte eine
Gelegenheit herbei, um sich scheinbar mit Recht ber ihren Ungehorsam
beklagen zu knnen, und nachdem Catherine von der Guiol gehrig
vorbereitet war, erschien sie demtig bei Girard zur Beichte, bereit,
jede Strafe auf sich zu nehmen, die er ihr auferlegen werde. Der Pater
kndigte ihr nach einer scharfen Ermahnung denn auch an, dass sie
Pnitenz fr den Ungehorsam leisten msse.

Am anderen Morgen erschien er mit einer Disziplin in ihrem Zimmer und
sagte: "Die Gerechtigkeit Gottes verlangt, dass, weil Ihr Euch geweigert
habt, mit seinen Gaben Euch bekleiden zu lassen, Ihr Euch jetzt nackt
ausziehen sollt. Zwar httet Ihr verdient, dass die ganze Erde Zeuge
davon wre, doch gestattet der gndige Gott, dass nur ich und diese
Mauer, die nicht reden kann, Zeugen bleiben. Vorher aber schwrt mir den
Eid der Treue, dass Ihr das Geheimnis bewahren wollt, denn die
Entdeckung knnte mich und Euch ins Verderben strzen."

Das Frulein tat, wie er befohlen hatte, und als sie sich bis aufs Hemd
entkleidet hatte, gebot er ihr, sich auf das Bett zu legen. Nachdem es
auch dies getan, wobei er sie mit einem Kissen untersttzt hatte, gab er
ihr einige sanfte Hiebe auf die Hften, die er dann ksste. Nun zwang er
sie, auch die letzte Hlle zu entfernen und sich demtig vor ihn
hinzustellen. Das Frulein wurde ohnmchtig, aber als sie wieder zu sich
kam, erklrte sie, gehorchen zu wollen, und kniete ganz nackt vor ihm
nieder. Darauf gab er ihr noch einige Streiche und lie nun seiner
Begierde freien Lauf. Catherine setzte ihm keinen Widerstand entgegen,
und der satanische Jesuit erreichte das Ziel seiner Wnsche.

Von nun an betrachtete er das Frulein ganz und gar als sein Eigentum
und verfhrte sie zu Handlungen der raffiniertesten Sinnlichkeit, wobei
er sich jedoch stets sehr geschickt in ein heiliges Gewand zu kleiden
wusste. Was er alles vornahm hier zu erzhlen, ist nicht tunlich.

Wollte die Mutter oder der Bruder des Fruleins ihn manchmal in seinen
andchtigen Beschftigungen stren, dann warf er ihnen die Tr vor der
Nase zu, und als sich einmal der Dominikaner darber bei der Mutter
beklagte, hie sie ihn schweigen und wies ihn sogar zum Haus hinaus. So
sehr war die bldsinnig bigotte Frau von der Heiligkeit des Jesuiten und
der Tugend ihrer Tochter berzeugt.

Girard merkte sehr bald, dass Frulein Cadire schwanger war, und unter
einem Vorwand bewog er sie, einen Trank, den er bereitet hatte,
einzunehmen. Es war dies ein abtreibendes Mittel, welches auch seine
Wirkung tat. Catherine fhlte sich durch den erfolgenden Blutverlust
sehr geschwcht, so dass ihre Mutter, welche weit entfernt war, die
Wahrheit auch nur zu ahnen, ihr sehr dringend riet, einen Arzt zu Rate
zu ziehen, was aber Girard durch allerlei Grnde zu verhindern wusste.

Durch die Unvorsichtigkeit einer Magd wre das Geheimnis fast entdeckt
worden, und um sich dagegen und zugleich auch seine Beute zu sichern,
beschloss Girard, Catherine als Nonne im St. Clara-Kloster zu Ollioules
unterzubringen. Er schrieb an die btissin und machte ihr die
hinreiendste Schilderung von der Tugend, Frmmigkeit und Gottseligkeit
seiner Pnitentin, so dass sie mit Freuden bereit war, Catherine
aufzunehmen, wenn ihre Familie dazu die Einwilligung geben wrde. Diese
wurde sehr leicht erlangt und das Frulein reiste, mit den besten
Empfehlungsbriefen versehen, nach Ollioules ab, wo sie sehr gut
aufgenommen wurde.

Der Jesuit wusste von der btissin die Erlaubnis zu erhalten, seine
Beichttochter besuchen und ihr schreiben zu drfen. So schlau Girard
aber sonst war, so beging er doch einige Unvorsichtigkeiten, welche die
Nonnen und die btissin misstrauisch machten und die Letztere
veranlassten, seine Besuche zuerst einzuschrnken und dann gnzlich zu
untersagen. Durch Vermittlung eines ihm befreundeten Geistlichen wurde
dieses Verbot jedoch bald wieder aufgehoben und Girard genierte sich
noch weniger als frher. Er beobachtete Visionen, untersuchte die
Stigmen und gab seiner Beichttochter die Disziplin auf die alte Weise.

Dies htte alles noch hingehen mgen, allein er schloss sich oft
stundenlang mit Catherine ein, und da diese, auf ihre besondere
Heiligkeit stolz, hin und wieder mit ihren geistlichen Genssen gegen
andere Nonnen grotat, so kam man immer mehr und mehr auf den Gedanken,
dass das Verhltnis zwischen Girard und seiner Beichttochter nicht ganz
rein sein mchte. Die btissin verordnete daher, dass beide in ihren
Unterredungen durch Klausur voneinander getrennt bleiben sollten.

Girard achtete das jedoch wenig. Er schnitt mit einem Taschenmesser in
die ihn von seiner Geliebten trennende Leinwand ein Loch und unterhielt
sich durch dasselbe stundenlang mit ihr. Hatte er sich mde geksst und
wandelten ihn andere Gedanken an, dann befriedigte er seine Lste auf
eine Weise, deren nhere Andeutung widerlich sein wrde. Dergleichen
erlaubte er sich sogar im Sanktuarium, und wollte man ihn in gebhrender
Entfernung halten, dann wurde er sehr unwillig und schrie. "Was! Ihr
wollt mich von meiner Beichttochter trennen?" Der Jesuit lie sich sogar
das Essen vor die Klausur bringen; beide aen Hand in Hand, und es kam
nicht selten vor, dass ihn Laienschwestern dabei berraschten, wenn er
seinen Arm um den Leib des Fruleins geschlungen hatte.

Der jesuitische Wollstling fing aber bereits an, seines Opfers
berdrssig zu werden. Er erklrte sie daher fr hinreichend heilig und
beschloss, sie in ein entferntes Karthuser-Nonnenkloster zu schicken.
Die Nonnen setzten von diesem Vorhaben sogleich den Bischof von Toulon
in Kenntnis, der es nicht dulden wollte, dass ein Mdchen, welches in
der Welt fr eine Heilige gehalten wurde, seine Dizese verlie. Er
schrieb daher an Catherine und verbot ihr, in Zukunft dem Pater Girard
zu beichten oder sich an einen Ort zu begeben, wohin sie derselbe weisen
wrde, und stellte ihr zugleich frei, zu ihrer Familie zurckzukehren.
Er sandte ihr darauf einen Wagen, und der Aumonier des Bischofs und
Pater Cadire, ihr Bruder, brachten sie in ein Landhaus unweit Toulon.

Als Girard diese Nachricht erhielt, erschrak er nicht wenig, und es war
sein erster Gedanke, sich die Schriften und Briefe zu verschaffen,
welche die Cadire von ihm hatte. Dies gelang ihm auch durch Vermittlung
einer anderen Beichttochter, die er frher besonders geliebt hatte; nur
ein einziger Brief blieb durch Zufall in Catherines Hnden zurck.

Diese wurde nun als eine Heilige der besonderen Obhut des neuen Priors
der Karmeliter zu Toulon bergeben. In der Beichte hrte dieser nun
manche befremdende Dinge, die ihn, nebst einigen auf Girard bezglichen
schwrmerischen uerungen, veranlassten, tiefer nachzuforschen, und so
entdeckte er denn ohne besondere Schwierigkeit den niedertrchtigen
Betrug, mit welchem man dies schwrmerische, unschuldige Mdchen und die
Welt betrogen hatte. Er machte sogleich Anzeige bei dem Bischof, der
selbst auf das Landhaus kam und Catherine ber alle nheren Umstnde
befragte. Das arme Mdchen, dem nun die Augen so furchtbar geffnet
wurden, bat fufllig und mit Trnen, die Ehre ihrer Familie zu
bercksichtigen und die Sache zu unterdrcken.

Der Bischof versprach dies zwar, wurde aber bald durch andere
Rcksichten umgestimmt und der Prozess nach einigen Prliminarien bei
dem fr geistliche Sachen verordneten Kriminalgerichte zu Toulon
anhngig gemacht. - Doch was wollte ein armes Mdchen ausrichten gegen
die mchtigen Jesuiten, die selbst auf den Gerichtsbnken ihre
Angehrigen sitzen hatten! Die Sache des Paters Girard wurde zu der des
Ordens gemacht, welcher fr diesen Prozess ber eine Million Franc
opferte.

Es begann nun eine Reihe der nichtswrdigsten Rnke, um Frulein Cadire
als eine Lgnerin und Betrgerin und von den Feinden des Jesuitenordens
bestochene Person hinzustellen, ja sie der Ketzerei und Zauberei zu
beschuldigen, vermittels welcher sie sich auf allerlei verbotenen Wegen
den Heiligenschein habe verschaffen wollen. Frulein Cadire bereute
nun, leider zu spt, dass sie dem Pater ganz arglos die Briefe und
Schriften ausgeliefert hatte, mit denen sie ihre besten
Verteidigungswaffen aus den Hnden gab.

Der Prozess nahm bald fr sie eine recht schlimme Wendung. Der Knig
hatte Kenntnis davon erhalten und durch ein Dekret des Staatsrats die
allerstrengste Untersuchung anbefohlen. Die Sache kam nun vor den Hohen
Gerichtshof zu Aix. Der Karmeliterprior und der Dominikaner Cadire
wurden als Mitschuldige und Mitbetrger in den Prozess verwickelt; die
Nonnen zu Ollioules wurden zu ungnstigen Aussagen gegen Frulein
Cadire durch die Jesuiten veranlasst und die rmste selbst duldete bei
den den Jesuiten befreundeten Ursulinerinnen in diesem Ort ein hartes
Schicksal. Sie war in eine Kammer eingesperrt worden, die frher einer
Wahnsinnigen als Wohnung gedient hatte und die mit Moder und Gestank
erfllt war.

Man folterte sie physisch und moralisch auf alle nur erdenkliche Weise,
gebrauchte List und Gewalt und erreichte endlich damit den
beabsichtigten Zweck, sie zum Widerrufe zu bewegen.

Nun aber drangen die Jesuiten erst recht auf scharfe Untersuchung, denn
nun schien ihr Sieg gewiss, und der Erste Gerichtshof zu Aix fllte auch
wirklich ein Urteil, welches Frulein Cadire sehr ungnstig war. Man
brachte sie einstweilen als Gefangene in ein Kloster zu Aix; aber sie
appellierte wegen Missbrauchs geistlicher Gewalt in dem eingeleiteten
Verfahren, und die Sache kam vor das Parlament.

jetzt begannen die Intrigen der Jesuiten aufs neue. Catherine
behauptete, dass sie unschuldig von P. Girard auf die angegebene Weise
misshandelt und nur durch Drohungen und Qulereien whrend des
Kriminalverfahrens zum Widerruf gezwungen worden sei.

Der knigliche Prokurator zeigte sich bei dem ganzen Verfahren durchweg
parteiisch fr die Jesuiten und trug endlich an auf: "Lossprechung des
P. Girard und auf die ordentliche und auerordentliche Folter, sodann
aber auf Hinrichtung durch den Strick fr Catherine Cadire."

Die vierundzwanzig Richter waren aber nicht dieser Meinung; jedoch waren
ihre Ansichten geteilt. Zwlf davon sprachen sich dahin aus: Johann
Baptist Girard in Anbetracht der an ihm sichtbar gewordenen
Geistesschwche, die ihn zum Gegenstand des Spottes seiner Beichtkinder
gemacht, mit seiner Klage gegen dieselbe abzuweisen. - Das Urteil der
anderen, besseren Hlfte des Parlaments lautete aber sehr verschieden:
Johann Baptist Girard ist zum Tode durch Feuer zu verurteilen, wegen
vollkommen erwiesener geistlicher Blutschande, Fruchtabtreibung und
Erniedrigung seiner geistlichen Wrde durch schndliche Leidenschaften
und Verbrechen etc.

Bei dieser Gleichheit der Stimmen entschied der Prsident, dass man
beide Parteien ohne Strafe freilassen solle. Einige Richter wollten sich
nicht damit begngen, sondern trugen darauf an, dass man der Cadire
wenigstens eine kleine Zchtigung mchte angedeihen lassen. Dagegen
erhob sich aber ein edler Mann unter ihnen und rief: "Wir haben soeben
vielleicht eines der grten Verbrechen freigesprochen und sollten
diesem Mdchen auch nur die geringste Strafe auferlegen? Nein, eher
sollte man diesen Palast in Flammen aufgehen lassen!" - Diese Worte
machten Eindruck. Es wurde bestimmt, das Frulein zu ihrer Mutter nach
Hause zu entlassen und der Sorgfalt derselben zu empfehlen.

Das knigliche Parlament hatte den Schurken zwar freigesprochen; aber in
der ffentlichen Meinung war Girard gerichtet. Eine unzhlbare
Menschenmasse erwartete in den Straen die Entscheidung des
Gerichtshofes. Die Richter, welche gegen die Cadire gesprochen hatten,
wurden mit Schimpf und Hohn empfangen; die Gegner Girards mit Beifall.
Diesen selbst bewillkommnete man mit Schimpfreden und Steinwrfen, so
dass man ihn nur mit Schwierigkeiten unverletzt durch die tobende Menge
bringen konnte. Diese Wut des Volkes erstreckte sich sogar auf den
Kchenjungen, der ihm das Essen gebracht hatte, und man zertrmmerte
dessen Schsseln, Teller und Flaschen.

Andererseits war man eifrig bemht, Frulein Cadire Teilnahme zu
zeigen. Man wetteiferte darin, sie die erlittenen Krnkungen und
Misshandlungen durch freundliche Bewirtung und Trost vergessen zu
machen. Man pries ihre noch immer groe Schnheit; - kurz, sie wurde
Mode, wie das ja aber auch mit interessanten Verbrecherinnen in
Frankreich und anderswo noch heutzutage der Fall ist.

Die Teilnahme, welche sie erregte, brachte ihr jedoch Gefahr. Man gab
ihr den wohlgemeinten Rat, Aix schleunigst zu verlassen und sich
verborgen zu halten. Sie reiste ab - aber von da an verlor sich ihre
Spur fr ewig. Man hat nie erfahren, was aus ihr geworden ist; aber die
allgemeine Meinung ging zu jener Zeit dahin, dass sie von den Jesuiten
heimlich aus dem Wege geschafft worden wre.

Girard starb ebenfalls nach Verlauf eines Jahres. Die Jesuiten gingen
ernstlich damit um, ihn zum Heiligen erheben zu lassen, und verglichen
ihn hinsichtlich seines Schicksals mit - Christus!

Eine ganz hnliche Geschichte wie mit Frulein Cadire trug sich kurz
vor der Aufhebung des Jesuitenordens in Frankreich zwischen einem seiner
Angehrigen und der Tochter eines Parlaments-Prsidenten zu, welche auch
mit Hilfe des Geielns verfhrt wurde. Um die Ehre des Ordens zu retten
und die Unmglichkeit der Anklage beweisen zu knnen, hatte man einen
Wundarzt erkauft und vereidigt, welcher den Schuldigen kastrierte. Das
Geheimnis wurde indessen spter entdeckt.

Trotz dieser und anderer an den Tag gekommenen Niedertrchtigkeiten -
und unter Tausenden wird vielleicht nur eine bekannt! - wurde den
Jesuiten nicht das Handwerk gelegt; berall wurden sie als Beichtvter
gerne gesehen, und besonders die Frauen lieen sich nach wie vor die
angenehme Geielung gefallen. Einer besonderen Blte hatten sich diese
Beichtinstitute mit Geielung fortwhrend in Spanien und noch mehr in
Portugal zu erfreuen. Knig Joseph Emmanuel (1750-77) lie sich hufig
disziplinieren, und nur mit Mhe brachte ihn sein Minister, der Marquis
von Pombal, davon ab. Die Damen, an ihrer Spitze die Marquise Leonore de
Tvora, waren nicht weniger nrrisch als der Knig.

Die Jesuiten wurden bekanntlich durch Pombal vertrieben, allein seine
Feindin, die Knigin Donna Maria (1777-99), rief sie wieder zu sich, und
die angenehmen Beichtzerstreuungen mit obligater Geielung begannen
rger als zuvor. Der interessante und verschmitzte Pater Malagrida
errichtete eine frmliche Buanstalt unter den jungen Hofdamen. Man
geielte sich selbst in den Vorzimmern der Knigin und diese soll an den
frommen bungen selbst teilgenommen haben. - Manche Geschichte  la
Girard mag hier im Verborgenen vorgegangen sein, denn die Hofdamen waren
nach dem Zeugnis von Jesuiten auf das Geieln so versessen, dass sie mit
einer ordentlichen Wut danach verlangten, die kaum zu befriedigen und in
Schranken zu halten war. Ja, sogar fremde Prinzessinnen und die Damen
der Gesandten wurden zu diesem wollstig-unterhaltend-frommen
Jesuitenspiel frmlich eingeladen.

Die Zahl der Beispiele von dem Missbrauch des Beichtstuhls ist unendlich
gro und es liee sich ein umfassendes Werk damit fllen; da aber dieses
Kapitel ein Ende haben muss, so beschliee ich es mit dem Bericht ber
eine seltsame Beicht- und Buanstalt, welche ein Kapuziner zur Zeit
Napoleons I. errichtete. ber die zur Zeit Napoleons III. und seiner
Kaiserin werde ich vielleicht einmal spter zu berichten haben.

Der erwhnte Kapuziner hie P. Achazius und lebte in einem Kloster zu
Dren im jetzigen preuischen Regierungsbezirk Aachen. Der Kapuziner war
abscheulich hsslich, aber er predigte vortrefflich, stand in dem Ruf
ganz ausgezeichneter Frmmigkeit und erfreute sich trotz seiner
faunischen Manieren des Zutrauens der Damen in so hohem Grade, dass sie
ihn zum Direktor ihrer geistlichen bungen whlten. Am liebsten aber
hatte es Pater Achazius mit Witwen und Jungfrauen von reiferen Jahren zu
tun.

Eine dieser Letzteren hat er sich zu seinem Privatvergngen erkoren. Er
brachte ihr folgende hchst seltsame Lehre bei: Der Mensch sei unfhig,
die Begierden des Herzens vllig zu zhmen; aber der Geist knne doch
tugendhaft bleiben, whrend der Krper nach gewhnlichen Begriffen zu
sndigen scheine. Der Geist gehre Gott; der Krper der Welt; von diesem
Letzteren selbst mache der Himmel auf die obere Hlfte, die Welt auf die
untere Anspruch. Die Seele sei daher rein zu bewahren, whrend man den
Krper ruhig fortsndigen lasse.

Die noch immer hbsche alte Jungfer, welche diesen angenehmen Lehren ein
sehr lernbegieriges Ohr lieh, ging bald in des Paters Ideen ein. Nach
vollendeter Beichte musste sie vor dem Kapuziner niederknien, Vergebung
fr ihre Snden erflehen und ihm "des Teufels Anteil zeigen", das heit
sich bis zum jungfrulichen Zentrum ihres Krpers von unten herauf
entblen. Als dies geschehen war, schritt er zum letzten Teil der
Andacht und weihte die Dame feierlichst zum ersten Mitglied des Ordens
ein, den er zu stiften gedachte.

Diese fromme Jungfrau war nun bemht, sowohl unter Personen ihres Alters
wie auch unter jungen Frauen und Mdchen Proselyten zu machen; - kurz,
sie diente dem Pater als Kupplerin. Die Zahl dieser adamitischen
Ordensschwestern wurde bald ziemlich zahlreich und Achazius, unfhig,
einer so groen Menge frommer Damen zu gengen, zog rstigere Kmpfer
des Glaubens unter seinen geistlichen Brdern mit in seine Buanstalt,
welche frhlich gedieh und vielleicht heute noch bestehen wrde, wenn
das Geheimnis derselben nicht durch ein junges Mdchen aus Achazius'
Schule entdeckt worden wre, welche Nonne wurde, als solche die
Bekanntschaft eines franzsischen Offiziers machte und diesem die Sache
mitteilte.

Es wurde nun eine genaue gerichtliche Untersuchung angestellt, welche
die merkwrdigsten Resultate ergab. Es kamen da Dinge ans Tageslicht,
welche sich nicht wohl niederschreiben lassen. Eine liebenswrdige und
anstndige Dame, Gattin eines Papierfabrikanten, sagte in dem Verhr
aus, dass sie wie verhext gewesen und wie durch einen Trank verzaubert,
zu dem hsslichen Kapuziner hingezogen worden sei, der sich Dinge mit
ihr erlaubt hatte, deren Aufzhlung dem abgehrtesten Kriminalmenschen
das Blut in die Wangen trieb. Die Geielung spielte eine Hauptrolle.
Achazius lie die Ruten oft in Essig legen und hieb die hier erwhnte
Dame manchmal so stark, dass sie unter irgendeinem Vorwand ber drei
Wochen lang das Bett hten musste.

Im Laufe der Untersuchung ergab sich, dass so viele Kapitel, Klster und
Familien dadurch kompromittiert wurden, dass Napoleon dem
Generalprokurator aus politischen Grnden befahl, den Prozess
niederzuschlagen. P. Achazius nebst einigen seiner Mitarbeiter wurden
eingesperrt.

Die Akten ber diesen skandalsen Prozess lagen spter noch lngere Zeit
in Lttich; wurden dann aber an die preuische Regierung nach Aachen
abgeliefert. Es fehlen indessen schon manche wichtige Stcke und andere
verloren sich spter, weil die beteiligten Familien alles nur mgliche
taten, die Denkmler ihrer Schande zu vernichten. Auch die zu jener Zeit
darber erschienene Broschre und Karikaturen wussten die Pfaffen
einzusammeln und zu vernichten. (Mnchs Aletheia, 3. Buch, S. 323 usw.
Die berichteten Tatsachen hat Mnch aus dem Munde des Staatsrates
Leclerq und des Professors Gall zu Lttich, welche die Untersuchung
gefhrt und die Anklageakte verfasst hatten.)

Wir wrden uns sehr tuschen, wenn wir der Meinung wren, dass sich in
so kurzer Zeit die Zustnde der rmisch-katholischen Geistlichkeit
gendert htten. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, das anzunehmen;
sie sind heutzutage mit geringen Modifikationen wahrscheinlich noch
dieselben, welche sie vor Jahrhunderten waren und werden sich nicht
ndern, bis einst dem fluchwrdigen Zlibat und der Ohrenbeichte ein
Ende gemacht wird.

Ich bin nun mit diesem Buch zu Ende, obwohl keineswegs mit meinem
Material, welches geradezu unerschpflich ist. Ich halte es fr unntz,
noch irgendwelche Bemerkungen hinzuzufgen.  Die Schlsse, welche sich
aus dem Inhalt der vorstehenden Bltter ziehen lassen, liegen zu klar
auf der Hand, als dass es noch irgendwelcher Hinweise bedrfte. Ich
fordere nur die in rmisch-katholischen Lndern lebenden Leser dieses
Buches auf, sich in ihrem Kreis umzusehen, und wenn sie der guten Sache
ntzen wollen, mir auf den in diesem Buch behandelten Gegenstand
bezgliche, authentische Mitteilungen zu machen.  Schlielich bemerke
ich noch, dass die Geistlichen die von mir erzhlten Fakten als Lgen,
Erfindungen oder bertreibungen darstellen werden und weise in Bezug
darauf auf das hin, was ich darber in der Vorrede sagte.

Wenn ich von dem Unwesen in der nicht rmisch-katholischen Kirche nichts
sagte, so geschah dies keineswegs aus Parteilichkeit, sondern einzig und
allein, weil ich mich innerhalb der durch den Titel vorgezeichneten
Grenzen halten musste.








End of the Project Gutenberg EBook of Der Pfaffenspiegel, by Otto von Corvin

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PFAFFENSPIEGEL ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
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with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
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