The Project Gutenberg EBook of Totem und Tabu, by Sigmund Freud

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Title: Totem und Tabu
       Einige bereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker

Author: Sigmund Freud

Release Date: August 13, 2011 [EBook #37065]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TOTEM UND TABU ***




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  TOTEM UND TABU

  EINIGE BEREINSTIMMUNGEN
  IM SEELENLEBEN DER WILDEN
  UND DER NEUROTIKER

  VON
  PROF. Dr. SIGM. FREUD

  DRITTE, UNVERNDERTE AUFLAGE

  1922
  INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
  LEIPZIG WIEN ZRICH


  Alle Rechte, besonders das der bersetzung in alle Sprachen, vorbehalten.

  Copyright by Internationaler Psychoanalytischer Verlag.


  Gesellschaft fr Graphische Industrie, Wien, III. Rdengasse 11.




VORWORT.


Die nachstehenden vier Aufstze, die unter dem Untertitel dieses Buches
in den beiden ersten Jahrgngen der von mir herausgegebenen Zeitschrift
Imago erschienen sind, entsprechen einem ersten Versuch von meiner
Seite, Gesichtspunkte und Ergebnisse der Psychoanalyse auf ungeklrte
Probleme der Vlkerpsychologie anzuwenden. Sie enthalten also einen
methodischen Gegensatz einerseits zu dem gro angelegten Werke von W.
_Wundt_, welches die Annahmen und Arbeitsweisen der nicht analytischen
Psychologie derselben Absicht dienstbar macht, und anderseits zu den
Arbeiten der Zricher psychoanalytischen Schule, die umgekehrt Probleme
der Individualpsychologie durch Heranziehung von vlkerpsychologischem
Material zu erledigen streben(1). Es sei gern zugestanden, da von
diesen beiden Seiten die nchste Anregung zu meinen eigenen Arbeiten
ausgegangen ist.

  (1) _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrb. fr
  psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd.IV, 1912;
  derselbe Autor, Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen
  Theorie, ibid. Bd.V. 1913.

Die Mngel dieser letzteren sind mir wohlbekannt. Ich will diejenigen
nicht berhren, die von dem Erstlingscharakter dieser Untersuchungen
abhngen. Andere aber erfordern ein Wort der Einfhrung. Die vier hier
vereinigten Aufstze machen auf das Interesse eines greren Kreises von
Gebildeten Anspruch und knnen eigentlich doch nur von den wenigen
verstanden und beurteilt werden, denen die Psychoanalyse nach ihrer
Eigenart nicht mehr fremd ist. Sie wollen zwischen Ethnologen,
Sprachforschern, Folkloristen usw. einerseits und Psychoanalytikern
anderseits vermitteln und knnen doch beiden nicht geben, was ihnen
abgeht: den ersteren eine gengende Einfhrung in die neue
psychologische Technik, den letzteren eine zureichende Beherrschung des
der Verarbeitung harrenden Materials. So werden sie sich wohl damit
begngen mssen, hier wie dort Aufmerksamkeit zu erregen und die
Erwartung hervorzurufen, da ein fteres Zusammentreffen von beiden
Seiten nicht ertraglos fr die Forschung bleiben kann.

Die beiden Hauptthemata, welche diesem kleinen Buch den Namen geben, der
Totem und das Tabu, werden darin nicht in gleichartiger Weise
abgehandelt. Die Analyse des Tabu tritt als durchaus gesicherter, das
Problem erschpfender Lsungsversuch auf. Die Untersuchung ber den
Totemismus bescheidet sich zu erklren: Dies ist, was die
psychoanalytische Betrachtung zur Klrung der Totemprobleme derzeit
beibringen kann. Dieser Unterschied hngt damit zusammen, da das Tabu
eigentlich noch in unserer Mitte fortbesteht; obwohl negativ gefat und
auf andere Inhalte gerichtet, ist es seiner psychologischen Natur nach
doch nichts anderes als der kategorische Imperativ _Kant_'s, der
zwangsartig wirken will und jede bewute Motivierung ablehnt. Der
Totemismus hingegen ist eine unserem heutigen Fhlen entfremdete, in
Wirklichkeit lngst aufgegebene und durch neuere Formen ersetzte
religis-soziale Institution, welche nur geringfgige Spuren in
Religion, Sitte und Gebrauch des Lebens der gegenwrtigen Kulturvlker
hinterlassen hat, und selbst bei jenen Vlkern groe Verwandlungen
erfahren mute, welche ihm heute noch anhngen. Der soziale und
technische Fortschritt der Menschheitsgeschichte hat dem Tabu weit
weniger anhaben knnen als dem Totem. In diesem Buche ist der Versuch
gewagt worden, den ursprnglichen Sinn des Totemismus aus seinen
infantilen Spuren zu erraten, aus den Andeutungen, in denen er in der
Entwicklung unserer eigenen Kinder wieder auftaucht. Die enge Verbindung
zwischen Totem und Tabu weist die weiteren Wege zu der hier vertretenen
Hypothese, und wenn diese am Ende recht unwahrscheinlich ausgefallen
ist, so ergibt dieser Charakter nicht einmal einen Einwand gegen die
Mglichkeit, da sie mehr oder weniger nahe an die schwierig zu
rekonstruierende Wirklichkeit herangerckt sein knnte.

_Rom_, im September 1913.




Inhalt.


                                                          Seite

    I. Die Inzestscheu                                        1

   II. Das Tabu und die Ambivalenz der Gefhlsregungen       25

  III. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken           100

   IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus              133




I.

DIE INZESTSCHEU.


Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, die er
durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmler und Gerte, die er uns
hinterlassen, durch die Kunde von seiner Kunst, seiner Religion und
Lebensanschauung, die wir entweder direkt oder auf dem Wege der
Tradition in Sagen, Mythen und Mrchen erhalten haben, durch die
berreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebruchen.
Auerdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben
Menschen, von denen wir glauben, da sie den Primitiven noch sehr nahe
stehen, viel nher als wir, in denen wir daher die direkten Abkmmlinge
und Vertreter der frheren Menschen erblicken. Wir urteilen so ber die
sogenannten wilden und halbwilden Vlker, deren Seelenleben ein
besonderes Interesse fr uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhaltene
Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen drfen.

Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung der
Psychologie der Naturvlker, wie die Vlkerkunde sie lehrt, mit der
Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse bekannt
worden ist, zahlreiche bereinstimmungen aufweisen mssen, und wird uns
gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen.

Aus ueren wie aus inneren Grnden whle ich fr diese Vergleichung
jene Vlkerstmme, die von den Ethnographen als die zurckgebliebensten,
armseligsten Wilden beschrieben worden sind, die Ureinwohner des
jngsten Kontinents, Australien, der uns auch in seiner Fauna soviel
Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.

Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse betrachtet,
die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren nchsten
Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und malaiischen Vlkern
erkennen lt. Sie bauen weder Huser noch feste Htten, bearbeiten den
Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund, kennen nicht
einmal die Kunst der Tpferei. Sie nhren sich ausschlielich von dem
Fleische aller mglichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die
sie graben. Knige oder Huptlinge sind bei ihnen unbekannt, die
Versammlung der gereiften Mnner entscheidet ber die gemeinsamen
Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von
Religion in Form der Verehrung hherer Wesen zugestehen darf. Die Stmme
im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut mit den hrtesten
Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stcken primitiver
zu sein, als die der Kste nahewohnenden.

Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewi nicht erwarten, da
sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen
Trieben ein hohes Ma von Beschrnkung auferlegt haben. Und doch
erfahren wir, da sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster
Strenge die Verhtung inzestuser Geschlechtsbeziehungen zum Ziele
gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser
Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden
zu sein.

An Stelle aller fehlenden religisen und sozialen Institutionen findet
sich bei den Australiern das System des _Totemismus_. Die australischen
Stmme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, von denen sich jeder
nach seinem _Totem_ benennt. Was ist nun der Totem? In der Regel ein
Tier, ein ebares, harmloses oder gefhrliches, gefrchtetes, seltener
eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in einem
besonderen Verhltnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens
der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der
ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst gefhrlich ist, seine Kinder
kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafr unter der heiligen,
sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu tten
(vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst
bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem
Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung.
Von Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, bei denen die Totemgenossen in
zeremonisen Tnzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem
darstellen oder nachahmen.

Der Totem ist entweder in mtterlicher oder in vterlicher Linie
erblich; die erstere Art ist mglicherweise berall die ursprngliche
und erst spter durch die letztere abgelst worden. Die Zugehrigkeit
zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des
Australiers, setzt sich einerseits ber die Stammesangehrigkeit hinaus
und drngt anderseits die Blutsverwandtschaft zurck(2).

  (2) _Frazer_, Totemism and Exogamy, Bd.I, p.53. The totem bond is
  stronger than the bond of blood or family in the modern sense.

An Boden und rtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die Totemgenossen
wohnen von einander getrennt und mit den Anhngern anderer Totem
friedlich beisammen(3).

  (3) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne
  Erluterungen und Einschrnkungen bleiben: Der Name Totem ist in der
  Form _Totam_ 1791 durch den Englnder J. _Long_ von den Rothuten
  Nordamerikas bernommen worden. Der Gegenstand selbst hat allmhlich
  in der Wissenschaft groes Interesse gefunden und eine reichhaltige
  Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Hauptwerke das
  vierbndige Buch von J.G. _Frazer_, Totemism and Exogamy, 1910 und
  Bcher und Schriften von Andrew _Lang_ (The secret of the Totem,
  1905) hervorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des Totemismus fr die
  Urgeschichte der Menschheit erkannt zu haben, gebhrt dem Schotten J.
  _Ferguson Mc Lennan_ (1869-1870). Totemistische Institutionen wurden
  oder werden heute noch auer bei den Australiern bei den Indianern
  Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Vlkern der ozeanischen
  Inselwelt, in Ostindien und in einem groen Teil von Afrika. Manche
  sonst schwer zu deutende Spuren und berbleibsel lassen aber
  erschlieen, da der Totemismus einst auch bei den arischen und
  semitischen Urvlkern Europas und Asiens bestanden hat, so da viele
  Forscher geneigt sind, eine notwendige und berall durchschrittene
  Phase der menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen.

  Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem
  beizulegen, das heit die Abstammung von dem oder jenem Tier zur
  Grundlage ihrer sozialen Verpflichtungen und, wie wir hren werden,
  auch ihrer sexuellen Beschrnkungen zu machen? Es gibt darber
  zahlreiche Theorien, deren bersicht der deutsche Leser in _Wundts_
  Vlkerpsychologie (Bd.II, Mythus und Religion) finden kann, aber
  keine Einigung. Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnchst
  zum Gegenstand einer besonderen Studie zu machen, in welcher dessen
  Lsung durch Anwendung psychoanalytischer Denkweise versucht werden
  soll. (Vgl. die vierte Abhandlung dieses Bandes.)

  Aber nicht nur, da die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die
  Tatsachen desselben sind kaum in allgemeinen Stzen auszusprechen, wie
  oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man
  nicht Ausnahmen oder Widersprche hinzufgen mte. Man darf aber
  nicht vergessen, da auch die primitivsten und konservativsten Vlker
  in gewissem Sinne alte Vlker sind und eine lange Zeit hinter sich
  haben, in welcher das Ursprngliche bei ihnen viel Entwicklung und
  Entstellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute bei den
  Vlkern, die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des
  Verfalles, der Abbrckelung, des berganges zu anderen sozialen und
  religisen Institutionen, oder aber in stationren Ausgestaltungen,
  die sich weit genug von seinem ursprnglichen Wesen entfernt haben
  mgen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, da es nicht ganz leicht
  ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhltnissen als getreues
  Abbild der sinnvollen Vergangenheit, was als sekundre Entstellung
  derselben gefat werden darf.

Und nun mssen wir endlich jener Eigentmlichkeit des totemistischen
Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse des Psychoanalytikers
sich ihm zuwendet. Fast berall, wo der Totem gilt, besteht auch das
Gesetz, da _Mitglieder desselben Totem nicht in geschlechtliche
Beziehungen zu einander treten, also auch einander nicht heiraten
drfen_. Das ist die mit dem Totem verbundene _Exogamie_.

Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwrdig. Es wird durch
nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigenschaften des Totem
bisher erfahren haben; man versteht also nicht, wie es in das System des
Totemismus hineingeraten ist. Wir verwundern uns darum nicht, wenn
manche Forscher geradezu annehmen, die Exogamie habe ursprnglich -- im
Beginn der Zeiten und dem Sinne nach -- nichts mit dem Totemismus zu
tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschrnkungen
notwendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefgt worden. Wie
immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und Exogamie besteht
und erweist sich als eine sehr feste.

Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere Errterungen
klar.

a) Die bertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen
automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen berlassen wie bei
anderen Totemverboten (z.B. das Totemtier nicht zu tten), sondern wird
vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als gelte es eine die
ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine sie bedrckende Schuld
abzuwehren. Einige Stze aus dem Buche von _Frazer_(4) mgen zeigen, wie
ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Mastabe sonst recht
unsittlichen, Wilden behandelt werden.

  (4) _Frazer_, l.c. Bd.I, p.54.

In Australia the regular penalty for sexual intercourse with a person
of a forbidden clan is death. It matters not whether the woman be of the
same local group or has been captured in war from another tribe; a man
of the wrong clan who uses her as his wife is hunted down and killed by
his clansmen, and so is the woman; though in some cases, if they succeed
in eluding capture for a certain time, the offence may be condoned. In
the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the
man is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she
is nearly dead; the reason given for not actually killing her being that
she was probably coerced. Even in casual amours the clan prohibitions
are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded
with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_).

b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flchtige Liebschaften gebt
wird, die nicht zur Kindererzeugung gefhrt haben, so werden andere,
z.B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich.

c) Da der Totem hereditr ist und durch die Heirat nicht verndert wird,
so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mtterlicher Erblichkeit
leicht bersehen. Gehrt der Mann z.B. einem Clan mit dem Totem
Knguruh an und heiratet eine Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder,
Knaben und Mdchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die
Totemregel der inzestuse Verkehr mit seiner Mutter und seinen
Schwestern, die Emu sind wie er, unmglich gemacht(5).

  (5) Dem Vater, der Knguruh ist, wird aber -- wenigstens durch dieses
  Verbot -- der Inzest mit seinen Tchtern, die Emu sind, frei gelassen.
  Bei vterlicher Vererbung des Totem wre der Vater Knguruh, die
  Kinder gleichfalls Knguruh, dem Vater wrde dann der Inzest mit den
  Tchtern verboten sein, dem Sohne der Inzest mit der Mutter
  freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hinweis
  darauf, da die mtterliche Vererbung lter ist als die vterliche,
  denn es liegt Grund vor anzunehmen, da die Totemverbote vor allem
  gegen die inzestusen Gelste des Sohnes gerichtet sind.

d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, da die mit dem
Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr bezweckt, als die
Verhtung des Inzests mit Mutter und Schwestern. Sie macht dem Manne
auch die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen Sippe
unmglich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht
blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte
behandelt. Die psychologische Berechtigung dieser groartigen
Einschrnkung, die weit ber alles hinausgeht, was sich ihr bei
zivilisierten Vlkern an die Seite stellen lt, ist zunchst nicht
ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, da die Rolle des Totem
(Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem
gleichen Totem abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in
dieser Familie werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als
absolutes Hindernis der sexuellen Vereinigung anerkannt.

So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad von
Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von uns nicht
gut verstandenen Eigentmlichkeit, da sie die reale Blutsverwandtschaft
durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir drfen indes diesen
Gegensatz nicht allzusehr bertreiben und wollen im Gedchtnis behalten,
da die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall miteinschlieen.

Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie durch die
Totemsippe gekommen, bleibt ein Rtsel, dessen Lsung vielleicht mit der
Aufklrung des Totem selbst zusammenfllt. Man mte freilich daran
denken, da bei einer gewissen, ber die Eheschranken hinausgehenden
Freiheit des Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit die
Inzestverhtung so unsicher werden, da man eine andere Fundierung des
Verbotes nicht entbehren kann. Es ist darum nicht berflssig zu
bemerken, da die Sitten der Australier soziale Bedingungen und
festliche Gelegenheiten anerkennen, bei denen das ausschlieliche
Eheanrecht eines Mannes auf ein Weib durchbrochen wird.

Der Sprachgebrauch dieser australischen Stmme(6) weist eine
Eigentmlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang
gehrt. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nmlich, deren sie sich
bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern
zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; sie gehren nach
dem Ausdruck L.H. _Morgans_ dem _klassifizierenden_ System an. Das
will heien, ein Mann nennt Vater nicht nur seinen Erzeuger, sondern
auch jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter
htte heiraten und so sein Vater htte werden knnen; er nennt Mutter
jede andere Frau neben seiner Gebrerin, die ohne Verletzung der
Stammesgesetze seine Mutter htte werden knnen; er heit Brder,
Schwestern nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch
die Kinder all der genannten Personen, die in der elterlichen
Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, die zwei
Australier einander geben, deuten also nicht notwendig auf eine
Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, wie sie es nach unserem
Sprachgebrauche mten; sie bezeichnen vielmehr soziale als physische
Beziehungen. Eine Annherung an dieses klassifikatorische System findet
sich bei uns etwa in der Kinderstube, wenn das Kind veranlat wird,
jeden Freund und jede Freundin der Eltern als Onkel und Tante zu
begren, oder im bertragenen Sinn, wenn wir von Brdern in Apoll,
Schwestern in Christo sprechen.

  (6) Sowie der meisten Totemvlker.

Die Erklrung dieses fr uns so sehr befremdenden Sprachgebrauches
ergibt sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen jener
Heiratsinstitution auffat, die der Rev. L. _Fison_ _Gruppenehe_
genannt hat, deren Wesen darin besteht, da eine gewisse Anzahl von
Mnnern eheliche Rechte ber eine gewisse Anzahl von Frauen ausbt. Die
Kinder dieser Gruppenehe wrden dann mit Recht einander als Geschwister
betrachten, obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und
alle Mnner der Gruppe fr ihre Vter halten.

Obwohl manche Autoren, wie z.B. _Westermarck_ in seiner Geschichte der
menschlichen Ehe(7), sich den Folgerungen widersetzen, welche andere
aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen gezogen haben, so
stimmen doch gerade die besten Kenner der australischen Wilden darin
berein, da die klassifikatorischen Verwandtschaftsnamen als berrest
aus Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach _Spencer_ und
_Gillen_(8) lt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den Stmmen
der _Urabunna_ und der _Dieri_ noch als heute bestehend feststellen. Die
Gruppenehe sei also bei diesen Vlkern der individuellen Ehe
vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren in Sprache
und Sitten zurckzulassen.

  (7) 2.Aufl., 1902.

  (8) The Native Tribes of Central Australia, London 1899.

Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, so wird uns
das scheinbare berma von Inzestvermeidung, welches wir bei denselben
Vlkern angetroffen haben, begreiflich. Die Totemexogamie, das Verbot
des sexuellen Verkehrs zwischen Mitgliedern desselben Clans, erscheint
als das angemessene Mittel zur Verhtung des Gruppeninzests, welches
dann fixiert wurde und seine Motivierung um lange Zeiten berdauert hat.

Glauben wir so, die Heiratsbeschrnkungen der Wilden Australiens in
ihrer Motivierung verstanden zu haben, so mssen wir noch erfahren, da
die wirklichen Verhltnisse eine weit grere, auf den ersten Anblick
verwirrende, Kompliziertheit erkennen lassen. Es gibt nmlich nur wenige
Stmme in Australien, die kein anderes Verbot als die Totemschranke
zeigen. Die meisten sind derart organisiert, da sie zunchst in zwei
Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch: Phrathries)
genannt hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schliet eine
Mehrzahl von Totemsippen ein. Gewhnlich teilt sich noch jede
Heiratsklasse in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also
in vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den
Totemsippen.

Das typische, recht hufig verwirklichte Schema der Organisation eines
australischen Stammes sieht also folgendermaen aus:

                             Phrathrien

                a                                  b
               / \                                / \
             /     \                 .......... /     \
           /         \          ....          / ......  \
         /             \     ...            /          ...\
       c .              d ...            . e               f
      /|\ ....         /|\          ..... /|\             /|\
     / | \    ....    / | \   ......     / | \           / | \
    /  |  \       .../..|..\ .          /  |  \         /  |  \
   /   |   \        /   |   \          /   |   \       /   |   \
  A    B    C      D    E    F        1    2    3     4    5    6

Die zwlf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei Klassen
untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam(9). Die Subklasse c bildet
mit e, die Subklasse d mit f eine exogame Einheit. Der Erfolg, also die
Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifelhaft; es wird auf diesem
Wege eine weitere Einschrnkung der Heiratswahl und der sexuellen
Freiheit herbeigefhrt. Bestnden nur die zwlf Totemsippen, so wre
jedem Mitglied einer Sippe -- bei Voraussetzung der gleichen
Menschenanzahl in jeder Sippe -- 11/12 aller Frauen des Stammes zur
Auswahl zugnglich. Die Existenz der beiden Phrathrien beschrnkt diese
Anzahl auf 6/12 = 1/2; ein Mann vom Totem A) kann nur eine Frau der
Sippen 1-6 heiraten. Bei Einfhrung der beiden Unterklassen sinkt die
Auswahl auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem A) mu seine Ehewahl auf die
Frauen der Totem 4, 5, 6 beschrnken.

  (9) Die Anzahl der Totem ist willkrlich gewhlt.

Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen -- deren bei einigen
Stmmen bis zu acht vorkommen -- zu den Totemsippen sind durchaus
ungeklrt. Man sieht nur, da diese Einrichtungen dasselbe erreichen
wollen wie die Totemexogamie und auch noch mehr anstreben. Aber whrend
die Totemexogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, die
entstanden ist, man wei nicht wie, also einer Sitte, scheinen die
komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und
der daran geknpften Bedingungen zielbewuter Gesetzgebung zu
entstammen, die vielleicht die Aufgabe der Inzestverhtung neu aufnahm,
weil der Einflu des Totem im Nachlassen war. Und whrend das
Totemsystem, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen
Verpflichtungen und sittlichen Beschrnkungen des Stammes ist, erschpft
sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie
angestrebten Regelung der Ehewahl.

In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich ein
Bestreben, ber die Verhtung des natrlichen und des Gruppeninzests
hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppenverwandten zu
verbieten, hnlich wie es die katholische Kirche tat, indem sie die seit
jeher fr Geschwister geltenden Heiratsverbote auf die Vetternschaft
ausdehnte und die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand(10).

  (10) Artikel _Totemism_ in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage,
  1911 (A. _Lang_).

Es wrde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die auerordentlich
verwickelten und ungeklrten Diskussionen ber Herkunft und Bedeutung
der Heiratsklassen, sowie ber deren Verhltnis zum Totem, tiefer
eindringen wollten. Fr unsere Zwecke gengt der Hinweis auf die groe
Sorgfalt, welche die Australier sowie andere wilde Vlker zur Verhtung
des Inzests aufwenden(11). Wir mssen sagen, diese Wilden sind selbst
inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die Versuchung
nher, so da sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe bedrfen.

  (11) Auf diesen Punkt hat erst krzlich _Storfer_ in seiner Studie:
  Zur Sonderstellung des Vatermordes, Schriften zur angewandten
  Seelenkunde, 12.Heft, Wien 1911, nachdrcklich aufmerksam gemacht.

Die Inzestscheu dieser Vlker begngt sich aber nicht mit der
Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptschlich
gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir mssen eine Reihe von
Sitten hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter
in unserem Sinne behten, die mit geradezu religiser Strenge
eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen
kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote Vermeidungen
(avoidances) heien. Ihre Verbreitung geht weit ber die australischen
Totemvlker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten mssen,
mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb
zu nehmen.

In Melanesien richten sich solche einschrnkende Verbote gegen den
Verkehr des Knaben mit Mutter und Schwestern. So z.B. verlt auf
_Lepers Island_, einer der _Neuhebriden_, der Knabe von einem bestimmten
Alter an das mtterliche Heim und bersiedelt ins Klubhaus, wo er
jetzt regelmig schlft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein
Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine
Schwester zu Hause ist, mu er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine
Schwester anwesend, so darf er sich in der Nhe der Tre zum Essen
niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zufllig im Freien, so
mu sie weglaufen oder sich seitwrts verstecken. Wenn der Knabe gewisse
Fuspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so wird er ihnen
nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal
ihren Namen aussprechen und wird sich hten, ein gelufiges Wort zu
gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese
Vermeidung, die mit der Puberttszeremonie beginnt, wird ber das ganze
Leben festgehalten. Die Zurckhaltung zwischen einer Mutter und ihrem
Sohne nimmt mit den Jahren zu, ist brigens berwiegend auf Seite der
Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht
selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut
an, sagt ihm -- nach unserem Sprachgebrauch -- nicht Du, sondern
Sie. hnliche Gebruche herrschen in _Neukaledonien_. Wenn Bruder und
Schwester einander begegnen, so flchtet sie ins Gebsch, und er geht
vorber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden(12).

  (12) R.H. _Codrington_, The Melanesians bei _Frazer_, Totemism and
  Exogamy, Bd.II, p.77.

Auf der _Gazellen-Halbinsel_ in _Newbritannien_ darf eine Schwester von
ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, sie spricht auch
seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn mit einer
Umschreibung(13).

  (13) _Frazer_, l.c. II, pag.124, nach _Kleintitschen_, Die
  Kstenbewohner der Gazellen-Halbinsel.

Auf _Neumecklenburg_ werden Vetter und Base (obwohl nicht jeder Art) von
solchen Beschrnkungen getroffen, ebenso aber Bruder und Schwester. Sie
drfen sich einander nicht nhern, einander nicht die Hand geben, keine
Geschenke machen, drfen aber in der Entfernung von einigen Schritten
miteinander sprechen. Die Strafe fr den Inzest mit der Schwester ist
der Tod durch Erhngen(14).

  (14) _Frazer_, l.c. II, pag.131, nach P.G. _Peckel_ in Anthropos,
  1908.

Auf den _Fiji-Inseln_ sind diese Vermeidungsregeln besonders strenge;
sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst die
Gruppenschwester. Um so sonderbarer berhrt es uns, wenn wir hren, da
diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen
Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir
es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufklrung des Verbotes zu
verwenden, anstatt uns ber ihn zu verwundern(15).

  (15) _Frazer_, l.c. II, pag.147, nach Rev. L. _Fison_.

Unter den _Battas_ auf _Sumatra_ betreffen die Vermeidungsgebote alle
nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wre fr einen _Batta_ z.B. hchst
anstig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft zu
begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester
unbehaglich fhlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind.
Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor,
wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter
bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der hollndische
Missionr, der ber diese Sitten berichtet, fgt hinzu, er msse sie
leider fr sehr wohlbegrndet halten. Es wird bei diesem Volke ohne
weiteres angenommen, da ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu
ungehriger Intimitt fhren werde, und da sie vom Verkehr naher
Blutsverwandter alle mglichen Strafen und blen Folgen erwarten, tun
sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote
auszuweichen(16).

  (16) _Frazer_, l.c. II, pag.189.

Bei den _Barongos_ an der _Delagoa_-Bucht in Afrika gelten
merkwrdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwgerin, der Frau des
Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gefhrliche Person
irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus
einer Schssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut
sich nicht, in ihre Htte einzutreten, und begrt sie nur mit
zitternder Stimme(17).

  (17) _Frazer_, l.c. II, pag.388, nach _Junod_.

Bei den _Akamba_ (oder _Wakamba_) in Britisch-Ostafrika herrscht ein
Gebot der Vermeidung, welches man hufiger anzutreffen erwartet htte.
Ein Mdchen mu zwischen ihrer Pubertt und ihrer Verheiratung dem
eigenen Vater sorgfltig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn
auf der Strae begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn
hinzusetzen, und benimmt sich so bis zum Moment ihrer Verlobung. Von der
Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den Weg
gelegt(18).

  (18) _Frazer_, l.c. II, pag.424.

Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch fr zivilisierte Vlker
interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen einem
Manne und seiner Schwiegermutter einschrnkt. Sie ist in Australien ganz
allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen und den
Negervlkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der
Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darber hinaus.
Bei manchen dieser Vlker bestehen hnliche Verbote gegen den harmlosen
Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht
so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten Fllen werden beide
Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung.

Da wir uns weniger fr die ethnographische Verbreitung als fr den
Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren,
werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele
beschrnken.

Auf den _Banks-Inseln_ sind diese Gebote sehr strenge und peinlich
genau. Ein Mann wird die Nhe seiner Schwiegermutter meiden, wie sie die
seinige. Wenn sie einander zufllig auf einem Pfade begegnen, so tritt
das Weib zur Seite und wendet ihm den Rcken, bis er vorber ist, oder
er tut das nmliche.

In _Vanna Lava_ (_Port Patteson_) wird ein Mann nicht einmal hinter
seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende Flut
nicht die Spur ihrer Futritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch drfen
sie aus einer gewissen Entfernung miteinander sprechen. Es ist ganz
ausgeschlossen, da er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht
oder sie den ihres Schwiegersohnes(19).

  (19) _Frazer_, l.c. II, pag.76.

Auf den _Salomons-Inseln_ darf der Mann von seiner Heirat an seine
Schwiegermutter weder sehen, noch mit ihr sprechen. Wenn er ihr
begegnet, tut er nicht, als ob er sie kennen wrde, sondern luft, so
schnell er kann, davon, um sich zu verstecken(20).

  (20) _Frazer_, l.c. II, pag.117, nach C. _Ribbe_, Zwei Jahre unter
  den Kannibalen der Salomons-Inseln, 1905.

Bei den _Zulukaffern_ verlangt die Sitte, da ein Mann sich seiner
Schwiegermutter schme, da er alles tue, um ihrer Gesellschaft
auszuweichen. Er tritt nicht in die Htte ein, in der sie sich befindet,
und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem
sie sich hinter einem Busch versteckt, whrend er seinen Schild vors
Gesicht hlt. Wenn sie einander nicht ausweichen knnen und das Weib
nichts anderes hat, um sich zu verhllen, so bindet sie wenigstens ein
Grasbschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genge getan sei. Der
Verkehr zwischen ihnen mu entweder durch eine dritte Person besorgt
werden, oder sie drfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn
sie irgend eine Schranke, z.B. die Einfassung des Kraals, zwischen sich
haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund
nehmen(21).

  (21) _Frazer_, l.c. II, pag.385.

Bei den _Basoga_, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, darf ein
Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in einem anderen
Raume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. Dieses Volk
verabscheut brigens den Inzest so sehr, da es ihn selbst bei
Haustieren nicht straflos lt(22).

  (22) _Frazer_, l.c. II, pag.461.

Whrend Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen nahen
Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so da sie von allen
Beobachtern als Schutzmaregeln gegen den Inzest aufgefat werden, haben
die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von
manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht
unverstndlich, da alle diese Vlker so groe Angst vor der Versuchung
zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer lteren Frau
entgegentritt, welche seine Mutter sein knnte, ohne es wirklich zu
sein(23).

  (23) V. _Crawley_, The mystic rose. London 1902, pag.405.

Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von _Fison_ erhoben,
der darauf aufmerksam machte, da gewisse Heiratsklassensysteme darin
eine Lcke zeigen, da sie die Ehe zwischen einem Manne und seiner
Schwiegermutter nicht theoretisch unmglich machen; es htte darum einer
besonderen Sicherung gegen diese Mglichkeit bedurft.

Sir J. _Lubbock_ fhrt in seinem Werke Origin of civilisation das
Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die einstige
Raubehe (marriage by capture) zurck. Solange der Frauenraub wirklich
bestand, wird auch die Entrstung der Eltern ernsthaft genug gewesen
sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole brig waren, wurde
auch die Entrstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch
an, nachdem ihre Herkunft vergessen war. Es wird _Crawley_ leicht zu
zeigen, wie wenig dieser Erklrungsversuch die Einzelheiten der
tatschlichen Beobachtung deckt.

E.B. _Tylor_ meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von Seiten der
Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der Nichtanerkennung
(cutting) von Seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als Fremder,
und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von
den Fllen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt,
unterliegt diese Erklrung dem Einwand, da sie die Orientierung der
Sitte auf das Verhltnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter
nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor bersieht, und da sie
dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trgt, welcher
in den Vermeidungsgeboten zum Ausdruck kommt(24).

  (24) _Crawley_, l.c., pag.407.

Eine Zulufrau, die nach der Begrndung des Verbotes gefragt wurde, gab
die vom Zartgefhl getragene Antwort: Es ist nicht recht, da er die
Brste sehen soll, die seine Frau gesugt haben(25).

  (25) _Crawley_, l.c., pag.401, nach _Leslie_, Among the Zulus and
  Amatongas, 1875.

Es ist bekannt, da das Verhltnis zwischen Schwiegersohn und
Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Vlkern zu den heikeln Seiten
der Familienorganisation gehrt. Es bestehen in der Gesellschaft der
weien Vlker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr fr
die beiden, aber es wrde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn
solche noch als Sitte bestnden und nicht von den einzelnen Individuen
wieder aufgerichtet werden mten. Manchem Europer mag es als ein Akt
hoher Weisheit erscheinen, da die wilden Vlker durch ihre
Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den
beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vornherein
ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, da in der
psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas
enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befrdert und ihr
Zusammenleben erschwert. Da der Witz der zivilisierten Vlker gerade
das Schwiegermutterthema so gern zum Objekt nimmt, scheint mir darauf
hinzudeuten, da die Gefhlsrelationen zwischen den beiden auerdem
Komponenten fhren, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich
meine, da dies Verhltnis eigentlich ein ambivalentes, aus
widerstreitenden, zrtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes
ist.

Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von Seiten der
Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu verzichten,
das Mitrauen gegen den Fremden, dem sie berantwortet ist, die Tendenz,
eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause
eingelebt hatte. Von Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem
fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen,
die vor ihm die Zrtlichkeit seines Weibes besaen, und -- last not
least -- die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der
Sexualberschtzung stren zu lassen. Eine solche Strung geht wohl
zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele
gemeinsame Zge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der Jugend,
Schnheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau
wertvoll machen.

Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische
Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen
Motiven noch andere hinzuzufgen. Wo die psychosexuellen Bedrfnisse der
Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht
ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frhzeitigen Ablauf
der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefhlsleben.
Die alternde Mutter schtzt sich davor durch Einfhlung in ihre Kinder,
Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefhlsbetonte Erlebnisse zu
den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern;
es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den
Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfllt
so eine der besten Mglichkeiten, die fr die eigene Ehe erforderliche
Resignation zu ertragen. Diese Einfhlung in die Tochter geht bei der
Mutter leicht so weit, da sie sich in den von ihr geliebten Mann --
mitverliebt, was in grellen Fllen infolge des heftigen seelischen
Strubens gegen diese Gefhlsanlage zu schweren Formen neurotischer
Erkrankung fhrt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der
Schwiegermutter jedenfalls sehr hufig, und entweder diese selbst oder
die ihr entgegenarbeitende Strebung schlieen sich dem Gewhle der
miteinander ringenden Krfte in der Seele der Schwiegermutter an. Recht
hufig wird gerade die unzrtliche, sadistische Komponente der
Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verpnte,
zrtliche, um so sicherer zu unterdrcken.

Fr den Mann kompliziert sich das Verhltnis zur Schwiegermutter durch
hnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der Weg der
Objektwahl hat ihn regulrerweise ber das Bild seiner Mutter,
vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt gefhrt;
infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teuren
Personen seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren
Ebenbild zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner
Schwester sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich
eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurckzusinken, aber dieser
widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, da er an die
Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualitt der
Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so
da ihr Bild im Unbewuten unverndert bewahrt werden konnte, macht ihm
die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und
Gehssigkeit zur Gefhlsmischung lt uns vermuten, da die
Schwiegermutter tatschlich eine Inzestversuchung fr den Schwiegersohn
darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, da sich ein Mann
manifesterweise zunchst in seine sptere Schwiegermutter verliebt, ehe
seine Neigung auf deren Tochter bergeht.

Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, da es gerade dieser, der
inzestuse Faktor des Verhltnisses ist, welcher die Vermeidung zwischen
Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. Wir wrden
also in der Aufklrung der so streng gehandhabten Vermeidungen dieser
primitiven Vlker die ursprnglich von _Fison_ geuerte Meinung
bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen
den mglichen Inzest erblickt. Das nmliche wrde fr alle anderen
Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur bliebe
der Unterschied, da im ersteren Falle der Inzest ein direkter ist, die
Verhtungsabsicht eine bewute sein knnte; im anderen Falle, der das
Schwiegermutterverhltnis mit einschliet, wre der Inzest eine
Phantasieversuchung, ein durch unbewute Zwischenglieder vermittelter.

Wir haben in den vorstehenden Ausfhrungen wenig Gelegenheit gehabt zu
zeigen, da die Tatsachen der Vlkerpsychologie durch die Anwendung der
psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verstndnis gesehen werden
knnen, denn die Inzestscheu der Wilden ist lngst als solche erkannt
worden und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Wrdigung
hinzufgen knnen, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug
und eine auffllige bereinstimmung mit dem seelischen Leben des
Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, da die erste sexuelle
Objektwahl des Knaben eine inzestuse ist, den verpnten Objekten,
Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt,
auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei
macht. Der Neurotiker reprsentiert uns aber regelmig ein Stck des
psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von
den kindlichen Verhltnissen der Psychosexualitt zu befreien, oder er
ist zu ihnen zurckgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In
seinem unbewuten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die
inzestusen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin
gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhltnis zu den Eltern
fr den _Kernkomplex_ der Neurose zu erklren. Die Aufdeckung dieser
Bedeutung des Inzests fr die Neurose stt natrlich auf den
allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung
wird z.B. auch den Arbeiten von _Otto Rank_ entgegentreten, die in
immer grerem Ausma dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte
des dichterischen Interesses steht und in ungezhlten Variationen und
Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind gentigt zu
glauben, da solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung
des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrngung verfallenen
Inzestwnsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden
Vlkern zeigen zu knnen, da sie die zur spteren Unbewutheit
bestimmten Inzestwnsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und
der schrfsten Abwehrmaregeln fr wrdig halten.




II.

DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ DER GEFHLSREGUNGEN.


_Tabu_ ist ein polynesisches Wort, dessen bersetzung uns
Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff nicht
mehr besitzen. Den alten Rmern war er noch gelufig; ihr _sacer_ war
dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das ~agos~ der Griechen, das
_Kodausch_ der Hebrer mu das nmliche bedeutet haben, was die
Polynesier durch ihr Tabu, viele Vlker in Amerika, Afrika (Madagaskar),
Nord- und Zentral-Asien durch analoge Bezeichnungen ausdrcken.

Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei entgegengesetzten Richtungen
auseinander. Es heit uns einerseits: heilig, geweiht, anderseits:
unheimlich, gefhrlich, verboten, unrein. Der Gegensatz von Tabu heit
im Polynesischen noa -- gewhnlich, allgemein zugnglich. Somit haftet
am Tabu etwas wie der Begriff einer Reserve, das Tabu uert sich auch
wesentlich in Verboten und Einschrnkungen. Unsere Zusammensetzung
heilige Scheu wrde sich oft mit dem Sinn des Tabu decken.

Die Tabubeschrnkungen sind etwas anderes als die religisen oder die
moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das Gebot eines Gottes
zurckgefhrt, sondern verbieten sich eigentlich von selbst; von den
Moralverboten scheidet sie das Fehlen der Einreihung in ein System,
welches ganz allgemein Enthaltungen fr notwendig erklrt und diese
Notwendigkeit auch begrndet. Die Tabuverbote entbehren jeder
Begrndung; sie sind unbekannter Herkunft; fr uns unverstndlich,
erscheinen sie jenen selbstverstndlich, die unter ihrer Herrschaft
stehen.

_Wundt_(26) nennt das Tabu den ltesten ungeschriebenen Gesetzeskodex
der Menschheit. Es wird allgemein angenommen, da das Tabu lter ist als
die Gtter und in die Zeiten vor jeder Religion zurckreicht.

  (26) Vlkerpsychologie, II.Bd., Mythus und Religion, 1906, II,
  p.308.

Da wir einer unparteiischen Darstellung des Tabu bedrfen, um dieses der
psychoanalytischen Betrachtung zu unterziehen, lasse ich nun einen
Auszug aus dem Artikel Taboo der Encyclopedia Britannica(27) folgen,
der den Anthropologen _Northcote W. Thomas_ zum Verfasser hat.

  (27) Elfte Auflage, 1911. -- Daselbst auch die wichtigsten
  Literaturnachweise.

Streng genommen umfat tabu nur a) den heiligen (oder unreinen)
Charakter von Personen oder Dingen, b) die Art der Beschrnkung, welche
sich aus diesem Charakter ergibt, und c) die Heiligkeit (oder
Unreinheit), welche aus der Verletzung dieses Verbotes hervorgeht. Das
Gegenteil von tabu heit in Polynesien '_noa_', was 'gewhnlich' oder
'gemein' bedeutet...

In einem weiteren Sinne kann man verschiedene Arten von Tabu
unterscheiden: 1. Ein _natrliches_ oder direktes Tabu, welches das
Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft (_Mana_) ist, die an einer Person
oder Sache haftet; 2. ein _mitgeteiltes_ oder indirektes Tabu, das auch
von jener Kraft ausgeht, aber entweder a) erworben ist, oder b) von
einem Priester, Huptling oder sonst wem bertragen; endlich 3. ein
Tabu, das zwischen den beiden anderen die Mitte hlt, wenn nmlich beide
Faktoren in Betracht kommen, wie z.B. bei der Aneignung eines Weibes
durch einen Mann. Der Name Tabu wird auch auf andere rituelle
Beschrnkungen angewendet, aber man sollte alles, was besser religises
Verbot heien knnte, nicht zum Tabu rechnen.

Die _Ziele_ des Tabu sind mannigfacher Art: Direkte Tabu bezwecken a)
den Schutz bedeutsamer Personen, wie Huptlinge, Priester und
Gegenstnde u.dgl. gegen mgliche Schdigung; b) die Sicherung der
Schwachen -- Frauen, Kinder und gewhnlicher Menschen im allgemeinen --
gegen das mchtige Mana (die magische Kraft) der Priester und
Huptlinge; c) den Schutz gegen Gefahren, die mit der Berhrung von
Leichen, mit dem Genu gewisser Speisen usw. verbunden sind; d) die
Versicherung gegen die Strung wichtiger Lebensakte, wie Geburt,
Mnnerweihe, Heirat, sexuelle Ttigkeiten; e) den Schutz menschlicher
Wesen gegen die Macht oder den Zorn von Gttern und Dmonen(28); f) die
Behtung Ungeborener und kleiner Kinder gegen die mannigfachen Gefahren,
die ihnen infolge ihrer besonderen sympathetischen Abhngigkeit von
ihren Eltern drohen, wenn diese z.B. gewisse Dinge tun oder Speisen zu
sich nehmen, deren Genu den Kindern besondere Eigenschaften bertragen
knnte. Eine andere Verwendung des Tabu ist die zum Schutze des
Eigentums einer Person, seiner Werkzeuge, seines Feldes usw. gegen
Diebe.

  (28) Diese Verwendung der Tabu kann auch als eine nicht ursprngliche
  in diesem Zusammenhange beiseite gelassen werden.

Die Strafe fr die bertretung eines Tabu wird wohl ursprnglich einer
inneren, automatisch wirkenden Einrichtung berlassen. Das verletzte
Tabu rcht sich selbst. Wenn Vorstellungen von Gttern und Dmonen
hinzukommen, mit denen das Tabu in Beziehung tritt, so wird von der
Macht der Gottheit eine automatische Bestrafung erwartet. In anderen
Fllen, wahrscheinlich infolge einer weiteren Entwicklung des Begriffes,
bernimmt die Gesellschaft die Bestrafung des Verwegenen, dessen
Vorgehen seine Genossen in Gefahr gebracht hat. So knpfen auch die
ersten Strafsysteme der Menschheit an das Tabu an.

Wer ein Tabu bertreten hat, der ist dadurch selbst tabu geworden.
Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines Tabu entstehen, knnen
durch Buhandlungen und Reinigungszeremonien beschworen werden.

Als die Quelle des Tabu wird eine eigentmliche Zauberkraft angesehen,
die an Personen und Geistern haftet und von ihnen aus durch unbelebte
Gegenstnde hindurch bertragen werden kann. Personen oder Dinge, die
tabu sind, knnen mit elektrisch geladenen Gegenstnden verglichen
werden; sie sind der Sitz einer furchtbaren Kraft, welche sich durch
Berhrung mitteilt und mit unheilvollen Wirkungen entbunden wird, wenn
der Organismus, der die Entladung hervorruft, zu schwach ist, ihr zu
widerstehen. Der Erfolg einer Verletzung des Tabu hngt also nicht nur
von der Intensitt der magischen Kraft ab, die an dem Tabu-Objekt
haftet, sondern auch von der Strke des Mana, die sich dieser Kraft bei
dem Frevler entgegensetzt. So sind z.B. Knige und Priester Inhaber
einer groartigen Kraft, und es wre Tod fr ihre Untertanen, in
unmittelbare Berhrung mit ihnen zu treten, aber ein Minister oder eine
andere Person von mehr als gewhnlichem Mana kann ungefhrdet mit ihnen
verkehren, und diese Mittelspersonen knnen wiederum ihren Untergebenen
ihre Annherung gestatten, ohne sie in Gefahr zu bringen. Auch
mitgeteilte Tabu hngen in ihrer Bedeutung von dem Mana der Person ab,
von der sie ausgehen; wenn ein Knig oder Priester ein Tabu auferlegt,
ist es wirksamer, als wenn es von einem gewhnlichen Menschen kme.

Die bertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, der dazu
Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durch Shnezeremonien zu
versuchen.

Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und Huptlinge sind
das erstere, ebenso Tote, und alles, was zu ihnen gehrt hat.
Zeitweilige Tabu schlieen sich an gewisse Zustnde an, so an die
Menstruation und das Kindbett, an den Stand des Kriegers vor und nach
der Expedition, an die Ttigkeiten des Fischens und Jagens u.dgl. Ein
allgemeines Tabu kann auch wie das kirchliche Interdikt ber einen
groen Bezirk verhngt werden und dann jahrelang anhalten.

Wenn ich die Eindrcke meiner Leser richtig abzuschtzen wei, so
getraue ich mich jetzt der Behauptung, sie wten nach all diesen
Mitteilungen ber das Tabu erst recht nicht, was sie sich darunter
vorzustellen haben, und wo sie es in ihrem Denken unterbringen knnen.
Dies ist sicherlich die Folge der ungengenden Information, die sie von
mir erhalten haben, und des Wegfalls aller Errterungen ber die
Beziehung des Tabu zum Aberglauben, zum Seelenglauben und zur Religion.
Aber anderseits frchte ich, eine eingehendere Schilderung dessen, was
man ber das Tabu wei, htte noch verwirrender gewirkt, und darf
versichern, da die Sachlage in Wirklichkeit recht undurchsichtig ist.
Es handelt sich also um eine Reihe von Einschrnkungen, denen sich diese
primitiven Vlker unterwerfen; dies und jenes ist verboten, sie wissen
nicht warum, es fllt ihnen auch nicht ein, danach zu fragen, sondern
sie unterwerfen sich ihnen wie selbstverstndlich und sind berzeugt,
da eine bertretung sich von selbst auf die hrteste Weise strafen
wird. Es liegen zuverlssige Berichte vor, da die unwissentliche
bertretung eines solchen Verbotes sich tatschlich automatisch gestraft
hat. Der unschuldige Missetter, der z.B. von einem ihm verbotenen Tier
gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen Tod und stirbt dann
in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist Genufhigkeit, Bewegungs-
und Verkehrsfreiheit; sie scheinen in manchen Fllen sinnreich, sollen
offenbar Enthaltungen und Entsagungen bedeuten, in anderen Fllen sind
sie ihrem Inhalt nach ganz unverstndlich, betreffen wertlose
Kleinigkeiten, scheinen ganz von der Art eines Zeremoniells zu sein. All
diesen Verboten scheint etwas wie eine Theorie zu Grunde zu liegen, als
ob die Verbote notwendig wren, weil gewissen Personen und Dingen eine
gefhrliche Kraft zu eigen ist, die sich durch Berhrung mit dem so
geladenen Objekt bertrgt, fast wie eine Ansteckung. Es wird auch die
Quantitt dieser gefhrlichen Eigenschaft in Betracht gezogen. Der eine
oder das eine hat mehr davon als der andere, und die Gefahr richtet sich
geradezu nach der Differenz der Ladungen. Das Sonderbarste daran ist wohl,
da, wer es zu stande gebracht hat, ein solches Verbot zu bertreten,
selbst den Charakter des Verbotenen gewonnen, gleichsam die ganze
gefhrliche Ladung auf sich genommen hat. Diese Kraft haftet nun an allen
Personen, die etwas Besonderes sind, wie Knige, Priester, Neugeborene,
an allen Ausnahmszustnden, wie die krperlichen der Menstruation, der
Pubertt, der Geburt, an allem Unheimlichen, wie Krankheit und Tod, und
was kraft der Ansteckungs- oder Ausbreitungsfhigkeit damit zusammenhngt.

Tabu heit aber alles, sowohl die Personen als auch die rtlichkeiten,
Gegenstnde und die vorbergehenden Zustnde, welche Trger oder Quelle
dieser geheimnisvollen Eigenschaft sind. Tabu heit auch das Verbot,
welches sich aus dieser Eigenschaft herleitet, und Tabu heit endlich
seinem Wortsinn nach etwas, was zugleich heilig, ber das Gewhnliche
erhaben wie auch gefhrlich, unrein, unheimlich umfat.

In diesem Wort und in dem System, das es bezeichnet, drckt sich ein
Stck Seelenleben aus, dessen Verstndnis uns wirklich nicht nahe
gerckt erscheint. Vor allem sollte man meinen, da man sich diesem
Verstndnis nicht nhern knne, ohne auf den fr so tiefstehende
Kulturen charakteristischen Glauben an Geister und Dmonen einzugehen.

Warum sollen wir berhaupt unser Interesse an das Rtsel des Tabu
wenden? Ich meine, nicht nur, weil jedes psychologische Problem an sich
des Versuches einer Lsung wert ist, sondern auch noch aus anderen
Grnden. Es darf uns ahnen, da das Tabu der Wilden Polynesiens doch
nicht so weit von uns abliegt, wie wir zuerst glauben wollten, da die
Sitten- und Moralverbote, denen wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen
eine Verwandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben knnten, und da
die Aufklrung des Tabu ein Licht auf den dunkeln Ursprung unseres
eigenen kategorischen Imperativs zu werfen vermchte.

Wir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung aufhorchen, wenn
ein Forscher wie W. _Wundt_ uns seine Auffassung des Tabu mitteilt,
zumal da er verspricht, zu den letzten Wurzeln der Tabuvorstellungen
zurckzugehen(29).

  (29) In der Vlkerpsychologie, BandII, Religion und Mythus, II,
  p.300 u.ff.

Vom Begriff des Tabu sagt _Wundt_, da es alle die Bruche umfat, in
denen sich die Scheu vor bestimmten mit den kultischen Vorstellungen
zusammenhngenden Objekten oder vor den sich auf diese beziehenden
Handlungen ausdrckt(30).

  (30) l.c., p.237.

Ein andermal: Verstehen wir darunter (unter dem Tabu), wie es dem
allgemeinen Sinne des Wortes entspricht, jedes in Brauch und Sitte oder
in ausdrcklich formulierten Gesetzen niedergelegte Verbot, einen
Gegenstand zu berhren, zu eigenem Gebrauch in Anspruch zu nehmen oder
gewisse verpnte Worte zu gebrauchen ...., so gebe es berhaupt kein
Volk und keine Kulturstufe, die der Schdigung durch das Tabu entgegen
wre.

_Wundt_ fhrt dann aus, weshalb es ihm zweckmiger erscheint, die Natur
des Tabu an den primitiven Verhltnissen der australischen Wilden als in
der hheren Kultur der polynesischen Vlker zu studieren. Bei den
Australiern ordnet er die Tabuverbote in drei Klassen, je nachdem sie
Tiere, Menschen oder andere Objekte betreffen. Das Tabu der Tiere, das
wesentlich im Verbot des Ttens und Verzehrens besteht, bildet den Kern
des _Totemismus_(31). Das Tabu der zweiten Art, das den Menschen zu
seinem Objekt hat, ist wesentlich anderen Charakters. Es ist von
vornherein auf Bedingungen eingeschrnkt, die fr den Tabuierten eine
ungewhnliche Lebenslage herbeifhren. So sind Jnglinge tabu beim Fest
der Mnnerweihe, Frauen whrend der Menstruation und unmittelbar nach
der Geburt, neugeborene Kinder, Kranke und vor allem die Toten. Auf dem
fortwhrend gebrauchten Eigentum eines Menschen ruht ein dauerndes Tabu
fr jeden anderen; so auf seinen Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum
persnlichsten Eigentum gehrt in Australien auch der neue Name, den ein
Knabe bei seiner Mnnerweihe erhlt, dieser ist tabu und mu geheim
gehalten werden. Die Tabu der dritten Art, die auf Bumen, Pflanzen,
Husern, rtlichkeiten ruhen, sind vernderlicher, scheinen nur der
Regel zu folgen, da dem Tabu unterworfen wird, was aus irgend welcher
Ursache Scheu erregt oder unheimlich ist.

  (31) Vgl. darber die erste und die letzte Abhandlung dieses Buches.

Die Vernderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur der Polynesier
und der malaiischen Inselwelt erfhrt, mu _Wundt_ selbst fr nicht sehr
tiefgehend erklren. Die strkere soziale Differenzierung dieser Vlker
macht sich darin geltend, da Huptlinge, Knige und Priester ein
besonders wirksames Tabu ausben und selbst dem strksten Zwang des Tabu
ausgesetzt werden.

Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als in den
Interessen der privilegierten Stnde; sie entspringen da, wo die
primitivsten und zugleich dauerndsten menschlichen Triebe ihren Ursprung
nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dmonischer Mchte_(32).
Ursprnglich nichts anderes als die objektiv gewordene Furcht vor der
in dem tabuierten Gegenstand verborgen gedachten dmonischen Macht,
verbietet das Tabu, diese Macht zu reizen, und es gebietet, wo es
wissentlich oder unwissentlich verletzt worden ist, die Rache des Dmons
zu beseitigen.

  (32) l.c., p.307.

Allmhlich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst begrndeten Macht,
die sich vom Dmonismus losgelst hat. Es wird zum Zwang der Sitte und
des Herkommens und schlielich des Gesetzes. Das Gebot aber, das
unausgesprochen hinter den nach Ort und Zeit mannigfach wechselnden
Tabuverboten steht, ist ursprnglich das _eine_: Hte dich vor dem Zorn
der Dmonen.

_Wundt_ lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdruck und Ausflu des
Glaubens der primitiven Vlker an dmonische Mchte. Spter habe sich
das Tabu von dieser Wurzel losgelst und sei eine Macht geblieben,
einfach weil es eine solche war, infolge einer Art von psychischer
Beharrung; so sei es selbst die Wurzel unserer Sittengebote und unserer
Gesetze geworden. So wenig nun der erste dieser Stze zum Widerspruch
reizen kann, so glaube ich doch dem Eindruck vieler Leser Worte zu
leihen, wenn ich die Aufklrung _Wundts_ als eine Enttuschung
anspreche. Das heit wohl nicht, zu den Quellen der Tabuvorstellungen
heruntergehen oder ihre letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst noch
die Dmonen knnen in der Psychologie als letzte Dinge gewertet werden,
die jeder weiteren Zurckfhrung trotzen. Es wre anders, wenn die
Dmonen wirklich existierten; aber wir wissen ja, sie sind selbst wie
die Gtter Schpfungen der Seelenkrfte des Menschen; sie sind von etwas
und aus etwas geschaffen worden.

ber die Doppelbedeutung des Tabu uert _Wundt_ bedeutsame, aber nicht
ganz klar zu fassende Ansichten. Fr die primitiven Anfnge des Tabu
besteht nach ihm eine Scheidung von _heilig_ und _unrein_ noch nicht.
Eben darum fehlen hier jene Begriffe berhaupt in der Bedeutung, die sie
eben erst durch den Gegensatz, in den sie zueinander traten, annehmen
konnten. Das Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein Tabu ruht, sind
dmonisch, nicht heilig und darum auch noch nicht in dem spteren Sinne
unrein. Gerade fr diese noch indifferent in der Mitte stehende
Bedeutung des Dmonischen, das nicht berhrt werden darf, ist der
Ausdruck Tabu wohl geeignet, da er ein Merkmal hervorhebt, das
schlielich dem Heiligen wie dem Unreinen fr alle Zeiten gemeinsam
bleibt: die Scheu vor seiner Berhrung. In dieser bleibenden
Gemeinschaft eines wichtigen Merkmals liegt aber zugleich ein Hinweis
darauf, da hier zwischen beiden Gebieten eine ursprngliche
bereinstimmung obwaltet, die erst infolge weiterer Bedingungen einer
Differenzierung gewichen ist, durch welche sich beide schlielich zu
Gegenstzen entwickelt haben.

Der dem ursprnglichen Tabu eigene Glaube an eine dmonische Macht, die
in dem Gegenstand verborgen ist und dessen Berhrung oder unerlaubte
Verwendung durch Verzauberung des Tters rcht, ist eben noch ganz und
ausschlielich die objektivierte Furcht. Diese hat sich noch nicht in
die beiden Formen gesondert, die sie auf einer entwickelten Stufe
annimmt: in die _Ehrfurcht_ und in den _Abscheu_.

Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach _Wundt_ durch die Verpflanzung
der Tabugebote aus dem Gebiet der Dmonen -- in das der
Gttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig und unrein fllt mit der
Aufeinanderfolge zweier mythologischer Stufen zusammen, von denen die
frhere nicht vollkommen verschwindet, wenn die folgende erreicht ist,
sondern in der Form einer niedrigeren und allmhlich mit Verachtung sich
paarenden Wertschtzung fortbesteht. In der Mythologie gilt allgemein
das Gesetz, da eine vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie von der
hheren berwunden und zurckgedrngt wird, nun neben dieser in
erniedrigter Form fortbesteht, so da die Objekte ihrer Verehrung in
solche des Abscheus sich umwandeln(33).

  (33) l.c., p.313.

Die weiteren Ausfhrungen _Wundts_ beziehen sich auf das Verhltnis der
Tabuvorstellungen zur Reinigung und zum Opfer.


2.

Wer von der Psychoanalyse, das heit von der Erforschung des unbewuten
Anteils am individuellen Seelenleben her an das Problem des Tabu
herantritt, der wird sich nach kurzem Besinnen sagen, da ihm diese
Phnomene nicht fremd sind. Er kennt Personen, die sich solche
Tabuverbote individuell geschaffen haben und sie ebenso streng befolgen
wie die Wilden die ihrem Stamme oder ihrer Gesellschaft gemeinsamen.
Wenn er nicht gewohnt wre, diese vereinzelten Personen als
_Zwangskranke_ zu bezeichnen, wrde er den Namen _Tabukrankheit_ fr
deren Zustand angemessen finden mssen. Von dieser Zwangskrankheit hat
er aber durch die psychoanalytische Untersuchung so viel erfahren, die
klinische tiologie und das Wesentliche des psychologischen Mechanismus,
da er es sich nicht versagen kann, das hier Gelernte zur Aufklrung der
entsprechenden vlkerpsychologischen Erscheinung zu verwenden.

Eine Warnung wird bei diesem Versuche angehrt werden mssen. Die
hnlichkeit des Tabu mit der Zwangskrankheit mag eine rein uerliche
sein, fr die Erscheinungsform der beiden gelten und sich nicht weiter
auf deren Wesen erstrecken. Die Natur liebt es, die nmlichen Formen in
den verschiedensten biologischen Zusammenhngen zu verwenden, z.B. am
Korallenstock wie an der Pflanze, ja darber hinaus an gewissen
Kristallen oder bei Bildung bestimmter chemischer Niederschlge. Es wre
offenbar voreilig und wenig aussichtsvoll, durch diese bereinstimmungen,
die auf eine Gemeinsamkeit mechanischer Bedingungen zurckgehen,
Schlsse zu begrnden, die sich auf innere Verwandtschaft
beziehen. Wir werden dieser Warnung eingedenk bleiben, brauchen aber die
beabsichtigte Vergleichung dieser Mglichkeit wegen nicht zu
unterlassen.

Die nchste und aufflligste bereinstimmung der Zwangsverbote (bei den
Nervsen) mit dem Tabu besteht nun darin, da diese Verbote ebenso
unmotiviert und in ihrer Herkunft rtselhaft sind. Sie sind irgend
einmal aufgetreten und mssen nun infolge einer unbezwingbaren Angst
gehalten werden. Eine uere Strafandrohung ist berflssig, weil eine
innere Sicherheit (ein Gewissen) besteht, die bertretung werde zu einem
unertrglichen Unheil fhren. Das uerste, was die Zwangskranken
mitteilen knnen, ist die unbestimmte Ahnung, es werde eine gewisse
Person ihrer Umgebung durch die bertretung zu Schaden kommen. Welches
diese Schdigung sein soll, wird nicht erkannt, auch erhlt man diese
kmmerliche Auskunft eher bei den spter zu besprechenden Shne- und
Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst.

Das Haupt- und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu das der
Berhrung, daher der Name: Berhrungsangst, Dlire de toucher. Das
Verbot erstreckt sich nicht nur auf die direkte Berhrung mit dem
Krper, sondern nimmt den Umfang der bertragenen Redensart: in
Berhrung kommen, an. Alles, was die Gedanken auf das Verbotene lenkt,
eine Gedankenberhrung hervorruft, ist ebenso verboten wie der
unmittelbare leibliche Kontakt; dieselbe Ausdehnung findet sich beim
Tabu wieder.

Ein Teil der Verbote ist nach seiner Absicht ohneweiters verstndlich,
ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, lppisch, sinnlos.
Wir bezeichnen solche Gebote als Zeremoniell und finden, da die
Tabugebruche dieselbe Verschiedenheit erkennen lassen.

Den Zwangsverboten ist eine groartige Verschiebbarkeit zu eigen, sie
dehnen sich auf irgend welchen Wegen des Zusammenhanges von einem Objekt
auf das andere aus und machen auch dieses neue Objekt, wie eine meiner
Kranken treffend sagt, _unmglich_. Die Unmglichkeit hat am Ende die
ganze Welt mit Beschlag belegt. Die Zwangskranken benehmen sich so, als
wren die unmglichen Personen und Dinge Trger einer gefhrlichen
Ansteckung, die bereit ist, sich auf alles Benachbarte durch Kontakt zu
bertragen. Dieselben Charaktere der Ansteckungsfhigkeit und der
bertragbarkeit haben wir eingangs bei der Schilderung der Tabuverbote
hervorgehoben. Wir wissen auch, wer ein Tabu bertreten hat durch die
Berhrung von etwas, was tabu ist, der wird selbst tabu und niemand darf
mit ihm in Berhrung treten.

Ich stelle zwei Beispiele von bertragung (besser Verschiebung) des
Verbots zusammen; das eine aus dem Leben der _Maori_, das andere aus
meiner Beobachtung an einer zwangskranken Frau.

Ein _Maori_huptling wird kein Feuer mit seinem Hauch anfachen, denn
sein geheiligter Atem wrde seine Kraft dem Feuer mitteilen, dieses dem
Topf, der im Feuer steht, der Topf der Speise, die in ihm gekocht wird,
die Speise der Person, die von ihr it, und so mte die Person sterben,
die gegessen von der Speise, die gekocht in dem Topf, der gestanden im
Feuer, in das geblasen der Huptling mit seinem heiligen und
gefhrlichen Hauch(34).

  (34) _Frazer_, The golden bough, II, Taboo and the perils of the soul,
  1911, p.136.

Die Patientin verlangt, da ein Gebrauchsgegenstand, den ihr Mann vom
Einkauf nach Hause gebracht, entfernt werde, er wrde ihr sonst den
Raum, in dem sie wohnt, unmglich machen. Denn sie hat gehrt, da
dieser Gegenstand in einem Laden gekauft wurde, welcher in der, sagen
wir: Hirschengasse liegt. Aber Hirsch ist heute der Name einer Freundin,
welche in einer fernen Stadt lebt, die sie in ihrer Jugend unter ihrem
Mdchennamen gekannt hat. Diese Freundin ist ihr heute unmglich,
tabu, und der hier in Wien gekaufte Gegenstand ist ebenso tabu wie die
Freundin selbst, mit der sie nicht in Berhrung kommen will.

Die Zwangsverbote bringen groartigen Verzicht und Einschrnkungen des
Lebens mit sich wie die Tabuverbote, aber ein Anteil von ihnen kann
aufgehoben werden durch die Ausfhrung gewisser Handlungen, die nun auch
geschehen mssen, die Zwangscharakter haben, -- Zwangshandlungen -- und
deren Natur als Bue, Shne, Abwehrmaregeln und Reinigung keinem
Zweifel unterliegt. Die gebruchlichste dieser Zwangshandlungen ist das
Abwaschen mit Wasser (Waschzwang). Auch ein Teil der Tabuverbote kann so
ersetzt, respektive deren bertretung durch solches Zeremoniell
gutgemacht werden und die Lustration durch Wasser ist auch hier die
bevorzugte.

Resmieren wir nun, in welchen Punkten sich die bereinstimmung der
Tabugebruche mit den Symptomen der Zwangsneurose am deutlichsten
uert: 1. In der Unmotiviertheit der Gebote, 2. in ihrer Befestigung
durch eine innere Ntigung, 3. in ihrer Verschiebbarkeit und in der
Ansteckungsgefahr durch das Verbotene, 4. in der Verursachung von
zeremonisen Handlungen, Geboten, die von den Verboten ausgehen.

Die klinische Geschichte wie der psychische Mechanismus der Flle von
Zwangskrankheit sind uns aber durch die Psychoanalyse bekannt geworden.
Erstere lautet fr einen typischen Fall von Berhrungsangst wie folgt:
Zu allem Anfang, in ganz frher Kinderzeit, uerte sich eine starke
Berhrungs_lust_, deren Ziel weit spezialisierter war, als man geneigt
wre zu erwarten. Dieser Lust trat alsbald _von auen_ ein Verbot
entgegen, gerade diese Berhrung nicht auszufhren(35). Das Verbot wurde
aufgenommen, denn es konnte sich auf starke innere Krfte sttzen(36);
es erwies sich strker als der Trieb, der sich in der Berhrung uern
wollte. Aber infolge der primitiven psychischen Konstitution des Kindes
gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des
Verbotes war nur, den Trieb -- die Berhrungslust -- zu verdrngen und
ihn ins Unbewute zu verbannen. Verbot und Trieb blieben beide erhalten;
der Trieb, weil er nur verdrngt, nicht aufgehoben war, das Verbot, weil
mit seinem Aufhren der Trieb zum Bewutsein und zur Ausfhrung
durchgedrungen wre. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische
Fixierung geschaffen, und aus dem fortdauernden Konflikt von Verbot und
Trieb leitet sich nun alles weitere ab.

  (35) Beide, Lust und Verbot, bezogen sich auf die Berhrung der
  eigenen Genitalien.

  (36) Auf die Beziehung zu den geliebten Personen, von denen das Verbot
  gegeben wurde.

Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so fixiert
worden ist, liegt in dem, was man das _ambivalente_ Verhalten des
Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm,
heien knnte(37). Es will diese Handlung -- die Berhrung -- immer
wieder ausfhren, es verabscheut sie auch. Der Gegensatz der beiden
Strmungen ist auf kurzem Wege nicht ausgleichbar, weil sie -- wir
knnen nur sagen -- im Seelenleben so lokalisiert sind, da sie nicht
zusammenstoen knnen. Das Verbot wird laut bewut, die fortdauernde
Berhrungslust ist unbewut, die Person wei nichts von ihr. Bestnde
dieses psychologische Moment nicht, so knnte eine Ambivalenz weder sich
so lange erhalten, noch knnte sie zu solchen Folgeerscheinungen fhren.

  (37) Nach einem trefflichen Ausdruck von _Bleuler_.

In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Eindringen des
Verbots in so frhem Kindesalter als das magebende hervorgehoben; fr
die weitere Gestaltung fllt diese Rolle dem Mechanismus der Verdrngung
auf dieser Altersstufe zu. Infolge der stattgehabten Verdrngung, die
mit einem Vergessen -- Amnesie -- verbunden ist, bleibt die Motivierung
des bewut gewordenen Verbotes unbekannt und mssen alle Versuche
scheitern, es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nicht
finden, an dem sie angreifen knnten. Das Verbot verdankt seine Strke
-- seinen Zwangscharakter -- gerade der Beziehung zu seinem unbewuten
Gegenpart, der im Verborgenen ungedmpften Lust, also einer inneren
Notwendigkeit, in welche die bewute Einsicht fehlt. Die bertragbarkeit
und Fortpflanzungsfhigkeit des Verbotes spiegelt einen Vorgang wieder,
der sich mit der unbewuten Lust zutrgt und unter den psychologischen
Bedingungen des Unbewuten besonders erleichtert ist. Die Trieblust
verschiebt sich bestndig, um der Absperrung, in der sie sich befindet,
zu entgehen, und sucht Surrogate fr das Verbotene -- Ersatzobjekte und
Ersatzhandlungen -- zu gewinnen. Darum wandert auch das Verbot und dehnt
sich auf die neuen Ziele der verpnten Regung aus. Jeden neuen Vorsto
der verdrngten Libido beantwortet das Verbot mit einer neuen
Verschrfung. Die gegenseitige Hemmung der beiden ringenden Mchte
erzeugt ein Bedrfnis nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden
Spannung, in welchem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen
darf. Diese sind bei der Neurose deutlich Kompromiaktionen, in der
einen Ansicht Bezeugungen von Reue, Bemhungen zur Shne und
dergleichen, in der anderen aber gleichzeitig Ersatzhandlungen, welche
den Trieb fr das Verbotene entschdigen. Es ist ein Gesetz der
neurotischen Erkrankung, da diese Zwangshandlungen immer mehr in den
Dienst des Triebes treten und immer nher an die ursprnglich verbotene
Handlung herankommen.

Unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zu behandeln, als wre es
von derselben Natur wie ein Zwangsverbot unserer Kranken. Wir machen uns
dabei von vornherein klar, da viele der fr uns zu beobachtenden
Tabuverbote sekundrer, verschobener und entstellter Art sind, und da
wir zufrieden sein mssen, etwas Licht auf die ursprnglichsten und
bedeutsamsten Tabuverbote zu werfen. Ferner, da die Verschiedenheiten
in der Situation des Wilden und des Neurotikers wichtig genug sein
drften, um eine vllige bereinstimmung auszuschlieen, eine
bertragung von dem einen auf den anderen, die einer Abbildung in jedem
Punkte gleichkme, zu verhindern.

Wir wrden dann zunchst sagen, es habe keinen Sinn, die Wilden nach der
wirklichen Motivierung ihrer Verbote, nach der Genese des Tabu zu
fragen. Nach unserer Voraussetzung mssen sie unfhig sein, darber
etwas mitzuteilen, denn diese Motivierung sei ihnen unbewut. Wir
konstruieren die Geschichte des Tabu aber folgendermaen nach dem
Vorbild der Zwangsverbote. Die Tabu seien uralte Verbote, einer
Generation von primitiven Menschen dereinst von auen aufgedrngt, das
heit also doch wohl von der frheren Generation ihr gewaltttig
eingeschrft. Diese Verbote haben Ttigkeiten betroffen, zu denen eine
starke Neigung bestand. Die Verbote haben sich nun von Generation zu
Generation erhalten, vielleicht blo infolge der Tradition durch
elterliche und gesellschaftliche Autoritt. Vielleicht aber haben sie
sich in den spteren Generationen bereits organisiert als ein Stck
ererbten psychischen Besitzes. Ob es solche angeborene Ideen gibt, ob
sie allein oder im Zusammenwirken mit der Erziehung die Fixierung der
Tabu bewirkt haben, wer vermchte es gerade fr den in Rede, stehenden
Fall zu entscheiden? Aber aus der Festhaltung der Tabu ginge eines
hervor, da die ursprngliche Lust, jenes Verbotene zu tun, auch noch
bei den Tabuvlkern fortbesteht. Diese haben also zu ihren Tabuverboten
eine _ambivalente Einstellung_; sie mchten im Unbewuten nichts lieber
als sie bertreten, aber sie frchten sich auch davor; sie frchten sich
gerade darum, weil sie es mchten, und die Furcht ist strker als die
Lust. Die Lust dazu ist aber bei jeder Einzelperson des Volkes unbewut
wie bei dem Neurotiker.

Die ltesten und wichtigsten Tabuverbote sind die beiden Grundgesetze
des _Totemismus_: Das Totemtier nicht zu tten und den sexuellen Verkehr
mit den Totemgenossen des anderen Geschlechts zu vermeiden.

Das mten also die ltesten und strksten Gelste der Menschen sein.
Wir knnen das nicht verstehen und knnen demnach unsere Voraussetzung
nicht an diesen Beispielen prfen, solange uns Sinn und Abkunft des
totemistischen Systems so vllig unbekannt sind. Aber wer die Ergebnisse
der psychoanalytischen Erforschung des Einzelmenschen kennt, der wird
selbst durch den Wortlaut dieser beiden Tabu und durch ihr
Zusammentreffen an etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die
Psychoanalytiker fr den Knotenpunkt des infantilen Wunschlebens und
dann fr den Kern der Neurose erklren(38).

  (38) Vgl. meine in diesen Aufstzen bereits mehrmals angekndigte
  Studie ber den Totemismus.

Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscheinungen, die zu den frher
mitgeteilten Klassifizierungsversuchen gefhrt hat, wchst fr uns auf
folgende Art zu einer Einheit zusammen: Grundlage des Tabu ist ein
verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewuten besteht.

Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, das Tabu
bertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber diese Tatsache mit der
anderen zusammen, da das Tabu nicht nur an Personen haftet, die das
Verbotene getan haben, sondern auch an Personen, die sich in besonderen
Zustnden befinden, an diesen Zustnden selbst und an unpersnlichen
Dingen? Was kann das fr eine gefhrliche Eigenschaft sein, die immer
die nmliche bleibt unter all diesen verschiedenen Bedingungen? Nur die
eine: die Eignung, die Ambivalenz des Menschen anzufachen und ihn in
_Versuchung_ zu fhren, das Verbot zu bertreten.

Der Mensch, der ein Tabu bertreten hat, wird selbst tabu, weil er die
gefhrliche Eignung hat, andere zu versuchen, da sie seinem Beispiel
folgen. Er erweckt Neid; warum sollte ihm gestattet sein, was anderen
verboten ist? Er ist also wirklich _ansteckend_, insofern jedes Beispiel
zur Nachahmung ansteckt, und darum mu er selbst gemieden werden.

Ein Mensch braucht aber kein Tabu bertreten zu haben und kann doch
permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er sich in einem Zustand
befindet, welcher die Eignung hat, die verbotenen Gelste der anderen
anzuregen, den Ambivalenzkonflikt in ihnen zu wecken. Die meisten
Ausnahmsstellungen und Ausnahmszustnde sind von solcher Art und haben
diese gefhrliche Kraft. Der Knig oder Huptling erweckt den Neid auf
seine Vorrechte; es mchte vielleicht jeder Knig sein. Der Tote, das
Neugeborene, die Frau in ihren Leidenszustnden reizen durch ihre
besondere Hilfslosigkeit, das eben geschlechtsreif gewordene Individuum
durch den neuen Genu, den es verspricht. Darum sind alle diese Personen
und alle diese Zustnde tabu, denn der Versuchung darf nicht nachgegeben
werden.

Wir verstehen jetzt auch, warum die Manakrfte verschiedener Personen
sich von einander abziehen, einander teilweise aufheben knnen. Das Tabu
eines Knigs ist zu stark fr seinen Untertan, weil die soziale
Differenz zwischen ihnen zu gro ist. Aber ein Minister kann etwa den
unschdlichen Vermittler zwischen ihnen machen. Das heit aus der
Sprache des Tabu in die der Normalpsychologie bersetzt: Der Untertan,
der die groartige Versuchung scheut, welche ihm die Berhrung mit dem
Knig bereitet, kann etwa den Umgang des Beamten vertragen, den er nicht
so sehr zu beneiden braucht, und dessen Stellung ihm vielleicht selbst
erreichbar scheint. Der Minister aber kann seinen Neid gegen den Knig
durch die Erwgung der Macht ermigen, die ihm selbst eingerumt ist.
So sind geringere Differenzen der in Versuchung fhrenden Zauberkraft
weniger zu frchten als besonders groe.

Es ist ebenso klar, wieso die bertretung gewisser Tabuverbote eine
soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern der Gesellschaft
gestraft oder geshnt werden mu, wenn sie nicht alle schdigen soll.
Diese Gefahr besteht wirklich, wenn wir die bewuten Regungen fr die
unbewuten Gelste einsetzen. Sie besteht in der Mglichkeit der
Nachahmung, in deren Folge die Gesellschaft bald zur Auflsung kme.
Wenn die anderen die bertretung nicht ahnden wrden, mten sie ja inne
werden, da sie dasselbe tun wollen wie der beltter.

Da die Berhrung beim Tabuverbot eine hnliche Rolle spielt wie beim
Dlire de toucher, obwohl der geheime Sinn des Verbotes beim Tabu
unmglich ein so spezieller sein kann wie bei der Neurose, darf uns
nicht Wunder nehmen. Die Berhrung ist der Beginn jeder Bemchtigung,
jedes Versuches, sich eine Person oder Sache dienstbar zu machen.

Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, durch die
Eignung, in Versuchung zu fhren, zur Nachahmung anzuregen, bersetzt.
Dazu scheint es nicht zu stimmen, da sich die Ansteckungsfhigkeit des
Tabu vor allem in der bertragung auf Gegenstnde uert, die dadurch
selbst Trger des Tabu werden.

Diese bertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose
nachgewiesene Neigung des unbewuten Triebes wieder, sich auf
assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. Wir werden so
aufmerksam gemacht, da der gefhrlichen Zauberkraft des Mana
zweierlei realere Fhigkeiten entsprechen, die Eignung, den Menschen an
seine verbotenen Wnsche zu erinnern, und die scheinbar bedeutsamere,
ihn zur bertretung des Verbotes im Dienste dieser Wnsche zu verleiten.
Beide Leistungen treten aber wieder zu einer einzigen zusammen, wenn wir
annehmen, es lge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, da mit der
Erweckung der Erinnerung an das verbotene Tun auch die Erweckung der
Tendenz, es durchzusetzen, verknpft sei. Dann fallen Erinnerung und
Versuchung wieder zusammen. Man mu auch zugestehen, wenn das Beispiel
eines Menschen, der ein Verbot bertreten hat, einen anderen zur
gleichen Tat verfhrt, so hat sich der Ungehorsam gegen das Verbot
fortgepflanzt wie eine Ansteckung, wie sich das Tabu von einer Person
auf einen Gegenstand und von diesem auf einen anderen bertrgt.

Wenn die bertretung eines Tabu gutgemacht werden kann durch eine Shne
oder Bue, die ja einen _Verzicht_ auf irgend ein Gut oder eine Freiheit
bedeuten, so ist hiedurch der Beweis erbracht, da die Befolgung der
Tabuvorschrift selbst ein Verzicht war auf etwas, was man gern gewnscht
htte. Die Unterlassung des einen Verzichts wird durch einen Verzicht an
anderer Stelle abgelst. Fr das Tabuzeremoniell wrden wir hieraus den
Schlu ziehen, da die Bue etwas Ursprnglicheres ist als die
Reinigung.

Fassen wir nun zusammen, welches Verstndnis des Tabu sich uns aus der
Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des Neurotikers ergeben hat: Das
Tabu ist ein uraltes Verbot, von auen (von einer Autoritt) aufgedrngt
und gegen die strksten Gelste der Menschen gerichtet. Die Lust, es zu
bertreten, besteht in deren Unbewuten fort; die Menschen, die dem Tabu
gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu
Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft fhrt sich auf die
Fhigkeit zurck, die Menschen in Versuchung zu fhren; sie benimmt sich
wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und weil sich das
verbotene Gelste im Unbewuten auf Anderes verschiebt. Die Shne der
bertretung des Tabu durch einen Verzicht erweist, da der Befolgung des
Tabu ein Verzicht zu Grunde liegt.


3.

Wir wollen nun wissen, welchen Wert unsere Gleichstellung des Tabu mit
der Zwangsneurose und die auf Grund dieser Vergleichung gegebene
Auffassung des Tabu beanspruchen kann. Ein solcher Wert liegt offenbar
nur vor, wenn unsere Auffassung einen Vorteil bietet, der sonst nicht zu
haben ist, wenn sie ein besseres Verstndnis des Tabu gestattet, als uns
sonst mglich wird. Wir sind vielleicht geneigt zu behaupten, da wir
diesen Nachweis der Brauchbarkeit im vorstehenden bereits erbracht
haben; wir werden aber versuchen mssen, ihn zu verstrken, indem wir
die Erklrung der Tabuverbote und Gebruche ins Einzelne fortsetzen.

Es steht uns aber auch ein anderer Weg offen. Wir knnen die
Untersuchung anstellen, ob nicht ein Teil der Voraussetzungen, die wir
von der Neurose her auf das Tabu bertragen haben, oder der Folgerungen,
zu denen wir dabei gelangt sind, an den Phnomenen des Tabu unmittelbar
erweisbar ist. Wir mssen uns nur entscheiden, wonach wir suchen wollen.
Die Behauptung ber die Genese des Tabu, es stamme von einem uralten
Verbote ab, welches dereinst von auen auferlegt worden ist, entzieht
sich natrlich dem Beweise. Wir werden also eher die psychologischen
Bedingungen frs Tabu zu besttigen suchen, welche wir fr die
Zwangsneurose kennen gelernt haben. Wie gelangten wir bei der Neurose
zur Kenntnis dieser psychologischen Momente? Durch das analytische
Studium der Symptome, vor allem der Zwangshandlungen, der
Abwehrmaregeln und Zwangsgebote. Wir fanden an ihnen die besten
Anzeichen fr ihre Abstammung von _ambivalenten_ Regungen oder
Tendenzen, wobei sie entweder gleichzeitig dem Wunsche wie dem
Gegenwunsche entsprechen oder vorwiegend im Dienste der einen von den
beiden entgegengesetzten Tendenzen stehen. Wenn es uns nun gelnge, auch
an den Tabuvorschriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter
Tendenzen, aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die nach
der Art von Zwangshandlungen beiden Strmungen gleichzeitigen Ausdruck
geben, so wre die psychologische bereinstimmung zwischen dem Tabu und
der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stcke gesichert.

Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin erwhnt, fr
unsere Analyse durch die Zugehrigkeit zum Totemismus unzugnglich; ein
anderer Anteil der Tabusatzungen ist sekundrer Abkunft und fr unsere
Absicht nicht verwertbar. Das Tabu ist nmlich bei den entsprechenden
Vlkern die allgemeine Form der Gesetzgebung geworden und in den Dienst
von sozialen Tendenzen getreten, die sicherlich jnger sind als das Tabu
selbst, wie z.B. die Tabu, die von Huptlingen und Priestern auferlegt
werden, um sich Eigentum und Vorrechte zu sichern. Doch bleibt uns eine
groe Gruppe von Vorschriften brig, an denen unsere Untersuchung
vorgenommen werden kann; ich hebe aus dieser die Tabu heraus, die sich
a) an _Feinde_, b) an _Huptlinge_, c) an _Tote_ knpfen, und werde das
zu behandelnde Material der ausgezeichneten Sammlung von J.G. _Frazer_
in seinem groen Werke: The golden bough entnehmen(39).

  (39) Third edition, partII, Taboo and the perils of the soul, 1911.


a) Die Behandlung der Feinde.

Wenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden Vlkern ungehemmte und
reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde zuzuschreiben, so werden wir mit
groem Interesse erfahren, da auch bei ihnen die Ttung eines Menschen
zur Befolgung einer Reihe von Vorschriften zwingt, welche den
Tabugebruchen zugeordnet werden. Diese Vorschriften sind mit
Leichtigkeit in vier Gruppen zu bringen; sie fordern 1. Vershnung des
getteten Feindes, 2. Beschrnkungen und 3. Shnehandlungen, Reinigungen
des Mrders und 4. gewisse zeremonielle Vornahmen. Wie allgemein oder
wie vereinzelt solche Tabugebruche bei diesen Vlkern sein mgen, lt
sich einerseits aus unseren unvollstndigen Nachrichten nicht mit
Sicherheit entscheiden, und ist anderseits fr unser Interesse an diesen
Vorkommnissen gleichgltig. Immerhin darf man annehmen, da es sich um
weitverbreitete Gebruche und nicht um vereinzelte Sonderbarkeiten
handelt.

Die _Vershnungs_gebruche auf der Insel _Timor_, nachdem eine
siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Kpfen der besiegten
Feinde zurckkehrt, sind darum besonders bedeutsam, weil berdies der
Fhrer der Expedition von schweren Beschrnkungen betroffen wird
(s.u.). Bei dem feierlichen Einzug der Sieger werden Opfer dargebracht
um die Seelen der Feinde zu vershnen; sonst mte man Unheil fr die
Sieger vorhersehen. Es wird ein Tanz aufgefhrt, und dabei ein Gesang
vorgetragen, in welchem der erschlagene Feind beklagt und seine
Verzeihung erbeten wird: 'Zrne uns nicht, weil wir deinen Kopf hier bei
uns haben; wre uns das Glck nicht hold gewesen, so hingen jetzt
vielleicht unsere Kpfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein Opfer
gebracht, um dich zu besnftigen. Nun darf dein Geist zufrieden sein und
uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind gewesen? Wren wir nicht
besser Freunde geblieben? Dann wre dein Blut nicht vergossen und dein
Kopf nicht abgeschnitten worden(40).'

  (40) _Frazer_, l.c., p.166.

hnliches findet sich bei den _Palu_ in Celebes; die _Gallas_ opfern den
Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten.
(Nach _Paulitschke_: Ethnographie Nordostafrikas.)

Andere Vlker haben das Mittel gefunden, um aus ihren frheren Feinden
nach deren Tod Freunde, Wchter und Beschtzer zu machen. Es besteht in
der zrtlichen Behandlung der abgeschnittenen Kpfe, wie manche wilde
Stmme _Borneos_ sich deren rhmen. Wenn die See-_Dayaks_ von _Sarawak_
von einem Kriegszug einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser Monate
hindurch mit der ausgesuchtesten Liebenswrdigkeit behandelt und mit den
zrtlichsten Namen angesprochen, ber die ihre Sprache verfgt. Die
besten Bissen von ihren Mahlzeiten werden ihm in den Mund gesteckt,
Leckerbissen und Zigarren. Er wird wiederholt gebeten, seine frheren
Freunde zu hassen und seinen neuen Wirten seine Liebe zu schenken, da er
jetzt einer der Ihrigen ist. Man wrde sehr irre gehen, wenn man an
dieser uns grlich erscheinenden Behandlung dem Hohn einen Anteil
zuschriebe(41).

  (41) _Frazer_, Adonis, Attis, Osiris, p.248, 1907. -- Nach _Hugh
  Low_, Sarawak, London 1848.

Bei mehreren der wilden Stmme Nordamerikas ist die Trauer um den
erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern aufgefallen. Wenn ein
_Choctaw_ einen Feind gettet hatte, so begann fr ihn eine monatlange
Trauer, whrend welcher er sich schweren Einschrnkungen unterwarf.
Ebenso trauerten die _Dacota_-Indianer. Wenn die _Osagen_, bemerkt ein
Gewhrsmann, ihre eigenen Toten betrauert hatten, so trauerten sie dann
um den Feind, als ob er ein Freund gewesen wre(42).

  (42) J.O. _Dorsay_ bei _Frazer_, Taboo etc., p.181.

Noch ehe wir auf die anderen Klassen von Tabugebruchen zur Behandlung
der Feinde eingehen, mssen wir gegen eine naheliegende Einwendung
Stellung nehmen. Die Motivierung dieser Vershnungsvorschriften, wird
man uns mit _Frazer_ und anderen entgegenhalten, ist einfach genug und
hat nichts mit einer Ambivalenz zu tun. Diese Vlker werden von
aberglubischer Furcht vor den Geistern der Erschlagenen beherrscht,
einer Furcht, die auch dem klassischen Altertum nicht fremd war, die der
groe britische Dramatiker in den Halluzinationen _Macbeths_ und
_Richards_III. auf die Bhne gebracht hat. Aus diesem Aberglauben
leiten sich folgerichtig alle die Vershnungsvorschriften ab, wie auch
die spter zu besprechenden Beschrnkungen und Shnungen; fr diese
Auffassung sprechen noch die in der vierten Gruppe vereinigten
Zeremonien, die keine andere Auslegung zulassen als von Bemhungen, die
den Mrdern folgenden Geister der Erschlagenen zu verjagen(43). Zum
berflu gestehen die Wilden ihre Angst vor den Geistern der getteten
Feinde direkt ein und fhren die besprochenen Tabugebruche selbst auf
sie zurck.

  (43) _Frazer_, Taboo, p.169 u.s.f., p.174. Diese Zeremonien
  bestehen in Schlagen mit den Schildern, Schreien, Brllen und
  Erzeugung von Lrm mit Hilfe von Instrumenten usw.

Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn sie ebenso
ausreichend wre, knnten wir uns die Mhe unseres Erklrungsversuches
gern ersparen. Wir verschieben es auf spter, uns mit ihr
auseinanderzusetzen, und stellen ihr zunchst nur die Auffassung
entgegen, die sich aus den Voraussetzungen der vorigen Errterungen ber
das Tabu ableitet. Wir schlieen aus all diesen Vorschriften, da im
Benehmen gegen die Feinde noch andere als blo feindselige Regungen zum
Ausdruck kommen. Wir erblicken in ihnen uerungen der Reue, der
Wertschtzung des Feindes, des bsen Gewissens, ihn ums Leben gebracht
zu haben. Es will uns scheinen, als wre auch in diesen Wilden das Gebot
lebendig: Du sollst nicht tten, welches nicht ungestraft verletzt
werden darf, lange vor jeder Gesetzgebung, die aus den Hnden eines
Gottes empfangen wird.

Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvorschriften zurck. Die
_Beschrnkungen_ des siegreichen Mrders sind ungemein hufig und meist
von ernster Art. Auf _Timor_ (vgl. die Vershnungsgebruche oben) darf
der Fhrer der Expedition nicht ohne weiteres in sein Haus zurckkehren.
Es wird fr ihn eine besondere Htte errichtet, in welcher er zwei
Monate mit der Befolgung verschiedener Reinigungsvorschriften verbringt.
In dieser Zeit darf er sein Weib nicht sehen, auch sich nicht selbst
ernhren, eine andere Person mu ihm das Essen in den Mund schieben(44).
-- Bei einigen _Dayak_stmmen mssen die vom erfolgreichen Kriegszug
Heimkehrenden einige Tage lang abgesondert bleiben und sich gewisser
Speisen enthalten, sie drfen auch kein Eisen berhren und bleiben ihren
Frauen fern. -- In _Logea_, einer Insel nahe _Neuguinea_, schlieen sich
Mnner, die Feinde gettet oder daran teilgenommen haben, fr eine Woche
in ihren Husern ein. Sie vermeiden jeden Umgang mit ihren Frauen und
ihren Freunden, rhren Nahrungsmittel nicht mit ihren Hnden an und
nhren sich nur von Pflanzenkost, die in besonderen Gefen fr sie
gekocht wird. Als Grund fr diese letzte Beschrnkung wird angegeben,
da sie das Blut der Erschlagenen nicht riechen drfen; sie wrden sonst
erkranken und sterben. -- Bei dem _Toaripi_- oder _Motumotu_-Stamm auf
_Neuguinea_ darf ein Mann, der einen anderen gettet hat, seinem Weib
nicht nahe kommen und Nahrung nicht mit seinen Fingern berhren. Er wird
von anderen Personen mit besonderer Nahrung gefttert. Dies dauert bis
zum nchsten Neumond.

  (44) _Frazer_, Taboo, p.166, nach S. _Mller_, Reizen en
  Onderzoekingen in den Indischen Archipel, Amsterdam 1857.

Ich unterlasse es, die bei _Frazer_ mitgeteilten Flle von
Beschrnkungen des siegreichen Mrders vollzhlig anzufhren, und hebe
nur noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabucharakter besonders
auffllig ist oder die Beschrnkung im Verein mit Shne, Reinigung und
Zeremoniell auftritt.

Bei den _Monumbos_ in Deutsch-Neuguinea wird jeder, der einen Feind im
Kampfe gettet hat, unrein, wofr dasselbe Wort gebraucht wird, das
auf Frauen whrend der Menstruation oder des Wochenbettes Anwendung
findet. Er darf durch lange Zeit das Klubhaus der Mnner nicht
verlassen, whrend sich die Mitbewohner seines Dorfes um ihn versammeln
und seinen Sieg mit Liedern und Tnzen feiern. Er darf niemand, nicht
einmal seine eigene Frau und seine Kinder berhren; tte er es, so
wrden sie von Geschwren befallen werden. Er wird dann rein durch
Waschungen und anderes Zeremoniell.

Bei den _Natchez_ in Nordamerika waren junge Krieger, die den ersten
Skalp erbeutet hatten, durch sechs Monate zur Befolgung gewisser
Entsagungen gentigt. Sie durften nicht bei ihren Frauen schlafen und
kein Fleisch essen, erhielten nur Fisch und Maispudding zur Nahrung.
Wenn ein _Choctaw_ einen Feind gettet und skalpiert hatte, begann fr
ihn eine Trauerzeit von einem Monat, whrend welcher er sein Haar nicht
kmmen durfte. Wenn es ihn am Kopfe juckte, durfte er sich nicht mit der
Hand kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens.

Wenn ein _Pima_-Indianer einen _Apachen_ gettet hatte, so mute er sich
schweren Reinigungs- und Shnezeremonien unterwerfen. Whrend einer
sechzehntgigen Fastenzeit durfte er Fleisch und Salz nicht berhren,
auf kein brennendes Feuer schauen, zu keinem Menschen sprechen. Er lebte
allein im Walde, von einer alten Frau bedient, die ihm sprliche Nahrung
brachte, badete oft im nchsten Flu und trug -- als Zeichen der Trauer
-- einen Klumpen Lehm auf seinem Haupte. Am siebzehnten Tage fand dann
die ffentliche Zeremonie der feierlichen Reinigung des Mannes und
seiner Waffen statt. Da die _Pima_-Indianer das Tabu des Mrders viel
ernster nahmen als ihre Feinde und die Shne und Reinigung nicht wie
diese bis nach der Beendigung des Feldzuges aufzuschieben pflegten, litt
ihre Kriegstchtigkeit sehr unter ihrer sittlichen Strenge oder
Frmmigkeit, wenn man will. Trotz ihrer auerordentlichen Tapferkeit
erwiesen sie sich den Amerikanern als unbefriedigende Bundesgenossen in
ihren Kmpfen gegen die _Apachen_.

So interessant die Einzelheiten und Variationen der Shne- und
Reinigungszeremonien nach Ttung eines Feindes fr eine tiefer
eindringende Betrachtung auch sein mgen, so breche ich deren Mitteilung
doch ab, weil sie uns keine neuen Gesichtspunkte erffnen knnen.
Vielleicht fhre ich noch an, da die zeitweilige oder permanente
Isolierung des berufsmigen Henkers, die sich bis in unsere Neuzeit
erhalten hat, in diesen Zusammenhang gehrt. Die Stellung des
Freimannes in der mittelalterlichen Gesellschaft vermittelt in der Tat
eine gute Vorstellung von dem Tabu der Wilden(45).

  (45) Zu diesen Beispielen s. _Frazer_, Taboo, p.165-190. Manslayers
  tabooed.

In der gangbaren Erklrung all dieser Vershnungs-, Beschrnkungs-,
Shne- und Reinigungsvorschriften werden zwei Prinzipien miteinander
kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu vom Toten her auf alles, was mit
ihm in Berhrung gekommen ist, und die Furcht vor dem Geist des
Getteten. Auf welche Weise diese beiden Momente miteinander zur
Erklrung des Zeremoniells zu kombinieren sind, ob sie als gleichwertig
aufgefat werden sollen, ob das eine das primre, das andere sekundr
ist, und welches, das wird nicht gesagt und ist in der Tat nicht leicht
anzugeben. Demgegenber betonen wir die Einheitlichkeit unserer
Auffassung, wenn wir all diese Vorschriften aus der Ambivalenz der
Gefhlsregungen gegen den Feind ableiten.


b) Das Tabu der Herrscher.

Das Benehmen primitiver Vlker gegen ihre Huptlinge, Knige, Priester
wird von zwei Grundstzen regiert, die einander eher zu ergnzen als zu
widersprechen scheinen. Man mu sich vor ihnen hten und man mu sie
behten(46). Beides geschieht vermittels einer Unzahl von
Tabuvorschriften. Warum man sich vor den Herrschern hten mu, ist uns
bereits bekannt geworden: weil sie die Trger jener geheimnisvollen und
gefhrlichen Zauberkraft sind, die sich wie eine elektrische Ladung
durch Berhrung mitteilt und dem selbst nicht durch eine hnliche Ladung
Geschtzten Tod und Verderben bringt. Man vermeidet also jede mittelbare
oder unmittelbare Berhrung mit der gefhrlichen Heiligkeit und hat, wo
solche nicht zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, um die
gefrchteten Folgen abzuwenden. Die _Nubas_ in Ostafrika glauben z.B.,
da sie sterben mssen, wenn sie das Haus ihres Priesterknigs betreten,
da sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn sie beim Eintritt die linke
Schulter entblen und den Knig veranlassen, diese mit seiner Hand zu
berhren. So trifft das Merkwrdige ein, da die Berhrung des Knigs
das Heil- und Schutzmittel gegen die Gefahren wird, welche aus der
Berhrung des Knigs hervorgehen, aber es handelt sich dabei wohl um die
Heilkraft der absichtlichen, vom Knig ausgehenden Berhrung im
Gegensatz zur Gefahr, da man ihn berhre, um den Gegensatz der
Passivitt und der Aktivitt gegen den Knig.

  (46) _Frazer_, Taboo, p.132. He must not only be guarded, he must
  also be guarded against.

Wenn es sich um die Heilwirkung der kniglichen Berhrung handelt,
brauchen wir die Beispiele nicht bei Wilden zu suchen. Die Knige von
England haben in Zeiten, die noch nicht weit zurckliegen, diese Kraft
an der Skrofulose gebt, die darum den Namen: The King's Evil trug.
Knigin Elisabeth entsagte diesem Stck ihrer kniglichen Prrogative
ebensowenig wie irgend einer ihrer spteren Nachfolger. CharlesI. soll
im Jahre 1633 hundert Kranke auf einen Streich geheilt haben. Unter
dessen zuchtlosem Sohn CharlesII. feierten nach der berwindung der
groen englischen Revolution die Knigsheilungen bei Skrofeln ihre
hchste Blte.

Dieser Knig soll im Laufe seiner Regierung bei hunderttausend
Skrofulse berhrt haben. Das Gedrnge der Heilungsuchenden pflegte bei
dieser Gelegenheit so gro zu sein, da einmal sechs oder sieben von
ihnen anstatt der Heilung den Tod durch Erdrcktwerden fanden. Der
skeptische Oranier WilhelmIII., der nach der Vertreibung der Stuarts
Knig von England wurde, weigerte sich des Zaubers; das einzigemal, als
er sich zu einer solchen Berhrung herbeilie, tat er es mit den Worten:
Gott gebe Euch eine bessere Gesundheit und mehr Verstand(47).

  (47) _Frazer_, The magic artI, p.368.

Von der frchterlichen Wirkung der Berhrung, in welcher man, ob auch
unabsichtlich, _gegen_ den Knig oder das, was zu ihm gehrt, aktiv
wird, mag folgender Bericht Zeugnis ablegen. Ein Huptling von hohem
Rang und groer Heiligkeit auf Neuseeland hatte einst die Reste seiner
Mahlzeit am Wege stehen lassen. Da kam ein Sklave daher, ein junger,
krftiger, hungriger Gesell, sah das Zurckgelassene und machte sich
darber, um es aufzuessen. Kaum war er fertig worden, da teilte ihm ein
entsetzter Zuschauer mit, da es die Mahlzeit des Huptlings gewesen
sei, an welcher er sich vergangen habe. Er war ein starker, mutiger
Krieger gewesen, aber sobald er diese Auskunft vernommen hatte, strzte
er zusammen, wurde von grlichen Zuckungen befallen und starb gegen
Sonnenuntergang des nchsten Tages(48). Eine _Maori_frau hatte gewisse
Frchte gegessen und dann erfahren, da diese von einem mit Tabu
belegten Ort herrhrten. Sie schrie auf, der Geist des Huptlings, den
sie so beleidigt, werde sie gewi tten. Dies geschah am Nachmittag und
am nchsten Tag um zwlf Uhr war sie tot(49). Das Feuerzeug eines
Maori-Huptlings brachte einmal mehrere Personen ums Leben. Der
Huptling hatte es verloren, andere fanden es und bedienten sich seiner,
um ihre Pfeifen anzuznden. Als sie erfuhren, wessen Eigentum das
Feuerzeug sei, starben sie alle vor Schrecken(50).

  (48) Old New Zealand, by a Pakeha Maori (London 1884), bei _Frazer_,
  Taboo, p.135.

  (49) W. _Brown_, New Zealand and its Aborigines (London 1845), bei
  _Frazer_ ibid.

  (50) _Frazer_, l.c.

Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedrfnis fhlbar machte, so
gefhrliche Personen wie Huptlinge und Priester von den anderen zu
isolieren, eine Mauer um sie aufzufhren, hinter welcher sie fr die
anderen unzugnglich waren. Es mag uns die Erkenntnis dmmern, da diese
ursprnglich aus Tabuvorschriften gefgte Mauer heute noch als hfisches
Zeremoniell existiert.

Aber der vielleicht grere Teil dieses Tabu der Herrscher lt sich
nicht auf das Bedrfnis des Schutzes _vor_ ihnen zurckfhren. Der
andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten Personen, das
Bedrfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Gefahren zu schtzen, hat
an der Schaffung der Tabu und somit an der Entstehung der hfischen
Etikette den deutlichsten Anteil gehabt.

Die Notwendigkeit, den Knig vor allen erdenklichen Gefahren zu
schtzen, ergibt sich aus seiner ungeheuren Bedeutung fr das Wohl und
Wehe seiner Untertanen. Streng genommen ist es seine Person, die den
Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm nicht nur fr den Regen und
Sonnenschein zu danken, der die Frchte der Erde gedeihen lt, sondern
auch fr den Wind, der Schiffe an ihre Kste bringt, und fr den festen
Boden, auf den sie ihre Fe setzen(51).

  (51) _Frazer_, Taboo. The burden of royalty, p.7.

Diese Knige der Wilden sind mit einer Machtflle und einer Fhigkeit zu
beglcken ausgestattet, die nur Gttern zu eigen ist, und an welche auf
spteren Stufen der Zivilisation nur die servilsten ihrer Hflinge
Glauben heucheln werden.

Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, da Personen von solcher
Machtvollkommenheit selbst der grten Sorgfalt bedrfen, um vor den sie
bedrohenden Gefahren beschtzt zu werden, aber es ist nicht der einzige
Widerspruch, der in der Behandlung kniglicher Personen bei den Wilden
zu Tage tritt. Diese Vlker halten es auch fr notwendig, ihre Knige zu
berwachen, da sie ihre Krfte im rechten Sinne verwenden; sie sind
ihrer guten Intentionen oder ihrer Gewissenhaftigkeit keineswegs sicher.
Ein Zug von Mitrauen mengt sich der Motivierung der Tabuvorschriften
fr den Knig bei. Die Idee, da urzeitliches Knigstum ein Despotismus
ist, sagt _Frazer_(52), demzufolge das Volk nur fr seinen Herrscher
existiert, ist auf die Monarchien, die wir hier im Auge haben, ganz und
gar nicht anwendbar. Im Gegenteile, in diesen lebt der Herrscher nur fr
seine Untertanen; sein Leben hat einen Wert nur so lange, als er die
Pflichten seiner Stellung erfllt, den Lauf der Natur zum Besten seines
Volkes regelt. Sobald er darin nachlt oder versagt, wandeln sich die
Sorgfalt, die Hingebung, die religise Verehrung, deren Gegenstand er
bisher im ausgiebigsten Mae war, in Ha und Verachtung um. Er wird
schmhlich davongejagt und mag froh sein, wenn er das nackte Leben
rettet. Heute noch als Gott verehrt, mag es ihm passieren, morgen als
Verbrecher erschlagen zu werden. Aber wir haben kein Recht, dies
vernderte Benehmen seines Volkes als Unbestndigkeit oder Widerspruch
zu verurteilen, das Volk bleibt vielmehr durchaus konsequent. Wenn ihr
Knig ihr Gott ist, so denken sie, mu er sich auch als ihr Beschtzer
erweisen; und wenn er sie nicht beschtzen will, soll er einem anderen,
der bereitwilliger ist, den Platz rumen. Solange er aber ihren
Erwartungen entspricht, kennt ihre Sorgfalt fr ihn keine Grenzen, und
sie ntigen ihn dazu, sich selbst mit der gleichen Frsorge zu
behandeln. Ein solcher Knig lebt wie eingemauert hinter einem System
von Zeremoniell und Etikette, eingesponnen in ein Netz von Gebruchen
und Verboten, deren Absicht keineswegs dahin geht, seine Wrde zu
erhhen, noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, sondern die einzig
und allein bezwecken, ihn vor Schritten zurckzuhalten, welche die
Harmonie der Natur stren und so ihn, sein Volk und das ganze Weltall
gleichzeitig zu Grunde richten knnten. Diese Vorschriften, weit
entfernt, seinem Behagen zu dienen, mengen sich in jede seiner
Handlungen, heben seine Freiheit auf und machen ihm das Leben, das sie
angeblich versichern wollen, zur Brde und zur Qual.

  (52) l.c., p.7.

Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und Lhmung eines
heiligen Herrschers durch das Tabu-Zeremoniell scheint in der
Lebensweise des Mikado von Japan in frheren Jahrhunderten erzielt
worden zu sein. Eine Beschreibung, die jetzt ber zweihundert Jahre alt
ist(53), erzhlt: Der Mikado glaubt, da es seiner Wrde und Heiligkeit
nicht angemessen sei, den Boden mit den Fen zu berhren; wenn er also
irgendwohin gehen will, mu er auf den Schultern von Mnnern hingetragen
werden. Es geht aber noch viel weniger an, da er seine heilige Person
der freien Luft aussetze, und die Sonne wird der Ehre nicht gewrdigt,
auf sein Haupt zu scheinen. Allen Teilen seines Krpers wird eine so
hohe Heiligkeit zugeschrieben, da weder sein Haupthaar, noch sein Bart
geschoren und seine Ngel nicht geschnitten werden drfen. Damit er aber
nicht zu sehr verwahrlose, waschen sie ihn nachts, wenn er schlft; sie
sagen, was man in diesem Zustand von seinem Krper nimmt, kann nur als
gestohlen aufgefat werden; und ein solcher Diebstahl tut seiner Wrde
und Heiligkeit keinen Eintrag. In noch frheren Zeiten mute er jeden
Vormittag einige Stunden lang mit der Kaiserkrone auf dem Haupte auf dem
Throne sitzen, aber er mute sitzen wie eine Statue, ohne Hnde, Fe,
Kopf oder Augen zu bewegen; nur so, meinte man, knne er Ruhe und
Frieden im Reiche erhalten. Wenn er unseligerweise sich nach der einen
oder der anderen Seite wenden sollte, oder eine Zeitlang den Blick blo
auf einen Teil seines Reiches richtete, so wrden Krieg, Hungersnot,
Feuer, Pest oder sonst ein groes Unheil hereinbrechen, um das Land zu
verheeren.

  (53) _Kmpfer_, History of Japan bei _Frazer_, l.c., p.3.

Einige der Tabu, denen barbarische Knige unterworfen sind, mahnen
lebhaft an die Beschrnkungen der Mrder. In _Shark Point_ bei _Kap
Padron_ in Unter-Guinea (Westafrika) lebt ein Priesterknig, _Kukulu_,
allein in einem Wald. Er darf kein Weib berhren, auch sein Haus nicht
verlassen, ja nicht einmal von seinem Stuhl aufstehen, in dem er sitzend
schlafen mu. Wenn er sich niederlegte, wrde der Wind aufhren und die
Schiffahrt gestrt sein. Seine Funktion ist es, die Strme in Schranken
zu halten und im allgemeinen fr einen gleichmig gesunden Zustand der
Atmosphre zu sorgen(54). Je mchtiger ein Knig von _Loango_ ist, sagt
_Bastian_, desto mehr Tabu mu er beobachten. Auch der Thronfolger ist
von Kindheit an an sie gebunden, aber sie hufen sich um ihn, whrend er
heranwchst; im Momente der Thronbesteigung ist er von ihnen erstickt.

  (54) A. _Bastian_, Die deutsche Expedition an der _Loangokste_,
  Jena 1874, bei _Frazer_, l.c., p.5.

Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfordert es nicht,
da wir in die Beschreibung der an der Knigs- oder Priesterwrde
haftenden Tabu weiter eingehen. Fhren wir noch an, da Beschrnkungen
der freien Bewegung und der Dit die Hauptrolle unter ihnen spielen. Wie
konservierend aber auf alte Gebruche der Zusammenhang mit diesen
privilegierten Personen wirkt, mag aus zwei Beispielen von
Tabuzeremoniell hervorgehen, die von zivilisierten Vlkern, also von
weit hheren Kulturstufen, genommen sind.

Der _Flamen Dialis_, der Oberpriester des Jupiter im alten Rom, hatte
eine auerordentlich groe Anzahl von Tabugeboten zu beobachten. Er
durfte nicht reiten, kein Pferd, keine Bewaffneten sehen, keinen Ring
tragen, der nicht zerbrochen war, keinen Knoten an seinen Gewndern
haben, Weizenmehl und Sauerteig nicht berhren, eine Ziege, einen Hund,
rohes Fleisch, Bohnen und Efeu nicht einmal beim Namen nennen; sein Haar
durfte nur von einem freien Mann mit einem Bronzemesser geschnitten,
seine Haare und Ngelabflle muten unter einem glckbringenden Baum
vergraben werden; er durfte keinen Toten anrhren, nicht unbedeckten
Hauptes unter freiem Himmel stehen und dergleichen. Seine Frau, die
_Flaminica_, hatte berdies ihre eigenen Verbote: Sie durfte auf einer
gewissen Art von Treppen nicht hher als drei Stufen steigen, an
gewissen Festtagen ihr Haar nicht kmmen; das Leder ihrer Schuhe durfte
von keinem Tier genommen werden, das eines natrlichen Todes gestorben
war, sondern nur von einem geschlachteten oder geopferten; wenn sie
Donner hrte, war sie unrein, bis sie ein Shnopfer dargebracht
hatte(55).

  (55) _Frazer_, l.c., p.13.

Die alten Knige von _Irland_ waren einer Reihe von hchst sonderbaren
Beschrnkungen unterworfen, von deren Einhaltung aller Segen, von deren
bertretung alles Unheil fr das Land erwartet wurde. Das vollstndige
Verzeichnis dieser Tabu ist in dem _Book of Rights_ gegeben, dessen
lteste handschriftliche Exemplare die Jahreszahlen 1390 und 1418
tragen. Die Verbote sind uerst detailliert, betreffen gewisse
Ttigkeiten an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten; in dieser
Stadt darf der Knig nicht an einem gewissen Wochentag weilen, jenen
Flu nicht um eine genannte Stunde bersetzen, nicht volle neun Tage auf
einer gewissen Ebene lagern u.dgl.(56).

  (56) _Frazer_, l.c., p.11.

Die Hrte der Tabubeschrnkungen fr die Priesterknige hat bei vielen
wilden Vlkern eine Folge gehabt, die historisch bedeutsam und fr
unsere Gesichtspunkte besonders interessant ist. Die Priester-Knigswrde
hrte auf, etwas Begehrenswertes zu sein; wem sie bevorstand,
der wandte oft alle Mittel an, um ihr zu entgehen. So wird
es auf _Combodscha_, wo es einen Feuer- und einen Wasserknig gibt, oft
notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Wrde zu zwingen.
Auf _Nine_ oder _Savage Island_, einer Koralleninsel im Stillen Ozean,
kam die Monarchie tatschlich zu Ende, weil sich niemand mehr bereit
finden wollte, das verantwortliche und gefhrliche Amt zu bernehmen. In
manchen Teilen von Westafrika wird nach dem Tode des Knigs ein geheimes
Konzil abgehalten, um den Nachfolger zu bestimmen. Der, auf welchen die
Wahl fllt, wird gepackt, gebunden und im Fetischhaus im Gewahrsam
gehalten, bis er sich bereit erklrt hat, die Krone anzunehmen.
Gelegentlich findet der prsumtive Thronfolger Mittel und Wege, um sich
der ihm zugedachten Ehre zu entziehen; so wird von einem Huptling
berichtet, da er Tag und Nacht Waffen zu tragen pflegte, um jedem
Versuch, ihn auf den Thron zu setzen, mit Gewalt zu widerstehen(57). Bei
den Negern von _Sierra Leone_ ward das Widerstreben gegen die Annahme
der Knigswrde so gro, da die meisten Stmme gentigt waren, Fremde
zu ihren Knigen zu machen.

  (57) A. _Bastian_, Die deutsche Expedition an der Loangokste, bei
  _Frazer_, l.c., p.18.

_Frazer_ fhrt es auf diese Verhltnisse zurck, da sich in der
Entwicklung der Geschichte endlich eine Scheidung des ursprnglichen
Priester-Knigtums in eine geistliche und weltliche Macht vollzog. Die
von der Brde ihrer Heiligkeit erdrckten Knige wurden unfhig, die
Herrschaft in realen Dingen auszuben, und muten diese geringeren, aber
tatkrftigen Personen berlassen, welche bereit waren, auf die Ehren der
Knigswrde zu verzichten. Aus diesen erwuchsen dann die weltlichen
Herrscher, whrend die nun praktisch bedeutungslose geistliche
Oberhoheit den frheren Tabuknigen verblieb. Es ist bekannt, wieweit
diese Aufstellung in der Geschichte des alten Japans Besttigung findet.

Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven Menschen zu ihren
Herrschern berblicken, so regt sich in uns die Erwartung, da uns der
Fortschritt von seiner Beschreibung zu seinem psychoanalytischen
Verstndnis nicht schwer fallen wird. Diese Beziehungen sind sehr
verwickelter Natur und nicht frei von Widersprchen. Man rumt den
Herrschern groe Vorrechte ein, welche sich mit den Tabuverboten der
anderen geradezu decken. Es sind privilegierte Personen; sie drfen eben
das tun oder genieen, was den brigen durch das Tabu vorenthalten ist.
Im Gegensatz zu dieser Freiheit steht aber, da sie durch andere Tabu
beschrnkt sind, welche auf die gewhnlichen Individuen nicht drcken.
Hier ist also ein erster Gegensatz, fast ein Widerspruch, zwischen einem
Mehr von Freiheit und einem Mehr an Beschrnkung fr dieselben Personen.
Man traut ihnen auerordentliche Zauberkrfte zu und frchtet sich
deshalb vor der Berhrung mit ihren Personen oder ihrem Eigentum,
whrend man anderseits von diesen Berhrungen die wohlttigste Wirkung
erwartet. Dies scheint ein zweiter besonders greller Widerspruch zu
sein; allein wir haben bereits erfahren, da er nur scheinbar ist.
Heilend und schtzend wirkt die Berhrung, die vom Knig selbst in
wohlwollender Absicht ausgeht; gefhrlich ist nur die Berhrung, die vom
gemeinen Mann am Knig und am Kniglichen verbt wird, wahrscheinlich,
weil sie an aggressive Tendenzen mahnen kann. Ein anderer, nicht so
leicht auflsbarer Widerspruch uert sich darin, da man dem Herrscher
eine so groe Gewalt ber die Vorgnge der Natur zuschreibt und sich
doch fr verpflichtet hlt, ihn mit ganz besonderer Sorgfalt gegen ihm
drohende Gefahren zu beschtzen, als ob seine eigene Macht, die so
vieles kann, nicht auch dies vermchte. Eine weitere Erschwerung des
Verhltnisses stellt sich dann her, indem man dem Herrscher nicht das
Zutrauen entgegenbringt, er werde seine ungeheure Macht in der richtigen
Weise zum Vorteil der Untertanen wie zu seinem eigenen Schutz verwenden
wollen; man mitraut ihm also und hlt sich fr berechtigt, ihn zu
berwachen. Allen diesen Absichten der Bevormundung des Knigs, seinem
Schutz vor Gefahren und dem Schutz der Untertanen vor der Gefahr, die er
ihnen bringt, dient gleichzeitig die Tabuetikette, der das Leben des
Knigs unterworfen wird.

Es liegt nahe, folgende Erklrung fr das komplizierte und
widerspruchsvolle Verhltnis der Primitiven zu ihren Herrschern zu
geben: Aus aberglubischen und anderen Motiven kommen in der Behandlung
der Knige mannigfache Tendenzen zum Ausdruck, von denen jede ohne
Rcksicht auf die anderen zum Extrem entwickelt wird. Daraus entstehen
dann die Widersprche, an denen der Intellekt der Wilden brigens so
wenig Ansto nimmt wie der der Hchstzivilisierten, wenn es sich nur um
Verhltnisse der Religion oder der Loyalitt handelt.

Das wre soweit gut, aber die psychoanalytische Technik wird gestatten,
tiefer in den Zusammenhang einzudringen und Nheres ber die Natur
dieser mannigfaltigen Tendenzen auszusagen. Wenn wir den geschilderten
Sachverhalt der Analyse unterziehen, gleichsam als ob er sich im
Symptombild einer Neurose fnde, so werden wir zunchst an das berma
von ngstlicher Sorge anknpfen, welches als Begrndung des
Tabuzeremoniells ausgegeben wird. Dies Vorkommen einer solchen
berzrtlichkeit ist in der Neurose, speziell bei der Zwangsneurose, die
wir in erster Linie zum Vergleich heranziehen, sehr gewhnlich. Ihre
Herkunft ist uns sehr wohl verstndlich worden. Sie tritt berall dort
auf, wo auer der vorherrschenden Zrtlichkeit eine gegenstzliche aber
unbewute Strmung von Feindseligkeit besteht, also der typische Fall
der ambivalenten Gefhlseinstellung realisiert ist. Dann wird die
Feindseligkeit berschrieen durch eine bermige Steigerung der
Zrtlichkeit, die sich als ngstlichkeit uert und die zwanghaft wird,
weil sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewute Gegenstrmung in der
Verdrngung zu erhalten, nicht gengen wrde. Jeder Psychoanalytiker hat
es erfahren, mit welcher Sicherheit die ngstliche berzrtlichkeit
unter den unwahrscheinlichsten Verhltnissen, z.B. zwischen Mutter und
Kind oder bei zrtlichen Eheleuten, diese Auflsung gestattet. Auf die
Behandlung der privilegierten Personen angewendet, ergbe sich die
Einsicht, da der Verehrung, ja Vergtterung derselben im Unbewuten
eine intensive feindselige Strmung entgegensteht, da also hier, wie
wir es erwartet haben, die Situation der ambivalenten Gefhlseinstellung
verwirklicht ist. Das Mitrauen, welches als Beitrag zur Motivierung der
Knigstabu unabweisbar erscheint, wre eine andere direktere uerung
derselben unbewuten Feindseligkeit. Ja, wir wren -- infolge der
Mannigfaltigkeit der Endausgnge eines solchen Konflikts bei
verschiedenen Vlkern -- nicht um Beispiele verlegen, in denen uns der
Nachweis einer solchen Feindseligkeit noch viel leichter fiele. Die
wilden _Timmes_ von _Sierra Leone_, hren wir bei _Frazer_(58), haben
sich das Recht vorbehalten, ihren gewhlten Knig am Abend vor seiner
Krnung durchzuprgeln, und sie bedienen sich dieses konstitutionellen
Vorrechtes mit solcher Grndlichkeit, da der unglckliche Herrscher
gelegentlich seine Erhebung auf den Thron um nicht lange Zeit berlebt,
daher haben es sich die Groen des Volkes zur Regel gemacht, wenn sie
einen Groll gegen einen bestimmten Mann haben, diesen zum Knig zu
whlen. Immerhin wird auch in solchen grellen Fllen die Feindseligkeit
sich nicht als solche bekennen, sondern sich als Zeremoniell gebrden.

  (58) l.c., p.18, nach _Zweifel_ et _Monstier_, Voyage aux sources du
  Niger, 1880.

Ein anderes Stck im Verhalten der Primitiven gegen ihre Herrscher ruft
die Erinnerung an einen Vorgang wach, der, in der Neurose allgemein
verbreitet, in dem sogenannten Verfolgungswahn offen zu Tage tritt. Es
wird hier die Bedeutung einer bestimmten Person auerordentlich erhht,
ihre Machtvollkommenheit ins Unwahrscheinliche gesteigert, um ihr desto
eher die Verantwortlichkeit fr alles Peinliche, was dem Kranken
widerfhrt, aufladen zu knnen. Eigentlich verfahren ja die Wilden mit
ihren Knigen nicht anders, wenn sie ihnen die Macht ber Regen und
Sonnenschein, Wind und Wetter zuschreiben und sie dann absetzen oder
tten, weil die Natur ihre Erwartungen auf eine gute Jagd oder eine
reife Ernte enttuscht hat. Das Vorbild, welches der Paranoiker im
Verfolgungswahn wiederherstellt, liegt im Verhltnis des Kindes zu
seinem Vater. Dem Vater kommt eine derartige Machtflle in der
Vorstellung des Sohnes regelmig zu, und es zeigt sich, da das
Mitrauen gegen den Vater mit seiner Hochschtzung innig verknpft ist.
Wenn der Paranoiker eine Person seiner Lebensbeziehungen zu seinem
Verfolger ernennt, so hebt er sie damit in die Vterreihe, bringt sie
unter die Bedingungen, die ihm gestatten, sie fr alles Unglck seiner
Empfindung verantwortlich zu machen. So mag uns diese zweite Analogie
zwischen dem Wilden und dem Neurotiker die Einsicht ahnen lassen, wie
vieles im Verhltnis des Wilden zu seinem Herrscher aus der infantilen
Einstellung des Kindes zum Vater hervorgehen mag.

Den strksten Anhaltspunkt fr unsere Betrachtungsweise, welche die
Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen will, finden wir aber
im Tabuzeremoniell selbst, dessen Bedeutung fr die Stellung des
Knigstums vorhin errtert wurde. Dieses Zeremoniell trgt seinen
Doppelsinn und seine Herkunft von ambivalenten Tendenzen unverkennbar
zur Schau, wenn wir nur annehmen wollen, da es die Wirkungen, die es
hervorbringt, auch von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es zeichnet
nicht nur die Knige aus und erhebt sie ber alle gewhnlichen
Sterblichen, es macht ihnen auch das Leben zur Qual und zur
unertrglichen Brde und zwingt sie in eine Knechtschaft, die weit rger
ist als die ihrer Untertanen. Es erscheint uns so als das richtige
Gegenstck zur Zwangshandlung der Neurose, in der sich der unterdrckte
Trieb und der ihn unterdrckende zur gleichzeitigen und gemeinsamen
Befriedigung treffen. Die Zwangshandlung ist _angeblich_ ein Schutz
gegen die verbotene Handlung; wir mchten aber sagen, sie ist
_eigentlich_ die Wiederholung des Verbotenen. Das angeblich wendet
sich hier der bewuten, das eigentlich der unbewuten Instanz des
Seelenlebens zu. So ist auch das Tabuzeremoniell der Knige angeblich
die hchste Ehrung und Sicherung derselben, eigentlich die Strafe fr
ihre Erhhung, die Rache, welche die Untertanen an ihnen nehmen. Die
Erfahrungen, die _Sancho Pansa_ bei _Cervantes_ als Gouverneur auf
seiner Insel macht, haben ihn offenbar diese Auffassung des hfischen
Zeremoniells als die einzig zutreffende erkennen lassen. Es ist sehr
wohl mglich, da wir weitere Zustimmungen zu hren bekmen, wenn wir
Knige und Herrscher von heute zur uerung darber veranlassen knnten.

Warum die Gefhlseinstellung gegen die Herrscher einen so mchtigen
unbewuten Beitrag von Feindseligkeit enthalten sollte, ist ein sehr
interessantes, aber die Grenzen dieser Arbeit berschreitendes Problem.
Den Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben;
fgen wir hinzu, da die Verfolgung der Vorgeschichte des Knigtums uns
die entscheidenden Aufklrungen bringen mte. Nach _Frazers_
eindrucksvollen, aber nach eigenem Zugestndnis nicht ganz zwingenden
Errterungen waren die ersten Knige Fremde, die nach kurzer Herrschaft
zum Opfertod bei feierlichen Festen als Reprsentanten der Gottheit
bestimmt waren(59). Noch die Mythen des Christentums wren von der
Nachwirkung dieser Entwicklungsgeschichte der Knige berhrt.

  (59) _Frazer_, The magic art and the evolution of kings. 2vol.
  1911. (The golden bough.)


c) Das Tabu der Toten.

Wir wissen, da die Toten mchtige Herrscher sind; wir werden vielleicht
erstaunt sein zu erfahren, da sie als Feinde betrachtet werden.

Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des Vergleiches mit
der Infektion bleiben drfen, bei den meisten primitiven Vlkern eine
besondere Virulenz. Es uert sich zunchst in den Folgen, welche die
Berhrung des Toten nach sich zieht, und in der Behandlung der um den
Toten Trauernden. Bei den _Maori_ war jeder, der eine Leiche berhrt
oder an ihrer Grablegung teilgenommen hatte, aufs uerste unrein und
nahezu abgeschnitten von allem Verkehr mit seinen Mitmenschen, sozusagen
boykottiert. Er konnte kein Haus betreten, keiner Person oder Sache nahe
kommen, ohne sie mit der gleichen Eigenschaft anzustecken. Ja, er durfte
nicht einmal Nahrung mit seinen Hnden berhren, diese waren ihm durch
ihre Unreinheit geradezu unbrauchbar geworden. Man stellte ihm das Essen
auf den Boden hin, und ihm blieb nichts brig, als sich dessen mit den
Lippen und den Zhnen, so gut es eben ging, zu bemchtigen, whrend er
seine Hnde nach dem Rcken gebogen hielt. Gelegentlich war es erlaubt,
da eine andere Person ihn fttere, die es dann mit ausgestrecktem Arm
tat, sorgsam, den Unseligen nicht selbst zu berhren, aber diese
Hilfsperson war dann selbst Einschrnkungen unterworfen, die nicht viel
weniger drckend waren als die eigenen. Es gab wohl in jedem Dorf ein
ganz verkommenes, von der Gesellschaft ausgestoenes Individuum, das in
der armseligsten Weise von sprlichen Almosen lebte. Diesem Wesen war es
allein gestattet, sich auf Armeslnge dem zu nhern, der die letzte
Pflicht gegen einen Verstorbenen erfllt hatte. War aber dann die Zeit
der Abschlieung vorber, und durfte der durch die Leiche Verunreinigte
sich wieder unter seine Genossen mengen, so wurde alles Geschirr, dessen
er sich in der gefhrlichen Zeit bedient hatte, zerschlagen, und alles
Zeug weggeworfen, mit dem er bekleidet gewesen war.

Die Tabugebruche nach der krperlichen Berhrung von Toten sind in ganz
Polynesien, Melanesien und in einem Teil von Afrika die nmlichen; ihr
konstantestes Stck ist das Verbot, Nahrung selbst zu berhren, und die
sich daraus ergebende Notwendigkeit, von anderen gefttert zu werden. Es
ist bemerkenswert, da in Polynesien oder vielleicht nur in _Hawaii_(60)
Priesterknige whrend der Ausbung heiliger Handlungen derselben
Beschrnkung unterlagen. Bei den Tabu der Toten auf _Tonga_ tritt die
Abstufung und allmhliche Aufhebung der Verbote durch die eigene
Tabukraft sehr deutlich hervor. Wer den Leichnam eines toten Huptlings
berhrt hatte, war durch zehn Monate unrein; wenn er aber selbst ein
Huptling war, nur durch drei, vier oder fnf Monate, je nach dem Rang
des Verstorbenen; aber wenn es sich um die Leiche des vergtterten
Oberhuptlings handelte, wurden selbst die grten Huptlinge durch zehn
Monate tabu. Die Wilden glauben fest daran, da, wer solche
Tabuvorschriften bertritt, schwer erkranken und sterben mu, so fest,
da sie nach der Meinung eines Beobachters noch niemals den Versuch
gewagt haben, sich vom Gegenteil zu berzeugen(61).

  (60) _Frazer_, Taboo, p.138 usw.

  (61) W. _Mariner_, The natives of the Tonga Islands, 1818, bei
  _Frazer_, l.c., p.140.

Im wesentlichen gleichartig, aber fr unsere Zwecke interessanter sind
die Tabubeschrnkungen jener Personen, deren Berhrung mit den Toten in
bertragenem Sinne zu verstehen ist, der trauernden Angehrigen, der
Witwer und Witwen. Sehen wir in den bisher erwhnten Vorschriften nur
den typischen Ausdruck der Virulenz und der Ausbreitungsfhigkeit des
Tabu, so schimmern in den nun mitzuteilenden die Motive der Tabu durch,
und zwar sowohl die vorgeblichen als auch solche, die wir fr die
tiefliegenden, echten halten drfen.

Bei den _Shuswap_ in _Britisch-Columbia_ mssen Witwen und Witwer
whrend ihrer Trauerzeit abgesondert leben; sie drfen weder ihren
eigenen Krper noch ihren Kopf mit ihren Hnden berhren; alles
Geschirr, dessen sie sich bedienen, ist dem Gebrauche anderer entzogen.
Kein Jger wird sich der Htte, in welcher solche Trauernde wohnen,
nhern wollen, denn das brchte ihm Unglck; wenn der Schatten eines
Trauernden auf ihn fallen wrde, mte er erkranken. Die Trauernden
schlafen auf Dornbschen und umgeben ihr Bett mit solchen. Diese
letztere Maregel ist dazu bestimmt, den Geist des Verstorbenen
fernzuhalten, und noch deutlicher ist wohl der von anderen
nordamerikanischen Stmmen berichtete Gebrauch der Witwe, eine Zeitlang
nach dem Tode des Mannes ein hosenartiges Kleidungsstck aus trockenem
Gras zu tragen, um sich unzugnglich fr die Annherung des Geistes zu
machen. So wird uns die Vorstellung nahegelegt, da die Berhrung im
bertragenen Sinne doch nur als ein krperlicher Kontakt verstanden
wird, da der Geist des Verstorbenen nicht von seinen Angehrigen weicht,
nicht ablt, sie whrend der Zeit der Trauer zu umschweben.

Bei den _Agutainos_, die auf _Palawan_, einer der _Philippinen_, wohnen,
darf eine Witwe ihre Htte die ersten sieben oder acht Tage nach dem
Todesfall nicht verlassen, es sei denn zur Nachtzeit, wenn sie
Begegnungen nicht zu erwarten hat. Wer sie erschaut, gert in Gefahr
augenblicklich zu sterben, und darum warnt sie selbst vor ihrer
Annherung, indem sie bei jedem Schritt mit einem hlzernen Stab gegen
die Bume schlgt; diese Bume aber verdorren. Worin die Gefhrlichkeit
einer solchen Witwe bestehen mag, wird uns durch eine andere Beobachtung
erlutert. Im _Mekeo_bezirk von _Britisch-Neuguinea_ wird ein Witwer
aller brgerlichen Rechte verlustig und lebt fr eine Weile wie ein
Ausgestoener. Er darf keinen Garten bebauen, sich nicht ffentlich
zeigen, das Dorf und die Strae nicht betreten. Er schleicht wie ein
wildes Tier im hohen Gras oder im Gebsch umher, und mu sich im
Dickicht verstecken, wenn er jemanden, besonders aber ein Weib,
herannahen sieht. Diese letztere Andeutung macht es uns leicht, die
Gefhrlichkeit des Witwers oder der Witwe auf die Gefahr der
_Versuchung_ zurckzufhren. Der Mann, der sein Weib verloren hat, soll
dem Begehren nach einem Ersatz ausweichen; die Witwe hat mit demselben
Wunsch zu kmpfen und mag berdies als herrenlos die Begehrlichkeit
anderer Mnner erwecken. Jede solche Ersatzbefriedigung luft gegen den
Sinn der Trauer; sie mte den Zorn des Geistes auflodern lassen(62).

  (62) Dieselbe Kranke, deren Unmglichkeiten ich oben (S.38) mit den
  Tabu zusammengestellt habe, bekannte, da sie jedesmal in Entrstung
  gerate, wenn sie einer in Trauer gekleideten Person auf der Strae
  begegne. Solchen Leuten sollte das Ausgehen verboten sein!

Eines der befremdendsten, aber auch lehrreichsten Tabugebruche der
Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den _Namen_ des Verstorbenen
auszusprechen. Es ist ungemein verbreitet, hat mannigfaltige
Ausfhrungen erfahren und bedeutsame Konsequenzen gehabt.

Auer bei den Australiern und Polynesiern, welche uns die Tabugebruche
in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, findet sich dies Verbot bei
so entfernten und einander so fremden Vlkern wie die _Samojeden_ in
Sibirien und die _Todas_ in Sdindien, die _Mongolen_ der Tartarei und
die _Tuaregs_ der Sahara, die _Aino_ in Japan und die _Akamba_ und
_Nandi_ in Zentralafrika, die _Tinguanen_ auf den _Philippinen_ und die
Einwohner der _Nikobarischen_ Inseln, von _Madagaskar_ und _Borneo_(63).
Bei einigen dieser Vlker gilt das Verbot und die aus ihm sich
ableitenden Folgen nur fr die Zeit der Trauer, bei anderen bleibt es
permanent, doch scheint es in allen Fllen mit der Entfernung vom
Zeitpunkte des Todesfalles abzublassen.

  (63) _Frazer_, l.c., p.353.

Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der Regel
auerordentlich streng gehandhabt. So gilt es bei manchen
sdamerikanischen Stmmen als die schwerste Beleidigung der
berlebenden, den Namen des verstorbenen Angehrigen vor ihnen
auszusprechen, und die darauf gesetzte Strafe ist nicht geringer als die
fr eine Mordtat selbst festgesetzte(64). Warum die Nennung des Namens
so verabscheut werden sollte, ist zunchst nicht leicht zu erraten, aber
die mit ihr verbundenen Gefahren haben eine ganze Reihe von
Auskunftsmitteln entstehen lassen, die nach verschiedenen Richtungen
interessant und bedeutungsvoll sind. So sind die _Masai_ in Afrika auf
die Ausflucht gekommen, den Namen des Verstorbenen unmittelbar nach
seinem Tode zu ndern; er darf nun ohne Scheu mit dem neuen Namen
erwhnt werden, whrend alle Verbote an den alten geknpft bleiben. Es
scheint dabei vorausgesetzt, da der Geist seinen neuen Namen nicht
kennt und nicht erfahren wird. Die australischen Stmme an der
_Adelaide_ und der _Encounter Bay_ sind in ihrer Vorsicht so konsequent,
da nach einem Todesfall alle Personen ihre Namen gegen einen anderen
vertauschen, welche ebenso oder sehr hnlich geheien haben wie der
Verstorbene. Manchmal wird in weiterer Ausdehnung derselben Erwgung die
Namensnderung nach einem Todesfall bei allen Angehrigen des
Verstorbenen vorgenommen, ohne Rcksicht auf den Gleichklang der Namen,
so bei einigen Stmmen in _Victoria_ und in _Nordwestamerika_. Ja bei
den _Guaycurus_ in _Paraguay_ pflegte der Huptling bei so traurigem
Anla allen Mitgliedern des Stammes neue Namen zu geben, die sie fortan
erinnerten, als ob sie sie von jeher getragen htten(65).

  (64) _Frazer_, l.c., p.352 usw.

  (65) _Frazer_, l.c., p.357, nach einem alten spanischen Beobachter,
  1732.

Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der Bezeichnung eines
Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, erschien es manchen unter den
angefhrten Vlkern notwendig, auch diese Tiere und Objekte neu zu
benennen, damit man beim Gebrauch dieser Worte nicht an den Verstorbenen
erinnert werde. Daraus mute sich eine nie zur Ruhe kommende Vernderung
des Sprachschatzes ergeben, die den Missionren Schwierigkeiten genug
bereitete, besonders wo die Namensverpnung eine permanente war. In den
sieben Jahren, die der Missionr _Dobrizhofer_ bei den _Abiponen_ in
Paraguay verbrachte, wurde der Name fr Jaguar dreimal abgendert, und
die Worte fr Krokodil, Dornen und Tierschlachten hatten hnliche
Schicksale(66). Die Scheu, einen Namen auszusprechen, der einem
Verstorbenen angehrt hat, dehnt sich aber auch nach der Richtung hin
aus, da man alles zu erwhnen vermeidet, wobei dieser Verstorbene eine
Rolle spielte, und als bedeutsame Folge dieses Unterdrckungsprozesses
ergibt sich, da diese Vlker keine Tradition, keine historischen
Reminiszenzen haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die
grten Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer Reihe dieser
primitiven Vlker haben sich aber auch kompensierende Gebruche
eingebrgert, um die Namen der Verstorbenen nach einer langen Zeit von
Trauer wieder zu erwecken, indem man sie an Kinder verleiht, die als die
Wiedergeburt der Toten betrachtet werden.

  (66) _Frazer_, l.c., p.360.

Das Befremdende dieses Namentabu ermigt sich, wenn wir daran gemahnt
werden, da fr die Wilden der Name ein wesentliches Stck und ein
wichtiger Besitz der Persnlichkeit ist, da sie dem Worte volle
Dingbedeutung zuschreiben. Dasselbe tun, wie ich an anderen Orten
ausgefhrt habe, unsere Kinder, die sich darum niemals mit der Annahme
einer bedeutungslosen Worthnlichkeit begngen, sondern konsequent
schlieen, wenn zwei Dinge mit gleichklingenden Namen genannt werden, so
mte damit eine tiefgehende bereinstimmung zwischen beiden bezeichnet
sein. Auch der zivilisierte Erwachsene mag an manchen Besonderheiten
seines Benehmens noch erraten, da er von dem Voll- und Wichtignehmen
der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, wie er glaubt, und da sein
Name in einer ganz besonderen Art mit seiner Person verwachsen ist. Es
stimmt dann hiezu, wenn die psychoanalytische Praxis vielfachen Anla
findet, auf die Bedeutung der Namen in der unbewuten Denkttigkeit
hinzuweisen(67). Die Zwangsneurotiker benehmen sich dann, wie zu
erwarten stand, in betreff der Namen ganz wie die Wilden. Sie zeigen die
volle Komplexempfindlichkeit gegen das Aussprechen und Anhren
bestimmter Worte und Namen (hnlich wie auch andere Neurotiker), und
leiten aus ihrer Behandlung des eigenen Namens eine gute Anzahl von oft
schweren Hemmungen ab. Eine solche Tabukranke, die ich kannte, hatte die
Vermeidung angenommen, ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er
knnte in jemandes Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stckes
von ihrer Persnlichkeit gekommen wre. In der krampfhaften Treue, durch
die sie sich gegen die Versuchungen ihrer Phantasie schtzen mute,
hatte sie sich das Gebot geschaffen, nichts von ihrer Person
herzugeben. Dazu gehrte zunchst der Name, in weiterer Ausdehnung die
Handschrift, und darum gab sie schlielich das Schreiben auf.

  (67) _Stekel_, _Abraham_.

So finden wir es nicht mehr auffllig, wenn von den Wilden der Name des
Toten als ein Stck seiner Person gewertet und zum Gegenstand des den
Toten betreffenden Tabu gemacht wird. Auch die Namensnennung des Toten
lt sich auf die Berhrung mit ihm zurckfhren, und wir drfen uns dem
umfassenderen Problem zuwenden, weshalb diese Berhrung von so strengem
Tabu betroffen ist.

Die naheliegendste Erklrung wrde auf das natrliche Grauen hinweisen,
welches der Leichnam und die Vernderungen, die alsbald an ihm bemerkt
werden, erregt. Daneben mte man der Trauer um den Toten einen Platz
einrumen, als Motiv fr alles, was sich auf diesen Toten bezieht.
Allein das Grauen vor dem Leichnam deckt offenbar nicht die Einzelheiten
der Tabuvorschriften, und die Trauer kann uns niemals erklren, da die
Erwhnung des Toten ein schwerer Schimpf fr dessen Hinterbliebene ist.
Die Trauer liebt es vielmehr, sich mit dem Verstorbenen zu beschftigen,
sein Andenken auszuarbeiten und fr mglichst lange Zeit zu erhalten.
Fr die Eigentmlichkeiten der Tabugebruche mu etwas anderes als die
Trauer verantwortlich gemacht werden, was offenbar andere Absichten als
diese verfolgt. Gerade die Tabu der Namen verraten uns dies noch
unbekannte Motiv, und sagten es die Gebruche nicht, so wrden wir es
aus den Angaben der trauernden Wilden selbst erfahren.

Sie machen nmlich keinen Hehl daraus, da sie sich vor der Gegenwart
und der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen _frchten_; sie ben
eine Menge von Zeremonien, um ihn fernzuhalten, ihn zu vertreiben(68).
Seinen Namen auszusprechen, dnkt ihnen eine Beschwrung, der seine
Gegenwart auf dem Fue folgen wird(69). Sie tun darum folgerichtig
alles, um einer solchen Beschwrung und Erweckung aus dem Wege zu gehen.
Sie verkleiden sich, damit der Geist sie nicht erkenne(70), oder sie
entstellen seinen oder den eigenen Namen; sie wten gegen den
rcksichtslosen Fremden, der den Geist durch Nennung seines Namens auf
seine Hinterbliebenen hetzt. Es ist unmglich, der Folgerung
auszuweichen, da sie nach _Wundts_ Ausdruck, an der Furcht vor seiner
zum Dmon gewordenen Seele leiden(71).

  (68) Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei _Frazer_,
  l.c., p.353, die _Tuaregs_ der _Sahara_ angefhrt.

  (69) Vielleicht ist hiezu die Bedingung zu fgen: solange noch etwas
  von seinen krperlichen berresten existiert. _Frazer_, l.c., p.372.

  (70) Auf den Nikobaren. _Frazer_, l.c., p.382.

  (71) _Wundt_, Religion und Mythus, II.Bd., p.49.

Mit dieser Einsicht wren wir bei der Besttigung der Auffassung
_Wundts_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehrt haben, in
der Angst vor den Dmonen findet.

Die Voraussetzung dieser Lehre, da das teure Familienmitglied mit dem
Augenblicke seines Todes zum Dmon wird, von dem die Hinterbliebenen nur
Feindseliges zu erwarten haben, und gegen dessen bse Gelste sie sich
mit allen Mitteln schtzen mssen, ist so sonderbar, da man ihr
zunchst den Glauben versagen wird. Allein so ziemlich alle magebenden
Autoren sind darin einig, den Primitiven diese Auffassung zuzuschreiben.
_Westermarck_, der in seinem Werke: Ursprung und Entwicklung der
Moralbegriffe dem Tabu, nach meiner Schtzung, viel zu wenig Beachtung
schenkt, uert in dem Abschnitt: Verhalten gegen Verstorbene direkt:
berhaupt lt mich mein Tatsachenmaterial den Schlu ziehen, da die
Toten hufiger als Feinde denn als Freunde angesehen werden(72) und da
_Jevons_ und _Grant Allen_ im Irrtum sind mit ihrer Behauptung, man habe
frher geglaubt, die Bswilligkeit der Toten richte sich in der Regel
nur gegen Fremde, whrend sie fr Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und
Clangenossen vterlich besorgt seien.

  (72) _Westermarck_, l.c., II.Bd., p.424. In der Anmerkung und in
  der Fortsetzung des Textes die reiche Flle von besttigenden, oft
  sehr charakteristischen Zeugnissen, z.B.: Die Maoris glaubten, da
  die nchsten und geliebtesten Verwandten nach dem Tode ihr Wesen
  ndern und selbst gegen ihre frheren Lieblinge bel gesinnt werden.
  -- Die Australneger glauben, jeder Verstorbene sei lange Zeit
  bsartig; je enger die Verwandtschaft, desto grer die Furcht. Die
  Zentraleskimo werden von der Vorstellung beherrscht, da die Toten
  erst spt zur Ruhe gelangen, anfnglich aber zu frchten seien als
  unheilbrtende Geister, die das Dorf hufig umkreisen, um Krankheit,
  Tod und anderes Unheil zu verbreiten. (_Boas._)

R. _Kleinpaul_ hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste des alten
Seelenglaubens bei den zivilisierten Vlkern zur Darstellung des
Verhltnisses zwischen den Lebendigen und den Toten verwertet(73). Es
gipfelt auch nach ihm in der berzeugung, da die Toten mordlustig die
Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten tten; das Skelett, als welches
der Tod _heute_ gebildet wird, stellt dar, da der Tod selbst nur ein
Toter ist. Nicht eher fhlte sich der Lebendige vor der Nachstellung der
Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn
gebracht hat. Daher begrub man die Toten gern auf Inseln, brachte sie
auf die andere Seite eines Flusses; die Ausdrcke Diesseits und Jenseits
sind hievon ausgegangen. Eine sptere Milderung hat die Bswilligkeit
der Toten auf jene Kategorien beschrnkt, denen man ein besonderes Recht
zum Groll einrumen mute, auf die Ermordeten, die ihren Mrder als bse
Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen wie die
Brute. Aber ursprnglich, meint _Kleinpaul_, waren alle Toten Vampyre,
alle grollten den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden, sie des
Lebens zu berauben. Der Leichnam hat berhaupt erst den Begriff eines
bsen Geistes geliefert.

  (73) R. _Kleinpaul_, Die Lebendigen und die Toten im Volksglauben,
  Religion und Sage, 1898.

Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach dem Tode zu
Dmonen, lt offenbar eine weitere Fragestellung zu. Was bewog die
Primitiven dazu, ihren teuren Toten eine solche Sinnesnderung
zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu Dmonen? _Westermarck_ glaubt,
diese Frage leicht zu beantworten(74). Da der Tod zumeist fr das
schlimmste Unglck gehalten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt
man, da die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal uerst unzufrieden
seien. Nach Auffassung der Naturvlker stirbt man nur durch Ttung, sei
es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und schon deshalb sieht
man die Seele als rachschtig und reizbar an; vermeintlich beneidet sie
die Lebenden und sehnt sich nach der Gesellschaft der alten Angehrigen
-- es ist daher begreiflich, da sie trachtet, sie durch Krankheiten zu
tten, um mit ihnen vereinigt zu werden...

...Eine weitere Erklrung der Bsartigkeit, die man den Seelen
zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht
ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.

  (74) l.c., p.426.

Das Studium der psychoneurotischen Strungen weist uns auf eine
umfassendere Erklrung hin, welche die _Westermarck_sche miteinschliet.

Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch den Tod
verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, da die berlebende von
peinigenden Bedenken, die wir Zwangsvorwrfe heien, befallen wird, ob
sie nicht selbst durch eine Unvorsichtigkeit oder Nachlssigkeit den Tod
der geliebten Person verschuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie
sorgfltig sie den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurckweisung der
behaupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen, die etwa
den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt und mit der Zeit
langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung solcher Flle hat
uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen gelehrt. Wir haben
erfahren, da diese Zwangsvorwrfe in gewissem Sinne berechtigt und nur
darum gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht als ob die
Trauernde den Tod wirklich verschuldet oder die Vernachlssigung
wirklich begangen htte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es war
doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewuter Wunsch, der mit
dem Tode nicht unzufrieden war, und der ihn herbeigefhrt htte, wenn er
im Besitze der Macht gewesen wre. Gegen diesen unbewuten Wunsch
reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der geliebten Person. Solche im
Unbewuten versteckte Feindseligkeit hinter zrtlicher Liebe gibt es nun
in fast allen Fllen von intensiver Bindung des Gefhls an eine
bestimmte Person, es ist der klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz
menschlicher Gefhlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem
Menschen bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen; normalerweise
ist es nicht so viel, da die beschriebenen Zwangsvorwrfe daraus
entstehen knnen. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich
gerade im Verhltnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man es am
wenigsten erwarten wrde, manifestieren. Die Disposition zur
Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Vergleich
herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Ma solcher
ursprnglicher Gefhlsambivalenz ausgezeichnet.

Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche Dmonentum der
frisch verstorbenen Seelen und die Notwendigkeit, sich durch die
Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu schtzen, erklren kann. Wenn
wir annehmen, da dem Gefhlsleben der Primitiven ein hnlich hohes Ma
von Ambivalenz zukomme, wie wir es nach den Ergebnissen der
Psychoanalyse den Zwangskranken zuschreiben, so wird es verstndlich,
da nach dem schmerzlichen Verlust eine hnliche Reaktion gegen die im
Unbewuten latente Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durch die
Zwangsvorwrfe erwiesen wurde. Diese im Unbewuten als Befriedigung ber
den Todesfall peinlich versprte Feindseligkeit hat aber beim Primitiven
ein anderes Schicksal; sie wird abgewehrt, indem sie auf das Objekt der
Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir heien diesen im
normalen wie im krankhaften Seelenleben hufigen Abwehrvorgang eine
_Projektion_. Der berlebende leugnet nun, da er je feindselige
Regungen gegen den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des
Verstorbenen hegt sie jetzt und wird sie ber die ganze Zeit der Trauer
zu bettigen bemht sein. Der Straf- und Reuecharakter dieser
Gefhlsreaktion wird sich trotz der geglckten Abwehr durch Projektion
darin uern, da man sich frchtet, sich Verzicht auferlegt und sich
Einschrnkungen unterwirft, die man zum Teil als Schutzmaregeln gegen
den feindlichen Dmon verkleidet. Wir finden so wiederum, da das Tabu
auf dem Boden einer ambivalenten Gefhlseinstellung erwachsen ist. Auch
das Tabu der Toten rhrt von dem Gegensatz zwischen dem bewuten Schmerz
und der unbewuten Befriedigung ber den Todesfall her. Bei dieser
Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverstndlich, da gerade
die nchsten und frher geliebtesten Hinterbliebenen ihn am meisten zu
frchten haben.

Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespltig wie die
neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren Charakter als
Einschrnkungen die Trauer zum Ausdruck, anderseits aber verraten sie
sehr deutlich, was sie verbergen wollen, die Feindseligkeit gegen den
Toten, die jetzt als Notwehr motiviert ist. Einen gewissen Anteil der
Tabuverbote haben wir als Versuchungsangst verstehen gelernt. Der Tote
ist wehrlos, das mu zur Befriedigung der feindseligen Gelste an ihm
reizen, und dieser Versuchung mu das Verbot entgegengesetzt werden.

_Westermarck_ hat aber Recht, wenn er fr die Auffassung der Wilden
keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natrlich Gestorbenen gelten
lassen will. Fr das unbewute Denken ist auch der ein Gemordeter, der
eines natrlichen Todes gestorben ist; die bsen Wnsche haben ihn
gettet. (Vgl. die nchste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie und
Allmacht der Gedanken.) Wer sich fr Herkunft und Bedeutung der Trume
vom Tode teurer Verwandter (der Eltern und Geschwister) interessiert,
der wird beim Trumer, beim Kind und beim Wilden die volle
bereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, gegrndet auf die nmliche
Gefhlsambivalenz, feststellen knnen.

Wir haben vorhin einer Auffassung von _Wundt_ widersprochen, welche das
Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dmonen findet, und doch haben wir
soeben der Erklrung zugestimmt, welche das Tabu der Toten auf die
Furcht vor der zum Dmon gewordenen Seele des Verstorbenen zurckfhrt.
Das schiene ein Widerspruch: es wird uns aber nicht schwer werden, ihn
aufzulsen. Wir haben die Dmonen zwar angenommen, aber nicht als etwas
Letztes und fr die Psychologie Unauflsbares gelten lassen. Wir sind
gleichsam hinter die Dmonen gekommen, indem wir sie als Projektionen
der feindseligen Gefhle erkennen, welche die berlebenden gegen die
Toten hegen.

Die nach unserer gut begrndeten Annahme zwiespltigen -- zrtlichen und
feindseligen -- Gefhle gegen die nun Verstorbenen wollen sich zur Zeit
des Verlustes beide zur Geltung bringen, als Trauer und als
Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegenstzen mu es zum Konflikt
kommen, und da der eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit -- ganz
oder zum greren Anteile--, unbewut ist, kann der Ausgang des
Konfliktes nicht in einer Subtraktion der beiden Intensitten
voneinander mit bewuter Einsetzung des berschusses bestehen, etwa wie
man einer geliebten Person eine von ihr erlittene Krnkung verzeiht. Der
Proze erledigt sich vielmehr durch einen besonderen psychischen
Mechanismus, den man in der Psychoanalyse als _Projektion_ zu bezeichnen
gewohnt ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts wei und auch weiter
nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in die Auenwelt
geworfen, dabei von der eigenen Person gelst und der anderen
zugeschoben. Nicht wir, die berlebenden, freuen uns jetzt darber, da
wir des Verstorbenen ledig sind; nein, wir trauern um ihn, aber er ist
jetzt merkwrdigerweise ein bser Dmon geworden, dem unser Unglck
Befriedigung bereiten wrde, der uns den Tod zu bringen sucht. Die
berlebenden mssen sich nun gegen diesen bsen Feind verteidigen; sie
sind von der inneren Bedrckung entlastet, haben sie aber nur gegen eine
Bedrngnis von auen eingetauscht.

Es ist nicht abzuweisen, da dieser Projektionsvorgang, welcher die
Verstorbenen zu bswilligen Feinden macht, eine Anlehnung an den reellen
Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern und ihnen
wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an ihrer Hrte, Herrschsucht,
Ungerechtigkeit, und was sonst den Hintergrund auch der zrtlichsten
Beziehungen unter den Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach
zugehen, da uns dieses Moment fr sich allein die Projektionsschpfung
der Dmonen begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen
enthalten gewi einen Teil der Motivierung fr die Feindseligkeit der
berlebenden, aber sie wren unwirksam, wenn nicht diese Feindseligkeit
aus ihnen erfolgt wre, und der Zeitpunkt ihres Todes wre gewi der
ungeeignetste Anla, die Erinnerung an die Vorwrfe zu wecken, die man
ihnen zu machen berechtigt war. Wir knnen die unbewute Feindseligkeit
als das regelmig wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht
entbehren. Diese feindselige Strmung gegen die nchsten und teuersten
Angehrigen konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, das heit sich dem
Bewutsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatzbildung
verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und gehaten
Personen war dies nicht mehr mglich, der Konflikt wurde akut. Die aus
der gesteigerten Zrtlichkeit stammende Trauer wurde einerseits
unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, anderseits durfte sie es
nicht zulassen, da sich aus letzterer nun ein Gefhl der Befriedigung
ergebe. Somit kam es zur Verdrngung der unbewuten Feindseligkeit auf
dem Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die
Furcht vor der Bestrafung durch die Dmonen Ausdruck findet, und mit dem
zeitlichen Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Schrfe, so
da das Tabu dieser Toten sich abschwchen oder in Vergessenheit
versinken darf.


4.

Haben wir so den Boden geklrt, auf dem das beraus lehrreiche Tabu der
Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht versumen, einige Bemerkungen
anzuknpfen, die fr das Verstndnis des Tabu berhaupt bedeutungsvoll
werden knnen.

Die Projektion der unbewuten Feindseligkeit beim Tabu der Toten auf die
Dmonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer Reihe von Vorgngen,
denen der grte Einflu auf die Gestaltung des primitiven Seelenlebens
zugesprochen werden mu. In dem betrachteten Falle dient die Projektion
der Erledigung eines Gefhlskonfliktes; sie findet die nmliche
Verwendung in einer groen Anzahl von psychischen Situationen, die zur
Neurose fhren. Aber die Projektion ist nicht fr die Abwehr geschaffen,
sie kommt auch zu stande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion
innerer Wahrnehmungen nach auen ist ein primitiver Mechanismus, dem
z.B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der
Gestaltung unserer Auenwelt normalerweise den grten Anteil hat. Unter
noch nicht gengend festgestellten Bedingungen werden innere
Wahrnehmungen auch von Gefhls- und Denkvorgngen wie die
Sinneswahrnehmungen nach auen projiziert, zur Ausgestaltung der
Auenwelt verwendet, whrend sie der Innenwelt verbleiben sollten. Es
hngt dies vielleicht genetisch damit zusammen, da die Funktion der
Aufmerksamkeit ursprnglich nicht der Innenwelt, sondern den von der
Auenwelt zustrmenden Reizen zugewendet war, und von den
endopsychischen Vorgngen nur die Nachrichten ber Lust- und
Unlustentwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten
Denksprache, durch die Verknpfung der sinnlichen Reste der
Wortvorstellungen mit inneren Vorgngen, wurden diese selbst allmhlich
wahrnehmungsfhig. Bis dahin hatten die primitiven Menschen durch
Projektion innerer Wahrnehmungen nach auen ein Bild der Auenwelt
entwickelt, welches wir nun mit erstarkter Bewutseinswahrnehmung in
Psychologie zurckbersetzen mssen.

Die Projektion der eigenen bsen Regungen in die Dmonen ist nur ein
Stck eines Systems, welches die Weltanschauung der Primitiven
geworden ist, und das wir in der nchsten Abhandlung dieser Reihe als
das animistische kennen lernen werden. Wir werden dann die
psychologischen Charaktere einer solchen Systembildung festzustellen
haben und unsere Anhaltspunkte wiederum in der Analyse jener
Systembildungen finden, welche uns die Neurosen entgegenbringen. Wir
wollen vorlufig nur verraten, da die sogenannte sekundre
Bearbeitung des Trauminhalts das Vorbild fr alle diese Systembildungen
ist. Vergessen wir auch nicht daran, da es vom Stadium der
Systembildung an zweierlei Ableitungen fr jeden vom Bewutsein
beurteilten Akt gibt, die systematische und die reale, aber
unbewute(75).

  (75) Den Projektionsschpfungen der Primitiven stehen die
  Personifikationen nahe, durch welche der Dichter die in ihm ringenden
  entgegengesetzten Triebregungen als gesonderte Individuen aus sich
  herausstellt.

_Wundt_(76) bemerkt, da unter den Wirkungen, die der Mythus allerorten
den Dmonen zuschreibt, zunchst die _unheilvollen_ berwiegen, so da
im Glauben der Vlker sichtlich die bsen Dmonen lter sind als die
guten. Es ist nun sehr wohl mglich, da der Begriff des Dmons
berhaupt aus der so bedeutsamen Relation zu den Toten gewonnen wurde.
Die diesem Verhltnis innewohnende Ambivalenz hat sich dann im weiteren
Verlaufe der Menschheitsentwicklung darin geuert, da sie aus der
nmlichen Wurzel zwei vllig entgegengesetzte psychische Bildungen
hervorgehen lie: Dmonen- und Gespensterfurcht einerseits, die
Ahnenverehrung anderseits(77). Da die Dmonen stets als die Geister
_krzlich_ Verstorbener gefat werden, bezeugt wie nichts anderes den
Einflu der Trauer auf die Entstehung des Dmonenglaubens. Die Trauer
hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll die
Erinnerungen und Erwartungen der berlebenden von den Toten ablsen. Ist
diese Arbeit geschehen, so lt der Schmerz nach, mit ihm die Reue und
der Vorwurf und darum auch die Angst vor dem Dmon. Dieselben Geister
aber, die zunchst als Dmonen gefrchtet wurden, gehen nun der
freundlicheren Bestimmung entgegen, als Ahnen verehrt und zur
Hilfeleistung angerufen zu werden.

  (76) Mythus und Religion, II, S.129.

  (77) In den Psychoanalysen neurotischer Personen, die an
  Gespensterangst leiden oder in ihrer Kindheit gelitten haben, fllt es
  oft nicht schwer, diese Gespenster als die Eltern zu entlarven. Vgl.
  hiezu auch die Sexualgespenster betitelte Mitteilung von P.
  _Haeberlin_ (Sexualprobleme, Februar 1912), in welcher es sich um eine
  andere erotisch betonte Person handelt, der Vater aber verstorben war.

berblickt man das Verhltnis der berlebenden zu den Toten im Wandel
der Zeiten, so ist es unverkennbar, da dessen Ambivalenz
auerordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, die
unbewute, immer noch nachweisbare Feindseligkeit gegen die Toten
niederzuhalten, ohne da es eines besonderen seelischen Aufwandes hiefr
bedrfte. Wo frher der befriedigte Ha und die schmerzhafte
Zrtlichkeit miteinander gerungen haben, da erhebt sich heute wie eine
Narbenbildung die Piett und fordert das: De mortuis nil nisi bene. Nur
die Neurotiker trben noch die Trauer um den Verlust eines ihrer Teuren
durch Anflle von Zwangsvorwrfen, welche in der Psychoanalyse die alte
ambivalente Gefhlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem
Wege diese nderung herbeigefhrt wurde, inwieweit sich konstitutionelle
nderung und reale Besserung der familiren Beziehungen in deren
Verursachung teilen, das braucht hier nicht errtert zu werden. Aber man
knnte durch dieses Beispiel zur Annahme gefhrt werden, _es sei den
Seelenregungen der Primitiven berhaupt ein hheres Ma von Ambivalenz
zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden ist.
Mit der Abnahme dieser Ambivalenz schwand auch langsam das Tabu, das
Kompromisymptom des Ambivalenzkonfliktes._ Von den Neurotikern, welche
gentigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervorgehende Tabu zu
reproduzieren, wrden wir sagen, da sie eine archaistische Konstitution
als atavistischen Rest mit sich gebracht haben, deren Kompensation im
Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so ungeheuerlichem seelischen
Aufwand zwingt.

Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit verwirrenden
Auskunft, welche uns _Wundt_ ber die Doppelbedeutung des Wortes Tabu:
heilig und unrein geboten hat (s.o.). Ursprnglich habe das Wort Tabu
heilig und unrein noch nicht bedeutet, sondern habe das Dmonische
bezeichnet, das nicht berhrt werden darf, und somit ein wichtiges, den
beiden extremen Begriffen gemeinsames Merkmal hervorgehoben, doch
beweise diese bleibende Gemeinschaft, da zwischen den beiden Gebieten
des Heiligen und des Unreinen eine ursprngliche bereinstimmung
obwalte, die erst spter einer Differenzierung gewichen sei.

Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Errterungen mhelos ab, da
dem Worte Tabu von allem Anfang an die erwhnte Doppelbedeutung zukommt,
da es zur Bezeichnung einer bestimmten Ambivalenz dient und alles
dessen, was auf dem Boden dieser Ambivalenz erwachsen ist. _Tabu_ ist
selbst ein ambivalentes Wort, und nachtrglich meinen wir, man htte aus
dem festgestellten Sinne dieses Wortes allein erraten knnen, was sich
als Ergebnis weitlufiger Untersuchung herausgestellt hat, da das
Tabuverbot als das Resultat einer Gefhlsambivalenz zu verstehen ist.
Das Studium der ltesten Sprachen hat uns belehrt, da es einst viele
solche Worte gab, welche Gegenstze in sich faten, in gewissem -- wenn
auch nicht in ganz dem nmlichen Sinne -- wie das Wort Tabu ambivalent
waren(78). Geringe lautliche Modifikationen des gegensinnigen Urwortes
haben spter dazu gedient, um den beiden hier vereinigten Gegenstzen
einen gesonderten sprachlichen Ausdruck zu schaffen.

  (78) Vgl. mein Referat ber _Abels_ Gegensinn der Urworte im
  Jahrbuch fr psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen, Bd.II,
  1910.

Das Wort _Tabu_ hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der abnehmenden
Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz ist es selbst,
respektive sind die ihm analogen Worte aus dem Sprachschatz geschwunden.
Ich hoffe, in spterem Zusammenhange wahrscheinlich machen zu knnen,
da sich hinter dem Schicksal dieses Begriffes eine greifbare
historische Wandlung verbirgt, da das Wort zuerst an ganz bestimmten
menschlichen Relationen haftete, denen die groe Gefhlsambivalenz eigen
war, und da es von hier aus auf andere, analoge Relationen ausgedehnt
wurde.

Wenn wir nicht irren, so wirft das Verstndnis des Tabu auch ein Licht
auf die Natur und Entstehung des _Gewissens_. Man kann ohne Dehnung der
Begriffe von einem Tabugewissen und von einem Tabuschuldbewutsein nach
bertretung des Tabu sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die
lteste Form, in welcher uns das Phnomen des Gewissens entgegentritt.

Denn was ist Gewissen? Nach dem Zeugnis der Sprache gehrt es zu dem,
was man am gewissesten wei; in manchen Sprachen scheidet sich seine
Bezeichnung kaum von der des Bewutseins.

Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung bestimmter in uns
bestehender Wunschregungen; der Ton liegt aber darauf, da diese
Verwerfung sich auf nichts anderes zu berufen braucht, da sie ihrer
selbst gewi ist. Noch deutlicher wird dies beim Schuldbewutsein, der
Wahrnehmung der inneren Verurteilung solcher Akte, durch die wir
bestimmte Wunschregungen vollzogen haben. Eine Begrndung erscheint hier
berflssig; jeder, der ein Gewissen hat, mu die Berechtigung der
Verurteilung, den Vorwurf wegen der vollzogenen Handlung, in sich
verspren. Diesen nmlichen Charakter zeigt aber das Verhalten der
Wilden gegen das Tabu; das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung
lt ein entsetzliches Schuldgefhl entstehen, welches ebenso
selbstverstndlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist(79).

  (79) Es ist eine interessante Parallele, da das Schuldbewutsein des
  Tabu in nichts gemindert wird, wenn die bertretung unwissentlich
  geschah (s. Beispiel oben), und da noch im griechischen Mythus die
  Verschuldung des dipus nicht aufgehoben wird dadurch, da sie ohne,
  ja gegen sein Wissen und Wollen erworben wurde.

Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden einer
Gefhlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Relationen, an denen
diese Ambivalenz haftet, und unter den fr das Tabu und die
Zwangsneurose geltend gemachten Bedingungen, da das eine Glied des
Gegensatzes unbewut sei und durch das zwanghaft herrschende andere
verdrngt erhalten werde. Zu diesem Schlusse stimmt mehrerlei, was wir
aus der Analyse der Neurose gelernt haben. Erstens, da im Charakter der
Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen Gewissenhaftigkeit hervortritt
als Reaktionssymptom gegen die im Unbewuten lauernde Versuchung, und
da bei Steigerung des Krankseins die hchsten Grade von
Schuldbewutsein von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat den
Ausspruch wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken die Herkunft des
Schuldbewutseins ergrnden knnen, so haben wir berhaupt keine
Aussicht, dieselbe zu erfahren. Die Lsung dieser Aufgabe gelingt nun
beim einzelnen neurotischen Individuum; fr die Vlker getrauen wir uns
eine hnliche Lsung zu erschlieen.

Zweitens mu es uns auffallen, da das Schuldbewutsein viel von der
Natur der Angst hat; es kann ohne Bedenken als Gewissensangst
beschrieben werden. Die Angst deutet aber auf unbewute Quellen hin; wir
haben aus der Neurosenpsychologie gelernt, da, wenn Wunschregungen der
Verdrngung unterliegen, deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu
wollen wir erinnern, da auch beim Schuldbewutsein etwas unbekannt und
unbewut ist, nmlich die Motivierung der Verwerfung. Diesem Unbekannten
entspricht der Angstcharakter des Schuldbewutseins.

Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten uert, so ist eine berlegung
denkbar, die uns sagt, es sei ganz selbstverstndlich und bedrfe keines
weitlufigen Beweises aus der Analogie mit der Neurose, da ihm eine
positive, begehrende Strmung zu Grunde liege. Denn, was niemand zu tun
begehrt, das braucht man doch nicht zu verbieten, und jedenfalls mu
das, was aufs nachdrcklichste verboten wird, doch Gegenstand eines
Begehrens sein. Wenden wir diesen plausiblen Satz auf unsere Primitiven
an, so mten wir schlieen, es gehre zu ihren strksten Versuchungen,
ihre Knige und Priester zu tten, Inzest zu verben, ihre Toten zu
mihandeln u.dgl. Das ist nun kaum wahrscheinlich; den entschiedensten
Widerspruch erwecken wir aber, wenn wir den nmlichen Satz an den Fllen
messen, in welchen wir selbst die Stimme des Gewissens am deutlichsten
zu vernehmen glauben. Wir wrden dann mit einer nicht zu bertreffenden
Sicherheit behaupten, da wir nicht die geringste Versuchung verspren,
eines dieser Gebote zu bertreten, z.B. das Gebot: Du sollst nicht
morden, und da wir vor der bertretung desselben nichts anderes
verspren als Abscheu.

Mit man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung bei, die sie
beansprucht, so wird einerseits das Verbot berflssig -- das Tabu
sowohl wie unser Moralverbot--, anderseits bleibt die Tatsache des
Gewissens unerklrt und die Beziehungen zwischen Gewissen, Tabu und
Neurose entfallen; es ist also jener Zustand unseres Verstndnisses
hergestellt, der auch gegenwrtig besteht, solange wir nicht
psychoanalytische Gesichtspunkte auf das Problem anwenden.

Wenn wir aber der durch Psychoanalyse -- an den Trumen Gesunder --
gefundenen Tatsache Rechnung tragen, da die Versuchung, den anderen zu
tten, auch bei uns strker und hufiger ist, als wir ahnen, und da sie
psychische Wirkungen uert, auch wo sie sich unserem Bewutsein nicht
kundgibt, wenn wir ferner in den Zwangsvorschriften gewisser Neurotiker
die Sicherungen und Selbstbestrafungen gegen den verstrkten Impuls zu
morden erkannt haben, dann werden wir zu dem vorhin aufgestellten Satz:
Wo ein Verbot vorliegt, mte ein Begehren dahinter sein, mit neuer
Schtzung zurckkehren. Wir werden annehmen, da dies Begehren, zu
morden, tatschlich im Unbewuten vorhanden ist, und da das Tabu wie
das Moralverbot psychologisch keineswegs berflssig ist, vielmehr durch
die ambivalente Einstellung gegen den Mordimpuls erklrt und
gerechtfertigt wird.

Der eine so hufig als fundamental hervorgehobene Charakter dieses
Ambivalenzverhltnisses, da die positive begehrende Strmung eine
unbewute ist, erffnet einen Ausblick auf weitere Zusammenhnge und
Erklrungsmglichkeiten. Die psychischen Vorgnge im Unbewuten sind
nicht durchwegs mit jenen identisch, die uns aus unserem bewuten
Seelenleben bekannt sind, sondern genieen gewisse beachtenswerte
Freiheiten, die den letzteren entzogen worden sind. Ein unbewuter
Impuls braucht nicht dort entstanden zu sein, wo wir seine uerung
finden; er kann von ganz anderer Stelle herstammen, sich ursprnglich
auf andere Personen und Relationen bezogen haben und durch den
Mechanismus der _Verschiebung_ dorthin gelangt sein, wo er uns auffllt.
Er kann ferner dank der Unzerstrbarkeit und Unkorrigierbarkeit
unbewuter Vorgnge aus sehr frhen Zeiten, denen er angemessen war, in
sptere Zeiten und Verhltnisse hinbergerettet werden, in denen seine
uerungen fremdartig erscheinen mssen. All dies sind nur Andeutungen,
aber eine sorgfltige Ausfhrung derselben wrde zeigen, wie wichtig sie
fr das Verstndnis der Kulturentwicklung werden knnen.

Zum Schlusse dieser Errterungen wollen wir eine sptere Untersuchungen
vorbereitende Bemerkung nicht versumen. Wenn wir auch an der
Wesensgleichheit von Tabuverbot und Moralverbot festhalten, so wollen
wir doch nicht bestreiten, da eine psychologische Verschiedenheit
zwischen beiden bestehen mu. Eine Vernderung in den Verhltnissen der
grundlegenden Ambivalenz kann allein die Ursache sein, da das Verbot
nicht mehr in der Form des Tabu erscheint.

Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der Tabuphnomene
von den nachweisbaren bereinstimmungen mit der Zwangsneurose leiten
lassen, aber das Tabu ist doch keine Neurose, sondern eine soziale
Bildung; somit obliegt uns die Aufgabe, auch darauf hinzuweisen, worin
der prinzipielle Unterschied der Neurose von einer Kulturschpfung wie
das Tabu zu suchen ist.

Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangspunkt nehmen.
Von der bertretung eines Tabu wird bei den Primitiven eine Strafe
befrchtet, meist eine schwere Erkrankung oder der Tod. Diese Strafe
droht nun dem, der sich die bertretung hat zu Schulden kommen lassen.
Bei der Zwangsneurose ist dies anders. Wenn der Kranke etwas ihm
Verbotenes ausfhren soll, so frchtet er die Strafe nicht fr sich,
sondern fr eine andere Person, die meist unbestimmt gelassen ist, aber
durch die Analyse leicht als eine der ihm nchsten und von ihm
geliebtesten Personen erkannt wird. Der Neurotiker verhlt sich also
hiebei wie altruistisch, der Primitive wie egoistisch. Erst wenn die
Tabubertretung sich im Missetter nicht spontan gercht hat, dann
erwacht bei den Wilden ein kollektives Gefhl, da sie durch den Frevel
alle bedroht wren, und sie beeilen sich, die ausgebliebene Bestrafung
selbst zu vollstrecken. Wir haben es leicht, uns den Mechanismus dieser
Solidaritt zu erklren. Die Angst vor dem ansteckenden Beispiel, vor
der Versuchung zur Nachahmung, also vor der Infektionsfhigkeit des Tabu
ist hier im Spiele. Wenn einer es zu stande gebracht hat, das verdrngte
Begehren zu befriedigen, so mu sich in allen Gesellschaftsgenossen das
gleiche Begehren regen; um diese Versuchung niederzuhalten, mu der
eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses gebracht werden, und
die Strafe gibt den Vollstreckern nicht selten Gelegenheit, unter der
Rechtfertigung der Shne dieselbe frevle Tat auch ihrerseits zu begehen.
Es ist dies ja eine der Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und
sie hat, wie gewi richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen
beim Verbrecher wie bei der rchenden Gesellschaft zur Voraussetzung.

Die Psychoanalyse besttigt hier, was die Frommen zu sagen pflegen, wir
seien alle arge Snder. Wie soll man nun den unerwarteten Edelsinn der
Neurose erklren, die nichts fr sich und alles fr eine geliebte Person
frchtet? Die analytische Untersuchung zeigt, da er nicht primr ist.
Ursprnglich, das heit zu Anfang der Erkrankung, galt die
Strafandrohung wie bei den Wilden der eigenen Person; man frchtete in
jedem Falle fr sein eigenes Leben; erst spter wurde die Todesangst auf
eine andere geliebte Person verschoben. Der Vorgang ist einigermaen
kompliziert, aber wir bersehen ihn vollstndig. Zu Grunde der
Verbotbildung liegt regelmig eine bse Regung -- ein Todeswunsch --
gegen eine geliebte Person. Diese wird durch ein Verbot verdrngt, das
Verbot an eine gewisse Handlung geknpft, welche etwa die feindselige
gegen die geliebte Person durch Verschiebung vertritt, die Ausfhrung
dieser Handlung mit der Todesstrafe bedroht. Aber der Proze geht
weiter, und der ursprngliche Todeswunsch gegen den geliebten anderen
ist dann durch die Todesangst um ihn ersetzt. Wenn die Neurose sich also
so zrtlich altruistisch erweist, so _kompensiert_ sie damit nur die ihr
zu Grunde liegende gegenteilige Einstellung eines brutalen Egoismus.
Heien wir die Gefhlsregungen, die durch die Rcksicht auf den anderen
bestimmt werden und ihn nicht selbst zum Sexualobjekt nehmen, _soziale_,
so knnen wir das Zurcktreten dieser sozialen Faktoren als einen spter
durch berkompensation verhllten Grundzug der Neurose herausheben.

Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und ihrer Beziehung
zu den anderen Grundtrieben des Menschen aufzuhalten, wollen wir an
einem anderen Beispiel den zweiten Hauptcharakter der Neurose zum
Vorschein bringen. Das Tabu hat in seiner Erscheinungsform die grte
hnlichkeit mit der Berhrungsangst der Neurotiker, dem Dlire de
toucher. Nun handelt es sich bei dieser Neurose regelmig um das Verbot
sexueller Berhrung, und die Psychoanalyse hat ganz allgemein gezeigt,
da die Triebkrfte, welche in der Neurose abgelenkt und verschoben
werden, sexueller Herkunft sind. Beim Tabu hat die verbotene Berhrung
offenbar nicht nur sexuelle Bedeutung, sondern vielmehr die allgemeinere
des Angreifens, der Bemchtigung, des Geltendmachens der eigenen Person.
Wenn es verboten ist, den Huptling oder etwas, was mit ihm in Berhrung
war, selbst zu berhren, so soll damit demselben Impuls eine Hemmung
angelegt werden, der sich andere Male in der argwhnischen berwachung
des Huptlings, ja in seiner krperlichen Mihandlung vor der Krnung
(s.o.) zum Ausdruck bringt. _Somit ist das berwiegen der sexuellen
Triebanteile gegen die sozialen das fr die Neurose charakteristische
Moment._ Die sozialen Triebe sind aber selbst durch Zusammentreten von
egoistischen und erotischen Komponenten zu besonderen Einheiten
entstanden.

An dem einen Beispiele vom Vergleich des Tabu mit der Zwangsneurose lt
sich bereits erraten, welches das Verhltnis der einzelnen Formen von
Neurose zu den Kulturbildungen ist, und wodurch das Studium der
Neurosenpsychologie fr das Verstndnis der Kulturentwicklung wichtig
wird.

Die Neurosen zeigen einerseits auffllige und tiefreichende
bereinstimmungen mit den groen sozialen Produktionen der Kunst, der
Religion und der Philosophie, anderseits erscheinen sie wie Verzerrungen
derselben. Man knnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein
Zerrbild einer Kunstschpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer
Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen
Systems. Diese Abweichung fhrt sich in letzter Auflsung darauf zurck,
da die Neurosen asoziale Bildungen sind; sie suchen mit privaten
Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive Arbeit
entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen erfhrt man, da in ihnen
die Triebkrfte sexueller Herkunft den bestimmenden Einflu ausben,
whrend die entsprechenden Kulturbildungen auf sozialen Trieben ruhen,
solchen, die aus der Vereinigung egoistischer und erotischer Anteile
hervorgegangen sind. Das Sexualbedrfnis ist eben nicht im stande, die
Menschen in hnlicher Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung zu
einigen; die Sexualbefriedigung ist zunchst die Privatsache des
Individuums.

Genetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose aus deren
ursprnglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden Realitt in
eine lustvollere Phantasiewelt zu flchten. In dieser, vom Neurotiker
gemiedenen realen Welt herrscht die Gesellschaft der Menschen und die
von ihnen gemeinsam geschaffenen Institutionen; die Abkehrung von der
Realitt ist gleichzeitig ein Austritt aus der menschlichen
Gemeinschaft.




III.

ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN.


1.

Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Gesichtspunkte der
Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissenschaften anwenden wollen, da
sie dem Leser von beiden zu wenig bieten mssen. Sie beschrnken sich
darum auf den Charakter von Anregungen, sie machen dem Fachmanne
Vorschlge, die er bei seiner Arbeit in Erwgung ziehen soll. Dieser
Mangel wird sich aufs uerste fhlbar machen in einem Aufsatz, welcher
das ungeheure Gebiet dessen, was man Animismus nennt, behandeln
will(80).

  (80) Die geforderte Zusammendrngung des Stoffes bringt auch den
  Verzicht auf eingehende Literaturnachweise mit sich. An deren Stelle
  stehe der Hinweis auf die bekannten Werke von Herbert _Spencer_, J.G.
  _Frazer_, A. _Lang_, E.B. _Tylor_ und W. _Wundt_, aus denen alle
  Behauptungen ber Animismus und Magie entnommen sind. Die
  Selbstndigkeit des Verfassers kann sich nur in der von ihm
  getroffenen Auswahl der Materien sowie der Meinungen kundgeben.

Animismus im engeren Sinne heit die Lehre von den Seelenvorstellungen,
im weiteren die von geistigen Wesen berhaupt. Man unterscheidet noch
Animatismus, die Lehre von der Belebtheit der uns unbelebt erscheinenden
Natur, und reiht hier den Animalismus und Manismus an. Der Name
Animismus, frher fr ein bestimmtes philosophisches System verwendet,
scheint seine gegenwrtige Bedeutung durch E.B. _Tylor_ erhalten zu
haben(81).

  (81) E.B. _Tylor_, Primitive Culture. I.Bd., p.425, 4.Aufl., 1903.
  -- W. _Wundt_, Mythus und Religion, II.Bd., p.173, 1906.

Was zur Aufstellung dieser Namen Anla gegeben hat ist die Einsicht in
die hchst merkwrdige Natur- und Weltauffassung der uns bekannten
primitiven Vlker, der historischen sowohl wie der jetzt noch lebenden.
Diese bevlkern die Welt mit einer Unzahl von geistigen Wesen, die ihnen
wohlwollend oder belgesinnt sind; sie schreiben diesen Geistern und
Dmonen die Verursachung der Naturvorgnge zu und halten nicht nur die
Tiere und Pflanzen, sondern auch die unbelebten Dinge der Welt fr durch
sie belebt. Ein drittes und vielleicht wichtigstes Stck dieser
primitiven Naturphilosophie erscheint uns weit weniger auffllig, weil
wir selbst noch nicht weit genug von ihm entfernt sind, whrend wir doch
die Existenz der Geister sehr eingeschrnkt haben und die Naturvorgnge
heute durch die Annahme unpersnlicher physikalischer Krfte erklren.
Die Primitiven glauben nmlich an eine hnliche Beseelung auch der
menschlichen Einzelwesen. Die menschlichen Personen enthalten Seelen,
welche ihren Wohnsitz verlassen und in andere Menschen einwandern
knnen; diese Seelen sind die Trger der geistigen Ttigkeiten und bis
zu einem gewissen Grad von den Leibern unabhngig. Ursprnglich wurden
die Seelen als sehr hnlich den Individuen vorgestellt und erst im Laufe
einer langen Entwicklung haben sie die Charaktere des Materiellen bis zu
einem hohen Grad von Vergeistigung abgestreift(82).

  (82) _Wundt_, l.c., IV.Kapitel Die Seelenvorstellungen.

Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, da diese
Seelenvorstellungen der ursprngliche Kern des animistischen Systems
sind, da die Geister nur selbstndig gewordenen Seelen entsprechen, und
da auch die Seelen von Tieren, Pflanzen und Dingen in Analogie mit den
Menschenseelen gebildet wurden.

Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentmlich dualistischen
Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses animistische System ruht?
Man meint, durch die Beobachtung der Phnomene des Schlafes (mit dem
Traum) und des ihm so hnlichen Todes, und durch die Bemhung, sich
diese jeden Einzelnen so nahe angehenden Zustnde zu erklren. Vor allem
mte das Todesproblem der Ausgangspunkt der Theoriebildung geworden
sein. Fr den Primitiven wre die Fortdauer des Lebens -- die
Unsterblichkeit -- das Selbstverstndliche. Die Vorstellung des Todes
ist etwas spt und nur zgernd Rezipiertes, sie ist ja auch fr uns noch
inhaltsleer und unvollziehbar. ber den Anteil, den andere Beobachtungen
und Erfahrungen an der Gestaltung der animistischen Grundlehren gehabt
haben mgen, die ber Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder u.dgl.,
haben sehr lebhafte, zu keinem Abschlu gelangte Diskussionen
stattgefunden(83).

  (83) Vgl. auer bei _Wundt_ und H. _Spencer_ die orientierenden
  Artikel der Encyclopedia Britannica, 1911 (Animism, Mythology usw.).

Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden Phnomene mit der
Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und diese dann auf die Objekte
der Auenwelt bertrug, so wird sein Verhalten dabei als durchaus
natrlich und weiter nicht rtselhaft beurteilt. _Wundt_ uert
angesichts der Tatsache, da sich die nmlichen animistischen
Vorstellungen bei den verschiedensten Vlkern und zu allen Zeiten
bereinstimmend gezeigt haben, dieselben seien das notwendige
psychologische Erzeugnis des mythenbildenden Bewutseins und der
primitive Animismus drfe als der geistige Ausdruck des _menschlichen
Naturzustandes_ gelten, insoweit dieser berhaupt fr unsere Beobachtung
erreichbar ist(84). Die Rechtfertigung der Belebung des Unbelebten hat
bereits _Hume_ in seiner Natural History of Religion gegeben, indem er
schrieb: There is an universal tendency among mankind to conceive all
beings like themselves and to transfer to every object those qualities
with which they are familiarly acquainted and of which they are
intimately conscious(85).

  (84) l.c., p.154.

  (85) Bei _Tylor_, Primitive Culture, I.Bd., p.477.

Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Erklrung eines
einzelnen Phnomens, sondern gestattet es, das Ganze der Welt als einen
einzigen Zusammenhang, aus einem Punkte, zu begreifen. Die Menschheit
hat, wenn wir den Autoren folgen wollen, drei solcher Denksysteme, drei
groe Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht: Die
animistische (mythologische), die religise und die wissenschaftliche.
Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die
folgerichtigste und erschpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos
erklrt. Diese erste Weltanschauung der Menschheit ist nun eine
psychologische Theorie. Es geht ber unsere Absicht hinaus zu zeigen,
wieviel von ihr noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder
entwertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grundlage
unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens.

Es greift auf diese Stufenfolge der drei Weltanschauungen zurck, wenn
gesagt wird, da der Animismus selbst noch keine Religion ist, aber die
Vorbedingungen enthlt, auf denen sich spter die Religionen aufbauen.
Es ist auch augenfllig, da der Mythus auf animistischen
Voraussetzungen ruht; die Einzelheiten der Beziehung von Mythus und
Animismus erscheinen aber als in wesentlichen Punkten ungeklrt.


2.

Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle einsetzen. -- Man
darf nicht annehmen, da die Menschen sich aus reiner spekulativer
Wibegierde zur Schpfung ihres ersten Weltsystems aufgeschwungen haben.
Das praktische Bedrfnis, sich der Welt zu bemchtigen, mu seinen
Anteil an dieser Bemhung haben. Wir sind darum nicht erstaunt zu
erfahren, da mit dem animistischen System etwas anderes Hand in Hand
geht, eine Anweisung, wie man verfahren msse, um der Menschen, Tiere
und Dinge, respektive ihrer Geister, Herr zu werden. Diese Anweisung,
welche unter dem Namen _Zauberei_ und _Magie_ bekannt ist, will S.
_Reinach_(86) die Strategie des Animismus heien; ich wrde es
vorziehen, sie mit _Hubert_ und _Mau_ der Technik zu vergleichen(87).

  (86) Cultes, Mythes et Religions, T.II, Introduction, p.XV, 1909.

  (87) Anne sociologique, VII.Bd., 1904.

Kann man Zauberei und Magie begrifflich von einander trennen? Es ist
mglich, wenn man sich mit einiger Eigenmchtigkeit ber die
Schwankungen des Sprachgebrauches hinwegsetzen will. Dann ist Zauberei
im wesentlichen die Kunst, die Geister zu beeinflussen, indem man sie
behandelt wie unter gleichen Bedingungen die Menschen, also indem man
sie beschwichtigt, vershnt, sich geneigt macht, sie einschchtert,
ihrer Macht beraubt, sie seinem Willen unterwirft, durch dieselben
Mittel, die man fr lebende Menschen wirksam gefunden hat. Magie ist
aber etwas anderes; sie sieht im Grunde von den Geistern ab und sie
bedient sich besonderer Mittel, nicht der banalen psychologischen
Methodik. Wir werden leicht erraten, da die Magie das ursprnglichere
und bedeutsamere Stck der animistischen Technik ist, denn unter den
Mitteln, mit denen Geister behandelt werden sollen, befinden sich auch
magische(88), und die Magie findet ihre Anwendung auch in Fllen, wo die
Vergeistigung der Natur, wie uns scheint, nicht durchgefhrt worden ist.

  (88) Wenn man einen Geist durch Lrm und Geschrei verscheucht, so ist
  dies eine rein zauberische Handlung; wenn man ihn zwingt, indem man
  sich seines Namens bemchtigt, so hat man Magie gegen ihn gebraucht.

Die Magie mu den mannigfaltigsten Absichten dienen, die Naturvorgnge
dem Willen des Menschen unterwerfen, das Individuum gegen Feinde und
Gefahren schtzen und ihm die Macht geben, seine Feinde zu schdigen.
Die Prinzipien aber, auf deren Voraussetzung das magische Tun beruht --
oder vielmehr das Prinzip der Magie -- ist so augenfllig, da es von
allen Autoren erkannt werden mute. Man kann es am knappsten, wenn man
von dem beigefgten Werturteil absieht, mit den Worten E.B. _Tylors_
ausdrcken: mistaking an ideal connexion for a real one. An zwei
Gruppen von magischen Handlungen wollen wir diesen Charakter erlutern.

Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind zu schaden,
besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm aus beliebigem Material zu
machen. Auf die hnlichkeit kommt es dabei wenig an. Man kann auch
irgend ein Objekt zu seinem Bild ernennen. Was man dann diesem
Ebenbild antut, das stt auch dem gehaten Urbild zu; an welcher
Krperstelle man das erstere verletzt, an derselben erkrankt das
letztere. Man kann dieselbe magische Technik anstatt in den Dienst
privater Feindseligkeit auch in den der Frmmigkeit stellen und so
Gttern gegen bse Dmonen zu Hilfe kommen. Ich zitiere nach
_Frazer_(89): Jede Nacht, wenn der Sonnengott Ra (im alten gypten) zu
seinem Heim im glhenden Westen herabstieg, hatte er einen bitteren
Kampf gegen eine Schar von Dmonen zu bestehen, die ihn unter der
Fhrung des Erzfeindes Apepi berfielen. Er kmpfte mit ihnen die ganze
Nacht und hufig waren die Mchte der Finsternis stark genug, noch des
Tages dunkle Wolken an den blauen Himmel zu senden, die seine Kraft
schwchten und sein Licht abhielten. Um dem Gotte beizustehen, wurde in
seinem Tempel zu Theben tglich folgende Zeremonie aufgefhrt: Es wurde
aus Wachs ein Bild seines Feindes Apepi gemacht, in der Gestalt eines
scheulichen Krokodils oder einer langgeringelten Schlange und der Name
des Dmons mit grner Tinte darauf geschrieben. In ein Papyrusgehuse
gehllt, auf dem eine hnliche Zeichnung angebracht war, wurde dann
diese Figur mit schwarzem Haar umwickelt, vom Priester angespuckt, mit
einem Steinmesser bearbeitet und auf den Boden geworfen. Dann trat er
mit seinem linken Fu auf sie und endlich verbrannte er sie in einem von
gewissen Pflanzen genhrten Feuer. Nachdem Apepi in solcher Weise
beseitigt worden war, geschah mit allen Dmonen seines Gefolges das
nmliche. Dieser Gottesdienst, bei dem gewisse Reden hergesagt werden
muten, wurde nicht nur morgens, mittags und abends wiederholt, sondern
auch jederzeit dazwischen, wenn ein Sturm wtete, wenn ein heftiger
Regengu niederging oder schwarze Wolken die Sonnenscheibe am Himmel
verdeckten. Die bsen Feinde versprten die Zchtigung, die ihren
Bildern widerfahren war, als ob sie sie selbst erlitten htten; sie
flohen und der Sonnengott triumphierte von neuem(90).

  (89) The magic art. II, p.67.

  (90) Das biblische Verbot, sich ein Bild von irgend etwas Lebendem zu
  machen, entstammte wohl keiner prinzipiellen Ablehnung der bildenden
  Kunst, sondern sollte der von der hebrischen Religion verpnten Magie
  ein Werkzeug entziehen. _Frazer_, l.c., p.87, Note.

Aus der unbersehbaren Flle hnlich begrndeter magischer Handlungen
will ich nur noch zweierlei hervorheben, die bei den primitiven Vlkern
jederzeit eine groe Rolle gespielt haben und zum Teil im Mythus und
Kultus hherer Entwicklungsstufen erhalten geblieben sind, nmlich die
Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitszaubers. Man erzeugt den Regen
auf magischem Wege, indem man ihn imitiert, etwa auch noch die ihn
erzeugenden Wolken oder den Sturm nachahmt. Es sieht aus, als ob man
regnen spielen wollte. Die japanischen Ainos z.B. machen Regen in der
Weise, da ein Teil von ihnen Wasser aus groen Sieben ausgiet, whrend
ein anderer eine groe Schssel mit Segel und Ruder ausstattet, als ob
sie ein Schiff wre, und sie so um Dorf und Grten herumzieht. Die
Fruchtbarkeit des Bodens sicherte man sich aber auf magische Weise,
indem man ihm das Schauspiel eines menschlichen Geschlechtsverkehrs
zeigte. So pflegen -- ein Beispiel anstatt unendlich vieler -- in
manchen Teilen Javas zur Zeit des Herannahens der Reisblte Bauer und
Buerin sich nachts auf die Felder zu begeben, um durch das Beispiel,
das sie ihm geben, den Reis zur Fruchtbarkeit anzuregen(91). Dagegen
frchtete man von verpnten inzestusen Geschlechtsbeziehungen, da sie
Miwuchs und Unfruchtbarkeit des Bodens erzeugen wrden(92).

  (91) The magic art., II, p.98.

  (92) Davon ein Nachklang im Knig dipus des Sophokles.

Auch gewisse negative Vorschriften -- magische Vorsichten also -- sind
dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn ein Teil der Bewohner eines
_Dayak_dorfes auf Wildschweinjagd ausgezogen ist, so drfen die
Zurckgebliebenen unterdes weder l noch Wasser mit ihren Hnden
berhren, sonst wrden die Jger weiche Finger bekommen und die Beute
aus ihren Hnden schlpfen lassen(93). Oder, wenn ein _Gilyak_jger im
Walde dem Wilde nachstellt, so ist es seinen Kindern zu Hause verboten,
Zeichnungen auf Holz oder im Sand zu machen. Die Pfade im dichten Wald
knnten sonst so verschlungen werden wie die Linien der Zeichnung, so
da der Jger den Weg nach Hause nicht findet(94).

  (93) The magic art., I, p.120.

  (94) l.c., p.122.

Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen magischer
Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die Telepathie also als
selbstverstndlich hingenommen wird, so wird auch uns das Verstndnis
dieser Eigentmlichkeit der Magie keine Schwierigkeit bereiten.

Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen als das
Wirksame betrachtet wird. Es ist die _hnlichkeit_ zwischen der
vollzogenen Handlung und dem erwarteten Geschehen. _Frazer_ nennt darum
diese Art der Magie _imitative_ oder _homopathische_. Wenn ich will,
da es regne, so brauche ich nur etwas zu tun, was wie Regen aussieht
oder an Regen erinnert. In einer weiteren Phase der Kulturentwicklung
wird man anstatt dieses magischen Regenzaubers Bittgnge zu einem
Gotteshaus veranstalten und den dort wohnenden Heiligen um Regen
anflehen. Endlich wird man auch diese religise Technik aufgeben und
dafr versuchen, durch welche Einwirkungen auf die Atmosphre Regen
erzeugt werden kann.

In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen kommt das Prinzip der
hnlichkeit nicht mehr in Betracht, dafr ein anderes, welches sich aus
den nachstehenden Beispielen leicht ergeben wird.

Um einem Feinde zu schaden, kann man sich auch eines anderen Verfahrens
bedienen. Man bemchtigt sich seiner Haare, Ngel, Abfallstoffe oder
selbst eines Teiles seiner Kleidung und stellt mit diesen Dingen etwas
Feindseliges an. Es ist dann gerade so, als htte man sich der Person
selbst bemchtigt, und was man den von der Person herrhrenden Dingen
angetan hat, mu ihr selbst widerfahren. Zu den wesentlichen
Bestandteilen einer Persnlichkeit gehrt nach der Anschauung der
Primitiven ihr Name; wenn man also den Namen einer Person oder eines
Geistes wei, hat man eine gewisse Macht ber den Trger des Namens
erworben. Daher die merkwrdigen Vorsichten und Beschrnkungen im
Gebrauche der Namen, die in dem Aufsatz ber das Tabu gestreift worden
sind(95). Die hnlichkeit wird in diesen Beispielen offenbar ersetzt
durch _Zusammengehrigkeit_.

  (95) Vgl. S.74u.ff.

Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere Motivierung in
hnlicher Weise ab. Indem man Teile vom Leib einer Person durch den Akt
des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften
an, welche dieser Person angehrt haben. Daraus erfolgen dann Vorsichten
und Beschrnkungen der Dit unter besonderen Umstnden. Eine Frau wird
in der Graviditt vermeiden, das Fleisch gewisser Tiere zu genieen,
weil deren unerwnschte Eigenschaften, z.B. die Feigheit, so auf das
von ihr genhrte Kind bergehen knnten. Es macht fr die magische
Wirkung keinen Unterschied, auch wenn der Zusammenhang ein bereits
aufgehobener ist, oder wenn er berhaupt nur in einmaliger,
bedeutungsvoller Berhrung bestand. So ist z.B. der Glaube an ein
magisches Band, welches das Schicksal einer Wunde mit dem der Waffe
verknpft, durch welche sie hervorgerufen wurde, unverndert durch
Jahrtausende zu verfolgen. Wenn ein Melanesier sich des Bogens
bemchtigt hat, durch den er verwundet wurde, so wird er ihn sorgfltig
an einem khlen Ort verwahren, um so die Entzndung der Wunde
niederzuhalten. Ist der Bogen aber im Besitz der Feinde geblieben, so
wird er gewi in nchster Nhe eines Feuers aufgehngt werden, damit die
Wunde nur ja recht entzndet werde und brenne. _Plinius_ rt in seiner
Nat. Hist.XXVIII, wenn man bereut, einen anderen verletzt zu haben,
solle man auf die Hand spucken, welche die Verletzung verschuldet hat;
der Schmerz des Verletzten werde dann sofort gelindert. _Francis Bacon_
erwhnt in seiner Natural History den allgemein gltigen Glauben, da
das Salben einer Waffe, welche eine Wunde geschlagen hat, diese Wunde
selbst heilt. Die englischen Bauern sollen noch heute nach diesem Rezept
handeln, und wenn sie sich mit einer Sichel geschnitten haben, das
Instrument von da an sorgfltig rein halten, damit die Wunde nicht in
Eiterung gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtete eine lokale
englische Wochenschrift, stie sich eine Frau namens Matilda Henry in
_Norwich_ zufllig einen eisernen Nagel in die Sohle. Ohne die Wunde
untersuchen zu lassen oder auch nur den Strumpf auszuziehen, hie sie
ihre Tochter, den Nagel gut einlen, in der Erwartung, da ihr dann
nichts geschehen knne. Sie selbst starb einige Tage spter an
Wundstarrkrampf(96), infolge dieser verschobenen Antisepsis.

  (96) _Frazer_, The magic art. I, p.201-203.

Die Beispiele der letzteren Gruppe erlutern, was _Frazer_ als
_kontagise_ Magie von der _imitativen_ sondert. Was in ihnen als
wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die hnlichkeit, sondern der
Zusammenhang im Raum, die _Kontiguitt_, wenigstens die vorgestellte
Kontiguitt, die Erinnerung an ihr Vorhandensein. Da aber hnlichkeit
und Kontiguitt die beiden wesentlichen Prinzipien der Assoziationsvorgnge
sind, stellt sich als Erklrung fr all die Tollheit der
magischen Vorschriften wirklich die Herrschaft der Ideenassoziation
heraus. Man sieht, wie zutreffend sich _Tylors_ oben zitierte
Charakteristik der Magie erweist: mistaking an ideal connexion
for a real one, oder wie es fast gleichlautend _Frazer_ ausgedrckt hat:
men mistook the order of their ideas for the order of nature, and hence
imagined that the control which they have, or seem to have, over their
thoughts, permitted them to exercise a corresponding control over
things(97).

  (97) The magic art., I, p.420ff.

Es wird dann zunchst befremdend wirken, da diese einleuchtende
Erklrung der Magie von manchen Autoren als unbefriedigend verworfen
werden konnte(98). Bei nherer berlegung mu man aber dem Einwand Recht
geben, da die Assoziationstheorie der Magie blo die Wege aufklrt,
welche die Magie geht, aber nicht deren eigentliches Wesen, nmlich
nicht das Miverstndnis, welches sie psychologische Gesetze an die
Stelle natrlicher setzen heit. Es bedarf hier offenbar eines
dynamischen Moments, aber whrend die Suche nach einem solchen die
Kritiker der _Frazer_schen Lehre in die Irre fhrt, wird es leicht, eine
befriedigende Aufklrung der Magie zu geben, wenn man nur die
Assoziationstheorie derselben weiterfhren und vertiefen will.

  (98) Vgl. den Artikel _Magic_ (N.W.T.) in der 11.Auflage der
  Encyclopedia Britannica.

Betrachten wir zunchst den einfacheren und bedeutsameren Fall der
imitativen Magie. Nach _Frazer_ kann diese allein gebt werden, whrend
die kontagise Magie in der Regel die imitative voraussetzt(99). Die
Motive, welche zur Ausbung der Magie drngen, sind leicht zu erkennen,
es sind die Wnsche des Menschen. Wir brauchen nun blo anzunehmen, da
der primitive Mensch ein groartiges Zutrauen zur Macht seiner Wnsche
hat. Im Grund mu all das, was er auf magischem Wege herstellt, doch nur
darum geschehen, weil er es will. So ist anfnglich blo sein Wunsch das
Betonte.

  (99) l.c., p.54.

Fr das Kind, welches sich unter analogen psychischen Bedingungen
befindet, aber motorisch noch nicht leistungsfhig ist, haben wir an
anderer Stelle die Annahme vertreten, da es seine Wnsche zunchst
wirklich halluzinatorisch befriedigt, indem es die befriedigende
Situation durch die zentrifugalen Erregungen seiner Sinnesorgane
herstellen lt(100). Fr den erwachsenen Primitiven ergibt sich ein
anderer Weg. An seinem Wunsch hngt ein motorischer Impuls, der Wille,
und dieser -- der spter im Dienst der Wunschbefriedigung das Antlitz
der Erde verndern wird -- wird jetzt dazu verwendet, die Befriedigung
darzustellen, so da man sie gleichsam durch motorische Halluzination
erleben kann. Eine solche _Darstellung_ des befriedigten Wunsches ist
dem _Spiele_ der Kinder vllig vergleichbar, welches bei diesen die rein
sensorische Technik der Befriedigung ablst. Wenn Spiel und imitative
Darstellung dem Kinde und dem Primitiven gengen, so ist dies nicht ein
Zeichen von Bescheidenheit in unserem Sinne oder von Resignation infolge
Erkenntnis ihrer realen Ohnmacht, sondern die wohl verstndliche Folge
der berwiegenden Wertung ihres Wunsches, des von ihm abhngigen Willens
und der von ihm eingeschlagenen Wege. Mit der Zeit verschiebt sich der
psychische Akzent von den Motiven der magischen Handlung auf deren
Mittel, auf die Handlung selbst. Vielleicht sagen wir richtiger, an
diesen Mitteln erst wird ihm die berschtzung seiner psychischen Akte
evident. Nun hat es den Anschein, als wre es nichts anderes als die
magische Handlung, die kraft ihrer hnlichkeit mit dem Gewnschten
dessen Geschehen erzwingt. Auf der Stufe des animistischen Denkens gibt
es noch keine Gelegenheit, den wahren Sachverhalt objektiv zu erweisen,
wohl aber auf spteren, wenn alle solche Prozeduren noch gepflegt
werden, aber das psychische Phnomen des Zweifels als Ausdruck einer
Verdrngungsneigung bereits mglich ist. Dann werden die Menschen
zugeben, da die Beschwrungen von Geistern nichts leisten, wenn nicht
der Glaube an sie dabei ist, und da auch die Zauberkraft des Gebets
versagt, wenn keine Frmmigkeit dahinter wirkt(101).

  (100) Formulierungen ber die zwei Prinzipien des psychischen
  Geschehens. Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen, III.Bd., 1912, p.2.

  (101) Der Knig in _Hamlet_ (III, 4.): My words fly up, my thoughts
  remain below; Words without thoughts never to heaven go.

Die Mglichkeit einer auf der Kontiguittsassoziation beruhenden
kontagisen Magie wird uns dann zeigen, da sich die psychische
Wertschtzung vom Wunsch und vom Willen her auf alle psychischen Akte,
die dem Willen zu Gebote stehen, ausgedehnt hat. Es besteht also jetzt
eine allgemeine berschtzung der seelischen Vorgnge, das heit eine
Einstellung zur Welt, welche uns nach unseren Einsichten in die
Beziehung von Realitt und Denken als solche berschtzung des letzteren
erscheinen mu. Die Dinge treten gegen deren Vorstellungen zurck; was
mit den letzteren vorgenommen wird, mu sich auch an den ersteren
ereignen. Die Relationen, die zwischen den Vorstellungen bestehen,
werden auch zwischen den Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine
Entfernungen kennt, das rumlich Entlegenste wie das zeitlich
Verschiedenste mit Leichtigkeit in einen Bewutseinsakt zusammenbringt,
wird auch die magische Welt sich telepathisch ber die rumliche Distanz
hinaussetzen und ehemaligen Zusammenhang wie gegenwrtigen behandeln.
Das Spiegelbild der Innenwelt mu im animistischen Zeitalter jenes
andere Weltbild, das wir zu erkennen glauben, unsichtbar machen.

Heben wir brigens hervor, da die beiden Prinzipien der Assoziation --
hnlichkeit und Kontiguitt -- in der hheren Einheit der _Berhrung_
zusammentreffen. Kontiguittsassoziation ist Berhrung im direkten,
hnlichkeitsassoziation solche im bertragenen Sinne. Eine von uns noch
nicht erfate Identitt im psychischen Vorgang wird wohl durch den
Gebrauch des nmlichen Wortes fr beide Arten der Verknpfung verbrgt.
Es ist derselbe Umfang des Begriffes Berhrung, der sich bei der Analyse
des Tabu herausstellte(102).

  (102) Vgl. die vorige Abhandlung dieser Reihe.

Zusammenfassend knnen wir nun sagen: das Prinzip, welches die Magie,
die Technik der animistischen Denkweise, regiert, ist das der Allmacht
der Gedanken.


3.

Die Bezeichnung Allmacht der Gedanken habe ich von einem
hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne angenommen,
dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische Behandlung
mglich geworden ist, auch seine Tchtigkeit und Verstndigkeit zu
erweisen(103). Er hatte sich dieses Wort geprgt zur Begrndung aller
jener sonderbaren und unheimlichen Geschehnisse, die ihn wie andere mit
seinem Leiden Behaftete zu verfolgen schienen. Dachte er eben an eine
Person, so kam sie ihm auch schon entgegen, als ob er sie beschworen
htte; erkundigte er sich pltzlich nach dem Befinden eines lange
vermiten Bekannten, so mute er hren, da dieser eben gestorben sei,
so da er glauben konnte, jener habe sich ihm telepathisch bemerkbar
gemacht; stie er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst
gemeinte Verwnschung aus, so durfte er erwarten, da dieser bald darauf
starb und ihn mit der Verantwortlichkeit fr sein Ableben belastete. Von
den meisten dieser Flle konnte er mir im Laufe der Behandlung selbst
mitteilen, wie der tuschende Anschein entstanden war, und was er selbst
an Veranstaltungen hinzugetan hatte, um sich in seinen aberglubischen
Erwartungen zu bestrken(104). Alle Zwangskranken sind in solcher Weise,
meist gegen ihre bessere Einsicht, aberglubisch.

  (103) Bemerkungen ber einen Fall von Zwangsneurose, Jahrbuch fr
  psychoanalyt. und psychopath. Forschungen, I.Bd., 1909. (Sammlung kl.
  Schriften zur Neurosenlehre, 3.Folge, 1913.)

  (104) Es scheint, da wir den Charakter des Unheimlichen solchen
  Eindrcken verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die
  animistische Denkweise berhaupt besttigen wollen, whrend wir uns
  bereits im Urteil von ihr abgewendet haben.

Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der
Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser primitiven
Denkweise sind hier dem Bewutsein am nchsten. Wir mssen uns aber
davor hten, darin einen auszeichnenden Charakter dieser Neurose zu
erblicken, denn die analytische Untersuchung deckt das nmliche bei den
anderen Neurosen auf. Bei ihnen allen ist nicht die Realitt des
Erlebens, sondern die des Denkens fr die Symptombildung magebend. Die
Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es an
anderer Stelle ausgedrckt habe, nur die neurotische Whrung gilt, das
heit nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen
wirksam, dessen bereinstimmung mit der ueren Realitt aber
nebenschlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfllen und fixiert
durch seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner Phantasie so
zugetragen haben, allerdings in letzter Auflsung auf wirkliche
Ereignisse zurckgehen oder aus solchen aufgebaut worden sind. Das
Schuldbewutsein der Neurotiker wrde man ebenso schlecht verstehen,
wenn man es auf reale Missetaten zurckfhren wollte. Ein
Zwangsneurotiker kann von einem Schuldbewutsein gedrckt sein, das
einem Massenmrder wohl anstnde; er wird sich dabei gegen seine
Mitmenschen als der rcksichtsvollste und skrupulseste Genosse benehmen
und seit seiner Kindheit so benommen haben. Doch ist sein Schuldgefhl
begrndet; es fut auf den intensiven und hufigen Todeswnschen, die
sich in ihm unbewut gegen seine Mitmenschen regen. Es ist begrndet,
insofern unbewute Gedanken und nicht absichtliche Taten in Betracht
kommen. So erweist sich die Allmacht der Gedanken, die berschtzung der
seelischen Vorgnge gegen die Realitt, als unbeschrnkt wirksam im
Affektleben des Neurotikers und in allen von diesem ausgehenden Folgen.
Unterzieht man ihn aber der psychoanalytischen Behandlung, welche das
bei ihm Unbewute bewut macht, so wird er nicht glauben knnen, da
Gedanken frei sind, und wird sich jedesmal frchten, bse Wnsche zu
uern, als ob sie infolge dieser uerung in Erfllung gehen mten.
Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben bettigten Aberglauben
zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden steht, der durch seine bloen
Gedanken die Auenwelt zu verndern vermeint.

Die primren Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigentlich durchaus
magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so doch Gegenzauber, zur
Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, mit denen die Neurose zu
beginnen pflegt. So oft ich das Geheimnis zu durchdringen vermochte,
zeigte es sich, da diese Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das
Todesproblem steht nach _Schopenhauer_ am Eingang jeder Philosophie; wir
haben gehrt, da auch die Bildung der Seelenvorstellungen und des
Dmonenglaubens, die den Animismus kennzeichnen, auf den Eindruck
zurckgefhrt wird, den der Tod auf den Menschen macht. Ob diese ersten
Zwangs- oder Schutzhandlungen dem Prinzip der hnlichkeit, respektive
des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter
den Bedingungen der Neurose gewhnlich durch die Verschiebung auf irgend
ein Kleinstes, eine an sich hchst geringfgige Aktion entstellt(105).
Auch die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstck in den
Zauberformeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der Zwangshandlungen
kann man aber beschreiben, indem man hervorhebt, wie sie, vom Sexuellen
mglichst weit entfernt, als Zauber gegen bse Wnsche beginnen, um als
Ersatz fr verbotenes sexuelles Tun, das sie mglichst getreu nachahmen,
zu enden.

  (105) Ein weiteres Motiv fr diese Verschiebung auf eine kleinste
  Aktion wird sich aus den nachstehenden Errterungen ergeben.

Wenn wir die vorhin erwhnte Entwicklungsgeschichte der menschlichen
Weltanschauungen annehmen, in welcher die _animistische_ Phase von der
_religisen_, diese von der _wissenschaftlichen_ abgelst wird, wird es
uns nicht schwer, die Schicksale der Allmacht der Gedanken durch diese
Phasen zu verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich
selbst die Allmacht zu; im religisen hat er sie den Gttern abgetreten,
aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er behlt sich vor, die
Gtter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wnschen zu lenken.
In der wissenschaftlichen Weltanschauung ist kein Raum mehr fr die
Allmacht des Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich
resigniert dem Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen.
Aber in dem Vertrauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den
Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stck des primitiven
Allmachtglaubens weiter.

Bei der Rckverfolgung der Entwicklung libidinser Strebungen im
Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den ersten
Anfngen der Kindheit, hat sich zunchst eine wichtige Unterscheidung
ergeben, die in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905
niedergelegt ist. Die uerungen der sexuellen Triebe sind von Anfang an
zu erkennen, aber sie richten sich zuerst noch auf kein ueres Objekt.
Die einzelnen Triebkomponenten der Sexualitt arbeiten jede fr sich auf
Lustgewinn und finden ihre Befriedigung am eigenen Krper. Dies Stadium
heit das des _Autoerotismus_, es wird von dem der _Objektwahl_
abgelst.

Es hat sich bei weiterem Studium als zweckmig, ja als unabweisbar
gezeigt, zwischen diesen beiden Stadien ein drittes einzuschieben, oder,
wenn man so will, das erste Stadium des Autoerotismus in zwei zu
zerlegen. In diesem Zwischenstadium, dessen Bedeutsamkeit sich der
Forschung immer mehr aufdrngt, haben die vorher vereinzelten
Sexualtriebe sich bereits zu einer Einheit zusammengesetzt und auch ein
Objekt gefunden; dies Objekt ist aber kein ueres, dem Individuum
fremdes, sondern es ist das eigene, um diese Zeit konstituierte Ich. Mit
Rcksicht auf spter zu beobachtende pathologische Fixierungen dieses
Zustandes heien wir das neue Stadium das des _Narzimus_. Die Person
verhlt sich so, als wre sie in sich selbst verliebt; die Ichtriebe und
die libidinsen Wnsche sind fr unsere Analyse noch nicht von einander
zu sondern.

Wenngleich uns eine gengend scharfe Charakteristik dieses narzitischen
Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexualtriebe zu einer
Einheit zusammentreten und das Ich als Objekt besetzen, noch nicht
mglich ist, so ahnen wir doch bereits, da die narzitische
Organisation nie mehr vllig aufgegeben wird. Der Mensch bleibt in
gewissem Mae narzitisch, auch nachdem er uere Objekte fr seine
Libido gefunden hat; die Objektbesetzungen, die er vornimmt, sind
gleichsam Emanationen der beim Ich verbleibenden Libido und knnen
wieder in dieselbe zurckgezogen werden. Die psychologisch so
merkwrdigen Zustnde von Verliebtheit, die Normalvorbilder der
Psychosen, entsprechen dem hchsten Stande dieser Emanationen im
Vergleich zum Niveau der Ichliebe.

Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochschtzung der
psychischen Aktionen -- die wir von unserem Standpunkt aus eine
berschtzung heien -- bei den Primitiven und Neurotikern in Beziehung
zum Narzimus zu bringen und sie als wesentliches Teilstck desselben
aufzufassen. Wir wrden sagen, das Denken ist bei den Primitiven noch in
hohem Mae sexualisiert, daher rhrt der Glaube an die Allmacht der
Gedanken, die unerschtterliche Zuversicht auf die Mglichkeit der
Weltbeherrschung und die Unzugnglichkeit gegen die leicht zu machenden
Erfahrungen, welche den Menschen ber seine wirkliche Stellung in der
Welt belehren knnten. Bei den Neurotikern ist einerseits ein
betrchtliches Stck dieser primitiven Einstellung konstitutionell
verblieben, anderseits wird durch die bei ihnen eingetretene
Sexualverdrngung eine neuerliche Sexualisierung der Denkvorgnge
herbeigefhrt. Die psychischen Folgen mssen in beiden Fllen dieselben
sein, bei ursprnglicher wie bei regressiv erzielter libidinser
berbesetzung des Denkens: intellektueller Narzimus, Allmacht der
Gedanken(106).

  (106) It is almost an axiom with writers on this subject, that a sort
  of Solipsism or Berkleianism (as Professor _Sully_ terms it as he
  finds it in the Child) operates in the savage to make him refuse to
  recognise death as a fact. -- _Marett_, Pre-animistic religion,
  Folklore, XI.Bd., 1900, p.178.

Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den Primitiven ein
Zeugnis fr den Narzimus erblicken drfen, so knnen wir den Versuch
wagen, die Entwicklungsstufen der menschlichen Weltanschauung mit den
Stadien der libidinsen Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu
ziehen. Es entspricht dann zeitlich wie inhaltlich die animistische
Phase dem Narzimus, die religise Phase jener Stufe der Objektfindung,
welche durch die Bindung an die Eltern charakterisiert ist, und die
wissenschaftliche Phase hat ihr volles Gegenstck in jenem Reifezustand
des Individuums, welcher auf das Lustprinzip verzichtet hat und unter
Anpassung an die Realitt sein Objekt in der Auenwelt sucht(107).

  (107) Es soll hier nur angedeutet werden, da der ursprngliche
  Narzimus des Kindes magebend fr die Auffassung seiner
  Charakterentwicklung ist und die Annahme eines primitiven
  Minderwertigkeitsgefhles bei demselben ausschliet.

Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die Allmacht der
Gedanken erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der Kunst allein
kommt es noch vor, da ein von Wnschen verzehrter Mensch etwas der
Befriedigung hnliches macht, und da dieses Spielen -- dank der
knstlerischen Illusion -- Affektwirkungen hervorruft, als wre es etwas
Reales. Mit Recht spricht man vom Zauber der Kunst und vergleicht den
Knstler mit einem Zauberer. Aber dieser Vergleich ist vielleicht
bedeutsamer, als er zu sein beansprucht. Die Kunst, die gewi nicht als
l'art pour l'art begonnen hat, stand ursprnglich im Dienste von
Tendenzen, die heute zum groen Teil erloschen sind. Unter diesen lassen
sich mancherlei magische Absichten vermuten(108).

  (108) S. _Reinach_, L'art et la magie in der Sammlung Cultes, Mythes
  et Religions, I.Bd., p.125 bis 136. -- _Reinach_ meint, die
  primitiven Knstler, welche uns die eingeritzten oder aufgemalten
  Tierbilder in den Hhlen Frankreichs hinterlassen haben, wollten nicht
  Gefallen erregen, sondern beschwren. Er erklrt es so, da sich
  diese Zeichnungen an den dunkelsten und unzugnglichsten Stellen der
  Hhlen befinden, und da die Darstellungen der gefrchteten Raubtiere
  unter ihnen fehlen. Les modernes parlent souvent, par hyperbole, de
  la magie du pinceau ou du ciseau d'un grand artiste et, en gnral, de
  la magie de l'art. Entendu au sens propre, qui est celui d'une
  contrainte mystique exerce par la volont de l'homme sur d'autres
  volonts ou sur les choses, cette expression n'est plus admissible;
  mais nous avons vu qu'elle tait autrefois rigoureusement vraie, du
  moins dans opinion des artistes (p.136).


4.

Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des Animismus,
war also eine psychologische. Sie bedurfte noch keiner Wissenschaft zu
ihrer Begrndung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn man eingesehen
hat, da man die Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen mu, um
sie kennen zu lernen. Der Animismus war aber dem primitiven Menschen
natrlich und selbstgewi; er wute, wie die Dinge der Welt sind,
nmlich so wie der Mensch sich selbst versprte. Wir sind also darauf
vorbereitet, zu finden, da der primitive Mensch Strukturverhltnisse
seiner eigenen Psyche in die Auenwelt verlegte(109), und drfen
anderseits den Versuch machen, was der Animismus von der Natur der Dinge
lehrt, in die menschliche Seele zurckzuversetzen.

  (109) Durch sogenannte endopsychische Wahrnehmung erkannte.

Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deutlichsten und
unvermengtesten die Absicht, den realen Dingen die Gesetze des
Seelenlebens aufzuzwingen, wobei Geister noch keine Rolle spielen
mssen, whrend auch Geister zu Objekten magischer Behandlung genommen
werden knnen. Die Voraussetzungen der Magie sind also ursprnglicher
und lter als die Geisterlehre, die den Kern des Animismus bildet.
Unsere psychoanalytische Betrachtung trifft hier mit einer Lehre von
R.R. _Marett_ zusammen, welcher ein _pranimistisches_ Stadium dem
Animismus vorhergehen lt, dessen Charakter am besten durch den Namen
_Animatismus_ (Lehre von der allgemeinen Belebtheit) angedeutet wird. Es
ist wenig mehr aus der Erfahrung ber den Pranimismus zu sagen, da man
noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistervorstellungen
entbehrte(110).

  (110) R.R. _Marett_, Pre-animistic religion, Folklore, XI.Bd.,
  Nr.2, London 1900. -- Vgl. _Wundt_, Mythus und Religion, II.Bd.,
  p.171 u.ff.

Whrend die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vorbehlt, hat der
Animismus einen Teil dieser Allmacht den Geistern abgetreten und damit
den Weg zur Bildung einer Religion eingeschlagen. Was soll nun den
Primitiven zu dieser ersten Verzichtleistung bewogen haben? Kaum die
Einsicht in die Unrichtigkeit seiner Voraussetzungen, denn er behlt ja
die magische Technik bei.

Die Geister und Dmonen sind, wie an anderer Stelle angedeutet wurde,
nichts als die Projektionen seiner Gefhlsregungen(111); er macht seine
Affektbesetzungen zu Personen, bevlkert mit ihnen die Welt, und findet
nun seine inneren seelischen Vorgnge auer seiner wieder, ganz hnlich
wie der geistreiche Paranoiker _Schreber_, der die Bindungen und
Lsungen seiner Libido in den Schicksalen der von ihm kombinierten
Gottesstrahlen gespiegelt fand(112).

  (111) Wir nehmen an, da in diesem frhen narzitischen Stadium
  Besetzungen aus libidinser und anderen Erregungsquellen vielleicht
  noch ununterscheidbar miteinander vereinigt sind.

  (112) _Schreber_, Denkwrdigkeiten eines Nervenkranken. 1903. --
  _Freud_, Psychoanalytische Bemerkungen ber einen autobiographisch
  beschriebenen Fall von Paranoia, Jahrb. f. psychoanalyt. Forsch.,
  III.Bd., 1911. (Schriften zur Neurosenlehre, 3.Folge, 1913.)

Wir wollen hier wie bei einem frheren Anlasse(113) dem Problem
ausweichen, woher die Neigung berhaupt rhrt, seelische Vorgnge nach
auen zu projizieren. Der einen Annahme drfen wir uns aber getrauen,
da diese Neigung dort eine Verstrkung erfhrt, wo die Projektion den
Vorteil einer psychischen Erleichterung mit sich bringt. Ein solcher
Vorteil ist mit Bestimmtheit zu erwarten, wenn die nach Allmacht
strebenden Regungen in Konflikt miteinander geraten sind; dann knnen
sie offenbar nicht alle allmchtig werden. Der Krankheitsproze der
Paranoia bedient sich tatschlich des Mechanismus der Projektion, um
solche im Seelenleben entstandene Konflikte zu erledigen. Nun ist der
vorbildliche Fall eines solchen Konflikts der zwischen den beiden
Gliedern eines Gegensatzpaares, der Fall der ambivalenten Einstellung,
den wir in der Situation des Trauernden beim Tode eines teuern
Angehrigen eingehend zergliedert haben. Ein solcher Fall wird uns
besonders geeignet scheinen, die Schpfung von Projektionsgebilden zu
motivieren. Wir treffen hier wiederum mit Meinungen der Autoren
zusammen, welche die bsen Geister fr die erstgeborenen unter den
Geistern erklren und die Entstehung der Seelenvorstellungen aus dem
Eindruck des Todes auf die berlebenden ableiten. Wir machen nur den
einen Unterschied, da wir nicht das intellektuelle Problem
voranstellen, welches der Tod dem Lebenden aufgibt, sondern die zur
Erforschung treibende Kraft in den Gefhlskonflikt verlegen, in welchen
diese Situation den berlebenden strzt.

  (113) Vgl. die letztzitierte Abhandlung ber _Schreber_, p.59.

Die erste theoretische Leistung des Menschen -- die Schpfung der
Geister -- wrde also aus derselben Quelle entspringen wie die ersten
sittlichen Beschrnkungen, denen er sich unterwirft, die
Tabuvorschriften. Doch soll die Gleichheit des Ursprungs nichts fr die
Gleichzeitigkeit der Entstehung prjudizieren. Wenn es wirklich die
Situation des berlebenden gegen den Toten war, die den primitiven
Menschen zuerst nachdenklich machte, ihn ntigte, einen Teil seiner
Allmacht an die Geister abzugeben und ein Stck der freien Willkr
seines Handelns zu opfern, so wren diese Kulturschpfungen eine erste
Anerkennung der ~Anank~, die sich dem menschlichen Narzimus
widersetzt. Der Primitive wrde sich vor der bermacht des Todes beugen
mit derselben Geste, durch die er diesen zu verleugnen scheint.

Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraussetzungen haben,
knnen wir fragen, welches wesentliche Stck unserer psychologischen
Struktur in der Projektionsschpfung der Seelen und Geister seine
Spiegelung und Wiederkehr findet. Es ist dann schwer zu bestreiten, da
die primitive Seelenvorstellung, soweit sie auch noch von der spteren
vllig immateriellen Seele absteht, doch im wesentlichen mit dieser
zusammentrifft, also Person oder Ding als eine Zweiheit auffat, auf
deren beide Bestandteile die bekannten Eigenschaften und Vernderungen
des Ganzen verteilt sind. Diese ursprngliche Dualitt -- nach einem
Ausdruck von H. _Spencer_(114) -- ist bereits identisch mit jenem
Dualismus, der sich, in der uns gelufigen Trennung von Geist und Krper
kundgibt, und dessen unzerstrbare sprachliche uerungen wir z.B. in
der Beschreibung des Ohnmchtigen oder Rasenden: _er sei nicht bei
sich_, erkennen(115).

  (114) Im I.Band der Prinzipien der Soziologie.

  (115) H. _Spencer_, l.c., p.179.

Was wir so, ganz hnlich wie der Primitive, in die uere Realitt
projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Erkenntnis eines
Zustandes, in dem ein Ding den Sinnen und dem Bewutsein gegeben,
_prsent_ ist, neben welchem ein anderer besteht, in dem dasselbe
_latent_ ist, aber wiedererscheinen kann, also die Koexistenz von
Wahrnehmen und Erinnern, oder, ins Allgemeine ausgedehnt, die Existenz
_unbewuter_ Seelenvorgnge neben den _bewuten_(116). Man knnte sagen,
der Geist einer Person oder eines Dinges reduziere sich in letzter
Analyse auf deren Fhigkeit erinnert und vorgestellt zu werden, wenn sie
der Wahrnehmung entzogen sind.

  (116) Vgl. meine kleine Schrift: A note on the Unconscious in
  Psycho-Analysis aus den Proceedings of the Society for Psychical
  Research, PartLXVI, vol.XXVI, London 1912.

Man wird nun freilich weder von der primitiven noch von der heutigen
Vorstellung der Seele erwarten drfen, da ihre Abgrenzung vom anderen
Teile die Linien einhalte, welche unsere heutige Wissenschaft zwischen
der bewuten und der unbewuten Seelenttigkeit zieht. Die animistische
Seele vereinigt vielmehr Bestimmungen von beiden Seiten in sich. Ihre
Flchtigkeit und Beweglichkeit, ihre Fhigkeit, den Krper zu verlassen,
dauernd oder vorbergehend von einem anderen Leibe Besitz zu nehmen,
dies sind Charaktere, die unverkennbar an das Wesen des Bewutseins
erinnern. Aber die Art, wie sie sich hinter der persnlichen Erscheinung
verborgen hlt, mahnt an das Unbewute; die Unvernderlichkeit und
Unzerstrbarkeit schreiben wir heute nicht mehr den bewuten, sondern
den unbewuten Vorgngen zu, und diese betrachten wir auch als die
eigentlichen Trger der seelischen Ttigkeit.

                   *       *       *       *       *

Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die erste
vollstndige Theorie der Welt, und wollen nun aus der psychoanalytischen
Auffassung eines solchen Systems gewisse Folgerungen ableiten. Die
Erfahrung jedes unserer Tage kann uns die Haupteigenschaften des
Systems immer von neuem vorfhren. Wir trumen in der Nacht und haben
es erlernt, am Tage den Traum zu deuten. Der Traum kann, ohne seine
Natur zu verleugnen, wirr und zusammenhanglos erscheinen, er kann aber
auch im Gegenteil die Ordnung der Eindrcke eines Erlebnisses nachahmen,
eine Begebenheit aus der anderen ableiten und ein Stck seines Inhaltes
auf ein anderes beziehen. Dies scheint ihm besser oder schlechter
gelungen zu sein, fast niemals gelingt es so vollkommen, da nicht
irgendwo eine Absurditt, ein Ri im Gefge zum Vorschein kme. Wenn wir
den Traum der Deutung unterziehen, erfahren wir, da die inkonstante und
ungleichmige Anordnung der Traumbestandteile auch etwas fr das
Verstndnis des Traumes recht Unwichtiges ist. Das Wesentliche am Traum
sind die Traumgedanken, die allerdings sinnreich, zusammenhngend und
geordnet sind. Aber deren Ordnung ist eine ganz andere als die von uns
am manifesten Trauminhalt erinnerte. Der Zusammenhang der Traumgedanken
ist aufgegeben worden und kann dann entweder berhaupt verloren bleiben
oder durch den neuen Zusammenhang des Trauminhalts ersetzt werden. Fast
regelmig hat, auer der Verdichtung der Traumelemente, eine Umordnung
derselben stattgefunden, die von der frheren Anordnung mehr oder
weniger unabhngig ist. Wir sagen abschlieend, das, was durch die
Traumarbeit aus dem Material der Traumgedanken geworden ist, hat eine
neue Beeinflussung erfahren, die sogenannte _sekundre Bearbeitung_,
deren Absicht offenbar dahingeht, die aus der Traumarbeit resultierende
Zusammenhangslosigkeit und Unverstndlichkeit zu Gunsten eines neuen
Sinnes zu beseitigen. Dieser neue, durch die sekundre Bearbeitung
erzielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der Traumgedanken.

Die sekundre Bearbeitung des Produkts der Traumarbeit ist ein
vortreffliches Beispiel fr das Wesen und die Ansprche eines Systems.
Eine intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheitlichung,
Zusammenhang und Verstndlichkeit von jedem Material der Wahrnehmung
oder des Denkens, dessen sie sich bemchtigt, und scheut sich nicht,
einen unrichtigen Zusammenhang herzustellen, wenn sie infolge besonderer
Umstnde den richtigen nicht erfassen kann. Wir kennen solche
Systembildungen nicht nur vom Traume, sondern auch von den Phobien, dem
Zwangsdenken und den Formen des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der
Paranoia) ist die Systembildung das Sinnflligste, sie beherrscht das
Krankheitsbild, sie darf aber auch bei den anderen Formen von
Neuropsychosen nicht bersehen werden. In allen Fllen knnen wir dann
nachweisen, da eine _Umordnung_ des psychischen Materials zu einem
neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im Grunde recht gewaltsame, wenn
sie nur unter dem Gesichtspunkt des Systems begreiflich erscheint. Es
wird dann zum besten Kennzeichen der Systembildung, da jedes der
Ergebnisse desselben mindestens zwei Motivierungen aufdecken lt, eine
Motivierung aus den Voraussetzungen des Systems -- also eventuell eine
wahnhafte -- und eine versteckte, die wir aber als die eigentlich
wirksame, reale, anerkennen mssen.

Zur Erluterung ein Beispiel aus der Neurose: In der Abhandlung ber das
Tabu erwhnte ich eine Kranke, deren Zwangsverbote die schnsten
bereinstimmungen mit dem Tabu der _Maori_ zeigen(117). Die Neurose
dieser Frau ist auf ihren Mann gerichtet; sie gipfelt in der Abwehr des
unbewuten Wunsches nach seinem Tod. Ihre manifeste, systematische
Phobie gilt aber der Erwhnung des Todes berhaupt, wobei ihr Mann
vllig ausgeschaltet ist und niemals Gegenstand bewuter Sorge wird.
Eines Tages hrt sie den Mann den Auftrag erteilen, seine stumpf
gewordenen Rasiermesser sollen in einen bestimmten Laden zum Schleifen
gebracht werden. Von einer eigentmlichen Unruhe getrieben, macht sie
sich selbst auf den Weg nach diesem Laden und fordert nach ihrer
Rckkehr von dieser Rekognoszierung von ihrem Manne, er msse diese
Messer fr alle Zeiten aus dem Wege rumen, denn sie habe entdeckt, da
neben dem von ihm genannten Laden sich eine Niederlage von Srgen,
Trauerwaren u.dgl. befindet. Die Messer seien durch seine Absicht in
eine unlsbare Verbindung mit dem Gedanken an den Tod geraten. Dies ist
nun die systematische Motivierung des Verbots. Wir drfen sicher sein,
da die Kranke auch ohne die Entdeckung jener Nachbarschaft das Verbot
der Rasiermesser nach Hause gebracht htte. Denn es htte dazu
hingereicht, da sie auf dem Wege nach dem Laden einem Leichenwagen,
einer Person in Trauerkleidung oder einer Trgerin eines Leichenkranzes
begegnete. Das Netz der Bedingungen war weit genug ausgespannt, um die
Beute in jedem Falle zu fangen; es lag dann an ihr, ob sie es zuziehen
wollte oder nicht. Man konnte mit Sicherheit feststellen, da sie fr
andere Flle die Bedingungen des Verbots nicht aktivierte. Dann hie es
eben, es sei ein besserer Tag gewesen. Die wirkliche Ursache des
Verbots der Rasiermesser war natrlich, wie wir mit Leichtigkeit
erraten, ihr Struben gegen eine Lustbetonung der Vorstellung, ihr Mann
knne sich mit dem geschrften Rasiermesser den Hals abschneiden.

  (117) p.38.

In ganz hnlicher Weise vervollstndigt und detailliert sich eine
Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem Symptom einmal
gelungen ist, sich zur Vertretung eines unbewuten Wunsches und der
Abwehr gegen denselben aufzuschwingen. Was sonst noch an unbewuten
Phantasien und an wirksamen Reminiszenzen in dem Kranken vorhanden ist,
drngt diesem einmal erffneten Ausweg zum symptomatischen Ausdruck zu
und bringt sich in zweckmiger Neuordnung im Rahmen der Gehstrung
unter. Es wre also ein vergebliches, eigentlich ein trichtes Beginnen,
wenn man das symptomatische Gefge und die Einzelheiten, z.B. einer
Agoraphobie aus der Grundvoraussetzung derselben verstehen wollte. Alle
Konsequenz und Strenge des Zusammenhanges ist doch nur scheinbar.
Schrfere Beobachtung kann, wie bei der Fassadenbildung des Traumes, die
rgsten Inkonsequenzen und Willkrlichkeiten der Symptombildung
aufdecken. Die Einzelheiten einer solchen systematischen Phobie
entnehmen ihre reale Motivierung versteckten Determinanten, die mit der
Gehhemmung nichts zu tun haben mssen, und darum fallen auch die
Gestaltungen einer solchen Phobie bei verschiedenen Personen so
mannigfaltig und so widersprechend aus.

                   *       *       *       *       *

Suchen wir nun den Rckweg zu dem uns beschftigenden System des
Animismus, so schlieen wir aus unseren Einsichten ber andere
psychologische Systeme, da die Motivierung einer einzelnen Sitte oder
Vorschrift durch den Aberglauben auch bei den Primitiven nicht die
einzige und die eigentliche Motivierung zu sein braucht und uns der
Verpflichtung nicht berhebt, nach den versteckten Motiven derselben zu
suchen. Unter der Herrschaft eines animistischen Systems ist es nicht
anders mglich, als da jede Vorschrift und jede Ttigkeit eine
systematische Begrndung erhalte, welche wir heute eine aberglubische
heien. Aberglaube ist wie Angst, wie Traum, wie Dmon, eine der
psychologischen Vorlufigkeiten, die vor der psychoanalytischen
Forschung zergangen sind. Kommt man hinter diese, die Erkenntnis wie
Wandschirme abwehrenden Konstruktionen, so ahnt man, da dem Seelenleben
und der Kulturhhe der Wilden ein Stck verdienter Wrdigung bisher
vorenthalten wurde.

Betrachtet man die Triebverdrngung als ein Ma des erreichten
Kulturniveaus, so mu man zugestehen, da auch unter dem animistischen
System Fortschritte und Entwicklungen vorgefallen sind, die man mit
Unrecht ihrer aberglubischen Motivierung wegen gering schtzt. Wenn wir
hren, da Krieger eines wilden Volksstammes sich die grte Keuschheit
und Reinlichkeit auferlegen, sobald sie sich auf den Kriegspfad
begeben(118), so wird uns die Erklrung nahegelegt, da sie ihren Unrat
beseitigen, damit sich der Feind dieses Teiles ihrer Person nicht
bemchtige, um ihnen auf magische Weise zu schaden, und fr ihre
Enthaltsamkeit sollen wir analoge aberglubische Motivierungen vermuten.
Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache des Triebverzichts bestehen, und
wir verstehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, da der wilde
Krieger sich solche Beschrnkungen zur Ausgleichung auferlegt, weil er
im Begriffe steht, sich die sonst untersagte Befriedigung grausamer und
feindseliger Regungen im vollen Ausmae zu gestatten. Dasselbe gilt fr
die zahlreichen Flle von sexueller Beschrnkung, solange man mit
schwierigen oder verantwortlichen Arbeiten beschftigt ist(119). Mag
sich die Begrndung dieser Verbote immerhin auf einen magischen
Zusammenhang berufen, die fundamentale Vorstellung, durch Verzicht auf
Triebbefriedigung grere Kraft zu gewinnen, bleibt doch unverkennbar,
und die hygienische Wurzel des Verbots ist neben der magischen
Rationalisierung derselben nicht zu vernachlssigen. Wenn die Mnner
eines wilden Volksstammes zur Jagd, zum Fischfang, zum Krieg, zum
Einsammeln kostbarer Pflanzenstoffe ausgezogen sind, so bleiben ihre
Frauen unterdes im Hause zahlreichen drckenden Beschrnkungen
unterworfen, denen von den Wilden selbst eine in die Ferne reichende,
sympathetische Wirkung auf das Gelingen der Expedition zugeschrieben
wird. Doch gehrt wenig Scharfsinn dazu, um zu erraten, da jenes in die
Ferne wirkende Moment kein anderes als das Heimwrtsdenken, die
Sehnsucht der Abwesenden, ist, und da hinter diesen Einkleidungen die
gute psychologische Einsicht steckt, die Mnner werden ihr Bestes nur
dann tun, wenn sie ber den Verbleib der unbeaufsichtigten Frauen
vollauf beruhigt sind. Andere Male wird es direkt, ohne magische
Motivierung, ausgesprochen, da die eheliche Untreue der Frau die
Bemhungen des in verantwortlicher Ttigkeit abwesenden Mannes zum
Scheitern bringt.

  (118) _Frazer_, Taboo and the perils of the soul, p.158.

  (119) _Frazer_, l.c., p.200.

Die unzhligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden whrend
ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die aberglubische Scheu
vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl auch eine reale
Begrndung. Aber es wre unrecht, die Mglichkeit zu bersehen, da
diese Blutscheu hier auch sthetischen und hygienischen Absichten dient,
die sich in allen Fllen mit magischen Motivierungen drapieren mten.

Wir tuschen uns wohl nicht darber, da wir uns durch solche
Erklrungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, da wir den heutigen Wilden
eine Feinheit der seelischen Ttigkeiten zumuten, die weit ber die
Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es knnte uns mit der
Psychologie dieser Vlker, die auf der animistischen Stufe stehen
geblieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes,
das wir Erwachsene nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und
Feinfhligkeit wir darum so sehr unterschtzt haben.

Ich will noch einer Gruppe von bisher unerklrten Tabuvorschriften
gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker vertraute Aufklrung
zult. Bei vielen wilden Vlkern ist es unter verschiedenen
Verhltnissen verboten, scharfe Waffen und schneidende Instrumente im
Hause zu halten(120). _Frazer_ zitiert einen deutschen Aberglauben, da
man ein Messer nicht mit der Schneide nach oben liegen lassen drfe.
Gott und die Engel knnten sich daran verletzen. Soll man in diesem Tabu
nicht die Ahnung gewisser Symptomhandlungen erkennen, zu denen die
scharfe Waffe durch unbewute bse Regungen gebraucht werden knnte?

  (120) _Frazer_, l.c., p.237.




IV.

DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS.


Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmige berdeterminierung
psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man nicht zu
besorgen, da sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes wie die
Religion aus einem einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in
notgedrungener, eigentlich pflichtgemer Einseitigkeit eine einzige der
Quellen dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht
sie zunchst fr dieselbe die Ausschlielichkeit so wenig wie den ersten
Rang unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese aus
verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, welche relative
Bedeutung dem hier zu errternden Mechanismus in der Genese der Religion
zuzuteilen ist; eine solche Arbeit berschreitet aber sowohl die Mittel
als auch die Absicht des Psychoanalytikers.


1.

In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff des
Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehrt, da der Totemismus ein
System ist, welches bei gewissen primitiven Vlkern in Australien,
Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt und die Grundlage der
sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, da der Schotte _Mac Lennan_
1869 das allgemeinste Interesse fr die bis dahin nur als Kuriosa
gewrdigten Phnomene des Totemismus in Anspruch nahm, indem er die
Vermutung aussprach, eine groe Anzahl von Sitten und Gebruchen in
verschiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als berreste
einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither
diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der
letzten uerungen ber diese Frage will ich eine Stelle aus den
Elementen der Vlkerpsychologie von W. _Wundt_ (1912) zitieren(121):
Nehmen wir alles dies zusammen, so ergibt sich mit hoher
Wahrscheinlichkeit der Schlu, da die totemistische Kultur berall
einmal eine Vorstufe der spteren Entwicklungen und eine bergangsstufe
zwischen dem Zustand des primitiven Menschen und dem Helden- und
Gtterzeitalter gebildet hat.

  (121) p.139.

Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen ntigen uns zu einem
tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus Grnden, welche
spter ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier eine Darstellung
von S. _Reinach_, der im Jahre 1900 nachstehenden Code du totmisme in
zwlf Artikeln, gleichsam einen Katechismus der totemistischen Religion,
entworfen hat(122):

1. Gewisse Tiere drfen weder gettet noch gegessen werden, aber die
Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und schenken ihnen
Pflege.

2. Ein zufllig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den gleichen
Ehrenbezeigungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes.

3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen bestimmten
Krperteil des Tieres.

4. Wenn man ein fr gewhnlich verschontes Tier unter dem Drange der
Notwendigkeit tten mu, so entschuldigt man sich bei ihm und sucht die
Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache Kunstgriffe und
Ausflchte abzuschwchen.

5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich beweint.

6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religisen Zeremonien, legt
man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus noch besteht, sind
dies die Totemtiere.

7. Stmme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben die der
Totemtiere.

8. Viele Stmme gebrauchen Tierbilder als Wappen und verzieren mit ihnen
ihre Waffen; Mnner malen sich Tierbilder auf den Leib oder lassen sich
solche durch Ttowierung einritzen.

9. Wenn der Totem zu den gefrchteten und gefhrlichen Tieren gehrt, so
wird angenommen, da er die Mitglieder des nach ihm genannten Stammes
verschont.

10. Das Totemtier beschtzt und warnt die Angehrigen des Stammes.

11. Das Totemtier kndigt seinen Getreuen die Zukunft an und dient ihnen
als Fhrer.

12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, da sie mit dem
Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung verknpft sind.

  (122) Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors
  vierbndigem Werke Cultes, Mythes et Religions, 1909, T.I, p.17ff.

Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst wrdigen, wenn man in
Betracht zieht, da _Reinach_ hier auch alle Anzeichen und
Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man den einstigen Bestand
des totemistischen Systems erschlieen kann. Eine besondere Stellung
dieses Autors zum Problem zeigt sich darin, da er dafr die
wesentlichen Zge des Totemismus einigermaen vernachlssigt. Wir werden
uns berzeugen, da er von den zwei Hauptstzen des totemistischen
Katechismus den einen in den Hintergrund gedrngt, den anderen vllig
bergangen hat.

Um von den Charakteren des Totemismus ein richtiges Bild zu gewinnen,
wenden wir uns an einen Autor, welcher dem Thema ein vierbndiges Werk
gewidmet hat, das die vollstndigste Sammlung der hieher gehrigen
Beobachtungen mit der eingehendsten Diskussion der durch sie angeregten
Probleme verbindet. Wir werden J.G. _Frazer_, dem Verfasser von
Totemism and Exogamy(123), fr Genu und Belehrung verpflichtet
bleiben, auch wenn die psychoanalytische Untersuchung zu Ergebnissen
fhren sollte, welche weit von den seinigen abweichen(124).

  (123) 1910.

  (124) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die
  Schwierigkeiten vorzufhren, mit denen Feststellungen auf diesem
  Gebiete zu kmpfen haben:

  Zunchst: die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht
  dieselben, welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren
  Reisende und Missionre, die letzteren Gelehrte, welche die Objekte
  ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen haben. -- Die Verstndigung
  mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Beobachter waren mit
  den Sprachen derselben vertraut, sondern muten sich der Hilfe von
  Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit
  den Ausgefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam ber die
  intimsten Angelegenheiten ihrer Kultur und erffnen sich nur solchen
  Fremden, die viele Jahre in ihrer Mitte zugebracht haben. Sie geben
  aus den verschiedenartigsten Motiven (vgl. _Frazer_, The beginnings of
  religion and totemism among the Australian aborigines, Fortnightly
  Review, 1905; T. and Ex.I, p.150) oft falsche oder miverstndliche
  Ausknfte. -- Man darf nicht daran vergessen, da die primitiven
  Vlker keine jungen Vlker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die
  zivilisiertesten, und da man kein Recht zur Erwartung hat, sie wrden
  ihre ursprnglichen Ideen und Institutionen ohne jede Entwicklung und
  Entstellung fr unsere Kenntnisnahme aufbewahrt haben. Es ist vielmehr
  sicher, da sich bei den Primitiven tiefgreifende Wandlungen nach
  allen Richtungen vollzogen haben, so da man niemals ohne Bedenken
  entscheiden kann, was an ihren gegenwrtigen Zustnden und Meinungen
  nach Art eines Petrefakts die ursprngliche Vergangenheit erhalten
  hat, und was einer Entstellung und Vernderung derselben entspricht.
  Daher die berreichlichen Streitigkeiten unter den Autoren, was an den
  Eigentmlichkeiten einer primitiven Kultur als primr und was als
  sptere sekundre Gestaltung aufzufassen sei. Die Feststellung des
  ursprnglichen Zustandes bleibt also jedesmal eine Sache der
  Konstruktion. -- Es ist endlich nicht leicht, sich in die Denkungsart
  der Primitiven einzufhlen. Wir miverstehen sie ebenso leicht wie die
  Kinder und sind immer geneigt, ihr Tun und Fhlen nach unseren eigenen
  psychischen Konstellationen zu deuten.

Ein Totem, schrieb _Frazer_ in seinem ersten Aufsatz(125), ist ein
materielles Objekt, welchem der Wilde einen aberglubischen Respekt
bezeugt, weil er glaubt, da zwischen seiner eigenen Person und jedem
Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung besteht. Die
Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Totem ist eine
wechselseitige, der Totem beschtzt den Menschen und der Mensch beweist
seine Achtung vor dem Totem auf verschiedene Arten, so z.B. da er ihn
nicht ttet, wenn es ein Tier, und nicht abpflckt, wenn es eine Pflanze
ist. Der Totem unterscheidet sich vom Fetisch darin, da er nie ein
Einzelding ist wie dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel eine
Tier- oder Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und
noch seltener von knstlich hergestellten Gegenstnden.

  (125) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des groen
  Werkes T. and Ex.

Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden:

1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und der sich
erblich von einer Generation auf die nchste bertrgt;

2. den Geschlechtstotem, der allen mnnlichen oder allen weiblichen
Mitgliedern eines Stammes mit Ausschlu des anderen Geschlechtes
angehrt, und

3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet und nicht
auf deren Nachkommenschaft bergeht. Die beiden letzten Arten von Totem
kommen an Bedeutung gegen den Stammestotem nicht in Betracht. Es sind,
wenn nicht alles tuscht, spte und fr das Wesen des Totem wenig
bedeutsame Bildungen.

Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung einer Gruppe
von Mnnern und Frauen, die sich nach dem Totem nennen, sich fr
blutsverwandte Abkmmlinge eines gemeinsamen Ahnen halten und durch
gemeinsame Pflichten gegeneinander wie durch den Glauben an ihren Totem
miteinander fest verbunden sind.

Der Totemismus ist sowohl ein religises wie ein soziales System. Nach
seiner religisen Seite besteht er in den Beziehungen gegenseitiger
Achtung und Schonung zwischen einem Menschen und seinem Totem, nach
seiner sozialen Seite in den Verpflichtungen der Clanmitglieder
gegeneinander und gegen andere Stmme. In der spteren Geschichte des
Totemismus zeigen dessen beide Seiten eine Neigung auseinander zu gehen;
das soziale System berlebt hufig das religise und umgekehrt
verbleiben Reste von Totemismus in der Religion solcher Lnder, in denen
das auf den Totemismus gegrndete soziale System verschwunden ist. Wie
diese beiden Seiten des Totemismus ursprnglich miteinander
zusammenhingen, knnen wir bei unserer Unkenntnis ber dessen Ursprnge
nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke
Wahrscheinlichkeit dafr, da die beiden Seiten des Totemismus zu Anfang
unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Worten, je weiter wir
zurckgehen, desto deutlicher zeigt es sich, da der Stammesangehrige
sich zur selben Art zhlt wie seinen Totem und sein Verhalten gegen den
Totem von dem gegen einen Stammesgenossen nicht unterscheidet.

In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines religisen
Systems stellt _Frazer_ voran, da die Mitglieder eines Stammes sich
nach ihrem Totem nennen und _in der Regel auch glauben, da sie von ihm
abstammen_. Die Folge dieses Glaubens ist es, da sie das Totemtier
nicht jagen, nicht tten und nicht essen und sich jeden anderen Gebrauch
des Totem versagen, wenn er etwas anderes als ein Tier ist. Die Verbote,
den Totem nicht zu tten und nicht zu essen, sind nicht die einzigen
Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist es auch verboten, ihn zu berhren,
ja, ihn anzuschauen; in einer Anzahl von Fllen darf der Totem nicht bei
seinem richtigen Namen genannt werden. Die bertretung dieser den Totem
schtzenden Tabugebote straft sich automatisch durch schwere
Erkrankungen oder Tod(126).

  (126) Vgl. Die Abhandlung ber das Tabu.

Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan aufgezogen
und in der Gefangenschaft gehegt(127). Ein tot aufgefundenes Totemtier
wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. Mute man ein
Totemtier tten, so geschah es unter einem vorgeschriebenen Rituale von
Entschuldigungen und Shnezeremonien.

  (127) Wie heute noch die Wlfe im Kfig an der Kapitolsstiege in
  _Rom_, die Bren im Zwinger von _Bern_.

Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. Wenn er ein
gefhrliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so setzte man voraus,
da er seinen Genossen nichts zu Leide tun wrde, und wo sich diese
Voraussetzung nicht besttigte, wurde der Beschdigte aus dem Stamme
ausgestoen. Eide, meint _Frazer_, waren ursprnglich Ordalien; viele
Abstammungs- und Echtheitsproben wurden so dem Totem zur Entscheidung
berlassen. Der Totem hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen
und Warnungen. Die Erscheinung des Totemtieres in der Nhe eines Hauses
wurde hufig als Ankndigung eines Todesfalles angesehen. Der Totem war
gekommen, seinen Verwandten zu holen(128).

  (128) Also wie die weie Frau mancher Adelsgeschlechter.

Unter verschiedenen bedeutsamen Verhltnissen sucht der Clangenosse
seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem er sich ihm
uerlich hnlich macht, sich in die Haut des Totemtieres hllt, sich
das Bild desselben einritzt u.dgl. Bei den feierlichen Gelegenheiten
der Geburt, der Mnnerweihe, des Begrbnisses wird diese Identifizierung
mit dem Totem in Taten und Worten durchgefhrt. Tnze, bei denen alle
Genossen des Stammes sich in ihren Totem verkleiden, und wie er
gebrden, dienen mannigfaltigen magischen und religisen Absichten.
Endlich gibt es Zeremonien, bei denen das Totemtier in feierlicher Weise
gettet wird(129).

  (129) l.c., p.45. -- Siehe unten die Errterung ber das Opfer.

Die soziale Seite des Totemismus prgt sich vor allem in einem streng
gehaltenen Gebot und in einer groartigen Einschrnkung aus. Die
Mitglieder eines Totemclans sind Brder und Schwestern, verpflichtet
einander zu helfen und zu beschtzen; im Falle der Ttung eines
Clangenossen durch einen Fremden haftet der ganze Stamm des Tters fr
die Bluttat, und der Clan des Gemordeten fhlt sich solidarisch in der
Forderung nach Shne fr das vergossene Blut. Die Totembande sind
strker als die Familienbande in unserem Sinne; sie fallen mit diesen
nicht zusammen, da die bertragung des Totem in der Regel durch
mtterliche Vererbung geschieht und ursprnglich die vterliche
Vererbung vielleicht berhaupt nicht in Geltung war.

Die entsprechende Tabubeschrnkung aber besteht in dem Verbot, da
Mitglieder desselben Totemclans einander nicht heiraten und berhaupt
nicht in Sexualverkehr miteinander treten drfen. Dies ist die berhmte
und rtselhafte, mit dem Totemismus verknpfte _Exogamie_. Wir haben ihr
die ganze erste Abhandlung dieser Reihe gewidmet und brauchen darum hier
nur anzufhren, da sie der verschrften Inzestscheu der Primitiven
entspringt, da sie als Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe vollkommen
verstndlich wrde, und da sie zunchst die Inzestverhtung fr die
jngere Generation besorgt und erst in weiterer Ausbildung auch der
lteren Generation zum Hindernis wird(130).

  (130) S. die erste Abhandlung.

                   *       *       *       *       *

An diese Darstellung des Totemismus bei _Frazer_, eine der frhesten in
der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige Auszge aus einer
der letzten Zusammenfassungen anschlieen. In den 1912 erschienenen
Elementen der Vlkerpsychologie sagt W. _Wundt_(131): Das Totemtier
gilt als Ahnentier der betreffenden Gruppe. 'Totem' ist also einerseits
Gruppen-, anderseits Abstammungsname, und in letzterer Beziehung hat
dieser Name zugleich eine mythologische Bedeutung. Alle diese
Verwendungen des Begriffes spielen aber ineinander und die einzelnen
dieser Bedeutungen knnen zurcktreten, so da in manchen Fllen die
Totems fast zu einer bloen Nomenklatur der Stammesabteilungen geworden
sind, whrend in anderen die Vorstellung der Abstammung oder aber auch
die kultische Bedeutung des Totems im Vordergrund steht ... Der Begriff
des Totem wird fr die _Stammesgliederung_ und _Stammesorganisation_
magebend. Mit diesen Normen und mit ihrer Befestigung im Glauben und
Fhlen der Stammesgenossen hngt es zusammen, da man das Totemtier
ursprnglich jedenfalls nicht blo als einen Namen fr eine Gruppe von
Stammesgliedern betrachtete, sondern da das Tier meist als Stammvater
der betreffenden Abteilung gilt ... Damit hngt dann zusammen, da diese
Tierahnen einen Kult genieen ... Dieser Tierkult uert sich
ursprnglich, abgesehen von bestimmten Zeremonien und zeremoniellen
Festen vor allem in dem Verhalten gegenber dem Totemtier: nicht nur ein
einzelnes Tier, sondern jeder Reprsentant der gleichen Spezies ist in
gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten
oder nur unter bestimmten Umstnden erlaubt, das Fleisch des Totemtieres
zu genieen. Dem entspricht die in solchem Zusammenhange bedeutsame
Gegenerscheinung, da unter gewissen Bedingungen eine Art von
zeremoniellem Genu des Totemfleisches stattfindet...

  (131) p.116.

...Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen
Stammesgliederung besteht aber darin, da mit ihr bestimmte Normen der
Sitte fr den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden sind. Unter
diesen Normen stehen in erster Linie die fr den Eheverkehr. So hngt
diese Stammesgliederung mit einer wichtigen Erscheinung zusammen, die
zum erstenmal im totemistischen Zeitalter auftritt: mit der _Exogamie_.

Wenn wir durch all das hindurch, was spterer Fortbildung oder
Abschwchung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des ursprnglichen
Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns folgende wesentliche
Zge: _Die Totem waren ursprnglich nur Tiere, sie galten als die Ahnen
der einzelnen Stmme. Der Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie;
es war verboten, den Totem zu tten_ (oder _zu essen_, was fr primitive
Verhltnisse zusammenfllt); _es war den Totemgenossen verboten,
Sexualverkehr miteinander zu pflegen(132)._

  (132) bereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemismus,
  welches _Frazer_ in seiner zweiten Arbeit ber den Gegenstand (The
  origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus Totemism has
  commonly been treated as a primitive system both of religion and of
  society. As a system of religion it embraces the mystic union of the
  savage with his totem; as a system of society it comprises the
  relations in which men and women of the same totem stand to each other
  and to the members of other totemic groups. And corresponding to these
  two sides of the system are two rough-and-ready tests or canons of
  Totemism: first, the rule that a man may not kill or eat his totem
  animal or plant, and second, the rule that he may not marry or cohabit
  with a woman of the same totem. (p.101.) _Frazer_ fgt dann hinzu,
  was uns mitten in die Diskussionen ber den Totemismus hineinfhrt:
  Whether the two sides -- the religious and the social -- have always
  coexisted or are essentially independent, is a question which has been
  variously answered.

Es darf uns nun auffallen, da in dem Code du totmisme, den _Reinach_
aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der Exogamie, berhaupt
nicht vorkommt, whrend die Voraussetzung des zweiten, die Abstammung
vom Totemtier, nur eine beilufige Erwhnung findet. Ich habe aber die
Darstellung _Reinachs_, eines um den Gegenstand sehr verdienten Autors,
ausgewhlt, um auf die Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren
vorzubereiten, welche uns nun beschftigen sollen.


2.

Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, da der Totemismus eine
regelmige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender wurde
das Bedrfnis, zu einem Verstndnis desselben zu gelangen, die Rtsel
seines Wesens aufzuhellen. Rtselhaft ist wohl alles am Totemismus; die
entscheidenden Fragen sind die nach der Herkunft der Totemabstammung,
nach der Motivierung der Exogamie (respektive des durch sie vertretenen
Inzesttabu) und nach der Beziehung zwischen den beiden, der
Totemorganisation und dem Inzestverbot. Das Verstndnis sollte in einem
ein historisches und ein psychologisches sein, Auskunft geben, unter
welchen Bedingungen sich diese eigentmliche Institution entwickelt, und
welchen seelischen Bedrfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte.

Meine Leser werden nun gewi erstaunt sein zu hren, von wie
verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser Fragen
versucht wurde, und wie weit die Meinungen der sachkundigen Forscher
hierber auseinandergehen. Es steht so ziemlich alles in Frage, was man
allgemein ber Totemismus und Exogamie behaupten mchte; auch das
vorangeschickte, aus einer von _Frazer_ 1887 verffentlichten Schrift
geschpfte Bild kann der Kritik nicht entgehen, eine willkrliche
Vorliebe des Referenten auszudrcken, und wrde heute von _Frazer_
selbst, der seine Ansichten ber den Gegenstand wiederholt gendert hat,
beanstndet werden(133).

  (133) Anllich einer solchen Sinnesnderung schrieb er den schnen
  Satz nieder: That my conclusions on these difficult questions are
  final, I am not so foolish as to pretend. I have changed my views
  repeatedly, and I am resolved to change them again with every change
  of the evidence, for like a chameleon the candid enquirer should shift
  his colours with the shifting colours of the ground he treads.
  Vorrede zum I.Band von Totemism and Exogamy. 1910.

Es ist eine naheliegende Annahme, da man das Wesen des Totemismus und
der Exogamie am ehesten erfassen knnte, wenn man den Ursprngen der
beiden Institutionen nher kme. Dann ist aber fr die Beurteilung der
Sachlage die Bemerkung von _Andrew Lang_ nicht zu vergessen, da auch
die primitiven Vlker uns diese ursprnglichen Formen der Institutionen
und die Bedingungen fr deren Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, so
da wir einzig und allein auf Hypothesen angewiesen bleiben, um die
mangelnde Beobachtung zu ersetzen(134). Unter den vorgebrachten
Erklrungsversuchen erscheinen einige dem Urteil des Psychologen von
vornherein als inadquat. Sie sind allzu rationell und nehmen auf den
Gefhlscharakter der zu erklrenden Dinge keine Rcksicht. Andere ruhen
auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung die Besttigung versagt; noch
andere berufen sich auf ein Material, welches besser einer anderen
Deutung unterworfen werden sollte. Die Widerlegung der verschiedenen
Ansichten hat in der Regel wenig Schwierigkeiten; die Autoren sind wie
gewhnlich in der Kritik, die sie aneinander ben, strker als in ihren
eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist fr die meisten der behandelten
Punkte das Endergebnis. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn in der
neuesten, hier meist bergangenen Literatur des Gegenstandes das
unverkennbare Bestreben auftritt, eine allgemeine Lsung der
totemistischen Probleme als undurchfhrbar abzuweisen. (So z.B.
_Goldenweiser_ im J. of Am. Folk-LoreXXIII, 1910. Referat in Britannica
Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser
einander widerstreitenden Hypothesen von deren Zeitfolge abzusehen.

  (134) By the nature of the case, as the origin of totemism lies far
  beyond our powers of historical examination or of experiment, we must
  have recourse as regards this matter to conjecture, A. _Lang_, Secret
  of the Totem, p.27. -- Nowhere do we see absolutely primitive man,
  and a totemic system in the making. p.29.


a) Die Herkunft des Totemismus.

Die Frage nach der Entstehung des Totemismus lt sich auch so
formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre Stmme) nach
Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenstnden zu benennen(135)?

  (135) Wahrscheinlich ursprnglich nur nach Tieren.

Der Schotte _Mac Lennan_, der Totemismus und Exogamie fr die
Wissenschaft entdeckte(136), enthielt sich, eine Ansicht ber die
Entstehung des Totemismus zu verffentlichen. Nach einer Mitteilung von
A. _Lang_(137) war er eine Zeitlang geneigt, den Totemismus auf die
Sitte des Ttowierens zurckzufhren. Die verlautbarten Theorien zur
Ableitung des Totemismus mchte ich in drei Gruppen bringen, als A)
nominalistische, B) soziologische, C) psychologische.

  (136) The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 1869-1870.
  -- Primitive marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies in
  ancient History, 1876. 2. ed. 1886.

  (137) The Secret of the Totem, 1905, p.34.


A) Die nominalistischen Theorien.

Die Mitteilungen ber diese Theorien werden deren Zusammenfassung unter
dem von mir gebrachten Titel rechtfertigen.

Schon _Garcilaso de la Vega_, ein Abkmmling der peruanischen _Inka_,
der im XVII.Jahrhundert die Geschichte seines Volkes schrieb, soll, was
ihm von totemistischen Phnomenen bekannt war, auf das Bedrfnis der
Stmme, sich durch Namen von einander zu unterscheiden, zurckgefhrt
haben(138). Derselbe Gedanke taucht Jahrhunderte spter in der Ethnology
von A.K. _Keane_ auf: die Totem seien aus heraldic badges
(Wappenabzeichen) hervorgegangen, durch die Individuen, Familien und
Stmme sich von einander unterscheiden wollten(139).

  (138) Nach A. _Lang_, Secret of the Totem, p.34.

  (139) Ibid.

Max _Mller_ uerte dieselbe Ansicht ber die Bedeutung der Totem in
seinen Contributions to the Science of Mythology(140). Ein Totem sei: 1.
ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 3. der Name des Ahnherrn des Clan,
4. der Name des vom Clan verehrten Gegenstandes. Spter J. _Pikler_
1899: Die Menschen bedurften eines bleibenden, schriftlich fixierbaren
Namens fr Gemeinschaften und Individuen .... So entspringt also der
Totemismus nicht aus dem religisen, sondern aus dem nchternen
Alltagsbedrfnis der Menschheit. Der Kern des Totemismus, die Benennung,
ist eine Folge der primitiven Schrifttechnik. Der Charakter der Totem
ist auch der von leicht darstellbaren Schriftzeichen. Wenn die Wilden
aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie daraus die Idee
einer Verwandtschaft von diesem Tiere ab(141).

  (140) Nach A. _Lang_.

  (141) _Pikler_ und _Soml_, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die
  Autoren kennzeichnen ihren Erklrungsversuch mit Recht als Beitrag
  zur materialistischen Geschichtstheorie.

Herbert _Spencer_(142) legte gleichfalls der Namengebung die
entscheidende Bedeutung fr die Entstehung des Totemismus bei. Einzelne
Individuen, fhrte er aus, htten durch ihre Eigenschaften
herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu Ehrennamen
oder Spitznamen gekommen, welche sich auf ihre Nachkommen fortsetzten.
Infolge der Unbestimmtheit und Unverstndlichkeit der primitiven
Sprachen seien diese Namen von den spteren Generationen so aufgefat
worden, als seien sie ein Zeugnis fr ihre Abstammung von diesen Tieren
selbst. Der Totemismus htte sich so als miverstndliche Ahnenverehrung
ergeben.

  (142) The origin of animal worship, Fortnightly Review 1870.
  Prinzipien der Soziologie, I.Bd., 169 bis 176.

Ganz hnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Miverstndnisses hat Lord
_Avebury_ (bekannter unter seinem frheren Namen Sir John _Lubbock_) die
Entstehung des Totemismus beurteilt: Wenn wir die Tierverehrung erklren
wollen, drfen wir nicht daran vergessen, wie hufig die menschlichen
Namen von den Tieren entlehnt werden. Die Kinder und das Gefolge eines
Mannes, der Br oder Lwe genannt wurde, machten daraus natrlich einen
Stammesnamen. Daraus ergab sich, da das Tier selbst zu einer gewissen
Achtung und endlich Verehrung gelangte.

Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche
Zurckfhrung der Totemnamen auf die Namen von Individuen hat _Fison_
vorgebracht(143). Er zeigt an den Verhltnissen von Australien, da der
Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von Menschen, nie eines
einzelnen ist. Wre es aber anders und der Totem ursprnglich der Name
eines einzelnen Menschen, so knnte er bei dem System der mtterlichen
Vererbung nie auf dessen Kinder bergehen.

  (143) Kamilaroi and Kurmai, p.165, 1880 (nach A. _Lang_, Secret
  etc.).

Die bisher mitgeteilten Theorien sind brigens in offenkundiger Weise
unzureichend. Sie erklren etwa die Tatsache der Tiernamen fr die
Stmme der Primitiven, aber niemals die Bedeutung, welche diese
Namengebung fr sie gewonnen hat, das totemistische System. Die
beachtenswerteste Theorie dieser Gruppe ist die von A. _Lang_ in seinen
Bchern Social origins 1903 und The secret of the totem 1905
entwickelte. Sie macht immer noch die Namengebung zum Kern des Problems,
aber sie verarbeitet zwei interessante psychologische Momente und
beansprucht so, das Rtsel des Totemismus der endgltigen Lsung
zugefhrt zu haben.

A. _Lang_ meint, es sei zunchst gleichgltig, auf welche Weise die
Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur annehmen, sie
erwachten eines Tages zum Bewutsein, da sie solche tragen, und wuten
sich keine Rechenschaft zu geben, woher. Der _Ursprung dieser Namen sei
vergessen_. Dann wrden sie versuchen, sich durch Spekulation Auskunft
darber zu schaffen, und bei ihren berzeugungen von der Bedeutung der
Namen mten sie notwendigerweise zu all den Ideen kommen, die im
totemistischen System enthalten sind. Namen sind fr die Primitiven --
wie fr die heutigen Wilden und selbst fr unsere Kinder(144) -- nicht
etwa etwas Gleichgltiges und Konventionelles, wie sie uns erscheinen,
sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesentliches. Der Name eines Menschen
ist ein Hauptbestandteil seiner Person, vielleicht ein Stck seiner
Seele. Die Gleichnamigkeit mit dem Tiere mute die Primitiven dazu
fhren, ein geheimnisvolles und bedeutsames Band zwischen ihren Personen
und dieser Tiergattung anzunehmen. Welches Band konnte da anders in
Betracht kommen als das der Blutsverwandtschaft? War diese aber infolge
der Namensgleichheit einmal angenommen, so ergaben sich aus ihr als
direkte Folgen des Bluttabu alle Totemvorschriften mit Einschlu der
Exogamie.

  (144) Vgl. die Abhandlung ber das Tabu, S.76.

No more than these three things -- a group animal name of unknown
origin; belief in a transcendental connection between all bearers, human
and bestial, of the same name; and belief in the blood superstitions --
was needed to give rise to all the totemic creeds and practices,
including exogamy. (Secret of the Totem, p.126.)

_Langs_ Erklrung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das totemistische
System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tatsache der Totemnamen
ab unter der Voraussetzung, da die Herkunft dieser Namengebung
vergessen worden sei. Das andere Stck der Theorie sucht nun den
Ursprung dieser Namen aufzuklren; wir werden sehen, da es von ganz
anderem Geprge ist.

Dies andere Stck der _Lang_schen Theorie entfernt sich nicht wesentlich
von den brigen, die ich nominalistisch genannt habe. Das praktische
Bedrfnis nach Unterscheidung ntigte die einzelnen Stmme Namen
anzunehmen, und darum lieen sie sich die Namen gefallen, die jedem
Stamm von den anderen gegeben wurden. Dies naming from without ist die
Eigentmlichkeit der _Lang_schen Konstruktion. Da die Namen, die so zu
stande kamen, von Tieren entlehnt waren, ist nicht weiter auffllig und
braucht von den Primitiven nicht als Schimpf oder Spott empfunden worden
zu sein. brigens hat _Lang_ die keineswegs vereinzelten Flle aus
spteren Epochen der Geschichte herangezogen, in denen von auen
gegebene, ursprnglich als Spott gemeinte Namen von den so Bezeichneten
akzeptiert und bereitwillig getragen wurden (_Geusen_, _Whigs_ und
_Tories_). Die Annahme, da die Entstehung dieser Namen im Laufe der
Zeit vergessen wurde, verknpft dies zweite Stck der _Lang_schen
Theorie mit dem vorhin dargestellten ersten.


B) Die soziologischen Theorien.

S. _Reinach_, der den berbleibseln des totemistischen Systems in Kult
und Sitte spterer Perioden erfolgreich nachgesprt, aber von Anfang an
das Moment der Abstammung vom Totemtier gering geschtzt hat, uert
einmal ohne Bedenken, der Totemismus scheine ihm nichts anderes zu sein
als une hypertrophie de l'instinct social(145).

  (145) l.c., T.I, p.41.

Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. _Durkheim_: Les formes
lmentaires de la vie religieuse. Le systme totmique en Australie,
1912, zu durchziehen. Der Totem ist der sichtbare Reprsentant der
sozialen Religion dieser Vlker. Er verkrpert die Gemeinschaft, welche
der eigentliche Gegenstand der Verehrung ist.

Andere Autoren haben nach nherer Begrndung fr diese Beteiligung der
sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen Institutionen gesucht.
So hat A.C. _Haddon_ angenommen, da jeder primitive Stamm ursprnglich
von einer besonderen Tier- oder Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit
diesem Nahrungsmittel Handel trieb und ihn anderen Stmmen im Austausch
zufhrte. So konnte es nicht fehlen, da der Stamm den anderen unter dem
Namen des Tieres, welches fr ihn eine so wichtige Rolle spielte,
bekannt wurde. Gleichzeitig mute sich bei diesem Stamm eine besondere
Vertrautheit mit dem betreffenden Tier und eine Art von Interesse fr
dasselbe entwickeln, welches aber auf kein anderes psychisches Motiv als
auf das elementarste und dringendste der menschlichen Bedrfnisse, den
Hunger, gegrndet war(146).

  (146) Address to the Anthropological Section, British Association,
  Belfast 1902. Nach _Frazer_, l.c., T.IV, p.50 u.ff.

Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien besagen,
da ein solcher Zustand der Ernhrung bei den Primitiven nirgends
gefunden werde und wahrscheinlich niemals bestanden habe. Die Wilden
seien omnivor, und zwar um so mehr, je niedriger sie stehen. Ferner sei
es nicht zu verstehen, wie aus solcher ausschlielicher Dit sich ein
fast religises Verhltnis zu dem Totem entwickelt haben konnte, das in
der absoluten Enthaltung von der Vorzugsnahrung gipfelte.

Die erste der drei Theorien, welche _Frazer_ ber die Entstehung des
Totemismus ausgesprochen, war eine psychologische; sie wird an anderer
Stelle berichtet werden.

Die zweite hier zu besprechende Theorie _Frazers_ entstand unter dem
Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier Forscher ber die
Eingeborenen von Zentralaustralien(147).

  (147) The native tribes of Central Australia, von Baldwin _Spencer_
  und H.J. _Gillen_, London 1891.

_Spencer_ und _Gillen_ beschrieben bei einer Gruppe von Stmmen, der
sogenannten _Arunta_nation, eine Reihe von eigentmlichen Einrichtungen,
Gebruchen und Ansichten, und _Frazer_ schlo sich ihrem Urteile an, da
diese Besonderheiten als Zge eines primren Zustandes zu betrachten
seien und ber den ersten und eigentlichen Sinn des Totemismus Aufschlu
geben knnen.

Diese Eigentmlichkeiten sind bei dem _Arunta_stamm selbst (einem Teil
der _Arunta_nation) folgende:

1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem wird nicht
erblich bertragen, sondern (auf spter mitzuteilende Weise) individuell
bestimmt.

2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschrnkungen werden
durch eine hoch entwickelte Gliederung in Heiratsklassen hergestellt,
welche mit den Totem nichts zu tun haben.

3. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausfhrung einer
Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Vermehrung des ebaren
Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie heit _Intichiuma_).

4. Die _Arunta_ haben eine eigenartige Konzeptions- und
Wiedergeburtstheorie. Sie nehmen an, da an bestimmten Stellen ihres
Landes die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre
Wiedergeburt warten und in den Leib der Frauen eindringen, die jene
Stellen passieren. Wird ein Kind geboren, so gibt die Mutter an, auf
welcher Geistersttte sie ihr Kind empfangen zu haben glaubt. Danach
wird der Totem des Kindes bestimmt. Es wird ferner angenommen, da die
Geister (der Verstorbenen, wie der Wiedergeborenen) an eigentmliche
Steinamulette gebunden sind (Namens _Churinga_), welche an jenen Sttten
gefunden werden.

Zwei Momente scheinen _Frazer_ zum Glauben bewogen zu haben, da man in
den Einrichtungen der _Arunta_ die lteste Form des Totemismus
aufgefunden habe. Erstens die Existenz gewisser Mythen, welche
behaupteten, da die Ahnen der _Arunta_ sich regelmig von ihrem Totem
genhrt und keine anderen Frauen als die aus ihrem eigenen Totem
geheiratet htten. Zweitens die anscheinende Zurcksetzung des
Geschlechtsaktes in ihrer Konzeptionstheorie. Menschen, die noch nicht
erkannt hatten, da die Empfngnis die Folge des Geschlechtsverkehrs
sei, drfte man wohl als die zurckgebliebensten und primitivsten unter
den heute lebenden ansehen.

Indem _Frazer_ sich fr die Beurteilung des Totemismus an die
_Intichiuma_zeremonie hielt, erschien ihm das totemistische System auf
einmal in gnzlich verndertem Lichte als eine durchwegs praktische
Organisation zur Bestreitung der natrlichsten Bedrfnisse des Menschen
(vgl. oben _Haddon_(148)). Das System war einfach ein groartiges Stck
von cooperative magic. Die Primitiven bildeten sozusagen einen
magischen Produktions- und Konsumverein. Jeder Totemclan hatte die
Aufgabe bernommen, fr die Reichlichkeit eines gewissen Nahrungsmittels
zu sorgen. Wenn es sich um nicht ebare Totem handelte, wie um
schdliche Tiere, um Regen, Wind u.dgl., so war die Pflicht des
Totemclan, dieses Stck Natur zu beherrschen und dessen Schdlichkeit
abzuwehren. Die Leistungen eines jeden Clan kamen allen anderen zu gute.
Da der Clan von seinem Totem nichts oder nur sehr wenig essen durfte, so
beschaffte er dieses wertvolle Gut fr die anderen und wurde dafr von
ihnen mit dem versorgt, was sie selbst als ihre soziale Totempflicht zu
besorgen hatten. Im Lichte dieser durch die _Intichiuma_zeremonie
vermittelten Auffassung wollte es _Frazer_ scheinen, als wre man durch
das Verbot, von seinem Totem zu essen, verblendet worden, die wichtigere
Seite des Verhltnisses zu vernachlssigen, nmlich das Gebot, mglichst
viel von dem ebaren Totem fr den Bedarf der anderen herbeizuschaffen.

  (148) There is nothing vague or mystical about it, nothing of that
  metaphysical haze which some writers love to conjure up over the
  humble beginnings of human speculation but which is utterly foreign to
  the simple, sensuous, and concrete modes of the savage (Totemism and
  Exogamy, I, p.117).

_Frazer_ nahm die Tradition der _Arunta_ an, da jeder Totemclan sich
ursprnglich ohne Einschrnkung von seinem Totem genhrt habe. Dann
bereitete es Schwierigkeiten, die folgende Entwicklung zu verstehen, die
sich damit begngte, den Totem fr andere zu sichern, whrend man selbst
auf seinen Genu fast verzichtete. Er nahm dann an, diese Einschrnkung
sei keineswegs aus einer Art von religisem Respekt hervorgegangen,
sondern vielleicht aus der Beobachtung, da kein Tier seinesgleichen zu
verzehren pflege, so da dieser Abbruch der Identifizierung mit dem
Totem der Macht, die man ber denselben zu erlangen wnschte, Schaden
brchte. Oder aus einem Bestreben, sich das Wesen geneigt zu machen,
indem man es selbst verschonte. _Frazer_ verhehlte sich aber die
Schwierigkeiten dieser Erklrung nicht(149) und ebensowenig getraute er
sich anzugeben, auf welchem Wege die von den Mythen der _Arunta_
behauptete Gewohnheit, innerhalb des Totem zu heiraten, sich zur
Exogamie gewandelt habe.

  (149) l.c., p.120.

Die auf das _Intichiuma_ gegrndete Theorie _Frazers_ steht und fllt
mit der Anerkennung der primitiven Natur der _Arunta_institutionen. Es
scheint aber unmglich, diese letztere gegen die von _Durkheim_(150) und
_Lang_(151) vorgebrachten Einwendungen zu halten. Die _Arunta_ scheinen
vielmehr die entwickeltsten der australischen Stmme zu sein, eher ein
Auflsungsstadium als den Beginn des Totemismus zu reprsentieren. Die
Mythen, welche auf _Frazer_ so groen Eindruck gemacht haben, weil sie
im Gegensatz zu den heute herrschenden Institutionen die Freiheit
betonen, vom Totem zu essen und innerhalb des Totem zu heiraten, wrden
sich uns leicht als Wunschphantasien erklren, welche in die
Vergangenheit projiziert sind, hnlich wie der Mythus vom goldenen
Zeitalter.

  (150) L'anne sociologique T.I, V, VIII und an anderen Stellen. Siehe
  besonders die Abhandlung Sur le totmisme. T.V, 1901.

  (151) Social Origins und Secret of the Totem.


C) Die psychologischen Theorien.

Die erste psychologische Theorie _Frazers_, noch vor seiner
Bekanntschaft mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_
geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die uerliche Seele(152). Der
Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort fr die Seele darstellen, an
dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie bedrohen, entzogen zu
bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in seinem Totem untergebracht
hatte, so war er selbst unverletzlich und natrlich htete er sich, den
Trger seiner Seele selbst zu beschdigen. Da er aber nicht wute,
welches Individuum der Tierart sein Seelentrger war, lag es ihm nahe,
die ganze Art zu verschonen. _Frazer_ hat diese Ableitung des Totemismus
aus dem Seelenglauben spter selbst aufgegeben.

  (152) The Golden BoughII, p.332.

Als er mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_ bekannt wurde,
stellte er die andere soziologische Theorie des Totemismus auf, welche
eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand dann selbst, da das Motiv,
aus dem er den Totemismus abgeleitet, allzu rationell sei, und da er
dabei eine soziale Organisation vorausgesetzt habe, die allzu
kompliziert sei, als da man sie primitiv heien drfe(153). Die
magischen Kooperativgesellschaften erschienen ihm jetzt eher als spte
Frchte denn als Keime des Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment,
einen primitiven Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die
Entstehung des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprngliche Moment fand
er dann in der merkwrdigen Konzeptionstheorie der _Arunta_.

  (153) It is unlikely that a community of savages should deliberately
  parcel out the realm of nature into provinces, assign each province to
  a particular band of magicians, and bid all the bands to work their
  magic and weave their spells for the common good. T. and Ex.IV,
  p.57.

Die _Arunta_ heben, wie bereits erwhnt, den Zusammenhang der Konzeption
mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich Mutter fhlt, so ist in
diesem Augenblick einer der auf Wiedergeburt lauernden Geister von der
nchstliegenden Geistersttte in ihren Leib eingedrungen und wird von
ihr als Kind geboren. Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der
gewissen Stelle lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den
Totemismus nicht erklren, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn
man einen Schritt weiter zurckgehen und annehmen will, da das Weib
ursprnglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das Objekt,
welches ihre Phantasie in dem Moment beschftigte, da sie sich zuerst
Mutter fhlte, sei wirklich in sie eingedrungen und werde dann von ihr
in menschlicher Form geboren, dann wre die Identitt eines Menschen mit
seinem Totem durch den Glauben der Mutter wirklich begrndet, und alle
weiteren Totemgebote (mit Ausschlu der Exogamie) lieen sich leicht
daraus ableiten. Der Mensch wrde sich weigern, von diesem Tier, dieser
Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst essen wrde. Er
wrde sich aber veranlat finden, gelegentlich in zeremoniser Weise
etwas von seinem Totem zu genieen, weil er dadurch seine
Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am Totemismus ist,
verstrken knnte. Beobachtungen von W.H.R. _Rivers_ an den
Eingeborenen der _Banks_inseln schienen die direkte Identifizierung der
Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer solchen Konzeptionstheorie zu
erweisen(154).

  (154) T. and Ex.II, p.89 und IV, p.59.

Die letzte Quelle des Totemismus wre also die Unwissenheit der Wilden
ber den Proze, wie Menschen und Tiere ihr Geschlecht fortpflanzen. Des
besonderen die Unkenntnis der Rolle, welche das Mnnchen bei der
Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis mu erleichtert werden durch das
lange Intervall, welches sich zwischen den befruchtenden Akt und die
Geburt des Kindes (oder das Verspren der ersten Kindsbewegungen)
einschiebt. Der Totemismus ist daher eine Schpfung nicht des
mnnlichen, sondern des weiblichen Geistes. Die Gelste (sick fancies)
des schwangeren Weibes sind die Wurzel desselben. Anything indeed that
struck a woman at that mysterious moment of her life when she first
knows herself to be a mother might easily be identified by her with the
child in her womb. Such maternal fancies, so natural and seemingly so
universal, appear to be the root of totemism(155).

  (155) l.c. IV, p.63.

Der Haupteinwand gegen diese dritte _Frazer_sche Theorie ist derselbe,
der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht wurde. Die
_Arunta_ scheinen sich von den Anfngen des Totemismus weit weg entfernt
zu haben. Ihre Verleugnung der Vaterschaft scheint nicht auf primitiver
Unwissenheit zu beruhen; sie haben selbst in manchen Stcken vterliche
Vererbung. Sie scheinen die Vaterschaft einer Art von Spekulation
geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(156).
Wenn sie den Mythus der unbefleckten Empfngnis durch den Geist zur
allgemeinen Konzeptionstheorie erheben, darf man ihnen darum
Unwissenheit ber die Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig zumuten,
wie den alten Vlkern um die Zeit der Entstehung der christlichen
Mythen.

  (156) That belief is a philosophy far from primitive. A. _Lang_,
  Secret of the Totem, p.192.

Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Totemismus hat der
Hollnder G.A. _Wilcken_ aufgestellt. Sie stellt eine Verknpfung des
Totemismus mit der Seelenwanderung her. Dasjenige Tier, in welches die
Seelen der Toten nach allgemeinem Glauben bergingen, wurde zum
Blutsverwandten, Ahnherrn und als solcher verehrt. Aber der Glauben an
die Tierwanderung der Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet sein
als umgekehrt(157).

  (157) _Frazer_, T. and Ex.IV, p.45 u.ff.

Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten
amerikanischen Ethnologen, Fr. _Boas_, _Hill-Tout_ u.a., vertreten. Sie
geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstmmen aus und
behauptet, der Totem sei ursprnglich der Schutzgeist eines Ahnen, den
dieser durch einen Traum erworben und auf seine Nachkommenschaft vererbt
habe. Wir haben schon frher gehrt, welche Schwierigkeiten die
Ableitung des Totemismus aus der Vererbung von einem einzelnen her
bietet; berdies sollen die australischen Beobachtungen die
Zurckfhrung des Totem auf den Schutzgeist keineswegs untersttzen(158).

  (158) _Frazer_, l.c., p.48.

Fr die letzte der psychologischen Theorien, die von _Wundt_
ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden, da
erstens das ursprngliche Totemobjekt und das dauernd verbreitetste das
Tier ist, und da zweitens unter den Totemtieren wieder die
ursprnglichsten mit Seelentieren zusammenfallen(159). Seelentiere, wie
Vgel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch ihre schnelle
Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere berraschung und
Grauen erregende Eigenschaften dazu, als die Trger der den Krper
verlassenden Seele erkannt zu werden. Das Totemtier ist ein Abkmmling
der Tierverwandlungen der Hauchseele. So mndet hier fr _Wundt_ der
Totemismus unmittelbar in den Seelenglauben oder Animismus ein.

  (159) _Wundt_, Elemente der Vlkerpsychologie, p.190.


b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung zum Totemismus.

Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausfhrlichkeit
vorgebracht und mu dennoch befrchten, da ich deren Eindruck durch die
immerhin notwendige Verkrzung geschadet habe. In betreff der weiteren
Fragen nehme ich mir im Interesse der Leser die Freiheit einer noch
weitergehenden Zusammendrngung. Die Diskussionen ber die Exogamie der
Totemvlker werden durch die Natur des dabei verwerteten Materials
besonders kompliziert und unbersehbar; man knnte sagen: verworren. Die
Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, da ich mich hier auf
Hervorhebung einiger Richtlinien beschrnke und fr eine grndlichere
Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten eingehenden
Fachschriften verweise.

Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist natrlich
nicht unabhngig von seiner Parteinahme fr diese oder jene
Totemtheorie. Einige von diesen Erklrungen des Totemismus lassen jede
Anknpfung an die Exogamie vermissen, so da die beiden Institutionen
glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei Anschauungen einander
gegenber, die eine, welche den ursprnglichen Anschein festhalten will,
die Exogamie sei ein wesentliches Stck des totemistischen Systems, und
eine andere, welche einen solchen Zusammenhang bestreitet und an ein
zuflliges Zusammentreffen der beiden Zge ltester Kulturen glaubt.
_Frazer_ hat in seinen spteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt mit
Entschiedenheit vertreten.

I must request the reader to bear constantly in mind that the two
institutions of totemism and exogamy are fundamentally distinct in
origin and nature though they have accidentally crossed and blended in
many tribes. (T. and Ex., I., VorredeXII.)

Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle
unendlicher Schwierigkeiten und Miverstndnisse. Im Gegensatz hiezu
haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie als notwendige Folge
der totemistischen Grundanschauungen zu begreifen. _Durkheim_ hat in
seinen Arbeiten(160) ausgefhrt, wie das an den Totem geknpfte Tabu das
Verbot mit sich bringen mute, ein Weib des nmlichen Totem zum
geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen. Der Totem ist von demselben Blut
wie der Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit Rcksicht auf
Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem Weibe, das
demselben Totem angehrt(161). A. _Lang_, der sich hierin _Durkheim_
anschliet, meint sogar, es bedrfte nicht des Bluttabu, um das Verbot
der Frauen des gleichen Stammes zu bewirken(162). Das allgemeine
Totemtabu, welches z.B. verbietet, im Schatten des Totembaumes zu
sitzen, wrde hiefr hingereicht haben. A. _Lang_ verficht brigens auch
eine andere Ableitung der Exogamie (s.u.) und lt es zweifelhaft, wie
sich diese beiden Erklrungen zueinander verhalten.

  (160) L'anne sociologique 1898-1904.

  (161) Siehe die Kritik der Errterungen _Durkheims_ bei _Frazer_. T.
  and Ex., IV, p.101.

  (162) Secret etc., p.125.

In betreff der zeitlichen Verhltnisse huldigt die Mehrzahl der Autoren
der Ansicht, der Totemismus sei die ltere Institution, die Exogamie
spter hinzugekommen(163).

  (163) Z.B. _Frazer_, l.c. IV, p.75: The totemic clan is a totally
  different social organism from the exogamous class, and we have good
  grounds for thinking that it is far older.

Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhngig vom Totemismus
erklren wollen, seien nur einige hervorgehoben, welche die
verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzestproblem erlutern.

_Mac Lennan_(164) hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus den
berresten von Sitten erraten, welche auf den ehemaligen Frauenraub
hindeuteten. Er nahm nun an, da es in Urzeiten allgemein gebruchlich
gewesen sei, sich das Weib aus einem fremden Stamm zu holen, und die
Heirat mit einem Weib aus dem eigenen Stamm sei allmhlich unerlaubt
geworden, weil sie ungewhnlich war(165). Das Motiv fr diese Gewohnheit
der Exogamie suchte er in einem Frauenmangel jener primitiven Stmme,
der sich aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt
zu tten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nachprfung zu
tun, ob die tatschlichen Verhltnisse die Annahmen _Mac Lennans_
besttigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, da es unter den
Voraussetzungen des Autors doch unerklrlich bliebe, warum sich die
mnnlichen Mitglieder des Stammes auch die wenigen Frauen aus ihrem Blut
unzugnglich machen sollten, und die Art, wie hier das Inzestproblem
gnzlich beiseite gelassen wird(166).

  (164) Primitive marriage 1865.

  (165) Improper because it was unusual.

  (166) _Frazer_, l.c. IV, p.73 bis 92.

Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben andere Forscher die
Exogamie als eine Institution zur Verhtung des Inzests erfat(167).

  (167) Vgl. die erste Abhandlung.

berblickt man die allmhlich wachsende Komplikation der australischen
Heiratsbeschrnkungen, so kann man nicht anders als der Ansicht von
_Morgan_, _Frazer_, _Howitt_, _Baldwin Spencer_(168) beistimmen, da
diese Einrichtungen das Geprge zielbewuter Absicht (deliberate
design nach _Frazer_) an sich tragen, und da sie das erreichen
sollten, was sie tatschlich geleistet haben. In no other way does it
seem possible to explain in all its details a system at once so complex
and so regular(169).

  (168) _Morgan_, Ancient Society 1877. -- _Frazer_, T. and Ex.IV,
  p.105ff.

  (169) _Frazer_, l.c., p.106.

Es ist interessant hervorzuheben, da die ersten der durch die
Einfhrung von Heiratsklassen erzeugten Beschrnkungen die
Sexualfreiheit der jngeren Generation, also den Inzest von Geschwistern
und von Shnen mit ihrer Mutter trafen, whrend der Inzest zwischen
Vater und Tochter erst durch weitergehende Maregeln aufgehoben wurde.

Die Zurckfhrung der exogamischen Sexualbeschrnkungen auf
gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts fr das Verstndnis des
Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher stammt in
letzter Auflsung die Inzestscheu, welche als die Wurzel der Exogamie
erkannt werden mu? Es ist offenbar nicht gengend, sich zur Erklrung
der Inzestscheu auf eine instinktive Abneigung gegen sexuellen Verkehr
unter Blutsverwandten, d.h. also auf die Tatsache der Inzestscheu zu
berufen, wenn die soziale Erfahrung nachweist, da der Inzest diesem
Instinkt zum Trotz kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen
Gesellschaft ist, und wenn die historische Erfahrung Flle kennen lehrt,
in denen die inzestuse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht
wurde.

_Westermarck_(170) machte zur Erklrung der Inzestscheu geltend, da
zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, eine angeborene
Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, und da dieses Gefhl,
da diese Personen in der Regel blutsverwandt sind, in Sitte und Gesetz
einen natrlichen Ausdruck findet durch den Abscheu vor dem
Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten. _Havelock Ellis_ bestritt
zwar den triebhaften Charakter dieser Abneigung in seinen Studies in
the psychology of sex, trat aber sonst im wesentlichen derselben
Erklrung bei, indem er uerte: das normale Unterbleiben des
Zutagetretens des Paarungstriebes dort, wo es sich um Brder und
Schwestern oder um von Kindheit auf beisammenlebende Mdchen und Knaben
handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, da
unter jenen Umstnden die den Paarungstrieb erweckenden Vorbedingungen
durchaus fehlen mssen ... Zwischen Personen, die von Kindheit zusammen
aufgewachsen sind, hat die Gewhnung alle sinnlichen Reize des Sehens,
des Hrens und der Berhrung abgestumpft, in die Bahn einer ruhigen
Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt, die zur Erzeugung
geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche ntige erethistische Erregung
hervorzurufen.

  (170) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909.
  Dort auch die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene
  Einwendungen.

Es erscheint mir sehr merkwrdig, da _Westermarck_ diese angeborene
Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, mit denen man die
Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychische Reprsentanz der
biologischen Tatsache ansieht, da Inzucht eine Schdigung der Gattung
bedeutet. Ein derartiger biologischer Instinkt wrde in seiner
psychologischen uerung kaum so weit irregehen, da er anstatt der fr
die Fortpflanzung schdlichen Blutsverwandten die in dieser Hinsicht
ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen trfe. Ich kann es mir aber auch
nicht versagen, die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche
_Frazer_ der Behauptung von _Westermarck_ entgegenstellt. _Frazer_
findet es unbegreiflich, da das sexuelle Empfinden sich heute so gar
nicht gegen den Verkehr mit Herdgenossen strubt, whrend die
Inzestscheu, die nur ein Abkmmling von diesem Struben sein soll,
gegenwrtig so bermchtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere
Bemerkungen _Frazers_, die ich unverkrzt hieher setze, weil sie im
Wesen mit den in meinem Aufsatz ber das Tabu entwickelten Argumenten
zusammentreffen.

Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder menschlicher
Instinkt die Verstrkung durch ein Gesetz bentigen sollte. Es gibt kein
Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder
ihnen verbietet, ihre Hnde ins Feuer zu stecken. Die Menschen essen und
trinken und halten ihre Hnde vom Feuer weg, instinktgem, aus Angst
vor natrlichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch
Beleidigung dieser Triebe zuziehen wrden. Das Gesetz verbietet den
Menschen nur, was sie unter dem Drngen ihrer Triebe ausfhren knnten.
Was die Natur selbst verbietet und bestraft, das braucht nicht erst das
Gesetz zu verbieten und zu strafen. Wir drfen daher auch ruhig
annehmen, da Verbrechen, die durch ein Gesetz verboten werden,
Verbrechen sind, die viele Menschen aus natrlichen Neigungen gern
begehen wrden. Wenn es keine solche Neigung gbe, kmen keine solchen
Verbrechen vor, und wenn solche Verbrechen nicht begangen wrden, wozu
brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen Verbot
des Inzests zu schlieen, da eine natrliche Abneigung gegen den Inzest
besteht, sollten wir eher den Schlu ziehen, da ein natrlicher
Instinkt zum Inzest treibt, und da, wenn das Gesetz diesen Trieb wie
andere natrliche Triebe unterdrckt, dies seinen Grund in der Einsicht
zivilisierter Menschen hat, da die Befriedigung dieser natrlichen
Triebe der Gesellschaft Schaden bringt(171).

  (171) l.c., p.97.

Ich kann dieser kostbaren Argumentation _Frazers_ noch hinzufgen, da
die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme einer angeborenen
Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends unmglich machen. Sie haben
im Gegenteile gelehrt, da die ersten sexuellen Regungen des
jugendlichen Menschen regelmig inzestuser Natur sind, und da solche
verdrngte Regungen als Triebkrfte der spteren Neurosen eine kaum zu
berschtzende Rolle spielen.

Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes mu also
fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine andere Ableitung
des Inzestverbots, welche sich zahlreicher Anhnger erfreut, um die
Annahme, da die primitiven Vlker frhzeitig bemerkt haben, mit welchen
Gefahren die Inzucht ihr Geschlecht bedrohe, und da sie darum in
bewuter Absicht das Inzestverbot erlassen htten. Die Einwendungen
gegen diesen Erklrungsversuch drngen einander(172). Nicht nur, da das
Inzestverbot lter sein mu als alle Haustierwirtschaft, an welcher der
Mensch Erfahrungen ber die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften
der Rasse machen konnte, sondern die schdlichen Folgen der Inzucht sind
auch heute noch nicht ber jeden Zweifel sichergestellt und beim
Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner macht alles, was wir ber die
heutigen Wilden wissen, es sehr unwahrscheinlich, da die Gedanken ihrer
entferntesten Ahnen bereits mit der Verhtung von Schden fr ihre
sptere Nachkommenschaft beschftigt waren. Es klingt fast lcherlich,
wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschenkindern
hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie sie noch kaum in
unserer heutigen Kultur Bercksichtigung gefunden haben(173).

  (172) Vgl. _Durkheim_, La prohibition de l'Inceste. L'anne
  sociologique, I, 1896/97.

  (173) Ch. _Darwin_ meint von den Wilden: they are not likely to
  reflect on distant evils to their progeny.

Endlich wird man auch geltend machen mssen, da das aus praktisch
hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als eines die Rasse
schwchenden Moments ganz unangemessen erscheint, um den tiefen Abscheu
zu erklren, welcher sich in unserer Gesellschaft gegen den Inzest
erhebt. Wie ich an anderer Stelle dargetan habe(174), erscheint diese
Inzestscheu bei den heute lebenden primitiven Vlkern eher noch reger
und strker als bei den zivilisierten.

  (174) Vgl. die erste Abhandlung.

Whrend man erwarten konnte, auch fr die Ableitung der Inzestscheu die
Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologischen und psychologischen
Erklrungsmglichkeiten, wobei noch die psychologischen Motive
vielleicht als Reprsentanz von biologischen Mchten zu wrdigen wren,
sieht man sich am Ende der Untersuchung gentigt, dem resignierten
Ausspruch _Frazers_ beizutreten: Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu
nicht und wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der bisher
vorgebrachten Lsungen des Rtsels erscheint uns befriedigend(175).

  (175) Thus the ultimate origin of exogamy and with it the law of
  incest -- since exogamy was devised to prevent incest -- remains a
  problem nearly as dark as ever. T. and Ex.I, p.165.

Ich mu noch eines Versuches erwhnen, die Entstehung der Inzestscheu zu
erklren, welcher von ganz anderer Art ist als die bisher betrachteten.
Man knnte ihn als eine historische Ableitung bezeichnen.

Dieser Versuch knpft an eine Hypothese von Ch. _Darwin_ ber den
sozialen Urzustand des Menschen an. _Darwin_ schlo aus den
Lebensgewohnheiten der hheren Affen, da auch der Mensch ursprnglich
in kleinen Horden gelebt habe, innerhalb welcher die Eifersucht des
ltesten und strksten Mnnchens die sexuelle Promiskuitt verhinderte.
Wir knnen in der Tat, nach dem was wir von der Eifersucht aller
Sugetiere wissen, von denen viele mit speziellen Waffen zum Kmpfen mit
ihren Nebenbuhlern bewaffnet sind, schlieen, da allgemeine Vermischung
der Geschlechter im Naturzustand uerst unwahrscheinlich ist ... Wenn
wir daher im Strome der Zeit weit genug zurckblicken und nach den
sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert, schlieen,
ist die wahrscheinlichste Ansicht die, da der Mensch ursprnglich in
kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau oder, hatte er
die Macht, mit mehreren, welche er eiferschtig gegen alle anderen
Mnner verteidigte. Oder er mag kein soziales Tier gewesen sein und doch
mit mehreren Frauen fr sich allein gelebt haben wie der Gorilla; denn
alle Eingeborenen stimmen darin berein, da nur ein erwachsenes
Mnnchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wchst das junge Mnnchen heran,
so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und der Strkste setzt sich
dann, indem er die anderen gettet oder vertrieben hat, als Oberhaupt
der Gesellschaft fest (Dr. _Savage_ in Boston Journal of Natur.
Hist.V., 1845-1847). Die jngeren Mnnchen, welche hiedurch ausgestoen
sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt beim Finden
einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb der Glieder
einer und derselben Familie verhten(176).

  (176) Abstammung des Menschen, bersetzt von V. _Carus_, II.Bd.,
  Kap.20, p.341.

_Atkinson_(177) scheint zuerst erkannt zu haben, da diese Verhltnisse
der _Darwin_schen Urhorde die Exogamie der jungen Mnner praktisch
durchsetzen muten. Jeder dieser Vertriebenen konnte eine hnliche Horde
grnden, in welcher dasselbe Verbot des Geschlechtsverkehrs dank der
Eifersucht des Oberhauptes galt, und im Laufe der Zeit wrde sich aus
diesen Zustnden die jetzt als Gesetz bewute Regel ergeben haben: Kein
Sexualverkehr mit den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus htte
sich die Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexualverkehr
innerhalb des Totem.

  (177) Primal Law, London 1903 (mit A. _Lang_, Social Origins).

A. _Lang_(178) hat sich dieser Erklrung der Exogamie angeschlossen. Er
vertritt aber in demselben Buche die andere (_Durkheim_sche) Theorie,
welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen hervorgehen
lt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen miteinander zu
vereinigen; im ersten Falle htte die Exogamie vor dem Totemismus
bestanden, im zweiten wre sie eine Folge desselben(179).

  (178) Secret of the Totem, p.114, 143.

  (179) If it be granted that exogamy existed in practice, on the lines
  of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the
  practice a _sacred_ sanction, our task is relatively easy. The first
  practical rule would be that of the jealous Sire No males to touch
  the females in my camp, with expulsion of adolescent sons. _In efflux
  of time that rule, become habitual_, would be, No marriage within the
  local group. Next let the local groups receive names, such as Emus,
  Crows, Opossums, Snipes, and the rule becomes, No Marriage within the
  local group of animal name; no Snipe to marry a Snipe. But, if the
  primal groups were not exogamous, they would become so, as soon as
  totemic myths and tabus were developed out of the animal, vegetable,
  and other names of small local groups. Secret of the Totem p.143.
  (Die Hervorhebung in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) -- In
  seiner letzten uerung ber den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911)
  teilt A. _Lang_ brigens mit, da er die Ableitung der Exogamie aus
  dem general totemic Tabu aufgegeben habe.


3.

Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung in
dieses Dunkel.

Das Verhltnis des Kindes zum Tiere hat viel hnlichkeit mit dem des
Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut,
welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur
durch eine scharfe Grenzlinie von allem anderen Animalischen abzusetzen.
Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbrtigkeit zu; im
ungehemmten Bekennen zu seinen Bedrfnissen fhlt es sich wohl dem Tiere
verwandter als dem ihm wahrscheinlich rtselhaften Erwachsenen.

In diesem ausgezeichneten Einverstndnis zwischen Kind und Tier tritt
nicht selten eine merkwrdige Strung auf. Das Kind beginnt pltzlich
eine bestimmte Tierart zu frchten und sich vor der Berhrung oder dem
Anblick aller einzelnen dieser Art zu schtzen. Es stellt sich das
klinische Bild einer _Tierphobie_ her, eine der hufigsten unter den
psychoneurotischen Erkrankungen dieses Alters und vielleicht die
frheste Form solcher Erkrankung. Die Phobie betrifft in der Regel
Tiere, fr welche das Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse
gezeigt hatte, sie hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl
unter den Tieren, welche Objekte der Phobie werden knnen, ist unter
stdtischen Bedingungen nicht gro. Es sind Pferde, Hunde, Katzen,
seltener Vgel, auffllig hufig kleinste Tiere wie Kfer und
Schmetterlinge. Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus Bilderbuch
und Mrchenerzhlung bekannt worden sind, Objekte der unsinnigen und
unmigen Angst, welche sich bei diesen Phobien zeigt; selten gelingt es
einmal die Wege zu erfahren, auf denen sich eine ungewhnliche Wahl des
Angsttieres vollzogen hat. So verdanke ich K. _Abraham_ die Mitteilung
eines Falles, in welchem ein Kind seine Angst vor Wespen selbst durch
die Angabe aufklrte, die Farbe und Streifung des Wespenleibes htte es
an den Tiger denken lassen, vor dem es sich nach allem Gehrten frchten
durfte.

Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand aufmerksamer
analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es im hohen Grade
verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit Kindern in so zartem
Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung gewesen. Man kann daher nicht
behaupten, da man den allgemeinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und
ich meine selbst, da er sich nicht als einheitlich herausstellen
drfte. Aber einige Flle von solchen auf grere Tiere gerichteten
Phobien haben sich der Analyse zugnglich erwiesen und so dem
Untersucher ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das nmliche:
die Angst galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben
waren, und war nur auf das Tier verschoben worden.

Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewi solche Flle gesehen und
von ihnen den nmlichen Eindruck empfangen. Doch kann ich mich nur auf
wenige ausfhrliche Publikationen darber berufen. Es ist dies ein
Zufall der Literatur, aus welchem nicht geschlossen werden sollte, da
wir unsere Behauptung berhaupt nur auf vereinzelte Beobachtungen
sttzen knnen. Ich erwhne z.B. einen Autor, welcher sich
verstndnisvoll mit den Neurosen des Kindesalters beschftigt hat, M.
_Wulff_ (Odessa). Er erzhlt im Zusammenhange der Krankengeschichte
eines neunjhrigen Knaben, da dieser mit vier Jahren an einer
Hundephobie gelitten hat. Als er auf der Strae einen Hund vorbeilaufen
sah, weinte er und schrie: 'Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will
artig sein.' Unter 'artig sein' meinte er: 'nicht mehr Geige spielen'
(onanieren)(180).

  (180) M. _Wulff_, Beitrge zur infantilen Sexualitt. Zentralblatt fr
  Psychoanalyse, 1912, II, Nr.1, p.15ff.

Derselbe Autor resumiert spter: Seine Hundephobie ist eigentlich die
auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn seine sonderbare
uerung: 'Hund, ich will artig sein' -- d.h. nicht masturbieren --
bezieht sich doch eigentlich auf den Vater, der die Masturbation
verboten hat. In einer Anmerkung setzt er dann hinzu, was sich eben so
vllig mit meiner Erfahrung deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit
solcher Erfahrungen bezeugt: Solche Phobien (Pferdephobien,
Hundephobien, Katzen, Hhner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im
Kindesalter mindestens ebenso verbreitet wie der Pavor nocturnus und
lassen sich in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst
von einem der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete
Muse- und Rattenphobie denselben Mechanismus hat, mchte ich nicht
behaupten.

Im ersten Band des Jahrbuches fr psychoanalytische und
psychopathologische Forschungen teilte ich die _Analyse der Phobie
eines fnfjhrigen Knaben_ mit, welche mir der Vater des kleinen
Patienten zur Verfgung gestellt hatte. Es war eine Angst vor Pferden,
in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte, auf die Strae zu gehen. Er
uerte die Befrchtung, das Pferd werde ins Zimmer kommen, werde ihn
beien. Es erwies sich, da dies die Strafe fr seinen Wunsch sein
sollte, da das Pferd umfallen (sterben) mge. Nachdem man dem Knaben
durch Zusicherungen die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es
sich, da er gegen Wnsche ankmpfte, die das Wegsein (Abreisen,
Sterben) des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er
berdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst der Mutter,
auf welche seine keimenden Sexualwnsche in dunkeln Ahnungen gerichtet
waren. Er befand sich also in jener typischen Einstellung des mnnlichen
Kindes zu den Eltern, welche wir als den dipuskomplex bezeichnen, und
in der wir den Kernkomplex der Neurosen berhaupt erkennen. Was wir neu
aus der Analyse des kleinen Hans erfahren, ist die fr den Totemismus
wertvolle Tatsache, da das Kind unter solchen Bedingungen einen Anteil
seiner Gefhle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt.

Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zuflligen
Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich
geht. Sie lt auch die Motive derselben erraten. Der aus der
Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Ha kann sich im
Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit
jeher bestehenden Zrtlichkeit und Bewunderung fr dieselbe Person zu
kmpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger -- _ambivalenter_ --
Gefhlseinstellung gegen den Vater und schafft sich Erleichterung in
diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseligen und ngstlichen
Gefhle auf ein Vatersurrogat verschiebt. Die Verschiebung kann den
Konflikt allerdings nicht in der Weise erledigen, da sie eine glatte
Scheidung der zrtlichen von den feindseligen Gefhlen herstellt. Der
Konflikt setzt sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die
Ambivalenz greift auf dieses letztere ber. Es ist unverkennbar, da der
kleine Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und
Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermigt hat,
identifiziert er sich selbst mit dem gefrchteten Tier, springt als
Pferd herum und beit nun seinerseits den Vater(181). In einem anderen
Auflsungsstadium der Phobie macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen
groen Tieren zu identifizieren(182).

  (181) l.c., p.37.

  (182) Die Giraffenphantasie, p.24.

Man darf den Eindruck aussprechen, da in diesen Tierphobien der Kinder
gewisse Zge des Totemismus in negativer Ausprgung wiederkehren. Wir
verdanken aber S. _Ferenczi_ die vereinzelt schne Beobachtung eines
Falles, den man nur als positiven Totemismus bei einem Kinde bezeichnen
kann(183). Bei dem kleinen Arpd, von dem _Ferenczi_ berichtet, erwachen
die totemistischen Interessen allerdings nicht direkt im Zusammenhang
des dipuskomplexes, sondern auf Grund der narzitischen Voraussetzung
desselben, der Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen
Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten
Zeugnisse dafr finden, da der Vater als der Besitzer des groen
Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales
gefrchtet wird. Im dipus- wie im Kastrationskomplex spielt der Vater
die nmliche Rolle, die des gefrchteten Gegners der infantilen
Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz durch die Blendung ist
die von ihm drohende Strafe(184).

  (183) S. _Ferenczi_, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschrift fr
  rztliche Psychoanalyse, 1913, I, Nr.3.

  (184) ber den Ersatz der Kastration durch die auch im dipusmythus
  enthaltene Blendung vgl. die Mitteilungen von _Reitler_, _Ferenczi_,
  _Rank_ und _Eder_ in Internationale Zeitschrift fr rztliche
  Psychoanalyse, 1913, I, Nr.2.

Als der kleine Arpd zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er einmal in
einem Sommeraufenthalte ins Geflgelhaus zu urinieren, wobei ihn ein
Huhn ins Glied bi oder nach seinem Glied schnappte. Als er ein Jahr
spter an denselben Ort zurckkehrte, wurde er selbst zum Huhn, er
interessierte sich nur mehr fr das Geflgelhaus und alles, was darin
vorging, und gab seine menschliche Sprache gegen Gackern und Krhen auf.
Zur Zeit der Beobachtung (fnf Jahre) sprach er wieder, aber
beschftigte sich auch in der Rede ausschlielich nur mit Hhnern und
anderem Geflgel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang nur
Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen gegen sein
Totemtier war exquisit ambivalent, bermiges Hassen und Lieben. Am
liebsten spielte er Hhnerschlachten. Das Schlachten des Federviehs ist
ihm berhaupt ein Fest. Er ist im stande, stundenlang um die Tierleichen
erregt herumzutanzen. Aber dann kte und streichelte er das
geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste die von ihm selbst
mihandelten Ebenbilder von Hhnern.

Der kleine Arpd sorgte selbst dafr, da der Sinn seines sonderbaren
Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er bersetzte gelegentlich
seine Wnsche aus der totemistischen Ausdrucksweise zurck in die des
Alltagslebens. Mein Vater ist der Hahn, sagte er einmal. Jetzt bin
ich klein, jetzt bin ich ein Kchlein. Wenn ich grer werde, bin ich
ein Huhn. Wenn ich noch grer werde, bin ich ein Hahn. Ein andermal
wnscht er sich pltzlich eine eingemachte Mutter zu essen (nach der
Analogie des eingemachten Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen
Kastrationsandrohungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer
Beschftigung mit seinem Gliede selbst erfahren hatte.

ber die Quelle seines Interesses fr das Treiben im Hhnerhof blieb
nach _Ferenczi_ kein Zweifel: Der rege Sexualverkehr zwischen Hahn und
Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut
befriedigten seine sexuelle Wibegierde, die eigentlich dem menschlichen
Familienleben galt. Nach dem Vorbild des Hhnerlebens hatte er seine
Objektwnsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: Ich werde
Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Kchin,
nein, statt der Kchin lieber die Mutter.

Wir werden an spterer Stelle die Wrdigung dieser Beobachtung
vervollstndigen knnen; heben wir jetzt nur als wertvolle
bereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Zge hervor: Die volle
Identifizierung mit dem Totemtier(185) und die ambivalente
Gefhlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen
Beobachtungen fr berechtigt, in die Formel des Totemismus -- fr den
Mann -- den Vater an Stelle des Totemtieres einzusetzen. Wir merken
dann, da wir damit keinen neuen oder besonders khnen Schritt getan
haben. Die Primitiven sagen es ja selbst und bezeichnen, soweit noch
heute das totemistische System in Kraft besteht, den Totem als ihren
Ahnherrn und Urvater. Wir haben nur eine Aussage dieser Vlker wrtlich
genommen, mit welcher die Ethnologen wenig anzufangen wuten, und die
sie darum gern in den Hintergrund gerckt haben. Die Psychoanalyse mahnt
uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an ihn den
Erklrungsversuch des Totemismus zu knpfen(186).

  (185) In welcher nach _Frazer_ das Wesentliche des Totemismus gegeben
  ist: Totemism is an identification of a man with his totem. T. and
  Ex., IV, p.5.

  (186) O. _Rank_ verdanke ich die Mitteilung eines Falles von
  Hundephobie bei einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklrung,
  wie er zu seinem Leiden gekommen sei, merklich an die oben (S.153)
  erwhnte Totemtheorie der _Arunta_ anklingt. Er meinte von seinem
  Vater erfahren zu haben, da seine Mutter whrend der Schwangerschaft
  mit ihm einmal vor einem Hunde erschrocken sei.

Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwrdig. Wenn das
Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Hauptgebote des
Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen Kern ausmachen, den
Totem nicht zu tten und kein Weib, das dem Totem angehrt, sexuell zu
gebrauchen, inhaltlich zusammen mit den beiden Verbrechen des dipus,
der seinen Vater ttete und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den
beiden Urwnschen des Kindes, deren ungengende Verdrngung oder deren
Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. Sollte
diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel des Zufalls sein, so
mte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung des Totemismus in
unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen Worten, es mte uns
gelingen wahrscheinlich zu machen, da das totemistische System sich aus
den Bedingungen des dipuskomplexes ergeben hat wie die Tierphobie des
kleinen Hans und die Geflgelperversion des kleinen Arpd. Um dieser
Mglichkeit nachzugehen, werden wir im folgenden eine Eigentmlichkeit
des totemistischen Systems oder, wie wir sagen knnen, der Totemreligion
studieren, welche bisher kaum Erwhnung finden konnte.


4.

Der im Jahre 1894 verstorbene W. _Robertson Smith_, Physiker, Philologe,
Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso vielseitiger wie
scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in seinem 1889
verffentlichten Werke ber die Religion der Semiten(187) die Annahme
aus, da eine eigentmliche Zeremonie, die sogenannte _Totemmahlzeit_,
von allem Anfang an einen integrierenden Bestandteil des totemistischen
Systems gebildet habe. Zur Sttze dieser Vermutung stand ihm damals nur
eine einzige, aus dem V.Jahrhundert n.Chr. berlieferte Beschreibung
eines solchen Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die Annahme durch
die Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu einem hohen Grad
von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine gttliche Person
voraussetzt, handelt es sich hiebei um den Rckschlu von einer hheren
Phase des religisen Ritus auf die niedrigste des Totemismus.

  (187) W. _Robertson Smith_, The religion of the Semites. Second
  Edition, London 1907.

Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von _Robertson
Smith_ die fr unser Interesse entscheidenden Stze ber Ursprung und
Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter Weglassung aller oft so
reizvollen Details und mit konsequenter Hintansetzung aller spteren
Entwicklungen. Es ist ganz ausgeschlossen, in einem solchen Auszug dem
Leser etwas von der Luziditt oder von der Beweiskraft der Darstellung
im Original zu bermitteln.

_Robertson Smith_ fhrt aus, da das Opfer am Altar das wesentliche
Stck im Ritus der alten Religion gewesen ist. Es spielt in allen
Religionen die nmliche Rolle, so da man seine Entstehung auf sehr
allgemeine und berall gleichartig wirkende Ursachen zurckfhren mu.

Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochn~ (sacrificium,
~hierourgia~) -- bedeutete aber ursprnglich etwas anderes, als was
sptere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die Gottheit, um
sie zu vershnen oder sich geneigt zu machen. (Von dem Nebensinn der
Selbstentuerung ging dann die profane Verwendung des Wortes aus.) Das
Opfer war nachweisbar zuerst nichts anderes als _an act of social
fellowship between the deity and his worshippers_, ein Akt der
Geselligkeit, eine Kommunion der Glubigen mit ihrem Gotte.

Als Opfer wurden dargebracht ebare und trinkbare Dinge; dasselbe, wovon
der Mensch sich nhrte, Fleisch, Zerealien, Frchte, Wein und l, das
opferte er auch seinem Gotte. Nur in bezug auf das Opferfleisch
bestanden Einschrnkungen und Abweichungen. Von den Tieropfern speist
der Gott gemeinsam mit seinen Anbetern, die vegetabilischen Opfer sind
ihm allein berlassen. Es ist kein Zweifel, da die Tieropfer die
lteren sind und einmal die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer
sind aus der Darbringung der Erstlinge aller Frchte hervorgegangen und
entsprechen einem Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. Das
Tieropfer ist aber lter als der Ackerbau.

Es ist aus sprachlichen berresten gewi, da der dem Gott bestimmte
Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung angesehen wurde.
Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des gttlichen Wesens wurde
diese Vorstellung anstig; man wich ihr aus, indem man allein den
flssigen Anteil der Mahlzeit der Gottheit zuwies. Spter gestattete der
Gebrauch des Feuers, welcher das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch
aufgehen lie, eine Zurichtung der menschlichen Nahrungsmittel, durch
welche sie dem gttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des
Trinkopfers war ursprnglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde spter
der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Alten als das Blut der Rebe,
wie ihn unsere Dichter jetzt noch heien.

Die lteste Form des Opfers, lter als der Gebrauch des Feuers und die
Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessen Fleisch und Blut
der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. Es war wesentlich, da
jeder der Teilnehmer seinen Anteil an der Mahlzeit erhalte.

Ein solches Opfer war eine ffentliche Zeremonie, das Fest eines ganzen
Clan. Die Religion war berhaupt eine allgemeine Angelegenheit, die
religise Pflicht ein Stck der sozialen Verpflichtung. Opfer und
Festlichkeit fallen bei allen Vlkern zusammen, jedes Opfer bringt ein
Fest mit sich und kein Fest kann ohne Opfer gefeiert werden. Das
Opferfest war eine Gelegenheit der freudigen Erhebung ber die eigenen
Interessen, der Betonung der Zusammengehrigkeit untereinander und mit
der Gottheit.

Die ethische Macht der ffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf uralten
Vorstellungen ber die Bedeutung des gemeinsamen Essens und Trinkens.
Mit einem anderen zu essen und zu trinken, war gleichzeitig ein Symbol
und eine Bekrftigung von sozialer Gemeinschaft und von bernahme
gegenseitiger Verpflichtungen; die Opfermahlzeit brachte zum direkten
Ausdruck, da der Gott und seine Anbeter _Commensalen_ sind, aber damit
waren alle ihre anderen Beziehungen gegeben. Gebruche, die noch heute
unter den Arabern der Wste in Kraft sind, beweisen, da das Bindende an
der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religises Moment ist, sondern der
Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit einem solchen
Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch getrunken hat, der
braucht ihn nicht mehr als Feind zu frchten, sondern darf seines
Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings nicht fr ewige
Zeiten; streng genommen, nur fr so lange, als der gemeinsam genossene
Stoff der Annahme nach in seinem Krper verbleibt. So realistisch wird
das Band der Vereinigung aufgefat; es bedarf der Wiederholung, um es zu
verstrken und dauerhaft zu machen.

Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese bindende Kraft
zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften gibt es nur ein Band,
welches unbedingt und ausnahmslos einigt, das der Stammesgemeinschaft
(Kinship). Die Mitglieder dieser Gemeinschaft treten solidarisch fr
einander ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, deren Leben
solcherart zu einer physischen Einheit verbunden sind, da man sie wie
Stcke eines gemeinsamen Lebens betrachten kann. Es heit dann beim Mord
eines einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses oder jenes ist
vergossen worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die
hebrische Phrase, mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt wird,
lautet: Du bist mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet also einen
Anteil haben an einer gemeinsamen Substanz. Es ist dann natrlich, da
sie nicht nur auf die Tatsache gegrndet wird, da man ein Teil von der
Substanz seiner Mutter ist, von der man geboren und mit deren Milch man
genhrt wurde, sondern da auch die Nahrung, die man spterhin geniet
und durch die man seinen Krper erneuert, Kinship erwerben und bestrken
kann. Teilte man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drckte es die
berzeugung aus, da man von einem Stoff mit ihm sei, und wen man als
Fremden anerkannte, mit dem teilte man keine Mahlzeit.

Die Opfermahlzeit war also ursprnglich ein Festmahl von
Stammverwandten, dem Gesetze folgend, da nur Stammverwandte miteinander
essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die Mitglieder der
Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahlzeit nichts zu tun.
Kinship ist lter als Familienleben; die ltesten uns bekannten Familien
umfassen regelmig Personen, die verschiedenen Verwandtschaftsverbnden
angehren. Die Mnner heiraten Frauen aus fremden Clans, die Kinder
erben den Clan der Mutter; es besteht keine Stammesverwandtschaft
zwischen dem Manne und den brigen Familienmitgliedern. In einer solchen
Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen noch heute
abseits und allein, und die religisen Speiseverbote des Totemismus
machen ihnen oft die Egemeinschaft mit ihren Frauen und Kindern
unmglich.

Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehrt, keine
Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber -- was nun bedeutsam ist --
auch kein Schlachten eines Tieres auer fr solche feierliche
Gelegenheit. Man nhrte sich ohne Bedenken von Frchten, Wild und von
der Milch der Haustiere, aber religise Skrupel machten es dem einzelnen
unmglich, ein Haustier fr seinen eigenen Gebrauch zu tten. Es leidet
nicht den leisesten Zweifel, sagt _Robertson Smith_, da jedes Opfer
ursprnglich Clanopfer war, und da das _Tten eines Schlachtopfers_
ursprnglich zu jenen Handlungen gehrte, _die dem einzelnen verboten
sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn der ganze Stamm die
Verantwortlichkeit mit bernimmt_. Es gibt bei den Primitiven nur eine
Klasse von Handlungen, fr welche diese Charakteristik zutrifft, nmlich
Handlungen, welche an die Heiligkeit des dem Stamme gemeinsamen Blutes
rhren. Ein Leben, welches kein einzelner wegnehmen darf, und das nur
durch die Zustimmung, unter der Teilnahme, aller Clangenossen geopfert
werden kann, steht auf derselben Stufe wie das Leben der Stammesgenossen
selbst. Die Regel, da jeder Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des
Opfertieres genieen msse, hat denselben Sinn wie die Vorschrift, da
die Exekution an einem schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen Stamm
zu vollziehen sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie
ein Stammverwandter, _die opfernde Gemeinde, ihr Gott und das Opfertier
waren eines Blutes_, Mitglieder eines Clan.

_Robertson Smith_ identifiziert auf Grund einer reichen Evidenz das
Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im spteren Altertum zwei
Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch fr gewhnlich
gegessen wurden, und ungewhnliche Opfer von Tieren, die als unrein
verboten waren. Die nhere Erforschung zeigt dann, da diese unreinen
Tiere heilige Tiere waren, da sie den Gttern als Opfer dargebracht
wurden, denen sie heilig waren, da diese Tiere ursprnglich identisch
waren mit den Gttern selbst, und da die Glubigen in irgend einer
Weise beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem Gotte
betonten. Fr noch frhere Zeiten entfllt aber dieser Unterschied
zwischen gewhnlichen und mystischen Opfern. Alle Tiere sind
ursprnglich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei
feierlichen Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen
werden. Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergieen von Stammesblut
gleich und mu unter den nmlichen Vorsichten und Sicherungen gegen
Vorwurf geschehen.

Die Zhmung von Haustieren und das Emporkommen der Viehzucht scheint
berall dem reinen und strengen Totemismus der Urzeit ein Ende bereitet
zu haben(188). Aber was in der nun pastoralen Religion den Haustieren
an Heiligkeit verblieb, ist deutlich genug, um den ursprnglichen
Totemcharakter derselben erkennen zu lassen. Noch in spten klassischen
Zeiten schrieb der Ritus an verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach
vollzogenem Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu
entziehen. In Griechenland mu die Idee, da die Ttung eines Ochsen
eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht haben. An dem
athenischen Fest der _Bouphonien_ wurde nach dem Opfer ein frmlicher
Proze eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhr kamen. Endlich
einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf das Messer abzuwlzen,
welches dann ins Meer geworfen wurde.

  (188) The inference is that the domestication to which totemism
  invariably leads (when there are any animals capable of domestication)
  is fatal to totemism. _Jevons_, An introduction to the history of
  religion 1911, fifth edition, p.120.

Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als eines
Stammesgenossen schtzt, wird es zur Notwendigkeit, ein solches Tier von
Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu tten und Fleisch und Blut
desselben unter die Clangenossen zu verteilen. Das Motiv, welches diese
Tat gebietet, gibt den tiefsten Sinn des Opferwesens preis. Wir haben
gehrt, da in spteren Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an
der nmlichen Substanz, welche in ihre Krper eindringt, ein heiliges
Band zwischen den Commensalen herstellt; in ltesten Zeiten scheint
diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Substanz eines heiligen Opfers
zuzukommen. _Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich,
indem nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt werden kann,
welches die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt(189)._

  (189) l.c. p.113.

Dieses Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, welches in
seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und durch die Opfermahlzeit allen
Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche Vorstellung liegt allen
_Blutbndnissen_ zu Grunde, durch die sich noch in spten Zeiten
Menschen gegeneinander verpflichten. Die durchaus realistische
Auffassung der Blutsgemeinschaft als Identitt der Substanz lt die
Notwendigkeit verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch den physischen
Proze der Opfermahlzeit zu erneuern.

Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengnge von _Robertson Smith_
ab, um ihren Kern in gedrngtester Krze zu resumieren: Als die Idee des
Privateigentums aufkam, wurde das Opfer als eine Gabe an die Gottheit,
als eine bertragung aus dem Eigentum des Menschen in das des Gottes
aufgefat. Allein diese Deutung lie alle Eigentmlichkeiten des
Opferrituals unaufgeklrt. In ltesten Zeiten war das Opfertier selbst
heilig, sein Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur unter der
Teilnahme und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes
genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch deren Genu
die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identitt untereinander und mit
der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein Sakrament, das Opfertier
selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirklichkeit das alte Totemtier,
der primitive Gott selbst, durch dessen Ttung und Verzehrung die
Clangenossen ihre Gotthnlichkeit auffrischten und versicherten.

Aus dieser Analyse des Opferwesens zog _Robertson Smith_ den Schlu, da
die periodische Ttung und Aufzehrung des Totem in Zeiten _vor der
Verehrung anthropomorpher Gottheiten_ ein bedeutsames Stck der
Totemreligion gewesen sei. Das Zeremoniell einer solchen Totemmahlzeit,
meinte er, sei uns in der Beschreibung eines Opfers aus spteren Zeiten
erhalten. Der hl. _Nilus_ berichtet von einer Opfersitte der Beduinen in
der sinaitischen Wste um das Ende des IV.Jahrhunderts nach Christi
Geburt. Das Opfer, ein Kamel, wurde gebunden auf einen rohen Altar von
Steinen gelegt; der Anfhrer des Stammes lie die Teilnehmer dreimal
unter Gesngen um den Altar herumgehen, brachte dem Tiere die erste
Wunde bei und trank gierig das hervorquellende Blut; dann strzte sich
die ganze Gemeinde auf das Opfer, hieb mit den Schwertern Stcke des
zuckenden Fleisches los und verzehrte sie roh in solcher Hast, da in
der kurzen Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem
dieses Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnenstrahlen
alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und Eingeweide
vertilgt war. Dieser barbarische, von hchster Altertmlichkeit zeugende
Ritus war allen Beweismitteln nach kein vereinzelter Gebrauch, sondern
die allgemeine ursprngliche Form des Totemopfers, die in spterer Zeit
die verschiedensten Abschwchungen erfuhr.

Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totemmahlzeit
Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beobachtung auf der Stufe
des Totemismus nicht erhrtet werden konnte. _Robertson Smith_ hat noch
selbst auf die Beispiele hingewiesen, in denen die sakramentale
Bedeutung der Opfer gesichert scheint, z.B. bei den Menschenopfern der
Azteken, und auf andere, welche an die Bedingungen der Totemmahlzeit
erinnern, die Brenopfer des Brenstammes der _Ouataouaks_ in Amerika
und die Brenfeste der _Ainos_ in Japan. _Frazer_ hat diese und hnliche
Flle in den beiden letzterschienenen Abteilungen seines groen Werkes
ausfhrlich mitgeteilt(190). Ein Indianerstamm in Kalifornien, der einen
groen Raubvogel (Bussard) verehrt, ttet diesen in feierlicher
Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und seine Haut mit den
Federn aufbewahrt wird. Die _Zuni_indianer in Neumexiko verfahren ebenso
mit ihrer heiligen Schildkrte.

  (190) The Golden Bough, PartV, Spirits of the corn and of the wild;
  1912, in den Abschnitten: Eating the God und Killing the divine
  animal.

In den _Intichiuma_zeremonien der zentralaustralischen Stmme ist ein
Zug beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen von _Robertson
Smith_ vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der fr die Vermehrung seines
Totem, dessen Genu ihm doch selbst verwehrt ist, Magie treibt, ist
gehalten, bei der Zeremonie etwas von seinem Totem selbst zu genieen,
ehe derselbe den anderen Stmmen zugnglich wird. Das schnste Beispiel
fr den sakramentalen Genu des sonst verbotenen Totem soll sich nach
_Frazer_ bei den _Bini_ in Westafrika in Verbindung mit dem
Begrbniszeremoniell dieser Stmme finden(191).

  (191) _Frazer_, T. and Ex. T.II, p.590.

Wir aber wollen _Robertson Smith_ in der Annahme folgen, da die
sakramentale Ttung und gemeinsame Aufzehrung des sonst verbotenen
Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totemreligion gewesen sei(192).

  (192) Die von verschiedenen Autoren (_Marillier_, _Hubert_ und _Mauss_
  u.a.) gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind
  mir nicht unbekannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von
  _Robertson Smith_ im wesentlichen nicht beeintrchtigt.


5.

Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit vor und
statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zgen aus, die bisher
nicht gewrdigt werden konnten. Der Clan, der sein Totemtier bei
feierlichem Anlasse auf grausame Art ttet und es roh verzehrt, Blut,
Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen in die hnlichkeit
des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
seine und ihre Identitt betonen wollten. Es ist das Bewutsein dabei,
da man eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausfhrt, die nur durch
die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann; es darf sich auch keiner
von der Ttung und der Mahlzeit ausschlieen. Nach der Tat wird das
hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Totenklage ist eine
zwangsmige, durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung
erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie _Robertson Smith_ bei
einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit fr die
Ttung von sich abzuwlzen(193).

  (193) Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p.412.

Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Entfesselung
aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die Einsicht in das
Wesen des _Festes_ fllt uns hier ohne jede Mhe zu.

Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exze, ein
feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge
irgend einer Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die
Ausschreitungen, sondern der Exze liegt im Wesen des Festes; die
festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen
erzeugt.

Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer ber den
Tod des Totemtieres? Wenn man sich ber die Ttung des Totem, die sonst
versagt ist, freut, warum trauert man auch ber sie?

Wir haben gehrt, da sich die Clangenossen durch den Genu des Totem
heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und untereinander bestrken.
Da sie das heilige Leben, dessen Trger die Substanz des Totem ist, in
sich aufgenommen haben, knnte ja die festliche Stimmung und alles, was
aus ihr folgt, erklren.

Die Psychoanalyse hat uns verraten, da das Totemtier wirklich der
Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, da es
sonst verboten ist, es zu tten, und da seine Ttung zur Festlichkeit
wird, da man das Tier ttet und es doch betrauert. Die ambivalente
Gefhlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute noch bei unseren
Kindern auszeichnet und sich oft ins Leben der Erwachsenen fortsetzt,
wrde sich auch auf den Vaterersatz des Totemtiers erstrecken.

Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene bersetzung des
Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der _Darwin_schen Hypothese
ber den Urzustand der menschlichen Gesellschaft zusammenhlt, ergibt
sich die Mglichkeit eines tieferen Verstndnisses, der Ausblick auf
eine Hypothese, die phantastisch erscheinen mag, aber den Vorteil
bietet, eine unvermutete Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von
Phnomenen herzustellen.

Die _Darwin_sche Urhorde hat natrlich keinen Raum fr die Anfnge des
Totemismus. Ein gewaltttiger, eiferschtiger Vater, der alle Weibchen
fr sich behlt und die heranwachsenden Shne vertreibt, nichts weiter.
Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nirgends Gegenstand der
Beobachtung geworden. Was wir als primitivste Organisation finden, was
noch heute bei gewissen Stmmen in Kraft besteht, das sind
_Mnnerverbnde_, die aus gleichberechtigten Mitgliedern bestehen und
den Einschrnkungen des totemistischen Systems unterliegen, dabei
mtterliche Erblichkeit. Kann das eine aus dem anderen hervorgegangen
sein und auf welchem Wege war es mglich?

Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns eine Antwort
zu geben: Eines Tages(194) taten sich die ausgetriebenen Brder
zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der
Vaterhorde ein Ende. Vereint wagten sie und brachten zu stande, was dem
einzelnen unmglich geblieben wre. Vielleicht hatte ein
Kulturfortschritt, die Handhabung einer neuen Waffe, ihnen das Gefhl
der berlegenheit gegeben. Da sie den Getteten auch verzehrten, ist
fr den kannibalen Wilden selbstverstndlich. Der gewaltttige Urvater
war gewi das beneidete und gefrchtete Vorbild eines jeden aus der
Brderschar gewesen. Nun setzten sie im Akte des Verzehrens die
Identifizierung mit ihm durch, eigneten sich ein jeder ein Stck seiner
Strke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht das erste Fest der Menschheit,
wre die Wiederholung und die Gedenkfeier dieser denkwrdigen,
verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen Anfang nahm, die
sozialen Organisationen, die sittlichen Einschrnkungen und die
Religion(195).

  (194) Zu dieser Darstellung, die sonst miverstndlich wrde, bitte
  ich die Schlustze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv
  hinzunehmen.

  (195) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der berwltigung und
  Ttung des tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der
  ausgetriebenen Shne hat sich auch _Atkinson_ als direkte Folgerung
  aus den Verhltnissen der _Darwin_schen Urhorde ergeben. A youthful
  band of brothers living together in forced celibacy, or at most in
  polyandrous relation with some single female captive. A horde as yet
  weak in their impubescence they are, but they would, when strength was
  gained with time inevitably wrench by combined attacks renewed again
  and again, both wife and life from the paternal tyrant (Primal Law,
  p.220-221). _Atkinson_, der brigens sein Leben in Neu-Caledonien
  verbrachte und ungewhnliche Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen
  hatte, beruft sich auch darauf, da die von _Darwin_ supponierten
  Zustnde der Urhorde bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu
  beobachten sind und regelmig zur Ttung des Vatertieres fhren. Er
  nimmt dann weiter an, da nach der Beseitigung des Vaters ein Zerfall
  der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Shne
  untereinander eintritt. Auf diese Weise kme eine neue Organisation
  der Gesellschaft niemals zu stande: an ever recurring violent
  succession to the solitary paternal tyrant by sons, _whose parricidal
  hands were so soon again clenched in fratricidal strife_ (p.228).
  _Atkinson_, dem die Winke der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen,
  und dem die Studien von _Robertson Smith_ nicht bekannt waren, findet
  einen minder gewaltsamen bergang von der Urhorde zur nchsten
  sozialen Stufe, auf welcher zahlreiche Mnner in friedlicher
  Gemeinschaft zusammenleben. Er lt es die Mutterliebe durchsetzen,
  da anfangs nur die jngsten, spter auch andere Shne in der Horde
  verbleiben, wofr diese Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in
  Form der von ihnen gebten Entsagung gegen Mutter und Schwestern
  anerkennen.

  So viel ber die hchst bemerkenswerte Theorie von _Atkinson_, ihre
  bereinstimmung mit der hier vorgetragenen im _wesentlichen_ Punkte
  und ihre Abweichung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang
  mit so vielem anderen mit sich bringt.

  Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkrzung und inhaltliche
  Zusammendrngung der Angaben in meinen obenstehenden Ausfhrungen darf
  ich als eine durch die Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung
  hinstellen. Es wre ebenso unsinnig, in dieser Materie Exaktheit
  anzustreben, wie es unbillig wre, Sicherheiten zu fordern.

Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwrdig zu finden,
braucht man nur anzunehmen, da die sich zusammenrottende Brderschar
von denselben einander widersprechenden Gefhlen gegen den Vater
beherrscht war, die wir als Inhalt der Ambivalenz des Vaterkomplexes bei
jedem unserer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen knnen. Sie
haten den Vater, der ihrem Machtbedrfnis und ihren sexuellen
Ansprchen so mchtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten
ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Ha befriedigt und ihren
Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, muten sich die
dabei berwltigten zrtlichen Regungen zur Geltung bringen(196). Es
geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewutsein, welches
hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfllt. Der Tote wurde
nun strker, als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir es noch
heute an Menschenschicksalen sehen. Was er frher durch seine Existenz
verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen
Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten
_nachtrglichen Gehorsams_. Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die
Ttung des Vaterersatzes, des Totem, fr unerlaubt erklrten, und
verzichteten auf deren Frchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen
versagten. So schufen sie aus dem _Schuldbewutsein des Sohnes_ die
beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden
verdrngten Wnschen des dipuskomplexes bereinstimmen muten. Wer
dawiderhandelte, machte sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig,
welche die primitive Gesellschaft bekmmerten(197).

  (196) Dieser neuen Gefhlseinstellung mute auch zu gute kommen, da
  die Tat keinem der Tter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie
  war in gewisser Hinsicht vergeblich geschehen. Keiner der Shne konnte
  ja seinen ursprnglichen Wunsch durchsetzen, die Stelle des Vaters
  einzunehmen. Der Mierfolg ist aber, wie wir wissen, der moralischen
  Reaktion weit gnstiger als die Befriedigung.

  (197) Murder and incest, or offences of a like kind against the
  sacred law of blood are in primitive society the only crimes of which
  the community as such takes cognisance... Religion of the Semites,
  p.419.

Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit der Menschen
beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur das eine, die
Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefhlsmotiven; der Vater war ja
beseitigt, in der Realitt war nichts mehr gutzumachen. Das andere aber,
das Inzestverbot, hatte auch eine starke praktische Begrndung. Das
sexuelle Bedrfnis einigt die Mnner nicht, sondern entzweit sie. Hatten
sich die Brder verbndet, um den Vater zu berwltigen, so war jeder
des anderen Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder htte sie wie der Vater
alle fr sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle wre die
neue Organisation zu Grunde gegangen. Es war kein berstarker mehr da,
der die Rolle des Vaters mit Erfolg htte aufnehmen knnen. Somit blieb
den Brdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts brig, als --
vielleicht nach berwindung schwerer Zwischenflle -- das Inzestverbot
aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich auf die von ihnen begehrten
Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch in erster Linie den Vater
beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, welche sie stark
gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefhlen und Bettigungen ruhen
konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei ihnen eingestellt
haben mochten. Vielleicht war es auch diese Situation, welche den Keim
zu den von _Bachofen_ erkannten Institutionen des _Mutterrechts_ legte,
bis dieses von der patriarchalischen Familienordnung abgelst wurde.

An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres beschtzt, knpft
hingegen der Anspruch des Totemismus an, als erster Versuch einer
Religion gewertet zu werden. Bot sich dem Empfinden der Shne das Tier
als natrlicher und nchstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in
der ihnen zwanghaft gebotenen Behandlung desselben doch noch mehr
Ausdruck als das Bedrfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es
konnte mit dem Vatersurrogat der Versuch gemacht werden, das brennende
Schuldgefhl zu beschwichtigen, eine Art von Ausshnung mit dem Vater zu
bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Vertrag mit
dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die kindliche
Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Frsorge und Schonung,
wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu ehren, das heit die Tat
an ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zu Grunde
gegangen war. Es lag auch ein Rechtfertigungsversuch im Totemismus.
Htte der Vater uns behandelt wie der Totem, wir wren nie in die
Versuchung gekommen, ihn zu tten. So verhalf der Totemismus dazu, die
Verhltnisse zu beschnigen und das Ereignis vergessen zu machen, dem er
seine Entstehung verdankte.

Es wurden hiebei Zge geschaffen, die fortan fr den Charakter der
Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem
Schuldbewutsein der Shne hervorgegangen als Versuch, dies Gefhl zu
beschwichtigen und den beleidigten Vater durch nachtrglichen Gehorsam
zu vershnen. Alle spteren Religionen erweisen sich als Lsungsversuche
desselben Problems, variabel je nach dem kulturellen Zustand, in dem sie
unternommen werden, und nach den Wegen, die sie einschlagen, aber es
sind alle gleichzielende Reaktionen auf dieselbe groe Begebenheit, mit
der die Kultur begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur
Ruhe kommen lt.

Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt hat, ist
damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambivalenzspannung war
wohl zu gro, um durch irgend eine Veranstaltung ausgeglichen zu werden,
oder die psychologischen Bedingungen sind der Erledigung dieser
Gefhlsgegenstze berhaupt nicht gnstig. Man merkt jedenfalls, da die
dem Vaterkomplex anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus und
in die Religionen berhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfat
nicht nur die uerungen der Reue und die Versuche der Vershnung,
sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph ber den Vater. Die
Befriedigung darber lt das Erinnerungsfest der Totemmahlzeit
einsetzen, bei dem die Einschrnkungen des nachtrglichen Gehorsams
wegfallen, macht es zur Pflicht, das Verbrechen des Vatermordes in der
Opferung des Totemtieres immer wieder von neuem zu wiederholen, so oft
der festgehaltene Erwerb jener Tat, die Aneignung der Eigenschaften des
Vaters, infolge der vernderten Einflsse des Lebens zu entschwinden
droht. Wir werden nicht berrascht sein zu finden, da auch der Anteil
des Sohnestrotzes, oft in den merkwrdigsten Verkleidungen und
Umwendungen, in spteren Religionsbildungen wieder auftaucht.

Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im Totemismus
noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen der in Reue
verwandelten zrtlichen Strmung gegen den Vater, so wollen wir doch
nicht bersehen, da im wesentlichen die Tendenzen, welche zum Vatermord
gedrngt haben, den Sieg behalten. Die sozialen Brudergefhle, auf denen
die groe Umwlzung ruht, bewahren von nun an ber lange Zeiten den
tiefstgehenden Einflu auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie
schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen Blutes, in der
Betonung der Solidaritt aller Leben desselben Clans. Indem die Brder
sich einander so das Leben zusichern, sprechen sie aus, da niemand von
ihnen vom anderen behandelt werden drfe, wie der Vater von ihnen allen
gemeinsam. Sie schlieen eine Wiederholung des Vaterschicksals aus. Zum
religis begrndeten Verbot, den Totem zu tten, kommt nun das sozial
begrndete Verbot des Brudermordes hinzu. Es wird dann noch lange
whren, bis das Gebot die Einschrnkung auf den Stammesgenossen
abstreifen und den einfachen Wortlaut annehmen wird: Du sollst nicht
morden. Zunchst ist an Stelle der _Vaterhorde_ der _Brderclan_
getreten, welcher sich durch das Blutband versichert hat. Die
Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld an dem gemeinsam verbten
Verbrechen, die Religion auf dem Schuldbewutsein und der Reue darber,
die Sittlichkeit teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum
anderen Teil auf den vom Schuldbewutsein geforderten Buen.

Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die lteren Auffassungen
des totemistischen Systems heit uns also die Psychoanalyse einen
innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung von Totemismus und
Exogamie vertreten.


6.

Ich stehe unter der Einwirkung einer groen Anzahl von starken Motiven,
die mich vom Versuche zurckhalten werden, die weitere Entwicklung der
Religionen von ihrem Beginn im Totemismus an bis zu ihrem heutigen
Stande zu schildern. Ich will nur zwei Fden hindurch verfolgen, wo ich
sie im Gewebe besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des
Totemopfers und das Verhltnis des Sohnes zum Vater(198).

  (198) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte
  Arbeit von C.G. _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrbuch
  von _Bleuler-Freud_, IV, 1912.

_Robertson Smith_ hat uns belehrt, da die alte Totemmahlzeit in der
ursprnglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn der Handlung ist
derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit;
auch das Schuldbewutsein ist dabei geblieben, welches nur durch die
Solidaritt aller Teilnehmer beschwichtigt werden kann. Neu
hinzugekommen ist die Stammesgottheit, in deren gedachter Gegenwart das
Opfer stattfindet, die an dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse,
und mit der man sich durch den Genu am Opfer identifiziert. Wie kommt
der Gott in die ihm ursprnglich fremde Situation?

Die Antwort knnte lauten, es sei unterdes -- unbekannt woher -- die
Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religise Leben unterworfen,
und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, htte auch die
Totemmahlzeit den Anschlu an das neue System gewinnen mssen. Allein
die psychoanalytische Erforschung des einzelnen Menschen lehrt mit einer
ganz besonderen Nachdrcklichkeit, da fr jeden der Gott nach dem Vater
gebildet ist, da sein persnliches Verhltnis zu Gott von seinem
Verhltnis zum leiblichen Vater abhngt, mit ihm schwankt und sich
verwandelt, und da Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhhter
Vater. Die Psychoanalyse rt auch hier wie im Falle des Totemismus, den
Glubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem
Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgend welche Beachtung
verdient, so mu, unbeschadet aller anderen Ursprnge und Bedeutungen
Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein Licht werfen kann, der
Vateranteil an der Gottesidee ein sehr gewichtiger sein. Dann wre aber
in der Situation des primitiven Opfers der Vater zweimal vertreten,
einmal als Gott und dann als das Totemopfertier, und bei allem
Bescheiden mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen
Lsungen mssen wir fragen, ob das mglich ist und welchen Sinn es haben
kann.

Wir wissen, da mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott und dem heiligen
Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem Gott ist gewhnlich ein Tier
heilig, nicht selten selbst mehrere; 2. in gewissen, besonders heiligen
Opfern, den mystischen wurde dem Gotte gerade das ihm geheiligte Tier
zum Opfer dargebracht(199); 3. der Gott wurde hufig in der Gestalt
eines Tieres verehrt oder, anders gesehen, Tiere genossen gttliche
Verehrung lange nach dem Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen
verwandelt sich der Gott hufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte.
So lge die Annahme nahe, da der Gott selbst das Totemtier wre, sich
auf einer spteren Stufe des religisen Fhlens aus dem Totemtier
entwickelt htte. Aller weiteren Diskussion berhebt uns aber die
Erwgung, da der Totem selbst nichts anderes ist als ein Vaterersatz.
So mag er die erste Form des Vaterersatzes sein, der Gott aber eine
sptere, in welcher der Vater seine menschliche Gestalt wiedergewonnen.
Eine solche Neuschpfung aus der Wurzel aller Religionsbildung, der
_Vatersehnsucht_, konnte mglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten
am Verhltnis zum Vater -- und vielleicht, auch zum Tiere --
Wesentliches gendert hatte.

  (199) _Robertson Smith_, Religion of the Semites.

Solche Vernderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn man von dem
Beginn einer psychischen Entfremdung von dem Tiere und von der
Zersetzung des Totemismus durch die Domestikation absehen will(200). In
der durch die Beseitigung des Vaters hergestellten Situation lag ein
Moment, welches im Laufe der Zeit eine auerordentliche Steigerung der
Vatersehnsucht erzeugen mute. Die Brder, welche sich zur Ttung des
Vaters zusammengetan hatten, waren ja jeder fr sich vom Wunsche beseelt
gewesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche durch
Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzeit Ausdruck
gegeben. Dieser Wunsch mute infolge des Druckes, welchen die Bande des
Brderclan auf jeden Teilnehmer bten, unerfllt bleiben. Es konnte und
durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen, nach
der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten
die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrngt hatte, nachlassen,
die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal entstehen,
welches die Machtflle und Unbeschrnktheit des einst bekmpften
Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, zum Inhalt
hatte. Die ursprngliche demokratische Gleichstellung aller einzelnen
Stammesgenossen war infolge einschneidender kultureller Vernderungen
nicht mehr festzuhalten; somit zeigte sich eine Geneigtheit, in
Anlehnung an die Verehrung einzelner Menschen, die sich vor anderen
hervorgetan hatten, das alte Vaterideal in der Schpfung von Gttern
wieder zu beleben. Da ein Mensch zum Gott wird und da ein Gott stirbt,
was uns heute als emprende Zumutung erscheint, war ja noch fr das
Vorstellungsvermgen des klassischen Altertums keineswegs anstig(201).
Die Erhhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem nun der Stamm
seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer Shneversuch
als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem.

  (200) S.o. S.184.

  (201) To us moderns for whom the breach which divides the human and
  the divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may
  appear impious, but it was otherwise with the ancients. To their
  thinking gods and men were akin, for many families traced their
  descent from a divinity, and the deification of a man probably seemed
  as little extraordinary to them as the canonisation of a saint seems
  to a modern catholic. _Frazer_, Golden Bough, I. The magic art and
  the evolution of kings, II, p.177.

Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle fr die groen Muttergottheiten
findet, die vielleicht allgemein den Vatergttern vorhergegangen sind,
wei ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, da die Wandlung im
Verhltnis zum Vater sich nicht auf das religise Gebiet beschrnkte,
sondern folgerichtig auf die andere durch die Beseitigung des Vaters
beeinflute Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale Organisation,
bergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die
vaterlose Gesellschaft allmhlich in die patriarchalisch geordnete um.
Die Familie war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den
Vtern auch ein groes Stck ihrer frheren Rechte wieder. Es gab jetzt
wieder Vter, aber die sozialen Errungenschaften des Brderclan waren
nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen
Familienvter vom unumschrnkten Urvater der Horde war gro genug, um
die Fortdauer des religisen Bedrfnisses, die Erhaltung der
ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern.

In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater wirklich
zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber bei dem
Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor Deutungen in
Acht nehmen, welche sie in flchenhafter Auffassung wie eine Allegorie
bersetzen wollen und dabei der historischen Schichtung vergessen. Die
zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei einander zeitlich
ablsenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den
Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der
zrtlichen Gefhlsregungen des Sohnes ber seine feindseligen. Die Szene
der berwltigung des Vaters, seiner grten Erniedrigung, ist hier zum
Material fr eine Darstellung seines hchsten Triumphes geworden. Die
Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt eben darin,
da es dem Vater die Genugtuung fr die an ihm verbte Schmach in
derselben Handlung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat
fortsetzt.

In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das Opfer die
Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen Darbringung an die
Gottheit, zu einer Selbstentuerung zu Gunsten des Gottes. Gott selbst
ist jetzt so hoch ber den Menschen erhaben, da man mit ihm nur durch
die Vermittlung des Priesters verkehren kann. Gleichzeitig kennt die
soziale Ordnung gttergleiche Knige, welche das patriarchalische System
auf den Staat bertragen. Wir mssen sagen, die Rache des gestrzten und
wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft der
Autoritt steht auf ihrer Hhe. Die unterworfenen Shne haben das neue
Verhltnis dazu bentzt, um ihr Schuldbewutsein noch weiter zu
entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fllt ganz aus ihrer
Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und angeordnet.
Zu dieser Phase gehren Mythen, in welchen der Gott selbst das Tier
ttet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist. Dies ist die
uerste Verleugnung der groen Untat, mit welcher die Gesellschaft und
das Schuldbewutsein begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren
Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie drckt die Befriedigung
darber aus, da man den frheren Vaterersatz zu Gunsten der hheren
Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische bersetzung der
Szene fllt hier ungefhr mit ihrer psychoanalytischen Deutung zusammen.
Jene lautet: Es werde dargestellt, da der Gott den tierischen Anteil
seines Wesens berwindet(202).

  (202) Die berwindung einer Gttergeneration durch eine andere in den
  Mythologien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der
  Ersetzung eines religisen Systems durch ein neues, sei es infolge von
  Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem Wege psychologischer
  Entwicklung. Im letzteren Falle nhert sich der Mythus den
  funktionalen Phnomenen im Sinne von H. _Silberer_. Da der das Tier
  ttende Gott ein Libidosymbol ist, wie C.G. _Jung_ (l.c.) behauptet,
  setzt einen anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten
  voraus und erscheint mir berhaupt fragwrdig.

Es wre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten der
erneuerten Vaterautoritt seien die feindseligen Regungen, welche dem
Vaterkomplex zugehren, vllig verstummt. Aus den ersten Phasen der
Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, der Gtter und der
Knige, kennen wir vielmehr die energischesten uerungen jener
Ambivalenz, welche fr die Religion charakteristisch bleibt.

_Frazer_ hat in seinem groen Werk The Golden Bough die Vermutung
ausgesprochen, da die ersten Knige der lateinischen Stmme Fremde
waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und in dieser Rolle an
einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet wurden. Die jhrliche
Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein
wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das
Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten Stellen der
bewohnten Erde lt wenig Zweifel darber, da diese Menschen als
Reprsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und in der Ersetzung des
lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung (Puppe) lt sich dieser
Opfergebrauch noch in spte Zeiten verfolgen. Das theanthropische
Gottesopfer, welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung
wie das Tieropfer behandeln kann, wirft ein helles Licht nach rckwrts
auf den Sinn der lteren Opferformen. Es bekennt mit kaum zu
berbietender Aufrichtigkeit, da das Objekt der Opferhandlung immer das
nmliche war, dasselbe, was nun als Gott verehrt wird, der Vater also.
Die Frage nach dem Verhltnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt
eine einfache Lsung. Das ursprngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz
fr ein Menschenopfer, fr die feierliche Ttung des Vaters, und als der
Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das
Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln.

So hatte sich die Erinnerung an jene erste groe Opfertat als
unzerstrbar erwiesen, trotz aller Bemhungen, sie zu vergessen, und
gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen wollte,
mute in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung zu
Tage treten. Welche Entwicklungen des religisen Denkens als
Rationalisierungen diese Wiederkehr ermglicht haben, brauche ich an
dieser Stelle nicht auszufhren. _Robertson Smith_, dem ja unsere
Zurckfhrung des Opfers auf jenes groe Ereignis der menschlichen
Urgeschichte fern liegt, gibt an, da die Zeremonien jener Feste, mit
denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als
_commemoration of a mythical tragedy_ ausgelegt wurden, und da die
Klage dabei nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern
etwas Zwangsmiges, von der Furcht vor dem gttlichen Zorn Gebotenes an
sich trug(203). Wir glauben zu erkennen, da diese Auslegung im Rechte
war, und da die Gefhle der Feiernden in der zu Grunde liegenden
Situation ihre gute Aufklrung fanden.

  (203) Religion of the Semites, p.412-413. The mourning is not a
  spontaneous expression of sympathy with the divine tragedy but
  obligatory and enforced by fear of supernatural anger. And a chief
  object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's
  death_ -- a point which has already come before us in connection with
  theanthropic sacrifices, such as the oxmurder at Athens.

Nehmen wir es nun als Tatsache hin, da auch in der weiteren Entwicklung
der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das Schuldbewutsein des
Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlschen. Jeder Lsungsversuch des
religisen Problems, jede Art der Vershnung der beiden widerstreitenden
seelischen Mchte wird allmhlich hinfllig, wahrscheinlich unter dem
kombinierten Einflu von kulturellen nderungen, historischen
Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen.

Mit immer grerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes hervor,
sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Einfhrung des
Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in der patriarchalischen
Familie. Er getraut sich neuer uerungen seiner inzestusen Libido, die
in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische Befriedigung findet.
Es entstehen die Gttergestalten des Attis, Adonis, Tammuz u.a.,
Vegetationsgeister und zugleich jugendliche Gottheiten, welche die
Liebesgunst mtterlicher Gottheiten genieen, den Mutterinzest dem Vater
zum Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewutsein, welches durch diese
Schpfungen nicht beschwichtigt ist, drckt sich in den Mythen aus, die
diesen jugendlichen Geliebten der Muttergttinnen ein kurzes Leben und
eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn des Vatergottes in
Tierform bescheiden. Adonis wird durch den Eber gettet, das heilige
Tier der Aphrodite; Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an
Entmannung(204). Die Beweinung und die Freude ber die Auferstehung
dieser Gtter ist in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit
bergegangen, welche zu dauerndem Erfolge bestimmt war.

  (204) Die Kastrationsangst spielt eine auerordentlich groe Rolle in
  der Strung des Verhltnisses zum Vater bei unseren jugendlichen
  Neurotikern. Aus der schnen Beobachtung von _Ferenczi_ haben wir
  ersehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach
  seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen
  Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die
  vlkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist
  meines Wissens noch nicht ausgefhrt worden. Die in der Urzeit und bei
  primitiven Vlkern so hufige Beschneidung gehrt dem Zeitpunkt der
  Mnnerweihe an, wo sie ihre Bedeutung finden mu, und ist erst
  sekundr in frhere Lebenszeiten zurckgeschoben worden. Es ist
  beraus interessant, da die Beschneidung bei den Primitiven mit
  Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt
  ist, und da unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen
  knnen, in ihren Angstreaktionen diese beiden Operationen wirklich wie
  quivalente der Kastration behandeln.

Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, traf es auf
die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war fr eine Weile
zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen wrde.

Die lichtumflossene Gestalt des persischen Gtterjnglings ist doch
unserem Verstndnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den
Darstellungen der Stierttungen durch Mithras schlieen, da er jenen
Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog und somit
die Brder von der sie drckenden Mitschuld an der Tat erlste. Es gab
einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewutseins und
diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes
Leben und dadurch erlste er die Brderschar von der Erbsnde.

Die Lehre von der Erbsnde ist _orphischer_ Herkunft; sie wurde in den
Mysterien erhalten und drang von da aus in die Philosophenschulen des
griechischen Altertums ein(205). Die Menschen waren die Nachkommen von
Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus gettet und zerstckelt
hatten; die Last dieses Verbrechens drckte auf sie. In einem Fragment
von _Anaximander_ wird gesagt, da die Einheit der Welt durch ein
urzeitliches Verbrechen zerstrt worden sei, und da alles, was daraus
hervorgegangen, die Strafe dafr weiter tragen mu(206). Erinnert die
Tat der Titanen durch die Zge der Zusammenrottung, der Ttung und
Zerreiung deutlich genug an das von St. _Nilus_ beschriebene
Totemopfer, -- wie brigens viele andere Mythen des Altertums, z.B. der
Tod des Orpheus selbst--, so strt uns hier doch die Abweichung, da
die Mordtat an einem jugendlichen Gotte vollzogen wird.

  (205) _Reinach_, Cultes, Mythes et Religions, II., p.75ff.

  (206) Une sorte de pch proethnique l.c., p.76.

Im christlichen Mythus ist die Erbsnde des Menschen unzweifelhaft eine
Versndigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus die Menschen von dem
Drucke der Erbsnde erlst, indem er sein eigenes Leben opfert, so
zwingt er uns zu dem Schlusse, da diese Snde eine Mordtat war. Nach
dem im menschlichen Fhlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein
Mord nur durch die Opferung eines anderen Lebens geshnt werden; die
Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurck(207). Und wenn dieses
Opfer des eigenen Lebens die Vershnung mit Gottvater herbeifhrt, so
kann das zu shnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater
gewesen sein.

  (207) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich
  regelmig als Selbstbestrafungen fr Todeswnsche, die gegen andere
  gerichtet sind.

So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit am
unverhlltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun im
Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Shne fr sie gefunden hat.
Die Vershnung mit dem Vater ist um so grndlicher, weil gleichzeitig
mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen
Willen man sich gegen den Vater emprt hatte. Aber nun fordert auch das
psychologische Verhngnis der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen
Tat, welche dem Vater die grtmgliche Shne bietet, erreicht auch der
Sohn das Ziel seiner Wnsche gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott
neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion lst die
Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte
Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die
Brderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters,
geniet, sich durch diesen Genu heiligt und mit ihm identifiziert.
Unser Blick verfolgt durch die Lnge der Zeiten die Identitt der
Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und
mit der christlichen Eucharistie und erkennt in all diesen
Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen
so sehr bedrckte, und auf das sie doch so stolz sein muten. Die
christliche Kommunion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des
Vaters, eine Wiederholung der zu shnenden Tat. Wir merken, wie
berechtigt der Satz von _Frazer_ ist, da the Christian communion has
absorbed within itself a sacrament which is doubtless far older than
Christianity(208).

  (208) Eating the God, p.51. ..... Niemand, der mit der Literatur des
  Gegenstandes vertraut ist, wird annehmen, da die Zurckfhrung der
  christlichen Kommunion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers
  dieses Aufsatzes sei.


7.

Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brderschar mute
unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen und
sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum Ausdruck bringen, je
weniger er selbst erinnert werden sollte(209). Ich gehe der Versuchung
aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie, wo sie nicht schwer zu
finden sind, nachzuweisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem
ich einem Fingerzeig von S. _Reinach_ in einer inhaltsreichen Abhandlung
ber den Tod des Orpheus folge(210).

  (209) _Ariel_ im Sturm:

      Full fathom five thy father lies:
      Of his bones are coral made;
      Those are pearls that were his eyes;
      Nothing of him that doth fade
      But doth suffer a sea-change
      Into something rich and strange.

  In der schnen bersetzung von _Schlegel_:

      Fnf Faden tief liegt Vater dein.
      Sein Gebein wird zu Korallen,
      Perlen sind die Augen sein.
      Nichts an ihm, das soll verfallen,
      Das nicht wandelt Meeres-Hut
      In ein reich und seltnes Gut.

  (210) La Mort d'Orphe in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes
  et Religions. T.II, p.100ff.

In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, welche
auffllige hnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschiedenheiten
mit der von _Robertson Smith_ erkannten Szene der Totemmahlzeit zeigt.
Es ist die Situation der ltesten griechischen Tragdie. Eine Schar von
Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, umsteht einen
einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhngig sind: es ist
der Chor und der ursprnglich einzige Heldendarsteller. Sptere
Entwicklungen brachten einen zweiten und dritten Schauspieler, um
Gegenspieler und Abspaltungen des Helden darzustellen, aber der
Charakter des Helden wie sein Verhltnis zum Chor blieben unverndert.
Der Held der Tragdie mute leiden; dies ist noch heute der wesentliche
Inhalt einer Tragdie. Er hatte die sogenannte tragische Schuld auf
sich geladen, die nicht immer leicht zu begrnden ist; sie ist oft keine
Schuld im Sinne des brgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in der
Auflehnung gegen eine gttliche oder menschliche Autoritt, und der Chor
begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefhlen, suchte ihn
zurckzuhalten, zu warnen, zu migen und beklagte ihn, nachdem er fr
sein khnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung
gefunden hatte.

Warum mu aber der Held der Tragdie leiden und was bedeutet seine
tragische Schuld? Wir wollen die Diskussion durch rasche Beantwortung
abschneiden. Er mu leiden, weil er der Urvater, der Held jener groen
urzeitlichen Tragdie ist, die hier eine tendenzise Wiederholung
findet, und die tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen mu,
um den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Bhne ist
durch zweckmige Entstellung, man knnte sagen: im Dienste raffinierter
Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener alten
Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden des Helden
verursachten; hier aber erschpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern,
und der Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn gewlzte
Verbrechen, die berhebung und Auflehnung gegen eine groe Autoritt,
ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die
Brderschar, bedrckt. So wird der tragische Held -- noch wider seinen
Willen -- zum Erlser des Chors gemacht.

Waren speziell in der griechischen Tragdie die Leiden des gttlichen
Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden
Gefolges von Bcken der Inhalt der Auffhrung, so wird es leicht
verstndlich, da das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an
der Passion Christi neu entzndete.

So mchte ich denn zum Schlusse dieser mit uerster Verkrzung
gefhrten Untersuchung das Ergebnis aussprechen, da im dipuskomplex
die Anfnge von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst
zusammentreffen, in voller bereinstimmung mit der Feststellung der
Psychoanalyse, da dieser Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so
weit sie bis jetzt unserem Verstndnis nachgegeben haben. Es erscheint
mir als eine groe berraschung, da auch diese Probleme des
Vlkerseelenlebens eine Auflsung von einem einzigen konkreten Punkte
her, wie es das Verhltnis zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht
ist selbst ein anderes psychologisches Problem in diesen Zusammenhang
einzubeziehen. Wir haben so oft Gelegenheit gehabt, die
Gefhlsambivalenz im eigentlichen Sinne, also das Zusammentreffen von
Liebe und Ha gegen dasselbe Objekt, an der Wurzel wichtiger
Kulturbildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts ber die Herkunft dieser
Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, da sie ein fundamentales
Phnomen unseres Gefhlslebens sei. Aber auch die andere Mglichkeit
scheint mir wohl beachtenswert, da sie, dem Gefhlsleben ursprnglich
fremd, von der Menschheit an dem Vaterkomplex(211) erworben wurde, wo
die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute noch ihre
strkste Ausprgung nachweist(212).

  (211) Respektive Elternkomplex.

  (212) Der Miverstndnisse gewhnt, halte ich es nicht fr
  berflssig, ausdrcklich hervorzuheben, da die hier gegebenen
  Zurckfhrungen an die komplexe Natur der abzuleitenden Phnomene
  keineswegs vergessen haben, und da sie nur den Anspruch erheben, zu
  den bereits bekannten oder noch unerkannten Ursprngen der Religion,
  Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufgen,
  welches sich aus der Bercksichtigung der psychoanalytischen
  Anforderungen ergibt. Die Synthese zu einem Ganzen der Erklrung mu
  ich anderen berlassen. Es geht aber diesmal aus der Natur dieses
  neuen Beitrages hervor, da er in einer solchen Synthese keine andere
  als die zentrale Rolle spielen knnte, wenngleich die berwindung von
  groen affektiven Widerstnden erfordert werden drfte, ehe man ihm
  eine solche Bedeutung zugesteht.

Bevor ich nun abschliee, mu ich der Bemerkung Raum geben, da der hohe
Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammenhange, den wir in
diesen Ausfhrungen erreicht haben, uns nicht gegen die Unsicherheiten
unserer Voraussetzungen und die Schwierigkeiten unserer Resultate
verblenden kann. Von den letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die
sich manchem Leser aufgedrngt haben drften.

Es kann zunchst niemandem entgangen sein, da wir berall die Annahme
einer Massenpsyche zu Grunde legen, in welcher sich die seelischen
Vorgnge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen. Wir lassen vor
allem das Schuldbewutsein wegen einer Tat ber viele Jahrtausende
fortleben und in Generationen wirksam bleiben, welche von dieser Tat
nichts wissen konnten. Wir lassen einen Gefhlsproze, wie er bei
Generationen von Shnen entstehen konnte, die von ihrem Vater mihandelt
wurden, sich auf neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen
Behandlung gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden
waren. Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede andere
Erklrung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraussetzungen
vermeiden kann.

Allein eine weitere Erwgung zeigt, da wir die Verantwortlichkeit fr
solche Khnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne die Annahme einer
Massenpsyche, einer Kontinuitt im Gefhlsleben der Menschen, welche
gestattet, sich ber die Unterbrechungen der seelischen Akte durch das
Vergehen der Individuen hinwegzusetzen, kann die Vlkerpsychologie
berhaupt nicht bestehen. Setzten sich die psychischen Prozesse der
einen Generation nicht auf die nchste fort, mte jede ihre Einstellung
zum Leben neu erwerben, so gbe es auf diesem Gebiet keinen Fortschritt
und so gut wie keine Entwicklung. Es erheben sich nun zwei neue Fragen,
wieviel man der psychischen Kontinuitt innerhalb der Generationsreihen
zutrauen kann, und welcher Mittel und Wege sich die eine Generation
bedient, um ihre psychischen Zustnde auf die nchste zu bertragen. Ich
werde nicht behaupten, da diese Probleme weit genug geklrt sind, oder
da die direkte Mitteilung und Tradition, an die man zunchst denkt, fr
das Erfordernis hinreichen. Im allgemeinen kmmert sich die
Vlkerpsychologie wenig darum, auf welche Weise die verlangte
Kontinuitt im Seelenleben der einander ablsenden Generationen
hergestellt wird. Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung
psychischer Dispositionen besorgt zu werden, welche aber doch gewisser
Anste im individuellen Leben bedrfen, um zur Wirksamkeit zu erwachen.
Es mag dies der Sinn des Dichterwortes sein: Was du ererbt von deinen
Vtern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Problem erschiene noch
schwieriger, wenn wir zugestehen knnten, da es seelische Regungen
gibt, welche so spurlos unterdrckt werden knnen, da sie keine
Resterscheinungen zurcklassen. Allein solche gibt es nicht. Die
strkste Unterdrckung mu Raum lassen fr entstellte Ersatzregungen und
aus ihnen folgende Reaktionen. Dann drfen wir aber annehmen, da keine
Generation im stande ist, bedeutsamere seelische Vorgnge vor der
nchsten zu verbergen. Die Psychoanalyse hat uns nmlich gelehrt, da
jeder Mensch in seiner unbewuten Geistesttigkeit einen Apparat
besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten,
das heit die Entstellungen wieder rckgngig zu machen, welche der
andere an dem Ausdruck seiner Gefhlsregungen vorgenommen hat. Auf
diesem Wege des unbewuten Verstndnisses all der Sitten, Zeremonien und
Satzungen, welche das ursprngliche Verhltnis zum Urvater
zurckgelassen hatte, mag auch den spteren Generationen die bernahme
jener Gefhlserbschaft gelungen sein.

Ein anderes Bedenken drfte gerade von Seiten der analytischen Denkweise
erhoben werden.

Wir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Beschrnkungen der
primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat aufgefat, welche
ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. Sie bereuten diese Tat
und beschlossen, da sie nicht mehr wiederholt werden solle, und da
ihre Ausfhrung keinen Gewinn gebracht haben drfe. Dies schpferische
Schuldbewutsein ist nun unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei
den Neurotikern in asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften,
fortgesetzte Einschrnkungen zu produzieren, als Shne fr die
begangenen und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten(213). Wenn
wir aber bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche
Reaktionen wachgerufen haben, so werden wir enttuscht. Wir finden nicht
Taten, sondern nur Impulse, Gefhlsregungen, welche nach dem Bsen
verlangen, aber von der Ausfhrung abgehalten worden sind. Dem
Schuldbewutsein der Neurotiker liegen nur psychische Realitten zu
Grunde, nicht faktische. Die Neurose ist dadurch charakterisiert, da
sie die psychische Realitt ber die faktische setzt, auf Gedanken
ebenso ernsthaft reagiert wie die Normalen nur auf Wirklichkeiten.

  (213) Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe ber das Tabu.

Kann es sich bei den Primitiven nicht hnlich verhalten haben? Wir sind
berechtigt, ihnen eine auerordentliche berschtzung ihrer psychischen
Akte als Teilerscheinung ihrer narzitischen Organisation
zuzuschreiben(214). Demnach knnten die bloen Impulse von
Feindseligkeit gegen den Vater, die Existenz der Wunschphantasie, ihn zu
tten und zu verzehren, hingereicht haben, um jene moralische Reaktion
zu erzeugen, die Totemismus und Tabu geschaffen hat. Man wrde so der
Notwendigkeit entgehen, den Beginn unseres kulturellen Besitzes, auf den
wir mit Recht so stolz sind, auf ein grliches, alle unsere Gefhle
beleidigendes Verbrechen zurckzufhren. Die kausale, von jenem Anfang
bis in unsere Gegenwart reichende Verknpfung litte dabei keinen
Schaden, denn die psychische Realitt wre bedeutsam genug, um alle
diese Folgen zu tragen. Man wird dagegen einwenden, da ja eine
Vernderung der Gesellschaft von der Form der Vaterhorde zu der des
Brderclan wirklich vorgefallen ist. Dies ist ein starkes Argument, aber
doch nicht entscheidend. Die Vernderung knnte auf minder gewaltsame
Weise erreicht worden sein und doch die Bedingung fr das Hervortreten
der moralischen Reaktion enthalten haben. Solange der Druck des Urvaters
sich fhlbar machte, waren die feindseligen Gefhle gegen ihn
berechtigt, und die Reue ber sie mute einen anderen Zeitpunkt
abwarten. Ebensowenig ist der zweite Einwand stichhaltig, da alles, was
sich aus der ambivalenten Relation zum Vater ableitet, Tabu und
Opfervorschrift, den Charakter des hchsten Ernstes und der vollsten
Realitt an sich trgt. Auch das Zeremoniell und die Hemmungen der
Zwangsneurotiker zeigen diesen Charakter und gehen doch nur auf
psychische Realitt, auf Vorsatz und nicht auf Ausfhrungen zurck. Wir
mssen uns hten, aus unserer nchternen Welt, die voll ist von
materiellen Werten, die Geringschtzung des blo Gedachten und
Gewnschten in die nur innerlich reiche Welt des Primitiven und des
Neurotikers einzutragen.

  (214) Siehe den Aufsatz ber Animismus, Magie und Allmacht der
  Gedanken.

Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht leicht
gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, da der Unterschied,
der anderen fundamental erscheinen kann, fr unser Urteil nicht das
Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn fr den Primitiven Wnsche und
Impulse den vollen Wert von Tatsachen haben, so ist es an uns, solcher
Auffassung verstndnisvoll zu folgen, anstatt sie nach unserem Mastab
zu korrigieren. Dann aber wollen wir das Vorbild der Neurose, das uns in
diesen Zweifel gebracht hat, selbst schrfer ins Auge fassen. Es ist
nicht richtig, da die Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke
einer bermoral stehen, sich nur gegen die psychische Realitt von
Versuchungen verteidigen und wegen blo versprter Impulse bestrafen. Es
ist auch ein Stck historischer Realitt dabei; in ihrer Kindheit hatten
diese Menschen nichts anderes als die bsen Impulse, und insoweit sie in
der Ohnmacht des Kindes es konnten, haben sie diese Impulse auch in
Handlungen umgesetzt. Jeder von diesen berguten hatte in der Kindheit
seine bse Zeit, eine perverse Phase als Vorlufer und Voraussetzung der
spteren bermoralischen. Die Analogie der Primitiven mit den
Neurotikern wird also viel grndlicher hergestellt, wenn wir annehmen,
da auch bei den ersteren die psychische Realitt, an deren Gestaltung
kein Zweifel ist, anfnglich mit der faktischen Realitt zusammenfiel,
da die Primitiven das wirklich getan haben, was sie nach allen
Zeugnissen zu tun beabsichtigten.

Allzuweit drfen wir unser Urteil ber die Primitiven auch nicht durch
die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen. Es sind auch die
Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewi sind bei beiden, Wilden wie
Neurotikern, die scharfen Scheidungen zwischen Denken und Tun, wie wir
sie ziehen, nicht vorhanden. Allein der Neurotiker ist vor allem im
Handeln gehemmt, bei ihm ist der Gedanke der volle Ersatz fr die Tat.
Der Primitive ist ungehemmt, der Gedanke setzt sich ohne weiteres in Tat
um, die Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Gedankens, und darum
meine ich, ohne selbst fr die letzte Sicherheit der Entscheidung
einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren, wohl annehmen:
Im Anfang war die Tat.




WERKE VON PROF. SIGM. FREUD


_Vorlesungen zur Einfhrung in die Psychoanalyse._ Fehlleistungen,
Traum, Allgemeine Neurosenlehre. Drei Teile in einem Band.
Grooktavausgabe, 4.Auflage. (5.-11.Tausend). 1920. Taschenausgabe,
2.Auflage. (3.-7.Tausend) 1922. (Auf dnnem Papier, in biegsamem
Ganzleinen- oder Ganzlederband.)

_Die Traumdeutung._ 7.Auflage, mit Beitrgen von Dr. Otto Rank. 1921.

_ber den Traum._ 3.Auflage. 1921.

_Zur Psychopathologie des Alltagslebens._ ber Vergessen, Versprechen,
Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. 8.Auflage. 1922.

_Totem und Tabu._ ber einige bereinstimmungen im Seelenleben der
Wilden und Neurotiker. 3.Auflage. 1922.

_Der Witz und seine Beziehung zum Unbewuten._ 3.Auflage. 1921.

_ber Psychoanalyse._ Fnf Vorlesungen, gehalten zur 20-jhr.
Grndungsfeier der Clark University in Worcester, Mass. 6.Aufl. 1922.

_Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie._ 5.Auflage. 1922.

_Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre._

    Erste Folge. 3.Auflage. 1920.
    Zweite Folge. 3.Auflage. 1921.
    Dritte Folge. 2.Auflage. 1921.
    Vierte Folge. 2.Auflage. 1922.
    Fnfte Folge. 1922.

_Studien ber Hysterie_ (mit Dr. Josef Breuer). 3.Auflage. 1916.

_Der Wahn und die Trume in W. Jensens Gradiva._ (Schriften zur
angewandten Seelenkunde, 1.Heft.) 2.Aufl. 1912.

_Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci._ (Schriften zur
angewandten Seelenkunde, 7.Heft.) 2. vermehrte Aufl. 1919.

_Jenseits des Lustprinzips._ 2. durchgesehene Auflage. 1921.

_Massenpsychologie und Ich-Analyse._ 1921.

                   *       *       *       *       *

IMAGO, Zeitschrift fr Anwendung der Psychoanalyse auf die
Geisteswissenschaften. Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. _Freud_.
Redigiert von Dr. Otto _Rank_ und Dr. Hanns _Sachs_. Viermal jhrlich im
Gesamtumfange von mindestens 32 Druckbogen Groquart. VIII.Band, 1922.

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FR PSYCHOANALYSE. Herausgegeben von Prof.
Dr. Sigm. _Freud_. Unter Mitwirkung von Dr. K. _Abraham_ (Berlin), Dr.
J. van _Emden_ (Haag), Dr. S. _Ferenczi_ (Budapest), Dr. E. _Hitschmann_
(Wien), Dr. E. _Jones_ (London) und Dr. E. _Oberholzer_ (Zrich),
redigiert von Dr. Otto _Rank_. Viermal jhrlich im Gesamtumfange von
mindestens 32 Druckbogen Grooktav. VIII.Band, 1922.

                   *       *       *       *       *

  INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
  LEIPZIG -- WIEN -- ZRICH.

ber die Ergebnisse der psychoanalytischen Forschung informieren
fortlaufend unsere beiden Zeitschriften:

  IMAGO
  Zeitschrift fr Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften

  und

  INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FR PSYCHOANALYSE

  Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung

  Beide herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. _Freud_

  Im Jahre 1922 erscheinen in den beiden Zeitschriften u.a. folgende
  Beitrge:

    Prof. _Freud_: Traum und Telepathie
    -- ber einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und
       Homosexualitt
    -- Nachschrift zur Analyse des kleinen Hans
    Dr. Karl _Abraham_ (Berlin): Vaterrettung und Vatermord in den
       neurotischen Phantasien
    -- Die Spinne als Traumsymbol
    August _Aichhorn_ (Wien): ber die Erziehung in Besserungsanstalten
    Dr. F. _Alexander_ (Berlin): Kastrationskomplex und Charakter
    Dr. S. _Bernfeld_ (Wien): ber Sublimierung
    Dr. F. _Boehm_ (Berlin): Beobachtungen ber den erot.
       Verkleidungstrieb (Transvestitismus)
    Dr. William _Boven_ (Lausanne): Psychoanalytisches ber Alexander
       den Groen
    Dr. Helene _Deutsch_ (Wien): ber die pathologische Lge
       (Pseudologia phantastica)
    Dr. S. _Feldmann_ (Budapest): ber Errten (Beitrag zur Psychologie
       der Scham)
    Dr. S. _Ferenczi_ (Budapest): Die Psyche als Hemmungsorgan
    -- Einige soziale Gesichtspunkte der Psychoanalyse (Familienroman
       der Erniedrigung)
    Anna _Freud_ (Wien): Schlagephantasie und Tagtraum
    Albert _Furrer_ (Zrich): Tagphantasien eines sechseinhalbjhrigen
       Mdchens
    Dr. Georg _Groddeck_ (Baden-Baden): Der Symbolisierungszwang
    Dr. I.J. _Hermann_ (Budapest): Randbemerkungen zum
       Wiederholungszwang
    -- Zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung
    Dr. Eduard _Hitschmann_ (Wien): Telepathie und Psychoanalyse
    Dr. St. _Holls_ (Budapest): ber das Zeitgefhl
    Dr. R.H. _Jokl_ (Wien): ber den Schreibkrampf
    Dr. Ernest _Jones_ (London): Funktionale Symbolik
    Prof. Dr. Hans _Kelsen_ (Wien): Freuds Massenpsychologie und der
       Begriff des Staates
    Doz. Dr. Johann _Kinkel_ (Sofia): Psychologische Grundlagen und
       Ursprung der Religion
    Aurel _Kolnai_ (Wien): Zur psychoanalytischen Soziologie
    Dr. F. _Knkel_ (Oberndorf): Eine hypnopause Vorstellung. Zum
       Problem des Erwachens
    Dr. Emil _Lorenz_ (Klagenfurt): Der Mythus der Erde
    Rudolf _Lwenstein_: Zur Psychoanalyse der schwarzen Messen
    Dr. Monroe _Meyer_ (New-York): Die Traumform als Inhaltsdarstellung
    Dr. Anton _Miriegler_ (Wrdern): ber das Verlieben in Autoren
    Dr. Emil _Oberholzer_ (Zrich): Eine Deckerinnerung
    Dr. C. _Oberndorf_ (New-York): Die Rolle einer organischen
       Ueberwertigkeit bei einer Neurose
    Pfarrer Dr. Oskar _Pfister_ (Zrich): Die Religionspsychologie am
       Scheidewege
    -- Die primren Gefhle als Bedingungen der hchsten
       Geistesfunktionen
    Dr. Otto _Rank_ (Wien): Die Don Juan-Gestalt (Die soziale Funktion
       der Dichtkunst)
    Dr. Wilhelm _Reich_ (Wien): Die Spezifitt der Onanieformen
    Dr. Gza _Rheim_: Vlkerpsychologisches in Freuds
       Massenpsychologie u. Ich-Analyse
    Doz. Dr. Paul _Schilder_ (Wien): ber eine Psychose nach
       Staroperation
    -- Pathologie des Ich-Ideals
    Alice _Sperber_ (Wien): ber die seelischen Ursachen des Alterns und
       der Jugendlichkeit
    Dr. S. _Spielrein_: Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama
    Dr. Arnold _Stocker_ (Jassy): dipustraum eines Schizophrenen
    Dr. Alfred _Winterstein_ (Wien): Zur Entstehungsgeschichte der
       griechischen Tragdie

Fr _Studierende_ und _Lehrer_ aller Grade _ermigtes_ Abonnement beim
direkten Bezug vom _Internationalen Psychoanalytischen_ Verlag, Leipzig,
Hospitalstrae 10 oder Wien, VII., Andreasgasse 3.




Bcher von Dr. OTTO RANK:


_Der Knstler._ Anstze zu einer Sexualpsychologie. (Imago-BcherI.)
Viertes Tausend 1922

_Der Mythus von der Geburt des Helden._ (Schriften zur angewandten
Seelenkunde. Nr.5.) Zweite Auflage 1922

_Die Lohengrinsage._ Ein Beitrag zu ihrer Motivgestaltung und Deutung.
(Schriften zur angewandten Seelenkunde. Nr.13.) 1911

_Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage._ Grundzge des dichterischen
Schaffens. 1912

_Psychoanalytische Beitrge zur Mythenforschung._ (Internationale
Psychoanalytische Bibliothek. Nr.4.) Zweite Auflage 1922

_The Myth of the Birth of the Hero._ Nervous and Mental Disease
Monograph Series. New York 1914

_Il mito della nascita degli Eroi._ (Biblioteca Psicoanalitica Italiana.
Nr.4.) 1921


Dr. OTTO RANK und Dr. HANNS SACHS:

_Die Bedeutung der Psychoanalyse fr die Geisteswissenschaften._
Wiesbaden. 1913

_The significance of Psycho-Analysis for the Mental Sciences._ Nervous
and Mental Disease Monograph Series. New York. 1916

  Zu beziehen durch den
  INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VERLAG
  LEIPZIG, Hospitalstrae 10
  WIEN, VII. Andreasgasse 3




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  Archisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.
  Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.

  oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Bedeutung, zu welcher man
  oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man

  with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_'.
  with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_).

  Exogamy, Bd.I, p.77.
  Exogamy, Bd.II, p.77.

  Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung
  Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung.

  Raubehe (mariage by capture) zurck. Solange der Frauenraub wirklich
  Raubehe (marriage by capture) zurck. Solange der Frauenraub wirklich

  gelang es dem Verbot, nicht den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des
  gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des

  Individuums gegen das eine Objekt, viemehr die eine Handlung an ihm,
  Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm,

  und Fortpflanzungsunfhigkeit des Verbotes spiegelt einen Vorgang wieder,
  und Fortpflanzungsfhigkeit des Verbotes spiegelt einen Vorgang wieder,

  Punkte gleichkme, zu verhindern
  Punkte gleichkme, zu verhindern.

  Tendenz, es durchzusetzen, verknpft, sei. Dann fallen Erinnerung und
  Tendenz, es durchzusetzen, verknpft sei. Dann fallen Erinnerung und

  Geistern ihre erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten.
  Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten.

  groen englischen Revolution der Knigsheilungen bei Skrofeln ihre
  groen englischen Revolution die Knigsheilungen bei Skrofeln ihre

  (49) W. _Brown_, New Zealand and is Aborigines (London 1845), bei
  (49) W. _Brown_, New Zealand and its Aborigines (London 1845), bei

  notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Wrde zu zwingen
  notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Wrde zu zwingen.

  Feindseligkeiten berschrieen durch eine bermige Steigerung der
  Feindseligkeit berschrieen durch eine bermige Steigerung der

  Sibirien und die _Todas_ in Sdindien, die _Mongolen_ der Bartarei und
  Sibirien und die _Todas_ in Sdindien, die _Mongolen_ der Tartarei und

  herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonderes hohes Ma solcher
  herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Ma solcher

  gettet. (Vgl. die nchsten Abhandlungen dieser Reihe: Animismus, Magie
  gettet. (Vgl. die nchste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie

  Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitzaubers. Man erzeugt den Regen
  Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitszaubers. Man erzeugt den Regen

  es sind die Wnsche des Menschen. Wir brauchen nur blo anzunehmen, da
  es sind die Wnsche des Menschen. Wir brauchen nun blo anzunehmen, da

  magische Handlung, die Kraft ihrer hnlichkeit mit dem Gewnschten
  magische Handlung, die kraft ihrer hnlichkeit mit dem Gewnschten

  des Konstrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter
  des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter

  recognise death as a fact. -- _Marett_, Pre-ani-mistic religion,
  recognise death as a fact. -- _Marett_, Pre-animistic religion,

  mais nous avons vu qu'elle tait autrefois rigouresement vraie, du
  mais nous avons vu qu'elle tait autrefois rigoureusement vraie, du

  noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistesvorstellungen
  noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistervorstellungen

  Review, 1905; T. and. Ex.I, p.150) oft falsche oder miverstndliche
  Review, 1905; T. and Ex.I, p.150) oft falsche oder miverstndliche

  gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist dem Totemgenossen verboten
  gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten

  origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus Totemism has
  origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus Totemism has

  vorzubereiten, welche uns nun beschftigen sollen
  vorzubereiten, welche uns nun beschftigen sollen.

  totemistischen Probleme als undurchfhrbar abzuweisen. So z.B.
  totemistischen Probleme als undurchfhrbar abzuweisen. (So z.B.

  sei, durfte man wohl als die zurckgebliebensten und primitivsten unter
  sei, drfte man wohl als die zurckgebliebensten und primitivsten unter

  metaphysikal haze which some writers love to conjure up over the
  metaphysical haze which some writers love to conjure up over the

  (165) Improper because it was unusual.'
  (165) Improper because it was unusual.

  Beleidigung dieser Triebe zuziehen wrden. Das Gesetz verbietet dem
  Beleidigung dieser Triebe zuziehen wrden. Das Gesetz verbietet den

  berschtzende Rolle spielen.
  berschtzende Rolle spielen.

  Die Auffassunng der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes mu also
  Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes mu also

  of Mr. _Darwins_ theory, before the totem beliefs lent to the
  of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the

  sollte, da das Pferd umfallen (sterben) mge. Nachdem man den Knaben
  sollte, da das Pferd umfallen (sterben) mge. Nachdem man dem Knaben

  Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sicht
  Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich

  Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochn~ (sacrificum,
  Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochn~ (sacrificium,

  Mit der fortschreitenden Demat rialisierung des gttlichen Wesens wurde
  Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des gttlichen Wesens wurde

  der Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
  des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie

  den Brdern, wenn sie miteinander leben wollten nichts brig, als --
  den Brdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts brig, als --

  als natrlicher und nchstliegender Ersatz des Vaters, so fand in
  als natrlicher und nchstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in

  object of the mourners is to _disclaim responsibility for the gods
  object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's

  dieses Aufsatzes sei
  dieses Aufsatzes sei.

  Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzufgen,
  Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufgen,

  Massenpsyche, einer Kontuinuitt im Gefhlsleben der Menschen, welche
  Massenpsyche, einer Kontinuitt im Gefhlsleben der Menschen, welche

  Kontinuitt im Seelenleben der einander ablsenden Generation
  Kontinuitt im Seelenleben der einander ablsenden Generationen

      Dr. Wilhelm _Reich_ (Wien): Die Spezifitt der Onanieformen.
      Dr. Wilhelm _Reich_ (Wien): Die Spezifitt der Onanieformen

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Totem und Tabu, by Sigmund Freud

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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
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page at https://pglaf.org

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     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


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