The Project Gutenberg EBook of Der Untertan by Heinrich Mann



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Title: Der Untertan

Author: Heinrich Mann

Release Date: November 24, 2011 [Ebook #38126]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERTAN***





                             Heinrich Mann

                              Der Untertan

                                 Roman




                           Kurt Wolff Verlag
                               Leipzig-Wien





              Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914



            Vierundfnfzigstes bis zweiundachtzigstes Tausend

          Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
                Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1918






                                    I.


Diederich Heling war ein weiches Kind, das am liebsten trumte, sich vor
allem frchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verlie er im Winter
die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der
Papierfabrik roch und ber dessen Goldregen- und Fliederbumen das
hlzerne Fachwerk der alten Huser stand. Wenn Diederich vom Mrchenbuch,
dem geliebten Mrchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm
auf der Bank hatte ganz deutlich eine Krte gesessen, halb so gro wie er
selbst! Oder an der Mauer dort drben stak bis zum Bauch in der Erde ein
Gnom und schielte her!

Frchterlicher als Gnom und Krte war der Vater, und obendrein sollte man
ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte,
drckte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult
umher, bis Herr Heling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede
nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und
Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein
die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Hnde - worauf
er weglief.

Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an
der Werksttte vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte
Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewut: "Ich
habe Prgel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr wret froh, wenn ihr auch
Prgel von ihm bekommen knntet. Aber dafr seid ihr viel zu wenig."

Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter Pascha; drohte ihnen
bald, es dem Vater zu melden, da sie sich Bier holten, und bald lie er
kokett aus sich die Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Heling
zurckkehren sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal: er kannte
sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Bttenschpfer gewesen in den
alten Mhlen, wo jeder Bogen mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen
alle Kriege mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand, eine
Papiermaschine kaufen knnen. Ein Hollnder und eine Schneidemaschine
vervollstndigten die Einrichtung. Er selbst zhlte die Bogen nach. Die
von den Lumpen abgetrennten Knpfe durften ihm nicht entgehen. Sein
kleiner Sohn lie sich oft von den Frauen welche zustecken, dafr, da er
die nicht angab, die einige mitnahmen. Eines Tages hatte er so viele
beisammen, da ihm der Gedanke kam, sie beim Krmer gegen Bonbons
umzutauschen. Es gelang - aber am Abend kniete Diederich, indes er den
letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins Bett und betete, angstgeschttelt,
zu dem schrecklichen lieben Gott, er mge das Verbrechen unentdeckt
lassen. Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der immer nur
methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf dem verwitterten
Unteroffiziersgesicht, den Stock gefhrt hatte, zuckte diesmal die Hand,
und in die eine Brste seines silberigen Kaiserbartes lief, ber die
Runzeln hpfend, eine Trne. "Mein Sohn hat gestohlen", sagte er auer
Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das Kind an wie einen verdchtigen
Eindringling. "Du betrgst und stiehlst. Du brauchst nur noch einen
Menschen totzuschlagen."

Frau Heling wollte Diederich ntigen, vor dem Vater hinzufallen und ihn
um Verzeihung zu bitten, weil der Vater seinetwegen geweint habe! Aber
Diederichs Instinkt sagte ihm, da dies den Vater nur noch mehr erbost
haben wrde. Mit der gefhlsseligen Art seiner Frau war Heling durchaus
nicht einverstanden. Sie verdarb das Kind frs Leben. brigens ertappte er
sie geradeso auf Lgen wie den Diedel. Kein Wunder, da sie Romane las! Am
Sonnabendabend war nicht immer die Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben
war. Sie klatschte, anstatt sich zu rhren, mit dem Dienstmdchen ... Und
Heling wute noch nicht einmal, da seine Frau auch naschte, gerade wie
das Kind. Bei Tisch wagte sie sich nicht satt zu essen und schlich
nachtrglich an den Schrank. Htte sie sich in die Werkstatt getraut,
wrde sie auch Knpfe gestohlen haben.

Sie betete mit dem Kind "aus dem Herzen", nicht nach Formeln, und bekam
dabei gertete Wangenknochen. Sie schlug es auch, aber Hals ber Kopf und
verzerrt von Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte
Diederich, sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge er ins Kontor,
und freute sich irgendwo hinter einer Mauer, da sie nun Angst hatte. Ihre
zrtlichen Stunden ntzte er aus; aber er fhlte gar keine Achtung vor
seiner Mutter. Ihre hnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er
achtete sich selbst nicht, dafr ging er mit einem zu schlechten Gewissen
durch sein Leben, das vor den Augen des Herrn nicht htte bestehen knnen.

Dennoch hatten die beiden von Gemt berflieende Dmmerstunden. Aus den
Festen preten sie gemeinsam vermittels Gesang, Klavierspiel und
Mrchenerzhlen den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich am
Christkind zu zweifeln anfing, lie er sich von der Mutter bewegen, noch
ein Weilchen zu glauben, und er fhlte sich dadurch erleichtert, treu und
gut. Auch an ein Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er hartnckig, und
der Vater, der hiervon nichts hren wollte, schien zu stolz, beinahe
strafwrdig. Die Mutter nhrte ihn mit Mrchen. Sie teilte ihm ihre Angst
mit vor den neuen, belebten Straen und der Pferdebahn, die hindurchfuhr,
und fhrte ihn ber den Wall nach der Burg. Dort genossen sie das wohlige
Grausen.

Ecke der Meisestrae hinwieder mute man an einem Polizisten vorber, der,
wen er wollte, ins Gefngnis abfhren konnte! Diederichs Herz klopfte
beweglich; wie gern htte er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann wrde
der Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und ihn aufgegriffen haben.
Es war vielmehr geboten, zu beweisen, da man sich rein und ohne Schuld
fhlte - und mit zitternder Stimme fragte Diederich den Schutzmann nach
der Uhr.



Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, nach den
Mrchenkrten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der
Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot
schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und dem Doktor, der
einen im Hals pinseln durfte und schtteln, wenn man schrie - nach allen
diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den
Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule. Diederich betrat sie
heulend, und auch die Antworten, die er wute, konnte er nicht geben, weil
er heulen mute. Allmhlich lernte er den Drang zum Weinen gerade dann
auszunutzen, wenn er nicht gelernt hatte - denn alle Angst machte ihn
nicht fleiiger oder weniger trumerisch - und vermied so, bis die Lehrer
sein System durchschaut hatten, manche blen Folgen. Dem ersten, der es
durchschaute, schenkte er seine ganze Achtung; er war pltzlich still und
sah ihn, ber den gekrmmten und vors Gesicht gehaltenen Arm hinweg voll
scheuer Hingabe an. Immer blieb er den scharfen Lehrern ergeben und
willfhrig. Den gutmtigen spielte er kleine, schwer nachweisbare
Streiche, deren er sich nicht rhmte. Mit viel grerer Genugtuung sprach
er von einer Verheerung in den Zeugnissen, von einem riesigen
Strafgericht. Bei Tisch berichtete er: "Heute hat Herr Behnke wieder drei
durchgehauen." Und wenn gefragt ward, wen?

"Einer war ich."

Denn Diederich war so beschaffen, da die Zugehrigkeit zu seinem
unpersnlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenden,
maschinellen Organismus, der das Gymnasium war, ihn beglckte, da die
Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend,
teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des Ordinarius bekrnzte man
Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock.

Im Lauf der Jahre berhrten zwei ber Machthaber hereingebrochene
Katastrophen ihn mit heiligem und sem Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor
der Klasse vom Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer ward
wahnsinnig. Noch hhere Gewalten, der Direktor und das Irrenhaus, waren
hier grlich mit denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten.
Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die Leichen betrachten und
aus ihnen eine die eigene Lage mildernde Lehre ziehen.

Die Macht, die ihn in ihrem Rderwerk hatte, vor seinen jngeren
Schwestern vertrat Diederich sie. Sie muten nach seinem Diktat schreiben
und knstlich noch mehr Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen,
damit er mit roter Tinte wten und Strafen austeilen konnte. Sie waren
grausam. Die Kleinen schrien - und dann war es an Diederich, sich zu
demtigen, um nicht verraten zu werden.

Er hatte, den Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen ntig; ihm gengten
Tiere, sogar Dinge. Er stand am Rande des Hollnders und sah die Trommel
die Lumpen ausschlagen. "Den hast du weg! Untersteht euch noch mal! Infame
Bande!" murmelte Diederich, und in seinen blassen Augen glomm es.
Pltzlich duckte er sich; fast fiel er in das Chlorbad. Der Schritt eines
Arbeiters hatte ihn aufgestrt aus seinem lsterlichen Genu.

Denn recht geheuer und seiner Sache gewi fhlte er sich nur, wenn er
selbst die Prgel bekam. Kaum je widerstand er dem bel. Hchstens bat er
den Kameraden: "Nicht auf den Rcken, das ist ungesund."

Nicht da es ihm am Sinn fr sein Recht und an Liebe zum eigenen Vorteil
fehlte. Aber Diederich hielt dafr, da Prgel, die er bekam, dem
Schlagenden keinen praktischen Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust
zufgten. Ernster als diese blo idealen Werte nahm er die Schaumrolle,
die der Oberkellner vom "Netziger Hof" ihm schon lngst versprochen hatte
und mit der er nie herausrckte. Diederich machte unzhlige Male ernsten
Schrittes den Geschftsweg die Meisestrae hinauf zum Markt, um seinen
befrackten Freund zu mahnen. Als der aber eines Tages von seiner
Verpflichtung berhaupt nichts mehr wissen wollte, erklrte Diederich und
stampfte ehrlich entrstet auf: "Jetzt wird mir's doch zu bunt! Wenn Sie
nun nicht gleich herausrcken, sag' ich's Ihrem Herrn!" Darauf lachte
Schorsch und brachte die Schaumrolle.

Das war ein greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich ihn nur hastig und
in Sorge genieen, denn es war zu frchten, da Wolfgang Buck, der drauen
wartete, darber zukam und den Anteil verlangte, der ihm versprochen war.
Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu wischen, und vor der Tr brach
er in heftige Schimpfreden auf Schorsch aus, der ein Schwindler sei und
gar keine Schaumrolle habe. Diederichs Gerechtigkeitsgefhl, das sich zu
seinen Gunsten noch eben so krftig geuert hatte, schwieg vor den
Ansprchen des anderen - die man freilich nicht einfach auer acht lassen
durfte, dafr war Wolfgangs Vater eine viel zu achtunggebietende
Persnlichkeit. Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen, sondern
eine weiseidene Halsbinde und darber einen groen weien Knebelbart. Wie
langsam und majesttisch er seinen oben goldenen Stock aufs Pflaster
setzte! Und er hatte einen Zylinder auf, und unter seinem berzieher sahen
hufig Fracksche hervor, mitten am Tage! Denn er ging in Versammlungen,
er bekmmerte sich um die ganze Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gefngnis,
von allem, was ffentlich war, dachte Diederich: "Das gehrt dem Herrn
Buck." Er mute ungeheuer reich und mchtig sein. Alle, auch Herr Heling,
entblten vor ihm lange den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas
abzunehmen, wre eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um von den
groen Mchten, die er so sehr verehrte, nicht ganz erdrckt zu werden,
mute Diederich leise und listig zu Werk gehen.

Einmal nur, in Untertertia, geschah es, da Diederich jede Rcksicht
verga, sich blindlings bettigte und zum siegestrunkenen Unterdrcker
ward. Er hatte, wie es blich und geboten war, den einzigen Juden seiner
Klasse gehnselt, nun aber schritt er zu einer ungewhnlichen Kundgebung.
Aus Kltzen, die zum Zeichnen dienten, erbaute er auf dem Katheder ein
Kreuz und drckte den Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz
allem Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte, war der
Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die
berwltigende Mehrheit drinnen und drauen. Denn durch ihn handelte die
Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fhlte bei geteilter
Verantwortlichkeit und einem Schuldbewutsein, das kollektiv war!

Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes Bangen sich ein,
aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich begegnete, gab ihm allen Mut
zurck; es war voll verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen ihre
Zustimmung. Diederich lchelte mit demtigem Einverstndnis zu ihnen auf.
Er bekam es leichter seitdem. Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht
versagen, der die Gunst des neuen Ordinarius besa. Unter ihm brachte
Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher. Wenigstens die zweite
dieser Ehrenstellen behauptete er auch spter. Er war gut Freund mit
allen, lachte, wenn sie ihre Streiche ausplauderten, ein ungetrbtes, aber
herzliches Lachen, als ernster junger Mensch, der Nachsicht hat mit dem
Leichtsinn - und dann in der Pause, wenn er dem Professor das Klassenbuch
vorlegte, berichtete er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der Lehrer
und die aufrhrerischen Reden, die gegen sie gefhrt worden waren. In
seiner Stimme bebte, nun er sie wiederholte, noch etwas von dem
wollstigen Erschrecken, womit er sie, hinter gesenkten Lidern, angehrt
hatte. Denn er sprte, ward irgendwie an den Herrschenden gerttelt, eine
gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas ganz unter sich Bewegendes, fast
wie ein Ha, der zu seiner Sttigung rasch und verstohlen ein paar Bissen
nahm. Durch die Anzeige der anderen shnte er die eigene sndhafte Regung.

Andererseits empfand er gegen die Mitschler, deren Fortkommen seine
Ttigkeit in Frage stellte, zumeist keine persnliche Abneigung. Er benahm
sich als pflichtmiger Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher
konnte er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz aufrichtig,
beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefat, der schon lngst
verdchtig war, alles abzuschreiben. Diederich berlie ihm, mit Wissen
des Lehrers, eine mathematische Aufgabe, die in der Mitte absichtlich
geflscht und deren Endergebnis dennoch richtig war. Am Abend nach dem
Zusammenbruch des Betrgers saen einige Primaner vor dem Tor in einer
Gartenwirtschaft, was zum Schlu der Turnspiele erlaubt war, und sangen.
Diederich hatte den Platz neben seinem Opfer gesucht. Einmal, als
ausgetrunken war, lie er die Rechte vom Krug herab auf die des anderen
gleiten, sah ihm treu in die Augen und stimmte in Batnen, die von Gemt
schleppten, ganz allein an:

  "Ich hatt' einen Kameraden,
  Einen bessern findst du nit ..."

brigens gengte er bei zunehmender Schulpraxis in allen Fchern, ohne in
einem das Ma des Geforderten zu berschreiten, oder auf der Welt irgend
etwas zu wissen, was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war ihm
das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete, gab ihm ein ungeklrtes
Mitrauen ein.

Seit seiner Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere fr
gesichert, und bei Lehrern und Vater drang der Gedanke durch, er solle
studieren. Der alte Heling, der 66 und 71 durch das Brandenburger Tor
eingezogen war, schickte Diederich nach Berlin.



Weil er sich aus der Nhe der Friedrichstrae nicht fortgetraute, mietete
er sein Zimmer droben in der Tieckstrae. Jetzt hatte er nur in gerader
Linie hinunterzugehen und konnte die Universitt nicht verfehlen. Er
besuchte sie, da er nichts anderes vorhatte, tglich zweimal, und in der
Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er schrieb einen Brief an Vater
und Mutter und dankte ihnen fr seine glckliche Kindheit. Ohne Not ging
er nur selten aus. Kaum, da er zu essen wagte; er frchtete, sein Geld
vor dem Ende des Monats auszugeben. Und immerfort mute er nach der Tasche
fassen, ob es noch da sei.

So verlassen ihm um das Herz war, ging er doch noch immer nicht mit dem
Brief des Vaters in die Blcherstrae zu Herrn Gppel, dem
Zellulosefabrikanten, der aus Netzig war und auch an Heling lieferte. Am
vierten Sonntag besiegte er seine Scheu - und kaum watschelte der
gedrungene, gertete Mann, den er schon so oft beim Vater im Kontor
gesehen hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich sich schon, da er nicht
frher gekommen sei. Herr Gppel fragte gleich nach ganz Netzig und vor
allem nach dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch ergraut war,
hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es schien, aus anderen Grnden,
schon als Knabe den alten Buck verehrt. Das war ein Mann: Hut ab! Einer
von denen, die das deutsche Volk hochhalten sollte, hher als gewisse
Leute, die immer alles mit Blut und Eisen kurieren wollten und dafr der
Nation riesige Rechnungen schrieben. Der alte Buck war schon
achtundvierzig dabei gewesen, er war sogar zum Tode verurteilt worden.
"Ja, da wir hier als freie Mnner sitzen knnen," sagte Herr Gppel, "das
verdanken wir solchen Leuten wie dem alten Buck." Und er ffnete noch eine
Flasche Bier. "Heute sollen wir uns mit Krassierstiefeln treten
lassen ..."

Herr Gppel bekannte sich als freisinniger Gegner Bismarcks. Diederich
besttigte alles, was Gppel wollte; er hatte ber den Kanzler, die
Freiheit, den jungen Kaiser keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich
berhrt, denn ein junges Mdchen war eingetreten, das ihm auf den ersten
Blick durch Schnheit und Eleganz gleich furchtbar erschien.

"Meine Tochter Agnes", sagte Herr Gppel.

Diederich stand da, in seinem faltenreichen Gehrock, als magerer Kadett,
und war rosig berzogen. Das junge Mdchen gab ihm die Hand. Sie wollte
wohl nett sein, aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete ja,
als sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte, ob er schon im
Theater gewesen sei, antwortete er nein. Er fhlte sich feucht vor
Ungemtlichkeit und war fest berzeugt, sein Aufbruch sei das einzige,
womit er das junge Mdchen interessieren knne. Aber wie war von hier
fortzukommen? Zum Glck stellte ein anderer sich ein, ein breiter Mensch,
namens Mahlmann, der mit ungeheurer Stimme Mecklenburgisch sprach, _stud.
ing._ zu sein schien und bei Gppels Zimmerherr sein sollte. Er erinnerte
Frulein Agnes an einen Spaziergang, den sie verabredet htten. Diederich
ward aufgefordert, mitzukommen. Entsetzt schtzte er einen Bekannten vor,
der drauen auf ihn warte, und machte sich sofort davon. "Gott sei Dank,"
dachte er, whrend es ihm einen Stich gab, "sie hat schon einen."

Herr Gppel ffnete ihm im Dunkeln die Flurtr und fragte, ob sein Freund
auch Berlin kenne. Diederich log, der Freund sei Berliner. "Denn wenn Sie
es beide nicht kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie haben
sich gewi schon mal verirrt in Berlin." Und als Diederich es zugab,
zeigte Herr Gppel sich befriedigt. "Das ist nicht wie in Netzig. Hier
laufen Sie gleich halbe Tage. Was glauben Sie wohl, wenn Sie von Ihrer
Tieckstrae bis hierher zum Halleschen Tor gehen, dann sind Sie ja schon
dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na, nchsten Sonntag kommen Sie
nun aber zum Mittagessen!"

Diederich versprach es. Als es so weit war, htte er lieber abgesagt; nur
aus Furcht vor seinem Vater ging er hin. Diesmal galt es sogar ein
Alleinsein mit dem Frulein zu bestehen. Diederich tat geschftig und als
sei er nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte wieder vom
Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher Stimme ab: er habe fr so
etwas keine Zeit. Ach ja, ihr Papa habe ihr gesagt, Herr Heling studiere
Chemie?

"Ja. Das ist berhaupt die einzige Wissenschaft, die Berechtigung hat",
behauptete Diederich, ohne zu wissen, wie er dazu kam.

Frulein Gppel lie ihren Beutel fallen; er bckte sich so nachlssig,
da sie ihn wieder hatte, bevor er zur Stelle war. Trotzdem sagte sie
danke, ganz weich, fast beschmt - was Diederich rgerte. "Kokette Weiber
sind etwas Grliches", dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel.

"Jetzt hab' ich es doch verloren. Mein englisches Pflaster nmlich. Es
blutet wieder."

Sie wickelte ihren Finger aus dem Taschentuch. Er hatte so sehr die Weie
des Schnees, da Diederich der Gedanke kam, das Blut, das darauf lag,
msse hineinsickern.

"Ich habe welches", sagte er, mit einem Ruck.

Er ergriff ihren Finger, und bevor sie das Blut wegwischen konnte, hatte
er es abgeleckt.

"Was machen Sie denn?"

Er war selbst erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten Brauen: "O, ich
als Chemiker probiere noch ganz andere Sachen."

Sie lchelte. "Ach ja, Sie sind eine Art Doktor ... Wie gut Sie das
knnen", bemerkte sie und sah ihm beim Aufkleben des Pflasters zu.

"So", machte er ablehnend, und trat zurck. Ihm war es schwl geworden, er
dachte: "Wenn man nur nicht immer ihre Haut anfassen mte! Sie ist
widerlich weich." Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause versuchte sie:
"Haben wir nicht eigentlich in Netzig gemeinschaftliche Verwandte?" Und
sie ntigte ihn, mit ihr ein paar Familien durchzugehen. Es stellte sich
Vetternschaft heraus.

"Sie haben auch noch Ihre Mutter, nicht? Dann knnen Sie sich freuen.
Meine ist lngst tot. Ich werde wohl auch nicht lange leben. Man hat so
Ahnungen" - und sie lchelte wehmtig und entschuldigend.

Diederich beschlo schweigend, diese Sentimentalitt albern zu finden.
Noch eine Pause - und wie sie beide eilig zum Sprechen ansetzten, kam der
Mecklenburger dazwischen. Die Hand Diederichs drckte er so kraftvoll, da
Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich lchelte er ihm sieghaft
in die Augen. Ohne weiteres zog er einen Stuhl bis vor Agnes' Knie und
fragte heiter und mit Autoritt nach allem Mglichen, was nur sie beide
anging. Diederich war sich selbst berlassen und entdeckte, da Agnes, so
in Ruhe betrachtet, viel von ihren Schrecken verlor. Eigentlich war sie
nicht hbsch. Sie hatte eine zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf
deren freilich sehr schmalem Rcken Sommersprossen saen. Ihre gelbbraunen
Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten, wenn sie einen ansah. Die
Lippen waren zu schmal, das ganze Gesicht war zu schmal. "Wenn sie nicht
so viel braunrotes Haar ber der Stirn htte und dazu den weien
Teint ..." Auch bereitete es ihm Genugtuung, da der Nagel des Fingers,
den er beleckt hatte, nicht ganz sauber gewesen war.

Herr Gppel kam mit seinen drei Schwestern. Eine von ihnen hatte Mann und
Kinder mit. Der Vater und die Tanten umarmten und kten Agnes. Sie taten
es mit dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen. Das junge
Mdchen war schlanker und grer als sie alle und blickte ein wenig
zerstreut auf sie hinab, die eben an ihren schmchtigen Schultern hing.
Nur ihrem Vater erwiderte sie langsam und ernst seinen Ku. Diederich sah
dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern, berzogen von roten
Haaren, ihre Schlfe kreuzen.

Er mute eine der Tanten ins Ezimmer fhren. Der Mecklenburger hatte
Agnes' Arm in den seinen gehngt. Um den langen Familientisch raschelten
die seidenen Sonntagskleider. Die Gehrcke wurden ber den Knien
zusammengelegt. Man rusperte sich, die Herren rieben die Hnde. Dann kam
die Suppe.

Diederich sa von Agnes weit weg und konnte sie nicht sehen, wenn er sich
nicht vorbeugte - was er sorgfltig vermied. Da seine Nachbarin ihn in
Ruhe lie, a er groe Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er hrte
ausfhrlich das Essen besprechen und mute besttigen, da es schn
schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt, ihr ward zu Rotwein geraten,
und sie sollte Auskunft geben, ob sie heute morgen Gummischuhe angehabt
habe. Herr Gppel erzhlte, Diederich zugewandt, da er und seine
Schwestern vorhin in der Friedrichstrae, wei Gott, auseinander gekommen
seien und sich erst im Omnibus wiedergefunden htten. "So etwas kann Ihnen
in Netzig auch nicht passieren", rief er voll Stolz ber den Tisch.
Mahlmann und Agnes sprachen von einem Konzert. Sie wollte bestimmt hin,
ihr Papa werde es schon erlauben. Herr Gppel machte zrtliche Einwnde,
und der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes msse frh schlafen gehen
und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich im Winter beranstrengt. Sie
bestritt es. "Ihr lat mich niemals aus dem Hause. Ihr seid schrecklich."

Diederich nahm innerlich Partei fr sie. Er hatte eine Wallung von
Heldentum: er htte machen wollen, da sie alles drfte, da sie glcklich
war und es ihm dankte ... Da fragte Herr Gppel ihn, ob er in das Konzert
wolle, "Ich wei nicht", sagte er verchtlich und sah Agnes an, die sich
vorbeugte. "Was ist das fr eins? Ich gehe nur in Konzerte, wo ich Bier
trinken kann."

"Sehr vernnftig", sagte der Schwager des Herrn Gppel.

Agnes hatte sich zurckgezogen und, Diederich bereute seinen Ausspruch.

Aber die Creme, auf die alle gespannt waren, blieb aus. Herr Gppel riet
seiner Tochter, einmal nachzusehen. Bevor sie ihren Kompotteller
hingesetzt hatte, war Diederich aufgesprungen - sein Stuhl flog an die
Wand - und festen Schritts zur Tr geeilt. "Marie! Der Krehm!" rief er
hinaus. Rot und ohne jemand anzusehen, ging er wieder an seinen Platz.
Aber er merkte ganz gut, sie blinzelten sich zu. Mahlmann stie sogar
hhnisch den Atem aus. Der Schwager uerte mit knstlicher Harmlosigkeit:
"Immer galant! So soll es sein." Herr Gppel lchelte zrtlich zu Agnes
hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah. Diederich stemmte das Knie gegen
die Tischplatte, da sie anfing sich zu heben. Er dachte: "Gott, o Gott,
htte ich nur das nicht getan!"

Beim Mahlzeitsagen gab er allen die Hand, nur um Agnes drckte er sich
herum. Im Berliner Zimmer beim Kaffee whlte er seinen Sitz mit Sorgfalt
dort, wo Mahlmanns breiter Rcken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten
wollte sich seiner annehmen.

"Was studieren Sie denn, junger Mann?" fragte sie.

"Chemie."

"Ach so, Physik?"

"Nein, Chemie."

"Ach so."

Und so imposant sie angefangen hatte, hierber kam sie nicht hinweg.
Diederich nannte sie im stillen eine dumme Gans. Die ganze Gesellschaft
pate ihm nicht. Von feindseliger Schwermut erfllt, sah er darein, bis
die letzten Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr Vater hatten sie
hinausbegleitet. Herr Gppel kehrte zurck, erstaunt, den jungen Mann
allein noch im Zimmer zu finden. Er schwieg forschend, einmal fate er in
die Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld gebeten zu haben,
Abschied nahm, bekundete Gppel groe Herzlichkeit. "Meine Tochter werd'
ich von Ihnen gren", sagte er sogar, und an der Tr, nachdem er ein
wenig berlegt hatte: "Kommen Sie doch nchsten Sonntag wieder!"

Diederich war fest entschlossen, das Haus nicht mehr zu betreten. Dennoch
lie er tags darauf alles stehen und liegen, um sich durch die Stadt bis
zu einem Geschft zu fragen, wo er fr Agnes das Konzertbillett kaufen
konnte. Vorher mute er auf den Zetteln, die dort hingen, den Namen des
Virtuosen herausfinden, den Agnes erwhnt hatte. War es der? Hatte er so
geklungen? Diederich entschlo sich. Als er dann erfuhr, es koste vier
Mark fnfzig, ri er vor Schrecken die Augen weit auf. So viel Geld, um
einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur einfach wieder fortgekonnt
htte! Als er bezahlt hatte und drauen war, entrstete er sich zunchst
ber den Schwindel. Dann bedachte er, da es fr Agnes geschehen sei, und
ward von sich selbst erschttert. Immer weicher und glcklicher ging er
durch das Gewhl. Es war das erste Geld, das er fr einen anderen Menschen
ausgegeben hatte.

Er legte das Billett in einen Umschlag, in den er nichts weiter legte, und
schrieb die Adresse, um sich nicht zu verraten, mit Schnschrift. Wie er
dann am Briefkasten stand, kam Mahlmann daher und lachte hhnisch.
Diederich fhlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er aus dem
Kasten zurckgezogen hatte. Aber Mahlmann bekundete nur die Absicht, sich
Diederichs Bude anzusehen. Er fand, es she drinnen aus wie bei einer
lteren Dame. Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu Hause
mitgebracht! Diederich schmte sich hei. Als Mahlmann die Chemiebcher
verchtlich auf- und zuklappte, schmte Diederich sich seines Faches. Der
Mecklenburger wlzte sich ins Sofa und fragte: "Wie gefllt Ihnen denn die
Gppel? Netter Kfer, was? Nun wird er wieder rot! Poussieren Sie doch!
Ich trete zurck, wenn Sie Wert darauf legen. Ich habe Aussicht bei
fnfzehn verschiedenen."

Da Diederich nachlssig abwehrte:

"Sie, da ist nmlich was zu machen. Ich mte gar nichts von Weibern
verstehen. Die roten Haare! - und haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen
ansieht, wenn sie meint, man wei es nicht?"

"Mich nicht", sagte Diederich noch geringschtziger. "Ich pfeife auch
darauf."

"Ihr Schade!" Mahlmann lachte tobend - worauf er vorschlug, einen Bummel
zu machen. Daraus ward eine Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie
beide betrunken. Etwas spter, in der Leipziger Strae, bekam Diederich
ohne Anla von Mahlmann eine mchtige Ohrfeige. Er sagte: "Au! Das ist
aber doch eine -" Vor dem Wort "Frechheit" schrak er zurck. Der
Mecklenburger klopfte ihm auf die Schulter. "Recht freundlich, Kleiner!
Alles blo Freundschaft!" - und berdies nahm er Diederich die letzten
zehn Mark ab ... Vier Tage spter fand er ihn schwach vor Hunger und
teilte ihm von dem, was er inzwischen anderswo gepumpt hatte, gromtig
drei Mark mit. Am Sonntag bei Gppels - mit weniger leerem Magen wre
Diederich vielleicht nicht hingegangen - erzhlte Mahlmann, da Heling
all sein Geld verlumpt habe und sich heute mal satt essen msse. Herr
Gppel und sein Schwager lachten verstndnisvoll, aber Diederich htte
lieber nie geboren sein wollen, als von Agnes so traurig prfend angesehen
werden. Sie verachtete ihn! Verzweifelt trstete er sich. "Es ist alles
eins, sie hat es schon immer getan!" Da fragte sie, ob das Konzertbillett
vielleicht von ihm gewesen sei. Alle wandten sich ihm zu.

"Unsinn! Wie sollte ich dazu wohl kommen", entgegnete er so
unliebenswrdig, da sie ihm glaubten. Agnes zgerte ein wenig, bevor sie
wegsah. Mahlmann bot den Damen Pralinees an und stellte die brigen vor
Agnes hin. Diederich kmmerte sich nicht um sie. Er a noch mehr als das
vorige Mal. Da doch alle meinten, er sei nur deswegen da! Als es hie, der
Kaffee solle im Grunewald getrunken werden, erfand Diederich sofort eine
Verabredung. Er setzte sogar hinzu: "Mit jemand, den ich unmglich warten
lassen kann." Herr Gppel legte ihm seine gedrungene Hand auf die
Schulter, blinzelte ihn aus gesenktem Kopf an und sagte halblaut: "Keine
Angst, Sie sind natrlich eingeladen." Aber Diederich beteuerte entrstet,
da es nicht daran liege. "Na, wenigstens kommen Sie wieder, sobald Sie
Lust haben", schlo Gppel, und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas
sagen zu wollen, aber Diederich wartete es nicht ab. Er ging den Rest des
Tages in selbstzufriedener Trauer umher, wie nach Vollziehung eines groen
Opfers. Am Abend in einem berfllten Bierlokal sa er den Kopf
aufgesttzt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames Glas hinab, als
verstehe er jetzt das Schicksal.

Was war zu machen gegen die gewaltttige Art, in der Mahlmann seine
Anleihen aufnahm? Am Sonntag hatte dann der Mecklenburger einen
Blumenstrau fr Agnes, und Diederich, der mit leeren Hnden kam, htte
sagen knnen: "Der ist eigentlich von mir, Frulein." Indessen schwieg er,
mit noch mehr Groll gegen Agnes als gegen Mahlmann. Denn Mahlmann forderte
zur Bewunderung heraus, wenn er des Nachts einem Unbekannten nachlief, um
ihm den Zylinder einzuschlagen - obwohl Diederich keineswegs die Warnung
verkannte, die solch ein Vorgang fr ihn selbst enthielt.

Ende des Monats, zu seinem Geburtstag, bekam er eine unvorhergesehene
Summe, die seine Mutter ihm erspart hatte, und erschien bei Gppels mit
einem Bukett, keinem zu groen, um sich nicht blozustellen, und auch, um
Mahlmann nicht herauszufordern. Das junge Mdchen hatte, wie sie es nahm,
ein ergriffenes Gesicht, und Diederich lchelte herablassend und verlegen
zugleich. Dieser Sonntag deuchte ihm unerhrt festlich; er war nicht
berrascht, als man in den Zoologischen Garten gehen wollte.

Die Gesellschaft rckte aus, nachdem Mahlmann sie abgezhlt hatte: elf
Personen. Alle Frauen unterwegs waren, wie Gppels Schwestern, vollstndig
anders angezogen als in der Woche: als seien sie heute von einer hheren
Klasse oder htten geerbt. Die Mnner trugen Gehrcke: nur wenige in
Verbindung mit schwarzen Hosen, wie Diederich, aber viele mit Strohhten.
Kam man durch eine Seitenstrae, war sie breit, gleichfrmig und leer,
ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel. Einmal doch tanzte ein Kreis
kleiner Mdchen in weien Kleidern, schwarzen Strmpfen und ganz behangen
mit Schleifen, schrill singend, einen Ringelreihen. Gleich darauf, in der
Verkehrsader, strmten schwitzende Matronen einen Omnibus; und die
Gesichter der Kommis, die unnachsichtlich mit ihnen um die Pltze rangen,
sahen neben ihren heftig roten zum Umfallen bla aus. Alles drngte
vorwrts, alles strzte einem Ziel zu, wo endlich das Vergngen anfangen
sollte. Alle Mienen sagten hart: "Nu los, gearbeitet haben wir genug!"

Diederich kehrte vor den Damen den Berliner heraus. In der Stadtbahn
eroberte er ihnen mehrere Sitze. Einen Herrn, der im Begriff stand, einen
wegzunehmen, hinderte er daran, indem er ihn heftig auf den Fu trat. Der
Herr schrie: "Flegel!" Diederich antwortete ihm im selben Sinn. Da zeigte
es sich, da Herr Gppel ihn kannte, und kaum einander vorgestellt,
bekundeten Diederich und der andere die ritterlichsten Sitten. Keiner
wollte sitzen, um den anderen nicht stehen zu lassen.

Am Tisch im Zoologischen Garten geriet Diederich neben Agnes - warum ging
heute alles glcklich? -, und als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren
wollte, untersttzte er sie strmisch. Er war voll Unternehmungslust. Vor
dem engen Gang zwischen den Raubtierkfigen kehrten die Damen um.
Diederich trug Agnes seine Begleitung an. "Da nehmen Sie doch lieber mich
mit hinein", sagte Mahlmann. "Wenn wirklich eine Stange losgehen sollte -"

"Dann machen Sie sie auch nicht wieder fest", entgegnete Agnes und trat
ein, whrend Mahlmann sein Gelchter aufschlug. Diederich blieb hinter
ihr. Ihm war bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn
zustrzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den sie ber ihn
hinstieen - und vor dem jungen Mdchen, dessen Blumenduft ihm voranzog.
Ganz hinten wandte sie sich um und sagte:

"Ich mag das Renommieren nicht!"

"Wirklich?" fragte Diederich, vor Freude gerhrt.

"Heute sind Sie mal nett", sagte Agnes; und er:

"Ich mchte es eigentlich immer sein."

"Wirklich?" - Und jetzt war es an ihrer Stimme, ein wenig zu schwanken.
Sie sahen einander an, jeder mit einer Miene, als verdiente er das alles
nicht. Das junge Mdchen sagte klagend:

"Die Tiere riechen aber furchtbar."

Und sie gingen zurck.

Mahlmann empfing sie. "Ich wollte nur sehen, ob Sie nicht ausreien
wrden." Dann nahm er Diederich beiseite. "Na? Was macht die Kleine? Geht
es bei Ihnen auch? Ich habe es gleich gesagt, da es keine Kunst ist."

Da Diederich stumm blieb:

"Sie sind wohl scharf ins Zeug gegangen? Wissen Sie was? Ich bin nur noch
ein Semester in Berlin: dann knnen Sie mich beerben. Aber so lange warten
Sie geflligst -" Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein kleiner Kopf
pltzlich tckisch anzusehen. "- Freundchen!"

Und Diederich war entlassen. Er hatte einen heftigen Schrecken bekommen
und wagte sich gar nicht mehr in Agnes' Nhe. Sie hrte nicht sehr
aufmerksam auf Mahlmann, sie rief rckwrts: "Papa! Heute ist es schn,
heute geht es mir aber wirklich gut."

Herr Gppel nahm ihren Arm zwischen seine beiden Hnde und tat, als wollte
er fest zudrcken, aber er berhrte sie kaum. Seine blanken Augen lachten
und waren feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte, versammelte er
seine Tochter und die beiden jungen Leute um sich und erklrte ihnen, der
Tag msse gefeiert werden; sie wollten die Linden entlang gehen und
nachher irgendwo essen.

"Papa wird leichtsinnig!" rief Agnes und sah sich nach Diederich um. Aber
er hielt die Augen gesenkt. In der Stadtbahn benahm er sich so
ungeschickt, da er weit von den anderen getrennt ward; und im Gedrnge
der Friedrichsstadt blieb er mit Herrn Gppel allein zurck. Pltzlich
hielt Gppel an, tastete verstrt auf seinem Magen umher und fragte:

"Wo ist meine Uhr?"

Sie war fort mitsamt der Kette. Mahlmann sagte:

"Wie lange sind Sie schon in Berlin, Herr Gppel?"

"Jawohl!" - und Gppel wendete sich an Diederich. "Dreiig Jahre bin ich
hier, aber das ist mir denn doch noch nicht passiert." Und stolz trotz
allem: "Sehen Sie, das gibt's in Netzig berhaupt nicht!"

Nun mute man, statt zu essen, auf das Polizeirevier und ein Verhr
bestehen. Und Agnes hustete. Gppel zuckte zusammen. "Wir wren jetzt doch
zu mde", murmelte er. Mit knstlicher Jovialitt verabschiedete er
Diederich, der Agnes' Hand bersah und linkisch den Hut zog. Auf einmal,
mit berraschender Geschicklichkeit und ehe Mahlmann begriff, was vorging,
schwang er sich auf einen vorbeifahrenden Omnibus. Er war entkommen! Und
jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu Hause freilich warf er
die schwersten seiner Chemiebnde mit Krachen auf den Boden. Er hielt
sogar schon die Kaffeekanne in der Hand. Aber bei dem Gerusch einer Tr
begann er sofort, alles wieder aufzulesen. Dann setzte er sich still in
die Sofaecke, sttzte den Kopf und weinte. Wre es nicht vorher so schn
gewesen! Er war ihr auf den Leim gegangen. So machten es die Mdchen: da
sie manchmal mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur mit einem
Kerl auslachen. Diederich war sich tief bewut, da er es mit so einem
Kerl nicht aufnehmen knne. Er sah sich neben Mahlmann und wrde es nicht
begriffen haben, htte eine sich fr ihn entschieden. "Was hab' ich mir
nur eingebildet?" dachte er. "Eine, die sich in mich verliebt, mu
wirklich dumm sein." Er litt groe Angst, der Mecklenburger knne kommen
und ihn noch rger bedrohen. "Ich will sie gar nicht mehr. Wre ich nur
schon fort!" Die nchsten Tage sa er in tdlicher Spannung bei
verschlossener Tr. Kaum war sein Geld da, reiste er.

Seine Mutter fragte, befremdet und eiferschtig, was er habe. Nach so
kurzer Zeit sei er kein Junge mehr. "Ja, das Berliner Pflaster!"

Diederich griff zu, als sie verlangte, er solle an eine kleine
Universitt, nicht wieder nach Berlin. Der Vater fand, da es ein Fr und
ein Wider gbe. Diederich mute ihm viel von Gppels berichten. Ob er die
Fabrik gesehen habe. Und war er bei den anderen Geschftsfreunden gewesen?
Herr Heling wnschte, da Diederich die Ferien benutze, um in der
vterlichen Werksttte den Gang der Papierverfertigung kennenzulernen.
"Ich bin nicht mehr der Jngste, und mein Granatsplitter hat mich auch
schon lange nicht so gekitzelt."

Diederich entwischte, sobald er konnte, um im Wald von Gbbelchen oder
lngs des Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen und sich mit der Natur
eins zu fhlen. Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf,
da die Hgel dahinten traurig oder wie eine groe Sehnsucht aussahen, und
was als Sonne oder Regen vom Himmel fiel, waren Diederichs heie Liebe und
seine Trnen. Denn er weinte viel. Er versuchte sogar zu dichten.

Als er einmal die Lwenapotheke betrat, stand hinter dem Ladentisch sein
Schulkamerad Gottlieb Hornung. "Ja, ich spiel' hier den Sommer ber 'n
bichen Apotheker", erklrte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen
vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie ein Aal. Die
ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber zum Herbst ging er nun nach
Berlin, um die Sache wissenschaftlich anzufassen. Ob denn in Berlin was
los sei. Hocherfreut ber den Besitz seiner berlegenheit fing Diederich
an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu prahlen. Der Apotheker verhie:
"Wir beide zusammen stellen Berlin auf den Kopf."

Und Diederich war schwach genug, zuzusagen. Die kleine Universitt ward
verworfen. Am Ende des Sommers - Hornung hatte noch einige Tage zu
praktizieren - kehrte Diederich nach Berlin zurck. Er mied das Zimmer in
der Tieckstrae. Vor Mahlmann und den Gppels flchtete er bis nach
Gesundbrunnen hinaus. Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der seine
Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam, trug er eine
grngelbrote Mtze. Er war sofort von einem Kollegen fr eine Verbindung
gekeilt worden. Auch Diederich sollte ihr beitreten; es waren die
Neuteutonen, eine hochfeine Korporation, sagte Hornung; allein sechs
Pharmazeuten waren dabei. Diederich verbarg seinen Schrecken unter der
Maske der Geringschtzung, aber es half nichts. Er solle Hornung nicht
blamieren, der von ihm gesprochen habe; einen Besuch wenigstens msse er
machen.

"Aber nur einen", sagte er fest.

Der eine dauerte, bis Diederich unter dem Tisch lag und sie ihn
fortschafften. Als er ausgeschlafen hatte, holten sie ihn zum
Frhschoppen; Diederich war Konkneipant geworden.

Und fr diesen Posten fhlte er sich bestimmt. Er sah sich in einen groen
Kreis von Menschen versetzt, deren keiner ihm etwas tat oder etwas anderes
von ihm verlangte, als da er trinke. Voll Dankbarkeit und Wohlwollen
erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und
Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens nicht
von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig
befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden. Als Diederich beim
Salamander zum ersten Male nicht nachklappte, lchelte er in die Runde,
beinahe verschmt durch die eigene Vollkommenheit!

Und das war noch nichts gegen seine Sicherheit im Gesang! Diederich hatte
in der Schule zu den besten Sngern gehrt und schon in seinem ersten
Liederheft die Seitenzahlen auswendig gewut, wo jedes Lied zu finden war.
Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf groen Ngeln in der Lache
von Bier lag, nur den Finger zu schieben, und traf vor allen anderen die
Nummer, die gesungen werden sollte. Oft hing er den ganzen Abend mit
Ehrerbietung am Munde des Prses: ob vielleicht sein Lieblingsstck daran
kme. Dann drhnte er tapfer: "Sie wissen den Teufel, was Freiheit heit",
hrte neben sich den dicken Delitzsch brummen und fhlte sich wohlig
geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen Lokals, mit den
Mtzen an der Wand, angesichts des Kranzes geffneter Mnder, die alle
dasselbe tranken und sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Krper, die
es in der Wrme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn es spt ward, als
schwitze er mit ihnen allen aus demselben Krper. Er war untergegangen in
der Korporation, die fr ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann,
durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu gehrte!
Ihn herausreien, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner! Mahlmann
htte sich einmal herwagen und es versuchen sollen: zwanzig Mann wren
statt Diederichs gegen ihn aufgestanden! Diederich wnschte ihn geradezu
herbei, so furchtlos war er. Womglich sollte er mit Gppel kommen, dann
mochten sie sehen, was aus Diederich geworden war, dann war er gercht!

Gleichwohl gab ihm die meiste Sympathie der Harmloseste von allen ein,
sein Nachbar, der dicke Delitzsch. Etwas tief Beruhigendes,
Vertrauengestattendes wohnte in dieser glatten, weien und humorvollen
Speckmasse, die unten breit ber die Stuhlrnder quoll, in mehreren
Wlsten die Tischhhe erreichte und dort, als sei nun das uerste getan,
aufgesttzt blieb, ohne eine andere Bewegung als das Heben und Hinstellen
des Bierglases. Delitzsch war, wie niemand sonst, an seinem Platz; wer ihn
dasitzen sah, verga, da er ihn je auf den Beinen erblickt hatte. Er war
ausschlielich zum Sitzen am Biertisch eingerichtet. Sein Hosenboden, der
in jedem anderen Zustand tief und melancholisch herabhing, fand nun seine
wahre Gestalt und blhte sich machtvoll. Erst mit Delitzsch' hinterem
Gesicht blhte auch sein vorderes auf. Lebensfreude berglnzte es, und er
ward witzig.

Ein Drama entstand, wenn ein junger Fuchs sich den Scherz machte, ihm das
Bierglas wegzunehmen. Delitzsch rhrte kein Glied, aber seine Miene, die
dem geraubten Glase berall hin folgte, enthielt pltzlich den ganzen,
strmisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in schsischem
Schreitenor: "Junge, da du mir nischt verschttest! Was entziehst de mir
berhaupt mein' Lbensunterhalt! Das ist 'ne ganz gemeine, bswilliche
Existenzschdichung, und ich kann dich glatt verklaachen!"

Dauerte der Spa zu lange, senkten sich Delitzsch' weie Fettwangen, und
er bat, er machte sich klein. Sobald er aber das Bier zurck hatte: welche
allumfassende Ausshnung in seinem Lcheln, welche Verklrung! Er sagte:
"Du bist doch  gutes Luder, du sollst lm, prost!" - trank aus und
klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener: "Herr Oberkrper!"

Nach einigen Stunden geschah es wohl, da sein Stuhl sich mit ihm umdrehte
und Delitzsch den Kopf ber das Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser
pltscherte, Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere strzten,
durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein wenig sauer von
Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei, rckte Delitzsch an den Tisch
zurck.

"Na, nu geht's ja wieder", sagte er; und: "Wovon habt 'r denn geredt,
whrend ich anderweitig beschftigt war? Wit ihr denn egal nischt wie
Weibergeschichten? Was koof' ich mir fr die Weiber?" Immer lauter: "Nich
mal  sauern Schoppen kann 'ch mir dafr koofen. Sie, Herr Oberkrper!"

Diederich gab ihm recht. Er hatte die Weiber kennengelernt, er war mit
ihnen fertig. Unvergleichlich idealere Werte enthielt das Bier.

Das Bier! Der Alkohol! Da sa man und konnte immer noch mehr davon haben,
das Bier war nicht wie kokette Weiber, sondern treu und gemtlich. Beim
Bier brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu erreichen, wie
bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da hatte man es
schon zu etwas gebracht, fhlte sich auf die Hhen des Lebens befrdert
und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal htte von Polizisten
umstellt sein drfen: das Bier, das man schluckte, verwandelte sich in
innere Freiheit. Und man hatte sein Examen so gut wie bestanden. Man war
"fertig", war Doktor! Man fllte im brgerlichen Leben eine Stellung aus,
war reich und von Wichtigkeit: Chef einer mchtigen Fabrik von
Ansichtskarten oder Toilettenpapier. Was man mit seiner Lebensarbeit
schuf, war in tausend Hnden. Man breitete sich, vom Biertisch her, ber
die Welt aus, ahnte groe Zusammenhnge, ward eins mit dem Weltgeist. Ja,
das Bier erhob einen so sehr ber das Selbst, da man Gott fand!

Gern htte er es jahrelang so weitergetrieben. Aber die Neuteutonen lieen
ihn nicht. Fast vom ersten Tage an hatten sie ihm den moralischen und
materiellen Wert einer vlligen Zugehrigkeit zur Verbindung geschildert;
allmhlich aber gingen sie immer unverblmter darauf aus, ihn zu keilen.
Vergebens berief sich Diederich auf seine anerkannte Stellung als
Konkneipant, in die er sich eingelebt habe und die ihn befriedige. Sie
entgegneten, da der Zweck des studentischen Zusammenschlusses, nmlich
die Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus, durch das Kneipen
allein, soviel es auch beitrage, noch nicht ganz erfllt werde. Diederich
zitterte; nur zu gut erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte
pauken! Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie mit ihren
Stcken in der Luft ihm die Schlge vorgefhrt hatten, die sie einander
beigebracht haben wollten; oder wenn einer von ihnen eine schwarze Mtze
um den Kopf hatte und nach Jodoform roch. Jetzt dachte er gepret: "Warum
bin ich dabei geblieben und Konkneipant geworden! Nun mu ich 'ran."

Er mute. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten ihn. Er war so
sorgsam eingewickelt, behelmt und bebrillt worden, da ihm unmglich viel
geschehen konnte. Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht gerade so
willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe, lernte er fechten,
schneller als andere. Beim ersten Durchzieher ward ihm schwach: ber die
Wange fhlte er es rinnen. Als er dann genht war, htte er am liebsten
getanzt vor Glck. Er warf es sich vor, da er diesen gutmtigen Menschen
gefhrliche Absichten zugetraut hatte. Gerade der, den er am meisten
gefrchtet hatte, nahm ihn unter seinen Schutz und ward ihm ein
wohlgesinnter Erzieher.

Wiebel war Jurist, was ihm allein schon Diederichs Unterordnung gesichert
htte. Nicht ohne Selbstzerknirschung sah er die englischen Stoffe an, in
die Wiebel sich kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer
mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die Wsche muten. Das
Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren. Wenn er mit leichter eleganter
Verbeugung Diederich zutrank, klappte Diederich - und seine Miene war
leidend vor Anstrengung - tief zusammen, verschttete die eine Hlfte und
verschluckte sich mit der anderen. Wiebel sprach mit leiser, arroganter
Feudalstimme.

"Man kann sagen, was man will," bemerkte er gern, "Formen sind kein leerer
Wahn."

Fr das F in "Formen" machte er seinen Mund zu einem kleinen schwarzen
Mausloch und stie es langsam geschwellt heraus. Diederich unterlag
jedesmal wieder dem Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel
dnkte ihm erlesen: da die rtlichen Barthaare ganz oben auf der Lippe
wuchsen und seine langen, gekrmmten Ngel nach unten gekrmmt, nicht, wie
bei Diederich, nach oben; der starke mnnliche Duft, der von Wiebel
ausging, auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des durchgezogenen
Scheitels erhhten, und die katerhaft in Schlfenwulste gebetteten Augen.
Diederich hatte das alles immer nur im unbedingten Gefhl des eigenen
Unwertes mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete und sich sogar zu
seinem Gnner machte, war es Diederich, als sei ihm erst jetzt das Recht
auf Dasein besttigt. Er hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete
sich vor glcklicher Bewunderung. Wenn seine Wnsche sich so hoch
hinausgewagt htten, auch er htte gern solchen roten Hals gehabt und
immer geschwitzt. Welch ein Traum, suseln zu knnen wie Wiebel!

Und nun durfte Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs! Stets wohnte
er Wiebels Erwachen bei, suchte ihm seine Sachen zusammen - und da Wiebel
infolge unregelmiger Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand, besorgte
Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die Schuhe. Dafr durfte er
mitgehen auf allen Wegen. Wenn Wiebel ein Bedrfnis verrichtete, hielt
Diederich drauen Wache, und er wnschte sich nur, seinen Schlger da zu
haben, um ihn schultern zu knnen.

Wiebel htte es verdient. Die Ehre der Korporation, in der auch Diederichs
Ehre und sein ganzes Schuldbewutsein wurzelten, am glnzendsten vertrat
Wiebel sie. Er schlug sich, mit wem man wollte, fr die Neuteutonia. Er
hatte das Ansehen der Verbindung erhht, denn er sollte einst einen
Vindoborussen koramiert haben! Auch hatte er einen Verwandten beim Zweiten
Garde-Grenadierregiment Kaiser Franz Joseph; und so oft Wiebel seinen
Vetter von Klappke erwhnte, machte die ganze Neuteutonia eine
geschmeichelte Verbeugung. Diederich suchte sich einen Wiebel in der
Uniform eines Gardeoffiziers vorzustellen; aber so viel Vornehmheit war
nicht auszudenken. Eines Tages dann, wie er mit Gottlieb Hornung, weithin
duftend, vom tglichen Frisieren kam, stand an einer Straenecke Wiebel
mit einem Zahlmeister. Kein Irrtum: es war ein Zahlmeister - und als
Wiebel ihr Kommen bemerkte, drehte er ihnen den Rcken. Auch sie wendeten
und machten sich stumm und stramm davon, ohne einander anzusehen und ohne
eine Bemerkung. Jeder vermutete, da auch der andere die hnlichkeit des
Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht kannten die
brigen schon lngst den wahren Sachverhalt? Aber allen stand die Ehre der
Neuteutonia hoch genug, um zu schweigen, ja, um das Erblickte zu
vergessen. Als Wiebel das nchste Mal "mein Vetter von Klappke" sagte,
verbeugten Diederich und Hornung sich mit den anderen, geschmeichelt wie
je.

Schon hatte Diederich Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung der Formen,
Korpsgeist, Eifer fr das Hhere. Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte
er an das elende Dasein des schweifenden Wilden, das frher das seine
gewesen war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben gebracht. Zu
genau eingehaltenen Stunden erschien er auf Wiebels Bude, im Fechtsaal,
beim Friseur und zum Frhschoppen. Der Nachmittagsbummel leitete zur
Kneipe ber; und jeder Schritt geschah in Korporation, unter Aufsicht und
mit Wahrung peinlicher Formen und gegenseitiger Ehrerbietung, die
gemtvolle Derbheit nicht ausschlo. Ein Kommilitone, mit dem Diederich
bisher nur offiziellen Verkehr unterhalten hatte, stie einst mit ihm vor
der Toilette zusammen, und obwohl sie beide kaum noch gerade stehen
konnten, wollte keiner den Vortritt annehmen. Lange komplimentierten sie
sich - bis sie pltzlich, im gleichen Augenblick vom Drang berwltigt,
wie zwei zusammenprallende Eber durch die Tr brachen, da ihnen die
Schulterknochen knackten. Das war der Beginn einer Freundschaft. In
menschlicher Lage einander nher gekommen, rckten sie nachher auch am
offiziellen Kneiptisch zusammen, tranken Schmollis und nannten sich
"Schweinehund" und "Nilpferd".

Nicht immer zeigte das Verbindungsleben seine heitere Seite. Es forderte
Opfer; es bte im mnnlichen Ertragen des Schmerzes. Delitzsch selbst, der
Quell so mancher Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia. Eines
Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen kamen: er stand am
Waschtisch und sagte noch: "Na da. Habt 'r heit aach so  Durscht?" -
pltzlich, ehe sie zugreifen konnten, fiel er hin, mitsamt dem
Waschgeschirr. Wiebel befhlte ihn: Delitzsch regte sich nicht mehr.

"Herzklaps", sagte Wiebel kurz. Er ging stramm zur Klingel. Diederich hob
die Scherben auf und trocknete den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf
das Bett. Dem formlosen Gejammer der Wirtin gegenber verharrten beide in
streng kommentmiger Haltung. Unterwegs zur Erledigung des weiteren - sie
marschierten im Takt nebeneinander - sagte Wiebel mit straffer
Todesverachtung:

"So was kann jedem von uns passieren. Kneipen ist kein Spa. Das kann sich
jeder gesagt sein lassen."

Und mit allen anderen fhlte Diederich sich gehoben durch Delitzsch' treue
Pflichterfllung, durch seinen Tod auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz
folgten sie dem Sarge; "Neuteutonia sei's Panier", stand in jeder Miene.
Auf dem Friedhof, die umflorten Schlger gesenkt, hatten alle das in sich
vertiefte Gesicht des Kriegers, den die nchste Schlacht dahinraffen kann,
wie die vorigen den Kameraden; und was der erste Chargierte von dem
Geschiedenen rhmte: er habe in der Schule der Mannhaftigkeit und des
Idealismus den hchsten Preis errungen, das erschtterte jeden, als glte
es ihm selbst.

Hiermit ging Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel trat aus, um sich
auf den Referendar vorzubereiten; und fortan hatte Diederich die von ihm
bernommenen Grundstze selbstndig zu vertreten und sie den Jngeren
einzupflanzen. Er tat es im Gefhl hoher Verantwortlichkeit und mit
Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte, in die Kanne zu steigen.
Keine fnf Minuten vergingen, und er mute sich an den Wnden
hinaustasten. Das Schreckliche geschah, da einer vor Diederich aus der
Tr ging. Seine Bue waren acht Tage Bierverschi. Nicht Stolz oder
Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher Begriff von der Ehre der
Korporation. Er selbst war nur ein Mensch, also nichts; jedes Recht, sein
ganzes Ansehen und Gewicht kamen ihm von ihr. Auch krperlich verdankte er
ihr alles: die Breite seines weien Gesichts, seinen Bauch, der ihn den
Fchsen ehrwrdig machte, und das Privileg, bei festlichen Anlssen in
hohen Stiefeln mit Band und Mtze aufzutreten, den Genu der Uniform! Wohl
hatte er noch immer einem Leutnant Platz zu machen, denn die Krperschaft,
der der Leutnant angehrte, war offenbar die hhere; aber wenigstens mit
einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren, ohne Gefahr, von
ihm angeschnauzt zu werden. Seine Mnnlichkeit stand ihm mit Schmissen,
die das Kinn spalteten, rissig durch die Wangen fuhren und in den kurz
geschorenen Schdel hackten, drohend auf dem Gesicht geschrieben - und
welche Genugtuung, sie tglich und nach Belieben einem jeden beweisen zu
knnen! Einmal bot sich eine unerwartet glnzende Gelegenheit. Zu dritt,
mit Gottlieb Hornung und dem Dienstmdchen ihrer Wirtin, waren sie beim
Tanz in Halensee. Seit einigen Monaten teilten die Freunde sich eine
Wohnung, mit der ein ziemlich hbsches Dienstmdchen verbunden war,
machten ihr beide kleine Geschenke und gingen des Sonntags gemeinsam mit
ihr aus. Ob Hornung es so weit bei ihr gebracht hatte wie er selbst,
darber hatte Diederich seine privaten Vermutungen. Offiziell und von
Verbindungs wegen war es ihm unbekannt.

Rosa war nicht bel angezogen, auf dem Ball fand sie Bewerber. Damit
Diederich noch eine Polka bekam, war er gentigt, sie daran zu erinnern,
da er ihr die Handschuhe gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des
Tanzes seine korrekte Verbeugung, da drngte sich unversehens ein anderer
dazwischen und polkte mit Rosa von dannen. Betreten sah Diederich ihnen
nach, im dunklen Gefhl, da er hier werde einschreiten mssen. Bevor er
sich aber regte, war ein Mdchen durch die tanzenden Paare gestrzt, hatte
Rosa geohrfeigt und sie in unzarter Weise von ihrem Partner getrennt. Dies
sehen und auf Rosas Ruber losmarschieren, war fr Diederich eins.

"Mein Herr," sagte er und sah ihm fest in die Augen, "Ihr Benehmen ist
unqualifizierbar."

Der andere erwiderte:

"Wennschon."

berrascht von dieser ungewhnlichen Wendung eines offiziellen Gesprchs,
stammelte Diederich:

"Knote."

Der andere erwiderte prompt:

"Schote" - und lachte dabei. Durch so viel Formlosigkeit vollends aus der
Fassung gebracht, wollte Diederich sich schon verbeugen und abtreten; aber
der andere stie ihn pltzlich vor den Bauch - und gleich darauf wlzten
sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch und anfeuernden Zurufen
kmpften sie, bis man sie trennte. Gottlieb Hornung, der Diederichs
Klemmer suchen half, rief: "Da reit er aus" - und war schon hinterher.
Diederich folgte. Sie sahen den anderen mit einem Begleiter gerade noch in
eine Droschke steigen und nahmen die nchste. Hornung behauptete, die
Verbindung drfe das nicht auf sich sitzen lassen. "So was kneift und
bekmmert sich nicht mal mehr um die Dame." Diederich erklrte:

"Was Rosa betrifft, die ist fr mich erledigt."

"Fr mich auch."

Die Fahrt war aufregend. "Ob wir nachkommen? Wir haben einen lahmen Gaul."
"Wenn der Prolet nun nicht satisfaktionsfhig ist?" Man entschied: "Dann
hat die Sache offiziell nicht stattgefunden."

Der erste Wagen hielt im Westen vor einem anstndigen Haus. Diederich und
Hornung trafen ein, wie das Tor zugeschlagen ward. Entschlossen postierten
sie sich davor. Es ward khl, sie marschierten hin und her vor dem Hause,
zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts, behielten immer
die Tr im Auge und wiederholten immer dieselben ernsten und weittragenden
Reden. Nur Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war die Ehre der
Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein Prolet war!

Endlich kam der Portier zum Vorschein, und sie nahmen ihn ins Verhr. Sie
suchten ihm die Herren zu beschreiben, fanden aber, da die beiden keine
besonderen Kennzeichen hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als
Diederich, blieb dabei, da man warten msse, und noch zwei Stunden lang
marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem Hause zwei Offiziere.
Diederich und Hornung rissen die Augen auf, ungewi, ob hier nicht ein
Irrtum vorlag. Die Offiziere stutzten. Einer schien sogar zu erbleichen.
Da entschlo Diederich sich. Er trat vor den Erbleichten hin.

"Mein Herr -"

Die Stimme versagte ihm. Der Leutnant sagte, verlegen: "Sie irren sich
wohl."

Diederich brachte hervor:

"Durchaus nicht. Ich mu Genugtuung fordern. Sie haben sich -"

"Ich kenne Sie ja gar nicht", stammelte der Leutnant. Aber sein Kamerad
flsterte ihm etwas zu: "So geht das nicht" - er lie sich von dem anderen
die Karte geben, legte seine eigene dazu und berreichte sie Diederich.
Diederich gab die seine her; dann las er: "Albrecht Graf
Tauern-Brenheim". Da nahm er sich nicht mehr die Zeit, auch die andere zu
lesen, sondern begann kleine, eifrige Verbeugungen zu vollfhren. Der
zweite Offizier wandte sich inzwischen an Gottlieb Hornung.

"Mein Freund hat den Scherz natrlich ganz harmlos gemeint. Er wre
selbstverstndlich zu jeder Genugtuung bereit; ich will nur feststellen,
da eine beleidigende Absicht nicht vorliegt."

Der andere, den er dabei ansah, hob die Schultern. Diederich stammelte: "O
danke sehr."

"Damit ist die Sache wohl erledigt", sagte der Freund; und die beiden
Herren entfernten sich.

Diederich stand noch da, die Stirn feucht und mit befangenen Sinnen.
Pltzlich seufzte er tief auf und lchelte langsam.

Nachher auf der Kneipe war die Rede nur von diesem Vorfall. Diederich
rhmte den Kommilitonen das wahrhaft ritterliche Verhalten des Grafen.

"Ein wirklicher Edelmann verleugnet sich doch nie."

Er machte den Mund klein wie ein Mausloch und stie in langsamer
Schwellung die Worte hervor:

"F - formen sind doch kein leerer Wahn."

Immer wieder rief er Gottlieb Hornung als Zeugen seines groen
Augenblickes auf.

"So gar nichts Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin gewagten Scherz
kommt es solchem Herrn nicht an. Eine Haltung dabei: t-hadellos, kann ich
euch sagen. Die Erklrungen Seiner Erlaucht waren so durchaus
befriedigend, da ich meinerseits unmglich -: Ihr begreift, man ist kein
Rauhbein."

Alle begriffen es und besttigten Diederich, da die Neuteutonia in dieser
Sache durchaus anstndig abgeschnitten habe. Die Karten der beiden
Edelleute wurden bei den Fchsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten
Schlgern am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich heute nicht
betrank.

Damit endete das Semester; aber Diederich und Hornung hatten fr die
Heimreise kein Geld. Das Geld fehlte ihnen schon lngst fr fast alles.
Mit Rcksicht auf die Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs
Wechsel auf zweihundertfnfzig Mark erhht worden; und doch bermannten
ihn die Schulden. Alle Quellen schienen ausgepumpt, nur drres Land sah
man, verschmachtend, sich dahindehnen - und endlich mute man wohl, so
wenig dies Rittern angestanden htte, ber die Zurckforderung dessen
beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten an Kommilitonen verliehen
hatten. Gewi war mancher alte Herr inzwischen zu groen Geldern gelangt.
Hornung fand keinen; Diederich verfiel auf Mahlmann.

"Bei dem geht es", erklrte er. "Der war bei gar keiner Verbindung: ein
ganz gemeiner Ruppsack. Dem werd' ich mal auf die Bude steigen."

Aber als Mahlmann ihn erblickte, brach er ohne weiteres in sein
riesenhaftes Lachen aus, da Diederich fast vergessen hatte und das ihn
sofort unwiderstehlich herabstimmte. Mahlmann war taktlos! Er htte doch
fhlen sollen, da hier in seinem Patentbureau mit Diederich die ganze
Neuteutonia moralisch zugegen war, und htte Diederich um ihretwillen
Achtung erweisen sollen. Diederich hatte den Eindruck, als sei er aus der
kraftspendenden Gesamtheit jh herausgerissen und stehe hier als einzelner
Mensch vor einem anderen. Eine nicht vorhergesehene, unliebsame Lage! Um
so unbefangener trug er seine Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurck,
das wrde er einem Kameraden niemals zugemutet haben! Mahlmann mge nur so
gefllig sein, ihm fr einen Wechsel zu brgen. Mahlmann lehnte sich in
seinen Schreibsessel zurck und sagte breit und selbstverstndlich:

"Nein."

Diederich, betroffen:

"Wieso, nein?"

"Brgen ist gegen meine Prinzipien", erklrte Mahlmann.

Diederich errtete vor Entrstung. "Aber ich habe doch auch fr Sie
gebrgt, und dann ist der Wechsel an mich gekommen, und ich mute fr Sie
hundert Mark blechen. Sie haben sich gehtet!"

"Sehen Sie wohl? Und wenn ich jetzt fr Sie brgen wollte, wrden Sie auch
nicht bezahlen."

Diederich ri nur noch die Augen auf.

"Nein, Freundchen," schlo Mahlmann; "wenn ich Selbstmord begehen will,
brauch' ich Sie nicht dazu."

Diederich fate sich, er sagte herausfordernd:

"Sie haben wohl keinen Komment, mein Herr."

"Nein", wiederholte Mahlmann und lachte ungeheuerlich.

Mit uerstem Nachdruck stellte Diederich fest: "Dann scheinen Sie
berhaupt ein Schwindler zu sein. Es soll ja gewisse Patentschwindler
geben."

Mahlmann lachte nicht mehr; die Augen in seinem kleinen Kopf waren
tckisch geworden, und er stand auf. "Nun mssen Sie 'rausgehen", sagte
er, ohne Erregung. "Unter uns wre es wohl Wurst, aber nebenan sitzen
meine Angestellten, die drfen so was nicht hren."

Er packte Diederich an den Schultern, drehte ihn herum und schob ihn vor
sich her. Fr jeden Versuch, sich loszumachen, bekam Diederich einen
mchtigen Knuff.

"Ich fordere Genugtuung", schrie er, "Sie mssen sich mit mir schlagen!"

"Ich bin schon dabei. Merken Sie es nicht? Dann will ich noch einen
rufen." Er ffnete die Tr. "Friedrich!" Und Diederich ward einem Packer
berliefert, der ihn die Treppe hinabbefrderte. Mahlmann rief ihm nach:

"Nichts fr ungut, Freundchen. Wenn Sie ein andermal was auf dem Herzen
haben, kommen Sie ruhig wieder!"

Diederich brachte sich in Ordnung und verlie das Haus in guter Haltung.
Um so schlimmer fr Mahlmann, wenn er sich so auffhrte! Diederich hatte
sich nichts vorzuwerfen; vor einem Ehrengericht wre er glnzend
dagestanden. Etwas hchst Anstiges blieb es, da ein einzelner sich so
viel erlauben konnte; Diederich war gekrnkt im Namen smtlicher
Korporationen. Andererseits war es nicht zu leugnen, da Mahlmann
Diederichs alte Hochachtung wieder betrchtlich aufgefrischt hatte. "Ein
ganz gemeiner Hund", dachte Diederich. "Aber so mu man sein ..."

Zu Hause lag ein eingeschriebener Brief.

"Nun knnen wir fortmachen", sagte Hornung.

"Wieso wir? Ich brauch' mein Geld selbst."

"Du machst wohl Spa. Ich kann hier doch nicht allein sitzenbleiben."

"Dann such' dir Gesellschaft!"

Diederich schlug ein solches Gelchter auf, da Hornung ihn fr verrckt
hielt. Darauf reiste er wirklich.

Unterwegs sah er erst, da der Brief von seiner Mutter adressiert war. Das
war ungewhnlich ... Seit ihrer letzten Karte, sagte sie, sei es mit
seinem Vater noch viel schlimmer geworden. Warum Diederich nicht gekommen
sei.

"Wir mssen uns auf das Entsetzlichste gefat machen. Wenn Du unseren
innigst geliebten Papa noch einmal sehen willst, o dann sume nicht
lnger, mein Sohn!"

Bei dieser Ausdrucksweise ward es Diederich ungemtlich. Er entschlo
sich, seiner Mutter einfach nicht zu glauben. "Weibern glaub' ich
berhaupt nichts, und mit Mama ist es nun mal nicht richtig."

Trotzdem tat Herr Heling bei Diederichs Ankunft gerade die letzten
Atemzge.

Von dem Anblick berwltigt, brach Diederich gleich auf der Schwelle in
ein ganz formloses Geheul aus. Er stolperte zum Bett, sein Gesicht war im
Augenblick na wie beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter kurze
Flgelschlge und lie sie machtlos gegen die Hften klappen. Pltzlich
erkannte er auf der Decke des Vaters rechte Hand, kniete hin und kte
sie. Frau Heling, ganz still und klein selbst noch bei den letzten
Atemzgen ihres Herrn, tat drben dasselbe mit der linken. Diederich
dachte daran, wie dieser verkmmerte schwarze Fingernagel auf seine Wange
zugeflogen war, wenn der Vater ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die
Prgel gar, als er von den Lumpen die Knpfe gestohlen hatte! Diese Hand
war schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun er sie
verlieren sollte. Er fhlte, da seine Mutter das gleiche im Sinn hatte,
und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal sanken sie einander, ber das
Bett hinweg, in die Arme.

Bei den Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurck. Er vertrat vor ganz
Netzig, stramm und formensicher, die Neuteutonia, sah sich angestaunt und
verga darber fast, da er trauerte. Dem alten Herrn Buck ging er bis zur
ueren Tr entgegen. Die Beleibtheit des groen Mannes von Netzig ward
majesttisch in seinem glnzenden Gehrock. Wrdevoll trug der den
umgewendeten Zylinderhut vor sich her; und die andere, vom schwarzen
Handschuh entblte Hand, die er Diederich reichte, fhlte sich
berraschend zartfleischig an. Seine blauen Augen drangen warm in
Diederich ein, und er sagte:

"Ihr Vater war ein guter Brger. Junger Mann, werden Sie auch einer! Haben
Sie immer Achtung vor den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen
Ihre eigene Menschenwrde. Ich hoffe, wir werden hier in unserer Stadt
noch zusammen fr das Gemeinwohl arbeiten. Sie werden jetzt wohl fertig
studieren?"

Diederich konnte kaum das Ja herausbringen, so sehr verstrte ihn die
Ehrfurcht. Der alte Buck fragte in leichterem Ton:

"Hat mein Jngster Sie in Berlin schon aufgesucht? Nein? O, das soll er
tun. Er studiert jetzt auch dort. Wird aber wohl bald sein Jahr abdienen.
Haben Sie das schon hinter sich?"

"Nein" - und Diederich ward sehr rot. Er stammelte Entschuldigungen. Es
sei ihm bisher ganz unmglich gewesen, das Studium zu unterbrechen. Aber
der alte Buck zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich.

Durch das Testament des Vaters war Diederich neben dem alten Buchhalter
Stbier zum Vormund seiner beiden Schwestern bestimmt. Stbier belehrte
ihn, da ein Kapital von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der
Mdchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften angegriffen werden.
Der Reingewinn aus der Fabrik hatte in den letzten Jahren durchschnittlich
neuntausend Mark betragen. "Mehr nicht?" fragte Diederich. Stbier sah ihn
an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll. Wenn der junge Herr sich
vorstellen knnte, wie sein seliger Vater und Stbier das Geschft
heraufgearbeitet htten! Gewi war es ja noch ausdehnungsfhig ...

"Na, is jut", sagte Diederich. Er sah, da hier vieles gendert werden
msse. Von einem Viertel von neuntausend Mark sollte er leben? Diese
Zumutung des Verstorbenen emprte ihn. Als seine Mutter behauptete, der
Selige habe auf dem Sterbebette die Zuversicht geuert, in seinem Sohn
Diederich werde er fortleben, und Diederich werde sich niemals
verheiraten, um immer fr die Seinen zu sorgen, da brach Diederich aus.
"Vater war nicht so krankhaft sentimental wie du," schrie er, "und er log
auch nicht." Frau Heling glaubte den Seligen zu hren und duckte sich.
Dies benutzte Diederich, um seinen Monatswechsel um fnfzig Mark erhhen
zu lassen.

"Zunchst", sagte er rauh, "hab' ich mein Jahr abzudienen. Das kostet, was
es kostet. Mit euren kleinlichen Geldgeschichten knnt ihr mir spter
kommen."

Er bestand sogar darauf, in Berlin einzutreten. Der Tod des Vaters hatte
ihm wilde Freiheitsgefhle gegeben. Nachts freilich trumte er, der alte
Herr trete aus dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche
gehabt hatte - und schwitzend erwachte Diederich.

Er reiste, versehen mit dem Segen der Mutter. Gottlieb Hornung und ihre
gemeinsame Rosa konnte er fortan nicht brauchen und zog um. Den
Neuteutonen zeigte er in angemessener Form seine vernderten
Lebensumstnde an. Die Burschenherrlichkeit war vorber. Der
Abschiedskommers! Trauersalamander wurden gerieben, die fr Diederichs
alten Herrn bestimmt waren, aber die auch ihm und seiner schnsten
Bltezeit gelten konnten. Vor lauter Hingabe gelangte er unter den Tisch,
wie am Abend seiner Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr.

Arg verkatert stand er tags darauf, inmitten anderer jungen Leute, die
alle, wie er selbst, ganz nackt ausgezogen waren, vor dem Stabsarzt.
Dieser Herr sah angewidert ber all das mnnliche Fleisch hin, das ihm
unterbreitet war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick hhnisch.
Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts brig, als auch
seinerseits die Augen auf seinen Bauch zu senken, der errtet war ... Der
Stabsarzt hatte seinen vollen Ernst zurck. Einem, der nicht so scharf
hrte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht, denn man kannte die
Simulanten! Ein anderer, der noch dazu Levysohn hie, bekam die Lehre:
"Wenn Sie mich wieder mal hier belstigen, dann waschen Sie sich
wenigstens!" Bei Diederich hie es:

"Ihnen wollen wir das Fett schon wegkurieren. Vier Wochen Dienst, und ich
garantiere Ihnen, da Sie aussehen wie ein Christenmensch."

Damit war er angenommen. Die Ausgemusterten fuhren so schnell in ihre
Kleider, als brennte die Kaserne. Die fr tauglich Befundenen sahen
einander prfend von der Seite an und entfernten sich zaudernd, als
erwarteten sie, da eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern lege.
Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei ihm alles eins, kehrte
um, stellte sich nochmals vor den Stabsarzt hin und sagte laut, mit
sorgfltiger Aussprache: "Ich mchte noch hinzufgen, da ich homosexuell
bin."

Der Stabsarzt wich zurck, er war ganz rot. Stimmlos sagte er: "Solche
Schweine knnen wir allerdings nicht brauchen."

Diederich drckte den knftigen Kameraden seine Entrstung aus ber ein so
schamloses Verfahren. Dann sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher
an der Wand seine Krperlnge gemessen hatte, und beteuerte ihm, da er
froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an den praktischen Arzt Dr.
Heuteufel, der ihn als Jungen im Hals gepinselt hatte: ob der Doktor ihm
nicht bescheinigen wolle, da er skrofuls und rachitisch sei. Er knne
sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei. Aber die Antwort
lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen werde ihm trefflich
bekommen. So gab Diederich denn sein Zimmer wieder auf und fuhr mit seinem
Handkoffer in die Kaserne. Wenn man schon vierzehn Tage dort wohnen mute,
konnte man so lange die Miete sparen.

Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen atemraubenden Dingen
an. Kompagnieweise ward man in den Korridoren, die "Rayons" hieen,
"abgerichtet". Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnsigkeit
zur Schau, die Einjhrigen betrachtete er nie anders als mit einem
zugekniffenen Auge. Pltzlich schrie er: "Abrichter!" und gab den
Unteroffizieren eine Instruktion, worauf er sich verachtungsvoll abwandte.
Beim Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen und
Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt, als die "Kerls"
umherzuhetzen. Ja, Diederich fhlte wohl, da alles hier, die Behandlung,
die gelufigen Ausdrcke, die ganze militrische Ttigkeit vor allem
darauf hinzielte, die persnliche Wrde auf ein Mindestma herabzusetzen.
Und das imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade
dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmrderische Begeisterung.
Prinzip und Ideal war ersichtlich das gleiche wie bei den Neuteutonen, nur
ward es grausamer durchgefhrt. Die Pausen der Gemtlichkeit, in denen man
sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen fort. Jh und
unabnderlich sank man zur Laus herab, zum Bestandteil, zum Rohstoff, an
dem ein unermelicher Wille knetete. Wahnsinn und Verderben wre es
gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen. Hchstens konnte
man, gegen die eigene berzeugung, sich manchmal drcken. Diederich war
beim Laufen gefallen, der Fu tat ihm weh. Nicht, da er gerade htte
hinken mssen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie "ins Gelnde"
marschierte, zurckbleiben. Um dies zu erreichen, war er zunchst an den
Hauptmann selbst herangetreten. "Herr Hauptmann, bitte -" Welche
Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit vorwitzig das Wort an
eine Macht gerichtet, von der man stumm und auf den Knien des Geistes
Befehle entgegenzunehmen hatte! Der man sich nur "vorfhren" lassen
konnte! Der Hauptmann donnerte, da die Unteroffiziere zusammenliefen, mit
Mienen, in denen das Entsetzen vor einer Lsterung stand. Die Folge war,
da Diederich strker hinkte und einen Tag lnger vom Dienst befreit
werden mute.

Unteroffizier Vanselow, der fr die Untat seines Einjhrigen
verantwortlich war, sagte zu Diederich nur: "Das will ein gebildeter
Mensch sein!" Er war es gewohnt, da alles Unheil von den Einjhrigen kam.
Vanselow schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter einem Verschlag. Nach
dem Lichtlschen zoteten sie, bis der Unteroffizier emprt
dazwischenschrie: "Das wollen gebildete Leute sein!" Trotz seiner langen
Erfahrung erwartete er immer noch von den Einjhrigen mehr Geist und gute
Haltung als von den anderen Leuten und war immer neu enttuscht. In
Diederich sah er keineswegs den Schlimmsten. Das Bier, das einer zahlte,
entschied nicht allein ber Vanselows Meinung. Noch mehr sah Vanselow auf
den soldatischen Geist freudiger Unterwerfung, und den hatte Diederich. In
der Instruktionsstunde konnte man ihn den anderen als Muster vorhalten.
Diederich zeigte sich ganz erfllt von den militrischen Idealen der
Tapferkeit und der Ehrliebe. Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf,
so schien der Sinn dafr ihm angeboren. Vanselow sagte: "Jetzt bin ich der
Herr Kommandierende General", und auf der Stelle benahm Diederich sich,
als glaubte er es. Wenn es aber hie: "Jetzt bin ich ein Mitglied der
kniglichen Familie", dann war Diederichs Verhalten so, da es dem
Unteroffizier ein Lcheln des Grenwahns abntigte.

Im Privatgesprch in der Kantine erffnete Diederich seinem Vorgesetzten,
da er vom Soldatenleben begeistert sei. "Das Aufgehen im groen Ganzen!"
sagte er. Er wnsche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu bleiben.
Und er war aufrichtig - was aber nicht hinderte, da er am Nachmittag, bei
den bungen "im Gelnde", keinen anderen Wunsch mehr kannte, als sich in
den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu sein. Die Uniform, die
ohnedies, aus Rcksichten der Strammheit, zu eng geschnitten war, ward
nach dem Essen zum Marterwerkzeug. Was half es, da der Hauptmann, bei
seinen Kommandos, sich unsglich khn und kriegerisch auf dem Pferd
herumsetzte, wenn man selbst, rennend und schnaufend, die Suppe unverdaut
im Magen schlenkern fhlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich
vllig bereit war, mute zurcktreten hinter der persnlichen Not. Der Fu
schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf den Schmerz, in der
angstvollen, mit Selbstverachtung verbundenen Hoffnung, es mchte
schlimmer werden, so schlimm, da er nicht wieder "ins Gelnde" hinaus
mute, da er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof ben konnte und
da man gentigt war, ihn zu entlassen!

Es kam dahin, da er am Sonntag den alten Herrn eines Korpsbruders
aufsuchte, der Geheimer Sanittsrat war. Er msse ihn um seinen Beistand
bitten, sagte Diederich, rot vor Scham. Er sei begeistert fr die Armee,
fr das groe Ganze und wre am liebsten ganz dabei geblieben. Man sei da
in einem groartigen Betrieb, ein Teil der Macht sozusagen und wisse
immer, was man zu tun habe: das sei ein herrliches Gefhl. Aber der Fu
tue nun einmal weh. "Man darf es doch nicht so weit kommen lassen, da er
unbrauchbar wird. Schlielich habe ich Mutter und Geschwister zu
ernhren." Der Geheimrat untersuchte ihn. "Neuteutonia sei's Panier",
sagte er. "Ich kenne zufllig Ihren Oberstabsarzt." Hiervon war Diederich
durch seinen Korpsbruder unterrichtet. Er empfahl sich, voll banger
Hoffnung.

Die Hoffnung bewirkte, da er am nchsten Morgen kaum noch auftreten
konnte. Er meldete sich krank. "Wer sind Sie, was belstigen Sie mich?" -
und der Stabsarzt ma ihn. "Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch ist
auch schon kleiner." Aber Diederich stand stramm und blieb krank; der
Vorgesetzte mute sich zu einer Untersuchung herbeilassen. Als er den Fu
zu Gesicht bekam, erklrte er, wenn er sich nicht eine Zigarre anznde,
werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu finden an dem Fu. Der
Stabsarzt stie ihn entrstet vom Stuhl. "Macht Dienst, Schlu, abtreten"
- und Diederich war erledigt. Mitten im Exerzieren aber schrie er
pltzlich auf und fiel um. Er ward ins "Revier" gebracht, den Aufenthalt
der Leichterkrankten, wo es nach Volk roch und nichts zu essen gab. Denn
die Selbstbekstigung, die den Einjhrigen zustand, war hier nur schwer zu
bewerkstelligen, und von den Rationen der anderen bekam er nichts. Vor
Hunger meldete er sich gesund. Abgeschnitten von menschlichem Schutz, von
allen sittlichen Rechten der brgerlichen Welt, trug er sein dsteres
Geschick; eines Morgens aber, als alle Hoffnung schon dahin war, holte man
ihn vom Exerzieren weg auf das Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe
Vorgesetzte wnschte ihn zu untersuchen. Er hatte einen verlegen
menschlichen Ton und schlug dann wieder in militrische Schroffheit um,
die gleichfalls nicht unbefangen wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu
finden, das Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders.
Diederich sollte nur "vorlufig" weiter Dienst machen, das weitere werde
sich schon ergeben. "Bei _dem Fu_ ..."

Einige Tage spter trat ein "Revier"gehilfe an Diederich heran und
fertigte auf geschwrztem Papier einen Abdruck des verhngnisvollen Fues.
Diederich ward gentigt, im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt ging
eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung auszudrcken.
"Nicht mal Plattfu! Stinkt vor Faulheit!" Da aber ward die Tr
aufgestoen, und der Oberstabsarzt, die Mtze auf dem Kopf, hielt seinen
Einzug. Sein Schritt war fester und zielbewuter als sonst, er sah nicht
rechts noch links, wortlos stellte er sich vor seinem Untergebenen auf,
den Blick finster und streng auf dessen Mtze. Der Stabsarzt stutzte, er
mute sich in eine Lage finden, die ersichtlich die gewohnte Kollegialitt
nicht mehr zulie. Nun hatte er sie erfat, nahm die Mtze herunter und
stand stramm. Darauf zeigte der Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fu,
sprach leise und mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen, was
nicht da war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd den Vorgesetzten,
Diederich und das Papier an. Dann zog er die Abstze zusammen: er hatte
das Befohlene gesehen.

Als der Oberstabsarzt fort war, nherte der Stabsarzt sich Diederich.
Hflich, mit einem leisen Lcheln des Einverstndnisses, sagte er:

"Der Fall war natrlich von Anfang an klar. Man mute nur der Leute wegen
-. Sie verstehen, die Disziplin -."

Diederich bekundete durch Strammstehen, da er alles verstehe.

"Aber", wiederholte der Stabsarzt, "ich habe natrlich gewut, wie Ihr
Fall lag."

Diederich dachte: "Wenn du es nicht gewut hast, jetzt weit du es." Laut
sagte er:

"Gestatte mir gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt: Ich werde doch
weiterdienen drfen?"

"Dafr kann ich Ihnen nicht garantieren", sagte der Stabsarzt und machte
kehrt.

Von schwerem Dienst war Diederich fortan befreit, das "Gelnde" sah ihn
nicht mehr. Um so williger und freudiger war sein Verhalten in der
Kaserne. Wenn des Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im Munde
und leicht angetrunken, aus dem Kasino kam, um fr Stiefel, die nicht
geschmiert, sondern gewichst waren, Mittelarrest zu verhngen: an
Diederich fand er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher bte er seine
gerechte Strenge an einem Einjhrigen, der nun schon im dritten Monat
strafweise im Mannschaftszimmer schlafen mute, weil er einst, whrend der
ersten vierzehn Tage, nicht dort, sondern zu Hause geschlafen hatte. Er
hatte damals vierzig Grad Fieber gehabt und wre, wenn er seine Pflicht
getan htte, vielleicht gestorben. Dann wre er eben gestorben! Der
Hauptmann hatte, sooft er diesen Einjhrigen ansah, ein Gesicht voll
stolzer Genugtuung. Diederich dahinten, klein und unversehrt, dachte:
"Siehst du wohl? Die Neuteutonia und ein Geheimer Sanittsrat sind mehr
wert als vierzig Grad Fieber ..." Was Diederich betraf, so waren die
amtlichen Formalitten eines Tages glcklich erfllt, und der
Unteroffizier Vanselow verkndete ihm seine Entlassung. Diederich hatte
sofort die Augen voll Trnen; er drckte Vanselow warm die Hand.

"Gerade mu mir das passieren, und ich hatte doch" - er schluchzte - "so
viel Freudigkeit."

Und dann war er "drauen".

Vier Wochen lang blieb er zu Hause und bffelte. Wenn er zum Essen ging,
sah er sich um, ob ein Bekannter ihn bemerkte. Endlich mute er sich den
Neuteutonen wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf.

"Wer von euch noch nicht dabei war, hat keine Ahnung. Ich sage euch, da
sieht man die Welt von einem anderen Standpunkt. Ich wre berhaupt dabei
geblieben, meine Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend
qualifiziert. Na und da -"

Er starrte schmerzlich vor sich hin.

"Das Unglck mit dem Gaul. Das kommt davon, wenn man ein zu guter Soldat
ist. Der Hauptmann lt einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul mal
bewegt wird, und da ist das Unglck passiert. Natrlich habe ich den Fu
nicht geschont und zu frh wieder Dienst gemacht. Die Sache verschlimmerte
sich erheblich, der Stabsarzt gab mir anheim, fr jede Eventualitt meine
Angehrigen zu benachrichtigen."

Dies sagte er knapp und mnnlich.

"Da httet ihr nun den Hauptmann sehen sollen. Tglich kam er selbst, nach
den grten Mrschen, mit bestaubter Uniform, wie er war. So was gibt es
auch nur beim Militr. Wir sind in den bsen Tagen wahre Kameraden
geworden. Hier die Zigarre ist noch von ihm. Und als er mir dann
eingestehen mute, der Stabsarzt wolle mich fortschicken, ich kann euch
versichern, das war einer der Augenblicke im Leben, die man nicht vergit.
Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide gleichzeitig feuchte Augen."

Alle waren erschttert. Diederich sah tapfer um sich.

"Na, jetzt soll man sich also wieder in das brgerliche Leben
hineinfinden. Prost."

Er bffelte weiter; und am Sonnabend kneipte er mit den Neuteutonen. Auch
Wiebel erschien wieder. Er war Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und
sprach nur noch von "subversiven Tendenzen", "Vaterlandsfeinden" und auch
vom "christlich-sozialen Gedanken". Er erklrte den Fchsen, es sei an der
Zeit, sich mit Politik zu beschftigen. Er wisse wohl, da es nicht fr
vornehm gelte, aber die Gegner zwngen einen dazu. Hochfeudale Herren, wie
sein Freund, der Assessor von Barnim, seien in der Bewegung. Herr von
Barnim werde demnchst den Neuteutonen die Ehre geben.

Er kam, und er gewann alle Herzen, denn er benahm sich wie gleich zu
gleich. Er hatte dunkles, glatt gescheiteltes Haar, das Wesen eines
pflichteifrigen Beamten, sprach sachlich - aber am Schlu seines Vortrages
bekam er Schwrmeraugen und verabschiedete sich rasch, mit warmen
Hndedrcken. Die Neuteutonen stimmten nach seinem Besuch alle darin
berein, da der jdische Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie
sei und da die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger Stcker zu
scharen htten. Diederich verband, wie die anderen, mit dem Wort
"Vorfrucht" keinen deutlichen Sinn und verstand unter "Sozialdemokratie"
nur eine allgemeine Teilerei. Das gengte ihm auch. Aber Herr von Barnim
hatte jeden, der nhere Aufklrung wnschte, zu sich eingeladen, und
Diederich wrde es sich nicht verziehen haben, wenn er eine so
schmeichelhafte Gelegenheit versumt htte.

In seiner kalten, altmodischen Junggesellenwohnung hielt Herr von Barnim
ihm ein Privatissimum. Sein politisches Ziel war eine stndische
Volksvertretung, wie im glcklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche,
Gewerbetreibende, Handwerker. Das Handwerk mute, der Kaiser hatte es mit
Recht gefordert, wieder auf die Hhe kommen, wie vor dem Dreiigjhrigen
Krieg. Die Innungen hatten Gottesfurcht und Sittlichkeit zu pflegen.
Diederich uerte sein wrmstes Einverstndnis. Es entsprach seinen
Trieben, als eingetragenes Mitglied eines Standes, einer Berufsklasse,
nicht persnlich, sondern korporativ im Leben Fu zu fassen. Er sah sich
schon als Abgeordneter der Papierbranche. Die jdischen Mitbrger freilich
schlo Herr von Barnim von seiner Ordnung der Dinge aus; waren sie doch
das Prinzip der Unordnung und Auflsung, des Durcheinanderwerfens, der
Respektlosigkeit: das Prinzip des Bsen selbst. Sein frommes Gesicht zog
sich zusammen vom Ha, und Diederich fhlte ihn mit.

"Schlielich", meinte er, "haben wir doch die Gewalt und knnen sie
hinauswerfen. Das deutsche Heer -"

"Das ist es eben", stie Herr von Barnim aus, der durch das Zimmer lief.
"Haben wir darum den ruhmreichen Krieg gefhrt, da mein vterliches Gut
an einen Herrn Frankfurter verkauft wird?"

Whrend Diederich noch erschttert schwieg, klingelte es, und Herr von
Barnim sagte:

"Es ist mein Barbier, den will ich mir auch mal vornehmen."

Er bemerkte Diederichs Enttuschung und setzte hinzu:

"Natrlich rede ich mit solch einem Manne anders. Aber jeder von uns mu
an seinem Teil der Sozialdemokratie Abbruch tun und die kleinen Leute in
das Lager unseres christlichen Kaisers hinberziehen. Tun auch Sie das
Ihre!"

Damit war Diederich entlassen. Er hrte den Barbier noch sagen:

"Schon wieder ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu Liebling hinbergeht,
blo weil Liebling jetzt Marmor hat."

Wiebel sagte, als Diederich ihm berichtete:

"Das ist alles schn und gut, und ich habe eine ganz bedeutende Verehrung
fr die ideale Gesinnung meines Freundes von Barnim, aber auf die Dauer
kommen wir damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch Stcker hat im
Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht mit der Demokratie, ob sie
sich nun christlich nennt oder unchristlich. Die Dinge sind zu weit
gediehen. Heute heit es blo noch: losschlagen, solange wir die Macht
haben."

Und Diederich stimmte erleichtert bei. Herumgehen und Christen werben, war
ihm gleich ein wenig peinlich erschienen.

"Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser gesagt." Wiebels
Augen drohten katerhaft. "Nun, was wollen Sie mehr? Das Militr ist
darber instruiert, es knne vorkommen, da es auf die lieben Verwandten
schieen mu. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein Lieber, wir stehen am
Vorabend groer Ereignisse."

Da Diederich erregte Neugier zeigte:

"Was ich durch meinen Vetter von Klappke -."

Wiebel machte eine Pause. Diederich zog die Abstze zusammen:

"- in Erfahrung gebracht habe, ist noch nicht fr die ffentlichkeit reif.
Ich will nur bemerken, da der gestrige Ausspruch Seiner Majestt, die
Nrgler mchten geflligst den deutschen Staub von ihren Pantoffeln
schtteln, eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war."

"Tatschlich? Sie glauben?" sagte Diederich. "Dann ist mein Pech wirklich
skandals, da ich gerade jetzt aus dem Dienst Seiner Majestt scheiden
mute. Ich darf sagen, da ich gegen den inneren Feind meine volle Pflicht
getan haben wrde. Auf die Armee, so viel wei ich, kann der Kaiser sich
verlassen."

Er war in diesen nakalten Februartagen des Jahres 1892 viel auf der
Strae, in der Erwartung groer Ereignisse. Unter den Linden hatte sich
etwas verndert, man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten an
den Mndungen der Straen und warteten auch. Die Passanten zeigten
einander das Aufgebot der Macht. "Die Arbeitslosen!" Man blieb stehen, um
sie ankommen zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in kleinen Abteilungen
und im langsamen Marschschritt. Unter den Linden zgerten sie, wie
verwirrt, berieten sich mit den Blicken und lenkten nach dem Schlo ein.
Dort standen sie, stumm, die Hnde in den Taschen, lieen sich von den
Rdern der Wagen mit Schlamm bespritzen und zogen die Schultern hoch unter
dem Regen, der auf ihre entfrbten berzieher fiel. Manche von ihnen
wandten die Kpfe nach vorbergehenden Offizieren, nach den Damen in ihren
Wagen, nach den langen Pelzen der Herren, die von der Burgstrae her
schlenderten; und ihre Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und nicht
einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als zeigten sie
sich. Andere aber lieen kein Auge von den Fenstern des Schlosses. Das
Wasser lief ber ihre hinaufgewendeten Gesichter. Ein Pferd mit einem
schreienden Schutzmann trieb sie weiter, hinber oder bis zur nchsten
Ecke - aber schon standen sie wieder, und die Welt schien versunken
zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern, die fahler Abend beschien, und
der starren Mauer dort hinten, auf der es dunkelte.

"Ich begreife nicht," sagte Diederich, "da die Polizei nicht energischer
vorgeht. Das ist doch eine unbotmige Bande."

"Lassen Sie's gut sein", erwiderte Wiebel. "Die Schutzleute sind genau
instruiert. Die Herren da oben haben ihre wohlberlegten Absichten, das
knnen Sie mir glauben. Es ist nmlich gar nicht immer zu wnschen, da
derartige Fulniserscheinungen am Staatskrper gleich anfangs unterdrckt
werden. Man lt sie ausreifen, dann macht man ganze Arbeit!"

Die Reife, die Wiebel meinte, kam tglich nher, am sechsundzwanzigsten
schien sie da. Die Demonstrationen der Arbeitslosen sahen zielbewuter
aus. In eine der nrdlichen Straen zurckgetrieben, quollen sie aus der
nchsten, bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte, verstrkt wieder
hervor. Unter den Linden vereinigten sich ihre Zge, rannen, sooft sie
getrennt wurden, wieder zusammen, erreichten das Schlo, wichen zurck und
erreichten es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie bergetretenes
Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die Fugnger stauten sich, mit
hineingezogen in die langsame berschwemmung, worin der Platz ertrank, in
dies trbe und mifarbene Meer der Armen, das zh dahinrollte, dumpfe
Laute heraufwlzte und wie Maste untergegangener Schiffe die Stangen mit
den Bannern hinaufreckte: "Brot! Arbeit!" Ein deutlicheres Grollen,
ausbrechend aus der Tiefe, jetzt drben, jetzt hier: "Brot! Arbeit!"
Anschwellend ber die Menge hinrollend, wie aus einer Gewitterwolke:
"Brot! Arbeit!" Eine Attacke der Berittenen, ein Aufschumen,
Zurckflieen, und Weiberstimmen im Lrm, schrill, gleich Signalen: "Brot!
Arbeit!"

Man wird berrannt, vom Friedrichdenkmal fegt es die Neugierigen hinunter.
Aber sie haben aufgerissene Mnder; aus kleinen Beamten, denen der Weg ins
Amt versperrt ist, fliegt Staub auf, als wrden sie geklopft. Ein
verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm zu: "Es kommt
anders! Jetzt geht es gegen die Juden!" - und ist untergegangen, bevor ihm
einfllt, es war Herr von Barnim. Er will ihm nach, wird in einem groen
Schub weit hinbergeworfen, bis vor das Fenster eines Cafs, hrt das
Klirren der eingedrckten Scheibe, einen Arbeiter, der schreit: "Da haben
se mich neulich 'rausgesetzt for meine dreiig Fennje, weil ich keinen
Zylinderhut hatte" - und dringt mit ein durch das Fenster, zwischen die
umgeworfenen Tische, auf den Boden, wo man ber Scherben fllt, einander
die Buche einstt und laut zetert. "Niemand mehr 'rein! Wir kriegen
keine Luft!" Aber immer mehr steigen ein. "Die Polizei drngelt!" Und die
Mitte der Strae sieht man frei liegen, gesubert, wie fr einen
Triumphzug. Da sagt jemand: "Das ist doch Wilhelm!"

Und Diederich war wieder drauen. Niemand wute, wie es kam, da man auf
einmal marschieren konnte, in gedrngter Masse, auf der ganzen Breite der
Strae und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes, worauf der
Kaiser sa: er selbst. Man sah ihn an und ging mit. Knuel von Schreienden
wurden aufgelst und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe,
ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darber ein junger Herr im Helm,
der Kaiser. Sie sahen: sie hatten ihn heruntergeholt aus dem Schlo. Sie
hatten: "Brot! Arbeit!" geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte sich
gendert, als da er da war - und schon marschierten sie, als gehe es auf
das Tempelhofer Feld.

Seitwrts, wo die Reihen dnner waren, sagten brgerlich Gekleidete zu
einander: "Na, Gott sei Dank, er wei, was er will!"

"Was will er denn?"

"Der Bande zeigen, wer die Macht hat! Im guten hat er es mit ihnen
versucht. Er ist sogar zu weit gegangen in den Erlassen vor zwei Jahren.
Sie sind frech geworden."

"Angst kennt er nicht, das mu man sagen. Kinder, dies ist ein
historischer Moment!"

Diederich hrte es und erschauderte. Der alte Herr, der gesprochen hatte,
wandte sich auch an ihn. Er hatte weie Bartkoteletts und das Eiserne
Kreuz.

"Junger Mann," sagte er, "was unser herrlicher junger Kaiser da macht, das
werden die Kinder mal aus den Schulbchern lernen. Passen Sie auf!"

Viele hatten gehobene Brste und feierliche Mienen. Die Herren, die dem
Kaiser folgten, blickten mit uerster Entschlossenheit darein, ihre
Pferde aber lenkten sie durch das Volk, als seien alle die Leute zum
Statieren bei einer Allerhchsten Auffhrung befohlen; und manchmal
schielten sie seitwrts, nach dem Eindruck im Publikum. Er selbst, der
Kaiser, sah nur sich und seine Leistung. Tiefer Ernst versteinte seine
Zge, sein Auge blitzte hin ber die Tausende der von ihm Gebannten. Er
ma sich mit ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den emprerischen
Knechten! Allein und ungeschtzt hatte er sich mitten unter sie gewagt,
stark nur durch seine Sendung. Sie konnten sich an ihm vergreifen, wenn es
im Plan des Hchsten lag; er brachte seiner heiligen Sache sich selbst zum
Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten sie es sehen! Dann bewahrten sie fr
immer das Geprge seiner Tat und die Erinnerung an ihre Ohnmacht!

Ein junger Mensch mit einem Knstlerhut ging neben Diederich, er sagte:
"Kennen wir. Napoleon in Moskau, wie er sich solo unter die Bevlkerung
mischt."

"Das ist doch groartig!" behauptete Diederich, und die Stimme versagte
ihm. Der andere zuckte die Achseln.

"Theater, und nicht mal gut."

Diederich sah ihn an, er versuchte zu blitzen wie der Kaiser.

"Sie sind wohl auch so einer."

Er htte nicht sagen knnen was fr einer. Er fhlte nur, da er hier, zum
erstenmal im Leben, die gute Sache zu vertreten habe gegen feindliche
Bemngelungen. Trotz seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern des
Menschen an: sie waren nicht breit. Auch uerte die Umgebung sich
mibilligend. Da ging Diederich vor. Mit seinem Bauch drngte er den Feind
gegen die Mauer und schlug auf den Knstlerhut ein. Andere knufften mit.
Der Hut lag schon am Boden und bald auch der Mensch. Im Weitergehen
bemerkte Diederich zu seinen Mitkmpfern:

"Der hat sicher nicht gedient! Schmisse hat er auch keine!"

Der alte Herr mit Bartkoteletts und Eisernem Kreuz war auch wieder da, er
drckte Diederich die Hand.

"Brav, junger Mann, brav!"

"Soll man da nicht wtend werden?" erklrte Diederich, noch keuchend.
"Wenn der Mensch uns den historischen Moment verekeln will?"

"Sie haben gedient?" fragte der alte Herr.

"Ich wre am liebsten ganz dabei geblieben", sagte Diederich.

"Na ja, Sedan ist nicht alle Tage" - der alte Herr betupfte sein Eisernes
Kreuz. "Das waren wir!"

Diederich reckte sich, er zeigte auf das bezwungene Volk und den Kaiser.

"Das ist doch gerade so gut wie Sedan!"

"Na ja", sagte der alte Herr.

"Gestatten Sie mal, sehr geehrter Herr", rief jemand und schwenkte sein
Notizbuch. "Wir mssen das bringen. Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben
wohl einen Genossen verwalkt?"

"Kleinigkeit" - Diederich keuchte noch immer. "Meinetwegen knnt' es jetzt
gleich losgehen gegen den inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit."

"Fein", sagte der Reporter und schrieb. "In der wildbewegten Menge hrt
man Leute aller Stnde der treuesten Anhnglichkeit und dem
unerschtterlichen Vertrauen zu der Allerhchsten Person Ausdruck geben."

"Hurra!" schrie Diederich, denn alle schrien es; und inmitten eines
mchtigen Stoes von Menschen, der schrie, gelangte er jh bis unter das
Brandenburger Tor. Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch.
Diederich konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und das
Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie er. Ein
Rausch, hher und herrlicher als der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf
die Fuspitzen, trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch ber
allen Kpfen, in einer Sphre der begeisterten Raserei, durch einen
Himmel, wo unsere uersten Gefhle kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem
Tor der siegreichen Einmrsche und mit Zgen steinern und blitzend ritt
die Macht! Die Macht, die ber uns hingeht und deren Hufe wir kssen! Die
ber Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen die wir nichts knnen, weil wir
alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin
haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekl von etwas,
das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in
gegliederten Massen als Neuteutonen, als Militr, Beamtentum, Kirche und
Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und Machtverbnde kegelfrmig
hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in
ihr, haben teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind, und
triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so rechtfertigt sie
unsere Liebe!

... Einer der Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte, stie Diederich
vor die Brust, da ihm der Atem ausblieb; er aber hatte die Augen so voll
Siegestaumel, als reite er selbst ber alle diese Elenden hinweg, die
gebndigt ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem Kaiser nach! Alle
fhlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette war zu schwach gegen so viel
Gefhl; man durchbrach sie. Drben stand eine zweite. Man mute abbiegen,
auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen Durchschlupf finden. Wenige
fanden ihn; Diederich war allein, als er auf den Reitweg hinausstrzte,
dem Kaiser entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefhrlichsten
Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder:
der Kaiser vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn.
Diederich ri den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam
nicht. Da er zu pltzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht
in einen Tmpel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da
lachte der Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! Der
Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug sich auf den Schenkel
und lachte. Diederich aus seinem Tmpel sah ihm nach, den Mund noch offen.





                                   II.


Er reinigte sich notdrftig und kehrte um. Auf einer Bank sa eine Dame;
Diederich ging ungern vorber. Noch dazu starrte sie ihm entgegen. "Gans",
dachte er zornig. Da sah er, da sie ein tief erschrockenes Gesicht hatte,
und dann erkannte er Agnes Gppel.

"Eben bin ich dem Kaiser begegnet", sagte er sofort.

"Dem Kaiser?" fragte sie, wie aus einer anderen Welt. Er begann, unter
groen, ungewohnten Gesten herauszujagen, was ihn erstickte. Unser
herrlicher junger Kaiser, ganz allein unter rasenden Aufrhrern! Ein Caf
hatten sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter den Linden
hatte er blutige Kmpfe bestanden fr seinen Kaiser! Kanonen sollte man
auffahren!

"Die Leute hungern wohl", sagte Agnes schchtern. "Es sind ja auch
Menschen."

"Menschen?" Diederich rollte die Augen. "Der innere Feind sind sie!"

Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich etwas.

"Wenn es Ihnen Vergngen macht, da wegen des Packs alle Straen
abgesperrt werden mssen."

Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der Stadt Besorgungen
gehabt, und wie sie zurck nach der Blcherstrae wollte, ging kein
Omnibus mehr, und nirgends kam man durch. Sie war zurckgedrngt worden
bis hierher. Es war kalt und na, ihr Vater wrde sich ngstigen; was
sollte sie tun? Diederich verhie ihr, er werde es schon machen. Sie
gingen zusammen weiter. Er wute auf einmal nichts mehr zu sagen und
wendete den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren allein zwischen
kahlen Bumen und nassem alten Laub. Wo waren die mnnlichen Hochgefhle
von vorhin? Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten
Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt, auf einen Omnibus
sprang, ausri und verschwand. Gerade sagte Agnes: "Sie haben sich aber
sehr, sehr lange nicht bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch
geschrieben?"

Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten. Jetzt mute
Agnes zuerst ihr Beileid ausdrcken, dann fragte sie weiter: warum er
damals pltzlich fortgeblieben sei, vor drei Jahren.

"Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre."

Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben habe ihn vllig in
Anspruch genommen. Dort herrsche nmlich eine verdammt strenge Zucht. "Und
dann habe ich meiner Wehrpflicht gengt."

"Oh!" - Agnes sah ihn an, "was aus Ihnen alles geworden ist! Und jetzt
sind Sie wohl schon Doktor?"

"Das soll jetzt kommen."

Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine stattliche Breite,
alle seine wohlerworbene Mnnlichkeit: fr sie war das nichts? Sie
bemerkte es gar nicht?

"Aber Sie", sagte er plump. In ihr blasses, so schmales Gesicht stieg eine
ganz dnne Rte, bis auf den Sattel der kleinen eingedrckten Nase mit den
Sommersprossen.

"Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird schon wieder besser
werden."

Diederich bereute.

"Ich meinte doch natrlich, da Sie noch hbscher geworden sind" - und er
betrachtete ihr rotes Haar, das unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als
frher, weil ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er sich
seiner Demtigungen von damals und wie anders die Dinge jetzt lagen.
Herausfordernd sagte er:

"Wie geht es denn Herrn Mahlmann?"

Agnes bekam eine wegwerfende Miene.

"Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wiedershe, wr's mir gleich."

"So? Aber er hat ein Patentbureau und knnte ganz gut heiraten."

"Wennschon."

"Frher interessierten Sie sich doch fr ihn."

"Woraus schlieen Sie das?"

"Er schenkte Ihnen immer etwas."

"Ich htte es lieber nicht angenommen; aber dann -" sie sah auf den Weg,
auf das nasse Laub vom Vorjahr, "dann htte ich auch Ihre Geschenke nicht
annehmen drfen."

Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fhlte, da etwas Schweres
geschehen war, und schwieg auch.

"Das war doch nicht der Rede wert," stie er endlich heraus, "ein paar
Blumen." Und mit wiedergekehrter Entrstung: "Mahlmann hat Ihnen sogar ein
Armband geschenkt."

"Ich trage es niemals", sagte Agnes. Er hatte auf einmal Herzklopfen, er
brachte hervor: "Und wenn es von mir gewesen wre?"

Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von ihr her:

"Dann ja."

Darauf gingen sie pltzlich rascher und ohne mehr zu sprechen. Sie kamen
vor das Brandenburger Tor, sahen die Linden bedrohlich von Polizei
erfllt, eilten vorbei und bogen in die Dorotheenstrae. Hier war es wenig
belebt, Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen.

"Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen nmlich schenkte, war
mit meinem Geld bezahlt. Er nahm mir ja alles ab, ich war noch ein ganz
grner Junge."

Sie blieb stehen. "Oh!" - und sie sah ihn an, ihre goldbraunen Augen
zitterten. "Das ist schrecklich. Knnen Sie mir das verzeihen?"

Er lchelte berlegen. Das seien alte Geschichten, Jugendtorheiten.

"Nein, nein", sagte sie verstrt.

Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause komme. Hier ging
es schon wieder nicht weiter. Omnibusse waren auch nicht zu sehen. "Es tut
mir leid, aber Sie werden sich meine Gesellschaft noch lnger gefallen
lassen mssen. brigens wohne ich gleich hier. Sie knnten mit
hinaufkommen, da wren Sie wenigstens im Trockenen. Aber natrlich, eine
junge Dame darf das nicht."

Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick.

"Sie sind so gut", sagte sie, strker atmend. "Sie sind so edel." Und da
sie schon das Haus betraten: "Zu Ihnen kann ich doch Vertrauen haben?"

"Ich wei, was ich der Ehre meiner Korporation schulde", erklrte
Diederich.

Sie muten an der Kche vorbei, aber es war niemand darin. "Legen Sie doch
so lange ab", sagte Diederich gndig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen,
und trat, whrend sie den Hut abnahm, von einem Fu auf den anderen.

"Ich mu die Wirtin suchen, damit sie Tee macht." Er wandte sich schon
nach der Tr, zuckte aber zurck: Agnes hatte seine Hand ergriffen und
kte sie! "Aber Frulein Agnes", murmelte er, furchtbar erschrocken, und
legte ihr, wie trstend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen die
seine. Er drckte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich tief, weil er sich
dazu verpflichtet fhlte. Unter seinem Druck bebte und flog ihr Krper,
als wrde er geschlagen. Er fhlte sich in der dnnen Bluse lau und feucht
an. Diederich ward es hei, er kte Agnes auf den Hals. Und pltzlich kam
ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund, halbgeschlossenen Augen und mit
einem Ausdruck, den er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte.
"Agnes! Agnes, ich liebe dich", sagte er wie aus tiefer Not. Sie
antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund kamen kleine warme Atemste, und
er fhlte sie fallen, er trug sie, die zu zerflieen schien.

Dann sa sie auf dem Diwan und weinte. "Sei mir nicht bs, Agnes", bat
Diederich. Sie sah ihn an mit ihren nassen Augen.

"Ich weine doch vor Glck", sagte sie. "Ich hab' so lange auf dich
gewartet."

"Warum?" fragte sie, da er ihre Bluse schlieen wollte. "Warum deckst du
es schon zu? Findest du es schon nicht mehr schn?"

Er verwahrte sich. "Ich bin mir der bernommenen Verantwortung vollkommen
bewut."

"Verantwortung?" sagte Agnes. "Wer hat die? Ich habe dich drei Jahre lang
geliebt. Du wutest es ja nicht. Es war wohl das Schicksal!"

Diederich, die Hnde in den Taschen, bedachte, da dies das Schicksal der
leichtsinnigen Mdchen sei. Andererseits empfand er das Bedrfnis, sich
ihre Versicherungen wiederholen zu lassen. "Also wirklich mich, nur mich
hast du geliebt?"

"Ich sah, da du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich, als ich merkte,
du kamst nicht mehr, und es war aus. Es war ganz schrecklich. Ich wollte
dir schreiben, ich wollte zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil
du mich doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, da Papa eine Reise
mit mir machen mute."

"Wohin denn?" fragte Diederich. Aber Agnes antwortete nicht, sie zog ihn
wieder an sich.

"Sei lieb mit mir! Ich hab' nur dich!"

Diederich dachte verlegen: "Dann hast du nicht viel." Agnes schien ihm
verkleinert und sehr im Wert gesunken, seit er den Beweis hatte, da sie
ihn liebte. Auch sagte er sich, einem Mdchen, das so etwas tat, drfe man
nicht alles glauben.

"Und Mahlmann?" fragte er hhnisch. "Ein bichen war doch wohl los mit
ihm." - "Na la nur", sagte er, da sie sich mit starrem Entsetzen
aufrichtete. Er suchte gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen
von seinem Glck.

Sehr langsam zog sie sich an. "Dein Vater wird aber gar nicht wissen, was
los ist", meinte Diederich. Sie hob nur die Schultern. Als sie fertig war
und er schon die Tr geffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das
Zimmer zurck, mit einem langen, angstvollen Blick.

"Vielleicht", sagte sie, wie zu sich selbst, "komme ich nie wieder. Mir
ist, als sollte ich heute nacht sterben."

"Wieso denn?" sagte Diederich, peinlich berhrt. Statt einer Antwort lie
sie sich noch einmal an ihn hinsinken, den Mund auf seinem, die Brust auf
seiner und von den Hften zu den Fen wie mit ihm verwachsen. Diederich
wartete geduldig. Dann lste sie sich, ffnete die Augen und sagte:

"Du mut nicht denken, da ich etwas von dir verlange. Ich hab' dich
geliebt, nun ist alles gleich."

Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen. Unterwegs fragte er nach
ihrer Familie und nach anderen Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz
ward er unruhig, und etwas heiser brachte er hervor:

"Natrlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen dir
gegenber zu entziehen. Nur vorlufig: du verstehst, ich verdiene noch
nichts, ich mu erst fertig sein und zu Hause mich in den Betrieb
einleben ..."

Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr ein Kompliment
gemacht:

"Es wre schn, wenn ich spter einmal deine Frau werden knnte."

Da sie in die Blcherstrae einbogen, blieb er stehen. Unsicher meinte er,
es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre. Sie sagte:

"Weil uns jemand sehen knnte? Das wrde gar nichts machen, denn ich mu
zu Hause doch erzhlen, da ich dir begegnet bin und da wir im Caf
zusammen gewartet haben, bis die Straen wieder frei waren."

"Na, die kann lgen", dachte Diederich. Sie setzte hinzu:

"Fr Sonntag bist du zu Mittag geladen, du mut bestimmt kommen."

Diesmal war es ihm zuviel, er fuhr auf. "Ich soll -? Bei euch soll ich -?"

Sie lchelte sanft und schlau. "Es geht doch nicht anders. Wenn man uns
einmal she -: willst du denn nicht, da ich wiederkomme?"

O ja, das wollte er. Trotzdem mute sie ihm zureden, bis er sein
Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete er sich mit einer
formellen Verbeugung, kehrte rasch um und dachte: "So ein Weib ist
scheulich raffiniert. Lange tu' ich da nicht mit." Indes bemerkte er mit
Unlust, da es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte ihn nach
Hause, er wute nicht, warum. Als er dann die Tr seines Zimmers hinter
sich zugezogen hatte, blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit.
Pltzlich reckte er die Arme in die Hhe, wandte das Gesicht nach oben und
sagte in einem langen Aufatmen:

"Agnes!"

Er fhlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben. "Ich bin ganz
furchtbar glcklich", dachte er, und: "So schn kommt es im ganzen Leben
nicht wieder!" Er hatte die Gewiheit, da er bis jetzt, bis zu dieser
Minute, alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte. Dort hinten
kneipten sie nun und machten sich wichtig. Juden oder Arbeitslose, was
gingen einen die an, warum sollte man sie hassen? Diederich fhlte sich
bereit, sie zu lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in einem
Gewhl von Menschen verbracht, die er fr Feinde gehalten hatte? Sie waren
Menschen: Agnes hatte recht! War er selbst es, der jemand um einiger Worte
willen geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich tricht abgearbeitet und
endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz geworfen hatte vor
einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser, der ihn auslachte? Er erkannte, da er,
bis Agnes kam, ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben gefhrt
habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefhle, die ihn beschmten, und
niemand, den er liebte - bis Agnes kam! "Agnes! Se Agnes, du weit ja
gar nicht, wie ich dich liebhabe!" Aber sie sollte es wissen. Er fhlte,
da er es nie wieder so werde sagen knnen wie in dieser Stunde, und er
schrieb einen Brief. Er schrieb, da auch er diese drei Jahre immer auf
sie gewartet habe, und da er keine Hoffnung gehabt habe, weil sie zu
schn fr ihn sei, zu fein und zu gut; da er sich das mit Mahlmann nur
eingeredet habe aus Feigheit und aus Trotz; da sie eine Heilige sei, und
nun sie zu ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Fen. "Hebe mich auf,
Agnes, ich kann stark sein, ich fhle es, und ich will Dir mein ganzes
Leben weihen!" - Er weinte, drckte das Gesicht in das Diwankissen, worin
er ihren Duft noch sprte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er
ein.

Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich nicht im Bett zu
finden. Sein groes Erlebnis fiel ihm ein, ein ser Sto ging durch sein
Blut, bis zum Herzen. Aber auch der Verdacht kam ihm, da er sich
peinliche bertreibungen habe zuschulden kommen lassen. Er las den Brief
wieder durch: das war alles recht schn, und es konnte einen auch wirklich
aus der Fassung bringen, wenn man auf einmal mit so einem groartigen
Mdel ein Verhltnis hatte. Wre sie jetzt nur dagewesen, er htte
zrtlich sein wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab. Es
war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing Vater Gppel ihn ab ...
Diederich verschlo den Brief im Schreibtisch. "An das Essen hab' ich
gestern berhaupt nicht gedacht!" Er lie sich ein ausgiebiges Frhstck
bringen. "Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge.
Das ist doch Bldsinn. So darf man nicht sein." Er zndete eine Zigarre an
und ging ins Laboratorium. Was er auf dem Herzen hatte, beschlo er statt
in Worte - denn so hohe Worte waren unmnnlich und unbequem - lieber in
Musik auszustrmen. Er mietete ein Klavier und versuchte sich pltzlich
mit viel mehr Glck als in der Klavierstunde an Schubert und Beethoven.

Am Sonntag, wie er bei Gppels klingelte, machte Agnes selbst ihm auf.
"Das Mdchen kann nicht vom Herd fort", sagte sie; aber den wahren Grund
sagte ihr Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf das
silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er hinsehen.

"Kennst du es nicht?" flsterte Agnes. Er ward rot.

"Das von Mahlmann?"

"Das von dir! Ich trag' es zum erstenmal."

Rasch und hei drckte sie ihm die Hand, dann ging die Tr zum Berliner
Zimmer auf. Herr Gppel wandte sich um. "Na, da ist wohl unser Ausreier?"
Aber kaum erblickte er Diederich, nderte sich seine Miene, er bereute
seine Vertraulichkeit.

"Ich htte Sie, wei Gott, nicht wiedererkannt, Herr Heling!"

Diederich sah zu Agnes hinber, wie um ihr zu sagen: "Siehst du? Der merkt
es, da ich kein dummer Junge mehr bin."

"Bei Ihnen ist ja alles unverndert", stellte Diederich fest und begrte
Herrn Gppels Schwestern und Schwager. In Wahrheit aber fand er alle
betrchtlich gealtert, besonders Herrn Gppel, der sich weniger munter
benahm und dem ein kummervolles Fett von den Wangen hing. Die Kinder waren
nun grer, und irgendwo im Zimmer schien eine Person zu fehlen.

"Ja, ja," so schlo Herr Gppel die einleitende Unterhaltung, "die Zeit
vergeht, aber gute Freunde finden sich immer wieder."

"Wenn du wtest, wie", dachte Diederich verlegen und mit Geringschtzung,
indes man zu Tisch ging. Beim Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals
ihm gegenber gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend
gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht gewut hatte, da
Chemie etwas anderes war als Physik. Agnes, die er zu seiner Rechten
hatte, erklrte ihm, da diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei.
Diederich murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: "Die
quatscht also auch nicht mehr." Ihm kam es vor, als ob hier alle bestraft
und niedergedrckt seien, ihn selbst nur hatte das Schicksal, seinem Wert
entsprechend, erhht. Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick
des Besitzers.

Die se Speise lie auf sich warten, gerade wie damals. Agnes wandte
unruhig den Kopf nach der Tr, Diederich sah ihre schnen blonden Augen
verdunkelt, als sei etwas Ernstes geschehen. Er hatte pltzlich tiefes
Mitgefhl mit ihr, eine groe Zrtlichkeit. Er stand auf und rief aus der
Tr:

"Marie! Der Krehm!"

Wie er zurckkam, trank Herr Gppel ihm zu. "Das haben Sie frher auch
schon gemacht. Sie sind doch hier wie's Kind im Hause. Nicht, Agnes?"
Agnes dankte Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufrhrte. Er
mute sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen zu bekommen. Wie
wohlwollend die Verwandten ihm zulchelten! Der Schwager stie mit ihm an.
Was fr gute Menschen! Und Agnes, die se Agnes, liebte ihn! Er verdiente
so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut, er nahm sich dunkel vor,
nachher mit Herrn Gppel zu sprechen.

Leider fing Herr Gppel nach dem Essen wieder von den Krawallen an. Wenn
wir endlich den Druck der Bismarckschen Krassierstiefel los waren,
brauchte man die Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der
junge Mann (so nannte Herr Gppel den Kaiser!) redet uns noch die
Revolution an den Hals ... Diederich sah sich veranlat, im Namen der
Jugend, die fest und treu zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche
Nrgeleien auf das schrfste zurckzuweisen. Seine Majestt hatten es
selbst gesagt: "Diejenigen, welche mir behilflich sein wollen, herzlich
willkommen. Die sich mir entgegenstellen, zerschmettere ich." Dabei
versuchte Diederich zu blitzen. Herr Gppel erklrte, er warte es ab.

"In dieser harten Zeit", fgte Diederich hinzu, "mu jeder seinen Mann
stehen." Und er setzte sich in Positur vor Agnes, die ihn bewunderte.

"Wieso harte Zeit?" sagte Herr Gppel. "Sie ist doch nur hart, wenn wir
uns gegenseitig das Leben schwer machen. Ich hab' mich mit meinen
Arbeitern noch immer vertragen."

Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb eine ganz
andere Zucht einzufhren. Sozialdemokraten wurden nicht mehr geduldet, und
Sonntags gingen die Leute zur Kirche! - Das auch noch? meinte Herr Gppel.
Das knne er von seinen Leuten nicht verlangen, wenn er selbst doch blo
am Karfreitag gehe. "Soll ich sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber
was der Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr." Da sah man
Diederichs Miene hoch berlegen werden.

"Mein lieber Herr Gppel, ich kann Ihnen nur sagen: Was die Herren da oben
und besonders mein verehrter Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben
fr richtig halten, das glaub' ich auch - unbesehen. Das kann ich Ihnen
nur sagen."

Der Schwager, der Beamter war, schlug sich pltzlich auf Diederichs Seite.
Herr Gppel hatte schon einen roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee
dazwischen. "Na, schmecken Ihnen meine Zigarren?" Herr Gppel klopfte
Diederich aufs Knie. "Sehen Sie wohl, im Menschlichen sind wir einig."

Diederich dachte: "Da ich sozusagen zur Familie gehre."

Er lie von seiner strammen Haltung einiges nach, es war noch sehr
gemtlich. Herr Gppel wollte wissen, wann Diederich "fertig" werde und
Doktor sei, er begriff nicht, da eine chemische Arbeit zwei Jahre und
lnger brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdrcken, die niemand
verstand, ber die Schwierigkeiten, zu einer Lsung zu gelangen. Er hatte
die Empfindung, Herr Gppel warte zu einem bestimmten Zweck auf seine
Promovierung. Auch Agnes schien es zu fhlen, denn sie griff ein und
lenkte das Gesprch ab. Als Diederich sich verabschiedet hatte, ging sie
mit hinaus und flsterte ihm zu:

"Morgen um drei bei dir."

Vor jher Freude griff er nach ihr und kte sie, zwischen den Tren,
whrend gleich daneben das Mdchen mit dem Geschirr rasselte. Sie fragte
traurig: "Denkst du denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt
jemand kommt?" Er war betroffen und verlangte als Zeichen ihrer Verzeihung
noch einen Ku. Sie gab ihn.

Um drei Uhr pflegte Diederich aus dem Caf ins Laboratorium
zurckzukehren. Statt dessen war er schon um zwei Uhr wieder in seinem
Zimmer. Richtig kam sie noch vor drei. "Wir haben es beide nicht erwarten
knnen! Wie wir uns liebhaben!" Es war schner als das erstemal, viel
schner. Keine Trne mehr, keine Furcht; und die Sonne schien herein.
Diederich breitete Agnes' Haar in der Sonne aus und badete sein Gesicht
darin.

Sie blieb, bis es fast schon zu spt war, die Einkufe zu machen, die sie
zu Hause vorgeschtzt hatte. Sie mute laufen. Diederich, der mitlief, war
sehr besorgt, da es ihr schaden knne. Aber sie lachte, sah rosig aus und
nannte ihn ihren Bren. Immer endeten nun so die Tage, an denen sie kam.
Immer waren sie glcklich. Herr Gppel stellte fest, da es Agnes besser
gehe als je, und das verjngte ihn selbst. Daher wurden auch die Sonntage
jedesmal heiterer. Es dauerte bis abends, dann ward Punsch gemacht,
Diederich mute Schubert spielen, oder er und der Schwager sangen
Burschenlieder und Agnes begleitete sie. Manchmal sahen sie sich
nacheinander um, beiden war zumut, als werde ihr Glck gefeiert.

Es kam vor, da im Laboratorium der Diener zu Diederich hintrat und ihm
meldete, drauen sei eine Dame. Er stand sofort auf, stolz errtend unter
den verstndnisvollen Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie, gingen
ins Caf, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah, erfuhr Diederich
auch, da es Kunstausstellungen gab. Agnes liebte es, vor einem Bild, das
ihr gefiel, einer sanften, festtgigen Landschaft aus schneren Lndern,
lange stehenzubleiben, mit halbgeschlossenen Augen, und Trume
auszutauschen mit Diederich.

"Sieh nur recht hin, dann merkst du, das ist kein Rahmen, es ist ein Tor
mit goldenen Stufen, die gehen wir hinunter und ber den Weg, und biegen
die Weidornbsche weg und steigen in den Kahn. Fhlst du wohl, wie er
schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das Wasser schleifen, es ist
so warm. Drben am Berg, der weie Punkt, du weit schon, es ist unser
Haus, dahin fahren wir. Siehst du, siehst du?"

"Ja, ja", sagte Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider ein und sah
alles, was Agnes wollte. Er geriet so sehr in Feuer, da er ihre Hand
nahm, um sie zu trocknen. Dann setzten sie sich in einen Winkel und
sprachen von den Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glck in
sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte, was er sagte. Im
Grunde wute er wohl, da er bestimmt sei, zu arbeiten und ein praktisches
Leben zu fhren, ohne viel Mue fr berschwenglichkeiten. Aber was er
hier sagte, war von einer hheren Wahrheit als alles, was er wute. Der
eigentliche Diederich, der, der er htte sein sollen, sprach wahr. - Aber
Agnes: wie sie nun aufstanden und gingen, war sie bla und schien mde.
Ihre schnen blonden Augen hatten einen Glanz, der Diederich beklommen
machte, und sie fragte leise und zitternd:

"Wenn unser Kahn nun umgeschlagen wre?"

"Dann htte ich dich gerettet!" sagte Diederich entschlossen.

"Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich tief."

Da er ratlos war:

"Wir htten ertrinken mssen. Sag', wrst du gern mit mir gestorben?"

Diederich sah sie an; dann schlo er die Augen.

"Ja", sagte er mit einem Seufzer.

Nachher aber bereute er ein solches Gesprch. Er hatte wohl gemerkt, warum
Agnes pltzlich in eine Droschke steigen und heimfahren mute. Sie hatte
krampfhafte Rte bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen, wie
sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich nun. Solche Sachen
waren ungesund, fhrten zu nichts und machten Ungelegenheiten. Sein
Professor hatte schon von den Besuchen der Dame erfahren. Es ging nicht
lnger, da sie ihn wegen jeder Laune von seiner Arbeit wegholte. Er
setzte es ihr schonend auseinander. "Du hast wohl recht", sagte sie
darauf. "Ordentliche Menschen brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun um
halb sechs zu dir kommen soll, und am meisten geliebt hab' ich dich schon
um vier?"

Er fhlte Spott heraus, vielleicht sogar Geringschtzung, und ward grob.
Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, knne er
berhaupt nicht brauchen. So habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Da
bat Agnes um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden werden und in seinem
Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun hatte, oh! er brauchte keine
Rcksicht zu nehmen. Das beschmte Diederich, er ward weich und berlie
sich, zusammen mit Agnes, den Klagen ber eine Welt, in der es nicht nur
Liebe gab. "Mu es denn sein?" fragte Agnes. "Du hast ein wenig Geld, ich
auch. Warum Karriere machen und dich abhetzen? Wir knnten es so gut
haben." Diederich sah es ein - nachtrglich aber nahm er ihr es bel. Nun
lie er sie warten, halb mit Absicht. Sogar den Besuch politischer
Versammlungen erklrte er fr eine Pflicht, die der Zusammenkunft mit
Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er versptet heimkam, traf er
vor der Tr einen jungen Mann in Einjhrigenuniform, der ihn zgernd
ansah. "Herr Diederich Heling?" - "Ach ja," stammelte Diederich, "Sie -
du - Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?"

Der jngste Sohn des groen Mannes von Netzig hatte sich endlich
entschlossen, dem Befehl seines Vaters zu folgen und Diederich
aufzusuchen. Diederich nahm ihn mit hinauf, er fand so schnell keinen
Vorwand, um ihn zu entfernen, und drinnen sa Agnes! Im Flur sprach er
laut, damit sie es hre und sich verstecke. Mit Bangen ffnete er. Im
Zimmer war niemand; auch ihr Hut lag nicht auf dem Bett; aber Diederich
wute wohl: sie war noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der
nicht ganz am Fleck stand, er fhlte es an der Luft, die noch leise zu
schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres Kleides. Sie mute in dem
fensterlosen kleinen Gela sein, wo sein Waschtisch stand. Er schob einen
Sessel davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, ber die Wirtin, die
nicht aufrume. Wolfgang Buck meinte, er komme wohl ungelegen. "O nein!"
versicherte Diederich. Er lud den Gast zum Sitzen ein und brachte Kognak.
Buck entschuldigte sich wegen der ungewhnlichen Stunde; der Dienst lasse
ihm keine Wahl. "Das kennen wir", sagte Diederich; und um Fragen
zuvorzukommen, berichtete er sofort, da ein Jahr schon hinter ihm liege.
Er sei begeistert vom Militr, es sei das Wahre. Wer ganz dabei bleiben
knnte! Leider riefen ihn Familienpflichten. Buck lchelte, ein weiches,
skeptisches Lcheln, das Diederich mifiel. "Nun ja, die Offiziere: man
ist wenigstens unter Leuten mit guten Manieren."

"Sie verkehren mit ihnen?" fragte Diederich, und er meinte es hhnisch.
Aber Buck erklrte einfach, da er zuweilen in die Offiziersmesse geladen
werde. Er zuckte die Achseln. "Ich gehe hin, weil ich es fr ntzlich
halte, mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits verkehre ich viel mit
Sozialisten." Er lchelte wieder. "Manchmal mchte ich nmlich General
werden und manchmal Arbeiterfhrer. Auf welche Seite ich schlielich
fallen werde, darauf bin ich selbst neugierig." Und er trank das zweite
Glas Kognak aus. "Ein ekelhafter Mensch", dachte Diederich. "Und Agnes in
der Dunkelkammer." Er sagte: "Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei,
sich in den Reichstag whlen zu lassen oder was Ihnen sonst Spa macht.
Ich bin auf praktische Arbeit angewiesen. Die Sozialdemokratie betrachte
ich brigens als meinen Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers."

"Wissen Sie das ganz genau?" fragte darauf Buck. "Ich traue eher dem
Kaiser eine heimliche Liebe fr die Sozialdemokratie zu. Er wre gern
selber der erste Arbeiterfhrer geworden. Sie haben nur nicht gewollt."

Diederich emprte sich. Das sei beleidigend fr Seine Majestt. Aber Buck
lie sich nicht stren. "Erinnern Sie sich nicht, wie er Bismarck
gegenber gedroht hat, er wolle den reichen Leuten seinen militrischen
Schutz entziehen? Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancne gegen
die Reichen gehabt wie die Arbeiter - wenn auch natrlich aus abweichenden
Grnden, weil er sich nmlich schwer damit abfindet, da auch andere Macht
haben."

Den Ausrufen, die in Diederichs Mienen standen, kam Buck zuvor. "Glauben
Sie bitte nicht," sagte er lebhafter, "da Antipathie aus mir spricht. Es
ist im Gegenteil Zrtlichkeit: eine Art feindlicher Zrtlichkeit, wenn Sie
wollen."

"Verstehe ich nicht", sagte Diederich.

"Nun ja: wie man sie fr jemand hat, bei dem man seine eigenen Fehler
wiederfindet, oder nennen Sie es Tugenden. Jedenfalls sind wir jungen
Leute jetzt alle so wie unser Kaiser, da wir nmlich unsere
Persnlichkeit ausleben mchten und doch ganz gut fhlen, Zukunft hat nur
die Masse. Einen Bismarck wird es nicht mehr geben und auch keinen
Lassalle mehr. Vielleicht sind es die Begabteren unter uns, die sich das
heute noch ableugnen mchten. Er jedenfalls mchte es sich ableugnen. Und
wenn einem solche Unmenge Macht in den Scho gefallen ist, wre es auch
wirklich Selbstmord, sich nicht zu berschtzen. Aber in tiefster Seele
hat er sicher seine Zweifel an der Rolle, die er sich zumutet."

"Rolle?" fragte Diederich. Buck merkte es gar nicht.

"Denn die kann ihn weit fhren, da sie in der Welt, wie sie heute nun
einmal ist, verdammt paradox wirken mu. Diese Welt erwartet von keinem
einzelnen irgend mehr als von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es an,
nicht auf Auszeichnung, und am allerwenigsten auf groe Mnner."

"Erlauben Sie!" Diederich warf sich in die Brust. "Und das Deutsche Reich,
htten wir das ohne groe Mnner? Hohenzollern sind immer groe Mnner." -
Buck verzog schon wieder den Mund, wehmtig und skeptisch. "Dann mssen
sie sich in acht nehmen. Und wir anderen auch. Der Kaiser steht, auf seine
Verhltnisse bertragen, vor derselben Frage wie ich. Soll ich General
werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg einrichten, der
voraussichtlich nie mehr gefhrt werden wird? Oder ein womglich genialer
Volksfhrer, whrend das Volk doch schon so weit ist, da es auf die
Genies verzichten kann? Beides wre Romantik, und Romantik fhrt
bekanntlich zum Bankerott." Buck trank zwei Kognaks nacheinander.

"Was soll ich also werden?"

"Ein Alkoholiker", dachte Diederich. Er fragte sich, ob es nicht seine
Pflicht sei, Buck einen Krach zu machen. Aber Buck trug Uniform! Auch
wrde der Lrm vielleicht Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte
dann alles entstehen! Immerhin beschlo er, sich Bucks uerungen genau zu
merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen Karriere zu machen?
Diederich erinnerte sich, da auf der Schule Bucks deutsche Aufstze, die
zu geistreich waren, ihm ein unerklrtes, aber tiefes Mitrauen eingegeben
hatten. "Stimmt," dachte er, "so ist er geblieben. Ein Schngeist. Die
ganze Familie ist so." Die Frau des alten Buck war eine Jdin gewesen, die
Theater gespielt hatte. Und Diederich fhlte sich nachtrglich gedemtigt
durch das herablassende Wohlwollen des alten Buck beim Begrbnis seines
Vaters. Auch der junge demtigte ihn, fortwhrend und mit allem: mit
seinen berlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr bei den
Offizieren. War er ein Herr von Barnim? Er war auch nur aus Netzig. "Ich
hasse die ganze Familie!" Und Diederich betrachtete aus gekniffenen Lidern
dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen Nase und den feucht
glnzenden Augen, die sannen. Buck stand auf. "Nun, wir sehen uns zu Hause
wieder. Nchstes oder bernchstes Semester mache ich mein Examen, und was
bleibt dann weiter brig, als Rechtsanwalt spielen in Netzig ... Und Sie?"
fragte er. Diederich erklrte streng, da er seine Zeit nicht zu verlieren
und noch im Sommer seine Doktorarbeit abzuschlieen denke. Damit fhrte er
Buck hinaus. "Ein dummer Kerl bist du doch nur", dachte er. "Merkst gar
nicht, da ich ein Mdchen bei mir habe." Er kehrte zurck, froh seiner
berlegenheit ber Buck und auch ber Agnes, die im Dunkeln gewartet und
nicht gemuckt hatte.

Wie er aber die Tr ffnete, hing sie ber einem Stuhl, ihre Brust ging
heftig, und mit dem Taschentuch unterdrckte sie das Keuchen. Sie sah ihm
entgegen, aus gerteten Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt,
und sie hatte geweint - indes er hier drauen getrunken und unntzes Zeug
geredet hatte. Seine erste Regung war malose Reue. Sie liebte ihn! Da sa
sie und liebte ihn sehr, da sie alles ertrug! Er war im Begriff, die Arme
zu erheben, vor sie hinzustrzen und sie weinend um Verzeihung zu bitten.
Rechtzeitig hielt er sich zurck aus Furcht vor der Szene und der
sentimentalen Stimmung nachher, die ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete
und ihr die Oberhand gab. Er tat ihr nicht den Willen! Denn natrlich
bertrieb sie absichtlich. So kte er sie flchtig auf die Stirn und
sagte: "Du bist schon da? Ich hab' dich gar nicht kommen gesehen." Sie
zuckte auf, wie um etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erklrte
er, es sei gerade jemand fortgegangen. "So ein Judenbengel, der sich
aufspielt! Einfach ekelhaft!" Diederich lief im Zimmer umher. Um Agnes
nicht ansehen zu mssen, lief er immer schneller und redete immer
heftiger. "Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer sogenannten
feinen Bildung, die alles antasten, was uns Deutschen heilig ist! Solch
ein Judenbengel kann froh sein, da wir ihn dulden. Soll er seine
Pandekten bffeln und die Schnauze halten. Auf seine schngeistigen
Schmker huste ich!" schrie er noch lauter, mit der Absicht, auch Agnes zu
krnken. Da sie nicht antwortete, nahm er einen neuen Anlauf. "Das kommt
aber alles, weil jeder mich jetzt zu Hause findet. Immer mu ich
deinetwegen auf der Bude hocken!"

Agnes sagte schchtern: "Wir haben uns schon sechs Tage nicht gesehen.
Sonntag bist du wieder nicht gekommen. Ich frchte, du hast mich nicht
mehr lieb." Er blieb vor ihr stehen. Von oben herab: "Mein liebes Kind,
da ich dich liebhabe, brauch' ich dir wohl wirklich nicht mehr zu
versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob ich darum auch Lust habe,
jeden Sonntag deinen Tanten beim Hkeln zuzusehen und mit deinem Vater
ber Politik zu reden, wovon er nichts versteht." Agnes senkte den Kopf.
"Frher war es so schn. Du standest dich schon so gut mit Papa."
Diederich drehte ihr den Rcken zu und sah aus dem Fenster. Das war es
eben: er frchtete zu gut zu stehen mit Herrn Gppel. Durch seinen
Buchhalter, den alten Stbier, wute er, da Gppels Geschft bergab ging.
Seine Zellulose taugte nichts mehr, Stbier bezog sie nicht mehr von ihm.
Da wre ein Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen.
Diederich fhlte sich umgarnt von diesen Leuten. Auch von Agnes! Er hatte
sie im Verdacht, mit dem Alten zusammenzustecken. Entrstet wandte er sich
ihr wieder zu. "Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden: was wir beide
tun, nicht wahr, das ist unsere Sache, aber deinen Vater lassen wir lieber
aus dem Spiel. Beziehungen wie die unseren soll man mit
Familienfreundschaft nicht verquicken. Mein sittliches Gefhl verlangt da
reinliche Scheidung."

Ein Augenblick verging, dann stand Agnes auf, als habe sie jetzt
begriffen. Sie war tief errtet. Sie ging zur Tr. Diederich holte sie
ein. "Aber Agnes, so hab' ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil
ich dich viel zu sehr achte -. Und ich kann ja auch wiederkommen Sonntag."
Sie lie ihn reden, mit unbewegter Miene. "Nun sei doch wieder gemtlich",
bat er. "Du hast noch nicht mal deinen Hut abgenommen." Sie tat es. Er
verlangte, sie solle sich auf den Diwan setzen, und sie setzte sich. Sie
kte ihn auch, wie er es wollte. Aber indes ihre Lippen lchelten und
kten, blieben ihre Augen starr und unbeteiligt. Pltzlich ri sie ihn in
ihre Arme: er erschrak, er wute nicht, ob es Ha war. Aber dann fhlte er
sich heier geliebt als je.

"Heute war es aber wirklich schn. Was, meine kleine se Agnes?" sagte
Diederich, zufrieden und gutmtig.

"Adieu", sagte sie, hastend nach Schirm und Beutel, whrend er sich erst
ankleidete.

"Du hast es aber eilig." - "Weiter kann ich wohl nichts fr dich tun." Sie
war schon bei der Tr - pltzlich fiel sie mit der Schulter gegen den
Pfosten und rhrte sich nicht mehr. "Was ist denn los?" Wie Diederich
nher kam, sah er sie schluchzen. Er berhrte sie. "Ja, was hast du denn?"
Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft. Es hrte nicht auf. "Aber Agnes,"
sagte Diederich von Zeit zu Zeit, "was ist auf einmal geschehen, wir waren
doch so vergngt." Und ganz ratlos: "Hab' ich dir was getan?" Zwischen den
Krisen und halb erstickt, brachte sie hervor: "Ich kann nicht.
Entschuldige." Er trug sie auf den Diwan. Als es endlich vorbei war,
schmte Agnes sich. "Verzeih! Ich kann nicht dafr." - "Kann denn ich
dafr?" - "Nein, nein. Es sind die Nerven. Verzeih!"

Mitleidig und geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen. Nachtrglich
aber erschien ihm auch der Anfall als halbe Komdie und als eins der
Mittel, die ihn endgltig einfangen sollten. Das Gefhl verlie ihn nicht
mehr, da Rnke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und seine Zukunft.
Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen Auftretens, Betonung seiner
mnnlichen Selbstndigkeit und durch Klte, sobald die Stimmung weich
ward. Sonntags bei Gppels war er auf seiner Hut, wie in Feindesland:
korrekt und unzugnglich. Wann seine Arbeit denn nun fertig werde? fragten
sie. Er knne die Lsung morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse
er selbst nicht. Er betonte, da er auch knftig finanziell abhngig von
seiner Mutter bleibe. Er werde noch lange fr nichts Zeit haben als einzig
fr das Geschft. Und da Herr Gppel die idealen Werte des Lebens zu
bedenken gab, lehnte Diederich barsch ab. "Noch gestern hab' ich meinen
Schiller verkauft. Denn ich habe keinen Sparren und lass' mir nichts
vormachen." Wenn er nach solchen Worten Agnes' stummen und betrbten Blick
auf sich fhlte, hatte er wohl einen Augenblick die Empfindung, als habe
nicht er selbst gesprochen, als gehe er im Nebel, rede falsch und handle
wider Willen. Aber das verging.

Agnes kam, sooft er sie bestellte, und ging fort, wenn es Zeit fr ihn
war, zu arbeiten oder zu kneipen. Sie verfhrte ihn nicht mehr zu
Trumereien vor Bildern, seit er einmal an einem Wurstgeschft angehalten
und ihr erklrt hatte, da sei fr ihn der schnste Kunstgenu. Ihm selbst
fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur noch sahen. Er warf
ihr vor, da sie nicht darauf dringe, fter zu kommen. "Frher warst du
ganz anders." "Ich mu warten", sagte sie. "Worauf?" "Da auch du wieder
so wirst. Oh! Ich wei ganz sicher, es wird kommen."

Er schwieg aus Furcht vor Auseinandersetzungen. Dennoch kam es, wie sie
gesagt hatte. Seine Arbeit war endlich beendet und gutgeheien, er hatte
nur noch eine belanglose mndliche Prfung zu bestehen und war in der
gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes ihm ihren Glckwunsch
brachte und Rosen dazu, brach er in Trnen aus und sagte, da er sie
immer, immer liebhaben werde. Sie berichtete, da Herr Gppel soeben eine
mehrtgige Geschftsreise antrete. "Und nun ist das Wetter so
wunderschn ..." Diederich fiel sofort ein: "Das mssen wir benutzen!
Solche Gelegenheit haben wir noch nie gehabt!" Sie beschlossen, aufs Land
hinaus zu fahren. Agnes wute von einem Ort namens Mittenwalde; es mute
einsam dort sein und romantisch wie der Name. "Den ganzen Tag werden wir
beisammen sein!" - "Und die Nacht auch", setzte Diederich hinzu.

Schon der Bahnhof, von dem man abfuhr, war entlegen und der Zug ganz klein
und altmodisch. Sie blieben allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam,
der Schaffner zndete ihnen eine trbe Lampe an, und sie sahen, eng
umschlungen, stumm und mit groen Augen hinaus in das flache, eintnige
Ackerland. Da hinausgehen, zu Fu, weit fort, und sich verlieren in der
guten Dunkelheit! Bei einem Dorf mit einer Handvoll Huser wren sie fast
ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial zurck; ob sie denn auf Stroh
bernachten wollten. Und dann langten sie an. Das Wirtshaus hatte einen
groen Hof, ein weites Gastzimmer mit Petroleumlampen unter der
Balkendecke und einen biederen Wirt, der Agnes "gndige Frau" nannte und
schlaue slawische Augen dazu machte. Sie waren voll heimlichen
Einverstndnisses und befangen. Nach dem Essen wren sie gern gleich
hinaufgegangen, wagten es aber nicht und bltterten gehorsam in den
Zeitschriften, die der Wirt ihnen hinlegte. Wie er den Rcken wandte,
warfen sie einander einen Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe.
Noch war kein Licht im Zimmer, die Tr stand noch offen, und schon lagen
sie einander in den Armen.

Ganz frh am Morgen schien die Sonne herein. Im Hof drunten pickten Hhner
und flatterten auf den Tisch vor der Laube. "Dort wollen wir frhstcken!"
Sie gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer duftete es kstlich
nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten ihnen frischer als sonst. So frei war
einem um das Herz, das ganze Leben stand offen. Stundenweit wollten sie
gehen; der Wirt mute die Straen und Drfer nennen. Sie lobten freudig
sein Haus und seine Betten. Sie seien wohl auf der Hochzeitsreise?
"Stimmt" - und sie lachten herzhaft.

Die Pflastersteine der Hauptstrae streckten ihre Spitzen nach oben, und
die Julisonne frbte sie bunt. Die Huser waren hckrig, schief und so
klein, da die Strae zwischen ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit
Steinen. Die Glocke des Krmers klapperte lange hinter den Fremden her.
Wenige Leute, halb stdtisch gekleidet, schlichen durch den Schatten und
wandten sich um nach Agnes und Diederich, die stolze Gesichter machten,
denn sie waren die Elegantesten hier. Agnes entdeckte das Modengeschft
mit den Hten der feinen Damen. "Nicht zu glauben! Das hat man in Berlin
vor drei Jahren getragen!" Dann traten sie durch ein Tor, das wacklig
aussah, in das Land hinaus. Die Felder wurden gemht. Der Himmel war blau
und schwer, die Schwalben schwammen darin wie in trgem Wasser. Die
Bauernhuser dort drben waren eingetaucht in heies Flimmern, und ein
Wald stand schwarz, mit blauen Wegen. Agnes und Diederich faten sich bei
den Hnden, und ohne Verabredung fingen sie zu singen an: ein Lied fr
wandernde Kinder, das sie noch aus der Schule kannten. Diederich machte
seine Stimme tief, damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wuten,
wandten sie einander die Gesichter zu und kten sich, im Gehen.

"Jetzt seh' ich erst recht, wie hbsch du bist", sagte Diederich und sah
zrtlich in ihr rosiges Gesicht, mit den blonden Wimpern um diese blonden,
goldgestirnten Augen. "Der Sommer steht mir gut" - und Agnes atmete frei
auf, da ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie dahin, mit
schmalen Hften und dem blauen Schleier, der ihr nachwehte. Diederich
hatte es zu warm, er zog den Rock aus, dann auch die Weste, und endlich
gestand er, da er sich Schatten wnsche. Sie fanden welchen, am Rand
eines Feldes, worauf noch das Korn stand, und unter einem Akazienbusch,
der noch duftete. Agnes setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren
Scho. Sie spielten noch miteinander und scherzten: pltzlich merkte sie,
da er einschlief.

Er wachte auf, sah um sich, und als er Agnes' Gesicht fand, erglnzte er
selig. "Lieber", sagte sie. "Was du fr ein gutes, dummes Gesicht machst."
- "Erlaub' mal! Ich habe doch hchstens fnf Minuten - nein, wahrhaftig,
eine Stunde hab' ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?" Aber sie war
erstaunter als er, da so viel Zeit vergangen war. Seinen Kopf zog er
unter der Hand hervor, die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als er
einschlief.

Zwischen den Feldern gingen sie zurck. In einem lag eine dunkle Masse;
und als sie durch die Halme sphten, war es ein alter Mann mit einer
Pelzkappe, rostroter Jacke und Samthosen, die auch schon rtlich waren.
Seinen Bart hatte er sich, zusammengekrmmt, um die Knie gewickelt. Sie
bckten sich tiefer, um ihn zu erkennen. Da bemerkten sie, da er sie
schon lngst aus schwarzen Funkelaugen ansah. Unwillkrlich schritten sie
schneller aus, und in den Blicken, die sie einander zuwandten, stand
Mrchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in einem weiten, fremden
Land, die kleine Stadt dort hinten schlief fremdartig in der Sonne, und
der Himmel sah ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist.

Wie abenteuerlich das Mittagessen in der Laube des Wirtshauses, mit der
Sonne, den Hhnern, dem offenen Kchenfenster, aus dem Agnes sich die
Teller reichen lie. Wo war die brgerliche Ordnung der Blcherstrae, wo
Diederichs angestammter Kneiptisch? "Ich gehe nicht wieder fort von hier",
erklrte Diederich. "Dich lass' ich auch nicht fort." Und Agnes: "Warum
denn auch? Ich schreibe meinem Papa und lass' es ihm durch meine Freundin
schicken, die in Kstrin verheiratet ist. Dann glaubt er, ich bin dort."

Spter gingen sie nochmals aus, nach der anderen Seite, wo Wasser flo und
der Horizont von den Flgeln dreier Windmhlen umsegelt ward. Im Kanal lag
ein Boot; sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam ihnen
entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos aneinander vorber.
Unter herniederhngenden Bschen legte es von selbst an - und Agnes fragte
unvermittelt nach Diederichs Mutter und seinen Schwestern. Er sagte, da
sie immer gut zu ihm gewesen seien, und da er sie liebhabe. Er wollte
sich die Bilder der Schwestern schicken lassen, sie waren hbsch geworden;
oder vielleicht nicht hbsch, aber so anstndig und sanft. Die eine, Emmi,
las Gedichte, wie Agnes. Diederich wollte fr beide sorgen und sie
verheiraten. Seine Mutter aber, die behielt er bei sich, denn ihr hatte er
alles Gute im Leben verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erzhlte von
den Dmmerstunden, den Mrchen unter den Weihnachtsbumen seiner Kindheit
und sogar von dem Gebet "aus dem Herzen". Agnes hrte zu, ganz versunken.
Endlich seufzte sie auf. "Deine Mutter mchte ich kennenlernen. Meine hab'
ich nicht gekannt." Er kte sie, mitleidig, achtungsvoll und mit einer
dunklen Empfindung von schlechtem Gewissen. Er fhlte: jetzt hatte er ein
Wort zu sprechen, das sie ganz und gar fr immer trsten mute. Aber er
schob es hinaus, er konnte nicht. Agnes sah ihn tief an. "Ich wei," sagte
sie langsam, "da du im Herzen ein guter Mensch bist. Du mut nur manchmal
anders tun." Darber erschrak er. Dann sagte sie, als entschuldigte sie
sich: "Heute hab ich gar keine Furcht vor dir."

"Hast du denn sonst Furcht?" fragte er reumtig. Sie sagte:

"Ich habe mich immer gefrchtet, wenn die Leute recht hochgemut und lustig
waren. Bei meinen Freundinnen frher war es mir oft, als knnte ich mit
ihnen nicht Schritt halten, und sie mten es merken und mich verachten.
Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich hatte eine Puppe mit groen
blauen Glasaugen, und als meine Mutter gestorben war, mute ich nebenan
bei der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit ihren aufgerissenen
harten Augen, die sagten mir: Deine Mutter ist tot, jetzt werden dich alle
so ansehen wie ich. Gerne htte ich sie auf den Rcken gelegt, damit sie
die Augen schlo. Aber ich wagte es nicht. Htte ich denn auch die
Menschen auf den Rcken legen knnen? Alle haben solche Augen, und
manchmal -" sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter, "manchmal sogar
du."

Der Hals war ihm zugeschnrt, er tastete ber ihren Nacken, und seine
Stimme schwankte. "Agnes! Se Agnes, du weit gar nicht, wie ich dich
liebhabe ... Ich hab' Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre lang hab'
ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu schn fr mich, zu fein, zu
gut ..." Sein ganzes Herz schmolz; er sagte alles, was er ihr nach ihrem
ersten Besuch geschrieben hatte, in dem Brief, der noch in seinem
Schreibtisch lag. Sie hatte sich aufgerichtet und hrte ihm zu, entzckt,
die Lippen geffnet. Sie jubelte leise: "Ich wute es, so bist du, du bist
wie ich!"

"Wir gehren zusammen", sagte Diederich und prete sie an sich; aber er
war erschrocken ber seinen Ausruf: "Jetzt wartet sie," dachte er, "jetzt
soll ich sprechen." Er wollte es, aber er fhlte sich gelhmt. Der Druck
seiner Arme auf ihrem Rcken ward immer kraftloser ... Sie bewegte sich:
er wute, nun wartete sie nicht mehr. Und sie lsten sich voneinander,
ohne sich anzusehen. Diederich schlug pltzlich die Hnde vor das Gesicht
und schluchzte. Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm trstend ber
das Haar. Das whrte lange.

ber ihn hinweg, ins Leere, sagte Agnes: "Hab' ich denn geglaubt, da es
dauern wrde? Es mute schlimm enden, weil es so schn war."

Er fuhr auf, verzweifelt. "Es ist doch nicht aus!" Sie fragte:

"Glaubst du an das Glck?"

"Wenn ich dich verlieren soll, nicht mehr!"

Sie murmelte: "Du wirst fortgehen, hinaus in das Leben und mich
vergessen."

"Lieber sterben!" - und er zog sie an sich. Sie flsterte an seiner Wange:

"Sieh, wie breit hier das Wasser ist, ein See. Unser Boot hat sich von
selbst losgemacht und uns hinausgefhrt. Weit du noch, jenes Bild? Und
der See, auf dem wir schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?" Und noch
leiser: "Wohin mit uns?"

Er antwortete nicht mehr. Ganz umschlungen und die Lippen aufeinander,
senkten sie sich rckwrts immer tiefer ber das Wasser. Drngte sie ihn?
Zog er sie? Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fhlte: nun
war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel genug gewesen, nicht
glubig, nicht tapfer genug. Jetzt hatte er sie eingeholt, nun war es gut.

Pltzlich, ein Sto: sie schnellten in die Hhe. Diederich hatte so viel
Kraft gebraucht, da Agnes von ihm fort und zu Boden fiel. Er strich sich
ber die Stirn. "Was haben wir denn da?" - Noch kalt vom Schrecken und als
sei er beleidigt, sah er weg von ihr. "So unvorsichtig darf man nicht sein
beim Bootfahren." Er lie sie allein aufstehen, griff sogleich nach den
Rudern und fuhr zurck. Agnes hielt das Gesicht nach dem Ufer gewendet.
Einmal wollte sie zu ihm hinsehen; aber sein Blick traf sie so mitrauisch
und hart, da sie zusammenfuhr.

In der sinkenden Dmmerung gingen sie, immer schneller, die Landstrae
zurck. Zuletzt liefen sie fast. Und erst als es dunkel genug war, da sie
ihre Gesichter nicht mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen frh
kam Herr Gppel vielleicht heim. Agnes mute heim ... Wie sie beim
Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der Zug. "Nicht mal mehr essen
kann man!" sagte Diederich mit knstlicher Unzufriedenheit. Hals ber Kopf
die Sachen holen, zahlen und fort. Der Zug fuhr ab, kaum da sie drin
waren. Ein Glck, da sie Atem zu schpfen und die eiligen Geschfte der
letzten Viertelstunde zu besprechen hatten. Das letzte Wort darber war
gefallen, und nun sa jeder da, allein bei trber Lampe und betubt wie
nach einem groen Mierfolg. Das dunkle Land da drauen, hatte es einmal
gelockt und Gutes versprochen? Das sollte erst gestern gewesen sein? Man
fand nicht zurck. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und befreiten
einen?

Bei der Ankunft waren sie darber einig, da es sich nicht verlohne, in
denselben Wagen zu steigen. Diederich nahm die Trambahn. Hnde und Augen
streiften sich nur.



"Uff!" machte Diederich, als er allein war. "Das wre erledigt." Er sagte
sich: "Es htte ebensogut schief gehen knnen." Und mit Emprung: "So eine
hysterische Person!" Sich selbst wrde sie sicher am Boot festgehalten
haben. Er htte das Bad allein nehmen mssen. Auf den ganzen Trick war sie
doch nur verfallen, weil sie durchaus geheiratet werden wollte! "Die
Weiber sind zu gerissen, und sie haben keine Hemmungen, da kommt
unsereiner nun mal nicht mit. Diesmal hat sie mich, wei Gott, noch rger
an der Nase herumgefhrt als damals mit Mahlmann. Na, mir soll es eine
Lehre fr das Leben sein. Nun aber Schlu!" Und festen Schrittes ging er
zu den Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend dort, und am Tage
bffelte er fr das mndliche Examen, aber zur Vorsicht nicht zu Hause,
sondern im Laboratorium. Wenn er dann heimkam, ward ihm das Steigen der
Stockwerke schwer, er mute sich gestehen, da er Herzklopfen habe.
Zgernd ffnete er die Zimmertr: - nichts; und nachdem ihm anfangs
leichter geworden war, kam es schlielich doch jedesmal dazu, da er die
Wirtin fragte, ob jemand dagewesen sei. Niemand war dagewesen.

Nach vierzehn Tagen aber kam ein Brief. Er hatte ihn geffnet, bevor er es
bedachte. Dann wollte er ihn ungelesen in den Schreibtisch werfen - zog
ihn aber wieder hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit
mitrauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus. "Ich bin so
unglcklich ..." "Kennen wir!" antwortete Diederich. "Ich wage mich nicht
zu Dir ..." "Dein Glck!" "Es ist schrecklich, da wir uns fremd geworden
sind ..." "Wenigstens siehst du es ein." "Verzeih mir, was geschehen ist,
oder ist nichts geschehen?..." "Gerade genug!" "Ich kann nicht
weiterleben ..." "Fngst du schon wieder an?" Und er schleuderte das Blatt
endgltig in die Lade, zu jenem anderen, das er in einer zuchtlosen Nacht
mit berschwenglichkeiten bedeckt und zum Glck nicht abgeschickt hatte.

Eine Woche spter aber, wie er in der Nacht heimkam, hrte er hinter sich
Schritte, die besonders klangen. Er fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen,
die Hnde ein wenig erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch whrend er
das Haustor aufschlo und eintrat, sah er sie im Halbdunkel dastehen. Im
Zimmer machte er kein Licht. Er schmte sich, indes sie aus dem Dunkel
hinaufsphte, das Zimmer zu beleuchten, das ihr gehrt hatte. Es regnete.
Wie viele Stunden hatte sie gewartet? Gewi stand sie noch immer dort, mit
ihrer letzten Hoffnung. Das war nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster
aufreien - und wich zurck. Einmal fand er sich pltzlich auf der Treppe,
mit dem Hausschlssel in der Hand. Gerade gelang es ihm noch, umzukehren.
Darauf schlo er ab und zog sich aus. "Mehr Haltung, mein Lieber!" Denn
diesmal wre man aus der Sache nicht mehr leicht herausgekommen. Das Mdel
war zweifellos zu bedauern, aber schlielich hatte sie es gewollt. "Vor
allem habe ich Pflichten gegen mich selbst." - Am Morgen, schlecht
ausgeschlafen, nahm er es ihr sogar sehr bel, da sie noch einmal
versucht hatte, ihn aus seiner Bahn zu reien. Jetzt, da sie wute, da
die Prfung bevorstand! Solche Gewissenlosigkeit sah ihr hnlich. Und
durch die nchtliche Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre
Gestalt nachtrglich etwas Verdchtiges und Unheimliches bekommen. Er
betrachtete sie als endgltig gesunken. "Auf keinen Fall mehr das
geringste!" beteuerte er sich, und er beschlo, noch fr den kurzen Rest
seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln: "selbst wenn es mit einem
Geldopfer verbunden sein sollte." Glcklicherweise suchte ein Kollege
grade ein Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort um, weit hinauf
nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein Examen. Die Neuteutonia
feierte ihn mit einem Frhschoppen, der bis gegen Abend dauerte. Zu Hause
ward ihm gesagt, da in seinem Zimmer ein Herr auf ihn warte. "Es wird
Wiebel sein," dachte Diederich, "er mu mir doch Glck wnschen." Und von
Hoffnung geschwellt: "Vielleicht ist es der Assessor von Barnim?" Er
ffnete, und er prallte zurck. Denn da stand Herr Gppel.

Auch er fand nicht gleich Worte. "Nanu, im Frack?" sagte er dann, und
zgernd: "Waren Sie vielleicht bei mir?"

"Nein", sagte Diederich und erschrak aufs neue. "Ich habe nur meine
Doktorprfung gemacht."

Gppel erwiderte: "Ach so, ich gratuliere." Dann brachte Diederich hervor:
"Wie haben Sie denn meine neue Adresse gefunden?" Und Gppel antwortete:
"Ihrer frheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt. Aber es gibt
ja auch sonst noch Mittel." Darauf sahen sie einander an. Gppels Stimme
war ruhig gewesen, aber Diederich fhlte schreckliche Drohungen darin. Er
hatte den Gedanken an die Katastrophe immer hinausgeschoben, und jetzt war
sie da. Er mute sich setzen.

"Nmlich," begann Gppel, "ich komme, weil es Agnes gar nicht gut geht."

"Oh!" machte Diederich mit verzweifelter Heuchelei. "Was fehlt ihr denn?"
Herr Gppel wiegte bekmmert den Kopf. "Das Herz will nicht; aber es sind
natrlich nur die Nerven ... Natrlich", wiederholte er, nachdem er
vergeblich gewartet hatte, da Diederich es wiederhole. "Und nun wird sie
mir melancholisch vor Langeweile, und ich mchte sie aufheitern. Ausgehen
darf sie nicht. Aber kommen Sie doch mal wieder zu uns, morgen ist
Sonntag."

"Gerettet!" fhlte Diederich. "Er wei nichts." Vor Freude ward er zum
Diplomaten, er kratzte sich den Kopf. "Ich hatte es mir schon fest
vorgenommen. Aber jetzt mu ich dringend nach Haus, unser alter
Geschftsfhrer ist krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich
Abschiedsbesuche machen, morgen frh reise ich gleich ab."

Gppel legte ihm die Hand auf das Knie. "Sie sollten es sich berlegen,
Herr Heling. Seinen Freunden schuldet man manchmal auch was."

Er sprach langsam und hatte einen so eindringlichen Blick, da Diederich
wegsehen mute. "Wenn ich nur knnte", stammelte er; Gppel sagte:

"Sie knnen. berhaupt knnen Sie alles, was hier in Frage kommt."

"Wieso?" Diederich erstarrte im Innern. "Sie wissen wohl, wieso", sagte
der Vater; und nachdem er seinen Stuhl ein Stck zurckgeschoben hatte:
"Sie denken doch hoffentlich nicht, da Agnes mich hergeschickt hat? Im
Gegenteil, ich hab' ihr versprechen mssen, da ich gar nichts tue und Sie
ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab' ich mir berlegt, da es doch
eigentlich zu dumm wre, wenn wir beide noch lange umeinander herum gehen
wollten, so wie wir uns kennen, und wie ich Ihren seligen Vater gekannt
habe, und bei unserer Geschftsverbindung und so weiter."

Diederich dachte: "Die Geschftsverbindung ist gelst, mein Bester." Er
wappnete sich.

"Ich gehe gar nicht um Sie herum, Herr Gppel."

"Na also. Dann ist ja alles in Ordnung. Ich verstehe wohl: der Sprung in
die Ehe, den tut kein junger Mann, besonders heute, ohne erst mal zu
scheuen. Aber wenn die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr?
Unsere Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr vterliches Geschft
ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes' Mitgift sehr gelegen." Und in einem
Atem weiter, indes seine Augen abirrten: "Momentan kann ich zwar nur
zwlftausend Mark flssig machen, aber Zellulose kriegen Sie, soviel Sie
wollen."

"Siehst du wohl?" dachte Diederich. "Und die zwlftausend mtest du dir
auch pumpen - wenn du sie noch kriegst." - "Sie haben mich miverstanden,
Herr Gppel", erklrte er. "Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu wren zu
groe Geldmittel ntig."

Herr Gppel sagte mit angstvollen Augen und lachte dabei: "Ich kann noch
ein briges tun ..."

"Lassen Sie nur", sagte Diederich, vornehm abwehrend.

Gppel ward immer ratloser.

"Ja, was wollen Sie dann berhaupt?"

"Ich? Gar nichts. Ich dachte, Sie wollten was, weil Sie mich besuchen."

Gppel gab sich einen Ruck. "Das geht nicht, lieber Heling. Nach dem, was
nun mal vorgefallen ist. Und besonders, da es schon so lange dauert."

Diederich ma den Vater, er zog die Mundwinkel herab. "Sie wuten es
also?"

"Nicht sicher", murmelte Gppel. Und Diederich, von oben:

"Das htte ich auch merkwrdig gefunden."

"Ich habe eben Vertrauen gehabt zu meiner Tochter."

"So irrt man sich", sagte Diederich, zu allem entschlossen, womit er sich
wehren konnte. Gppels Stirn fing an, sich zu rten. "Zu Ihnen hab' ich
nmlich auch Vertrauen gehabt."

"Das heit: Sie hielten mich fr naiv." Diederich schob die Hnde in die
Hosentaschen und lehnte sich zurck.

"Nein!" Gppel sprang auf. "Aber ich hielt Sie nicht fr den Schubbejack,
der Sie sind!"

Diederich erhob sich mit formvoller Ruhe. "Geben Sie Satisfaktion?" fragte
er. Gppel schrie:

"Das mchten Sie wohl! Die Tochter verfhren und den Vater abschieen!
Dann ist Ihre Ehre komplett!"

"Davon verstehen Sie nichts!" Auch Diederich fing an, sich aufzuregen.
"Ich habe Ihre Tochter nicht verfhrt. Ich habe getan, was sie wollte, und
dann war sie nicht mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen." Mit
Entrstung: "Wer sagt mir, da Sie sich nicht von Anfang an mit ihr
verabredet haben? Dies ist eine Falle!"

Gppel hatte ein Gesicht, als wollte er noch lauter schreien. Pltzlich
erschrak er, und mit seiner gewhnlichen Stimme, nur da sie zitterte,
sagte er: "Wir geraten zu sehr in Feuer, dafr ist die Sache zu wichtig.
Ich habe Agnes versprochen, da ich ruhig bleiben will."

Diederich lachte hhnisch auf. "Sehen Sie, da Sie schwindeln? Vorhin
sagten Sie, Agnes wei gar nicht, da Sie hier sind."

Der Vater lchelte entschuldigend. "Im guten einigt man sich schlielich
immer. Nicht wahr, mein lieber Heling?"

Aber Diederich fand es gefhrlich, wieder gut zu werden.

"Der Teufel ist Ihr lieber Heling!" schrie er. "Fr Sie hei' ich Herr
Doktor!"

"Ach so", machte Gppel, ganz starr. "Es ist wohl das erstemal, da jemand
Herr Doktor zu Ihnen sagen mu? Na, auf die Gelegenheit knnen Sie stolz
sein."

"Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre antasten?" Gppel
wehrte ab.

"Gar nichts will ich antasten. Ich frage mich nur, was wir Ihnen getan
haben, meine Tochter und ich. Mssen Sie denn wirklich so viel Geld
mithaben?"

Diederich fhlte sich errten. Um so entschlossener ging er vor.

"Wenn Sie es durchaus hren wollen: mein moralisches Empfinden verbietet
mir, ein Mdchen zu heiraten, das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe
bringt."

Sichtlich wollte Gppel sich nochmals empren; aber er konnte nicht mehr,
er konnte nur noch das Schluchzen unterdrcken.

"Wenn Sie heute nachmittag den Jammer gesehen htten! Sie hat es mir
gestanden, weil sie es nicht mehr aushielt. Ich glaube, nicht mal mich
liebt sie mehr: nur Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste."

"Wei ich das? Vor mir verkehrte bei Ihnen ein Herr namens Mahlmann." Und
da Gppel zurckwich, als sei er vor die Brust gestoen:

"Nun ja, kann man das wissen? Wer einmal lgt, dem glaubt man nicht."

Er sagte noch: "Kein Mensch kann von mir verlangen, da ich so eine zur
Mutter meiner Kinder mache. Dafr hab' ich zuviel soziales Gewissen."
Damit drehte er sich um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer,
der geffnet dastand.

Hinter sich hrte er den Vater nun wirklich schluchzen - und Diederich
konnte nicht hindern, da er selbst gerhrt ward: durch die edel mnnliche
Gesinnung, die er ausgesprochen hatte, durch Agnes' und ihres Vaters
Unglck, das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die schmerzliche
Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des Schicksals ... Er
hrte, gespannten Herzens, wie Herr Gppel die Tr ffnete und schlo,
hrte ihn ber den Korridor schleichen und das Gerusch der Flurtr. Nun
war es aus - und da lie Diederich sich vornber fallen und weinte heftig
in seinen halbgepackten Koffer hinein. Am Abend spielte er Schubert.

Damit war dem Gemt Genge getan, man mute stark sein. Diederich hielt
sich vor, ob etwa Wiebel jemals so sentimental geworden wre. Sogar ein
Knote ohne Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion in
rcksichtsloser Energie erteilt. Da auch die anderen in ihrem Innern
vielleicht doch weiche Stellen haben knnten, erschien ihm im hchsten
Grade unwahrscheinlich. Nur er war, von seiner Mutter her, damit behaftet;
und ein Mdel wie Agnes, die gerade so verrckt war wie seine Mutter,
wrde ihn ganz untauglich gemacht haben fr diese harte Zeit. Diese harte
Zeit: bei dem Wort sah Diederich immer die Linden mit dem Gewimmel von
Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr - und das alles
gebndigt, bis zum Hurraschreien gebndigt durch die Macht, die
allumfassende, unmenschliche Macht, die mitten darin ihre Hufe wie auf
Kpfe setzte, steinern und blitzend.

"Nichts zu machen", sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung. "So mu
man sein!" Um so schlimmer fr die, die nicht so waren: sie kamen eben
unter die Hufe. Hatten Gppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an
ihn? Agnes war grojhrig, und ein Kind hatte er ihr nicht gemacht. Also?
"Ich wre ein Narr, wenn ich zu meinem Schaden etwas tte, wozu ich nicht
gezwungen werden kann. Mir schenkt auch keiner was." Diederich empfand
stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war. Die Korporation, der
Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und
tauglich gemacht. Er versprach sich, zu Haus in Netzig seine
wohlerworbenen Grundstze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher zu
sein fr den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch uerlich an seiner
Person kenntlich zu machen, begab er sich am Morgen darauf in die
Mittelstrae zum Hoffriseur Haby und nahm eine Vernderung mit sich vor,
die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer hufiger beobachtete.
Sie war ihm bislang nur zu vornehm erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er
lie vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten Winkeln
hinauffhren. Als es geschehen war, kannte er sich im Spiegel kaum wieder.
Der von Haaren entblte Mund hatte, besonders wenn man die Lippen
herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen des Bartes starrten
bis in die Augen, die Diederich selbst Furcht erregten, als blitzten sie
aus dem Gesicht der Macht.





                                   III.


Um weiteren Belstigungen durch die Familie Gppel aus dem Wege zu gehen,
reiste er sogleich ab. Die Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen
Aufenthalt. Diederich, der allein war, zog nacheinander den Rock, die
Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen vor Netzig stieg noch jemand
ein: zwei fremd aussehende Damen, die durch den Anblick von Diederichs
Flanellhemd beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie widerwrtig
elegant. Sie unternahmen es, in einer unverstndlichen Sprache eine
Beschwerde an ihn zu richten, worauf er die Achseln zuckte und die Fe in
den Socken auf die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und stieen
Hilferufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugfhrer selbst, aber
Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter Klasse hin und verteidigte sein
Recht. Er gab dem Beamten sogar zu verstehen, er mge sich nur nicht die
Zunge verbrennen, man knne nie wissen, mit wem man es zu tun habe. Als er
dann den Sieg erstritten hatte und die Damen abgezogen waren, kam statt
ihrer eine andere. Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog
einfach aus ihrem Beutel eine Wurst und a sie aus der Hand, wobei sie ihm
zulchelte. Da rstete er ab, erwiderte, breit glnzend, ihre Sympathie
und sprach sie an. Es stellte sich heraus, da sie aus Netzig war. Er
nannte seinen Namen, woraus sie frohlockte, sie seien alte Bekannte!
"Nun?" Diederich betrachtete sie forschend: das dicke, rosige Gesicht mit
dem fleischigen Mund und der kleinen, frech eingedrckten Nase; das
weiliche Haar, nett glatt und ordentlich, den Hals, der jung und fett
war, und in den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten und
selbst rosigen Wrstchen glichen. "Nein," entschied er, "kennen tu' ich
Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind Sie. Wie ein frischgewaschenes
Schweinchen." Und er griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte
er eine Ohrfeige. "Die sitzt", sagte er und rieb sich. "Haben Sie mehr
solche zu vergeben?" - "Es langt fr alle Frechmpse." Sie lachte aus der
Kehle und zwinkerte ihn mit ihren kleinen Augen unzchtig an. "Ein Stck
Wurst knnen Sie haben, aber sonst nichts." Ohne zu wollen, verglich er
ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes' Hilflosigkeit, und er sagte sich: "So
eine knnte man getrost heiraten." Schlielich nannte sie selbst ihren
Vornamen, und als er noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach seinen
Schwestern. Pltzlich rief er: "Guste Daimchen!" Und beide schttelten
sich vor Freude. "Sie haben mir doch immer Knpfe geschenkt von den Lumpen
in Ihrer Papierfabrik. Das vergess' ich Ihnen nie, Herr Doktor! Wissen
Sie, was ich mit den Knpfen gemacht hab'? Die hab' ich gesammelt, und
wenn meine Mutter mir mal Geld fr Knpfe gab, hab' ich mir Bonbons
gekauft."

"Praktisch sind Sie auch!" Diederich war entzckt. "Und dann sind Sie
immer zu uns ber die Gartenmauer geklettert, Sie kleine Gre. Hosen
hatten Sie meistenteils keine an, und wenn der Rock 'raufrutschte, kriegte
man hinten was zu sehen."

Sie kreischte; ein feiner Mann habe fr so was kein Gedchtnis. "Jetzt mu
es aber noch schner geworden sein", setzte Diederich noch hinzu. Sie ward
pltzlich ernst.

"Jetzt bin ich verlobt."

Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich verstummte, mit
enttuschter Miene. Dann erklrte er zurckhaltend, er kenne Buck. Sie
sagte vorsichtig: "Sie meinen wohl, er ist ein bichen berspannt? Aber
die Bucks sind auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen Familien
ist wieder mehr Geld", setzte sie hinzu. Hierdurch betroffen, sah
Diederich sie an. Sie zwinkerte. Er wollte eine Frage stellen; aber er
hatte den Mut verloren.

Kurz vor Netzig fragte Frulein Daimchen: "Und Ihr Herz, Herr Doktor, ist
noch frei?"

"Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen." Er nickte gewichtig. "Ach!
Das mssen Sie mir erzhlen", rief sie. Aber sie fuhren schon ein. "Wir
sehen uns hoffentlich bald wieder", schlo Diederich. "Ich kann Ihnen nur
sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt brenzlige Sachen hinein.
Fr ein Ja oder Nein ist das Leben verpfuscht."

Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie sie Guste Daimchen
erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht, dann aber strzten sie herbei
und halfen das Gepck tragen. Sie erklrten ihren Eifer, kaum da sie mit
Diederich allein waren. Guste hatte nmlich geerbt, sie war Millionrin!
Darum also! Er war erschrocken vor Hochachtung.

Die Schwestern erzhlten das Nhere. Ein alter Verwandter in Magdeburg
hatte Guste all das Geld vermacht, dafr, da sie ihn gepflegt hatte. "Und
sie hat es sich verdient," bemerkte Emmi, "er soll zuletzt furchtbar
unappetitlich gewesen sein." Magda setzte hinzu: "Und sonst kann man sich
natrlich auch noch allerlei denken, denn Guste war doch ein ganzes Jahr
mit ihm allein."

Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. "So was sagt ein junges Mdchen
nicht!" schrie er entrstet; und als Magda beteuerte, das sagten auch Inge
Tietz, Meta Harnisch und berhaupt alle: "Dann fordere ich euch energisch
auf, dem Gerede entgegenzutreten." Es entstand eine Pause; darauf sagte
Emmi: "Guste ist nmlich schon verlobt." - "Das wei ich", knurrte
Diederich.

Bekannte kamen ihnen entgegen, Diederich hrte sich "Herr Doktor" nennen,
erglnzte stolz dabei und ging weiter zwischen Emmi und Magda, die von der
Seite seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing Frau Heling den
Sohn mit ausgebreiteten Armen und einem Aufschrei, wie von einer
Verschmachtenden, die gerade noch gerettet wird. Und was Diederich nicht
vorausgesehen hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand er die feierliche
Schicksalsstunde, in der er das erstemal als wirkliches Haupt der Familie
ins Zimmer trat, "fertig", mit dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt,
Fabrik und Familie nach seiner berlegenen Einsicht zu lenken. Er gab
Mutter und Schwestern die Hnde, allen zugleich, und sagte mit ernster
Stimme: "Ich werde mir immer bewut bleiben, da ich meinem Gott fr euch
Rechenschaft schulde."

Aber Frau Heling war in Unruhe. "Bist du bereit, mein Sohn?" fragte sie.
"Unsere Leute erwarten dich." Diederich trank sein Bier aus und ging, an
der Spitze der Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den
Eingang der Fabrik umrahmten Krnze und beschrieben eine Schleife um die
Inschrift "Willkommen!" Davor stand der alte Buchhalter Stbier und sagte:
"Na guten Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht 'raufgekommen, weil ich noch was
zu tun hatte."

"Heute htten Sie das auch lassen knnen", erwiderte Diederich und ging an
Stbier vorbei. Drinnen im Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie
in einem Haufen zusammen: die zwlf Arbeiter, die die Papiermaschine, den
Hollnder und die Schneidemaschine bedienten, und die drei Kontoristen,
samt den Frauen, deren Ttigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die Mnner
rusperten sich, man fhlte eine Pause, bis mehrere der Frauen ein kleines
Mdchen hinausschoben, das einen Blumenstrau vor sich hinhielt und mit
einer Klarinettenstimme dem Herrn Doktor Glck und Willkommen wnschte.
Diederich nahm mit gndiger Miene den Strau; nun war es an ihm, sich zu
ruspern. Er wandte sich nach den Seinen um, dann sah er den Leuten scharf
in die Augen, allen nacheinander, auch dem schwarzbrtigen
Maschinenmeister, obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war - und
begann:

"Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, da hier
knftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu
bringen. In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher
von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Brenhaut legen. Das ist
aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders fr die alten Leute,
die noch von meinem seligen Vater her dabei sind."

Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter; und dabei sah er
den alten Stbier an:

"Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der
richtige, ich fhre euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir
dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen
jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere
ich."

Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart strubte
sich noch hher.

"Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein
schulde ich Rechenschaft. Ich werde euch stets mein vterliches Wohlwollen
entgegenbringen, Umsturzgelste aber scheitern an meinem unbeugsamen
Willen. Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch -"

Er fate den schwarzbrtigen Maschinenmeister ins Auge, der ein
verdchtiges Gesicht machte.

"- mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich
zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn fr mich ist jeder Sozialdemokrat
gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind ... So, nun
geht wieder an eure Arbeit und berlegt euch, was ich euch gesagt habe."

Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In dem Schwindelgefhl,
das seine starken Worte ihm erregt hatten, erkannte er kein einziges
Gesicht mehr. Die Seinen folgten ihm, bestrzt und ehrfurchtsvoll, indes
die Arbeiter einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den
Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden.

Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern seine Plne dar. Die
Fabrik war zu vergrern, das hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man mute
konkurrenzfhig werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Klsing, drauen
in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich wohl ein, er werde ewig das
ganze Geschft machen?... Endlich tat Magda die Frage, woher er denn das
Geld nehmen wolle; aber Frau Heling schnitt ihr das vorlaute Wort ab.
"Dein Bruder wei das besser als wir." Vorsichtig setzte sie hinzu:
"Manches Mdchen wre glcklich, wenn sie sein Herz gewinnen knnte" - und
sie hielt, seines Zornes gewrtig, die Hand vor den Mund. Aber Diederich
errtete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen. "Es wre mir ja ein so
entsetzlicher Schmerz," schluchzte sie, "wenn mein Sohn, mein lieber Sohn,
aus dem Hause ginge. Fr eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau
Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fhlen, denn ihre Guste
heiratet ja den Wolfgang Buck."

"Oder auch nicht", sagte Emmi, die ltere. "Denn der Wolfgang soll doch
was mit einer Schauspielerin haben." Frau Heling verga ganz, die Tochter
zu berufen. "Aber wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die
Leute!"

Diederich stie verachtungsvoll hervor, den Buck kenne er, der sei nicht
normal. "Es liegt wohl in der Familie. Der Alte hat doch auch schon eine
Schauspielerin geheiratet."

"Man sieht die Folgen", sagte Emmi. "Denn von seiner Tochter, der Frau
Lauer, hat man sich allerlei erzhlt."

"Kinder!" bat Frau Heling ngstlich. Aber Diederich beruhigte sie.

"La nur, Mutter, es wird Zeit, da man der Katze die Schelle umhngt. Ich
stehe auf dem Standpunkt, da die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt
schon lngst nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie."

"Die Frau von Moritz, dem ltesten," sagte Magda, "ist einfach eine
Buerin. Neulich waren sie mal in der Stadt, er ist auch schon ganz
verbauert." Emmi emprte sich.

"Na, und der Bruder des alten Herrn Buck? Immer elegant, und die fnf
unverheirateten Tchter! Sie lassen sich Suppe aus der Volkskche holen,
ich wei es positiv."

"Die Volkskche hat ja der Herr Buck gegrndet", erklrte Diederich. "Und
die Frsorge fr die entlassenen Strflinge auch, und was sonst noch. Ich
mchte wissen, wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Geschfte zu
denken."

"Es wrde mich nicht wundern," sagte Frau Heling, "wenn nicht mehr viel
da wre. Obwohl ich vor dem Herrn Buck natrlich die grte Hochachtung
habe, er ist doch so angesehen."

Diederich lachte bitter. "Warum eigentlich? In der Verehrung des alten
Buck sind wir aufgezogen worden. Der groe Mann von Netzig! Im Jahre
achtundvierzig zum Tode verurteilt!"

"Das ist aber auch ein historisches Verdienst, sagte dein Vater immer."

"Verdienst?" schrie Diederich. "Wenn ich nur wei, einer ist gegen die
Regierung, ist er fr mich schon erledigt. Und Hochverrat soll ein
Verdienst sein?"

Und er strzte sich, vor den erstaunten Frauen, in die Politik. Diese
alten Demokraten, die noch immer das Regiment fhrten, waren nachgerade
die Schmach von Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung
zerfallen! Ein Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag der alte
Landgerichtsrat Khlemann sa, ein Freund des berchtigten Eugen Richter,
darum stockte hier das Geschft, und niemand kriegte Geld. Natrlich, fr
so ein freisinniges Nest gab es weder Bahnanschlsse noch Militr. Kein
Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat, immer dieselben paar
Familien, das kannte man, die schoben sich untereinander die Auftrge zu,
und fr andere Leute war nichts da. Die Papierfabrik Gausenfeld hatte
smtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr Besitzer Klsing gehrte
zu der Bande des alten Buck!

Magda wute noch etwas. "Neulich ist die Liebhabervorstellung im
Brgerkrnzchen abgesagt worden, weil dem Herrn Buck seine Tochter, Frau
Lauer, krank war. Das ist doch Popismus."

"Nepotismus heit es", sagte Diederich streng. Er rollte die Augen. "Und
dabei ist der Herr Lauer ein Sozialist. Aber der Herr Buck mag sich hten!
Wir werden ihm auf die Finger sehen!"

Frau Heling hob flehend die Hnde. "Mein lieber Sohn, wenn du jetzt in
der Stadt deine Besuche machst, versprich mir, da du auch zum Herrn Buck
gehst. Er ist nun mal so einflureich."

Aber Diederich versprach nichts. "Andere wollen auch 'ran!" rief er.

Trotzdem schlief er in dieser Nacht unruhig. Schon um sieben ging er in
die Fabrik hinunter und schlug sofort Lrm, weil noch die Bierflaschen von
gestern umherlagen. "Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine Kneipe. Herr
Stbier, das steht doch wohl im Reglement." - "Reglement?" sagte der alte
Buchhalter. "Wir haben gar keins." Diederich war sprachlos; er schlo sich
mit Stbier ins Kontor ein. "Kein Reglement? Dann wundert mich allerdings
gar nichts mehr. Was sind das fr lcherliche Bestellungen, mit denen Sie
sich da abgeben?" - und er warf die Briefe auf dem Pult umher. "Es scheint
hchste Zeit gewesen zu sein, da ich eingreife. Das Geschft versumpft in
Ihren Hnden."

"Versumpfen, junger Herr?"

"Ich bin fr Sie der Herr Doktor!" Und er verlangte, da man einfach alle
anderen Fabriken unterbieten solle.

"Das halten wir nicht aus", sagte Stbier. "berhaupt wren wir gar nicht
imstande, so groe Auftrge auszufhren wie Gausenfeld."

"Und Sie wollen ein Geschftsmann sein? Dann stellen wir eben mehr
Maschinen ein."

"Das kostet Geld", sagte Stbier.

"Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier Schneid hineinbringen. Sie
sollen sich wundern. Wenn Sie mich nicht untersttzen wollen, mache ich es
allein."

Stbier wiegte den Kopf. "Mit Ihrem Vater, junger Herr, war ich immer
einig. Wir haben zusammen das Geschft in die Hhe gebracht."

"Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin mein eigener
Geschftsfhrer."

Stbier seufzte: "Das ist die strmische Jugend" - indes Diederich schon
die Tr zuwarf. Er durchma den Raum, worin die mechanische Trommel, laut
schlagend, die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des groen
Kochhollnders betreten. Im Eingang kam ihm unvermutet der schwarzbrtige
Maschinenmeister entgegen. Diederich zuckte zusammen, fast htte er dem
Arbeiter Platz gemacht. Dafr rannte er ihn mit der Schulter beiseite,
bevor der Mann ausweichen konnte. Schnaufend sah er der Arbeit des
Hollnders zu, dem Drehen der Walze, dem Schneiden der Messer, das den
Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die Maschine
bedienten, nicht etwa von der Seite an, weil er vor dem schwarzen Kerl
erschrocken war? "Der Kerl ist ein frecher Hund! Er mu 'raus!" Ein
animalischer Ha stieg in Diederich herauf, der Ha seines blonden
Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Menschen von einer anderen
Rasse, die er gern fr niedriger gehalten htte und die ihm unheimlich
schien. Diederich fuhr auf.

"Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten schlecht!" Da die
Leute ihn nur ansahen, schrie er: "Maschinenmeister!" Und als der
Schwarzbrtige eintrat: "Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die Walze
ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie zerschneiden mir das ganze
Zeug. Ich mache Sie verantwortlich fr den Schaden!"

Der Mann beugte sich ber die Maschine. "Schaden ist keiner da", sagte er
ruhig, aber Diederich wute schon wieder nicht, ob er unter seinem
schwarzen Bart nicht feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas
dster Hhnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es auf zu blitzen
und warf nur die Arme. "Ich mache Sie verantwortlich!"

"Was ist denn los?" fragte Stbier, der den Lrm gehrt hatte. Dann
erklrte er dem Herrn, da der Stoff durchaus nicht zu kleinfaserig
geschnitten werde, und da es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter
nickten mit den Kpfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei.
Diederich fhlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen, er schrie
noch: "Dann wird es knftig geflligst anders gemacht!" und kehrte
pltzlich um.

Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung, indem er
fachkundig die Frauen berwachte, die auf den Siebplatten der langen
Tische die Lumpen sortierten. Als eine kleine dunkelugige es unternahm,
ihn aus ihrem bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulcheln, prallte sie
gegen eine so harte Miene, da sie erschrak und sich duckte. Farbige
Fetzen quollen aus den Scken, das Getuschel der Frauen verstummte unter
dem Blick des Herrn, und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu
vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die Tische gerammt, die
Knpfe abschnitten. Aber Diederich, der die Heizungsrohre untersuchte,
hrte etwas Verdchtiges. Er beugte sich hinter einen Haufen Scke - und
fuhr zurck, errtet und mit zitterndem Schnurrbart. "Nun hrt alles auf!"
schrie er, "'rauskommen!" Ein junger Arbeiter kroch hervor. "Das
Frauenzimmer auch!" schrie Diederich. "Wird's bald?" Und, als endlich das
Mdchen sich zeigte, stemmte er die Fuste in die Hften. Hier ging es ja
heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur eine Kneipe, sondern noch ganz was
anderes! Er zeterte, da alles zusammenlief. "Na, Herr Stbier, dies ist
wohl auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Erfolgen.
Also die Leute sind gewohnt, die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter
den Scken zu amsieren. Wie kommt der Mann hier herein?" Es sei seine
Braut, sagte der junge Mensch. "Braut? Hier gibt es keine Braut, hier gibt
es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt mir die Arbeitszeit, die ich euch
bezahle. Ihr seid Schweine und auerdem Diebe. Ich schmei' euch 'raus,
und ich zeig' euch an, wegen ffentlicher Unzucht!"

Er sah herausfordernd umher.

"Deutsche Zucht und Sitte verlang' ich hier. Verstanden?" Da traf er den
Maschinenmeister. "Und ich werde sie durchfhren, auch wenn Sie da ein
Gesicht schneiden!" schrie er.

"Ich habe kein Gesicht geschnitten", sagte der Mann ruhig. Aber Diederich
war nicht lnger zu halten. Endlich konnte er ihm etwas nachweisen!

"Ihr Benehmen ist mir schon lngst verdchtig! Sie tun Ihren Dienst nicht,
sonst htte ich die beiden Leute nicht abgefat."

"Ich bin kein Aufpasser", warf der Mann dazwischen.

"Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten Leute an
Zuchtlosigkeit gewhnt. Sie arbeiten fr den Umsturz! Wie heien Sie
berhaupt?"

"Napoleon Fischer", sagte der Mann. Diederich stockte.

"Nap-. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?"

"Jawohl."

"Dachte ich mir. Sie sind entlassen."

Er wandte sich nach den Leuten um: "Merkt euch das!" - und verlie schroff
den Raum. Auf dem Hof lief Stbier ihm nach. "Junger Herr!" Er war in
groer Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die Tr des
Privatkontors hinter sich geschlossen hatten. "Junger Herr," sagte der
Buchhalter, "das geht nicht, der Mann ist ein Organisierter." - "Deswegen
soll er 'raus", erwiderte Diederich. Stbier setzte auseinander, da das
nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen wrden. Diederich wollte
es nicht begreifen. Waren denn alle organisiert? Nein. Nun also. Aber,
erklrte Stbier, sie hatten Furcht vor den Roten, sogar auf die alten
Leute war kein Verla mehr.

"Ich schmei' sie 'raus!" rief Diederich. "Samt und sonders, mit Kind und
Kegel!"

"Wenn wir dann nur andere kriegten", sagte Stbier und sah unter seinem
grnen Augenschirm mit einem dnnen Lcheln dem jungen Herrn zu, der vor
Zorn gegen die Mbel anrannte. Er schrie:

"Bin ich in meiner Fabrik der Herr oder nicht? Dann will ich doch sehen -"

Stbier lie ihn austoben, dann sagte er: "Herr Doktor brauchen dem
Fischer gar nichts zu sagen, er geht uns nicht fort, er wei ja, da wir
davon zu viele Scherereien htten."

Diederich bumte sich nochmals auf.

"So. Ich brauch' ihn also nicht zu bitten, da er die Gnade hat und
bleibt? Der Herr Napoleon! Ich brauch' ihn nicht fr Sonntag zum
Mittagessen einzuladen? Es wre auch zuviel Ehre fr mich!"

Der Kopf war ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer zu eng und ri die
Tr auf. Der Maschinenmeister ging eben vorbei. Diederich sah ihm nach,
der Ha gab ihm deutlichere Sinneseindrcke als sonst, er bemerkte
gleichzeitig die krummen, mageren Beine des Menschen, seine knochigen
Schultern mit den Armen, die vornberhingen - und nun der Maschinenmeister
mit den Leuten sprach, sah er seine starken Kiefern arbeiten unter dem
dnnen schwarzen Bart. Wie Diederich dies Mundwerk hate, und diese
knotigen Hnde! Der schwarze Kerl war lngst vorber, und seine
Ausdnstung roch Diederich noch immer.

"Sehn Sie mal, Stbier, die Vorderflossen hngen ihm bis an den Boden.
Gleich wird er auf allen vieren laufen und Nsse fressen. Dem Affen werden
wir ein Bein stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein Name ist
allein schon eine Provokation. Aber er soll sich zusammennehmen, denn so
viel wei ich, da einer von uns beiden -" Diederich rollte die Augen: "-
auf dem Platz bleiben wird."



Erhobenen Hauptes verlie er die Fabrik. Im schwarzen Rock machte er sich
auf, um den wichtigsten Herren der Stadt die Aufmerksamkeit seines
Besuches zu erweisen. Von der Meisestrae konnte er, um zum Brgermeister
Doktor Scheffelweis in die Schweinichenstrae zu gelangen, einfach der
Wuchererstrae folgen, die jetzt Kaiser-Wilhelm-Strae hie. Er wollte es
auch; im entscheidenden Augenblick aber, wie auf eine Verabredung, die er
vor sich selbst geheimgehalten htte, bog er dennoch in die
Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem Hause des alten Herrn Buck
waren abgewetzt von den Fen der ganzen Stadt und von den Vorgngern
dieser Fe. Der Klingelzug an der gelben Glastr bewirkte drinnen ein
langes Rasseln im Leeren. Dann ging dort hinten eine Tr auf, und die alte
Magd schlich ber die Diele. Aber sie war noch lngst nicht angelangt, da
trat vorn der Hausherr aus seinem Bureau und ffnete selbst. Er zog
Diederich, der sich eifrig verbeugte, bei der Hand herein.

"Mein lieber Heling! Ich habe Sie erwartet, man hatte mir Ihre Ankunft
berichtet. Willkommen denn in Netzig, mein Herr Doktor."

Sofort hatte Diederich Trnen in den Augen und stammelte:

"Sie sind zu gtig, Herr Buck. Natrlich habe ich zuerst und vor allem
Ihnen, Herr Buck, meine Aufwartung machen wollen und Ihnen versichern, da
ich immer ganz - da ich immer ganz - zu Ihren Diensten stehe", schlo er,
freudig wie ein guter Schler. Der alte Herr Buck hielt ihn noch fest, mit
seiner Hand, die warm und dennoch leicht und weich war.

"Dienste -" er schob Diederich selbst den Sessel zurecht, "die wollen Sie
doch natrlich nicht mir leisten, sondern Ihren Mitbrgern - die es Ihnen
danken werden. Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbrger Sie in kurzem
whlen, das glaube ich Ihnen versprechen zu knnen, denn damit belohnen
sie eine verdiente Familie. Und dann" - der alte Buck beschrieb eine
Gebrde feierlicher Freigebigkeit "- verlasse ich mich auf Sie, da Sie es
uns recht bald ermglichen werden, Sie im Magistrat zu begren."

Diederich verbeugte sich, beglckt lchelnd, als werde er schon begrt.
"Die Gesinnung unserer Stadt," fuhr Herr Buck fort, "ich sage nicht, da
sie in allen Teilen gut ist -" Er versenkte seinen weien Knebelbart in
die seidene Halsbinde. "Aber noch ist Raum" - der Bart tauchte wieder auf
- "und will's Gott noch lange, fr wahrhaft liberale Mnner."

Diederich beteuerte: "Ich bin selbstverstndlich durchaus liberal."

Darauf strich der alte Buck ber die Papiere auf seinem Schreibtisch. "Ihr
seliger Vater hat mir hier oft gegenber gesessen, und besonders hufig
damals, als er die Papiermhle errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner
groen Freude frderlich sein. Es handelte sich um den Bach, der jetzt
durch Ihren Hof fliet."

Diederich sagte mit tiefer Stimme: "Wie oft, Herr Buck, hat mein Vater mir
erzhlt, da er den Bach, ohne den wir gar nicht existieren knnten, nur
Ihnen verdankt."

"Nur mir, drfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten Zustnden unseres
Gemeinwesens, an denen aber -" der alte Herr Buck erhob seinen weien
Zeigefinger, er sah Diederich tief an, "gewisse Leute und eine gewisse
Partei manches ndern wrden, sobald sie knnten." Strker und mit Pathos:
"Der Feind steht vor dem Tore, es heit zusammenhalten."

Er lie eine Pause verstreichen und sagte in leichterem Ton, sogar mit
einem kleinen Schmunzeln: "Sind Sie nicht, mein werter Herr Doktor, in
einer hnlichen Lage, wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergrern?
Sie haben Plne?"

"Allerdings." Und Diederich setzte eifrig auseinander, was alles geschehen
msse. Der Alte hrte ihm aufmerksam zu, er nickte, nahm eine Prise ...
Endlich sagte er: "Ich sehe so viel, da der Umbau Ihnen nicht nur groe
Kosten, sondern unter Umstnden auch Schwierigkeiten mit der stdtischen
Baupolizei verursachen wird - mit der ich brigens im Magistrat zu tun
habe. Nun berzeugen Sie sich, mein lieber Heling, was hier auf meinem
Schreibtisch liegt."

Da erkannte Diederich einen genauen Aufri seines Grundstckes, samt dem
dahinter gelegenen. Sein verblfftes Gesicht bewirkte bei dem alten Buck
ein Lcheln der Genugtuung. "Ich kann wohl dafr sorgen," sagte er, "da
keine erschwerenden Umstnde eintreten." Und auf Diederichs Danksagungen:
"Wir dienen dem groen Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde
vorwrtshelfen. Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle, auer den
Tyrannen."

Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in den Sessel und
faltete die Hnde. Seine Miene hatte sich entspannt, er wiegte den Kopf
wie ein Grovater. "Als Kind hatten Sie so schne blonde Locken", sagte
er.

Diederich begriff, da der offizielle Teil des Gesprches beendet sei.
"Ich wei noch," erlaubte er sich zu sagen, "wie ich als kleiner Junge
hier ins Haus kam, wenn ich mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten
spielte."

"Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat."

"Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es mir selbst gesagt."

"Ich wnschte, mein lieber Heling, er htte mehr von Ihrer praktischen
Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger werden, wenn ich ihn erst verheiratet
habe."

"Ich glaube," sagte Diederich, "da Ihr Herr Sohn etwas Geniales hat.
Daher ist er mit nichts zufrieden, er wei nicht, ob er General werden
soll oder sonst ein groer Mann."

"Inzwischen macht er leider dumme Streiche." Der Alte sah aus dem Fenster.
Diederich wagte seine Neugier nicht zu zeigen.

"Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben, denn mir hat er immer
imponiert, gerade durch seine Intelligenz. Schon frher, seine Aufstze.
Und was er mir neulich ber unseren Kaiser gesagt hat, da er eigentlich
gern der erste Arbeiterfhrer wre...."

"Davor behte Gott die Arbeiter."

"Wieso?" Diederich war tieferstaunt.

"Weil es ihnen schlecht bekommen wrde. Uns anderen ist es auch nicht gut
bekommen."

"Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das einige Deutsche Reich."

"Wir haben es nicht", sagte der alte Buck und stand ungewhnlich rasch vom
Stuhl auf. "Denn wir mten, um unsere Einigkeit zu beweisen, einem
eigenen Willen folgen knnen; und knnen wir's? Ihr whnt euch einig, weil
die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das hat Herwegh, ein
berlebender wie ich, im Frhjahr Einundsiebzig den Siegestrunkenen
zugerufen. Was wrde er heute sagen!"

Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits, nur stammeln: "Ach
ja, Sie sind ein Achtundvierziger."

"Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein Narr und ein Besiegter.
Ja! Wir sind besiegt worden, weil wir nrrisch genug waren, an dieses Volk
zu glauben. Wir glaubten, es wrde alles das selbst vollbringen, was es
jetzt fr den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt. Wir
dachten es mchtig, reich, voll Einsicht in seine eigenen Angelegenheiten
und der Zukunft ergeben. Wir sahen nicht, da es, ohne politische Bildung,
deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach seinem
Aufschwung den Mchten der Vergangenheit anheimzufallen. Schon zu unserer
Zeit gab es allzu viele, die unbekmmert um das Ganze, ihren
Privatinteressen nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner
Gnadensonne sich wrmend, den unedlen Bedrfnissen eines anspruchsvollen
Genulebens gengen konnten. Seitdem sind sie Legion geworden, denn die
Sorge um das ffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Gromacht haben
eure Herren euch schon gemacht, und indes ihr Geld verdient, wie ihr
knnt, und es ausgebt, wie ihr mgt, werden sie euch - oder vielmehr sich
- auch noch die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben
wrden. Unser Dichter damals wute, was ihr erst jetzt lernen sollt: Und
in den Furchen, die Kolumb gezogen, geht Deutschlands Zukunft auf!"

"Bismarck hat eben wirklich etwas getan", sagte Diederich, leise
triumphierend.

"Das ist es gerade, da er es hat tun drfen! Und dabei hat er alles nur
faktisch getan, formell aber im Namen seines Herrn. Da waren wir Brger
von achtundvierzig ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals
selbst bezahlt, was ich gewagt hatte."

"Ich wei wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden", sagte Diederich,
wieder eingeschchtert.

"Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souvernitt der
Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht verteidigte und das Volk,
das sich in Notwehr befand, zum Aufstand fhrte. So war in unseren Herzen
die deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene Schuld
jedes einzelnen, fr die er einstand. Nein! Wir huldigten keinem
sogenannten Schpfer der deutschen Einheit. Als ich damals, besiegt und
verraten, hier oben im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des
Knigs erwartete, da war ich, gro oder gering, ein Mensch, der selbst am
Ideal schuf: einer aus vielen, aber ein Mensch. Wo sind sie heute?"

Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er. Diederich war
es schwl. Er fhlte, da er zu dem allen nicht lnger schweigen drfe. Er
sagte: "Das deutsche Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der
Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen Zielen zu." Der
Alte kehrte aus seinen Gedanken zurck, er deutete nach der Zimmerdecke.

"Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt ist es so einsam wie
nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort. Ich wrde alles dahingeben, aber,
junger Mann, wir sollen Respekt haben vor unserer Vergangenheit - auch
wenn wir besiegt worden sind."

"Zweifellos", sagte Diederich. "Und dann sind Sie immer noch der
mchtigste Mann in der Stadt. Die Stadt, sagt man immer, gehrt dem Herrn
Buck."

"Das will ich aber gar nicht, ich will, da sie sich selbst gehrt." Er
atmete tief aus. "Das ist eine weitlufige Sache, Sie werden sie
allmhlich kennenlernen, wenn Sie Einblick in unsere Verwaltung bekommen.
Wir werden nmlich jeden Tag heftiger bedrngt von der Regierung und ihren
junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen, den Gutsbesitzern,
die uns keine Steuern zahlen, unser Licht zu geben, morgen werden wir
ihnen Straen bauen mssen. Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung.
Sie werden sehen, wir leben in einer belagerten Stadt."

Diederich lchelte berlegen. "So schlimm kann es wohl nicht sein, denn
unser Kaiser ist doch eine so moderne Persnlichkeit."

"Nun ja", sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den Kopf - und dann
zog er es vor, zu schweigen. Er reichte Diederich die Hand.

"Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade so wertvoll sein,
als die Ihres Vaters mir war. Nach unserer Unterredung habe ich die
Hoffnung, da wir in allem einig gehen werden."

Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug Diederich sich auf die
Brust. "Ich bin ein durchaus liberaler Mann!"

"Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungsprsidenten von Wulckow. Er ist
der Feind, der uns hier in die Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat
unterhlt nur die unumgnglichen Beziehungen zum Prsidenten. Ich selbst
habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegrt zu werden."

"Oh!" machte Diederich, ehrlich erschttert.

Der alte Buck ffnete ihm schon die Tr, schien aber noch etwas zu
berlegen. "Warten Sie!" Er trat eilig zu seiner Bibliothek, bckte sich
und tauchte aus einer staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast
quadratischen Buch auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen
Glanz in seinem Gesicht, das errtet war. "Da, nehmen Sie! Es sind meine
'Sturmglocken'! Man war auch Dichter - damals." Und er schob Diederich
sanft hinaus.



Die Fleischhauergrube stieg betrchtlich an, aber Diederich schnaufte
nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur eine gewisse Betubung empfunden
hatte, stellte sich allmhlich das Gefhl heraus, da er sich habe
verblffen lassen. "So ein alter Schwtzer ist doch blo noch eine
Vogelscheuche, und mir imponiert er!" Unbestimmt gedachte er der
Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck, der zum Tode verurteilt worden
war, ebensoviel Hochachtung und ein hnliches Grausen einflte wie der
Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. "Werd' ich denn ewig so weich
bleiben? Ein anderer htte sich nicht so behandeln lassen!" Auch konnte es
peinliche Folgen haben, da er zu so vielen kompromittierenden Reden
geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte sich energische
Antworten zurecht, fr das nchste Mal. "Das Ganze war eine Falle! Er hat
mich einfangen und unschdlich machen wollen ... Aber er soll sehen!"
Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm durch die
Kaiser-Wilhelm-Strae ging. "Vorlufig mu man sich noch mit ihm
verhalten, aber wehe, wenn ich der Strkere bin!"

Das Haus des Brgermeisters war mit lfarbe neu gestrichen, und die
Spiegelscheiben glnzten wie je. Ein nettes Stubenmdchen empfing ihn.
ber eine Treppe mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine Lampe
trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor jedem Mbel ein kleiner
Teppich lag, ward Diederich in das Ezimmer gefhrt. Es war aus hellem
Holz mit appetitlichen Bildern, zwischen denen der Brgermeister und noch
ein Herr beim zweiten Frhstck saen. Doktor Scheffelweis reichte
Diederich seine weiliche Hand hin und musterte ihn dabei ber den Klemmer
weg. Trotzdem wute man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt war
der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das Gesicht und die
seitwrts fliehenden, dnnen Bartkoteletts. Der Brgermeister setzte
mehrmals zum Sprechen an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle
Flle sagen konnte. "Schne Schmisse", sagte er; und zu dem anderen Herrn:
"Finden Sie nicht?"

Der andere Herr legte Diederich zunchst groe Zurckhaltung auf, denn er
sah stark jdisch aus. Aber der Brgermeister stellte vor: "Herr Assessor
Jadassohn, von der Staatsanwaltschaft" - was dann allerdings eine
vollwertige Begrung ntig machte.

"Setzen Sie sich nur gleich," sagte der Brgermeister, "wir fangen gerade
an." Er schenkte Diederich Porter ein und legte ihm Lachsschinken vor.
"Meine Frau und meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder in der
Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!"

Der jdische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte vorlufig nur fr das
Stubenmdchen Augen. Whrend sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war
seine Hand verschwunden. Dann ging sie, und er wollte von ffentlichen
Angelegenheiten beginnen, aber der Brgermeister lie sich nicht
unterbrechen. "Die beiden Damen kommen vor dem Mittagessen nicht zurck,
denn meine Schwiegermutter ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet
Mhe mit ihr, und inzwischen gehrt uns das Haus." Er holte einen Likr
aus dem Bfett, rhmte ihn, lie sich seine Gte von den Gsten besttigen
und fuhr fort, eintnig und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner
Vormittage zu preisen. Allmhlich ward, in allem Glck, seine Miene immer
besorgter, er fhlte wohl, das Gesprch knne so nicht weitergehen; und
nachdem eine Minute lang alle geschwiegen hatten, entschlo er sich.

"Ich darf annehmen, Herr Doktor Heling -: mein Haus liegt ja nicht in
nchster Nachbarschaft des Ihren, und so wrde ich es durchaus begreiflich
finden, wenn Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht htten."

Diederich errtete schon fr die Lge, die er noch nicht ausgesprochen
hatte. "Es wrde herauskommen", dachte er noch rechtzeitig, und er sagte:
"Tatschlich habe ich mir erlaubt -. Das heit, natrlich war mein erster
Weg zu Ihnen, Herr Brgermeister. Nur im Andenken an meinen Vater, der
eine so groe Verehrung fr den alten Herrn Buck hatte -"

"Begreiflich, durchaus begreiflich." Der Brgermeister nickte mit
Nachdruck. "Herr Buck ist der lteste unter unseren verdienten Brgern und
bt daher einen zweifellos legitimen Einflu aus."

"Vorlufig noch!" sagte mit unerwartet scharfer Stimme der jdische Herr
von der Staatsanwaltschaft und sah Diederich herausfordernd an. Der
Brgermeister hatte sich ber seinen Kse gebeugt, Diederich fand sich
schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus ein Bekenntnis
verlangte, brachte er etwas hervor von "eingefleischtem Respekt" und
fhrte sogar Kindheitserinnerungen an, die es entschuldigen sollten, da
er zuerst bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er schreckerfllt
die ungeheuren, roten und weit abstehenden Ohren des Herrn von der
Staatsanwaltschaft. Dieser lie Diederich fertig stammeln, wie einen
Angeklagten, der sich verfing; endlich versetzte er schneidend:

"Der Respekt ist in gewissen Fllen dazu da, da man sich ihn abgewhnt."

Diederich stutzte; dann entschlo er sich zu einem verstndnisvollen
Gelchter. Der Brgermeister sagte mit blassem Lcheln und einer
vershnlichen Geste:

"Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern geistreich, - was ich
persnlich ganz besonders an ihm schtze. In meiner Stellung freilich bin
ich gentigt, die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten. Und
da mu ich denn sagen: einerseits ..."

"Kommen wir gleich zum Andererseits!" verlangte Assessor Jadassohn. "Fr
mich als Vertreter einer staatlichen Behrde wie als berzeugten Anhnger
der bestehenden Ordnung sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der
Reichstagsabgeordnete Khlemann, nach ihrer Vergangenheit und Gesinnung
einfach Umstrzler, und damit fertig. Ich mache aus meinem Herzen keine
Mrdergrube, ich halte das nicht fr deutsch. Volkskchen grnden,
meinetwegen; aber das beste Futter fr das Volk ist eine gute Gesinnung.
Eine Idiotenanstalt mag auch ganz ntzlich sein."

"Aber nur eine kaisertreue!" ergnzte Diederich. Der Brgermeister machte
beschwichtigende Zeichen. "Meine Herren!" flehte er. "Meine Herren! Wenn
wir uns denn aussprechen sollen, so ist es gewi richtig, da bei aller
brgerlichen Hochschtzung der genannten Herren andererseits doch -"

"Andererseits!" wiederholte Jadassohn streng.

"- das tiefste Bedauern zurckbleibt ber unsere leider so ungnstigen
Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung - wenn ich auch zu
bedenken bitte, da die ungewhnliche Schrfe des Herrn
Regierungsprsidenten von Wulckow gegenber den stdtischen Behrden -"

"Gegenber schlecht gesinnten Krperschaften!" warf Jadassohn ein.
Diederich erlaubte sich: "Ich bin ein durchaus liberaler Mann, aber das
mu ich sagen -"

"Eine Stadt," erklrte der Assessor, "die sich den berechtigten Wnschen
der Regierung verschliet, darf allerdings nicht darber erstaunen, da
ihr die kalte Schulter gezeigt wird."

"Von Berlin nach Netzig", versicherte Diederich, "knnte man in der halben
Zeit fahren, wenn wir besser mit den Herren oben stnden."

Der Brgermeister lie sie ihr Duett beenden, er war bleich und hielt
hinter dem Klemmer die Lider gesenkt. Pltzlich sah er sie an mit einem
dnnen Lcheln.

"Meine Herren, bemhen Sie sich nicht, ich wei, da es eine zeitgemere
Gesinnung gibt als die von den stdtischen Behrden bekundete. Glauben
Sie, bitte, da es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestt
gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz, whrend der
vorjhrigen Manver, kein Huldigungstelegramm geschickt worden ist ..."

"Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch", stellte Jadassohn
fest.

"Das nationale Banner mu hochgehalten werden", verlangte Diederich. Der
Brgermeister erhob die Arme.

"Meine Herren, das wei ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende des
Magistrats und mu leider seine Beschlsse ausfhren. ndern Sie die
Verhltnisse! Herr Doktor Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit
mit der Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich. Ich
konnte den Mann nicht maregeln. Herrn von Wulckow ist bekannt," - der
Brgermeister kniff ein Auge zu - "da ich es sonst getan haben wrde."

Man schwieg eine Weile und betrachtete einander. Jadassohn blies durch die
Nase, als gengte ihm das Gehrte. Aber Diederich konnte nicht lnger an
sich halten. "Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus"!
rief er. "Solche Leute wie Buck, Khlemann und Eugen Richter machen unsere
Arbeiter frech. Mein Betrieb legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und
Verantwortung auf, und dann hab' ich noch Konflikte mit meinen Leuten. Und
warum? Weil wir nicht einig sind gegen die rote Gefahr und es gewisse
Arbeitgeber gibt, die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum
Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine Fabrik einbringt,
daran beteiligt der Herr Lauer seine Arbeiter. Das ist unmoralisch!" Hier
blitzte Diederich. "Denn es untergrbt die Ordnung, und ich stehe auf dem
Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung ntiger als je, und
darum brauchen wir ein festes Regiment, wie unser herrlicher junger Kaiser
es fhrt. Ich erklre, da ich in allem fest zu Seiner Majestt stehe ..."
Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung, die Diederich
entgegennahm, indes er weiterblitzte. Im Gegensatz zu dem demokratischen
Mischmasch, an den die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser
der Vertreter der Jugend, die persnlichste Persnlichkeit, von
erfreulicher Impulsivitt und ein hchst origineller Denker. "Einer soll
Herr sein! Auf allen Gebieten!" Diederich legte das vollstndige
Bekenntnis einer scharfen und schneidigen Gesinnung ab und erklrte, da
mit dem alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund aus
aufgerumt werden msse.

"Jetzt kommt eine neue Zeit!"

Jadassohn und der Brgermeister hrten still zu, bis er alles herausgesagt
hatte; Jadassohns Ohren wurden dabei noch grer. Dann krhte er: "Auch in
Netzig gibt es kaisertreue Deutsche!" Und Diederich noch lauter: "Die
aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal nher ansehen. Es wird sich
zeigen, ob gewissen Familien die Stellung, die sie einnehmen, noch
zukommt. Vom alten Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die Shne
verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn, der Sozialist ist, und die
Tochter soll ja -"

Man sah einander an. Der Brgermeister kicherte und rtete sich bla. Vor
Vergngen platzte er aus: "Und die Herren wissen noch gar nicht, da der
Bruder des Herrn Buck pleite ist!"

Man uerte lrmende Genugtuung. Der mit den fnf eleganten Tchtern! Der
Vorsitzende der "Harmonie"! Aber zu essen, das wute Diederich, bekamen
sie aus der Volkskche. Daraufhin schenkte der Brgermeister nochmals
Schnpse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte pltzlich nicht mehr, da
ein Umschwung bevorstehe. "In anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum
Reichstag. Bis dahin werden die Herren arbeiten mssen."

Diederich schlug vor: "Betrachten wir drei uns schon jetzt als das engere
Wahlkomitee!"

Jadassohn erklrte es fr die erste Notwendigkeit, Fhlung zu nehmen mit
dem Herrn Regierungsprsidenten von Wulckow. "Streng vertraulich", setzte
der Brgermeister hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, da die
"Netziger Zeitung", das grte Organ der Stadt, sich im freisinnigen
Fahrwasser bewege. "So ein Judenblatt!" sagte Jadassohn. Wohingegen das
regierungstreue Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einflu sei. Aber der
alte Klsing in Gausenfeld lieferte das Papier fr beide Bltter. Es
schien Diederich nicht unmglich, durch ihn, der in der "Netziger Zeitung"
Geld hatte, ihre Haltung zu beeinflussen. Er mute Angst bekommen, sonst
das Kreisblatt zu verlieren. "Denn es gibt ja noch eine Papierfabrik in
Netzig", sagte der Brgermeister und schmunzelte. Da trat das
Zimmermdchen ein und verkndete, sie msse nun den Tisch zum Mittagessen
decken; die gndige Frau werde gleich zurck sein - "und auch die Frau
Hauptmann", setzte sie hinzu. Bei der Nennung dieses Titels erhob der
Brgermeister sich sofort. Wie er seine Gste hinausgeleitete, hielt er
den Kopf gesenkt und war, trotz der genossenen Schnpse, ganz milchfarben.
Auf der Treppe zog er Diederich am rmel. Jadassohn war zurckgeblieben,
und man hrte das Mdchen leise kreischen. An der Haustr lutete es
schon.

"Mein lieber Herr Doktor," wisperte der Brgermeister, "Sie haben mich
doch nicht miverstanden. Bei alledem habe ich natrlich einzig das
Interesse der Stadt im Auge. Mir liegt es selbstverstndlich ganz fern,
irgend etwas zu unternehmen, worin ich mich nicht einig wei mit den
Krperschaften, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe."

Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen hatte, betraten
die Damen das Haus, und der Brgermeister lie Diederichs rmel los, um
ihnen entgegenzueilen. Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten, hatte
kaum Zeit, die Herren zu begren; sie mute die Kinder trennen, die
einander prgelten. Ihre Mutter aber, einen Kopf hher und noch
jugendlich, musterte streng die gerteten Gesichter der Frhstcksgste.
Dann schritt sie junonisch auf den Brgermeister zu, den man kleiner
werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich schon von dannen gemacht,
Diederich vollfhrte formelle Verbeugungen, die unerwidert blieben, und
eilte hinterdrein. Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der Strae
umher, hrte nicht, was Jadassohn sagte, und pltzlich kehrte er um. Er
mute mehrmals und heftig luten, denn drinnen war groer Lrm. Die
Herrschaften standen noch am Fue der Treppe, auf der die Kinder sich
schreiend umherstieen, und sie debattierten. Die Frau Brgermeister
wnschte, da ihr Gatte beim Schuldirektor etwas gegen einen Oberlehrer
unternehme, der ihren Sohn schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau
Hauptmann von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum Professor
ernennen, denn seine Frau habe den grten Einflu im Vorstand der
Bethlehemstiftung fr gefhrdete Mdchen. Der Brgermeister beschwor sie
abwechselnd mit den Hnden. Endlich konnte er ein Wort anbringen.

"Einerseits ...", sagte er.

Aber da hatte Diederich ihn am rmel ergriffen. Nach vielen
Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog er ihn beiseite, und er
flsterte bebend: "Verehrter Herr Brgermeister, es liegt mir daran,
Miverstndnissen vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, da ich ein
durchaus liberaler Mann bin."

Doktor Scheffelweis versicherte flchtig, da er hiervon gerade so
berzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen Gesinnung. Schon ward
er abgerufen, und Diederich verlie, ein wenig erleichtert, das Haus.
Jadassohn erwartete ihn grinsend.

"Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit unserem Stadtoberhaupt
kompromittiert sich niemand, er ist immer, wie der liebe Gott, mit den
strksten Bataillonen. Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich
schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht nicht bel, wir
knnen uns ein Stck vorwagen."

"Vergessen Sie, bitte, nicht," sagte Diederich, mit Zurckhaltung, "da
ich in der Netziger Brgerschaft zu Hause und natrlich auch liberal bin."

Jadassohn sah ihn von der Seite an. "Neuteutonia?" fragte er. Und als
Diederich sich erstaunt umwandte: "Wie geht es denn meinem alten Freund
Wiebel?"

"Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!"

"Kennen! Ich habe mit ihm gehangen."

Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie schttelten
einander kraftvoll. "Na dann!" "Na also!" Und Arm in Arm gingen sie in den
Ratskeller, Mittag essen.



Dort war es einsam und dmmerig, hinten ward fr sie das Gas angezndet,
und bis die Suppe kam, machten sie alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke
Delitzsch! Diederich berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen ber
seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten sie still seinem
Andenken. Es zeigte sich, da auch Jadassohn die Februarkrawalle
mitgemacht und damals die Macht verehren gelernt hatte, wie Diederich.
"Seine Majestt hat einen Mut bewiesen," sagte der Assessor, "da einem
schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, wei Gott, geglaubt -." Er
stockte, sie sahen schaudernd einander in die Augen. Um ber die
entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen, erhoben sie die Glser. "Gestatte
mir", sagte Jadassohn. "Ziehe gleich mit", erwiderte Diederich. Und
Jadassohn: "Werte Lieben mit eingeschlossen." Und Diederich: "Werde zu
Hause davon zu rhmen wissen."

Dann lie sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward, auf eine
ausfhrliche Wrdigung des kaiserlichen Charakters ein. Die Philister,
Nrgler und Juden mochten an ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem
war unser herrlicher junger Kaiser die persnlichste Persnlichkeit, von
erfreulicher Impulsivitt und ein hchst origineller Denker. Diederich
glaubte dies auch schon festgestellt zu haben und nickte befriedigt. Er
sagte sich, da das uere eines Menschen zuweilen trge, und da die
deutsche Gesinnung nicht notwendig von der Gre der Ohren abhnge. Sie
leerten ihre Glser auf den glcklichen Ausgang des Kampfes fr Thron und
Altar, gegen den Umsturz in jeder Form und Verkleidung.

So gelangten sie wieder zu den Zustnden in Netzig. Sie waren sich einig
darin, da der neue nationale Geist, fr den es die Stadt zu erobern galt,
kein anderes Programm brauche als den Namen Seiner Majestt. Die
politischen Parteien waren alter Trdel, wie Seine Majestt selbst gesagt
hatte. "Ich kenne nur zwei Parteien, die fr mich und die wider mich",
hatte er gesagt, und so war es. In Netzig berwog leider noch die Partei,
die gegen ihn war, aber das sollte sich ndern, und zwar - dies war
Diederich klar - vermittels des Kriegervereins. Jadassohn, der ihm nicht
angehrte, bernahm es gleichwohl, Diederich mit den leitenden
Persnlichkeiten bekannt zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein
Korpsbruder von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich nachher wollten
sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl. Auch auf seinen Hauptmann
trank Diederich, den Hauptmann, der aus einem strengen Vorgesetzten sein
bester Freund geworden war. "Das Dienstjahr ist doch das Jahr, das ich aus
meinem Leben am wenigsten missen mchte." Unvermittelt und schon ziemlich
gertet, rief er aus:

"Und solche erhebenden Erinnerungen mchten diese Demokraten uns
verekeln!"

Der alte Buck! Diederich konnte sich pltzlich nicht fassen vor Wut, er
stammelte: "Am Dienen will solch ein Mensch uns hindern, er sagt, wir sind
Knechte! Weil er mal Revolution gemacht hat -"

"Das ist ja schon nicht mehr wahr", sagte Jadassohn.

"Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen lassen? Htten sie
ihn wenigstens gekpft!... Die Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen
sein!"

"Ihm sicher", sagte Jadassohn und tat einen groen Zug.

"Aber ich stelle fest -" Diederich rollte die Augen -, "da ich all seinen
lsterlichen Unfug nur angehrt habe, um mich darber zu unterrichten, wes
Geistes Kind er ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der
alte Intrigant jemals behaupten sollte, da ich sein Freund bin und seine
infamen Majesttsbeleidigungen gebilligt habe, dann nehme ich Sie zum
Zeugen, da ich gleich heute protestiert habe!"

Der Schwei brach ihm aus, denn er dachte an die Sache mit der
Baukommission und an den Schutz, den er bei ihr genieen sollte ...
Unvermittelt warf er ein Buch auf den Tisch, ein kleines, fast
quadratisches Buch, und stie ein Hohngelchter dabei aus.

"Dichten tut er auch!"

Jadassohn bltterte. "Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft. Ein Hoch der
Republik! und Am Weiher lag ein Jngling, trbselig anzuschauen ...
Stimmt, so waren die. Strflinge versorgen und an den Grundlagen rtteln.
Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdchtig und Haltung schlapp. Da stehen
wir, Gott sei Dank, anders da."

"Das wollen wir hoffen", sagte Diederich. "In der Verbindung haben wir
Mannhaftigkeit und Idealismus gelernt, das gengt, da erbrigt sich das
Dichten."

"Fort mit euren Altarkerzen!" deklamierte Jadassohn. "Das ist etwas fr
meinen Freund Zillich. Jetzt hat er sein Schlfchen hinter sich, wir
knnen losgehen."

Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau und Tochter sogleich
hinausschicken, Jadassohn hielt die Hausfrau galant zurck und versuchte
auch dem Frulein die Hand zu kssen, aber sie wandte ihm den Rcken.
Diederich, sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu bleiben, und ihm
gelang es. Er erklrte ihnen, da Netzig nach Berlin betrchtlich still
wirke. "Die Damenwelt ist auch noch zurck. Mein Ehrenwort, gndiges
Frulein, Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden
spazierengehen knnte, und kein Mensch wrde merken, da Sie aus Netzig
sind." Darauf erfuhr er, da sie wirklich einmal in Berlin gewesen war,
und sogar bei Ronacher. Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an
ein dort gehrtes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen knne. "Unsre
lieben sen Dam'n, zeigen alles, was sie ham'n" ... Da sie einen dreisten
Seitenblick warf, streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend
an, worauf er ihr erst recht versicherte, da sie ein "reizender Kfer"
sei. Sie flchtete mit geschlossenen Augen zu ihrer Mutter, die alles
berwacht hatte. Der Pastor war mit Jadassohn in ernstem Gesprch. Er
klagte, da der Kirchenbesuch in Netzig unerhrt vernachlssigt werde.

"Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag Jubilate habe ich vor
dem Kster und drei alten Damen aus dem Jungfrauenstift predigen mssen.
Die anderen hatten Influenza."

Jadassohn sagte: "Bei der lauen, um nicht zu sagen, feindseligen Haltung,
die die herrschende Partei den kirchlichen und religisen Dingen gegenber
einnimmt, mu man sich ber die drei alten Damen wundern. Warum besuchen
sie nicht lieber die freigeistigen Vortrge des Doktors Heuteufel?"

Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien aufzuschumen, so sehr
schnob er, und sein Gehrock warf wilde Falten. "Herr Assessor!" brachte er
hervor. "Dieser Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein! spricht
der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager und meiner leiblichen
Schwester Mann ist, kann ich den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen
Hnden anflehen, da er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache. Denn sonst
wrde er eines Tages gentigt sein, Pech und Schwefel auf ganz Netzig
regnen zu lassen. Kaffee, verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten
umsonst, damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen. Und dann
erzhlt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament, sondern ein Vertrag - als ob
ich mir einen Anzug bestelle." - Der Pastor lachte vor Erbitterung.

"Pfui", sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes Jadassohn den Pastor
seines positiven Christentums versicherte, begann Diederich schon wieder,
im Schutz eines Sessels, sich Kthchen handgreiflich zu nhern. "Frulein
Kthchen," sagte er dabei, "ich kann Ihnen auf das bestimmteste erklren,
da fr mich die Ehe tatschlich ein Sakrament ist." Kthchen erwiderte:

"Schmen Sie sich, Herr Doktor."

Ihm ward hei. "Machen Sie nicht solche Augen!"

Kthchen seufzte. "Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich sind
Sie auch nicht besser als der Herr Assessor Jadassohn. Ihre Schwestern
haben mir schon erzhlt, was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind
doch meine besten Freundinnen."

Dann werde man sich doch bald wiedersehen? - Ja, in der "Harmonie". "Aber
Sie brauchen nicht zu denken, da ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja
mit Guste Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen."

Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere gegen alle Folgerungen,
die man aus dieser rein zuflligen Tatsache etwa ziehen wolle. Frulein
Daimchen sei brigens verlobt.

"Ach die!" machte Kthchen. "Die geniert das nicht, sie ist so grlich
kokett."

Auch die Frau Pastor besttigte es. Noch heute habe sie Guste in
Lackschuhen und lila Strmpfen gesehen. Das verspreche nichts Gutes.
Kthchen verzog den Mund.

"Na und die Erbschaft -."

Dieser Zweifel machte, da Diederich bestrzt verstummte. Der Pastor hatte
dem Assessor soeben die Notwendigkeit zugegeben, die Lage der christlichen
Kirche in Netzig einmal nher mit den Herren zu errtern und verlangte von
seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war es schon dunkel. Da
die beiden anderen vorangingen, konnte Diederich noch einmal Kthchens
Hals berfallen. Sie sagte ersterbend: "So mit dem Bart kitzeln tut keiner
in Netzig" - was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber gab es ihm
peinliche Vermutungen ein. So lie er Kthchen einfach los und verschwand.
Jadassohn erwartete ihn unten, er sagte leise: "Nur Mut! Der Alte hat
nichts gemerkt, und die Mutter tut so." Er zwinkerte aufdringlich.

An der Marienkirche vorber wollten die drei Herren den Markt erreichen,
der Pastor blieb aber stehen, mit einer Kopfbewegung deutete er hinter
sich. "Die Herren wissen wohl, wie die Gasse heit, links von der Kirche
unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse, oder vielmehr das
gewisse Haus darin."

"Klein-Berlin", sagte Jadassohn, denn der Pastor ging nicht weiter.

"Klein-Berlin", wiederholte er, schmerzlich lchelnd, und noch einmal mit
der Gebrde heiligen Zornes, so da mehrere Leute sich umsahen:
"Klein-Berlin ... Im Schatten meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der
Magistrat will mich nicht hren, er spottet meiner. Aber er spottet noch
eines anderen, -" damit setzte sich der Pastor wieder in Bewegung - "und
der lsset seiner nicht spotten."

Auch Jadassohn war der Meinung, da er seiner nicht spotten lasse.
Diederich aber sah, indes seine Begleiter sich ereiferten, vom Rathaus her
Guste Daimchen nahen. Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie lchelte
schnippisch. Ihm fiel auf, da Kthchen Zillich gerade so weiblond war
und auch diese kleine, frech eingedrckte Nase hatte. Eigentlich war es
gleich, ob die oder die. Guste freilich zeichnete sich durch eine
handliche Breite aus. "Und die lt sich nichts gefallen. Gleich hat man
eine Ohrfeige." Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie
auerordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick war es fr
Diederich entschieden: Die oder keine!

Die beiden anderen hatten sie nachtrglich auch bemerkt.

"War das nicht das Tchterchen der Frau Oberinspektor Daimchen?" fragte
der Pastor; und er setzte hinzu: "Unsere Bethlehemstiftung fr gefhrdete
Jungfrauen wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten. Ob Frulein
Daimchen zu den Guten gehrt? Die Leute sagen, sie habe eine Million
geerbt."

Jadassohn beeilte sich, dies fr weit bertrieben zu erklren. Diederich
widersprach; er kenne die Verhltnisse, der verstorbene Onkel habe mit
Zichorie noch viel mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so
lange, bis der Assessor ihm verhie, er werde durch das Gericht in
Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen. Darauf schwieg Diederich,
zufriedengestellt.

"brigens", sagte Jadassohn, "fllt das Geld doch nur an die Bucks, will
sagen an den Umsturz." Aber Diederich wollte auch hierber besser
unterrichtet sein. "Frulein Daimchen und ich sind nmlich zusammen hier
angekommen", sagte er versuchsweise. - "Ach so", machte Jadassohn. "Darf
man etwa gratulieren?" Diederich hob die Achseln wie bei einer
Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte sich; er habe nur geglaubt, der
junge Buck -.

"Wolfgang?" fragte Diederich. "Mit dem war ich in Berlin tglich zusammen.
Er lebt dort mit einer Schauspielerin."

Der Pastor rusperte sich mibilligend. Da man eben auf den Theaterplatz
gelangte, sah er streng hinber. Er versetzte:

"Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch wenigstens in einem
dunklen Winkel. Dieser Tempel der Sittenlosigkeit brstet sich auf offenem
Platz, und unsere Shne und Tchter -" er zeigte nach dem Bhneneingang,
wo einige Mitglieder des Theaters standen - "streifen mit dem rmel an
Buhldirnen!"

Diederich erklrte dies, mit bekmmerter Miene, fr tief bedauerlich -
whrend Jadassohn sich ber die "Netziger Zeitung" entrstete, die
frohlockt hatte, weil in den Stcken der letzten Saison vier uneheliche
Kinder vorgekommen seien, und die das fr einen Fortschritt hielt!



Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Strae und hatten verschiedene
Herren zu gren, die eben das Haus der Loge betraten. Als sie die tief
gezogenen Hte wieder aufgesetzt hatten und vorber waren, sagte
Jadassohn:

"Man wird sich die Herrschaften merken mssen, die den freimaurerischen
Unfug noch mitmachen. Seine Majestt mibilligt ihn entschieden."

"Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst das gefhrlichste
Sektenwesen nicht", erklrte der Pastor.

"Nun, und der Herr Lauer?" meinte Diederich. "Ein Mensch, der sich nicht
entbldet, seine Arbeiter am Gewinn zu beteiligen? Dem ist alles
zuzutrauen!"

"Das Unerhrteste", behauptete Jadassohn, "ist doch, da Herr
Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft zeigt: ein
kniglicher Landgerichtsrat Arm in Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie hait
Cohn", machte Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel.

Diederich sagte: "Da er ja mit der Frau Lauer -" Er brach ab und erklrte,
dann begreife er allerdings, da diese Leute vor Gericht immer recht
bekmen. "Sie halten zusammen und schmieden Rnke." Pastor Zillich
murmelte sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern sollten
und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen waren. Aber
Jadassohn lchelte bedeutsam:

"Nun, glcklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow gerade in die Fenster
hinein." Und Diederich nickte beifllig zu dem Gebude der Regierung
hinber. Gleich daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten auf
und ab. "Da lacht einem doch das Herz, wenn man das Gewehr so eines braven
Burschen blinken sieht!" rief Diederich aus. "Damit halten wir die Bande
in Schach."

Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel. Schon schoben sich
Abteilungen heimkehrender Arbeiter durch das abendliche Gedrnge.
Jadassohn schlug einen Dmmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die
Ecke. Dort war es gemtlich, zu dieser Stunde kam niemand hin. Auch war
Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor, indes seine Tochter das Bier
brachte, seinen heien Dank aussprach fr die segensreiche Arbeit, die er
in der Bibelstunde an seinen Jungen vollbringe. Der lteste hatte zwar
doch wieder Zucker gestohlen, dafr aber hatte er nachts nicht schlafen
knnen, sondern seine Snde Gott so laut gebeichtet, da Klappsch es hrte
und ihn durchprgeln konnte. Von da kam das Gesprch auf die Beamten der
Regierung, die Klappsch mit Frhstck versorgte und von denen er berichten
konnte, wie sie am Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte
sich Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter Frulein
Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich die Grndung eines
christlichen Arbeitervereins. Er verhie: "Wer von meinen Leuten nicht
'rein will, fliegt!" Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem
Frulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht hatte, befand er sich
in demselben Zustand hoffnungsvoller Entschlossenheit, den seine beiden
Gefhrten im Laufe des Tages erreicht hatten.

"Mein Schwager Heuteufel", rief er und schlug auf den Tisch, "soll so viel
von der Affenverwandtschaft predigen, wie er will, ich krieg' meine Kirche
doch wieder voll!"

"Nicht nur Ihre", beteuerte Diederich.

"Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig", gestand der Pastor. Da
sagte Jadassohn schneidend: "Zu wenige, Mann Gottes, zu wenige!" Und er
nahm Diederich zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt hatten.
Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine Majestt selbst eingegriffen
hatte. "Sorgen Sie dafr," hatte er einer Abordnung der stdtischen
Behrden gesagt, "da in Berlin Kirchen gebaut werden." Nun wurden sie
gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam Betrieb hinein. Und alle,
der Pastor, der Kneipwirt, Jadassohn und Diederich begeisterten sich fr
die tiefe Frmmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schu.

"Es hat geknallt!" Jadassohn sprang zuerst auf, alle sahen erbleicht
einander an. Vor Diederichs innerem Auge erschien blitzschnell das
knochige Gesicht Napoleon Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem
schwarzen Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte: "Der
Umsturz! Es geht los!" Drauen war Getrappel von Laufenden: auf einmal
griffen alle nach ihren Hten und rannten hinaus.

Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten in einem scheuen
Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos bis an die Treppe der
Freimaurerloge. Drben, wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht
nach unten, mitten auf der Strae. Und der Soldat, der vorhin so munter
auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich vor seinem Schilderhaus.
Der Helm hatte sich ihm verschoben, man sah, da er bleich war, den Mund
offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte - indes er sein Gewehr beim
Lauf hielt und es am Boden schleppen lie. Im Publikum, zumeist Arbeitern
und Frauen aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Pltzlich sagte eine
Mnnerstimme sehr laut: "Oho!" - und darauf trat tiefe Stille ein.
Diederich und Jadassohn verstndigten sich durch einen blassen Blick ber
das Kritische des Augenblicks.

Die Strae herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus ein Mdchen, dessen
Rock wehte und das schon von weitem rief:

"Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!"

Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie rttelte den Mann.
"Auf! Steh doch auf!"

Sie wartete. In seinen Fen schien es zu zucken; aber er blieb liegen,
Arme und Beine ber das Pflaster gestreckt. Da schrie sie los: "Karl!" Es
gellte, da alle auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Mnner strzten
vor, die Fuste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden; zwischen den
Wagen, die halten muten, quoll Nachschub hervor; und in dem drohenden
Gedrnge arbeitete das Mdchen sich ab, unter ihren aufgelsten Haaren,
die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht, woraus wohl Geschrei
kam, aber man hrte es nicht, der Lrm verschlang es.

Der einzige Schutzmann drngte mit ausgebreiteten Armen die Menge zurck,
sie trat sonst auf den Liegenden. Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte
ihr auf den Fen und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach
Hilfe um.

Und sie kam. Im Regierungsgebude ging ein Fenster auf, ein groer Bart
erschien, und eine Stimme drang heraus, eine furchtbare Bastimme, die
jeder, auch wenn er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr drhnen
hrte wie fernen Kanonendonner.

"Wulckow", sagte Jadassohn. "Na endlich."

"Ich verbitte mir das!" tnte es herunter. "Wer erlaubt sich hier vor
meinem Hause Lrm zu machen?" Und da es schon ruhiger ward:

"Wo ist der Posten?"

Jetzt sahen die meisten erst, da der Soldat sich in sein Schilderhaus
zurckgezogen hatte: so tief wie mglich, und nur der Gewehrlauf stand
hervor.

"Komm 'raus, mein Sohn!" befahl der Ba von oben. "Du hast deine Pflicht
getan. Er hat dich gereizt. Fr deine Tapferkeit wird Seine Majestt dich
belohnen. Verstanden?"

Alle hatten ihn verstanden und waren verstummt, sogar das Mdchen. Um so
ungeheurer drhnte er.

"Zerstreut euch sofort, sonst lass' ich schieen!"

Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von Arbeitern lsten sich
los, zgerten - und gingen wieder ein Stck weiter, mit gesenkten Kpfen.
Der Regierungsprsident rief noch hinunter:

"Paschke, holen Sie mal 'n Doktor!"

Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang der Regierung aber ward
es lebendig. Pltzlich waren Herren da, die kommandierten, eine Menge
Schutzleute liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum
ein, das noch brig war, und schrien ganz allein. Diederich und seine
Begleiter, die sich hinter ihre Ecke zurckgezogen hatten, sahen drben
auf der Treppe der Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor
Heuteufel sich zwischen ihnen Platz. "Ich bin Arzt", sagte er laut, ging
rasch ber die Strae und beugte sich zu dem Verwundeten. Er wendete ihn
um, ffnete ihm die Weste und legte das Ohr an seine Brust. In diesem
Augenblick waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr; das
Mdchen aber stand da, vorwrts geneigt, die Schultern hinaufgezogen wie
unter einem drohenden Schlag, und die Faust am Herzen geballt, als sei es
dies Herz, das nun stillstehen sollte.

Doktor Heuteufel erhob sich. "Der Mann ist tot", sagte er. Gleichzeitig
bemerkte er das Mdchen, das schwankte. Er griff nach ihr. Aber sie stand
schon wieder, sie sah auf das Gesicht des Toten nieder und sagte nur:
"Karl." Noch leiser: "Karl." Doktor Heuteufel sah umher und fragte: "Was
soll mit dem Mdchen geschehen?"

Da trat Jadassohn vor. "Assessor Jadassohn von der Staatsanwaltschaft",
sagte er. "Das Mdchen ist abzufhren. Da ihr Geliebter den Posten gereizt
hat, liegt Verdacht vor, da sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt
hat. Wir werden die Untersuchung einleiten."

Zwei Schutzleute, denen er winkte, faten das Mdchen schon an. Doktor
Heuteufel erhob die Stimme: "Herr Assessor, ich erklre als Arzt, da der
Zustand des Mdchens seine Verhaftung nicht zult." Jemand sagte: "Fhren
Sie doch auch den Toten ab!" Aber Jadassohn krhte: "Herr Fabrikbesitzer
Lauer, ich verbitte mir jede Kritik meiner amtlichen Manahmen!"

Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung von sich gegeben.
"Oh!... Ah!... Aber das ist -." Er war ganz bleich; er setzte an: "Meine
Herren ... Meine Herren, ich bin in der Lage -. Ich kenne diese Leute:
jawohl, den Mann und das Mdchen. Doktor Heling mein Name. Beide waren
bis heute in meiner Fabrik beschftigt. Ich mute sie entlassen wegen
ffentlich begangener unsittlicher Handlungen."

"Aha!" machte Jadassohn. Pastor Zillich rhrte sich. "Das ist frwahr der
Finger Gottes", sagte er. Der Fabrikant Lauer hatte sich in seinem grauen
Spitzbart heftig gertet, seine gedrungene Gestalt ward geschttelt vom
Zorn.

"ber den Finger Gottes lt sich streiten. Sicher scheint nur, Herr
Doktor Heling, da der Mann sich zu Ausschreitungen hat hinreien lassen,
weil die Entlassung ihm zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau,
vielleicht auch Kinder."

"Sie waren gar nicht verheiratet", sagte Diederich, seinerseits entrstet.
"Ich wei es von ihm selbst."

"Was ndert das," fragte Lauer. Da erhob der Pastor die Arme. "Sind wir
denn schon so weit," rief er, "da es nichts ndert, ob das sittliche
Gesetz Gottes befolgt wird oder nicht?"

Lauer erklrte es fr unangebracht, auf der Strae und im Augenblick, wo
jemand mit behrdlicher Billigung totgeschossen worden sei, ber sittliche
Gesetze zu debattieren; und er wandte sich an das Mdchen, um ihm Arbeit
in seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein Sanittswagen
angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen. Wie man ihn aber
hineinschob, fuhr das Mdchen aus seiner Starrheit empor, strzte sich
ber die Bahre, entri sie, ehe man es sich versah, den Mnnern, da sie
niederfiel - und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft und unter
gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster. Mit groer Mhe ward sie
von dem Leichnam gelst und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt,
der den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort.

Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den anderen Logenbrdern
weitergehen wollte, trat Jadassohn zu, in drohender Haltung. "Einen
Augenblick, bitte. Sie uerten da vorhin, da hier mit behrdlicher
Billigung - ich nehme die Herren zu Zeugen, da dies Ihr Ausdruck war -
also mit behrdlicher Billigung jemand totgeschossen sei. Ich mchte
fragen, ob das von Ihrer Seite vielleicht eine Mibilligung der Behrde
bedeuten sollte."

"Ach so", machte Lauer und sah ihn an. "Mich mchten Sie wohl auch
abfhren lassen?"

"Zugleich", fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger Stimme fort, "mache ich
Sie darauf aufmerksam, da das Verhalten eines Postens, der ein ihn
belstigendes Individuum niederschiet, vor wenigen Monaten, nmlich im
Fall Lck, von magebender Stelle als korrekt und tapfer bezeichnet und
durch Auszeichnungen und Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hten Sie sich
vor einer Kritik der Allerhchsten Handlungen!"

"Ich habe keine ausgesprochen," sagte Lauer. "Ausgesprochen habe ich bis
jetzt nur meine Mibilligung des Herrn dort mit dem gefhrlichen
Schnurrbart."

"Wie?" fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine ansah, wo der
Erschossene gefallen war und wo ein wenig Blut lag. Er begriff endlich,
da er herausgefordert war.

"Der Schnurrbart wird von Seiner Majestt getragen!" sagte er fest. "Es
ist die deutsche Barttracht. Im brigen lehne ich jede Diskussion mit
einem Arbeitgeber ab, der den Umsturz frdert."

Lauer ffnete schon wtend den Mund, obwohl der Bruder des alten Buck,
Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat Fritzsche ihn fortziehen wollten; und
neben Diederich reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: -
da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte die Strae
ab, die ganz geleert war, und der Leutnant, der die Fhrung hatte,
forderte die Herren zum Weitergehen auf. Alle gehorchten schleunigst; sie
sahen noch, wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm die Hand
schttelte.

"Bravo!" sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: "Morgen kommen nun
Hauptmann, Major und Oberst dran, mssen belobigen und dem Kerl
Geldgeschenke machen."

"Sehr richtig!" sagte Jadassohn.

"Aber -" Heuteufel blieb stehen. "Meine Herren, verstndigen wir uns doch.
Hat denn das alles einen Sinn? Nur weil dieser Bauerntlpel keinen Spa
verstanden hat? Ein Witz, ein gutmtiges Lachen nur, und er entwaffnet den
Arbeiter, der ihn herausfordern mchte, seinen Kameraden, einen armen
Teufel wie er selbst. Statt dessen befiehlt man ihm zu schieen. Und
nachher kommen die groen Worte."

Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur Migung. Da sagte
Diederich, noch bleich und mit einer Stimme, die erschauerte:

"Das Volk mu die Macht fhlen! Das Gefhl der kaiserlichen Macht ist mit
einem Menschenleben nicht zu teuer bezahlt!"

"Wenn es nur nicht Ihres ist", sagte Heuteufel. Und Diederich, die Hand
auf der Brust:

"Wenn es auch meins wre!"



Heuteufel zuckte die Achseln. Whrend man weiterging, versuchte Diederich
dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stck zurckblieb, seine Empfindungen
zu erklren. "Fr mich", sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, "hat
der Vorgang etwas direkt Groartiges, sozusagen Majesttisches. Da da
einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne Urteil, auf
offener Strae! Bedenken Sie: mitten in unserem brgerlichen Stumpfsinn
kommt so was - Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heit!"

"Wenn sie von Gottes Gnaden ist", ergnzte der Pastor.

"Natrlich. Das ist es eben. Drum hab' ich geradezu eine religise
Erhebung von der Sache. Man merkt doch manchmal, da es hhere Dinge gibt,
Gewalten, denen wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem
Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestt sich mit so
phnomenaler Kaltbltigkeit in den tobenden Aufruhr hinauswagten: na, ich
sage nur -" Da die brigen vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob
Diederich die Stimme. "Wenn damals der Kaiser die ganzen Linden htte vom
Militr absperren und in uns alle htte 'reinschieen lassen, immer feste
'rein, sag ich ..."

"Sie htten Hurra geschrien," schlo Doktor Heuteufel.

"Sie vielleicht nicht?" fragte Diederich und versuchte zu blitzen. "Ich
hoffe doch, wir empfinden alle national!"

Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen, ward aber
zurckgehalten. Statt seiner sagte Cohn:

"Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere Armee fr solche
Witze?" Diederich ma ihn.

"Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer Cohn hat eine Armee! Haben
die Herren gehrt?" Er lachte erhaben. "Ich kannte bisher nur die Armee
Seiner Majestt des Kaisers!"

Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor, aber Diederich
betonte mit abgehackter Kommandostimme, da er keinen Schattenkaiser
wnsche. Ein Volk, das die straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung
geweiht ... Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und seine
Freunde saen schon. "Na, setzen Sie sich nicht zu uns?" ward Diederich
von Doktor Heuteufel gefragt. "Schlielich sind wir wohl alle liberale
Mnner." Da stellte Diederich fest: "Liberal selbstverstndlich. Aber ich
gehe in den groen nationalen Fragen aufs Ganze. Fr mich gibt es da nur
zwei Parteien, die Seine Majestt selbst gekennzeichnet haben: die fr ihn
und die gegen ihn. Und da scheint es mir allerdings, da an dem Tisch der
Herren fr mich kein Platz ist."

Er vollfhrte eine korrekte Verbeugung und ging hinber zu dem leeren
Tisch. Jadassohn und Pastor Zillich folgten ihm. Gste, die in der Nhe
saen, sahen sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch des
Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt zu bestellen. Drben ward
geflstert, dann rckte jemand seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat
Fritzsche. Er verabschiedete sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm,
Jadassohn und Zillich die Hnde zu schtteln, und ging hinaus.

"Das wollte ich ihm auch geraten haben", bemerkte Jadassohn. "Er hat die
Unhaltbarkeit seiner Lage noch rechtzeitig erkannt." Diederich sagte:
"Eine reinliche Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung ein
gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig nicht zu frchten."
Aber Pastor Zillich schien betreten. "Der Gerechte mu viel leiden," sagte
er. "Sie wissen noch nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erzhlt er
Gott wei welche Greuel ber uns." Da zuckte Diederich zusammen. Doktor
Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin dunklen Punkt seines Lebens,
als er vom Militr loszukommen wnschte! Er hatte ihm, in einem hhnischen
Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der Hand, er
konnte ihn vernichten! In seinem jhen Schrecken befrchtete Diederich
sogar Enthllungen aus seiner Schulzeit, als Doktor Heuteufel ihn im Hals
gepinselt und ihm dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schwei brach ihm
aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt.

Drben bei den Logenbrdern hatte man sich aufs neue ber den gewaltsamen
Tod des jungen Arbeiters erregt. Was das Militr und die Junker, die es
befehligten, sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie in einem
eroberten Land! Und als die Kpfe rot genug waren, verstiegen sich die
Herren dazu, fr das Brgertum, das tatschlich alle Leistungen liefere,
auch die Fhrung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wnschte zu wissen, was
die herrschende Kaste vor anderen Leuten eigentlich noch voraus habe.
"Nicht einmal die Rasse", behauptete er. "Denn sie sind ja alle verjudet,
die Frstenhuser einbegriffen." Und er setzte hinzu: "Womit ich meinen
Freund Cohn nicht krnken will."

Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fhlte es. Schnell strzte er noch
ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat wuchtig bis in die Mitte unter
den gotischen Kronleuchter und sagte scharf:

"Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage, ob Sie unter den
Frstenhusern, die nach Ihrer persnlichen Meinung verjudet sind, auch
deutsche Frstenhuser verstehen."

Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: "Gewi doch."

"So", machte Diederich, und er schpfte tief Atem, um zu seinem groen
Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit des ganzen Lokals fragte er:

"Und den verjudeten deutschen Frstenhusern rechnen Sie auch das eine zu,
das ich nicht erst zu nennen brauche?" Triumphierend sagte Diederich dies,
vollkommen sicher, da nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter
den Tisch kriechen werde. Aber er stie auf einen nicht vorauszusehenden
Zynismus.

"Na ja doch", sagte Lauer.

Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor Entsetzen. Er sah
umher: ob er denn recht gehrt habe. Die Gesichter besttigten es ihm. Da
brachte er hervor, es werde sich zeigen, welche Folgen diese uerung fr
den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher Ordnung
in das befreundete Lager zurck. Gleichzeitig tauchte Jadassohn wieder
auf, der verschwunden gewesen war, man wute nicht wohin.

"Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt", sagte er sofort.
"Ich stelle dies ausdrcklich fest, da es fr die weitere Entwicklung von
Bedeutung sein knnte." Und dann lie er sich genau berichten. Diederich
tat es mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch, dem Feind den
Weg abgeschnitten zu haben. "Jetzt haben wir ihn in der Hand!"

"Allerdings," besttigte Jadassohn, der sich Notizen gemacht hatte.

Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein lterer Herr mit grimmiger
Miene. Er grte nach beiden Seiten und schickte sich an, zu den
Vertretern des Umsturzes zu stoen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein.
"Herr Major Kunze! Nur ein Wort!" Er redete halblaut auf ihn ein und
deutete dabei mit den Augen nach links und rechts. Der Major schien im
Zweifel. "Sie geben mir Ihr Ehrenwort, Herr Assessor," sagte er, "da das
tatschlich behauptet wurde?" Whrend Jadassohn es ihm gab, trat der
Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant, lchelte unbedeutend und
bot dem Herrn Major fr alles eine befriedigende Erklrung an. Aber der
Major bedauerte; fr eine solche uerung gebe es einfach keine Erklrung;
und seine Miene ward von erschreckender Dsterkeit. Trotzdem sah er noch
mit Bedauern nach seinem alten Stammtisch hinber. Da, im entscheidenden
Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kbel. Der Major bemerkte es
und folgte seinem Pflichtgefhl. Jadassohn stellte vor: "Herr
Fabrikbesitzer Doktor Heling."

Diederichs Rechte und die des Majors drckten einander mit Aufbietung
aller Kraft. Fest und bieder blickten die Herren sich ins Auge. "Herr
Doktor," sagte der Major, "Sie haben sich als deutscher Mann bewhrt." Man
scharrte mit den Fen, rckte die Sthle zurecht, prsentierte
voreinander die Glser, und dann durfte man trinken. Diederich bestellte
sofort eine neue Flasche. Der Major leerte sein Glas, sooft es ihm
vollgeschenkt wurde, und zwischen den Zgen versicherte er, auch er stehe,
was deutsche Treue betreffe, seinen Mann. "Wenn mein Knig mich nun auch
schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat -"

"Der Herr Major", erklrte Jadassohn, "war zuletzt beim hiesigen
Bezirkskommando."

"- ich habe noch das alte Soldatenherz -" er klopfte mit den Fingern
darauf - "und unpatriotische Tendenzen werde ich stets bekmpfen. Mit
Feuer und Schwert!" schrie er und lie die Faust auf den Tisch fallen. Im
selben Augenblick zog hinter seinem Rcken der Warenhausbesitzer Cohn tief
den Hut und entfernte sich eilig. Der Bruder des Herrn Buck suchte zuerst
noch die Toilette auf, damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen
Charakter trage. "Aha!" sagte Jadassohn um so lauter. "Herr Major, der
Feind ist aufgerieben." Pastor Zillich war noch immer beunruhigt.

"Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht."

Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich hhnisch nach
Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt dasaen und beschmt ihre
Bierglser anstarrten.

"Wir haben die Macht", sagte er, "und die Herren dort drben sind sich
dessen bewut. Sie revoltieren schon gar nicht mehr, weil der Posten
geschossen hat. Sie machen Gesichter, als htten sie Angst, da sie nun
selbst bald drankommen. Und sie kommen auch dran!" Diederich erklrte, da
er wegen der vorhin gefallenen uerungen eine Anzeige gegen den Herrn
Lauer bei der Staatsanwaltschaft erstatten werde. "Und ich werde dafr
sorgen," versicherte Jadassohn, "da die Anklage erhoben wird. Ich
persnlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten. Die Herren wissen,
da ich als Zeuge nicht in Betracht komme, da ich den Vorgngen selbst
nicht beigewohnt habe."

"Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen", sagte Diederich, und er
fing von dem Kriegerverein an, auf den die treudeutsch und kaiserlich
gesinnten Mnner sich vor allem sttzen mten. Der Major nahm eine
Amtsmiene an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins. Man diente
seinem Knig immer noch, so gut man konnte. Er war auch bereit, Diederich
zur Aufnahme vorzuschlagen, damit die nationalen Elemente eine Krftigung
erfhren. Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, berwogen
auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm, nach der Meinung des Majors,
behrdlicherseits zu viel Rcksicht auf die in Netzig gegebenen
Verhltnisse. Er selbst wrde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt
worden wre, den Herren Reserveoffizieren bei den Wahlen auf die Finger
gesehen haben, dafr garantierte er. "Aber da mein Knig mir die
Mglichkeit leider genommen hat -" Diederich schenkte, um ihn zu trsten,
frisch ein. Whrend der Major trank, beugte Jadassohn sich zu Diederich
und raunte: "Glauben Sie ihm kein Wort! Er ist ein schlapper Hund und
kriecht vor dem alten Buck. Wir mssen ihm imponieren."

Diederich tat dies sofort. "Ich habe nmlich mit dem Herrn
Regierungsprsidenten von Wulckow bereits formelle Verabredungen
getroffen." Und da der Major die Augen aufri:

"Nchstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen. Da werden wir
Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der Kampf beginnt schon."

"Los!" sagte der Major ingrimmig. "Prost!"

"Prost!" sagte Diederich. "Aber, meine Herren, mgen die subversiven
Tendenzen im Lande noch so stark sein, wir sind strker, denn wir haben
einen Agitator, den die Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestt."

"Bravo!"

"Seine Majestt hat fr alle Teile seines Staates, also auch fr Netzig,
die Forderung aufgestellt, da die Brger endlich aus dem Schlummer
erwachen mgen! Und das wollen wir auch!"

Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten ihre Wachheit, indem
sie auf den Tisch schlugen, Beifall riefen und einander zutranken. Der
Major schrie: "Zu uns Offizieren hat Seine Majestt gesagt: Dies sind die
Herren, auf die ich mich verlassen kann!"

"Und zu uns", schrie Pastor Zillich, "hat er gesagt, wenn die Kirche der
Frsten bedrfen wird -".

Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte sich lngst geleert,
Lauer und Heuteufel waren ungesehen entkommen, und in den hinteren
Bogengewlben brannte schon kein Gas mehr.

"Er hat auch gesagt -" Diederich blies die Backen feuerrot auf, der
Schnurrbart stie ihm in die Augen, aber dennoch blitzte er frchterlich.
"Wir stehen im Zeichen des Verkehrs! Und so ist es auch! Unter seiner
erhabenen Fhrung sind wir fest entschlossen, Geschfte zu machen!"

"Und Karriere!" krhte Jadassohn. "Seine Majestt hat gesagt, jeder, der
ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen. Will das jemand vielleicht
auf mich nicht mitbeziehen?" fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig
leuchtenden Ohren. Der Major brllte wieder:

"Und mein Knig kann sich totsicher auf mich verlassen. Er hat mich zu
frh weggeschickt, als ehrlicher deutscher Mann sage ich es ihm laut ins
Gesicht. Er wird mich noch mal bitter ntig haben, wenn es losgeht. Ich
denke nicht daran, den Rest meines Lebens blo noch mit Knallbonbons zu
schieen auf Vereinsbllen. Ich war bei Sedan!"

"Herrjemersch, und ich doch ooch!" ertnte es von dnner Schreistimme aus
unsichtbaren Tiefen, und den Schatten der Gewlbe entstieg ein kleiner
Greis mit flatternden weien Haaren. Er schwankte herbei, seine
Brillenglser funkelten, seine Backen glhten, und er schrie: "Der Herr
Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei Ihnen geht's ja zu wie
dunnemals in Frankreich. Ich sag' es aber immer: gut gelebt und lieber 
paar Jahre lnger!" Der Major stellte ihn vor. "Herr Gymnasialprofessor
Khnchen." Wie es kam, da er dort hinten im Dunkeln vergessen worden sei,
darber uerte der kleine Greis die lebhaftesten Vermutungen. Frher
hatte er sich in einer Gesellschaft befunden. "Nu mu ich wohl  bichen
eingeschlummert sein, und da sein die verdammten Lumichs mir ausgerckt."
Der Schlaf hatte ihm vom Feuer der genossenen Getrnke noch nichts
genommen, er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre
gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. "Die Franktirhrs!" schrie er, und aus
seinem faltigen, zahnlosen Munde rann Feuchtigkeit. "Das war Sie eene
Bande! Wie die Herren mich da shn, hab' ich doch noch immer een' steifen
Finger, da hat mich  Franktirhr draufgebissen. Blo weil ich ihm mit
meim Sbel  kleenes bichen die Kehle abschneiden wollte. So eene
Gemeinheit von dem Kerl!" Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte
Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefhle freilich mischten
sich mit Schrecken, er mute sich in die Lage des Franktirhrs denken: der
kleine leidenschaftliche Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die
Klinge an den Hals. Er war gentigt, einen Augenblick hinauszugehen.

Wie er zurckkehrte, gaben der Major und Professor Khnchen, einander
berschreiend, den Bericht eines wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber
Khnchen schrillte immer schrfer durch das Gebrll des anderen, bis er es
zum Schweigen gebracht hatte und ungestrt aufschneiden konnte. "Nee,
alter Freund, Sie sein  anschlgscher Kopf. Wenn Sie die Treppe
'runterfallen, verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an dem
Haus, wo die Franktirhrs drinne saen, das hat Khnchen angelegt, da
gibt's nischt. Ich hab' doch eene Kriegslist gebraucht und hab' mich
totgestellt, da ham die dummen Luder nischt gemerkt. Und wie's erscht
gebrannt hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des
Vaterlandes keen' Geschmack mehr gefunden, und blo noch 'raus, blo noch
Soofgiph! Da htten Se nu aber uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer
hammer sie weggeschossen, wie sie 'runterkrabbeln wollten! Luftsprnge
hamse gemacht wie die Garniggel!"

Khnchen mute seine Erfindung unterbrechen, er kicherte durchdringend,
indes die Tafelrunde drhnend lachte.

Khnchen erholte sich. "Die falschen Luder hatten uns aber auch tckisch
gemacht! Und die Weiber! Nee, meine Herren, so was Beesartches wie die
franzeeschen Weiber, das gibt's Sie nu berhaupt nicht mehr. Heees Wasser
hatten se uns auf die Kppe geschiddet. Nu frag' ich Sie, tut das eene
Dame? Wie's brannte, warfen sie die Kinder aus'm Fenster und wollten ooch
noch von uns, da wir se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit
unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen. Und dann die
Damen!" Khnchen hielt die gichtischen Finger gekrmmt wie um einen
Gewehrkolben und sah dabei nach oben, als gbe es noch jemand
aufzuspieen. Seine Brillenglser funkelten, er log weiter. "Zuletzt kam
eene ganz Dicke 'ran, die konnte von vorn nicht durchs Fenster, drum
versuchte se mal, ob's nicht von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit
Khnchen gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf die
Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie mit meim Bachonedde in
ihren dicken franzeeschen -"

Mehr hrte man nicht, der Beifall war zu laut. Der Professor sagte noch:
"Jeden Sedang erzhl' ich die Geschichte in dlen Worten meiner Klasse.
Die Jungen solln wissen, was sie fr Heldenvter gehabt haben."

Man war sich einig, da dies die nationale Gesinnung des jungen
Geschlechts nur befrdern knne, und man stie an mit Khnchen. Vor lauter
Begeisterung hatte noch keiner bemerkt, da ein neuer Gast an den Tisch
getreten war. Jadassohn sah pltzlich den bescheiden grauen Mann im
Hohenzollernmantel und winkte ihm gnnerhaft. "Na, man immer 'ran, Herr
Nothgroschen!" Diederich herrschte ihn an, aus seinen Hochgefhlen heraus.
"Wer sind Sie?"

Der Fremde dienerte.

"Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung."

"Also Hungerkandidat", sagte Diederich und blitzte. "Verkommene
Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr fr uns!"

Alle lachten; der Redakteur lchelte demtig mit.

"Seine Majestt hat Sie gekennzeichnet", sagte Diederich. "Na, setzen Sie
sich!"

Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank in dankbarer
Haltung. Nchtern und befangen sah er in der Gesellschaft umher, deren
Selbstbewutsein durch die vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so
sehr gesteigert worden war. Man verga ihn sogleich wieder. Er wartete
geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten in der Nacht noch
hier hereinschneie. "Ich mute das Blatt doch fertig machen", erklrte er
darauf, wichtig wie ein kleiner Beamter. "Die Herren wollen morgen frh in
der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen Arbeiter."

"Das wissen wir besser als Sie", schrie Diederich. "Sie saugen sich das ja
doch nur aus Ihren Hungerpfoten!"

Der Redakteur lchelte entschuldigend, und er hrte ergeben zu, wie alle
durcheinander ihm die Vorgnge darstellten. Als der Lrm sich legte,
setzte er an. "Da der Herr dort -"

"Doktor Heling," sagte Diederich scharf.

"Nothgroschen", murmelte der Redakteur. "Da Sie vorhin den Namen des
Kaisers erwhnten, wird es die Herren interessieren, da wieder eine
Kundgebung vorliegt."

"Ich verbitte mir jede Nrgelei!" heischte Diederich. Der Redakteur duckte
sich und legte die Hand auf die Brust. "Es handelt sich um einen Brief des
Kaisers."

"Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen Vertrauensbruch auf den
Schreibtisch geflogen?" fragte Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd
die Hand vor sich hin. "Er ist vom Kaiser selbst zur Verffentlichung
bestimmt. Morgen frh werden Sie ihn in der Zeitung lesen. Hier ist die
Druckfahne!"

"Legen Sie los, Doktor", befahl der Major. Diederich rief: "Wieso, Doktor?
Sind Sie Doktor?" Aber man interessierte sich nur noch fr den Brief, man
entri dem Redakteur den Zettel. "Bravo!" rief Jadassohn, der noch
ziemlich mhelos las. "Seine Majestt bekennt sich zum positiven
Christentum." Pastor Zillich frohlockte so heftig, da sich Schluckauf
einstellte. "Das ist was fr Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher
Wissenschaftler, huck, was ihm gehrt. An die Offenbarungsfrage machen sie
sich heran. Die versteh' ja ich kaum, huck, und ich hab' Theologie
studiert!" Professor Khnchen schwenkte die Bltter hoch in der Luft.
"Meine Hrn! Wenn 'ch den Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als
Aufsatzthema gebe, will'ch nicht mehr Khnchen heeen!"

Diederich war tiefernst. "Jawohl war Hammurabi ein Werkzeug Gottes! Ich
mchte mal sehen, wer das leugnet!" Und er blitzte umher. Nothgroschen
krmmte die Schultern. "Na, und Kaiser Wilhelm der Groe!" fuhr Diederich
fort. "Von dem bitte ich es mir ganz energisch aus! Wenn der kein Werkzeug
Gottes war, dann wei Gott berhaupt nicht, was 'n Werkzeug ist!"

"Ganz meine Meinung", versicherte der Major. Glcklicherweise widersprach
auch sonst niemand, denn Diederich war zum uersten entschlossen. An den
Tisch geklammert, stemmte er sich von seinem Stuhl empor. "Aber unser
herrlicher junger Kaiser?" fragte er drohend. Von allen Seiten antwortete
es: "Persnlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig ... Origineller Denker."
Diederich war nicht befriedigt.

"Ich beantrage, da er auch ein Werkzeug ist!"

Es ward angenommen.

"Und ich beantrage ferner, da wir Seine Majestt von unserem Beschlu
telegraphisch in Kenntnis setzen!"

"Ich befrworte den Antrag!" brllte der Major. Diederich stellte fest:
"Einmtige begeisterte Annahme!" und fiel auf seinen Sitz zurck. Khnchen
und Jadassohn machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche. Sie
lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten.

"Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft -"

"Tagende Versammlung", forderte Diederich. Sie fuhren fort:

"Versammlung national gesinnter Mnner -"

"National, huck, und christlich", ergnzte Pastor Zillich.

"Aber wollen die Herren denn wirklich?" fragte Nothgroschen, leise
flehend. "Ich dachte, es sei ein Scherz."

Da ward Diederich zornig.

"Wir scherzen nicht mit den heiligsten Gtern! Ich soll Ihnen das wohl
handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter Abiturient?"

Da Nothgroschens Hnde den vollkommensten Verzicht beteuerten, war
Diederich sofort wieder ruhig und sagte: "Prost!" Dagegen schrie der
Major, als sollte er platzen. "Wir sind die Herren, auf die Seine Majestt
sich verlassen kann!" Jadassohn bat um Ruhe und er las.

"Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national und christlich
gesinnter Mnner entbietet Eurer Majestt ihre einmtige begeisterte
Huldigung angesichts von Eurer Majestt erhebendem Bekenntnis einer
geoffenbarten Religion. Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem
Umsturz in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig
erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Besttigung, da Eure
Majestt nicht weniger als Hammurabi und Kaiser Wilhelm der Groe das
Werkzeug Gottes ist." Man klatschte, und Jadassohn lchelte geschmeichelt.

"Unterschreiben!" rief der Major. "Oder hat einer der Herren noch etwas zu
bemerken?" Nothgroschen rusperte sich. "Nur ein einziges Wort, mit aller
gebhrenden Bescheidenheit."

"Das mchte ich mir ausbitten", sagte Diederich. Der Redakteur hatte sich
Mut getrunken, er schwankte auf seinem Sitz und kicherte ohne Grund.

"Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine Herren. Ich hab' mir
sogar schon immer gedacht, Soldaten sind zum Schieen da."

"Na also."

"Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?"

"Selbstverstndlich! Fall Lck!"

"Przedenzflle - hihi - sind ganz schn, aber wir wissen doch alle, da
der Kaiser ein origineller Denker und - hihi - impulsiv ist. Er lt sich
nicht gern vorgreifen. Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, da Sie,
Herr Doktor Heling, Minister werden sollen, dann - hihi - werden Sie es
gerade nicht."

"Jdische Verdrehungen!" rief Jadassohn. Der Redakteur entrstete sich.
"Ich schreibe anderthalb Spalten Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der
Posten aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann sind wir
'reingefallen."

Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den Bleistift aus der
Hand. Diederich ergriff ihn. "Sind wir nationale Mnner?" Und er
unterschrieb wuchtig. Da brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte
gleich als Zweiter drankommen.

"Aufs Telegraphenamt!"

Diederich gab Auftrag, da die Rechnung ihm morgen zugestellt werde, und
man brach auf. Nothgroschen war auf einmal voll ausschweifender
Hoffnungen. "Wenn ich die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu
Scherl!"

Der Major brllte: "Wir wollen doch mal sehen, ob ich noch lange
Wohlttigkeitsfeste arrangiere!"

Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdrcken und Heuteufel
von der Menge gesteinigt. Khnchen schwrmte von Blutbdern in den Straen
von Netzig. Jadassohn krhte: "Erlaubt sich vielleicht jemand einen
Zweifel an meiner Kaisertreue?" Und Diederich: "Der alte Buck soll sich
hten! Klsing in Gausenfeld auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!"

Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal scho einer
unvermutet ein Stck vorwrts. Mit ihren Stcken strichen sie tosend ber
die herabgelassenen Rollden, und im Takt voneinander unabhngig sangen
sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts stand ein Schutzmann,
aber zu seinem Glck rhrte er sich nicht. "Wollen Sie vielleicht etwas,
Mnneken?" rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. "Wir
telegraphieren an den Kaiser!" Vor dem Postgebude ward Pastor Zillich,
der den schwchsten Magen hatte, von einem Unglck betroffen. Indes die
anderen ihm seine Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den
Beamten heraus und gab das Telegramm auf. Als der Beamte es gelesen hatte,
betrachtete er Diederich zgernd - aber Diederich blitzte ihn so furchtbar
an, da er zurckschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr
ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der Haltung des
Kaisers, wenn nun ein Flgeladjutant ihm die Heldentat des Postens meldete
und der Chef des Zivilkabinetts ihm die Huldigungsdepesche berbrachte.
Diederich fhlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den Sbel an
seiner Seite und sagte: "Ich bin sehr stark!" Der Telegraphist hielt es
fr eine Reklamation und zhlte ihm das kleine Geld nochmals vor.
Diederich nahm es, trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein
Papier. Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurck.

Sie hatten fr den Pastor eine Droschke beschafft, er fuhr soeben fort und
winkte weinend aus dem Fenster, als sei es fr ewig. Jadassohn bog beim
Theater um eine Ecke, obwohl der Major ihm nachbrllte, seine Wohnung sei
doch ganz woanders. Pltzlich war dann auch der Major fort, und Diederich
gelangte mit Nothgroschen allein in die Lutherstrae. Vor dem
Walhalla-Theater war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten in
der Nacht wollte er das "elektrische Wunder" sehen, eine Dame, die dort
Feuer sprhen sollte. Diederich mute ihm ernstlich vorhalten, da dies
nicht die Stunde fr solche Frivolitten sei. brigens verga Nothgroschen
das "elektrische Wunder", sobald er das Haus der "Netziger Zeitung"
erblickte. "Aufhalten!" schrie er. "Die Maschine aufhalten! Das Telegramm
der nationalen Mnner mu noch hinein!... Sie wollen es doch morgen frh
in der Zeitung lesen", sagte er zu einem vorbergehenden Nachtwchter. Da
packte Diederich ihn fest am Arm.

"Nicht nur dieses Telegramm", sagte er, kurz und leise. "Ich habe noch ein
anderes." Er zog ein Papier aus der Tasche. "Der Nachttelegraphist ist ein
alter Bekannter von mir, er hat es mir anvertraut. ber diese Herkunft
werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann wre sonst in
seiner Stellung bedroht."

Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich, ohne das Papier
dabei anzusehen:

"Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom Obersten selbst dem
Posten mitzuteilen, der heute den Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Fr
Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche
ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne Dich zum
Gefreiten.... berzeugen Sie sich" - und Diederich reichte dem Redakteur
das Papier hin. Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie
entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart,
der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten.

"Jetzt glaubte ich fast -" stammelte Nothgroschen. "Sie haben so viel
hnlichkeit mit - mit -."





                                   IV.


Diederich wrde, wie in der besten Neuteutonenzeit, das Mittagessen
verschlafen haben, aber die Rechnung vom Ratskeller kam, und sie war
bedeutend genug, da er aufstehen und ins Kontor gehen mute. Ihm war sehr
schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, sogar die
Familie. Die Schwestern verlangten ihr monatliches Toilettegeld, und als
er erklrte, da er es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Stbier
vor, der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung begegnete
Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme setzte er den Mdchen
auseinander, sie wrden sich noch an ganz andere Dinge gewhnen mssen.
Stbier freilich, der habe immer nur hergegeben und die Fabrik
heruntergewirtschaftet. "Wenn ich euch heute euren Anteil auszahlen
sollte, wrdet ihr euch verflucht wundern, wie wenig es wre." Whrend er
dies sagte, empfand er es als durchaus unberechtigt, da er irgend einmal
sollte gezwungen werden knnen, die beiden am Geschft zu beteiligen. Man
mte das verhindern knnen, dachte er. Sie dagegen wurden auch noch
herausfordernd. "Also wir knnen die Modistin nicht bezahlen, aber der
Herr Doktor trinkt Sekt fr hundertfnfzig Mark." Da ward Diederich
furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach man! Er wurde ausspioniert! Er
war nicht der Herr im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der fr die
Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen konnten! Er schrie und
stampfte, da die Glser klirrten. Frau Heling flehte wimmernd, die
Schwestern widersprachen nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge.

"Was erlaubt ihr euch? Gnse wie ihr? Was wit ihr, ob die hundertfnfzig
Mark nicht eine glnzende Kapitalsanlage sind. Jawohl, Kapitalsanlage!
Meint ihr, ich saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen will?
Davon wit ihr hier in Netzig noch nichts, das ist der neue Kurs, es ist
-" Er hatte das Wort. "Grozgig ist es! Grozgig!"

Und er warf die Tr hinter sich zu. Frau Heling ging ihm vorsichtig nach,
und als er im Wohnzimmer ins Sofa gesunken war, nahm sie seine Hand und
sagte: "Mein lieber Sohn, ich bin mit dir." Dabei sah sie ihn an, als
wollte sie "aus dem Herzen beten". Diederich verlangte einen sauren
Hering; und dann beklagte er sich zornig, wie schwer es sei, in Netzig den
neuen Geist einzufhren. Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft
nicht untergraben! "Ich habe Groes mit euch vor, aber das berlat
geflligst meiner besseren Einsicht. Einer mu Herr sein.
Unternehmungsgeist und Grozgigkeit gehren freilich dazu. Stbier ist
dabei nicht zu brauchen. Eine Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen,
dann wird er ausgeschifft."

Frau Heling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde schon um seiner
Mutter willen immer genau wissen, was er tun msse - und dann begab
Diederich sich ins Kontor und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik
Bschli Co. in Eschweiler, um bei ihr einen "neuen
Patent-Doppel-Hollnder, System Maier" zu bestellen. Er lie den Brief
offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurckkam, stand Stbier vor seinem
Pult, und es war kein Zweifel, unter seinem grnen Augenschirm weinte er:
es tropfte auf den Brief. "Sie mssen ihn noch mal abschreiben lassen",
sagte Diederich khl. Da begann Stbier:

"Junger Herr, unser alter Hollnder ist kein Patent-Hollnder, aber er
stammt noch aus der ersten Zeit des alten Herrn; mit ihm hat er
angefangen, und mit ihm ist er gro geworden ..."

"Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem eigenen Hollnder gro
zu werden", sagte Diederich schneidend. Stbier jammerte.

"Unser alter hat uns noch immer gengt."

"Mir nicht."

Stbier schwur, er sei so leistungsfhig wie die allerneuesten, die nur
durch schwindelhafte Reklame emporgetragen wrden. Als Diederich hart
blieb, ffnete der Alte die Tr und rief hinaus: "Fischer! Kommen Sie mal
her!" Diederich ward unruhig. "Was wollen Sie von dem Menschen. Ich
verbitte mir, da er sich einmischt!" Aber Stbier berief sich auf das
Zeugnis des Maschinenmeisters, der in den grten Betrieben gearbeitet
habe. "Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn Doktor, wie leistungsfhig
unser Hollnder ist!" Diederich wollte nicht hren, er lief hin und her,
berzeugt, der Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu rgern.
Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschrnkten
Anerkennung von Diederichs Sachverstndigkeit, und dann sagte er ber den
alten Hollnder alles Ungnstige, das sich irgend ber ihn denken lie.
Wenn man Napoleon Fischer hrte, war er schon nahe daran gewesen, zu
kndigen, nur weil ihm der alte Hollnder nicht gefiel. Diederich
schnaubte: er habe wahrhaftig Glck, da ihm die wertvolle Kraft des Herrn
Fischer nun doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklrte ihm,
ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der Abbildung im Prospekt
alle Vorzge des neuen Patent-Hollnders, vor allem seine hchst bequeme
Bedienung. "Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!" schnaubte Diederich.
"Sonst wnsch' ich mir nichts. Danke, Sie knnen gehen."

Als der Maschinenmeister hinaus war, beschftigten Stbier und Diederich
sich eine lange Weile jeder fr sich. Pltzlich fragte Stbier: "Und womit
sollen wir ihn bezahlen?" Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte die
ganze Zeit an nichts weiter gedacht. "Ach was!" schrie er. "Bezahlen!
Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist aus, und dann: wenn ich mir
einen so teuren Hollnder bestelle, meinen Sie vielleicht, ich wei nicht
wozu? Nein, mein Lieber, dann mu ich wohl bestimmte Aussichten auf
baldige Ausdehnung des Geschftes haben - ber die ich mich heute noch
nicht uern will."

Damit verlie er das Kontor, in strammer Haltung, trotz inneren Zweifeln.
Dieser Napoleon Fischer hatte sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen,
mit einem gewissen Blick, als habe er den Chef gehrig hineingelegt.
"Umdroht von Feinden," dachte Diederich und reckte sich noch straffer, "da
sind wir erst recht stark. Ich werde sie schon zerschmettern." Sie sollten
erfahren, mit wem sie es zu tun hatten; daher fhrte er einen Gedanken
aus, der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging zum Doktor
Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde ab und lie ihn warten.
Dann empfing er ihn in seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und
Gegenstnde, Diederich an frhere, peinliche Besuche erinnerte. Doktor
Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte kurz und sagte: "Nun, Sie
kommen wohl her, um zu triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre
Sekthuldigung ist drin - na und die Depesche des Kaisers an den Posten
lt von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wnschen."

"Welche Depesche?" fragte Diederich. Doktor Heuteufel zeigte sie ihm;
Diederich las. "Fr Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind
bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und
ernenne Dich zum Gefreiten." Wie es hier gedruckt stand, machte es ihm den
Eindruck vollkommener Echtheit. Er war sogar ergriffen; mit mnnlicher
Zurckhaltung sagte er: "Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen
gesprochen." Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte Diederich Atem.
"Nicht deswegen bin ich hergekommen, sondern um unsere beiderseitigen
Beziehungen festzulegen." Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte
Heuteufel. "Nein, durchaus noch nicht." Diederich versicherte, da er
einen ehrenvollen Frieden wnsche. Er sei bereit, im Sinne eines
wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, falls man dagegen seine streng
nationale und kaisertreue berzeugung achte. Doktor Heuteufel erklrte
dies einfach fr Phrasen: da verlor Diederich die Fassung. Dieser Mensch
hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit Hilfe eines Dokumentes, als
Feigling hinstellen! Das hhnische Lcheln in seinem gelben
Chinesengesicht, diese berlegene Haltung waren eine fortwhrende
Anspielung. Aber er sprach nicht, er lie das Schwert weiterschweben ber
Diederichs Haupt. Der Zustand mute aufhren! "Ich fordere Sie auf," sagte
Diederich, heiser vor Erregung, "mir meinen Brief zurckzugeben."
Heuteufel tat erstaunt. "Welchen Brief?" - "Den ich Ihnen wegen des
Militrs geschrieben habe, als ich dienen sollte." Darauf dachte der Arzt
nach.

"Ach so: weil Sie sich drcken wollten!"

"Ich dachte mir schon, Sie wrden meine unvorsichtigen uerungen in einem
fr mich beleidigenden Sinne auslegen. Ich fordere Sie nochmals zur
Rckgabe des Briefes auf." Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich
nicht.

"Lassen Sie mich in Ruh'. Ihren Brief hab' ich nicht mehr."

"Ich verlange Ihr Ehrenwort."

"Das gebe ich nicht auf Befehl."

"Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen Handlungsweise
aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem Brief bei irgendeiner Gelegenheit
Unannehmlichkeiten verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses
vor. Dann denunziere ich Sie der rztekammer, stelle Strafantrag gegen Sie
und biete allen meinen Einflu auf, um Sie unmglich zu machen!" In
hchster Erregung, fast stimmlos: "Sie sehen mich zum uersten
entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf bis aufs Messer!"

Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schttelte den Kopf, sein
Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte: "Sie sind heiser."

Diederich fuhr zurck, er stammelte: "Was geht Sie das an?"

"Gar nichts", sagte Heuteufel. "Es interessiert mich nur von frher her,
weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt habe."

"Was denn? Wollen Sie sich geflligst uern." Aber das lehnte Heuteufel
ab. Diederich blitzte ihn an. "Ich mu Sie energisch auffordern, Ihre
rztliche Pflicht zu tun!"

Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf sank Diederichs
herrische Miene zusammen, und er forschte klagend. "Manchmal hab' ich ja
Schmerzen im Hals. Glauben Sie denn, da es schlimmer wird? Hab' ich was
zu befrchten?"

"Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren."

"Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen, Herr Doktor, Sie
versndigen sich, ich habe eine Familie zu erhalten."

"Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger trinken. Gestern abend war
es zuviel."

"Ach so." Diederich richtete sich auf. "Sie gnnen mir den Sekt nicht. Und
dann wegen der Huldigungsadresse."

"Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen Sie mich nicht zu
fragen."

Aber Diederich flehte schon wieder. "Sagen Sie mir wenigstens, ob ich
Krebs kriegen kann."

Heuteufel blieb streng. "Nun, Sie waren schon immer skrofuls und
rachitisch. Sie htten nur dienen sollen, dann wren Sie nicht so
aufgeschwemmt."

Schlielich lie er sich zu einer Untersuchung herbei und nahm eine
Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich erstickte, rollte angstvoll die
Augen und umklammerte den Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus.
"So komm' ich natrlich nicht hin." Er feixte durch die Nase. "Sie sind
noch wie frher."

Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war, machte er sich fort aus
dieser Schreckenskammer. Vor dem Hause, noch mit Trnen in den Augen,
stie er auf den Assessor Jadassohn. "Nanu?" sagte Jadassohn. "Ist Ihnen
die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet zu Heuteufel gehen Sie?"

Diederich versicherte, sein Befinden sei glnzend. "Aber aufgeregt hab'
ich mich ber den Menschen! Ich gehe hin, weil ich es als meine Pflicht
betrachte, eine befriedigende Erklrung zu verlangen fr die gestrigen
uerungen dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat fr
einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natrlich nichts Verlockendes."

Jadassohn schlug vor, in Klappsch' Bierstube einzutreten.

"Ich gehe also hin," fuhr Diederich drinnen fort, "in der Absicht, die
ganze Geschichte mit der Besoffenheit des betreffenden Herrn zu
entschuldigen, schlimmstenfalls mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung.
Was meinen Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert
berlegenheit. bt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse und, Sie
werden es nicht glauben, sogar an dem Telegramm Seiner Majestt!"

"Nun, und?" fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit Frulein Klappsch
beschftigte.

"Fr mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem Herrn fertig frs Leben!"
rief Diederich, trotz dem schmerzlichen Bewutsein, da er am Mittwoch
wieder zum Pinseln mute. Jadassohn versetzte schneidend:

"Aber ich nicht." Und da Diederich ihn ansah: "Es gibt nmlich eine
Behrde, die sich die Knigliche Staatsanwaltschaft nennt und die fr
Leute wie diese Herren Lauer und Heuteufel ein nicht zu unterschtzendes
Interesse hegt." Damit lie er Frulein Klappsch los und bedeutete ihr,
sie mge verschwinden.

"Wie meinen Sie das"? fragte Diederich, unheimlich berhrt.

"Ich denke Anklage wegen Majesttsbeleidigung zu erheben."

"Sie?"

"Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub, ich bin dran. Und,
wie ich unmittelbar nach dem gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt
habe, war ich bei der Verbung des Deliktes nicht anwesend, bin also
keineswegs verhindert, in dem Proze die Anklagebehrde zu vertreten."

"Aber wenn niemand die Sache anzeigt!"

Jadassohn lchelte grausam. "Das haben wir, Gott sei Dank, nicht ntig ...
brigens erinnere ich Sie daran, da Sie selbst gestern abend sich uns als
Zeugen anboten."

"Davon wei ich nichts", sagte Diederich schnell.

Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. "Sie werden sich an alles wieder
erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter Ihrem Eid stehen." Da entrstete
Diederich sich. Er ward so laut, da Klappsch diskret in das Zimmer
sphte.

"Herr Assessor, ich mu mich sehr wundern, da Sie private uerungen
meinerseits -. Sie haben offenbar die Absicht, mit Hilfe eines politischen
Prozesses schneller Staatsanwalt zu werden. Aber ich mchte wissen, was
mich Ihre Karriere angeht."

"Na und mich die Ihre?" fragte Jadassohn.

"So. Dann sind wir Gegner?"

"Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen." Und Jadassohn setzte ihm
auseinander, da er keinen Grund habe, den Proze zu frchten. Smtliche
Zeugen der Vorgnge im Ratskeller wrden dasselbe aussagen mssen wie er
selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich keineswegs zu weit
vorwagen ... Das habe er leider schon getan, erwiderte Diederich, denn
schlielich sei er es, der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn
beruhigte ihn. "Wer fragt danach. Es handelt sich darum, ob die
inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer gefallen sind. Sie machen,
wie die anderen Herren, einfach Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit
Vorsicht."

"Mit groer Vorsicht!" versicherte Diederich. Und angesichts von
Jadassohns teuflischer Miene: "Wie komme ich dazu, einen anstndigen
Menschen wie Lauer ins Gefngnis zu bringen? Jawohl, einen anstndigen
Menschen! Denn eine politische Gesinnung ist in meinen Augen keine
Schande!"

"Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten Buck, den Sie vorlufig
noch brauchen", schlo Jadassohn - und Diederich lie den Kopf sinken.
Dieser jdische Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts
machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben. Er sagte sich wieder
einmal, da alle gerissener und brutaler im Leben vorgingen als er selbst.
Die groe Aufgabe war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin
und blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn von der
Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ... brigens lenkte Jadassohn zu
etwas anderem ber.

"Wissen Sie schon, da in der Regierung und bei uns im Gericht ganz
sonderbare Gerchte umgehen - ber das Telegramm Seiner Majestt an den
Regimentskommandeur? Der Oberst soll nmlich behaupten, er habe gar kein
Telegramm bekommen."

Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste Stimme. "Aber es hat
doch in der Zeitung gestanden!" Jadassohn grinste zweideutig. "Da steht
gar zuviel." Er lie sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die Tr
schob, die "Netziger Zeitung" bringen. "Sehen Sie, in der Nummer hier
steht berhaupt nichts, was nicht auf Seine Majestt Bezug hat. Der
Leitartikel beschftigt sich mit dem Allerhchsten Bekenntnis zum
geoffenbarten Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten, dann das
Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte mit drei Anekdoten
ber die kaiserliche Familie."

"Es sind recht rhrende Geschichten", bemerkte Klappsch und verdrehte die
Augen.

"Zweifellos!" beteuerte Jadassohn; und Diederich: "Sogar so ein
freisinniges Hetzblatt mu die Bedeutung Seiner Majestt anerkennen!"

"Aber bei dem lblichen Eifer wre es schlielich mglich, da die
Redaktion die Allerhchste Depesche eine Nummer zu frh gebracht hat -
noch vor ihrer Absendung." "Ausgeschlossen!" entschied Diederich. "Der
Stil Seiner Majestt ist unverkennbar." Auch Klappsch wollte ihn erkennen.
Jadassohn gab zu: "Nun ja ... Weil man nie wissen kann, darum dementieren
wir auch nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger Zeitung
knnte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow hat sich den Redakteur
Nothgroschen kommen lassen, aber der Kerl verweigert die Aussage. Der
Prsident hat gespuckt, er ist selbst zu uns gekommen wegen des
Zeugniszwangverfahrens gegen Nothgroschen. Schlielich haben wir davon
abgesehen und warten lieber das Dementi aus Berlin ab - weil man eben
nicht wissen kann."

Da Klappsch in die Kche gerufen ward, setzte Jadassohn noch hinzu:
"Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte verdchtig vor, aber niemand
will vorgehen, weil in diesem Fall - in diesem ganz besonderen Fall" -
sagte Jadassohn mit perfider Betonung, und seine ganze Miene, sogar die
Ohren sahen perfid aus, "gerade das Unwahrscheinliche am meisten Aussicht
hat, Ereignis zu werden."

Diederich war starr: nie htte ihm so schwarzer Verrat getrumt. Jadassohn
bemerkte sein Entsetzen und verwirrte sich, er fing an zu zappeln. "Nu,
der Mann hat seine Schwchen - Ihnen gesagt." Diederich versetzte, fremd
und drohend: "Gestern abend schienen Sie davon noch nichts zu wissen."
Jadassohn entschuldigte sich: der Sekt mache natrlich unkritisch. Ob Herr
Doktor Heling denn die Begeisterung der brigen Herren so ernst genommen
habe. Einen greren Nrgler als den Major Kunze gebe es berhaupt
nicht ... Diederich zog sich mit seinem Stuhle zurck, ihm ward kalt, als
finde er sich pltzlich in einer Verbrecherhhle. Mit uerster Energie
sagte er: "Auf die nationale Gesinnung der brigen Herren hoffe ich mich
ebenso verlassen zu knnen wie auf meine eigene, an der zu zweifeln ich
mir auf das allerbestimmteste verbitten mte."

Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurck. "Soll das etwa einen
Zweifel in bezug auf meine Person involvieren, so weise ich ihn mit
gebhrender Entrstung zurck." Krhend, so da Klappsch in die Tr
sphte: "Ich bin der Knigliche Assessor Doktor Jadassohn und stehe auf
Wunsch zur Verfgung."

Darauf mute Diederich wohl murmeln, da er es so nicht gemeint habe. Dann
aber zahlte er. Die Verabschiedung war khl.

Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. Htte er sich nicht
entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn? Fr den Fall, da
Nothgroschen redete? Jadassohn hatte ihn freilich ntig, in dem Proze
gegen Lauer! Auf alle Flle war es gut, da Diederich jetzt Bescheid wute
ber den wahren Charakter dieses Herrn! "Seine Ohren sind mir gleich
verdchtig vorgekommen! Wirklich national empfinden kann man eben doch
nicht mit solchen Ohren."

Zu Hause nahm er sogleich den Berliner "Lokal-Anzeiger" vor. Da waren
schon die Kaiseranekdoten fr die "Netziger Zeitung" von morgen.
Vielleicht kamen sie auch erst bermorgen, fr alle war dort nicht Platz.
Aber er suchte weiter; seine Hnde zitterten ... Da! Er mute sich setzen.
"Ist dir was, mein Sohn?" fragte Frau Heling. Diederich starrte die
Buchstaben an, wie ein Mrchen, das Wahrheit ward. Da stand es, unter
anderen unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine Majestt
selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, da er es selbst kaum hrte,
murmelte Diederich: "Mein Telegramm." Das bange Glck sprengte ihn fast.
Konnte es sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser sagen
wrde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein Gehirn arbeitete gemeinsam
mit -? Die unerhrtesten mystischen Beziehungen berwltigten ihn ... Aber
das Dementi konnte noch kommen, er konnte zurckgeschleudert werden in
sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle Nacht, und am Morgen
strzte er sich auf den Lokalanzeiger. Die Anekdoten. Die
Denkmalsenthllung. Die Rede. "Aus Netzig." Da stand von den Ehrungen, die
dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren, fr seinen vor dem
inneren Feind bewiesenen Mut. Alle Offiziere, der Oberst an der Spitze,
hatten ihm die Hand gedrckt. Er hatte Geldgeschenke bekommen.
"Bekanntlich hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern
telegraphisch zum Gefreiten befrdert." Da stand es! Kein Dementi: eine
Besttigung! Er machte Diederichs Worte zu den seinen, und er fhrte die
Handlung aus, die Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete
das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem Spiegel, und um
seine Schultern lag Hermelin.



Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erhhung, leider durfte kein Wort
sie verraten, aber sein Wesen gengte, die Straffheit in Haltung und
Sprache, das Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um ihn her.
Stbier selbst mute zugeben, da ein forscherer Zug in den Betrieb
gekommen sei. Und Napoleon Fischer schlich, je aufrechter und heller
Diederich dastand, desto affenhnlicher vorbei, die Arme nach vorn
hngend, mit schiefem Blick und den fletschenden Zhnen in seinem dnnen
schwarzen Bart: als der Geist des gebndigten Umsturzes ... Dies war der
Moment, gegen Guste Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch.

Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein, auf ihrem alten
Plschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid mit lauter Schleifen, und
die Hnde breitete sie, rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor
sich hin auf ihren Bauch, so da der Gast die neuen Ringe immer vor Augen
hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung, worauf Frau Daimchen
sich bereitwillig darber auslie, da sie und ihre Guste es nun Gott sei
Dank zu allem htten. Sie wten nur noch nicht, ob sie sich altdeutsch
oder Louis ks einrichten sollten. Diederich riet lebhaft zu altdeutsch;
er habe es in Berlin in den feinsten Husern gesehen. Aber Frau Daimchen
war mitrauisch. "Wer wei, ob Sie so feine Leute wie uns schon besucht
haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn man so tun mu, als ob man was
hat, und hat nichts." Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen
trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glck trat Guste ein,
heftig rauschend. Diederich schwang sich elastisch aus seinem Fauteuil,
sagte schnarrend: "Gndigstes Frulein!" und unternahm einen Handku.
Guste lachte. "Reien Sie sich nur kein Bein aus!" Aber sie trstete ihn
gleich wieder. "Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist. Der Herr
Leutnant von Brietzen macht es auch so."

"Ja, ja," sagte Frau Daimchen, "bei uns verkehren alle Herren Offiziere.
Gestern sag' ich noch zu Guste: Guste, sag' ich, auf jede Sitzgelegenheit
knnen wir eine Freiherrnkrone sticken lassen, denn berall hat sich schon
einer draufgesetzt."

Guste verzog den Mund. "Aber was die Familien betrifft und sonst
berhaupt, ist Netzig doch reichlich spieig. Ich glaube, wir ziehen nach
Berlin." Damit war Frau Daimchen nicht einverstanden. "Man soll den Leuten
den Gefallen nicht tun", meinte sie. "Die alte Harnisch ist erst heute,
wie sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt."

"So ist Mutter nun mal," sagte Guste. "Wenn sie renommieren kann, ist
alles gut. Aber ich denke doch auch an meinen Verlobten. Wissen Sie, da
Wolfgang sein Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig? In
Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden." Diederich besttigte:
"Er wollte ja schon immer Minister oder so was werden." Leis hhnisch
setzte er hinzu: "Das soll ja ganz leicht sein."

Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. "Der Sohn vom alten Herrn
Buck ist eben nicht jeder", sagte sie spitz. Aber Diederich setzte,
weltmnnisch berlegen, auseinander, da es heute auf Dinge ankomme, die
der Einflu des alten Buck nicht verleihen knne: Persnlichkeit,
grozgigen Unternehmungsgeist und vor allem eine stramm nationale
Gesinnung. Das junge Mdchen unterbrach ihn nicht mehr, sie sah sogar mit
Respekt auf seine khnen Schnurrbartspitzen. Aber das Bewutsein, Eindruck
zu machen, ri ihn zu weit fort. "Von alledem habe ich bei Herrn Wolfgang
Buck noch nichts bemerkt", sagte er. "Der philosophiert und nrgelt, und
im brigen soll er sich ziemlich viel amsieren ... Na," schlo er, "seine
Mutter war ja auch eine Schauspielerin." Und er sah fort, obwohl er
fhlte, da Gustes drohender Blick ihn suchte.

"Was wollen Sie damit sagen?" fragte sie. Er tat berrascht.

"Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in Berlin nun mal
leben. Bucks sind doch eine vornehme Familie."

"Das wollen wir hoffen", sagte Guste schroff. Frau Daimchen, die geghnt
hatte, erinnerte an die Schneiderin, Guste sah Diederich erwartungsvoll
an, ihm blieb nichts brig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu
machen. Den Handku unternahm er nicht mehr, mit Rcksicht auf die
gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer holte Guste ihn ein. "Wollen Sie es
mir jetzt vielleicht sagen," fragte sie, "was Sie gemeint haben mit der
Schauspielerin?"

Er ffnete den Mund, schnappte und schlo ihn wieder, stark errtet. Um
ein Haar htte er verraten, was seine Schwestern ihm ber Wolfgang Buck
erzhlt hatten. Er sagte mit mitleidiger Stimme: "Frulein Guste, weil wir
doch so alte Bekannte sind -. Ich wollte nur sagen, der Buck ist nichts
fr Sie. Er ist sozusagen erblich belastet von seiner Mutter her. Der Alte
war doch auch zum Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks
noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie heiraten, mit der es
bergab geht. Das ist Snde gegen sich selbst", setzte er noch hinzu. Aber
Guste hatte die Hnde in die Hften gestemmt.

"Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf? Weil Sie sich im Ratskeller
betrinken und dann den Leuten Krach machen? Die ganze Stadt spricht von
Ihnen, und Sie mchten einer hochfeinen Familie was anhngen. Bergab! Wer
mein Geld kriegt, mit dem geht es berhaupt nicht bergab. Sie sind blo
neidisch, meinen Sie, ich wei das nicht?" - und sie sah ihn an, die Augen
voll Trnen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er htte Lust gehabt, sich
auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen Finger zu kssen und dann
die Trnen aus den Augen, - aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle
rosigen Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der
Verachtung, machte kehrt und schlug die Tr zu. Diederich stand mit
angstklopfendem Herzen noch eine Weile da, dann trollte er sich, im Gefhl
seiner Kleinheit.

Er bedachte, da fr ihn hier nichts zu machen gewesen sei; die Sache gehe
ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem Geld doch immer nur eine fette
Gans, - und das beruhigte ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm
mitteilte, was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe, da triumphierte
Diederich. Fnfzigtausend Mark, das war alles! Und deswegen ein Auftreten
wie die Grfinnen? Ein Mdchen von dermaen schwindelhaftem Gebaren pate
freilich besser zu den verkommenen Bucks als zu einem kernigen und
treugesinnten Mann wie Diederich! Da war Kthchen Zillich vorzuziehen.
uerlich Guste hnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmckt,
empfahl sie sich auerdem durch Gemt und ein entgegenkommendes Wesen. Er
kam fter zum Kaffee und machte ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor
Jadassohn, was Diederich als nur zu berechtigt anerkennen mute. Auch
sprach sie mit uerster Mibilligung von Frau Lauer, die mit
Landgerichtsrat Fritzsche -. Was Lauers Proze betraf, war Kthchen
Zillich die einzige, die ganz auf Diederichs Seite stand.

Denn diese Sache nahm fr Diederich ein drohendes Gesicht an. Jadassohn
hatte erreicht, da die Staatsanwaltschaft durch einen Ermittelungsrichter
die Zeugen jenes nchtlichen Vorfalls vernehmen lie; und so zurckhaltend
Diederich sich vor dem Richter geuert hatte, die anderen machten ihn
verantwortlich fr ihre Verlegenheiten. Die Herren Cohn und Fritzsche
wichen ihm aus; der Bruder des Herrn Buck, ein so hflicher Mann, vermied
seinen Gru; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte aber jedes
Privatgesprch ab. An dem Tage, da es bekannt ward, da das Gericht dem
Fabrikbesitzer Lauer die Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich
seinen Tisch im Ratskeller leer. Professor Khnchen zog sich eben den
Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen. Aber Khnchen hatte
es eilig, er mute im freisinnigen Whlerverein gegen die neue
Militrvorlage reden. Er entwischte; und Diederich dachte enttuscht jener
sieghaften Nacht, als drauen das Blut des inneren Feindes, hier aber Sekt
geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten Khnchen der
kriegslustigste gewesen war. Jetzt sprach er gegen die Vermehrung unseres
ruhmreichen Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in seinen
Dmmerschoppen; da erschien Major Kunze.

"Nanu, Herr Major," sagte Diederich mit erzwungener Munterkeit, "von Ihnen
hrt man gar nichts mehr."

"Von Ihnen um so mehr." Der Major knurrte, blieb in Hut und Mantel stehen
und sah sich um, wie in einer Schneewste. "Kein Mensch da!"

"Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf -" wagte Diederich zu
sagen, aber er kam bel an. "Danke, Ihr Sekt liegt mir noch im Magen." Der
Major bestellte Bier und sa da, stumm und mit einem Gesicht zum Frchten.
Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden, sagte Diederich drauf los:
"Nun, und der Kriegerverein, Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich
wrde einmal etwas hren ber meine Aufnahme."

Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen. "Ach so. Sie
haben geglaubt. Sie haben wohl auch geglaubt, es wrde mir eine Ehre sein,
wenn Sie mich in Ihre Skandalaffre hineinziehen?"

"Meine?" stotterte Diederich. Der Major donnerte. "Jawohl, Herr! Ihre! Dem
Herrn Fabrikbesitzer Lauer ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann
vorkommen, sogar bei alten Soldaten, die sich fr ihren Knig haben zu
Krppeln schieen lassen. Sie aber haben den Herrn Lauer raffinierterweise
zu seinen unbedachten uerungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem
Untersuchungsrichter zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der war in
Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein. Sie, Herr, wer sind Sie?
Wei ich, ob Sie berhaupt gedient haben? Her mit Ihren Papieren!"

Diederich griff in die Brusttasche. Er wrde stramm gestanden haben, wenn
der Major es befohlen htte. Der Major hielt sich den Militrpa weit von
den Augen fort. Pltzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. "Na also.
Landsturm mit der Waffe. Hab' ich es nicht gesagt? Plattfe
wahrscheinlich." Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort des Majors und
hielt beschwrend die Hand vor sich hin. "Herr Major, ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort, da ich gedient habe. Infolge eines Unglcksfalles, der mir nur
zur Ehre gereicht, mute ich nach drei Monaten austreten ..."

"Solche Unglcksflle kennen wir ... Zahlen!"

"Sonst wre ich ganz dabei geblieben", sagte Diederich noch, mit
fliegender Stimme. "Ich war mit Leib und Seele Soldat, fragen Sie meine
Vorgesetzten."

"'n Abend." Der Major hatte schon den Mantel an. "Ich will Ihnen blo noch
sagen, Herr: wer nicht gedient hat, den gehen die Majesttsbeleidigungen
anderer Leute den Teufel an. Majestt legt keinen Wert auf nicht gediente
Herrschaften ... Grtzmacher," sagte er zum Wirt, "Sie sollten sich Ihr
Publikum genauer ansehen. Wegen eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist
nun der Herr Lauer beinahe verhaftet worden, und ich mu mit meinem
steifen Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen Leuten
verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt, ich bin beschftigungslos,
und wenn ich hier zu Ihnen komme -" er warf wieder einen Blick wie ber
Schneewsten - "ist kein Mensch da. Auer, natrlich, der Denunziant!"
schrie er noch auf der Treppe.

"Mein Ehrenwort, Herr Major -" Diederich lief hinterher, "ich habe keine
Anzeige erstattet, das Ganze ist ein Miverstndnis." Der Major war schon
drauen, Diederich rief ihm nach: "Wenigstens bitte ich um Ihre
Diskretion!"

Er trocknete die Stirn. "Herr Grtzmacher, Sie mssen doch einsehen -"
sagte er, mit Trnen in der Stimme. Da er Wein bestellte, sah der Wirt
alles ein.

Diederich trank und schttelte wehmtig den Kopf. Diese Fehlschlge
begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen, nur die Tcke seiner
Feinde verdunkelte sie ... Da erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche,
sah sich zgernd um, - und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam
er zu ihm. "Herr Doktor Heling," sagte er und gab ihm die Hand, "Sie
sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt wr." In einem groen
Betrieb, murmelte Diederich, gebe es freilich immer rger. Aber da er die
mitfhlende Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends. "Ihnen kann
ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache mit dem Herrn Lauer ist mir
verdammt unangenehm."

"Ihm noch mehr", sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge. "Wenn bei ihm nicht
jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen wre, htten wir ihn gleich heute
verhaften lassen mssen." Er sah Diederich erbleichen und fgte hinzu:
"Was sogar uns Richtern peinlich gewesen wre. Schlielich ist man Mensch
und lebt unter Menschen. Aber natrlich -" Er befestigte seinen Klemmer
und machte sein trockenes Gesicht. "Das Gesetz mu befolgt werden. Wenn
Lauer an dem betreffenden Abend - ich selbst hatte das Lokal ja schon
verlassen - tatschlich die unerhrten Majesttsbeleidigungen geuert
hat, die von der Anklage behauptet werden, und fr die Sie als Hauptzeuge
aufgestellt sind -"

"Ich?" Diederich fuhr verzweifelt auf. "Ich habe nichts gehrt! Kein
Wort!"

"Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter."

Diederich verwirrte sich. "Im ersten Moment wei man doch nicht, was man
sagen soll. Aber wenn ich mir den fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere,
dann scheint es mir doch, da wir alle ziemlich stark angeheitert waren.
Ich besonders."

"Sie besonders", wiederholte Fritzsche.

"Ja, und da habe ich wohl anzgliche Fragen an Herrn Lauer gestellt. Was
er mir darauf geantwortet hat, das knnte ich jetzt nicht mehr beschwren.
Das Ganze war doch berhaupt nur ein Scherz."

"Ach so: ein Scherz." Fritzsche atmete auf. "Ja, aber was hindert Sie
denn, das einfach dem Richter zu sagen?" Er erhob den Finger. "Ohne da
ich natrlich im geringsten Ihre Aussage beeinflussen mchte."

Diederich erhob die Stimme. "Dem Jadassohn verge ich den Streich nicht!"
Und er berichtete die Machenschaften dieses Herrn, der sich whrend der
Szene vorstzlich entfernt habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen;
der dann sofort Material fr die Anklage gesammelt, den halb
unzurechnungsfhigen Zustand der Anwesenden mibraucht und sie von
vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen. "Herr Lauer und ich, wir
halten einander fr Ehrenmnner. Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu
verhetzen!"

Fritzsche erklrte ernst, da hier nicht Jadassohns Persnlichkeit in
Betracht komme, sondern nur das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Freilich
war zuzugeben, da Jadassohn vielleicht zum bereifer neigte. Mit
gedmpfter Stimme setzte er hinzu: "Sehen Sie, das ist eben der Grund,
weshalb wir mit den jdischen Herren nicht gern zusammenarbeiten. Solch
ein Herr legt sich nicht die Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk
machen mu, wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen
Majesttsbeleidigungen verurteilt wird. Sachliche Bedenken verschmht sein
Radikalismus."

"Sein jdischer Radikalismus", ergnzte Diederich.

"Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, - womit ich
keineswegs leugnen will, da er auch ein amtliches und nationales
Interesse wahrzunehmen glaubt."

"Wieso denn?" rief Diederich. "Ein gemeiner Streber, der mit unseren
heiligsten Gtern spekuliert!"

"Wenn man sich scharf ausdrcken will -" Fritzsche lchelte befriedigt. Er
rckte nher. "Nehmen wir einmal an, ich wre Untersuchungsrichter: es
gibt Flle, in denen man gewissermaen Grund htte, sein Amt
niederzulegen."

"Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet", sagte Diederich und
nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein weltmnnisches Gesicht. "Aber Sie
begreifen, damit wrde ich gewisse Gerchte ausdrcklich besttigen."

"Das geht nicht", sagte Diederich. "Es wre gegen den Komment."

"Mir bleibt nichts brig, als meine Pflicht zu tun, ruhig und sachlich."

"Sachlich sein heit deutsch sein", sagte Diederich.

"Besonders, da ich annehmen darf, da die Herren Zeugen mir meine Aufgabe
nicht unntig erschweren werden." Diederich legte die Hand auf die Brust.
"Herr Landgerichtsrat, man kann sich hinreien lassen, wo es um eine groe
Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur. Aber ich bleibe mir bewut, da
ich fr alles meinem Gott Rechenschaft schulde." Er schlug die Augen
nieder. Mit mnnlicher Stimme: "Auch ich bin der Reue zugnglich." Dies
schien Fritzsche zu gengen, denn er zahlte. Die Herren schttelten
einander ernst und verstndnisvoll die Hnde.

Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter geladen
und stand vor Fritzsche. "Gott sei Dank", dachte er und machte mit
treuherziger Sachlichkeit seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge
schien die Wahrheit zu sein. Die ffentliche Meinung freilich blieb bei
ihrer Parteilichkeit fr den Angeklagten. Von der sozialdemokratischen
"Volksstimme" nicht zu reden; sie verstieg sich bis zu hhnischen
Auslassungen ber Diederichs Privatleben, hinter denen wohl sicher
Napoleon Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige "Netziger
Zeitung" gab gerade jetzt eine Ansprache des Herrn Lauer an seine Arbeiter
wieder, worin der Fabrikbesitzer darlegte, da er den Gewinn seines
Unternehmens redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet
hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den Arbeitern. In acht Jahren
hatten sie auer ihren Lhnen und Gehltern die Summe von 130 000 Mark
unter sich zu verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den
gnstigsten Eindruck. Diederich begegnete mibilligenden Gesichtern. Sogar
der Redakteur Nothgroschen, den er zur Rede stellte, erlaubte sich ein
anzgliches Lcheln und sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man
mit nationalen Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren die
geschftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich rechnen durfte,
blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn teilte ihm ausdrcklich mit, da
er fr seine Weihnachtskataloge die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge,
weil er mit Rcksicht auf seine Kunden sich politische Zurckhaltung
auferlegen msse. Diederich erschien jetzt ganz frh im Bureau, um solche
Briefe abzufangen, aber Stbier war immer noch frher da, und das
vorwurfsvolle Schweigen des alten Prokuristen erhhte seine Wut. "Ich
schmei den ganzen Krempel hin!" schrie er. "Sie und die Leute sollen dann
sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor hab' morgen einen
Direktorposten mit 40 000 Mark!" - "Ich opfere mich fr euch!" schrie er
die Arbeiter an, wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. "Ich zahle
drauf, nur um keinen zu entlassen."

Gegen Weihnacht mute er dennoch einem Drittel der Leute aufsagen; Stbier
rechnete ihm vor, da die Zahlungsfristen zu Beginn des Jahres sonst nicht
eingehalten werden knnten, "da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung fr
den neuen Hollnder aufnehmen muten"; und er blieb dabei, obwohl
Diederich nach dem Tintenfa griff. In den Mienen der briggebliebenen las
er Mitrauen und Geringschtzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte
er das Wort "Denunziant" zu hren. Napoleon Fischers knotige,
schwarzbehaarte Hnde hingen weniger tief ber dem Boden, und es sah aus,
als bekme er sogar Farbe.

Am letzten Adventsonntag - das Landgericht hatte soeben die Erffnung des
Hauptverfahrens beschlossen - predigte in der Marienkirche Pastor Zillich
ber den Text: "Liebet eure Feinde." Diederich erschrak beim ersten Wort.
Bald fhlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward. "Die Rache ist mein,
spricht der Herr": Pastor Zillich rief es sichtlich nach dem Helingschen
Stuhl hinber. Emmi und Magda versanken ganz darin, Frau Heling
schluchzte. Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten.
"Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!" Da wandte sich alles um,
und Diederich knickte zusammen.

Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene. Man behandelte sie
schlecht in den Gesellschaften. Nie mehr ward der junge Oberlehrer
Helferich neben Emmi gesetzt, er kmmerte sich nur noch um Meta Harnisch,
und sie wute wohl warum. "Weil du ihm zu alt bist", sagte Diederich.
"Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!" - "Die fnf Tchter vom
Bruder des Herrn Buck gren uns schon nicht mehr!" rief Magda. Und
Diederich: "Ich werd' ihnen fnf Ohrfeigen herunterhauen!" - "Das la
geflligst! An dem einen Proze haben wir genug." Da verlor er die Geduld.
"Ihr? Was gehen euch meine politischen Kmpfe an?"

"Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen Kmpfe!"

"Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir hier unntz im Hause
umher, ich rackere mich ab fr euch, und ihr wollt auch noch nrgeln und
mir meine heiligsten Aufgaben verekeln? Dann schttelt geflligst den
Staub von euren Pantoffeln! Meinetwegen knnt ihr Kindermdchen werden!"
Und er schlug die Tr zu, trotz Frau Helings gerungenen Hnden.

So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister sprachen nicht
miteinander; Frau Heling verlie das verschlossene Zimmer, wo sie den
Baum schmckte, nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen
Abend, wie sie ihre Kinder hineinfhrte, sang sie ganz allein und mit
zitternder Stimme "Stille Nacht". "Dies schenkt Diedel seinen lieben
Schwestern!" sagte sie und machte ein bittendes Gesicht, damit er sie
nicht Lgen strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah ebenso
verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen. Es tat ihm leid, da er
die gewohnte Christbaumfeier der Arbeiter, trotz Stbiers dringendem Rat,
abgelehnt hatte, um die unbotmige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst htte
er jetzt mit den Leuten zusammensitzen knnen. Hier in der Familie war es
eine knstliche Sache, eine Aufwrmung alter, verbrauchter Stimmung. Echt
wre sie erst geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der
Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller htte er niemand
gefunden, wenigstens keinen Freund. Diederich erschien sich
vernachlssigt, unverstanden und verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen
Zeiten der Neuteutonia, als man in langen, von Wohlwollen beseelten Reihen
sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben, brachten keine wackeren
Kommilitonen mehr einander ehrliche Schmisse bei, sondern lauter
verrterische Konkurrenten wollten sich gegenseitig an den Hals. "Ich
passe nicht in diese harte Zeit", dachte Diederich, a Marzipan von seinem
Teller und trumte in die Lichter des Weihnachtsbaumes. "Ich bin doch
gewi ein guter Mensch. Warum ziehen sie mich in so hliche Dinge hinein
wie dieser Proze, und schaden mir dadurch auch geschftlich, so da ich,
ach lieber Gott! den Hollnder, den ich bestellt habe, nicht werde
bezahlen knnen." Dabei schnitt es ihm kalt durch den Leib, Trnen traten
ihm in die Augen, und damit die Mutter, die immer ngstlich nach seiner
sorgenvollen Miene schielte, sie nicht she, stahl er sich in das dunkle
Nebenzimmer. Er sttzte die Arme auf das Klavier und schluchzte in die
Hnde. Drauen stritten Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die
Mutter wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden waren.
Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in Politik, Geschft und
Liebe. "Was hab' ich denn noch?" Er ffnete das Klavier. Ihn frstelte, er
war so unheimlich allein, da er Angst hatte, ein Gerusch zu machen. Die
Tne kamen von selbst, seine Hnde wuten es kaum. Aus Volksliedern,
Beethoven und dem Kommersbuch klang es durcheinander in der Dmmerung, die
sich traulich davon erwrmte, so da einem wohlig dumpf im Kopf ward.
Einmal meinte er, da eine Hand ihm ber den Scheitel streife. War es nur
ein Traum? Nein, denn auf dem Klavier stand pltzlich ein volles Bierglas.
Die gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemt der Heimat ... Es ward
still, und er wute es nicht - bis die Wanduhr schlug: eine Stunde war
vergangen! "Das war meine Weihnacht", sagte Diederich und ging hinaus zu
den anderen. Er fhlte sich getrstet und gekrftigt. Da die Schwestern
noch immer wegen der Handschuhe maulten, erklrte er sie fr gemtlos und
steckte die Handschuhe ein, um sie fr sich umzutauschen.



Die ganze Festzeit ward verdstert durch die Sorge wegen des Hollnders.
Sechstausend Mark fr einen neuen Patent-Hollnder System Maier! Das Geld
war nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen. Es war ein
unbegreifliches Verhngnis, ein schbiger Widerstand von Menschen und
Dingen, der Diederich erbitterte. Wenn Stbier nicht dabei war, schlug er
mit dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken. Fr den neuen
Herrn, der die Zgel des Betriebes in seine feste Hand genommen hatte,
muten doch ohne weiteres neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge
warteten auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Persnlichkeit
anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut, Diederich traf Vorkehrungen
fr den Fall einer Katastrophe. Er war sanft mit Stbier: vielleicht
konnte der Alte noch einmal helfen. Auch demtigte er sich vor Pastor
Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, da er mit der Predigt, von der
alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe. Der Pastor versprach es auch,
mit sichtlicher Reue, unter dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein
Versprechen bekrftigte. Dann lieen die Eltern Kthchen mit Diederich
allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit so dankbar, da er
sich fast erklrt hatte. Kthchens Jawort, das auf ihren lieben, dicken
Lippen wartete, wre doch ein Erfolg gewesen, es htte ihm Bundesgenossen
gebracht gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Hollnder! Er
wrde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben ... Diederich seufzte, er
msse nun wieder ins Geschft; und Kthchen kniff die Lippen zusammen,
ohne da das Jawort zur Verwendung gelangt war.

Ein Entschlu mute gefat werden, denn die Ankunft des Hollnders stand
bevor. Diederich sagte zu Stbier: "Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag
und Stunde zu liefern, sonst geb' ich ihn ohne Gnade zurck." Aber Stbier
erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken einige Tage Spielraum
lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit blieb er dabei. brigens traf die
Maschine pnktlich ein. Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte
Diederich. "Er ist zu gro! Die Leute haben mir garantiert, da er kleiner
sein soll als das alte System. Wozu kaufe ich ihn denn, wenn ich nicht mal
Raum sparen soll!" Und er ging, sobald der Hollnder aufgestellt war, mit
dem Meterma um ihn herum. "Er ist zu gro! Ich la mich nicht
beschwindeln! Bezeugen Sie mir, Stbier, da er zu gro ist!" Aber Stbier
klrte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit den Fehler in Diederichs Messungen
auf. Schnaufend zog Diederich sich zurck, um einen neuen Angriffsplan zu
ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. "Wo ist denn der Monteur? Haben
uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?" Und dann entrstete er sich.
"Ich habe ihn doch bestellt!" log er. "Die Leute scheinen ihr Geschft zu
verstehen. Ich werde mich nicht wundern, wenn ich fr den Kerl tglich
zwlf Mark bezahlen mu, und er glnzt durch Abwesenheit. Wer stellt mir
das Unglcksding da nun auf?"

Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf. Diederich bewies
ihm pltzlich groes Wohlwollen. "Sie knnen sich denken: Ihnen zahl' ich
lieber die berstunden, als da ich mein Geld fr den fremden Menschen
hinauswerfe. Schlielich sind Sie ein alter Mitarbeiter." Napoleon Fischer
zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts. Diederich berhrte seine
Schulter. "Sehen Sie mal, lieber Freund," sagte er halblaut, "ich bin von
dem Hollnder nmlich enttuscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er
anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein, wo bleibt da
die grere Leistungsfhigkeit, die die Leute uns versprochen haben. Was
meinen Sie? Halten Sie den Zug fr gut? Ich frchte, der Stoff bleibt
liegen." Napoleon Fischer sah Diederich an, prfend, aber schon mit
Verstndnis. Man msse es ausprobieren, meinte er zgernd. Diederich
vermied seinen Blick, er tat, als untersuchte er die Maschine. Dabei sagte
er aufmunternd: "Also schn. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die
berstunden mit fnfundzwanzig Prozent Aufschlag, und dann tragen Sie in
Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir werden die Bescherung ja sehen."

"Es wird wohl 'ne nette Bescherung sein", sagte der Maschinenmeister mit
sichtlichem Entgegenkommen. Diederich griff, ehe er es selbst wute, nach
seinem Arm, Napoleon Fischer war ein Freund, ein Retter! "Kommen Sie mal
mit, mein Lieber" - seine Stimme war bewegt. Er fhrte Napoleon Fischer in
das Wohnhaus, Frau Heling mute ihm ein Glas Wein einschenken, und
Diederich drckte ihm, ohne hinzusehen, fnfzig Mark in die Hand. "Ich
verla mich auf Sie, Fischer", sagte er. "Wenn ich Sie nicht htte, wrde
die Fabrik mich womglich hineinlegen. Zweitausend Mark hab' ich den
Leuten schon in den Rachen geworfen."

"Die mssen sie wieder hergeben", sagte der Maschinenmeister gefllig.
Diederich fragte dringend: "Das meinen Sie doch auch?"

Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu Versuchen mit dem
Hollnder benutzt hatte, teilte Napoleon Fischer seinem Arbeitgeber mit,
da die neue Erwerbung nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man mute mit
dem Rhrscheit nachhelfen, wie bei jedem Hollnder ltester Konstruktion.
"Also der offenbare Schwindel!" rief Diederich. Auch brauchte der
Hollnder mehr als zwanzig Pferdestrken. "Das ist vertragswidrig! Mssen
wir uns das gefallen lassen, Fischer?"

"Das mssen wir uns nicht gefallen lassen", entschied der Maschinenmeister
und strich mit seiner knotigen Hand ber sein schwarz behaartes Kinn.
Diederich sah ihn zum erstenmal fest an.

"Dann knnen Sie mir also bezeugen, da der Hollnder die bei Bestellung
vereinbarten Bedingungen nicht erfllt?"

In Napoleon Fischers schtterem Bart erschien ein dnnes Lcheln. "Kann
ich", sagte er. Diederich sah das Lcheln. Um so strammer machte er kehrt.
"Na, dann sollen die Leute mich kennenlernen!" Sogleich schrieb er einen
energisch gehaltenen Brief an Bschli & Cie. in Eschweiler. Die Antwort
kam umgehend. Man begreife seine Beanstandungen nicht, der neue
Patenthollnder System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken, deren
Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden. Von einer
Zurcknahme und gar von einer Rckerstattung der angezahlten 2000 Mark
knne daher nicht die Rede sein, vielmehr sei der Rest der vertragsmigen
Kaufsumme sofort zu erlegen. Diederich schrieb darauf noch entschiedener
als das erstemal und drohte mit einer Klage. Bschli & Cie. versuchten
nun, ihn zu beschwichtigen, sie empfahlen eine nochmalige Probe. "Sie
haben Angst", sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben zeigte,
und er fletschte die Zhne. "Eine Klage knnen sie nicht brauchen, denn
ihr Hollnder ist noch nicht gengend eingefhrt." "Stimmt", sagte
Diederich. "Wir haben die Kerls in der Hand!" Und mit erbitterter
Siegesgewiheit lehnte er jeden Vergleich und die angebotene
Preisermigung schroff ab. Als dann mehrere Tage lang nichts weiter
erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht warteten sie nun doch seine
Klage ab? Vielleicht strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein
Blick, oftmals am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte. Sie
sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber Diederich eines Vormittags um
elf Uhr beim zweiten Frhstck sa, brachte das Mdchen eine Karte:
Friedrich Kienast, Prokurist der Firma Bschli & Cie., Eschweiler; und
indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat der Besucher schon ein.
An der Tr blieb er stehen. "Pardon," sagte er, "es mu ein Irrtum sein.
Man hat mich hier ins Haus gewiesen, aber ich komme nmlich geschftlich."

Diederich hatte sich besonnen. "Ich kann es mir denken, aber das macht
nichts, bitte, treten Sie doch nher. Doktor Heling ist mein Name. Hier
ist meine Mutter und meine Schwestern Emmi und Magda."

Der Herr trat nher und verbeugte sich vor den Damen. "Friedrich Kienast",
murmelte er. Er war gro, blondbrtig und trug einen braunen wolligen
Jackettanzug. Alle drei Damen lchelten hingebend. "Darf ich fr den Herrn
ein Gedeck auflegen?" fragte Frau Heling. Und Diederich: "Natrlich. Herr
Kienast frhstckt doch mit uns?"

"Ich sage nicht nein", erklrte der Vertreter von Bschli & Cie., und er
rieb sich die Hnde. Magda legte ihm Bcklinge vor, die er schon lobte,
whrend er den ersten Bissen noch auf der Gabel hatte.

Diederich fragte ihn, harmlos lachend:

"Nchtern machen Sie wohl auch nicht gern Geschfte?" Herr Kienast lachte
auch. "Bei den Geschften bin ich immer nchtern." Diederich schmunzelte.
"Na, dann werden wir uns wohl einigen." "Kommt darauf an, wie"; - und
Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete ein Blick an Magda.
Sie errtete.

Diederich schenkte dem Gast Bier ein. "Sie haben wohl sonst noch was vor
in Netzig?" Worauf Kienast zurckhaltend: "Man kann nie wissen."

Versuchsweise sagte Diederich: "Bei Klsing in Gausenfeld werden Sie
nichts machen, er hat 'ne flaue Zeit." Und da der andere schwieg, dachte
Diederich: "Sie haben ihn blo wegen des Hollnders hergeschickt, sie
knnen keinen Proze brauchen!" Da bemerkte er, da Magda und der
Vertreter von Bschli & Cie. gleichzeitig tranken und ber die Glser
hinweg einander in die Augen sahen. Emmi und Frau Heling saen starr
dabei. Diederich beugte sich schnaufend ber seinen Teller; - pltzlich
aber fing er an, das Familienleben zu preisen. "Sie haben Glck, mein
lieber Herr Kienast, denn das zweite Frhstck ist ausgerechnet unsere
schnste Stunde am Tage. Wenn man so mitten aus der Arbeit hier
herauskommt, dann merkt man doch wieder mal, da man sozusagen auch Mensch
ist. Na, und das braucht man."

Kienast besttigte, da man es brauche. Frau Helings Frage, ob er schon
verheiratet sei, verneinte er und sah dabei auf Magdas Scheitel, denn sie
hatte den Kopf gesenkt.

Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen. "Herr Kienast," sagte
er schnarrend, "ich stehe zu Ihrer Verfgung."

"Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch", bat Magda. Kienast lie sie sich
von ihr anznden und hoffte, die Damen nochmals begren zu knnen, -
wobei er Magda verheiungsvoll anlchelte. Aber im Hof nderte auch er
vollstndig den Ton. "Na ja, das sind auch noch alte, enge Lokalitten",
bemerkte er kalt und wegwerfend. "Sie sollten mal unsere Anlagen sehen."

"In einem Nest wie Eschweiler," erwiderte Diederich, genau so verchtlich,
"da ist es kein Kunststck. Reien Sie mal hier den Huserblock nieder!"
Und dann rief er im schrfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit
er den neuen Hollnder in Betrieb setze. Da Napoleon Fischer nicht sofort
kam, strmte Diederich hin. "Sie sitzen wohl auf Ihren Ohren, Herr?" Aber
sobald er ihm gegenberstand, verstummte sein Geschrei; mit leiser,
fliegender Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er: "Fischer,
ich hab' es mir berlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden, vom Ersten ab
erhhe ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig Mark." Darauf nickte Napoleon
Fischer kurz und verstndnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann
Diederich wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie behaupteten,
es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche. Zu dem Vertreter von
Bschli & Cie. sagte er: "brigens bin ich versichert, aber Zucht mu
sein. Tadelloser Betrieb, wie?"

"Veraltetes Aggregat", entgegnete Herr Kienast, mit einem lieblosen Blick
auf die Maschinen. Diederich versetzte hhnisch: "Wei ich, mein Bester.
Aber so gut wie Ihr Hollnder allemal." Trotz Kienasts Protest fuhr er
fort, die Leistungsfhigkeit der einheimischen Industrie herabzusetzen.
Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis zu seiner Reise nach England. Er
gehe grozgig vor. Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei
das Geschft mchtig im Aufschwung. "Und es ist immer noch
ausdehnungsfhig." Er erfand. "Jetzt hab' ich Vertrge mit zwanzig
Kreisblttern. Die Berliner Warenhuser machen mich berhaupt
wahnsinnig ..." Kienast unterbrach schneidend:

"Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn ich sehe nirgends
fertige Ware."

Diederich emprte sich. "Herr! Soll ich Ihnen was sagen? Erst gestern hab'
ich an smtliche kleinen Kunden ein Rundschreiben geschickt: bis zur
Vollendung meines Neubaus knne ich nichts mehr liefern."

Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patenthollnder war halb
gefllt, aber die Stoffbewegung blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half
mit dem Rhrscheit nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. "Na also.
Sie behaupten, in Ihrem Hollnder braucht der Stoff fr einen Umgang
zwanzig bis dreiig Sekunden: ich zhle schon fnfzig ...
Maschinenmeister, den Stoff ablassen ... Was ist denn los, das dauert ja
ewig!"

Kienast hatte sich ber die Schale gebeugt. Er richtete sich auf, er
lchelte gewitzigt. "Ja, wenn die Ventile verstopft sind ..." Und mit
einem scharfen Blick in die Augen Diederichs, die nicht standhielten: "Was
sonst noch mit dem Hollnder angestellt ist, kann ich in der Eile nicht
sehen." Diederich fuhr empor, pltzlich sehr rot. "Wollen Sie mir
vielleicht insinuieren, da ich mit meinem Maschinenmeister -?"

"Ich habe nichts gesagt", stellte Kienast fest.

"Das mte ich mir auch energisch verbitten." Diederich blitzte. Auf
Kienast schien es keinen Eindruck zu machen, er behielt seine kalten Augen
und das abgefeimte Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebrsteten Bart.
Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln
hinaufgebunden haben wrde, er htte hnlichkeit mit Diederich bekommen!
Er war eine Macht! Um so drohender trat Diederich auf. "Mein
Maschinenmeister ist Sozialdemokrat: da er mir einen Gefallen tun soll,
ist lachhaft. brigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf die Folgen
Ihrer uerung aufmerksam!"

Kienast trat in den Hof hinaus. "Lassen Sie das nur, Herr Doktor", sagte
er khl. "In Geschften bin ich nchtern, das hab' ich Ihnen schon beim
Frhstck gesagt. Jetzt brauch' ich Ihnen nur noch zu wiederholen, da wir
den Hollnder in tadellosem Zustand geliefert haben und an Rcknahme nicht
denken." - Das werde man sehen, erklrte Diederich. Einen Proze hielten
Bschli & Cie. wohl fr besonders wirksam, zur Einfhrung ihres neuen
Artikels? "Ich werde Ihnen in den Fachblttern noch eine besondere
Empfehlung mitgeben!" Darauf Kienast: auf Erpressungsversuche gehe er
nicht ein. Und Diederich: einen satisfaktionsunfhigen Knoten werfe man
einfach hinaus. - Da erschien drben im Haustor Magda.

Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie lchelte rosig. "Die
Herren sind noch immer nicht fertig?" fragte sie schalkhaft. "Das Wetter
ist doch so schn, man mu ein bichen hinaus vor dem Mittagessen. _A
propos_", sagte sie gelufig. "Mama lt fragen, ob Herr Kienast zum
Abendessen kommt." Da Kienast erklrte, er msse leider danken, lchelte
sie dringlicher. "Und mir wrden Sie es auch abschlagen?" Kienast lachte
bitter. "Ich wrde nicht nein sagen, Frulein. Aber wei ich denn, ob Ihr
Herr Bruder -?" Diederich schnaufte, Magda sah ihn flehend an. "Herr
Kienast", brachte er hervor. "Es wird mich freuen. Vielleicht, da wir uns
auch noch verstndigen." Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich
weltmnnisch erbot, das Frulein ein Stck zu begleiten. "Wenn mein Bruder
nichts dagegen hat", sagte sie zchtig und ironisch. Diederich erlaubte
auch dies noch; - und dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem
Prokuristen von Bschli & Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte!

Wie er zum Mittagessen kam, hrte er drinnen im Wohnzimmer die Schwestern
mit scharfen Stimmen sprechen. Emmi warf Magda vor, sie benehme sich
schamlos. "So macht man es denn doch nicht." - "Nein!" rief Magda. "Ich
werde dich um Erlaubnis bitten." - "Das wrde gar nichts schaden.
berhaupt bin ich an der Reihe!" - "Hast du sonst noch Sorgen?" - Und
Magda schlug ein Hohngelchter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie
sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau Heling htte
nicht ntig gehabt, hinter ihren Tchtern die Hnde zu ringen: in den
Weiberstreit einzugreifen, war unter seiner Wrde.

Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau Heling rhmte den soliden
Eindruck, den er mache. Emmi erklrte: wenn so ein Kommis nicht einmal
solide sein sollte. Mit einer Dame reden knne er berhaupt nicht. Magda
behauptete entrstet das Gegenteil. Und da alle auf Diederichs
Entscheidung warteten, entschlo er sich. Komment scheine der Herr
freilich nicht viel zu haben. Akademische Bildung sei eben nicht zu
ersetzen. "Aber als tchtigen Geschftsmann hab' ich ihn kennengelernt."
Emmi hielt sich nicht mehr.

"Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erklre, da ich nicht mit
euch verkehre. Das Kompott hat er mit dem Messer gegessen!"

"Sie lgt!" Magda brach in Schluchzen aus. Diederich empfand Mitleid; er
herrschte Emmi an:

"Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann lass' uns in Ruh'."

Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus. Am Abend vor
Geschftsschlu erschien Herr Kienast im Bureau. Er trug einen Gehrock,
und sein Wesen war eher gesellschaftlich als geschftlich. Beide hielten,
in stillem Einverstndnis, das Gesprch hin, bis der alte Stbier seine
Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem mitrauischen Blick,
zurckgezogen hatte, sagte Diederich:

"Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die wichtigeren Sachen
mache ich allein."

"Na, und haben Sie sich die unsere berlegt?" fragte Kienast.

"Und Sie?" erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich.

"Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber ich nehme es auf
meine Kappe. Geben Sie den Hollnder in Gottes Namen zurck. Ein Defekt
wird sich doch wohl finden."

Diederich begriff. Er versprach: "Sie werden ihn finden." Kienast sagte
sachlich:

"Fr unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle Ihre Maschinen
vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen. Einen Moment!" bat er, da
Diederich auffuhr. "Und auerdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine
Reise mit fnfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen."

"Aber hren Sie mal, das ist Wucher!" Diederichs Gerechtigkeitssinn
emprte sich laut. Auch Kienast erhob schon wieder die Stimme. "Herr
Doktor!..." Diederich fate sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die
Hand auf die Schulter. "Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen warten."
"Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden", meinte Kienast besnftigt.
"Die kleine Differenz wird sich auch noch aufklren", verhie Diederich.

Droben roch es festlich. Frau Heling glnzte mit ihrem schwarzen
Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte mehr hindurch, als sie
sonst im Familienkreis zum besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren
grau und alltglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und lie sich zu
seiner Rechten nieder; und als man eben erst sa und sich noch rusperte,
sagte sie schon, mit fieberhaft belebten Augen: "Jetzt sind die Herren
aber mit den dummen Geschften fertig." Diederich besttigte, sie seien
glnzend miteinander fertig geworden. Bschli & Cie. seien kulante Leute.

"Bei unserem Riesenbetrieb", erklrte der Prokurist. "Zwlfhundert
Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt mit einem eigenen Hotel fr die
Kunden." Er lud Diederich ein. "Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm
und umsonst." Und da Magda neben ihm an seinen Lippen hing, rhmte er
seine Stellung, seine Machtbefugnisse, die Villa, die er zur Hlfte
bewohnte. "Wenn ich mich verheirate, kriege ich auch die andere Hlfte."

Diederich lachte drhnend. "Dann wre es wohl das einfachste, Sie
heirateten. Na prost!"

Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging zu etwas anderem
ber. Ob Diederich auch wisse, warum er ihm so leicht entgegengekommen
sei? "Ihnen, Herr Doktor, hab' ich nmlich gleich angesehen, da mit Ihnen
spter noch groe Sachen zu machen sein werden, - wenn es hier jetzt auch
noch etwas kleine Verhltnisse sind", setzte er nachsichtig hinzu.
Diederich wollte seine Grozgigkeit und die Ausdehnungsfhigkeit seines
Unternehmens beteuern, aber Kienast lie sich seinen Gedankengang nicht
abschneiden. Menschenkenntnis sei nmlich seine Spezialitt. Einen
Geschftsfreund msse man vor allem auch in seinem Heim aufsuchen. "Wenn
da alles so wohl bestellt ist wie hier -"

Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der Frau Heling schon
mehrmals heimlich ausgeblickt hatte. Schnell gab sie sich eine Miene, als
sei die Gans eine hchst gewhnliche Erscheinung. Herr Kienast machte
trotzdem eine anerkennende Pause. Frau Heling fragte sich, ob sein Blick
wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem sen Qualm, auf Magdas
durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt ri er sich los und ergriff sein Glas.
"Und darum: auf die Familie Heling, auf die verehrte mtterliche Hausfrau
und ihre blhenden Tchter!" Magda wlbte die Brust, um das Blhen
anschaulicher zu machen, und um so flacher sah Emmi aus. Auch stie Herr
Kienast zuerst mit Magda an.

Diederich erwiderte seinen Toast. "Wir sind eine deutsche Familie. Wen wir
in unser Haus aufgenommen haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen
auf." Er hatte Trnen in den Augen, indes Magda wieder einmal errtete.
"Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus ist, die Herzen sind treu." Er
lie den Gast hochleben, der seinerseits versicherte, er sei immer fr
Bescheidenheit gewesen, "besonders in Familien, wo junge Mdchen sind."

Frau Heling griff ein. "Nicht wahr? Woher soll denn sonst ein junger Mann
den Mut nehmen -? Meine Tchter schneidern alles selbst." Dies war fr
Herrn Kienast das Stichwort, sich ber Magdas Bluse zu beugen behufs
eingehender Wrdigung.

Zum Nachtisch schlte sie ihm eine Apfelsine und nippte ihm zu Ehren vom
Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer ging, blieb Diederich, die Arme um
seine beiden Schwestern geschlungen, in der Tr stehen. "Ja, ja, Herr
Kienast", sagte er mit tiefer Stimme. "Das ist der Familienfriede, den
sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!" Magda schmiegte sich, ganz
Hingebung, an seine Schulter. Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie
rckwrts einen Sto. "So geht es immer bei uns zu", fuhr Diederich fort.
"Ich arbeite den ganzen Tag fr die Meinen, und der Abend vereint uns dann
hier beim Lampenschimmer. Um die Leute da drauen und den Klngel unserer
sogenannten Gesellschaft bekmmern wir uns so wenig wie mglich, wir haben
an uns selbst genug."

Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man hrte sie drauen eine Tr
zuschlagen. Ein um so zrtlicheres Bild boten Diederich und Magda, wie sie
sich am mild beglnzten Tisch niederlieen. Herr Kienast sah nachdenklich
den Punsch kommen, den Frau Heling in mchtiger Bowle still lchelnd
hereintrug. Indes Magda dem Gast das Glas fllte, setzte Diederich
auseinander, da er dank dieser Beschrnkung auf die stille Huslichkeit
imstande sein werde, seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. "Denn der
Aufschwung des Geschftes kommt den Mdchen zugut, die Fabrik gehrt ihnen
mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift; na, und wenn dann einer meiner
knftigen Schwger auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will -"

Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden sah, lenkte ab. Sie
fragte ihn nach seiner eigenen Familie und ob er denn ganz allein sei. Da
bekam er gerhrte Augen und rckte nher. Diederich sa dabei, trank und
drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen an dem Gesprch
der beiden, die sich ganz allein zu fhlen schienen. "Na, dann haben Sie
also glcklich Ihren Einjhrigen gemacht", sagte er gnnerhaft und
wunderte sich dabei ber die Zeichen, die Frau Heling hinter dem Rcken
der anderen ihm gab. Erst als sie sich aus der Tr schlich, begriff er,
nahm sein Punschglas und ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er
tastete ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder
und sang drhnend mit: "Sie wissen den Teufel, was Freiheit heit." Als er
fertig war, horchte er hinber; es war drinnen aber so still, als sei man
eingeschlafen; und obwohl er sich gern wieder etwas aus der Bowle
geschpft htte, stimmte er doch aus Pflichtgefhl von neuem an: "Im
tiefen Keller sitz' ich hier."

Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter Schall folgte,
dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit einem Sprung war Diederich im
Wohnzimmer. "Nanu", sagte er, krftig und bieder, "Sie scheinen ja ernste
Absichten zu haben." Das Paar lste sich voneinander. "Ich sage nicht
nein", erklrte Herr Kienast. Diederich war pltzlich heftig bewegt. Aug'
in Auge schttelte er Kienast die Hand, und mit der anderen zog er Magda
herbei. "Das ist aber eine berraschung! Herr Kienast, machen Sie mein
Schwesterchen glcklich. An mir sollt ihr allzeit einen guten Bruder
haben, so wie ich es bisher gewesen bin, das darf ich wohl sagen."

Und die Augen wischend, rief er hinaus: "Mutter! Es ist was passiert."
Frau Heling stand gleich hinter der Tr, nur konnte sie, vor bergroer
Bewegung, nicht sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gesttzt,
wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und lste sich dort in
Trnen auf. Diederich klopfte inzwischen an Emmis Zimmer, das verschlossen
war. "Emmi, komm heraus, es ist was los!" Sie ri endlich die Tr auf,
zornrot im Gesicht. "Wozu strst du mich im Schlaf. Ich kann mir schon
denken, was los ist. Macht eure Unanstndigkeiten allein!" Und sie wrde
wieder zugeschlagen haben, htte nicht Diederich den Fu in den Spalt
gesetzt. Streng bedeutete er ihr, fr ihr gemtloses Verhalten verdiene
sie, da sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte ihr nicht
einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie mit, wie sie war, in ihrer
Matinee, mit aufgelsten Haaren. Im Flur entwand sie sich ihm. "Du machst
uns lcherlich", zischte sie, - und noch vor ihm erschien sie bei den
Verlobten, den Kopf sehr hoch, mit spttisch musterndem Blick. "Mute das
so spt in der Nacht sein?" fragte sie. "Nun, dem Glcklichen schlgt
keine Stunde." Kienast sah sie an: sie war grer als Magda, ihr Gesicht,
das jetzt Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das lang und
stark war. Kienast behielt ihre Hand lnger als ntig; sie entzog sie ihm,
da wandte er sich von ihr zu Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi lie auf
ihre Schwester ein Lcheln des Triumphes fallen, machte kehrt und
verschwand, hoch aufgerichtet, - indes Magda angstvoll nach Kienasts Arm
griff. Aber Diederich kam, in der Hand ein geflltes Punschglas, und
verlangte mit seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken.



Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Frhschoppen ab. "Bis Mittag
bezhme geflligst deine Sehnsucht nach dem Weiblichen. Jetzt mssen wir
mal ein Wort unter Mnnern reden." In Klappsch' Bierstube setzte er ihm
die Lage auseinander: Fnfundzwanzigtausend bar am Tage der Hochzeit - die
Belege waren jeden Augenblick zu sehen - und, gemeinsam mit Emmi, ein
Viertel der Fabrik. - "Also nur ein Achtel", stellte Kienast fest; worauf
Diederich: "Soll ich mich vielleicht umsonst fr euch abrackern?" Ein
unzufriedenes Schweigen entstand.

Diederich stellte die Stimmung wieder her. "Prost Friedrich!" "Prost
Diederich!" sagte Kienast. Dann schien Diederich etwas einzufallen. "Du
hast es ja in der Hand, deinen Anteil am Geschft zu erhhen, wenn du Geld
einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen aus? Bei deinem
groartigen Gehalt!" Kienast erklrte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber
noch laufe sein Vertrag mit Bschli & Cie. Auch habe er in diesem Jahr
eine betrchtliche Gehaltserhhung zu erwarten, da wre es ein Verbrechen
gegen sich selbst, jetzt zu kndigen. "Und wenn ich euch mein Geld gebe,
mu ich selbst ins Geschft eintreten. Bei allem Vertrauen, das ich dir
entgegenbringe, lieber Diederich -"

Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor. "Wenn du
einfach die Mitgift auf Fnfzigtausend festsetztest! Magda wrde dann auf
ihren Anteil am Geschft verzichten." Dies stie wieder auf Diederichs
unbedingten Widerspruch. "Es wre gegen den letzten Willen meines seligen
Vaters, der ist mir heilig. Und so grozgig, wie ich arbeite, kann in
einigen Jahren Magdas Anteil das Zehnfache betragen von dem, was du jetzt
verlangst. Nie werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so zu
schdigen." Hierauf feixte der Schwager ein wenig. Diederichs Familiensinn
ehre ihn, aber mit Grozgigkeit allein sei es nicht getan. Und Diederich,
merklich gereizt: er sei gottlob fr seine Geschftsfhrung auer Gott nur
sich selbst verantwortlich. "Fnfundzwanzigtausend bar und ein Achtel des
Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen." Kienast trommelte auf den Tisch.
"Ich wei noch nicht, ob ich deine Schwester dafr bernehmen kann",
erklrte er. "Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor." Diederich
zuckte die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam mit zum
Essen; Diederich hatte schon gefrchtet, er werde sich drcken.
Glcklicherweise war Magda noch verfhrerischer hergerichtet als gestern,
- "wie wenn sie gewut htte, es geht ums Ganze", dachte Diederich, der
sie bewunderte. Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder so sehr
erwrmt, da er die Hochzeit in vier Wochen wnschte. "Dein letztes Wort?"
fragte Diederich neckisch. Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der
Tasche.

Nach Tisch ging Frau Heling auf den Fuspitzen aus dem Zimmer, wo die
Verlobten saen, und auch Diederich wollte sich zurckziehen, aber sie
holten ihn zum Spazierengehen. "Wohin geht es denn, und wo sind Mutter und
Emmi?" Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen, und darum blieb auch Frau
Heling zu Hause. "Weil es sonst schlecht aussehen wrde, weit du", sagte
Magda. Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar den Staub
fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem Pelzjackett hngengeblieben
war. Er behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.

Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts, nicht wahr, wenn die
Leute einen sahen. Der erste freilich, dem man gleich in der Meisestrae
begegnete, war nur Napoleon Fischer. Er fletschte die Zhne vor dem
Brautpaar und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte, er wisse
Bescheid. Diederich war dunkelrot; er wrde den Menschen angehalten und
ihm auf offener Strae einen Krach gemacht haben: aber konnte er? "Es war
ein schwerer Fehler, da ich mich mit dem hinterhltigen Proleten auf
Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es wre auch ohne ihn gegangen! Jetzt
schleicht er um das Haus, damit ich daran denke, da er mich in der Hand
hat. Ich werde noch Erpressungen erleben." Aber zwischen ihm und dem
Maschinenmeister war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen. Was
Napoleon Fischer ber ihn behaupten konnte, war Verleumdung. Diederich
lie ihn einfach einsperren. Dennoch hate er ihn fr seine
Mitwisserschaft, da ihm bei zwanzig Grad Klte hei und feucht ward. Er
sah sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer?

In der Gerichtsstrae fand Magda, da der Gang sich lohne, denn bei
Landgerichtsrat Harnisch standen hinter einer Scheibe Meta Harnisch und
Inge Tietz, und Magda wute bestimmt, da sie bei Kienasts Anblick sehr
beunruhigte Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Strae war
heute leider wenig los; hchstens da Major Kunze und Dr. Heuteufel, die
in die "Harmonie" gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der
Ecke der Schweinichenstrae aber trat etwas ein, was Diederich nicht
vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen ging Frau Daimchen mit Guste. Magda
beschleunigte sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte
Guste sich um, und Magda konnte sagen: "Frau Oberinspektor, hier stelle
ich Ihnen meinen Brutigam Herrn Kienast vor." Der Brutigam ward
gemustert und schien zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei
Schritte zurckblieb, fragte nicht ohne Achtung: "Wo haben Sie ihn denn
hergenommen?" Diederich scherzte. "Ja, so nah wie Sie, findet nicht jede
den ihren. Aber dafr solider." - "Fangen Sie schon wieder an?" rief
Guste, aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick und
seufzte dabei leicht. "Meiner ist ja immer Gott wei wo. Man kommt sich
vor wir die reine Witwe." Gedankenvoll sah sie Magda nach, die an Kienasts
Arm hing. Diederich gab zu bedenken: "Wer tot ist, kann es auch bleiben.
Es gibt noch genug Lebendige." Dabei drngte er Guste bis an die
Huserwand und sah ihr werbend ins Gesicht; und wirklich, ihr liebes,
dickes Gesicht ward einen Augenblick lang gewhrend.

Leider war Schweinichenstrae 77 schon erreicht, und man nahm Abschied. Da
hinter dem Sachsentor alles aus war, kehrten die Geschwister mit Herrn
Kienast wieder um. Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte
ermunternd zu Diederich: "Nun, was meinst du?" - worauf er rot ward und
schnaufte. "Was ist da zu meinen", brachte er hervor, und Magda lachte.

In der leeren, stark dmmernden Strae kam ihnen jemand entgegen. "Ist das
nicht -?" fragte Diederich, ohne berzeugung. Aber die Figur nherte sich:
dick, offenbar noch jung, mit einem groen, weichen Hut, sonst elegant,
und die Fe setzte er einwrts. "Wahrhaftig, Wolfgang Buck!" Er dachte
enttuscht: "Und Guste stellt sich, als wre er am Ende der Welt. Das
Lgen mu ich ihr austreiben!"

"Da sind Sie ja" - der junge Buck schttelte Diederich die Hand. "Das
freut mich." - "Mich auch", erwiderte Diederich, trotz der Enttuschung
mit Guste, und er machte seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt.
Buck stattete seine Glckwnsche ab, dann trat er mit Diederich hinter die
beiden anderen. "Sie wollten gewi zu Ihrer Braut?" bemerkte Diederich.
"Sie ist zu Hause, wir haben sie hinbegleitet." - "So?" machte Buck und
zuckte die Achseln. "Nun, ich finde sie immer noch", sagte er
phlegmatisch. "Vorlufig bin ich froh, da ich Ihnen mal wieder begegnet
bin. Unser Gesprch in Berlin, unser einziges, nicht wahr - es war so
anregend."

Auch Diederich fand dies jetzt - obwohl es ihn damals nur gergert hatte.
Er war ganz belebt durch das Wiedersehen. "Ja, meinen Gegenbesuch bin ich
Ihnen schuldig geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin immer
dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit. de, wie? Zu denken, da man
hier sein Leben verbringen soll" - und Diederich zeigte die kahle
Huserreihe hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich gebogenen
Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen schien er sie zu kosten,
und er machte tiefsinnende Augen. "Ein Leben in Netzig", sagte er ganz
langsam. "Nun ja, es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der
Lage, blo fr seine Sensationen zu leben. brigens gibt es auch hier
welche." Er lchelte verdchtig. "Der Wachtposten hat bis sehr hoch hinauf
Sensation gemacht."

"Ach so -" Diederich streckte den Bauch vor. "Sie wollen schon wieder
nrgeln. Ich stelle fest, da ich in der Sache durchaus auf seiten Seiner
Majestt stehe."

Buck winkte ab. "Lassen Sie nur. Ich kenne ihn."

"Ich noch besser", behauptete Diederich. "Wer ihm, wie ich, ganz allein
und Aug' in Auge gegenber gestanden hat, im Tiergarten vorigen Februar,
nach dem groen Krawall, und dies Auge blitzen gesehen hat, dies
Fritzenauge, sag' ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft."

"Auf unsere Zukunft - weil ein Auge geblitzt hat." Bucks Mund und Wangen
sanken schwer melancholisch herab. Diederich stie Luft durch die Nase.
"Ich wei schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persnlichkeit.
Sonst wren Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden."

"Schlielich knnte ich es mir leisten. Gewi. Geradeso gut wie er -. Wenn
auch weniger begnstigt von den ueren Umstnden."

Sein Ton ward lebhafter und berzeugter. "Worauf es fr jeden persnlich
ankommt, ist nicht, da wir in der Welt wirklich viel verndern, sondern
da wir uns ein Lebensgefhl schaffen, als tten wir es. Dazu ist nur
Talent ntig, und das hat er."

Diederich war beunruhigt, er sah sich um. "Wir sind hier zwar unter uns,
die Herrschaften dort vor uns haben Wichtigeres zu besprechen, aber ich
wei doch nicht -"

"Da Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er ist mir wahrhaftig
nicht unsympathischer, als ich mir selbst bin. Ich htte an seiner Stelle
den Gefreiten Lck und unseren Netziger Wachtposten genau so ernst
genommen. Wre das noch eine Macht, die nicht bedroht wre? Erst wenn es
einen Umsturz gibt, fhlt man sich. Was wrde aus ihm, wenn er sich sagen
mte, da die Sozialdemokratie gar nicht ihn meint, sondern hchstens
eine etwas praktischere Verteilung dessen, was verdient wird."

"Oho!" machte Diederich.

"Nicht wahr? Das wrde Sie empren. Und ihn auch. Neben den Ereignissen
hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen, sondern in ihr mit
einbegriffen sein: ist das zu ertragen?... Im Innern unbeschrnkt! - und
dabei auerstande, auch nur Ha zu erregen anders als durch Worte und
Gesten. Denn woran halten sich die Nrgler? Was ist Ernstliches geschehen?
Auch der Fall Lck ist nur wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles
wie zuvor: aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt. Und
nur darauf, mein lieber Heling, kommt es uns allen heute an. Er selbst,
den wir meinen, wre am erstauntesten, glauben Sie es mir, wenn der Krieg,
den er immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er sich
hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbrche."

"Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!" rief Diederich. "Und
dann sollen Sie sehen, da alle national Gesinnten treu und fest zu ihrem
Kaiser stehen!"

"Gewi." Buck zuckte immer hufiger die Achseln. "Das ist die bliche
Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben hat. Worte lat ihr euch von ihm
vorschreiben, und die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt
wird. Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht tatbereit. Um
seine Erlebnisfhigkeit zu ben, mu man vor allem leben, und die Tat ist
so lebensgefhrlich."

Diederich richtete sich auf. "Wollen Sie den Vorwurf der Feigheit
vielleicht in Verbindung bringen mit -?" "Ich habe kein moralisches Urteil
ausgesprochen. Ich habe eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erwhnt,
die uns alle angeht. brigens sind wir zu entschuldigen. Fr den auf der
Bhne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er hat sie durchgefhrt.
Was will die Wirklichkeit noch von ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die
Geschichte als den reprsentativen Typus dieser Zeit nennen wird?"

"Den Kaiser!" sagte Diederich.

"Nein", sagte Buck. "Den Schauspieler."

Da schlug Diederich ein Gelchter an, da dort vorn das Brautpaar
auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber man war auf dem Theaterplatz, es
wehte eisig hinber; sie gingen weiter.

"Na ja," brachte Diederich hervor, "ich htte mir gleich sagen knnen, wie
Sie auf das verrckte Zeug gekommen sind. Sie haben doch mit dem Theater
zu tun." Er klopfte Buck auf die Schulter. "Sind Sie am Ende schon selbst
dabei?"

Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte, entzog er sich mit
einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich fand. "Ich? Ach nein",
sagte Buck; und nachdem beide bis zur Gerichtsstrae unzufrieden
geschwiegen hatten: "Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in Netzig
bin."

"Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen."

"Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung meines Schwagers
Lauer bernommen."

"Sie sind -? Im Proze Lauer -?" Es nahm Diederich den Atem, er blieb
stehen.

"Nun ja", sagte Buck und zuckte die Achseln. "Wundert Sie das? Seit kurzem
bin ich beim Landgericht Netzig als Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein
Vater Ihnen nicht davon gesprochen?"

"Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur wenig aus. Meine
Berufspflichten ... Diese Verlobung ..." Diederich verlor sich in
Gestammel. "Dann mssen Sie ja schon oft -. Wohnen Sie vielleicht schon
ganz hier?"

"Nur vorlufig - glaube ich."

Diederich raffte sich zusammen. "Ich mu sagen: ich habe Sie schon fter
nicht ganz verstanden - aber so wenig doch noch nie wie jetzt, wo Sie mit
mir durch halb Netzig gehen."

Buck blinzelte ihn an. "Obwohl ich in der Verhandlung morgen Verteidiger
bin und Sie der Hauptbelastungszeuge? Das ist doch nur Zufall. Die Rollen
knnten auch umgekehrt verteilt sein."

"Bitte sehr!" Diederich entrstete sich. "Jeder steht auf seinem Platz.
Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine Achtung haben -"

"Achtung? Was heit das? Ich freue mich auf die Verteidigung, das leugne
ich nicht. Ich werde loslegen, man soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor,
werde ich unangenehme Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich
nichts belnehmen, es gehrt zu meiner Wirkung."

Diederich bekam Furcht. "Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt, kennen Sie denn
meine Aussage? Sie ist fr Lauer durchaus nicht ungnstig."

"Das lassen Sie meine Sorge sein." Bucks Miene ward bengstigend ironisch.

Und damit war man in der Meisestrae. "Der Proze!" dachte Diederich
schnaufend. In den Aufregungen der letzten Tage hatte er ihn vergessen,
jetzt war es, als sollte man sich von heute auf morgen beide Beine
abschneiden lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also
absichtlich nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick
sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete sich von
Buck, bevor sie beim Haus waren. Da nur Kienast nichts merkte! Buck
schlug vor, noch irgendwohin zu gehen. "Es zieht Sie wohl nicht besonders
zu Ihrer Braut?" fragte Diederich. - "Augenblicklich hab' ich mehr Lust
auf einen Kognak." - Diederich lachte hhnisch. "Darauf scheinen Sie immer
Lust zu haben." Damit nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit
Buck um. "Sehen Sie," begann Buck unvermutet, "meine Braut: die gehrt
auch zu meinen Fragen an das Schicksal." Und da Diederich "wieso" fragte:
"Wenn ich nmlich wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste
Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber wei ich das? Fr -
andere Flle, die in meiner Existenz eintreten knnten, habe ich nun
drben in Berlin noch eine zweite Verbindung ..."

"Ich habe gehrt: eine Schauspielerin." Diederich errtete fr Buck, der
das so zynisch eingestand. "Das heit," stammelte er, "ich will nichts
gesagt haben."

"Also, Sie wissen", schlo Buck. "Jetzt ist die Sache die, da ich
vorlufig dort hnge und mich um Guste nicht so viel bekmmern kann, wie
ich mte. Mchten Sie sich da nicht des guten Mdchens ein wenig
annehmen?" fragte er harmlos und gelassen.

"Ich soll -"

"Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bichen umrhren, worin ich Wurst
und Kohl am Feuer zu stehen habe - indes ich selbst noch drauen
beschftigt bin. Wir haben doch Sympathie freinander."

"Danke", sagte Diederich khl. "So weit reicht meine Sympathie allerdings
nicht. Beauftragen Sie sonst jemand. Ich denke denn doch etwas ernster
ber das Leben." Und er lie Buck stehen.

Auer der Unmoral des Menschen emprte ihn seine wrdelose
Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung und Praxis sich
wieder einmal als Gegner erwiesen hatten. Unleidlich, so einer, aus dem
man nicht klug ward! "Was hat er morgen gegen mich vor?"

Daheim machte er sich Luft. "Ein Mensch wie eine Qualle! Und von einem
geistigen Dnkel! Gott behte unser Haus vor solcher alles zerfressenden
berzeugungslosigkeit; sie ist in einer Familie das sichere Zeichen des
Niedergangs!" Er vergewisserte sich, da Kienast wirklich noch am Abend
reisen mute. "Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht zu schreiben haben",
sagte er unvermittelt und lachte. "Meinetwegen mag in der Stadt Mord und
Brand sein, ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie."

Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau Heling hin. "Nun? Wo
ist die Vorladung, die fr mich gekommen ist auf morgen zu Gericht?" Sie
mute zugeben, da sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. "Er
sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber Sohn." Aber
Diederich lie keine Beschnigung gelten. "Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe
zu mir wird wohl das Essen immer schlechter, auer wenn fremde Leute da
sind; und das Haushaltungsgeld geht fr euren Firlefanz drauf. Meint ihr,
ich fall' euch auf den Schwindel 'rein, da Magda ihre Spitzenbluse selbst
gemacht haben soll? Das knnt ihr dem Esel erzhlen!" Magda erhob
Einspruch gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr nicht.
"Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch halb gestohlen. Ihr
steckt mit dem Dienstmdchen zusammen. Wenn ich sie nach Rotwein schicke,
bringt sie billigeren, und den Rest behaltet ihr ..."

Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch lauter schrie. Emmi
behauptete, er sei blo darum so wild, weil er sich morgen vor der ganzen
Stadt blamieren solle. Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den
Boden schleudern. Magda stand auf, ging zur Tr und rief zurck: "Ich
brauche dich gottlob nicht mehr!" Sofort war Diederich hinterdrein. "Gib
bitte acht, was du redest! Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst
du es allein mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Brutigam hat um
deine Mitgift geschachert, da es schon nicht mehr schn war. Du bist
berhaupt blo Zugabe!"

Hier fhlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu Atem kam, war Magda
in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt. Diederich rieb sich, jh verstummt,
die Wange. Dann entrstete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung
berwog. Die Krisis war vorber.



In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger Versptung bei
Gericht einzutreffen und durch sein ganzes Auftreten zu zeigen, wie wenig
die Geschichte ihn angehe. Aber es hielt ihn nicht; als er das
Verhandlungszimmer, das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei
einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner schwarzen Robe einen
ungemein drohenden Anblick bot, war eben damit beschftigt, fr einen kaum
erwachsenen Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen. Das
Gericht gewhrte ihm freilich nur eins, aber der jugendliche Verurteilte
brach in ein solches Geheul aus, da es Diederich, angstvoll, wie er
selbst gestimmt war, vor Mitleid bel ward. Er begab sich hinaus und
betrat eine Toilette, obwohl an der Tr stand: Nur fr den Herrn
Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch Jadassohn. Wie er Diederich
sah, wollte er sich wieder zurckziehen, aber Diederich fragte sofort, was
das denn sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuhlter dort tue. Jadassohn
erklrte: "Wenn wir uns darum auch noch kmmern mten!" und war schon
drauen. Diederichs Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefhl
eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn,
der hier die Macht vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem
Rderwerk gewagt hatte. Es war aus frommer Absicht geschehen, in
bergroer Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hie es sich besonnen
verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte; sich ducken und
ganz klein machen, bis man ihr vielleicht doch noch entrann. Wer erst
wieder dem Privatleben gehrte! Diederich versprach sich, fortan ganz
seinem geringen, aber wohlverstandenen Vorteil zu leben.

Drauen im Korridor standen jetzt Leute: ein minder gutes Publikum und
auch das beste. Die fnf Tchter Buck, herausgeputzt, als sei der Proze
ihres Schwagers Lauer die grte Ehre fr die Familie, schnatterten in
einer Gruppe mit Kthchen Zillich, ihrer Mutter und der Frau Brgermeister
Scheffelweis. Die Schwiegermutter dagegen lie den Brgermeister nicht
los, und aus den Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und
seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu ersehen, da sie
ihn gegen die Sache der Bucks einnahm. Der Major Kunze, in Uniform, stand
mit finsterer Miene dabei und enthielt sich jeder uerung. Gerade
erschien auch Pastor Zillich mit Professor Khnchen; aber beim Anblick der
zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem Pfeiler. Der Redakteur
Nothgroschen seinerseits ging grau und unbeachtet von den einen zu den
anderen. Vergebens suchte Diederich jemand, an den er sich htte halten
knnen. Jetzt bereute er, da er es den Seinen verboten hatte,
herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der Biegung des Korridors, und
streckte nur vorsichtig den Kopf heraus. Pltzlich zog er ihn zurck:
Guste Daimchen mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den Tchtern Buck
umringt, als eine kostbare Verstrkung ihrer Partei. Gleichzeitig ging
dahinten eine Tr, und Wolfgang Buck trat auf, in Barett und Robe, und
darunter Lackschuhe, die er sehr einwrts setzte. Er lchelte festlich,
wie bei einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut kte er sie.
Es werde sehr schn werden, verhie er; der Staatsanwalt sei gut
disponiert, er selbst auch. Dann begab er sich zu den von ihm geladenen
Zeugen, um mit ihnen zu flstern. In diesem Augenblick verstummte man,
denn in der Mndung der Treppe erschien der Angeklagte Herr Lauer und
neben ihm seine Frau. Die Brgermeisterin fiel ihr um den Hals: wie sie
tapfer sei! "Was ist dabei?" erwiderte sie mit tiefer, klangreicher
Stimme. "Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?" Lauer sagte: "Gewi
nicht, Judith." Gerade jetzt aber ging der Landgerichtsrat Fritzsche
vorbei. Ein Schweigen entstand; wie er und die Tochter des alten Buck sich
begrten, blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter des
Brgermeisters machte eine Bemerkung, halblaut, aber sie war ihr von den
Augen zu lesen.

Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang Buck entdeckt
worden. Buck zog ihn hervor und fhrte ihn zu seiner Schwester. "Liebe
Judith, ich wei nicht, ob du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn
Doktor Heling. Heute wird er uns vernichten." Aber Frau Lauer lachte
nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gru nicht, sie sah ihn nur an mit
rcksichtsloser Neugier. Es war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten,
und ward noch schwerer, weil sie so schn war. Diederich fhlte, wie das
Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er stammelte: "Der Herr
Rechtsanwalt scherzt wohl. In der Sache mu ein Irrtum vorliegen ..." Da
zogen in dem weien Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel
sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer wandte Diederich den Rcken.

Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging, seinen Schwager Lauer
zur Seite, in das Verhandlungszimmer; und da die Tr nicht eben freigebig
geffnet ward, stieen alle einander in Hast hindurch, das minder gute
Publikum ward von dem besten berwltigt. Die Unterrcke der fnf
Schwestern Buck rauschten heftig bei dem Kampf. Diederich gelangte als
letzter hinein und mute sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze
setzen, der sofort ein Stck wegrckte. Landgerichtsdirektor Sprezius,
anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklrte von dort oben die Sitzung
fr erffnet und rief die Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in
Erinnerung zu bringen - wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam wie
ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat Harnisch ordnete Akten und
sah sich im Publikum nach seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte
Landgerichtsrat Khlemann, der das Krankenzimmer verlassen und seinen
Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen hatte. Man fand ihn schlecht
aussehen, die Schwiegermutter des Brgermeisters wollte wissen, er werde
sein Reichstagsmandat niederlegen - und wohin ging das viele Geld, wenn er
starb? Bei den Zeugen drckte Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte
werde seine Millionen fr einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor
Khnchen bezweifelte es, mit durchdringender Flsterstimme. "Der gibt auch
nach'm Tode nischt her, der hat immer gedacht, man mu das Seine
zusammennhm, und womglich den andern ihr's auch ..." Da entlie der
Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal.

Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war, im Korridor wieder
zusammen. Die Herren Heuteufel, Cohn und Buck _junior_ nahmen eine
Fensternische ein; Diederich, unter dem wtenden Blick des Majors, dachte
peinvoll: "Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wte ich, was er sagt.
Ich mchte ihn ebenso gern entlasten wie ihr!" Vergebens versuchte er
gegenber Pastor Zillich seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer
gesagt, die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich verlegen
weg, und Khnchen pfiff, davonlaufend, durch die Zhne: "Na warte nur,
mein Schibbchen, dir wer'n mer das Handwerk legen." Stumm lastete die
allgemeine Mibilligung auf Diederich. Endlich erschien der
Gerichtsdiener. "Herr Doktor Heling!"

Diederich ri sich zusammen, um nur in kommentmiger Haltung an den
Zuschauern vorbeizukommen. Er sah krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau
Lauer lag jetzt auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links
neben dem Beisitzer, der seine Ngel betrachtete, stand drohend
aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters hinter ihm schien durch
seine abstehenden Ohren, die blutig leuchteten, und seine Miene heischte
von Diederichs eine so leichenhafte Gefgigkeit, da Diederichs Blick die
Flucht ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer, fand er
Wolfgang Buck sitzen, nachlssig, mit den Fusten auf den fetten
Schenkeln, von denen die Robe zurckfiel, und so gescheit und aufmunternd
anzusehen, als vertrete er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor
Sprezius sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei Worte zur
Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor folgsam; dann sollte er den
Hergang der Dinge an jenem Abend im Ratskeller berichten. Er begann.

"Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drben am Tisch saen auch
Herren ..."

Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht. Sprezius fuhr auf, er
hackte mit dem Geierschnabel zu und drohte, er werde den Saal rumen
lassen. "Sonst wissen Sie nichts?" fragte er unwirsch. Diederich gab zu
bedenken, infolge geschftlicher und anderer Aufregungen htten sich ihm
die Vorgnge inzwischen etwas verwirrt. "Dann werde ich Ihnen zur
Auffrischung des Gedchtnisses Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter
vorlesen" - und der Vorsitzende lie sich das Protokoll reichen. Daraus
erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung, er habe vor dem
Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Fritzsche die bestimmte Angabe
gemacht, da von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung Seiner
Majestt des Kaisers gefallen sei. Was er darber zu uern habe. "Es kann
wohl sein," stammelte er; "aber es waren viele Herren da. Ob es nun gerade
der Angeklagte war, der das gesagt hat ..." Sprezius beugte sich ber den
Richtertisch. "Denken Sie nach, Sie stehen hier unter Ihrem Eid. Andere
Zeugen werden bekunden, da Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten
sind und das betreffende Gesprch mit ihm gefhrt haben." -

"War ich das?" fragte Diederich, rot bergossen. Da lachte unaufhaltsam
der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog das Gesicht zu einem
verachtungsvollen Feixen. Sprezius hatte schon den Mund geffnet, um
loszufahren: aber Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit
einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich: "Sie waren an
dem Abend wohl stark angetrunken?" Sofort fielen Staatsanwalt und
Vorsitzender ber ihn her. "Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!"
rief Jadassohn schrill. "Herr Verteidiger," krchzte Sprezius, "Sie haben
nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann an den Zeugen richte, ist
meine Sache!" Aber die beiden, Diederich sah es staunend, hatten einen
entschlossenen Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller
Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des Vorsitzenden, das die
Rechte der Verteidigung verletze, und beantragte Gerichtsbeschlu darber,
ob ihm gem der Strafprozeordnung das direkte Fragerecht an den Zeugen
zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb ihm nichts brig, als mit
den vier Richtern rckwrts im Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah
sich triumphierend um; seine Cousinen bewegten die Hnde wie zum Applaus;
aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten, und man sah, wie der alte
Buck seinem Sohn ein Zeichen der Mibilligung gab. Der Angeklagte
seinerseits, zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schttelte seinem
Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken ausgesetzt war, gab
sich Haltung und hielt Umschau. Aber ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur
der alte Buck winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen.
Er bemhte sich sogar aus der engen Tribne heraus, um Diederich seine
weiche, weie Hand zu geben. "Ich danke Ihnen, lieber Freund", sagte er.
"Sie haben die Sache so behandelt, wie sie es verdient." Und Diederich in
seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts der Gte des groen
Mannes. Erst nachdem Herr Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte,
fiel es Diederich ein, da er ihm hier ja die Geschfte besorgte! Und auch
sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so schlapp, wie Diederich gedacht
hatte. Die politischen Gesprche hatte er augenscheinlich nur gefhrt, um
sie hier gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue, die gab es in
der Welt nicht, auf niemand konnte man sich verlassen. "Soll ich mich hier
noch lange von allen Seiten anden lassen?"

Zum Glck kehrte der Gerichtshof zurck. Der alte Khlemann wechselte mit
dem alten Buck einen bedauernden Blick, und Sprezius verlas, mit
merklicher Selbstbeherrschung, den Beschlu. Ob der Verteidiger das Recht
der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn die Frage
selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen? ward als nicht zur Sache
gehrig abgelehnt. Darauf fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt
noch eine Frage an den Zeugen zu richten habe. "Vorlufig nicht," sagte
Jadassohn mit Geringschtzung, "aber ich beantrage, den Zeugen noch nicht
zu entlassen." Und Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die
Stimme. "Auerdem beantrage ich die sofortige Vorladung des
Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darber aussagen soll, wie die
Gesinnung des Zeugen Heling gegen den Angeklagten frher war." Diederich
erschrak - im Zuschauerraum aber wandte man sich nach Judith Lauer um:
sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ... Jadassohn bekam
bewilligt, was er wollte.

Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und sollte seinerseits
ber die kritische Nacht berichten. Er erklrte, die Eindrcke htten sich
damals berstrzt und sein christliches Gewissen schwer bedrngt, denn
just an jenem Abend sei in den Straen von Netzig Blut geflossen, wenn
auch zu einem patriotischen Zweck. "Das gehrt nicht hierher!" entschied
Sprezius - und eben jetzt betrat den Saal der Regierungsprsident Herr von
Wulckow, im Jagdanzug, mit groen, kotigen Stiefeln. Alles sah sich um,
der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung, und Pastor Zillich
zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt drangen abwechselnd auf ihn ein,
Jadassohn sagte sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher
Hinterhltigkeit: "Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die
Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders aufmerksam
zu machen." Da knickte Zillich ein und gab zu, da er die dem Angeklagten
vorgeworfene uerung allerdings gehrt habe. Der Angeklagte sprang auf
und schlug mit der Faust auf die Bank. "Ich habe den Namen des Kaisers gar
nicht genannt! Ich habe mich gehtet!" Sein Verteidiger beruhigte ihn mit
einem Wink und sagte: "Wir werden den Beweis erbringen, da nur die
provokatorische Absicht des Zeugen Dr. Heling den Angeklagten zu seinen,
hier falsch wiedergegebenen uerungen veranlat hat." Vorlufig bitte er
den Herrn Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darber zu befragen, ob er
nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdrcklich gegen die Hetzereien
des Zeugen Heling gerichtet gewesen sei. Pastor Zillich stammelte, er
habe nur im allgemeinen zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht als
Vertreter der Religion gengt. Jetzt wollte Buck etwas anderes wissen.
"Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings ein Interesse daran, sich mit dem
Hauptbelastungszeugen Doktor Heling gut zu stellen, weil nmlich seine
Tochter -." Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere gegen die
Stellung der Frage. Sprezius rgte sie als unzulssig, und auf der Tribne
entstand ein mibilligendes Gemurmel weiblicher Stimmen. Der
Regierungsprsident beugte sich ber die Bank zum alten Buck und sagte
deutlich: "Ihr Sohn macht ja nette Zicken!"

Inzwischen war der Zeuge Khnchen aufgerufen. Der kleine Greis strmte in
den Saal, seine Brillen funkelten; schon von der Tr schrie er seine
Personalien herber, und die Eidesformel sagte er gelufig her, ohne sie
sich vorsprechen zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen Aussage zu
bewegen, als da an jenem Abend die Wogen der nationalen Begeisterung
hochgegangen seien. Zuerst die glorreiche Tat des Postens! Dann der
herrliche Brief Seiner Majestt mit dem Bekenntnis zum positiven
Christentum! "Wie der Krach war mit dem Angeklagten? Ja, meine Herren
Richter, davon wee 'ch Sie nischt. Da hab' 'ch grade  bichen
geschlummert." - "Aber nachher ist doch von der Sache geredet worden!"
verlangte der Vorsitzende. "Ich nicht!" rief Khnchen. "Ich hab' eegal von
unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered't. Die Franktirhrs! hab
'ch gesagt, das war Sie eene Bande. Mein steifer Finger, da hat mich 
Franktirhr draufgebissen, blo weil ich ihm mit mei'm Sbel  kleenes
bichen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit von dem Kerl!"
Und Khnchen wollte den Finger am Richtertisch umherzeigen. "Abtreten!"
krchzte Sprezius; und er drohte wieder einmal mit der Rumung des Saals.

Major Kunze trat auf: steif, wie auf Rdern, und den Eid leistete er in
einem Ton, als stiee er gegen Sprezius schwere Beleidigungen aus. Darauf
erklrte er kurzweg, da er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er
sei erst spter in den Ratskeller gekommen. "Ich kann nur sagen, das
Verhalten des Herrn Doktor Heling riecht mir nach Denunziantentum."

Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem. Niemand wute,
woher es kam, auf der Tribne mitraute man einander und rckte, das
Taschentuch am Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte
in die Luft, und der alte Khlemann, dessen Kinn schon lngst auf seiner
Brust lag, rhrte sich im Schlaf.

Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals die Vorgnge
berichtet htten, seien doch nationale Mnner gewesen, erwiderte der Major
nur, das sei ihm gleich, den Herrn Doktor Heling habe er gar nicht
gekannt. Da aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer
Stimme wie ein Messer sagte er: "Herr Zeuge, ich richte an Sie die Frage,
ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht um so besser kennen. Wollen Sie
sich darber uern, ob er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark
geliehen hat." Vor Schrecken ward es ganz still im Saal, und alles starrte
auf den Major in Uniform, der dastand und an seiner Antwort stammelte.
Jadassohns Khnheit machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg
aus und erreichte von Kunze, da er zugab, die Entrstung der
Nationalgesinnten ber Lauers uerungen sei echt gewesen, auch seine
eigene. Zweifellos habe der Angeklagte Seine Majestt gemeint. - Hier
hielt Wolfgang Buck sich nicht mehr. "Da der Herr Vorsitzende unntig
findet, es zu rgen, wenn der Herr Staatsanwalt seine eigenen Zeugen
beleidigt, kann es auch uns gleich sein!" Sofort hackte Sprezius nach ihm.
"Herr Verteidiger! Das ist meine Sache, was ich rge und was nicht!" -
"Eben das stelle ich fest", fuhr Buck unbeirrt fort. "Zur Sache selbst
behaupten wir nach wie vor und werden durch Zeugen beweisen, da der
Angeklagte den Kaiser gar nicht gemeint hat." "Ich habe mich gehtet!"
rief der Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: "Sollte dies dennoch als
wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den Herausgeber des Gothaischen
Almanachs darber als Sachverstndigen zu vernehmen, welche deutsche
Frsten jdisches Blut haben." Damit setzte er sich wieder, befriedigt von
dem Rauschen der Sensation, das durch den Saal ging. Ein drhnender Ba
sagte: "Unerhrt!" Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch
rechtzeitig, wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Khlemann war davon
erwacht. Der Gerichtshof steckte die Kpfe zusammen, dann verkndete der
Vorsitzende, der Antrag des Verteidigers werde abgelehnt, da ein
Wahrheitsbeweis nicht zulssig sei. Kundgebung der Miachtung genge zum
Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine feisten Wangen senkten
sich in kindlicher Traurigkeit. Es ward gekichert, die Schwiegermutter des
Brgermeisters lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war ihr
dankbar. Er fhlte, angstvoll lauschend, wie die ffentliche Meinung
einlenkte und ganz leise denen nher kam, die geschickter waren und die
Macht hatten. Er tauschte einen Blick mit Jadassohn.

Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauffllig war er pltzlich
da und funktionierte glatt, wie ein Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte,
wunderte sich: so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wute alles,
belastete den Angeklagten auf das schwerste und redete flieend, als sage
er einen Leitartikel her; hchstens da zwischen den Abstzen der
Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit Anerkennung, wie einem
Musterschler. Buck, der sich erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme
der "Netziger Zeitung" fr Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur: "Wir
sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir geben die Stimmung
wieder. Da aber jetzt und hier die Stimmung dem Angeklagten ungnstig ist
-." Er mute sich drauen im Korridor darber informiert haben! Buck nahm
eine ironische Stimme an. "Ich stelle fest, da der Zeuge eine etwas
sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht bekundet." Aber Nothgroschen war
nicht einzuschchtern. "Ich bin Journalist," erklrte er, und er setzte
hinzu: "Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen des
Verteidigers zu schtzen." Sprezius lie sich nicht bitten; und er entlie
den Redakteur in Gnaden.

Es schlug zwlf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam, da der
Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur Verfgung des Gerichts halte.
Er ward aufgerufen - und kaum, da er sich in der Tr zeigte, gingen alle
Augen hin und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch bleicher
geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter begleitete, vergrerte
sich noch, er bekam etwas stumm Eindringliches; aber Fritzsche vermied
ihn. Auch ihn fand man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete
Entschlossenheit. Diederich stellte fest, da er von seinen zwei
Gesichtern fr diese Gelegenheit das trockene gewhlt hatte.

Welche Eindrcke er whrend der Voruntersuchung von dem Zeugen Heling
gewonnen habe? Der Zeuge hatte seine Aussage durchaus freiwillig und
selbstndig gemacht, in Form einer durch das frische Erlebnis noch
bewegten Auseinandersetzung. Die Zuverlssigkeit des Zeugen, die Fritzsche
an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte nachprfen knnen, stand
auer allem Zweifel. Da der Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild
mehr hatte, war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erklren ... Und
der Angeklagte? - Hier hrte man den Saal aufhorchen. Fritzsche schluckte
hinunter. Auch der Angeklagte hatte persnlich einen eher gnstigen
Eindruck auf ihn gemacht, trotz der vielen belastenden Momente.

"Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den Angeklagten des ihm
zur Last gelegten Delikts fhig?" fragte Sprezius.

Fritzsche erwiderte: "Der Angeklagte ist ein gebildeter Mann; ausdrcklich
beleidigende Worte zu gebrauchen, wird er sich gehtet haben."

"Das sagt der Angeklagte selbst", bemerkte der Vorsitzende streng.
Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte war durch seine brgerliche
Wirksamkeit gewhnt, Autoritt mit fortschrittlichen Neigungen zu
verbinden. Er hielt sich offenbar fr einsichtsvoller und zur Kritik
berechtigter als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar, da er
in gereiztem Zustand - und durch die Erschieung des Arbeiters von seiten
des Wachtpostens hatte er sich gereizt gefhlt - seinen politischen
Anschauungen einen Ausdruck gab, der, ob uerlich vielleicht auch
einwandfrei, die beleidigende Absicht hindurchschimmern lie.

Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt aufatmen. Die
Landgerichtsrte Harnisch und Khlemann warfen Blicke auf das Publikum,
durch das eine lebhafte Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt
noch seine Ngel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem
Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er gleich vor sich hatte. Die
Hnde des Angeklagten waren krampfig um die Brstung seiner Bank gespannt,
und die Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine Frau.
Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbgeffneten Mundes, wie
abwesend, mit einem Ausdruck von Leiden, Scham und Schwche. Die
Schwiegermutter des Brgermeisters uerte deutlich: "Und zwei Kinder hat
sie zu Hause." Pltzlich schien Lauer das Geflster um ihn her zu
bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er sie streifte. Er sank
zusammen, sein stark gertetes Gesicht entleerte sich so jh vom Blut, da
der junge Assessor erschreckt auf seinem Stuhl rckte.

Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich der einzige, der
dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden und dem Untersuchungsrichter noch
folgte. Dieser Fritzsche! Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die
Sache aus guten Grnden anfangs peinlicher gewesen. Hatte er nicht auf
Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige Einwirkung gebt? Und das
protokollierte Ergebnis von Diederichs Aussage war nun dennoch schwer
belastend, und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht weniger
rcksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine engen und besonderen
Beziehungen zum Hause Lauer hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu
entfremden, die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts Menschliches
hielt stand vor der Macht. Welche Lehre fr Diederich ... Auch Wolfgang
Buck empfing sie, auf seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit
einer Miene, als mte er sich erbrechen.

Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des Krpers, die nicht
unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte, ward lauter geflstert.
Die Schwiegermutter des Brgermeisters sagte, mit dem Lorgnon nach der
Frau des Angeklagten zielend: "Eine nette Gesellschaft!" Man widersprach
ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal zu berlassen.
Guste Daimchen bi sich auf die Lippe, Kthchen Zillich schickte einen
raschen Senkblick zu Diederich. Dr. Scheffelweis beugte sich hinber zu
dem Haupt der Familie Buck, drckte ihm die Hand und sagte s: "Ich
hoffe, lieber Freund und Gnner, alles wird noch gut."

Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: "Lassen Sie mal den Zeugen Cohn
'rein!" Die Reihe war an den Entlastungszeugen! Der Vorsitzende
schnupperte in die Luft. "Hier riecht es aber schlecht", bemerkte er.
"Krecke, machen Sie hinten ein Fenster auf!" Und er suchte mit den Augen
unter dem minder guten Publikum, das dort oben eng gedrngt sa. Dagegen
war auf den unteren Bnken freier Raum, und der freieste um den
Regierungsprsidenten von Wulckow in seiner verschwitzten Jagdjoppe....
Das geffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte Murren
unter den auswrtigen Journalisten, die dort hinten verstaut saen. Aber
Sprezius richtete nur den Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre
Rockkragen.

Jadassohn sah siegesgewi dem Zeugen entgegen. Sprezius lie ihn eine
Weile reden, dann rusperte Jadassohn sich; er hielt einen Akt in der
Hand. "Zeuge Cohn," begann er, "Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen
bestehenden Warenhauses seit 1889?" Und unvermittelt: "Geben Sie zu, da
gleich damals einer Ihrer Lieferanten, ein gewisser Lehmann, sich in Ihren
Lokalitten durch Erschieen das Leben genommen hat?" Und mit dmonischer
Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die Wirkung seiner Worte war
auerordentlich. Cohn begann zu zappeln und nach Luft zu schnappen. "Die
alte Verleumdung!" kreischte er. "Er hat es doch gar nicht meinetwegen
getan! Er war unglcklich verheiratet! Mit der Geschichte haben die Leute
mich schon einmal kaputt gemacht, und nun fngt der Mann wieder an!" Auch
der Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu. Der Herr
Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des Ausdrucks Verleumdung nehme das
Gericht den Zeugen in eine Ordnungsstrafe von fnfzig Mark. Damit war Cohn
erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen. Ihn fragte Jadassohn
geradeheraus: "Zeuge Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes
Geschft, wovon leben Sie?" Hier entstand ein solches Gemurmel, da
Sprezius schnell eingriff: "Herr Staatsanwalt, gehrt das wirklich zur
Sache?" Aber Jadassohn war allem gewachsen. "Herr Vorsitzender, die
Anklagebehrde hat ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, da der Zeuge
sich in wirtschaftlicher Abhngigkeit von seinen Verwandten, besonders
aber von seinem Schwager, dem Angeklagten, befindet. Die Glaubwrdigkeit
des Zeugen ist danach zu bemessen." Der lange, elegante Herr Buck stand
mit gesenktem Kopf da. "Das gengt", erklrte Jadassohn; und Sprezius
entlie diesen Zeugen. Seine fnf Tchter rckten unter den Blicken der
Menge auf ihrer Bank zusammen wie eine Lmmerherde im Unwetter. Das minder
gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig. Sprezius bat
wohlwollend um Ruhe und lie sich den Zeugen Heuteufel kommen.

Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte Jadassohn ihm die
seine mit einem dramatischen Wurf entgegen.

"Ich mchte zunchst an den Zeugen die Frage richten, ob er zugibt, die
das Delikt der Majesttsbeleidigungen darstellenden uerungen durch seine
Zustimmung begnstigt und noch verschrft zu haben." Heuteufel erwiderte:
"Ich gebe gar nichts zu", - worauf Jadassohn ihm seine Aussage im
Vorverhr entgegenhielt. Mit erhobener Stimme: "Ich beantrage
Gerichtsbeschlu darber, da die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben
soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdchtig ist." Noch schneidender:
"Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch gelten. Der Zeuge
gehrt zu den von Seiner Majestt dem Kaiser mit Recht so genannten
vaterlandslosen Gesellen. berdies befleiigt er sich in regelmigen
Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern fr freie Menschen bezeichnet,
der Verbreitung des krassesten Atheismus, wodurch seine Tendenzen
gegenber einem christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert
sind." Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes
Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf, lchelte skeptisch und
meinte, die religisen berzeugungen des Herrn Staatsanwalts seien
offenbar von mnchischer Strenge, es knne ihm nicht zugemutet werden, da
er einen Nichtchristen fr glaubwrdig halte. Das Gericht aber werde wohl
anderer Meinung sein und den Antrag des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs
Jadassohn furchtbar empor. Wegen der Verhhnung seiner Person beantragte
er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe von hundert Mark! Der
Gerichtshof zog sich zur Beratung zurck. Sofort brach im Saal ein
aufgeregtes Durcheinander von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Hnde
in die Taschen und ma mit langen Blicken Jadassohn, der, dem Schutze des
Gerichts entzogen, von Panik ergriffen ward und gegen die Wand wich.
Diederich war es, der ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn
Staatsanwalt leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon kehrten
die Richter zurck. Die Beeidigung des Zeugen Heuteufel ward vorerst
ausgesetzt. Der Verteidiger war wegen Verhhnung des Herrn Staatsanwalts
in eine Ordnungsstrafe von achtzig Mark genommen.

In das weitere Verhr Heuteufels griff der Verteidiger ein, der vom Zeugen
wissen wollte, wie er, als intimer Bekannter des Angeklagten, sein
Familienleben beurteile. Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal
rauschte es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage zulie? Er
hatte schon den Mund geffnet, um sie abzulehnen, begriff aber noch
rechtzeitig, da man einer Sensation nicht ausweichen drfe - worauf
Heuteufel den mustergltigen Zustnden im Hause Lauer hohes Lob spendete.
Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend vor Ungeduld. Endlich konnte
er, mit namenlosem Triumph in der Stimme, seine Frage stellen. "Will der
Zeuge sich auch darber uern, welcher Art die Weiber sind, aus deren
Bekanntschaft er persnlich die Kenntnis des Familienlebens schpft, und
ob er nicht in einem gewissen Hause verkehrt, das im Volksmund
Klein-Berlin heit?" Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, da die
Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter, tief verletzte Gesichter
bekamen. Der Hauptentlastungszeuge war vernichtet! Heuteufel versuchte
noch zu antworten: "Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir sind uns
dort wohl begegnet." Aber das diente nur dazu, da Sprezius ihm eine
Ordnungsstrafe von fnfzig Mark auferlegen konnte. "Der Zeuge hat im Saal
zu bleiben", entschied der Vorsitzende schlielich. "Das Gericht braucht
ihn noch zur weiteren Aufklrung des Tatbestandes." Heuteufel uerte:
"Ich meinerseits bin aufgeklrt ber den Betrieb hier und wrde es
vorziehen, das Lokal zu verlassen." Sofort wurden aus den fnfzig Mark
hundert.

Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen schienen die Stimmung im
Saal zu schmecken, sie verzogen sich, als uerte sich die Stimmung in
diesem merkwrdigen Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich
wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn hereinbegleitet
hatten, zersprengt und abgestumpft, seine Kampfmittel unntz verbraucht;
und das Ghnen der vom Hunger in die Lnge gezogenen Gesichter, die
Ungeduld der Richter, die nach der Uhr schielten, verhie ihm nichts
Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und er machte seine
Stimme energisch, um die Vorladung weiterer Zeugen fr die
Nachmittagssitzung zu beantragen. "Da der Herr Staatsanwalt es zum System
erhebt, die Glaubwrdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir bereit,
den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen durch die Aussagen der
ersten Mnner von Netzig. Kein Geringerer als Herr Brgermeister Dr.
Scheffelweis wird dem Gericht die brgerlichen Verdienste des Angeklagten
bezeugen. Der Herr Regierungsprsident von Wulckow wird nicht umhin
knnen, ihm seine staatsfreundliche und kaisertreue Gesinnung zu
besttigen."

"Nanu", sagte dahinten aus dem freien Raum der drhnende Ba. Buck
strengte seine Stimme an.

"Fr die sozialen Tugenden des Angeklagten aber werden seine smtlichen
Arbeiter eintreten."

Und Buck setzte sich, hrbar keuchend. Jadassohn bemerkte kalt: "Der Herr
Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung." Die Richter berieten
flsternd; und Sprezius verkndete: das Gericht gebe nur dem Antrage des
Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Brgermeisters Dr.
Scheffelweis beziehe. Da der Brgermeister im Saal war, wurde er sogleich
aufgerufen.

Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und Schwiegermutter hielten
ihn von beiden Seiten fest und gaben ihm hastig Forderungen mit, die
einander widersprechen muten, denn der Brgermeister langte sichtlich
verstrt am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte in der
brgerlichen ffentlichkeit bettigte? Dr. Scheffelweis wute Gutes
darber zu bekunden. So hatte der Angeklagte sich in den stdtischen
Kollegien eingesetzt fr die Wiederherstellung des altberhmten
Pfaffenhauses, wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich Dr. Martin
Luther dem Teufel aus dem Schwanz gerissen hatte. Freilich, auch den
Saalbau der "Freien Gemeinde" hatte er untersttzt und dadurch unleugbar
viel Ansto erregt. Im Geschftsleben sodann geno der Angeklagte die
allgemeine Achtung; die sozialen Reformen, die er in seiner Fabrik
eingefhrt hatte, wurden vielfach bewundert, - wenn freilich auch dagegen
eingewendet ward, da sie die Ansprche der Arbeiter ins ungemessene
steigerten und so den Umsturz vielleicht doch zu befrdern geeignet waren.
"Wrde der Herr Zeuge", fragte der Verteidiger, "den Angeklagten des ihm
zur Last gelegten Delikts fr fhig halten?" - "Einerseits", erwiderte
Scheffelweis, "gewi nicht." - "Aber andererseits?" fragte der
Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte: "Andererseits gewi."

Nach dieser Antwort durfte der Brgermeister sich zurckziehen; seine zwei
Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden wie die andere; und der
Vorsitzende schickte sich an, die Sitzung aufzuheben, da rusperte
Jadassohn sich. Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Heling zu
vernehmen, der seine Aussage zu ergnzen wnsche. Sprezius klappte
migelaunt mit den Lidern, das Publikum, das soeben aus den Bnken
herausrutschte, murrte laut; - aber Diederich war schon vorgetreten,
festen Schrittes, und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen.
Nach reiflicher berlegung sei er zu der Einsicht gelangt, da er seine im
Vorverhr gemachte Aussage vollinhaltlich aufrechterhalten knne; und er
wiederholte sie, aber verschrft und erweitert. Er fing mit der
Erschieung des Arbeiters an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren
Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhrer, die das Fortgehen vergessen
hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen ber die blutbetropfte
Kaiser-Wilhelm-Strae bis in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen
sich bis zum Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem
Degen unter den gotischen Kronleuchter vorrcken und den Angeklagten
herausfordern auf Leben und Tod.

"Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht lnger, ich habe ihn
herausgefordert! Wird er das Wort sprechen, an dem ich ihn packen kann? Er
sprach es und, meine Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit
nur meine Pflicht erfllt und wrde sie auch heute wieder erfllen, mgen
mir daraus in gesellschaftlicher und geschftlicher Beziehung selbst noch
mehr Nachteile erwachsen, als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt
habe! Der uneigenntzige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein
Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt bettigen, mag ihm
angesichts der Menge der Feinde gelegentlich auch der Mut sinken. Als ich
vorhin mit meiner Aussage noch zgerte, war es nicht nur, wie der
Untersuchungsrichter mir gtigst zubilligte, eine Verwirrung des
Gedchtnisses: es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches
Zurckweichen vor der Schwere des Kampfes, den ich auf mich nehmen sollte.
Aber ich nehme ihn auf mich, denn kein Geringerer als Seine Majestt unser
erhabener Kaiser verlangt es von mir ..." Diederich sprach flieend
weiter, mit einem Schwung in den Stzen, der einem den Atem nahm.
Jadassohn fand, da der Zeuge anfange, die Wirkungen seines Plaidoyers
vorwegzunehmen, und blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber
dachte offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit unbewegtem
Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen, sah er auf Diederichs eiserne
Miene, worin es drohend blitzte. Der alte Khlemann sogar lie die Lippe
hngen und hrte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem Stuhl,
sphte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig und die Augen voll
eines feindlichen Entzckens. Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von
bombensicherer Wirkung! Ein Schlager! "Mgen unsere Brger", rief
Diederich, "endlich aus dem Schlummer erwachen, in dem sie sich so lange
gewiegt haben, und nicht blo dem Staat und seinen Organen die Bekmpfung
der umwlzenden Elemente berlassen, sondern selbst mit Hand anlegen! Das
ist Befehl Seiner Majestt und, meine Herren Richter, da sollte ich
zgern? Der Umsturz erhebt das Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert
den Namen Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des Monarchen
in den Staub zu ziehen ..."

Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius hackte zu und drohte den
Lacher in Strafe zu nehmen. Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius
freilich nicht mehr mglich, den Zeugen zu unterbrechen.

In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider nur zu wenig
Widerhall gefunden! Hier verschlo man Augen und Ohren vor der Gefahr, man
verharrte in den veralteten Anschauungen einer spiebrgerlichen
Demokratie und Humanitt, die den vaterlandslosen Feinden der gttlichen
Weltordnung den Weg ebneten. Eine forsche nationale Gesinnung, einen
grozgigen Imperialismus begriff man hier noch nicht. "Die Aufgabe der
modern gesinnten Mnner ist es, auch Netzig dem neuen Geist zu erobern, im
Sinne unseres herrlichen jungen Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei
edel oder unfrei, zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!"
Und Diederich schlo: "Daher, meine Herren Richter, war ich berechtigt,
dem Angeklagten, als er nrgeln wollte, mit aller Entschiedenheit
entgegenzutreten. Ich habe ohne persnlichen Groll gehandelt, um der Sache
willen. Sachlich sein heit deutsch sein! Und ich meinerseits" - er
blitzte zu Lauer hinber - "bekenne mich zu meinen Handlungen, denn sie
sind der Ausflu eines tadellosen Lebenswandels, der auch im eigenen Hause
auf Ehre hlt und weder Lge noch Sittenlosigkeit kennt!"

Groe Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von der edlen Gesinnung,
die er ausdrckte, berauscht durch seine Wirkung, fuhr fort, den
Angeklagten anzublitzen. Da aber wich er zurck: der Angeklagte, zitternd
und wankend, stemmte sich am Gelnder seiner Bank empor; er hatte
rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte sich, als habe
ihn der Schlag gerhrt. "Oh!" machten weibliche Stimmen, voll
erwartungsvollen Schauderns. Aber der Angeklagte hatte nur Zeit, einige
rauhe Laute gegen Diederich auszustoen: sein Verteidiger hatte ihn am Arm
erfat und redete auf ihn ein. Inzwischen verkndete der Vorsitzende, da
der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer um vier Uhr beginnen werde, und
verschwand samt den Beisitzern. Diederich, halb betubt, sah sich auf
einmal bestrmt von Khnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn
beglckwnschten. Fremde Leute schttelten ihm die Hand: die Verurteilung
sei todsicher, der Lauer drfe einpacken. Der Major Kunze erinnerte den
erfolgreichen Diederich daran, da zwischen ihnen niemals eine
Meinungsverschiedenheit entstanden sei. Auf dem Korridor kam ganz nahe an
Diederich, den gerade eine Menge Damen umgaben, der alte Buck vorber. Er
zog seine schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen Mann ins
Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern, die Diederich wider Willen
machte, ihm immer ins Gesicht, mit einem Blick, prfend und traurig, so
traurig, da auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus, ihm traurig
nachsah.

Pltzlich merkte er, da die fnf Tchter Buck sich nicht entbldeten, ihm
Komplimente zu machen. Sie flatterten, rauschten und fragten, warum er
denn zu der spannenden Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht
habe. Da ma er diese fnf herausgeputzten Gnse, eine nach der anderen,
von oben bis unten und erklrte ihnen, streng und abweisend, es gbe
Dinge, die denn doch ernster seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt
lieen sie ihn stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch
Guste Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu. Aber Wolfgang
Buck holte sie ein, lchelnd, als sei nichts geschehen; und mit ihm waren
der Angeklagte und seine Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen
Blick hin, der sein Zartgefhl anrief. Er drckte sich hinter einen
Pfeiler und lie, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen vorber.

Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der Regierungsprsident, Herr
von Wulckow. Diederich stellte sich, den Hut in der Hand, am Wege auf,
schlug im richtigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich, Wulckow
blieb stehen. "Na also!" sagte er aus der Tiefe seines Bartes und klopfte
Diederich auf die Schulter. "Sie haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare
Gesinnung. Wir sprechen uns noch." Und er ging weiter auf seinen kotigen
Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten Jagdhose und
hinterlie, durchdringend wie je, diesen Geruch gewaltttiger
Mnnlichkeit, der bei allem, was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte.

Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Brgermeister auf, mit Frau
und Schwiegermutter, die von beiden Seiten auf ihn eindrangen, und deren
Forderungen er, bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte.



Zu Hause wuten sie schon alles. Sie hatten, alle drei, im Vestibl auf
das Ende der Verhandlung gewartet und sich von Meta Harnisch erzhlen
lassen, was vorging. Frau Heling umarmte ihren Sohn unter stummen Trnen.
Die Schwestern standen etwas betreten dabei, denn noch gestern hatten sie
nur Geringschtzung gehabt fr Diederichs Rolle im Proze, die sich nun
als so glnzend erwies. Aber Diederich, in der schnen Vergelichkeit des
Sieges, lie Wein zum Essen auftragen, und er erklrte ihnen, der heutige
Tag sichere fr alle Zeit ihre gesellschaftliche Stellung in Netzig. "Die
fnf Damen Buck werden sich hten, auf der Strae wegzusehen. Sie knnen
froh sein, wenn ihr sie zurckgrt!" Die Verurteilung des Lauer war, so
versicherte Diederich, nur mehr eine Formalitt. Sie war entschieden, und
mit ihr auch Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! "Freilich -" und er
nickte in sein Glas - "trotz voller Pflichterfllung htte es schief gehen
knnen, und dann, meine Lieben, das wollen wir uns nur gestehen, dann wre
ich wahrscheinlich aufgeflogen und Magdas Heirat mit!" Da Magda
erbleichte, klopfte er ihr den Arm. "Jetzt sind wir fein heraus." Und das
Glas erhoben, mit mnnlicher Festigkeit: "Welch eine Wendung durch Gottes
Fgung!" Er ordnete an, da beide sich schn machten und mitkmen. Frau
Heling bat um Nachsicht, sie frchtete zu sehr die Aufregung. Diesmal
konnte Diederich warten, die Schwestern durften sich anziehen, so lange
sie mochten. Als sie eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren
nicht dieselben. Smtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste Daimchen,
Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige Wahlverein. Sie gaben
sich besiegt! Die Stadt wute es, man drngte sich herbei, ihre Niederlage
zu erleben; das minder gute Publikum war vorgerckt bis in die vorderen
Bnke. Wer von dem einstigen Klngel sich noch hier fand, Khnchen und
Kunze trugen Sorge, da jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung
lese. Auch einige verdchtige Gestalten freilich saen dazwischen: junge
Leute mit mden, aber ausdrucksvollen Mienen, samt mehreren auffallenden
Mdchen, die unheimlich schne Farben im Gesicht hatten; und alle
tauschten Gre mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich nicht
entbldet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen!

Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand eintrat. Er wartete
auf seine Frau! "Wenn er meint, da sie noch kommt!" dachte Diederich.
Aber da kam sie: noch bleicher als heute frh, begrte ihren Gatten mit
einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende einer Bank und
richtete die Augen geradeaus nach dem Richtertisch, stumm und stolz, wie
ins Schicksal ... Der Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende
erffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn Staatsanwalt.

Jadassohn begann sofort mit uerster Heftigkeit; nach einigen Stzen fand
er schon keine Steigerung mehr und wirkte matt; die Mitglieder des
Stadttheaters lchelten einander geringschtzig zu. Jadassohn bemerkte es,
er fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine Stimme
berschlug sich, und die Ohren loderten. Die geschminkten Mdchen fielen
auf die Brstung ihrer Bank, so ausgelassen kicherten sie. "Merkt denn
Sprezius nichts?" fragte die Schwiegermutter des Brgermeisters. Aber das
Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen frohlockte; er hatte seine
Rache an Jadassohn! Jadassohn konnte nichts vorbringen, als womit er
selbst schon das Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wute Wulckow,
und auch Sprezius wute es, darum schlief er, mit offenen Augen. Jadassohn
selbst fhlte es am besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je
geruschvoller er ward. Als er schlielich zwei Jahre Gefngnis
beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm unrecht: wie es
schien, auch die Richter. Der alte Khlemann schrak auf, mit einem
Schnarcher. Sprezius klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und
dann sagte er: "Der Herr Verteidiger hat das Wort."

Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren Freunde auf der
Tribne murmelten beifllig, was Buck trotz Sprezius' geschrftem Schnabel
in Ruhe abwartete. Dann erklrte er leichthin, als werde er mit allem in
zwei Minuten fertig werden, da die Beweisaufnahme ein dem Angeklagten
durchaus gnstiges Bild ergeben habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit
Unrecht die Anschauung, da die Aussage von Zeugen, die erst infolge
drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt htten,
irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe den Wert, da sie auf geradezu
glnzende Weise die Unschuld des Angeklagten belege, da so viele als
wahrheitsliebend bekannte Mnner nur durch eine Erpressung -. Weiter kam
er natrlich nicht. Als der Vorsitzende sich beruhigt hatte, fuhr Buck
gelassen fort. Wolle man aber als erwiesen annehmen, da der Angeklagte
die ihm zur Last gelegte uerung wirklich getan habe, so entfalle hier
doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge Doktor Heling habe
offen eingestanden, da er den Angeklagten mit Absicht und Vorbedacht
provoziert habe. Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge Heling,
durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige Urheber
einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkrlichen Hilfe eines
anderen und unter bewuter Ausnutzung seiner Erregung vollfhrt habe. Der
Verteidiger empfahl dem Herrn Staatsanwalt die nhere Beschftigung mit
dem Zeugen Heling. Hier wandten viele sich nach Diederich um, und ihm
ward schwl. Aber die wegwerfende Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn
wieder.

Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er wolle nicht das Unglck
des Zeugen Heling, den er als das Opfer eines weit Hheren betrachte.
"Warum hufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen
Majesttsbeleidigung? Man wird sagen: infolge solcher Vorgnge wie die
Erschieung des Arbeiters. Ich erwidere: nein; sondern dank den Reden, die
diese Vorgnge begleiten." Sprezius rckte den Kopf, wetzte schon den
Schnabel, zog sich aber noch zurck. Buck lie sich nicht stren; er
machte sein Organ mnnlich und stark.

"Drohungen und berspannte Ansprche auf der einen Seite zeitigen
Zurckweisungen auf der anderen. Der Grundsatz: wer nicht fr mich ist,
ist wider mich, zieht eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und
Majesttsbeleidigern."

Da hackte Sprezius zu. "Herr Verteidiger, ich kann nicht dulden, da Sie
an Worten des Kaisers hier Kritik ben. Wenn Sie damit fortfahren, wird
das Gericht Sie in Ordnungsstrafe nehmen."

"Ich fge mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden", sagte Buck, und die
Worte wurden in seinem Munde immer runder und gewichtiger. "Ich werde also
nicht vom Frsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht
von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom Zeugen Heling. Sie haben ihn
gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewhnlichem Verstand, abhngig von
Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht fr ihn
standen, und von groem Selbstbewutsein, sobald sie sich gewendet
hatten."

Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schtzte Sprezius ihn nicht?
Es wre seine Pflicht gewesen! Einen nationalgesinnten Mann lie er in
ffentlicher Sitzung verchtlich machen - von wem? Vom Verteidiger, dem
berufsmigen Vertreter der subversiven Tendenzen! Da war etwas faul im
Staat!... Es begann in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war der
Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern! Diese beleidigende
Menschlichkeit in Bucks dickem Profil! Man fhlte seine herablassende
Liebe zu den Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen!

"Wie er", sagte Buck, "waren zu jeder Zeit viele Tausende, die ihr
Geschft versahen und eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und
ihn zu einem neuen Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des
Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persnlichkeit, das
Wirkenwollen um jeden Preis, wre er auch von anderen zu bezahlen. Die
Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heien, und wren sie zwei
Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen durch
Romantik. Eine romantische Prostration vor einem Herrn, der seinem
Untertan von seiner Macht das Ntige leihen soll, um die noch kleineren
niederzuhalten. Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder den Herrn
noch den Untertan gibt, erhlt das ffentliche Leben einen Anstrich
schlechten Komdiantentums. Die Gesinnung trgt Kostm, Reden fallen, wie
von Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt oder Papier; und das Pappschwert
wird gezogen fr einen Begriff wie den der Majestt, den doch kein Mensch
mehr, auer in Mrchenbchern, ernsthaft erlebt. Majestt ..." wiederholte
Buck, das Wort durchschmeckend, und einige Hrer schmeckten es mit. Die
Leute vom Theater, denen es offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn
ankam, legten die Hand an die Ohren und murmelten beifllig. Den anderen
sprach Buck zu gewhlt, und da er an keinen Dialekt anklang, befremdete.
Aber Sprezius war im Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig:
"Herr Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die Person des
Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen." Durch das Publikum lief eine
Bewegung. Wie Buck den Mund wieder ffnete, versuchte jemand zu klatschen,
Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der auffallenden Mdchen
gewesen.

"Erst der Herr Vorsitzende", sagte Buck, "hat die Person des Monarchen
genannt. Aber, da sie nun genannt ist, darf ich, ohne Verlegenheit fr das
Gericht, feststellen, da diese Person durch die Vollstndigkeit, mit der
sie im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes ausdrckt und
darstellt, etwas fast Verehrungswrdiges bekommt. Ich will den Kaiser -
und der Herr Vorsitzende wird es nicht auf sich nehmen, mich zu
unterbrechen - einen groen Knstler nennen. Kann ich mehr tun? Wir alle
kennen nichts Hheres ... Ebendarum sollte es nicht erlaubt sein, da
jeder mittelmige Zeitgenosse ihm nachfft. Im Glanz des Thrones mag
einer seine zweifellos einzige Persnlichkeit spielen lassen, mag reden,
ohne da wir mehr von ihm erwarten als Reden, mag blitzen, blenden, den
Ha imaginrer Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres, das
seine brgerliche Wirklichkeit darber nicht vergit ..."

Diederich erbebte; und alle hatten die Mnder offen und gespannte Augen,
als bewegte Buck sich auf einem Seil zwischen zwei Trmen. Ob er strzte?
Sprezius hielt den Schnabel gezckt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete
die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin auf wie eine
erbitterte Begeisterung. Pltzlich lie er die Mundwinkel fallen, grau
schien es um ihn her zu werden.

"Aber ein Netziger Papierfabrikant?" fragte er. Er war nicht gestrzt, er
hatte wieder Boden unter den Fen! Nun sah alles sich nach Diederich um,
und man lchelte sogar. Auch Emmi und Magda lchelten. Buck hatte seine
Wirkung, und Diederich mute sich leider sagen, da ihr gestriges Gesprch
auf der Strae hierfr die Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter
dem offenen Hohn des Redners.

"Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine Rolle anzumaen, fr
die sie nicht fabriziert sind. Zischen wir sie aus! Sie haben kein Talent!
Das sthetische Niveau unseres ffentlichen Lebens, das vom Auftreten
Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhhung erfahren hat, kann durch
Krfte wie den Zeugen Heling nur verlieren ... Und mit dem sthetischen,
meine Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene Ideale
ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen Schwindel folgt der
brgerliche."

Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten Male erhob er es nun bis
zum Pathos.

"Denn, meine Herren Richter, ich beschrnke mich nicht auf die
mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten Umsturzes so teuer
ist. Mehr Vernderung als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das
Beispiel eines groen Mannes. Und wehe, wenn es ein falsch verstandenes
Beispiel war! Dann kann es geschehen, da ber das Land sich ein neuer
Typus verbreitet, der in Hrte und Unterdrckung nicht den traurigen
Durchgang zu menschlicheren Zustnden sieht, sondern den Sinn des Lebens
selbst. Schwach und friedfertig von Natur, bt er sich, eisern zu
scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck es war. Und mit
unberechtigter Berufung auf einen noch Hheren wird er lrmend und
unsolide. Kein Zweifel: die Siege seiner Eitelkeit werden geschftlichen
Zwecken dienen. Zuerst bringt die Komdie seiner Gesinnung einen
Majesttsbeleidiger ins Gefngnis. Spter findet sich, was daran zu
verdienen ist. Meine Herren Richter!"

Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die Welt umfassen, er
trug die gesammelte Miene eines Fhrers. Und er legte los, mit allem, was
er hatte.

"Sie sind souvern; und Ihre Souvernitt ist die erste und strkste. In
Ihrer Hand ist das Schicksal des einzelnen. Sie knnen ihn in das Leben
schicken oder ihn sittlich tten - was kein Frst kann. Die Norm aber der
Individuen, die Sie gutheien oder verwerfen, bildet ein Geschlecht. Und
so haben Sie Macht ber unsere Zukunft. Bei Ihnen liegt die unermeliche
Verantwortung, ob knftig Mnner wie der Angeklagte die Gefngnisse fllen
und Wesen wie der Zeuge Heling der herrschende Teil der Nation sein
sollen. Entscheiden Sie sich zwischen den beiden! Entscheiden Sie sich
zwischen Streberei und mutiger Arbeit, zwischen Komdie und Wahrheit!
Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer verlangt, und dem
anderen, der Opfer darbringt, damit Menschen es besser haben! Der
Angeklagte hat getan, was erst wenige vermochten: er hat sich seines
Herrentums begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches Recht
zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und jemand, der in seinem
Nchsten so sehr sich selbst achtet, sollte fhig sein, von der Person des
Kaisers mit Nichtachtung zu sprechen?"

Die Hrer atmeten. Mit neuen Gefhlen blickte man auf den Angeklagten, der
die Stirn in die Hand sttzte, auf seine Frau, die starr vor sich hinsah.
Mehrere schluchzten. Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene.
Seine Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen sa er da, als htte
Buck ihn eingefangen. Der alte Khlemann nickte achtungsvoll, und an
Jadassohn zeigten sich unwillkrliche Zuckungen.

Aber Buck mibrauchte seinen Erfolg, er lie sich berauschen. "Das
Erwachen des Brgers!" rief er aus. "Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die
stille Tat eines Lauer tut mehr dafr als hundert hallende Monologe selbst
eines gekrnten Knstlers!"

Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an, er hatte sich
besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und versprach sich, nicht zum
zweiten Male auf den Leim zu gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fhlten
die meisten, der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe lie
der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden.

Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler klatschen; aber
Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er warf nur einen gelangweilten
Blick hin und fragte, ob der Herr Staatsanwalt zu replizieren wnsche.
Jadassohn verneinte geringschtzig, und der Gerichtshof zog sich rasch
zurck. "Das Urteil wird bald gefunden sein", sagte Diederich mit
Achselzucken - obwohl ihm von Bucks Rede noch arg beklommen war. "Gott sei
Dank!" sagte die Schwiegermutter des Brgermeisters. "Man sollte nicht
glauben, da vor fnf Minuten die Leute noch obenauf waren." Sie wies auf
Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf Buck, den wahrhaftig die
Schauspieler beglckwnschten.

Schon kehrten die Richter zurck, und Sprezius verkndete das Urteil:
sechs Monate Gefngnis - was allen die natrlichste Lsung schien. Dazu
war noch auf Verlust der vom Angeklagten bekleideten ffentlichen mter
erkannt worden.

Der Vorsitzende begrndete das Urteil damit, da eine beleidigende Absicht
zum Tatbestande des Delikts nicht erforderlich sei. Daher tue auch die
Frage, ob eine Provokation stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im
Gegenteil: da der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten
Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins Gewicht. Die Behauptung des
Angeklagten, da er nicht den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht fr
hinfllig befunden. "Den Hrern der Rede mute sich - namentlich bei ihrer
Parteistellung und der ihnen bekannten antimonarchischen Richtung des
Angeklagten - die Ansicht aufdrngen, da seine uerung sich gegen den
Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, da er sich wohl gehtet habe,
eine Majesttsbeleidigung zu begehen, so hat er eben nicht die Beleidigung
selbst, sondern nur ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen."

Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich, aber
hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort verhaftet; als man auch dies
noch miterlebt hatte zerstreute man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht
gnstig waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was sollte in dem
halben Jahr, das er absitzen mute, aus seinem Geschft werden! Infolge
des Urteils war er auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte knftig
weder ntzen noch schaden! Dem Buckschen Klngel, der so dick tat, war der
Denkzettel zu gnnen. Man sah sich nach der Frau des Strflings um; aber
sie war verschwunden. "Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben! Nette
Verhltnisse!"



Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die zu noch herberen
Urteilen ntigten. Judith Lauer hatte sofort ihre Koffer gepackt und war
nach dem Sden gereist. Nach dem Sden! - indes ihr leiblicher Mann dort
oben in der Vogtei sa, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster. Und -
ein auffallendes Zusammentreffen!

Landgerichtsrat Fritzsche nahm pltzlich Urlaub. Eine Karte von ihm aus
Genua gelangte an Doktor Heuteufel, der sie umherzeigte: wahrscheinlich,
um sein eigenes Benehmen in Vergessenheit zu bringen. Es wre kaum noch
ntig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die armen verlassenen Kinder
auszuforschen: man wute Bescheid! Der Skandal war so gro, da die
"Netziger Zeitung" eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend
gerichteten Warnung, nicht den umstrzlerischen Tendenzen durch
Zgellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten Artikel legte
Nothgroschen dar, da man unrecht tue, Reformen, wie die in Lauers Betrieb
eingefhrten, besonders zu rhmen. Denn was hatten die Arbeiter von der
Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen Aufstellungen, noch
nicht achtzig Mark im Jahr. Das konnte man ihnen auch in Form eines
Weihnachtsgeschenkes zuwenden! Aber freilich, dann war es keine
Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung! Dann hatte
auch die vom Gericht festgestellte antimonarchische Gesinnung des
Fabrikherrn nichts dabei zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank der
Arbeiter gezhlt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren belehren:
vorausgesetzt, so fgte Nothgroschen hinzu, da er im Gefngnis das
sozialdemokratische Blatt zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, da er
durch seine leichtsinnige Majesttsbeleidigung mehrere hundert
Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefhrdet habe.

Die "Netziger Zeitung" trug der vernderten Lage noch in anderer, sehr
bezeichnender Weise Rechnung. Ihr Direktor Tietz wandte sich an das
Helingsche Werk wegen eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei
gestiegen und Gausenfeld zur Zeit berlastet. Diederich sagte sich sofort,
da dahinter der alte Klsing selbst stecke. Er war beteiligt an der
Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts. Wenn der etwas aus der Hand lie,
frchtete er offenbar, sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisbltter! Die
Lieferungen fr die Regierung! Angst vor Wulckow, das war es. Da
Diederich durch seine Zeugenaussage den Prsidenten auf sich aufmerksam
gemacht hatte, mute der Alte wohl erfahren haben - obwohl er kaum mehr in
die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten in ihrem Netz, das ber
die Provinz und noch weiter gespannt war, witterte Gefahr und ward
unruhig. "Er mchte mich abspeisen mit der 'Netziger Zeitung'! Aber so
billig tun wir's nicht. In dieser harten Zeit! Hat er 'ne Ahnung von
meiner Grozgigkeit. Wenn ich erst Wulckow hinter mir habe: - ich beerbe
ihn einfach!" sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult,
so da Stbier emporschrak. "Hten Sie sich vor Aufregungen!" hhnte
Diederich. "In Ihren Jahren, Stbier! Ich gebe zu, frher haben Sie
manches geleistet fr die Firma. Aber die Geschichte mit dem Hollnder war
schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und jetzt htte ich ihn ntig fr
die 'Netziger Zeitung'. Sie sollten sich ausruhen, es gelingt nichts
mehr."

Zu den Folgen, die der Proze fr Diederich hatte, gehrte auch ein Brief
des Majors Kunze. Dieser wnschte ein bedauerliches Miverstndnis
aufzuklren und teilte mit, da der Aufnahme des hochverdienten Herrn
Doktors in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich, gerhrt
durch seinen Triumph, htte am liebsten gleich die beiden Hnde des alten
Soldaten ergriffen. Glcklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, da
der Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurckzufhren war! Der
Regierungsprsident hatte den Kriegerverein mit seinem Besuch beehrt und
sich gewundert, den Doktor Heling nicht dort zu finden. Da ward Diederich
es inne, was fr eine Macht er war. Er handelte demgem. Er antwortete
auf die private Erffnung des Majors durch ein offizielles Schreiben an
den Verein und forderte den persnlichen Besuch von zwei Mitgliedern des
Vorstandes, der Herren Major Kunze und Professor Khnchen. Sie kamen auch;
Diederich empfing sie, zwischen Geschftsbesuchen, die er absichtlich auf
diese Stunde gelegt hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die
Adresse, von deren berreichung er die Annahme ihres ehrenvollen Antrags
abhngig machte. Darin lie er sich besttigen, da er, mit glnzender
Unerschrockenheit allen Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und
kaisertreue Gesinnung bewhrt habe. Durch sein Eingreifen sei es gelungen,
den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine empfindliche Schlappe
beizubringen. Aus einem unter den grten persnlichen Opfern gefhrten
Kampf sei Diederich als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen.

Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die Adresse, und Diederich,
Trnen in der Stimme, bekannte sich unwrdig, so viel Lob
entgegenzunehmen. Wenn in Netzig die nationale Sache Fortschritte mache,
so sei dies, nchst Gott, einem Hheren zu danken, dessen erhabene
Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausfhre ... Alle, auch
Kunze und Khnchen, waren bewegt. Es war ein groer Abend. Diederich
stiftete einen Pokal - und er hielt eine Rede, worin er die
Schwierigkeiten berhrte, denen die neue Militrvorlage im Reichstage
begegnete. "Einzig unser scharfes Schwert", rief Diederich aus, "sichert
unsere Stellung in der Welt, und es scharf zu erhalten, ist der Beruf
Seiner Majestt des Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen
aus der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was dreinreden
will, mag sich hten, da es sie nicht zuerst trifft! Mit Seiner Majestt
ist nicht zu spaen, meine Herren, das kann ich Ihnen nur sagen."
Diederich blitzte, und er nickte schwerwiegend, als wte er manches. Im
selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. "Neulich auf dem
Brandenburgischen Provinziallandtag hat der Kaiser dem Reichstag den
Standpunkt klargemacht. Er hat gesagt: 'Wenn die Kerls mir meine Soldaten
nicht bewilligen, rum' ich die ganze Bude aus!'" - Das Wort erregte
Begeisterung; und als Diederich allen, die ihm zutranken, nachgekommen
war, htte er nicht mehr sagen knnen, ob es von ihm selbst war oder nicht
doch vom Kaiser. Schauer der Macht strmten aus dem Wort auf ihn ein, als
wre es echt gewesen ... Tags darauf stand es in der "Netziger Zeitung"
und schon am Abend im "Lokal-Anzeiger". Schlechtgesinnte Bltter
verlangten ein Dementi, aber es blieb aus.





                                    V.


Noch schwellten solche Hochgefhle Diederichs Brust, da bekamen Emmi und
Magda eine Einladung von Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte
nur wegen des Stckes sein, das die Regierungsprsidentin beim nchsten
Fest der "Harmonie" auffhren lie. Emmi und Magda sollten Rollen
bekommen. Freudegertet kehrten sie heim: Frau von Wulckow war beraus
gndig gewesen; eigenhndig hatte sie ihnen immer wieder Kuchen auf den
Teller gelegt. Inge Tietz mochte platzen. Offiziere spielten mit! Man
brauchte besondere Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, da sie
mit ihren fnfzig Mark -. Aber Diederich erffnete ihnen einen
unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie kauften, fand er schn genug.
Das Wohnzimmer lag voll von Bndern und knstlichen Blumen, die Mdchen
verloren den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da kam Besuch, Guste
Daimchen.

"Ich habe doch der glcklichen Braut noch gar nicht richtig gratuliert",
sagte sie und versuchte gnnerhaft zu lcheln; aber ihre Augen gingen
besorgt ber die Bnder und Blumen. "Das ist wohl auch fr das dumme
Stck?" fragte sie. "Wolfgang hat davon gehrt, er sagt, es ist unerhrt
dumm." Magda erwiderte: "Dir mu er es doch sagen, weil du nicht
mitspielst." Und Diederich erklrte: "Damit entschuldigt er sich dafr,
da Sie seinetwegen bei Wulckows nicht eingeladen werden." Guste lachte
geringschtzig. "Auf Wulckows verzichten wir, aber zum Harmonieball gehen
wir gerade." Diederich fragte: "Wollen Sie den ersten Eindruck des
Prozesses nicht lieber vorbergehen lassen?" Er sah sie teilnehmend an.
"Liebes Frulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich darf Sie wohl
darauf hinweisen, da Ihre Verbindung mit den Bucks Ihnen jetzt in der
Gesellschaft nicht gerade ntzt." - Guste zuckte mit den Augen, man sah,
sie hatte sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: "Gott sei Dank,
mit meinem Kienast ist es nicht so." Worauf Emmi: "Aber Herr Buck ist
interessanter. Neulich bei seiner Rede hab' ich geweint, wie im Theater."
- "Und berhaupt!" rief Guste ermutigt. "Erst gestern hat er mir diese
Tasche geschenkt." Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach dem Emmi und
Magda schon lange schielten. Magda sagte spitz: "Er hat wohl viel verdient
mit der Verteidigung. Kienast und ich, wir sind fr Sparsamkeit." Aber
Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. "Dann will ich auch nicht lnger
stren", sagte sie.

Diederich begleitete sie hinunter. "Ich bringe Sie nach Haus, wenn Sie
artig sind," sagte er, "aber vorher mu ich noch einen Blick in die Fabrik
tun. Gleich wird Schicht gemacht." - "Ich kann ja mitgehen", meinte Guste.
Um ihr zu imponieren, fhrte er sie geradeswegs zu der groen
Papiermaschine. "So was haben Sie wohl noch nicht gesehen?" Und mit
Wichtigkeit erluterte er ihr das System von Bassins, Walzen und
Zylindern, worber hin, durch die ganze Lnge des Saales, die Masse flo:
zuerst wsserig, dann immer trockener - und am Ende der Maschine lief auf
groen Rollen das fertige Papier ... Guste schttelte den Kopf. "Nein so
was! Und der Krach, den sie macht! Und die Hitze hier!" Diederich, mit
seiner Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die Arbeiter
anzudonnern; und wie Napoleon Fischer dazukam, war nur er schuld! Beide
schrien gegen den Lrm der Maschine an, Guste verstand nichts; aber
Diederichs geheime Angst sah in dem dnnen Bart des Maschinenmeisters
immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft in der
Angelegenheit des Hollnders erinnerte und die offene Verleugnung jeder
Autoritt war. Je heftiger Diederich sich gebrdete, desto ruhiger ward
der andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und bebend ffnete
Diederich die Tr zum Packraum und lie Guste eintreten. "Der Mann ist
Sozialdemokrat!" erklrte er. "So ein Kerl wre imstande, hier Feuer zu
legen. Aber ich entlass' ihn nicht: nun gerade nicht! Wollen sehen, wer
der Strkere ist. Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich!" Und da Guste
ihn bewundernd ansah: "Das htten Sie wohl nicht gedacht, auf was fr
einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos und treu, ist mein
Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige hier unsere heiligsten nationalen
Gter geradeso gut wie unser Kaiser. Dazu gehrt mehr Mut, als wenn einer
vor Gericht schne Reden hlt."

Guste sah es ein, sie hatte eine andchtige Miene. "Hier ist es khler,"
bemerkte sie, "wenn man aus der Hlle nebenan kommt. Die Frauen hier
knnen froh sein." - "Die?" erwiderte Diederich. "Die haben es wie im
Paradies!" Er fhrte Guste zu dem Tisch: eine der Frauen sortierte die
Bogen, eine zweite prfte nach, und die dritte zhlte immerfort bis
fnfhundert. Alles ging mit unerklrlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen
ununterbrochen einander nach, wie von selbst und ohne Widerstand gegen die
arbeitenden Hnde, die im endlos ber sie hingehenden Papier sich
aufzulsen schienen: Hnde und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr
Gehirn, ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen flogen ...
Guste ghnte - indes Diederich erklrte, da diese Weiber, die im Akkord
arbeiteten, sich schndliche Nachlssigkeiten zuschulden kommen lieen. Er
wollte schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran eine Ecke
fehlte. Aber Guste sagte pltzlich mit einer Art von Trotz: "Sie brauchen
sich brigens nicht einzubilden, da Kthchen Zillich sich fr Sie
besonders interessiert ... Wenigstens nicht mehr als fr gewisse andere
Leute", setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie denn
meine, lchelte sie blo anzglich. "Ich mu Sie doch bitten", wiederholte
er. Darauf nahm Guste ihre gnnerhafte Miene an. "Ich sage es nur zu Ihrem
Besten. Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn zum
Beispiel? Aber Kthchen ist berhaupt so eine." Jetzt lachte Guste laut,
so begossen sah Diederich aus. Sie ging weiter, und er folgte. "Mit
Jadassohn?" forschte er angstvoll. Da hrte der Lrm der Maschine auf, die
Glocke ging, die den Schlu der Arbeit anzeigte, und ber den Hof
entfernten sich schon Arbeiter. Diederich zuckte die Achseln. "Was
Frulein Zillich macht, lt mich kalt", erklrte er. "Hchstens um den
alten Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen Sie
das denn genauer?" Guste sah weg. "berzeugen Sie sich doch selbst!"
Worauf Diederich geschmeichelt lachte.

"Lassen Sie das Gas brennen!" rief er dem Maschinenmeister zu, der
vorbeiging. "Ich drehe selbst ab." Gerade ward der Lumpensaal weit
geffnet fr die Fortgehenden. "Oh!" rief Guste, "dort drinnen ist es aber
romantisch!" Denn sie erblickte dahinten in der Dmmerung lauter bunte
Flecken aus grauen Hgeln und darber einen Wald von sten. "Ach", sagte
sie im Nhertreten. "Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das
sind ja blo Lumpenscke und Heizungsrohre." Und sie verzog das Gesicht.
Diederich jagte die Arbeiterinnen empor, die trotz der Betriebsordnung
sich auf den Scken ausruhten. Mehrere, kaum, da die Arbeit fortgelegt
war, strickten schon, andere aen. "Das knnte euch passen", schnaubte er.
"Wrme schinden auf meine Kosten! Raus!" Sie standen langsam auf, ohne ein
Wort, ohne Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden Dame, nach
der alle dumpf neugierig den Kopf wandten, trabten sie in ihren
Mnnerschuhen hinaus, schwerfllig wie eine Herde und umgeben von dem
Dunst, worin sie lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie
drauen war. "Fischer!" schrie er pltzlich. "Was hat die Dicke da unterm
Tuch?" Der Maschinenmeister erklrte mit seinem zweideutigen Grinsen: "Das
ist nur, weil sie was erwartet", - worauf Diederich unzufrieden den Rcken
wandte. Er belehrte Guste. "Ich glaubte, ich htte eine erwischt. Sie
stehlen nmlich Lumpen. Jawohl. Sie machen Kinderkleider draus." Und da
Guste die Nase rmpfte: "Das ist doch zu gut fr die Proletenkinder!"

Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der Fetzen vom Boden.
Pltzlich hatte Diederich ihr Handgelenk gefangen und kte es gierig, im
Spalt des Handschuhs. Erschreckt sah sie sich um. "Ach so, alle Leute sind
schon fort." Sie lachte selbstsicher. "Ich hab' mir doch gleich gedacht,
was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun haben." Diederich machte ein
herausforderndes Gesicht. "Na und Sie? Warum sind Sie berhaupt gekommen
heute? Sie haben wohl gemerkt, da ich doch nicht so ohne bin? Freilich
Ihr Wolfgang -. Jeder kann sich nicht so blamieren wie er, neulich vor
Gericht." Darauf sagte Guste entrstet: "Seien Sie nur ganz still, Sie
werden doch nie so ein feiner Mann wie er." Aber ihre Augen sagten etwas
anderes. Diederich sah es; erregt lachte er auf. "Wie der es eilig hat mit
Ihnen! Wissen Sie auch, wofr er Sie ansieht? Fr einen Kochtopf mit Wurst
und Kohl, und ich soll ihn umrhren!" - "Jetzt lgen Sie", sagte Guste
vernichtend; aber Diederich war im Zuge. "Ihm ist nmlich nicht genug
Wurst und Kohl drin. - Anfangs hat er natrlich auch gedacht, Sie htten
eine Million geerbt. Aber fr fnfzigtausend Mark ist solch ein feiner
Mann nicht zu haben." Da kochte Guste auf. Diederich fuhr zurck, so
gefhrlich sah es aus. "Fnfzigtausend! Ihnen ist gewi nicht wohl? Wie
komme ich dazu, da ich mir das mu sagen lassen! Wo ich bare
dreihundertfnfzigtausend auf der Bank zu liegen hab', in richtiggehenden
Papieren! Fnfzigtausend! Wer so etwas Ehrenrhriges von mir herumerzhlt,
den kann ich berhaupt belangen!" Sie hatte Trnen in den Augen; Diederich
stammelte Entschuldigungen. "Lassen Sie nur" - und Guste benutzte ihr
Taschentuch. "Wolfgang wei genau, woran er bei mir ist. Aber Sie selbst,
Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum waren Sie auch so frech!" rief
sie. Ihre rosigen Fettpolster zitterten vor Zorn, und die kleine
eingedrckte Nase war ganz wei geworden. Er sammelte sich. "Daran sehen
Sie doch, da Sie mir auch ohne Geld gefallen", gab er zu bedenken. Sie
bi sich auf die Lippen. "Wer wei", sagte sie mit einem Blick von unten,
schmollend und unsicher. "Fr Leute, wie Sie, sind fnfzigtausend auch
schon Geld."

Er hielt es fr angezeigt, eine Pause zu machen. Sie zog aus ihrem
goldenen Beutel den Puderquast, und sie setzte sich. "Ich bin wirklich
ganz echauffiert von Ihrem Betragen!" Aber sie lachte wieder. "Haben Sie
mir vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten Fabrik?" Er
nickte bedeutsam. "Wissen Sie wohl, wo Sie jetzt sitzen?" - "Na, auf einem
Lumpensack." - "Aber auf was fr einem! In dieser Ecke, hinter den Scken
hier hab' ich mal einen Arbeiter und ein Mdchen ertappt, wie sie gerade:
Sie verstehen. Natrlich sind beide geflogen; und am Abend, jawohl, am
selben Abend -" er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein
Schauder hherer Dinge - "haben sie den Kerl totgeschossen, und das
Mdchen ist verrckt geworden." Guste sprang auf. "War das -? Ach Gott,
das war der Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also hinter den
Scken haben sie -?" Ihre Augen gingen ber die Scke, als suchte sie Blut
darauf. Sie hatte sich nahe zu Diederich geflchtet. Pltzlich sahen sie
einander in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgrndigen
Schauder, des Lasters oder des bersinnlichen. Sie atmeten hrbar einander
an. Guste schlo, eine Sekunde lang, die Lider: da plumpsten sie auch
schon beide auf die Scke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch
den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten und prusteten, als
seien sie dort unten am Ertrinken.

Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fu, an dem er sie festhalten
wollte, stie sie ihm ins Gesicht und sprang heraus, da es krachte. Als
Diederich sich glcklich ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und
schnauften. Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm. Sie
erlangte vor ihm die Sprache zurck. "Das mssen Sie mit 'ner andern
versuchen! Wie komm' ich berhaupt dazu!" Immer erbitterter: "Ich hab'
Ihnen doch gesagt, da es dreihundertfnfzigtausend sind!" Diederich
bewegte die Hand, um auszudrcken, da er seinen Migriff zugebe. Aber
Guste schrie auf: "Und wie ich aussehe! Soll ich so vielleicht durch die
Stadt gehen?" Er erschrak aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf.
"Haben Sie denn keine Brste?" Gehorsam machte er sich auf den Weg; Guste
rief ihm nach: "Da geflligst Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden
morgen die Leute von mir!" Er ging nur bis an das Kontor. Wie er
zurckkehrte, sa Guste wieder auf dem Sack, das Gesicht in den Hnden,
und durch ihre lieben, dicken Finger rannen Trnen. Diederich blieb
stehen, hrte ihrem Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen.
Mit trstender Hand brstete er sie ab. "Es ist doch nichts geschehen",
wiederholte er. Guste stand auf. "Das wre auch noch schner", - und sie
musterte ihn mit Ironie. Da fate auch Diederich Mut. "Ihr Herr Brutigam
braucht es ja nicht zu wissen", bemerkte er. Und Guste: "Wenn schon!" -
wobei sie sich auf die Lippen bi.

Betroffen durch dies Wort brstete er schweigend weiter, zuerst sie, dann
sich, indes Guste ihre Kleider glttete. "Nun los!" sagte sie. "Eine
Papierfabrik sehe ich mir so bald nicht wieder an." Er sphte ihr unter
den Hut. "Wer wei", sagte er. "Denn da Sie Ihren Buck lieben, das glaub'
ich Ihnen seit fnf Minuten nicht mehr." Schnell rief Guste: "O doch!" Und
ohne Pause fragte sie: "Was bedeutet denn das Zeug hier?"

Er erklrte: "Das ist der Sandfang, durch die Rinne schwemmen wir die
Lumpen; Knpfe und so weiter bleiben zurck, wie Sie sehen. Die Leute
haben natrlich wieder nicht aufgerumt." Mit der Schirmspitze stocherte
sie in dem Haufen; er setzte hinzu: "Im Jahr behalten wir mehrere Scke
berbleibsel!" - "Und was ist das da?" fragte Guste und griff rasch hin,
nach etwas, das glnzte. Diederich ri die Augen auf. "Ein Brillantknopf!"
Sie lie ihn funkeln. "Echt sogar! Wenn Sie fter so was finden, ist Ihr
Geschft nicht so bel." Diederich sagte zweifelnd: "Den mu ich natrlich
abliefern." Sie lachte. "An wen denn? Die Abflle gehren doch Ihnen!" Er
lachte auch. "Na, nicht gerade die Brillanten. Wir werden schon noch
ausfindig machen, wer uns das geliefert hat." Guste sah ihn von unten an.
"Sie sind schn dumm", sagte sie. Er erwiderte mit berzeugung: "Nein!
Sondern ich bin ein Ehrenmann!" Darauf hob sie nur die Schultern. Langsam
zog sie den linken Handschuh aus und legte sich den Brillanten auf den
kleinen Finger. "Er mu als Ring gefat werden!" rief sie aus, wie
erleuchtet, betrachtete versunken ihre Hand und seufzte. "Na, sollen ihn
andere Leute finden!" - und unvermutet warf sie den Knopf zurck in die
Lumpen. "Sind Sie verrckt?" Diederich bckte sich, sah ihn nicht gleich
und lie sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er alles
durcheinander. "Gott sei Dank!" Er hielt ihr den Brillanten hin; aber
Guste nahm ihn nicht. "Ich gnne ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst
sieht. Der steckt ihn ein, darauf knnen Sie sich verlassen, der ist nicht
so dumm." - "Ich auch nicht", erklrte Diederich. "Denn wahrscheinlich
wre der Stein doch weggeworfen worden. Unter solchen Umstnden brauche
ich es nicht fr inkorrekt zu halten -." Er legte den Brillanten wieder
auf ihren Finger. "Und wenn es auch inkorrekt wre, er steht Ihnen so
gut." Guste sagte berrascht: "Wieso? Wollen Sie ihn mir denn schenken?"
Er stammelte: "Sie haben ihn ja gefunden, da mu ich wohl." Da jubelte
Guste. "Das wird mein schnster Ring!" - "Warum?" fragte Diederich, voll
banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: "berhaupt ..." Und mit einem
pltzlichen Blick: "Weil er nichts kostet, wissen Sie." Hierber errtete
Diederich, und sie sahen einander blinzelnd in die Augen.

"Ach Herr Gott!" rief Guste pltzlich. "Es mu schrecklich spt sein.
Schon sieben? Was sag' ich nur meiner Mutter?... Ich wei, ich sag' ihr,
ich hab' bei einem Trdler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er
ist unecht, und hat blo fnfzig Pfennig verlangt!" Sie ffnete ihren
goldenen Sack und lie den Knopf hineinfallen. "Also adieu ... Aber Sie
sehen aus! Wenigstens mssen Sie sich die Krawatte binden." Im Sprechen
tat sie es schon selbst. Er fhlte ihre warmen Hnde unter seinem Kinn;
ihre feuchten, dicken Lippen bewegten sich ganz nahe. Ihm ward hei, er
hielt den Atem zurck. "So", machte Guste und brach ernstlich auf. "Ich
drehe nur das Gas ab", rief er ihr nach. "Warten Sie doch!" - "Ich warte
schon", antwortete sie von drauen; - aber als er auf den Hof trat, war
sie fort. Verdutzt sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich
hin. "Nun sag' mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?" Er schttelte
sorgenvoll den Kopf ber das ewige Rtsel der Weiblichkeit, das in Guste
verkrpert war.



Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorwrts mit Guste, freilich
ging es langsam. Die Ereignisse, die sich um den Proze gruppierten,
hatten ihr Eindruck gemacht, aber noch nicht genug. Auch hrte er nichts
mehr von Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des
Regierungsprsidenten beim Kriegerverein wartete Diederich unbedingt auf
weiteres: eine Heranziehung, eine vertrauliche Verwendung, er wute nicht
wie und was. Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst die
Schwestern Rollen bekommen im Stck der Prsidentin. Nur dauerte alles zu
lange fr Diederichs Tatenlust. Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang.
Man quoll ber von Hoffnungen, Aussichten, Plnen; in jeden Tag, der
anfing, htte man das alles auf einmal ergieen wollen; und wenn er aus
war, war er leer geblieben. Ein Trieb nach Bewegung erfate Diederich.
Mehrmals versumte er den Stammtisch und ging spazieren, ohne Ziel und ins
Freie, was sonst nicht vorkam. Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den
Rcken, stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes die
abendlich leere Meisestrae zu Ende, durchma die lange Gbbelchenstrae,
mit den vorstdtischen Gasthusern, bei denen Fuhrleute ein- oder
ausspannten, und kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben sa, bewacht
von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der Herr Lauer, der sich dies
nicht hatte trumen lassen. "Hochmut kommt vor dem Fall", dachte
Diederich. "Wie man sich bettet, so liegt man." Und obwohl er den
Ereignissen, die den Fabrikbesitzer in die Vogtei gefhrt hatten, nicht
ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein Wesen mit einem Kainsmal, ein
unheimlicher Gesell. Einmal glaubte er im Hof des Gefngnisses eine
Gestalt zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht -? Ein
Gruseln berlief Diederich, und er enteilte.

Hinter dem Burgtor fhrte die Landstrae zu dem Hgel mit der
Schweinichenburg, wo einst der kleine Diederich gemeinsam mit Frau Heling
das Grausen vor dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien lagen
ihm jetzt fern; - vielmehr bog er jedesmal, bald hinter dem Tor, in die
Gausenfelder Strae ein. Er hatte es sich nicht vorgenommen und tat es nur
zgernd, denn es wre ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf diesem
Wege berrascht htte. Aber es lie ihn nicht: die groe Papierfabrik zog
ihn an wie ein verbotenes Paradies, er mute ihr auf einige Schritte
nahekommen, sie umkreisen, ber ihre Mauer schnffeln ... Eines Abends
ward Diederich aus dieser Ttigkeit aufgeschreckt durch Stimmen, die im
Dunkeln schon ganz nahe waren. Kaum da er noch Zeit behielt, sich in den
Graben zu kauern. Und whrend die Leute, wahrscheinlich Angestellte der
Fabrik, die sich versptet hatten, an seinem Versteck vorberkamen,
drckte Diederich die Augen zu, aus Furcht, und auch weil er fhlte, ihr
begehrliches Funkeln htte ihn verraten knnen.

Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch immer Herzklopfen und
sah sich nach einem Glas Bier um. Gleich im Winkel des Tores stand der
"Grne Engel", eins der niedersten Gasthuser, krumm vor Alter, schmutzig
und bel beleumdet. Soeben verschwand in dem gewlbten Gang eine
Frauensperson. Diederich, von jher Abenteuerlust gepackt, drang
hinterdrein. Wie sie das rtliche Licht einer Stallaterne durchschreiten
mute, wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch noch mit
dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie schon erkannt. "Guten Abend,
Frulein Zillich!" - "Guten Abend, Herr Doktor!" Und da standen sie beide
mit offenem Munde. Kthchen Zillich war die erste, die etwas
hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause wohnten, und die sie in die
Sonntagsschule ihres Vaters bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen
an, aber sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder wohnten
eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten in der Schenke, und die
Eltern durften nichts wissen von der Sonntagsschule, denn sie waren
Sozialdemokraten ... Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein
eigenes schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen, da
Kthchen in einer noch viel verdchtigeren Lage sei. Er ersparte es sich
also, seine Anwesenheit im "Grnen Engel" zu erklren, und schlug einfach
vor, dann knne man in der Gaststube auf die Kinder warten. Kthchen
weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren, aber Diederich
bestellte aus eigener Machtvollkommenheit auch fr sie Bier. "Prost!"
sagte er, und in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, da sie
bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer des Pfarrhauses
sich beinahe verlobt htten. Kthchen ward unter ihrem Schleier rot und
bla und verschttete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos vom Stuhl
auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie hinter den Tisch in die Ecke
geschoben und sa breit davor. "Nun mssen die Kinder aber gleich kommen!"
sagte er gutmtig. Statt ihrer kam Jadassohn: pltzlich stand er da und
sah versteinert aus. Auch die beiden anderen regten sich nicht. "Also
doch!" dachte Diederich. Jadassohn schien etwas hnliches zu denken;
keiner der Herren fand Worte. Kthchen begann wieder von Kindern und
Sonntagsschulen. Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn hrte ihr
mit Mibilligung zu, er lie sogar die Bemerkung fallen, gewisse
Geschichten seien ihm zu verwickelt, - und er blickte inquisitorisch auf
Diederich.

"Im Grunde", versetzte Diederich, "ist es doch einfach. Frulein Zillich
sucht hier nach Kindern, und wir beide helfen ihr."

"Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen", ergnzte Jadassohn
schneidend; da sagte Kthchen: "Und von wem auch nicht."

Die Herren setzten die Glser hin. Kthchen hatte es aufgegeben zu weinen,
sie schob sogar den Schleier hinauf und sah mit merkwrdig hellen Augen
von einem zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverblmtes
bekommen. "Na ja, wenn Sie nun doch mal beide da sind", setzte sie hinzu,
indes sie aus Jadassohns Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf
einen Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es an Diederich,
nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien nicht unbekannt mit Kthchens
anderem Gesicht. Die beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen,
bis Diederich sich gegen Kthchen entrstete. "Heute lernt man Sie aber
grndlich kennen!" rief er und schlug auf den Tisch. Sofort hatte Kthchen
ihr Damengesicht zurck. "Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?"
Jadassohn ergnzte: "Ich nehme an, da Sie der Ehre der Dame nicht zu nahe
treten wollen!" - "Ich meine nur," stammelte Diederich, "so gefllt
Frulein Zillich mir viel besser." Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit.
"Neulich, wie wir uns beinahe verlobt htten, hat sie mir nicht halb so
gefallen." Da lachte Kthchen los: ein Gelchter, ganz frei aus dem
Herzen, wie Diederich es auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er
lachte mit, Jadassohn auch, alle drei wlzten sich lachend auf ihren
Sthlen umher und riefen nach mehr Kognak.

"Nun mu ich aber gehen," sagte Kthchen, "sonst kommt Papa vor mir nach
Haus. Er hat Krankenbesuche gemacht; dabei verteilt er immer solche
Bilder." Sie zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche. "Da haben
Sie auch welche." Jadassohn bekam die Snderin Magdalena, Diederich das
Lamm mit dem Hirten; er war nicht zufrieden. "Ich will auch eine
Snderin." Kthchen suchte, fand aber keine mehr. "Also bleibt es bei dem
Schaf", entschied sie, und man zog ab, Kthchen in der Mitte eingehngt.
Ruckweise und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die schlecht
beleuchtete Gbbelchenstrae dahin, wobei sie ein Kirchenlied sangen, das
Kthchen angestimmt hatte. An einer Ecke erklrte sie, eilen zu mssen,
und verschwand in der Seitengasse. "Adieu Schaf!" rief sie Diederich zu,
der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest, und pltzlich
nahm er seine staatserhaltende Stimme an, um Diederich zu berzeugen, da
dies alles nur ein zuflliger Scherz sei. "Es liegt durchaus nichts
Miverstndliches vor, das mchte ich feststellen."

"Ich denke nicht daran, hier etwas mizuverstehen", sagte Diederich.

"Und wenn ich", fuhr Jadassohn fort, "den Vorzug htte, von der Familie
Zillich fr eine nhere Verbindung in Aussicht genommen zu sein, dieser
Vorfall wrde mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht,
wenn ich dies ausspreche."

Diederich erwiderte: "Ich wei Ihr korrektes Verhalten voll und ganz zu
wrdigen." Darauf schlugen die Herren die Abstze zusammen, schttelten
einander die Hnde und trennten sich.

Kthchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen ausgetauscht;
Diederich war berzeugt, sie wrden sich gleich jetzt wieder im "Grnen
Engel" zusammenfinden. Er ffnete den Winterrock, ein Hochgefhl schwellte
ihn, weil er eine bsartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentmig
aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine gewisse Achtung und Sympathie
fr Jadassohn. Auch er selbst wrde so gehandelt haben! Unter Mnnern
verstndigte man sich. Aber so ein Weib! Kthchens anderes Gesicht, die
Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte Weib ins Gesicht gestiegen
war, dies tckische Doppelwesen, so fremd der Biederkeit, die Diederich am
Grunde seines eigenen Herzens wute: es erschtterte ihn wie ein Blick ins
Bodenlose. Er knpfte den Rock wieder zu. Es gab also noch andere Welten
auerhalb der brgerlichen, als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte.

Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung schien so
bedrohlich, da die drei Frauen Schweigen bewahrten. Frau Heling nahm
ihren Mut zusammen. "Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?" Anstatt
einer Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. "Mit Kthchen Zillich
verkehrt ihr nicht mehr!" Da sie ihn ansahen, errtete er und stie
drohend aus: "Sie ist eine Verworfene!" Aber sie verzogen nur den Mund;
und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich polternd erging,
schienen sie nicht weiter aufzuregen. "Du sprichst wohl von Jadassohn?"
fragte Magda endlich, ganz gelassen. Diederich fuhr zurck. Sie waren also
eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich. Auch Guste
Daimchen! Die hatte schon einmal davon angefangen. Er mute sich die Stirn
trocknen. Magda sagte: "Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt hast
bei Kthchen, uns hast du ja nicht gefragt", worauf Diederich, um sein
Ansehen zu verteidigen, dem Tisch einen Sto gab, da alle aufkreischten.
Er verbitte sich derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch
anstndige Mdchen. Frau Heling bat zitternd: "Du brauchst ja nur deine
Schwestern anzusehen, mein lieber Sohn." Und Diederich sah sie wirklich
an; er blinzelte, und er berlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was
diese beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher wohl mit
ihrem Leben angefangen hatten ... "Ach was," entschied er und richtete
sich stramm auf, "euch zieht man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine
Frau habe, die soll sich wundern!" Da die Mdchen einander zulchelten,
erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht, und vielleicht
dachten auch sie mit ihrem Lcheln an Guste? Zu trauen war keiner. Er sah
Guste vor sich, weiblond, mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre
fleischigen Lippen ffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus. Das
hatte vorhin Kthchen Zillich getan, als sie ihm "Adieu Schaf!" zurief,
und Guste, die ihr im Typus so hnlich war, wrde mit ausgestreckter Zunge
und in halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben!

Magda sagte eben: "Kthchen ist schn dumm; aber begreiflich ist es ja,
wenn man so lange warten mu und keiner kommt."

Sofort griff Emmi ein. "Wen meinst du, bitte? Wenn Kthchen sich mit
irgendeinem Kienast begngt htte, wrde sie wohl auch nicht mehr warten."

Magda, im Bewutsein, die Tatsachen fr sich zu haben, blhte einfach ihre
Bluse auf und schwieg.

"berhaupt", Emmi warf die Serviette hin und erhob sich. "Wie kannst du
das gleich glauben, was die Mnner von Kthchen reden. Das ist
abscheulich, sollen wir denn alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?"
Emprt lie sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda hob nur
die Schultern - indes Diederich angstvoll und vergeblich nach einem
bergang suchte, um zu fragen, ob vielleicht auch Guste Daimchen -? Bei
einer so langen Verlobung -? "Es gibt Situationen," uerte er, "wo es
nicht mehr Klatsch ist." Da schleuderte Emmi auch das Buch hin.

"Und wenn schon! Kthchen tut, was sie will! Wir Mdchen haben ebensogut
wie ihr das Recht, unsere Individualitt auszuleben! Die Mnner sollen
froh sein, wenn sie uns dann nachher noch kriegen!"

Diederich stand auf. "Das will ich in meinem Hause nicht hren", sagte er
ernst, und er blitzte Magda so lange an, bis sie nicht mehr lachte.

Frau Heling brachte ihm die Zigarre. "Von meinem Diedel wei ich ganz
genau, da er so eine niemals heiraten wird;" - sie streichelte ihn
trstend. Er versetzte mit Nachdruck: "Ich kann mir nicht denken, Mutter,
da ein echter deutscher Mann das jemals getan hat."

Sie schmeichelte. "O, alle sind nicht so ideal wie mein lieber Sohn.
Manche denken materieller und nehmen mit dem Geld auch mal was in den
Kauf, worber die Leute reden." Unter seinem gebieterischen Blick
schwatzte sie angstvoll weiter. "Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist
tot, und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch viel
geredet." Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an. "Na ja," erklrte
sie schchtern. "Das mit Frau Daimchen und dem Herrn Buck. Guste kam doch
zu frh."

Nach diesem Ausspruch mute Frau Heling sich hinter den Ofenschirm
zurckziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig auf sie ein. "Das ist
das Neueste!" riefen Emmi und Magda. "Also wie war die Geschichte!"
Wogegen Diederich donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. "Wenn wir
deinen Mnnerklatsch angehrt haben!" riefen die Schwestern und suchten
ihn fortzudrngen von dem Ofenschirm. Die Mutter sah hnderingend in das
Handgemenge. "Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals sagten es
alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen doch auch die Mitgift
geschenkt."

"Also daher!" rief Magda. "So sehen in der Familie Daimchen die Erbonkel
aus! Daher die goldenen Taschen!"

Diederich verteidigte Gustes Erbschaft. "Sie kommt aus Magdeburg!"

"Und der Brutigam?" fragte Emmi. "Kommt der auch aus Magdeburg?"

Pltzlich verstummten alle und sahen einander an, wie betubt. Dann kehrte
Emmi ganz still auf das Sofa zurck, sie nahm sogar das Buch wieder auf.
Magda fing an, den Tisch abzurumen. Auf den Ofenschirm, hinter dem Frau
Heling sich duckte, schritt Diederich zu. "Siehst du nun, Mutter, wohin
es fhrt, wenn man seine Zunge nicht htet? Du willst doch wohl nicht
behaupten, da Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet." Wimmernd
kam es aus der Tiefe: "Ich kann doch nichts dafr, mein lieber Sohn. Ich
dachte schon lngst nicht mehr an die alte Geschichte, und es ist ja auch
nicht sicher. Kein lebender Mensch wei mehr etwas." Aus ihrem Buch heraus
warf Emmi dazwischen: "Der alte Herr Buck wird wohl wissen, wo er jetzt
das Geld fr seinen Sohn holt." Und in das Tischtuch hinein, das sie
faltete, sagte Magda: "Es soll manches vorkommen." Da hob Diederich die
Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen. Rechtzeitig
unterdrckte er aber das Entsetzen, das ihn bermannen wollte. "Bin ich
denn hier unter Ruber und Mrder gefallen?" fragte er sachlich und ging
in strammer Haltung zur Tr. Dort wandte er sich um. "Ich kann euch
natrlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft in die Stadt
hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich werde erklren, da ich mit euch
nichts mehr zu tun habe. In die Zeitung werde ich es setzen!" Und er ging
ab.

Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei Klappsch eine Welt, in
der solche Greuel umgingen. Dagegen war mit kommentmigem Verhalten
freilich nicht aufzukommen. Wer den Bucks ihren schndlichen Raub abjagen
wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurckschrecken. "Mit
gepanzerter Faust", sagte er ernst in sein Bier hinein; und das
Deckelklappen, womit er das vierte Glas herbeirief, klang wie
Schwertgeklirr ... Nach einer Weile verlor seine Haltung an Hrte;
Bedenken kamen. Sein Eingreifen wrde immerhin bewirken, da die ganze
Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein Mann, der halbwegs
Komment hatte, heiratete solch ein Mdchen noch. Diederichs eigenstes
Empfinden sagte es ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit
und zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfnfzigtausend
Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung waren. Die Gelegenheit wre
gnstig gewesen, ihnen eine zu geben ... Diederich schttelte den Gedanken
mit Entrstung ab. Er erfllte nur seine Pflicht! Ein Verbrechen galt es
zu verhindern. Das Weib mochte dann sehen, wo es blieb im Kampf der
Mnner. Was lag an einem dieser Geschpfe, die ihrerseits, Diederich hatte
es erfahren, jedes Verrates fhig waren. Nur noch des fnften Glases
bedurfte es, und sein Entschlu stand fest.

Beim Morgenkaffee bekundete er ein groes Interesse fr die Toiletten der
Schwestern zum Harmonieball. Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig!
Die Hausschneiderin war so selten zu haben gewesen, sie nhte jetzt bei
Bucks, Tietz', Harnischs und berall. Die groe Inanspruchnahme dieses
Mdchens schien Diederich geradezu mit Bewunderung zu erfllen. Er erbot
sich, selbst hinzugehen und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu
schaffen. Nicht ohne Mhe gelang es ihm. Zum zweiten Frhstck begab er
sich alsdann so geruschlos, da nebenan im Wohnzimmer das Gesprch nicht
gestrt ward. Gerade erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf
einen Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten zu
stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos, und als endlich Namen
fielen, zeigten sie sich entsetzt und unglubig. Frau Heling beklagte es
am lautesten, da Frulein Gehritz so etwas auch nur denken knne. Die
Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse man es schon.
Soeben komme sie von der Brgermeisterin Scheffelweis, deren Mutter
geradezu verlangt habe, da ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte
es ihr Mhe, die Damen zu berzeugen. Diederich hatte den Vorgang eher
umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit den Seinen. Aber hatten denn die
Wnde tatschlich Ohren gehabt? Man war zu glauben versucht, da ein
Gercht, in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem Rauch des
Ofens hinaus und ber die ganze Stadt zog.

Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, da das gesunde
Empfinden des arbeitenden Volkes unter Umstnden ein Faktor sei, den man
billigen und sogar benutzen knne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon
Fischer herum: da - es lutete schon - entstand bei der Satiniermaschine
ein gellendes Geschrei, und Diederich und der Maschinenmeister, die
gleichzeitig hinstrzten, zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin
heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war. Er troff von
schwarzem Blut, Diederich lie sofort nach dem stdtischen Krankenhaus
telephonieren. Inzwischen, so bel der Anblick des Armes ihm machte, blieb
er selbst dabei, whrend der Person ein Notverband angelegt ward. Sie sah
zu, leise wimmernd und mit Augen, weich im Entsetzen, wie ein junges Tier,
das getroffen ist. Diederichs menschenfreundliche Fragen nach ihren
huslichen Verhltnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete
fr sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter bettlgerig; das Mdchen
ernhrte sich und ihre zwei kleinen Geschwister. Sie war erst vierzehn
Jahre alt. - Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. brigens seien
die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt worden. "Sie hat sich
das Unglck selbst zuzuschreiben, ich bin zu nichts verpflichtet. Na,"
sagte er milder, "nun kommen Sie mal mit, Fischer!"

Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. "Das kann man brauchen auf den
Schrecken ... Sagen Sie ehrlich, Fischer, glauben Sie, da ich zahlen mu?
Die Schutzvorrichtung an der Maschine halten Sie doch wohl fr gengend?"
Und da der Maschinenmeister die Achseln zuckte: "Sie wollen sagen, ich
kann es auf einen Proze ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich
zahle gleich."

Napoleon Fischer zeigte verstndnislos sein groes gelbes Gebi, und
Diederich fuhr fort: "Ja, so bin ich. Sie dachten wohl, das knnte blo
der Herr Lauer? Was den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes
Parteiblatt ber seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklrt. Ich lasse mich
freilich nicht wegen Majesttsbeleidigung einsperren und mache dadurch
meine Arbeiter brotlos; ich suche mir praktischere Mittel aus, um meine
soziale Gesinnung zu bekunden." Er machte eine feierliche Pause. "Und
darum habe ich mich entschlossen, dem Mdchen die ganze Zeit, die es im
Krankenhaus liegt, seinen Lohn weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?"
fragte er rasch.

"Eine Mark fnfzig", sagte Napoleon Fischer.

"Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zwlf Wochen liegen ...
Ewig natrlich geht es nicht."

"Sie ist erst vierzehn", sagte Napoleon Fischer, von unten. "Sie kann
Schadenersatz verlangen." Diederich erschrak, er schnaufte.

Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares Grinsen aufgesetzt
und sah seinem Arbeitgeber auf die Faust, die angstvoll in der Tasche
geballt war. Diederich zog sie hervor. "Nun setzen Sie die Leute von
meinem hochherzigen Entschlu in Kenntnis! Das pat Ihnen wohl nicht in
den Kram? Die Gemeinheiten der Kapitalisten erzhlt ihr euch natrlich
lieber. In euren Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich groe
Reden ber Herrn Buck."

Napoleon Fischer sah verstndnislos aus, was Diederich nicht beachtete.
"Ich finde es wohl auch nicht eben schn," fuhr er fort, "wenn jemand
seinen Sohn ausgerechnet das Mdchen heiraten lt, mit dessen Mutter er
selbst was gehabt hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber -"

In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten.

"Aber!" wiederholte Diederich stark. "Ich wre durchaus nicht
einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen den Mund verrenken, und wenn
Sie, Fischer, nun vielleicht die Arbeiter gegen die stdtischen Behrden
aufhetzen, weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner beweisen
kann." Seine Faust schlug entrstet durch die Luft. "Mir hat man schon
nachgesagt, da ich den Proze gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an
nichts schuld sein, meine Leute sollen sich ruhig halten."

Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich nher zu dem anderen hin.
"Na, und weil ich Ihren Einflu kenne, Fischer ..."

Pltzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Flche lagen drei groe
Goldstcke.

Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als erblickte er den
Teufel. "Nein!" rief er, "und abermals nein! Meine berzeugung kann ich
nicht verraten! Fr allen Mammon der Welt nicht!"

Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich zurck; so nahe hatte er
dem Umsturz noch nie ins Gesicht gesehen. "Die Wahrheit mu ans Licht!"
kreischte Napoleon Fischer. "Dafr werden wir Proletarier sorgen: Das
knnen Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die Schandtaten der besitzenden
Klassen ..."

Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin. "Fischer," sagte er
eindringlich, "das Geld biete ich Ihnen dafr, da mein Name in der Sache
nicht genannt wird." Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz
erschien in seiner Miene.

"Zeugniszwang, Herr Doktor, ben wir nicht. Wir nicht. Wer uns mit
Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu frchten."

"Dann ist alles in Ordnung", sagte Diederich erleichtert. "Ich wute
schon, Fischer, da Sie ein groer Politiker sind. Und darum, wegen des
Mdchens, ich meine die verunglckte Arbeiterin -. Ich habe Ihnen soeben
mit meiner Mitteilung ber die Buckschen Schweinereien einen Gefallen
getan ..."

Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. "Weil Herr Doktor sagen, da ich
ein groer Politiker bin ... Ich will von dem Schadenersatz weiter nicht
reden. Intimitten aus den ersten Kreisen sind fr uns doch wichtiger als
-"

"- als so ein Mdchen", ergnzte Diederich. "Sie denken immer als
Politiker."

"Immer", besttigte Napoleon Fischer. "Mahlzeit, Herr Doktor."

Er zog sich zurck - indes Diederich feststellte, da die proletarische
Politik ihre Vorzge habe. Er schob seine drei Goldstcke wieder in die
Tasche.



Am Abend des nchsten Tages waren alle Spiegel des Hauses im Wohnzimmer
zusammengetragen. Emmi, Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen
umher, bis ihnen die Hlse schmerzten; dann lieen sie sich nervs auf den
Rand eines Stuhles nieder. "Mein Gott, es ist doch Zeit!" Aber Diederich
war fest entschlossen, nicht wieder zu frh zu kommen, wie beim Proze
Lauer. Die ganze Wirkung der Persnlichkeit ging zum Teufel, wenn man zu
frh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte Inge Tietz sich
nochmals bei Frau Heling, da sie ihr den Platz im Wagen wegnehme.
Nochmals sagte Frau Heling: "Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte
Frau bin zu schwach fr so was Groes. Geniet ihr es nur, Kinder!" Und
sie umarmte unter Trnen ihre Tchter, die khl abwehrten. Denn sie
wuten, da die Mutter blo Angst hatte, weil jetzt berall von nichts
weiter gesprochen wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte, an der
sie selbst schuld war.

Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. "Na, Bucks und Daimchens!
Gespannt bin ich blo, ob sie heute die edle Dreistigkeit haben und da
sind." Magda sagte ruhig: "Das mssen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, da
es wahr ist." - "Wennschon", erklrte Emmi. "Ich finde, da das ihre Sache
ist. Ich rege mich darber nicht auf." - "Ich auch nicht", setzte
Diederich hinzu. "Ich habe es eigentlich erst heute abend von Ihnen
gehrt, Frulein Tietz."

Hierber geriet Inge Tietz auer sich. So leicht drfe man den Skandal
denn doch nicht nehmen. Ob er glaube, da sie sich das Ganze ausgedacht
habe. "Die Bucks haben schon lngst Butter auf dem Kopf wegen der Sache:
das wissen ihre eigenen Dienstboten." - "Also Dienstbotenklatsch", sagte
Diederich, whrend er einen kleinen Sto erwiderte, den Magda ihm mit dem
Knie gab. Dann mute man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen,
die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Strae mit der tief gelegenen alten
Riekestrae verbanden. Diederich fluchte; denn es begann zu regnen, die
Ballschuhe wurden na; auch standen vor dem Festlokal Proleten, die
feindselig gafften. Htte man nicht, als der ganze Stadtteil hher gelegt
wurde, auch dieses Germpel niederreien knnen? Das historische
Harmoniehaus hatte erhalten werden sollen - als ob die Stadt nicht die
Mittel gehabt htte, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges
Gesellschaftsgebude zu bauen. In dem alten Kasten roch es ja nach Moder!
Und gleich beim Eingang kicherten immer die Damen, weil eine Statue der
Freundschaft dastand, die zwar eine hohe Percke, aber sonst nichts
anhatte. "Vorsicht," sagte Diederich auf der Treppe, "sonst brechen wir
ein." Denn die beiden dnnen Bogen der Treppe griffen durch die Luft wie
zwei vom Alter abgemagerte Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war bla
geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten, lchelte auf dem Gelnder
aus seinem blanken Marmorgesicht noch immer der bezopfte Brgermeister,
der dies alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen war.
Diederich sah ungndig an ihm vorbei.

In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne Dame nur
hielt sich dahinten auf, sie schien durch einen Trspalt in den Festsaal
zu sphen - und pltzlich wurden die Mdchen von Entsetzen ergriffen: die
Vorstellung hatte begonnen! Magda strzte durch die Galerie und brach in
Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit dem Finger auf den Lippen. Es
war Frau von Wulckow, die Dichterin. Sie lchelte erregt und flsterte:
"Es geht gut, mein Stck gefllt. Sie kommen gerade rechtzeitig, Frulein
Heling, gehen Sie nur und kleiden sich um." Ach ja! Emmi und Magda hatten
erst im zweiten Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren. Indes
die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen sollte, durch die
Nebenrume nach der Garderobe eilten, stellte er sich der Prsidentin vor
und blieb ratlos stehen. "Jetzt drfen Sie nicht hinein, es wrde stren",
sagte sie. Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte er die
Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der halb erblindeten
Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen Abbild begegnete. Der zartgelbe
Lack der Wnde zeigte launische Sprnge, und auf den Panneaus starben die
Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow schlo eine kleine
Tr, durch die jemand einzutreten schien, eine Schferin mit ihrem
bebnderten Stab. Sie schlo die Tr ganz vorsichtig, damit nur die
Vorstellung nicht gestrt werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf,
als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Schferin.

"Dies Haus ist so romantisch", flsterte Frau von Wulckow. "Finden Sie
nicht auch, Herr Doktor? Wenn man sich hier im Spiegel sieht, glaubt man
einen Reifrock anzuhaben" - worauf Diederich, immer ratloser, ihr
Hngekleid ansah. Die entblten Schultern waren hohl und nach vorn
gebogen, die Haare von slawischem Weiblond, und Frau von Wulckow trug
einen Zwicker.

"Sie passen hier glnzend herein, Frau Prsidentin ... Frau Grfin",
verbesserte er und sah sich mit einem Lcheln belohnt fr seine khne
Schmeichelei. Nicht jeder wrde Frau von Wulckow so treffsicher daran
erinnert haben, da sie eine geborene Grfin Zsewitz war!

"Tatschlich", bemerkte sie, "sollte man kaum glauben, da dies Haus
seinerzeit nicht fr eine wirklich vornehme Gesellschaft gebaut worden
ist, sondern nur fr die guten Netziger Brger." Sie lchelte nachsichtig.

"Ja, das ist komisch", besttigte Diederich mit einem Kratzfu. "Aber
heute knnen sich zweifellos nur Frau Grfin hier ganz zu Hause fhlen."

"Sie haben gewi Sinn fr das Schne", vermutete Frau von Wulckow; und da
Diederich es besttigte, erklrte sie, dann drfe er den ersten Akt doch
nicht ganz versumen, sondern msse durch den Trspalt sehen. Sie selbst
trat schon lngst von einem Fu auf den anderen. Sie wies mit dem Fcher
nach der Bhne. "Herr Major Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht
besonders gut, aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie und
hat den Leuten die knstlerische Bedeutung meines Werkes erst zum
Verstndnis gebracht." Indes Diederich den Major unschwer wiedererkannte,
denn er hatte sich gar nicht verndert, erluterte die Dichterin ihm mit
fliegender Gelufigkeit die Vorgnge. Das junge Bauernmdchen, mit dem
Kunze sich unterhielt, war seine natrliche Tochter, also eine
Grafentochter, weshalb das Stck denn auch "Die heimliche Grfin" hie.
Gerade klrte Kunze sie, brbeiig wie immer, ber diesen Umstand auf.
Auch erffnete er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter verheiraten und
ihr die Hlfte seiner Besitztmer vererben. Hierber herrschte, als er
abgegangen war, laute Freude bei dem Mdchen und ihrer Pflegemutter, der
braven Pchtersfrau.

"Wer ist denn die schreckliche Person?" fragte Diederich, bevor er es
bedacht hatte. Frau von Wulckow war erstaunt.

"Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir hatten sonst niemand
fr die Rolle; aber meine Nichte spielt ganz gern mit ihr."

Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person hatte er die Nichte
gemeint. "Das Frulein Nichte ist ganz reizend", beteuerte er schnell und
blinzelte entzckt nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den
Schultern sa - und es waren Wulckows Schultern! "Talent hat sie aber
auch", setzte er der Sicherheit wegen hinzu. Frau von Wulckow wisperte:
"Passen Sie nur auf" - und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn.
Welch eine berraschung! Er hatte ganz neue Bgelfalten und trug in seinem
imposant geschweiften Cutaway eine riesenhafte Plastronkrawatte mit einem
roten Funkelstein von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein auch
funkelte, Jadassohns Ohren berstrahlten ihn. Da sein Kopf frisch
geschoren und sehr platt war, standen die Ohren frei heraus und
beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche Pracht. Er spreizte die gelb
behandschuhten Hnde, als pldierte er fr viele Jahre Zuchthaus; und
tatschlich sagte er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der
heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau von Wulckow
wisperte: "Er ist ein schlechter Charakter."

"Und ob", sagte Diederich mit berzeugung.

"Kennen Sie denn mein Stck?"

"Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will."

Nmlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten Grafen Kunze war, hatte
gelauscht und war durchaus nicht gesonnen, die Hlfte seiner ihm von Gott
verliehenen Besitztmer an die Nichte abzutreten. Er verlangte
gebieterisch, da sie augenblicklich das Feld rume; widrigenfalls er sie
als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmndigen lassen werde.

"Das ist eine Gemeinheit", bemerkte Diederich. "Sie ist doch seine
Schwester." Die Dichterin erklrte ihm:

"Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommi aus den
Gtern machen will. Er arbeitet eben fr das ganze Geschlecht, mag auch
der einzelne zu kurz kommen. Fr die heimliche Grfin ist das natrlich
tragisch."

"Wenn man es recht bedenkt -", Diederich war hocherfreut. Dieser
aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm selbst zustatten, wenn er keine
Neigung fhlte, Magda bei ihrer Verheiratung am Geschft zu beteiligen.

"Frau Grfin, Ihr Stck ist erstklassig", sagte er, durchdrungen. Aber da
zog Frau von Wulckow ihn angstvoll am Arm: im Publikum entstanden
Gerusche, es scharrte, schnupfte sich aus und kicherte. "Er bertreibt",
sthnte die Dichterin. "Ich habe es ihm immer gesagt."

Denn Jadassohn fhrte sich wirklich unerhrt auf. Die Nichte samt der
komischen Alten klemmte er hinter den Tisch ein und fllte mit den
tobenden Bekundungen seiner grflichen Persnlichkeit die ganze Bhne. Je
mehr das Haus ihn mibilligte, desto herausfordernder lebte er dort oben
sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten sich nach der Tr
um, hinter der Frau von Wulckow bebte, und zischten. Vielleicht geschah es
nur, weil die Tr kreischte - aber die Dichterin fuhr zurck, sie verlor
den Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft, bis
Diederich ihn ihr zurckbrachte. Er versuchte, sie zu trsten. "Es hat
nichts zu sagen, Jadassohn geht doch hoffentlich bald ab?" Sie horchte
durch die geschlossene Tr. "Ja, Gott sei Dank", plapperte sie, und die
Zhne schlugen ihr aufeinander. "Jetzt ist er fertig, jetzt flieht meine
Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt Kunze wieder mit dem
Leutnant, wissen Sie."

"Ein Leutnant spielt auch mit?" fragte Diederich achtungsvoll.

"Ja, das heit, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist ein Sohn des Herrn
Landgerichtsdirektors Sprezius: der arme Verwandte, wissen Sie, den der
alte Graf seiner Tochter zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, da
er die heimliche Grfin in der ganzen Welt suchen wird."

"Sehr begreiflich", sagte Diederich. "Es liegt in seinem eigenen
Interesse."

"Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch."

"Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Frau Grfin,
den htten Sie nicht mitspielen lassen sollen", sagte Diederich
vorwurfsvoll und mit heimlicher Genugtuung. "Schon wegen der Ohren."

Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen:

"Ich dachte nicht, da sie auf der Bhne so wirken wrden. Glauben Sie
nun, da es ein Mierfolg wird?"

"Frau Grfin!" Diederich legte die Hand auf das Herz. "Ein Stck wie die
'heimliche Grfin' ist nicht so leicht Umzubringen!"

"Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf die knstlerische
Bedeutung an."

"Gewi. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel Einflu" - und
Diederich machte ein bedenkliches Gesicht.

Frau von Wulckow rief flehend aus:

"Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt in einer protzigen
Fabrikantenfamilie, und die heimliche Grfin dient dort als Stubenmdchen.
Dann ist da ein Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der Tchter hat er
sogar gekt, und nun macht er der Grfin einen Heiratsantrag, den sie
natrlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer! Wie knnte sie!"

Diederich besttigte, es sei ausgeschlossen.

"Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die sich von dem
Klavierlehrer hat kssen lassen, verlobt sich auf einem Ball mit einem
Leutnant, und wie der Leutnant ins Haus kommt, da ist es derselbe
Leutnant, der -"

"O Gott, Frau Grfin!" Diederich streckte schtzend die Hnde vor, ganz
erregt durch so viele Verwicklungen. "Wie kommen Sie nur auf all die
Geschichten?"

Die Dichterin lchelte leidenschaftlich.

"Ja, nmlich das ist das Interessanteste: Nachher wei man es nicht mehr.
Es geht so geheimnisvoll zu im Gemt! Manchmal denke ich mir, ich mu es
geerbt haben."

"Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?"

"Das nicht. Aber wenn nicht mein groer Vorfahre die Schlacht bei
Krchenwerda gewonnen htte, wer wei, ob ich die 'heimliche Grfin'
geschrieben haben wrde. Es kommt schlielich immer auf das Blut an!"

Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen Kratzfu, und er wagte
nichts mehr zu fragen.

"Jetzt mu gleich der Vorhang fallen", sagte Frau von Wulckow. "Hren Sie
etwas?"

Er hrte nichts; nur fr die Dichterin gab es nicht Tr noch Wnde. "Jetzt
schwrt der Leutnant der fernen Grfin die ewige Treue", flsterte sie.
"So"; und alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf scho es
heftig zurck; man klatschte: nicht strmisch; aber man klatschte. Die Tr
ward von drinnen geffnet. Dort hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf,
und da der junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen, ward der
Beifall lebhafter. Pltzlich schnellte aus der Kulisse Jadassohn, pflanzte
sich vor die beiden und machte Miene, den Erfolg einzuheimsen - worauf
gezischt ward. Frau von Wulckow wandte sich entrstet ab. Der
Schwiegermutter des Brgermeisters Scheffelweis und der Landgerichtsrtin
Harnisch, die ihr Glck wnschten, erklrte sie: "Herr Assessor Jadassohn
ist als Staatsanwalt unmglich. Ich werde es meinem Mann sagen."

Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und hatten viel Erfolg damit.
Pltzlich war die Spiegelgalerie voll von Gruppen, die ber Jadassohns
Ohren herfielen. "Die Prsidentin hat recht wacker gedichtet; nur
Jadassohns Ohren -." Als man hrte, da Jadassohn im zweiten Akt nicht
mehr wiederkomme, war man doch enttuscht. Wolfgang Buck ging mit Guste
Daimchen auf Diederich zu. "Haben Sie gehrt?" fragte er. "Jadassohn soll
eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren." Diederich sagte
mibilligend: "Ich mache keine Witze, wenn es jemandem schlecht geht." Und
dabei berwachte er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin
trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten; Jadassohn
war vergessen. Vom Ausgang trug die dnne Schreistimme des Professor
Khnchen etwas durch den Wirrwarr, das klang wie "Affenschande". Da die
Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legte, wandte er
sich her, und jetzt verstand man es deutlich: "Eine ausgewachsene
Affenschande ist es!"

Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. "Dort sprechen sie auch davon",
sagte sie geheimnisvoll.

"Wovon?" stammelte Diederich.

"Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, wei ich auch."

Hier brach Diederich der Schwei aus. "Was haben Sie denn?" fragte Guste.
Buck, der durch die Seitentr nach dem Bfett schielte, sagte
phlegmatisch:

"Heling ist ein vorsichtiger Politiker, er hrt nicht gern mit an, da
der Brgermeister zwar einerseits ein guter Ehemann ist, aber andererseits
auch seiner Schwiegermutter nichts abschlagen kann."

Sofort ward Diederich dunkelrot.

"Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch eine Gemeinheit
ausdenken!"

Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. "Erstens scheint es Tatsache
zu sein, denn die Frau Brgermeister hat die beiden berrascht und sich
einer Freundin anvertraut. Dann aber lag es ja auf der Hand."

Guste brachte hervor: "Na Sie, Herr Doktor, wren natrlich nie darauf
gekommen." Dabei blinzelte sie verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich
blitzte. "Aha!" sagte er stramm. "Jetzt wei ich freilich genug." Und er
drehte ihnen den Rcken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten, noch dazu
ber den Brgermeister! Diederich durfte den Kopf hoch tragen. Er stie zu
der Gruppe Khnchens, die sich nach dem Bfett hin bewegte und ein
Kielwasser von sittlicher Entrstung hinterlie. Die Schwiegermutter des
Brgermeisters schwur mit rotem Gesicht, "diese Gesellschaft" werde ihr
Haus knftig nur noch von auen sehen, und mehrere Damen schlossen sich
ihrem Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn Cohn, der bis
auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine derartige sittliche
Entgleisung bei einem bewhrten alten Liberalen wie dem Herrn Buck ganz
ausgeschlossen erscheine. Professor Khnchen war vielmehr der Meinung, da
ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral gefhrde. Selbst Doktor
Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern fr freie Menschen veranstaltete,
machte die Bemerkung, an Familiensinn, man knne auch sagen Nepotismus,
habe es dem alten Buck niemals gefehlt. "Beispiele dafr liegen Ihnen
allen auf der Zunge. Und da er jetzt, um das Geld in der Familie zu
erhalten, sich anschickt, seine unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu
verheiraten, das, meine Herrschaften, wrde ich rztlich als greisenhafte
Ausschreitung einer frher noch beherrschten Naturanlage diagnostizieren."
Hierbei bekamen die Damen erschreckte Gesichter, und die Pastorin Zillich
schickte ihr Kthchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch.

Auf ihrem Wege kam Kthchen an Guste Daimchen vorbei, aber sie begrte
sie nicht, sondern schlug die Augen nieder; da machte Guste ein betretenes
Gesicht. Am Bfett bemerkte man es und uerte Mibilligung, vermischt mit
Mitleid. Guste mute nun eben erfahren, was es hie, sich ber die
ffentliche Moral hinwegzusetzen. Mochte ihr zugebilligt werden, da sie
vielleicht getuscht und schlecht beeinflut sei: Frau Oberinspektor
Daimchen aber, die wute doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt! Die
Schwiegermutter des Brgermeisters berichtete von ihrem Besuch bei Gustes
Mutter und von ihren vergeblichen Anstrengungen, durch Anklopfen ein
Gestndnis hervorzulocken aus der verhrteten alten Frau, der eine
legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen Jugendtraum erfllte!...

"Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!" kreischte Khnchen. Tatschlich, wen
wollte dieser Herr glauben machen, da er ber die neue Schande, die seine
Familie traf, nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen im
Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah man ihn nicht zgern, die
schmutzige Wsche seiner Schwester und seines Schwagers ffentlich vor
Gericht auszubreiten, nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel,
den es noch immer drngte, seine eigene Haltung im Proze nachtrglich zu
verbessern, erklrte: "Das ist kein Verteidiger, das ist ein Komdiant!"
Und als Diederich zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse, wenn auch
anfechtbare berzeugungen in Politik und Moral, da ward ihm erwidert:
"Herr Doktor, Sie sind sein Freund. Da Sie fr ihn eintreten, spricht zu
Ihren Gunsten, aber Sie machen uns nichts wei;" - worauf Diederich sich
zurckzog, mit bekmmerter Miene, aber nicht ohne einen Blick auf den
Redakteur Nothgroschen, der bescheiden an einer Schinkensemmel kaute und
alles hrte.

Pltzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der Bhne, erblickte
man den alten Herrn Buck in einem Kreis junger Mdchen. Es schien, er
erklrte ihnen die Malereien an den Wnden, das Leben von ehemals, das
verblichen und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis der Stadt,
wie sie gewesen war, mit verschwundenen Wiesen und Grten und den Menschen
allen, lrmend einst als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in
hingetuschte Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt lrmte ...
Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die Mdchen und der Alte, den
Figuren nach. Gerade ber ihnen war das Burgtor abgebildet, und ein Herr
in Percke und Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu Hupten
der Treppe stand. In dem lieblichen Gehlz voller Blumen aber, das damals
wohl dort, statt der Papierfabrik Gausenfeld, geblht hatte, tanzten ihm
helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz ber ihn und wollten ihn damit
umherdrehen. Der Widerschein von rosigen kleinen Wolken fiel auf sein
glckliches Gesicht. So glcklich lchelte in diesem Augenblick auch der
alte Buck, lie sich von den Mdchen hin und her ziehen und war von ihnen
gefangen, wie in einem lebenden Kranz. Seine Sorglosigkeit war
unbegreiflich, sie war aufreizend. Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem
Grade abgestumpft, da er seine natrliche Tochter -: "_Unsere_ Tchter
sind eben doch keine natrlichen Kinder", sagte Frau Warenhausbesitzer
Cohn. "Meine Sidonie mit Guste Daimchen Arm in Arm!"... Buck und seine
jungen Freundinnen merkten gar nicht, da sie sich am Ende eines leeren
Raumes befanden. Vorn bildete feindliches Publikum eine Mauer; die Augen
fingen zu funkeln an, und der Mut wuchs. "Die Familie ist die lngste Zeit
obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei, gleich kommt Nummer
zwei!"... "Das ist ja der reinste Rattenfnger!" murrte es; und drben:
"Ich sehe es nicht noch lnger mit an!" Jh entrangen sich zwei Damen dem
allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten den leeren Raum.
Frau Rat Harnisch, die in ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am
Ziel pnktlich auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemchtigte
die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta, und welch eine
Genugtuung, als sie wieder anlangten! "Ich war einer Ohnmacht nahe", sagte
die Pastorin Zillich, da nun gottlob auch Kthchen sich einfand.

Die gute Laune kehrte zurck, man scherzte ber den alten Snder und
verglich ihn mit dem Grafen im Stck der Prsidentin. Freilich, Guste war
keine heimliche Grfin; in einer Dichtung konnte man, der Prsidentin zu
gefallen, mit solchen Zustnden sympathisieren. brigens waren sie dort
noch ertrglich, denn die Grfin sollte nur ihren Vetter heiraten, whrend
Guste -!

Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine knftige
Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam eine fragende Miene; ja,
unter den Blicken, die ihn in seiner Verlassenheit musterten, ward er
sichtlich verlegen. Man machte einander darauf aufmerksam; - und Diederich
sogar fragte sich, ob Frau Helings alte Skandalgeschichte denn etwa gar
wahr sei? Da er das Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte,
hier einen Krper annehmen und immer drohender um sich greifen sah, war
ihm selber bange geworden. Diesmal galt es nicht irgendeinem Lauer, es
galt dem alten Herrn Buck, der ehrwrdigsten Figur aus Diederichs
Kindertagen, dem groen Mann der Stadt, der Verkrperung ihres
Brgersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig! Im eigenen
Herzen fhlte Diederich ein Struben gegen sein Unterfangen. Auch schien
es Wahnwitz; ein Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch lngst
nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann mute Diederich
darauf gefat sein, da alle sich gegen ihn wendeten ... Gleichwohl blieb
es ein Streich, und er hatte getroffen. Jetzt war es nicht mehr blo die
Familie, die brckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor dem
Bankerott, der Schwiegersohn im Gefngnis, die Tochter auf Reisen mit
einem Liebhaber, und von den Shnen einer verbauert, der andere verdchtig
durch Gesinnung und Lebensfhrung, - jetzt schwankte er, zum ersten Male,
selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam! Trotzdem war es
Diederich bange bis in den Leib hinein, er machte sich auf, um die
Nebenrume zu besuchen.

Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da stie er mit der
Schwiegermutter des Brgermeisters zusammen, die es aus einem anderen
Grund ebenso eilig hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu
verhindern, da ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf den
alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autoritt decke. "Mit deiner
Autoritt als Brgermeister, einen solchen Skandal!" Sie war heiser vor
Aufregung. Die Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei, die
Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und noch gestern habe
Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster gegeben. Mit versteckten
Pffen trieb jede ihn nach ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht,
seine blassen Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er
hatte Augen wie ein Hase. Die Vorbergehenden stieen einander an und
wiederholten flsternd als einen Witz, was Diederich durch Wolfgang Buck
wute. Angesichts so wichtiger Vorgnge verga er seine Leibschmerzen,
blieb stehen und beschrieb einen herausfordernden Gru. Der Brgermeister
gab sich Haltung, verlie seine Damen, er streckte Diederich die Hand hin.
"Mein lieber Doktor Heling, es freut mich, das ist einmal ein gelungenes
Fest, wie?"

Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende
Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so sehr liebte. Er
richtete sich auf wie das Verhngnis und blitzte.

"Herr Brgermeister, ich fhle mich nicht berechtigt, Sie im unklaren zu
lassen ber gewisse Dinge, die -"

"Die?" fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht.

"Die vorgehen", sagte Diederich nicht ohne Hrte. Der Brgermeister bat um
Erbarmen. "Ich wei doch schon. Es ist die fatale Geschichte mit unserem
allverehrten - ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck",
flsterte er vertraulich. Diederich blieb kalt.

"Es ist mehr. Sie drfen sich nicht lnger tuschen, Herr Brgermeister:
es betrifft Sie selbst."

"Junger Mann, ich mu doch bitten ..."

"Ich stehe Ihnen zur Verfgung, Herr Brgermeister!"

Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch sei durch
Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen! Er war in Diederichs Hand;
die Spiegelgalerie hatte sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden
dahinten im Gedrnge.

"Buck und Genossen fhren einen Gegenschlag", sagte Diederich sachlich.
"Sie sind entlarvt und rchen sich."

"An mir?" Der Brgermeister hpfte auf.

"Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen werden gegen Sie
gerichtet. Kein Mensch wrde sie glauben, aber in diesen Zeiten der
politischen Kmpfe -"

Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor Scheffelweis war
sichtlich kleiner geworden. Er wollte Diederich ansehen, irrte aber ab. Da
bekam Diederich die Stimme des Gerichts.

"Herr Brgermeister! Sie erinnern sich an unsere erste Unterredung in
Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn. Ich habe Sie schon damals
darauf vorbereitet, da ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die
schlappe demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm national mu
man heut sein! Sie waren gewarnt!"

Doktor Scheffelweis stand Rede.

"Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber Freund: um so mehr,
als ich ein besonderer Verehrer Seiner Majestt bin. Unser herrlicher
junger Kaiser ist ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ..."

"Die persnlichste Persnlichkeit", ergnzte Diederich streng.

Der Brgermeister sprach nach: "Persnlichkeit ... Aber ich in meiner
Stellung, die nach beiden Seiten blickt, kann Ihnen auch heute nur
wiederholen: Schaffen Sie neue Tatsachen!"

"Und mein Proze? Ich habe die Feinde Seiner Majestt glatt
zerschmettert!"

"Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe Sie sogar
beglckwnscht."

"Mir nicht bekannt."

"Wenigstens im stillen."

"Heute mu man sich offen entscheiden, Herr Brgermeister. Seine Majestt
haben es selbst gesagt: wer nicht fr mich ist, ist wider mich! Unsere
Brger sollen endlich aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekmpfung
der umwlzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!"

Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um so gebieterischer
reckte sich Diederich.

"Wo aber bleibt der Brgermeister?" fragte er, und seine Frage klang in
einer drohenden Stille so lange nach, bis Doktor Scheffelweis sich
entschlo, ihn anzublinzeln. Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs
Erscheinung, blitzend, gestrubt und blond gedunsen, verschlug ihm die
Rede. In fliegender Verwirrung dachte er: "Einerseits - andererseits" -
und blinzelte immerfort das Bild der neuen Jugend an, die wute, was sie
wollte, den Vertreter der harten Zeit, die nun kam!

Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die Huldigung entgegen. Er
geno einen der Augenblicke, in denen er mehr bedeutete als sich selbst,
und im Geiste eines Hheren handelte. Der Brgermeister war lnger als er,
aber Diederich sah auf ihn hinunter, als htte er gethront. "Nchstens
haben wir Stadtverordnetenwahlen: da kommt es nun ganz auf Sie an",
uerte er gndig und knapp. "Der Proze Lauer hat einen Umschwung der
ffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor mir. Wer mir
behilflich sein will, ist mir willkommen; wer sich mir entgegenstellt -"

Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. "Ich bin ganz Ihrer
Meinung," flsterte er beflissen, "Freunde des Herrn Buck drfen nicht
mehr gewhlt werden."

"Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den Schlechtgesinnten
untergrbt man Ihren guten Ruf, Herr Brgermeister! Knnten Sie es heute
berleben, da die Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr
widersprechen?" Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis zitterte; dann
wiederholte Diederich, ermutigend: "Es kommt nur auf Sie an." - Der
Brgermeister murmelte: "Ihre Energie und anstndige Gesinnung in Ehren -"

"Meine hochanstndige Gesinnung!"

"Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Heisporn, mein junger Freund.
Die Stadt ist noch nicht reif fr Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig
werden?"

Statt einer Antwort trat Diederich pltzlich zurck und machte einen
Kratzfu. Im Eingang stand Wulckow.

Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches, legte seine
schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die Schulter und sagte
drhnend: "Na, Brgermeisterchen, so solo hier? Ihre Stadtverordneten
haben Sie wohl hinausgeworfen?" - worauf Doktor Scheffelweis bleich
mitlachte. Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltr um, die
noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so da der Prsident von
drinnen nicht zu sehen war, und flsterte ihm einige Worte zu, infolge
deren der Prsident sich abwandte und seine Kleider ordnete. Dann sagte er
zu Diederich: "Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen."

Diederich lchelte geschmeichelt. "Ihre Anerkennung, Herr Prsident, macht
mich glcklich."

Wulckow uerte gndig: "Sie knnen gewi auch sonst noch allerlei. Wir
mssen mal drber reden." Er streckte den Kopf vor, braunfleckig, mit
slawischen Backenknochen, und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten
seiner Augen, die voll einer warmbltigen, schalkhaften Gewaltsamkeit
waren: - glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser Erfolg schien Wulckow zu
befriedigen. Er brstete vor dem Spiegel seinen Bart, zerdrckte ihn aber
sogleich wieder auf dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug,
und sagte: "Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?" Und in der Mitte
zwischen Diederich und dem Brgermeister schickte er sich an, mit Wucht
die Vorstellung zu stren: da kam vom Bfett her eine dnne Stimme:

"Ach Gott, Ottochen!"

"Na, da ist sie", brummte Wulckow, und er ging seiner Frau entgegen.
"Dachte mir schon, wenn es zum Klappen kommt, scheut sie. Mehr
Reitergeist, meine beste Frieda!"

"Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte Angst." Zu den
beiden anderen Herrn gewandt plauderte sie gelufig, wenn auch bebend.
"Ich wei wohl, man sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen."

"Besonders," sagte Diederich schlagfertig, "wenn sie im voraus gewonnen
ist." Und er verneigte sich ritterlich. Frau von Wulckow berhrte ihn mit
dem Fcher.

"Herr Doktor Heling hat mir nmlich schon whrend des ersten Aktes hier
drauen Gesellschaft geleistet. Er hat Sinn fr das Schne, er gibt einem
sogar ntzliche Winke."

"Hab' ich gemerkt", sagte Wulckow; und indes Diederich abwechselnd ihm und
seiner Frau dankerfllte Kratzfe machte, setzte der Prsident hinzu:
"Bleiben wir lieber gleich beim Bfett."

"Das war auch mein Schlachtplan", plauderte Frau von Wulckow. "Um so mehr,
als ich jetzt festgestellt habe, da man hier eine kleine Tr nach dem
Saal ffnen kann. So erfreut man sich der von den Ereignissen unberhrten
Isoliertheit, die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch _au fait_."

"Brgermeisterchen," sagte Wulckow und schnalzte, "den Hummersalat sollten
Sie sich auch kaufen." Er zog Doktor Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu:
"In der Sache mit dem stdtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat mal
wieder eine jammervolle Rolle gespielt."

Der Brgermeister a gehorsam und hrte gehorsam zu - indes Diederich
neben Frau von Wulckow nach der Bhne aussphte. Dort hatte Magda Heling
Klavierstunde, und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, kte sie
feurig, was sie nicht bel zu vermerken schien. "Kienast drfte das nicht
sehen", dachte Diederich, aber auch im eigenen Namen fhlte er sich
gekrnkt. Er uerte:

"Finden Frau Grfin nicht doch, da der Klavierlehrer zu naturalistisch
spielt?"

Die Dichterin erwiderte befremdet: "Ganz so lag es in meiner Intention."

"Ich meinte auch nur", sagte Diederich unsicher - und dann erschrak er,
denn in der Tr erschien Frau Heling oder eine Dame, die ihr hnlich sah.
Emmi kam auch, und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um so
lauter sprach Wulckow.

"Nee, Brgermeister. Auf den alten Buck knnen Sie sich diesmal nicht
'rausreden. Wenn er damals den stdtischen Arbeitsnachweis durchgedrckt
hat: die Anwendung tut es, die ist Ihre Sache."

Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber Magda schrie, sie denke
nicht daran, den Menschen zu heiraten, dafr sei das Dienstmdchen gut
genug. Die Dichterin bemerkte:

"Das mu sie noch ordinrer bringen. Es sind doch Parvens."

Und Diederich lchelte zustimmend, obwohl er arg betreten war durch diese
Zustnde in einem Heim, das dem seinen glich. Innerlich gab er Emmi recht,
die erklrte, der Skandal msse sogleich aus der Welt geschafft werden,
und die das Dienstmdchen hereinrief. Aber wie das Mdchen sich zeigte,
verdammt, da war es die heimliche Grfin! In die Stille, die ihr Auftreten
bewirkte, tnte Wulckows Bastimme.

"Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von Ihren sozialen Pflichten.
Die Landwirtschaft ruinieren soll sozial sein?"

Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin wisperte angstvoll:
"Ottochen, um Gottes willen!"

"Was ist denn los?" Er trat in die Tr. "Nun sollen sie mal zischen!"

Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Brgermeister zu:

"Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem, der im Osten begtert
ist, die Arbeiter fort, das ist mal sicher. Und ferner: Sie haben sogar
Vertreter der Arbeiter in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis - und dabei
vermitteln Sie auch fr die Landwirtschaft. Wohin steuern Sie also? Nach
der Koalition der Landarbeiter. Sehen Sie wohl, Brgermeisterchen?" Seine
Tatze fiel auf Doktor Scheffelweis' nachgiebige Schulter. "Wir kommen
Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!"

Auf der Bhne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum, denn die
Fabrikantenfamilie durfte nichts hren.

"Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten? Das sei ferne von
mir. Wenn die Leute mir auch eine Ausstattung versprechen, fr Geld mgen
andere sich erniedrigen. Ich aber wei, was ich meiner edlen Geburt
schuldig bin!"

Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz sah man Trnen
fortwischen, die der Edelsinn der Grfin ihnen hatte entquellen lassen.
Aber die fortgewischten Trnen kamen wieder, als die Nichte sagte:

"Doch ach! Wo finde ich als Dienstmdchen einen ebenso Hochgeborenen."

Der Brgermeister mute eine Erwiderung gewagt haben, denn Wulckow
grollte: "Dafr, da es weniger Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten.
Mein Geld ist mein Geld."

Da konnte Diederich sich nicht lnger enthalten, ihm mit einem Kratzfu zu
danken. Aber auch die Dichterin bezog mit Recht seinen Kratzfu auf sich.

"Ich wei," sagte sie, selbst gerhrt, "die Stelle ist mir gelungen."

"Das ist Kunst, die zum Herzen spricht", stellte Diederich fest. Da Magda
und Emmi das Klavier und die Tren zuschlugen, ergnzte er: "Und
hochdramatisch." Hierauf nach der anderen Seite:

"Nchste Woche werden zwei Stadtverordnete gewhlt fr Lauer und Buck
junior. Gut, da der von selbst geht." Wulckow sagte: "Dann sorgen Sie nur
dafr, da anstndige Leute 'reinkommen. Sie sollen ja mit der 'Netziger
Zeitung' gut stehen."

Diederich dmpfte vertraulich die Stimme. "Ich halte mich vorlufig noch
zurck, Herr Prsident. Fr die nationale Sache ist es besser."

"Sieh mal an", sagte Wulckow; und wirklich sah er Diederich durchdringend
an. "Sie mchten sich wohl selbst whlen lassen?" fragte er.

"Ich wrde das Opfer bringen. Unsere stdtischen Krperschaften haben zu
wenig Mitglieder, die in nationaler Beziehung zuverlssig sind."

"Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?"

"Dafr sorgen, da der Arbeitsnachweis aufhrt."

"Na ja," sagte Wulckow, "als nationaler Mann."

"Ich als Offizier," sagte auf der Bhne der Leutnant, "kann nicht dulden,
liebe Magda, da dieses Mdchen, wenn es auch nur eine arme Dienstmagd
ist, irgendwie mihandelt wird."

Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der die heimliche Grfin
htte heiraten sollen, er war Magdas Verlobter! Man fhlte die Zuschauer
vor Spannung beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. "Die Erfindung ist
aber auch meine starke Seite", sagte sie zu Diederich, der tatschlich
verblfft war. Doktor Scheffelweis hatte keine Zeit, sich den Emotionen
der dramatischen Dichtung zu berlassen; er sah sich gefhrdet.

"Niemand", beteuerte er, "wrde freudiger einen Geist -" Wulckow
unterbrach ihn.

"Kennen wir, Brgermeisterchen. Freudig begren knnen Sie, wenn's nichts
kostet."

Diederich setzte hinzu: "Aber einen glatten Strich ziehen zwischen
Kaisertreuen und Umsturz!"

Der Brgermeister hob flehend die Arme. "Meine Herren! Verkennen Sie mich
nicht, ich bin zu allem bereit. Aber mit dem Strich ist nicht geholfen,
denn bei uns hier bedeutet er blo, da fast alle, die nicht freisinnig
whlen, sozialdemokratisch whlen."

Wulckow stie ein wtendes Grunzen aus, worauf er sich eine Wurst vom
Bfett langte. Diederich war es, der eiserne Zuversicht bekundete.

"Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen, mssen sie eben gemacht
werden!"

"Aber womit?" sagte Wulckow.

Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum:

"Er mu doch sehen, da ich eine Grfin bin, er, der demselben edlen
Stamme entsprossen ist!"

"Oh! Frau Grfin!" sagte Diederich. "Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob
er es sieht."

"Selbstverstndlich", erwiderte die Dichterin. "Sie erkennen einander doch
schon an den besseren Manieren."

In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich Blicke zu, weil Emmi
und Magda samt Frau Heling einen Kse mit dem Messer aen. Diederich
behielt den Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete Betragen der
Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung. Die Tchter Buck, Frau Cohn
und Guste Daimchen, alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er sog
sich das Fett von den Fingern und sagte:

"Frieda, du bist fein 'raus, sie lachen."

Wirklich blhte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre Augen hinter dem
Zwicker glnzten wirr, sie seufzte, ihr Busen wallte, es hielt sie nicht
lnger auf ihrem Stuhl. Sie wagte sich halb heraus aus dem Bfettzimmer;
sofort wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern, und die
Schwiegermutter des Brgermeisters gab ihr Zeichen. Frau von Wulckow rief
fieberhaft ber die Schulter:

"Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!"

"Wenn es bei uns auch so schnell ginge", sagte ihr Gatte. "Na, also,
Doktor, wie wollen Sie den Netzigern die Kandare anlegen?"

"Herr Prsident!" Diederich drckte die Hand aufs Herz. "Netzig wird
kaisertreu, dafr brge ich Ihnen mit allem, was ich bin und habe!"

"Schn", sagte Wulckow.

"Denn", fuhr Diederich fort, "wir haben einen Agitator, den ich als
erstklassig bezeichnen mchte: jawohl, erstklassig", wiederholte er und
umfate mit dem Wort alles Groe; "und das ist Seine Majestt selbst!"

Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. "Die persnlichste
Persnlichkeit", brachte er hervor. "Originell. Impulsiv."

"Na ja", sagte Wulckow. Er stemmte die Fuste auf die Knie und glotzte
dazwischen auf den Boden, in der Haltung eines sorgenvollen
Menschenfressers. Auf einmal merkten die beiden anderen, da er sie von
unten schief ansah.

"Meine Herren" - er stockte wieder - "na, ich will Ihnen mal was sagen.
Ich glaube, der Reichstag wird aufgelst."

Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die Kpfe vor, sie wisperten.
"Herr Prsident wissen -?"

"Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd, bei meinem Vetter
Herrn von Quitzin."

Diederich machte einen Kratzfu. Er stammelte, er wute selbst nicht was.
Er hatte es vorausgesagt! Schon bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein
hatte er eine Rede Seiner Majestt wiedergegeben, - und hatte er sie nur
wiedergegeben? Darin kam ausdrcklich vor: "Ich rume die ganze Bude aus!"
Und nun sollte es geschehen, ganz so, als handelte er selbst. Es berlief
ihn mystisch ... Wulckow sagte inzwischen:

"Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns nicht mehr. Wenn sie
die Militrvorlage nicht schlucken, ist Schlu"; - und Wulckow strich sich
mit der Faust ber den Mund, als beginne das Fressen.

Diederich fate sich. "Das ist - das ist grozgig! Das ist ganz sicher
die persnliche Initiative Seiner Majestt!" Doktor Scheffelweis war
erbleicht. "Dann sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so froh,
da wir unseren bewhrten Abgeordneten hatten ..." Er erschrak noch mehr.
"Das heit, natrlich, Khlemann ist auch ein Freund des Herrn
Richter ..."

"Ein Nrgler!" schnaubte Diederich. "Ein vaterlandsloser Geselle!" Er
rollte die Augen. "Herr Prsident! Diesmal ist es aus in Netzig mit den
Leuten. Lassen Sie mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr
Brgermeister!" "Was dann?" fragte Wulckow. Diederich wute es nicht.
Glcklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall; Sthle wurden gerckt,
und jemand lie sich die groe Tr ffnen: Khlemann selbst war es. Der
Greis schleppte seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie.
Am Bfett fand man, seit dem Proze sei er noch mehr verfallen.

"Er htte Lauer lieber freigesprochen, die anderen Richter haben ihn
berstimmt", sagte Diederich. Doktor Scheffelweis meinte: "Nierensteine
fhren wohl schlielich zur Auflsung." Worauf Wulckow humoristisch: "Na,
und im Reichstag sind wir seine Nierensteine."

Der Brgermeister lachte gefllig. Aber Diederich ri die Augen auf. Er
nherte sich dem Ohr des Prsidenten und raunte:

"Sein Testament!"

"Was ist damit?"

"Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt", erklrte Doktor Scheffelweis
wichtig. "Wahrscheinlich bauen wir von dem Geld ein Suglingsheim."

"Bauen Sie?" Diederich feixte verachtungsvoll. "Einen nationaleren Zweck
knnen Sie sich wohl nicht denken?"

"Ach so." Wulckow nickte Diederich anerkennend zu. "Wieviel Pinke hat er
denn?"

"Eine halbe Million wenigstens", sagte der Brgermeister, und er
beteuerte: "Ich wre glcklich, wenn es zu machen wre, da -"

"Es ist glatt zu machen", behauptete Diederich.

Da hrte man drauen im Saal ein Lachen, das ganz verschieden klang von
dem vorigen. Es kam aus ungehemmter Brust und drckte sicherlich
Schadenfreude aus. Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das
Bfett zurck; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. "Grundgtiger
Gott!" wimmerte sie. "Alles ist verloren." "Nanu?" machte ihr Gatte und
stellte sich drohend in die Tr. Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit
nicht mehr aufhalten. Magda hatte zu der Grfin gesagt: "Spute dich, du
dumme Landpomeranze, da der Herr Leutnant den Kaffee kriegt." Eine andere
Stimme verbesserte "Tee", Magda wiederholte "Kaffee", die andere blieb bei
ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte erfat, da ein
Miverstndnis zwischen ihr und der Souffleuse vorlag. brigens griff der
Leutnant mit Glck ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: "Ich
bitte um beides" - worauf das Lachen einen nachsichtigeren Charakter
annahm. Aber die Dichterin war emprt. "Das Publikum! Es ist und bleibt
eine Bestie!" knirschte sie.

"Schiefgehen kann es immer", sagte Wulckow - und blinzelte Diederich an.

Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: "Wenn man einander versteht, Herr
Prsident, dann nicht."

Hierauf hielt er es fr besser, sich ganz der Dichterin und ihrem Werk zu
widmen. Mochte der Brgermeister inzwischen seine Freunde verraten und
sich fr die Wahlen auf alle Wnsche Wulckows verpflichten!

"Meine Schwester ist eine Gans", erklrte Diederich. "Ich werde ihr
nachher die Meinung sagen!"

Frau von Wulckow lchelte wegwerfend. "Das arme Ding, sie tut, was sie
kann. Von seiten der Leute aber ist es wahrhaftig eine unertrgliche
Arroganz und Undankbarkeit. Noch soeben hat man sie erhoben und fr das
Ideale begeistert!"

Diederich sagte durchdrungen: "Frau Grfin, diese bittere Erfahrung machen
Sie nicht allein. So ist es berall im ffentlichen Leben." Denn er dachte
an die allgemeinen Hochgefhle damals nach seinem Zusammensto mit dem
Majesttsbeleidiger und an die Prfungen, die dann gefolgt waren.
"Schlielich triumphiert doch die gute Sache!" stellte er fest.

"Nicht wahr?" sagte sie mit einem Lcheln, das wie aus Wolken brach. "Das
Gute, Wahre, Schne."

Sie reichte ihm die schmale Rechte; "ich glaube, mein Freund, wir
verstehen uns" - und Diederich, des Augenblicks bewut, drckte khn die
Lippen darauf, mit einem Kratzfu. Er legte die Hand an das Herz und
brachte gepret aus der Tiefe: "Glauben Sie mir, Frau Grfin ..."

Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein geblieben, hatten
sich als erniedrigte Grfin und armer Vetter erkannt, wuten nun, da sie
einander bestimmt waren, und schwrmten gemeinsam von knftigem Glanz,
wenn sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demtig stolz,
von der Sonne der Majestt beschienen sein wrden ... Da hrte Diederich
die Dichterin aufseufzen.

"Ihnen kann ich es sagen", seufzte sie. "Ich entbehre hier doch sehr den
Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt dem Hofadel angehrt -. Und nun -."

Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Trnen perlen. Dieser Blick in die
Tragik der Groen erschtterte ihn so sehr, da er strammstand. "Frau
Grfin!" sagte er, verhalten und stoweise. "Die heimliche Grfin sind
also -" Er erschrak und schwieg.

Die bleiche Stimme des Brgermeisters war eben dabei, dem Prsidenten zu
verraten, da Khlemann nicht wieder kandidieren werde, und da die
Freisinnigen den Doktor Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow
darin einig, da man Gegenmaregeln treffen msse, solange noch niemand
die Auflsung des Reichstages erwartete ...

Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend:

"Frau Grfin, aber, nicht wahr, es wird alles gut? Sie kriegen sich doch?"

Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung, schrnkte die
Vertraulichkeit des Gefhls schon wieder ein. In leichtem Plauderton
erklrte sie:

"Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige Geldfrage! Es ist
wohl unmglich, da die jungen Leute zusammen glcklich werden."

"Sie knnen doch prozessieren!" rief Diederich, in seinem Rechtsgefhl
gekrnkt. Aber Frau von Wulckow verzog die Nase. "_Fi donc!_ Das wrde zur
Folge haben, da der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmndigen
liee. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden, droht er dem Leutnant
damit in einer Szene, die mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant
das auf sich nehmen? Und die Zerstckelung des Familienbesitzes? In Ihren
Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist eben manches nicht mglich."

Diederich verneigte sich. "Dort oben herrschen natrlich Begriffe, die
sich unserem Urteil entziehen. Und dem der Gerichte wohl auch", setzte er
hinzu. Die Dichterin lchelte milde.

"Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise auf die
heimliche Grfin und heiratet die Fabrikantentochter."

"Magda?"

"Jawohl. Und die heimliche Grfin den Klavierlehrer. So wollen es die
hheren Mchte, lieber Herr Doktor, denen wir -" ihre Stimme verdunkelte
sich ein wenig - "uns nun einmal zu beugen haben."

Diederich hatte noch einen Zweifel, uerte ihn aber nicht. Der Leutnant
htte die heimliche Grfin auch ohne Geld heiraten sollen, es wrde
Diederich tief befriedigt haben in seinem weichen und idyllischen Herzen.
Aber ach! diese harte Zeit dachte anders.



Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam seiner Ergriffenheit,
dann spendete es um so wrmeren Beifall dem Dienstmdchen und dem
Leutnant, die, es lie sich leider voraussehen, das schwere Geschick,
nicht hoffhig zu sein, wohl noch lnger wrden tragen mssen.

"Es ist wirklich ein Elend!" seufzten Frau Harnisch und Frau Cohn.

Beim Bfett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen mit dem
Brgermeister:

"Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!"

Dann lie er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter fallen. "Na,
Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum Tee geladen?"

"Selbstverstndlich, und kommen Sie recht bald!" Die Prsidentin hielt ihm
die Hand zum Ku hin, und Diederich entfernte sich beglckt. Wulckow
selbst wollte ihn wiedersehen! Mit Diederich zusammen wollte er Netzig
erobern!

Indes die Prsidentin in der Spiegelgalerie Cercle hielt und Glckwnsche
entgegennahm, bearbeitete Diederich die Stimmung. Heuteufel, Cohn,
Harnisch und noch einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben,
wenn auch vorsichtig, zu verstehen, da sie das Ganze fr Quatsch hielten.
Diederich war gentigt, ihnen Andeutungen ber den durchaus grozgigen
dritten Akt zu machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen
diktierte er ausfhrlich, was er von der Dichterin wute, denn
Nothgroschen mute fort, die Zeitung sollte in Druck gehen. "Wenn Sie aber
Bldsinn schreiben, Sie Zeilenschinder, schlag' ich Ihnen Ihren Wisch um
die Ohren!" - worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor
Khnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich bei einem
Knopf und kreischte: "Sie, mein Bester! Eens htten Se nu aber unserm
Klatschdirektor ooch noch erzhlen knnen!" Der Redakteur, der sich nennen
hrte, kehrte zurck, und Khnchen fuhr fort: "Nmlich, da die herrliche
Schpfung unserer allverehrten Prsidentin schon mal ist vorausgeahnt
worden, und zwar von keinem Geringeren als von unserem Altmeister Goethe
in seiner Natrlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das
Hchste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen lt!"

Diederich hatte Bedenken ber die Zweckmigkeit von Khnchens Entdeckung,
fand es aber unntig, sie ihm mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon,
mit flatternden Haaren, durch das Gedrnge; schon sah man, wie er vor Frau
von Wulckow den Boden scharrte und ihr das Ergebnis seiner vergleichenden
Forschung vortrug. Freilich, ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch
Diederich nicht vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: "Was Sie da
bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung beruhen. Ist die
Natrliche Tochter berhaupt von Goethe?" fragte sie und rmpfte
mitrauisch die Nase. Khnchen beteuerte es, aber es half ihm nichts.

"Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift 'Das traute Heim' einen Roman von
mir gelesen, und den habe ich nun dramatisiert. Meine Schpfungen sind
smtlich Originalarbeiten. Die Herren -" sie musterte den Kreis - "wollen
bswilligen Gerchten entgegentreten."

Damit war Khnchen entlassen, trat ab und schnappte nach Luft. Diederich
erinnerte ihn, im Ton eines geringschtzigen Erbarmens, an Nothgroschen,
der mit seiner gefhrlichen Information schon von dannen war; und Khnchen
strzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhten.

Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das Bild sich verndert:
nicht nur die Prsidentin, auch der alte Buck hielt Cercle. Es war
erstaunlich, aber man lernte die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht,
da sie vorhin ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit
beteuerndem Gesicht machte einer nach dem anderen sich an den Alten heran
und wollte es nicht gewesen sein. So gro war, noch nach schweren
Erschtterungen, die Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten!
Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in aufflliger Weise hinter der
Mehrheit zurckzubleiben. Nachdem er sich vergewissert hatte, da Wulckow
schon fort war, machte er seine Aufwartung. Der Alte sa eben allein in
dem Polstersessel, der fr ihn ganz vorn bei der Bhne stand; er lie
seine weie Hand merkwrdig zart ber die Lehne hngen und blickte zu
Diederich hinauf.

"Da sind Sie, mein lieber Heling. Ich habe es oft bedauert, da Sie nicht
kamen" - ganz schlicht und nachsichtig. Diederich fhlte sofort wieder
Trnen heraufsteigen. Er gab ihm die Hand hin, freute sich, da der Herr
Buck sie ein wenig lnger in der seinen behielt, und stammelte etwas von
Geschften, Sorgen und "um ehrlich zu sein" - denn ein jhes Bedrfnis
nach Ehrlichkeit erfate ihn - von Bedenken und Hemmungen.

"Es ist schn von Ihnen," sagte darauf der Alte, "da Sie mich das nicht
nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen. Sie sind jung und handeln
wohl unter den Antrieben, denen die Geister heute gehorchen. In die
Unduldsamkeit des Alters will ich nicht verfallen."

Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden: dies war die
Verzeihung fr den Proze, der dem Schwiegersohn des Alten die brgerliche
Ehre gekostet hatte; und ihm ward schwl unter so viel Milde - und so viel
Nichtachtung. Der Alte freilich sagte:

"Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand zu hassen, der gegen
die Meinen kmpft." Worauf Diederich, von Furcht ergriffen, dies mchte zu
weit fhren, sich aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht -. Man
komme in Sachen hinein -. Der Alte erleichterte es ihm. "Ich wei: Sie
suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden."

Er tauchte seinen weien Knebelbart in die seidene Halsbinde. Als er ihn
wieder hervorholte, begriff Diederich, da etwas Neues kam.

"Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht gekauft", sagte der
Herr Buck. "Ihre Plne haben sich wohl gendert?"

Diederich dachte: "Er wei alles", und sah schon seine heimlichsten
Berechnungen enthllt.

Der Alte lchelte schlau und gtig. "Sollten Sie etwa Ihre Fabrik zunchst
verlegen und erst dann erweitern wollen? Ich knnte mir denken, da Sie
Ihr Grundstck zu verkaufen wnschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit
warten - die auch ich in Betracht ziehe", setzte er hinzu, und mit einem
Blick: "Die Stadt hat vor, ein Suglingsheim zu errichten."

"Alter Hund!" dachte Diederich. "Er spekuliert auf den Tod seines besten
Freundes!" Gleichzeitig aber kam ihm die Erleuchtung, was er Wulckow
vorzuschlagen habe, um Netzig zu erobern!... Er schnaufte.

"Durchaus nicht, Herr Buck. Mein vterliches Erbstck geb' ich nicht her!"

Da nahm der Alte nochmals seine Hand. "Ich bin kein Versucher", sagte er.
"Ihre Piett ehrt Sie."

"Esel", dachte Diederich.

"So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen. Ja, vielleicht werden
Sie dabei mitwirken. Uneigenntzigen Gemeinsinn, lieber Heling, lassen
wir uns nicht entgehen - auch nicht, wenn er einen Augenblick in falscher
Richtung zu wirken scheint."

Er stand auf.

"Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie meine Untersttzung."

Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des Alten waren blau und
tief, und er bot Diederich eben das Ehrenamt an, um das Diederich seinen
Schwiegersohn gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich
verkriechen? Diederich zog es vor, die Abstze zusammenzuschlagen und
korrekt seinen Dank abzustatten.

"Sie sehen," erwiderte der Alte, "der Gemeinsinn schlgt Brcken von jung
und alt und sogar bis zu denen, die nicht mehr da sind."

Er fhrte die Hand im Halbkreis ber die Wnde und ber das Geschlecht von
einst, das verblichen und heiter aus ihrer gemalten Tiefe trat. Er
lchelte den jungen Mdchen in Reifrcken zu und zugleich auch einer
seiner Nichten und Meta Harnisch, die vorbergingen. Als er das Gesicht
dem alten Brgermeister zuwendete, der zwischen Blumen und Kindern aus dem
Stadttor schritt, bemerkte Diederich die groe hnlichkeit der beiden. Der
alte Buck wies auf den und jenen aus der gemalten Versammlung.

"Von dem da hab' ich viel gehrt. Diese Dame kannte ich noch. Sieht der
Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich? Nein, unter uns kann es keine
ernstliche Entfremdung geben, wir sind einander seit langem verpflichtet
zum guten Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene da, die uns
die 'Harmonie' hinterlieen."

"Nette Harmonie", dachte Diederich und sah umher, wie er fortgelange. Der
Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit, einen bergang gemacht von den
Geschften zum sentimentalen Schwatz. "Immer kommt der Literat heraus",
dachte Diederich.

Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei. Guste hatte sich
eingehngt, und Inge prahlte mit dem, was sie hinter den Kulissen erlebt
hatte. "Unsere Angst, als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee."
Guste behauptete: "Das nchste Mal schreibt Wolfgang ein viel schneres
Stck, und ich spiele mit." Da machte Inge sich los, sie bekam eine scheu
ablehnende Miene. "So?" sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor
pltzlich seinen harmlosen Eifer. "Warum etwa nicht?" fragte sie,
weinerlich emprt. "Was hast du nun wieder?"

Diederich, der es ihr htte sagen knnen, wandte sich schleunig zum alten
Buck zurck. Der schwatzte weiter.

"Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die Feinde sind da. Schon
recht verwischt, der eiserne Ritter, der Kinderschreck dort in seiner
Nische am Tor. Don Antonio Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im
Dreiigjhrigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt hast: wenn nun
nicht die Riekestrae nach dir hiee, wohin wre dann selbst der letzte
Klang von dir verweht?... Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und
der uns zu vertilgen dachte."

Pltzlich schttelte den Alten ein stilles Kichern. Er nahm Diederich bei
der Hand.

"Hat er nicht hnlichkeit mit unserem Herrn von Wulckow?"

Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der Alte bemerkte es
nicht, er war nun einmal aufgerumt, ihm fiel noch etwas ein. Er winkte
Diederich hinter eine Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei
Figuren, einen jungen Schfer, der sehnschtig die Arme ffnete, und
jenseits eines Baches eine Schferin, die sich anschickte,
hinberzuspringen. Der Alte wisperte: "Was meinen Sie, werden die beiden
zueinander kommen? Das wissen nicht viele mehr. Ich wei es noch." Er sah
sich um, ob niemand ihn beachte, und pltzlich ffnete er eine kleine Tr,
die man nie gefunden haben wrde. Die Schferin auf der Tr bewegte sich
dem Liebenden entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tr im Dunkeln
mute sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der Alte wies in das Zimmer,
das er aufgedeckt hatte. "Es heit das Liebeskabinett." Laternenschein von
irgendeinem Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er beglnzte den
Spiegel und das dnnbeinige Kanapee. Der Alte zog die dumpfe Luft ein, die
nach wer wei wie langer Zeit herausstrmte, er lchelte verloren. Und
dann schlo er die kleine Tr.

Aber Diederich, den dies nur mig interessierte, sah etwas kommen, das
weit mehr Anregung versprach. Es war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn
er war da. Sein Urlaub war wohl zu Ende, er war zurck aus dem Sden, und
er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas versptet und wenn auch ohne
Judith Lauer, deren Urlaub ja noch dauerte, solange ihr Gatte in der
Vogtei sa. Wo er mit Drehungen des Krpers, die nicht unbefangen wirkten,
hindurchkam, ward geflstert, und jeder, den er begrte, lugte verstohlen
nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche sah wohl, da er in der Sache etwas
tun msse; er gab sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben
ahnungslos, fand ihn pltzlich vor sich. Er ward vollkommen wei;
Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber es geschah
nichts, der Alte hatte sich zurck. Er stand da, so steif, da sein Rcken
sich aushhlte, und blickte khl und unverwandt auf den Mann, der seine
Tochter entfhrt hatte.

"Schon zurck, Herr Landgerichtsrat?" sagte er laut.

Fritzsche versuchte jovial zu lachen. "Schneres Wetter war dort unten,
Herr Stadtrat. Na und die Kunst!"

"Davon haben wir hier nur einen Widerschein" - und der Alte wies, ohne den
anderen aus den Augen zu lassen, ber die Wnde. Seine Haltung machte
Eindruck auf die meisten, die von dort hinten seine Schwche belauerten.
Er hielt stand und reprsentierte, in einer Lage, die einige
Hemmungslosigkeit immerhin erklrt haben wrde. Er reprsentierte das alte
Ansehen, er allein fr die zerfallende Familie, fr das Gefolge, das schon
ausblieb. In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles Verlorenen,
manche Sympathien ... Diederich hrte ihn noch sagen, frmlich und klar:
"Ich habe es durchgesetzt, da unser moderner Straenzug eine andere
Richtung bekam, blo um dies Haus zu erhalten und diese Malereien. Sie
haben nur den Wert von Schilderungen, mag sein. Aber ein Gebilde, das
seiner Zeit und ihren Sitten Dauer verleihen mchte, kann hoffen, selbst
zu dauern." Dann drckte Diederich sich, er schmte sich fr Fritzsche.



Die Schwiegermutter des Brgermeisters fragte ihn, was der Alte ber die
"Heimliche Grfin" geuert habe. Diederich dachte nach, und er mute
gestehen, er habe das Stck gar nicht erwhnt. Beide waren enttuscht.

Indes bemerkte er, da Kthchen Zillich spttisch hersah, und gerade sie
hatte sich nichts zu erlauben. "Nun, Frulein Kthchen", sagte er recht
laut. "Was denken Sie ber den grnen Engel?" Sie erwiderte noch lauter:
"Der grne Engel? Sind Sie das?" Und sie lachte ihm ins Gesicht. "Sie
sollten wirklich vorsichtiger sein", meinte er stirnrunzelnd. "Ich fhle
mich geradezu verpflichtet, Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen."

"Papa!" rief Kthchen sofort. Diederich erschrak. Glcklicherweise hrte
Pastor Zillich nicht.

"Natrlich hab' ich meinem Papa gleich neulich von unserem kleinen Ausflug
erzhlt. Was macht es denn, es waren doch nur Sie."

Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. "Na und fr Liebhaber schner Ohren
war auch noch Jadassohn da." Da er sah, da es sie traf, setzte er hinzu:
"Das nchste Mal im grnen Engel streichen wir sie ihm grn an, das macht
Stimmung."

"Wenn Sie meinen, da es auf die Ohren ankommt." Dabei drckte Kthchens
Blick eine so schrankenlose Verachtung aus, da Diederich den Entschlu
fate, mit allen Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der
Pflanzengruppe. "Was glauben Sie?" fragte er. "Wird die Schferin ber den
Bach springen und den Schfer glcklich machen?"

"Schaf", sagte sie. Diederich berhrte es, ging hin und tastete an der
Wand umher. Nun hatte er die Tr. "Sehen Sie? Sie springt."

Kthchen kam nher, neugierig streckte sie ihren Hals in das geheime
Zimmer. Da hatte sie einen Sto und war ganz drinnen. Diederich warf die
Tr zu, er fiel stumm ber Kthchen her, mit wildem Schnaufen.

"Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!" rief sie und wollte kreischen. Aber
sie mute lachen, was sie wehrlos machte und dem Sofa immer nher brachte.
Der Kampf mit ihren entblten Armen und Schultern versetzte ihn vollends
auer sich. "Jawohl," keuchte er, "jetzt kommt was." Bei jedem Strich
Boden, den er gewann, wiederholte er: "Jetzt kommt was. Bin ich noch ein
Schaf? Aha, wenn man denkt, ein Mdchen ist anstndig, und man hat
ehrliche Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was." Mit einem letzten
Ruck schleuderte er sie hin. "Au", sagte sie; und vor Lachen erstickend:
"Was kommt denn jetzt?"

Pltzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich hervor; der Streifen
Gaslicht, den das kahle Fenster hereinlie, beschien ihre Unordnung; und
ihr Gesicht, von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tr
gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen. Sie starrte
entgeistert her, Kthchen quollen die Augen heraus, und Diederich, auf dem
Sofa kniend, verrenkte sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tr an, sie
ging entschlossen auf Kthchen zu.

"Du gemeines Luder!" sagte sie aus tiefem Innern.

"Selber eins!" sagte Kthchen, schnell gefat. Da schnappte Guste nur noch
nach Luft. Von Kthchen sah sie zu Diederich, ratlos und so emprt, da
ihr Blick sich mit feuchtem Glanz fllte. Er versicherte: "Frulein Guste,
es handelt sich um einen Scherz"; aber er kam schlecht an, Guste brach
los. "Sie kenn' ich, von Ihnen kann ich es mir denken."

"So, du kennst ihn", bemerkte Kthchen hhnisch. Sie stand auf, indes
Guste ihr noch nher rckte. Diederich seinerseits ergriff die
Gelegenheit, gab seiner Haltung Wrde und trat zurck, um die Damen unter
sich die Sache erledigen zu lassen.

"Da ich so was mu mit ansehen!" rief Guste; und Kthchen: "Du hast gar
nichts gesehen! Wozu siehst du es dir berhaupt an?"

Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden, zumal da Guste
schwieg. Kthchen gewann sichtlich die Oberhand. Sie warf den Kopf zurck
und sagte: "Von dir finde ich es berhaupt sonderbar. Wer so viel Butter
auf dem Kopf hat wie du!"

Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. "Ich?" fragte sie gedehnt. "Was
tu' ich denn?"

Kthchen zierte sich pltzlich - indes Diederich vom Schrecken gepackt
ward.

"Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich."

"Ich wei gar nichts", sagte Guste klagend.

"So was htte man gedacht, das es gar nicht gibt", sagte Kthchen und
rmpfte die Nase. Guste verlor die Geduld. "Nun bitte ich es mir aber aus!
Was habt ihr alle?"

Diederich schlug vor: "Es ist doch wohl besser, wenn wir jetzt das Lokal
verlassen." Aber Guste stampfte auf.

"Keinen Schritt tu' ich, bis ich es wei. Den ganzen Abend merke ich
schon, da sie mich anglotzen, als ob ich einen toten Fisch verschluckt
habe."

Kthchen wandte sich weg. "Na, da siehst du es. Sei froh, da sie dich
nicht hinauswerfen mitsamt deinem Halbbruder Wolfgang."

"Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?"

In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit den Augen umher.
Auf einmal hatte sie begriffen. "So eine Gemeinheit!" rief sie entsetzt.
ber Kthchens Mienen breitete sich ein Lcheln des Genusses aus.
Diederich seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger aus
gegen Kthchen. "Das habt ihr Mdchen euch ausgedacht! Ihr seid mir
neidisch wegen meinem Geld!"

"Ph", machte Kthchen. "Dein Geld wollen wir berhaupt nicht, wenn so was
dabei ist."

"Es ist doch nicht wahr!" Guste kreischte auf. Pltzlich fiel sie vornber
auf das Sofa und wimmerte. "Ach Gott, ach Gott, was haben wir da
angerichtet."

"Siehst du wohl", sagte Kthchen, frei von Mitleid.

Guste schluchzte immer lauter; Diederich berhrte ihre Schulter. "Frulein
Guste, Sie wollen doch nicht, da die Leute kommen." Er suchte nach einem
Trost. "So was kann man nie wissen. hnlich sehen Sie sich nicht."

Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie sprang auf und ging zum
Angriff ber. "Du - du bist berhaupt eine feine Nummer", zischte sie
Kthchen zu. "Von dir sag' ich, was ich gesehen habe!"

"Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner mehr was. Von mir wei
jeder, da ich anstndig bin."

"Anstndig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!"

"So gemein wie du -"

"Bist blo noch du!"

Hierber erschraken beide, brachen ab und verharrten einander gegenber,
Ha und Angst in ihren dicken Gesichtern, die sich so sehr glichen; und
die Bsten nach vorn, die Schultern hinauf, die Arme in die Hften
gestemmt, sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider vom
Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorsto. "Ich sag' es doch!"

Da sprengte Kthchen die letzte Fessel. "Dann mach' aber schnell, sonst
komm' ich frher und erzhl' allen, da nicht du, sondern ich hier die Tr
hab' aufgemacht und hab' euch beide ertappt."

Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte, setzte Kthchen,
pltzlich selbst ernchtert, hinzu: "Nun ja, das bin ich mir doch
schuldig. Bei dir kommt es nicht mehr darauf an."

Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verstndigte sich mit ihr und
glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen Finger den Brillanten traf, den
sie gemeinsam aus den Lumpen gezogen hatten. Da lchelte Diederich
ritterlich, und Guste, tief errtet, trat so nahe zu ihm, als lehnte sie
sich an. Kthchen schlich zur Tr. ber Gustes Schulter geneigt, sagte
Diederich leise: "Ihr Verlobter lt Sie aber lange allein." - "Ach der",
erwiderte sie. Er senkte das Gesicht noch ein wenig und drckte es auf
ihre Schulter. Sie hielt ganz still. "Schade", sagte er und zog sich so
unerwartet zurck, da Guste ausglitt. Sie begriff auf einmal, da ihre
Lage sich wesentlich verndert hatte. Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es
war entwertet, ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam sie
einen Blick wie eine Hndin. Diederich sagte gemessen: "An der Stelle
Ihres Verlobten wrde ich allerdings anders vorgehen."

Kthchen zog mit uerster Behutsamkeit die Tr wieder an, sie kehrte
zurck, den Finger auf den Lippen.

"Wit ihr was? Das Theater hat wieder angefangen - schon lange, glaube
ich."

"O Gott!" sagte Guste; und Diederich:

"Na, dann sitzen wir in der Falle."

Er suchte die Wnde ab nach einem Ausgang; er rckte sogar das Sofa fort.
Da keiner zu finden war, entrstete er sich.

"Hier ist tatschlich eine Falle. Und um der alten Baracke willen hat der
Herr Buck den ganzen Straenzug verlegt. Er soll es noch erleben, da ich
sie ihm einreie! Blo erst Stadtverordneter sein!"

Kthchen kicherte. "Was schnauben Sie denn so? Hier ist es doch ganz
gemtlich. Jetzt knnen wir machen, was wir wollen." Und sie sprang ber
das Sofa. Da gab Guste sich einen Ruck und wollte auch hinber. Sie blieb
aber hngen. Diederich fing sie auf. Auch Kthchen hngte sich an ihn. Er
zwinkerte beiden zu. "Also was machen wir?" Kthchen sagte: "Das mssen
Sie wissen. Wir drei kennen uns ja nun." - "Und zu verlieren haben wir
auch nichts mehr", sagte Guste. Dann platzten sie alle aus.

Aber Kthchen entsetzte sich. "Kinder! In dem Spiegel seh' ich aus wie
meine tote Gromutter."

"Er ist ganz schwarz."

"Und ganz bekritzelt."

Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht die Ausrufe und
Kosenamen zu lesen, die zusammen mit alten Jahreszahlen in den Umrissen
verschlungener Herzen standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar
ber Grbern. "Auf der Urne hier unten, nein so was!" sagte Kthchen.
"'Erst jetzt sollen wir leiden' ... Warum? Weil sie hier drinnen waren?
Die waren wohl verrckt."

"Wir sind nicht verrckt", behauptete Diederich. "Frulein Guste, Sie
haben doch einen Brillanten." Er zeichnete drei Herzen, versah sie mit
einer Inschrift und lie die Mdchen das Werk entrtseln. Da sie sich
kreischend abwandten, sagte er stolz: "Wozu heit dies das
Liebeskabinett."

Pltzlich stie Guste einen Schreckensruf aus. "Hier sieht jemand zu!"

Hinter dem Spiegel hervor streckte sich ein geisterbleicher Kopf!...
Kthchen war schon bei der Tr. "Kommen Sie wieder her", rief Diederich.
"Es ist blo gemalt."

Der Spiegel hatte sich auf einer Seite von der Wand gelst, man konnte ihn
noch weiter umwenden: da trat die ganze Figur heraus.

"Es ist die Schferin, die drauen ber den Bach springt!"

"Jetzt hat sie es hinter sich", sagte Diederich; denn die Schferin sa da
und weinte. Auf der Rckseite des Spiegels aber entfernte sich der
Schfer.

"Und dort kommt man hinaus!" Diederich wies auf einen erleuchteten Spalt,
er tastete, die Tapete ffnete sich.

"Dies ist der Ausgang, wenn man es hinter sich hat", bemerkte er und ging
voraus. Ihm im Rcken sagte Kthchen spttisch:

"Ich habe gar nichts hinter mir."

Und Guste wehmtig: "Ich auch nicht."



Diederich berhrte dies, er stellte fest, da man sich in einem der
kleinen Salons hinter dem Bfett befand. Eilends erreichte er die
Spiegelgalerie und verlor sich unauffllig in der Menge, die soeben aus
dem Saal quoll. Man war erfllt von dem tragischen Schicksal der
heimlichen Grfin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet hatte.
Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter des Brgermeisters, alle
hatten verweinte Augen; Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren
einzusammeln kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen. "Sie sind
schuld, Herr Assessor, da es so gekommen ist! Schlielich war sie doch
Ihre leibliche Schwester." - "Pardon, meine Damen!" Und Jadassohn
verteidigte seinen Standpunkt als legitimer Erbe der grflichen
Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch:

"Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen."

Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man kicherte; und
Jadassohn, der vergeblich krhte, was denn los sei, ward von Diederich
unter den Arm genommen. Diederich, das se Pochen der Rache im Herzen,
fhrte ihn eben dorthin, wo die Regierungsprsidentin unter lebhafter
Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk sich vom Major Kunze
verabschiedete. Kaum aber da sie Jadassohn erblickte, drehte sie einfach
den Rcken. Jadassohn blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht
mehr weiter. "Was ist denn?" fragte er heuchlerisch. "Ach ja, die
Prsidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch nicht
Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr."

Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt einer Grimasse
hatte er nicht erwartet! Wo war die hochgemute Schneidigkeit, der
Jadassohn sein Leben geweiht hatte? "Ich sage es ja", uerte er nur, ganz
leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu hren ... Dann kam
er in Bewegung, tanzte am Fleck umher und redete. "Sie knnen lachen, mein
Bester! Sie wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht,
nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister."

"Na, na", sagte Diederich. Er setzte hinzu: "Das ganze Gesicht brauchen
Sie nicht einmal: blo die Ohren."

"Wollen Sie sie mir verkaufen?" fragte Jadassohn und sah ihn an, da
Diederich erschrak. "Kann man das?" fragte er unsicher. Jadassohn ging
schon, unter zynischem Lachen, auf Heuteufel zu. "Sie sind doch Spezialist
fr Ohren, Herr Doktor ..."

Heuteufel erklrte ihm, da tatschlich, wenn auch bisher nur in Paris,
Operationen ausgefhrt wrden, durch die man Ohren auf die Hlfte ihres
Umfanges herunterbringe. "Wozu gleich das Ganze weg?" sagte Heuteufel.
"Die Hlfte knnen Sie ruhig behalten." Jadassohn hatte seine Haltung
zurck. "Groartiger Witz! Erzhl' ich bei Gericht. Sie Gauner!" Und er
klopfte Heuteufel auf den Bauch.

Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern zu, die, zum Ball
umgekleidet, aus der Garderobe kamen. Sie wurden allerseits mit Beifall
begrt und berichteten von ihren Eindrcken auf der Bhne. "Tee - Kaffee:
Gott, war das aufregend!" sagte Magda. Auch Diederich als Bruder nahm
Glckwnsche entgegen. Er schritt zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn
eingehngt, Emmis Arm dagegen mute er gewaltsam festhalten. Sie zischte:
"La die Komdie"; und er schnob ihr zu, zwischen Lachen und Gren: "Du
hast zwar blo die kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du berhaupt
mal was vorstellst. Sieh Magda an!" Denn Magda schmiegte sich gefllig an
ihn, sie schien bereit, das Glck der einigen Familie so lange spazieren
zu fhren, als er es irgend wnschte. "Kleine," sagte er mit zrtlicher
Achtung, "du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern, ich auch."
Er gab ihr sogar Schmeicheleien. "Du siehst heute s aus. Fr Kienast
bist du fast zu schade." Als dann noch die Regierungsprsidentin, schon im
Fortgehen, ihnen gndig zuwinkte, begegneten die Geschwister auf ihrem Weg
nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal war ausgerumt; hinter der
Palmengruppe ward eine Polonse angestimmt. Diederich machte seine
korrekteste Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz,
triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der fhrte. So zogen sie an
Guste Daimchen vorber, die sa. Sie sa neben dem verwachsenen Frulein
Khnchen und sah ihnen nach, als habe sie Prgel bekommen. Ihr Anblick
berhrte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn Lauer in der
Vogtei.

"Die arme Guste!" sagte Magda. Diederich runzelte die Brauen. "Ja ja, das
kommt davon."

"Aber eigentlich" - und Magda blinzelte von unten, "woher kommt es denn?"

"Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so."

"Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten."

"Das darf ich nicht. Man mu wissen, was man sich selbst schuldet."

Dann verlie er sogleich den Saal. Soeben holte der junge Sprezius, der
jetzt nicht mehr Leutnant, sondern wieder Primaner war, das verwachsene
Frulein Khnchen von der Wand weg. Er nahm wohl Rcksicht auf ihren
Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich machte einen Gang durch
die Seitenzimmer, wo ltere Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase
von Kthchen Zillich, die er hinter einer Tr mit einem Schauspieler
berraschte, und gelangte zum Bfett. Dort sa an einem Tischchen Wolfgang
Buck und zeichnete in sein Notizbuch die Mtter, die um den Saal herum
warteten.

"Sehr talentvoll", sagte Diederich. "Haben Sie auch schon Ihr Frulein
Braut portrtiert?"

"In der Beziehung interessiert sie mich nicht," erwiderte Buck, so
phlegmatisch, da Diederich Zweifel kamen, ob seine Erlebnisse mit Guste
im Liebeskabinett ihren Verlobten interessiert haben wrden.

"Mit Ihnen wei man berhaupt nicht", sagte er enttuscht.

"Mit Ihnen wei man immer", sagte Buck. "Damals vor Gericht, whrend Ihres
groen Monologes, htte ich Sie zeichnen mgen."

"Ihr Pldoyer hat mir gengt; es war ein Versuch, wenn auch
glcklicherweise ein milungener, meine Person und mein Wirken vor der
breitesten ffentlichkeit in Mikredit zu bringen und verchtlich zu
machen!"

Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. "Mir scheint, Sie sind
beleidigt. Und ich habe es doch so gut gesagt." Er bewegte den Kopf und
lchelte, grblerisch und entzckt. "Wollen wir nicht 'ne Flasche Sekt
zusammen trinken?" fragte er.

Diederich meinte: "Ob ich nun gerade mit Ihnen -." Aber er gab nach. "Das
Gericht hat durch sein Urteil festgestellt, da Ihre Vorwrfe sich nicht
allein gegen mich, sondern gegen alle national gesinnten Mnner richteten.
Damit sehe ich die Sache als erledigt an."

"Dann also Heidsieck?" fragte Buck. Er ntigte Diederich, mit ihm
anzustoen. "Das werden Sie doch zugeben, bester Heling, so eingehend wie
ich, hat sich mit Ihnen berhaupt noch niemand beschftigt ... Jetzt kann
ich es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr interessiert als
meine eigene. Spter, zu Hause vor meinem Spiegel, habe ich sie Ihnen
nachgespielt."

"Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine berzeugung. Freilich, fr Sie
ist der reprsentative Typus von heute der Schauspieler."

"Das sagte ich mit Beziehung auf - einen anderen. Aber Sie sehen, wieviel
nher ich es habe zu der Beobachtung ... Wenn ich morgen nicht die
Waschfrau zu verteidigen htte, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen
haben soll, vielleicht wrde ich den Hamlet spielen. Prost!"

"Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine berzeugungen!"

"Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?... Sie wrden mir also
das Theater anraten?" fragte Buck. Diederich hatte schon den Mund
geffnet, um es ihm anzuraten, da trat Guste ein, und Diederich errtete,
denn er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte trumerisch:
"Inzwischen wrde mein Topf mit Wurst und Kohl mir berkochen, und es ist
doch ein so gutes Gericht." Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von
rckwrts die Hnde auf die Augen und fragte: "Wer ist das?" - "Da ist er
ja," sagte Buck und gab ihr einen Klaps.

"Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder gehen?" fragte
Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen Stuhl zu holen; aber in
Wirklichkeit wre er lieber mit Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in
Gustes Augen versprach nichts Gutes. Sie redete gelufiger als sonst.

"Ihr pat eigentlich groartig zueinander, blo da ihr so frmlich tut."

Buck sagte: "Das ist die gegenseitige Achtung." Diederich stutzte, und
dann machte er eine Bemerkung, die ihn selbst in Erstaunen setzte.
"Eigentlich - sooft ich mich von Ihrem Herrn Brutigam trenne, hab' ich
Wut auf ihn; beim nchsten Wiedersehen aber freu' ich mich." Er richtete
sich auf. "Wenn ich nmlich noch kein national gesinnter Mann wre, wrde
er mich dazu machen."

"Und wenn ich es wre," sagte Buck, weich lchelnd, "wrde er es mir
abgewhnen. Das ist der Reiz."

Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht und schluckte
hinunter.

"Jetzt sag' ich dir was, Wolfgang. Wetten, da du umfllst?"

"Herr Rose, Ihren Hennessy!" rief Buck. Whrend er Kognak mit Sekt
mischte, umklammerte Diederich Gustes Arm; und da die Ballmusik gerade
sehr laut war, flsterte er beschwrend: "Sie werden doch keine Dummheiten
machen?" Sie lachte wegwerfend. "Doktor Heling hat Angst! Er findet die
Geschichte zu gemein, ich finde sie blo ulkig." Und laut lachend: "Was
sagst du? Dein Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und
infolgedessen sollen wir: du verstehst?"

Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er den Mund. "Wenn schon."
Da lachte Guste nicht mehr.

"Wieso, wenn schon?"

"Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, mu es bei ihnen wohl alle
Tage vorkommen, tut also nichts."

"Redensarten machen den Kohl nicht fett", entschied Guste. Diederich
glaubte sich denn doch verwahren zu mssen.

"berall knnen Fehltritte vorkommen. Aber ber die Meinung seiner
Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft hinweg."

Guste bemerkte: "Er glaubt immer, er ist zu gut fr diese Welt." Und
Diederich: "Dies ist eine harte Zeit. Wer sich nicht wehrt, mu dran
glauben." Da rief Guste voll schmerzlicher Begeisterung:

"Doktor Heling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt! Ich hab' den
Beweis, da ich es wei, von Meta Harnisch, weil sie schlielich hat
mssen den Mund auftun. Er war berhaupt der einzige, der mich hat
verteidigt. Er an deiner Stelle tte sich die Leute kaufen, die sich
unterstehen und verklatschen mich!"

Diederich besttigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort sein Glas und
spiegelte sich darin. Pltzlich lie er es los.

"Wer sagt euch denn, da ich mir nicht auch ganz gern einmal einen kaufen
wrde - einen herausgreifen, ohne besondere Auswahl, weil doch alle so
ziemlich gleich dumm und gemein sind?" Dabei kniff er die Augen zu. Guste
hob die nackten Schultern.

"So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie wissen, was sie
wollen ... Der Dmmere ist der Klgere", schlo sie herausfordernd, und
Diederich nickte mit Ironie. Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal
wie irrsinnig waren. Die Fuste bewegte er mit krampfigem Zittern um
seinen Hals her. "Wenn ich aber -" er war pltzlich ganz heiser - "wenn
ich den einen am Kragen htte, von dem ich wte, er zettelt alles an, er
fat in seiner Person zusammen, was an allen hlich und schlecht ist: ihn
am Kragen htte, der das Gesamtbild wre alles Unmenschlichen, alles
Untermenschlichen -." Diederich, wei wie sein Frackhemd, drckte sich
seitwrts vom Stuhl herunter und wich schrittweise zurck. Guste schrie
auf, sie stob panikartig nach der Wand. "Es ist der Kognak!" rief
Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen ihnen beiden, voll
des grlichsten Unheils, umherrollten, packten unvermittelt ein. Er
zwinkerte, er glnzte heiter.

"An die Mischung bin ich leider gewhnt", erklrte er.

"Es ist nur, damit ihr seht, wir knnen auch das."

Diederich setzte sich polternd wieder hin. "Sie sind doch nur ein
Komdiant", sagte er entrstet.

"Finden Sie?" fragte Buck und glnzte noch heller. Guste rmpfte die Nase.
"Na dann amsiert euch weiter", uerte sie und wollte gehen. Aber der
Landgerichtsrat Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor
Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, da er mit dem Frulein Braut den
Kotillon tanze. Er sprach uerst hflich, beschwichtigend gewissermaen.
Buck antwortete nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon
Fritzsches Arm genommen.

Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen, selbstvergessen. "Ja
ja," dachte Diederich, "erfreulich ist es nicht, wenn man einem Herrn
begegnet, der mit Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergngungsreise
gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch weg, und du kannst
nichts machen, weil sonst der Skandal noch grer wird, weil nmlich
unsere Verlobung selbst schon ein Skandal ist ..."

Aufschreckend sagte Buck: "Wissen Sie, da ich erst jetzt rechte Lust
bekomme, Frulein Daimchen zu ehelichen? Ich hielt die Sache fr - nicht
sehr sensationell; aber die Einwohner von Netzig machen geradezu eine
Pikanterie daraus."

Diederich war starr ber diese Wirkung. "Wenn Sie finden", brachte er
hervor.

"Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole, fhren doch hier die
vorgeschrittenen Tendenzen der moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb.
Der Geist der Zeit geht hier noch in Filzschuhen ber die Strae."

"Wir werden ihm Sporen anlegen", verhie Diederich.

"Prost!"

"Prost! Aber _meine_ Sporen" - Diederich blitzte. "Ihre Skepsis und Ihre
schlappe Gesinnung sind nicht zeitgem. Mit" - er blies durch die Nase -
"mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat" - ein
Faustschlag auf den Tisch - "hat die Zukunft!"

Buck darauf mit verzeihendem Lcheln: "Die Zukunft? Das ist eben die
Verwechslung. Die nationale Tat hat abgehaust, im Lauf von hundert Jahren.
Was wir erleben und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und ihr
Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein."

"Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als da Sie das Heiligste in
den Schmutz ziehen!"

"Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht wahr? Auerhalb der
Ideale eures Nationalismus wird nie, nie wieder gelebt werden. Frher, mag
sein, in der dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte.
Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Dnkel und Ha der
Nationen, das ist das Ziel, darber hinaus geht es nicht."

"Wir leben in einer harten Zeit", besttigte Diederich ernst.

"Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht berzeugt, da die Menschen,
deren Dasein in den Dreiigjhrigen Krieg fiel, an die Unabnderlichkeit
ihres auch nicht weichen Zustandes geglaubt haben. Und ich bin berzeugt,
da die Rokokowillkr von denen, die ihr unterlagen, fr berwindbar
gehalten worden ist, sonst htten sie nicht die Revolution gemacht. Wo
ist, in den Rumen der Geschichte, die wir seelisch noch betreten knnen,
die Zeit, die sich in Permanenz erklrt und aufgetrumpft htte vor der
Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschrnktheit. Die jeden nicht ganz in ihr
Befangenen aberglubisch bemkelt htte. Nicht national gesinnt sein
erregt bei euch noch mehr Grauen als Ha! Aber die vaterlandslosen
Gesellen sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?"

Diederich verschttete seinen Sekt, so schnell fuhr er herum. War denn
Napoleon Fischer eingedrungen, mit den Genossen?... Buck lachte stumm und
innig. "Bemhen Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf den
Wnden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt ihnen das Recht auf
Blumenwege, leichten Schritt und Harmonie? Ah! Ihr Freunde!" ber die
Tanzenden hinweg schwenkte Buck sein Glas. "Ihr Freunde der Menschheit und
jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt mit der dsteren Selbstsucht
eines nationalen Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst unter
uns noch erwarten euch einige!"

Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, da er weinte. brigens
bekam er sogleich eine schlaue Miene. "Ihr aber, Zeitgenossen, wit wohl
nicht, was der alte Brgermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen
und Schferinnen rosig lchelt, als Schleife ber der Brust trgt? Die
Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind die euren? Es ist aber die
franzsische Trikolore. Sie war neu damals und nicht die eines Landes,
sondern der allgemeinen Morgenrte. Sie zu tragen, war beste Gesinnung; es
war, wie ihr sagen wrdet, streng korrekt. Prost!"

Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerckt und sphte
umher, ob niemand hre. "Sie sind ja besoffen," murmelte er; und um die
Situation zu retten, rief er: "Herr Rose! Noch eine Flasche!" Darauf
setzte er sich achtunggebietend zurecht.

"Sie scheinen nicht daran zu denken, da seitdem ein Bismarck da war!"

"Nicht nur einer", sagte Buck. "Von allen Seiten ist Europa in diesen
nationalen Durchgang getrieben worden. Nehmen wir an, er war nicht zu
vermeiden. Nach ihm werden bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem
Bismarck etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch zerren
lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt, da ihr ber ihn
hinaus sein solltet, hngt ihr euch an seinen kraftlosen Schatten! Denn
euer nationaler Stoffwechsel ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen
habt, da ein groer Mann da ist, hat er schon aufgehrt, gro zu sein."

"Sie werden ihn kennenlernen!" verhie Diederich. "Blut und Eisen bleibt
die wirksamste Kur! Macht geht vor Recht!" Der Kopf schwoll ihm rot an bei
diesen Glaubensstzen. Aber auch Buck regte sich auf.

"Die Macht! Die Macht lt sich nicht ewig auf Bajonetten davontragen wie
eine aufgespiete Wurst. Die einzige reale Macht ist heute der Friede!
Spielt euch die Komdie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete Feinde
drauen und im Innern! Taten, glcklicherweise, sind euch nicht erlaubt!"

"Nicht erlaubt?" Diederich blies, als sollte Feuer kommen. "Seine Majestt
hat gesagt: Lieber lassen wir unsere gesamten achtzehn Armeekorps und
zweiundvierzig Millionen Einwohner auf der Strecke ..."

"Denn wo der deutsche Aar -!" rief Buck, mit jhem Schwung; und noch
wilder: "Nicht Parlamentsbeschlsse! Die einzige Sule ist das Heer!"

Diederich gab ihm nichts nach. "Ihr seid berufen, mich in erster Linie vor
dem ueren und inneren Feind zu schtzen!"

"Einer hochverrterischen Schar zu wehren!" schrie Buck.

"Eine Rotte von Menschen -"

Diederich fiel ein: "- nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen!"

Und beide einstimmig: "Verwandte und Brder niederschieen!"

Tnzer, die sich am Bfett erfrischten, wurden aufmerksam auf ihr
Geschrei, sie holten auch ihre Damen herbei, um ihnen den Anblick eines
heldenhaften Rausches zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten
die Kpfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen Partner, die
auf ihren Sthlen schwankend und an den Tisch geklammert mit glasigen
Augen und entblten Gebissen einander starke Worte ins Gesicht
schleuderten.

"Einen Feind, und der ist mein Feind!"

"Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!"

"Ich kann sehr unangenehm sein!"

Die Stimmen berschlugen sich.

"Falsche Humanitt!"

"Vaterlandslose Feinde der gttlichen Weltordnung!"

"Mssen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!"

Eine Flasche flog gegen die Wand.

"Zerschmettere ich!"

"Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!"

Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen Augen: Guste
Daimchen, die sich auf diese Weise einen Herrn suchen sollte. Von
rckwrts betastete sie Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er
machte sich steif und wiederholte drohend: "Herrliche Tage!" Sie ri das
Tuch herunter, starrte ihn angstvoll an und holte seine Schwestern. Auch
Buck sah ein, da es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauffllig sttzte er
den Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, da Diederich in der
Tr sich nochmals umwandte, der tanzenden, gaffenden Menge zu,
gebieterisch aufgereckt, wenn auch verglast und ohne Blitzen.

"Zerschmettere ich!"

Dann ward er hinunter und in den Wagen befrdert.



Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das Familienzimmer betrat,
war er sehr erstaunt, da Emmi es entrstet verlie. Aber Magda brauchte
ihm nur einige vorsichtige Andeutungen zu machen, da wute er schon
wieder, um was es sich handelte. "Hab' ich das wirklich gemacht? Na ja,
ich gebe zu, es waren Damen dabei. Es gibt verschiedene Arten, sich als
deutscher Mann zu zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ...
Natrlich beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der loyalsten und
korrektesten Weise beizulegen."

Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm klar, was zu geschehen
hatte. Indes ein zweispnniger Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete
er sich mit Gehrock, weier Krawatte und Zylinder; dann berreichte er dem
Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr los. berall verlangte
er nach den Damen; manche schreckte er vom Mittagessen auf; - und ohne
deutlich zu erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau Tietz
vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her:

"Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ... Loyalste und
korrekteste Weise ..."

Um halb zwei war er zurck und lie sich aufseufzend zum Essen nieder.
"Die Sache ist beigelegt."

Der Nachmittag gehrte einer schwierigeren Aufgabe. Diederich lie
Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung kommen.

"Herr Fischer," sagte er und wies ihm einen Stuhl an, "ich empfange Sie
hier und nicht in meinem Bureau, weil den Herrn Stbier unsere
Angelegenheiten nichts angehen. Es betrifft nmlich die Politik."

Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht. Er schien an
solche vertraulichen Unterredungen nunmehr gewhnt, auf Diederichs ersten
Wink griff er sogleich in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein
ber. Diederich war weit weniger sicher; er schnaufte - und dann entschlo
er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf sein Ziel
loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht.

"Ich will nmlich Stadtverordneter werden," erklrte er, "und dazu brauche
ich Sie."

Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten zu. "Ich Sie auch",
sagte er. "Denn ich will auch Stadtverordneter werden."

"Nanu, na hren Sie mal! Ich war auf manches gefat ..."

"Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen in der Hand?" - und
der Proletarier fletschte die gelben Zhne. Er versteckte sein Grinsen gar
nicht mehr. Diederich begriff, da in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu
reden sein werde als ber eine geschundene Arbeiterin. "Nmlich, Herr
Doktor," begann Napoleon, "den einen von den beiden Sitzen hat meine
Partei bombensicher. Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen.
Wenn Sie die 'rausschmeien wollen, brauchen Sie uns."

"So weit seh' ich es ein", sagte Diederich. "Ich habe zwar auch den alten
Buck fr mich. Aber seine Leute sind vielleicht nicht alle so
vertrauensselig, da sie mich whlen, wenn ich mich als Freisinniger
aufstellen lasse. Sicherer ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen."

"Und ich hab' auch schon 'ne Ahnung, wieso Sie das machen knnen",
erklrte Napoleon. "Weil ich nmlich schon lngst 'n Auge auf Herrn Doktor
habe, ob er nun nicht bald in die politische Arena 'reinsteigt."

Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der Hhe!

"Ihr Proze, Herr Doktor, und dann das mit dem Kriegerverein und so, das
war alles ganz schn, als Reklame. Aber fr einen Politiker heit es doch
immer: wie viele Stimmen krieg' ich."

Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit! Als er vom
"nationalen Rummel" sprach, wollte Diederich protestieren; aber Napoleon
fertigte ihn schnell ab.

"Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben gewissermaen allerhand
Achtung vor dem nationalen Rummel. Bessere Geschfte sind allemal damit zu
machen als mit dem Freisinn. Die brgerliche Demokratie fhrt bald in
einer einzigen Droschke ab."

"Und die vermbeln wir ihr auch noch!" rief Diederich. Die Bundesgenossen
lachten vor Vergngen. Diederich holte eine Flasche Bier.

"A-ber", machte der Sozialdemokrat; und er rckte mit seiner Bedingung
heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei dessen Bau die Partei von der Stadt zu
untersttzen war! ... Diederich sprang vom Stuhl. "Und das erdreisten Sie
sich von einem nationalen Mann zu verlangen?"

Der andere blieb gelassen und ironisch. "Wenn wir dem nationalen Mann
nicht helfen, da er gewhlt wird, wo bleibt dann der nationale Mann?" -
Und Diederich mochte sich empren oder um Gnade flehen, er mute auf ein
Blatt Papier schreiben, da er fr das Gewerkschaftshaus nicht nur selbst
stimmen, sondern auch die ihm nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten
werde. Darauf erklrte er barsch die Unterredung fr beendet und nahm dem
Maschinenmeister die Bierflasche aus der Hand. Aber Napoleon Fischer
zwinkerte. berhaupt drfe der Herr Doktor froh sein, da er mit ihm und
nicht mit dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der fr seine
eigene Wahl agitiere, wre zu dem Kompromi nicht zu haben gewesen. Und in
der Partei seien die Meinungen geteilt; Diederich habe also allen Grund,
in der ihm nahestehenden Presse etwas fr die Kandidatur Fischer zu tun.
"Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten die Nase in Ihre
Geschichten stecken, Herr Doktor, dafr werden Sie sich wohl bedanken. Bei
uns beiden ist es was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen
verscharrt."

Damit ging er und berlie Diederich seinen Gefhlen. "Schon mehr Dreck
zusammen verscharrt!" dachte Diederich, und Angstschauer kreuzten sich in
ihm mit Wallungen des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener
Kuli, den er jeden Augenblick auf die Strae werfen konnte! Vielmehr,
leider ging das nicht, denn es war wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der
Hollnder! Die geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die andere
nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet nicht nur im Betrieb
aufeinander angewiesen, sondern auch politisch. Am liebsten htte
Diederich mit dem Parteibudiker Rille angebunden; aber dann war zu
frchten, da Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was er
wute. Diederich sah sich gentigt, ihm auch noch gegen Rille zu helfen.
"Aber" - er schttelte die Faust gegen die Zimmerdecke - "wir sprechen uns
wieder. Und wenn es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!"

Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch zu machen und
sein biedermnnisches und schngeistiges Gerede mit Ergebenheit anzuhren.
Dafr ward er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der "Netziger
Zeitung", die in einem warmen Artikel Herrn Doktor Heling als Mensch,
Brger und Politiker den Whlern empfahl, ward gleich darunter, wenn auch
in kleinerem Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf
beanstandet. Die sozialdemokratische Partei verfgte, man mute es leider
zugeben, ber genug selbstndige Gewerbetreibende, sie brauchte den
brgerlichen Stadtverordneten nicht den kollegialen Verkehr mit einem
gewhnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere Herr Doktor Heling
im Schoe der stdtischen Krperschaft seinem eigenen Maschinenmeister
begegnen?

Dieser Ausfall des brgerlichen Blattes stellte unter den Sozialdemokraten
volle Einmtigkeit her; sogar Rille mute sich fr Napoleon erklren, -
der mit Glanz durch das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn
aufstellte, nur die Hlfte der Stimmen, aber ihn retteten die Genossen.
Die beiden Gewhlten wurden gemeinsam in die Versammlung eingefhrt.
Brgermeister Doktor Scheffelweis beglckwnschte sie, mit dem Hinweis,
da einerseits der ttige Brger, andererseits der emporstrebende Arbeiter
-. Und schon in der nchsten Sitzung griff Diederich in die Verhandlungen
ein.

Zur Debatte stand die Kanalisation der Gbbelchenstrae. Eine
betrchtliche Anzahl jener alten Vorstadthuser befand sich noch heute, am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im wenig rhmlichen Besitz von
Abortgruben, deren Ausdnstungen zuzeiten die ganze Gegend berschwemmten.
Bei seinem Besuch im "Grnen Engel" hatte Diederich die Wahrnehmung
gemacht. So wandte er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen
Bedenken des Magistratsvertreters. Eine Forderung der Kulturehre drfe
kleinlichen Rcksichten nicht weichen. "Deutschtum heit Kultur!" rief
Diederich aus. "Meine Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine
Majestt der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine Majestt das
Wort gesprochen: Die Schweinerei mu ein Ende nehmen. Wo nur immer
grozgig vorgegangen wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner
Majestt voran, und darum, meine Herren -"

"Hurra!" rief eine Stimme links, und Diederich begegnete dem Grinsen
Napoleon Fischers. Da reckte er sich auf, er blitzte.

"Sehr richtig!" versetzte er schneidend. "Ich kann nicht besser schlieen.
Seine Majestt der Kaiser hurra, hurra, hurra!"

Verblfftes Schweigen, - aber da die Sozialdemokraten lachten, riefen
rechts einige hurra. Doktor Heuteufel warf die Frage dazwischen, ob der
merkwrdige Zusammenhang, in den Herr Doktor Heling die Person des
Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majesttsbeleidigung
darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte schnell. In der Presse jedoch
ward weiter debattiert. Die "Volksstimme" behauptete, Herr Heling trage
in die Stadtverordnetenversammlung den Geist des belsten Byzantinismus,
wohingegen die "Netziger Zeitung" seine Rede als die erfrischende Tat
eines unbefangenen Patrioten bezeichnete. Da es sich aber um einen
wahrhaft bedeutsamen Vorgang handelte, ward erst klar, als es im "Berliner
Lokal-Anzeiger" stand. Das Blatt Seiner Majestt war ber das mutige
Auftreten des Netziger Stadtverordneten Doktor Heling des Lobes voll. Es
stellte mit Genugtuung fest, da der neue, entschlossen nationale Geist,
fr den der Kaiser eintrete, nunmehr auch im Lande Fortschritte mache. Die
kaiserliche Mahnung werde befolgt, der Brger erwache aus dem Schlummer,
die Scheidung zwischen denen fr ihn und denen wider ihn vollziehe sich.
"Mchten viele wackere Vertreter unserer Stdte dem Beispiel des Doktor
Heling folgen!"

Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich schon acht Tage lang auf
dem Herzen, da schlich er sich um die stillste Vormittagsstunde, unter
Vermeidung der Kaiser-Wilhelm-Strae, von rckwrts in die Bierstube von
Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer und der Parteiwirt
Rille. Obwohl das Lokal ganz leer war, zogen die drei sich in den
uersten Winkel zurck; Frulein Klappsch ward, kaum da sie das Bier
gebracht hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tr
horchte, hrte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe zu nehmen,
durch die er bei strkerem Besuch die Glser hineinreichte; aber Rille,
der damit Bescheid wute, schlug sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte
der Wirt bemerkt, da Doktor Heling aufgesprungen war und im Begriff
schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann niemals die Hand
bieten!... Spter aber wollte Frulein Klappsch, die zum Zahlen gerufen
ward, doch ein Papier gesehen haben, das von allen drei unterschrieben
war.



Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda eine Einladung zum Tee bei
Frau von Wulckow, und Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes
schritten die Geschwister ber die Kaiser-Wilhelm-Strae, Diederich
lftete khl den Zylinder vor den Herren, die von den Stufen der
Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das Gebude der Regierung betrat.
Den Wachtposten begrte er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in der
Garderobe stie man auf Offiziere und ihre Damen, denen die beiden
Frulein Heling schon bekannt waren. Die Sporen zusammenschlagend, zog
der Leutnant von Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm ber die
Schulter, wie eine Grfin. Sodann trat sie Diederich auf den Fu, damit er
merke, auf welchen heien Boden er versetzt sei. Und wirklich, als man nun
Herrn von Brietzen den Vortritt in den Salon aufgentigt, vor der
Prsidentin entzckte Kratzfe ausgefhrt hatte und mit allen bekannt
geworden war: welche Aufgabe, so ehrenvoll wie gefhrlich, auf einem
Sthlchen zwischen Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht
zu erhalten, whrend man Kuchenteller weitergab, und mit dem Kuchen ein
huldigendes Lcheln zu spenden und beim Essen ein schmelzendes Wort ber
die so gelungene Auffhrung der "Heimlichen Grfin" zu liefern, ein
mnnlich anerkennendes fr die grozgige Verwaltungsttigkeit des
Prsidenten, ein gewichtiges ber Umsturz und Kaisertreue - und dabei noch
den Wulckowschen Hund zu fttern, der bettelte! An die anspruchslose
Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte man hier nicht
denken; es hie mit aufreibendem Lcheln in die wasserhellen Augen des
Hauptmanns von Kckeritz starren, dessen Glatze wei, dessen Gesicht von
der Mitte der Stirn abwrts feuerrot war und der vom Exerzierplatz
erzhlte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die Frage, ob man gedient
habe, schon der Schwei ausbrach, erlebte man es unversehens, da die Dame
neben einem, die ihr weiblondes Haar glatt ber den Kopf hinaufkmmte und
eine sonnenverbrannte Nase hatte, von Pferden zu sprechen anfing ...
Diesmal ward Diederich durch Emmi gerettet, denn Emmi, untersttzt von
Herrn von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fu zu stehen
schien, griff gewandt in das Pferdegesprch ein, gebrauchte fachmnnische
Ausdrcke, ja, schreckte nicht davor zurck, von Ritten ins Gelnde zu
phantasieren, die sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte.
Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten, schtzte sie die
arme Frau Heling vor, die es nicht erlaube. Diederich erkannte Emmi nicht
wieder. Ihre unheimlichen Talente lieen Magda, der es doch gelungen war,
sich zu verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen ward Diederich,
wie nach seiner Rckkehr aus dem "grnen Engel", sich der unberechenbaren
Wege bewut, die ein Mdchen, wenn man es nicht sah -. Da bemerkte er, da
er eine Frage der Prsidentin berhrt hatte, und da man schwieg, weil er
antworten sollte. Er suchte in der Luft umher nach Hilfe, stie aber nur
auf den unerbittlichen Blick eines groen Bildnisses, bleich und steinern,
in roter Husarenuniform, eine Hand auf der Hfte, der Schnurrbart an den
Augenwinkeln, und der Blick ber die Schulter hinweg kalt blitzend!
Diederich erbebte, er verschluckte sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte
ihm den Rcken.

Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte jetzt singen. Im
Musikzimmer hatte man sich gruppiert. Diederich, an der Tr, zog
verstohlen die Uhr, da hstelte hinter ihm die Prsidentin. "Ich wei
wohl, lieber Doktor, da Sie nicht uns und unserer leichten, ich mchte
sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die so ernsten
Pflichten gehrt. Mein Mann erwartet Sie, kommen Sie nur." Den Finger auf
den Lippen ging sie voran, ber einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ...
Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie ngstlich auf
Diederich, dem auch nicht wohl war. "Ottochen", versuchte sie, zrtlich an
die verschlossene Tr geschmiegt. Nach einer Weile des Lauschens erhob
sich drinnen die frchterliche Bastimme: "Hier ist kein Ottochen! Sag'
den Schafskpfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!" - "Er ist so sehr
beschftigt", flsterte Frau von Wulckow, ein wenig bleicher. "Die
Schlechtgesinnten untergraben seine Gesundheit ... Leider mu ich mich
jetzt meinen Gsten widmen, der Diener soll Sie anmelden." Und sie
entschwebte.

Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten. Dann aber trat
der Wulckowsche Hund ein, schritt riesenhaft und voll Verachtung an
Diederich vorbei und kratzte an der Tr. Sofort ertnte es drinnen:
"Schnaps! Komm herein!" - worauf die Dogge die Tr aufklinkte. Da sie
verga, sie wieder zu schlieen, erlaubte Diederich sich, mit
hineinzuschlpfen. Herr von Wulckow sa in einer Rauchwolke am
Schreibtisch, er wendete den ungeheuren Rcken her.

"Guten Tag, Herr Prsident", sagte Diederich, mit einem Kratzfu. "Na nu,
quatschst du auch schon, Schnaps?" fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er
faltete ein Papier, zndete langsam eine neue Zigarre an ... "Jetzt kommt
es", dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow etwas anderes zu
schreiben. Interesse an Diederich nahm nur der Hund. Offenbar fand er den
Gast hier noch weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit
ber; mit gefletschten Zhnen beschnupperte er Diederichs Hose, fast war
es kein Schnuppern mehr. Diederich tanzte, so geruschlos wie mglich, von
einem Fu auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber leise, wohl
wissend, ihr Herr knnte es sonst nicht weiter kommen lassen. Endlich
gelang es Diederich, zwischen sich und seinen Feind einen Stuhl zu
bringen, an den geklammert er sich umherdrehte, bald langsamer, bald
schneller, und immer auf der Hut vor Schnaps' Seitensprngen. Einmal sah
er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte ihn schmunzeln zu sehen.
Dann hatte der Hund genug von dem Spiel, er ging zum Herrn und lie sich
streicheln; und neben Wulckows Stuhl hingelagert, ma er mit khnen
Jgerblicken Diederich, der sich den Schwei wischte.

"Gemeines Vieh!" dachte Diederich - und pltzlich wallte es auf in ihm.
Emprung und der dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit
unterdrcktem Keuchen: "Wer bin ich, da ich mir das bieten lassen mu?
Mein letzter Maschinenschmierer lt sich das von mir nicht bieten. Ich
bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete Flegel hat mich
ntiger als ich ihn!" Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm
den belsten Sinn an. Man hatte ihn verhhnt, der Bengel von Leutnant
hatte ihm den Rcken geklopft! Diese Kommikpfe und adeligen Puten hatten
die ganze Zeit von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie dumm
dabei sitzen lassen! "Und wer bezahlt die frechen Hungerleider? Wir!"
Gesinnung und Gefhle, alles strzte in Diederichs Brust auf einmal
zusammen, und aus den Trmmern schlug wild die Lohe des Hasses.
"Menschenschinder! Sbelraler! Hochnsiges Pack!... Wenn wir mal Schlu
machen mit der ganzen Bande -!" Die Fuste ballten sich ihm von selbst, in
einem Anfall stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: die
Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbnde und sie selbst,
die Macht! Die Macht, die ber uns hingeht und deren Hufe wir kssen!
Gegen die wir nichts knnen, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut
haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr,
ein verschwindendes Molekl von etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der
Wand dort, hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches
Gesicht, eisern, gestrubt, blitzend: Diederich aber, in wster
Selbstvergessenheit, hob die Faust.

Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Prsidenten hervor aber kam ein
donnerndes Gerusch, ein lang hinrollendes Geknatter - und Diederich
erschrak tief. Er verstand nicht, was dies fr ein Anfall gewesen war. Das
Gebude der Ordnung, wieder aufgerichtet in seiner Brust, zitterte nur
noch leise. Der Herr Regierungsprsident hatte wichtige Staatsgeschfte.
Man wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man gute Gesinnung
und sorgte fr gute Geschfte ...

"Na, Doktorchen?" sagte Herr von Wulckow und drehte seinen Sessel herum.
"Was ist mit Ihnen los? Sie werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie
sich mal auf diesen Ehrenplatz."

"Ich darf mir schmeicheln", stammelte Diederich. "Einiges habe ich schon
erreicht fr die nationale Sache."

Wulckow blies ihm einen mchtigen Rauchkegel ins Gesicht, dann kam er ihm
ganz nahe mit seinen warmbltigen, zynischen Augen und ihrer
Mongolenfalte. "Sie haben erstens erreicht, Doktorchen, da Sie
Stadtverordneter geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich beruhen
lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn Ihr Geschft soll ja 'ne
ziemlich faule Karre sein." Da Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow
drhnend. "Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen Sie, das ich da
geschrieben habe?" Das groe Blatt Papier verschwand unter der Pranke, die
er darauf legte. "Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz fr
einen gewissen Doktor Heling, in Anerkennung seiner Verdienste um die
gute Gesinnung in Netzig ... Fr so nett haben Sie mich wohl gar nicht
gehalten?" setzte er hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und
wie mit Bldheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab immerfort
Verbeugungen. "Ich wei tatschlich nicht", brachte er hervor. "Meine
bescheidenen Verdienste -"

"Aller Anfang ist schwer", sagte Wulckow. "Es soll auch nur eine
Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Proze Lauer war nicht bel. Na und Ihr
Kaiserhoch in der Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse
ganz aus dem Huschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande ist deshalb
Anklage wegen Majesttsbeleidigung erhoben. Da mssen wir uns Ihnen wohl
erkenntlich zeigen."

Diederich rief aus: "Mein schnster Lohn ist es, da der Lokal-Anzeiger
meinen schlichtbrgerlichen Namen vor die Allerhchsten Augen selbst
gebracht hat!"

"Na, nu nehmen Sie sich mal 'ne Zigarre", schlo Wulckow; und Diederich
begriff, da jetzt die Geschfte kamen. Schon inmitten der Hochgefhle
waren ihm Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem anderen nicht
eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte versuchsweise:

"Fr die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun doch wohl den Beitrag
bewilligen."

Wulckow streckte den Kopf vor. "Ihr Glck. Wir haben sonst ein billigeres
Projekt, darauf wird Netzig berhaupt nicht berhrt. Also sorgen Sie
dafr, da die Leute Vernunft annehmen. Unter der Bedingung drft ihr dann
dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern."

"Das will der Magistrat auch nicht." Diederich bat mit den Hnden um
Nachsicht. "Die Stadt hat Schaden dabei, und Herr von Quitzin zahlt uns
keine Steuern ... Aber jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler
Mann -"

"Das mchte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von Quitzin baut sich
sonst einfach ein Elektrizittswerk, das hat er billig, was glauben Sie,
zwei Minister kommen bei ihm zur Jagd - und dann unterbietet er euch hier
in Netzig selbst."

Diederich richtete sich auf. "Ich bin entschlossen, Herr Prsident, allen
Anfeindungen zum Trotz in Netzig das nationale Banner hochzuhalten."
Hierauf, mit gedmpfter Stimme: "Einen Feind knnen wir brigens
loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten Klsing in
Gausenfeld."

"Der?" Wulckow feixte verchtlich. "Der frit mir aus der Hand. Er liefert
Papier fr die Kreisbltter."

"Wissen Sie, ob er fr schlechte Bltter nicht noch mehr liefert? Darber,
Herr Prsident verzeihen, bin ich doch wohl besser informiert."

"Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung zuverlssiger
geworden."

"Und zwar -" Diederich nickte gewichtig, "seit dem Tage, an dem der alte
Klsing mir, Herr Prsident, einen Teil der Papierlieferung hat anbieten
lassen. Gausenfeld sei berlastet. Natrlich hatte er Angst, da ich mich
an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht hatte er
auch Angst -" eine bedeutsame Pause - "da der Herr Prsident das Papier
fr die Kreisbltter lieber bei einem nationalen Werk bestellt."

"Also - Sie liefern jetzt fr die Netziger Zeitung?"

"Niemals, Herr Prsident, werde ich meine nationale Gesinnung so sehr
verleugnen, da ich an eine Zeitung liefere, solange noch freisinniges
Geld drin ist."

"Na schn." Wulckow stemmte die Fuste auf die Schenkel. "Jetzt brauchen
Sie nichts mehr zu sagen. Sie wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze.
Die Kreisbltter wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die
Papierlieferungen fr die Regierung. Sonst noch was?"

Und Diederich, sachlich:

"Herr Prsident, ich bin nicht wie Klsing, mit dem Umsturz mach' ich
keine Geschfte. Wenn Sie, Herr Prsident, auch als Vorstand der
Bibelgesellschaft mein Unternehmen sttzen wollten, ich darf sagen, die
nationale Sache wrde nur gewinnen."

"Na schn", wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich spielte seinen
Trumpf aus.

"Herr Prsident! Unter Klsing ist Gausenfeld eine Brutsttte des
Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern ist nicht einer dabei, der
anders whlt als sozialdemokratisch."

"Na und bei Ihnen?"

Diederich schlug sich auf die Brust. "Gott ist mein Zeuge, da ich lieber
noch heute die Bude zumache und mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als
da ich einen einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich wei, er ist nicht
kaisertreu."

"Sehr brauchbare Gesinnung", sagte Wulckow. Diederich sah ihn mit blauen
Augen an. "Ich nehme nur gediente Leute, vierzig haben den Krieg
mitgemacht. Jugendliche beschftige ich gar nicht mehr, seit der
Geschichte mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem Felde der Ehre,
wie Seine Majestt festzustellen geruhten, niedergestreckt hat, nachdem
der Kerl mit seiner Braut hinter meinen Lumpen -"

Wulckow winkte ab. "Ihre Sorge, Doktorchen!"

Diederich lie sich seinen Entwurf nicht verderben. "Unter meinen Lumpen
darf kein Umsturz vorkommen. Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik,
ist es anders. Da knnen wir den Umsturz brauchen, damit aus den
freisinnigen Lumpen weies, kaisertreues Papier wird." Und er machte eine
tief bedeutungsvolle Miene. Wulckow schien nicht verblfft, er schmunzelte
furchtbar.

"Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie los, was haben Sie
mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?"

Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: "Das ist auch einer von den
Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?"

Diederich schluckte, er sah, da es keinen Umweg mehr gab. "Herr
Prsident", sagte er mit einem Entschlu; und dann leise und hastig: "Der
Mann will in den Reichstag, und vom nationalen Standpunkt ist er besser
als Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor Schreck national
werden, und zweitens kriegen wir, wenn Napoleon Fischer gewhlt wird, in
Netzig ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich."

Er breitete ein Papier hin vor den Prsidenten. Wulckow las, dann stand er
auf, warf den Stuhl mit dem Fu fort und ging, Rauch ausstoend, durch das
Zimmer. "Also Khlemann kratzt ab, und von seiner halben Million baut die
Stadt kein Suglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal." Er blieb
stehen. "Merken Sie sich das, mein Lieber, in Ihrem eigensten Interesse!
Wenn Netzig nachher einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen
Wilhelm den Groen hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich mache Frikassee
aus Ihnen! Ich schlag' Sie so klein, da Sie nicht mal mehr im
Suglingsheim Aufnahme finden!"

Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurckgewichen bis an die Wand. "Herr
Prsident! Alles, was ich bin, meine ganze Zukunft setze ich ein fr diese
groe nationale Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ..."

"Dann gnade Ihnen Gott!"

"Wenn nun Khlemanns Nierensteine sich doch noch verziehen?"

"Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht es auch!" Wulckow lie
sich krachend auf seinen Sitz fallen. Er rauchte wtend. Als die Wolken
zergingen, hatte er sich aufgeheitert. "Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest
gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es nicht mehr lange,
arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen
gegen Klsing."

"Herr Prsident!" Wulckows Lcheln schuf in Diederich einen berschwang
von Hoffnung, er konnte nicht an sich halten. "Wenn Sie es ihn unter der
Hand wissen lieen, da Sie ihm eventuell die Auftrge entziehen! An die
groe Glocke hngt er es nicht, das brauchen Sie nicht zu frchten; aber
er wird seine Anstalten treffen. Vielleicht verhandelt er -"

"Mit seinem Nachfolger", schlo Wulckow. Da mute Diederich aufspringen
und seinerseits durch das Zimmer laufen. "Wenn Sie wten, Herr
Prsident ... Gausenfeld ist sozusagen eine Maschine mit
Tausendpferdekraft, und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt,
ich will sagen, der moderne, grozgige Geist!"

"Den scheinen Sie zu haben", meinte Wulckow.

"Im Dienst der nationalen Sache", beteuerte Diederich. Er kehrte zurck.
"Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee wird sich glcklich schtzen, wenn es
uns gelingen wrde, da Sie so gut sind, Herr Prsident, und bekunden der
Sache Ihr geschtztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes."

"Gemacht", sagte Wulckow.

"Die aufopfernde Ttigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden wird das Komitee
entsprechend zu wrdigen wissen."

"Erklren Sie sich mal nher!" In Wulckows Stimme grollte es unheilvoll,
aber Diederich bei seiner Angeregtheit berhrte es.

"Die Idee hat bereits zu gewissen Errterungen im Schoe des Komitees
gefhrt. Man wnscht das Denkmal in frequentester Lage zu errichten und
mit einem Volkspark zu umgeben, damit nmlich die unlsbare Verbindung von
Herrscher und Volk sinnfllig in die Erscheinung tritt. Da haben wir nun
im Zentrum der Stadt an ein greres Grundstck gedacht; auch die
Nachbargebude wren zu haben; es ist in der Meisestrae."

"Soso. Meisestrae." Wulckows Brauen hatten sich gewitterhaft
zusammengezogen. Diederich erschrak, aber es gab kein Halten mehr.

"Der Gedanke ist aufgetaucht, da wir uns, noch bevor die Stadt der Sache
nher tritt, die betreffenden Grundstcke sichern und unbefugten
Spekulationen zuvorkommen sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender htte
natrlich das erste Anrecht ..."

Nach diesem Wort wich Diederich zurck, der Sturm brach los. "Herr! Fr
wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Geschftsagent? Das ist unerhrt, das war
noch nicht da! So ein Koofmich mutet dem Kniglichen Regierungsprsidenten
zu, er soll seine schmutzigen Geschfte mitmachen!"

Wulckow drhnte bermenschlich, er drang mit seiner gewaltigen Krperwrme
und mit seinem persnlichen Geruch gegen Diederich vor, der sich rckwrts
bewegte. Auch der Hund war aufgestanden und ging klffend zum Angriff
ber. Das Zimmer war auf einmal erfllt von Graus und Getse.

"Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung schuldig, Herr!" schrie
Wulckow, und Diederich, der hinter sich nach der Tr tastete, hatte nur
Vermutungen darber, wer ihm frher an der Kehle sitzen werde, der Hund
oder der Prsident. Seine angstvoll irrenden Augen trafen das bleiche
Gesicht, das von der Wand herab drohte und blitzte. Nun hatte er sie an
der Kehle, die Macht! Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf
vertrautem Fu zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach ber ihn
herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs ... Die Tr hinter dem
Schreibtisch ging auf, jemand in Polizeiuniform trat ein. Den
schlotternden Diederich berraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die
Gegenwart der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken gebracht. "Ich
kann Sie augenblicklich verhaften lassen, Sie Jammerprinz, wegen
versuchter Beamtenbestechung, wegen Bestechungsversuch an einer Behrde,
an der obersten Behrde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie ins
Zuchthaus, ich ruiniere Sie fr Ihr Leben!"

Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Jngste Gericht nicht entfernt
den Eindruck zu machen wie auf Diederich. Er legte das Papier, das er
brachte, auf den Schreibtisch nieder und verschwand. brigens drehte auch
Wulckow sich pltzlich um; er zndete seine Zigarre wieder an, Diederich
war nicht mehr da fr ihn. Und auch Schnaps lie von ihm ab, als sei er
Luft. Da wagte Diederich es, die Hnde zu falten.

"Herr Prsident," flsterte er wankend, "Herr Prsident, erlauben Herr
Prsident, da ich feststellen darf, es liegt ein, darf ich feststellen,
tief bedauerliches Miverstndnis vor. Nie wrde ich, bei meiner
wohlbekannten nationalen Gesinnung -. Wie knnte ich!"

Er wartete, aber niemand bekmmerte sich um ihn.

"Wenn ich auf meinen Vorteil she," begann er wieder, um etwas
vernehmlicher, "anstatt da ich immer nur das nationale Interesse im Auge
habe, dann wre ich heute nicht hier, dann wre ich bei dem Herrn Buck.
Denn der Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein
Grundstck an die Stadt verkaufen, fr das freisinnige Suglingsheim. Aber
das Ansinnen hab' ich mit Entrstung zurckgewiesen und habe den geraden
Weg gefunden zu Ihnen, Herr Prsident. Denn besser, hab' ich gesagt, das
Denkmal Kaiser Wilhelms des Groen im Herzen als das Suglingsheim in der
Tasche, hab' ich gesagt und sag' es auch hier mit lauter Stimme!"

Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte Wulckow sich ihm zu.
"Sind Sie noch immer da?" fragte er. Und Diederich, aufs neue ersterbend:
"Herr Prsident -"

"Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie berhaupt nicht. Habe nie mit Ihnen
verhandelt."

"Herr Prsident, im nationalen Interesse -"

"Mit Grundstcksspekulanten verhandele ich nicht. Verkaufen Sie Ihr
Grundstck, und dalli; nachher knnen wir reden."

Diederich, erblat, mit dem Gefhl, als werde er an der Wand zerquetscht:
"In dem Fall bleibt es bei unseren Bedingungen? Der Orden? Der Wink an
Klsing? Der Ehrenvorsitz?"

Wulckow zog eine Grimasse. "Meinetwegen. Aber sofort verkaufen!"

Diederich rang nach Atem. "Ich bringe das Opfer!" erklrte er. "Denn das
Hchste, was der kaisertreue Mann hat, meine kaisertreue Gesinnung, mu
ber jedem Verdacht stehen."

"Na ja", sagte Wulckow, indes Diederich sich zurckzog, stolz auf seinen
Abgang, wenn auch beengt durch die Empfindung, da der Prsident ihn als
Bundesgenossen nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister.

Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in einem Prachtwerk bltternd.
Die Gste waren fort, und auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil
sie sich anziehen mute zur Soiree bei der Frau Oberst von Haffke. "Meine
Unterredung mit dem Prsidenten ist fr beide Teile durchaus befriedigend
verlaufen", stellte Diederich fest; und drauen auf der Strae: "Da sieht
man es, was es heit, wenn zwei loyale Mnner verhandeln. In dem heutigen
verjudeten Geschftsbetrieb kennt man das gar nicht mehr."

Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erklrte, da sie Reitstunden nehmen
werde. "Wenn ich dir das Geld gebe", sagte Diederich, aber nur der Ordnung
wegen, denn er war stolz auf Emmi. "Hat Leutnant von Brietzen nicht
Schwestern?" bemerkte er. "Du solltest bekannt werden und uns Einladungen
verschaffen zur nchsten Soiree der Frau Oberst." Gerade ging drben der
Oberst vorbei. Diederich sah ihm lange nach. "Ich wei wohl," sagte er,
"man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun mal das Hchste, es zieht
einen hin!"



Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine Sorgen vergrert. Der
handgreiflichen Verpflichtung, sein Haus zu verkaufen, stand nichts
gegenber als Hoffnungen und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu
khne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag in den Stadtpark,
wo es schon dunkelte, und auf einem einsamen Pfad begegnete er Wolfgang
Buck.

"Ich habe mich nun doch entschlossen", erklrte Buck. "Ich gehe zur
Bhne."

"Und Ihre brgerliche Stellung? Und Ihre Heirat?"

"Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen. Es wird dort
weniger Komdie gespielt, wissen Sie, man ist ehrlicher bei der Sache.
Auch sind die Weiber schner."

"Das ist kein Standpunkt", erwiderte Diederich. Aber Buck war es ernst.
"Ich mu zugeben, das Gercht ber Guste und mich hat mir Spa gemacht.
Andererseits: so bldsinnig es ist, es ist nun einmal da, das Mdchen
leidet darunter, ich kann sie nicht lnger kompromittieren."

Diederich widmete ihm einen abschtzigen Seitenblick, denn er hatte den
Eindruck, Buck nahm das Gercht zum Vorwand, um sich zu drcken. "Sie
werden wohl wissen," versetzte er streng, "was Sie da anrichten. Ein
anderer nimmt sie jetzt natrlich auch nicht mehr leicht. Es gehrt schon
verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu."

Buck besttigte dies. "Fr einen wirklich modernen, grozgigen Mann",
sagte er bedeutungsvoll, "mte es eine besondere Genugtuung sein, ein
Mdchen unter solchen Umstnden zu sich hinaufzuziehen und fr sie
einzutreten. Hier, wo auch Geld ist, wrde zweifellos der Edelmut zuletzt
das Feld behaupten. Denken Sie an das Gottesgericht im Lohengrin."

"Wieso, Lohengrin?"

Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor erreicht hatten,
ward er unruhig. "Kommen Sie mit hinein?" fragte er. - "Wo denn hinein?" -
"Gleich hier, Schweinichenstrae 77. Ich mu es ihr doch sagen, Sie
knnten vielleicht -." Da pfiff Diederich durch die Zhne.

"Sie sind wirklich -. Sie haben ihr noch nichts gesagt? Vorher erzhlen
Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache, mein Bester, aber mich lassen Sie
aus dem Spiel, den Bruten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu
kndigen."

"Machen Sie eine Ausnahme", bat Buck. "Mir werden Szenen im Leben so
schwer."

"Ich habe Grundstze", sagte Diederich. Buck lenkte ein.

"Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in einer stummen Rolle
als moralische Untersttzung dienen."

"Moralisch?" fragte Diederich.

"Als Vertreter sozusagen des verhngnisvollen Gerchtes."

"Was wollen Sie damit sagen?"

"Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie."

Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung, ging wortlos mit.

Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste lie auf sich warten. Buck ging
nachzusehen, was sie mache. Endlich kam sie, aber allein. "War nicht auch
Wolfgang da?" fragte sie.

Buck war ausgerissen!

"Das begreife ich nicht", sagte Diederich. "Er hatte doch etwas ganz
Dringendes bei Ihnen vor."

Hierauf errtete Guste. Diederich wandte sich der Tr zu. "Dann empfehle
ich mich auch."

"Was wollte er denn?" forschte sie. "Das kommt bei ihm doch nicht oft vor,
da er etwas will. Und wozu bringt er Sie mit?"

"Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, da ich es entschieden
mibillige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit Zeugen nimmt. Meine
Schuld ist es nicht, adieu."

Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie.

"Ich mu es ablehnen," verriet er schlielich, "da ich mir mit den
Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen, noch dazu, wenn der
Dritte durchgeht und entzieht sich seinen nchstliegenden
Verpflichtungen."

Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus Diederichs Mund
hervorkommen. Als das letzte gefallen war, verharrte sie einen Augenblick
reglos, und dann warf sie die Hnde vor das Gesicht. Sie schluchzte, man
sah ihre Wangen aufquellen und die Trnen ihr durch die Finger rinnen. Sie
hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr, betreten durch ihren
Schmerz. "Schlielich", meinte er, "ist ja so viel nicht an ihm verloren."
Da aber emprte sich Guste. "Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und
haben immer gegen ihn gehetzt. Da er ausgerechnet Sie mu herschicken,
das kommt mir mehr wie sonderbar vor."

"Wie meinen Sie das, bitte?" verlangte Diederich seinerseits. "Sie muten
wohl reichlich so genau wissen wie ich, geehrtes Frulein, was Sie von dem
betreffenden Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung schlapp ist,
ist alles schlapp."

Da sie ihn hhnisch musterte, versetzte er um so strenger:

"Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt."

"Weil es Ihnen so pate", erwiderte sie giftig. Und Diederich, mit Ironie:
"Er hat mich doch selbst angestellt, da ich seinen Kochtopf sollte
umrhren. Und wenn der Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt
gewesen wre, htte er ihn schon lngst berkochen lassen."

Da rang es sich los aus Guste. "Haben Sie 'ne Ahnung! Das ist es ja, das
kann und kann ich ihm nicht verzeihen, da ihm immer _alles_ wurscht war,
sogar mein Geld!"

Diederich war erschttert. "Mit so einem soll man sich nicht einlassen",
stellte er fest. "Die haben keinen Halt und laufen einem durch die
Finger." Er nickte gewichtig. "Wem das Geld wurscht ist, der versteht das
Leben nicht."

Guste lchelte bla. "Dann verstehen Sie es glnzend."

"Das wollen wir hoffen", sagte er. Sie kam nher zu ihm, durch ihre
letzten Trnen blinzelte sie ihn an.

"Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie wohl, das ich mir daraus
mache?" Sie verzog den Mund. "Ich hab' ihn doch berhaupt nicht geliebt.
Blo auf die Gelegenheit hab' ich gewartet, da ich ihn loswerde. Nun ist
er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir es ohne ihn", setzte
sie hinzu, mit einem verlockenden Blick. Aber Diederich nahm nur sein
Schnupftuch zurck, fr alles andere schien er zu danken. Guste begriff,
da er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett; um so
demtiger verhielt sie sich.

"Sie spielen gewi auf meine Lage an, wo ich nun drin bin."

Er lehnte ab. "Ich habe nichts gesagt." Guste klagte still. "Wenn die
Leute Gemeinheiten ber mich reden, dafr kann ich doch nicht!"

"Ich auch nicht."

Guste senkte den Kopf. "Na ja, ich mu es wohl einsehen. So eine wie ich
verdient nicht mehr, da ein wirklich feiner Mann mit ernsten Ansichten
vom Leben sie noch nimmt." Und dabei schielte sie von unten nach der
Wirkung.

Diederich schnaufte. "Es kann auch sein -", begann er und machte eine
Pause. Guste atmete nicht. "Nehmen wir einmal an," sagte er mit
schneidender Betonung, "jemand hat im Gegenteil die allerernstesten
Ansichten vom Leben, und er empfindet modern und grozgig, und im vollen
Gefhl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine
knftigen Kinder, wie gegen Kaiser und Vaterland bernimmt er den Schutz
des wehrlosen Weibes und zieht es zu sich empor."

Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie lehnte die Handflchen
aneinander und sah ihn mit schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien
noch nicht zu gengen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes: und so
fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte Diederich ihr gndig. "So soll es
sein", sagte er und blitzte.

Hier trat Frau Daimchen ein. "Nanu," bemerkte sie, "was ist denn los?" Und
Guste, mit Geistesgegenwart: "Ach Gott, Mutter, wir suchen meinen Ring", -
worauf auch Frau Daimchen sich am Boden niederlie. Diederich wollte nicht
zurckstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens rief Guste: "Hat ihm
schon!" Sie stand entschlossen auf.

"Da du es nur weit, Mutter, ich habe mich verndert."

Frau Daimchen, noch auer Atem, begriff nicht sogleich. Guste und
Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um sie aufzuklren. Schlielich
gestand sie, da sie selbst, weil die Leute nun einmal redeten, an so
etwas schon gedacht habe. "Wolfgang war sowieso 'n bichen zu
miesepeterig, auer er hatte was getrunken. Blo die Familie, dagegen
kommen Helings nicht auf."

Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kndigte an, da nichts
abgemacht sei, solange das Praktische auch nicht stimmte. Die Ausweise
ber Gustes Mitgift muten herbei, dann verlangte er Gtergemeinschaft -
und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand hineinreden!
Bei jedem Widerspruch hielt er den Trgriff schon in der Hand, und
jedesmal sprach Guste leise und angstvoll zu ihrer Mutter: "Soll denn
morgen die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den einen los
bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?"

Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er a zu Abend mit den Damen und
wollte schon, ohne lange zu fragen, das Dienstmdchen nach dem
Verlobungssekt schicken. Dies krnkte Frau Daimchen, denn natrlich hatte
sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere, die bei ihr
verkehrten. "berhaupt haben Sie mehr Glck als Verstand, denn den Herrn
Leutnant von Brietzen htte Guste auch gekriegt." Darauf lachte Diederich
wohlgemut. Alles ging gut. Fr ihn das viele Geld, und der Leutnant von
Brietzen fr Emmi!... Man ward sehr lustig; bei der zweiten Flasche
taumelte das Brautpaar auf seinen Sthlen immer einer gegen den anderen,
ihre Fe waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und Diederichs Hand
beschftigte sich unten. Drben drehte Frau Daimchen die Daumen. Pltzlich
verursachte Diederich ein donnerndes Gerusch und erklrte sofort, er
bernehme dafr die volle Verantwortung, es sei in aristokratischen
Kreisen blich, er verkehre bei Wulckows.

Welche berraschung, als Netzig den Umschwung der Dinge erfuhr! Auf die
Erkundigungen der Gratulanten erwiderte Diederich, was er mit den
anderthalb Millionen seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewi.
Vielleicht ziehe er nach Berlin, fr grozgige Unternehmungen sei es das
Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei Gelegenheit zu verkaufen.
"Die Papierindustrie macht berhaupt eine Krise durch; diese mitten in
Netzig gelegene Klitsche hat in meinen Verhltnissen keinen Sinn mehr."

Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten ein erhhtes
Taschengeld, und seiner Mutter gestattete Diederich so viele Rhrszenen
und Umarmungen, als sie sich irgend wnschen konnte; ja, er nahm willig
ihren Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle einer Fee
auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen Beuteln. An ihrer Seite
schien Diederich ber Blumen zu wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch
leicht, unter Einkufen, Sektfrhstcken und den Brautvisiten, einen
vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im Wagen die Verlobten
anregend miteinander beschftigt.

Die schne Laune, die mit ihrem Dasein spielte, fhrte sie eines Abends in
den Lohengrin. Die beiden Mtter hatten sich dazu verstehen mssen, zu
Hause zu bleiben; es war der feste Wille des Brautpaares, der
Schicklichkeit zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das
breite rote Plschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen werden konnte,
war eingedrckt und fleckig, es hatte etwas Reizvoll-Fragwrdiges. Guste
wollte wissen, da diese Loge eigentlich den Herren Offizieren gehrte,
und da sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen!

"ber die Schauspielerinnen sind wir glcklich hinaus", erklrte
Diederich, und er lie durchblicken, da er allerdings bis vor kurzem mit
einer gewissen Dame vom Theater, die er natrlich nicht nennen knne -.
Gustes fieberhafte Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das
Klopfen des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Pltze ein.

"Hhnisch ist noch wabbeliger geworden", bemerkte Guste sogleich, und sie
nickte nach dem Dirigenten hinab. Er machte auf Diederich einen
hochknstlerischen, wenn auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte
Haarstrhnen wippten, indes er mit allen seinen Gliedmaen den Takt
schlug, ber seinem groen grauen Gesicht, dessen Fettscke mitwippten;
und in Frack und Hose wogte es rhythmisch. Im Orchester war groer
Betrieb, dennoch gab Diederich zu verstehen, da er auf Ouvertren keinen
Wert lege. berhaupt, meinte Guste, wenn man den Lohengrin in Berlin
kannte! Der Vorhang ging auf, und schon kicherte sie verachtungsvoll.
"Gott, die Ortrud! Sie hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!"
Diederich hielt sich mehr an den Knig unter der Eiche, der sichtlich die
prominenteste Persnlichkeit war. Sein Auftreten wirkte nicht besonders
schneidig; Wulckow brachte Ba und Vollbart entschieden besser zur
Geltung; aber was er uerte, war vom nationalen Standpunkt aus zu
begren. "Des Reiches Ehr' zu wahren, ob Ost, ob West." Bravo! So oft er
das Wort deutsch sang, reckte er die Hand hinauf, und die Musik
bekrftigte es ihrerseits. Auch sonst unterstrich sie einem markig, was
man hren sollte. Markig, das war das Wort. Diederich wnschte sich, er
htte zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine solche Musik gehabt.
Der Heerrufer dagegen stimmte ihn wehmtig, denn er glich aufs Haar dem
dicken Delitzsch in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen
sah Diederich die Gesichter der Mannen nher an und fand berall
Neuteutonen. Sie hatten grere Buche und Brte bekommen und sich gegen
die harte Zeit mit Blech gerstet. Auch schienen nicht alle sich in
gnstigen Lebensumstnden zu befinden; die Edlen sahen aus wie mittlere
Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern und Knickebeinen, die Unedlen
noch weniger glnzend; aber der Verkehr mit ihnen wre unzweifelhaft in
tadellosen Formen verlaufen. berhaupt ward Diederich gewahr, da man sich
in dieser Oper sogleich wie zu Hause fhlte. Schilder und Schwerter, viel
rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene
Banner, und die deutsche Eiche: man htte mitspielen mgen.

Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf, der lie
freilich zu wnschen. Guste stellte spttische Fragen: welche es denn nun
sei, mit der er -. "Vielleicht die Ziege in dem Hngekleid? Oder die dicke
Kuh mit dem Goldreifen zwischen den Hrnern?" Und Diederich war nicht weit
davon entfernt, sich fr die schwarze Dame mit dem Frontkorsett zu
entscheiden, als er noch rechtzeitig bemerkte, da eben sie in der ganzen
Angelegenheit nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien
zunchst noch leidlich Komment zu haben, aber eine hchst ble
Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit. Leider war die deutsche
Treue, selbst wo sie ein so glnzendes Bild darbot, bedroht von den
jdischen Machenschaften der dunkelhaarigen Rasse.

Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf welcher Seite man
Klasse voraussetzen durfte. Der biedere Knig htte es nicht ntig gehabt,
die Sache dermaen objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer
Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen boten von
vornherein gewisse Garantien. Diederich fate sie ins Auge, sie sah
herauf, sie lchelte lieblich. Darauf griff er nach dem Opernglas, aber
Guste entri es ihm. "Also die Mere ist es?" zischte sie; und da er
vielsagend lchelte: "Einen feinen Geschmack hast du, ich kann mich
geschmeichelt fhlen. Die ausgemergelte Jdin!" - "Jdin?" - "Die Mere,
selbstredend, sie heit doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt." -
Betreten nahm er das Glas, das Guste ihm hhnisch anbot, und berzeugte
sich. Na ja, die Welt des Scheins. Enttuscht lehnte Diederich sich
zurck. Dennoch konnte er nicht hindern, da Elsas keusche Vorahnung
weiblicher Lustempfindungen ihn gerade so sehr rhrte wie den Knig und
die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend praktischer
Ausweg, auf die Weise ward niemand kompromittiert. Da die Edlen sich auf
die faule Sache nicht einlassen wrden, war freilich vorherzusehen. Man
mute schon mit etwas Auerordentlichem rechnen; die Musik tat das ihre,
sie machte einen geradezu auf alles gefat. Diederich hatte den Mund offen
und so dummselige Augen, da Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. Jetzt
war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin kommen. Er kam,
funkelte, schickte den Zauberschwan fort, funkelte noch betrender.
Mannen, Edle und der Knig unterlagen alle derselben Verblffung wie
Diederich. Nicht umsonst gab es hhere Mchte.... Ja, die allerhchste
Macht verkrperte sich hier, zauberhaft blitzend. Ob Schwanen- oder
Adlerhelm: Elsa wute wohl, warum sie plumps vor ihm auf die Knie fiel.
Diederich seinerseits blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie
hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten, und den ersten
war man los und konnte sich nirgends mehr sehen lassen und htte berhaupt
wegziehen mssen: und da kam der Held und Retter und machte sich aus der
ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! "So soll es sein!" sagte
Diederich und nickte auf die kniefllige Elsa hinab - indes Guste, die
Lider gesenkt, in reuevoller Unterwerfung gegen seine Schulter fiel.

Das weitere konnte man an den Fingern abzhlen. Telramund machte sich
einfach unmglich. Gegen die Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem
Reprsentanten Lohengrin verhielt sich sogar der Knig hchstens wie ein
besserer Bundesfrst. Er sang seinem Vorgesetzten die Siegeshymne mit. Der
Hort der guten Gesinnung ward schwungvoll gefeiert, die Umstrzler mochten
den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schtteln.

Der zweite Akt - Guste a noch immer, sanft hingegeben, Pralinees -
brachte zunchst in erhebender Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen
dem glanzvollen, ohne Miton verlaufenden Fest der Gutgesinnten in den
vornehm erleuchteten Rumen des Palastes, und den beiden dunkeln Emprern,
die stark heruntergekommen auf dem Pflaster lagen. "Erhebe dich, Genossin
meiner Schmach", meinte Diederich bei passender Gelegenheit selbst schon
angewendet zu haben. Er verband Ortrud mit gewissen persnlichen
Erinnerungen: ein ganz gemeines Luder, darber war nichts zu sagen; aber
irgendwas regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und unter
sich hatte. Er trumte.... Vor Elsa, der dummen Gans, mit der sie machte
was sie wollte, hatte Ortrud das gewisse Etwas voraus, das die energischen
und strengen Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte
nach Guste. "Es gibt ein Glck, das ohne Reu", bemerkte Elsa; und
Diederich zu Guste: "Das wollen wir hoffen."

Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde sodann durch den dicken
Delitzsch erffnet, da sie Dank Gottes Gnade einen neuen Landesfrsten
bekommen hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund,
heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins. Sie erlaubten sich
keine Meinung und schluckten jede Vorlage. "Den Reichstag bringen wir auch
noch so weit", gelobte Diederich.

Wie aber Ortrud vor Elsa in das Mnster treten wollte, emprte sich Guste.
"Das hat sie nun nicht ntig, darber rgere ich mich immer. Wo sie doch
nichts mehr hat, und berhaupt." - "Jdische Frechheit", murmelte
Diederich. brigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt,
unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand legte, ob er seinen
Namen verraten und dadurch das ganze Geschft in Frage stellen sollte oder
nicht. So viel durfte man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen
brauchte er nicht erst zu beweisen, da er, trotz dem Nrgler Telramund,
reine Hnde und keinen Fleck auf der Weste habe: ihre nationale Gesinnung
war durchaus unverdchtig.

Guste verhie ihm, im dritten Akt kme das Allerschnste, aber dafr msse
sie durchaus noch Pralinees haben. Als man sie hatte, stieg der
Hochzeitsmarsch, und Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge
verloren entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin htte sich
besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei seinem Anblick wieder
einmal von dem Wert der Uniform durchdrungen. Die Damen waren glcklich
fort, mit ihren Stimmen wie saure Milch. Aber der Knig! Er konnte nicht
wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und schien am liebsten als
Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich, dem der Knig schon immer zu
konziliant gewesen war fr diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine
Nulpe.

Endlich fand er die Tr, Lohengrin und Elsa machten sich auf dem Sofa an
die "Wonnen, die nur Gott verleiht". Zuerst umschlangen sie sich nur oben,
die unteren Krperteile saen nach Mglichkeit voneinander entfernt. Je
mehr sie aber sangen, um so nher rutschten sie heran, - wobei ihre
Gesichter sich hufig auf Hhnisch richteten. Hhnisch und sein Orchester
schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich, denn auch Diederich und
Guste in ihrer stillen Loge schnauften leise und sahen einander an mit
erhitzten Augen. Die Gefhle gingen den Weg der Zauberklnge, die Hhnisch
mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die Hnde folgten ihnen. Diederich
lie die seine zwischen Gustes Stuhl und ihrem Rcken hinabgleiten,
umspannte sie unten und murmelte betrt: "Wie ich das zum erstenmal
gesehen habe, gleich hab' ich gesagt, die oder keine!"

Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch einen Zwischenfall,
der bestimmt schien, die Kunstfreunde Netzigs noch lange zu beschftigen.
Lohengrin zeigte sein Jgerhemd! Eben stimmte er an: "Atmest du nicht mit
mir die sen Dfte", da kam es hinten aus dem Wams hervor, das aufging.
Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknpft hatte, herrschte im Hause
lebhafte Unruhe; dann erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die
sich mit einem Pralinee verschluckt hatte, stie auf ein Bedenken. "Wie
lange trgt er das Hemd schon? Und berhaupt, er hat doch nichts mit, der
Schwan ist mit seinem Gepck abgeschwommen!" Diederich verwies ihr
ernstlich das Nachdenken. "Du bist gerade so eine Gans wie Elsa", stellte
er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben, weil sie es
nicht lassen konnte, ihren Mann nach seinen politischen Geheimnissen zu
fragen. Der Umsturz ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges
Attentat milang durch Gottes Fgung; aber die Weiber, dies mute
Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen nicht die Kandare fest
anzog, eher noch subversiver.

Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche, Banner, alles
nationale Zubehr war wieder da; und "fr deutsches Land das deutsche
Schwert, so sei des Reiches Kraft bewhrt": bravo! Aber Lohengrin schien
nun wirklich entschlossen, sich aus dem ffentlichen Leben zurckzuziehen.
"berall wurde an mir gezweifelt", durfte auch er sagen. Nacheinander
klagte er den toten Telramund und die ohnmchtige Elsa an. Da keins von
beiden ihm widersprach, htte er ohne weiteres recht behalten; dazu kam
aber noch, da er tatschlich in der Rangliste obenan stand. Denn jetzt
gab er sich zu erkennen. Die Nennung seines Namens rief bei der ganzen
Versammlung, die noch nie von ihm gehrt hatte, eine ungeheure Bewegung
hervor. Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles andere schienen
sie erwartet zu haben, nur nicht, da er Lohengrin hie. Um so dringlicher
ersuchten sie den geliebten Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der
Abdankung diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb heiser und
unnahbar. brigens wartete schon der Schwan. Eine letzte Frechheit Ortruds
brach ihr zur allgemeinen Genugtuung den Hals. Leider deckte gleich darauf
auch Elsa das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten Schwans
von einer krftigen Taube gezogen, hinter sich lie. Dafr war der junge,
soeben eingetroffene Gottfried in drei Tagen der dritte Landesfrst, dem
Edle und Mannen, treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten.

"Das kommt davon", bemerkte Diederich, indes er Guste in den Mantel half.
Alle diese Katastrophen, die Wesensuerungen der Macht waren, hatten ihn
erhoben und tief befriedigt. "Wovon kommt es denn", meinte Guste, zum
Widersprechen aufgelegt. "Blo weil sie wissen will, wer er ist? Das kann
sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie anstndig." - "Es hat einen
hheren Sinn", erklrte ihr Diederich streng. "Die Geschichte mit dem
Gral, das soll heien, der allerhchste Herr ist nchst Gott nur seinem
Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn das Interesse Seiner
Majestt in Betracht kommt, kannst du machen was du willst, ich sage
nichts, und eventuell -." Eine Handbewegung gab zu verstehen, da auch er,
in einen derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern
wrde. Dies erboste Guste. "Das ist ja Mord! Wie komm' ich dazu, da ich
mu draufgehen, weil Lohengrin ein temperamentloser Hammel ist. Nicht
einmal in der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!" Und Guste
rmpfte die Nase, wie damals beim Verlassen des Liebeskabinetts, wo auch
nichts geschehen war.

Auf dem Heimweg vershnten sich die Verlobten. "Das ist die Kunst, die wir
brauchen!" rief Diederich aus. "Das ist deutsche Kunst!" Denn hier
erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfllt.
Emprung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward
glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der hchste Wert gelegt,
und das Volk, ein von den Ereignissen ewig berraschter Chor, schlug sich
willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische Unterbau und die
mystischen Spitzen, beides war gewahrt. Auch wirkte es bekannt und
sympathisch, da in dieser Schpfung der schnere und geliebtere Teil der
Mann war. "Ich fhl' das Herze mir vergehn, schau ich den wonniglichen
Mann", sangen auch die Mnner samt dem Knig. So war denn die Musik an
ihrem Teil der mnnlichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie ppig war,
und kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend Auffhrungen
einer solchen Oper, und es gab niemand mehr, der nicht national war!
Diederich sprach es aus: "Das Theater ist auch eine meiner Waffen." Kaum
ein Majesttsbeleidigungsproze konnte die Brger so grndlich aus dem
Schlummer rtteln. "Ich habe den Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer
den Lohengrin geschrieben hat, vor dem nehm' ich den Hut ab." Er schlug
ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste mute ihn aufklren, es sei
nicht mehr zu machen. Einmal auf so hohem Gedankenflug begriffen, uerte
sich Diederich ber die Kunst im allgemeinen. Unter den Knsten gab es
eine Rangordnung. "Die hchste ist die Musik, daher ist es die deutsche
Kunst. Dann kommt das Drama."

"Warum?" fragte Guste.

"Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil man es nicht zu lesen
braucht, und berhaupt."

"Und was kommt dann?"

"Die Portrtmalerei natrlich, wegen der Kaiserbilder. Das brige ist
nicht so wichtig."

"Und der Roman?"

"Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine deutsche: das sagt
schon der Name."



Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten Eile: Guste wegen der
Leute, Diederich aus Grnden der Politik. Um mehr Eindruck zu machen,
hatte man beschlossen, da Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten
sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete ihn manchmal
mit Unruhe, weil Kienast sich den Bart hatte abnehmen lassen, den
Schnurrbart an den Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den
Verhandlungen ber Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden
Geschftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis wegen des Ausgangs der
Sache, wenn auch entschlossen, seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu
erfllen, vertiefte sich jetzt fter in seine Geschftsbcher ... Sogar am
Morgen vor seiner Trauung und schon im Frack, sa er im Kontor; da ward
eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant a. D. "Was kann der wollen,
Stbier?" Der alte Buchhalter wute es auch nicht. Na egal. "Einen
Offizier kann ich nicht abweisen." Und Diederich ging selbst zur Tr.

In der Tr aber erschien ein ungewhnlich strammer Herr in einem
grnlichen Sommermantel, der troff, und den er am Halse fest geschlossen
trug. Unter seinen spitzen Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von
seinem grnen Agrarierhtchen, das er merkwrdigerweise aufbehielt,
regnete es. "Zunchst wollen wir uns mal trocken legen", versetzte der
Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte, zum Ofen. Hier sagte er
schnarrend: "Verkaufen, was? Klemme, was?" Diederich begriff nicht
sogleich; dann warf er einen unruhigen Blick auf Stbier. Der Alte hatte
sich wieder an seinen Brief gemacht. "Herr Premierleutnant haben sich
gewi in der Hausnummer geirrt", bemerkte Diederich schonend; aber es half
nichts. "Quatsch. Wei Bescheid. Nur keine Fisimatenten. Hherer Befehl.
Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott."

Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte nicht lnger bersehen,
da trotz der militrischen Vergangenheit des Herrn seine ungeheure
Strammheit nicht echt war und da seine Augen verglast waren. In dem
Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr sein grnes
Agrarierhtchen vom Kopf und entleerte es seines Wassers auf Diederichs
Frackhemd. Dies veranlate Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm
ihn sehr bel. "Ich stehe Ihnen zur Verfgung", schnarrte er. "Die Herren
von Quitzin und von Wulckow werden in meinem Auftrag mit Ihnen reden."
Dabei zwinkerte er angestrengt - und Diederich, dem ein schrecklicher
Verdacht kam, verga seinen Zorn, er war einzig bedacht, den
Premierleutnant aus der Tr zu drngen. "Wir sprechen drauen", raunte er
ihm zu, und nach der anderen Seite zu Stbier: "Der Herr ist sinnlos
betrunken, ich mu sehen, wie ich ihn los werde." Aber Stbier hatte die
Lippen zusammengepret, die Stirn gefaltet und kehrte diesmal nicht zu
seinem Brief zurck.

Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich folgte ihm.
"Deswegen keine Feindschaft, reden kann man doch." Erst nachdem auch er
durchnt war, gelang es ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch
den leeren Maschinenraum schrie der Premierleutnant: "Glas Schnaps! Kaufe
alles, Schnaps mit!" Obwohl die Arbeiter zur Feier seiner Hochzeit frei
hatten, sah Diederich sich angstvoll um; er ffnete den Verschlag, wo die
Chlorscke lagen, und befrderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein.
Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er sagte: "Karnauke
mein Name, warum stinken Sie so?"

"Haben Sie einen Hintermann?" fragte Diederich. Der Herr nahm auch das
bel. "Was wollen Sie damit sagen?... Ach so, kaufe, was Platz hat."
Diederichs Blick folgend, betrachtete er sein triefendes Sommermntelchen.
"Momentane Verlegenheit", schnarrte er. "Vermittle Kavalieren.
Ehrensache."

"Was bietet Ihr Auftraggeber?"

"Hundertzwanzig die Kiste."

Und wie Diederich sich entsetzte oder emprte: zweihunderttausend sei sein
Grundstck wert, der Premierleutnant blieb dabei: "Hundertzwanzig die
Kiste."

"Nicht zu machen" - Diederich vollfhrte eine unvorsichtige Bewegung nach
dem Ausgang, worauf der Herr ernstlich gegen ihn vorging. Diederich mute
ringen, fiel auf einen Chlorsack und der Herr ber ihn. "Stehen Sie auf,"
keuchte Diederich, "hier werden wir gebleicht." Der Premierleutnant heulte
auf, als brennte es ihm schon durch die Kleider, - und pltzlich hatte er
seine stramme Haltung zurck. Er zwinkerte. "Prsident von Wulckow eklig
hinterher, da Sie verkaufen, sonst kein Geschft mit ihm zu machen.
Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier herum. Rechnet bestimmt auf Ihr
Entgegenkommen. Hundertzwanzig die Kiste." Diederich, bleicher als wre er
im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: "Hundertfnfzig", - aber die
Stimme versagte ihm. Das war mehr, als man loyalerweise fassen konnte!
Wulckow starrend von Beamtenehre, unbestechlich wie das Jngste
Gericht!... Mit einem trostlosen Blick berflog er nochmals die Gestalt
dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte Wulckow, dem lieferte
er sich aus! Htte man nicht neulich, unter vier Augen, mit aller
gebotenen Vorsicht und gegenseitigen Achtung das Geschft verhandeln
knnen? Aber diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen;
auf Geschfte verstanden sie sich noch immer nicht. "Gehen Sie nur voran
zum Notar," raunte Diederich, "ich komme gleich." Er lie ihn hinaus. Wie
er aber selbst fort wollte, stand da der alte Stbier, noch immer mit den
gekniffenen Lippen. "Was wnschen Sie?" Diederich war ermattet.

"Junger Herr," begann der Alte hohl, "was Sie jetzt vorhaben, dafr kann
ich nicht mehr die Verantwortung tragen."

"Wird nicht verlangt." Diederich gab sich Haltung. "Ich wei allein, was
ich tue." Der Alte hob beschwrend die Hnde.

"Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit von Ihrem seligen
Vater und mir, die verteidige ich! Da wir das Geschft aufgebaut haben
mit Flei und solider Arbeit, dadurch sind Sie gro geworden. Und wenn Sie
mal teure Maschinen kaufen und mal die Auftrge ablehnen, das ist ein
Zickzackkurs, damit bringen Sie das Geschft herunter. Und jetzt verkaufen
Sie das alte Haus!"

"Sie haben an der Tr gehorcht. Wenn etwas geschieht, ohne da Sie dabei
sind, das vertragen Sie noch immer nicht recht. Erklten Sie sich hier nur
nicht." Diederich hhnte.

"Sie drfen es nicht verkaufen!" jammerte Stbier. "Ich kann nicht
zusehen, wie der Sohn und Erbe meines alten Herrn die solide Grundlage der
Firma untergrbt und treibt Gromannspolitik."

Diederich ma ihn mitleidig. "Grozgigkeit war zu Ihrer Zeit noch nicht
erfunden, Stbier. Heute wagt man was. Betrieb ist die Hauptsache. Spter
werden Sie sehen, wozu es gut war, da ich das Haus verkaufe."

"Ja, das werden Sie auch erst spter sehen. Vielleicht wenn Sie bankerott
sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager Herr Kienast einen Proze anhngt. Sie
haben gewisse Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern und
Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches sagen wollte -: blo da
ich Piett habe, sonst knnte ich Sie ins Unglck bringen!"

Der Alte war auer sich. Er kreischte, Trnen der Wut in den roten Lidern.
Diederich trat nahe an ihn hin, er hielt ihm die geballte Hand unter die
Nase. "Das versuchen Sie mal! Ich beweise glatt, da Sie die Firma
bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich habe keine
Vorkehrungen getroffen?"

Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten sich an; Stbier
rollte blutige Augpfel, Diederich blitzte. Dann trat der Alte zurck.
"Nein, so soll es nicht kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines
alten Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger meine bewhrte
Kraft so lange als mglich zu erhalten."

"Das knnte Ihnen passen", sagte Diederich hart und kalt. "Seien Sie froh,
wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe. Schreiben Sie nur gleich Ihr
Entlassungsgesuch, es ist schon bewilligt." Und er schritt von dannen.

Beim Notar verlangte er, da in den Kaufvertrag als Kufer "Unbekannt"
gesetzt werde. Karnauke feixte. "Unbekannt ist gut. Wir kennen doch Herrn
von Quitzin." Darauf lchelte auch der Notar. "Ich sehe," sagte er, "Herr
von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehrte ihm in der Meisestrae nur
die kleine Kneipe zum Huhn. Aber wegen der beiden Grundstcke hinter dem
Ihren, Herr Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an den
Stadtpark und hat Platz fr riesige Anlagen."

Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar um Diskretion,
solange es gehe. Dann nahm er Abschied, er habe keine Zeit zu verlieren.
"Wei ich", sagte der Premierleutnant und hielt ihn fest. "Freudentag.
Frhstck Hotel Reichshof. Bin gerstet." Er ffnete das grne Mntelchen
und zeigte auf seinen zerknitterten Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn
entsetzt an, er versuchte sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder
mit seinen Zeugen.

Die Braut wartete schon lngst, die beiden Mtter trockneten ihr die
Trnen, unter dem anzglichen Lcheln der anwesenden Damen. Auch dieser
Brutigam ging durch! Magda und Kienast waren emprt; und zwischen
Schweinichenstrae und Meisestrae liefen Boten ... Endlich! Diederich war
da, wenn auch in seinem alten Frack. Er gab nicht einmal Erklrungen. Am
Standesamt und in der Kirche wirkte er verstrt. Allerseits bemerkte man,
auf einer so zustande gekommenen Verbindung ruhe kein Segen. Auch Pastor
Zillich erwhnte in seiner Ansprache, da der irdische Besitz etwas
Vergngliches sei. Man begriff seine Enttuschung. Kthchen war gar nicht
erschienen.

Beim Hochzeitsfrhstck sa Diederich schweigend und sichtlich noch anders
beschftigt. Selbst das Essen verga er oft und stierte in die Luft.
Einzig der Premierleutnant Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit
zu wecken. Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe
brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen, denen die
Versammlung nach Magabe ihres bisherigen Weingenusses noch nicht
gewachsen war. Mehr beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere
Wendungen Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz begleitete und
die leider auch Kienast nachdenklich stimmten. Der Zeitpunkt, den
Diederich mit Herzklopfen voraussah, trat ein: Kienast stand auf und bat
ihn um ein Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant
heftig ans Glas, stramm schnellte er vom Sitz. Der schon vorgeschrittene
Lrm des Festes brach jh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein
blaues Band hngen und darunter ein Kreuz, dessen Rand golden funkelte ...
Ah! und Tumult und Glckwnsche. Diederich reichte beide Hnde hin, eine
Seligkeit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den Hals, er redete
von selbst und bevor er wute was. "Seine Majestt ... Unerhrte Gnade ...
Bescheidene Verdienste, nie wankende Treue ..." Er dienerte, er legte, wie
Karnauke ihm das Kreuz berreichte, die Hand auf das Herz, schlo die
Augen und versank: so als stnde vor ihm ein anderer, der Geber selbst.
Unter der Gnadensonne fhlte Diederich, dies war die Rettung und der Sieg.
Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich den Pakt! Der
Kronenorden vierter Klasse blitzte, und es ward Ereignis, das Denkmal
Wilhelm des Groen und Gausenfeld, Geschft und Ruhm!

Der Aufbruch drngte. Kienast, immerhin bewegt und eingeschchtert, bekam
einige Worte allgemeinen Inhalts hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen
er entgegengefhrt werden sollte, von groen Dingen, die man mit ihm und
der ganzen Familie vorhabe - und fort war Diederich mit Guste.

Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und zog die Vorhnge
zu. Sein von Glck beschwingter Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste
htte so viel Temperament nie erwartet. "Du bist doch nicht wie
Lohengrin", bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die Augen
schlo, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern stand er vor ihr,
ordenbehangen, eisern und blitzend. "Bevor wir zur Sache selbst
schreiten," sagte er abgehackt, "gedenken wir Seiner Majestt unseres
allergndigsten Kaisers. Denn die Sache hat den hheren Zweck, da wir
Seiner Majestt Ehre machen und tchtige Soldaten liefern."

"Oh!" machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner Brust entrckt in hheren
Glanz. "Bist - du - das - Diederich?"





                                   VI.


Herr und Frau Doktor Heling aus Netzig sahen einander stumm an im Lift
des Zricher Hotels, denn man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das
Ergebnis des Blickes, den der Geschftsfhrer schnell und schonend ber
sie hingefhrt hatte. Diederich fllte gehorsam den Meldezettel aus; erst
als der Oberkellner fort war, uerte er seine Entrstung ber den Betrieb
hier und ber Zrich. Sie ward immer lauter und verdichtete sich zu dem
Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese Vergeltung indes zu wenig
greifbar schien, machte er kehrt gegen Guste: ihr Hut sei schuld. Guste
wieder schob es auf Diederichs Hohenzollernmantel. So strzten sie denn
zum Lunch mit hochroten Kpfen. An der Tr machten sie halt und schnauften
unter den Blicken der Gste, Diederich im Smoking, Guste aber mit einem
Hut, der Bnder, Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der
unzweifelhaft in die Beletage gehrte. Ihr Bekannter, der Oberkellner,
fhrte sie im Triumph zu ihren Pltzen.

Mit Zrich und auch mit dem Hotel vershnten sie sich am Abend. Denn
erstens war das Zimmer im vierten Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und
dann hing gerade gegenber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgroe
Odaliske, der brunliche Leib hinschwellend auf ppigem Polster, mit den
Hnden unter dem Kopf, feuchtes Schmachten im schwarzen Spalt der Augen.
In der Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem Ehepaar Anla zu
Scherzen gab. Am nchsten Tage gingen sie umher mit Blei in den Lidern,
verschlangen riesige Mahlzeiten und fragten sich nur, was erst geschehen
wre, wenn die Odaliske nicht in der Mitte zerschnitten, sondern ganz
gewesen wre. Aus Mdigkeit versumten sie den Zug und kehrten am Abend,
so frh wie mglich, in ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurck. Ein
Ende dieser Art zu leben war nicht absehbar; da las Diederich mit seinen
schweren Lidern in der Zeitung, da der Kaiser unterwegs nach Rom sei zum
Besuch des Knigs von Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht. Elastisch
bewegte er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und mochte Guste
jammern, da ihr schwindlig werde, die Koffer waren schon fertig,
Diederich schleifte Guste schon hinaus. "Mu es denn sein?" klagte sie,
"wo doch das Bett so gut ist!" Aber Diederich hinterlie nur noch einen
hhnischen Blick fr die Odaliske. "Amsieren Sie sich weiter gut, meine
Gndigste!"

Vor Aufregung schlief er lange nicht. Guste schnarchte friedlich an seiner
Schulter, indes Diederich, durch die Nacht sausend, bedachte, wie nun auf
einer anderen Linie, aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser
selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten ein Wettrennen! Und
da Diederich schon mehrmals im Leben hatte Gedanken uern drfen, die auf
mystische Art mit denen des Allerhchsten Herrn zusammenzufallen schienen,
vielleicht wute Seine Majestt zu dieser Stunde um Diederich: wute, da
sein treuer Untertan ihm zur Seite ber die Alpen zog, um den feigen
Welschen mal klarzumachen, was Kaisertreue heit. Er blitzte die Schlfer
auf der anderen Bank an, kleine schwarze Leute, deren Gesichter im Schlaf
verfallen aussahen. Germanische Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen!

Frh in Mailand und mittags in Florenz stiegen Reisende aus, was Diederich
nicht begriff. Er versuchte, ohne merklichen Erfolg, den briggebliebenen
beizubringen, welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner zeigten
sich empfnglicher, worauf Diederich triumphierend: "Na, Sie beneiden uns
wohl auch um unseren Kaiser!" Da sahen die Amerikaner einander an, mit
einer stummen Frage, die ergebnislos blieb.

Vor Rom ging Diederichs Aufregung in wilden Ttigkeitsdrang ber. Den
Finger in einem Sprachfhrer, lief er dem Zugpersonal nach und suchte in
Erfahrung zu bringen, wer frher ankommen werde, sein Kaiser oder er.
Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzndet. "Diedel!" rief
sie. "Ich bin imstande und werf' ihm meinen Reiseschleier auf den Weg,
damit da er darber geht, und die Rosen von meinem Hut schmei' ich auch
hin!" - "Wenn er dich aber sieht und du machst ihm Eindruck?" fragte
Diederich und lchelte fieberhaft. Gustes Busen begann zu wogen, sie
senkte die Lider. Diederich, der keuchte, ri sich los aus der furchtbaren
Spannung. "Meine Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In
diesem Falle aber -" Und er schlo mit einer knappen Geste.

Da kam man an - aber ganz anders, als die Gatten es ertrumt hatten. In
grter Verwirrung wurden die Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof
gedrngt, bis an den Rand eines weiten Platzes und in die Straen
dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich, in
entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken. Guste, die entsetzt
die Arme reckte, lie er mit allem Handgepck dastehen und strzte
drauflos. Schon war er inmitten des Platzes; zwei Soldaten mit Federhten
jagten ihm nach, da ihre bunten Fracksche flogen. Da schritten die
Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und alsbald fuhr ein Wagen auf
Diederich zu. Diederich schwenkte den Hut, er brllte auf, da die Herren
im Wagen ihr Gesprch unterbrachen. Der rechts neigte sich vor - und sie
sahen einander an, Diederich und sein Kaiser. Der Kaiser lchelte kalt
prfend mit den Augenfalten, und die Falten am Mund lie er ein wenig
herab. Diederich lief ein Stck mit, die Augen weit aufgerissen, immer
schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden lang waren sie,
indes ringsum dahinten eine fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der
Mitte des leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz
miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan.

Schon verschwand der Wagen drben in der beflaggten Strae, die Hochrufe
schwollen schon ab in der Ferne, und Diederich, der aufseufzte und die
Augen schlo, setzte den Hut wieder auf.

Guste winkte ihn krampfhaft herbei, und die Leute, die noch umherstanden,
klatschten ihm zu, mit Gesichtern voll heiteren Wohlwollens. Auch die
Soldaten, die vorhin ihn verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen
ging in seiner Teilnahme so weit, da er einen Kutscher herbeirief. Wie er
abfuhr, grte Diederich die Menge. "Sie sind wie die Kinder", erklrte er
seiner Gattin. "Na, aber auch entsprechend schlapp", setzte er hinzu, und
er gestand: "In Berlin wre das denn doch nicht gegangen ... Wenn ich an
den Krawall Unter den Linden denke, der Betrieb war 'n bichen schrfer."
Und er setzte sich zurecht, um am Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung
bekamen sie ein Zimmer im zweiten Stock.

Die erste Morgensonne aber sah Diederich schon wieder in den Straen. "Der
Kaiser steht frh auf", hatte er Guste bedeutet, die nur aus den Kissen
grunzte. brigens konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den
Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den Quirinal und
stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden von schrgen Strahlen,
grell und wuchtig im leeren Himmel stand der Palast - und gegenber
Diederich, der Majestt gewrtig, auf vorgestreckter Brust den Kronenorden
vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der Stadt trippelte eine
Ziegenherde und verschwand hinter dem Brunnen und den riesigen
Rossebndigern. Diederich sah sich nicht um. Zwei Stunden vergingen, die
Passanten wurden hufiger, eine Schildwache war hinter ihrem Haus
hervorgekommen, in einem der beiden Portale bewegte sich ein Portier, und
mehrere Personen gingen ein oder aus. Diederich ward unruhig. Er machte
sich nher an die Fassade heran, strich langsam vorbei, gespannt ins
Innere sphend. Bei seinem dritten Erscheinen fhrte der Portier, ein
wenig zgernd, die Hand an den Hut. Als Diederich stehenblieb und
zurckgrte, ward er vertraulich. "Alles in Ordnung", sagte er hinter der
Hand; und Diederich nahm die Meldung mit einer Miene des Einverstndnisses
entgegen. Es schien ihm nur natrlich, da man ihn ber das Wohlergehen
seines Kaisers unterrichtete. Seine Fragen, wann der Kaiser ausfahren
werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet. Der Portier verfiel von
selbst darauf, da Diederich, um den Kaiser zu begleiten, einen Wagen
brauchen werde, und er schickte danach. Inzwischen hatte ein Huflein
Neugieriger sich gebildet, und dann trat der Portier beiseite; hinter
einem Vorreiter, im offenen Wagen, erschien, unter dem Blitzen seines
Adlerhelms, der blonde Herr des Nordens. Diederichs Hut flog schon,
Diederich schrie, wie aus der Pistole geschossen, auf italienisch: "Es
lebe der Kaiser!" Und gefllig schrie das Huflein mit ... Diederich aber,
ein Sprung in den Einspnner, der bereitstand, und los, hinterdrein, den
Kutscher angefeuert mit rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und
sieh: schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerhchste Wagen. Als der
Kaiser ausstieg, war wieder ein Huflein da, und wiederum schrie Diederich
auf italienisch ... Wache gehalten vor dem Haus, worin sein Kaiser weilte!
Die Brust heraus und angeblitzt, wer sich in die Nhe traute! Nach zehn
Minuten war das Huflein neu vervollstndigt, der Wagen entrollte dem Tor,
und Diederich: "Es lebe der Kaiser!" - und, im Echo des Hufleins,
wildbrausend zurck zum Quirinal. Wache. Der Kaiser im Tschako. Das
Huflein. Ein neues Ziel, eine neue Rckkehr, eine neue Uniform, und
wieder Diederich, und wieder jubelnder Empfang. So ging es weiter, und nie
hatte Diederich ein schneres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier,
unterrichtete ihn zuverlssig, wohin man fuhr. Auch kam es vor, da ein
salutierender Beamter ihm eine Meldung machte, die er herablassend
entgegennahm, oder da einer Direktiven zu erbitten schien - und dann
erteilte Diederich sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die Sonne
stieg hoch und hher; vor den brennenden Marmorquadern der Fassaden,
hinter denen sein Kaiser weltumspannende Unterredungen pflog, litt
Diederich, ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt, war
es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des Mittags bis auf das
Pflaster herab und als schmelze ihm auf der Brust sein Kronenorden vierter
Klasse ... Der Kutscher, der immer hufiger die nchste Kneipe betrat,
empfand endlich Bewunderung fr das heldenhafte Pflichtgefhl des
Deutschen und brachte ihm Wein mit. Neues Feuer in den Adern, machten sich
beide an das nchste Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen scharf;
um ihnen vorauszukommen, mute man Gassen durchjagen, die aussahen wie
Kanle und deren sprliche Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer
drckten; oder es hie aussteigen und Hals ber Kopf eine Treppe nehmen.
Dann aber stand Diederich pnktlich an der Spitze seines Hufleins, sah
die siebente Uniform aussteigen und schrie. Und dann wandte der Kaiser den
Kopf und lchelte. Er erkannte ihn wieder, seinen Untertan! Den, der
schrie, den, der immer schon da war, wie Swinegel. Diederich, federnd vor
Hochgefhl ber die Allerhchste Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in
dessen Mienen heiteres Wohlwollen stand.

Erst die Versicherung des Portiers, da Seine Majestt nun frhstcke,
erlaubte es Diederich, sich Gustes zu erinnern. "Wie siehst du aus!" rief
sie bei seinem Anblick und zog sich gegen die Wand zurck. Denn er war rot
wie eine Tomate, vllig aufgeweicht, und sein Blick war hell und wild wie
der eines germanischen Kriegers der Vorzeit auf einem Eroberungszuge durch
Welschland. "Dies ist ein groer Tag fr die nationale Sache!" versetzte
er mit Wucht. "Seine Majestt und ich, wir machen moralische Eroberungen!"
Wie er dastand! Guste verga ihren Schrecken und den rger ber das lange
Warten: sie kam herbei mit liebevollen Armen, und demtig rankte sie sich
an ihm hinauf.

Aber kaum das Stndchen zum Essen gnnte Diederich sich. Er wute wohl,
nach dem Mittagsmahl ruhte der Kaiser; dann hie es, unter seinen Fenstern
Wache stehen und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg zeigte, wie
recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem Portal gegenber,
nicht achtzig Minuten lang besetzt, als es geschah, da ein verdchtig
aussehendes Individuum unter Benutzung einer kurzen Abwesenheit des
Portiers sich einschlich, sich hinter eine Sule drckte und im lauernden
Schatten Plne barg, die nicht anders sein konnten als unheilvoll. Da aber
Diederich! Wie den Sturm und mit Kriegsgeschrei sah man ihn ber den Platz
tosen. Aufgescheuchtes Volk strzte sofort hinterdrein, die Wache eilte
herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen - und alle bewunderten
Diederich, wie er einen, der sich versteckt hatte, wild ringend
hervorzerrte. Die beiden schlugen dermaen um sich, da nicht einmal die
bewaffnete Macht an sie herankam. Pltzlich sah man Diederichs Gegner, dem
es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine Bchse schwingen.
Atemlose Sekunden - dann tobte die aufheulende Panik dem Ausgang zu. Eine
Bombe! Er wirft!... Er hatte schon geworfen. In der Erwartung des Knalles
lagen die nchsten, im voraus wimmernd, am Boden. Diederich aber: wei auf
Gesicht, Schultern und Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach
Pfefferminz. Die Khnsten kehrten um und untersuchten ihn mit der Nase;
ein Soldat unter wallenden Federn betupfte ihn mit dem benetzten Finger
und kostete. Diederich verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte
und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen
zurckkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm selbst kein Zweifel
mehr darber, da er mit Zahnpulver beworfen war. Dessenungeachtet behielt
er die Gefahr im Auge, der der Kaiser, dank seiner Wachsamkeit, vielleicht
entronnen war. Der Attentter suchte - ganz vergebens - an ihm vorbei das
Weite zu gewinnen: Diederichs eiserne Faust berlieferte ihn den
Polizeiwchtern. Diese stellten fest, da es sich um einen Deutschen
handelte, und baten Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich der
Aufgabe, trotz dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit hchster Korrektheit.
Die Antworten des Menschen, der bezeichnenderweise Knstler war, hatten
keine ausgesprochen politische Frbung, verrieten aber durch ihre
abgrundtiefe Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die Tendenzen des
Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung dringend empfahl. Die
Wchter fhrten ihn ab, nicht ohne vor Diederich zu salutieren, der nur
noch Zeit hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier, abbrsten zu
lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs persnlicher Dienst
begann wieder.

Sein Dienst fhrte ihn rastlos umher bis in die Nacht und endlich vor das
Gebude der deutschen Botschaft, wo Seine Majestt Empfang hielt. Ein
lngerer Aufenthalt des Allerhchsten Herrn gab Diederich Gelegenheit,
beim nchsten Wirt seine Stimmung zu erhhen. Er erklomm vor der Tr einen
Stuhl und richtete an das Volk eine Ansprache, die von nationalem Geiste
getragen war und der schlappen Bande die Vorzge eines strammen Regiments
klarmachte und eines Kaisers, der kein Schattenkaiser war ... Sie sahen
ihn, rot berstrahlt vom Licht der offenen Becken, die vor dem Palaste des
Deutschen Reiches loderten, auf seinem Stuhl den eckig behaarten Mund
aufreien, sahen ihn blitzen und wie von Eisen starren - was ihnen
offenbar gengte, um ihn zu verstehen, denn sie jubelten, klatschten und
lieen den Kaiser leben, sooft Diederich ihn leben lie. Mit einem Ernst,
der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich fr seinen Herrn und die
furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen des Auslandes entgegen,
worauf er von dem Stuhl herabkletterte und wieder zum Wein ging. Mehrere
Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken ihm zu und kamen nach in
heimischer Weise. Einer entfaltete eine Abendzeitung mit einem riesigen
Bild des Kaisers und las den Bericht eines Zwischenfalles vor, den im
Portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen hatte. Nur durch die
Geistesgegenwart eines Beamten im persnlichen Dienst des Kaisers war
Schlimmeres verhindert worden; und auch das Bildnis dieses Beamten war
dabei. Diederich erkannte ihn wohl. Wenn die hnlichkeit auch nur
allgemeiner Natur und der Name arg entstellt war, der Umfang des Gesichtes
und der Schnurrbart stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und sich
selbst auf dem gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den Kaiser samt seinem
Untertan der Welt zur Bewunderung dargeboten. Es war zu viel. Feuchten
Auges richtete Diederich sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der
Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer neu genhrt ward,
bewirkten, da die Kunde, der Kaiser verlasse die Botschaft, Diederich
nicht mehr in korrekter Haltung fand. Er tat gleichwohl alles, was er noch
vermochte, um seiner Pflicht zu gengen. Er scho im Zickzack das Kapitol
hinab, stolperte und rollte ber die Stufen weiter. Drunten in der Gasse
holten seine Zechgenossen ihn ein, er stand mit dem Gesicht der Mauer
zugekehrt ... Fackelschein und Hufschlag: der Kaiser! Die anderen
schwankten hinterdrein, Diederich aber, kein Komment half ihm mehr, glitt
hin, wo er stand. Zwei stdtische Wchter fanden ihn, an die Mauer
gelehnt, in einer Lache sitzen. Sie erkannten den Beamten im persnlichen
Dienst des Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse beugten sie sich
ber ihn. Gleich darauf aber sahen sie einander an und brachen in
ungeheure Frhlichkeit aus. Der persnliche Beamte war gottlob nicht tot,
denn er schnarchte; und die Lache, in der er sa, war kein Blut.

Am nchsten Abend, bei der Galavorstellung im Theater, sah der Kaiser
ungewhnlich ernst aus. Diederich bemerkte es, er sagte zu Guste: "Jetzt
wei ich doch, wozu ich das viele Geld hab' ausgegeben. Pa auf, wir
erleben einen historischen Moment!" Und seine Ahnung betrog ihn nicht. Die
Abendbltter verbreiteten sich im Theater, und man erfuhr, der Kaiser
werde noch nachts abreisen, und er habe seinen Reichstag aufgelst!
Diederich, ebenso ernst wie der Kaiser, erklrte allen, die in der Nhe
saen, die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz hatte sich nicht
entbldet, die Militrvorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten gingen fr
ihren Kaiser in einen Kampf auf Leben und Tod! Er selbst werde mit dem
nchsten Zuge nach Hause fahren, versicherte er, worauf man ihm sofort den
Zug nannte ... Wer nicht zufrieden war, war Guste. "Endlich ist man mal
woanders, und, Gott sei Dank, hat man es und kann sich was leisten. Wie
komm' ich dazu, da ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann
gleich wieder retour, blo wegen -." Der Blick, den sie nach der
kaiserlichen Loge schleuderte, war so voll von Auflehnung, da Diederich
mit uerster Strenge einschritt. Guste ward ihrerseits laut; ringsum
zischte man, und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne bot,
sah er sich von ihnen veranlat, mit Guste aufzubrechen, noch bevor ihr
Zug ging. "Komment hat das Pack nun mal nicht", stellte er drauen fest
und schnaufte stark. "berhaupt, was ist hier los, mcht' ich mal wissen.
Schnes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens noch das alte Zeug
an, das da 'rumsteht!" heischte er. Guste, wieder gebndigt, sagte
klagend: "Ich genie' es ja." Und dann fuhren sie in gemessenem Abstand
hinter dem Zug des Kaisers her. Guste, die in der Eile ihre Schwmme und
Brsten vergessen hatte, wollte immer aussteigen. Damit sie
sechsunddreiig Stunden Geduld hatte, mute Diederich ihr unermdlich die
nationale Sache vorhalten. Trotzdem waren, als sie endlich in Netzig Fu
fate, ihre erste Sorge die Schwmme. Am Sonntag hatte man ankommen
mssen! Zum Glck war wenigstens die Lwenapotheke offen. Indes Diederich
vor dem Bahnhof auf die Koffer wartete, ging Guste schon hinber. Da sie
aber nicht zurckkam, folgte er ihr.



Die Tr der Apotheke stand halb offen, drei junge Burschen sphten hinein
und wlzten sich. Diederich, der ber sie wegsah, erstarrte vor Staunen -
denn drinnen hinter dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit
dsterem Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb
Hornung. Guste sagte gerade: "Nun bin ich doch gespannt, ob ich bald meine
Zahnbrste kriege", da kam Gottlieb Hornung hinter dem Ladentisch hervor,
die Arme immer verschrnkt und Guste in seinen dsterm Blick fassend. "Sie
werden meiner Miene angesehen haben," begann er mit Rednerstimme, "da ich
weder in der Lage noch gewillt bin, Ihnen eine Zahnbrste zu verkaufen." -
"Nanu!" machte Guste und wich zurck. "Aber Sie haben doch das ganze Glas
hier voll." Gottlieb Hornung lchelte wie Luzifer. "Der Onkel dort oben" -
er warf den Kopf zurck und zeigte mit dem Kinn nach der Decke, hinter der
wohl sein Prinzipal hauste - "der kann hier feilbieten, was ihm beliebt.
Ich fhle mich dadurch nicht berhrt. Ich habe nicht sechs Semester
studiert und einer hochfeinen Korporation angehrt, damit ich mich jetzt
hier hinstelle und Zahnbrsten verkaufe." - "Wozu sind Sie denn da?"
fragte Guste, merklich eingeschchtert. Da versetzte Hornung, majesttisch
rollend: "Ich bin fr die Rezeptur da!" Und Guste fhlte wohl, sie sei
zurckgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins fiel ihr doch noch ein.
"Mit den Schwmmen wre es wohl dasselbe?" - "Ganz dasselbe", besttigte
Hornung. Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich ernstlich zu
entrsten. Sie streckte den Busen vor und wollte loslegen; Diederich hatte
aber noch Zeit, dazwischenzutreten. Er gab dem Freunde recht darin, da
die Wrde der Neuteutonia zu wahren und ihr Banner hochzuhalten sei. Wenn
jemand trotzdem einen Schwamm brauchte, konnte er ihn sich am Ende selbst
nehmen und den Betrag hinlegen - was Diederich hiermit tat. Gottlieb
Hornung ging inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann
bekundete Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen Ergehen des
Freundes. Leider war viel Migeschick dabei; denn da Hornung niemals
Schwmme und Zahnbrsten hatte verkaufen wollen, war er schon aus fnf
Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen, weiter fr seine
berzeugung einzustehen, auf die Gefahr, da es ihn auch hier wieder seine
Stellung kostete. "Da sieh dir einen echten Neuteutonen an!" sagte
Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an.

Diederich hielt seinerseits nicht lnger zurck mit dem, was er erlebt und
erreicht hatte. Er machte auf seinen Orden aufmerksam, drehte Guste vor
Hornung rundherum und nannte die Ziffer ihres Vermgens. Der Kaiser,
dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schlo und Riegel
saen, war in Rom ganz krzlich und gleichfalls dank Diederich einer
persnlichen Gefahr entronnen. Die Zeitungen sprachen, um eine Panik an
den Hfen und an der Brse zu vermeiden, nur von dem Bubenstreich eines
Halbwahnsinnigen, "aber im Vertrauen gesagt, ich habe Anla, zu glauben,
da ein weitverzweigtes Komplott bestanden hat. Du wirst verstehen,
Hornung, da das nationale Interesse die grte Zurckhaltung gebietet,
denn du bist sicher auch ein national gesinnter Mann." Hornung war es
natrlich, und so konnte Diederich sich ber die hochwichtige Aufgabe
verbreiten, die ihn gentigt hatte, von seiner Hochzeitsreise pltzlich
zurckzukehren. Es galt, in Netzig den nationalen Kandidaten
durchzubringen! Die Schwierigkeiten durfte man sich nicht verhehlen.
Netzig war eine Hochburg des Freisinns, der Umsturz rttelte an den
Grundlagen.... Hier begann Guste zu drohen, da sie mit dem Gepck nach
Hause fahren werde. Diederich konnte den Freund nur noch dringend
einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen, er habe dringend mit ihm zu
reden. Wie er in den Wagen stieg, sah er einen der Schlingel, die drauen
gewartet hatten, die Apotheke betreten und eine Zahnbrste verlangen.
Diederich bedachte, da Gottlieb Hornung eben vermge seiner
aristokratischen Richtung, die ihm beim Verkauf von Schwmmen und
Zahnbrsten so hinderlich war, im Kampf gegen die Demokratie ein
wertvoller Bundesgenosse werden knne. Aber dies war die geringste seiner
schleunigen Sorgen. Der alten Frau Heling wurden nur schnell ein paar
Trnen erlaubt, dann mute sie wieder in das obere Stockwerk hinauf, wo
frher nur das Dienstmdchen und die nasse Wsche untergebracht waren und
wohin Diederich jetzt seine Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Ru von
der Reise noch im Bart, begab er sich hintenherum zum Prsidenten von
Wulckow, lie darauf, nicht weniger unauffllig, Napoleon Fischer zu sich
kommen und hatte inzwischen schon Schritte getan, um ohne Verzug eine
Zusammenkunft mit Kunze, Khnchen und Zillich zu bewirken.

Der Sonntagnachmittag erschwerte das Unternehmen; der Major konnte nur mit
Mhe seiner Kegelpartie entrissen werden, den Pastor mute man an einem
Familienausflug mit Kthchen und Assessor Jadassohn verhindern, und der
Professor befand sich in den Hnden seiner beiden Pensionre, die ihn
schon halb betrunken gemacht hatten. Schlielich gelang es, alle im Lokal
des Kriegervereins zusammenzutreiben, und Diederich erffnete ihnen ohne
weiteren Zeitverlust, da ein nationaler Kandidat aufgestellt werden msse
und da nach Lage der Dinge nur einer in Frage komme, nmlich Herr Major
Kunze. "Hurra!" rief Khnchen ohne weiteres, aber die Miene des Majors zog
sich noch gewitterhafter zusammen. Ob man ihn denn fr naiv halte,
knirschte er hervor. Ob man glaube, er lechze nach einer Blamage. "Ein
nationaler Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich nicht
neugierig. Wenn alles so gewi wre wie der nationale Durchfall!"
Diederich lie dies keineswegs gelten. "Wir haben den Kriegerverein, den
wollen die Herren in Rechnung stellen. Der Kriegerverein ist eine
unschtzbare Operationsbasis. Von ihr aus schlagen wir uns in gerader
Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, und
dort wird die Schlacht gewonnen." "Hurra!" schrie Khnchen wieder, die
beiden anderen aber wnschten doch zu wissen, was es mit dem Denkmal sei,
und Diederich weihte sie ein in seine Erfindung - wobei er lieber darber
hinwegging, da das Denkmal der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und
Napoleon Fischer sei. Das freisinnige Suglingsheim, so viel verriet er,
war nicht populr, eine Menge Whler lieen sich zu der nationalen Sache
herberziehen, wenn man ihnen aus dem Nachla des alten Khlemann ein
Kaiser-Wilhelm-Denkmal versprach. Erstens wurden dabei mehr Handwerker
beschftigt, und dann kam Betrieb in die Stadt, die Einweihung solch eines
Denkmals zog weite Kreise, Netzig hatte Aussicht, seinen schlechten Ruf
als demokratischer Sumpf zu verlieren und in die Gnadensonne zu rcken.
Dabei dachte Diederich an seinen Pakt mit Wulckow, ber den er auch lieber
hinging. "Dem Manne aber, der so unendlich viel fr uns alle erreicht und
errungen hat" - er zeigte schwungvoll auf Kunze - "dem Manne wird unsere
liebe alte Stadt ganz sicher auch dereinst ein Denkmal setzen. Er und
Kaiser Wilhelm der Groe werden einander anblicken -" "Und die Zunge
zeigen", schlo der Major, der bei seinem Unglauben verharrte. "Wenn Sie
meinen, die Netziger warten nur auf den groen Mann, der sie mit
klingendem Spiel in das nationale Lager fhrt, warum spielen Sie dann
nicht selbst den groen Mann?" Und er bohrte sich in Diederichs Augen.
Aber Diederich ri sie nur noch ehrlicher auf; er legte die Hand auf das
Herz. "Herr Major! Meine wohlbekannte kaisertreue Gesinnung hat mir schon
schwerere Prfungen auferlegt als eine Kandidatur fr den Reichstag, und
die Prfungen, das darf ich sagen, hab' ich bestanden! Dabei hab' ich mich
nicht gescheut, als Vorkmpfer der guten Sache, allen Ha der
Schlechtgesinnten auf meine Person zu laden, und hab' es mir dadurch
unmglich gemacht, die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken. Mich
wrden die Netziger nicht whlen, meine Sache werden sie whlen, und darum
trete ich zurck, denn sachlich sein heit deutsch sein, und lasse Ihnen,
Herr Major, neidlos die Ehren und die Freuden!" Allgemeine Bewegung.
Khnchens Bravo klang trnenfeucht, der Pastor nickte weihevoll, und Kunze
starrte, sichtlich erschttert, unter den Tisch. Diederich aber fhlte
sich leicht und gut, er hatte sein Herz sprechen lassen, und es hatte
Treue, Opfersinn und mannhaften Idealismus ausgedrckt. Diederichs blond
behaarte Hand streckte sich ber den Tisch, und die braun behaarte des
Majors schlug zgernd, doch krftig hinein.

Nach dem Herzen freilich ergriff bei allen vier Mnnern wieder die
Vernunft das Wort. Der Major erkundigte sich, ob Diederich bereit sei, ihn
zu entschdigen fr die ideellen und materiellen Verluste, von denen er
bedroht sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Klngels in
die Schranken trete und ihm unterliege. "Sehen Sie wohl!" - und er reckte
den Finger gegen Diederich, der angesichts dieser Geradlinigkeit nicht
gleich Worte fand. "So ganz koscher kommt Ihnen die nationale Sache auch
nicht vor, und da Sie mich durchaus 'rankriegen wollen, wie ich Sie
kenne, Herr Doktor, hngt das mit irgendwelchen Fisimatenten Ihrerseits
zusammen, von denen ich als gerader Soldat gottlob nichts verstehe."
Hierauf beeilte Diederich sich, dem geraden Soldaten einen Orden zu
versprechen, und da er sein Einverstndnis mit Wulckow durchblicken lie,
war der nationale Kandidat endlich rckhaltlos gewonnen.... Inzwischen
aber hatte Pastor Zillich es sich berlegt, ob seine Stellung in der Stadt
es ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees zu bernehmen.
Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde tragen? Sein leiblicher
Schwager Heuteufel war der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn man
statt des Denkmals eine Kirche gebaut htte! "Denn wahrlich, Gotteshuser
tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche von Sankt Marien wird von der
Stadt so sehr vernachlssigt, da sie heute oder morgen mir und meinen
Christen auf den Kopf fallen kann." Ohne Sumen verbrgte Diederich sich
fr alle gewnschten Reparaturen. Zur Bedingung machte er nur, da der
Pastor von den Vertrauensstellungen der neuen Partei alle diejenigen
Elemente fernhalte, die schon durch gewisse uerlichkeiten berechtigte
Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung erregten. "Ohne in
Familienverhltnisse eingreifen zu wollen", setzte Diederich hinzu und sah
Kthchens Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn er muckte nicht....
Aber auch Khnchen, der lngst nicht mehr hurra schrie, meldete sich. Die
beiden anderen hatten ihn, whrend sie selbst sprachen, nur mit Gewalt auf
seinem Sitz festgehalten; kaum da sie ihn loslieen, ri er strmisch die
Debatte an sich. Wo mute die nationale Gesinnung vor allem wurzeln? In
der Jugend? Wie aber war das mglich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein
Freund des Herrn Buck war. "Da kann ich mir die Schwindsucht an den Hals
reden von unseren glorreichen Taten im Jahre siebzig..." Genug, Khnchen
wollte Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm gromtig.

Nachdem dermaen die politische Haltung auf der gesunden Grundlage der
Interessen festgelegt war, konnte man sich mit gutem Gewissen der
Begeisterung hingeben, die, wie Pastor Zillich erklrte, von Gott kam und
auch der besten Sache erst die hhere Weihe lieh, und so begab man sich in
den Ratskeller.

In aller Frhe, als die vier Herren heimgingen, klebten an den Mauern
zwischen den weien Wahlaufrufen Heuteufels und den roten des Genossen
Fischer die schwarzweirot gernderten Plakate, die Herrn Major Kunze als
Kandidaten der "Partei des Kaisers" empfahlen. Diederich pflanzte sich so
fest, als es ihm mglich war, davor auf und las mit schneidiger
Tenorstimme. "Vaterlandslose Gesellen des aufgelsten Reichstages haben es
gewagt, unserem herrlichen Kaiser die Machtmittel zu versagen, deren er
zur Gre des Reiches bedarf.... Wollen uns des groen Monarchen wrdig
erweisen und seine Feinde zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser!
Die fr mich und die wider mich: Umsturz und Partei des Kaisers!"
Khnchen, Zillich und Kunze bekrftigten alles mit Geschrei; und da einige
Arbeiter, die in die Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte
Diederich sich um und erluterte ihnen das nationale Manifest. "Leute!"
rief er. "Ihr wit gar nicht, was ihr fr ein Schwein habt, da ihr
Deutsche seid. Denn um unseren Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe
mich soeben im Ausland persnlich davon berzeugt." Hier schlug Khnchen
mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch, und die vier Herren
schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen zusahen. "Wollt ihr, da euer
Kaiser euch Kolonien schenkt?" fragte Diederich sie. "Na also. Dann
schrft ihm geflligst das Schwert! Whlt keinen vaterlandslosen Gesellen,
das verbitte ich mir, sondern einzig den Kandidaten des Kaisers, Herrn
Major Kunze: sonst garantiere ich euch keinen Augenblick fr unsere
Stellung in der Welt, und es kann euch passieren, da ihr mit zwanzig Mark
weniger Lohn alle vierzehn Tage nach Haus geht!" Hier sahen die Arbeiter
stumm einander an, und dann setzten sie sich wieder in Bewegung.

Aber auch die Herren verloren keine Zeit. Kunze selbst ging auf steifen
Beinen an die Aufgabe, den Mitgliedern des Kriegervereins den Standpunkt
klarzumachen. "Wenn die Kerls glauben," erklrte er, "sie knnen knftig
noch den freien Gewerkschaften angehren! Den Freisinn treiben wir ihnen
auch aus! Von heute ab greift 'ne schrfere Tonart Platz!" Pastor Zillich
verhie eine verwandte Ttigkeit in den christlichen Vereinen, indes
Khnchen zum voraus von der frischen Begeisterung seiner Primaner
schwrmte, die auf Fahrrdern die Stadt durcheilen und Whler
herbeischleppen sollten. Das rastloseste Pflichtgefhl aber beseelte doch
Diederich. Er verschmhte jede Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und
ihn mit Vorwrfen empfing, erwiderte er blitzend: "Mein Kaiser hat ans
Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans Schwert schlgt, dann gibt es
keine ehelichen Pflichten mehr. Verstanden?" Worauf Guste sich schroff
herumwarf und das mit ihren hinteren Reizen ausgefllte Federbett wie
einen Turm zwischen sich und den Ungeflligen stellte. Diederich
unterdrckte das Bedauern, das ihn beschleichen wollte, und schrieb
ungesumt einen Warnruf gegen das freisinnige Suglingsheim. Die "Netziger
Zeitung" brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus der Feder des
Herrn Doktors Heuteufel eine beraus warme Empfehlung des Suglingsheims
gebracht hatte. Denn, wie der Redakteur Nothgroschen hinzusetzte, das
Organ des gebildeten Brgertums war es seinen Abonnenten schuldig, an jede
neu auftauchende Idee vor allem den Prfstein seines Kulturgewissens zu
legen. Und dies tat Diederich in geradezu vernichtender Weise. Fr wen war
so ein Suglingsheim naturgem in erster Linie bestimmt? Fr die
unehelichen Kinder. Was begnstigte es also? Das Laster. Hatten wir das
ntig? Nicht die Spur; "denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen
Lage der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen
Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat gesetzt sind. Die
mgen uneheliche Geburten preiskrnen, weil sie sonst keine Soldaten mehr
haben. Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns eines
unerschpflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der Erde!" Und Diederich
rechnete den Abonnenten der "Netziger Zeitung" vor, bis wann sie und
ihresgleichen hundert Millionen betragen wrden, und wie lange es
hchstens noch dauern knne, bis die Erde deutsch sei.

Hiermit waren, nach der Meinung des nationalen Komitees, die
Vorbereitungen getroffen fr die erste Wahlversammlung der "Partei des
Kaisers". Sie sollte bei Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch
aufgemacht hatte. In Tannenkrnzen glhten Transparente: "Der Wille des
Knigs ist das hchste Gebot." "Es gibt fr euch nur einen Feind, und der
ist mein Feind." "Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich." "Mein Kurs ist
der richtige." "Brger, erwacht aus dem Schlummer!" Fr das Erwachen
sorgten Klappsch und Frulein Klappsch, indem sie berall immer frisches
Bier hinstellte, ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze aufzuhufen. So
ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn der Versammlung
vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen. Diederich freilich, hinter der
Rauchwolke, in der das Bureau sa, machte die unliebsame Bemerkung, da
auch Heuteufel, Cohn und einige von ihrem Anhang in den Saal gelangt
waren. Er stellte Gottlieb Hornung zur Rede, denn Hornung hatte die
Aufsicht. Aber er wollte sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es
hatte ihn zu groe Mhe gekostet, die Leute zusammenzutreiben. So viele
Lieferanten wie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal dank seiner Agitation nun schon
hatte, konnte die Stadt nie bezahlen, und wenn der alte Khlemann dreimal
starb! Geschwollene Hnde hatte Hornung von den Begrungen all der
neubekehrten Patrioten! Zumutungen hatten sie an ihn gestellt! Da er sich
mit einem Drogisten assoziieren sollte, war noch das wenigste. Aber
Gottlieb Hornung protestierte gegen diesen demokratischen Mangel an
Distanz. Der Besitzer der Lwenapotheke hatte ihm soeben gekndigt, und er
war entschlossener als je, weder Schwmme noch Zahnbrsten zu
verkaufen.... Inzwischen stammelte Kunze an seiner Kandidatenrede. Denn
seine finstere Miene tuschte Diederich nicht darber, da der Major
dessen, was er sagen wollte, durchaus nicht sicher war und da der
Wahlkampf ihn befangener machte, als der Ernstfall es getan haben wrde.
Er sagte: "Meine Herren, das Heer ist die einzige Sule", da jedoch einer
aus der Gegend Heuteufels dazwischenrief: "Schon faul!", verwirrte Kunze
sich sogleich und setzte hinzu: "Aber wer bezahlt es? Der Brger." Worauf
die um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche Richtung
gedrngt, erklrte Kunze: "Darum sind wir alle Sulen, das drfen wir wohl
verlangen, und wehe dem Monarchen -" "Sehr richtig!" antworteten
freisinnige Stimmen, und die gutglubigen Patrioten schrien mit. Der Major
wischte sich den Schwei; ohne sein Zutun nahm seine Rede einen Verlauf,
als hielte er sie im liberalen Verein. Diederich zog ihn von hinten am
Rockscho, er beschwor ihn, Schlu zu machen, aber Kunze versuchte es
vergebens: den bergang zur Wahlparole der "Partei des Kaisers" fand er
nicht. Am Ende verlor er die Geduld, ward jh dunkelrot und stie mit
unvermittelter Wildheit hervor: "Ausrotten bis auf den letzten Stumpf!
Hurra!" Der Kriegerverein donnerte Beifall. Wo nicht mitgeschrien wurde,
erschienen auf Diederichs Wink eilends Klappsch oder Frulein Klappsch.

Zur Diskussion meldete sich alsbald Doktor Heuteufel, aber Gottlieb
Hornung kam ihm zuvor. Diederich fr seine Person blieb lieber im
Hintergrund, hinter der Rauchwolke des Prsidiums. Er hatte Hornung zehn
Mark versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie auszuschlagen.
Knirschend trat er an den Rand der Bhne und erluterte die Rede des
verehrten Herrn Majors dahin, da das Heer, fr das wir alle zu jedem
Opfer bereit seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie
sei. "Die Demokratie ist die Weltanschauung der Halbgebildeten", stellte
der Apotheker fest. "Die Wissenschaft hat sie berwunden." "Sehr richtig!"
rief jemand; es war der Drogist, der sich mit ihm assoziieren wollte.
"Herren und Knechte wird es immer geben!" bestimmte Gottlieb Hornung,
"denn in der Natur ist es auch so. Und es ist da einzig Wahre, denn jeder
mu ber sich einen haben, vor dem er Angst hat, und einen unter sich, der
vor ihm Angst hat. Wohin kmen wir sonst! Wenn der erste beste sich
einbildet, er ist ganz fr sich selbst was und alle sind gleich! Wehe dem
Volk, dessen berkommene, ehrwrdige Formen sich erst in den
demokratischen Mischmasch auflsen, und wo der zersetzende Standpunkt der
Persnlichkeit das bergewicht bekommt!" Hier verschrnkte Gottlieb
Hornung die Arme und schob den Nacken vor. "Ich," rief er, "der ich einer
hochfeinen Verbindung angehrt habe und den freudigen Blutverlust fr die
Ehre der Farben kenne, ich bedanke mich dafr, da ich Zahnbrsten
verkaufen soll!"

"Und Schwmme auch nicht?" fragte jemand.

"Auch nicht!" entschied Hornung. "Ich verbitte mir ganz energisch, da
noch mal einer kommt. Man soll immer wissen, wen man vor sich hat. Jedem
das Seine. Und in diesem Sinne geben wir unsere Stimme nur einem
Kandidaten, der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben will.
Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!"

Damit trat Gottlieb Hornung zurck und sah, den Unterkiefer vorgeschoben,
aus gefalteten Brauen in das Beifallsgebrause. Der Kriegerverein lie es
sich nicht nehmen, mit geschwungenen Bierglsern an ihm und Kunze
vorbeizudefilieren. Kunze nahm Hndedrcke entgegen, Hornung stand ehern
da - und Diederich konnte nicht umhin, mit Bitterkeit zu empfinden, da
diese beiden zweitklassigen Persnlichkeiten den Vorteil hatten von einer
Gelegenheit, die sein Werk war. Er mute ihnen die Volksgunst des
Augenblicks wohl lassen, denn er wute besser als die beiden Gimpel, wo
dies hinauswollte. Da der nationale Kandidat am Ende nur dazu da war, eine
Hilfstruppe fr Napoleon Fischer anzuwerben, tat man gut daran, sich nicht
selbst hinauszustellen. Heuteufel freilich legte es darauf an, Diederich
hervorzulocken. Der Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort nicht
lnger verweigern, sofort begann er vom Suglingsheim. Das Suglingsheim
sei eine Sache des sozialen Gewissens und der Humanitt. Was aber sei das
Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Eine Spekulation, und die Eitelkeit sei noch der
anstndigste der Triebe, auf die spekuliert werde.... Die Lieferanten dort
unten hrten zu in einer Stille voll peinlicher Gefhle, denen hier und da
ein dumpfes Murren entstieg. Diederich bebte. "Es gibt Leute," behauptete
Heuteufel, "denen es auf hundert Millionen mehr fr das Militr nicht
ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es fr ihre Person wieder
hereinbringen." Da schnellte Diederich auf: "Ich bitte ums Wort!" und mit
Bravo! Hoho! Abtreten! explodierten die Gefhle der Lieferanten. Sie
grlten, bis Heuteufel fort war und Diederich dastand.

Diederich wartete lange, bevor das Meer der nationalen Emprung sich
beruhigte. Dann begann er. "Meine Herren!" "Bravo!" schrien die
Lieferanten, und Diederich mute weiter warten in der Atmosphre
gleichgestimmter Gemter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie ihn
reden lieen, gab er der allgemeinen Emprung Worte, da der Vorredner es
habe wagen knnen, die Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu
verdchtigen. "Unerhrt!" riefen die Lieferanten. "Das beweist uns nur,"
rief Diederich, "wie zeitgem die Grndung der 'Partei des Kaisers' war!
Der Kaiser selbst hat befohlen, da alle diejenigen sich
zusammenschlieen, die, ob edel oder unfrei, ihn von der Pest des
Umsturzes befreien wollen. Das wollen wir, und darum steht unsere
nationale und kaisertreue Gesinnung hoch ber den Verdchtigungen derer,
die selbst blo eine Vorfrucht des Umsturzes sind!" Noch bevor der Beifall
losbrechen konnte, sagte Heuteufel sehr deutlich: "Abwarten! Stichwahl!"
Und obwohl die Lieferanten sogleich alles weitere im Getse ihrer Hnde
erstickten, fand Diederich doch schon in diesen zwei Worten so gefhrliche
Andeutungen versteckt, da er schnell ablenkte. Das Suglingsheim war ein
weniger verfngliches Gebiet. Wie? Eine Sache des sozialen Gewissens
sollte es sein? Ein Ausflu des Lasters war es! "Wir Deutschen berlassen
so was den Franzosen, die ein sterbendes Volk sind!" Diederich brauchte
nur seinen Artikel aus der "Netziger Zeitung" herzusagen. Der vom Pastor
Zillich geleitete Jnglingsverein sowie die christlichen Handlungsgehilfen
klatschten bei jedem Wort. "Der Germane ist keusch!" rief Diederich,
"darum haben wir im Jahre siebzig gesiegt!" Jetzt war die Reihe am
Kriegerverein, von Begeisterung zu drhnen. Hinter dem Tisch des
Vorstandes sprang Khnchen auf, schwenkte seine Zigarre und kreischte: "Nu
verklobben mer sie bald noch emal!" Diederich hob sich auf die Zehen.
"Meine Herren!" schrie er angestrengt in die nationalen Wogen, "das
Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung fr den erhabenen Grovater
sein, den wir, ich darf es sagen, alle fast wie einen Heiligen verehren,
und zugleich ein Versprechen an den erhabenen Enkel, unseren herrlichen
jungen Kaiser, da wir so bleiben wollen wie wir sind, nmlich keusch,
freiheitsliebend, wahrhaftig, treu und tapfer!"

Hier waren wieder die Lieferanten nicht mehr zu halten. Selbstvergessen
schwelgten sie im Idealen - und auch Diederich war sich keiner weltlichen
Hintergedanken mehr bewut, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht seiner
Verschwrung mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln Absichten fr die
Stichwahl. Reine Begeisterung entfhrte seine Seele auf einen Flug, von
dem ihr schwindelte. Erst nach einer Weile konnte er wieder schreien.
"Abzuweisen und mit aller Schrfe hinter die ihnen gebhrenden Schranken
zurckzudmmen sind daher die Anwrfe derer, die weiter nichts wollen, als
uns verweichlichen mit ihrer falschen Humanitt!" - "Wo haben Sie Ihre
echte sitzen?" fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch die
nationale Gesinnung der Versammelten so hoch auf, da Diederich nur noch
stellenweise zu hren war. Man verstand, er wollte keinen ewigen Frieden,
denn das war ein Traum und nicht einmal ein schner. Dagegen wollte er
eine spartanische Zucht der Rasse. Bldsinnige und Sittlichkeitsverbrecher
waren durch einen chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu
verhindern. Bei diesem Punkt verlie Heuteufel mit den Seinen das Lokal.
Von der Tr rief er noch her: "Den Umsturz kastrieren Sie auch!" Diederich
antwortete: "Machen wir, wenn Sie noch lange nrgeln!" "Machen wir!" tnte
es zurck von allen Seiten. Alle waren pltzlich auf den Fen, prosteten,
jauchzten und vermischten ihre Hochgefhle. Diederich, umbraust von
Huldigungen, wankend unter dem Ansturm treudeutscher Hnde, die die seinen
schtteln wollten, und nationaler Bierglser, die mit ihm anstieen, sah
von seiner Bhne in den Saal hinaus, der seinem durch Rausch getrbten
Blick weiter und hher schien. Aus den hchsten Tabakswolken glhten ihn
mystisch die Gebote seines Herrn an: "Der Wille des Knigs!" "Mein Feind!"
"Mein Kurs!" Er wollte sie in das brausende Volk hineinschreien - aber er
griff sich an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war stockheiser. Da
sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der leider fort war. "Ich htte
ihn nicht so reizen sollen. Jetzt gnade mir Gott, wenn er mich pinselt."



Die schlimmste Rache Heuteufels war, da er Diederich das Ausgehen verbot.
Drauen tobte der Kampf tglich wilder, und alle standen in der Zeitung,
weil alle redeten: Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur
Nothgroschen, zu schweigen von Khnchen, der berall zugleich redete. Nur
Diederich in seinem neu altdeutsch mblierten Salon gurgelte stumm. Von
der Estrade beim Fenster sahen drei Bronzefiguren in zweidrittel
Lebensgre ihm zu: der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von
Sckingen. Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen; obwohl Cohn
das Helingsche Papier abbestellt hatte und noch immer nicht national
empfand, hatte Diederich sie in seiner Einrichtung nicht missen wollen.
Guste warf sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu teuer fand.

Guste begann in letzter Zeit launisch zu werden, auch kamen ihr
belkeiten, whrend deren sie sich im Schlafzimmer von der alten Frau
Heling pflegen lie. Sobald es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte
daran, da hier eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau Heling
verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine wahre Gnade
hinzustellen fr Guste, in ihrer damaligen Lage. Zum Schlu war Guste rot
aufgeblht und schnaufte, Frau Heling aber vergo Trnen. Diederich hatte
den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit ihm die Liebe selbst, in
der Absicht, ihn, der nichts ahnte, auf ihre Seite zu bringen.

Was Emmi betraf, so schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend, einfach die Tr
zu und ging hinauf in ihr Zimmer, das eine schrge Decke hatte. Guste sann
darauf, sie auch daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen die
Wsche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte, keinen Mann fand, mute
man sie eben unter ihrem Stande verheiraten, mit einem braven Handwerker!
Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste in der Familie hinaus,
sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies erbitterte Guste am meisten,
Emmi ward zu den Frulein von Brietzen eingeladen - obwohl diese das Haus
nie betreten hatten. Ihr Bruder, der Leutnant, wrde Guste, von den
Soupers bei ihrer Mutter her, wenigstens einen Besuch geschuldet haben,
aber nur der zweite Stock des Helingschen Hauses ward von ihm fr wrdig
befunden, es war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen Erfolge
behteten Emmi freilich nicht vor Tagen groer Niedergeschlagenheit; dann
verlie sie ihr Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die gemeinsam
waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefhl und Langeweile, hinauf zu ihr,
Emmi schlo aber, wie sie sie sah, die Augen, sie lag in ihrer
hinflieenden Matinee bleich und starr da. Guste, die keine Antwort bekam,
versuchte es ihrerseits mit Vertraulichkeiten ber Diederich und ber
ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich jh zusammen, sie wlzte
sich auf einen ihrer Arme, und mit dem anderen winkte sie heftig nach der
Tr. Guste blieb den Ausdruck ihrer Emprung nicht schuldig; Emmi, jh
aufgesprungen, gab ihrem Wunsch, alleinzubleiben, die deutlichsten Worte;
und als die alte Frau Heling hinzukam, war es schon beschlossene Sache,
da die beiden Teile der Familie knftig getrennt essen wrden. Diederich,
dem Guste vorweinte, war peinlich berhrt von den Weibergeschichten. Zum
Glck kam ihm ein Gedanke, der geeignet schien, zunchst mal Ruhe zu
schaffen. Da er wieder ber ein wenig Stimme verfgte, ging er gleich zu
Emmi und verkndete ihr seinen Entschlu, sie fr einige Zeit nach
Eschweiler zu schicken, zu Magda. Erstaunlicherweise lehnte sie ab. Da er
nicht nachlie, wollte sie aufbegehren, ward aber pltzlich wie von Angst
befallen und begann leise und instndig zu bitten, da sie dableiben
drfe. Diederich, dem, er wute nicht was, ans Herz griff, lie ratlos die
Augen umhergehen, und dann zog er sich zurck.

Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen, beim Mittagessen,
frisch gertet und in bester Laune. Guste, die um so zurckhaltender
blieb, warf Diederich Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein
Glas gegen Emmi und sagte schalkhaft: "Prost, Frau von Brietzen". Da
erblate Emmi. "Mach' dich nicht lcherlich!" rief sie zornig, warf die
Serviette hin und schlug die Tr zu. "Nanu", knurrte Diederich; aber Guste
hob nur die Schultern. Erst als die alte Frau Heling fort war, sah sie
Diederich merkwrdig in die Augen und fragte: "Glaubst du wirklich?" Er
erschrak, machte aber ein fragendes Gesicht. "Ich meine," erklrte Guste,
"dann knnte mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Strae gren. Aber
heute hat er einen Bogen gemacht." Diederich bezeichnete dies als Unsinn.
Guste erwiderte: "Wenn ich es mir blo einbilde, dann bilde ich mir noch
mehr ein, weil ich nmlich in der Nacht schon fter was durchs Haus
schleichen gehrt habe, und heute sagte auch Minna -." Weiter kam Guste
nicht. "Aha!" Diederich schnob. "Mit den Dienstboten steckst du zusammen!
Das tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir nur sagen, da ich das nicht
dulde. ber der Ehre meines Hauses wache ich allein, dazu brauche ich
weder Minna noch dich, und wenn ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber
gleich beide zu, da ihr die Tr wiederfindet, wo ihr hereingekommen
seid!" Vor dieser mannhaften Haltung konnte Guste sich freilich nur
ducken, aber sie lchelte ihm von unten nach, wie er davonging.

Diederich seinerseits war froh, durch sein festes Auftreten die Sache aus
der Welt geschafft zu haben. Denn noch verwickelter, als es in diesen
Zeiten schon war, durfte das Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn
leider nun drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden nicht
unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte ihn noch heute morgen davon
unterrichtet, da die "Partei des Kaisers" ihm zu stark werde und da sie
neuerdings zu viel gegen die Sozialdemokratie hetze. Unter diesen
Umstnden -. Um ihn zu beruhigen, hatte Diederich ihm versprechen mssen,
gleich heute werde er die bernommenen Verpflichtungen erfllen und von
den Stadtverordneten das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus
verlangen.... So begab er sich, durchaus noch nicht hergestellt, in die
Versammlung - und hier mute er erleben, da der Antrag betreffend das
Gewerkschaftshaus soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren
Cohn und Genossen. Die Liberalen stimmten dafr, er ging durch, so glatt,
als sei er der erste beste. Diederich, der den nationalen Verrat der Cohn
und Genossen laut geieln wollte, konnte nur bellen: der tckische Streich
hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum heimgekehrt, lie er sich
Napoleon Fischer kommen.

"Sie sind entlassen!" bellte Diederich. Der Maschinenmeister grinste
verdchtig. "Schn", sagte er und wollte abziehen.

"Halt!" bellte Diederich. "Wenn Sie meinen, Sie kommen so leicht los.
Gehen Sie mit dem Freisinn zusammen, dann verlassen Sie sich darauf, da
ich unseren Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!"

"Politik ist Politik", bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend. Und da
Diederich vor so viel Zynismus nicht einmal mehr bellen konnte, trat
Napoleon Fischer vertraulich nher, fast htte er Diederich auf die
Schulter geklopft. "Herr Doktor," sagte er wohlwollend, "tun Sie doch nur
nicht so. Wir beide: - na ja, ich sage blo, wir beide ..." Und sein
Grinsen war so voll Mahnungen, da Diederich erschauerte. Schnell bot er
Napoleon Fischer eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte:

"Wenn einer von uns beiden erst anfngt zu reden, wo hrt dann der andere
auf! Hab' ich recht, Herr Doktor? Aber wir sind doch keine alten
Seichtbeutel, die immer gleich mit allem herausmssen, wie zum Beispiel
der Herr Buck."

"Wieso?" fragte Diederich tonlos und fiel von einer Angst in die andere.
Der Maschinenmeister tat erstaunt. "Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck
erzhlt doch berall, da Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm
meinen. Sie mchten blo Gausenfeld billig haben, und denken, Sie kriegen
es billiger, wenn Klsing Angst wegen gewisser Auftrge hat, weil er nicht
national ist."

"Das sagt er?" fragte Diederich, zu Stein geworden.

"Das sagt er", wiederholte Fischer. "Und er sagt auch, er tut Ihnen den
Gefallen und spricht fr Sie mit Klsing. Dann werden Sie sich wohl wieder
beruhigen, sagt er."

Da wich der Bann von Diederich. "Fischer!" versetzte er mit kurzem Gebell.
"Merken Sie sich, was jetzt kommt. Den alten Buck werden Sie noch im
Rinnstein stehen und betteln sehen. Jawohl! Dafr werd' ich sorgen,
Fischer. Adieu."

Napoleon Fischer war hinaus, aber Diederich bellte noch lange, im Zimmer
umherstampfend, vor sich hin. Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter
allen Widerstnden stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt.
Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk gewesen - und jetzt die infame
Verleumdung mit Gausenfeld. Diederichs ganzes Innere bumte sich auf, in
der Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung. "Und woher wei er
es?" dachte er mit zornigem Entsetzen. "Hat Wulckow mich verkauft? Sie
glauben wohl alle schon, ich treibe doppeltes Spiel?" Denn Kunze und die
anderen waren ihm heute merklich abgekhlt erschienen; sie hielten es
scheinbar nicht mehr fr ntig, ihn einzuweihen in das, was vorging?
Diederich gehrte nicht dem Komitee an, er hatte der Sache das Opfer
seines persnlichen Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht der
eigentliche Grnder der Partei des Kaisers?... Verrat berall, Intrigen,
feindseliger Verdacht - und nirgends schlichte deutsche Treue.

Da er nur bellen konnte, mute er in der nchsten Wahlversammlung hilflos
zusehen, wie Zillich - es war klar, aus welchem persnlichen Interesse -
Jadassohn reden lie, und wie Jadassohn strmischen Beifall erntete, als
er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen loszog, die Napoleon
Fischer whlen wrden. Diederich bemitleidete dieses wenig staatsmnnische
Vorgehen, er wute sich Jadassohn hoch berlegen. Andererseits war es
nicht zu verkennen, da Jadassohn, je weiter er sich durch seinen Erfolg
hinreien lie, desto lautere Zustimmung bei gewissen Zuhrern fand, die
keineswegs national anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel
gehrten. Sie waren in verdchtiger Menge erschienen - und Diederich,
berreizt durch die Fallen ringsum, sah am Ursprung auch dieses Manvers
wieder den Erzfeind stehen, ihn, der berall das Bse lenkte, den alten
Buck.

Der alte Buck hatte blaue Augen, ein menschenfreundliches Lcheln, und er
war der falscheste Hund von allen, die die Gutgesinnten umdrohten. Der
Gedanke an den alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am
folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den Seinen keine Antworten;
er fhrte eingebildete Streiche gegen den alten Buck. Besonders erbitterte
es ihn, da er den Alten fr einen schon zahnlosen Schwtzer gehalten
hatte, und jetzt zeigte er die Zhne. Nach all seinen humanitren
Redensarten wirkte es auf Diederich wie eine Herausforderung, da er sich
nun doch nicht einfach fressen lie. Die heuchlerische Milde, mit der er
getan hatte, als verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes!
Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung
gebracht? Nur damit Diederich sich Blen gebe und leichter zu fassen sei.
Die Frage des Alten damals, ob Diederich der Stadt sein Grundstck
verkaufen wolle, stellte sich jetzt als die gefhrlichste Falle heraus.
Diederich fhlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt, als sei bei
seiner geheimen Unterredung mit dem Prsidenten von Wulckow der alte Buck,
unsichtbar im Tabaksqualm, dabei gewesen; und als Diederich, in einer
dunklen Winternacht an Gausenfeld hinangeschlichen, sich in den Graben
geduckt und die Augen, die vielleicht funkelten, geschlossen hatte, da war
droben der alte Buck vorbeigegangen und hatte zu ihm hinabgespht ... Im
Geiste sah Diederich den Alten sich ber ihn beugen und die weie, weiche
Hand hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die Gte in seinen Zgen
war krasser Hohn, sie war das Unertrglichste. Er dachte Diederich kirre
zu machen und mit seinen Schlichen leise zurckzuleiten wie einen
verlorenen Sohn. Aber man sollte sehen, wer schlielich die Treber fra!

"Was hast du, mein lieber Sohn?" fragte Frau Heling, denn Diederich hatte
vor Ha und Angst schwer aufgesthnt. Er erschrak; in diesem Augenblick
betrat Emmi das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals
betreten - ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus, seufzte, als sei
sie allein, und begab sich auf den Rckweg. Guste sah ihr nach; wie Emmi
an Diederich vorbeikam, umfate Gustes spttischer Blick sie beide, und
Diederich erschrak noch tiefer: denn dies war das Lcheln des Umsturzes,
das er an Napoleon Fischer kannte. So lchelte Guste. Vor Schrecken
runzelte er die Stirn und rief barsch: "Was gibt es!" Schleunigst verkroch
sich Guste in ihre Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den
entgeisterten Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. "Was ist mit dir?"
fragte er, und da sie stumm blieb: "Wen suchst du auf der Strae?" Sie hob
nur die Schultern, in ihrer Miene geschah gar nichts. "Nun?" wiederholte
er leiser; denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwrdig unbeteiligt und
dadurch berlegen schienen, erschwerten es ihm, laut zu sein. Sie lie
sich endlich herbei zu sprechen.

"Es htte sein knnen, da die beiden Frulein von Brietzen noch gekommen
wren."

"Am spten Abend?" fragte Diederich. Da sagte Guste: "Weil wir an die Ehre
doch gewhnt sind. Und berhaupt, sie sind schon gestern mit ihrer Mama
abgereist. Wenn sie einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar nicht
kennen, braucht man blo an der Villa vorbeizugehen."

"Wie?" machte Emmi.

"Na gewi doch!" Und das Gesicht berglnzt, triumphierend lie Guste das
Ganze los. "Der Leutnant reist auch bald hinterher. Er ist doch versetzt."
Eine Pause, ein Blick. "Er hat sich versetzen lassen."

"Du lgst", sagte Emmi. Sie hatte gewankt, man sah, wie sie sich steif
machte. Den Kopf sehr hoch, wandte sie sich ab und lie hinter sich den
Vorhang fallen. Im Zimmer war Stille. Die alte Frau Heling auf ihrem Sofa
faltete die Hnde, Guste sah herausfordernd Diederich nach, der schnaufend
umherlief. Als er wieder bei der Tr war, gab er sich einen Ruck. Durch
den Spalt erblickte er Emmi, die im Ezimmer auf einem Stuhl sa oder
hing, zusammengekrmmt, als habe man sie gebunden und dort hingeworfen.
Sie zuckte, dann kehrte sie das Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz
wei gewesen und war jetzt stark gertet, der Blick sah nichts - und
pltzlich sprang sie auf, fuhr los wie gebrannt, und mit zornigen,
unsicheren Schritten strmte sie fort, sich anschlagend, ohne Schmerz zu
fhlen, fort, wie in Nebel hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich
in steigender Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur Respektlosigkeit
geneigt schien, raffte er den gewohnten Komment zusammen und stampfte
stramm hinter Emmi her.

Noch hatte er nicht die Treppe erreicht, und droben ward schon heftig die
Tr versperrt, mit Schlssel und Riegel. Da begann Diederichs Herz so
stark zu klopfen, da er anhalten mute. Als er hinaufgelangt war, blieb
ihm nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einla zu verlangen. Keine
Antwort, aber er hrte etwas klirren auf dem Waschtisch, - und pltzlich
schwenkte er die Arme, schrie, schlug gegen die Tr und schrie unfrmlich.
Vor seinem eigenen Lrm hrte er nicht, wie sie ffnete, und schrie noch,
als sie schon vor ihm stand. "Was willst du?" fragte sie zornig, worauf
Diederich sich sammelte. Von der Treppe sphten mit fragendem Entsetzen
Frau Heling und Guste hinauf. "Unten bleiben!" befahl er, und er drngte
Emmi in das Zimmer zurck. Er schlo die Tr. "Das brauchen die anderen
nicht zu riechen", sagte er knapp, und er nahm aus der Waschschssel einen
kleinen Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit gestrecktem
Arm von sich fort und heischte: "Woher hast du das?" Sie warf den Kopf
zurck und sah ihn an, sagte aber nichts. Je lnger dies dauerte, um so
weniger wichtig fhlte Diederich die Frage werden, die doch von Rechts
wegen die erste war. Schlielich ging er einfach zum Fenster und warf den
Schwamm in den dunklen Hof. Es platschte, er war in den Bach gefallen.
Diederich seufzte erleichtert.

Jetzt hatte Emmi eine Frage. "Was fhrst du hier eigentlich auf? La mich
geflligst machen, was ich will!"

Dies kam ihm unerwartet. "Ja, was - was willst du denn?"

Sie sah weg, sie sagte achselzuckend: "Dir kann es gleich sein."

"Na, hre mal!" Diederich emprte sich. "Wenn du vor deinem himmlischen
Richter dich nicht mehr genierst, was ich persnlich durchaus mibillige:
ein bichen Rcksicht knntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man ist
nicht allein auf der Welt."

Ihre Gleichgltigkeit verletzte ihn ernstlich. "Einen Skandal in meinem
Hause verbitte ich mir! Ich bin der erste, den es trifft."

Pltzlich sah sie ihn an. "Und ich?"

Er schnappte. "Meine Ehre -!" Aber er hrte gleich wieder auf; ihre Miene,
die er nie so ausdrucksvoll gekannt hatte, klagte und hhnte zugleich. In
seiner Verwirrung ging er zur Tr. Hier fiel ihm ein, was das Gegebene
sei.

"Im brigen werde ich meinerseits als Bruder und Ehrenmann natrlich voll
und ganz meine Pflicht tun. Ich darf erwarten, da du dir inzwischen die
uerste Zurckhaltung auferlegst." Mit einem Blick nach der
Waschschssel, aus der noch immer der Geruch kam.

"Dein Ehrenwort!"

"La mich in Ruhe", sagte Emmi. Da kehrte Diederich zurck.

"Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht bewut zu sein. Du
hast, wenn das, was ich frchten mu, wahr ist -"

"Es ist wahr", sagte Emmi.

"Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum mindesten deine
gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern eine ganze Familie mit
Schande bedeckt. Und wenn ich nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich
hintrete -"

"Dann ist es auch noch so", sagte Emmi.

Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden vor so viel
Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu deutlich, was alles sie
durchschaut und abgetan hinter sich lie. Vor der berlegenheit ihrer
Verzweiflung kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es wie
knstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich, er setzte sich und brachte
hervor: "So sag' mir doch nur -. Ich will dir auch -." Er sah an Emmis
Erscheinung hin, das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. "Ich will dir
helfen", sagte er. Sie sagte mde: "Wie willst du das wohl machen?" und
sie lehnte sich drben an die Wand.

Er sah vor sich nieder. "Du mut mir freilich einige Aufklrungen geben:
ich meine, ber gewisse Einzelheiten. Ich vermute, da es schon seit
deinen Reitstunden dauert?..."

Sie lie ihn weiter vermuten, sie besttigte nicht, noch widersprach sie -
wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie weich geffnete Lippen, und ihr Blick
hing an ihm mit Staunen. Er begriff, da sie staunte, weil er vieles, das
sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach. Ein
unbekannter Stolz erfate sein Herz, er stand auf und sagte vertraulich:
"Verla dich auf mich. Gleich morgen frh gehe ich hin."

Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf.

"Du kennst das nicht. Es ist aus."

Da machte er seine Stimme wohlgemut. "Ganz wehrlos sind wir auch nicht!
Ich mchte doch sehen!"

Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals zurck.

"Du wirst ihn fordern?" Sie ri die Augen auf und hielt die Hand vor den
Mund.

"Wieso?" machte Diederich, denn hieran hatte er nicht mehr gedacht.

"Schwre mir, da du ihn nicht forderst!"

Er versprach es. Zugleich errtete er, denn er htte gern noch gewut, fr
wen sie frchtete, fr ihn oder fr den anderen. Dem anderen wrde er es
nicht gegnnt haben. Aber er unterdrckte die Frage, weil die Antwort ihr
peinlich sein konnte; und er verlie das Zimmer beinahe auf den
Fuspitzen.

Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten, schickte er streng zu
Bett. Er selbst legte sich erst dann neben Guste, als sie schon schlief.
Er hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten wrde. Natrlich imponieren!
Zweifel am Ausgang der Sache berhaupt nicht zulassen! Aber anstatt seiner
eigenen, schneidigen Gestalt erschien vor Diederichs Geist immer wieder
ein gedrungener Mann mit blanken bekmmerten Augen, der bat, aufbrauste
und ganz zusammenbrach: Herr Gppel, Agnes Gppels Vater. Jetzt verstand
Diederich in banger Seele, wie damals dem Vater zumute gewesen war. "Du
kennst das nicht", meinte Emmi. Er kannte es - weil er es zugefgt hatte.

"Gott bewahre!" sagte er laut und wlzte sich herum. "Ich lasse mich auf
die Sache nicht ein. Emmi hat doch nur geblufft mit dem Chloroform. Die
Weiber sind raffiniert genug dafr. Ich werf' sie hinaus, wie es sich
gehrt!" Da stand vor ihm auf regnerischer Strae Agnes und starrte, das
Gesicht wei von Gaslicht, zu seinem Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch
ber seine Augen. "Ich kann sie nicht auf die Strae jagen!" Es ward
Morgen, und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war.

"Ein Leutnant steht frh auf", dachte er und entwischte, bevor Guste wach
wurde. Hinter dem Sachsentor die Grten zwitscherten und dufteten zum
Frhlingshimmel. Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus
und als seien lauter Neuvermhlte hineingezogen. "Wer wei," dachte
Diederich und atmete die gute Luft ein, "vielleicht ist es gar nicht
schwer. Es gibt anstndige Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich
gnstiger als -" Er lie den Gedanken lieber fallen. Dort hinten hielt ein
Wagen - vor welchem Haus denn? Also doch. Das Gitter stand offen, auch die
Tr. Der Bursche kam ihm entgegen. "Lassen Sie nur," sagte Diederich, "ich
sehe den Herrn Leutnant schon." Denn im Zimmer geradeaus packte Herr von
Brietzen einen Koffer. "So frh?" fragte er, lie den Deckel des Koffers
fallen und klemmte sich den Finger ein. "Verdammt." Diederich dachte
entmutigt: "Er ist auch beim Packen."

"Welchem Zufall verdanke ich denn -" begann Herr von Brietzen, aber
Diederich machte, ohne es zu wollen, eine Bewegung, des Sinnes, da dies
unntz sei. Trotzdem natrlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete
sogar lnger als damals Diederich, und Diederich erkannte dies innerlich
an, denn wenn es auf die Ehre eines Mdchens ankam, hatte ein Leutnant
immerhin noch um einige Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man
endlich ber die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr von Brietzen
sich dem Bruder sofort zur Verfgung, was von ihm gewi nicht anders zu
erwarten war. Aber Diederich, trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit
heiterer Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen erbrige sich,
wenn nmlich Herr von Brietzen -. Und Herr von Brietzen machte eben das
Gesicht, das Diederich vorhergesehen hatte, und brauchte eben die
Ausreden, die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die Enge
getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem frchtete und der,
er sah es ein, nicht zu vermeiden war. Ein Mdchen, das ihre Ehre nicht
mehr hatte, machte man nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich
antwortete darauf, was Herr Gppel geantwortet hatte, niedergeschlagen wie
Herr Gppel. Den rechten Zorn fand er erst, als er an seine groe Drohung
gelangte, die Drohung, von der er sich schon seit gestern den Erfolg
versprach.

"Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr Leutnant, sehe ich mich
leider veranlat, Ihren Oberst von der Sache in Kenntnis zu setzen."

Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen. Er fragte unsicher:
"Was wollen Sie damit erreichen? Da ich eine Moralpredigt kriege? Na
schn. Im brigen aber -" Herr von Brietzen festigte sich wieder, "was
Ritterlichkeit ist, darber denkt der Oberst denn doch wohl etwas anders
als ein Herr, der sich nicht schlgt."

Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen mge geflligst seine Zunge
hten, sonst knne es ihm passieren, da er es mit der Neuteutonia zu tun
bekomme! Ihm, Diederich, sei der freudige Blutverlust fr die Ehre der
Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem Herrn Leutnant
wnschen, da er einmal in den Fall komme, einen Grafen von
Tauern-Brenheim zu fordern! "Ich hab' ihn glatt gefordert!" Und im selben
Atem behauptete er, da er so einem frechen Junker noch lange nicht das
Recht einrume, einen brgerlichen Mann und Familienvater nur so
abzuschieen. "Die Schwester verfhren und den Bruder abschieen, das
mchten Sie wohl!" rief er, auer sich. Herr von Brietzen, in einem
hnlichen Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich von seinem
Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und da der Bursche schon
bereitstand, rumte Diederich das Feld, aber nicht ohne einen letzten
Schu. "Wenn Sie meinen, fr Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch
noch die Militrvorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!"

Drauen in der einsamen Allee wtete er weiter, zeigte dem unsichtbaren
Feinde die Faust und stie Drohungen aus. "Das kann euch schlecht
bekommen! Wenn wir mal Schlu machen!" Pltzlich bemerkte er, da die
Grten noch immer zum Frhlingshimmel zwitscherten und dufteten, und es
ward ihm klar, selbst die Natur, mochte sie schmeicheln oder die Zhne
zeigen, war ohne Einflu auf die Macht, die Macht ber uns, die ganz
unerschtterlich ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen; aber das
Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld? Wer treten wollte, mute
sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach
seinem Anfall von Auflehnung, fhlte schon wieder den heimlichen Schauer
dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam von dort hinten: Herr von Brietzen
mit seinem Koffer. Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front,
bereit zu gren. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich freute sich,
trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen Offiziers. "Den macht
uns niemand nach", stellte er fest.

Freilich, nun er die Meisestrae betrat, ward ihm beklommen. Von weitem
sah er Emmi nach ihm aussphen. Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der
vergangenen Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht haben mute.
Arme Emmi, nun war es entschieden. Die Macht war wohl erhebend, aber wenn
es die eigene Schwester traf -. "Ich habe nicht gewut, da es mir so
nahegehen wrde." Er nickte hinauf, so ermunternd wie mglich. Sie war
viel schmaler geworden, warum sah das niemand? Unter ihrem bla
flimmernden Haar hatte sie groe schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte,
als er ihr zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen Angst.
Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock kam sie aus dem Zimmer
und ging vor ihm her in den zweiten. Oben drehte sie sich um - und als sie
sein Gesicht gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging bis zum
Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte sich zusammen, er sagte
laut: "Oh! noch ist nichts verloren." Darauf erschrak er und schlo die
Augen. Da er aufsthnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und legte,
um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter.

Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen wollte. Diederich
sagte ihr auf den Kopf zu, da sie Emmis Unglck nur mibrauche, um sich
zu rchen fr die ihr nicht gerade gnstigen Umstnde, unter denen sie
selbst geheiratet worden war. "Emmi luft wenigstens keinem nach." Guste
kreischte auf. "Bin ich dir vielleicht nachgelaufen?" Er schnitt ab.
"berhaupt ist sie meine Schwester!" ... Und da sie nun unter seinem
Schutz lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine
ungewhnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen kte er ihr die Hand,
mochte Guste grinsen. Er verglich die beiden; wieviel gemeiner war Guste!
Magda selbst, die er bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in
seiner Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi. Denn Emmi war
durch ihr Unglck feiner und gewissermaen ungreifbarer geworden. Wenn
ihre Hand so bleich und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war
wie in einen unbekannten Abgrund, fhlte Diederich sich berhrt von der
Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft als Gefallene, unheimlich und
verchtlich bei jeder anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie
eine Luft von seltsamem Schimmer und fragwrdiger Anziehung. Glnzender
zugleich und rhrender war nun Emmi.

Der Leutnant, der das alles veranlat hatte, verlor erheblich gegen sie -
und mit ihm die Macht, in deren Namen er triumphiert hatte. Diederich
erfuhr, da sie manchmal einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten
knne: die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, Ehre,
Gesinnung. Er sah Emmi an und mute zweifeln an dem Wert dessen, was er
erreicht hatte oder noch erstrebte: Gustes und ihres Geldes, des Denkmals,
der hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und mter. Er sah Emmi an
und dachte auch an Agnes. Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt
hatte, sie war in seinem Leben das Wahre gewesen, er htte es festhalten
sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er sa manchmal da, den Kopf in den Hnden.
Was hatte er nun? Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal
versagte alles, alle verrieten ihn, mibrauchten seine reinsten Absichten,
und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes, die nichts vermochte als
leiden, es beschlich ihn, als ob sie gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin
und erkundigte sich nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das
erleichterte ihn, aber irgendwie enttuschte es ihn auch.



Aber whrend er, den Kopf in den Hnden, dasa, kam der Wahltag herbei.
Erfllt von der Eitelkeit der Dinge, hatte Diederich von allem, was
vorging, nichts mehr sehen wollen, auch nicht, da die Miene seines
Maschinenmeisters immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl,
frhmorgens, als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon Fischer bei ihm
ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen, begann er: "Ein ernstes
Wort in letzter Stunde, Herr Doktor!" Diesmal war er es, der Verrat
witterte und sich auf den Pakt berief. "Ihre Politik, Herr Doktor, hat ein
doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen gemacht, und loyal, wie
wir sind, haben wir gegen Sie nicht agitiert, sondern blo gegen den
Freisinn."

"Wir auch", behauptete Diederich.

"Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel angebiedert.
Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt. Wenn Sie nicht gleich heute mit
fliegenden Fahnen zu ihm bergehen, dann tun Sie es sicher bei der
Stichwahl und treiben schnden Volksverrat."

Napoleon Fischer tat, die Arme verschrnkt, noch einen langen Schritt auf
das Bett zu. "Sie sollen blo wissen, Herr Doktor, da wir die Augen offen
halten."

Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen Gegner
ausgeliefert. Er suchte ihn zu besnftigen. "Ich wei, Fischer, Sie sind
ein groer Politiker. Sie sollten in den Reichstag kommen."

"Stimmt." Napoleon blinzte von unten. "Denn wenn ich nicht hineinkomme,
dann geht in Netzig in mehreren Betrieben ein Streik los. Einen von den
Betrieben kennen Sie ziemlich genau, Herr Doktor." Er machte kehrt. Von
der Tr her fate er Diederich, der vor Schreck ganz in die Federn
gerutscht war, nochmals ins Auge. "Und darum hoch die internationale
Sozialdemokratie!" rief er und ging ab.

Diederich rief aus seinen Federn: "Seine Majestt, der Kaiser hurra!" Dann
aber blieb nichts brig, als der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah
drohend genug aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Strae, in den
Kriegerverein, zu Klappsch, und berall mute er erkennen, da in den
Tagen seiner Mutlosigkeit die tckische Taktik des alten Buck weitere
Erfolge zu verzeichnen gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verwssert
durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand Kunzes von
Heuteufel unbetrchtlich gegen die Kluft zwischen ihm und Napoleon
Fischer. Pastor Zillich, der mit seinem Schwager Heuteufel einen
verschmten Gru austauschte, erklrte, da die Partei des Kaisers mit
ihrem Erfolg zufrieden sein drfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten des
Freisinns, wenn er schlielich siege, das nationale Gewissen gestrkt. Da
Professor Khnchen sich hnlich uerte, war der Verdacht nicht von der
Hand zu weisen, da ihnen die von Diederich und Wulckow erpreten
Versprechungen noch nicht gengten, und da sie sich durch weitere
persnliche Vorteile vom alten Buck hatten gewinnen lassen. Der Korruption
des demokratischen Klngels war alles zuzutrauen! Was Kunze betraf, so
wollte er auf jeden Fall selbst gewhlt werden, notfalls mit Hilfe der
Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz korrumpiert, er hatte ihn schon dahin
gebracht, zu versprechen, da er fr das Suglingsheim eintreten werde!
Diederich entrstete sich; Heuteufel sei hundertmal schlimmer als
irgendein Prolet; und er spielte auf die dsteren Folgen an, die eine so
unpatriotische Haltung haben msse. Leider durfte er nicht deutlicher
werden - und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die Trmmer
des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds, aller seiner Trume, lief er im
Regen umher zwischen den Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Whler
herbei, im vollen Bewutsein, da ihre Kaisertreue den Weg verfehlte und
den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe. Abends bei Klappsch,
kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig entrckt durch den Lrm des
langen Tages, durch das viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm
er das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen fr Heuteufel, sechstausend und
einige fr Napoleon Fischer, Kunze aber hatte
dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl zwischen Heuteufel und
Fischer. "Hurra!" schrie Diederich, denn nichts war verloren und Zeit war
gewonnen.

Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur im Herzen, da er
fortan das uerste tun werde, um die nationale Sache noch zu retten. Es
eilte, denn Pastor Zillich htte am liebsten sofort alle Mauern mit
Zetteln bedeckt, die den Anhngern der Partei des Kaisers empfahlen, in
der Stichwahl fr Heuteufel zu stimmen. Kunze freilich gab sich der eitlen
Hoffnung hin, Heuteufel werde ihm zu Gefallen zurcktreten. Welche
Verblendung! Gleich am Morgen las man die weien Zettel, auf denen der
Freisinn heuchlerisch erklrte, national sei auch er, die nationale
Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit, und darum -. Der Trick
des alten Buck enthllte sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des
Kaisers in den Scho des Freisinns zurckkehren sollte, hie es handeln.
Mchtig von Energie gespannt, traf Diederich von seinen Erkundigungen
heimkehrend, im Hausflur auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht
hatte und sich bewegte, als sei alles gleich. "Danke," dachte er, "es ist
durchaus nicht gleich. Wohin kmen wir." Und er grte Emmi verstohlen und
mit einer Art von Scheu.

Er zog sich in sein Bureau zurck, aus dem der alte Stbier verschwunden
war und wo nun Diederich, sein eigener Prokurist und nur seinem Gott
verantwortlich, seine folgenschweren Entschlsse fate. Er trat zum
Telephon, er verlangte Gausenfeld. Da ging die Tr auf, der Brieftrger
legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf: Gausenfeld. Er hngte
wieder ein, er betrachtete, nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon
gemacht. Der Alte hatte ohne Worte begriffen, da er seinen Freunden Buck
und Konsorten kein Geld mehr geben drfe, und da man ntigenfalls
imstande sei, ihn persnlich verantwortlich zu machen. Gelassen zerri
Diederich den Umschlag - aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was fr
eine berraschung! Klsing wollte verkaufen! Er war alt, er sah seinen
natrlichen Nachfolger in Diederich!

Was hie dies? Diederich setzte sich in die Ecke und dachte tief. Es hie
vor allem, da Wulckow schon eingegriffen hatte. Der Alte war in blasser
Angst wegen der Regierungsauftrge, und der Streik, mit dem Napoleon
Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die Zeit, als er sich aus der
Klemme zu ziehen glaubte, wenn er Diederich einen Teil des Papiers fr die
"Netziger Zeitung" anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! "Man ist
eine Macht", stellte Diederich fest - und es ging ihm auf, da Klsings
Zumutung, die Fabrik zu kaufen und richtig nach ihrem Wert zu bezahlen,
wie die Dinge lagen, einfach lcherlich sei. Worauf er wirklich laut
lachte ... Da nahm er wahr, da am Schlusse des Briefes, nach der
Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben als das
brige und so unscheinbar, da Diederich ihn vorhin bersehen hatte. Er
entzifferte - und der Mund ging ihm von selbst auf. Pltzlich tat er einen
Sprung. "Na also!" rief er frohlockend durch sein einsames Bureau. "Da
haben wir sie!" Hierauf bemerkte er tiefernst: "Es ist schauerlich. Ein
Abgrund." Er las noch einmal, Wort fr Wort, den verhngnisvollen Zusatz,
legte den Brief in den Geldschrank und schlo mit hartem Griff. Dort innen
schlummerte nun das Gift fr Buck und die Seinen - geliefert von ihrem
Freund. Nicht nur, da Klsing sie nicht mehr mit Geld versah, er verriet
sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte man sagen; eine solche
Verderbnis hatte wahrscheinlich selbst Klsing angeekelt. Wer da noch
Schonung bte, machte sich mitschuldig. Diederich prfte sich. "Schonung
wre geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! Hier heit es
rcksichtslos vorgehen. Dem Geschwr die Maske herunterreien und es mit
eisernem Besen auskehren! Ich bernehme es im Interesse des ffentlichen
Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es mir vor. Es ist nun
mal eine harte Zeit!"

Den Abend darauf war eine groe ffentliche Volksversammlung, einberufen
vom freisinnigen Wahlkomitee in den Riesensaal der "Walhalla". Mit der
regen Hilfe Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen, da die
Whler Heuteufels keineswegs unter sich blieben. Er selbst fand es unntz,
die Programmrede des Kandidaten mit anzuhren; er ging hin, als schon die
Diskussion begonnen haben mute. Gleich im Vorraum stie er auf Kunze, der
in bler Verfassung war. "Ausrangierter Schlagetot!" rief er. "Sehen Sie
mich an, Herr, und sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das
sagen lt!" Da er vor Aufregung sich nicht weiter erklren konnte, lste
Khnchen ihn ab. "Zu mir htte Heuteufel das sagen sollen!" schrie er. "Da
htte er nun aber Khnchen kennengelernt!" Diederich empfahl dem Major
dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze brauchte keinen Ansporn
mehr, er verma sich, Heuteufel ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch
dies war Diederich recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen
lie, da er unter diesen Umstnden lieber mit dem rgsten Umsturz gehe
als mit dem Freisinn. Hiergegen uerten Khnchen und auch Pastor Zillich,
der hinzukam, ihre Bedenken. Die Reichsfeinde - und die Partei des
Kaisers! "Bestochene Feiglinge!" sagte Diederichs Blick - indes der Major
fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige Trnen sollte die Bande weinen! "Und
zwar noch heute abend", verhie darauf Diederich mit einer so eisernen
Bestimmtheit, da alle stutzten. Er machte eine Pause und blitzte jeden
einzeln an. "Was wrden Sie sagen, Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden
vom Freisinn gewisse Machenschaften nachwiese ..." Pastor Zillich war
erbleicht, Diederich ging zu Khnchen ber. "Betrgerische Manipulationen
mit ffentlichen Geldern ..." Khnchen hpfte. "Nu leg' sich eener lang
hin!" rief er schreckensvoll. Kunze aber brllte auf. "An mein Herz!" und
er ri Diederich in seine Arme. "Ich bin ein schlichter Soldat",
versicherte er. "Die Schale mag rauh sein, aber der Kern ist echt.
Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei, und Major Kunze ist Ihr
Freund, als ob Sie mit ihm im Feuer gestanden htten bei Marslatuhr!"

Der Major hatte Trnen in den Augen, Diederich auch. Und so hochgespannt
wie ihre beiden Seelen war die Stimmung im Saal. Der Eintretende sah
berall Arme in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und hier
und dort schrie eine Brust: "Pfui!" "Sehr richtig!" oder "Gemeinheit!" Der
Wahlkampf war auf der Hhe, Diederich strzte sich hinein, mit unerhrter
Erbitterung, denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete, wer
stand am Rand der Bhne und redete? Stbier, Diederichs entlassener
Prokurist! Aus Rache hielt Stbier eine Hetzrede, worin er ber die
Arbeiterfreundlichkeit gewisser Herren auf das abflligste urteilte. Sie
sei nichts als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser
persnlicher Vorteile willen, das Brgertum spalten und dem Umsturz Whler
zutreiben wolle. Frher habe der Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer
Knecht ist, soll Knecht bleiben. "Pfui!" riefen die Organisierten.
Diederich stie um sich, bis er unter der Bhne stand. "Gemeine
Verleumdung!" schrie er Stbier ins Gesicht. "Schmen Sie sich, seit Ihrer
Entlassung sind Sie unter die Nrgler gegangen!" Der von Kunze
kommandierte Kriegerverein brllte wie ein Mann: "Gemeinheit!" und "Hrt,
hrt!" - indes die Organisierten pfiffen und Stbier eine zitterige Faust
machte gegen Diederich, der ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da
erhob der alte Buck sich und klingelte.

Als man wieder hren konnte, sagte er mit weicher Stimme, die anschwoll
und erwrmte: "Mitbrger! Wollt doch dem persnlichen Ehrgeiz einzelner
nicht Nahrung gewhren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind hier Personen?
Was selbst Klassen? Es geht um das Volk, dazu gehren alle, nur die Herren
nicht. Wir mssen zusammenhalten, wir Brger drfen nicht immer aufs neue
den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen wurde, da wir
unser Heil den Bajonetten anvertrauen, sobald auch die Arbeiter ihr Recht
wollen. Da wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten, das hat den
Herren die Macht verschafft, auch uns das unsere zu nehmen."

"Sehr wahr!"

"Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten
Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit, unsere Freiheit zu
behaupten gegen Herren, die uns nur noch rsten, damit wir unfrei sind.
Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern
gesagt: das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen
sollen, uns allen!"

"Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!" Inmitten bewegter
Zustimmung setzte der alte Buck sich. Diederich, dem uersten Kampf nahe
und im voraus schweitriefend, sandte noch einen Blick durch den Saal und
bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten des Kaiser-Wilhelm-Denkmals
befehligte. Pastor Zillich bewegte sich unter den christlichen Jnglingen,
der Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich blank. "Der
Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!" schrie er mit Todesverachtung. "Ein
Vaterlandsverrter, wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er" - "Hu,
hu!" riefen die Vaterlandsverrter; aber Diederich, unter den
Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn ihm auch die Stimme
berschnappte. "Ein franzsischer General hat Revanche verlangt!" Vom
Bureau her fragte jemand: "Wieviel hat er aus Berlin dafr bekommen?"
Worauf man lachte - indes Diederich mit den Armen hinaufgriff, als wollte
er in die Luft steigen. "Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte
Ideale! Starkes Kaisertum!" Seine Kraftworte stieen rasselnd aneinander,
umlrmt vom Getse der Gutgesinnten. "Festes Regiment! Bollwerk gegen die
Schlammflut der Demokratie!"

"Ihr Bollwerk heit Wulckow!" rief wieder die Stimme vom Bureau. Diederich
fuhr herum, er erkannte Heuteufel. "Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner
Majestt -?"

"Auch ein Bollwerk!" sagte Heuteufel. Diederich reckte den Finger nach
ihm. "Sie haben den Kaiser beleidigt!" rief er mit uerster
Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte jemand: "Spitzel!" Es war
Napoleon Fischer, und seine Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen.
Sie waren aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglckverheiender
Weise. "Er provoziert schon wieder! Er will noch einen ins Loch bringen!
'raus!" Und Diederich ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den
schwielige Fuste beengten, nach dem Vorsitzenden hin und flehte erstickt
um Hilfe. Der alte Buck gewhrte sie ihm, er klingelte anhaltend, und er
schickte sogar einige junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen
Feinden erretteten. Kaum da er sich rhren konnte, schwang Diederich den
Finger gegen den alten Buck. "Die demokratische Korruption!" schrie er,
tanzend vor Leidenschaft. "Ich will sie ihm beweisen!" "Bravo! Reden
lassen!" - und das Lager der nationalen Mnner setzte sich in Bewegung,
berrannte die Tische und ma sich Aug' in Auge mit dem Umsturz. Ein
Handgemenge schien bevorzustehen: schon fate der Polizeileutnant dort
oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es war ein kritischer
Moment - da hrte man von der Bhne herab befehlen: "Ruhe! Er soll
sprechen!" Und es ward fast still, man hatte einen Zorn vernommen, grer
als irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter seinem Tisch
dort oben, war kein wrdiger Greis mehr, er schien schlanker vor Kraft,
vom Ha war er bleich, und einen Blick schnellte er gegen Diederich: der
Atem stockte einem.

"Er soll sprechen!" wiederholte der Alte. "Auch Verrter haben das Wort,
bevor sie abgeurteilt werden. So sehen die Verrter an der Nation aus. Sie
haben sich nur uerlich verndert seit den Zeiten, da mein Geschlecht
kmpfte, fiel, ins Gefngnis und auf die Richtsttte ging."

"Haha", machte hier Gottlieb Hornung, voll berlegenen Spottes. Zu seinem
Unglck sa er im Armbereich eines starken Arbeiters, der so furchtbar
nach ihm ausholte, da Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel
mitsamt seinem Stuhl.

"Schon damals", rief der Alte, "gab es solche, die statt der Ehre den
Nutzen whlten und denen keine Herrschaft demtigend schien, wenn sie sie
bereicherte. Der sklavische Materialismus, Frucht und Mittel jeder
Tyrannei, er war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbrger -"

Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem letzten Schrei
seines Gewissens.

"Mitbrger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten und seine Beute
zu werden! Dieser Mensch soll sprechen."

"Nein!"

"Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine Gesinnung, die
national zu nennen er die Stirn hat, in barem Gelde betrgt. Fragt ihn,
wem er sein Haus verkauft hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!"

"Wulckow!" Der Ruf kam von der Bhne, aber der Saal nahm ihn auf.
Diederich, gebieterische Fuste hinter sich, gelangte nicht ganz
freiwillig die Stufen zur Bhne hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der
alte Buck sa regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und lie ihn nicht
aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren des Bureaus erwarteten mit
kalter Gier im Gesicht seinen Zusammenbruch; und "Wulckow!" rief der Saal
ihm zu, "Wulckow!" Er stammelte etwas von Verleumdung, das Herz flog ihm,
einen Augenblick schlo er die Augen, in der Hoffnung, er werde umfallen
und der Sache berhoben sein. Aber er fiel nicht um - und als nichts
anderes mehr mglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er griff an seine
Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er ma kampfesfreudig den Feind,
jenen tckischen Alten, der nun endlich die Maske des vterlichen Gnners
verloren hatte und seinen Ha bekannte. Diederich blitzte ihn an, er stie
vor ihm beide Fuste gegen den Boden. Dann trat er kraftvoll vor den Saal
her.

"Wollen Sie was verdienen?" brllte er wie ein Ausrufer in den Tumult -
und es ward still, wie auf ein Zauberwort. "Jeder kann bei mir verdienen!"
brllte Diederich; mit unverminderter Gewalt. "Jedem, der mir nachweist,
wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient habe, zahle ich ebensoviel!"

Hierauf schien niemand gefat. Die Lieferanten zuerst riefen "Bravo", dann
entschlossen sich auch die Christen und die Krieger, aber ohne rechte
Zuversicht, denn es ward wieder "Wulckow!" gerufen, noch dazu nach dem
Takt von Bierglsern, die man auf die Tische stie. Diederich erkannte,
da dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht nur ihm, sondern weit
hheren Mchten galt. Er sah sich unruhig um, und wirklich zckte der
Polizeileutnant schon wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der
Hand, da er es schon machen werde, und er brllte:

"Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige Suglingsheim! Dafr
htte ich mein Haus hergeben sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich
kann es beschwren. Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt
gegen die Zumutung, die Stadt zu betrgen und den Raub zu teilen mit einem
gewissenlosen Magistratsrat!"

"Sie lgen!" rief der alte Buck und stand flammend da. Aber Diederich
flammte noch hher, im Vollgefhl seines Rechtes und seiner sittlichen
Sendung. Er griff in die Brusttasche, und vor dem tausendkpfigen Drachen
dort unten, der ihn anspritzte: "Lgner! Schwindler!" schwenkte er
furchtlos seinen Schein. "Beweis!" brllte er und schwenkte so lange, bis
sie hrten.

"Bei mir ist es nicht geglckt, aber in Gausenfeld. Jawohl, Mitbrger! In
Gausenfeld ... Wieso? Gleich. Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind
beim Besitzer gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf ein
gewisses Terrain, fr den Fall, da das Suglingsheim dorthin kommt."

"Namen! Namen!"

Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten bereit. Klsing
hatte ihm alles verraten, nur nicht die Namen. Blitzend fate er die
Herren des Vorstandes ins Auge; einer schien zu erbleichen. "Wer wagt,
gewinnt", dachte Diederich, und er brllte:

"Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!"

Und er trat ab, mit der Miene erfllter Pflicht. Drunten nahm Kunze ihn
entgegen und kte ihn selbstvergessen rechts und links ins Gesicht, wozu
die Nationalgesinnten klatschten. Die anderen schrien: "Beweis!" oder
"Schwindel!" Aber "Cohn soll reden!", das wollten alle, Cohn konnte sich
den Anforderungen unmglich entziehen. Der alte Buck sah ihn an, starr,
mit einem sichtbaren Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von
selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Sto versehen, kam ohne
rechte berzeugung hinter dem langen Tisch des Komitees hervor, schleppte
die Fe nach und hatte ungnstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er
lchelte entschuldigend. "Meine Herren, das werden Sie dem Herrn Vorredner
doch nicht glauben," sagte er so sanft, da fast niemand es verstand.
Dennoch meinte Cohn schon zu weit gegangen zu sein. "Ich will den Herrn
Vorredner nicht geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht."

"Aha! Er gibt es zu!" - und jh brach ein Aufruhr los, da Cohn, auf
nichts vorbereitet, einen Sprung rckwrts tat. Der Saal war nur noch ein
Fuchteln und Schumen. Schon fielen da und dort Gegner bereinander her.
"Hurra!" kreischte Khnchen und sauste durch die Reihen mit flatterndem
Haar, die Fuste geschwungen, anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der
Bhne war alles auf den Beinen, auer dem Polizeileutnant. Der alte Buck
hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt von dem Volk,
ber das der letzte Schrei seines Gewissens vergebens hingegangen war,
abseits und allein, richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, da sie
weinten. Heuteufel sprach entrstet auf den Polizeileutnant ein, der sich
von seinem Stuhl nicht rhrte, ward aber darber belehrt, da der Beamte
allein entscheide, ob und wann er auflse. Es brauchte nicht gerade in dem
Augenblick zu geschehen, wo es fr den Freisinn schlecht stand! Worauf
Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke fhrte. Dazu schrie er: "Der
zweite Name!" Und da alle Herren auf der Bhne mitschrien, hrte man es
endlich und Heuteufel konnte fortfahren.

"Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat Khlemann!
Stimmt. Khlemann selbst. Derselbe Khlemann, aus dessen Nachla das
Suglingsheim gebaut werden soll. Will jemand behaupten, Khlemann
bestiehlt seinen eigenen Nachla? Na also!" - und Heuteufel zuckte die
Achseln, woraus beifllig gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften
pfauchten schon wieder. "Beweise! Khlemann soll selbst reden! Diebe!"
Herr Khlemann sei schwerkrank, erklrte Heuteufel. Man werde hinschicken,
man telephoniere schon. "Auweh", raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu.
"Wenn Khlemann es war, sind wir fertig und knnen einpacken." "Noch lange
nicht!" verhie Diederich, tollkhn. Pastor Zillich seinerseits setzte
seine Hoffnung nur mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner
Tollkhnheit sagte: "Brauchen wir gar nicht!" - und er machte sich ber
einen Zweifler her, dem er zuredete. Die Gutgesinnten reizte er zu
entschiedener Stellungnahme, ja, er drckte Sozialdemokraten die Hand, um
ihren Ha gegen die brgerliche Korruption zu verstrken - und berall
hielt er den Leuten Klsings Brief vor die Augen. Er schlug so heftig mit
dem Handrcken auf das Papier, da niemand lesen konnte, und rief: "Steht
da Khlemann? Da steht Buck! Wenn Khlemann noch japsen kann, wird er
zugeben mssen, da er es nicht war. Buck war es!"

Dabei berwachte er dennoch die Bhne, wo es merkwrdig still geworden
war. Die Herren des Komitees liefen durcheinander, aber sie flsterten
nur. Den alten Buck sah man nicht mehr. "Was ist los?" Auch im Saal ward
es ruhiger, noch wute man nicht, warum. Pltzlich hie es: "Khlemann
soll tot sein." Diederich fhlte es mehr, als da er es hrte. Er gab es
pltzlich auf, zu reden und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er
Gesichter. Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm ringsum
ein wesenloses Gewirr von Lauten und wute nicht mehr deutlich, wo er war.
Dann kam aber Gottlieb Hornung und sagte: "Er ist wei Gott tot. Ich war
oben, sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben."

"Im richtigen Moment", sagte Diederich und sah sich um, erstaunt, als
erwachte er. "Der Finger Gottes hat sich wieder mal bewhrt", stellte
Pastor Zillich fest, und Diederich ward sich bewut, da dieser Finger
doch nicht zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen Lauf
angewiesen htte?... Die Parteien im Saale lsten sich auf; das Eingreifen
des Todes in die Politik machte aus den Parteien Leute; sie sprachen
gedmpft und verzogen sich. Als er schon drauen war, erfuhr Diederich
noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten.



Die "Netziger Zeitung" berichtete ber die "tragisch verlaufene
Wahlversammlung" und schlo daran einen ehrenvollen Nachruf fr den
hochverdienten Mitbrger Khlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn
etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufklrung bedurften ... Das weitere
geschah, nachdem Diederich und Napoleon Fischer eine Besprechung unter
vier Augen gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die "Partei des
Kaisers" eine Versammlung ab, von der die Gegner nicht ausgeschlossen
waren. Diederich trat auf und geielte mit flammenden Worten die
demokratische Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu nennen
die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei - aber er nannte es doch lieber
nicht. "Denn, meine Herren, das Hochgefhl schwellt mir die Brust, da ich
mich verdient mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem
gefhrlichsten Feinde die Maske abreie und Ihnen beweise, da er auch nur
verdienen will." Hier kam ihm ein Einfall, oder war es eine Erinnerung, er
wute nicht. "Seine Majestt haben das erhabene Wort gesprochen: 'Mein
afrikanisches Kolonialreich fr einen Haftbefehl gegen Eugen Richter!' Ich
aber, meine Herren, liefere Seiner Majestt die nchsten Freunde
Richters!" Er lie die Begeisterung verrauschen; dann, mit verhltnismig
gedmpfter Stimme: "Und darum, meine Herren, habe ich besondere Grnde, zu
vermuten, was man an hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers
erwartet." Er griff an seine Brusttasche, als trge er dort auch diesmal
die Entscheidung; und pltzlich aus voller Lunge: "Wer jetzt noch seine
Stimme dem Freisinnigen gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!" Da die
Versammlung dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen war, den
Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen ihrer Haltung hinzuweisen.
Sofort fuhr Diederich dazwischen. Die nationalen Whler wrden schweren
Herzens ihre Pflicht tun und das kleinere bel whlen. "Aber ich bin der
erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz weit von sich weist!" Er schlug
so lange auf das Rednerpult, bis Napoleon in der Versenkung verschwand.
Und da Diederichs Entrstung echt war, ersah man in der Frhe des
Stichwahltages aus der sozialdemokratischen "Volksstimme", die unter
hhnischen Ausfllen gegen Diederich selbst alles wiedergab, was er ber
den alten Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. "Heling fllt
hinein," sagten die Whler, "denn jetzt mu Buck ihn verklagen." Aber
viele antworteten: "Buck fllt hinein, der andere wei zuviel." Auch die
Freisinnigen, soweit sie der Vernunft zugnglich waren, fanden jetzt, es
sei an der Zeit, vorsichtig zu werden. Wenn die Nationalen, mit denen
nicht zu spaen schien, nun einmal meinten, man solle fr den
Sozialdemokraten stimmen -. Und war der Sozialdemokrat erst gewhlt, dann
war es gut, da man ihn mitgewhlt hatte, sonst ward man noch boykottiert
von den Arbeitern ... Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In
der Kaiser-Wilhelm-Strae erscholl Alarmgeblse, alles strzte an die
Fenster und unter die Ladentren, um zu sehen, wo es brenne. Es war der
Kriegerverein in Uniform, der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm
den Weg der Ehre. Khnchen, der das Kommando fhrte, hatte die Pickelhaube
wild im Nacken sitzen und schwang auf furchterregende Weise seinen Degen.
Diederich in Reih' und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht,
da nun in Reih' und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem Wege alles
Weitere sich abwickeln werde. Man brauchte nur zu stapfen, und aus dem
alten Buck ward Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!... Am
anderen Ende der Strae holte man die neue Fahne ab und empfing sie, bei
schmetternder Musik, mit stolzem Hurra. Unabsehbar verlngert durch die
Werbungen des Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche'sche Lokal.
Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Khnchen befahl "Kren". Der
Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor Zillich, wartete schon, festlich
gekleidet, im Hausflur. Khnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: "Auf,
Kameraden, zur Wahl! Wir whlen Fischer!" - worauf es vom rechten Flgel
ab, unter schmetternder Musik, in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein
aber folgte der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung nicht
vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt, als die nationale
Sache alles abgeworfen zu haben schien, dessen sie fhig war, kam noch,
von Hurra empfangen, der Brgermeister Doktor Scheffelweis. Er lie sich
ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand drcken, und bei der
Rckkehr von der Urne sah man ihn freudig bewegt. "Endlich!" sagte er und
drckte Diederich die Hand. "Heute haben wir den Drachen besiegt."
Diederich erwiderte schonungslos: "Sie, Herr Brgermeister? Sie stecken
noch halb in seinem Rachen. Da er Sie nur nicht mitnimmt, jetzt wo er
verreckt!" Whrend Doktor Scheffelweis erbleichte, stieg wieder ein Hurra.
Wulckow!...

Fnftausend und mehr Stimmen fr Fischer! Heuteufel mit kaum dreitausend
war fortgefegt von der nationalen Woge, und in den Reichstag zog der
Sozialdemokrat. Die "Netziger Zeitung" stellte einen Sieg der "Partei des
Kaisers" fest, denn ihr verdanke man es, da eine Hochburg des Freisinns
gefallen sei - womit aber Nothgroschen weder groe Befriedigung noch
lauten Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden alle
natrlich, aber gleichgltig. Nach dem Rummel der Wahlzeit hie es nun
wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, noch soeben der
Mittelpunkt eines Brgerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Khlemann
hatte der Stadt sechshunderttausend Mark fr gemeinntzige Zwecke
vermacht, sehr anstndig. Suglingsheim oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es
war wie Schwamm oder Zahnbrste, wenn man zu Gottlieb Hornung kam. In der
entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten zeigte es sich, da die
Sozialdemokraten fr das Denkmal waren, also schn. Irgend jemand schlug
vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungsprsidenten von
Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten. Hier erhob sich Heuteufel, den seine
Niederlage wohl doch gergert hatte, und uerte Bedenken, ob der
Regierungsprsident, der einem gewissen Grundstcksgeschft nicht
fernstehe, sich selbst fr berufen halten werde, das Grundstck
mitzubestimmen, auf dem das Denkmal stehen solle. Man schmunzelte und
zwinkerte ein wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt,
wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit einem
verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen werde, nun jemand rttelte.
Er htte nicht sagen knnen, was er sich wnschte. Da nichts kam, erhob er
sich stramm und protestierte, ohne bertriebene Anstrengung, gegen eine
Unterstellung, die er schon einmal ffentlich widerlegt habe. Die andere
Seite dagegen habe die ihr zur Last gelegten Mibruche bisher nicht im
mindesten entkrftet. "Trsten Sie sich," erwiderte Heuteufel, "Sie werden
es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht."

Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck ward freilich
abgeschwcht, als Heuteufel gestehen mute, da sein Freund Buck nicht den
Stadtverordneten Doktor Heling, sondern nur die "Volksstimme" verklagt
habe. "Heling wei zuviel", wiederholte man - und neben Wulckow, dem der
Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich zum Vorsitzenden des
Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees ernannt. Im Magistrat fanden diese
Beschlsse in dem Brgermeister Doktor Scheffelweis einen warmen
Frsprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck durch Abwesenheit
glnzte. Wenn er seine Sache selbst nicht hher einschtzte! Heuteufel
sagte: "Soll er sich die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch
noch persnlich ansehen?" Aber damit schadete Heuteufel nur sich selbst.
Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen erlitten hatte, sah
man voraus, der Proze gegen die "Volksstimme" werde seine dritte sein.
Die Aussage, die man vor Gericht zu machen haben wrde, pate jeder schon
im voraus den gegebenen Umstnden an. Heling war natrlich zu weit
gegangen, sagten vernnftig Denkende. Der alte Buck, den alle von jeher
kannten, war kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit wre ihm
vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt, wo er die Schulden seines
Bruders bezahlte und selbst schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun
wirklich mit Cohn bei Klsing gewesen war wegen des Terrains? Ein gutes
Geschft: - es htte nur nicht herauskommen drfen! Und warum mute
Khlemann genau in der Minute abkratzen, wo er seinen Freund htte
freischwren sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der
kaufmnnische Leiter der "Netziger Zeitung", der in Gausenfeld ein und aus
ging, sagte ausdrcklich, man begehe nur ein Verbrechen gegen sich selbst,
wenn man fr Leute eintrete, die augenscheinlich ausgespielt htten. Auch
machte Tietz darauf aufmerksam, da der alte Klsing, der mit einem Wort
die ganze Sache htte beenden knnen, sich htete zu reden. Er war krank,
nur seinetwegen mute die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden.

Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen. Dies war das
Neueste, dies waren die "einschneidenden Vernderungen in einem groen,
fr das wirtschaftliche Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen", von
denen die "Netziger Zeitung" dunkel meldete. Klsing war mit einem
Berliner Konsortium in Verbindung getreten. Diederich, gefragt, warum er
nicht mittue, zeigte den Brief vor, worin Klsing ihm, frher als jedem
anderen, den Kauf angeboten hatte. "Und zwar unter Bedingungen, die nie
wiederkommen", setzte er hinzu. "Leider bin ich stark engagiert bei meinem
Schwager in Eschweiler, ich wei nicht einmal, ob ich nicht von Netzig
wegziehen mu." Aber als Sachverstndiger erklrte er auf Befragen
Nothgroschens, der seine Antwort verffentlichte, da der Prospekt eher
noch hinter der Wahrheit zurckbleibe. Gausenfeld sei tatschlich eine
Goldgrube; der Ankauf der Aktien, die an der Brse zugelassen seien, knne
nur auf das wrmste empfohlen werden. Tatschlich wurden die Aktien in
Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von persnlichem Interesse
unbeeinflut Diederichs Urteil gewesen war, zeigte sich bei einer
besonderen Gelegenheit, als nmlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war
so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn glcklich so weit
gebracht, da auch seine Freunde nicht mehr mitgingen. Da griff Diederich
ein. Er gab dem Alten zweite Hypothek fr sein Haus in der
Fleischhauergrube. "Er mu es verzweifelt ntig gehabt haben", bemerkte
Diederich, sooft er davon erzhlte. "Wenn er es von mir, seinem
entschiedensten politischen Gegner, annimmt! Wer htte das frher von ihm
gedacht!" Und Diederich sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte
hinzu, das Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm zufalle.
Freilich, aus dem seinen msse er bald heraus. Und auch dies zeigte, da
er auf Gausenfeld nicht rechnete ... "Aber", erklrte Diederich, "der Alte
ist nicht auf Rosen gebettet, wer wei, wie sein Proze ausgeht - und
gerade weil ich ihn politisch bekmpfen mu, wollte ich zeigen - Sie
verstehen." Man verstand, und man beglckwnschte Diederich zu seinem mehr
als korrekten Verhalten. Diederich wehrte ab. "Er hat mir Mangel an
Idealismus vorgeworfen, das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen."
Mnnliche Rhrung zitterte in seiner Stimme.

Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man manche auf
Terrainschwierigkeiten stoen sah, durfte man um so freudiger anerkennen,
da das eigene glatt ging. Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als
Napoleon Fischer nach Berlin reiste, um die Militrvorlage abzulehnen. Die
"Volksstimme" hatte eine Massendemonstration angekndigt, der Bahnhof
sollte polizeilich besetzt sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es,
dabei zu sein. Unterwegs stie Diederich auf Jadassohn. Man begrte
einander so frmlich, wie die khl gewordenen Beziehungen es vorschrieben.
"Sie wollen sich auch den Klimbim ansehen?" fragte Diederich.

"Ich gehe in Urlaub - nach Paris." Tatschlich trug Jadassohn Kniehosen.
Er setzte hinzu: "Schon um den politischen Dummheiten auszuweichen, die
hier begangen worden sind."

Diederich beschlo, vornehm hinwegzuhren ber die Verrgerung eines
Menschen, der keinen Erfolg gehabt hatte. "Man dachte eigentlich," sagte
er, "Sie wrden jetzt Ernst machen."

"Ich? Wieso?"

"Frulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante."

"Tante ist gut", Jadassohn feixte. "Und man dachte. Sie wohl auch?"

"Mich lassen Sie nur aus dem Spiel." Diederich machte ein Gesicht voll
Einverstndnis. "Aber wieso ist Tante gut? Wo ist sie denn hin?"

"Durchgegangen", sagte Jadassohn. Da blieb Diederich denn doch stehen und
schnaufte. Kthchen Zillich durchgegangen! In was fr Abenteuer htte man
verwickelt werden knnen!... Jadassohn sagte weltmnnisch:

"Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch keine Ahnung. Ich bin
weiter nicht bse mit ihr, Sie verstehen, es mute mal zum Klappen
kommen."

"So oder so", ergnzte Diederich, der sich gefat hatte.

"Lieber so als so", berichtigte Jadassohn; worauf Diederich, vertraulich
die Stimme gesenkt: "Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Mdchen
schon immer so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden wrde."

Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe. "Was glauben Sie
denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen mitgegeben. Passen Sie auf, sie
macht Karriere in Berlin."

"Daran zweifle ich nicht." Diederich zwinkerte. "Ich kenne ihre
Qualitten ... Sie allerdings haben mich fr naiv gehalten." Jadassohns
Abwehr lie er nicht gelten. "Sie haben mich fr naiv gehalten. Und zur
selben Zeit bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann ich es
ja sagen." Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger ward, sein
Erlebnis mit Kthchen im Liebeskabinett - berichtete es so vollstndig,
wie es in Wahrheit nicht stattgefunden hatte. Mit einem Lcheln
befriedigter Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war, ob
hier der Ehrenpunkt Platz greifen msse. Schlielich entschied er sich
dafr, Diederich auf die Schulter zu klopfen, und man zog in
freundschaftlicher Weise die gebotenen Schlsse. "Die Sache bleibt
natrlich streng unter uns ... So ein Mdchen mu man auch gerecht
beurteilen, denn woher soll die bessere Lebewelt sich ergnzen ... Die
Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach Berlin, so wei man doch,
woran man ist." "Es htte sogar einen gewissen Reiz", bemerkte Diederich,
in sich hineinblickend; und da Jadassohn sein Gepck sah, nahmen sie
Abschied. "Die Politik hat uns leider etwas auseinander gebracht, aber im
Menschlichen findet man sich, Gott sei Dank, wieder. Viel Vergngen in
Paris."

"Vergngen kommt nicht in Frage." Jadassohn wandte sich um, mit einem
Gesicht, als sei er im Begriff, jemand hineinzulegen. Da er Diederichs
beunruhigte Miene sah, kam er zurck. "In vier Wochen", sagte er
merkwrdig ernst und gefat, "werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist
es vorzuziehen, wenn Sie die ffentlichkeit schon jetzt darauf
vorbereiten." Diederich, ergriffen wider Willen, fragte: "Was haben Sie
vor?" Und Jadassohn, bedeutungsschwer, mit dem Lcheln eines opfervollen
Entschlusses: "Ich stehe im Begriff, meine uere Erscheinung in Einklang
zu bringen mit meinen nationalen berzeugungen" ... Als Diederich den Sinn
dieser Worte erfat hatte, konnte er nur noch eine achtungsvolle
Verbeugung machen; Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er die
Halle betrat, seine Ohren noch einmal - das letztemal! - auf, wie zwei
Kirchenfenster im Abendschein.

Auf den Bahnhof zu rckte eine Gruppe von Mnnern, in deren Mitte eine
Standarte schwebte. Einige Schutzleute kamen nicht eben leichtfig die
Treppe herab und stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe
die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm von den Vertretern der
Macht erfolgreich zurckgeschlagen. Mehrere kamen freilich durch und
scharten sich um Napoleon Fischer, der, langatmig wie er war, seine
bestickte Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Bfett erfrischte
man sich nach diesen, in der Julisonne fr die Sache des Umsturzes
bestandenen Strapazen. Dann versuchte Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig,
da der Zug ohnedies Versptung hatte, eine Ansprache zu halten; aber ein
Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon setzte die bestickte
Tasche hin und fletschte die Zhne. Wie Diederich ihn kannte, war er im
Begriff, einen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem
Glck fuhr der Zug ein - und erst jetzt ward Diederich auf einen
untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber abwandte, wenn man um ihn
herumging. Er hielt einen groen Blumenstrau vor sich hin und sah dem Zug
entgegen. Diederich kannte doch diese Schultern ... Das ging mit dem
Teufel zu! Aus einem Coup grte Judith Lauer, ihr Mann half ihr
herunter, ja, er berreichte ihr den Blumenstrau, und sie nahm ihn mit
dem ernsten Lcheln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang
wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem Weg, und er schnaufte
dabei. Mit dem Teufel ging es nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er
war wieder frei. Nicht da von ihm etwas zu frchten stand, immerhin mute
man sich erst wieder daran gewhnen, ihn drauen zu wissen ... Und mit
einem Bukett holte er sie ab! Wute er denn nichts? Er hatte doch Zeit
gehabt, nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurckkehrte, nachdem er fertig
gesessen hatte! Es gab Verhltnisse, von denen man sich als anstndiger
Mensch nichts trumen lie. brigens stand Diederich den Dingen nicht
nher als jeder andere; er hatte damals nur seine Pflicht getan. "Alle
werden dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird ihm
allerseits zu verstehen geben, da er am besten zu Hause bleibt ... Denn
wie man sich bettet, liegt man." Kthchen Zillich hatte es begriffen und
die richtige Folgerung gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen anderen
Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer.

Diederich selbst, der von achtungsvollen Gren geleitet durch die Stadt
schritt, nahm jetzt auf die natrlichste Weise den Platz ein, den seine
Verdienste ihm bereitet hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun
so weit hindurchgekmpft, da blo noch die Frchte zu pflcken waren. Die
anderen hatten angefangen an ihn zu glauben: alsbald kannte auch er keinen
Zweifel mehr ... ber Gausenfeld liefen neuerdings ungnstige Gerchte um,
und die Aktien fielen. Woher wute man, da die Regierung der Fabrik ihre
Auftrge entzogen und sie dem Helingschen Werk bertragen hatte?
Diederich hatte nichts verlauten lassen, aber man wute es, noch bevor die
Arbeiterentlassungen kamen, die die "Netziger Zeitung" so sehr bedauerte.
Der alte Buck, als Vorsitzender des Aufsichtsrates, mute sie leider
persnlich anregen, was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging
wahrscheinlich nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war ein Fehler
gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu whlen. berhaupt htte er mit dem Geld,
das Heling ihm anstndigerweise gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen
sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich selbst uerte
berall diese Ansicht. "Wer htte das frher von ihm gedacht!" bemerkte er
auch hierzu wieder, und wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das
Schicksal. "Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter den
Fen verliert." Worauf jeder den beklemmenden Eindruck mitnahm, der alte
Buck werde auch ihn selbst, als Aktionr von Gausenfeld, in seinen Ruin
hineinreien. Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte ein
Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast sich Freunde.
Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen, zur Erholung, wie er sagte.
Keiner gestand es gern dem anderen ein, da er Gausenfelder hatte und
hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, da jener schon verkauft
habe. Seine persnliche Meinung war, da es hohe Zeit sei. Ein Makler, den
er brigens nicht kannte, sa dann und wann im Caf und kaufte. Einige
Monate spter brachte die Zeitung ein tgliches Inserat des Bankhauses
Sanft & Co. Wer noch Gausenfelder hatte, konnte sie hier mhelos abstoen.
Tatschlich besa zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen
Papiere. Dagegen ging das Gerede, Heling und Gausenfeld sollten
fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert. "Und der alte Herr
Buck?" fragte er. "Als Vorsitzender des Aufsichtsrates wird er wohl noch
mitreden wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?" - "Der hat mehr
Sorgen", hie es dann. Denn in seiner Beleidigungssache gegen die
"Volksstimme" war jetzt die Verhandlung anberaumt. "Er wird wohl
hineinfliegen", meinte man; und Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit:
"Schade um ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen."

In diesem Vorgefhl gingen alle zu der Verhandlung. Die auftretenden
Zeugen erinnerten sich nicht. Klsing hatte schon lngst zu jedem vom
Verkauf der Fabrik gesprochen. Hatte er von jenem Terrain besonders
gesprochen? Und hatte er als den Unterhndler den alten Buck genannt? Dies
alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen der Stadtverordneten war bekannt
gewesen, da das Grundstck in Frage komme fr das damals in Aussicht
genommene Suglingsheim. War Buck dafr gewesen? Jedenfalls nicht dagegen.
Mehreren war es aufgefallen, wie lebhaft er sich fr den Platz
interessierte. Klsing selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner
kommissarischen Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei bis vor kurzem
bei ihm ein und aus gegangen. Wenn Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das
Terrain gesprochen haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem fr
Buck ehrenrhrigen Sinne aufgefat ... Der Klger Buck wnschte
festgestellt zu sehen, da der verstorbene Khlemann es gewesen sei, der
mit Klsing verhandelt habe: Khlemann selbst, der Spender des Geldes.
Aber die Feststellung milang, Klsings Aussage war unentschieden auch
hierin. Da Cohn es behauptete, war nicht wesentlich, da Cohn ein
Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in Gausenfeld harmlos erscheinen zu
lassen. Als gewichtigster Zeuge blieb Diederich brig, dem Klsing
geschrieben und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt hatte.
War damals ein Name gefallen? Er sagte aus:

"Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren. Ich stelle fest,
da ich, was alle Zeugen besttigen, niemals ffentlich den Namen des
Herrn Buck genannt habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der
Stadt, die nicht durch einzelne geschdigt werden sollte. Ich bin fr die
politische Moral eingetreten. Persnliche Gehssigkeit liegt mir fern, und
es wrde mir leid tun, wenn der Herr Klger aus dieser Verhandlung nicht
ganz vorwurfsfrei hervorgehen sollte."

Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel. Nur Buck schien
unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ... Diederich sollte nun angeben,
welches seine persnliche Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat
Buck vor, straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie in der
tragisch verlaufenen Wahlversammlung.

"Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten abzugeben ber
meine Person und mein Leben. Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge
sind mit anderen Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben einen
anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem offen und zugnglich, auch
dem Herrn Zeugen. Mein Leben gehrt seit mehr als fnfzig Jahren nicht
mir, es gehrt einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere hatten, der
Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war vermgend, als ich in die
ffentlichkeit trat. Wenn ich sie verlasse, werde ich arm sein. Ich
brauche keine Verteidigung!"

Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch - aber Diederich zuckte nur die
Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der Alte? Er hatte schon lngst
keine mehr und brachte nun hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek
gab. Er tat erhaben und befand sich schon unter den Rdern. Konnte ein
Mensch seine Lage so sehr verkennen? "Wenn einer von uns den anderen von
oben herab zu behandeln hat -" Und Diederich blitzte. Er blitzte den
Alten, der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal endgltig,
mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Zuerst das eigene Wohl - und
gerecht war die Sache, die Erfolg hatte!... Er fhlte deutlich, da dies
fr alle feststand. Auch der Alte fhlte es, er setzte sich wieder, er
bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie Scham. Zu den
Schffen gewendet, sagte er: "Ich verlange keine Ausnahmestellung, ich
unterwerfe mich dem Urteil meiner Mitbrger."

Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in seiner Aussage
fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend und machte den besten Eindruck.
Seit dem Proze Lauer fand man ihn durchaus gnstig verndert; er hatte an
berlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststck hie, da er jetzt
ein gemachter Mann und fein heraus war. Gerade schlug es Mittag, und im
Saal verbreitete sich summend das Neueste aus der "Netziger Zeitung": es
war Tatsache, Heling, Groaktionr von Gausenfeld, war als
Generaldirektor berufen worden ... Neugierig musterte man ihn - und ihm
gegenber den alten Buck, auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die
zwanzigtausend, die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam er nun
mit hundert Prozent zurck, und war noch edel. Da der Alte sich fr das
Geld gerade Gausenfelder gekauft hatte, wirkte wie ein guter Witz von
Heling und trstete im Augenblick manchen ber den eigenen Verlust. Bei
Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Gre drckten Achtung
in dem Grade aus, wo sie in Unterwrfigkeit bergeht. Die Hereingefallenen
grten den Erfolg.

Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der Vorsitzende das
Urteil verkndete, ward geklatscht. Nur fnfzig Mark fr den Redakteur der
"Volksstimme"! Der Beweis war nicht vollstndig erbracht, guter Glaube
ward zugebilligt. Vernichtend fr den Klger, sagten die Juristen - und
wie Buck das Gerichtsgebude verlie, wichen auch die Freunde ihm aus.
Kleine Leute, die an Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten,
schttelten die Fuste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch des
Gerichts die Erleuchtung, da sie mit ihrer Meinung ber den alten Buck
eigentlich schon lngst fertig waren. Ein Geschft wie das mit dem Terrain
fr das Suglingsheim mute wenigstens glcken: das Wort war von Heling,
und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck war seiner Lebtage kein
Geschft geglckt. Er dnkte sich was Wunder, wenn er als Stadtvater und
Parteifhrer mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr! Der
geschftlichen Fragwrdigkeit aber entsprach die moralische, dafr zeugte
die nie recht aufgeklrte Geschichte mit der Verlobung seines Sohnes,
desselben, der sich jetzt beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine
internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern fr demagogische Zwecke,
aber wie Hund und Katz' mit der Regierung, was dann wieder auf die
Geschfte zurckwirkte: das war die Politik eines Menschen, der nichts
mehr zu verlieren hat und dem es an gutbrgerlicher Mndelsicherheit
gebricht. Entrstet erkannte man, da man sich auf Gedeih und Verderb in
der Hand eines Abenteurers befunden hatte. Ihn unschdlich zu machen, war
der allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden
Urteil die Folgerungen nicht zog, muten andere sie ihm nahelegen. Das
Verwaltungsrecht enthielt doch wohl eine Bestimmung, wonach ein
Gemeindebeamter sich durch sein Verhalten in und auer dem Amte der
Achtung, die dieses erfordert, wrdig zu erweisen hatte. Ob der alte Buck
diese Bestimmung erfllte? Die Frage aufwerfen, hie sie verneinen, wie
die "Netziger Zeitung", ohne natrlich seinen Namen zu nennen,
feststellte. Aber es mute erst so weit kommen, da die
Stadtverordnetenversammlung mit der Angelegenheit befat ward. Da endlich,
einen Tag vor der Debatte, nahm der hartgesottene Alte Vernunft an und
legte sein Amt als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten ihn
hiernach, bei Gefahr, die letzten Anhnger zu verlieren, nicht lnger an
der Spitze der Partei lassen. Er machte es ihnen nicht leicht, wie es
schien; mehrfache Besuche bei ihm und ein sanfter Druck waren ntig, bevor
in der Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie sei ihm
wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung von Leidenschaften, die
er fr vergnglich halten wolle, jetzt Schaden drohe durch seinen Namen,
trete er zurck. "Wenn es dem Ganzen ntzen kann, bin ich bereit, den
ungerechten Makel, den der getuschte Volkswille mir auferlegt, zu tragen,
im Glauben an die ewige Gerechtigkeit des Volkes, das ihn dereinst wieder
von mir nehmen wird."

Dies fate man als Heuchelei und berhebung auf; die Wohlmeinenden
entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit. brigens hatte, was er schrieb
oder nicht schrieb, keinen Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die
ihm Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm pltzlich ins Gesicht,
ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten und machten laute Bemerkungen:
es waren die, denen er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch
voll Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine Ansehen geno.
Statt der alten Freunde aber, die auf seinem tglichen Spaziergang sich
niemals vorfanden, kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er
heimkehrte und es schon dmmerte, und es war etwa ein kleiner
Geschftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im Nacken sa, oder
ein dsterer Trunkenbold, oder irgendein die Huser entlang streichender
Schatten. Diese sahen ihm, den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer
oder frecher Vertraulichkeit. Sie rckten wohl zgernd ihre Kopfbedeckung,
dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die Hand, die hingehalten
ward, nahm er, ganz gleich welche.

Da die Zeit verging, beachtete auch der Ha ihn nicht mehr. Wer mit
Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgltig vorbei, und manchmal
grte er wieder, aus alter Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn
bei sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren sie vorber,
erklrte er dem Kinde: "Hast du den alten Herrn gesehen, der da so allein
hinschleicht und niemand ansieht? Dann merke dir fr dein Leben, was aus
einem Menschen die Schande machen kann." Und das Kind ward fortan beim
Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen Grauen berlaufen, gleich
wie das erwachsene Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick einen
unerklrten Stolz gefhlt hatte. Junge Leute freilich gab es, die der
herrschenden Meinung nicht folgten. Manchmal, wenn der Alte das Haus
verlie, war eben die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten
davon, ehrfrchtig machten sie ihren Lehrern Platz, und Khnchen, jetzt
rckhaltlos national, oder Pastor Zillich, sittenstrenger als je seit dem
Unglck mit Kthchen, eilten hindurch, ohne einen Blick fr den
Gefallenen. Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen, jeder
fr sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. Ihre Stirnen sahen
weniger glatt aus als die meisten; sie hatten Ausdruck in den Augen, nun
sie Khnchen und Zillich den Rcken kehrten und vor dem alten Buck den
Kopf entblten. Unwillkrlich hielt er dann den Schritt an und sah in
diese zukunftstrchtigen Gesichter, noch einmal voll der Hoffnung, mit der
er sein Leben lang in alle Menschengesichter gesehen hatte.



Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel Aufmerksamkeit zu
wenden an nebenschliche Begleiterscheinungen seines Aufstiegs. Die
"Netziger Zeitung", jetzt unbedingt zu Diederichs Verfgung, stellte fest,
da Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den Vorsitz im
Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn Doktor Heling zum
Generaldirektor befrworten mute. An der Tatsache sprte mancher einen
eigenartigen Geschmack. Doch gab Nothgroschen zu bedenken, da Herr
Generaldirektor Doktor Heling sich ein groes und unbestrittenes
Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe. Ohne ihn, der mehr als die
Hlfte der Aktien in aller Stille an sich gebracht hatte, wren sie
sicherlich immer tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur
Herrn Doktor Heling, da sie vor dem Zusammenbruch bewahrt blieb. Der
Streik war durch die Energie des neuen Generaldirektors glcklich
beschworen. Seine nationale und kaisertreue Gesinnung brgte dafr, da
die Regierungssonne knftig ber Gausenfeld nicht mehr untergehen werde.
Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an fr das wirtschaftliche Leben
Netzigs und besonders fr die Papierindustrie - zumal das Gercht von
einer Fusion des Helingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer
Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen konnte verraten, da
Herr Doktor Heling nur unter dieser Bedingung sich habe bewegen lassen,
die Leitung Gausenfelds zu bernehmen.

Tatschlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als das
Aktienkapital erhhen zu lassen. Fr das neue Kapital ward das Helingsche
Werk erworben. Diederich hatte ein glnzendes Geschft gemacht. Seine
erste Regierungshandlung hatte der Erfolg gekrnt, er war Herr der Lage,
mit seinem Aufsichtsrat aus gefgigen Mnnern, und konnte daran gehen, der
inneren Organisation des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudrcken.
Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von Arbeitern und
Angestellten. "Einige von euch", sagte er, "kennen mich schon, vom
Helingschen Werk her. Na, und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer
mir behilflich sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht
geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab' ich das einem kleinen Teil von
euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie viele ich jetzt unter meinem
Befehle habe. Ihr knnt stolz auf einen solchen Herrn sein! Verlat euch
auf mich, ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen Sinn zu
wecken und euch zu treuen Anhngern der bestehenden Ordnung zu machen."
Und er verhie ihnen eigene Wohnhuser, Krankenuntersttzungen, billige
Lebensmittel. "Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich mir! Wer in
Zukunft anders whlt, als ich will, fliegt!" Auch dem Unglauben, sagte
Diederich, sei er zu steuern entschlossen; jeden Sonntag werde er sich
berzeugen, wer in der Kirche sei und wer nicht. "Solange in der Welt die
unerlste Snde herrscht, wird es Krieg und Ha, Neid und Zwietracht
geben. Und darum: einer mu Herr sein!"

Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen, wurden alle Rume der
Fabrik bedeckt mit Inschriften, die ihn verkndeten. Durchgang verboten!
Wasserholen mit den Eimern der Feuerlschapparate verboten!
Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich hatte nicht
versumt, mit einer Brauerei einen Vertrag zu schlieen, der ihm Vorteile
sicherte vom Konsum seiner Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder
mitbringen, "Poussieren, Schkern, Knutschen, berhaupt jede Unzucht"
strengstens verboten! In den Arbeiterhusern waren, noch bevor sie
wirklich dastanden, Pflegekinder verboten. Ein in freier Liebe
dahinlebendes Paar, das unter Klsing zehn Jahre lang sich der Entdeckung
zu entziehen gewut hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war
fr Diederich sogar der Anla, ein neues Mittel zur sittlichen Hebung des
Volkes zu verwenden. An den geeigneten Orten lie er ein in Gausenfeld
selbst erzeugtes Papier aufhngen, bei dessen Benutzung niemand umhin
konnte, die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten, mit
denen es bedruckt war. Zuweilen hrte er die Arbeiter einen von hoher
Stelle stammenden Ausspruch einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege
berzeugt worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied, das sich
ihnen bei derselben Gelegenheit eingeprgt hatte. Ermutigt durch diese
Erfolge, brachte Diederich seine Erfindung in den Handel. Sie trat unter
dem Zeichen "Weltmacht" auf, und wirklich trug sie, wie eine grozgige
Reklame es verkndete, deutschen Geist, gesttzt auf deutsche Technik,
siegreich durch die Welt.

Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern konnten auch diese
erzieherischen Papiere nicht entfernen. Eines Tages sah Diederich sich
veranlat, bekanntzugeben, da er vom Versicherungsgeld nur
Zahnbehandlung, nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann hatte
sich ein ganzes Gebi verfertigen lassen! Da Diederich sich auf seine,
freilich erst nachtrglich erlassene Bekanntmachung berief, prozessierte
der Mann und bekam abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem
Glauben an die herrschende Ordnung erschttert, ward er zum Aufwiegler,
verkam sittlich und wre unter anderen Umstnden unbedingt entlassen
worden. So aber konnte Diederich sich nicht entschlieen, das Gebi, das
ihn teuer zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den Mann....
Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich nicht, war dem Geiste der
Arbeiterschaft nicht zutrglich. Hinzu kam die Einwirkung gefhrlicher
politischer Ereignisse. Als im neu erffneten Reichstagsgebude mehrere
sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben waren, da
konnte man nicht mehr zweifeln, die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war
bewiesen. Diederich machte in der ffentlichkeit dafr Stimmung; seine
Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor, die sie mit dsterem
Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit des Reichstages war gewissenlos genug,
die Vorlage abzulehnen, und der Erfolg lie nicht warten, ein
Industrieller ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller! Der Mrder
behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber das kannte Diederich von
seinen eigenen Leuten her; und der Ermordete sollte arbeiterfreundlich
gewesen sein, aber das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und
wochenlang ffnete er keine Tr ohne Bangen vor einem dahinter schon
gezckten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschsse, und gemeinsam mit
Guste kroch er jeden Abend durch das Schlafzimmer und suchte. Seine
Telegramme an den Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung
ausgehen, vom Vorstand der "Partei des Kaisers", vom Unternehmerverband
oder vom Kriegerverein: die Telegramme, mit denen Diederich den
Allerhchsten Herrn berschttete, schrien nach Hilfe gegen die von den
Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder ein Opfer mehr
erlegen war; nach Befreiung von dieser Pest, nach schleunigen gesetzlichen
Manahmen, militrischem Schutz der Autoritt und des Eigentums, nach
Zuchthausstrafen fr Streikende, die jemand abhielten zu arbeiten.... Die
"Netziger Zeitung", die alles dies pnktlich wiedergab, verga aber
keinesfalls hinzuzufgen, wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor
Heling sich verdient mache um den sozialen Frieden und die
Arbeiterfrsorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus fhrte
Nothgroschen stark geschmeichelt im Bilde vor und schrieb dazu einen
hochgestimmten Artikel. Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einflu
in Netzig glcklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter ihren
Angestellten subversive Tendenzen schren, indem sie sie am Gewinn
beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor Doktor Heling vertretenen
Grundstze zeitigten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar
beste Verhltnis, wie Seine Majestt der Kaiser es berall in der
deutschen Industrie zu sehen wnschten. Ein krftiger Widerstand gegen die
unberechtigten Forderungen der Arbeiter sowie eine Koalition der
Arbeitgeber gehrten bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des
Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des Herrn
Generaldirektor Doktor Heling war. - Und daneben stand Diederichs Bild.

Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Bettigung an - trotz der
unerlsten Snde, die ihre verheerende Wirkung brigens nicht nur
geschftlich, sondern auch in der Familie uerte. Hier war es leider
Kienast, der Neid und Zwietracht ste. Er behauptete, da ohne ihn und
seine unauffllige Vermittlung beim Ankauf der Aktien Diederich seine
glnzende Stellung gar nicht erlangt haben wrde. Worauf Diederich
erwiderte, da Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden
Aktienbesitz entschdigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht an,
vielmehr verma er sich, fr seine piettlosen Ansprche eine rechtliche
Grundlage gefunden zu haben. War er nicht als Gatte Magdas der
Mitbesitzer, zu einem Achtel ihres Wertes, der alten Helingschen Fabrik
gewesen? Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares Geld und
Gausenfelder Vorzugsaktien dafr bekommen. Kienast verlangte ein Achtel
der Kapitalrente und der jhrlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf
dieses unerhrte Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie, da er
weder seinem Schwager noch seiner Schwester irgend etwas mehr schuldig
sei. "Ich war nur verpflichtet, euch euren Anteil vom jhrlichen Gewinn
meiner Fabrik zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehrt
nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital betrifft, das
ist mein Privatvermgen. Ihr habt nichts zu fordern." - Kienast nannte
dies einen offenen Raub, Diederich, durch die eigenen Argumente vollkommen
berzeugt, sprach von Erpressung, und dann folgte ein Proze.

Der Proze dauerte drei Jahre. Er ward mit immer wachsender Erbitterung
gefhrt, besonders von seiten Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen,
seine Stellung in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog. Als
Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Stbier aufgestellt, der in
seiner Rachsucht nun wirklich beweisen wollte, da Diederich schon frher
an seine Verwandten nicht die ihnen zustehenden Summen abgefhrt habe.
Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in Diederichs Vergangenheit
mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten Napoleon Fischer aufhellen zu wollen:
was ihm freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich durch
dieses Vorgehen gentigt, zu verschiedenen Malen grere Betrge fr die
sozialdemokratische Parteikasse zu erlegen. Und er durfte es sich sagen,
sein persnlicher Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch, den
dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren Blick so weit nicht
reichte, schrte den Streit der Mnner mehr aus weiblichen Motiven. Ihr
Erstes war ein Mdchen, und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda,
die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht hatte,
leitete den Beginn der Feindseligkeiten von dem Tage her, als Emmi mit
einem aus Berlin bezogenen unerhrten Hut erschien. Magda stellte fest,
da Emmi jetzt von Diederich in der emprendsten Weise bevorzugt wurde.
Emmi bewohnte in Gausenfeld ein eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die
Hhe ihres Toilettegeldes stellte eine Unverschmtheit gegen die
verheiratete Schwester dar. Magda mute sehen, da der Vorrang, den ihre
Verheiratung ihr eingetragen hatte, sich in das Gegenteil verkehrte; und
sie beschuldigte Diederich, er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner
Glanzzeit, heimtckisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen Mann
fand, schien dies besondere Grnde zu haben - die man sich in Netzig denn
auch ins Ohr sagte. Magda sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen.
Durch Inge Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte zugleich
eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil sie nmlich bei Kienasts der
Hebamme begegnet war, und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein
furchtbarer Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen von
Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher Klage, wofr man Stoff sammelte,
indem jede der beiden Frauen das Zimmermdchen der anderen anwarb.

Und bald nachdem Diederich und Kienast mit mnnlicher Besonnenheit den
uersten Familienskandal fr diesmal noch verhtet hatten, brach er
dennoch aus. Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie vor jedem
Dritten und sogar voreinander verstecken muten, so grenzenlos frivol war
ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte
Ma einer wenn auch realistischen Kunst berschritten. Pnktlich jeden
Morgen lagen die harmlos grauen Umschlge auf dem Frhstckstisch, und
jeder lie den seinen verschwinden, wobei man tat, als habe man den des
anderen nicht bemerkt. Eines Tages freilich war es aus mit dem
Versteckenspiel, denn Magda hatte die Khnheit, in Gausenfeld zu
erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger Briefe, die sie
selbst erhalten haben wollte. Dies fand Guste zu stark. "Du wirst wohl
wissen, wer sie dir schreibt!" brachte sie hervor, erstickt und rot
angelaufen. Magda sagte, sie knne es sich denken, und darum sei sie
gekommen. "Wenn du es ntig hast," erwiderte Guste und zischte, "da du
dir selbst mut solche Briefe schreiben, damit du in Stimmung kommst, dann
schreib' sie wenigstens anderen Leuten nicht, die es nicht ntig haben!"
Magda protestierte und stie ihrerseits, grn im Gesicht, Beschuldigungen
aus. Aber Guste war zum Telephon gestrzt, sie rief Diederich aus dem
Bureau herbei; dann lief sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe
zurck. Gegenber trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei.
Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll ausgebreitet auf dem
Tisch lagen, sahen die drei Verwandten entgeistert einander an. Dann
faten sie sich und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht
an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres Mannes an, der
gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete, auch bei Emmi etwas gesehen
zu haben. Emmi ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden Art,
da auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht habe. Die meisten habe
sie vernichtet. Die alte Frau Heling sogar war nicht verschont geblieben!
Sie leugnete zwar weinend, solange es ging, ward aber berfhrt ... Da
dies alles die Angelegenheit nur erweiterte, aber nicht klrte, trennte
man sich beiderseits mit Drohungen, die innerlich haltlos, aber keineswegs
ohne Schrecken waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der
Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunchst herausstellte,
da auch Inge Tietz zu den Empfngern der unpassenden Darbietungen
gehrte. Was hiernach zu vermuten stand, besttigte sich. Der unheimliche
Briefschreiber hatte berall in das Privatleben eingegriffen, sogar bei
Pastor Zillich, ja beim Brgermeister und den Seinen. Soweit man blickte,
hatte er um das Haus Heling und alle guten Huser, die ihm nahestanden,
eine Atmosphre der krassesten Obsznitt geschaffen. Wochenlang wagte
Guste sich nicht hinaus. Ihr und Diederichs Argwohn warf sich
entsetzensvoll von dem auf jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem
Vertrautesten. Der Tag kam und die Frhstcksstunde, da im Scho der
Familie Heling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. Ein Dokument,
unbeirrbar wie noch keins, zitterte in Gustes Hand; es hielt Augenblicke
fest, die in ihrer Eigentmlichkeit nur ihr und ihrem Gatten, tief
verschwiegen, bewut waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hrte alles
auf. Dann aber?... Guste sandte ber den Kaffeetisch einen prfenden Blick
zu Diederich: in seiner Hand zitterte das gleiche Papier, und auch sein
Blick prfte. Schnell schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder.

Der Verrter war berall. Wo niemand sonst war, da war er ein zweites Ich.
Durch ihn ward in nie geahnter Weise alle brgerliche Ehrbarkeit in Frage
gestellt. Dank seiner Ttigkeit wre in Netzig jedes moralische
Selbstgefhl und alle gegenseitige Achtung zum Untergang verurteilt
gewesen, htte man nicht, wie auf allseitige Verabredung, Gegenmaregeln
getroffen, die sie wiederherstellten. Die tausendfltigen ngste,
unterirdisch fortarbeitend nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen
Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den Kanal, der ans
Licht fhrte, und konnten endlich ihre dunkeln Fluten ergieen ber einen
Mann. Gottlieb Hornung wute nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen mit
Diederich hatte er nach seiner Weise gro getan und sich gewisser Briefe
gerhmt, die er geschrieben haben wollte. Auf Diederichs strenge
Vorhaltungen bemerkte er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es
sei Mode, ein Gesellschaftsspiel - was Diederich sofort gebhrend
zurckwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck mit, sein alter
Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung, der schon so manche ntzlichen
Dienste geleistet hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten,
wre es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgem anzeigte. Und als
Hornung erst einmal laut genannt war, zeigte es sich, da er schon lngst
berall verdchtigt war. Er hatte whrend der Wahlen zahlreiche Einblicke
erhalten, war brigens aus Netzig und ohne Verwandte, was ihm den Unfug
offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein Verzweiflungskampf um das
Recht, weder Schwmme noch Zahnbrsten zu verkaufen; dieser Kampf
verbitterte ihn zusehends, er hatte ihm gewisse hhnische uerungen
entrissen, ber Herrschaften, die die Schwmme wohl nicht nur auen ntig
htten, und bei denen mit Zhneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward
angeklagt und gab in mehreren Fllen seine Urheberschaft ohne weiteres zu.
In den meisten freilich leugnete er sie um so krftiger, aber dafr gab es
Schreibsachverstndige. Gegenber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel,
der von einer Epidemie sprach und behauptete, ein einzelner sei zu schwach
fr diesen ungeheuren Haufen Mist, standen alle brigen Aussagen, stand
der ffentliche Wille. Auf das glcklichste vertrat ihn Jadassohn, der
seit seiner Rckkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum Staatsanwalt
befrdert war. Der Erfolg und das Bewutsein, einwandfrei dazustehen,
hatten ihn sogar Migung gelehrt; er sah ein, da Rcksicht auf das groe
Ganze es gebiete, den Stimmen Gehr zu schenken, die Hornung fr nervs
berreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat dies Diederich, der fr seinen
unglcklichen Jugendfreund in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem
Aufenthalt im Sanatorium davon, und als er herausdurfte, versah Diederich
ihn, wenn er nur Netzig verlie, mit Mitteln, die ihn gegen die Schwmme
und Zahnbrsten fr einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren
sie wohl die Strkeren, und ein gutes Ende lie sich kaum vorhersagen fr
Gottlieb Hornung.... Natrlich hrten, sobald er wohlverwahrt in der
Anstalt sa, die Briefe auf. Oder wenigstens lie man sich, wenn noch
einer kam, nichts mehr merken, die Affre war abgetan.



Diederich durfte wieder sagen: "Mein Haus ist meine Burg." Die Familie,
nicht lnger schmutzigen Eingriffen ausgesetzt, blhte auf das reinste
empor. Nach Gretchen, die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte
1896 Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der Kinder, noch
bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst die Kosten der Ausstattung
und der Hebamme ein. Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste.
Horst kam nicht ohne Mhe zur Welt. Als es vorber war, erklrte Diederich
seiner Gattin, da er, vor die Wahl gestellt, sie glatt htte sterben
lassen. "So peinlich es mir gewesen wre", setzte er hinzu. "Aber die
Rasse ist wichtiger, und fr meine Shne bin ich dem Kaiser
verantwortlich." Die Frauen waren der Kinder wegen da, Frivolitten und
Ungehrigkeiten versagte Diederich ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen
Erhebung und Erholung zu gnnen. "Halte dich an die drei groen G",
bedeutete er Guste. "Gott, Gafee und Gren." Auf dem rotgewrfelten
Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone in den Wrfeln, lag neben der
Kaffeekanne immer die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus
vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. "Es ist oben erwnscht", sagte
Diederich ernst, wenn Guste sich strubte. Wie Diederich in der Furcht
seines Herrn, hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt
ins Zimmer war es ihr bewut, da dem Gatten der Vortritt gebhre. Die
Kinder wieder muten ihr selbst die Ehre erweisen, und der Teckel Mnne
hatte alle zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und Kindern,
sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war es, aus den Stirnfalten des
Gatten zu ersehen, ob es geboten sei, da man ihn ungestrt lasse, oder
aber ihm durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte wurden
nur fr den Hausherrn aufgetragen, und Diederich warf an guten Tagen ein
Stck davon ber den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es
erwischte, Gretchen, Guste oder Mnne. Sein Nachmittagsschlaf war fters
durch eine Verdauungsstrung beschwert; Gustes Pflicht erheischte dann,
ihm warme Bauchbinden anzulegen. Diederich verhie ihr, chzend und schwer
bengstet, da er sein Testament machen und einen Vormund einsetzen werde.
Guste werde kein Geld in die Hand bekommen. "Ich hab' fr meine Shne
gearbeitet, aber nicht, damit du dich nachher amsierst!" Guste machte
geltend, ihr eigenes Vermgen sei die Grundlage von allem, aber sie kam
schn an ... Freilich, wenn Guste den Schnupfen hatte, durfte sie nicht
erwarten, da Diederich nun seinerseits ihre Pflege bernahm. Sie hatte
sich dann nach Mglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich war
entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik betrat er nur mit
desinfizierenden Tabletten im Munde; und eines Nachts entstand groer
Lrm, weil die Kchin an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber
hatte. "Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!" befahl Diederich; und
als sie fort war, irrte er noch lange, keimttende Flssigkeiten
verspritzend, durch die Wohnung.

Am Abend bei der Lektre des "Lokal-Anzeigers" erklrte er seiner Gattin
immer wieder, da leben nicht notwendig sei, wohl aber schiffahren - was
Guste schon darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht
mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen von
gewissen huslichen Zustnden in Schlo Friedrichskron, die Guste lebhaft
mibilligte. Gegen England brauchten wir eine starke Flotte; es mute
unbedingt zerschmettert werden, es war der rgste Feind des Kaisers. Und
warum? Man wute es in Netzig ganz genau: nur weil Seine Majestt einst in
angeregter Laune dem Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten
erschien, einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Auerdem kamen
aus England gewisse feine Papiersorten, deren Einfuhr durch einen
siegreichen Krieg am sichersten abgestellt worden wre. ber die Zeitung
hinweg sagte Diederich zu Guste: "So wie ich England hasse, hat nur
Friedrich der Groe dies Volk von Dieben und Hndlern gehat. Das ist ein
Wort Seiner Majestt, und ich unterschreibe es." Er unterschrieb jedes
Wort in jeder Rede des Kaisers, und zwar in der ersten, strkeren Form,
nicht in der abgeschwchten, die sie am Tage darauf annahmen. Alle diese
Kernworte deutschen und zeitgemen Wesens - Diederich lebte und webte in
ihnen, wie in Ausstrahlungen seiner eigenen Natur, sein Gedchtnis
bewahrte sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er sie
wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei ffentlichen
Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen, und weder er noch ein anderer
unterschied, was von ihm kam und was von einem Hheren ... "Dies ist s",
sagte Guste, die das Vermischte las. "Der Dreizack gehrt in unsere
Faust", behauptete Diederich unbeirrt, indes Guste ein Erlebnis der
Kaiserin zum besten gab, das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel
sich die hohe Frau in einfacher, beinahe brgerlicher Kleidung. Ein
Brieftrger, dem sie sich auf der Landstrae zu erkennen gab, hatte ihr
nicht geglaubt, da sie es sei, und sie ausgelacht. Nachher war er
vernichtet auf die Knie gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies
entzckte auch Diederich - wie es ihm andererseits an das Herz griff, da
der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Strae ging, um mit 57 Mark
neugeprgten Geldes den Armen Berlins ein frohes Fest zu bereiten - und
wie es ihn ahnungsvoll erschauern lie, da Seine Majestt Ehrenbailli des
Maltheserordens geworden war. Welten, nie geahnt, erschlo der
"Lokal-Anzeiger", und dann wieder brachte er einem die Allerhchsten
Herrschaften gemtlich nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgroen
Bronzefiguren der Majestten schienen lchelnd nher zu rcken, und den
Trompeter von Sckingen, der sie begleitete, hrte man traulich blasen.
"Himmlisch mu es bei Kaisers sein," meinte Guste, "wenn groe Wsche ist.
Sie haben hundert Leute zum Waschen!" Wohingegen Diederich von tiefem
Wohlgefallen erfllt ward durch die Teckel des Kaisers, die vor den
Schleppen der Hofdamen keine Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte
in ihm, bei seiner nchsten Soiree seinem Mnne volle diesbezgliche
Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden Spalte machte ein
Telegramm ihm ernste Sorge, weil es noch immer nicht feststand, ob der
Kaiser und der Zar sich treffen wrden. "Wenn es nicht bald kommt," sagte
er gewichtig, "mssen wir uns auf alles gefat machen. Die Weltgeschichte
lt nicht mit sich spaen." Gern hielt er sich lnger bei drohenden
Katastrophen auf, denn "die deutsche Seele ist ernst, fast tragisch",
stellte er fest.

Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie ghnte immer hufiger. Unter
dem strafenden Blick des Gatten schien sie sich an eine Pflicht zu
erinnern, sie machte herausfordernde Schlitzaugen und bedrngte ihn sogar
mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken uern, da sagte
Guste mit ungewohnt strenger Stimme "Quatsch"; Diederich aber, weit
entfernt, diesen bergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete
er noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte, verscheuchte sie
vollends ihre Mdigkeit, und pltzlich hatte er eine mchtige Ohrfeige -
worauf er nichts erwiderte, sondern aufstand und sich schnaufend hinter
einen Vorhang drckte. Und als er wieder in das Licht kam, zeigte es sich,
da seine Augen keineswegs blitzten, sondern voll Angst und dunkeln
Verlangens standen ... Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen.
Sie erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hften schaukelte,
begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstfrmigen Finger
gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: "Auf die Knie,
elender Schklafe!" Und Diederich tat, was sie heischte! In einer
unerhrten und wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm
befehlen: "Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!" - und dann auf den
Rcken gelagert, lie er sich von ihr in den Bauch treten. Freilich
unterbrach sie sich inmitten dieser Ttigkeit und fragte pltzlich ohne
ihr grausames Pathos und streng sachlich: "Haste genug?" Diederich rhrte
sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin. "Ich bin die Herrin, du
bist der Untertan", versicherte sie ausdrcklich. "Aufgestanden! Marsch!"
- und sie stie ihn mit ihren Grbchenfusten vor sich her nach dem
ehelichen Schlafgemach. "Freu' dich!" verhie sie ihm schon, da gelang es
Diederich, zu entwischen und das Licht abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden
Herzens vernahm er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anstndigen
Namen gab, wobei sie freilich schon wieder ghnte. Etwas spter lag sie
vielleicht schon und schlief - Diederich aber, noch immer des uersten
gewrtig, kroch auf allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich
hinter dem bronzenen Kaiser ...

Regelmig nach solchen nchtlichen Phantasien lie er sich am Morgen das
Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt
aufging. Durch ein frchterliches Strafgericht in Gegenwart aller
Dienstboten setzte Diederich ihrem kurzen Machtdnkel, falls sie noch eine
Erinnerung daran bewahrte, ein jhes Ende. Autoritt und Sitte
triumphierten wieder. Auch sonst war dafr gesorgt, da die ehelichen
Beziehungen nicht allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden
zweiten, dritten Abend, manchmal noch fter, ging Diederich fort - zum
Stammtisch in den Ratskeller, wie er sagte, aber das stimmte nicht
immer ... Am Stammtisch war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen,
in dem zu lesen stand: "Je schner die Kneip', desto schlimmer das Weib,
je schlimmer das Weib, desto schner die Kneip'." Und auch die kernigen
alten Sinnsprche in den brigen Bogen rchten einen in wohltuender Weise
fr die Zugestndnisse, die man, durch die Natur gentigt, der Frau daheim
zuweilen machte. "Wer nicht liebt Wein und Gesang, verdient ein Weib sein
Leben lang", oder "Beht euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor bsen
Weibern und bsen Hunden". Dagegen las, wer zwischen Jadassohn und
Heuteufel die Augen zur Decke erhob: "Friedliche Rast am traulichen Herd,
und an der Wand ein schneidiges Schwert. Nach alter Sitt' in deutscher
Mitt', kommt trinkt euch aller Sorgen quitt". Was allerseits geschah, ohne
Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch Cohn und Heuteufel samt
ihren nheren Freunden und Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich
eingefunden, einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen, weil es eben
auf die Dauer niemandem mglich war, den Erfolg zu bestreiten oder zu
bersehen, der den nationalen Gedanken beflgelte und immer hher trug.
Das Verhltnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich litt nach wie vor
unter Mihelligkeiten. Zwischen den Weltanschauungen lagen denn doch
unbersteigbare Schranken, und "in seine religisen berzeugungen lt
sich der Deutsche nicht hineinreden", wie man auf beiden Seiten
feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich jede Ideologie vom
bel. Seinerzeit im Frankfurter Parlament hatten gewisse hochbedeutende
Mnner gesessen, aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen, und darum
hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich bemerkte. brigens
milde gestimmt durch seine Erfolge, gab er zu, da das Deutschland der
Dichter und Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe. "Aber
es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen Leistungen heute liegen
auf dem Gebiet der Industrie und Technik. Der Erfolg beweist." Heuteufel
mute es zugeben. Seine uerungen ber den Kaiser, ber Wirksamkeit und
Bedeutung Seiner Majestt klangen wesentlich zurckhaltender als ehedem;
bei jedem neuen Auftreten des allerhchsten Redners stutzte er, versuchte
zu nrgeln und lie doch erkennen, da er am liebsten sich einfach
angeschlossen htte. Der entschiedene Liberalismus, dies ward nachgerade
allgemein anerkannt, konnte nur gewinnen, wenn auch er sich mit der
Energie des nationalen Gedankens erfllte, wenn er positiv mitarbeitete
und bei zielbewutem Hochhalten des freiheitlichen Banners doch den
Feinden, die uns den Platz in der Sonne nicht gnnten, ein unerbittliches
_quos ego_ zurief. Denn nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer
aufs neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschmten Englndern
rckte nher! Die Flotte, fr deren Ausbau die geniale Propaganda unseres
genialen Kaisers unermdlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere
Zukunft lag tatschlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis gewann immer mehr
an Boden. Rings um den Stammtisch griff die Idee der Flotte Platz und ward
zur lodernden Flamme, die immer neu mit deutschem Wein genhrt, ihrem
Schpfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe, verblffende Maschinen
brgerlicher Erfindung, die in Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten,
genau wie in Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses "Weltmacht"
benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr als alles am Herzen,
und Cohn wie Heuteufel wurden dem nationalen Gedanken vor allem durch die
Flotte gewonnen: Eine Landung in England war der Traum, der unter den
gotischen Gewlben des Ratskellers nebelte. Die Augen funkelten, und die
Beschieung Londons ward verhandelt. Die Beschieung von Paris war eine
Begleiterscheinung und vollendete die Plne, die Gott mit uns vorhatte.
Denn "die christlichen Kanonen tun gute Arbeit", wie Pastor Zillich sagte.
Nur Major Kunze bezweifelte dies, er erging sich in den dstersten
Voraussagen. Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt worden war,
hielt er jede Niederlage fr mglich. Aber er blieb der einzige Nrgler.
Wer am meisten triumphierte, war Khnchen. Die Taten, die der schreckliche
kleine Greis einst im groen Krieg vollfhrt hatte, jetzt endlich, ein
Vierteljahrhundert spter, fanden sie ihre wahre Besttigung in der
allgemeinen Gesinnung. "Die Saat," sagte er, "die wir dunnemals gest
haben, na nu geht se auf. Da meine alten Augen das noch sehen drfen!" -
und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche.

Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs Verhltnis zu
Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide gereift und in die Sphre der
gesttigten Existenzen vorgerckt, beeintrchtigten einander weder
politisch noch am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen
Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte, wo er ohne Gustes
Wissen dem Stammtisch fernblieb. Sie lag vor dem Sachsentor, es war die
ehemals von Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen
Dame, die selten ffentlich gesehen ward und dann niemals zu Fu. In einer
Proszeniumsloge der "Walhalla" sa sie zuweilen in groer Aufmachung, ward
allgemein durch die Opernglser betrachtet, aber von niemand gegrt; und
ihrerseits verhielt sie sich wie eine Knigin, die ihr Inkognito wahrt.
Natrlich wute trotz der Aufmachung alle Welt, das war Kthchen Zillich,
die, in Berlin fr ihren Beruf vorgebildet, ihn in der von Brietzenschen
Villa nunmehr erfolgreich ausbte. Auch verkannte niemand, da dieser
Tatbestand nicht geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu
heben. Die Gemeinde nahm schweres rgernis, zu schweigen von den Spttern,
die entzckt waren. Um eine Katastrophe abzuwenden, beantragte der Pastor
bei der Polizei die Beseitigung des bels, stie aber auf einen
Widerstand, der nur erklrlich schien, wenn man gewisse Zusammenhnge
annahm zwischen der Villa von Brietzen und den hchsten Stellen der Stadt.
An der irdischen Gerechtigkeit nicht weniger als an der gttlichen
verzweifelnd, schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu bernehmen,
und wirklich sollte er eines Nachmittags, als sie noch im Bette lag, die
verlorene Tochter einer Zchtigung unterzogen haben. Nur der Mutter, die
ihm, alles ahnend, gefolgt war, verdankte Kthchen ihr nacktes Leben, wie
die Gemeinde behauptete. Der Mutter sagte man eine verwerfliche Schwche
nach fr die Tochter in ihrem sndigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf,
so erklrte er von der Kanzel herab Kthchen fr tot und verfault, wodurch
er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums rettete. Mit der Zeit
verstrkte die ihm widerfahrene Prfung seine Autoritt ... Diederich
seinerseits kannte von den Herren, die an Kthchens Lebenswandel mit
Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn, obwohl Jadassohn von
allen die kleinsten Einlagen machte, Diederich vermutete sogar, gar keine.
Jadassohns Beziehungen zu Kthchen lagen eben, noch von frher her, als
Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich keinen Anstand, die
Sorgen, die es ihm machte, mit Jadassohn zu besprechen. Die beiden rckten
am Stammtisch in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: "Was einem
Mann zur Lust ein minnig Weiblein brt, gar wohl gert"; und mit der
gebotenen Rcksicht auf Pastor Zillich, der nicht weit davon ber die
christlichen Kanonen handelte, besprachen sie die Angelegenheiten der
Villa von Brietzen. Diederich beklagte sich ber Kthchens unersttliche
Ansprche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete er einen gnstigen
Einflu auf sie in dieser Beziehung. Aber Jadassohn fragte nur: "Wozu
haben Sie sie denn? Sie soll doch Geld kosten?" Und dies war auch wieder
richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung, Kthchen auf diesem
Wege doch noch erworben zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur
mehr als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem Reklamekonto.
"Meine Stellung," sagte er zu Jadassohn, "erfordert eine grozgige
Reprsentation. Sonst wrde ich, offen gestanden, das ganze Geschft
fallen lassen, denn unter uns, Kthchen bietet nicht genug." Hier lchelte
Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. "berhaupt," fuhr Diederich fort,
"ist sie dasselbe Genre wie meine Frau, und meine Frau" - er hielt die
Hand vor - "ist leistungsfhiger. Sehen Sie, gegen sein Gemt kann man
nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa von Brietzen kommt es mir
vor, als ob ich meiner Frau etwas schulde. Lachen Sie nur, tatschlich
schenke ich ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auffllt!" Jadassohn
lachte mit noch mehr Grund, als Diederich meinte; denn er hatte es schon
lngst fr seine sittliche Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Heling
aufzuklren ber diese Zusammenhnge.

Im Politischen ergab sich fr Diederich und Jadassohn ein hnlich
ersprieliches Zusammenwirken wie bei Kthchen; denn gemeinsam beeiferten
sie sich, die Stadt von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von
solchen, die die Pest der Majesttsbeleidigungen weiter verbreiteten.
Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte sie ausfindig, worauf
Jadassohn sie ans Messer lieferte. Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir
gestaltete sich ihre Ttigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem
Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste bte, den Sang an Aegir
einen -! In das, was sie gesagt hatte, flog sie selbst ... Wolfgang Buck
sogar, der neuerdings wieder in Netzig weilte, erklrte die Verurteilung
fr durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische Gefhl.
"Einen Freispruch htte das Volk nicht verstanden", sagte er am
Stammtisch. "Die Monarchie ist unter den politischen Regimen eben das, was
in der Liebe die strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend
veranlagt ist, verlangt, da etwas geschieht, und mit Milde ist ihm nicht
gedient." Hier errtete Diederich ... Leider bekundete Buck solche
Gesinnungen nur, solange er nchtern war. Spterhin gab er durch seine von
frher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Gter in den Schmutz zu
ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus jeder anstndigen Gesellschaft
auszuschlieen. Diederich war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte.
Er verteidigte seinen Freund. "Die Herren mssen bedenken, er ist erblich
belastet, denn die Familie weist Anzeichen einer schon ziemlich weit
vorgeschrittenen Degeneration auf. Andererseits spricht es fr einen
gesunden Kern in ihm, da das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht
befriedigt hat und da er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt zurckgefunden
hat." Man erwiderte, es sei verdchtig, wenn Buck sich ber seine fast
dreijhrigen Erfahrungen beim Theater so vllig ausschweige. War er
berhaupt noch satisfaktionsfhig? Diese Frage konnte Diederich nicht
beantworten; es war ein logisch nicht begrndeter, aber tiefsitzender
Drang, der ihn dem Sohn des alten Buck immer wieder nherte. Immer wieder
nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal schroff abbrach,
nachdem sie die schrfsten Gegenstze blogelegt hatte. Er fhrte Buck
sogar in sein Heim ein, erlebte dabei aber eine berraschung. Denn wenn
Buck anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe kam, bald kam
er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden sich ber Diederich hinweg
und in einer Art, die ihn befremdete. Sie fhrten spitze und scharfe
Gesprche, anscheinend ohne das Gemt oder die anderen Faktoren, die der
Verkehr der Geschlechter normalerweise in Betrieb setzte; und senkten sie
die Stimmen und wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends
unheimlich. Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und korrekte
Verhltnisse herstellen oder aber das Zimmer verlassen sollte. Zu seinem
eigenen Erstaunen entschied er sich fr das letztere. "Sie haben beide
sozusagen ihre Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren",
sagte er sich mit der berlegenheit, die ihm zukam, und ohne viel darauf
zu achten, da er im Grunde stolz war auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine
eigene Schwester, fein genug, besonders genug, ja, fragwrdig genug
schien, um sich mit Wolfgang Buck zu verstndigen. "Wer wei", dachte er
zgernd, und dann entschlossen: "Warum nicht! Bismarck hat es auch so
gemacht, mit sterreich. Zuerst niedergeworfen, dann ein Bndnis!"

Aus diesen noch dunklen berlegungen heraus widmete Diederich auch dem
Vater Wolfgangs wieder ein gewisses Interesse. Der alte Buck, von einem
Herzleiden befallen, kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand er
die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar in die Auslage
vertieft, in Wirklichkeit aber einzig bemht, zu verbergen, da er nicht
atmen konnte. Was dachte er? Wie urteilte er ber die neue geschftliche
Blte Netzigs, den nationalen Aufschwung und ber die, die jetzt die Macht
hatten? War er berzeugt und auch innerlich besiegt? Es kam vor, da
Generaldirektor Doktor Heling, der mchtigste Mann der Brgerschaft, sich
heimlich in ein Haustor drckte, um dann ungesehen hinterdrein zu
schleichen hinter diesem einflulosen, schon halb vergessenen Alten: er
auf seiner Hhe rtselhaft beunruhigt durch einen Sterbenden ... Da der
alte Buck seine Hypothekenzinsen nur noch mit Versptung zahlte, schlug
Diederich dem Sohn vor, er wolle das Haus bernehmen. Natrlich drfe der
alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch die Einrichtung wollte
Diederich kaufen und sogleich bezahlen. Wolfgang bestimmte den Vater,
anzunehmen.

Inzwischen ging der 22. Mrz vorber, Wilhelm der Groe war hundert Jahre
alt geworden, und sein Denkmal stand noch immer nicht im Volkspark. Die
Interpellationen in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein Ende,
mehrmals waren unter schweren Kmpfen Nachtragskredite bewilligt und
wieder berschritten worden. Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde
getroffen, als Seine Majestt den hchstseligen Grovater als Fugnger
ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich, von Ungeduld
getrieben, ging des fteren am Abend in die Meisestrae, um sich vom Stand
der Arbeiten zu berzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der
Dmmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten Areal des Volksparkes
ging ein Luftzug. Diederich sann wieder einmal mit gereizten Gefhlen dem
glnzenden Geschft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin hier
gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstcksgeschfte waren kein
Kunststck, wenn der Vetter Regierungsprsident war. Die Stadt mute ihm
einfach das Ganze abnehmen fr das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und mute
zahlen, was er verlangte ... Da tauchten zwei Gestalten auf; Diederich sah
rechtzeitig, wer es war und zog sich ins Gebsch zurck.

"Hier lt sich atmen", sagte der alte Buck. Sein Sohn erwiderte:

"Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie haben anderthalb
Millionen Schulden gemacht, um dieses Mllager zu schaffen." Und er zeigte
auf den unfertigen Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbnken,
Lwen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten flgelschlagend ihre Krallen
in den noch leeren Sockel, andere Exemplare nisteten wieder auf jenen, die
Rundbnke symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber auch Lwen
zum Sprung aus nach dem Vordergrund, wo ohnehin Aufregung genug herrschte
durch flatternde Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der
Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmshhe die Rckwand des
Sockels zierend, als Besiegter hinter dem Triumphwagen, war berdies immer
in Gefahr, von einem Lwen angefallen zu werden, der gerade hinter ihm,
auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten Buckel machte -
wohingegen Bismarck und die anderen Paladine, mitten im Tierkfig wie zu
Hause, vom Fu des Sockels mit allen Hnden hinauflangten, um mit
anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers.

"Wer mte nun dort oben einhersprengen?" fragte Wolfgang Buck. "Der Alte
war nur ein Vorlufer. Dies mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit
Ketten von uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was von
allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes."

Nach einer Weile - die Dmmerung graute - sagte der Vater: "Und du, mein
Sohn? Auch dir schien es einmal der Endzweck, zu spielen."

"Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr knnen wir nicht. Wir sollten uns
leicht und klein nehmen heute, es ist die sicherste Haltung angesichts der
Zukunft; und ich sage nicht, da es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich
die Bhne wieder verlassen habe. Lcherlich, Vater, ich bin gegangen, weil
einmal, als ich spielte, ein Polizeiprsident geweint hatte. Aber bedenke
auch, ob dies ertrglich war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in
Herzen, hohe Moral, Modernitt des Intellektes und der Seele stelle ich
fr Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil sie mir zuwinken und
betroffene Gesichter haben. Nachher aber liefern sie Revolutionre aus und
schieen auf Streikende. Denn mein Polizeiprsident steht fr alle."

Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich barg.

"Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestm des Geistes rhrt nie an euer
Leben. Den Tag, an dem die Meister eurer Kultur dies begriffen htten wie
ich, wrden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden Tieren." Und
er zeigte nach den Lwen und Adlern. Auch der Alte sah auf das Denkmal; er
sagte:

"Sie sind sehr mchtig geworden; aber durch ihre Macht ist in die Welt
weder mehr Geist noch mehr Gte gekommen. Also war es umsonst. Auch wir
waren scheinbar umsonst da." Er blickte auf den Sohn. "Dennoch drft ihr
ihnen das Feld nicht lassen."

Wolfgang seufzte schwer. "Worauf hoffen, Vater? Sie hten sich, die Dinge
auf die Spitze zu treiben, wie jene Privilegierten vor der Revolution. Aus
der Geschichte haben sie leider Migung gelernt. Ihre soziale
Gesetzgebung baut vor und korrumpiert. Sie sttigt das Volk gerade so
weit, da es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich zu kmpfen, um Brot,
geschweige Freiheit. Wer zeugt noch gegen sie?"

Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal klangvoll. "Der
Geist der Menschheit", sagte er, und nach einer Pause, da der Junge den
Kopf gesenkt hielt:

"Du mut ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe, der sie
auszuweichen denken, vorber sein wird, sei gewi, die Menschheit wird
das, worauf die erste Revolution folgte, nicht scham- und vernunftloser
nennen, als die Zustnde, die die unseren waren."

Er sagte leise wie aus der Ferne: "Der wrde nicht gelebt haben, der nur
in der Gegenwart lebte."

Pltzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch hin, und an
seinem Arm, zusammengesunken und stockenden Schrittes, verschwand der Alte
im Dunkel. Diederich aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das
Gefhl, aus einem bsen, wenn auch grtenteils unbegreiflichen Traum zu
kommen, worin an den Grundlagen gerttelt worden war. Und trotz dem
Unwirklichen, das alles Gehrte an sich hatte, schien hier tiefer
gerttelt worden zu sein, als je der ihm bekannte Umsturz rttelte. Dem
einen dieser beiden waren die Tage gezhlt, der andere hatte auch nicht
viel vor sich, aber Diederich fhlte, es wre besser gewesen, sie htten
einen gesunden Lrm im Lande geschlagen, als da sie hier im Dunkeln diese
Dinge flsterten, die doch nur von Geist und Zukunft handelten.



In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten. Gemeinsam
mit dem Schpfer des Denkmals entwarf Diederich das knstlerische
Arrangement fr die Feier der Enthllung - wobei der Schpfer mehr
Entgegenkommen bewies, als man von ihm erwartet haben wrde. berhaupt
kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten seines Berufes hervor, nmlich
Genie und vornehme Gesinnung, whrend er sich im brigen durchaus korrekt
und geschftstchtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des Brgermeisters
Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel dafr, da es, veralteter
Vorurteile ungeachtet, berall Anstndigkeit gibt, und da noch kein Grund
zum Verzweifeln ist, wenn ein junger Mensch fr ein Brotstudium zu faul
ist und Knstler wird. Als er das erstemal von Berlin nach Netzig
zurckkehrte, trug er noch eine Samtjacke und zog der Familie nur
Unannehmlichkeiten zu; aber bei seinem zweiten Besuch besa er schon einen
Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majestt entdeckt und
durfte fr die Siegesallee das wohlgetroffene Bildnis des Markgrafen Hatto
des Gewaltigen schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten
Zeitgenossen, des Mnches Tassilo, der an einem Tage hundert Liter Bier
trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz, der die Berliner robotten
lehrte, wenn sie ihn dann auch hngten. Auf die Verdienste des Ritters
Klitzenzitz hatten Seine Majestt den Oberbrgermeister noch besonders
aufmerksam gemacht, was wieder gnstig zurckgewirkt hatte auf die
Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit genug haben fr
einen Mann, auf dem ein unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag;
Diederich stellte ihm sein Haus zur Verfgung, er mietete ihm auch das
Reitpferd, das der Knstler brauchte, um seine Krfte spielen zu lassen -
und welche Aussichten, als der berhmte Gast die ersten Zeichenversuche
des kleinen Horst vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden
Fues Horst der Kunst, dieser so zeitgemen Laufbahn.

Wulckow, der keinen Sinn fr die Kunst hatte und sich mit dem Gnstling
Seiner Majestt nicht zu stellen wute, bekam vom Denkmalskomitee die
Ehrengabe von 2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht hatte;
die bei der Enthllung zu haltende Festrede aber bertrug das Komitee
seinem ordentlichen Vorsitzenden, dem geistigen Schpfer des Denkmals und
Begrnder der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung gefhrt hatte,
Herrn Stadtverordneten Generaldirektor Doktor Heling, bravo! Diederich,
bewegt und geschwellt, sah sich am Fue neuer Erhhungen. Der
Oberprsident selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte
Diederich reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich schickte
sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet, weigerte er
sich sogar, auf der Tribne der offiziellen Damen auch Guste zuzulassen.
Diederich hatte dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief,
aber ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste heim. "Es
bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame sein. Man wird ja sehen, wer
offizieller ist, du oder er! Er soll dich noch bitten! Ich hab' ihn Gott
sei Dank nicht mehr ntig, aber er vielleicht mich." - Und so kam es, denn
als das nchste Heft der "Woche" erschien, was brachte es auer den
gewohnten Kaiserbildern? Zwei Portrtaufnahmen, die eine den Schpfer des
Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an seinem Werk
den letzten Hammerschlag tat, die andere aber den Vorsitzenden des
Komitees und seine Gattin, Diederich samt Guste. Von Wulckow nichts - was
allgemein bemerkt und als Zeichen angesehen ward, da seine Stellung
erschttert sei. Er selbst mute es fhlen, denn er tat Schritte, um doch
noch in die "Woche" zu kommen. Er suchte Diederich auf, aber Diederich
lie sich verleugnen. Der Knstler seinerseits brauchte Ausflchte. Da
geschah es tatschlich, da Wulckow auf der Strae an Guste herantrat. Die
Geschichte mit dem Platz bei den offiziellen Damen sei ein
Miverstndnis ... "Schn hat er gemacht wie unser Mnne", berichtete
Guste. "Aber nun gerade nicht!" entschied Diederich, und er nahm keinen
Anstand, die Geschichte umherzuerzhlen. "Soll man sich Zwang antun,"
sagte er zu Wolfgang Buck, "wo der Mann doch geliefert ist? Herr Oberst
von Haffke gibt ihn auch schon auf." Khn setzte er hinzu: "Jetzt sieht
er, es gibt noch andere Mchte. Wulckow hat es zu seinem Schaden nicht
verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen einer
grozgigen ffentlichkeit anzupassen, die dem heutigen Kurs ihren Stempel
aufdrcken." - "Absolutismus, gemildert durch Reklamesucht", ergnzte
Buck.

Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich jenen
Grundstckshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt hatte, immer
anstiger. Seine Entrstung nahm einen solchen Umfang an, da der Besuch,
den gerade jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte, fr
Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit ward. Parlamentarismus und
Immunitt hatten doch ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich
umgehend im Reichstag hin und enthllte. Er enthllte, ohne da ihm das
geringste geschehen konnte, die Schiebungen des Regierungsprsidenten von
Wulckow in Netzig, seinen Riesengewinn am Grundstck des
Kaiser-Wilhelm-Denkmals, der nach Napoleon Fischers Behauptung von der
Stadt erpret war, und das Ehrengeschenk von angeblich 5000 Mark, dem er
den Titel "Schmiergeld" gab. Der Zeitung zufolge bemchtigte hier der
Volksvertreter sich ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow,
sondern dem Enthller. Wtend verlangte man Beweise und Zeugen; Diederich
zitterte, in der nchsten Zeile konnte sein Name kommen. Zum Glck kam er
nicht, Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewut. Statt
dessen redete der Minister, er berlie den unerhrten, leider unter dem
Schutze der Immunitt begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich
nicht verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus urteilte, indem
es dem Herrn Minister Beifall klatschte. Parlamentarisch war der Fall
erledigt, es erbrigte nur noch, da auch die Presse ihren Abscheu uerte
und, soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei mit dem
Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische Bltter, die die Vorsicht
auer acht gelassen hatten, muten ihren verantwortlichen Redakteur den
Gerichten ausliefern, so auch die Netziger "Volksstimme". Diederich
benutzte diesen Anla, um zwischen sich und denen, die an dem Herrn
Regierungsprsidenten hatten zweifeln knnen, glatt das Tischtuch zu
zerschneiden. Er und Guste machten Besuch bei Wulckows. "Ich wei aus
erster Quelle," sagte er nachher, "dem Mann ist die grte Zukunft gewi.
Er war neulich auf der Jagd mit Majestt und hat einen groartigen Witz
gerissen." Acht Tage spter brachte die "Woche" ein ganzseitiges Bildnis,
Glatze und Bart auf der einen Hlfte, ein Bauch auf der anderen, und dazu
die Unterschrift: "Regierungsprsident von Wulckow, der geistige Schpfer
des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals, gegen den krzlich ein allgemein als
emprend empfundener Angriff im Reichstag erfolgte und dessen Ernennung
zum Oberprsidenten bevorsteht" ... Das Bild des Generaldirektors Heling
mit Frau hatte nur eine Viertelseite eingenommen. Diederich berzeugte
sich, da der gebhrende Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb,
auch unter den modernen Lebensbedingungen einer grozgigen
ffentlichkeit, unangreifbar wie je - was ihn trotz allem tief
befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das gnstigste vorbereitet
fr seine Festrede.

Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom Schlaf gemiedener
Nchte und bei regem Gedankenaustausch mit Wolfgang Buck und besonders mit
Kthchen Zillich, die fr die Gre des kommenden Ereignisses ein
merkwrdig klares Verstndnis zeigte. Am Schicksalstage, als Diederich,
das Herz klopfend gegen die Niederschrift seiner Rede, um halb elf mit
seiner Gattin beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig
belebten, aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem, der
Militrkordon war schon gezogen! - und gelangte man auch nur nach
Gewhrung aller Garantien hindurch, so lag doch eben hierin eine
feierliche Erhebung angesichts des nicht privilegierten Volkes, das hinter
unseren Soldaten und am Fu einer groen schwarzen Brandmauer in der Sonne
die schwitzenden Hlse reckte. Die Tribnen, links und rechts von den
langen weien Tchern, hinter denen man Wilhelm den Groen vermuten
durfte, empfingen den Schatten ihrer Zeltdcher sowie zahlreicher Fahnen.
Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich feststellte, durch ihre
ins Blut bergegangene Disziplin befhigt, sich und ihre Damen ohne fremde
Hilfe einzurichten; alle Strenge der polizeilichen berwachung war nach
rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte. Auch Guste gab sich
nicht zufrieden mit dem ihren, einzig das offizielle Festzelt gegenber
dem Denkmal schien ihr wrdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle
Dame, Wulckow hatte es anerkannt. Diederich mute hin mit ihr, wenn er
kein Feigling war, aber natrlich ward sein tollkhner Angriff so
nachdrcklich zurckgewiesen, wie er es vorausgesehen hatte. Der Form
wegen und damit Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen den
Ton des Polizeileutnants und wre beinahe verhaftet worden. Sein
Kronenorden vierter Klasse, seine schwarzweirote Schrpe und die Rede,
die er vorzeigte, retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder
vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz gelten fr die
Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre, gebrach ihm nun einmal, und
Diederich mute auch hier wieder bemerken, da man ohne Uniform, trotz
sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben ging.

Im Zustand der Auflsung trat das Ehepaar Heling seinen allseitig
bemerkten Rckzug an, Guste blulich geschwollen in ihren Federn, Spitzen
und Brillanten. Diederich schnaufend und nach Krften den Bauch mit der
Schrpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben ber seine
Niederlage. So muten sie hindurch zwischen dem Kriegerverein, der,
Eichenkrnze um die Zylinderhte, unterhalb der Militrtribne stand, an
seiner Spitze Khnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen
drben, wei mit schwarzweiroten Schrpen und befehligt von Pastor
Zillich im Talar. Nun sie aber anlangten, wer sa, in der Haltung einer
Knigin, auf Gustes Stuhl? Man war starr: Kthchen Zillich. Hier fhlte
Diederich sich denn doch bemigt, seinerseits ein Machtwort zu sprechen.
"Die Dame hat sich geirrt, der Platz ist nicht fr die Dame", sagte er,
keineswegs zu Kthchen Zillich, die er fr ebenso fremd wie zweideutig zu
halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten - und htten ihm auch nicht
die menschlichen Laute ringsum recht gegeben, Diederich stand hier fr die
stummen Gewalten von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher wre die Tribne
eingestrzt, als da Kthchen Zillich auf ihr verblieb ... Dennoch geschah
das Auerordentliche, da der Beamte unter Kthchens ironischem Lcheln
die Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich anrief, gab
nur einen weiteren unbegreiflichen Sttzpunkt ab fr den bergriff der
Unmoral. Diederich, betubt vor einer Welt, deren Betrieb gestrt schien,
lie es geschehen, da Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe ganz
oben, wobei sie mit Kthchen Zillich einige die Gegenstze betonende Worte
wechselte. Der Meinungsaustausch griff schon auf Unbeteiligte ber und
drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch der Gste
auf der Wartburg, und wirklich bezogen sie das offizielle Zelt, voran
Wulckow, unverkennbar trotz seiner roten Husarenuniform, zwischen einem
Herrn in Frack und Ordensstern und einem hohen General. War es mglich?
Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten, Uniformen in allen Farben,
Sternenblitzen und ein Wuchs! "Wer ist der Gelbe, der Lange?" forschte
Guste innig. "Ist das ein schner Mann!" - "Wollen Sie mich geflligst
nicht treten!" verlangte Diederich, denn auch sein Nachbar war
aufgesprungen, alle verrenkten sich, fieberten und schwelgten. "Sieh sie
dir an, Guste! Emmi ist eine Gans, da sie nicht mitwollte. Das ist das
einzige, erstklassige Theater, es ist das Hchste, da kann man nichts
machen!" - "Aber der mit den gelben Aufschlgen!" schwrmte Guste. "Der
Schlanke! Der mu ein echter Aristokrat sein, das seh' ich gleich."
Diederich lachte wollstig. "Da ist berhaupt keiner dabei, der nicht ein
echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift nehmen. Wenn ich dir sage,
ein Flgeladjutant Seiner Majestt ist hier!" - "Der Gelbe!" - "Persnlich
hier!"

Man suchte sich zurecht. "Der Flgeladjutant! Zwei Divisionsgenerale,
Donnerwetter!" Und die schneidige Anmut der Begrungen; sogar der
Brgermeister Doktor Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund
gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform stramm stehen
vor seinen hohen Vorgesetzten. Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch
sein Monokel den Grund und Boden der Veranstaltung, der vorbergehend ihm
selbst gehrt hatte. Wulckow aber, der rote Husar, brachte die volle
Bedeutung eines Regierungsprsidenten erst jetzt zur Geltung, wo er
salutierend das gewaltige, von Schnren umrahmte Profil seiner unteren
Krperteile hervorkehrte. "Das sind die Sulen unserer Macht!" rief
Diederich in die wuchtigen Klnge des Einzugsmarsches. "Solange wir solche
Herren haben, werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!" Und voll
berwltigenden Dranges, in der Meinung, seine Stunde sei da, strzte er
hinunter, nach dem Rednerpodium. Aber der Schutzmann, der es bewachte,
trat ihm entgegen. "Nee, nee, Sie komm' noch nich'ran", sagte der
Schutzmann. Jh in seinem Schwunge gehemmt, stie Diederich gegen einen
Aufsichtsbeamten, der ihm nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein
Magistratsdiener, der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der Dame
mit den gelben Haaren gehre dem Herrn Stadtverordneten, "aber auf hheren
Befehl hat ihn die Dame gekriegt". Das weitere verriet der Mann in
ersterbendem Flsterton, und Diederich entlie ihn mit einer Bewegung, die
sagte: "Dann allerdings." Der Flgeladjutant Seiner Majestt! Dann
allerdings! Diederich berlegte, ob es nicht geboten sei, umzukehren und
Kthchen Zillich ffentlich seine Huldigung zu entbieten.

Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte der Fahnenkompagnie
Rhrt euch, und auch Khnchen lie seine Krieger sich rhren; hinter dem
Festzelt intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten. Dies geschah,
sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie des Kriegervereins. Khnchen in
seiner historischen Landwehruniform, die auer vom Eisernen Kreuz von
einem ruhmreichen Flicken geziert ward - denn hier war eine franzsische
Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des Gelndes auf Pastor Zillich in
seinem Talar - auch die Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter
dem Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der Ziviltribne
ward das Publikum von den Beamten gehalten, sich zu erheben, die Herren
Offiziere taten es von selbst. berdies stimmte die Kapelle "Ein' feste
Burg" an. Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber der
Oberprsident, offenbar in der Annahme, da der alte Alliierte nun genug
habe, lie sich, gelblichen Gesichts, auf seinen Sessel nieder, rechts von
ihm der blhende Flgeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die
ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden Gesetzen
gruppiert war, sah man den Regierungsprsidenten von Wulckow einen Wink
erteilen, infolgedessen ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er begab
sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium bewachte, worauf dieser das
Wort an Diederich richtete. "Na, nu komm Se man 'ran", sagte der
Schutzmann.

Diederich gab acht, da er beim Hinaufsteigen nicht stolperte, denn die
Beine waren ihm pltzlich weich geworden, auch sah er verschwommen. Nach
einigem Schnaufen unterschied er im kahlen Umkreis ein Bumchen, das keine
Bltter hatte, aber mit schwarzweiroten Blten aus Papier berst war.
Der Anblick des Bumchens gab ihm Gedchtnis und Kraft zurck; er begann.

"Eure Exzellenzen! Hchste, hohe und geehrte Herren!

Hundert Jahre sind es, da der groe Kaiser, dessen Denkmal der Enthllung
harrt durch den Vertreter Seiner Majestt, uns und dem Vaterlande
geschenkt ward; gleichzeitig aber - das macht diese Stunde noch
bedeutsamer - ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein groer Enkel den
Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor allem auf die groe
Zeit, die wir selbst miterleben durften, einen stolzen und dankbaren
Rckblick werfen."

Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen Aufschwung
der Wirtschaft und des nationalen Gedankens. Lngere Zeit verweilte er
beim Ozean. "Der Ozean ist unentbehrlich fr Deutschlands Gre. Der Ozean
beweist uns, da auf ihm und jenseits von ihm ohne Deutschland und ohne
den Deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf, denn das
Weltgeschft ist heute das Hauptgeschft!" Aber nicht nur vom
geschftlichen Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der
Aufschwung ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn frher aus mit
uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes Bild des lteren
Geschlechts, das durch eine einseitige humanitre Bildung zu zuchtlosen
Anschauungen verfhrt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment gehabt
hatte. Wenn das jetzt grndlich anders geworden war, wenn wir, im
berechtigten Selbstgefhl, das tchtigste Volk Europas und der Welt zu
sein, von Nrglern und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale
Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner Majestt, antwortete
Diederich. "Er hat den Brger aus dem Schlummer gerttelt, sein erhabenes
Beispiel hat uns zu dem gemacht, was wir sind!" - wobei Diederich sich auf
die Brust schlug. "Seine Persnlichkeit, seine einzige, unvergleichliche
Persnlichkeit ist stark genug, da wir allesamt uns efeuartig an ihr
emporranken drfen!" rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf stand.
"Was Seine Majestt der Kaiser zum Wohl des deutschen Volkes beschliet,
dabei wollen wir ihm jubelnd behilflich sein, ob wir nun edel sind oder
unfrei. Auch der einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!" fgte er
wieder aus dem Stegreif hinzu, jh inspiriert durch den Geruch des
schwitzenden Volkes hinter dem Militrkordon; denn der Wind, der aufkam,
trug ihn her.

"In staunender Weise ertchtigt, voll hoher sittlicher Kraft zu positiver
Bettigung, und in unserer blanken Wehr der Schrecken aller Feinde, die
uns neidisch umdrohen, so sind wir die Elite unter den Nationen und
bezeichnen eine zum ersten Male erreichte Hhe germanischer Herrenkultur,
die bestimmt niemals und von niemandem, er sei wer er sei, wird berboten
werden knnen!"

Hier sah man den Oberprsidenten mit dem Kopf nicken, indes der
Flgeladjutant die Hnde gegeneinander bewegte: da brachen die Tribnen in
Beifall aus. Bei den Zivilisten wehten Taschentcher, Guste lie es im
Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin, auch Kthchen
Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie die wehenden Taschentcher, nahm
seinen hohen Flug wieder auf.

"Eine solche, nie dagewesene Blte aber erreicht ein Herrenvolk nicht in
einem schlaffen, faulen Frieden: nein, sondern unser alter Alliierter hat
es fr notwendig gehalten, das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch
den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemut, und
schlielich ist es uns doch gelungen, siegreich berall unsere Fahnen
aufzupflanzen und auf dem Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu
schmieden!"

Und er erinnerte an das prfungsreiche Leben Wilhelms des Groen, woraus
wir, wie Diederich feststellte, erkannten, da der Weltenschpfer das Volk
im Auge behlt, das er sich erwhlt hat, und sich auch das entsprechende
Instrument baut. Der groe Kaiser seinerseits hatte sich hierber niemals
Irrtmern hingegeben, dies ward besonders deutlich in dem groen
historischen Augenblick, wo er als Knig von Gottes Gnaden, das Zepter in
der einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur Gott die Ehre gab
und von ihm die Krone nahm. In erhabenem Pflichtgefhl hatte er es weit
von sich gewiesen, dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu
nehmen, und nicht zurckgeschreckt war er vor der furchtbaren
Verantwortung gegenber Gott allein, von der kein Minister, kein Parlament
ihn hatte entbinden knnen! Diederichs Stimme bebte ergriffen. "Dies
erkennt das Volk denn auch an, indem es die Persnlichkeit des
dahingegangenen Kaisers geradezu vergttert. Hat er doch Erfolg gehabt;
und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im Mittelalter wre Wilhelm der Groe
heilig gesprochen worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!"

Wieder nickte der Oberprsident und lste damit wieder ungestme
Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es wehte klter; und als sei er
angeregt durch den verdsterten Himmel, ging Diederich zu einer
tiefernsten Frage ber.

"Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem hohen Ziel? Wer war
der Feind des groen Kaisers und seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm
glcklich zerschmetterte Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott,
sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch der Geschichte erst
seinen ewigen, berwltigenden Sinn!" Hier unternahm Diederich es, zu
malen, wie es in dem demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen
Reich Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer Religiositt
versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten Geschftssinn
grogezogen, Miachtung des Geistes schlo ihr natrliches Bndnis mit
niederer Genugier. Der Nerv der ffentlichkeit war Reklamesucht, und
jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im uern nur auf das
Prestige gestellt, im Innern nur auf die Polizei, ohne andern Glauben als
die Gewalt, trachtete man nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb
ruhmredigen Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige Gipfel,
den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus ... "Von all dem
wissen wir nichts!" rief Diederich und reckte die Hand gegen den Zeugen
dort oben. "Darum kann es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken
nehmen, das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!"

An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Militrkordon und der
Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten war, durchzuckte es
grell die schwarze Wolke, und ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu
weit ging. Die Herren im offiziellen Zelt bekamen mibilligende Mienen,
und der Oberprsident hatte gezuckt. Auf der Offizierstribne litt
selbstverstndlich die Haltung nicht im geringsten, beim Zivil machte sich
immerhin eine gewisse Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch zum
Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd: "Unser alter Alliierter
bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir sind ernst, treu und wahr! Deutsch
sein, heit eine Sache um ihrer selbst willen tun! Wer von uns htte je
aus seiner Gesinnung ein Geschft gemacht? Wo gar wren die bestechlichen
Beamten? Biederkeit des Mannes eint hier sich weiblicher Reine, denn das
Weibliche zieht uns hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergngens.
Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt sich auf dem Boden
des Christentums, und das ist der einzig richtige Boden, denn jede
heidnische Kultur, mag sie noch so schn und herrlich sein, wird bei der
ersten Katastrophe erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist die
Verehrung der Macht, der berlieferten und von Gott geweihten Macht, gegen
die man nichts machen kann. Darum sollen wir nach wie vor die hchste
Pflicht in der Verteidigung des Vaterlandes sehen, die hchste Ehre im
Rock des Knigs und die hchste Arbeit im Waffenhandwerk!"

Der Donner grollte, wenn auch eingeschchtert, wie es schien, durch
Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen fielen Tropfen, die man
einzeln hrte, so schwer waren sie.

"Aus dem Lande des Erbfeindes," schrie Diederich, "wlzt sich immer wieder
die Schlammflut der Demokratie her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und
deutscher Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die
vaterlandslosen Feinde der gttlichen Weltordnung aber, die unsere
staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind auszurotten bis auf den
letzten Stumpf, damit, wenn wir dereinst zum himmlischen Appell berufen
werden, da dann ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen
alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er aus ganzem
Herzen fr des Reiches Wohl mitgearbeitet habe, er an seine Brust schlagen
und offen sagen darf: Ja!"

Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust versetzte, da ihm
die Luft ausblieb. Die notgedrungene Pause, die er eintreten lie,
benutzte die Ziviltribne, um durch Unruhe zu bekunden, da sie seine Rede
fr beendet halte; denn das Gewitter stand jetzt genau ber den Kpfen der
Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln, langsam und als
warnten sie, klopften immerfort diese eigroen Regentropfen ... Diederich
hatte wieder Luft.

"Wenn jetzt die Hlle fllt," begann er mit neuem Schwung, "wenn zum Gru
die Fahnen und Standarten sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette
im Prsentiergriff blitzen -" Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich,
da Diederich sich duckte und, bevor er es sich versah, unter seinem Pult
hockte. Zum Glck kam er wieder hervor, ohne da sein Verschwinden bemerkt
worden wre, denn allen war es hnlich ergangen. Kaum da noch jemand
hrte, wie Diederich Seine Exzellenz den Herrn Oberprsidenten bat, er
mge geruhen zu befehlen, da die Hlle falle. Immerhin trat der
Oberprsident vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es seine
Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen, und er sagte schwach:
"Im Namen Seiner Majestt befehle ich: die Hlle falle" - woraus sie fiel.
Auch ertnte die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des Groen, wie
er durch die Luft ritt, in der Haltung eines Familienvaters, aber umringt
von allen Furchtbarkeiten der Macht, sthlte die Untertanen noch einmal
gegen die Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberprsidenten fand
lebhaften Widerhall. Freilich, die Klnge von Heil dir im Siegerkranz
gaben Seiner Exzellenz das Zeichen, da sie sich nun bis an den Fu des
Denkmals zu begeben, es zu besichtigen und den Schpfer, der schon
wartete, durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff es, da der
hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel richtete; aber, wie nicht anders
zu erwarten stand, siegte sein Pflichtgefhl, und siegte um so glnzender,
als er der einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militrs. Er
wagte sich khn hinaus, hin ging er unter den groen langsamen Tropfen,
und mit ihm Ulanen, Krassiere, Husaren und Train ... Schon war die
Inschrift "Wilhelm der Groe" zur Kenntnis genommen worden, der Schpfer,
durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam seinen Orden, und gerade sollte
auch der geistige Schpfer Heling vorgestellt und geschmckt werden, da
platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit,
die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor noch die Herren sich
umgedreht hatten, standen sie im Wasser bis an die Knchel, Seiner
Exzellenz lief es aus rmeln und Hosen. Die Tribnen verschwanden hinter
Strzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte man, da die
Zeltdcher sich gesenkt hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren
nassen Umschlingungen wlzten links und rechts sich schreiende Massen. Die
Herren Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken Waffe
Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten sie sich den Ausweg. Das
Zivil gelangte nur als graue Wickelschlange hinab, die mit wilden
Zuckungen im berschwemmten Gelnde badete. Unter solchen Umstnden sah
der Oberprsident es ein, da der weitere Verlauf des Festprogramms aus
Zweckmigkeitsgrnden zu unterbleiben habe. Blitzeumlodert und
wasserspritzend wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten
Rckzug an, und ihm nach der Flgeladjutant, die beiden Divisionsgenerale,
Dragoner, Husaren, Ulanen und Train. Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz
sich des noch immer an ihrem Finger hngenden Ordens fr den geistigen
Schpfer, und pflichttreu bis zum uersten, aber bestrebt, jeden
Aufenthalt zu vermeiden, hndigten sie ihn, laufend und wasserspritzend,
dem Prsidenten von Wulckow aus. Wulckow seinerseits begegnete einem
Schutzmann, der den Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der
bergabe der Allerhchsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann durch Sturm
und Grausen irrte, auf der Suche nach Diederich. Schlielich fand er ihn
unter dem Rednerpult im Wasser hockend. "Da hamse 'n Willemsorden", sagte
der Schutzmann und machte, da er weiterkam, denn gerade schlug ein Blitz
ein, so nahe, als sollte er die Verleihung des Ordens verhindern.
Diederich hatte nur geseufzt.

Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtshlfte auf die Erde zu
sphen, war der Umsturz auf ihr noch immer im Wachsen. Drben die groe
schwarze Brandmauer klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem Haus
dahinter. ber einen Knuel von Geschpfen in jagendem Geisterlicht,
schwefelgelb und blau, bumten sich die Pferde der Paradekutschen und
nahmen Reiaus. Glcklich das nicht privilegierte Volk, das drauen und
ber alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen waren in der
Lage, da sie auf ihren Kpfen schon die fliegenden Trmmer des Umsturzes
fhlten, samt dem Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umstnde ihr
Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht kommentmiger Weise vom
Ausgang zurckgestoen, schlankweg bereinander rollten. Nur ihrer
Tapferkeit vertrauend, machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich
ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch - indes
Fahnentcher, losgerissen im Sturm von den berresten der Tribnen und des
offiziellen Zeltes, schwarzweirot durch die Luft sausten, den Kmpfern um
die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen, spielte die
Regimentsmusik immer weiter Heil dir im Siegerkranz, spielte selbst nach
der Durchbrechung des Militrkordons und der Weltordnung, spielte wie auf
einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der Auflsung. Ein neuer
Anlauf des Orkans warf auch sie auseinander - und Diederich, die Augen
zugedrckt und schwindelnd des Endes von allem gewrtig, tauchte zurck in
die khle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte wie das letzte auf
Erden. Sein Abschiedsblick aber hatte umfat, was ber alle Begriffe war:
das Gehege, das schwarzweirot behangene rund um den Volkspark,
zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der auf ihm Lastenden,
und dann dies Drunter und Drber, dies Umeinanderkugeln, Sichaufhufen und
Abrutschen, dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen - und
dies Gefegtwerden von den Peitschen der Hhe, unter Strmen Feuers, diesen
Kehraus, wie der einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei,
vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem Brger, einzigen Sulen,
gottgesandten Mnnern, idealen Gtern, Husaren, Ulanen, Dragonern und
Train!

Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich merkte es, sie
hatten nur ein Manver abgehalten fr den Jngsten Tag, der Ernstfall war
es nicht. Unter Vorbehalt verlie er seine Zuflucht und stellte fest, da
es nur noch go, und da Kaiser Wilhelm der Groe noch da war, mit allem
Zubehr der Macht. Diederich hatte die ganze Zeit das Gefhl gehabt, das
Denkmal sei zerschmettert und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah
aus wie eine wste Erinnerung, keine Seele belebte seine Trmmer. Doch, da
hinten bewegte sich eine, sie trug sogar Ulanenuniform: Herr von Quitzin,
der das eingestrzte Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es
hinter den Resten seiner groen schwarzen Brandmauer; und in der Flucht
aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten, denn ihn strkte ein
Gedanke. Diederich sah ihm ins Herz. "Das Haus", dachte Herr von Quitzin,
"htten wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht zu machen
gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrckt. Na nu kriege ich
die Versicherung. Es gibt einen Gott." Und dann ging er der Feuerwehr
entgegen, die zum Glck nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das
Geschft.

Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich auf den Weg. Er
hatte seinen Hut verloren, am Boden seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und
in der rckwrtigen Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pftze mit
sich herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschlo er, die innere
Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten Straen fingen den Wind ab, ihm
ward es wrmer. "Von einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber
doch einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur geflligst keine
Influenza ins Haus einschleppt!" Nach dieser Sorge erinnerte er sich
seines Ordens: "Der Wilhelms-Orden, Stiftung Seiner Majestt, wird nur
verliehen fr hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und Veredelung des
Volkes ... Den haben wir!" sagte Diederich laut in der leeren Gasse. "Und
wenn es Dynamit regnet!" Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war
ein Versuch mit unzulnglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem
Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte "Etsch" - worauf er ihn sich
ansteckte, neben den Kronenorden vierter Klasse.

In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke: merkwrdig, vor dem
Haus des alten Buck. Eins war noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa -?
Diederich sphte in das Haus: die glserne Flurtr stand
auerordentlicherweise offen, so als wrde jemand erwartet, der selten
kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an der Kche
vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd, mit dem Gesicht auf den Armen.
"Also ist es so weit" - und pltzlich ward Diederich von einem Schauer
angerhrt, er blieb stehen, bereit, den Rckzug anzutreten. "Dabei habe
ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun, denn hier ist jedes
Stck mein, ich habe die Pflicht, dafr zu sorgen, da sie mir nachher
nichts forttragen." Aber nicht nur dies drngte ihn vorwrts;
Schwierigeres und Tieferes kndigte sich an mit Schnaufen und
Bauchklemmen. Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen alten Stufen und
dachte: "Respekt vor einem tapferen Feind, wenn er das Feld der Ehre
deckt! Gott hat gerichtet, ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er
nicht eines Tages -. Na hren Sie, es gibt denn doch Unterschiede, eine
Sache ist gut oder nicht gut. Und fr den Ruhm der guten Sache soll man
nichts versumen, unser alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch
zusammennehmen mssen, als er nach Wilhelmshhe zu dem gnzlich erledigten
Napoleon ging."

Hier war er schon im Zwischengescho und betrat vorsichtig den langen
Gang, an dessen Ende die Tr offen, auch hier wieder offen stand. Sich
gegen die Wand drcken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fu
hergewendet, darin lehnte an gehuften Kissen der alte Buck und schien
nicht bei sich. Kein Laut; war er denn allein? Behutsam auf die Gegenseite
- nun sah man die verhngten Fenster und davor im Halbkreis die Familie:
dem Bett zunchst Judith Lauer ganz starr, dann Wolfgang mit einem
Gesicht, das niemand erwartet htte; zwischen den Fenstern die
zusammengedrngte Herde der fnf Tchter neben dem bankerotten Vater, der
nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte Sohn mit seiner
stumpfblickenden Frau, und endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem
Grund hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die letzte
Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren obenauf gewesen und hatten
sich in Sicherheit gewiegt, solange der Alte standhielt. Er war gefallen,
und sie mit, er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf
Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand. Nichtig Ziele, die
fortfhrten von der Macht! Fruchtlos der Geist, denn nichts hinterlie er
als Verfall! Verblendung jeder Ehrgeiz, der nicht Fuste hatte und Geld in
den Fusten!

Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah nicht aus wie Trauer,
obwohl Trnen aus seinen dort hinberverlangenden Augen fielen; es sah aus
wie Neid, gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer, deren
Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der aufseufzte - und die Frau
des ltesten sogar faltete vor dem Gesicht ihre Arbeiterinnenhnde.
Diederich, in entschlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tr. Es
war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie; aber der Alte?
Sein Gesicht war genau hierhergerichtet, und wo es hinsah, ahnte man
dennoch mehr als hier war, Erscheinungen, die niemand ihm verstellen
konnte. Ihren Widerschein in seinen berraschten Augen, ffnete er auf den
Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob, bewegte sie, winkend
und empfangend - wen doch? Wie viele wohl, mit so langem Winken und
Empfangen? Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens, da es
durch sein Kommen dies geisterhafte Glck hervorrief in den Zgen des
alten Buck?

Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der Grauen mitbrachte:
erschrak und rang nach Atem. Diederich, ihm gegenber, machte sich noch
strammer, wlbte die schwarzweirote Schrpe, streckte die Orden vor, und
fr alle Flle blitzte er. Der Alte lie auf einmal den Kopf fallen, tief
vornber fiel er ganz, wie gebrochen. Die Seinen schrien auf. Vom
Entsetzen gedmpft, rief die Frau des ltesten: "Er hat etwas gesehen! Er
hat den Teufel gesehen!" Judith Lauer stand langsam auf und schlo die
Tr. Diederich war schon entwichen.






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      "Diederich"
      Seite 202: Punkt ergnzt hinter "Cie" und hinter "dabei"
      Seite 238: "Wulckowin" gendert in "Wulckow in"
      Seite 243: "Offentlichkeit" gendert in "ffentlichkeit"
      Seite 315: "Prs denten" gendert in "Prsidenten"
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      "Er"
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***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERTAN***



                                 CREDITS


November 24, 2011

            Project Gutenberg TEI edition 1
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                    THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE


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any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
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                                Section 1.


General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works


                                   1.A.


By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
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for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
forth in paragraph 1.E.8.


                                   1.B.


"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
associated in any way with an electronic work by people who agree to be
bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.


                                   1.C.


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States. If an individual
work is in the public domain in the United States and you are located in
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share it without charge with others.


                                   1.D.


The copyright laws of the place where you are located also govern what you
can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
state of change. If you are outside the United States, check the laws of
your country in addition to the terms of this agreement before
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The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
any work in any country outside the United States.


                                   1.E.


Unless you have removed all references to Project Gutenberg:


                                  1.E.1.


The following sentence, with active links to, or other immediate access
to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
distributed:


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    almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
    or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
    included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org


                                  1.E.2.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
permission of the copyright holder), the work can be copied and
distributed to anyone in the United States without paying any fees or
charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.


                                  1.E.3.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
copyright holder found at the beginning of this work.


                                  1.E.4.


Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
terms from this work, or any files containing a part of this work or any
other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.


                                  1.E.5.


Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.


                                  1.E.6.


You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
processing or hypertext form. However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than
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specified in paragraph 1.E.1.


                                  1.E.7.


Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.


                                  1.E.8.


You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that

    - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
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      required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
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      "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
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      distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.


                                  1.E.9.


If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
work or group of works on different terms than are set forth in this
agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
Section 3 below.


                                   1.F.


                                  1.F.1.


Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
be read by your equipment.


                                  1.F.2.


LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
OF SUCH DAMAGE.


                                  1.F.3.


LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
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of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
the person you received the work from. If you received the work on a
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to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
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to give you a second opportunity to receive the work electronically in
lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
refund in writing without further opportunities to fix the problem.


                                  1.F.4.


Except for the limited right of replacement or refund set forth in
paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.


                                  1.F.5.


Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
limitation set forth in this agreement violates the law of the state
applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
shall not void the remaining provisions.


                                  1.F.6.


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any volunteers associated with the production, promotion and distribution
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additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
you cause.


                               Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
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Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
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                                Section 5.


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concept of a library of electronic works that could be freely shared with
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***FINIS***
