The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Dritter Band., by Friedrich Gerstcker

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Title: Tahiti. Dritter Band.
       Roman aus der Sdsee

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: January 6, 2012 [EBook #38451]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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TAHITI

_Roman aus der Sdsee_

von

#Friedrich Gerstcker.#

_Zweite unvernderte Auflage._

_Dritter Band._

Der Verfasser behlt sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.

#Leipzig,#

_Hermann Costenoble._

1857.




#Inhalt des dritten Bandes.#


                                                       Seite
  Cap.   1. Alte Erinnerungen und neue Schmerzen           1

    "    2. Pomare und ~Du Petit Thouars~                 54

    "    3. Die Tahitische Flagge                         80

    "    4. Die Conferenz                                122

    "    5. Susanna                                      143

    "    6. Jim O'Flannagan in Thtigkeit                178

    "    7. Consul Pritchards Gefangennahme              230

    "    8. Pomare's Flucht                              259

    "    9. Der erste Kampf                              292

    "   10. Der Abschied                                 310




Capitel 1.

Alte Erinnerungen und neue Schmerzen.


Ueber die See strich der Morgenwind leise und feucht, kruselte die
Wogen, die spielend, neckend nach ihm auflangten, und glitt dann rasch
zwischen die Palmen am Ufer und in den fruchtschweren Wald, in dem er
rauschte und flsterte und Thau und Blthen niederschttelte aus dem
blitzenden Laub. Bleigrau lag noch das Meer, und nur dunkle Schatten
flogen ber seine Flche, wo der Wind sie fate, herber und hinber
drngend und oft im raschen Zug darber hinstreichend. Nur am Himmel
kndete der lichte Streif den nahenden Morgen, und sandte seine
zuckenden Strahlen weit aus ber den noch sternfunkelnden Himmelsdom,
vor denen die Kinder der Nacht erblichen und scheu und furchtsam
zurckwichen, dem Sonnengott Raum zu geben.

Und heran kam der, auf schnaubenden Rossen, wie vom Sturm getragen, und
nicht langsam und zgernd, wie bei uns im kalten Nord -- dem ersten
Angriff folgend mit starker mchtiger Hand, scheuchte er die Nacht vor
sich her, und seinem ersten dmmernden Nahen folgte auch schon der
Siegeszug, mit dem er den flchtigen Feind zu Paaren trieb.

Dunkel und blau lag das Meer, als der erste zndende Strahl darber
zuckte und die kleinen Wellen neugierig die Kpfe hoben, zuerst dem
nahenden Gott in's Auge zu schauen; und ein blinkendes Netz warf er ber
sie aus, Gold und Purpur strahlend, und wie von einem Zauberstab
berhrt, glhte pltzlich das weite wogende Meer, jede Welle den blauen
schlanken Nacken mit Diamanten berstreut und von Gold- und Silberadern
dicht und leuchtend durchzogen. Und die Berge strahlten den Widerglanz
zurck, die thaubedeckten Palmenkronen warfen den silbernen Regen nieder
in Thal und Schlucht, und wie aufathmend in unendlicher Wonne und
Seligkeit, strmte der Duft aus von all den Blthenhainen, die tief
versteckt im dunklen Laube ruhten, den Seewind rckwrts treibend, mit
sanfter liebender Gewalt.

Ueber die Berge aber schaute der Sonnengott freundlich in's Thal, und
grte die friedlichen Dcher alle, die tief versteckt im schattigen
Laub lagen und ihn frchteten den Gewaltigen. Nicht tuschte sie dabei
der leise Ku den er ihnen zuwarf wie er nur den Hain erreicht; -- hher
steigend und wachsend an Macht und Gewalt wre der Ku zum giftigen
sengenden Pfeil geworden, der zndet was er erreicht und dorrt und
brennt, und die Palmen hatten dann alle Hnde voll zu thun, und mit
allen Fasern den khlen Lebenssaft aus dem feuchten Strand heraufziehen,
das ihnen anvertraute Gut, die Wohnungen der stillen Menschen vor dem
glhenden Strahl zu schtzen und zu schirmen.

Und wie freundlich er da unten auf dem gelben Laub spielte, das hie und
da den Boden bedeckte, wie er sich durch jede Zweigesspalte durchstahl
und den saftigen Blttern schmeichelte und mit ihnen kos'te, ihn nur
durchzulassen, ein kleines kleines wenig nur durchzulassen zu den
Blthen und Frchten unten, denen er Zucker bringen wollte und ein
goldenes Kleid, und dann wunderliche Figuren mit ihren Schatten formte,
und ihnen Zeichen und Bilder in die Haut grub zum Angedenken.

Welch freundliches Leben und Treiben in dem herrlichen Wald, und da die
Axt da kommen sollte mit gierigem Zahn, und die Palmen niederschlagen
und Bume, Felder zu bilden mit langen geraden Reihen, viereckige,
eingezunte Felder, dem Sonnenstrahl preisgegeben, der dann nicht
spielend mehr zwischen den Zweigen kost, sondern verlangend sich an den
Boden saugt und ihn hart und trocken zieht in gieriger Lust.

Aber fort mit dem traurigen Bild; noch rauschen die Bume, noch flstert
der Morgenwind, der flatterhafte Geselle, den Blthen allen seinen
tollen Liebesunsinn vor, und unter dem Laub, die schnste Zierde des
Hains, der Blumen eine die das Land gebar und die zu ihnen gehrte, zu
den schlanken Palmen und duftenden Blthen sa Sadie, und wie an den
wehenden, raschelnden, wispernden Blttern der Banane, die ihre grnen
Fcher schtzend ber sie breitete, der Thau in groen hellen Tropfen
blitzte und funkelnd niederfiel in ihren Schoos, so hing an ihren
Wimpern ein klares Thrnenpaar und schwer und langsam sank es nieder zu
dem Thau -- anderen, schwereren Perlen Raum zu geben.

Sie war allein -- nur das Kind spielte zu ihren Fen, haschte nach den
wechselnden Schatten die ein neckischer Strahl ber ein hin- und
herwehendes Blatt warf, oder suchte sich kleine blitzende Muscheln aus
dem Korallenkies, der sich hier mit dem Boden vermengte -- Ren hatte
seine Heimath -- zum ersten Mal seit sie mit ihm vermhlt -- schon vor
Tag, und zwar durch Bertrand abgeholt, verlassen, in einer Stimmung
verlassen, die ihr das Herz mit Sorge fllte -- sie wute selber nicht
warum, und jetzt schnrte ihr eine Angst, der sie nicht Worte zu geben
wute, die Brust zusammen und die Thrnen, die ihren Wimpern entfielen
linderten den Schmerz nicht, der sie erzeugt, sondern brannten nur
weiter in zndender, qulender Lohe.

So sa sie da, lange, lange Minuten, in ihrem Gram, die brennenden Augen
in der Hand geborgen und die klaren Tropfen preten sich gewaltsam Bahn,
zwischen den zarten, zitternden Fingern durch, hinaus ins Freie. Aber
immer ngstlicher wurde ihr dabei ums Herz, ein merkwrdig stechendes
Gefhl zog ihr durch Scheitel und Hirn -- sie athmete schwer und wie von
einer heranprassenden Gefahr bedroht, die sie umgab und wenn auch
unsichtbar bedrohte, schaute sie endlich verstrt und bleich empor und
sprang mit einem jhen Schrei auch auf von ihrem Sitz, denn vor ihr
stand, mit auf der Brust gekreuzten Armen, den ernsten aber jetzt nicht
strengen Blick fest und forschend auf sie geheftet, der Mann, der einst
mit kalter starrer Hand hineingreifen wollte in ihre Liebe, in ihr
Leben, und dem sie sich seit jenem Tag nicht mehr gegenber gesehen --
_der Missionair Rowe_.

Und was fhrte ihn jetzt zu ihr? -- Sorge? Theilnahme? hatte sein
starres unduldsames Herz verziehen? oder -- wie Fieberfrost zog es ihr
durch Mark und Bein wenn sie des fernen Gatten dachte und den stillen
wehmthig ernsten Blick des finstern Mannes so fest, so entsetzlich fest
auf sich gerichtet sah.

Um Gott! -- was ist geschehen? flsterte sie endlich in kaum hrbaren,
angstdurchzitterten Tnen -- wo ist Ren? -- was ist vorgefallen
ehrwrdiger Herr? und das Kind, das auf dem Boden neben ihr gespielt
und die schmerzlichen Laute der Mutter hrte, ihre Thrnen sah, sprang
auf und klammerte sich schreiend an ihr Knie, sich nur wieder beruhigend
als es den Schutz fhlte, den ihre Nhe gab. Aber der ehrwrdige Mr.
Rowe schttelte mit dem Kopf und sagte ernst:

Wenn Du eine Unglcksbotschaft frchtest, meine Tochter, so beruhige
Dich, denn sie kann nicht von mir ausgehen -- ich wei von keinem
fleischlichen Leid, das Dich und die Deinen betroffen haben knnte. Aber
nicht dem auch sind Deine Thrnen geflossen, setzte er wehmthiger
hinzu -- nicht die Furcht vor Krankheit oder Tod hat diese Wangen
gebleicht, diese Augen gerthet -- o Prudentia, sind _das_ die Frchte
unserer Lehren, das die freudigen Hoffnungen, die wir, Dein
Pflegevater und ich auf Dein Wachsen und Aufblhen setzten? -- ist das
Versprechen Wahrheit geworden, das uns Dein kindlich frommer Sinn in
frher Jugend gab, und pflegst Du _so_ das Wort Gottes, das Dir, ein
heiliger trstender Stern htte vorleuchten sollen auf der schweren Bahn
der Prfung die Du, nach dem Willen des Hchsten betreten, und der Du,
ach, nach so kurzer, so entsetzlich kurzer Zeit schon erliegst?

Sadie schwieg -- das Herz war ihr schon berdies voll und schwer, und
die Worte des Geistlichen schnitten nur noch tiefer ein in die Wunden.
Auch der wehmthige, fast liebende Ton den sie an ihm nie gewhnt, drang
ihr mit scharfem Schmerz in die Seele und wie das, was ihr in frher
Jugend gelehrt und ihr Herz damals in voller ungetheilter Kraft erfllt
hatte, jetzt wieder, vielleicht strker noch durch die Gestalt des
damaligen strengen Lehrers, durch die Stimme selber zu Tag gerufen
worden, deren Klnge in ihrer Erinnerung nie verwischt, nur geschlummert
hatten, so stieg auch mit den Worten der mahnende finstere Geist auf und
hob warnend die Hand und der Gedanke _ich habe gesndigt_ wuchs, ein
Furcht- und Schreckensbild, mit riesenhafter Schnelle vor ihrem inneren
Auge empor und gab der Angst und Qual die sie an diesem Morgen schon
gefhlt einen entsetzlichen und doch ihr unbewut so falschen Ausdruck.

Ach, ehrwrdiger Herr flsterte sie leise -- nicht aus eigenem Antrieb
-- Gott wei es -- betrat ich jenen Ort, und nicht wohl hab' ich mich
darin gefhlt, zwischen den fremden Menschen.

Aber Du hast mit ihnen _getanzt_! sagte traurig der Missionair und
sein Auge haftete in ernster Wehmuth auf den bleichen Zgen der armen
jungen Frau -- ihrer wilden zgellosen Lust mit der sie sich im Kreise
schwingen, fremde Frauen in den Armen fremder Mnner, hast Du
beigewohnt, hast Theil daran genommen und wenn Du da glaubst, und Dir
vorsprichst vielleicht, Dich vor Dir selber zu entschuldigen, Dein Herz
sei noch frei von bser Absicht, bsen Wnschen -- glaube es nicht! --
Der Feind hat die Hand nach Dir ausgestreckt, die Du ihm, statt ihn mit
frommem inbrnstigem Gebet und fleiigem Lesen in der heiligen Schrift,
abzuwehren, willig -- ja Prudentia -- willig geboten hast. Der erste
Schritt dazu war, als Du einem Manne folgtest, der dem wahren Glauben
abhold, nie in das stille Heiligthum Deines Herzens htte eindringen
drfen, eindringen knnen, wre nicht grobe Sinnlichkeit und
fleischliche Lust strker in Dir gewesen als die Liebe zu Gott.

Ehrwrdiger Herr bat Sadie.

Es schmerzt mich fuhr der Geistliche mit fast weicher Stimme fort es
schmerzt mich tief Dir weh thun zu mssen, Prudentia, denn ich habe Dich
lieb gehabt, schon als kleines Kind, und Dein Wachsen und Gedeihen in so
Gott wohlgeflliger Weise mit inniger Freude angesehen. Ich hielt es
damals fr meine Pflicht Dir entgegenzutreten als Du den ersten
Fehltritt thun wolltest -- der Herr hat es anders gelenkt, Sein Name sei
gepriesen. -- Aber nur eine Prfung wollte er Dir auflegen, ob Du, das
Kind dieser Inseln, die Du die Herrlichkeit Seines Namens von Seinen
Dienern selber gehrt, und sorgfltig aufgezogen warst, Sein Wort weiter
zu verbreiten auf diesen Inseln, auch bestehen wrdest auf dem rauhen
Pfad des Lebens, wenn keine treue und sichere Hand Dich mehr fhrte und
leitete auf Seinen Wegen zu wandeln. Alle, alle diese Hoffnungen sind
dahin gestoben, wie Spreu im Winde -- der erste Lufthauch der Lust, der
Verfhrung, und Jahrelange Arbeit und Mh schwand dahin, als ob es ein
Nichts gewesen wre, ein todtes Blatt im Herbststurm, das dem Meere der
Vernichtung entgegenweht. Und noch -- jetzt _noch_ ist es Zeit Dich
zurckzuhalten, jetzt noch ist Rettung nicht unmglich, wenn Du die
mahnende Freundesstimme -- die Stimme _Gottes_ hren wolltest, die
bittend, flehend zu Dir spricht, durch meinen Mund. Noch ist die elfte
Stunde nicht vorber -- noch lacht Dir das Licht der Verheiung und es
ist mehr Freude im Himmel ber einen Snder, der reuig zurckkehrt in
die Arme des Allliebenden, als ber tausend Gerechte die da eingehn zur
himmlischen Herrlichkeit.

Was _kann_ ich thun? klagte die arme Frau und faltete verzweifelnd die
Hnde auf dem Schooe mein Gatte, mein Kind fordern mein Leben -- ihnen
gehrt es, ihnen mu ich bleiben und sagt nicht selbst Gott in seinem
Wort: Du sollst Vater und Mutter verlassen, und dem Manne folgen?

Dem Manne, aber nicht dem Feind rief der Missionair zum ersten Mal
wieder den alten unvershnlichen Ha im Blick -- nicht dem Feind,
Prudentia, der Dich mit sen Liedern und rauschenden Klngen lockt. Du
sollst dem Mann, der nun doch einmal Dein Mann geworden, in allem
_Guten_ folgen, aber nicht in Snde und Finsterni -- und das nicht
allein, Du sollst, Du _mut_ all Deine Kraft, all Deine Macht ber ihn
anwenden, ihn selber zurckzuhalten von dem, was ihm Verderben droht.

Was wrde Vater Osborne sagen fuhr er wieder mit weicherer leiserer
Stimme fort, wenn er Dich gestern in ihren Reihen, die Frhlichste
unter den Frhlichen noch htte sehen knnen?

Sadie schttelte traurig mit dem Kopf und seufzte tief auf.

Wenn er Zeuge gewesen wre, wie Du ihre Tnze tanztest und in ihren
Armen den Abend verbrachtest, der in Gebet um Deinen Gatten, um Dein
Kind htte verflieen sollen. Prudentia -- _kannst_ Du noch beten?

Aus voller inniger Seele zu meinem Gott! rief aber das arme Weib
jetzt, dem bei den Worten eine Last von der Seele wlzte -- der Schein
mag wider mich sein, und der Ausspruch der Menschen; aber Gott der mein
Herz sieht und kennt, wei mit wie wehmthigem Gefhl ich dem Befehl,
dem Wunsch meines Gatten gehorchte, Theil zu nehmen an den Lustbarkeiten
der Fremden. Mir war nicht freudig dabei zu Muthe und nicht froh; ich
passe nicht zwischen sie mit ihren fremden Sitten und Gebruchen -- mit
ihren fremden Gedanken von recht und gut -- mir ist nur wohl in meiner
Heimath, bei meinem Kind und htt' ich mein freundliches Atiu nicht
verlassen drfen, wie froh, wie glcklich, wie Gott dankbar htte ich
leben wollen.

Ich komme jetzt von Atiu sagte Mr. Rowe leise.

Von Atiu? rief Sadie rasch und bewegt die Hnde faltend -- von -- von
Atiu; setzte sie langsamer und mit kaum hrbarer Stimme hinzu -- von
meinem Atiu -- und haben sie meiner freundlich noch gedacht?

Bruder Ezra hat mich begleitet sagte der Missionair ohne direkt auf
ihre Frage zu erwiedern -- denn der jetzigen inhaltschweren Verhltnisse
wegen ist eine Zusammenkunft von allen solchen Mnnern wenigstens nthig
geworden, die irgend eine vorragende Stellung auf den verschiedenen
Inseln einnehmen, dort etwa auftauchendem Franzsischem Einflu zu
begegnen. Die Mutterkirche in England scheint theilnahmlos unserem
Kampfe zuschauen zu wollen, und wir mssen ihr jetzt zeigen ber welche
Krfte wir zu gebieten haben, und ob nur einige wenige, der christlichen
Religion gewonnene Huptlinge ihren Schutz verlangten, oder ein starkes
zahlreiches _Volk_, das ein _Recht_ hat, ihre Hlfe zu beanspruchen.

Mi-to-na-re flsterte die junge Frau, unter Thrnen lchelnd leise vor
sich hin -- Mi-to-na-re.

Ja Prudentia -- dort allerdings war eine schne Zeit fr Dich sagte
der Geistliche, mit ernster Theilnahme den Faden auffassend, der an ihre
Erinnerung knpfte -- und Gottes Hand lag liebend auf Deiner Heimath,
seinen Segen spendend zu jeder Stunde die mit Glck und heiliger Ruhe
Deine Brust erfllte. Keine Reue ber eine einzige verfehlte Stunde --
keine Furcht vor einem einstigen Strafgericht erfllte da Dein Herz --
der aufkeimenden Snde wehrten die Mnner, die ihre Lieben daheim, ihr
Vaterland verlassen hatten, Dich und die Deinen einem ewigen Leben einer
einstigen Glckseligkeit zu gewinnen, indem sie die heidnischen Gruel
zerstrten, die diese Wlder und die Herzen ihrer Bewohner fllten, und
Gottes Vaterhuld spannte seinen blauen Himmelsdom liebend ber ein
glckliches Land. Da kam der Versucher und Du erlagst.

Ehrwrdiger Vater bat Sadie.

Frchte nicht, mein Kind, da ich in dieser Stunde gekommen bin Dir
Vorwrfe zu machen ber Vergangenes; es ist geschehen -- ich streckte
meine Hand aus Dich zu retten, aber Du stieest sie zurck, und wenn ich
Dich auch, durch die Verhltnisse gezwungen, eine Zeitlang Deinem
Schicksal berlassen mute, habe ich Dich doch nicht einen Tag nur aus
den Augen verloren Prudentia, und keineswegs die Hoffnung aufgegeben,
Deine Seele ihrem Erlser zu retten -- ja ich frchte fast, _wieder zu
gewinnen_.

Aber was kann ich -- _darf_ ich thun? frug Sadie in peinlicher Angst
-- meinem Gatten gehrt mein Leben, mein Glck -- selbst unsere
Religion gebietet uns ihm zu gehorchen.

Willst Du seinen Leib oder seine Seele retten? frug der Priester mit
finsterer, fast tonloser Stimme.

Seinen Leib? rief Sadie -- der mit Blitzesschnelle der neue Gedanke an
Gefahr des Gatten durch die Seele zuckte -- seinen Leib? was droht ihm?
-- was soll ich retten -- o sprecht um des Heilands Willen, was ist
geschehen?

Thrichtes Kind sagte aber der fromme Mann kopfschttelnd und seufzend
auf sie nieder schauend -- thrichtes blindes Kind, das hoffend und
trumend, in sndhafter Sorglosigkeit in die Welt hineingelebt hat, und
die wetterschwangere Wolke, die droben furchtbar am Himmel droht, nicht
sieht -- oder nicht sehen _will_. Nicht von dem Einzelnen spreche ich,
der leichtsinnig die Rache seines Gottes herausfordert durch verstocktes
Anhngen am Gtzendienst, mit dem sich die Frevler hier Bahn gebrochen
haben durch der Waffen Gewalt -- nicht der Einzelne ist es, der den
strafenden Schlag des Allmchtigen zu frchten hat -- Ich will meine
Pfeile mit Blut trunken machen, spricht der Herr -- und mein Schwert
soll Fleisch fressen ber dem Blut der Erschlagenen, und ber dem
Gefngni und ber dem entblten Haupt des Feindes. -- Jauchzet Alle,
die Ihr sein Volk seid, denn er wird das Blut seiner Knechte rchen und
wird sich an seinen Feinden rchen und gndig sein dem Lande seines
Volks -- Nun will ich mich aufmachen spricht der Herr -- nun will ich
mich erheben, nun will ich hoch kommen, denn die Vlker werden zu Kalk
verbrannt werden, wie man abgehauene Dornen mit Feuer ansteckt -- Und
der Herr ist zornig ber alle Heiden, und grimmig ber Alles ihr Herr --
er wird sie verbannen und zum Schlachten berantworten und ihre
Erschlagenen werden hingeworfen werden da der Gestank von ihren
Leichnamen aufgehen wird, und die Berge mit ihrem Blut flieen.

Allerbarmer! rief Sadie und barg zusammenschaudernd ihr Antlitz in den
Hnden, dem furchtbaren Bilde zu entgehen, das der finstere Mann vor ihr
heraufbeschworen.

Allerbarmer ja! sagte der Priester in langsamem und tiefem Ton -- ja,
bis zum letzten Faden seiner Gnade und Barmherzigkeit -- dann aber auch
der Rcher und furchtbare Richter, mit dem Schwert seines gewaltigen
Zornes und dem Eisen seiner Allmchtigkeit. Sein Arm ist furchtbar und
die Welt zittert wenn er den Finger hebt.

Aber Gott _kann_ nicht den Untergang _Aller_ wollen bat Sadie -- er
sieht die Herzen und wei die Schuldigen von den Schuldlosen zu trennen
-- o wre Vater Osborne hier, da er seinem armen Kinde Trost spendete
und Rath in der entsetzlichen Noth.

Nur im Gebet liegt Beides erwiederte streng und ernst wie je, der
Geistliche -- bete Tochter, verlorenes Lamm der Heerde -- bete. Bete zu
dem Allmchtigen da er Deiner Stimme Kraft verleiht, zu dem Ohr des
Gatten zu dringen, da er Deinem Herzen die Strke giebt, auszuhalten in
dem schweren Werk und Seinem Pfad zu folgen, trotz allen Irrgngen des
Versuchers. Noch ist der Bse mchtig in Dir, aber der Herr wird Dich
beugen und niederwerfen in den Staub, wenn Du Dich am sichersten
glaubtest vor Seinem Arm -- so bete, bete da Er die Fasern Deines
Herzens zum Lichte wende und Seine Hand ber Dich halte, Dich zu
schirmen und schtzen in dem nahen Kampf.

Und wie von dem Geist berhrt von dem er sprach, warf er sich pltzlich
neben der Trauernden, die mechanisch seinem Beispiel folgte, auf die
Knie nieder, und die Augen schlieend und die fast krampfhaft
zusammengefalteten Hnde zum Himmel aufhebend rief er mit lauter
wehdurchschauerter und das Herz des Weibes wie mit scharfer Waffe
treffender Stimme in dem Psalm Assaphs:

Herr es sind Heiden in Dein Erbe gefallen -- die haben Deinen heiligen
Tempel verunreinigt und aus Jerusalem Steinhaufen gemacht.

Wir sind unseren Nachbarn eine Schmach geworden, ein Spott und Hohn
denen, die um uns sind.

Herr wie lange willst Du so gar zrnen, und Deinen Eifer wie Feuer
brennen lassen?

Schtte Deinen Grimm aus auf die Heiden, die Dich nicht kennen, und auf
die Knigreiche, die Deinen Namen nicht anrufen.

Denn sie haben Jacob aufgefressen und seine Huser verwstet.

Gedenke nicht unserer vorigen Missethat, erbarme Dich unserer bald,
denn wir sind fast dnne geworden;

Hilf uns Gott, unser Helfer, um Deines Namens Ehre willen; errette uns
und vergieb uns unsere Snde um Deines Namens willen.

Warum lssest Du die Heiden sagen Wo ist nun ihr Gott?

La unter den Heiden vor unseren Augen kund werden die Rache des Blutes
Deiner Knechte, das vergossen ist.

La vor Dich kommen das Seufzen der Gefangenen; nach Deinem groen Arm
behalte die Kinder des Todes,

Und vergilt unsern Nachbarn siebenfltig in ihren Busen ihre Schmach,
damit sie Dich, Herr, geschmhet haben.

Wir aber, Dein Volk und Schaafe Deiner Weide, danken Dir ewiglich und
verkndigen Deinen Ruhm fr und fr!

Langsam erhob sich der Priester nach dem Gebet der Rache an den
_Allerbarmer_ und stand noch viele Minuten lang, mit fest auf der Brust
gefaltenen Hnden neben der knieenden Frau; aber Sadie regte sich nicht
-- das Antlitz in den Hnden ber den Stuhl hingebeugt, lag sie in
heiem brnstigen Gebet und nur das heftige Wogen ihrer Gestalt, der
heie rasche Athem der sich ihrer Brust entrang, verrieth das Leben, das
Leiden der Armen.

Der ehrwrdige Mr. Rowe schaute mit ernstem fast wehmthigem Blick auf
die Betende nieder und legte dann seine beiden Hnde leise und wie
segnend auf ihr Haupt. Sadie fhlte die Berhrung und zuckte unter ihr
zusammen, aber sie blieb regungslos in ihrer Stellung.

Prudentia sagte Bruder Rowe leise -- Prudentia! -- aber keine
Antwort wurde ihm, und nur fester schien die Weinende das Antlitz in
ihren Hnden begraben zu wollen. So sei Gott mit Dir! sagte der fromme
Mann, seinen Hut ergreifend, den er daneben auf den Tisch gestellt --
so sende er Dir sein Licht und seine Gnade -- er lasse sein Angesicht
leuchten ber Dir und gebe Dir seinen Frieden!

Sich dann wendend, verlie er mit leisen Schritten das Haus, ging
langsam durch den Garten, an dessen Thre ein Insulaner halb auf der
Lauer, halb auf ihn wartend, gestanden hatte und folgte der Broomroad,
die nach Papetee hinunter fhrte.

Seine etwas lange und hagere Gestalt war aber noch nicht ganz hinter
den, diesen Theil der Hecke bildenden Papayen verschwunden, als aus der
ziemlich dichten Orangenlaube die nahe zum Hause stand, eine kleine
wohlbeleibte Figur, ganz das Gegentheil des mageren Geistlichen,
vortauchte, und dessen Entfernung mit augenflliger Aufmerksamkeit und
fast wie mitrauisch beobachtete. Der hier jedenfalls versteckt Gewesene
schien sich auch gar nicht damit zu beruhigen da der also Bewachte
seinen Weg die Strae entlang bis auer Sicht fortsetzte, sondern er
verlie ebenfalls den Garten und folgte dem Andern zuerst eine kurze
Strecke auf dem Weg, und dann, als er eine kleine Anhhe erreichte, von
der er einen ziemlichen Ueberblick gewann, noch eine ganze Zeitlang mit
den Augen, bis er wirklich in weiter Ferne hinter einer Biegung der
Strae verschwunden war. Erst dann schien er sich vollkommen sicher zu
fhlen und eilte jetzt mit raschen Schritten und Freude strahlenden
Augen zum Haus zurck, dessen Thre noch, wie sie der Geistliche
verlassen, halb geffnet stand. An der Schwelle aber blieb er wie scheu
und unschlssig stehen -- er hob den Arm und lie ihn wieder sinken --
er setzte den Fu vor, und zog ihn fast ngstlich wieder zurck; endlich
aber fate er sich ein Herz -- die Sonne stieg mit jedem Augenblick
hher und er _durfte_ die kostbare Zeit nicht lnger versumen, und die
Hand der Thre nhernd klopfte er, mit einem jedenfalls gewaltsam
gesammelten Entschlu laut und herzhaft an.

Keine Antwort; -- drinn im Zimmer rhrte und regte sich Nichts und der
Klopfer blieb kopfschttelnd und unschlssig in seiner lauschenden
Stellung an der Thr. Endlich, und nach augenscheinlicher Ueberwindung
klopfte er zum zweiten Mal, und zwar etwas strker als vorher, und als
auch diesmal seine Anmeldung so unbeantwortet blieb als vorher, gewann
die Ungeduld bei ihm so weit die Oberhand, da er, vielleicht auch halb
mit der Ueberzeugung es sei Niemand mehr im Haus, den Knchel seines
dritten Fingers laut und heftig an die Thr anpochte, in demselben
Augenblick aber auch mit einem kaum unterdrckten Schrei zurcksprang,
als das leise aber doch so deutliche und ihm so wohlbekannte ~hare
mai~ einer weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Sein erstes Gefhl
schien auch wirklich unbedingte Flucht, aber die Tne hatten zugleich
alte und oh so liebe Erinnerungen in ihm geweckt, und fast instinktartig
und jedenfalls unbewut nach seinen Fen hinunterfhlend, ob er die
Schuhe auch, wie es sich gehre, daran habe, und nicht etwa wieder
barfu als roher Wilder zwischen den cultivirten Menschen herumlaufe in
der Welt, schob er die Thre langsam auf und trat hinein.

Sadie hatte sich eben, als sie das Klopfen gehrt, vom Boden erhoben und
stand der Thre zugedreht, kaum aber auch die kleine, so lang
befreundete Gestalt des Eintretenden erblickt als sie mit dem Freudenruf
Mitonare -- mein guter, lieber Mitonare, auf ihn zusprang und seine,
nach ihr ausgestreckte Hand ergriff.

Pu-de-ni-a! stammelte der kleine Mann, und ri die Augen weiter und
weiter auf, den mehr und mehr fllenden und vorquillenden Thrnen, die
er nicht zurckpressen konnte in ihr Bett, einen Blick abzugewinnen auf
das Wesen, das ihm das Liebste gewesen war auf der Welt, fast seit dem
Tag an, wo er es zuerst auf seinem Arm gewiegt und mit allen
Schmeichelnamen genannt hatte die er wute -- Pu-de-ni-a -- es -- es
freut mich recht -- recht sehr -- Sie -- Sie -- Dich -- Er kam nicht
weiter -- die groen hellen Thrnen rollten ihm die Backen hinunter und
die nicht widerstrebende Frau an sich ziehend, rieb er -- den hchsten
Ausdruck innigster, herzlichster Zrtlichkeit den er kannte, seine Nase
an der ihrigen, zog sie dann fester an sich, streichelte ihr mit beiden
Hnden die Schlfe, drehte ihr Kpfchen zu sich hin, ihr in die Augen zu
sehen und nannte sie dabei mit allen alten Schmeichelnamen die er kannte
und ihr, o wie viel tausend Mal schon, in frheren Jahren liebkosend
gegeben hatte; Sadie aber barg ihr Kpfchen an seiner Brust und ihre
Thrnen strmten ungehindert an dem Herzen des treuen ehrlichen
Freundes.

Bruder Ezra war auch wirklich der Erste der sich wieder sammelte, und
das geliebte Kind auf Armes Lnge leise von sich schiebend, da er eben
die bleichen, thrnenfeuchten Zge erkennen und berblicken konnte,
sagte er flsternd und mit recht weicher, wehmthiger Stimme, doch nicht
in seinem gebrochenen Englisch, sondern der ihm gelufigen
Muttersprache:

Aber was ist das? -- ist Pudenia -- meine kleine, liebe Pu-de-ni-a
nicht mehr das frhliche leichtherzige Kind von A-ti-u? -- sind die
klaren Augen schon so trb geworden in der kurzen Zeit, und die Wangen
so fahl? und ist der bse bse Wi-Wi etwa gar schlecht gewesen mit
meinem Lieb, meinem sen herztrstenden Lieb?

Unter ihren Thrnen vor lchelte Sadie und seine Hand fassend und
streichelnd schttelte sie leise mit dem Kopf und sagte, mit wieder fast
dem vollen Strahl vorigen Glcks in den schnen Zgen:

Nein Mi-to-na-re -- nein er ist gut und lieb wie je und mein Herz ist
sein bis zum Tod, und weit, weit darber hinaus -- zanke mir nicht den
Wi-Wi --

Dann hat Dir der schwarze Mann wieder das Herz schwer gemacht mit
seinen Worten, die Einem wie Messer einschneiden in die Brust und nur
immer brennen und schmerzen sagte Bruder Ezra, und der scheue aber
zrnende Blick den er aus dem Fenster die Strae entlang warf, verrieth
nur zu deutlich wen er damit gemeint. Wenn ich eine Zeitlang mit ihm
zusammen bin, und ihn beten und predigen hre, dann komme ich mir immer
vor wie der entsetzlichste furchtbarste Snder, der noch ein besonderes
Feuer in der Hlle haben mte, seine Snden vollstndig abzuben --
und wenn ich sonst mit Vater Osborne sprach, war mir's dagegen, als ob
mir der eine Last von der Brust gewlzt und mir Balsam in die frischen
Wunden gegossen htte. Es ist doch eine ganz erschreckliche Geschichte,
wenn man so gar nicht gewi erfahren kann ob man ein nichtswrdiger
Snder oder ein guter Christ ist, und ich bin bei mir noch nicht im
Stande gewesen dahinter zu kommen.

Aber wie siehst Du aus, Mitonare -- rief Sadie, indem sie lchelnd
einen Schritt zurcktrat, seine Gestalt und Kleidung, die sich
allerdings seit sie ihn nicht gesehen um ein Wesentliches verndert
hatte, besser berschauen zu knnen -- segne mich, wie Du Dich
gekleidet hast, und wie stattlich Du einher gehst jetzt, und wie
ehrwrdig.

Bruder Ezra schttelte mit dem Kopf, und sich selber, mit einem
keineswegs sehr selbstgeflligen Blick von oben bis unten betrachtend,
sagte er leise und traurig:

Es ist Nichts, Pudenia -- gar Nichts; die Hosen machen einen Menschen
hchstens unbequem aber noch nicht zum Christen, und die steifen Dinger
hier unter den Ohren -- der Weie hatte gestern recht der mir sagte wenn
ich mich einmal rasch und pltzlich bckte, schnitt ich mir die Ohren
ab, wie mit dem Rasirmesser.

Die Kleider machen allerdings den Christen nicht, Mi-to-na-re lchelte
Sadie, aber das treue Herz in der Brust hat Dich dem reinen schnen
Glauben gewonnen und Dein Herz erfllt mit Seinem Ehr und Preis.

Der kleine Mitonare seufzte recht aus schwerem Herzen tief auf, und es
war augenscheinlich da ihn dort etwas drckte, mit dem er sich scheute
an Tageslicht zu kommen. Sadie fhlte das mehr als sie es sah, denn des
Mitonare vernderte Kleidung hatte ihre Aufmerksamkeit bis jetzt in der
That zu sehr in Anspruch genommen. Erst jetzt bemerkte sie auch
eigentlich, ihm voll in's Angesicht schauend, da nicht Alles so mit dem
kleinen, sonst so freundlichen Manne stehe als es wohl solle, und irgend
etwas vorgefallen sein msse, das ihn drcke und qule, und nicht zu
Ruhe kommen lasse. Mit seinen Schwchen und Eigenschaften aber auch
wieder bekannt, lchelte sie, denn nicht unwahrscheinlich kam ihr der
Gedanke, die neue auergewhnliche und unbequeme Kleidung die ihm der
Missionair jedenfalls wenn nicht aufgenthigt doch angerathen (bei Mr.
Rowe so gut wie ein Befehl) drcke ihn und nehme ihm das Freie, das
Zutrauliche seiner Bewegungen.

Mi-to-na-re sah aber auch wirklich verzweifelt aus, denn nicht allein
da er die Weste fest und eng zugeknpft trug ber dem seit einiger Zeit
wieder gediehenen Bauch, und die Knpfe derselben in wirklich
gefhrlicher Spannung hielt, nicht allein da ihm das weie dicke Tuch
dreimal in dichten Falten um den Hals lag und dem Kopf das Ansehen gab,
als ob er mit dem steif und starr gestrkten Hemdkragen oben eben nur
hinausgeschnrt sei; nicht allein da seine Fe wie frher in den
breiten unbequemen Schuhen standen, und er bei jedem Schritt auftrat,
als ob er den Fu irgendwo eingeklemmt htte, und ihn wieder
herauszuziehen wnsche, so war ihm auch jetzt das, sonst doch wenigstens
bequeme und luftige Lendentuch genommen, und die kleinen dicken Beine
staken in so engen, strammen Hosen, da es ein Wunder schien wie er
berhaupt hineingekommen und den kleinen schchternen Mann veranlat
hatte einen kurzen Pareu, _trotz_ den Einreden des Geistlichen, noch
_ber_ diesem neuen und jedenfalls unpassenden Kleidungsstck zu tragen,
das nun einmal durchaus nthig sein sollte auch den letzten heidnischen
Anstrich von ihm zu entfernen. Und selbst das war nicht genug gewesen,
denn sogar der hohe trostlose Europische Hut durfte nicht fehlen ihn
elend zu machen, und so oft war er schon damit in jedem Guiavenbusch,
jeder Banane, in der Thr jeder Htte, in den Zweigen jedes Baumes
hngen geblieben, da er jetzt unter keiner Palme mehr hinging ohne den
schmalen Rand seines Peinigers zu fassen und sich zu bcken.

Solcher Art, und noch mit dem Zusatz eines dicken und schweren
Gebetbuchs, das er in die linke und enge Fracktasche hineingezwngt
trug, whrend es ihm in dem schmalen Zipfel fortwhrend in die
Kniekehlen schlug, war Mitonare aufgeputzt, und es lt sich denken da
er sich, selbst unter den gnstigsten Verhltnissen, an das freie Leben
seiner Inseln gewhnt, nicht htte leicht und behaglich fhlen knnen.
Aber dem armen kleinen Mann drckten auch noch andere Sorgen.

Die schne Zeit ist vorbei sagte er traurig, wo nur die Sterne die
Augen Gottes waren, und ich hineinschauen konnte, durch die funkelnden
Lichter bis tief in sein herrliches Reich. Mitonare ist unglcklich,
sein Glaube ist wankend geworden, und nun hat er den Weg verloren und
wei nicht ob er gerade durch ber die Berge und durch die Thler weg
steigen und klettern, oder ein Canoe nehmen, und im seichten
Binnenwasser der Riffe langsam hinsteuern soll.

Armer Mitonare lchelte Sadie, die noch immer nicht den ernsten Sinn
seiner Worte begriff -- aber wer hat Dich nur so herausgeputzt in der
fremden Tracht, die Dir nicht pat und zusagt?

Wer? murmelte Bruder Ezra finster vor sich hin -- wer? -- er hat noch
andere Sachen gethan. Wir sind arge Snder und mssen jetzt entsetzlich
viel beten und Bibelstellen auswendig lernen, oder wir gehen Alle
rettungslos zu Grund -- Mitonare kennt das halbe dicke Buch, und die
andere Hlfte hat er auch gekannt aber wieder vergessen; nun mu er noch
einmal von vorn anfangen und -- und sein Vater und Grovater bleibt doch
in der -- da unten -- tief da unten.

Der kleine, sonst so freundliche Mann schttelte finster mit dem Kopf
und Sadie, seine Hand ergreifend sagte mit leiser unendlich rhrender
Stimme:

Es wird schon noch Alles gut gehen, Mi-to-na-re -- und Gott ist ja der
Allerbarmer, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von
Deinem Haupte fllt -- so erzhle mir von Atiu -- von meinem Atiu -- was
sie dort treiben und thun und -- ob sie meiner noch manchmal freundlich
da gedenken. Ach kein Tag vergeht, wo ich die Wolken nicht neide die da
hinberziehn, und mit meinen Gedanken, meinen Wnschen ihnen doch noch
so weit, so weit voraus bin.

Atiu wiederholte der kleine Mann, langsam und freundlich mit dem Kopfe
nickend -- mit dem stillen luftigen Haus und der kleinen lieben Kirche
-- wo die ~nahuitarava ia mere~[A] Abends gerad ber unserem Dache stehn
und ihr mildes Licht auf uns heruntergieen; wo -- aber es ist auch
manches anders geworden auf Atiu setzte er sinnend, und fast wie mit
sich selber redend, hinzu -- die Leute werden zu klug und zu reich, und
dann ist's mit dem Frieden vorbei und dem Glck. -- Wie schn war Atiu
als es nur seine Palmen hatte und seine Pandangedeckten Htten.

    [A] ~Nahuitarava ia mere~, das Gestirn des Orion.

Wie schn war Atiu wiederholte seufzend die junge Frau.

Und vielen Besuch haben wir drben gehabt setzte der kleine Mitonare
mit noch fast ernsterer Stimme hinzu -- lauter Leute die es gut mit uns
meinten, wie sie sagten, und die gekommen waren unsere Seelen zu retten,
und die uns entsetzlich viel versprachen wenn wir nur gerade da
hineinspringen wollten, wo die Anderen sagten da es lichterloh mit Pech
und Schwefel brenne.

Waren Missionaire von Frankreich auf Atiu? frug Sadie rasch und fast
erschreckt.

Ich wei nicht wo sie herkamen, sagte der kleine Mann traurig, aber
Wi-Wis waren darunter und Andere auch -- und -- sie haben uns wenigstens
das Herz schwer gemacht, mit ihren Versprechungen und drohenden Reden.

Und wei Mr. Rowe da die Fremden da gewesen?

Mitonare lchelte fast wieder wie in alter Zeit und sagte schmunzelnd:

Ob er es wei; und Mord und Blut hat er vom Himmel heruntergebeten fr
die -- die Gtzendiener -- und der Himmel blieb blau setzte er
unheimlich lachend hinzu -- und dann kamen die anderen Mnner und
sprachen vom lieben Gott, den sie ganz genau kennen wollten und der ihr
bester Freund sein sollte, und riefen auch wieder einen Feuerregen von
Pech und Schwefel nieder auf die Hupter ihrer Gegner -- und der Himmel
blieb _blau_!

So scharf und grell stie er dabei das letzte Wort aus, da die kleine
Sadie, die bis jetzt ruhig und unbeachtet am Boden gespielt, erschreckt
in die Hhe fuhr und einen leisen Schrei ausstie. Bruder Ezra drehte
sich rasch danach um und das Kind kaum am Boden erblickend, warf er, mit
Miachtung jedes Unfalls, den Hut von sich auf die Erde, fiel neben dem
noch immer furchtsam zu ihm emporschauenden Kinde auf die Knie nieder
und rief mit, vor innerer Rhrung fast erstickter aber auch jubelnder,
jauchzender Stimme:

~Iti iti Pudenia, iti iti aiu, potii.~[B]

    [B] Kleine kleine Pudenia, kleines, kleines Herzchen, mein kleines
        Mdchen.

Und die Kleine, die ihn erst staunend betrachtet hatte, streckte die
Hndchen nach ihm aus und lachte ihm entgegen, und der gute kleine
Mitonare griff sie auf, nahm sie auf den Arm und sprang jauchzend mit
ihr im Zimmer umher, bis ihn das hinten wie wthend ber solches
Betragen schlenkernde Buch zum Einhalten zwang, so sehr sie sich Beide
darber freuten. Jetzt hatte er aber auch, mit dem Kind, Alles
vergessen, was ihn bis dahin gedrckt oder weh gethan, und das Mdchen
nur herzend, das sich wunderbarer Weise Alles von ihm gefallen lie, was
er mit ihr vornehmen mochte, als ob es gewut htte da ihr von _dem_
Manne sicher nichts Uebeles drohe, plauderte er mit ihr das tollste
wildeste Zeug, nannte sie bei allen Schmeichelnamen und fing endlich
sogar an mit ihr in seinem gebrochenen Englisch, von dem er aber in den
letzten Jahren noch viel mehr vergessen als dazu gelernt hatte, zu
schwatzen und lachen und Geschichten zu erzhlen aus Bibel und
Heidenzeit, von Meer und Land, wie es ihm durch den Sinn zuckte, dem
lieben lchelnden Kind gegenber. Und Sadie stand daneben, die linke
Hand auf den Tisch gesttzt und mit der rechten in den Locken des Kindes
spielend und seinen Scheitel streichend, whrend die kleine Sadie
jauchzte und lachte ber den neuen wunderlichen Spielgefhrten, ihre
Aermchen um seinen Nacken legte und ihn an den steifen Hemdkragen und
Halstuchspitzen zupfte. Und Mitonare lie sich das Alles ruhig gefallen,
und hatte tausend und tausend Fragen und Liebkosungen fr das Kind.

Und wie lange bleibst Du auf Tahiti, Mitonare? sagte da Sadie -- hast
Du auch Atiu verlassen, und willst nicht wieder zurckkehren nach dem
lieben Land?

Da wurde der kleine Mann pltzlich ernsthaft, setzte das Kind, das ihn
noch gar nicht lassen wollte nieder auf den Boden und sagte, recht
herzhaft mit dem Kopfe schttelnd und einen scheuen Blick nach der Thr
werfend:

Wr' es auf mich angekommen, htt' ich die Insel nicht verlassen mein
Lebelang, auer Dich hier, Pudenia, vielleicht einmal wieder aufzusuchen
und -- wenn es anging, zurckzuholen zu Deinen alten Lieblingsstellen;
aber es ist jetzt eine schlimme Zeit -- die Leute sind irre geworden an
ihrem Gott und mit _Gewalt_ wollen sie die Liebe bringen, und mit Blut
den Glauben begieen, da er wachse und gedeihe.

Aber ich verstehe Dich nicht sagte Sadie.

Sie haben was vor hier auf Tahiti! fuhr der Bruder Ezra leise fort,
als ob er sich frchte irgend ein Geheimni zu verrathen, was es ist,
wei ich noch nicht, aber die Bibelstellen die Vater Rowe gepredigt
riechen nach Blut. Die Beretanis haben Kriegsschiffe hier, wie ich sehe,
aber die Wi-Wis sind auch nicht mig, und vorgestern waren zwei groe
Schiffe auf Atiu in Sicht, von denen Raiteo behauptet, da sie den
~Feranis~ gehrten und viel Kanonen an Bord htten mit Pulver und
schweren Kugeln.

Und was knnen unbewaffnete Menschen dagegen thun? frug Sadie
wehmthig mit dem Kopfe schttelnd.

Unbewaffnete, _Nichts_ erwiederte Bruder Ezra rasch, aber Bewaffnete
desto mehr; Bibeln waren _nicht_ in den Kisten, die sie vom Bord
desselben Wallfischfngers, der jetzt, wenn mich nicht Alles tuscht,
hier im Hafen liegt, in Atiu an Bord und zu sicheren Verstecken in die
Berge schafften.

Die Missionaire werden nie die Hand reichen zu Gewalt und
Blutvergieen rief Sadie.

Wenn ich 'was nicht sehen mag, dreh' ich den Kopf weg, sagte der
Mitonare trocken -- es giebt Leute genug berall, die, einen Dollar zu
verdienen, leicht ein schlechtes Werk thun, wie viel eher denn nicht ein
gutes -- ihre Landsleute mit Waffen zu versehen, da sie sich selbst
beschtzen knnen.

Du nanntest erst Raiteo, Mitonare? frug Sadie -- wie geht es ihm und
was treibt er jetzt -- ist er ein besserer Mensch geworden? --

Was er in diesem Augenblicke treibt wei ich wahrlich nicht, sagte der
kleine Mann finster, aber als ich kam stand er drauen auf Posten, und
ging dann mit dem ehrwrdigen Bruder Rowe in die Stadt zurck; -- ist
nicht das erste Mal da sie in einem Joche ziehn.

Raiteo hier auf Tahiti? rief Sadie erstaunt.

Raiteo Mitonare erwiederte Bruder Ezra trocken.

Mitonare? -- Raiteo? der seinen Vater verrathen wrde um ein Stck
Kattun zu verdienen oder ein Stck Geld?

Raiteo Mitonare besttigte aber auf das Bestimmteste der kleine Mann
und setzte, langsam dabei mit dem Kopfe nickend hinzu -- Menschen sind
einmal bs, und dann wieder gut -- Raiteo hat seine Snden eingesehen
und ist frommer Mann geworden -- aber trgt noch keine Hosen fgte er,
trotz aller Unbequemlichkeit, doch mit einem gewissen Grad von
Eifersucht hinzu; hat noch sein Lendentuch und seine nackten Beine und
bloen Kopf -- und nur am Sabbath in der Kirche einen Frack -- kann nicht
gut ohne Frack in die Kirche kommen.

Raiteo Mitonare wiederholte aber wiederum Sadie, die sich noch immer
nicht von ihrem Erstaunen erholen konnte -- und das auf Atiu -- wo sie
ihn kennen.

Bruder Ezra verneinte das aber. Auf Atiu eigentlich nicht, der Wahrheit
die Ehre zu geben, denn wenn auch sein frommer christlicher Sinn dort
gerade bei ihm zum Durchbruch gekommen, habe doch auch Manches wieder,
gerade in der Erinnerung der Bewohner der Insel, gegen ihn gesprochen
und Bruder Rowe, der sich von seiner wirklichen Sinnesnderung
berzeugt, htte ihn eben nur mitgenommen, um ihn vielleicht mit bei
der, in den nchsten Tagen zu haltenden Versammlung von
Kirchenltesten zu wissen und dann auf irgend eine der Nachbarinseln,
auf denen er nicht gerade persnlich bekannt sei, zu versetzen.

Sadie blickte erstaunt auf den kleinen Mann, denn eine wunderbare
Vernderung war jedenfalls in dessen ganzem inneren Wesen vorgegangen.
Er, der noch vor wenigen Jahren jedem Wort von den Lippen der
Missionaire in frommer, furchtsamer Scheu gelauscht, und weit eher an
seiner eigenen Existenz, als an der Wahrheit ihrer Stze und
Glaubensformeln gezweifelt htte, sprach jetzt, selbst von dem
strengsten ihrer Schaar, gleichgltig; ja Sadie konnte sich ber den
Ausdruck in seinen Zgen und Worten nicht lnger tuschen, fast
ironisch, und das bittere Lcheln das um seine Lippen spielte mochte der
_Furcht_ noch den Platz gnnen, aber strafte die Ehrfurcht Lgen.

Bruder Ezra schaute noch eine Zeit lang gerade vor sich nieder, er
fhlte da Sadiens Blick auf ihm haftete -- da sie die Vernderung
entdeckt die in ihm vorgegangen, und scheute sich auch gerade ihr
vielleicht das zu gestehen, was in ihm arbeitete -- was ihm den Schlaf
raubte und den Frieden und ihn manchmal wie eine furchtbare Snde
drckte und doch auch wieder mit jedem Tage, in seiner nchsten Umgebung
selbst, die neue Nahrung fand. Als er aber einmal scheu und flchtig den
Blick zu ihr aufschlug, und die zrtliche, liebende Angst sah die aus
diesen treuen Augen leuchtete, da mochte es ihm wohl durch das Herz
zucken, da sie -- seine Pu-de-ni-a, sein liebes liebes Kind das er
gehegt und gepflegt und wie einen Augapfel gewahrt -- ja das zu ihm bis
jetzt mehr wie zu einem zweiten Vater als einem Freunde aufgesehen,
Schlimmes -- Schlimmeres von ihm denken knne als er ertragen mochte, und
in _der_ Furcht die Hand bittend gegen sie ausstreckend sagte er leise:

Mitonare ist kein bser Mensch geworden, Pu-de-ni-a; er liebt seinen
Gott und -- thut auch -- thut Alles was in der Bibel steht aber --
andere Mnner, Mnner die auch sagten da sie der liebe Gott geschickt
-- sind zu ihm gekommen und haben ihm, wo er in Verzweiflung war, Trost
gebracht -- wo er weinte, seine Thrnen getrocknet, wo er unschlssig
stand, einen neuen Pfad gezeigt und -- wenn er sich auch bis jetzt noch
nicht getraute den neuen Pfad zu wandeln -- hat er doch bis jetzt --

Er stockte, als ob er sich nicht mehr getraue weiter zu reden, und Sadie
fuhr langsam und traurig seine Hand ergreifend fort:

Den alten Pfad seiner Religion verlassen und nur die uere Form
beibehalten, seinen Gott damit zu tuschen.

Aita Pudenia, aita -- rief aber der kleine Mann da rasch und ngstlich
vielleicht, weil er die Wahrheit wenigstens eines Theils des Vorwurfs
fhlte -- nein Kind, nicht meinethalben bin ich wankend geworden im
rechten Pfad, nein die Mitonares selber tragen die Schuld, die einander
anfeinden und schimpfen, und Heiden- und Gtzenanbeter nennen, whrend
sie Alle allein behaupten, den rechten und auch alleinigen Glauben zu
haben, dessen Feinde Gott mit seiner Rache heimsuchen und von der Erde
vertilgen msse. Was mir aber am Herzen nagte, das Schicksal von altem
Mann Vater -- von der _Mutter_, die noch gar Nichts von einem anderen
Glauben gewut, ja ihn kaum nennen gehrt, und die nun doch rettungslos
sollten verloren sein und verdammt, das that mir weh, und als der andere
Priester kam und mir die Aussicht stellte, ich knne durch fleiiges
Beten und frommen Wandel ihre Seligkeit auch gewinnen, von dem
allbarmherzigen Gott, und als Bruder Aue dagegen donnerte mit allen
Waffen der heiligen Schrift, da zuckte und zog es mir im Herz, und bse
Gedanken stiegen auf in mir, und lieen mich nicht rasten und ruhn, und
jetzt wei ich nicht -- hat der Eine recht und sind sie unrettbar
verdammt zu ewigem Feuer, oder der Andere und ich begehe eine
entsetzliche Snde, wenn ich mein Leben dann nicht ihrer Rettung weihe
wo ich die Mittel dazu vielleicht in Hnden habe. Armer Mitonare setzte
er dann traurig hinzu -- ist recht bs daran, soll anderen Kanakas den
Glauben bringen und wei selber nicht -- Und wenn der alte Mann nun doch
am Ende recht htte.

Was fr ein alter Mann, Mitonare? frug Sadie erstaunt. Bruder Ezra
aber hob rasch und erschreckt den Finger an die Lippen und sich scheu
umsehend, sagte er langsam und vorsichtig:

Pst -- Pudenia, pst, das war ein wunderbarer, furchtbarer alter Mann
und er kam und ging in einem Sturm.

Und was that er bei Euch auf Atiu?

Wie er sagte kam er von den Inseln zu Leewrts, Handel zu treiben und
Cocosl und Perlmutterschaalen einzukaufen in seinen kleinen Cutter,
aber er sprach furchtbare Sachen und mich schauderts wenn ich daran
denke -- wenn ich darber nachsinne.

Aber was sprach er so Entsetzliches? drngte die Frau.

Pu-de-ni-a, sagte da Mitonare, der Frage jetzt noch ausweichend, oder
sie durch eine andere beantwortend -- hast Du schon einmal an einem
Abgrund -- am uersten Rand einer schwindelnden Hhe gestanden, und ist
Dir da nicht das Gefhl gekommen, als ob Du hinunterspringen mchtest in
die Tiefe, da Du den Platz nur schnell verlassen mutest in Furcht und
Grauen?

Sadie nickte, noch in der Erinnerung schaudernd.

Siehst Du, _so_ war es mir, wenn ich den Worten des alten weien Mannes
lauschte, flsterte der kleine Indianer und nickte still vor sich hin.
Er trug einen langen weien spitzen Bart, und die kleinen blitzenden
Augen lagen wie zwei glhende Kohlen unter den buschigen Brauen -- Sein
ganzes Gesicht hing dabei in dichten Falten, die kein Alter mehr
erkennen lieen auf der Haut, und er mute _sehr_ alt sein, denn er
hatte die Welt gesehn von dem Theil wo das Wasser zu Stein wird in
grimmiger Klte, bis zu wo die Sonne Abends in ihr Lager sinkt, und er
sprach von Gott und den Sternen als ob er da oben zu Hause gehre und
zwischen den Sternen gewandelt htte wie in einem Garten.

Aber er glaubte an Gott? frug Sadie leise und scheu.

Er hatte denselben Namen dafr wie wir -- Jehovah, sagte der kleine
Mitonare, aber er verleugnete -- setzte er leise, fast flsternd hinzu
-- er verleugnete den Heiland.

Gtiger Gott!

Er leugnete Jesus Christus besttigte da Mitonare und mir lief's wie
Fieberfrost durch die Adern, als ich mit ihm allein in dem stillen Haus
sa und der Weststurm um das Dach heulte, da die flackernden Oelflammen
hoch aufschlugen in rother Gluth, und der magere alte brtige Mann mir
von dem Heiland erzhlte der nur ein Mensch gewesen sei wie wir Alle --
aber ein guter Mensch, und von seinen Neidern und den reichen Leuten,
die frchteten da er durch seine Reden das Volk gegen sie aufwiegeln
wrde, an das Kreuz geschlagen wurde, da elendiglich umzukommen.

Er verleugnete Gottes Sohn, sagte Sadie schaudernd.

Ja, und er trieb Spott ber Alles, was selbst die Wi-Wis fr heilig
halten nickte der Kleine und doch, doch lauschte ich ihm gern, denn
sein Gott war ein Gott der Liebe und der Gnade, und alle Menschen waren
seine Kinder, _alle, alle_ nahm er auf zu sich, Kanakas und Weie,
Beretanis und Feranis, wenn sie gut und redlich lebten und seinem Worte
folgten; und mein Vater und meine Mutter -- ach Pudenia es war wohl
recht sndhaft da ich seinen Worten so gerne horchte -- aber mein Vater
und meine Mutter waren auch eingegangen zu seiner Herrlichkeit, wenn sie
nicht sonst recht schlechte und bse Menschen gewesen. Seit der Zeit nun
sind meine Gedanken nicht mehr mein eigen fuhr der kleine Mann
trbselig fort; seit der Zeit hrm' ich mich und grm' ich mich und
mache mir Sorge und Kummer, und Nachts kommt der Bse und lockt mich mit
seinen Schmeicheltnen, und am Tag seh ich, wo ich auch bin, den Alten
neben mir, wie er sich den Bart streicht und mit den scharfen
abgestoenen Worten mir doch Trost und Hoffnung in die Seele giet. Seit
dem Tag ist der kleine Mitonare ein anderer verzweifelter Mensch
geworden, der mit dem dicken Gebetbuch in der Tasche herumluft, und
nicht den Muth hat hineinzusehen, dem das Blut in den Adern gerinnt wenn
er an den zornigen Gott denkt, wie ihn die weien Mitonares lehren, und
der demselben Gott doch immer wieder, und trotz allen Schilderungen zu
Fen fallen, und ihn Vater, Jehovah nennen mchte, wie ein Kind seinen
eigenen Vater ruft, den es nicht frchtet, aber von Herzen, recht von
Herzen liebt.

Du armer, armer Mitonare sagte da Sadie mit ihrer weichen Stimme,
mitleidig des alten kleinen Mannes Hand ergreifend, und sie leise
streichelnd; bete Du armes geprftes Herz, bete recht aus tiefster
Seele zu Deinem Heiland da er Dich fhren und schtzen mge auf Deiner
Bahn, und den rechten Pfad durch Nacht zum Licht -- bete da er Dir die
Wahrheit zeige zu Seinem Preis, und Dich eingehn lt zu Seiner
Herrlichkeit. Aber verzage nicht, frchte Dich nicht, denn gerade in der
tiefsten Noth ist er Dir ja auch am nchsten und hrt die Stimme Seines
Kindes die zu ihm ruft, und die Hand ausstreckt nach ihm, um Schutz und
Hlfe.

Was ist _das_? sagte da pltzlich der Mitonare, dessen Blick in tiefem
schmerzlichem Sinnen hinausschweifte ber die See, und der jetzt das
Boot eines Kriegsschiffes, von acht Matrosen gerudert, um die nchste
Landspitze kommen und gerade auf das Haus zu halten sah. Hinten am Heck
wehte die franzsische Flagge.

Ein Boot der Feranis sagte Sadie ruhig, das wahrscheinlich nach
Papara hinunter will und sich dicht an der Kste, des ruhigen Wassers
wegen hlt -- sie kommen oft hier vorber.

Dann htten sie die Korallenspitze vermeiden mssen, die jetzt zwischen
ihnen und dem Fahrwasser der Binnenriffe liegt sagte der Mitonare, der
mit einem Blick den Charakter der Bai berschaut hatte, und jetzt
aufmerksamer als vorher hinberblickte. Sie knnen nur hierherwollen,
wie auch ihr Bug zeigt, oder sie mten die ganze Strecke wieder zurck.
Hinten neben dem steuernden Mann sitzen zwei Officiere der Wi-Wis und
neben ihnen --

Heiliger Gott -- neben ihnen _liegt_ Jemand auf der Bank rief aber
auch in diesem Augenblick Sadie in Todesangst, der die bse Ahnung, die
ihr den ganzen Morgen die Brust erfllt, mit mchtiger Kraft zurck zum
Herzen drngte -- Ren!

Ren? rief Bruder Ezra erschreckt -- was hat der tollkpfige Wi-Wi
wieder angestellt, da ihn die eigenen Landsleute gefangen haben
sollten? -- aber das Boot dreht doch vielleicht ab von hier --

Sadie antwortete ihm nicht -- in sprachloser Angst und Erwartung hing
ihr Blick an dem rasch nher kommenden Fahrzeug, das von den elastischen
Rudern getrieben rauschend durch die Wellen schumte -- schon glaubte
sie die Zge des Officiers zu erkennen, der hinten lehnte und auch sie
war jetzt von den im Boote Befindlichen erkannt worden. Die auf dem Sitz
liegende Gestalt richtete sich halb empor und winkte herber, und mit
lautem Aufschrei flog sie hinaus an den Strand, flog, ihre Europischen
Kleider vergessend, hinein in die klare Fluth dem Boot entgegen, denn
darin lag, bleich und blutend, wenn er auch freundlich jetzt
herberwinkte -- ihr Gatte -- lag Ren.

Im nchsten Moment scho das Boot heran, die Matrosen der Backbordseite
warfen ihre Riemen mit einem Schlag empor und Bertrands Hand streckte
sich dem armen Weib entgegen, dessen stierer und entsetzter Blick nur an
dem bleichen Antlitz des Verwundeten hing. In demselben Moment fast
berhrte das Boot den Strand, und ein Theil der Matrosen sprang ber
Bord ihn an Land zu tragen.

Aber Sadie flsterte Ren halb vorwurfsvoll, halb verlegen der jungen
Frau die Hand hinberreichend -- was machst Du fr tolle Streiche,
wildes Mdchen?

Du bist verwundet war Alles was die Frau in fast athemloser Angst ber
die Lippen bringen konnte.

Unsinn lachte aber dieser, eben nur die Haut geritzt, und _hergehn_
htt' ich knnen, htte nicht Bertrand hier in bergroer Besorgni
darauf bestanden mich her zu _fahren_.

Die Wunde ist unbedeutend, Madame besttigte aber auch jetzt der junge
Officier, der an Land gesprungen war und eine fast unwillkrliche
Bewegung machte die junge Frau hinauf und zum Haus zurckzufhren, wohin
jetzt vier krftige Matrosen auf einer der Boot Doften den Verwundeten
trugen. Sadie aber lie des Gatten Hand nicht los und whrend sie sich
ngstlich an ihn schmiegte, fuhr der junge Officier fort: Ich frchtete
nur eine mgliche Entzndung, wenn er den langen Weg in der Sonnenhitze
htte zu Fu zurcklegen sollen; wenige Tage werden ihn wieder
hergestellt haben.

Aber was ist geschehn, um des Heilands Willen bat Sadie.

Bertrand bi sich auf die Lippen und Ren sagte finster:

Nichts von Bedeutung Kind; ein doppelter Aderla einer neckischen
Gttin zum Opfer gebracht -- das Fleisch heilt bald -- aber -- wer ist
das da drben? -- Mi-to-na-re? -- bei Allem was da lebt -- in Hosen
und Strmpfen -- Mitonare und dem kleinen, auf ihn zueilenden Mann die
Hand entgegenreichend schttelte er sie fest und herzlich und -- wandte
den Kopf zur Seite, denn gerade in diesem Augenblick traf ihn die
Erinnerung an Atiu wie ein Stich in's Leben, und trieb ihm das Wasser
hinauf in die Augen, das er den Seeleuten bergen wollte.

Bser Wi-Wi! rief aber auch jetzt der kleine Missionair wieder in
seinem tollsten Englischen Kauderwelsch, das er mit dem Europer glaubte
sprechen zu mssen, ~aita maitai~ -- macht ~ole manni~ viel Sorge --
leichtsinniger Kopf der in dicken Bambus fhrt und durchwill -- lt
kleine Pu-de-ni-a zu Haus und kommt nachher angefahren, blutig und bla
und jagt ihr den Todesschreck in die Glieder, da sie auch krank wird
und stirbt.

Pu-de-ni-a! sagte leise Ren und drckte die Hand des treuen Weibes,
die in der seinen ruhte, und Du lieber wackerer Freund, wandte er sich
dann pltzlich im reinsten Tahitisch zu dem, darber aufs Aeuerste
erstaunten Mitonare wo kommst Du her, was treibst Du, wie geht es Dir?
-- und willst Du bei uns bleiben jetzt auf Tahiti?

Ehe aber der Mitonare die rasch hintereinander an ihn gerichteten Fragen
beantworten konnte, verbot der mitgekommene Schiffsarzt jede weitere
Aufregung, bis er die, allerdings nicht gefhrliche aber in einem heien
Klima doch immer zu beachtende Wunde erst nochmals untersucht und wieder
verbunden htte. Vor allen Dingen msse der Verwundete in ein khles
Zimmer geschafft werden, dort die nthige Pflege zu finden.

Sadie besorgte das Alles mit zitternder Hast, hufte Matte auf Matte,
ihm ein khles und weiches Lager zu bieten, und wechselte erst ihre
eigenen, durchnten Kleider, als sie den Gatten mit allem versorgt, was
ihre liebende Hand fr ihn bereiten konnte. Die Wunde war allerdings
nicht gefhrlich, ja nicht einmal bedeutend, und die Kugel ihm eben nur
durch den oberen Theil des Armes dicht an der Schulter durchgegangen,
ohne den Knochen weiter zu verletzen, Blutverlust und Ermattung hatten
ihn aber doch erschpft und als der zweite Verband mit Sadiens Hlfe
angelegt war, fiel der Leidende in einen sanften aber festen Schlaf, in
dem ihn der Arzt nicht gestrt haben wollte, und selbst Sadie bat das
Zimmer zu verlassen. Nur Mataoti mute bei ihm zurckbleiben, um zu
rufen sobald er wieder erwachen wrde.

Am Strande lag unterdessen das Boot schon wieder zur Abfahrt gerstet,
und Bertrand wollte eben Abschied nehmen von Sadie, an Bord
zurckzukehren, als diese seinen Arm ergriff und ihn mit leiser, aber
dringender Stimme bat, ihr die Ursache der Verwundung anzugeben, die sie
mit peinlicher Angst, sie wisse selber eigentlich nicht recht, warum?
erflle. Der junge Mann zgerte erst verlegen mit der Antwort, aber er
fhlte auch, wie er ihr dieselbe eigentlich nicht verweigern durfte, und
erzhlte ihr jetzt mit so kurzen und schonenden Worten als mglich, wie
jener Officier, nach den gestrigen Vorgngen, nicht umhin gekonnt habe,
Europischen Begriffen von Ehre nach, Ren zu fordern, und wie sie sich
heut Morgen, unfern der Stadt mit ihren Secundanten getroffen und
geschossen htten. Rodolphe, sein Gegner, habe zuerst gefehlt und eine
leichte Streifwunde bekommen, aber dann hartnckig darauf bestanden den
zweiten Schu zu thun. Die Secundanten konnten ihm den nicht weigern und
von beiden, ziemlich zugleich gefeuerten Kugeln sei Ren in die
Schulter, Rodolphe durch die Brust getroffen. Der Gegner lebe zwar noch,
aber die Wunde sei ziemlich gefhrlich; Ren habe brigens fr seine
Sicherheit nicht das Mindeste zu befrchten, setzte er rasch hinzu, denn
selbst im unglcklichsten Fall stehe er gerechtfertigt da. Er hatte
nichts Anderes gethan als sich vertheidigt.

Sadie wurde todtenbleich -- ihr Gatte verwundet, vielleicht ein Mrder
-- ihrethalben, mit dieser Last auf seiner Seele, und zugleich der
irdischen Gerechtigkeit fr blutige That verfallen, denn mit Entsetzen
dachte sie daran, wie gerade jetzt die englischen Schiffe die Obermacht
im Hafen htten und kaum einen Fall vorbergehn lassen wrden, einen aus
dem ihnen feindlichen Stamm zu Rechenschaft zu ziehen vor ihr Gericht.
Bertrand schttelte aber bei der laut gewordenen Besorgni lachend mit
dem Kopf.

Die englische Herrschaft ist vorbei rief er, trotzig den Kopf
emporwerfend; Grobritannien erkennt das Franzsische Protectorat an,
und zieht seine Schiffe zurck -- ja noch mehr, in der Nhe einer der
Nachbar-Inseln sind schon zwei Franzsische Kriegsschiffe -- jedenfalls
~Du Petit Thouars~ mit seiner Flotte im Aufkreuzen gesehen worden, und
die Tricolore herrscht von jetzt an auf Tahiti.

Zwei franzsische Schiffe sind gesehen worden? -- und von wem habt Ihr
die Nachricht? frug Sadie rasch, und ein Gedanke an Raiteo durchblitzte
ihr Hirn.

Kleine Fahrzeuge kreuzen herber und hinber antwortete der Officier
-- wir haben berall unsere Wchter; aber sehn Sie Madame da ich recht
hatte? -- dort ber den Riffen drauen segelt der Talbot vor dem Wind,
diese Ksten zu verlassen, und ha -- dort kommt auch der Vindictive,
schwerfllig seine weiten Segel entfaltend. Halt meine Burschen -- Ruhe
bis wir drauen in See sind, unterbrach er sich rasch, dem eben
ausgebrochenen Jubelruf seiner Leute zu wehren -- der Kranke schlft
und Ihr drft ihn nicht wecken durch Euer Hurrah. Doch jetzt auch nach
Papetee zurck, denn wir werden dort alle Hnde voll zu thun bekommen,
und heute Abend, wenn es geht, komm' ich einen Sprung herber, mich nach
dem Befinden unseres lieben Kranken zu erkundigen. So Adieu Madame, auf
ein froheres Wiedersehen, und sich freundlich gegen sie neigend sprang
er auf den Rand des hinangezogenen Bootes und hinein, wo der Arzt schon
seinen Sitz wieder eingenommen hatte, die Leute liefen damit hinaus in
tieferes Wasser, folgend, sobald sie das schwanke, scharfgebaute
Fahrzeug flott fhlten, und wenige Minuten spter zischte und prete der
Bug wieder gegen die crystallene Fluth an, sie in leichten Kruselwellen
zur Seite werfend, der nchsten Landspitze zu, um die es bald darauf
verschwand.

Was sagte der Wi-Wi von den Schiffen da drauen? frug aber jetzt der
Mitonare, der dem ihm unverstndlichen Gesprch besonders so erstaunt
gelauscht, weil seine kleine Pudenia die fremde ihm unbegreifliche
Sprache so gelufig sprach, und dem dabei die zwei groen Schiffe die
jetzt erst in Sicht gekommen und augenscheinlich von der Insel
fortsegelten, ebenfalls aufgefallen waren.

Es sind die Englischen Kriegsschiffe, die den Hafen verlassen sagte
Sadie.

Den Hafen _verlassen_? wiederholte erstaunt der kleine Mann -- und
Bruder Aue hat uns davon ganz andere Geschichten erzhlt -- puh, puh,
und die Wi-Wis kommen mit groen Schiffen angesegelt -- bse Sachen,
bse Sachen -- wo bleibt da _unser_ Gott?

Sadie hrte gar nicht was er sprach -- vor ihrem inneren Auge lag der
verwundete Gatte, lag sein blutendes Opfer, und whrend die hellen
Thrnen ihr still und schwer die Wangen niedertruften, murmelte sie mit
leiser, schmerzerfllter Stimme:

Verloren -- verloren -- Glck und Frieden dahin -- oh armer armer Vater
Osborne, wie gut da Du still und ruhig in der khlen Erde liegst -- wenn
nicht der frhere Gram -- der Tag htte Dein treues Herz gebrochen.

Ja, Vater ~O-no-so-no~, seufzte der kleine Mann, seinen Hut wieder
ergreifend und aufsetzend, unter dem das breite, dunkle, gutmthige
Gesicht gar so komisch und widernatrlich aussah -- Vater
~O-no-so-no~ war ein guter Mann, und wren sie alle so gewesen wie er --
Aber ich mu in die Stadt hinber, unterbrach er sich selbst, denn die
Versammlung soll heut' Morgen sein und Mitonare Ezra und Mitonare Raiteo
sind von Atiu geschickt und sollen keine Wi-Wis haben wollen. ~Gu-bei~
Pudenia, ~gu-bei~ -- Nach der Versammlung kommt Mitonare wieder hierher
zurck und bleibt bei tollen Wi-Wi, bis er gesund ist und bei kleine
Pudenia ~iti iti~ --

Damit wandte er sich und verlie den Garten; das schwere Gebetbuch aber
in dem langen schmalen Frackzipfel fing wieder an zu schlenkern, und er
nahm den Zipfel bedchtig in den linken Arm und verfolgte langsam seinen
Weg, ohne sich weiter umzusehen. Und Sadie schaute ihm schwer
aufseufzend nach, als sie die kleine komische in so entsetzliche
Kleiderformen gezwngte Gestalt den Weg hinabgehen sah, und daran dachte
was fr ein einfach natrliches Herz unter den unnatrlichen Stoffen
schlage; aber der Ernst des Augenblicks wandte ihre Gedanken bald wieder
dem ab, und dem Gatten zu, und nur wenige Minuten spter sa sie am Bett
des Schlafenden, ihr Kind auf dem Schoos, den Schlummer des Kranken
bewachend und von seiner fieberheien Stirn Mosquito und Fliege fern
zu halten.

Auch nach Aumama hatte sie hinbergeschickt, ihr beizustehn, wenn sie
irgend einer Hlfe bedrftig sein sollte; Aumama war aber frh am Morgen
nach Hause zurckgekehrt, und hatte ihre Kinder geweckt und mit
fortgenommen, Niemand wute wohin; Lefvre war ebenfalls nirgends zu
sehen und zu finden, und das Nachbarhaus lag wie ausgestorben.




Capitel 2.

Pomare und ~Du Petit Thouars~.


Papetee war in furchtbarer Aufregung; schon am frhen Morgen liefen
dumpfe Gerchte durch den kleinen Ort, die Englischen Kriegsschiffe
machten sich zum Auslaufen fertig und ganz in der Nhe wre dafr schon
~La Reine Blanche~, mit dem gefrchteten Admiral ~Du Petit Thouars~ an
Bord, gesehen worden, deren Kanonen jetzt aufs Neue das kleine Hufchen
Protestantischer Christen preisgegeben sein wrde.

Die Capitaine der beiden Englischen Fahrzeuge waren am vergangenen Tag
lange Zeit an Land und der Capitain des Talbot sogar mehrere Stunden mit
dem zurckgekehrten Englischen Consul und frheren Missionair
Pritchard zusammen gewesen, und dieser also allein konnte wirkliche
Aufklrung ber das sonst unbegreifliche Zurckziehn der Englischen
Streitmacht geben. Zu dessen Haus strmte nun auch die Masse, Erklrung
fordernd, wo die britische Hlfe, der britische Schutz bliebe, der ihnen
den Uebergriffen der Franzosen gegenber so fest war versprochen worden
-- offene Erklrung, was der nach England gesandte Missionair dort
ausgerichtet, und welchen Beistand die Knigin von England der in ihren
Rechten gekrnkten Pomare zugesichert und zugesagt habe.

Mr. Pritchard trstete sie mit dem Beistand Gottes, der die Seinen nicht
zu Schanden werden lasse, und berief eine Versammlung der Geistlichen
von Papetee, die nchsten und nthigsten Schritte zu berathen, falls
eine Franzsische Flotte Tahiti wirklich aufs Neue heimsuchen wrde.

Darber sollten sie aber nicht lange in Zweifel bleiben, nur wenige Tage
spter lief allerdings wieder ein kleines Englisches Kriegsschiff, eine
sogenannte ~catch~ von nur 200 Tons ein, aber nur um die anderen Schiffe
abzulsen und sich ruhig und ohne weitere Demonstration in der Bai vor
Anker zu legen (es war der ~Basilisk~) und bald danach wurden von den
Hhen Schiffe signalisirt, die auf Tahiti zuhielten. Zwei zusammen
kreuzende Segel erschienen in Sicht, und die Angst vor der ~Reine
blanche~ gab dem grten der Schiffe schon lange ihren Namen, ehe nur
Takelage und Bau des Fahrzeuges so weit erkennbar wurden, den
schlimmsten Verdacht zu besttigen.

Am anderen Morgen ankerten die Kriegsschiffe in der Bai von Papetee, von
ihrem Heck flatterten die franzsischen Nationalfarben und das Echo der
Berge gab den donnernden Eisengru der Fremden dumpf und grollend
zurck, wie zrnend, die ungebetenen Gste auf's Neue in seiner Nhe zu
wissen.

Herzlicher gemeint waren aber die Freudensalven der ~Jeanne d'Arc~, die
den in so trotziger Strke einlaufenden Landsleuten entgegenjubelten. --
Ihre Lage, von den Englischen Schiffen berwacht, war ihnen schon lange
eine drckende ja unertrgliche geworden, noch dazu da ein Theil des
Volks schon bei mancher Gelegenheit -- ob dazu aufgereizt oder nicht --
die Feranis suchte fhlen zu lassen, da man weder ihren Gott noch ihre
Regierung wolle und sich unter dem Schutz der Beretanis sicher genug
fhle, ihren Uebergriffen nun etwa trotzen zu knnen. Der von England
zurckkehrende Consul und Missionair hatte dabei in seiner
zuversichtlichen Haltung ihren schlimmsten Befrchtungen noch eine Art
von Besttigung gegeben, und die Mannschaft der ~Jeanne d'Arc~
ersehnte unter solchen Umstnden den Augenblick, wo sie den Befehl zum
Rckzug erhalten wrde, die schon halb occupirten Inseln wieder ihrem
frheren Oberherrn, oder vielmehr der Herrschaft der Missionaire zu
berlassen.

Welchen Unterschied hatten da die letzten wenigen Tage hervorgerufen;
die stolzen Englischen Fregatten, die bis jetzt die Interessen der
Tahitischen Knigin berwacht, lieen den Feind derselben, der schon
fter die Hand nach dem ganzen Reiche ausgestreckt, und nur immer die
vielleicht bsen Folgen zu gierigen Zulangens gefrchtet, jetzt im
ruhigen unbestrittenen Besitz der ganzen Inseln, und whrend die
Missionaire in Bestrzung und Zorn gerade die Schiffe in dem
entscheidenden Moment absegeln sahen, deren Feuerschlnde sie als von
England gesandt proklamirt hatten, den wahren Glauben wie seine
Vertreter zu schtzen, wagten sie es noch nicht einmal den Tahitiern den
ganzen Umfang ihrer Befrchtungen mitzutheilen, und von ihnen ausgehend
lief bald darauf das beruhigende Gercht durch Papetee: die Englnder
seien blos ausgesegelt die Marquesas-Inseln ebenfalls von dem Druck des
Franzsischen Joches zu befreien, und wenige Wochen spter wrden sie
mit Verstrkung zurckkehren die Macht der Christlichen
Protestantischen Kirche, wenn es sein mte, mit Gewalt der Waffen
aufrecht zu erhalten. -- Es war das ihre letzte Hoffnung.

Mitrauisch beobachtete vor allen Andern Aimata, die Knigin dieser
Inseln, die Bewegungen der Feranis, die sie nun schon seit einer Reihe
von Jahren als ihre Feinde hatte kennen lernen, und das stolze Blut der
Pomaren scho ihr zornig in die Schlfe, als sie die Banner Frankreichs
wieder so keck und trotzig in der Brise flattern sah, und den
Kanonendonner hrte, der grend dem Feind aus ihrer eigenen Bai
entgegenschallte.

Sie stand an dem Fenster ihres, ziemlich in Europischem Geschmack
eingerichteten und mit einer Masse von Putz und Geschenken
ausgestatteten oder besser berfllten Hauses, die heie Stirne fest
gegen die Glasscheibe gepret und der ehrwrdige Mr. Pritchard ging mit
auf der Brust fest zusammengeschlagenen Armen in dem Gemach auf und ab,
und blieb nur manchmal an dem zweiten Fenster stehen, die Bewegungen der
eben eingekommenen Schiffe zu beobachten, aber ohne ein Wort zu sprechen
sein oder der Knigin Nachdenken im Mindesten zu stren. Die Fenster
drhnten dabei von den gewaltigen Saluten der bewaffneten Schiffe und
die lockeren Scheiben klapperten und klirrten in ihren Rahmen.

Auf dem einen Tisch, entrollt und ber einem Globus, einem
Kaffeeservice, mehreren Blumenvasen und einigen geschmackvoll
eingebundenen englischen Bilderbchern lag die Tahitische rothe Flagge
mit dem einzelnen weien Stern, und oben ber demselben mit einer
goldenen von Palmzweigen umgebenen Krone frisch hineingestickt.

Das sind nun Euere Versprechungen! sagte die Knigin endlich nach
langer Pause, sich halb gegen den Missionair der zugleich die Stelle
eines Englischen Consuls versah, herumdrehend -- das ist Euer Prahlen
von dem Schutz der mchtigen Beretanis -- des mchtigen Gottes der
Weien -- Weit drauen in Lee schwimmen die Schiffe die man mir ber und
ber erzhlt da sie mich und mein Volk beschtzen sollten, und mitten
in meinem Reich darf mir der stolze landgierige Ferani die eigene Flagge
trotzig entgegenhissen, und unter dem Schutz seiner Kanonen vielleicht
neue Erpressungen fordern -- wie kann ich sie jetzt ihm weigern?

Er _darf_ nicht weiter gehn als er bis jetzt gegangen ist entgegnete
finster der Missionair -- die neue Flagge hier, mit dem Emblem der
Majestt wird ihm beweisen, welche Ansprche Pomares England
untersttzt, und mit dem ganzen Volk gegen sich, und dem Bewutsein da
Englische Kriegsschiffe in dieser See kreuzen und jeden Tag wieder
einlaufen knnen in die Bai, deren Bewohner sie durch die Bande der
Religion und Freundschaft verpflichtet sind zu schtzen, ist ~Du Petit
Thouars~ zu klug einen trostlosen Feldzug zu erffnen, der den Zorn und
die schwere Hand eines mchtigen Volkes auf ihn und den Thron der ihn
beschtzen wrde, herabziehn knnte.

Und wer schtzt mein armes Volk _jetzt_ vor ihren Kugeln, wenn ich die
Flagge hisse und ihren Zorn reize? frug Pomare.

Du bist hier Knigin sagte der Missionair ernst und feierlich, wie
Englands Knigin daheim ihr Banner kann wehen lassen ber dem Schlo das
sie bewohnt, ein Zeichen ihrer kniglichen Gegenwart, so steht dasselbe
Recht _Dir_ zu, in Deinem Reich; der Franke _darf_ es Dir nicht wehren,
wenn er auch mchte, und ich mte mich sehr tuschen, wenn er, nach dem
Vorhergegangenen, nicht sogar klug genug wre schon das Aufhissen dieser
Flagge mit einer Salve seiner Kanonen zu ehren. Die Franzosen sind
hflich -- setzte er trocken hinzu, wenn man ihnen auch sonst gerade
nichts Gutes nachsagen kann.

Pomare sah ihn forschend an -- ihre Fahne, durch Kanonenschsse der
gefrchteten Feranis geehrt -- der Gedanke hatte einen unsagbaren Reiz
fr sie, und ihre weibliche Eitelkeit griff danach, so sehr sie auch
noch kurze Zeit vorher einem so entschiedenen Schritt entgegen gewesen
sein mochte.

Und Du hissest zugleich die Englische Flagge vor _Deinem_ Haus? frug
sie rasch, des Priesters Arm ergreifend.

Als Gru der Kniglich Tahitischen in jedem Fall erwiederte der
Missionair -- ich bin sogar dem Amt nach, das ich vertrete, dazu
verpflichtet.

So sei es -- gut! rief die Knigin und ein eigenes Lcheln belebte
ihre schnen, sprechenden Zge und gab dem raschen ausdrucksvollen Blick
einen hheren Glanz. Der Wi-Wi soll mir die Krone gren mssen, die er
nicht berhren darf, und Dein Gott mag mir jetzt beweisen ob er, wie Ihr
uns oft erzhlt, mit Wohlgefallen auf diese Inseln niederschaut, deren
Bewohner ihre alten Gtter und Gesetze in den Staub geworfen haben, das
Kreuz des Heilands aufzurichten, und seinen Namen zu ehren, oder ob er
gleichgltig die Erfolge betrachtet, die sein Wort hier auf Erden hat,
dem Gtzendienst des anderen Volkes gegenber. Ruf mir die Huptlinge
die schon den ganzen Morgen drauen gewi ungeduldig meiner Befehle
harren -- ich _will_ Knigin sein, und eine Knigin wie sie ber dem
groen Wasser drben auf der Insel Deines Vaterlandes herrscht, nicht
ein Spott nur und Fratzenbild aus einem Spiel der Areois, dem jeder
fremde Freibeuter die Krone abnehmen und besptteln darf.

Und Du wirst sehn, Pomare, da Du Nichts zu frchten hast, sagte der
Geistliche -- in Deinem Reiche darf keine fremde Macht die Hand an
Deine Flagge legen, die Zugestndnisse zu denen man Dich zwang sind
ungltig, eben _weil_ sie erzwungen waren, und Dein Volk ist stark und
mchtig in der Begeisterung des Herrn, selbst einem also gewappneten
Feinde Trotz zu bieten, und ihn auf seine Schiffe mit blutigem Kopf
zurckzuweisen. Ich schicke Dir die Huptlinge, Deine Befehle zu
erfllen, und gehe selbst jetzt hinber in mein Haus, das knigliche
Signal zu beantworten, sobald es in der Brise flattert. Indessen aber
sei der Herr mit Dir in dieser Stunde und gebe Dir seinen Segen und
Frieden in Jesu Christo.

Und freundlich seine Hnde gegen sie, wie zum Segen ausstreckend, blieb
er einen Moment mit zum Himmel gerichteten Blicken stehen, und verlie
dann langsam das Gemach.

Pomare, die sich dem Segen erst leise geneigt hatte blieb, als der
ernste Mann ihr Zimmer verlassen, mit fest in beide Hnde gepreter
Stirne stehen; ihr Busen wogte heftig, ihre ganze Gestalt zitterte vor
innerer Aufregung, und sie bedurfte einer kurzen Zeit, ehe sie sich
wieder vollstndig sammeln konnte. Kaum aber hrte sie die Schritte der
nahenden Mnner, als sie auch mit der Energie, die ihrem ganzen Wesen
und Charakter eigenthmlich war, jede Schwche von sich abschttelte,
und die Lippen fest aufeinander gebissen, wenn auch noch mit klopfenden
Schlfen, die Huptlinge empfing, die rasch und ebenfalls in Aufregung,
in ihrer Gegenwart erschienen.

Joranna Pomare riefen Aonui und Potowai, Joranna, und schtze Dich
Gott in dem nahen Kampf.

Dem nahen _Kampf_? frug Pomare, erstaunt zu ihnen aufsehend, wer
spricht von einem Kampf?

Der fromme Mann der Dich verlie ermahnte uns standhaft auszuhalten
selbst gegen die Uebermacht des Feindes drauen sagte Aonui, und so
mit Gott, was brauchen wir da irdische Waffen zu scheuen oder zu
frchten.

Hier ist von keinem Kampf die Rede entgegnete Pomare ernst -- nur
unsere Landesflagge sollt Ihr aufziehen an meinem Haus -- ich will
keinem Menschen Bses, und unsere Religion ist eine Religion des
Friedens und der Liebe -- sagt das den Leuten drauen. Sie sollen keinen
Zank anfangen mit den Feranis, sondern sie freundlich behandeln, und
ihnen Alles verschaffen, was sie an Nahrungsmitteln brauchen -- Pomare
hat keinen Zorn gegen sie und will in Frieden mit ihnen leben.

In Frieden mit ihnen leben? wiederholte kopfschttelnd Potowai -- das
ist ein schweres Ding. Ein Frieden mit den Feranis ist wie der
durchsichtige Stein den sie uns gebracht und in unsere Huser gesetzt
haben, das Licht hineinzulassen, Du rhrst ihn an und er bricht und
splittert und verwundet die Hand, die sich freundlich, ohne Arges zu
denken, nach ihm ausstreckt -- trau dem Ferani. Aber was thuts --
setzte er rasch und freudig hinzu, die Fahne aufgreifend und die goldene
Krone betrachtend, die von Cocosblttern umgeben gar knstlich und
zierlich von frommen weien Frauen gestickt war -- wir haben die Bibel
auf unserer Seite und unser gutes Recht, und zehntausend Mal lieber seh
ich dabei den Tahitischen Stern im Winde flattern, als irgend ein
anderes Tuch der weiten Welt. So mit Gott, und das Volk wird Dir zeigen,
Pomare, wie dankbar es sein kann fr diesen Beweis Deiner Liebe.

Und von dem frommen Aonui gefolgt verlie er rasch das Haus, die Fahne
an dem nahen Flaggenpfahl zu befestigen, um den sich inde schon ein
zahlreicher Volkshaufen, mehr aus Neugierde als die Wichtigkeit der
Demonstration begreifend, versammelt hatte. Ja die meisten sahen eben
nichts weiter darin, als eine sehr gewhnliche Handlung, vielleicht
sogar der Artigkeit gegen die Fremden, die ihre eigenen Flaggen wehen
lieen -- weshalb konnten sie nicht dasselbe mit der ihrigen thun?

Noch ein Schiff war inde in Sicht gekommen, und wie ein Theil der
Tahitier es schon mit froher Zuversicht als eines der zurckkehrenden
Englischen Kriegsschiffe ausrief, schwuren die einzeln zwischen den
Eingebornen zerstreuten, meist Englischen oder Amerikanischen Matrosen,
das Schiff habe so wenig Englischen Kiel unter sich, wie die im Hafen
liegende ~Reine blanche~ oder ~Danae~ und trage so gut die Tricolore wie
sie alle Beide. Unter der Masse bildeten sich denn auch bald einzelne
Gruppen, die das fr und gegen eifrig besprachen, und dabei, wenigstens
die Eingebornen, mit einer Art von Stolz auf ihre stattliche Fahne
blickten, die lustig im Winde hinauswehte, und nach den Schiffen hinber
zu gren schien.

Unser alter Bekannter, Bob Candy war unter ihnen und schien
gewissermaen eine Autoritt, was die Natur des fremden, eben
einsegelnden Schiffes betraf, auszuben, denn einestheils verstanden ihn
nur wenige in seinen gebrochenen Tahitischen Ausdrcken, und dann
erklrten Andere wieder, die ein wenig die Englische Sprache gelernt
hatten, da er jedes Segel an Bord des Fremden erkenne, und wisse warum
es da, und wo es gemacht sei; sein Sieg war auch vollkommen als die
Fregatte endlich ihre Flagge zeigte und an ihrem Heck, wie an den
anderen Kriegsfahrzeugen in der Bai, die gefrchteten, jedenfalls
gehaten Franzsischen Nationalfarben sichtbar wurden.

Segne mich! sagte da aber Teraitane, der Huptling, der sich der
Gruppe eben zugesellt hatte, uns hat der ehrwrdige Bruder Mi-ti
(Smith) immer gesagt, die Feranis htten nur ein einziges Kriegsschiff
in ihrem ganzen Reich, und das schickten sie her bald so, bald so
angemalt, und bald mit dem, bald mit jenem Namen, Geld zu erpressen, und
jetzt liegen drei schon im Hafen und das vierte segelt eben ein, und
eines immer grer als das andere -- der ehrwrdige Bruder Mi-ti mu
getrumt haben.

Bruder Mi-ti trumt aber gewhnlich mit den Augen offen bemerkte Bob,
trocken; merkwrdig kluge Erzhlungen die sich die Leute machen, nur
da die Farbe abgeht, wenn sie na werden. Die Feranis knnten eine
ganze Woche hintereinander jeden Tag vier andere Kriegscanoes
herschicken, und behielten immer noch so viel zu Hause.

Whrend sich die Eingeborenen, denen ein Anderer das von Bob gesagte
bersetzte, um diesen drngten, der unwillkommenen Mhr von der Macht
eines Feindes zu lauschen, der ihnen bis jetzt eher als unbedeutend
geschildert war, hatte die ~Reine blanche~ mit dem neu einkommenden
Fahrzeug rasch Signale gewechselt, aber die erwartete und von der
Knigin erhoffte Begrung ihrer Flagge, der gegenber jetzt, von dem
Pritchard-Haus, die Englische wehte, blieb aus, und die Kriegsschiffe
lagen still und ernst in der Bai -- ob Freund ob Feind -- erst die
Zukunft sollte das entscheiden.

Von der ~Reine blanche~ kam jetzt ein Boot ab, mit der wehenden
Tricolore am Heck, und hielt, von sechzehn Riemen pfeilschnell ber die
spiegelglatte Fluth dahergetrieben, gerade dem Hause Pomarens zu, vor
dem sich eine Masse Volk jedes Geschlechts, wie jeder Farbe fast,
versammelt hatte.

Der im Stern des Bootes sitzende Officier war aber ~Du Petit Thouars~
selber und ehe nur Einzelne der Umstehenden ihn, von seinem frheren
Besuch noch in der Erinnerung, erkannt hatten, sprang er an Land, rief
dem ihn begleitenden Officier einige Worte zu und schritt dann, allein
und unangemeldet, rasch dem Hause zu, vor dessen Schwelle die mit der
Krone gezierte Flagge der Pomaren stolz ausflatterte.

Einen Augenblick blieb er daneben stehn, und es war fast, als ob ein
spttisches Lcheln um seine Mundwinkel zuckte, als er zu dem
flatternden Banner hinaufschaute, und den Blick von da zu den Englischen
Farben schweifen lie -- wenn so, ging das aber eben so rasch vorber
als es gekommen, und mit flchtigen Schritten sprang er die wenigen
Stufen zu der Verandah der Knigin empor.

Die Einanas, im Vorzimmer, wollten ihm freilich den Eintritt weigern,
eine aber erkannte ihn wieder und eilte mit dem Schreckensruf zu ihrer
Herrin, denn ~Du Petit Thouars~ war, ob verdient oder unverdient, der
Popanz der Inseln geworden, mit dem man die Kinder furchtsam machte und
die Mdchen.

Pomare erschrak -- was wollte der Befehlshaber der Kriegsschiffe da
drauen von ihr, da er, ohne angemeldet, ohne um frmliche Audienz
einzukommen, wie das blich gewesen war von jeher, das ihr von den
Missionairen und Consuln eingeprgte, und fr unumgnglich nthig
geschilderte Ceremoniell soweit auer Augen setzte, sie allein
aufzusuchen. Einen Augenblick stand sie unschlssig und zgernd da; aber
sie hrte schon die lachende Stimme des Franzsischen Befehlshabers
dicht vor ihrer Thr, wie er sich, durch die ihm den Weg versperrenden
Mdchen Bahn zu brechen suchte mit scherzhafter Gewalt, vielleicht
nicht einmal bse ber den Widerstand.

Ruf mir den ehrwrdigen Bruder Pi-ri-ta-ti[C] sagte sie da schnell,
und das Mdchen ffnete kaum die Thr, dem Befehl Folge zu leisten, als
der Admiral auch, ngstlich von den Frauen Pomares umstanden,
auf der Schwelle erschien, und den Hut abziehend mit, Pomaren
entgegengestreckter Hand ihr sein freundliches Joranna entgegenrief.

    [C] Pritchard.

Joranna Peti-Tua sagte die Knigin ernst, ihm die Hand nicht
versagend, aber immer noch in einer eigenen Mischung von beleidigter
Eitelkeit und Verlegenheit zu ihm aufschauend -- bringst Du mir Frieden
oder Krieg jetzt, in Deinen groen Schiffen mit denen Du die Bai fllst,
und bist Du den weiten Weg noch einmal hergekommen, eine arme schwache
Frau zu krnken, oder hat Dich Dein Knig geschickt mit freundlichem
Wort, und ist das Joranna treu gemeint und nicht blos wie ein Hauch von
den Lippen?

Ich bringe Dir Frieden, Pomare, sagte ~Du Petit Thouars~ freundlich,
und hielt die Hand die sie ihm gereicht, immer noch in der seinen --
Frieden und Freundschaft, wenn Du eben nicht selber trotzig das Alles
von Dir weist und mich frmlich dazu zwingst Dir weh zu thun -- und das
wirst Du hoffentlich nicht.

Du willst wieder Geld von mir haben auf Deine Schiffe zu nehmen? sagte
Pomare rasch und mitrauisch -- aber ich habe Nichts mehr -- das letzte
was ich hatte haben die Missionaire von mir bekommen, unglckliche
Heiden in Australien und Afrika zu bekehren.

Der Admiral bi sich die Unterlippe und ein leichtes, halb verlegenes
Lcheln zuckte ber seine Zge.

Nein sagte er endlich nach kleiner Pause, Du irrst, Pomare, und ich
verzeihe Dir gern Deine Unerfahrenheit in solchen Dingen; ich will auch
Nichts von Dir haben, als was Du uns freiwillig schon gegeben hast --
nur nichts _nehmen_ mcht' ich mir lassen, und deshalb komme ich her.
Noch aber liegt das Alles zwischen uns Beiden, und ich hoffe wir werden
es mit wenigen Worten auch leicht und freundlich lsen. Ich meine es gut
mit Dir Pomare, und mchte Dich nicht krnken noch betrben.

Das ist eine lange Vorrede zu einem freundlichen Wort sagte Pomare,
den herzlichen Worten des Feranis immer noch mitrauend.

So will ich denn kurz zur Sache kommen sagte der Admiral und seinen
Hut auf den Tisch, zwischen den Wirrwarr von wunderlichen staubbedeckten
Sachen, Globen und Servicen, Zeugen und Spielereien legend, warf er sich
selber in den nchsten Stuhl und fuhr, das rechte Bein ber das linke
legend, und die Hnde darber faltend ernster fort: Ich brauche Dir
nicht erst die whrend meiner Abwesenheit passirten Vorgnge ins
Gedchtni zurckzurufen -- eine Rotte unntzes Volk, wie ich gern
glauben will, mit Priestern und weggelaufenen Matrosen an der Spitze,
denen der Henker daran liegt ob Krieg ob Frieden hier auf den Inseln
ist, und welche Folgen ein so unberlegter thrichter Schritt fr Dich
und das Land mit sich fhren knnte, haben die Franzsische Flagge
beleidigt und die Vertrge gebrochen, die Du selber mit uns eingegangen
bist. Die Rmisch-katholischen Priester sind wieder klagbar geworden --
bitte la mich erst ausreden und hre Alles was ich Dir zu sagen habe --
sie behaupten wieder in ihren Rechten gekrnkt zu sein und viel Schaden
durch das willkrliche und widerrechtliche Benehmen der Protestantischen
Geistlichen erlitten zu haben; aber ich will annehmen, Pomare, da Dir
jene Vorgnge selber leid thun, und Du sie nur nicht hindern konntest.
Ich will Alles vergessen und vergeben, und ich verlange nicht einmal
eine Entschuldigung von Dir fr das Vorgefallene, aber Du mut mir
dann auch beweisen da es Dir _jetzt_ wenigstens Ernst ist Se. Majestt,
den Knig von Frankreich zum Freund zu behalten und nicht in starrem
Trotz die Hand von Dir zu schleudern, die Dir den Frieden bringt.

Und _was_ verlangst Du? frug Pomare ungeduldig, denn etwas _willst_
Du doch von mir, das fhl' ich klar.

Du sollst nur den Vertrag halten den Du eingegangen sagte der Admiral
ernst, Du sollst, mit einem Wort, das Franzsische Protektorat
anerkennen, dessen Annahme Du selber, wie Deine ersten Huptlinge,
unterschrieben, und dem zu Folge Du den bunten Schmuck auch in der vor
Deinem Hause wehenden Flagge, die selbststndige Krone, wegnehmen mut,
die Dir nicht gebhrt.

Wem anders, wenn nicht mir? rief Pomare aber jetzt gereizt, und das
Blut scho ihr in vollem Strom in Stirn und Schlfe -- wem anders,
stolzer Ferani, als der eingeborenen Knigin dieses Landes?

Bah, bah sagte der Officier kopfschttelnd und mit zusammengezogenen
Brauen, das sind Redensarten, die Dich Deine frommen Missionaire
gelehrt haben, und sie htten, beilufig gesagt, etwas gescheuteres
thun knnen. Du verkennst Deinen Rang, Pomare, denn es ist bei Gott ein
Unterschied zwischen der ~Pomare wahine~ einer kleinen Insel, und der
Frstin eines mchtigen Reiches, im alten Vaterland; wenn man Dir also
das nicht frher klar gemacht hat, geschah es nur Deine Eitelkeit nicht
in einer Sache zu krnken, auf die eigentlich damals nicht viel ankam.
Anders wird das jedoch, wenn Du _unter_ dem Schutz eines anderen Staates
stehst, dessen Oberherrschaft Du selber anerkannt; dann gebhrt Dir die
Krone nicht mehr, noch dazu wenn Du Dich in solchen falschen Ansprchen
von einer uns feindlichen Macht untersttzen lt, wie das Wehen der
Englischen Flagge da drben beweist, und ich mu Dich bitten,
Deinetwegen bitten, sie selber und in aller Stille wieder nieder und
nicht wieder aufzuziehn -- es soll mir das ein Zeichen sein, da Du
meinen vernnftigen und ruhigen Vorstellungen Gehr gegeben, und nicht
wie frher mit dem starren Weibestrotz einer Unmglichkeit die Stirne
bieten willst.

Die Knigin Viktoria hat ebenfalls ihre Fahne mit der Krone wehn und
Niemand darf es ihr verwehren, rief Pomare, der Argumente ihres
Geistlichen gedenkend.

Ach, Kinderspiel, sagte ~Du Petit Thouars~, rgerlich den Kopf
herber und hinber werfend -- was haben wir hier mit der Knigin
Viktoria zu thun -- sie ist mchtig genug sich selbst zu schtzen, und
hat das Recht eine Krone zu fhren! -- Wer berhaupt hat Dich auf den
tollen Einfall gebracht, der Dir nichts ntzt und Dich nur wieder in
Fatalitten bringen kann, Dich mit der Knigin Viktoria zu vergleichen?

Peti Tua erwiederte Pomare gereizt -- es sind auch noch andere
Europer auf der Insel, die wissen was sich fr eine Knigin schickt --
wrest Du allein da, mte ich Dir glauben.

Wieder prete der Admiral seine Unterlippe zwischen die Zhne und mit
einem leise gemurmelten Fluch zischte er:

Dacht' ich's mir doch, da die Schwarzrcke in ihrem Uebermuth wieder
die Hand dabei im Spiel gehabt und er sprang auf und ging ein paar Mal,
mit auf den Rcken gelegten Hnden rasch im Zimmer auf und nieder; dann
aber, wie sich besinnend, strich er sich ber die Stirn, blieb einen
Augenblick, still vor sich niedersehend stehn, und ging dann pltzlich,
mit freundlicherem Ausdruck in den Zgen auf Pomare zu, ergriff mit der
Linken ihre Rechte und mit dem Zeigefinger der Rechten ihr Kinn in die
Hhe hebend sagte er lchelnd, ja fast herzlich:

Sei vernnftig, Pomare, und horche dies eine Mal nur auf den Rath eines
Mannes der, trotz allem was sie Dir mgen dagegen gesagt haben, es
wirklich gut mit Dir meint. Sieh die Depeschen sind schon in Frankreich
angekommen, nach denen Dein Reich unter dem Protektorate meines Knigs
steht, und ich _drfte_ dem nicht mehr zuwider handeln, wenn ich
wirklich wollte. Traue auch nicht alle dem, was Dir die Englischen
Priester sagen; Du hast schon oft gefunden, da sie sich irrten. Sie
wollen nur Macht hier im Land gewinnen und die Alleinherrschaft haben,
und wir Franzosen passen ja doch wahrhaftig besser zu Euch wie die
Kopfhnger.

In diesem Augenblick ffnete sich leise die Thr, Pomare entzog dem
Admiral rasch ihre Hand und trat einen Schritt von ihm zurck, und eine
der Einanas meldete, den Kopf zur Thr hereinsteckend, den boda
Piritati der drauen stnde und die Knigin zu sprechen wnsche.

Schick ihn fort, ~wahine~ rief aber ~Du Petit Thouars~ rgerlich --
wir haben hier wichtige, _weltliche_ Dinge zu reden und brauchen den
Pfaffen nicht -- schick ihn fort --

Ich habe ihn rufen lassen entgegnete Pomare, whrend das Mdchen
unschlssig erst auf den direkten Befehl ihrer Herrin wartete, auch ist
er nicht allein ein Mitonare, sondern ebenfalls der Consul der
Beretanis.

Ein Zwitterding erwiederte der Franzose, ich habe mit ihm weder als
das eine noch andere etwas zu schaffen; schick ihn fort, oder _ich_
gehe, und Du hast Dir die Folgen dann selber zuzuschreiben.

Er wird warten, denn ich mu mit ihm sprechen sagte Pomare, und
weiter hast Du mir ja doch nichts mehr zu sagen.

Nichts mehr zu sagen? rief der Admiral erstaunt -- Frau das ist
gerade genug, denn es betrifft Dein ganzes Reich --

Du darfst es mir nicht nehmen, rief die Knigin und ihre Augen
blitzten -- Piritati hat mir selber gesagt, da mich England beschtzen
wird gegen meine Feinde.

Gebe Gott da Du nur Deine Feinde erkennen lerntest warnte sie, mit
gehobenem Finger, der Franzose, aber meine Zeit ist gemessen, so
antworte mir denn, wenn Du dem Freundesrath nicht folgen _willst_,
einfach auf meine Frage, und sage mir ob Du Dich dem, was ich jetzt von
Dir noch Auge in Auge verlange, fgen willst oder nicht.

Und was ist das, in klaren einfachen Worten? frug Pomare.

Einfach die Anerkennung unseres Vertrags, entgegnete ~Du Petit
Thouars~, und zum Zeichen ziehst Du die Flagge mit der Krone nieder,
und hissest die Tricolore, die ich im Boot fr Dich mitgebracht.

Nie im Leben! rief Pomare, und stampfte mit dem Fu den Boden.

Du zwingst mich denn Deine Flagge mit Gewalt zu streichen und
Frankreichs Banner dafr aufzupflanzen -- bedenke Pomare da von dem
Augenblick, wo das durch _meine_ Hand geschieht, Du aufgehrt hast zu
regieren, denn das Land steht dann nicht mehr nur unter Frankreichs
Schutz, nein es ist _erobert_, und der Sieger verfgt darber wie es ihm
gut dnkt.

Ich verstehe nicht, was Du mit den fremden Worten willst, entgegnete
finster Pomare, aber Du darfst mir mein Land nicht nehmen; die
Englischen Schiffe leiden es nicht.

Wer Dir _das_ sagt ist Dein Feind entgegnete rasch der Admiral --
denke an mich, Pomare, und was ich Dir gerathen; aber meine Zeit ist
auch verflossen und ich frchte fast nutzlos, denn der Missionair wird
Dir das Kreuz wieder vorhalten und mit der Bibel drohen.

Ich lasse mir nicht drohen rief die Knigin.

Ich habe Dich darum _gebeten_, Pomare sagte, noch einmal zu ihr
tretend, mit leiser gedmpfter Stimme der Admiral, Deinethalben
gebeten, weil ich Dich achte und liebe und Dir Dein kleines schnes
Reich nicht rauben, Deine Macht hier nicht mit einem Schlage vernichten
mchte; _zwinge_ mich nicht dazu, nimm die Fahne mit dem unntzen
Schmuck, der Dir nur Verderben bringt, nieder und ziehe meines Landes
Farben auf, und Du bleibst was Du bist, wenn nicht unbeschrnkt, doch
Knigin dieses Landes.

Und wenn nicht?

Trotzkopf murmelte der Franzose rgerlich sich auf dem Absatz
herumdrehend -- so nimm denn die Folgen. Und doch geb' ich Dir noch
Zeit zum Nachdenken bis morgen frh, setzte er nach kurzem Sinnen hinzu
-- berleg' es Dir wohl und handle danach, und Gott leite Dich, da Du
den rechten Weg gehst; wenn aber nach dem Morgenschu nicht die
Tricolore von Deinem Hause weht, dann komm' ich nicht mehr zu Dir
hinber, sondern schicke Dir rauheren Besuch, und Du hast die Folgen Dir
selber zuzuschreiben.

Und damit rasch das Zimmer verlassend, rannte er fast gegen den
Missionair, der gerade im Begriff schien es zu betreten. Mr. Pritchard
grte ihn, und machte eine Bewegung, als ob er ihn anreden wolle, der
Franzsische Admiral war aber keineswegs in einer Stimmung sich mit ihm
einzulassen, berhrte einfach seinen Hut, und ging mit raschen Schritten
wieder der Landung zu, wo indessen seine Leute, von den Indianern
umlagert, doch dem gemessenen Befehl nach nicht den mindesten Verkehr
mit diesen haltend, das Boot weit genug vom Strand abgestoen hatten
flott, und auer Verbindung mit dem Ufer zu bleiben. Rasch griffen aber
die Riemen wieder ins Wasser, als sie ihren Vorgesetzten zurckkehren
sahen -- ein kurzer Befehl und einer der Leute sprang mit einem vorn im
Boote liegenden Pakete -- der zusammengerollten Franzsischen Flagge --
die Uferbank hinauf, dem Hause Pomares zu, sie dort fr die Knigin dem
ersten Mdchen gebend das er traf; wenige Minuten spter kam er in
raschem Lauf zurck, das Boot flog herum und schnitt wieder, zischend
und schumend, wie ein verfolgter Fisch die Oberflche theilend, der
~Reine blanche~ entgegen, die in all ihrer dunklen furchtbaren Majestt
vielleicht eine Kabelslnge davon vor Anker lag.




Capitel 3.

Die Tahitische Flagge.


Sadie hatte indessen gar trbe, angsterfllte Tage verlebt; Rens Wunde
war allerdings nicht gefhrlich, ja sogar viel leichter als sie im
Anfang gefrchtet, gewesen und heilte so rasch, da er schon am nchsten
Tage wieder sein Lager verlassen und mit dem Arm in der Binde sich
ziemlich frei umherbewegen konnte, aber Rens Gegner war an seiner Wunde
gestorben, und so sehr sich auch Bertrand jetzt Mhe gab, die Kunde dem
Ohr der armen jungen Frau noch vorzuenthalten, brachte doch
schwatzhafter Mund die Trauernachricht auch in ihre Htte und fllte ihr
Herz mit unermelichem Weh. --

Ren ein Mrder -- ihrethalben, und Alles was ihr der Geistliche erst
vor wenigen Tagen von Schmach und Snde und Gottes Zorn gesagt, traf ihr
die Seele jetzt mit hundertfacher Kraft, und schrieb ihr den bitteren
furchtbaren Vorwurf mit blutigen Zgen tief in das angstgequlte Herz.
-- Ren ein Mrder -- Blut an der Hand, die sie in Glck und Liebe
tausendmal gekt -- Blut an der Hand, in die sie die ihrige vor Gottes
Altar einst gelegt. Heiliger Vater im Himmel, wie ihr das Nerv und Leben
traf, und ihr das Blut fast starren machte in den Adern -- und Ren? Als
sie zu ihm strzte, sich an seinen Hals warf und ihn trsten wollte mit
einem Herzen, dem jeder Trost gebrach, als sie da vor ihm auf die Knie
fiel, und ihn nieder ziehn wollte zu sich, in brnstigem Gebet Linderung
zu finden fr das Entsetzliche, und nur Thrnen hatte in ihrem ersten
furchtbaren Schmerz, nur Thrnen die ihr Blut schienen wie sie ihr von
den Wimpern niederbrannten -- da blieb er kalt. Das Blut hatte wohl
seine Wangen verlassen bei der Nachricht, aber kein weiteres Zeichen,
kein Muskel seines Angesichts verrieth da er _fhle_ was er gethan, und
Sadie blickte in Schreck und Staunen zu ihm auf und suchte umsonst sein
Herz zu seinem Gott zu wenden, dort Vergebung, dort Gnade zu erflehn
vor dem Thron des Allliebenden den er schwer beleidigt ja mit
Brudermord.

La das, la das Kind, sagte er finster, sich ihrem Griff entziehend
-- das sind Sachen die Du nicht verstehst und deshalb nicht begreifen,
nicht beurtheilen kannst.

Du hast einen Menschen mit kaltem Blut getdtet weinte Sadie, ohne
sich zu erheben -- hast Abschied an dem Morgen von mir genommen und
Deinem Kind -- hast uns gekt und geliebkost, und bist mit ruhiger
heiterer Stirn hinausgegangen einen Bruder zu ermorden.

Sadie bat Ren sie jetzt leise und weicher als vorher, als er sah,
welchen furchtbaren Eindruck die That auf sie machte, die nur in ihrem
nackten Erfolg starr und grlich vor ihr stand, whrend sie die
Triebfedern solcher Handlung in Europischen Begriffen wurzelnd, in
ihrem einfach reinen Sinn ja nicht verstehen _konnte_ -- thrichtes
Kind, hab' ich Dir denn nicht oft und oft von solchen Sitten aus meinem
Vaterland erzhlt, wie Mann gegen Mann empfangene Beleidigung nicht
anders rchen kann, als mit Pistole oder Degen? und zwang uns nicht
Beide das Gesetz der Ehre zu solchem Kampf, selbst wenn wir Beide das
Geschehene schon von ganzem Herzen bereut und gern vergessen htten?

Ein Gesetz der Ehre erkanntest Du an, klagte Sadie, und vergaest das
Gesetz Gottes -- nein, vergaest es nicht, sondern stieest es mit Fen
von Dir, Deine blutige, unheilvolle Bahn zu gehn -- oh Ren, Ren, Du
hast meinen Frieden zerstrt auf ewige Zeiten.

Mach mir den Kopf nicht noch wilder mit solchen Reden bat sie da, kurz
abbrechend, Ren -- die Priester haben Dir all das tolle Zeug in's Hirn
gesetzt, und Du weit recht gut, ich kann's nicht leiden, nicht
ertragen.

Oh da Du die Stimme der Priester, die Stimme Gottes hren wolltest
klagte das arme Weib, die Hnde ringend und das Haupt gesenkt, starr und
trostlos vor sich niedersehend -- da Dir Gottes Wort zum Herzen
sprche mit allgewaltigem Klang und Donnerton, Dich aufzuscheuchen vor
Dir selber und Dir den Pfad zu zeigen, in all seinen Schrecken und
seiner Finsterni, dem Du mit starrem trotzigem Sinn entgegeneilen
willst. Oh der ehrwrdige Vater Rowe hatte ja recht als er mich mahnte,
mit heien brnstigen Worten mahnte, Dich zurckzuhalten von dem was Dir
Verderben droht -- aber konnte ich es denn? -- ward mir armen schwachen
Weibe denn die Kraft gegeben? ich kann nur beten fr Dich, Ren, und den
Heiland bitten, Dich vor Dir selber zu schtzen und Geduld mit Dir zu
haben in seiner Allbarmherzigkeit.

Rowe? sagte Ren aufmerksam werdend und sah Sadie rasch und scharf an
-- was weit Du von dem Schleicher? -- ich will doch nicht hoffen, da
er meine Schwelle betreten?

Er war hier hauchte Sadie, unfhig eine Lge zu sagen, aber das Blut
scho ihr in Strmen in Stirn und Schlfe.

Hier? -- und Du hast mir das bis jetzt verschwiegen? -- rief Ren,
seinen erwachenden Aerger, berdies schon gereizt, nur mit Mhe
bndigend -- zum Teufel mit dem Burschen! was wollte er, was trieb ihn
her?

Die Sorge um mich sagte leise Sadie -- er war mein Lehrer in der
Kindheit, und nimmt auch jetzt noch Theil an mir; und hat er nicht ein
Recht dazu, seit Vater Osborne gestorben und dessen Sorge um meiner
Seele Wohl auf ihn allein ja eigentlich doch berging?

Ren bi sich auf die Lippen -- es drngte ihn, seinem Zorn ber den
Mann den er alle Ursache hatte zu hassen, und dessen Charakter er nicht
ganz ohne Grund bezweifelte, freien Lauf zu lassen, aber er fhlte auch
wie weh er der armen Frau dadurch thun wrde, und nur die Stirn heftig
mit der rechten Hand reibend, ging er einige Mal rasch im Zimmer auf
und ab. Endlich aber blieb er neben Sadie, die noch immer in ihrer
knieenden Stellung verharrte und das sorgenschwere Haupt an der
Stuhllehne in den vorgehaltenen Arm sttzte, stehn, und seine Hand auf
ihre Stirn legend flsterte er mit freundlicher liebender Stimme:

Beruhige Dich, mein Herz; nicht so schwer lastet das Blut auf meiner
Seele, da ich Deinem Gott nicht noch frei und offen in's Auge schauen
knnte. Ich bin mir nichts Bses bewut, denn diese That fllt nicht
mir, sie fllt der Gesellschaft zur Last die sie billigt, ja fordert --
Nichts hilft es dabei dem Einzelnen sich dagegen zu struben. Komm,
schau wieder zu mir auf, mein herziges Lieb und la die Grillen --
geschehene Dinge sind nicht mehr zu ndern, und Du brauchst die Hand
nicht zu frchten, die nur mein eigenes Leben vor dem Gegner schtzte.

Sadie schauderte und ihr Antlitz in den Hnden bergend flsterte sie:

Bete -- Ren -- bete zu Gott da er Dir die That vergeben mge und ich
will mit Dir meine Stimme erheben zu dem Hchsten --

Sadie

Neige Dein Ohr Allmchtiger flehte die Frau, inbrnstig seine Hand
fassend und die Augen zur Decke erhebend, verwirf mich nicht von Deinem
Angesicht, und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. -- Trste mich
wieder mit Deiner Hlfe und der freudige Geist enthalte mich -- denn ich
will die Uebertreter Deine Wege lehren, da sich die Snder zu Dir
bekehren. Errette mich von den Blutschulden Gott, der Du mein Gott und
Heiland bist, da meine Zunge Deine Gerechtigkeit rhme.

Komm, komm Sadie sagte aber Ren ihr leise doch entschlossen seine
Hand entziehend, das ist genug und ich bin des Lamentirens berdrssig.
Komm wieder zu Dir, da man ein vernnftig Wort mit Dir reden kann, ich
will dann suchen Dich zu berzeugen; bis dahin aber erlaube mir da ich
die frische Luft suche, einmal wieder frei aufzuathmen, denn mir ist
schwl und hei geworden bei Deinen Reden.

Und den Hut aufgreifend verlie er, ohne selbst weitern Abschied von ihr
oder dem Kinde zu nehmen, rasch das Haus und schritt die Strae nach
Papetee hinunter.

Sadie verharrte noch eine lange Zeit in ihrer Stellung und betete hei
und brnstig fr den geliebten Mann; immer noch hoffte sie dabei da
Ren zurck -- reuig zurckkehren wrde, sich mit ihr am Thron des
Hchsten niederzuwerfen, und Vergebung zu erflehn fr das _Verbrechen_;
aber er kam nicht, und die Angst um ihn trieb sie zuletzt empor und lie
ihr nicht Ruhe und Rast im Haus als sie von Mataoti erfuhr da er den
Weg nach Papetee eingeschlagen und dort ja, wenn man etwas gegen ihn
beabsichtige, dem nach ihm ausgestreckten Arm der Gerechtigkeit gerade
entgegen eile. Der Leichtsinnige kannte, achtete ja keine Gefahr, aber
er hatte auch kein treueres Herz auf der Welt als sein Weib, ber ihn zu
wachen, und ihr Kind aufgreifend, das ihr lchelnd und den Schmerz nicht
ahnend der ihre Brust durchtobte, die Aermchen entgegenstreckte, eilte
sie, die heute merkwrdig belebte Strae vermeidend, zum Strand
hinunter, machte mit Hlfe Mataotis das Canoe flott und glitt bald
darauf, ihr Kind zu ihren Fen, den schlanken Kahn mit krftigen
Ruderschlgen ber die spiegelglatte Fluth treibend, dem nicht so fernen
Hafen zu.

Die Menschen aber, die heute die Broomroad entlang der Residenz ihrer
Knigin zudrngten, thaten das nicht blos aus Neugierde, die vielen
fremden eingekommenen Schiffe anzustaunen, obgleich Neugierde sie doch
grtentheils auf die Beine gebracht, nein sie wuten auch, da sich in
Papetee irgend eine Katastrophe ihrer Insel vorbereite, und wollten
dessen Zeuge -- ja wie die Sache auslief, auch vielleicht Theilnehmer
und Mitwirkende sein.

Durch Mr. Pritchard nmlich, oder Pomare selber, vielleicht auch durch
die Einanas die wohl drauen an der Thr gehorcht, war der Inhalt der
zwischen Pomare und ~Du Petit Thouars~ stattgehabten Unterredung bald,
wenigstens in seinen Hauptbestandtheilen, in Papetee und der Umgegend
bekannt geworden; man wute da der Ferani verlangt hatte, die Knigin
solle die Landesflagge niederziehn und die Fahne des Feindes dafr
hissen, ja man behauptete jetzt sogar schon, er habe im Weigerungsfalle
gedroht die Stadt zu beschieen, was Einzelne der Furchtsamsten sogar
bewog nach Dunkelwerden ihr bewegliches Eigenthum in den Wald und die
Berge zu schaffen, den franzsischen Kugeln auer Bereich zu kommen.

Nichtsdestoweniger hatte sich an dem, als zur Entscheidung bestimmten
Morgen, schon mit Tagesanbruch eine Unmasse Volk gerade am Strand
versammelt, whrend Neuankommende noch immer von den anderen Theilen der
Insel herzustrmten, und mit einer Art von scheuer Freude sahen die
Tahitier ihre Landesflagge noch stolz und trotzig auf der alten Stelle
wehn, und harrten jetzt erwartungsvoll des Resultats. Auch die Decks der
fremden Kriegsschiffe, der Franzsischen wie der Englischen Catch
~Basilisk~ die hier natrlich nur eine vollkommen beobachtende Stellung
einnehmen konnte, waren von den Officieren wie der Mannschaft besetzt,
die mit und ohne Telescope, von Quarterdeck und Back, von Wanten und
Marsen aus die Augen fest auf die hier, als entscheidendes Zeichen
bekannte Tahitische Flagge gerichtet hielten. Aber der Morgenschu war
vom Bord des Franzsischen Admiralschiffs gefeuert worden, ohne da
irgend ein feindlicher Schritt gegen die Autoritt des Landes, oder die
Flagge geschehen wre, denn der Admiral ~Du Petit Thouars~ hatte whrend
der Nacht noch Gegenbefehl gegeben, und die Frist fr Pomare bis zum
Nachmittag verlngert. Er wollte der trotzkpfigen Insulanerin jede nur
mgliche Zeit lassen ihm einen Schritt zu ersparen, den er auerdem nach
allem Vorhergegangenen wohl nicht mehr gut vermeiden konnte, zu dem er
sich aber auch im Herzen nicht so ganz gerechtfertigt fhlen mochte;
wute er doch nicht einmal, wie er in Frankreich selber aufgenommen
werden wrde.

Die Knigin hatte den Tag ber mehre Berathungen mit dem Englischen
Consul sowohl, wie den anderen Missionairen. Mr. Pritchard fuhr
ebenfalls an Bord des kleinen Englischen Kriegsschiffes, sehr
wahrscheinlich den Capitain desselben zu einer Erklrung fr ihre
Sache zu bewegen. Die Flaggen blieben aber wehen, die Tahitische sowohl
wie die Englische, trotzig der Tricolore entgegen, und ~Du Petit
Thouars~ durfte zuletzt nicht lnger zweifeln, da es Pomare zum
Aeuersten treiben wolle der Franzsischen Macht zu trotzen, und den
frheren Vertrag, als ihr in unwrdiger Weise abgezwungen, zu
verleugnen.

Bis um vier Uhr Nachmittags war dieser letzte Termin ausgedehnt worden,
und ein Theil des Volks hatte sich sogar schon wieder in der
Zwischenzeit zerstreut, seine Mahlzeit einzunehmen oder seine Siesta zu
halten, bis die entscheidende Stunde schlage. Kein Boot landete indessen
von den Schiffen, kein Canoe verlie das Ufer, zu ihnen mit Frchten
oder anderen Handelsartikeln hinauszufahren, wie das die Eingeborenen
bis jetzt immer sehr unbefangen, mochte das Schiff stammen woher und
beabsichtigen was es wolle, gethan. Die Leute fhlten da jetzt keine
Zeit zum Feilschen sei, wo die Matrosen vielleicht mit brennenden Lunten
bei ihren Geschtzen stnden.

Die Sonne mochte den Zenith wohl schon zwei Stunden berschritten haben,
als Ren die Stadt erreichte und im Anfang wirklich erstaunt ber die
Aufregung der Leute war, die sonst wahrlich nicht so leicht veranlat
werden konnten, sich in der Hitze des Tages am offenen Strand
herumzutreiben, wo die Palmen- und Guiavenhaine rings umher so
trefflichen Schatten boten; er hatte ~Du Petit Thouars~ sowohl wie
Pomare schon fast vergessen. Die wehende Flagge der letzteren mahnte ihn
aber wieder an das Drama, das sich hier entwickeln sollte, und die
geschftig hin und hergehenden Missionaire, die theils mit den
verschiedenen Gruppen verkehrten, theils zwischen den Husern Pomares
wie einzelner Huptlinge, oder auch den eigenen Wohnungen herber und
hinberwechselten, charakterisirten das Ganze deutlich genug.

Die schwarzgekleideten bleichen Mnner, mit den gezwungen milden und
doch heute so eilfertigen Zgen konnten nicht dazu dienen Rens berdies
gereizte Stimmung zu bessern, oder freundlicher zu gestalten, und
finster und schweigend erwiederte er ihren Gru, wenn sie an ihm
vorberschritten, oder gar ein Gesprch mit ihm anknpfen wollten in
ihrer Art.

Gedanken- und ziellos schlenderte er so am Strande hin, die Arme auf der
Brust ineinandergeschlagen, und den Hut fest und verdrossen in die Stirn
gezogen, als er pltzlich von klarer wohlbekannter Stimme seinen Namen
rufen hrte, und aufschauend sich gerade vor Mr. Belards Hause fand,
dessen Fenster eines breiten Hintergebudes diesen ganzen Theil des
Strandes berschauten, und von der Familie eingenommen waren, Zeugen der
erwarteten Vorflle zu sein.

Madame Belard selber hatte ihn gerufen aber er schrak frmlich zusammen,
und fhlte wie ihm das aufschieende Blut die Stirnadern zu sprengen
drohte, als er dicht neben dem freundlichen Gesicht der jungen hbschen
Frau, die engelschnen lchelnden Zge Susannens erkannte, die ebenfalls
zu ihm niedergrte.

Es freut uns herzlich, Monsieur Delavigne wieder so frisch und wohl zu
sehen, rief Madame Belard jetzt, als er in aller Ueberraschung und
Verlegenheit nur eben flchtig grte und vorberstrzen wollte -- aber
hat er nicht einmal so viel Zeit einen Augenblick herauf zu kommen, und
zu sehn wie es alten Freunden geht? Wenn Sie nicht andere Geschfte
fortrufen, haben wir hier ein prchtiges Pltzchen fr Sie das
Schauspiel, einer friedlichen Insel Eroberung, mit anzusehn und Sie
mgen unser Begleiter sein, wenn sich die Erde hier in Franzsischen
Grund und Boden verwandelt.

Und darf ich? frug Ren, und die Frage galt diesmal dem jungen
Mdchen, das bis dahin nur lchelnd zu ihm niedergeschaut und jetzt
frhlich ausrief:

Wenn Sie sich nicht vor der Tochter Ihres frheren Capitains frchten
-- ich wte keinen anderen Grund weshalb nicht -- und wenige Minuten
spter stand Ren in dem kleinen Gemach an Susannens Seite, die Frauen
zu begren.

Groer Gott, wie bleich sehn Sie aus rief aber hier das junge Mdchen,
als er ihr die Hand gereicht und das Blut, die erste unnatrliche
Aufregung vorber, wieder in seinen alten Canal zurckdrngte -- Ihre
Wunde ist noch nicht geheilt, und Sie haben sich zu sehr angestrengt --
guter Gott, Ihr Tollkopf wird Sie noch unter die Erde bringen.

Und wrden Sie mich betrauern? frug Ren, ihr forschend ins Auge
schauend.

Susanne errthete, aber Madame Belard enthob sie einer Antwort, denn den
jungen Mann dem Lichte zukehrend stimmte sie Susannen bei und erklrte,
Monsieur Delavigne gleiche eher einem herumwandelnden Todten, als einem
Lebenden, und je eher er sich setze und ein Glas Madeira trinke, desto
besser sei es fr ihn -- zu frh knne es aber gar nicht mehr geschehen,
und ihre Schlssel aufgreifend, von denen sie den Kellerschlssel ihrer
Indianischen Dienerschaft nicht anvertrauen durfte, verlie sie rasch
das Zimmer, die eben verordnete Arznei auch gleich selber zu holen und
einzugeben, wie ein guter, sorgsamer Arzt.

Susanne und Ren waren allein, und der Letztere wollte sich eben mit
seiner Wunde fr sein, vielleicht unfreundlich scheinendes Betragen von
vorhin entschuldigen, als diese fr ihn selber sprach; die ungewohnte
Anstrengung, da es das erste Mal gewesen war nach seiner Verwundung da
er einen solchen Marsch unternommen, die Aufregung zu Hause -- jetzt, und
beide ach wie so verschiedener Art, wirkten zu heftig auf ihn -- er
mute von dem rasch zuspringenden Mdchen untersttzt, zu einem Stuhl
taumeln und mit einer Ohnmacht kmpfend, deren Schleier er aber
glcklich bezwang, sttzte er das todtenbleiche Antlitz in die Hand,
sich wieder zu sammeln, zu erholen.

Sie bser, bser Mann flsterte das schne Mdchen, ihr weiches Tuch
rasch in kalt Wasser tauchend und um seine Stirn legend -- was laufen
Sie auch toll und wild in die Welt hinein, wenn Sie krank und elend sind
-- weshalb hat Sie Ihre Sadie nur hinausgelassen?

Sadie -- Ren athmete tief und schwer und seine Stirn fassend traf er
der Jungfrau Hand, die dort das Tuch hielt und sie nicht wegziehn durfte
wenn es nicht fallen sollte. Sie blieben wenige Secunden in dieser
Stellung und Susanne fuhr wie bestrzt zurck, als sich die Thr rasch
ffnete in der Madame Belard mit Flasche und Glas im Arm wieder
erschien, und etwas erstaunt, ja erschreckt, das bleiche Antlitz ihres
Gastes bemerkte.

Hallo, was ist hier vorgefallen, rief sie halb lachend halb bestrzt,
werden die Herren ohnmchtig und mssen ihnen die Damen beistehn? --
schne verkehrte Welt das, aber meine Medicin ist da um so mehr am
Platz. Hier Monsieur fuhr sie fort, ihm ein volles Glas einschenkend,
aber zugleich einen flchtigen Blick nach Susannen hinberwerfend setzte
sie neckend hinzu: und die Dame da scheint mir auch ein Glas vertragen
zu knnen, Ihr habt Euch Beide alterirt -- Wie steht es mit Ihrer Wunde,
Delavigne?

Besser -- gut sagte er rasch.

Sie haben von Ihrem Gegner gehrt? frug Susanne leise.

Ja hauchte Ren.

Er hat es nicht anders haben wollen beruhigte ihn aber die Franzsin
-- wre er mit der ersten Lektion zufrieden gewesen, so war die Sache
abgemacht und Niemandem ein Schade geschehn -- es soll das siebente
Duell gewesen sein, das er gehabt. Aber reden wir von etwas
Angenehmerem setzte sie rasch hinzu, wissen Sie da unsere junge
Freundin Briefe von zu Haus, und noch zwei bis drei Monat Urlaub
bekommen hat, auf Tahiti zu bleiben? -- der alte Seewolf mu doch gar
kein so bler Mann sein.

Und ist der Delaware glcklich zu Hause angekommen? frug Ren lchelnd
zu Susanne gewandt.

Oh schon lange erwiederte Susanne, und hat eine ausgezeichnete Reise
gemacht setzte sie dann mit komischem Ernst hinzu -- Sie haben sich
sehr im Lichte gestanden, Monsieur Delavigne, nicht an Bord geblieben zu
sein. Sie knnten jetzt ihren Thran zu hchst annehmbaren Preisen --
Papa hat mir einen Preis-Courant mitgeschickt, als ob ich fr ihn
Geschfte machen sollte -- an die Firma ~Bornholm Watts & Comp.~
verkaufen und htten noch immer Zeit genug brig behalten sich zu einer
neuen so romantischen Fahrt auf den Wallfischfang auszuruhen und zu
rsten. Sie werden mir zugeben da Einem auf einer solchen Fahrt hchst
interessante Sachen begegnen knnen.

Sie werden mir zugeben Mademoiselle, da Sie grausam sind sagte Ren
-- Sie wissen nicht wie weh Sie mir gerade jetzt mit solchen Worten
thun.

Gerade _jetzt_? frug Susanne erstaunt, aber sie wurden hier durch
einen Lrm von der Strae unterbrochen, der sie alle drei rasch an das
Fenster rief. Das Rufen und Schreien kam von der, nicht fernen Kirche
her, wohin Bruder Dennis einen Theil seiner Gemeinde gezogen und in
strmischer Predigt ihren Patriotismus, ja vielleicht ihren Fanatismus
fr die heilige Sache der Religion und des Vaterlands erregt haben
mochte.

Gott wie die Menschen schreien sagte Madame Belard ngstlich -- wenn
sie nur Vernunft annehmen und nicht gegen eine Macht gerade zu einer
Zeit antrotzen wollten, wo diese den Zgel und die Wehr fest in Hnden
hlt; sie werden noch das grte Unglck ber sich hereinrufen.

Und von der Fahne da drben soll es abhngen, ob Krieg ob Frieden
sagte Susanne, nur das Interessante des Augenblicks in dem Bewutsein
fhlend, Zeuge der ganzen Verhandlung zu werden -- was fr eine
wunderhbsche Flagge das ist, und wie Jammerschade, da sie soll
niedergeholt werden. Seit wann fhrt denn Pomare die goldene Krone im
Wappen, mit dem Cocoszweig?

Seit thrichte Priester ihre Eitelkeit anstachelten und ihrem Stolz
schmeicheln wollten sagte Ren finster.

Denen stecken die Ehrenstellen und eintrglichen Aemter im Kopf rief
Madame Belard, die auf den Sandwichsinseln in dem jetzt ganz nach
Europischem Mastab eingerichteten Hof Einzelne der Missionaire fr
sich gewonnen haben; groe Titel und Gehalte mit allen mglichen
Auszeichnungen. Wenn Pomare eine bloe Insulanerin blieb, eine Pomare
~wahine~, konnte keiner von ihnen Minister werden und das Consulamt
bringt neben dem Bischen Ehre, nur Aerger und Verdru; Minister des
Auswrtigen oder der inneren Angelegenheiten klingt besser.

Ach Unsinn lachte Susanne -- es sind zu vernnftige Mnner etwas
derartig Nrrisches zu erstreben. Minister Ihrer Tahitischen Majestt
-- hahahaha --

Klingt nicht weniger gut als Sr. Hawaiischen[D] sagte Ren ernst, und
dort ist es geschehen. Leider Gottes haben Titel und Orden schon manchen
ehrlichen Mann -- zu Fall gebracht -- nicht einen schlimmeren Ausdruck
dafr zu gebrauchen, und der Klang irgend eines langen unbehlflichen
Worts, das Blitzen eines farbigen Bandes oder Metallstcks im
Knopfloch hat Grundstze umgeworfen, die dem Schicksal bis dahin fest
und gewaltig Trotz geboten. Schade da sie dies schne Land jetzt zum
Schauplatz ihres unsinnigen Treibens gemacht -- es knnen schwere Zeiten
kommen fr dies Volk.

    [D] Seit einigen Jahren ist z. B. am Hawaiischen Hof zu Honolulu auf
    Oahu nach reiflicher Ueberlegung beschlossen worden, das beim
    Wiener Congre befolgte Ceremoniell behufs des gegenseitigen Ranges
    fremder Consuln zum Grund zu legen.

Glauben Sie das nicht Delavigne sagte Madame Belard kopfschttelnd,
der Tahitier, so weit ich ihn kenne, ist sorglos und leichtsinnig, und
selbst gleichgltig gegen das Hchste was wir im Leben anerkennen -- er
htte seine Religion nicht sonst so leicht, und auf manchen Inseln
wirklich aus reiner Geflligkeit verndert. Der Franzsische leichte
Sinn sagt ihm auch weit mehr zu, als der starre Presbyterianische Ernst.
-- Nur diesen einen Tag, den ersten Umsturz berstanden, und der
Eingeborene wird sich leicht in das _Geschehene_ fgen, ja vielleicht es
sogar liebgewinnen, wenn er findet da es ihm manche Erleichterungen
manche Freiheiten bietet, die ihm der starre Methodismus nicht
zugestehen wollte.

Ren schttelte den Kopf.

Wenn sich selber berlassen, ja sagte er ernst, aber der Fanatismus
wird seine Brandfackel in ihre Herzen schleudern; der heilige Geist wird
wieder die Trommel rhren, und die Lmmer Gottes zum Kampfe treiben
und der Name Gottes wird auf's Neue zum Schlachtschrei gebraucht werden,
Ehrgeiz und Habsucht zu verdecken und beleidigte Eitelkeit zu rchen.
Ich glaube an keine friedliche Unterwerfung.

Sie werden sich natrlich zu den Eingebornen schlagen? sagte halb
neckend halb lauernd Susanne, und lie ihren Blick fest und forschend
auf dem jungen Franzosen ruhn.

Wir wrden dann unter _einer_ Fahne kmpfen lachte Ren der Frage
ausweichend.

Wer ich? rief Susanne schnell -- da haben Sie weit am Ziel
vorbeigeschossen, Monsieur; wenn auch in Nordamerika und von einem
Protestantischen Vater geboren, bin ich doch in Louisiana im rechten
Glauben erzogen, und meine Sympathie ist ganz auf Seiten des
Gekreuzigten -- ich hasse die Methodisten.

Gott wei es, ich auch sagte Ren und der tiefe Seufzer mit dem er es
sprach brgte fr die Aufrichtigkeit. Der beste von ihnen ist
gestorben fuhr er dann, wie mit sich selber redend fort, seine Worte
wenigstens an keine der Frauen richtend -- der alte Osborne war ein
braver wackerer Mann, und sie haben ihm das Herz gebrochen, mit ihren
Intriguen und Anfeindungen. Wenn auch jetzt Einzelne zwischen ihnen sein
mgen, die wirklich in wahrem Glaubenseifer der einmal betretenen Bahn
folgen -- die meisten sind Heuchler, hngen den Namen Gottes vor ihr
eigenes Bild, und streuen nur Ha und Unfrieden in Familienkreise, wo
sie Liebe und Eintracht sen und die Herzen aneinander festigen sollten
statt sie auseinander zu reien. Gift ber sie, mir thte es in der
Seele wohl ihre Macht hier gebrochen, ihr Reich zertrmmert zu sehn --
und doch frchte ich, kann es nicht ohne Blutvergieen geschehn, denn
gutwillig geben diese Leute die Waffen nicht aus ihren Hnden.

Ha der Schu! rief Susanna die den Blick gerade auf das Franzsische
Admiralschiff geheftet hielt, und den blendenden Strahl bemerkte, der
pltzlich daraus hervorscho, und mit dem Worte fast schlug der Donner
des Geschtzes an ihr Ohr und machte das Blut von Tausenden rascher
durch die Adern jagen.

Da kommen auch die Boote! rief Ren, nun wird sich das Schicksal des
Tages bald entscheiden.

Und glauben Sie da die Eingebornen jetzt einen Kampf mit uns wagen
werden? frug Madame Belard rasch und ngstlich.

Frchten Sie Nichts lachte aber Ren -- was knnen die Unbewaffneten
jetzt gegen die Schiegewehre der Soldaten, mit den Kanonen der
Fregatten auf sich gerichtet, beginnen, es wre Wahnsinn, und ein
solcher Kampf mte so rasch enden, wie er begonnen htte.

Die Boote stieen wirklich von den verschiedenen Kriegsschiffen ab;
Schaluppen vollgedrngt von Bewaffneten, die von den regelmigen
Riemenschlgen der Matrosen getrieben, rasch wie der Seefalke auf seine
Beute, dem Lande zuschossen. Das Ufer stand gedrngt voll Menschen, aber
man sah keinen bewaffneten Insulaner; die Lenden und Schultern mit ihren
Tchern umhllt, die Brust und das Haupt mit Blumen und gelben
Bananenblttern geschmckt, lachend und schwatzend standen sie da, die
Boote erwartend, als ob deren Kommen eine fr sie sehr gleichgltige,
vielleicht sogar erwnschte Handlung wre, und nicht wirklich den
Umsturz alles Bestehenden, in Politik, Religion, Regierung und Gesetzen
drohte und bedingte.

Kaum Raum gaben sie dabei den landenden Truppen, und wenn diese auch
anfnglich mitrauisch den zahlreichen Schwarm betrachteten, der schon
in seiner Masse ihnen htte eine Art Widerstand bieten knnen, sahen sie
doch bald da sie hier weder Angriff noch Schwierigkeiten zu erwarten
htten, und der Menschenknul, fast aus eben so viel Frauen und Mdchen
als Mnnern bestehend, drngte sich langsam auseinander, dem landenden
Feinde Raum zu geben, seine Truppen aufzustellen.

Es waren etwa zweihundert Artilleristen und Marinesoldaten und drei bis
vierhundert Matrosen, mit Cutla, Pistolen und Musketen bewaffnet; die
Bayonnette aufgesteckt, und ziemlich gut einexercirt formirten sie sich
auf das Commando in einzelne starke Rotten, und zogen mit festem
drhnendem Schritt, von dem Corvetten-Capitain Mons. ~D'Aubigny~
angefhrt, der sogar zum zeitweiligen Regierungsrath der Insel von dem
Admiral ~Du Petit Thouars~ ernannt worden, zum Hause Pomares hinauf, von
dem noch immer, fest und trotzig die Landesfahne mit der stolzen Krone
ihren Feinden furchtlos entgegenwehte.

Im Hause aber lag Alles todtenstill -- die Vorhnge waren niedergezogen,
die Thren verschlossen, kein Mensch auf der Verandah oder an irgend
einem Fenster zu sehn, denn die Furcht schien doch strker in den Herzen
der Einanas, als die Neugier, und lautlos rckte die Schaar in
geschlossenen Colonnen bis dicht vor das Haus, schwenkte, machte Front
und die Gewehre rasselten auf das Kommandowort auf den hartgetretenen
Boden nieder.

Und was werden sie jetzt thun, wo sich Niemand ihnen widersetzt? frug
Susanna, und fast unwillkrlich wandte sich ihr Herz dem Schwcheren,
Angegriffenen zu, den sie widerstandlos dem mchtigen Feinde bergeben
sah.

Sie werden die Flagge herunternehmen sagte Ren, die Tricolore dafr
aufpflanzen und das Land in den Besitz des Knigs von Frankreich
erklren, so wenigstens lautete die Drohung des Admirals.

Und was geschieht mit der Tahitischen Flagge? frug Susanna rasch und
blickte dem jungen Mann fest in's Auge.

Ich wei nicht lchelte dieser, irgend einer der Officiere wird sie
wohl mit sich auf's Schiff zurcknehmen.

Ob wohl ein specieller Befehl da ist, was mit ihr geschehen soll?

Ich glaube kaum meinte Ren -- was liegt an dem Tuch?

Ich wei nicht _was_ ich darum gbe, _die_ Fahne mein eigen zu nennen
rief Susanna da pltzlich, und Stirn und Wangen bis tief in Nacken und
Busen nieder waren wie von Gluth bergossen.

Die Tahitische Fahne? frug Ren erstaunt.

Sie knnte mich glcklich machen sagte Susanna, und hielt die
leuchtenden Blicke fest auf das, in der Abendsonne hell blitzende Tuch
geheftet, das jetzt das Leichentuch der Tahitischen Freiheit werden
sollte.

Ren, von einem pltzlichen Gedanken durchzuckt, griff seinen Strohhut
auf, der neben ihm auf einem Tische lag, und wollte das Zimmer
verlassen.

Wo wollen Sie hin? rief Madame Belard bestrzt -- sind Sie rein vom
Bsen besessen?

Ich bin gleich wieder bei Ihnen! rief Ren und warf die Thre hinter
sich ins Schlo.

Monsieur Delavigne rief auch Susanna und blickte bestrzt ihm nach,
aber er hrte schon nicht mehr die Worte, oder achtete ihrer nicht, und
eilte flchtigen Schrittes, seiner Schwche frmlich trotzend, die
Treppe hinab, schritt durch den Garten dessen benachbartes Grundstck
eine offne Thr nach dem Strand zu hatte, und befand sich wenige Minuten
spter mitten in dem Gewirr von Eingebornen und Franzsischen Soldaten,
und dem Flaggenstock gerade gegenber, an den in diesem Augenblick ein
Franzsischer Officier, Bertrand, hinantrat, die Knigliche Flagge
niederzuziehn. Dicht gedrngt um ihn standen die unter seinem Befehl
stehenden Matrosen der ~Jeanne d'Arc~ theils, theils der ~Danae~, und
Ren drngte sich leise aber so entschlossen vor und zwischen sie hinein
da die Seeleute, die ihn bald fr einen Landsmann erkannten, glaubten,
er habe jedenfalls ein Recht, vielleicht sogar eine Pflicht dazu, zu
erscheinen, und ihn ruhig gewhren lieen.

Ein Trommelwirbel erschtterte jetzt die Luft, und Bertrand zog whrend
desselben und unter einem Todtenschweigen der versammelten Tausende, die
Flagge an dem Flaggenfall nieder -- kein Schrei des Zorns oder der
Entrstung von Seiten der Eingebornen, kein Hurrahruf der Sieger
begleitete den Akt -- es war wie eine Execution, und Bertrand mochte das
fhlen, denn halb abgewendet schob er die gedemthigte Flagge von sich
und absichtlich einem der Leute zu, sie von dem Fall zu lsen, erstaunt
aber drehte er sich gegen Ren um als er einen Fremden erblickte, der,
ein kleines blitzendes Messer in der Hand, das Flaggenfall unten mit
einem raschen Schnitt trennte und das Messer in die Tasche
zurckschiebend, die Fahne ruhig und gleichmthig zusammenrollte.

Ren, rief der Seemann erstaunt und mit halb unterdrckter Stimme aus,
als er ihn erkannte -- Mensch, was thust Du hier?

Ren winkte ihm mit den Augen, aber dicht neben sich hrte er die
halblauten und nichts weniger als freundlichen Worte:

Das ist der Bursche der unsern Lieutenant erschossen hat -- was beim
Teufel will der hier zwischen uns?

Das Blut scho ihm im Zorn in die Schlfe, aber er wute auch da er
sich hier nur eingeschmuggelt und nicht an seinem Platz befinde, und
ruhig die Flagge zusammenrollend schob er sie sich unter den Arm, und
suchte jetzt den Rckweg anzutreten. An Bord der Franzsischen Schiffe
hatte man auch in der That so fest geglaubt die Tahitier wrden ihre
Flagge selber streichen, da gar keine Verfgung, sie selbst betreffend,
erlassen war. Das Interesse des Augenblicks band sich auch berdies
nicht an solche Nebensache, denn der, noch an demselben Abend zum
zeitweiligen Gouverneur von Tahiti ernannte Mr. ~d'Aubigny~ brach jetzt
in die allerdings merkwrdigen Worte aus:

Officiere, Soldaten und Matrosen, und Ihr Bewohner dieser Inseln, denen
wir _Gerechtigkeit_ und _Frieden_ bringen, -- im Namen des Knigs,
unseres gndigen Herrn, nehme ich Besitz von diesem Land -- wir Alle
werden mit Freuden in der Vertheidigung der glorreichen dreifarbigen
Fahne sterben. Hit die Flagge![E]

    [E] Wrtlich.

Bertrand hatte indessen die Tricolore statt der Tahitischen an dem
Flaggenfall befestigt, die ihm nchststehenden Seeleute sprangen hinzu
sie aufzuhissen, und unter dem frhlichen Wirbel der Trommeln und dem
donnernden ~Vive le roi~ der Soldaten und Matrosen, drngte sich Ren
wieder den Grten zu und gewann das Freie; ~d'Aubigny~ aber mit seinem
blanken Degen Ruhe winkend rief mit lauter klangvoller Stimme, wie er
nur erst einmal hoffen durfte den Lrm zu durchdringen:

_Die Knigin Pomare hat aufgehrt zu regieren und wir stehen jetzt auf
Franzsischem Grund und Boden!_

Unmglich wr' es den Jubel zu beschreiben, der bei diesen Worten die
Franzsischen Kehlen zu zersprengen drohte; es war ein frmlicher
Aufschrei von Triumph und toller Freude und wunderbar stach dagegen die
Ruhe und der Ernst der umstehenden Tahitier ab, die den Sinn des Satzes
gar nicht verstanden hatten, und kopfschttelnd dem Lrm horchten, den
die tollen Wi-Wis hier mitten auf der Strae, dicht vor dem Hause ihrer
Knigin, vollfhrten. Das Verschwinden ihrer eigenen Fahne aber, und das
Wehen der verhaten Tricolore lie die Absicht der Fremden doch ziemlich
deutlich herauserkennen. Trotzdem erschien es ihnen immer noch als keine
so entscheidende Handlung, wie es von den Europern angesehen werden
mute, denn die Insulaner kannten die Bedeutsamkeit der Flaggen nicht zu
dem Mae. Ob da oben ein weies oder dreifarbiges Tuch flatterte,
blieb sich am Ende gleich und nur das dumpfe Gercht das sich anfing
Bahn zu brechen -- die Wi Wis htten ihre Knigin abgesetzt und wollten
selber regieren, brachte etwas mehr Leben in die Schaar und trieb
Einzelne dem Hause des Englischen Consuls zu.

Dort aber war indessen die Englische Flagge von Mr. Pritchards eigener
Hand in dem Augenblick niedergeholt worden, als die Tricolore
emporstieg, die Demonstration auch auf den Franzsischen Schiffen wohl
bemerkt, aber nicht beachtet worden, und der frhere Missionair fand
sich bald darauf von zahlreichen Trupps Eingeborenen umgeben, die eine
Erklrung der stattgehabten Vorflle haben wollten und hier zu ihrer,
eben nicht angenehmen Ueberraschung erfuhren, da die Franzosen wirklich
Besitz von der Insel genommen htten und diese von nun an behaupten
wollten.

Bah lachten aber Andere wieder, ein paar Tage haben sie hier das
groe Wort, und wenn sie fortsegeln werfen wir ihren bunten Lappen
wieder herunter, wie schon frher einmal.

Eifrig bestritt Pritchard diese Meinung und suchte die Eingebornen von
der Gefahr zu berzeugen, in der in diesem Augenblick ihre
Unabhngigkeit nicht allein, nein auch die Religion schwebe, die sie
als die bessere erkannt und angenommen; theils Gleichgltigkeit gegen
uere Formen die ihnen unbedeutend schienen, theils ihre angeborne
Gutmthigkeit, die selbst nicht dem Feind gleich das Schlechteste
zutraun wollte, lie sie dem Allem nur mit halbem Ohre lauschen.
Vergebens ereiferte sich der fromme Mann und brdete ihnen die Folgen
auf, die alle aus dieser fabelhaften Theilnahmlosigkeit ihrer heiligsten
Verhltnisse entspringen knnten; sie schttelten lachend mit dem Kopf
und schlenderten dann wieder langsam zu der Knigin Haus zurck, vor dem
und unter ihrer eigenen jetzt dort wehenden Flagge die fremden Soldaten
und Matrosen noch immer aufmarschirt standen, und selber erstaunt
darber schienen, da die sonst doch gar nicht feigen Insulaner die
grte Beleidigung die einem Lande bildlich geschehen kann, so ruhig und
selbst heiter und vergngt hinnahmen. In der That begriffen die Tahitier
aber noch wirklich nicht, was mit dem eben Gesehenen gemeint sei, denn
das bloe Flaggenwechseln hatten sie ja ebenfalls vor einiger Zeit auch
zu ihrem Vergngen gethan, ohne irgend etwas Bses dabei zu denken; die
Franzosen hatten es ihnen nachgemacht und bis sie wieder fort waren
mochte die dreifarbige Fahne da oben auf dem Stocke ruhig ausflattern.

Ren indessen, dem der wirklich unerwartet glckliche Erfolg seiner
kecken That, ganz wieder den alten frhlichen Muth, vielleicht auch
Leichtsinn, zurckgegeben, sah schon von weitem wie sich Susanna,
ngstlich nach ihm ausschauend, aus dem Fenster bog, und wie er mit der
Hand hinber winkte und den Hut schwenkte zum Zeichen frhlichen
Gelingens, wehte ihr weies Tuch grend ihm entgegen. Er sah weder nach
rechts noch links, das eine Ziel im Auge, und vor Eifer fast zitternd
mit seiner Beute, die ihm aber Niemand auch nur dachte streitig zu
machen, den sicheren Garten wieder zu erreichen, und doch schritt er
kaum auf fnf Fu Entfernung an seinem eigenen Weib, die das schlafende
Kind auf dem Arm trug, und zufllig und mit blutendem Herzen ein
unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorfalls gewesen, vorber, und lie
Sadie in sprachlosem Staunen starr und kaum ihren Sinnen trauend,
zurck. Dem Gatten war sie gefolgt, theils fr seine Sicherheit
frchtend nach einer That die sie fr ein Verbrechen hielt, theils auch
weil sie sich Vorwrfe machte, ihn wohl zu schroff und hart von sich
gestoen und ihn der Verzweiflung preisgegeben zu haben in der ihr
liebendes treues Herz sich schon wilde entsetzliche Bilder
heraufbeschwor, und jetzt? -- strahlend von Glck und Seligkeit, mit
leuchtenden Augen und glhenden Wangen floh er an ihr, ohne sie zu
sehen, vorber und dort am Fenster -- ein stechender jher Schmerz
zuckte ihr durch Herz und Nerven als sie die wunderschne Europerin
erkannte, mit der Ren schon an jenem furchtbaren Abend so viel
gesprochen und getanzt, und deren kaltem fast verchtlichem Blick sie
dann mehr als einmal mit einem unbeschreiblichen Gefhl von
ahnungsvoller Angst begegnet war.

Noch stand sie still und regungslos auf derselben Stelle auf der ihr
Ren wie eine Erscheinung entschwunden war, und sie wute im ersten
Augenblick nicht einmal ob sie ihm folgen, seinen Namen rufen oder
zurckgehn solle, still und allein in ihre Heimath die Rckkunft des
jetzt ihrer Sorge wahrlich nicht mehr bedrfenden Gatten geduldig zu
erwarten, als eine leichte Hand nur leise ihre Schulter berhrte, und
eine weiche bekannte Stimme ihren Namen flsterte:

Sadie!

Aumama! rief Sadie, sich rasch nach ihr umdrehend, und hatte in diesem
Augenblick fast den Gatten vergessen in dem Schreck ber das
wildverstrte, fahle und doch so trotzige Aussehn der Freundin, deren
rthselhaftes Verschwinden ihr schon Sorge und Kummer genug gemacht.
Aumama, wo um Gottes Willen kommst Du her? -- wo warst Du die ganze
Zeit und wie siehst Du aus?

Wie ich aussehe, Herz? hahaha, lachte das schne Mdchen in
unheimlicher Lustigkeit, der Thau in den Bergen grbt Spuren in die
Haut und -- aber das ist es nicht was ich Dir sagen wollte; ich zeige Dir
etwas, komm; glaubst Du an Geister? --

An Geister? -- wie verstehst Du das? -- was soll's? frug Sadie
erschreckt -- was hast Du Aumama, Du machst mich frchten. --

Frchten? -- bah, thrichtes Kind -- wovor? vor dem eigenen Mann? --
der thut Nichts -- sieh nur wie freundlich und lieb er da drben mit dem
ganz fremden Mdchen ist, wrde er dem eigenen Weibe da etwas zu Leide
thun? -- hahaha Schatz, ich glaube wir Beide knnen uns bald lustige
Geschichten erzhlen -- und die Widerstandlose ber den breiten Weg mit
sich hinberziehend, wo ein Haufen aufgeschichteter und zu Canoes
bestimmter Blcke lag, auf die sie leicht wie die wilde Geis ihrer Berge
hinaufsprang, deutete sie mit dem ausgestreckten Arm und jetzt
Zornfunkelnden Augen nach den offenen Fenstern des Belardschen Hauses
hinber, die Ren gerade in diesem Augenblick mit seiner eroberten
Flagge betrat und wo er mit Jubel von den Frauen begrt wurde.

Pomarens Flagge, die sie in den Staub gezogen, bringt er dem Feind --
bringt er seiner neuen Liebe flsterte Aumama mit leiser, vor innerer
Bewegung zitternder Stimme -- sieh nur, sieh wie sie sich zu ihm
berbeugt -- hahaha -- ich glaube das war ein Ku -- nein lachte sie
dann hhnisch, sie werden die Nasen aneinander gerieben haben nach
Inselart. Aber komm -- komm Sadie ich habe Dir viel viel zu erzhlen,
und wenn das Prchen da drin wieder zur Besinnung kmmt, knnten sie uns
hier drauen bemerken -- den Triumph sollen sie nicht haben -- komm.

Sadie lie sich willenlos fortfhren von der Frau, und nur ihr Kind
fester an sich drckend folgte sie der Fhrerin, gleichgltig welchen
Weg sie einschlage, durch einen schmalen Gartenpfad erst dem wilden
Gedrng des Strandes auer Bereich, und dann, auf weniger begangenen,
jetzt fast menschenleeren Wegen die Broomroad wieder hinauf, ihrer
eigenen Heimath zu. Sie sah die hundertmal begangene Strecke, aber sie
erkannte sie nicht wieder, und blickte erstaunt endlich umher, als sie
vor ihrer eigenen Thre stand, denn das Bild des Gatten mit dem schnen
fremden Weib zuckte ihr vor ihren Blicken herber und hinber und wie
eine entsetzliche Erklrung dazu lautete Aumamas Bericht von dem eigenen
Schmerz, der eigenen Schmach.

Bei dem letzten unglckseligen Europischen Tanz hatte Lefvre zum
ersten Mal ihre eigene Schwester gesehen und sich toll und blind in sie
verliebt. ~Nahuihua~ -- der blitzende Stern im Norden -- liebte aber
seine Schwester zu sehr, ihr den Gatten abtrnnig zu machen und floh,
und Lefvre verlie Weib und Kind und folgte ihrer Spur ber die ganze
Insel. Nur mit Gewalt konnten sich die Huptlinge von Taiarabu, wo er
sie endlich wieder aufgefunden, seiner tollen Leidenschaft
entgegenstellen, und zornig abgewiesen war er erst heute nach Papetee,
aber nicht in seine Heimath zurckgekehrt, selbst nach seinen Kindern zu
fragen.

-- Und Ren? --

Hahahaha lachte Aumama mit wildem Feuer im Blick -- Aia hatte recht
-- sie sind sich _alle_, _alle_ gleich -- Alle, _Teufel_ mit ihren
glatten Zungen und freundlichen Augen, und wenn sie die Blume gepflckt
die ihnen im Wege stand, und sich an ihrem Duft einen Augenblick gefreut
-- werfen sie sie fort -- sie geben ihr nicht einmal zum Welken Zeit
setzte sie mit weicherer wehzerschnittener Stimme hinzu, und im Weg,
von den Vorbergehenden getreten mu sie ihr junges hingemordetes Leben
lassen. Aber Rache will ich haben, Rache beim ewigen Gott! rief sie
pltzlich sich hoch und stolz emporrichtend -- meine Kinder hab' ich
schon in die Berge geschafft, in gute Pflege, da sie mich nicht an
meinem Ziel beirren, und der treulose Mann soll sehen, wie sich ein
Tahitisches Mdchen zu rchen wei.

Aumama war in furchtbarer Aufregung, und Sadie schrak zurck vor der
entsetzlichen Gluth und Wildheit die in ihren Zgen lag, und der sie das
sonst so sanfte frhliche Wesen nie fr fhig gehalten hatte; sie wollte
sie beruhigen, aber das gereizte Weib stie sie zornig zurck, und der
Schmerz lste sich erst in milden Thrnen, als die Erinnerung an
vergangenes, nie wiederkehrendes Glck sich Bahn brach durch
Leidenschaft und Trotz.

Und Sadie sa noch lange, das frohe spielende sorglose Kind zu ihren
Fen, das Haupt der Freundin an ihre Brust gelehnt, Trost gebend wo sie
selber o des Trostes so viel bedurfte, entschuldigend wo ihr selber das
Herz brechen wollte in Angst und furchtbarer Qual.

Und Ren? --

Sa lachend und plaudernd neben Madame Belard, der schnen Susanna
gerade gegenber; sie sprachen von der Welt drauen, von Paris, von
seinem Vaterland, sie lachten und scherzten, und als sich Susanna
endlich an das Pianoforte setzte und mit fertiger Hand dem schnen
Instrument so liebe bekannte Weisen entlockte, als ihm das Herz immer
hher und hher schlug und das Blut hei durch die Adern jagte, da --
er mute sich gewaltsam zurckhalten der schnen Spielenden nicht in zu
glhenden Worten zu sagen wie glcklich sie ihn heute Abend gemacht, und
mit wie schwerem Herzen er doch heute gerade nach Papetee gekommen -- da
fhlte er vielleicht zum ersten Mal den Abstand seines jetzigen Lebens
mit der frheren Welt, die fest und abgeschlossen hinter ihm lag, die
Brcke abgebrochen die hinberfhrte -- Zum ersten Mal brach sich der
Gedanke in ihm Bahn an das was er gethan, und das Bild des alten
Osborne, wie er im Lehnstuhl auf Atiu vor ihm sa, so ehrwrdig mit dem
weien Haar, so mild und ernst mit den freundlichen stillen Zgen,
tauchte in ngstlicher Wahrheit vor ihm auf und blickte, wehmthig mit
dem Kopfe nickend und mahnend zu ihm herber.

Spiel' etwas Heiteres, Susanna rief da Madame Belard, unser junger
Freund wird schon wieder ganz bleich und melancholisch -- die
Marseillaise ist heut besser hier am Platz, und nicht all das se und
weiche Gekose.

Susanna ging rasch in die herausfordernden Tne des begeisternden Liedes
ber, und Ren fhlte wie ihn die Melodie hob und sich selber wiedergab
-- Groer Gott, wohin war er gerathen -- was hatte er gethan? und mit
dem Bewutsein fate ihn die Angst -- die Reue. Nur fort von hier jetzt,
fort, war der einzige Gedanke der in ihm lebte, und aufspringend griff
er nach seinem Hut.

Wohin? frug Madame Belard erstaunt.

Zu Hause --

Jetzt? -- Sie werden doch erst Thee mit uns trinken -- nicht einmal das
Lied will der grobe Mensch aushren rief die junge Frau erstaunt.

Fehlt Ihnen etwas? frug Susanna, mitten in der Melodie vom Instrument
aufspringend.

Nein -- ja -- stammelte Ren -- schon zu lange bin ich hier gewesen
-- die bengstigende Luft -- die spte Stunde -- ich mu fort -- Sadie
auch ngstigt sich um mich.

Ach was, Sadie mag beten, bis wir Thee getrunken haben, sagte mit
komischem Aerger Madame Belard -- ich hatte nun so fest auf Sie heute
Abend gerechnet.

Der unzarte Scherz that ihm weh, aber bestrkte ihn nur mehr darin
aufzubrechen -- Ich _mu_ fort sagte er bestimmt.

Sie haben recht untersttzte ihn aber auch jetzt darin Susanna, Sadie
_mu_ sich ngstigen, wenn Sie noch lnger auf sich warten lassen; aber
drfen wir Ihnen auch erlauben allein zu gehn? -- wenn Sie nun wieder
einen Anfall jener Schwche --

Ren dankte ihr der Sorge wegen, die sie um ihn trug, wies aber jede
Angst um sich, lchelnd ab. Er fhlte sich, seiner Aussage nach, wieder
vollkommen wohl, nur nicht lnger zgern wollte er, und mit kurzem, fast
verstrtem Gru verlie er die Frauen, das Haus, und schritt hinaus in
die dunkle, khle, sterndurchschimmerte Nacht.

Aber das zurckgedrngte, mchtige Gefhl brach sich hier die Bahn --
Sadie -- mein armes, armes Weib flsterten seine Lippen, whrend die
Hnde fest sich preten auf das Herz -- armes, verrathenes Kind --
Nein, nein, rief er aber rasch und heftig aus -- noch ist es nicht zu
spt, noch bin ich Dein -- noch hab' ich die Kraft in mir das fremde
Bild aus meiner Brust zu reien, in die es, Gott nur wei wie, die Bahn
gefunden, und Dein will ich auch bleiben in treuer, wahrer, inniger
Liebe. Sie haben Dir weh gethan von allen Seiten, Du hast keine Klage
gehabt fr mich, nur stille leise Thrnen, und jede von den Thrnen die
ich verschuldet, brennt mir jetzt wie Feuer auf der Seele. Sadie mein
trautes liebes Weib -- Sadie! --

Und mit der Sehnsucht im Herzen nach dem treuen Lieb, die seine Schritte
beflgelte und ihn heimwrts drngte, wurde ihm auch wieder, mit der
freien Luft, frisch und frei um das reugequlte Herz, und als er seine
Sinne der Auenwelt wieder zuwandte, und das Rauschen hrte der wehenden
Palmen, das Flstern des dunkeln Laubes und das dumpfe Donnern der
Brandung, wie vor alter Zeit, da war es ihm fast als ob ein bser,
entsetzlicher Zauber von ihm genommen sei, mit dem Ton, und des trauten
Weibes Bild, wie es sorgend und liebend daheim sa mit dem Kind, seiner
kleinen, herzigen Sadie, tauchte mit neuer, krftiger Gewalt in seiner
Seele auf.

Mit flchtigen Schritten, die seiner Ungeduld noch lange nicht folgen
konnten, und fast keine Schwche mehr fhlend, eilte er der stillen
Heimath zu, und als ihn dort sein holdes Weib empfing, als sie ihr
Kpfchen, selig in dem Bewutsein da er zu ihr zurckgekehrt -- sie
noch liebe und _nicht_ verlassen habe, an seine Brust legte, und kein
Vorwurf ber ihre Lippen kam, der Blick den sie aufhob zu ihm nur voll
von reiner heiliger Liebe glhte, da zog er sie an sein Herz, bedeckte
ihre Stirn und Lippen mit seinen heien Kssen und nun erst weinend,
aber in einem Ueberma von Glck, schlang Sadie ihren Arm um ihn, als er
sie sein Weib, seine kleine se Pu-de-ni-a nannte und sie bat guten
frhlichen Muthes zu sein, denn in den nchsten Tagen, in acht, sechs,
vier, ja vielleicht morgen schon, wollten sie Tahiti ja wieder verlassen
und hinberziehn nach dem Land ihrer Sehnsucht, nach der Wiege ihrer
Liebe, ihres Glcks -- zurck nach Atiu.

Nach Atiu war Alles was Sadie erwiedern konnte, und in jauchzender
Lust lag sie an des Gatten Brust und weinte laut.




Capitel 4.

Die Conferenz.


So gleichgltig die Insulaner, wenigstens scheinbar, die im letzten
Capitel beschriebenen Vorgnge aufgenommen hatten, und so theilnahmlos
sie der Entehrung ihrer Flagge, als etwas hchst Unwesentlichem
zugesehn, so viel gewaltigere Aufregung rief es im Lager der Missionaire
hervor, die einen entscheidenden Schritt Frankreichs wohl schon lange
gefrchtet, aber doch nicht so schroff auftretend erwartet haben
mochten. Das Zurckziehn der Englischen Fregatten war zu gleicher Zeit
eine ihnen wohl verstndliche, und fr sie hchst unglckselige
Demonstration, denn es bewies etwas, das in geradem Widerspruch mit den
freundlichen und ermuthigenden Versprechungen des Englischen
Ministeriums stand, und wovon die Franzsischen Fregatten schon
jedenfalls Kenntni haben muten: da nmlich England keineswegs gewillt
sei dieses kleinen Inselreichs wegen einen Krieg mit Frankreich zu
beginnen, sondern Tahiti und seine Knigin dem Protektorat -- man konnte
ihm nicht mehr gut den Namen einer _Entdeckung_ geben und wnschte doch
derselben Erfolg -- des Nachbarstaates berlie.

Das aber hie dem Protestantismus den Boden unter den Fen fortnehmen,
denn die Franzosen brauchten jetzt nur Gleiches mit Gleichem zu
vergelten, so packten sie die evangelischen Geistlichen auf ihre oder
andere Schiffe und schickten sie, gleichviel wohin, nur fort von ihren
Besitzungen. Aber das nicht allein; schon der Gleichberechtigung der
anderen Confession hatten sie von frhster Zeit an mit allen Krften
entgegengearbeitet. Die katholische Religion sprach weit mehr zu den
Sinnen, als das kalte protestantische Wesen der Geistlichkeit, jene
erregte die Phantasie, diese ertdtete Alles mit ihrer nackten
Unerquicklichkeit, nur in starrer Strenge den Glauben fordernd fr das
Unbegreifliche. Auch mehr Freiheit lieen die Katholiken den frhlichen
Kindern dieser glcklichen Zone, die nun einmal das unglckselige
Vorurtheil hatten, da Gott ihnen diese wunderschne Welt auch zum
Genu geboten, die nicht begreifen konnten oder wollten da der
Palmenhain ihnen nicht zum Tanzen und Lachen, sondern zum Ben und
Beten so prachtvoll aufgerichtet sei, und das Herz frevle, das auf
andere Weise zu seinem Gott bete, als sie es lehrten.

Der Erfolg den die Katholiken dabei schon auf den Sandwichsinseln gehabt
hatte sie lange vorsichtig gemacht, und mute ihnen jetzt die schwersten
und begrndetsten Befrchtungen aufdringen. Mit dem Dublin waren
deshalb auch schon die dringendsten Aufrufe und Nothschreie an die
Missionsgesellschaften in England erlassen, zuerst beim Ministerium,
dann aber auch bei dem Englischen Volk Hlfe fr die Prediger in der
Wste und ihre Gemeinden zu fordern, whrend bei der jetzigen
entschieden feindlichen Handlung der Papisten allerdings die Hoffnung da
war, da das schwankende Ministerium eine entschiedenere Handlung den
Uebergriffen Franzsischer Seeleute gegenber, einnehmen wrde.
Hinhalten muten sie deshalb hier vor allen Dingen die Entscheidung, die
unbedingte Unterwerfung der Insulaner, aber das nicht allein, sie muten
auch Beweise, sprechende schlagende Beweise bringen, da die
Eingeborenen der Sdsee das Franzsische Joch so sehr verabscheuten, wie
sie sich nach der Englischen Mutterkirche sehnten, und da sie bereit
und entschlossen wren, wenn England die ihnen durch die Missionaire im
Vertrauen auf das Englische Volk versprochene Hlfe _nicht_ senden
sollte, ihr Gut und Blut und Leben einzusetzen, die Unabhngigkeit ihrer
Nation sowohl wie ihrer Seelen, zu erhalten.

Beides lie sich zu gleicher Zeit durch augenblicklichen Widerstand --
nicht allein mit machtlosen Protestationen eines Consuls, sondern durch
Waffengewalt, erreichen, und war das Volk nur im Stand dem Feind so
lange die Stirn zu bieten, bis die Berichte seiner _Religions_kmpfe
nach England gelangen konnten, so zweifelten wenige der frommen Mnner
daran, da England, gerhrt durch solche Anhnglichkeit an den
christlichen Glauben, auch ein Machtwort sprechen und schon dadurch die
Feinde ihrer Flagge wie Spreu vor dem Winde zerstieben wrde.

Hierbei hatten sie jedoch mit zwei nicht unbedeutenden Hindernissen zu
kmpfen; zuerst mit der entsetzlichen Gleichgltigkeit der Indianer in
allem was nicht zum tglichen Leben gehrte, und sie etwa gezwungen
htte irgend eine harte Arbeit zu thun, der sich ihre Theilnahmlosigkeit
fr die christliche Kirche paarte, und dann mit dem Mangel an Waffen,
dem allerdings schon unter der Hand bedeutend abgeholfen war, aber
doch jetzt nicht so ganz und auf einmal begegnet werden konnte.

Das erste mochte irgend eine glckliche Gelegenheit von selber heben;
der Uebermuth der Franzosen, die nirgend Widerstand fanden, und das
schne Land schon fast in Hnden zu haben glaubten, gab leicht die
Gelegenheit dazu, aber dem zweiten Uebelstand mute durch andere Mittel
abgeholfen werden, und diese durfte man unter keiner Bedingung lnger
als nthig hinausschieben.

Der nchste Ort Waffen zu bekommen war Valparaiso, nach ihm Sydney, und
nach beiden Hfen hatten umsichtige Amerikaner schon vor lngerer Zeit
Fahrzeuge abgesandt, dort aufzukaufen was sie bekommen knnten, und so
rasch als mglich damit zurckzukehren. Die Schiffe aber durfte man
selbst mit dem gnstigsten Winde noch nicht zurckerwarten, und es blieb
dann noch immer die Frage, wie die Ladung unter den jetzigen
Verhltnissen wrde an Land zu bringen sein, wo die Franzosen sicherlich
Alles thaten solche, und ihnen die gefhrlichste, Zufuhr zu verhindern.

Mr. Noughton, der Amerikanische Kaufmann, hatte aber auch noch andere
Verbindungen, und wenn er sich auch nicht gerade bergern mit solchen
Sachen einlie, doch zu viel kaufmnnischen und speculativen Geist
sich ein gutes Geschft durch die Finger schlpfen zu lassen, wenn er es
eben dazwischen halten konnte. Er selber stand mit den Protestantischen
Geistlichen auf sehr vertrautem Fu, und durch diese auch mit den
Protestantischen Huptlingen, wie ihm denn berhaupt nichts mehr verhat
war, als das Franzsische und dadurch Katholische Regiment. Da er mit
den einzelnen dort angesiedelten Franzosen auf freundschaftlichem,
wenigstens gesellschaftlichem Fue stand, war die Schuld der
Handelsinteressen, die er nie aus den Augen lie -- selbst nicht in der
Kirche.

Mr. Noughton war in seinem Zimmer mit dem Consul Pritchard, und der
letztere ging, mit auf dem Rcken gelegten Armen, rasch und finster auf
und ab, und schien ein eben gehabtes, keinenfalls angenehmes Gesprch,
zu berdenken.

Und ich habe doch recht, Mr. Noughton, sagte er endlich, vor dem
Kaufmann stehn bleibend und ihm fest in's Auge sehend, England kann und
darf uns nicht in dieser Verlegenheit stecken lassen, denn nicht allein
seine Interessen, nein seine _Ehre_ steht hierbei auf dem Spiel und ich
habe von dem Earl von Aberdeen das _feste_ Versprechen schleuniger und
entschiedener Hlfe, wenn ein gegen die bestehenden Vertrge gerichteter
Gewaltschritt der Franzosen ihnen nur die entfernteste Rechtfertigung
vor den brigen Staaten geben wrde.

Der protestantische Geistliche und jetzige Englische Consul war ein
hochgewachsener, stattlicher Mann, mit freier offener Stirn und ein paar
klaren, klugen grauen Augen, aus denen jetzt ein lebendiges, reges Feuer
sprhte -- sein volles Kinn war glatt rasirt und er trug nur einen
halben aber starken, krausen Backenbart, und ging in Civil gekleidet,
mit etwas langem, noch nach dem Geistlichen schmeckenden Rock und weier
Halsbinde und Weste.

Bah, bah, bah sagte der Amerikaner, eine lange hagere Gestalt, an der
nur die Augen Feuer zu haben schienen, kopfschttelnd -- wir kennen
solche Redensarten -- der Earl von Aberdeen steht berhaupt in dem Ruf
als ob er ein etwas Indianisches Temperament habe, das nur heute _Ruhe_
verlangt, und dem Morgen sich selber berlt. Das sind Redensarten, mit
denen wir hier nicht vom Fleck kommen, und Sie mssen bedenken da
zwischen jedem Brief von hier nach England, herber und hinber, immer
_zehn Monat Zeit_ liegen -- ein unberechenbares Capital fr den, der den
Augenblick zu bentzen versteht. Die Franzosen hier werden _handeln_ und
die Englnder werden _protestiren_, denn beide Theile wissen recht gut,
da zwei groe Nationen, mit den Gefahren eines Europischen Umsturzes
vor sich, nicht eines solchen Fleckchens Erde wegen einen Krieg anfangen
knnen; so lange sie nur im Stande sind den Anstand nach Auen zu
bewahren, knnen Sie sich darauf verlassen da nichts Ernstliches zu
ihrem Vortheil hier geschieht.

England _mu_! rief Mr. Pritchard.

Ach was, England mu nie, wenn es nicht selber will, und wenn es
berhaupt _wollte_, htte es die Sache schon gar nicht so weit
brauchen kommen zu lassen. Wenn Ihnen Ihr Earl Aberdeen, statt
Privatversprechungen eine Depesche fr den Talbot, oder irgend ein
anderes Kriegsschiff Ihrer Majestt mitgab, und das dem Franzsischen
Cabinet zu wissen that, so mte ich mich sehr irren, oder ~Du Petit
Thouars~ kreuzte jetzt noch an der Chilenischen Kste herum, oder lge
ruhig im Hafen von Valparaiso, hchstens bei den Marquesas-Inseln vor
Anker. Da das nicht geschehn ist, _wollen_ die Leute auch so wenig von
der Sache hren als angeht, und das Einzige was uns in dem Fall zu thun
brig bleibt, ist so viel Spektakel als mglich zu machen und sie nicht
ruhen und rasten zu lassen -- vielleicht bekommen sie's dann mit der
Zeit satt und schlagen zu, nur um des Friedens, um der Ruhe willen.

Aber was knnen wir thun? rief in Unmuth der Consul -- wenn ich
nicht Consul und -- Geistlicher wre, beim Himmel, ich griffe selber zu
den Waffen und stellte mich an die Spitze der Insulaner, ihnen ihr
Vaterland vertheidigen zu helfen. Nie, so lange die Welt steht, so lange
wir eine Geschichte haben, ist ein feigerer Einfall unter einem matteren
Vorwand, auf ein friedliches, harmloses Volk geschehen und -- geduldet
worden.

Glauben Sie da das Volk berhaupt kmpfen wrde, wenn es Waffen
htte? frug Mr. Noughton.

Ich bin berzeugt davon erwiederte der Consul, brigens _sind_ Waffen
auf der Insel, besonders haben die uns ergebenen Huptlinge -- einen
solchen Fall gerade nicht fr unmglich haltend -- eine ziemliche
Quantitt Munition, Pulver und Blei irgendwo in ihren Verstecken, in den
verschiedenen Ansiedelungen -- die anderen Inseln sind sogar reichlich
damit versehen.

S--o--o sagte Mr. Noughton, sich das Kinn streichend und die Lippen
vorn etwas mehr als gewhnlich zusammenziehend -- in den Kisten waren
wohl nicht _lauter_ Bibeln?

Mr. Pritchard setzte seinen Weg durch das Zimmer wieder fort und
entgegnete gleichgltig:

Ich wei nicht wann und auf welche Art sie hier gelandet sind -- es
ist, wie ich hre, whrend meiner Abwesenheit geschehen, aber
verdenken kann ich's den Leuten nicht, da sie sich mit den Mitteln
versehen, ihr Haus, ihren Glauben vertheidigen, wenn Beides
widerrechtlicher, ja widernatrlicher Weise nicht allein mehr bedroht,
nein wirklich angegriffen und ihnen entrissen werden soll. Der schwache
Vogel selbst vertheidigt sein Nest gegen Schlange und Marder, und wenn
uns die christliche Religion gebietet Blutvergieen zu vermeiden und
lieber ein geringes Unrecht geduldig zu ertragen, so verlangt sie nicht
von uns, da wir uns feige dem Schlimmsten unterwerfen sollen. Und der
Herr sprach zu Josua: Frchte Dich nicht und zage nicht, nimm mit Dir
alles Kriegsvolk und mache Dich auf und ziehe hinauf gen Ai -- und die
Bewohner von Ai fielen Alle durch die Schrfe des Schwertes, bis da sie
Alle umkamen.

Ja das ist Alles recht schn und gut sagte Mr. Noughton, den
Zeigefinger an der Nase und nachdenkend vor sich niederschauend; ich
habe auch nicht den mindesten Zweifel da uns der liebe Gott eine
Opposition gegen den groprahlerischen Franzmann mit dem grten
Vergngen vergeben wird -- aber ich wei nur noch nicht ob wir die
Insulaner eben zum Zuschlagen bringen und -- wer bezahlt nachher die
Waffen?

Mr. Pritchard bi seine Lippe und sagte nach kleiner Pause:

So viel ich wei sind die an Land befindlichen schon bezahlt, ich wte
wenigstens nicht wie sie sonst in den Besitz der Huptlinge kommen
sollten, und weiter sind noch keine anderen da -- warten wir bis sie
kommen, das Uebrige findet sich.

Aber ich habe eine ziemliche Quantitt aufgetrieben und gewissermaen
auch schon gekauft erwiederte Mr. Noughton, es fragt sich nur jetzt ob
_Sie_ dieselben bernehmen und weiter darber verfgen wollen, denn
aufrichtig gesagt mchte ich mit den Huptlingen selber, die gar keine
Idee von Geld und Geldeswerth haben, nicht gern ein solches Geschft
abschlieen, da man berdies auch gar nicht wei wie die ganze Sache
abluft und ob die guten Leute nachher noch berhaupt eine Cocosnu
brig behalten, womit sie bezahlen _knnten_, selbst wenn sie ehrlich
genug wren zu wollen.

Ich kann und will, ja darf mich mit der ganzen Sache nicht einlassen
sagte Mr. Pritchard nach kurzem Besinnen kopfschttelnd, aber es
interessirt mich natrlich die Quelle zu kennen, aus der Sie hier zu
schpfen hoffen. Ist es ein Englisches Schiff?

Die Kitty Clover --

Ah der Wallfischfnger -- diese Kitty hat auch Spirituosen an Land
geschafft, aber ohne da wir im Stande waren ihr auf die Finger zu
klopfen, und wie ich hre waren alle Vorkehrungen dagegen getroffen; Sie
mssen schlaue und mit der Kste hier sehr vertraute Leute an Bord
haben.

Der eigentliche Unterhndler lebt hier an Land entgegnete Mr.
Noughton, aber das ist Alles Nebensache, wenn ich nur erst die
Gewiheit htte, da es hier zu einem wirklichen Kampf kme, und die
Insulaner nicht ihren _Regierungs_wechsel eben so ruhig und gleichgltig
mit ansehen werden, als gestern den _Flaggen_wechsel, der sie, zu meinem
Erstaunen, entsetzlich kalt lie.

Wenn die Franzosen Ernst mit ihrer Drohung machen entgegnete Mr.
Pritchard rasch, und nicht eben nach dieser einfachen Demonstration
wieder in See gehn, Pomare wie ihre Huptlinge in sonst ungestrtem
Besitz der Insel zu lassen, so luft auch die frmliche
Besitzergreifung, wo sie dann ja die Zgel der Regierung in die Hand
nehmen und das Pabstthum proklamiren werden, nicht unblutig ab, und
_ein_ Leben genommen und die ganze Insel greift mit einem Schlag zu den
Waffen.

Sie glauben also wirklich --

Ich bin fest berzeugt davon. --

Nun dann kommt da unten Freund Mac Rally, der Master des
Wallfischfngers drauen, gerad' apropos die Strae nieder -- he Sir!
-- und an's Fenster klopfend winkte er dem Schotten, der berdies schon
die Richtung gerade nach dem Hause zu hatte, und dessen rascher Schritt
bald auf der hlzernen Treppe gehrt wurde. Wenige Secunden spter
betrat Mac Rally das Gemach und wollte sich eben nach kurzem Gru an den
Kaufmann wenden, als er die dritte Person im Zimmer sah, still schwieg
und sich mit einem fragenden Blick nach dem Amerikaner umschaute.

Es ist ein Freund von mir, ein Geistlicher sagte Mr. Noughton und
winkte Mac Rally Platz zu nehmen.

Ein Missionair, so? sagte der Seemann, Mr. Pritchard etwas mitrauisch
betrachtend, bei seinem Branntweinschmuggeln hatte er die Leute nicht
eben als Freunde kennen gelernt, und er wute nicht wie weit der
anwesende gerade mit seiner nicht unbedeutenden Thtigkeit in diesem
Geschftszweig bekannt sein mochte; auerdem hate er Missionaire. Hier
galt es brigens eine Geschftssache, in der er wute da ihm der
geistliche Mann nicht entgegen sein wrde, und er sagte rasch:

Mit unserem Handel wird es wohl Nichts werden, Mr. Noughton -- es ist
zu spt.

Wie so? frug der Kaufmann rasch und erschreckt -- Sie _drfen_ jetzt
kein hheres Gebot mehr machen, denn ich habe die Bestellung fest
gemacht, wie Sie recht gut wissen -- die Waffen sind _mein_.

Und sollen die Ihrigen bleiben, mit dem grten Vergngen, lachte der
Seemann, wenn Sie nur wissen sie an Land zu schaffen.

Und geht das nicht mehr auf dem gewhnlichen Weg?

Was fr Einer ist das? frug Mr. Pritchard -- der Seemann glaubte aber
nicht eine Antwort darauf schuldig zu sein, sondern sagte achselzuckend:

Die Franzosen haben in der That Besitz von Tahiti genommen; Posten sind
ausgestellt an allen Pltzen wo es nur einigermaen mglich ist zu
landen, und eben wird eine Proclamation in Tahitischer, Franzsischer
und Englischer Sprache angeklebt, nach der, unter anderem, Boote nicht
einmal mehr nach Dunkelwerden in der Bai fahren, viel weniger an Land
kommen drfen.

Den Teufel auch sagte Mr. Noughton, und das mssen _Sie_ sich hier
von einem Anderen _erzhlen_ lassen?

Mr. Pritchard zuckte mit den Achseln und sagte leise:

Gegen rohe Gewalt hab' ich keine Macht und keine Auftrge anzustrmen;
das mu der Zeit berlassen bleiben.

Zeit brummte der Seemann ungeduldig -- die wird Einem dabei auch nicht
gerade im Ueberma zugemessen -- morgen mu ich in See sein.

Und was haben Sie so zu eilen? sagte Mr. Noughton.

Das fragen Sie den Franzsischen Admiral brummte der Englnder -- ob
sie mich hier in Verdacht haben, oder ob ihnen irgend etwas verrathen
ist, ich wei es nicht, aber so viel ist gewi, da ich den Befehl
bekommen habe was ich an Wasser und Provisionen brauche heute in Ordnung
zu bringen, und morgen mit dem Landwind also etwa um neun Uhr, in See zu
gehn. Das ist kurz und s߫ wie sie bei uns sagen.

Die Franzosen thun wirklich, als ob sie hier schon die Herren wren
sagte Mr. Pritchard.

_Thun_ so, Sirrah? rief Mac Rally -- und verdammt gute Ursache dazu,
denn sie _sind's_, so lange Sie nicht die Indianer dazu bringen knnen
mit Macht ber sie hereinzubrechen -- und damit sieht's windig aus.
Htten Sie die Leute ein Bischen weniger beten und ein Bischen mehr ihre
gesunden Glieder brauchen und ihre Waffenbungen nicht ganz
vernachlssigen lassen, so wren die heidnischen Spiele dem lieben Gott
jetzt selber zu Hlfe gekommen; jetzt knnen sie weiter Nichts wie mit
Bibeln drein werfen, und daran stirbt Keiner -- die Langeweile mte sie
denn wieder forttreiben.

Mr. Pritchard legte den Kopf zurck und drehte ihn zur Seite, aber er
erwiederte kein Wort; Mr. Noughton ging mit ineinandergeschlagenen Armen
im Zimmer auf und ab, und murmelte leise etwas vor sich hin, endlich
blieb er vor Mac Rally stehn, und frug, ihn finster dabei ansehend:

Und was sagt Jim dazu?

Jim ist ein Tollkopf brummte der Englnder -- ein richtiger Ire, dem
nicht wohl ist wenn ihm nicht Jemand den Schdel zerschlgt, oder wenn
er nicht denselben Liebesdienst Jemand Anderem erweisen kann.

Also er meint es sei wirklich mglich sie heute Abend an Land zu
schaffen? frug Mr. Noughton schnell.

Der sagt zu Allem ja knurrte Mac Rally.

Nun also, was haben wir denn da noch auerdem fr Hindernisse?

Er verlangt da ich ihm die Gewehre und was dazu gehrt, in
wasserdichten Fssern an eine gewisse Stelle in Matawai Bai liefere und
das ginge allenfalls; aber dorthin haben die verdammten Franzosen
wahrhaftig auch heute Morgen eine Schildwacht gestellt, wie berhaupt an
jeden Corallengang durch den mehr als ein Canoe einfahren knnte, und
ich kann meine Leute nicht dazu riskiren. Wenn sie entdeckt werden, und
das ist kaum anders mglich, so wird jedenfalls auf sie geschossen, oder
doch der Alarm gegeben, und sie stecken mir nicht allein die Leute ein,
und der ganze Transport ist verloren sondern sie -- visitiren mir auch
am Ende noch das Schiff und -- das wre mir unangenehm.

Posten schon berall ausgestellt? rief Noughton erstaunt, ei dann
zeigen sich die Monsieurs schon allerdings als Herren der Insel und es
hat keine Gefahr mehr, da mir die Gewehre auf dem Lager blieben -- Mac
Rally Sie mssen wahrhaftig Rath schaffen; mit einer einzelnen
Schildwache lt sich am Ende auch noch sprechen.

Sprechen, ja, aber nichts durchbringen brummte der Wallfischfnger --
_Sie_ haben auch Nichts dabei zu riskiren, ich aber desto mehr, und
nehme da lieber die paar hundert Stck Gewehre wieder mit in See; in
Huaheina oder Bola Bola find' ich, wenn auch nicht so gute Preise doch
mehr Sicherheit.

Wo mten sie denn gelandet werden? frug der Geistliche.

Der einzig mgliche Platz wre Matawai Bai und zwar in der Einfahrt, in
der frher ein alter Missionair wohnte, der leider Gottes gestorben ist
-- jetzt sitzt ein Franzose drin -- ja zwei eigentlich, denn dicht
daneben wohnt noch Einer, und auerdem hat sich der Posten gerade
berhalb der beiden Huser in eine alte, nicht mehr benutzte Htte
placirt, der, wie ich gehrt habe, alle zwei Stunden von Papetee aus
abgelst werden soll, whrend die weiter unten befindlichen mit einem
anderen, dorthin gelegten Detachement in Verbindung stehn.

Und knnten wir nicht _unter_ oder _ber_ der Vorposten-_Grenze_
landen? frug Mr. Noughton.

Nein sagte der Seemann, kopfschttelnd, erstlich nimmt das zu lange
Zeit weg, und selbst das nicht einmal gerechnet, mte ein Boot auf dem
Binnenwasser und dicht am Strande hin vllig Spieruthen bei den Posten
laufen, und es wre rein unmglich es unentdeckt an den Ort seiner
Bestimmung zu bringen, whrend dorthin gerade die Ladung im Schatten der
Riffe und spter der Palmen die grte Wahrscheinlichkeit sicherer
Landung fr sich hat.

Das ist das Haus wo Monsieur Delavigne wohnt sagte Mr. Noughton --
und sein Nachbar heit Lefvre.

Ich glaube das sind die Namen brummte der Alte, kommt aber nicht
d'rauf an wie, sondern _wo_ sie getauft sind.

Hm, hm, hm sagte der Amerikaner, nachdenkend im Zimmer auf- und
abgehend -- ich glaube -- lassen Sie mich einmal sehn -- ich glaube
Bruder Rowe hat Zutritt da im Haus --

Wird ihm wenig helfen meinte Mac Rally.

Kann ich einmal mit Jim sprechen? frug Noughton, vor dem Seemann
stehen bleibend.

Ich wollte selber ich knnte seiner habhaft werden erwiederte dieser,
aber wie mir Bob, mein Zimmermann sagt, hat er alle Ursache sich nicht
bei Sonnenschein zwischen den Franzosen blicken zu lassen -- es mssen
alte Geschichten sein. In den Guiaven drin steht aber ein Haus, wo er zu
finden sein soll.

Bei der alten Irischen Hexe? frug der Amerikaner.

Nein, da kommt er seit jenem Abend, wo sie ihn beinah einmal abfaten
nicht mehr hin -- 's ist nicht so weit drauen und ich kenne die Stelle
-- und was sagen Sie dazu, Mr. Pritchard?

Bei Nennung des Namens drehte sich der Wallfischfnger rasch nach diesem
um, der Consul aber sagte achselzuckend:

Ich kann in meiner Stellung Nichts dabei thun, Mr. Noughton, obgleich
ich den Insulanern jeden Erfolg gegen ihre Feinde wnsche.

Sie sind Consul hier in Papetee? sagte Mac Rally.

Mr. Pritchard machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopf.

Dann werd' ich Sie bitten mir heute Nachmittag meine Papiere in Ordnung
zu bringen bat der Englnder -- 's ist jedenfalls besser ich habe die
regulirt.

Kommen Sie nachher zu mir, ich werde es Ihnen besorgen.

Mac Rally, sagte Mr. Noughton, thun Sie mir einmal den Gefallen, zu
Mr. Rowe zu gehn und ihn zu bitten, mich heute Morgen, sobald er
mglicher Weise kann, auf einen Augenblick zu besuchen; ich htte etwas
_sehr_ Wichtiges mit ihm zu besprechen; wollen Sie?

Ich will gleich von hier zu ihm gehn -- und unser Geschft?

Sein Sie nachher um elf Uhr hier wieder im Haus. Sie knnen mich zu dem
Haus fhren, wo wir Jim O'Flannagan treffen mgen?

Gewi kann ich brummte dieser, aber es wird dann die hchste Zeit da
etwas geschieht, wenn wir's berhaupt noch ausfhren wollen.

Haben Sie Alles gepackt und in Ordnung?

Schon seit heute Morgen um sechs Uhr.

Gut -- berlassen Sie dann das andere mir -- und Mr. Rowe?

Schicke ich Ihnen unter Adresse und Frachtbrief augenblicklich ins Haus
-- guten Morgen Gentlemen, und sich langsam auf seinen Hacken
umdrehend, drckte er die Thr hinter sich ins Schlo, und lie die
beiden Mnner allein, die sich bald darauf in eine sehr lebhafte aber
mit leiser Stimme gefhrte Unterhaltung vertieften, in der sie erst
wieder gestrt wurden, als sich der ehrwrdige Mr. Rowe unten anmelden
lie.




Capitel 5.

Susanna.


Der Admiral ~Du Petit Thouars~ hatte allerdings die Inseln der Knigin
Pomare, worunter er damals die beiden Gruppen der Gesellschafts- und
Georgen-Inseln verstand, im wahren Sinn des Worts in Besitz genommen,
und dachte, allem Anschein nach, gar nicht daran, sie, wie das vorige
Mal, als es bei einer Protectoratserklrung geblieben, wieder vollkommen
zu verlassen, wenigstens von Militair zu entblen. Der Admiral suchte
sich einzureden da Pomare in ihrem Widerstand gegen ihn zu weit
gegangen sei, und dem zu begegnen fiel er in denselben Fehler, der ihm
freilich fr den Augenblick nicht soviel Schaden bringen konnte, da er
gerade der Strkere war.

Recht gut wute er dabei da die Insulaner, wenn nicht unnthiger Weise
gereizt, eben durch ihre Eifersucht unter sich, und bei dem Ha, den ein
Theil derselben gegen die strenge Herrschaft der Missionaire hegte,
nicht leicht persnlichen Widerstand leisten wrden, auer, durch die
Fremden, besonders die Missionaire selber angereizt und dem
_vor_zuarbeiten, ehe ein frmlicher Bruch herbeigefhrt werden konnte,
that er natrlich Alles was in seinen Krften stand. Die
protestantischen Geistlichen wurden schon an und fr sich gleich
gewarnt, das Volk nicht gegen die jetzige _rechtmige_ Regierung
aufzureizen, und auerdem noch eine Proclamation erlassen worin jeder
Fremde, der _gegen_ die Franzsische Oberherrschaft sprechen (man sagte
nicht _predigen_) wrde, augenblicklich von der Insel, berhaupt aus den
Gruppen zu verweisen sei; es war das ein Paragraph der die Missionaire
am schwersten traf, und auch, besonders in England, von ihnen am meisten
angegriffen und verdammt wurde.

Ebenso vorsichtig muten sich die Franzosen dagegen zu wahren suchen da
Waffen und Munition den Insulanern durch ihre Freunde zugefhrt wurden,
und eins der eben eingelaufenen Schiffe erhielt augenblicklich die Ordre
die Insel zu umschiffen und verdchtige Fahrzeuge abzuweisen, whrend
die hier liegenden Englnder, von denen man aber nur das kleine
Kriegsschiff in Verdacht haben konnte, ebenfalls scharf bewacht wurden.
Auch Spirituosen suchte man den Insulanern fern zu halten, sie nicht
aufzureizen und zu Excessen zu treiben, die unter den jetzigen
Verhltnissen leicht einen ernsten Charakter annehmen konnten, und es
war deshalb auch da die Kitty Clover, von der man ziemlich genau wute
da sie unter der Hand Spirituosen an die Insulaner verkaufe und auch
noch eine ziemliche Quantitt derselben an Bord habe, Befehl erhielt die
Bai am nchsten Morgen zu verlassen. Niemand vermuthete da sie auch
noch weit gefhrlichere Waffen zum gelegentlichen Handel bei sich fhre,
die Mac Rally brigens auch wohlweislich einer ziemlich genauen
Visitation seines Schiffes, sollte dieselbe ja stattgefunden haben, aus
dem Weg gesteckt hatte.

Auerdem aber waren die Franzsischen Soldaten streng beordert die
Eingeborenen freundlich zu behandeln, und ihnen strenge Strafen
angedroht, wenn sie dieselben durch Erpressungen, Mihandlungen oder
sonstigen Uebermuth reizen und dadurch Anla zu Streitigkeiten geben
wrden.

Den Fremden war ebenfalls ihr Eigenthum vollstndig gesichert, nur
sollten sie sich, wie schon erwhnt, jeder bswilligen Einwirkung auf
die Insulaner enthalten, oder der Folgen dafr gewrtig sein.

Auch eine Regierung hatte der jetzt allmchtige Admiral ernannt, einen
Regierungsrath wenigstens aus drei Personen bestehend, Mr. Aubigny,
Capitain der Corvette Ambuscade, Lieutenant Clou und Mr. Moerenhout, und
die Wahl des Letzteren besonders krnkte Pomare tief, da sie wute wie
er von jeher ihr gesinnt gewesen, whrend die Missionaire in dem ihnen
gerade feindlich gesinnten Mann einen vollstndigen Beweis sahen, was
sie fr sich von der neuen Ordnung der Dinge zu erwarten htten.

Viel Zeit durften sie aber auch nicht verlieren, denn noch an demselben
Abend lief der Franzsische Kriegsdampfer, der Cormorant ein, und ein
dumpfes Gercht durch die Stadt da der ganze brige Theil der, bis
jetzt noch an den Marquesas-Inseln stationirten Flotte, ebenfalls hier
eintreffen wrde, den Eingeborenen zu imponiren, und ihnen zu beweisen
wie fruchtlos jeder Versuch des Widerstands gegen eine so gewaltige
Macht unter jeder Bedingung fr sie ausfallen mte.

Die Eingeborenen fingen jetzt erst an wirklich stutzig zu werden, denn
das ganze Benehmen der Fremden hatte diesmal einen weit anderen
Charakter wie frher. Die ausgestellten Posten, das gelandete und ohne
weiteres in einem der Pomare gehrigen Huser untergebrachte Militair --
die Besitznahme der kleinen in der Mndung der Bai liegenden Insel
Motuuta, von jeher der Knigssitz und in der That Lieblingsaufenthalt
der Pomaren, wo die Knigin sogar ihren Knaben geboren, und wohin jetzt
ohne weiteres mchtige Kanonen geschafft wurden, die gar nicht aussahen
als ob sie blos fr die kurze Dauer des Aufenthalts der Schiffe da
liegen bleiben sollten; vor allen andern Dingen aber das jetzt pltzlich
so scheue und zurckhaltende Wesen ihrer Missionaire, das sie an ihnen
wahrlich nicht gewohnt waren, machte sie stutzen, und flte ihnen zum
ersten Mal die ernstliche Besorgni ein, da doch wohl nicht Alles so
geschwind wieder vorber gehn wrde und auch nicht genau so sei, wie
ihnen die frommen Lehrer bis jetzt erzhlt haben mochten.

Mr. Pritchard allein blieb sich, auf seine Stellung als Englischer
Consul fuend, ja vielleicht trotzend, treu in dieser Zeit. So
unbekmmert die Franzosen irgend etwas gegen die Religion eines fremden
Staates und deren Vertreter unternahmen, und auch vielleicht unternehmen
konnten, so vorsichtig muten sie jedenfalls zu Werke gehn, wo sie es
mit der Diplomatie und dadurch auch mit den Rechten desselben zu thun
bekamen, und als Consul stand er, wie er recht gut wute, unter dem
direkten und unmittelbaren Schutz seines Vaterlandes. Die Eingeborenen
verstanden aber diesen Charakter gar nicht; ihnen war Mr. Pritchard noch
immer der Mitonare und Lehrer von frher her, nur mit mehr Autoritt
vielleicht als frher, da er die anderen Geistlichen oft in seinem Hause
versammelte, mit ihrer Knigin in stetem Verkehr stand, und dann auch
durch die neue Reise noch gewaltig in ihrer Achtung gewonnen hatte.
Jedenfalls kam er jetzt gerade von dem Land der Beretanis, mute also am
besten wissen was sie von dort zu hoffen htten, und ob die Englnder
Schiffe senden wrden sie und ihre Religion zu untersttzen, oder ob sie
auf sich selber verlassen bleiben sollten, den zahlreichen
Feuerschlnden des mchtigen Feindes gegenber.

Die anderen Missionaire hatten, durch die Drohung des Admirals
eingeschchtert, nicht gewagt, eine bestimmte Antwort zu geben, und die
Glubigen auf die Bibel und den lieben Gott vertrstet, der die Seinen
schtzen und schirmen wrde in schwerer Noth und Angst. Mr. Pritchard
dagegen sprach zu ihren Herzen, und sein Ruf an sie muthig zu sein und
nicht zu verzagen war mehr ein Aufruf zu den Waffen, als ein Trost.

Widerrechtlich hatten die Feranis die Flagge Pomares niedergezogen,
widerrechtlich setzten sie eine Regierung ein, dem direkt
ausgesprochenen Willen Englands gegenber, da das Land sich frei und
unbelstigt des Friedens Segen und der christlichen Religion erfreuen
knne. Mit Kanonen und Bayonnetten berwltigten sie ein stilles
harmloses Volk und die Baals-Priester zogen im Lande umher, dem Feinde
Seelen zu gewinnen. Er protestirte von Anfang an feierlich gegen jede
Franzsische Autoritt auf der Insel, die er unter keiner Bedingung
anerkennen wrde, und wahrte sich das Recht zu dem Volke zu reden und
ihm zu rathen, wie es ihm gut dnke, und wie er es in seinem Amt als
Englischer Consul sowohl wie Missionair vor seinem Gewissen und seiner
Regierung, aber nicht vor dem Franzsischen Admiral zu verantworten
habe.

Die Insulaner hielten sein Haus frmlich belagert, denn der Mann, wie
sie erst einmal die wahre Absicht der Fremden verstanden, sprach ihnen
aus der Seele, aber noch mehr -- er _ver_sprach ihnen auch Englische
Hlfe von der zuerst einkommenden Englischen Fregatte, whrend mit dem
Dublin schon die Klagen und Beschwerden smmtlicher Missionaire nach
England abgegangen waren.

Es lt sich denken da die Franzsischen Autoritten, den
Protestantischen Geistlichen berdies nicht gewogen, die Aufreizungen
dieses Mannes mit Aerger und Verdru ansahen und nur durch seine
officielle Stellung noch zurckgehalten wurden, etwas Ernstliches und
Entschiedenes gegen ihn zu unternehmen. Dazu brauchten sie aber irgend
eine gegen ihn sprechende Thatsache als Vorlage, und eine solche mute
jedenfalls erst abgewartet werden.

Spione umgaben ihn dabei genug, aus seinen Reden an das Volk irgend
eine, direkt zur Emprung aufreizende Aeuerung zu finden, Mr. Pritchard
war aber klug genug sich keine solche Ble zu geben, und der Zorn der
Franzsischen Officiere gegen ihn stieg von Stunde zu Stunde.

Ren beschlo indessen sich von jeder Betheiligung an den politischen
Ereignissen vollkommen entfernt zu halten; er mochte natrlich nicht
gegen seine Landsleute kmpfen, so sehr er auch fhlte da den
Eingeborenen hier unrecht geschah, und natrlich noch viel weniger
diesen feindlich entgegentreten, mit denen er durch sein Weib in so nahe
und freundliche Beziehung gekommen war.

Je mehr er aber ber sein knftiges Leben auf den Inseln nachdachte,
desto mehr fhlte er sich davon berzeugt, wie er solcher Art, und
gewissermaen zwischen zwei Feuern, in Papetee jedenfalls eine hchst
unangenehme, ja gefhrliche Stellung fr die Zukunft einnehmen msse,
denn von beiden Partheien wre er, wenn er es mit keiner offen hielt,
auch rettungslos verdchtigt worden. -- Er wollte Papetee -- Tahiti
verlassen und drben in Atiu, in der stillen Zurckgezogenheit seines
huslichen Glcks konnte er bald die Welt um sich her vergessen --
verachten. Sorge um seinen Lebensunterhalt brauchte er nicht zu haben,
Gott hatte den Tisch der Eingeborenen dort mit seinen reichsten Gaben
berdeckt -- ein frhliches, gutmthiges Volk bewohnte die Insel, und
mit Sadie an seiner Seite --

Und Susanna? --

Fort mit dem Gedanken an sie -- an Alles was sie umgab, gerade hier lag
die Gefahr fr ihn, fr sein husliches Glck, und er fhlte recht gut
selber wie er zu schwach, viel zu schwach sei, den immer aufs Neue auf
ihn eindrngenden Verfhrungen lange widerstehn zu knnen.

Er liebte Sadie aus tiefster innerster Seele, und dennoch hatte er den
Zauber, die Gewalt die diese Liebe ber ihn ausben sollte, berschtzt
-- dennoch fhlte er, wie er jetzt _flchten_ msse mit ihr, sich selber
zu entgehn und seiner Leidenschaft; flchten, einer Gefahr auszuweichen,
die drohend ber ihrem Glcke hing, und in dem Gefhl lag das Bewutsein
seiner Schwche; gewaltiger noch da er nicht wagte es sich selber zu
gestehn, gefhrlicher fr ihn, da er je geglaubt hatte es besiegen zu
knnen, ja selbst jetzt noch sich selber damit tuschen wolle da er
nach freiem Willen handle.

Schon an diesem Tag begann er seine, jedoch eben nicht so bedeutenden
Vorbereitungen, Tahiti zu verlassen, und Sadie sah den Eifer mit dem er
es betrieb und dankte ihm in ihrem Herzen dafr. Glcklicher fast als
der Gedanke ihr liebes, freundliches Atiu nun bald wieder zu sehn, es
nie mehr zu verlassen, machte sie das Bewutsein des Gatten Liebe noch
zu besitzen und sich in jener furchtbaren Stunde -- so entsetzlich ihr
selbst jetzt noch die Erinnerung daran war -- getuscht zu haben. Er
konnte jenes fremde schne Mdchen nicht lieben, htte er sonst so
geeilt aus ihrer Nhe zu kommen? und da es ihn gerade zurck nach Atiu
zog, war ihr ja der Brge fr ihr schnstes Glck -- fr den Frieden
ihrer Seele. Wie weh that es ihr jetzt da Aumama nicht bei ihr
geblieben war, Zeuge ihres Glcks zu sein; das wilde Mdchen hatte sich
aber nicht lnger halten lassen und war noch lange vor Abend schon in
ihrem Canoe allein nach Taiarabu aufgebrochen, dort bei der Schwester zu
bleiben; ja vielleicht -- sie hatte ihr zornig klopfendes Herz fest
festhalten mssen, als sie der Freundin die Worte zuflsterte in denen
ihr ganzes Elend lag -- dort, dort noch einmal dem treulosen Gatten zu
begegnen, und Rechenschaft von ihm zu fordern, fr ein mihandeltes,
zertretenes Leben.

Arme Aumama.

Ren hatte sich von der Mission einen kleinen Cutter zu verschaffen
gewut, seine Sachen und was er sich an Bequemlichkeiten auf der Insel
angekauft, gleich mit einem Mal nach ihrem alten Wohnplatz
hinbertransportiren zu knnen, und derselbe wurde schon an dem
nmlichen Nachmittag, ein Beweis wie es ihm Ernst war um seinen Vorsatz,
von Papetee herber und an seine Landung geschafft, wo er ruhig und
vollkommen vor Wind und Wetter geschtzt, vor Anker liegen konnte, bis
er im Stande war seine Geschfte hier so weit als mglich zu reguliren
und sich einzuschiffen.

Niemand freute sich mehr darber als der Mitonare Ezra, der sich
augenblicklich zum Passagier anbot, und nebenbei noch versprach die
Mannschaft vollstndig aufzutreiben. Mehr wie drei Leute gebrauchten sie
ohnedies nicht, da Ren ja selber Seemann genug war das wenige an Bord
solch kleinen Fahrzeugs, wenn ja einmal Noth an Mann sein sollte mit
verrichten und besser verrichten zu knnen, wie die Insulaner selber.

Mitonare erhielt da die erste Botschaft, nach der Stadt, zu dem
ehrwrdigen Mr. Rowe zu kommen, und Ren bekam ebenfalls eine Einladung
von dem jetzt Befehlenden auf Papetee, Gouverneur Bruat, ihn zu
besuchen, da er sich nach Manchem bei ihm zu erkundigen wnsche.

Die Botschaft beunruhigte ihn im Anfang -- sollte etwa wegen der Flagge
Nachforschung gehalten sein? -- aber lieber Gott, da htten sie ihm
dieselbe, wenn er wirklich verrathen wre, einfach wieder abfordern
lassen; das Tuch hatte weiter keine Bedeutung, sobald es einmal von der
Stange herunter war. Oder das Duell? -- es war nicht wahrscheinlich da
solche Sache in solcher Zeit zur Untersuchung kommen sollte; und
berdies hatten beide Theile darin gehandelt wie es den nun einmal
bestehenden Gesetzen der Ehre entsprach, denen sie sich fgen muten.

Es half ihm Nichts da er sich den Kopf darber zerbrach, und gegen
Abend -- er war auf vier Uhr Nachmittag nach Papetee beordert worden --
folgte er der Aufforderung des Gouverneurs.

Es handelte sich dabei brigens weder um Flagge noch Duell; im
Gegentheil war Mr. Bruat ungemein freundlich mit dem jungen Mann, dessen
Schicksale er sich, wie er ihm versicherte, habe erzhlen lassen, und um
ihm zu beweisen wie er sich fr ihn interessire, wnsche er ihn an
sich und Papetee zu fesseln, und bot ihm, da er ja schon berdies frher
in der Franzsischen Armee als Officier gedient, eine gleiche Stellung
in Papetee, unabhngig von den Schiffen und mit gesichertem Aufenthalt
auf den Inseln.

Ren begriff recht gut, da er dies Anerbieten weniger seinen
Verdiensten als der vermutheten Verbindung verdanke, in der er, durch
seinen lngeren Aufenthalt hier wie seine Heirath, mit den Eingeborenen
stand. Das Abenteuer mit dem Missionair war ebenfalls, wenn auch nicht
laut ausgesprochen, doch ruchbar geworden, und es fehlte den Franzosen
gerade in diesem Augenblick besonders an Leuten, die ihren Interessen so
ergeben, als denen der Missionaire entgegen wren, und doch dabei eine
etwas freundlichere Vermittlung zwischen den beiden so schroff
abstoenden Elementen, den Eingeborenen der Insel und den Eroberern
derselben, bieten knnten. Das wre aber auch jedenfalls der Weg gewesen
sich den Insulanern vollkommen zu entfremden, und er lehnte die ihm
gebotene Stellung auf das artigste und mit der Versicherung grter
Dankbarkeit fr das ihm bewiesene Zutrauen, aber auch entschieden ab.

Monsieur Bruat schien etwas pikirt darber; er hatte wohl keinenfalls
eine so ganz definitive Weigerung erwartet, Ren beharrte aber fest
darauf und wurde endlich mit einer zwar artigen aber sehr kalten
Verbeugung entlassen.

       *       *       *       *       *

In Mons. Belards Hause, in dem kleinen traulichen Stbchen der Madame
Belard, sa diese an ihrer Arbeit, hinter den niedergelassenen
Jalousien, die eine angenehme Khle in dem freundlichen Gemach
verbreiteten, whrend Susanna vor dem Instrument in leisen, wehmthigen
Akkorden und mit halbgeschlossenen Augen ihrer Phantasie, ihren Gedanken
freien und ungestrten Lauf lie.

Lieber Gott, Susanna, sagte Madame Belard endlich, ihre Nadel ruhen
lassend und zu der Freundin aufschauend -- Du bist entsetzlich
langweilig heute, und spielst Melodieen da man immer glaubt es sollte
Jemand zum Richtplatz gefhrt werden. Was um Gottes Willen steckt Dir im
Kopf, was hast Du, was fehlt Dir? -- heraus mit der Sprache, Mdchen,
aber qule mir die Molltne nicht auf solch grausame, unbarmherzige
Art.

Ich? -- Nichts -- was soll mir fehlen? sagte Susanna.

Ja das frag' ich Dich -- etwas _ist_ mit Dir, denn Du bist wie
ausgewechselt gegen sonst.

Unsinn lachte Susanna, die vollen Locken aus der Stirn werfend, und
zu einer lebendigern Weise bergehend -- es war die Marseillaise.

Ach damit hast Du gestern Abend Monsieur Delavigne vertrieben lachte
Madame Belard -- wie rasch er aufsprang und fortstrzte. Wir htten uns
heute doch einmal sollen nach ihm erkundigen lassen, wie ihm die
Aufregung gestern bekommen und ob er sein Haus glcklich erreicht hat.

Susanna erwiederte Nichts darauf, hatte aber die Marseillaise schon
wieder fallen lassen, und praeludirte eines ihrer kleinen
melancholischen Creolenlieder aus Louisiana, als Schritte aus dem
Vorsaal gehrt wurden und Mons. Belard gleich darauf die Thr ffnete
und hereinschaute.

Ist Delavigne hier gewesen? frug er die Damen.

Monsieur Delavigne? nein, rief seine Frau und Susanna hrte auf zu
spielen und sah sich nach ihm um -- ist er wieder in der Stadt?

Hat er Euch denn noch Nichts gesagt? frug der Gatte aber jetzt, sie
etwas erstaunt ansehend und ganz ins Zimmer tretend, wit Ihr noch
Nichts?

Wir? -- was ist denn? rief Madame Belard erschreckt, um Gottes Willen
-- aber wenn er selber in der Stadt war -- ist ihm denn zu Hause etwas
passirt -- seinem Weib?

Ah Papperlapapp, sagte Mons. Belard lachend, und ging zu einem
kleinen Eckschrank den er dort zu seinem eigenen Gebrauch stehen hatte,
sich ein Glas Brandy und Wasser einzuschenken, da soll bei Euch immer
gleich was passirt sein; der Frau wird auch was zustoen, die
Indianerinnen haben eine zhe Natur und sind nicht gleich immer
umgeworfen wie andere Leute. Wenn ich noch einmal zu heirathen htte,
ich wte auch was ich thte.

Bitte, Monsieur, geniren Sie sich nicht bat Madame Belard etwas
beleidigt und mit kalter Hflichkeit -- ich mchte Ihrem weiteren Glck
nicht gern im Wege stehn.

Aber was ist vorgefallen? frug auch jetzt Susanna, mit grerem
Interesse als sie bis jetzt gezeigt, bringen Sie uns eine angenehme
oder unangenehme Neuigkeit?

Nun ich wei gerade nicht sagte Mons. Belard die Mischung von Wasser
und Brandy erst einen Augenblick gegen das Licht haltend und dann, wie
mit der Farbe zufrieden, auf einem Zug leerend -- angenehm ist sie
gerade nicht -- wenigstens nicht fr Sie Beide, und mir selber thut es
auch leid, obgleich sich die Sache nun einmal nicht ndern lt und des
Menschen Wille sein Himmelreich ist. Wenn's ihm nicht lnger bei uns
gefllt, kann ihn natrlich keine Seele halten.

Mons. Delavigne will fort von hier? -- aber wohin? riefen die beiden
Damen, wie fast aus einem Munde.

Soviel ich verstanden habe, nach Atiu zurck, wo er hergekommen
lautete die Antwort.

So wird er dorthin wohl sein Geschft verlegen wollen.

Nein das ist ja eben der Unsinn rief der Kaufmann rgerlich, das
dacht' ich mir auch im Anfang, denn darin wre ein Sinn, aber wie mir
jetzt scheint, luft die ganze Geschichte auf irgend einen romantischen
Schwindel hinaus, und wenn das wirklich der Fall wre, sollt' er mir
leid thun, denn keine zwei Monat hlt er's drben mit seiner
Paradies-Comdie aus. Er will sein ganzes Geschft frmlich mit der
Wurzel herausreien und wegwerfen, und sich drben hinsetzen und
Brodfrucht und Tarowurzel essen mit Madame Sadie. Das klingt wohl recht
schn, ist aber nur leider unausfhrbar -- er mte denn eben kein
Franzose -- kein civilisirter Mensch sein, dessen ganze Existenz, er mag
sich darber uerlich vorlgen soviel er will, doch mit all seinen
tausend Seelenfasern an dem alten gewohnten Leben hngt und nicht
losgerissen werden _kann_.

Aber ist denn vielleicht hier irgend etwas vorgefallen? sagte Madame
Belard -- hat er hier Unannehmlichkeiten gehabt, die ihn vielleicht
dazu treiben?

Doch nicht etwa mit der Regierung? frug Susanna rasch, die
unwillkrlich und mit leiser Angst der so keck eroberten Flagge
gedachte.

Nicht da ich wte brummte Mons. Belard -- im Gegentheil scheint ihm
der Gouverneur wohl gewogen gewesen zu sein, denn wie mir Delavigne
selber sagt hat er ein Anerbieten von dorther gehabt -- ein Anerbieten
einer festen gesicherten Stellung, wenn er es allenfalls nun berdrssig
gewesen wre Handel zu treiben; aber auch das hat er von der Hand
gewiesen. Er ist rein toll -- oder blind.

Und wann will er fort? sagte Mad. Belard.

Morgen schon, soviel ich wei, wenn er alle seine Siebensachen packen
und zu Schiff bringen kann -- er hat einen kleinen Cutter gemiethet, der
schon bei seinem Hause liegt. Nein die Sache ist Ernst und nicht nur
eine flchtige Idee; ein Schlag aus reinem Himmel, denn gestern, wo ihn
Brouard auf der Strae traf, wute er noch kein Wort davon. Aber ich mu
wieder fort -- er kommt jedenfalls noch zu Euch hierher heute, Adieu zu
sagen, und wenn ich nicht da sein sollte, bitte gieb ihm dies Papier
hier, Marie; ich habe ihm versprochen, es hierher fr ihn zu legen,
vielleicht komm ich nachher noch einmal herber. Und mit kurzem Gru
verlie er das Zimmer wieder.

Die Frauen saen noch schweigend, und in tiefem Nachdenken, als Mons.
Belard schon lange das Zimmer verlassen hatte, und Susanna berhrte
wieder leise die Tasten in weichen, kaum hrbaren Akkorden.

Merkwrdig brach Madame Belard endlich das Schweigen -- etwas _mu_
da vorgefallen sein, was ihn kann zu diesem wunderbar raschen Entschlu
getrieben haben -- gestern Abend schon sein eigenthmliches Betragen.

Du sprichst von Mons. Delavigne? sagte Susanna, ohne die Freundin
anzusehn.

Madame Belard schaute rasch nach ihr um, lie ihr Auge einen Moment auf
ihr ruhen und sagte dann leise:

Ja.

Die Mnner sind wunderliches Volk sagte die Schne -- er wird sich
mit seiner Sadie wieder in einen Palmenhain zurckziehn, und von der
Welt -- in ihren Armen trumen.

Madame Belard schttelte traurig mit dem Kopf und sagte ernst:

Das ist nicht Alles wie es sein sollte -- htte er den Entschlu
langsam und mit reiflicher Ueberlegung gefat, so wrde es mich recht
von Herzen, in tiefster Seele gefreut haben.

Wie so? frug Susanna rasch.

Weil mich Sadie, das arme liebe Mdchen, in einer Welt hier in die sie
nicht gehrt, in die sie nicht pat, recht von Herzen dauert. Es ist ein
liebes engelgutes Kind, und _verdiente_ glcklich zu sein -- und wird es
nie werden setzte sie recht tief aufseufzend hinzu.

Warum nicht glcklich? sagte Susanna gleichgltig, der Stimme
wenigstens den Ausdruck gebend, so viel ich von dem Leben dieser
Insulanerinnen gesehen habe, verlangen sie es, wissen sie es gar nicht
besser, als da sich ein Europer, Franzose oder Englnder ist ihnen
ziemlich gleich, um sie bewirbt und -- die Dauer seines Aufenthalts
vielleicht -- bei ihnen bleibt; kehrt er in seine Heimath zurck fllt
es ihm natrlich nicht ein eine farbige Frau mitzunehmen.

In der Regel, ja -- sagte Madame Belard -- leider Gottes handeln die
Mnner hier leichtsinnig genug in dieser Hinsicht, und haben schon
manches arme Herz gebrochen, selbst unter den ungebildetsten der
Insulaner -- das Herz kehrt sich ja nun doch einmal nicht an Sitte und
Gebrauch.

Sie sehn mir nicht aus, als ob ihre Herzen so leicht brechen knnten
entgegnete Susanna etwas kalt.

Doch, doch sagte leise Madame Belard, und Sadie ist gar nicht wie ein
Kind dieser Inseln erzogen -- nur die Farbe, das Aussehn, und das Freie,
Natrliche ihrer Bewegungen verknden sie als ein Kind des
Korallenbodens; der alte Mr. Osborne, der hier auf Tahiti starb, hat sie
wie eine Tochter gehalten, unterrichtet und ihr damit Gutes thun wollen,
aber ich frchte fast, statt dessen einen schlimmen Dienst erwiesen.
Nicht Indianerin, nicht Europerin mu sie fr das Leben ihres
Vaterlandes verloren sein, nie wenigstens wrde sie sich, wozu sie doch
Gott bei ihrer Geburt bestimmte, an der Seite eines gewhnlichen
ungebildeten faulen Indianers glcklich fhlen knnen -- und ich
frchte, sie wird _nicht_ im Stande sein, den jetzt geliebten Mann auf
immer an sich zu fesseln.

Und verlangst Du von Delavigne da er sein Leben auf jenem Atiu
vertrumen -- diese monotonen Inseln mit ihren ewigen Palmen und
Brodfruchtbumen nie wieder verlassen soll? rief Susanna in ihrem Spiel
aufhrend und sich rasch und fast heftig nach der Freundin umdrehend.

Verlangen? sagte diese achselzuckend -- ich verlange von einem Mann
vor allen Dingen da er seine Schwre hlt, es ist das wenigste _was_
man verlangen kann, und doch unendlich viel, und thut das Delavigne, so
kann er die Inseln nur verlassen, wenn er die Indianerin _als sein Weib_
mit hinber in das alte Vaterland nimmt.

Um dort der Kinder Spott zu werden rief Susanna rasch.

Er hat das Alles voraus gewut, sagte Marie Belard, Sadie ist
brigens ein wunderhbsches Weibchen.

Und wie lange wird das dauern? frug Susanna, in sechs Jahren, in fnf
vielleicht schon, ist die Blthenzeit dieser Kinder der Tropen vorber
und _die_ Zeit mu ihm vorschweben, wenn er an ein spteres Leben in den
civilisirten Stdten der alten oder neuen Welt zurckdenkt. Ja in der
neuen knnte er nicht einmal jetzt mit ihr existiren, wo sich jede
anstndige Familie in New-York sowohl wie New-Orleans von ihm
zurckziehn wrde, um nur nicht in den Verdacht zu kommen mit
_schwarzem_ Blute Umgang zu haben.

Aber Susanna, in Virginien rhmen sich die ltesten Geschlechter von
der Knigstochter Pokahontas abzustammen sagte Madame Belard.

Susanna zuckte die Achseln.

Ja, sie zum Ahn zu haben lassen sie gelten sagte sie, aber frag
einmal eine der dortigen Familien, ob sie _jetzt_ einem ihrer Shne
gestatten wrden die Ehre ihrer Geschlechter durch Indianisches Blut zu
_beflecken_. Das Vorurtheil, wenn es berhaupt ein Vorurtheil genannt
werden kann, wo es sich um etwas unseren Naturen total widerstrebendes
handelt, besteht nun einmal und wir Einzelne knnen es nicht ndern --
Uebrigens sind die hier geschlossenen Ehen fgte sie mit weit leiserer
Stimme etwas zgernd hinzu, wie man berall hrt, ja keineswegs so
bindend, und sollen sogar schon in ihrer Formel eine Art Vorbehalt auf
ziemlich willkrliche Scheidung wieder enthalten.

Die meisten, ja, leider Gottes sagte Madame Belard -- die
leichtsinnigen Mdchen der Inseln wrden selbst die Formel nicht
verlangen, hielten die Missionaire nicht darauf, bei etwas, das sie doch
nun einmal nicht verhindern knnen, wenigstens so viel als mglich den
Anstand zu wahren. Bei den meisten ist auch wirklich nichts weiter
geschehn; manche aber vollziehen wirkliche Ehen, so vollstndig in ihrer
Ceremonie als bei uns und -- ich sollte denken -- auch ebenso bindend.
Wahrscheinlich ist dasselbe auch mit Sadie und Delavigne der Fall; Sadie
ist die Pflegetochter eines Geistlichen, und von ihm erzogen und
getraut; der wrdige Mann wird nicht daran gedacht haben eine andere
als vollgltige Ehe zwischen den Beiden zu schlieen. Ueberdies bliebe
sich das auch gleich, das todte Wort was dabei gesprochen wird kann nur
gesetzlich binden, und zwar an Stellen wo das Gesetz die Kraft und
Ausdehnung hat, hier wo jedes Canoe den Mann aus dem Bereich desselben
bringen kann, ist das _eigene_ Wort, das eigene Herz das einzige worauf
man wirklich trauen kann, und ich will zu Sadies Bestem hoffen, da
Delavigne dem fest und treu zu eigen bleibt.

Und glaubst Du wirklich da er sein Leben solcher Art hier beschlieen
wird? frug Susanna -- Marie denke Dir er ist vielleicht fnf oder sechs
und zwanzig Jahr alt, und soll jetzt _aufhren_ zu leben -- ist das
wahrscheinlich?

Aufhren zu leben -- mit der Frau die er liebt an seiner Seite, mit
seinem Kind? frug Madame Belard dagegen, er kann das nicht gut
aufhren zu leben nennen, was, wie er mich oft versichert, das hchste
und schnste Ziel seines Lebens gewesen; -- es wre zu traurig fr die
arme Sadie; und doch _frchte_ ich fast das wilde ungestme Wesen des
Mannes wird sich nicht in die engen festen Banden eines solchen Lebens,
auf die Lnge der Zeit wenigstens, einschnren lassen. _Ihr_ Beiden
httet besser zusammen gepat.

Susanna lachte, aber sie wandte rasch den Kopf und begann wieder, und
zwar mit raschen krftigen Griffen die Marseillaise zu spielen, whrend
Mad. Belard an das Fenster trat und hinausschaute.

Die Thr ffnete sich leise und Ren erschien auf der Schwelle -- keine
der Frauen hatte ihn in den rauschenden Tnen des kriegerischen Liedes
kommen hren, und mehre Minuten lang stand er schweigend die Blicke fast
wehmthig auf die holde Jungfrau am Instrument geheftet die, den
Lauscher nicht ahnend das Lied schlo und wieder ber zu den weicheren
seelenvollen Melodieen kleiner, spanischer, Lieder ging, wie sie
dieselben daheim an den Ufern des Mississippi oft und oft gehrt. Eine
Weile spielte sie so fort und dann endlich, wie den Gedanken des Liedes
folgend das sie begonnen, fiel sie mit ihrer weichen klangvollen Stimme
leise ein.

    Die Halme wehn gedankenschwer
    Auf jener Wiese drben,
    Sie sagen wohl einander nur
    Da sie sich innig lieben;

    Ich aber liege einsam hier
    Und schaue in die Hhe --
    Ach da mich Niemand lieben will
    Ist ja mein einzig Wehe.

Ein trauriges Lied seufzte Madame Belard und drehte sich nach der
Freundin um, stie aber unwillkrlich einen leisen Schrei aus, als sie
den, mit dem sie sich eben in wirklich traurigen Bildern beschftigt,
bleich und ernst vor sich stehen sah.

Susanna schaute rasch auf den Ruf um, und whrend ihr das Blut in die
Wangen scho, stand sie auf und verlie das Instrument.

Sie haben uns belauscht sagte sie und ihr Auge haftete so fest auf dem
seinen, als ob sie die Gedanken lesen wollte, ehe ihnen die Lippen Worte
geliehn.

Den Dichter wenigstens entgegnete Ren, ihrem Blick begegnend -- den
armen Dichter, dem als er das Lied schrieb, wohl recht weich und weh mu
um's Herz gewesen sein. Sie sollten freundlichere Lieder singen, Mi
Lewis, vor Ihnen liegt das Leben noch frei und offen in all seiner
Pracht und Herrlichkeit -- es wre Snde wenn Sie gerade, vor tausend
Anderen, solchen traurigen Lamentationen Raum geben wollten. Doch --
sein Sie mir nicht bse da ich Sie gestrt habe -- ich will ihre Zeit
nicht lange in Anspruch nehmen -- ich komme Ihnen Adieu zu sagen.

Sie wollen fort? sagte Susanna leise.

Hoffentlich Morgen erwiederte Ren mit einem Lcheln wenigstens,
wenn es auch ein gezwungenes war.

Der Entschlu mu Ihnen ber Nacht gekommen sein rief Madame Belard --
gestern Abend wuten Sie noch kein Wort davon.

Ich habe mich allerdings erst gestern dazu entschlossen.

Mein Mann hat uns schon auf die schmerzliche Nachricht vorbereitet,
lieber Delavigne -- auch hier ein Papier fr Sie hergelegt, falls er Sie
wirklich nicht noch -- einmal sehn sollte -- es thut uns recht, recht
leid Sie von hier verlieren zu mssen.

Madame Belard sagte Ren und seine Stimme zitterte.

Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mit herbergebracht, soll ich sie
nicht wiedersehn?

Sie werden sie entschuldigen mssen sagte Ren das Papier mit einer
dankenden Verbeugung an sich nehmend, das ihm die junge Frau reichte
-- Sadie hat jetzt so viel mit Packen zu thun und -- es ist besser so
vielleicht -- ich selber wollte brieflich von Ihnen Abschied nehmen
setzte er dann nach einer kurzen Pause hinzu, aber meine Geschfte
zwangen mich die Stadt noch einmal aufzusuchen und -- da konnte ich es
doch nicht bers Herz bringen, so ganz vorbei zu gehn.

Wir htten Ihnen das im Leben nicht verziehen rief Madame Belard
schnell -- aber kommen Sie, bleiben Sie nicht mit der Klinke in der
Hand da stehn und setzen Sie sich zu uns -- es ist ja das letzte Mal
vielleicht fr eine lange Zeit. Nehmen Sie den Stuhl da, neben Susannen.
Sie haben auch recht eigentlich, da Sie den politischen Wirren aus dem
Wege gehn; besonders in ihren Verhltnissen htten Sie es doch am Ende
manchmal nicht vermeiden knnen, mit einer oder der anderen Parthei in
Collision zu kommen, und hat sich erst Alles wieder regulirt, sind Sie
ja noch immer Ihr freier Herr.

Die politischen Verhltnisse kmmern mich wenig sagte Ren -- ich
kann den Gewaltstreich meiner Landsleute, den sie jetzt durch
spitzfindige Rechtsclauseln zu beschnigen suchen, einem schwachen
harmlosen Volke gegenber nicht billigen, und habe mich schon auf der
anderen Seite auch zu sehr ber das Treiben und Wesen der fanatischen
Missionaire gergert, diesen wieder das Wort zu reden; ich wrde mich
also weder der einen noch der anderen Parthei angeschlossen haben. Wahr
ist brigens da man bei solcher Gelegenheit nicht immer seine
Neutralitt, selbst bei den besten Vorstzen, vollstndig behaupten
_kann_, und in sofern wre es allerdings gut selbst der Mglichkeit
einer Collision entrckt zu sein. Den Eingeborenen ist brigens jede
Hoffnung genommen, sich gegen die Uebermacht vertheidigen zu knnen,
denn eben ist noch ein neuer Franzsischer Kriegs-Dampfer, wenn ich
nicht irre der Salamander, signalisirt worden.

Der Salamander lag nach den letzten Nachrichten in Havre, rief Madame
Belard rasch, dann kommt er auch direkt von Frankreich und bringt uns
Briefe aus der Heimath.

Aus der Heimath sagte Ren leise -- es ist doch ein wunderbares Wort
-- ich htte nie geglaubt da solch ein Zauber darin liegen knnte --
aber -- ich habe Sie wieder in Ihrem Spiel gestrt, Mi Lewis -- Sie
werden wahrlich erst ungestrt spielen knnen, wenn ich fort bin.

Wir haben mitsammen geplaudert, und nur in Gedanken setzte ich mich
an's Clavier, sagte Susanna, in einem Buche bltternd das neben ihr
lag, den Kopf von Ren abgewandt.

Und was hrt man drauen im Land ber unsere Zustnde hier? frug
Madame Belard -- Sie wohnen doch auer der Stadt, glauben Sie da sich
die Eingeborenen ohne Weiteres den Franzsischen Befehlen fgen werden?

Gott wei was sie thun sagte Ren -- soviel ist gewi, da die
Regierung jetzt mehr den Einflu der Missionaire, besonders des
Englischen Consuls, als irgend etwas anderes zu frchten scheint, und
nur wohl auf einen wirklichen Grund wartet, ernstlich gegen ihn
einzuschreiten.

Dieser Mr. Pritchard hat etwas recht anstndiges nobles in seinem
ganzen Wesen sagte die junge Frau -- ich htte ihn gar nicht fr einen
Missionair gehalten.

Er ist es auch wohl nur noch in dem Einflu, den er auf die
Eingeborenen ausbt -- ich bin brigens kein Freund dieser Herren, und
froh besonders meine Frau aus ihrem Bereich entfernen zu knnen. Diese
tollen Schwrmereien immer mit anzuhren ist zum Verzweifeln, und wenn
irgend etwas auf der Welt, das wahrhaftig knnte mich rasend genug
machen, lieber wieder an Bord eines Wallfischfngers zu springen, ehe
ich einem schleichenden, tdtenden Bekehrungsversuch entgegenginge.

Susanna lchelte und sagte mit leisem Kopfschtteln:

Der Rckfall ist bei Ihnen nicht zu frchten -- seit Sie den Frack
wieder getragen, und die Glachandschuh haben Sie sich den Geschmack an
dem romantischen Leben der Wallfischfahrt jedenfalls verdorben.

Sie knnen mir den Frack noch immer nicht vergessen, lachte Ren,
rasch und willig in den lebendigeren Ton des Mdchens eingehend.

Es war das erste was mir, mit dem Bewutsein Ihrer Geschichte, an Ihnen
in die Augen sprang sagte schelmisch das Mdchen, und ich malte mir
Ihr Doppelbild da gar lebendig aus. Der Eindruck hat sich bei mir auch
nicht wieder verwischen lassen.

Das also war der erste Eindruck den meine Erscheinung auf Sie
hervorgebracht, lachte Ren, Frack und Glachandschuh -- wieder ein
Beweis fr eine Beobachtung die ich von je gemacht, da Frauen selten im
Stande sind ein richtiges unbefangenes Urtheil ber eine, ihnen zum
ersten Mal aufstoende Physionomie oder Persnlichkeit zu fllen.

Ei Sie grober Mensch rief Madame Belard rasch, wie knnen Sie etwas
derartiges in Gegenwart von zwei Damen behaupten, noch dazu da Sie auf
alle Beide vielleicht einen gnstigen Eindruck gemacht haben. Der erste
Eindruck ist gerade bei mir der wichtigste und entscheidendste, denn das
Auge ist dabei kein Diener des Verstandes sondern des Herzens. Viele
Leute wollen behaupten da der Kopf, der kalte Verstand fr das Herz
denken und handeln msse, und dabei alle Hnde voll zu thun habe, aber
hierbei findet gerade das Gegentheil statt. Wie oft z. B. geschieht
es, da wir fremde Menschen mit dem ersten Blick schon lieb gewinnen und
uns von anderen eben so abgestoen fhlen. Die Einen haben uns noch
Nichts zu Lieb, die Anderen noch Nichts zu Leid gethan, aber das Herz
streckt seine Fhlfden aus, und was der nchterne Verstand in Monaten
vielleicht nicht herausbekommen, und sich dann am Ende doch noch
getuscht htte, das sagt uns das Herz mit einem Schlag, und wie selten
ist es da es sich irrt.

Sie _htten_ recht, erwiederte Ren, wenn Ihr erster Blick eben ein
unpartheiischer wre, der gleich die Zge des fremden, zum ersten Mal
begegneten Menschen trifft, aber der erste Blick gehrt bei Ihnen stets
den _Kleidern_ des oder der Fremden, der zweite hat dann schon aufgehrt
unbefangen zu sein -- eine falsch gewhlte Farbe, eine veraltete Mode
sprach das Urtheil vorher.

Und ich will Ihnen beweisen da sie unrecht haben rief Susanna wrmer
werdend -- schon nach dem ersten Blick auf einen Menschen sag' ich
Ihnen was er fr Augen, was fr Zhne hat.

Augen und Zhne erwiederte Ren achselzuckend -- das Gesicht also
abermals wieder nur als Kleidungsstck betrachtet.

Etwas spricht fr Ihre Behauptung sagte Madame Belard etwas pikirt --
da wir armen Frauen so oft von Euch Mnnern betrogen werden
-- vielleicht haben Sie doch recht, und dieser Kleiderblick ist unser
Fluch. Ich habe nicht geglaubt da Sie so boshaft sein knnten.

Herr Delavigne will uns die Trennung leichter machen sagte Susanna,
wirklich fast bse ber die etwas herbe Bemerkung.

Gott verhte da ich Sie krnken sollte fiel ihr Ren rasch ins Wort
-- zrnen Sie mir nicht, mir ist der Kopf wirr und toll seit heute
Morgen, und der Gedanke Tahiti -- so viele liebe Freunde zu verlassen,
noch zu neu, zu fremd -- zu ungewohnt. Aber ich mu auch fort; es
dunkelt schon und ich habe noch Einiges in der Stadt zu besorgen, was
vor dem Abendschu abgethan sein mu.

Also wirklich fort? sagte Madame Belard.

Ich kann nicht anders seufzte Ren und fuhr dann leiser und ihre Hand
ergreifend fort, ich lasse viele liebe Freunde hier zurck -- werden
auch Sie manchmal meiner gedenken?

Wir wollen keinen groen Abschied von einander nehmen, Delavigne sagte
die kleine Frau bewegt, mit Willen und Anstrengung aber die Bewegung
niederkmpfend -- Sie gehn nicht aus der Welt, und werden manchmal hier
herber kommen; es ist ja das Schnste was wir haben auf der Welt,
liebe, uns theuere Freunde wieder zu sehn, deren Bild, auf dem dunklen
Hintergrund der Trennung nur so viel schrfer und reiner in unserer
Seele bleibt. Gehn Sie mit Gott, gren Sie mir Ihr Weibchen und --
mgen Sie das finden was Sie suchen.

Ihm rasch ihre Hand entziehend, denn sie hatte den jungen Mann durch
sein offenes herzliches Wesen wirklich lieb gewonnen, und er sollte die
Thrnen nicht sehn die ihr ins Auge stiegen -- verlie sie rasch das
Zimmer.

Susanna machte eine Bewegung als ob sie ihr folgen wollte, besann sich
aber und blieb an dem Instrument stehen, auf das sie sich mit der linken
Hand sttzte.

Mi Lewis sagte Ren leise -- ich glaube nicht da wir uns wiedersehn
werden --

Ich habe Sie ja noch eigentlich gar nicht entlassen, unterbrach ihn
die Jungfrau, gewaltsam gegen ein Gefhl ankmpfend, dem sie nicht Worte
geben mochte und konnte; aber, ohne da sie eigentlich wute warum,
einen ernsten Abschied frchtend, fuhr sie, in den leichten Ton
bergehend, freilich in gezwungener Frhlichkeit fort -- Sie haben sich
mir auf Gnade und Ungnade ergeben und mten mich jedenfalls erst um
Urlaub bitten. Wissen Sie wohl da mir der Preis bekannt ist, den mein
Vater auf Ihr Wiedereinbringen gesetzt hatte, und soll ich Sie jetzt
so ohne Weiteres entlassen?

Ueben Sie Gnade vor Recht Mademoiselle bat aber Ren leise und ernst
-- nicht im Stande in diesem Augenblick auf den leichten, scherzenden
Ton einzugehn -- ben Sie Gnade meinet- -- Gnade eines anderen Wesens
wegen.

Ich verstehe Sie nicht sagte Susanna rasch, aber ich sehe wohl ein,
mir armem schwachen Mdchen wird das nicht gelingen, was der Delaware
mit seiner ganzen Mannschaft umsonst versuchte -- Sie zu halten. -- Und
was soll ich meinem Vater sagen?

Sagen Sie ihm, rief Ren jetzt, kaum im Stande das gewaltsam zu Tag
brechende Gefhl nieder zu kmpfen -- sagen Sie ihm -- da ihn die
Tochter hart und schwer gercht. Und nun -- leben Sie wohl, recht wohl
und -- glcklich.

Ihre Hand dabei ergreifend prete er sie fest an seine Lippen und sprang
dann mit flchtigen Stzen die Treppe hinunter und aus dem Haus.

Ren! wollte Susanna rufen, aber die Zunge versagte ihr den Dienst --
die Worte erstarben ihr auf den Lippen, und die Hand fest und krampfhaft
auf ihr Herz gepret, floh sie auf ihr Zimmer, und schlo hinter sich
die Thr mit dem Riegel.




Capitel 6.

Jim O'Flannagan in Thtigkeit.


Die Sonne war am Untergehn, die einbrechende und hier dem Verschwinden
des Taggestirns fast augenblicklich folgende und eben so rasch in
wirkliche Nacht bergehende Dmmerung verkndete es wenigstens, denn
dichte Wolkenschleier lagen ber dem Horizont, und breiteten, reckten
sich hher und hher, eine strmische Nacht versprechend in dem sich
wieder erhebenden Westwind, der jedesmal fast seine Gewalt mibraucht,
wenn er den ruhigen und vernnftigen Ostpassat einmal zu verdrngen
gewut hat, auf kurze Zeit.

Sadie war in ihrem Haus allein mit dem Kind, und selbst der Mitonare
Ezra, der ihr fest versprochen hatte recht frh zurckzukehren und ihr
noch mit manchem zu helfen in Packen und Zurechtstellen, nicht gekommen.
Auch Ren blieb heute so entsetzlich lange aus -- aber er hatte noch
viel zu thun in der Stadt. Lieber Gott der Entschlu war ja so
pltzlich, so berraschend schnell gefat worden, sie konnte sich leicht
denken wie schwer es da sein mute Alles zu ordnen was er zurcklie,
und da er das nicht in ein oder zwei Stunden vollbringen knne. Bald,
ach bald war ja das nun Alles berstanden; nach Atiu -- o wie sie der
Gedanke mit Glck und Seligkeit erfllte -- nach Atiu, nach ihrem lieben
lieben Atiu -- und wie ihr die Palmen da entgegenwinken wrden und die
stillen Blumen die sie gepflegt und gehegt; und das Lieblingspltzchen
am freundlichen Strand, von den Lften gegrt, von den Riffen umbraust,
der stille theuere Ort, mit der Erinnerung ihrer Jugend -- ihrer Liebe
-- o es war als ob ihr das Herz springen msse vor lauter Seligkeit,
wenn sie der frohen Rckkehr gedachte nach ihrem Atiu.

Aber wo blieben die Mnner? -- auch Mata-oti war drauen und kehrte,
trotz mehrmaligem Rufen nicht wieder; das Wetter zog dabei hher und
hher herauf -- und gerade heute lie man sie so allein. Doch drauen --
das waren Schritte -- die Gartenthr hatte geknarrt, und gleich darauf
betrat mit etwas eiligem Joranna der kleine Bruder Ezra das Zimmer;
sie konnte ihn in der jetzt vollkommen eingebrochenen Dmmerung, ja
Nacht, kaum noch erkennen.

Joranna Sadie, Joranna, sagte er und trocknete sich den Schwei von
der Stirn die er, aus den engen Frackrmeln heraus, mit den kurzen
dicken eingezwngten Armen kaum erreichen konnte -- Ren ist noch nicht
zurck?

Nein, Mitonare, aber er mu bald kommen, und es freut mich nur da
wenigstens Einer von Euch da ist -- es ist gar so unheimlich hier so
ganz allein zu sein, mit dem leeren und den Haus Lefvres dicht daneben
-- ich wei nicht jene leeren Rume haben etwas Todtes Unheimliches fr
mich.

Ist Bruder Aue hier gewesen? frug Mitonare leise.

Mr. Rowe? wie kommst Du auf den? rief Sadie erstaunt, nein.

Pst sagte Bruder Ezra und sah sich scheu um und dann setzte er sich
auf einen Stuhl, sttzte die Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hnde
und jagte, starr vor sich niedersehend, die Daumen umeinander herum.

Sadie wurde es unbehaglich in dem dunklen Zimmer und sie zndete die
Lampe an die auf dem Tisch stand.

Es war inde vollkommen dunkel geworden, und der Wind hob sich heftiger
und schleuderte die Brandung an die gegenberliegenden Riffbnke mit
immer dumpferem Brausen.

Aber was hast Du nur, Mitonare? rief Sadie endlich, vor ihn tretend
und ihn bestrzt ansehend -- Du siehst aus, als ob irgend etwas
vorgefallen. Ist ein Unglck geschehn? -- Heiliger Gott, Ren -- wo ist
Ren --

Pst -- pst sagte aber der Mitonare eifrig mit der Hand winkend, und
schlo die Augen dabei, schob die beiden auerdem schon etwas dicken
Lippen vor, und schttelte aus Leibeskrften mit dem Kopf -- pst, pst
Pu-de-ni-a -- nicht solchen Spektakel machen -- haben Schildwache dicht
bei --

Aber Ren --

Unsinn, Unsinn, der Wi-Wi luft, so viel ich von ihm wei ganz gesund
und munter in der Stadt herum und trinkt seinen Freunden den Wein aus,
zum Abschied -- Mitonare hat ihn in drei Husern gesehn, auf die Art
sagte Bruder Ezra, ergriff Sadiens Hand und streichelte sie, die arme
Frau zu beruhigen -- Tolle Gedanken die sich Pudenia macht um den Wi-Wi
-- bah -- ist wie Guiave, nicht auszurotten; stecke heute einzigen Apfel
in die Erde habe im anderen Jahr ganzen Wald.

Aber weshalb fragst Du nach Mr. Rowe -- der Mann erscheint mir nur immer
vor Sorge und Trbsal und groer Noth -- was soll er hier, heute noch
hier wollen? und wenn ihn Ren hier fnde, gb' es vielleicht harte
Worte zwischen den Mnnern. Gott wolle es verhten.

Aber ich begegnete ihm doch drauen am Thor -- er verlie den Garten,
wie ich kam -- war er nicht hier im Haus?

Sadie faltete die Hnde und sah erschreckt zu dem Mitonare auf.

Er kam aus _unserem_ Garten? frug sie leise -- doch ich bin ein
thrichtes Kind, setzte sie rascher hinzu, mir da Sorge und Kummer zu
machen, vielleicht um Nichts. Es hat heut den ganzen Nachmittag fast ein
fremdes Canoe an unserer Landung gelegen und zwei Mnner, die darin
gekommen, waren an Land. Vielleicht da ihm das gehrte und er danach
sehen wollte vor dem einbrechenden Sturm.

Und ist das Canoe wieder fort? frug Bruder Ezra.

Oh wohl vor einer Stunde, aber ein Einzelner hat es nur
zurckgerudert.

Mitonare stand auf, trat in die Thr und schaute einige Minuten still
und schweigend hinaus in die Nacht.

Haben die Wi-Wis mehr Soldaten als den einen da unten unter dem
Pandanusdach, wo das Feuer ist? frug er endlich, sich wieder umdrehend,
als er eine ganze Zeitlang nach der Richtung hinausgesehen hatte.

Es waren drei oder vier da, heute Nachmittag sagte Sadie, aber sie
trieben sich meist oben an der Strae herum, wo Tanui der alte Lootse
mit seinen Tchtern wohnt.

Ahem, ahem nickte der kleine Mann, und strich sich das Kinn mit Daumen
und Zeigefinger der rechten Hand; langsam aber auf- und abgehend im
Zimmer murmelte er dann leise vor sich hin -- es ist doch eine bse
Geschichte, bse, bse Geschichte.

Sadie, die von den Worten nichts verstehen konnte, sah ihm, immer noch
nicht vollkommen beruhigt zu, und horchte ngstlich dabei hinaus, denn
ihr scharfes Ohr hatte einen Laut entdeckt der vom Wasser herber zu
dringen schien. Es war inde so dunkel geworden, da man die Hand kaum
vor Augen erkennen konnte.

Was war das? sagte sie leise -- war das nicht als ob ein Canoe dort
unten landete -- ich dchte ich htte eine Stimme gehrt. Ren wird doch
nicht in dem Wetter zu Wasser kommen?

Unsinn sagte Bruder Ezra, rasch mit dem Kopf schttelnd und die Thr
zumachend -- wahrscheinlich ist es der Mann in seinem Cutter -- Cutter
liegt ja da gleich vor Anker. Wird nachsehn ob Alles in Richtigkeit ist,
wenn das Wetter vielleicht noch ordentlich losbricht.

Dort drauen geht Jemand rief aber Sadie, die nichtsdestoweniger ihre
Sinne zum Aeuersten angestrengt hatte, den geringsten Laut zu
erlauschen -- das ist Ren.

Possen, sagte der kleine Mann und suchte sie von der Thre
fortzuziehn, aber deutlich hrten sie in diesem Augenblick schwere
Tritte dicht unter ihrem Fenster hingehn, und es war als ob Jemand da
unten flstere.

Heiliger Gott, was geht da vor? sagte aber Sadie, sich entschlossen
von der Hand des kleinen Mitonare befreiend -- was hast Du, Mitonare
-- Du glhst und zitterst selber; welch Geheimni birgt die Nacht da
drauen?

Pu-de-ni-a -- es ist Nichts -- ist nicht viel sagte der kleine braune
Missionair und fing an sich vor lauter Verlegenheit bald an seinem
Frack, bald an seinen unteren Kleidern zu zupfen -- gute Freunde von --
keine guten Freunde von Wi-Wis -- aber nicht von _unserem_ Wi-Wi setzte
er rasch hinzu -- wollen sich -- wollen sich was in die Berge tragen,
da ihnen der Wi-Wi die Berge nicht auch wegnehmen kann.

Was in die Berge tragen? -- wie versteh' ich das? frug die Frau
erstaunt -- geschieht da etwas gegen die Gesetze?

Nicht gegen das dicke Buch! rief Mitonare schnell -- im Gegentheil,
das steht Alles darin; wir haben heute die ganze Geschichte abgelesen
-- ist Alles vorgeschrieben drinn.

Wer hat es abgelesen? flsterte Sadie leise.

Bruder Aue und noch viele andere Mnner.

Die Frau schauderte in sich zusammen, sie wute selber kaum warum, aber
die Angst um das was da drauen vorgehe, lie ihr auch keine Ruhe im
Haus drinn, und sie schritt der Thre zu, diese wieder zu ffnen.
Mitonare verhinderte sie daran.

Nein, nein Pu-de-ni-a sagte er rasch -- nicht hinaussehn jetzt --
brauchen gar nichts mit zu thun zu haben und was davon zu wissen wenn
Wi-Wi fragen. Sind im Haus gewesen und haben Nichts gesehen, wie sie
Gewehre in die Berge tragen.

Gewehre? frug Sadie rasch und erschreckt -- Waffen fr die
Eingebornen?

Mitonare schttelte erst wieder rasch mit dem Kopf, dann aber sich doch
besinnend da er nicht geradezu, als besonders abgeschickter Mitonare,
eine auffllige Lge sagen knne und drfe, hielt er mit Schtteln
pltzlich ein, sah Sadie einen Augenblick an und nickte dann eben so
krftig, und mit den Augen dazu verschmitzt blinzelnd, mit dem Kopf.

Und wei Ren davon? frug die Frau.

Der Wi-Wi? lachte aber Mitonare schon ber einen solchen Gedanken
gerad hinaus -- der Wi-Wi soll was davon wissen? aber Pu-de-ni-a --
Nein das ist gerad das Komische -- nehmen es durch sein eigen Haus und
er wei _nicht_!

Aber wenn er jetzt dazu kme und den Alarm gbe? frug die Frau,
ngstlich die Mglichkeit bedenkend da Ren die Hand nicht dazu bieten
wrde, seine eigenen Landsleute zu bekriegen.

Bah, bah lachte aber der Mitonare still in sich hinein -- der Wi-Wi
kommt jetzt nicht, gute Freunde haben dafr gesorgt -- haben ihn
eingeladen bis zehn Uhr -- nachher Alles vorbei -- kann nachher kommen
und sehn wie sie durch den Garten gelaufen sind. Sollen wir die Leute in
den Bergen ohne Gewehre lassen? setzte er dann entschieden hinzu, als
er sah wie die Frau unschlssig ihm gegenber stand und dem Gerusch
drauen horchte -- sollen sie Nichts haben womit sie die Bibel, ei
womit sie ihren eigenen Brodfruchtbaum vertheidigen knnen, wenn fremde
unverschmte Mnner ber das Wasser kommen und Brodfrucht mit Baum und
Garten und Umgegend gleich dazu nehmen? -- Bah -- soviel fr die Wi-Wis
-- sind ein paar gute darunter ja -- aber nicht viel; Kanaka mu was in
der Hand haben womit er sich wehren kann, sonst ziehen sie ihm die
Matten unter dem Rcken fort.

Und er hatte recht. Sadie selber, so sehr sie das auch vor dem Gatten zu
verbergen suchte, fhlte tief im Herzen die ihrem Vaterland widerfahrene
Schmach, ja begriff vielleicht mehr als irgend Einer ihrer Landsleute,
wie gedemthigt ihr Volk in den Augen aller anderen Nationen dastehen
msse, wenn es keinen Arm hebe, die erhaltene Beschimpfung zu rchen,
und gleichgltig und feige seine Flagge in den Staub treten lasse. Seine
_Flagge_? ein eignes, unsagbar schmerzliches Gefhl durchzuckte sie, als
sie der Tahitischen Flagge, als sie jener Stunde gedachte, und nicht den
Muth hatte sie gehabt, Ren danach zu fragen. Aber der Augenblick nahm
ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, jetzt gerade vergangener Zeit
gedenken zu knnen, und mit der Angst um Ren, was er thun, was er sagen
wrde wenn er erfhre was hier geschehn, mischte sich auch wieder ein
eignes stolzes, ja frohes Gefhl, da die Tahitischen Mnner nicht feige
die Speere fortwerfen und in die Berge fliehen, sondern dem Feind, der
ihr theuerstes Besitzthum angriff, herzhaft die Stirne bieten wollten.
Und der Erfolg? -- sie seufzte wenn sie daran dachte, aber die Berge
waren steil, die Schluchten der Insel eng, das Uferland im Verhltni
schmal und dicht zum Strand gedrngt; ein Haufen entschlossener Mnner,
nur einigermaen gut bewaffnet, konnte da schon einem weit zahlreicheren
Feinde die Spitze bieten. -- Aber Blut -- Blut sollte in diesen Thlern
flieen, in denen der Friede Gottes seit langen, langen Jahren ungestrt
geherrscht, und so im Recht die Ihren waren, ihr Vaterland zu
vertheidigen, und wenn es das Leben Tausender koste, so weh und
unheimlich war ihr das Gefhl dabei, jetzt selber an der Schwelle zu
stehn, von der Blut und Verderben ausgehen mute fr so Viele.

Und der Mitonare, der stille friedliche kleine Mitonare, der sonst in
seiner Bibel studirt, die Welt weiter nicht kannte, ihr Nichts bot, von
ihr Nichts verlangte, als das Versprechen einstiger Seligkeit, und _die_
selber frchtete, wenn er sich Mnner wie Bruder Aue und manche Andere
dabei als leitende herrschende Wesen dachte -- den kleinen friedlichen
Mann jetzt dabei betheiligt zu sehn Mordgewehre in stiller Nacht in die
Berge zu schaffen, dem Aufruhr gegen offene Gewalt die Hand zu bieten --
sie konnte es nicht fassen, nicht begreifen.

Aber Mitonare sagte sie tief aufseufzend, denn ein eigenthmliches
ngstliches Gefhl beklemmte ihr die Brust -- wenn die Mnner zu den
Waffen greifen, haben sie recht -- die jungen Leute eines Stammes haben
ihr Vaterland zu vertheidigen, denn Gott hat es ihnen gegeben als einen
Platz ihn anzubeten und Gutes darauf zu thun, und wird es ihnen
entrissen, so knnen sie die ihnen auferlegten Pflichten nicht mehr so
vollstndig erfllen. Anders ist es jedoch mit den _Lehrern_ eines
Volks, mit denen, die Gottes Wort, das Wort des Friedens und der Liebe
selber verkndigt haben, und noch verkndigen wollen; drfen diese das
Schwert auffassen und in den Kampf ziehn oder selbst die Waffen dem
Bruder in die Hand drcken und sagen: Da, gehe hin und erschlage die,
die Dich angegriffen haben? -- ach Mitonare, ich bin vielleicht nur eine
thrichte Frau, die sich mit unntzen, falschen Scrupeln und
Befrchtungen qult, aber mir ist doch so gar weh zu Muth, und ich wei
nicht ob Du recht thust, auch nur um etwas derartiges zu wissen. Vater
Osborne htte das nie gethan, und Christus hat nicht gewollt da wir
unsere Religion mit der Schrfe des Schwertes vertheidigen sollten.

Zu Christus sind auch keine Wi-Wis gekommen und haben ihm das Land
weggenommen, rief der Mitonare schnell -- Religion -- ja das ist
Alles recht schn und gut -- Religion ist ein sehr gutes Ding, wenn man
aber keinen Platz hat wo man sich hinsetzen und beten kann, hilft Einem
auch die Religion Nichts.

Sadie blickte erstaunt, erschreckt ihn an -- sprach das der kleine
gottesfrchtige Mitonare aus frherer Zeit, und waren nur wenige Jahre
im Stande gewesen, eine so merkwrdige gewaltige Vernderung mit seinem
ganzen Wesen und Charakter vorzunehmen?

Mi-to-na-re! rief sie bittend.

Ja Pu-de-ni-a, gutes Kind sagte der kleine Mann gerhrt, denn in dem
einen Wort lag die ganze alte Liebe und Zrtlichkeit frherer Zeit
-- Pudenia ist sehr gutes Kind, Mitonare ist aber anders geworden. Der
alte Mann auf Atiu, mit dem weien Bart sagte freilich man wrde nicht
anders, man wrde nur klug, wenn man das Alles einshe, und das ist auch
wohl vielleicht recht hbsch und nothwendig -- aber glcklich wird man
nun einmal nicht dabei.

Und wir _waren_ glcklich auf Atiu sagte Sadie, in stiller Wehmuth
seine Hand ergreifend.

Ja flsterte der kleine Mann pltzlich und ein anderer Geist kam
wieder ber ihn -- recht glcklich waren wir -- bis die Wi-Wis kamen
-- nicht der Eine, Pu-de-ni-a aber die Anderen -- bis die anderen
Priester kamen und uns sagten da wir unsere alten Gtter umsonst
verworfen und uns dem neuen Gotte zugewendet htten, bis sie uns sagten
da wir auch ohne das htten selig werden knnen, und nun nur beten
mten, recht viel beten, unsere Eltern aus dem heien Platz, aus dem
Fegefeuer, herauszuholen. Da wurden wir irr zuletzt, da wute man nicht
mehr welcher Pfad der rechte sei, und wenn uns alte Gewohnheit auch
wieder in alten Weg zurckgefhrt hatte -- es ist doch nicht mehr so wie
frher, wir sind lter geworden und -- ha -- was war das? -- Jemand ist
an der Thre.

Das wird Ren sein rief Sadie.

Die Klinke drauen wurde versucht.

Sadie -- ffne schnell! ich bin es, rief in dem Augenblick der junge
Franzose vor der Pforte, die Mitonares vorsichtige Hand verriegelt
hatte.

Segne mich sagte aber Bruder Ezra erschreckt, whrend Sadie rasch
hinzusprang dem Gatten zu ffnen -- warum kommt er nicht oben herein
von der Strae -- er mu sie gesehn haben.

Was geht hier vor? rief aber in diesem Augenblick Ren, sein Weib und
den Mitonare, die Beide bestrzt vor ihm standen, erstaunt ansehend.
Was sind das fr Leute hier im Garten und was tragen sie?

Was fr Leute? frug Mitonare, in einer noch unbestimmten Absicht dem
Wi-Wi die ganze Geschichte geradezu wegzuleugnen.

Was fr Leute? wiederholte Ren erstaunt -- habt Ihr denn Nichts
gehrt und dicht unter dem Fenster hier huschten die Gestalten vorbei?
-- wo ist mein Gewehr? ich mu sehn was hier vorgeht; die Wache von
nebenan wird auch gleich hier sein.

Die Wache? rief Bruder Ezra erschreckt -- was wei sie von hier?

Einer der Soldaten kam mit herber und sprang rasch zurck als wir die
verdchtigen Gestalten bemerkten, den Alarm zu geben.

Alle Wetter! rief aber der Mitonare, und in die Thr springend hielt
er die hohlen Hnde an den Mund, und stie einen zwar nicht sehr lauten,
aber doch weithin schallenden und ganz eigenthmlichen Schrei aus.

Was zum Teufel, Mitonare! schrie aber Ren auf ihn zuspringend und ihn
zurckziehend -- was soll das heien? Der kleine Bruder Ezra leistete
jedoch nicht den mindesten Widerstand; er schien Alles ausgefhrt zu
haben was er wollte, und setzte sich jetzt nur dicht zum Fenster auf
einen dort stehenden niederen Schemel -- mit den hohen Sthlen konnte
er sich nie befreunden und horchte, das Ohr an das Fenster gedrckt,
still und aufmerksam nach auen, als ob er irgend einen Erfolg hier
ruhig abzuwarten gedenke.

       *       *       *       *       *

Ren hatte Belards Haus in einer Stimmung verlassen, die ihn
gleichgltig gegen die Bahn machte die er einschlug, und eine halbe
Stunde wohl schritt er mit fest verschrnkten Armen in der dunklen und
jetzt fast menschenleeren Broomroad, die mitten durch die Stadt fhrte,
auf und ab. Die khle Nachtluft, die mit dem frisch einsetzenden
Westwind herberwehte, scheuchte das Fieber endlich von seiner Stirn und
machte ihn freier, ruhiger athmen. Er fhlte sich von einer Last befreit
die ihn bis dahin geqult und zu erdrcken gedroht hatte, und mit dem
Bewutsein Alles gethan zu haben was in seinen Krften stand, kehrte
auch Ruhe und Frieden in sein Herz zurck.

Das hher und hher steigende Wetter machte ihn endlich darauf
aufmerksam, da er die eigene Heimath suchen msse, wenn er nicht von
dem Sturm, den meist ein tchtiger Regen begleitete, berrascht werden
wollte. Auch Sadie hatte noch so Manches heut' Abend zu thun, und
sorgte und ngstigte sich gewi, wenn er lnger ausblieb.

Rasch, mit dem Gedanken, wandte er sich und trat den Heimweg an; es war
dicht vor dem Abendschu, und als er die Brcke erreichte, die schon
eine ziemliche Strecke auerhalb der Stadt, unterhalb Papetee ber einen
breiten jetzt aber seichten Bergstrom fhrte, hrte er wie eine Gruppe
von Eingeborenen im eifrigen Gesprch dort zusammenstand und jedenfalls
etwas hchst Wichtiges oder doch wenigstens Interessantes mitsammen
verhandelte, denn sie stritten laut und heftig aufeinander ein, und Ren
konnte schon von Weitem hren da ihre Debatte dem Betragen einzelner
ihrer Huptlinge, vorzglich Paofai und Hitoti gelte, die wie es schien
eine, den Insulanischen Interessen ganz entgegengesetzte Richtung
eingeschlagen, und sich der Franzsischen Parthei zugewandt hatten. Das
Fr und Wider wurde hier besonders debattirt und ganz vorzglich ob es
die Mnner aus Eigennutz oder, wie Andre behaupteten, dem Einflu der
Mitonare's entgegenzuarbeiten, gethan haben mchten. Alle waren aber
einig darber da es eine Schande fr Tahiti sei und die frommen
Mitonare's sehr krnken wrde, die sich mit solcher Aufopferung um ihr
Seelenheil bemht. Dann kamen Zornesreden auf die Wi-Wis --
Andeutungen ber sie herzufallen, wenn der heutige Streich gelnge,
und noch manche andere dunkle Worte die Ren, als er am Beginn der
Brcke stehn geblieben war den Stimmen zu lauschen, nicht genau verstand
-- in der That auch nicht verstehen wollte. Ihm lag jetzt mehr als je
daran, den fr ihn so fatalen Wirren in deren Mitte er gerade stand, zu
entgehn, und die Brcke betretend, schritt er rasch darber hin sein
Haus zu erreichen.

Wie sein Fu aber auf das Holz der Brcke trat, denn auf dem weichen
Grasboden vorher hatte man seine Schritte nicht so leicht hren knnen,
war die Unterhandlung drben zwischen den Eingeborenen wie mit einem
Schlage abgeschnitten; kein Laut lie sich mehr vernehmen, und so
berraschend schnell kam das Schweigen, da Ren wirklich einen
Augenblick zaudernd stehen blieb und hinber horchte.

An meinem besohlten Schritt auf den Planken haben sie gehrt da ich
ein Europer bin dachte er aber auch zu gleicher Zeit -- sie werden
frchten, behorcht zu sein und sich in das Dickicht gedrckt haben.
Meinetwegen, ich wre der Letzte der sie verrathen mchte, und ohne
selbst weiter an die Leute zu denken, noch sich nach ihnen umzuschauen,
schritt er rasch ber die ziemlich roh aufgefhrte und sehr schmale,
mehr stegartige Brcke hinber, und erreichte eben die andere Seite
der Uferbank, als er etwas neben sich regen sah, und sich auch in
demselben Augenblick von vier krftigen Mnnern gefat und umspannt
fhlte.

Widerstand war, wie er gleich fhlte, unmglich, denn er vermochte
keinen Arm zu rhren, sein erster Gedanke aber auch, da hier ein
Versehen statt gefunden habe und er fr einen anderen der Franzsischen
Officiere vielleicht gehalten wre. An dem verwundeten Arm aber, an dem
sie ihn so unsanft gepackt, thaten sie ihm weh und er sagte deshalb,
vollkommen ruhig, und zu dem gewandt der ihn dort hielt, auf Tahitisch:

Hab Acht Freund, Du drckst mich an der Schulter und ich habe dort eine
noch nicht ganz vernarbte Wunde -- la mich los, wir knnen ruhig mit
einander reden.

Aber nicht ganz los sagte der Eine, die Stimme war Ren jedoch fremd.

Und warum nicht? frug er dagegen, whrend der, der ihn an der
verwundeten Schulter gehalten, diese frei gab und seinen Arm nur noch
unten leise hielt -- was habt Ihr gegen _mich_? -- es ist doch wohl nur
ein Versehen, da Ihr _mich_ gerade angefallen habt.

Versehen? -- vielleicht sagte der Eine vorsichtig -- nicht viel zu
sehen hier berhaupt -- wie heit Du?

Ren Delavigne, und wohne schon ber Jahr und Tag hier in Mativai Bai
unten am Strand in dem kleinen Huschen, das Vater O-no-so-no frher
bewohnte.

Ist Alles in Ordnung sagte ein Anderer der Leute.

Nun dann lat mich wenigstens los, was wollt Ihr von mir?

Mssen Dich erst noch sprechen -- komm herein in das Haus hier -- thun
Dir Nichts sagte der Erste wieder.

Ich frchte Euch nicht, entgegnete trotzig der junge Franzose, habe
aber keine Lust mich von Euch hinschleppen zu lassen, wohin es Euch
beliebt.

Bist Du ein Freund von Kanaka? frug ein Dritter jetzt, der bis dahin
noch nicht gesprochen.

Wenn ich's _nicht_ wre htte ich schon um Hlfe gerufen, und Euch den
Franzsischen Posten auf den Leib gezogen, der kaum zweihundert Schritt
von hier entfernt auf der Strae liegt entgegnete mrrisch Ren.

Hm, wenn das lauter Beweis ist lautete die etwas miachtende Antwort
-- Schreien kann man einem Menschen wehren. Nein, komm mit uns hier
zum nchsten Haus -- gleich am Wasser dran -- wollen was mit Dir
sprechen.

Heut' Abend nicht, Freunde, ich habe Geschfte die mich eilig nach
Hause rufen sagte Ren ausweichend.

Deshalb gerade lachte der erste Sprecher -- komm Freund, Du _mut_ --
weit Du, dann kann man nicht anders.

Da hast Du recht, Kamerad erwiederte Ren, jetzt auch lchelnd ber
den praktischen Humor des Eingeborenen. Er sah auch wohl da ihn keine
Gefahr bedrohe, denn htte man ihm etwas zu Leide thun wollen, wre hier
ein eben so guter Platz dazu gewesen, als irgendwo anders -- aber _was_
wollte man von ihm? -- Gut sagte er nach kurzem Ueberlegen -- ich
will Euch folgen, aber dann mt Ihr mir auch versprechen, da Ihr mich
ungehindert wieder gehen lat; ich habe mein Weib allein zu Hause und
mu zu ihr.

Maitai, maitai riefen die Eingeborenen rasch und freudig, da sie sahen
da der Gefangene ihnen die Sache so leicht und bequem machte -- soll
Dir Nichts geschehn, Freund -- blos warten ein Bischen blos warten --
und ihn fhrend, ohne aber fr jetzt seine Arme noch frei zu geben,
gingen sie mit ihm ber die Strae hinber und am Bach hinauf, wo
etwa, zweihundert Schritt von der Brcke entfernt, ein kleines Dorf tief
versteckt zwischen Fruchtbumen und Palmen lag.

Ren folgte vollkommen geduldig, aus dem einzigen Grund aber nur, weil
er eins seiner Terzerole, gut geladen, in der Brusttasche trug, und sich
das Spiel nicht selber durch unzeitige Widersetzlichkeit verderben
wollte. So, anscheinend als gute Freunde, konnte er seine Zeit abwarten,
und bekam er erst einmal den rechten Arm nur auf wenige Secunden frei,
da er zu seiner Waffe gelangen konnte, dann lie sich eher mit den
Leuten sprechen. Eine Absicht hatten sie jedenfalls ihn hier
aufzuhalten, und eine ihm gnstige konnte es auch nicht sein, also je
eher er sich wieder frei machte, desto besser.

Rasch vorwrts schreitend hatten sie jetzt das erste Haus erreicht, und
die Thr ffnend, trat der Erste der Eingeborenen zurck, lie Ren's
Arm los und bat ihn hinein zu gehn -- er habe Nichts fr sich zu
frchten.

Ich frchte auch Nichts, Kamerad sagte der junge Mann, seinen rechten
Arm ausstreckend, den Sehnen wieder freies Spiel zu geben und die Hand
dann, wie nachlssig in den vorn halb zugeknpften Rock schiebend, aber
ich mchte Dich auch bitten mich jetzt wieder frei zu lassen, und da
etwas aus dem Weg zu gehn, sonst -- und er ri das Terzerol, das er
in demselben Augenblick spannte, aus der Tasche und hielt es dem
Eingeborenen entgegen -- mcht' ich genthigt sein, Gewalt mit Gewalt zu
vertreiben.

Ah? sagte der Insulaner ruhig, whrend sich die Andern etwas scheu
hinter ihn zurckzogen, er selber aber, ohne eine Miene zu verziehen, in
der Thr stehen blieb und auf das Terzerol sah -- hast Du so was auch
in der Tasche? -- htten eigentlich nachsehen sollen, denken aber immer
nicht an die kleinen Dinger; aber schadet Nichts -- schiet Du mich,
sind drei andere da, schneiden Dir Hals ab und werfen Dich in's Wasser.

Du nimmst's kaltbltig lachte Ren mit einem Blick den inneren Raum
der Htte berfliegend. Am andern Ende derselben saen fnf oder sechs
Frauen und Mdchen um eine hellflackernde Cocoslflamme, dort aber
konnte er keine Thr weiter erkennen, nur eine einzige starke Bambuswand
umzog das Haus, und er sah recht gut ein da hier nur ein rasches
entschiedenes Auftreten ihn retten oder sein Schicksal entscheiden
konnte.

Du hast recht Kamerad -- es knnte mir nicht viel helfen, wenn ich Dir
eine Kugel durch den Kopf jagte -- drei Andere wren noch da mich
aufzuhalten -- aber _Dir_ eben auch nicht. Ihr habt mich in aller
Stille hier aufgehoben und hierhergebracht, jedes auffllige Gerusch zu
vermeiden; ich aber verlange jetzt augenblicklich von Euch da Ihr mir
sagt was Ihr von mir wollt _oder_ -- ich gebrauche doch hier diese
Waffe, die mit donnerndem Mund durch die Nacht spricht und jedenfalls
Hlfe herbeiholt von meinen Landsleuten. Also was soll ich hier? und
weshalb habt Ihr mich hierher gebracht?

Die Insulaner, die keck vielleicht der Gefahr der Waffe getrotzt, hatten
in der That nicht an den Spektakel gedacht, den das kleine Ding machen
wrde, und den sie noch dazu mit von weit grerem Geschtz herrhrend
verwechselten; jedenfalls mute ihnen diese Drohung wichtiger als die
erste dnken, denn sie unterhielten sich rasch und eifrig miteinander,
ohne dabei jedoch ihren Gefangenen aus den Augen zu lassen.

Du willst nicht bei uns bleiben? frug der Eine ihn jetzt.

Gutwillig nicht -- Ihr sagt mir denn sonst weshalb.

Wieder steckten sie die Kpfe zusammen und die leise und flsternd
gefhrte Berathung war eigentlich von grerer Wichtigkeit fr Ren, als
er ihr vielleicht zutrauen mochte, denn es handelte sich dabei in der
That um nichts Geringeres, als sein Leben. Die angeborene Gutmthigkeit
der Stmme aber -- vielleicht auch die Vorsicht die sie bis jetzt
auffllig mit den Franzosen beobachtet hatten und die sie scheu einen
direkten Beginn der Feindseligkeiten vermeiden lie, weil sie wohl
fhlten wie sie auf einem Punkt standen, wo der erste Schlag, der erste
vergossene Blutstropfen das Signal zu einem Kampf werden mute auf Leben
und Tod, schien hier zu Ren's Gunsten zu sprechen.

Wir wollen Dir kein Leides thun sagte der eine Insulaner, der Einzige
der im Licht stand, dessen Zge ihm aber gar nicht bekannt waren, und
der von einem anderen Theil der Insel hergekommen sein mute -- unser
Zweck war nur Dich eine kurze Zeit bei uns zu behalten, wenn Du das
nicht willst magst Du gehn. Vorher mut Du aber zuerst mit uns zu Nacht
essen -- Du sollst nicht sagen knnen da wir Dich in eine unserer
Wohnungen gefhrt, und Dich hungrig wieder hinausgelassen haben.

Ren lachte laut auf ber die unverhoffte und wunderliche Einladung, und
doch lag aber auch wieder so viel Gutmthiges darin da er es,
vielleicht auch besorgt dabei keine Furcht sehen zu lassen, ihnen nicht
abschlagen mochte und konnte; das Terzerol aber noch immer gespannt in
der Hand forderte er dann von seinem freundlichen Wirth das
Versprechen, ihn augenblicklich nach eingenommenem Abendbrod ungehindert
ziehn zu lassen.

Ich verspreche Dir das sagte der Eingeborene, und zum Beweis da ich
Dir traue, wie Du mir trauen kannst, ist hier die Thr offen -- wir
halten Dich nicht mehr -- aber setzte er dann etwas leiser und mit
einem eigenen Ausdruck in der Stimme hinzu -- wenn Du Freund von Kanaka
bist, wirst Du's beweisen knnen heut'.

Gut denn lachte Ren, sein Terzerol sorglos in Ruh setzend und in die
Tasche zurckschiebend -- so kommt, meine Burschen, und Ihr sollt sehn
da ich Eurem Fisch und Poe oder was Ihr sonst haben mgt, Ehre mache.

Die Frauen, die sich beim ersten Eintreten der Mnner und den
feindlichen da gewechselten Worten und Drohungen scheu zurckgezogen
hatten in den entferntesten Theil der Htte, hrten jetzt kaum die
friedliche Wendung die Alles zu nehmen schien, als sie, freilich immer
noch schchtern, hervorkamen, und nur erst Leben gewannen, als ihnen die
Mnner zuriefen den Tisch zu decken. Schon bereit gehaltene Bltter
wurden augenblicklich auf die Erde ausgebreitet, wo schon Matten lagen
fr die Neugekommenen und von zwei hellen Cocoslflammen beleuchtet
saen die, die sich noch vor wenigen Minuten auf Leben und Tod
entgegengestanden und deren Leben an dem Gedanken des Einen oder Andern
gehangen, sich friedlich plaudernd gegenber, nur emsig eben bemht die
aufgetragenen Speisen zu beseitigen.

Und Ren war der Frhlichste unter ihnen; so wild und weh ihm noch kurz
vorher ums Herz gewesen, so vollkommen hatte das eben bestandene kleine
Abenteuer, wie das unvorbereitete romantische seiner ganzen Lage und
Umgebung, jeden trben Gedanken abgestreift von seinem Geist; das
leichte frhliche Blut, das seinem ganzen Krper jene unendliche und
nicht zu ertdtende Spannkraft verlieh, hatte wieder gesiegt und nur dem
Augenblick gab er sich hin in sorglosem Muth, der dem Morgen, was er
auch bringen mochte, keck und unbekmmert ins Auge sah.

Nichtsdestoweniger zgerte er nicht lnger, als er nothwendig brauchte
sein Abendbrod zu verzehren; an einem der noch aufgehuften reinen
Hibiscusbltter trocknete er sich Mund und Finger, und erklrte jetzt,
aufstehend, den Heimweg antreten zu wollen. Fast wider sein Erwarten,
denn er war nicht immer gewohnt bei den _civilisirten_ Indianern Treu
und Glauben zu finden, hinderte ihn Niemand daran, sein Wirth selber
ffnete ihm freundlich und lchelnd die Thr, und nach herzlichem
Abschied, als ob er hier alte Freunde gesucht und gefunden, und nicht
als Gefangener vor kaum einer halben Stunde diese Schwelle betreten
htte, verlie er das Bambushaus -- kopfschttelnd dabei, was das
rthselhafte Betragen der Eingebornen, ihm gegenber, zu bedeuten
gehabt.

Kaum aber fhlte er den gebahnten Weg wieder unter sich, zu dem er sich,
am Ufer des Baches nieder, hatte hinunterfhlen mssen, als er so rasch
den Heimweg antrat, als ihn seine Fe tragen wollten. Weshalb hatten
ihn die Insulaner aufgehalten? und stand das am Ende gar in irgend einer
Verbindung mit der eigenen Heimath? Es war ihm ein unheimliches fatales
Gefhl, und das gespannte Terzerol in der Hand, einem etwaigen neuen
Angriff nicht wieder so blind zum Opfer zu fallen, lief er mehr als er
ging, den, zwar sehr betretenen, aber doch schmalen und dunklen Pfad
entlang, der ihn zuerst durch einen stattlichen Palmenhain und dann
durch den noch dsterern Grund eines mit Wi- und Mapebumen besetzten
Thales fhrte. Mit diesem Thal nherte er sich aber mehr und mehr dem
eigenen Haus, dessen Licht er nun schon bald hoffte durch die Bsche
schimmern zu sehn, als er pltzlich durch ein etwas barsches und gar
nicht weit entferntes ~Qui vive!~ fast erschreckt und in seiner Bahn
gehemmt wurde.

Hallo Kamerad sagte er aber lachend, sobald er die Antwort gegeben und
durch den hier so dicht bei seinem Haus aufgestellten Posten auch jetzt
so weit beruhigt war, da dort nichts Auerordentliches konnte
vorgefallen sein -- Ihr liegt ja hier frmlich im Hinterhalt und
knntet nervsen Personen den Tod einjagen vor Schreck, wenn sie so
pltzlich angeschrien wrden; aber lieb ist mir's da ich Euch hier
finde.

Habt Ihr irgend etwas gesehn? frug der Soldat rasch.

Gesehn? -- nein sagte Ren nach kurzem Bedenken, er wollte nicht als
Anklger gegen die sich auch doch nur ihrer Haut wehrenden Eingebornen
auftreten, aber pat gut auf, Kamerad -- Ihr habt es mit listigen und
der Waldwege gewohnten Burschen zu thun, wenn sie ja etwas unternehmen
sollten in spterer Zeit.

Hat Nichts zu sagen lachte der junge Soldat, meine Augen sind frisch,
Kamerad, und mein Gehr so scharf wie das ihre wohl, so leicht entgeht
mir Nichts -- aber, Kamerad, Ihr knntet uns hier auf der Wacht einen
gewaltigen Freundschaftsdienst erweisen, wenn Ihr's nmlich bei Euch
fhrt.

Und das wre? von Herzen gern wenn ich's kann.

Wir sind hier vier Mann im Haus, ohne den einen, der hinunter an den
Strand postirt ist, sein Auge auf dem Wasser zu halten, und haben nicht
eine Pfeife voll Taback zwischen uns -- alle fnf -- wenn Ihr nur die
geringste Quantitt --

Nicht die Idee, Kamerad, in der Tasche gerade, sagte Ren freundlich,
aber ein ganzes Pfund dicht daneben in dem Haus da, wo ich wohne. Wollt
Ihr die paar Schritt mit mir hinbergehn, steht er Euch gern zu
Diensten.

Ich selber darf nicht vom Posten rief der Soldat frhlich, aber ich
geb' Euch einen meiner Kameraden mit; Gott sei Dank, da ist doch
Aussicht auf eine Pfeife -- und rasch der vielleicht zwanzig Schritt
vom Weg abliegenden Bambushtte zueilend rief er von dort einen der da
drin auf der Matte schon faul ausgestreckten Soldaten heraus, den
Landsmann zu begleiten und die freundliche Gabe in Empfang zu nehmen.

Ren war der Schildwacht bis zum Haus gefolgt, denn von dort schnitt ein
ihm wohlbekannter, etwas nherer schmaler Fupfad durch ein weites
unbebautes und mit hohen Cocospalmen bewachsenes Grundstck nach seinem
eigenen Garten hinber, der von hier kaum mehr wie fnf- oder
sechshundert Schritt entfernt lag, und wohin ihn jetzt der junge
Franzsische Soldat, ohne es selbst der Mhe werth zu halten sein Gewehr
mitzunehmen, begleitete. Die Insulaner hatten sich bis jetzt nicht
allein so friedlich, nein wirklich freundlich gegen sie gezeigt, da
keiner der Soldaten an einen Zusammensto mit ihnen auch nur dachte.
All' diese Vorsichtsmaregeln, besonders die am Strand hin aufgestellten
einzelnen Posten galten auch keineswegs den Eingebornen, sondern sollten
einzig und allein dazu dienen die Mannschaft der im Hafen liegenden
fremden Schiffe zu verhindern an heimlichen Stellen zu landen und die
Eingeborenen, was man besonders von den Englndern frchtete, nicht
allein gegen die neuen Herren des Landes aufzuhetzen, sondern ihnen auch
Waffen und den fast fr den Frieden der Kste ebenso gefhrlichen
Branntwein zuzufhren.

Rasch und schweigend, Ren voran, waren sie den Pfad entlang
geschritten, der hier zu schmal zwischen dem dicht aufwuchernden Unkraut
hinlief, zweien neben einander Raum zu geben, und Ren hatte eben die
Einfriedigung erreicht die ihn von seinem Garten trennte, und die Hand
darauf gelegt hinber zu steigen, als er sich etwas darin regen sah, und
gleich darauf eine Gestalt zu erkennen glaubte, die mit irgend einer
schweren Last, rasch aber geruschlos vom Strande aufwrts, dicht unter
den Fenstern seines eigenen Hauses hin, der Strae zuschritt. Nun lag
allerdings der kleine Cutter unten vor Anker, in dem er sich morgen
einzuschiffen gedachte, aber er hatte noch Nichts von seinen Sachen
eingeladen, also auch dort keine Diebe zu frchten; berdies schlief
einer der Eingebornen als Wchter darin. Was aber wollten die Leute da?
-- was trugen sie?

Was ist da? flsterte jetzt der Soldat hinter ihm, der noch Nichts
sehen konnte, aber ein Gerusch zu hren glaubte, irgend etwas
Verdchtiges?

Verdchtiges? -- ja flsterte Ren zurck -- ich kann nur noch nicht
recht daraus klug werden -- bst -- sagte er pltzlich, den Arm des
Soldaten fassend, da kommt noch Einer. Dieser glitt etwas weiter nach
vorn, und deutlich konnten sie erkennen, da hier im Dunkel der Nacht
irgend etwas ausgefhrt wurde, das das Licht zu scheuen hatte. Bei ihm
im Hause brannte die Lampe, aber sein Weib schien keine Ahnung von dem
zu haben was unter ihrem Fenster vorging, und wenn auch Ren nicht
glaubte da gerade irgend etwas Feindliches gegen ihn selber
beabsichtigt wre, sah das Ganze doch viel zu unheimlich aus, ihm hier
drauen Ruhe zu lassen. Dem Soldaten also zuflsternd da er
hinberspringen wolle sein Gewehr zu holen, um nachher bewaffnet zu
untersuchen was hier vorgehe, benutzte er den Augenblick, wo der
letzte Trger hinter dem Haus verschwunden war, stieg leise ber die
Fenz, und glitt rasch und geruschlos seiner Hausthr zu, whrend der
Soldat noch eine Minute etwa auf der Lauer blieb und sich erst dann, als
er wieder Schritte vom Wasser herauf hrte, so still wie er konnte
zurckzog, die Mannschaft der kleinen Wache, die unbegreiflicher Weise
noch nicht von dem doch zu diesem Zweck unten aufgestellten Posten
alarmirt worden war, herbei zu holen.

       *       *       *       *       *

An Bord der Kitty Clover hatte an diesem Tag, wenn auch nur unter Deck,
eine besondere Thtigkeit geherrscht mit Klopfen und Hmmern, obgleich,
wer das alte schmutzige Fahrzeug von auen sah, das kaum htte vermuthen
drfen. An Deck trieben sich ein paar Matrosen schlfrig herum, oder
stiegen langsam in das Takelwerk hinauf, hie und da ein Tau nachzusehn
oder eine zersprengte Weveling[F] auszubessern, hchst aufmerksam jedoch
stets signalisirend, wenn ein Canoe oder Boot dem Schiff zu nah kam, wo
dann jedesmal das Klopfen und Hmmern in seinem Bauch schwieg, und Mac
Rally vielleicht selber seine steile Cajtstreppe aufkletterte,
nachzusehn was die Strung oben verursacht htte.

    [F] Die Querseile an den Wanten, die zu Strickleitern dienen.

Mit Sonnenuntergang kam etwas regeres Leben an Deck -- die Leute
beschftigten sich mit einem der zur Vorsorge mitgenommenen und ber dem
Hinterdeck auf einem besonders dazu hergerichteten Gestell gehaltenen
Boote, und nahmen es mehr nach vorn, etwa midschips, um es nachzusehn.
Hoch postirt aber und lngs der Schanzkleidung hin an Backbordseit,
diente es zugleich dazu den weiter in der Bai liegenden Schiffen die
Aussicht auf sein Deck, die berdies in der rasch einbrechenden
Dunkelheit unsicher wurde, vollkommen zu versperren; auch nach Land zu
war ein Ueberblick an Deck durch dort, wie zufllig, aufgehangene
Matrosenwsche theils, theils durch ein altes Segel, versperrt, und vier
Fsser waren unter dieser Schutz an Deck geschafft worden und mit Tauen
umwunden, um, sobald die Nacht vollstndig eingebrochen sei, ber Bord
gelassen zu werden.

Eine gnstigere Nacht htte sich Mac Rally aber auch gar nicht zu seinem
von O'Flannagan angegebenen Unternehmen wnschen knnen, das in nichts
Geringerem bestand als zweihundert Stck Gewehre mit der nthigen
Munition, wie eben so viele Sbel, an den durch den Iren selber
bestimmten Ort zu schaffen. Da man aber wute da die Kste an diesem
Abend schon scharf bewacht wurde, und ein hoch aus dem Wasser gehendes
Boot kaum unbemerkt htte durchkommen knnen, waren die Waffen in
gewhnliche Thranfsser mit hlzernen Reifen frmlich verspuntet worden,
und die Fsser selber mit ihrer Fracht eben nur so weit belastet, da
sie im Wasser, kaum drei oder vier Zoll ber die Oberflche vorragend,
schwammen. Mit der Ebbe war dabei nichts weiter nthig als sie zu
steuern, wozu ihnen vier, schon an Bord befindliche Indianer mitgegeben
waren, die sie ebenfalls schwimmend begleiten muten. Mit einbrechender
Nacht konnte dies wunderliche Flo, das sich in der That nur durch einen
ganz schmalen schwarzen Streifen von der es umgebenden Wasserflche
unterschied, unmglich vom Ufer aus, von dem es schon durch die Korallen
auf etwa hundert und funfzig Schritt abgehalten wurde, erkannt werden.
Mit der Lokalitt genau bekannt, war auch keine Gefahr da, da die
Landenden vorher bemerkt wurden, wenn nur Jemand an Land die
Aufmerksamkeit der dicht bei der eigentlichen Landung stationirten
Schildwacht ablenken wollte, und der dort wohnende Franzose, durch
dessen Garten die Fracht geschafft werden mute, entfernt oder fr ihr
Unternehmen gewonnen werden konnte. Das erstere hatte O'Flannagan
selber, das zweite Mr. Noughton -- wie er sagte _durch seine
Freunde_ -- bernommen.

Es war gerade mit Sonnenuntergang, der in diesen Breiten ziemlich
regelmig um sechs Uhr das ganze Jahr hindurch einfllt, und der am
Strand eben abgelste Posten schritt, sein Gewehr im Arm, langsam auf
der harten sandigen Flche auf und ab. Mitrauisch wohl manchmal nach
Westen hinberschauend, wo ber den scharfzackigen Kuppen von Imoe
schwarze dstere Wolkenschleier aufstiegen, hinter denen die Sonne schon
eine ganze Weile verschwunden war, fesselte das ihn umgebende
prachtvolle Schauspiel der Riffe doch weit mehr seine Aufmerksamkeit,
und nicht satt sehen konnte er sich an den weien schumenden Massen,
die in dumpfem Brausen, wenn auch zurckgeschlagen, immer auf's Neue mit
ungeschwchtem Muth zum Kampfe eilten und ihre blitzenden schneeigen
Kronen dem Feind in's Antlitz schleuderten. Dazu die wehenden Palmen
ber sich, der herrliche Duft der aus den etwas rauh geschttelten
Blthen der Orangen und Wi's zu ihm herberwehte, das leise Pltschern
des kaum erregten Binnenwassers auf dem harten Sand, wie die Fluth fiel
und das Wasser weiter und weiter nach See zurckwich -- es war ihm froh
und leicht um's Herz, und fast vergessend da er hier eigentlich her
postirt war in dies Paradies, als ein fremder dahinein gar nicht
gehrender, feindlicher Krper, summte er sich doch ein munteres Lied
und athmete die khle wrzige Luft ein -- der Brust ein herrliches
Gefhl nach dem schwlen dumpfigen Tag.

In jenen Lndern kennt man die Dmmerung kaum; der letzte Gluthenstreif
der Sonne ist eben hinter dem Horizont verschwunden, und im Osten treten
schon die Sterne sichtbar vor; heller und heller blitzen sie uns, wie es
scheint fast die Nachbarlichter an dem eigenen Strahl entzndend, weiter
und weiter der Sonne nach, und mehr und mehr Kraft gewinnend wie sie
oben stehn; -- so nicht fnfzehn Minuten spter hllt wirkliche Nacht
die Erde ein, whrend noch der hellere Streif im Westen die Stelle
kndet wo die Sonne kaum verschwunden.

In der kurzen Dmmerung die dem scheidenden Tage folgte, war es, als ein
Seemann, wenigstens der Kleidung nach, mit einem kleinen, in ein
rothseidenes Tuch eingeknpften Bndel am Strande suchend heraufkam, und
seine Aufmerksamkeit ganz auf das Wasser gerichtet hielt, als ob er von
dort her irgend Jemand erwarte. Die Schildwacht hatte ihn zuerst bemerkt
als er ber den benachbarten Gartenzaun sprang, aber wenig weiter auf
ihn geachtet. Die Matrosen der verschiedenen Schiffe, besonders der
Englischen, streiften in der ganzen Nachbarschaft umher und muten doch
alle mit dem um acht Uhr gefeuerten Abendschu Papetee wieder verlassen
haben, an Bord ihrer verschiedenen Schiffe zurckgekehrt zu sein; es war
Zeit da der Mann dorthin aufbrach, er verpate sonst die Stunde, und
konnte vielleicht die Nacht, statt in seiner bequemen Hngematte, in dem
Franzsischen Wachthaus zubringen -- eine Abkhlung fr die Freuden des
Tages.

Der Matrose schien aber gar nicht direkt nach Papetee zurckzuwollen,
denn langsam am Ufer hinschlendernd, wobei er sich der Schildwacht mehr
und mehr nherte, blieb er manchmal stehn und erwartete jedenfalls ein
Boot von See her, das vielleicht versprochen hatte ihn hier abzuholen.
So wenigstens erklrte sich die Schildwacht die Bewegungen des Mannes.

Endlich mute dieser -- und es war fast dunkel indessen geworden -- zu
einem andern Entschlu gekommen sein; er stampfte erst ein paar Mal, wie
rgerlich und ungeduldig mit dem Fu, und schritt dann, dabei alle
mglichen Englischen Flche in den Bart murmelnd, gerade auf den
Franzosen zu, der jetzt, da ihm die Fernsicht doch durch die
einbrechende Dunkelheit genommen war, sich gegen ihn wandte, zu sehen
was der Bursche von ihm wolle.

Hallo Mate[G] redete er den Soldaten in breitem Irisch an, als er in
Sprachnhe etwa herangekommen -- kein Boot gesehen hier, seit Du da
stehst und die Muskete spazieren trgst?

    [G] Kamerad.

~Je ne comprends pas, camarade~ lachte der Franzose, mit dem Kopf
schttelnd.

Wer ist todt? frug der Ire, mit komischem Ernst den Franzosen erstaunt
ansehend.

~Je ne comprends pas -- rien du tout -- notting!~ erwiederte aber die
Wacht halb mrrisch ber die wiederholte Frage, und das einzige
Englische Wort verunstaltend, das sie vielleicht konnte -- geh hinunter
nach Papetee -- bis Du hinunter kommen kannst wird der Abendschu
gefeuert, und nachher sitzest Du da.

Ahem nickte der Ire, der nicht eine Sylbe von dem Allen verstand --
er wird's wohl nicht haben ndern knnen. Aber verdammt, das ist
langweilige Arbeit, wenn der Bursche auch kein Wort Englisch versteht --
wie mach' ich ihm da begreiflich was ich will -- ist doch horndummes
Volk die Wi-Wis.

~Prenez garde!~ rief der Posten drohend, der die letzten nur zu gut
gekannten Sylben wohl verstanden hatte, und sich denken konnte da der
Fremde rgerlich darber sei sich nicht ausdrcken zu knnen und fr
sich schimpfe -- wahr' Dich wie Du das Wort hier brauchst Kamerad.

Dann versteht Ihr vielleicht die Landessprache rief Jim O'Flannagan,
denn er war es, jetzt rasch -- auf Tahitisch wr' es wenigstens eine
Aushlfe.

Tahitisch nicht gerade antwortete der Franzose ihm in einem anderen,
aber doch verstndlichen Dialekt -- ich bin fast ein Jahr auf den
Marquesas-Inseln gewesen, und es hat Aehnlichkeit -- aber was wollt
Ihr?

Mein Boot, Mate brummte der Ire, mein Kamerad hat versprochen mich
hier abzuholen, und jetzt lt er mich sitzen.

Nebenan ist heute ein Canoe angefahren sagte der Franzose.

Hol' die Canoe's der Teufel knurrte Jim -- wenn man am festesten
sitzt, klappen sie um manchmal, wie die Taschenmesser -- nein eine
ordentliche regulre Schiffsjlle mit rothem Segel -- nichts gesehn,
Kamerad?

Nicht die Probe.

Verflucht brummte der Ire, aber kommen _mu_ er noch, denn er darf
nicht ohne mich an Bord zurck -- Wollt Ihr mir einen Gefallen thun,
Kamerad?

Und der wre?

Wollt Ihr mir erlauben mein klein Bndel hier einen Augenblick
herzulegen? ich traue dem rothen Gesindel nicht recht, ich habe Geld
d'rin.

Warum nimmst Du's nicht lieber mit? frug der Posten.

Ich mu doch hierher wieder zurck, wenigstens noch einmal nachzusehn
ob das Boot nicht kommt -- nachher geh' ich die Strae hinunter in die
Stadt.

Und kommst zu spt zum Abfahren.

Bin bekannt dort lachte der Andere -- im schlimmsten Fall find' ich
Nachtquartier -- ich bin gleich wieder unten, und ohne eine halbe
Einwendung des Franzosen dagegen weiter zu hren, legte er sein Bndel
gleich neben den Stamm einer dicht am Strand stehenden Palme, deren
faserige Wurzeln von dem Wellenschlag vollkommen blo gesplt waren, und
schritt in das Gebsch hinein, das dort allerdings der Strae zufhrte.

Diable brummte aber auch seinerseits der Posten, giebt einem da
Auftrge ohne weitere Umstnde -- werde mich aber verwnscht wenig um
sein Tuch kmmern. Boot? -- ein Boot darf mir jetzt gar nicht mehr
landen nach Dunkelwerden; verdammt unverschmtes Volk diese Englischen
Matrosen. Und wie den Aerger zu verjagen setzte er pfeifend wieder
seine Wandrung am Strande auf und nieder fort.

Jim war aber nicht nach der Strae hinaufgegangen, sondern mit jedem
Fubreit Boden, den er den Tag ber genau recognoscirt, vollkommen
vertraut, in den Bschen, zwischen dem Posten und der oben aufgestellten
Wache durchgeschlichen, und einer etwas weiter oben auslaufenden
Korallenspitze zugeeilt, wo man allerdings, der fast bis an die
Oberflche reichenden Korallen wegen mit einem Boote nicht landen, die
schmale Durchfahrt aber innerhalb der Riffe, desto besser bersehen
konnte. Dort lag er, bis er vom Wasser aus das verabredete Zeichen der
vorbeitreibenden Fsser erhielt, deren dunkle Umrisse er von hier aus
kaum im Stande war zu unterscheiden. Unten, wo der Posten stand, trieben
sie so viel weiter vorber, und eine Entdeckung war deshalb kaum zu
frchten, sobald nur das Ausladen geruschlos genug betrieben wurde.

Vollkommen befriedigt ber das was er gesehn, lag er noch einige Minuten
still, das eigenthmliche Flo mit seinen dunklen Geleitern erst etwa in
einer Hhe mit der Schildwacht zu lassen, kroch dann den Weg den er
gekommen zurck, und ging nun, in den Bschen wieder angelangt, und
durch diese mit einigen halblauten, fr das Ohr des Posten bestimmten
Flchen durchbrechend, gerade wieder auf die Palme zu wo sein Bndel
lag.

Kein Boot gekommen? frug er hier, dicht bei dem Franzsischen Soldaten
stehn bleibend, nahm dabei eine Cigarre aus der Tasche, schlug mit Stein
und Stahl Feuer und zndete sie an.

Nein sagte der Soldat, dem der Tabacksqualm gut roch, der aber den
Englnder nicht deshalb anreden mochte -- jetzt wr's auch zu spt, ich
drft' es gar nicht mehr an's Ufer lassen.

So hol's der Bse, ich komme auch ohne es an Bord -- eine Cigarre
Kamerad?

Er hielt ihm die Cigarren hin und horchte dabei nach dem Wasser hinber;
sein scharfes Ohr hatte von dorther ein Gerusch entdeckt.

Danke sagte der Franzose, die Cigarre nehmend und an der des Iren
entzndend -- Taback -- schmeckt -- prchtig -- wenn -- man --

Hat sie keine Luft?

Danke -- geht schon -- wenn man ihn lange nicht gehabt hat -- so,
danke.

Hm sagte der Ire, sein Bndel wieder aufnehmend, er that dabei langsam
ein paar Schritte an der Wache vorbei und blieb dann wieder stehn.

Gute Nacht Kamerad sagte der Franzose.

Gute Nacht -- hm, ja -- gute Nacht Mate entgegnete Jim -- das Flo
htte jetzt schon gut an Ort und Stelle sein knnen, und doch war's ihm
immer, als ob er ein verdchtiges Gerusch gerade gegenber auf dem
Wasser hre; hinaushorchen durfte er aber auch nicht, sonst wre der
Posten ebenfalls darauf aufmerksam geworden. Er _mute_ noch einen
Augenblick zgern, und drckte sein Cigarrenfeuer zwischen den Fingern
aus, that dann ein paar Schritte, blieb stehn, zog wieder, und wollte
eben zurckgehn den Mann wieder um Feuer zu bitten, als dieser sagte:

Da drauen wird Euer Boot kommen -- mir war als ob ich etwas auf dem
Wasser hrte.

Das wre der Teufel brummte Jim in Englisch, setzte dann aber sogleich
auf Tahitisch hinzu: wrden jetzt schwerlich glauben da ich noch hier
bin -- wird wohl ein Fisch gewesen sein.

Der Soldat horchte.

Drft' ich Euch jetzt noch einmal um Feuer bitten sagte Jim wieder zu
ihm tretend.

Gern -- wahrhaftig da war wieder etwas.

Es sind hier viel Purpoisen im Wasser und machen dann immer einen
merkwrdigen Spektakel.

Das war kaum ein Fisch sagte der Soldat, jetzt vollstndig alarmirt
und sich niederkauernd, besser ber die Flche sehn zu knnen, ob er
nicht doch vielleicht durch die Dunkelheit irgend etwas entdecke
-- mte mich sehr irren, wenn das nicht wie eine Menschenstimme klang.

Vielleicht Fischer die noch drauen sind sagte der Ire, sich jetzt
ebenfalls niederkauernd, dem was man hrte Form abzugewinnen, in der
That aber dem Soldaten, falls dieser wirklich laut werden wollte, so nah
als mglich zu sein.

Ruft doch einmal Euer Boot an sagte jetzt der Soldat zu Jim, da
werden wir gleich sehen wer drauen ist.

Das war allerdings richtig, aber daran lag dem Iren Nichts hier Lrm,
und die Soldaten an der Strae nur ebenfalls aufmerksam zu machen.

Es kann das Boot nicht mehr sein brummte er kopfschttelnd.

Diable murmelte der Franzose, ich glaube wahrhaftig ich sehe dort
etwas auf dem Wasser -- ruf Kamerad, ich _mu_ wissen was da drauen
ist.

Jim konnte sich nicht lnger weigern und die Hnde trichterfrmig an den
Mund haltend, da der Schall so wenig wie mglich rckwrts ginge, rief
er mit keineswegs lauter, dumpf klingender Stimme:

Boot ahoy!

Keine Antwort erfolgte.

Lauter! sagte der Soldat.

Boot ahoy rief Jim noch einmal, ohne da sich von drauen irgend etwas
als Antwort hren lie; ja es schien eher als ob der Laut das da drben,
was es nun auch gewesen, zurckgescheucht habe in die Tiefe, aus der es
vielleicht gekommen.

Du rufst gerade als wenn man in einen Topf spricht brummte der Soldat
-- das kann man ja nicht auf fnf Schritt hren.

Ich bin heiser sagte Jim -- aber es war auch jedenfalls ein Fisch --
jetzt ist Alles wieder todtenstill.

Vielleicht -- vielleicht auch nicht, -- da ist's wieder! ~qui vive!~
rief er dann mit lautem, kurz abgestoenem Ton ber das Wasser hinber,
Teufel wenn Du mir da drben nicht antwortest, schick' ich Dir eine
Kugel hinber.

Jim hatte die rechte Hand in seiner Tasche und stand lautlos nicht zwei
Schritt von dem Franzosen, er sah sich scheu und rasch um, und die linke
Hand fate wie krampfhaft das Bndel das sie trug.

Wenn Ihr denn da drben nicht antworten wollt, so tragt auch die
Folgen brummte der Soldat vor sich hin und spannte den Hahn -- Jim
stand dicht hinter ihm, seine rechte Hand hob sich und als er sie
senkte rasselte das Gewehr auf den Sand nieder, und der Krper des
unglcklichen Franzosen brach lautlos zusammen.

Hast's nicht anders haben wollen sagte der Mrder dumpf vor sich hin
und beugte sich zu seinem Opfer nieder. Unwillkrlich hatte er dabei in
seiner Tasche nach etwas gesucht -- er zog aber die Hand wieder zurck
und lchelte unheimlich: er braucht keinen Knebel mehr; 's giebt doch
nichts besseres auf der Welt als solche Schlingenkugel fr derlei Arbeit
-- was fr einen sanften Tod der Schuft gestorben ist. Aber nun Kamerad,
Dein Gewehr und Patrontasche -- das Seitengewehr hilft Dir auch nichts
mehr, und hier oben knnen wir's vielleicht brauchen.

Rasch hatte er dem Ermordeten die Waffen abgenommen, dann noch einen
Augenblick nach dem Wasser hinberhorchend zog er die Leiche unter einen
Busch, wo sie wenigstens nicht vor Tag entdeckt werden konnte, griff
sein Tuch und die erbeuteten Waffen auf, und glitt am Strande hin der
Stelle zu wo der kleine Cutter vor Anker lag und das Flo mit den Waffen
ebenfalls anlegen sollte. Den Boden stampfte er aber vor Wuth, als noch
keine Spur von den versprochenen Fssern sichtbar war, und die kostbare
Zeit verflo inde in unverantwortlichem Warten. Schon wollte er wieder
zurck am Strande, ob er weiter oben Nichts erkennen knne, als ein
leiser leiser Pfiff, mehr wie das Zischen eines Seevogels, vom Wasser
herbertnte.

Endlich knurrte der Seemann, die Zhne fest zusammenbeiend und wie er
den Ruf kaum, eben so vorsichtig, beantwortet, kam auch schon im
Fahrwasser das lange Flo mit den Schwimmern heran. Wo zum Teufel habt
Ihr so ewig lang gesteckt? fluchte hier Jim ihnen entgegen, glaubt Ihr
da sie uns die ganze Nacht Raum zu unserer Arbeit geben werden?

Wir saen da drben auf einer Koralle und konnten nicht wieder
loskommen sagte Einer der Eingebornen.

Und habt einen Skandal gemacht, da man's htte in Papetee hren
knnen zrnte der Ire.

Hat die Schildwacht 'was gemerkt?

Euere Schuld wr's nicht, wenn sie's htte -- aber jetzt fort, heran
hier mit dem Fa, und nicht lnger geschwatzt -- habt Ihr die Sge mit?
-- so hier, nun sgt die Reifen vorsichtig durch -- halt ich will das
selber thun -- herauf mit dem Fa hier, und Du mein Bursche lufst ber
den Weg hinauf und holst die Leute herunter die dort versteckt liegen --
Rasch mit Dir, sie sollen Alle kommen, wir mssen die Fracht in Zeit von
einer Stunde wenigstens im Busch drinn haben; dort bleibt uns dann die
ganze brige Nacht, sie aus dem Weg zu schaffen.

Der Insulaner schlich sich rasch am Haus hinauf und kehrte bald darauf
mit einer Anzahl seiner Landsleute zurck, die schon ungeduldig genug
darauf gewartet hatten abgerufen zu werden, Jim aber sgte indessen mit
einer seinen scharfen, besonders dazu hergerichteten Sge die hlzernen
Reifen der Fsser durch, diese zu ffnen, und reichte die schon in
tragbare Pakete eingeschnrten Gewehre, wie die kleinen Fchen Pulver
rasch hinter einander hinaus. Blei befand sich schon genug an Land, was
frher zu anderen Zwecken bestimmt gewesen. Vier Fsser waren solcher
Art in unglaublich kurzer Zeit aufs Trockene gewlzt, geffnet und
geleert worden, und selbst von dem fnften hatte Jim schon die Reifen
herunter, die Dauben mit Hlfe von ein paar Insulanern sorgfltig
auseinander genommen, und angefangen die Pakete herauszureichen, mit
denen zwei augenblicklich nach oben liefen, als sie den zurckkehrenden
Ren ber den freien Platz gleiten und in das Haus verschwinden sahen.
Einer der Indianer sprang rasch zurck, dem Iren die unwillkommene
Ankunft zu melden, dieser aber lie sich nicht irre machen und betrieb
das Ausladen nur um so schrfer.

Fort mit Euch -- fort. flsterte er rasch und leise -- in zehn
Minuten knnen wir mit unserer ganzen Sache in Sicherheit sein und dann
mgen sie kommen und spioniren; in die Guiaven folgt uns doch so leicht
Keiner hinein. Hier meine Jungen, auf mit Euch und davon -- was steht
Ihr da? -- die Thr? -- fort mit Euch -- so lange das Zeichen nicht -- ha
Teufel! unterbrach er sich rasch, als da Mitonares langgezogener
Warnungsruf zu ihm niederschallte, da ist wirklich Noth an Mann.

Sollen wir noch gerad hinauf? frug ihn Einer der Leute, der seine Last
schon auf den Schultern trug.

Nein, hier rechts hinein rief Jim rasch, in des Franzosen Haus da
neben an ist auch Niemand daheim, und die Fenz hier unten am Wasser hab'
ich schon niedergebrochen. Dort hinber und dann gerade hinauf in die
Guiaven. Hier noch ein Pack. Pest, wenn nur noch zwei Leute unten wren;
fort -- macht da Ihr fortkommt -- um Euer Leben.

Und die Warnung kam nicht zu spt, denn Jim O'Flannagans scharfes Ohr
hatte schon die herbeieilenden Soldaten entdeckt, die rasch und ziemlich
laut durch die Bsche traten, whrend zu gleicher Zeit Ren in seiner
Thr erschien. Nur noch zwei Pakete Waffen waren dabei brig geblieben,
davon schob er das eine jetzt rasch auf das Deck des kleinen Cutters,
vielleicht vor anbrechendem Morgen noch einmal Gelegenheit zu bekommen
es von dort wieder durch irgend einen der Eingeborenen zu entfernen,
whrend er selber das andere auffate und damit, so rasch ihn seine Fe
trugen, den letztgegangenen Indianern folgte.

Halt steh da! schrieen ihm einzelne Stimmen nach, denn seine dunkle
Gestalt war von oben herab gegen den helleren Wasserspiegel sowohl als
den weien, durch die Ebbe blogelegten Sand des Strandes entdeckt
worden, und drei Kugeln schwirrten zu gleicher Zeit nach ihm hinber.
Eine davon traf das Paket das er trug, und warf ihn fast durch den
scharfen Druck zu Boden, die anderen beiden fehlten, und seine Last mit
dem linken Arm nur fester umspannend, whrend er das dem ermordeten
Posten abgenommene Gewehr in der rechten Hand trug, sprang er mit
wenigen Stzen durch den Garten, brach die kleine und ziemlich schwache
Bambusthr nieder und erreichte eben die Guiaven-Dickung, als seine
Verfolger dicht unter dem Weg erschienen und den Hang hinanstrmten ihn
auch dort nicht aufzugeben. Jim aber feuerte hier, theils um sie zu
schrecken, theils sich vielleicht Eines der Verfolger zu entledigen, das
geladene Gewehr das er trug, ohne lang zu zielen, auf sie ab, und die
Kugel schlug mitten zwischen ihnen durch in einen jungen Baum. Das aber
zeigte ihnen auch welcher Gefahr sie sich hier, ohne die mindeste
Aussicht auf Erfolg aussetzten, denn bei Nacht war in einem solchen
Dickicht gar nicht daran zu denken die, noch dazu mit dem Terrain
vertrauten Indianer einzuholen, und die weitere Verfolgung wurde auf
morgen frh mit Tageslicht festgesetzt, bis wohin auch Verstrkung von
Papetee herbeigeholt, wie die vermite Schildwacht aufgefunden werden
konnte, wenn sie nicht, wie man sie jetzt stark in Verdacht hatte,
gemeinsame Sache mit den Eingeborenen gemacht, und mit ihnen auch in die
Berge geflohen sei.




Capitel 7.

Consul Pritchards Gefangennahme.


Trommeln wirbelten und Patrouillen zogen in kleinen finsteren Trupps mit
raschen Schritten durch die von der Morgensonne freundlich beschienene
Stadt. Die Insulaner standen in kleinen Gruppen bestrzt beieinander,
und die Mdchen liefen neugierig herber und hinber, zu sehn und
horchen was geschehn, was vorgefallen sei, eine so pltzliche
auffallende Vernderung in dem Benehmen der Fremden zu rechtfertigen.
Keiner sprach, Keiner lachte mehr mit ihnen; barsch zurckgewiesen
wurden sie, sobald sie sich ihnen nur nherten, und von den
verschiedenen Schiffen landete Boot nach Boot, vollgedrngt von
Bewaffneten, die verschiedene am Strand gelegene und der Knigin
gehrige Bambushuser in Besitz nahmen, Wachen, ja Festungen daraus zu
bilden.

Dumpfe Gerchte verbreiteten sich inde auch unter den Bewohnern von
Papetee, die keine Ahnung irgend einer begonnenen Feindseligkeit haben
konnten. Eine Parthie Waffen war gestern Nacht in Mativai Bai auf
schlaue Weise an Land geschmuggelt; man hatte nicht allein einzelne
Stcken, ein Bayonnet und mehre andere Kleinigkeiten an der Strae,
sondern auch ein ganzes Paket mit Englischen Musketen in einem kleinen
Cutter der dort vor Anker lag, gefunden, und gegen Morgen noch, wo man
mit Fackeln nachgesucht, war der Leichnam der berfallenen und
ermordeten Franzsischen Schildwache, ebenfalls ihrer Waffen beraubt,
entdeckt worden. Viele Personen waren deshalb schon verhaftet, auf
anderen lag schwerer Verdacht, und die herbeigezogene Truppenmasse schon
allein gengte, die sorglose Stimmung der Eingebornen zu zerstren, und
ihnen einigermaen das Verhltni in seinem wahren und grellen Licht zu
zeigen, in dem sie zu den fremden Eindringlingen standen, und welche
Stellung diese, ihnen gegenber, einzunehmen gedachten.

Was sollte geschehen, was wollten diese von ihnen, und weshalb eine
Armee in ihre Htten werfen, die ihnen noch keinen Widerstand geboten,
und jetzt berall durch die fremden unwillkommenen Gste unwohnlich und
beschrnkt wurden. Die Huptlinge traten zusammen und schickten Boten an
die Missionaire ab, diese um Verhaltungsmaregeln zu ersuchen; die
geistlichen Herren fhlten aber da ihr Regiment, fr den Augenblick
wenigstens, hier ausgespielt sei, und der einzige von ihnen, Mr.
Pritchard, der sich durch die Flagge seiner Nation geschtzt glaubte,
zrnte offen und frei wie vor gegen die frmliche und muthwillige
Eroberung, nein nicht einmal Eroberung, sondern einfache Besitznahme
eines vollkommen friedlichen Landes an, dessen Frstin sich jetzt nur
gezwungen einer solchen Gewalt fge und wissen werde sich ihr Recht zu
wahren, wenn die Zeit dazu gekommen sei.

Die Franzosen kehrten sich aber wenig an Herrn Pritchard; ihre Flagge
wehte schon von fnf oder sechs occupirten Gebuden, ihre Soldaten
durchzogen die Stadt nicht allein, sondern setzten sich an dem obern wie
untern Theil derselben fest, und Massen von ihnen, die Flinte und
Seitengewehr so lange ablegten und zu Spitzhacke und Schaufel griffen,
fingen nicht allein an auf der kleinen reizenden Insel Motuuta
Verschanzungen aufzuwerfen, sondern auch, zum unbegrenzten Erstaunen der
Bewohner von Papetee, Grben zu ziehn und Erdwlle aufzubauen um die
Stadt selbst herum, als ob sie sich gegen die Berge und das benachbarte
Land vor einem Angriff sichern wollten, an den in der That noch wenige
der Insulaner gedacht, und der ihnen dadurch erst vor die Augen gerckt
und als mglich und ausfhrbar gestellt wurde.

Die Franzsische Regierung aber, oder vielmehr das Franzsische
Regiment, das recht gut fhlte wie es bei einem wirklichen Angriff _gut
bewaffneter_ Insulaner, hier dicht von den Bergen berall
eingeschlossen, mancher Gefahr ausgesetzt sein knne, suchte gleich im
Anfang mit durchgreifenden Maregeln allen solchen Versuchen entgegen zu
arbeiten, und eine etwaige Emprung im Keim zu ersticken. Strenge schien
hierbei vor allen Dingen nthig und den Befehlshabern war deshalb
besonders daran gelegen die Mrder des Franzosen heraus zu bekommen,
oder wenigstens ihre Spur zu finden, von der es schon ziemlich bestimmt
im Franzsischen Lager hie da sie in das Haus eines der
Protestantischen Missionaire, vielleicht gar des Englischen Consuls
fhren wrde. Mr. Pritchard mit seiner offnen und ungescheuten Predigt
gegen ihre Macht war ihnen berhaupt ein Dorn im Auge.

Zu den ersten Maregeln des Franzsischen Kommandanten gehrte es aber
auch an diesem Morgen Ren Delavigne verhaften zu lassen, auf dessen
Grundstck -- ob mit seinem Vorwissen oder nicht mute die Untersuchung
erst ergeben -- die Waffen ausgeladen waren und auf dessen, durch ihn
hingefhrten und dort gehaltenen Cutter man noch ein frisch eingenhtes
Paket Waffen gefunden, das jedenfalls von Bord irgend eines der im Hafen
liegenden Englischen Schiffe hinberbefrdert und dann whrend der
Entdeckung und dem Angriff der Franzsischen Wache, dort zurckgelassen
war. Sein sptes Auensein und seine doch sichere Bekanntschaft mit der
dortigen Oertlichkeit wurde sogar mit der erschlagenen Wache in
Verbindung gebracht, wobei ihm das nicht einmal zur Rechtfertigung
dienen konnte, den Franzsischen Soldaten selber dorthin gefhrt zu
haben, wo sie die Schmuggler entdeckten -- jedenfalls waren die Vorrthe
zu der Zeit schon in Sicherheit gewesen und die Mglichkeit lag unter
jeder Bedingung vor, da ein solcher Schritt, spter gerechtfertigt
dazustehn, ausfhrbar, ja sogar klug gewesen wre.

Den Cutter, an dessen Bord man die Waffen gefunden, nahm die Regierung
ebenfalls in Beschlag, ja er wurde sogar, nicht einmal blos vor der Hand
in Untersuchung gelegt, sondern gleich ohne Weiteres confiscirt und zum
Franzsischen Kstendienst requirirt -- an Wiederherausgeben war gar
kein Gedanke mehr.

Sadie erschrak, als an dem Morgen, an dem sie gehofft hatte dem wilden
strmischen Tahiti den Rcken zu kehren und hinber zu flchten in ihr
friedliches, freundliches Atiu, Bewaffnete kamen ihren Gatten
fortzufhren; aber rasch gefat, und dem Unvermeidlichen sich fgend,
bersah sie auch bald da Ren, vollkommen unschuldig an den Vorgngen
des letzten Abends, auch bald gerechtfertigt wieder dastehn und
natrlich freigegeben werden wrde. Ernstlichere Folgen sah sie nicht
und konnte sie nicht eine in einer solchen Maregel sehn. Aber sie
bezwang sich auch, dem Gatten gegenber, noch weit gewaltiger, als ihr
eigentlich zu Sinn war; sie wollte ihn nicht mit schwerem Herzen
fortgehn lassen, wo er ja gerade Alles gethan hatte sie wieder froh und
glcklich zu machen, und wenn das nun fr den Augenblick noch nicht
ging, so war das ja nicht seine Schuld sondern -- das Herz schlug ihr
doch laut und ngstlich wenn sie in diesem Augenblick daran dachte _wer_
die Hand zu dem Ganzen geboten, und nur das Bewutsein vermochte sie
dabei vollstndig zu trsten, da Alles ja nur geschehn wre ihr
Vaterland von den Unterdrckern desselben zu befreien, und den
Schwachen, Niedergeworfenen, gegen den starken und bermthigen Feind zu
schtzen.

Nicht allein Ren wurde aber an dem Morgen verhaftet, sondern auch der
kleine Mi-to-na-re, der allerdings schon mit Sonnenaufgang einen Versuch
gemacht hatte das, die ganze Nacht umstellte Haus zu verlassen, von den
Wachen aber verhindert war und nun mit nach Papetee abgefhrt wurde.

Armer Mitonare sagte Sadie traurig, als er, aufgefordert der
Patrouille zu folgen, an jenem Morgen sein Gebetbuch wieder in die linke
Rocktasche hineinzwngte, und unverkennbar niedergeschlagen sich bereit
machte dem eben nicht freundlich gegebenen Befehl zu gehorsamen --
armer Mitonare ist von seinem freundlichen Atiu hier herber gerufen um
Sorge und Noth zu haben, um des Glaubens Willen.

Bruder Ezra schttelte aber mit dem Kopf und sagte, keineswegs zufrieden
mit der ganzen Begebenheit:

Glauben? -- der Glauben hat wenig genug damit zu thun -- wir sollen
_glauben_, Pudenia, und die Wi-Wis wissen Alles gewi. Glauben -- ja,
ist ein schnes Ding, aber ein bequemes Haus dabei, und viel Brodfrucht
-- nicht so in der Welt herumlaufen und das schwere Buch hinten in der
Tasche mitschleppen. Warum stecken sie Bodder Aue nicht ein?

Wer ist das? sagte Einer der dabeistehenden Franzsischen Soldaten,
der eben genug von dem Tahitischen Dialekt verstand, den Sinn zu
begreifen, wo ist der, den Du eben genannt hast?

Bodder Aue? sagte Mitonare, und der ihm eigene Zug drollen Humors, der
ihn auch in diesem Augenblick nicht verlie, spielte ihm um die Lippen
-- Bodder Aue ist sehr guter Freund von mir auf Atiu -- aber nicht hier
-- wenn wir ihn haben wollen knnen wir einen Brief schreiben; gehe
wieder hinber, sobald die Feranis keine Brodfrucht mehr fr mich
haben.

Fort denn, mein Bursche sagte der Soldat rgerlich, wir haben lange
genug hier getrdelt, und whrend man Ren noch Zeit lie, ein paar
Briefe an Bertrand und Herrn Belard zu schreiben, die er augenblicklich
abgegeben zu haben wnschte, wurde der kleine braune Missionair, unter
den Spottreden und Witzen der Franzsischen Soldaten, die sich ber
seine unsinnige eingezwngte und unpassende Kleidung nicht wenig
amsirten, nach Papetee zu abmarschirt. Mitonare nahm aber die Sache
ungemein kaltbltig -- klemmte seinen linken Rockscho wieder unter den
Arm, setzte seinen hohen Hut auf und schritt so ehrbar und ernst
zwischen den brtigen Kindern eines andern Landes hin, und grte so
wrdevoll die ihn begegnenden Insulaner, von denen ihn Viele kannten und
lieb hatten, da sich der Spott der Soldaten endlich auch abstumpfte,
und sie ihn ungefhrdet weiter in das Hauptquartier lieferten.

Ren blieb brigens, wie er auch Sadie zu ihrer Beruhigung vorhergesagt,
nur wenige Stunden in Haft; leicht war es ihm durch seine Freunde zu
beweisen, wie er wirklich den ganzen vorigen Nachmittag in Papetee
zugebracht, und erst lange nach Dunkelwerden nach Hause aufgebrochen
sei. Dort selber hatte er den Franzsischen Soldaten mitnehmen wollen,
als sie die Schmuggler trafen; an eine Mitwissenschaft war nicht zu
denken. Schwieriger wurde es ihm zu beweisen, da der kleine Cutter die
Waffen nicht an Bord gehabt, als er ihn dort bei sich vor Anker legte,
und da er der Mission selber gehre machte die ganze Sache nur noch
verwickelter. Es lie sich kaum denken da der junge, mit den Officieren
auf so freundlichem Fu stehende Franzose etwas Derartiges gegen seine
Landsleute unternehmen, oder auch nur untersttzen wrde, und dennoch
mochten die Franzsischen Behrden eine solche Gelegenheit, die Mission
selber in eine Untersuchung hineinzuziehen, nicht unbenutzt wieder
entschlpfen lassen -- wer wute ob nicht dann, wenn auch selbst nicht
ber diesen Fall, doch manches Andere an den Tag kam. Gern wurde deshalb
auch die Brgschaft der Herrn Belard und Brouard angenommen, Ren
Delavigne augenblicklich wieder auf freien Fu zu lassen, mit der
Bedingung nur, Tahiti nicht zu verlassen, bis eben die Sache streng und
vollkommen untersucht sei, wozu man sowohl seiner Gegenwart wie seines
Zeugnisses glaubte benthigt zu sein.

Nicht so leicht sollte dagegen Bruder Ezra davonkommen, und trotz dem
Protest der Missionaire, die es als einen Eingriff in ihre Religion
betrachtet haben wollten einen fungirenden Missionair auf nur flchtigen
Verdacht hin seinem Amt zu entziehn, trotz der eben so ernsten
Reclamation des Englischen Consuls, der in dem Indianer, als aktivem
Mitglied einer Englischen Missionsgesellschaft, auch einen Englischen
Brger zu sehen glaubte oder zu sehen behauptete, behielt man ihn im
Verwahrsam, und die Antwort die dem Englischen Consul wurde, war: sich
selber in Acht zu nehmen und von gefhrlichen Demonstrationen fern zu
halten, wenn er nicht gleiches Schicksal -- vielleicht noch Schlimmeres,
gewrtigen wollte.

Solcher Art standen die Sachen mehrere Tage, die Franzsischen
Kriegsschiffe fuhren ab und zu, umsegelten die Insel Tahiti einige Male,
kreuzten nach Imeo hinber, und Einzelne davon wurden sogar auf eine
regelmige Expedition beordert, die Franzsische Flagge nmlich auf der
Nachbargruppe der Gesellschafts-Inseln, auf Huaheine, Bola Bola, Raiatea
und den anderen aufzupflanzen, ja man sprach sogar schon davon auch die,
gerade unter dem Wind liegenden Cooks-Inseln zu denen Atiu gehrte, in
Besitz zu nehmen und hie und da Garnisonen zu lassen. Doch hatten die
Schiffe fr jetzt eben mit der Gesellschaftsgruppe alle Hnde voll zu
thun, und lieen die brigen Inseln fr eine sptere und gnstigere
Zeit.

Indessen waren die Franzosen unendlich thtig in Papetee und der
Umgegend; feste Blockhuser zu Kasernen und Gefngnissen wurden mit
einer Masse von Leuten in unglaublich kurzer Zeit gebaut, Laufgrben um
die eigentliche Stadt gezogen, ein tchtiger Damm als Brustwehr
aufgeworfen, und Geschtze von den Schiffen an Land gebracht, diese,
sobald sie nthig werden sollten gegen den Feind verwenden zu knnen.
Auch die kleine Insel im Eingang des Hafens, welche die Haupteinfahrt
allerdings vollkommen berwacht, wurde mit schwerem Geschtz versehn,
irgend einem doch vielleicht gefrchteten Angriff der Englnder zu
begegnen, und das gerade war es was den Insulanern, durch die Europer
darauf aufmerksam gemacht, wieder neuen Muth gab, ihre Sache noch nicht
verzweifelt zu glauben. Beschftigten ihre Freunde die Beretani's -- die
brigens auch htten etwas frher kommen knnen -- nur die Schiffe, so
wollten sie dann schon mit den am Lande befindlichen Wi-Wis -- mochten
das auch noch so viel sein, fertig werden.

Die Stimmung gegenseitig wurde ebenfalls eine feindlichere von Tag zu
Tag. Die Eingebornen muten eine Masse Provisionen und Frchte in die
Stadt liefern, die man ihnen allerdings vollkommen gut bezahlte; aber
dies zwang sie zu einer ihnen fremden und unbequemen Thtigkeit, einer
Thtigkeit die sie nicht einmal gern fr sich selber, viel weniger fr
die erklrten Feinde ihres Glaubens und Landes anwenden wollten, und sie
erkundigten sich vor allen Dingen bei ihren Missionairen, ob sie dazu
verpflichtet wren den Franzsischen Soldaten Brodfrucht und Fleisch und
Frchte und Fische zu Markt zu bringen.

Welche Antwort sie dort erhielten ist nicht bekannt, aber sie weigerten
sich von da an die verlangten Provisionen einzuliefern, und eine
Proclamation des Gouverneurs erklrte sie fr _Rebellen_.

Rebellen? bah, das war Unsinn -- das Wort das sie fr Rebellion
hatten, bezog sich auf eine Emprung gegen ihren Landesherrn und
Gebieter, nicht gegen einen fremden Wi-Wi, der mit groen Schiffen kam
und ihnen das Land wegnahm; denn selbst da Einzelne ihrer Huptlinge
die Franzosen ersucht hatten sie zu _beschtzen_ konnte ihrer Meinung
nach die Fremden nicht berechtigen ihre Knigin abzusetzen, gegen die
sie ja gar keinen Schutz verlangt hatten, und ihnen Fremde zu Richtern
und Distriktsoberhuptern zu geben. Da die Wrter Protektorat und
Besitznahme dem Franzsischen Admiral hnlich genug klangen sie zu
verwechseln, konnten sie nicht wissen.

Neue Forderungen des Kommandanten um Provision gingen inde mit der
scharfen Drohung ein, die ernstesten Maregeln ergreifen zu wollen, wenn
dem _Befehl_ nicht Folge geleistet wrde, und besonders sollten die
Huptlinge, als die Einzigen an die man sich mglicher Weise direkt
halten konnte, fr das Betragen des Volks in diesem Fall verantwortlich
gemacht werden.

Auch den Missionairen wurde nochmals die, in nicht sanften Ausdrcken
abgefate Warnung gegeben, sich nicht im Mindesten um die politischen
Verhltnisse der Insel zu bekmmern, wenn sie sich nicht, im
entgegengesetzten Fall, den unangenehmsten Folgen selber aussetzen
wollten; ja es wurde ihnen sogar die auch bald darauf in einer
Proklamation verffentlichte Drohung verschrft in's Gedchtni
zurckgerufen, da jeder Fremde, der gegen die jetzt bestehende
Regierung sprechen wrde, augenblicklich, und ohne Einspruch von irgend
einer andern Seite zu gestatten, von der Insel verbannt werden wrde.

Mehre der Missionaire, vielleicht ngstlicher als die Anderen, oder sich
auch mglicher Weise irgend einer Aeuerung bewut die ihnen das
Mifallen der jetzt mchtigen Franzosen zuziehen konnte, verlieen
Papetee und gingen theils nach Imeo theils nach Bola-Bola oder Huaheina
hinber; die meisten blieben aber auf ihrem Posten, fest entschlossen
dem fremden Einflu unverdrossen, und so viel nur irgend in ihren
Krften stand, entgegenzuarbeiten, mochten die Folgen dann ausfallen wie
sie wollten.

Der neue Aufruf an die Huptlinge veranlate diese wieder sich an die
Knigin zu wenden, und von ihr Verhaltungsmaregeln einzuholen, was sie
thun, wie sie handeln sollten. Pomare aber, obgleich keineswegs gewillt
sich zu unterwerfen, war doch auch wieder durch die Flucht so vieler
Missionaire und die Warnungen der Uebrigen nicht zu weit zu gehn, ehe
sich England nicht entschieden htte, zu sehr eingeschchtert worden,
und gab ausweichende Antworten, ja verwies die an sie abgesandten
Huptlinge sogar an den Consul Pritchard, und da dieser erklrte in
seiner Stellung -- was auch seine Privatmeinung sein mge -- der Knigin
nicht officiell beitreten zu knnen, bis er Verhaltungsbefehle von
London habe, an den Missionair Rowe.

Diesen aber weigerten sich die Huptlinge (wenigstens die Mehrzahl
derselben, denn Einzelne, mit Aonui an der Spitze, verlangten keinen
bessern Wegweiser fr ihr Verhalten) als Fhrer anzunehmen; Fanue vor
allen Andern schwor, sie htten lange genug unter dem Regiment der
Priester gestanden, und das gerade sei ihr Fluch gewesen von je her. Er
verlangte deshalb auch eine Zusammenkunft der Ersten des Volks, wo sie
die Befehle ihrer Knigin einholen und das Beste des Landes, das jetzt
gerade ihr Zusammenstehn am Meisten fordere, berathen konnten.

Diese, den Interessen der Franzosen geradezu entgegenlaufende Maregel
wurde vom Consul Pritchard auf das lebendigste untersttzt; er
behauptete das Volk habe ein Recht ber sein eigenes Wohl zu sprechen,
das eine fremde Nation, sie mge es so gut mit ihm meinen wie sie wolle,
gar nicht verstehen knne, viel weniger die Franzsische und er redete
der Knigin zu darein zu willigen, ja suchte sogar den Capitain des
krzlich eingelaufenen Dampfers Cormorant dafr zu gewinnen, den
Huptlingen den Schutz seines Dampfers zu einer freien Besprechung zu
gestatten, damit sie am Land nicht vielleicht durch berall
umherstreifende Truppen gestrt, oder gar aufgehoben wurden.

Die Franzsischen Officiere bekamen noch an dem nmlichen Abend Kenntni
von dieser Absicht, und trafen ihre Maregeln den Feind, der ihnen
vielleicht gefhrlich, jedenfalls aber hchst unbequem war, so rasch als
mglich unschdlich zu machen.

Am andern Morgen war ein Placat an den Ecken angeklebt, worin die
Eingebornen gewarnt wurden sich durch irgend Eines Rede gegen die einmal
bestehende Obrigkeit aufzulehnen, whrend man Alle mit den hrtesten
Strafen bedrohte, die etwas Derartiges in, den Franzosen feindlichem
Interesse, unternehmen sollten. Namen waren nicht dabei genannt, aber
das Ganze so entschieden gehalten, da selbst Bruder Rowe fhlte sie
seien, fr jetzt wenigstens, an einer Grenze ihrer Thtigkeit angelangt,
und wrden wohl thun sich entweder fr eine Zeitlang von dem Schauplatz
Franzsischer Herrschaft zu entfernen, oder doch wenigstens die Sache,
die sie nicht mehr aufhalten konnten, ihren ungehinderten Gang gehn zu
lassen, damit sie nicht zu Schaden kmen.

Das Nhere darber mit dem Consul Pritchard zu besprechen, suchte er
diesen auf, und fand ihn schon vollstndig angezogen, mit auf dem Rcken
gekreuzten Armen mit groen Schritten in seinem Zimmer auf- und
abgehend; eine Einleitung wurde ihm brigens schon durch dessen Anrede
erspart.

Sie kommen mir zu erzhlen, da die Franzosen freundlich unserer an den
Straenecken gedacht haben? sagte er, mit einem eigenthmlichen Lcheln
um die feingeschnittenen Lippen vor ihm stehen bleibend.

Allerdings Bruder Pritchard erwiederte Mr. Rowe mit in die Hhe
gezogenen Augenbrauen und gefalteten Hnden, die Sache wird bedenklich,
und diesen tollen Papisten gegenber, die nun einmal keine andere
Autoritt auf und ber der Erde anerkennen, als ihre Waffen, wre es
allerdings an der Zeit auf einen anstndigen Rckzug zu denken. Ich
frchte besonders da gerade Sie dabei gefhrdet sind.

Bah, bah sagte der frhere Geistliche, den die Missionaire noch gerne
Bruder nannten, verchtlich -- was knnen, was _drfen_ sie mir thun?
-- ich habe keinen offenen Aufruhr gepredigt, ich habe nur das gesagt was
ich, nicht allein als Consul ihrer Britannischen Majestt, nein auch
als Mensch verantworten konnte, und sie mgen sich rgern darber, aber
sie drfen nicht wirklich etwas anderes gegen mich unternehmen, als
vielleicht -- was wahrscheinlich geschehen wird -- von meiner Regierung
verlangen da sie mich abberuft; statt dem Befehle kommt dann vielleicht
eine Flotte.

Mr. Rowe schttelte bedenklich mit dem Kopf.

Ich habe mich selber sagte er, frher solchen phantastischen Trumen
hingegeben, und auch mein Mglichstes, selbst bis noch auf die neueste
Zeit gethan, diesen Glauben bei den Insulanern aufrecht zu erhalten, mu
aber doch gestehn da ich jetzt anfange mitrauisch gegen meine eigenen
Prophezeihungen zu werden, die unsere Regierung keineswegs, nicht einmal
mehr durch eine einfache Demonstration zu untersttzen scheint. Seit der
wrdige Capitain des Talbot diese Ufer verlassen hat thun diese
nichtswrdigen Feranis vollkommen ungehindert was ihnen eben gut dnkt,
und einzelne Kriegsschiffe unserer Nation, von denen wir immer
gesprochen, kommen, sehen sich die Sache an, hren auch, geduldig oder
ungeduldig was wir ihnen zu klagen haben und -- segeln einfach wieder
aus der Bai, ohne selbst einmal Joranna zu sagen. Ich kann wohl gestehn
da die Bibel von Alt-England hier zum ersten Mal auf eine hchst
befremdende Weise im Stich gelassen wird, whrend es uns selber in die
grte Verlegenheit bringt, einestheils die zu unserer eigenen Erhaltung
nthigen Schritte zu thun, und andrerseits auch wieder unserem Grundsatz
treu zu bleiben, und uns nicht in die politischen Verhltnisse des
Staates in dem wir freundlich aufgenommen wurden, zu mischen.

Da kommen wir auf den faulen Fleck sagte der Consul finster, seine
Hnde ineinander reibend und seinen Spaziergang im Zimmer wieder
beginnend, in dem er nur manchmal bei der Bestrkung irgend eines
Satzes, vor dem Missionair stehen blieb und ihn auch wohl leise bei
einem Knopf fate -- es ist das alte Sprichwort: wasch mich und mach'
mich nicht na -- wir haben stets etwas darin gesucht mit etwas zu
prahlen, das an und fr sich ein Unding ist, und Sie werden mir bezeugen
knnen wie ich selber mich von je dagegen aufgelehnt. Als Missionair bei
einem vollkommen uncivilisirten Volke _mu_ ich mich auch mit den
politischen Verhltnissen desselben beschftigen, ich mu sie ordnen und
sichten, ich mu die bestehenden Gesetze, so weit sie mit dem
Christenthum vereinbar sind, diesem anpassen; ich mu die Strafen in dem
Verhltni bestimmen, wie es uns von der Heiligen Schrift angegeben
wurde, und das ist die Stelle wo die Religion in die Politik eines
Landes, in dem ich eine Gleichstellung vor dem Gesetz fordere,
hineingreift und hineingreifen mu, wenn unsere ganze Arbeit nicht eben
eine vergebene soll gewesen sein. Dabei ist es hier nicht wie in einem
civilisirten Staat, wo die Gesetze nur brauchen gegeben zu werden um in
Kraft zu treten durch die bestimmten Executoren derselben, wir mssen
sie hier auch in Kraft _halten_, und das knnen wir nur wenn der Einflu
nicht nachlt, den wir, _durch_ unsere Stellung gerade als Lehrer und
Gesetzgeber, auf die Huptlinge ausben. Wir sind nun einmal ihnen an
Geist berlegene Geschpfe, denen die Regierung zusteht, ob wir hier auf
diesem Boden geboren sind und ihre Farbe haben oder nicht.

Damit kommen wir aber nicht durch sagte Mr. Rowe kopfschttelnd --
sobald wir das offen bekennen schreien sie Zeter ber uns, und nennen
es einen Mibrauch den wir mit der Heiligen Schrift, irdischen Ehrgeizes
und Gewinns wegen trieben. Selbst andere Nationen wrden sich dann in
das Missionswesen mischen, und gleich von vornherein protestiren oder
gar strend dazwischen treten, wo fromme Mnner das Kreuz hintrugen und
das Gesetzbuch aufschlugen.

Fremde Nationen mischen sich doch hinein sagte der Consul, wie wir
den Beweis hier haben, und wer wei ob Frankreich je so entschieden
gegen diese Indianische Knigin auftreten drfte, htten wir die Sache
gleich von vornherein in die Hand genommen als Gesetzgeber und Richter.
Von uns konnten sie wenigstens einen Schadenersatz fr die papistischen
Priester nie erpressen, und das Land wre dann nicht verantwortlich
dafr gewesen. Doch sei dem wie ihm sei, fuhr er rascher fort, das ist
vorbei, und jetzt bleibt uns Nichts weiter zu thun brig, als die Sache
auch ernst und mnnlich durchzufhren.

Wie aber, wo wir nicht die Gewalt in Hnden haben? frug Mr. Rowe, der
Cormorant liegt wieder da drauen, als ob er blos hergeschickt wre eine
Ladung Perlmutterschaalen und Cocosnul abzuholen, keineswegs aber, als
ob hier die Interessen Englischer Brger und die Rechte der Heiligen
Schrift unter die Fe getreten wrden, und uns selber sind die Hnde
total gebunden.

Ich hoffe viel von der mglichen Einigkeit der Huptlinge sagte der
Consul, wenn zu keinem anderen Zweck, imponirt es den Franzosen und wir
gewinnen Zeit. Graf Aberdeen hat mir fr einen solchen Gewaltschritt des
Feindes feste Hlfe zugesagt und versprochen -- er wird uns, _kann_ uns
nicht im Stich lassen.

Und willigt der Capitain des Cormorant ein, die Versammlung der
Huptlinge an seinem Bord zu halten?

Ich habe schon die halbe Zusage, und will eben hinberfahren die Zeit
genau zu besprechen.

Nehmen Sie sich in Acht, Bruder Pritchard sagte aber der Missionair
ernst, da Ihnen der Franzose nicht doch noch, trotz aller Autoritt,
einen Stein in den Weg legt; das Anheften der Plakate hat auf mich einen
hchst ungnstigen, niederstimmenden Eindruck gemacht; ich kann mich
irren, aber es kam mir vor wie eine Vorausentschuldigung gegen einen Akt
der Gewalt; die Leute sind wirklich zu Allem fhig.

Aber klug genug zu wissen wie weit sie gehn drfen, England gegenber.

Wie weit? sagte Bruder Rowe achselzuckend, das ist eine sehr
unbestimmte Gre, auf die ich mich, fr meine eigene Person, gerade
nicht verlassen mchte; aber Sie sind gewarnt, und werden am Besten
wissen was Sie zu thun haben. Apropos, haben Sie Nichts von Bruder Ezra
gehrt und was ber ihn beschlossen ist? Ich habe mir die grte Mhe
gegeben, zu ihm zu gelangen, bin aber immer hartnckig abgewiesen.

Mir ist auf meine frmliche Protestation gar keine Antwort gegeben
erwiederte der Consul, es scheint brigens da Bruder Ezra klug genug
gewesen ist, trotz seiner Bibel in der Tasche hartnckig zu leugnen, und
wenn ich recht unterrichtet bin, hlt man ihn jetzt nur noch zurck, um
ihn mit dem nchsten nach Atiu segelnden Kriegsschiff dort hinber aus
dem Weg zu schicken.

Sie mchten uns Alle lieber gern auf ein Kriegsschiff packen und nach
irgend einer entlegenen Insel schicken sagte Bruder Rowe; die
Katholischen Priester wrden dann wenigstens fr ihre unausgesetzten
Bemhungen doch auch auf eigenen Erfolg rechnen knnen.

Wir werden sehr umsichtig jetzt zu wachen haben, da der in, von
Bayonnetten aufgewhlten Boden gestreute Unglaube, nicht um sich greift
und bleibende Wurzel schlgt, sagte der Consul.

Wir sind allerdings da in nicht unbedeutender Gefahr erwiederte Mr.
Rowe seufzend, und _eine_ Familie hier besonders ist es, die mir groe
Sorge macht, und gerade in diesem Augenblick meine ganze Thtigkeit in
Anspruch nimmt; -- aber Sie wollen ausgehn, wie ich sehe?

Mr. Pritchard hatte seinen Hut aufgegriffen und seine Handschuh genommen
und sagte:

Ja, nur an Bord des Cormorant, dort das Nhere zu besprechen.

Haben Sie schon ein Boot?

Es liegt an der Landung und wartet auf mich; wollen Sie mich
begleiten?

Ich danke herzlich erwiederte der Missionair, aber mich rufen gerade
in diesem Augenblick heilige Pflichten, die ich nicht versumen darf --
ich habe einen hchst interessanten Fall mit einem alten bis jetzt
verstockten Huptling, dessen Herz erst seit wenig Tagen von dem Licht
unserer Kirche erleuchtet ist, und der jetzt zu seinem Entsetzen, aber
hoffentlich noch nicht zu spt, den Abgrund erkannt, der vor seinen
Fen ghnt, und auf den ich ihn aufmerksam gemacht habe. Wie das aber
wohl oft in solchen Fllen geschieht, gehen diese Unglcklichen da
leicht von einem Extrem zum andern ber, und ich habe jetzt die grte
Mhe ihn an einem Verbrechen zu verhindern, das er begehen will seine
unsterbliche Seele zu retten; er behauptet nmlich sein Kopf sei so
lange verstockt gewesen, seine Ohren zu hren, seine Augen zu sehen,
seine Zunge zu sprechen, da er ihn sich abschneiden msse, auf Gottes
Altar die Snde damit zu shnen, denn wie er endlich die Strenge und
Furchtbarkeit Gottes begriffen hat, zweifelt er an dessen Liebe und
Allbarmherzigkeit.

Mge ihn der Herr erleuchten erwiederte Mr. Pritchard mit einem
frommen Blick nach oben, und wandte sich dabei das Haus zu verlassen --
so thun Sie Ihre Pflicht, lieber Rowe, _ich_ gehe indessen an ein
weniger erfreuliches Werk! und dem von ihm Abschied nehmenden
Geistlichen, der ihn unten an seiner Verandah verlie, freundlich mit
der Hand winkend, schritt er durch den Garten oder vielmehr Hofraum, der
von einer Reihe niederer stumpfer Pallisaden umgeben wurde, nach der
kleinen Ausgangsthr zu, ffnete diese und schritt dann quer ber den,
vielleicht achtzig oder hundert Fu breiten Strand hinber, einem
kleinen in See hinausgebauten Werft zu, dort das fr ihn liegende Boot
zu besteigen, und an Bord hinberzufahren, als er rasche Schritte hinter
sich hrte. -- Er wandte den Kopf danach um und sah zu seinem Erstaunen
einen Franzsischen Beamten, der, von einigen Soldaten gefolgt, rasch
auf ihn zusprang.

Halt! rief ihm der Erstere, noch eine Strecke von ihm entfernt, schon
entgegen -- halt Monsieur!

Was wollen Sie? sagte der Consul, zwar erstaunt aber doch ruhig stehen
bleibend und den Franzosen mit zusammengezogenen Brauen erwartend -- was
wnschen Sie von mir?

Sie sind mein Gefangener, im Namen des Knigs! rief der Polizeibeamte
und deutete auf die ihm folgenden Soldaten.

Ich verstehe Sie nicht sagte der Consul gleichgltig, und wollte sich
abdrehen; der Franzose aber ergriff seinen Arm und den Soldaten winkend,
die den Gefangenen an beiden Seiten umgaben, zog er den entrsteten
Mann, der gegen solche Willkr einem Englischen Consul gegenber,
protestiren wollte, rcksichtslos und ohne Weiteres fort mit sich, in
das Wach- und Polizeilokal, von wo der Consul, ohne weitere Rcksicht
auf sein Amt oder seine Stellung zu nehmen, bald darauf nach einem,
schon allem Anschein nach fr ihn bereit gehaltenen Gefngni abgefhrt
wurde.

Und Papetee blieb ruhig. Die Bedeutung, die der Consul einer
Europischen Macht im Ausland haben sollte, ja gewissermaen auch seine
Unverletzlichkeit, verstanden die Insulaner nicht; der Gefangene war
ihnen auch immer mehr als Missionair wie als Consul wichtig und lieb
gewesen, denn Nutzen hatte er ihnen in letzterer Eigenschaft doch nicht
gebracht, noch sie gegen die Uebergriffe und Forderungen der Franzosen
schtzen knnen. Da aber die Feranis es wagten einen Mitonare
einzustecken, berstieg ihre Begriffe, und jetzt zum ersten Mal
frchteten die Huptlinge fr ihre eigene Sicherheit.

Die Missionaire selber erwarteten, nachdem selbst die Consulnwrde von
den Eroberern nicht geachtet wurde, das Aeuerste, und wandten sich nun
in ihrer Rathlosigkeit an die arme, selbst unmchtige Knigin, wandten
sich an das Volk, sie zu schtzen und nicht zu gestatten da die Feranis
mit ihnen machten was sie wollten.

Aber die Geduld des Volkes war noch lange nicht erschpft, oder
wenigstens seine Gleichgltigkeit, wie sein Widerwillen gegen irgend
eine auergewhnliche Anstrengung noch nicht besiegt, und zu der gehrte
jedenfalls ein Krieg, zu dem sie noch immer keine richtige Veranlassung
sahen. Man hatte einen Franzsischen Soldaten ermordet, und darber
waren die Feranis bse, schickten eine Menge Soldaten an Land, die aber
fr Alles bezahlten was sie verzehrten, und sperrten einen rothen
Mitonare, der in Verdacht stand an dem Mord betheiligt zu sein, wie
einen weien, der besonders auf sie geschimpft hatte, ein. Das war
vielleicht unrecht in ihren Augen, aber immer noch keine Ursache einen
ordentlichen Krieg anzufangen; ja die Insulaner beschlossen jetzt
ernstlicher als je mit der ganzen Sache nichts weiter zu thun zu haben,
und wenn auch einzelne feurige Kpfe, wie besonders Fanue und
hnliche, einen Angriff auf die Feinde ihres Vaterlandes offen
predigten, so verhielten sich doch die einflureicheren, wie Tati und
Utami, noch immer ruhig, ja Paofai und Hitoti verkehrten sogar
ffentlich und auf hchst freundschaftliche Art mit den Feranis, und
beschlossen deshalb auch einen gnstigern Zeitpunkt, das heit eine
wirkliche Ursache abzuwarten, die Feindseligkeiten zu beginnen, und
Gewalt mit Gewalt zu vertreiben -- bis dahin aber sich vollkommen ruhig
zu verhalten und ebensowenig die Waffen zu ergreifen, als den
Eindringlingen auch noch Proviant zu liefern, ihnen das Leben hier auf
der Insel so angenehm als mglich zu machen.

Lieutenant Hunt, der Befehlshaber des kleinen Kriegsschiffes Basilisk
sowohl, wie der Capitain des Cormorant hatten allerdings augenblicklich
gegen die an dem Englischen Consul verbte Gewaltsmaregel protestirt,
konnten aber weder seine Befreiung erwirken noch etwas an seiner Lage
bessern, und Monsieur ~d'Aubigny~ erlie ein Plakat, worin Mr.
Pritchard, wenigstens indirekt, der Mord der Schildwache zugesprochen,
und er ebenfalls als die Ursache des trotzigen Betragens der
Eingeborenen, die er tglich und tglich wieder aufgereizt habe,
angesehen wurde. Seine Gefangennahme sei aus dem Grunde geschehn und
er selber solle fr alle weiteren Folgen verantwortlich gehalten werden.

Mit vieler Mhe gelang es endlich dem Capitain des Cormorant die
Freiheit des Gefangenen, aber auch nur unter der Bedingung zu erwirken,
da er ihn an Bord seines eigenen Dampfers von Tahiti fortnahm, und sich
dabei verbindlich machte ihn an keiner Insel dieser oder der
Nachbargruppe wieder an Land zu setzen. Die Franzosen betrachteten
diesen Mann als die einzige Ursache der nicht unbedingten und
augenblicklichen Unterwerfung der Indianer, und glaubten und hofften
durch seine Entfernung jedes weitere Hinderni ihrer Festsetzung und
unbestrittenen Oberherrschaft auf den Inseln, vollstndig beseitigt zu
haben.




Capitel 8.

Pomare's Flucht.


Ren's kleiner Haushalt befand sich inde in wilder ungemthlicher
Verfassung; Alles war gepackt gewesen, und nur gezwungen hatten sie im
Anfang das Nothdrftigste wieder herausgenommen, immer noch hoffend da
sich die unangenehme Sache freundlich erledigen wrde; aber Tag nach Tag
verging ohne da eine Entscheidung kam, und Ren seines Wortes, Tahiti
nicht zu verlassen, entbunden worden wre. Er war selber mehrmals bei
Mons. Bruat, dem jetzt ernannten Gouverneur und wurde von ihm artig
empfangen; dieser behauptete aber die Untersuchung unter keiner
Bedingung aufgeben zu knnen, bis er zu einem Resultat gekommen sei, und
Ren stnde als Eigenthmer des Grundstcks wo die Waffen geschmuggelt
wren, ja als zeitweiliger Eigenthmer sogar des Schooners, der Sache zu
nah, sein Zeugni, falls etwas auftauchen sollte was Licht darin geben
knnte, zu entbehren. Augenscheinlich setzte er dann zwar hflich aber
ziemlich bestimmt hinzu, wisse er auch mehr ber die Waffen, als er fr
gut finde, vielleicht durch seine enge Verwandtschaft mit den
Eingebornen dazu veranlat, auszusagen, und wenn es seinem bekannten
Charakter nach auch nicht wahrscheinlich wre, da er selber irgend
etwas Feindseliges gegen seine eigenen Landsleute unternehmen, oder auch
nur dulden wrde, so lange er es eben verhindern knnte, sei die ganze
Verhandlung noch keineswegs klar genug, so rasch und vollkommen wieder
aufgegeben zu werden; das aber msse in der That geschehn, wenn er ihn
jetzt seines Wortes entbinden wolle. Uebrigens bot auch Gouverneur
Bruat, wie vor ihm der Kommandant ~d'Aubigny~ dem jungen Mann an in
Franzsische Dienste zu treten, wodurch er ihm besonders zu beweisen
hoffte, da gegen seine Person nicht der mindeste Verdacht vorliege. Zu
gleicher Zeit machte er ihn besonders darauf aufmerksam, welch
wohlthtigen vermittelnden Einflu er da oft werde im Stande sein auf
einzelne Verhltnisse auszuben: Ren erklrte aber bestimmt, hier in
Tahiti nie einen Degen gegen die Eingebornen fhren zu wollen, und das
sei am Ende bei einem Ausbruch der Insulaner, sobald er wirklich
eingetreten wre, nicht zu vermeiden, lehnte deshalb auch das Anerbieten
zwar dankbar, aber doch bestimmt ab.

Das Belard'sche Haus hatte er aber noch nicht wieder betreten -- ja
sogar auf das Aengstlichste vermieden nach Papetee zu kommen. Er fhlte
welche Gefahr dort fr ihn lag, die er jetzt nicht einmal mehr vor sich
selber verbergen konnte; ja auch Susanna mute durch seinen Abschied,
und die Worte die er in der furchtbaren Erregung des Augenblicks
gesprochen, gesehen haben welchen Eindruck sie auf ihn gemacht, und wie
ihre Nhe den Frieden seines Hauses, seines Lebens zu stren, zu
untergraben drohe, wenn er nicht mit fester mnnlicher Kraft dagegen
ankmpfe, und die Leidenschaft niederhalte, die zwei Wesen zu verderben
drohte. Monsieur Belard hatte ihn allerdings schon mehrmals auf der
Strae getroffen, wo ihn Geschfte in das Gouvernements-Gebude riefen,
er erklrte aber jeden Augenblick die Erlaubni zu erwarten Tahiti zu
verlassen, und wolle den Abschied von ihm so lieb gewordenen Freunden
nicht zum zweiten Male durchleben, da er einmal berstanden. Mons.
Belard lachte dazu, und meinte er spreche von einem solchen Abschied
als ob er auf's Schaffot solle, und nicht nach einer nur wenige Meilen
entfernten Insel berzusiedeln gedenke, hatte aber immer zu viel
Geschfte dabei im Kopf, lange auf dem Thema zu verweilen, und kam bald,
von Ren rasch dabei untersttzt, auf irgend etwas Anderes,
Gleichgltigeres zu reden.

Recht wilde trbe Zeiten waren das fr ihn, und mehr und mehr drngte es
ihn dann nach Hause zurck, wo Sadie, sein liebes treues Weib mit
unermdlicher Liebe schaffte und sorgte, ihm wenigstens daheim das Alles
vergessen zu machen, was ihm die Menschen drauen weh gethan. Das,
glaubte sie auch, drcke ihm das Herz, er wre ja sonst nicht immer so
traurig und verstimmt zu Haus gekommen und bleich und schwermthig
geworden, gar nicht in seiner Art, wo ihm ja doch das Liebste wohnte was
er sein nannte auf dieser Welt. Aber sie scheuchte auch die Wolken von
seiner Stirn und rief das Lcheln wieder auf seine Lippen, wie in alter
Zeit; und wenn die Kleine dann auf seinem Schoos spielte und sie sich an
ihn schmiegte, plauderte sie ihm von Atiu und den lieben Pltzen die sie
dort wieder besuchen wrden; von dem stillen Sitz an dem Palmenhang; von
dem Ihiamoea oben im Dickicht, wo er die bse Nacht verbracht; von der
kleinen Veste auf der Hgelspitze wo er sie zuerst gesehn und sie ihn
fortgefhrt hatte in das friedliche Missionshaus an der Bai -- und von
den seligen, seligen Stunden die sie da verlebt.

Ren lauschte, das glckliche Weib an seinem Herzen, wie in einem Traum,
der all die lieben Bilder wieder heraufbeschwor vor sein inneres Auge;
aber immer und immer wieder mute er sich zwingen dazu, das Alles
_keinen_ Traum zu nennen, wo der Wiedergewinn ja fast im Bereiche seines
Armes lag, und doch ein Schatten aufstieg zwischen dem Bild und seinem
Herz. Und da er das fhlte, da er das erkannte machte ihn unglcklich.
Du sndigst flsterte es in seiner Brust mit rastlosem, nimmer
endendem Klang, Du sndigst sprach jeder Liebesblick aus den Augen
seiner Sadie, Du sndigst drngte ihm vorwurfsvoll das unschuldliebe
Lcheln seines Kindes entgegen, Du sndigst donnerte die Brandung, die
ihn einst in Schlaf gesungen, in Liebe und Glck.

Wie um vor sich selbst zu flchten, hatte er den Vater Conet wieder
aufgesucht, der in zarter Rcksicht bis dahin sein Haus lange Zeit nicht
betreten, weil er frchtete da seine Stellung zu den Protestantischen
Geistlichen Uneinigkeit sen knne in stilles husliches Glck; er
forderte ihn jetzt selber auf sie zu besuchen, oft zu besuchen, so lange
er noch auf Tahiti sei, und er hoffte Trost in dem Umgang des
freundlichen verstndigen Mannes zu finden. Aber der Muth gebrach ihm
wirklich dem Freunde, der sogar nach seiner Religion berechtigt war eine
solche Offenheit zu fordern, das zu gestehen was ihm das Herz erfllte,
was es qule, und Alles das trug er fest in sich verschlossen und
allein, und kmpfte still und mnnlich dagegen an. Es war ein Kampf der
Verzweiflung Fu an Fu, und in der Gefahr nur wuchs ihm erst die Kraft.

Auch Bertrand hatte ihn in der letzten Zeit hufiger besucht, aber fast
nur ihm zuzureden der Einladung des Gouverneurs zu folgen, und wieder in
eine Stellung im Leben einzutreten, die seinem Geist und Herzen doch
auch mehr bot als eine bloe Existenz, die ihm eine Aussicht auf sptere
Zeiten bahnte, ehrenvollere Stellung einzunehmen auf dieser Welt, als
eben nur das Bewutsein zu haben da man ist und athmet. Auch Vater
Conet stimmte darin dem jungen Officier vollkommen bei, Ren sei, wie
gar keinem Zweifel unterliege, noch viel zu jung, auch nur daran denken
zu knnen sich von der Welt ganz zurckzuziehn, die ebenfalls ihre
Forderung an _ihn_ habe und sich ihr Recht dann doch einmal ber kurz
oder lang zu wahren wisse. Beide bestritten ebenfalls, da ihm das Leben
der Inseln auf die Lnge der Zeit gengen wrde und knne, und wie
sich _alle_ seine Landsleute fr spter solche Aussicht offen gelassen
-- eine Aussicht die bei Allen fast, mit nur sehr wenigen Ausnahmen eine
_Hoffnung_ wurde -- so werde auch er einmal den Drang wieder in sich
fhlen nach Frankreich zurckzukehren, an dessen weit geselligeres Leben
sich dann auch Sadie, schon jetzt mit den Sitten, der Sprache des
fremden Volkes bekannt und befreundet, leicht und gern gewhnen wrde.

Sadie schttelte bei solchen Reden recht ernst und ngstlich mit dem
Kopf; sie hatte genug von Franzsischem Leben hier auf Tahiti gesehn,
sich nicht weiter da hineinzusehnen, und in einem Lande zu leben wo sie
weiter gar Nichts mehr sehen sollte als fremde unbekannte Gestalten, wo
ihr die lieben Palmen fehlten und das frhliche Lachen der frhlichen
Kinder ihres sonnigen Vaterlands? -- Nein, nein, dahinein pate sie
nicht, und sie wrde und mte vergehen dort, in Sehnsucht und Heimweh.

Auch Ren hatte dagegen seine heimlichen Bedenken, Gedanken die in ihm
laut wurden und Form gewannen, er mochte sich dagegen stemmen und wehren
so viel er wollte.

Mata Oti, der Bursche, war ebenfalls mit Bruder Ezra von den
Franzsischen Behrden eingezogen worden, etwas mehr aus ihm
herauszubringen ber jene Nacht, als ein bloes ~aita vau i ite~ --
ich wei es nicht -- und Sadie hatte dafr ein Mdchen zu sich genommen,
die ihr die Dienste des Knaben ersetzen sollte. Nai Nai war ber die
Blthe der Jahre hinaus, wenn auch noch gar nicht so alt, und obgleich
sie vor sechs oder acht Jahren noch ein recht hbsches Mdchen gewesen
sein sollte, doch jetzt abgefallen, mager und selbst hlich geworden.
Eine eigene Wuth die sie dabei hatte Europische Kleider und besonders
Hte zu tragen, zeigte sich nicht im Stande ihre Reize zu erhhen, und
Sadie lachte darber, aber auf Ren machte es einen peinlichen Eindruck,
so peinlich da er zuletzt Sadie bat sie wieder fortzuschicken, wenn er
ihr auch keinen Grund dafr anzugeben vermochte. Sadie versagte ihm nie
einen Wunsch, wenn es in ihren Krften stand ihn auszufhren, und Nai
Nai wurde wieder hinber nach Imeo geschickt, von wo sie gekommen, und
von einem hbschen jungen Mdchen ersetzt.

Wenige Wochen waren solcher Art nach den im vorigen Capitel
beschriebenen Vorgngen verflossen, und wenn sich auch die Insulaner
schon ziemlich ber den Verlust ihres Missionairs und Consuls beruhigt
hatten, sollte bald wieder ein Gewaltstreich der Fremden diesem
scheinbaren Frieden ein Ende machen.

Die ~Reine blanche~ war wieder gesegelt und Monsieur Bruat hatte Alles
versucht die Eingebornen in Gte dazu zu bringen, ihnen die nthigen
Provisionen zu liefern, aber umsonst. Wie die Franzosen behaupteten, von
den Missionairen aufgereizt, jedenfalls auf den Befehl ihrer eigenen
Huptlinge, hielten sich die Insulaner in ihren Wohnungen und brachten
nicht eine Brodfrucht mehr zu Markte, ja das Gercht verbreitete sich
sogar, sie seien gesonnen Alles was sie nicht von Frchten und berhaupt
Lebensmitteln nothwendig selber brauchten, in die Berge und den Feranis
aus dem Weg zu schaffen.

Dem zu begegnen schritt der Franzsische Kommandant zu einem
Gewaltstreich, lockte vier der einflureichsten Huptlinge, unter ihnen
Terate, Avei und Nane ini an Bord eines Schiffes, wo er sie gefangen
hielt, und htte sich fast auch noch eines andern Trupps bemchtigt,
wre diesem nicht noch zeitige Warnung geworden, da er in die Berge
fliehen konnte.

Bald darauf erschien eine Proclamation vom Gouverneur Bruat
unterzeichnet, die im Namen des Knigs von Frankreich und als Gouverneur
der Franzsischen Besitzungen, dem Volke von Tahiti erklrte da die
vier Huptlinge Taaniri, Raheahu, Potowai und Teraitane, da sie auf das
Wort des Friedens nicht hatten hren wollen, fr Rebellen erklrt und
ihr Eigenthum mit Beschlag belegt werden sollte.

Acht Tage hie die Proclamation weiter -- sind ihnen noch gegeben sich
zu unterwerfen. Der Distrikt der ihnen Schutz giebt soll, nach seiner
Wichtigkeit, unter eine entsprechende Contribution gelegt werden. -- Die
dem Frieden und dem Gesetz freundlich gestimmten Personen bleiben ruhig
unter dem Protectorat Frankreichs -- die Strenge der Gesetze soll die
Schuldigen treffen.
                                                                Bruat.

Jetzt zum ersten Mal schien das Volk zu fhlen da es wirklich
unterjocht werden sollte, da man sich nicht allein begngte die
Englischen Missionaire feindlich zu behandeln, sondern auch sogar Hand
an ihre eigenen Huptlinge legte, und ein wilder Schrei des Zorns und
der Entrstung ging durch das ganze Land.

Pomare war zu gleicher Zeit von den Missionairen feste Hlfe von England
versprochen, und selbst alle dort lebenden Englnder besttigten das, da
Britanien nie dulden werde, da Einer seiner Consuln auf solche Weise
behandelt werde; nur verzgern mute sie einen Ausbruch des Volks, damit
der Franzose nicht neuen Grund bekam zu neuen Uebergriffen, und sich
inde ihr Recht wahren, als souveraine Knigin.

Dem Sinne folgend schrieb sie einen Brief[H] an die Huptlinge, worin
sie dieselben zum treuen und geduldigen Ausharren ermahnte, aber sie
auch zugleich indirekt darin aufforderte in ihrer Widersetzlichkeit
gegen die Feranis standhaft zu bleiben, und dieser Brief wurde, wie es
heit, von Gouverneur Bruat so aufgefat, als ob er die Eingeborenen in
der Rebellion gegen ihre gesetzmige Regierung bestrken und
bekrftigen solle.

    [H] Pomare's Brief lautete wrtlich: Gesundheit Euch Allen; ich
    mache Euch bekannt da unser Kriegsschiff uns bald verlassen wird;
    der Admiral verlangt es nach Oahu zurck. Ein kleines Kriegsschiff
    liegt hier, ber uns zu wachen, ein anderes wird kommen. Horcht
    nicht auf die Mnner die Euch entmuthigen wollen mit der Nachricht
    da wir nicht untersttzt wrden. Britanien wird uns nicht
    verlassen. Lat uns uns gut betragen, bis die Depeschen eintreffen.

    Dies ist mein Wort an Euch -- lat unter keiner Bedingung etwas
    Unrechtes geschehen, behandelt ja nicht die Feranis schlecht; habt
    groe Geduld. Nehmt mich zum Muster und folgt mir, und lat uns Alle
    brnstig zu Gott flehen, da er uns von unserer Prfung befreien
    mge, wie einst Hezekiah. Frieden sei mit Euch.
                                                      Pomare.

Der ehrwrdige Mr. Rowe bekam, wahrscheinlich selbst von Franzsischer
Seite, einen Wink, da der Knigin in Folge dieses Briefes Gefahr fr
ihre persnliche Sicherheit drohe, und verlor, durch Mr. Pritchards
Gefangennehmung berdies noch aufgeregt und eingeschchtert, dermaen
den Kopf, da er auf der Stelle zu ihr zu eilen beschlo, sie auf das
Dringendste zur Flucht zu mahnen.

Pomare war allein, als ihr der Missionair gemeldet wurde, und Bruder
Rowe mute lange drauen warten ehe er vorgelassen werden konnte. Selbst
ihre Einanas hatte die Knigin von sich entfernt; die Mdchen saen und
lagen drauen auf der Verandah herum und flsterten leise miteinander --
sie wagten nicht laut zu reden. Nur eine von ihnen ging hinein die
Gebieterin von der Ankunft des Geistlichen zu benachrichtigen, und kam
dann zu den Uebrigen zurck, denen sie mit halblauter Stimme etwas
zuflsterte.

Hast Du Pomare meinen Namen genannt, Waihine? frug der Geistliche
endlich, dem der Boden anfing unter den Fen zu brennen -- _wei_ sie
da ich hier bin und sie sprechen mu?

Ja, Mitonare! lautete die leise Antwort.

Und was hat sie gesagt?

Mitonare soll warten -- das Gesprch war wieder abgebrochen.

Mitonare soll warten -- und die Zeit verflo inde, die ihr vielleicht
noch geblieben, und _mit_ der Knigin waren auch alle ihre Rathgeber
gefhrdet -- wer wei was sie vielleicht in ihrem weibischen Trotz
Alles aussagte und -- gestand.

Der Missionair ging mit raschen ungeduldigen Schritten wieder drauen
auf und ab.

Sie mu mich vergessen haben rief er aber endlich, nicht lnger im
Stande seinen Unmuth zu verbergen, indem er wieder vor der Einana stehen
blieb -- fort mit Dir, Waihine -- sage noch einmal da ich da bin, und
Pomare sprechen _mu_, denn ich htte ihr Wichtiges -- sehr Wichtiges
mitzutheilen.

Pomare hat gesagt Mitonare soll warten, sagte aber das Mdchen, und
Bruder Rowe sah sie erstaunt und mitrauisch an -- so hatten die Einanas
noch nie gewagt mit ihm, oder einem aus seiner frommen Schaar zu
sprechen -- und kam diese Sinnesnderung von oben herab?

Er sollte aber nicht lnger Zeit zum Ueberlegen behalten; die Knigin,
ob sie die ungeduldige Stimme des Missionairs gehrt, oder selber es fr
Zeit fand ihn hereinzulassen, rief, ein paar von den Mdchen sprangen
auf, den Besuch zu geleiten, und Bruder Rowe betrat wenige Minuten
spter das kleine Gemach, in dem Pomare auf einer ausgebreiteten Matte
auf der Erde sa.

Sie hatte sich in das einfachste Zimmer ihres Hauses zurckgezogen;
weder Tisch noch Stuhl stand in dem leeren Raum, vor dessen Fenster, das
einzige Zeichen des neueingefhrten Luxus, weie gemusterte Gardinen
hingen und in dem Zug der offnen Flgel hin und herwehten. Nur Matten,
nebst einigen mit roher Pflanzenwolle gestopften Kissen lagen im Zimmer
zerstreut umher, eben so viele Sitze bildend, und ein an der Wand
befestigtes Seitenbret trug drei oder vier Bcher, eine reich vergoldete
Obertasse mit abgebrochenem Henkel, und eine gewhnliche Cocos
Poe-Schale.

Der ehrwrdige Mann blickte etwas erstaunt umher, denn gerade in der
letzten Zeit hatte Pomare weit eher gesucht sich mit Europischem Glanz
zu umgeben, als sich solcher Art in ihre Einsamkeit zurckzuziehn; aber
die Knigin selber zog seine Aufmerksamkeit bald auf sich allein, denn
sie sah bleich und abgehrmt aus, und die Spuren frischer Thrnen waren
noch in ihren Augen.

Was bringst Du mir? sagte sie mit halb abgewandtem Antlitz, als ob sie
sich dieses Zeichens von Schwche schme -- was wollt Ihr von _mir_?
ich habe Nichts mehr zu befehlen hier auf Tahiti -- meine Sonne ist
untergegangen und meine Nacht bricht an -- Ihr mt von jetzt an fr
Euch selber sorgen -- Pomare Waihine hat kaum noch den einzigen
Brodfruchtbaum behalten, der vor ihrer Thre steht.

Und doch bist Du noch frei, Pomare, sagte der Missionair mit
traurigem, mitleidigem Blick -- hast noch Dein Volk um Dich und den
blauen Himmel ber Dir --

Und wer kann mir das nehmen? rief Pomare schnell, und ihr
mitrauischer Blick haftete forschend an dem Auge des Priesters.

Der Feind hat jetzt die Macht entgegnete finster der Missionair, und
seine Bosheit ist gro.

Pomare erwiederte Nichts und sah den Unglcksboten nur ruhig und sinnend
an, dann langsam aufstehend trat sie zu ihm, legte ihre Hand auf seinen
Arm und sagte leise:

Was ist vorgefallen, Bruder Rowe? -- sag es mir gleich heraus und leg
Dich nicht erst in den Hinterhalt -- Du thust mir weh damit.

Es ist auch keine Zeit mehr zu verlieren, Pomare, erwiederte der
Priester ernst -- Du weit was die Feranis mit Piritati gemacht haben.

Piritati war ein Beretani rief die Knigin schnell -- er gehrte
nicht in dieses Land -- sie konnten das wagen -- sie drfen nicht Hand
an Pomare legen.

_Drfen_? sagte Mr. Rowe achselzuckend -- wir sind ein friedliches
Volk und knnen uns nicht zur Wehr setzen.

Und wessen Schuld ist das? frug die Knigin rasch und mit einem
Zornesblick im Auge -- wer anders als Ihr, die Ihr uns von England die
Religion gebracht habt, die Ihr eine Religion der Liebe nennt, und die
jetzt Ha und Tod unter mein Volk bringt, wer anders hat den Bewohnern
dieser Inseln ihre alten Kriegsspiele verboten, und die Fhrung der
Waffen fr sndhaft erklrt? wer eiferte frher dagegen, da meine
jungen Leute ihr Cocosl und ihre Perlmutterschalen gegen Gewehre und
Pulver eintauschen sollten wie es mein und ihr Wunsch war, und erklrte
es gegen Gottes Gebote, whrend Ihr Oel und Muscheln fr Eure eigenen
Zwecke sammeltet und nach Beretani schicktet?

Es geschah das um Gottes Wort auch auf andern Inseln zu verbreiten --
auch andern Vlkern den Segen der christlichen Religion zu bringen
sagte mit milder freundlicher Stimme der Geistliche.

Ich habe das gute Buch durchgelesen von Anfang bis Ende erwiederte die
Knigin finster -- und nirgends darin gefunden da Jesus Christus
_gesammelt_ hat fr andere Vlker.

Damals war es noch nicht nthig, Pomare erwiederte Mr. Rowe, etwas
verlegen -- und nicht wohl ist es gethan, das Schwert zu nehmen, denn
Jesus selber hat gesagt, wer das Schwert nimmt, der soll durch's
Schwert umkommen.

Geh, geh! sagte aber Pomare traurig mit dem Kopf schttelnd -- Du
hast fr Alles einen Vers aus Deinem Buch und die Beretanis, die Du
sagst da sie gute Christen wren fahren eben so mit Kriegs-Canoes auf
der See herum wie die Feranis, sie nehmen das Schwert und sie kommen
nicht um, und ich habe das Schwert nicht genommen und verliere mein
Reich -- Was willst Du jetzt von mir? -- was soll ich thun? -- gehe
zurck zu Deinen Landsleuten und sage ihnen da ich Euch hier nicht mehr
schtzen kann. Ich danke ihnen da sie mir die Bibel gesandt, aber mein
Volk ist zerstreut, meine Macht ist gebrochen -- wenn ich wieder Knigin
bin, will ich Euch wieder in mein Land nehmen.

Nicht meinethalben kam ich hierher, Pomare sagte aber der Geistliche
ernst, nicht fr mich Schutz oder Hlfe zu erbitten von Dir, Du
schwergeprfte Knigin, sondern Dich selber wollt' ich warnen, Dich
einer Gefahr zu entziehn, die ber Deinem Haupte schwebt, und Dich in
der nchsten Stunde schon vielleicht erreichen kann.

So sprich! rief Pomare, schon seit Du das Zimmer betreten, sehe ich
Dein Unheilkndendes Gesicht, und mein Herz ist von Angst erfllt --
was ist es?

Vor einer Stunde etwa nahm der Geistliche wieder das Wort, bin ich
gewarnt worden, da die Feranis, bse ber Deinen Brief den Du an die
Huptlinge geschrieben, Dich ebenso wollten gefangen nehmen und in
Gewahrsam halten, wie Terate und die Andern, damit Du die Eingebornen
nicht aufwiegeln knntest gegen sie. Die wahnsinnigen Menschen behaupten
jetzt die rechtmigen Eigenthmer Tahitis zu sein, und erklren uns
selber fr _Rebellen_ wenn wir gegen sie reden.

Ein zorniges Lcheln flog ber Pomares Zge, als sie die Worte hrte und
sie antwortete finster:

Mich gefangen nehmen? und wo bleiben jetzt Euere Schiffe? wo die
Kanonen die Ihr mir zu meinem Schutz verspracht? -- Euere Kriegsschiffe
haben, ein kleines Schiff ausgenommen, die Bai verlassen, Euer Consul
ist gefangen, Euere Fahne verschwunden -- wo bleiben Euere Predigten,
Euere Worte? Als ich Sandelholz hatte und Cocosl, da war ich Knigin,
da kamen die Capitaine und sprachen schne Worte und brachten Geschenke
-- jetzt da ich arm und verlassen bin, kommt Niemand mich zu
untersttzen. Und wohin soll ich fliehen?

Es liegt ein Englisches Kriegsschiff im Hafen das Dich aufnehmen
wird, und unter Englischer Flagge bist Du sicher rief der Missionair.

An Bord eines fremden Schiffes? nie -- zrnte die Knigin, wr' ich
nicht dort Gefangene wie da?

Und doch ist es das Einzige seufzte der Missionair -- dorthin reicht
der Arm der Feranis nicht, und wer wei ob Du heut Abend selbst noch zu
dem Schritt Raum und Zeit behltst.

Ich kann mich nicht allein in den Schutz der fremden Mnner geben
sagte Pomare, doch jetzt unruhig werdend ber den besorgten Ernst des
sonst ihr so freundlich gesinnten Mannes -- ich kann nicht allein an
Bord eines Kriegsschiffs fliehn.

Dein Gatte und zwei Deiner Einanas mssen Dich begleiten sagte Mr.
Rowe, Pomare Tane[I] ist ja von Imeo zurckgekehrt, und wird sich nicht
weigern Dir an Bord zu folgen.

    [I] Der Gemahl Pomare's geht unter dem Titel Pomare's Mann.

Weigern? sagte die Knigin zrnend, und ein verchtliches Lcheln
spielte um ihre Lippen -- aber meine Kinder? -- was wrde aus denen?

Wohin die Mutter geht, gehn sie auch, und Capitain Hunt ist ein
Gentleman, der sich glcklich schtzen wird einer armen verrathenen
Frau und Knigin Schutz mit den ihren zu gewhren.

Pomare ging, die Hnde krampfhaft gefaltet, das Haupt gesenkt, mit
raschen Schritten im Zimmer auf und ab, als drauen Stimmen laut wurden
und gleich darauf Eine der Einanas den Huptling Tati meldete, der
Pomare dringend zu sprechen wnsche.

Tati? rief Pomare, erstaunt vor dem Mdchen stehn bleibend -- Tati?
was will er von _mir_ in jetziger Zeit? oder haben ihn die Feranis
geschickt, seine Knigin abzuholen ins Gefngni -- send' ihn fort, er
gehrt zum Feind; Pomare will ihn nicht sprechen.

Wenn der Feind Dein Vaterland ist, Pomare, dann hast Du recht sprach
in diesem Augenblick die tiefe klangvolle Stimme des Huptlings, der dem
Mdchen auf dem Fu gefolgt, und auf der Schwelle stehn geblieben war,
bis seine Ankunft gemeldet worden -- schicke mich nicht noch einmal
fort von Dir, denn ich bringe ein Freundeswort.

Schickt Dich der Ferani? frug die Knigin, ihn mit einem finstern
Blick betrachtend -- haben sie Dir wieder neue Versprechungen gemacht,
oder soll ich vielleicht noch einen Vertrag unterzeichnen, der mir auch
die Fe bindet, wie der erste die Hnde, und mich hier hlt in ihren
bewaffneten Husern, als Geiel fr die Unterwrfigkeit meines armen
Volkes?

Tati zog die Brauen finster zusammen und sein Blick suchte den
Missionair, als ob er dort den Grund solcher harten Anklage vermuthe,
aber das gute Element in ihm gewann die Oberhand und mit ruhiger fast
herzlicher Stimme sagte er:

Du hast Grund uns zu zrnen, Pomare, denn wenn auch absichtslos, gaben
wir dem Ferani den Halt an dieses Land, den er jetzt benutzt, es zum
Abgrund niederzureien, aber vielleicht bin ich im Stande Dir heute zu
beweisen da es Tati redlich mit Tahiti, redlich mit Dir meint, und
kleinliche Eifersucht seinem Herzen fremd ist, in der Stunde der Noth.
Du bist in Gefahr und mut Papetee verlassen.

Ich wei es, ich wei es rief Pomare schnell -- der ehrwrdige Mann
hier hat mich schon gewarnt, und das Schiff der Beretanis wird mich und
die Meinen aufnehmen, ehe ich mich den Feranis gefangen gebe.

Das Schiff der Beretanis? rief Tati, fast ebenso sehr erschreckt als
erstaunt -- und was hast Du bei den Beretanis zu thun? sind sie nicht
Fremde, so gut als Jene? O Pomare, wann wirst Du aufhren Dich auf
Fremde zu verlassen?

Der Huptling Tati spricht, als ob unsere Nation dem Tahitischen Stamme
je noch feindlich gewesen wre sagte der Missionair, ich dchte wir
htten bewiesen, da wir unsere Tahitischen Brder lieben.

Genug -- genug sagte der Huptling abwehrend -- nicht um mit Worten
zu streiten bin ich hierhergekommen; die Zeit zum Handeln ist gekommen,
und Du, Pomare, sollst jetzt beweisen, ob Du wrdig bist das Tahitische
Volk zu regieren, wo dann Tati und alle Andern sich freudig Deiner
Herrschaft beugen werden.

Und soll ich mit meiner Flucht solchen Beweis beginnen? frug die
Knigin bitter.

Allerdings rief Tati rasch, aber nicht wenn Dich die Bahn nach einem
fremden Schiffe fhrt.

Und wohin denn? -- wo hast Du Schutz fr mich?

Bei Deinem Volk, Pomare! rief der Huptling rasch und whrend die
Knigin finster und wehmthig mit dem Kopfe schttelte, fuhr er von
seiner Sache begeisterter, wrmer werdend, fort -- schttle nicht so
zweifelnd das Haupt, die Fhrer fast aller Partheien, die sich vereinigt
haben in der gemeinsamen Noth des Landes senden mich, und rufen, ja
fordern Dich auf, ihrem Schutze Dich anzuvertrauen und mit ihnen in
die Berge zu ziehn. Dort pflanzen wir die eigene Fahne auf, und Tod den
Feinden, wenn sie es wagen sollten uns dorthin zu folgen, wo wir uns
fest und freudig um Dich geschaart.

Nur bei dem Versuch in die Berge zu entkommen warf hier kopfschttelnd
der Geistliche ein -- wre Pomare fast der gewissen Gefahr ausgesetzt,
von den Feranis angehalten und gefangen zu werden. Sie wrden es nimmer
dulden etwas geschehn zu lassen, was ihnen die Eingebornen zu so viel
gefhrlicheren Feinden machen mte.

_Gefahr_ und _Dulden_! rief der Huptling, mit dem Fue stampfend,
ein einzig Zeichen durch die Stadt von mir und fast drei Viertel der
Bewohner schaaren sich mit einem Jubelschrei um ihre Knigin. Lat das
Volk wissen da Tati und Utami, Hitoti und Paraita mit Pomaren sind, und
kein Arm der noch einen Bogen spannen und einen Speer schleudern kann,
bleibt daheim, das Ende schmachvoll abzuwarten. Nein Pomare, nicht
Furcht jetzt, nicht Gefahr, darf Dich abhalten davon, Dich an die Spitze
Deines Volks zu stellen. Die Fremden haben jetzt deutlich genug gezeigt
_was_ ihre Absicht ist, und uns bleibt keine andere Wahl, als
Unterwerfung oder Kampf.

Uns bleibt die Wahl Britischen Schutz zu suchen rief der Missionair,
neben Pomare tretend, uns bleibt der Schutz der Bibel und wenn auch
spt, die Hlfe bleibt nicht aus; so langsam sie kommt, so sicher wird
sie kommen.

Tati wollte heftig gegen den Priester auffahren; aber er bezwang sich,
er fhlte die Wichtigkeit dieser Stunde und sagte ernst und ruhig:

Pomare, der Augenblick ist gekommen, wo Du zu whlen hast zwischen
Deinem Volk und den Fremden, zwischen Deiner eigenen Herrschaft oder
der, Beretanischer oder Feranischer Priester; -- gieb Dich wieder in
ihre Hnde, und Deine Macht ist gebrochen fr ewige Zeiten -- wirf sie
von Dir, und wir erkmpfen Dir die Freiheit oder uns Allen einen
ehrenvollen Tod. Sieh, da die Huptlinge _mich_ senden, mag Dir ein
Beweis sein wie wir denken -- jeder Partheistreit sei vergessen, jeder
kleinliche Gedanke an Eigennutz zerstrt, das Vaterland ist in Gefahr
und wie der fremde Ferani schlau und tckisch seinen Vortheil zog aus
dem Zwiespalt der Partheien, so pflanze die _eine_ Macht jetzt siegreich
ihr Banner auf in den Bergen.

Die Knigin stand unschlssig; das Herz schlug ihr heftig und ihr Blick
flog ngstlich von den schnen belebten Zgen des Huptlings nach dem
bleichen Antlitz des Priesters hinber.

Und was wird aus Pomare Tane? frug sie leise.

Tati bi sich die Lippe --

Er mag mit Dir gehn sagte er endlich leise, aber _wenn_ er ein Mann
wre htte er selber schon das Schwert aufgegriffen und sein Volk zu den
Waffen gerufen -- oh da Dein Vater lebte, Pomare.

Und was dann, wird aus den Lehrern dieses Volks, was wird aus uns und
unseren Husern? rief der ehrwrdige Mr. Rowe. Vertrauungsvoll sind
wir an Eueren Strand gekommen, Euch den Frieden und die Liebe zu
bringen, und sollen wir jetzt als Geieln in den Hnden der Feinde
zurckbleiben? So lange Du unter Britischem Schutz stehst, Pomare, wird
ebensowohl _Dein_ Eigenthum hier geachtet werden, denn die Feranis
frchten unseren Stamm, mgen sie jetzt hier so trotzig auftreten wie
sie wollen, einmal aber erst in die Berge geflchtet, als erklrter
Feind und mit den Waffen in der Hand, so ist nach den Gesetzen des
Kriegs Alles dem verfallen, der das Feld behauptet.

Und denkt Ihr an Euch jetzt allein? rief Tati zornig, wo das
Schicksal des ganzen Landes am Rande des Abgrunds steht?

Viel weniger an mich -- erwiederte ruhig der Missionair, als an
alle meine Brder hier auf den Inseln, ja an das Schicksal der Mission
selber, die damit ihrem gewissen Untergang entgegen zge. Sobald Pomare
jetzt offenkundig den Krieg beginnt, liegt die Vergangenheit
abgeschnitten hinter ihr, und die Gewalt der Waffen allein entscheidet
wer knftig und welche Religion herrschen soll. Wird sie besiegt, so ist
es der Sieger, der die Bedingungen schreibt und denen sie sich fgen
mu, inde sie jetzt noch immer Englands Hlfe sich erhlt, seine
Vermittlung die stets nur auf Seiten der Bibel sein kann.

Zum Abgrund mit der Bibel! schrie aber der im Herzen noch immer den
alten Gttern zugethane Huptling jetzt, bei dem der Zorn ber den
egoistischen Geistlichen die Ueberhand gewann -- es gilt hier nicht das
dicke Buch, es gilt das ganze Land, es gilt hier fr Pomare die Herzen
ihres Volks, die jetzt noch mit ihr, doch wer wei wie lange sind. Tati
lt auch Alles zurck was er sein eigen nennt, ebenso Utami -- wir
wollen uns selber, wollen unsere Ehre, unser Reich retten, mag der Feind
die Brandfackel in unsere Htten werfen und unsere Brodfruchtbume
niedermhn; die Berge tragen Feis, der Wald Orangen und Guiaven und
tausend andere Frchte, und Gottes Sonne glht und leuchtet da oben so
rein und frisch, wie hier im Thal.

Ich will auf das Schiff gehn, Tati sagte aber jetzt Pomare, die bis
dahin unschlssig und ngstlich gestanden -- der Mitonare hat recht; so
lange ich unter Englischem Schutz bin und nicht gegen sie kmpfe, werden
sie unser Eigenthum achten und nicht zerstren, und das fromme Werk der
Mission, das mir von Gott berantwortet ist, wird nicht zu Grunde gehn;
ich will nicht das Schwert nehmen, ich bin eine Frau und meine Kinder
sollen ihre Krone nicht vergossenem Blute zu verdanken haben -- wenn
Andere Unrecht thun will ich nicht selber sndigen. Und auch Du Tati,
schaudere vor dem Abgrund zurck an dem Du stehst, denn Du verachtest
die Bibel und sie ist Deine einzige Rettung.

Pomare -- la uns nicht in dieser Stunde um ein Wort, um eine Meinung
zanken, bat aber der Huptling -- schicke mich nicht fort von Dir mit
solcher Antwort; noch bist Du Knigin und will Dich England schtzen,
wird es das eher thun, wenn Du Dir Achtung von ihm _erzwingst_, durch
Knigliches Handeln, als wenn Du feige auf eines ihrer Schiffe
flchtest, von vorn herein gleich erklrend, ich bin zu schwach, ich
_kann_ nicht Knigin sein.

Da kommt Bruder Brower in groer Eile rief Mr. Rowe da, der einen
Blick durch das Fenster geworfen -- was wird er bringen?

Unheil diesem Haus sagte Tati dster, der in den Augen Pomare's schon
seine Antwort las, und nicht mit Unrecht befrchtete der zweite Mitonare
wrde den Ausschlag geben. Er sollte darber nicht lange in Zweifel
bleiben; mit ngstlicher Miene brach der kaum angemeldete Priester ins
Zimmer, und nur einen mitrauischen Blick auf den Huptling werfend,
dessen Parthei den Interessen Pomare's bis dahin selten freundlich
gewesen, rief er aus:

Die Noth ist gro Pomare, grer aber die Gefahr, denn soeben hre ich
da die Franzsische Regierung beschlossen hat Dich zu fangen und zu
halten, bis zu Abschlu des Friedens. Glcklicher Weise aber war das
Boot des Basilisk hier an Land -- sein Officier ist von mir in Kenntni
gesetzt und liegt am Ufer, dicht hier vor dem Haus, Dich unter dem
Schutz seiner Flagge sicher fortzufhren -- aber der Augenblick drngt,
Du hast keine Viertelstunde mehr zu Deiner Verfgung.

Eben so rasch entkommst Du in die Berge, Pomare rief da Tati noch
einmal, den letzten Versuch zu machen, die Knigin ihrem Lande zu
erhalten -- ber die Strae hinber beginnen die Guiaven, und mein Kopf
brge Dir fr Deine Sicherheit.

Pomare Tane brach in diesem Augenblick in's Gemach; es war ein junger
bildschner Mann, wohl sechs oder acht Jahr jnger als die Knigin,
aber mit weichen, weibischen Zgen, die Oelgetrnkten Haare mit Blumen
geschmckt und die Finger mit Ringen besteckt. Auch seine Zge waren
jetzt angstentstellt, und die Mnner nicht beachtend die im Zimmer
standen rief er laut:

Flieh Pomare, flieh -- an den Bergen haben die Feranis Soldaten mit
geladenen Gewehren stehn und das Volk schreit, sie kmen Dich zu fangen
und zu binden.

Das Boot liegt am Strand, in fnf Minuten bist Du frei, drngte da Mr.
Rowe.

Tati, Du wirst Dich an die Spitze meiner Krieger stellen bat Pomare --
der Allmchtige wird Dir seinen Schutz verleihen und den Sieg in unsere
Hnde geben.

Verdorren soll der Finger der sich fr Deine Sache regt wenn Du ihr
selbst den Rcken kehrst; -- rief aber der Huptling trotzig und
finster -- Pomare -- hah, was ist _mir_ der Name? dem _Vaterlande_ htt'
ich mein Blut geweiht, und jeden feindlichen Gedanken, jede Idee von
Uneinigkeit draus fern zu halten, selbst _Deinem_ Stamm gehorcht. Du
bist aus edlem Blut entsprossen und das Land htte, so von jedem
Partheienha befreit, seiner Knigin zugejauchzt und sich fr sie mit
Freuden in den Kampf geworfen -- das ist vorbei, die schwarzen Mnner
haben Dich wieder in ihrer Gewalt und Tati ist fr Dich verloren.

Noch stand Pomare zgernd, da schallte ein kurzer Trommelwirbel, eine
vorbeiziehende Patrouille vielleicht, an ihr Ohr.

Der Feind! rief Pomare Tane, riefen die Missionaire -- sie kommen
Dich zu holen.

Wo sind meine Kinder flehte die arme Knigin jetzt selber von der
Angst der Uebrigen eingeschchtert -- meine Kinder!

Hier im Zimmer bei den Einanas beruhigte sie Mr. Brower -- ich lie
sie selber hier zusammenkommen, jetzt fort -- in wenigen Minuten bist Du
an Bord -- schon im Boot bist Du sicher und ungefhrdet und ihre Hand
ergreifend, die sie ihm willig berlie, folgte sie ihm hinaus.

Meine Kinder rief die Knigin.

Hier, hier -- Ihr Mdchen da rasch mit den Kindern in's Boot das am
Strande liegt -- fort mit Euch.

Aber meine Matten, meine Kleider --

Alles wird Dir nachgeschickt Pomare, rief Mr. Rowe rasch -- wir
selber wollen Dein Eigenthum schtzen, das der Ferani nicht wagen darf
anzutasten.

Pomare, durch das erneute Trommeln nur noch mehr auer Fassung gebracht,
folgte fast willenlos den Fhrern, und mit den Kindern voran floh der
kleine Zug ber den schmalen Strand dem zum augenblicklichen Abstoen
bereiten Englischen Boote zu. Eine Franzsische Patrouille kam gerade
zufllig am Wasserrand nieder, aber der Officier, der auch
wahrscheinlich gar keinen Befehl dazu hatte, hinderte das Einschiffen
der recht gut gekannten Knigin nicht, ja es ist leicht mglich, da die
Franzosen sehr zufrieden damit waren einer unangenehmen Ueberwachung
Pomares solcher Art vollkommen berhoben zu sein. Sie bekamen dadurch
viel freiere und ungestrtere Hand in der Stadt, und hatten
gewissermaen eine Verantwortlichkeit weniger.

Unbelstigt erreichte die Knigin das Boot, wohin ihr ihr Gemahl mit den
Kindern und zweien der Einanas folgte, und whrend die Brder Rowe und
Brower am Ufer standen und mit einem dankenden Blick nach oben die
Rettung Pomare's feierten, scho das scharfgebaute Boot mit seiner
kostbaren Ladung blitzesschnell dem nahen kleinen Kriegsschiff[J] zu,
wo die seltenen Schtzlinge von dem Englischen Capitain auf das
Zuvorkommendste und Freundlichste empfangen und, so gut als der enge
Raum des Fahrzeugs es erlaubte, untergebracht wurden.

    [J] Der ~Basilisk~, nur eine sogenannte ~catch~ von circa 200
        Tons.

So ruhig sich aber die Bewohner von Papetee bis jetzt verhalten hatten,
und so gelassen sie der, vor ihren Augen geschehenen Occupation
zugesehn, eine Ruhe die nicht einmal durch die Gefangennahme ihres
ersten Missionairs gestrt werden konnte, so heftig erschtterte dagegen
das Gercht: Pomare hat fliehen mssen vor den Feranis, jedes Gemth,
und wer nur jetzt irgend glaubte den Zorn der nichts heilig achtenden
Fremden auf ein oder die andere Art gereizt zu haben, flchtete in die
Berge, ihrer Rache zu entgehn, und sich zum Widerstand zu rsten. Halb
Papetee stand einsam und verlassen, whrend die Eroberer, damit gar
nicht unzufrieden, Besitz von den gerumten Husern nahmen, und sie
theils zu Kasernen und Wachen, theils zu eigenen Wohnungen herrichteten,
zugleich aber auch mit vereinten Krften daran gingen den Wall und
Graben um die Stadt zu beenden und mit Kanonen zu besetzen, wie
berhaupt Alles zu thun, was sie im Fall eines wirklichen Angriffs gegen
eine Ueberzahl der Feinde schtzen konnte.

Nichtsdestoweniger blieb die Stadt ruhig -- kein wirklicher Ueberfall
geschah, ja die einzelnen Franzosen die sich hie und da noch immer
sorglos zwischen den Eingeborenen herumtrieben, wurden nicht belstigt
noch beleidigt, wenn ihnen auch die finsteren Blicke der Mnner deutlich
genug verriethen, wie gern sie hier gesehn wurden.




Capitel 9.

Der erste Kampf.


Die Kunde von den neuen Gewaltthtigkeiten der Franzosen lief aber auch,
wenn es selbst die Bewohner von Papetee noch nicht zu einem Ausbruch
trieb, mit fabelhafter Schnelle ber die ganze Insel, und das Volk fing
jetzt zum ersten Mal an einzusehn, was die Entfernung seiner Flagge
eigentlich bedeutet, was der Ferani beabsichtigte, als er das Bndni
mit den Huptlingen schlo, und seine Priester ihnen herberbrachte.
Dumpfe Gerchte folgten dem zu gleicher Zeit, da die Feinde sich aller
ihrer Huptlinge bemchtigen wollten, die nach dem Lande der Ferani's
geschafft werden sollten, und wenn das Volk bis jetzt noch nicht daran
gedacht hatte zu rsten, begann es jetzt. Waffen tauchten berall auf,
Munition wurde vorgesucht, der Gebrauch der Muskete von den einzeln
zwischen ihnen zerstreuten Europern gelernt und gebt, und ein Eifer
zeigte sich pltzlich in der Bevlkerung, eine Regsamkeit, die einen
ernsten Widerstand, selbst unter den Kanonen des Feindes, keineswegs als
eine Unmglichkeit erscheinen lie. Nur an einem wirklich thtigen Grund
zum Beginn fehlte es noch, einem ersten Ausschlagen irgend einer
Parthei; das Geschtz war geladen, es bedurfte nur noch der Lunte es zu
entznden, und wie sich die Vlker jetzt entgegenstanden, _konnte_ das
nicht lange auf sich warten lassen.

Es war an einem Sonnabend (wie bekannt der frhere Sabbath der Bewohner
von Tahiti) Nachmittag -- und Bruder Dennis hatte an diesem Tage
Gottesdienst auf der Halbinsel Tairabu gehalten. Die Bewohner dieses
freundlichen Distrikts lebten allerdings zu entfernt von dem Schauplatz
wirklicher Feindseligkeiten, ihr ruhig patriarchalisches Leben schon
aufgegeben und zu den Waffen gegriffen zu haben, zu nahe aber auch sie
gleichgltig an sich haben vorbergehn zu lassen, und wenn auch
uerlich noch Nichts den Geist verrieth, der in den Bewohnern anfing
sich zu regen, waren unter der Hand die Rstungen mit vielleicht nicht
weniger Eifer betrieben worden, als in der unmittelbaren Nhe Papetee's.

Schon whrend der Predigt selbst war an diesem Tag ein fremdes
Franzsisches Kriegsschiff, die jetzt dort an der Kste tglich auf- und
abkreuzten, in ihren Hafen eingelaufen, und hatte die Sabbathfeier
dadurch wesentlich gestrt und die Aufmerksamkeit der Gemeinde natrlich
von dem Geistlichen ab, dem viel interessanteren Schiffe zugewandt.
Harte Worte waren es denn auch gewesen die der fromme Mann gegen die
Papisten und Sabbathschnder sprach, die Herzen seiner Zuhrer mehr
noch mit Zorn und Entrstung fllend.

Nichtsdestoweniger blieben die gelandeten Bootsmannschaften, die sich
ziemlich sorglos zwischen die Gruppen am Ufer mischten, unbelstigt, und
wenn ihnen die Eingebornen wohl auch oft finstre Blicke zuwarfen, und
die Mdchen besonders, die sie nach altgewohnter Weise anfassen und mit
ihnen scherzen wollten, zornig den Rcken drehten und mit verchtlichem
Ruf die Lenden schlugen, geschah Nichts was die Freiheit ihrer
Bewegungen, ja durch den Widerstand der Schnen zuletzt gereizt, selbst
ihrem Uebermuth, htte irgend eine Grenze gesteckt.

Die Trupps der Soldaten und Matrosen begngten sich brigens damit am
Ufer, oder in der Nhe desselben umherzuschwrmen; nur ein einzelnes
kleines Piquet, von etwa zehn Mann marschirte, als der Gottesdienst
schon lange vorber war und sich die einzelnen Familien in ihre
Wohnungen zurckgezogen hatten, einer Patrouille gleich, aber nur
theilweis bewaffnet, durch den kleinen Ort durch und an dem nchsten
Hgelhang hinauf, wo nur einzelne Huser zerstreut unter vorhngenden
Palmen lagen, und der schmale Pfad sich zwischen fruchtbaren Grten und
kleinen Guiavendickichten hinaufzog.

Vor dem ersten dieser Huser sa eine kleine Gruppe sorgloser frhlicher
Indianer lachend und singend auf einem offenen von hohen
Brodfruchtbumen und Palmen dicht beschatteten Platz, die Frauen als am
Sabbath mit keiner Arbeit beschftigt, hie und da eine sogar auf ihre
Matte ausgestreckt und auf den zusammengefalteten Armen liegend, um in
einer groen aufgeschlagenen Tahitischen Bibel zu buchstabiren, whrend
die Mnner untereinander plauderten und erzhlten, oder auch wohl zu
Vieren oder Fnfen kurze Verse einzelner Hymnen mit vollkommen richtiger
Eintheilung der Stimmen sangen. Ein Zuschauer htte hier nie geahnt da
sich dies muntere, glckliche, sorglose Volk am Vorabend eines Krieges
befnde, und den Feind unter sich wute, der es schon gergert und
gereizt, und jeden Augenblick weiter gehn und zum Angriff schreiten
konnte.

Zwischen den Frauen waren drei reizende junge Mdchen, zwei von Tairabu,
und eine, ein Gast in ihrer Mitte von Papetee, und auf feingeflochtene
reinliche Matten gelehnt, ihre Hnde in denen der beiden Jungfrauen, die
sich lchelnd zu ihr hinberneigten, erzhlte die Fremde den Freundinnen
von der Stadt an der andern Seite der Insel, von den frechen Wi-Wis die
ihre Waffen und Kanonen an Land geschafft, und die Herren sein wollten
der ganzen Insel, aber mehr noch von ihren komischen Sitten und
Gebruchen, von ihren groen Brten und heien Kleidern, von der
wunderlichen Sprache -- wie oft und schnell hintereinander sie das Wi-Wi
sprchen, das ihnen den Namen gegeben, und wie sie -- fuhr die Jungfrau
leise und schchtern fort, den Mdchen nachstellten und ihnen stets von
ewiger Liebe sprchen, und sie dann wieder verlieen wo sie ein anderes
junges Gesicht gesehn.

Es war ein liebliches zauberschnes Bild, diese drei jungen Kinder der
Insel mit den blitzenden sprechenden Augen und ppigen Formen, denen die
Bronzefarbe der Haut nur womglich einen noch hheren Reiz verlieh. Und
dicht hinter ihnen sa ein alter Mann, in seinen Tapamantel
eingeschlagen, und an den Stamm an einer hochwchsigen mit goldgelben
Frchten dicht umschlossenen Papaya gelehnt, finster vor sich
niederbrtend, und doch dabei dem Schwatzen des holden Mdchens
lauschend. Es war der alte trotzige Huptling Fanue, dem das heie Blut
die Zornesader an der Stirn hoch aufschwellte, als er den Uebermuth der
frechen Fremden von rosigen Lippen lachend besttigt hrte, und der die
Faust fest unter dem Mantel ballte wenn er daran dachte, wie sie die
Schmach schon so lange ertragen, und immer und immer noch nicht
losgeschlagen htten in das Herz des Feindes hinein.

Lautes Gerusch, Rufen und Lachen, fremde Stimmen und Worte tnten zu
ihnen von unten herauf, und ein junger Bursch kam gesprungen der die
Nachricht brachte, die gelandeten Wi-Wis stiegen auch jetzt, die Mdchen
neckend und die Mnner rgernd, bis zu ihnen herauf.

Die Wi-Wis -- die Mdchen drngten sich neugierig vor, ob sie nicht
irgend wo auf dem freien Pfad eine der feindlichen wunderlichen
Gestalten erkennen knnten, schchtern aber dabei und bereit zu
augenblicklicher Flucht, wenn das wirklich der Fall gewesen wre.
Trommeln wirbelten indessen unten im Thal, aber nicht der bekannte
frhliche Laut zum jubelnden Tanz, sondern in kurz abgebrochenem
schroffen Takt, und Hrner und Trompeten klangen herauf die von der
munteren Soldateska mit herber genommen waren die Herzen der Hrer zu
gewinnen.

Fester Tritt und lautes Lachen schallte da nher und deutlicher zu ihnen
herber, und unten am Hang, in den Grten schon wo die Reihen sorgfltig
gepflanzter Bananen und ser Kartoffeln standen, wurden die bunten
Uniformen der Fremden sichtbar, die an den Fruchtbumen, wenig sich um
den Eigenthmer kmmernd, herumgingen, reife Frchte zu suchen und zu
pflcken.

Die Mdchen welche aufgesprungen waren und rasch mit einander geflstert
hatten, wollten fliehen, aber Fanue's finstres Wort hielt sie zurck.
Was hatten sie zu frchten an _seiner_ Htte? glaubten sie da der
Fremde es wagen drfe, einen der Seinen ungestraft zu beleidigen? Die
Mdchen schmten sich ihrer Furcht und nahmen ihren alten Sitz auf der
Matte ein, nur die Fremde wollte nicht bei ihnen bleiben, und sie faten
sie endlich halb mit Bitten halb mit Gewalt an ihrem Kleid, und zogen
sie wieder zu sich nieder. Es war ihnen selber so schon nicht recht da
sie dableiben muten, und nun wollte das Mdchen von Papetee sie auch
noch dazu allein lassen -- das ging unter keiner Bedingung an.

Die Franzosen, von denen einige mit ihren Seitengewehren bewaffnet
waren, drei oder vier sogar ihre schweren Musketen trugen, andere jedoch
in die leichte Tracht der Europer auf den Inseln, weite Hosen und
Jacken und breitrndigen Strohhut gekleidet gingen, kamen inde nher
und nher und steuerten, als sie die bunten Kleider der Mdchen vor dem
Haus erkannten, gerade auf die kleine hier befindliche Gruppe zu.

Die Mnner oben hrten dabei auf zu singen, und blickten finster auf die
ungebetenen Gste, die hier die Heiligkeit des Sabbath sowohl wie des
eigenen Hauses strten, und die Mdchen rckten enger zusammen, und
flsterten ngstlich miteinander, denn die Feranis kamen gerade auf sie
zu, und blieben lachend und plaudernd vor ihnen stehen. Sie wagten nicht
einmal zu ihnen aufzuschaun. Nur der alte Fanue verharrte, die Arme fest
auf der Brust gekreuzt, in seiner Stellung, und sah die Fremden ernst
und fragend an.

Hallo Waihine's! rief da der Eine der Franzosen in ihrer Sprache --
auf mit den Kpfchen, was haltet Ihr das Kinn auf der Brust und das
Nschen im Schultertuch -- aufgeschaut Dirnen und lat ein vernnftig
Wort mit Euch reden. -- Vor Allem sollt Ihr mir eine Frage beantworten,
und ich wei Ihr knnt, wenn Ihr wollt.

Die beiden Tchter Fanue's wandten ihr Antlitz trotzig ab, und nur die
Fremde senkte ihr Kpfchen tiefer und tiefer, und glhendes Roth scho
ihr ber Wange und Stirn und frbte ihr den Nacken selbst bis unter das
Oberkleid. Der alte Fanue aber, die Verlegenheit der Mdchen bemerkend
und kaum noch im Stand den Zorn zurckzuzwingen der in ihm kochte und
ghrte, sagte finster, die Feinde seines Vaterlandes mit den Augen
messend:

Und was habt _Ihr_ fr Fragen zu stellen und zu einem Haus zu kommen,
zu dem man Euch nicht das ~hare mai~ gerufen hat? -- fort mit Euch wohin
Ihr gehrt auf Euere Schiffe, und mit denen weiter ber das blaue Wasser
nach den Lee-Inseln; unsere Augen schmerzen von Euerem Anblick.

Dir wird bald noch etwas anderes schmerzen, alter Bursche, wenn Du so
unverschmte Reden fhrst! rief Einer der Bewaffneten drohend;
brigens hat kein Mensch mit Dir gesprochen, sondern mit den Dirnen
hier, so warte hbsch bis Du gefragt wirst -- hallo hier Waihine, gieb
Antwort mein Kind, und vor allen Dingen mir einen Kuss sich
niederbeugend zu ihr, legte er seinen rechten Arm um ihren schlanken
zitternden Krper, whrend sie sich ihm mit lautem ngstlichem Ruf zu
entziehen suchte.

Der alte Fanue sprang in grimmer Wuth empor, zu gleicher Zeit hatte aber
auch Einer der Franzosen das Mdchen von Papetee erkannt, und den Arm
nach ihr ausstreckend rief er in freudigem Staunen:

~Nahuihua~ -- bei Allem was da lebt -- die Perle die ich suchte; da
bist Du ja, Mdchen!

Zurck -- Le-fe-ve -- rief aber die Schne mit zornfunkelnden Augen --
zurck falscher Wi-Wi -- todtmde auf der Matte liegt drin im Haus
Aumama -- und sie hat den Fluch ber Dich gesprochen.

Aumama? rief Lefvre etwas bestrzt, sie ist hier? jede weitere
Unterhandlung wurde aber rasch und pltzlich durch den greisen Huptling
selber abgeschnitten, der mit zornfunkelnden Augen zwischen die Fremden
sprang und Lefvre, denn dieser war es wirklich, an der Schulter fate
und zurckschleuderte von dem Mdchen. Er hatte den Namen gehrt und
dachte in dem Augenblick nicht an die Folgen.

Fort mit Dir! schrie er und sein Auge blitzte -- fort mit Dir
falscher Wi-Wi, oder diese Hand greift noch einmal nach der Kriegskeule
und dem Speer, nach dem es mich lange und lange gejuckt hat; fort mit
Dir, meineidiger feiger ~Huapareva~[K] oder Du sollst den Tag
verfluchen der Dich zu unserem Leid an diese Kste gebracht!

    [K] Das Ei des Vogels Pareva das oft in der See, auf altem Schilf
    schwimmend gefunden wird, und womit die Insulaner Personen von
    unbekannter dunkler Herkunft vergleichen.

Teufel! schrie aber Lefvre in toller Wuth, der von der krftigen Hand
des Alten seitab geschleudert wirklich Augenblicke brauchte sich im
Gleichgewicht zu halten da er nicht zu Boden fiel -- Teufel! und sich
in wildem Grimm auf ihn werfend, wollte er einen Schlag nach ihm fhren,
aber der Alte kam ihm zuvor, warf seinen Arm zur Seite und traf ihn mit
krftiger Faust dermaen gegen die Stirn, da er betubt einen Schritt
zurcktaumelte.

Rebellion! schrie da Einer der Bewaffneten, und den Hahn spannend
und die Flinte emporreiend, schlug er auf den ihm trotzig
gegenberstehenden Huptling an und feuerte. Die Kugel wre dem alten
Mann auf die kurze Entfernung auch jedenfalls verderblich gewesen, htte
nicht ~Nahuihua~, whrend die beiden anderen Mdchen flchteten, selber
den Lauf des Gewehres gerade noch zur rechten Zeit emporgeschlagen, das
tdtliche Blei durch das Dach des Hauses zu senden.

Jetzt aber sprangen auch die andern Mnner empor, an dem beginnenden
und in der That nicht mehr zu vermeidenden Kampfe Theil zu nehmen;
Lefvre nur, der sich rasch von dem Schlag erholte, kmmerte sich nicht
weiter um den Alten, auf den sich schon zwei der Soldaten geworfen
hatten, ihn nieder zu reien und als Gefangenen mitzunehmen, sondern
sprang mit einem Satz auf die zusammenschreckende Maid, die in
Todesangst der Schwester Namen rief, fate sie mit unwiderstehlicher
Gewalt in seine Arme, hob sie, trotz allem Struben und Wehren vom Boden
auf, und floh mit ihr den Pfad hinunter, den Strand und mit ihm sein
Boot zu erreichen, und seine Beute in Sicherheit zu bringen.

Mehre Schsse wurden indessen oben gefeuert und unter dem Zeterschrei
der Frauen strzten zwei der Insulaner, der Eine schwer verwundet, der
Andere todt, zur Erde nieder. Auf der Schwelle der Htte aber erschien,
gleich nach dem ersten Schu, eine andere Frau, ein junges schnes Weib,
die Haare aber wild und ungeordnet um Stirn und Schlfe hngend, das
Schultertuch selbst gelst und nur von der linken Hand zusammengehalten,
wild und verstrt wie sie aufgesprungen aus festem Schlaf nach langer
Wanderung und Ermattung. Aber nur einen Blick warf sie auf die
Kmpfenden, ihr Auge suchte ein anderes Ziel, und mit der Schwester
Hlfeschrei erkannte sie kaum die Gestalt, in deren Arm sie sich
strubte, als sie auch, alles Andere um sich her vergessend, vorsprang
sie zu retten -- sich selber zu rchen.

Dicht vor ihr rang Einer der Soldaten mit einem Insulaner, und der
Indianer hatte dessen Gewehr gepackt, das er ihm zu entwinden suchte,
sein kurzer Degen aber hing in der Scheide, ihrem Griff frei, und mit
Gedankenschnelle die Waffe an sich reiend, floh sie den Hang nieder.
Das Schultertuch flog ihr von den Achseln, die Haare flatterten wild
hinterdrein, aber was achtete das die Rasende -- wie eine zrnende Gttin
ihres Waldes, und so schn wie zornig, flog sie dahin, die Fe kaum den
Boden berhrend, und ehe noch der Ruber den Waldrand erreicht war sie
dicht hinter ihm.

Le-fe-ve! hauchte sie, und kaum brachte sie das Wort ber die Lippen,
aber der Fliehende hrte es und es traf ihn wie ein Sto in's Herz
-- Le-fe-ve! und er wandte den Kopf, lie aber auch in dem nmlichen
Moment die Gefangene frei, die ihm unter den Hnden fort und in die
Bsche glitt, whrend das zrnende Weib mit geschwungener Wehr gegen den
erschreckt Zurckfahrenden ansprang.

Dieb! schrie sie mit heiserer fast erstickter Stimme, falscher
schurkischer Dieb! und wre die schwache Hand gewohnt gewesen eine
Waffe zu fhren, der Schlag mit dem sie nach dem Haupt des Verrthers
niederschmetterte, htte fr diesen keinen zweiten nthig gemacht.
Selbst so traf er den rechten Arm, den er schtzend vorgestreckt, da er
kraftlos an seiner Seite niederfiel, und Lefvre wagte nicht dem zweiten
Hieb, wagte nicht lnger dem zrnenden Auge der von ihm so schndlich
verrathenen Frau zu trotzen, und floh in feiger Angst, rcksichtslos
wohin die Flucht ihn brachte, in den Wald hinein und den Hang nieder,
zum Strand zurck.

Von dort aber strmten inde die Franzosen gleich nach dem ersten Schu
in wilder Eile bergauf, dem Schauplatz des Kampfes zu, wo sich inde die
Sachlage wesentlich verndert hatte.

Sind wir Hunde? schrie der alte Fanue in grimmer Wuth den, ihm zu
kurzem, Athem verlangenden Waffenstillstand gegenberstehenden Feinden
zu -- da Ihr uns so behandelt? -- wir waren ein ruhiges Volk, wir
_wollten_ Frieden, aber Ihr lat uns nicht Ruhe, Ihr reizt uns bis in
das innerste Herz hinein, so nehmt denn auch die Folgen!

Die Bestie droht noch! schrie ein Soldat, so, das fr Dich, Du rothe
Giftkrte! und auf ihn anschlagend zielte er ihm auf den Kopf und
drckte ab; aber die Kugel zischte ihm dicht am Ohr vorbei, das sie
leicht streifte, und schlug in den hinter ihm stehenden Brodfruchtbaum.
In demselben Augenblick hatte sich aber auch der alte Huptling auf ihn
geworfen, und ein kleines Handbeil hoch geschwungen in der Hand, traf er
damit die Stirn des Unglcklichen da er, mit dem Todesrcheln auf den
Lippen leblos zusammenbrach.

Nieder mit den Verrthern! schrieen die Franzosen, hierher Kameraden
-- hierher zu Hlfe! und einzelne Schsse fielen; aber aus dem
benachbarten Orangendickicht, whrend eine Schaar von franzsischen
Soldaten den Pfad heraufstrmte, brach ein dunkler Haufe von
Eingebornen, nicht unbewaffnet, sondern mit blitzenden bayonnetbewehrten
Musketen in der Hand, und den Franzosen gerade gegenber feuerten sie
mitten hinein in den Schwarm, der sich also berrascht und bestrzt in
der Flanke angegriffen sah. Der gellende Kriegsschrei tnte zugleich von
den Lippen der Insulaner, und wurde von allen Seiten her beantwortet.
Die Franzosen aber merkten jetzt wohl da sie es in kurzer Zeit mit
einem, ihnen weit berlegenen Feind wrden zu thun bekommen, whrend sie
sich hier hchst leichtsinniger Weise zu weit von dem Strand entfernt
hatten, und in dem dichten Gebsch dem schlauen Gegner viel eher in die
Hand gegeben waren. Fest deshalb zusammenrckend, und jetzt nur auf
Vertheidigung bedacht, feuerten sie ihre Gewehre gegen die Angreifer ab
und zogen sich dann, ihnen die Bayonnette entgegengestreckt und die
Unbewaffneten in ihre Mitte nehmend, den Weg zurck den sie gekommen.
Die Insulaner aber, voll Grimm und Wuth ber das vergossene Blut der
ihren, und durch den Rckzug des Feindes nur noch mehr ermuthigt, warfen
sich in toller Todesverachtung ihnen entgegen, und manche schwere Wunde
wurde noch gegeben und empfangen, ehe die Franzosen den offenen Strand
wieder erreichten.

Hier von den ihrigen untersttzt, wollten sie einen neuen Angriff
machen, theils die Insulaner zu zchtigen, theils einzelne ihrer
Verwundeten, die sie hatten nach dem ersten Anprall zurcklassen mssen,
zurck zu erobern, und nicht gefangen, wer wute welchem Schicksal, zu
berlassen; aber das was sie fanden war mehr als Widerstand, es war der
endlich losgebrochene Grimm eines mihandelten Volkes, und mit dem alten
Fanue an der Spitze, der schon aus vier oder fnf Wunden blutete, warfen
sich die Eingebornen dem viel besser bewaffneten Feind mit solcher
Hartnckigkeit und Todesverachtung immer auf's Neue entgegen, da
dieser zuletzt in voller Flucht die Boote suchen und nach dem Schiffe
zurckrudern mute. Dieses erffnete jetzt, da die eigenen Leute den
Kugeln nicht mehr im Wege standen, ein unregelmiges aber von wenig
Erfolg begleitetes Feuer auf die Eingebornen, die sich dabei wieder in
den Wald zurckzogen, und die Corvette, mit keiner Ordre hier einen
wirklichen Kampf zu beginnen, der sogar hchst unsicher schien da die
Eingebornen wider alles Erwarten reichlich mit Feuerwaffen versehen
waren, lichtete ihren Anker und suchte so rasch sie konnte wieder nach
Papetee aufzukreuzen, dorthin die wohl schon erwartete, aber jedenfalls
hchst unwillkommene Nachricht von dem Aufstand der Insulaner zu
bringen.

An Todten und Verwundeten hatten sie bei diesem ersten Kampf zwischen
vierzig und fnfzig verloren, von denen sie nur einen Theil im Stande
waren wieder auf ihre Boote in Sicherheit zu bringen; fast alle Todte
und viele der Verwundeten blieben in der Gewalt der Feinde.

Von Papetee wurde, sobald die Nachricht dort eintraf, augenblicklich ein
Kriegsdampfer, und die ~Jeanne d'Arc~ mit den nthigen Marinesoldaten
abgeschickt, die Insurgenten zu zchtigen und zu zerstreuen, whrend die
Eingebornen um Papetee, die noch rascher durch abgeschickte Lufer
Kunde von dem Beginn der Feindseligkeiten erhalten, ebenfalls zu den
Waffen griffen und sich in nicht unbedeutenden Schwrmen in der Nhe der
jetzt vollstndig befestigten Stadt, wo man jeden Augenblick einen
Angriff erwartete, sammelten. Die Lage der Franzosen in Papetee wurde
dadurch denn auch zu einer keineswegs angenehmen, da die Uranie, wie
mehre andere Kriegsschiffe, den Hafen erst ganz krzlich verlassen
hatte, einen temporren Westwind benutzend, die Marquesas zu erreichen.
Die Besatzung, durch das Auslaufen der brigen, irgendwo an der Kste
verlangten Fahrzeuge, blieb deshalb fast allein nur auf sich selber
angewiesen, und war sich der Gefahr in der sie, einem wirklich ernsten
Angriff der Eingeborenen gegenber, schwebte, recht gut bewut.




Capitel 10.

Der Abschied.


Die Lage der Dinge war aber jetzt eine so miliche geworden, da Ren
selber frchtete auerhalb der Befestigungen, und in der That gerade in
einem Distrikt wohnen zu bleiben, der mitten zwischen dem Hauptsitz der
Europer und den Strecken lag, auf denen sich die Insulaner schon an zu
sammeln und zu verbarrikadiren fingen, und von wo aus sie auch
jedenfalls Streifzge gegen Papetee selber unternehmen wrden. Welche
Parthei nun auch Sieger blieb, die Unannehmlichkeit, ja die Gefahr einer
solchen Lage blieb dieselbe. Aber Sadie wollte nicht nach Papetee --
Monsieur Belard hatte ihnen schon ein kleines Gebude, das auf seinem
Grundstck lag und leer stand, anbieten lassen; der Gedanke aber was
sie dort gesehn, die Angst selber dann vielleicht gezwungen zu sein
lnger zwischen den Fremden wohnen zu bleiben, und wieder in einen
Umgang gezogen zu werden, dessen Gefahren ihr Herz mit einer ihr selber
unbegreiflichen Furcht erfllten, trieben sie zu wirklich entschlossener
Weigerung, und sie fand einen Bundesgenossen der sie darin untersttzte
in dem ehrwrdigen Mr. Nelson.

Dieser war lngere Zeit unten in Papara gewesen, und ganz krzlich erst
wieder von da nach Papetee zurckberufen, eine andere noch nicht fest
bestimmte Station auszufllen. Sadie hatte dem wrdigen Mann ihr ganzes
Herz ausgeschttet, Alles geklagt was ihr fehle, Alles gestanden was sie
bei einem lngeren Aufenthalt unter den Fremden frchte, und in dem
Gestndni, whrend sie sprach, und Worte fand fr das, was ihr bis
dahin still und schwer im Herzen gelegen und ihr so weh gethan, war es
auch fast als ob sich Manches, was ihr bis dahin selber noch nicht klar
gewesen und ihr mit finsterer unbegriffener Ahnung die Brust erfllte,
von selber lse und zu fester Form gestalte. Sie ffnete dem alten
ehrwrdigen Mann ihr ganzes Herz, und erfuhr dabei erst selber wie
dunkel doch die Welt jetzt um sie lag, und wie sie nur in der That
noch durch eine Flucht nach Atiu dem Allen wieder entgehen, und
glcklich werden knne. Ren liebte sie noch wie in frherer Zeit, sein
Herz war gut und brav und edler Regung, Handlung rasch geffnet, -- nur
der Verfhrung mute er hier entzogen sein -- nur erst wieder vergessen
was er Alles aufgegeben fr sie, dann wrde auch Alles wieder gut wie in
frherer Zeit, und der Himmel wieder blau, der jetzt wohl recht lange
trb gewesen -- recht trb und traurig.

Ein erster Sonnenblick in dieses Dunkel war die Berufung des alten
wackeren Missionairs Nelson nach Atiu, die er, wie er Sadie versicherte,
der freundlichen Verwendung des Mr. Rowe, der berhaupt jetzt Einer der
leitenden Missionaire geworden war, zu danken hatte. Ein Englischer
Wallfischfnger, der hier vor einigen Tagen erst eingelaufen
Erfrischungen einzunehmen, hatte sich dabei, von den Geistlichen der
Inseln aufgefordert, erboten, den Missionair mit seinen Habseligkeiten
an den neuen Ort seiner Bestimmung zu schaffen, und Mr. Nelson kam jetzt
Sadie und Ren den Vorschlag zu machen, ihre Sachen und Mobilien
einzupacken, und Sadie mit dem Kinde ihm anzuvertrauen. Er hatte schon
die Versicherung erhalten da man Bruder Ezra erlauben wrde ihn zu
begleiten, und zweifelte sogar nicht daran, auch vielleicht Ren
seines Worts entbunden zu sehn, der dann gleich Schiffsgelegenheit wie
Alles geordnet hatte, seine lngst besprochene Uebersiedelung
auszufhren. Gnstigeren Zeitpunkt dazu gab es nicht fr ihn, und
verzgerte sich selbst jetzt noch, durch Franzsische Weitlufigkeit
aufgehalten, seine Abreise, so wute er nicht allein, wenn der Kampf
hier wirklich losbrach, Weib und Kind in Sicherheit, sondern er selber
war auch durch Nichts mehr behindert, frank und frei nachzukommen sobald
er sich nur selber dieser trostlosen Untersuchung entzogen.

Sadie erschrak anfnglich bei dem Gedanken sich von Ren, und wenn auch
nur auf kurze Zeit, zu trennen, so sehr ihr auch das Herz freudig pochte
in wenigen Tagen vielleicht ihr liebes Atiu dann wieder zu sehn. Sollte
-- _durfte_ sie den Gatten hier allein zurcklassen, wo ihm vielleicht
noch Gefahr fr seine Freiheit, und wie sich der Kampf gestaltete, fr
sein Leben drohte? Und _allein_ nach Atiu zurckzukehren? -- sie hatte
sich das so ganz anders gedacht -- so lieb und glcklich sich das
ausgemalt wenn sie, an die Brust des Gatten geschmiegt, ihr Kind am
Herzen, von fern die ersten Kuppen der lieben Insel wieder erschauen
wrde -- wenn die Thler und Hnge dem Meer entstiegen -- rechts und
links das niedere Palmenbewachsene Land austrte von den Gebirgen, und
hher und deutlicher wrde, und sie sich dann jeden felsigen Vorsprung
zeigen konnten, jedes Thal, jede Schlucht und zuletzt -- Ach sie seufzte
recht schwer und schmerzlich auf wenn sie daran dachte, da sie das
Alles jetzt _allein_ nur schauen sollte, wo die Freude ber den Anblick
doch das Bewutsein halb ertdten mte -- _er_, durch den Dir die
Pltze und Thler ja so lieb gewesen, er der Dir dies Land ja erst zum
Paradies geschaffen, ist nicht bei Dir, und wenn er kommt, mu er das
Alles auch allein nur wiedersehn, und hat seine Sadie, hat sein Weib und
Kind nicht bei sich, dem seligen Gefhle Wort und Laut zu geben.

Ging sie aber jetzt nach Atiu, so bot ihr das auch einen Ausweg nicht
hinein in die Stadt, nicht nach Papetee zu ziehn, fort fort zu drfen
aus der Nhe der Menschen, die sie nicht verstanden, die zu ihr
_nieder_blickten, mit ihrer Haut und Bildung, die ihr nie das Bedrfni
stillen konnten und -- mochten, ein Herz zu finden dem sie sich
anschlsse, eine Brust in die sie ausschtten konnte was sie qule, der
sie zujubeln durfte was sie freue.

Ren strubte sich Anfangs ebenfalls gegen den Gedanken Frau und Kind
vorausziehn zu lassen, so lieb es ihm auch sonst war, sie jeder hier
aufsteigenden Gefahr enthoben zu sehn; er wute aber auch recht gut,
wie schwer es in jetziger Zeit sei eine so gnstige Gelegenheit zu
finden auf einem groen sicheren Schiff die Seinen an den Ort ihrer
Bestimmung zu schaffen, und nur einen letzten Versuch wollte er machen,
von dem jetzigen Gouverneur die Erlaubni zu erhalten die Frau begleiten
zu drfen. Trotz einer unausgesetzten Untersuchung jenes Falles, bei dem
sich die Franzsischen Behrden ganz besonders solche Mhe gaben, irgend
etwas Gravirendes gegen die Protestantischen Geistlichen oder die auf
der Insel berhaupt wohnenden Englnder zu finden, hatte sich nicht das
Geringste herausgestellt, was auch nur den Schatten eines Verdachts auf
seine Betheiligung werfen konnte; ausgenommen vielleicht da sein
Ueberfall an dem Abend, Ren wute selber nicht wie, bekannt geworden,
und man ihm das gewissermaen zum Vorwurf machte, es gegen die seine
Untersuchung leitende Behrde verschwiegen zu haben. Anderseits sprach
das aber wieder um so mehr fr seine Unschuld, von dem beabsichtigten
Verbrechen, verbotene Waffen auf die Insel zu fhren, Nichts gewut zu
haben; was htte den Insulanern sonst an seiner Person gelegen. Die
Sache schien berhaupt keinen Erfolg zu versprechen und man wurde ihrer
mde. Bruder Ezra hatte dabei wirklich die Erlaubni erhalten nach Atiu
zurckzukehren, mit der Bedingung jedoch, gleich aus dem Gefngni an
Bord geschafft zu werden, und mit weiter Niemandem an Land auch nur den
geringsten Verkehr zu haben.

Ren ging denn auch ohne Weiteres zur Wohnung des Gouverneurs, diesem
die Sache noch einmal, wie seine ganzen Verhltnisse vorzutragen, und
ihn zu bitten ihn seines Worts zu entbinden. Sei denn spter seine
Gegenwart wirklich noch einmal nthig, was aber jetzt sehr zu bezweifeln
stand, so lag ja Atiu auch nicht aus der Welt, und er wre jeden
Augenblick bereit gewesen sich zu stellen.

Aber auch hier sollte er sich wieder in seiner Hoffnung getuscht sehen;
Gouverneur Bruat war gar nicht in Papetee, sondern mit einer
Dampf-Fregatte selber hinunter nach Tairabu gegangen, von wo der, im
Bureau befindliche Secretair glaubte, da der Oberbefehlshaber der
Inseln wahrscheinlich eine Rundreise nach der benachbarten Gruppe
hinbermachen wollte, da besonders von Huaheina und Bola Bola ebenfalls
bedenkliche Nachrichten ber den Zustand der dortigen Verhltnisse
eingelaufen waren. Der Secretair konnte natrlich Nichts in der Sache
beschlieen, die nur der Gouverneur zu erledigen vermochte, und er bat
den jungen Mann nur noch hchstens zehn oder zwlf im allerlngsten
Fall vierzehn Tage zu warten, wo Mons. Bruat unter jeder Bedingung
zurck sein mte, und dann der Entbindung von seinem Wort auch sicher
nichts weiter im Wege stnde, da er ihm die Beruhigung allerdings geben
knne, da sich der Gouverneur selber dahin geuert habe die
Untersuchung als trostlos fallen zu lassen. Nur einen definitiven
Beschlu vermochte er selber nicht zu geben.

Das schlug zwar alle seine Hoffnungen zu Boden mit dem, schon am
nchsten Morgen zum Auslaufen bestimmten Wallfischfnger in See gehn zu
knnen, beruhigte ihn doch aber auch so weit, da seinem raschen
Nachfolgen nichts mehr im Wege stehn wrde. Ohne Weiteres beschlo er
nun aber auch in die Abreise seiner Frau und seines Kindes mit dem
bequemen Wallfischfnger, dessen Capitain er gleich selber aufsuchte, zu
willigen, besprach mit diesem das an Bordschaffen der verschiedenen
Gter, das am nchsten Morgen mit Tagesanbruch durch die vier
Wallfischboote des Schiffes selber geschehen sollte, wie denn Mr.
Nelsons Effecten schon eingenommen waren, und schritt nun langsam nach
Hause zurck, die letzte Nacht unter dem Dache an Mativaibai, wo er so
manche frohe und glckliche Stunde verlebt, mit seiner Sadie
zuzubringen.

Die letzte Nacht -- es liegt ein eigener, wehmthiger Zauber in dem
Wort, wenn wir einen lang bewohnten, wohl gar lieb gewonnenen Platz
verlassen sollen; trifft uns ja doch schon die Bedeutung des Worts bei
selbst gleichgltigen Stellen, bei einem Ort vielleicht, aus dem wir uns
fortgesehnt haben mit aller Kraft unserer Seele. Wir drngten und
trieben, bis wir das Ziel erreicht, bis wir das Haus, den Platz zuletzt
verlassen konnten, wo uns der Boden vielleicht schon Monate lang unter
den Fen gebrannt, und wenn wir fort _drfen_, wenn die Welt frei und
offen vor uns liegt, und die Schranken fielen, die uns bis dahin
hielten, dann fat uns ein eigenes, unerklrbares, unbegreifliches
Gefhl von Weh und Reue fast die Brust -- wir stehn und zgern, wenden
uns zum Gehn, und der Fu ist schwer geworden, der uns in Gedanken schon
oft im Fluge weiter trug. Und frgst Du Dich _warum_? -- zum letzten
Male bewohn ich diesen Platz, sagst Du Dir leise -- zum letzten Mal
betret ich ihn vielleicht -- dazwischen liegt die Ewigkeit, und der
Gedanke an jenes unbestimmte Sein, dem wir mit diesem neuen Schritt
schon wieder so viel mehr entgegen gehn, klopft und regt sich Dir in der
Tiefe des Herzens, und mahnt und warnt, und Dein Zgern ist nicht mehr
die Anhnglichkeit an den vielleicht verhaten Platz -- es ist die
Furcht, die kaum gefhlte Scheu der Zukunft gegenber.

Und wie viel strker mu das Gefhl da sein, wo sich das Herz noch mit
allen Fasern an die Erinnerung lieber Pltze klammert, und nicht
loslassen will und mag, der ersten Forderung; was uns da fern liegt
stt uns noch zurck, und das Gewohnte, dem sich das Herz ja so gern zu
eigen giebt, wahrt und behauptet seinen alten Raum.

In ernstem Schweigen blieb Ren stehn, als er den freien offenen Platz
erreicht, von dem aus er die kleine friedliche Heimath, die er seit
Jahren nun sein eigen genannt, berschauen konnte, und trbe
schmerzliche Gedanken waren es, die ihm das Hirn durchzuckten. Manches
Andere gesellte sich noch dazu -- er war gealtert seit er sich einst hier
angebaut, gealtert an Leib und Seele -- und mehr noch an Seele wie an
Leib. Und hatte sich Alles das erfllt was er hier einst gehofft? -- war
das Wahrheit geworden, was ihm die Phantasie in seinem leichten Herz da
vorgemalt mit bunten blitzenden, schimmernden Farben? bot ihm die
Zukunft noch, was sie ihm einst in schner Zeit versprochen? -- doch
fort, fort mit den Gedanken, die ihm die dunklen Zweifel durch die Seele
jagten, fort -- sein Leben lag vorgezeichnet mit klarer Schrift -- fr
ihn gab es kein Abweichen von der geraden Bahn; weshalb das Herz da
noch mishandeln erst und qulen.

Und als er noch so da stand und, erst die dsteren Geister gebannt, aus
dem Schatz seiner Erinnerungen all die lieben seligen Bilder herauf
beschwor; das Glck in dem er geschwelgt, den sen Frieden den er hier
gefunden, als ihn die ganze Welt zurck gestoen und das Herz verschmht
das er ihr bot, da scho das Blut ihm wieder auf in Wange und Stirn.
Seine Augen belebten sich, seine Brust hob sich hher, freier -- seine
Lippen lchelten und jetzt? -- der laute frhliche Jubelruf des
glcklichen spielenden Kindes traf sein Ohr; dort in die Winden umrankte
Thr des freundlichen Huschens trat sein Weib, das herzige Mdchen auf
dem Arm, auszuschaun nach dem so lange bleibenden bsen Vater, und mit
einem Satz war er drben, ber der Einfriedigung, hatte sein treues Weib
umfat und an sein Herz gedrckt, das sich an ihn schmiegende Kind auf
dem Arm, und die Stunden verflogen dem Glcklichen wie in alter Zeit.

Jetzt erzhlte Ren auch der, darber fast wieder traurig werdenden
Frau, von der Verabredung die er mit dem Capitain getroffen, und wie der
Gouverneur den lcherlichen Proce wolle fallen lassen, wegen dem Mord
der Schildwacht, bei dem er ja doch wahrlich nicht betheiligt gewesen,
so da er nun gleich nachfolgen knne, sobald Jener zurckgekehrt -- und
lange durfte er ja gar nicht wegbleiben, wie jetzt die Sachen standen,
und jeder Tag den Aufstand bis dicht nach Papetee zu bringen vermochte.

So sollte denn Sadie morgen endlich zurck kehren nach ihrem lieben
Atiu, und bis sie dort Alles mit Mr. Nelsons und des kleinen Mitonare
Hlfe in Ordnung gebracht, konnte Ren auch schon wieder eine
Gelegenheit gefunden haben nachzukommen -- die wenigen Tage oder selbst
Wochen gingen rasch vorber. Und Sadie lachte und jubelte, und war
wieder ganz das frhliche heitere Kind der Palmeninsel, und die Kleine
schrie und jauchzte vor lauter Lust, als sie die Mutter so lachen sah
und frhlich sein.

Den Abend plauderten sie noch bis spt in die Nacht hinein und am
anderen Morgen, als Sadie traurig werden wollte da es nun bald an den
Abschied ging, hatte sie so viel zu thun, da sie gar nicht Zeit bekam
daran zu denken, und die Boote wohl eine halbe Stunde liegen und warten
muten bis Alles zusammengerollt und eingeschnrt zum niedertragen
fertig lag. Nur das Nothdrftigste behielt Ren zurck, jetzt durch so
wenig als mglich belstigt zu bleiben, und das Wenige dann
mitzubringen, wenn er selber kme.

Um zehn Uhr, wenn die Landbrise ordentlich einsetzte, sollte das Boot
wieder da sein, und Frau und Kind gleich von hier aus, wenn der
Wallfischfnger in Sicht kme, hinaus in See und an Bord bringen.

Eben waren die Boote mit dem Gepck abgefahren und um die nchste
Landspitze verschwunden, und Ren und Sadie standen noch und schauten
ihnen nach, denn es war fast als ob sie sich scheuten nach dem _leeren_
Haus zurck zu gehn, da hrten sie Schritte hinter sich und Sadie stie
einen leisen Angstschrei aus, whrend sich Rens Brauen finster und
drohend zusammenzogen, als durch den Garten zu ihnen nieder die lange
dstere Gestalt des Missionairs Rowe feierlich und ernst herunter
schritt, und unbekmmert um den wohl nicht ganz herzlichen Empfang, die
beiden jungen Leute mit einem frommen Blick nach oben und
vorgestreckten, nach unten gedrehten Hnden, wie segnend grte. Seine
Lippen lispelten dazu ein leises Gebet, und der tief aus innerster Brust
geholte Seufzer, der das kaum hrbar geflsterte Amen begleitete,
verrieth das Mitgefhl, das sein Herz bewegte bei den Leiden derer, die
um ihn her sndigten und litten.

Und welchem glcklichen Zufall habe ich die Ehre dieses in der That
unerwarteten Besuchs zu danken? sagte Ren kalt, als der Geistliche
noch einige Schritte auf sie zu kam, und dann dicht vor ihnen stehen
blieb, ohne jedoch irgend ein Wort als sonstigen Gru oder Anrede zu
sagen; oder hat Mr. Rowe sich im Haus geirrt und ist, das
wahrscheinlichere, ein paar Thren zu weit gegangen, wo er dann freilich
mitten hinein ist gerathen in die papistischen Gruel und den
Baalsdienst.

Ren bat Sadie, und drckte leise und bittend des Gatten Arm, aber das
Herz war ihr selber fast wie zugeschnrt, denn jedem entscheidenden
Schritt ihres Lebens voran, trat ihr der Mann entgegen so ernst und
finster wie er jetzt da vor ihr stand; und hatte nicht immer sein Kommen
ihr Leid gebracht, und viele viele Thrnen? Wie eine dunkle Ahnung, der
sie nicht Worte geben konnte und wollte, fllte ihr sein Anblick die
Brust, das Herz in dieser Stunde, und sie mute sich zwingen den leisen
Gru auch freundlich zu erwiedern. Aber der Geistliche verlangte weder
Gru noch Freundes Wort; nein, aus sich selber heraus quoll ihm des
heiligen Wortes Spruch und Vers mit der salbungsvollen Rede, die Trost
und Frieden in ihrem Aeueren in Wort und Bild wohl brachte, aber das
Herz kalt lie dabei und unbefriedigt.

Nicht Zufall, mein Bruder, oder ein Irrthum gar, hat mich auf Deine
Schwelle gefhrt erwiederte Bruder Rowe jetzt der etwas frostigen
Anrede des Katholiken, aber Du und die Gattin die Du Dir erwhlt, Ihr
Beide steht an einem Abschnitt Eures Lebens, an dem Euch das fromme Wort
eines Mannes, der es gut und redlich mit Euch meint, nicht fehlen
sollte.

Herr Rowe ich dchte da Sie mir davon den Beweis gegeben unterbrach
ihn rasch Ren, der sich nicht helfen konnte dem Gedchtni des
Geistlichen mit frherer Zeit zu Hlfe zu kommen, ihn vielleicht in
Verlegenheit zu bringen; darin aber hatte er sich bei dem frommen Mann
geirrt.

Lasset die Zeit die hinter uns liegt und hebet Euer Auge zu Gott und
Seinen Werken sagte er ernst und feierlich, aber keineswegs erzrnt
ber die finstere Mahnung des jungen Mannes. Was ich gethan und wie ich
gehandelt liegt offen vor Gott; Er nur prfet die Herzen und Nieren, und
siehe da, vor Seinem Auge ist kein Verbergen noch Hehl. Seine Wege sind
aber wunderbar, und Er fhret Alles zum Besten hinaus, und Ihm deshalb
sei Ehre und Preis in der Hhe; unsere Herzen sollen da nicht hochmthig
selber richten wollen.

Ren wollte reden, aber der leise Druck von Sadieens Hand lag bittend
auf seinem Arm, und er bi nur die Unterlippe ein und wandte sich halb
ab von dem Geistlichen; er wollte sich die Abschiedsstunde nicht
verbittern, und dann auch wieder lag eine Art halben Triumphs fr ihn
darin, wie er jetzt dem, dieser Verbindung so feindlich gesinnt
gewesenen Priester gegenber stand. Mr. Rowe brigens, unbekmmert um
Alles was in der Brust des Franzosen, dessen Gesinnung gegen ihn er
vollkommen gut begriff, vorgehn mochte, schritt auf Sadie zu, nahm die
Hand der jungen Frau die sie ihm widerstandlos und zitternd berlie und
mit den Worten -- lasset uns beten, da Gott sein Gedeihen gebe zu
dieser Reise und seinen Segen Dir schenke, meine Tochter, fr und fr,
fhrte er die etwas erstaunte Frau von der Seite ihres Gatten fort in
das Haus, dort, wie er ihr sagte, ungestrt ihre Augen und Herzen zu
Gott erheben zu knnen.

Ren blieb wirklich erstaunt ber diese fabelhafte Ruhe -- und er hatte
noch einen anderen Namen dafr -- zurck, und sah ihnen nach, dann aber
mit dem Kopf schttelnd und halb lachend, halb rgerlich nahm er sein
Kind auf den Arm und sprang und spielte damit am Strand herum, die
Rckkunft des frommen Mannes mit seinem Weib zu erwarten.

Eine Zuversichtlichkeit haben die Burschen murmelte er dabei vor sich
hin, indem er zuletzt ungeduldig werdend am Strande auf und ab ging, und
durch die rasche Bewegung seinen Unmuth zu beschwichtigen suchte, ein
Selbstvertrauen das in's Graue geht; und mit dem frommen Gesicht tritt
mir der Mensch da keck und salbungsvoll entgegen, und thut wahrhaftig
nicht als ob er sich schmen msse mir in's Auge zu sehn, nein, als ob
er mir verziehen htte, Alles was ich ihm gethan und an ihm verschuldet.
Hahahaha, es ist wahrhaftig zum Todtschieen solche Fragezeichen der
Schpfung unter uns herumlaufen und ganz bescheiden sich die Krone des
Menschengeschlechts aufsetzen zu sehn. Es gehrt aber Geduld dazu, und
verdenken kann ich's meinen Landsleuten gerade nicht, wenn sie die in
diesen Tagen einmal darber verlieren und mit Kanonenkugeln hinein
donnern in den Kram. Und wer leidet nachher darunter? sicher nicht diese
Schleicher, die sich wohlweislich einzudrcken verstehn und mit einem
frommen dankbaren Blick nach oben Nachbars Haus darber zu Grunde gehn
sehn -- hol' sie Alle der Henker. -- Und wo er nur bleibt? -- setzte er
dann nach einer Pause, mit einem ungeduldigen finsteren Blick nach
seiner Thr hinzu -- es gehrt bei Gott die Geduld eines Heiligen dazu,
mit diesen -- Heiligen fertig zu werden.

Mr. Rowe mochte aber wohl ahnen, ja er wute das sogar ganz genau, wie
gern ihn der Franzose bei sich sah, hielt es aber fr unumgnglich
nothwendig, seinen Halt an das Herz und die Religion der Frau nicht ganz
aufzugeben, und hatte schon lange und ungeduldig eine Gelegenheit
gesucht, mit dem ihm, nicht gerade zum Dank verpflichteten Katholiken
wieder auf etwas freundschaftlichere Weise anzuknpfen; jedenfalls aber
eine Entschuldigung zu finden sein Haus in seiner Gegenwart zu besuchen,
um dann weiter zu bauen auf dem gewonnenen Vortheil. _Der_ Zeitpunkt war
ein Abschied von Tahiti, wie er sich vielleicht nicht wieder bot, und
der Erfolg bewies da er recht gehabt; misbrauchen durfte er das aber
auch nicht, wenn er den errungenen Vortheil nicht wieder verlieren
wollte, und deshalb das Gebet vielleicht rascher beendend, als er es
unter anderen Umstnden gethan haben wrde, erhob er sich wieder,
stubte sich die Knie ab, kte Sadie inbrnstig auf die Stirn, legte
seine Hnde einen Augenblick auf ihr Haupt und fhrte sie dann wieder
mit einem freudigen Blick nach oben dem Gatten zu, der ihnen schon an
der Thr entgegen kam, Sadiens Arm erfate und in den Seinen zog, und
dann den Geistlichen ansah, als ob er seiner Entfernung nicht das
mindeste in den Weg zu legen wnsche.

Bruder Rowe war aber auch nicht der Mann, der einen Ort verlassen htte
ehe er es selber fr Zeit hielt, und ohne jedenfalls den Samen des
gttlichen Wortes nach Krften ausgestreut zu haben; fiel der dann auf
unfruchtbares Land, so war das nicht seine Schuld, und er hatte sich
selber keine Vorwrfe darber zu machen. In einer ziemlich langen
Anrede, die halb Gebet halb Unterhaltung war, wandte er sich dann noch
einmal an den jungen Mann, der nur die Frau nicht krnken mochte und
sonst dem fr ihn hchst langweiligen Gesprch wohl bald ein Ende
gemacht htte, ermahnte ihn auf der beschrittenen Bahn des Guten, die er
hier auf Tahiti, als eine schtzenswerthe Ausnahme von seinen
Landsleuten jedenfalls betreten, ruhig fortzuschreiten, wobei nur Gott
ihm in seiner Allbarmherzigkeit die eine schwere Missethat des Mordes
verzeihen wolle, und verkndigte ihm dann, als er merkte wie Ren jetzt
wirklich ungeduldig wurde und schon den Mund ffnete zum trotzigen
Einwurf, da er dafr gesorgt habe ihre alte frher innegehabte Wohnung
in Atiu wieder fr sie herrichten zu lassen; da das Dach neu gedeckt,
das Haus gereinigt und gelftet sei -- eine nicht ganz unnthige
Vorsicht des sonst sehr leicht darin nistenden Ungeziefers der
Centipeden wegen -- und da es Sadie nach ihrer Ankunft dort gleich
beziehen knne, als ob sie es nie verlassen habe.

Das Haus uns hergestellt? rief Ren allerdings im hchsten
unbegrenzten Erstaunen, da er erst gestern Abend ja den Entschlu
gefat, und Wochen dazu gehrt haben muten das anzuordnen und
auszufhren -- und wer, mein Herr, hat Sie darum gebeten?

Aber Ren beschwor ihn seine Frau.

Gebeten? -- Niemand -- erwiederte jedoch in voller Ruhe der
Geistliche, aus freiem Antrieb hab' ich das gethan. Seit jener Nacht
fuhr er dann mit einem wehmuthvollen Blick nach oben fort, wo jene
fatale Sache mit der Franzsischen Schildwacht hier geschah, wut' ich
da es sowohl Ihr, wie besonders Prudentias Wunsch war, sich wieder
zurck nach Atiu zu ziehn. Es war das Beste auch fr sie, sie konnte
dort ungestrter ihrem Gotte leben, nicht abgelenkt durch snd'gen
Wandel mehr, und alle Reize der Verfhrung die hier in Papetee des
Satans Macht zu gold'nem Netze auslegt -- es war die hchste Zeit fr
sie, zurckzukehren zu dem stillen Frieden jener Insel die ihre Heimath
nun doch einmal ist.

Rens Blut kochte, denn recht gut fhlte er, wie der Geistliche zum
ersten Mal wieder die Hand ausgestreckt, in sein Familienleben
einzugreifen, und wie er jetzt gleich entschieden auftreten msse, ihn
von allen derartigen Versuchen zurckzuschrecken. Sadie dagegen sah in
dem freundlichem Wort, ihr Herz ja selber kein anderes Gefhl bergend,
nur Liebe und Vershnung, und mit Freude strahlenden Blicken die Hand
des Geistlichen ergreifend, drckte sie diese in frommer dankbarer
Inbrunst an ihre Lippen, Ren aber, ihren Arm erfassend, zog sie zurck
und sagte finster:

La das Sadie; der Herr da meint's vielleicht recht gut, und ich will
gern Vergangenes auch vergessen, doch damit, hochwrdiger Herr hab' ich
auch Alles gethan was ich vermag, und mu Sie ernstlich bitten sich
nicht um irgend etwas mehr zu kmmern, was mich, Sadie oder mein Haus
betrifft.

Herr Delavigne rief der Geistliche auffahrend, und ein Blitz aus
seinem kleinen lebendig grauen Auge traf den Franzosen in nichts weniger
als christlicher Demuth -- Sie gehn zu weit -- Prudentia ist
Protestantin, und ihrer Seele Heil fordert der Herr einstens vielleicht
von mir.

Ein spttisches Lcheln zuckte um des Franzosen Lippe als er erwiederte:
Genug und ber genug, ich habe keine Lust mich jetzt noch in religise
Spitzfindigkeiten einzulassen; Sie wissen da Sadie mich bald verlt
und Manches hat sie mir wohl noch zu sagen, Manches ich ihr -- ich
hoffe doch Sie werden mich verstehen.

Ren bat die Frau mit leiser flehender Stimme.

Ei beim Teufel zrnte aber der junge Mann mit dem Fu stampfend --
der Herr hier wei wie wir zusammen stehn und sollte es vermeiden
Scenen zu erneun, die nur fr beide Theile unangenehm sein knnen. Ich
bedarf seiner Einmischung in meine Angelegenheiten nicht -- ich verlange
sie nicht und, beim Himmel, ich _will_ sie nicht dulden.

Herr Delavigne -- Sie trotzen auf die Macht die Ihre Landsleute in
diesem Augenblick gerade hier besitzen rief der Geistliche aber jetzt
auch gereizt.

Ich trotze auf die Macht die mir mein Hausrecht giebt rief aber der
junge Mann.

Ich glaubte Sie mir zum Dank verpflichtet zu sehn sagte der Missionair
da, der seine ganze Ruhe wieder gewonnen -- und bedaure, mich geirrt zu
haben.

Er hat es so gut gemeint, Ren bat die Frau.

Die Minuten verfliegen rief aber der junge Mann, und wenige nur sind
noch die unseren -- in kurzer Zeit kann das Boot hier sein, Sadie, das
Dich mir entfhrt.

Ich sehe wie es steht sagte der Missionair ernst und fast traurig --
Gottes Wort wird berflssig wo der Welt Stolz die Zgel fat und dem
ewigen Verderben mit raschen flchtigen Schritten entgegeneilt. So lebe
denn wohl Prudentia -- die Stunde schlgt die Dich jenem stillen
freundlichen Insellande wieder zufhren soll -- mge es dieselbe sein,
die Dich auch wieder zu Gottes Vaterhuld zurckfhrt. So bete zu ihm,
da er Dir gndig Deine Snden vergeben mge und behalte und wahre ihn
in Deinem Herzen, der das Licht ist und Heil und die Hoffnung der
Glubigen in aller Ewigkeit -- Amen.

Und mit diesen Abschiedsworten hob er das Kind, das Sadie indessen
wieder an sich genommen, zu sich auf, kte und segnete es, gab es der
Mutter zurck, neigte noch einmal die Hand gegen sie, und den finster
dabei stehenden, den Gru kalt erwiedernden Gatten und schritt dann
langsam durch den Garten, durch dessen Pforte er bald darauf verschwand.

Sadie aber lehnte ihr Haupt leise an des Gatten Brust und flsterte mit
weherfllter Stimme:

Oh Ren, Du hast mir weh, recht weh gethan, mit Deinen heftigen,
undankbaren Worten --

Undankbar Sadie?

Er hatte es so gut um uns gemeint, und Du hast ihn so kalt und heftig
abgewiesen.

Tusche Dich nicht, mein Lieb, sagte Ren, sie fest an sich pressend
-- der stolze Priester meint's mit Niemand gut, und wenig Dank werd'
ich ihm, vor allen Andern schulden. Er wei das selber auch am Besten
und _kann_ nichts Anderes erwartet haben. Ach Sadie, es war mir ein gar
so wehmthiges, ja bitteres Gefhl, da sich der finstere Gesell gerad'
in der letzten Stunde noch zwischen uns stellte und die Herzen
auseinander hielt. Ich wei nicht mir schnrt's die Brust noch jedesmal
zusammen in seiner Nhe.

Ach mir ist's auch ein wehes, wunderlich Gefhl flsterte Sadie, und
doch wr's Snde, denn er meint es treu, und wenn er auch mit strengem
starren Sinn den Weg verfolgt, den er nun einmal fr den einzig wahren
hlt, so drfen wir ihn doch darum nicht tadeln. Er ist im Zorn von uns
gegangen.

La ihn gehn rief aber Ren, hochaufathmend, und den Blick dorthin
zurckwerfend, wo der ehrwrdige Herr verschwunden, als ob er der
wirklichen Entfernung desselben noch immer nicht traue -- mir ist ein
Stein vom Herzen da er fort ist.

Ist er's auch wirklich? flsterte da eine Stimme dicht neben ihnen,
und als sie berrascht dorthin umschauten glitt Aia, das wilde schne
Mdchen hinter einem dichten Orangenbusch vor, und trat zu den Beiden.

Aia! rief Sadie erfreut und doch auch vorwurfsvoll -- Du bses, bses
Kind, wo hast Du so lang Dich herumgetrieben in der Welt, da Du gar
nicht mehr an Deine Sadie gedacht?

Und ich wollte ich mte auch jetzt nicht an Dich denken sagte das
Mdchen leise und sie kmpfte dabei hart mit sich, eine aufsteigende,
ihr sonst fast fremde Rhrung zu verbergen.

Und weshalb, Aia? frug Sadie.

Mach ihr das Herz nicht wieder schwer, Du wunderliches Kind sagte aber
Ren jetzt, ihr leise mit dem Finger drohend, bist solch ein tolles
Ding wenn Du da drauen herumtobst, unter den wilden die wildeste, und
wie ein anderer Geist scheint es ber Dich zu kommen, wenn Du diese
Schwelle betrittst.

Du hast mir und ihr auch noch Vorwrfe zu machen, nicht wahr, Du bser,
nichtsnutziger Wi-Wi? rief aber das Mdchen, trotzig sich die Locken
aus der Stirn schttelnd und mit zornigem Blick ihn anblitzend -- Wehe
ber Dich; aber die Strafe bleibt Dir nicht aus, und dann denk' an
_mich_, dann erschein' ich Dir in Deinen Trumen und qule und martere
Dich, trockne Dir Falten in die Wangen und bleiche Dir das Haar -- denk'
an Aia.

Tolles Mdchen was hast Du? lachte aber Ren -- kann ich dafr, wenn
jene Kriegsschiffe vielleicht ungerecht dies Volk berfallen und sich
unterwerfen? trag' ich die Schuld des vergossenen Blutes und all der
darum vergossenen Thrnen?

Nein, Gott sei Dank nicht das auch noch, sagte Aia, doch genug,
bergenug davon zu reden. Aber ich bin nicht zu _Dir_ gekommen, falscher
Ferani, sondern zu Deinem Weib -- ich will mein Wort lsen, das ich ihr
einst gegeben.

Dein Wort Aia?

Sagte ich Dir nicht, da wenn Dich _Alle_ verlieen und von Dir gingen,
ich zu Dir kommen und bei Dir bleiben wrde, und da wir dann lachen und
singen und tanzen und es toller treiben wollten, wie alle Anderen
zusammen? -- und Gott wei es, sie treiben's toll genug.

Aber wunderliches Mdchen Du sagte Sadie, whrend dennoch ein eigenes,
wehes Gefhl ihr dabei das Herz durchzuckte, wie fllst Du auf solch
traurige Gedanken -- wer hat Dir die Grillen in den Kopf gesetzt?

Und gehst Du nicht zurck nach Atiu? rief Aia schnell und fast
freudig.

Allerdings geh ich dorthin.

Und Ren geht mit Dir?

Allerdings.

Aber jetzt? -- gleich? -- auf einem Schiff?

Wenn auch nicht jetzt in _einem_ Schiff, Aia nahm hier Ren das Wort,
whrend Aia leise und traurig mit dem Kopf nickte, doch sobald ich darf
-- sie lassen mich noch nicht hier fort.

Wer? -- die Wi-Wis? -- die Kanakas halten Dich doch wahrlich nicht,
Ferani, rief Aia zornig.

Die Kanakas nein, lachte Ren, aber meine eigenen Landsleute, eines
tollen Streiches der Deinigen wegen.

Ja ich wei wohl sagte das Mdchen unheimlich lachend, Ihr helft
einander wo Ihr nur knnt; ich habe das selber erfahren zu meinem Leid
-- aber fort mit Dir, nicht zu _Dir_ bin ich gekommen, mit Dir zu
plaudern -- nimmst Du mich mit, Sadie?

Nach Atiu? rief Sadie rasch und freudig.

Wohin Du gehst sagte das wilde Mdchen leise und herzlich.

Und willst Du dem tollen schlechten Leben entsagen? frug Sadie ihre
Hand in tiefer Rhrung ergreifend -- willst Du bei mir bleiben, und mit
mir leben von nun an?

Wohin Du gehst flsterte Aia und schaute ihr dabei recht still und
wehmthig in's Auge.

Aber Aia sagte Ren, wenn Du mitreisen willst, wo hast Du Deine
Sachen, Deine Matte, Deine Kleider? -- das Boot wird gleich kommen Euch
abzuholen.

Aia errthete und schttelte unwillig mit dem Kopf --

Was Kleider, was Matte, ich habe Nichts auf der weiten Welt und --
brauche Nichts. Eine Matte finde ich in Atiu darauf zu schlafen, oder
Bltter und Gras genug fr ein Lager, und die Brodfrucht ist so s dort
wie hier -- und ser -- viel ser setzte sie mit weicherer Stimme
hinzu.

Ich habe Matten genug fr Dich, Aia sagte Sadie herzlich.

Ich wei Du bist gut flsterte das Mdchen -- aber ich hatte selber
eine Matte, nur gestern und vorgestern -- schlief ich -- schlief ich bei
der alten Hexe im Haus, die sie Mtterchen Tot nennen -- und die behielt
mir fr Schlafen und -- aber was brauch' ich's auch setzte sie unwillig
hinzu -- mag sie zu Gift dem ersten werden, der sich d'rauf bettet.

Aia --

Das Mdchen wandte den Kopf scheu und beschmt zur Seite, aber ihr Blick
traf ein weies Segel, das eben ber der Landspitze sichtbar wurde, und
durch das Binnenwasser der Riffe kam, von vier krftigen Matrosen
gerudert, ein scharfgebautes schlankes Boot schumend heran. Sie deutete
mit der Hand hinber und wie mit einem Messer stach es nach Sadie's
Herzen, denn das Boot das dort herbeischo -- war bestimmt sie aus den
Armen des Gatten, zum ersten Mal von seiner Brust zu reien. Sie wurde
todtenbleich und Aia sprang zu sie zu untersttzen.

Sadie -- Sadie bat Ren, der rasch seinen Arm um sie schlug und sie an
sein Herz zog, mein armes ses Kind fasse Dich -- nur fr wenige
Wochen ist es ja -- _Tage_ vielleicht, die ich getrennt von Dir bin, und
die Zeit wird rasch und leicht vorbergehn -- gre mir mein Atiu
indessen.

Ren -- Ren! weinte die Frau an seinem Hals und schmiegte sich an
seine Brust, als ob sie ihn nie und nimmer lassen knnte -- und Aia
stand daneben, die groen hellen Thrnen ihr rasch die Wangen
niederjagend, und ihr Blick haftete in einer eigenen Mischung von Zorn
und Angst und Schmerz auf dem Mann. Aber sie sprach kein Wort und die
Arme jetzt krampfhaft fest ber der Brust gekreuzt blieb sie in ihrer
Stellung regungslos der Gruppe gegenber.

Auf einen Wink Ren's trug inde das Mdchen, das sie ebenfalls hinber
begleiten sollte, das letzte Gepck zum Strand hinunter, dem der Bug
des Wallfischbootes rasch entgegenstrebte, und Sadiens Stirn dann
kssend flsterte er noch einmal:

Komm Kind, komm -- fa Dich mein ses Lieb -- sieh was mssen die
Matrosen davon denken, die gleich hier bei uns sind. Um Gott, was fehlt
Dir nur?

Nichts -- nichts; flsterte Sadie leise und suchte sich aufzurichten
-- sie deckte einen Moment die Augen mit ihrer linken Hand und das
rasche Wogen ihrer Brust verrieth jetzt allein noch den Sturm der in ihr
tobe. Es ist vorbei sagte sie dann nach kleiner Pause mit leiser, aber
wieder fester Stimme -- es ist Alles vorbei.

Aia wandte sich ab, und hielt beide Hnde jetzt fest an ihr Herz
gepret, Ren aber rief mit lauter freudiger Stimme:

Und da drben beginnen wir dann ein neues, freudiges Leben -- so wirf
den Gram und Kummer von Dir mein herziges Weib; sieh, da sind die Leute,
und ungeduldig winkt mir der Bootssteurer schon und zeigt nach dem
Schiff -- sie _drfen_ nicht lnger zgern -- leb wohl Sadie!

Wieder warf sich die Frau an seine Brust -- aber es war nur ein Moment,
nur die fast krampfhafte Wirkung des Trennungsworts, dann sich gewaltsam
emporraffend griff sie nach ihrem Kind und reichte es ihm hinauf.

Da -- k Dein Kind noch einmal flsterte sie ihm zu.

Aber Sadie, qulst Du Dich doch als ob es eine Trennung auf Jahre
glte; fasse Dich Lieb.

Ksse Dein Kind bat die Frau, und das kleine liebe Ding hatte schon
die Aermchen um des Vaters Nacken gelegt, und prete seine rosigen
Lippen auf seinen Mund -- und nun leb wohl Ren sagte sie dann und ihr
Antlitz, wenn auch noch von Thrnen berstrmt, hatte ganz wieder seine
alte Ruhe gewonnen -- leb wohl Ren und schtze Dich -- schtze Dich
Gott!

Mein liebes Weib --

So -- so, das ist gut, und nun mein Kind -- fort, fort nach Atiu -- und
unter Thrnen lchelnd hob sie die Kleine sich auf den Arm; noch einmal
hingen ihre Lippen in langem heien Ku an denen des Gatten, und sich
selber aus seinem Arm reiend floh sie hinunter zum Boot, wo die Leute
schon ungeduldig standen und sie erwarteten.

Segel auf da vorn! rief inde der Bootssteuerer der hinten, mit dem
langen Riemen im Eisenring, stand und die Abschiedsscene mit spttischem
Lcheln betrachtet hatte -- und aufgepat da mit Euerem Bug, da wir
nicht auf den Sand kommen -- Alles klar?

Halt! die Wahine da soll auch noch mit rief Einer der Leute.

Wetter noch einmal, ber all das Weibervolk brummte der
Wallfischfnger leise vor sich hin -- wird eine schne Fahrt werden.

So leb wohl Aia rief der davon Springenden Ren noch freundlich nach
-- aber Aia kmmerte sich nicht um ihn; ihr Blick hing an dem
schmerzlich durchzuckten Antlitz Sadiens -- sie hrte kaum da ihr die
Matrosen zuriefen sich zu eilen, und im Boot kauerte sie neben der
schlanken Gestalt der Frau nieder und barg, den Arm um sie
hergeschlagen, ihr Antlitz in ihrem Kleid.

Alles klar da vorn schallte die rauhe Stimme des Bootssteuerers.

Alles klar! lautete die Antwort.

Ab mit Euch -- stot ab. Die Riemen wurden eingesetzt, der Bug des
schlanken Fahrzeugs flog herum, und das Segel, das bis jetzt rasch und
heftig gegen den schwanken Mast geschlagen, blhte weit aus in der
frischen gnstigen Brise, da das schlanke Boot schon im nchsten
Augenblick hineinprete in die klare Fluth, und den weigekruten wie
glsernen Schaum zu beiden Seiten hinausspritzte.

Joranna Ren -- Joranna! rief ihm die Frau noch hinber, und ihre
rechte Hand, whrend sie mit der linken das Kind an sich prete, winkte
und grte den Zurckgebliebenen.

Joranna, Joranna! schallte der Ruf zurck klar und deutlich mit der
Brise ber das Wasser -- Joranna! Aber das Boot schumte durch die
Fluth -- weiter und weiter drngte der Kiel dem Lande ab, der schmalen
Einfahrt des Hafens zu und drauen, mit backgebraten Segeln, lag schon
das Schiff, der Ankunft des Bootes harrend, mit wehender Flagge noch,
wie es den Hafen von Papetee verlassen. Jetzt hatte das schnelle Boot
die offene See erreicht, mehr und mehr nherte es sich dem
Wallfischfnger; jetzt fiel das Segel, Ren konnte deutlich die Leute
erkennen, wie sie hinaufliefen an der Seitenwand -- das Boot stieg
empor, die Raaen flogen herum und Joranna hauchten seine Lippen das
Abschiedswort, als das wackere Schiff die frische Brise fate, Segel auf
Segel sich noch entfaltete, und der schlanke Bau in seinen Formen in
immer weiterer Ferne mehr und mehr zusammenschmolz, bis er, ein weier
Punkt noch auf der dunkelblauen Flche ruhte und -- verschwand.


[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wrter ist im
Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden Ebook wurden offensichtliche
Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert. Die Schreibweise von
Eigennamen richtet sich weitgehend auch nach den beiden bereits
verffentlichten Bnden.

Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden
folgendermaen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: ~Antiquatext~
Fettdruck: #fetter Text#]





End of Project Gutenberg's Tahiti. Dritter Band., by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. DRITTER BAND. ***

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