The Project Gutenberg EBook of Der Teemeister, by Melchior Vischer

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Title: Der Teemeister

Author: Melchior Vischer

Release Date: February 21, 2012 [EBook #38947]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TEEMEISTER ***




Produced by Jens Sadowski





Melchior Vischer

Der Teemeister






MCMXXII

Jakob Hegner, Hellerau






   . . . Wahrlich!
   Rikyu war einer unter tausend
   unter den Teemeistern . . .

      Okakura Kakuzo







Haus brannte, auch papierner Lampion fing Feuer, Nachthimmel war
gar nicht so schwarz, eher blulich, nun goss Rot von unten in gischtender
Garbe hoch, Zikaden zirpten erwachend auf, ungeheuer leise, doch gleichwohl
schrill fr glserne Ohren, verzweifelter Greis fiel zu Boden und weinte;
auch die andern, bestrzt schauend, schienen dasselbe zu tun, whrenddem
mitten drinnen im sonderbar heulenden Brandesbad stilles Heldenschicksal
sich schlicht vollzog, ohne dass Zuschauer dafr Zeugnis ablegen konnten;
einfach und mit zwingender Notwendigkeit blhte das Grosse auf, denn auf
schon lichterloh brennendem Tokonoma stand die alte Teeschale, unermesslich
kostbar, mehr als tausend Jahre am Leben, fern von China hergekommen, aus
ehrwrdiger Hand des grossen Lu Y, stand sie und war in Gefahr; ein Stck
seltenster Schnheit; wild kochte schon erste Flamme, ihr sehr nahe.
Trotzdem knapp vor Tod, vergass er keinen Moment, sie in grsster Verehrung
zu schtzen; heisser, immer noch heisser schritt Ende an, Verzweifelter sah
um sich, kein Ausweg, Feuerring schloss przis, liess keinen Auslug, dicht
kroch Siedehitze am Boden, beleckte tastend Fsse, zngelte hher,
Kimonosaum ward hell, da erfasste nun schon mutig gestellter Blick in
aufschumender Liebe die schne Tasse, innig, ganz. Kehle von
Verbrennungsqualm schon sehr umkrallt, schwankte er hin, griff das
Porzellan, behutsam, kleines Seitenmesser beinah schon heiss, schnell
gezckt, schnitt Bauch auf, Schmerz und Feuer stach Augen blind, dennoch
tieferer Schnitt nun, gtig machten Eingeweide Platz, Tasse ward sicher
eingebettet, tastend, gleichwohl mit aller Sorgfalt, Blut siedete schon,
Haut legte sich schtzend darber, bedeckte abwehrend, erste Flamme frass,
ein kurzer Laut, zerbissen in strzendes Bambusgerst gechzt, verging
schwach, Feuer herrschte unentwegt bis zum Schluss: Weisse Blte roch
betubend, streifender Kimono war purpurrot, Geflster in Nhe beinah
klagend, gepanzert schellender Tritt des Wchters draussen, Blick des Taiko
war Zirkel, der stach wie Blitz, scharf, ganz glhendes Auge des Herrschers
schwebte in warmer Luft, bis sich, was wahrnehmbaren Sinnen ferne lag,
wirklich vollzog; denn er, Rikyu, der Teemeister, stand, erschttert von
eben ingeschautem Erlebnis, das ihn durchtobt, umbebt von Vision, die noch
brodelte, schaute nun auf, hin zum Taiko, dessen eines Auge fiebernd im
Raum zu schweben schien; und Ereignis, wunderbar, ward: Der Herrscher
sprach auf einmal Stze, fremdsam, aus Elfenbein geschnitzt, chinesisch
verschnrkelt, Stze, die er, Rikyu selbst, eben im Innern seiner Seele
erlebte, erschaute; er konnte nicht sprechen, doch der Taiko sprach laut,
was Traumland seines Hirns schn durchfuhr:

Da fanden die Mnche, als jenes heilige einsame Haus zu Asche
niedergebrannt und das Feuer verebbt war -- die Sonnengttin Amaterasu,
erst erzrnt, ward nun milde und schenkte den suchenden bangen Mnchen, die
eben die sechzig geweihten Chrysanthemen gebadet hatten, Richtung und Ziel,
denn grenzenlos milde kann sein Amaterasu -- sie fanden sofort unter
sprlichen Brandresten noch sprlicheren Krperrest, gnzlich verkohlt,
Leib des unglcklichen stummen Bruders, von dessen ewiger Tat, ewiger
Meister wrdig, sie noch nichts wussten, sonst htten sie alle ihre
Gewnder zerrissen und nackt zu den Sternen frohlockt; doch die Sterne
waren nicht rein, nicht hell, nicht glnzend, die Sterne standen blass und
fern, um lauen Himmel, der nicht mehr schwarz; nur Blutkruste war
pechschwarz, und verriet noch nichts. Und das war gut, langsam musste die
Frucht reifen in ihrem Herzen, damit sie bereit wurden zu letzter
Erkenntnis. Es war ein verkohlter Leichenrest, weiter nicht seltsam, nur
traurig anzusehen. Da standen sie lange erst stumm, dann legten sie ihn auf
eine Bahre, trugen ihn durch Grten, die erst bitter, hernach sss
dufteten, langsam dem morgendmmernden Himmel zu; Blumen, Kelche geffnet,
neigten sich zu Boden, tief und gross, als der Zug vorberging,
Paradiesvgel sangen, ein Kumabr weinte auf sein Fell herab, leichter
Ostwind brachte Regen, in dem erste Sonnenstrahlen sich spielten,
zerstreute Steine, scheinbar nutzlos, kollerten beiseite. So ehrten
offensichtlich leblose Dinge, gute Tiere, scheue Blumen, betaute Pflanzen,
den Mrtyrerleichnam, den ahnungslose Mnche trugen, so wusste alle Natur
schon, was Menschen, in Trauer getaucht, noch nicht wussten. Als sie
ruhten, die beinernen Rosenkrnze, geweiht von Schaka, nach
althergebrachter Weise unablssig drehten, und unterdessen brandleichige
Bahre im hohen geknickten Gras versunken stand, da flogen sehr grosse
Bienen herbei, noch nie hatte einer solche Bienen gesehn, auf Erden, noch
nie, karminrot waren ihre Flgel, dmmerblau ihre Leiber, meergrn ihre
Augen, die unendlich fern leuchteten -- es knnten vom Stich ihres Blicks
alle Spiegel der Welt zerschellen, Lgner wrden schon ausgedachte Lge im
Mund als Wahrheit hervorstossen -- flogen herbei, einen traumhaften
Glockenschlag lang, der silbern hell vom gefcherten Turm alter Pagode
weltvergessen herberklang, ward Sonnenlicht verfinstert, nun zum
zweitenmal Morgendmmerung mit schnell folgendem Tageslicht von Sonnenglut,
sdlich, umrahmt -- Flgelschlagen war sehr leise -- sassen auf dem Leib,
in geraden Linien, Wellen, befehlendes Zeichen AKERU stand mit Spitze
bauchzu, so geschrieben; die Mnche, aus betubter berraschung eilend,
lasen das Zeichen ab, zhneplrrend, doch nach den Gesetzen des heiligen
Kanon, sagten einmtig: FFNEN, sehr hoffnungsvoll, nahes Wunder erahnend.
Weiss ward es vor ihren Augen, dann wie frher, Bienen waren weg, frischer
Leib der Bahre, irgendwie verklrt und verndert, heischte. Im Bewusstsein
der soeben erhaltenen Offenbarung liessen sie Scheu, hatten auch keinen
Ekel vor umkrustetem, brandgeschndetem Krper, tasteten erhhten Bauch ab,
fhlten jetzt, erst jetzt, der Leib schien gesegneten Zustands, fuhren
beiseit, fielen zu Boden: Schwarz in Blut und Eingeweide gefasst,
Edelstein, ruhte die Tasse. Die solches geschaut, zerrissen ihre Kimonos,
indes ihnen die Augen bergingen: Auferstanden die Teeschale, die schon im
Nichts geruht, von den Toten! Seltsam kehrt sich um Natur, schnellt in
Bogen, stsst an zu Parabel: Schoss des Weibes war taub, Schoss aller
Weiber gst, einen Lichtblitz nur, rasend kurz, wo Blut springt zu Blut:
Zum ersten Mal ward ein Mann auf Erden befruchtet, in jenem furchtbar
ewigen Augenblick, der so deutlich schnitt, Zeugender war Feuersglut, von
Auge gesehn, von Haut gefhlt, wohltuender Beistand beim einzigen, sich
niemals wiederholenden Akt, Bewusstsein der Schnheit, sprang einer, ein
Mann, fr alle Frauen sndig tndelnder Erde in die Bresche und ward ganz
Schoss. Nicht kennst du seinen Namen, Zeugnis legte ab nur die namenlose
Tat. Die Weiber wachten auf, alles war wie vordem, Natur schien nicht
verndert. Und die schmerzliche, von einem Manne beschmte Allmutter
Amaterasu schickte einen glhenden Sonnenstrahl als Shne, gleichsam, der
sich vor dem toten Retter der Tasse -- trotzdem er tot, schien sein Leib
von eben getaner Geburt erschpft zu sein -- ehrerbietig verneigte, ihn
dann mit Glut umgebend umfloss, so die mnnliche Mutter der Erde entzog:
Die Tasse blieb, nicht ungebrdig schreiend wie sonst frischgeborne Kinder,
war still, gut und schn. Der glckliche Gebrer der Schale, in lauem
Mondlicht gebadet, in khlem Aether getrocknet, zur Gestalt erhoben, ging
ein in die Gefilde der Segnenden, sieht auf uns in grsster Milde, in
grsstem Verzeihen: die Schale, der Kelch auferstanden von den Toten,
wiedergeboren durch ihn, und unter uns wohnend. Wie glcklich wir! Gruss
dir und Dank Sonnengttin Amaterasu, mehr noch Dank dir, grosser
Unbekannter, der du in verzehrender Stunde Mutter warst!

Der Taiko hatte geendet und lauschte verzckt seinen Worten nach, sie
vergassen, dass der mit sehr milder Stimme eben gesprochen, hrtester
Zwingherr war, triefend von Macht, gepanzert mit Gewalt, das alles schien
er jetzt nicht, sah eher geheimnisvoll krnklich aus, matt seine Rechte
ber purpurne Sttze des Thrones hingegossen, fast edel, und in Angst
aufzublicken. Rikyu lchelte khl. Satz nach Satz des nun ausruhenden
Sprechers war von ihm gewesen, stille Einflsterung von ihm zum Taiko
hinber, dessen Zunge gehorcht hatte. Leise strich glatte Hand am
Kimonosaum hinunter, in einer sehr gemessenen Linie, diese unscheinbare
Bewegung sprach, befahl, denn pltzlich fielen die sorgfltig geschnitzten
Ebenholzstatuen der zweitausenddreihundertzweiunddreissig Gtter und
Gttinnen, reihum an Wnden des Kronsaals auf Gesims gestellt, mit einem
geradezu einzigen Krach herunter. Entsetzen pfiff, grausamer Pfeil, durch
Aller Krper. Rikyu hatte doch nur Saum, irgend einen zuflligen Saum,
leicht berhrt, wilde Hunde heulten, von rostroten Schchern erpicht
gehetzt, pltzlich keuchend und mjesttsverachtend quer durchs Gemach, die
leichten Matten, so kostbar, flogen empor, Papierwnde wankten gross, in
letzter Angst suchten alle, auch der Taiko -- oh die vielen Gewnder, gelb,
blau, rot, violett, schwarz, grn, grn, teegrn, Gesicht, ach so steinern
ruhiges Gesicht des Teemeisters, der nun tief gebckt stand, pltzlich, und
sich wunderte, gewiss, gewiss! er hatte doch nur bunten Saum seines
einfarbigen Gewandes leicht berhrt, die Tasse war schon lange
auferstanden, ruhte bei ihm in seltnem Kenzankstchen und beschtzte sein
Haus -- der Lrm im Raum ward tobender, sie gesteten, die feierlich
gefalteten Staatskleider waren ungehrig verwalkt, verbogen, unsteif, der
erste Minister kugelte auf dem Boden, ganzer Estrich war Erdbeben, die Pose
des Narren frechte lsternd, der Meister fhlte nur, dass um ihn Lrm sein
msse, hren konnte er nichts, alles so delikat gefhrlich, verrckt, wie
in schiefen Trumen, aber er konnte seine Hnde in Unschuld waschen, Unsinn
des Lebens klebte ihm auf merklich drrender Zunge, Gelchtergebrde
streifte ihn, dicht, ganz nahe, doch Ton war unhrbar, verging wie die
Zeichnung eines Schlages, in rasch fliessendes Bachwasser hineingetan. Er
hatte die unwirklichen Bienen gesehn, dort ist einer in der Menge,
sicherlich, der den guten selbstlosen Kumabr, heute erst geboren, Fell so
kaninchenhaft weich, mild, Krallen noch nicht lebend, daher geradezu
samten, sicher erschlagen hatte, ohne zu wissen, warum, warum schwebte ber
allen das Wort Warum wie eine bse giftaussprhende Schale, die opalen
zwar, doch furchtbar, ja, warum ttet man gute Tiere, warum? -- doch die
Tasse lebte, und das gab Gegenwrtigem einen ganz bestimmten, beglckenden
Schnitt, der Kelch, neiget euch alle vor dem Kelch, alle, alle, alle msst
ihr Diener sein der grossen einzigen Teeschale, die eine Welt regiert,
besser als du, finstrer Taiko, die Welt, es muss ja Getse unhrbar sein,
es muss, der Porzellankelch ruht fern, darf nicht von Lrm geweckt, aus
seinem so schn unsinnigen Sinnen gestrt werden, neues Wunder einer
wunderlosen Welt, einer entwunderten Erde, Getse ohne Klang von Getse,
nur Schatten, Gespenst, Bild von Getse, nur Schatten, Gespenst, Bild von
Getse, sichtbare Bewegung, Laut aber erstorben, geschleudert ins Nichts,
ins bse Nichts, dann in zwingender Folge kommt Gelchter ohne Gerusch, oh
Lust zu sein! oh Unlust zu leben! das war nur ein noch unbekannter Schrei
im Innern, irgendwo, ohne hervorbrechenden Schall, nein, so schlug er die
Arme hoch, erst vors Gesicht, dann vor sich weg in den Raum, gar nicht
demtig, und vor allem frech gegen Zeremoniell verstossend, sprach Rikyu
sehr gelassen: Er war im beginnenden und schliessend geschlossenem Kreise
mein Vater! und giftgrner, eben auf ihn fallender Blick des Taiko
verblich, ebenso ohne Gerusch, ganzer Raum war wie frher, er aber, er,
Rikyu, hatte Leben, stark donnerndes Leben ohne Donner, seines ersten und
ihm zunchst stehenden Ahnen, klein, trotzdem schlicht, doch das mit
grossen Weiten, bei sich, auf stiller Insel, umtost vom Kreislauf des
Blutes, in Nhe erst jetzt gebornen Herzens, das aufgeschumt war, soeben
erlebt.

Nun wieder sprach der Taiko Belangloses, Herrschergemsses, Antworten der
Minister waren noch nichtiger, pltscherten unntzes Bachgemurmel, als
Rikyu furchtbar erschrak: Traum des Lebens lautlos barst, Wirkliches
verletzte, Worte des Mannes dort waren kreischend, drhnten strker als
Glockengelut, da drehte der Teemeister ganzes Antlitz zum Thron hin, warum
war Gerusch noch immer nicht gettet, so darf Leben nicht mehr sein,
Gerusch ist Tod, Gott, der auf ewig, der Gerusch, auch geringst leisesten
Laut, nicht mehr hrt, nun sprach er mit sicheren Lippen einen Satz, schwer
wie Bleigewicht, alle im Raum, selbst der Taiko, waren an seinen Mund
gekettet, fest, unerbittlich, kein Ton ward hrbar, obwohl sie alle
Gesichter genau ihm zugekehrt hatten, smtliche Anwesende und ganzer Raum
ein Gesicht, das zusehends grsser werdender Frage glich. Sein Mund redete,
doch nur Schweigen schnellte ber Zuhrer hin und legte sich schwer auf
oberflchliches Bewusstsein: So furchtbar war der Satz, den er aussprach,
den er schon gesprochen, leicht bewegte sich sein Gewand, er neigte sein
Haupt, tief, fast allzu tief, dass es schon bald als nicht geringer Hohn
klang wider den Taiko, dem ansetzendes Gelchter, sehr steil und
erschrocken auf halb lchelnder, jetzt gespenstig erstarrter Miene stehen
geblieben, sanfte Sandalen waren wiederum lautlos, oh seltsames Gemach, oh
furchtbar, zu wissen, dass zwischen seinem Blick und dem des vielleicht
jetzt gerade ungndigen Herrschers ein Ozean strmte, nicht zu fassen fr
die Menschheit, nur fr ihn, Ozean mit so fernen Weiten, dass jede Parabel
sich schloss, Ferne zu Ferne stossend Nhe werden konnte, und sicher
zwingend bei ihm Nhe ward, Raum, auch Raumleere ist eins, ist in ihm, Welt
flutet durch sein Herz, Kontrapunkt des Kosmos, lauter Sturm ist die Welt,
stiller Sturm sein Herz, verschwistert der zarten Porzellanschale, so trat
er, Gottheit ber sein Haupt als Gloriole getrmt, in den Stich der
Sonnenhitze hinaus, dass blauglnzende Wchter Schweiss vergassen, zu Boden
fielen, Knirschen junger Zhne in weissen feinen Sand hineinbargen. Einsame
Ebene, gross, horizontgeschwngert, sang eine dnne Melodie, selbst
lockender Schlag der Wachteln war nicht zu hren, nun fiel dicht vor seinen
Augen ein Spinnwebnetz nieder, vom Himmel zum Nordpunkt, bedeckte ganz
seine Pupillen, oder war es nur von Zweig zu Zweig zuflligen Kirschbaums
gespannt, da sah er nicht, da hrte er, so laut, so stark, den wilden Ozean
brausen, kochen, wirbeln, alles anstrmte zu mchtiger Rhapsodie und war
doch durch hauchzarte, regenbogenfarben schimmernde Spinnwebzeichnung
einzig dies zu sehn, still, kolossal, schneebedeckte Majestt: Fuji.

Ob man dort oben an seinem Gipfel wohl Fische fangen knnte, meinte irgend
ein Widerhall auf eine alte, frher schon vor Jahren gestellte, seitdem
aber lngst vergessene Frage in irgend einer Kammer seines Kopfes, der
Fujiyama sulte steil und unbedenklich in die Hh, Erdbeben war vor einem
Jahrtausend Grund seiner Geburt, smaragdgrner Glockenturm, von Jade und
Glas gebaut, fiel, nur eine Spinne ward unter scharfen Trmmern erschlagen,
Netz riss: Orkan brllte um seine Ohren, so war fern der allmchtige Fuji
zu schauen, da schwebte Rikyu zu Boden nieder, ksste das Moos, denn er
wollte noch nicht schauen wie die Schale hoch ber dem Bergkoloss
leuchtete, beherrschend sichtbare und unsichtbare Welt, Taifune brandeten
an, zerschellten am dnnen Glast des alten Porzellans, das sorgfltig
chinesisch, Brausen voll Licht, Brausen voll Luft, Brausen voll Wasser war,
wesenlos, doch mchtige Pferdeschar, auf der sie herausschwebte und an sein
ein wenig erhitztes Hirn leichte Khle warf. Schon umschwirrte ihn wieder
sicherliches Geschrei knallig bunter enger Gasse. Obwohl er durch arg
eilende Menge schritt, vernahm er doch nicht irgend einen Ton, bizarres
Schemen war so Strasse, Platz, lungenschtiges Schemen die kuliumdrngte
Snfte, die dahersegelte, ziemlich aufrecht, wie schwarzweisse Wildgans auf
gekruselter Woge des Iwaresees, da hielten sie an, Mond schien ganz sicher
irgendwo vom Himmel, trotzdem Mittag, Sonne, Hitze beinah die elegant
gekrmmten Sbel glhend schmolz, als durch ovale Oeffnung sehr bleiches
Frauenantlitz -- Augen so schief mandelfrmig standen, dass eben gewiss ein
blasser Mond Tagesfirmament beherrschen musste, ja auch die hohlen Kelche
der Blumen knnten, betaut, geschlossen sein, ein Schatten ist gestorben --
nun auf ihn blickte, mit schlanker Hand einen beraus bestimmten Wink gab,
doch er, im selben Augenblick wissend, dass im Kronsaal Missgnstige ihn
beim Taiko hmisch verleumdeten, sagte: Ich bin der Ozean. Eine neue Blume
erfand ich soeben, in dieser Sekunde, doch nur die Bewegung der Lippen war
wesentlich, sonst war nichts, vor allem kein Laut, gleichwohl trug er
selten geformte Blte in Hand, mit unhrbarem Wehruf sank die Schne in
Snfte rck, Seidenvorhang, trkisblau, sternbespritzt, schloss, Erdboden
roch frisch nach grnem Blut, vom Tempel wehte das staatliche Sonnenbanner,
unten stritten zwei fette Bonzen, ein jeder Kind einer andern Weisheit, der
eine kreischte formelhaft: Der Wind gibt der Fahne solch leichten Fluss
und Schwung, der andre stlpte auf ihn wieherndes Gekrchz: Sie bewegt
sich selbst und bewegt hiemit den Wind. Verneige dich, Tropf, und glaube
das Wunder, das noch sichtbar deinen blden Augen, morgen vielleicht kann
das Schauspiel, selten und erhaben zugleich, nur ich bloss schauen,
bermorgen dann vielleicht auch ich nicht mehr! damit er aber schon vom
andern eine rasche Ohrfeige erhielt, das alles schien jedoch nur zu sein,
um ihn, dort strzte der Edelsteinhndler hinterrcks um, Genick gebrochen,
eine Maultrommel war vor einen Marktwagen gespannt, der mit Krbissen
hochgeschwngert fuhr, und doch von allem kein Ton, nichts, lchelnd trat
er also in das Singhaus, sass neben der Geischa, sah Gesang, sah Kichern,
sah Saitenspiel auf mattem Koto, schlrfte schlechten Cha aus gewhnlicher
Schale, auf dem kleinen Teespiegel neue Blumenblte schwamm, ward an die
ferne stille grosse Knigin allen Porzellans erinnert, lief, die
Windenblte in der Hand fest haltend, jetzt krampfte er sie weit von sich
in Luft, die nebenan, vergewaltigter Zweig dazu stach in der andern Hand,
beging schon heimatlichen Kies, sie soll Winde heissen, sie ist eine Winde,
krummgebckter Diener hielt ihm einen Krug Essig hin, schnell trank er ihn
leer -- oh dass doch die Wesenheit des Kruges, jeden Gefsses der leere
Raum immer ist -- so betrat er nun den Vorraum zum Gemach der bald nahen
Zeremonie, wo seine Freunde schon warteten. Ein wenig Schweiss wischte er
sich noch von der Stirn. Leise Angst hatten die Freunde im Blick, als einer
von ihnen fragte: Meister, wo warst du so lang? Wir haben grosse Stunden
auf dich gewartet, oftmals ist die Sonne auf-, der Mond untergegangen, der
Mond empor-, die Sonne herabgestiegen, vierzigmal ist das geschehn, wir
aber, obwohl wir nicht wussten Tag noch Stunde, wannen du kommen wirst,
haben gewacht, es war Zeit, dass du kamst, siehst du nicht, wie Streit ist,
wenn du nicht hier? alle schauten, noch war letzte Frage nicht zu Ende
gesprochen, auf einmal nach links, entgegengesetzt dem Ort, wo er gerade
berrascht stand, papierne Wand rollte unhrsam beiseit: wilder Garten mit
kleinem Weiher war Bild, zwei unendlich dummschlau aussehende Tlpel
standen da, ganz hokusayisch gefgt, wie aus dem Yehon schenjimon
geschnitten, ein Pfau, kostbar bunt, quirlte Rder, gross, sich durch die
Zwei dazwischenschiebend, stelzte sehr selbstbewusst vor ihnen, der eine
lachte wie Gong, das geborsten, allerdings, trieb verfettete Hnde meckernd
ber seinen Bauch hin, so frech, dass der andre, wtend und neidisch, Zuruf
ihm hinwarf wie madigen Speck: Sohn eines Aases, was plrrst du wie eine
schmutzige Messingpfanne, auf der Reisbrei verbrennt, Tropf, Tolpatsch,
Tor? Laotse scheint nicht dein Vater zu sein, auch nicht Jimmo, du Enkel
einer rudigen Fliege, siehst du nicht, dass ich mich freue, weil sich der
Pfau so frhlich freut? hielt erster zur Antwort hin, sprudelte unablssig
schallendes Gelchter. -- Knig aller Dummkpfe Asiens, du bist kein Pfau,
wie kannst du, eingetrocknetes Kolibrihirn, wissen, ob der Vogel sich
freut? -- schlug der andere entgegen und ward ganz zu unzchtiger Geste.
Hhnerphilosoph, du bist nicht ich, wie willst du also, bekoteter unntzer
Ringelschwanz du eines Schweins, wissen, wieso ich nicht weiss, dass der
Pfau sich freut? der Gegner. -- Unterdessen war der Pfau ihm, der doch von
seiner Freude -- wie harmlos ist eine Pfauenfreude -- so genau wusste, ganz
nahe gekommen, fauchte tckisch, vergiftend glhten bse Augen, zornig
trmte er Gefieder auf, suchte mit Schnabel, spitz, geschliffen, nach der
einen menschlichen Hand zu hacken, unausgesetzt, da liefen beide Streiter
aufheulend, jedoch unzweifelhaft mutig weg, verschwanden im weiten Schnee
der Blten, Rikyu riss rasche Geste, stirnumwlkt, ungeduldig, alles war
wieder so gewhnlich, denn er sah und hrte, hrte, hrte, alles war Trug
gewesen mit der Geruschlosigkeit des Lebens, warum ist Natur nicht aus der
Welt zu schaffen, warum verfolgen die Gesetze, einfach und klar, stndig
ihn, warum fiel Mond nicht auf Sonne, beide hernach, Mond und Sonne
zugleich auf Erde, er wrde sicher dann Weltgefge knirschen hren, ein
Sprung auf spiegelglatter Wlbung grenzenloser Sphre wr erquickliche
Labung, und alles wre gut, doch so hrte er wieder, hrte: Meister, wir
dachten, die Tasse sei krank, und so haben wir sie besucht, sie war
gefangen gewesen in dem Lackkstchen, und wir haben sie herausgenommen, sie
war nackt anzusehn, und wir haben sie mit dem zitronengelben Seidenschleier
behangen. Wir konnten jedoch den Tee nicht bereiten, nur du kannst ber die
Schale gebieten. Nun bist du da, Meister, wir sind froh, dass du endlich
bei uns bist, solche Worte verwirbelten in der Luft, die vom Garten schwer
einstrmte wie gesegnete Frau, er hrte -- entsagungsvoll hatte er
Widerstand gegen Gerusche aufgegeben -- sich wie aus sehr weiter Ferne
sprechen, und zwar diese Worte: Was ihr meinem Kelch getan habt, habt ihr
mir getan, einiges Glck rauschte in den Augen der Freunde hoch, wenn auch
vergehend, kurz, nochmals warf er eine beherrschte Geste, die aus ihm
unbewusst dunkel trieb, Wand glitt auf Rillen zu, legte sich wie traumene
Mauer schtzend vor Sicht seines verklrten Blicks, sehr viele Hnde hoben
sich beschwrend, machten das Gemach weithin gestreckter, lauschender,
fielen dann wieder jh und schlaff herab, neigten Kpfe, auch Rikyu liess
langsam sein Haupt sinken: der Taiko hatte Besuch angesagt, so war er schon
im Raum, hielt die Hand lass an seiner Brust und war sehr ernst.

Da Rikyu wusste, dass sein wertvollstes Gut in seiner Abwesenheit von
Freunden so sorglich umbangt gewesen, trat eine gewisse Wrme in seinen
Blick, mit dem er den Taiko nun bewillkommte. Sommertag war, Geruch von
Lilien floss ein, der Blumenordner, als grazise Silhouette im offnen
Trrahmen zu sehn, beschnitt mit kleinem Messer die Stengel grosser
Blattpflanzen, soeben brachte er wunderbar erlesene Blten mit einer
winzigen Sge -- erinnernd an berraschendes Taschenspielerkunststck, war
das Instrument auf einmal in seiner Hand -- zu Fall, niemand schien die
vielen Todesschreie der Blumen zu hren, nur er, Rikyu, den sonst
sehenswerten Garten mit beleidigend eilendem Blick streifend, hrte das fr
gewhnliches Ohr unhrbare Geschrei der Gefolterten und langsam Sterbenden,
berirdisch leise war Todesmelodie, vergehender blumener Schwanengesang:
Duft, unendlich sss, hielt Luft gefangen, fest drckte er an seine Brust,
wo neue Blume gesichert verborgen, war, unter Gewandbausch, der Taiko, auf
einmal der Taiko, nickte ihm freundlich, doch merkbar ungeduldig zu, er
besann sich, hielt ein kleines Lcheln, unbestimmbar, es konnte ebenso Ja
wie Nein bedeuten, oder auch etwas ganz Fernes, das gewiss kaum hergehrte,
wenigstens schien es bis jetzt unbekannt, ausdrcken, zu allem bereit ber
Gesicht gelagert, zugleicherzeit machte seine Rechte frmlichen Ansatz zu
einer Handbewegung, die im selben Augenblick mit seinem Mund sagte:
Wollest du bedankt sein, grossmchtiger Herrscher, dass du zu mir
Unwrdigen gekommen bist, mge dir mein drftiges Dach nicht zu gering
erscheinen, gib diesem schmutzigen Ort mit deiner herrlichen Anwesenheit
die Gottesweihe, ich wage, dich ergeben zu begrssen, so liess er den
Taiko vorausgehn, sie folgten, alle die andern, er zuletzt, usserste
Schiebewand schwebte weg, Teeraum lag in grsster Schnheit da, wie Oase in
eintnige Wste, erfrischend, erhaben, stumm grssten bang Eintretende die
unsymmetrische Sttte ganz ungeheuer knstlerischen Leerseins, die sie doch
schon so oft geschaut und die immer wieder noch abwechselnd Unfassbares bei
jedem erneuten Betreten den Sinnen brachte. Entlebt standen sie da, kurzen
Moment bloss, in tiefem Schweigen, nur des Teemeisters Augen schienen
heller zu werden, zu leuchten, er war gegenwrtig der Einzige, der lebte,
im vollsten Bewusstsein, der Taiko, eigentlich strend in den Raum
stossend, ungelenk, fr dieses Gemach, brigens auch fr nipponsches
Verhltnis viel zu gross, bei weitem, wusste wohl, dass dies alles etwas zu
bedeuten hatte, ebenso auch, dass es Wrde des Herrschers erheische, die
bestimmten Zeremonien des Tees inne zu haben, die er ja eigentlich schon
genug oft eingebt hatte, sah nun aber -- wahrscheinlich presste ihn in
innerster Selbstkritik dieser Mangel schwer: die Erkenntnis nicht voll
genommen zu werden -- beinah bld aus, was die andern, die im strksten
Geniessen der stillen Messe, im verzckten Verharren waren,
weiheschndrisch unliebsam erweckte, was noch strker ward, als sehr
ungehaltnes, schier verletztes Gefhl alle Teejnger umschlich, als er, da
er der Herrscher ist, hat er wohl das Recht, laut in die Hnde klatschte
und mit ungefger Stimme die Aufwartung befahl. Jetzt sahn sie auch, dass
der Taiko Harmonie gegenwrtiger und noch kommender Handlung gh
durchrissen, denn alle hatten leicht grnliche Gewnder, die zu dem lichten
Gelb der Wnde und zu dem etwas schmutzigern der Matten sehr verwandt
schienen, nur er trug einen roten Kimono, einen purpurroten, das war ein
Misston, schroff und entschieden. Rikyu stellte unter einem zum Taiko
hinberzielenden, beinah liebenswrdigen Lcheln fest: das ist eine
Blasfemie, ungeheuer frevlerisch, es ist eine noch nie erhrte und
erschaute Gotteslsterung gegen die Schale. Nur gut, dass sie im sorgfltig
geschreinten kleinen Lackschranke lebte, verdeckt, und nicht jene
Missachtung sehn konnte. Nun ward ihm auch unumstssliche Gewissheit, dass
jener rohe Bauch dort drben, jener Mann ohne Tee in sich, obwohl er mit
schrecklicher Macht ber Mensch, Tier, Land, Luft, Wasser gegrtet war, nie
und nimmer dieses blau und rot leuchtende Erlebnis, das jenes, jetzt
unermesslich hassenswerter, wulstiger Mund vor kurzem in Worte gelegt schn
von sich gegeben, allein htte schauen knnen, nur weil er damals im Raum,
war diese merkwrdige Strahlung fr einen Moment von ihm ausser Acht
gelassen, auf jenen Unwrdigen gestrzt, das rgerte Rikyu sehr, jetzt,
sein Blick wurde boshaft, schief, und suchte von unten den Taiko zu
treffen, der in einer ganz pltzlichen Aufwallung Hass bei dem Teemeister
fhlte, infolgedessen, irgendwie in Trotz, ironisch und stolz, sein Haupt
zurckwarf.

Rikyu hielt Lippen hart, fest gehemmt, die verdeckten: auf den blanken
Zhnen darunter stand unerbittlich der Satz: Der Taiko muss sterben. Wer
wider meinen Kelch ist, der steht wider mich! Dies tnte schrankenlos laut,
immer und immer wieder, durch seinen Krper, der usserlich jedoch, stark
beherrscht, nichts verriet. Eher wurden jetzt seine Augen freundlich, wie
sich seine Miene glttete, grosse Erkenntnis strmte: Dem Todfeind muss man
mit berschwemmender Leere, die undurchforschbar, begegnen, in dieses
Vakuum muss der Widersacher hineinstrzen, ferne Grenzen, sie wrden
schliessen, der Wehrlose wre ihm ausgeliefert wie das Wasser, welches in
die Leere der Kanne fliesst, dann gefangen ist, genau so, die Leere ist das
Furchtbarste auf der Welt, das Gefhrlichste, wer sie als Waffe verwenden
kann, ist der Mchtigste der Mchtigen. Der Taiko wird mittels Leere
gefesselt werden, was dann mit ihm zu tun sei, berlegte er jetzt noch
nicht, doch wusste er das eine, dass bei heutiger Teezeremonie jene Schale,
die durch des Taikos anstssiges Gewand beleidigt, nicht zu gebrauchen sei:
So ward sie vorenthalten. Auch der Tee war gewhnlich, grn, die Bltter
derb wie eingekerbte Falten der Juchtenstiefel tschungusischer Barbaren,
beim Einwerfen in das eiserne, mit einer leichten Patina belegte
Kochgefss, fhlten sie sich an wie vertrocknete Apfelschalen, im Wasser
alsbald entfaltet, zogen sie dunkeln Wolkenfetzen gleichend hin, verquollen
schon im Dampf voller Unkontur, nun trank man und sprach nichts.

Stille.

Rikyu erschaute aus den Wlkchen ber des Taiko Tasse dessen nicht
allzufernes Geschick, das tdlich, doch gerecht sich darinnen, in dem
scheinbar ganz zuflligen Gewirbel -- das vom Schalenrand pyramidenfrmig
in die satte Luft, so ins Unsichtbare verflchtend, anstieg -- als Vision
voraussagte. Das machte seine Bewegungen, nebenschliche Gesten freier,
Sinn und Miene nahezu heiter. Als in gewissem, auf einen Hhepunkt
hinzielenden Augenblick die Freunde sein Auge suchten, bittend um
Beantwortung der einen Frage, warum er dem hohen Gast nur eine gewhnliche
Porzellanschale gereicht, ohne Alter, ohne Herkunft, da lchelte er sehr
fein, mit einem geradezu gtigen Nebenton, tat schlicht unauffallender
Stimme diese Worte kund: Ich schaue dies: Eine kleine Weile, und mein
Kelch wird vergangen sein; und wieder eine kleine Weile, und mein Kelch
wird abermals erscheinen, glsern flog sein Blick jetzt ins Weite, dann
sprach er nach Atempause ganz leise zu sich letzten Satz schmerzlich
beglckend nochmals mit einer geringen Vernderung: Und ihr werdet mich
nicht mehr sehn.

Die Freunde, obzwar nicht wissend, was des Teemeisters seltsame Rede
bedeute, mussten doch eine Ahnung fhlen, da sie auf einmal alle verstohlen
zu dem Taiko hinsahn. Der kotzte Gelchter.

Robuste Lachwellen brachen sich an den papiernen Wnden, machten diese
fluten, keiner aus der Teegruppe fragte, warum denn der Taiko so wiehere,
alle behielten ernsten Blick und straff nchterne Gebrden, nur leises
Knistern vergewaltigten Papiers der Raumgrenzen war anklagender Hinweis auf
des Herrschers frech frevlerischen Lrm, so wollte der Gekrnte sich
entschuldigen: Es fiel mir pltzlich possierliche Geschichte meiner
tartarischen Amme ein, die von dem chinesischen lustigen Kaiser, der immer
viel und scharmant gelacht hat; am meisten darber, dass alle um ihn herum
starben. Nur er konnte nicht sterben. Darber war er voll bermut, der also
niemals starb, weil er nie gelebt hat, deshalb hat er, und ich gegenwrtig
mich seiner erinnernd, soviel gelacht!

Rikyu, ber den anwesenden sich selbst unterhaltenden hohen Gast brsk
hinwegsehend, zog dreimal mit der Linken Kreise in die Luft, letzter Teil
der Zeremonie, zischte den Satz, der sonst das Gemach nahezu gttlich
vergoldete, ohne Scheu hervor: Ich bin der Tee des Lebens! Ihr habt davon
genossen, ich danke euch.

Dann standen sie alle auf, auch der Taiko war dazu gezwungen, Rikyu tat
eine schlichte Verbeugung, hernach alle, nun der Taiko erst zum Teemeister,
dann zu den andern hin, draussen schlugen drei unschn drhnende Gongs, man
schritt aus, Garten war gebreitet wie kleiner See, Wogen von Duft und
Blten gingen hoch, winzige Silberglckchen sangen von den Zweigen,
harmonisch von sachtem Wind gestreichelt, damit alle Vgel, auch die des
Himmels, gescheucht wrden und nicht auf ihrer Nahrungssuche die guten
Blten tten knnten, vor jeder grsseren Blume stand ein sorgfltig
gekleideter Diener, gelb, wischte mit einer weichen Brste aus
Schwanenflaum ungehrigen Staub vorsichtig von den Blttern ab, darber
verwunderte sich der Herrscher -- Zartheit ist Frsten immer verwunderlich
und nach ihrem Sinne zu verwerfen -- dies steigerte sich aber bis zu
verblffter Starrheit, als eine Kapelle von zwanzig Knstlern mit den
verschiedensten Instrumenten eine unbegreiflich melodise Musik zu spielen
begann, den Blumen zu Ehren, damit sie, die sonst ohne Feste zu leben
gezwungen waren, sich daran ergtzen konnten, das begriff der Taiko,
zwischen Lachen und Stirnrunzeln schwankend, nicht, zum Ende gewann
Finsterzucken ber Gesicht Oberhand, denn ein Marmorstein war mitten im
Beet aufgerichtet, mit Zeichen versehn, die der Frst nicht zu lesen
vermochte, das ist Amt des Aktenverlesers, der aber heute im Gefolge
fehlte, dreihundert Stockhiebe auf die vergesslichen Sohlen, nun stiess
sein scheeler Blick wieder an, den merkwrdigen Stein: Es ist das Denkmal
zur Erinnerung an eine schne Blume, die der Teemeister sehr geliebt,
suchte Stimme eines Gunstbuhlers zu erklren, schneller schritt der Taiko
aus, Kies knirschte gell unter seinen festen Tritten. Er wollte zerstren,
tten, das war fester Entschluss, gleichgltig was! Da sonnte sich eine
Zikade auf gelblicher Sandhelle des Pfades, rasch hob der pltzlich
Zornviolette, hochmtig siegesbewussten Herrscherblick zu Rikyu hinwerfend,
den rechten Fuss und liess ihn mit Wucht auf das winzige Tier niedersausen,
im selben Augenblick brllte ein Tiger von fern. Hohnlachend liess der
Taiko sein Auge wartend auf dem Teemeister haften, dessen Gesichtsmuskel
nicht im mindesten aufzuckten, nichts verratend, als er ohne Betonung
fragte: Hast du das Brllen des Raubtiers gehrt? Auf seinen Zhnen, die
von hart zusammengebissenen Lippen wiederum verbaut waren, stand abermals
in heimlicher Abgeschiedenheit, nunmehr in blutiger Geschrift, furchtbarer
Satz, der unabnderlich auf immer: Der Taiko muss sterben! Denn jetzt war
der grausam hingerichtete Leib der vor kurzem noch so frhlichen Zikade
missgestalt zu Brei zerdrckt zu sehn; schwere Last wie ungeheures
Eisengewicht lag atemberaubend auf mitleidiger Herzgrube Rikyus.

Ein wenig Unwillen war doch schon blass eingekerbt in die glattseinwollende
Stirnebene, als er nochmals mit Stimme, merklich bebend, den Grausamen
fragte: Hast du das Brllen des Tigers gehrt, mit dem nachfolgenden
schwachen Schrei? Knnte das Raubtier nicht dein Kind, unwissend spielend
mit Goldperlen und Erdbeeren im Walde, zerrissen haben?

Da lief der Taiko, gespreizte Arme in verzweifelten Wind wirbelnd,
stampfend weg, so dass sein Gefolge ihm kaum nachkommen konnte. Rikyu blieb
versult stehn, Kinn fiel tief auf Dach seiner Brust herab, sinnend, dachte
Pyramiden, whrend die Jnger ihn wartend umkreisten, Sonnenblumen, anseit
des Weges ragend, schienen grsser zu sein als sie. Mitten vom rasend
rauschenden Leben der Blumen und Bume umwogt, kam er selbst wieder zu
Leben, als einer von seinen Schlern nun Antwort bat auf dies: Meister,
ganzen Hergang der Handlung, so undenkbar, verstanden wir nicht, weil uns
das alles sich wie ohne Geschehn darbot.

Masslos milde klang seine Stimme und klar: Der Sturm in der Teeschale ist
furchtbarer als der auf dem Meere, dies ist der Grundsatz und Tee meines
Lebens, das allem Leben zustrmt. Liebe Freunde, hinter jeder Handlung,
hinter jeder Erscheinung verbirgt sich Vorgang des Vorgangs, Erscheinung
der Erscheinung. Ein Augenaufschlag von Blick zu Blick schpft mehr
Geschehen als tobend schreiende Schlacht von sechzig Tagen. Lasst eure
Blicke kreisen: Tod ist nicht der Tod, irgendwo ward er schon vorher
gettet, Leben ist nicht das Leben, irgendwo ward es schon vorher gelebt,
vorherbestimmend unter der Flche. Es gibt keinen Zufall, ein Gesetz aber
ist. Ihr seht nur die Wirkung, ich aber schaue im ewigen Wechsel des
unsterblichen Tao den Grund. Mir ward gegeben, Hchstes zu gewinnen: Ich
schuf aus mir selbst einen leeren Raum, in den ich, allmchtig,
allumfassend, was irden ist, zwingen kann. Der Taiko trug entgegen
Vorschrift ein purpurrotes Gewand, der Taiko zertrat die schuldlose Zikade,
deren Tod ich lange vor der Tat erschaute. Ich sehe das Schicksal des Taiko
schon vollzogen, unerbittlich, nicht aufzuhalten, Freunde, der hell
glnzende glserne Sand zu Fssen des Wegs sticht eure Augen. Nicht der
Kies leuchtet, die Sonne ist grelle Fackel, fern und hinter euerm Rcken.
Ewig ist der Duft der Blten, versuchet mich nicht wieder, merket nur das
Eine: Ich habe viele Strme in der Schale erlebt. Der Blumengeruch ist
stark und satt, lasst uns ihn atmen!

Da es schon langsam Abend geworden, verliessen sie ihn, der still vor dem
kleinen Hause stand und vom Wald herber den Tiger rufen hrte.

Eine Weile blieb er so.

Dann er durch Zhne hell hineinpfiff in den dunkeln Odem, den ihm reifende
Nacht schwer entgegenkeuchte, jhen Laut.

Drben und fern erstarb Gebrll.

Einsame Stille stieg an sein Knie.

Natur schien ohne Blutschlag.

Nun ein dumpf kurzes Tappen, wie wenn ein Stck gerundetes Blei auf ppigen
Samt fllt, dann ein Zischen, doch immer noch weit, zwei Leuchtkugeln am
Gartenhorizont, die jetzt hochfuhren, nher in einem schief zur Erde
sausenden Wurf gedoppelt pfeilten, durch Sprung khl gewordene Luft prallte
an Rikyus Wangen, mit verghnendem Knurrlaut lag der Tiger horsam zu seinen
Fssen, prankenstill, ruhig, gut.

Zwingende Hand drckte Schnauze in den Sand zum Ruch, wo Ausdnstung
robuster Fusspuren des Taiko sicher noch ber dem Weg lag, schnell gehende
Nstern sogen gierig, Hand liess nach, glhendes Augenpaar suchte Blick des
Herrn, aus dessen gespitztem Mund ein langer, lind zngelnder Rollpfiff
sprang, dem schrilles Wort nachschnellte: Tod!

Warmes Zittern floss durch Nachtwind: Der Tiger hatte seinen Rachen weit
aufgerissen, nun schloss er ihn wieder, Augen grellten vor Feuer, leckte
ergeben treuer Zunge den vorgestemmten Fuss des Meisters, satzte dann, eine
Weile schnen wilden Kopf hin- und herschlagend, in einer geraden Richtung
ab, verschwand im Bauch der Nacht, die schon alle Landschaft aufgefressen
hatte.

Rikyu stand lange, regungslos, ohne die schwarze Khle zu fhlen, die
dichter und dichter ward und ihn, der Blick nach innen gerichtet, ganz
umschwlte. Pfeil auf Pfeil durchzuckte sein Hirn, Herz aber ward nicht
getroffen, langsam begann sein Krper licht zu werden, bis er vollends
Licht geworden war, dass er kein Stck von Finsternis mehr hatte, und es
war, wie wenn ein Licht mit hellem Blitz ihn erleuchte, und immer und immer
wieder sagte er sich das vor, im Innern, acht zu haben, dass nicht das
Licht in ihm wieder zur Finsternis werde, so hielt er die Hnde weit weg
vom Saum seines Kimonos, wollte an nichts mehr denken, an nichts. Endlich
warf er seinen strahlend hellen Blick zum Himmel hoch, sah die grosse
Kuppel sternlos, selbst die treue, die Ampel, sonst stets ber schlafendem
Garten hngend, war erloschen oder gar nicht entzndet, denn Mond war diese
Nacht nicht.

Schwachen Seufzer zerkauend, ganzes Sinnen ohne Herz auf den Auftrag
erfllenden Tiger eingestellt, wandte er sich ab, trat durch finsteres Tor,
zeniten ber seinem Haupt sich wlbend -- seltsam, frher war das doch karg
schmale Tr bloss, jetzt, von nchtlichen Schatten umwittert, hnelte sie
dem Tor des rchenden Gesetzes im peinlichen Gerichtshause, im grauen,
steingequaderten, und war Tor -- ruhig ein, brannte einen Lampion an,
schritt gemchlichen Gangs in letztes Gemach, in heiligen Raum, der roch
nach Tee. Hinkauerte er sich vor dem Tokonoma auf die Matte, gebrdete
Gebete vor sich weg in das Schweigen, das durch seins noch gesttigter
ward. Dann erstarrte Antlitz, Krper, blieb so drei Stunden lang: Da war
der Vater, der Sohn und der noch Kommende einer Ahnung, einer fremden
Traumlandschaft. Nun sank Denken ein: Keine Gesichte ballten sich am
windstill hingeneigten See seines Hirns, nichts schaute er, nichts fhlte
er, nichts dachte er: Seele war weg, im farblosen ther des Nicht-Seins.
Ausserhalb Hauses schossen erwachende Geister Blicke durch mhlich
hinsinkende Nacht: Sterne aufschrien am Himmel, doch schwach, auch der Mond
goss seltsam blasskhles Licht auf matten Traum des Gartens, alle Winde
schliefen in der noch unsichtbaren Bschung, purpurnes Gewand zog als
schemenhaft nchtlicher Wolkenschleier ber den mondenen Tsuki hin,
tropfend, von schwerem Nass: Blut knnte Vorahnung sein.

Drinnen erwachten Fingerspitzen, Hand, Arm, Brust, Kinn, Lippen, Lider,
Augen, endlich ganzer Leib des Teemeisters aus glcklicher Starre, neigte
dreimal Kopf zur Ahnenurne hin, richtete sich auf, glhte Feuer an,
Eisentopf summte Wasser, mit schlichten reinen Hnden ward heiliger Kelch
dem Ruhort entnommen -- die Schale! die Schale Lu Ys, von Vernichtung
errettet und wiedergeboren durch Vater, der Held: Mutter gewesen -- sanft
floss Tee, Tee seltenster Sorte, in sie, Lampion war md geworden,
aufdmmernder Morgen war frisch, leise ringelte sich Dampf ber
Porzellanrand hoch, Schnrkel voll Zeichen, die Rikyu nicht entrtseln
wollte, pltzlich setzte er die Schale mundab, stieg auf, schritt zum
Tokonoma, hob vom Boden entfallene Blumenblte: Winde, gestern entdeckt,
neue Blte wurde von ihm inniglich begrsst und in nchste Vase geborgen,
dann eilte er wieder auf andere Seite des Raums, schemelte nieder, ergriff
hutsam die Schale, fhrte sie zum Mund: Dampf schleuderte Bilder,
entsetzenschwanger, die er sofort begriff: Tiger hetzte durch Nacht, durch
Stadt, Soldaten am Tor des schwarzmarmornen Palastes zerriss er, durch!
Gnge, Fliesen hinauf, hinunter, Eunuchen, schlaftrunken mit ungeschickten
Sbeln schrillkeuchendem Eindringling Entgegenstrzende, hatten Mal, blutig
und sechsfach so gross wie rubines Medaillon, schnell und unabwendbar am
Hals sitzen, schon war kochender Atem im purpurnen Schlafgemach und siedete
es heiss, Lefzen, nass sickernd von schrecklichem Tod, setzten an zu
letzter krnender Tat: Dort der Taiko, stark und ekelhaft gereckt, war
weinlchelnden Munds in Schlaf und Ahnungslosigkeit, unbewusst pochendes
Herz, umtraumt, wrde bewusst und wach nie mehr klopfen, Pranken ruhten,
zitternd auf bald losschnellenden Hieb. Da erwachte die Geliebte des
Frsten, auf deren schlaff mden Schenkeln eingetrockneter verspritzter
Samen des Taiko durch des Tigers siedenden Atem flssig ward, nun auf der
milden Haut des Weibes wie heisses Wasser brannte.

Erschreckt fuhr sie auf, letzte Traumfladen wichen sofort, sah den
Brennpunkt von den glhenden Augen des Raubtiers und die Gefahr, ergriff
laut schreiend den scharfen Dolch des Taiko -- anseit der Ruhestatt
friedsam liegend -- und strzte sich, selbst mitten im Schrei ganz Raubtier
werdend, auf den Tiger, stach, stach, stach, ihre Brste waren schon
zerfetzt, als der Tiger noch immer kaum ernstlich verwundet schien, sie
nochmals ausholte mit katzenhafter Tcke, aber grosses Katzenraubtier war
tckischer, lohend in Wut Tatze schlug: Wo Liebesbucht ihres Leibs behaart,
troff jetzt dunkelrotes Blut, in Tod sich verkrampfend hielt sie noch die
grosse schne weibliche Geste ihres Krpers und ihres Daseins auch im
Sterben bereit, doch blutrnstiger Tiger krallte ihr sein Prankenschild
schmerzvoll auf die Scham, dass ihr alles verging.

Nun, vom Getse dieses ungleichen Kampfes erwacht, schrie der Taiko
unglaublich laut, rckwrtige Wache, Mnner, gepanzert, Kurzschwert
gezckt, drangen ein, selbst stark verwundeter Tiger liess nach, sprang Weg
zurck, den er gekommen: Teeschale war: So wusste Rikyu auch sein Ende,
denn der Taiko, wohl zu mchtig, um die unsichtbaren Zusammenhnge zu
erkennen, hatte desto mehr Sprsinn fr sichtbare, auf der Oberflche
abspielende laute Ereignisse, ahnte daher sofort, woher pltzlicher Tiger,
sich an das seltsame, frs erste irrsinnig sich anhrende Gebaren des
Teemeisters, als das Raubtier rief, sogleich erinnernd, dass dieser nicht
von selbst in den Palast eingebrochen: Tiger brllte draussen, einsam war
das Haus, Rikyu stand auf, ging vor die Tr, hingekuschtes Tier drngte
Blut an seine Fsse, er gab ihm streichelnde Hand und wusste nun. Dann lief
der Tiger sehr langsam, fast matt weg, eine dunkle Spur auf den Kies hinter
sich nachkerbend, und verschwand im Wald, der ihn mit gtiger Finsternis
umschloss.

Der Garten mit allen erwachenden Blumen schwamm im jungen Meer
aufschumenden Morgenrots, das sich am Horizont an Berge gattete und Grate
mit Blut benetzte.

Als erster Ostwind schon anstrich, hochmtig geblht, ging er festen
Schritts wieder ins Haus hinein, durch, zum Teeraum, setzte Gert in
Ordnung, zuletzt die Schale; sie nun in den kleinen Schrank zurckgebend,
sagte er: Ich ehre dich, hoher Kelch, und bin dir untertan. Nie war in dir
schlechter Tee, immer war er erlesen und gut. Und dieser Tee war in mir und
hat in mir gewohnt. Dein Tee ist auch jetzt in mir und erfllet mich ganz,
ich selbst bin der Tee des Lebens, das sich nicht bei mir, sondern vor oder
auch nach meiner Leiblichkeit, irgendwo fern und unzeitlich vollzieht,
vollzogen hat, vollziehen wird. Dein Tee lebt mich, und ich lebe deinen
Tee: Das ist mein einziges Wissen. Ich liebe dich, denn du bist mehr als
kostbares Porzellan, mehr als alt, du bist, obzwar aus Fernen stammend,
Formung heimatlichen Gefhls, Formung heimatlichen Wesens, ja du bist
heiliges Nihon selbst, und dazu paart sich letzte Macht: Du
versinnbildlichst die Welt, alle Welt vom Aufgang bis zum Niedergang, du
bist dem Uneingeweihten die kleine Bewegung, dein grosses Wirken aber ist
die Welt um uns, ber uns, in uns. Dank dir, Vater, der du Kelch und Welt
zugleich gerettet hast, damit uns brig bleibt, das grosse Werk zu
vollenden. O Schale du, sei meinem Herzen gndig und tu dich kund, so wird
meine Seele heil! Blasse Hand barg die Tasse in sandelholzduftendem
Schrein, dann schritt er -- wissend, dass die Drei die heilige Zahl sei,
die alles, auch ihn beherrsche. Erst der Vater, der wunderzeugend Mutter
ward der Porzellanschale, dann ist er, und er, welcher noch kommen wird,
fern, unverheissen, steht noch nicht im Buche des Lebens, das berirdisch
sichtbar liegt, zwar weiss die Schale noch nichts von ihm, aber er wird
kommen, das gttliche Werk krnen, dumpf pochten dunkle Ahnungen an seine
Schlfen, doch Hirnsee darunter schlief, und wieder fiel die Drei auf ihn
herab: Mit dem Taiko geschah der erste Trunk, dann kam der, einsam,
zusammen mit der Heiligen von Porzellan, das war sein Mahl am Vorabend des
geahnten letzten Mahles mit den Freunden allen, ja, das wird das dritte
sein, der Abschluss und die Vollendung bis zur nchsten Wiederkehr, hernach
wird herrschen die Vier, die jener erwecken wird und erfllen, der erst
kommen soll, fern, wenn Sonne merklich khler geworden, und Jahrtausend auf
Jahrtausend fr Menschen verglht, die Vier der Auferstehung, und darum ihm
noch fremd, vielleicht jetzt auch nahezu feind -- von unirdischer Furcht
geschttelt hinaus, in den Garten, liess den warmen Sonnentau durch seine
Finger gleiten, war den Blumen und ganzem Garten vterlicher Freund, lange
wird er das leise Brausen nicht hren, die farbenperlende Augenmusik nicht
mehr schauen, denn Kreissen erfllte die Luft, schwanger von Rache,
Bitternis und Erdentod.

Bald wird Gewitter niederbersten.

Auch guter Vorsatz, den Taiko tten zu wollen, der unbekanntes Gottsein
geschmht, fllt unter entherztes Richtbeil, das unerbittliches Gesetz des
Traums furchtbar niedersausen lsst, in ewig gerechter Shne; Traum ist
Gesetz. Das Gesetz.

Du hast vergessen deine Rache, Rikyu, schrie eine Stimme irgendwo aus
einer entlegenen Muskelfaser heraus ungebrdig im Innern des Teemeisters.
Da liess er sein Haupt schwer, wie grsstes Gewicht bei Altarwage im Tempel
der Gerechtigkeit und der Richter, sinken, weil er wusste, dass seine Rache
nicht Blut sei, nicht Tod, dass seine Rache aber Furchtbarstes, auf Erden
noch nie vollzogen, und dass er sie vollbringen sollte.

Dieser Gedanke fing sein Sinnen ein, wie ein Lasso, der von wildem Krieger
geschnellt die junge Hirschkuh umstrickt, bis ein grosses Lcheln kam und
sein ganzes Gesicht ksste. Da ward er heiter, vergass, was kommen musste,
spielte mit allen Blumen, verneigte sich in Anbetung der Lilie, bedauerte,
dass er vor dem Lotos des weisen Schaka nicht sich versinnen konnte, jetzt,
denn seine Seele war nicht bereit dazu, hauchte der Chrysantheme einen
bewundernden Gruss auf ihre Blte, auf einmal schmerzlich vermissend, dass
er nie eine Frau besessen, dass er, knapp vor dem Ende stehend, nicht
wusste, was Liebe sei, doch da luteten die kleinen Glocken, die silbernen,
von den Kirschbumen, der Kumabr kam und sah ihn an, Zikaden zirpten
betrend, ewiges Grn war um ihn, hllisch wilde Wstenpferde trabten
draussen ausserhalb des Gartens auf Ebene, die fernem leuchtenden Licht
entgegenschoss, so blickte er von Anhhe um sich, gen Westen trotzten
Mauern der Stadt zu nervsen Wolken empor, und Firmament war gross gewlbt,
da entsprang Lcheln der Landschaft seines Antlitzes, Abend war seine
Miene, Haupt senkte sich, so schritt er hauszu, empfing den frstlichen
Boten, der ihm eine Kralle des Tigers als Kundschaft reichte vom Taiko:
Tod.

Richtsttte zuckte auf, henkersrot, befehlender hchster Zuschauer und
Vorsitzender der peinlichen Richter purpurrot.

Sein Haupt bejahte.

Da reichte ihm der Bote, einen formelhaften sehr hflichen Satz sprechend,
zum Zeichen der Gnade des Herrschers den gelben Edelstein.

So schlug Rikyu seine Augen voll in die des Boten: Der Taiko, in
unbegreiflicher Gnade, in unendlichem Verzeihen, in unausdenklicher Gte,
liess ihn der kniglichen Lust der Selbstentleibung teilhaft werden, der
Taiko sei gepriesen.

Verklrt kreuzte der Teemeister die Hnde ber seine Brust, blieb so, den
Blick ins Weite gegossen.

Wiehern des Pferdes galoppierte um den Boten, der hinter Gehgel
verschwand.

Er stand und schaute sein Ende.

Allmutter Amaterasu warf, zum Zeichen der Trauer unter den Gttern, und
auch zum Gruss, einen unerhrt leuchtend schillernden Bogen -- der alle
Farben, harmonisch gereiht, harfte -- ber den Himmel hin, dass die
Menschen sofort wussten: Einer von ihnen, bestimmt zur Einkehr in die
Gefilde der Ewigen, gehe von hinnen. Ein unbekannter Gott strzte Strme in
das Brausen aller Sphren und orgelte die grosse Orgel, die in gewaltigem
Brllen zitternd und gischtend auf den unendlich stillen Ozean niederschoss
und ihn umfing.

Der Ozean kochte hoch, stieg zum Himmel und riss die Sonne herab -- und
Ozean war berall.

Als endlich still geworden alle Elemente, hrte man das leise Weinen
Rikyus, der immer noch dort stand, wo er die Botschaft erhalten hatte, und
stehn blieb, lange, bis zum Wunder ewigen Einverstndnisses die Sonne
finster ward und vor sich den Mond als Schild trug.

Und da waren schon die Freunde und Gefhrten, zwlf waren gekommen, in den
festlichen Gewndern, nicht grn, trauerfarben trugen sie jene, weiss waren
die Kimonos, da breitete Rikyu ihnen die Hnde entgegen und schwieg.

Er liess sie vorausgehn und folgte ihnen als Dreizehnter und Letzter,
entlang dem Gartenpfade zum Teehaus, ungewhnlich langsam schritten sie,
alle vergegenwrtigten sich noch einmal tiefen Sinn schner Zeremonie, den
ihnen heute zum letzten Mal der Teemeister deuten sollte, auf immer wird
dann Schnheit gestorben sein, Heimat wird dorren, immer wird Sonne
schwarz, Himmel grau schauen, wenn er nicht mehr sein wird, so gingen sie
auf dem Pfad, der, aus der schreiend bsen Welt fhrend, die erste Stufe zu
dem wahren Teeopfer war, allmhlicher bergang zu innerer Erleuchtung.

Und deshalb schritten sie langsam. Schon grsste der Eingang des Hauses,
aus dem Weihrauch sacht hervorwolkte. Trotz Tageslichtes brannten links und
rechts je eine Steinlaterne, und eine ber der Tr, die nur drei Fuss hoch
ging, dieses Gelicht war aber grau, herbstlicher Grabgesang im wollstigen
Schrei der Sonnenlandschaft, aber ja auch die Sonne war verfinstert, grau,
und so hielten sie still. Drei von ihnen waren Samurais, entgrteten sich
der Schwerter und legten sie unter den Sims des Daches: Frieden wohnt im
Hause des Teemeisters. Dann traten sie alle ein. Als Letzter Rikyu.

Als sie im Hause verschwunden waren, liess der Mond von der Sonne ab und
ging von ihr. Die Blumen hatten ihre Kelche geschlossen, und die Tiere
waren verkrochen. Auch der ganze Himmel war krank und blass.

Im Vorraum warteten sie alle eine kleine Weile, sahen zu, wie der Meister
das Teegert kunstgerecht in Wasser absplte, dann war Vorhalle weiter, und
was noch als beschwerlich abzulegen war, legten sie ab.

Gefasst, und obwohl traurig, doch gehoben, schritten sie ein in den
Teeraum, die Zwlf, Rikyu nicht, und verneigten sich vor dem Tokonoma. In
der Vase stak in niegeschauter Anmut die Winde, umhauchte mit schlichtem
Dufte den Lackschrein, der die kostbare Schale barg.

Dann kam Rikyu und stellte den Eisenkessel auf die dreibeinige
Kohlenpfanne. Alle hockten im Kreise nieder, auf den Matten, dem Teemeister
liessen sie den Ehrenplatz. Aus dem eckigen Krug schttete er Quellwasser,
hoch vom Gebirg, in den Kessel, gab ein wenig Salz bei, Blasebalg zischte
Flamme an, Flamme zngelte unter Rund, Rikyus Augen waren still, erwartend
die drei Grade des Kochens, schon stiegen kleine Blasen, als reckten
hungrige Fische ihre Mnder aus dem Teiche, nun rollten Kristallperlen,
emsig, sie suchten mtterlichen Felsenbrunnen, die kleinen Silberstckchen,
am Grunde des Kessels lose gelegen, wirbelten auf, tnten zugleich mit dem
Summen des Wassers eine ganze Sinfonie: Katarakte tosten, Meer scholl auf,
donnerte ans Gestade in verklingendem Brllen, Brandung, bald stark, bald
leise, barst an den Riffen, von denen alle Sturmschwalben entsetzt
abflohen, Hochwald stand in ersterbendem Feuer sehr greiser Sonne, die
Tannen, hochgelenkig wie koreanische Knigstchter, sausten zu Tal,
begruben den Wildtter, nun brausten Glocken, vom Tempel, von Pagode, vom
Palast, Dreiklang erschlug die Schreie der Mven, Boote kehrten am Abend
ermdet heim, behangen mit vollen Fischnetzen, traurige Mutter, sie legte
Ratsche und viele Steine, bunt und abgesplt, auf kleines Grab kaum
gelebten Kindes, damit der gute freundliche Gott Jizo mit ihm spielen
knne, die Wchter an den eisernen Toren des Schlosses hielten stumm ihre
blulichen Speere, hinsank die unglcklich Liebende vor der Statue, der
hilfsbereiten, allen Schmerz verstehenden Kwannon und weinte kleine Gebete,
auf den Flssen schwammen papierne Boote, gerieten jetzt in Flammen, zogen
tanzend hinunter, meerzu, und vom Strand sah man hinaus, wie berall bis
zum Horizont, in den Nachthimmel versickernd, die Boote der Toten brannten,
ihnen zu Ehren, selig sind, die reinen Herzens sind, und wie von den
Flssen die sausenden Flammen ins Meer einstrmten, gespenstisch, doch
wunderbar schn, und mehr Flammen ber Wasser noch wurden, und alles Meer
ward, Meer und wieder Meer: Denn die Wogen im Kessel kochten wild,
quirlten, schumten: Dritter Grad war erreicht, Rikyu griff, whrend die
andern noch versunken trumten, zur karminroten Lackbchse, und der
seltenste Tee, wohlriechend, von dem heiligen Uji-Distrikt bei Kioto, ganz
weisser Tee entflockte seinen Fingern, schwebte ein in den Dampf des
Wassers. Nun fielen sie zu Boden, kssten mit ihren Kpfen die Matten:
Heilige Handlung vollzog sich, geheimnisvoll: Aus dem abgeschiedenen
Schrein ward der Leib der Schale, blauschwarz, Porzellan, dnner als Glasur
von einem sanften Hhnerei, genommen und allen zugewiesen.

Dann floss der liebliche Tee in sie.

Rikyu sass nun selbst still, nahm den Kelch, hob ihn hoch, segnete ihn,
trank daraus, segnete ihn wieder, dankte ihnen, die im Teekreis sassen,
reichte ihn nun dem Nchsten dar und sprach: Trinket alle daraus! Als die
Schale einem jeden von ihnen die Zunge gefeuchtet, sie wiederum in seine
Hand zurckgelangt war, fllte er sie von neuem, solche Worte schenkend:
Der Kelch ist mein Herz, der Tee ist mein Blut, welches vergossen wird fr
viele zur Vergeltung der Snden! damit goss er allen Inhalt auf die Matte,
bogte nun neuerdings das schne Getrnk ein, reichte es reihum, es war die
zweite Schale nach dem siebengefalteten Kanon, sie zerbricht die
Einsamkeit, sie war leer getrunken, nun hielt er ihnen die dritte hin, die
unfruchtbares Gedrm aussplt, nachdem sie auch diese geschlrft, sprach er
wieder: Freunde, sehet her! Ich bin der Weiser zum fernen Leben. Liebet
ihr mich, so haltet meine Gebote!

Nun kredenzte er schon die vierte, Nacht herrschte draussen unumschrnkt,
auf aller Stirnen perlte khler Schweiss, leicht, Hirn jedoch geriet in
Brand, und einer fragte: Wie sollen wir deine Gebote halten?

Stille lag gleich Ewigkeit im Raum. Sich immer mehr verklrender Mund des
Teemeisters tnte endlich: Indem ihr nicht klaget! hiemit machte er die
fnfte Schale zurecht, liess sie kreisum gehn, erst hatte er getrunken,
dann die Freunde, in jedem von ihnen hatte sich innere Reinigung vollzogen,
Schweiss war gewichen, Augen bekamen Glanz, ruhten gepaart auf Stirn
Rikyus, in Eintracht versammelt, der nun vorherigen Satz, dunkel, weiter
erklrte: Denn wisset und glaubet, ich habe ein ganz anderes Leben gelebt
als ihr und alle, was ich gelebt, kann ich mit Worten nicht deuten, nur
fhlen kann ich es selbst dunkel bewusst, darum gehe ich heute ein ins
Unbekannte, das mir mit entirdischter Seele schon bekannt, noch ehe ich
leiblich geboren, ohne Furcht, voller Vertrauen schreite ich voraus, aber
nach mir wird einer kommen, fremd seine Sonne, Schnitt der Augen anders,
der wird die Kraft haben, auszusprechen, was ich nicht vermochte, wohl aber
er -- und hier ward geschwisterliches Augenpaar im Schauen zeitloser
Erleuchtung fr Moment glanzlos -- wird gemartert werden fr seine Worte.
Doch ber ihm hat Macht die Vier, auch er kann trotz dem Untergang nicht
vergehn, ich bin fr immer bei euch! Seine wie schwcher werdenden Hnde
schtteten fast den letzten Tee aus der Kanne in die jetzt von einem
seltsamen Gloriolenschein umstrahlte Schale; es war die sechste Runde, sie
ihnen darreichend, sprach er, schon merklich leiser als vorhin: Darum
klaget nicht!

Und sie tranken, Lippen waren entbittert, Augen, fremd erglnzend, hatten
einen matten berirdisch aufdmmernden Strahl, nur der aus des Teemeisters
Antlitz war inniger, in ihn schritt mhlich Unsterblichkeit ein, die seine
Jnger bloss wnschen konnten, frher erlebtes Wunder ward wiederum: Ohren
hrten nichts, geruschlos war Sein.

Nun losch das Feuer unter der Kohlenpfanne, letzter, beinah kalter Tee rann
in die Schale, wurde ganz kalt, Rikyu setzte an und trank sie allein leer,
denn es war die siebente, die glckliches Tor des ewigen Horeisan
erschliesst; als er getrunken, die zwlf andern waren alle unermesslich
still, stellte er die Tasse vor sich hin und lchelte geradezu verzckt,
durchtobt von dem Wissen, dass hier ganze Welt mit allem Ozean vor ihm
stnde und dass, wenn dieser Kelch zerschelle, ganze Welt hinsinken msse
in unendlichem Sterben, dass er damit auch den Taiko treffe -- warum kam
der bloss in frechfarbenem Gewand, warum zertrat er nur die Zikade, warum?
Das wird seine Rache sein: Welt wankt und birst -- damit nahm er die Schale
in seine hohle, frsorgliche Hand, zerdrckte sie, dass sie brach, hob die
Zertrmmerte zum Mund, wie man vom Quell Wasser mit gewlbten Hnden zu
nehmen pflegt, und schluckte ihre Splitter, weicher denn Staub. Dann
zerriss er sein Prunkgewand und stand im edeln Totenkleid; noch in letzt
ausholend menschlicher Gte lchelnd, gab er einem jeden von seinen
Freunden, denen die Augensterne schier vergingen, etwas von den Gerten und
Stcken des Teeraums, bis er alles verteilt. Nur der kleine Dolch,
unscheinbar, blieb auf Matte, wartend.

Nacht draussen atmete kaum.

Jetzt sprach Rikyu mit vergehender Stimme, ohne dass er sich selbst hrte:
Und nun habe ich euch alles gesagt, ehedenn es geschieht, auf dass, wenn
es also geschehn sein wird, ihr glaubet, steht auf und lasset uns von
hinnen gehn!

Da erhoben sie sich, traten aus dem von der nahenden Heiligkeit schon
durchschwngerten Raum in den morgenden Garten, Sonne riss eine brandrote
Gebrde, der Teemeister blieb allein zurck.

Der Jngste aus ihrer Mitte warf sich draussen im Vorgemach vor die Tr und
wartete, bis es vollbracht wre, drinnen von Rikyu.

Und es ward vollbracht.

Die unendlich grosse, auch unendlich kleine Parabel: Von Vater auf Sohn
schloss sich, und Welt: Teeschale, mit Mandorla umglnzt, in ihm
auferstanden, geeint, fest, zarter als geheimer Duft der Kirschenblte am
ersten Morgen, trat vor langsam zersehendes Auge, als sein ganzes Gesicht
unirdisch glcklich in grsster, sowie fernster Gte lchelte und sein
schon lang zum Letzten bereiter Leib in grenzenlosem Vergehen geweihten
Dolch hingebungsvoll ksste.






   Die Stahlstempel der
   in diesem Buch zum
   erstenmale verwendeten
   Schrift wurden
   von Georg Mendelssohn
   in Hellerau
   geschnitten; den Guss
   besorgte die Schriftgiesserei
   der Brder
   Butter in Dresden-N.
   Satz und Druck wurden
   bei Jakob Hegner,
   Hellerau, hergestellt.






End of the Project Gutenberg EBook of Der Teemeister, by Melchior Vischer

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