Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugne Emmanuel Lemercier

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Title: Briefe eines Soldaten
       Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat

Author: Eugne Emmanuel Lemercier

Commentator: Andr Chevrillon

Translator: Eduard Schneegans

Release Date: March 27, 2012 [EBook #39276]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN ***




Produced by Jens Sadowski





Briefe eines Soldaten



Deutsche Ausgabe der
Lettres d'un soldat




1918
Max Rascher, Verlag, Zrich



1. bis 5. Tausend
Nachdruck verboten
Copyright 1917 by Rascher & Cie., Zrich




Deutsche bertragung
von Professor Dr. Schneegans, Neuchtel




1918
Buchdruckerei Zricher Post










Vorwort.


Die folgenden Briefe sind von einem jungen Maler geschrieben, der an der
Front war von September bis Anfang April, wo er in einem der Kmpfe im
Argonnerwald verschwunden ist. Soll man von ihm in der Vergangenheit oder
in der Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit dem Tage, wo sie die
letzte von Schmutz befleckte Karte erreichte, welche den Angriff meldete,
in dem er verschwinden sollte, -- welche qulende Stille fr diese Frauen,
die whrend acht Monaten nur von den fast tglichen Briefen lebten! Doch
fr wieviele Mtter und Frauen ist eine solche Qual heute das tgliche Los?

In dem Atelier, unter den Bildern, in denen der junge Mann seine Trume,
seine Knstlervisionen festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf einem
Tische geordnet, alle die weien Krtchen gesehen, aus denen dieser
Briefwechsel besteht. Schwelgende Gegenwart. . . . Ich wute damals noch
nicht, welche Seele sich hier in ihrer Flle ausgedrckt hat, um auf diesem
Wege an den huslichen Herd zurckzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt
war, dessen bin ich berzeugt, sich weit ber den kleinen Kreis der
Verwandten hinaus zu ergieen und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die
Seele eines fertigen Knstlers, aber auch eines Dichters, mit der
Schchternheit eines Jnglings, der schon mit dreizehn Jahren die Schule
fr das Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat das, was ihn
bewegt, in Tnen auszudrcken, deren Schnheit der Leser wird zu wrdigen
wissen. Herzensgte, inbrnstige Verehrung der Natur, mystisches Verstehen
ihrer Erscheinungsformen und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was die
Deutschen, die sich die Erben Gthes und Beethovens nennen, allein zu
besitzen glauben und was uns in diesen, von einem jungen Franzosen fr
seine Teuersten und fr sich geschriebenen Briefen ergreift.

Das Rhrendste dabei ist vielleicht, da wir in dem seelischen, so ernsten,
so religisen Empfinden, das sich hier ausspricht, Zge wiedererkennen, die
uns in manchen Briefen von der Front auffielen. In diesen Wochen, diesen
endlosen Wintermonaten, die sie im Schlamm oder im Schnee der
Schtzengrben verbracht, beim tglichen Anblick des Todes, beim Gedanken
an den Tod, der vielleicht in demselben Augenblick naht, um ihnen fr immer
die Augen zu schlieen, scheinen diese Kinder angefangen zu haben mit
eindringlicherem, empfnglicherem Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie
wenn sie alle, in der Flle ihrer Kraft und ihrer Jugend, glaubten sie zum
letzten Male zu betrachten:

   Und sterben sollte nun die Welt
   Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.

Feierliche Stimmung des Menschen, der eben eine lange Nachtwache verbracht
hat, irgendwo auf Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden,
nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare Feind in der Erde vergraben ist,
die rote Sonne noch einmal ber diese Welt aufgehen sieht. O herrliche
Sonne, ich mchte dich noch einmal sehen! schrieb am Abend des Tages, wo
er in Frankreich einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf den
Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch verffentlicht worden ist.
Pltzlich entquillt dieser geheimnisvolle Herzensergu, mitten unter
pnktlichen deutschen Aufzeichnungen ber Essen und Trinken, Tagemrsche,
Fuleiden und der Aufzhlung der verbrannten Drfer. In wievielen
franzsischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung getroffen! Sie ist
sich immer gleich auf allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern von
Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen knnte, der vielleicht zum ersten
Male in seinem Leben fr die Glut des Sonnenunterganges ein Auge hat, --
bei jenem jungen Pariser, der bis dahin nur in Ausdrcken des Skepticismus
und der Ironie schien reden zu knnen, und bei dem jungen Knstler, der
dieses Gefhl in ergreifende Verse umsetzt und es bis zur erhabenen
Vorstellung steigert, an der die ganze stoische Philosophie hngt. Durch
soviele Unterschiede hindurch, bei allen, dem deutschen Schullehrer, dem
Bauern, dem Stdter, dem franzsischen Maler, offenbart sich eine
gemeinsame Grundlage und der vergngliche Lebende, im Vorgefhl der ewigen
Nacht, sieht den Sinn und die Schnheit der Welt in ihm sich erweitern. O
Wunder der Welt! gttlicher Friede dieser Ebene, dieser Bume, dieser
fernen Hgel, -- wie man dieser unendlichen Stille lauscht! Oder es ist die
nchtliche Unermelichkeit, in der nichts als Feuersbrnste und ein
Leuchten verbleibt. Unten ferne Glut von Brnden, oben die Sterne, ihre
unwandelbaren Bilder, das Flimmern, die Harmonie und erhabene Ordnung des
Weltalls.

Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, der Donner der
Sprengstoffe, das Geheul des Ansturms wieder anheben; man beginnt wieder zu
morden und zu sterben. Welcher Gegensatz der menschlichen Wut und der
ewigen heitern Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, whrend eines kurzen
Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung zwischen den einfachen
Erscheinungen am Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung sich
begreifen lt, und dem Beschauer hergestellt. Fhlt dann der Mensch, da
alles, was er sieht, er selbst ist, da sein kleines Dasein und das Leben
des Baumes, der dort im Schauer des Morgengrauens erbebt und dem Menschen
zuzuwinken scheint, sich miteinander verbinden im Flusse des ewigen Lebens?

                                * * *

Fr den Knstler, von dem hier die Rede ist, waren diese Eingebungen und
Visionen der Rausch jener langen, im Schtzengraben verlebten Monate. Unter
dem weiten Himmel, bei der Berhrung mit der Erde, vor der Gefahr und dem
tglichen Bilde des Todes, erschien ihm das Leben pltzlich seltsam
erweitert: Wir haben von unserm Aufenthalt im Freien eine Frische der
Auffassung, eine Grozgigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die
den berlebenden den Aufenthalt in den Stdten grlich wird erscheinen
lassen. Auch der Tod zeigte sich schner und schlichter; Tod der Soldaten,
deren Gestalten er mitleidig betrachtete, whrend die Natur sie still,
mtterlich wieder zu sich nahm und allmhlich mit der Erde vereinigte. Von
Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefhl des Ewigen. Er blieb freilich
empfnglich fr alle Greuel und jedes Mitleides fhig, -- und man wird
sehen wie er seine Pflicht erfllte. Aber in gleichem Mae leidend,
flchtete er zu einem hheren Troste. Man mu, sagte er zu denen, die
ihn lieben und die er -- mit welcher bestndigen Frsorge! -- sich bemht
auf das Schlimmste vorzubereiten, dazu gelangen, da kein Unglcksfall aus
unserem Leben etwas Trmmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches mache
. . . Begnge dich mit der herrlichen Versicherung, da ich bis heute meine
Seele zu einer Hhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun
knnen. Diese Hhe ist die Gegend, in der ber die Unterschiede der
Bekenntnisse und ihrer uern Formen hinaus, alle groen religisen
Gemeinschaften sich zusammenfinden, wo der eitle Schein verschwindet, wo
der Mensch allen Behauptungen und Forderungen des Ichs ein _Nein_
entgegenstellt und sich an das hlt, was wirklich ist. Unsere Leiden
kommen daher, da unsere schwache menschliche Geduld unseren Bedrfnissen,
wenn auch den edelsten, zugewandt ist. . . . halte dich dabei nicht auf,
den Wert der Persnlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer, die gehen
zu betrachten; das heit die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwgen.
Man mu aber in uns die gewaltige Menge dessen unterscheiden, was besser
ist als das Menschliche. (30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod machtlos,
weil auch er ein eitler Schein ist und Nichts vollstndig verloren ist.
So findet dieser junge Franzose, der brigens die Sprache des Christentums
nicht vergessen hat, in den Schrecken des Krieges den Stoicismus Mark
Aurels wieder, jene Tugend, die weder Geduld noch allzu groes
Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube an die Ordnung der Dinge,
ein gewisses Vermgen, bei jeder Prfung zu sagen, _da es so recht ist_.
Und jenseits des Stoicismus ahnt er und erreicht den uralten, erhabenen
Gedanken Indiens, der die Erscheinungen und trennenden Unterschiede
leugnet, und dem Menschen seine eigene Person und die ganze Welt zeigend,
ihn lehrt, da er von der einen sage: Das bin ich _nicht_, von der
andern: _Das bin ich_. Ergreifende Begegnung: durch alle Entfernungen der
Jahrhunderte und Vlker hindurch setzen die Betrachtungen dieses
franzsischen Soldaten vor dem Feinde, den er morgen angreifen wird, den
seltsamen Zustand der Verzckung fort, in den der Krieger der Bhagavad
Gta[*] zwischen zwei Heeren, die aufeinanderprallen sollten, sich
versenkte. Auch er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum, der uns
den Anblick der hhern Ordnung und der gttlichen Einheit verschleiern
wollte. Auch er hat sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die weder Geburt
noch Tod kennen, in das was nicht geboren, unverwstlich ist, was nicht
gettet wird, wenn der Leib gettet wird. Das ist das ewige Leben, dessen
Wirken sich fortpflanzt, stets gleich durch alle Formen hindurch, die es
erzeugt, in jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewutsein zu
erheben. Und dieses Ziel bedingt das Gesetz eines jeden denkenden Wesens,
die Aufopferung seiner selbst zum Besten des allgemeinen und endlichen
Wohles; daher bei dem Gedanken an das wirksame Opfer, jene tiefe
Befriedigung derer, die ihr Leben hingeben, die fr die Sache des Lebens
fallen: Sage M. . . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, da das nicht
ungerecht ist: diejenigen, die weiterleben, werden dadurch gebessert
. . . Ihr wit nicht, welche Lehre uns der gibt, der fllt. Ich wei es
aber. Und das Opfer ist noch vollstndiger, wenn das Leben geben, wenn auf
sich selbst verzichten, zugleich bedeutet auf das verzichten, was man mehr
liebte als sich selbst, dem man mit seinem ganzen Leben hatte dienen
wollen. Fahnen der Kunst, der Wissenschaft, die er als Kind vergtterte,
die er zu tragen angefangen hatte, mit welchem stolzen, vertrauensvollen
Schauer! Der Mensch lerne ohne Klage zu sterben! Es genge ihm zu wissen,
da die Fahne wird getragen werden!

[Funote *: Lied der Gottheit, Episode des Mahbhrata. (D. bers.)]

Der schlichte, gewhnliche Gehorsam der gegenwrtigen Verpflichtung, das
ist auch der praktische Abschlu der hchsten Weisheit der Indier, nachdem
sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. Sich nicht in die Einsamkeit und
Unttigkeit zurckziehen, weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen Brdern
kmpfen, an seinem Platze und Range, mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf
Ruhm und Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das ist der Befehl,
den der Gott dem Krieger Arjuna gibt, als dieser zweifelt, ob er von der
Betrachtung des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der Schlacht sich
zuwenden solle. Fr jedes Wesen ist Gesetz, das Werk zu vollfhren, das
seine eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe sich dem Handeln, da er
ein Teil ist dieser Natur, deren Beschaffenheit ihn zum handeln zwingt!
Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den andern Kshettryas! Der junge
Franzose hatte keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen Briefen sehen
wir, wie er mitten in den Schrecken des Gemetzels und in den geduldigen und
langweiligen Arbeiten des Minenganges oder des Schtzengrabens seine Blicke
auf das Ewige stets zu richten wute.

Ich mchte nicht lnger bei diesem Vergleiche verweilen. Vielleicht hat er
durch einige Auszge aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des uralten
Asiens vermuten knnen. Und doch zeigt in der ganz modernen Frbung, in den
bestimmten Formen und dem so franzsischen Flu der Sprache die Seele, die
sich in diesen Briefen offenbart, wie die Amiels, Michelets, Tolstois,
Shelleys, eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem zarten und mystischen
Genius Indiens. Seltsame Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem
tiefen Gefhl und Verlangen nach dem Allgemeinen und Ewigen offenbart,
sondern auch in dem unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was Leben ist, in
den Ergssen der Liebe zu der groen mtterlichen Seele der Natur und allen
ihren Erscheinungen.

Liebe, das ist eines der Wrter, die am meisten in diesen Briefen
wiederkehren. Liebe zu jenen Gefilden, jener Ebene, ber die die Morgen und
die Abende wie innere Regungen ber ein Antlitz ziehen, Liebe zu den
Bumen, deren Bewegungen fast menschlich sind, -- einem gewissen, unter
seinen Wunden mnnlichen, geduldigen Baume, der einem Soldaten gleicht,
-- Liebe zu den hbschen Tierchen der Felder, die im Schweigen des frhen
Morgens am Rande der Schtzengrben spielend sich bewegen, -- Liebe zu
allen Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten Himmel, jener
franzsischen Landschaft mit ihrer so bersichtlichen, so schlichten
Linienfhrung, Liebe zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden und
kmpfen sieht, zu den ernsten Buerinnen der Champagne, die alle ihre Shne
hingaben, die schweigen, ihre Trnen trocknen und die Arbeit der Vorfahren
auf den Ackern, in den Weinbergen weiterfhren, zu jenen Kameraden, deren
Scherze oder Lieder kein Elend entmutigt, braven Leuten, denen mein
schnes Knstlergewand arg hinderlich wre, ihre Pflicht ehrlich zu tun,
wie sie sie tun, -- zu allen jenen einfachen Menschen, die Frankreich
ausmachen, mit denen man sich so gerne vereint fhlt. Liebe zu allen
Lebenden (man fhlt wohl, da er nicht hassen kann, auch nicht den Feind,
Fleisch von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde sich
anklammert, das in demselben Mae duldet). Und dann Liebe zu den Toten,
deren Anblick er aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis
schwere Schnheit, sich in langer Betrachtung diesem eindringlichen Auge
offenbart.

Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung der Dinge zugewandte
Aufmerksamkeit, erscheint uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als
ein Dichter, -- ein religiser Dichter, der in der Welt das Wesen der Dinge
erfat, alle unaussprechlichen Arten des Seins; auch als ein Musiker, der
in den Schtzengrben mit Beethoven, Hndel, Schumann, Berlioz
zusammenlebt, deren Melodien und Gedanken er in sich trgt -- den die
schnsten Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung berauschen. Innere
Reichtmer, geheime Mchte des Trostes und der Freude, die in den trbsten
Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der langen winterlichen Wachen, so
nahe zu der Seele zu reden vermgen oder sie mit einem Male in solche Hhen
und solche Fernen forttragen. Schumann, Beethoven: zwischen diesen
unsterblichen Geistern, die nur fr alle Menschen zu singen wuten, und den
unmenschlichen Pedanten, welche die Schnheit des Krieges und das starre
Recht der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames brig? Haben wir
sie nicht uns zu eigen gemacht, diese Genien, dadurch, da wir sie immer
tiefer verstanden und in uns eindringen lieen? Sind sie nicht unsere
Freunde geworden? Begleiten sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten,
in denen unser wahres Ich wieder zu leben beginnt, unsere innere Quelle
wieder fliet?

Den Grten von Allen ruft eine Schar franzsischer Soldaten wach, drei
Tage vor der Schlacht, die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden
sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen Kasematte: Dort
erwartet man in vlliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Pltzlich haben
wir, meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die Schauer der neun
Symphonien von Beethoven erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung
beseelte uns. Dieser fast heilige Gesang, diese heroische Begeisterung in
einem solchen Augenblick, wie widerlegen sie die immer wiederholten
Theorien der Deutschen ber die Grenzen des franzsischen Gefhls! Welcher
Dichter eines andern Volkes hat die Natur mit einem brderlicheren Auge,
mit einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als der dessen Innerstes
sich hier ausspricht?

                                * * *

Diese Tag fr Tag geschriebenen und aus dem Schtzengraben oder dem
Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge,
gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt
sich darin: das Leben einer Seele, die wir in der Eintnigkeit dieser
auerordentlichen Verhltnisse, in denen sehr oft jedes Ereignis fehlt,
ber den gewhnlichen Gedankenkreis sich erheben, sich selbst bertreffen
und, je nher die schwersten Prfungen herankamen, in Friede und heitere
Ruhe sich hllen sehen (Februar-April). Man mu diesen seelischen
Fortschritt verfolgen, den er mit einem unerschtterlichen Willen leitet.
Es gibt keine ergreifendere Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes
Bemhen ist sich anzupassen, und wie frchterlich es ihm oft wird, das
sprt man unter der gewhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. Er
ist Dichter und Knstler; er hat das Leben aufgefat, er hat sich
entwickelt in einer dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. Seine
ganze Bildung, seine besondern knstlerischen bungen hatten als Folge die
Verfeinerung einer an sich schon angebornen uersten Zartfhligkeit. Aus
innerm Drange und einem selbstgewhlten Gesetze folgend, hat er die
Einsamkeit und Beschaulichkeit aufgesucht. Er fhlt und wei wohl, da er
nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der Welt zu sein, und hat sich immer,
dem innern Triebe gehorchend, bemht, in sich selbst die reine Form und
ursprngliche Wlbung des Spiegels zu bewahren und zu vervollkommnen, der
eine Neigung hat sich unter den Einflssen der Umgebung zu verzerren und zu
trben. Jetzt heit es im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und zwar
nicht weil die Not dazu zwingt, sondern durch einen freien Willensakt. Es
heit nun dieses Ich, das sich sorgfltig auerhalb der Welt und der Welt
gegenber bewahrt hat, preisgeben, ohne Murren es in das dichteste Gewhl
werfen, Tag und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedrnge der
Soldatenschar leben, und sich dabei einer rein krperlichen Ttigkeit
unterziehen fr die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und fr ein solches
Dasein, das er von seinem frhern Standpunkte aus als ein Sklavenleben
betrachtet htte, mu er als den einzig mglichen Ausgang den Tod ansehen,
in absehbarer Zeit. Er mu sich daran gewhnen, in seinem verflossenen
Leben, -- jenem Leben, das seine Knstlertrume und Hoffnungen
erleuchteten, das wie in einem Rausch allen Regungen und dem Pulsschlag des
Lebens des Weltalls entsprach -- nur noch einen Traum zu sehen, einen
Traum, der entschwunden ist und nie zurckkehren wird.

Das nennt er sich anpassen, und wie oft kehrt dieser Ausdruck in seinen
Briefen wieder! Denn er bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren
Schwierigkeit sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit
bemessen lt, zwischen dem angeborenen Trieb einer Seele und der
Selbstberwindung, die sie sich auferlegen will. In voller Schaffenskraft,
in dem Augenblick, wo das Leben fr ihn eine Zeit fortwhrender Blte
wurde, wird ein junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen Boden
verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von
dem Augenblick an, wo nach dem ersten Ri das Leben ihn nicht verlassen
hat, bemht er sich aus den drftigen Sften seines neuen Bodens zu
schpfen. Die Anstrengung verlangt eine Anspannung aller Krfte, die keinen
Raum lt fr die Erinnerungen und Hoffnungen . . . Ich erreiche es, auer
in rasch unterdrckten Stunden der Emprung, wo die Gedanken, die
Handlungen meines vergangenen Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht
vergessen htte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine
herzzerreienden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwrtigen
Augenblick zu ertrnken. Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung. Denn
sich anpassen bedeutet fr ihn nicht sich durchgreifend verwandeln, indem
er den Einflssen der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte
Ttigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner eigenen
Persnlichkeit, den Stoff umgestalten, den er aus dieser Umgebung zieht; er
will darin die Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines eigenen
Wesens sich zu nhren und weiter zu bestehen. Er will Allem entsagen und
das Wesentliche bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu dem
selbstgeschaffenen Ideal, fhig nicht allein zu leben, sondern noch zu
blhen, teilzunehmen an dem allgemeinen Flu des Lebens, der sich in der
Natur in rastlosem Erblhen offenbart, im Menschen in Regungen der Liebe,
der Kunst, der Poesie. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den
Drohungen und in den Unruhen des Krieges, sich fr jede Erscheinung des
Schnen empfnglich zu erhalten. Denn das Schne ist fr diesen frommen
Dichter das Gttliche, das mehr oder weniger deutlich in allen Dingen
durchleuchtet; daher auch die Kraft, die er in der Betrachtung des Schnen
schpft, die ihn allmhlich ber die Zuflligkeiten des Einzelwesens
hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen, um in sich alle Unruhe zu
bannen, mu er der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen, nichts
beklagen, nichts erhoffen, nur noch im gegenwrtigen Augenblick leben,
der an diesen Segnungen reich ist. Ich nehme alles aus der Hand des
Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen, was es in den Falten eines
jeden Augenblickes an Glck birgt. In diesem Zustand der Einfalt, der fast
der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der lebendigen Wirklichkeit dieser
Welt in Berhrung. Lat uns essen und trinken von Allem was ewig ist; denn
morgen sterben wir Allem ab, was menschlich ist.

Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. Die ersten Briefe sind
sehr schn; aber was sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen
unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die Begeisterung der Soldaten,
ihre innige Gemeinschaft in einem einzigen flammenden Gedanken, die
gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen, ein aufrechtes Gewissen
soweit zu tragen, als seine Fe es zu fhren vermgen (25. August 1914).
Aber schon sieht man, wie er sich bemht, die Richtung seines inneren
Wesens gegen die Einflsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten. Es
gelingt ihm. Indem er sich bewahrt, sich absondert soviel er vermag,
mitten unter den andern, stellt er fest, da er in geistiger Beziehung
unberhrt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern oder schreibt
in Bahnhfen, an den Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt (vierzig
Mann in jedem Wagen). Um ihn wirklich kennen zu lernen, wartet bis er in
der Kriegszone angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie, whrend der
langen Stunden der Wachen und auf Posten, mit der Erde wieder in Berhrung
getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten Ebene eingeatmet, erwacht sein
angeborener Trieb Schnheit zu gewinnen, und vor den Schatten, in die die
Zukunft sich versenkt, sie soviel und so schnell wie mglich zu gewinnen.
Ich habe im Schlamm Blumen gepflckt, bewahrt sie zur Erinnerung an mich
auf, schreibt er an einem Tage dunkler Vorahnung (11. Februar).
Bezeichnend fr ihn ist, da er in der Eintnigkeit der Tage im
Schtzengraben, wenn die Gefahr das Geschwtz nicht aufkommen lt, sie am
hufigsten findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere Friede wieder
ein, whrend des Schweigens, das diese Mnner befllt, und er kann seine
Seele frei mitschwingen lassen, und gleich empfindet man den
eigentmlichen Widerhall. Diese Seele hatte zunchst nur die Klnge des
Mutes und der Brderlichkeit fr uns wiederholt, die sich von unsern Heeren
gleichmig erheben. Jetzt befindet sie sich mitten im Kriege, den ewigen
Dingen wieder gegenber, und pltzlich glaubt man zum ersten Male den
Urklang und die unendliche Feinfhligkeit einer kaum berhrten Saite zu
vernehmen. Aber diese Klnge bleiben nicht zufllig und unzusammenhngend;
bald setzen sie sich zu einer Melodie zusammen, die immer bestimmter,
voller, von ergreifender Bedeutung schwerer wird, je mehr er durch eine
tgliche bung es lernt, sich von den drckendsten Umstnden besser
auszuschlieen. Ein ganz unpersnliches Ich scheint sich jetzt von dem
krperlichen Ich, das sich abmht und Gefahren besteht, loszulsen, und die
Dinge ohne innere Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere Ich, das
an seinem Platze steht in der allgemeinen Ordnung, zu beobachten, eine
vergngliche Welle in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft leitet.
Seltsame Fhigkeit, ein Doppel- und Traumleben zu fhren! Es gelingt ihm,
sie in der Schlacht selbst zu ben, wo seine Tapferkeit und seine
militrische Ttigkeit ihm die Glckwnsche seines Vorgesetzten eintragen.
In dem Hllenschlund, in dem sein Fleisch sich auflsen knnte, hrt er
nicht auf zu schauen, und am nchsten Tage kann er schreiben: Nun, es war
interessant! Und er fgt hinzu: Was ich Persnliches bewahrt hatte, war
eine gewisse Empfnglichkeit des Auges, die mich befhigte gewisse Bilder
in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso
knstlerischer Weise zusammenfgte, wie jede andere menschliche
Zusammenstellung. Aber gewhnlich habe ich in diesen Augenblicken nie die
Absicht aufgegeben zu sehen wie es gemacht ist (14. Mrz). Dann offenbart
sich ihm die Bedeutung der Gewaltttigkeit. Dieser zarten sinnigen Natur
flt sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frgt sein Geist nach dem Warum.
Durch die Gewaltttigkeit wird eine unvollkommene und vorbergehende
Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die im Begriff waren zu
erstarren, kommen wieder in Flu. Das Leben beginnt wieder und eine hhere
Ordnung wird ermglicht. Auch hier ist Annahme, Unterwerfung unter die
Vernunft der Welt, Vertrauen in das, was sich verwirklicht, die Lsung, zu
der er immer wieder gelangt.

Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, reiner berlegung, in
die sich die Regungen des Knstlers und des Dichters nicht mischen. Solche
Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann handelt es sich immer um
die Welt und menschliche Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde,
einem Charakterzug, bei einer Lektre, einer knstlerischen oder
geschichtlichen Erinnerung (oft ruft er eine Bibelstelle wach und im
rgsten Wirrwarr schne Bilder aus der griechischen Mythologie). Man
bewundert diese heitere Willenskraft eines Geistes, der es verstanden hat,
sein frheres rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das ist sehr schn,
ist aber nicht einzigartig: die groe geistige Ttigkeit ist nicht selten
in Frankreich; andere unter den Soldaten haben unter den Granaten
philosophiert. Was diesen Briefen eine besondere Bedeutung zu verleihen
scheint, ist der Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel Innerlicherem
als der Gedanke; das Gefhl, das Unendliche und Unbestimmte seiner
Schattierungen, seine Zusammenklnge mit den Bildern der Landschaft, jene
Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen Begabung zusammenhngt; denn
sie geht aus demselben Urgrund des Unbewuten im Menschen hervor und strebt
auch ihrerseits allen verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges
zu. Ich habe schon Shelley aus Anla dieses Dichters genannt. Was uns eine
Bemerkung wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit dem Innigsten
und Unaussprechlichsten in der Natur, wie wir sie bei Shelley finden:
Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem geheimnisvoll der
Frhling zu quellen anfngt. Warme Luft in der Verlngerung der Tage;
pltzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der Natur. (3. Februar.) Aus
Anla dieses Frhlingshauches, dieser zu pltzlichen Milde, gebraucht er
sogar einen der hufigsten Ausdrcke des Wortschatzes von Shelley:
Vergehen.[*] Was er im Grunde erstrebt, wie der groe englische Dichter,
den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das Selbstvergessen in der
lyrischen Stimmung, das unsagbare und selige Gefhl des Ichs, das in dem
betrachteten Gegenstand sich selbst auflst. Was fr ihn im Laufe dieser
Wochen zhlt, was er spter ins Gedchtnis zurckruft, was er wiederfinden
mchte, um es nie wieder zu verlieren, das sind jene Hhepunkte, da er sich
selbst vergessen durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden hatte. Der
einfachste Gegenstand der Natur kann ihm solche Augenblicke schenken. Zum
Beispiel in dieser pltzlichen Erleuchtung: Ich empfand nicht wie frher
den Segen Gottes, als pltzlich ein schner, so schner Baum zu meinem
Herzen sprach, . . . und ich habe begriffen, da eine Stunde in dieser
Betrachtung das ganze Leben ist. Und andauernder, strker schwingend ist
manchmal die innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die Spitze auf
einer feinfhligen Geige eine langgezogene verzckte Melodie entwickelt:
Welche Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoe der Natur! Gestern
abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht
gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf dem
die Bume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.
(2. November.) Und wahrlich es klingt wie ein Entzcken in jener
erstaunlichen Weihnachtsnacht, deren Erinnerung alle, die damals auf der
Front waren, bewahren werden, -- einer feierlichen, ganz blauen Nacht, voll
Gestirne und Gesnge, in der die Ordnung und gttliche Einheit des Weltalls
den Augen der Menschen sich zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus
ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten und auf den beiden
Schtzenlinien zu singen begannen: _Hymnen, Hymnen berall_

[Funote *: Dfaillance; vergl. Shelley: faint, my faint heart, . . . I
faint, i perish with my love. (Der bersetzer.)]

Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende Greuel einige knappe
Aufzeichnungen mit gengender Schrfe ahnen lassen. Dann nehmen die
Erzhlungen eine raschere Bewegung an; man fhlt die schnellen Rhythmen und
raschen Anstze der Handlung, den herrischen Zwang rascher
Pflichterfllung, da der junge Sergeant die Verantwortung von Menschenleben
trgt und furchtbaren, abgegrenzten Aufgaben gegenbersteht. Stets aber, im
Getmmel des Gemetzels, und in der Eile des Dienstes, pltzliche und
seltsame Augenblicke des Trumens und des Mitleids; und dann abends, welche
unendliche Ruhe unter den Toten! In dieser Zeit hren die Aufzeichnungen
ber das Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militrisch, technisch,
oder aber der Gedanke verlt die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges
Mal, ein Rckblick auf die eigene Person, eine kurze ergreifende Klage,
beim Gedanken an die frhern Hoffnungen, an sein verlornes Knstlerschaffen
und an die unendliche Gre des auferlegten Opfers: Wie lang ist dieser
Krieg fr Menschen, die zweifellos eine Aufgabe zu erfllen hatten! . . .
Warum bin ich so aufgeopfert, whrend so viele, die mir nicht gleichkommen,
geschont werden? und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! . . .
Herzzerreiender Seufzer, der uns noch mehr ergreift als die erhabenen
uerungen dieser Seele, weil die bis dahin unterdrckte Qual pltzlich
hervorbricht, -- die ganze Hlflosigkeit des Menschen, die unsrige, bekennt
sich hier, am Vorabend einer Passion -- wie bei dem gttlichen Vorbilde.
Mitunter ein Zweifel, der andauernde Anblick des Todes, die Mdigkeit, die
ewige Trostlosigkeit des Regens und des Schlammes, die in ihm den
Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung des Geistes hemmen. Er war
die junge Pflanze, von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem Duft und
der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres Gottes sicher war, weil sie nur
ihn, in sich lebend und wirkend, fhlte. Aber pltzlich sprt sie den
Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Krfte. Wenn das Weltall leer,
wenn in dem Endlosen dieser ueren Welt, unter dem glnzenden Schein,
nichts als eine gefhllose Notwendigkeit wre? Wenn auch das Opfer
Tuschung wre? Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte
Ende aller Dinge zu sein scheint, whrend alles in meinem Leben die reiche
Flle des Weltalls mir bezeugte. (2. Februar.) Und er stellt sich die
qualvolle Frage: Ist es berhaupt sicher, da die sittliche Anstrengung
ihre Frchte trgt? Es ist wie wenn Gott ihn verliee. Doch diese
Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung vergeht rasch. Er findet die
lichten stillen Hhen wieder, die er nur verlt, wenn die Pflicht und der
Kampf rufen, jene Hhen, nach denen er sich sehnte, als er schrieb: Ich
mchte, da, wenn Ihr an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft, die
Alles verlassen hatten, . . . die den nchsten Verwandten nur noch in der
Erinnerung bekannt waren, von denen sie sagten: Wir haben einen Bruder
gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich zurckgezogen hat. (13.
Januar) Wie seltsam der heitere Friede dieser Hhen ist, wie sehr von ihm
selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelst waren, das lassen
zwei kleine Zge beurteilen: Er hat einmal nachts aus einem mit
menschlichen Krperteilen und weiter in der Ferne mit Feuersbrnsten
bersten Schlachtfelde, unter dem von Sternen funkelnden Himmel, als
Lagersttte eine Aushhlung gefunden, von der aus seine Augen die
Mondsichel beobachten und das Kommen des Tages ersphen. Von Zeit zu Zeit
platzt eine Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder Schweigen
auf die erstarrte Erde nieder: Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber
Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfllt war. (28. Februar.) An
einem Abend irrt er nach fnf Schreckenstagen herum (wir haben keine
Offiziere mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen) und steht
pltzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines Freundes. Weier
herrlicher Leichnam im Mondlicht . . . Ich habe in seiner Nhe ausgeruht.
(22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur, neben diesem Toten, hat er
die innere Ruhe gefunden; er empfindet nur Friede und Schnheit.

                                * * *

Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens solange man die Rckkehr des
Verschwundenen erhoffen kann. Es gengt zu wissen, da sie von einem
Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und Glauben an den gemeinsamen
Mhen und Gefahren teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden und der
Hingabe Aller die eigene Person zurcktreten zu lassen. Durch eine Gnade,
auf die er kaum gefat war, als er die unberhrte Stille seines
Knstlerheimes mit dem Schwei, dem schweren Dienst und der Unruhe des
Soldatenlebens vertauschte, hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart,
und man kann sich fragen, ob es ihm im regelmigen Verlauf eines
abgeschlossenen Knstlerdaseins, je vergnnt gewesen wre, mit dieser Flle
sein Wesen auszudrcken. Die ihn lieben, finden in diesem Gedanken den
Trost, der ihnen helfen kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele ist
in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schner, als sie selbst sie
je gekannt haben. Auch Mark-Aurel schrieb im Verlauf eines Krieges seine
Gedanken nieder. Vielleicht braucht es das uerste, um den Seelenadel des
Menschen zu zwingen sich zu offenbaren; dann staunt man darber, was die
Seele in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz und dem Tode
entgegenzustellen. So offenbarten sich in den Tagen der Prfungen so manche
unserer Shne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst und der ganzen
Welt, das Wunder jenes Frankreichs, das noch nicht wute, was es Alles
bedeutete. Dadurch berhren uns solche Briefe so tief. Derjenige, der sie
schrieb, hatte seine Seele mit dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang
gebracht. Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie, das sein eigenes
Wesen in diesen Grundton hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken
wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrckt, unsere Shne und Brder
von der Front zu uns trugen, die hehre Melodie, die heute noch von dem
ganzen kmpfenden Frankreich aufsteigt. In allen zur Erfllung der hohen
Pflicht versammelten Kameraden hatte er deutlich erkannt, was er Tiefes und
Schnes in sich selbst entdeckte, und deswegen spricht er immer von ihnen,
besonders von den einfachsten, mit soviel Liebe und Ehrfurcht. Was ein
solches Leben, fern von den gewhnlichen Sorgen und ehrgeizigen Trumen, so
rauh, so kmmerlich mitten unter den ewigen Erscheinungen, ihnen allen
bringt, ist eine bis dahin unbekannte Grozgigkeit in den Bewegungen und
Gedanken, die heitere Ruhe des Gewissens und die Frische einer
Empfnglichkeit, die sich allen Erscheinungsformen der Natur harmonisch
anpat. Sie spiegeln nur noch die Natur in sich wieder. Weil sie sich
selbst hingegeben und vergessen haben, hat sich fr sie Alles in
wunderbarer Weise vereinfacht. Sie erlangen die Durchsichtigkeit der Seele
und die Erleuchtung der Kindheit wieder. Wir verleben kindliche Tage, wir
sind Kinder geworden. (24. Dezember.)

Diese Verjngung des Herzens, unter der tglichen Drohung des Todes, diese
kindliche Ahnungslosigkeit in der tglichen Erfllung der heroischen
Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit grenzt?

         Andr Chevrillon.




Briefe eines Soldaten


Den 6. August 1914.

      Teuerste Mutter!

Das sind die ersten Tage meines sehr bewegten kriegerischen Daseins; aber
die Mdigkeit, die ich empfinde, ist von dem, was ich erwartete, sehr
verschieden. Ich lebe in einem Zustand starker nervser Spannung infolge
des Mangels an Schlaf und kperlicher Bewegung. Ich fhre hier das Leben
eines Beamten. Ich gehre zu dem, was man Ersatzmannschaft nennt, d. h. die
sehafte Abteilung, welche den regelmigen Gang derjenigen Dienstzweige
sichert, die nie unterbrochen werden drfen, auch nicht whrend der
Abwesenheit der Truppen, und die ferner dazu bestimmt ist, die Lcken
auszufllen, die etwa in der Feuerlinie entstehen. Was uns fehlt, ist zu
wissen, was vorgeht. C.-T. ist eine Stadt, in der man keine Zeitungen mehr
bekommt.

Den 13. August.

Wir sind ohne Nachrichten; whrend mehrerer Tage wird es so bleiben, denn
die Zensur ist auerordentlich streng.

Hier ist das Leben ruhig. Das Wetter ist prchtig und alles atmet Ruhe und
Vertrauen. Wir denken an die, welche bei dieser Hitze kmpfen, und dieser
Gedanke lt uns unsere Lage noch zu schn erscheinen. Die Stimmung der
Reservisten ist vortrefflich.

Sonntag, den 16. August.

Heute Spaziergang auf dem Ufer der Marne. Liebliches Wetter nach etwas
Regen. Gar angenehmes Zwischenspiel in diesen unruhigen Zeiten. Wir sind
immer noch ohne Nachrichten wie Ihr auch, und haben zum Glck einen
stattlichen Vorrat an Geduld. Ich hatte einiges Vergngen daran, die
Landschaft zu genieen, trotz der blauen und roten einbrechenden Flut,
brigens machten diese blauen und roten Leute den besten seelischen
Eindruck. Unsere Ersatzmannschaft wird starke Einbuen erleiden und nimmt
das mit Ruhe auf.

Den 19. August (aus einem Tagebuch).

Die Eintnigkeit des Soldatenlebens stumpft mich ab, aber ich beklage mich
nicht.

Nach neun Jahren finde ich dieselben Menschentypen wieder, etwas abgeblat,
gebessert, ausgeglichen, und besonders auf den groen Gedanken hin
gerichtet, den die Nachrichten aus dem Osten dem Geiste vergegenwrtigen.
Die gewhnliche Stubenkameradschaft weicht einem wrdigeren Gefhl der
Zusammengehrigkeit und einem lblichen Streben, sich einander anzupassen.
Einer der Vorzge unserer gegenwrtigen Lage ist das Gefhl, da man Soldat
spielen kann in dem Bewutsein, seine Zeit nicht zu vergeuden. Diese Summe
von kindlichen und wenig anstrengenden Beschftigungen, die alle einen
unmittelbaren Nutzen und Erfolg haben, stellt das geistige Gleichgewicht
wieder her und beruhigt die Nerven. Dazu kommt noch der mchtige Deich, der
alle diese Mnner in Schranken hlt, ein tiefes und unbestimmtes Gefhl der
Brderlichkeit, das alle Herzen denen zuwendet, die kmpfen. Jeder fhlt,
da die kleine Unbequemlichkeit, die man zu ertragen hat, nur ein schwaches
Opfer ist im Vergleich zu dem entsetzlichen Aufwand von allen Krften und
aller Hingabe, die der Grenze zustreben.

Den 25. August.

Dieser Brief wird um wenige Augenblicke unserm Abmarsch vorausgehen. Der
furchtbare Zusammensto erfordert unsere Gegenwart bei denen, die bereits
im Kampfe stehen. Ich verlasse Euch, Gromutter und Dich, in der Hoffnung
Euch wiederzusehen und in der Zuversicht, da Ihr alles gutheien werdet,
was mir als meine Pflicht erscheinen wird.

Nichts ist verloren und besonders nichts hat die Einsicht in unsere
Bestimmung erschttert. Sage denen, die mich ein wenig lieben, da ich an
sie denke. Ich habe keine Zeit jemandem zu schreiben. Meine Gesundheit ist
vortrefflich.

. . . Nach einer solchen Erschtterung kann man sagen, da unser
vergangenes Leben abgestorben ist. La uns also, liebe Mutter, unsere ganze
Kraft daran setzen, uns einem vollstndig verschiedenem Leben anzupassen,
Du und ich, wie lange es auch dauern mag.

Sei berzeugt, da ich keine Gelegenheit aufsuchen werde, die unser Glck
aufs Spiel setzen knnte, da ich mich aber bemhen werde, meinem Gewissen
und dem Deinen genug zu tun. Bis jetzt habe ich mir nichts vorzuwerfen, und
ich habe den Willen auszuharren.

Den 25. August (zweiter Brief).

Zweiter Brief um Dir mitzuteilen, da statt des unsrigen Pierres Regiment
fortzieht. Ich hatte die Freude ihn vor mir vorbeimarschieren zu sehen, als
ich in der Stadt auf Wache war. Ich habe ihn etwa hundert Meter weit
begleitet. Dann haben wir uns Lebewohl gesagt. Ich hatte den Eindruck, da
wir uns wieder sehen wrden.

Die Stunde ist auerordentlich ernst; das Land wird nicht untergehen; aber
seine Befreiung wird um den Preis von furchtbaren Anstrengungen errungen
werden. Das Regiment von Pierre ist mit Blumen bedeckt und singend
ausgezogen. Es war fr uns ein inniger Trost, da wir bis zuletzt zusammen
sein konnten.

Es ist schn von Andr,[*] da er seinen Kameraden vom Ertrinken gerettet
hat. Man kennt nicht die Schtze an Heldenmut, die Frankreich und die
intellektuelle Jugend von Paris in sich bergen.

[Funote *: Unterleutnant Andr Cadoux, ruhmvoll vor dem Feinde gefallen,
den 13. April 1915.]

Was unsere Verluste betrifft, so kann ich dir sagen, da ganze Divisionen
vernichtet worden sind. Gewisse Regimenter haben keinen Offizier mehr. Wie
ich empfinde und was ich fr meine Pflicht halte, darber wird dich mein
erster Brief vielleicht besser unterrichten. Wisse, da es eine Schande
wre auch nur einen Augenblick an die eigene Rettung zu denken, wenn die
Rasse unsere volle Hingabe verlangt. Meine einzige Pflicht ist ein
aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als meine Beine es zu fhren
vermgen.

Den 26. August.

      Teuerste Mutter!

Ich habe mich sehr ber einen schnen Artikel von Barrs gefreut, Der
Adler und die Nachtigall, der Punkt fr Punkt mit dem zusammenstimmt, was
ich empfinde.[*] Die Ersatzmannschaften enthalten viel Abfall, aber auch
kraftvolle Elemente, zu denen ich mich noch nicht zu zhlen wage; aber ich
hoffe sehr, da ich mit diesen ausziehen werde. Der Stabsarzt hatte mich
vom Tornistertragen entbunden, aber ich trage ihn doch, um mich zu
trainieren, und halte es gut aus.

[Funote *: Siehe Maurice Barrs: L'me franaise et la guerre, I. L'Union
sacre, Paris. Emile-Paul. 1915. XVI. L'aigle survole le rossignol. Schon
unterscheide ich durch welches Aufblhen die junge Literatur, nach den
Lehren des Krieges, fr den Anteil, den sie an dem gewaltigen Kampf nimmt,
wird belohnt werden. Aus dem Kriege zurckgekehrt, werdet Ihr,
Schriftsteller, Eure Trume bertreffen, wie der Adler ber die Nachtigall
emporfliegt. (S. 87.)]

Die einzige Versicherung, die ich dir geben kann, betrifft mein
krperliches und seelisches Befinden, das vorzglich ist. Der wahre Tod
wre in einem besiegten Lande leben zu mssen; fr mich besonders, dessen
Kunst dann vernichtet wre.

Ich suche die Einsamkeit auf, so oft ich es vermag, und in geistiger
Hinsicht bin ich wirklich unberhrt. brigens ist der seelische Stand der
Mannschaft viel hher als in gewhnlichen Zeiten; das Unangenehme ist, da
die ewigen Wechsel und Versetzungen uns von Quartier zu Quartier
herumschleppen, und da das Vertrauen, welches im Erwachen war, vor den
stets erneuerten uns bekannten Gesichtern stockt.

Den 30. August.

Liebes Mtterchen, wenn wir auch nicht schon gestern fortgezogen sind,
sicher ist, da es sich jetzt nur noch um Stunden handeln kann. Ich will
Dir nichts schreiben von dem, was ich dir schon sagte; genug fr mich, da
du mir zustimmst, wie ich dessen sicher war. . . .

Je nher die Entscheidung heranrckt, um so mehr verfliegt alle
Schlaffheit. Bei dem gestrigen sehr anstrengenden Marsch ist ein einziger
abgefallen und der war wirklich krank. Frankreich wird aus dieser schlimmen
Lage herauskommen.

Ich kann dir nur wiederholen, wie sehr ich auf jede Wendung der Dinge
gefat bin, und da nichts unsere siebenundzwanzig glcklichen Jahre
streichen kann. Ich bin entschlossen, mich nicht als ein vorbestimmtes
Opfer anzusehen und ich fasse das Glck der Heimkehr ins Auge, bin aber
bereit bis zum uersten meiner Krfte zu gehen. Wenn du ahnen knntest,
welche Scham ich empfinden wrde bei dem Gedanken, da ich etwas mehr htte
leisten knnen.

Inmitten all dieses Jammers erleben wir herrliche Stunden, in denen die
Dinge, die uns am Fremdesten waren, eine erhabene Bedeutung erhalten.

Den 4. September, 6 Uhr (unterwegs, im Zug).

Vierzig Stunden einer Fahrt, in der das malerische den uersten Mangel
jeglicher Bequemlichkeit bertrifft. Die groe Frage ist der Schlaf und die
Lsung ist nicht einfach, wenn man zu vierzig in einem Viehwagen ist.

Jeden Augenblick hlt der Zug und wir begegnen den unglcklichen
Flchtlingen. Dann die Verwundeten: schner patriotischer Anblick. Die
englischen Truppen. Die Artillerie.

Wir wissen nichts mehr, da wir keine Zeitungen mehr haben und wir knnen
uns nur an die Gerchte halten, die in der gengstigten Bevlkerung
umgehen. Herrliches Wetter.

Samstag, den 5. September (nach 60 Stunden Fahrt in einem Viehwagen:
40 Mann in jedem Wagen.)

Am selben Tage sind wir an den Ufern der Seine, dem Walde von Fontainebleau
gegenber, und an den Ufern der Loire entlang gefahren. Die Schlsser von
Blois und von Amboise gesehen. Leider verhinderte uns die Nacht daran, mehr
zu sehen. Knnte ich Dir nur sagen, welche se Erinnerungen jene
herrlichen Loireufer in mir wachgerufen haben!

Seid Ihr von diesen schrecklichen Fliegern beschossen worden? Ich denke an
Euch in solchen Fllen, an die arme Gromutter besonders, die es wahrlich
nicht ntig hatte solche Dinge zu erleben. Nun, gute Hoffnung! Wir erfahren
durch die evakuierten Verwundeten, da in den ersten Tagen des Augusts im
hohen Kommando Fehler begangen worden sind und da sie unerbittlich
bestraft worden sind. Jetzt mssen wir sie wieder gut machen.

Die englischen Truppen kommen in Menge. Wir sind an mehreren vollgestopften
Zgen vorbeigefahren.

Nun, dieser Krieg wird nicht der militrische Spaziergang sein, wie Viele
glaubten, wie ich es nie geglaubt habe; er wird aber das Gute in der ganzen
Menschheit aufgerttelt haben. Ich erzhle Euch nichts von den herrlichen
Bildern, die nicht auf den Krieg Bezug haben, doch wird nichts verloren
sein.

Den. 5. September 1914, 1. Etappe, 66 Stunden Kfig ohne sich
ausstrecken zu knnen.

Fortwhrend Berhrung mit Eisenteilen und Erschtterung -- aber auf die
grliche Nacht folgt dreimal nacheinander der strahlende Morgen und alle
Mdigkeit verschwindet!

Wir sind kreuz und quer durch die franzsische Landschaft gefahren, von der
etwas trockenen, aber so andeutungsreichen Heiterkeit der Champagne bis zur
ppigen und kraftvollen Seelenruhe der Bretagne. Dazwischen sind wir an den
rauschenden und feierlichen Ufern der Loire entlang gefahren, und nun
. . . O mein herrliches Vaterland! Herz der Welt, in dem alles Gttliche
auf Erden ruht, welch' Ungeheuer zerfleischt Dich? Wesen, dessen Schnheit
allein eine Herausforderung war . . .

Vorher liebte ich Frankreich in aufrichtiger Liebe, wenn auch etwas nach
der Art eines Dilettanten; ich liebte es wie ein Knstler, der stolz ist
auf dem schnsten Fleck Erde zu leben, aber im Grunde liebte ich es etwa
wie ein Bild seinen Rahmen lieben knnte.-- Es brauchte dieses Entsetzen,
um mich das Kindliche, das Innige in den Banden, die mich mit meinem Lande
verknpfen, fhlen zu lassen . . .

Den 7. September (aus einem Tagebuch).

. . . Wir haben die Fahrt in das Unbekannte angetreten, ohne irgend ein
vorherrschendes Gefhl, auer etwa einer leidlich schnen Annahme des
Unvermeidlichen. Doch die weicheren Regungen werden durch den Anblick der
Opfer des Krieges wachgehalten. Wir sehen besonders Flchtlinge. Arme
Menschen! wahrhaft dem Boden Entwurzelte, oder vielmehr welkes Laub im
Sturm, kleine Seelen in gewaltigen Ereignissen. Ganze Zge von Viehwagen,
die kaum ihre Bestimmung gewechselt haben. Zge, in denen der Jammer dieser
Entrissenen sich anhuft, die, o wie bald, zur Herde werden! Das Elend hat
sie aller menschlichen Errungenschaften entblt. Wir bringen ihnen zu
essen und zu trinken und dabei lernen wir sie kennen: der Mann trinkt, ohne
an seine Frau, an seine Kinder zu denken. Die Frau erinnert sich ihres
Suglings, einige Weiber aber nehmen sich Zeit, ohne um die Hast der andern
sich zu kmmern. Unter diesen Schiffbrchigen berhrt mich eine wie ein
Stich mitten ins Herz. Eine siebenundachtzigjhrige Greisin, in allen
diesen Sten herumgeschttelt und herumgeschleppt, wird abwechselnd
heraufgeladen und aus den rollenden Kfigen heruntergeschafft, so zitternd,
so hlflos, so verloren . . .

Den 10. September (aus einem Tagebuch).

Wir kommen in eine von guten Nachrichten durchkreuzte Gegend: sehr deutlich
bekomme ich den Eindruck, da nunmehr das Schicksal Frankreichs gesichert
ist. Vom amtlichen Bericht, der bndig und bestimmt einen durchgreifenden
Erfolg versichert, bis zu dem Bndel phantastische Gerchte, alles trgt
dazu bei, dieses Vorgefhl zu verstrken.

Den 13. September (aus einem Tagebuch).

Hier ist Krieg; hier betreten wir den Ort des Entsetzens. Wir haben die
Drfer Frankreichs, in denen der Friede schlummerte, verlassen. Jetzt ist
alles nur noch gewaltsame Bewegung, hier sieht man die ersten unmittelbaren
Opfer des Krieges.

Die Soldaten: Blut, Schmutz und Schlamm. Verwundete. Diejenigen, denen wir
zuerst begegnen, sind am leichtesten verwundet: Wunden an den Armen, den
Hnden. Bei den meisten bemerkt man deutlich neben der Mdigkeit und den
Schmerzen ein Gefhl wahrer Erleichterung, weil sie noch leidlich gut davon
gekommen sind.

Weiter in der Gegend der Verbandstellen, Verscharren von Toten; sechs sind
es, auf zwei Karren ausgestreckt. Flach daliegend, in zerrissenen Kleidern
verloren, fhrt man sie in eine am Fu eines Kruzifixes offene Gruft.
Priester tun eher Kriegsdienst als Gottesdienst, denn auch sie sind als
Soldaten eingezogen. Etwas Stroh und Weihwasser darber und wir ziehen
weiter. Im Grunde sind diese Toten noch zu beneiden. Sie sind gepflegt
gestorben. Was soll man von denen sagen, die weiter vorn liegen und
verschieden sind nach Nchten von Todeskampf und Verlassenheit!

. . . . Von diesem Sturme wird uns ein endloses Verlangen nach Mitleid,
Brderlichkeit und Gte verbleiben.

Mittwoch, den 16. September 1914.

In dem Kreise des Entsetzens. Die regnerische Dmmerung lt die Strae
erbleichen; pltzlich, in einem Graben, -- die Toten! Sie haben sich vom
Schlachtfeld bis hierher geschleppt. Wie sie gefallen, so liegen sie da --
jetzt schon stinkend. Die einbrechende Nacht lt uns nur mit Mhe ihre
Landeszugehrigkeit unterscheiden, aber dasselbe groe Mitleid umfngt sie.
Es gibt nur ein Wort fr alle: armer Junge! Die ganze Nacht unter diesen
Greueln, dann den Morgen wieder. Der Tag bricht an ber angeschwollene
Pferdeleiber! An einer Waldecke ein erkaltetes Gemetzel. Sie liegen da
ausgestreckt und starr, schon schwarz von Verwesung -- und ausgeplndert:
berall sieht man offene Taschen, aufgerissene Brotscke. Nichts von dem,
was ihre Persnlichkeit ausmachte, ist ihnen verblieben. Unter ihnen
Zivilisten, deren Gegenwart sich aus dem deutschen Verfahren erklrt,
franzsische Geiseln unter unserm Feuer marschieren zu lassen.

Wenn diese Aufzeichnungen jemandem in die Hnde fallen, mgen sie in einem
ehrlichen Herzen Schauer erwecken vor der scheulichen Missetat derer, die
an diesem Kriege verantwortlich sind. Nie wird es Ruhm genug geben, um all
diesen Schmutz, all dieses Blut zu verdecken.

Den 21. September 1914.

Der Regen im Krieg: Eine Qual, von der man sich keine Vorstellung machen
kann. Drei Tage und drei Nchte, ohne etwas anderes tun zu knnen als
zittern und jammern und trotzdem mu man den Dienst versehen. In einem mit
Wasser gefllten Graben schlafen, das sucht seinesgleichen bei Dante; was
soll man aber erst vom Erwachen sagen, wenn man auf den Augenblick lauern
mu, wo man mordet oder ermordet wird! Darber das Brummen der Granaten,
welches das Pfeifen des Windes bertnt. Mitunter Knattern der Gewehre.
Dann kauert man in den Schmutz nieder und lt die Verzweiflung einen
durchdringen.

Als diese Qualen ein Ende nahmen, hatte ich eine solche Entspannung der
Nerven, da ich geweint habe, ohne zu wissen warum. Das nennt man auf
Vorposten ziehen nach einem Kampfe.

Den 25. September.

Eine Hlle in der friedlichsten, lndlichsten Gegend. Eine
Herbstlandschaft, in welche die Kanone Lcher reit!

Den 27. September.

Wenn es auer der herrlichen Lehre, die aus diesem Kriege hervorgehen wird,
greifbare Gewinne gibt, so bin ich besonders fr einen empfnglich, die
Betrachtung des nchtlichen Himmels. Niemals brachte mir die Majestt der
Nacht so vielen Trost wie in diesen sich hufenden Prfungen. Der
strahlende Abendstern ist mir ein Freund geworden. . .

Jetzt bin ich mit den Formen der Sternbilder vertraut. Einige ziehen durch
den Himmel weite Bogen, als wollten sie den Thron Gottes umkreisen. Welche
Pracht! Wie denkt man dabei an den chaldischen Hirten!

O Sternbilder! erstes Alphabet! . . . .

Den 1. Oktober.

Ich kann Dich versichern, da ich in geistiger Beziehung soeben herrliche
Tage erlebt habe, in deren Verlauf alles, was eitle Sorge war, durch einen
neuen Geist weggefegt wurde.

Wenn Du je eine trbe Stunde hast und ein einziger meiner Briefe Dich
erreicht, so soll er Dir sagen, wie erhebend und kostbar diese Qualen
waren.

1. Oktober (aus einem Tagebuch).

. . . Aus alledem mu man folgern, da unsere Leiden in jedem einzelnen
ihrer Momente als die wunderbarste Quelle seelischer Bewegung und der
Bildung fr unser Gewissen zu betrachten sind. . . .

Jetzt wei ich, welchem Gebiet mein Schicksal mich zufhrt. Nicht mehr in
das stolze, knstliche Land abstrakten Denkens, sondern auf den Weg der
tglichen kleinlichen Sorgen und in ihren Dienst mu ich eine stets
wachsame Feinfhligkeit stellen.

Ich sehe, wie leicht eine gerade Natur alles Knstliche im Ausdruck
aufgibt, um ttig zu sein und einen heilsamen Einflu auszuben. Eine
kostbare Belehrung, die mir im Falle der Rckkehr erlauben wrde, weniger
darunter zu leiden, wenn das Schicksal mir zu malen nicht mehr erlauben
sollte.

Den 9. Oktober.

. . . Wie es scheint haben wir den Befehl, anzugreifen. So will ich denn
dieses schwere Wagnis nicht unternehmen, ohne Dir meine Gedanken zuzuwenden
in den wenigen Augenblicken der Sammlung, die wir haben. . . Alles trgt
hier dazu bei, den Frieden des Herzens zu bewahren: die Schnheit der
Wlder, in denen wir leben, das Fehlen geistig komplizierter Aufgaben
. . . Es ist widersinnig, wie Du sagst, -- und doch sind soeben die
schnsten Stunden meines seelischen Daseins verflossen . . .

Wisse da es auf Erden immer Schnheit geben wird und da der Mensch
niemals Bosheit genug haben wird, um sie zu zerstren. Ich habe genug
gesammelt, um damit mein ganzes Leben zu schmcken. Mge das Schicksal mir
Gelegenheit geben, da ich alles was ich heute sammle, spter seine Frchte
tragen lasse. Es gibt ein Ding, das niemand uns wird entreien knnen, das
ist der Seelenschatz, den wir angehuft haben.

Den 12. Oktober.

Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die Vorsehung nicht. Wir sind
immer noch in herrlichen, verwsteten Wldern, mitten im schnsten Herbst.
Die Natur bringt uns manche Freuden, welche diese Greuel bertnen. Tiefe,
mchtige Hoffnung, welche Leiden uns auch erwarten mgen.

Den 14. Oktober.

Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die schwere Kmpfe kosten; doch
wisse, da wir beide die ntige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren
Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben bei dem Gedanken an das
Wiedersehn, das wir beide erhoffen.

Das Wichtige ist, den Wert der gegenwrtigen Stunde zu erkennen und sie
alles uns schenken zu lassen, was sie Schnes, Gutes, Erbauliches enthalten
mag. Im brigen vermag niemand die Zukunft zu verpfnden und es wre eine
sehr unntige und zwecklose Qulerei, in dem Gedanken daran zu leben, was
uns wohl knftig geschehen knnte. Findest Du nicht, da das Leben uns
viele Freude gespendet hat und es eine der letzten und die grte war, da
wir uns endlich schreiben konnten? Hier gibt es viele arme Menschen, die
nicht wissen, wo ihre Frauen, ihre Kinder sind, die seit Monaten von allen
getrennt sind. Wie du siehst, gehren wir noch zu den Bevorzugten.

Liebe Mutter, weniger denn je drfen wir verzweifeln; denn niemals werden
wir deutlicher den Eindruck haben, da alle diese Unruhe und diese
Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil Ewigkeit, das jeder in
sich trgt, und da alle diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren
Zukunft ihren Abschlu finden werden. Dieser Krieg ist wie eine
Welterschtterung, die auf frhere Umwlzungen unseres Erdballs folgt;
sahst du aber je, da bei alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das
Gefhl einer hheren Ordnung abgeschwcht wurde? Unsere Leiden kommen
daher, da unsere kleine menschliche Geduld unseren Bedrfnissen, wenn auch
den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge prft mit der Absicht,
darin Harmonie zu entdecken, findet sie die vollkommene Ruhe der Seele. Wir
wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung unser allgemeines
Geschick nicht dem endgltig Guten zufhrt.

Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste Hoffnung bewahre,
sende ich Dir sowie der geliebten Gromutter meine innigste Liebe. Wende
auch unsern Freunden, die im Unglck sind, mein ganzes Herz zu. Hilf ihnen
alles ertragen: zwei Kreuze sind weniger schwer zu tragen als eines. Hab'
Vertrauen in unsere ewige Freude.

Den 15. Oktober, 7 Uhr.

Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom ersten. Wie froh bin ich, uns
endlich mit einander verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich unsere
Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das Unglck von Martha mit und ich
freue mich, da Du ihr behlflich sein kannst. Liebe Mutter, das ist unser
beider Aufgabe: im gegenwrtigen Augenblick ntzlich zu sein, ohne etwas
von der folgenden Minute vorwegzunehmen.

Ja, ich fhle wirklich so innig wie Du, da ich im Leben eine Aufgabe zu
erfllen habe. Aber man mu stndlich so handeln, wie wenn diese Aufgabe
augenblicklich zu erfllen wre. Behalten wir kein Winkelchen unseres
Herzens fr unsere kleinen Hoffnungen. Wir mssen notwendig dazu kommen,
da kein Unglcksfall aus unserm Leben etwas Trmmerhaftes, Abgebrochenes,
Unharmonisches mache. Das ist die schnste Aufgabe, die Aufgabe des
Augenblickes.

Das brige, jene Zukunft, welche man nicht befragen darf, liebste Mutter,
Du sollst sehen, was sie uns Schnes, Gutes, Gerechtes vorbehlt. Keine
unserer Krfte darf sich ins Leere bettigen; jede eitle ngstlichkeit ist
eine schdliche Kraftvergeudung.

Begnge Dich mit der herrlichen Versicherung, da ich bis heute meine Seele
zu einer Hhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun knnen
und ich verspreche Dir, da mein Streben dahin geht, sie fernerhin
vorzubereiten, so gut ich es kann.

Sage M. . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, da es nicht ungerecht
ist: die Schlechten, die weiterleben, werden dadurch gebessert. Mge sie
das Opfer annehmen in dem Bewutsein, da es nicht zwecklos ist. Ihr wit
nicht, welche Lehre uns der gibt, der fllt. Ich aber wei es.

Fr den, der das Leben zu lesen vermag, haben die gegenwrtigen Ereignisse
alle gewohnte Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je die ewige
Schnheit und Ordnung durchschauen.

Lat uns uns erholen von der durch diesen Ri verursachten berraschung,
und uns sofort den neuen Verhltnissen anpassen, die aus uns Bevorzugte
machen im Vergleich mit Sokrates, den christlichen Mrtyrern und den
Mnnern der Revolution. Wir verschmhen im Leben das nur Vergngliche und
erfreuen uns dessen, was es so selten bietet, des Gefhls des Ewigen.

Den 16. Oktober.

Wir verleben einige Tage in annhernder Ruhe; zwischen zwei Strmen hat
meine Kompagnie eine besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den Oktober
voll genieen. Dein guter Brief vom 2. Oktober ist angekommen, jetzt bin
ich voll Freude und der Friede ist innig . . . .

Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen, reden wir nicht einmal von Geduld.
Nur noch Annahme des gegenwrtigen Augenblickes mit allen Schtzen, die er
uns bringt: es gibt nichts anderes mehr, und gerade in diesen einzigen
Punkt vereinigt sich alles, was es Schnes in der Welt gibt. Die Schnheit
lebt, liebe Mutter, sie lebt auerhalb von allem, was wir sonst gewohnt
waren zu fhlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe zu mir darein, sie zu
entdecken, sie andere entdecken zu lassen.

Diese neue Schnheit hat nichts zu tun mit den Vorstellungen, welche die
Worte: Gesundheit, Familie, Vaterland ausdrcken; man erkennt sie, wenn man
das Stck Ewigkeit, das in jedem Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber
bewahren wir die wunderbare Zuversicht, da wir _uns wiedersehen_, sie wird
uns nicht hindern alles zu tun, was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M
. . . wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht eine Ausnahme.
Dieser Krieg hat manche Hoffnungen zertrmmert; so wollen wir, liebe
Mutter, unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg sie nicht erreichen
kann, in die Tiefe unseres Herzens, in die Hhen unserer Seele. . . .

Den 17. Oktober, um 15 Uhr.

Dir schreiben, das Bewutsein, da meine Briefe Dich erreichen, das ist mir
ein tgliches Paradies. Ich lauere auf die Stunde, wo mir das mglich wird.
Ja, geliebte Mutter, Du mut fhlen, wie Dein Mut und Deine Lebensfreude
wiedererwachen; nie darf man als Lebensgrund eine einzige Zuneigung nehmen,
so berechtigt sie auch sein mag. Kein Unglcksfall darf uns vergessen
lassen, wozu wir leben. Freilich knnen wir diese oder jene Aufgabe im
Leben vorziehen, la uns jedoch die annehmen, welche sich uns darbietet, so
unerwartet und kurz sie auch sein mag. Du fhlst wie ich selbst, da eine
glckliche Zukunft uns beschieden ist, doch denken wir nicht daran. Denken
wir an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer, die sie uns auferlegt.

Den 22. Oktober.

. . . . Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an; ich habe ihm aber
alles genommen, was es an Glck in den Falten eines jeden Augenblickes
birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten, wieviel Friede sie vergeuden und was
eine Minute in sich fassen kann, wie wrden sie doch weniger unter der
scheinbaren Gewaltttigkeit leiden! Freilich gibt es uerste Qualen, die
ich noch nicht kenne und welche die Seele vielleicht in einer Weise prfen,
die ich nicht ahne; aber ich spanne alle Krfte meiner Seele dem Ziele
entgegen, alle Augenblicke und alle Prfungen anzunehmen. . . .

Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des Sieges der Liebe und der
Schnheit ber die Gewalt. Einige Zeiten des Hasses und der Lge werden
nicht die ewige Schnheit zu zerstren vermgen, und von dieser Schnheit
hat jeder von uns einen unsterblichen Schatz.

Den 23. Oktober.

      Liebste Mutter!

Ich habe den Artikel von Barrs, Der Adler und die Nachtigall noch einmal
gelesen. Er ist immer noch so schn, aber schon nicht mehr im Ton. Heute
besteht nichts auer dem unmittelbar Gegenwrtigem; alles brige erscheint
wie ein Schmuck, den man beiseite legt fr Festtage, ferne, problematische
Feste. Aber gleichwohl, man schliet diesen Schmuck sorgfltig in eine
Schublade ein. So tue ich mit den Schtzen der Freundschaft, dem
berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben. Ich habe alles zugedeckt
und lebe allein dem Genu des gegenwrtigen Augenblickes.

Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels, denke ich an die Musik, die
ich gestern gespielt: ich war vollkommen glcklich. Verzeih mir, da ich
nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung des Wiedersehens lebe. Ich
glaube, da Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung in andere
Hnde lege als die unsrigen.

Den 27. Oktober.

Wenn ich die Freude habe, wie ich es instndig hoffe, Dich wiederzusehen,
sollst Du erfahren, in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung
geleitet worden bin. Ich habe nur vor einer Macht und einer Gte mich zu
neigen brauchen, die alle meine stolzesten Vorstellungen berbot.

Ich kann sagen, da Gott in mir war, wie ich in Gottes Hand bin und ich
habe nur den einen bestimmten Wunsch, da ich stets eine solche
Gemeinschaft empfinden mge. Siehst Du, darauf kommt es an, das Leben
auszuntzen, nicht, wie man es verstehen kann, selbst nicht in unseren
edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt: Lat uns essen und trinken
von allem, was ewig ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich
ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine Liebe wachsen sieht, whrend man
zugleich allem ngstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt.

Den 28. Oktober.

Nun naht das Ende des dritten Monats einer schrecklichen Prfung, deren
Lehren mannigfaltig und heilsam sein werden, nicht allein fr den, der sie
zu hren wei, sondern fr die ganze Welt; und das ist der groe Trost,
wenn man von diesem Sturm erfat worden ist. Mge es der Trost fr die
sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen der Kmpfenden geknpft haben.

Dieser Trost ist besonders in dem bermenschlich klaren Bewutsein, da
alle gttliche und ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt
geschwcht zu sein, vielmehr gesteigert und mchtig angeregt aus diesen
Strmen hervorgehen wird. Glcklich, wer den Friedensgesang hren wird, wie
in der Pastoralsymphonie, glcklich aber auch derjenige, der ihn im Sturme
vorausahnt! Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefhl in
Abwesenheit des Propheten zur Tat wird! Wer das geahnt hat, hat auf Erden
viele Freuden aufgelesen. Ein hherer wird sagen, ob seine Aufgabe
vollendet ist.

Den 28. Oktober (zweiter Brief, fast zur selben Stunde).

      Teure geliebte Mutter!

Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen. Wir knnen nur uns
immer wieder dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, da man stets neuen
Ausdruck dafr finden knnte.

Heute leben wir unter einem Himmel mit groen strmenden kalten Wolken, wie
bei den hollndischen Landschaftsmalern. . . .

Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen, ich darf es nicht, man
darf nicht einmal eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen. Ich
versichere Dich, da andauernde Kraftanstrengung weniger ermdend ist als
gewisse Zeiten rastloser, fieberhafter Arbeit, die wir durchgemacht haben.
Nur knnen wir dabei unsere Seelenkrfte in einer Art Widerstand gegen
alles Bse in uns anspannen und die Tore allem Guten, was von auen kommt,
offen lassen.

. . . Ich bin froh, da Du Tolstoi gelesen hast: er war auch im Krieg. Er
hat ihn verurteilt, er hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du einen
Blick in das herrliche Buch Krieg und Frieden einwerfen kannst, wirst Du
darin Bilder finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir begreiflich
machen wird, ist die Mglichkeit ruhigen Betrachtens, die dem Soldaten
gelassen ist, der sie erstrebt.

Was den Zwang betrifft, den der Mangel an jeglichem krperlichen
Wohlbehagen der Seele auferlegen knnte, so glaube ja nicht daran. Wir
fhren zwar das Dasein von Kaninchen am ersten Jagdtage; trotzdem knnen
wir in herrlicher Weise unsere Seele bereichern.

Den 30. Oktober.

Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft, grau, vom Wind
durchfegt. Fr mich aber war der Wind nie verstimmend, weil er mir die
Seele des Landes jenseits des Hgels zuweht. . . . Der grauenhafte Krieg
vermag uns nicht aus unserer geistigen Heimsttte herauszureien. Trotz
Stunden betubenden Lrmes findet man sich ungefhr selbst wieder. Ich
mchte sogar behaupten, da unser heutiges gewhnliches Dasein uns eine
Feinfhligkeit verleiht, die fhig ist, die leiseste Berhrung zu
verzeichnen, wie wenn alle unsere Nerven blo lgen. Vielleicht wird sich,
nachdem die Hlle unserer Seele sich abgeschlt, eine Kruste bilden und die
Zurckkehrenden eine Zeitlang abgestumpft sein. Was schadets: dieser
Zustand seelischer Erschtterung kann nicht ohne Nutzen vorbergehen.

Gestern waren wir in einem hbschen Dorfe der Maasgegend, dessen Reiz durch
den Gegensatz der umgebenden Ruinen noch erhht wurde.

Ich konnte mir ein Hemd waschen lassen und, whrend es trocknete,
unterhielt ich mich mit der trefflichen Frau, die tglich dem Tode trotzt,
um ihr Heim zu schtzen. Sie hat drei Shne, alle sind Soldaten, und die
Nachrichten, die sie von ihnen hat, sind schon alt; einer von ihnen ist
wenige Kilometer von ihr vorbeimarschiert. Seine Mutter wute es und hat
ihn nicht sehen knnen. Eine andere von diesen franzsischen Frauen bewacht
das Haus ihres Schwiegersohnes, der sechs Kinder hat.

                                -- --- --

Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen und zugleich volles Vertrauen
in die ewige Gerechtigkeit zu haben.

Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persnlichkeit derer, die am Leben
bleiben, derer die gehen, zu betrachten; das heit die Dinge auf der
menschlichen Wagschale abwgen. Man mu aber in uns die gewaltige Summe
dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche.

Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin? Wir ahnen es beide.

Den 31. Oktober, 10 Uhr.

. . . Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens, jetzt aber erstrebe
ich eine Weisheit, die alles willig hinnimmt und auf das knftige Handeln
hingerichtet ist. Was tut's, wenn die Wolfsgrube sich unter den Fen des
Lufers ffnet? Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber klger,
der am Rande verkommt unter dem Vorwand, da er hineinfallen knnte?

Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr.

Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.--25. Whrend Du den fr uns
verhllten Mond betrachtetest, fhltest Du Dich, sehr mit Unrecht,
ohnmchtig; wie sehr hattest Du aber Recht, da Du hofftest!

In demselben Augenblick wurde ich durch die Vorsehung beschtzt in einer
Weise, die allen Hochmut ber den Haufen wirft.

Am nchsten Tage hatten wir das wundervollste Morgenrot ber dem Purpur der
Herbstwlder in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren meine Skizzen malte.
Wir sind aber an der Stelle, wo die Landschaft Charakter annimmt, sich
erweitert und von ergreifender Majestt wird. Wie Dir die Schnheit des
Horizontes schildern! Wir bleiben in dieser herrlichen Gegend und heute ist
Allerheiligen!

Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz der Sonne, die ber den Nebeln
des Tales aufgeht; wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer weit in
der Runde und die Schlacht strt kaum den weihevollen Ernst des
Landschaftsbildes.

Liebe innig mein geplantes Gemlde. Es verknpft mich mit meinem Schicksal.
Wenn ich die Gnade habe, heimzukehren, wird die uere Anlage des Bildes
eine andere sein, das Wesen ist aber in der Skizze schon enthalten.

Mittag. -- Herrlicher Allerheiligentag, den die Gewaltttigkeit entweiht.

Herrliche Pracht des Tages.

Den 2. November, Allerseelen.

Strahlendes Fest der Sonne und der Freude in der prchtigen Natur einer
Maaslandschaft. Im Herzen pret sich die Hoffnung zusammen, die dem
Schmerze derer nicht spotten will, fr welche dieser Tag der erste Schritt
auf dem Wege der Trauer ist.

Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig Jahren warst Du in Trauer
und Hoffen: heute auch ist die Angst des Hoffens voll. Diese Prfungen
kommen ber Dich nicht in demselben Alter, aber ein ganzes Leben des
geduldigen Sichfgens bereitet Dich auf die letzte Weisheit vor.

Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen im Schoe der Natur! Gestern
abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht
gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf den
die Bume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.

O Teure, das entsetzliche Martyrologium der besten franzsischen Jugend
kann nicht ins Endlose sich ausdehnen. Es ist undenkbar, da die
Auserlesenen eines ganzen Volkes zu Grunde gehen.

Es gibt als Aufgabe fr das Genie eines Volkes etwas besseres als den
Krieg: eine tiefe Ahnung zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Mge
unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern zufhren. Hoffnung, immer
neue Hoffnung! Ich habe den lieben Brief von Gromutter und die Karte von
Herrn R. erhalten, gut und freundlich. O Teure, habt ihr auch heute diese
schne Sonne? Wie schn ist die Landschaft, wie gut die Natur! Sie sagt
dem, der ihre Stimme hrt, da nichts wird verloren sein.

Den 4. November, 1 Uhr.

Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und in der Gte der Natur. Diesen
Morgen haben unsere Vorgesetzten mit einem Marsche von zwanzig Kilometern
gedroht und die Drohung ist zur Tat geworden als ein reizender Spaziergang
in der Landschaft, die ich so innig liebe.

Ein entzckend feiner Dunst, den wir von Stunde zu Stunde steigen sehen,
der Lockung einer mig warmen Sonne folgend; und dort Hgelketten, die ein
ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in welches alles in seinen Linien
sich einzeichnet oder im Nebel angedeutet ist.

Man sieht Hgel mit kahlen Bumen, die liebliche Umrisse zeigen. Ich denke
an die alten Maler, an ihre zartempfundenen und gewissenhaften
Landschaftsbilder. Welche peinlich durchgefhrte Majestt, deren erster
Anblick durch die Gre der Auffassung Bewunderung einflt und deren
Einzelheiten tief bewegen!

Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns Gaben austeilt, weit ber die
Beschwerden, die wir auf uns nehmen.

Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld, da die Zeit fr uns kein Ma
mehr hat, da von keiner mebaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen Reichtum
an Eindrcken birgt aber dafr der Augenblick in sich, der sich uns
darbietet!

Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben habe, da kein Ereignis
daraus etwas Unfertiges, Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will ich
mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einer andern Weisheit
verbinden, die der Zukunft zugewandt ist, selbst wenn die Zukunft fr uns
eine verschlossene Gegend ist. Ja, nehmen wir von der Gegenwart alles an
(und die Gegenwart bringt uns so viele Schtze!); aber la uns auch die
Zukunft vorbereiten.

Den 5. November, 8 Uhr.

      Liebe Mutter!

Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen, von Deinen
Beschftigungen. Alles was Du beschliet, ist recht. Mein Glck ist gerade
dieses Gefhl der Sicherheit, wenn ich in alledem an Deine Seele denke.

Das Wetter ist immer entzckend und sehr mild. Ohne die schne Gegend zu
verlassen, in die wir am 20. September gekommen sind, sind wir heute in die
Wlder zurckgekehrt. Das liebe ich weniger als die freie weite Aussicht;
aber es gibt doch auch hier gar hbsches zu sehen. Dann ist auch der
Himmel, jetzt wo die Bltter abgefallen sind, so schn, so zart. Ich habe
an C. geschrieben und werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen Brief
von Dir. Wtest Du wie viel lnger ein Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe
zwar Deine frheren Briefe, aber der frische Brief hat einen Duft, den ich
jetzt nicht mehr entbehren kann.

Den 6. November.

Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein wenig verstimmt: was die
Soldaten cafard nennen. Das kam daher, da ich tags vorher mich von einem
Tagebuch getrennt hatte, das ich Dir in einem Packet zu schicken mich
entschlossen hatte. Die Ereignisse von vorgestern, obgleich friedlich,
hatten mich derart umhergestoen, da ich mich dieser Unglckssendung nicht
so annehmen konnte, wie ich es gewollt htte. So war ich geteilt zwischen
einer doppelten Angst: einmal, da das Paket Dich nicht erreichen mchte
und diese Aufzeichnungen, die mein Leben vom 1. bis zum 20. Oktober
darstellen, verloren sein knnten; und dann, da vielmehr dieses Paket zu
Dir gelangen mchte vor dem erklrenden Briefe, was dir sonderbar
erscheinen knnte, da die Sendung unter anderm Namen geschehen ist und der
Umschlag meines Heftes Anweisungen gibt, damit man Dir gegebenenfalls diese
Aufzeichnungen zuschicke.

. . . . Wir leben heute in der stimmungsvollsten und zartesten Landschaft
Corots. Von der Scheune aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht
haben, sehe ich zunchst die Strae mit den Wasserlachen, die der Regen
zurckgelassen hat. Dann Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine
Reihe Weidenbume am Rande eines eilenden und lieblichen Bchleins. Im
Hintergrunde hllen sich einige Huser in einen leichten Dunst und halten
jene zarten schwarzen Tne fest, fr die unser teurer Landschaftsmaler ein
so edles Empfinden hatte.

So friedlich ist es heute morgen. Wer knnte glauben, da hinter uns nichts
ist als Feuersbrunst und Trmmer! . . . .

Den 7. November, 8 Uhr morgens.

Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir die Sendung eines Pakets
ankndigt. Wie nett! wie man an uns denkt! Alle Sigkeiten werden
gebhrend gewrdigt.

Gestern entzckender Novembertag. Diesen Morgen zuviel Nebel, um die Freude
an der Natur zu genieen. Aber gestern nachmittag!

Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo alles sich einzeichnet wie auf
eine angehauchte Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Bsche in der Nhe
unseres Wachpostens sind von einer Schar von Vgeln ausgesucht worden,
grn, wei am Rande der Flgel, die Mnnchen mit schwarzem, wei getupftem
Kopf. Wie Dir ausdrcken, was das bloe Rauschen ihres Fluges in dieser
Stille fr mich war! -- Denn auch das ist ein Segen in diesen Kmpfen: in
der Welt kann es nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da nun der Mensch
alles dem Menschen zuwendet, haben die Tiere ihren Vorteil davon,
wenigstens die Tiere des Waldes, unsere gewhnlichen Opfer.

Knntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen des Waldes sehen, Muse,
Feldmuse! Letzthin folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungen dieser
Tierchen. Sie waren hbsch wie japanische Holzschnitte, das Innere ihrer
Ohren rosa wie eine Muschel. Wir haben dann noch dem Ausflug der Kraniche
beigewohnt: ihr Schrei in der Dmmerung ist erschtternd.

                                -- --- --

Wie freue ich mich zu erfahren, da Du zeichnest. Tu's fr uns beide.
Wtest Du wie es mich juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu
malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit gelesen hast, wirst Du gemerkt
haben, wie vieles ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglckt.

Den 9. November, Montag 7 Uhr.

. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene erreicht, die ich so sehr
liebe. Leider sehen wir sie nur undeutlich durch Muselcher hindurch. Nun,
es ist wenigstens so viel! . . . .

. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den Reiz einer Landschaft
genossen, die im sen Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde
gestern durch den erschtternden Anblick eines brennenden Dorfes gestrt.
Es war nicht das erste, das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr
daran gewhnt.

Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; es war noch Nacht. Von den
Hhen, die wir besetzten, sahen wir die gewaltige Glut und, als der Tag
aufging, war das liebliche im Tal versteckte Dorf nur noch eine Rauchwolke.
All das in der Silberglorie eines strahlenden Morgens.

Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die Talmulde mit den lieblichen
Windungen ihrer Strae, ihrem von Weidenbumen umrahmten Bach, ihrem
Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte in dem Grausen der Zerstrung
enden.

Die Deutschen haben es in der Nacht mit der Hand in Brand gesteckt; nach
zwei Tagen wtender Kmpfe waren sie daraus vertrieben worden: ihre
Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem Punkte beabsichtigen
Rckzuges aufgefat werden. Dieses von unseren Soldaten gehate Verfahren
ist, glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. Wenn ein
Dorf zerstrt ist, wird seine Benutzung fr unseren Dienst hinter der Front
sehr erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag dieser Verwstung
zugeschaut, whrend ber unseren Kpfen die kleinen Feldmuse das Stroh
ausnutzen, in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein gleicht
ein wenig dem der Kaninchen whrend der Jagdzeit. Wir sind dadurch,
wenigstens die schlimmsten Angstpeter unter uns, in einen Zustand
immerwhrender Spannung gekommen, auf der Suche nach einem Schlupfwinkel.
Sobald wir darin vergraben sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu
weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider nicht immer mit der
ntigen Einsicht gehandhabt; so waren wir gestern zu Vieren in einem
vorgeschobenen Schtzengraben, der in einer herrlichen Gegend lag und unter
Laubwerk vollstndig versteckt war. Wir htten also nach Herzenslust die
Landschaft genieen knnen, htte nicht der Gefreite, ein braver Junge,
davor gezittert uns ein bischen leben zu lassen. Glcklicherweise sind die
Artilleristen und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben an unserem
Standort einen entsetzlichen Hllenlrm vollfhrt und uns gezeigt, wie
wenig man auf berflssige Vorsicht halten mu. Durch dieses Beispiel
ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft genieen knnen,
gestern leider raucherfllt, ein erschtternder Anblick. Merke Dir wohl,
geliebte Mutter, da ich keine Unvorsichtigkeit begehen will; aber
wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des Verhngnisses, der Vorsehung und
des Schicksals.

Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der Rckkehr zu verdienen; aber
abgesehen von kurzen Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann
ich sagen, da der grte Teil meines Ichs der ruhigen Annahme des
gegenwrtigen Augenblicks geweiht ist.

                                -- --- --

Den 10. November, 11 Uhr.

      Teuerste Mutter!

Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzhlen! eintnig im Nebel.
Beschftigungen, die nicht stumpfsinnig an sich sind, es aber durch die
geistlose Umgebung werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes zurck. Gestern
schrieb ich Dir einen langen Brief, in dem ich Dir unter anderem sagte, wie
teuer mir Deine Briefe sind. Du siehst also, da ich mich etwas langweilte
als ich das Papier zur Hand nahm; nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich
froh und denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir gebracht hat.

Heute morgen hat mich der Leutnant beim Kommandoposten Eisendraht holen
lassen, in einem verwsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen liegen.
Ich bin durch die Obstgrten hinabgestiegen, die voll waren von den letzten
abgefallenen Pflaumen. Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten
sie in Krben. Liebliches Bild, ganz lndlich und idyllisch, trotz der
roten Hosen, die brigens sehr abgeschossen sind nach drei Monaten
Felddienst. Ich freue mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein
Mensch, der in allen Teilen mit mir bereinstimmt. Ich bin daher berzeugt,
da er es mir nicht belnehmen wird, wenn ich nicht schreibe, besonders
wenn Du seine Frau meiner Freundschaft versicherst.

Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden ist, zwingt mich von Anbruch
der Nacht bis 9 Uhr zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit in
einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, statt nachts in den
Schtzengraben zurckzukehren.

Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende zu Hause; wenn wir aber
manchmal im Schtzengraben, S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannst
Du Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen und welche Freude
uns die alten Erinnerungen bringen, die wir aufrhren. O! unter welchen
Mrchenhimmel reien uns die Naturwissenschaften und die Neugierde des
Intellektes und welches Vergngen bereiten mir die wunderbaren Geschichten
von diesem Metall oder jener Sure! Fr mich scheinen Tausend und eine
Nacht sich zu wiederholen. Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut einer
Morgenrte. Das ist das Leben, das ich seit dem 13. oder 14. Oktober fhre.
Ohne mehr zu verlangen, begnge ich mich damit zu staunen, da wir in einem
solchen Kriege verhltnismig viel ruhige Stunden haben.

Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung es fr mich ist, zu
wissen, da Du meinen Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich mir
vorzustellen, da meine Bcher Dich beschftigen, Du meine Stiche
betrachtest! . . . .

Vom 12. November, 15 Uhr.

. . . Heute haben wir einen bungsmarsch gemacht, so angenehm wie der
erste, in einem Wetter von wunderbarer Schnheit. Wir sahen in Blau und
Rosa die fernen Ketten der Hgel von Metz, die weite, von Drfern beste
Ebene, von denen einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, whrend
man die andern mehr ahnte als sah.

Wir fhren ein Dasein, das in groen Zgen so aussieht: drei Tage bleiben
wir in der Nhe des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken, die
wir tglich verbessern, dann bleiben wir wieder drei Tage weiter hinten und
schlielich drei Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewhnlich in
demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten anzunehmen, zwar recht
vorbergehende, aber immerhin kommen wir in Berhrung mit der brigens
schwer geprften Zivilbevlkerung. -- Die Wollkleider sind unschtzbar und
unbertrefflich. . . .

. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. Besonders die liebe Frau, bei
der ich Dir schreibe und zu der ich schon das letzte Mal gekommen bin,
plagt und mht sich zu Tod ab, um uns etwas von dem zu geben, was an das
Heim erinnert. Aber, liebe Mutter, was mich an das Heim erinnert, das trage
ich im Herzen. Aus Tellern essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist
nichts, was zhlt. Deine Liebe ist's, die ich so nahe fhle. . . .

Den 14. November.

Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends wurden wir herumgeschleppt
mit der Aussicht, an einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir sind
nachts fort, und in diesem Frieden der Natur klrten sich meine Gedanken
ein wenig ab nach zwei Tagen Einquartierung, whrend welcher das
Krperliche immer etwas berhand nimmt. Wir gingen zur Verstrkung vor,
voll in das Unbekannte hinein. Wir haben die Anordnungen, die zu treffen
waren, in einer Scheune abgewartet, wo wir von elf bis vier Uhr auf dem
Holzboden lagen. Dann gings in die Wlder, die Felder, die der Tag durch
graue, rote, violette Wolken hindurch allmhlich beleuchtete in der
romantischsten und ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann. Im
vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, da die Truppen, die uns
vorausmarschierten, dem Feinde auerordentliche Verluste zugefgt hatten
und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten. Wir haben also
unsern gewohnten Standort wieder bezogen und ich bin wieder hier und
geniee die Pracht der franzsischen Landschaft, die so ergreifend schn
ist in dem grauen, strmischen, leidenschaftlichen November, mit
Sonnenstrahlen, die in farbigen Flecken ber den endlosen Horizont wie
hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schn ist das, diese weite, ernste
Landschaft, in der alles edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich
fein abheben! -- Eine mit Bumen eingefate Strae, die bis zur Grenze sich
schnurgerade hinzieht, Hgel, die vor den duftigen Linien liegen, in denen
man die deutschen Vogesen zu erkennen glaubt. Das ist der Rahmen und dazu
kommt etwas Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie von Beethoven und
ein Stck von Liszt, die lauten: Segnung Gottes in der Einsamkeit.[*] Wir
haben allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die Gedichte von Albert
Samain[**] durchbltterst, wirst Du ein Motto aus Villiers de l'Isle-Adam
finden: Wisse, da es auf Erden immer eine Einsamkeit gibt fr diejenigen,
die ihrer wrdig sind. Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen
kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . .

Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom 6. und 7. Vielleicht werde ich
diesen Abend noch einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht darin
setzen, da wir von einander keine Briefe erwarten. Die Briefe sind unser
Leben, sie teilen uns unsere Freuden mit, unser Glck, die Flle des
Genusses, den uns in reichem Mae das Schauspiel der Natur und dieser Zeit
schenkt.

Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein zwingender Grund; aber,
abgesehen von Deiner Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen Liebe
Deine Briefe mir bringen.

Den 14. November, zweiter Brief.

      Treue, geliebte Mutter!

Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten Quartier und mein Herz ist ganz
erfllt von Gedanken, die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles sagen,
woran ich stndlich denke in dem Wunsche, mit Dir die mannigfaltigen
Freuden zu teilen, die inmitten unseres eintnigen Daseins uns durch die
Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen Faden auf den Sand fallen.

[Funote *: Beethoven: sechs Lieder von Gellert, Op. 48. Nr. 6. Die Ehre
Gottes in der Natur.]

[Funote **: Albert Samain: Au Jardin de l'Infante (L'alle Solitaire).]

Ich mchte mit Dir aussprechen knnen, wie schn diese Wolke ist, welchen
ernsten Eindruck diese Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes lauschen,
der ber die Berge uns zuweht, wie whrend unseres Spazierganges in
Boulogne. Und wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche prosaische
Beschftigungen nicht, mit Dir zu reden, wie ich fhle.

Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt mit meinem Tagebuch vom 18.
August bis zum 20. Oktober.[*] Diese Aufzeichnungen wurden zu einer Zeit
gemacht, wo unsere Tornister weniger beladen waren und leichter sich
ffneten, wo ich in der Seelenruhe der Tage im Schtzengraben, wenn die
Gefahr das Geschwtz aufhob, meine Seele ungehindert schwingen lie.
Seitdem habe ich die viel strkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir zu
schreiben. Fr mich wurde diese neue Zeit ein Paradies. Aber ich liebe das
Leben im Quartier nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit die
Seelenkrfte entspannen und einen Wirrwar erzeugen, unter dem ich leide.

[Funote *: Ein Teil dieses Heftes ist oben mitgeteilt worden.]

Du kennst das Bedrfnis, mich zu sammeln und allein zu sein, das ich immer
hatte. brigens habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind sehr
freundlich. Und dann braucht es nur etwas Geduld, einige Augenblicke, in
denen mein Gedanke Dir zugewandt ist, um mich glcklich zu machen. Wie war
diese erste Hlfte November gndig! Ich habe nicht ein einziges Mal unter
der Klte gelitten. Und wie viel Schnheiten! Der Allerheiligentag war ein
langer Lobgesang, von der klaren Mondnacht ber dem dunkeln Bernstein der
herbstlichen Bume an bis zur zarten Melodie der Dmmerung. Der endlose,
rosige Traum der verschleierten Ebene, die sich an die fernen Hgel
anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und manche Tage seitdem singen
den Ruhm Gottes! Coeli enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten.

Den 15. November, 7 Uhr.

Gestern gab mir das strmische und aus der Sicherheit des Quartiers
beobachtete prchtige Wetter zu Befrchtungen Anla fr unsern Abmarsch
heute nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste Himmel,
den man sich vorstellen kann! Wie dankbar war ich!

Was wir am meisten frchten, ist der Regen, der alles durchdringt, ohne da
man Feuer und Obdach findet. -- Die Klte bedeutet nichts -- gegen die sind
wir gewappnet.

. . . . . Und doch, wie sehr habe ich das Bild dieser weiten Ebene
bewundert, in die wir hinabgestiegen sind, von dem mchtigen Winde
gepeitscht. Der niedrige Horizont lste den weiten grauen Himmel ab, an dem
wenige fahle Ausblicke an das verschwundene Blau gemahnten. -- Ein
Kalvarienberg, tragisch, schwarz in grau -- dann skelettartige Bume! Welch
ein Bild! hier kann ich an Dich denken, an meine liebe Musik! heute habe
ich die Umgebung, die ich brauche.

. . . . Ich mchte die Gestalt schrfer bestimmen, die mein fester Glaube
an eine bessere durch diesen Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese
Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen Lebens vor, der vereinigten
Staaten Europas.

Nach diesem Zusammensto werden diejenigen, die voll und mit kindlicher
Liebe ihre Pflichten dem Vaterland gegenber erfllt haben, vor viel
ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfllung zur Stunde unmglich
wre. Aber das wird gerade unsere Pflicht sein, da wir unsere Krfte der
Zukunft zuwenden. -- Sie werden mit angespannter Energie dahin streben
mssen, die Spuren der verletzenden Berhrung zwischen den Vlkern zu
tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz einiger Rckschritte in praktischer
Hinsicht, mancher Schwchen im Wiederaufbau, hat die franzsische
Revolution nichts desto weniger in der menschlichen Seele die herrliche
Forderung der nationalen Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Krieges
von 1914 fhren zur europischen Einheit, zur Rasseneinheit. Dieser neue
Zustand wird nicht ohne Erschtterungen, Vergewaltigungen, Kmpfe auf
unabsehbare Zeit sich festsetzen, aber ohne Zweifel hat sich heute die Tre
zu diesem neuen Horizont geffnet.

Den 16. November an Frau C . . .

      Sehr verehrte gndige Frau
      und beste Freundin!

Welche Freude und welchen Trost bringt mir Ihr Brief und wie strkt Ihre
warme Freundschaft meinen Mut!

Was Sie mir von meiner Mutter erzhlen, verknpft mich innig mit dem Leben.
Dank fr Ihre treue prchtige Freundschaft.

. . . Was soll ich von meinem Leben erzhlen? Durch Mhen und Wechselflle
hindurch hlt mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, die seit
zwei Monaten die Schwermut und die Tragik dieser leidenschaftlichen
Jahreszeit anhuft. Einer meiner gewohnten Standorte liegt auf den Hhen,
welche die endlose Ebene der Wovre beherrschen. Wie herrlich! Welcher
Segen ist es, stndlich bei Tag und bei Nacht die glhenden Farben des
Laubes zu beobachten, an jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit
der Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der Natur nicht zu stren.
Freilich gibt es Augenblicke, wo der Mensch alle vorstellbaren Mae zu
bersteigen scheint; aber eine aufmerksame Seele unterscheidet bald die
Harmonie, die alle diese Miklnge beherrscht und ausgleicht. Glauben Sie
nicht, da ich der Trostlosigkeit der Bilder, von denen wir bersttigt
sind, gefhllos gegenberstehe: vernichtete Drfer, in welche die
Artillerie weiter wtet; Rauchwolken am Tag, Feuerschein in der Nacht;
Elend der Bevlkerung, die unter den Granaten flchtet. Jeden Augenblick
erhlt man einen Stich ins volle Herz. Gerade deswegen aber rette ich mich
in diese hhern trstenden Gedanken; denn in demselben Mae leidend, knnte
ich, ohne diese Disziplin des Herzens, unsere Lage nicht ohne innere
Zerrissenheit ertragen.

Den 17. November, morgens.

      Liebe Mutter!

. . . Ich schreibe Dir im vollen Glck der Morgenrte ber meinem lieben
Dorfe. Die Nacht, die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein klares,
strahlendes Wetter zurckgegeben. Ich finde meinen ungeheuer weiten
Horizont wieder, die zarten Umrisse der Hgel, die edelgeschwungenen Linien
meiner Tler. Wer glaubte, von der Hhe, wo ich bin, da dieses lndliche
und friedliche Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trmmerhaufen ist, da
kein Haus verschont geblieben ist, da seit zwei Monaten niemand darin
verweilen kann im Hllenlrm der Artillerie? Whrend ich Dir schreibe,
trifft die Sonne den Kirchturm, den ein noch dunkler Baum in meiner Nhe
umrahmt, whrend in der Ferne, ber den letzten Hgeln, den letzten
Erhhungen des Bodens, die Ebene im Rosagold ihre kstlichen Einzelheiten
zu offenbaren beginnt.

Den 17. November, 11 Uhr.

Das herrliche Wetter ist mein groer Trost. Ich lebe fast wie wenn ich ein
Kranker wre, den man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die Kur zu
unerfreulichen und ermdenden Beschftigungen zwingt. Im Grunde liegt
zwischen Leysin und meinem jetzigen Schtzengraben nur die Entwicklung des
groen Fragezeichens. Immer nichts neues in unserer Kompagnie seit dem 13.
Oktober.

Die Art des gegenwrtigen Krieges ist sonderbar. Es ist die Art von
Nachbarn, die sich nicht vertragen. Bedenke, da gewisse Schtzengrben vom
Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind und da die Kmpfenden sich
Handgranaten zuwerfen knnen: wie Du siehst, bedienen sich die Nachbarn
gewaltsamer Mittel.

Ein eigenes Leben fhre ich nur im Augenblick, wo ich bei Dir verweile, und
wo ich die Pracht der Natur geniee.

Mitten unter dem Geschwtz gelingt es mir, das Gefhl der Einsamkeit der
Seele, die ich brauche, mir zu bewahren.

Den 18. November.

Diesen Morgen zeigte uns der Tag die Ebene mit Reif bedeckt, eine
gleichmige Weie ber den Hgeln und dem Walde. Mein Drfchen sieht
dadurch ganz eingefroren aus.

Ich hatte den grten Teil der Nacht in einem geheizten Unterstand
zugebracht und htte, dank der Freundlichkeit meiner Vorgesetzten darin
bleiben knnen; ich bin aber dumm und schchtern und bin von ein Uhr bis
vier und ein halb Uhr wieder bei den Kameraden gewesen.

Es ist merkwrdig, wie prachtvoll wir die Klte ertragen: wir besitzen fast
alle ein herrliches Kleidungsstck, einen Mehlsack, den man je nach den
Umstnden als kurzen Radmantel und als Fusack gebrauchen kann. In beiden
Fllen ein vortrefflicher Wrmeerhlter.

11 Uhr.

Fr den Augenblick habe ich eine hbsche, so rhrende Melodie von Hndel im
Sinn und auch ein Allegro aus unsern vierhndigen Orgelsonaten: eine
frhliche, glnzende, von Tatendrang bersprudelnde Musik. Lieber Hndel!
Oft trstet er mich.

Beethoven kommt mir selten in die Erinnerung; wenn aber seine Musik in mir
erwacht, rhrt sie an etwas so Grundlegendes, da es jedesmal ist, wie wenn
eine Hand Schleier vor der Schpfung wegrckte.

Arme liebe groe Meister! Wird man ihnen daraus ein Verbrechen machen, da
sie Deutsche sind? Schumann, wie kann man ihn einem Barbaren zugesellen?

Gestern gemahnte unsere Ebene an die Stelle, die Du mir vor zehn Jahren aus
_Rheingold_ vorspieltest: Freie Gegend aus Bergeshhen.[*] Worin aber
unser franzsisches Bild die schne Musik dieses hlichen Mannes bertraf,
das war die feste Grundlage, die Klarheit, die Aufrichtigkeit. Ja, unsere
franzsische Ebene hatte nichts Verschwommenes.

Was Wagner betrifft und, so schn auch seine Musik, so unbestritten und
verfhrerisch sein Genie auch ist, ich glaube doch, da, wenn man ihn nicht
mehr hren sollte, man etwas fr das franzsische Genie weniger
Wesentliches entbehren wrde, als wenn die groen Klassiker, seine
Landsleute, in Frage kmen.

                                -- --- --

Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den Augenblicken, wo mir der Gedanke
an die Mglichkeit der Heimkehr kommt, kmmere ich mich niemals um die
Frage der kleinlichen Bequemlichkeit, des kleinlichen Wohlbehagens. Etwas
Hheres und Edleres wendet mich dieser Art Hoffnung zu. Darf ich sagen, da
es sogar etwas anderes ist als die unendliche Freude des Wiedersehens? Es
ist vielmehr die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme unserer gemeinsamen
Bestrebungen, unseres Zusammenarbeitens, dessen Ziel die Entwicklung
unserer Seele und ihre ntzlichere Bettigung auf Erden ist.

[Funote *: Libre tendue sur la Montagne. Rheingold zweite und vierte
Szene. Allmhlich gehen die Wogen in Gewlke ber . . . und . . . wird
_eine freie Gegend auf Bergeshhen_ sichtbar. (D. bers.)]

Den 19. November, morgens.

      Teuerste Mutter!

Heute wurde ich bei der Morgenrte durch ein gewaltiges und zu dieser
Tageszeit ungewohntes Geschtzfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen
Kameraden, starr von einer Nacht im Schtzengraben zurck. Ich bin
aufgestanden, um ihnen Holz zu holen, whrend auf dem andern Abhang des
Tales das Schtzenfeuer sehr krftig ertnte. Ich stieg so hoch hinauf wie
ich konnte und sah in dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankndigen.

Pltzlich hrte ich von der Erhhung gegenber, einem jener Hgel, die ich
so sehr liebe, Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es war ein
Bajonettansturm. Es ist der erste, dem beizuwohnen mir gegeben ist; nicht
da ich etwas gesehen htte; die noch andauernde Dunkelheit und vielleicht
auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten es. Was ich hrte gengte,
um den Eindruck des Sturmangriffs zu geben.

Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersnlichen Krieg ein Bild machen,
der eine von jenem kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters her
sich vorstellt, sehr verschiedene Form der Tapferkeit verlangt. Und
pltzlich erinnert mich der furchtbare Lrm von heute morgen, mitten in
meiner Ruhe daran, da junge Mnner, ohne persnlichen Grund des Hasses,
auf Leute, die sie erwarten, sich strzen knnen und mssen, um sie zu
morden.

Aber die Sonne ging ber dem Boden meines Vaterlandes auf. Sie beschien fr
mich das Tal, und von meiner Anhhe aus unterschied ich zwei Drfer, zwei
Trmmerhaufen, von denen ich einen drei Nchte lang hatte brennen sehen. In
meiner Nhe zwei Kreuze von weiem Holze . . . . Das franzsische Blut
fliet im Jahre 1914 . . . .

Den 20. November.

Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen Nhe ich schreibe, die
Sonne aufgehen. Sie durchdringt den Reif und ich ahne die schne Ebene, die
soviel Greuel ertrgt. Wie ich hre, hat dieser Bajonettangriff, den ich
gestern gehrt habe, viele Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne
Nachrichten von zwei Halbzgen des Regimentes, das mit uns die Brigade
bildet. Whrend andere ihr Geschick erfllten, stand ich auf der Hhe des
schnsten, brigens in andern Augenblicken hchst ausgesetzten Hgels. Ich
sah dem Sonnenaufgang zu; ich war tief bewegt im Anblick des Friedens der
Natur und ma das Verhltnis zwischen der Kleinlichkeit menschlicher
Gewalttaten und der umgebenden erhabenen Schnheit.

Diese fr Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis zum 13. September
erstreckt, entspricht genau dem ersten Abschnitt des Krieges fr mich. Den
9. September kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren Schlacht an
der Marne, die sich in einer Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den
12. erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich das Leben der
Kmpfenden. Wie ich es Dir geschrieben, verlieen wir also am 13. Oktober
herrliche Wlder, in denen die feindliche Artillerie und Infanterie uns
groe Verluste zugefgt haben, besonders am 3. Unsere engere Gemeinschaft
hat an diesem Tage einen prchtigen Menschen verloren, einen herzensguten
Jungen, der fr's Leben zu gut geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher
Kamerad, ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich am Arm
verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten, die er gegeben, gut. So haben
wir bis zum 13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten durchgemacht,
um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr verschlimmert wurde durch den
Eindruck des Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen, in andern
Zeiten herrlichen Wldern, erdrckte.

Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwrtigen Augenblickes nicht aus den
Augen zu verlieren. Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form
dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade einer bis auf den heutigen
Tag vollstndigen Unversehrtheit. Andererseits das vollstndige
Weiterbestehen der zuflligen Gefahr fr die Zukunft. Hier mu unser
Wunsch, das Beste zu tun, sich auf den gegenwrtigen Zeitpunkt richten.
Keine Erforschung der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube aber, da
jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart trifft, seine Wirkung nicht
verfehlt. Es gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber wir wollen
nicht auf uns allein bauen und nicht vergessen, da es eine andere Macht
gibt und wieviel wirksamer als unsere menschlichen Mittel!

Den 21. November.

Heute brgerliches und fast zu bequemes Dasein. Die Klte lt uns bei der
auerordentlichen Frau bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe
beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert sind. Ich werde Dir
nicht von der hbschen Aussicht erzhlen, die ich von dem Fenster aus habe,
an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim beschreiben, welches Teile
unseres Daseins in sich fat. Am Tag leben wir in zwei, durch einen
Glasverschlu getrennten Zimmern und von einem Zimmer ins andere knnen wir
bald das schne Feuer und den weiten Kamin bewundern, bald den prchtigen
Schrank und die Betten, wie man sie in der Maasgegend hat, mit schnen
alten Kupferbeschlgen. Das gemtliche Dasein von zwei alten Frauen (die
Mutter, 87 Jahre alt, und ihre Tochter) ist in Unordnung gebracht durch die
Rauheit, die Derbheit, die Gutherzigkeit und Freigebigkeit des Soldaten.
Sie ertragen alles und opfern sich auf.

Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits in Dir besitzest, so glaube
ich, da Du gleich zu den letzten Lehrstzen bergehen kannst. Du wirst ihn
sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der Ruhe der Seele spricht.
Ja es gibt Augenblicke, fr uns schwache Menschen leider zu selten, die
doch gengen, und in denen wir durch die Erschtterungen und Ste unserer
armen menschlichen Natur hindurch eine gewisse Neigung zum Fortdauernden
und Abschlieenden unterscheiden, und wir das wunderbare gttliche Erbteil
erkennen, das uns anvertraut ist.

                                -- --- --

Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich eben mit Dir erlebt. Wir waren
zu dreien: wir zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem
Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt der Winter von den Dingen ein
abgedmpftes, abgetntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr dichter Nebel,
hllen die mir benachbarte Anhhe ein, ohne die Zeichnung der Strucher auf
dem Kamm zu vergrbern; der Himmel ist leicht grnlich gefrbt. Alles ist
gedmpft. Alles schlummert ein. Jetzt ist die Zeit der nchtlichen
Angriffe, des Sturmgebrlls, der Wachen in den Schtzengrben. Wie
verlangen, jeden Augenblick, unsere Wnsche das Ende dieses Zustandes! Wie
sehr wnschen wir die Ruhe fr Alle, eine ungeheure Entschdigung, einen
Ersatz fr so viele Schmerzen, Leiden, so viele Trennungen.

         Dein Sohn.

Sonntag, den 22. November, 9 1/2 Uhr.

Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir diesen Morgen, ohne da seit
gestern irgend ein Ereignis Erwhnung verdiente, auer vielleicht den
tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft. Ich bin mit Sonnenaufgang
aufgestanden, ihr Silber berflutet den weiten Raum. Die Klte ist immer
heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener Wollkleider wird in den
Quartiernchten mit ihr fertig. Das Einzige, was ich erzhlen kann, ist:
morgen ziehen wir in die Schtzengrben der zweiten Linie aus, in die jetzt
skelettartigen, eintnigen Wlder. Von unseren drei Standorten ist das
vielleicht derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn der Himmel ist
hinter hohe ste verbannt. Das ist eher eine Landschaft fr R. . ., aber
reizlos und durch das Leben, das man darin fhrt, verdorben.

In unserer Gegend scheinen die Kmpfe mit einiger Heftigkeit wieder
beginnen zu wollen. Heute morgen hren wir ein heftiges Gewehrfeuer, was
sehr selten in der Kriegfhrung von heute ist, die vornehmlich in
nchtlichen Angriffen besteht, whrend der Tag fast ausschlielich zur
Beschieung durch die Artillerie benutzt wird.

Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in die Seelenstrke, die jede
Stunde, jeder Augenblick verlangt. . . .

. . . . Ja, es freut mich Dir von dem Leben, das ich fhre, zu erzhlen; es
ist in mancher Beziehung schn. Oft wenn ich abends auf der Strae bin,
wohin mein kleiner Dienst mich fhrt und die ich allein durchwandere, bin
ich vollkommen glcklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen Landschaft,
mit den harmonischen Zeichnungen der Gestirne an diesem Himmel, den gro
und lieblich geschwungenen Linien dieser Hgel; und wenn auch in diesem
Augenblick die Gefahr immer gegenwrtig ist, so denke ich doch, da nicht
allein Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewutsein, sondern auch Deine Liebe mir
beistimmen werden, wenn ich nicht immer wieder bei der Erforschung des
Rtsels stehen bleibe.

Mein gegenwrtiges Leben bietet also einige Hhepunkte der Empfindungen,
die jeder Beziehung auf Fortdauer und Verharren sich entziehen, so z. B.
schnes Laub, eine Morgenrte, eine liebliche Landschaft, einen
ergreifenden Mondschein. Lauter Dinge, deren Vergnglichkeit und zugleich
ewige Wiederholung das Menschenherz absondern und all den Sorgen entreien,
die in solchen Zeiten uns einer verzweiflungsvollen Unruhe, einem
scheulichen Materialismus, oder einem Optimismus zufhren wrden, den ich
durch eine sehr erhabene Hoffnung ersehen will, die uns gemeinsam ist und
nicht auf menschlichen Dingen beruht.

Meine zrtliche Liebe und treue Anhnglichkeit fr Gromutter, fr Euch
Mut, inneren Frieden, vllige Hingabe, jedoch ohne irgendwelche Entsagung.

Den 23. November.

      Liebe Mutter!

Wir sind wieder in unsern Unterstnden der zweiten Linie. Wir wohnen in
Erdhtten, in denen das Feuer uns ebenso einruchert als es uns wrmt. Das
Wetter, das whrend der Nacht sich verfinstert hatte, hat uns einen
wunderschnen rosa und blauen Morgen geschenkt. Leider sprechen mich die
Wlder weniger an als die wundervollen Ausdehnungen der Feuerlinie. Und
doch ist auch hier alles schn.

Mein gestriger Tag hat in der Freude bestanden, Dir zu schreiben; ich bin
in die Dorfkirche gegangen, ohne irgend eine Anwandlung von Schwrmerei,
auch nicht in dem Verlangen nach uerlicher Trstung. Meine Vorstellung
von der gttlichen Harmonie brauchte durch keine ueren Formen, keine
volkstmliche Symbolik gesttzt zu werden. Spter habe ich das groe Glck
gehabt, einen Wagen in der nchsten Umgebung zu begleiten. Ach! welch'
wundervolle Landschaft von saftiger Farbenpracht stets in rosa und blauen,
durch den Nebel abgeschwchten Tnen. Diese leuchtenden, prchtigen und
doch duftigen Farben fanden Sttzpunkte in den krftigen Flecken, welche
die in den Raum zerstreuten Gestalten bildeten. Meine gewhnlich durch ihre
Bestimmtheit an die alten Meister gemahnende Landschaft nahm eine durchaus
moderne Subtilitt der Farbengebung und reiche Nuancierung an.

Ich dachte einen Augenblick an unsere durchgeistigte Pariser Umgebung mit
ihren unendlich zarten Farben und gedmpften Tnen, hier ist mehr Einfalt
und Aufrichtigkeit, hier war alles einfach rosa und blau auf der Grundlage
eines schnen grauen Bodens.

Mein Fuhrmann, der mit seinem Pferde nicht fertig wurde, hat mir eine Gerte
berreicht, um damit auf das Tier zu schlagen: ich mute wie eine
Gliederpuppe aussehen. Wir fuhren an den Kalvarien vorber, welche die
Drfer der Maasgegend beschirmen, einige Bume, die ein Kreuz umgeben.

Den 24. Nov., 15 1/2 Uhr, auf einem Rckmarsche.

Ich habe soeben einen Brief vom 16. und eine Karte erhalten und einen
lieben Brief vom 18. Die beiden letzteren melden, da meine Sendung
angekommen ist. Wie froh bin ich darber! Einen Augenblick fragte ich mich,
ob ich Dir diese Eindrcke schicken sollte, aber unser Leben war nie und
wird nie etwas anderes sein als ein stetes Forschen in der Gegend der
ewigen Wahrheiten, ein inbrnstiges Betrachten von dem, was jeder Anblick
auf Erden davon bietet. Daher bereue ich es nicht, Dir diese kurzen
Bemerkungen geschickt zu haben.

Die heftigsten Leiden fr mich waren die der Regentage im September. Sie
haben brigens fr alle eine schmerzliche Erinnerung zurckgelassen. Wir
schliefen umklammert, Gesicht an Gesicht, die Hnde bereinandergeschlagen,
in einer berschwemmung von Wasser und Schlamm. Nie htte man sich von
unserer trostlosen Lage eine Vorstellung machen knnen.

Um das Ma unserer Leiden voll zu machen, nach diesen entsetzlichen
Stunden, meldet man, da der Feind seine Maschinengewehre auf uns richtet
und da wir ihn angreifen sollen. Mittlerweile sind wir abgelst worden und
die Entspannung war stark.

Mein unvollendetes Gedicht: Soleil si ple . . . bezieht sich auf die
Tage des 11., 12. und 13. Oktobers, und berhaupt auf die Zeit der Kmpfe
in den Wldern, die fr unser Regiment vom 22. September bis zum 13.
Oktober dauerten. Gewisse Sonnenaufgnge ber den Opfern des Kampfes haben
mich innerlich bewegt. Seitdem habe ich nichts mehr geschrieben, auer
einem Gebet, das ich Dir vor fnf oder sechs Tagen geschickt habe. Ich habe
es auf jener Strae verfat, die ich durchwandern mute.

Den 25. November, morgens.

. . . . Gestern, whrend dieses Marsches habe ich in einer Landschaft
meiner geliebten alten Meister gelebt. Als wir aus den Wldern
heraustraten, da wir, einer Strae entlang, herabstiegen, hatten wir in
unserer Nhe einen weiten, schloartigen Hof, von einer entlaubten
Baumgruppe gekrnt, neben einem zugefrorenen Teich.

Fernerhin, in der verkrzten Perspektive, die meine lieben Maler trotz
ihrer scheinbaren Einfalt so geschickt anwandten, stellte eine Strae, die
ihre Windungen, ihre Senkungen und Steigungen entrollte, die Verbindung
zwischen Bschen, einzelnen Bumen her: alles scharf, feingegliedert, wie
radiert, und doch rhrend. Eine kleine Brcke fhrte ber einen Bach, ein
Reiter ritt in der Nhe der kleinen Brcke vorbei, bis ins Einzelnste
scharf umrissen, dann ein kleiner Wagen: abgetnte und doch bestimmte
Farben in seiner Harmonie, -- all das vor einem Horizont von majesttischen
Wldern. Ein grauer Himmel, der die ganz moderne Farbensymphonie von
vorigem Sonntag aufhob und mich zu jener eindringlichen Peinlichkeit der
Wiedergabe zurckfhrte, die uns bei einem Breughel und andern Meistern,
deren Namen mir entfallen, bewegen. Derart ist auch die wohlgeordnete,
durchsichtige, reiche Anordnung der Hintergrnde von Albrecht Drer.

Den 26. November.

Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen den gestrigen Brief zu
vollenden. Wir waren sehr beschftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner
Hhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe, schicke ich Dir meine
innige Liebe und den Ausdruck des groen Glckes, das ich habe. Ich fhle,
wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen, wenn die Vorsehung mir
nicht gewhrt es zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung, vor allem
vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit, welche berraschung sie auch der
menschlichen Vorstellung, die wir uns von ihr machen, bereiten mag. . . . .

Den 28. November.

Die Stellung, die wir einnehmen, nhert uns dem Feinde auf 45 Meter. Der
Anblick der Laufgrben ist seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine
Herbheit der Linien, die der graue Himmel noch verstrkt.

Wenn unsere Truppen, nachdem sie nchtlicher Weile die Wachsamkeit des
Feindes getuscht haben, von dem Tale herkommend, die halbe Hhe, deren
Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schtzt, erreichen, treffen sie in den Hgel
eingegrabene Unterschlpfe, Hhlen, wo die Abteilungen, die nicht auf Wache
sind, Schlaf und die Wrme eines rasch gebauten Heims finden. Weiter
drauen, gerade an der Stelle, wo die freiliegende Landschaft herrlich wird
durch Weite und Beleuchtung, beginnt der gewundene Einschnitt, den man
Verbindungsgraben[*] nennt und in den man eindringt. So gelangt man
unbemerkt in den Schtzengraben, wo sich ein wahrhaft kriegerisches,
ernstes Bild, dem es an Gre nicht fehlt, darbietet, ein tiefer schmaler
Gang, dessen Decke der graue Himmel ist, und dessen Erdverkleidungen von
frischem Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten der
Infanterie; Einheiten von gewhnlich schwachem Bestand. Der Feind ist hier
schon weniger als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht der
Verbindungsgang weiter, immer gewundener und tiefer; in ihm empfinde ich
das, was ich stets bei der Berhrung mit frischaufgerhrter Erde fhle. Der
durch Erdarbeiten aufgewhlte Boden erweckt in mir etwas, wie wenn die
Krfte der aufgerissenen Erde in mich drngen und mir die Geschichte des
Lebens erzhlten.

In diesen Klften arbeiten zwei oder drei Schanzengrber des Geniekorps,
verlngern sie, graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, die
bisweilen ungengend geschtzte Stellen erreichen knnen. Auf diesem
uersten Punkt steht der letzte Infanterieposten (etwa vierzig Meter vom
Feind).

[Funote *: boyau de communication.]

Du kannst Dir den Gegensatz dieser militrischen Einrichtung und des
Friedens denken, der an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir mein
Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, da in dem Bereich meines Blickes
der Landmann seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie ich ersphe,
wie der Gefangene die Freiheit, ihm auf dieser Anhhe gespendet wurde.

Wenn ich dann in der Dmmerung in die Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich
will Dir nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch mein Glck. Ich
darf es nicht offenbaren: es ist ein Vglein, das die Stille liebt. . . .
Begngen wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem Glck zu
sprechen, das sich nicht aufscheuchen lt: uns in gleichem Mae auf alles
vorbereitet zu fhlen.

Den 29. Nov., morgens, im Quartier.

      Teuerste Mutter!

Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem Wetter verlassen, das in der
Nacht nach meiner Ankunft in Regen berging. Ich sehe ihn von meinem
Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn Du willst, erzhle ich Dir von
den gestern flchtig gesehenen Wundern.

Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen Stellung aus sieht man, wie
ich es Dir oft schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern nun
zerfetzte ein frchterlicher Wind einen Schleier von sehr niedrigen Wolken,
die an den Hhen hngen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund meines
Haheyna eine schwache Vorstellung von dem geben, was ich gesehen habe. Doch
um wie viel erhabener und strmischer war mein gestriges Fhlen!

Die Hgel und Tler gingen abwechselnd von Schatten in Licht ber, bald
scharf umgrenzt, bald verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthllten. Am
Himmel groe hellblaue lichtumflossene Lcken.

Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll ich Dir von den letzten
Abenden erzhlen, wo der Mond auf die Landstrae mir die zierliche
Verstelung der Bume abzeichnete, die Tragik der Kalvarien, das rhrende
Bild der Huser, von denen man wei, da sie Ruinen sind und welche die
Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen lt.

Ich freue mich zu sehen, da Du Verlaine liebst. Lies das schne Vorwort
von Coppe, welches die Sammlung der ausgewhlten Werke erffnet, die Du in
meiner Bibliothek finden wirst.

Seine Frmmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit, ich mchte beinahe sagen
von einer Sinnlichkeit, die mich immer etwas irre macht, gerade weil sie
der katholischen Frmmigkeit eigen ist, deren bildliche Erscheinung mir
immer fremd bleiben wird. Aber was fr ein Dichter!

Er ist meine fast tgliche Wonne in Paris und hier kommen mir oft die
Weisen seiner Paysages Tristes[*] in den Sinn; denn sie geben genau die
Stimmung mancher Stunden wieder. Sein Leben ist rhrend wie das eines
kranken Tieres und man staunt darber, da eine solche Verkommenheit die
kstlichen Blumen seiner Poesie nicht verwelken lie. Seine Belehrung, eher
die eines Knstlers als die eines Denkers, kam infolge einer Umwlzung in
seinem Leben nach schweren Vergehungen. (Er war im Gefngnis.)

In Le Lys Rouge hat Anatole France unter dem Namen Choulette ein
lebensvolles Bild von ihm entworfen; vielleicht findet sich dieses Buch bei
uns.

Die Poesie in Sagesse wirkt wunderbar und erbaulich durch den Schwung,
die Leidenschaft der knstlerischen Absicht, der Neue. Es ist etwa wie wenn
der Aufschrei der Mainacht durch sein ganzes Werk hindurch erklnge.

Unsere beiden strksten poetischen Begabungen im vergangenen Jahrhundert,
Msset und Verlaine, waren zwei Unglckliche, deren doch so herrliche und
berauschende Blumenpracht keine innere Sttze aufrecht hlt. Ich langweile
Dich vielleicht, indem ich Dir von gleichgltigen Dingen erzhle, aber es
versenkt mich wieder ein wenig in mein vergangenes Leben. Seitdem ich das
Glck habe Deine Briefe zu empfangen, habe ich nichts mehr aufgezeichnet.
Glaube ja nicht, da die Nebensachen mich das, was wir ersehnen und
erhoffen, vergessen lassen; doch ich glaube, da was den Schmuck des Lebens
ausmacht, gerade das ist, was es fr uns beide kostbar macht.

[Funote *: In der Sammlung Pomes Saturniens. (D. bers.)]

Ich erwarte Briefe von Dir seit dem letzten vom 22.; doch ich werde sicher
einen hier im Quartier vorfinden. Ich danke Dir fr das angekndigte
Packet. Arme Mtter, wie sie alle sich qulen!

Den 1. Dezember, morgens, im Quartier.

Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn ich als dienstfrei mich von
meinen militrischen Obliegenheiten entbunden sah. Es schien mir, als wren
mein Leben und meine Laufbahn unwiderruflich verloren, wenn ich mit sieben
und zwanzig Jahren wieder zum Regiment mte. Und nun bin ich mit acht und
zwanzig Jahren tief im Soldatenleben drin, fern von meinen Arbeiten, meinen
Sorgen, meinen ehrgeizigen Plnen, und nie hat mir das Leben eine solche
Flle von erhabenen Eindrcken gebracht: niemals vielleicht fand ich, um
sie aufzuzeichnen, eine solche Flle der Empfnglichkeit, eine solche Ruhe
des Bewutseins. Das sind also die Gnadengaben einer Lage, die meine
vernnftigen menschlichen Voraussichten mir als ein Verhngnis erscheinen
lieen. Hier wirkt die von der Vorsehung mir beschiedene Lehre weiter, die
allen meinen Befrchtungen zum Trotze, Segen in jede Vernderung meiner
Lage hineinlegt.

Die beiden letzten Sonnenaufgnge gestern und heute waren wundervoll.
. . .

Ich habe Lust fr Dich eine kleine Skizze von der Aussicht meines Fensters
zu machen. . . .

. . . . Ich mache es aus dem Gedchtnis, aber darber stelle Dir die
ergreifendsten Purpurstreifen vor und rechts und links noch endlose
Ausdehnungen. Das zu betrachten war mir in der letzten Zeit mehrmals
gegnnt. Augenblicklich bringt ein lieblicher Himmel Harmonie in die
Obstgrten, in denen wir arbeiten. Mein kleines Amt befreit mich fr einige
Zeit von der Hacke. Das sind die Freuden, die von ferne mir als
Katastrophen erschienen.

Den 1. Dezember, 2. Brief.

Ich habe soeben Deine Briefe vom 25., 26. und 27. erhalten, sowie einen
lieben Brief von Gromutter, die so tapfer, so seelenvoll, so geistig
frisch ist. Er machte mir viel Freude und bringt mir eine kstliche
Hoffnung, deren glckliches Omen ich mit Freude annehme. Jeder Deiner
lieben Briefe gibt mir auch, was das Leben fr mich Schnstes hat. Mein
heutiger erster Brief antwortet auf das, was Du mir von der Annahme der
Prfungen und Zerstrung der Gtzenbilder sagst. Du siehst, da ich ganz
wie Du denke und ich hoffe, da ich zur Stunde kein allzu hemmendes
Gtzenbild im Herzen trage. . . .

Ich glaube, da mein letztes Gebet in der Tat sehr einfach ist. Die
Eingebung des Ortes htte ein Gewand von zu berladener Kunst nicht
geduldet. Gott war berall und berall Harmonie: die nchtliche Strae, von
der ich Dir oft erzhle, der Himmel voll Sterne, das Tal voll Murmeln der
Gewsser, die Bume, die Kalvarien, die nahen oder fernen Hgel. Fr etwas
Knstliches wre kein Platz gewesen. Ich brauche nicht darauf zu
verzichten, Knstler zu sein; denn ich hoffe immer aufrichtig zu sein und
meiner Kunst mich nur zu bedienen, um damit eine berzeugung zu schmcken.

Den 5. Dezember, morgens.

. . . . Wir treten aus unsern Hhlen heraus, und auf die drei Tage
klsterlicher Einschlieung folgt der Morgen auf der weiten Ebene. Man kann
sich keine Vorstellung von dem Durcheinander machen. -- Dein hbsches
Viertelchen aus Aluminium entzckt jedermann.

Ist's schlimm mit der Wunde von Andr? Die Mtter stehen furchtbare Angst
aus in diesem Krieg; doch immer mutig, nichts wird verloren sein! Ich fr
mein Teil befinde mich wohl und bin so glcklich als es die Umstnde
ermglichen.

Heute furchtbarer Wind, der wundervolle Wolken treibt. Krftige Luft, mit
der die Baumste sich gut abfinden. Alle vergangenen Abende herrlicher
Mondschein, den wir umsomehr zu schtzen wuten, als das Tageslicht uns
entzogen war. Teure Mutter, ich schreibe heute schlecht, weil wir durch das
Tageslicht wie betubt sind, nach den Stunden in der Finsternis, aber mein
Herz eilt Dir zu und findet in Dir seine Sttze.

. . . La uns an alles mit mutigem Sinn herantreten: la uns immer und in
allen Dingen auf Gott vertrauen. Wie fhle ich mit Dir, da man Ihn nur im
Geiste anbeten kann! Und mit Dir denke ich, da man allen Hochmut meiden
mu, der ein Hohn auf die frommen Gebruche der andern wre. Unsere Liebe
soll ein der allgemeinen Vorsehung zugewandter Bund sein. bergeben wir ihr
unser Los in einem bestndigen Gebet. Gestehen wir ihr demtig unser
irdisches Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit der gttlichen
Weisheit es zu vereinigen. Das ist eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich
jetzt offenbart, die aber auch unter den gewhnlichen Lebensbedingungen
besteht.

Sonntag, den 6. Dezember.

Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute zugerichtet zu sehen. Wir
brauchen ihn oder vielmehr wir brauchen etwas, was schwer zu erlangen ist,
was weder Geduld noch allzustarke Zuversicht ist, sondern ein gewisses
Vertrauen in die Ordnung der Dinge, -- ein gewisses Vermgen, von jeder
Prfung zu sagen, da es so recht, ist.

Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von den gegenwrtigen
Verpflichtungen frei zu machen, wenn sie zu grausam und hufig sind; aber
Du hast sehen knnen, wie auch ich die groe Freude hatte es zu erfahren,
was Spinoza unter der menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares
Ideal, dem man trotzdem zustreben mu. . . .

. . . Liebe Mutter, die Prfungen, die wir annehmen mssen, sind lang; man
kann nicht sagen, da sie eintnig sind; denn sie verlangen, trotz ihrer
gleichmigen Gestalt, einen stets erneuten Mut, halten wir zusammen, damit
Gott uns die Kraft und die Mglichkeit gibt, alles hinzunehmen! . . .

Du weit, was ich Religion nenne: was im Menschen alle seine Vorstellungen
vom Universellen und Ewigen, diesen beiden Formen des Gttlichen,
vereinigt. Die Religion, im gangbaren Sinne des Wortes, ist weiter nichts
als die Verbindung gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln mit der
wunderbaren poetischen Gestaltung der kraftvollen biblischen und
christlichen Philosophien. Wir wollen niemanden verletzen. Bei richtiger
Betrachtung erscheinen mir die religisen Formeln, so fremd sie auch den
Forderungen meines Intellektes sind, lobenswert und sympathisch, insoweit
sie ein Streben nach Schnheit und Form ausdrcken.

Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die Prfungen sind mannigfaltig,
aber alles Schne verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten zu
drfen. . . .

Montag, den 7. Dezember.

      Vielgeliebte teure Mutter!

Ich schreibe Dir in der Nacht . . ., brigens ist um 6 Uhr morgens das
Soldatenleben in vollem Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett
aufgepflanzt und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen Wassertropfen auf die
Nasenspitze. Meine Leidensgefhrten versuchen ein trgerisches Feuer
anzuznden. Der Aufenthalt in den Schtzengrben verwandelt uns in Haufen
von Schlamm.

Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So sehr sich die Kameraden nach
Hause zurcksehnen, sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselflle
des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich weniger durchgeistigt als der
meinige, ist umso werkttiger und den Verhltnissen angepater; aber jeder
Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat nichts von dem eines Kriegsvogels.
Ich bin froh, da ich bei allen Sten von auen innerlich mitgeschwungen
habe und setze meine Hoffnung darein, da sie meine Seele gesthlt haben.
So lege ich auch in Gott mein Vertrauen fr alles, was er mir vorbehalten
will.

Ich glaube mein knftiges Lebenswerk zu ahnen. Doch ich will aus dieser
Vorahnung keinen Schlu ziehen; denn ein jeder Knstler trug ein Werk in
sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat.

Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen, als er dem Tode nahe war,
und Beethoven hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um die Krze
der Zeit zu kmmern, die das Schicksal ihm brig lie.

Die Pflicht des Knstlers ist, seine Knospen aufblhen zu lassen, ohne den
Frost zu frchten, und vielleicht erlaubt es Gott, da mein Bemhen in die
Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und Proben meiner Arbeit zeigen,
obgleich sie sehr einheitlich sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes in
der Ausfhrung, das zu der wirklichen Hhe der Auffassung wenig pat. Wie
mir scheint, wird meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens sich voll
entfalten. Beten wir zu Gott, da er mich dahin gelangen lasse. . . .

Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein solches Vertrauen in Deinen Mut,
da diese Zuversicht in dieser Stunde mein grter Trost ist. Ich wei, da
meine Mutter zu der Freiheit der Seele gelangt ist, welche das Wirken des
Weltalls zu betrachten uns erlaubt. Ich wei aus eigener Erfahrung, wie
diese Weisheit nur Stckwerk ist, aber es heit schon Gott besitzen, wenn
man ihn ahnt.[*] Die Zuversicht, die mir Deine Seele und Deine Liebe
verleihen, erlaubt mir an die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es
auch sein mag.

Den 9. Dezember.

Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt mir P. L., da er gerne seine
Philosophen gegen ein Gewehr vertauschen wrde. Er hat sehr Unrecht. Einmal
ist Spinoza, der ihm zuwider ist, ein wertvoller Helfer in den
Schtzengrben, und dann mssen diejenigen, die in der Lage sind, jede
Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den Fortbestand des franzsischen
Geisteslebens sichern. Sie haben eine erdrckende Aufgabe, die viel mehr
Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von allem Zwang befreit. Ich
denke mir unser Leben wie das der ersten Mnche: eine harte, gleichmige,
von jeder ueren Obliegenheit freie Regel. . . .

Den 10. Dezember, in der wunderschnen Morgenstunde.

Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die liebliche Gabe eines
vershnten Wetters. Die entfesselte Sintflut unseres Aufenthaltes in der
Feuerlinie beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich schchtern.

[Funote *: Vergleiche Pascal in Le Mystre de Jsus: Trste Dich, Du
wrdest, mich nicht suchen wenn Du mich nicht schon gefunden hattest. (Der
bers.)]

Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage mu sich notwendigerweise ndern.

Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins Endlose zu verlngern
drohen, wird der Angriff des einen der beiden Gegner die Bewegung in Flu
bringen und die Ereignisse beschleunigen mssen. Ich glaube, da die
Kriegsleitung diese Wendung der Dinge ins Auge fat, und ich fr mein Teil
wage es kaum, Dir zu sagen, da ich mich ber nichts beklage, was die
Gelegenheiten, Erfahrungen zu sammeln, vermehrt.

Unser Leben, das zu einem Drittel plattbrgerlich ist, zu zwei Dritteln die
Gefahren einer chemischen Fabrik bietet, wrde schlielich jede Empfindung
abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern unsere Gewohnheiten aufgeben,
aber vielleicht waren wir eben zu sehr an eine gewisse Bequemlichkeit
gewhnt, die auf die Dauer unmglich wurde.

Was mich betrifft, wird meine Stellung sich vielleicht verndern. Ich werde
wahrscheinlich meinen gewohnten Gang[*] aufgeben mssen, da ich als
Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen stndigen Platz im
Schtzengraben und andere Verwendung in der Feuerlinie anweisen wird. Ich
hoffe, da Gott mich hierbei ebenso segnen wird wie bis jetzt.

[Funote *: S. Brief vom 10. November, 11 Uhr. (D. bers.)]

. . . . Ich fhle, da wir um nichts zu bitten brauchen. Wenn in uns etwas
Ewiges ist, was wir noch auf Erden bettigen sollen, so drfen wir sicher
sein, da Gott uns hier lassen wird, um es zu tun.

Den 10. Dezember, 2. Brief.

Glcklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem alles uns vereinigt, ohne
da ein geschriebenes Wort ntig wre. . . .

Der Himmel wird wieder grau und kndigt einen feuchten Aufenthalt fr
unsere zweiten und ersten Linien an.

Der Tag geht zur Neige und die groe Schwermut senkt sich auf alle Dinge.
Es ist die graue Stunde fr alle, die in der Ferne sind, fr alle
Soldatenherzen, die an das Heim zurckdenken und die Nacht ber die Erde
kommen sehen.

Ich gehe zu Dir und schon erwarmt mein Herz. Ich fhle Deine aufmerksame
Zrtlichkeit und die Weisheit, welche Deinen Mut beseelt. Manchmal scheue
ich mich, Dir immer dasselbe zu wiederholen; aber wie soll ich neue Worte
finden fr meine arme, durch immer dieselben Wechselflle hin und her
geworfene Liebe? Da wir bald von hier fortkommen, werden wir vielleicht
manche Andenken, die wir aufbewahrten, verlassen mssen; aber die Seele
darf sich nicht an Fetische festklammern. Unser Herz mag manchmal gewisse
Dinge benutzen, aber unsere Liebe kann ohne Amulett bestehen.

Den 12. Dez., 10 Uhr (Postkarte).

Lieblicher Tag im Regen. Alles steht gut in unsern Wldern. In der Nhe hat
es furchtbaren Kanonendonner auf beiden Seiten gegeben.

Deine Briefe vom 4. und 6. empfangen. Ich freue mich darber. Es ist das
wahre Glck meines Lebens. Ich bin froh, da Du C. . . . besucht hast. Ich
hoffe Dir ausfhrlicher zu schreiben. Nicht als ob es mir mehr als sonst an
der Zeit fehlte, aber ich durchlebe Tage, wo ich fr die Schnheit der
Dinge weniger empfnglich bin. Ich strebe der wahren Weisheit zu. . . .

Den 12. Dez., 7 Uhr nachmittags.

Trotz der wechselnden Schnheit der Sonne und des Regens war ich heute fr
das Schauspiel der Natur nicht empfnglich. Und doch war nie soviel Anmut
und Gte am Himmel.

Die Landschaft mit dem Brcklein und seinem Reiter, von der ich Dir
erzhlte, wurde von weicher Anmut unter der Pracht der Wolken durchdrungen.
Aber ich empfand nicht wie frher den Segen Gottes, als pltzlich ein
schner, so schner Baum zu meinem Herzen gesprochen hat. Er hat zu mir von
der stets lchelnden Schnheit, der Frische des Epheus, geredet, von der
herbstlichen Rte, von der winterlichen Schrfe der Zeichnung in den
Baumsten; da habe ich begriffen, da eine Stunde in solcher Betrachtung
das ganze Leben ist, dem Dasein seinen Wert verleiht, neben dem alles
menschliche Erwarten nichts ist als ein bser Traum.

Sonntag, den 13. Dezember.

. . . . Ich ging heute nach einer erquickenden Nacht in diesen Wldern
spazieren, wo vor nunmehr drei Monaten die Toten den Boden bedeckten, heute
breitete der Sptherbst seine Schtze aus und dieselbe Schnheit der
bemoosten Stmme redete zu mir, wie gestern, von ewiger heiterer Anmut.

Es bedarf allerdings einer ungeheuren aber unerllichen Selbstberwindung,
um zu begreifen, wie wenig die allgemeine Harmonie gestrt wird durch die
Ereignisse, deren Anblick unser Empfinden gewaltsam erschttern.

Man mu durch Erfahrung erkennen, da ein krperlicher Ri wenig bedeutet
und da unser wahres Ich in dem Aufschwung der Seele liegt.

Den 14. Dezember (bei herrlichem Wetter und wiedergewonnener
Seelenruhe).

Wir sind jetzt wieder in unserem Abschnitt der Feuerlinie, aber an einer
Stelle, wo man den Kopf heben und die Anmut meiner teuern Maashgel
genieen kann, die eine zarte Beleuchtung aufheitert.

Ich sehe ber den Drfern und den Obstgrten die Birken- und Tannenreihen.
Die einen frben ihr Baumskelett mit duftigem, weigedertem Violett, die
andern unterstreichen die Horizontlinie mit ihren satten Farben.

Ich wurde innerlich gestrkt durch die wunderbare Lehre, die mir whrend
eines Marsches ein schner Baum gegeben. Ach, liebe Mutter, alles an uns
kann untergehen, die Natur besteht darum nicht weniger herrlich und, was
sie mir in Augenblicken von ihren Gaben geschenkt, gengt, um ein ganzes
Leben zu rechtfertigen. Dieser Baum war wie ein Soldat!

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel die Wlder in dieser Gegend
gelitten haben: nicht sowohl durch Beschieung als durch das furchtbare,
fr den Bau von Unterstnden und unsere Heizung notwendige Abholzen. Und
doch mitten in dieser Verwstung erzhlte mir dieser Baum, da fr den Baum
und den Menschen Schnheit immer bestehen wird.

Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist schwerer in ihm zu entziffern,
ist aber schn, wenn man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend sieht,
deren Tatkraft durch die Ernte des Todes nicht vermindert wird.

Den 15. Dezember, in der Frhe.

      Teure geliebte Mutter!

Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten, in dem Du von unserm Heim
erzhlst. Ich bin glcklich zu fhlen, wie schn die Lebenskraft ist, die
rasch nach jeder Trennung, jedem Ri sich wieder einzurichten wei. Ich bin
glcklich zu fhlen, da meine Briefe in Deinem Herzen einen Wiederhall
finden. Oft frchtete ich Dich zu ermden; denn unser Leben, das in mancher
Hinsicht herrlich ist, ist das denkbar einfachste und bietet wenige
hervorstechende Ereignisse.

Wenn ich mein Malerhandwerk ausben knnte, htte ich die schnsten
Gelegenheiten zum Sehen vor mir und wrde ber den umfassendsten Vorrat an
malerischen Eindrcken, den es geben kann, verfgen. Wenn ich aber versuche
Himmel, Bume, Hgel und Horizont zu erzhlen, gebrauche ich die Worte
nicht so feinfhlig wie die Farben und die unendliche Mannigfaltigkeit der
Bilder beschrnkt sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen, die, wie
ich frchte, sich wiederholen . . . .

Den 15. Dezember.

. . . Man mu sich diesem eigentmlichen Dasein anpassen, das zugleich arm
an geistiger Ttigkeit und wunderbar reich an pltzlichen seelischen
Erregungen ist. Ich stelle mir vor, da in unruhigen Zeiten, vor
Jahrhunderten, Mnner, des berfeinerten Lebens berdrssig, im Frieden des
Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen und, wenn auch durch
die Drohung feindlicher Horden belstigt, dort eine Zufluchtssttte finden
mochten. Ich stelle mir vor, da unser Leben dem Leben dieser alten Mnche
gleicht, deren Dasein sehr kriegerisch war, die mehr als ich fr den Kampf
geeignet waren. Unter ihnen konnten empfngliche Seelen Freuden genieen,
die ich heute wiederfinde. -- Ich erhalte heute einen rhrenden Brief von
Frau M. . . ., deren Herzlichkeit ich liebe.

Wechselndes, doch ergreifend schnes Wetter.

Es ist unmglich, mehr als wir getan, ber die Haltung zu sagen, die wir
den Ereignissen gegenber einnehmen mssen. Worauf es ankommt, das ist die
Ausfhrung. Sie ist nicht leicht; ich habe es dieser Tage erfahren,
obgleich keine neue Schwierigkeit meinem Bemhen, die Weisheit zu
erreichen, in den Weg trat.

. . . Manchmal fat man eine gewisse innere Unruhe, die an einem nagt, als
die Stimme eines wachsamen Gewissens auf.

Den 16. Dezember.

Hier in unsern Unterstnden habe ich Dein kleines, leider arg zerknittertes
Skizzenbuch hervorgeholt und habe versucht, einige Linien des
Landschaftsbildes zu zeichnen. Die Klte lie mich aufhren und ich kehrte
unbefriedigt zurck; da hatte ich den Einfall einen Kameraden Modell stehen
zu lassen. Ich kann Dir nicht meine Freude schildern, als etwas dabei
herauskam! Ich glaube, da meine kleine Bleistiftzeichnung mir geglckt
ist. Sie ist in einem Briefe fort fr irgend einen Schatz. Es war mir ein
wahrer Genu zu fhlen, da ich meine Fhigkeiten nicht eingebt habe.

Den 17. Dezember in einem neuen Quartier.

. . . Gestern wurden wir von unsern Gewohnheiten herausgerissen, im
Augenblick, wo ich, nach drei Tagen vollkommener Ruhe, die Schtzengrben
erster Linie verlie. Man hat uns einen Standort angewiesen, wo wir den 6.
und 7. Oktober zugebracht hatten. Man sprt in der Luft, da Neues im Anzug
ist. Ich wei nicht was daraus wird; doch die heitere Ruhe des heutigen
Tages gilt mir als eine gute Vorbedeutung fr alles Kommende.

Es gab die letzten Tage wunderbare Anblicke, die ich jetzt besser inne
werde, als in jenen wenigen Tagen der Niedergeschlagenheit. Es kam daher,
da ich mich kleinlichen menschlichen Berechnungen hingegeben hatte.

Ich schreibe Dir an einem Fenster, von dem aus ich die Sonne untergehen
sehe. Du siehst, da es fr uns immer Gutes gibt.

3 Uhr nachmittags.

. . . . Ich schreibe an diesem Brief weiter in der Dmmerung eines
einzigartigen Winters; der Tag schlft ebenso friedlich ein wie er
erwachte. Ich sehe die Wscherinnen unter der Baumreihe, die sich an einem
Flu entlang zieht; der Friede ist berall, ich glaube selbst in den
Herzen. Die Nacht bricht herein. . . .

Den 19. Dezember, im Quartier.

Lieblicher Tag, der um den Tisch herum seinen Abschlu findet. Stille.
Zeichnen. Musik. Ich denke mit Ruhe an die Lnge der kommenden Tage, indem
ich sehe, wie rasch die vergangenen Tage verflogen sind. Die Hlfte dieses
Monates ist nun vorber, das Weihnachtsfest kommt, whrend des Krieges. Fr
mich heit es nur noch, mich unsern Lebensbedingungen wirklich anzupassen,
dann mit Hlfe unserer Gemeinschaft zu einer Annahme der Dinge zu gelangen,
die einer hhern Ordnung angehrt als die menschliche Tapferkeit.

Den 21. Dez., morgens frh.

      Teuerste Mutter!

Ich habe in meinen Briefen mit Offenheit von meinen Freuden gesprochen,
aber die Klippe des Glckes ist, da unsere arme menschliche Natur stets in
Angst ist, es zu verlieren, ohne zu erkennen, da erfahrungsgem die ewige
Ordnung immer ein neues Glck neben das alte Glck stellt.

Ich fr mein Teil brauche kein neues zu suchen. Ich mu versuchen, beide
Weisheiten zu vereinigen. Die eine, die menschlich ist, treibt mich dazu
an, fr mein Glck zu sorgen, die andere aber lehrt mich, da dieses
menschliche Glck eine gar zarte Blume ist.

Man knnte sagen: Genieen wir die Freuden des Lebens, die ein unerbittlich
strenges Gewissen ausgewhlt hat, aber erkennen wir, was sie alle
Vergngliches in sich haben.

Ja, die heilige Schrift enthlt die schnste und poetischste Philosophie.
Ich glaube, sie verdankt sie ihrem Zusammenhang mit den viel lteren
Philosophien. Bei Edouard Schur[*] ist manches anfechtbar, was man aber
behalten mu, ist seine Deutungsgabe, die ihn durch alle Lehren hindurch zu
der unendlich fernen Quelle der menschlichen Weisheit zurckgehen lt.

Weit Du, da die so rhrenden mythischen Bilder von einem guten Hirten
und der Mutter Gottes, welche in unsern Religionen so glckliche
Anwendung gefunden haben, alte Schpfungen der menschlichen Symbolik sind?
Die Griechen hatten sie von geistigen Vorfahren erhalten und bei ihnen hie
der gute Hirte Hermes Psychopompos, Hermes der Seelenfhrer. Ebenso ist die
Ahnfrau unserer Muttergottes, die groe Demeter, die Mutter, die ein Kind
auf ihren Armen trgt. Man fhlt, da alle Religionen, in dem Mae, wie sie
sich ablsten, die eine auf die andere immer denselben Schatz von Symbolen
bertragen haben, welche die ewig jugendliche, menschliche Poesie jedesmal
neu gestaltete.

[Funote *: E. Schur, Les grands initis.]

Den 23. Dez. (in der Dunkelheit).

Welche Ironie! Ich hatte gestern diesen Brief angefangen, den ich
unterbrechen mute. Das Wetter war herrlich, ist es brigens ungefhr
geblieben. Aber wir haben unsere Feuerlinie wieder bezogen. Diesmal halten
wir das Dorf selbst besetzt, -- die hbsche Corotlandschaft, wie vor zwei
Monaten. Aber die Stellung unseres Vorpostens befindet sich in einem Hause,
an dem man jede Ritze verschlieen mu, um seine Gegenwart dem Feinde zu
verbergen. So sind wir in einem Zimmer, in dem wir um neun Uhr morgens uns
der Illusion hingeben knnen, als feierten wir den heiligen
Weihnachtsabend.

Dein lieber Brief, den ich krzlich erhielt, hat mir viel Freude bereitet.
Es ist wahr, die Anmut und die gttliche Begeisterung sind zwei Ausdrcke
fr denselben Begriff.

Wenn Du einen Gang im Museum des groen Dichters Moreau[*] machst, wirst Du
ein Gemlde sehen, das Leben der Menschheit,[**] glaube ich benannt. Es
besteht aus neun Abschnitten, welche drei Reihen bilden, die heien: _das
goldene Zeitalter, das silberne Zeitalter, das eiserne Zeitalter_. Darber
ist ein Giebelfeld, von dem aus Christus diese Darstellung der Menschheit
beherrscht. Darin aber hat dieser groe Knstler dieselbe Vorstellung wie
Du: jede der drei Reihen trgt den Namen eines Helden, Adam, Orpheus, Kain
und jede von ihnen umfat drei Stunden. Die Stunden des goldenen Zeitalters
heien: _die Entzckung, das Gebet, der Schlaf_, whrend die Stunden des
_silbernen Zeitalters_ heien: _die Begeisterung, der Gesang, die Trnen_.

[Funote *: Das Muse Gustave Moreau in Paris, Rue La Rochefoucauld.]

[Funote **: S. L'Art de Notre Temps: Gustave Moreau par Lon Desbairs
(Abbildung s. 101, L'Age d'Airain) Paris. La Renaissance du Livre. (D.
bers.)]

Die _Entzckung_ ist auch die _Anmut_; denn das Gemlde stellt Adam und Eva
dar, in der Reinheit ihrer Seelen, inmitten einer herrlichen Bltenpracht
in die Betrachtung der Gottheit versenkt. Nichts auer einer harmonischen
Natur hilft ihnen in ihrem Anflug zu Gott.

Die _Begeisterung_, in seinem _silbernen Zeitalter_ ist wieder die_ Anmut_,
aber schon, durch menschliche Knstlichkeit gestrt. Der Dichter Orpheus
sieht immer noch Gott, aber die Muse steht ihm zur Seite, das Symbol der
menschlichen Kunst ist schon geschaffen; und die Offenbarung der Gottheit
im Menschen, der _Gesang_ ist von Trnen, dem Schmerze begleitet.

Den Kreislauf weiter verfolgend und die Entweihung des Menschen erreichend,
schildert Gustave Moreau das _eiserne Zeitalter_: Kain zur Arbeit und zum
Verbrechen verurteilt.

Dieses Werk erzhlt, da die gttliche Stunde greifbar, aber flchtig ist
und da sie der gewhnliche Zustand des Menschen nicht sein kann. Es
entschuldigt unsere Niederlagen. Die malerische Wiedergabe dieses Gedankens
ist zu buchmig, knnte mancher sagen; doch sie berhrt die Seele derer,
die durch die Eishlle hindurch lesen wollen, unter der in der menschlichen
Wiedergabe jeder Gedanke erstarrt. Freilich war ein Rembrandt der
vollkommene geniale Dichter und zugleich der reine Maler. Geben wir zu,
da unsere Zeit weniger Reichtum, eine seltenere Vielseitigkeit der
knstlerischen Begabung aufweist; erkennen wir aber zugleich die Schnheit
der Dichtung von Gustave Moreau an, deren Sinn Du in zwei Worten geahnt
hast.

         Dein Sohn.

Den 24. Dez., in der Frhe.

Unsern ersten Tag auf Vorposten haben wir in der lndlichen Ruhe einer
Landschaft verbracht, die den Schnee erwartete. Er ist im Laufe der Nacht
gekommen. In Hintergrten, dem Auge der Deutschen entzogen, habe ich mir
den Schnee angesehen, der die kleinsten Gegenstnde zeichnet und adelt.
Dann kehre ich zum Talglicht zurck und nun schreibe ich Dir auf dem
Tische, auf dem ein Nachbar Schokolade schabt. Das ist der Krieg.

Das Soldatenleben bietet lustige berraschungen. Wir muten in die
Feuerlinie kommen, damit zwei Unteroffiziere eine Badewanne finden und ein
Bad nehmen knnen. Ich fr mein Teil begngte mich mit der Hlse einer
75ger Granate als Wasserkrug.

. . . . Ich will nicht von Geduld sprechen, denn ein groer Vorrat von
Geduld kann vor dem uns bekannten X versagen. Ich sage Dir aber, da die
Zeit auerordentlich rasch vergeht.

Wir verleben kindliche Tage, brigens sind wir Kinder solchen Ereignissen
gegenber, und die Wohltat dieses Krieges wird sein, da er denen, die
zurckkehren, die Jugend des Herzens zurckgeben wird. . . .

Liebe Mutter, unser Dorf hat wieder den Besuch von zwei Granaten erhalten.
Werden sie in Begleitung kommen? Gott behte uns! Letzthin hatten sie uns
hundert und fnfzehn geschickt, um einen Mann am Handgelenk zu verwunden.
Ein Haus, in dem ein Halbzug unserer Kompagnie wohnt, steht in Flammen. Wir
sehen niemand sich regen. Wnschen wir, da fr unsere Kameraden alles gut
verluft.

Ich bin herzlich froh, diese paar Monate verlebt zu haben. Sie haben mich
gelehrt, was man aus dem Leben machen kann, in welcher Form es sich uns
auch zeigen mge.

Meine Kameraden sind wunderbar in ihren Offenbarungen franzsischer
Eigenart. . . . Sie scherzen, aber ihr Scherz ist die uere Hlle eines
herrlichen seelischen Mutes.

Mein groer Fehler als Knstler ist, die Seele meines Volkes stets mit
einem schnen, mit meinen eigenen Farben bemalten Gewande kleiden zu
wollen. Diese Menschen gehen mir manchmal auf die Nerven, wenn sie mein
schnes Kleid beschmutzen; in Wahrheit wrde es sie arg daran hindern, ihre
Pflicht zu erfllen, wie sie es tun.

Weihnachten in der Frhe.

Welche einzige Nacht! -- Nacht ohne Gleichen, in der die Schnheit siegte,
in der trotz ihrer blutigen Verirrungen, die Menschheit die Wahrheit ihres
Bewutseins bewiesen hat.

Wisse, da bei gelegentlichem Gewehrfeuer, ein Gesang ohne Unterbrechung
auf der ganzen Schtzenlinie sich erhob!

Uns gegenber sang eine wundervolle Tenorstimme das Weihnachtslied des
Feindes. Viel weiter zurck, hinter dem Hhenzug, dort wo unsere Linien
wieder anfangen, antwortete die Marseillaise. Die wundervolle Nacht
verschwendete ihre Sterne und Meteore. Hymnen, Hymnen berall.

Es war die ewige Sehnsucht nach Harmonie, der unbezwingliche Aufschrei nach
Ordnung in Schnheit und Eintracht.

Ich fr mein Teil habe meine Erinnerungen eingewiegt, indem ich die
kstlichen Melodien der _Kindheit Jesu_[*] wachrief. Die jugendliche
Schnheit, die Taufrische dieser franzsischen Musik rhrten mich. Ich
dachte an den berhmten _Schlaf der Wanderer_ und den Chor der Hirten. Ein
Satz, den die Jungfrau Maria singt: Der Herr hat fr meinen Sohn diese
Sttte gesegnet, lie mein Herz erzittern. Die Melodie sang in mir,
whrend ich in diesem Huschen sa, dessen Nachbar in Flammen steht und das
selbst einem recht kmmerlichen Schicksal geweiht ist.

Ich dachte an alle mir gewhrten Freuden, ich dachte, da vielleicht in
dieser Stunde Du fr mich um Segen flehst ber meine Zufluchtssttte. Der
Himmel war so schn, da er mir eine gnstige Antwort zu gewhren schien;
ich wnschte aber ganz besonders die Kraft zu besitzen, um eines
fortwhrend zu flehen, um Weisheit zu jeder Zeit, eine Weisheit, die zwar
menschlich ist, aber trotzdem vor jeder berraschung sicher ist.

Jetzt berflutet die herrliche Sonne die Ebene, und ich schreibe Dir beim
Kerzenlicht, von Zeit zu Zeit gehe ich aber und betrachte sie von den
Hintergrten aus. Alles ist licht, und die verlassene Ebene empfngt den
Frieden von oben.

[Funote *: L'Enfance du Christ, von Hector Berlioz.]

Ich gehe in unser Zimmer zurck, wo im Dmmerlicht die Kupferbeschlge der
wundervollen Betten der Maasgegend und das geschnitzte Holz der Schrnke
schimmern. Alles hat durch den schlechten Gebrauch, den die Soldaten davon
machen, gelitten, verschafft uns aber eine wirkliche Behaglichkeit. Wir
haben Bestecke gefunden, Tafelgeschirr und haben zwei Tage nacheinander
Schokolade in einer Suppenschssel bereitet. ppigkeit!

O liebe Mutter, wenn mir Gott die Freude der Rckkehr gewhrt, welche
Jugend hat mir diese auerordentliche Zeit wieder geschenkt! Wie ich meinem
lieben P. schrieb, fhre ich hier das Leben eines Kindes unter so
schlichten Menschen, da wenn auch sehr vereinfacht, meine Lebensart fr
meine Umgebung noch recht umstndlich ist.

Teuerste Mutter, dieser sehr lange Krieg entwickelt unsere Fhigkeit im
Dulden auszuharren; ich habe aber das Gefhl, da sich alles so
verwirklicht, wie es mir vorauszuahnen vergnnt war. Ich glaube, da diese
langen Zwischenzeiten der Unttigkeit das geistige Werkzeug in mir werden
ruhen lassen. Wenn ich das Glck habe, es wieder benutzen zu drfen, wird
es zwar einige Zeit brauchen, um sich wieder in Bewegung zu setzen, aber
welche neue Triebkraft wird es besitzen! Mein letztes Werk war reine
Gedankenarbeit und mein Ehrgeiz, den alles rechtfertigen kann, ist meinem
Gedanken mehr greifbare Form zu verleihen, je mehr er sich entwickeln wird.

Sonntag, den 27. Dezember, 9 Uhr. 5. Tag in der Schtzenlinie.

Es scheint, da die frchterliche Stellung, die wir am 14. Oktober mutig
behauptet haben und die unmittelbar darauf durch unsere Nachfolger verloren
ging, wieder genommen wurde, mehr als 200 Meter, aber um den Preis von 100
Mann, die kampfunfhig sind.

Liebe Mutter, der Mangel an Schlaf nimmt mir den Verstand. Man bedarf zwar
wenig davon fr den tglichen Gebrauch in diesem Dasein, aber ich htte
gerne mit Dir geplaudert. Mein Trost ist, da unsere gegenseitige Liebe
keinen Ausdruck braucht.

Weniges mitzuteilen. Ich bin arg abgestumpft durch den gestrigen Tag, den
ich ganz im Dunkeln zugebracht habe. Dabei sah ich noch von meinem Platz
aus einen hbschen Baum am Himmel.

Diesen Morgen sah ich in der lieblichen Dmmerung einen schnen
auerordentlich leuchtenden Stern. Ich hatte Kohlen und Wasser geholt und
auf dem Rckweg war dieser auerordentliche Stern immer noch sichtbar,
obgleich der Tag schon hell war. Mein Gefreiter, der mit mir von Strauch zu
Strauch unserm Hause zustrebte, sagte mir: Weit du, was das ist, dieser
Stern? Nun! es ist das Erkennungszeichen fr die feindlichen Patrouillen.
Es war so, und zunchst war ich ber die Entweihung des Himmels emprt;
dann aber, abgesehen von der sinnreichen Erfindung dieses Verfahrens, sagte
ich mir, da dieser Stern fr die armen Leute auf der andern Seite die
Richtung der Rettung bedeutete. Ich habe ihm weniger gezrnt. Er hatte mir
so viel Freude gemacht, da ich mich entschlo, bei meinem ersten Eindruck
zu verbleiben.

Den 30. Dezember.

Gestern abend empfing ich Deinen Weihnachtsbrief. Vielleicht hast Du zur
Stunde, wo ich Dir schreibe, den meinigen vom selben Tag erhalten. Damals
geno ich trotz der Gefahr die Schnheit der Landschaft, heute aber mu ich
Dir gestehen, da sie mir einigermaen vergiftet ist durch das, was man von
dem letzten Gemetzel erzhlt.

Den 26. hat man uns in unseren Kampfstellungen gelassen, die wir zu
gewhnlichen Zeiten nur nachts besetzen. Wir wurden an diesem Tage in
unserer rein defensiven Stellung bevorzugt, nur da wir der feindlichen
Beschieung ausgesetzt waren; aber zu unserer Rechten erhielt ein Regiment
unserer Division, das eine unserer schrecklichen Stellungen vom 14. Oktober
einnahm, einen furchtbaren Auftrag, dessen unglcklicher Ausgang mehrere
hundert Menschenleben gekostet hat. Hier in unserm groen Dorf, wo unsere
gute Wirtin, wie wir auch, die Opfer kannten, ist alles in Trauer.

Am selben Tage.

. . . . Nichts greift die Seele an. Die Angst mag freilich manchmal gro
sein, besonders die Vorahnung; aber die Fragen der Zukunft ordnen sich der
willigen Annahme des Gegenwrtigen unter. Das Wetter ist mild und die Natur
gleichgltig. Die Toten werden den Frhling nicht stren . . . .

Und wenn einmal die Schrecken des Augenblicks vorber sind, wenn man dann
sieht, welchen Platz die Erinnerungen an die Dahingeschwundenen einnimmt,
empfindet man ein fast ses Gefhl bei dem Gedanken an das, was _wirklich_
_besteht_. In diesen dstern Wldern erkennt man, wie nichtig die Grber-
und Leichenfeiern sind. Die Seele dieser armen braven Menschen braucht das
alles nicht. . . .

4 Uhr. -- Ich vollende das vierte Bild; ein Leutnant meiner Kompagnie.
Entzckt! Der Tag geht zur Neige. Ich sende Dir mein stets mutiges
Gedenken, Hoffnung und Weisheit.

Vom 3. Januar 1915.

. . . . Gestern, nach der ersten Befriedigung, die ich empfand, als ich
mich von den groben Arbeiten befreit sah, habe ich meine Stckchen Tressen
betrachtet und fhlte mich zunchst erniedrigt; denn statt der gewaltigen
an keinen Titel geknpften berlegenheit, die mich aus jeder militrischen
Bewertung ausschlo, war ich eine untere Nummer in der Rangordnung
geworden.

Aber sofort fhlte ich, da, so oft ich meine roten Tressen ansah, ich
meiner sozialen Pflicht mich erinnern msse, die mein Individualismus zu
oft vergit. Ich fhlte, da ich meine Seele auszubilden immer in der Lage
bin, von ihr nur eine unbedingtere Anspannung werde verlangen mssen.

Den 4. Januar (abgeschickt den 7. Januar) in einem Minengang

Ich schreibe Dir am Eingang eines unterirdischen Ganges, der unter die
feindliche Stellung fhrt. Mein kleiner Posten hat den Auftrag, fr die
Sicherheit der Pioniere des Geniekorps zu sorgen, die einen schon ein
Dutzend Meter vorgedrungenen Gang graben, mit Balken sttzen und festigen.
Um dorthin zu gelangen, stampfen wir im Schlamm bis zu den Schenkeln; aber
unsere acht Stunden Wache sind durch eine Erdschicht von mehreren Metern
geschtzt.

Ich habe sechs Posten, mit denen ich drei Tage lang ein Dasein von
Schlaflosigkeit und Entbehrungen teile. Das ist das Einweihungsfest meiner
neuen Stellung, aber ich bin froh, mich wieder ein wenig in den Prfungen
vergangener Tage zu sthlen. . . .

Es knnte brigens geschehen, da mir das Amt, das ich in Vertretung
versah, in einigen Tagen nunmehr wirklich bertragen wird. Scheuliches
Wetter: und um das Unglck voll zu machen, habe ich einen ganz neuen Schuh
verbrannt und bin, wie die andern brigens auch, in einem wahren Bad, aber
in vortrefflicher Gesundheit.

Teuerste, ich will etwas schlafen gehen.

Den 6. Januar, abends.

Teure Mutter, wir sind jetzt wieder im Quartier nach zweiundsiebzig Stunden
ohne Unterbrechung und Schlaf, in einem namenlosen Sirup von Regen und
Schlamm. Ich habe verschiedene Briefe von Dir erhalten. Liebe, teuerste
Mutter, der letzte ist vom ersten. Wie ich sie liebe! Doch um Dir von allem
erzhlen zu knnen, will ich zuerst ein wenig schlafen.

Den 7. Januar, gegen mittag.

Diesen abgebrochenen Brief vollende ich im Polizeiraum, von wo mein Halbzug
auf Wache zieht.

Das Wetter ist immer scheulich. Diese Verschiebung des ganzen Daseins ist
unerhrt. Wir sind im Wasser, die Wnde sind voll Schlamm, der Boden und
die Decke auch.

Den 9. Januar.

. . . . Mancher Trost fehlt mir in diesen Tagen wegen des Wetters. Dieser
entsetzliche Schlamm erlaubt nicht das Geringste zu schauen. Ich schliee,
indem ich innig unsere Liebe, den festen Glauben an eine Gerechtigkeit
anrufe, die hher ist als unsere menschliche.

Liebe Mutter, Sendungen brauche ich tatschlich nicht. Die Entbehrungen
sind augenblicklich anderer Art, doch immer Mut. Wenn man nur sicher wte,
da die seelische Anstrengung Frchte tragen wird!

Den 13. Januar, im Schtzengraben, in der Frhe.

Ich mchte, wenn Ihr an mich denkt, da Ihr das Bild von solchen Menschen
wachruft, die alles verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in der
Gesellschaft, von Leuten, welche die nchsten Verwandten nur noch in der
Erinnerung kannten, von denen sie sagten: Wir haben einen Bruder, der vor
langen Jahren sich von der Welt zurckgezogen hat, wir wissen nicht, was
aus ihm geworden ist. Dann werde ich das Gefhl haben, da auch Ihr jede
menschliche Form der Anhnglichkeit aufgegeben habt und werde mich frei
diesem Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen Beziehungen
verschlossen ist.

Ich beklage mich nicht ber meine neue Stellung, sie versenkt mich wieder
in Prfungen, aber mit mehr Erfahrung und einigen Verbesserungen. Ich will
also fortfahren, so vollstndig, wie es mir mglich ist, fr den Augenblick
selbst zu leben; und das wird mir leichter werden, wenn ich fhle, da Ihr
selbst Euch an den Gedanken gewhnt habt, da das Leben, welches ich
gegenwrtig fhre, nicht vorbergehend zu sein braucht.

Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich mich ber die _Revue
Hebdomadaire_ gefreut habe. Ich habe darin Auszge von Reden ber Lamartine
wiedergefunden, die mich entzckt haben. Die Umstnde fhrten ihn, den
Dichter, dazu, seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzurumen. Das
allgemeine Leben hat ihn umkreist und legte seiner groen Seele eine
unmittelbarere und strkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete.

Den 15. Januar, im neuen Quartier, 12 Uhr 30 mittags.

Wir haben keine Ahnung mehr von irgend einem Ausgang. Fr mich ist die
einzige Richtschnur mein Gewissen. Wir mssen unser Vertrauen in eine
unpersnliche, von jedem menschlichen Vermittler unabhngige Gerechtigkeit
setzen, in eine trotz aller ueren Schrecken ntzliche und harmonische
Bestimmung.

Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier.

Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittag eines seltsamen Januars,
wo der Schnee auf den Donner folgt?

Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten, besonders aber
eine berauschende Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von hohen
Hgeln beschtzten Park, dann ein Schlo oder vielmehr ein vornehmes
Landhaus. Wir wohnen in den Nebengebuden, aber ich brauche weder Tafelwerk
noch uerste Bequemlichkeit, um das Traumleben, das ich seit drei Tagen
fhre, zu vervollstndigen. Gestern erhielt unsere liebenswrdige
Gesellschaft den Besuch von Sngern. Wir waren sehr weit entfernt von der
Musik, die ich liebe; aber die sentimentale und volkstmliche Romanze
ersetzte die edle Kunst durch das Feuer der berzeugung bei dem Snger.
Dieser Arbeiter, der ehrbare, ja moralische Lieder sang -- eine etwas
unreine Moral, aber immerhin eine Moral -- legte soviel Seele hinein, da
der Klang seiner Stimme unsere Hauswirtinnen rhrte. Das ist das
volkstmliche Ideal, ein wesenloses, rein negatives Ideal, das aber
schmerzvolle Monate mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen.

Ich lese eben, da Charles Pguy am Anfang des Krieges gefallen ist.[*] Wie
viel Lcken hat der Tod in den Reihen der franzsischen Geisteswelt
gerissen! Was uns unfabar ist (was aber ganz natrlich ist), ist, da die
brgerliche Gesellschaft ihr gewohntes Leben weiterfhren kann, whrend wir
in diesem Unwetter sind. Ich sah in einem Cri de Paris, der hierher
getrieben wurde, Programme von Konzerten. Welcher Gegensatz! Nun, liebe
Mutter, die Hauptsache ist, da wir in einigen Stunden der Gnade Schnes
erkannt haben. Das Wetter ist entsetzlich, aber man fhlt das Kommen des
Frhlings. Nichts spricht augenblicklich von Hoffnung fr den Einzelnen,
sondern von fester Zuversicht fr die Allgemeinheit.

[Funote *: Den 21. September 1914 bei Villeroy, zwischen Meaux und
Dammartin, whrend der Schlacht an der Ourcq. (D. bers.)]

Den 19. Januar.

Seit gestern sind wir in unsern Stellungen zweiter Linie; wir sind hierher
gekommen bei herrlichem Schnee- und Frostwetter. Ein strmischer Himmel,
rosa und entzckend, schwebte ber einem traumhaften schneeweien Wald, die
Bume unten durchsichtig blau, oben braun in zarten Verstelungen, die Erde
wei.

Ich habe zwei Packete erhalten, in denen das _Rolandslied_ mir unendliche
Freude bereitet. Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt, spricht
gerade von dem Mahbhrata, das, wie es scheint, die Kmpfe der guten mit
den bsen Geistern erzhlt.

Ich freue mich ber Deine so lieben Briefe. Was die Leiden betrifft, die Du
vermutest, in Wirklichkeit sind sie sehr ertrglich.

Was man aber bekennen mu, brigens ohne Scham, ist, da wir ein
brgerliches Volk sind. Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen ohne
Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich ist dieses bequeme Dasein
harmonisch und der gewhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine
Vorbereitung auf die Gewaltttigkeit sein, eine Gewaltttigkeit, die
vielleicht heilsam ist, in deren Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte
Ordnung nicht aus den Augen verlieren drfen.

Die Ordnung fhrt zum ewigen Frieden. Die Gewaltttigkeit bringt das Leben
in Umlauf. Unsere Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber ohne die
Gewaltttigkeit, welche den Vorrat an verwendbarer Energie entfesselt,
wren wir geneigt, die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine
verfrhte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben wre und das Kommen
der letzten Ordnung nur hemmen wrde.

Unsere Qualen kommen nur von der Enttuschung, die uns diese Verzgerung
bereitet; aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach, um das Kommen
der wahren Ordnung zu erwarten. Auf alle Flle und trotz unserer Leiden,
wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewaltttigkeit sein. Es ist
ungefhr, wie wenn eine geschmolzene Masse zu schnell und in unrichtiger
Weise erkaltet; man mu einen neuen Gu vornehmen und die Masse nochmals
dem Feuer aussetzen. Das ist die Aufgabe der Gewaltttigkeit in der
menschlichen Entwicklung; aber diese ntzliche Gewaltttigkeit darf uns
nicht vergessen lassen, was unser sthetisches Brgerleben an dauerhafter
Ordnung in Frieden und Harmonie errungen hatte. Unsere Qualen kommen gerade
daher, da wir das nicht vergessen knnen.

Den 20. Januar, frh morgens.

Glaube nicht, da ich mir den Schlaf rauben lasse. In dieser Beziehung ist
unsere Hygiene sehr unregelmig; bald schlafen wir drei Tage und drei
Nchte, bald ist es umgekehrt.

Augenblicklich fngt die Natur wieder an, mir ihren Trost zu bringen. Die
frchterliche Regenzeit wird durch schne Kltetage unterbrochen. Wir leben
in einem schnen Frost- und Schneewetter, der harte Boden festigt unsere
Schritte.

Mein bescheidener Rang bringt mir die Mglichkeit ein, mich etwas
abzusondern. Ich habe nicht mehr meinen schnen nchtlichen Gang, aber am
Tag erlaubt mir die Befreiung von dem Arbeitsdienst die Schnheit der Dinge
zu genieen. Gestern unvergelicher Sonnenuntergang. Ein Himmel wie Schaum,
in dem zarte, farbige Streifen sich zerfasern; unten die kalte Blue des
Schnees.

Liebe Mutter, es war ein Heimwehabend. Diese Verse, die mir so vertraut
sind, klangen friedlich an mein Ohr:

   Mein Kind, meine Schwester,
   Denke, wie s es wre,
   Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben . . .
   In dem Lande, da Dir gleicht.

Ja, die _Aufforderung zur Reise_ von Baudelaire[*] zog durch den
entzckenden Himmel. Ach! ich war weit weg vom Kriege. Doch Rckschlag des
Irdischen; als ich zurckkam, wre ich beinahe um mein Mittagessen gekommen
. . .

Den 20. Januar, abends.

Stete Ergebenheit. Anpassung an das Leben, das nicht rastet und sich um
unsere kleinlichen Forderungen nicht kmmert.

Den 21. Januar.

Jetzt sind wir wieder in unseren Stellungen in erster Linie. Der Schnee
folgte uns nach, leider aber auch das Tauwetter. Zum Glck verlangt unsere
jetzige Stellung nicht den schrecklichen Aufenthalt im Wasser der
Schtzengrben.

Wer wird die Anmut der Bume im Winter schildern? Habe ich Dir gesagt, was
Anatole France darber im Mannequin d'Osier[**] schreibt? Er liebt ihr
feingegliedertes Skelett und ihre innerliche Schnheit, die der Winter
vollkommener offenbart. Auch ich liebe den wundervollen Kontrapunkt ihres
Gestes mit den tausendfach verschlungenen Linien auf dem Grundton des
Himmels.

[Funote *: Fleurs du Mal (Spleen et Idal LIV. L'Invitation au Voyage).]

[Funote **: Les arbres, pensa-t-il, prennent l'hiver une beaut intime
qu'ils n'ont pas dans la gloire du feuillage et des fleurs. Ils dcouvrent
la dlicatesse de leur structure. L'abondance de leur fin corail noir est
charmante; ce ne sont point des squelettes, c'est une multitude de jolis
petits membres o la vie sommeille. (Le Mannequin d'Osier, S. 77.)]

Von unserm Unterstand aus sehe ich unser Dorf; das Unglckliche zerfllt
und zerbrckelt immer mehr. Jeden Tag geben ihm die Granaten mehr den Rest.
Die Kirche ist auseinandergerissen, doch ihre zerstckelte Schnheit
verharrt trotz Allem. Das Dorf ist so hbsch zwischen seinen zwei zierlich
gezeichneten, kstlichen Hgeln versteckt!

Wir hatten viel Glck in zweiter Linie. Das Schneewetter war wirklich schn
und gndig. Gestern beschrieb ich Dir den Sonnenuntergang von neulich und
wie wir vorher in diese herrlichen Wlder gekommen sind . . .

Den 22. Januar.

. . . Ich habe Dir einige Verse geschickt; ich wei nicht was sie wert
sind, sie haben mich mit dem Leben vershnt. Dann war unser letztes
Quartier auch wirklich wundervoll reich an Gaben der Schnheit, ber
Gestein flieendes Gewsser . . . Weite und klare Wasserspiegel in
Parkhintergrnden, stehende Teiche, trumerische Alleen; das vermag die
rohe Gewalt nicht zu entweihen, heute Sonnenschein auf dem Schnee. Die
Schnheit des Schnees war tief erschtternd, wir hatten aber auch hliche
Tage gehabt; Tage, wo man nichts als unerfreulichen Schlamm sieht.

Es scheint, da wir nicht in unser hbsches Quartier zurckkehren werden.
Offenbar ist etwas in Vorbereitung; denn der regelmige Verlauf unseres
Winterlebens hat ein Ende genommen.

2 Uhr nachmittags.

Herrliches Wetter, Vorbote des Lenzes; wir knnen es ausnutzen, da unser
jetziger Standort erlaubt, die Nase herauszustecken.

Ich kann Dir heute nur schlecht schreiben, Dir nur den Ausdruck meiner
Liebe schicken. Dieser Krieg ist lang und ich kann nicht einmal von Geduld
sprechen. Meine einzige Freude ist, da ich Dir oft, whrend fnf ein halb
Monaten, sagen konnte, da nicht alles hlich war.

Den 23. Januar.

                                -- --- --

. . . Ich fr mein Teil habe keine Wnsche mehr. Wenn die Prfungen
wirklich hart werden, begnge ich mich damit, recht unglcklich zu sein,
ohne etwas anderes ins Auge zu fassen.

Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu denken, zu trumen, und meine
teure Vergangenheit erscheint mir mit derselben fernen Poesie, die in
glcklichen Zeiten meine Trumereien fremden Lndern zufhrte. Eine
liebgewonnene Strae, gewisse oft besuchte Gegenden tauchen pltzlich auf,
wie frher gewisse Melodien, gewisse Verse pltzlich traumhafte Inseln,
Mrchenlnder in mir erstehen lieen. Jetzt braucht es keine Verse oder
Melodien; die Lebendigkeit unserer lieben Erinnerungen gengt.

Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ein neues Leben aussehen
knnte; ich habe nur die Zuversicht, da wir Lebendiges schaffen.

Fr wen, fr wann? darauf kommt es nicht an. Was ich wei, was in meinem
tiefsten Innern feststeht, ist, da die Saat franzsischen Denkens aufgehen
wird und das Geistesleben unseres Volkes unter den tiefen Wunden, die ihm
geschlagen sind, nicht leiden wird.

Wer sagt uns, da der Bauernbursche, der Kamerad des gefallenen Denkers,
nicht der Erbe seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte uns diese
herrliche Erleuchtung einzugeben. Der Sohn des Bauern, der einen jungen
Gelehrten, einen jungen Knstler hat fallen sehen, wird vielleicht das
unterbrochene Werk wieder aufnehmen; er wird vielleicht das Glied in der
Kette der einen Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist das wahre
Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu mssen, Fackeltrger zu sein. Fr das
spielende Kind ist es schn, die Fahne zu tragen; dem Manne mu es gengen
zu wissen, da die Fahne getragen wird, trotz Allem! Darin bestrkt mich
jeder Augenblick der erhabenen Natur. Jede Minute beruhigt mein Herz; die
Natur macht Fahnen aus dem ersten Besten. Sie sind schner als diejenigen,
an die unsere kleinen Gewohnheiten sich anklammern. Fahnen der
Wissenschaft, Fahnen der Kunst, welche Flocke in der Luft kme euch nicht
gleich? Und immer wird es Augen geben, um die Lehren des Himmels und der
Erde aufzunehmen.

Den 26. Januar.

Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern abend erreicht. Du darfst es mir
nicht bel nehmen, wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom 13., das
fehlt, was ich mich doch stets bemht habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich
zu bedenken, was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft, empfinden mu,
in dem Augenblick, wo das Leben fr ihn eine Zeit fortwhrender Blte sein
mte, wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen Boden verpflanzt,
auf dem ihm fast alles seiner gewohnten Nahrung fehlt.

Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem ersten Ri das Leben ihn nicht
verlassen hat, bemht er sich aus den drftigen Sften seiner neuen Lage zu
schpfen. Die Anstrengung ist gro und verlangt mitunter eine Anspannung
aller Krfte, die fr Erinnerungen und Hoffnungen keinen Raum lt. Es ist
ein fortwhrendes Streben nach Anpassung und ich erreiche sie, auer in den
Stunden der rasch unterdrckten Emprung, wo die Gedanken, die Handlungen
meines vergangenen Lebens, sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen
htte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreienden
Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwrtigen Augenblick zu ertrnken.

Ich dachte an die schlimmen Stunden, die auch Ihr habt, und die Vernunft
war es, die mich Euch zu einer sehr unpersnlichen Auffassung unseres
Verhltnisses ermuntern lie. Ich wei, wie stark und auf diese Auffassung
vorbereitet Du bist. Doch Du hast recht, nehmen wir den Schmerz nicht
vorweg. Aber manchmal unterscheidet man nicht mehr deutlich wirklichen
Schmerz, der uns qult, von jenem, der kommen knnte.

Merket wohl, _da ich alle Hoffnung_ habe und da ich auf einen Sieg der
Gnade zhle; aber vor allem bestrebt ein Knstler zu sein, bemhe ich mich
so viel Schnheit wie mglich zu gewinnen und so schnell wie mglich, da
ich die Frist, die uns vergnnt ist, nicht kenne.

Den 27. Januar, nachmittags.

Nach zwei -- wegen des Mangels an Stroh -- schlechten Nchten im Quartier
ist die dritte durch unsern pltzlichen Abmarsch in unsere Stellung zweiter
Linie unterbrochen worden. Dort habe ich endlich schlafen knnen.

Herrliches Wetter, Frost und Sonne.

Die weite Natur beginnt mich wieder zu umfangen und ihre jetzt mchtigere
Stimme strkt mich. -- Aber, Teuerste, was fr ein Ri im Leben! Seit
meiner Befrderung habe ich soeben Augenblicke erlebt, die in weniger
frchterlicher Form an die Anfnge des Septembers erinnern, mit viel
Schnem dazu. Ich nehme dieses neue Leben an; aber kein Ausblick in die
Zukunft! . . . . .

Den 28. Januar, in der Morgensonne.

Das eiskalte strahlende Wetter hat das wundervolle an sich, da es in
seinem weiten, klaren Himmel eine Pforte fr die Poesie offen lt. Was ich
Dir ber dieses schne Schneewetter sagen konnte, das kam aus einem durch
die siegreiche Schnheit gestrkten Herzen.

Ich habe mit Freuden in den Zeitschriften, die Du mir geschickt hast, die
Abhandlungen ber Molire, ber das englische Parlament, ber Martainville,
ber die religisen Fragen im Jahre 1830 gelesen. . . . .

Habe ich Dir gesagt, da ich durch die Zeitungen den Tod von Hillemacher[*]
erfahren habe. Dieser liebenswrdige Kamerad ist im Verlauf dieses
schrecklichen Krieges gefallen.

[Funote *: Bewerber um den Rompreis der Ecole des Beaux-Arts im vorigen
Jahre.]

Den 1. Februar.

Teuerste Mutter, ich habe Deine lieben Briefe vom 26. und 27. erhalten: sie
geben mir neues Leben, wahrhaftig. Bis jetzt ist unsere Stellung erster
Linie -- diesmal in einem Dorfe -- durch eine vllige Ruhe begnstigt
worden, und ich habe wieder die beglckenden Stunden gekannt, wo die Natur
mich trstete. Meine Stellung hat das Besondere, da die Dienstarbeiten,
die ich verrichte, jetzt durch die Gefhle der Verpflichtung dem Ganzen
gegenber nicht mehr durch die gefhllose Bestimmung der Dienstordnung
befohlen sind.

Den 2. Februar.

Liebe Mutter, ich schreibe an diesem Briefe im Quartier weiter, whrend die
auerordentliche Inanspruchnahme durch die sich hufenden Dienstarbeiten
die leeren Stunden fllt, welche die Schwermut trben mchte. Ich komme in
die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein
scheint, whrend alles in meinem Leben die reiche Flle des Weltalls mir
bezeugte. Die Hingabe nicht an Einzelne, sondern an das gesellschaftliche
Ideal brderlicher Zusammengehrigkeit, die ist es, die mich noch aufrecht
hlt. Ach, welch herrliches Vorbild geben uns Christus und die Armen!
Dieser Gerechte, ein Aristokrat, hat durch den herben Ernst seiner
Lebensaufgabe das Grenzenlose der Pflicht der Nchstenliebe bewiesen und
vor allem gelehrt, da man dafr keinen Dank verlangen soll . . . Ich
verdanke meinem Verkehr mit den Dingen und den Menschen die Beruhigung, da
ich nichts vom Nchsten erwarte. So nimmt die Pflicht eine abstrakte, von
menschlichen Rcksichten befreite Form an, die das Grliche dieser Lage
verhllt.

Heute ein unerhrt schner Sonnenaufgang! Wieder ein Frhling, der naht
. . . Ich will Dir unsere drei Tage in der Feuerlinie erzhlen.

Schnee und Frost. Wir sind die Abhnge herunter, die zu unserer Stellung im
Dorfe fhren. In diesem Augenblicke war die Nacht so schn, da die
Soldaten davon gerhrt waren. Ich werde Dir nie die feinen und doch
bestimmten Linien dieser Landschaft schildern knnen. Wie liee sich diese
zarte, wie mit dem Grabstichel ausgefhrte Zeichnung deutlich machen, die
sich mit den traumhaften Nebeln verbindet, ber denen der Mond schwebt?
Whrend drei Tagen fhrte mich mein Nachtdienst in diese keusche Schnheit,
in diese Weie hinein.

Dunkle Verstelung der Bume, zart wie Goldschmiedearbeit. Und trotz der
Einfarbigkeit, Halbtne, rotbraune und blaue Halbtne.

Es gibt Stunden von solcher Schnheit, da der nicht sterben sollte, der
sie umfngt.

Ich war weit vor den ersten Linien und niemals fhlte ich mich geschtzter.
Diesen Morgen, auf dem Rckweg, Sonnenaufgang, rosa und grn, auf dem rosa
und blauen Schnee; freie Aussicht auf ein Mosaik von Wldern und
schneebedeckten Feldern; in der Ferne Hintergrnde, in denen die Silbertne
der Maas ersterben. O Schnheit, allem zum Trotz!

Den 2. Februar.

Nach endlos traurigen Tagen, pltzliche und flchtige Ausblicke
philosophischen Gleichmutes. Pflicht, herbe, doch strkende Trsterin.
Unerhrte Schnheit mancher Landschaftsbilder.

Den 3. Februar.

      Teure geliebte Mutter,

Soeben empfange ich im Quartier Deinen Brief vom 29. Namenloser Tag, ohne
greifbare Gestalt, Tag, in dem trotzdem der Frhling geheimnisvoll zu
quellen anfngt. Warme Luft in der Verlngerung der Tage; pltzliches
Erschlaffen, wie ein Vergehen in der Natur. Ach! wie s wre dieser
Schauer der Dinge losgelst von diesem Sklavenleben; doch hier lt die
Erschlaffung, die gewhnlich den Frhling begleitet, die Last nur schwerer
empfinden. Liebe Mutter, wie glcklich bin ich, die Teilnahme aller in der
Ferne zu verspren. Ach! es gibt doch noch zarte Regungen.

Ich bin ber die Zeitschriften entzckt, in denen ich in einem herrlichen
Artikel ber Louis Veuillot[*] diesen Satz mir merkte: O mein Gott, nimm
von mir die Verzweiflung und la mir den Schmerz! Ja wir drfen die
fruchtbare Lehre des Schmerzes nicht verkennen und, wenn ich aus diesem
Kriege zurckkomme, werde ich eine ohne Zweifel bereicherte und veredelte
Seele zurckbringen.

So habe ich denn mit Freuden Vortrge ber Moliere gelesen und in seinem
Leben wie anderswo die Einsamkeit erkannt, in der die erhabenen Seelen
umherirren. Aber ich verdanke meinen alten Herzenswunden, da ich nie mehr
durch die Schuld anderer leiden werde. Geliebte Mutter, morgen schreibe ich
Dir besser.

Den 4. Februar.

Gestern abend, als ich in meine Scheune zurckkehrte. Trunkenheit,
Streitereien, Geschrei, Singen und Geheul. So ist das Leben! . . . Heute
morgen aber, da mir das Erwachen nur diese Erinnerung zufhrte, bin ich vor
der Zeit aufgestanden und habe meinen Freund den Mond wieder getroffen, die
groe Nacht, die verflog und die Morgenrte, die sich meiner erbarmte! Der
gesegnete Frhlingstag vergoldet Alles und teilt seine Versprechungen und
Hoffnungen aus. -- Teuerste, ich denke ber den Titel nach, den Tolstoi
gewhlt hat: _Krieg und Frieden_. Frher glaubte ich, er wolle den
Gegensatz zwischen diesen zwei Zustnden wachrufen; heute aber frage ich
mich, ob er nicht diese zwei Gegenstze in dem Gefhl ihrer Nichtigkeit
vereinigt hat, ob nicht die Menschheit, sei es im Krieg oder im Frieden,
ihm in gleichem Mae zur Last war. Wir mssen freilich dem Bemhen gut zu
sein treu bleiben; aber unwillkrlich fassen wir diese Mahnung hnlich wie
jene Maueranschlge auf: Schonet die Tiere. -- Wie wird inmitten der
tglichen Arbeit die Selbstprfung hart!

[Funote *: Der bekannte katholische Schriftsteller (1813--1883). (D.
bers.)]

Den 5. Februar.

Schlaflose Nacht. Abscheuliche Rckkehr in die Scheune. Derartiger
Hllenlrm, da die Gefreiten Klage fhren muten. Strafen.

Am Morgen, Marsch, und zur Erholung in dieser Nacht, Arbeit.

      Teure, geliebte Mutter,

Den 6. Februar.

Nach der schlaflosen,[*] vielmehr weinroten Nacht im Quartier muten wir
eine ganze Nacht Dienstarbeit leisten. Daher schlief ich bis zum
Augenblick, wo ich Dir schreibe. Der Schlaf und die Nacht sind die zwei
Zufluchtssttten, wo das Leben noch einen Reiz bietet.

[Funote *: Wortspiel nuit blanche, rouge vinass.]

Liebe Mutter, ich durchlebe wieder die herrliche Legende von Sarpedon und
diese kstliche Blte der griechischen Mythologie ist mir noch ein Trost.
Lies diese Episode der Ilias in meiner schnen bersetzung von Lecomte de
l'Isle und Du wirst sehen, da Zeus dem Schicksal gegenber Worte
ausspricht, in denen das Gefhl des Unendlichen und Gttlichen so herrlich
erstrahlt wie in der christlichen Passion. Er leidet und sein vterliches
Herz kmpft lange; dann ergibt er sich in den Tod seines Sohnes. Aber
Hypnos und Thanatos werden ausgesandt, um den geliebten Leichnam zu
empfangen.[*]

Hypnos, der Schlaf. Da es soweit mit mir gekommen ist, dem jede Stunde des
Tages eine Lust war, den jeder Augenblick ttiger Arbeit von Stolz erbeben
lie. Ich berrasche mich selbst bei dem Wunsche, weit weg von den mich
umgebenden Strmen zu fliehen.

Aber der schne hellenische Optimismus erstrahlt immer noch auf den Schalen
des Louvre. Die beiden Genien geben Sarpedon die Unsterblichkeit nach
seinem krperlichen Tode und wahrlich, Schlaf und Tod steigern und
erweitern unsere menschliche Beschrnktheit ins Unendliche.

Thanatos: ein Geheimnis, dessen Grauen wir dem Miverstndnis verdanken,
welches der Genu des Augenblickes uns im allgemeinen zu beseitigen
verhindert. Aber lies die feierlichen, friedlichen und ewigen Stze
Maeterlincks in seinem Buche ber den Tod und sieh, wie sie harmonisch
zusammenklingen mit unserer seelischen Erregung ber die frchterliche
Tragdie.

[Funote *: Ilias XVI. Gesang. -- (D. bers. )]

Den 7. Februar.

      Teuerste vielgeliebte Mutter,

Gestern Deinen herrlichen Brief vom 1. erhalten. Frchte Dich nicht das zu
schicken, was Du fr Plaudereien halten knntest. Deine Liebe, die
Gleichheit unserer Herzen zeigen sich deutlich in Deinen Briefen. Das ist
das einzige, was fr mich gilt. brigens bringen sie mir tausend andere
Dinge von Bedeutung, Lebensfragen.

Wir verleben Stunden erdrckender Arbeit, vor der mich meine Stellung
einigermaen sichert. Aber fr die Mannschaften gibt es Reihen von fnf
schlaflosen Nchten, von hnlichen Reihen gefolgt.

Den 9. Februar.

Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten nahe, wieder einmal den
Augenblick der Trstung erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht
noch einmal. Ich hatte das Glck, zum wachhabenden Gefreiten in einer
reizenden Gegend ernannt zu werden, wo ich Hchstkommandierender bin.
Entzckendes Frhlingswetter. Was soll ich Dir von dieser Landschaft
erzhlen, deren mchtigen Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? Die
Stunden und Jahreszeiten folgen aufeinander mit einer solchen Sicherheit --
unabwendbar -- einer solchen erhabenen Ruhe des Ganzen, da derjenige, der
ihr Kommen erspht, das Ungeheure der Urkraft ahnt.

Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den Frhling oder eine andere
Jahreszeit zu schauen, nie war es mir aber vergnnt, jeden ihrer
Augenblicke zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch ohne Hilfe irgend
einer Wissenschaft eine zwar unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung
eines Unbedingten!

Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter, erklrte, da er unter
seinem Seziermesser Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses
Miverstndnis in einer so hochstehenden Seele verletzend! Was braucht man
ein Seziermesser, wenn das Entzcken und der Schauer unserer Sinne gengen,
um uns die ewige, alle Entwicklung bestimmende Ordnung begreifen zu lassen.
Der Dichter sieht die Jahreszeiten wie groe Schiffe kommen, deren Rckkehr
er vorausberechnet. Mitunter verzgert sie der Sturm, bald aber kommen sie
trotzdem an und bringen die Dfte unbekannter Lnder mit. Eine
wiederkehrende Jahreszeit scheint wonnige Gefhle mit sich zu fhren, die
sie auf langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter, knnten wir doch
noch einmal die Einsamkeit erleben! O Einsamkeit fr die, die ihrer wrdig
sind! Wie wird sie mitunter entweiht!

Den 11. Februar.

. . . Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung und das Vorrecht unserer
Generation, Zeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen
frchterlichen Preis mssen wir es erkaufen . . . Dennoch: ewiger Glaube,
der alles beherrscht! Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche
Geduld bersteigende Ordnung.

Den 11. Februar, 2. Tag in der vordersten Stellung.

In diesen Augenblicken mu man in einer auerhalb des Menschlichen
liegenden Opferfreudigkeit seine Zuflucht suchen; denn es ist unmglich,
ber den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen. Gebt alles
menschliche Hoffen auf. Sucht etwas anderes, vielleicht habt Ihr es
gefunden. Ich fr mein Teil fhle mich nicht wrdig, etwas anderes zu sein
als eine Erinnerung.

Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen zu pflcken. Behaltet sie zum
Andenken an mich.

5 Uhr nachmittags. Trotz Allem Mut, Mut trotz Allem.

Den 13. Februar, 4. Tag in der vordersten Stellung.

Teuerste, nach der trnenreichen Emprung, die mich whrend dieser ganzen
Zeit erschttert hat, vermag ich wieder zu sagen: Dein Wille geschehe.

Und in dem Mae und der Ausdehnung meiner Fhigkeiten mchte ich derjenige
sein, der an der Mglichkeit seines Mitwirkens am Ausbau des Tempels nicht
verzweifelt.

Ich mchte der Arbeiter sein, der wei, da sein Gerst ohne Hoffnung auf
Rettung zusammenbrechen wird und der doch rastlos an dem Schmucke der
Kathedrale weiter meielt. An dem Schmuck. Denn niemals werde ich groe
Steinblcke in die Hhe ziehen knnen. Es gibt brigens Handlanger dafr.
Ja, es gelingt mir noch, die innere Ruhe wiederzufinden.

Jene gleichmige Ruhe, die ich erflehte, habe ich zwar nicht; aber
manchmal erschaue ich den Schein jenes ruhigen Lichtes, in dem Alles,
selbst unsere Liebe, in neuer Gestalt erscheint und verklrt.

Ich bin am Fu eines steilen Hgels, dessen Linien die Natur harmonisch
gezeichnet hatte. Der Mensch hetzt den Menschen und bald werden sie auf
einander strzen. Unterdessen schwingt sich dort die Lerche auf.

Whrend ich Dir schreibe, erfllt mich allmhlich eine seltsame heitere
Ruhe, etwas auerordentlich Trstendes, sei es menschliche Zuversicht, oder
eine hhere Offenbarung. Um mich herum schlft man.

Den 14. Februar, 5. Tag in der vordersten Stellung.

Um mich herum regt sich alles, wir brigens auch. Je mehr das Unabweisbare
eine Form annimmt, lebt die Ruhe wieder in mir auf. Meine teure Landschaft
wird durch die scheulichen Vorbereitungen geschndet: die Stille wird
durch die einleitende Beschieung zerrissen; dem Menschen gelingt es, fr
einen Augenblick jede Schnheit zu verhllen. Ich glaube, da sie doch eine
Zufluchtssttte finden wird. Seit vierundzwanzig Stunden fasse ich mich
allmhlich wieder.

Teure Mutter, meine Sehnsucht nach meinem Elfenbeinturm ist strafbar; was
man, nur zu oft, fr einen Elfenbeinturm hlt, ist ganz einfach der Kse
der Ratte, die Einsiedler wurde.[*]

Mchte doch eine bessere Einsicht mich dazu fhren, da ich die Wohltat der
Erschtterung erkenne, die mich aus einer zu bequemen Freisttte
herausgerissen hat, und danken wir dem Verhngnis, das whrend einiger
seltenen aber unvergelichen Stunden aus mir einen Mann gemacht hat . . .

Nein, ich fhre keine Klage wegen dieser toten Jugend. Sie hat mich ber
verschiedene Abhnge zu den Hhen gefhrt, wo manchmal die Nebel der
Erkenntnis zerreien.

[Funote *: Tour d'ivoire, von Sainte-Beuve auf A. de Vignys Weltflucht
angewandter Ausdruck. -- Vergl. La Fontaine. Fables VII, 3. Le rat qui
s'est retir du monde. (Der bers.)]

Den 16. Februar.

Ich habe soeben in den letzten Tagen Stunden erlebt, welche die groen,
allgemeinen, jetzt sichtbarer gewordenen Fragen zu entscheidenden
Schicksalsfragen fr mich machten. Wir sind fnf Tage lang in der
Feuerlinie gehalten worden und wurden in einen sehr harten, durch den
frchterlichen Schlamm noch erschwerten Dienst gezwungen. In dem Mae als
der Aufenthalt dauerte und ich den Kampf gegen die schreckliche Traurigkeit
meiner Seele fortsetzte, fhlten wir, wie die Lage sich verschrfte und die
Vorbereitungen sich huften.

Endlich teilte man uns mit, da der Augenblick gekommen, das heit, da der
Befehl zum Angriff gegeben sei. Wir hatten nur noch einen oder zwei Tage
vor uns. Da habe ich Dir zwei Briefe geschrieben, den 13. und 14. glaube
ich, und wirklich, whrend ich schrieb, fhlte ich in mir ein solches
Vollgefhl, eine solche Seligkeit, da sich daraus nur die Tatschlichkeit
des Guten und des Schnen folgern lie. Die Beschieung unserer Stellung
war uerst heftig, aber nichts, was vom Menschen kommt, kann so oder
anders jenes ersticken, was die Natur zur Seele spricht.

In der Nacht vom 14. zum 15. besetzten wir die Schtzengrben, welche die
Maschinengewehre bestrichen. Die Erschpfung der Mannschaften war derart,
da der Angriff von einem andern Bataillon ausgefhrt werden sollte. Wir
warteten also im nchtlichen Wasser und in der Klte, als pltzlich die
Nachricht sich verbreitete, da wir abgelst wrden. Aus welchem Grunde?
Ein Geheimnis. Kurz, da sind wir wieder in dem Dorfe, wo die Mannschaften
ihr armes Herz im Wein ertrnken. Arm bin ich wieder in diesem Haufen
. . .

Liebe Mutter, wenn es etwas Unbedingtes in dem Gebiet des menschlichen
Gefhls gibt, so ist es der Schmerz. Bis jetzt hatte ich nur in einer
angenehmen Bedingtheit verschiedener Empfindungen gelebt, zwischen denen
der Wert des Lebens, seine wesentliche Bedeutung verschwanden. Jetzt fhle
ich, was das Leben ist. Es ist das Werkzeug, welches den Weg der Seele dem
Unbedingten zu ausrodet. Aber ich habe weniger in dieser Zeit des Wartens
gelitten als durch gewisse Berhrungen.

Den 16. Februar, 9 Uhr abends.

      Teuerste, geliebte Mutter,

Ich war bei Tisch, als man uns mitteilte, da wir um Mitternacht aufbrechen
sollten. Ich war gewi, da es so kommen wrde und die Gegenbefehle, die
den Angriff verzgert haben, hatten die Folge, uns einen Tagesmarsch von
vierzig Kilometern machen zu lassen, der zu den Anstrengungen der
Feuerlinie hinzukam. Als wir unsern Abschnitt in der Kampflinie verlieen,
sah ich so viel Artillerie ankommen, da ich wohl dachte, es gebe keine
Ruhe mehr.

Hier aber erlangt man die Ruhe der Seele wieder. Man friert unter einem
sternenhellen Himmel.

Den 19. Februar. Postkarte, mitten in der Schlacht geschrieben.

Ein Wort nur. Wir sind in den Hnden Gottes. Niemals, niemals haben wir
mehr vertrauensvolle Weisheit gebraucht.

Der Tod wtet, aber er beherrscht uns nicht. Das Leben bleibt schn. Tote
oder verwundete Freunde gestern und vorgestern. Teuerste, die Post wird
wahrscheinlich groe Versptung haben . . .

Den 22. Februar.

Wir sind im Quartier nach der groen Schlacht. Diesmal habe ich alles
gesehen. Ich habe meine Pflicht erfllt und die Teilnahme aller hat es mir
bewiesen. Aber die Besten sind gefallen. Grausame Verluste. Heroisches
Regiment. Ziel erreicht. Werde besser schreiben.

Den 22. Februar, erster Tag im Quartier.

Teure, vielgeliebte Mutter, ich will Dir die Gte Gottes und das Entsetzen
auf Erden erzhlen.

Die Seelenlast, welche ich seit ein und ein halb Monaten mit mir schleppte,
war der qualvolle Gedanke an das, was uns in diesen letzten zwanzig Tagen
erwartete.

Wir sind den 17. auf den Kampfplatz gekommen; die umgebende Landschaft
hatte keinen Reiz mehr fr mich; ich war ganz in der Erwartung des
Ereignisses.

Um drei Uhr wurde der Sturm entfesselt: Sprengen von sieben Minengngen
unter den Schtzengrben des Feindes; es war wie ein fernes Donnern.

Dann machten die fnfhundert Geschtze einen Hllenlrm, whrend dessen wir
losgestrmt sind . . .

Die Nacht brach an, als wir uns in den eroberten Stellungen festsetzten.
Die ganze Nacht war ich ttig, um fr die Sicherheit unserer Truppen, die
bis dahin wenig gelitten hatten, Vorkehrungen zu treffen. Ich mute weite
nchtliche Strecken zurcklegen, auf denen ich die Toten und Verwundeten
beider Parteien antraf. Mein Herz neigte sich ber alle, ich hatte aber nur
Worte fr ihren Jammer.

Morgens wurden wir mit ernstlichen Verlusten bis zu unseren frheren
Stellungen zurckgetrieben; aber am Abend haben wir wieder angefangen: wir
haben von unseren eroberten Stellungen wieder Alles zurckgewonnen und auch
hierbei habe ich meine Pflicht getan.

Ich bin vorgedrungen und habe den Sbel eines Offiziers, der sich ergab, in
Empfang genommen; dann habe ich die zu besetzenden Stellungen befestigt.
Der Hauptmann hat mich bei sich behalten und ich habe ihm den Plan unserer
Stellung entworfen. Er teilte mir mit, da er entschlossen sei, mich im
Armeebefehl nennen zu lassen,[*] als er vor meinen Augen fiel.

Dann habe ich whrend der dreitgigen frchterlichen Beschieung auch den
Dienst der Versorgung mit Patronen eingerichtet und aufrechterhalten, wobei
ich fnf Mann verloren habe. Unsere Verluste sind entsetzlich, die des
Feindes noch schlimmer. Du kannst Dir nicht vorstellen, geliebte Mutter,
was der Mensch dem Menschen anzutun vermag. Seit fnf Tagen sind meine
Schuhe von Menschengehirn fettig, zertrete ich Leichen, stoe auf
Eingeweide. Die Soldaten verzehren ihr kmmerliches Essen an Leichname
angelehnt. Das Regiment hat sich heldenhaft benommen, wir haben keine
Offiziere mehr. Alle sind als tapfere Soldaten gefallen. Zwei gute Freunde,
von denen der eine fr eines meiner letzten Portrts ein liebenswrdiges
Modell war, sind tot. Das war eine meiner frchterlichsten nchtlichen
Begegnungen. Weier, herrlicher Leichnam im Mondschein: ich habe in seiner
Nhe ausgeruht. Schnheit der Natur, die wieder in mir erwachte . . .

Endlich nach fnf Tagen des Entsetzens, die uns zwlfhundert Opfer gekostet
haben, sind wir aus diesem Ort der Greuel zurckgezogen worden.

[Funote *: Citation  l'ordre de l'arme.]

Das Regiment ist im Armeebefehl genannt.

Liebe Mutter, wer wird das Unerhrte der Dinge, die ich gesehen habe,
erzhlen, wer wird aber von den sicheren Wahrheiten reden, die ein solcher
Sturm entdecken lt?

Pflichterfllung, Selbstberwindung.

Den 23. Februar.

      Teuerste, geliebte Mutter,

Zweiter Tag im Quartier, dann gehen wir wieder morgen an die Front.
Teuerste, ich kann Dir jetzt nicht schreiben. Nhern wir uns dem, was
unsterblich ist und halten wir uns Beide an das, was Pflicht ist. Ich wei,
da Euer Gedanke stets dem meinigen zueilt, und ich richte mein Auge nach
dem, was in Weisheit unser Glck ist.

Seien wir mutig, ich unter allen diesen jugendlichen Toten, Du in der
Erwartung. Aber Gott ist ber uns.

Den 26. Februar, whrend eines herrlichen Nachmittags.

Liebe Mutter, jetzt sind wir wieder auf dem Schlachtfeld. Wir haben die
Hhen bestiegen, auf denen es sich eher geziemen wrde die Herrlichkeit
Gottes zu betrachten, als die Greuel der Menschen zu verdammen. Die
Leichen, die anfangs zahllos waren, verschwinden allmhlich und seltene,
erdfarbene Unglckliche erregen von Zeit zu Zeit eine peinliche Begegnung.

Die Verluste sind das, was man in den Tagesberichten ernste nennt.

Ich kann Dir wenigstens sagen, da unsere Soldaten durch ihre heldenhafte
Ergebung Bewunderung erregen. Alle beklagen diesen schndlichen Krieg, aber
die meisten haben die Empfindung, da die Annahme einer schrecklichen
Pflicht das Einzige ist, was in diesem Augenblick die frchterliche
Notwendigkeit Mensch zu sein rechtfertigen kann.

Liebe Mutter, ich kann nicht zu Ende schreiben.

Jetzt schlft die Ebene in Malven- und Rosatnen ein. Wie ist es mglich,
da es Greuel gibt in dem Mae!

Den 28. Februar, im Quartier.

Teure geliebte Mutter und geliebte teure Gromutter, ich schreibe Euch,
indem ich kaum aus den furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und
soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave Dor die Khnheit hatte
durch den Text der gttlichen Komdie hindurch zu erschauen, ist in
Erfllung gegangen in den mannigfaltigsten Formen, welche die Wirklichkeit
aufhufen kann.

Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat es ist, uns unempfindsam zu
machen, habe ich genieen knnen, was unsere Qualen Nutzbringendes hatten.

Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungen zurck, aus denen man die
ekelhaftesten Spuren zu entfernen bereits angefangen hatte, hie und da
blieben nur noch menschliche Krperteile zurck, welche sich bereits der
Farbe der Erde anglichen, zu der sie zurckkehrten.

Das Wetter war schn und frisch, und die Hhe, die wir erobert hatten,
versetzte uns mitten in den Himmel hinein: die endlosen Flchen waren ein
einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne, unten die Rte der
Feuersbrnste; die schreckliche Beschieung, mit der die Deutschen uns
berschtten, verschwendete dieses Feuerwerk.

Ich lag in einer Erdhhle, von der aus ich dem Monde folgte, und ersphte
den Morgen. Mitunter lie eine Granate Erde auf mich rollen und betubte
mich, dann sank die Stille wieder auf die gefrorene Erde nieder. Ich habe
sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von
Gott erfllt war. Ich glaube versucht zu haben, mich vollkommen den
militrischen Forderungen anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben
habe, bin ich zum Sergeanten und fr die Nennung im Armeebefehl
vorgeschlagen worden. Aber, meine teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu
lang ist dieser Krieg fr Leute, die zweifellos eine Aufgabe zu erfllen
hatten! Was Du mir von den Sympathien sagst, die ich in Paris zurcklasse,
freut mich; doch wird man mich nicht von hier zurcknehmen fr eine bessere
Verwendung? Warum bin ich so aufgeopfert, whrend soviele, die mir nicht
gleichkommen, geschont werden? Und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu
tun . . . Nun, da Gott diesen Kelch nicht von mir abwenden will, so
geschehe sein Wille!

Den 3. Mrz, im Quartier.

Heute vierter Ruhetag, fr mich fast Ferien. Etwas trbe Ferien, die an
gewisse Aufenthalte in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen
vergehen, der krperlichen und seelischen Ermdung abzuhelfen und gewisse
allzu leere Zeitrume auszufllen. Aber schlielich doch Ferien, eine Rast
vielmehr, die mir erlaubt die Eindrcke, deren Gewalt mein Inneres in
Verwirrung bringt, einigermaen zu ordnen.

Ich bin vor Allem durch den Lrm der Granaten betubt. Bedenke, da allein
von franzsischer Seite vierzigtausend uns ber die Kpfe flogen, und von
deutscher Seite ungefhr ebensoviele, mit dem Unterschiede, da die
deutschen mitten unter uns platzten. Ich fr meinen Teil wurde auf einmal
von drei 305 mm Granaten begraben, ganz abgesehen von zahllosen
Schrappnells, die in der nchsten Nhe platzten. Du kannst Dir denken, da
dadurch meine Denkkraft stark erschttert ist. Endlich lese ich wieder. Ich
habe soeben in einer Zeitschrift eine Besprechung von drei neuen Romanen
gelesen und das hat zum groen Teil die Sorgen der Feuerlinie in mir
gemildert.

Ich habe einen entzckenden Brief von Andr erhalten, der mein Nachbar sein
mu. Er denkt wie ich ber unsere schreckliche Kriegsliteratur . . . . . .
Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten hat, ist vielleicht die
musikalische Improvisation. So hrte ich whrend dieser ganzen Nacht die
schnsten Symphonien mit vollstndiger Orchesterbegleitung, und wisse, da
diese Musik ihr Bestes der groen deutschen Musik verdankte.

. . . Nach einem solchen Sturm kann ich mich nur dem angenehmen Gefhl
hingeben eben noch am Leben zu sein in der flchtigen Mrzsonne . . .

Den 5. Mrz, 6. Tag im Quartier.

Ich htte in mir die auerordentliche Feinfhligkeit aus der Zeit vor
diesen Prfungen wiederfinden mgen, um Dir die Farben und Erscheinungen
des Dramas zu schildern, das wir eben durchlebt haben. Augenblicklich bin
ich noch in einem an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung, der
aber das Bild der Dinge in mir und meine Ausblicke in die Zukunft
einigermaen verdunkelt. Ich kann mich nur bemhen, mich an die Erkenntnis
des Ewigen und Dauernden zu halten und vielleicht wird mir das gelingen.

Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwsteten Feldern eine so
schne, so edle, so abschlieende Lehre, da ich mit Dir die herrlichen, in
diesen vergangenen Tagen offenbarten Wahrheiten fhlen mchte.

Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie herrlich vollzieht sich die
Rckkehr in den mtterlichen Scho, wenn man damit die menschliche
Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern noch konnte ich glauben,
da diese armen verlassenen Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in
V. . . . dem Begrbnis eines Offiziers beigewohnt habe, finde ich, da die
Natur viel mehr Mitleid zeigt als die Menschen . . .

Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den natrlichen Dingen nahe. Er ist
aufrichtig schauerlich und will nicht ber die allgemeine Gewaltttigkeit
hinwegtuschen. Ich bin mehrmals an Toten vorbeigegangen, deren
allmhliches Verscharren ich beobachten konnte, und dieses neue Leben war
trstlicher als der kalte und starre Anblick der stdtischen Grber. Wir
haben von unserem Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung, eine
Grozgigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den berlebenden
die Stdte grlich und unnatrlich werden erscheinen lassen.

Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge, die ich prachtvoll
empfunden hatte . . . La uns in den Frieden des Frhlings und in die
Pracht des gegenwrtigen Augenblicks flchten.

Den 7. Mrz, 10 1/2 Uhr.

      Teure vielgeliebte Mutter,

Ich schmcke die Unttigkeit dieses Vormittags aus. Ich geniee die klaren
Gewsser der Maas, welche die Anmut der Tler und Grten beleben. Die
Spiele des Wassers auf dem Untergrunde von Pflanzen und Steinen bieten
meiner Mdigkeit ein beruhigendes Schauspiel und erzhlen das friedliche
Dasein dieses ansehnlichen von den Hauts de Meuse beschtzten Fleckens.

Die Kirche ist vollgestopft von Soldaten, die wie ich selbst die
unerschtterliche Anschauung eines Ideals haben, aber eine uerliche und
weniger unmittelbare Offenbarung desselben verlangen . . .

Ich begebe mich fr etwa vierzehn Tage in Kost in jenes Haus, in dem vor
bald zwei Monaten unsere ausgelassene Bande ihre Sitzungen hielt. Heute sah
ich diese braven Leute weinen, als sie von den Toten und Verwundeten
hrten. Ich habe vor dem Abmarsch Deinen Schlafsack erhalten, der
vortrefflich ist. Ich bin sehr durch rheumatische Schmerzen geplagt, die
mir seit zwei Monaten manche Nacht im Quartier verderben.

Liebe teure Mutter, Ruhe im Kasernenlrm, der jetzt unser Leben sein wird.
Da es hier nur Unteroffiziere gibt, sind wir Alle zu Dienstarbeiten
verpflichtet und ich werde wieder die Bekanntschaft des Besens und der
Lasten machen, brigens hat man uns das vorhergesagt: wir sollen harte
Arbeit mit unsern Hnden verrichten, damit wir andern befehlen knnen.

Den 7. Mrz, zweiter Brief.

Mildes Wetter nach dem Regen. Glockengelute in den Abend hinein; die
flieenden Gewsser singen unter den Brcken und die Bume schlafen ein.

Den 11. Mrz.

      Teure geliebte Mutter,

Ich habe Dir nichts von meinem mit krperlicher Arbeit ausgefllten Leben
zu erzhlen. Kaum wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht eine
Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen. Ich habe eben einen
schnen Aufsatz von Renan ber den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand ihn
in einer Revue des deux Mondes vom Mrz 1886. Wenn ich etwas davon behalten
kann, so wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht zusammenhanglosen
Kenntnisse ber diese Fragen zu bringen.

Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem Nervenfieber erholte. Was mir
Freude macht, sind die Gewsser. Die flieenden und stehenden Gewsser der
Maas. Die Quellen spielen ber den Grsern und Steinen. Die Teiche ruhen
unter den groen Bumen aus. Wasserflle und Bche. Auf den
steilabfallenden Abhngen nimmt der Schnee einen trumerischen Glanz an.
Ich lebe in allen diesen Bildern, ohne ihnen eine bestimmte Form zu geben.
Ich schme mich etwas, so stumpfsinnig zu sein, glaube aber, da es Allen
so ergehen wird, jedesmal, wenn man sich von der Hlle der Feuerlinie
entfernt. Ich esse und schlafe, wenn mein grlicher Hexenschu es mir
erlauben will.

Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber stehe. Ich bin wie meines
innern Haltes beraubt. Nun meinetwegen . . .

5 Uhr Nachmittags.

Ich komme ziemlich mde von der bung zurck, die herrliche Luft der Maas
erhlt mich aber immer gesund.

Liebe Mutter, ich mchte wieder mit aller Kraft dem Schnen und Edlen
zustreben. Ich mchte immer in mir die Begeisterung verspren, die mich den
Schtzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich ist mein Denken schwer
wie Blei . . .

Den 14. Mrz, morgens, im sonntglichen Frieden.

Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich Deine lieben erfrischenden
Briefe, nach Tagen der Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den
tatschlich groen Genu erkauft habe, hier ausruhen zu drfen. Der hbsche
Flecken erwacht in den Nebeln der Maas; der Bach eilt ber die
abgewaschenen Steine dahin. Alles hat die feine mavolle zierliche Art, die
das Merkmal der Gegend ist . . .

. . . Ich lese etwas, bin aber durch die krperliche Anstrengung, zu der
man uns anhlt, derart ermdet, da ich fast sofort einschlafe. Man lt
uns eine Unzahl Schtzengrben herstellen.

Liebe Mutter, um auf die auerordentlichen Ereignisse der letzten
Februartage zurckzukommen, so mu ich Dir wiederholen, da ich daran wie
an ein wissenschaftliches Experiment zurckdenke. Ich hatte meine
Vorstellung von der Gewalt in eine theoretische Formel gebracht und hatte
ihre Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber vergnnt gewesen, ihre
praktische Wirkung nur in unendlich abgeschwchten Fllen zu beobachten.

Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt einen Umfang an, vor dem meine
Aufnahmefhigkeit in vollem Mae sich bettigen mute . . . Nun, es war
interessant, und ich mu Dir gestehen, da ich in diesem Augenblick niemals
von einer kalt und objektiv beobachtenden Haltung ablie. Was ich
persnliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfnglichkeit des Auges, die
mich befhigte, gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende
Wirkung sich unmittelbar in ebenso knstlerischer Weise zusammenfgte,
wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen habe ich
in diesen Augenblicken, nie die Absicht aufgegeben zu sehen, wie es
gemacht ist.

Ich bin sehr froh festzustellen, da die Mordlust keine Macht ber mich
gewonnen hat. Und ich wnsche, da es auch so bleiben mge. Leider hat
diese Berhrung mit der deutschen Rasse fr immer meiner guten Meinung von
ihr geschadet. Allerdings kann ich es nicht ber mich bringen, in mir eine
gewisse Rhrung und ein menschliches Empfinden zu unterdrcken, die
unangebracht sind, wenn sie, wie bei diesem Anla, mich zum Opfer eines
arglistigen Feindes machen, aber ich gelange dazu zu dulden, was ich frher
als die Schande und Verneinung des Lebens betrachtet htte.

Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen. In der Schlacht ist er
frchterlich, und nachher groherzig; da ist ein Ausspruch, ein gar
vollklingender Gemeinplatz, auf dem unsere grten Schriftsteller, wie das
bescheidenste unserer Schulkinder herumgetreten sind; weiland mein
dekadenter Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck beim Anblick,
welchen die franzsische Seele gewhrt.

Den 14. Mrz 1915.

      An Madame de L. . .,

Meine Mutter hat mir die Prfung erzhlt, die Sie soeben wieder betroffen
hat; wahrlich, das Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne Ihre
Strke und wei, da Sie nur zu sehr an den Schmerz gewhnt sind; wie sehr
aber htte ich gewnscht, da dieser Ihnen erspart sein mge! Meine Mutter
sagte mir, da man ohne Nachrichten von dem Obersten B . . . sei, und sie
war unruhig . . . Wir haben eine einzige Besorgnis, den Schmerz unserer
Angehrigen. In dem Anblick des Soldaten, der fllt, ist eine groe, ewige
Lehre enthalten, die uns panzert und wir mchten sehen, da auch die, die
uns teuer sind, aus ihr Nutzen ziehen. Seien Sie versichert, da das
Beispiel des Obersten herrliche Frchte tragen wird. Ich kenne aus eigener
Erfahrung den Heroismus, der den Soldaten verklrt, dessen Fhrer gefallen
ist.

Fr mich waren diese Tage reich an tragischen Ereignissen. Ich habe
gewaltsame Stunden erlebt, whrend welcher ich mich bemht habe, meine
Pflicht zu tun. Ich habe alle meine Vorgesetzten fallen sehen, die Reihen
in meinem Regimente wurden gelichtet. Fr den, der in dem Feuerschlunde
ist, gibt es kein menschliches Hoffen mehr. Ich gebe mich Gott hin und
bitte ihn nur, mich in einem Seelen- und Herzenszustand zu erhalten, der
mir erlaubt in seiner Schpfung Alles zu genieen, was der Mensch nicht zu
verunstalten und zu verdunkeln vermochte.

Alles andere ist auer Verhltnis zu den Ereignissen.

Den 15. Mrz (Karte).

Teure geliebte Mutter, ich denke Du weit jetzt, welche Gnade mir zu Teil
wurde, als ich zu meinem Zuge mich begab. Was mir auch Gott in Zukunft
vorbehalten mag, diese Rast hat mir erlaubt, mich wieder zu fassen, mich
selbst wiederzufinden und mich auf die Annahme von Allem vorzubereiten. Ich
sende Dir meine Liebe und den Ausdruck unserer innigen Vereinigung dem
Geschick gegenber.

Den 17. Mrz.

Lieblicher Morgen. Weie Sonne, die sich in Nebel hllt, Bume in scharfem
Umri auf den Hhen, die weite Ausdehnung im Licht. Bevorzugte Tage.
Neulich, da ich eine alte Nummer der Revue des deux Mondes von 1880 las,
trat ich in einen schnen Aufsatz ein wie in einen lichten Palast mit
prchtigen Gewlben, reich geschmckten Wnden. Er handelte von gypten und
war George Perrot gezeichnet.

Gestern verlie mein Bataillon in Eile sein Quartier. Ich mu zu meiner
Ausbildung als Sergeant zurckbleiben. Wie bin ich fr diese brigens
beschwerliche Wartezeit dankbar, die mich das wiederfinden lt, woran ich
am meisten halte, einen hellen Geist und ein fr die Natur offenes Herz.

Ich verga Dir zu erzhlen, da ich damals whrend des Sturmes am Abend die
Kraniche zurckkommen sah. Eine kurze Ruhepause erlaubte mir ihren Schrei
zu hren. Wie lange ist es schon her, da ich sie fortziehen sah! Ich
erinnere mich ihres Wegfluges am Beginn des Winters und dann wurde es noch
trostloser. Diesmal waren sie fr mich wie die Taube der Arche, nicht als
ob ich mir die noch bleibende Gefahr verhehlte; aber diese Boten der Luft
brachten mir die sichtbarere Zuversicht in die Ruhe des Weltalls, gegenber
unserer eigenen Aufregung. Gestern waren es die Wildgnse, die ihren Flug
gegen Norden nahmen. Sie bildeten am Himmel verschiedene Flugstellungen,
und zeichneten regelmig Figuren; sie verschwanden am Horizont wie ein
flatterndes Band.

Ich wei das Urteil von Herrn C. auerordentlich zu wrdigen. Ich hatte von
jeher schriftstellerische Neigungen, schon als Kind, und bedaure, da die
abgebrochene Bildung, die ich mir selbst gegeben habe, soviele Lcken
aufweist; aber durch alle Wechselflle hindurch bewahre ich die Fhigkeit
rechts und links die gefallenen hren zu lesen. Da ich nichts von der
Zukunft vorweggenieen mchte, rede ich natrlich nicht von dem Wunsche
Herrn E. in besseren Zeiten vorgestellt zu werden, das gehrt nicht in
unser Fach, augenblicklich.

Ich habe Frau L. . . geschrieben. Das ist fr sie der letzte Schlag.
Gewissen Lebensschicksalen ist es beschieden, die Medaille zu sein, in die
alle Zeichen des Schmerzes sich einprgen. Das Unglck hat sie derart
bearbeitet, da sie nichts mehr haben, worauf eine Freude sich einzeichnen
knnte.

Ich denke mir aber, da eine so ausschlieliche Einstellung eines Lebens
auf den Schmerz einen geheimnisvollen Ausgleich findet im Gefhl, da man
alles Unglck ausgeschpft habe. Es heit viel, wenn man die Grenze des
menschlichen Elends bezeichnet. Solche Schicksale erscheinen wie
Schildwachen, welche die Andern gegen die Schlge eines feindlichen
Geschicks beschtzen . . .

Jeden Tag sehe ich ein neues Kreuz in dem kleinen Soldatenkirchhof. Und
ber Allem der siegreiche Frhling . . .

Den 20. Mrz.

Unsere Ferien gehen ruhig ihrem Ende zu, whrend unweit Lrm und
Blutvergieen herrschen. Ich glaube das Regiment hat sich wieder gut
gehalten.

Den 20. Mrz.

      Teure geliebte Mutter,

Nach soviel Gnadenbeweisen sollte ich mehr Vertrauen zeigen und will mich
bemhen, mich Gott hinzugeben, aber die Zeiten sind hart. Ich erfahre unter
vielen andern, den Tod eines Freundes mit dem ich im Quartier ein Bett
teilte. Er war vor kurzem zum Unterleutnant ernannt worden.

Liebe Mutter, Liebe. Das ist das einzige menschliche Gefhl, das man noch
bewahren darf.

Den 21. Mrz.

Liebe Gromutter, da die Zeiten der Prfungen nahen, will ich Dir all meine
Liebe senden, mehr kann ich nicht tun. Die Lage erfordert wahrscheinlich
Opfer, vor denen wir nicht mehr an das denken drfen, was uns festhielt.

Lat uns darum beten, da der feste Glaube an das Schne und Gute mitten
unter den Schmerzen uns nicht verlasse.

Den 21. Mrz, Sonntag, bei der schnsten Sonne.

      Teure geliebte Mutter,

Ich glaube, es ist die Rede davon, uns noch einen Tag zu behalten, so da
wir erst Dienstag abmarschieren wrden. Ich wei nicht, wo ich mein
Bataillon wiederfinden werde und in welchem Zustande, denn der Kampf
scheint auerordentlich hart zu sein und zieht sich hin. Die Nachrichten
sind sehr widerspruchsvoll, was die Gewinne betrifft. Was die Zahl der
Opfer betrifft, stimmen alle darin berein, da sie sehr bedeutend ist. Wir
hren sehr starken Kanonendonner und das schne Wetter wird wohl die
Kriegsleitung auf beiden Seiten dazu bewegen, die Entscheidung zu
beschleunigen.

Ich htte Dir gern manches erzhlt von der schnen Landschaft, die mich mit
ihrer Herrlichkeit umgibt, aber wahrhaftig, meine Gedanken sind dort, wo
die Sonne die Menschen nicht zu ihrer Anbetung vereinigt, sondern nur den
Ha beleuchtet, wo die Nacht nur Angst und Verrat mit sich bringt. Neulich
in der herrlichen Ausdehnung dieser Landschaft, die sich dem Frhling
darbot, dachte ich an die Freude, die ich empfand, ein Mensch zu sein. Und
nun ein Mensch sein . . .

Unser benachbartes Regiment, das von R. L. . ., ist mit Kompagnien, die nur
vierzig Mann zhlten, zurckgekommen.

Ich wage nicht mehr von Hoffnung zu sprechen . . . was man als Gnade
erflehen kann, ist, Alles Schne, was der Augenblick bieten kann,
ausschpfen zu drfen.

Das ist eine neue Art sich auszuleben, an die die Literatur bis jetzt
nicht gedacht hatte.

Liebe Gromutter, wie hat mich Deine zrtliche Liebe in diesen Prfungen
gestrkt!

Den 22. Mrz.

Glhende Sonne, vor der man sich staunend sagt, da man im Krieg steht. Der
Frhling ist sieghaft eingezogen. Er hat die Menschen mitten im Hasse,
mitten in der schmachvollen Beleidigung der Schpfung berrascht.
Glcklicherweise verschweigen die Tagesberichte, das was vergnglich ist.

Da ich mich jetzt fr einundzwanzig volle Tage weit hinter der Front
befinde, habe ich Mhe mich wieder an das grauenhafte Bild dort zu
gewhnen. Aber ich wei, liebe Mutter, da mein Leben und Deines nur ein
Ziel hatten und da wir, selbst in der letzten Zeit, uns bemht haben uns
demselben zu nhern. So wird unser Leben vielleicht nicht zwecklos gewesen
sein. Das ist heute der einzige Trost fr eine ehrgeizige Seele, da sie
vorausahnt, in welcher Richtung ihr Wirken einen Wiederhall finden wird.

Ich glaube, da, wenn es mir vergnnt gewesen wre, lnger zu leben, ich
nie mein Streben unterbrochen htte. Da ich aber keine andere Gewiheit
habe als die der gegenwrtigen Stunde, habe ich versucht, das Beste meines
Selbst darauf zu verwenden.

Den 25. Mrz.

      Teure geliebte Mutter,

Jetzt fhre ich wieder mein Hhlendasein. Ich habe den Platz
wiedergefunden, den ich im vergangenen Monat verlassen hatte. Whrend
meiner Abwesenheit ist nichts geschehen: ein furchtbarer Angriff ist
unsererseits unternommen worden, hat aber zu keiner Entscheidung gefhrt.
Man hatte Regimenter angreifen lassen, die weder unsern Schneid noch unsere
schne Haltung unter dem Feuer haben. Sie konnten sich nur zusammenhauen
lassen und uns die abscheulichste Beschieung zuziehen, die man sich
vorstellen kann. Wie es scheint war der frhere Kampf nichts im Vergleich
zu diesem. Meine Kompagnie hatte schwere Verluste infolge von Lufttorpedos.
Es sind Geschosse von einem Meter Hhe und 27 Zentimeter Umfang, die eine
uerst steile Flugbahn zurcklegen und senkrecht einfallen, was ihnen
ermglicht, in die engsten Hhlungen hineinzuplatzen. Deswegen leben wir
mehrere Meter unter der Erde. Mildes Wetter. Wir gehen Nachts aus, um die
Dienstarbeiten zu verrichten.

Teure, ich htte Dir gerne einen Haufen Dinge erzhlt, die manche
glckliche Stunden betreffen; aber ich habe es Dir schon geschrieben,
manche davon darf man durch Worte nicht wachrufen. Die plumpe menschliche
Freude wrde sie erschrecken und ihnen feindlich sein. Sie wrden noch
rascher verschwinden. -- Ich nehme meinen Brief nach einem Schlfchen
wieder auf. Wir schlafen so viel wir knnen in unsern Erdhhlen. Ich hatte
einen Haufen Gedanken gehabt, welche die Mdigkeit mir nicht erlaubt
auszudrcken; ich erinnere mich aber, da ich Beethoven wachrief. Ich habe
gerade sein Alter, als er vom Schmerz betroffen wurde, und ich dachte an
das herrliche Vorbild solcher Seelenstrke, die trotz aller Hindernisse
sich bettigt. Das Hemmnis mute ihm ebenso endgltig erscheinen als uns
heute das unsrige. Aber er war Sieger. Fr mich war Beethoven die
herrlichste menschliche Offenbarung der schpferischen Kraft.

Ich schreibe schlecht, denn ich schlafe noch . . .

Wie war mir alles erleichtert und durch Freundlichkeit gemildert whrend
des Rckmarsches! Ich verlie unser Schlo allein und, als ich vor einer
Artillerie-Batterie vorbeikam, wurde ich von Seiten der Unteroffiziere in
der brderlichsten Weise gastfreundlich aufgenommen, brigens liebt die
Artillerie die Xer, die sie beschtzen und berhaupt flen wir ein
lebhaftes Mitleid den Leuten ein, die nicht einmal dem Regen ausgesetzt
sind.

Ich breche kurz ab und liebe Dich wegen Deines Mutes, der mich aufrecht
hlt. Was auch geschehen mag, ich habe die innere Freude wiedergefunden.
Schon die Nacht der Ankunft war ja so schn!

Den 26. Mrz.

      Teure geliebte Mutter,

Nichts neues auf unserer Anhhe, die man weiter in Verteidigungszustand
setzt. Eine interessante Arbeit, die freilich Schwierigkeiten bietet. Das
schne Wetter erleichtert unsere Arbeit. Von Zeit zu Zeit trifft die Hacke
einen armen Toten, den der Krieg bis in die Erde hinein qult.

Den 28. Mrz, auf den Hhen: graues Wetter an einem durch die gestrige
Beschieung gestrten Sonntag.

Nun sind wir wieder mitten im Kriege. Ein frchterlicher Angriff
unsererseits hat soeben das Gemetzel der vergangenen Woche erneuert. Meine
Kompagnie, die bei dem frheren Ansturm niedergemht worden war, ist
freilich diesmal verschont geblieben und wir muten nur einen Abschnitt der
Verteidigungslinie besetzen. Wir bekamen also nur die Spritzer des Kampfes
ab.

Ich wohnte an einem schnen Frhlingssamstag dem fernen Schauspiel der
Schlacht bei und sah das kriechende Tier, dem ein Bataillon gleicht,
vorrcken und im Rauch der Granaten sich winden. Es sind Jger zu Fu, die
trotz der Maschinengewehre und der franzsischen und deutschen Beschieung
angreifen. Diese Tapferen haben Allem zum Trotz ihre Aufgabe erfllt und so
die Niederlage der vergangenen Woche wieder ausgeglichen, wo unser Angriff
erfolglos war.

Seit einem Monate ist es mir vergnnt, die Steindrucke Raffets[*] zu
erleben, mit dem Unterschiede, da man zur Zeit Raffets ungestrafter in
denselben Entfernungen Augenzeuge sein konnte, weil die Gewehre weniger
weit schossen. Aber es gab wirklich schne Dinge zu sehen, wie zum Beispiel
diese endlose Ebene, auf die die Felshhen herabschauen, die wir besetzt
halten. Sie erstrahlen von den hunderttausend Feuern der Granaten. Und
davor kletterten die Jger immer weiter . . .

Sonntag, den 28. Mrz (2. Brief).

      Liebe Mutter,

Strahlendes Wetter, das sich im Laufe des Vormittags aufgeheitert hat. Ich
habe unsern Sektor ziemlich weit durchwandert; augenblicklich nimmt die
Beschieung wieder an Strke zu.

Trotzdem wende ich meine Seele der Hoffnung zu. Fr alle Flle, flehe ich
um Weisheit fr Dich und fr mich.

[Funote *: Raffet, der durch seine Steindrucke aus dem Soldatenleben,
besonders der napoleonischen Zeit, bekannte Zeichner (1804-1860). (Der
bersetzer.)]

Teure, mitunter fhle ich wie leicht es mir wre, mich wiederum den
Beschftigungen zuzuwenden, die den Reiz und den Sinn meines Lebens
ausmachten. Mitunter fhle ich mich pltzlich in diesem schnen Frhling,
derart zur Malerei hingezogen, da es mir sehr leid tun wrde, wenn ich
nicht mehr malen drfte. Aber ich bemhe mich doch, meine Seelenkrfte und
meinen Willen auf dem schmalen und schwierigen Damm dieses Lebens zu
erhalten.

Den 1. April.

Eine Sonne, die die Jugend des Frhlings enthllt. Die Maas, ein eiliger
Bach im Schmuck eines wohlhabenden Dorfes, wohin der Wiederhall des
Kanonendonners nur noch wie ein dumpfer Sto gelangt und seine Bedeutung
verliert. Wir haben unser Quartier gewechselt, denn die Verstrkungen
gelangen in solcher Menge nach dieser Gegend, da wir Andern Platz machen
mssen, und immer wird gerade unser Regiment ausquartiert.

Aber Alles ist heute Licht und Frische. Die weite fette Ebene, welche die
Hauts de Meuse begrenzen, hllt ihre Fernen in zartes Silbergrau.

Ich freue mich ber den Brief von Gabrielle, der mir zeigt, was die
franzsische Seele von diesen Ereignissen zurckbehalten wird. Rhrender
Brief von Pierre, der endlich nach seiner schweren Verwundung als
dienstuntauglich entlassen ist. Herrlicher Brief von Gromutter. Wie sie
sich nach dem Wiedersehen sehnt! -- Reden wir nicht davon . . .

                                -- --- --

Ich schliee meinen Brief auf dem Ufer des Wassers, indem ich mit Wollust
die Freuden, die ich beim Malen empfand, wieder wachrufe. Ich habe vor mir
die lieblichsten Funken des Frhlings.

Den 3. April (Karte).

Nur ein Wort in zweiter Linie. Aufenthalt in den Frhlingswldern. Sonne
und Regen, die am Himmel spielen. Mut trotz Allem.

Den 3. April, 2. Brief.

Ich mchte, ich htte Dir in den letzten Tagen besser geschrieben, damals
als jede Minute eine Wonne fr mich war, selbst in der Feuerlinie. Ich
gestehe, da ich mich damit begngte, mich in der Schnheit der heitern
Tage dahin leben zu lassen trotz des Krieggeheuls. Wir wissen nicht was
geschehen wird. Die Bewegungen hin und her mehren sich. Werden wir wieder
den Ansturm zu tragen haben?

Stelle Dir vor, da wir whrend unseres letzten Aufenthaltes in der
Feuerlinie die Tage in den Unterstnden verbringen muten, die wir,
gezwungen durch die grauenhafte Beschieung bis zu einer Tiefe von ungefhr
zehn Metern in die Hgelabhnge graben. Dort erwartet man in vlliger
Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Pltzlich haben wir meine Kameraden, die
Unteroffiziere und ich den Schauer der neun Symphonien von Beethoven in uns
erweckt. Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns. Die Musik wirkte
wie ein Feuerwerk in diesem Keller. Unsere chinesische Folter, weder sitzen
noch stehen noch liegen zu knnen, war vergessen.

Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist recht angenehm; und doch mae
ich mir nichts an.

Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, da die Vorsehung mir die
Seelenkraft geben wird, bis zuletzt meine Pflicht zu erfllen. Ein guter
Freund, der Fhrer meines Halbzuges war, ist zum Kompagniefeldwebel ernannt
worden. Alles das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fhle mich in
diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den Ereignissen des vergangenen
Monates arg leidend war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhngen
des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn man dabei den Abgrund streift. Mge
die Vorsehung uns davon fernhalten!

Den 4. April.

      Teure geliebte Mutter,

Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen schwangeren Erwartung. Bis
dahin, Ruhe und Miggang. Ich kann nicht denken und gebe mich dem
Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich seit einem Monat sehr
minderwertig bin. Liebe mich und sage unsern Freunden, da sie mich lieben
sollen. Hast Du meine Photographie erhalten? . . . Es war in der
glcklichen Zeit des Stellungskrieges, da wir friedliche Tage verlebten und
unser einziger Feind die Strenge der Witterung war. Bald darauf wurde ich
Gefreiter und ein hartes, an unerfreulichen Arbeiten schweres Leben begann
fr mich. Dann das Gewitter, dessen Wiederschein wenigstens noch mein Leben
beleuchtet.

Den 4. April, abends, Ostersonntag.

Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem Schutze Gottes. Um 2 Uhr
gehen wir in den Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke an Euch.
Ich liebe Euch und vertraue uns Alle drei der Vorsehung an. Mge Alles was
kommt uns bereit finden! In voller Seelenstrke, das ist mein Gebet fr
Euch und fr mich. Hoffnung trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe.
Ich umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein ganzes Denken zusammen,
einer schweren Aufgabe zu.

Den 5. April, ein Uhr.

      Liebe Mutter und liebe Gromutter,

Wir brechen auf. Mut. Liebe und Weisheit. Vielleicht ist dies Alles zum
Besten Aller geschrieben. Ich kann Euch nur mein ganzes Herz zuwenden, mein
Leben besteht nur noch in Euch.

Den 5. April, gegen Mittag.

      Liebe Mutter,

Jetzt stehen wir in der Prfung. Bis jetzt zeigt nichts an, da die
Gnadengaben uns verlassen. Uns steht es zu, uns zu bemhen, da wir sie
immer verdienen. Heute nachmittag werden wir unseren ganzen Willen brauchen
und mssen die hchste Weisheit anrufen.

Teure geliebte Mutter und liebe Gromutter, knnte ich noch die Freude
Eurer Briefe haben. Lat uns beten, da wir noch unter Alledem aufrecht
erhalten werden!

Teure innig geliebte Mutter, noch einmal mein ganzes Herz Euch Beiden.

         Euer Sohn.

Den 6. April, mittags.

Teure innig geliebte Mutter, um Mittag; jetzt stehen wir bereit auf der
uersten Stellung. Ich sende Dir meine volle Liebe. Was auch geschehen
mag, das Leben hat uns manch Schnes gegeben.

                                * * *

In diesem Kampfe, an diesem Tage, dem 6. April ist der Verfasser dieser
Briefe spurlos verschwunden.







Europische Bcher:

Andreas Latzko, Menschen im Krieg
Romain Rolland, Beethoven
Leonhard Frank, Der Mensch ist gut
Leo Tolstoi, Tagebuch 1895--1899
Henri Barbusse, Das Feuer
Leonid Andrejew, Das Joch des Krieges






End of Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugne Emmanuel Lemercier

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