Project Gutenberg's In Purpurner Finsterni, by Michael Georg Conrad

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Title: In Purpurner Finsterni
       Roman-Improvisation aus dem dreiigsten Jahrhundert

Author: Michael Georg Conrad

Release Date: April 29, 2012 [EBook #39565]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN PURPURNER FINSTERNI ***




Produced by Jens Sadowski





In purpurner Finsterni.

Roman-Improvisation
aus dem dreiigsten Jahrhundert

von

Michael Georg Conrad.








Verlag von C. F. Tiefenbach

Separat-Conto

Leipzig.




Meinem genialen Kameraden
Juliane Dry








                                * * *






Grege wute, da kein Abmahnen fruchtete, wenn Jala ihren Willen
durchsetzen wollte.

Wie tief und schmerzlich seine Wunde am Fu, hatte er ihr verheimlicht.
Immer noch sickerte Blut durch den leichten Verband. Als er die Tropfen mit
dem Finger wegstrich, griff Jala nach seiner Hand, so da an der ihrigen,
an der inneren Flche zwischen Daumen und Zeigefinger, ein rothes
Blutzeichen haften blieb. Lchelnd besah es Grege, es hatte die Form eines
Sterns.

-- Also Du ziehst voraus, meine se Hoffnung?

-- Ja, Grege. Ich bin voll Unruhe. Und wenn ich vorzeitig raste, schwinden
meine Krfte. Kann ich irren?

-- Nicht leicht, Jala. Geradeaus im versandeten Kanalbett, bis in die
Dnen, die wir noch in der Nacht erreichen. Du hast die frische Brise, vom
Meer herber, immer im Gesicht. Verla Dich darauf. Bis die Luft wechselt,
bin ich Dir wieder nahe. Ich mu, mu mich jetzt eine Weile schonen, meiner
Wunde wegen.

-- Schmerzt Dich die Wunde? Warum lt Du sie mich nicht befhlen?

-- Es ist nicht viel, Jala. Sie heilt, wenn ich kurze Rast halte.

-- Du bist so voll Kraft und Gesundheit, mein Held. Und wir wachsen in der
herrlichen Einsamkeit. Ich htte mich nie so stark geglaubt, als in dieser
Bewegung, die mich beschwingt.

-- Es ist eine Flucht, Jala.

-- Nie mehr zurck, nie mehr! Hinaus in unsere Welt, in unser freies
Himmelreich! Sume nicht zu lange, Grege, la Deine Jala nicht zu lange
ohne Dich! Hast Du nirgends etwas wahrgenommen mit Deinem scharfen Blick,
das uns bedrohen knnte?

-- Nirgends. Die Luft ist vollkommen rein. O, ich mu lachen, weit Du. Sie
haben sich selbst des Mittels zu unserer Verfolgung beraubt, unsere
Oberweisen von Teuta, seit sie die Luftfahrt verboten und alle
Schwinggondeln in ihrem Lande zerstrt. Und die Wege, die wir auf ebener
Erde durch die Wsteneien ihrer Grenze gegangen, sind der Lahmheit ihrer
Hscher verschlossen. Weit, weit liegt jetzt Teuta mit seiner
unterirdischen Herrlichkeit hinter uns. Kaspe, ihr wortreicher Oberrichter,
ist langsamer in Entschlssen und Bewegungen, als eine Schnecke, und Ao,
ihr Oberpriester, schlft und verdaut.

-- Du nennst nur Ao und Kaspe. Vergi nicht, da noch ein Dritter im hohen
Rathe sitzt.

-- Ach, Minus meinst Du? Der Dich einmal mit widerlichen Antrgen
belstigte? Den hat nur Dein Anblick entzndet. Wenn Du aus seinen Augen
bist, bist Du ihm auch aus den Sinnen. Der ist kein Verfolger. Der findet
andere Ablenkungen. Ein schwacher Querkopf, dem es gengt, wenn er nichts
Anderes haben kann, den heiligen Wortschatz von Teuta hten zu helfen.
Nein, dieser hohe Oberlehrer von Teuta wird uns nicht gefhrlich. Ich kenne
ihn. Er hat mich einst unterrichtet.

-- Du beschwichtigst mich, Grege, dennoch bin ich voll Unruhe.

Sein Auge umfing ihren jugendlich-krftigen Leib mit einem tiefen
zrtlichen Blick.

-- Die hat andere Ursache, ses Weib.

-- Also folg' mir bald, Grege.

Dann reichte er ihr noch eine Handvoll Surro in die Tasche, ein
Zehrungsmittel seiner eigenen Erfindung, das in Nugre die Kraft des
Brodes und Weines und die labende Frische der Quelle barg, und lie sie
ziehen.

Er wute, wie wohl und sicher ihr war, wenn sie uneingeschrnkt ihren
Willen hatte. Er wute auch, da in ihrer Einsamkeit seine Seele mit ihr
war.

So legte er sich zur Ruhe nieder. Die Augen fielen ihm zu, das Bild der
Wandernden einschlieend. Er entschlummerte. Ein lebhaftes Jucken seiner
Wunde erweckte ihn, er mute doch eine geraume Zeit durchschlafen haben.

-- Jala wird sich um mich bangen. Ach, die weite Landschaft, endlos! Aber
er war so schlaftrunken und in seinen Gliedern erschlafft, da er sich
nicht zu erheben vermochte. Nein, sie hatte recht, Ruhe thut nicht gut. Er
wird sich jetzt doppelt anstrengen mssen, sie einzuholen. Wer wei, wie
gro der Vorsprung ist, den sie bei der ausdauernden Stetigkeit ihres
Schrittes vor ihm gewonnen, die rastlose Pilgerin.

Und in Gedanken malte er sich ihr einsames Dahinschreiten aus, ihre
hoheitsvolle Haltung in der grenzenlosen Schweigsamkeit dieser unendlichen,
sonnenhellen, weien Landschaft mit der hochgewlbten Himmelskuppel. Eine
schwebende Seele, die nur im Banne des Leibes mit der Fusohle die Erde
berhrt. Die verkrperte Sehnsucht nach den hchsten Rthseln des Lebens
und deren eigenpersnlichster Lsung. Eine wandelnde Flamme mit eigenem
Gluthherd, aus sich selbst ihre Nahrung schpfend zu immer strkerem
Glanze, unfabar allem Gemeinen.

-- Jala, Jala, ich verbrenne an der Sehnsucht nach Deiner Schnheit, wenn
ich lnger sume.

Und er schnellte auf, schwang seinen Stab hoch und zwang sich, mit
schmerzendem Fue ihren Spuren zu folgen.

Er erinnerte sich genau aus alten Schilderungen, durch welche seltsamen
Gegenden ihn jetzt sein Schicksal fhrte, die groe Befreiung.

Alles in der Welt war seither ein Abstreifen, ein Tiefer-Zwingen, ein
Unterdieerdebringen.

Was lag rings unter dem Sande gebettet? Stdteleichen ber Stdteleichen.
Fr blhende Gemeinwesen haben sie sich gehalten, und ihre Blthe war eine
Wurzelfule. Ihr Aufstreben war ein maskirter Niedergang. Eine Kraft schlug
die andere, eine Kraft fra die andere. So wurde immer weniger Kraft, bis
sich Alles in platte Gleichheit und Unkraft wandelte und unter den Erdboden
kroch. Ein unterirdisches Geschlecht. Ein naturscheues Geschlecht. Was
brig geblieben war von alten Kulturen, Knsten und Herrlichkeiten, eine
Kuriositt fr die Gaffer, ein Hohnlachen fr die Wissenden, ein Spott fr
die Langeweile der Feiertage.

Aber ihr Gewimmel giebt ihnen die erstickende Macht. Ihre Vielzahl erdrckt
den Einzelnen. Da winde sich Einer heraus, wenn ihm Hunderte gleich an den
Beinen und Armen hngen!

-- Jala, Du freilich bist ein solches Wunder! Du schreitest ber Kpfe und
Trpfe weg. Du hast auch mich schreiten gelehrt. Was haben diese Nichtse
aus Niemandsland und Niemandsgeschlecht aus mir gemacht, dem Sprossen alter
Knige? Heiliger Gott Bimbam, ist's denn glaublich? Und erst eine Blinde
mute mir die Augen ffnen? Ein Kind Ao's, des frommen Komdianten, mute
mir Ernst beibringen und Selbstachtung? So oder so, jetzt stell' ich meinen
Mann.

Er verga seiner Wunde und der endlos sich dehnenden Lnge des
gleichfrmigen Weges in diesen bald stillen, bald lauten Selbstgesprchen.
Er zog die leichte Kapuze tiefer in's Gesicht, die Sonnenstrahlen
abzuwehren, die mit den Reflexen der Sandflche sich verbndeten, ihn desto
heier zu stechen.

Ermdet lie er endlich den Kopf sinken, schlo die Augen und tastete sich
mit dem Stabe weiter. Sollte er's besser haben als Jala, sein Weib, die
blinde Seherin? Ueberwindet sie nicht alles Ungemach im Purpurglanze der
Finsterni, im hellen Muthe des Alleinseins, die starke Pilgerin?

Greges Ohren summten.

Er blieb pltzlich stehen. Er bog sich nieder und befhlte seine Wunde an
der Ferse. Kein Blut mehr. Aber in den Zehen und in der Wade fhlte er
schmerzenden Krampf von dem ungleichmigen Auftreten. Instinktiv war er
die lange Zeit her nicht mit der ganzen Sohle des wehen Fues, sondern nur
mit den Zehen aufgetreten. Er hinkte.

Hrte er nicht eine Stimme? Wer rief?

Er fuhr auf, sphte geradeaus, lauschend. Es war nicht Jala's Ton.

Er schlug die Kapuze zurck, wendete sich betroffen um.

Zwei Mnner entstiegen ihrem Luftschiff, einer altmodischen Schwinggondel,
zweimal Stabeslnge kaum, hinter ihm.

Es durchzuckte ihn.

Fremdlinge zum Glck, ganz offenbar, ihrer Tracht nach. Also wenigstens
keine Hscher aus Teuta.

-- Wer bist du, Hinkender? Wohin des Weges in dieser Wste?

Das gab ihm die Fassung wieder. Er sttzte sich auf seinen Stab und blickte
die Fragenden scharf an.

Hochaufgeschossene Gesellen mit schlanken Knochen, durchgearbeiteten
Muskeln und Sehnen, keine Spur von Fett, mit blonden Brten, kalten, festen
Augen mit herrischem, unerbittlichem Blick gleich Stovgeln.

Er antwortete nicht. Mit vorgestrecktem Arm machte er eine abweisende
Bewegung in dem Sinne: Was kmmert's Euch? Lat mich! Ich will nichts mit
Euch zu schaffen haben.

-- Ist Dein Mund so krank wie Dein Fu? Hinkt auch Deine Zunge?

Und sie lachten kalt.

Der Eine nherte sich ihm, whrend der Andere mit dem Fue den Anker, mit
der Hand das Steuer der Schwinggondel festhielt.

-- Du kannst mit uns ziehn. Unser Fahrzeug trgt drei.

Das sprach der Aeltere. Genau hingesehen, hatte er nicht ein Gesicht wie
ein Todtenkopf? Wahrhaftig. Und wie er grinste! Hing sein Bart nicht
leblos, wie angeklebt?

-- Du gehst in die Irre, scheint es, wir bringen Dich zurck.

-- Du kannst uns von Nutzen sein, wenn Du gefllig den Mund ffnen willst.
Wir gren Dich!

Aber es klang nicht wie Gru.

Grege bi die Zhne zusammen, rgerlich, da er nicht schnell den rechten
Entschlu fand. Wie wrde Jala handeln?

Da lachte er auf: -- Ich erwidere Euren Gru. Nun lat mich in Frieden. Ich
suche mein Weib.

Er stie seinen Stab auf und wollte sich zum Gehen wenden.

-- Er sucht sein Weib in dieser Wstenei! lachten jetzt die Fremden.

Sie wechselten rasch verstndige Blicke. Sein Weib? Wre das auch
mitzufangen? Eine doppelte Beute? Das Fahrzeug hat Raum und Tragkraft auch
fr vier. Oder macht er nur Flausen? Fragt sich berdie, ob das Weib nicht
eine Katze, die schwer zu bndigen. Sicher ist sicher. Schlielich ist der
Teutamann doch die Hauptsache.

Nach wenigen Schritten fhlte sich Grege angehalten. Der eine Fremde, der
jngere vertrat ihm den Weg.

-- Hre, Mann aus Teuta!

-- Woher weit Du das?

-- Ferner sind alle bewohnten Lnder. In deinem Zustande kann man nur aus
dem nchsten kommen. Auch Dein Gebahren deutet darauf und Dein bartloses
Gesicht. Nur in Teutas Land ist die Gleichheit so strenges Gesetz, da sich
Keiner den Bart darf sprossen lassen. Alle sind dem gleichen Willen
unterthan, bartlos zu gehen mit glattgeschabtem Gesicht.

-- So sieh' doch, jetzt sprot mir der Bart. Ich habe nichts mehr mit der
glatten Gleichheit Teutas zu schaffen. Und ich eile meinem Weibe nach. In
Teuta sind die Weiber Allen gemeinsam. Keiner darf dort der Ausnahme sich
rhmen, eines eigenen Weibes eigener Mann zu sein lnger, als die Zeit der
Begattung whrt.

-- Kstlich, wie du Bescheid weit!

-- Gut, ich habe Dir, dem Fremden, meine Sache gesagt. Nun hindere mich
nicht lnger.

-- Willst du Gewalt gegen unsere Wibegierde brauchen? Setz' Dich zu uns
und belehre uns. Wir sind Forscher. Wir ziehen auf Kundschaft aus nach
seltenen Sitten. Du hast eine gelufige Zunge und einen lahmenden Fu. Dein
Fu kann in unserem Fahrzeug ruhen, Deine Zunge sich behaglich in Allem
ergehen, was uns wissenswerth. Du bist uns ein guter Fund.

-- Aus welchem Lande kommst Du, da Du eine solche Sprache zu mir, dem
Freien, wagst?

-- Angelos sind wir, wie Du bald erfahren sollst, und Du -- ein Freier
gewesen.

Nach kurzem Ringen war Grege berwltigt, gefesselt und in die Gondel
gelegt.

Im Nu stieg das Fahrzeug in die Luft wie ein Geier.

                                * * *






Die Winde schliefen. Kein Laut in der Luft. Mdes Flimmerlicht.

Was am warmen Boden knisterte, war der feinkrnige Sand, unter Jalas
Sandalen, so oft sie den Fu hob und senkte in wachsender Ermdung. Es
waren keine Schritte mehr. Die Gelenke zitterten vor Ueberanstrengung.

Jala war heute mehr Meilen gewandert, als gestern und ehegestern, von
jagender Sehnsucht gepeinigt, endlich an's Ziel zu gelangen.

Grege, der Getreue, warum war er um Hochmittag zurckgeblieben? Bis zum
Abend versprach er sie einzuholen, wenn er seine Wunde gepflegt. Jala
konnte ja des Weges nicht fehlen, in der geraden Linie des bersandeten
Kanales mit der leichten dnenartigen Bschung auf beiden Seiten. War das
nicht seine feste Meinung?

Nun kam ihr doch der Gedanke, sie mchte irre gegangen sein. Ihr tastender
Stab fhlte keinerlei Erhhung mehr am Wege.

Jala hielt an, lauschend, den Kopf zurckgelegt, das Gesicht in der
Richtung der scheidenden Sonne, die Lider tief ber den blinden
Augensternen. Keines Dinges wurden ihre Sinne im Verweilen inne, auer
ihrer brechenden Mdigkeit.

So beschlo sie, zu rasten, bevor volle Erschpfung sie zwnge, und
Grege's, des Getreuen, zu harren.

Ausgestreckt, in seitlicher Lage, die aufeinandergepreten Handflchen
unter die linke Wange geschoben, ruhte sie am Wege, wie entseelt.

Auf ihre Schulter senkte sich, leicht wie ein Hauch, mit bebenden Flgeln
ein gelber Schmetterling.

-- Wenn Grege jetzt mich so fnde, seine muthige Jala! dachte sie. Dann
verwehte ihr Bewutsein, bis sich's wieder verdichtete im Traum.

Ihr lichtgraues Wanderkleid, berstaubt, hatte die Farbe des Sandbodens,
ihr aschblondes Haar, in ungeordneten Locken aus der Kapuze hervorquillend,
die Farbe der verdorrten Grser und Halme.

Das Gesicht, sonst mattwei, hatte auf der langen Wanderung in freier Luft
und Sonne sich ins Bernsteinfarbige gedunkelt. Um die weichen Umrisse der
Nase, des Mundes und des Kinns wie ber die geschmeidige Flche der Wange
schwebte ein Lcheln der Ergebenheit jungheier Leibeslust in den
leidvollen Sieg der Seele, gemischt mit der Erinnerung an die
tiefwhlenden, schauerlich-sen Wonnen, die sie im Zauber ihrer ersten
wildfreien, sich selbstbejahenden Liebe genossen.

Immer tiefer, immer inniger schien der ausgestreckt rastende Krper in den
warmen Boden zu versinken, abgeflacht zu Schemen und Schatten.

Wie eine groe, selige Mattigkeit war die Dmmerung ber die Welt gekommen,
wie ein tiefausholendes Verschwingen in langen, lauen Rhythmen.

Am Horizonte das Meer in weingelben Streifen, veilchenblau gedert, letzte,
verklingende Liebkosung aus der strahlenfeurigen Zrtlichkeit der
versunkenen Sonne.

Jala sah es im Traum, ganz so. Und ihr Herz erfllte es wie heiliger Rausch
beim Kusse des Geliebten. Und wie von stummer Musik getragen, schwebte sie
mit Grege im lichten Gefilde, zwischen feierlichen Sonnenblumen, um deren
hohe Stengel zierliche Schlingrosen rankten, in sen Dften die
seidenweiche Luft gebadet.

Nun sah sie dies: Heilig, aus nchtiger Finsterni tauchend, die Insel, das
Ziel der Pilgerschaft, die Heimath, das freie, ungetrbte Glck, Grege's
Himmelreich und das ihre.

Ausland und Fremde war ihr die weite, feste Erde gewesen, wo die
Vielzuvielen und Zusammenhngenden wohnen, der dichte, drckende Schwarm
der Gleichmigen, die traurigen Vlker, verbldet im Glck des
Niemalsunglcklichseins und des stumpfgewordenen Willens.

Nie, seit sie wute, hatte sie sich Mensch mit solchen Menschen gefhlt.

Wie war das gekommen, da sie anders war? Ein Trotz fr sich und ein
Widerspruch allen Anderen? Ein drohendes Aufbumen in ihrem Frsichsein und
eine bestndige Gefahr? Ein Verdacht, der zur herrischen Ueberzeugung
wuchs, da die Ordnung rings nur ein feiges Elend sei, dem ein Held
erstehen msse, der Alles erlse, indem er Alles aus den Fugen schlgt? Und
sie die Heldin des Helden?

Wie war das gekommen?

War's eine verborgene Erbschaft aus ihrem Stammlande Friska, die jetzt in
gesammelter Kraft aus ihrem stillen Herzensschrein hervorbrach, ihre
Gedanken zu feurigen Pfeilen spitzte, ihre Empfindungen mit sprengenden
Elementen lud?

Oft hatte Jala nach Zeichen gesucht, sich's zu deuten in gegenstndlichen
Bildern, da die erklrenden Worte versagten.

War es ihre Blindheit, darin sie das neue Sehen fand?

War das eine Deutung, da in jener Sturmnacht des jauchzenden Frhlings,
als die Reife des Weibes im Wunder der Liebe ihren Leib verwandelte, das
Licht aus ihren Augen floh und die Seele so hellsichtig wurde, als schwmme
sie in Blitzen?

Schuf Grege, der Heie, Treue, Unvergleichliche, den Unterschied zur
dauernden Gestalt, daraus die neue Menschheit wachsen mute? Konnte sie
darum nimmer von ihm lassen?

-- Auf der Insel die Erfllung! seufzte Jala im Traume.

So verging die Zeit.

Pltzlich erwachte Jala in ser Erschtterung.

Langsam richtete sich ihr Oberleib vom Boden auf.

-- Nicht versinken, nicht unter die Erde! In die Hhe! Grege! Grege!

Was war das Alles? Was?

Ihre Hand tastete nach dem Stabe. Sie zog sich daran empor, sie straffte
ihren Krper zu voller Hhe. Fremd. Allein.

-- Grege! Grege!

Es war ein Nothschrei aus tiefster Seele. Ein Schrei in's Leere.

Das schwarze Schweigen der Nacht verschlang ihre Stimme.

                                * * *






Kaspe und Ao saen in ihrem geheimsten Berathungssaal, dreiig Klafter
tiefer, als die brigen Amtsstuben, unter der gemeinen Erde.

Es war ein weiter, magisch erleuchteter und wie ein Treibhaus durchwrmter
Raum, zeltartig mit Teppichen und seidenen Geweben ausgekleidet, so da
keine Wand zu sehen. Von der Decke hingen Reihen verschiedenfarbiger
Schnre fr die Luft-, Licht- und Tonleitungen. Die Mitte nahm ein kleiner
runder Tisch ein mit dem Tastwerk und dem Spiegel.

Der oberste Diplomat von Teuta, Titschi und sein junger Gehilfe Soundso
hielten ihnen abwechselnd den Wochenvortrag.

Ein Theil war nunmehr erledigt, der auf die allgemeinmenschliche Stimmung
der Teutaleute bezgliche.

-- Alle satt? fragte Ao, der dicke Oberpriester, sich auf dem
fahrstuhlhnlichen Polstersitz streckend.

-- Alle ruhig? fragte Kaspe, der schmchtige Oberrichter.

-- Alle satt und ruhig, antwortete Titschi mit verbindlichem Lcheln.

-- Also Alle glcklich, nickte Ao.

-- Wie blich, besttigte Kaspe.

-- Ist es Euch, Hoheiten, nicht um einen Zehntel Grad zu warm? fragte
Soundso. Ich meine, es mte uns um einen Zehntel Grad zu warm sein.

Ao drehte den Ring an seinem kleinen Finger der linken Hand, die mit einem
feinen Faden umwickelt war, der magnetische Apparat spielte, mit einem
zarten Ton entwich das Zehntel berschssiger Wrme durch die
Temperaturorgel.

Alle nickten. Soundsos Hautempfindung war unfehlbar.

-- Ist es Euch, Hoheiten, nicht um eine Zehntausendstel Kerze zu hell?
fragte wieder Soundso. Ich meine, es mte uns um eine Zehntausendstel
Kerze zu hell sein.

Alle stimmten bei.

Ao berhrte den Ring an seinem kleinen Finger der rechten Hand, der Apparat
spielte, mit einem feinen Duft kam die gewnschte Milderung der Helligkeit
in den Raum. Die Talare der hohen Rthe schimmerten um die Idee einer
Schattirung tiefer in ihrem purpurnen Seidenglanz. Der goldgelbe Ton der
Zeltgewebe und Tcher stumpfte sich um ein kaum Merkliches. Aber die hohen
Rthe empfanden die schwache Vernderung als eine Mehrung ihrer sinnlichen
Behaglichkeit.

-- Die Abschaffung smmtlicher Luftfahrzeuge fr das gemeine Volk hat sich
bewhrt? fragte Kaspe mit zirpender Stimme. Es finden keinerlei
Entweichungen mehr nach oben statt, die Teutaleute halten sich zufrieden am
Rcken der Erde? Es wurde keinerlei Verunreinigung der Luft durch
Schwinggondeln mit Flchtigen und Durchbrennern bemerkt?

-- Die Luft ist vollkommen geschlossen, erwiderte Titschi, seine etwas
geknickte Gestalt erhebend.

-- Freiheit und Gleichheit herrschen im Lande innerhalb der Grenzen der
gemeinen Wohlfahrt. Ungetrbt ist das gemeine Glck, dank der Idealitt
unserer Zustnde. Gott und sein Volk sind das A und das O, und ich bin,
durch beider Willen, ihrer frommen Frsorge treuer Knecht, so lange ich im
geheiligten Amte stehe -- sprach der Oberpriester in schlfriger
Feierlichkeit.

-- Ja, Hoheit, Deiner Tugenden Lohn ist Allen sichtbar, Du verdaust gut, Du
schlfst gut. Dem Volke Gottes kann es an nichts mangeln, betheuerte im
weichsten Ton Titschi, der oberste Diplomat.

-- Wie war das Ergebni der letzten Zeugungsperiode? nahm Kaspe das Wort.

Titschi rieb sich die feine Schnffelnase. Er bltterte in einem winzigen
Notizbuche, das mit allerlei krausen Abbreviaturen vollgekritzelt war.

Abtheilung I zwischen Fnfzehn und Fnfundzwanzig sehr gut, Abtheilung II
zwischen Achtundzwanzig und Fnfunddreiig gut, Abtheilung III zwischen
Vierzig und Fnfundvierzig mig, Abtheilung IV zwischen Achtundvierzig und
Fnfzig gut, Abtheilung V Rest ungengend.

-- Wir werden uns mit dem Oberphysikus benehmen mssen. Vielleicht, da er
eine Abkrzung der Schonperioden gutheit und eine Erweiterung der
Abtheilungen nach unten und oben vorschlgt, lallte Ao schlafschtig.

-- Nach oben, das wird wenig ntzen, bemerkte Soundso mit pfiffiger Miene,
es liegt in der Natur, da die Leute mit der Zeit flau und bequem werden
und sogar angenehmeren Pflichten sich entschlagen.

Soundso hatte sich diesmal verschnappt. Niemand nickte.

Das ri Ao aus seiner Schlummerstimmung.

-- Natur? rief er merklich berrascht, beinahe vorwurfsvoll, was hat in
Teuta die Natur zu sagen? Ich schaudere schon vor dem Wort zurck. Gre
und Glck unseres Teutalandes, seine Einzigkeit und sein Ruhm begrnden
sich darauf, da wir ber die Natur hinaus sind, seit Jahrhunderten, seit
Jahrtausenden. Alles ist Mechanik und Mystik. Damit stehen und fallen wir.
Das ist unser Lebensgeheimni. Das ist unsere Macht. Mechanik und Mystik,
das sind die beiden Pole unseres Staates, um den uns die Welt beneidet.
Soundso, ich rufe Dich zur Ordnung. So lange ich hier meines Amtes walte,
ich, Ao, will ich das Wort Natur in diesem Zusammenhange nicht mehr hren.
Hte Deine Lippen, Soundso. Auch Deine Werthung der Pflichten, nach ihrer
greren oder geringeren Annehmlichkeit, ist Ketzerei, wenn man der Sache
auf den Grund geht. Du bist gewarnt.

Alle stutzten. So lebhaft hatten sie den wrdevollen Ao schon lange nicht
mehr gesehen.

-- Das macht die Jugendlichkeit meines vortrefflichen Gehilfen, da er sich
so verschnappt hat, beschwichtigte Titschi, mit einem mahnenden
Zwinkerblick auf Soundso.

Der junge Diplomat hatte sofort die gefgigste Lammsmiene aufgesteckt, als
htte er nie das kleinste Wsserchen getrbt.

Titschi fuhr im trockensachlichen Tone fort: Ja, Hoheiten, der Oberphysikus
wird uns Bescheid sagen. Inzwischen will ich feststellen, da keinerlei
ernste Gefahr im Verzuge ist.

Nun zirpte auch Kaspe: Der Bevlkerungsrckgang ist durchaus normal und
giebt zu keinen Befrchtungen Anla, so lange wir in der Lage sind -- und
wir sind es, wie seit fnfzig Jahren stets -- den Slavakos die festgesetzte
Zahl an jungem Tauschvolk alljhrlich und pnktlich gegen die Einlieferung
der bedungenen Nahrungsfrchte zu liefern. Wir knnen sogar, bei der
nchsten Erneuerung des Vertrages, mit der Schtzung unserer Leistung
hinaufgehen und strkere Gegenleistung fordern.

Soundso konnte hier eine sachliche Bemerkung nicht unterdrcken.

-- Eines Tages mchte sich's doch ereignen, da Teutaland nicht mehr so
viel Tauschvolk produzirte, um die gengende Nahrung geliefert zu erhalten.
Und bei allen Fortschritten der Technik werden wir nicht leicht dahin
kommen, das Volk mit Luft zu ernhren. Auch die Surros kriegt man auf die
Dauer satt. Der Magen nimmt sie nicht mehr an. Er will natrliches
Originalfutter zur Abwechslung. Unsere Vorfahren thaten nicht gut, die
Landwirthschaft zu zerstren und uns ganz den Knsteleien der Techniker und
Chemiker zu berliefern oder gar den dilettantischen Erfindern vom Schlage
Greges. So hngen wir von den Slavakos ab. Wenn denen einmal Unheil
zustt, sind wir ohne Frchte. Es knnte sich auch ereignen, da sie
unsere menschliche Tauschwaare zurckwiesen. Womit wollten wir sie dann
verpflichten? Oder sie fhren ein System des Lebens ein, das ihnen selbst
gengend Menschen lieferte. Was dann, Hoheiten? Gestattet meiner
Jugendlichkeit diese bescheidenen Gedanken.

-- Zukunftsgespenster! Die schrecken uns nicht. Die Slavakos werden im
Gegentheil immer nachdrcklicher auf unsern Menschenersatz angewiesen sein.

-- Wie das? fragte Ao, der seine Schlfrigkeit vollkommen bezwungen zu
haben schien.

-- Sehr einfach. Wie ich aus zuverlssigen Berichten wei, sind bei den
Slavakos wieder einige neue religise Sekten entstanden, welche es mit den
Lehren ihres Heiligen, den sie unter den grten Auserwhlten ihrer Rasse
vor zweitausend Jahren entdeckten, noch viel strenger nehmen. Toistoji
nennen sie sich. Diese Toistoji setzen ihre Seligkeit in absolute
Enthaltung von jedweder Fortpflanzung aus eigenem Samen und whlen ihre
Anhnger aus den jngsten Jahrgngen . . .

-- Beachtenswerth, rief Ao erbaut, das nchste Mal erbitten wir uns weitere
Aufschlsse, Kaspe. Die Zeit ist heute zu vorgerckt. Ich habe noch andere
Fragen. Zunchst die: Wie stehen wir zu den Angelos? Hat sich unsere
Abschlieungszone gegen sie erweitert? Ist unsere Grenze gengend
geschtzt? Die Angelos verharren in der Barbarei ihrer alten Ordnung und
sind Feinde unserer Ruhe. In jedem Blutstropfen lauert ihre Herrschgier.
Liegt nichts Verdchtiges vor?

Als Titschi den Kopf schttelte, rusperte sich Soundso, als wolle er
wieder das Wort nehmen. Aber nun kam ihm Titschi zuvor, um nicht durch eine
neue Verschnappung seines jungen Gehilfen umstndliche Errterungen und
damit eine lstige Verlngerung der Sitzung herbeizufhren.

-- Nein, es liegt nichts vor. Seit Jahren lie sich keiner von diesen
Strenfrieden an der Grenze unseres Reiches blicken. Unsere
Abschlieungszone gegen das Meer hat sich inzwischen um weitere bedeutende
Flchen vermehrt, der Wstengrtel hat sich verbreitert. Die sanften
Slavakos, obwohl sie immer weiter nach Westen drcken, sind unsere
vertragsmigen Freunde. Die Frankos scheinen wirklich stille Leute
geworden zu sein, von liebenswrdiger Gesinnung. Weitab wohnen die kleinen
Vlker, die ihrer turbulenten Neigungen zwar noch nicht ganz Herr geworden
sind, aber zu fernen Abenteuern jeden Anla verloren haben. Ich kann mir
kein friedlicheres Bild unserer Beziehungen zur Umwelt denken. Je tiefer
der Trieb unserer Leute im Leben und Bauen geht, desto weniger
Angriffspunkte bieten wir.

-- Ja, unter der Erde ist gut und sicher wohnen, zirpte Kaspe. Schade, da
wir die alten Kulturdenkmler nicht auch unter die Erde bringen knnen. Das
Knigsschlo, das Gotteshaus, die Kaserne, das Museum, das Zuchthaus --
gbe es wirklich kein Mittel, sie tiefer zu legen? In der Luft ist ohnehin
die Verwitterung so stark, da uns die Unterhaltungskosten mit der Zeit
drckend werden knnen. Oder wollen wir sie wie die Fabrik mit ihren
neunundneunzig Schlten ruhig dem Verfall und dem Einsturz berlassen?
Sattgesehen hat man sich in den vielen Jahrhunderten auch daran. Ich glaube
nicht, da unsern Teutaleuten das Herz an diesem Germpel hngt. Fr diesen
Ausfall erfinden sie sich reichlich neue Vergngungen.

-- Neue Vergngungen, lispelte Soundso mit lchelnder Lammsmiene, ja, das
ist das herrliche Problem, neue Vergngungen, Hoheiten!

-- Mein kluger Soundso vergit, da bei uns Alles Eintracht und
Zufriedenheit athmet. Probleme sind Keime fr Umwlzungen. Diejenigen,
welche Revolutionen gemacht haben, dulden nicht, da man nach ihnen welche
machen wolle. Mit Recht oder Unrecht, so ist's.

-- Der Ton wird bedenklich, sagte Ao feierlich, ich hebe die Sitzung auf.

Der Oberpriester faltete die Hnde, der Saal hllte sich in purpurne
Finsterni. Der Oberpriester drckte den Daumen an den Knopf des Riemens,
der um sein linkes Knie geschnallt war, sofort spielte der Mechanismus, der
die Hoheiten mit sammt ihren Polstersesseln durch die sich ffnenden Wnde
in die Gnge schob, wo ihrer die Fahrsthle fr die privaten Gemcher in
der hheren Region harrten.

Soundso flsterte seinem Meister ins Ohr:

-- Der Alte wird schwach.

-- Ein Idiot.

                                * * *






Minus, der Oberlehrer, zog die winzigen Hrrhrchen aus der Ohrmuschel und
schlenkerte sie nervs spielerisch an dem rothen Seidenfaden. Sein Blick
war seltsam unruhig.

-- Na? fragte Bim, der Oberphysikus, und verzog sein lngliches Gesicht zu
einem neugierigen Lcheln.

-- Eine Mittheilung von Ao. Soundso hat ihn gekrnkt. In der Wochensitzung.
Heillose Worte sind gefallen. Ich soll prfen.

-- Heillose Worte? Von Seite Aos?

-- Nein. Soundso versndigte sich am heiligen Wortschatz.

-- Schon wieder? Ich werde seinen Geisteszustand beobachten lassen. Mir ist
er lngst verdchtig. Also Frevelworte ausgestoen?

-- Hm.

Minus spitzte den Mund und blies in die hohle Hand.

-- Na, Hoheit?

-- Vor bald zweitausend Jahren sprach Einer das Sprchlein: Worte sind
Schall und Rauch. Das wirkt fort, Bim. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel
zu leicht . . . Eine schleichende Gefahr. Auch bei uns. Gehrtes verfhrt
. . .

Bim nickte. Sein lngliches Gesicht zeigte dstere Nachdenklichkeit.

-- Wie hat der vor bald zweitausend Jahren gesagt?

-- Worte sind Schall und Rauch.

-- Hab' ich nie gehrt. Ich verneige mich vor Deiner Gelehrsamkeit. Worte
nicht blo Schall? Worte auch Rauch? Also haben damals Worte geraucht, in
jener primitiven Zeit? Einfach kanibalisch: Worte, die rauchen. Worte die
nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen belstigen. Die brndeln und
stnkeln. Puh, Minus, kehren solche Zeiten wieder? Glaubst Du, groer
Wissender?

-- Wenn eine Jugend, wie dieser Soundso, in die Staatsgeschfte
hineinwchst, Bim. Gehrtes verfhrt, sei berzeugt.

-- Jawohl, Hoheit. Wort, Aetherschwingung, Seele, Alles in eins. Furchtbare
Gewalt. Wenn nun Worte auch noch schallen und rauchen! Aufruhr, Umwlzung,
Umsturz, ja wahrhaftig, Umsturz! Und was -- --

Bim bekam pltzlich seinen Hustenanfall und drehte seinen langen dnnen
Hals verzweiflungsvoll, da die Wirbel knackten.

-- Hm, machte Minus, indem er wieder die winzigen Hrrhrchen in die
Ohrmuschel steckte.

-- Na? fragte Bim, nachdem er sich von seinem Anfall erholt hatte.

-- Eine Mittheilung von Kaspe. Soundso scheint ihm verdchtig. Seit der
Wochensitzung. Worte, Worte, Worte.

-- Schon wieder? Was hab' ich vorhin gesagt? Darf ich nun erfahren?

-- Der Gehilfe unseres Oberdiplomaten erregt Aergerni auf allen Seiten.

-- Ich bitte um die Worte, zum Thatbestand.

-- Aber vorlufig ganz unter uns, Oberphysikus. Amtsgeheimni.

-- Vertrauliche Mittheilung, versteht sich. Schtzbares Material unter dem
Siegel der Verschwiegenheit.

Aug' in Aug', da sich ihre Nasenspitzen fast berhrten, dann den Mund am
Ohr: Vernimm, Bim -- Natur -- angenehmere Pflichten im Sexualen, hrst Du?
-- Probleme, herrliche Probleme sogar.

Dann blickten sie sich starr an.

-- Soundso?

-- Soundso. Und dieser Mensch, Minus, sollte er nicht des Schlimmsten fhig
sein? Ist das nicht ein keimender Entartungstypus in unserem normalen
Gemeinwesen? Ist das nicht ein stetig sich aufbauender Seuchenheerd in
unserem musterhaft gesunden Land?

-- Ich ahne, Bim.

-- Schon damals. Meine unglaubliche Entdeckung des Urstoffs, alle Geister
hat sie erschttert, ihn hat sie kalt gelassen. Mehr noch: er hat sie still
verhhnt. Und er wagt Worte, wie Natur, Probleme, angenehmere Pflichten vor
dem Oberpriester auszusprechen.

-- Und vor dem Oberpriester!

-- Und vor dem Oberpriester. Gerade vor dem, der meine unglaubliche
Entdeckung mit dem hchsten Lob auszeichnete. Weit Du noch?

-- Das Lob ja. Sehr ergreifend. Wie lautete doch gleich Deine herrliche
Entdeckung? Die Worte sind mir nicht gegenwrtig.

-- O Minus, Hoheit: Urstoff! Die Materie, aus welcher die Atome bestehen,
ist nicht qualitativ verschieden, sondern die verschiedenen Atome sind nur
verschiedene Qualitten derselben Materie, und diese Materie ist der
Urstoff.

Minus zog die Augenbrauen hoch, da sie wie ein schwarzes Runzel-Dreieck
ber den erstaunten Augen standen. In seinem Sinne dachte er: O du blder,
aufgeblasener Frosch, mit deinem dummen Gequake -- aber seinem Munde
entschlpften klgere Worte.

-- Herrliche Entdeckung, herrliche Definition. Ja, das sind Ideen, nicht
Schall und Rauch. Davon wird eine neue Entwicklung ausgehen. Neue Probleme
werden hervorsprieen, neue --

Bim spreizte erschreckt die fnf Finger der linken Hand in die Hhe und
legte die rechte dem Sprecher auf den Mund.

-- Oh! Oh! Wenn uns ein sterbliches Wesen gehrt htte, Minus, Hoheit! Oh!
Entwi-- Entwicklung, gehrt das nicht auch zu den verpnten Worten unseres
staatlichen Sprachschatzes, so gut wie neue Probleme? Stehen wir nicht auf
dem Gipfel? Wohin mit Entwi-- Entwicklung? Wre das nicht Schwindel eines
Schwarmgeistes? Wir bauen aus, wir vertiefen, wir fgen hinzu, aber
entwickeln? Nein. Wir haben einen Standpunkt, unser erreichtes Ziel, da ist
nicht Raum fr etwas Zielloses, Unbersehbares. Entwicklung -- wem
schauderte da nicht? Sturz in's Bodenlose -- wem -- -- --

Bim bekam schon wieder seinen Hustenanfall, da die Halswirbel knackten.

Minus hatte sich bei Bim's emphatischer Strafpredigt langsam umgewendet.
Jetzt drehte er ihm das Gesicht wieder zu, mit unerschtterter Ruhe:

-- Bim, ich bitte, wem sagst Du das? Mein Amt gestattet mir, mich auch
einmal ber meinen Standpunkt zu stellen, um -- Andere zu prfen. Du hast
die Prfung bestanden. Glnzend. Wie vorauszusehen. Der Mann des Geistes
beglckwnscht den Mann der Krperlichkeit.

-- Der Ebenbrtige verneigt sich, Hoheit.

Sein lngliches Gesicht versuchte durch ein suerliches Lcheln den
aufsteigenden Aerger zu dmpfen.

Nein, es ist mehr als Fopperei von diesem obersten Gelehrsamkeitsverwalter,
es ist ein Stich in's Boshafte, fast in's Grenwahnsinnige dabei, dem
nichtsahnenden Oberphysikus mit solchen Scherzen zu kommen. Man knnte sich
ordentlich frchten, wenn unter Kollegen solche Neigungen herrschend
werden. Das ist kein glcklicher Ton im hohen Rath des glcklichsten
Volkes. Einem meuchlings mit Prfungen zu kommen, mit hinterlistigen
Gesinnungs-Erforschungen! Und gerade ihm, dem tadellosen Bim, dem
unersetzlichen Physikus, der die Wissenschaften mit Fnden und Entdeckungen
weitreichender Art beglckt und dabei ber die Gesundheit der Teutaleute
mit solchem Eifer wacht!

Was weht denn jetzt fr ein Wind in den auserlesensten Kpfen, wenn ein
Mann von der Gelehrsamkeit und Wrde eines Minus Schabernack treibt? Kommt
damit nicht eine gefhrliche Unsicherheit in alle Beziehungen derer, die
der Wille des Volkes auf die wichtigsten Posten gestellt?

-- Ja, ich beglckwnsche Dich, Bim! begann pltzlich der Oberlehrer
wieder. Du bist ein Mann von hohen Gaben. Wie viele Jahre giebst Du mir
noch? Damit ich dem wrdigen Teutavolke mich ntzlich erweise, der Weisheit
meiner hohen Kollegen immer nher komme?

-- Wieso das?

-- Wir wissen, oder auch nicht, je nachdem, Bim, da die Erde nichts ist
als ein erstarrter winziger Sonnenabfall, ein kleiner Dreckspritzer, ein
Sandkorn in der unendlichen Wste der Welten. Wir wissen, welche Gase an
der Flche der fernsten Sterne glhen. Macht das Dein Herz grer? Dein
Leben frhlicher? Wir wissen, da man vor tausend Jahren, bevor die
Chinesenherrschaft in Europa triumphirte, Weltrthsel zu lsen im Begriffe
war, von denen wir heute keine Ahnung haben. Da man damals fast das
Problem gelst hatte, aus dem Dunstkreis der Erde hinaus und in die Sphre
des Mondes hineinzufahren. Hat dieser Aufschwung gehindert, da dennoch
ganz Europa in die Brche gegangen? Da all' die groen Reiche des
Kontinents verschwunden und wir nur armselige Reste sind? Wie viele Jahre
noch?

-- O, Hoheit.

-- Wie viele Jahre giebst Du mir und Dir noch?

-- Wie kommst Du auf solche Gedanken, Minus? Wir sind beide in guter
Verfassung.

-- Wir sind zwar die ltesten Mitglieder noch nicht im hohen Rath, Bim. Bei
der nchsten Musterung, wer wei? Dem Volke schmecken mit einem Male die
Alten nicht mehr, stell' Dir das vor! Es geht wie ein Traum der Verjngung
durch die Herzen der kleinen Teutawelt. Meine Spher und Zeichendeuter
wollen sich nicht geirrt haben. Hast Du noch nichts bemerkt?

-- Keinen Schimmer, hauchte der Oberphysikus ermdet.

-- Fehlt Dir etwas, Oberphysikus? Deine Lippen zittern. Hast Du Zahnweh?

-- Aber, ich bitte.

-- Wie viele Zhne hast Du noch? Hast Du berhaupt noch Zhne?

-- Die sitzen noch ganz solide.

-- Sind Deine Kiefer noch stark genug, das Gebi zu tragen?

-- Ich begreife nicht, Hoheit.

-- Richtig, ich vergesse, da man in Deinen Jahren wohl auf diesen Zierat
verzichtet.

-- Zierat, Minus? Zhne sind ein Instrument der Gesundheit. Erinnere Dich,
da ich einst ein vielgepriesenes Mittel erfunden, dieses Instrument zu
schrfen.

-- Hast Du das, Bim? Ich erinnere mich nicht. Nach Dir kam aber einer, der
Speiseformen erfand, wodurch die Arbeit dieses Instruments berhaupt
berflssig wurde. Haben die Teutaleute Deiner Erfindung Ehre erwiesen,
wirklich, Bim?

Der Oberphysikus bi die Zhne zusammen -- es war keine vollstndige
Garnitur, und griff sich mit der Hand an die Stirn. Dann warf er einen
hilflosen Blick auf den unbegreiflichen Frager.

Der aber fuhr unerbittlich in seiner starren Weise fort:

-- Wie ein Traum der Verjngung. Meine Spher und Zeichendeuter sind
zuverlssig. Hast Du nie einen hnlichen Traum getrumt?

-- Nie, Minus.

-- Httest Du's doch. Vielleicht htte Dein Scharfsinn einen Sporn mehr
erhalten. Du httest uns ein durchgreifendes Verjngungsmittel erfunden,
Bim. Warum lt Du uns sterben?

-- Sterben wir? Hoheit, noch leben wir.

-- Nein, wir sterben. Du irrst, Oberphysikus. Wir sterben -- wir sterben an
der Jugend der Anderen. Grausame Todesart. Sie macht lcherlich.

-- Du qulst Dich und mich, Minus. Warum qulen wir uns mit solchen Fragen?

-- Weil sie zeitgem sind.

-- Aber sie stehen heute nicht auf der Tagesordnung, Minus, Hoheit.

-- Das ist nicht ihr Fehler. Das ist unser Fehler.

-- Du verschwendest Deinen Geist, Minus.

-- Verschwende ich ihn?

-- O, sicher an keinen Unwrdigen. Aber immerhin -- --

-- Bist Du so sicher, Bim? Ich habe oft zu Thoren geredet, wenn ich
vermeinte, zu Weisen zu sprechen. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel zu
leicht. Daher die schleichende Gefahr. Aber vorlufig ganz unter uns.
Oberphysikus, Amtsgeheimni!

Bim wute nicht mehr, was er denken sollte. Irgendwo und bei irgendwem
stand's nicht richtig.

Er starrte seinen hohen Kollegen vom hohen Rathe an.

Nein, da war wirklich guter Rath theuer. Aus diesen Mienen war keine
Erklrung fr die sonderbaren Worte zu schpfen.

-- Sollen wir uns die grausame Todesart gefallen lassen, Bim? Weit Du? Die
den Sterbenden lcherlich macht, weil er sein Gestorbenwerden nicht merkt?
Die Anderen aber, an denen er stirbt, die merken's, Bim! und lachen und
weinen, die Unerbittlichen.

-- Niemand stirbt so im Lande der Teutaleute. Ich fasse Deine Besorgni
nicht, Minus.

-- Sie lachen und weinen, die Unerbittlichen. Mit ihren Thrnen verhhnen
sie den Unglcklichen. Ihre Thrnen sind Salz in offene Wunden.

-- Minus, nie habe ich Jemand von unserem Volke weinen sehen. Im edlen
Lande der Teutaleute kennt man keine Thrnen. Man kennt sie nicht. In alten
Zeiten, ja, wo es noch Frsten gab und Soldaten, Tyrannen und Knechte. Da
kam's zu blutigen Thrnen. Im Staat des Kapitalismus, der folgte, noch
schlimmer. Dann der Zusammenbruch, dann die sozialistischen Qulereien. Das
besserte wenig. Die Menschen verlernten das Weinen nicht. Aber in unserem
Weltalter der gemeinsamen Gte! Thrnen, Minus! Das ist vorbei. Das ist die
Auszeichnung der Teutaleute, ihr besonderes Wesen. Ihr Gleichmuth, denke
doch, ihre Sittsamkeit, ich bitte Dich, ihre Geduld. Wir knnen ruhig
sterben, Minus.

-- Warum thun wir's nicht? So stirb doch, Bim! Schaffe Platz der Jugend!
Was zgerst Du? Ich will sehen, ob Du ein Ende machst. Bestelle Dir
wenigstens einen Gehilfen, wie Titschi sich einen Gehilfen bestellt hat.
Nimm Dir einen Soundso. Die einzige Form, die unser Gesetz gestattet, in
Staatsgeschften unser Leben zu dehnen. Aber Alles das thust Du nicht, Du
wartest ab. Du greifst nicht vor. Du lt's drauf ankommen. Du willst
gestorben werden. Deine Feigheit whlt die grausamste Todesart.

-- Minus!

-- Ja, so sind wir. So seid ihr. Ich nicht. Ich mache ein Ende. Heute noch.
Ich habe Sehnsucht, loszukommen, ohne Hohn.

Diese Wendung berraschte Bim mehr, als Alles Uebrige. Also darauf spielten
die krausen Wendungen und Worte. Aus sich selbst heraus kam dem edlen Minus
der Ueberdru, der Unmuth.

-- Bedenke doch, Minus, wer uns auf den Posten gestellt. Und da sollen wir
flchten, ohne Noth, aus trauriger Laune? Des Volkes Wohl ist uns
anvertraut -- --

-- Des Volkes Wohl! Ich mache ihm meine Reverenz -- --

-- Gut denn. So sagen wir (und kost' es mir den Kragen, wenn's ein Spher
hrt), die Beherrschung des Volkes, was dasselbe ist, befriedigt Dich das
nicht?

-- Beherrschung? Fhlst Du das Zeug zu einem Herrscher, zu einem Gott in
Dir, Bim? Ich hnge an meiner Schwche. Ich rhme mich meiner
Unvollkommenheit. Nicht die kleinste Herrgttlichkeit reizt mich.

-- Des Volkes Wohl liegt in seiner Beherrschung, Minus.

-- Aber nicht mein Wohl. Und warum knnen wir das Volk beherrschen? Weil
wir ihm die Flgel gestutzt und den Sinn verwirrt haben. Ein geistvolles
Geschft, ber ein solches Volk zu herrschen!

-- Das Volk ist mndig und frei in seinen Entschlssen, Minus.

-- Ist's das? Bestellt sich der Mndige einen Vormund? Duldet der Freie
Obere, die sich mit Hoheit anreden lassen? Ein mndiges freies Volk jagte
Dich und mich und alle Hoheiten zum Kuckuck, krche aus der Erde heraus und
liefe frei in die Sonne und allen Winden nach, wie die Thiere des Waldes,
wie die Vgel des Himmels.

-- Darauf sage ich, der Oberphysikus, Dir dieses: Deine Gelehrsamkeit ist
Dir zu Kopf gestiegen. Das sind Alles transszendentale Theorien, die Du aus
alten Poeten, Philosophen und anderen Narren aufgelesen. Ich wei mich frei
davon, drum kann ich ruhig reden.

Minus lchelte wie Einer, dem wirklich vielerlei im Kopfe durcheinander
geht. Wiederholt setzte er sein Hrrhrchen ein. Alles blieb stumm. Von
keiner Seite eine neue Meldung. Ist die Welt todt?

Bim hstelte aufgeregt. Er fhlte sich der Erschpfung nahe. Solchen
unerfreulichen Sachen war er nicht gewachsen. Das Herumrthseln an
unentwirrbaren Dingen ging allen seinen Fhigkeiten wider den Strich.
Dieser Minus, nein, niemals hatte er ihn in einem solchen Zustande gesehen.
Ein Knuel von Widersprchen. Eine Windsbraut von tollen Stimmungen.

-- Ja, ja, Bim. Die Sonne, der Wald, der Himmel, die Thiere.

-- Erlaube, das ist Alles furchtbar ungesund. Teuta aber ist gesund
geblieben, weil es der Sonne, dem Himmel ausgewichen ist bei Zeiten, weil
es die Wlder vertilgt, die berflssigen Thiere beseitigt hat. Diesen
vergangenen Dingen knnen nur zwei Menschensorten nachschwrmen: Poeten und
Verliebte. Und mit ihnen haben wir seit Annodazumal in Teuta aufgerumt,
grndlich.

-- Haben wir das, alter Bim?

-- Eine weite, ruhige, gradlinige Flche ist die Erde im Teutaland. Alles
ist klar und bestimmt nach Ma und Gewicht. Dieser Zustand soll erhalten
bleiben, er ist der denkbar glcklichste fr unsere Menschen. Das empfand
ich in meiner Jugend, das besttigt mein Alter. Eine Wissenschaft, die
anders lehrt, ist falsch. Sie zerstrt den Frieden, unser hchstes Gut.

Minus hrte nicht mehr, in mden, schmerzlichen Gedanken versunken. Nie
htte er berhaupt den klugen, beschrnkten Schwtzer so lange angehrt,
auer der Gewohnheit des Amtes, oder es sei denn, er spielte Komdie mit
ihm, oder sich im Witz zu ben, oder in der Geduld. Aber heute! --

Die Hrrhrchen brannten frmlich im Ohr. Der Fernsprecher wute ihm so
wenig zu melden, wie der Fernseher. So oft er sich an den Spiegel wandte,
es kam kein Bild. Und der Fernsprecher narrte ihn mit der Wiederholung
altbekannter Dinge.

Endlich eine Nachricht, die wie ein Blitz auf seine Erwartung schlug.

-- Spurlos verschwunden, sthnte er nach einer Weile. Ao wei nichts. Kein
Mensch wei was. Jala, Unglckliche!

-- Jala, wie? Die schne Blinde? Ich hatte sie in meiner Irren-Abtheilung
zur Beobachtung. Dann entwich sie -- --

-- Das sagst Du mir jetzt erst?

-- Fragtest Du?

-- Nein, das wute ich. Was weit Du, da ich nicht wei? Berichte!

-- Nichts von Belang. Ganz dem Gegenstande entsprechend. Sie entwich. Sie
wird ein Ende gemacht haben. Sie war unheilbar. Unheilbar, aber still und
unschdlich. Damit ist die Sache wohl erledigt. Teuta ist ruhig.

-- Ich danke. Fahr' ab, Bim, und hte Deine Zunge.

-- Eine Nrrin weniger, das regt in unserem Lande keinen Menschen auf. Eine
Nrrin weniger, ich bitte Dich. Das strzt keine Rechnung um.

-- Fahr' ab, Bim. Jala ist keine Nrrin und -- mehr als Eine. Schlu. Fahr'
ab.

Der Mechanismus spielte, der Oberphysikus sa vor der Thr.

                                * * *






Schwarze Nchte folgten den dunklen Tagen. Niedrig, wolkenschwer lastete
das Firmament auf der na erkalteten Erde, ohne Sonne, ohne Mond, ohne
Sterne.

Aus den Nebeln, die das Meer verhllten, klang gedmpft der schwermthige
Gesang der Wellen am Strande.

Aus der tiefen Stille der Ferne ber den Wassern kam es zuweilen wie hartes
Grollen und Stoen und Strzen, als machte sich weit dahinten, verborgen in
dichter Finsterni, der Sturm fertig, um mit wuchtigen Schlgen bald ber
die Fluth hinweg in's Land zu fallen in wthender Heerfahrt.

Zwischen den letzten hohen Dnen, die in weitem Bogen den Strand
umgrteten, lag, tief eingebettet, eine Siedlung von Schifferhtten: Eine
Weltfremde in den dsteren Zeiten des verlorenen Himmels, bewohnt von
wenigen Familien uralter Eingeborener, zu denen sich ab und zu von Wind und
Wetter verschlagenen Insulanern oder Flchtlingen aus den platten
Hinterlndern einige Neulinge gesellten, um unter dem Schutze des
Gastrechts die Hrte des Lebens zu berwinden. Etliche zogen wieder ab bei
gnstiger Wetterwende, Etliche, die sich anzufreunden und innigeres
gegenseitiges Gefallen zu erwecken vermochten, blieben dauernd, Andere
verschwanden spurlos, nachdem sie kurze Rast und Labung genossen.

Die Bleibenden erfrischten und vermehrten mit ihrer neuen Kunde aus
entlegener Welt den Geist und mit ihrem Blute die Krperlichkeit der einsam
hausenden Siedler und hteten sie vor Erstarrung in der Einfrmigkeit des
Daseins zwischen den Dnen.

Dennoch blieb die Zahl der Bewohner der Schifferhtten beschrnkt. Das Meer
forderte bestndig seine Opfer, und das Gesetz der Auslese bte seine
Gewalt am schwcheren Nachwuchs.

So gab's keine Bedrngni an neuen Menschen, und das Blut und die Sitten
der Eingeborenen aus alter Zeit behielten die Oberhand. Wie bei den Ahnen,
die einst mit Bren gerauft und in den Wldern, die in lngst
verschwundenen Epochen bis an's Meer stieen, den Ur gejagt, war das
Geschlecht blondmhnig und von seltener, aus blauen Augen und ruhig rauhen
Manieren blitzender Kraft, in seinen besten Exemplaren.

Das groe Wort aber fhrten einige schwarze Rundkpfe in den lnger
werdenden Abenden der Sommerflucht, ber die endlosen Nchte des Winters
hinweg, bis zur Sonne Wiederkehr in triumphirendem Glanz.

Diese Rundkpfe waren weit unten von den wlschen Ksten heraufgekommen,
die in weien Felsen und Klippen starren. Sie wuten viel zu erzhlen von
waghalsigen Fahrten und blutigen Abenteuern, und aus der ltesten
Geschichte ihrer Voreltern berichteten sie von Kriegszgen, Revolutionen
und Umstrzen, mit solcher Fabulirkunst, als wren diese bunten,
unglaublichen Dinge gestern erst geschehen, leibhaft, unter aller Augen,
und lagen doch weit zurck um Jahrtausende, als die Menschheit noch lrmte
und tobte, und in streitbaren Wanderungen die Vlker gegeneinander
losgingen und noch nicht so stille und bedachtsam geworden waren wie heute.

Besonders aber flo den schwarzen Rundkpfen der Mund ber von ihrem
kriegerischen Nationalgott Polium. Zweimal sei dieser Schlachtengott Polium
erschienen, denn ohne ihn geschehe nichts Gewaltiges in Europa, und in
hundert Jahren werde er wieder erscheinen und den Angelos und Amerikanos
den Garaus machen. Alle Nachbarvlker habe er bei seinem zweiten Erscheinen
mit feurigen Schlangen gepeitscht und das Antlitz Europas mit Blut
gewaschen und Schaaren Gewappneter durch die halbe Welt geschoben, da
unter ihren Futritten die Erde gebebt.

Das Alles war lngst, lngst vergangen. Aber es hatte seine Spuren
zurckgelassen, sogar im Gedchtni der rundkpfigen, kleingewachsenen
Mnner mit der unermdlich behenden Zunge.

Wenn sie erzhlten, mute man staunen ber so auerordentliche Dinge. Aber
wenn drauen der Sturm dazu brllte, Blitze in die schwarze, sich rasend
aufbumende Wogenwildni schleudernd, als sollte sich die Erde spalten und
der Wolkenhimmel in Schlnden und Abgrnden schmetternd versinken, da klang
das alte Heldenlied so glaubhaft, da jeder Zweifel wich.

Nein, es konnte keine Fabel sein.

Wie das Meer in seinem Aufruhr, wie Sturm- und Gewitternacht heute noch,
wenn die Jahreszeiten sich kreuzen, so war einst die Menschheit, ehe die
groe Helle und Stille ber sie kam.

Auch die Angelos, die drben auf der groen Insel, weit weg vom Strande,
hausten, und von denen zuweilen noch Einzelne in listiger Fahrt
herberkamen, besttigten dies. Ja, sie hatten selbst noch mancherlei
Manieren an sich, die an die wilden Menschenzeiten gemahnten, etwas
Gewaltthtiges, Tckisches, Raubthierhaftes, das namentlich den Leuten, die
aus Teuta stammten, bengstigend erschien und von ihnen als drohende,
unausrottbare Feindseligkeit empfunden wurde, gegen die ausreichender
Schutz nicht leicht sei. Aller Vorsicht und Ordnung zum Trotz.

-- Gieb Acht, in dieser Nacht wird der Sturm noch losbrechen, wie wir lange
keinen gehabt, sprach der blondmhnige Schiffer Willem Mom zu seinem
Nachbar Fix, dem kleinen Schwarzkopf, der heute wieder unermdlich in alten
See- und Rubergeschichten gekramt und vom Hundertsten in's Tausendste
fabulirt hatte.

-- Alles kehrt wieder, Willem Mom.

-- Schlechtes Wetter, jawohl.

Sie wollten, heute als Wchter bestellt, dieweil Alles in den Htten
schlief, der Auffahrt des Wetters nher zusehen. Sie krochen auf den Kamm
der Dne. Zu sehen aber war in der mond- und sternenlosen Nacht nicht viel.
Dicke Schwrze, zuckende Blitze, grollender Donner, regenschwere Luft.

-- Es gab eine Zeit, Willem Mom, da fuhren da drauen ungeheuere eiserne
Maschinen in schwarze Rauchwolken gehllt, Dampfschiffe genannt, die an die
tausend Menschen faten.

-- Das ist vorbei, Fix.

-- Damals gab es auch Eisenbahnen, mit hundert Wgen, einer am andern, die
faten noch mehr, die fuhren auf dem platten Land, durch die Berge, ber
Brcken.

-- Das kommt nicht wieder.

-- Warum, Willem Mom?

-- Das ist zu plump. Die Menschheit hat keinen Geschmack mehr am Plumpen.

-- Na, mag sein. Jetzt ist man fr das Kleine, Flinke. Jeder fr sein
kleines, unterseeisches Boot. Du kannst recht haben. Aber das kriegen sie
auch wieder satt.

-- Dann erfinden sie was Neues, Fix. Hast Du den Blitz gesehen? Der hat
sich durchgehauen, und von einer solchen Dicke. Da liegt Kraft drin.

-- Jawohl.

-- Frher hat man sie in Drhten aufgefangen, fingerdick, von schwerem
Metall. Jetzt thut's ein haarfeiner Faden, oder gar nichts. Das geht, wie
man will.

-- Aber die Blitze, die so wild herumfahren, mit dem prchtigen Donner, he,
Willem Mom!

-- Ja, die gezhmten sind stumm, in der Gewalt der Menschen, sie leuchten
nicht einmal unterwegs.

-- Und wo sie dennoch Licht geben, geben sie gleich Musik dazu, hab' ich
mir sagen lassen. In Teuta sollen sie wunderbare Sachen machen.

-- Ich sag' Dir, Fix, den Teutaleuten ist auch nicht wohler in ihrer Haut,
als uns, wenngleich sie sich fr das erste Volk auf Erden halten.

-- Das thut schlielich jedes. Ich htte schon Lust, einmal dahinein zu
sehen, nach Teuta.

-- O, die sperren sich ab, die sind sich selbst genug, Fix. Und immer
tiefer in die Erde hinein, da ist nicht beizukommen.

-- Wenn einmal die Wolken 'runterbrechen, mssen sie alle miteinander
ersaufen. So eine Nacht, wie jetzt diese da, meinst Du nicht, das gbe eine
Ueberraschung fr die Teutaleute! Klitsch, klatsch, Alles unter Wasser,
Willem Mom!

-- Das kommt nicht. Merkwrdig, die haben Alles ausgerechnet. Da geht Alles
trocken ber ihr Land weg. Nichts kommt aus der Luft herunter, was sie
nicht haben wollen. Die lassen sich nichts auf die Kpfe fallen.

-- Was trinken sie denn in ihrem trockenen Land?

-- Das haben sie sich abgewhnt, Fix.

Fix lachte.

-- Das wre unser Fall, Willem Mom. So ein Leben ohne Feuchtigkeit. Und was
glaubst Du von ihrem Essen?

-- Das haben sie sich wahrscheinlich auch abgewhnt.

Fix lachte wieder.

-- Na, hr' mal, das ist ja geisterhaft. Da knnen sie ja auch nackt gehen,
denn zu sehen ist da wohl nichts.

-- Thun sie auch, Fix. Wie die Wrmer. Drum verkriechen sie sich tief in
die Erde, wo's hbsch warm ist.

Fix war ungemein belustigt von diesem Bericht.

-- Hre, Willem Mom, das mssen wir sehen. Ist da keine Mglichkeit?

-- Sehr schwer. Das ist schon das strkste Abenteuer, nur davon zu trumen.
Wr' auch hineinzukommen, heraus kmen wir gewi nicht mehr.

-- Oho! Es sind doch schon Teutaleute zu uns herbergekommen, hrt' ich.

-- Das schon, wenn auch ungeheuer selten.

-- Nun also, Willem Mom.

-- Jawohl. Aber die sind nicht echt. Die sind aus der Art geschlagen. Oder
sie haben etwas Verrcktes angestellt.

-- Noch Verrckteres, als es schon die Anderen treiben? Kanntest Du so
Einen?

-- Jawohl.

-- Davon mut Du mir einmal erzhlen, Willem Mom. Jetzt frstelt mich. Ich
denke, wir haben von der Nacht genug. Wir legen uns schlafen. Oder glaubst
Du, es ereigne sich noch was? Der Nebel wird immer dicker. Was ist da zu
sehen? Es rhrt sich nichts.

In der That, die Welt war wie mit Finsterni verhngt. Auch das Blitzen und
Donnern hatte nachgelassen. Das Getse des Meeres klang gedmpfter.

Pltzlich war's, als gingen die Falten der Nebelgardine auseinander, als
wrden sie emporgezogen von oben. Eine schmale Lichtung that sich auf, in
einem Strich, weit hinaus auf die wogende See. In ungewhnlicher Schnheit
tauchte der Mond mit voller Scheibe aus der bewegten Horizontlinie auf,
gerade im Mittelpunkte der Lichtung, deren schwarze Wnde sich in dunkles
Gold frbten, und violettrothe Lichter spiegelten auf der bauschigen Fluth.

Die beiden Mnner standen wie gebannt von so viel Schnheit.

-- Da spricht man von einem Zauberland, begann Fix leise, ergriffen. Was
sagst Du dazu, Willem Mom?

Der aber deutete auf den Strand hinab, in die Lichtung hinein, und steckte
den Kopf vor, um schrfer zu sehen.

-- Da unten bewegt sich was, Fix. Hart am Wasser hin. Siehst Du?

-- Ein Thier? Wo? Ich entdecke nichts. Sprich doch, wo?

-- Es geht aufrecht wie ein suchender Mensch, ein wenig gebckt.

-- Richtig. Wer kann denn zu dieser Stunde von den Unsrigen noch am Strande
sein?

-- Niemand von den Unsrigen. Das ist was Fremdes, sicher, was ganz Fremdes.

-- Verirrtes, ohne Zweifel. Jetzt ist's weg, rechts hinein. Am Ende doch
nur ein Schatten, ein Wolkenschatten. Wollen wir nachsehen, Willem Mom?
Meinst Du?

-- Ja, wir wollen nachsehen, bevor der Mond wieder verschwindet.

Die Mnner hatten erst wenige rutschende Schritte im feuchten Sande abwrts
gethan, als in der That leichte Wlkchen, die wie Rauch an der Mondscheibe
vorberzogen, sich mehr und mehr verdichteten. Im Nu war das Spiel des
Lichtes wieder in nchtiger Finsterni verloren. Nur der weie Strand
grenzte noch in trber Helle sich schwach von dem schwarzen Wasser ab.

-- Mehr nach rechts, Willem Mom.

-- Dort liegt's, noch fnfzig Schritte. Hast Du eine Ahnung, was das sein
knnte?

-- Ein Mensch. Wir werden ja gleich sehen.

Und sie stapften in groen Schritten weiter, die Beine hochziehend im
nachgiebigen Sande.

-- Etwas Verhlltes, langausgestreckt, Willem Mom.

Nun standen sie davor.

-- Heda! rief Fix.

Willem Mom beugte sich schweigend nieder.

-- Greif nicht zu, lass' mich erst reden, rief Fix wieder, auf die andere
Seite tretend. -- Heda, rhr' Dich!

Willem Mom hatte den Krper bereits am Kopfende erfat und bemhte sich,
ihn vorsichtig aufzurichten. Die Gestalt lag der Lnge nach, auf dem
Gesicht, die Stirn auf den gekreuzten Armen.

-- Hier ein Stab, sieh mal, Willem Mom.

-- Greif lieber da zu, an der Schulter, Fix, da wir ihn umwenden.

-- Maustodt, Willem Mom, wie vom Blitz erschlagen. Es rhrt sich nicht.
Wr's nur nicht so stockfinster, da man sehen knnte. Das steckt wie in
einem nassen Sack. Am Ende doch was Angeschwemmtes. Nicht das Richtige, was
wir von oben gesehen. Glaubst Du?

-- Lass' mich nur machen. Fa unten, ziehe die Beine, richte die Fe, Fix.

Willem Mom hatte sich niedergekniet und hielt nun den Oberleib in seinen
Armen, mit den Ohren nach der Brust und dem Herzen suchend.

-- -- Ein Weib, Fix, sagte er leise. Fass' den Arm und fhle nach dem Puls!

Inzwischen streifte er mit der Hand ber den Hals zog die Kapuze zurck und
seine Finger verfingen sich in einer Flle von Haaren.

-- Ich finde keinen Puls, Willem Mom.

-- Das ist eine haarige Geschichte. Was machen wir nur gleich, Fix?

-- Also wirklich ein Weib, Willem Mom? Du wirst recht haben, die Glieder
sind schlank und zart. Ich will's noch einmal mit einer Anrede versuchen.

-- Schweig', Fix. Sie ist jung und schn, das sieht man im Finstern. Wir
mssen sie lebendig machen. Das geht nicht mit Redensarten. Reibe die
Handflchen krftig. Ich will's an der Brust und im Rcken versuchen.

Und schweigend machten sich die Mnner, an's Werk.

Der Himmel blieb verhllt. Das Meer beschwichtigte sich, die Wogen
schwankten sanfter an den Strand und lindes Rauschen erfllte die Luft wie
elegische Musik.

Willem Mom zog seine warme Jacke aus und umwand damit den Oberleib des
Weibes. Dann eilte er geschftig, ihre Fe von den Sandalen zu befreien
und einen Fu nach dem andern in seine Hnde zu pressen.

Fix athmete heftig, so angestrengt bearbeitete er die Hnde und die Arme.

-- Sie rhrt sich, Willem Mom, wahrhaftig, sie rhrt sich. Ihre Finger
zucken.

-- Am besten, wir tragen sie in meine Htte. Ich nehme sie auf meine
Schulter, Fix.

-- Nein, in meine Htte, die ist nher und gerumiger. Ich habe auch
Strkungsmittel. Heda, Weib, komm' zu Dir und zu mir!

-- Sei kein Narr, Fix. Lass' los, ich bin Manns genug.

-- Willem Mom, ich sag' Dir, sei nicht gewaltthtig. Heda, Weib, schlag die
Augen auf! Siehst Du mich?

Ohne sich weiter um Fix zu bekmmern, hatte Willem Mom mit einer raschen
kraftvollen Bewegung das Weib auf seine Schulter geladen und versuchte
davonzueilen wie mit einer kostbaren Beute.

Fix nahm den Stab vom Boden und stapfte mit seinen krzeren Beinen mhsam
hinter dem hochgewachsenen, weitschrittigen Kameraden drein, aufgeregt,
rgerlich, hitzige Worte in die graue, khle Luft prustend.

Und Willem Mom immer vorwrts, keuchend, mit offenem Munde, mit stechenden
Blicken die Finsterni durchbohrend, um ohne Umweg die Buchtung zu finden,
von der aus der krzeste Pfad durch einen Dneneinschnitt in die Siedlung
und zu seiner Htte zu gewinnen war. Mit starken Armen hielt er die
schlanke Gestalt umfangen. Er fhlte ihre Brste an seiner rechten Wange,
wrmer und wrmer, und pltzlich war ihm als hbe sich ihr herabhngender
Arm und suche sich um seinen Hals zu legen.

-- Recht so! rief er mit stoendem Athem. Halte Dich fest, ich bin stark.

Aber da that er einen Fehltritt, kam in eine Senkung und strzte mit seiner
Last zu Boden.

Mit schwerem Druck kam er auf das Weib zu liegen, das er im Schreck noch
gewaltsamer an sich prete.

Wie aus schmerzhafter Empfindung entrang sich der Brust des Weibes der
erste Laut, der wie >Grege< klang.

-- Grege! Du thust mir weh! seufzte die zarte Stimme.

-- Sie lebt, sie spricht! jubelte Willem Mom und bemhte sich mit uerster
Anstrengung, im weichenden Sande sich aufzurichten.

-- Was beginnst Du da? schrie Fix, der ihn nun eingeholt hatte. Ganz
Leidenschaft, schwang er drohend den Stab. Willem Mom sa auf der Bschung,
das Weib auf sein Knie ziehend.

-- Alles gewonnen, Fix, sie lebt, sie lebt. Siehst Du? rief er frhlich.
Und der Schwei perlte ihm von den Schlfen und tropfte auf die weiche
weibliche Hand, die auf seiner Schulter ruhte.

Fix kniete vor der Gruppe nieder, griff nach der andern Hand, drckte sie
in der seinigen und ri gierig die Augen auf, um die Formen des weiblichen
Gesichts zu ersphen.

-- Du bist jung und schn, es ist keine Gefahr mehr. Wer bist Du? Ich
schtze Dich!

-- Schweig', Fix! Sie bedarf der Ruhe. Du erschreckst sie mit Deiner
Heftigkeit.

Offenbar war sie wieder in Bewutlosigkeit zurckversunken.

Um nicht unntz die Zeit zu verlieren, kamen die Mnner berein, gemeinsam
die Fremde zu tragen. Keiner wollte sie dem Andern berlassen, der Weg war
ansteigend und schwierig, und so war's das Vernnftigste, sich in die Last
zu theilen.

Dann ging's vorwrts, der Siedlung zu. Keiner sprach unterwegs mehr ein
Wort.

An der ersten Htte, die erleuchtet war, machten sie Halt. Es war die
Willem Mom's, dessen alter Vater, an Schlaflosigkeit leidend, sich ein
kleines Feuer angeschrt hatte, um Thee zu kochen.

-- Hier Vater, mach Platz' auf dem Lager, wir bringen menschliches
Strandgut. Ein Weib.

-- Ein Weib? rief der Alte. Dann weckt ein anderes Weib zur ersten Hilfe.

Aber da waren nicht viele Umstnde zu machen.

-- Sie kommt nicht aus dem Wasser, Vater, es bedarf nicht des Umkleidens.
Warmes Lager und einen warmen Schluck.

Schon war Fix mit der Theekanne zur Hand.

Bald war alles Zweckdienliche vollbracht. Die Fremde belebte sich auf dem
wohligen Lager, im Dmmerlicht der stillen Htte.

-- Wo? Wo bin ich? war ihre erste Frage.

-- Hier bei uns, ffne die Augen, Kind! rief der Vater Mom.

-- Ist Grege da?

Die Mnner sahen sich an.

-- Wer ist Grege? fragte Fix, sich ber sie neigend.

Sie schwieg. Wie eine Todte lag sie wieder da, den Leib langausgestreckt,
die Hnde ber der Brust gefaltet.

Lat sie ruhen, sagte Vater Mom. Aber in ihm selbst war eine seltsame
Unruhe. Nach geraumer Weile hob er die Leuchte hoch. Der Lichtschein ergo
sich ber das jugendliche Antlitz, da es zu lcheln schien, und entzndete
den Glanz der reichen blonden Haare. Die Mnner standen betroffen vor so
edler Schnheit.

Auch durch die Fenster drangen jetzt die Lichtboten des sich sonnig
hellenden Morgens und schlpften durch die angelehnte Thr.

-- Sie trumt wohl, meinte Fix. Seht ihr Gesicht, wahrhaftig, es lchelt.

-- Oeffne die Augen, sieh' uns an, bat Willem Mom.

Endlich bewegten sich ihre Lippen: -- Dank Euch. Ich habe nicht Augen zum
Sehen.

-- Sie redet irr, flsterte Fix.

Als er sein Gesicht dem ihrigen nherte, da sie den Hauch seines Athems
sprte, wehrte sie mit schwacher Handbewegung ab. Zwischen Daumen und
Zeigefinger erschien ein blarother Stern.

Fix entging er nicht.

-- Ist da nicht eine Spur von Blut an ihrer Hand? wollte er fragen. Aber
schon hatte sie ihre Hand wieder gefaltet, und die Anderen waren mit
eigener Beobachtung beschftigt.

-- Warum willst Du uns nicht sehen? fragte Willem Mom in zrtlichem Tone.
Wie heit Du?

-- Ich bin Jala, die Blinde, kam es wehmuthsvoll aus ihrem Munde.

-- Die??

-- Sie ist blind! rief Willem Mom erschttert.

-- Das ist ja nicht mglich! fuhr Fix leidenschaftlich auf.

Vater Mom schttelte seinen alten grauen Kopf: -- Nicht mglich? Es giebt
kein Unglck, das nicht mglich wre.

Dann, gegen das Lager gewendet:

-- Ist's wirklich so? Bist Du blind?

Jala hob zitternd ihre Augenlider empor. Zwei groe blicklose Augen
enthllten sich wie wolkenverschleierte, unergrndliche Sterne.

Die Lider fielen wieder herab, und um den Mund zuckte ein stolzer
Schmerzenszug.

-- Jala heit Du? fragte Vater Mom, die Hnde gefaltet.

Sie nickte und seufzte:

-- Meine Augen sind bei Grege. Ist er noch nicht hier? Der wird Euch Alles
sagen.

-- Wo kamst Du her? Wer ist Grege? fragten die Mnner durcheinander.

Der Frhwind sprang ber's Meer und jagte die Thr auf.

Flammend grte jetzt die Sonne in's Gemach.

Jala lag wieder da, still, wortlos, Lippen und Augen wie in tiefem Sinnen
geschlossen, ein schmerzliches Geheimni des Lebens sich selbst und ihren
Rettern.

-- Ich will eine Frau rufen, sagte der alte Mom. Das geht ber Mnnerwitz.

                                * * *






Die Luft klar wie Krystall.

Der Himmel blablau, mit einigen bschelfrmigen Wlkchen zur Rechten und
Linken, die einzeln sich bewegten, wie von gegenstzlichen Krften
getragen.

Und unten auf Erden schien ein Sturm zu toben.

Keiner wute mehr Raths, seit der Apparat versagte.

So ging's die Nacht hindurch, so den zweiten Tag.

Erfreulicher Weise fhrte die Flugbahn durch milde Temperaturen, selten
gekreuzt von einer kalten Strmung. Wie weit von der Erde entfernt, war
kaum mehr zu schtzen.

Bei dem Zusammensto mit dem rthselhaften unbemannten und dunklen
Riesenfahrzeug waren alle Instrumente verloren gegangen, die Leuchte dazu
und alle Mittel, bei Insichttreten anderer Fahrzeuge Zeichen zu geben.

Gewi, es war ein Wunder, da man bei dem ungeheuren Anprall im wilden
Wirbel des Fallwindes berhaupt nicht vollstndig scheiterte.

Wie nun das Abenteuer enden wrde? Keiner konnte es wissen. Der steuerlose
Flug spottete jeder Berechnung.

Nur den einen Schlu lie die andauernde blablaue Frbung des Himmels und
die krystallene Klarheit der Luft zu, da man sich den Regionen des Pols
nherte. Also lcherlich weit ab vom Ziel.

Und richtig, wie das Wetter tief unten ausgelrmt hatte, war fremdes weies
Land in ungeheuren Flchen zu erkennen.

-- Vielleicht, da wir uns an den Eisnadeln des Pols ein wenig anspieen
zum Verschnaufen, spottete der Jngere.

-- Und einem Eisbren das Fell ber die Ohren ziehen, damit es uns den
Buckel wrme. Uebrigens ein spahafter Anblick, die alte Mutter Erde in
dieser Rieseneismtze. Wann wird die gute Dame die Mode wieder ndern und
sich Urwlder hinter den Ohren wachsen lassen und sich Palmenzweige auf den
Scheitel stecken? Was meint unser Freund Grege aus dem gelehrten Teuta?

-- Siehst Du, Grege, begann wieder der Jngere, in dieser programmwidrigen
Weise die Welt umkreisen, darin besteht das eigentliche Reisevergngen. Das
erfrischt und bildet zugleich. In Deinem Teuta wrst Du nie dazu gekommen,
aus solcher Hhe den Wundern der Schpfung in die Tpfe zu gucken.

Grege mute die Kaltbltigkeit und Laune dieser Leute bewundern. Besonders
der Aeltere, der mit dem Todtenkopf, war von einer verblffenden Ruhe.
Auer seinem wehenden Bart, an dem man frmlich die Richtung und den
Wechsel des Windes ablesen konnte, hatte er nichts Bewegtes an sich. Selbst
seine Lippen schienen beim Sprechen starr zu bleiben. Und er sprach nicht
am wenigsten. Dergleichen hatte Grege noch nie erlebt. Der baroke Humor in
dieser Situation absoluter Hilf- und Rathlosigkeit war ihm eine
Offenbarung. Da er selbst meist die Zielscheibe ihrer Hnseleien wurde,
nahm er seinen Entfhrern schon gar nicht mehr bel in der gemeinsamen
Noth.

Von der Ausfahrt bis zum Zusammensto mit dem irrenden Luftschiff in den
ersten vom ausziehenden Wetter stichdunklen Nachtstunden hatten sie kein
Wort an ihn gerichtet. Sie ignorirten den Gefesselten in seiner
knirschenden Betubung vollstndig.

Bald nach dem Zusammensto lsten sie seine Fesseln, und ihr erstes Wort an
ihn war Spott. Aber es klang ihm nicht bs, eher humoristisch.

-- So, Mann, jetzt bist Du frei, wie wir, Du kannst Dich nach Herzenslust
bewegen und hingehen, wo es Dir beliebt.

In der geisterhaften Geruschlosigkeit der Fahrt durch den nchtigen
Weltraum war ihm so beispiellos unbegreiflich zu Muthe, da er kaum einen
bestimmten Gedanken denken konnte.

Nach dem ungeheuerlichen Sturz und Wirbel des Fahrzeugs im Trichter des
Fallwindes hatten auch seine Entfhrer allerdings eine Zeitlang das Spotten
vergessen und hantirten ernst und schweigend in der Gondel herum. Als sie
sich vergewissert hatten, da vorerst nichts zu unternehmen war, als dem
Schicksal seinen Lauf zu lassen, richteten sie einige freundliche Worte an
ihn.

-- Nimm's uns nicht bel, wir hatten's besser mit Dir vorgehabt. Wir werden
Dich fr die ausgestandene Angst schadlos halten, sobald wir geborgen sind.
Dann wirst Du auch eine liebenswrdigere Meinung von uns gewinnen. Willst
Du frei sein, Flchtling?

Und der Aeltere nahm ihm die Fesseln ab.

Grege hatte seither kein Wort mit ihnen gewechselt. Er vermied auch, ihnen
in die Augen zu sehen. Er frchtete das kalt Beherrschende, das starr
Bannende ihres Blicks. Es ging etwas von ihnen aus, das entwaffnete und
lhmte. Alle Schrecken seiner ersten Ueberwltigung und Fesselung vermeinte
er wieder zu fhlen, wenn er ihnen in die Augen sah. Jetzt erst, wo ihr
Schicksal ein gemeinsam ungewisses war und gemeinsam der
Selbsterhaltungstrieb neuen Katastrophen gegenber, fand er sich in's
Unvermeidliche und fhlte sich fast als ein mit ihnen auf Leben und Tod
Verbndeter.

Nur wenn er an Jala dachte, war's mit seiner Fassung vorbei.

-- Jala, meine muthige, arme Jala, wenn Du wtest! Das war ein bler
Anfang. O ber die verwnschte Wunde!

Und er fhlte die Geliebte fast in krperlicher Nhe, hergezogen durch die
schmerzlich berquellende Sehnsucht seiner Seele.

Dann aber sah er sie als mrchenhafte Erscheinung in unmebarer Ferne
wieder verschweben und sich selbst und seine Genossen wie auerhalb aller
Welt, losgelst von allem irdisch Menschlichen, und eine dumpfe Ruhe folgte
auf die bittere Erregung.

-- Seid Ihr gewi, da wir uns in der Nhe des Pols bewegen? fragte er
seine Peiniger.

-- Die unendlichen Schneelagen da unten und die schimmernden Gletscher
schlieen den Zweifel aus.

Die Strahlen der versinkenden Sonne schrgten ber die schneeige Erde und
lockten aus dem Wei ein wunderbares Spiel zarter Farben.

Grege machte groe Augen. Er strengte seine Sinne an.

Wie unfabar neu und von seltsamer Majestt war das Schauspiel, das die
Erde aus dieser fabelhaften Hhe bot!

Gleich schwarzen Flecken sa das Wasser zwischen der Landschaft ewigen
Schnees. Diese schwarzen Arabesken im Farbenspiel waren doch Wasser? Er
mochte nicht fragen.

Die Gletschergipfel und die Zinken der Eisberge flammten auf wie ein
Feuerwerk. Eine lange rosige Dmmerung legte sich darber.

Schlo er die Augen, dann nahm die Nacht Alles unter ihren dunklen Mantel.
In der Hhe aber brannten die Lichter des Himmels in kaltem, wundersamem
Glanz.

Endlich kam das Prunkstck der Nacht, der volle goldene Mond, getragen von
einem zuckenden Schimmer, der aus der Erde heraufzubrechen schien.

Selbst die Angelos verstummten vor dieser groartig einfachen Schnheit in
dieser weltentrckten Hhe, wo Alles nur in himmlischer Reinheit als Licht
und Farbe wirkte, keine Form fr sich bestand, auer in den Zustnden
dieser beiden Medien und ihrer einzigen Idealitt.

Keiner htte vermocht, in Worte zu fassen, was sie bei diesem Tiefblick in
das All und ihre eigene unwillkrlich erschauernde Seele empfanden, keiner
ein Bild gefunden, um diese Stimmung auszudrcken. Es war das uerste
Raffinement des Reizes, den die Natur auf menschliche Wesen auszuben
vermochte, in diesen fremden Regionen.

-- Das geht bis zur Stupiditt, sagte der Jngere, um sich aus dem Zauber
zu lsen, und ber die Stupiditt geht nichts.

-- Ganz meine Meinung, besttigte der Aeltere.

-- Aber wird damit etwas wett gemacht? fragte Grege mit dunkeler Stimme,
die Augen aufschlagend, wie im Traum.

-- Diese Frage an das Schicksal steht uns Menschen immer frei. So oft wir
sie auch wiederholen, klger werden wir nicht dabei, erwiderte der Aeltere.
Lass' ruhig Deinen Bart wachsen, Grege, und wisch' Dir den Mund. Wir thun
das Gleiche.

Grege versank in Schweigen, das auf's Neue zu einem schlummerhnlichen
Zustand berleitete. Die Einfrmigkeit der Bewegung war so
unerschtterlich, da er glaubte, er hinge still in der Luft, regungslos,
und doch schwebte die Erde unter ihm fort und die Ereignisse nahmen ihren
Gang. Aber er war so unbetheiligt an Allem -- -- so verwandelt -- -- --

Hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah er in purpurner Nacht einen
Stern blinken, geliebte erblindete Augen, feucht schimmernd von Thrnen,
von der Sehnsucht geweint und der Verzweiflung.

Die Angelos zuckten die Achseln ber den Entschlummerten.

Der Aeltere zog ein feines Elfenbeinkmmchen aus der Tasche und strich
damit seinen Bart.

-- Originell ist er immerhin, dieser Typus.

-- Eine Hilfe in dieser verwnschten Irrfahrt ist er uns freilich nicht. In
normaler Lage wre er seinen Preis werth. So aber kann er uns selbst theuer
zu stehen kommen.

-- Hoffentlich bringen wir ihn mit heiler Haut heim, die Rckkehr berhaupt
vorausgesetzt.

-- Wenn wir nicht gezwungen werden, ihn als Ballast hinauszuwerfen. Wir
gondeln bedenklich tief, da unten ist's Meer. In seinen Schlnden zwischen
Eisbergen zu landen, dnkt mich kein wnschenswerther Abschlu unserer
Fahrt. Schlechtes Geschft. Verdammt kalter Wind, der da unten streicht.

Der Jngere hatte diese Worte rauh herausgestoen. In seinen Augen blitzte
es seltsam.

-- Zweifellos sind wir verloren, wenn wir noch lnger mit sausender
Geschwindigkeit auf dieser schiefen Ebene abwrts gleiten. Lassen wir den
Teutamenschen fliegen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Es geht auf Tod
und Leben.

-- Er schlft. Der Augenblick ist gnstig. Mit einem Griff und Wurf ists
gethan. Opfern wir ihn! Fort damit! Bist Du nicht entschlossen?

-- Sicher, das ist rasch zu machen. Vielleicht warten wir doch noch eine
Minute, bevor wir die Beute preisgeben. Eine kleine Schwenkung der Luft und
wir gewinnen neue Kraft. Ich bin nun nicht sicher, da wir den Pol in der
Nhe haben. Der Lichtschein ist noch zu schwach. Das ist kein Polarlicht
von der richtigen Strke.

-- Ebenso zweifellos ist, da wir auerhalb des vernnftigen Kurses in der
reinen Wstenei irren. Kein einziges Fahrzeug weit und breit. Die
verlassenste Gegend der Welt. Wir knnen uns nur ber der den Platte
befinden. Fr das Polarlicht ist die Jahreszeit nicht gengend vorgerckt.
Das Ding funktionirt noch nicht. Ich bin fr den kurzen Proze. Schleudern
wir auf gut Glck die Last hinaus. Finden wir den Rckweg, knnen wir uns
ein anderes Exemplar einfangen.

Grege fuhr aus einem furchtbar bsen Traume chzend auf und richtete sich
stracks empor, mit gestrubtem Haar, in bleichem Schrecken: Man hatte seine
Jala erschlagen. Seine Jala erschlagen in der Irrni, an fernem Strand!
Sein Herz sprach ihm zu, es sei nicht mglich. So Grauenvolles und
Sinnloses -- ganz unmglich. Dennoch rang er in schneidendem Weh die Hnde.
Eher msse die Welt, die ganze lumpige Welt in Trmmer gehen -- --

Blitzschnell fate ihn der Jngere von hinten, kreuzte ihm die Arme um den
Leib und stie ihn mit dem Knie hoch.

Instinktiv und in blinder Verzweiflung mit der Kraft der Todesangst schlug
Grege mit den Beinen nach rckwrts so wuchtige Ste, da der berraschte
Aeltere, vom Anprall getroffen, rcklings ber den Bord strzte, ohne die
schwankende Gondel noch haschen zu knnen. Der Todtenkopf! Lautlos flog er
in die Tiefe. Das Werk eines Wimpernzuckens, eines Augenaufschlags. Und die
Luft muckste nicht, die Gondel kreischte nicht. Ein Mensch, der sich den
Hals bricht, sonst nichts. Ganz zufllig.

-- Das hast Du gut gemacht, kreischte der Jngere mit verzerrtem Gesicht,
seinem Opfer nach der Gurgel fahrend mit eiserner Faust.

Grege hatte Blitze, Feuerschlangen und rothe Sterne vor, den Augen,
blutigrothe.

-- Oho! Jala!! schrie er, wie ein Verrckter.

Und mit einem Sto in die Herzgrube und einem fast gleichzeitigen Schlag
von bermenschlicher Energie in die Augen streckte Grege seinen Gegner
nieder.

Wie rother Qualm brach's durch die Luft, und eine frische Strmung hob das
Fahrzeug.

-- Jala, das dank' ich Dir! Jala, Lebendige! --

                                * * *






Auf geheimnivollen Pfaden flog das Fahrzeug weiter.

Nach unten war nichts zu sehen als ein riesiges Wolkengeschiebe, ein Zug
von grauen Ungethmen, die die Erde verhllten. Die Luft voll Salz.

Grege fhlte sich zum ersten Mal wieder als ganzer Mann, seit er die ihm
aufgedrungene Fehde mit den Angelos so tapfer ausgefochten. Es war eine
neue Krftespannung in ihm geboren, er fhlte sich so frei und gehoben.

Hei, das war ein wirkliches Erlebni, an dem er muthvollen, redlichen
Antheil hatte. Den Einen beseitigt, den Andern zusammengehauen, das war ein
Weg zur Klrung der dunklen Verhltnisse von Mann zu Mann.

Nun hie es noch Ausdauer den unsichtbaren Mchten des Luftreiches
gegenber bewhren. Zhe auf der Hut sein! Mit der dumpfen Ergebung und
wehmuthsvollen Beschaulichkeit war gebrochen.

Achtung, da sich kein neues Unheilgespinnst um die Seele legt! Da der
Feind dich nicht mit Rnken umgarnt!

Der gezchtigte Angelo gewann berraschend schnell seinen Gleichmuth
wieder.

An den empfangenen Streichen hatte er einen Mastab fr die
Leistungsfhigkeit seines Gegners gefunden.

Das war seine Erleuchtung, da er an dem Teutamann nicht mehr einen
Gefangenen, sondern einen erprobten Gegner hatte.

Mit der Vergewaltigung eines Schwcheren war's vorbei.

Grege verhehlte sich's nicht, da die neue Seite des Lebens in ihrer
Mischung von Brutalitt und Bosheit, so sehr sie auch allen Lehren und
Sitten der Teutaleute daheim wider den Strich ging, ein nicht zu
unterschtzendes Gefhl der Frische und Behaglichkeit in ihm geweckt habe.
Die Gefahr selbst, die seine Nerven unausgesetzt gestrafft hielt, empfand
er als eine Bereicherung seiner Mnnlichkeit.

Ja, er empfand es als angenehmen Kitzel, seinem Gegner mit scharfgespitzten
herausfordernden Fragen auf den Leib zu rcken.

-- Mchtest Du's noch einmal mit mir versuchen? Meinst Du, allein Fuste
und das Recht zu haben, sie gegen den Mitmenschen zu erheben? Meinst Du,
da von Dir zu mir ein anderes Gesetz gilt, als von mir zu Dir?

Und als der Angelo stirnrunzelnd schwieg, fuhr Grege beherzt fort:

-- Sag' jetzt, wie willst Du Dein Verhalten vor mir rechtfertigen?

-- Die Antwort eilt mir nicht, entgegnete der Angelo trutzig. Gieb mir von
Deiner Speise, wenn Du noch Vorrath hast, der Hunger frit mich.

Grege fand in seiner Tasche noch einige Surro-Kugeln, davon reichte er ihm
eine.

-- Da, nimm und wohl bekomm's! Wir mssen den Rest eintheilen.

-- Ich hoffe, da wir heute noch zu Speise und Trank kommen.

-- Warum hoffst Du das?

-- Sieh dort hinber, die lichten Punkte! Wir haben guten Kurs, endlich!

In der That bemerkte jetzt Grege zu seiner freudigen Ueberraschung, da
sich auf der nmlichen Luftlinie in nicht allzu weiter Entfernung zwei
andere Fahrzeuge hielten.

-- Sobald Anruf mglich, knnen wir uns Anknpfung suchen. Geht's gut,
werden wir uns schleppen lassen.

-- Und dann?

-- Dann kehren wir heim.

-- Wie verstehst Du das?

-- Wir haben bewohntes Land unter uns. Das Inselreich der Angelos ist nicht
fern. Dort ist unser Ziel.

Grege stutzte. Also in's Land der Feinde, unentrinnbar, in die
Gefangenschaft.

-- Unser Ziel? Was hast Du mit mir vor? fragte er und fate den Mann khn
in's Auge.

-- Ich werde Dich absetzen, lautete die Antwort mit gespielter
Harmlosigkeit.

-- Was heit das, mich absetzen? Heraus mit Deinem letzten Gedanken!

-- Du wirst unser Gast sein.

-- Grege schttelte den Kopf. Alles bumte sich in ihm auf.

-- Und wenn mir das nicht behagt?

-- Es wird Dir behagen. Man wird Dich mit offenen Armen empfangen.

-- Wenn ich aber nicht empfangen sein will?

-- Man wird Dir die Ehre anthun, Dich als ein seltsames Kulturwunder zu
feiern. Ist Dir das zu wenig?

Grege sann nach, wie er mit einem schlagenden Wort wie mit einem Hieb die
unsichtbare Fessel zu durchhauen vermchte, an der dieser freche Mensch ihn
noch in Unterthnigkeit zu halten whnte. Aber er fand es nicht. Innerlich
stand ihm nur dies fest: keine Ueberrumpelung durfte mehr glcken, keine
weitere Entziehung der Freiheit mehr mglich sein, um keinen Preis. Das
Entsetzliche durfte sich nicht vollenden.

Endlich sagte er entschlossen: Wenn wir am Lande sind, werde ich frei
meiner Wege geh'n, als Niemandes Knecht.

-- Vergi nicht, da vor Allem noch eine Rechnung zu begleichen ist.

-- Was fr eine Rechnung?

-- Mit einem Kameraden zog ich aus, ohne ihn kehr' ich heim. Durch Deine
Schuld. Du hast Ersatz zu bieten. Die Rechnung ist einfach.

-- Die Rechnung ist falsch! Ich erkenne sie nicht an, der Schuldige bist
Du!

-- Das wird sich zeigen, ereifere Dich nicht.

Hei stieg's in Grege auf. War das nicht emprend, so allen Thatbestand und
Sachverhalt zu verkehren und gegen ihn zu wenden? Er der Schuldige, weil er
als der Angegriffene in verzweifelter Nothwehr gehandelt?

Aber er fhlte sofort, da da mit Grnden und Erklrungen nichts mehr zu
richten sei. Nur eine That konnte aus dieser ruchlosen Verstrickung retten.
Die That des Strkeren. Nur Gewalt konnte ihm Recht bringen.

Also mute er der Gewaltthtige sein, wollte er nicht dem Unrecht
unterliegen. Das war das Gesetz, das auerhalb der Bannmeile von Teuta
galt: Schaffe Dein Recht aus eigener persnlicher Macht, wende Gewalt an!

Nun erst wurde ihm der tiefe Sinn und die unbewute Verantwortung seiner
Flucht aus Teuta klar.

Was hatte ihn gegen die Gemeinschaft der Teutaleute emprt, was hatte ihn
aus ihrer Gesellschaft in die Flucht gejagt? Ein Gefhl und ein geheimer
Bund mit dem Weibe. Jetzt setzte sich ihm in lichte Erkenntni und
Pflichtbewutsein um, was bisher nur dunkler Drang in ihm gewesen. Jetzt
galt's die Probe auf die Berechtigung seiner Selbstbestimmung.

Seine Flucht vor denen, die hinter ihm sind, verwandelte sich in Kampf
gegen die, die vor ihm sind.

Die stille That wird zum hellen Aufruhr, zum lauten Kampf. Nicht mit den
Beinen ist die Freiheit zu erlaufen, nicht als Geschenk des Zufalls wird
sie eingeheimst. Als Siegespreis will sie erstritten sein.

Grege's Augen leuchten. Er strich sich die Haare aus der heien Stirn. Er
drckte die Hand auf die pochende Brust.

Er brauchte nur den Arm auszustrecken, so stie er auf den Feind. Er
brauchte nur unbedacht den Rcken zu wenden, so war seine eigene Niederlage
besiegelt. Das ganze Luftreich stille, starre, theilnahmslose Natur. Und
setzte er den Fu auf die Erde, so wuchsen ihm zu dem einen Feind eine
Legion aus dem Boden.

Sogar daheim fahnden sie nach ihm als Einen, der das Staats-Gesetz
gebrochen und den Gesellschafts-Vertrag verletzt.

Das war jetzt sein Weltbild: Feindschaft ringsum. Seine Welterkenntni:
Teuta, aller Weltwirklichkeit entfremdet, vegetirte im Irrwahn. Die
Teutaleute spielten eine traurige Rolle in der Weltgeschichte. Sie zehrten
vom Gnadenbrot ihrer Nachbarn. Der nchste Sturm konnte das Kartenhaus
ihres eingebildeten Glcks ber den Haufen blasen.

Er wnschte, das ganz Teuta bei ihm in der Gondel se und sein Geschick
seit dreimal vierundzwanzig Stunden theilte. Diese Lektion knnte gengen.
Sogar fr die Weisesten im hohen Rath.

-- Wie war das mit dem Weibe, Grege? Zogst Du wirklich hinter einem Weibe
her, als wir Dich einluden, in unser Fahrzeug zu steigen? fragte der Angelo
mit boshaftem Lcheln.

-- Habe ich je nach Deinem Weibe gefragt? entgegnete Grege kurz.

-- Warum hast Du nicht gefragt? Deiner Wibegierde sind keine Schranken
gesetzt, junger Mann. Willst Du meine Leibspeise wissen? Willst Du den
Stand meiner Sippe kennen? Willst Du wissen, woraus ich mein bestes
Vergngen ziehe? Oder interessirt Dich meine Hausnummer? Frage frisch drauf
los. Spute Dich. Ich verhehle Dir nichts. Nicht einmal meinen Namen.

-- Dein Name ist Schurke! Wie ihn auch Deine Zunge aussprechen mge,
Schurke immer und ewig.

-- Tobe Dich aus, bevor's zu Ende geht mit unserer Luftfahrt und Du unter
gesittete Menschen kommst, Grege. Wonach gelstet Dich? Versage Dir nichts,
ich bitte Dich.

Grege's Blicke irrten unstt. Der malos kalte Hohn prete ihm das Herz
zusammen. Eine rettende Eingebung, Jala!

Merkte er, wie die Erde nher stieg? Wie auf wenige Hundert Meter eine
weite Wiesenlandschaft sich dehnte? Wie ein anderer Geruch die Luft
durchdrang, deren Salzgehalt ihm so lange fremdartig die Nase gekitzelt?

Er achtete nicht der halb gierigen, halb befriedigten Spherblicke seines
Feindes. In einem einzigen Gedanken konzentrirte sich ihm Alles.

Ohne den Kopf auffllig zu wenden, hielt der Angelo scharf Auslug und
berechnete bereits die Minute und den Platz, wo sich die Landung
ermglichen lie. Uebermig gnstig schtzte er zwar den Ort nicht, aber
er war gebt genug, alle Vortheile rasch zusammen zu fassen -- jedenfalls
wrde er auch hier Mittel finden, seine Beute auf den Boden und in
Sicherheit zu bringen.

Und im feurigen Ueberschlag der Ergebnisse war's ihm jetzt ein geschftlich
verdammt angenehmer Gedanke, da er ohne Theilhaber von dem abenteuerlichen
Beutezug heimkehrte. So flo der Gewinn ganz in seine eigene Tasche. Die
ethnographische Menschengarten-Gesellschaft fr vergleichende Rassen- und
Sittenforschung mute ihm sogar noch ein Uebriges zulegen fr dieses lang
gesuchte vollkommene Teuta-Original in Anbetracht der berwundenen
Gefahren. Vielleicht liee sich auch sonst noch Erkleckliches aus dem Kerl
schlagen. Zum Beispiel im aristokratischen Damen-Klub fr sexuelle
Experimentir-Physiologie und Hypnose. Auch der Sportverein fr Zchtung
reiner Menschenrassen, dem smmtliche knigliche Prinzen angehrten, knnte
fr diesen rasseechten Versuchs-Mann interessirt werden. Kurz und gut --
Kalkulation und kein Ende.

Da -- alle Wetter!

Grege, wie von unsichtbaren Hnden hinausgeschleudert, baumelt am Anker.

Eins, zwei, drei liegt er in der geringen Tiefe. Eilig sinkt mit ihm die
Erde.

Das Fahrzeug nimmt einen neuen, berraschend schnellen Aufstieg. Jede
gesunde Mglichkeit ist vorbei, dem Flchtling wieder nahe zu kommen. Ihm
nachstrzen, wr' sicherer Todessprung.

-- Alle Wetter! Verdammt, verdammt! So als Angelo berlistet und betrogen!

                                * * *






Nein, dieser Bim. Teuta hatte noch keinen aufdringlicheren Oberphysikus
erlebt. Was ihm nur pltzlich durch's Gehirn gestiegen sein mochte, da er
jetzt Projekt auf Projekt thrmte? Das ist ja unheimlich. Dieser Narrentanz
senilen Ehrgeizes und Erfinder-Wahnsinns. Teuta, ruhig und glcklich, so zu
behelligen!

Ao war entschlossen, seine Hand nicht dazu zu bieten. Diese
wissenschaftlich-technischen Neuerungen sind gefhrlicher Unsinn.

Der Oberpriester warf noch einen Blick auf Bim's Bltter und Tafeln, dann
schob er sie rgerlich bei Seite.

-- Ewig diese sogenannte Wissenschaft! Wird man nie Ruhe vor ihr haben?
Hypothetisches Helium, Linie D 3 Sonnenspektrum, Wellenlnge 587,74.
Zweimal diese Galgenziffer neben einander. Wo er das nur wieder gestohlen
hat! Eine neue Beleuchtung -- nein, ich mag nicht mehr. Teuta ist hell
genug. Was meinst Du, Minus?

-- Zumal jetzt, Ao, wo uns diese Flucht-Geschichte auf den Ngeln brennt.
Mir ist wahrhaftig Amt und Leben verleidet. Der ganze Kram ist mir zuwider.
Ich kann nicht mehr. Alles bricht mir zusammen.

Ao kniff die wsserigen Augen ein und seufzte:

-- Mir auch, mir auch, Minus. Ach, ach, Theuerster!

-- Jala ist aus Deiner Sippe. Mit allem schuldigen Respekt, Oberpriester,
Herrlicheres habt ihr nie hervorgebracht.

-- Sag' Unglckseligeres. Knnten wir einen Schleier darber breiten! Wir
haben schon so Vieles vertuscht, zum gemeinen Wohl, liee sich nicht auch
dieses vertuschen? Denk' nach, Minus!

-- Wenn uns nicht zugleich dieser Grege abginge. Das Volk ist erregt. Er
war sein Liebling. Soundso nhrt die Ghrung. Er lt durchblicken, wir
htten diesen letzten kniglichen Spro beseitigt. Und es giebt kein Fest,
wenn das Volk nicht dem Grege in's Antlitz sehen kann.

Ao machte ein bekmmertes Gesicht.

-- Knnen wir fr ihn nicht einen Anderen unterschieben? Sag', Minus, ginge
das nicht? Es kommt doch nur auf die Illusion an. Nur auf die Illusion. Auf
das Bild, das sich die Leute machen, suggestiv.

-- Es giebt nicht seines Gleichen im Lande. Keiner ist so schn gewachsen
wie er. Oder weit Du Einen? Sein still gefater Geist ist so harmonisch
entwickelt, wie seine Muskulatur. Mag hier ein Wunder der Vererbung
vorliegen oder nicht, es ist so. Er berragt. Mag's zum Grundgesetz unserer
Weltgleichheit stimmen oder nicht, die Thatsache ist unfehlbar. Sag' ich
zuviel? Keiner hat seine heldische Wrde, seinen Liebreiz, seinen Zauber,
Ao. Er und Jala! Ist es nicht wie ein Symbol, da Beide gleichzeitig
verschwunden?

-- La jetzt Jala aus dem Spiel. Die war keine ffentliche Person, keine
Staatseinrichtung, sozusagen, aber Grege, freilich, der war Schauspiel von
Staatswegen und Augenweide fr Alle.

-- Das Volk hatte seinen Narren an ihm gefressen.

-- Ja, ja, Minus, das Volk! Es frit auch wieder an einem Andern seinen
Narren. Es will seine Komdie haben, das ist Alles.

-- Und eben die spielte ihm Grege mit seinen ausgezeichneten krperlichen
Gaben zum Entzcken vor. Die Leute waren aufgelst in Wonne. Ihr Zwerchfell
war erschttert wie ihr Herz, wenn er in seinem kniglichen Komdiantenpomp
hervortrat und die hfischen Zeremonien aus der alten Zeit vorspielte. Er
war ihr Gott und Frst und Hanswurst in diesem Augenblick in einer Person.
Eine Art knstlerischer Dreieinigkeit zum Gaudium der Massen. Das war sein
groer Erfolg. Ich glaube nicht einmal, da ihm die Sache persnlich Spa
machte. Aber daran liegt nichts. Die schaulustige Menge amsirte er
kniglich.

Ao stimmte bei und wackelte mit seinem glnzenden Fettkopfe. Dann flsterte
er mit speckiger Stimme:

-- Minus, unter uns: das entscheidet in der Welt, wer der grte Komdiant
ist. Der grte Komdiant wird immer das Herz des Volkes fr sich haben.

-- Das ist das Furchtbare in der Welt, da sie im Grunde schrecklich und
doch ohne Ernst ist. Drum hat auch das lcherliche Wort Uebermensch so viel
Glck gemacht. Und das Zarathustra-Fest alle Feste besiegt.

Und Grege alle andern Volksbelustiger in den Schatten gestellt.

-- Das Zarathustra-Fest gipfelte in diesem Uebermenschen. Wei denn Bim
nicht Rath?

-- Geh' mir mit Bim!

-- Immer qult er uns mit seinen Entdeckungen und Erfindungen. Kann er denn
da nichts machen?

-- Das ist ja lauter dummes Zeug, was er macht. Du hast's vorhin selbst
gesagt. Linie D 3, Sonnenspektrum, Wellenlinie -- lt sich daraus ein
Grege fabriziren, Ao? Oder eine Jala?

-- Sprich mir nicht von Jala. Sie gehrt nicht hierher. Das ist Deine
persnliche Kmmerni, Minus. Leider. Ein Mann in Deinen Jahren und Wrden
sollte darber hinaus sein, erlaube das harte Wort. Ein Weib geht uns, als
Gefhlsgegenstand, so wenig an wie das hypothetische Helium.

-- Du thust Dich leicht, Ao.

Der Oberpriester blies die Backen auf und machte die Augen rund wie
Glaskugeln:

-- Das Gesetz ist da. Teutas unverbrchliches Gesetz: Hnge Dein Herz an
kein Weib!

-- Soll ich's an Bims Helium hngen? Das Herz ist eben auch da.

Ao machte sich kleiner und senkte den Kopf zwischen die fetten Schultern.

-- Fr das Gemeinsame, Minus, nur fr das Gemeinsame. Ach, mu ich die
Rebellion an den Besten erleben! Zerbrich Dein Herz, Mann vom hohen Rath,
fgt sich's nicht in's Gesetz!

-- Ich bitte Dich, Oberpriester, was redest Du!

-- So lange ich das erste Wort im Lande habe, wei ich kein anderes, darf
ich kein anderes wissen. Drcke mich nicht mit Deinem unrechtmigen
Begehr. Ich kann nicht mehr. In Teuta ist kein Raum fr leidenschaftliche
Ueberschwnglichkeiten. Darum reinliche Scheidung zwischen Mann und Weib
und strengste Regelung des Verkehrs. Keinen Mischmasch der Gefhle. Ich
erliege der Last des Regiments, wenn sich solche Dinge hufen. Wie ruhig
und glatt ging Alles die vielen schnen Jahre her, und nun auf einmal
steigt mir ein Wirrsal um's andere auf den Nacken. Ach, ach . . . .

-- Gut, ich werde ein Ende machen.

-- Ja, thue das. Nimm Vernunft an, Du mein Bester. Entsage dem thrichten
Weiblichen. Mach' ein Ende. Du bist zu alt zum Tanzen. Mach' ein Ende.

-- Noch vor dem Zarathustra-Fest.

-- Recht so. Noch vor dem Zarathustra-Fest. So bist Du Deiner wrdig.
Teutaland wird Dir's danken. Und wegen Greges will ich die Aeltesten vom
Festbund vernehmen. Es sind kluge Leute. Die werden uns heraushelfen. Um
Jala wollen wir jetzt nicht weiter jammern. Mach' ein Ende. Mach' Frieden
mit Deinem Herzen.

-- Gewi, das will ich.

-- Gut, Minus, ich habe Dein Wort. Nun sollst Du auch wissen, da Du damit
dem hohen Rath einen Stein des Aergernisses aus dem Wege rumst. Kaspe und
Titschi hatten Wind von Deiner Sache und nahmen Ansto daran. Allerlei
Schwierigkeiten, Du verstehst mich.

-- Ja, ich verstehe Dich, guter Ao.

-- Und nun verla' mich. Morgen wirst Du dem hohen Rath eine Erklrung
geben. Ich bin todtmde. Mich verlangt nach Ruhe. Ganz Teuta peinigt die
Sehnsucht nach Ruhe. Dich nicht auch?

-- Mich auch. Leb' wohl, Ao, leb' wohl.

Minus kmpfte schwer.

Sein Wille wurde, soweit er zurckdenken mochte, seiner Neigungen nicht
Herr. Seine Nerven lieen sich nicht an die Ordnung binden. Sein Blut
wollte sich keinem Zuspruch fgen. Alles war Widerstreit in ihm, Alles lag
sich in den Haaren. Sein Befinden hatte sich dabei bis zur Unertrglichkeit
verschlechtert.

Ewig sich selber Feind und Kriegsschauplatz sein und vor der Welt den
sanften Meister der geistigen Zucht spielen? Den lchelnden Herrscher, der
nur auf Siege blickt und auf Ruhmesbahnen schreitet, whrend er
thatschlich von Niederlage zu Niederlage taumelt und voll ist bis zum
Halse von bitterem Ekel ber sich und seine Mitwelt?

Frwahr, eine plumpe Lgenpeterei war dieses ganze Leben, zu dem er sich
als Angehriger des Teutavolkes verdammt sah. Ein Genist von
Ungeheuerlichkeiten der ganze Verkehr von Mensch zu Mensch. Nirgends Zug
und Schwung, ein ewiges Hinkriechen und Beiseiteschleichen. Die Dmmsten
die Verhtscheltsten, die Aberwitzigsten die Belobtesten.

Und diesen mffigen Lebensbrei auslffeln, mit zugehaltener Nase, Tag fr
Tag, bis endlich die Sickerquelle des Bewutseins und Begehrens im elenden
Hinsiechen sich von selbst verstopft?

Da war noch ein bleicher Schimmer von Glck in einer ungewhnlichen
Holdseligkeit des Weibes. Er ist erloschen. Da war noch eine schwache
Betubung im Verkehr mit den Ausnahmegeistern der Vergangenheit.
Gespensterspiel, nichts weiter. Was blieb? Nichts, was die Persnlichkeit
ber den Verdru mit sich selbst hinaushebt. Nichts, was zu einer uersten
Kraftprobe befeuert. Nichts, was die verpnten Laster Verachtung, Zorn,
Ha, Rache zu geheiligten Tugenden umwandelt. Eine einzige Nichtigkeit
Alles. Und nun schleicht das Alter heran, die Verstumpfung der letzten
kmmerlichen Daseinsreize, die Verzweiflung, die nicht einmal sich selbst
mehr ernst nehmen kann.

-- Minus, verkadavere Dich, endgiltig, bevor es zu spt ist. Sogar der hohe
Rath, der lcherliche hohe Rath, hat Wind . . .

Sein Auge glhte, sein Gesicht bedeckte tiefe Blsse.

Sein Fahrstuhl hielt vor der Thr seines Gemaches. Wie ein Schatten war er
durch die lange Kreisbahn gehuscht, die aus der Tiefe der Beamten-Region
zur oberen Schicht fhrte. Hier lag die Wohnung im neunundneunzigsten
Bezirk, dicht an der Grenze der Mnnerhauptstadt.

Eine Mauer mit vielen Thoren, die mystische Inschriften trugen -- wie:
Wille zur Macht, Selbstverneinung, Bejahung des Lebens, Nullpunkt der
Gefhle, Schwelle des Unbewuten -- trennte die Mnnerhauptstadt vom
Jenseits der Frauenhauptstadt. Denn das war der Triumph der moralischen
Entwickelung in Teuta: Anerkennung der Gleichheit in der Trennung, Freiheit
in der Bethtigung des Sonderwesens als Gattung, Mechanisirung der
Empfindung bis zur Vernichtung der persnlichen Wahltriebe.

Vom Diesseits der Mnner zum Jenseits der Frauen waren die Verkehrswege
streng geregelt. Es gab offene Zeiten und geschlossene Zeiten.

Jetzt war geschlossene Zeit. Drum fiel es Minus auf, da eine vermummte,
zierliche Gestalt, aus dem Jenseits kommend, in spter Nacht, ohne Fahrzeug
sich herbertastete, mit kleinen, unsicheren Schritten, im Schein des
verminderten Lichts.

-- Wer da? rief Minus und ffnete seinen Mantel, um durch seinen purpurnen
Talar als Mann vom hohen Rat sich auszuweisen und in Respekt zu setzen.

Die zierliche Gestalt schlug die Kapuze zurck und erwiderte lchelnd:

-- Soundso grt Minus, Hoheit.

-- Ach, Soundso, Du, auf Schleichwegen?

-- Auf Schleichwegen, ja, wenn Du willst. Im Spherdienst.

-- Kehr' ein bei mir, auf eine Minute. Du bist mir ein willkommener Zeuge.

-- Wenn ich dienen kann, gern, auf eine Minute. Kaspe erwartet mich, bei
Titschi.

-- In diplomatischer Sendung versumst Du auch bei mit Deine Zeit nicht. Du
kannst dann brigens den Hoheiten Schnes von mir melden.

Beide traten ein. Ein weites Gemach, durch verstellbare Schirmwnde in
mehrere kleine Rume geteilt, empfing sie. Minus bewegte mit dem Fu einen
Knopf am Boden, sofort ward milde Dmmerung.

-- La Dich hier nieder, Soundso, Du wirst ermdet sein.

Minus ging bis zur nchsten Abtheilung.

Von dort aus fhrte er, ungesehen, das Gesprch.

-- Darf ich Mitwisser sein, Soundso?

-- Bis zu einem gewissen Punkt, gewi! antwortete Soundso, den Flsterton
etwas erhhend.

-- Bist Du durch das Thor des siebenfachen Schweigens gegangen?

Soundso blieb stumm.

-- Und durch das Thor der sieben Seligkeiten?

Soundso seufzte wollstig.

-- Sahst Du auch die Ecke links vom Thor zum sen Salbl, wo die
apokalyptischen Leuchter stehen?

Soundso schnalzte leise mit der Zunge: Ich habe den Kopf durchs Gitter
gesteckt, das Thor war verschlossen und Blut auf der Schwelle.

-- Die alte, ewig junge Geschichte. Ach, glckliche Jugend . . . . Und hat
das Mondlicht Dich wonnig umflossen?

Soundso schwieg, erinnerungstrunken lchelnd. Wenn der Esel Minus wte
. . .

-- Also reden wir vom Dienst, Soundso. Ist Dir's gefllig?

Soundso rusperte sich. -- Kann ich leise sprechen, hrst Du?

-- Ich verstehe Dich gut. Wem galt Deine Auskundschaftung?

-- Einer Entwichenen. Einer Knstlerin der schn gemessenen Bewegung
. . .

-- Wenn Du den Namen verschweigst, denk' ich an Jala. Einverstanden?

Soundso schwieg. Er zog die Kapuze wieder ber, bis an die Stirn.

-- Hat man Spuren? Nhere Umstnde?

-- Man wei den Tag und vermuthet die Richtung.

-- Die Richtung des untergehenden Gestirns. Ist's so?

-- Du sprichst im Bilde, Minus.

-- Und sonst? fragte Minus mit merklich erregter Stimme.

Soundso schwieg.

-- Hat man Hoffnung auf Wiederkehr?

-- Einer ist mit ihr gegangen, Einer ist geblieben.

-- Schliet das die Hoffnung aus? Ist der Gebliebene verdchtig? Mchtet
ihr seiner los sein?

Soundso schwieg.

Lauschende Stille. Soundso glaubte, Minus athmen zu hren.

Die Pause verlngerte sich.

Soundso schlug die Kapuze zurck. Ein kaum vernehmbares Gerusch wie von
sich entfernenden schleichenden Schritten.

Dann stockendes Leben in vollkommener Ruhe. Soundso hrte nur noch seinen
eigenen Athem.

Schwl beklemmender Duft dickte die Luft.

-- Minus, ich denke die Audienz ist zu Ende. Entlasse mich mit gtigem
Gru, bitte.

Eine Weile tdtliche Stille.

-- Gre Du mich! kam es verrchelnd aus dem Hintergrunde.

Soundso verzog das Gesicht. Das ist mir schlechter Geruch und
unerfreulicher Ausgang, dachte er.

-- Aber man kann ja sehen, sagte er halblaut und machte wenige Schritte
gegen den Hintergrund.

-- War das Dein letztes Wort, Hoheit? rief er stehen bleibend. Kann ich
mich zurckziehen?

Es ward ihm keine Antwort.

Im Umdrehen kam er mit dem Fu an den Knopf am Boden.

Pltzlich stand er im Dunkeln.

-- Ich bedanke mich, der Narr eines Verrckten zu sein, ich werde meine
Maregeln ergreifen, da mir Keiner zuvorkommt, murmelte er. Jeder geht
seine eigenen Wege schlielich.

Und er tastete sich schleunig zum Ausgang. Er glaubte genug zu wissen. Und
er versprach sich Nutzen von diesem Wissen.

                                * * *






Der Oberpriester hatte sein Schlfchen genossen. Ganz so erquickt wie sonst
fhlte er sich nicht.

Er rieb sich die Augen und die brummenden Unterschenkel. Er schien nicht
ganz bequem gelegen zu haben. Dann wischte er sich die Mundwinkel aus, die
im Schlafe stets ein wenig geiferten.

Ja, ja, so ein Schlfchen, das ist doch das Beste. Man ist wie im
Paradiese. Nun heit es wieder an die rauhe Wirklichkeit denken und die
Sorgen des Amtes herantreten zu lassen, eine nach der andern.

Was denn zunchst? Ja, was denn? Und er sann. Da drohte ihn noch einmal der
Schlummer zu berfallen. Die dicken Augenlider wollten nicht halten. Ach,
das viele Denken.

Er chzte. Er ghnte und chzte wieder. So ein oberstes Wchteramt, das
lastet schwer, selbst auf den Strksten. Diese ganze Menschheit zu behten
vor Schwankungen und Strungen ihres Glckes, da Alles stets seinen
rechten Weg gehe, da die Maschine nicht nothleide -- das strengt an, kein
Wunder. Und als Aufseher der Aufseher, in dieser etwas bunten Mischung der
Charaktere, da galt es doppeltes Gehirnschmalz aufwenden, wenn Alles
klappen sollte. Und das war sein Ehrgeiz, da unter seinem Regiment Alles
schn klappte.

Bis jetzt, in allen Hauptsachen wenigstens, klappte Alles. Dies Verdienst
konnte ihm Niemand schmlern. O, er verstand zu fhren, zu richten und zu
schlichten.

Und er ghnte und lchelte. Eine Ehrentafel war ihm sicher. Eine glnzende
Ehrentafel. Keinem seiner Vorgnger stand er jemals nach, keinem. Bei der
nchsten Wahl wird man ja sehen. In ganz Teuta findet man keinen Besseren.
Da knnen sie in alle Winkel leuchten.

Was denn nun zunchst? Und er kmpfte einen neuen Ghnanfall muthig nieder.

Eine feine Klingel ertnte, musikalisch abgestimmt, in rhythmisirter
Kadenz. Eine ganze Arie.

Ao wlzte sich in Positur.

Er spitzte die Ohren. Er las die Klnge, ohne sie sich zu bersetzen. Sein
Gehirn arbeitete noch ganz wunderbar mechanisch.

-- Titschi will mir seinen Soundso zu einer Meldung schicken. Ach so. Die
Geschichte mit Minus, Grege und so weiter. Nein, jetzt nicht. Ich will erst
die Aeltesten hren, die guten, klugen, vergngten Leute vom Festbund.
Titschi ist ja eine gewiegte, zuverlssige Kraft.

Er bewegte sich auf seinem schwingenden Polster an den kleinen Mitteltisch
mit dem Tastwerk.

-- Titschi ja, aber mit seinem Soundso soll er mir vom Halse bleiben.

Er nahm seine Amtsmiene an und lie seine dicken Finger wrdevoll auf den
Tasten spielen.

-- So, jetzt kann's losgehen. Minus interessirt mich jetzt nicht, er soll
mit sich selbst fertig werden. Grege und Jala, was sie nur forttrieb?
Besser finden sie's doch nirgends. Aber wo der tolle Eigenwille anfngt, da
ist kein Halten mehr.

Wieder ertnte eine Klingel. Diesmal fr den Hr- und Sprechapparat.

-- Na, na, na. Das ist ja keine Musik, das ist Sturmluten. Was? Minus ist
mit sich fertig geworden? Um so besser. Hab's ihm eindringlich genug
gerathen. Ueber das Weitere kann er mir morgen persnlich Bericht
erstatten. Ich lasse Minus gren.

Er machte eine Pause, sich von der Anstrengung ein wenig zu erholen.

Dieser Minus, so stolz und eigenwillig, wahrhaftig, das war ein
schmeichelhafter Erfolg fr die Beherrschungsgabe Aos: Minus nimmt Vernunft
an, Minus bringt dem oberpriesterlichen Hter der Gesetze ein Herzensopfer!

Ao lchelte und tippte mit dem kleinen Finger auf eine zierliche Flasche.
Sofort antwortete ein duftiger Sprhregen. Ao hielt seine Glatze vor, das
flssige Aroma aufzufangen. Das se Bad flo ihm ber Stirn und Nase.

-- Aber, aber! Schon wieder? Ich kann nicht mehr, die Aeltesten erwarten
mich im Berathungssaal. Wie? Falsch verstanden, ich? Minus -- was?
Feierlicher Abgang, eigenhndig? Das wr' gegen alle Verabredung. Soundso
bezeugt's? Dabeigewesen? Das lass' ich mir doch nicht aufbinden. Hat keine
Wahrscheinlichkeit fr sich. Minus wird den Soundso als Augenzeugen zu sich
einladen, um diesem vorwitzigen Jngling so etwas vorzumachen, Verzeihung,
Titschi, das glaubt Dein Scharfsinn selbst nicht. Wie? Bis morgen. Der
Irrthum wird sich aufklren. Ich hab' jetzt wirklich an Anderes zu denken,
wie gesagt, Die Aeltesten erwarten mich. Ich kann mir nicht Alles
durcheinander bringen lassen. Eins nach dem Andern. Also bis morgen.
Schlu.

Ao zog sich die Hrrhrchen aus den Ohren. Gut, nun wrde er morgen
Gelegenheit haben, diesen aufdringlichen Soundso einmal grndlich aufsitzen
zu lassen. Der blinde Uebereifer verdient die Lektion.

Mit liebevoller Umstndlichkeit ordnete der Oberpriester seinen
weitlufigen Leib in die Polster des Fahrstuhls, drckte auf eine Klappe,
schlo die Augen und lie sich in sanftem Gleiten in den Berathungssaal
befrdern.

Die Aeltesten waren bereits zur Stelle. Sie hatten sich inzwischen die Zeit
mit der gelehrten Untersuchung einer Frage vertrieben, die jngst ein
spitzfindiger Schler aufgeworfen: Wenn ein Gesetzesbeschlu zu Stande
kme, da die Teutaleute statt zu gehen auf allen Vieren kriechen mten,
wie lange bliebe dies ruhig gebtes Recht? Und sie kamen berein, da sich
der Zeitraum nicht bersehen liee. Die heilige Macht des Gehorsams wre
stark genug, eine Gewohnheit zu schaffen, da die herrlichen Teutaleute
schlielich nur mit neuem Zwang davon abzubringen wren, auf allen Vieren
zu kriechen. Es lge sicher ein wonniger Reiz in dem Bewutsein jedes
richtigen Teutamenschen, eine gesetzliche Bewegungsart zu pflegen, die von
keinem anderen Volke angenommen wre. Bei festlichen Aufzgen knnte das
Kriechen vor dem Gehen berdies ungewhnliche Pikanterien voraushaben und
die positiven Lustgefhle vermehren. Aus diesem Grunde habe man schon im
deutschen Alterthume, wie zuverlssige Sagen melden, sogenannte
Spring-Prozessionen gehabt, das heit religise Aufzge, die nicht
feierlich geschritten, sondern gehpft wurden. Dergleichen auf allen Vieren
zu machen, sei aber entschieden noch sehr viel aparter und anregender.

Pltzlich war Ao hereingehuscht.

Die Aeltesten verneigten sich. Ihr Sprecher begann:

-- Deine Hoheit hat gewnscht, uns hier zu sehen. Wir sind zur Stelle.

-- Seid gegrt, Freunde! Whlt Euch bequeme Pltze, der Anla unserer
Begegnung zwingt uns wohl zu lngerer Unterredung. Euer Befinden ist gut?

-- Wie das ganz Teuta's. Das Volk ist glcklich. Es sieht unserem schnsten
Feste mit gehobenem Gemthe entgegen.

-- Und doch scheint mir diesmal nicht Alles in glatter Ordnung, und die
Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste erfllen mich mit einiger Sorge. Drum
lie ich Euch hierher bitten.

Wieder verneigten sich die Aeltesten. Ihr Sprecher tauschte mit ihnen einen
orientirenden Blick, dann nahm er, als Ao nachsinnend schwieg, das Wort:

-- Von unserer Seite wurde nichts versumt, dem Feste den gewohnten Glanz
zu bewahren. Wir haben vorhin sogar eine kleine Neuerung erwogen, die eine
pikante Abwechslung in die Sache zu bringen nicht ungeeignet sein drfte.

-- Beim groen Mysterium, liebe Freunde, sprecht mir nicht von Neuerungen,
noch von Pikanterien. Nur das bewhrte Alte hlt uns auf der Hhe. Im Neuen
liegt meist eine Gefhrdung der Sicherheit. Nur nichts, was unsere gewohnte
Ruhe erschttern knnte, ich beschwre Euch. Strt die anmuthigen Kreise
des Ueberlieferten nicht in unserem Staate.

Der Sprecher lchelte und blickte auf die Spitze seines vorgestreckten,
leise wippenden Fues.

Ao folgte seinem Blick und sein Auge haftete mit Ueberraschung an dem leise
wippenden Fue. Nun sahen auch die Uebrigen forschend auf den nmlichen
Punkt.

-- Ei, ei, ich gewahre eine Spitze, wo mnniglich seither eine Rundung zu
sehen die liebe Gewohnheit hatte. Seit wann trgt man denn die
Fubekleidung gespitzt?

Alle neigten die Kpfe und blickten schrfer hin. Richtig, der Sprecher
trug Filzschuhe wie alle Welt in Teuta, nur erschienen sie, abweichend vom
allgemein blichen Muster, nach vorn weniger gerundet, als vielmehr in
einer Spitze verlaufend. Und die Aeltesten, mit Ausnahme des Sprechers,
nickten dem Oberpriester beifllig zu, seiner auerordentlichen
Beobachtungsgabe ihre Bewunderung auszudrcken.

-- O, ich bitte, es ist nicht der Aufmerksamkeit werth, kam es
entschuldigend von den Lippen des Sprechers. Es ist nichts, als ein
Versuch, mir mit dem Fue das Tasten zu erleichtern. Meine Zehen sind seit
einem kleinen Unfalle etwas empfindlich geworden, und die Jahre haben das
Licht meiner Augen geschwcht.

-- Es handelt sich also um keine absichtliche Neuerung im Schuhschnitt,
mein Freund? Um keine eitle Modelaune, die von unseren Gesetzen, wie Ihr
Alle wit, verpnt ist?

-- Keineswegs, Hoheit. Wie sollte ich mir in meinen alten Tagen solche
Extravaganzen erlauben, die dazu noch gegen das gemeine Gesetz verstoen!
Nein, nein, nein, Hoheit. Nur aus persnlicher Nothdurft hab' ich mir diese
Abweichung gestattet.

Ao nickte befriedigt, und die Aeltesten nickten befriedigt mit.

-- Du wirst wieder zur runden Form zurckkehren, sobald Deine Zehen
gekrftigt sind? fragte Ao liebreich.

-- Gewi, das werde ich.

-- Gut, ich habe Dein Wort. Und nun lat uns, nach diesem glcklich
erledigten Zwischenfall, unserer Tagesordnung die gebhrende Aufmerksamkeit
zuwenden.

Die Aeltesten legten sich in ihre Polster zurck.

-- Wie gesagt, meine Freunde, die Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste, die
Eurer Obhut vom Volke unterstellt sind, erfllen mich, gelinde ausgedrckt,
mit einiger Sorge.

Alle schwiegen ein wenig beklommen, denn der Ton des Oberpriesters schien
wirklich berraschende Dinge von zweifelhafter Annehmlichkeit anzukndigen.
Auch war's, als suche er mhsam nach dem Worte.

-- Wir werden nichts versumen, Deine Sorgen zu zerstreuen, oder, sollte
uns dies nicht gelingen, sie Dir tragen zu helfen, unterbrach der Sprecher
die Stille. Denn die Miene des Oberpriesters machte den Eindruck, als ob er
das rechte Wort immer noch nicht gefunden habe.

-- Es ist mir in der That diesmal nicht leicht, meine Freunde, Euch die
Sache so vorzutragen, da Ihr sofort und ohne Bengstigung ein klares Bild
von der Lage bekommt, in die uns ein noch nicht gengend aufgeklrtes
Ereigni versetzt hat.

-- Ein Ereigni? Ein uns noch unbekanntes Ereigni? In unserem still
geordneten, glcklichen Teuta? fragten vier Stimmen durcheinander.

Die Aeltesten blickten ahnungsvoll vor sich hin.

In diesem Augenblicke ertnte der Silberton der Klingel.

Der Oberpriester setzte die Hrrhrchen ein und lauschte lange mit
gesenktem Kopfe.

Endlich seufzte er auf:

-- Zwei Ereignisse.

-- Zwei sogar? Das ist viel auf einmal.

-- Fast zuviel, meine Freunde. Ich bitte um Eure Diskretion. Es stehen hohe
Dinge auf dem Spiel. Nun will Alles doppelt sorgsam berlegt und behandelt
sein. Kommt nher, seid gefat, wir werden gleich sehen.

Seiner Handbewegung folgend, schwangen sie sich nher, Allen voran der
Sprecher, so da sie von hinten um den Oberpriester gruppirt mit diesem
zugleich in den Spiegel des Fernsehapparates blicken konnten.

-- Geduldet Euch, das Bild wird gleich erscheinen.

Alle starrten auf den Spiegel, dessen leere blitzblanke Flche sich
allmhlich mit den Zgen eines Menschengesichtes zu beleben begann, bis das
Bild mit fast plastischer Deutlichkeit den Rahmen fllte.

-- Ein Todtenantlitz! rief der Sprecher. Ein Todtenantlitz, frwahr,
tuschen mich meine schwachen Augen nicht.

-- Sie tuschen Dich nicht. Seht Ihr, meine Freunde? Kennt Ihr ihn?

-- Minus? fragte Einer verzagt. Ist's nicht Minus?

Und wie aus einem Munde, Alle zugleich: -- Minus!

-- O weh! Dann mssen wir das Fest absagen. Trauer im Volke lt kein
Freudenfest zu! entfuhr's dem Sprecher in der ersten Erregung.

-- Das wre die beste Lsung, dachte Ao, halblaut murmelnd, und warf dem
Sprecher einen dankbaren Blick zu.

Aber der Anblick des Todtenantlitzes hielt die Aeltesten noch gebannt.

-- Minus vom hohen Rath! bemerkte der Eine mit klglicher Stimme. Man
sieht's ihm gar nicht an.

-- Ja, man sieht's ihm gar nicht an, wiederholte der Zweite.

-- Wahrhaftig, Du hast recht, fiel der Dritte ein.

-- In der That, es ist so, der Vierte.

-- Ich bitte Euch, meine Freunde, was meint Ihr? Was ist in der That und
wahrhaftig so, da man's ihm gar nicht ansieht, unserm Minus vom hohen
Rath? Sprecht Euch deutlicher aus, was meint Ihr? Sprecher, sprich Du, was
meint man? Ist Euch etwas kund, das mir verborgen geblieben? Wit Ihr eine
besondere Ursache seines pltzlichen Todes? Sprecht Euch umstndlich aus,
ich bitte Euch. Er rhrt sich nicht mehr, er sieht und hrt Euch nicht
mehr. Sein schnes, kluges Antlitz starr und bleich wie Wachs, und einst in
der sprudelnden Lebhaftigkeit seiner Einflle so beweglich.

-- Beweglich, das ist das Wort, Hoheit, athmete der Sprecher auf.

-- Beweglich! fielen die Anderen mit eindringlicher Betonung im Chore ein.
Beweglich!

Ao bewegte die Hand, das Bild im Spiegel verschwand.

-- Beweglich? Ihr sprecht in Rthseln, Freunde.

-- Er galt doch als der Beweglichste im hohen Rath? fragte der Erste, seine
Mitltesten der Reihe nach anblickend.

-- Das war im Volke sein Ruf, Hoheit. Minus galt als der Beweglichste,
besttigte der Sprecher mit Kennermiene.

-- Als der Beweglichste im hohen Rath, intonirte der Chorus zur
Bekrftigung.

-- Soll damit eine Kritik ausgesprochen sein? fragte der Oberpriester,
seine Stimme erhhend, da sie scharf und spitz klang.

-- Mit Verlaub, Hoheit, Beweglichkeit ist an und fr sich wohl nichts
Kritisches, begann der Sprecher und lie durchmerken, da in dieser
pltzlich sich aufbauenden Diskussion die weisen Aeltesten so gut ihren
Mann zu stellen fhig wren, wie irgend einer vom hohen Rath.

-- Unser Sprecher drckt unser gemeinsames Empfinden aus, Beweglichkeit ist
an und fr sich nichts Kritisches.

-- So lange der Gegenstand nicht kritisch als ein kritischer festgestellt
ist, auf den sich die Beweglichkeit bezieht, erklrte der Sprecher mit
einer Deutlichkeit, die von seinen Mitltesten als uerste in diesem
Augenblick erlaubte Grenze des Aussprechbaren empfunden wurde.

-- Diese Feststellung steht heute wohl nicht auf der Tagesordnung, lenkte
der Zweitlteste ein.

-- Es stnde uns auch nicht zu, diese Feststellung festzustellen. Wir sind
kein Todtengericht. Wir sind die Vertreter vom Festbunde, bemerkte der
Sprecher wie zur Selbstbelehrung.

Endlich griff Ao wieder ein, nachdem er schnell die eigenthmliche
Stimmung, die ihm befremdend aus den versteckten und doch so hartnckigen
Wechselreden der Aeltesten entgegenschlug, sich deutlich zu machen versucht
hatte. Er fhlte, da das Ueberraschende des Ereignisses geeignet sein
mute, die Leute zu pltzlichen und unberlegten Gefhlsausbrchen zu
drngen. Mit ruhiger Gte und Geduld war daher der Wurzel dieses
sonderbaren Verhaltens wohl nher zu kommen.

-- Ihr seid mir als liebe, kluge, verstndige Leute bekannt, ich begreife,
da Euch das pltzliche Ableben eines so hohen und verdienten Vertreters
unseres Volkes erregen mu. Wer schtzte Minus nicht, den geehrten Meister
und Hter des Wortes und des Geistes, der im Worte wohnt? Den Verwalter und
Aufseher unseres heiligen Sprachschatzes? Wer liebte ihn nicht? Und jetzt
ist er todt. Nicht wahr, meine Freunde, wer liebte ihn nicht?

-- Und wen liebte er nicht, nicht wahr, Hoheit? Er war so beweglich, der
gelehrte Minus.

Schon wieder dieses thrichte, aufreizende Wort.

-- Beweglich? Im Angesichte des Todes frag' ich Euch, wollt Ihr mit der
Sprache herausrcken oder nicht?

Der Oberpriester sprach langsam, mit vibrirender Stimme und gab seinem
Gesicht einen ungewhnlichen Ausdruck erhabener Wrde.

Das schien zwar den Aeltesten nicht bermig zu imponiren, doch konnten
sie sich des Gefhls nicht erwehren, da jetzt wohl nicht der geeignete
Augenblick und hier auch nicht der rechte Ort sei, ihre versteckten
Angriffe gegen den verstorbenen Minus fortzusetzen. Es mute also ein
Abschlu gefunden werden.

-- Nun, Sprecher, fhre Deine Sache offen! fuhr der Oberpriester fort.

-- Minus hat sich einen hohen Ruf in seinem Amte erworben. Neben seinem
Amte pflegte er jedoch Liebhabereien, die im Volke nicht immer gnstig
beurtheilt wurden. Aus der Frauenstadt sind oft seltsame Gerchte ber
seine dortigen Besuche zu uns gedrungen. Beweglich war er in seinen
Neigungen, schroff, wenn ihm eine Herzensgeschichte nicht nach Wunsch
glckte. Das, Hoheit, ist die Meinung im Volke. Anderes wollten auch meine
Mitltesten nicht andeuten.

-- Habt Ihr Beweise?

Der Sprecher, die ermuthigenden Blicke seiner Mitltesten gewahrend, nahm
sich kein Blatt vor den Mund.

-- Hoheit, Beweise? Es kommt darauf an, was man als Beweise gelten lassen
will. Zum Beispiel geht seit einigen Tagen das Gercht, Minus habe eine
Person aus der Frauenstadt an sich gelockt und fr seine Privatzwecke
versteckt. Jedenfalls ist die Person seitdem nicht mehr zum Vorschein
gekommen. Du selbst, Hoheit, kennst die Person.

-- Ich kenne keine Person, auf welche diese Andeutung pat.

-- Dann kennst Du Jala nicht?

-- Jala? Was geht Euch Jala an?

-- Jala, die Tnzerin, geht uns so viel und so wenig an, wie jedem
Unbetheiligten an der Geschichte. Aber Thatsache ist, da Jala verschwunden
ist. Und Volkes Stimme sagt: Minus' Hand hat sie verschwinden gemacht. Sein
Zauber hat sie beseitigt.

-- Ebenso gut knntet Ihr behaupten, Minus habe Grege beseitigt. Denn auch
Grege ist verschwunden.

-- Wer? riefen Alle zugleich. Grege? Die Hauptperson unseres
Zarathustra-Festes? Der unvergleichliche Uebermensch?

-- Jawohl, Grege ist vom Schauplatz verschwunden.

Erst ging ein lebhaftes Murmeln und Geberdenspiel durch die Gruppe der
Aeltesten, dann aber trat der Sprecher mit dem entschiedenen Worte auf:

-- Fehlt uns Grege, so hat auch ihn Minus beseitigt. Minus hat ihn
gemeuchelt.

Und die Anderen untersttzten ihn mit dem einhelligen Ruf: Das ist Minus'
Werk! Keiner ist listiger, als er.

Ao war auer sich. Sind das die guten, klugen, vergngten Aeltesten vom
Festbund? Das sind Emprer, Verleumder, Verschwrer. Aber er nahm all'
seine Kraft zusammen. Wenn je, so galt es jetzt, den Leuten Ueberlegenheit
zu zeigen und sich die Zgel nicht entschlpfen zu lassen. Das war ja
einfach unheimlich, dieses Aufbumen, diese Selbstherrlichkeit, dieses
Losgehen auf eigene Faust. Wo wollte denn das hinaus? Was war in der Welt
von Teuta vorgegangen?

Der Berathungssaal mit seinem gedmpften Licht, seinen stillen, tiefen
Farben, seiner ruhigen, milden Luft hatte selten so viel Aufregung zu
schlucken gehabt, wie heute.

Von der Decke, aus den Ecken, aus jeder Falte der Tapeten und Teppiche
schien dem Oberpriester der Widerhall des Widerspruchs in die Ohren zu
klingen. Schlechte Musik frwahr.

-- Habt Ihr Euch ausgetobt, meine Freunde? Seid Ihr im Stande, ein Wort aus
weisem Munde zu vernehmen?

Da hob der Sprecher an: Wer tobt hier, Hoheit? Man ruft uns hierher und
tischt uns die unglaublichsten Ereignisse auf. Das Zarathustra-Fest steht
vor der Thr, und wir haben seinen geheiligten programmgemen Verlauf zu
verantworten, wie alljhrlich. Minus ist aus dem Lande der Lebendigen
geschieden und mit ihm Jala und Grege. Wie wollen wir da Feste feiern? Wie
wollen wir uns vor dem Volke verantworten?

-- Begreift Ihr denn nicht? Darum hab' ich Euch ja berufen lassen, da wir
uns ber den planmigen Festverlauf verstndigen, in dieser wirrsalreichen
Zeit. Das Volk soll sein Fest und seine ungeschmlerte Freude haben. Mehr
denn je brauchen wir ffentliche Heiterkeit. Es war des edlen Minus letzter
Gedanke, dem Volke ein Freudenbringer zu sein. Ihr verkennt ihn, liebe
Freunde, Ihr mideutet seine Handlungen. Freiwillig ist er aus dem Leben
gegangen --

-- Freiwillig? Ist das mglich? Freiwillig einer vom hohen Rath?

-- Jawohl, staunt, freiwillig ist er aus dem Leben gegangen, damit der
strenden Reden ein Ende werde. Er hat sein Leben seinem geliebten Volke
zum Opfer gebracht, damit neue Freuden daraus erblhen.

Der Sprecher rckte einen Schritt zurck. Dann begann er kopfschttelnd:

-- Wir fassen das nicht. Sein Tod macht das schnste Fest zur
Unmglichkeit, denn er hat nicht nur den Zwang zur Trauer im Gefolge, er
hat auch das Wiedererscheinen Greges und Jalas vernichtet. Wo sollen wir
die Verschwundenen suchen, vorausgesetzt, da sie berhaupt noch am Leben
sind? Oder sollen wir fr das Fest anderweitig Ersatz schaffen?

Ao athmete auf.

-- Ich danke Dir, Sprecher. Das ist das Problem. Du hast den Kern der Sache
getroffen. Nun knnen wir rasch vorwrts schreiten in der Verstndigung.
Erstens: Ist das Fest mglich, wenn wir den Tod des edlen Minus geheim
halten? Auer Titschi und Soundso haben wir zunchst keine Mitwisser. Und
das sind Meister der Diplomatie. Zweitens: Wit Ihr Ersatz fr Grege? Denn
Grege ist verschwunden, ohne das nachweisliche Verschulden des Minus.

Die Auseinandersetzung des Oberpriesters wurde abgebrochen durch erneutes
lebhaftes Ertnen der Klingel.

Kaspe, der Oberrichter meldete sich. Er habe mit Ao dringend zu sprechen.
Die Spher htten wichtige Nachrichten gebracht. Es bestehe gegrndeter
Verdacht, da Soundso den Tod des Minus herbeigefhrt. Soundso sei zur
kritischen Stunde beobachtet worden, wie er unter erschwerenden Umstnden
das Gemach des Minus verlassen. Soundso habe zweifellos ein Verbrechen
begangen in der Absicht, das Zarathustra-Fest zu stren und das Volk gegen
den hohen Rath aufzuwiegeln.

-- Ich bitte Euch, liebe Freunde, wo steht mir der Kopf? jammerte der
Oberpriester.

-- Da ist eine Schraube im Weltmechanismus los, rief ein Aeltester.

-- Dergleichen Dinge sind unerhrt, einfach unerhrt, fiel entrstet der
Sprecher ein. Der Glanz Teutas trbt sich.

Kaspe erschien, schmchtiger als je, fieberhaft aufgeregt.

-- O, Du Unglcksbote! wimmerte ihm der Oberpriester entgegen. Beim
heiligen Mysterium, wer bringt Ordnung in diese tolle Welt? Ich wei nicht
mehr, wo mir der Kopf steht. Und diese guten Leute wissen es auch nicht.
Oberrichter, Kluger der Klgsten, konntest Du nicht vorbauen?

-- Was verlangt Ihr nicht Alles von meiner Wenigkeit. Ich thue, was meines
Amtes ist. Die Ereignisse dieser Tage entzogen sich menschlicher
Berechnung. Meine Hscher sind ausgesandt, Soundso aufzujagen und zu
fangen.

-- Ist denn der auch fort? fragte der Oberpriester bestrzt.

Kaspe nickte. Man wisse noch nichts Genaues. Jedenfalls halte er sich
versteckt. Titschi selbst habe ihn seit der Todtmeldung des Minus nicht
mehr gesehen und vergeblich allerorts nach ihm gefragt. Seine Spur verliere
sich in der Frauenhauptstadt, wohin er sich in Verkleidung begeben habe.
Das sei die letzte sichere Nachricht, die man ber den Verdchtigen
erhalten.

Die Aeltesten steckten in heimlichen Reden die Kpfe zusammen.

Dann msse man sich an Titschi halten. Der sei unter allen Umstnden fr
seinen Gehilfen haftbar, meinte der Oberpriester. Sofort msse er
eingeladen werden, hier zu erscheinen. Und der Oberpriester lie seine Hand
auf dem Tastwerke spielen.

Ob ihre Anwesenheit jetzt noch nothwendig sei? fragte der Sprecher im Namen
der Aeltesten. Ob man sie nicht zu einer spteren Stunde wieder
herbescheiden wolle?

Ao antwortete nicht. Er lauschte mit eingesetzten Hrrhrchen.

-- Wir mssen wegen des Zarathustra-Festes zu einem Beschlusse kommen,
meine Freunde, verweilt noch.

-- Wegen des Festes? zirpte Kaspe. Da ist nicht viel zu beschlieen, dnkt
mich, Hoheit Operpriester. Wir verkndigen dem Volke stille Zeit und
verschieben das Fest. Von Staatswegen, Punktum.

-- Das war auch mein erster Gedanke, bemerkte der Sprecher bescheiden. Und
meine Mitltesten theilen ihn. Nur knnen wir die Verantwortung nicht
tragen. Das Volk erwartet von uns Vergngen, nicht Entsagung und Trauer.

-- Das Volk! Das Volk! zirpte Kaspe mit bitterem Lcheln. Soll's das Volk
besser haben, als wir vom hohen Rath? Das Volk wird sich in seine Rolle
finden mssen, wie wir uns in die unserige finden. Suggerirt ihm das
Zweckentsprechende, und es wird sich zufrieden geben. Es empfindet wei
oder schwarz, je nachdem es ihm vorgestellt wird.

Titschi lie melden, er knne jetzt leider nicht abkommen, er habe alle
Hnde voll zu thun. Die Beschlsse des Oberpriesters mache er unbesehen zu
den seinigen.

-- Auch der lt uns im Stiche, jammerte der Oberpriester. Hrst Du, Kaspe,
ich solle beschlieen! Beim heiligen Mysterium, was soll ich denn
beschlieen?

Und sein Gesicht nahm einen bis zum Komischen dummen Ausdruck an.

Nun machte der hohe Oberrichter den Schlagfertigen, wie stets bei
feierlichen Anlssen.

-- Beschliee eine ergreifende Trauerkundgebung groen Stils fr den
herrlichen Minus! Zwar sei sein Tod geheimnivoll, aber unwiderruflich, er
soll den Leuten leid thun, aber sie nicht in allzutiefe Kmmerni strzen.

Der Sprecher der Aeltesten lchelte. Er nahm sich die Freiheit.

-- Gefllt Dir meine Formel nicht? Sie ist berraschend, findest Du? Gerade
das ist ihr Werth. Das Volk wird zur Abwechslung im Gefhle der
Ueberraschung sein Behagen finden und uns Zeit lassen, Alles auf's Beste zu
ordnen. Ich bitte Euch, Ihr Aeltesten, da Ihr nun doch eingeweiht seid,
untersttzt uns und haltet reinen Mund ber alles Unaufgeklrte. Sucht auch
aus der Trauer Genu und Kurzweil fr das gute Volk zu schlagen.

-- Ach, das Volk, wer hlt uns das Volk vom Leibe! Dieses nimmersatte
Ungeheuer! chzte der Oberpriester.

Die Aeltesten aber grinsten dem Oberrichter freundlich zu.

-- Gefllt Dir mein Vorschlag, Hoheit?

-- Ach, Oberrichter, mir gefllt Alles, was Ordnung schafft und Ruhe
stiftet.

Sein verzweifelt dummes Gesicht glnzte wieder in einem Schimmer
intelligenter Zuversicht.

-- Lasse das meine Sorge sein, Ao.

-- Ich danke Dir, Oberrichter. Ich danke auch Euch, Ihr Aeltesten, treue
Freunde. Beliebt es Euch, da wir uns zurckziehen? Die nchste Stunde wird
Alles in die rechten Wege leiten. Oberrichter, ich bitte um Deine
Begleitung. La' uns Titschi aufsuchen.

-- Wenn wir ihn nicht gerade im Bette antreffen, ist's mglich, da wir ihm
nicht unwillkommen sind. Aber ich folge Dir gern zum hohen Diplomaten,
obwohl ich mich gern selbst ein wenig auf die faule Haut legte.

Ao berfiel bei diesen Worten des Oberrichters die Angst des
Nichtbegreifens. Wie konnte nur Kaspe so im Handumwenden diesen
gleichgiltigen Ton anschlagen? Stand denn nicht Alles auf dem Spiele?
Hatten sich nicht unglaubliche Dinge ereignet? Und nun that Kaspe, als
handle sich's um irgend eine Verabredung zum Frhstck.

Titschi empfing die hohen Amtsbrder richtig im Bett. Er habe seinen faulen
Tag, sagte er aufgerumt. Und das Lustigste von Allem sei, da man den
Leichnam des Minus nicht auffinde. Sogar die Todten flchteten aus Teuta!

                                * * *






Das war nun allerdings das strkste Stck, das der hohe Rath jemals dem
Teutavolke geboten.

Die vergngte Zarathustra-Feier mute verschoben werden auf unbestimmte
Zeit, um der groen Trauerkundgebung willen zu Ehren des Minus, und die
Trauerkundgebung konnte nicht stattfinden, weil sich der Leichnam der
verstorbenen Hoheit aus dem Staube gemacht. Fabelhaft!

Man fand nicht einmal Zeugen, den Tod des Minus festzustellen.

Der die erste Nachricht vom Tode des hohen Oberlehrers dem obersten
Diplomaten berbrachte, war allerdings eine vertrauenerweckende amtliche
Person, Soundso.

Aber als Soundso als einziger Augenzeuge ber die nheren Umstnde des
berraschenden Todesfalls vernommen werden sollte, war er verschwunden. Und
als man die Leiche zu einer imposanten Trauerkundgebung verwerthen wollte,
war von ihr nirgends eine Spur zu entdecken.

Konnte die Erscheinung des Todtenantlitzes im Fernseh-Spiegel des hohen
Rathes auf Tuschung beruht haben? Oder auf Suggestion oder sonst einer
Betrgerei?

Alle diese so schwer genommenen Vorgnge spielten sich natrlicher Weise
nur im engsten Kreise von drei oder vier Personen des hohen Rathes und der
Aeltesten ab.

Das Volk wute auch nicht eine Silbe davon, oder wenigstens nicht mehr, als
man fr gut fand, ihm direkt oder indirekt mittheilen zu lassen.

Unanfechtbar waren blo zwei Thatsachen: Titschi lag im Bett und redete
sich auf die Folgen der Ueberanstrengung ohne nhere Begrndung hinaus, und
Soundso vermochte trotz der eifrigsten Bemhungen nicht zur Stelle gebracht
zu werden.

Und ein Todtenpomp als Ersatz fr die diesmalige Zarathustra-Feier erwies
sich als unmglich, da nicht der geringste passende Leichnam aufzutreiben
war. Die Ungeheuerlichkeit einer groartigen ffentlichen Leichenfeier ohne
Leichnam konnte nicht einmal mehr von dem Oberpriester Ao ernsthaft in
Erwgung gezogen werden.

Der Oberrichter Kaspe strengte sich scheinbar auf's Aeuerste an und lie
alle Minen seines ausgezeichneten Spherdienstes springen. Vergeblich.

-- Ihr seht, ich bin so perplex wie ihr, piepste er.

Der Oberdiplomat kroch immer tiefer in's Bett und konnte mit nichts als mit
virtuosen Redensarten und Trugschlssen dienen.

So fiel Alles auf den unglckseligen Oberpriester zurck. In seinem Gehirn
prete sich die ganze Thatsachenreihe zu einer einzigen Halluzination
zusammen. Bald trat ihm der heie Schwei auf die Stirn und seine Glatze
dampfte, bald fror ihn, da er sein Schdeldach wie eine Eisdecke fhlte,
die vor Frost zu bersten droht.

-- Kinder, legt mir die Zwangsjacke an, ich bin verrckt. Ich werde
tobschtig, es geschieht ein Unglck. Ach, ich rmster Ao!

Titschi wlzte sich im Bette und versicherte, da es ihm groe Freude
mache, von seinem hohen Kollegen so aufopfernd getrstet zu werden.

Kaspe lchelte suerlich und erklrte alle Welt fr Uebelthter, denen man
beim besten Willen nichts mehr recht machen knne. Nicht einmal zum
Einfangen seien sie mehr zu haben. Alle Liebesmh' sei umsonst. Diese
unnahbar edlen Spitzbuben!

Wahrhaftig, Ao, der wrdige Oberpriester, schnitt jetzt Grimassen wie ein
Verrckter.

-- Nimm sie beim Kragen, hollah, da sind sie! rief er mit schiefgezogenem
Munde dem Oberrichter zu. Dabei schlug er mit der Faust auf die eigene
Brust.

-- Wer denn? Wo denn?

-- Grege hier, Soundso hier, Minus hier, die Lebendigen und die Todten,
Alle durcheinander, die Aeltesten dazu, seid Ihr denn blind? Alle sind sie
in mich hineingeschlpft. Ich beherberge sie. Ich bin ihr Schlupfwinkel,
ihr Diebsnest, ihr Hehler. Greif zu, Oberrichter!

Und er wand und krmmte sich wie eine getretene Schnecke.

-- Du machst Deine Sache sehr gut, Oberpriester! rief Titschi und streckte
seinen Diplomatenkopf aus der Bettdecke hervor. Ich wnschte, da ganz
Teuta dieses Schauspiel she. Beim heiligen Bimbam, das gengte als Ersatz
fr das Zarathustra-Fest. Du bist ein groer Knstler, Ao! Herrlich,
herrlich!

-- Zu Eurem Narren habt Ihr mich gemacht, sthnte Ao mit geiferndem Munde
und brach in den Polstern zusammen.

-- Der arme Mensch hat wieder seinen Anfall, flsterte Kaspe. Soll ich
vielleicht den Bim herbeirufen?

-- Verschon' mich mit diesem Querkopf. Aos Anfall, nein, es lohnt nicht der
Mhe. Der Gute krabbelt sich von selbst wieder in die Hhe. Bliebe er
einmal unten, he, Kaspe, was denkst Du von der Fhrung der obersten
Geschfte?

Ein fahler Blitz zuckte ber des Oberrichters verlederte Mienen. Mit
gedmpfter Stimme meinte er, ein wenig zurckhaltend:

-- Wie denkst Du darber? Deine Meinung ist mir werthvoll.

Titschis scharfes Auge hatte das Mienenspiel bemerkt. Er wollte schweigen.
Die Sache war noch nicht reif. Der ehrgeizige Kaspe!

Aber der Oberdiplomat konnte sich das Vergngen nicht versagen, dem Streber
nach dem Vorsitz im hohen Rathe ein hhnendes Hoffnungsalmosen hinzuwerfen:

-- Sei getrost, Kaspe, wenn ich wieder gesund bin, werde ich mich fr Dich
in's Zeug strzen. Auch meine Agenten werden fr Dich Stimmung machen. Aos
Fall ist Deine Erhhung. Das Volk wird ihm's nie verzeihen, da es unter
seinem Regiment so wenig Vergngen gehabt. Ruhe, Stille, Ordnung --
lcherlich: Vergngen will das Volk haben, Feste, Apotheosen! Und nun geht
unter Aos genialer Fhrung sogar die Zarathustra-Feier, das glnzendste
Narrenfest der Welt, in die Brche. Kaspe, mein Kompliment! Das hast Du gut
eingefdelt!

Der Oberrichter neigte leicht den Kopf wie zu gndigem Danke. Es hatte ihn
jedesmal, so oft Titschi herausfordernde Andeutungen dieser Art gemacht,
das Gefhl beschlichen, als sollte er vergiftete Pillen schlucken.

Endlich rhrte sich Ao wieder. Sein Aussehen war erbarmungswrdig.

-- Bim -- ruft mir den Bim, ich bitte. Ich habe Vertrauen zu Bim. Er kann
mir helfen. Ich bin ja so krank. Merkt Ihr denn nichts? Gar nichts?

-- Ja, hoher Oberpriester, wenn Du Vertrauen zu Bim hast! Mit Vergngen!
Ich bin fr Deine Anregungen immer empfnglich.

Titschi streckte sein langes, dnnes Bein aus dem Bette -- die Bewegung sah
drollig aus, aber Niemand schien Sinn dafr zu haben -- und mit der groen
Zehe drckte er auf den Knopf des Tastwerks, und auch die brigen Zehen
begannen zu spielen.

-- Du sollst gleich Deinen Bim haben, Ao. Hast Du sonst noch Wnsche?

-- Hunger hab' ich, guter Titschi, Hunger.

-- Hunger? Da sieh einmal. Vielleicht auch Durst? Die Lebensgeister sammeln
sich. Du brauchst nur zu befehlen, Oberpriester.

-- Ja, auch Durst. Ach, mir ist noch immer elend. Ihr habt mich verrckt
und elend gemacht.

Titschi spielte wieder mit dem Fue auf dem Tastwerk. Bald ffnete sich die
Wand und ein Tischchen glitt herein, mit winzigen Schsselchen und
Flschchen.

-- Mische Dir selbst Dein Labsal, Unberwindlicher!

Ao mischte sich mit zitternder Hand Festes und Flssiges und fhrte es zum
Munde.

-- Was habt Ihr inzwischen beschlossen? Hab' ich lange geschlafen, Freunde?

Sein wsseriger Blick ging vom Einen zum Andern, whrend sein Mund kaute.

-- Hast Du gut geschlafen, Ao? fragte Kaspe.

-- Ja, geschlafen und getrumt. Nach dem schlimmen Anfall oder mitten
hinein.

-- Hast Du Schnes getrumt? fragte Titschi.

-- Wie man's nimmt. Ich hatte etwas Blhendes und Duftiges in der Hand.
Dann verwandelte sich's in schwarzen Staub mit schlechtem Geruche. Ich
glaube, Deine Luft ist nicht gut, Titschi.

-- Ich frchte, Du thust meiner Luft Unrecht. Ist meine Luft nicht
kstlich? Bezeuge Du's, Oberrichter Kaspe.

-- Ja, die Luft Titschis ist gut.

Ao wischte sich den Mund: Mag sein. Wir werden ja Bim's Urtheil hren. Was
habt Ihr beschlossen, Freunde?

-- Wir haben beschlossen, da Alles nach Deinem allweisen Willen gehen
soll, erwiderte Titschi mit halbabgewandtem Gesicht.

-- Wo ist mein Wille? Wo habt Ihr meinen Willen?

-- Das mut Du Bim fragen. Er wird gleich erscheinen.

Richtig, Bim, der Oberphysikus, erschien, eilfertig, mit dienstbereiter
Miene. Sein Auge strahlte, seine Stirn leuchtete, als kme er direkt aus
der Sonnenhhe der Weisheit niedergefahren.

Gewi, so dachte er, wrden ihn die hohen Freudespender und Volksregenten
von Teuta so schleunig in ihre Mitte fordern, um von seiner neuesten
wissenschaftlichen Entdeckung zu hren. Und nun war er da, gewappnet mit
seiner Gelehrsamkeit, umgrtet mit seinem Tiefsinn, ein Held des Geistes,
der treffliche Oberphysikus. Und er fhlte sich begrt und beglckwnscht
durch ihr schweigsames Erwarten. Die guten Leute mssen's doch ahnen --

Offenbar: Alle schwiegen, Alle erwarteten, Alle ahnten.

Nur Ao chzte leise und machte ein gequltes Gesicht.

-- Jawohl, Hoheiten, die That ist mir gelungen, begann Bim.

-- Hast Du ihn gefunden? fiel ihm Ao gleich in's Wort.

-- Ich habe ihn gefunden und halte ihn fest, er wird mir nimmer entwischen.

Aller Augen rundeten und befeuerten sich und drangen auf den gewaltigen Bim
ein.

Er hat ihn gefunden! Unglaublich!

-- Leicht war's ja nicht, Hoheiten, fuhr er mit Selbstgefhl fort. Leicht
war's ja wahrhaftig nicht. Die Zahl der Hemmnisse und Irrwege war
erstaunlich gro. Aber nun halt' ich ihn. Er entschlpft mir nicht mehr. Er
ist kein Schemen, er ist ein Sichbethtigendes, ein Wesen, welches die
ganze, weite Schpfung in sich trgt und die Bedingung ihrer Erscheinung
ist, er ist das Urleben, die Urkraft des Weltalls selbst.

-- Mit Vergunst, von wem sprichst Du, hoher Oberphysikus? unterbrach
Titschi den Strom der Rede.

-- Einen Augenblick, ich bin gleich zu Ende. Es bedarf nicht vieler Worte.
Die Wahrheit ist gro, aber einfach. Nachdem ich ihn -- --

-- Namen nennen! rief Kaspe dazwischen. Namen! Denn es sind leider Viele
flchtig.

-- Unterbrecht ihn nicht, bat Ao. Seine Hlfe ist so werthvoll.

-- Nachdem ich ihn, nein, bitte, strt mich nicht, Alles hngt am richtigen
Wort, wie Minus sagt.

-- Minus! Ihn hast Du?

Der Oberrichter konnte seine Neugier nicht mehr zgeln. Seine Erwartung war
auf's Aeuerste gespannt. Er litt frmlich unter der Erregung. Der Bauch
that ihm weh vor Ungeduld.

-- Nachdem ich das Atom -- --

-- Das Atom! Hrt, hrt!

-- Das Atom!

-- Das Atom?

Eine solche Enttuschung. Man htte sich's im Voraus denken knnen. Aber
immer auf's Neue fiel man bei dem gediegenen Oberphysikus und
Weltrthsellser Bim darauf herein. Ein solcher Blender!

Titschi, halb hmisch, halb sich belustigend: -- Hoheiten, das Atom ist der
Anfang aller Dinge, lassen wir's dem guten Bim, damit er auch an das Ende
der Dinge gelange, die uns heute beschftigen.

Bim lie sich nun aber mit Flei nicht mehr aus dem Konzept bringen. Nicht
um eine Welt. Und wenn sie bersten sollten.

-- Was ich vorhin definirte, war der neue Begriff des Raumes, des
Weltraumes. Und das ist meine eigenste Entdeckung. Nachdem ich das Atom als
das durch seine Bewegung den Raum Erfllende, durch seine Verkettung zu
Moleklen Krperbildende erkannt, lautet meine Antwort auf die Frage: Was
ist Materie? konsequent: Die Materie ist der Ausdruck der Selbstbewegung
des Raumes, nicht Geschpf, sondern Funktion des Raumes.

Ao hielt sich die Ohren zu, Kaspe schttelte den Kopf, Titschi kroch unter
die Bettdecke.

-- So, Hoheiten, habe ich den neuen Begriff des Weltraums und seiner
Bedeutung gefunden. Nehmt ihn hin, meinen Fund.

-- Und Du verzichtest, uneigenntzig, wie immer, auf den Finderlohn,
musterhafter Gelehrter. Etwas Anderes wre uns zu dieser Stunde lieber
gewesen. Aber man mu Deiner Wissenschaft fr Alles danken. Sieh hier
unsern hohen Titschi, er ist leidend, sieh hier unsern unersetzlichen hohen
Ao, er ist krank, und ich selbst -- --

Ao lchelte schwermthig: -- Was mich betrifft, ich fhle mich nicht mehr
krank. Bim besitzt eine seltene Kraft. Aber im Anderen wnschte ich jetzt
seine Hlfe zu haben. Was ntzen neue Begriffe!

Titschi kroch aus dem Bette: -- Weit Du, was inzwischen in Teuta und
seinem hohen Rathe vorgegangen ist, whrend Du bei den Atomen im Weltraum
weiltest?

-- Nun?

-- Weit Du uns des Minus Hingang und Verbleib zu definiren?

-- Minus? Er ist eingetreten in's groe Mysterium? Ist er das?

-- Woher weit Du das, Bim?

-- Minus hat mir sein Wort gegeben, da er das thun werde. Also hat er sein
Versprechen erfllt.

-- Ja, das hat er.

Nun wurde Kaspe aufmerksam. Endlich ein Krnchen im Bimschen Spreuhaufen,
das auf eine Spur leiten knnte. Kaspe stellte die Zwischenfrage:

-- Welcherlei Art war das Versprechen, Bim?

-- Seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit zuvorzukommen und ein Ende zu
machen.

-- Wie konntest Du ein solches Versprechen annehmen? fragte Titschi.

-- Es war mir wissenschaftlich interessant, sonst nichts.

-- Sonst nichts? fragte Ao, seine Kaubewegungen unterbrechend.

-- Nein, hoher Oberpriester.

-- Und alles Drum und Dran des Vorgangs? warf wieder Kaspe im Kreuzverhre
ein.

-- Wenn die Sache geschehen ist, werde ich das Material fr meine
Forschungen zu sammeln suchen. Meine Schler werden mir an die Hand gehen.
Minus ist mir stets ein interessanter Fall gewesen.

Bim schlug befriedigt die Beine bereinander, kreuzte die Arme und legte
sich in die Polster zurck. Es war doch eine Lust zu leben, so lange das
Dasein an merkwrdigen Versuchen so reich war. Da Minus nun selbst noch
ihm in die Schlinge gegangen war, erfllte ihn mit innigem Behagen. Was
kmmerten ihn die Sorgen der Andern? Sie werden auch noch an die Reihe
kommen, diese widerborstigen Herrschaften. Er nahm sich fest vor, sie Alle
zu berleben. Ihm mute der Sieg bleiben. Der Sieg ber ihre
wissenschaftliche Stumpfheit wie ber ihr hochfahrendes Wesen. Der Strkere
war er, so wenig sie's auch merken mochten. Das hatte ihm wieder diese
Unterredung besttigt. Hat nicht auch Minus die Waffen vor ihm gestreckt,
der unheimliche Oberlehrer, dieser Abgrund verschlagener Weisheit?

Und er stierte lchelnd vor sich hin, keine Notiz mehr von den Andern
nehmend und ihren rathlosen Mienen, ganz in seinen Selbstgenu versunken.

-- Das Fest! das Fest! murmelte apathisch Ao.

-- Beruhige Dich, Oberpriester, das Teutavolk fhren wir auch ber die
festlose Zeit hinweg, prahlte der Oberrichter mit piepsender Stimme und mit
einem schiefen Blick nach Titschi.

-- Natrlich fhren wir's drber hinweg. Worber fhrten wir's nicht
hinweg? Lat mich nur erst wieder aus dem Bette sein!

Ao war in seiner kummervollen Erschpfung eingeschlafen. Was half ihm Bim?

Es herrschte tiefe Stille.

-- Bei den ewigen Atomen! schrie mit einem Male Bim aus seinen Gedanken
auf.

Todtenbleich tauchte Minus am Eingang aus der Wand hervor, auf seinem
Fahrstuhl liegend.

-- Lebendig und todtbeglckt gr' ich Euch.

Hinter ihm erschien Soundso, pfiffig lchelnd.

-- Gespenster! piepste der Oberrichter schreckensvoll.

-- Das berleb' ich nicht, rchelte Ao.

Sogar dem khlen Oberdiplomaten erschien das unvermuthete Bild ein starkes
Stck.

                                * * *






Nicht weniger fremd, als die Luftregion der Polargegend, war Grege, als er
zu Bewutsein kam, die Landschaft, in der er sich nach dem Absprung aus der
Luftgondel fand.

Aber er war auf fester Erde und ganz allein, und diese Thatsache dnkte ihm
vorerst kstlich genug, ein wahres Himmelsgeschenk.

Schon da der Absprung ihm nicht den Tod gebracht, empfand er nach wieder
erlangtem Bewutsein und kritischer Untersuchungsfhigkeit, als eine
Wiedergeburt zu neuem Leben.

Von dem Falle her schmerzte ihn eigentlich nichts auer dem Fugelenke.
Erst wie er sich erheben und auf die Beine stellen wollte, fhlte er, da
nicht Alles unbeschdigt geblieben.

Auch die Wunde zwischen dem Knchel und der Fusohle schien wieder
aufgebrochen und blutete ein wenig.

Als er die kleinen rothen Tropfen auf der Haut gewahrte, stand ihm wie eine
Vision der blarothe Blutstern an Jalas Handflche vor Augen, und aus dem
blarothen Blutstern wuchs wie eine lichte Erscheinung die ganze Gestalt
des geliebten fernen Weibes.

Jala! Die Seelen grten sich.

An ein Weiterschreiten war vorerst nicht zu denken. So lie er sich wieder
auf den gastlichen fremden Boden sinken, den ein reichlicher Gras- und
Mooswuchs wie ein weiches Polster berdeckte.

Nie hatte er im Teutalande, dem steinigen und sandigen, Gras und Moos von
solcher Dichtigkeit und Weichheit gesehen. Wie auf einem guten Bette ruhte
der Krper.

Dmmernder Abend verhllte die Ferne. Alles war geheimnivoll, still,
fremd, beschwichtigend.

Schrecken- und Angstgefhle wie weggeblasen. Keinerlei Furcht. Dafr eine
herrlich erhebende Empfindung durch Seele und Leib von Hoffnung und
Zuversicht. Frmlich athmen und schwelgen konnte Grege in dieser Alles
durchdringenden Empfindung wie in einer neuen, wunderkrftigen Luft.

-- Jala, wo weilest Du? Wo ich?

Er lag auf dem Rcken, die Glieder ausgestreckt, und starrte in den Himmel.

Stern um Stern trat hervor, und in ihrem zarten Glitzerschein entdeckte er
schwebende Punkte, aber in solcher Hhe, da kein Luftfahrer im Stande sein
konnte, den an die weiche, wohlige Erde geschmiegten Krper auch nur zu
ahnen. Grege lchelte.

Freiheit! Hoffnung! Jala!

Wo er auch weilen mochte, der Boden, der seinen Krper so fest und weich
trug, wie in Liebesarmen, konnte nur einem edlen, gastlichen Lande gehren.

Freiheit! Hoffnung! Jala!

Wie se Musik sang in seiner Seele und in seinen Nerven die Hoffnung.

Und gewi, er konnte ihr vertrauend lauschen. Wie aus den Schatten der
Nacht die glnzenden Sterne, die Morgenrthe und der lichte Tag, so werden
aus dem Unglck die Freuden geboren und die Trstungen der Freiheit. Wie
der Wanderer in den Thlern der Trbsal die sonnigen Hhen der
Befriedigung, wie der Held im Kampfgetmmel die Wonnen des Sieges ahnt, so
whnt sich der Hoffende jeder Gefahr entronnen.

-- Jala!

Erst ganz langsam wuchs in Grege die Empfindung, so sicher und herrlich
stehe es mit seiner Befreiung doch nicht, wenn er hier auf dem Boden der
ruberischen Angelos raste, denn wie solle ihm, dem Fremdling ohne jeden
Ausweis, ein volles Recht unter diesem bermthigen und gewaltthtigen
Volke werden? Und wie wrde er seinen Weg hinausfinden, aller Mittel
entblt, sich die Gunst der Leute zu erkaufen?

-- Jala!

Nun stieg ein Zweifel in ihm auf, der seiner Hoffnung Kraft lieh und sein
Siegesbewutsein zu lodernden Flammen anblies: Mu dieser Boden das Land
der Angelos sein? Kann sich der Mann im steuerlosen Fahrzeug, das ein Spiel
allen Launen der Winde und magnetischer Strmungen gewesen, nicht im
letzten Augenblick noch im Wege getuscht haben? Mglich war Eins und das
Andere, entschieden Nichts.

Also Grund genug zum Zweifeln und kein Grund zum Verzweifeln.

Aus luftiger Hhe gesehen und im Wirbeltanze steuerloser Fahrt, im Her und
Hin, im Auf und Nieder der zuflligen Lenkung, wer will die nordischen
Lnder unterscheiden und eins mit Bestimmtheit nennen? Zwischen Meere von
gleicher Farbe gebettet, in Wiederholung der Insel- und Halbinselform sich
alle gleichend im Zuschnitt, jedes mit mchtigen Felsen, die starr aufragen
in wilder Gebirgsart -- --

Grege kam aus dem erwgenden und in Bildern malenden Denken wieder in den
Zustand des Traumlebens, Gesicht und Gehr empfingen ferne Bilder, die sich
zum vollen Wirklichkeitseindruck verdichteten, whrend sein Leib
unbeweglich auf dem Boden ausgestreckt blieb.

-- Grege! Grege!

Es war Jala's Stimme. Wahrhaftig, sie war's. Ihr Ruf hallte ber Berg und
Thal und ber das stille Meer. S, schmeichelnd, flehend, bebend wie
Fltenton.

-- Grege, wo bist Du? Wo bist Du? Ich bin hier, siehst Du mich nicht? Ich
suche dich, Grege, Grege!

Wahrhaftig. Und nun sah er Alles. Sie war ausgegangen in die Weite, ihn zu
suchen. Am Meere hin fhrte sie der Weg, dann ber Schluchten, auf steile,
bleiche Felsen kletterte sie und hing sich mit blutenden Fingern an die
Gipfel, an die Wolken -- --

-- Grege! Zu Hilfe! Rette mich!

-- Jala, hier! Was willst Du in der fernen Hhe? Hier bin ich, hier, Du
wirst strzen, ich beschwre Dich! Siehst Du mich denn nicht? Hier, Jala,
hier bin ich. Wende Dein Gesicht, meine Arme sind Dir geffnet, so komm'
doch, komm' -- -- komm' herab zu mir -- -- --.

Er konnte nicht mehr. Das Entsetzen nahm ihm die Stimme. Er fhlte nur, wie
ihm die Augen aus dem Kopfe traten, mit aller Gewalt den Blick der
Verschwindenden nachzusenden, ihre letzten Zge im Verschweben in
unmebarer Ferne einzufangen. Er fhlte nur, wie krampfhaft lauschend sein
Ohr sich anstrengte, noch einen Laut, noch ein verschwimmendes Zittern
ihrer Stimme durch den himmelweiten Luftraum zu erhaschen.

Vergebens.

Schrecken und Sehnsucht im fiebernden Gehirn, im strmisch pochenden Herzen
lieen ihn noch einmal herausschreien: Sprich, sprich, Jala, sprich!

Noch einmal war's ihm, als vermchte er ihre Zge zu sehen, in ihr
verrinnendes Angesicht zu blicken, die gleitenden Umrisse ihrer schnen,
hoheitsvollen Gestalt zu erkennen in den schrecklich fernen Aetherweiten
der Unendlichkeit. Dann lste sich Alles in gleichmig helles, unbestimmt
zitterndes Licht, von feinen Silberwlkchen durchzogen, ferner, immer
ferner und lautlos verschwindend hinter dicht heranziehenden schwarzen
Purpurwolken, die allmhlich den ganzen Himmelsraum erfllten in
majesttisch dsterem Gewoge.

Grege mute lange in starrer Bewutlosigkeit gelegen haben. Sein Leib war
steif und durchkltet, als sich die Besinnung wieder einstellte, sein
Gehirn von einer unsglichen Mdigkeit.

Nur mit harter Mhe konnte er sich entschlieen, die Augen zu ffnen und
den Kopf ein wenig zu erheben, mit heftigen Schmerzen im Nacken, als die
kitzelnden Betastungen an seiner Nase, seinem Munde und seinen Ohren nicht
nachlieen. Auch an den inneren Handflchen und zwischen den Fingern hatte
er die Empfindung, als ob eine lange leckende Berhrung mit einem
feinborstigen, nervs warmen Gegenstande von krftiger Lebendigkeit
stattgefunden.

Durch die Lidspalte gewahrte er ganz nahe seinem Gesicht eine mchtige
Hundeschnauze. Das heit: er rieth auf eine Hundeschnauze, denn in Teuta
hatte er nie diesen braven Vierfler gesehen, in seinem thierfeindlichen
Lande war die Bekanntschaft mit dem edlen Thierleben nur aus alten
Erzhlungen und Bildern zu schpfen. Teutas alleinseligmachende,
unvergleichliche Musterkultur hatte ja alle Hausthiere verbannt und seit
Jahrhunderten nur den reinen Staatsmenschen als einzig wrdiges Material
fr die Darlebung der hchsten Vernunft gezchtet.

Durch die Lidspalte gewahrte Grege jedoch nicht blo die mchtige
Hundeschnauze, sondern auch ein scheinbar unmittelbar der Erde
entstrmendes vibrirendes Flimmerlicht, das nach der berstandenen so
intensiv durchlebten Vision einen schmerzlichen Reiz auf seine Sehnerven
ausbte. Erst wie er merkte, da dieses Licht nicht an etwas Einzelnem
haftete, sondern gleichmig ausgegossen, wie eine helle Luftschicht ber
dem Boden schwebte, ffnete er ohne Furcht vor neuen Visionen und Schmerzen
weit das Auge und versuchte, sich emporzurichten.

Frhlich bellend umsprang ihn der groe, zottige, goldbraune Hund. Wie ein
Gru neuen Lebens klang ihm die merkwrdige nie gehrte Stimme. Es lag so
viel Aufmunterndes, Liebreiches in diesen schallenden Lauten, eine
reizvolle Naturfrische in den Intervallen, da Grege bis in's Innerste
davon getroffen war.

Der Hund machte noch einmal die tanzenden Bewegungen unter freudigem
Gebell, dann stellte er sich straff wie ein Wchter zwischen die Beine
Greges und fate den halbaufgerichteten Fremdling fest in's Auge.

Grege nickte ihm zu.

-- Ja, wer bin ich, mein Thier? Und wer bist Du, da Du mich so herzlich
begrt hast? Du nimmst wohl Interesse an dem seltsamen Gast? Oder haben
Dich die Angelos geschickt, mich aufzuschnffeln und zu wecken? Oder
schickt Dich Jala mir als Bote?

Der Hund beschnupperte ihn die Brust hinauf bis in's Gesicht, schttelte
eifrig den buschigen Wedel und begann wieder zu bellen und zu springen, als
wollte er sagen: Was wei ich? Du gefllst mir und das Weitere wird sich
finden. Mach' nur, da Du endlich vom Fleck kommst, Du langer Schlfer und
Faulpelz. Da ich Deinem guten Geruch vertraue, siehst Du wohl, also
vertraue auch mir. Erhebe Dich, komm! Mach' Sprnge wie ich! Und hinter Dir
steht noch Jemand erwartungsvoll, nein, bist Du aber schwerfllig -- siehst
Du denn nicht?

Den Bewegungen des lustigen Thieres folgend, wendete Grege den Oberleib und
blickte rckwrts.

-- Ach, ein Weib! stie er berrascht hervor und sttzte die Hnde auf den
Boden, um sich besser zu drehen und deutlicher zu sehen.

Sie sa fnf, sechs Schritte hinter ihm auf dem Boden. Lchelnd stand sie
auf, die eine Hand auf dem Kopfe des groen Hundes, mit der andern eine
grende Geste machend. Von Gestalt mig hoch, doch krftig. Lichtblondes
Haar, in schnen Zpfen, die ihr ber die Schulter hingen. Den jugendlichen
Leib in einem festen, wenig faltenreichen, rmellosen Gewand, von einem
Grtel umspannt, die Fe nackt, wie die Arme. Die ganze Erscheinung
strammer, frischer, kerniger als Jala, die Zge gewhnlicher, aber in Allem
eine groe Kraft und ungezwungene Herzlichkeit. Ach, die groen dunklen
Feueraugen voll sprhender Gewalt!

-- Angelos? Wohnen hier Angelos?

Das Weib trat mit dem Hunde einen Schritt nher und schttelte lchelnd den
Kopf. Der Hund sah neugierig zu ihr auf, als wollte er ihre Blicke und
Worte auffangen.

-- Mein Name ist Maikka. Hier sind keine Angelos.

Der Hund stellte sich bellend auf die Hinterbeine und legte ihr die
mchtigen Pratzen auf die Schultern.

-- Maikka? Keine Angelos? Ich danke Dir.

-- Du bist gro, blond, stark, wie unsere Mnner, aber ich merke, da Du
fremd bist. Ist Dir etwas Schlimmes widerfahren? Du siehst verstrt aus.
Lange lagst Du regungslos. Mir bangte um Dich, bis Dich mein Hund weckte.

Sie war noch einen Schritt nher getreten. Der Hund lief von ihr zu Grege
und berhrte ihm mit dem Kopfe liebkosend die Schulter.

Grege verharrte sinnend in der Betrachtung der beiden gtigen Wesen. In dem
allgemeinen Lichtscheine, der die freie weite Nachtlandschaft erfllte,
gewann das Weib in dem schlichten weien Gewande etwas so Vergeistigtes,
da Grege sich fragte, ob er nicht wieder dem Zauber einer Vision oder
sonst einem Spuke zum Opfer gefallen. Die Stimme klang so schmelzend und
doch so bestimmt und war so voll Seele und Natrlichkeit, wie das Bellen
des Hundes.

-- Komm, Maikka, berhre mich wie Dein Hund.

-- Hier! Sie reichte ihm die Hand. -- Warum erhebst Du Dich nicht? Bist Du
mde von der Wanderung? Welches Weges bist Du gekommen?

Nun erschien Grege erst recht Alles wie ein Traum. Welches Weges er
gekommen! Durch die Luft!

Aber kaum hatte er zu erzhlen begonnen, da unterbrach ihn Maikka.

-- Seltsames ist Dir begegnet. Die Erzhlung wird lange werden nach dem
abenteuerlichen Anfang. Hast Du hier kein Heim, so folge mir in das
meinige. Auch scheinst Du erschpft zu sein und noch der Ruhe zu bedrfen.
Dein Gewand ist auch nicht im besten Zustand. Hast Du mit den Elementen
gekmpft?

-- Ja, Maikka, das hab' ich. Aber glaube mir, ich bin ein friedsamer Mensch
und trage keinen Streit in die Welt.

Maikka reichte ihm lachend auch die andere Hand Und an ihren beiden Hnden
sich fassend, sprang Grege vom Boden auf, mit so leichtem Schwunge, da ihm
selbst die Freude wieder kam ber die Tchtigkeit seines Leibes.

-- O Du hast eine tapfere Gestalt, gut fr den Streit und schn fr den
Frieden. Warum verhehlst Du mir Deinen Namen?

-- Grege hei' ich und komme aus Teutaland, ein Flchtling. Nun weit Du's.
Ich habe nichts Uebles gethan, ich bin nur mir selbst nachgegangen, nur
meiner Freiheit hab' ich mich gewehrt.

-- Aus Teutaland bist Du geflohen? Allein?

-- Jala floh mit mir, mein Weib. Wo ist sie nun? Wo bin ich nun? Sprich,
gtige Maikka, in welchem Lande begrest Du mich?

Maikka lachte: -- Du verstehst die Worte zu setzen wie ein Dichter. Nordika
heit das Land. Ist Dir das fremd? Du sprichst seine Sprache, ein wenig
anders zwar, doch verstehen wir uns. Wir sind verwandt. Teuta freilich, o
Teuta!

Und sie schttelte ihm beide Hnde und lachte frisch, recht von Herzen,
aber doch nicht in einem unzarten Tonfall. Auch der Hund tanzte und schlug
seine vergngtesten Tne an.

-- Teuta macht Dich lachen, Maikka. Kennst Du Teuta?

-- Davon und von vielem Anderen spter. Willst Du mein Gast sein? Ich fhre
Dich eine Strae, die ist so grasig wie eine Parkwiese. Kannst Du
schwimmen?

Grege nickte. Die einzige Leibesbung, die den Teutaleuten als
vornehm-menschlich und staatserhaltend galt, war das Schwimmen. Das
Schwimmen in groen unterirdischen Bassins.

-- Gut, dann kannst Du ber den See schwimmen. Das wird Dich von Deiner
Starrheit erholen. Willkommen in Nordika noch einmal. Du wirst ein schnes
Land kennen lernen, Teutamann Grege.

-- Gute Leute hoffe ich.

-- Gewi.

-- Was lieben die Leute in Nordika?

-- Nichts, Grege, und Alles -- was Liebe verdient.

-- Ich will sagen: wofr haben sie die meiste Neigung? Oder: wovor haben
sie Respekt?

-- Vor nichts, Grege, und vor Allem -- was Respekt verdient.

-- Merkwrdig, Maikka.

-- Jawohl, Du wirst schon sehen.

Unter diesem Gesprche hatten sie bereits eine Strecke auf der grasigen
Strae zurckgelegt. Grege fhlte sich wunderbar stark, obwohl er Hunger
sprte.

Der Hund krzte sich den Weg durchaus nicht. In weitem Bogen umkreiste er
die Herrin und ihren Gast. So oft er eine dichtere Lichtbahn kreuzte,
machte er einen hohen Satz.

-- Die Beleuchtung in hiesiger Art ist mir neu und berraschend. Man watet
hier frmlich in feinem Licht. In Teuta kennt man das nicht.

-- In Teuta!

Maikka lachte wieder. Fest und geschmeidig, in anmuthigen Schritten und
Bewegungen ging sie voraus, zuweilen stehen bleibend, bis der Gast an ihrer
Seite war. Aber ihre Lebhaftigkeit lie sie gleich wieder den Vormarsch
nehmen.

-- Wir lassen die Erde selbst leuchten, ohne viel Knstelei. Der Boden ist
hier so reich an Leuchtstoff. Man brauchte nur sinnreich dem Magnetismus
die Bahn freizumachen. Das ist unser Nordlicht, nur da es nicht in hohem
Bogen steigt. Sieh, wie der Himmel sich sammetdunkel ber die lichte Erde
spannt. Man merkt nur am Mond und an den Sternen, da es Nacht ist.

Sie blieb vor Grege stehen und blitzte ihn mit leuchtenden Augen an.

-- Ueber dem See ist geringerer Schimmer, da mu Deine Haut leuchten! Bist
Du sehr gebt in Muskelarbeit?

Grege mute beschmt verneinen. Obwohl er daheim in natrlichem Drange
mancherlei Uebungen gemacht, ganz insgeheim, da sie wider die ffentliche
Ordnung verstieen, fhlte er doch, da er als Angehriger eines Volkes von
Rutschern, Hockern und Liegern mehr verweichlicht war, als sich mit einer
krftigen Ausbildung von Muskeln und Sehnen vertrgt.

-- Ich habe ein kleines einsitziges Boot am Ufer. Wenn Du willst, kannst Du
rudern und ich schwimme hinterdrein mit meinem Fox. Wir sind Luft-, Land-
und Wassermenschen, nach Belieben, Grege.

Und wieder klang ihr frisches, seelenvolles Lachen in die stille
schimmernde Nacht.

All' seinen Lebtag hatte Grege kein solches Lachen in Teuta gehrt. Lautes
Lachen vertrug sich dort berhaupt nicht mit der staatlichen
Wohlanstndigkeit. Nur an den hohen Feiertagen bildete das Lachen einen
Bestandtheil der offiziellen Freude, eine anerkannte Programm-Nummer
sozusagen.

-- Rudern? fragte Grege. Und nun wollte er auch mit einer Ueberlegenheit
aufwarten, denn es berhrte ihn peinlich, auf diesem fremden Boden einer
wenn auch verhaltenen, so doch offenbar systematischen Geringschtzung
seines Teutalandes zu begegnen.

-- Ja, rudern! Rudert man bei Euch daheim nicht, Grege?

-- Darber sind wir lngst hinaus. Auf unsern unterirdischen Seen gehorchen
unsere Fahrzeuge einem Druck mit dem Finger, so wunderbar ist der
Mechanismus unserer elektrischen Einrichtungen.

-- Das haben wir auch, das hatte man, wenn auch grber und umstndlicher,
schon vor tausend Jahren. Aber das Rudern ist noch viel lter, und deswegen
nicht weniger schn, zur Abwechslung. Es strkt die Brust, man mu breit
ausathmen, alles hat einen so poetischen Takt, und man bekommt prachtvolle
Arme. Da fhl' einmal her!

Maikka hielt ihm beide Arme hin. Grege griff danach. Fox deutete das als
Aufforderung zu einem Hochsprung. Kaum hatte Grege seine Hnde um die
herrliche Rundung des prallen Fleisches gelegt, da sauste zwischen den
Kpfen und ber die ausgestreckten verbundenen Arme auch schon Fox mit
mchtigem Sprung durch die Luft.

-- Hier ist der See und dort das Boot! rief die lachende Maikka.

Fox pltscherte bereits geruschvoll schnaufend im Wasser.

Grege stand unentschlossen.

-- Nun? Mein Gast hat die Wahl!

-- Schade, da das Boot nicht zweisitzig ist, bemerkte Grege galant
ausweichend.

Maikka schlagfertig: -- Aber das Wasser ist fr zwei Schwimmer. Wenn Du
darauf hltst, schwimmen wir Seite an Seite um die Wette und stoen das
Boot noch vor uns her. Mir nach!

Damit hatte sie schon den Grtel gelst, Ober- und Untergewand abgestreift
und in das Boot geworfen, die Zpfe hoch um den Kopf gesteckt -- und
platsch! tauchte ihr schimmernder Leib im kruselnden Wasser auf und
nieder. Wie ein Fisch in seinem Elemente, so sicher und schn war jede
Bewegung.

-- Herrlich, herrlich! Flink, Grege!

Wie von physischem Zwang erfat, entledigte sich Grege seiner Kleidung, sie
flog wie von selbst ins Boot, und halb taumelnd fiel er ins Wasser. Fast
besinnungslos arbeitete er mit Armen und Beinen. Er hatte nur das eine
Gefhl, da er auf Tod und Leben etwas Unerhrtes ausfhre. Seine Schlfen
pochten, seine Lunge schwoll, sein Athem prustete gewaltsam. Und neben ihm
kicherte und schlngelte, wogte und wiegte die Nixe in den schnsten
Schwimmknsten, das Boot mit einzelnen, krftigen Armsten vor sich
hertreibend.

Einmal war sie ihm so nahe, da er ihren Ellbogen und Fu an seinem Leibe
sprte. Dann war's ihm wieder, als schlpfe sie unter ihm durch oder gleite
ber seinen Rcken hinweg. Dann wieder, als sitze sie rittlings auf ihm.
Dann wieder, als walle der See auf in einem Getmmel von weien
Frauenleibern und jeder Wassertropfen sei erfllt von Kichern und Lachen
und aus der Tiefe breche heier Phosphorglanz.

Das Ufer, endlich! Grege war nicht wenig erstaunt, es heilen Leibes
erreicht zu haben. Er sah sich schon als Leiche angeschwemmt, von zrtlich
wrgenden Nixenarmen erstickt.

Fox war der Erstangekommene. Er schttelte sich -- und sein Bellen schallte
wie Siegesruf.

Auf seinen Appell kamen zwei Dienerinnen an das Ufer geeilt, die Herrin zu
empfangen. Sie schienen nicht sonderlich berrascht, auch noch einen
nackten Mann zu finden. In behender Dienstfertigkeit verrichteten sie das
Zweckmige.

Bevor Grege die neue Situation zu berschauen vermochte, steckte er schon
in den warmhllenden Kleidern, und Maikka stand lchelnd vor ihm, als htte
sie ein Zauber von einem Ufer unverndert zum andern gehoben. Nur ihre
Wangen schienen etwas blsser und ihre groen Augen glhten dunkler.

-- Und nun rasch in's wohnliche Gemach, mein tapferer Gast! Ist Alles
bereit?

Die Dienerinnen bejahten. Grege wandelte wie im Traum, den lebhaften
Schritten Maikkas folgend.

Was war das fr eine Welt?

In Teuta gab's fr den Mann vom Jnglingsalter an keinen freien, offenen
Verkehr mit dem Weibe. Hier die Mnnerstadt, dort die Frauenstadt. Die
Thore wurden von Staatswegen geschlossen und geffnet. Nur in der offenen
Zeit gab's Verkehr zwischen Mann und Weib, nach strengen offiziellen
Regeln. Auch bei festlichen Aufzgen konnten Mnnergruppen mit
Frauengruppen verkehren, nicht anders jedoch, als nach der Anweisung der
Festordner. Sonst im gesammten Leben stand der Mann fr sich, das Weib fr
sich. Die Kinder waren den Weibern zur Aufzucht zugetheilt, bis man sie mit
dem fnfzehnten Jahr gleichfalls nach dem Geschlechte trennte.

Grege war aus Teuta entwichen, weil er ein geliebtes Weib fr sich, fr
sich ganz allein, haben wollte. Und weil er nicht heimlich sndigen wollte.
Denn das wute er, heimlich gesndigt wurde in Teuta. Thore thaten sich
heimlich auf, die geschlossen sein sollten. Aber es stand Strafe darauf,
wenn Einer in der Frauenstadt betroffen wurde, der nicht von Amtswegen dort
zu thun hatte.

Und alles Uebrige, was so einengend und hlich war, und trotz aller
Vererbung und Gewhnung einzelnen Naturen bis auf's Blut zuwider. Aber was
wollten die Ausnahmen gegen die Regel! Und das Volk pries sich frei und
glcklich unter der aufgezwungenen Regel -- und sich zu preisen schtzte es
nicht als seinen geringsten Stolz, sich zu preisen und zu rhmen als das
bevorzugteste Volk der Zivilisation!

Was war das fr eine Welt nun, in die Maikka, die Zauberhafte, ihren Gast
Grege fhrte?

In einem Fhrenhain stand das Haus und in dem Hause war ein hohes Gemach,
reich geschmckt mit allerlei Bildwerk und entzckend traulich zugleich in
all' seiner Einrichtung. Schnheit, Lust, geistige Kraft -- wie schmolz das
ineinander und schuf eine Luft, in der die freie Seele athmete wie in einem
Himmelreiche!

Die Dienerinnen kamen und brachten in knstlerisch gearbeiteten silbernen
Gefen, Krgen und Schsseln allerlei Labung, dazu Obst, Backwerk, se
Sfte die Flle. Die Dienerinnen, hbsche, junge Mdchen, verschwanden
schweigend, auf einen Wink der Herrin, und lieen diese mit ihrem Gaste
allein.

-- Es sind meine Schlerinnen, Grege, darum dienen sie mir so folgsam und
bescheiden. Wenn sie in die Jahre kommen, wo die Lehrzeit berstanden, sind
sie frei, wie ich. Du bist in einem freien Lande, bei freien Menschen, in
Nordika, Grege. Und nun setz' Dich zu mir und i!

Maikka legte ihm vor, warme Speisen aus den verdeckten Schsseln.

Grege sa wie betubt. Er schttelte endlich den Kopf, griff nach den
Frchten, einem Stckchen Backwerk und schnkte sich von dem sen Saft
einen Schluck in sein Glas.

-- Warum nimmst Du nicht von den warmen Pastetchen? Sie sind kstlich.
Sieh, wie sie mir schmecken! Ist es wider die Teuta-Regel?

-- Allerdings. In diesem Falle ist die Regel wie ein geleisteter Schwur.

Maikka, obwohl sie im Hause ernster schien, als im Freien, lachte laut auf
und rckte ihren Sitz nher dem seinigen.

-- Merke dies, mein Gast: Teuta-Schwre gelten in Nordika nicht. Jetzt bist
Du ein freier Mann in einem freien Lande.

-- Aber noch kein neuer Mensch, Maikka. Das Alte lastet.

-- Der neue Mensch wird die alte Last abschtteln.

Aus einem Nebengemach tnte lieblicher Mdchengesang.

-- Das ist das Nachtlied, Grege. Gleich werden meine Dienerinnen
erscheinen, Dich zu Deinem Lager zu geleiten. Schlaf wohl! Ich will noch
nach Fox und meinen Thieren sehen.

-- Noch ein Wort, gtige Maikka: Du sprachst vorhin von Schlerinnen. Also
bist Du Lehrerin?

-- Ja, Grege, das bin ich. Gut Nacht. Deine persnlichen Erlebnisse
erzhlst Du mir morgen.

                                * * *






Der Mann aus Teuta hat eine traumschwere Nacht in Maikkas Heim verbracht.

Erst sehr spt ist er fest eingeschlafen. Zuerst schttelte ihn eine
wthende Sinnlichkeit, dann klrte sich die Begierde ab zu heier Sehnsucht
nach der fernen Geliebten. An welchen bleichen Gestaden mochte sie nun
ihres Verlassenseins Kummer bergen?

Ob wohl die zauberhafte Gastfreundin ein Mittel wte, die Getrennten
einander nahe zu bringen? Schtze von Geist, Erfindung, Thatkraft, Gte
stehen dem Weibe Nordikas zu Gebote. Knnte ihm die kluge Lehrerin nicht
eine Nothhelferin werden?

Er fhlt es, sein Herz hat keine Falten vor ihr. Ihr kann er wie einer
Schwester das Zarteste und Schmerzlichste anvertrauen.

Ja, ja, ja.

Wie warmer Frhlingssonnenschein wehte es ber seine Seele, und behaglich
streckte sich sein Leib in den leichten, duftigen Hllen des Lagers. Ein
neues Leben lachte ihn an, mit zuversichtlichen Maikka-Augen.

Dann schlichen sich die Dmonen in seine sonnigen Trume, lschten die
himmlische Helle, machten Alles schwarz und schwer, schoben Alles irr und
wirr durcheinander, peinigten ihn mit Fratzen und Hundegeklff und warfen
ihn schlielich in den See. Alles schien fr ihn verloren in grlicher
Hilflosigkeit. Da tauchte Maikka zu ihm hinab, umschlang ihn mit sen
Blicken und weichen Armen und in seligen Wirbeln strudelten sie in die
Tiefe. Bis in die letzten Grnde des Nichtsmehrvonsichwissens -- --

Lieblicher Mdchengesang tnte in seinen spten Schlaf.

Das war das Morgenlied.

Nun schlief er noch wonniger und fester, der abgehetzte glckliche Narr der
Trume.

Mit einem Male rttelte ihn ein energischer Weckruf: Fox brach mit
mchtigem Gebell in das Gemach, die Gardinen flogen von den Fenstern, wie
Feuerpfeile schossen die Sonnenstrahlen herein, und von der Thr her tnte
eine glockenhelle Stimme: -- Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein
will!

Und pltzlich war Alles wieder still und dmmerdunkel.

Grege rieb sich die Augen und schob in tiefem Nachdenken die Beine vom
Lager. Er strich ber die Knie, er strich ber die Waden, er befhlte die
heile Wunde, er befhlte seine Wange mit dem sprossenden Bart, er glitt mit
beiden Hnden ber die Brust den Leib hinab: Er war er, kein Zweifel.

Wie klang's?

Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!

Und wessen Stimme war's?

Ja, ja, Maikka's Stimme. Richtig. Maikka. Die Gastfreundin. Die edle Herrin
dieses Heims. Wo ist sie? Soll er nach ihr rufen?

Er sprang auf, tastete umher, erwischte eine Schnur an der Wand. Ein Ruck.
In freier Nacktheit stand er im hereinfluthenden Sonnenlicht. Rasch suchte
er nach seinen Kleidern. Er fand nichts als einen neuen weien, weiten,
weichen Mantel. Er ging zur nchsten Thr, im Gehen den Mantel um sich
nehmend. Er ffnet und steht in einem Baderaum. Grege traut kaum seinen
Augen: Zwei Dienerinnen, hbsche, junge Mdchen, wie gestern, erwarten ihn,
ihm ihre Dienste schweigend zu leisten.

Nach dem Bade reichen sie ihm ein neues Gewand, bestehend aus Hemd, Wams
und kurzem Beinkleid. Er fragt nach seinen alten Kleidern. Sie verneinen,
sie wissen von nichts.

Nachdem er mit ihrer Hilfe angekleidet, ffnet die Eine eine Thr, die
Andere geht voran, und zwischen beiden Mdchen schreitet Grege, die Sinne
fast umflort wie im Traume, in das hohe Speisegemach.

Die Dienerinnen laden ihn ein, mit freundlicher Handbewegung, am gedeckten
Tische Platz zu nehmen, und entfernen sich wortlos.

Grege steht, wie verzaubert, in Erwartung. Aber es rhrt sich nichts. In
dem hallenartigen Raum, durch mildes, gleichmiges Oberlicht erleuchtet,
die Wnde mit Landschaftsbildern in zarten Farben geschmckt, athmet eine
sanfte Stille. Alles umfngt hier den Menschen so weich und innig und doch
so bestimmt in verborgener, lebendiger Kraft. Nichts Flaues, Zugerichtetes,
Ausgelebtes, Mechanisches wie in Teuta. Eine tiefe, starke Seele durchzieht
Alles. Selbst das Schweigen spricht wie Musik an.

Grege steht immer noch, von all' den berraschenden Eindrcken erfllt --
aber es fllt kein Wort, es zeigt sich kein Gesicht, ihn aus dem Banne zu
erlsen und ihn sich selbst zurckzugeben, da er sich frei und berlegsam
mit der ungewohnten Umgebung in bewegte Harmonie setze, da er nicht nur
empfange, sondern auch aus seiner Persnlichkeit Einiges spende. Er ist
doch nicht blo eine Figur, die man schiebt und richtet und hinstellt, wo
ein fremder Wille, und wre es der freundlichste, sie haben will?

Seine Stirn runzelt sich. Ist das eine Schaustellung, eine Komdie, die
sich ein unsichtbares Publikum mit ihm aufgespart hat? War das der Weg, um
seiner Natur Freiheit und Wrde der Selbstbestimmung zu verschaffen? Mit
der Gewaltthat der rohen Angelos ist er fertig geworden, will ihn jetzt die
Feinheit der Gastfreundschaft berlisten, da er selbst in ein fremdes Joch
schlpfe?

Sein Blick gleitet ber den zierlich gedeckten Tisch. Zwischen den
kunstvoll gearbeiteten Gefen prangt ein bunter Strau -- Blumen, so schn
und farbenreich, wie er in Teuta noch keine gesehen. Doch was soll ihm das?
Eine Handvoll Surros gengte ihm, den Hunger zu stillen. Er selbst war
chemischer Knstler genug, sobald er die Rohstoffe und einige zweckmige
Werkzeuge hatte, sich seine Speise in winziger und doch kraftreicher Form
herzustellen. Hier war das Meiste aus der Hand der Natur, ohne viel
Menschenwerk: Frchte, Eier, Sfte, dazu barbarische Sachen, die den Tod
von Thieren zur Voraussetzung hatten, unvereinbar mit Teutas strengen
Kultursitten. Und warum sollten Teutaschwre in Nordika nicht gelten, fr
ihn nicht gelten?

Sein Blick umkreist die Wnde. Nirgends die Spur von jenen zahlreichen
Apparaten, mit denen man in Teuta umgeben ist, um jederzeit auf dem Wege
des Hrens und Sehens sich in jede beliebige Ferne mitzutheilen und von
berall her Mittheilungen zu empfangen. Auch auf dem Tische und am Stuhle
keinerlei Verstndigungsmittel. Unvermgen in mechanischen Knsten wird
dies kaum sein, wohl aber berechnete Absicht. Gewi, auf seiner ersehnten
Insel wrde er sich auch einrichten ohne verwickelte Maschinerie. Aber
hier? Im Lande der magnetischen Zaubermchte? Der leuchtenden Erde?

Grege schlo einen Augenblick die Augen mit der Hand.

Dann fiel sein Blick auf seine neue Kleidung. Ein weiches und doch starkes
Gewebe von lichtbrauner Farbe, ungewhnlich im Schnitt, jedoch nicht
unbequem. Die Figur tritt mnnlicher hervor, in energischeren Umrissen, als
in den sack- und mantelartigen Gewndern, welche Teuta's Staatsweisheit
vorschreibt. Aber mit welchem Recht hat man ihm die alten Kleider
vorenthalten?

Nichts rhrt sich? Warum erscheint Maikka nicht?

Er blickt gegen die Thr, durch welche ihn die Mdchen eingefhrt. Sie ist
in die Wand eingefgt und wie diese bemalt, ohne unterscheidendes Merkmal.

Wie er sich umwendet, ist der Tisch in den Boden versunken. Der Raum ist
leer.

Grege lchelt. Nun ist er um sein Frhstck gekommen.

In demselben Augenblick treten durch eine unkenntliche Thr auf der
gegenberliegenden Seite zwei Jnglinge, gekleidet wie er, und winken ihm,
ihnen zu folgen.

Er gehorcht. An der Thr bleibt er noch einmal zgernd stehen und sieht
zurck. Der Raum ist licht, still, leer, wie zuvor.

Die Jnglinge sind frische, prchtige Gestalten. Darum drften sie aber
doch den Mund aufthun, dachte Grege, dem das ewige Schweigen endlich
unheimlich wurde.

Sogar Fox schien sich Schweigen gelobt zu haben. Was htte Grege darum
gegeben, jetzt sein frhliches Bellen zu hren. Und wre der Hund in der
Nhe, knnte auch die Herrin nicht ferne sein. Warum kmmert sie sich heute
nicht persnlich um ihren Gast?

Was sich jetzt knurrend meldete, das war Greges Magen. Das Frhstck als
Licht- und Schattenspiel hatte nichts Sttigendes. Aber war's nicht Greges
eigene Schuld, da er nicht zugegriffen?

Die Jnglinge fhrten ihn schweigend vorwrts, in raschen, taktmigen
Schritten, durch einen langen Laubgang, dessen grne Wnde so dicht und
hoch waren, da sich Grege keinen Begriff von der Oertlichkeit machen
konnte. Weier Sandpfad, grne, mauerdicke Hecken, darber ein Streifen vom
sonnenwarmen blauen Himmel, geradaus, in perspektivisch verschwindender
Linie.

Das Tempo des Dahinschreitens wurde immer eiliger, so da Grege gar nicht
Zeit hatte, eine Frage an seine behenden Fhrer zu thun. Schlielich ging's
im regelrechten Dauerlauf. Wie von einer geheimnivollen Macht getrieben,
ahmte Grege Alles nach. Er wre nicht mehr im Stande gewesen,
zurckzuschauen oder zurckzubleiben. Vorwrts, vorwrts, ohne Besinnen!
Links und rechts in den Hecken schien ein Vogel laut zu werden, bald flog
auch einer herber oder hinber. Vorwrts, vorwrts!

Grege hielt den Mund offen, um voller zu athmen. Seine Brust arbeitete,
seine Haut wurde schweiwarm.

Pltzlich hielten die Jnglinge an und ordneten sich mit Grege zu einer
Reihe.

Der Eine hob die Hand hoch, wie zum Kommando. Grege begriff nicht gleich.
Nun zhlte der Andere: eins, zwei -- drei!

Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!

Wurde das Wort wirklich gesprochen oder sauste es ihm nur in der Erinnerung
an die letzte Nacht durch den Kopf?

Bei drei sprang Grege mit seinen Wettlufern a tempo ab, in kurzen,
hpfenden Schritten, wie sie -- wer aber nicht als der Erste am Ziele
erschien, war der junge Mann aus Teutaland.

Das Ziel war ein natrliches, die Ausmndung des Laubganges in eine weite,
lustige Halle von leichter Holzarchitektur mit reicher Schnitzerei im
Geblke. Es war ein eleganter Bau, bestimmt zu Spielen und allerlei
Leibesbungen, mit, und ohne Gerthschaften.

Es gab keinen Ausweg. Grege mute eintreten.

Er war erstaunt, eine groe Gesellschaft von Jnglingen und Jungfrauen in
dem Raume zu finden, der ihm beim ersten Blicke von ganz unbersehbarer
Ausdehnung dnkte. Noch erstaunter aber war er, als aus den Reihen der
Jungfrauen ihm pltzlich Maikka entgegentrat.

-- Willkommen, Gast! Damit reichte sie ihm die Hand.

Endlich der erste gesprochene Gru an diesem seltsamen Morgen. Nach der
merkwrdigen Wettlauferei mit nchternem Magen fhlte Grege, wie sein
Gesicht eines gewissen grimmigen Ausdrucks sich nicht erwehren konnte, auch
fand er keine freundliche Erwiderung auf Maikka's Willkomm. Er begngte
sich mit einer stummen Verneigung.

Maikka musterte ihren Gast von Kopf zu Fu und schien sehr befriedigt.

Grege aber blickte sie an, als wollte er fragen: Wie komm' ich daher, was
thue ich in diesem Haufen fremder Menschen? Was treibst du selbst hier,
auerordentliche Frau? Ist das hier deine Schule, dein Lehramt?

Die kluge Frau las ihm die Fragen von den Augen ab.

-- Ich kann Dir nicht jede einzelne Person vorstellen, aber jede ist
wrdig, von Dir gekannt und geschtzt zu werden.

Grege nickte hflich.

Maikka fuhr fort: -- Wir ben uns hier im Ring- und Reigenspiel, im
Springen und Schlagen. Nimm theil, Grege!

Das war wieder mit der bezwingend lieben Stimme gesagt und mit dem sen
Sprhen der dunklen Augen begleitet.

Bevor Grege berlegte und zu irgend etwas entschlossen war, hatte er schon
einen langen Stab in der Hand und stand in Reih und Glied und machte, so
gut es gehen wollte, die kommandirten Sprnge mit. Dergleichen hatte er
noch nie erlebt. Nicht einmal zur Emprung und zum Widerspruche wurde ihm
in diesem freien Lande Zeit gelassen. Ohne Besinnen wurde er mit
fortgerissen.

Eine Pause. Lachend und plaudernd standen Alle, so zwanglos wie mglich,
jedoch ohne die Reihe aufzulsen.

Maikka trat, mit lieblich gerthetem Antlitz, denn sie hatte alle Sprnge
mit ausgefhrt, auf Grege zu: -- Wie gefllt es Dir?

Grege: -- In Teuta htte mich's verrckt gemacht.

-- Und hier beglckt es Dich, das ist der Unterschied! fiel ihm Maikka in's
Wort.

Mit zweimaligem Aufsetzen der Sprungstange flog sie wieder an ihren Platz
vor der ersten Reihe. Sie kommandirte einen Sing-Reigen, der von der Hlfte
der Jnglinge und Jungfrauen, paarweise am Stabe verschlungen, ausgefhrt
wurde.

Der Gast aus Teuta konnte nicht genug schauen, so anmuthig und heldenhaft
schn waren die Bewegungen und Stellungen dieser blhenden Menschen, und so
jubelnd und innig ihr Gesang. Er glaubte die Verse zu vernehmen:

   Frisch, frei und froh, mein Kind!
   Dein Sinn sei leicht wie der Wind,
   Dein Muth bewhrt wie Gold,
   so bleibt das Glck dir hold --
   Trala, Dir hold, trala, Dir hold.

   Fest in Treue stets geschlossen
   Sind wir stolzen Volkes Sprossen
   Dir in Liebe zugewandt,
   Nordika, heiliges Vaterland --
   Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!

Die ferneren Strophen des langen Sing-Reigenspiels berhrte Grege, nur der
feurige Klang und der strmische Rhythmus nahmen seine Aufmerksamkeit
gefangen, wie das herrliche Schauspiel der kunstvollen, aber wie
selbstverstndliche Natur wirkenden Verschlingungen und Figuren sein Auge
entzckte.

Am Schlusse drhnte es frmlich wie Wetterbrausen mit elektrischen
Schlgen:

   Nordika, heiliges Vaterland!

Denn auch die nicht mittanzende Hlfte fiel jetzt aus voller Kehle in den
Gesang mit ein -- aber Maikkas Stimme glaubte Grege wie Trompeten-Ton ber
dem harmonischen Gewoge schweben zu hren. Das war ihm ein unerhrter
Ohrenschmaus. Und das berauschend aufsteigende, machtvoll ausklingende

   Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!

ging ihm durch Mark und Bein. Thrnen traten ihm in die Augen. Von dieser
alles bezwingenden Gewalt des Gesanges und der Vaterlandsliebe hatte er
seither keine Ahnung gehabt.

In Teuta kannte man das Gefhl der Vaterlandsliebe berhaupt nicht. Dort
galt nur der Begriff vom Staat und Reich als eines knstlich
aufgebauten Gesellschafts-Krpers, an dem nur der Verstand, aber niemals
das Gefhl betheiligt war, auch gab es dort keinen natrlich quellenden
Enthusiasmus fr irgend etwas, sondern nur eine eingelernte Ruhmredigkeit,
die sich in erhitzten Phrasen ergo, ohne echtes Feuer, ohne natrliche
Wrme. Und wo fiele es den Teutaleuten, Jnglingen und Jungfrauen, Mnnern
und Frauen, jemals ein, ein Lied anzustimmen, einen gemeinschaftlichen
Gesang steigen zu lassen, die Seele losbrechen zu lassen in einer Fluth von
Tnen und wuchtigen Harmonien? Wenn sie singen jemals gelernt hatten, heute
hatten sie's sicher verlernt, seit Menschengedenken hat man im Teutareich
keinen Volksgesang gehrt. Warum fehlt das dort? Weil die Seele fehlt. Weil
Alles in seelenlose Mechanik umgewandelt ist. Drum kennt man auch nur
mechanisches Musikmachen, ohne Sinn und Gefhl, wie man nur
verstandesmige Staatsbegriffe kennt, ohne Vaterlands-Empfindung.

Und Grege liefen die Thrnen ber die Wangen, er stand betubt, selig
erschttert und todtbetrbt zugleich.

-- Nun? fragte Maikka, mit glnzenden Augen und hochklopfender Brust auf
ihn zutretend. -- Was sagt Teuta dazu?

Grege wischte sich die Augen und schttelte den Kopf: -- Nie htte ich das
geglaubt, nie habe ich das gehrt, kein Mensch hat mit daheim davon gesagt.

Maikka gab ihm einen leichten Schlag auf die Wange: -- Du bist ein guter
Mensch, aber Deine Landsleute daheim sind arme Murmelthiere. Das haben sie
von ihrer grenwahnsinnigen Abgeschlossenheit und Verbohrtheit.

-- Woher weit Du das, Maikka? Woher kommt Dir all' die Kenntni? Bist Du
je bei uns gewesen?

Sie lie ihre Augen und Zhne blitzen und lachte mit dem ganzen Gesicht: --
Nein, danach hat mich nicht gelstet. Aber wir haben einen guten
Kundschafter. Wir sind von Allem unterrichtet, Du nrrischer Knigsspro
von Teutaland.

Pltzlich wurde sie sehr ernst, und als Grege, verblfft von ihrem letzten
Wort, mit Fragen auf sie eindringen wollte, legte sie den Finger an ihre
Lippen.

-- Und nun, mein Gast, hab' ich eine halbe Stunde Zeit, ich bin schon seit
fnf Uhr an der Arbeit, lass' uns einen Gang in die Sonne machen.

Sie gab einem Jngling einen Wink, flsterte ihm ein paar Worte zu und
entfernte sich mit Grege durch einen schmalen Heckenpfad hinter der Halle,
hinaus in's Freie.

                                * * *






Scheu betrachtete Grege die neben ihm schreitende Frau von der Seite.

Sie errieth seinen Blick und beantwortete ihn mit einem anderen, der sagte:
-- Verbei nur Deine Frage, Grege. Darauf bekommst Du keine Antwort. Das
ist Staatsgeheimni. Vorlufig wenigstens.

Und Grege verstand den Blick und bi sich auf die Zunge.

Maikkas beweglicher Geist lie ihm keine Zeit zum Grbeln und Tfteln.

-- Sprich, Grege, bist Du beschlagen in europischer Geschichte?

-- Ich glaubte es, bis gestern. In Nordika zweifle ich daran.

-- Lass' hren: Was hinterlie uns der Mensch der Steinzeit?

-- Eine Erinnerung.

Maikka lachte hellauf: -- Das ist Poeten-Ausrede fr sachliches
Nichtwissen.

-- Teuta kennt und duldet keine Poeten. Du thust mir Unrecht, Maikka.

-- Ach, Du willst Dich drcken. Du gebrauchst Ausflchte. Ernsthaft, Grege:
Was hinterlie uns der Mensch der Steinzeit?

-- Kehrichthaufen, Kjkkenmddinger.

-- Sehr gut. Und was hinterlie uns der Mensch der industriellen und
kapitalistischen Metallzeit?

-- Auch Kehrichthaufen. Ruinen, Museen, Arsenale, einen traurig
zusammengeschrumpften Rest Menschheit. Kehrichthaufen, wie ich sage.

Als Maikka schwieg, fgte er wie entschuldigend bei: -- Fr Nordika gilt
das wohl nicht.

-- Doch, doch, zum Theil auch. Wir hatten vor tausend Jahren auch an dem
groen europischen Krach mitzutragen und die Zeche mitzubezahlen. Unsere
Menschheit ist der Zahl nach gleichfalls bs zurckgegangen. Aber das gab
schlielich die einzige Mglichkeit, die Vlker Europas, soweit sie
kulturfhig waren, auf eine neue Bahn zu bringen. Es war geradezu ein
Segen, ein grausamer Segen, da ber vier Fnftel der europischen
Bevlkerung in jenen Katastrophen draufgegangen sind. Was nach dieser
furchtbaren Musterung brig geblieben, war doch eine Art Auslese. Natrlich
blieb auch noch schlechter Kleinkram brig, eben weil er Kleinkram war und
durch allerlei gnstige Zuflle mit durchschlpfen konnte.

-- Namentlich bei uns in Teuta. Wir haben es heute noch auf keine Million
Menschen gebracht, behaupten unsere Volkszhler.

Maikka blieb eine Sekunde sinnend stehen, dann lie sie ihre Augen auf
Grege blitzen: -- Du bist ein herrlicher, natrlicher Ausnahmemensch, mit
Dir kann man reden. Hr' mal, Grege, was Ihr in Teuta treibt, schreit doch
zum Himmel. Das ist eine Staatskunst von Idioten und Feiglingen. Da Ihr
doch einmal keine freien Naturmenschen sein wollt, meinetwegen, so fristet
Euch als Staatsknstler durch. Aber wenn man nicht mit der Natur hausen
kann, mu man gleich ein Verbrecher gegen die Natur sein? Hr' mal, Grege,
hr' mal!

-- Ich verstehe nicht, Maikka, was meinst Du?

-- Wr's mglich, da Du fr die Schmach Deiner Teutaleute selbst so wenig
Empfindung httest?

-- Sprich deutlich, ich bitte Dich! Wie soll ich nun pltzlich hier, an
Deiner Seite, an Alles denken, was je Schmachvolles daheim in Teutaland
geschehen? Sprich, Maikka! Was strmt hier nicht an unbeschreiblichen
Eindrcken auf mich ein -- und da soll mir Schmachvolles gegenwrtig sein,
das weit hinter mir liegt?

In dsterem Ernst fand ihre Stimme nur tiefe, rauhe Tne, als sie, die Hand
auf Grege's Schulter legend, halblaut hervorstie: -- In Teutaland
verhandelt man die Leibesfrucht gegen die Brotfrucht, man frit seine
eigenen Kinder -- und spielt den Fleischverchter? Weit Du, was das fr
ein Volk bedeutet? Kennst Du den Fluch, den die Natur auf solche Verbrechen
setzt?

Grege zuckte zusammen.

-- Kein Volk hat Zukunft, das seine Jugend preis giebt oder verschachert.
Grege, begreifst Du das nicht?

-- Ich beschwre Dich, Maikka!

Sie hatte jetzt ganz die unheimlich visionre Art Jalas in Ausdruck und
Stimme. Jedes Wort gab Grege einen Stich in's Herz.

-- Beschnige nichts, Grege, bei Deinem Heil! rief sie. -- Oder ich mu
Dich wie einen Tollen aus meiner Nhe jagen.

Und als Grege sie streng fixirte, mit bebenden Lippen, als suche er
vergeblich nach dem rechten Wort, fuhr sie mit wachsender
Leidenschaftlichkeit fort: -- Das geht durch Eure ganze Geschichte, seit
Jahrtausenden. Nie hattet Ihr Respekt vor der Jugend, vor dem eigenen
Nachwuchs. Ihr habt sie geistig und krperlich gemartert, wo ihr konntet.
Ihr habt sie in den Zeiten des Mittelalters durch Eure bldsinnigen
Gelehrten in Schule und Kirche den Alterthmlern berliefert, den Rmern
und Griechen und Juden und ihrem blutigen Aberwitz, ihre Kpfe entnervt und
ihre Seelen belastet und ihre Gemther verdstert. Ihr habt sie dann in
Kasernen, Zuchthuser, Fabriken gesperrt, jede heilige Individualitt mit
Fen getreten, Jahrhunderte lang sie ausgeschunden um elender Idole
willen. Ihr habt sie dem Moloch des Militarismus, des Industrialismus, des
Mammonismus zu Hunderttausenden hingeworfen, wie man einem Geier Aas
hinwirft -- --

-- Halt ein, Maikka!

-- Ihr habt sie gepeinigt mit jeder denkbaren Pein, mit Verfolgung, Hunger,
Noth und Elend in tausend Gestalten, Ihr habt sie als Dnger ber alle
Erdtheile gestreut, und die armen Mdchen als Weihrauch auf alle
Lasterpfannen gelegt in der Ehe, in der Prostitution, in den -- -- der
Millionenstdte -- --

-- Bis der groe europische Krach kam und die groe Schicksalswende,
Maikka. Ich bitte Dich, halte Maa. Das that man in jenen unseligen Zeiten
nicht bei uns allein, das geschah, strker oder schwcher, fast in allen
Lndern Europas. Und wenn die Todten, die die Vergangenheit nicht alle
begraben konnte, an die Ufer der neuen Zeit geworfen wurden -- sprich,
Maikka, welches Vlkerhaus hat heute nicht noch seinen Leichnam?

-- Du fabelst wieder in Bildern wie ein Poet, trotzdem Ihr in Teutaland
keine Poeten duldet. Aber gut, Du sollst Recht haben. Den giftigsten und
stinkendsten Leichnam jedoch beherbergt Euer Haus, Teutaland.

-- Bei meinem Leben, Maikka! Er soll hinausgeschafft werden!

Sie griff mit beiden Hnden nach seinen Schultern, schttelte sie, bohrte
ihren Blick hinauf in sein flammendes Auge: -- Das soll ein Held gesprochen
haben, Grege. Und nun schnell weiter, weiter, weiter, mich frstelt im
Schatten. Sonne, Sonne, himmlische Sonne! Freie Luft im freien Licht!

Sie waren in einen Hain mit weischimmernden Birken und jungen Blutbuchen
eingetreten, in deren flsterndem Laub die goldenen Strahlen spielten.
Maikka mute Grege mit sich fortreien. Denn nun waren in seinem
Lockenkopfe die Gedanken rebellisch geworden und in seiner Brust war ein
seltsamer Rumor.

Er zwang Maikka zum Stillestehn.

-- Bist Du nicht von Deinem ursprnglichen Gedankengang abgewichen, Maikka?

-- Nein, nein. Oder gleichviel. Komm' nur, wir haben schon den rechten
Faden gesponnen. Soll ich's sagen? Dein grimmiges Teuta-Gesicht zuerst und
dann Deine Thrnen -- wei ich's? Das hat mich eben erregt und auer mich
gebracht. Grege, merk' Dir's, mit mir ist nicht zu spaen!

-- Mit mir wohl auch nicht.

-- Das will ich hoffen, Grege. Du mut ein ganzer Mann sein.

Nun hatte sie ihren lieben Herzenston wieder, ihre klare Gte.

-- Aber nun will ich Dir auch mit einer Frage kommen, Maikka. Anknpfend an
den Kehrichthaufen. Was glaubst Du, da unsere Zeit hinterlt?

-- O, ich kann nur fr Nordika gut stehen, Grege: Freude wird sie
hinterlassen. Freude, die aus dem Lebensmuthe quillt. Freude, die neuen
Muth schafft. Mach' doch nicht wieder jenes Gesicht!

-- Der Muth mu aber nicht blo eine Quelle, er mu auch einen Gegenstand
haben, Maikka!

-- Freilich. Den grten und hchsten, den's giebt: Immer mehr Freude und
Schnheit. Aber das ist schlielich dasselbe: Freude, Schnheit. Die
Mittelalterlichen nannten es das Gttliche und verdarben sich das
Menschliche damit und verekelten sich mit ihrem Himmel die Erde. Sieh' mal
den lustigen Kfer, wie er behende ber die Rinde luft. Schn und drollig,
nicht? Wei er, woher und wohin? Kmmert er sich um den letzten Grund der
Dinge?

-- Wir nennen's in Teuta das Mystische.

-- Schweig' mir von Teuta jetzt. Das Mystische!

-- Du glaubst nicht daran? An das unerforschliche Wesen, das uns hegt und
trgt?

-- Fllt mir nicht ein. Kmmert uns Nordika-Menschen nicht. Das Mystische!
Nicht im Mindesten kmmert's uns. Wir hegen und tragen uns selber. Ja, wir
erlauben uns das, Grege.

Und nun lachte sie wieder.

-- Warum leben wir eigentlich, Maikka?

-- Weil wir da sind und weil uns das Leben gefllt. Sehr einfach.

-- Und wenn Dir das Leben einmal nicht gefllt?

-- Dann warte ich, bis es mir wieder gefllt. Ich ertrag's in der Hoffnung,
da es mir wieder gefllt. Interessant ist's ja immer, mit und ohne.

-- Mit und ohne, was heit das?

-- Mit und ohne Gefallen. Aber hr' mal, Grege! Stell' dich nicht dumm!

-- Ich glaube, Maikka, Deine Vernunft ist so stark, da sie mich in die
schnsten Kindertrume zurckfhren knnte.

-- Mu man Dich erst dahin zurckfhren? Mit Vernunft? Ich bin mit Vernunft
mittendrin, in jedem Mrchen, Du Mrchenprinz. Mittendrin!

Sie lachte, so bermthig und ansteckend, da Grege mitlachen mute, ob er
wollte oder nicht.

-- Du solltest mir Deine Geschichte erzhlen, Grege. Aber siehst Du,
sonderbar, ich erzhle mir sie selbst. Ich wei Alles. Hrst Du? Alles!

-- Ich erklre, da Du dann mehr weit, als ich selbst. Vieles in meinem
Leben ist mir wie verriegelt und versiegelt, ich kann nicht dahinter
kommen. Wieder Anderes, weite Strecken meiner Jugend -- ach, was rede ich!

-- Nun?

-- Ist so verschattet, da ich's nicht mehr entziffern kann, es ist wie
eine alte verblichene Handschrift.

Sie setzte wieder mit ihrem hellen Lachen ein: -- Poeten-Flausen! Was man
nicht wei, zhlt nicht. Das mag so oder anders gewesen sein, was liegt
daran? Nur das Bewute ist das Wirkliche. Das Andere ist einfach nicht da,
fr uns nicht da. Was soll's uns also?

-- Das ist leicht gesagt. Hinweglachen lt sich's auch nicht, was in
unserem Leben dagewesen ist. Das bleibt unserem Schicksal einverwoben.
Denk' nur an das Gesetz der Vererbung, das uns so Vieles mitschleppen lt,
wovon wir kaum eine Ahnung haben. Aber hat es uns nicht doch am Kragen, ob
wir's wissen und wollen, oder nicht?

-- Vererbung! Wenn das so schrecklich buchstblich zu nehmen wre, dann
htten wir die Ehre, heute sammt und sonders stumpfsinnige, schmutzige
Chinesen zu sein, wir Europer. Schau' mich an, Grege: Bin ich
stumpfsinnig? Bin ich schmutzig? Bin ich chinesisch?

Und sie stand vor ihm, die verkrperte Frhlichkeit. Alles an ihr strahlte
von Gesundheit und heiterem Geist. Sie ballte die Hnde und streckte die
Arme straff aus und mit ihren krftigen Fen stampfte sie den Boden.

Grege legte den Arm ber den Rcken und besah sich das schne Menschenbild
lchelnd. Etwas Gegenstzlicheres zu seiner Jala htte, er sich nicht
vorstellen knnen. Weiter kam er in seinem Vergleiche nicht. Er
konstatirte, da er ein Wunder erlebe, darin sich die Schpfung von einer
neuen Seite offenbare. Tiefer vermochte er jetzt mit seinem Denken nicht
einzudringen. Denn erstens gefiel Maikka seinen Sinnen ber alle Maen gut,
zweitens wnschte er, weniger Hunger zu haben, als er in der That hatte.

-- Ja, Du bist sehr schn und sehr klug, Maikka. Und wenn ich Dich als
Symbol von Nordika nehmen darf, so mu ich sagen: Beneidenswerthes Land!

-- Ach, wie pathetisch! Nun, so nimm mich halt -- als Symbol. Nimm mich!
Nordika hat nichts dagegen.

Er starrte sie entzckt an, mit offenem Munde.

Sie drehte sich rasch und eilte aus dem Hain.

-- Mir nach! Hier ist Nordika!

-- Ach so, ja! stotterte Grege und ging ihr gemessenen Schrittes nach. --
Humor hat das Weib, dachte er, und so was, wie diesen Weibshumor, hat man
in Teuta auch nicht. Armes Teuta!

In dem nmlichen Augenblick hatte aber auch Maikka gedacht: Humor hat der
schne Teutamann nicht und Schneidigkeit des Gefhls offenbar noch weniger.
Armer Grege, mit dem Vererbungsgesetz magst Du fr Dich und Deine
Teutaleute recht haben. Ihr habt den Chinesen noch im Blut. Am frhen
Morgen nach einem reichlichen Frhstck und blutwrmender Bewegung schon so
schlaff -- --

Eine reiche Landschaft dehnte sich vor Greges Blicken in der hellen Sonne.
Breit und friedlich zog ein Flu aus dem See; so weit man sehen konnte,
reihte sich Hgel an Hgel in grnem Glanze, ohne groe Hhen und Tiefen,
von einem eigenartigen sanften Charakter, der Grege ergreifend zum Herzen
sprach. Und Haine, kleinere Baumgruppen und einzelne Baumriesen ber das
Ganze verstreut. Daraus hervorlugend, roth und braun, eine Unzahl von
Husern, fast alle von gleicher Hhe, aber ungemein malerisch und
anheimelnd in dem steten Wechsel mit Wiesen, Feldern und Baumwuchs. Und
Vgelschwrme in der sonnigen, seidenweichen Luft hin und her.

-- Im Winter ist das Alles wei, schneewei! erklrte Maikka mit einem
Anflug von Spott. -- Aber auch das ist schn, weil sich dann der Frhling
um so bunter ausnimmt. Abwechslung belebt das Vergngen, nicht wahr, Grege?

-- Ich habe Dergleichen nie gesehen. Nur in meiner Phantasie, gewi, da
versetzte ich mich oft in hnliche Landschaften, und Jala erzhlte mir von
ihrer Insel -- --

-- Ach so, Jala. In Teuta selbst habt Ihr nichts von alledem, nichtwahr?

Grege verneinte mit Kopfschtteln.

-- Das ist der Unterschied, Grege. Ihr hockt in einer einzigen Riesenstadt,
wenn man das so nennen darf, beisammen. Wir kennen keine Stadt, oder
vielmehr bei uns ist die Stadt ber das weite Land zerstreut, die Huser
sind hineingest zwischen Wiesen und Fluufer und Wlder -- was wei ich!
Schau hin, da liegt ja Alles vor Deinen Augen, und wo der Horizont
abschliet und Du nichts mehr siehst, da geht's noch weit fort, nach allen
Himmelsgegenden, bis ans Meer mit seinen Fjorden und Inseln. Alles Nordika,
immer Nordika.

-- Wie ein einziger Krper!

-- Jawohl, mein Gast, sehr richtig, wie ein einziger Krper.

Und nun wandelte sie wieder die Lust des Spottens und Irrefhrens an. Sie
zog den Mund ein wenig schief und die Mundwinkel zuckten schalkhaft.

-- Wie ein Krper, Du hast's verrathen. Und verrthst Du auch wie wir's
machen, damit wir uns auf diesem weitflchigen Krper auskennen? da wir
uns in diesem Gewimmel von Husern in der Landschaft nicht verlaufen?
Errthst Du's?

-- Ihr macht's wie wir. Ihr verseht Alles mit Nummern und Ueberschriften,
denk' ich.

-- Nein, gefehlt, mein Gast! Wir machen's nicht wir Ihr. Das wre uns zu
mechanisch, zu langweilig. Wir sind geistreicher. Oder anschaulicher, wenn
Du willst. Wir sehen den Krper des Landes als wirklichen Krper vor uns,
als menschlichen Krper, und benennen die einzelnen Landestheile mit den
menschenkrperlichen Namen. Unsere Landestheile oder Kreise sind also wie
Krpertheile benamst und zwar genau nach dem echten anatomischen
Zusammenhang des Leibes, von unten nach oben, von Sden nach Norden. Jeder,
der seinen Krper kennt, findet sich auch im Lande zurecht, und wenn er
wei, wo er sich befindet, findet er berall hin, ohne viel zu fragen oder
Nummern und Ueberschriften zu studieren. Wenn Jemand zum Beispiel im groen
Zehen des linken Fues ist und will nach dem rechten Knie oder nach der
Nase oder dem Wirbel, so wird ihm das Suchen der Richtung keine
Schwierigkeiten machen. Verstehst Du?

Grege fand das wirklich praktisch, aber so spahaft zugleich, da er nun
auch lachen mute.

-- Siehst Du jetzt, da wir ein durchaus frhliches und vernnftiges Land
sind? Der gestrenge Teutamensch lernt bei uns das Lachen.

Ein Flug wilder Tauben rauschte ihnen ber die Kpfe hinweg. Grege blickte
und horchte auf.

-- Aber nun, mein Gast, wo glaubst Du, an welchem Krpertheil wir uns jetzt
befinden?

Der hungrige Grege strich sich mit der Hand ber den Magen.

Sein Mund jedoch sprach: -- Auf dem Herzen.

Er sagte das so kindlich weich, mit so unschuldigem Blick seiner schnen
Augen, da es Maikka durchbebte.

Und sie betrachtete ihn eine Weile schweigend, mit innigem Wohlgefallen.

Sollte sie ihm sagen, da sie ihn gefoppt habe?

Nein, noch nicht.

-- Wtest Du eine poetischere Eintheilung und Benennung unseres Landes?

Grege blickte ihr tief in's Auge, besann sich ein wenig, dann antwortete er
im vorigen Tone, nur wrmer und herzlicher: -- Ich wte nicht, aber --
vielleicht doch.

-- Sprich! sagte sie und ergriff seine Hand.

-- Nach Sternbildern.

-- O Du Poet! Und in welchem Sternbild befnden wir uns jetzt?

-- Im Morgenstern, Maikka.

-- Das ist wunderlieb gesagt. Wenn's nur nicht falsch wre, Grege!

-- Wieso?

-- Weil der Morgenstern nur ein Stern ist, kein Sternbild!

Er errthete ein wenig ber seinen astronomischen Schnitzer, fgte jedoch
lachend und schlagfertig hinzu: -- Nun denn, so erheben wir den einzigen
Morgenstern zum Range eines Sternbildes. Erblicken wir doch auch in dem
einzigen Augenpaar eines lieben Menschen den ganzen Himmel!

Maikka drckte ihm mit warmem Drucke die Hand und schwieg still entzckt
ber die schne Deutung.

Grege machte sich sanft von ihr los, seiner Jala gedenkend, die ihm mit
ihren armen erblindeten Augen mehr war als alle Himmel und alle
Sternbilder.

Schweigend wandelten Maikka und Grege am leise rauschenden Flusse hin.

-- Wo ist Fox? fragte Grege pltzlich.

-- Auf der Jagd.

-- Auf der Jagd?

-- Ja.

Neues Schweigen.

-- Sind das Bauern, die Leute drben im Feld? begann Grege wieder, im Gehen
zgernd.

Maikka, aus ihren Gedanken heraus, ohne den Kopf zu erheben: -- Wir sind
alle Bauern in Nordika. Bauern und Kulturstdter im lteren Sinne zugleich
-- und das ist unser neuer Sinn.

-- Neuer Sinn? sprach ihr Grege nachdenklich die letzten Worte nach.

-- Neuer Sinn, ja, Grege: Mitten in der Natur arbeitsam zu leben und der
Kultur froh zu werden. Alle Bauern und Arbeiter und Geistmenschen zugleich,
da kommt kein Gefhl zu kurz. Keins.

Grege, in einer anderen Gedankenrichtung: -- Also herrscht auch in Nordika
die wirthschaftliche Gleichheit? Es giebt nicht Obere und Untere im Besitz,
nicht Satte und Hungrige -- --

-- Nicht Herren und Sklaven, Grege. Unser Land ist Freiland, unser Volk ist
eine einzige groe Familie: Gemeineigenthum aller Grund und Boden,
Austausch der Fhigkeiten und Dienst unter Gleichgestellten.

-- Aber wer Fhigkeiten nicht oder nicht gengend einzusetzen hat, oder wer
die Gleichstellung mit bsem Willen lohnt?

-- Da haben wir seit Jahrhunderten eine feste Praxis, Grege: Absolute
Dummkpfe und Thunichtgute verladen wir auf eine entlegene Insel hoch im
Norden. Da belstigen sie uns weiter nicht mehr. Also nimm Dich zusammen
und halte Dich brav! schlo sie lachend.

-- -- --

Inzwischen lenkte Maikka ihren Gast vom Flusse ab auf einen Hain zu, aus
dem ein freundliches Haus schimmerte.

-- Meine Zeit ist um, Grege. Ich mu wieder an die Arbeit. Aber Du kannst
mich begleiten und dem Unterrichte beiwohnen. Der Unterricht ist im Garten.
Es ist keine Kleinkinderschule. Es ist Volksschule. Fr Alt und Jung. Du
zgerst?

Grege machte ein melancholisch lchelndes Gesicht.

-- Warum blickst Du so sonderbar tiefsinnig, Grege?

-- Ich habe furchtbar Hunger, Maikka.

-- Du hast doch gefrhstckt?

-- Mit den Augen, Maikka. Mein Magen ist noch nchtern.

                                * * *






Er kam beflgelten Schritts gerade rechtzeitig, um auch heute noch einem
Theil des Unterrichts beizuwohnen, den die bewundernswrdige Maikka im
Freien gab.

Ueber den grnen Rasen bewegten sich noch andere Leute dem
Versammlungsplatze zu, lichte, leichtfige Mdchengestalten, reifere
Frauen und Mnner.

Die Schule ist ffentlich. Auer denen, die ungezwungen ihre Ehre
dareinsetzen, einen ganzen Kursus regelmig mitzumachen, fhlen Andere das
Bedrfni, je nach Zeit und Gelegenheit soviel mitzunehmen, als sie
erhaschen knnen.

Grege merkte an ihrem ernsten Wesen, da ihnen die Wissenschaft etwas
Heiliges sein msse, von dem sie sich im tiefsten Innern berhrt fhlen.
Mitten in die Alltagsgedanken ein paar seltene Anregungen gestreut zu
erhalten und im Vorbergehen eine feinere Kenntni mitzunehmen, wie man auf
einem Gang ber die Wiese den Duft einer Blume mitnimmt, schien ihnen ein
gewohnter Genu zu sein. Keines kmmerte sich um's Andere. So gab's auch
keine Strung der Aufmerksamkeit, wenn ein Hrer sich entfernte, ein
Anderer schweigend und gesammelt herankam.

Alles griff hier ineinander: Natur, Fhigkeit, Arbeit, Lernbegier,
Idealitt der freien Persnlichkeit, edles Gemeinschaftsgefhl eines
starken Volksgeistes. Nirgends etwas knstlich Gemachtes, uerlich
Erzwungenes. Kein dogmatisches System. Keine Verkrzung irgend einer
persnlichen oder menschheitlichen Gerechtsame zu Gunsten einer
mechanischen Ordnung. Es mute, das fhlte Grege mit wachsender
Bewunderung, eine ungeheuer glckliche Veranlagung mit einer unausgesetzten
Kulturarbeit durch lange Zeitrume zusammengewirkt haben, um einen solchen
Volkszustand wie etwas Selbstgewachsenes herzustellen. Alles athmet hier
Geist, Gesundheit, Schnheit, Zufriedenheit. Nirgends merkt man etwas von
jener Tftelei und Aengstlichkeit, von jener schlaffen und entnervenden
Vielregiererei und Klugschwatzerei, von all' jenen maskeradehaften
Wrdespielereien, die ihm sein Teutaland so widerlich gemacht hatten.

Und trotzdem -- es war sein Teutaland, er lernte hier ein Gefhl kennen,
das ihm seither fremd geblieben war, das Gefhl der Mitverantwortlichkeit.
Wenn Teuta vor Nordika zurckstehen mute, so mute er persnlich vor den
Nordikaleuten zurckstehen. Wenn Teuta vor Nordika sich schmen mute, so
mute er sich vor Maikka schmen. Das verfing hier nicht mehr, da er sich
erhaben dnkte ber seine Volksangehrigen; das gab ihm keine
rechtfertigende Gre und Sonderstellung, da er von daheim Reiaus
genommen. Womit wollte er's begrnden, da es ihn nichts angehe, was seine
Blutsverwandten aus ihrer Volksgemeinschaft gemacht? Wre es nicht
unmnnlich, sich auf die schaffende Gewalt der historischen Ereignisse
hinauszureden, gerade hier in Nordika, wo er in jedem Blick, in jeder
Miene, in der ganzen Haltung der Leute, ohne Unterschied des Geschlechts
und der Jahre, lesen konnte von dem ruhig stolzen Ichgefhl, das in seiner
Lebensgestaltung sich frei und selbstschpferisch wei und jede sklavische
Unterwerfung unter eine blinde Fgung ausschliet?

Und neben diesem Gefhl der Mitverantwortlichkeit fr seines Volkes Thun
und Leiden, fr der Heimath Gre oder Erbrmlichkeit wuchs in Grege das
heie Verlangen, seine Gastzeit in Nordika zu seiner eigenen Belehrung und
Festigung auszuntzen. Seine Jala blieb ihm unverloren, das war ihm
heiliger Glaube, und mten Wunder geschehen, um ihn mit dem geliebten
Weibe wieder zusammen zu fhren, gut, so wrden eben Wunder geschehen.

War es nicht auch ein Wunder, da er jetzt hier stand, unangefochten, in
sicherer Gastfreundschaft, und den Worten einer Meisterin des Lebens und
Wissens wie dieser Maikka lauschen konnte, umweht von wrziger Luft,
umflossen von mildem Sonnenlicht? Und stieg's nicht wie ein Schwur in
seiner Seele auf, das hier Erlebte und Erfahrene dereinst mit Posaunen
seinen Volksgenossen zu verknden, damit sie erwachten aus ihrem rmlichen
Geistesdmmer und stumpfen Genuleben, da sie sich aufrafften zu einem
bedeutungsvollen, inhaltreichen Dasein? Hatte das Leben in Teutaland
berhaupt einen nennenswerthen Inhalt? Schuf es eine innige starke Freude
den Lebenden? Gab es dort einen ffentlichen Geist, der ber so beredte
Zeugen gebot wie diese geisterfllte Maikka? Was galten seinen Teutaleuten
berhaupt die Frauen, waren sie ihnen mehr als sinnliche Werkzeugsnaturen,
als minderwerthige Nebengeschpfe? Trotz der Gleichheit?

Und wie war das Alles so geworden?

Aus dem Munde Maikkas selbst konnte er's jetzt hren, was in der
Kulturarbeit des Volkes des Weibes Kopf und Hand geschaffen.

Die Einrichtung dieser freien Volkshochschule selbst war Frauenwerk. Nicht
dem Manne nachffend, in Nachschriften und Abklatsch und Zerrbildern,
sondern aus dem selbstndigen, dem mnnlichen durchaus gleichgeachteten
Wesen der Frauenseele heraus. Im Tchtigen so tchtig wie der Mann, im
Ergtzlichen so viel reicher und zarter als er. Und nichts mit dem
heimlichen bsen Blick und Blut des erzwungenen Wettbewerbs, des
kmpferischen Schrankenbruchs. Alles frei, naiv, selbstverstndlich. Eine
Kraft, die geradaus geht, weil sie nie und nirgends gehemmt wird, die
nichts verdirbt und nichts zerstrt, weil sie kein willkrliches Hinderni
zu berwinden hat. Diese heitere Entfaltung im Nebeneinander vom Weiblichen
und Mnnlichen gab allem Werk soviel reine, berschssige Schnheit. Keine
hmische Kritik vom Einen zum Andern, kein Mitrauen, keine Bosheit --
daher dieses natrliche Gedeihen zu allseitiger Freude. Eins frdert das
Andere, Keines wird des Anderen Nachtheil. So belebt und hebt sich Alles in
dem gleichen Geiste, wie in dem gleichen Sonnenstrahl das Verschiedene zu
Hochwuchs und Blthe gelangt und mit seiner besonders gesegneten Art sich
und die Anderen erquickt.

Ja, Nordika-Frauen haben diese Volkshochschule ersonnen und ausgefhrt. Die
Zurichtung des groen Gartens und die Bauwerke darin, den Unterrichtsplan
und den grten Theil der Lehre -- Alles dankt man ihnen. Die tchtigsten
Maurerinnen und Schreinerinnen haben den Bau aufgefhrt und die
phantasievollsten Malerinnen und Schnitzerinnen haben ihn mit Bildern und
Zierrath geschmckt. Die Vorhnge sind von den geschicktesten
Teppichweberinnen gewoben. In die Herstellung und Unterhaltung der
Parkanlagen ringsum haben sich die erfindungsreichsten und emsigsten
Grtnerinnen getheilt.

Haushaltung und Hausflei, Musik und Malerei, dramatische Kunst und
Literatur, Natur- und Kulturgeschichte werden hier von zahlreichen
Lehrkrften, die ihre Probe in der Ausbung bestanden, dem lernbegierigen
Volke in freier Wahl vorgetragen. Und keine Wissenspolizei bewacht die
einzelnen Lehren. Der gesunde Verstand, die emsige Forschung, die
praktische Anschauung und Erfahrung, die unabhngige Kritik sind ebenso
viele und bessere Wchter, als irgend ein Einzelner von Amtswegen.

In Teuta hingegen, Grege mute lachen und zrnen zugleich! In Teuta sitzt
ein leberkranker Querkopf, wie dieser Minus, als Hoheit Oberlehrer im
obersten Rath und htet den heiligen Wortschatz -- und nie drfte ein
Mann oder gar ein Weib sich beikommen lassen, gegen diese ruhmreiche
Ordnung, die den Bestand und das Glck Teutas verbrgt, zu verstoen, oder
es wartet ihrer der groe Fluch der Verdammung zu ewiger Verhhnung
beim Zarathustra-Feste!

Greges Augen schweiften ber die schnen Menschengruppen, die den Park und
die Halle fllten und den Worten der Meisterin Maikka lauschten. Maikka
stand auf einem erhhten Platz, vor einem groen Tisch. Sie sprach
vollkommen frei, ohne Buch oder Heft, und im Eifer der Rede ging sie
manchmal hin und her, bald die Hnde auf dem Rcken, bald mit
eindringlichen Bewegungen ihre Worte begleitend, den Kopf leis auf die
Seite geneigt. Eine Bewegung gefiel Grege besonders gut. Wenn Maikka
nmlich die fnf Finger der linken Hand an den Spitzen zusammendrckte und
sich damit gegen die Stirn fuhr, als wollte sie sagen: Nun, liebe Leute,
nehmt einmal eure fnf Sinne zusammen, damit ihr gut versteht, die Sache
ist nicht so einfach. Das sah allerliebst aus. Die ersten Reihen der
Zuhrer, auf losen Bnken, rckten nahe an die Sprecherin heran, die
hinteren Reihen verloren sich aus der an drei Seiten offenen sechseckigen
Halle in den Garten, und hier saen die Uebrigen theils auf dem Rasen,
theils auf Feldsthlen, oder sie lehnten zwanglos an den Bumen oder sie
gingen lauschend vor den dichten, grnen Bosketts auf und ab, denn die
Anlage war so geschickt, da sich kein Wort der Sprecherin verlor. Und wenn
zuweilen ein Vgelein im Busch dazu zwitscherte, oder eine Zikade von der
Wiese herber dazu zirpte, so wirkte das gesprochene Wort um so inniger und
ergreifender in dieser groen, fein abgetnten Harmonie der Natur. Mag der
Wind in den Wipfeln lauschen oder sausen, mag ein Wolkenschatten ber die
Kpfe ziehen, was macht das der in sich gefesteten Ruhe und Heiterkeit des
Geistes? Kommt aber gar ein wildes Wetter und rauscht der Regen nieder, so
rckt man in der Halle zusammen oder flchtet in die Nebenrume oder unter
die Zelte. Im schlimmsten Falle wird der Vortrag abgebrochen und jeder
rettet sich wie er mag.

-- Wie ist's im Winter? fragte Grege, als ihm Maikka auf einem Gang ber
die Felder die schulischen Einrichtungen Nordikas des Weiteren erklrte.

-- Der Winter ist womglich noch kstlicher als Studierzeit. Da beziehen
wir in Abtheilungen besondere Rume. Jeder Bezirk -- nein, ich habe Dich
doch ein wenig genarrt mit meiner Landeseintheilung in Herz, Magen, Nieren,
Mund, Schlund -- hast Du Hunger, sprich? -- jeder Bezirk hat seine
Schulkolonie und seine Volkshochschule. Im Winter wohnen wir Alle, die mit
der Schule als Lehrende und Lernende zu thun haben, mglichst dicht
beisammen. Also ein groes, behagliches, wissenschaftliches Familienleben.
Die Mahlzeiten und Unterhaltungen sind gemeinschaftlich. Das Hauptgebude
jeder Schulkolonie enthlt auer den Vortragsslen, der Turnhalle, den
Bibliothek- und Lesezimmern u. s. w. auch ausreichende Wohnrume fr die
stndigen Schler.

-- Auch Werksttten, Spielrume?

-- Aber selbstverstndlich. Sogar Schwimmbder fr die Reinigung wie zu
lustigen Wasserfesten, whrend drauen die Welt in Eis starrt und kracht,
sogar Theater und Alles, was Geist und Herz erfreut.

-- Ach, Maikka, das sind fr mich so neue Ideen- und Lebenskreise, da ich
meinem Kopf ordentlich zureden mu, das Alles aufzunehmen und in Ordnung zu
behalten.

-- Das wundert mich nicht, mein Gast. Nur Zeit nehmen und Zeit lassen, das
ist das ganze Geheimni, um mit Allem fertig zu werden. Das ist fr uns in
Nordika unsere beste Kunst. Wir haben immer und zu Allem Zeit. Uns plagt
nie das Gefhl, da wir Etwas versumen. Drum leben wir auch so furchtbar
lang, das heit, das Leben kommt uns nicht kurz und zeitbeschrnkt oder
berladen vor.

-- Eine Zwischenfrage! Du gestattest schon, Meisterin, da ich als
beflissener Schler Alles durcheinander frage. Warum sieht man bei Euch
all' die tausend Apparate nicht, in den Husern, an den Wnden, an den
Wegen, die bei uns in Teuta auf Schritt und Tritt geruschlos den Verkehr
vermitteln und so viel Zeit sparen helfen?

-- O, weil wir ohnehin Zeit genug haben. Weil wir kein Gespensterleben
fhren mgen, sondern berall persnlich dabei sein wollen. Weil tausend
Dinge, die Euch wichtig scheinen, uns nicht im geringsten kmmern. Und so
noch ein Dutzend Weilweil. Siehst Du, die Menschheit hat nie weniger Zeit
gehabt, also auch nie weniger gelebt, als im groen Maschinen-Weltalter.
Sie sahen Alles, hrten Alles, beschwatzten Alles, bekrittelten Alles,
wuten Alles -- nur Eines nicht, da das wahnsinnige Narrethei und kein
Menschenleben ist. Ist auch nichts dabei herausgekommen, kein Glck, keine
Schnheit, kein Friede, keine Freude. Das Maschinen-Weltalter! Wir in
Nordika haben es auch damals nicht so toll getrieben, wie die Anderen, die
weiter unten wohnen in der Geographie und sich als die Spitzenreiter der
Zivilisation bejubelten, bis sie in den Graben purzelten, wie blinde
Eseltreiber. Nein, wir haben bei Zeiten damit aufgerumt. Alles
berflssige Maschinenwerk ist bei uns abgethan. Schon lange.

-- Ja, das war gut. Ich erinnere mich, in Teuta hat man immer etwas
Mechanisches unter den Fen, unter dem Ges, zwischen den Fingern, in den
Ohren, vor den Augen und --

-- Nichts im Kopf! wollte Maikka herausplatzen, aber sie fand es eben so
erleichternd, wenn sie blo krftig lachte.

-- Wenn wir Eure Schulen htten! rief Grege nach einigen Sekunden, nachdem
er sinnend stehen geblieben.

Maikka entschlug sich auch jeder bermthigen Glosse zu diesem
Teuta-Seufzer. Als ob ein Volk von Pedanten, Worthtern, Silbenstechern,
Buchstaben- und Paragraphenfuchsern durch die Schulvermehrung nicht noch
schlimmer und dmmer wrde! dachte sie fr sich. Gar keine Schule einige
Menschenalter hindurch, eine radikale Hungerkur fnfzig Jahre lang fr
diese Wortfresser! Das brchte sie vielleicht zum eignen Nachdenken und zu
thatenfroher Anstrengung. Aber nein, sie wollte ihm willig Auskunft geben
ohne Harm und ohne Falsch.

Sie entwickelte ihm also die Grundstze, denen Nordikas Bevlkerung die
sogenannte Bildung verdankt. Sie wies ihn darauf hin, da das im jungen
Menschen sehr zart und allmhlich erwachende Seelenleben weder durch eine
groe Menge von Eindrcken, noch durch Unverstndliches verwirrt und in
seiner Entwicklung belastet werden drfe. Das Kind solle vor seinem achten
Jahre berhaupt keinerlei systematische Anleitung in irgend etwas, das wie
ein Unterrichtsfach aussehe, erhalten. In der ersten Schule, zu der kein
Kind vor seinem zehnten Jahre zwangsweise verpflichtet werden drfe, sei
nur in den Grundelementen der Anschauung und des Wissens, also im Lesen,
Schreiben, Zeichnen, Rechnen, sowie in der vaterlndischen Geschichte zu
unterweisen, ja nicht abzurichten oder anzuqulen. Erst im jugendlichen
Alter, und hiezu rechnete Maikka wie alle ihre unterrichteten Landsleute
die Zeit vom achtzehnten bis dreiigsten Lebensjahr, sei der gesunde Mensch
im Stande, das geistig Aufgenommene ohne Gefhrdung seines krperlichen und
seelischen Wohlbefindens zu erfassen, durch eigene Gedankenthtigkeit zu
verarbeiten und in Wirklichkeit zu verwerthen. Da bleibe der Mensch in
natrlichem Wachsthum, ohne zu knstlicher Blthe und raschem Verwelken
gepeinigt oder zu allerlei Krppelhaftigkeit im Geistigen und Leiblichen
herangezchtet zu werden. Wie alt an Jahren Grege zum Beispiel sie schtze?

Er stutzte. Denn nach seiner Schtzung mute hier ein Widerspruch mit ihren
Worten vorliegen. Wie konnte sie schon Meisterin in so jugendlichem Alter
sein? Er lie den Blick wiederholt ber ihre blhende, kernige Gestalt hin-
und hergehen, er prfte die Linie ihres so schn geschnittenen Mundes mit
den jauchzend rothen Lippen, er prfte die Winkel ihrer groen,
blaublitzenden Augen mit den langen, dunklen Wimpern und den hohen Bogen
der dichten, fast schwarzen Brauen -- nirgends ein Fltchen oder Runzelchen
oder sonst ein verrtherisches Zeichen, das ber die Jugend hinauswies.
Gewi, sie war lter als Jala, mindestens vier bis fnf Jahre lter,
vielleicht gleichalterig mit ihm selbst, aber das Reifejahr, das er soeben
erst aus ihrem eigenen Munde mit dreiig festsetzen hrte, konnte er ihr
unmglich geben.

-- Lach' mich nicht aus, Maikka, aber so Ende der Zwanzig, nein, wr's
mglich?

-- Doch, doch, mein scharfsinniger Herr. Daran liegt uns Nordika-Frauen
nichts. Ich fragte nur Deiner Menschenkenntni wegen. Bei uns giebt's keine
alten Menschen, verstehst Du, nur langlebige giebt's. Ich bin schon drei
Jahre im Amt. Jawohl, volle drei Jahre.

Grege wollte in Verwunderung ausbrechen.

-- Nein, mein Schler, hr' mich ernsthaft zu Ende und bleibe bei der
Sache, nicht bei der Person. Unsere erwachsenen Schler, gleichgiltig ob
mnnlich oder weiblich, mssen sich um die Lehrer schaaren, ebenfalls
gleichgiltig, ob weiblich oder mnnlich, im fleiigen Verkehr mit ihnen ihr
Wissen ergnzen, ihr Selbstvertrauen strken und ihre eigene
Lebensanschauung entwickeln. Denn eingepaukt wird hier nichts.
Vorgeschrieben als unfehlbare Lehre auch nichts. Auch in Respekt und
Heldenverehrung wird nicht gearbeitet. Jeder kann seine Muster suchen, wo
er will, und sich zu ihnen stellen, wie ihm persnlich gutdnkt. Glaube
mir, Grege, in Nordika kommen die richtigen Leute, mgen sie auch
verschiedene Wege einschlagen, immer an dasselbe Ziel. Der Gipfel eines
Berges kann von verschiedenen Seiten bestiegen werden, nicht wahr? Der Weg
eines Strebenden mu sich jederzeit individuell bestimmen, nach Gemthsart,
Geisteskraft, Charakter. Ein Jeder mu sich den ihm am besten zusagenden
Weg nach eigener Erkenntni whlen, ohne damit das Recht zu erwerben,
andere Wege, als den seinigen, als falsche zu verketzern. Das ist ja
selbstverstndlich. Die Eigenart eines jeden Einzelnen bedingt auch einen
verschiedenartigen Ideenkreis.

-- Jawohl, rief Grege lebhaft, Ideenkreis! Jeder seinen Ideenkreis in
voller Freiheit.

-- Die Fhigkeit, sich in den Ideenkreis Anderer hinein zu versetzen und
dann erst zu beurtheilen, ob diese betreffenden Anderen den krzeren oder
den weiteren Weg zum Ziele wandeln, Grege, siehst Du, das ist wichtig.

-- Ja, sehr.

-- Und wer diese Fhigkeit hat, der ist weit entfernt von rechthaberischem
Absprechen, von prahlerischem Weisheitsdnkel, von der dummen Meinung, alle
echte Erkenntnis fr sich allein gepachtet zu haben.

-- Wie wir Teuta-Leute! Ach, Eure Schulen, Maikka! Worauf erstrecken sich
die Vortrge in Euren Volkshochschulen?

-- Vor Allem auf die Sprache, Geschichte und Kunst des eigenen Landes,
dessen Verfassung und gesetzgeberische Entwicklung.

-- O, Entwicklung, verpntes Wort in unserem heiligen Teuta.

-- Dann auf allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften, Geographie,
Mathematik, Gesang. Auerdem werden praktische Arbeiten in den Werksttten,
in Haus, Feld und Garten und so weiter gebt. In den geschlossenen Kursen
werden Abends einige Theile des Vorgetragenen einer ungezwungenen
allgemeinen Besprechung unterzogen. Dadurch lernen die Schler eine Sache
von mehreren Gesichtspunkten betrachten und ihre Gedanken deutlich
ausdrcken. Der Unterricht ist berall fr beide Geschlechter gemeinsam,
auf allen Lehrstufen und in allen Schulkolonien. So bleibt der Geist
natrlich, gesund und rein, die Menschen berheben sich nicht gegenseitig.
Sie genieen den vollen Segen der Arbeit. Keiner betrgt den Anderen um die
Frchte seines Schweies, wie es in jenen ruchlosen Zeiten war, wo
einzelnen Wenigen Alles, der Mehrzahl nur der Hungerlohn zum
Existenz-Minimum gehrte. Jetzt schafft Einer fr Alle, und Alle fr
Jeden, sie sehen in der Arbeit keine Last, sondern eine freudvolle Pflicht
und eine Ehre. Ohne diesen Geist kein allgemeiner Wohlstand, keine
blhenden Genossenschaften, kein Nordika! Verzeih, Grege, aber wir Leute
hier oben beten unsere Heimath an!

Grege schritt still, gedankenvoll.

-- Ja wir verehren unseren Boden, wir haben Ehrfurcht vor unserer Natur.
Wenn ein Bauer einen jungen Wildling veredelt, entblt er das Haupt, wenn
er einen alten Baum niederschlgt, entblt er wieder das Haupt. Der
Landbau ist eine heilige Kunst. Wer den Pflug gut zu fhren und eine schne
Furche zu ziehen wei, ist so gut ein Knstler wie der, der ein Bild malt
oder einen Spruch dichtet. Wer die Sense schwingt und eine Mahd gefllig
hinlegt, oder einen Erntewagen mit Garben symmetrisch vollschichtet, ist so
bedeutend in der Kunst, wie der Tnzer oder wie der Snger oder wie der
Architekt. Die Kunst, das ist die Seele des Volks. Und ein Volk kann nie
genug Seele haben und nicht genug Freude, sich darber zu freuen. Siehst
Du, Grege, drum freu' ich mich allweil so unbndig.

-- Ah, dieses Feuerherz! murmelte Grege bebend in sich hinein.

Er fhlte die zehrende Glut, die dieses Wesen auf ihn berstrahlte. Es war
wie ein lohender Brand, und er stand dabei, unentrinnbar, mitten in der
Flammenzone.

Rasch fhrte er seine Hand zum Gesicht und betrachtete die Stelle, wo
Jala's Blutstern war. Verblat, verschwunden. Nein, nicht verschwunden, in
die Haut hineingekrochen, in sein eigenes Blut versunken. In seiner
Blutbahn kreiste jetzt Jalas Stern, wie ein Licht, das im Dunkel seinen
Gefhlen leuchtet, damit sie nicht in Irrni gerathen.

Und Grege kte heimlich die kleine Stelle an seiner Hand, zwischen Daumen
und Zeigefinger.

Dann blickte er froh beglckt in Maikkas leuchtendes Angesicht.

-- Warum sprichst Du nicht, Grege? Schlfst Du -- oder bist Du hungrig?

-- Nein, nein! Es ist Alles in Ordnung. Wunderschn ist, was ich sehe,
wunderschn ist, was ich hre. Es ist herrlich hier. Ich wei nicht, wie
ich Dir genug danken soll, Maikka, unvergleichliche Meisterin.

Der Lobspruch klang wohl mnnlich und echt. Und am dankbaren Gemthe des
schnen, stattlichen Teutamannes zweifelte Maikka auch nicht. Aber sie
hatte doch etwas Anderes erwartet. Viel mehr Kraft und Ueberschwang der
Empfindung. Freilich, wo soll das herkommen, wenn man aus dem vertrackten
Teuta stammt! Und immer Meisterin, Meisterin! Mute er denn das
schlerhafte Achtungsgefhl in Alles hineintragen?

Sie waren jetzt in einer Gegend von entzckender Abgeschlossenheit. Hohe,
breitwipfelige Bume drngten sich zu beiden Seiten des Weges und
berschatteten ihn so vollstndig, da Grege ein Frsteln ber seine
nackten Glieder laufen fhlte. War's wirklich nur die Schattenkhle, was
ihn erschauern machte?

In schweigender Betrachtung eilte er vorwrts.

-- Wahrhaftig, er hat Hunger und wittert die Meierei da oben! dachte Maikka
und beschleunigte die Schritte. Dabei blickte sie auf seine nackten Beine
und Fe und fand, da sie schn gewachsen und fr einen krperlich wenig
gebten Teutamann erstaunlich muskuls waren. Gute Rasse verrieth sein Leib
in jedem Glied und in der ganzen Struktur und Haltung. Im Wuchs konnte er
neben dem gelungensten Nordikamenschen mit Ehren bestehen. Er war ein edler
Recke in seiner Art, das war zweifellos. Und der jugendlich sprossende
Blondbart stand ihm ausgezeichnet. Maikka hatte mit ihrem Gast keinen
schlechten Fund gemacht. Sie betrachtete ihn mit heftigem Wohlgefallen;
denn wie er im Schatten dahinschritt, sich straffend und reckend, um das
Frostgefhl nicht merken zu lassen, bot er wirklich das Bild eines Helden
aus der Wiege des reinen Germanenthums. Maikka konnte sich nicht verhehlen,
da sie jetzt nicht unaufgelegt wre, mit ihm in das romantische Traumland
der skandinavischen Mythologie zurckzuschwrmen, mit ihm Held und Heldin
in gttlicher Leidenschaftlichkeit zu spielen, mit ihm zu ringen und --
sich von ihm berwltigen zu lassen. Jawohl, auch dies -- vollkommen
berwltigen. Ihn dann aber fr seinen Sieg mit einem Sturm von
Zrtlichkeiten zu zchtigen, da ihm das heie Blut dampfend aus den Poren
spritzte.

Grege eilte, eilte --

Sie blieb stehn, folgte ihm mit funkelnden Augen, ri den Mund auf, da ihr
Gebi schimmerte, wie eines edlen Raubthiers Rachen, dann schrie sie ihm
mit bebenden Nstern zu: -- Halt! Gelehriger Schler! Weit Du, wo Du
wandelst? Weit Du, wie ich Dich sehen mchte? Als reiigen Nordlandssohn,
in Brnne, Brenfell und Flgelhelm! Du -- Dich!

Stracks hatte er sich gewendet, wie angedonnert. Als glte es, sich zu
pltzlichem Kampfe zu rsten, mit einem Feind, der aus dem Boden gewachsen,
zehn Schritte vor sich. Grege sttzte die Fuste in die geschmeidige Hfte,
stemmte einen Fu vor den andern, hoch hob er den Kopf auf dem starken
Nacken: -- Halloh, Maikka!

Sie streckte den linken Arm und wies durch die dunklen Stmme in die
Lichtung gen Westen, wo das ungeheure Meer heute ruhig wie an Ketten in den
Fjorden lag:

-- Von dort, Teutamann Grege, flog der kraftstrotzende nordische Aar
sieghaft ber die Welt, ber Fluth und Flur, sein Name schon erfllte die
abgelebten Vlker mit Angst und Schrecken, da sie bebten bis in die
vermorschten Knochen, bis in's Mark! Wiking, halloh, auf's Drachenschiff!
Wiking, los!

Und ihr Schrei endigte in einem gellenden konvulsivischen Lachen.

Grege stand wie eine Tanne, deren Wurzeln den Fels umklammern, und die ohne
Schwanken im Sturmestoben den Blitz erwartet.

                                * * *






Am nchsten Nachmittage, als die Sonne schrge Feuerpfeile durch die
dunklen Stmme scho, fanden sich Grege und Maikka wieder an der nmlichen
Stelle ein, um ihre Wanderung fortzusetzen.

Er hatte noch keine Zeit gefunden, ihr den Bericht seines Lebens zu Ende zu
erstatten. Was er ihr gestern Abend erzhlte, auch von Jala -- da sie
blind geworden, verschwieg er ihr -- schien wenig Eindruck auf sie zu
machen. Sie verlangte auch nicht Weiteres zu hren.

Seine Kindheitsgeschichte interessirte sie nicht.

Seine Liebesgeschichte entlockte ihr kaum ein spttisch-mitleidiges
Lcheln.

Seine knigliche Abstammungs-Fabel von einem gefangenen Friska-Frsten fand
sie geschmacklos. Alles Dekadente berhmt sich seiner Abstammung und pocht
auf Ahnenreihen. Sie warf an dieser Stelle seiner Erzhlung nur die
Bemerkung hin: -- Was liegt an Vorfahren? Da man Vorfahr werde und
Nachkommen habe, die die Welt mit Glanz erfllen, daran liegt etwas.
Vielleicht liegt auch an den Nachkommen nichts, wer wei!

Seine Stellung als Zarathustra-Protagonist dnkte ihr barok, um kein
verletzenderes Eigenschaftswort zu gebrauchen. Uebrigens behielt sie sich
vor, hinsichtlich Zarathustras ihm, auf den Zahn zu fhlen. Seine
geschichtlichen Kenntnisse erschienen ihr lckenhaft. Er gab seine Urtheile
mit einem Wortprunk, der ihr als afterpoetisch und unwissenschaftlich
zuwider war.

Den Hinweis auf seine nchsten Zukunftsplne nahm sie mit ironischem
Kopfnicken auf: -- Du willst auf die Insel? Was willst Du dort? Frei sein?
Wovon, wozu? Ein Herr sein, wem? Schpfer, wessen? Welchen Inhalt soll
Deine Kraft, Deine Jugend auf der einsamen Insel haben? Ist ein Weib ein
Inhalt?

Kurz, sie lie kein gutes Haar an ihm.

Und nun hatte sie ihn hierher bestellt, und sie standen, wo sie gestern
gestanden.

-- Was hast Du heute gearbeitet? begrte sie ihn.

Grege schttelte unmuthig den Kopf.

-- Du sehnst Dich von hier fort?

Er schwieg.

-- Es geht jetzt keine Post an Dein romantisches Gestade. Zu den Angelos
kannst Du jedoch noch in dieser Woche gelangen.

Grege wehrte heftig ab.

-- Nchst Nordika ist Angela das einzige Land, das ich Dir empfehlen
mchte. Du knntest dort viel lernen, doch schtze ich Dich noch nicht reif
dafr. Willst Du nach Teuta zurck?

Grege besann sich. Sein Gesicht nahm einen seltsam entschlossenen Ausdruck
an: -- Noch nicht. Noch lange nicht, Maikka.

Sie empfand den Ton, mit dem er ihren Namen aussprach, wie eine Liebkosung.
Aber sie wollte jetzt keine Liebkosung aus seinem Munde.

Ein Nebenpfad zweigte ab, der in Gartenland fhrte.

-- Schau Dich um, Grege. Jeder Zoll ist hier bebaut. Solche Blumen, Kruter
und Frchte sieht man selten.

Grege bejahte stumm.

-- Vor hundert Jahren war's nicht so. Der Boden ist trchtiger geworden.
Vielleicht das Klima sogar milder.

Maikka deutete auf niedrige Birnbume, die sich unter der Last der Frchte
bogen. Quitten hingen ber einen niedrigen Zaun, der die Gartenstcke
abgrenzte. Von einem Spalier lachten Pfirsiche und Pflaumen aus dem Laub.
Dann kamen zwischen den Baumgelnden Beete wie best mit Reseda und
Flammenblumen. Malven und Sonnenrosen glnzten in sen Farben ber den
Zaun.

-- Ihr habt wohl groe Freude an den Blumen, in Nordika?

-- Wir haben auch groe Freude am Kohl, Grege.

-- Und Ihr et von Allem?

-- Von Allem, was uns schmeckt. Euch in Teuta schmeckt ja nur das
Chemische, das knstliche Prparat, nicht das natrlich Gewachsene, nicht
wahr?

-- In Teuta! Geh' mir mit Teuta, Maikka. Ich bin doch nicht Teuta?

-- Nicht ganz. Aber ein groes Stck davon.

Sie schpfte tief Athem.

Grege wollte die Pause bentzen, eine Blume zu brechen.

-- La das. Jetzt bricht man keine Blumen. Sag' mir lieber: Was haben Deine
Teutaleute eigentlich? Was fr Hauptvorzge des Geistes und Gemths, meine
ich.

Er fhlte etwas Bitteres in sich aufsteigen. Dieses ewige Examiniren!

-- Was sollen sie haben, das Andere nicht htten? Vielleicht etwas mehr
Humor, Maikka.

-- Humor? Unfreiwilligen vielleicht. Sprudelnden kaum.

-- Nenn' ihn Sinn fr Ulk, wenn Du willst.

-- Wahrhaftig, Grege, das will ich. Sinn fr Ulk. Du kannst davon singen
und sagen. Dein Hinweis gestern Abend auf Deine ffentliche Stellung im
Teutareich als -- Ulkist! Zarathustraismus -- Ulkismus!

-- Maikka, es ist wirklich schade um die duftige Sonnenluft, da wir sie
mit solchen Gesprchen erfllen.

-- O, kmmere Du Dich um unsere Luft. Die ist reich und kann etwas abgeben.
Oder ziehst Du vor, Gedichte herzusagen? Nein, gerade jetzt recht. Euer
Zarathustra-Kult ist eine Hanswurstiade. Da fliegt das Wort. Fang's! Und
gleich noch eins, dann ist's ein Paar: Wer die Hanswurstiade mitspielt, ist
ein Hanswurst, und wer den Zarathustra mimt, ist ein Komdiant und zwar
kein guter.

Grege fuhr auf: -- Respekt!

-- Ja, Respekt vor Allem, was Respekt verdient. Das ist eins unserer
Staatsgrundgesetze.

Und nun prasselte das Gefecht los. Er immer verbitterter, dann herrischer,
hochfahrender; sie immer schrfer, stachelnder. Auf jeden Trumpf setzte sie
einen strkeren Trumpf, an jeden Einser hngte sie eine Null, dann gab's
einen Zehner.

Bis sie mit einem Mal einlenkte oder einzulenken schien.

-- Den Komdianten brauchst Du mir nicht bel zu nehmen, Grege. Gesetzt,
Deine Vorfahren waren Knige, oder wenigstens kleine regierende deutsche
Frsten, wie sie vor tausend oder anderthalb tausend Jahren -- ich will
einmal ein historischer Stegreifrechner sein, nach Teuta-Art, mit weitem
Spielraum und elastischer Grenze -- also wie sie damals an den Kanten des
groen Preuenreichs noch herumblhten, ja, blhten, um kein anderes
botanisches Wort zu whlen. Diese Deine Vorfahren machten einen Hof und
hielten sich neben anderen Hofbeamten, die vielleicht auch nur
Hofkomdianten waren, noch besondere Hofschauspieler. O, Deine Vorfahren,
die Frsten, zeichneten sie nicht wenig aus, ihre berufsmigen
Hofschauspieler. Sie machten Hofschauspieler, wenn sie hbsche, anstellige
Damen waren, zu ihren Maitressen, oder gar zu ihren Frauen, oder traten
persnlich an die Spitze ihrer Hofschauspieler-Truppe als Leiter, als
Fhrer, und machten mit ihnen Gastreisen im Reiche umher und bedeckten sich
als Musageten mit Ruhm, der fr sie auf andere Weise nicht mehr zu gewinnen
war. Glaubst Du, da ich darin etwas Verletzendes sehe? Hier in Nordika, wo
man die Kunst am hchsten stellt? Glaubst Du, da es in jenen Zeiten am
Ende nicht besser gewesen, die Frsten htten sich mit dem Kunstruhm
begngt und die Kunst des Regierens Anderen berlassen? Und nun, Grege,
hr' mich ohne Zorn an: Achtest Du's fr ausgeschlossen, da Du der
Abkmmling -- eines Abkmmlings eines jener Schauspieler-Frsten sein
knntest und da Du gerade darum berechtigt wrst, auf die doppelte
Erbschaft zu pochen? Ist das nicht verstndig geredet, Grege? Httest Du
Grund in dem kleinen Teuta von heute einen Theil der Erbschaft als Schmach
zu empfinden, da er doch in jenem groen Reich von damals als unbezweifelte
Ehre galt? Man mu nur Alles aus dem richtigen Gesichtswinkel nehmen.

Grege hatte sich ber den Zaun gebeugt und streifte mit der Nase
schnuppernd an einer hochstengeligen Tulpe.

-- Duftlos, lchelte er.

Maikka lchelte gleichfalls, indem sie auf seine Bemerkung einging: --
Vorsichtiger ausgedrckt, Deine Nase findet keinen Duft daran. Wollen wir
knftig beide vorsichtiger im Ausdruck sein? Der Tulpe verschlgt's ja
nichts, aber unserer Nase und was als empfindlicher Mensch noch dranhngt,
kann's zu statten kommen.

Mit freundlichem Ernst, der nahe an wiedergewonnene sanfte
Liebenswrdigkeit grenzte, fuhr Grege im Weitergehen fort: -- Ich mchte
wissen, Maikka, giebt's auch Bldsinnige in Nordika?

Maikka fand die Frage berraschend. Sie erwog sie einen Augenblick. Dann
betrachtete sie forschend Grege's Gesicht. Nein, der Ausdruck so wenig wie
der Frageton lie einen beabsichtigten Doppelsinn vermuthen.

-- Bldsinnige, Grege? Ja, leider, aber nur wenige.

-- Taubstumme?

-- Ich vermuthe.

-- Blinde?

-- Blinde? Blindgeborene oder Blindgewordene?

-- Einerlei. Ich unterscheide jetzt nicht.

-- Ja, Grege.

-- Wo sind diese Bedauernswerthen?

-- In einer besonderen Anstalt. Drauen, in der Nhe des groen Fjords.

-- Warst Du einmal dort, Maikka, sie zu besuchen?

-- Vor Jahren einmal. Es ist lange her. Ich hatte einen erblindeten Freund
drauen.

-- O, einen erblindeten Freund! Der Arme! Ist er nimmer sehend geworden?

-- Doch, ich hrte davon. Er hat das Augenlicht wieder erhalten, zum Theil
wenigstens.

Eine groe Bewegung erfate Grege.

-- Maikka, liebe Maikka, das ist ja wunderbar. Der glckliche Unglckliche,
nein, nein, wahrhaftig, er wurde wieder sehend?

-- Ja, Grege, das wurde er, wie ich bestimmt hrte.

Er mute an sich halten, um im Uebergefhl der Ahnung einer gleichen
seligen Mglichkeit fr seine Jala Maikka sich nicht an den Hals zu werfen
und zu weinen wie ein himmlisch beschenktes Kind. Er kmpfte die Wallung
tapfer nieder.

-- Und die nheren Umstnde seiner Genesung? Maikka, sag' doch!

-- Wei ich nicht. Er verlie bald die Anstalt und siedelte in einer fernen
Gegend sich an, mit andern Freunden. Und so verloren wir uns aus den Augen.

-- Sonderbar, sonderbar.

-- Da man sich, kaum sehend geworden, wieder aus den Augen verliert,
Grege? Dies findest Du sonderbar?

-- Ja, auch dies. Maikka, sprich, knntest Du mir die Anstalt drauen am
groen Fjord einmal zeigen?

-- Gewi, an meinem nchsten freien Tag. In kommender Woche.

-- Der Verkehr mit der Auenwelt, ich meine mit den Fjords und so, ist wohl
schwer?

-- O, Du kannst leicht allein hinauskommen. Bist Du sehr ungeduldig?

-- Gewi nicht, Maikka. Ich kann warten. Aber warum soll ich Dir immer zur
Last fallen?

-- Du fllst mir nicht zur Last. Im Gegentheil, Grege. Und da sich nun
einmal Alles so gefgt hat, mchte ich wirklich gern dabei sein. Du bist
fremd, ich kann Dir in Manchem helfen. Abgesehen vom Besuch in der Anstalt,
mchte ich dabei sein, wenn Du unsern groen, schauerlich-schnen Fjord zum
ersten Mal siehst. O, mach' Dich auf ein ungeheures Schauspiel gefat,
Grege.

-- Das will ich, Maikka. Es wurde ihm erstickend hei. Er ri sein Wams
auf, da die Luft ber seine nackte Brust strich.

Und er ergriff ihre Hand, treuherzig und schlicht von der Seite, im Gehen,
und drckte sie innig.

Maikka erwiderte den Druck und hielt seine Hand mit der ihrigen fest.

So schritten sie eine Weile hin, schweigend, in heien Gedanken.

Es war ein Nehmen und Geben von Herz zu Herz in Seligkeit. Und jedes hatte
einen anderen Himmel, darein die Seele geflogen war, und war doch nur eine
einzige Wonne, ein einziges Glck, wenn auch in verschiedener Mischung und
Frbung.

Wehmuthstrunken verlor sich Greges Blick in die sonnenverschleierte Ferne,
er wendete den Kopf ein wenig seitwrts, von Maikka ab. Diese aber sah
gierig an seiner Gestalt hinauf, bis an seinem feinen, vom Haar
beschatteten Profil ihr Auge haften blieb in zrtlicher Bewunderung: -- Er
ist schn, glhend schn, mein Grege -- und ihre schwellenden Lippen
feuchteten sich in dunklem Roth, als wre ser Thau auf sie gefallen.

Beide fuhren pltzlich erschreckt auseinander.

Fox war ihnen nachgeschlichen und mit einem Satz -- hopp! ber ihre
verschlungenen Hnde hinber und davon, feldeinwrts, mit Gebell.

-- Wem gehrt das streunende Thier eigentlich, Maikka?

-- Dir, mir, uns Allen, hauptschlich dem, der es am meisten lieb hat. Und
das wechselt. Neulich wich er mir eine Woche lang nicht von der Seite.
Jetzt scheint das anders zu sein. Und dann das Jagdvergngen, weit Du.

Grege's Gedanken waren schon wieder auf anderer Fhrte.

-- Wie kommen wir hinaus, an den Fjord, in die Anstalt?

-- Wir kutschiren, Grege.

-- Wie ist das?

-- Wir nehmen einen kleinen, zweisitzigen Wagen und spannen ein Pferd vor,
ein recht flinkes.

-- Das ist doch unglaublich schwierig und altmodisch.

-- Das Kutschiren? In unserem Falle tausendmal schner, als das trge
Hinausgleiten mit der Elektrischen oder das schlfrige Gondeln in der Luft.

-- Aber es ist gefhrlicher und wir verlieren Zeit.

-- Wir verlieren Zeit, Grege, wenn wir bei einander sind? Ich bitte Dich!
Gefhrlich, was heit gefhrlich? Das ist schlielich Alles . . . fr den
Aengstlichen.

-- Aber anstrengend mu das Kutschiren sein, nicht?

-- Das ist ja das Schne am Altmodischen, wie Du sagst, da es anstrengend
ist. Sieh' mal hinber, dort hinter der Allee rutscht die Elektrische
dahin, und wir gehen doch auch hier zu Fu und schlendern und whlen uns
Pfade nach Belieben. O, das Kutschiren! Das wirkt strkend auf Geist und
Gemth, das giebt Witz und Widerstandskraft, das sthlt die Nerven. Du
wirst hpfen vor Freude, glaub' mir, Grege.

-- Ihr nehmt doch Alles anders in Nordika. Diese Art der Weiterbefrderung
bin ich gar nicht gewohnt.

-- Eben darum, Grege! Ist nicht das Ungewohnte das Belebende? Fhlst Du das
nicht? Frag' einmal Deine Beine! Haben sie nicht Freude am Marschiren? Sind
sie nicht vergngt, da sie sich an Allem krftig betheiligen drfen, was
wir unternehmen?

Grege lachte.

-- Frag' sie doch, Du eigensinniger Mensch! Und Maikka lachte mit.

Links und rechts auf der Flur tauchten arbeitende Menschen auf. Von einem
eingefriedigten Weideplatz schallte Muhen und Blken herber. Man hrte
Sensen dengeln, Leute sich zurufen, Vgel singen.

Wieder wechselte Maikka den Weg. Sie whlte einen, der, ganz mit jungen
Birken umbuscht, gar still und heimlich war.

-- Du, Maikka, ich habe meine Beine gefragt.

-- Nun?

-- Sie sind mde und hungern nach Ruhe.

-- O, ihr ewigen Hungerleider! Gleich jetzt sollt ihr gefttert werden. Die
armen hungrigen Beine. Wartet, ich wei ein Mittel.

Und sie kniete sich vor Grege nieder und bearbeitete ihm die Waden, eine
nach der andern, mit beiden Hnden, energisch, durch Streichen, Kneten,
Drcken, Klopfen, dann prete sie ein Knie um's andere und schlug lachend
mit der Handschneide in die Kniekehle, da Grege einknickte.

Dergleichen hatte noch kein Weib an ihm probirt.

-- Hr' auf, Maikka, das schmerzt ja. Grlich schmerzt's.

-- Nachher wird's Dir wohl thun. Gieb mir die Hnde, heb' mich auf. Und nun
vorwrts!

Grege ri sie so stramm auf, da sie an seinen Leib flog und einen
Augenblick an seiner Brust lag.

-- Maikka, was mssen die Leute denken!

-- Da Du ein Narr bist! Und sie eilte lachend voraus: -- Hier giebt's
brigens gar keine Leute. Nur Blumen, Bume und liebes Vieh.

Als Grege nicht gleich folgte, sondern seine schmerzenden Waden rieb,
duckte sich Maikka auf den Boden und machte sich klein, ganz klein, zu
einem Hufchen.

Wie ein spielendes Mdchen rief sie neckisch: -- Allahopp, Fox, ber mich
hinber! Eins, zwei -- drei!

Und wahrhaftig, die zwingende Gewalt ihres Auges, ihrer Stimme und Stellung
war so gro, da Grege einen Anlauf nahm und ber das kauernde Weib
hinwegsetzte. Seine Fufohlen streiften ein wenig ihre elektrischen Haare.

Sie sprang auf, klatschte in die Hnde: -- Himmlisch! Aber jetzt mssen wir
ernsthafte Leute sein und wieder vernnftig reden. Hast Du mich lieb,
Grege?

-- Ist das vernnftig geredet?

-- Enorm, wenn Du ja sagst.

Da eilte mit hochgeschwungenem Schwanze ein rothes Ktzchen ber den Weg,
eine piepsende Maus im Mulchen.

-- Ah, siehst Du, Grege, die war auch an der Arbeit.

-- Und wir schlagen die Zeit mit Spielereien todt.

-- Sie verdient's nicht besser. Ich habe Freistunde. Und Du lernst doch was
unterwegs, Du dummer Mensch, nicht? Mach' die Augen auf, jetzt wird's
interessant.

Und voll unerschpflichem Uebermuth griff sie ihm am Nacken hinauf und
packte seinen Kopf und drckte ihn nach links.

-- Was ist das dort, Grege?

-- Ein Haus.

-- Gut geantwortet. Ein Haus. Und was hat das Haus?

-- Ein Dach, Fenster, eine Thr.

-- Sehr gut geantwortet. Und zur Thr treten wir ein.

-- Durch die Thr, Maikka, nicht zur Thr.

-- Himmel, macht der Schler Fortschritte. Jetzt ist er schon ber seinen
Meister und korrigirt ihn.

-- Nicht Meister, Meisterin, mit Verlaub.

-- Wer sagt Dir, Grege, da ich eine Meisterin bin, also ein Weib? Bin ich
denn ein Weib? Was weit Du vom Weibe? Dann mtest Du ja ein Mann sein!
Bist Du ein Mann? Dann mtest Du ja das Weib lieben! Und Du liebst mich ja
nicht. Also!

-- Das ist eine tolle Geschichte, murmelte er erhitzt.

-- Nein, das ist keine tolle Geschichte, das ist ein logischer Schlu, Du
verzauberter Prinz aus Mrchenland.

Und sie schritt hart an seiner Seite und drngte ihn mit einem Druck, ihrer
Schulter links vom Pfad in einen langen Gang von wilden Weinranken, der
gerad auf das Haus zufhrte. Sie hielt pltzlich vor Grege still und
hauchte in fieberhafter Erregung, athemlos: -- Gieb mir einen Ku. Ich
verdurste.

Und er kte sie auf die duftigen Haare und auf die Stirn.

Sie aber schlang sich an seinem Krper in die Hhe, suchte seinen Mund mit
ihren Lippen und saugte sich daran fest.

In jher Leidenschaft loderte Greges Blut. Er prete Maikka, da sie
aufschrie und zu Boden fiel, wie er pltzlich die Arme ffnete.

Als er sich den Mund wischte, fand sich Blut an seinen Hnden, an der
Stelle von Jalas Stern.

-- Du bist eine Wilde, knirschte er.

-- Du bist ein, Starker, sthnte sie am Boden. Ich frchte, Du hast mir weh
gethan.

-- Wer wohnt in dem Hause?

-- Niemand auer Ingeborg, meiner Gromutter. Willst Du sie kennen lernen?
Dann komm! Heb' mich auf, ich bitte Dich.

Er nahm sie auf seine Arme und trug sie wie ein Kind, festen Schritts durch
die Laube ber die Schwelle. Da stellte er sie nieder.

Die Thr war offen. Niemand in der Wohnung. Die Stube ganz einfach, sauber
und behaglich, wie in Erwartung lieber Gste. Durch die Fenster ein Blick
wie ins Paradies. An den Wnden ein paar seltsame alte Bilder und Uhren,
auf dem Sims altes, blaues Porzellan und mattglnzende Zinngefe. Ueber
einem groen, tiefen, lederbezogenen Lehnstuhl ragte das Bild einer
gravittischen alten Dame, mit einer wunderbaren groen Haube von
blendendem Wei.

-- Das ist Gromutter. Das Bild ist von mir gemalt. Gefllt es Dir? Ich
werde Dich auch malen.

-- Aber nicht so.

-- Nein, du bekommst keine Haube. Du bekommst einen Flgelhelm. Nun setz'
Dich in den Grovaterstuhl und raste, Du Starker. Hast Du Hunger?

Er bejahte und verneinte zugleich.

-- Der Mundvorrath wird knapp sein, lchelte sie mit stechend glnzenden
Augen, die immer grer zu werden schienen, als wollten sie ihn
verschlingen.

-- Der Mundvorrath, was ist das? fragte Grege.

Und Maikka warf sich ber ihn und schlpfte frmlich in ihn hinein und
kte ihn, als wollte sie ihm die Seele aus dem Leibe kssen.

Und Grege lie sie gewhren.

Denn sie gehabte sich, als sei auer ihr und Grege jetzt Niemand auf der
Welt.

Auer dem berauschend sen Duft der Blumen, der vom Garten durch Thr und
Fenster fluthete, schien wirklich in diesem Augenblick nichts Lebendiges da
zu sein. Und wie eine immer dichtere Wolke von Wohlgerchen umhllte der
Athem der tausend Blumen das einzige Menschenpaar, da es aus seliger
Betubung kaum mehr erwachte.

Als das Irdische wieder sein Recht forderte und die Seligen aus dem Himmel
wieder zurck auf die Erde kamen, etwas ermdet von der weiten Reise durch
den Aether, fanden sie sich immer noch allein in der Stube.

-- Ich erinnere mich jetzt, Gromutter Ingeborg ist zu dieser Zeit nie
daheim, wenn sie wohl ist. Und die Glckliche ist nie unwohl. Nun will ich
die Wirthin machen.

Maikka verlie die Stube und kam mit einem Krug Milch und einem groen
Pfefferkuchen zurck.

-- Hier, Grege, lass' Dich erquicken. Ich bin schon lange nicht mehr so
glcklich gewesen. Und Du?

Grege schttelte mit irrem Lcheln den Kopf, dann nahm er aus Maikkas
Hnden den Krug und that einen tiefen Zug.

                                * * *






Die Reise an den Fjord mute verschoben werden. Das Wetter verbot jeden
greren Ausflug. Seit einer Woche war die Luft voll Ungewitter und Strme,
die kaum ausgerast, sich stets neu zu gebren schienen in berschumender
elementarer Gewalt.

Grege versuchte, da er die meiste Zeit in Maikkas Bibliothek zubrachte,
einmal systematischen Studien in der Vlkerkunde obzuliegen. Es wollte ihm
nicht gelingen. Die Sammlung fehlte, die Konzentration der Gedanken, die
allein zu einem eindringenden Verstndni den Weg bahnen kann und mit dem
Verstndni die Lust am wachsenden Schatz der Erkenntni rege erhlt. Grege
fluchte oft auf Teuta, das in seinem versteinerten Bildungswesen aller
wirksamen Mittel sich beraubte, dem jungen Volk den Sinn fr wahre
wissenschaftliche Anstrengung zu schrfen. Wieviele unschtzbar werthvolle
Jugendjahre mute er daheim vergeuden, um das todte Zeug sich einzupauken,
das der blinde Autorittsfanatismus der Schulgewalthaber von Staatswegen
als alleinwissenswrdig verordnet. Jetzt erst ging ihm ein Licht auf ber
die Geistesnacht, die in Teuta Jung und Alt gefangen hielt. Daheim fhlte
er, wie viele seiner begabteren Jugendfreunde, sich nur unbefriedigt von
dem gelehrten Quark, der sich nicht verdauen lassen wollte, der schwer und
wst blieb, trotz aller mechanischen Einordnungsspiele, und sich nie in
gesunden, krftigenden Lebenssaft verwandelte. Doch ber die Ahnung, da
das nicht das Rechte sei, da es Besseres, Gesnderes, Neueres,
Frhlicheres geben msse, konnte er nicht hinaus kommen. Jede Sehnsucht
nach dem sonnigen Leben frischer Erkenntni wurde dem jungen Volke mit der
pfiffigen Formel ausgeredet: Das Alte ist das Bewhrte, das Neue ist das
Gefhrliche, wir sind mit dem Alten das erste Bildungsreich der Welt
geworden, also haltet Euch an unserer Autoritt, Ihr werdet den Segen der
berlieferten Kulturideale und Kulturschtze schon noch an Euch verspren,
auch wenn sich Euer unreifes Gefhl jetzt dagegen wehrt; Ihr mt Euch auf
denselben Wegen vorwrtsarbeiten, auf denen wir in die Hhe gekommen sind,
alle anderen Wege sind verderblich fr Ordnung, Zucht und Sitte, fr den
Bestand des Staates, der fr einen richtigen Teutamann das Theuerste sein
mu auf der Welt. So will's unsere Weisheit, denn sie ist auf die tiefste
Einsicht in die Naturnothwendigkeit aller Dinge gegrndet. Will das Ei
klger sein als Henne und Hahn?

Gluckgluckgluck, zippzippzipp --

Und Grege schlug das Buch zu und lachte zornig auf, wenn er an die
anmaliche Frechheit und lebensmrderische Aufschneiderei seiner
Teuta-Autoritten gedachte. Na, auch diese Ilios wird strzen.

-- Du lachst aber komisch, Grege, rief Maikka, die in der Nhe sa und
emsig ihren nchsten Vortrag vorbereitete.

-- Ein Wunder. Wenn Du meinen verwsteten, verdeten Kopf httest, Du
wrdest noch Anderes thun.

-- Gewi wrde ich das. Ich wrde ihn wieder herzurichten und urbar zu
machen suchen. Ich wrde die Wstenei langsam, langsam, aber beharrlich in
Fruchtland verwandeln. Zeit lassen! Du bist noch so jung, Grege! Du wirst
Deine Welt noch erobern, glaube mir!

Ja, er glaubte ihr. So lange er sie vor sich hatte wenigstens, so leib- und
geistesmchtig, so willensstark, so unerschtterlich selbststndig. In
ihrer unmittelbaren Atmosphre da lebte und brodelte Alles, und war doch
voll reifer Klarheit und lachendem Sonnenschein. Aller Verstandesbesitz war
ihr zugleich Gefhlsbesitz. Da lag nichts fremd auseinander. Da quoll Alles
brunnentief und vollkommen frisch und unmittelbar, gesund und natrlich aus
einem innerlichen Zentrum, aus einem berreichen Kernpunkt.

Und wer von ihrer magnetischen Anziehungskraft berhrt wird, der kommt
nimmer los.

-- Nimmer los? rief's wie ein fernes, mdes Echo in seiner Brust.

Und wer von dem geheimnivollen Duft ihres Blutes genossen hat, dem wallt
das eigene Blut in seltsamer Leidenschaft und wilder Begeisterung, und es
ist, als wchsen ihm Zauberflgel an den Schultern, und kann doch sich
nicht aufschwingen und in seiner eigenen Hhe schweben und fliehen wohin er
mag. Sie befreit und lhmt zugleich.

-- Befreit und lhmt zugleich? rief wieder das Echo, noch ferner und mder.

Aber da klang Maikkas Stimme, und obwohl er abgewandt sa, glaubte er doch
zugleich ihre Blicke in seinem Auge und Gehirn zu spren.

-- Was sagtest Du, Meisterin?

-- Ich sagte, Du solltest Geduld haben. Das Wissen ist wie das unendliche
Meer. Nur ein trumendes Kind whnt, es in der Eile und mit der hohlen Hand
ausschpfen zu knnen. Das merke Dir, wer einmal von diesem Wasser
getrunken, den wird ewig drsten.

-- Und was arbeitest Du jetzt?

-- Ach, ich bohre auch hartes Holz. Hast Du schon von der Gesteinsbildung
durch Pflanzen gehrt?

Grege wiederholte sich leise die Frage. Nein, er erinnerte sich nicht,
davon gehrt oder darber nachgedacht zu haben.

-- Aber von der Gesteinsbildung, oder der bedeutenden Betheiligung an ihr
durch die Thierwelt wirst Du gehrt haben? Auch davon nicht?

-- Ist das etwas Mechanisches? Etwas was unser Teuta-Oberphysikus
nachtpfeln knnte?

Maikka lachte kurz und schrieb weiter.

-- Liebe Meisterin, wenn's nichts Mechanisches ist, kannst es nicht von mir
verlangen. In Teuta lehrt man nur das Mechanische.

-- Unsinn. Du bist jetzt in Nordika.

-- Gut. Also wie ist's damit? Mit der Gesteinsbildung durch Thiere
zunchst!

Maikka legte den Stift in das Buch und streckte die Arme aus, die ihr ein
wenig steif geworden waren.

-- Hast Du noch nicht darber nachgedacht, wie zum Beispiel die ragenden
Kreidefelsen an der Kste der Angelos oder die Dolomitenfelsen in den Alpen
oder gewisse Inseln im stillen Ozean entstanden sind?

-- Ich bitte Dich, wie soll ich darber nachdenken, da ich das Alles noch
niemals gesehen habe, niemals dort gewesen bin?

Maikka schttelte den Kopf, halb rgerlich, halb mitleidig.

-- Du bist ein groes Kind, Grege. Hast Du denn wenigstens nicht
Abbildungen davon gesehen?

-- Gestatte, da ich verneine.

Sie schnellte von ihrem Sitze auf, entnahm aus einem Schrank einen riesigen
Folianten und legte ihn vor Grege auf die Tafel.

-- Such' Dir selbst das Nthige auf, ich habe jetzt wenig Zeit. Den
ursprnglichen Baustoff zu den Dolomiten in den Alpen haben kalkabsondernde
Seethiere geliefert, die Inseln im stillen Ozean wurden von Korallenthieren
gebaut, und die Ksten der Angelos bestehen zum grten Theil aus den
Kalkgehusen der mikroskopischen Foraminiferen.

-- Foramif -- --?

-- Foraminiferen, Urthiere, die mit den bloen Auge nicht wahrzunehmen
sind.

-- Gut, schn, groartig. Aber ich wei nicht, ob ich mir diesen werthen
Namen der unsichtbaren Kalklieferanten der Angelos jemals werde merken
knnen. Schadet nicht. Es gengt mir, da Du ihn weit. Ich glaube Dir
auf's Wort. Wie ist's nun mit den Pflanzen?

Maikka lief, turnerische Bewegungen beim Sprechen ausfhrend, zwischen den
Bchergestellen hin und her.

-- Da auch die Pflanzenwelt am Aufbau der Erde wacker mit gearbeitet, wird
Dir einleuchten.

-- Leuchtet mir ein, natrlich. Man konnte den armen kleinen Thieren diese
Arbeit nicht allein aufhalsen. Weiter im Text, Meisterin!

-- Du weit doch Etwas von den Bergwerken?

-- Na und ob! Unser Teutavolk wohnt zu Dreiviertheilen unter der Erde in
den Riesenrumen der ehemaligen Bergwerke des zweiten Jahrtausends und zu
einem Viertheil zwischen den kolossalen Schuttbergen, welche die alten
Bergwerksvlker ber der Erde aufgeschichtet. Das waren die unsichtbaren
Bauthiere unseres Landes.

-- Htten sie die Lcher lieber wieder mit den Schuttbergen ausgefllt, das
wre fr euch Teutamenschen heilvoller gewesen. Solchen feigen
Erdschlupfern mu man den Boden zuschtten, damit sie zu ihrer besseren
Natur gezwungen werden.

-- Dagegen wende ich nichts ein, Maikka. Aber es war nun einmal das
Schicksal des allzeit tiefsinnigen Teutavolks, in der Noth der Zeiten --
vergi das nicht! -- sich in die Tiefen der Erde zu flchten. Spter, wie's
immer geschieht, bleibt man im schtzenden, warmen Loch hocken und macht
sich aus der Noth eine Tugend und rechtfertigt sie mit der Staatsweisheit.
Fatal, aber unvermeidlich.

-- Hinter diese Unvermeidlichkeit erlaube ich mir ein Fragezeichen zu
setzen. Bei einiger Ueberlegung und Energie htte der Schlupfwinkel in der
Noth nicht auch der letzte Zufluchtsort in der guten Zeit bleiben mssen.

-- Die Macht der Anpassung, der Gewohnheit, Maikka!

-- Auf die sich alle historischen Faulpelze hinausreden. Der neue Geist
baut sich einen neuen Krper und schafft sich neue Wohnsttten.

-- Wir hatten eben keinen neuen Geist.

-- Das ist wahr, den hattet ihr in Teuta niemals.

-- Siehst Du, jetzt zanken wir uns schon wieder. Es ist komisch, wir knnen
keine zehn Worte wissenschaftlich miteinander reden, geht der Zank los.
Ach, Maikka --

-- Das nennt man nicht zanken, in der Wissenschaft, sondern opponiren.

-- Danke, Meisterin! Fahre jetzt mit den Pflanzen fort, ich werde Dir nicht
einmal opponiren. Ich sitze still und spitze die Ohren.

-- Das sollst Du auch nicht, Grege.

-- Was soll ich denn? rief er jetzt in komischer Verzweiflung und sprang
von seinem Sitz.

Maikka schob seinen Arm in den ihrigen.

-- Das sollst Du: Mit mir spazieren. Da spricht und hrt sich's
gemthlicher.

Und nun schritten sie selbander den Saal ab, Arm in Arm, Meisterin und
Schler. Und um grere Flche zur Verfgung zu haben, ffnete Maikka einen
zweiten und dritten Saal, und im taktmigen Gehen bte die kluge Meisterin
laut dozirend ihren nchsten Schulvortrag ein, mit dem erwnschten Genu,
im Probehrer zugleich einen geliebten Menschen in warmer Fhlung zu haben.
Drauen klatschte der Regen unablssig und erkltend an die Scheiben, so
da sie sich innen mit feuchtem Hauch berzogen.

Ab und zu warf Grege ein bewunderndes Wort dazwischen, dann drckte die
Sprecherin seinen Arm mit besonderer Innigkeit.

-- Algen? Groartig!

-- Ja, es sind fast ausnahmslos Algen, die in dieser Weise bei der
Aufspeicherung der Kalkstein-Vorrathskammern thtig gewesen sind. Sie sind
Gesteinsbildner ersten Ranges. Lange haben die Naturforscher geschwankt, ob
sie die Algen zu den Thieren oder zu den Pflanzen stellen sollen.

-- Die Naturforscher! lchelte Grege.

-- Sie leben im Meere . . .

-- Die Naturforscher?

-- Die Algen leben im Meere, besonders auf den Korallenriffen und gleichen
uerlich Polypen-Stcken, da ihr ganzer Krper mit einer Kalkschicht
bedeckt ist und steinhart erscheint. Diese Korallen-Algen, von den ltesten
Naturforschern, am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts noch, Nulliporen
genannt, haben in frheren Zeiten der Entwicklung unserer Erde mchtige
Gesteinsschichten aufgebaut. Vor hundert Jahren noch hat man bei
Ausgrabungen in den Ruinen von Paris ungeheure Massen von Baustein
gefunden, der aus Foraminiferen-Schlchen gebildet ist, whrend man in den
Ruinen von Wien hauptschlich Bausteine fand, die aus den Gersten von
Kalkalgen gewachsen sind.

-- Und in den Ruinen von Berlin? fragte Grege dazwischen.

-- Dort liegt das Meiste noch unberhrt. Aeltere Ausgraber, namentlich
amerikanische Archologen, versicherten, die Arbeit lohne zu wenig, da man
bislang noch nichts eigenartig Werthvolles gefunden. Eine andere Gruppe von
Algen bilden die Erbauer des Travertins, jenes Kalkgesteins, aus dem die
ungeheuren Bauten des altklassischen Roms und zum Theil auch des
ppstlichen Roms errichtet sind. Hier sind die Ausgrabungen nicht wieder
aufgenommen worden, seit die Ppste unter dem Pontifex Nathanael Rothschild
IX. Europa verlassen und die letzten Reste des Vatikanismus nach Amerika
gerettet haben. Denn auch die Nebenppste in Konstantinopel und Sevilla
haben damals, ihres unersprielichen Wirkens mde, den europischen Staub
von ihren Pantoffeln geschttelt, und haben ihre Statthalterei ber den
Ozean getragen, nach Sdamerika und Australien.

-- Was ich ihnen nicht verdenke, meinte Grege still fr sich.

-- Die groartigsten Bildungen dieser Algenart, aus der Gruppe der . . .
der . . . Schizophyceen, finden sich in Amerika. Unter den heien Quellen
des Yellowstone-Parks haben die Mammuthsprings gewaltige Travertinmassen
abgesetzt, die eine Ausdehnung von ber zwei Quadratmeilen und eine Hhe
von einigen tausend Fu erreichen. Auf dem glnzenden Wei der ungeheueren
Travertin-Terrassen heben sich gelbe und rothe, grne und braune Streifen
und Flecken in Menge ab und zeigen den Lauf des herabrinnenden Wassers. Es
sind die Anzeichen eines ppigen Algenwuchses, der je nach der Temperatur
des Wassers bald diese, bald jene Farbe zeigt. So erscheinen bei 65 Grad
nur weie Algen, die in der Regel mit seidenglnzendem Schwefel bedeckt
sind, bei etwas geringerer Temperatur stellen sich grne Farben ein, bei
noch geringerer Wrme kommen die rothen und orangefarbigen und in den
khlsten Becken sind sie olivenbraun.

-- Das mu ja prachtvoll aussehen, rief Grege und blickte schwrmerisch auf
die gelehrte Meisterin, die unermdlich weiter dozirte.

Sie kam noch auf die Betheiligung der Moose bei der Sinterbildung, auf die
kieselschaaligen, mikroskopischen Bazillarien, auf die Infusorienerde und
vieles Andere zu sprechen.

Endlich brach sie ab. Grege war schon lange vor ihr ermdet und vermochte
ihren Ausfhrungen nicht mehr zu folgen. Aber er fand begeisterte Worte,
ihr seine Bewunderung auszusprechen. Wie ein Mensch nur das Alles im Kopf
behalten und so anschaulich wiedergeben knne!

Aber jetzt mge er zur Abwechslung etwas Anderes hren, etwas Ungelehrtes,
Unwissenschaftliches, gestand er ihr. Etwas Drolliges und Phantastisches,
sonst halte sein Gehirn nicht mehr aus. Es brumme frmlich in seinem Kopf.

-- Ganz nach Prinzenart! spottete Maikka. Und ich bffle mit Vergngen noch
eine halbe Stunde an der Ausarbeitung meines Vortrages.

-- Ja Du, ein Weib!

-- Warte, fr diese Artigkeit sollst Du eine Extrabelohnung haben.

Grege spitzte schon den Mund und warf sich in Positur.

Aber er hatte sich diesmal verrechnet.

Maikka war an den Schrank geeilt, der ihre bibliographischen Raritten und
Kostbarkeiten enthielt.

Sie schleppte eine mchtige Kupferstichmappe herbei.

Grege nahm ein altes, vergilbtes Blatt heraus, besah es nachdenklich.

Ein nacktes Weib, knieend, die Hnde vor das Gesicht geschlagen, vor sich
das weite, stille Meer. Heies Sonnenlicht. Ein starres Schweigen im Himmel
und auf Erden. Ein erschtterndes Alleinsein des Endlichen mit dem
Unendlichen. Ein verzweifeltes Fragespiel. Als Schluruf: Was gehen wir uns
an, was haben wir miteinander zu schaffen? Nein, Grege wollte jetzt nicht
an Jala denken. Jetzt nicht. Er ertrge es nicht.

-- Viel zu ernst, klagte er und reichte das Blatt Maikka, die ihm ber die
Schulter sah.

-- Barbar! Ein Max Klinger aus dem neunzehnten Jahrhundert. Seine
wohlgezhlten elf Jahrhunderte alt und so frisch und schn in seiner
Empfindung, wie der junge Tag. Ein Blatt, so werthvoll wie ein
Mrchenschatz Indiens: An die Schnheit. Und Dir viel zu ernst? Gut, ich
wei Dir Passenderes.

Wieder eilte sie an den Schrank, der ihre bibliographischen Raritten und
Kostbarkeiten enthielt.

Diesmal brachte sie einen mig starken Band, in Leder gebunden, arg von
der Zeit mitgenommen, und schlug ihn mit feierlicher Miene wie ein Buch
voll schauerlich geheimnivoller Beschwrungen vor Grege auf.

-- Kniee nieder, Barbar aus Teuta, und falte die Hnde wie die alten
Glubigen zum Gebet!

Es war der letzte Band der Fliegenden Bltter aus dem Jahre 2001,
Jubilumsausgabe, das Einzige, was von deutschen Zeitschriften fr die
Nachwelt brig geblieben.

An der Thr erschien eine Dienerin mit der Meldung, da der Aelteste des
Bezirks bereit sei, Grege zu empfangen und ihn auf dem Rathhaus erwarte.

Maikka lchelte triumphirend, denn sie hatte hinter dem Rcken Greges die
Sache eingefdelt.

Grege lchelte befriedigt, denn er hatte hinter dem Rcken Maikkas um den
Empfang nachgesucht.

So hatten beide Theile einen vergngten Tag.

                                * * *






Die Dienerin hatte Grege einen groen braunen Mantel und einen
breitkrmpigen, weichen, braunen Filzhut gereicht. Ob er statt der Sandalen
vielleicht Schuhe wnsche? Ja. So brachte sie auch ein Paar bequeme Schuhe
und nahm ihm die Sandalen ab.

Grege machte sich auf den Weg. Der Regen hatte nachgelassen. Die Luft war
angenehm, aber fr Greges Empfinden, nach dem langen Aufenthalt im
geschlossenen Bibliotheksaal, zu wenig warm. Er zog sich den Mantel dicht
um den Leib, hllte auch die Arme darein.

Maikka wischte den Wasserdunst von der Fensterscheibe und blickte Grege
nach.

-- Odin als Wanderer. Er ist jnger und elastischer, dabei doch mnnlicher
geworden. Seit er von Freyas Aepfeln genossen . . .

Und sie setzte sich stillvergngt wieder an ihre Arbeit, nachdem sie die
kostbaren Werke von Greges Tisch genommen und sorglich in den Schrank
geschlossen.

Der zwischen den verziehenden Wolken sanft hervorblauende Himmel hellte
auch die Scheiben auf, deren Dunstbelag in raschen Rinnen abtropfte.

Der ernste Saal mit seinen etwas einfrmigen Bchergestellen und Schrnken,
Tischen und Pulten gewann im wachsenden Licht eine heitere Stimmung, wie
von freundlichen Geistern durchleuchtet. Es war wie ein erleichtertes
Aufathmen nach dem Druck der trben Elemente, die whrend des langen
Regnens auf der Erde gelastet und ihre harten Schatten auch in diese lichte
Sttte der Erkenntni und Aufklrung geworfen.

Maikka legte ab und zu den Stift weg und rieb sich die Hnde. Sie war sehr
zufrieden. Die Arbeit schmeckte ihr vortrefflich.

Grege machte manchen Umweg. Zufllig kam er an Gromutter Ingeborgs
Gartenhaus vorber, das nicht auf der geraden Linie zum Rathhaus lag.
Heller, etwas zitteriger und gebrochener Gesang klingt heraus. Gromutter
Ingeborg singt. Sie ist also daheim, das Herz ist ihr voll und sie strmt
den Ueberflu in Tnen aus. Das Glck wohnt in dem Haus. Grege lchelte und
schickte ihm einen eiligen Gru hinein. Grege grt das Glck. Wie das
klingt, und wie ist es wahr!

Der Gedanke: Grege grt das Glck! schwellte seine Brust und beflgelte
seine Schritte. Wie reich und schn ist das Leben in Nordikas Freiheit, wie
licht und leicht. Sogar die Wissenschaft, die Gesteinskunde . . .

Ein Trupp Mdchen geht an ihm vorber, plaudernd, unbefangen. Von einem
Altan sieht ein Mann herab. Auf einer stattlichen Birke schttelt sich ein
Vogel das Wasser aus dem Gefieder. Ein Hahn sitzt auf dem Zaun und dreht
den Kopf so, da ihm die pltzlich hervorleuchtende Sonne gerade durch den
rothen Kamm scheint.

Dort ist das Rathhaus.

Ein Gebude wie ein anderes, nur grer, nur reicher bemalt in Braun und
Grn, und mit Sinnbildern und Schildereien auf den weien Wandflchen
zwischen den Balken des oberen Stocks. Der untere Stock ist Steinbau.

Das Thor steht offen, Grege steigt eine Treppe hinauf. Er schlgt den
Mantel auseinander und nimmt den Hut ab. Es ist ihm fast ein wenig zu warm
geworden. Er betritt den Raum, wo offenbar Versammlungen abgehalten werden.
Keinerlei Einrichtungsgegenstnde. Nur umlaufende Bnke an den Wnden,
diese licht getfelt, die Decke blau gemalt.

Grege wendet sich einem breiten Wandelgang zu, an dessen Ende eine Thr
einladend offen steht.

Ein alter Herr tritt ihm entgegen, ein Herr, eine wirkliche Hoheit (o
Teuta!), kein gewhnlicher Durchschnittsmann. Er ist wohl achtzig- oder
neunzigjhrig, seine hohe Gestalt ein wenig gebeugt, sein dunkelblauer,
mantelartiger Anzug sitzt lose auf ihm, langes, weies, lockiges Haar wallt
auf seine Schultern. Grege erinnerte sich nicht, je in ein wrdevolleres
und zugleich freundlicheres und gtigeres Greisenantlitz geblickt zu haben.
Seine Wangen sind zwar gefurcht, aber von lebendiger Frbung, aus seinen
blaugrauen Augen, von mchtigen weien Brauen berbuscht, leuchtet
Mnnlichkeit und Wohlwollen zugleich. Ein patriarchalischer Herr. Klarheit
und Entschiedenheit thronen auf seiner Stirn.

Mit hflicher Handbewegung grt er Grege und ladet ihn zum Nhertreten
ein.

Nun sitzen sie in einem dunkelgetfelten, behaglichen Gemach auf
Lederpolstersthlen einander gegenber. Durch die beiden mig groen
Fenster sieht Grege auf grne Baumwipfel, beregnet und besonnt, die
Wassertropfen wie glnzende Kugelperlen an den Blattrndern.

Der Patriarch lchelt: -- Ich bin der Aelteste dieses Landschafts-Bezirks
und heie Dich willkommen. Du bist Grege?

-- Grege aus Teuta.

-- Du bist uns vom Himmel gefallen, Maikka hat mir's erzhlt, unsere brave
Meisterin.

-- Ja, ich danke ihr viel.

Grege fhlt sein Herz strker klopfen. Also hat sie schon von ihm
berichtet?

-- Du hast Seltsames erlebt. Du kannst Dich in Nordika vom Ungemach Deiner
Reise erholen. Es ist uns interessant, einen jungen Mann aus Teuta zu
sehen. Das ereignet sich nicht oft. Ich habe mir die Leute dort nicht so
stattlich gedacht. Du bist der Erste aus Teuta, den ich sehe und spreche,
und bin kein Jngling mehr. Blht Dein Land?

Grege lchelte ein wenig zweifelhaft.

-- Euer Wesen hat viel Merkwrdiges und Abgeschlossenes. Aus den Berichten
habe ich Mancherlei gelesen, das mir unverstndlich geblieben. Von ganz
fremdartigen Ansichten und Einrichtungen.

-- Das wird wohl sein. Die groen Nthe und Wechselflle unserer frheren
Geschichte . . .

-- Nun, wir in Nordika haben auch nicht immer Blthenzeiten gehabt. Kannst
Du mir sagen, wie Euer groes Gemeinwesen verwaltet wird?

Grege kratzte sich hinter den Ohren und fhlte, da er jetzt ein feierlich
verlegenes, fast dummes Gesicht mache.

-- Wie kann ich das wissen? Das ist eigentlich ein Geheimni. Wie das
Meiste, was unseren Staat und seine Einrichtungen betrifft.

-- Sogar fr Euch Teutaleute selbst?

-- Wir haben viele und verwickelte Traditionen. Es ist ein Mechanismus, in
welchem nur Diejenigen Bescheid wissen, die durch Wahl zugelassen werden
und sich dann eingehend damit beschftigen. Wir Anderen nehmen es auf Treu
und Glauben.

-- Und freut Euch der Ordnung. Und seid stolz auf Euer friedliches Glck.

-- O, nicht immer. Von meinen Altersgenossen wei ich manche unzufrieden,
und ich vermuthe, da auch unter dem lteren Volk Viele mit Vielem nicht
einverstanden sind. Aber die Tradition, die Gewohnheit, der Glaube an die
Nothwendigkeit, da, wie es ist, fr Teuta vernnftig und ntzlich ist,
lt nichts aufkommen. Dann die Eigenthmlichkeit des Verkehrs
untereinander, der eben kein Verkehr, sondern eine stetige Absonderung von
Mann zu Mann, von Geschlecht zu Geschlecht, von Altersstufe zu Altersstufe
ist und zur Grundlage die Spherschaft hat, so da Keiner dem Andern so
recht von Herzen traut. Wer an die Majestt des Staates rhrt, ist ein
verlorener Mann, er ist vollkommen isolirt und fllt aus dem Schutze der
ehrbaren Meinung.

-- Habt Ihr viele Gesetze?

-- O, o, ein ganzes Netzwerk von Gesetzen, darein wir uns seit
Jahrhunderten verstrickt haben. Da ist gar nicht mehr herauszukommen. Alles
ist bei uns Gesetz und Regel. Unser Volk wei gar nicht anders. Es steckt
blind darin, wie in einer zweiten Natur. Und unsere Obersten sind die
Hter, da an dieser zweiten Natur ja sich nichts verndere, da sie wie
eine Kruste uns umkleide, ohne Ritzen und Sprnge.

-- Seltsames Volk seid Ihr. Da Ihr so weiterlebt in dieser Haft, ist
erstaunlich, blo naturgeschichtlich angesehen. In der Wissenschaft von der
Regierung galt seit alten Zeiten, seit den Rmern der Satz: Das Verderben
des Staates sind die Gesetze. Besonders jene Gesetze, welche neben einem
ausgesprochenen Zwecke noch unausgesprochene Absichten verfolgen. Aber da
mu jedes Volk selbst zusehen. Selbst ist das Volk.

-- Wie ist das hier in Nordika geschehen, da es sich so frei und schn
entwickelte?

-- Unsere Vorfahren der letzten Jahrhunderte haben fleiig probirt, in
jeder Landschaft anders. Bis sie das Zweckmige gefunden. Als Fertiges ist
ihnen nichts in den Schoo gefallen. Da will ich Dir ein Beispiel erzhlen.
Nicht von dieser Landschaft, sondern einer weiter nach Norden gelegenen. Da
hat vor ungefhr hundert Jahren ein gewisser Holger die Gegend
gesellschaftlich organisirt, als der Anarchismus anfing, den Leuten alle
Freude zu nehmen. Grundsatz war sittsames Leben, warme Herzlichkeit,
einfache Kost, schlichte Gewandung. Wer sich dazu verpflichten wollte,
konnte mitarbeiten, wer nicht, mochte sehen, wie er sich weiter brchte. Es
war eine winzig kleine, bald verschwindende Zahl, die nicht mitthun mochte.
Aller Besitz war selbstverstndlich gemeinsam. Jeder mute seine
individuellen Wnsche dem Gemeinwohle unterordnen. Das war nicht schwierig,
unter Gemeinwohl verstand man nichts Hinterlistiges. Um ihre Geisteskrfte
zu strken, gaben die Volksgenossen das Eheleben auch in der bescheidensten
Form auf. Alles war gemeinsam, aber mit Ausschlu jeden Zwangs auf die
Gefhle, kein Mann konnte ein Weib, kein Weib einen Mann zu seiner Lust
zwingen. Die gemeinsame Verwaltung der Bedrfnisse wurde mit Klugheit und
Sparsamkeit geordnet. Die gemeinsame Regierung trat nur in
auerordentlichen Fllen in Gestalt einer allgemeinen Versammlung zusammen,
der Aelteste war der Vorstand, jedes Mitglied der Versammlung hatte Stimme,
die besten Kpfe gaben den Ton, die Dummen wurden niedergelacht. Als die
Genossenschaft in ihrer Blthezeit stand, machte Einer, vielleicht ein
Witzbold, den Vorschlag, dem Volke vorzuschreiben, was ein Jeder essen,
anziehen, wann er zu Bett gehen und aufstehen, wie er gren sollte und
dergleichen Kindereien. Es mgen wohl kleine Unzweckmigkeiten vorgekommen
sein, aber dieser Vorschlag war doch nicht gut. Er wurde jedoch nicht
niedergelacht, wie sich's geziemt htte, sondern angenommen. Und von da ab
war die Freude nur noch von kurzer Dauer. Man brauchte Aufpasser, die
feststellten, ob Einer Schlag neun Uhr zu Bett gegangen und Schlag sechs
aufgestanden, ob in der Nacht die Thren vorschriftsmig geschlossen, ob
keiner bei der Arbeit ein Werkzeug muthwillig verdorben. Kurz, in
Holgersland war die Freude weg. Es gab Vorhalte, Strafpredigten,
Verstimmungen, Feindschaften. Da kam einmal harte Wintersnoth in's Land,
die Schutz- und Nhrmittel reichten nicht. Die Leute muten bei den
sdlichen Nachbarn Hilfe ansprechen. Unter denen war ein starker Mann, der
sagte nein, wir geben ihnen nichts, bis sie ihre Dummheit abthun. Was
geschah nun? Die Nachbar-Genossenschaften tauschten erst ihre Meinungen und
dann erst dauernde Hilfe aus, und so entstand schlielich ein Bund zwischen
ihnen mit einem verbesserten Verwaltungs- und Regierungssystem. So ging's
weiter. Eine Landschaft borgte von der andern und lernte von der andern,
sie verbndeten sich und bekamen immer zweckmigere Ordnung. In dem Maae
wie sie gesicherter und strker wurden, wuchs ihre Freiheit und Freude. Was
die Einen probirten und ihnen einschlug, nahmen die Andern an, was
fehlschlug, lieen auch die Andern bleiben. Auf diesem Wege sind wir zu
unserm heutigen Nordika mit den guten Zustnden gekommen.

Der Patriarch bat um Entschuldigung, da er so lange gesprochen, das Alter
mache nun einmal redselig.

Grege dankte fr das Gehrte. In Teuta sei die Sache freilich nicht so
gegangen. Und jetzt sei sie wohl auch nicht mehr so zu machen. Grund und
Boden sei von anderer Art und die Menschen auch. Ein Unglck geradezu sei
es, da sie in so dichten Massen beisammen hockten und sich nicht von
einander loszulsen und sich weit herum im Lande auszubreiten wagten. Alles
Land weit um Teuta herum sei Wstenei, die Wlder verschwunden, die Flsse
versumpft, von Garten- und Feldbau nicht im Traum zu reden. Die Teutaleute
htten keinen Muth und keine Fhigkeit dazu, obwohl sie von den vor tausend
Jahren strksten deutschen Vlkerschaften stammten, die im einstigen Reich,
das von der Nordsee bis an die Alpen ging, die oberste Fhrung hatten in
allen Dingen. Die Teutaleute htten aus dem Zusammenbruche der sogenannten
europischen Kulturstaaten nur Trmmer gerettet und diese allerdings zu
einer eigenartigen Kultur ausgebaut, aber seines Lebens werde man dabei
nicht froh.

-- In welchen Knsten und Wissenschaften liegt Eure Strke jetzt?

Grege antwortete mit Ueberzeugung:

-- In der Feinmechanik und in der Chemie. Wir haben die winzigsten und
feinsten Werkzeuge und unsere Handwerker haben Finger wie einst die
geschicktesten Chinesen. Wir knnen Alles nachmachen auf knstlichem Wege.
Wir sind selbst schon fast Automaten geworden. In der Chemie der
Nahrungsmittel sind wir gleichfalls kaum zu bertreffen.

Der Patriarch nickte mit einem Lcheln, das Grege erschreckte und
demthigte.

-- Ich hrte Wunderbares. Man sagt, Ihr knntet die Menschen, zumal die
Kinder, hundertweis verschwinden lassen und die Leichname der ltesten
Leute chemisch verflchtigen.

Grege senkte den Kopf und murmelte: -- Ja, das knnen wir auch.

Er mute an die zornige Rede Maikkas ber den Tauschhandel mit den Slavakos
denken, und wie er jetzt von unten herauf durch's Fenster schielte,
vermeinte er ihr strafendes Gesicht durch die Scheiben zu sehen.
Nichtswrdig war dieser Zustand in Teutaland, mit so bohrendem Schmerz und
so ehrlicher Scham hatte er's nie gefhlt. Wenn ihm Jala ein Kind in Teuta
geboren, er, Grege selbst, wre nicht vermgend gewesen, zu verhindern,
wenn es das Loos slovakischer Tauschwaare getroffen, da man es von der
Brust der Mutter weg den Fremden zugeworfen. Im barbarischsten Alterthum
htte man nichts Naturwidrigeres ersinnen knnen.

Mit flammendrothem Gesicht hob Grege den Kopf und sah den Blick des
hoheitsvollen Aeltesten streng auf sich gerichtet.

Der Greis lchelte wieder: -- Euere Chemiker sollten das Ueberlebte nicht
erst verflchtigen, wenn es zum stinkenden Leichnam geworden. Bei Euch
sollten einmal die Jungen statt der Alten am Rderwerke des Staates sitzen.

-- Wenn das ginge, sagte Grege tonlos.

-- Wenn's nicht geht, freilich, dann geht's nicht. Das mt Ihr wissen.

Der Greis erhob sich, rckte den Stuhl, lie sich aber nach einem Blick
durch's Fenster wieder auf dem Sitze nieder.

-- Wir versumen nichts, Grege. Der Regen setzt frisch ein. Ich mag jetzt
nicht gehen. Vielleicht magst Du noch Eins mit mir plaudern. Zum Beispiel
von dem ueren Bilde Teutas. Davon kann ich mir keine rechte Vorstellung
machen. Wie sieht das aus? Ganz verschieden von unserem Land natrlich.
Keine Wiesen, Grten, Felder, rothe Huser, Weidepltze mit Thieren, Fluten
mit Ackerleuten -- das Alles nicht. Aber was denn und wie denn? Euere
Straen sind Gnge und Schluche in der Erde, Euere Seen liegen tausend
Klafter tief unter dem Boden, nicht ganz so tief Euere Versammlungssle,
Euere Spielpltze, Euere Werksttten und Wohnungen -- und Alles von unten
herauf beleuchtet, von oben herunter schweigend belebt. Ist das so? Hat
Euch Euere Gemthsart so nach unten gewhnt? So eine Art Nibelheim, ja?

-- Ja, so eine Art Nibelheim.

Grege sttzte die Arme auf die Knie, legte das Gesicht in beide Hnde und
murmelte: Nibelheim, Nibelheim.

-- Nicht sehr heiter und so weiter, he? Aber es ist Deine Heimath. Sie ist
Dir so heilig, wie uns die unserige. Ihre Seele ist Deine Seele. Du trgst
sie in Deinem Blut mit Dir. Sie ist in Deinen Trumen bei Nacht . . . Hab'
ich recht, Grege? Es giebt kein natrlicheres Gefhl als Heimathgefhl.
Meine Vter wohnten schon vor fnfhundert Jahren auf diesem Boden.

Grege nickte traurig.

-- Und aus sich heraus formen sich die Menschen ihre Heimath wieder, aus
dem Gesunden und Jugendlichen stammen die Vernderungen und Verbesserungen.
Mit unserem Wissen wchst unser Wesen, und wir gestalten es weiter in's
Breite und Groe, in unserer Umgebung. Maikka . . .

Grege hob den Kopf, seine Augen leuchteten in blauem Feuer.

-- Maikka sagte mir, da Du noch lnger bei uns bleiben und lernen willst.
Es ist so schn, jung zu sein und zu lernen und zu leben, nicht wahr? Man
soll die Augen nicht verschlieen vor dem Fremden, denn es lehrt uns das
Eigene tiefer erkennen. Und man soll sich selbst seine Zweifel sagen und
sich nicht autorittsfrchtig vor sich selber ducken, so wenig wie vor den
Anderen. Hast Du strebsame Freunde daheim, die treu zu Dir stehen?

-- Die mu ich mir noch schaffen.

-- Schaffe sie Dir.

Grege htte dem Patriarchen mit dem weien Lockenhaar und den gtigen Augen
und dem beredten Munde um den Hals fallen -- und Vater! rufen mgen. Vater!
Wem htte er in Teuta diesen Namen geben knnen, geben mgen? Das ganze
junge Volk dort, war's nicht eine vaterlose Waisenbrut, im Dunkel erzeugt,
im Dunkel verloren, trotz aller knstlichen Helle und Hilfe?

-- Ich hoffe Dich wieder zu sehen, Grege. Du bist mir stets willkommen.
Heute Abend machen unsere jungen Leute Musik im groen Versammlungssaal und
fhren Tnze auf. Du bist eingeladen.

Grege sagte zu.

Er wute nicht, da Maikka bereits ber seinen Abend verfgt hatte.

Und er war ihr zu Willen und verbrachte die Nacht in Ingeborgs Gartenhaus
und grte das Glck.

                                * * *






Da war nichts zu machen: Maikka hatte heute wieder ihren lachhaften Tag.
Nichts Ernsthaftes verfing bei ihr, Grege mochte sich anstellen, wie er
wollte. Auf seine tiefsinnigsten Fragen nach den letzten Dingen im Leben
und Denken, im Schaffen und Schalten hatte sie nur die eine Antwort: Du
bist ein Narr -- Alles kommt von den Sinnen, und der letzte Grund aller
Dinge ist die Freude an sich selber. Was aus der Freudlosigkeit gewalzt
wird, ist Blech. Grege, noch einmal, wenn Du mich anmoralisirst und
anphilosophirst, so nehme ich all' meinen Muth zusammen und verachte Dich,
Amen.

Und dann brach das Lachen los. Eine ganze Symphonie, ein ganzes Konzert,
eine ganze Oper, ein ganzes Musikdrama, eine ganze Weltdichtung in lauter
Lachtnen. Und wie sie ein anderes Register zog, da klang's bald wie ein
Choral, bald wie ein Schelmenlied, bald wie Lerchentriller, bald wie
Amselruf, bald wie Nachtigallenschluchzen. Und immer neu und immer schn
bei aller Tollheit.

Gestern, allerdings, da hatte auch sie mit des Lebens harter Pflicht wacker
gekmpft. Zunchst in aller Frhe geschwommen und geturnt mit einigen
Schulschtzlingen unterschiedlicher Art, die sie erst zugewiesen erhalten,
dann einer Konferenz mit Berufsgenossinnen beigewohnt zur Festsetzung des
Arbeitsplanes fr die nchste Woche, in der sie sich zum Ausflug an den
Fjord mit Grege etwas mehr Freizeit herausschlagen mute, dann am
Nachmittag in der Volkshochschule ihren groen Vortrag ber die
Betheiligung der Pflanzenwelt an der Gesteinsbildung gehalten mit
darauffolgender Demonstration und Besprechung, dann noch Dieses und Jenes,
wobei sie ihren ganzen Kopf einzusetzen hatte.

Aber heute blieb ihr der volle Nachmittag und Abend frei. Und fr sie gab's
nichts Inhaltsreicheres als das Nichtsthun in der Freiheit. Gast Grege
wute davon zu sagen.

-- Du bist jetzt meine Welt- und Selbstschau, rief sie und schleppte ihn
auf den Thurm und auf die Fohlenwiese und in den Todtenhain (genannt
Liebesgarten der Abgeschiedenen, wo die Asche der Abgeschiedenen auf die
Beete gestreut wird und ein herrlicher Rosenflor weithin seine Dfte
sendet, gleich letzten sen Liebesgren) und in die unterirdischen
Werksttten (denn alle Hantirungen, die mit strendem Lrm, Gepoche und
Gehmmer verbunden waren, muten abseits von den Husern in kellerartigen
Rumen verrichtet werden, in ganz Nordika) und auf das Rathhaus und in eine
Haushaltungsschule, wo es nur so von weibeschrzten, rothwangigen Mdchen
schwirrte.

-- Hast Du die Mdchen gern, Grege? Lieber als die Buben? Wie viele
knntest Du einmal lieben von ganzer Seele, sag'? Wie gro ist Euer Herz in
Teuta?

Oft fand er auch ein schalkhaftes Wort zur Entgegnung, oft wute er dem
Ansturm des Kobolds gar nicht Stand zu halten.

Merkwrdig war es fr ihn, zu beobachten, mit welcher Gewandtheit dieser
Neckgeist die Uebergnge in die verschiedensten Gefhls- und
Aeuerungsweisen fand, je nach der Umgebung und dem zufllig mehr oder
weniger freiwilligen Zuhrerkreis. Ohne Komdie oder erzwungene Heuchelei,
vllig aus einem berreichen Anpassungsvermgen heraus und aus lebendigster
Schulung. Alles Schroffe und Verletzende war berwunden wie alle lhmende
Absichtlichkeit. Diese Nordika-Leute unter sich waren wie ein
reingestimmtes Instrument, wo sich Alles zu Akkorden fgt, je nach dem
angeschlagenen Grundton, je nach der durchklingenden Tonart. Und wo ja
einmal ein Miton aufzitterte, da antwortete eine kluge Pause, bis es
wieder stimmte.

Nur im Umgang mit ihm, dem ausgearteten Teutamann, in welchem so viel
Dogmatisches, Verbohrtes, Pathetisches verschlpft steckte, das nicht
auszutreiben war, griff Maikka zuweilen fehl und traf nicht den gesuchten
Ton. Da konnte sie dann herrisch aufbrausen und zu Gewaltsamkeiten des
Ausdrucks sich fortreien lassen, da Grege verblfft war.

Dankbar fhlte er, wie unendlich viel er von dieser urwchsigen und doch so
verfeinerten Frauennatur lernte. Neue Horizonte erffnete sie ihm, neue
Erkenntniquellen, davon er in seiner Teuta-Beschrnktheit seither keine
Ahnung hatte. Es war ihm ein Geistes- und Herzensfrhling, und wenn er ber
sich und seine frischaufgeschossenen Plne und Zukunftshoffnungen
nachdachte, stieg er in sich selbst herum wie in einem blhenden Wunder.
Jetzt erst glaubte er an sich, an seinen besonderen Beruf, in der Flle der
Klarheit, die in Nordika ber ihn gekommen war. In seinen Gedanken fgte
sich Lichtpunkt an Lichtpunkt, bis sie sich zu einem hellen Ganzen
verbanden, nicht mehr zerrissen, nicht mehr verschwimmend, sondern
zusammengehalten wie von einem festen Kern, dessen innere Kraft durchgriff
bis zum uersten Kreis.

Aber lachen, lachen wie Maikka -- nein, das wrde ihm und seinen
Teutaleuten wohl nimmer gelingen. Das setzte Siege ber so wesentliche
Teuta-Thorheiten voraus, da noch Generationen daran sich die Zhne
ausbeien muten. Nur das stand ihm unverrckbar fest, da der Kampf jetzt
begonnen werden mute, mit einem wuchtigen Schlag. Noch wirbelte Alles
ghrend durcheinander in seinem Gefhle, wenn er sich all' die Widerstnde
und Verwicklungen ohne Ende ausmalte. Doch auch hier wird Rath werden, je
nher die Zeit der That rckt. Erst im Angesicht der Ereignisse selbst
fallen die besten Entscheidungen. Hinein -- und durch!

-- Sag' mir, Maikka, wer sitzt in Nordika ber Euch zu Gericht, ich meine,
wer entscheidet zum Beispiel ber die Bedeutung eines Lehrers oder einer
Lehrerin?

-- Nun aber die Frage! Darber kann doch vernnftigerweise nur ein Gericht
und kein anderes entscheiden, und das sind die Schler. Wo in aller Welt
knnte es anders sein? Wer entscheidet denn bei Euch ber die Befhigung
eines Schneiders? Doch nicht ein Kollegium von Schneidern? Doch nur
Diejenigen, welche sich das Maa nehmen lassen und das Schneiderwerk an
ihrem Leibe tragen? Ein Jeder kann doch nur von Denjenigen gerichtet
werden, an denen er sein Werk ausbt, nicht von Denjenigen, die mit ihm das
gleiche Werk ausben, denn die mchten aus irgend einem begreiflichen
Hintergedanken heraus an dem Werke ihres Mitbewerbers immer Etwas zu mkeln
haben. Hast Du noch mehr solche Fragen? Geht meine Antwort Euern
Teuta-Idealen und Staatsweisthmern wider den Strich? Wer entscheidet in
Teuta ber die Lehrer?

-- Der hohe Oberlehrer, der Hter des heiligen Wortschatzes.

-- Da kommt ein Graben, gieb Acht, da Du nicht auf den Bauch fllst und
Dir dabei das Genick brichst.

Und sie lachte ber diese Teuta-Mglichkeit, da sich ihre Hften bogen.
Es war auf dem Wege zur Fohlenwiese.

-- Schau' dort das Mdel, Grege, roth wie eine Rose. Wer sitzt ber die
Rose zu Gericht? Eine andere Rose?

Grege, komisch angeregt, antwortete im parodirenden gelehrigen Schlerton:
-- Die Nase, die daran riecht, das Auge, das sich an der Farbe entzckt,
die Finger, die schmeichelnd daran tasten . . .

-- Und sich am Dorn stechen, vollendete Maikka im gleichen Ton, und sie
fand den Spa sehr gut. So viel Laune htte sie heute dem ernsten
Staatsdenker Grege wahrhaftig nicht zugetraut.

Die Fragen in bunter Reihe, sprunghaft ber die verschiedensten Gebiete,
freuten Grege. Und wie die Mckenschwrme in der sonnigen Luft, so tanzten
die Gedanken in seinem Kopf.

-- Du, Maikka, wie ist's in Nordika mit dem Kinderzeugen?

-- Frage die Mtter auf der Fohlenwiese. Wir werden gleich dort sein.

-- Halten's die Menschen hier wirklich auch so? Wer hat, der giebt, und wer
empfngt, der richtet sich darauf ein?

Grege nahm einen Anlauf, immer lustiger zu werden. Maikka hingegen zog es
vor, jetzt ernst zu bleiben. Das heit, sie zog es eigentlich nicht vor, es
kam ihr so.

-- Bei einem natrlich gebildeten Volk, das auf sich hlt, besteht die
freie Wahl-Liebe, nicht wahr? Das Kinderhaben und die Ehe, die sich auf
lngere oder krzere Zeit oder auf Lebensdauer daranknpfen mag, ist Sache
des Gefhls und der wirthschaftlichen Erwgungen. Leuchtet Dir das ein,
Grege?

Grege eilte, mit einer neuen Frage zu kommen, denn pltzlich fhlte er, als
Teutamann, bei dem verhaten Zustand in seinem Lande, brchigen Boden unter
den Fen. Er wollte die Szene von neulich nicht noch einmal
heraufbeschwren.

-- Geschichtlich ist die Ehe doch ein widerspruchsvolles Gewchs.

-- Sicherlich, Grege.

-- Bei unseren germanischen Vorfahren, so vor ein und zwei tausend Jahren,
wie es die Geschichte ausweist, ging's ein wenig kraus zu.

Maikka brauste auf:

-- Ein wenig kraus nur? Unsinnig ging's zu, unsinnig bis zum Ekelhaften.
Mit der damaligen Auffassung von Liebe und Ehe waren doch alle
Naturbegriffe geflscht und alle Moralbegriffe obendrein. Sie hatten's auch
dafr. Wenn man an ihre Ehe-Dramen denkt, fragt man sich, in welchem
Tollhaus die Vernnftigen und in welchem Schweinestall die Sittlichen
gelebt haben. Und darauf hatten sie noch ein kirchliches und ein
staatliches Patent. Neunzehntel aller Sorgen, Qulereien und Lumpereien
einerseits, aller Poetastereien und Gefhlsquaseleien andererseits drehten
sich um ihr Ewigweibliches, was in ihrer Lebenspraxis doch nur ein
Ewigabgeschmacktes war. Dazu hatten sie ihre Frauenfragen
jahrhundertelang, und nichts vom Standpunkt der Natur aus in direkter
Frage, sondern immer aus der verdrehten Kampfperspektive und aus dem
Gegensatz der Geschlechter und ihrer Dekadenz. Sich gegenseitig die Kette
abzunehmen und der Natur ihren Lauf zu lassen, auf diese Lsung kamen sie
nicht.

-- Konnten sie nicht kommen, Maikka, eben weil sie ihre Natur verloren
hatten. In Nordika habt Ihr gut reden. Ihr wit nicht, wie schwer man sich
mit der Natur zusammenfindet, wenn man seit Jahrhunderten in allen Stcken
mit ihr auseinander ist.

Plumps! Und diesmal lag Grege richtig auf der Nase. Er strauchelte ber
einen ersten und fiel ber einen zweiten Draht, der am Boden gezogen war.

Maikka wute nicht, wo hinaus vor Vergngen.

-- Siehst Du, wie schnell man die Natur findet, wenn man die Kultur
bersieht!

-- Wie man nur so ber Alles lachen kann, Maikka! Ich habe mir wirklich am
Schienbein weh gethan.

-- Krnkt sich das Schienbein, wackelt die Wade vor Schadenfreude. Warum
soll ich nicht lachen? Lacht nicht auch der Himmel ber uns?

-- Er hat auch schon ber uns geweint, frchte ich.

-- Und wird's hoffentlich noch fter thun, auch wenn wir ihm keine
Veranlassung bieten, aus freien Stcken.

Hinter einer mchtigen Dornhecke lag die Fohlenwiese. Es waren nur einige
ltliche Stuten in der Nhe, die faul am Boden lagen, whrend sich die
Sonne in ihrem glatten, brandrothen Rcken spiegelte. Weiter drben
tummelte sich das jngere Pferdevolk.

Maikka fand schnell den Eingang. Mit Hndegeklatsch und Zuruf jagte sie die
Thiere auf. Bevor ihr Grege in den umhegten Raum folgen konnte, hatte sie
sich bereits auf den Rcken des ihr zunchst stehenden Pferdes geschwungen.

Sie sa rittlings, knotete sich mit der rechten Hand in die weie Mhne und
wendete sich nach Grege um.

-- Mir nach, Grege!

Und sie flog dahin, die Haare im Wind. Ihr braunes Rckchen flatterte. Ihre
nackten Arme und Beine leuchteten.

Wie sollte er nun das wieder verstehen? Wollte sie ihn vllig verrckt
machen? Das Schauspiel war ja an sich ganz lustig anzusehen, diese
galoppirende Amazone war ihm eine nagelneue Erscheinung. Er wrde sich
jedoch hten, ihr nachzumachen und den Hals zu riskiren. Die anderen Stuten
betrachteten ihn sinnend, mit vorgelegten Ohren, dann trabten sie fort,
Maikka nach.

Maikka ritt drben mitten in die weidende Heerde, sprang ab und schwang
sich auf ein anderes Pferd, das sie als das Leitro erkannte. Ihr
Lieblingspferd war heute nicht da, vermuthlich wegen anderweitiger
Berufserfllung. Das war nmlich der Zuchthengst, ein herrlich edler und
intelligenter Kumpan, unter dessen ritterlicher Obhut die gesammte
Fohlenwiese stand. In seiner Abwesenheit fhrte das Leitro, gleichfalls
ein tadelloses Thier, das Regiment.

-- Wohin Du mit mir willst, vorwrts! Hipphipp!

Das Thier griff aus und jagte rund um die Umzunung, und der ganze Trupp
hintendrein mit Gewieher und Gepruste, bis die Reiterin vor Grege hielt,
der erschreckt zurckwich.

-- Siehst Du, Teutamann, das ist gerittene Mythologie. Magst Du Dich zu mir
aufsetzen? Willst Du's griechisch oder altnordisch?

Grege mute ihr nun doch Beifall klatschen. Sie sah prachtvoll aus.
Verklrt animalisch. Wie ein hheres Thier. Und er htte wahrhaftig etwas
darum gegeben, wenn er sich fhig gefhlt htte, sich zu ihr aufzuschwingen
und mit ihr einen Ritt zu wagen.

Mit jhem Gedankensprung warf ihm Maikka die Frage zu: -- Hr', Grege,
kannst Du Dir Deinen Nationalheiligen Zarathustra hoch zu Ro denken? Nein?
Er war kein Reitersmann? Er hat nie vom Rcken eines edlen Rosses auf die
Welt hinabgesehen, wie ich auf Dich jetzt hinabsehe? Er ist nie der
aufgehenden Sonne entgegen, der untergehenden Sonne nachgeritten? Er hat
nur Phantasieflge gemacht, ohne Schlu und Schenkeldruck? Das Pferd
gehrte nicht zu seinen heiligen Thieren?

-- Was Du fr Einflle hast, Maikka. Zarathustra hoch zu Ro, die
Umwerthung der Werthe zu Pferd!

-- Dann werthe schleunigst seine Umwerthung um. Alle weltbewegenden
Offenbarungen wurden der Menschheit vorgeritten, das Christenthum auf einem
geduldigen Eselein, der Mohamedanismus auf einem feurigen Araber. Und Dein
Zarathustraismus kommt zu Fu?

Grege war gedankenvoll herangetreten und reichte ihr die Hand. Sie glitt
vom Pferde in seine Arme.

-- Das viele Lachen hat mich dumm gemacht, wahrhaftig. Pltzlich fhle ich
meinen Kopf so leer. La uns den Heimweg suchen.

Sie hing sich an seinen Arm und folgte ihm schweigend im heraufziehenden
Abendfrieden.

Sie war wie verwandelt.

-- Ueber Zarathustra, fing sie spter leise an, aber es war doch, als
klinge wieder ein verhaltenes Lachen durch, -- ber Zarathustra mu ich mit
Dir noch besonders reden. Es sind die letzten Mucken, die ich aus Deinem
Kopf vertreiben mu. Kennst Du den vollstndigen Zarathustra?

-- Die hauptschlichsten seiner Reden, ja. Alle zu lesen wird in Teuta
nicht fr gut gehalten. Auch von den Kommentaren sind uns nur wenige
erlaubt.

-- Daran liegt nichts. In meiner Bibliothek kannst Du Alles finden. Aber
sag' mir, was weit Du von seinem Leben?

-- Nicht mehr, als unsere Autoritten verkndigen. Er lebte um die Wende
des zweiten Jahrtausends. Er war ein Heiliger und ein Mrtyrer. Erst
fnfhundert Jahre nach seinem Tode wurde er anerkannt. Bei Lebzeiten mute
er sich wahnsinnig stellen, um seinen Henkern zu entgehen. Nachdem er
gestorben war, hrte man noch fnfzig Jahre seine Stimme aus dem Sarge
murmeln, und ber seinem Grab sah man bei Tag seinen dunklen Schatten und
bei Nacht seinen lichten Schein als Abbild der entschwundenen Gestalt.

-- Das glaubst Du Alles buchstblich?

-- Es war jedenfalls ein wunderbarer Mann.

-- Welcherlei Wunder hat er verrichtet, nachweislich? Da er Euch
Teutaleuten die Kpfe verdreht hat und da Ihr, als Gegenleistung, ihm
seine Lehre, soweit sie vernnftig ist, verdreht habt, ist eigentlich so
wunderbar nicht. Welcherlei andere Wunder also?

-- Er hat den damals mchtigsten Papst der Welt, einen Musikzauberer, der
in Bayreuth einen Tempel errichtet hatte, als modernen Minotaurus entlarvt,
in einer mit Blut und Galle geschriebenen Schrift Der Fall Wagner, die
seitdem verschollen ist, weil die Verbndeten des Zauberers alle
vorhandenen Exemplare an sich gebracht und vernichtet haben. So stark
wirkte die Schrift, da der Zauberer seinen Tempel verlie und nach Italien
floh. Dort trat ihm Zarathustra persnlich entgegen und setzte ihm so stark
zu, da der in die Enge Getriebene keinen Ausweg mehr wute, als sich aus
einem Palast in Venezia in das Meer zu strzen. Aber selbst im Meere lie
ihm Zarathustra keine Ruhe. Sein Athem trieb den Leichnam durch alle Meere,
um die ganze Halbinsel Italia herum, bis er an der Sirenen-Insel
angeschwemmt und neben den Gebeinen eines anderen Zauberers aus dem
Alterthum, Vergilius, bestattet wurde. Spter gruben ihn die Glubigen
wieder aus und bestatteten ihn heimlich in seinem Tempel in Bayreuth.

-- So lehrt Euere historische Wissenschaft in Teuta? Das luft Dir wie
Auswendiggelerntes ber die Lippen. Hast Du darber auch nachgedacht?

-- Man braucht wohl nicht Alles buchstblich zu glauben. Aber das ist die
Lehre unserer ersten Autoritten.

-- Das lt sich hren. Erzhl' weiter. In diesem Ton. Er sei ein Heiliger
und ein Mrtyrer gewesen, lehrt Ihr. Wie begrndet Ihr das?

-- Zum Heiligen macht ihn nicht blo sein beispielloser Wahrheitsmuth,
sondern auch sein enthaltsames Leben. Damals schwelgte die ganze Welt in
einem braunen Taumeltrank, Bayerisch-Bier genannt, und die Gelehrten und
Ungelehrten vertilgten tglich und die Nchte hindurch unmenschliche Mengen
dieser giftigen Flssigkeit. Zarathustra predigte dagegen, zum allgemeinen
Aergerni. Namentlich die Leute waren wthend auf ihn, die diesen Trank in
riesigen Fabriken oder Apotheken, Brauereien genannt, herstellten und damit
fabelhafte Summen gewannen, denn sie hatten besondere Bierbahnen um die
ganze Erde gebaut, so da fortwhrend ein ungeheurer Bierstrom mit tausend
Nebenflssen und Kanlen den Planeten berschwemmte. Diese Leute verfolgten
den bierfeindlichen Zarathustra bis auf's Blut und hetzten ihn von Land zu
Land. Endlich entfloh er ihnen in's Hochgebirg, in die Eiswsten der Alpen.
Er fhrte stets einen Becher bei sich, aus den Quellen oder von der Milch
der Gletscher zu schpfen oder den Regen des Himmels aufzufangen. Die
brige Nahrung brachten ihm die wilden Thiere zu, Adler und Schlangen.
Gehat und verfolgt wurde er auch von den Frauen, die nur um der physischen
Wollust willen stets die Mnner um sich haben und sie als Werkzeugsthiere
fr ihre sinnliche Befriedigung unterjochen wollten. Denn in jenen Zeiten
kannte man die freie, natrliche Liebe nicht. Man kannte nur die Zwangsehe
und die Prostitution. Diesen Einrichtungen trat der heilige Zarathustra
entgegen, wie einem giftigen Gewrm setzte er ihren Anhngern den
zermalmenden Fu auf den Nacken. Ueber die Frauen jener Zeit hing er die
Tafel auf: Es ist besser in die Hnde der Ruber, als in die Trume eines
brnstigen Weibes zu fallen. Einige alte Jungfrauen, die seine Lehre
billigten, folgten ihm nach und verlieen ihn nicht, so lang er in der
Ebene und in den groen Stdten weilte, unter den gefhrlichen,
ausschweifenden Bestien. Sie bildeten seine Leibgarde und Schutzwacht.

-- Auch das lt sich hren, Grege. Du hast Deine historischen Autoritten
gut inne. Und welches war das Ende Deines heiligen Mrtyrers nach der Lehre
der Teutaleute? Sag' Dein Sprchlein zu Ende!

-- Als er seinen Tod nahen fhlte, floh sein Geist in den Leib eines
mystischen Mechanikers und tadellosen Gelehrten, der viele Geheimnisse der
griechischen Gtter ergrndet hatte, und wirkte hier noch lange in
schrecklichen Schriften. Die Jugend war Feuer und Flamme fr ihn. Die Alten
versuchten ihn Anfangs zu widerlegen. Als sie aber sahen, da sie von den
Jungen nur verlacht wurden, lieen sie's und schttelten betrbt die Kpfe.
Von Staatswegen, im Interesse von Thron und Altar, wie damals die Formel
lautete, versuchte man ihn durch Todtschweigen umzubringen. Allein das
gelang auch nicht. Krperlich konnte man seiner nicht habhaft werden, weil
er die Gabe besa, nach Belieben die Gestalt zu wechseln.

-- Wie nennt sich bei Euch jener tadellose Gelehrte?

-- Nietzischki, denn er stammte von dem inzwischen von der Erde
verschwundenen Volksstamme der Polen. Und hier beginnt schon unser
Mysterium. Der Name Nietzischki darf in Teuta nur einmal im Jahre
ffentlich ausgesprochen werden, am Zarathustra-Feste, und zwar nur von mir
. . . das heit, wenn ich dabei bin . . . wenn ich wiedererscheine . . .

-- Ach, Grege, mir wird von alledem so dumm. Ich frchte, ich frchte
. . .

-- Was frchtet meine Maikka? fragte Grege zrtlich, in kindlicher
Sprechweise, wie sich selbst unbewut.

-- Ich frchte, da auch etwas von einem fremden Geiste, der sein Ende
nahen fhlt, in mich gefahren. Wenn ich ihn beherberge, werde ich
gleichfalls Schrecken wirken mssen. Sag' mir noch eins: Welche
Zarathustra-Lehre stellt Ihr an die Spitze des mysterisen Systems?

-- Die geheimnivollen Gegenstze: Man soll die lieben, die Gewalt haben.
Man soll alles berwinden, was Gewalt hat . . .

-- Nun wohl, Teutamann, schaff' Dir Gewalt an, und ich werde Dich lieben.
Versuche Gewalt ber mich zu haben, und ich werde Dich berwinden. Gut
Nacht.

Und sie ri sich von ihm los und eilte davon, wie von Gespenstern gejagt.

Und Grege stand allein im Felde, und vor ihm senkte sich die Finsterni des
Himmels herab auf die purpurne Erde. Er stand wie in einem Traum, mit
schmerzlichem, allmhlichem Erwachen, als wre der Leib von der Seele
verlassen gewesen und mte sich erst Alles wieder ineinander finden. Was
hatte er vorhin erzhlt? . . . War das Ertrumtes, Erdachtes, Erinnerung an
einst Erlebtes, mit spteren Lehren und Phantasien und zugeflogenen
Irrthmern Vermischtes?

Noch eine Minute, und Nordika begann zu leuchten.

Grege wute lange nicht, wohin sich wenden. Es war ihm, als hrte er ein
gellendes Lachen in den leuchtenden Lften, wie an jenem Abend, da ihn
Maikka auf das Drachenschiff beschied.

                                * * *






Der Wind hat sich gedreht und setzt den Laubkronen im Schulhain lebhaft zu.
Er bringt den Duft von den Bergen am groen Fjord und weht die Haare um
Grege's Ohren und jagt manchmal eine Locke ber die Nase hinweg -- und mit
den Gedanken im Hirn macht er's noch schlimmer, die jagt er bald wie Spreu,
bald wie eine Schaar ngstlicher Vgel vor sich her, und Grege greift nach
der Locke und streicht sie hinter's Ohr, wo sie nicht halten will, und er
drckt die flache Hand ber die Augen und an die Stirn, aber es ntzt
nichts, die Gedanken bleiben nicht fest und nicht einmal die Sinne halten
Stand.

Was soll denn all' die Unruhe? Wer schafft denn all' den Unbestand? Ist's
nur der Wind? Oder die Frau, die da droben steht, im verschleierten Licht,
und vom Schlagschatten eines vorspringenden Balkens in eine schwarze und
eine weie Hlfte getheilt wird? Es ist nicht Maikka. Maikka htet das
Haus. Es ist ihr nicht just. Die da droben steht, Grege wei nicht einmal
ihren Namen, giebt ihr an Beredtsamkeit nichts nach, und ihre Gedanken
lassen an Schrfe nichts zu wnschen brig. Ihre Stimme hat nicht Maikka's
Klang und Glanz; ihre Bewegungen sind nicht so eindringlich, ihre ganze
seelisch-krperliche Art erinnert an eine Andere. An wen denn? Warum findet
er's nicht? Warum formt sich berhaupt kein Bild in seinem Kopf? Warum
dieses Gewirr von Linien und Lichtern?

Sind's die Zuhrer, die ihm all' die Unruhe und den Unbestand schaffen?

Es sind dieselben Leute, die er schon oft an dieser Stelle gesehen, und
wenn es nicht dieselben sind, so sind es hnliche. Einfache, schlichte,
aufmerksam lauschende Gesichter, reinliche Seelen in reinen Gewndern,
geweihte Gefe ehrlicher Wissenschaft. Dieselbe Gruppirung wie sonst, nur
die Reihen dichter, und mehr Jnglinge und Mnner als Mdchen und Frauen.
Das ist's nicht, was Grege so zerstreut macht.

Der Wind bringt den Duft von den Bergen und von den fernen Wassern . . .
Das flsternde, raschelnde Birkenlaub . . . Warum warst Du noch nicht am
Fjord? Warum schwingst Du Dich nicht ber's Meer, die Gestade abzusuchen?
. . . Was sprechen die in Teuta von Dir, von ihr? Wie feiern sie das groe
Fest? Was fr Possen verben sie da? Wer trgt diesmal Krone und Mantel und
gaukelt mit dem Szepter? . . . Wie lange noch? . . . Wie . . .

Den Zuhrern entschlpften Beifallsrufe. Die Aufmerksamkeit wird erregter,
leidenschaftlicher.

Was spricht sie denn, die beredte Frau mit den strengen Mienen und der
ernstgehaltenen Gestalt? Ihre Haare sind dunkler, als die der Meisten hier.
Alles hat eine dunklere Frbung, auch ihre Gedanken, und die Weltbilder,
die sie entrollt . . .

Von Katastrophen, von Umstrzen, von Zusammenbrchen.

Grege strengte sich an, mehr zu hren und festzuhalten, als einzelne Worte
und Stze. Er will seiner Unruhe Herr werden, er will seine Nerven zumen
und zgeln mit festem Willen, er will sich selbst berwinden . . . Wie
Alles berwunden werden mu, was nur Flchtigkeit, Strni, Wesensfremdes,
damit der Kern der Persnlichkeit rein und stark wachse, keine Zerstreuung
die Triebkraft mindere . . . Eine groe Aufgabe schafft groe
Verantwortung, Selbstverantwortung . . . Hier unter fremden Leuten, fremden
Dingen, fremden Gewohnheiten, fremden Anschauungen, fremden Begriffen,
warum findet er sich nicht selbst geschlossener, warum fhlt er sich nicht
selbst gesammelter, gerade heute, wo er dem Banne Maikkas, der Wirkung
ihrer mchtigen Natur entrckt ist? Wo er wieder einmal, ganz er selbst,
sich in eigenem Vollbesitz haben knnte?

Der Wind bringt den Duft von den Bergen am groen Fjord -- warum luft er
nicht dem Wind entgegen, hinaus an's Meer? Warum zgert er hier? Was
fesselt ihn? Weit von hier liegt sein Ziel, warum rhrt er sich nicht von
der Stelle? Schpft er hier seine volle Freude, ein Spielball wechselnder
Eindrcke, fluthender Suggestionen, berraschender Beglckungen, denen das
Gefhl seiner eigenen persnlichen Herabwrdigung folgt wie der Schatten
dem Licht? Mit welchen Augen mten ihn die Hrer hier, in deren Mitte er,
seiner selbst nicht mchtig, den Lauschenden spielt, mit welchen Augen
mten sie ihn betrachten, wenn sie Augen fr ihn htten? Bedeutet er fr
sie etwas Ernsthaftes, fr das man mehr haben mu, als gastliche
Zuvorkommenheit und menschliche Duldung? Und an der Seite Maikkas, ist er
da mehr als der Planet, der die Sonne umkreist, damit sie ihm von ihrem
Ueberschwange spende, damit sie ihrer Ueberflle ledig werde und ihres
Uebergewichtes stolz bewut, da sie ihn in ihre Bahnen reit? Wenn ihn
seine Volksgenossen von Teuta jetzt so shen, wrden sie nicht mit Fingern
auf ihn zeigen und hhnen: Seht, ist dieser da der eigenwillige, stolze
Grege, der groe Unbefriedigte, dem Teutas Herrlichkeiten zu gering? Nun
zehrt er von fremder Kost und ist des Dankes voll! Seht seine
Ergebenheits-Miene! Wie er in Bewunderung kniet, wie er auf fremden Wink
luft -- und wahrhaftig, trgt er nicht auch fremde Kleider auf dem Leibe
und vielleicht fremde Verpflichtungen in der Seele, er, der daheim Niemand
verpflichtet sein wollte?

Und wie er dieser inneren Stimme aus der Heimath lauschte, brachen die
Zuhrer rings um ihn in hellen Beifall aus, also da er erschreckt auffuhr
und beinahe laut rief: Was geht das Euch an? Und er versuchte, aus der
dichten Gruppe herauszukommen und fortzueilen, da er doch nicht vermochte,
dem Vortrage der Meisterin mit Nutzen zu folgen aus innerer Zerstreutheit
und Flucht der Gedanken. Aber immer neue Zuhrer waren beigestrmt, und
rckwrts standen sie Kopf an Kopf, weit in den Garten hinein. So konnte er
nicht entweichen.

Wieder mhte er sich, gleich den Anderen, der Rednerin ein williges Ohr zu
leihen und sein Interesse an den Faden ihres Vortrags zu knpfen. Allein es
gelang ihm nicht. Was er zu hren whnte, dnkte ihm nur ein Spiel mit
geistreichen Worten, ein glnzendes Gewebe von Behauptungen, deren
Richtigkeit er nicht zu prfen vermochte. Und fr oratorische Musik allein
war er diesmal nicht empfnglich. Was die Anderen elektrisirte, lie ihn
unbewegt. Die Anderen? Was gingen ihn die Anderen an?

Gestern -- seine Gedanken vagabundirten schon wieder in Erinnerungs-Bildern
-- gestern war er in ihrem Laboratorium gewesen. Er wurde freundlich
zugelassen und erhielt was er wnschte. Es wurde ihm eingerumt, selbst zu
arbeiten und Versuche anzustellen. Als er alle Stoffe und Werkzeuge an der
Hand hatte, bereitete er sich seine Surros. Lngst hatte ihn danach
gehungert, denn er fing an, den naturalistischen Leckerbissen Nordikas
abgeneigt zu werden. Seine Surros, heimlich bereitet nach seiner eigenen
Erfindung, mundeten ihm zwar nicht so kstlich wie daheim, aber sie dnkten
ihm doch ber alle Vergleiche gut. Er bot sie den Anderen zum Kosten an,
sie lehnten dankend ab. Einige probirten zwar ein wenig davon, fanden sie
aber nicht nach ihrem Geschmack. Ob das Arzeneimittel fr Kranke wren?
fragten sie. Maikka selbst, der er einige Kugeln berreichte, leckte mit
der Zungenspitze daran, um dann lchelnd zu erwidern, sie wolle sie doch
lieber zum ewigen Andenken aufbewahren, als sie von ihrem Magen
verarbeiten lassen. Dann prete sie schnell ihre Lippen zwischen seine
Lippen und zngelte von einem Mundwinkel zum andern wie ein verliebtes
Schlnglein und schwor hoch und heilig, die Natur sei doch so viel ser
und nahrhafter, als alle chemischen Knsteleien -- und je mehr man von ihr
geniee, desto heftiger wecke sie die Begierde und aus schner Sttigung
wachse immer schnerer Hunger . . . Die Unersttliche! Und das Ende war,
wie immer, da ihr blhender Wille ihn bis zur Trunkenheit betubte und
unterjochte. Und mochte er sich zehnmal als mnnlichster Mann fhlen,
Siegerin blieb das Weib in nrrischer Unverwstlichkeit, und ihr Geist
frohlockte und wurde des Jubels in ihrem Blute nicht mde.

Wieder ging zustimmendes Murmeln durch die Reihen. Die Sprecherin
wiederholte den vom Beifall unterbrochenen Satz, so da auch Grege die
Worte vernahm: Krakehler und Kritiker waren sie, unbotmige Naturen,
schpferischer Ordnung abhold, all' ihren Gelsten lieen sie die Zgel
schieen, bis sich aus dem sozialistischen Chaos die zweite Revolution
gebar, die mit einer neuen Militr-Diktatur endigte. So wurde am Ende des
zwanzigsten Jahrhunderts mit den letzten Trmmern einer dekadenten
ideologischen Weltreformkomdie blutigster Sorte aufgerumt.

Zwanzigstes Jahrhundert! Die uralten Geschichten, was sollten sie ihm
heute? Er konnte die Begier der Nordika-Leute nicht begreifen, mit der sie
diese schimmeligen Historien verschlangen. Und dieselben Leute konnten
seinen Surros keinen Geschmack abgewinnen!

Whrend der Strom der groen Geschichtsrede an seinen Ohren weiterrauschte,
gedachte er seines zweiten Besuchs bei dem Landschaftsltesten. In seiner
Bewunderung des gtigen und klugen Patriarchen war ihm bei der Begrung
die Anrede Hoheit entschlpft, wie sie in Teuta vor den Staatspersonen
blich. Und wie Abendwetterleuchten zuckte es aus des Patriarchen Augen,
whrend sein Mund geschlossen blieb. Dann sprach er: Hoheit! Soll das ein
auszeichnender Titel sein, so merk Dir dieses, Grege: In Nordika darf sich
Jeder jeden beliebigen Titel beilegen. Nun, was meinst Du, was geschieht?
Keiner betitelt sich, selbstverstndlich. Also erspare mir die Scham, Dir
fr den Titel danken zu mssen. Steck ihn wieder ein. Du bist unter den
Menschen von Nordika. Uns in's Auge zu sehen und den Mund aufzuthun,
gengt. Wir kennen uns von einander und zu einander. Mehr bedarf's nicht.
Sei gegrt, Grege!

Wahrhaftig, er mchte jetzt aus seiner Haut fahren. Alles rappelt und
zappelt in ihm. Wie ihn die Leute umdrngen, ihm auf den Leib rcken mit
ihrem heien Dunst. Sie schwitzen vor Aufmerksamkeit. Kein Wort, keinen
Ton, keinen Schnaufer wollen sie sich entwischen lassen. Sie hren mit dem
Munde, mit den Augen, mit dem ganzen Leibe. Sie sind so bei der Sache, als
wren sie selbst nur Theile von der Rednerin, mit ihr verwachsen, ein Herz
und eine Seele, ein einziger Geist mit ihr, als sprchen sie Alle aus ihrem
Munde, als hrten sie sich selbst und genssen sich selbst. Er allein ein
Abgesonderter. Einer, der seine eigene Atmosphre mit sich trug,
undurchdringlich. Und sie drckten auf ihn, sie preten ihn. Sie schnrten
ihn in seine Atmosphre ein, da ihm die Knochen krachten, die Seele
erstickte . . . Es wurde ihm schwarz vor den Augen . . . Er sank in den
Boden, er war verschwunden . . . Die Seele verflogen . . .

Wohin? Wie lange?

Ein Anfall wie tiefe Ohnmacht.

Als er wieder zu sich kam, sa er in einer bequemen Ecke, auf einem
niedrigen Stuhl, und er gewahrte, da einige Frauen in seiner Nhe sich um
ihn bemht haben muten. Sie betrachteten ihn mit mtterlich zufriedenen
Augen. Und er fand Lust und Sicherheit in diesem Blick. Er athmete breit
auf, wie aus einem guten Schlaf. Gesammelt und gekrftigt. Und wie er sich
umsah, war Alles so bestimmt und wie er lauschte, war Alles so deutlich.

Die Schaar der Zuhrer stand noch wie vorhin, nur die Spannung war
gewichen. Frei und frhlich leuchteten die Gesichter. Und eine andere
Stimme klang von der Rednertribne. Eine helle, jugendstarke Stimme. Eines
Mannes Stimme. Wie eine Glocke, die hoch hngt und doch wie aus froher
Brust tnt und Widerklang in allen Seelen weckt.

Grege erhob sich, um besser zu sehen. Richtig, ein prchtiges Bild von
einem Mann. Grege staunte, freudig berrascht.

-- Die Besprechungen haben begonnen, belehrte ihn sein Nachbar. Es wrden
sich heute noch Viele zum Worte melden. Das Thema sei auch fesselnd wie
kein anderes, und Jeder habe da etwas Besonderes aus eigener Auffassung
beizutragen.

Und Grege folgte dem Sprecher mit wachsendem Genu. Kein Satz entging ihm.
Er glaubte niemals eine ffentliche Rede so leicht verstanden zu haben.

Manches kam drollig heraus in urwchsiger Derbheit und wurde belacht wie
ein guter Witz.

Jetzt wieder, und Grege lachte mit.

Das beirrte den Sprecher nicht, da er in so ernster Sache Heiterkeit
entfesselte. Die Heiterkeit befruchtete ihn. Sie jagte ihm die
verstecktesten Gedanken heraus.

-- Und da ich noch dieses sage. Der Krach in Europa hat, wie die
Hauptrednerin schon angedeutet, viele Ursachen gehabt. So viele, da man
sie so wenig zhlen kann, wie Rattenschwnze in einem dunklen Kellerloch.
Darf ich noch bei einigen verweilen? Also gut. Von den aufflligsten haben
wir zwar genug gehrt: Machtpolitik, die sich die ganze Welt unterthan
machen wollte, weil die ganze Welt ein einziger Marktplatz geworden war, wo
Alles schacherte und schwindelte, und kolossale Gter, damals werthvoll,
den spteren Geschlechtern gleichgiltig, wie faules Fallobst zu Haufen
lagen, trotzdem gleichzeitig berall Noth herrschte. Je mehr ein Staat
hatte, desto mehr wollte er, und je mehr er ruberte, desto armseliger
wurde er. Was sie an erbeuteten Reichthmern heimbrachten, schuf ihnen neue
Armuth, was ihre Macht zu vermehren schien, saugte ihnen die Krfte aus.
Die Magazine starrten von kostbaren Gewndern -- und das Volk lief in
Lumpen; die Speicher platzend voll von Nahrungsmitteln -- und das Volk
verhungerte; die Gewlbe vermochten das Gold nicht zu fassen -- und das
Volk bettelte um elende Pfennige; die Fluren wurden gepeitscht Frchte
hervorzubringen, wie die Arbeiter gehetzt wurden, Waaren zu fabriziren --
und fr Produkte und Fabrikate waren keine Abnehmer da, denn die
Spekulanten gaben nichts her, es war ihr Besitz, von dem sie sich nur gegen
hohe Gegengabe trennen wollten. Und diesen Widersinn belegten sie mit den
groartigsten Rechtstiteln. Das Alles sa ihnen im Kopf so fest, da sie
erst in langwierigen Revolutionen und Kriegen sich die Kpfe zerschmeien
muten, um ein wenig heller zu werden. Das ging so zwei, drei Jahrhunderte
fort. Die sozialistischen und kommunistischen Experimente zwischen einer
Militrdiktatur und der anderen fhrten nicht zum Ziele. Die Menschen waren
zu tief herabgekommen, und vom autoritren Staat konnten sie sich nicht
trennen, und der Heeresdienst und der Gottesdienst fraen weiter, denn
Alles war von der Furcht durchseucht, und in ganz Europa traute sich
Niemand ber die Strae. Vor allen schpferischen Phantasiemenschen hatte
man eine Heidenangst. Die freien Knstler, Dichter, Zeitungsschreiber waren
verhat. Man verfolgte sie, und wo es anging, jagte man sie fort. Strolche
und Genies fanden nur Schutz, wenn sie sich einsperren lieen, das nannte
man in der Rechtssprache Nummero Sicher. Den Strolchen bekam das gut, den
Genies weniger. Philosophen wurden dem Hungertodt preisgegeben, Poeten,
Maler, Musiker bei der geringsten Veranlassung wegen groben Unfugs oder
Lsterung in harte Strafe genommen. Nur wer mit todten Stoffen zu thun
hatte, wie Mechaniker und Chemiker, blieb unbehelligt. Der sozialistische
Staat war wie der alte Klassenstaat gezwungen, von den schlechten
Gewohnheiten der Menschen zu leben. Die Kassen blieben leer, wenn die
Menschen nicht in Lasterhaftigkeiten schwelgten. Die Lebensmittelsteuer
warf wenig ab, weil die Mehrzahl wenig und schlecht a. Aber das Laster des
Trunkes, des Tabakrauchens, der Ausschweifung und anderer Giftgensse
brachte Geld in die Kasse. Dabei wurde das Volk immer nervenelender,
gehirntoller, berreizter, den wahnwitzigsten Revolutionsideen geneigter
und allen geistigen und leiblichen Krankheitsstoffen zugnglicher.
Revolution war der Dauerzustand Europa's geworden, Revolution in der
erbrmlichsten, feigsten Form. Zuchthuser, Irrenhuser, Spitler bedeckten
ganz Europa. Nun kam noch das Schnste. Nachdem Amerika Ostasien sich
unterworfen, drngte sich das Chinesenvolk in Millionen-Horden gegen
Westen. Keine Grenzsperre half. Die Schlitzaugen und Schlenkerbeine
berflutheten zunchst das sdliche und mittlere Europa und pflanzten einen
Riesenkaktus mitten in den schon arg verwilderten Garten der
abendlndischen Kultur . . . In Rom war es dem getauften Judenthum
gelungen, in Nathaniel Rothschild I. einen Papst seiner Rasse auf den Stuhl
Petri zu bringen. Dem klugen Pontifex glckte es, auch das Chinesenthum zur
Taufe zu bewegen, und pltzlich schien der vatikanische Katholizismus eine
neue Heilsmacht zu begrnden, die snftigend auf die wahnsinnig aufgeregten
Geister zu wirken vermochte, wie Oel auf strmische Wogen. Um die Gelehrten
und Denker, die trotzig bei Seite standen in dem groen
Zersetzungsschauspiel des europischen Geistes, fr die kirchliche
Propaganda zu gewinnen, widerrief der judenchristliche Papst kraft seiner
Unfehlbarkeit alle die aufrhrerischen Dogmen seiner Vorgnger in der
Statthalterei Christi und zuletzt seine eigene Unfehlbarkeit. Um das Maa
seines vizegttlichen Edelmuthes gerttelt voll zu machen, bekleidete er
die berhmtesten Abkmmlinge der einst wegen arger Ketzerei verfolgten
Familien mit dem Purpur, ernannte die Fhrer der Freigeisterei zu
Ehrenkardinlen, machte einen Panizza zu seinem Geheimkmmerer und
versetzte die einst berchtigsten Huptlinge des Antisemitismus unter die
Heiligen. Doch auch das brachte keine Dauerwirkung mehr hervor. Die zwlf
Judenchristenppste, die noch folgten, boten ihr bermenschliches
Beherrschungstalent umsonst auf, der Kirche zu neuem Leben zu verhelfen und
ihr einen durchgreifenden Einflu auf das zerrttete Europa zu verschaffen.
Sie hatte ihre Rolle ausgespielt. Die Theilung der Macht mit Nebenppsten
schwchte sie in ihrem Mittelpunkt bis zur Bewutlosigkeit. Es gab
keinerlei Halt mehr fr die europischen Vlker. Der ideologische
Verzweiflungstraum des letzten Frsten des grten europischen
Mittelreichs gab das Signal zum groen Vernichtungskampf, der die neue
Weltwende einleitete. Frst Willibald XXXIII. zerbrach sein Schwert und
erklrte in seinen Staaten Militrgewalt und Heeresdienst fr abgeschafft
und den Gottesfrieden aufgerichtet mit allen Vlkern, die an den Grenzen
wohnten. Ganze Stmme, die das groe Verderben witterten, wanderten
schleunig aus und suchten neue Wohnsitze in fernen Welttheilen, so die
Bavaren, die Alemannen, die Franken vom Main und Rhein bis zur Elbe. Wie
Meeresfluth in rasendem Sturm brachen von Ost und West zugleich die Vlker
in das Mittelreich ein, und es entspann sich ein Kampf wie die
Menschheitsgeschichte keinen je gesehen hat und hoffentlich keinen mehr
sehen wird . . . Schlielich waren smmtliche Vlkerschaften Europas in
diesen ungeheuren Kampf verwickelt. Es war kein Kampf von Riesen, es war
ein Kampf von bestialischen Zwergen, bewaffnet mit den furchtbarsten
Zerstrungs-Werkzeugen des Maschinen-Weltalters. Die religise Drillung der
Kirche, welche durch lange Jahrhunderte den Geist der Vlker sich
unterworfen whnte, erwies sich nach der ethischen Seite vollstndig
wirkungslos. Sie hatte die Raubthier-Instinkte der Menschen nicht
hinausgetrieben, sondern nur krank gemacht. Nirgends tauchte ein groer
Feldherr auf, der die Massen, ineinander verbissen wie wthende Thiere,
gebndigt und zu einem festen Ziel geleitet htte. Es folgten Schlachten
ohne Entscheid, ohne Ende, bis Neunzehntel aller Kmpfenden aufgerieben
waren und unter den Uebriggebliebenen das groe Sterben, die chinesische
Pest begann. Das war Europas Untergang als einer geordneten
Kulturstaatengruppe. Whrend inzwischen Angelland und Amerika in listiger
Weise die brigen Erdtheile unseres Planeten ihrer Herrschaft unterwarfen,
verendete die herrschaftstolle alte Welt, und der grauenhafte, durch
Generationen und Generationen sich hinziehende Selbstmord der europischen
Zivilisation hatte mit dem letzten Todesrcheln der Vlker sein Ende
erreicht. Die groe Tragdie, die grte der Weltgeschichte, war
ausgespielt. Mit gebrochenem Auge und zerfetzten Gliedern und ausgerissenen
Eingeweiden und verschttetem Blute starrte der Riesenleichnam zum
mitleidlosen Himmel empor . . . Was auf dem europischen Festlande an
Kulturvolk noch brig blieb, war winzig an Zahl, sammelte sich in den
nchsten Jahrhunderten an den Ksten, an den Flulufen, an den Abhngen
der Gebirge und hob sich allmhlich wieder unter dem Sammelnamen der
Slavakos, der Frankos, der Teutaleute und so weiter aus Verwesung, Schutt
und Trmmer der alten Kulturwelt zu neuem, bescheidenem
Genossenschaftsdasein. Am glcklichsten war bei dieser furchtbaren Auslese
im europischen Zusammenbruch das Nordland weggekommen. Es wurde nur an den
Grenzen gegen Sden von der Verheerung gestreift, und im Innern blieb es
friedlich auf seine ruhige Kraft gestellt . . .

Das war, was Grege im Verlaufe des Vortrags zu verstehen glaubte. In
Teutaland hatte er die Geschichte anders gehrt. Aber diese Darstellung des
jungen Nordika-Sprechers ergriff ihn mchtig. Er folgte auch den brigen
Rednern, die noch das Wort nahmen, um einige Punkte in abweichender
Auffassung und Beleuchtung zu zeigen. Besonders reizvoll war es ihm, wie
eine frische, rothwangige Frau von niedlicher Gestalt als scharfe
Kritikerin auftrat und dem Schilderer des Zusammenbruchs der europischen
Staatenwelt einige Verste gegen die historisch festgelegte Wahrheit
nachzuweisen versuchte. Doch wollte sie sich nicht weiter in jene
schauerliche Jammer-Ecke verkriechen, sondern aufzeigen, wie aus dem
Meere von Herzeleid, in welchem die alten Vlker versunken waren, gleich
begrnten Inseln der neue Lebensmuth emporwuchs und die kleinen
berlebenden Vlker zu zweckmiger Ordnung ihres Daseins trieb. Gewi, sie
waren welthellsichtig geworden. Sie hatten aus der grauenvollen
Katastrophe, die so ungeheuerliche Elendswurzeln wie Kapitalismus,
Geldwirthschaft, Weltmarktspekulation, Konkurrenztollheit, Herrscherwahn
glcklicherweise mitvernichtete, verfeinerte Organisations-Instinkte
gerettet. Mit dem Verschwinden der erdrckenden Uebervlkerung war in der
groen europischen Wste den winzigen Vlkern der ruhigen Jahrhunderte der
Kampf um's Dasein zwar nicht erspart, doch hatte er viel ertrglichere
Formen angenommen. Und die besten Kultur-Errungenschaften lebten in
vergeistigter Art als stille Erbschaft weiter. Von nun an konnten die
kleinen, gesonderten Vlker ihre angestammten Wesenszge ungestrt pflegen
und in fester Gemeinarbeit aus dem eigenen Boden ihren Unterhalt ziehen.
Aus der Bedrfnilosigkeit erwuchs ihnen immer strker die innere
Unabhngigkeit. Sie hatten scharf Acht geben gelernt, da die
Menschenvernunft keine Sprnge wider die Natur mache. Die
Herrschaftslosigkeit lie sie selbst die wohlthtigen Regeln finden, unter
welchen die Freiheit, Gleichheit, Brderlichkeit, Gesundheit und Schnheit
am besten gedeihen und das Wohlbefinden des Einzelnen mit dem Wohlbefinden
der Gesammtheit sich vereinige. Alle die alten sozialistischen,
kommunistischen, anarchistischen Utopien, aus der hartkpfigen
Prinzipienreiterei oder der phantastischen Schwrmerei des zweiten
Jahrtausends geboren, waren fr die Menschen des dritten Jahrtausends nur
noch belchelte Erinnerungen, wie der reife Mensch in der Flle seiner
Lebenserfahrungen die bald heiteren, bald schlimmen Verirrungen seiner
brausenden Jugendzeit belchelt. Ein stilles Hausglck ist ber Europa
gekommen, und auf dem Festlande hat kein Nachbar den andern zu frchten und
kein Volk sich des anderen zu schmen. Man unterhlt keinen aufdringlichen,
belstigenden Verkehr von Volk zu Volk, man ist sich selbst genug und wohnt
doppelt vergngt auf seinem Boden, weil man fhlt, wie von allen Seiten
gesunde Lfte hereinwehen und keine bse Gewohnheit an der Grenze siedelt.

Und dann lie sie ihre Rede in einem munteren Loblied auf Nordika
ausklingen, dem Lande des Lichts und der Lust. Damit aber Niemand sie fr
allzu eigenliebig halte, wolle sie die Erklrung nicht unterdrcken, da
sie auch von den ferner wohnenden Vlkern, sogar vor dem Teuta-Volke,
herzliche Hochachtung empfinde.

Sogar vor dem Teuta-Volke! Und mit dieser spttischen Betonung -- sogar!

Grege zuckte auf. Er empfand den Beifall, den die Zuhrer der Schluwendung
spendeten, wie einen Schlag in's Gesicht.

Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!

Ein schlechtes Volk, das nicht das Erste sein will!

Alles was sich seit Wochen an Emprung, Verzweiflung, Sehnsucht, Hoffnung,
Glcksempfinden, beleidigtem Stolz, wildem Heldentrotz in Greges Seele
aufgestaut, das brach jetzt mit Ungestm hervor und ri ihn selbst, wie von
der Fluth des blutig gekrnkten, bergewaltigen Ich- und Heimathsgefhles
fortgewirbelt, auf die Tribne.

Wie ein ekstatischer Seher stand er da, im heiligen Zorn erglht, das Haupt
zurckgebeugt, die Augen weit und gro, ganz Pupille, die vollen Lippen
halbgeffnet, bebend vom zurckgehaltenen Wort. Unter den zrnenden Gesten
seiner nach oben ausgreifenden Arme wuchs seine Gestalt.

Es war ein Ereigni, niemals war ein Fremder da oben gestanden, niemals
hatte ein Einheimischer das Schauspiel einer solchen Erregung geboten.

Die ersten Stze kamen stoweise, wie aus einer stockenden Maschine, rauh
und zerrissen im Ton, von einer Wucht, die sich selbst im Wege steht und
ber sich selbst hinaus Bahn sucht.

-- Ich mu hier mitreden, liebe Leute. Ich mu. Kein Mensch in der Welt
soll sagen, da ein Teutamann geschwiegen, wenn Teuta Ungebhr geschehen.
Ich bin ein Teutamann, ganz einfach, ohne Verdienst und Wrdigkeit. Ich
kenne mein Land, ich wei um sein Volk so viel, als man zu wissen braucht,
um keine Verachtung zu dulden. Ich sage nicht, da das hier geschehen, ich
klage Niemand an, ich empfinde nur, da ich selbst verchtlich wre, wenn
ich nicht laut und ffentlich fr mein armes Land Zeugni ablegte. Ja, mein
armes Land, weil Niemand in der Fremde die Schmerzen kennt, die wir aus
Liebe zu ihm im Herzen tragen. Aus hilfloser Liebe und stummer Sehnsucht.
Seltsam ist unsere Seele, und nicht immer von uns selbst begriffen.
Gedrckt kam sie aus alter Weltordnung und flchtete sich zwischen Berge
und in Hhlen, und keine Neuordnung wollte ihr gelingen, also da sie ihre
Flgel zum Schwunge ffnen knnte, rauschend und jauchzend in freier Luft,
Sonnenaufgngen und Heldentagen und Heldenglck entgegen. Wer den Himmel
offen gefunden, segne sein Schicksal, aber er werfe keinen krnkenden
Vorwurfsblick auf den, der noch, aus eigener oder fremder Schuld, am Rcken
der Erde klebt . . . Hab ich genug gesagt, oder duldet Ihr noch ein Wort?
Ich wei, ich spreche Eure liebe Sprache, o meine Brder, nur nothdrftig,
und vielleicht bereite ich Euren Ohren Qual. Aber Ihr seht, da wir uns in
Teuta bemhen, im Geiste unseren Volksverwandten nahe zu bleiben. Alle
aufgeklrteren Mnner lernen die germanischen Hauptsprachen. Duldet Ihr
noch ein Wort? Oder ist's genug?

-- Wer ist er? Ein Gast? Maikkas Freund? Weiter reden! Das Herz ist ihm
voll, er spreche! tnten die Stimmen der Zuhrer durcheinander.

-- Herrliches hab' ich bei Euch geschaut, Leute von Nordika, und hohen
Glckes die Flle genossen, nach peinvoller Irrfahrt. Ihr habt mich Wege
gelehrt, die mein Fu allein nicht gefunden. Ihr habt mit Worte gesagt
gleich Rthsellsungen, auf die mein eigener Verstand allein wohl noch
lange nicht gekommen. Mit Blitzen habt Ihr mein Dunkel erleuchtet, mit
Schnheit meine vergrabene Lust wie vom Tode erweckt. Es ist mir, als
httet Ihr mir eine neue Seele gegeben, als htten mir die brausenden
Winde, die hier ber das Land wehen, aus geheimnivollen Vorzeiten Gre
gehaucht . . . und der Vter Geist . . . ist ber mich gekommen . . . Das
soll nicht verschwendet sein von heut auf morgen, das will ich als
kostbaren Schatz meinem Volke bringen, als Euer Gastgeschenk bei meiner
Heimkehr. Nimmer sollt Ihr gering von meinem Lande denken, denn es hat
keinen Undankbaren zu Euch geschickt. Unauslschlich wird mein Dank sein
und zum Segen wachsen wie ein guter Same, der tausendfltige Frucht bringt
. . .

-- Er ist ein Dichter! Er spricht entzckend! Er ist schn, ein Snger und
Held zugleich! Da aus Teutaland Solches kommt? riefen die Hrerinnen.

-- Nicht wei ich, was ich Euch als Gegengabe bieten soll, denn Ihr seid
reich an jeglichem Gut, und ein Mehrer Eurer Erkenntni und Freudigkeit zu
sein, das kann Keinem gelingen, der von anderen Vlkern kommt, am wenigsten
mir oder meinen Volksgenossen. Aber wie ich unbescheiden genug bin, hier
unsere Armuth zu bezeugen, so will ich stolz genug sein, daheim Eure
Ueberlegenheit zu rhmen und Eure Kraft als ein Beispiel aufrichten, daran
die verborgenen Krfte meines Volkes in's Licht wachsen sollen, damit Eure
Achtung vor dem fremden Wesen den bitteren Geschmack verliere, wenn Ihr von
Teuta sprecht. Wir sind verwandten Blutes, und in verwischten Zgen lebt
ein alter Zusammenhang. Wir haben heute gehrt, wie wunderbar die
Schicksale der Vlker, wie aus den verderblichsten Heimsuchungen und
schaudervollsten Niedergngen die Menschheit sich auf Zukunftspfade rettet,
die ihr ein geheimnivoller Lenker weist. Wer wei, ob nicht auch Teutaland
seinen Blutsverwandten wieder nherrckt, gereinigt von Irrthmern,
gewachsen in seinen Vorzgen, ein treuer Bundesgenosse in Zeiten neuer
Bedrngni, oder, noch lieber, ein frhlicher Theilnehmer an gemeinsam
bereitetem Glck. Wenn Ihr heute an Teuta denkt, freilich, da ist's als
blicktet Ihr in eine groe Finsterni, aber ich sehe, von dieser Stelle
aus, mit meinem inneren Auge, mit dem Auge der feurig und hoffnungsvoll
erglhenden Seele, wie ein stiller, heier Purpurglanz ber die Finsterni
sich breitet gleich zeugender Liebe, und wie die Finsterni unter dem Kusse
liebenden Lichtes in gttlicher Umarmung empfangende Mutter wird und aus
ihrem Schooe den Geist der Helle gebiert, der, eine Sonne der Zukunft, die
trbe Teuta-Nacht in seligen Tag verwandelt. O, da nichts uns stre, wenn
die brnstige Liebe ihr himmlisches Zeugungswerk verrichtet, damit der
Wonne des Empfangens die selige Frucht entspriee. Ich gre mein Teuta
unter Nordikas Himmel, der mein Herz der Freude und Hoffnung erschlossen
hat und meine Seele stark gemacht, das Khnste zu wagen. Ich gre die
herrliche Welt!

So endete Greges Rede, die als dster zrnende Abwehr begonnen, wie eine
Apotheose, in deren Strahlenglanz sich Alles an die Brust fliegt,
berwltigt vom Gefhl, und der Vorhang sich senkt unter Umarmung und Ku.
In seiner dichterischen Phantasie hat sich das Zeitliche zum Ewigen
erhoben, der Einzelfall zum typischen Ereigni, das
Persnlichkeits-Lustgefhl zum jauchzenden Lustschrei der lebens- und
glckeshungrigen Gattung.

Jubelnd umringten ihn die Zuhrer. Allen hatte er aus der Seele gesprochen,
Jungen und Alten, Mnnern und Weibern.

Den ganzen Abend sprach man von nichts Anderem. Die Improvisation des
Teutamannes galt Allen fr wichtiger, als der historische Probe-Vortrag der
neuen Meisterin.

Maikka bedauerte, Grege nicht gehrt zu haben.

In jener Mischung von Herzlichkeit und Spott, von Sympathie und Hohn, wie
sie ihr in den letzten Tagen gegen ihren Gastfreund meist ber die Lippe
flo, sagte sie zu ihm: -- Du sprichst wie ein Gott, das wei ich. Aber um
in Teuta grndliche Politik zu machen, braucht man einen Teufel.

-- Einen . . .?

-- Ja, Grege. Einen Teufel. Etwa in der Art Eures wackeren . . . nein, das
ist Staatsgeheimni. Mach' Dich gefat. Jetzt aber dies: Geh' in die
Bibliothek und studire den ganzen Zarathustra. Sein Kapitel vom Staate
wollen wir zusammen lesen, wenn Du Geduld hast. Dann wollen wir auch den
blden Legendenkram, den Ihr Euch in Teuta um Zarathustra-Nietzischki habt
wachsen lassen, in alle Winde jagen. Dergleichen Fabeleien sind wahrhaftig
fr eine Kinderstube zu dumm. Ein Volk mit solcher gttlich kritiklosen
Leichtglubigkeit ist brigens fr jeden Umsturz reif -- wenn der rechte
Umstrzer kommt.

-- Der rechte Teufel, in Deiner Lesart.

-- Jawohl, Grege. Oder der rechte Zarathustra. Das ist das Nmliche.

-- Zarathustras Wiedergeburt also, oder Wiederkehr.

Grege meinte das doppelsinnig. Unwillkrlich, ohne Ueberlegung. Und ein
Schauder flackerte hei ber sein Gehirn. Und vor seinen Augen brannte eine
jhe Rthe.

-- Zarathustras Wiederkehr! kam es noch einmal wie lallend von seinen
Lippen.

Pltzlich schrie er Maikka an: -- Dein Staatsgeheimni, ich will Dein
Staatsgeheimni wissen! Wie lange foppst Du mich noch, Weib?

Maikka, nach einem langen, bohrenden Blick, vor dem Grege schier erblate
und das Feuer seiner Augen zurckwich, wie vor dem Druck einer strkeren
Flamme: -- Frag' mir's ab, Teufel! Kannst Du nur Blinde bannen? Zwinge die
Sehenden! Thu' mir Gewalt an!

                                * * *






Inzwischen hatten in Teuta die Vorbereitungen zum groen Nationalfeste und
was damit zusammenhing -- und was hing bei den herrschenden Einrichtungen
nicht damit zusammen? -- ihren Fortgang genommen.

Ihren Fortgang!

Ihren Fortgang so, wie seit Generationen und mit besonderem Glanze unter
dem glorreichen Regimente Aos und seiner Hoheits-Genossen alle
Staatsangelegenheiten ihn zu nehmen pflegten. Hinten herum. In
Schlangenlinien. Im Zickzack. Im pltzlichen Schu mit pltzlichem
Zurckweichen und Stehenbleiben: Was war's -- was nun? In Auf- und
Abschwngen. Im Taumelgang. Rechter Hand, linker Hand, Alles vertauscht. Im
Arabeskenstil. Kurz: urteutahaft.

Der kleine, geschmeidige, zhe Soundso nannte das boshaft Die Politik des
altneuen Kurses.

Das Gaukelspiel mit dem todten und wieder lebendig gewordenen Minus hat ihn
brigens im hohen Rath zum berhmtesten, einflureichsten und
gefrchtetsten Mann gemacht. Es war sein gelungenster Meisterstreich.

Sein eigener Meister Titschi ist darber vor Neid todtkrank geworden.

Bim war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren, fr den genialen
Entdecker ein starkes Stck.

Ao entschlo sich im ersten Schreck zu einer Entfettungskur, und zwar zu
einer radikalen, mit heimlicher Auslandsreise, nach dem damals in der
bewohnten Welt berhmtesten Entfettungskurort Isaria auf den Ruinen und
zwischen den Scherbenbergen einer uralten Kunst- und Wunderstadt im Sden.
Die Ruinen stammten von dreihundertfnfundsechzig Tempeln und einem
Nothtempel fr den dreihundertsechsundsechzigsten Tag in den Schaltjahren,
und die hohen und weitlufigen, von amerikanischen Alterthumsforschern
bereits labyrinthartig durchschnittenen Scherbenberge entstammten den
unzerstrbaren Resten von Milliarden von litergroen Gefen, in welchen in
der deutsch-christlichen Vorzeit die Trankopfer dargebracht wurden.
Dargebracht einer Gottheit, die seit der Zerstrung ihrer Heiligthmer nur
noch ein sagenhaftes Dasein in einigen wenig beachteten
Literatur-Fragmenten, genannt das Kommersbuch, Abtheilung Kneiplieder,
fristete. Die Hter des heiligen Wortschatzes in Teuta lieen jedoch diese
Literatur-Fragmente um ihrer aufrhrerischen Tendenz willen niemals in die
Hnde der Jugend gelangen. Hoheit Minus las in seinen schlaflosen Nchten
manchmal in diesen bedenklichen Blttern und mute diesen gelehrten Genu
regelmig mit einem argen Kopfweh am nchsten Morgen ben. Auch wenn ihn
unerwiderte Liebe gepeinigt, flchtete er, um Schlimmes mit Schlimmerem zu
kuriren, gern zu seinem Kommersbuch. Einige sprachliche Formen, die keine
Philologie mehr zu erklren vermochte, wie Krambambuli, Jupeidi,
jupeida, und die wohl vor anderthalbtausend Jahren der heiligen
Tempel-Liturgie der Oberpriester angehrten, fesselten ihn oft dermaen,
da er Herz- und Hftweh darber verga.

Der groe Minus! Nun war er wirklich todt, und nur dem auerordentlichen
Diplomaten-Geist des Soundso war's gelungen, ihn als sprechende Spukgestalt
im hohen Rath vorzufhren und damit das ganze Kollegium zu revolutioniren.

Die groe Noth der Regierenden in ihrer unzulnglichen Weisheit und der
dmonische Ehrgeiz des Strebers hatten Soundso auf einen Gedanken gebracht,
der zuvor von keinem regierenden Teuta-Gehirn gedacht worden war. Und wie
jeder geniale Gedanke, war er so naheliegend und so verblffend einfach:
Man ersetzt die abgngigen Kapazitten durch elektromagnetische Automaten
-- und der Staat ist gerettet.

Und in einem Staate, wo die Feinmechanik und alle technischen
Tuschungs-Fertigkeiten auf der hchsten Blthenstufe angelangt sind, ist
es doch frwahr keine Hexerei, einen Automaten zu hexen, der zu Allem zu
gebrauchen ist, zum Staatsmann wie zum Komdianten?

Zuerst fhrte Soundso seinen leichenblassen, Geistergre flsternden
Minus-Automaten vor. Die Wirkung lie, wie erklrlich, nichts zu wnschen
brig. Hierauf lie er den Mann in der Kraft und Wrde seines
Oberlehrerthums fabriziren, wie ihn das Volk verehrte, und mit jenen
Redensarten im Leibe, vor denen sich das Volk stumm verneigt wie vor
Orakeln. Der Phonograph hatte eine Menge solcher Staatssprche aufbewahrt,
zu beliebigem Gebrauche, je nach der augenblicklichen Nothdurft: Wissen
ist Macht, Bildung macht frei, oder Dem Volke mu die Religion erhalten
bleiben, oder Ich bin mde, ber Sklaven zu herrschen, der Geringste im
Lande steht meinem Herzen so hoch und so nahe, wie mein leiblicher Bruder,
oder Wer dem Interesse des Staates zuwiderhandelt, der verdient
zerschmettert zu werden, oder Wem's im Teutareiche nicht behagt, der
blase den Staub von seinen Pantoffeln, und es wird ihm wohler werden.

Gewi, die Hoheiten, nachdem sie sich von der ersten Verblffung erholt
hatten, fanden am Werke Soundsos Allerlei auszusetzen. Kaspe, der
Oberrichter, fhlte ein Frsteln von der Brustwarze bis in den kleinen
Zehennagel: Bestand nicht die Gefahr, da man mit dieser frchterlichen
Technik schlielich die gesammte Jurisprudenz und Rechtspflege
automatisire, so da der ganze Richterstand, soweit er sich noch auf
lebendiges Blut, Haut und Knochen berufen kann, um seine Existenz gebracht
wre? Lauter billige, unbestechliche, unfehlbare Automaten auf den
Richtersthlen, wre das nicht das Ende aller Herrlichkeit?

Der kluge Kaspe piepste natrlich diese intellektuellen Angstprodukte nicht
heraus, sondern bemerkte blo fachmnnisch: -- Das will Alles noch
wohlerwogen und an unserem berlieferten Rechtsbestande gemessen sein.
Jedenfalls wrde diese Neuerung die Erlassung von bezglichen Verordnungen
und Schutzmaregeln erheischen.

-- Wirklich erheischen, Hoheit Oberrichter? fragte Hoheit Oberpriester Ao,
der von der Idee der Entfettungskur rasch zurckgekommen war. Wir halten
doch die ganze Geschichte vor dem Volke geheim, absolut geheim. Wir sagen
nicht: Das ist der Automat Minus, das ist -- gestatte das Beispiel -- der
Automat Oberrichter. Bewahre! Fr das Volk giebt's berhaupt keine
Automaten. Das Volk mu glauben oder sich geberden und verhalten, als
glaube es: Der Minus ist der Minus, der Oberrichter ist der Oberrichter,
Hoheit ist Hoheit! Amen. Was dahinter steckt, das behalten wir fr uns
allein, meine hohen Freunde.

Soundso hrte zu und lchelte, bescheiden in seiner Gre, gro in seiner
Bescheidenheit. Alle Finessen der Schauspielerei waren in seiner Gewalt.

Titschi abschlieend: -- Den Minus also htten wir, unser hohes Kollegium
ist vollzhlig, und unserem gemeinsamen Auftreten bei der
Nationalfeierlichkeit steht nichts im Wege. Automat Minus wird beim
Zarathustrafest seine Schuldigkeit thun, ohne jede Strung, wir knnen uns
auf seine amtsgeme Haltung verlassen?

-- Ja, Hoheiten, dafr verbrge ich mich! sprach Soundso sich verneigend.

Titschi: -- Fehlt uns nur Grege. Der unmenschliche Uebermensch, der uns den
Streich gespielt, sich nicht erwischen zu lassen.

Soundso: -- Den schaffe ich zur Stelle, den fabrizire ich auch. Ich habe
ihn bereits in Arbeit gegeben. Der Original-Grege mag uns gewogen bleiben.
Die Kopie bertrifft ihn.

Allen Hoheiten entrang sich ein Ausruf des Entzckens. Doch nahmen Kaspe
und Bim den ihrigen wieder zurck. Das sei zu viel des Glckes auf einmal.
Ob man dem Volke wirklich eine solche umfangreiche Tuschung bieten knne,
ohne Gefahr der Entdeckung?

Soundso tippte auf eine Feder im Minus-Mechanismus und sofort ffnete der
Automat den Mund: -- Volk? Sprecht mir nicht vom Volke! Heerdenvieh lt
sich Alles bieten. Dixi.

Alle waren bla vor Schreck. Darber, da Minus unerwartet sprach mit
geisterhafter Pltzlichkeit. Und noch mehr darber, was er sprach. Wenn bei
der ffentlichen Feierlichkeit die Maschine die Bosheit beginge, etwas
Ungehriges zu sagen, etwas zu verlautbaren, was nicht fr die Ohren des
Volkes wre?

Soundso beruhigte die Aengstlichen. Er tippte den Kunstmenschen leise an.

Automat Minus nickte: -- Alles fr das Volk und durch das Volk, es giebt
nichts Selbstherrliches auer dem Volke, die Herrschenden sind nichts ohne
seinen Willen, und mit seinem Willen nicht mehr als des Staates erste
Diener.

-- Das lt, sich hren, Hoheit Minus. Brav gesprochen, Maschine
Oberlehrer. Das ist ein Automat, der seinem Herrschberufe Ehre macht,
spottete vergngt der Oberdiplomat.

Ao und Bim betrachteten das knstliche Ding immerhin noch mit geheimem
Grauen.

Der Oberpriester machte kein Hehl daraus: -- Hoheiten, wenn ich nicht
meinen weichen, warmen Bauch mit den Verdauungsbewegungen unter mir fhlte,
ich wte nicht, bin ich ein Automat oder ein Mensch. Die Tuschung ist
unheimlich. Man mu sich zusammennehmen, den Glauben an seine eigene
Lebendigkeit nicht zu verlieren. Soundso knnte ein furchtbares Spiel mit
uns treiben, wenn er bei unsern Lebzeiten unsere automatischen Doppelgnger
anfertigen liee und gegen uns selbst in's Feld fhrte.

Bim warf sich in die Brust: -- Ich entdecke, also bin ich. Die mechanische
Puppe wird das niemals von sich sagen knnen. Damit ist meine Prioritt und
Identitt festgestellt.

Soundso lchelte verschmitzt: -- Vielleicht gelingt es uns auch noch,
Automaten mit Bim'schem Entdeckergenie anzufertigen.

Der Oberphysikus empfand nach einigem Besinnen diese Aeuerung als dreiste
Ueberhebung. Aber er wollte nicht weiter darauf eingehen. Er addirte sie
einstweilen zu den brigen Frechheiten, die sich dieser Junge mit dem
listigen Armensndergesicht schon gegen ihn herausgenommen.

Ao: -- Du sagst uns, Soundso, vielleicht gelingt es uns. Wer sind diese
uns? Hast Du sie sicher in Deiner klugen Macht, da sie uns nicht
verrathen?

-- Sehr zeitgeme Frage, piepste der Oberrichter. Soeben habe ich sie im
Stillen bei mir selbst erwogen.

Soundso kam diese Frage gelegen, er hatte sie lngst erwartet.

-- Meine Hoheiten werden erstaunt sein, wenn ich bekenne, da meine
Automatenfabrik vollkommen meinem Willen unterthan ist, obwohl sie in der
Frauenstadt liegt.

Alle wie aus einem Munde: -- In der Frauenstadt?

-- Auf mein Wort. Und hierin ist auch der Grund, warum ich von den Sphern
selbst in geschlossener Zeit und ohne amtlichen Auftrag fters in der
Frauenstadt beobachtet worden bin. Ich habe zu der Denunziation
geschwiegen. Ich wei, da man geneigt war, meinen heimlichen Aufenthalt in
der Frauenstadt zu meinen Ungunsten zu deuten und meine Fhrungsliste damit
zu belasten. Ich wute, da die Zeit meine Rechtfertigung bringen wird.

-- Mit mnnlicher Kunstfertigkeit war das nicht zu machen? inquirirte
Kaspe.

-- Nicht mit dieser Vollkommenheit. Da gehren die gebtesten und feinsten
Frauenfinger dazu, solche Automaten herzustellen. Ich habe lange gesucht
und geprobt. Und ich konnte mich nur mit den fhigsten und verschwiegensten
Frauen einlassen.

Titschi fand, da ihn sein Schler in allen Listen bertreffe.

-- Wir knnen uns darauf verlassen, begann Ao wieder, wenn wir die
Zarathustrafeier um weitere vierzehn Tage verschieben, da Du uns den
Automaten Grege zur Stelle bringst?

-- Unfehlbar. Meine Frauen haben Grege schon in Arbeit. Er reist sichtlich
seiner Brauchbarkeit entgegen.

-- Herrlich! Nie fhlte ich mich einem Manne mehr verpflichtet.

Soundso schlo die Augen, beschmt von so viel Anerkennung. Im Innern sah
er sich in einem unaufhaltsamen Siegeszug, umjubelt von ganz Teuta, durch
den einmthigen Willen des dankbaren Volkes mit dem Purpur des ersten
Vertreters des Staates geschmckt. O dieser impotente hohe Rath, er wird
zermalmt werden von den Rossen seines Triumphes, zu Brei zerquetscht von
den Rdern seines Siegeswagens. Ja . . . ja, gleich jetzt den Augenblick
gentzt und den Hoheiten eine neue Stichkarte in's Gesicht geworfen. Das
Unternehmen kann nicht milingen, und selbst wenn's milnge . . . Es
soweit gefrdert zu haben, war eine unvergleichliche That. Los!

-- Noch eine Kleinigkeit, die ich im Interesse unseres staatlichen Ansehens
in die Hand zu nehmen mir erlaubte, wnsche ich vor den Hoheiten nicht
lnger geheim zu halten. Ich bin der Tnzerin Jala auf der Spur. Ja, ich
darf sagen, ich habe die Person bereits, wenn auch erst sozusagen am Ende
eines langen Fangseiles. Bis zum Zarathustrafest hoffe ich sie dem
Festordner abliefern zu knnen.

Kaspe kniff die Lippen zusammen: Er und seine Spher bertrumpft! Wie war
das mglich? Was vermag denn dieser junge Mensch noch Alles? Mit welchen
Mchten steht er im geheimen Bunde? Seine Verdienste fangen an verdchtig
zu werden.

Die reine Teufelei!

Aber der Oberrichter stimmte mit den Anderen laut in die Bewunderung ein
und wnschte dem Handstreich des jungen Diplomaten glnzendes Gelingen.

Ao dachte fr sich: Gut, da Minus hinber ist. Mit Jalas Rckkehr htte
der sndhafte Tanz auf's Neue begonnen.

-- Bevor wir, meine Freunde vom hohen Rath, in unseren heutigen Berathungen
weiterschreiten, erbrigt uns noch, unserem ausgezeichneten Soundso fr
seine sinnreichen Leistungen den Dank im Namen Teutas auszudrcken.

Die Hoheiten stimmen zu, mehr oder weniger geqult von allerlei
Erwgungen.

Automat Minus legt die Hand auf die Brust und nickt gleichfalls, whrend
sich seine Augenlider gefhlvoll senken.

-- Die Aeltesten vom Festbund haben die Inspektionsreise durch die
Feststraen ausgefhrt und haben sich zum Bericht angemeldet. Wir haben
vorher noch Anderes zu erledigen. Die Leute knnen warten. Da wir sie in
unser Automaten-Geheimni nicht einweihen, erachte ich fr
selbstverstndlich. Ist einer von Euch, Hoheiten, anderer Meinung?

Automat Minus, Hoheit, ffnete den Mund: -- Je Weniger um das Heil des
Staates wissen, desto besser wird es behtet.

Der Ton klang ein wenig sarkastisch.

Die hohen Rthe lchelten. Einfach zauberhaft, wie Soundso sein Geschpf
dirigirte.

Ao legte nun verschiedene Fragen nach der Ausstattung des Festprogramms
vor. Er wnsche, da es diesmal besonders reich und glnzend gestaltet
werde. Nachdem fr den hohen Rath all' die Schrecknisse und Aengste der
jngsten Zeit so glcklich berwunden sind, soll das Volk fr die
Verschiebung durch um so belustigendere Spenden entschdigt werden.

Oberrichter Kaspe, Hoheit, nahm das Wort.

Er pries sich, in der angenehmen Lage zu sein, eine Abtheilung des
Festzuges, worin die politisch-sozial verdchtigen Schattirungen
vorgefhrt und der Verhhnung preisgegeben wrden, diesmal groartig
ausstatten zu knnen. Zahlreiche Verdchtige seien ihm von seinen Sphern
notirt. Ein gewisser Geist der Emprung schien im letzten Jahre lebhafter
um sich gegriffen und mehr Opfer als sonst gefordert zu haben: -- Das kommt
uns natrlich sehr erwnscht. Wir werden ein Exempel statuiren, des hohen
Festes wrdig.

-- Ja, aber . . . fragte Ao ngstlich, ein wirklicher Geist der Emprung?

-- Bei der Jugend, allerdings, Hoheit Oberpriester. Natrlich in jenen
Schranken, der zwar keine Erschtterung des Staates befrchten, aber
immerhin eine Erweiterung unserer Machtbefugnisse und eine Verstrkung
unseres Druckes auf die Kpfe zweckmig erscheinen lt.

-- Ach so. Ich dachte schon . . .

-- Nein, Ao, davon ist keine Rede. Aber ich werde mir eine grere Anzahl
Burschen herausfangen, die ihre Zunge in politischen Diskussionen allzu
frei spazieren lieen.

-- Was? Man diskutirt in Teuta? Die Jungen diskutiren?

-- Hoheit Oberpriester, beruhige Dich. An sich ist die Sache ja furchtbar
harmlos. Aber um ein Exempel zu statuiren . . . Man wei ja, wie wohlthtig
das wirkt. Ernster ist folgender Fall: Im neunundneunzigsten Bezirk haben
Etliche die Werkzeuge zerstrt, also sich am Gemeineigenthum vergriffen.
Eigenthum verdient unter allen Umstnden hheren Schutz, als die
persnliche Freiheit, denn es ist todte Sache und kann sich nicht wehren,
erstens, und zweitens, das Eigenthum drckt die Macht des Staates aus. Wer
sich im Geringsten am Eigenthum vergreift, vergreift sich am Staate.

-- Sehr richtig, Oberrichter Kaspe.

-- Sodann lasse ich eine Anzahl Individuen vorfhren, welche die Heiligkeit
unserer sittlichen Ordnung verletzt haben. Man hat sie zu unangemessener
Zeit an den Thoren gesehen, welche zur Frauenstadt fhren. Die Thore waren
zwar verschlossen, allein die Absicht war nicht zu leugnen, unserer
staatlich patentirten Sittlichkeit ein Bein zu stellen oder auch zwei.

-- Strafe mu sein, lchelte Soundso.

Ao, beglckt: -- Es ist mit angenehm, in so schwierigen Fragen, die
Menschenkenntni erfordern, unsern Freund Soundso unsere Ueberzeugung
theilen zu sehen.

Kaspe fuhr mit wichtiger Stimme fort: -- Nachdem unser gelehrter Minus als
Automat den Tod berwunden hat und in den Augen des Volkes wrdig
weiterlebt, mu dafr gesorgt werden, da sich seinem Rufe keine Krnkung
nahe. Es sind mir einige Leute bezeichnet worden, die ihm Ehrenrhriges
hinsichtlich seiner zrtlichen Neigungen nachzusagen wagten. Das ist
schwere Beamtenbeleidigung. Wir knnen die Frevler mit um so ruhigerem
Gewissen in Strafe nehmen, als ein . . . Automat gewi von exemplarischer
Keuschheit ist. Ich werde also eine Anzahl solcher Verleumder in den Zug
einstellen lassen.

Ao: -- Von Rechtswegen. Ich bewundere Deine feinsinnige Gesetzesanwendung,
Oberrichter Kaspe. Was man unserem Minus bei seiner ersten Lebenszeit mit
einigem Schein von Berechtigung in Bezug auf seine erotischen Bedrfnisse
nachsagen konnte, braucht er sich als Automat nicht gefallen zu lassen.

Nach einer kleinen Pause, die er mit Drcken und Streichen seines
glucksenden Kehlkopfes ausfllte, begann er wieder: -- Noch eine ziemlich
heikle Sache wnschte ich bei dieser Gelegenheit von den Hoheiten
entschieden, es geht jetzt in Einem hin. Unsere Staatsreligion ist ja,
unter uns gesagt, Religionslosigkeit und unser Gottesglaube Gottlosigkeit.
Ist es nun weise, frage ich, und liegt es im Interesse des Staates . . .
hm, hm . . . eine milde Praxis gegen diejenigen zu beobachten, welche vom
hohen Mysterium, vom groen Unbekannten, von der Formel Gott und sein
Volk nicht mit dem herkmmlichen Respekte reden? Den Purpur der
Glubigkeit vielleicht gar besudeln?

-- Bewahre! Keine milde Praxis! Nur das nicht! Streng bis zum Aeuersten!
Religion, Mysterium, hoho, die Fundamente aller Autoritt, nur daran nicht
rhren lassen bei den heutigen Zeitluften.

-- Gut, Hoheiten, ich verstehe. Ich werde in Eurem Sinne das Weitere
veranlassen.

Oberrichter Kaspe lehnte sich befriedigt zurck. Er hat seines
verantwortungsvollen Amtes mit Eifer gewaltet. Er hat sich um Teutas
Rechtspflege verdient gemacht und den Glanz des Nationalfestes durch seine
juridische Strenge erhhen helfen.

Nun beugte sich der Oberdiplomat Titschi vor.

-- Es sei mir gestattet, unsern Minus in seiner automatischen Amtsfhrung
zu untersttzen. Es ist mir bekannt geworden, da in einigen Bezirken
verbotene Worte ausgesprochen worden sind. Man wird keine Beweise von mir
verlangen, wenn ich mich auf die Zeugschaft unseres ausgezeichneten Soundso
berufe. Probleme, Entwicklung und hnliche vom heiligen Wortschatze
verpnte Begriffe sind von jungen Leuten, zweifellos in agitatorischer
Absicht, wiederholt auf ffentlichen Pltzen, wo mindestens zwei Personen
versammelt waren, ausgesprochen worden. Unbetheiligte Hrer haben Aergerni
daran genommen. Es liegt also ein qualifizirtes Verbrechen am heiligen
Wortschatze vor. Ich werde die Verbrecher unserem Oberrichter zur
Abwandlung berweisen.

Auch Bim konnte mit einigen interessanten Missethtern aufwarten. Im
physikalischen Institut ist er hinter Schreckliches gekommen. Gut befhigte
Schler haben statt Bims wissenschaftliche Entdeckungen auszubauen und ihm
mit eigenen Entdeckungen unter die Arme zu greifen, sich mit der Muse in
ekstatische Umarmungen gestrzt, die nicht ohne strafwrdige Folgen
geblieben sind. Drei Hefte, frisch mit Liedern beschrieben, zum Theil sogar
selbst illustrirt, wurden bereits konfiszirt. Eins enthielt ein
aufreizendes Liebeslied mit dem verrckten Titel An eine blinde Seherin,
ein anderes eine hochverrtherische Spott-Hymne an den Teuta-Staat und eine
Ode Auf einen sprossenden Bart. Mit dem vorschriftsmigen Rasiren
schienen es diese Dichter, die mit ihren Schmierereien sich ber die
offizielle Staats-Weisheit erhaben dnken, nichts weniger als genau zu
nehmen. Hierin ist eine Herabwrdigung staatlicher Einrichtungen zu
erkennen. Wenn die Hoheiten es verlangen, wrde er gern eine Anzahl
strafflliger Barthaare als Beweisstcke vorlegen. Also bitte er wegen
Bartwuchses und Dichterei die von ihm Bezeichneten als Rebellen zu
bestrafen.

Kaspe und Titschi nickten beifllig. Soundso rieb sich schmunzelnd sein
glattgeschabtes Kinn.

Ein ungewhnlicher Straf-Wetteifer hatte die Hoheiten ergriffen.

-- Je mehr, desto besser! ghnte Ao. Die schwarzen Festzugs-Abtheilungen
werden dem Teutavolke mehr Vergngen bereiten, als die purpurnen. Das liegt
in der menschlichen Natur.

Hierauf wurde die Liste der Auszuzeichnenden durchgesprochen.

Soundso befrwortete namentlich weibliche Verdienste. Alle seine
Freundinnen hatten sich um den Staat verdient gemacht. Seine Vorschlge
wurden mit Begeisterung angenommen.

-- Ob wir nicht doch des Guten zuviel gethan? fragte am Schlusse
Oberphysikus Bim zweifelnd.

Ao, der langen Verhandlung mde, versprach noch einmal eine
Revisions-Sitzung anzuberaumen.

Die Aeltesten des Festbundes wurden zur Berichterstattung vorgerufen. Sie
traten mit verdrossenen Gesichtern ein, vom langen Warten.

Automat Minus wurde zur Begrung auf sie losgelassen.

Die guten Leute merkten nichts. Die Maschine arbeitete tadellos.

Soundso versicherte dem Oberpriester noch einmal in's Ohr, da der Automat
Grege womglich noch besser ausfallen werde . . . Und Jala werde das Fest
verschnen . . . leibhaftig!

                                * * *






Maikka lud Grege ein, mit ihr in's Vorrathshaus zu kommen, damit sie sich
ausrsteten fr die Reise.

Grege betrachtete seine Gefhrtin mit ruhig ernstem Blick und lie sie
schalten.

-- Wir wandern in rauheres Land, zu kernfesten, wetterharten Leuten, da
mssen wir uns entsprechend kleiden, da wir der Natur trotzen und den
Menschen gefallen. Wir wollen nicht als unerfahrene Fremdlinge erscheinen.

Sie legte Grege eine kurze lederne Kniehose vor, einen langen hellen Rock,
dazu eine rothe, pelzbesetzte Mtze und einen Tuchmantel von grauer Farbe.

-- Da ich's nicht vergesse, auch ein groes Grtelmesser mut Du Dir an
die Seite stecken. Von Gestalt wie ein alter Nordlandsknig, darfst Du in
der Kleidung schon ein wenig wie ein heutiger Bauer aus dem Gebirge
aussehen.

Fr sich whlte sie gleichfalls einen grauen Tuchmantel. Ihre brige Tracht
sollte aus einem weitrmeligen weien Hemd, einem rothen Mieder und einem
kurzen schwarzen Rock bestehen.

Den Kopf behielt sie unbedeckt, die dicken blonden Flechten ringsum wie
einen schimmernden Rahmen mit goldenen Nadeln festgesteckt.

Grege hatte sich Surros bereitet und eine volle Tasche davon bereit gelegt.
Maikka hingegen versah sich mit derberer Landkost, mit einer Schichte
dnner Fladbrode und einem groen Stck gepkelten und gedrrten
Rindfleisches, dazu nahm sie noch gedrrte Birnschnitze und Konserven.

-- Soll das Alles verzehrt werden? fragte Grege.

-- Je nachdem. Mit Schaugerichten wollen wir uns nicht belasten. Aber wir
mssen fr alle Flle mit Nahrung versehen sein. Deine Surros flen mir,
wie Du weit, wenig Vertrauen ein. Du hast nur Hunger, ich jedoch Appetit
wie ein Wolf. Wir kommen in Meer- und Gletscherluft. Du hast die Eisprobe
zu bestehen, Grege.

-- Ich bin auf Alles gefat. Nichts schreckt mich mehr. Fhre mich nur bald
in das bewute Asyl. Ich habe lange genug Glckliche gesehen. Nun will ich
auch wieder das Unglck gren.

-- Nur nicht pathetisch, Grege!

-- Deine Warnung ist gut gemeint, aber berflssig. Ich werde Niemand mehr
mit zu viel Worten zur Last sein.

-- Nun thust Du gekrnkt, Grege!

-- Nein, Maikka. Du wirst mich nicht mehr schwach finden. Ich bin Dir tief
verpflichtet.

-- Ich bin ja zufrieden mit Dir. Sei doch gut. Du hast die Feuerprobe
bestanden, nun werden wir zusammen doch auch die Eisprobe bestehen, wie?

Sie sagte das mit einem nixenhaften Lcheln auf den Lippen.

Und sie strich ihm zrtlich ber den Bart, dessen dichter Wuchs ber die
Wangen herab, an der Oberlippe und am Kinn seidenweich und von gleichmig
schner goldblonder Farbe war. Eine wollstige Khle entstrmte ihrer Hand.

-- Dein Vollbart wird prchtig. Ich wnschte mir ihn nur ein wenig rauher
und struppiger. So ein recht zottiger Knebelbart, da ich d'ran baumeln
knnte, wird Dir wohl nicht wachsen. Gieb' mal Acht, was wir im Gebirge fr
Zottelbren-Mnner entdecken werden. Fr mich. Fr Dich natrlich die
entsprechende Weiblichkeit, gemthstief, harmlos, still zutraulich . . .

-- Du willst mich reizen, Maikka. Wann fahren wir ab?

-- In einer Stunde.

-- Und wir kutschiren?

-- Bis zur nchsten Godrom-Station. Dort besteigen wir ein Luftschiff bis
in die Berge. Und das Uebrige machen wir zu Fu, bis uns das Meer
entgegenrauscht, oder auch nicht. Wir werden stilles Wetter haben, frisches
Wetter. So freue Dich doch, da ich Dir Befrderung in allen Farben biete!
Wahrhaftig, ich streiche Dir das Leben wie Honig um den Mund.

In aller Heimlichkeit packte sie auch Greges alten Pilgermantel mit ein,
denn es knnte sie die Lust anwandeln, ihren Gast zu abenteuerlichen
Bergbesteigungen zu verfhren, und wer wei, wie da das Wetter wird, und
wieviel Kleider es kostet. Sie lachte spitzbbisch in sich hinein. Grege
wird Augen machen, wenn er den alten verschlissenen Freund, den
sturmerprobten, wieder entdeckt. Und in den Mantel wickelte sie das in
Teuta verbotene Zarathustra-Fragment: Der Purpur-Staat oder vom neuen
Gtzen, ein dnnes Heftchen. Das wollte sie, falls Unwetter sie in eine
Berghhle bannte, mit Grege lesen, umrauscht vom Flgelschlag der
Steinadler. Und noch ein schmchtiges uraltes Bchlein packte sie dazu, die
Sprche von Jesus Sirach, darin sie die Stelle mit einem dicken rothen
Strich umrahmte: Errette den, dem Gewalt geschieht, von dem, der ihm
Unrecht thut und sei unerschrocken, wenn Du urtheilen sollst. Bekenne das
Recht frei! Diene einem Narren nicht in seiner Sache und sieh seine Gewalt
nicht an, sondern vertheidige die Wahrheit bis in den Tod!

Die Stunde war um. Und nun sausten sie auf einem hochrderigen Zweisitz
dahin. Maikka sprach zunchst mehr mit ihrem Pferd, als mit ihrem
Reisegenossen. Es hatte einen zierlichen, doch krftigen Leib von gelber
Farbe, einen groen, klugen Kopf, eine aufrechtstehende, kurzgehaltene
weie Mhne.

-- Vorwrts, Tema, mach' Deinem Stammbaum Ehre! Du kannst Dir so viel auf
Deinen Stammbaum einbilden, wie der stumme Mann, der hier bei mir sitzt. Du
bist aus edlem Hause.

Grege berhrte die Anspielung. Er sa in Gedanken versunken. Vergangene
Nacht lpfte Maikka ihr Staatsgeheimni, ohne ihm das letzte Wort zu sagen.
Es gengte auch so, ihm wichtige Zusammenhnge aufzudecken und seinem
Rckkehrsplan nach Teuta neue Grundlagen zu geben und strkere Ziele seinen
nchsten Unternehmungen in der Heimath. Bestimmte Persnlichkeiten tauchten
jetzt aus dem Dunkel des Teutastaates auf und rckten ihm drohend in's
Gesichtsfeld: Minus, Titschi, Soundso. Alle drei hatte er seither nur als
Oberflche genommen und ihre starren Wurzeln und Triebe in der Tiefe
bersehen. Mit allen Dreien wrde er zunchst den Kampf aufzunehmen haben.
Minus ist der Gefhrlichste, als der bse Geist von Teuta, unter dessen
Fuchtel die Entwicklung der Jugend sich schmerzlich windet. Minus, den er
fr einen pessimistischen Querkopf mit allerlei verkehrten Launen gehalten,
ist ein wilder Egoist, dem im Staate nichts heilig ist, als seine
Herrschlust, ein ironischer Volksverchter. Titschi fischt im Trben und
hat sich den Soundso herangezogen zum Handlanger, der Alles wagt. Alle
spielen nur mit dem Staate und ntzen die ihnen vom verblendeten Volke
eingerumte Machtstellung fr ihre Sonderzwecke. Sie spucken ganz Teuta auf
den Kopf. Soundso hat berdies ein Netz von Verrthereien um sich
gesponnen. Er mu mit eiserner Hand gefat und zerdrckt werden. Ohne
Rcksicht. Alles was in Nordika und bei den Angelos ber die inneren
Zustnde des Teutastaates ausgestreut worden ist, weist auf ihn zurck.
Maikka hat ihm das geradeheraus besttigt. Soundso unterhlt mit
Nachbarstaaten Nachrichtendienst. Sein Ehrgeiz ist ungemessen. Er will eine
groe Rolle spielen um jeden Preis. Er arbeitet mit den anfechtbarsten
Mitteln auf eine erste Stellung im Staate los. Er hlt's mit den Alten und
mit den Jungen. Die Frauen hat er aufrhrerisch gemacht. Hier gilt's den
ersten Streich, um ihn aus dem ffentlichen Vertrauen heraus zu werfen
. . . Bei den Angelos soll er persnlich eine Zeitlang gewesen sein, auch
bei den Frankos, in geheimer Kundschaft seines Meisters Titschi . . .
Maikkas Aussage klang in diesem Punkte ziemlich bestimmt . . . Und der
Werthvolle Hinweis Maikkas: Dieses ganze lichtscheue politische Gesindel,
das im hohen Rathe von Teuta nistet, knne durch einen einzigen eisernen
Charakter von khner Offenheit hinweggefegt werden. Das ist ein Fingerzeig
des Schicksals, der jedes Programm aufwiegt. Wie eine Windsbraut
hineinfahren, zur rechten Stunde. Aber welches ist die rechte Stunde? Jede
Stunde, die sich die Windsbraut selbst schafft . . .

-- Grege, bist Du taub? Wie oft mu ich Dich anrufen? Unser Pferdchen Tema
mchte wissen, wie's bei Euch um die Vaterschaft steht, in Teuta?

-- Wie das? fuhr Grege aus seinem Grbeln auf. Ich bitte um Entschuldigung,
Maikka. Ich dachte gerade . . .

-- Das thun wir auch, Tema und ich. Drum fragen wir Dich. Auf wen lauten
bei Euch die Geschlechtsregister?

-- Auf die Mutter selbstverstndlich. Der Vater ist gleichgiltig.

-- Das will sagen?

-- Genau das, da der Vater gleichgiltig ist. Kinder stehen auf Mutterecht.
Zur bestimmten Zeit ziehen bestimmte Jahrgnge von Mnnern durch bestimmte
Thore -- und kehren wieder zurck. Alles Uebrige bleibt den Mttern, wieder
bis zu einer bestimmten Zeit.

-- Genug, Grege. Tema schttelt die Ohren und wehrt mit dem Schwanze ab,
mag nichts weiter hren. Schau' Dir die Gegend an. Ehemaliges Sumpfland.
Und jetzt! Die blhenden Grten sind uns nicht ber die Grenze geflogen.
Schau' Dir auch die Leute an. Siehst Du einen einzigen hlichen Menschen?

-- Keinen.

-- Alles ist, wie's gemacht wird, Land und Leute. Ich gestatte Dir die
Nutzanwendung dieses Satzes. Hott, Tema!

Dann fuhr Maikka fort: -- Deine Bemerkung neulich ber die schwebende
Bevlkerungszahl war zutreffend und gut formulirt. Jedes gesunde Volk mu
sein Wachsthum in der Hand behalten. Seine Vermehrung an Ort und Stelle
darf ber die bestimmte Zahl nicht hinaus. Die Tollheit der verkrachten
Staaten des Maschinen-Weltalters war, da sie sich in's Blaue hinein
vermehrten. Da sie sich eine Uebervlkerung schufen. Als ob sich mit den
berschssigen Massen auf dem heimischen Boden etwas anderes erzeugen
liee, als Bedrngni, Elend, Unsinn, Katastrophen. Und dann kamen ihre
verdrehten Sozialpolitiker mit ihren einseitigen Systemen und wollten da
das rabiat gewordene Leben hineinpressen. Wie diese durch die militrische
Drillwuth verdummten Menschen durch ihre ewig fehlgeschlagenen Experimente
sich nicht belehren lieen, da man mit Massen wohl Kriege fhren, aber
keine sozialen Probleme lsen knne, ist zum Lachen. Was die unglcklichen
Volksmassen, die Vielzuvielen, noch mehr durcheinander brachte, war die
sogenannte Presse oder die Zeitungen, von denen tglich ungeheure Ballen
verschluckt wurden. Der Aermste las tglich seine Zeitung, sie gehrte zu
seiner Mahlzeit, und den Allerrmsten ersetzte sie oft die Mahlzeit. Das
war eine ungeheure Verirrung, ein Unsegen, der nicht wenig den Krach der
europischen Zivilisation beschleunigen half. Die Presse nannte sich selbst
eine Gromacht, auch wenn nichts gro an ihr war, als ihr Format und ihr
gemeiner Unsinn und ihre Lgenhaftigkeit. Sie wirkte wie ein schleichendes
Gift. Die wahnbethrten Massen glaubten an die Zeitungen wie an eine
Gottheit, obwohl sie sich alle untereinander widersprachen, sich stets in
den Haaren lagen und sich der schimpflichsten Dinge bezichtigten. Von
diesen Zustnden knnen wir uns heute kaum eine Vorstellung machen. Die
politische Presse ist auch in Europa in dem groen Massengrab der
Kulturkadaver mitverscharrt worden. Aber so lange sie da war, sorgte sie
dafr, da sie den Massen unentbehrlich blieb. Die Massen, die Volksmassen!
Es ist unheimlich daran zu denken. Millionenweise hockten sie auf dem
engsten Raum beieinander . . . Fnf bis zehn Millionen oft in einer
einzigen Stadt. Grlich. Dazu hatten sie noch die zwei Grundthorheiten:
Humanitt und Internationalismus. Ihre Humanitt bestand darin, da sie
alles Unsinnige, Kranke, Verdorbene, Gefhrliche mit ausgesuchter Schonung
und einem fabelhaften Aufwand von Mitteln behandelten, whrend sie den
ehrlichen, gesunden Leuten Luft und Licht und Freiheit nahmen. Und was
hatten sie von ihrem Internationalismus? Da sie sich gegenseitig in die
Tpfe guckten, gegenseitig beargwhnten, gegenseitig belogen, betrogen,
bekriegten, sich gegenseitig neue Bedrfnisse und Verlegenheiten
anzchteten, statt da sie sich in Ruhe lieen, in vornehmer Entfernung
blieben und jedes Volk fr sich daheim auf eigenem Grund sich begngte und
sein Leben nach seiner eigenen Art organisirte. Durch den
Internationalismus ist das rtlich Dumme und Verfehlte ber die ganze Erde
verbreitet worden, und was als rtlicher Seuchenheerd htte isolirt bleiben
sollen, ist als Weltgift zu allen Vlkern geflossen. So mute aus der
Menschheit, die nur in einzelnen reingehaltenen Vlkern und Vlkergruppen
mit genau regulirtem Wachsthum gedeihen kann, ein wster Mischmasch werden,
ein whlender Krater -- der dann in der bekannten Weise eruptiren und Alles
zum Bersten bringen mute. Ist das Alles richtig betont worden in dem
neulichen Probevortrag meiner Mitarbeiterin?

-- Ich glaube wohl, Maikka. Doch httest Du die Sache noch besser gemacht.

-- Nun setze ich den Fall, Ihr wrdet in Teuta den bekannten Skandal
abstellen und Eure Menschenproduktion, die mir jetzt schon zu ppig
scheint, liee sich nicht gleich in der wnschenswerthen Weise eindmmen,
was wrdest Du thun, um den Ueberschu an Nachwuchs zweckmig zu
verwenden?

-- Ich wrde eine Auswanderung nach Jahrgngen vorschlagen und die
verdeten Theile des alten Deutschreiches besiedeln. Wo einst die Alamanen
und Bavaren wohnten, gbe es gewi groe Stcke Landes zu kolonisiren.

-- Und wie wrdest Du diese Jahrgnge Deines verhockten Hhlenvolkes
fortbringen? Wenn sie nicht freiwillig gingen?

-- Ich wrde eine Bundesgenossin erwarten, die sie hinaustriebe.

-- Die wre?

-- Die Noth, die bittere, unbezwingliche Noth, Maikka, die leibliche und
vielleicht noch mehr die geistige Noth.

Windschnell flog Tema mit dem leichten Gefhrt auf der musterhaft
gepflegten Fahrstrae dahin. Links und rechts Gehfte mit thtigen
Menschen. Keinerlei Neugier schien sie zu plagen. Kaum, da einmal ein
lteres Weib auf die Strae trat, dem Gefhrt nachzublicken.

Die Luft war leicht bewegt, der Himmel verschleiert.

Nun ging es eine lngere Strecke sanft bergan. Tema whlte sich die
gemchlichste Gangart.

-- Es fllt mir auf, Maikka, da die Hausthren nicht gegen die Strae
gehen, alle gegen den Hof- oder Gartenraum.

Sie antwortete mit ihrer alten Munterkeit: -- Weil die Menschen sonst zu
viel schwatzen, und die Weisheit liegt nicht auf der Strae.

-- Aber sie kutschirt zuweilen vorber, versuchte Grege mit Spott.

Maikka drckte ihm rasch die Zgel in die Hand: -- Flink, kutschire Du,
dann stimmt's.

Grege stellte sich ungeschickt, Tema merkte sofort den Regierungswechsel
und machte keinen Schritt mehr.

Maikka lachte ber seine Unbeholfenheit: -- Wo hast Du seither Deine Augen
gehabt? Solche Dinge sieht man sich doch im Nu ab. Achtung, so, zwischen
dem vierten und kleinen Finger den Riemen durchziehen -- der kleine ist zu
schwach? -- also zwischen dem dritten und vierten, und den Daumen so legen,
so. Und nun die Ellbogen einwrts an den Leib, die Beine nicht auseinander,
Alles in Fhlung, Alles in festem Schlu, ein einziger Kraftkomplex, keine
Zerstreuung. Arme ruhig, im Handgelenk sitzt der Witz . . . Und das will
ein Staatenlenker sein, ein geborener. Halt, halt, mach' mir das Thier
nicht kopfscheu, Zgel jetzt ganz locker, Du greifst ja zu, als httest Du
eine abgetriebene Schindmhre vorgespannt, nicht ein edles Ro, das eine
edle Leitung gewohnt ist. Hr' mal, Grege, Tema verbittet sich dergleichen
robuste Eingriffe in ihre eigene Intelligenz. Sie ist nur willfhrig in der
Illusion, da der Mensch auf dem Bock in seinen Fhigkeiten wenigstens
nicht unter ihr stehe. Raubst Du ihr diese Illusion, dann macht sie in
ihrem Jugendfeuer mit dem Fuhrwerk und seinem Beherrscher kurzen Proze.

-- Die Noth lehrt kutschiren, Maikka.

-- Umgekehrt ist auch gefahren, Grege. Die Noth zwingt das Thier, sich
einen Kutscher gefallen zu lassen, der das Kutschiren nicht gelernt hat.
Bis es ber die Noth Herr wird und den Kutscher mitsammt seiner Kutsche
ber den Haufen wirft. Die Geschichte hat schon Manchem nicht blo den
Kutscherthron, sondern das Leben gekostet.

-- Ist's so recht, Maikka?

-- Betrachte Temas Verhalten, und Du wirst die Antwort wissen. Das gute,
vernnftige Thier! Es nimmt einen Teutamann an, in der Hoffnung noch einen
ertrglichen Kutscher aus ihm zu machen, damit er ein besseres Fortkommen
in der Welt finde! Alles wendet sich zu Deinem Heil!

-- Die Noth, die Noth, wie ich vorhin sagte, Maikka. Der die Noth erleidet
und der sie beobachtet und dem sie zu Herzen geht, Alle ziehen schlielich
am gleichen Strang und mssen sich verstndigen.

-- Das ist sehr staatsmnnisch gesprochen. In der alten Zeit nannte man
das, weit Du wie? Opportunitts-Politik. Der Karren gerieth trotzdem immer
tiefer in den Dreck.

Grege runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas eigenthmlich Starres,
Fanatisches.

-- Dreck freilich, wo der berlegene Geist fehlt, den nur das Schicksal
sendet oder vorenthlt. Die Noth zwingt auch das Schicksal, Maikka.

-- Das ist mir zu mystisch, Grege. Es giebt eine Form der Noth, da lacht
sich auch das Schicksal in's Fustchen. Hunger! Gemeiner Hunger! Das
Schicksal hat unter der alten Weltordnung jhrlich Millionen Menschen
verhungern lassen, kein Geist hat die armen Hungertodes-Kandidaten
errettet. Freilich, damals kannte man Deine Surros noch nicht, das Surrogat
aller Surrogate.

-- Dein Hohn, Maikka, ist schlechte Kost. Ich frchte, er bleibt mir im
Magen liegen.

-- La ihn liegen und schaff' Dir einen neuen Magen an.

-- Ich will mir's merken, Maikka.

-- Und merk' Dir gleich noch dies dazu: Ihr Teutaleute habt Euch an
Surrogaten verdorben. In Allem. Nehmt wieder natrliche, starke Kost, so
wchst Euch ein natrlicher, starker Geist. Schafft Euch eine neue Kche
und neue Kche an. Dann habt Ihr das Schicksal in Eurer Gewalt. Braucht
keine slovakische Surrogat-Politik mehr. Das Geheimni aller Umwlzungen
und Neuordnungen liegt in der Kche. Nun, ich wrde Euch Surrogat-Menschen
einen Kchenzettel schreiben, der sich gewaschen hat: Rohes essen,
Quellwasser trinken, und an den hohen Festtagen Blut! . . . Gieb mir die
Zgel, Grege, die arme Tema dauert mich . . .

Die Landschaft jenseits der Hhe wurde einfrmiger. Der Pflanzenwuchs
kmmerlicher. Von Bumen waren nur noch Birken, Eschen, Erlen und
Ebereschen zu sehen. Die Strae fhrte ber moorigen Grund. Selten war ein
Gehft zu entdecken. Hie und da ein Mensch in eigenthmlich langem, grauem
Gewand, das den Leib sackartig umhllte, kaum zu unterscheiden, ob Mann
oder Weib.

-- Du fragst nicht, Grege?

-- Was soll ich fragen? Frage Du fr mich. Du hast mich verwhnt . . . oder
verdorben. Du nimmst mir Alles ab. Teufelsweib!

Maikka lachte: -- So nimm doch wieder Alles zurck! Du bist die Macht, die
durch Herkommen herrschende Macht, mut mich also bekmpfen. Als Opposition
bin ich von Haus aus der schwchere Theil, ich will die Herrschaft erst
erringen. Wo hast Du jemals eine Macht gesehen, die sich schwach macht,
sich selbst schwach macht . . . h, Tema! . . . um die Opposition mit
gleichen Waffen zu bekmpfen? Du mut mit Deiner altererbten Gewalt die
Opposition aufreiben! . . . Hbsch auf dem gebahnten Wege bleiben, Tema,
sonst fhrst Du die Opposition in den Morast! Frage, Grege, frag'!

Greges Stirnfalte grub sich tiefer. Der fanatische Zug verstrkte sich.

-- In Teufelsnamen, Weib, in welche schlimme Gegend fhrst Du mich?

-- Recht so, Grege, die Frage hat wenigstens Lokalfarbe. Das ist die
christliche Gegend. Und die wollte ich Dir mit Absicht zeigen. Sie ist
interessant genug. Hier haust die letzte christliche Sekte von Nordika,
vielleicht von Europa. Und da wir hier berhaupt fahren und athmen knnen,
ohne Gefahr fr unsere Gesundheit, ist ihr Verdienst. Bevor sich die
Christen hier niederlieen, war das ein tdtliches Fiebersumpfland. Ihre
Aufopferung, ihr Flei brachten es auf den heutigen Stand. In hundert
Jahren werden wohl hier auch Grten blhen und Kornfelder wogen und
Fruchthaine die Landschaft beleben. Diese Christen nehmen ihren Beruf mit
jenem himmlischen Ernst, der an jeden Buchstaben des Evangeliums glaubt.
Sie glauben an das Jenseits und bereiten sich darauf vor, wie auf ihre
wahre Heimath. Von der Erde und den Menschen begehren sie nichts, als
Duldung und die Erlaubni, sich ihnen ntzlich zu erweisen. Sie pflegen die
kranke Erde und die kranken Menschen und trsten die Mhseligen und
Beladenen, die hilfesuchend zu ihnen kommen. Sie selbst drngen sich
Niemand auf.

-- Die Mhseligen und Beladenen in Nordika? fragte Grege erstaunt, mit
warmer Antheilnahme.

-- Du vergit doch nicht das Ziel unserer Reise, Grege? Gerade die
Mhseligen und Beladenen sind es, zu denen wir wollen, nicht wahr? Zu den
armen Blinden, Taubstummen, Blden, drauen im Asyl am Fjord. Nun ja, das
Asyl ist Christenwerk. Sie haben es erbaut und bestreiten seine
Unterhaltung. Das ist die einzige ffentliche Thtigkeit dieser letzten
christlichen Sekte in unserer Volksgemeinschaft. In ganz Europa giebt es
meines Wissens kein offizielles, kirchlich organisirtes Christenthum mehr.
Diese letzten Christen leben unter uns vollkommen frei, ohne jede andere
Organisation als ihre unermdliche Arbeit. Auer durch ihr Leben der
Nchstenliebe versuchen sie keinerlei Propaganda. Nur den Mhseligen und
Beladenen verkndigen sie das Evangelium, nur den ohne Verschulden Armen.
Und wenn diese das Evangelium annehmen und wieder zur Gesundheit kommen, so
setzen sie das christliche Leben und die Arbeit der Barmherzigkeit an
Anderen fort -- oder auch nicht, ganz wie es ihnen das Herz eingiebt.

Grege fragte nachdenklich: -- Sind das nun geborene Unglckliche oder erst
unglcklich Gewordene, die wir im Asyle finden werden?

Maikka erklrte sich die seltsame Frage aus dem berraschenden Eindruck,
den die christianisirte Gegend auf Grege's Gemth machte, und antwortete
treuherzig: -- Nein, das sind keine geborenen Unglcklichen. Nordika ist so
wenig grausam wie irgend ein anderes zivilisirtes freies Land. Wem die
Natur gleich bei der Geburt das Unglck angethan hat, dem wird die traurige
Last des Weiterlebens nicht auferlegt. Sobald die Unabwendbarkeit des
Unglcks feststeht, wird Vorsorge getroffen, da die Natur ihr miglcktes
Geschpf wieder zurcknimmt. Kein Mensch kann wollen, da einem anderen
Menschen die Erde ein Jammerthal sei, von der Geburt an, ein langes Leben
hindurch. Wenn sich die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit den
Kranken, die Vollsinnigen mit den Bldsinnigen, die Sehenden mit den
Blinden ihr Leben lang herumschleppen wollten, wrde da nicht jeder hhere
Zweck der Menschheit vereitelt?

-- Die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang . . . gewi, Maikka. Aber
das Christenwerk, wahrhaftig, da mu man Ehrfurcht haben. Es liegt wie ein
unverlschlicher Himmelsglanz . . .

-- Ich verstehe Dich, Grege. Wie spte Abendrthe liegt's auf dieser
jahrtausendalten christlichen Tradition. Wie wehmthige Poesie. Man kann es
manchmal nachfhlen in gewissen seltenen Stimmungen. Dann begreift man auch
die einstigen Massenwirkungen der Glubigkeit, wie ganze Vlker sich mit
der Poesie des Verscheidens gesttigt, wie sie die evangelische Tradition,
selbst in dogmatischer Verunstaltung, in das innerste Mark eingesogen, wie
sie mit weltfremder Sehnsucht ihre Nerven, mit Jenseits-Visionen ihre
Trume erfllt haben. Es war erhaben und schauerlich zugleich, wie jede
Massenwirkung. Aber wre die Welt jemals licht, froh und sinnvoll geworden,
wenn der kirchliche Bann nicht von ihr gewichen wre? Grabes-Poesie,
Jenseits-Poesie, Menschenopfer ohne Zahl wurden ihr gebracht, da sie
gespenstisch blhe. Und siehe, die Gespenster sind doch berwunden.

-- Poesie, ja . . . Poesie, lallte Grege, wie mit schwerem Kopf.

-- Brr! rief Maikka. Nein, nichts mehr davon. Das Leben selbst Poesie, das
volle, heie, gegenwrtige Leben! Grege, Grege, was sinnst Du? . . . Es
giebt keinen Gespenster-Gott und Grege ist sein Prophet! H, Tema!

-- Du spottest schon wieder, unverwstlicher Spottvogel!

-- Sprich, Grege, geht Dir in Nordika an lebendig gelebter Poesie etwas ab?
Ist Nordika nicht ein Idyll zwischen Erd' und Himmel?

-- Ja, ja, wie man's nimmt . . . ein Idyll . . .

-- Nun ja, bei uns ist das Leben ein Idyll, bei den Angelos ein Epos, bei
den Teutaleuten, na, Grege?

-- Ein Drama.

-- Richtig, Teutamann, ein dsteres Drama mit Satyrspiel wie bei den
klassischen Alten. Sieh nur zu, da das Satyrspiel nicht am Anfang kommt
. . . Tema, h! Nun werden wir's ja bald haben, jenseits des Hgels ist die
Godrom-Station. Dann hinein in alle Lfte!

Grege hob den Kopf hoch mit suchendem, erinnerungsvollem Blick.

-- Sing mir ein Lied! Ein lustig Lied, Mann! Tema hrt das Singen gern, es
trabt sich leichter beim Singen. Im Namen Tema's bitt' ich Dich. Tirilire
uns eine fidele Teuta-Weise! Pfeife!

Ein finsteres Seitwrtsblicken war die Antwort.

-- Verzeih', Grege, ich hab Dich berschtzt. So juble wenigstens. Schrei
Hojoho! Wir sind aus dem christlichen Armesnderland heraus, aus der
Niederung der evangelischen Barmherzigkeit. Bergan, Hhenluft, Hhenlicht,
die Herzen auf, die Welt ist so schn!

Grege jubelte nicht und schrie nicht. Starr und kalt sa er da.

Maikka hingegen schrie und jubelte und sang und pfiff durcheinander und
fand dabei noch Zeit zu dem Gedanken, da der Mann an ihrer Seite doch
eigentlich ein unheilbar pessimistisch durchseuchtes Individuum, ein
waschechtes Teuta-Subjekt sei. Ein Mondkalb. Ein unausgetragener Stier. Ein
Wasserkopf. Ein dreifacher Uhu. Am besten, man sperrte ihn in den
Asyl-Kfig am Fjord. Zur Erheiterung der Unglcklichen. H! Den Glcklichen
bereitet er doch nur Mibehagen. Dieser schwarze Teutaklex in der goldenen
Nordika-Sonne . . . Diese moderige Mumie im Garten der Lust . . .

Und sie lachte und sang in den hchsten Tnen und stie den Takt mit dem
Ellbogen in Grege's Seite . . . Und um ihn recht empfindlich zu treffen,
improvisirte sie ein Spottlied auf den Hunger.

Eben wollte ihr Grege den Mund zuhalten, und wenn das zu ihrer
Beschwichtigung nicht gengte, sie vom Sitze herunterwerfen, als der Wagen
um die Ecke eines jungen Wldchens bog und vor dem Stationshause hielt. Das
ist ja kein Weib, das ist ein Berserker . . .

-- Angekommen! rief sie, warf dem Pferde die Zgel auf den Rcken und
sprang herab. Sie reckte und dehnte sich und sah pltzlich wieder ganz
manierlich aus.

Ein hbsch gewachsener Jngling kam ihr grend entgegen.

-- Mein Sohn Ole, Gast Grege . . . Wie lebst Du hier? . . . Ist ein Godrom
bereit? . . . In einer halben Stunde? . . . Das pat uns. Packe unseren
Reisekram ein, ich will mein Pferd versorgen . . . Du kommst nicht mit,
Ole? . . . Schade. Uebermorgen sind wir wieder hier . . . Du giebst uns
wenigstens einen verlssigen Fahrer mit? . . . Abgemacht . . . Das Wetter
ist nicht sonderlich, ich wei, Ole . . . Aber warum ist mein Gast nicht
einen Monat frher gekommen, zu den weien Nchten? . . . Ach, Ole, Du
glaubst nicht, diese Teutaleute kommen berall zu spt . . . Es ist mir
eine groe Freude, da Du so stramm geworden bist, ich bin stolz auf Dich,
Ole . . . Der Alte lt Dich auch gren. Auf Wiedersehen! . . . Gromutter
Ingeborg? . . . Natrlich, sie ist lustig wie immer. Auf Wiedersehen!
Gefllt Dir mein Gast? Er ist ein drollig lieber Mensch . . . Wiedersehen!

Die Fahrt begann mit einem krftigen Imbi. Maikka hieb mit blitzenden
Zhnen in ihre Fladbrote ein, die sie mit duftigen Konserven belegt hatte.
Grege fand gleichfalls Geschmack an diesen Broten. Die Luftgondel strich
nicht hoch. Zu sehen war vorerst nichts sonderlich Bemerkenswerthes. Die
fernen Berge waren wolkenverhllt. In der nchsten Landschaft reihten sich
Gehfte, Blockhuser und Sommerbauten zu niedlichen Ortschaften. Viehherden
mit glnzenden Kugeln an den Hrnerspitzen, gleich Leuchtkferchen im
dunklen Grn, sandten ab und zu einen Laut von der Erde herauf. Die Luft
hielt sich feierlich still.

Der Imbi war zu Ende. Maikka schttelte die Brotkrumen auf die Erde hinab.
Einem Flug Elstern, der in der Nhe des Godroms unten vorbersauste, warf
sie Reste von gedrrtem Fleische zu.

-- Kennst Du diese Vgel, Grege? Man heit sie hier Gertrudsvgel. In
einigen Gegenden stehen sie in hoher Verehrung. Magst Du die Geschichte
hren, die man sich von ihrer Erschaffung erzhlt?

Gern mochte er sie hren. Die Erzhlung wird ihm wie Musik die Ohren
schlieen, da seine Gedanken desto ungestrter in die eigene Seele tauchen
knnen wie in einen Ozean wildwogendender Empfindungen und dann wieder
ordnend darber schweben wie der Schpfergeist ber dem Chaos.

Und es beliebte Maikka, recht wie eine Mrchentante zu erzhlen, whrend
die Gondel ruhigen Kurs hielt.

-- Die Elster war in uralter Zeit ein Weib, welches einmal von Odin beim
Teigkneten berrascht wurde. Sie erkannte aber den Gott nicht, da er wie
ein armer, sterblicher Wanderer gekleidet war. Um Odins willen, gieb mir
ein wenig zu essen, ich komme weit her ber die Felder, redete der Gott sie
an. Gertrud, so hie das Weib, kniff ein Stckchen von dem Teige ab. Und
als sie es formend im Backtroge hin- und herrollte, wuchs es zusehends und
ward bald so gro, da es den ganzen Trog fllte. Nein, rief sie, das ist
zuviel fr Dich. Und sie legte das so wunderbar gro gewordene Stckchen
bei Seite und kniff ein noch kleineres Stckchen ab, als das erste war.
Aber auch dieses wuchs und fllte den Trog. Und so ein drittes und viertes.
Je mehr Stcke sie bei Seite schaffte, desto mehr wuchs ihre Habgier und
ihres Herzens Hrtigkeit. Im Stillen dachte sie: Wenn der Bettler erst fort
ist, so theile ich meinen ganzen brigen Teig in lauter winzige Stckchen
und knete die grten Brode daraus. Ein solches Wunder kehrt nicht leicht
wieder. Und laut sagte sie zu dem Wanderer: Mach' nur, da Du fortkommst,
ich kann Dir nichts geben, mein Haus ist selber arm, mge Dir Odin gndig
sein. Nun geh'! Da erzrnte der Gott und ffnete ihr die Augen. Und als sie
erkannte, wem sie das Brod verweigert hatte, fiel sie auf die Kniee und
flehte um Vergebung. Aber der Gott sprach: Der Ueberflu hat Dein Herz
verhrtet und ist Dir zum Unsegen geworden. Jetzt sollst Du arm werden, auf
da Dir die Armuth zur Besserung gereiche. Zwischen Baum und Borke sollst
Du Deine Nahrung suchen und im Troge wird Dir kein Brod mehr wachsen. Da
umklammerte das Weib die Fe des Gottes und netzte sie mit Thrnen. Und
der Gott sprach: Wenn Deine Reue aufrichtig ist, will ich die Strafe von
Dir nehmen, sobald Dein ganzer Leib sich in Trauer kleidet. Dann wirst Du
auch gelernt haben, hinfort die Gottesgabe recht zu brauchen. Gertrud floh
vor dem Angesichte Gottes und ward in eine Elster verwandelt, und alsobald
bedeckte sich ihr Leib mit schwarzem Gefieder, da ihre Trauer schon
begonnen hatte. Nur die Federn am Bauche und an den Flgeln waren noch
wei. Wie sie aber lter wurde, wurden auch sie dunkler, bis sie von
schwrzlicher Farbe waren. Wenn sie dereinst ganz schwarz sind, dann hat
Gertrud genug gebt und ihre Strafe wird aufgehoben. Bis dahin steht der
Gertrudsvogel unter dem Schutze des strafenden und verzeihenden Gottes, und
Niemand thut ihm ein Leid an. Das ist die schne Geschichte von der
Erschaffung der Elster, und wer sie richtig hrt, dem rhrt sie das Herz
und bewahrt seine Seele vor Habsucht . . . Ist Dein Herz gerhrt, Grege?

Er nickte mit stummem Lcheln.

-- Nun ist die Reihe an Dir. Erzhl' uns ein Mrchen. Sieh, wie sich der
Himmel umschattet!

Grege blickte lauschend auf. Eine feine Rthe stieg ihm in die Stirn.

-- Wohlan, an jenem unvergelichen Tage war's. Das jngste Gericht war
vorber. Ein schweres Stck Arbeit. Es hatte vom ersten Hahnenschrei in der
Frhe bis zum Abend und tief in die Nacht gedauert. Mit starren Sternen
stand die Mitternacht ber dem Thal Josaphat, und der Weltenrichter sa
noch auf seinem Stuhle, unbeweglich, mit den schweren Hnden auf den
Knieen, den Blick geradeaus in die Unendlichkeit. Von unten kam kein Laut,
die Erde war wie ausgestorben. Alles war vollbracht. Die Seligen im Himmel
und die Verdammten in der Hlle. Auer ihnen nirgends mehr eine lebendige
Menschenseele. Der Weltenrichter erwog, ob er wirklich Alles recht gemacht,
ob er kein Versehen begangen und Alles nun in Ewigkeit so bleiben solle,
wie er's entschieden. Er lauschte seinen eigenen Gedanken und sphte, ob
sie kein Echo weckten. So scharf er auch seine Ohren spannte, er vernahm
nichts als den verhallenden Jubel im Himmel, denn die Seligen schliefen
nach Mitternacht allmhlich ein, ermdet von dem bergroen Glck, und mit
dem verhallenden Jubel vernahm er zugleich das Jammergeheul aus der Hlle,
das von Stunde zu Stunde markerschtternder und grlicher anschwoll und
den Himmel umbrllte und den ganzen Weltraum erfllte, denn die Verdammten
konnten sich in ihr entsetzliches Schicksal nicht finden und nie mehr ein
Auge schlieen. Der Weltenrichter vermochte sich von seinem Stuhl nicht zu
erheben, aus Angst, durch seine Bewegung die Einen in ihrem Schlafe zu
stren, die Anderen in ihrem wachenden Elend noch rasender zu machen. Und
er sehnte den Morgen herbei und den ersten Hahnenschrei und dachte nicht
daran, da es hinfort keinen Morgen und keinen Hahnenschrei mehr geben
knne und die Mitternacht mit starren Sternen stillstehen msse ber dem
Thal Josaphat. Denn das Ende war ja da und Alles entschieden,
unwiderruflich, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Himmel mit seinem Glck,
dort die Hlle mit ihrem Unglck -- und dazwischen das leere Nichts,
unabnderlich. Wie also kein Morgen dmmerte und kein Hahnenschrei das
Frhroth ankndigte, so lange der Weltenrichter auch wartete, erkannte er
pltzlich, da er selbst sich um jeden Wechsel gebracht und ihm nichts mehr
zu schauen und zu hren bliebe, als das Himmelreich mit seinem Jubelschwall
und das Hllenreich mit seinem Jammergeheul; Engelsreigen und Teufelstnze.
Und er seufzte und beklagte seinen Eifer, der diese strenge Ordnung
geschaffen und alle Ueberraschungen und alle Phantasie auf ewig vernichtet
hatte. Und wenn er's nun recht bedachte, so war er ein einsamer Gott
geworden, dem nichts Neues mehr passiren konnte, und mit dem Gefhl des
Ewignmlichen, Phantasielosen kam ihm das Bewutsein, da seine eigene
Jugend verschwunden sei und er sich nun auf ein stilles thatenloses Alter
einrichten msse. Und da schauderte der Gott vor sich als seinem eigenen
Weltenrichter, sein pedantisch peinliches Gesetz hatte ihm diesen Streich
gespielt. Dieser Stuhl mute nun sein Thron bleiben immerdar. Und in
schwere Trauer versank der Gott und seine alte Erdensehnsucht ergriff ihn
immer brnstiger, also da seine Wimpern zuckten und Thrnen seinem Auge
entquollen. Unbeweglich stand ber ihm die Mitternacht mit starren Sternen
und unter ihm die entvlkerte Erde mit dem Thale Josaphat, wie Vorwurf und
Gewissensbi . . . Siehe da, in freier Luft, nicht vom entschlummerten
Himmel und nicht von der ruhelos tobenden Hlle her, nahte sich sanft
schwebend eine Gondel aus weiter Ferne, nher und nher, bis sie fast sein
Angesicht berhrte, und sie lie sich zu seinen Fen nieder. Zwei Menschen
entstiegen dem lustigen Fahrzeug: ein lichtes, lachend ses Weib und ein
Mann . . . Sprachlos war der Gott bei ihrem Anblick, er mute sich erst
fassen, so berraschend war das Ereigni. In frohem Erstaunen rief er: Wie
seid Ihr denn entkommen? Wit Ihr nicht, das schreckliche jngste Gericht,
sagt doch, sagt doch! . . . Wir haben uns auf einer Lustfahrt versptet,
vergieb uns! lautete ihre Antwort. Ja, Menschen, Menschen! rief er
glckselig, und immer wieder: Menschen, Menschen! . . . Wahrhaftig, keine
Engel und keine Teufel, keine Heiligen und keine Verdammten, nur Menschen!
Und Entzcken erfate den Ewigen und er rief: Ach, Menschen, wie lebte der
Gott ohne Euch! Schafft mir mein Menschenreich auf Erden wieder! . . . Und
er fand kein Wort zu sagen, wie ergriffen er war und wie sehr ihm das
lichte, lachend se Weib gefiel. Da erschien an der Seite des Mannes
pltzlich ein zweites Weib, wie ein Schemen, geisterhaft dster, da selbst
der Gott erschrak. Mit geschlossenen Augen stand es da, die Lippen dnn und
farblos, gramvoll die Zge . . . Was willst Du? fragte der Gott. Da blieb
es stumm und auch die Augen ffneten sich nicht . . . Mann, welches von den
Zweien ist Dein Weib? fragte der Gott. Da blickte der Mann mit Augen, ganz
Seele und verzehrende Kraft der Sehnsucht, auf das lichte, lachend se
Weib -- und reichte der stummen, bleichen Gestalt die Hand, erst zgernd,
dann fest, da es wie erwachendes Leben sie durchstrmte und ihre Augen
weit sich ffneten wie Sterne, die aus dem Dunkel tauchen, und er schritt
mit ihr aus der Mitternacht dem neuen Erdenmorgen entgegen. Das andere Weib
aber zog der Gott zu sich empor und nahm es an seine Brust: Du sollst bei
mir bleiben und mit Deinem sen Lachen, Deinem wundervollen Menschenlachen
Alles bertnen, den feierlichen Jubel des Himmels und den Jammerlrm der
Hlle, da ich mich doppelt der Erde erfreue, ich, Dein seliger Gott, und
Heil erblhe dem neuen Geschlecht . . . Und also entschwand lachend der
Gott mit dem lachend sen Weib in die purpurne Finsterni der
Unendlichkeit. Wie Rosenzauber wob sich das Frhroth ber die Erde.

-- Grege, Grege! rief Maikka in tiefer Bewegung.

Unaussprechliches klang aus diesem Ruf. Und mehr als der Ruf, sagten ihre
Thrnen, die ihr in groen Tropfen ber die Wange rollten.

Der Erzhler sa starr und stark, wie Einer, dem die schwerste Ueberwindung
gelungen, ohne Siegerfreude. Das schied den Menschen vom Gott.

Maikka streckte ihm ihre Hand hin: -- Bitte Deinen Gott, da er zuvor mein
Herz von Dir wende. Sonst knnte er meines Lachens niemals froh werden, in
alle Ewigkeit nicht. Sein jngster Tag wre nicht sein letzter Irrthum
gewesen . . . Bitte ihn . . . warne ihn . . .

                                * * *






Runaug, die liebliche Tochter des Wirths am Fjord, hatte in aller Frhe
Grege geweckt, wie er gewnscht. Harmlos, wie ein kleines Kind, stand sie
an seinem Lager und tippte nach seiner Hand. Aber als Grege sie lange und
tief ansah und sie berschttete mit stummen Seelenfragen, da kam es wie
ehrfurchtsvolle Scheu ber sie vor dem fremden Manne. Wo hatte er diese
lichte, liebliche Gestalt schon gesehen? In welchen Gefilden, in welchen
Weltzeiten war er schon Hand in Hand mit ihr gewandelt und hat mit ihr die
sen Blthentrume der ersten Liebe getrumt? Wo hatte er diese knospenden
Muttergottesbrstchen schon gekt? . . . Angstvoll zitterte ihre Stimme,
als sie im Zurckweichen ihm mittheilte, da Alles bereit und geordnet sei,
seine Reisesachen und Kleidungsstcke, und der Bootsmann ihn in einer
Stunde erwarte . . .

Grege hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. War's der ungewohnte
Meergeruch? Einmal war er aufgestanden, hatte den Holzriegel zurckgestoen
und durch die Luke auf das Wasser geblickt. Das Meer hatte vorher gestrmt
und seine Wogen an den klippenreichen Strand geworfen, donnernd, in
verzweifelter Brandung . . . Jetzt lag es ruhiger, die hellgrnen Wellen
schienen nur noch ein lustiges Spiel zu treiben, die Morgenlichter
spiegelten sich in den feuchten Stellen der Felsen, und weiter hinaus
leuchtete der Aether in tiefem Blau ber die beruhigte Welt. Das
blitzschnelle Unterwasserboot wrde leichte Arbeit haben . . .

Er streckte sich wieder auf das Lager, aus Fellen bereitet. Bild um Bild,
in wilder Jagd, zogen die letzten Erlebnisse vor seinem in Ruhelosigkeit
fiebernden Geiste vorber. Die heie Thalsonne ber der mittagsmden
Atmosphre der Bergschlucht, darein das Asyl gebettet war. Eine Sammlung
von niedrigen, schlichten Huschen zwischen steinigen Landstcken in der
verbreiterten Schluchtmndung. Und Alles so wei und reinlich und
himmelsstill. Fern darber die Gletscher, die mit gigantischen Armen diese
menschenentrckte Welt zu umfassen und gegen das Meer zu schtzen und dem
Himmel entgegenzutragen schienen.

Aber er selbst, Grege, auf einem Felsblock vor dem Huschen der Blinden,
den Blick auf die offene Thr, auf deren Schwelle eine singende Frau sa,
die Hnde im Schoo gefaltet, den Kopf mit den geschlossenen Augen
zurckgelehnt, an den Thrpfosten, Alles bergossen von dem zarten Licht,
das durch eine alte, wetterzerzauste Fhrenkrone sich den Weg bahnte. Dann
aus dem Huschen Choralmusik wie von einem orgelartigen Instrument,
gedmpft, zaghaft, bis die Akkorde sich zu einer breiten, ruhigen Melodie
fanden. Die singende Frau, wie von dieser Melodie krperlich berhrt, um
die Hfte gefat und aufgehoben, setzt einen Fu vor den andern und beginnt
zu wandeln, voll Zuversicht in ihrer Blindheit, von einer Seite des
Grtchens zur andern, die gefalteten Hnde lsend, so oft sie an der alten
Fhre vorberkam, um deren Stamm mit welker Hand zu streicheln. Ein
Ameisen-Wanderzug kreuzte den Weg in demthiger Eile, und jedesmal, wenn
die Blinde darber schritt, schwer, tppisch schlurfend, zertrat ihre
breite Sohle was von dieser stillen Karawane gerade darunter kam. Ihr
Gesicht hatte einen verklrt stupiden Ausdruck . . . Ein uraltes Lied, eine
uralte Weise, und immer voll seliger Inbrunst die nmliche Strophe
wiederholend, also da sie Wort fr Wort Grege's Gedchtni sich einprgte,
sang die wandernde und ameisenmordende Blinde zu der begleitenden Musik:

   Befiehl Du Deine Wege
   Und was Dein Herze krnkt,
   Der allertreusten Pflege
   Dess', der den Himmel lenkt.
   Der Wolken, Luft und Winden
   Giebt Wege, Lauf und Bahn,
   Der wird auch Wege finden,
   Da Dein Fu gehen kann.

-- Und keine Hoffnung auf Heilung? fragte Grege die mtterliche Christin,
die als Aufseherin waltete.

-- Mein Pflegling ist zu alt und begehrt sie kaum mehr. Sie ist vor zehn
Jahren erblindet, an einer Krankheit im Wochenbett. Ihre Kinder sind todt.
Sie steht allein in der Welt. Sie ist nicht unglcklich, glaube das ja
nicht, sie ist wahrhaftig nicht unglcklich.

-- Hat man keine Flle wunderbarer Heilung?

-- Doch, man hat solche Flle beobachtet. Einmal eine junge Frau, durch
eine groe Gemthserschtterung erblindet, ist ebenso durch eine andere
Gemthserschtterung wieder zum Licht gekommen.

-- Gemthserschtterung? Wie verstehst Du das, christliche Frau?

-- Ein pltzliches groes Glck zum Beispiel . . .

-- Es giebt auch Aerzte! warf er leicht hin, nur um noch etwas zu sagen.

-- Liebe ist der beste Arzt, antwortete die Christin. Die Wunder der Liebe
und des Glaubens. Hast Du das Lied gehrt? Es hat in zweitausend Jahren
seine Kraft nicht verloren . . .

Aber Grege achtete nicht mehr auf die Lobpreisungen der Christin. Er eilte
davon, und wie Nachhall der Orgelmusik tnte es in seiner Brust: Ein
pltzliches groes Glck, ein Wunder der Liebe . . .

Am Abend. In der Sennhtte, halbwegs zwischen dem Asyl und dem Fjord, war
ein wandernder Spielmann eingekehrt. Der groe Raum fr Ksbereitung
verwandelte sich in einen Tanzplatz. Die Sennen und Bauern entledigten sich
ihrer Oberkleider. Erst sanfte Reigen mit Gesang, gleich wehmthigen
Nachtigallenliedern, dann immer wildere Spielmannsweisen und ausgelassenere
Tnze. Alle Anwesenden schwangen die Beine in dem zum Ersticken heien
Raum. Und wer Allen voran, im leidenschaftlichen Wirbel des Augenblicks
jedes Glck mit gierigen Sinnen an sich saugend, wer? Ja, schn war sie,
dmonisch, und ihre Blicke und Bewegungen schleuderten Feuerbrnde in die
Herzen der Mnner, der Zottelbren . . .

Unbemerkt im Trubel der Lust entkam Grege.

In der Herberge am Strand erfuhr er, da sich das Blitzboot fr den Morgen
nach Angela rste und noch Raum fr einen Fahrgast sei. Zwei Nordika-Mnner
fuhren mit, die Grege an jenem Probevortrag-Abend mit Dank und Hndedruck
begegnet waren und ihm starke Freundschaft bewahrten. Sie hatten auch
Greges Vertrauen gewonnen und waren erfreut ber das Wiedersehen am Meer.
Ein Auftrag vom Aeltesten trieb sie zu eiliger Fahrt nach Angela. Raschen
Entschlusses schlo sich ihnen Grege an. Sie versprachen ihm jede
erwnschte Frsorge, da sie aller Verhltnisse kundig waren.

Nun trat Runaug zum zweiten Mal an Greges Lager mit der Meldung, da es
hchste Zeit sei, sich in die Bootshalle zu begeben, sein Mantelsack sei
bereits fortgeschafft.

-- Sofort! rief er und sprang auf. Noch eine Frage: Ist die . . . Frau, Du
weit, mit der ich angekommen, zurckgekehrt vom Berge?

-- Nein. Niemand hat sie wieder gesehen. Sie wird wohl auf dem Berge
genchtigt haben.

Jetzt erschien auch Runaugs Vater unter der Thr und spornte zur Eile.

-- Lebt Alle wohl und nehmt meinen besten Dank. Grt mir Euer gastliches
Land . . . und die Frau, wenn sie vom Berge wiederkehrt.

-- Das soll geschehen, sagte der Wirth und reichte dem Scheidenden die
Hand. Und nimm, nach alter Schiffersitte, noch einen Rthselspruch zum
Geleite mit, der Deine Gedanken im Unwetter festhlt: Was wir gefangen,
warfen wir weg; was wir nicht gefangen, tragen wir bei uns!

Runaug lchelte dem Fremdling nach, mit leisem Herzklopfen.

So verlie Grege Nordika, um nach glcklicher Fahrt in Angela zu landen.

                                * * *






Die Reisegenossen aus Nordika bewhrten sich Grege als treue Freunde. Mit
klugem Rathe wiesen sie ihm die Wege im fremden Lande.

Am ersten Tage blieben sie noch bei ihm und unterrichteten ihn in allen
wissenswerthen Dingen, damit er das Wichtigste sehen und seine Rckkehr an
den Strand oder vielleicht gleich bis hart an die Grenze des Teutastaates
bewirken knne.

Auf einer elektrischen Schwingbahn merkwrdiger Bauart geleiteten sie ihn
in einen Vorort der Hauptstadt und brachten ihn in eine Herberge, genannt
Zum tollen Junker Heinz. Grege, der sentimentalen Auffassung der
irdischen Dinge entwhnt, nahm das Neue mit ruhigem Gleichmuthe hin. Das
Ueberraschendste traf ihn nur als eine Sehenswrdigkeit, die man als
objektive Erkenntni aufspeichert, in der Erwartung, sie dereinst in
wirkende Kraft umzusetzen, im Zentrum des eigenen schpferischen Wesens,
das berufen ist, sich seine Welt zu gestalten.

Es rhrte ihn wenig, da hinter seinem Rcken eine ungeheuere Stadt mit
Millionen Menschen ghrte und brodelte. Sobald sich das Wetter aufgehellt,
wird er sich in die Metropole der Angelos begeben, mit der stillen
Sicherheit des Forschers, den keine feindliche Macht erschreckt.

Jetzt strmt es drauen und sintfluthartige Regengsse strzen auf das
Dach, so da sich sein kleines Gemach mit trommelndem und pltscherndem
Gerusch erfllt. Das wrde nicht lange anhalten, hatte man ihm gesagt,
hierzuland sei schroffer Wechsel. Die Dunkelheit nimmt zu, Grege sorgt mit
einem Fingerdruck auf den Lichttrger fr knstliche Helle.

Er ist just in der Stimmung, das Zarathustra-Fragment zu entrollen. Auf dem
Bauche liegend -- das Lager ist raffiniert elastisch gebaut -- und den Kopf
auf den aufgesttzten Armen, mit den gespreitzten Fingern die vornber
wallenden Haare zurckhaltend, beginnt er laut in das Gerusch des
Unwetters die lapidaren Stze Zarathustras hineinzusprechen, als handle
sich's um den Genu einer Dichtung, zu welcher die Elemente selbst die
Begleitmusik machen.

Seine Stimme hebt und senkt sich, psalmodirend, den Sinn bertragend in
Klang und Rhythmik:

Irgendwo giebt es noch Vlker und Heerden, doch nicht bei uns, meine
Brder: da giebt es Staaten.

Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt sage
ich Euch mein Wort vom Tode der Vlker.

Staat heit das klteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lgt es auch; und
diese Lge kriecht aus seinem Munde: Ich, der Staat, bin das Volk.

Lge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Vlker und hngten einen
Glauben und eine Liebe ber sie hin: also dienten sie dem Leben.

Vernichter sind es, die stellen Fallen auf fr Viele und heien sie Staat:
sie hngen ein Schwert und hundert Begierden ber sie hin.

Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und hat ihn als
bsen Blick und Snde an Sitten und Rechten.

Dieses Zeichen gebe ich Euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und
Bsen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in
Sitten und Rechten.

Aber der Staat lgt in allen Zungen des Guten und Bsen; und was er auch
redet, er lgt -- und was er auch hat, gestohlen hat er's.

Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zhnen beit er, der Bissige.
Falsch sind selbst seine Eingeweide.

Sprachverwirrung des Guten und Bsen: dieses Zeichen gebe ich Euch als
Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen!
Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!

Viel zu Viele werden geboren: fr die Ueberflssigen ward der Staat
erfunden!

Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Vielzuvielen! Wie er sie
schlingt und kaut und wiederkut!

Auf der Erde ist nichts Greres als ich: der ordnende Finger bin ich
Gottes -- also brllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und
Kurzgeugte sinken auf die Kniee!

Ach, auch in Euch, Ihr groen Seelen, raunt er seine dsteren Lgen! Ach,
er errth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!

Ja, auch Euch errth er, Ihr Besieger des alten Gottes! Mde werdet Ihr vom
Kampfe, und nun dient Eure Mdigkeit noch dem neuen Gtzen!

Helden und Ehrenhafte mchte er um sich aufstellen, der neue Gtze! Gerne
sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, -- das kalte Unthier!

Alles will er Euch geben, wenn Ihr ihn anbetet, der neue Gtze: also kauft
er sich den Glanz Eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen.

Kdern will er mit Euch die Vielzuvielen! Ja, sein Hllenkunststck ward da
erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz gttlicher Ehren!

Ja, ein Sterben fr Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben
preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!

Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo
Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame
Selbstmord Aller -- das Leben heit.

Seht mir doch diese Ueberflssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder
und die Schtze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl -- und Alles
wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!

Seht mir doch diese Ueberflssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen
ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und knnen sich
nicht einmal verdauen.

Seht mir doch diese Ueberflssigen! Reichthmer erwerben sie und werden
rmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel
Geld, -- diese Unvermgenden!

Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern ber einander
hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.

Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, -- als ob das Glck
auf dem Thron se! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron -- und oft auch der
Thron auf dem Schlamme.

Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Ueberheie. Uebel
riecht mir ihr Gtze, das kalte Unthier: bel riechen sie mir alle
zusammen, diese Gtzendiener.

Meine Brder, wollt Ihr denn ersticken im Dunste ihrer Muler und
Begierden? Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in's Freie!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der
Gtzendienerei der Ueberflssigen!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe
dieser Menschenopfer!

Frei steht groen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele
Sitze fr Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.

Frei steht noch groen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig
besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!

Dort, wo der Staat aufhrt, da beginnt erst der Mensch, der nicht
berflssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und
unersetzliche Weise.

Dort, wo der Staat aufhrt, -- so seht mir doch hin, meine Brder! Seht ihr
ihn nicht, den Regenbogen und die Brcken des Uebermenschen? --

Also sprach Zarathustra. -- -- --

Mit verzcktem Gesicht starrte Grege lange auf die Bltter, visionr, wie
entrckt in ferne Vergangenheit, whrend er im Tone Zarathustra's weiter
sprach, improvisirend, wie sein Doppelgnger. Doppelgnger? War er's nicht
selbst gewesen, der die nmliche Rede schon gehalten, damals . . . damals,
Wort fr Wort . . . als das neunzehnte Jahrhundert seinen tollen Kehraus
tanzte . . . in der groen Einsamkeit zwischen den dunklen Bergen, in die
er geklettert, weltmde, aus dem Sden herauf, dessen Sonne sich in seinen
Kopf gesenkt, also da das Hirn in wildem Feuer stand . . . Eisberge
unvermgend, den Brand zu lschen . . .

Unsinn, Unsinn!

Dann sprang er auf und lachte so grimmig und grell . . . wie einst jene
Frau, als sie ihn auf das Drachenschiff entbot.

Jawohl, das wrde er, bei allen Gttern und Uebermenschen, selbst Alles
noch so gefunden haben, wie es Zarathustra vor tausend Jahren
herausgearbeitet . . .

Besser so, jetzt geht es desto schneller . . . Krystallhart schossen seine
Gedanken in einander zu unzerreibarem Gefge . . .

Es klopfte an der Thr. Grege berhrte es. Da trat ein ltlicher, schwarz
gekleideter Mann herein, mit humoristischer Verbeugung. Ein langer Kauz,
ein schlotteriges Knochengestell.

-- Ich bin der Wirth zum tollen Junker, begann er, wie ein Schauspieler,
der eine komische Rolle hersagt, -- ich bin der Wirth zum tollen Junker
Heinz, und wei derowegen nicht, ob die Meinung, ber deren Vorhandensein
bei mir keinerlei persnliche Verantwortlichkeit mich trifft, das Glck
hat, dadurch an Bedeutung zu gewinnen, da sie mit den Absichten meines
Gastes bereinstimmt.

-- Was sollen die Umschweife? Schnell, was giebt's? Ich habe keine Zeit,
Mann!

-- Nmlich, ich be das vortreffliche Geschft eines Herbergvaters in Ihrer
Majestt der Kaiserin von Indien und Knigin von Jerusalem und anderer
Weltgegenden Landen erst seit geschlagenen acht Tagen. Wessenmaen ich mir
in aller Unerfahrenheit allerlei Gesindel, so ich fr Gentlemen gehalten,
benebst der hohen Polizei, mit Respekt zu sagen, auf den Hals gezogen.
Derohalben giebt's erstens kund zu thun, da Ihr keine Gastfreundschaft auf
Staatskosten bei mir zu erwarten habt, sondern alles Genossene und etwa
noch zu Genieende entweder baar berappen oder in geordneter Arbeit
ersetzen oder andere Unterkunft als beim tollen Junker Heinz suchen mt;
zweitens giebt's von Polizeiwegen zu ergrnden, welcherlei Arbeit Ihr zu
leisten vermgt, welches Euer Nam' und Art und mit welcherlei
staatsntzlichen Absichten Ihr Euch in Angelland aufzuhalten gedenkt.

-- Narrenspossen! Sagt mir rund heraus, was Euer Begehr!

-- In aller Rundung, gut. Gentleman, seid Ihr ein Gentleman oder etwas
Anderes?

-- Ich bin's.

-- Gut. Woher kommt Ihr und auf welchem Wege?

-- Aus Nordika, durch Wasser und Luft.

-- Aus Nordika? Nun, da knnt Ihr Euch rhmen. Eine lustige Gegend. Hat uns
manchen leichten Gesellen an's Land und manches gelstige Dirnlein in's
Bett geworfen. Gut. Ihr seid ein Gentleman aus Nordika. Sehr gut. Habt Ihr
kuranten Tauschwerth bei Euch oder vermgt Ihr Euch durchzuarbeiten, wenn
unsere hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, Euch den Brotkorb der
Gastfreundschaft zu hoch hngt aus obrigkeitlichen Erwgungen? Ihr habt das
Glck, Euch in einem weise und streng geordneten Staate Eueres Aufenthaltes
zu freuen, Gentleman.

-- Ich mu sagen, wenn das Euer Ernst ist, so berrascht Ihr mich. Von all'
diesen Dingen haben mir meine Reisegenossen nichts mitgetheilt.

-- Darf ich lachen, Gentleman? Euere Reisegenossen kannten vermuthlich den
neuen Wirth zum tollen Junker Heinz und den neuen ehrenwerthen
Polizeiprsidenten nicht. Das Alte ist vergangen, Gentleman, siehe, es ist
Alles neu geworden, und bedenkliche Dinge bereiten sich vor in unserem
Weltreich beider Hemisphren. Derowegen bin ich gehalten, Euch so zu
fragen, wie ich's thue, selbst auf die Gefahr hin, den Beifall eines so
groen Weltreisenden, Gentleman, zu verscherzen.

-- Je nun, Mann, was soll ich da sagen?

-- Was man so die Wahrheit nennt, wenn's Euch beliebt. Zu welcher Gilde
gehrt Ihr? Zu Nummero Eins der Reichen oder zu Nummero Zwei der armen
Schlucker? Im tollen Junker Heinz haben vor Jahrtausenden schon die
reichsten Leute der Welt gewohnt, Ihr braucht Euch nicht zu geniren. Kennt
Ihr zum Beispiel Sir John Falstaff, Gentleman?

-- Nein.

-- Der ist hier die grten Summen schuldig geblieben. Seine Rechnung knnt
Ihr heute noch im Schlot sehen, im Originalschlot, er wurde beim Umbau des
Hauses sorgfltig verpackt und mit Brief und Siegel in's British Museum
abgeliefert. Dort steht er noch. Die grten Gelehrten aller Rassen machen
dort seit tausend Jahren die umfnglichsten Studien. Ah, Sir John Falstaffs
Rechnung, notabene mit doppelter Kreide, im Schlot des Wirthshauses zum
tollen Junker Heinz, Gentleman, verget nicht, das ist eine der
berhmtesten Sehenswrdigkeiten im British Museum, da ist unser kniglich
kaiserlicher Menschengarten ein Hundestall dagegen.

-- Ah das, richtig. Wo ist . . . dieser Hundestall zu sehen? Zuverlssig?

-- In Kensington. Das ist eine ganze Stadt, keine kleine Anlage. Ihr knnt,
gedenkt Ihr die Eintrittsgebhr von fnf Guineas zu sparen, Euch selbst
dort ausstellen und fortpflanzen lassen, ich schtze Euch, nach
verllicher Erfahrung, als einen der wohlgestaltetsten Mnner in
musterhafter Kondition, echte Nordika-Rasse. Ihr werdet Furore machen, mein
Wort, Gentleman.

-- Ich bitte Euch, 'meine Person aus dem Spiele zu lassen. Durch ernsthafte
Belehrung ber diesen Menschengarten wrdet Ihr mich zu Dank verbinden.
Setzt Euch, erzhlt. Wir sind Gentlemen, nicht? Und vor einander sicher?
Also erzhlt!

Der Wirth strich sich mit der breiten Hand ber das ganze Gesicht, schnitt
eine lcherlich komische Fratze, setzte sich Grege gegenber und begann:

-- Gentleman, das ist mal so, Alles was bei uns Mensch heit, die Polizei
eingeschlossen, mit Respekt zu sagen, hat seinen Narren an diesem
kniglich-kaiserlichen Menschengarten gefressen, zum Ersten, weil er
amsant ist -- lacht Ihr gern, Gentleman? es ist zum Wlzen, mein Wort
darauf! -- zum Zweiten, weil die Welt nicht seines Gleichen hat.
Angelos-Idee, kein amerikanischer Humbug, Yankee-Doodle, Gott verdamm'
mich!

-- Zur Sache!

Der Wirth schlug die klapperdrren Beine ber einander und spuckte
seitwrts an die Wand: -- Gott verdamm' mich, wenn ich nicht mitten drin
bin in der Sache. Bevor ich Wirth wurde, war ich Leichenschauer, bevor ich
Leichenschauer wurde, war ich . . . ich wei nicht was, aber vorher,
Gentleman, war ich einer der respektabelsten Aufseher im
Kniglich-Kaiserlichen, also in eben diesem Menschengarten. Das verliert
sich nicht. Derohalben bleibt ein Mann meiner Kondition mittendrunterdrin,
Gentleman. O, ich habe Sachen gesehen, Thatsachen . . .

-- Ist das Alles? Ich danke.

-- Nein, das ist noch nichts. Ich verschnaufe nur, die Erinnerung
berwltigt mich. Geduld, Gentleman. Wer nicht drin war, wei sich das
nicht zusammen zu reimen. Da sind nun Gegenden in Europa mit mangelhaftem
Menschenwuchs. Sehr interessante Rassen, aber sie werden schlechter und
schlechter, wegen Unzulnglicher Behandlung, und endlich sterben sie aus,
wie der Auerochs, wie das Einhorn, das wir noch im Wappen haben, oder wie
der grte Dichter Shakespeare, der bekanntlich niemals gelebt hat. Andere
Rassen kreuzen sich aus Verzweiflung oder sonst einer schlechten Laune --
nicht alle Vlker haben den Humor, wie wir Angelos, oder wie Ihr drben in
Nordika! -- Und aus diesen Kreuzungen kommt nichts Feines. Wie also, damit
wir die Rassen rein und vollzhlig erhalten, in guten Exemplaren, kapabel
zur Fortpflanzung, amsant zum Ansehen und ntzlich fr den Staat und das
Geschft? Wir sind in Angelland, Gentleman. Wir besitzen ganz Afrika, Asien
haben die verdammten Amerikanos in die hohlen Backenzhne gesteckt. Wir
besitzen ganz Afrika, und nchstens, wenn wir daheim keine Revolution
bekommen oder nachher, nehmen wir ganz Europa, ohne Nordika,
selbstverstndlich, wasmaen die Nordikaner unsere besten Freunde sind.
Aber das brige Europa ganz, wir werden's ausputzen, auflackiren, poliren,
prsentabel machen, ertragsfhig. Ein groes Geschft, wrdig unserer
Firma. Verstanden, Gentleman? Wir besitzen ganz Afrika, gut. Die schwarze
Rasse ist, ehe wir dazu gekommen, ausgetilgt worden. Es giebt keinen
Hottentotten mehr, leider.

-- Das bezweifle ich.

-- Nein, mein Wort darauf, es giebt keinen mehr, Gentleman. Nicht eine
Nasespitze von einem Hottentotten, nicht soviel, da es zu einem Beefsteak
langt. Nicht einmal in unserem Menschengarten. Da sind nun in Europa noch
einige brauchbare Italianos, Spaniolen, Hungaren, Bavaren, Juden -- und was
wei ich.

-- Teutaleute, nicht?

-- Auch. Gut, Gentleman. Auch Teutaleute, sehr gut. O, das ist eine
Historie, da komm' ich sofort darauf zurck. Also wir verschaffen uns von
diesen interessanten Vlkerschaften auserlesene Exemplare -- kein leichtes
Geschft, Gentleman, eine Tigerjagd ist nicht so schwierig und gefhrlich,
als einen gesunden Rassenmenschen auszusphen und geruschlos einzufangen,
mein Wort darauf. Es giebt verdammte Hunde. Mein leiblicher Bruder ist
dabei umgekommen, neulich erst . . .

Grege rckte einen Schritt zurck: -- Keine Familienszenen, das wre
indiskret. Also Ihr habt die reinen Exemplare in Eurem Menschengarten,
paart sie -- was dann?

-- Zur Fortpflanzung werden nur die Gelungensten zugelassen, und von deren
Nachzucht wieder nur die Gelungensten, nach strenger Prfung. Die
milungenen Nachwuchsexemplare werden kastrirt.

-- Das leuchtet mir ein. Und mit den Brauchbaren, die sich immer weiter
vermehren, was geschieht da?

-- Gut gefragt, Gentleman. Diese kommen als Setzlinge in unsere Kolonien,
nach Afrika, und spter, wenn wir ganz Europa haben, in ihre
Originallnder, unter Aufsicht, da sich die Geschichte nicht wieder kreuzt
und verunreinigt. Bis die Menschheit vollstndig umgepflanzt ist.

-- Und wenn sich im Garten ein zu starker Ueberschu ergiebt, oder wenn
einzelne Paare durch Krankheit oder Tod zerrissen werden?

-- Da giebt's zu lachen, groartig, Gentleman. Reiche, vornehme
Herrschaften, Damen und Herren, erlegen dem Staate hohe Werthe, dafr
drfen sie sich berzhlige oder paarlose Individuen auswhlen, zu sich
nehmen, versteht Ihr, Gentleman? Auf bestimmte Zeit, nur so, damit es nicht
wie Sklavenhandel aussieht. Wenn Wahlzeit ist, Gentleman, hui hui . . . und
bei Prinzen und dergleichen Leuten auch wenn keine Wahlzeit ist, hui hui!
Zu sich nehmen, auf Zeit, versteht Ihr den Humor von der Sache? Das
Vergngen an rasse-echtem Zeitvertreib? Versteht Ihr unseren Sport und
seinen Witz, seinen sehr feinen Witz, Gentleman? Hui hui . . . Wir lieben
die Welt, weil wir sie haben.

-- Hm.

-- Sehr gut, hm. Das mu man gesehen haben. Das ist eine Handvoll Guineas
werth.

-- Brechen zuweilen auch die Eingefangenen aus?

-- Sehr selten. Liebevollste Behandlung, Komfort, nicht wahr, die Wenigsten
finden's so gut daheim. Lstig vielleicht manche Experimente, medizinische
Aufsicht, Training . . . hm . . .

-- Und was geschieht mit den Ausbrechern, wenn man sie erwischt?

-- Nicht sehr viel, mehrmalige Auspeitschung, Tretmhle, je nach Befund.
Wir Angelos sind die humanste Nation der Welt.

-- Was ist sonst noch da?

-- Spezialitten fr die Menschen- und Sittenforschung gelehrter
Professoren und solcher Kerls. Spielarten, wie sie durch Berufs-Entartung
entstehen, Agrarier aus Ostelbien, das heit deren Nachkommen aus dem
fnfundzwanzigsten Jahrhundert mit vererbten Abnormitten, Hofprediger und
als Gegensatz Hungerknstler, aus Schullehrer-Dynastien mit einem halben
Hundert Ahnen, Spiritisten, Juristen . . . seht's Euch selbst an,
Gentleman. Ueberhaupt viel zu sehen bei uns, nicht wahr? Habt Ihr unsere
Schatzkammern gesehen? Unsere Lagerhuser? Wir Angelos leben auf allen
Seiten der Welt, wenn Europa auch nur unsere Rckenfront sieht. Die Leute
in Europa, pflegen wir Angelos zu sagen, sehen von der ganzen Welt nur, was
sie auch vom Mond sehen, stets die nmliche Seite. Wir nehmen sie von allen
Seiten, wir drehen auch den Mond noch herum, mein Wort darauf, Gentleman
. . . Verdammtes Regenwetter heute, man kann keinen Hund vor die Thr
jagen. Ihr verliert Zeit, wenn Ihr hier hockt. Habt Ihr unsere Schiffe
gesehen? Ihr glaubt wohl, wir htten nur Blitzboote? Wir haben neben den
allerneuesten Fahrzeugen auch die guten alten, offene und gedeckte Schiffe,
mit Segeln und mit Panzerthrmen . . . Jetzt eilt mir's, Gentleman.

-- Noch einen Augenblick . . . Der Regen platscht frchterlich . . .

-- Die hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, erwartet die Erklrungen,
Gentleman. Worber wir vorhin noch im Zweifel, ob Gilde eins oder zwei
. . .

-- Setzt Euch noch eine Minute. Ihr spieltet auf eine Historie von Teuta
an, dem wunderlichen Land, vorhin. Erzhlt mit das, bitte! Ich bin ein
Freund komischer Geschichten, wie Ihr seht.

-- Gott verdamm' mich, Gentleman, das htte ich wahrhaftig vergessen. Wurde
da vor Wochen vom Kniglich-Kaiserlichen ein sehr famoses Teutaweib
erworben, von vornehmem Wesen, mit den vollkommensten Merkmalen echter
Rasse, jung, intelligent, aber . . . aber . . .

-- Stumpfsinnig. Ein Teutaweib! Weiter!

-- Nicht stumpfsinnig, aber auch nicht vollsinnig.

-- Also verrckt!

-- Nein, Gentleman, Ihr rathet schlecht. Blind.

-- Blind?

-- Wie ich sage. Eine Blindschleiche kann nicht blinder sein.

Grege fixirte den Erzhler, ohne sich zu rhren, mit kalter Sachlichkeit.

-- Ihr denkt, ich binde Euch einen Bren auf, Gentleman. Ich kann's nicht
so nobel geben. Ich diene Euch mit Wahrheit, die ist billiger.

-- Nicht so. Ich lege mir nur die Frage vor: Was wollen die guten Leute mit
einem blinden Weibe?

-- Gentleman, ich lege Euch die Frage vor: Was wollen die Menschen mit
blinder Liebe? Ist Blindheit immer ein Nachtheil? Die blinde Person war
sehr werthvoll. Unerachtet ihrer Blindheit konnte sie in die Tinte blicken.

-- Was konnte sie?

-- In die Tinte blicken, die Zukunft errathen. Sie war eine Seherin . . .
Ich mache mir meine Gedanken, vielleicht lie man sie gerade darum laufen.
Sie wird unheimliche Dinge gesehen haben, vom Sturz der Welt. Es ist nicht
immer gut, Alles vorher zu wissen. Lieber selbst Alles ber den Haufen
werfen, heute, als zu wissen, da es morgen Andere thun und man kann's
nicht hindern. Blind drauflos ist eine gute Sache, Gentleman. Es ist eine
kritische Zeit. Derohalben, es ist so mein Gedanke, lie man das
Frauenzimmer wieder auf Teuta los. Dort kann sie Schlimmes prophezeien, so
viel sie will, und Unheil anrichten. Wir pfeifen auf fremdes Unglck, wenn
wir nicht damit spekuliren. Die Teutaleute verstellen sich, wit Ihr,
Gentleman, das sind verfluchte Halunken. Schlielich verrathen sie sich
gegenseitig, wie dieser rundkpfige Kretin. Was meint Ihr, Gentleman?

-- Alles ist Geschft . . . Bitte, fahrt fort. Vom rundkpfigen Kretin.

-- Sehr gut, Gentleman, Ihr seid ein groer Gelehrter, Ihr kennt die Welt.
Die ganze Weltgeschichte ist ein Geschft. Ihr versteht mich, Ihr seid ein
geriebener Kopf, Ihr verdientet ein Angelo zu sein. Ich seh's an Euren
Augen, Ihr habt viel erlebt.

-- Keine Anzglichkeiten, bitte. Uebrigens knnt Ihr Recht haben.

-- Hab' ich, Gentleman. Euer Wille geschehe. Was wollt' ich sagen? Das
Komische an der Historie ist etwas Anderes. Erstens, da das Weib von ihrem
eigenen Liebhaber, einem rundkpfigen Kretin, dem Kniglich-Kaiserlichen in
die Hand gespielt worden ist. Ein starkes Stck, nicht wahr, Gentleman?
Zweitens, da die Kniglich-Kaiserliche das Geschft nicht aufrecht
erhalten konnte, sie mute die Waare wieder herausgeben.

-- An den schuftigen Liebhaber? In der That ein komischer Fall.

-- Wieder schlecht gerathen, Gentleman. An Teuta selbst. Auf diplomatische
Einmischung. Die Diplomatie von Teuta kam dem Liebhaber auf die Schliche.
Das Weib war eine Staatsperson und stand offenbar auch mit einem jungen
Diplomaten des Landes in zarten Beziehungen. Der Rundkopf, der sich weniger
begnstigt glaubte, suchte sich mit einem guten Geschft zu revanchiren. So
mag's wenigstens sein. Der junge Diplomat zerschlug den Handel und brachte
seinen Schatz wieder heim. Versprach dafr dem Kniglich-Kaiserlichen
gelegentlich zur Entschdigung selbst etwas Geeigneteres zu liefern. Aber
die lachhafteste Seite der Sache, Gentleman, die errathet Ihr auch nicht.
Ganz Angelland wlzte sich acht Tage lang in diesem Spa, trotz der ernsten
Zeiten. Wahrhaftig, die Zeiten sind ernst, auch ohne den neuen
Polizeiprsidenten. Wir werden nchstens nun doch mit den Amerikanos
zusammen ein Hhnchen pflcken und ihnen ein Pflaster in die Visage kleben
mssen, Gentleman.

-- Nun, die lachhafteste Seite? Kommt zu Ende!

-- Ja so. Gut. Der junge Diplomat erklrte, Teuta werde den Angelos den
Krieg erklren, wenn sich die Rckgabe des Teutaweibes nicht schleunigst
abwickelt. Krieg mit Teuta, Gentleman, seht Ihr das Bild? Teuta gegen
Angelland! Ja, die Zeiten sind lachhaft in ihrem Ernst. Wie gefllt Euch
die Historie?

-- Sie ist kstlich. Wit Ihr nicht den Namen des Weibes? fragte Grege
etwas dringender.

-- Natrlich. Alles hat Spottlieder darauf gesungen. Zala hie es,
Gentleman.

-- Jala, vielleicht Jala, besinnt Euch.

-- Diesmal mgt Ihr Recht haben, Gentleman. Uebrigens Zala oder Jala, das
ndert nichts am Spa.

-- Wahrhaftig nicht.

Grege erhob sich, rieb sich mit etwas krampfhafter Lustigkeit die Hnde: --
Ich dank' Euch fr die feine Geschichte. Man kann daraus lernen. Sie hat
mir ordentlich Appetit gemacht.

-- Wonach, Gentleman? Die Kche steht Euch zu Diensten. Oder ein Glas
Punsch oder . . .

-- So nicht, nein. Appetit nach dem kriegerischen Teuta. Das mcht' ich mir
nun doch einmal besehen, so schnell als mglich.

-- Gut, Gentleman. Doch versumt nicht, Euch zuvor unser Land gut
anzusehen, dann findet Ihr in Teuta noch mehr zu Eurer Heiterkeit. Ihr
bedrft der Aufheiterung, glaubt mir, fehlt Euch etwas? Leidet Ihr an
kalten Fen? Ich meine nur, Gentleman, Ihr habt einen erregbaren Kopf.
Oder an Nachtschwei? Ich bitte um Vergebung. Gewi, Gentleman, Ihr bedrft
meiner medizinischen Kenntnisse nicht, ich bin zwar Leichenschauer gewesen
und mein letztes Weib selig Leichenfrau, aber Ihr seid gesund wie ein
Lachs. Unsere sozialen Einrichtungen sind sehenswerth. Wir haben auch eine
sehr interessante kniglich-kaiserliche Familie, zahlreich wie smtliche
Patriarchen des Orients, und mit einem Hof, wo die urltesten Zeremonien
gemacht werden. Ich empfehle Euch das, Ihr werdet's mir danken, es ist
ungeheuer sehenswerth. Wir salben Knige, die nichts zu thun brauchen, als
sich salben zu lassen, um dann in Majestt und Ruhe eine unglaubliche
Zivilliste zu verzehren und uns mit ihrem Anblick zu erfreuen. Alles
Uebrige besorgen wir selbst. Die Einrichtung ist bewhrt. Eine Sache ist
gut, so lange man dran glaubt oder Andere zu unserem Nutzen dran glauben.
Wir haben viele Vlkerschaften, die dran glauben. Also sind unsere Knige
so ntzlich wie unsere oberste Kaiserin. Und es ist immer ein schnes Bild.

-- Knnt Ihr mir nicht behilflich sein, da ich Fahrgelegenheit nach Teuta
finde?

-- Sehr wohl, Gentleman. Aber erst unsere Sache mit der hohen Polizei, mit
Respekt zu sagen. Zu welcher Gilde gehrig soll ich Euch melden?

-- Gilde? Zunft? Zur Schelmen-Zunft!

-- Ausgezeichnet, Gentleman. Ihr seid ein Witzbold.

-- Und Euer Name?

-- Drachenschiff!

-- Hui! Ihr versteht die Polizei zu bedienen, mit Respekt zu sagen. Und
tragt Ihr Werthe bei Euch, Legitimationen? Wit, die Weltlage ist kritisch,
und der Polizeiprsident ist neu und der mchtigste Mann im Rath.

Grege hob die beiden Schriften auf und warf sie auf den Tisch, Zarathustra
und Jesus Sirach: -- Hier, Wirth von der Schelmenzunft der tollen Junker,
meine Familienpapiere!

-- Sehr gut, Gentleman, das gengt. Gengt's nicht, kann's Euch den Hals
kosten. Aber was geht mich Euer Hals an? Ich eile, die Polizei zu
befriedigen, mit Respekt zu sagen.

-- Und verget mir die Fahrgelegenheit nicht!

-- Bei Sir John Falstaffs Andenken, hier wird nichts vergessen, Gentleman.
Gottbei!

Der Wirth entfernte sich, sein hohes, schlotteriges Knochengestell in dem
schwarzen Futteral mit der komischen Fratze gebckt durch die niedrige Thr
schiebend.

Grege warf sich auf's Lager und wand sich in Krmpfen wie ein Epileptiker.
Es ging vorber. Der letzte Gram war abgeschttelt.

Er sah in den Spiegel und grte ein fremdes Gesicht. Teufel!

Tage lang lie die Fahrgelegenheit auf sich warten. Das zwang ihn, zu
wandern, die Kreuz und Quer, in Unrast seine kritischen Speere schleudernd
auf Alles, was ihm begegnete. Da hier Alles in's Titanenhafte, Kolossale
getrieben war, selbst das Niedrige, Gemeine, Widersinnige, Tyrannische war
das Besondere, was ihm neu und sympathisch erschien. Und in Alles hinein
schlug die See, das Weltmeer. In den Augen der unbeirrte Blick auf fernste
Horizonte, Nacht und Nebel durchbohrend. Aus jeder Tasse Thee hrt man die
Brandung aus der Weltweite ferner, reicher Inseln. Die Menschen wie
verkrzte Mastbume. Ein Seevolk! Wer die See hat, hlt die Welt, hlt das
gewaltige Leben in seiner Faust. Grege ging dieser Gedanke auf Schritt und
Tritt nach. Der Stempel des Weltbeherrscher-Bewutseins schlug ihm berall
prahlerisch entgegen, selbst in der Verzerrung ein an sich wundervoller
Trieb zur Gre. Die Wuth auf die Amerikaner, die sogar in deren Nachffung
Orgien feierte, erquickte ihn. Hasseskraft, das war das Ehrfrchtigste, was
er an den Angelos zu rhmen lernte, und ein dmonischer Humor, der jeder
Verzweiflung Herr wird, schpferischer Ha, weltberwindender Humor des
Alleinherrschenwollenden, dem der Eroberungsfanatismus zum sechsten Sinn
geworden.

Das Allermerkwrdigste dnkte ihm -- und das war vielleicht der Schlssel,
sich Angellands rthselhafte Macht zu erklren: Alles Alte war lebendig
erhalten und in lenzfrischem Saftgang mit dem Neuen. Alles Gegenwrtige
schien gewachsen wie aus einem einzigen Wurzelkomplex, der bis in den
tiefsten Boden der Vergangenheit reichte, mit vielen jngeren, ppig
genhrten Seitenwurzeln. Der kleine Erdzipfel Europa war den Angelos nur
ein Nebending, das sie nur als einer ihrer knftigen Sttzpunkte kmmerte.
Ihr Reich war die Welt, nicht das Bischen europische Scholle. Wo ein
Angelo lebte, zu Wasser und zu Land, da pflanzte er seine wuchtige Eigenart
auf und formte es rcksichtslos zu seiner Heimath. So ward er berall der
Herrscher, und sa berall auf seinem Eigenen, und pflckte berall die
Freuden der Heimath . . .

Was es an ffentlichen Einrichtungen zu besehen gab, die ganze Flle der
Gesichte eines in's Riesige entwickelten Volkslebens, nahm Grege mit, dem
kniglich kaiserlichen Menschengarten allein ging er aus dem Wege. Er wute
genug davon. Und er wollte keine Gefhle zwecklos verpuffen . . .

Alles zusammengerafft zu einem Vorsto, nach einem Ziel: Teuta! Kalte
Ueberlegung. Keine Vergeudung der Thatkraft durch Exzesse des Temperaments
. . .

In Teuta -- klingt's nicht wie ein Mrchen? -- hat bereits Einer den Kopf
zu erheben und den Angelos mit Fehde zu drohen gewagt? Um Jalas willen? Und
dieser Eine . . . war nicht Grege?

Teufel!

Und hie der Teufel Soundso, was ging ihn das Weib an?

Zweifellos, den ganzen Vorgang diplomatisch angesehen, handelte sich's um
mehr, als um das Weib. Das Weib war nur Deckblatt, um die Leidenschaft zu
entflammen. Aus dem entfachten Brand waren dann ganz andere Dinge zu holen.

Grege grbelte sich allerlei neue Zusammenhnge in das Jala-Abenteuer. Wer
war der rundkpfige Kretin, dessen Namen der Wirth nicht wute oder nicht
sagen wollte?

Aber die letzte groe That war allein entscheidend. Die wartete auf ihn.
Das fhlte er. Welche That? Festzustellen in's Einzelne vermochte er sie
nicht. Er sah sie vor sich wie einen rothen Kern, der immer glhender
wurde, eingehllt in einen dicht geballten schwarzen Nebel. Wenn die Stunde
gekommen, mute der glhende Kern die Nebelhlle sprengen, und Alles stand
im groen, freien Licht, sonnenklar. Das war die leuchtende That, aus dem
Dunkel geboren. Die Offenbarung des Geheimnisses, das sein Leben in sich
trug, die Wiederbelebung einer groen Vergangenheit, die Neugeburt der
kniglichen Seele . . .

Er schttelte den Kopf. In der ungeheuren Wirklichkeit Angellands verflog
pltzlich alle Mystik. Grege knirschte: -- Ganz Teuta auf Schiffe packen
und hinaus! Es zwingen, auf Seeschlangen durch das Weltmeer zu reiten, wie
die urgermanischen Vorfahren im Norden . . .

Wer lacht so grell?

Teufel!

                                * * *






Ao war halbtodt. Er war, um seine Glieder ein wenig an die Bewegung in
freier Luft zu gewhnen und auf die Mhsal des Festzuges vorzubereiten, ein
Stndchen in der Oberwelt gewesen, gegen Abend, und hatte eine ganz kleine
Strecke der unendlichen Feststrae in Begleitung der Aeltesten vom Festbund
abgeschritten, richtiger, abgewatschelt. Das hohe Amt verlangte dieses
Opfer. Nach Aos Gefhl war's ja einfach menschenunwrdig, berhaupt sich in
der Oberwelt zu bewegen. Er hate die freie Luft. Er konnte sie nicht
riechen. Und erst das freie Licht! Giebt's etwas Brutaleres als freie Luft
und freies Licht, etwas Undisziplinirteres? Was nahm sich das natrliche
Licht nicht fr Frechheiten heraus, trotz der Abendstunde, trotz der
spten, herbstkndenden Jahreszeit! Der Wolkenhimmel gegen Westen ein
lodernder Feuerberg, der letzte Sonnenstrahl noch ein brennender Stachel
mit Widerhaken, einem das Auge aus dem Kopf zu reien!

Dieser feurige Unfug konnte nichts Gutes bedeuten.

Freilich, die Aeltesten vom Festbunde jubelten, das Wetter werde nach einer
solchen Abendrthe prachtvoll werden und das Fest und sein feierliches
Geprnge in nie gesehenem Glanze erstrahlen lassen.

-- Nein, rief Ao, diese spte Hitze wird uns bs zusetzen. Der halbe Zug
wird auf dem Wege liegen bleiben, Weiber und Kinder wird man nicht mehr vom
Flecke bringen, die Springer und Tnzer werden toll werden oder wie Fliegen
umfallen, die heiligen Stationen am Gotteshaus, am Museum, an der Kaserne
werden mit kranken Nachzglern und Invaliden sich fllen, kurz, es wird ein
unertrglicher Skandal sein.

Und das Alles komme davon, da man das Fest zum dritten Mal verschoben,
diesem berspannten Soundso zu lieb, statt es fr dieses Jahr ausfallen zu
lassen. Dem Volk von Teuta htte man diese Probe auf seine Geduld und
Ergebung in den Willen des hohen Rathes ganz gut auferlegen drfen. Es habe
an seinem stillen Glck ohnehin Vergngen genug und bedrfe eigentlich
nicht des festlichen Lrmes, wenigstens nicht jedes Jahr. Und bis zum
nchsten Jahre htte der sinnreiche Soundso Zeit gehabt, noch mehr
Ueberraschungen auszuhecken. Uebrigens, im Vertrauen gesagt, sei es nicht
einmal der Beruf des jungen Diplomaten, sich in diese Dinge zu mischen und
dem Volk von Teuta mit Ueberraschungen zu imponiren. Das sei auch ein
Zeichen der Zeit, da sich der Geist der Jugend berhebe und auf allerlei
ungewhnliche Effekte sinne. Ein gediegenes Staatsleben, wie das unseres
Teutavolkes, knne wohl auf diesen Luxus verzichten. Und im Sinne des
gttlichen Uebermenschen Zarathustra und des groen Mysteriums unserer
Nationalgottheit lieen sich diese Dinge kaum rechtfertigen.

Diese weihevollen Klagen und Anklagen kmmerten leider die Aeltesten vom
Festbunde wenig. Ao mute, nachdem er die kurze Strecke gegangen, sich in
einer Snfte noch in's Gotteshaus und in's Museum schleppen lassen, um sich
durch den Augenschein von den Erneuerungen zu berzeugen und
oberpriesterlich zu besttigen, da Alles in schnster Ordnung. Das
Gotteshaus und das Museum lagen an entgegengesetzten Punkten der bald
zickzack-, bald schlangenfrmigen Feststrae an den Abhngen der uralten
grauen Schuttberge, mit breiten Freitreppen, und da, wo die Feststrae in
einer groen Spirale endigte, stand auf einem, die anderen um Weniges
berragenden Schuttberge das Knigsschlo, auf dessen Terrasse der
Schluaktus der Feier mit einer grotesken Parodie auf das antike
Herrscherthum gespielt wurde. Das festlich erregte Volk lagerte sich dann
in weitem Umkreise auf die Abhnge der Schuttberge, auf Freitreppen und
Terrassen und erlabte sich unter Gejohle an der von dem Festknige Grege
improvisirten Verspottungs-Komdie, die in Reden, Geberden und Tnzen
bestand, parodirend nachgeahmt den alten Hof-Zeremonien der
Majesttsperiode frherer Jahrtausende.

So war es immer, und so sollte es auch diesmal sein, nur mit dem
geheimgehaltenen Unterschied, da jetzt Soundso'sche Automaten die
lebendigen Figuren ersetzten. Nur die Schlunummer mute wegfallen, weil
sie fr einen Automaten zu gefhrlich war und leicht zu seiner Entlarvung
fhren knnte. Sie bestand in der Hauptsache darin, da der Festknig sich
die Krone vom Haupte nehmen und in dieselbe, die Reihen der in der Spirale
stehenden Festgenossen abschreitend, die Trinkgelder -- alten Mnzen
nachgeahmte Spielmarken -- einsammeln mute fr seine gelungene Arbeit, und
mit den Trinkgeldern bekam er zugleich die tollsten Stichelreden . . .
Statt dieser Scene hatte Soundso eine groteske Tanznummer zugebilligt
erhalten, fr welche er die grandioseste Ueberraschung versprach, wenn man
ihm Zeit zu deren Durchfhrung lasse und das Fest noch um eine Woche
verschiebe. Soundso setzte seinen Willen im hohen Rathe durch, nachdem er
die Aeltesten vom Festbunde fr seinen Plan gewonnen hatte. Was setzte er
nicht durch? Die Hauptrolle bei diesem Tanze sollte eine der merkwrdigsten
Tanzknstlerinnen spielen, deren Namen er noch geheimhalte, und das Volk
wrde dabei das Schauspiel einer bis -- zur Nacktheit verhllten
wunderschnen Frau haben, einer Frau, die nicht einmal mit eigenen Augen
sehe, was sie dem begeisterten Teutavolke biete, so da auch die naivste
Keuschheit keinerlei Ansto nehmen knne . . .

Ao schttelte chzend den Kopf, als ihm die Aeltesten vom Festbunde diesen
Plan Soundsos mit beredtem Munde priesen, whrend die Snftentrger die
oberpriesterliche Leibeslast im Schweie des Angesichtes zum Gotteshause
emporschleppten. Das Gotteshaus war, wie die brigen Baudenkmler der
versunkenen Kulturepochen, wie das Museum, die Kaserne, das Zuchthaus u. s.
w., in verjngtem Mastabe nach berhmten antiken Mustern erbaut. Jedes
Jahr waren Reparaturen nthig, von deren Gte sich der Oberpriester oder
ein Anderer vom hohen Rath persnlich berzeugen mute.

Als Ao das Gotteshaus betrat, war gerade die heilige Kommission damit
beschftigt, die Reliquien Zarathustras auf ihre Unversehrtheit zu prfen
und die Orgel spielen zu lassen. Die heilige Kommission begrte den
Oberpriester ehrfurchtsvoll und lud ihn ein, die Prfung mit seiner
persnlichen Theilnahme zu beehren. Nachdem der Heiligthumsschrein mit
sieben Schlsseln geffnet war, stellte die Kommission fest, da die
Siegel, welche der seidenen Umhllung der Reliquien im vorigen Jahr von
Staatswegen aufgedrckt worden waren, unverletzt seien. Dann wurden die
Heiligthmer einzeln der Umhllung entnommen und dem Oberpriester gezeigt:
zuerst das Gewand der Mutter Zarathustras, hernach der ungenhte Rock des
Vaters Zarathustras, endlich die Windeln und das Lendentuch Zarathustra's
selbst. Ao fand, da die Sachen in Anbetracht ihres hohen Alters einen
merkwrdig frischen Geruch bewahrt htten, und gar nicht moderig dufteten.
Worauf ihm die heilige Kommission lchelnd erwiderte, das kme erstens vom
spezifischen Heiligkeitscharakter der Gegenstnde, zweitens von der
vorzglichen irdischen Qualitt der in jenen Zeiten verarbeiteten
Rohstoffe, drittens von einem patentirten, diskret verwendeten
Reliquien-Mottenpulver, dessen man selbst bei dem wirkungsvollsten
Mysterium dieser Art nicht ganz entrathen knne.

Hierauf wurden die Heiligthmer auf die Galerie des Thurmes getragen, um
von dort herab beim Zarathustrafeste dem glubigen Teutavolke gezeigt zu
werden. Wunder haben sich dabei niemals ereignet. Das Volk erwartete auch
keine, es hatte an seiner objektiven Glubigkeit vollkommen genug. Die
religisen Gefhle waren Privatsache, wie schlielich auch Glaube oder
Nichtglaube.

Diese und andere Vorbungen fr das Gelingen des Festes waren beendigt
. . . und Ao war halbtodt vor Anstrengung.

Wenn ihn nur heute noch die Welt in Ruhe liee, damit er sich bis morgen
von den Strapazen erholen knnte.

Aber die Welt lie ihn nicht in Ruhe. Und die Welt hie Soundso.

Athemlos flog der Diplomat herein: -- Hoheit, sie will nicht.

-- Wer will nicht?

-- Jala.

-- Der Automat Jala?

-- Jala in Person, Hoheit.

-- Hast Du sie denn?

-- Seit vorgestern! Tiefstes Staatsgeheimni!

-- Schweig, mich trifft der Schlag . . .

Ao versank zu einem runden Klumpen in die seidenen Polster.

Der hohe Rath wurde herbeigerufen.

Soundso erlebte nicht die erwartete Genugthuung. Die Hoheiten nahmen sich
heraus, seine Eigenmchtigkeit zu tadeln. Er erbot sich, Jala sofort
persnlich vorzustellen, damit sie den Hergang ihrer Befreiung aus fremden
Tyrannenhnden schildere. Das fehle noch, da ihm seine That im Interesse
des Staates zum Vorwurfe gemacht werde, Undank habe seither nicht zu den
Fehlern des Teutavolkes und seiner Regierenden gehrt.

Darauf wurde erwidert, da das ganze Jala-Abenteuer den hohen Rath
berhaupt nicht kmmere. Ja, htte Soundso statt der belberathenen
Frauensperson den Verfhrer Grege eingeliefert, das wre etwas Anderes
gewesen. Jala besitze nicht die Qualitt, den hohen Rath zu interessiren,
besttigte Bim.

Der Automat des galanten Minus trumte schweigend hinter einem Schirm in
der Ecke. Der Fall Jala war in seinem Maschinen-Herzen nicht vorgesehen. In
seinem Sprechapparat hatte der se Name keine Stelle.

Soundso lie sich nicht aus der Fassung bringen. Abgesehen davon, da sie
in der Schlunummer des Festes hervorragend beschftigt sei und zum Theil
den Grege -- diesen jetzt geradezu staatsgefhrlichen Menschen -- ersetzen
msse, da man dem Automaten gewisse Verrichtungen nicht anvertrauen knne,
gebe Jala wichtige Anhaltspunkte, die schlielich doch noch auf die Spur
des ehrlosen Flchtlings leiten mten.

-- Wichtige Anhaltspunkte! hhnte Kaspe. Grege hat das verliebte
Frauenzimmer aus den heiligen Bezirken der Frauenstadt fortgelockt, um die
Thrin unterwegs sitzen zu lassen. Groartiger Aufschlu!

Daran den Flchtling Grege fassen zu wollen, komme ihm vor, als wolle man
nach dem Schweif eines verschwundenen Kometen greifen.

Worauf Soundso khl erwiderte, wenn es ihm gelste, diesen Griff zu thun,
werde er nicht mit leeren Hnden vor dem hohen Rath erscheinen. Er wolle
sich brigens gern verpflichten, zu einer kleinen intimen Nachfeier des
unter so auerordentlichen Umstnden ermglichten Nationalfestes den
biederen Onkel Grege herbeizuschaffen, in Ketten und Banden, wenn der hohe
Rath seinen Einflu aufbiete, die widerspnstige Jala willfhrig zu machen.
Es sei dies ganz einfach eine Frage der staatlichen Autoritt. Soll diese
von der Halsstarrigkeit der Tnzerin mit Fen getreten werden? Er,
Soundso, wasche seine Hnde in Unschuld.

Das wirkte.

-- Gut, piepste Kaspe. Ich ersuche Hoheit Ao zu befehlen, da uns die
Tnzerin sofort vorgefhrt werde.

Ao ertheilte den Befehl. Jala war im Museum in sicherem Gewahrsam.

Soundso flog ab, um zuvor noch den Grege-Automaten herzubringen. Es sollte
eine kleine Seelenfolter angewendet werden. Automat Grege, das war Soundsos
pltzliche Idee, msse auf Befragen bejahen, da er soeben eingefangen und
hierher geschleppt worden sei, um schwere Strafe zu erleiden, wenn Jala
sich nicht dem Willen des hohen Rathes unterwerfe.

Inzwischen lie sich der Vertreter des Slavakos, zur Nationalfeier
eingeladen, bei dem Oberpriester zur Begrung melden.

Ao erklrte, da wichtige Staatsgeschfte ihn verhinderten, den Mann zu
empfangen, er liee fr den Gru danken und erwidere ihn.

So lie sich jedoch der Mann nicht abspeisen. Er schickte die mimuthige
Antwort herein, da es dem obersten Beamten des Teutastaates erwnscht sein
msse, ihn unter allen Umstnden zu sehen, da es sich nicht blo um eine
frmliche Begrung, sondern zugleich um eine wichtige diplomatische
Unterredung in Staatsangelegenheiten, wenigstens aber um eine klrende
Vorbesprechung handle, an deren gutem Erfolg die Teutaleute ein strkeres
Interesse zu nehmen htten, als die Slavakos.

-- Ich wei, belehrte Titschi den Oberpriester, da die Ernte mager
ausgefallen ist und die Slavakos uns hrtere Bedingungen stellen wollen.

-- Ich kann und mag nicht, kreischte der Oberpriester. Ich wette, das hat
uns auch wieder dieser . . . vortreffliche Soundso angezettelt. Wir knnen
jetzt keine fremden Zeugen im hohen Rathe brauchen. Der Mann mu sich
gedulden bis nach dem Feste. Ich mu mich auch gedulden.

-- Ueberdies hab' ich jetzt die Register nicht zur Hand, fgte Bim mit
selbstbewuter Miene bei.

Titschi lchelte wie Einer, dem's Spa macht, wenn eine Geschichte verkehrt
angefat wird oder ein Hungriger einen versalzten Brei vorgesetzt erhlt.

Erhitzt fuhr Soundso herein, mit seinem schwarzverhllten
Grege-Wundermechanismus, und stellte ihn neben den Minus-Automaten in die
Ecke, Gesicht gegen Gesicht.

Der Vorhang ging zurck. Eine hohe Frauengestalt trat einen Schritt vor und
blieb im Halblicht vor dem versammelten hohen Rathe stehen, hinter ihr
verhuschten zwei Fhrer. Nie hatte ein Frauenfu diesen der obersten
Staatsleitung geweihten Raum betreten.

Es war ein Ereigni.

Alle schwiegen. Soundso drckte einen Knopf. Der groe, zeltartige Saal
erschimmerte in goldenem Licht.

-- Sie ist frwahr sehr schn, flsterte Titschi dem Oberpriester zu.

Die hohen Rthe verstndigten sich durch Mienenspiel, da der Oberrichter
Kaspe das Wort fhren solle. Soundso nahm zwischen seinen Automaten Minus
und Grege Platz, in gespannter Erwartung.

Kaspe begann zu piepsen: -- Wir wollen's kurz machen, Hoheiten. Du bist
Jala?

Aller Blicke hingen am Gesicht der Gefragten. Mit geschlossenen Augen stand
sie da, im vollen Licht, hoch aufgerichtet in edler Schlankheit, unbewegt
wie eine Statue, stolz und bescheiden, herb und ergeben, ber ihre Zge ein
Geist ergossen, der aus einer hheren Sphre stammte, aus dem Jenseits des
All-Wissens aus Leid und Liebe und Glckesverzicht.

Bim machte in selbstgeflligem Entdeckerdrang fr sich die Beobachtung, da
eine gewisse Linie des Leibes und ein gewisser Zug im Gesicht Jalas geheime
Mutterschaft verrathe.

-- Du bist Jala? wiederholte der Oberrichter.

-- Ihr wit es.

Die Stimme klang wie tiefer zitternder Geigenton.

-- Du sollst am Zarathustratage tanzen und willst nicht?

-- Ihr wit es.

Der Ton klang fester.

-- Was bestimmt Dich dazu, Dich der Zarathustrafeier zu verweigern? Hat
Dich Grege das geheien?

Jala schwieg. Der Name Grege schien sie zu erregen, da es wie leises Beben
ber ihren Leib lief. Ihr linker Fu rutschte ein wenig vor, also da die
Sandalenspitze unter dem Saum des lichtgrauen Gewandes hervorkam.

-- Was sagt Grege dazu? rief Kaspe.

Soundso fuhr mit dem Kopfe auf und nickte dem Frager aufmunternd zu.

-- Wenn Grege Dich Deiner Pflicht gemahnte, wrdest Du die Antwort finden,
Schweigsame?

Pause.

-- Grege ist nicht ferne, Jala! Warum sprichst Du nicht?

Da ffnete Jala zgernd die Lippen und sprach leise: -- Was in ihm ist, ist
zugleich auer ihm.

-- Das ist uns keine Antwort. Wirst Du tanzen, wenn Grege beim Feste
erscheint und gewissenhaft seine Schuldigkeit thut, wie er sie sonst
gethan?

Jala durchzuckte es schmerzlich. Fest prete sie die Lippen aufeinander,
da kein Laut der Klage ihre Seele verrathe.

Der Oberrichter fuhr fort: -- Wenn Du seine Stimme vernimmst und seine Hand
die Deinige berhrt, vor allem Volk? Wenn der Uebermensch in des
Wiedersehens Seligkeit Dich an seine Brust zieht?

Soundsos Finger erzitterte ber der Klaviatur in seines Grege-Automaten
Brust. Ein Wort von Grege jetzt -- und Alles war gewonnen . . . oder
verloren. Soundso zog schnell die Hand zurck und fhlte nach der Brust des
Automaten Minus, indem er den Finger durch eine handgroe Oeffnung im
Rcken auf die Sprechmaschine des Oberlehrers legte. Mit der andern Hand
winkte er dem Oberrichter ab, um selbst das Wort zu nehmen:

-- Hoheiten, ersucht unseren Freund Minus, da er zunchst selbst fr
Grege, seinen einstigen Schler, eine Bitte an Jala richte!

-- Hoheit Minus, sprich in Greges Namen!

Der Automat sprach sofort mit tuschender Eindringlichkeit: -- Was Du
thust, bedenke des Volkes Wohl, das Dein eigenes ist.

Jala wendete den Kopf ein wenig nach der Seite, woher die Stimme kam,
prfend. Sie hob langsam die Hand und legte sie an die Stirn.

-- Hast Du gehrt, Jala? fragte Kaspe.

Nach einem Augenblicke des Sinnens antwortete Jala: -- Ich habe eine Stimme
gehrt, aber ich fhle sie nicht.

Soundso erbleichte, aber er rief sofort, mit gewohnter Schlagfertigkeit:

-- Ihr habt's vernommen, Hoheiten, Jala hat kein Gefhl fr des Volkes
Wohl, also auch kein Gefhl fr ihr eigenes. So wird dem hohen Rathe nichts
brig bleiben, als zu beschlieen, da Grege dem Feste ferngehalten werde,
und als Flchtling seine Strafe erleide. Grege werde der Abtheilung der
Verbrecher gegen die Staatsgesetze eingereiht, da er auf der Schwelle des
Zuchthauses dem festlichen Volke schimpfliche Abbitte leiste. Dies mein
Antrag!

Und sofort fgte Soundso das uerste Wagni bei. Er ffnete seinem
Grege-Automaten den Mund, da die weich und volltnenden Worte unter der
Hlle wie aus geheimnivoller Ferne und doch in der Nhe erklangen: --
Meine Brder, seht, ich lehrte Euch den Uebermenschen, was fordert Ihr
noch?

Titschi begriff die Gefahr des Augenblicks und rief mit starker spitziger
Stimme: -- Schweig! Ich verwahre mich dagegen, da Grege hier zum Worte
zugelassen wird. Er soll seine Beschwrungsformeln bis morgen versparen, wo
er dem Volke Rechenschaft zu geben hat. Ihr seht, da es selbst Jalas,
seiner Mitschuldigen, Verlangen ist, da die Gerechtigkeit gegen Beide
ihren Lauf nehme.

Und wie erlst aus peinlicher Lage, rief der gesammte hohe Rath einmthig:
-- Ja, so geschehe es! Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf!

Jala empfand den Lrm der Stimmen, die Greges Worte verschlangen wie ein
trber Strudel den vom Himmel gefallenen Regentropfen, mit verzehnfachter
Strke. Es war ihr wie ein Brllen, Sausen, Zischen, Tosen, Stoen, wie der
spukartig sich ankndigende Groll des ganzen Volles, der morgen in immer
wster anwachsendem Geschrei und Zornausbrchen ihr Schweigen wie Greges
mnnlich schnes Wort in den Staub treten wird. Grege . . . und wr's ein
Wahnbild, eine Halluzination gewesen . . . Grege lebt und sein Athem
. . . sein Athem? . . . Nein, seinen Athem fhlte sie nicht, mit dem Klang
der Stimme ist seine Seele verweht . . . Aber seine Stimme war's, seine
lang entbehrte herrliche Stimme . . . Wie soll sie seine Seele zurckrufen,
da sie auch seinen Athem spre, was soll sie beginnen, da er ihr
nahekomme mit seinem vollen, warmen Leben . . . Ihre Kniee halten sie nicht
mehr . . . Aber nein, Niemand soll sie schwach sehen, Niemand, auch Grege
nicht . . . Grege? Grege? War das Grege wirklich, war's nicht ein
Gaukelspiel? Wie wre Grege hier, ohne sie an seine Brust zu reien, sie zu
vertheidigen vor dieser machttollen Sippe, vor aller Welt, wie ein Lwe
sein Eigenthum an sich reit und mit seinem Leben vertheidigt? . . . Bei
der ewigen Liebe . . .

-- Man fhre Grege ab! gebot Kaspe.

Und Jala bedeckte ihr Gesicht mit beiden Hnden, dann streckte sie die Arme
geradeaus nach vorn, wie beschwrend, und lie sie schlaff an den Leib
zurckfallen.

-- Ich werde tanzen.

Soundso rhrte sich nicht von der Stelle, sein Triumph schnellte ihn nicht
empor, als ihn die Hoheiten beglckwnschend umringten. Bim selbst konnte
sich nicht verhehlen, da es ein wahres Wunder gewesen, ein solches Weib zu
tuschen und unter fremden Willen zu zwingen.

Ao hatte die ganze Zeit kein persnliches Wort zur Sache gefunden. Die
Geschichte ging ihm ber den Horizont. -- Mechanik und Mystik! murmelte er
endlich und bat, das Licht zu vermindern, es sei zuviel der Helle fr seine
Augen.

                                * * *






Die Abendwolken, die Ao wie lodernde Feuerberge erschienen, sah Grege mit
anderen Augen und anderen Gedanken.

-- Eine Armee von Titanen, mit gezckten Schwertern, Reiterschaaren,
anstrmend auf feurigen Rossen, in wildem Schnauben hinein in den Kampf! In
schmhlicher Flucht die Feinde vor sich her jagend! Wem eine solche
Heimkehr beschieden wre an der Spitze eines kampfbegeisterten Kriegsvolks!

Aber er wute, das sind Wolkenbilder am Himmel, heroische Phantasien. Auf
europischer Erde findet sich diese Wirklichkeit in Wehr und Waffen mit
blitzender Entscheidungskraft nicht mehr. Und sein Gru an den
heimathlichen Boden, den jetzt sein Fu wieder betreten, war ein Seufzer,
jenen schnen Zeiten nachgesandt, wo der Kampf zwischen Mnnern nicht mit
Worten, sondern mit Blut gefhrt wurde, wo das Hchste vom Gegner gefordert
wurde als Einsatz, sein lebendiges Leben, seine lebendige Freiheit. Sieg
oder Tod!

Grege trug wieder sein Pilgerkleid und seinen Stab wie damals, als er
ausgezogen . . . Als Fremden zeigte ihn jetzt nur sein wallendes Haar, sein
mit vollem Barte umrahmtes, luftgebruntes Gesicht, sein ungewhnlich
straffer Gang, sein raubthierkhner, harter Blick.

Wenn er jetzt die Nacht durchwanderte, knnte er bis zum Morgengrauen in
Teuta sein und den hohen Rath allarmiren.

Er beschlo jedoch, einige Stunden unmittelbar vor der verschlafenen Stadt
zu rasten, und dann, wenn das offizielle Leben gegen Mittag erwachte, aus
nchster Nhe in den heiligen Bezirk einzubrechen.

In der Dmmerleuchte des abnehmenden Mondes fand er eine geeignete
Lagersttte an der hinteren Bschung des Schuttberges, der das Knigsschlo
trug. Keinerlei Empfindungen drngten sich vor, er legte sich mit
wunderbarer Gelassenheit auf den bedeutungsvollen Boden nieder. Rasten
wollte er in Sicherheit, nichts weiter, kein Gedanke vor- oder rckwrts
sollte ihn stren, keine Empfindsamkeit des Eindrucksvermgens seinen
Gleichmuth erschttern. Seine Seele war ein stilles, ehernes Meer, die
Strme lagen gefesselt auf dem Grund . . . Er schlief ein, und schlief
lange, fest, traumlos.

Die Sonne ging hoch am blablauen, wolkenlosen Himmel. Sie ward seine
Weckerin. Und er lchelte ihr entgegen. Wer verschlft in Teuta den Morgen
nicht, in diesem Reiche der Murmelthiere und Faulpelze? fragte er sich mit
gemthlicher Selbstironie.

Aber pltzlich wurde er ernst und zeigte sein strenggefates Gesicht. Was
bedeutet das eigenthmliche Getse, Gesumme, Geflte von knstlichen
Instrumenten, Gepolter von Trommeln, das heisere Gewirr von Mnner-,
Weiber-, Kinderstimmen, von taktmig herausbrechenden Zurufen? Und jetzt
gar dieser monotone Prozessionsschrei: Zara -- thuuu -- stra, Zara -- thuuu
-- stra, Zara -- thuuu -- stra?

In welcher Zeit stand er denn? Die Nationalfeier ist doch lngst vorber?
Aber das festliche Getse wlzt sich nher und nher, es steigt auf von den
Zickzack- und Schlangenlinien und Spiralen der Feststrae, pflanzt sich
verstrkt ber die Freitreppen und Terrassen der Kulturdenkbauten fort und
erfllt die Luft ber ganz Teuta! Es setzt einige Minuten aus, das sind die
Haltepunkte an den Stationen, dreimal drei Bllerschsse werden gelst, die
Pauken und Trommeln wthend bearbeitet -- da defilirt der hohe Rath vor dem
Gotteshaus und die Reliquien werden von Jungfrauen zum Thurm hinausgehalten
. . . Das ist Alles so sicher und richtig, da es kein Traum sein kann. Und
Hochmittag naht, da erreicht die Feier ihren Hhepunkt vor dem Knigsschlo
mit der widerlichen Verspottungsposse und dem greulichen Taumel der
Pbelwonne . . . Und Zarathustra, Uebermensch und Knig, Gott und Affe
zugleich, spottet seiner selbst zur Erheiterung des groen, freien,
gebildeten Teutavolkes und giebt ein Schauspiel tiefster sittlicher
Erniedrigung zur Strkung der Staatsautoritt . . . Ist's nicht so? Ist's
nicht immer so gewesen, so lange er selbst, Grege, aus blder Tradition an
diesem Verbrechen an allem wahrhaft Heiligen und Hohen sich betheiligte
. . . als gezwungener Komdiant?

Und Grege kletterte an der Rckenbschung, die ihm die heien
Strahlenreflexe der Sonne in's Gesicht schlgt, hher und hher, den Stab
krampfhaft in der Faust . . . Wenn das Alles so ist, wie es sein mu, weil
es gar nicht anders sein kann . . . beim ewigen Zarathustra, wer ist heute
sein Hanswurst, da Grege es nicht ist? Grege nie und nimmer es sein wird?

Hat er einen Doppelgnger?

Und wie Grege am Hinterbau des Knigsschlosses sich aufrichtete und hart an
der Mauer sich vorsichtig nach vorn tastete, da durchschauerte es ihn mit
einem Male: Die Stunde ist da! Pltzlich, unentrinnbar! Was sich da unten
vor ihm abspielt, ist die groe Nationalfeier seines Teutavolkes, was sich
da gegen ihn heraufbewegt, ist die Spitze des Zuges, der hohe Rath mit den
Trgern der Gtterbilder, Alles im Prunkglanze des offiziellen Purpurs.
Unter einem Baldachin, getragen von Jnglingen, flankirt von Jungfrauen
. . . wer denn? Grege's leibhaftige Gestalt! Sein Kopf, sein Gang, seine
Art die Arme zu halten, seine Art durch Kopfnicken zu gren, seine Stimme!
Seine Stimme, wahrlich und gewi, sein Tonfall und die liturgische
Betonung, wie sie ihm zu eigen, wenn er anstimmte, wie jetzt sein
Doppelgnger anstimmt: -- Meine Brder, seht, ich lehrte Euch den
Uebermenschen, was fordert Ihr noch? und das Volk in gewaltigem Unisono
erwiderte, wie es jetzt erwidert: -- Wir fordern Deinen Schutz, auf da wir
lange und herrlich leben im Lande der Vter, darein Du uns gesetzt, ein
Beispiel den Vlkern . . . und der hohe Rath schlendert bedeutsam
gemchlich und wundert sich ber nichts, hier der wrdevolle Oberpriester,
geleitet von Kaspe und Bim, dort der querkpfige Oberlehrer und Hter des
heiligen Wortschatzes Minus, geleitet von Titschi und Soundso -- Alles echt
und dennoch eine Lge, ein satanisches Gaukelspiel! Ist er selbst Grege,
oder ist er's nicht? Er zupft sich am Bart, er kneift sich in den Arm, er
stt mit seinem Stock auf, und da zeichnet die Sonne seinen langen
Schatten an die Wand des Knigsschlosses, und wenn er noch einen Schritt
vorwrts macht, luft sein Schatten ber die Knigsterrasse und schlgt die
Freitreppe hinab und den hohen Rath mitten in's Gesicht. Er ist er selbst,
Grege! Und wie er einen Schritt zurckweicht, Deckung an der Mauer suchend,
fllt sein Blick auf den weiten, unabsehbaren Zug kreischenden, lrmenden,
dunkelgekleideten Volkes, gleich einer zuckenden schwarzen Schlange sich
dahinwlzend zwischen den grauen, sonnig bestrahlten Schuttbergen, und nur
zwei lichte Gruppen fallen aus der schwarzen Linie: die kleine Gruppe der
weiverschleierten Tnzerinnen, die sich an den Hnden fhren, und die
unverhltnimig groe Gruppe der Ber in weien Hemden, die Arme ber
die Brust gekreuzt. Und unwillkhrlich gehen seine Augen von einer lichten
Gruppe zur andern: Woher die vielen, vielen Snder an Teutas
Staatsherrlichkeit, und woher die edle Gestalt, die zwischen den niedlichen
Tnzerinnen hervorragt wie eine hohe Lilie zwischen Gnseblmchen? Aber
immer lauter und betubender umbraust sein hohes Versteck der
Prozessionslrm, wie Schnauben und Keuchen kommt's die Freitreppe herauf
. . . Der hohe Rath, umwallt von den Flatterwlkchen der
Weihrauchfsserschwinger . . . Der schwarzbrtige Vertreter der Slavakos
. . . o Scheulichkeit! . . . der Baldachin mit den Pfauenwedeln . . . o
Gaukelspiel und Sinnentrug . . . die heiligen Gtterbilder und Symbole auf
hohen Tragstangen, die wehenden rothen Banner des Festbundes . . . Meine
Brder, seht, ich lehrte Euch den . . .

Grege flchtet durch eine Seitenpforte in das Knigsschlo und nimmt hinter
dem geschlossenen Hauptportal, das auf die Terrasse geht, Stellung, den
Mantel fest um den Leib gezogen, den Stab in der Hand wie ein Herold
. . . Die Stunde ist da! Die Stunde ist da! . . . Auen Bewegung und
Schlurfen der Schritte, wachsendes Getse, Kommando zur Gruppirung,
Bllerschsse, Trommelwirbel, das Volk ordnet sich die Freitreppe herauf
und staut sich unten in den weiten Spiralen . . . in wenigen Minuten geht
das hohe Portal auf, Zarathustra-Knig tritt unter dem Baldachin hervor und
hinauf auf die Portalschwelle die Tnzerinnen schlieen einen Reigen auf
der Terrasse . . . der hohe Rath und die hohen Abgeordneten nehmen auf den
Polstersthlen Platz, die Weihrauchwlkchen verschwimmen in der sonnigen
Luft . . . Minus erhebt mchtig die Stimme . . . der Aktus beginnt in
lautlosem Lauschen des Volkes . . . Minus, der Hter des heiligen
Wortschatzes von Teuta, begrt das heilige Symbol des groen Mysteriums in
wohlgesetzter Rede, verneigt sich und ersucht den Uebermenschen, seines
Amtes zu walten, sich dem Volke als Knig vorzustellen und seinen
Jahresspruch herzusagen.

Unter donnerndem Beifall beginnt der Uebermensch:

   Aufwrts fliegt unser Sinn,
   Achtet der Stunde,
   Teuta's erhabenes Volk -- --

Da kreischt das Portal im Rcken des knigsherrlichen Automaten auf und
Grege der Pilger schreitet leibhaft hervor.

Todtenstille. Die Aeltesten vom Festbund und der hohe Rath blicken entsetzt
auf Soundso. Der ist so verblfft wie sie. Wer nderte den Festplan? Der
Automat deklamirt unerschtterlich weiter mit wundervollen Armbewegungen.
Was will der Fremde? ruft Soundso in die Deklamation hinein und eilt herzu
. . . Grege setzt ihn mit einem krftigen Druck auf den Boden . . . Schlgt
mit dem Stab dem Automaten die Krone vom Kopf, da sie ber die Terrasse
hinweg und die Freitreppe hinabklirrt, reit ihm den Hermelin von der
Schulter und das goldene Scepter aus der Hand -- und der Automat deklamirt,
eine entlarvte Puppe, unerschtterlich weiter . . . Ebenso unerschtterlich
schreitet Grege unter dem bleichen Entsetzen des Volkes in seinem
Zerstrungswerke weiter . . .

   Will Euer Wille befehlen,
   Wohlan, ich bin sein Symbol -- --

Das Symbol lag im Nu klappernd am Boden, die Maschine rasselte noch einmal,
dann war sie stille.

Automat Minus, blitzschnell in seiner Natur von Grege erkannt, theilt
dasselbe Loos. Sein feingearbeiteter Kopf rollt ihm von der Schulter, der
Purpurmantel entsinkt der Puppe . . .

Die blinde Jala fhlt, da sich Ungeheures ereignet: -- Sprich, wer bist
Du, der so Entsetzliches schafft? ruft sie mit hellgebietender Stimme in
das stumme Schauspiel hinein.

Der Bann ist gebrochen, tausendstimmiges Echo ruft von allen Seiten, von
oben bis unten, von Spirale zu Spirale und pflanzt sich auf der Feststrae
fort: Wer bist Du? Wer bist Du? Wer bist Du, der so Entsetzliches schafft?

Die zahlreiche Gruppe der Mnner und Jnglinge im Berhemde durchbricht
die Reihen und strmt, von einem gemeinsamen Gefhl gejagt, von einer
gemeinsamen Vision magnetisch angezogen, die Treppen hinauf, auf die
Terrasse, mit dem Kampfrufe: Zu ihm! Zu ihm! Er ist der Befreier!

Und wieder ruft das tausendstimmige Echo von unten: -- Er ist der Befreier!
Er ist der Befreier!

Und eine furchtbare Naturgewalt rttelt und schttelt die Massen, und wie
Donnerstimme hallt's: Heil dem Befreier! Heil dem Befreier!

Jala, ihrer nicht mehr mchtig, sie hat den Befreier erkannt, taumelt einen
Schritt vorwrts, die ganze ungeheure Bewegung ist ihr durch die Seele
gegangen -- die hehre, lichte Gestalt sinkt an Grege's Brust.

Es bildet sich ein dichter Kreis um Mann und Weib, alle Blicke sind starr,
jeder Mund ist stumm, Grege erhebt den Stab und schwingt ihn ber seinem
Haupte, whrend er mit dem andern Arme Jala an sich pret: Volk von Teuta,
Zarathustras jngste Stunde ist gekommen, Zarathustras des Richters und
Erlsers! Heil dem Volke! Heil dem Erlser!

So war das Zeichen zum neuen Leben, zur Wiedergeburt im Kampfe gegeben, und
das weie Banner des heiligen Aufruhrs weht von der Knigsburg, bis der
Sieg erfochten.

Als am Abend die Terrasse von den Trmmern des Automaten-Gaukelfestes
gesubert wurde, berhrte ein Arbeiter die Sprechmaschine in der Brust des
eisernen Hters des heiligen Wortschatzes, und pltzlich begann die
kopflose Puppe der entlarvten Hoheit zu rasseln: -- Ao ist ein Idiot -- Bim
ist ein altes Grauthier -- Titschi ist ein entlaufener Strandruber --
Kinder sind heilig berall, wir schtteln sie wie Wanzen ab. -- Man mu dem
Volk in's Gesicht schlagen, das muntert seinen Verehrungstrieb auf -- Man
mu Possen mit ihm treiben, dann fhlt es sich der Gottheit nahe . . .

In derselbigen Nacht wurde Grege durch einmthigen Beschlu des Volkes zum
obersten Leiter der gemeinsamen Angelegenheiten ausgerufen, der Vertreter
der Slavakos mit Soundso ber die Grenze gejagt.

-- Da habt Ihr Euren Tribut.

Ao und seine Hoheiten erhielten einstweilen freies Quartier im Museum.

Grege lie eine Luftgondel ausrsten, um bis zum Anbruch des nchsten Tages
Botschaft nach Nordika zu schicken. Der schimpfliche Vertrag mit den
Slavakos wurde durch ein Freundschaftsbndni mit dem Brudervolke von
Nordika ersetzt.

Dann fielen die ersten Hammerschlge zur Zertrmmerung der Mauer, welche
die Stadt der Mnner von der Stadt der Frauen trennte.

Dem Oberrichter Ex-Hoheit Kaspe war es gelungen durchzubrennen und bei
Willem Mom am Strande Unterschlupf zu finden. Dort zirpte und piepste er
bis an sein Ende ber des Teutareiches Untergang . . .

Und noch weht das Banner des heiligen Aufruhrs von der Knigsburg in Teuta,
bis der volle Sieg ber die alte Elendsordnung erstritten ist und Keiner
mehr unter der Erde vegetirt, der berufen ist zu einem glcklichen Leben im
Lichte der Sonne.

Wenn scharfer Nord das Fahnentuch bewegt, tnt es aus den klatschenden
Falten des Banners wie Maikkas Lachen.



Ende.



Druck von C. G. Rder in Leipzig.






End of Project Gutenberg's In Purpurner Finsterni, by Michael Georg Conrad

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entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
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1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
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License terms from this work, or any files containing a part of this
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     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
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     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
