Project Gutenberg's Der Held unserer Zeit, by Michail Jurjewitsch Lermontow

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Title: Der Held unserer Zeit
       Kaukasische Lebensbilder

Author: Michail Jurjewitsch Lermontow

Translator: August Boltz

Release Date: May 5, 2012 [EBook #39623]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HELD UNSERER ZEIT ***




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Bayerische Staatsbibliothek München









Anmerkungen zur Transkription


Die fnfte Novelle, die zu vollstndigen Ausgaben dieses Buches gehrt
(Der Fatalist), findet sich nicht in dieser deutschen Erstausgabe.

Im Original g e s p e r r t hervorgehobene Passagen wurden _kursiv_
wiedergegeben.

Die im Originaltext verwendete -- heute ungebruchliche -- Transliteration
von russischen Worten und Eigennamen wurde belassen. Hinzu kommt die
gelegentliche -- inkonsequente -- Verwendung von Akzenten als
Betonungszeichen. Oft kommen beide Formen vor, wie Petschrin und
Petschorin. Dies wurde ebenfalls belassen wie im Original.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Die oft inkonsistente Setzung von Anfhrungszeichen und Kommata wurde
in allen anderen Fllen belassen wie im Original.





Der Held unserer Zeit.


[CYRILLIC:
   Vot` tam`, za rkoyu,
   Sred' roshkoshi, bleska,
   I starost', i mladost',
   Tolpitsya, kruzhitsya,
   Skol'zit` no parketu
   Pod` gromy orkestra.

   I zavist', zloslov'e,
   Kovarstvo, pritvorstvo,
   Soblazn', sladostrast'e
   Pod` maskoyu mrno,
   Nevol'no, bez`umno,
   Za nimi nesutsya.

      Knyaz' M. Golittsyn`.
]






Der
Held unserer Zeit.

Kaukasische Lebensbilder

von

Michal Lrmontoff.



Aus dem Russischen bersetzt
von
August Boltz.

Berlin.
Druck und Verlag von Carl Schultze's Buchdruckerei.
1852.


Der
Frau Ober-Inspektorin
Sophie Knoth, geb. Schulte
in Dortmund
als Zeichen dankbarer Verehrung
gewidmet
vom
Uebersetzer.







Vorwort.


Der vorliegende Roman wird zu den besten, in russischer Sprache
geschriebenen, gezhlt. Ich glaube, auch fr den deutschen Leser wird er,
obgleich in minder vollendeter Form wiedergegeben, nicht ganz ohne
Interesse sein, da kaukasische Lebensbilder und so meisterhafte
Naturschilderungen, wie sie hier geboten werden, noch keinesweges bei uns
zu den Alltglichkeiten gehren drften.

Welchen Werth brigens die Leistungen Lermontoff's haben, beweist der
Umstand, da einer unserer stilgewandtesten, berhmtesten Schriftsteller,
Hr. Bodenstedt, in jngster Zeit den I. Band einer hchst eleganten
Uebersetzung von Lermontoff's poetischem Nachlasse verffentlicht hat,
deren Fortsetzung alle Freunde der russischen Literatur mit Wunsch und
Freude entgegensehen. In demselben Werke theilt Hr. Bodenstedt Aufschlsse
ber Lermontoff's Leben und literarische Stellung mit, was mich jeder
ferneren Bemerkung hierber enthebt.

Als nicht unwesentlich drfte noch der interessante Umstand hervorzuheben
sein, da der Held der nachstehenden Erzhlungen, Petschorin, Niemand
anders, als der nach dem Kaukasus verbannte Dichter selbst ist, und da
sein frhes Ende ihn auf dieselbe Weise ereilte, wie er es (S. 227),
freilich in Bezug auf eine andere Person, todesahnend niedergeschrieben
hatte.

August Boltz.




Bela.


Ich fuhr mit Postfuhrwerk aus Tiflis. Die ganze Ladung meiner Telga[A]
bestand aus einem kleinen Koffer, welcher zur Hlfte mit Reisenotizen ber
Grusien vollgestopft war. Zu Ihrem Glcke ist der grte Theil derselben
verloren gegangen, der Koffer hingegen mit den brigen Sachen blieb zu
meinem Glcke unversehrt.

Die Sonne fing bereits an sich hinter den Eisrcken der Berge zu
verstecken, als ich in das Koischaurskische Thal hineinfuhr. Mein
Postillon, ein Ossete, trieb unermdlich die Pferde an, um noch vor Nacht
den Koischaur-Berg zu erreichen, und sang aus voller Kehle Lieder dazu.
Welch' herrlicher Ort ist dieses Thal! Von allen Seiten unersteigbare
Berge, rthliche Felsen mit grnendem Epheu umhngt und von Gruppen des
orientalischen Ahorns gekrnt; vergelbte Fragmente ausgesphlter
Anschwemmungen, und dort, in lustiger Hhe, die goldige Franse der
Schneemassen, und in der Tiefe die Aragwa, die im Verein mit einem andern
namenlosen Flchen sich mit Gerusch aus der tiefen Finsterni einer Kluft
herauswindet, dann, einem Silberfaden gleich, sich dahinzieht und wie eine
Schlange im Glanze ihrer Schuppen schimmert.

[Funote A: Ein leichter Bauer- (Post-) wagen, der nicht in Federn hngt.]

Am Fue des Koischaur angelangt, hielten wir an einem Duchan[A] still.
Einige zwanzig Grusier und Gorzen[B] trieben sich dort lrmend umher; nicht
weit davon hielt eine Karawane Kameele zum Nachtlager. Hier sagte man mir,
da ich Ochsen zum Vorspann nehmen msse, wenn ich meinen Wagen diesen
verwnschten Berg hinaufschaffen wollte, denn es war bereits um die
Herbstzeit und viel Glatteis, -- und der Berg hat eine Lnge von ungefhr
zwei Werst.[C] --

Es blieb mir nichts weiter brig; ich miethete sechs Ochsen und einige
Osseten. Einer von ihnen nahm meinen Koffer auf die Schultern und die
andern fingen an den Ochsen, wenn auch fast nur durch bloes Schreien, zu
helfen.

Hinter meiner Telga zogen vier Stiere eine andere ber und ber
vollgepackte, mit einer Leichtigkeit herauf, da es eine Freude war sie
anzusehen. Dieser Umstand erregte meine Verwunderung. Hinter dem Wagen
folgte dessen Eigenthmer, aus einem kleinen Kabardinerpfeifchen, das mit
Silber beschlagen war, rauchend. Er trug einen Offiziersrock ohne
Epaulettes, und eine verbrmte Tscherkessenmtze. Er mochte in den
Fnfzigern sein; seine dunkle Gesichtsfarbe zeigte ganz klar, da er schon
seit langer Zeit mit der kaukasischen Sonne bekannt war; sein zu frh
ergrauter Schnurrbart entsprach nicht seinem festen Gange und seinem
rstigen Aussehen. Ich ging an ihn heran und begrte ihn; er erwiederte
schweigend meine Verbeugung und blies eine ungeheure Rauchwolke in die
Luft.

[Funote A: _Duchan_ persisch, Dorf, Station.]

[Funote B: _Gorz_, Bergvlker, gewhnliche Benennung aller Kaukasier.]

[Funote C: 7 Werst = 1 deutsche Meile.]

Es scheint da wir Reisegefhrten sind?

Er antwortete abermals durch eine stumme Verbeugung.

Sie gehen wahrscheinlich nach Stawropol? . . .

-- So ist's . . . mit Kronssachen.

Bitte, sagen Sie mit doch, woher kommt es, da Ihren schwerbeladenen Wagen
vier Ochsen spielend ziehen, whrend sechs dieser Thiere bei aller Hlfe
der Osseten mit meinem leichten Wgelchen kaum von der Stelle kommen?

Er lchelte verschmitzt und warf einen bedeutungsvollen Seitenblick auf
mich. --

-- Sie sind wahrscheinlich noch nicht lange im Kaukasus?

Seit einem Jahre, antwortete ich.

Er lchelte abermals.

Nun, und wozu das?

-- Nun, so! Es sind infame Bestien, diese Asiaten! Sie glauben wohl, die
helfen mit ihrem Schreien? Der Teufel mag entziffern, was sie schreien; so
viel ist gewi, da die Ochsen sie verstehen; und wenn Sie deren zwanzig
vorspannten, -- fangen die Kerls einmal an auf ihre Art zu schreien, so
rhren sie sich nicht vom Flecke . . . . Infame Spitzbuben! Aber was fngt
man mit ihnen an? . . Sie suchen die Reisenden um ihr Geld zu bringen,
. . . und man hat die Schelme auch verdorben! Sie werden sehen, da sie
noch zu Ihnen kommen und Trinkgeld fordern. Ich kenne sie schon, mich
fhren sie nicht an!

Sie dienen wohl schon lange hier?

-- Ja wohl, ich diente hier schon unter Aleksi Petrwitsch,[A] antwortete
er, indem er sich in die Brust warf. Als er hierher in die Linie kam, war
ich Seconde-Lieutenant -- fgte er hinzu -- und unter ihm habe ich zwei
fernere Grade im Kriege gegen die Gorzen erhalten.

Und jetzt sind Sie . . .?

-- Jetzt gehre ich zum dritten Linien-Bataillone. Und Sie, wenn ich fragen
darf?

Ich sagte es ihm.

Hiermit brach unser Gesprch ab, und wir setzten unsern Weg schweigend
neben einander fort. Auf der Hhe des Berges fanden wir Schnee. Die Sonne
war untergegangen und die Nacht dem Tage ohne Abenddmmerung gefolgt, wie
dies gewhnlich im Sden der Fall ist; doch konnten wir beim Wiederscheine
der Schneemassen den Weg ganz leicht erkennen, der sich noch immer bergan
zog, obgleich nicht mehr so steil wie bisher. Ich lie meinen Koffer auf
die Telga packen, befahl die Ochsen gegen Pferde umzuwechseln, und warf
noch einen letzten Abschiedsblick hinunter in das Thal; allein ein dichter
Nebel, der in strmenden Wogen aus den Felsklften quoll, verdeckte es
vollkommen, und kein einziger Laut berhrte von dorther mehr unser Ohr. Die
Osseten strmten lrmend an und forderten Trinkgeld; allein der
Stabskapitain schrie sie so zornig an, da sie sich im Augenblicke aus dem
Staube machten. -- Das ist ein Volk! sagte er nicht _Brod_ knnen sie
auf russisch sagen, aber sie wissen recht gut, wie Offizier, gieb
Trinkgeld heit! Nein, da ziehe ich mir noch die Tataren vor, das sind
doch wenigstens keine Trinker . . . .

[Funote A: Dem General Grafen Jermloff.]

Bis zur Station hatten wir noch ungefhr eine Werst zurckzulegen. Rundum
war es still, so still da man dem Fluge einer Mcke nach ihrem Summen
htte folgen knnen.

Links lagen tiefe, dunkle Felsenklfte; hinter ihnen und vor uns zeichneten
sich die dunkelbraunen Spitzen der Berge, mit Runzeln und Schneelagern
bedeckt, gegen das blae Himmelsgewlbe ab, an welchem der letzte matte
Wiederschein des Abendrothes dahinstarb. Am dunkeln Himmel fingen die
Sterne an zu schimmern, und, -- sonderbar, es schien mir als ob sie hier
hher hingen als bei uns im Norden. An beiden Seiten des Weges starrte
nacktes, schwarzes Gestein empor; dann und wann guckte ein Gestruch aus
dem Schnee hervor, doch kein einziges vertrocknetes Blttchen regte sich
und es that einem wohl, inmitten dieses Todesschlafes der Natur das
Schnauben der ermdeten Troika[A] zu vernehmen, so wie das unregelmige
Gebimmel des russischen Wagenglckchens.

Morgen wird herrliches Wetter sein! sagte ich. Der Stabskapitain
antwortete kein Wort, sondern zeigte nur mit dem Finger nach einem hohen
Berge, der sich grade vor uns erhob.

Was ist da? fragte ich.

-- Der Gudberg.

Nun, und was ist mit dem?

-- Sehen Sie nur, wie er raucht.

In der That rauchte der Gudberg; an seinen Abhngen krochen leichte
Wolkengebilde dahin, aber auf seinem Gipfel lagerte ein schwarzes Gewlk,
so schwarz, da es gegen den dunkeln Himmel wie ein schwarzer Fleck
abstach.

Schon konnten wir die Poststation und die Dcher der sie umringenden Htten
erkennen, aus denen einladende Feuer uns entgegenblinkten, als sich ein
feuchter, kalter Wind erhob, die Felsenklfte zu heulen anfingen und ein
feiner Regen herabfiel. Kaum hatte ich Zeit gehabt mir meine Burka[B]
umzuwerfen, als auch, schon Schnee fiel. Mit Ehrfurcht blickte ich auf den
Stabskapitain.

-- Jetzt bleibt uns nichts anderes brig als hier zu bernachten, sagte er
verdrielich: in einem solchen Schneegestber kann man diese Berge gar
nicht passiren. Sag' mal, sind am Kreuzberge schon Lawinen gestrzt, fragte
er den Postillon.

[Funote A: Dreigespann.]

[Funote B: Ein kurzer zottiger Filzmantel, vorzglich bei den im Kaukasus
stehenden Kosaken im Gebrauch.]

Noch nicht, Herr antwortete der Ossete, aber es hngt viel, viel.

In Ermangelung eines Passagierzimmers theilte man uns ein Nachtlager in
einer rucherigen Htte zu. Ich lud meinen Reisegefhrten zu einem Glase
Thee ein, denn ich fhrte meine eiserne Theemaschine -- mein einziges
Labsal auf meinen kaukasischen Reisen -- immer mit mir. Die Htte (hier
Saklja genannt) lehnte sich von der einen Seite an den Felsen; drei
schlpfrige, feuchte Stufen fhrten zu ihrer Thre. Tappend ging ich voran
und stie auf eine Kuh (der Viehstall vertritt bei diesen Leuten die Stelle
des Bedientenzimmers). Ich wute nicht wohin ich mich wenden sollte: da
blcken Schafe, dort knurren Hunde. Zum Glcke schimmerte an der Seite ein
trber Lichtstrahl durch und half mir eine andere thrhnliche Oeffnung
finden. Ein ziemlich interessantes Bild erffnete sich vor uns: Die
umfangreiche Htte, deren Dach sich auf zwei verrucherte Pfeiler sttzte,
war mit Menschen angefllt. In der Mitte flackerte ein Feuer, das auf dem
Fuboden angemacht war, und dessen Rauch, da er vom Winde aus der Oeffnung
im Dache wieder zurckgetrieben wurde, sich rundum gleich einer so dichten
Hlle ausbreitete, da ich lange nichts zu unterscheiden vermochte; am
Feuer saen zwei alte Weiber, eine Menge Kinder und ein abgemagerter
Grusier, alle in Lumpen. So blieb uns weiter nichts brig; wir nisteten uns
gleichfalls am Feuer ein, rauchten unser Pfeifchen und bald kochte die
Theemaschine auf die einladendste Weise.

Was fr ein jmmerliches Volk! sagte ich zum Stabskapitaine, indem ich
auf unsere schmutzigen Wirthsleute wies, die uns schweigend und in einer
Art von Erstarrung anblickten.

-- Und ein erzdummes Volk! antwortete er. Wollen Sie wohl glauben, da sie
durchaus nichts knnen, da sie keiner Art von Bildung fhig sind! Da lobe
ich mir doch unsere Kabardiner oder die Tschetschiner! Es sind zwar auch
Ruber und Halsabschneider, aber ganz verzweifelte Tollkpfe; diese
hingegen nehmen nicht einmal gern ein Gewehr zur Hand: einen anstndigen
Dolch findet man bei keinem einzigen. Und nun gar erst die Osseten!

Sie waren also lange in Tschetschen?

-- Ja gewi, ich lag wohl an die zehn Jahre mit einer Kompagnie in einer
Festung, da bei Brckburg, -- wissen Sie?

Ich habe davon gehrt.

-- Nein, mein Bester, was diese Hndelmacher mir zu schaffen gemacht haben!
Jetzt, Gott sei Dank, ist's da weit ruhiger; aber frher, Gott bewahre!
frher brauchte man nur hundert Schritt vom Walle abzugehen, und so ein
zottiger Teufel sa wahrhaftig auf der Lauer: kaum hatte man ausgeghnt, so
sa einem auch schon eine Schlinge um den Hals oder eine Kugel im Nacken.
Aber tapfere Jungens! . . .

Ei, da mssen Sie ja wahrhaftig recht viele Abentheuer erlebt haben?
sagte ich, vor Neugierde brennend.

-- Wie denn nicht! wahrhaftig.

Hier begann er seinen linken Schnurrbart zu flattiren, lie den Kopf auf
die Brust sinken und verfiel in Nachdenken. Ich htte ihm gar zu gern
irgend ein Geschichtchen abgelockt, -- ein Wunsch, der brigens allen
Verfassern von Reisememoiren und allen Volksschriftstellern mit mir eigen
ist. Unterdessen war der Thee fertig geworden; ich zog aus meinem Koffer
zwei Feldbecher, schenkte sie voll und stellte einen derselben hin: Ja,
wahrhaftig! Dieser Ausruf gab mir groe Hoffnungen. Ich wei nur zu gut,
wie sehr die alten Krieger im Kaukasus zu sprechen und zu erzhlen lieben;
es wird ihnen auch so selten geboten: wie mancher steht da fnf Jahre lang
in irgend einem abgelegenen Winkel mit seiner Abtheilung, und hrt die
ganzen fnf Jahre ber kein einziges Guten Tag, weil der Feldwebel ihn
nur mit Ich wnsche Ihnen Gesundheit[A] begrt. Und was wten sie nicht
alles zu erzhlen! Rundum ein wildes, interessantes Volk, jeden Tag eine
Gefahr; was fr wunderbare Flle kommen da nicht vor! Hier bedauert man
unwillkhrlich da bei uns so wenig geschrieben wird.

Wollen Sie nicht ein wenig Rum hinzufgen? fragte ich meinen
Reisegefhrten, ich habe weien, aus Tiflis; es ist jetzt kalt.

[Funote A: Die vorgeschriebene Begrungsformel fr Untergebene, _welches
Ranges sie auch sein mgen_, gegen ihre Vorgesetzten.]

-- Nein, ich danke, ich trinke nicht.

Wie so?

-- Je nun, so. Ich habe mir das Wort gegeben. Einmal, als ich noch
Secondelieutenant war, mssen Sie wissen, und wir uns untereinander einmal
recht etwas zu Gute gethan hatten, wird des Nachts pltzlich Alarm
geschlagen; wir, angerissen wie wir waren, hinaus; ja, das wre uns bald
gut bekommen als Alexi Petrwitsch es erfuhr -- Gott soll mich bewahren,
wie er bse wurde! Es fehlte nicht viel, so htte er uns vor ein
Kriegsgericht gestellt. Und so geschieht's jedesmal: zu einer andern Zeit
lebt man das ganze Jahr hindurch und sieht keine Menschenseele; nimmt man
aber einmal ein Glschen zu viel, so ist man auch ein verlorner Mensch!

Bei dieser Erzhlung verlor ich fast wieder alle Hoffnung.

-- Nun nehme man aber gar erst die Tscherkessen, fuhr er fort, wenn die
sich erst bei Hochzeits- oder Begrbnigelagen in Busa[A] betrinken, dann
kommt's auch gleich an's Einhauen. Ich war einmal mit Gewalt und noch dazu
bei einem friedlichen Frsten[B] zu Gaste gezogen worden.

So? Wie war denn das zugegangen?

-- Sehen Sie . . . (er stopfte sich eine Pfeife, that ein paar tchtige
Zge und begann zu erzhlen) sehen Sie also, ich stand damals mit einer
Kompagnie in einer Festung jenseits des Tereks, -- es wird nun bald an die
fnf Jahre sein. Da kam einmal um die Herbstzeit ein Transport mit Proviant
an, und bei diesem Transporte befand sich ein Offizier, ein junger Mensch
von ungefhr fnf und zwanzig Jahren. Er stellte sich mir in voller Uniform
vor und erffnete mir, da er die Ordre erhalten habe bei mir in der
Festung zu bleiben. Er war so zart, so wei, seine Uniform war so neu, da
ich sogleich errieth, er sei erst unlngst nach dem Kaukasus gekommen.

[Funote A: Getrnk aus Buchweizenmehl.]

[Funote B: Der Rulands Oberhoheit anerkannt hatte.]

Sie sind wahrscheinlich aus Ruland hierherversetzt worden? fragte ich
ihn. -- Zu befehlen, Herr Stabskapitain, war seine Antwort. Ich fate ihn
bei der Hand und sagte: Sehr erfreut, sehr erfreut; nur wird es Ihnen hier
ein Bischen langweilig vorkommen . . . nun, wir wollen schon
freundschaftlich mit einander leben. Indessen bitte ich Sie, nennen Sie
mich nur ganz einfach Maksim Maksimitsch und dann -- wozu denn diese volle
Uniform? Kommen Sie nur immer in der Feldmtze zu mir. -- Man wies ihm
eine Wohnung an, und so setzte er sich denn in der Festung fest.

Und wie hie er? fragte ich Maksim Maksimitsch.

-- Er hie . . . Grigr Alexndrowitsch Petschrin. Ein feiner Junge, das
kann ich Ihnen versichern; nur etwas Sonderling. So konnte er sich z. B. im
Regen und Frost den ganzen Tag auf der Jagd umhertreiben: alle Anderen sind
durchgefroren und abgemattet, aber ihm thut das nichts. Ein anderes Mal
sitzt er am Fenster in seinem Zimmer; der Wind blt ein Bischen und er
versichert einem, da er sich erkltet habe; oder die Fensterlade schttert
etwas und er fhrt zusammen und erbleicht, und doch habe ich ihn ganz
allein gegen einen Eber angehen sehen; manchmal kriegte man Stundenlang
kein Wort aus ihm heraus, fing er aber erst einmal an zu erzhlen, ja da
mute man sich den Bauch vor Lachen halten . . . Ei ja, ein groer
Sonderling, und er mu auch reich gewesen sein, denn was hatte er alles fr
kostbare Schelchen! . . .

Blieb er denn lange bei Ihnen? fragte ich weiter.

-- Wohl ein Jahr; dafr wird mir aber auch dieses Jahr ewig im Gedchtni
bleiben! Hat der mir zu schaffen gemacht, nein, das kann ich Ihnen gar
nicht sagen! Sehen Sie, es giebt wahrhaftig solche Leute, denen es schon in
der Wiege bestimmt ist, da ihnen ganz auergewhnliche Dinge widerfahren
werden!

Auergewhnliche Dinge? rief ich mit Neugierde aus, indem ich ihm Thee
einschenkte.

-- Ja, ich werde Ihnen gleich erzhlen. In der Entfernung von ungefhr
sechs Werst von der Festung lebte ein friedlicher Frst. Sein Sohn, ein
Junge von fnfzehn Jahren, hatte sich angewhnt jeden Tag zu uns herber zu
reiten, bald nach diesem bald nach jenem, und Grigrii Alexndrowitsch und
ich, wir hatten ihn auch wirklich ganz verwhnt. Es war aber auch ein
wackrer Junge, der alles machen konnte, was er nur wollte; im vollen
Carriere hob er eine Mtze von der Erde auf oder feuerte ein Gewehr ab.
Eins war nicht hbsch an ihm: er war ungeheuer auf's Geld versessen. Einmal
versprach ihm Grigrii Alexndrowitsch zum Spae ihm einen Dukaten zu
schenken, wenn er den schnsten Bock aus seines Vaters Heerde stehlen
knne; und was meinen Sie? am andern Abend bringt er ihn bei den Hrnern
herangeschleppt. Kam es einmal vor, da wir ihn foppen wollten -- gleich
unterliefen seine Augen mit Blut und er griff nach dem Dolche. Ei, Asamat,
man thut Dir ja nichts zu Leide, pflegte ich dann zu sagen, Dein toller
Sinn wird Dich noch ins Verderben strzen!

-- Einst kam der alte Frst selbst zu uns herber, um uns zur Hochzeit
einzuladen; er verheirathete seine lteste Tochter und wir standen mit ihm
in Gastfreundschaft; na, da konnten wir ihm doch nicht absagen, ob er schon
ein Tatar war. Wir machen hin. Im Ale[A] kam uns ein ganzer Rudel Hunde
mit lautem Gebell entgegen; die Weiber versteckten sich bei unserm
Anblicke; diejenigen, deren Gesichter wir etwa sehen konnten, waren nichts
weniger als schn. Ich hatte eine weit bessere Meinung von den
Tscherkessinnen, sagte Grigrii Alexndrowitsch zu mir. -- Warten Sie nur!
antwortete ich ihm, indem ich lchelte. Ich hatte schon die Meinige im
Sinn.

[Funote A: Al, Dorf der kaukasischen Vlkerschaften.]

-- Bei dem Frsten hatte sich bereits eine Masse Volk in der Htte
versammelt. Sie wissen, da es bei den Asiaten Gebrauch ist alle diejenigen
zur Hochzeit einzuladen, denen man begegnet oder die am Hause vorbergehen.
Man empfing uns mit allen nur mglichen Ehrenbezeugungen und fhrte uns ins
Gastzimmer. Ich bersah es indessen nicht aufzupassen, wohin sie unsere
Pferde brachten, wissen Sie, fr einen unvorgesehenen Fall.

Wie begehen sie denn die Hochzeitsfeier? fragte ich den Stabskapitain.

-- Ja, ganz gewhnlich. Zuerst liest ihnen der Mulla etwas aus dem Koran
vor, dann werden die jungen Leutchen und ihre Verwandten beschenkt, man
it, trinkt Busa und endlich beginnt die Dschigitffka,[A] in welcher immer
irgend ein abgerissener, schmieriger Hanswurst auf einer elenden, lahmen
Mhre herumpojatzt und die verehrliche Gesellschaft belustigt. Zuletzt,
gegen die Dmmerung, beginnt im Gastzimmer was wir einen Ball nennen
wrden. Irgend ein armer Greis kratzt auf einer dreisaitigen -- ich wei
nicht mehr, wie sie das Ding nennen, -- nun im Genre unserer Balalika;[B]
-- die Mdchen und die jungen Burschen stellen sich in zwei Reihen einander
gegenber, klatschen in die Hnde und singen dazu. Dann tritt ein junges
Mdchen und ein Bursche in die Mitte und fangen da an einander in Versen
zuzusingen, was ihnen grade in den Kopf kommt, und die brigen fallen im
Chorus ein. Petschrin und ich nahmen die Ehrenpltze ein; pltzlich
schritt die jngste Tochter unseres Wirthes, ein Mdchen von sechszehn
Jahren, auf ihn zu, und sang ihm . . wie soll ich doch sagen? . . sang ihm
eine Art von Kompliment zu.

[Funote A: Kaukasischer Nationaltanz.]

[Funote B: Eine jmmerliche Nachbildung der Guitarre.]

Erinnern Sie sich noch dessen, was sie sang? fragte ich.

-- Ja, ich glaube es war ungefhr so: Wohl anzusehn, frwahr, sind unsere
jungen Dschigiten, Und ihre Kftane mit Silber ausgenht, Doch schmucker
noch als sie ist dieser junge Russenheld, In purem Golde blitzt sein
reichbetreter Waffenrock. Wie eine Pappel steht er zwischen ihnen prchtig
da, In unserm Garten leider wchst sie nicht und blht sie nicht.

-- Als sie von uns zurcktrat, raunte ich Grigrii Alexndrowitsch eben
in's Ohr: Nun, wie gefllt Ihnen die? -- Wunderbar, wunderbar!
antwortete er: wie heit sie? -- Sie wird Bela genannt entgegnete ich.

-- Und wahrlich, sie war schn: hoch und schlank, und hatte schwarze Augen
wie die der Berggemse, mit denen sie einem bis in die Seele hineinblickte.
Petschrin verwandte, in Gedanken versunken, kein Auge von ihr, und auch
sie blickte fter verstohlen nach ihm hin. Indessen war Petschrin nicht
der einzige, der die liebliche Frstin mit Wohlgefallen betrachtete: aus
einem Winkel des Zimmers blickten sie zwei bewegungslose, glutvolle Augen
an. Ich sah genauer zu, wer es war, und erkannte meinen alten Bekannten
Ksbitsch. Er war, wissen Sie, eigentlich weder einer von den friedlichen
noch von den nichtfriedlichen. Es ruhte wohl so mancher Verdacht auf ihm,
ob er gleich nie bei irgend einem Unfug war betroffen worden. Er brachte
uns fters Schafe in die Festung zum Verkauf und war immer sehr billig
damit, lie aber niemals mit sich handeln; was er forderte, mute man
geben, denn eher htte er sich in Stcke hauen lassen, als das Geringste
von seinem Preise abzulassen. Das Gercht ging von ihm, da er sich
jenseits des Kbans mit den Abrken, einem feindlichen ruberischen
Vlkerstamme, herumtrieb, und die Wahrheit zu gestehen, sah er auch ganz
darnach aus, kurz, trocken, breitschultrig, eine rechte Rubergestalt
. . . Aber gewandt, gewandt, wie der Teufel! Sein Beschmt[A] war immer
zerrissen und mit Flicken besetzt, aber sein Gewehr mit Silber ausgelegt;
sein Pferd war in der ganzen Kabarda berhmt, -- und wahrhaftig ein
schneres Thier kann man sich gar nicht vorstellen. Nicht umsonst
beneideten ihn alle Raubreiter darum und bemhten sich mehr als einmal es
ihm wegzustehlen, was ihnen indessen nicht gelang. Ich sehe dies edle Thier
ordentlich vor mir stehen: Schwarz wie Pech, Fe wie Saiten, und Augen
nicht schlechter wie Bela's Augen. Und was, fr eine Kraft! Funfzig Werst
in vollem Trabe; dabei war es so zahm, da es wie ein Hund hinter seinem
Herrn drein lief; sogar seine Stimme kannte es! Und wie oft geschah es, da
er es gar nicht anband. So ein rechtes Ruberpferd! . . .

[Funote A: Kurzes enganliegendes Unterkleid der tatarischen
Vlkerschaften.]

-- An diesem Abend war Ksbitsch finstrer als sonst und ich bemerkte, da
er unter dem Beschmt ein Panzerhemd an hatte. Nicht umsonst hat er dies
Panzerhemd an, dachte ich, er fhrt gewi irgend was im Schilde.

-- Es war schwl in der Htte, und ich trat hinaus, mich an der Luft zu
erfrischen. Nacht lag schon auf den Bergen und Nebel strich an den
Felsklften hin.

-- Ich lie mir einfallen, mich unter das Wetterdach zu begeben wo unsere
Pferde standen, um nachzusehen ob sie Futter htten, und weil berdies
Vorsicht nie schaden kann: ich hatte ein herrliches Pferd mit, und schon
mehr als Ein Kabardinzer hatte es wohlgefllig in's Auge gefat, und dabei
ausgerufen: Jakschi tsche, tschek jakschi![A]

-- Ich ducke mich lngs des Plankenzaunes hin, und pltzlich hr' ich
Stimmen; die eine Stimme erkannte ich sogleich: das war der Wildfang
Asamat, der Sohn unseres Wirthes; die andere sprach seltener und leiser.
Wovon schwatzen die da wohl? dacht' ich: doch wohl nicht gar von meinem
Pferde? Da kauerte ich mich bei dem Zaune nieder, und fing an zu horchen,
bemht, da kein einziges Wort mir entginge. Doch der Lrm der Gesnge und
das Gewirr der Stimmen, die aus der Htte herausschallten, verschlangen
bisweilen das mir so interessante Gesprch. --

[Funote A: Worte des Beifalls in tatarischer Sprache.]

-- Du hast ein herrliches Pferd! sagte Asamat, wre ich Herr im Hause
und htte eine Herde von dreihundert Stuten, so gbe ich wohl die Hlfte
fr Deinen Renner, Ksbitsch!

-- Aha, Ksbitsch! dachte ich und erinnerte mich des Panzerhemdes.

-- Ja, antwortete Ksbitsch nach einigem Schweigen, in der ganzen
Kabrda findet man kein solches. Einstmals, -- das war jenseits des Treks
-- zog ich mit den Abrken aus, russische Pferdeherden wegzunehmen; es
glckte uns nicht, und wir wurden versprengt, der eine dahin, der andere
dorthin. Hinter mir her waren vier Kosaken schon hrte ich das Geschrei der
Giauren und vor mir war ein dichter Wald. Da duckte ich mich in den Sattel,
bergab mich dem Allach und zum erstenmal im Leben beleidigte ich das Pferd
durch einen Schlag mit der Peitsche. Wie ein Vogel streifte es zwischen den
Zweigen dahin; scharfe Stechpflanzen zerrissen meine Kleidung, drre Aeste
von Zwergrstern schlugen mir im Gesicht herum. Mein Pferd setzte ber die
Baumstumpfe und ri mit der Brust das Gestruch auseinander. Ich htte
besser gethan das Pferd am Saume des Waldes laufen zu lassen, mich selbst
aber zu Fu im Walde zu verstecken, es that mir aber leid mich von ihm zu
trennen. Und der Prophet belohnte mich. Einige Kugeln sausten ber meinen
Kopf dahin, ich hrte schon die heiverfolgenden Kosaken dicht hinter mir
. . Pltzlich ghnt vor mir eine tiefe Wasserschlucht; mein Renner stutzte
-- und sprang. Seine Hinterhufe glitten von dem jenseitigen Uferrande ab,
und er hing an den Vorderfen; ich warf die Zgel weg, und flog in die
Schlucht hinab; dies rettete mein Pferd: es sprang hinauf. Die Kosaken
sahen alles mit an, doch keiner von ihnen lie sich hinab, mich zu suchen:
sie dachten wohl ich msse den Hals gebrochen haben, und ich hrte, wie sie
sich in Bewegung setzten mein Pferd aufzufangen. Das Blut stockte mir im
Herzen, ich kroch im tiefen Grase lngs der Schlucht hervor, -- ich sehe:
der Wald war zu Ende, einige Kosaken reiten aus ihm auf die Haide heraus,
und siehe! mein Karags sprengt grade auf sie los; alle warfen sich mit
Geschrei hinter ihm her; lange, lange verfolgten sie ihn, besonders einer
war zweimal nahe daran, ihm die Schlinge ber den Hals zu werfen; ich
erbebte, senkte die Augen, und fing an zu beten. Nach einigen Augenblicken
erhebe ich sie wieder -- und siehe da! mein Karags fliegt mit wehendem
Schweife, dem freien Winde gleich, daher; die Giauren hingegen schleppen
sich, einer weit hinter dem andern, auf den abgequlten Pferden durch die
Steppe. Beim Allach! es ist wahr, es ist wahrhaftig wahr! Bis zur spten
Nacht sa ich in meiner Schlucht. Pltzlich, was denkst Du wohl, Asamat? in
der Finsterni hr' ich, da am Rande der Schlucht ein Pferd luft,
schnaubt, wiehert und mit den Hufen auf die Erde stampft; ich erkannte die
Stimme meines Karags das war er, mein Gefhrte! . . . Von der Zeit an
blieben wir unzertrennlich.

Und man konnte hren, wie er mit der Hand den glatten Hals seines Renners
sanft klopfte, indem er ihm verschiedene zrtliche Benennungen gab.

-- Wenn ich eine Herde von tausend Stuten htte, sagte Asamat, ich wrde
sie Dir ganz fr Deinen Karags hingeben!

Jok, ich gb' ihn nicht dafr, antwortete Ksbitsch gleichgltig.

-- Hre, Ksbitsch, sagte schmeichelnd Asamat zu ihm, Du bist ein guter
Kerl, Du bist ein tapferer Dschigit; mein Vater aber frchtet die Russen,
und lt mich nicht in die Berge; berla mir Dein Pferd, und ich will
alles thun, was Du nur verlangst, ich stehle fr Dich meinem Vater seinen
besten Karabiner, seine beste Schschka,[A] was Du nur wnschest, -- seine
Schschka ist eine chte Grda: Du brauchst nur die Schneide an die Hand zu
legen, so saugt sie sich von selbst in's Fleisch; und sein Panzerhemd ist
mindestens so gut wie Deines.

-- Ksbitsch schwieg.

-- Das erstemal, als ich Dein Pferd sah, fuhr Asamat fort, als es unter
Dir sich im Kreise drehte und mit aufgeblasenen Nstern dahinsprang, und
unter seinen Hufen hervor die Steine in Funken stoben, da ging in meiner
Seele etwas Unbegreifliches vor, und von der Zeit wurde mir alles andere
zuwider: auf die besten Renner meines Vaters sah ich mit Verachtung; ich
schmte mich auf ihnen mich zu zeigen, und Traurigkeit bernahm mich ganz;
und harmvoll versa ich auf einem Felsen ganze Tage, und in jedem
Augenblicke erschien mir in Gedanken Dein schwarzer Renner mit seinem edlen
Gange und seinem glatten, pfeilgraden Rcken; er blickte mich mit seinen
muntern Augen an, als ob er sprechen wollte. Ich werde sterben, Ksbitsch,
wenn Du mir ihn nicht berlssest! sagte Asamat mit zitternder Stimme.

[Funote A: Schschka heit der krumme Sbel der Tscherkessen und Kosaken.]

Ich glaubte zu hren, da er zu weinen anfing: dabei mu ich Ihnen sagen,
da Asamat ein erztrotziger Bube war, dem man bisher mit nichts Thrnen
abzudringen vermocht hatte, sogar als er noch ganz jung war.

-- Zur Antwort auf seine Thrnen war nur eine Art Hohngelchter vernehmbar.

-- Hre! sagte Asamat mit fester Stimme, ich bin zu Allem entschlossen.
Willst Du, da ich fr Dich meine Schwester stehle? Wie tanzt sie schn!
und wie sie singt! auch nhet sie in Golde aus, wundervoll! Solch eine
Genossin hat wohl der trkische Padischa kaum . . . Willst Du? Erwarte mich
morgen in der Nacht dort, in der Schlucht, wo der Wildbach fliet: ich
werde mit ihr zum benachbarten Ale vorbergehen, -- und sie ist Dein. Ist
denn wohl Bela nicht Deinen Renner werth?

-- Lange, lange schwieg Ksbitsch; endlich, anstatt der Antwort, stimmte er
mit halber Stimme ein altes Liedchen an:

   Schnheiten giebt's hier im Ale gar viel,
   Sternen gleich funkelt des Augenpaars Spiel.
   S, sie zu lieben -- ein Loos zu beneiden;
   Heit'rer noch, nie von der Freiheit zu scheiden.
   Gold schafft der Frauen mir drei oder vier,
   Doch solch ein Ro, sagt, wo schaff' ich es mir?
   Rasch durch die Stepp', wie der Wind, eilt's im Fluge,
   Fern jedem Wechsel, fern jedem Truge.

Vergebens bat ihn Asamat wiederholentlich, einzuwilligen, und weinte und
schmeichelte ihm und schwur; endlich unterbrach ihn Ksbitsch ungeduldig:

-- Geh fort, thrigter Junge! Wo willst Du wohl auf meinem Pferde reiten?
Bei den ersten drei Schritten wirft es Dich ab, und Du zerschlgst Dir das
Genick auf den Steinen.

-- Ich! schrie Asamat in Wuth, und das Eisen des Knabendolches erklirrte
auf dem Panzerhemde. Eine krftige Hand warf ihn zurck und er schlug sich
an den geflochtenen Zaun so heftig, da dieser wankte. Das gibt einen
schnen Spa, dachte ich, eilte zum Stalle, zumte unsere Pferde auf, und
fhrte sie nach dem hinteren Hofe. Binnen zwei Minuten schon war in der
Htte ein frchterliches Getse. Es hatte sich folgendes ereignet: Asamat
war mit zerrissenem Beschmt dort hineingerannt, vorgebend, Ksbitsch wolle
ihn ermorden. Alle sprangen herbei, griffen zu den Waffen, und der Spa
ging los. Geschrei, Lrm, Schsse; doch Ksbitsch war schon zu Pferde und
brach wie ein Teufel durch die Menge in die Strae, indem er die Schschka
vertheidigend schwang. Ein schlimmer Handel in fremder Schmauserei die
Nachwehen der Trunkenheit, sagte ich zu Grigrii Alexndrowitsch, indem
ich ihn bei der Hand ergriff; thten wir nicht besser, uns eiligst
davonzumachen?

-- Aber warten Sie doch, wie es endigen wird.

-- Es wird wahrscheinlich schlecht endigen; bei diesen Asiaten ist es immer
so: sie betrinken sich in Busa, und das Gemetzel geht los! Wir saen auf
und ritten spornstreichs nach Hause.

Was wurde denn aus Ksbitsch? fragte ich den Stabskapitain mit Ungeduld.

-- Was kann man wohl einem solchen Kerl anhaben! antwortete er, indem er
sein Glas Thee bis auf die Neige austrank; er entschlpfte!

Und wurde nicht verwundet? fragte ich.

-- Ja, das wei Gott! Diese Spitzbuben haben ein zhes Leben! Ich hab sie
wohl manchmal im Gefecht gesehen, sehen Sie, ganz zerhauen und von
Bajonetten einem Siebe gleich durchlchert, und doch wirthschaftet so ein
Kerl noch immer mit der Schschka herum. -- Der Stabskapitain schwieg eine
Weile, dann fuhr er, mit dem Fu auf die Erde stampfend, fort:

-- Eins werde ich mir nie verzeihen: da mich der Bse zupfte, dem Grigrii
Alexndrowitsch Alles wieder zu erzhlen, als wir nach der Festung
zurckritten, was ich hinter dem Zaune gehrt hatte; er lchelte fein, der
Schlaufuchs -- und dachte sich sein eigenes Stckchen aus.

-- So? Was denn fr eins? Bitte, erzhlen Sie doch.

-- Ja freilich, jetzt ist nichts mehr zu machen! Habe ich einmal angefangen
zu erzhlen, so mu ich auch weiter fortfahren. Nach etwa vier Tagen kommt
Asamat in die Festung. Nach seiner Gewohnheit ging er zu Grigrii
Alexndrowitsch, der ihn mit Nschereien zu fttern pflegte. Ich befand
mich ebenfalls dort. Die Rede kam auf die Pferde, und Petschrin fing an,
den Renner unseres Ksbitsch herauszustreichen; so ein muthiges,
prachtvolles Pferd, gerade wie eine Gemse -- na, mit einem Worte, nach
seiner Meinung gab es kein zweites solches Ro auf Gottes weitem Erdboden.

-- Unserm kleinen Ttaren funkelten die Augen, aber Petschrin thut, als ob
er gar nichts merkt; ich versuche das Gesprch auf etwas anderes zu lenken;
er aber, hast Du nicht gesehen, bringt es gleich wieder auf Ksbitsch'
Pferd zurck. Diese Geschichte wiederholte sich, so oft Asamat zu uns
herber kam. Nach ungefhr drei Wochen bemerkte ich, da Asamat ganz bla
und abgezehrt aussah, wie das wohl in Romanen von der Liebe geschieht. Was
Wunder auch?

-- Sehen Sie wohl, ich habe erst spter die ganze Geschichte erfahren:
Grigrii Alexndrowitsch hatte ihn dermaaen aufgereizt, da er sich htte
ins Wasser strzen knnen. Einstmals nun sagte er zu ihm: Ich sehe,
Asamat, da Dir dieses Pferd ber Alles geht, und doch wird es eben so
wenig Dein werden, als Du Deines Nackens ansichtig werden kannst. Nun sag'
einmal, was wrdest Du wohl Dem geben, der es Dir zum Geschenk machte?
. . .

-- Alles, was er nur will, antwortete Asamat.

In dem Falle will ich Dir's verschaffen, nur unter einer Bedingung . . .
Du schwrst mir, da Du sie erfllst . . .

-- Ich schwre . . . schwre auch Du!

Gut! Ich schwre Dir zu, Du sollst das Pferd haben; nur mut Du mir Deine
Schwester Bela dagegen ausliefern. Den Karags will ich Dir als Morgengabe
liefern. Ich hoffe, der Handel ist vortheilhaft fr Dich.

-- Asamat schwieg.

Du willst nicht? Auch gut. Ich hielt Dich fr einen Mann, sehe aber, da
Du noch ein Kind bist; es ist noch zu frh fr Dich zu reiten . . .

-- Asamat entbrannte . . . Aber mein Vater? sagte er.

Sollte denn der sich niemals entfernen?

-- Es ist auch wahr . . .

Also abgemacht? . . .

-- Abgemacht, flsterte Asamat, bleich wie der Tod. Wann?

Sobald Ksbitsch wieder herkommt; er hat versprochen, ein Zehn Hammel
herzutreiben; das Uebrige ist meine Sache. Sieh wohl zu, Asamat!

-- Ja, so haben sie die Sache zu Stande gebracht . . . Die Wahrheit zu
gestehen, eine recht hliche Sache. Ich habe das auch spter zu Petschrin
gesagt, der antwortete mir aber, da das wilde Tscherkessenkind sich
glcklich schtzen knne, einen so netten Mann zu haben, denn nach ihren
Gebruchen ist er immerhin ihr Mann, und was Ksbitsch anginge, so wre der
ein Ruber, den man bestrafen msse. Nun urtheilen Sie selbst, was ich ihm
darauf antworten konnte? . . . Damals aber wute ich noch nichts von ihrer
Verabredung; da kommt denn einmal der Ksbitsch bei uns vor und frgt an,
ob wir nicht Hammel und Meth brauchten? Ich befahl ihm, beides den nchsten
Tag herzuschaffen. Asamat! sagte Grigrii Alexndrowitsch, morgen ist
der Karags in meinen Hnden, bringst Du mir Bela diese Nacht nicht her, so
kriegst Du das Pferd nicht zu sehen . . .

-- Gut! sagte Asamat und sprengte im Galopp nach dem Ale. Als der Abend
gekommen war, legte Grigrii Alexndrowitsch seine Waffen an und verlie
die Festung. Wie sie nun die Sache ausgefhrt haben, wei ich nicht, --
aber des Nachts waren sie Beide zurckgekommen und die Schildwache hatte
gesehen, da ber den Sattel Asamats ein Frauenzimmer lag, deren Hnde und
Fe gebunden waren, whrend ihr Kopf mit einem Schleier verhllt war.

-- Aber das Pferd? fragte ich den Stabskapitain.

-- Gleich, gleich. Den nchsten Tag kommt Ksbitsch des Morgens frh und
brachte ein Zehn Hammel zum Verkauf. Nachdem er sein Pferd an den
Plankenzaun gebunden hatte, kam er zu mir; ich traktirte ihn mit Thee,
denn, wenn er schon ein Ruber war, so war er doch auch mein Gastfreund.

Wir plauderten von diesem und jenem . . . Pltzlich sehe ich, wie Ksbitsch
mit vernderten Gesichtszgen auffhrt und nach dem Fenster strzt, welches
aber leider nach dem Hinterhofe fhrte. -- Was ist Dir denn? fragte ich
ihn.

-- Mein Pferd! . . . Pferd! sagte er, am ganzen Leibe erzitternd.

-- Wirklich hrte ich in diesem Augenblicke das Schlagen von Hufen: Das
ist wahrscheinlich irgend ein angekommener Kosak . . .

-- Nein! Uru-Jaman, Jaman![A] fing er an zu brllen und strzte ber
Hals und Kopf davon, wie ein wilder Panther. Mit zwei Sprngen war er auf
dem Hofe; an dem Thore der Festung versperrte ihm die Schildwache mit dem
ausgestreckten Gewehre den Weg; er sprang darber hinweg und fing an aus
allen Krften zu laufen . . . In der Ferne wirbelte Staub . . . Asamat
sprengte auf dem feurigen Karags dahin; mitten im Laufe ri Ksbitsch sein
Gewehr aus dem Ueberzuge und feuerte los. Eine Minute stand er unbeweglich
still, bis er sich berzeugt hatte da er einen Fehlschu gethan hatte;
dann fing er an entsetzlich zu heulen, zerschlug sein Gewehr gegen die
Steine, da es in tausend Stcke flog, wlzte sich auf der Erde herum und
sthnte wie ein Bube . . . Nicht lange, so versammelte sich eine Menge
Leute aus der Festung um ihn -- er sah Niemanden; sie standen da herum und
sprachen ein Langes und Breites und gingen endlich wieder fort; ich lie
das Geld fr die Hammel neben ihn hinlegen -- er rhrte es aber nicht an,
sondern lag mit dem Gesicht auf der Erde, wie ein Todter. Wollen Sie wohl
glauben, da er bis tief in die Nacht und die ganze Nacht hindurch so
gelegen hat? Erst am andern Morgen kam er in die Festung und bat, da man
ihm den Ruber nennen wolle. Die Schildwache, die gesehen hatte, wie Asamat
das Pferd abband und auf ihm davonjagte, hielt es nicht fr nthig, ihm ein
Geheimni daraus zu machen. Bei diesem Namen funkelten Ksbitsch' Augen und
er begab sich nach dem Ale, wo Asamats Vater wohnte.

[Funote A: Russischer Verrath, Verrath!]

Wie ergings dem Vater?

-- Ja das ist ja eben der Witz, da Ksbitsch ihn nicht zu Hause traf; er
war irgend wohin auf ein Tager Sechs verreist; wre es denn sonst wohl
Asamat gelungen, seine Schwester zu entfhren?

-- Als nun der greise Vater zurckkehrte, da fand er weder Tochter noch
Sohn; denn der Schlaukopf hatte wohl bedacht, da er seinen Kopf nicht
davon bringen wrde, wenn er jemals dem Ksbitsch unter die Hnde fiele. So
war er denn seit jener Zeit verschwunden; wahrscheinlich hatte er sich zu
einer Bande Abrken geschlagen, oder er hatte jenseits des Treks oder
Kbans sein unruhiges Haupt irgendwo niedergelegt. Dort kommt man leicht
genug dazu!

-- Nun mu ich gestehen, da auch mich die Sache etwas anging. So wie ich
erst erfahren hatte, da die Tscherkessin bei Grigrii Alexndrowitsch war,
legte ich meine Epauletten an, steckte den Degen ein und begab mich zu ihm.

-- Er lag im Vorderzimmer auf dem Bette, die eine Hand unter dem Nacken
geschlagen und mit der andern die ausgegangene Pfeife haltend; die Thre
nach dem zweiten Zimmer war verschlossen und der Schlssel abgezogen. Ich
bemerkte dies Alles im Nu . . . Ich fing an mich zu ruspern und mit den
Abstzen an der Schwelle zu scharren -- er that aber, als hrte er nichts.

-- Herr Lieutenant! sagte ich so streng wie mglich, sehen Sie denn
nicht, da ich zu Ihnen gekommen bin?

Ach, guten Tag, Maksim Maksimitsch! Ist Ihnen eine Pfeife gefllig?
antwortete er, ohne auch nur aufzustehen.

-- Ich bitte um Entschuldigung! Ich stehe jetzt nicht als Maksim
Maksimitsch, sondern als Stabskapitain vor Ihnen!

Das ist ja einerlei. Wollen Sie eine Tasse Thee? Ach, wenn Sie wten
welche Sorge mich jetzt drckt . . .

-- Ich wei Alles, entgegnete ich ihm, an sein Bett tretend.

Desto besser, ich bin gar nicht aufgelegt, viel zu erzhlen.

-- Herr Lieutenant, Sie haben sich eines Vergehens schuldig gemacht, fr
das auch ich zur Verantwortung gezogen werden kann . . .

Nun hren Sie doch auf! Was ist denn daran gelegen? Als ob nicht schon
lngst zwischen uns alles zur Hlfte ginge!

-- Ei was fr Spe! Ich bitte um Ihren Degen.

Mitka! den Degen!

Mitka brachte den Degen. Als ich nun so meiner Pflicht gengt hatte, setzte
ich mich zu ihm aufs Bett und sagte: Hre, lieber Grigrii
Alexndrowitsch, gestehe selbst, da es nicht hbsch war.

_Was_ nicht hbsch?

-- Je nun, da Du die Bela entfhrt hast . . . Ach diese Bestie von
Asamat! . . . Nun, gestehe selbst, sagte ich zu ihm.

Ja, wenn sie mir nun einmal gefllt?

-- Nun bitte ich Sie, was sollte ich ihm hierauf antworten? Ich war ganz
verdutzt. Indessen sagte ich ihm nach einem kurzen Schweigen, da, wenn ihr
Vater sie wieder fordern sollte, man doch genthigt sein wrde, sie
herauszugeben.

Ist durchaus nicht nthig.

-- Ja, wenn er nun aber erfhrt, da sie hier ist?

I, wie soll er denn das erfahren?

Ich war abermals festgefahren. -- Hren Sie, Maksim Maksimitsch, begann
Petschorin endlich, indem er sich erhob: Sie sind ein guter Mensch, --
bedenken Sie selbst, da, wenn wir diesem Wilden seine Tochter wiedergeben,
er sie entweder umbringt oder verkauft. Die Sache ist nun einmal geschehen,
es kommt also blo darauf an, da wir sie nicht muthwillig selbst
verderben; lassen Sie sie also bei mir und meinen Degen bei Ihnen . . .

-- So zeigen Sie mir sie wenigstens, sagte ich.

Sie ist hinter jener Thr; indessen habe ich mich heut selbst vergebens
bemht, sie zu sehen; sie sitzt, in ihren Schleier gehllt, in einem Winkel
und spricht nicht und rhrt sich nicht; sie ist scheu wie eine wilde Gemse.
Ich habe unsere Marketenderin in Dienst genommen: die versteht tatarisch
und wird sie an den Gedanken gewhnen, da sie mein ist, denn sie soll
Niemandem anders gehren als mir, fgte er hinzu, indem er mit der Faust
auf den Tisch schlug. -- Ich lie ihn auch hierin gewhren . . . Was soll
man machen? Sehen Sie, es giebt Leute, denen man durchaus ihren Willen thun
mu.

-- Hat er sie denn wirklich fragte ich Maksim Maksimitschen, so weit
gebracht, oder verkam sie in der Gefangenschaft vor lauter Heimweh?

-- Ja warum denn vor Heimweh, ich bitte Sie um Alles. Aus der Festung
konnte man dieselben Berge sehen, wie aus ihrem Ale, -- na, und mehr
brauchen diese Wilden ja nicht. Dann beschenkte sie auch Grigorii
Alexandrowitsch jeden Tag mit etwas Neuem; die ersten zwei Tage wies sie
die Geschenke stolz von sich, welche dann der Marketenderin zufielen und
deren Beredsamkeit anregten. Ach, die Geschenke! Was thut ein Frauenzimmer
nicht alles fr einen bunten Lappen! . . . Doch das gehrt jetzt nicht
hierher! Grigorii Alexandrowitsch kmpfte lange mit ihr, lernte aber
unterdessen tatarisch und auch sie fing an, unsere Sprache etwas zu
verstehen. Nach und nach gewhnte sie sich an seinen Anblick, obschon sie
ihn anfnglich nur verstohlen unter den Augenbrauen hervor ansah, und sich
immer hrmte, und ihre Liedchen mit halber Stimme vor sich hin sang, so da
es mir wohl auch manchmal recht weh um's Herz wurde, wenn ich sie im
Nebenzimmer hrte. Niemals werde ich eine Scene vergessen: Ich ging am
Fenster vorber und schaute hinein: Bela sa auf einem Schemel, mit dem
Kpfchen auf die Brust gesenkt; Grigorii Alexandrowitsch stand vor ihr.
Hre, meine Peri, sagte er, siehe, Du weit doch, da Du frh oder spt
mein sein mut -- warum mich also so qulen? Vielleicht liebst Du irgend
einen Tschetschiner? Wenn dem so ist, so la ich Dich augenblicklich nach
Hause gehen. -- Sie fuhr kaum bemerkbar zusammen und schttelte mit dem
Kopfe. -- Oder, fuhr er fort, bin ich Dir so durchaus verhat? -- Sie
seufzte leise. Oder verbietet Dir Dein Glaube, mich zu lieben? -- Sie
erblate und schwieg. -- Glaube mir, Allach ist fr alle Vlkerstmme ein
und derselbe, und wenn er mir gewhrt hat, Dich so innig zu lieben, warum
sollte er Dir verbieten, mich mit Deiner Gegenliebe zu beglcken? -- Sie
blickte ihm scharf in's Gesicht, wie von diesem netten Gedanken getroffen;
in ihren Augen malte sich die Unglubigkeit und der Wunsch, sich zu
berzeugen. Was fr Augen! Sie leuchteten wahrhaftig wie ein Paar Kohlen.

-- O hre, se, theure Bela! fuhr Petschrin fort, Du siehst, wie lieb
ich Dich habe; ich will alles fr Dich dahingeben, wenn ich Dich nur
erheitern kann; ich mchte Dich so gern glcklich sehen, und wenn Du wieder
so traurig sein wirst, werde ich sterben. Sage mir, da Du heiterer sein
willst? -- Sie versank in Nachdenken, ohne ihre schwarzen Augen von ihm zu
wenden, lchelte dann milde und nickte bejahend mit dem Kopfe. Er ergriff
ihre Hand und suchte sie nun zu berreden, ihm einen Ku zu geben, sie
wehrte sich nur schwach, indem sie mehrmals sagte: Bitte, bitte, nicht
nthig, nicht nthig. Er wurde immer zudringlicher; da fing sie an zu
zittern und in Thrnen auszubrechen. Ich bin Deine Gefangene, sagte sie,
Deine Sklavin; mithin kannst Du mich freilich zwingen, -- und wieder
Thrnen.

Grigorii schlug sich mit der Faust vor die Stirn und sprang aus ihrem in
das andere Zimmer. Ich begab mich zu ihm; er ging mit gefaltenen Hnden im
Zimmer finster auf und ab. Nun, mein Lieber? sagte ich zu ihm. -- Ein
Dmon ist sie, aber kein Weib! erwiederte er; ich gebe Ihnen aber mein
Ehrenwort, da sie mein sein wird . . . Ich schttelte mit dem Kopfe.
Wollen Sie pariren? sagte er, in einer Woche! -- Mit Vergngen! --
Wir gaben uns die Hnde darauf und trennten uns.

Am andern Tage sandte er sogleich einen Eilboten nach Kislar um
verschiedene Einkufe zu machen; es dauerte nicht lange, so wurde eine
solche Menge der verschiedenartigsten persischen Stoffe herbeigeschafft,
da man sie nicht berzhlen konnte. -- Was meinen Sie, Maksim
Maksimitsch! sagte er zu mir, indem er auf die Geschenke wies, wird wohl
die asiatische Schnheit gegen eine solche Batterie Stand halten? --

-- Sie kennen die Tscherkessinnen nicht, antwortete ich; die sind nicht wie
die Grusierinnen oder die kaukasischen Tatarinnen, durchaus nicht so. Die
haben ihre eigene Weise und sind anders erzogen. Grigorii Alexandrowitsch
lchelte und fing an einen Marsch zu pfeifen.

-- Zuletzt zeigte es sich, da ich Recht gehabt hatte: die Geschenke hatten
nur theilweise gewirkt; sie war etwas freundlicher und zutraulicher
geworden -- das war aber auch alles, und so entschlo er sich denn zum
letzten Mittel zu greifen. Eines Morgens lie er sein Pferd satteln, zog
sich seine Tscherkessenkleider an, bewaffnete sich und ging zu ihr. Bela!
sagte er: Du weit, wie lieb ich Dich habe. Ich hatte mich entschlossen
Dich zu entfhren, in der Hoffnung, da Du mich lieben wrdest, wenn Du
mich erst kennen gelernt haben wrdest; ich habe mich geirrt: -- Lebe wohl!
Ich berlasse Dir den vollen Besitz alles dessen, was mein ist; wenn Du
willst, kannst Du auch zu Deinem Vater zurckkehren -- Du bist frei. Ich
bin in Deinen Augen schuldig und mu mich selbst bestrafen; lebe wohl; ich
gehe -- wohin wei ich selbst nicht! hoffentlich werde ich den Kugeln und
Sbelhieben nicht lange entgehen, dann gedenke meiner und vergieb mir. --
Er wandte sich von ihr ab und streckte ihr zum Abschiede die Hand entgegen.
Sie nahm die Hand nicht und schwieg. Da ich hinter der Thre stand, so
konnte ich durch eine Spalte ihr Gesicht sehen, und wahrhaftig es ging mir
nahe -- eine solche Todtenblsse berzog ihr liebliches Gesichtchen! Da er
keine Antwort vernahm, that Petschrin einige Schritte gegen die Thr; er
zitterte -- und soll ich es Ihnen aufrichtig sagen? -- Ich bin berzeugt,
er wre im Stande gewesen, das in vollem Ernste auszufhren, was er
scherzweise gesagt hatte. Er war ein gar zu sonderbarer Mann, Gott wei!
Kaum aber berhrte er die Thre, als sie auf ihn zusprang und sich ihm
schluchzend an den Hals warf. Wollen Sie mir's glauben, da ich hinter
meiner Thre auch weinte, das heit, wissen Sie, nicht als ob ich geweint
htte, sondern blo so -- aus Dummheit! . . .

Der Stabskapitain hielt schweigend inne.

-- Ja, ich gestehe Ihnen ganz offen, sagte er alsdann, seinen Schnurrbart
streichelnd, da es mir damals weh that, von keinem Weibe jemals so geliebt
worden zu sein.

Und war ihr Glck von Dauer? fragte ich.

-- Ja wohl, und sie gestand uns, da seit dem Tage, an welchem sie
Petschrin gesehen hatte, er ihr oft im Traume erschienen wre, und da
noch nie ein Mann solchen Eindruck auf sie gemacht htte. Ja, sie waren
glcklich!

Ach, wie Schade! rief ich unwillkhrlich aus. In der That hatte ich eine
tragische Entwickelung erwartet und sah mich nun so pltzlich in meinen
Hoffnungen getuscht! . . Ist es mglich, begann ich abermals, da der
Vater nicht errieth, da sie bei Ihnen in der Festung steckte?

-- Ja, geahnt mag er es wohl haben; indessen erfuhren wir bereits nach
wenigen Tagen, da man den Alten ermordet hatte. Das war nmlich so
zugegangen . . .

Meine Aufmerksamkeit wurde auf's Neue rege.

-- Ich mu Ihnen erst sagen, da Kasbitsch sich einbildete, als habe ihm
Asamat mit seines Vaters Einwilligung sein Pferd gestohlen, wenigstens
denke ich mir das so. Einstmals nun lauerte er ihm auf dem Wege auf,
ungefhr drei Werst vor dem Ale; der Greis kehrte eben von den
vergeblichen Nachsuchungen nach seiner Tochter heim; seine Usdnen
(Lehnsleute) waren weit hinter ihm zurck, -- die Dmmerung war bereits
eingebrochen -- er ritt, in Gedanken vertieft, langsam voran, als pltzlich
Kasbitsch wie eine Katze aus dem Gebsch hervortauchte, hinter ihn auf das
Pferd sprang, mit einem Dolchstiche ihn zu Boden warf, die Zgel ergriff --
und auf- und davon jagte! Einige der Usdnen hatten dies alles von einem
Hgelchen mit angesehen; sie warfen sich hinter ihm her, aber erreichten
ihn nicht mehr.

Er entschdigte sich fr den Verlust seines Pferdes und rchte sich,
begann ich, um meinem Gefhrten seine Meinung darber zu entlocken.

-- Ja freilich, nach ihrer Art, erwiederte der Stabskapitain, war er
vollkommen in seinem Rechte.

Unwillkhrlich frappirte mich die Fhigkeit des Russen, sich den Gebruchen
aller Vlker anzuschlieen, zwischen welche ihn der Zufall wirft; ich wei
nicht, ob diese Eigenschaft des Gemthes Lob oder Tadel verdient, indessen
ist sie ein Beweis fr seine unglaubliche Geschmeidigkeit und fr das
Vorhandensein jenes gesunden Menschenverstandes, welcher das Bse berall
entschuldigt, wo er dessen Unvermeidlichkeit oder die Unmglichkeit seiner
Vernichtung einsieht. --

Unterdessen war der Thee ausgetrunken; die lngst angespannten Pferde
standen durchfroren auf dem Schnee; der Mond erbleichte im Westen und war
bereit in seine schwarzen Wolken unterzutauchen, die auf den fernen
Berggipfeln hingen, gleich den Fetzen eines zerrissenen Vorhanges. Wir
traten aus der Htte. Trotz der Vorhersagung meines Reisegenossen hellte
sich das Wetter auf, und versprach uns einen stillen Morgen. Die Reigen der
Sterne durchschlangen sich in wundersamen Gebilden am fernen Horizonte, und
einer nach dem andern erlosch in demselben Mae, als der blasse Schimmer
des Ostens sich ber das dunkelviolette Himmelsgewlbe ergo, und allmlig
die steilen, mit jungfrulichem Schnee bedeckten Bergabhnge beleuchtete.
Rechts und links dunkelten schwarze geheimnivolle Abgrnde, und Nebel, die
sich gleich Schlangen zusammenknulten und loswanden, krochen ber die
Runzeln der benachbarten Felsen, als ob sie die Annherung des Tages
fhlten und scheuten.

Still war alles am Himmel und auf der Erde, wie im Herzen des Menschen
whrend des Morgengebets; nur dann und wann kam von Osten her ein khler
Wind, der die mit Reif bedeckten Mhnen der Pferde aufwehte. -- Wir machten
uns auf den Weg; mit Mhe schleppten fnf schlechte Mhren unser Fuhrwerk
auf der gewundenen Strae den Gudberg hinan; wir gingen zu Fu hinterdrein,
und legten Steine unter die Rder, so oft die Pferde erschpft anhielten;
es schien als fhrte der Weg in den Himmel, denn so weit das Auge sehen
konnte, ging er immer aufwrts, und verlor sich zuletzt in einer Wolke,
welche schon seit vorigem Abend auf dem Gipfel des Gudbergs ausruhte, einem
Geier gleich, der auf Beute wartet; der Schnee krachte unter unsern Fen;
die Luft wurde so dnn, da das Athemholen schmerzte; das Blut strmte
heftig zum Kopf, aber trotz alledem ergo sich ein gewisses trstliches
Gefhl durch alle meine Adern, und es machte mir ein besonderes Vergngen
so hoch ber der Welt zu sein -- ein kindisches Gefhl, ich will's nicht
lugnen; aber wenn wir uns einmal von dem Zwange der Gesellschaft entfernen
und der Natur nhern, so werden wir unwillkhrlich wieder Kinder: alles
blo Angeeignete fllt von der Seele, und sie gestaltet sich auf's Neue so,
wie sie einst gewesen und wahrscheinlich dereinst wieder werden wird. Der,
dem es wie mir beschieden war, ber die Bergeseinden hinzuschweifen, und
lange, lange sie in ihren wunderlichen Bildungen zu betrachten, und gierig
die belebende Luft einzuathmen, die durch ihre Klfte ausgegossen ist, --
der wird meinen Wunsch verstehen, solche zauberhafte Bilder zu berliefern,
zu erzhlen, hinzuzeichnen. Endlich waren wir nun den Gudberg hinauf
gestiegen, hielten an, und sahen uns um: eine blaue Wolke hing auf ihm,
deren kalter Hauch einen nahen Sturm drohte; aber im Osten war alles so
hell und golden, da wir, das heit ich und der Stabskapitain, des
drohenden Sturmes ganz vergaen . . . Ja, auch der Stabskapitain, denn: in
einfachen Herzen ist das Gefhl der Schnheit und Erhabenheit der Natur
hundertmal strker und lebhafter, als in uns, die wir uns an Worten und auf
dem Papiere begeistern.

Sie sind, denk' ich, an diese erhabenen Gemlde schon ganz gewhnt? sagte
ich zu ihm.

-- Freilich, sogar an das Pfeifen der Kugeln kann man sich gewhnen, das
heit, sich gewhnen das unwillkhrliche Schlagen des Herzens zu verbergen.

Ich hrte, im Gegentheil, da fr manche alte Kriegsleute diese Musik
sogar angenehm sei.

-- Versteht sich; wenn Sie wollen, ist sie auch angenehm; indessen nur
darum, da das Herz strker schlgt. Sehen Sie, fgte er hinzu, indem er
nach Osten zeigte: Was fr eine Gegend!

Und gewi, ein solches Panorama wird mir schwerlich noch irgend wieder
dargeboten werden: unter uns lag das Koischaurskische Thal, vom Aragwa und
einem andern Flusse wie von zwei silbernen Fden durchschnitten; ein
blulicher Nebel glitt darber hin, vor den warmen Strahlen des Morgens in
die nahen Klfte fliehend: rechts und links durchschnitten sich und dehnten
sich verschiedene Bergkmme aus, der eine immer hher als der andere,
smmtlich mit Schnee und Gestruch bedeckt; in der Ferne immer wieder
Berge, aber auch nicht zwei Felsen, die einander hnlich gesehen htten, --
und all' diese Schneemassen glhten von rthlichem Glanze so munter und
hell, da man hier lebenslang htte verweilen mgen; die Sonne blickte nur
eben hinter dem dunkelblauen Berge hervor, den ungewohnte Augen kaum von
dem drohenden Gewlk unterscheiden konnten; auf der Sonne aber lag ein
blutiger Streif, welchem mein Gefhrte besondere Aufmerksamkeit widmete.
Ich sage Ihnen, rief er aus, da nun ein Unwetter kommen wird; wir
mssen uns tummeln, oder es wird uns auf dem Kreuzberge berfallen. Rhrt
Euch! rief er den Fuhrleuten zu.

Sie hingen anstatt der Hemmschuhe Ketten unter die Rder, damit diese nicht
hinunter rollten, faten die Pferde bei den Zgeln und fingen an, sich in
Bewegung zu setzen. Rechts erhob sich ein Fels, links ghnte ein solcher
Abgrund, da ein ganzes Drfchen von Osseten, die in dessen Tiefe wohnten,
einem Schwalbenneste nicht unhnlich schien; ich schauderte, wenn ich
bedachte, da oft in tiefer Nacht so mancher Courier diesen Weg, wo zwei
Wagen einander nicht ausweichen knnen, wohl zehnmal des Jahres passirt,
ohne von seinem rttelnden, offenen Wagen hinabzugleiten. Einer unserer
Postillone war ein russischer Bauer aus Jaroslaw, der andere ein Ossete.
Der Ossete fhrte das Hauptpferd mit aller nur mglichen Vorsicht am Zgel,
nachdem er die Vorderpferde bei Zeiten abgespannt hatte, -- unser sorgloser
Russe hingegen stieg nicht einmal von seinem Sitzbrett herab! Als ich ihm
bemerkte da er, wenn auch nur zum Besten meines Koffers, es sich doch ein
Bischen weniger bequem machen knnte, weil ich nicht Lust htte, hinter
diesem drein in den Abgrund zu klettern, antwortete er mir: I, Herr! Mit
Gottes Hlfe fahren wir nicht schlechter wie die da! sind wir doch nicht
zum erstenmal dabei! -- und er hatte Recht; wir htten nun freilich auch
_nicht_ ankommen knnen, allein, wir kamen doch an, und wenn die Leute nur
besser nachdenken wollten, so wrden sie sich berzeugen, da das Leben
nicht werth ist, sich soviel Sorge darber zu machen.

Aber vielleicht wnschen meine Leser das Ende von Bela's Geschichte zu
erfahren? --

Erstens schreibe ich keine Novelle, sondern Reisenotizen: folglich kann ich
auch den Stabskapitain nicht eher erzhlen lassen, als er in der That zu
erzhlen anfing. Also warten Sie ein Bischen, oder, wenn Sie wollen,
berschlagen Sie einige Seiten, wozu ich Ihnen freilich nicht rathe, weil
die Reise ber den Kreuzberg (oder wie ihn der gelehrte Gamba nennt, le
Mont de St. Christophe) Ihrer Neugierde gewi werth ist. -- Also, wir
stiegen vom Gudberg in das Teufelsthal (Tschrtowa-Dolina) . . . Was fr
ein romantischer Name! Sie sehen schon das Nest des bsen Geistes zwischen
den unzugnglichen Felsen hngen?! -- mit nichten: der Name
Tschrtowa-Dolina kommt von dem Worte Tschert (die Grenze) her und
nicht von Tschort [der Teufel],[A] denn hier war einstmals die Grenze
Grusiens. Dies Thal nun war von Schneehaufen zugeschneit, die ziemlich
lebhaft an Saratoff, Tamboff und andere _liebliche_ Orte unseres
Vaterlandes erinnerten.

Da ist der Kreuzberg! sagte der Stabskapitain zu mir, als wir in die
Tschrtowa-Dolina gefahren waren, indem er auf eine Anhhe wies, die mit
einem Schneegewande bekleidet war; auf seiner Hhe erhob sich ein schwarzes
steinernes Kreuz, an welchem ein kaum sichtbarer Weg vorberfhrte, den man
nur passirt, wenn der Seitenweg vom Schnee verschttet ist. Unsere
Postillone versicherten uns, es wren noch keine Lawinen gefallen und
fhrten uns, um die Pferde zu schonen, den gewundenen Seitenweg. An einer
Wendung des Weges stieen wir auf fnf Osseten, die uns ihre Dienste
anboten, sich in die Rder warfen und mit vielem Geschrei unsere Wagen bald
hemmten, bald vorwrts stieen. Der Weg war in der That sehr gefhrlich;
rechts hingen ber unsern Huptern ungeheure Schneemassen, bereit, sich auf
den ersten Windsto in die Schlucht hinabzureien; der enge Weg selbst war
zum Theil mit Schnee bedeckt, der an einigen Stellen unter unseren Fen
einbrach, an andern von den Sonnenstrahlen und dem wiederkehrenden
Nachtfroste in Eis verwandelt worden war, so da es uns sogar schwer wurde
darber hinwegzukommen. Die Pferde strzten fortwhrend; -- links glnzte
eine tiefe Felsenspalte, aus welcher ein Sturzbach hervorstrzte, bald sich
unter einer Eisrinde verbergend, bald schumend ber die schwarzen Felsen
dahin hpfend. In zwei vollen Stunden konnten wir kaum den Kreuzberg
herumkommen, -- zwei Werst in zwei Stunden! Unterdessen hatten sich die
Wolken gesenkt, es fiel Hagel und Schnee; der Wind, der aus der Schlucht
hervordrang, heulte und pfiff wie der Ruber Nachtigall, von dem die Sage
geht, seine Pfeife sei von einem Ende Rulands bis zum andern vernehmbar
gewesen, und bald war das Kreuz von Nebelwolken verdeckt, deren Wogen, die
eine immer dichter und undurchdringlicher als die andere, von Osten
herbeieilten . . . .

[Funote A: Der erste Vocal dieser beiden Wrter wird, wenigstens vom
gemeinen Volke, gleichmig o ausgesprochen.]

Ueber dieses Kreuz existirt die seltsame doch allgemeine Sage, als habe es
Peter der Groe auf seiner Reise durch den Kaukasus errichten lassen; zum
Ersten aber war Peter nur in Dagestan gewesen, und zum Zweiten war mit
groen Buchstaben auf das Kreuz geschrieben, da es auf Befehl des Grafen
Jermloff errichtet wurde und zwar im Jahre 1824. Allein die Sage hat sich
trotz dieser Inschrift dermaen eingewurzelt, da man wirklich nicht wei,
wem man Glauben schenken soll, um so mehr als wir nicht gewohnt sind den
Inschriften zu trauen.

Wir hatten noch ungefhr fnf Werst auf den bereisten Felsen und dem
morastigen Schnee zurckzulegen, bevor wir die Station Kobi erreichen
konnten. Unsere Pferde waren erschpft, wir vor Klte erstarrt; das
Schneegestber tobte wilder und wilder; ganz wie unsere nordische
Windsbraut, nur da ihr wildes Geheul trauriger, schwermthiger war. Auch
Du, arme Verbannte, dachte ich bei mir selbst, weinst um Deine weiten,
offenen Steppen! Dort konntest Du Deine kalten Flgel entfalten; hier aber
ist es Dir beklommen und eng, wie dem Adler, der mit Schrei gegen das
eiserne Gitter seines Kfichs anfliegt.

-- Das steht schlimm mit uns! sagte der Stabskapitain. Schauen Sie nur,
rundum nichts zu sehen als Nebel und Schnee; wir knnen uns nur gewrtigen,
da wir in einen Abgrund strzen oder in den Schneemassen stecken bleiben,
und dort unten, wahrhaftig, hat sich der Baidar so ausgebreitet, da wir
nicht drberweg kommen werden. Ach, dies abscheuliche Asien! Wie die
Menschen so sind auch die Flchen, man kann sich nie auf sie verlassen! --
Die Fhrer trieben mit Geschrei und Schelten die Pferde an, die sich
gegenstemmten, schnaubten und nicht vom Flecke wollten trotz der
Beredsamkeit der Knuten.

Ew. Gnaden, sagte endlich einer derselben, sehn Sie mal, nach Kobi
kommen wir heute doch nicht; befehlen Sie nicht vielleicht, da man
wenigstens dort links einbiege? Sehen Sie wohl, da, am Abhange, starrt
etwas empor, wahrscheinlich ein Felsen: nun, da halten die Reisenden
gewhnlich zur Zeit eines Unwetters; die Osseten meinen, da wenn Sie ein
Trinkgeld gben, sie uns hinschaffen wollten.

-- Ich wei, mein Lieber, wei es ohne Dich! sagte der Stabskapitain. Diese
Bestien sind bereit sich in Stcke zu zerreien, wenn sie einem nur ein
Trinkgeld abnthigen knnen.

Indessen gestehen Sie selbst, meinte ich, da es uns jetzt ohne sie
schlecht ergehen wrde.

-- 'S ist alles eins; 'S ist alles eins! brummte er vor sich hin. Das sind
mir die rechten Fhrer! Sie wittern es, wo sie eine Gelegenheit benutzen
knnen. Als ob man ohne sie den Weg nicht finden knnte! . . .

So wandten wir uns denn links und erreichten mit vieler Noth ein armseliges
Obdach, aus zwei Sakljen bestehend, die aus Fliesen und Kieselsteinen
zusammengemauert waren und um die sich eine eben solche Schutzmauer zog.
Die zerlumpten Wirthsleute empfingen uns freundlich. Spter erfuhr ich, da
sie von der Regierung bezahlt und ernhrt werden unter der Bedingung, da
sie die vom Sturm berfallenen Reisenden aufnehmen.

Es hat doch alles sein Gutes! sagte ich, mich an's Feuer niedersetzend.
Jetzt erzhlen Sie mir Ihre Geschichte von der Bela aus; ich bin
berzeugt, damit war die Sache noch nicht abgemacht.

-- Und weshalb sind Sie so berzeugt davon? entgegnete mir der
Stabskapitain, indem er mich mit einem listigen Lcheln anblinzelte.

Deshalb, weil es nicht in der Ordnung der Dinge liegt; was auf eine
ungewhnliche Weise anfing, mu auch ebenso wieder endigen.

-- Sie haben's getroffen.

Sehr erfreut.

-- Sie haben sich gut freuen, mir aber ist es wahrlich sehr traurig zu
Muthe, wenn ich dran denke. Es war doch ein herrliches Mdchen, die Bela!
Ich gewhnte mich zuletzt so an sie wie an eine Tochter, und sie liebte
mich. Ich mu Ihnen nmlich sagen, da ich keine Familie habe; von meinen
Eltern habe ich seit zwlf Jahren bereits keine Nachricht mehr, und ich
habe nicht frh genug daran gedacht mich mit einer Frau zu versorgen -- na,
und jetzt will sich das nicht mehr recht schicken; so war ich denn froh da
ich irgend wen verzrteln konnte. Da sang sie uns denn so manches Liedchen
oder tanzte einen lesghinischen Tanz . . . Ach, und wie sie tanzte! Ich
habe doch auch unsere Frulein aus der Provinz tanzen sehen und war sogar
einmal in Moskau in der Adligen-Ressource; es wird wohl an die zwanzig
Jahre her sein, -- ja, wo denken Sie hin! Durchaus nicht das! . . .
Grigorii Alexandrowitsch putzte sie aus wie ein Pppchen und htschelte sie
und pflegte sie, und sie gewann so bei uns, da es eine wahre Pracht war!
Die Sommersprossen vergingen aus Gesicht und Hnden, auf ihren Wangen
glhte der reine Purpur . . . und sie war so aufgelegt, und machte sich,
der Schalk, immer ber mich so lustig . . . Gott sei ihr gndig! . . .

Was sagte sie, als man ihr den Tod ihres Vaters anzeigte?

-- Wir verhehlten es ihr lange, bis sie sich ganz an ihre Lage gewhnt
hatte; als wir es ihr endlich mittheilten, weinte sie ein paar Tage und
dann war alles vergessen.

-- Vier Monate lang ging alles nach Herzenswunsch. Ich glaube Ihnen schon
gesagt zu haben, da Grigorii Alexandrowitsch leidenschaftlich die Jagd
liebte; frher hatte es ihn denn oft in den Wald auf die Spur der Eber und
wilden Bcke getrieben, jetzt aber kam er selten ber den Festungswall
hinaus. -- Auf einmal sehe ich denn, wie er wieder nachdenklich wird und
mit auf dem Rcken gefalteten Hnden im Zimmer auf- und abspaziert; dann,
ohne Jemandem etwas davon zu sagen, ging er prschen, -- der ganze Morgen
verstrich damit. Das war einmal so, dann das andere Mal, dann immer
hufiger und hufiger. Das ist kein gutes Zeichen, dachte ich, zwischen
ihnen mu wohl die schwarze Katze vorbeigesprungen sein!

-- Eines Morgens ging ich auch zu ihnen -- es ist mir, als ob sie noch vor
meinen Augen stnde: Bela sa auf dem Bette in einem schwarzseidenen
Beschmete, und war so bla und so traurig, da ich zusammenfuhr.

-- Wo ist Petschorin, fragte ich.

Auf der Jagd.

-- Ging er heute aus? -- Sie schwieg, als ob es ihr peinlich gewesen wre,
es zu sagen.

Nein, gestern schon, begann sie endlich, tief aufseufzend.

-- Es wird ihm doch nichts begegnet sein?

Ich habe gestern den ganzen Tag gedacht und gedacht, erwiederte sie unter
Thrnen, und habe mir mancherlei Unglck vorgestellt; bald schien es mir,
als habe ein wilder Eber ihn verwundet, bald als htte ein Tschetschiner
ihn in die Berge geschleppt . . . Aber heute dnkt es mich als habe er mich
nicht mehr lieb.

-- Nun wahrhaftig, Liebchen, etwas Schlimmeres httest Du auch nicht
ausdenken knnen! -- Sie fing an zu weinen und erhob endlich mit stolzer
Wrde ihr Haupt, wischte die Thrnen ab und fuhr fort:

Wenn er mich nicht mehr liebt, wer hindert ihm denn mich nach Hause
zurckzuschicken? Ich zwinge ihn zu nichts. Wenn das aber so fortgeht, so
werde ich von selbst mich entfernen; ich bin keine Sklavin, ich bin eines
Frsten Tochter! . . .

-- Ich bemhte mich sie zu beruhigen. -- Hre, Bela, siehe, er kann doch
nicht immer hier sitzen, als ob er an Deinen Unterrock genht wre: er ist
ein junger Mann, der es liebt, dem Wilde nachzustellen, -- und der da kommt
und geht; wenn Du aber so melancholisch sein willst, dann wird er Deiner
erst recht berdrssig.

Wahr, wahr, antwortete sie, ich werde heiter sein! -- Und mit lautem
Lachen griff sie nach ihrem Tamburine, fing an zu singen und zu tanzen und
um mich herum zu springen; allein es dauerte nicht lange und sie fiel
wieder auf ihr Bett und bedeckte ihr Gesicht mit den Hnden.

-- Was sollte ich mit ihr anfangen? Sie mssen wissen, ich habe mit Damen
nie Umgang gehabt; ich sann und sann, wie ich sie trsten knnte und sann
doch nichts aus; so schwiegen wir denn alle Beide eine Weile . . . Eine
unausstehliche Position! . . .

-- Endlich sagte ich zu ihr: Willst Du, so gehen wir ein wenig auf dem
Walle? Das Wetter ist schn! -- Es war im September, und wahrhaftig ein
wunderschner, heller, nicht zu heier Tag; man konnte die Berge alle
sehen, als ob sie auf Porzelan gemalt gewesen wren. Wir gingen, und
spazierten schweigend auf dem Festungswalle auf und ab. Sie setzte sich
endlich auf den Rasen nieder und ich setzte mich neben sie. Wahrhaftig, es
kommt mir jetzt recht lcherlich vor, ich lief hinter ihr drein, wie eine
Wrterin.

-- Unsere Festung stand auf einem erhabenen Orte und bot eine schne
Aussicht dar; von der einen Seite lief eine weite Ebene, von Schluchten
durchschnitten, auf einen Wald aus, der sich bis auf den Rcken der Berge
hinaufzog; hier und da tauchten die Aule, tauchten die Herden auf; von der
andern Seite flo ein kleiner Flu eilig dahin, der das dichte Gestruch
besplte, welches die steinigten Hgel bedeckt, die sich endlich der
Hauptkette des Kaukasus anschlieen. Wir saen an einer Ecke der Bastion,
so, da wir von beiden Seiten alles berschauen konnten. Auf einmal sehe
ich, wie Jemand auf einem grauen Pferde aus dem Walde immer nher und nher
herangeritten kommt, und endlich auf der andern Seite des Flchens in
einer Entfernung von ungefhr 700 Fu von uns stehen blieb und sein Pferd
nach allen Seiten herumwarf. Was zum Henker ist das? sagte ich, sieh'
doch 'nmal hin, Bela, Du hast bessere Augen als ich, was das fr ein
Dschigit ist und zu wessen Belustigung der gekommen sein mag.

-- Sie blickte hin und schrie auf: Das ist Kasbitsch!

-- Der verdammte Kerl! Ist er gekommen um uns zu verhhnen? -- Ich schaue
ebenfalls hin -- wahrhaftig es ist Kasbitsch, sein schwarzbraunes Gesicht,
und zerrissen und zerlumpt und schmierig wie immer. -- Das ist meines
Vaters Pferd, sagte Bela, indem sie mich bei der Hand fate; sie zitterte
wie ein Blatt, ihre Augen funkelten. Schau, schau! dachte ich bei mir
selbst: auch in Dir, mein Seelchen, schweigt das Ruberblut nicht!

-- Komm' mal hierher, sagte ich zur Schildwache, sieh nach Deinem Gewehr
und schie mir 'nmal diesen Burschen da herunter -- bekommst einen
Silberrubel. -- Zu befehlen Eure hohe Gnaden: er steht nur nicht ganz
still . . . So befiehl es ihm! sagte ich lchelnd . . .

-- Heda! Gutfreund! schrie ihm der Soldat zu, indem er ihm mit den Armen
winkte: warte doch einmal ein Bischen, was drehst Du Dich denn da wie ein
Kreisel herum? -- Kasbitsch blieb wirklich stehen und hrte zu;
wahrscheinlich glaubte er, da man mit ihm in Unterhandlungen treten wolle,
-- da kam er gerade recht! . . .

-- Mein Grenadier legt an . . . Batz! . . . vorbei; -- das Pulver war nur
von der Pfanne abgebrannt; Kasbitsch spornte sein Pferd da es einen
Seitensprung that. Dann hob er sich in den Steigbgeln in die Hhe, schrie
etwas in seiner Sprache, drohte mit der Nagaika[A] -- und weg war er!

-- Schmst Du Dich denn nicht! sagte ich zur Schildwache. --

Ew. hohe Gnaden! Er wird dem Tode doch nicht entgehen, entgegnete dieser,
dieses verdammte Volk kriegt man mit Einem Male nicht todt.

-- Nach einer Viertelstunde kehrte Petschorin von der Jagd zurck; Bela
warf sich ihm um den Hals und uerte keine Klage, keinen Vorwurf ber
seine lange Abwesenheit . . . Dagegen war ich recht bse auf ihn. Nun bitte
ich Sie, -- sagte ich -- da war Kasbitsch so eben am andern Ufer des
Flchens und wir haben auf ihn geschossen; wie leicht htten Sie auf ihn
stoen knnen? Diese Gorzen sind ein racheschtiges Volk; glauben Sie etwa,
da er nicht lngst errathen habe, da Sie dem Asamat behlflich waren? Und
ich will wetten, da er Bela heute erkannt hat. Ich wei, da sie ihm vor
einem Jahre schrecklich gefiel -- er hat es mir selbst gesagt -- und wenn
er htte hoffen knnen, eine anstndige Morgengabe zusammenzubringen, so
htte er wahrhaftig auch um sie angehalten . . . -- Hierbei verfiel
Petschorin in Gedanken.

Ja, antwortete er; wir mssen vorsichtiger sein . . . Bela! von heute an
darfst Du nicht mehr auf dem Festungswalle spazieren gehen.

[Funote A: Eine Art Reiterpeitsche.]

Desselbigen Abends hatte ich eine lange Auseinandersetzung mit ihm; es that
mir weh, da er sich gegen das arme Mdchen so verndert hatte; denn
auerdem da er den halben Tag auf der Jagd lag, so war sein ganzes
Betragen gegen sie kalt, er liebkoste sie selten und sie fing an zusehends
abzumagern, ihr Gesichtchen wurde lnger, ihre groen Augen umwlkt. Wie
oft fragte ich sie nicht: Warum seufzest Du, Bela? Bist Du traurig? Nein!
Trgst Du nach etwas Verlangen? Nein! Sehnst Du Dich nach Deinen
Angehrigen? Ich habe keine Angehrigen. -- Ganze Tage lang konnte man
auer Ja und Nein nichts aus ihr herausbringen. -- Nun, dies Alles
sagte ich ihm denn. Hren Sie mich an, Maksim Maksimitsch, erwiederte er:
ich habe einen unglckseligen Charakter; hat mich die Erziehung so
gemacht, hat Gott mich so erschaffen, ich wei es nicht; ich wei nur, da
wenn ich die Ursache von anderer Leute Unglck bin, ich selbst mich nicht
minder unglcklich fhle. Natrlich ist ihnen dies ein schlechter Trost --
es handelt sich hier auch nur darum, da Dem so ist. Von meiner ersten
Jugend an, sobald ich nur der elterlichen Bevormundung entrckt war, gab
ich mich leidenschaftlich allen Genssen hin, die man fr Geld nur erlangen
kann, und natrlich ekelten mich diese Gensse bald an. Dann betrat ich die
groe Welt, und auch die Gesellschaft langweilte mich bald; ich verliebte
mich in die Schnen der groen Welt und wurde wieder geliebt, -- allein
ihre Liebe reizte nur meine Einbildungskraft und Eigenliebe, das Herz ging
leer dabei aus . . . So fing ich an zu lesen, zu studiren -- auch die
Wissenschaften wurden mir langweilig; ich sah, da weder der Ruhm noch das
Glck irgendwie an sie gefesselt sind, denn die glcklichsten Menschen sind
-- die Unwissenden, und der Ruhm -- ein Glcksfall, zu dessen Erreichung
man nur gewandt zu sein braucht. So wurde mir Alles zum Ekel . . . Bald
darauf wurde ich nach dem Kaukasus versetzt: das war die glckseligste Zeit
meines Lebens. Ich hoffte, da die Langeweile unter den Kugeln der
Tschetschiner nicht wohnen wrde -- vergebens; nach einem Monate war ich so
an ihr Sausen und an die Nhe des Todes gewhnt, da ich wahrlich dem Fluge
einer Mcke mehr Aufmerksamkeit zuwandte, -- und da wurde mir noch der zu
Muthe als je zuvor, denn ich verlor fast die letzte Hoffnung. Als ich Bela
in meinem Hause sah, als ich sie zum ersten Male auf meinen Knieen hielt
und ihre schwarzen Locken kte, da glaubte ich Thor, da sie ein Engel
sei, den mir das mitfhlende Schicksal zugesandt habe . . . Ich irrte mich
abermals: Die Liebe einer Wilden ist nicht viel besser als die einer
vornehmen Dame; die Unwissenheit und Herzenseinfalt der Einen ist eben so
langweilig wie die Koketterie der Andern. Wenn Sie wollen, so liebe ich sie
noch; ich bin ihr dankbar fr einige recht se Augenblicke und bereit mein
Leben fr sie hinzugeben, -- aber ich langweile mich mit ihr . . . Bin ich
ein Thor oder ein Bsewicht, ich wei es nicht; das aber ist gewi, da ich
des Mitleids eben so wrdig bin, vielleicht noch mehr als sie; meine Seele
ist von der Welt verdorben worden; meine Einbildungskraft eine unstte,
mein Herz unersttlich; mir ist alles zu wenig; an den Kummer gewhne ich
mich so leicht, wie an den Genu, und so wird mein Leben von Tag zu Tage
leerer; mir bleibt nur _ein_ Mittel brig: zu reisen. Sobald es nur angehen
wird reise ich ab, -- nur nicht nach Europa, Gott behte! -- Ich gehe nach
Amerika, Arabien, Indien! -- Vielleicht trifft mich unterwegs der Tod!
Wenigstens bin ich berzeugt, da dieser letzte Trost, mit Hlfe der Strme
und der schlechten Wege, nicht allzulange wird auf sich warten lassen! --

-- So sprach er noch lange und seine Worte gruben sich mir tief in's
Gedchtni, denn es war zum ersten Mal, da ich einen 25jhrigen Menschen
also sprechen hrte, und, gebe es Gott, zum letzten Male! -- Wie seltsam!
Sagen Sie selbst, -- fuhr der Stabskapitain fort, indem er sich an mich
wandte, -- Sie waren, wie es scheint, auch in der Residenz, und noch
unlngst; sind denn wirklich die dortigen jungen Leute alle so?

Ich entgegnete ihm, da es viele Leute gbe, die ebenso redeten und da
unter ihnen wahrscheinlich auch solche wren, welche die Wahrheit sprchen;
da brigens der Lebensberdru, wie alle Moden, aus den hheren Schichten
der Gesellschaft in die niederen bergegangen sei, die ihn nun abtragen,
und da in diesem Augenblicke diejenigen, welche sich am meisten und
wahrhaft langweilen, sich bemhen dies Unglck wie ein Laster zu verbergen.
-- Der Stabskapitain begriff diese Feinheiten nicht, schttelte mit dem
Kopfe und lchelte schlau:

-- Nicht wahr, die Franzosen haben die Mode der langen Weile aufgebracht?

Nein, die Englnder.

-- Aha, sehen Sie wohl! . . . erwiederte er, -- das kommt daher, da sie
immer erklrte Trunkenbolde waren!

Ich erinnerte mich unwillkhrlich einer Moskauer Dame, welche behauptete,
da Byron nichts weiter als ein Trunkenbold gewesen sei. Uebrigens war die
Bemerkung des Stabskapitains leichter zu entschuldigen: um sich des Weines
zu enthalten, gab er sich natrlich Mhe sich zu berreden, da alle
Unglcksflle in der Welt nur vom Trunke herrhren. --

Mittlerweile fhrte er seine Erzhlung folgendermaen weiter:

-- Kasbitsch lie sich nicht mehr sehen. Indessen wei ich nicht wie es
kam, da ich den Gedanken nicht loswerden konnte, als sei er nicht umsonst
gekommen und da er etwas Bses im Schilde fhre.

-- Einstmals berredet mich Petschorin mit ihm auf die Wildschweinsjagd zu
gehen; ich weigerte mich lange; was lag mir auch an einem solchen wilden
Schweine! Indessen schleppte er mich zuletzt doch mit fort. --

-- Wir nahmen fnf Mann mit und zogen des Morgens frh hinaus. Bis zehn Uhr
strichen wir durch Schilf und Wald umher -- nirgends Wild! Ei was, gehen
wir nicht lieber nach Hause zurck? sagte ich. Warum nun gerade darauf
bestehen? Es ist klar, da wir heute keinen glcklichen Tag haben! Allein
Grigorii Alexandrowitsch wollte trotz der Sonnenhitze und unserer Ermattung
nicht ohne Beute heimkehren . . . So war er nun einmal: was er sich in den
Kopf gesetzt hatte, das mute er haben; offenbar war er in seinen
Kinderjahren ein recht verzogenes Muttershnchen gewesen . . . Endlich,
gegen Mittag, stieen wir auf einen solchen verwnschten Eber. -- Paff!
Paff! verfehlt -- weg war er im Schilfe . . . es war einmal ein
unglcklicher Tag! So ruhten wir uns denn ein wenig aus und begaben uns auf
den Rckweg. --

Wir ritten neben einander, schweigend, mit losgelassenen Zgeln und waren
bereits hart an der Festung, blo da das Gebsch sie uns noch verbarg.
Pltzlich ein Schu . . . Wir blickten einander an, derselbe Verdacht
durchzuckte uns . . . Unverzglich sprengen wir nach der Richtung des
Schusses, -- wir sehen: auf dem Walle hatte sich ein Haufe Soldaten
versammelt, die auf das Feld hinwiesen, auf welchem ein Reiter in vollem
Carriere dahinsprengte, etwas Weies vor sich auf dem Sattel haltend.
Grigorii Alexandrowitsch schrie nicht schlechter auf als irgend ein
Tschetschiner; das Gewehr aus dem Futterale -- und dahin; ich ihm nach.

Zum Glcke waren unsere Pferde in Folge der unglcklichen Jagd nicht
abgemattet; sie rissen sich unter dem Sattel dahin und wir kamen mit jedem
Augenblicke nher und nher . . . und endlich erkannte ich den Kasbitsch,
nur konnte ich nicht recht unterscheiden, was er da vor sich hielt. Ich
hatte Petschorin gerade eingeholt und schrie ihm zu: Es ist Kasbitsch! Er
blickte mich an, nickte mit dem Kopfe und schlug sein Pferd mit der
Peitsche.

-- Endlich hatten wir uns ihm auf Bchsenschuweite genhert; war nun sein
Pferd bereits abgeqult, oder war es schlechter als die unsrigen, genug, es
wollte nicht mehr recht vorwrts. Ich glaube, da er sich in dieser Minute
seines Karags erinnerte.

-- Ich sehe, da Petschorin im Galopp sein Gewehr anlegt! Schieen Sie
nicht! schrie ich ihm zu: bewahren Sie den Schu, wir holen ihn auch so
ein. -- So ist aber die Jugend! immer entbrennt sie zur Unzeit . . . . Der
Schu ging doch los und die Kugel zerschmetterte ein Hinterbein des
Pferdes; dieses machte in der Wuth des Schmerzes noch ein Stcker zehn
Sprnge, stolperte dann und fiel auf ein Knie. Kasbitsch sprang herunter,
und dann sahen wir, da er in seinen Armen ein Frauenzimmer hielt, das in
einen Schleier gehllt war . . . Es war Bela . . . Die arme Bela! . . . Er
rief uns etwas in seiner Sprache zu und zckte den Dolch auf sie . . . Da
galt kein Zgern: ich scho nun auf gut Glck mein Gewehr ab; die Kugel mag
ihm wohl in die Schulter gegangen sein, denn er lie sogleich den Arm
sinken . . . Als der Dampf sich verzogen hatte, lag auf dem Boden das
verwundete Pferd und neben ihm Bela; Kasbitsch aber, der sein Gewehr
weggeworfen hatte, kletterte wie eine Katze an den Gebschen den Felsen
entlang: ich htte ihn gern da weggeblasen -- allein es fehlte an einem
fertigen Schusse! Wir sprangen von den Pferden und eilten zu Bela heran.
Die Arme, sie lag unbeweglich und das Blut flo stromweis aus einer Wunde
. . . So ein Bsewicht: htte er ihr noch wenigstens in's Herz gestoen, --
nun, wenn es einmal sein sollte, so wre es doch mit Einem Male mit ihr
ausgewesen, aber so in den Rcken . . . ein rechter Rubersto! Sie war
ohne Bewutsein. Wir rissen den Schleier ab und verbanden die Wunde so fest
wir konnten; vergebens kte Petschorin ihre kalten Lippen -- nichts konnte
sie zu sich bringen.

-- Petschorin stieg zu Pferde; ich hob sie von der Erde empor und setzte
sie so gut es gehen wollte zu ihm auf den Sattel; er umfate sie mit einem
Arme, und wir kehrten zurck. Nach einem minutenlangen Schweigen sagte
Grigorii Alexandrowitsch zu mir: Hren Sie, Maksim Maksimitsch, auf diese
Weise bringen wir sie nicht lebendig nach Hause. -- Das ist auch wahr!
sagte ich, und wir jagten was die Pferde nur laufen konnten. An dem
Festungsthore erwartete uns eine Menge Volkes; wir trugen nun die
Verwundete vorsichtig zu Petschorin und schickten nach dem Doktor. Ob er
gleich betrunken war, so kam er doch, besichtigte die Wunde und erklrte,
da sie lnger als einen Tag nicht leben knne . . . er irrte sich aber
. . .

So wurde sie wieder hergestellt? fragte ich den Stabskapitain, indem ich
ihn am Arme fate und mich unwillkhrlich freute.

-- Nein, antwortete er; der Doktor irrte sich nur insofern, als sie noch
zwei Tage lebte.

So erklren Sie mit nur, auf welche Weise Kasbitsch sich ihrer bemchtigt
hatte.

-- Das war so zugegangen: trotz Petschorins Verbotes war sie aus der
Festung nach dem Flchen gegangen. Es war auch, wissen Sie, sehr hei; sie
hatte sich auf einen Stein gesetzt und die Fe ins Wasser gehalten. Da kam
Kasbitsch herangeschlichen, -- schlug seine Krallen in sie, hielt ihr den
Mund zu und schleppte sie in das Dickicht, woselbst er auf sein Pferd
sprang und Reiaus nahm! Unterdessen hatte sie doch zu schreien vermocht;
die Wachen machten Lrm, schossen, verfehlten ihn aber -- und so waren wir
denn dazu gekommen.

Ja, warum wollte Kasbitsch sie denn eigentlich entfhren?

-- Aber ich bitte Sie! diese Tscherkessen sind ein weltbekanntes
Spitzbubenvolk: was schlecht verwahrt liegt, knnen sie nicht liegen
lassen; so manches nutzt ihnen gar nichts, sie stehlen's doch . . . hierin
bitte ich sie zu entschuldigen! Nun und auerdem gefiel sie ihm ja schon
lngst.

Und Bela starb?

-- Sie starb; nur qulte sie sich lange und wir qulten uns mit ihr ganz
gehrig ab. Gegen zehn Uhr des Abends kam sie wieder zu sich; wir saen an
ihrem Bette; so wie sie nur die Augen aufschlug, fing sie an Petschorin zu
rufen. -- Ich bin hier, neben Dir, meine Dschnetschka (was bei uns etwa
Seelchen, Herzchen heien wrde), erwiederte er, indem er ihre Hand
ergriff. -- Ich sterbe! sagte sie. -- Wir suchten sie zu beruhigen und
sagten ihr, da der Arzt versprochen habe sie unbedingt zu heilen. Sie
schttelte das Kpfchen und drehte sich nach der Wand; sie wollte nicht
sterben! . . .

-- In der Nacht fing sie an zu phantasiren; ihr Kopf brannte; ber ihren
ganzen Krper lief bisweilen ein Fieberschauer: sie sprach
unzusammenhngende Reden von ihrem Vater, ihrem Bruder; sie wollte in die
Berge zurck, in die Heimath . . . Dann sprach sie auch von Petschorin, gab
ihm verschiedene zrtliche Benennungen oder warf ihm vor, da er seine
Dschnetschka aufgehrt habe zu lieben . . . Er hrte ihr schweigend zu,
sein Haupt auf die Hnde gesttzt; indessen bemerkte ich die ganze Zeit
ber in seinen Augenwimpern auch nicht eine Thrne; konnte er in der That
nicht weinen oder beherrschte er sich dermaen -- ich wei es nicht; was
mich anbetrifft, so habe ich mein ganzes Leben lang nicht etwas
Jammervolleres gesehen.

Gegen Morgen lie das Phantasiren nach; wohl eine Stunde lang lag sie
unbeweglich, bleich, und so abgemattet, da man kaum bemerken konnte, ob
sie athmete; dann wurde ihr wohler und sie fing an zu sprechen; aber was
meinen Sie wohl, wovon? . . . Ein solcher Einfall konnte auch nur einem
Sterbenden kommen! . . . Sie fing an sich zu bekmmern, da sie keine
Christin sei und da in jener Welt ihre Seele mit der des Grigorii
Alexandrowitsch nicht zusammenkommen, da im Paradiese ein anderes Weib
seine Genossin sein werde. -- Da kam mir der Gedanke ein, sie vor dem Tode
noch zu taufen; sie blickte mich mit Unentschlossenheit an und konnte lange
kein Wort hervorbringen; endlich antwortete sie, da sie in dem Glauben
sterben wolle, in welchem sie geboren worden war. So verging ein ganzer
Tag. Wie hatte sie sich whrend dieses einen Tages verndert! Die blassen
Wangen waren eingefallen, die Augen waren gro geworden; die Lippen
brannten. Sie fhlte eine innere Hitze, als ob in ihrer Brust ein glhendes
Eisen lge.

-- Die zweite Nacht brach ein; wir schlossen kein Auge und wichen nicht von
ihrem Bette. Sie litt frchterlich und sthnte, -- und so oft der Schmerz
nur ein Bischen nachlie, bemhte sie sich, Grigorii Alexandrowitsch zu
berzeugen, da es besser mit ihr gehe, suchte ihn zu bereden sich schlafen
zu legen, kte seine Hand und verwandte kein Auge von ihm. Vor
Tagesanbruch begann sie die Todesqualen zu fhlen; sie fing an sich
herumzuwerfen, und ri den Verband auf, so da das Blut von Neuem flo. --
Nachdem man ihr die Wunde wieder verbunden hatte, wurde sie fr ein
Weilchen ruhig und bat Petschorin sie zu kssen. Er kniete vor ihr Bett
nieder, hob ihren Kopf mit dem Kissen etwas in die Hhe und drckte seinen
Mund an ihre erkaltenden Lippen; sie umwand seinen Hals fest mit ihren
zitternden Armen, als ob sie ihm in diesem Kusse ihre ganze Seele bergeben
wollte . . . Nein, sie hat wohl daran gethan zu sterben! Was wre wohl aus
ihr geworden, wenn Grigorii Alexandrowitsch sie verlassen htte? Und das
wre frher oder spter doch der Fall gewesen . . .

-- Die Hlfte des andern Tages war sie still, schweigsam und folgsam, wie
sehr sie auch unser Arzt mit Umschlgen und Mixturen qulte. Aber ich
bitte Sie! sagte ich zu ihm: Sie sagten doch selbst, da sie unbedingt
sterben mu, wozu denn also alle diese Prparate? -- Ja, es ist doch
besser, Maksim Maksimitsch, erwiederte er, des ruhigen Gewissens wegen!
-- Ein schnes Gewissen!

Nach zwlf Uhr fing sie an einen brennenden Durst zu fhlen. Wir ffneten
das Fenster, allein auf dem Hofe war es noch heier als im Zimmer; man
stellte Eis um's Bett -- es wollte nichts helfen. Ich wute, da dieser
unertrgliche Durst ein Zeichen des sich nhernden Endes war und sagte es
Petschorin. --

Wasser, Wasser! sprach sie mit heiserer Stimme, indem sie sich im Bett
erhob.

-- Er wurde bleich wie ein Betttuch, ergriff ein Glas, schenkte ein und
reichte ihr. Ich hielt mir die Hnde vor die Augen und sagte leise ein
Gebet her, ich erinnere mich nicht mehr, welches . . . Ja, mein Herr, ich
habe so manchen in den Hospitlern und auf dem Schlachtfelde sterben sehen,
es war aber immer nicht das, durchaus nicht das! . . Nun mu ich gestehen,
da mich noch Eins betrbt: sie erinnerte sich vor dem Tode meiner nicht
ein einziges Mal; und doch habe ich sie wie ein Vater geliebt . . . Nun,
Gott sei ihr gndig! . . . Und die Wahrheit zu gestehen: Was konnte ich ihr
auch sein, da sie meiner vor dem Tode gedachte?

-- Kaum hatte sie das Wasser ausgetrunken, so wurde ihr leichter; drei
Minuten spter war sie eine Leiche. Man hielt einen Spiegel an die Lippen
-- er blieb rein! . . . Ich fhrte Petschorin aus dem Zimmer und wir gingen
auf dem Festungswalle auf und ab; lange gingen wir mit auf dem Rcken
berschlagenen Armen neben einander auf und ab und sprachen kein Wort; sein
Gesicht drckte nichts Besonderes aus und das ging mir nahe: ich an seiner
Stelle wre vor Herzeleid gestorben. -- Endlich setzte er sich auf die Erde
in den Schatten und fing an mit einem Stckchen in den Sand zu malen. Ich
wollte ihn, wissen Sie, blo des Anstands wegen, trsten, und fing an zu
sprechen: er hob den Kopf in die Hhe und lchelte . . . . Mir lief ein
kalter Schauer ber die Haut vor solchem Lcheln . . . So ging ich denn das
Grab zu bestellen.

-- Ich mu gestehen, da ich zum Theil, um mich zu zerstreuen, mich damit
beschftigte. Ich hatte ein Stck Termalama,[A] womit ich ihren Sarg
umziehen lie, und garnirte ihn noch mit tscherkessischen Silbertressen,
welche Grigorii Alexandrowitsch fr sie gekauft hatte.

-- Am andern Tage frh begruben wir sie, auerhalb der Festung, an dem
Flchen neben dem Flecke, wo sie zuletzt gesessen hatte; rund um ihren
Grabeshgel wachsen nun dichte Bsche von Akazia und Hollunder. Ich htte
ihr gerne ein Kreuzchen errichten lassen, aber, wissen Sie, das ist so eine
Sache; sie war doch immerhin keine Christin . . .

[Funote A: Ein kostbares Tscherkessenzeug.]

Aber was wurde aus Petschorin? fragte ich.

-- Petschorin war lange krank; der Arme kam ganz herunter; indessen
sprachen wir von der Zeit an nie von Bela; ich sah, da es ihm unangenehm
gewesen wre, also weshalb denn? -- Drei Monat spter wurde er in das E.
. . Regiment versetzt und reiste nach Grusien ab. Seitdem sind wir einander
nie begegnet . . . Doch da fllt mir ein, da mir unlngst Jemand sagte, er
sei nach Ruland zurckgekehrt; in den Feldbefehlen habe ich darber nichts
gefunden. Uebrigens gelangen zu unser einem die Nachrichten immer ein
Bischen spt.

Hier erging er sich in einer langen Abhandlung darber, wie unangenehm es
sei, alle Nachrichten ein Jahr spter zu erfahren, wahrscheinlich nur um
seine traurigen Erinnerungen zu beschwichtigen.

Ich unterbrach ihn nicht, noch hrte ich ihm zu.

Nach einer Stunde zeigte sich die Mglichkeit weiter zu reisen; das
Schneegestber lie nach, der Himmel klrte sich auf und wir setzten uns in
Bewegung. Unterweges brachte ich unwillkhrlich noch einmal die Rede auf
Bela und Petschorin.

Hrten Sie denn gar nicht, was noch aus Kasbitsch wurde? fragte ich.

-- Aus Kasbitsch! Nein, wahrhaftig, das wei ich nicht . . . Ich habe wohl
gehrt, da auf der rechten Flanke bei den Schapsugen ein gewisser
Kasbitsch dient, ein toller Waghals, der in einem rothen Beschmete im
Schritt durch unsere Kugelregen reitet und sich sehr artig verbeugt, wenn
eine Kugel an ihm vorbeisaust; doch schwerlich mchte es jener sein!
. . .

In Kobi trennten wir uns; ich reiste mit Extrapost und so konnte er mir mit
seiner schweren Ladung nicht folgen. Wir hofften nicht, uns je
wiederzusehen, indessen sahen wir uns wieder, und wenn Sie wollen, so
erzhle ich es Ihnen; es ist eine ganze Geschichte . . . Gestehen Sie
indessen, da Maksim Maksimitsch ein Mann ist, der unsere ganze Hochachtung
verdient? . . . Wenn Sie mir dies zugeben, so bin ich vollkommen belohnt
fr meine vielleicht allzulange Erzhlung.




Maksim Maksimitsch.


Nachdem ich mich von Maksim Maksimitsch getrennt hatte, jagte ich auf's
eiligste durch die Schluchten des Tereks und Darjals, frhstckte in
Kasbek, trank Thee in Larssa und eilte zum Abendessen nach Whldkawkas.
Ich will Sie mit der Beschreibung der Gebirge, mit Ausrufungen, die
besonders fr diejenigen nichts zu bedeuten haben, welche nicht da waren,
so wie mit allerlei statistischen Bemerkungen verschonen, die ja doch
Niemand liest.

Ich blieb in einem Wirthshause, wo alle Reisenden abzusteigen pflegen und
wo sich trotzdem Niemand vorfand, dem man htte den Auftrag ertheilen
knnen, einen Fasan zu braten und etwas Kohl gar zu machen; denn die drei
Invaliden, denen dies Haus bergeben ist, sind entweder so dumm oder so
betrunken, da man von ihnen auch nicht das Mindeste erlangen kann.

Man theilte mir mit, da ich noch drei Tage daselbst wrde zubringen
mssen, denn die Oksija[A] sei noch nicht aus Jekatarinograd angekommen,
und knne daher noch nicht wieder dahin zurckkehren.

[Funote A: Ein russisches Fremdwort, vom franzsischen occasion abgeleitet
und, wie dieses, eine _Gelegenheit_ bezeichnend.]

So blieb mir denn nichts brig, als zur Zerstreuung die Erzhlung Maksim
Maksimitschens niederzuschreiben, nicht ahnend, da dieselbe das erste
Glied zu einer langen Kette von Novellen sein wrde: man kann aus diesem
Umstande ermessen, welche entsetzliche Folgen ein an sich geringfgiger
Umstand haben kann! . . . Aber Sie wissen vielleicht nicht, was das ist,
eine Okasija? Die Okasija ist eine militairische Bedeckung von einer
halben Kompagnie Infanterie und einigen Kanonen, mit welchen die
Pferde-Karawanen aus Whldkawkas nach Jekatarinograd begleitet werden.

Den ersten Tag verbrachte ich sehr langweilig; am zweiten Tage fhrt frh
Morgens ein Wagen auf den Hof . . . Ah! Maksim Maksimitsch! Wir begegneten
uns wie alte Freunde. Ich bot ihm mein Zimmer an. Er machte nicht viel
Komplimente, klopfte mit sogar auf die Schulter und verzog den Mund in eine
Art Lcheln. Ein seltsamer Mensch der! . . .

Maksim Maksimitsch hatte groartige Kenntnisse in der Kochkunst; auf die
erstaunlichst beste Weise briet er einen Fasan, bego ihn gehrig mit
Gurkenwasser, und ich mu gestehen, da ich ohne ihn auf trockene Kost
angewiesen gewesen wre. Eine Flasche Kachetinerwein half uns die
bescheidene Zahl der Gerichte vergessen machen, welche Summa Summarum auf
ein einziges hinausliefen; dann setzten wir uns, unser Pfeifchen
schmauchend, ich an's Fenster, er an den geheizten Ofen; denn der Tag war
feucht und kalt. Wir schwiegen. Wovon sollten wir auch sprechen? . . . Er
hatte mir von sich bereits alles erzhlt, was irgendwie von Interesse war,
und ich hatte ihm nichts zu sagen. Ich sah zum Fenster hinaus. Eine Menge
niedriger Huschen, die an den Ufern des Tereks, der hier immer mehr an
Breite gewinnt, zerstreut lagen, blickten durch die Bume hindurch; weiter
in der Ferne erhoben sich die Gebirge mit ihren ausgezackten Felsenwnden,
hinter denen der Kasbeck in seiner weien Kardinalsmtze hervorragte. Ich
nahm in meinem Innersten von ihnen Abschied, es that mir recht leid um sie
. . .

So saen wir lange. Die Sonne verbarg sich bereits hinter die eisigen
Bergesgipfel und ein weilicher Nebel fing an sich in den Thlern
auszubreiten, als in der Strae der Klang einer Wagenglocke und das
Geschrei der Postillone ertnte. Einige Fuhrwerke mit schmutzigen Armeniern
fuhren auf den Hof des Wirthshauses; hinter ihnen ein leerer Reisewagen,
dessen leichter Gang, bequemer Bau und fashionables Aeuere einen gewissen
auslndischen Anstrich hatten. Ein Mensch mit einem groen Schnurrbart
begleitete ihn; er trug einen ungarischen Schnrrock und war berhaupt fr
einen Lakaien uerst wohl gekleidet; da er ein solcher war, verrieth die
genugthuende Art und Weise, mit welcher er die Asche aus dem Pfeifenkopf
klopfte und den Postillon anfuhr. Offenbar war er der verzogene Diener
eines migen Herrn, -- etwas in der Art eines russischen Figaro's. --

-- Hre 'mal, mein Lieber, rief ich ihm vom Fenster entgegen, ist das die
Okasija, die da angekommen ist? he? Er blickte mich ziemlich dreist an,
rckte sich das Halstuch etwas zurecht und kehrte sich um; ein hinter ihm
kommender Armenier antwortete lchelnd statt seiner, indem er uns
mittheilte, da die Okasija so eben angekommen sei und morgen frh wieder
zurckmache. -- Gott sei gelobt! sagte Maksim Maksimitsch, der in diesem
Augenblicke an's Fenster trat. Ei, das ist ja eine wunderbare Equipage!
fgte er hinzu: wahrscheinlich fhrt da irgend ein Beamter zur Revision in
den Kaukasus. Der kennt aber offenbar unsere Gebirge noch nicht! Nein, mein
Lieber, mit der kommst Du hier nicht weit; die fliegt in Stcke und wenn
sie zehnmal eine englische ist! Aber wer kann denn das nur sein? -- --
Kommen Sie, wir wollen uns erkundigen. Wir gingen hinaus in den Korridor.
Am Ende desselben war die Thr eines Seitenzimmers weit geffnet, in
welches der Lakai mit Hlfe des Postillons verschiedene Koffer schleppte.

Hr' mal, mein Freund, fragte der Stabskapitain den Diener, wem gehrt
dieser prchtige Wagen? . . . he? Ein kstlicher Wagen! . . . Der Bediente
brummte etwas vor sich hin und fing an die Koffer aufzuschnallen, ohne sich
auch nur umzukehren. Maksim Maksimitsch wurde bse; er klopfte den
Unhflichen auf die Schulter und sagte: Ich spreche mit Dir, mein
Werthester . . .

-- Wem der Wagen gehrt? . . . meinem Herrn.

Und wer ist Dein Herr?

-- Petschorin . . .

Was? Was sagst Du da? Petschrin? . . . Ach du lieber Himmel! . . . hat er
nicht frher im Kaukasus gedient? . . . rief Maksim Maksimitsch aus, indem
er mich am Aermel erfate . . . Die Freude strahlte ihm aus den Augen.

-- Ja wohl, ich glaube -- ich bin noch nicht lange bei ihm.

Nun ja, ja! . . Grigorii Alexandrowitsch ist sein Vorname . . . Wir waren
frher Freunde, Dein Herr und ich, fgte er hinzu, indem er den Bedienten
freundlich dergestalt auf die Schulter klopfte, da er zu schwanken anfing.

-- Erlauben Sie, mein Herr, Sie stren mich in meiner Arbeit, sagte dieser
mit mivergngter Miene.

Ei was mein Freundchen! . . . Ja, weit Du auch, da Dein Herr und ich die
grten Herzensfreunde waren, da wir zusammen wohnten . . . Na, aber wo
bleibt er denn?

Der Diener erklrte, da Petschorin beim Obersten N. zu Abend speisen und
bernachten werde.

Je nun, kommt er nicht vielleicht heute Abend noch einmal hierher? fragte
Maksim Maksimitsch, oder Du, mein Lieber, hast Du nicht noch etwas bei ihm
zu thun? . . Wenn Du hingehst, so sage ihm nur, da Maksim Maksimitsch hier
ist; -- sag' ihm nur das . . . dann wei er schon . . . ich werde Dir auch
einen Wosmigriwenn[A] zum Trinkgeld geben.

[Funote A: Eine kleine russische Silbermnze, vom Werthe von 7 Sgr.]

Der Lakai machte eine verchtliche Miene, als er dieses bescheidene
Versprechen hrte, indessen versicherte er Maksim Maksimitsch, da er
seinen Auftrag ausrichten wolle.

-- Sie werden sehen da er sofort herbeieilt, sagte Maksim Maksimitsch mit
siegreicher Geberde zu mir: ich will eben vor die Thre gehen und ihn
erwarten . . . Ach! wie schade da ich mit N. nicht bekannt bin.

Maksim Maksimitsch setzte sich vor der Thr auf eine Bank, und ich begab
mich auf mein Zimmer. Ich mu gestehen, da ich gleichfalls mit einer
gewissen Ungeduld der Erscheinung Petschorins entgegensah; wenn ich mir
auch nach der Erzhlung des Stabskapitains eine nicht eben sehr
vortheilhafte Meinung von ihm gebildet hatte, so schienen mir doch einige
Zge seines Charakters interessant. Nach ungefhr einer Stunde brachte ein
Invalid die kochende Theemaschine und das Theegerth. Maksim Maksimitsch,
rief ich ihm durch's Fenster zu, ist Ihnen nicht Thee gefllig?

-- Danke schn, danke schn; habe noch keinen Appetit.

Ach was! trinken Sie nur immer; es ist schon spt und kalt.

-- Thut nichts; danke bestens . . . .

Nun, wie es Ihnen gefllig ist! So trank ich denn meinen Thee allein;
zehn Minuten spter kommt mein Alterchen herein. -- Nein, Sie haben Recht;
es ist doch besser erst ein Tchen zu trinken, -- tausend, lt Der auf
sich warten! Sein Diener ist schon lngst zu ihm gegangen, es mu ihn
offenbar etwas zurckgehalten haben.

Er trank eiligst eine Tasse aus, dankte fr eine zweite, und begab sich
abermals mit einer gewissen Unruhe hinaus: es war klar, da ihn die
Unaufmerksamkeit Petschorins krnkte, um so mehr, als er mir noch jngst so
viel von ihrer Freundschaft erzhlt hatte und noch vor einer Stunde
berzeugt war, da Petschorin herbeieilen wrde, sobald er nur seinen Namen
nennen hrte.

Es war bereits spt und dunkel, als ich das Fenster nochmals ffnete und
Maksim Maksimitschen rief, um ihm zu sagen, da es Zeit sei schlafen zu
gehen; er brummte etwas zwischen den Zhnen vor sich hin; ich wiederholte
meine Einladung -- er antwortete nichts.

So streckte ich mich denn, in meinen Mantel gehllt, auf den Divan, lie
das brennende Licht auf dem Ofenrande stehen, schlummerte auch alsbald ein
und wrde ruhig bis zum andern Morgen durchgeschlafen haben, wenn mich
Maksim Maksimitsch, der sehr spt ins Zimmer kam, nicht wieder aufgeweckt
htte. Er warf die Pfeife auf den Tisch, fing an im Zimmer auf und ab zu
schreiten, im Ofen herumzustren, legte sich dann endlich nieder und
hustete, spuckte und warf sich noch lange herum . . .

Was haben Sie? beien Sie die Wanzen? fragte ich.

-- Ja wohl, schne Wanzen . . . erwiederte er, tief aufseufzend.

Am nchsten Morgen erwachte ich frhzeitig, allein Maksim Maksimitsch war
mir bereits zuvorgekommen. Ich fand ihn schon wartend auf der Bank sitzend.
-- Ich mu durchaus zum Kommandanten gehen, sagte er, also, bitte, wenn
Petschorin unterdessen kommen sollte, schicken Sie nach mir . . .

Ich versprach es. Er eilte mit solcher Hast davon, als ob sich durch seine
Glieder ein jugendliches Feuer und jugendliche Elasticitt auf's Neue
ergossen htten.

Der Morgen war frisch und schn. Goldenes Gewlk thrmte sich ber den
Bergen empor gleich einer neuen Kette lustiger Gebirgsbilder; vor der
Hausthr dehnte sich ein gerumiger Platz aus; der daran gelegene Bazar
wimmelte von Leuten, denn es war gerade ein Sonntag; baarfige
Ossetinerknaben, mit Butten auf den Schultern, in welchen sie ganz frischen
Honig zu Kaufe herumtrugen, umringten mich alsbald; ich scheuchte sie von
mir; mir stand der Sinn wo anders hin -- ich begann die Unruhe des braven
Stabskapitaines zu theilen.

Es vergingen keine zehn Minuten, als sich Der am Ende des Platzes zeigte,
den wir erwarteten. Er ging mit dem Obersten N., welcher, nachdem er ihn
bis zum Wirthshause begleitet hatte, Abschied von ihm nahm und nach der
Festung zurckkehrte. Ich entsandte sofort einen Invaliden nach Maksim
Maksimitschen.

Unterdessen kam der Bediente Petschorin's heran, mit der Meldung, da man
sofort anspannen wrde; er reichte ihm eine Cigarrenbchse und begab sich,
nach einigen erhaltenen Befehlen, zurck an seine Geschfte. Sein Herr
steckte sich eine Cigarre an, ghnte ein paar Mal und setzte sich auf eine
Bank an der andern Seite der Hausthr. Ich mu Ihnen nunmehr sein Portrait
machen:

Er war mittleren Wuchses. Sein krftiger, schlanker Bau und seine breiten
Schultern zeugten von einer Natur, die im Stande war alle
Beschwerlichkeiten des Nomadenlebens, sowie alle klimatische Vernderungen
zu ertragen, eine Natur, die bisher weder von dem ausschweifenden Leben in
der Residenz noch von den heftigsten Gemthsstrmen besiegt worden war.
Sein staubiger Sammetrock, der nur an den beiden untersten Knpfen
zugeknpft war, lie die blendendweieste Wsche durchblicken, an welcher
man die Gewohnheiten eines anstndigen Menschen am besten erkennt; seine
nicht mehr frischen Handschuhe schienen eigens nach seiner kleinen
aristokratischen Hand genht zu sein, und als er einen derselben auszog,
erstaunte ich ber die Magerkeit seiner blassen Finger. Sein Gang war
nachlssig und trge; inde bemerkte ich, da er dabei die Arme nicht
bewegte, -- ein sicheres Zeichen einer gewissen Verstecktheit des
Charakters. Uebrigens sind das so meine eigenen Bemerkungen, die auf meinen
selbstgemachten Beobachtungen beruhen, weshalb Sie denselben durchaus
keinen blinden Glauben zu schenken brauchen. Als er sich wieder auf die
Bank niederlie, bog sich seine sonst grade Gestalt, als ob er im Rcken
nicht einen einzigen Knochen htte. Die ganze Haltung seines Krpers
verrieth eine Art Nervenschwche; er sa wie eine Balzac'sche
dreiigjhrige Kokette in ihrem gepolsterten Armstuhle sitzt, wenn sie von
einem ermdenden Balle zurckkehrt. Beim ersten Blicke auf sein Gesicht
htte ich ihm nicht mehr als drei und zwanzig Jahre gegeben, obgleich ich
ihm spter deren gern dreiig gab. In seinem Lcheln lag etwas Kindliches.
Seine Haut hatte eine fast weibische Zartheit; seine blonden, natrlich
gelockten Haare umgaben hchst malerisch seine blasse, edle Stirn, auf
welcher man nur nach lngerer Beobachtung die Spuren der Runzeln entdecken
konnte, die einander durchkreuzten und in Momenten des Zornes oder der
geistigen Aufgeregtheit wahrscheinlich noch sichtbarer zum Vorschein kamen.
Ungeachtet seines hellen Haupthaares waren Augenbrauen und Schnurrbart
schwarz -- ein eben so sicheres Anzeichen chter Race beim Menschen wie
eine schwarze Mhne und ein schwarzer Schweif bei einem weien Pferde.
Schlielich, um sein Portrait zu beendigen, erwhne ich noch, da er eine
etwas aufgeworfene Nase hatte, da seine Zhne vom glnzendsten Wei, seine
Augen dunkelbraun waren. Ueber seine Augen mu ich brigens noch etwas
hinzufgen:

Erstens, lachten sie nicht, wenn er lachte! -- Es ist Ihnen vielleicht noch
nicht vorgekommen, diese Seltsamkeit an gewissen Leuten zu beobachten?
. . . Sie ist ein charakteristisches Kennzeichen entweder eines sehr bsen
Charakters oder einer tiefen, bestndigen Schwermuth. Seine Augen glnzten
aus den halbgeffneten Wimpern hervor mit einer Art phosphorischen Glanzes,
wenn ich mich so ausdrcken darf; das war nicht der Abglanz der inneren
Glut der Seele oder der spielenden Einbildungskraft, sondern der blendende,
kalte Spiegelglanz des polirten Stahles; sein Blick war nicht dauernd aber
durchdringend und lstig, und hinterlie den unangenehmen Eindruck einer
unbescheidenen Frage; er htte frech genannt werden knnen, wre er nicht
zu gleichgltig ruhig gewesen. Alle diese Details kamen mir vielleicht nur
deshalb in den Sinn, weil ich einige Einzelheiten seines Lebens kannte, und
leicht knnte es sein, da sein Anblick auf einen Anderen einen durchaus
verschiedenartigen Eindruck gemacht htte; da Sie nun aber auer mir von
Niemanden etwas ber ihn erfahren werden, so mssen Sie sich schon mit
dieser Darstellung begngen. Schlielich fge ich noch hinzu, da er im
Allgemeinen durchaus nicht bel war und eine jener originellen
Physiognomien hatte, welche besonders den Damen so gefallen.

Die Pferde waren bereits vorgespannt. Die Wagenglocke ertnte von Zeit zu
Zeit an der Duga und schon zweimal war der Bediente zu Petschorin mit der
Meldung herangetreten, da Alles bereit sei -- aber Maksim Maksimitsch
erschien noch immer nicht. Zum Glcke blickte Petschorin, in Gedanken
vertieft, nach den blauen Bergzacken des Kaukasus und schien nicht eben
sehr eilig zu sein. Ich ging an ihn heran: Wenn Sie sich noch ein wenig
gedulden wollen, mein Herr, sagte ich, so werden Sie die Genugthuung
haben, einen alten Freund wiederzusehen . . . .

Ach, richtig! antwortete er schnell: man sprach mir gestern davon; aber
wo ist er? -- Ich wandte mich nach dem Platze zu und erblickte Maksim
Maksimitschen, der aus Leibeskrften herbeieilte . . . In einigen Minuten
war er bei uns angelangt; er konnte kaum athmen; der Schwei rollte ihm
hageldick ber's Gesicht; triefende Bschel grauer Haare hingen ihm unter
der Mtze hervor und klebten an seiner Stirne fest; seine Kniee bebten
. . . er wollte sich Petschorin an den Hals werfen, der ihm indessen
ziemlich kalt, jedoch mit einem bewillkommenden Lcheln die Hand reichte.
Der Stabskapitain war eine Minute lang wie versteinert, doch ergriff er
alsbald die dargebotene Hand begierig mit beiden Hnden; sprechen konnte er
noch nicht. --

-- Wie bin ich erfreut, lieber Maksim Maksimitsch! Nun, wie geht es Ihnen
denn? sagte Petschorin.

Und . . . Du? . . und Sie? . . stammelte der Greis mit Thrnen in den
Augen, wie viele Jahre . . . wie viele Tage . . . aber wohin geht's?
. .

-- Ich gehe nach Persien -- wohl weiter . . .

Nun doch nicht so auf dem Flecke? . . . Sie verziehen ja wohl ein
Weilchen, Verehrtester! . . . Wir werden uns doch nicht gleich wieder
trennen mssen? . . . Wie lange haben wir uns nicht gesehen . . .

-- Ich habe Eile, Maksim Maksimitsch, -- war die Antwort.

Mein Gott, mein Gott! aber wohin eilen Sie denn so? Ich htte Ihnen so
viel zu sagen gehabt . . . So viel zu fragen . . . Nun, also?
verabschiedet? . . . Wie? Was haben Sie Alles angefangen? . .

-- Mich gelangweilt, erwiederte Petschorin lchelnd.

Erinnern Sie sich noch Ihres Aufenthaltes in der Festung, he? . . . Eine
kstliche Gegend zum Jagen? . . Sie waren damals ein gewaltiger
Jagdliebhaber . . . Und Bela?

Petschorin entfrbte sich ein wenig und wandte sich ab.

-- Ja, ich erinnere mich! sagte er, fast in demselben Augenblicke zum
Ghnen gezwungen.

Maksim Maksimitsch fing nun an ihn zu bitten, doch wenigstens zwei Stunden
zu verweilen. Wir werden kstlich speisen, sagte er, ich habe zwei
Fasanen, und der Kachetinerwein ist hier ausgezeichnet . . . versteht sich,
nicht das was in Grusien, indessen doch von einer bessern Gattung . . . Wir
plaudern ein Bischen zusammen . . . Sie erzhlen mir von ihrem Aufenthalte
in Petersburg . . Sie . . hm?

-- Wirklich, ich wei nichts zu erzhlen, lieber Maksim Maksimitsch . . .
Nun also, leben Sie recht wohl, ich mu fort . . . ich bin sehr eilig
. . . Ich danke auch, da Sie mich nicht vergessen haben . . . fgte er
hinzu, ihn an der Hand ergreifend.

Der Alte zog die Augenbrauen dster zusammen . . . Er war betrbt und
rgerlich, obgleich er sich bemhte es zu verbergen. Vergessen! sagte er
mit rauher, fast bellender Stimme: Ich habe noch nie etwas vergessen
. . . Nun denn, in Gottes Namen! . . . Ich htte nimmermehr geglaubt, da
unser Wiedersehen ein solches sein wrde . . .

-- Nun, nun! sagte Petschorin, indem er ihn freundschaftlich umarmte, bin
ich denn nicht mehr derselbe? . . . Was ist zu machen? . . . Ein Jeder hat
seine eigenen Wege . . . Ob wir uns noch einmal wiedersehen werden -- Gott
wei! . . . Whrend er dies sprach, sa er bereits im Wagen und der
Postillon fing schon an die Zgel zusammenzufassen.

Halt, halt! rief pltzlich Maksim Maksimitsch auf, indem er sich am
Wagenschlage festhielt: bald htte ich ganz vergessen . . . ich habe ja
noch Ihre Papiere, Grigorii Alexandrowitsch . . . ich fhre sie mit mir
. . . hoffte Sie in Grusien wiederzufinden, und nun hat's der liebe Gott so
gefgt . . . Was soll ich damit anfangen? . . .

-- Was Sie wollen! erwiederte Petschorin. Adieu . . .

Also Sie gehen nach Persien? . . . und wann kommen Sie wieder? . . . rief
Maksim Maksimitsch ihm nach.

Der Wagen war bereits weit entfernt; allein Petschorin machte mit der Hand
ein Zeichen, welches man ungefhr folgendermaen bersetzen konnte:
Schwerlich! und wozu auch! . . .

Schon lngst hrte man weder den Klang des Glckchens noch das Gerassel der
ber den steinigen Weg dahinrollenden Rder, -- und der arme Greis stand
noch immer auf demselben Flecke in tiefes Dahinbrten versunken.

Ja, begann er endlich, indem er sich anstrengte gleichgltig zu scheinen,
obgleich die Thrnen des Verdrusses sich von Zeit zu Zeit aus seinen
Wimpern drngten: gewi, wir waren Freunde, -- was aber sind heutzutage
Freunde? . . Was kann ich ihm auch sein? Ich bin weder reich, noch von
hohem Range und auch an Jahren bei Weitem ihm nicht gleich . . . Siehst Du
wohl, was er fr ein Stutzer geworden ist, seit er wieder in Petersburg war
. . . Was fr eine Equipage! . . . Was fr Gepck! . . . und diesen stolzen
Bedienten! . . . Er sprach diese Worte mit ironischer Bitterkeit aus. Nun
sagen Sie einmal, fuhr er an mich gewendet fort, was halten Sie davon?
. . . und welcher Satan fhrt ihn jetzt nach Persien? . . . lcherlich, bei
Gott, lcherlich! . . . Ich hab's aber immer gewut, da er ein
unzuverlssiger Mensch ist, auf den man sich nicht verlassen kann . . .
Wahrhaftig, schade da er schlecht enden wird . . . es kann aber nicht
anders sein! . . . Ich hab's immer gesagt, da Dem kein Segen erblht, der
seine alten Freunde vergit! . . . Hier wandte er sich ab, um seine
Aufregung zu verbergen und ging auf dem Hofe um seinen Wagen herum, als ob
er dessen Rder untersuchte, whrend seine Augen sich jeden Augenblick mit
Thrnen fllten.

-- Maksim Maksimitsch, sagte ich, indem ich an ihn heranging; was sind das
fr Papiere, die Petschorin Ihnen zurcklie?

Ei, was wei ich davon! Es werden wohl Tagebcher sein . . .

-- Und was werden Sie damit machen?

Was ich damit machen werde? zu Patronen werde ich sie verbrauchen lassen.

-- So geben Sie mir sie lieber.

Er blickte mich mit Verwunderung an, brummte etwas zwischen den Zhnen und
fing dann an im Koffer herumzuwhlen; endlich zog er ein Heft heraus und
warf es mit Verachtung auf die Erde; ein zweites, ein drittes, ein zehntes
theilten dasselbe Schicksal: es lag etwas Kindisches in seinem Aerger, was
mir leid that und doch auch lcherlich war.

Da haben Sie sie alle, sagte er: ich wnsche Ihnen Glck zum Funde
. . .

-- Und kann ich damit anfangen, was ich will?

Meinetwegen lassen Sie sie in den Zeitungen drucken. Was geht's mich an!
. . . Was, bin ich denn etwa sein Freund, oder Verwandter? . . . Es ist
wahr, wir lebten eine geraume Zeit mit einander unter demselben Dache; aber
mit wem habe ich nicht alles zusammengelebt? . . .

Ich bemchtigte mich der Papiere und brachte sie schleunigst fort, damit es
ihm nicht wieder leid werden mchte, sie mir bergeben zu haben. Nicht
lange darnach meldete man uns, da die Okasija binnen einer Stunde
aufbrechen werde; ich befahl anzuspannen. Der Stabskapitain kam in's
Zimmer, als ich mir bereits meine Mtze aufsetzte; er schien sich fr die
Abreise nicht fertig zu machen und hatte etwas Gezwungenes, Kaltes in
seinem Wesen.

-- Nun, Maksim Maksimitsch, reisen Sie denn nicht mit?

Nein.

-- Wie so denn das?

Ich habe den Kommandanten noch nicht gesehen und habe ihm verschiedene
Kronssachen zu bergeben . . .

-- Sie waren ja doch aber bei ihm?

Das war ich wohl . . . sagte er ausweichend, traf ihn aber nicht zu
Hause . . . wartete nicht . . .

Ich verstand ihn. Der arme Greis hatte, vielleicht zum ersten Male in
seinem Leben, die Dienstgeschfte seinen _eigenen Angelegenheiten_ (um mit
der Kanzleisprache zu reden) hintangesetzt, -- und wie war er dafr belohnt
worden!

-- Das thut mir leid, recht leid, Maksim Maksimitsch, sagte ich zu ihm, da
wir uns grade jetzt trennen mssen.

Was haben wir ungebildeten Alten mit Euch zu schaffen! . . . Die Jugend
ist jetzt stolz und dem Genusse der Welt ergeben; mag sein, da es unter
den tscherkessischen Kugeln noch leidlich mit Euch geht . . . aber nachher
kehrt Ihr Euch von uns, und schmt Euch wohl gar, einem Freunde die Hand zu
reichen.

-- Ich verdiene diese Vorwrfe nicht, Maksim Maksimitsch. --

Nun, ich, wissen Sie, ich spreche einmal so von der Leber herunter;
brigens wnsche ich Ihnen alles Wohlergehen und eine frhliche Reise.

Wir trennten uns ziemlich trocken. Der gute Maksim Maksimitsch war zum
eigensinnigen, znkischen Stabskapitain geworden! Und weshalb? Weil ihm
Petschorin aus Zerstreuung oder aus irgend einem andern Grunde die Hand
gereicht hatte, wo der ihm gern an den Hals gesprungen wre! Es ist traurig
zu sehen, wenn der Jngling die schnsten seiner Hoffnungen und Illusionen
verschwinden sieht, wenn der Rosaflor zerreit, durch welchen er die Thaten
und Gefhle der Menschen zu betrachten pflegte; fr ihn bleibt doch die
Hoffnung, die zerronnenen Phantasiegebilde durch neue, zwar nicht minder
vergngliche, doch darum auch nicht minder se, zu ersetzen . . . Gegen
was aber vertauscht man sie in Maksim Maksimitschens Jahren? Da verhrtet
das Herz unwillkhrlich und die Seele zieht sich in sich zurck.

Ich reiste allein ab.




Vorrede.


Unlngst erfuhr ich, da Petschorin auf seiner Heimkehr aus Persien
gestorben sei. Diese Nachricht erfreute mich ungemein; sie gab mir das
Recht, diese Memoiren zu verffentlichen und ich benutzte diese Gelegenheit
gern, meinen Namen einem fremden Geistesprodukte voranzustellen. Gebe Gott,
da meine Leser mich nicht fr diesen Betrug verurtheilen!

Ich habe mich nunmehr noch ber die Grnde auszusprechen, die mich
veranlaten, dem Publikum die Herzensgeheimnisse eines Menschens
vorzulegen, den ich nie gekannt habe. Wre ich noch sein Freund gewesen!
die feige Indiskretion der wahrhaften Freunde ist ja aller Welt hinreichend
bekannt; so aber habe ich ihn nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen,
und noch obendrein auf dem Reisewege! Es geht daraus aber auch hervor, da
ich gegen ihn nicht jenen unerklrlichen Ha nhren kann, der sich unter
der Larve der Freundschaft verbirgt und nur den Moment des Todes oder
groer Unglcksflle abwartet, um sofort ber das Haupt des geliebten
Gegenstandes die Schauergsse der Vorwrfe, der Rathschlge, der
Bemitleidung und des Hohnes auszugieen.

Als ich diese Memoiren durchlas, berzeugte ich mich von der Aufrichtigkeit
desjenigen, der seine eigenen Schwchen und Untugenden so unbarmherzig zur
Schau stellte. Die Geschichte der menschlichen Seele, und wre es der
allergeringsten, ist interessanter und ntzlicher als die Geschichte eines
ganzen Volkes, besonders wenn sie das Resultat der Beobachtungen des
Verstandes ber sich selbst ist und wenn sie ohne den eitlen Wunsch
geschrieben ward, Theilnahme oder Verwunderung zu erwecken. Die Confessions
Rousseau's haben schon das Ueble an sich, da er sie seinen Freunden
vorlas.

So leitete mich also nur der Wunsch ntzlich zu werden bei der
Verffentlichung dieses mir zufllig in die Hnde gerathenen Journals.
Obgleich ich alle Eigennamen vernderte, so werden doch diejenigen sich
wahrscheinlich leicht wiedererkennen, von denen die Rede ist, und
vielleicht hier den Schlssel zum Betragen eines Menschen finden, der auf
dieser Welt nichts mehr mit ihnen gemein hat. Man entschuldigt fast immer
das, was man versteht. Ich habe in diesem Buche nur Dem Platz gegnnt, was
sich auf Petschorins Aufenthalt im Kaukasus bezieht. Es bleibt mir noch ein
dickes Heft unbenutzt zurck, in welchem er sein ganzes Leben beschreibt.
Dereinst soll auch dieses dem Urtheile der Welt bergeben werden; doch wage
ich es jetzt aus vielen Grnden noch nicht, diese Verantwortlichkeit zu
bernehmen.

Vielleicht wnschen einige Leser meine eigene Meinung ber Petschorins
Charakter zu vernehmen. Meine Antwort -- _der Titel des Buches_. Das ist
ja eine bse Ironie! werden sie sagen. Ich wei nicht. --




Tamn.



   In tal notte atra e funesta
   Mente freme la tempesta
   Chi va in circa di un asil?


   Anonimo.

Tamn ist das allermiserabelste Nest unter allen russischen Seestdten.
Beinahe wre ich vor Hunger darin umgekommen, nicht gerechnet, da man mich
zur Zugabe noch ersufen wollte. Ich kam spt des Nachts mit Postvorspann
daselbst an; der Postillon hielt das ermdete Dreigespann vor der Thr des
einzigen steinernen Hauses an, das sich bei der Einfahrt befindet. Die
Wache, ein tschornomrski[A] Kosak, rief, als er das Gebimmel des
Glckchens hrte, halbschlaftrunken mit wilder Stimme sein: Wer da? Ein
Unteroffizier und ein Gefreiter kamen heraus. Ich erklrte ihnen, da ich
ein Offizier sei, der sich im Auftrage der Krone nach einer aktiven
Abtheilung begebe, und forderte eine Kronswohnung fr die kurze Zeit meines
Aufenthaltes hierselbst. Der Gefreite fhrte uns in der Stadt herum; aber
bei welcher Barake wir auch vorsprachen -- nirgends war ein Unterkommen zu
finden. Es war kalt; ich hatte drei Nchte nicht geschlafen, war furchtbar
mde und fing an rgerlich zu werden. So fhre mich endlich unter Dach,
Spitzbube, schnaubte ich den Kosaken an, und wenn's beim Teufel wre, nur
zur Stelle!

[Funote A: Vom schwarzen Meere.]

Da ist wohl noch ein Nest, antwortete der Kosak, indem er sich im Nacken
kratzte, nur wird es Euer Gnaden nicht zusagen; -- es ist da nicht ganz
rein!

Da ich die genaue Bedeutung des letzten Wortes nicht auffate, so befahl
ich ihm voranzugehen, und so gelangten wir nach einer langen Wanderung
durch die schmutzigen Gassen, an deren Seiten ich nichts als alte
Plankenzune sah, zu einer kleinen Htte, dicht am Ufer des Meeres.

Der volle Mond beleuchtete das Schilfrohrdach und die weien Wnde meiner
neuen Wohnung; auf dem Hofe, der mit einem Kieselgeschiebe umgeben war, war
noch eine zweite elende Htte, noch kleiner und hinflliger als die erste,
an diese angekleckst. Das Ufer fiel fast von den Wnden der Htte
senkrecht, wie abgeschnitten, ins Meer hinab, und unten tanzten mit
ununterbrochenem Gebrause die dunkelblauen Wogen. Der Mond schaute
friedlich auf das unruhige, aber ihm unterthnige Element, und ich konnte
bei seinem Lichte, weit vom Ufer ab, zwei Schiffe wahrnehmen, deren
schwarzes Takelwerk sich wie ein Spinnengewebe am matten Himmelsgewlbe
abzeichnete. -- Es liegen Schiffe im Hafen, dachte ich bei mir selbst,
morgen kann ich also nach Gelndschick abreisen! Ein Linienkosak
begleitete mich als Bedienter. Ich befahl ihm den Koffer loszubinden und
den Postillon zu entlassen, und fing an nach dem Wirthe zu rufen. -- Keine
Antwort; ich poche; alles stumm . . . Was bedeutet das? Endlich kroch aus
dem Hausflure ein Junge von ungefhr vierzehn Jahren hervor.

Wo ist der Wirth? -- Nj-m.[A] -- Was? kein Wirth? -- Ne, keener
. . . -- Nun, also eine Wirthin? -- Die is nach dem Dorfe gelofen. --
Wer macht mir denn da die Thr auf? sagte ich und schlug mit dem Absatz
dagegen. Die Thre sprang von selbst auf; ein feuchter Dunst wehte mir
entgegen. Ich steckte ein Zndholz an und hielt es dem Jungen unter die
Nase; es beleuchtete zwei glanzlose, weie Augen. Er war blind, stockblind
von Geburt an. Er blieb unbeweglich vor mir stehen und ich begann seine
Zge zu mustern.

Ich mu gestehen, da ich ein starkes Vorurtheil gegen alle Blinden,
Lahmen, Tauben, Stummen, Buckligen, Bein- und Armlosen u. s. w. u. s. w.
habe. Ich habe bemerkt, da zwischen dem Aeuerlichen des Menschen und
seiner Seele stets eine seltsame, geheime Beziehung Statt findet: als ob
mit dem Verlust eines Gliedes die Seele irgend eines Gefhls verlustig
ginge.

Ich fing also an die Zge des Blinden zu mustern; aber sagen Sie mir
selbst, was kann man mglicherweise in einem Gesichte ohne Augen lesen?
. . . Ich blickte ihn lange mit unwillkhrlichem Mitleid an, als pltzlich
ein kaum bemerkbares Lcheln ber seine dnnen Lippen glitt, das, ich wei
nicht warum, einen uerst widerlichen Eindruck auf mich machte. In meinem
Kopfe tauchte der Verdacht auf, da dieser Blinde doch nicht ganz so blind
sei, wie er es schien; vergebens hielt ich mir vor, da man den grauen
Staar unmglich nachahmen knne, und nun noch obendrein wozu? Wie dem nun
auch immer sei -- ich klebe bisweilen an gewissen Vorurtheilen . . .

[Funote A: Die Antworten des Knaben geschehen im klein-russischen
Dialekte, der ungefhr unserm Plattdeutsch entspricht. Nj-m: hier ist
keiner.]

-- Bist Du der Sohn der Wirthin? fragte ich ihn endlich. -- Ne. -- Wer
bist Du denn? -- Eene Waise, verlassene. -- Hat die Wirthin Kinder? --
Ne, sie hatte eine Tochter, aber die ist mit einem Tataren ber's Meer
gezogen. -- Mit einem Tataren? Mit was fr einem Tataren? -- Der Teufel
mag seinen Namen wissen! ein Tatar aus der Krim, ein Bootsmann aus
Kertschi.

Ich trat in die Htte: zwei Bnke, ein Tisch und ein ungeheurer Koffer in
der Nhe des Ofens bildeten das ganze Mobiliar. An der Wand kein einziges
Heiligenbild -- ein schlechtes Zeichen! Durch die zertrmmerten
Fensterscheiben pustete der Seewind mit Ungestm. Ich langte mir aus meinem
Reisekoffer ein Ende Wachskerze heraus, steckte es an und fing an meine
Sachen auszupacken; meine Schaschka und Bchse kamen in die Ecke zu stehen,
die Pistolen auf den Tisch, dann breitete ich meine Burka[A] ber die eine
Bank, mein Kosak die seinige ber die andere und nach zehn Minuten
schnarchte er bereits; -- allein ich konnte nicht einschlafen; vor mir in
der Finsterni drehte sich fortwhrend der Junge mit den weien Augen
herum.

[Funote A: Ein kurzer Filzmantel, vorzglich bei den Kosaken in Gebrauch.]

So mochte ungefhr eine Stunde verflossen sein. Der Mond schien jetzt zum
Fenster herein, und seine Strahlen spielten auf dem lehmigen Fuboden der
Htte. Pltzlich schwebte auf dem vom Monde beschienenen Streifen des
Fubodens ein Schatten vorber. Ich richte mich auf und schaue nach dem
Fenster: zum zweiten Male eilte Jemand daran vorbei und verschwand Gott
wei wo; ich konnte mir nicht denken, da dieses Wesen die schroffe,
senkrechte Mauer des Seeufers hinuntergeglitten sein konnte, und doch blieb
ihm kein anderer Weg brig. Ich stand auf, warf meinen Beschmet um, steckte
meinen Dolch in den Gurt und trat leise, leise aus der Htte hinaus: der
blinde Junge grade auf mich los. Ich drckte mich an den Plankenzaun und so
ging er mit sicherem doch behutsamen Schritte an mir vorber. Unter dem
Arme trug er ein Bndel und nachdem er sich dem Hafen zugewandt hatte,
schlug er einen engen, steilen Fupfad ein. -- An jenem Tage werden die
Stummen reden und die Blinden wieder sehen, dachte ich bei mir selbst,
indem ich ihm in einer angemessenen Entfernung folgte, um ihn nicht aus den
Augen zu verlieren.

Unterdessen fing der Mond an sich in Wolken zu kleiden und Nebel stieg vom
Meere auf; kaum, da die Laterne vom Verdecke des nahen Wachtschiffes
hindurchschimmerte, am Ufer aber spritzte der Schaum der Meereswogen so in
die Hhe, da sie den Jungen jeden Augenblick zu verschlingen drohten. Ich
folgte ihm, obgleich mit vieler Beschwerde, auf dem steilen, holprigen Wege
und sah wie mein Blinder erst eine Weile stehen blieb und sich dann rechts
hinunter begab; er ging so dicht am Wasser dahin, da es schien, als ob die
Woge ihn sofort ergreifen und mit sich fortreien wrde; allein an der
Sicherheit, mit welcher er von Stein zu Stein hpfte und die Wasserrisse
vermied, konnte man deutlich sehen, da er diesen Weg nicht zum ersten Male
machte. Endlich hielt er still, als ob er auf etwas lausche, setzte sich
auf die Erde und legte sein Bndel neben sich. Ich beobachtete alle seine
Bewegungen, indem ich mich hinter einem vom Ufer vorspringenden
Felsenstcke versteckt hielt. Nach einigen Minuten wurde von der
entgegengesetzten Seite her eine weie Figur sichtbar; sie ging an den
Blinden heran und setzte sich neben ihn. Der Wind fhrte mir von Zeit zu
Zeit ihr Gesprch zu:

Nun, Blinder? sagte eine weibliche Stimme: der Sturm ist heftig; Janko
wird nicht kommen.

-- Janko frchtet den Sturm nicht, entgegnete dieser.

Der Nebel wird immer dichter, sagte wieder die weibliche Stimme mit einem
Ausdrucke der Kmmerni.

-- Im Nebel kann er sich desto leichter an den Wachtschiffen vorbeistehlen,
war die Antwort.

Aber wenn er ertrinkt?

-- Nun was weiter? Dann gehst Du am nchsten Sonntag ohne neues Band in die
Kirche.

Hierauf folgte ein Schweigen; indessen frappirte mich eins: der Blinde
hatte mit mir in kleinrussischem Dialekte gesprochen, whrend er jetzt ganz
reines Russisch sprach.

-- Siehst Du, da ich Recht habe, begann der Blinde wieder, indem er in die
Hnde schlug: Janko frchtet weder Meer, noch Sturm, noch Nebel, noch
Kstenwchter: horche nur -- das ist nicht das Peitschen der Wellen, Du
tuschst mich nicht, -- das sind seine langen Ruder.

Das Frauenzimmer sprang auf und richtete unruhvoll ihren Blick in die
Ferne.

Du faselst, Blinder, sagte sie, ich sehe nichts.

Ich mu gestehen, da, wie viele Mhe ich mir auch gab, etwas zu entdecken,
was einem Nachen hnlich sehen konnte, alles vergebens war. So vergingen
zehn Minuten; da zeigte sich allmlig zwischen den Bergen der Meeresfluthen
ein schwarzer Punkt, der bald grer bald kleiner wurde; -- bald sich
langsam bis auf die Spitzen der Wogen erhebend, bald wieder in die Tiefe
hinabschieend, nherte sich der Kahn immer mehr dem Ufer. -- Ein khner
Schiffer mute Der sein, der es wagte, in einer solchen Nacht eine Meerenge
von 20 Werst Weite zu durchrudern, und wichtig mute der Grund sein, der
ihn dazu antrieb.

Whrend diese Gedanken mich beschftigten, blickte ich mit unwillkhrlichem
Herzpochen nach dem armen Kahne; der aber tauchte unter wie eine Ente und
erhob sich dann wieder durch einen raschen Flgelschlag seiner Ruder aus
dem Abgrunde, inmitten des wildesten Schaumgespritzes; -- pltzlich schien
es mir, als ob er in einem Anlaufe gegen das Ufer sich zerschlagen und in
tausend Splitter zertrmmern msse -- allein er parirte mit ungemeiner
Geschicklichkeit und hpfte unbeschdigt in eine kleine Bucht. Ein Mann von
mittlerm Wuchse sprang aus dem Nachen; er trug eine tatarische
Barankenmtze; er winkte mit der Hand -- und alle drei bemhten sich, Etwas
aus dem Nachen zu ziehen; die Last war so gro, da ich bis auf den
heutigen Augenblick nicht verstehe, wie er nicht untergegangen ist. Ein
jeder packte sich endlich ein Bndel auf die Schultern und so gingen sie
das Ufer entlang, wo ich sie zuletzt aus dem Gesicht verlor. -- Es blieb
mir nun nichts brig, als nach Hause zu gehen, doch mu ich bekennen, da
alle diese Seltsamkeiten mich dermaen aufgeregt hatten, da ich beschlo,
den Morgen wach abzuwarten.

Mein Kosak war nicht wenig erstaunt, als er mich beim Erwachen vollstndig
angezogen fand; indessen gab ich ihm keine weiteren Grnde dafr an,
sondern legte mich ins Fenster und schaute eine Zeitlang nach dem
dunkelblauen mit zerrissenem Gewlk beseten Himmel, nach dem fernen Ufer
der Krim, das sich wie ein Lilastreifen am Horizonte dahinzieht, bis es
zuletzt in einen Felsen ausluft, auf dessen Gipfel ein Leuchtturm
schimmert, und begab mich endlich nach der Festung Fangora, um mich beim
Kommandanten ber die Stunde meiner Abreise nach Gelendschick zu
erkundigen.

Aber leider konnte mir der Kommandant durchaus nichts Bestimmtes darber
sagen. Die im Hafen liegenden Schiffe waren alle entweder Wachtschiffe oder
Handelsschiffe, die sogar ihre Ladung noch nicht einmal eingenommen hatten.
Vielleicht kommt ein Postschiff in drei, vier Tagen hier an, sagte der
Kommandant, und dann wollen wir sehen . . .

Ich ging finster und rgerlich nach Hause. In der Thre kam mir mein Kosak
mit bestrztem Gesichte entgegen: -- Hier ist's faul, Euer Gnaden! raunte
er mir zu. Ja, Bruder,[A] Gott wei, wann wir von hier fortkommen! Bei
diesen Worten wurde er noch verlegener, beugte sich zu mir und zischelte
mir ins Ohr: Hier ist's nicht rein! Ich begegnete heute einem
tschornomrskischen Kosakenunteroffiziere, mit dem ich bekannt bin, -- ich
stand voriges Jahr mit ihm in einer Abtheilung -- so sagte ich ihm also, wo
wir abgestiegen wren; darauf sagte er zu mir: Bruder, sagte er, da,
Bruder, ist die Luft nicht rein; das sind keine gute Leute! . . . Ja, und
nun bitte ich Einen in der That -- was ist das fr ein Blinder! lauft der
Bengel berall allein herum, nach dem Bazar, und nach Brod und nach Wasser
. . . Hier sind sie, wie es scheint, schon alle daran gewhnt.

Hat sich denn die Wirthin nicht wenigstens einmal blicken lassen? . . .

[Funote A: Brat, die gewhnliche Anrede an Untergebene, indessen auch in
seiner eigentlichen Bedeutung gebraucht.]

-- Ja, wie Sie heute aus waren, kam eine Alte mit ihrer Tochter heraus.

Was fr eine Tochter? Sie hat ja keine Tochter.

-- Ja, dann wei Gott was sie ist, wenn sie nicht ihre Tochter ist; sehen
Sie, da sitzt die Alte gerade vor ihrem Fenster. --

Ich ging in die elende Htte hinein. Der Ofen war stark geheizt und eine
fr arme Leute wahrhaft ppige Mahlzeit wurde darin gekocht. Die Alte
antwortete auf alle meine Fragen, da sie taub sei und mich nicht verstehen
knne. Was war mit ihr anzufangen? Ich wandte mich also an den Blinden, der
vor dem Ofen kauerte und Reisig ins Feuer warf. Nun, Du kleiner blinder,
Teufel, sagte ich, indem ich ihn am Ohre fate, wohin bist Du denn diese
Nacht mit dem Bndel gelaufen, he?

Fngt der Junge an zu weinen und zu schreien und zu heulen: -- Wohin
gegangen? Ich nirgend gegangen . . . Mit einem Bundel? Was fr a Bundel? --

Diesmal hatte auch die Alte Ohren und fing an zu belfern: Das ist erlogen,
und noch dazu gegen einen Unglcklichen! Wofr halten Sie ihn denn? Was hat
er Ihnen denn gethan?

Mir war der ganze Kram hchst langweilig, darum ging ich ohne Weiteres
fort, fest entschlossen, den Schlssel zu diesem Rthsel zu entdecken. Ich
wickelte mich in meine Burka, setzte mich am Zaune auf einen Stein, und
schaute in die Ferne; vor mir dehnte sich das vom nchtlichen Sturme noch
aufgeregte Meer aus, und sein eintniges Getse und Gesthn erinnerte mich,
gleich dem nchtlichen Straengerolle einer groen Stadt, an die
dahingeschwundenen Jahre und versetzte meine Gedanken nach dem Norden, in
unsere kalte Residenz. Von Erinnerungen ergriffen, verga ich mich selbst
. . . So sa ich wohl eine Stunde und lnger . . . . Pltzlich berhrt
etwas wie Gesang mein Ohr. Wahrhaftig, das ist ein Liedchen, und noch dazu
von einer frischen Mdchenstimme gesungen, -- aber wo kommt es her? Ich
lausche -- eine herrliche Melodie, jetzt gedehnt und traurig, dann wieder
rasch und feurig; ich blicke um mich -- sehe aber Niemanden rundum; ich
lausche wieder -- die Tne scheinen geradezu vom Himmel zu fallen. Da
richtete ich meinen Blick in die Hhe und siehe da: auf dem Dache meiner
Htte stand ein Mdchen in einem gestreiften Kleide, mit aufgelsten,
loseflatternden Zpfen, eine leibhaftige Undine. Sie schtzte ihre Augen
mit den flachen Hnden vor den Sonnenstrahlen und schaute starr in die
Ferne, bald mit sich sprechend und lachend, bald wiederum ihr Liedchen
singend.

Ich erinnere mich dieses Liedchens noch Wort fr Wort:

   Auf dem freien Wellchen dort --
   Auf dem grnen Meere,
   Tanzen Schiffe auf und ab
      Weibesegelte.

   Zwischen jenen Schiffen tanzt
   Auch mein Nachen durch,
   Nachen ohne Mast und Tau,
      Doppelrudriger.

   Fngt der Sturm sein Liedchen an
   Ach, die alten Schiffe all'
   Lften ihre Flgelchen,
      Stieben auseinander all'.

   O, dann flehe ich das Meer
   Leise, leise, leise:
   Rhr' nicht an, Du bses Meer
      Meine Ldotschka.[A]

   Denn es trgt die Ldotschka
   Sachen wunderbar und schn,
   Und es fhrt in dunkler Nacht
      Sie ein Brausekopf heran.[B]

Unwillkhrlich erinnerte ich mich, da ich in vergangener Nacht dieselbe
Stimme gehrt hatte; ich dachte einen Augenblick darber nach; als ich aber
wieder nach dem Dache blickte, war das Mdchen nicht mehr da. Pltzlich
eilte sie an mir vorber, und etwas anderes anstimmend und mit den Fingern
dazu schnalzend, rannte sie zur Alten und gerieth auch sogleich mit ihr in
einen heftigen Wortwechsel. Die Alte wurde sehr bse und schlug ein lautes,
tiefes Gelchter auf. Auf einmal sehe ich wieder wie meine Undine von ihr
weghpft; als sie bis zu mir herangekommen war, blieb sie pltzlich stehen
und sah mich durchdringend an, als ob sie ber meine Gegenwart verwundert
wre, worauf sie sich gleichgltig umkehrte und langsam der Anfahrt am Ufer
zuschritt. Allein damit war's noch nicht zu Ende: den ganzen Tag drehte sie
sich um meine Wohnung herum; Gesang und Sprnge wechselten ununterbrochen
miteinander ab! -- Ein seltsames Wesen! Auf ihrem Gesichte war nicht das
geringste Zeichen der Geistesabwesenheit ausgedrckt; im Gegentheil, ihre
Augen ruhten oft mit einem durchdringenden Funkeln auf mir, und diese Augen
schienen mir mit einer seltsamen magnetischen Kraft begabt, auch kam es mir
immer vor, als ob sie mich gleichsam zu einer Frage aufforderten. So wie
ich aber anfing zu sprechen, lief sie mit einem feigen Lcheln eiligst
davon. --

[Funote A: Kleiner Nachen.]

[Funote B: Das russische Volkslied bietet selten ein geregeltes Versmaa
dar, eben weil es vom Volke, das des Liedes nur des Gesanges wegen bedarf,
nach Bedrfni improvisirt wird und weil dann fehlende Silben durch lnger
anhaltende Noten oder anderweitige, oft sehr melodische Modulationen der
Stimme ergnzt werden. Vorstehendes Liedchen, das wir im originellen
Silbenmaae fast wrtlich wiedergegeben haben, ist eine solche
Improvisation. Der Reichthum der russischen Literatur an solchen Liedern
ist unermelich; jeder einzelne russische Dialekt hat seine
unerschpflichen Fundgruben; die erste, einigermaen vollstndige, aber
noch nicht ganz erschienene Sammlung derselben sind die Sagen des
russischen Volkes von Sacharoff, 2ter Band 1849. -- Das Werk wartet noch
auf einen deutschen Bearbeiter.]

Ein solches Frauenzimmer ist mir wahrhaftig noch nicht vorgekommen. Sie war
durchaus nichts weniger als schn; allein ich habe auch in Betreff der
Schnheit so meine eigenen Ideen . . . Es steckte viel Race in ihr . . .
und bei Frauenzimmern und Pferden ist die Race eine wichtige Sache: dies
ist eine Entdeckung des jungen Frankreichs. Sie, die Race, und nicht die
Entdeckung des jungen Frankreichs, giebt sich zu erkennen am Gange, an den
Hnden und den Fen und ganz besonders an der Nase, die eine hochwichtige
Bedeutung hat. Eine regelmige Nase ist in Ruland noch viel seltener als
ein kleiner Fu. Meine Sirene mochte ungefhr 18 Jahr alt sein. Die
ungewhnliche Schlankheit ihrer Taille, eine ganz besondere nur ihr
eigenthmliche Haltung des Kopfes, ihr langes blondes Haar, so wie ein
gewisser goldiger Schein ihrer leicht verbrannten Haut an Hals und
Schultern, und nun vor Allem ihre regelmige Nase -- alles dies bte einen
geheimen Zauber ber mich aus. Trotzdem ich in ihren Seitenblicken etwas
Wildes und Verdchtiges wahrnahm, trotzdem da ihr Lcheln einen ganz
besondern, unbestimmten Ausdruck hatte, so war doch die Macht des
Vorurtheils so gro, da mich ihre regelmige Nase ganz um den Verstand
brachte: ich bildete mir ein Gthe's Mignon -- dieses wunderliche Gebilde
seiner germanischen Einbildungskraft -- gefunden zu haben, und in der That
waren sich die Beiden so unhnlich nicht: dieselben raschen Uebergnge aus
der allerberspanntesten Aufregung in die vollstndigste Regungslosigkeit,
-- dieselben rthselhaften Reden, dieselben Sprnge, seltsamen Gesnge u.
s. w.

Gegen Abend hielt ich sie an der Thre fest und hatte folgendes Gesprch
mit ihr:

Sag' mir doch, Liebchen, was hast Du heut da oben auf dem Dache gemacht?

-- Ich sah, woher der Wind blies.

Was kmmert Dich der Wind?

-- Woher der Wind kommt, kommt auch das Glck.

So hast Du wohl gar mit Deinem Liedchen das Glck eingeladen?

-- Wo man singt, da sind die Menschen immer glcklich. --

Wenn Dein Gesang nun aber Unglck brchte?

-- Was liegt daran? Wo nichts besser werden kann, da wird's schlechter, und
vom Schlechten zum Guten ist's wieder nicht weit.

Wer hat Dir denn diese Lieder gelehrt?

-- Gelehrt? Niemand; es kommt mir etwas in den Sinn -- und ich fange an zu
singen; wer es vernehmen soll, der begreift es schon, wer es aber nicht
hren soll, der versteht es nicht. --

Aber wie heit Du denn, liebe Sirene?

-- Wer mich taufte, der wei es schon.

Und wer taufte Dich?

-- Ja, wie soll ich das wissen?

Ei, Du Geheimnivolle, Du! Aber siehst Du, _etwas_ habe ich doch von Dir
erfahren. Sie gab durch keine Vernderung ihrer Zge, durch kein Zucken
ihrer Lippen zu erkennen, da von ihr die Rede war.

Ich habe also erfahren, da Du gestern Nacht am Ufer warst. Und nun
erzhlte ich ihr mit vieler Wichtigkeit alles was ich gesehen hatte und
hoffte sie in Verlegenheit zu setzen; nicht im Geringsten! Sie fing an aus
voller Kehle zu lachen.

-- Da haben Sie freilich viel gesehen und wissen doch wenig, und was Sie
wissen, das halten Sie ja hbsch unter Schlo und Riegel. --

Aber wenn es mir nun einmal einfiele, das dem Kommandanten zu
hinterbringen? sagte ich mit einer sehr wichtigen, ja sogar strengen
Miene.

Da sprang sie pltzlich mit einem liedartigen Schrei davon und verbarg
sich, gleich einem Vgelchen, das aus einem Busche aufgescheucht worden. --
Meine letzten Worte waren durchaus nicht am rechten Orte; damals ahnte ich
noch nicht ihre Wichtigkeit, hatte aber in der Folge Gelegenheit sie zu
bereuen. --

Mit dem Einbruche der Dmmerung befahl ich meinem Kosaken, den Thee, wenn
auch kalt, anzusetzen, steckte ein Licht an, setzte mich an den Tisch und
rauchte gemthlich mein Reisepfeifchen. Ich hatte bereits mein zweites Glas
Thee ausgetrunken, als pltzlich die Thre knarrte und das leichte Rauschen
eines Kleides und flchtiger Tritte in meiner Nhe hrbar ward; ich fuhr
zusammen und sah mich um, -- siehe da, meine Undine. Sie setzte sich leise
und lautlos mir gegenber und heftete ihre Augen auf mich, und -- ich wei
nicht recht warum -- ihr Blick kam mir wunderbar zrtlich vor; er erinnerte
mich an einen jener Blicke, welche in frheren Jahren so eigenmchtig mit
meinem Leben gespielt hatten. --

Sie schien eine Frage von mit zu erwarten, allein ich schwieg, von einer
unerklrlichen Aufregung berwltigt. Ihr Gesicht war von einer
Todtenblsse berzogen, welche die innere Aufregung nur zu sehr verrieth;
ihre Hand fuhr ohne Zweck auf dem Tische herum, und ich bemerkte ein
leichtes Zittern an ihr; ihr Busen wogte bald hoch auf, bald schien sie
wieder den Athem an sich zu halten. Diese Komdie fing an mir lstig zu
werden, und ich war so eben im Begriff, dies Schweigen auf die
allerprosaischste Weise von der Welt zu unterbrechen -- nmlich, ihr eine
Tasse Thee anzubieten -- als sie pltzlich aufsprang, meinen Hals mit ihren
Armen umwand, und ein feuchter, feuriger Ku auf meinen Lippen wiederklang.
Es wurde mir ganz dster vor den Augen, mein Kopf fing an sich zu drehen
und ich drckte sie in meiner Umarmung mit aller Gewalt der jugendlichen
Leidenschaft; aber sie schlpfte mir wie eine Schlange aus den Armen und
raunte mir ins Ohr: Heute Nacht, wenn alles schlft, komm nach dem Ufer,
und fuhr wie ein Blitz aus dem Zimmer. Auf dem Flure rannte sie die
Theekanne und das Licht um, die beide auf dem Fuboden standen. Was fr
ein Hllenmdel! schrie der Kosak, der darauf gerechnet hatte, sich an den
Ueberbleibseln des Thee's gtlich zu thun, und sich nun auf seine Streu
hinstreckte. Jetzt erst kam ich wieder zu mir.

Nach ungefhr zwei Stunden, als alles im Hafen still geworden war, weckte
ich meinen Kosaken auf: Wenn Du einen Pistolenschu hrst, sagte ich zu
ihm, so kommst Du nach dem Ufer! Er ri die Augen auf und antwortete
mechanisch: Sehr wohl, Ew. Gnaden. -- Ich steckte die Pistole in den Gurt
und ging. Sie erwartete mich bereits am Rande der Abfahrt; ihre Kleidung
war mehr als leicht, ein kleines Tuch umwand ihre schlanke Taille anstatt
einer Schrpe.

Folgen Sie mir! sagte sie, indem sie mich bei der Hand fate; -- wir
stiegen das Ufer hinab. Ich begreife nicht, wie ich nicht den Hals dabei
gebrochen; unten angekommen, wandten wir uns rechts, und schlugen denselben
Weg ein, auf welchem ich unlngst dem Blinden gefolgt war. Der Mond war
noch nicht aufgegangen; nur zwei Sternchen schimmerten wie zwei rettende
Leuchtthrme am dunkeln Himmelsgewlbe. Schwerfllige Wellen rollten in
abgemessenen Distanzen hintereinander her, hoben aber kaum den einzigen
Nachen in die Hhe, der am Ufer festgebunden lag.

La uns in den Nachen gehen, begann meine Gefhrtin. Ich schwankte -- ich
bin kein Liebhaber von sentimentalen Spazierfahrten auf dem Meere; indessen
war es jetzt nicht mehr Zeit davon abzustehen. Sie sprang in den Nachen,
ich hinter ihr drein, und ehe ich mich dessen versah, bemerkte ich, da wir
schwimmen.

-- Was soll denn das heien? sagte ich rgerlich.

Das soll heien, antwortete sie, mich auf die Bank drngend, und meine
Taille mit den Armen umwindend, das soll heien, da ich Dich so lieb habe
. . . Und ihre Wangen preten die meinigen und ich fhlte ihren glhenden
Athem ber mein Gesicht dahinstreifen. Auf einmal plumpst etwas ins Wasser;
ich streife nach meinem Grtel -- die Pistole ist fort. O, da stahl sich
ein frchterlicher Verdacht in meine Seele und das Blut peitschte mir nach
dem Kopfe! Ich blicke rund um -- schon sind wir gegen vierhundert Fu vom
Ufer ab, und schwimmen kann ich nicht! Ich versuche es sie von mir
zurckzustoen, sie aber hat sich wie, eine Katze an meine Kleider
festgeklammert; pltzlich stie mich ein heftiger Sto fast ber Bord. Der
Nachen fing an zu schaukeln, ich brachte ihn aber wieder ins Gleichgewicht,
und nun begann zwischen uns ein verzweifelter Kampf; die Wuth verlieh mir
zwar Krfte, allein ich bemerkte sehr bald, da ich meinem Gegner an
Gewandtheit weit nachstand . . .

-- Was willst Du doch von mir? schrie ich sie endlich an, und drckte ihre
kleinen Hnde mit ungeheurer Gewalt zusammen; ihre Finger krachten, sie gab
aber keinen Laut von sich; ihre Schlangennatur hielt diese Probe aus.

Du hast gesehen, entgegnete sie, und Du willst angeben! und mit einer
bernatrlichen Anstrengung ri sie mich am Bord zu Boden; wir schwebten
Beide bis an die Hften aus dem Nachen; ihre Haare berhrten das Wasser:
der Augenblick war entscheidend. Ich stemmte mich mit dem Knie fest gegen
den Boden, ergriff sie mit der einen Hand bei den Haaren, mit der andern
bei der Gurgel; da lie sie meine Kleider los, und in demselben Augenblick
strzte ich sie auch ins Meer.

Es war bereits ziemlich dunkel geworden. Ihr Kopf tauchte noch einigemal
aus den schumenden Wellen hervor und dann war nichts mehr zu sehen . . .

Auf dem Boden des Nachens fand ich die Hlfte eines alten Ruders,
vermittelst dessen es mit nach langen Anstrengungen endlich gelang, die
Abfahrt zu erreichen. Als ich nun am Ufer entlang meiner Htte zuschritt,
blickte ich unwillkhrlich nach jener Seite, wo der Blinde gestern Abend
den nchtlichen Schiffer erwartet hatte; der Mond fing schon an am Himmel
einherzuschreiten, und so schien es mir, als ob dort am Ufer etwas Weies
sitze; ich schlich mich, von der Neugierde gespornt, nher hinzu und legte
mich hinter einem Vorsprung des Ufers der Lnge nach ins Gras, von wo aus
ich alles sehen konnte, was dort unten vorging und war nicht wenig
erstaunt, nein, ich freute mich fast, meine Undine wieder zu erkennen. Sie
drckte den Schaum des Meerwassers aus ihren langen Haaren; das nasse Hemd
zeichnete ihre schlanke Taille und ihre hohe Brust in scharfen Contouren
ab. Nicht lange, so zeigte sich in der Ferne ein Nachen, der sich rasch
nherte; wie am vorigen Abende, sprang auch diesmal ein Mann mit einer
tatarischen Mtze heraus, dessen Haar aber nach Kosakenart geschnitten war
und in dessen ledernem Gurte ein groes Messer blinkte.

Janko! sagte sie, es ist alles verloren!

Hierauf begann ein so leises Gesprch, da ich nicht im Stande war, das
Mindeste davon aufzufassen.

-- Aber wo ist denn der Blinde? sagte endlich Janko mit etwas erhhter
Stimme.

Ich habe ihn fortgeschickt, war die Antwort.

Es dauerte auch nicht lange, so kam der Blinde, mit einem Sacke auf dem
Rcken, den er in das Boot abwarf.

-- Hre, Blinder! sagte Janko, Du giebst gut Acht auf jenen Ort . . . Du
weit, da liegen reiche Waaren . . . sage dem (den Namen konnte ich nicht
hren), da ich ihm lnger nicht dienen kann; die Sache hat eine schlechte
Wendung genommen; er kriegt mich nicht wiederzusehen; es ist jetzt
gefhrlich; ich will mir an einem andern Orte Arbeit suchen, und er wird
einen solchen Wagehals nicht sobald wieder finden. Du kannst ihm auch
sagen, da Janko ihn jetzt nicht im Stiche liee, htte er meine Mhe
besser bezahlt; ich finde berall Brod, wo nur der Wind blst und das Meer
braust! Nach einigem Schweigen fuhr Janko fort: Sie mu mit fort; sie
darf hier nicht zurckbleiben; der Alten kannst Du nur sagen, da sie ja
die Ehre wahre, wenn es jetzt ihr Loos sein sollte umzukommen. -- Uns seht
Ihr nicht mehr wieder.

-- Aber ich? sagte der Blinde mit klglicher Stimme.

Was gehst denn Du mich an? war die Antwort.

Unterdessen war meine Undine in den Nachen gesprungen und hatte ihrem
Gefhrten mit der Hand zugewinkt; dieser drckte dem Blinden etwas in die
Hand, indem er sagte: Da, kaufe Dir Pfefferkuchen. -- Nichts weiter?
sagte der Blinde. -- Nu, da hast Du noch mehr -- ein fallendes Geldstck
erklang auf dem Gesteine. Der Blinde nahm es nicht auf. Janko setzte sich
in den Nachen; der Wind blies grade vom Ufer: rasch zogen sie ein kleines
Segel auf und eilten auf den flchtigen Wogen dahin. Lange schien beim
Lichte des Mondes das weie Segel zwischen den dunklen Wogen hervor; der
Blinde sa noch immer am Meeresufer und ich glaubte ein Schluchzen zu
vernehmen; in der That weinte der blinde Knabe lange, lange . . . Ich war
traurig. Und warum warf mich doch das Schicksal in den friedlichen Kreis
dieser _ehrlichen Schleichhndler_? Wie ein Stein, den man in eine glatte
Wasserflche wirft, hatte ich ihren Frieden aufgestrt, und wie ein Stein
wre ich auch bald auf den Grund gesunken.

Ich kehrte nach Hause zurck. Auf dem Flure flackerte das aufgebrannte
Licht auf einem hlzernen Teller und mein Kosak lag, trotz meines Befehles,
im tiefsten Schlafe, mit beiden Hnden das Gewehr haltend. Ich lie ihn
zufrieden, nahm das Licht und ging in das Zimmer. O weh! Meine Schatulle,
meine Schaschka mit silberner Einfassung, ein Dagestaner-Dolch -- das
Geschenk eines Freundes -- alles war verschwunden. Jetzt errieth ich wohl,
was das fr Sachen gewesen waren, die der verwnschte Blinde da
herangeschleppt hatte. Obgleich ich nun meinen Kosaken mit einem ziemlich
unsanften Stoe aufweckte und ihn tchtig ausschalt, so war doch nichts
mehr zu machen! Und wre es nicht lcherlich gewesen, mich bei der Behrde
zu beschweren, da ein Blinder mich bestohlen und ein achtzehnjhriges
Mdchen mich fast ertrnkt htte? Gott sei Dank, da sich des Morgens
Gelegenheit fand abzureisen und ich dies Nest verlassen konnte. Was aus der
Alten und dem Blinden geworden ist, wei ich nicht. Was gehn denn mich auch
die Freuden und Leiden der Menschen an -- mich, einen herumwandernden
Offizier und noch dazu mit einem Passe in Kronsangelegenheiten! . . .




Die Frstin Mary.



    Dost thou drink tears, that thou provok'st such weeping?


    _Shakspeare_, Venus and Adonis, Stanza 156.


11. Mai.

Gestern kam ich in Ptigorsk an und miethete ein Quartier am Ende der
Stadt, auf einer sehr hochgelegenen Stelle, am Fue des Mschuk, so da
whrend eines Ungewitters die Wolken sich bis auf mein Dach senken werden.
Heut um fnf Uhr Morgens, als ich das Fenster ffnete, fllte sich mein
Zimmer mit dem Dufte der Blumen an, welche in einem bescheidenen
Vordergrtchen wachsen. Die Zweige der blhenden Skirsche schauen mir ins
Fenster und der Wind berschttet bisweilen meinen Schreibtisch mit ihren
weien Blthenblttern. Von drei Seiten habe ich eine wunderschne
Aussicht. Gegen Westen liegt der fnfkuppige Beschtu im Blauen, wie die
letzte Wolke eines zerstobenen Sturmes gegen Norden erhebt sich der
Mschuk, wie eine verbrmte Persermtze, und verdeckt diesen ganzen Theil
des Himmelsgewlbes. Heiterer ist die Aussicht gegen Osten: unten, vor mir,
liegt ein buntes reinliches, neues Stdtchen, sprudeln die Heilquellen,
rauscht die vielsprachige Menge, -- und dort, weiterhin, thrmen sich die
Berge, immer blauer und nebeliger, zum Amphitheater empor, und am Rande des
Horizontes zieht sich die silberne Kette der Schneegipfel hin, mit dem
Kasbek anfangend und mit dem zweikuppigen Elborus endigend. -- -- -- In
solchem Lande lebt's sich heiter! Ein gewisses beruhigendes Trostgefhl ist
durch alle meine Adern ergossen. Die Luft ist rein und frisch, wie der Ku
eines Kindes; die Sonne strahlend, der Himmel blau -- wessen, so scheint
es, bedarf man hier noch mehr? Wozu hier noch Leidenschaften, Wnsche,
Bedauern? . . . Indessen ist es Zeit. Ich mu nun nach der Elisabethquelle
gehen; man sagte mir, da sich dort des Morgens die ganze
Brunnengesellschaft versammelte.

Als ich mich in die Mitte der Stadt begab, ging ich auf den Boulevards
umher, wo ich einige traurige Gruppen langsam den Berg hinaufsteigen sah;
es waren meistentheils die Familien von Steppen-Gutsbesitzern; dies war
leicht zu errathen an den abgetragenen altmodischen Ueberrcken der Herren
und den geschmacklosen Kleidungen der Frauen und Tchter. Es war zu sehen,
da sie alle jungen Badegste schon kannten, da sie mit zrtlicher
Neugierde nach mir blickten: die Petersburger Form meines Waffenrockes
fhrte sie irre; als sie indessen die Epauletten eines Armeeoffiziers an
mir wahrnahmen, wandten sie sich unwillig von mir.

Die Frauen der Gegend selbst, so zu sagen die Brunnenwirthinnen, waren
herablassender; sie haben Lorgnetten und richten ihre Aufmerksamkeit
weniger auf die Uniform; sie sind bereits gewohnt, im Kaukasus unter einem
nummerirten Knopfe ein feuriges Herz, und unter der weien Mtze einen
gebildeten Verstand anzutreffen. Diese Damen sind sehr gtig und sind es
lange! Jedes Jahr werden ihre Verehrer durch Neue abgelst und hierin liegt
vielleicht das Geheimni ihrer unerschpflichen Liebenswrdigkeit. Als ich
auf einem engen Pfade zur Elisabethquelle hinanstieg, berholte ich eine
Menge Civil- und Militairpersonen, welche, wie ich spter erfuhr, eine
besondere Klasse von Leuten unter denen bilden, die auf eine Wirkung des
Brunnens hoffen. Sie trinken -- nur kein Wasser, gehn wenig spazieren,
machen nur im Vorbergehen den Damen die Cour, spielen und klagen ber
Langeweile. Sie sind Stutzer und nehmen, so oft sie ihre umflochtenen
Glser in den Sauerbrunnen tauchen, eine akademische Stellung an; die
Civilpersonen tragen hellblaue Halstcher, die Militairs lassen aus den
Kragen die Vatermrder hervorgucken. Sie affektiren eine tiefe Verachtung
gegen die Damen aus der Provinz und seufzen nach den aristokratischen
Salons der Residenzen, wo sie nicht zugelassen werden.

Endlich bin ich am Brunnen . . . Auf einem Pltzchen unweit des Brunnens
steht ein Huschen mit einem rothen Dache ber dem Becken; etwas weiter
befindet sich eine Gallerie zum Spazierengehen whrend des Regens. Mehre
verwundete Offiziere saen auf einer Bank, ihre Krcken zusammenhaltend,
bla und traurig. Einige Damen gingen mit raschen Schritten auf und nieder,
in Erwartung der Wirksamkeit des Wassers. Unter ihnen befanden sich zwei
bis drei recht artige Gesichter. Aus den Nebenalleen, welche den Abhang des
Mschuk bedecken, tauchte dann und wann das bunte Htchen einer Liebhaberin
der Einsamkeit zu Zweien hervor, denn stets bemerkte ich hinter einem
solchen Hute eine Militairmtze, oder einen formlosen runden Hut. Auf dem
steilen Felsen, wo ein Pavillon steht welcher den Namen Aeols-Harfe fhrt,
standen einige Liebhaber von Aussichten, welche ihre Telescope nach dem
Elborus richteten; unter ihnen befanden sich zwei Gouverneure mit ihren
Zglingen, die hierher gekommen waren, um sich von den Skrofeln heilen zu
lassen.

Ich blieb erschpft am Rande des Berges stehen und begann, an die Ecke des
Huschens gelehnt, die malerische Umgegend zu betrachten, als ich pltzlich
hinter mir eine bekannte Stimme hre:

Petschorin! schon lange hier?

Ich wende mich um: Gruschnitzki! Wir umarmten uns. Ich hatte in einer
aktiven Abtheilung seine Bekanntschaft gemacht. Er hatte eine Schuwunde am
Beine, und war eine Woche spter als ich ins Bad gereist. Gruschnitzki ist
Fhndrich. Er dient erst seit einem Jahre und trgt aus ganz besonderer
Koketterie einen dicken Soldatenmantel, auch hat er das St. Georgen
Soldatenkreuzchen. Er ist wohlgebaut, hat eine dunkelbraune Gesichtsfarbe
und schwarzes Haar; seinem Aeuern nach knnte man ihm fnf und zwanzig
Jahre geben, ob er gleich kaum ein und zwanzig alt ist. Wenn er spricht,
wirft er den Kopf hinten ber und ringelt mit der linken Hand seinen
Schnurrbart, denn mit der rechten sttzt er sich auf die Krcke; auch
spricht er schnell und hochtrabend: er ist einer von denen, die auf alle
Vorflle des Lebens schwlstige Redensarten in Bereitschaft haben, welche
das einfach Schne nicht rhrt, und die sich wichtig in ungewhnliche
Passionen und ausnahmsweise Leiden hllen. Effekt zu machen ist ihr
hchster Genu, darum gefallen sie den romantischen Damen der Provinz bis
zum Wahnsinn. Im Alter werden sie theils friedliche Gutsbesitzer, theils
Trunkenbolde, bisweilen das Eine und das Andere. In ihrer Seele liegen oft
recht viele gute Eigenschaften, aber nicht fr einen Heller Poesie.
Gruschnitzki's Leidenschaft war die des Deklamirens; er berschttet einen
mit Worten, sobald das Gesprch nur irgend den gewhnlichen Ideenkreis
verlt; ich konnte nie mit ihm streiten. Er antwortet einem gar nicht auf
das Gesagte, er hrt einem gar nicht zu; kaum hlt man aber etwas inne, so
fngt er eine lange Tirade an, die sich scheinbar an das Gesagte
anschliet, in der That aber nichts anders ist als die Fortsetzung seiner
eigenen Rede.

Er ist ziemlich witzig; seine Epigramme sind oft recht unterhaltend,
niemals aber sind sie treffend und bitter; er schlgt keinen mit _Einem_
Worte nieder; er kennt nicht die Leute und ihre schwachen Seiten, denn er
beschftigte sich whrend seines ganzen Lebens nur mit sich selbst. Sein
hchster Zweck ist -- der Held eines Romans zu werden. Er war so oft bemht
die Andern davon zu berzeugen, da er ein, nicht fr diese Welt
geschaffenes, einem gewissen geheimen Leiden berantwortetes Wesen sei, da
er zuletzt fast selbst daran glaubte. Darum trgt er auch mit solchem
Stolze seinen dicken Soldatenmantel. Ich durchschaute ihn sogleich, deshalb
liebt er mich auch nicht, obgleich wir uerlich in den
freundschaftlichsten Beziehungen stehen. Gruschnitzki steht im Rufe eines
sehr tapfern Soldaten; ich sah ihn im Gefechte: er wirthschaftet mit dem
Sbel herum, schreit und wirft sich mit blinzelnden Augen vorwrts. Das ist
immer nicht die wahre russische Tapferkeit.

Ich mag ihn auch nicht leiden: ich fhle, da wir einst einmal auf einem
engen Wege zusammenstoen werden, und es dem Einen von uns nicht wohl
bekommen wird . . .

Seine Ankunft im Kaukasus ist ebenfalls eine Folge seines romantischen
Fanatismus. Ich bin berzeugt, da, am Vorabend seiner Abreise aus dem
vterlichen Erbdorfe, er mit dsterer Miene irgend einer niedlichen
Nachbarin sagte: da er nicht Dienste nimmt, wie dies gewhnlich geschieht,
sondern, da er den Tod sucht, weil . . . hier fhrt er denn, die Hand ber
die Augen gehalten, fort: Nein, Sie (oder Du) sollen das nie erfahren!
Ihre reine Seele wrde erbeben! Wozu das auch? Was bin ich Ihnen? Knnen
Sie mich je verstehen? . . . und so fort.

So erzhlte er mir selbst, da der Grund, der ihn veranlate ins K.
Regiment zu treten, ein ewiges Geheimni zwischen ihm und dem Himmel
bleiben wrde.

Uebrigens ist Gruschnitzki in solchen Augenblicken, wo er die tragische
Drappirung abwirft, recht liebenswrdig und unterhaltend. Es ist mir immer
interessant, ihn mit Damen zu sehen; da kann ich mir vorstellen, wie er
sich abqult.

Wir kamen uns wie alte Freunde entgegen. Ich fing an ihn ber die
Lebensweise im Badeort und die Hauptpersonen desselben zu befragen.

-- Wir fhren ein ziemlich prosaisches Leben, erwiederte er seufzend.
Diejenigen, welche des Morgens Wasser trinken, sind welk, wie alle Kranken,
die aber des Abends Wein trinken, sind unausstehlich wie alle Gesunden.
Damengesellschaft ist wohl da; bei ihnen ist indessen wenig Trost zu holen:
sie spielen Whist, kleiden sich schlecht, und sprechen schauderhaft
franzsisch. In diesem Jahre ist aus Moskau nur die einzige Frstin
Ligoffska mit ihrer Tochter hergekommen; doch bin ich mit ihnen nicht
bekannt. Mein Soldatenmantel scheint mir die allgemeine Abneigung
zuzuziehen. Die Theilnahme, welche er etwa hervorruft, liegt wie ein
Almosen auf mir.

In diesem Augenblicke gingen zwei Damen an uns vorbei, dem Brunnen zu; die
eine ltlich, die andere jugendlich, wohlgebaut. Ihre Gesichter sah ich,
der vorstehenden Hte wegen, nicht; doch waren sie nach den strengsten
Regeln des feinsten Geschmackes gekleidet: Nichts Ueberflssiges. Die
letztere trug ein hohes Kleid gris de perles; ein leichtes seidenes Fichu
umwand ihren schlanken Hals. Ihre Stiefelchen couleur puce umspannten ihr
dnnes Fchen am Knchel so reizend, da selbst ein in den Mysterien der
Schnheit Uneingeweihter unbedingt ein Ach! ausgestoen htte, wenn auch
nur vor Verwunderung. Ihr leichter, doch sehr edler Gang hatte etwas
mdchenhaftes, das jeder Erklrung entschlpft, vom Blicke aber wohl
verstanden wird. Als sie an uns vorberging, wehte uns von ihr jener
unerklrbare Duft entgegen, von welchem bisweilen der Brief eines reizenden
Frauenzimmers athmet.

Das ist die Frstin Ligoffska, sagte Gruschnitzki, und die mit ihr ist
ihre Tochter Mary, wie sie dieselbe nach englischer Manier nennt. Sie sind
erst seit drei Tagen hier.

-- Und doch kennst Du bereits ihre Namen?

Ja, ich hrte sie zufllig, antwortete er errthend, ich gestehe ganz
offen, ich wnsche gar nicht mit ihnen bekannt zu werden. Diese stolze
Aristokratie blickt auf uns Armeeoffiziere wie auf Wilde herab. Und was
kann es sie kmmern, ob unter einer nummerirten Feldmtze Verstand liegt
und ein Herz unter einem dicken Soldatenmantel?

-- Armer Mantel! sagte ich lchelnd; aber wer ist der Herr, der auf sie
zugeht und ihnen so dienstfertig das Glas reicht?

O! Das ist der Moskauer Stutzer Rajwitsch! Er ist ein Spieler: das sieht
man sogleich an der enormen goldenen Kette, welche sich auf seiner blauen
Weste herumschlngelt. Und was fr einen dicken Stock er hat -- absolut wie
Robinson Crusoe; und nun gar diesen Bart und die Coiffre  la mougik![A]

-- Du bist ja gegen das ganze Menschengeschlecht erbost.

Ja, ich habe wohl Ursache . . .

-- O! wirklich?

In diesem Augenblicke verlieen die Damen den Brunnen und gingen dicht an
uns vorber. Gruschnitzki war es eben noch gelungen, mit Hlfe seiner
Krcke eine dramatische Position anzunehmen, und er antwortete mir laut auf
franzsisch:

Mon cher, je hais les hommes pour ne pas le mpriser, car autrement la vie
serait une farce trop dgoutante.

Die reizende junge Frstin wandte sich um und beschenkte den Redner mit
einem langen, neugierigen Blicke. Der Ausdruck dieses Blickes war ungemein
unbestimmt, doch nicht ironisch, weshalb ich ihm im Innern der Seele dazu
gratulirte.

-- Diese Frstin Mary ist das reizendste Wesen von der Welt, sagte ich zu
ihm. Sie hat ein Paar sammetne Augen -- absolute Sammetaugen: ich wrde Dir
rathen, Dir diesen Ausdruck anzueignen, wenn Du von ihren Augen sprichst;
die unteren und oberen Augenwimpern sind so lang, da die Sonnenstrahlen
ihr nie den Augapfel berhren knnen. Ich liebe diese glanzlosen Augen: sie
sind so weich, sie thun einem so wohl . . . Uebrigens ducht mir, drckt
ihr Gesicht nur Gutes aus . . . Aber was ich sagen wollte . . hat sie auch
weie Zhne? Das ist sehr wichtig! Es ist Schade, da sie auf Deine
stattliche Phrase nicht lchelte.

[Funote A: Mougiki, Bauern, Leibeigene, welche das Haar rund geschoren
tragen; wie man wohl sagt: nach der Metze geschnitten.]

Du sprichst ja von einem schnen Frauenzimmer wie von einem englischen
Pferde, sagte Gruschnitzki unwillig.

-- Mon cher, entgegnete ich ihm, indem ich mich bemhte seinen Ton
nachzuahmen: je mprise les femmes pour ne pas les aimer, car autrement la
vie serait un mlodrame trop ridicule.

Ich wandte mich um und verlie ihn. Whrend einer halben Stunde ging ich in
den Rebenalleen ber die Kalkfelsen und durch die zwischen ihnen hngenden
Bsche spazieren. -- Allmlig wurde es aber hei, so da ich den Rckweg
nach Hause antrat. Als ich an dem Sauerbrunnen vorberging, hielt ich an
der steilen Gallerie still, um in ihrem Schatten mich etwas abzukhlen;
dies gewhrte mir die Gelegenheit Zeuge einer ziemlich interessanten Scene
zu sein. Die handelnden Personen derselben befanden sich in folgender
Position: Die Frstin sa mit dem Moskauer Stutzer auf einer Bank der
bedeckten Gallerie, beide, wie es schien, in ein wichtiges Gesprch
vertieft. Die junge Frstin, die wahrscheinlich ihr letztes Glas bereits
getrunken hatte, ging gedankenvoll vor dem Brunnen auf und ab. Gruschnitzki
stand am Brunnen selbst; sonst war Niemand auf dem ganzen Pltzchen.

Ich schritt nher hinzu und versteckte mich hinter die Ecke der Gallerie.
In diesem Augenblicke lie Gruschnitzki sein Glas auf den Sand fallen und
strengte sich an, sich niederzubeugen, um es wieder aufzuheben: der kranke
Fu verhinderte ihn daran! Der Arme! wie er sich auf seine Krcke gesttzt,
abqulte, und so ganz umsonst. Sein ausdrucksvolles Gesicht drckte in der
That Leiden aus.

Die junge Frstin Mary sah alles dies besser als ich selbst. Leichter als
ein Vgelchen hpfte sie an ihn heran, bckte sich, hob das Glas auf und
reichte es ihm mit einer unaussprechlich reizenden Bewegung, des Krpers:
hierauf errthete sie ungemein, blickte nach der Gallerie zurck und
nachdem sie die Ueberzeugung erlangt hatte, da ihre Mutter nichts davon
gesehen, schien sie sich sofort zu beruhigen. Als Gruschnitzki den Mund
ffnete, um ihr zu danken, war sie schon weit entfernt. Nach einer Minute
kam sie mit ihrer Mutter und dem Stutzer aus der Gallerie heraus, nahm
aber, als sie an Gruschnitzki vorberging, eine sehr vornehme und strenge
Miene an -- wandte sich selbst nicht um, bemerkte nicht einmal den
leidenschaftlichen Blick, mit dem er sie lange begleitete, bis sie endlich
beim Hinuntersteigen vom Berge hinter den Linden des Boulevards verschwand
. . . Noch einmal tauchte ihr Htchen in der Strae auf; dann eilte sie in
die Thre eines der besten Huser von Ptigorsk; hinter ihr ging die
Frstin hinein, die an der Thre von Rajwitsch Abschied nahm.

Erst jetzt bemerkte der arme leidenschaftliche Junker meine Gegenwart.

Sahest Du? sagte er, indem er mit die Hand stark drckte: sie ist
geradezu ein Engel!

-- Warum? fragte ich mit der alleraufrichtigsten Miene.

So hast Du nicht gesehen?

-- Doch, ich sah: sie hob Dein Glas auf. Wre dort ein Wchter gewesen, so
htte er dasselbe gethan, und noch viel eiliger, indem er hoffen konnte ein
Trinkgeld zu erhaschen. Uebrigens ist es sehr begreiflich, da Du ihr leid
thatest: Du machtest eine so frchterliche Grimasse, als Du auf Dein
durchschossenes Bein tratest . . .

Und Du warst nicht im Mindesten gerhrt, indem Du sie in dieser Minute
sahst, wo ihre ganze Seele auf ihrem Antlitz glnzte?

-- Nein.

Ich log; ich hatte aber Lust ihn zu peinigen. Mir ist die Leidenschaft des
Widersprechens angeboren; mein ganzes Leben war nur eine Kette trauriger
und unglckseliger Widersprche gegen mein Herz oder meinen Verstand. Die
Gegenwart eines Enthusiasten ergreift mich jedesmal mit furchtbarer Klte,
ebenso glaube ich, da hufige Beziehungen zu einem abgestorbenen
Phlegmatiker einen leidenschaftlichen Schwrmer aus mir gemacht haben
wrden. Ich gestehe ferner: ein unangenehmes aber wohlbekanntes Gefhl lief
in diesem Augenblicke ber mein Herz; dieses Gefhl war -- der Neid; ich
sage dreist der Neid, denn ich habe mich daran gewhnt mir alles zu
gestehen; und schwerlich mchte sich ein junger Mann finden lassen, der
beim Anblicke eines schnen Frauenzimmers, die seine mige Aufmerksamkeit
auf sich zieht und vor ihm offenbar einen Anderen, ihr nicht minder
Unbekannten, auszeichnete -- schwerlich, sage ich, mchte sich ein solcher
junger Mann finden lassen (der, versteht sich, in der groen Welt gelebt
hat und gewhnt ist seine Eigenliebe zu htscheln), welcher hierdurch nicht
unangenehm berhrt worden wre.

Schweigend stiegen wir, Gruschnitzki und ich, vom Berg hinab und gingen auf
dem Boulevard spazieren, an den Fenstern des Hauses vorbei, wo unsere
Schne versteckt war. Sie sa am Fenster. Gruschnitzki stie mich an den
Arm, und warf ihr einen jener aufbrausenden, zrtlichen Blicke zu, welche
auf die Damen so geringe Wirkung haben. Ich richtete meine Lorgnette auf
sie und bemerkte, da sie in Folge seines Blickes lchelte, da sie
hingegen ber meine dreiste Lorgnette sich auerordentlich rgerte. Und
wie, in der That, wagt es ein kaukasischer Armeeoffizier eine Moskauer
Frstin zu lorgnettiren? . . .


Den 13. Mai.

Heute Morgen kam der Doktor zu mir: sein Name ist Werner, er ist aber
Russe. Was wre da Auerordentliches? Ich kannte einen Iwnow, der ein
Deutscher war.

Werner ist ein merkwrdiger Mann in vielfacher Beziehung. -- Er ist
Skeptiker und Materialist wie fast alle Aerzte, zu gleicher Zeit aber ist
er auch Poet, und das in vollem Ernste, -- ein Poet in der That immer, und
oft in seinen Worten, ob er gleich in seinem ganzen Leben nicht zwei Verse
geschrieben. Er studirte alle lebendigen Saiten des menschlichen Herzens,
wie man die Adern an einem Leichnam studirt, doch wute er seine
Wissenschaft niemals zu benutzen: so kann bisweilen ein ausgezeichneter
Anatomiker das Fieber nicht vertreiben. Gewhnlich lchelt Werner im
Geheimen ber seine Kranken, doch sah ich einst, wie er vor einem
sterbenden Soldaten weinte . . . Er war arm, trumte von Millionen, that
aber fr's Geld keinen unntzen Schritt. Einst sagte er zu mir, da er eher
einem Feinde eine Geflligkeit erweisen wolle, als einem Freunde, weil das
seine Dienstfertigkeit verkaufen hiee, whrend der Ha nur im Verhltni
der Gromuth des Gegners zunimmt. Er hatte eine bse Zunge. Unter dem
Aushngeschilde seiner Epigramme wurde mehr als ein Gimpel fr einen
gemeinen Narren ausgeschrieen; seine Nebenbuhler, die neidischen
Brunnenrzte, verbreiteten das Gercht, als ob er nach seinen Kranken
Karrikaturen zeichne, -- die Kranken erbleichten, und fast alle fielen von
ihm ab. Seine Freunde, das heit, alle wahrhaft anstndigen Leute, die im
Kaukasus dienen, bemhten sich umsonst, seinen gefallenen Kredit wieder zu
heben.

Sein Aeueres war von jenen, welche beim ersten Anblick unangenehm
berhren, welche aber in der Folge ansprechen, wenn das Auge erst gewhnt
ist in den unregelmigen Zgen den Ausdruck eines erfahrenen, hohen
Geistes zu lesen. Es gab Beispiele, da Damen sich bis zum Wahnsinn in
solche Leute verliebten und deren Hlichkeit nicht fr die Schnheit der
frischesten, rosigsten Endymione vertauscht haben wrden. Man mu den Damen
Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie haben das angeborene Gefhl fr die
geistige Schnheit; daher kommt es vielleicht, auch, da Mnner, wie
Werner, so leidenschaftlich die Weiber lieben.

Werner war von kleinem Wuchse und mager und schwach wie ein Kind; eins
seiner Beine war kleiner als das andere, wie bei Byron; im Vergleich zum
Rumpfe schien sein Kopf ungemein gro; er hielt sein Haar unter einem Kamme
zurckgestrichen, so da die Unebenheiten seines Schdels jeden Phrenologen
durch die seltsame Verflechtung der widersprechendsten Neigungen berrascht
haben wrden. Seine kleinen schwarzen, fortwhrend unruhigen Augen waren
bemht, die Gedanken der andern zu durchdringen. In seiner Kleidung
herrschte Geschmack und Sauberkeit; seine mageren, gederten, kleinen Hnde
brsteten sich stets in hellgelben Handschuhen. Sein Ueberrock, sein
Halstuch und seine Weste waren bestndig schwarzer Farbe. Die jungen Leute
nannten ihn einen Mephistopheles; er that als nehme er diesen Beinamen
bel, in der That aber schmeichelte derselbe seiner Eigenliebe. Wir
verstanden uns bald und wurden Bekannte, denn der Freundschaft bin ich
unfhig; von zwei Freunden ist der eine immer der Sklave des andern,
obgleich keiner von ihnen dies eingestehen will. Sklave mag ich nicht sein,
und in solchem Falle zu befehlen ist eine lstige Mhe, denn man mu
zugleich auch betrgen; dann habe ich ja auch Bedienten und Geld! Bekannte
wurden wir auf folgende Weise: ich begegnete Werner in S. inmitten eines
zahlreichen, lauten Kreises von jungen Leuten; das Gesprch nahm gegen das
Ende des Abends eine philosophisch-metaphysische Richtung; man sprach von
den Ueberzeugungen: jeder war berzeugt von den verschiedenartigsten
Dingen. --

Was mich betrifft, so bin ich nur von Einem berzeugt . . . sagte der
Doktor.

-- Und wovon das? fragte ich, begierig, die Meinung eines Mannes zu
erfahren, der bisher geschwiegen hatte.

Davon, antwortete er, da ich frh oder spt an einem schnen Morgen
sterben werde.

-- So bin ich reicher als Sie, sagte ich: ich habe, auer jener, noch eine
Ueberzeugung, nmlich die, da ich an einem sehr hlichen Abende das
Unglck hatte, geboren zu werden.

Alle fanden, da wir Unsinn sprchen, doch hat wahrhaftig keiner von ihnen
etwas Vernnftigeres gesagt. Seit jenem Augenblicke unterschieden wir uns
von der Menge. Wir gingen oft miteinander, und sprachen zu Zweien sehr
ernsthaft ber abstrakte Dinge, bis wir endlich bemerkten, da wir uns
gegenseitig hintergingen. Dann sahen wir einander bedeutungsvoll in die
Augen, wie die rmischen Auguren nach den Worten Cicero's, fingen an recht
herzlich zu lachen, und lachend gingen wir auseinander, zufrieden mit
unserem Abende.

Ich lag auf dem Divan, die Augen an die Decke geheftet, die Hnde unter dem
Nacken gekreuzt, als Werner in mein Zimmer trat. Er setzte sich in einen
Lehnstuhl, stellte seinen Rohrstock in eine Ecke, ghnte und erklrte, da
es drauen sehr hei sei. Ich erwiederte ihm, da mich die Fliegen
beunruhigten -- und wir schwiegen Beide.

-- Bemerken Sie, lieber Doktor, sagte ich, da es ohne Thoren auf der Welt
recht langweilig sein wrde . . . Sehen Sie uns zwei vernnftige Leute an;
wir wissen im Voraus, da man ber alles bis in die Unendlichkeit streiten
kann, und deshalb streiten wir nicht; wir kennen fast alle geheime Gedanken
des Andern; ein Wort ist uns eine ganze Geschichte; wir sehen den Keim
jedes unserer Gefhle selbst inmitten einer dreifachen Schale. Das Traurige
ist uns lcherlich, das Lcherliche traurig; im Allgemeinen aber, um die
Wahrheit zu sagen, sind wir gegen Alles ziemlich gleichgltig, auer gegen
uns selbst. So kann also ein Austausch der Gefhle und Gedanken zwischen
uns nicht Statt finden: wir wissen der eine von dem andern alles, was wir
wissen wollen, und mehr wissen wollen wir nicht; so bleibt uns denn noch
ein Mittel brig: Neuigkeiten mitzutheilen. Erzhlen Sie mir irgend eine
Neuigkeit.

Von der langen Rede ermdet, schlo ich die Augen und ghnte . . .

Er antwortete nach einigem Nachdenken: In unserm Gallimatias ist indessen
doch noch eine Idee --

-- Zwei Ideen! entgegnete ich.

So sagen Sie mir die eine, ich werde Ihnen die andere sagen.

-- Gut, beginnen Sie! sagte ich, indem ich fortfuhr, nach der Decke zu
sehen und in mir lchelte.

Sie mchten gern einige Details in Bezug auf einige der neuangekommenen
Badegste vernehmen, und ich errathe bereits, um wen es sich hier handelt,
da man sich dort schon nach Ihnen erkundigt hat.

-- Doktor! wahrhaftig, wir drfen miteinander nicht mehr reden: wir lesen
einander in der Seele.

Jetzt die zweite . . .

-- Die zweite Idee war die: ich wollte Sie irgend etwas erzhlen lassen;
erstens, weil es weniger ermdet, zuzuhren; zweitens, braucht man sich
nicht zu versprechen; drittens, kann man ein fremdes Geheimni erfahren;
viertens, weil so verstndige Herren wie Sie, lieber Zuhrer als Erzhler
leiden mgen. Jetzt zur Sache: Was sagte Ihnen die Frstin Ligoffska von
mir?

Sind Sie so sehr berzeugt, da es die Frstin war . . . und nicht ihre
Tochter?

-- Vollkommen berzeugt.

Warum?

-- Weil die junge Frstin sich nach Gruschnitzki erkundigte.

Sie haben eine groe Combinationsgabe. Die junge Frstin sagte, sie sei
berzeugt, da dieser junge Mann im Soldatenmantel wegen eines Duelles zum
Soldaten degradirt worden sei.

-- Ich hoffe doch, Sie lieen sie in diesem sen Irrthume . . .

Natrlich.

-- Die Verwickelung ist, da! rief ich mit Entzcken aus; fr die
Entwickelung dieser Komdie wollen wir spter sorgen. Offenbar ist das
Schicksal bemht, mir die Langeweile zu vertreiben.

Ich ahne, sagte der Doktor, da der arme Gruschnitzki Ihr Opfer werden
wird . . .

-- Fahren Sie fort, Doktor . . .

Die Frstin meinte, da Ihr Gesicht ihr bekannt sei. Ich bemerkte ihr, da
Sie ihr wahrscheinlich in Petersburg irgendwo in der groen Welt begegnet
wren . . . ich nannte Ihren Namen. Er war ihr bekannt. Wie es scheint, hat
Ihre Affaire dort viel Aufsehen gemacht . . . Hierauf begann die Frstin
von Ihren Abenteuern zu erzhlen, indem sie wahrscheinlich zu den
Verlumdungen der groen Welt ihre eigenen Bemerkungen hinzufgte . . . Das
Tchterchen hrte neugierig zu. Ihre Einbildungskraft machte Sie sogleich
zum Helden eines Romans im neuesten Geschmacke. Ich widersprach der Frstin
nicht, ob ich schon wute, da sie Unsinn sprach.

-- Wrdiger Freund! sagte ich, ihm die Hand entgegenstreckend. Der Doktor
drckte sie mit Wrme und fuhr fort: --

Wenn Sie wollen, so stelle ich Sie vor . . .

-- Wo; denken Sie hin! rief ich aus, indem ich die Hnde zusammenschlug:
werden denn Helden jemals vorgestellt? Sie machen nicht anders
Bekanntschaft, als indem sie ihr Liebchen von einem sichern Tode erretten
. . .

Also wollen Sie wirklich der jungen Frstin die Cour machen? . . .

-- Durchaus nicht, gerade das Gegentheil! . . . Doktor, endlich trage ich
den Sieg davon! Sie verstehen mich nicht! . . . Uebrigens thut mir das
leid, Doktor, fuhr ich nach einem minutenlangen Schweigen fort: ich
enthlle niemals meine Geheimnisse selbst, ich liebe ungemein, da man sie
errth, weil ich in diesem Falle mich immer davon lossagen kann. Indessen
mssen Sie mir noch Mutter und Tochter beschreiben . . . Was sind es fr
Leute?

Zuerst also die Frstin: sie ist eine Frau von 45 Jahren, entgegnete
Werner; sie hat einen guten Magen, aber verdorbenes Blut; auf den Wangen
rothe Flecken. Die letzte Hlfte ihres Lebens brachte sie in Moskau zu, und
wurde dort mit Gemchlichkeit recht dick. Sie liebt schlpferige Anekdoten
und spricht wohl selbst dann und wann unanstndige Dinge, wenn ihre Tochter
nicht im Zimmer ist. Sie erklrte mir, da ihre Tochter so unschuldig sei
wie eine Taube. Was geht das mich an? Ich htte ihr gern geantwortet, sie
knne ganz ruhig sein, ich wrde es an Niemanden weiter sagen! Die Frstin
nimmt Bder gegen den Rheumatismus, ihre Tochter nimmt sie Gott wei
weshalb. Ich befahl ihnen Beiden tglich zwei Glas Sauerbrunnen zu trinken
und wchentlich zweimal ein gemischtes Wannenbad zu nehmen. Wie es scheint,
ist die Frstin nicht gewhnt zu befehlen: sie hat eine hohe Achtung vor
dem Verstande und den Kenntnissen ihrer Tochter, welche Byron englisch
gelesen hat und Algebra versteht: offenbar haben sich in Moskau die jungen
Damen auf die Gelehrsamkeit geworfen, und wahrhaftig, sie thun wohl daran!
Unsere Herren sind im Allgemeinen so wenig liebenswrdig, da es fr ein
verstndiges Frauenzimmer unertrglich sein mu, mit ihnen zu kokettiren.
Die Frstin liebt sehr die jungen Herren; ihre Tochter blickt mit einiger
Verachtung auf dieselben, -- eine Moskauer Gewohnheit! Die Damen werden in
Moskau blo gro gezogen, damit sie in ihrem 40sten Jahre Witzbolde seien.

-- Sie waren also in Moskau, Doktor?

Ja, ich hatte da einige Praxis.

-- Fahren Sie fort.

Ja, es scheint, ich habe alles gesagt . . . Doch halt, noch eins: die
junge Frstin scheint es zu lieben, ber Gefhle, Leidenschaften u. s. w.
zu urtheilen. Sie brachte einen Winter in Petersburg zu, wo es ihr nicht
gefallen hat, besonders sprach sie die dortige Gesellschaft nicht an;
wahrscheinlich hatte man sie kalt aufgenommen.

-- Sie sahen heute weiter Niemand bei ihnen?

Im Gegentheil; es war noch ein Adjutant, ein steifer Gardeoffizier und
eine Dame von den neuangekommenen dort, eine Verwandte der Frstin von
Seiten ihres Mannes, sehr hbsch, nur wie es scheint sehr krank . . . .
Begegneten Sie ihr nicht am Brunnen? -- sie ist von mittlerem Wuchse,
Blondine, mit regelmigen Gesichtszgen, hat eine schwindschtige
Gesichtsfarbe, und auf der rechten Wange ein schwarzes Muttermaal: ihr
Gesicht frappirte mich wegen seines Ausdrucks.

-- Ein Muttermaal! brummte ich durch die Zhne vor mich hin. Wre es
mglich?

Der Doktor blickte mich an und sagte siegreich, indem er mir die Hand ans
Herz legte: Sie ist Ihnen bekannt! . . Mein Herz schlug in der That
strker als gewhnlich.

-- Jetzt ist es Ihre Reihe zu siegen! sagte ich: indessen verlasse ich mich
auf Sie; Sie werden mich nicht tuschen. Ich habe sie noch nicht gesehen,
bin aber berzeugt in Ihrem Portrait eine Dame zu erkennen, die ich in
frherer Zeit liebte . . . Sprechen Sie ihr kein Wort von mir; frgt sie,
so berichten Sie Schlechtes von mir.

Wie's beliebt! sagte Werner, die Achseln zuckend.

Als er fortgegangen war, schnrte ein furchtbarer Kummer mein Herz
zusammen. Fhrte uns das Geschick wieder im Kaukasus zusammen, oder war sie
absichtlich hierher gekommen, wohl wissend, da sie mich hier wiederfinden
wrde? . . . Und wie sehen wir uns wieder? . . . und dann, ist sie es auch?
. . . Meine Ahnungen haben mich nie getuscht. Auf der Welt ist kein
Mensch, ber den das Vergangene eine solche Macht erlangt htte, wie ber
mich. Jede Erinnerung an vergangenes Leid oder entschwundenes Entzcken,
schlgt krankhaft in meine Seele und entlockt ihr stets dieselben Tne
. . . Ich bin dumm organisirt: nichts vergesse ich -- nichts!

Nachmittags gegen sechs Uhr ging ich auf den Boulevard; eine Menge Leute
waren dort: die Frstin sa mit ihrer Tochter auf einer Bank, umringt von
jungen Herren, welche ihr um die Wette den Hof machten. Ich nahm in einiger
Entfernung auf einer andern Bank Platz, hielt zwei bekannte Offiziere fest
und fing an ihnen einiges zu erzhlen; -- offenbar war das Erzhlte
lcherlich, denn sie fingen an zu lachen wie die Wahnsinnigen. Bald zog die
Neugierde noch einige aus der Umgebung der jungen Frstin zu mir herber;
nach und nach verlieen sie auch die brigen und schlossen sich meinem
kleinen Kreise an. Ich war unerschpflich; meine Anekdoten waren witzig bis
zum Unsinn, meine Ausflle auf die vorbergehenden Originale beiend zum
Rasendwerden . . . Ich fuhr fort das Publikum bis gegen Sonnenuntergang zu
belustigen. Einige Male war die junge Frstin am Arme ihrer Mutter an mir
vorbergegangen, von einem lahmen Greise begleitet; einige Male hatte ihr
Blick, wenn er auf mich fiel, Aerger ausgedrckt, obwohl er gleichgltig
scheinen sollte . . .

Was erzhlte er Ihnen denn? fragte sie einen der jungen Herren, der aus
Artigkeit zu ihr zurckgekehrt war: wahrscheinlich eine sehr interessante
Geschichte -- seine Siege in den Schlachten? . . . Sie sagte dies ziemlich
laut und wahrscheinlich in der Absicht, mich zu stechen. Aha! dachte ich:
Sie werden nicht umsonst bse, meine schne junge Frstin; warten Sie nur,
es wird schon noch besser kommen!

Gruschnitzki folgte hinter ihr wie ein wildes Thier, und lie sie nicht aus
dem Auge: ich mache eine Wette, da er morgen Jemand bitten wird, ihn der
Frstin vorzustellen. Es wird ihr sehr angenehm sein, denn sie hat
Langeweile.


16. Mai.

Im Verlauf zweier Tage ist meine Angelegenheit ungemein vorgerckt. Die
junge Frstin hat mich aufs Bestimmteste; man hat mir schon zwei bis drei
Epigramme wiedererzhlt, die auf meine Rechnung gemacht wurden, und die,
obgleich ziemlich beiend, mir zu gleicher Zeit sehr schmeichelhaft sind.
Es kommt ihr ungemein seltsam vor, da ich, der ich an gute Gesellschaft
gewhnt bin, und gegen ihre Petersburger Cousinen und Tanten so artig war,
mich nicht bemhe mit ihr bekannt zu werden. Wir begegnen uns jeden Tag am
Brunnen und auf dem Boulevard; ich wende alle meine Krfte auf, ihre
Verehrer, die glnzenden Adjutanten sowohl wie die blassen Moskowiter und
alle anderen von ihr abspenstig zu machen, -- und fast immer gelingt es
mir. Ich hate es bisher immer, Gste bei mir zu haben; jetzt ist jeden Tag
mein Haus voll, man dinirt, soupirt, spielt -- und, o weh, mein Champagner
siegt ber die magnetische Kraft ihrer Aeugelein!

Gestern traf ich sie im Schelchow'schen Magazine; sie handelte auf eine
prachtvolle persische Decke. Die Frstin bat ihre Mutter, nicht zu
knickern: dieser Teppich wrde ihr Kabinet so ungemein zieren! . . . Ich
gab vierzig Rubel mehr und erstand ihn; dafr wurde ich mit einem Blicke
belohnt, in welchem die entzckendste Wuth blitzte. Gegen die Mittagszeit
befahl ich absichtlich, vor ihren Fenstern mein tscherkessisches Pferd auf
und ab zu fhren, das mit diesem Teppiche bedeckt war. Werner war gerade
bei ihnen und erzhlte mir, da der Effekt dieser Scene ein wahrhaft
dramatischer gewesen sei. Die junge Frstin will eine Schilderhebung gegen
mich predigen; ich bemerkte sogar, da bereits zwei Adjutanten in ihrer
Gegenwart sich sehr kalt mit mir begren; indessen speisen sie jeden Tag
bei mir zu Mittag.

Gruschnitzki hat eine geheimnivolle Miene angenommen: er geht mit auf dem
Rcken zurckgeworfenen Armen und erkennt Niemanden; sein Bein ist
pltzlich hergestellt, kaum da er etwas hinkt. Es war ihm gelungen, mit
der Frstin in eine Unterhaltung zu treten und hatte bei dieser Gelegenheit
der jungen Frstin irgend ein Kompliment gesagt; diese ist, wie es scheint,
eben nicht sehr peinlich, denn seit der Zeit erwiedert sie seinen Gru mit
einem hchst grazisen Lcheln.

Du willst also durchaus nicht mit der Frstin bekannt werden, sagte er
gestern zu mir.

-- Nein, durchaus nicht!

Aber ich bitte Dich, das angenehmste Haus im ganzen Bade! Die beste
hiesige Gesellschaft bemht sich . . .

-- Mein Freund, mich hat so manche gute Gesellschaft schon schrecklich
gelangweilt. Du besuchst sie also?

Nein, noch nicht; ich sprach hchstens zweimal mit der jungen Frstin,
nicht fter, und dann weit Du wohl, da man nicht so in ein Haus strmen
kann, obgleich man hier ziemlich frei ist . . . Ganz was anders wre es,
wenn ich Epauletten trge!

-- Aber, lieber Freund, Du bist ja so viel interessanter; Du verstehst es
blo nicht, Deine vortheilhafte Lage zu benutzen; macht Dich doch Dein
Soldatenmantel in den Augen jedes gefhlvollen Fruleins zum Helden und zum
Dulder.

Gruschnitzki lchelte selbstgefllig. Was Du fr Unsinn sprichst, sagte
er.

-- Ich bin berzeugt, fuhr ich fort, da die junge Frstin schon lngst in
Dich verliebt ist.

Er errthete bis ber die Ohren und blhte sich.

O Selbstliebe! Du bist der Hebel, mit welchem Archimedes die Erdkugel
aufheben wollte! . . .

Du spaest gern, erwiederte er, indem er sich etwas beleidigt anstellte;
erstens kennt sie mich noch so wenig . . .

-- Die Weiber lieben nur diejenigen, welche sie nicht kennen. --

Ich mache aber auch gar keinen Anspruch darauf ihr zu gefallen, ich will
nur die Bekanntschaft eines angenehmen Hauses machen; auch wre es sehr
lcherlich, wenn ich irgend welche Hoffnungen, nhrte . . . Ihr hingegen,
Ihr Petersburger, mit Euch ist es ganz etwas anders . . . Ihr Petersburger
Sieger braucht nur hinzusehen, so thauen die Weiber schon auf . . . und
weit Du auch, Petschorin, da die junge Frstin von Dir gesprochen hat?

-- Wie so? hat sie schon mit Dir von mir gesprochen?

Freue Dich indessen nicht zu sehr darber. Ich war zufllig mit ihr am
Brunnen in ein Gesprch gerathen, ihr drittes Wort war: Wer ist der Herr
mit dem unangenehmen, stechenden Blicke, er war mit Ihnen als . . . sie
errthete und wollte den Tag nicht nher bezeichnen, indem sie sich ihrer
Zuvorkommenheit erinnerte. Sie haben nicht nthig, mir den Tag zu nennen,
sagte ich zu ihr, er wird mir ewig denkwrdig bleiben! . . . Freund
Petschorin, ich kann Dir nicht Glck wnschen, denn Du stehst schlecht bei
ihr angeschrieben und das ist wahrhaftig Schade, denn Mary ist sehr
liebenswrdig!

Ich mu bemerken, da Gruschnitzki zu den Leuten gehrt, welche, wenn sie
von einem Frauenzimmer sprechen, das sie kaum kennen gelernt haben, sie
sogleich meine Mary, meine Sophie, nennen, vorausgesetzt, da sie nur das
Glck hatte ihnen zu gefallen.

Ich nahm eine ernste Miene an und erwiederte ihm: -- Ja, sie ist nicht bel
. . . indessen nimm Dich in Acht, Gruschnitzki! die russischen Damen nhren
sich zum groen Theile nur von platonischer Liebe, man darf daher keinen
Gedanken auf ein Ehebndni unterhalten; die platonische Liebe ist aber die
allerunruhigste. Die junge Frstin scheint zu jenen Frauenzimmern zu
gehren, welche verlangen, da man sie angenehm unterhalte; langweilt sie
sich jemals nur zwei Minuten an Deiner Seite, so bist Du unwiderruflich
verloren: Dein Schweigen mu ihre Neugierde erwecken, Dein Gesprch das
ihre niemals ganz befriedigen, Du mut sie in jeder Minute entzcken; sie
wird zehnmal fr Dich. ffentlich ihre Meinung verlugnen und dies ein
Opfer nennen, und um sich dafr zu belohnen, Dich unaufhrlich qulen und
zu guter letzt sagen, da sie Dich nicht leiden kann.

Wenn Du keine Gewalt ber sie erlangst, so giebt Dir selbst ihr erster Ku
kein Recht auf den zweiten; sie wird mit Dir kokettiren, bis sie genug hat,
und nach vielleicht zwei Jahren verheirathet sie sich mit irgend einer
Migestalt aus lauter Gehorsam gegen ihre Mutter; dann sagt sie Dir wohl,
da sie unglcklich ist und da sie nur _einen_ Menschen auf der Erde
liebte (nmlich Dich), da es aber dem Himmel nicht gefallen hat, sie mit
Diesem zu vereinigen, weil er -- einen Soldatenmantel trug, obgleich unter
diesem dicken, grauen Mantel ein glhendes, edles Herz pochte . . .

Gruschnitzki schlug mit der Faust auf den Tisch und fing an im Zimmer auf
und ab zu gehen.

Ich lachte in meinem Innern und konnte sogar zweimal ein sichtbares Lcheln
nicht zurckdrngen, was Gruschnitzki aber zum Glcke nicht bemerkte. Es
ist klar, er ist verliebt, denn er ist noch leichtglubiger geworden als er
frher war; an seinem Finger trug er sogar schon einen silbernen Ring mit
einem Herzen, hiesiger Arbeit. Das kam mir sehr verdchtig vor. Ich
betrachtete ihn genauer, und siehe da, was sah ich? . . . mit kleinen
Buchstaben war der Name Mary in die innere Seite eingravirt, so wie das
Datum des Tages, an welchem sie das berhmte Glas aufgehoben hatte! Ich
behielt diese Entdeckung fr mich, auch will ich kein Gestndni von ihm
erzwingen, denn er soll mich von selbst zu seinem Vertrauten whlen, und
dann ist es an mir zu schwelgen.

                   *       *       *       *       *

Heute bin ich erst spt aufgestanden; ich ging nach dem Brunnen, fand aber
Niemand mehr dort. Unterdessen war es recht hei geworden; weie
gekruselte Gewlke zogen rasch von den Schneebergen herber und
verkndeten Sturm; die Kuppe des Mschuk rauchte wie eine erloschene
Fackel; rund um ihn wanden sich und krochen, wie Schlangen, graue
Wolkengebilde, die, in ihrem Fluge aufgehalten, an die Dornen seiner
Gestruche festgekettet schienen. Die Luft war mit Electricitt
geschwngert. Ich vertiefte mich in die Nebenallee, welche zur Grotte
fhrt; ich war schwermthig, denn ich gedachte jenes jungen Frauenzimmers
mit dem Muttermaale auf der Wange, von welcher mir der Doktor gesprochen
hatte. Warum ist sie hier? und ist sie es auch? und warum glaube ich denn,
da sie es ist, ja, warum bin ich selbst davon berzeugt? Als ob es nicht
mehr Frauen mit einem Muttermaale auf der Wange gbe! Unter diesen Gedanken
hatte ich die Grotte erreicht. Ich blicke hinein: im khlen Schatten ihrer
Wlbung sitzt auf einer steinernen Bank eine Frau in einem Strohhute, in
einen schwarzen Shawl gehllt, den Kopf auf die Brust gesenkt; der Hut
verbarg ihr Gesicht. Ich wollte eben umkehren, um sie nicht in ihren
Trumereien zu stren, als ihr Blick auf mich fiel.

-- Wra,[A] rief ich unwillkhrlich aus.

Sie fuhr zusammen und erblate. -- Ich wute, da Sie hier sind, sagte
sie. Ich setzte mich neben sie und ergriff ihre Hand. Ein lngstvergessenes
Beben durchzitterte meine Adern beim Tone dieser sen Stimme; sie blickte
mit ihren tiefen, ruhigen Augen in die meinigen; es lag in ihnen ein
gewisses Mitrauen und etwas, was einem Vorwurf hnlich war.

[Funote A: Wra, Glaube, Ljubw, Liebe, Nadshda, Hoffnung, sind in
Ruland hufig gebrauchte weibliche Eigennamen.]

-- Wir haben uns lange nicht gesehen, begann ich.

Lange -- und haben uns Beide sehr verndert.

-- Heit das so viel, als da Du mich nicht mehr liebst? --

Ich bin vermhlt, entgegnete sie.

-- Wieder? Indessen existirte dieser Grund vor einigen Jahren auch, und
doch -- Sie zog ihre Hand aus der meinigen; ihre Wangen glhten.

-- So liebst Du vielleicht Deinen zweiten Mann?

Sie antwortete nichts und wandte sich ab.

-- Oder ist er sehr eiferschtig?

Schweigen.

-- Wie? So ist er jung, schn, wahrscheinlich besonders reich und Du
frchtest . . . Ich blickte sie an und erschrak; ihr Gesicht trug den
Ausdruck der tiefsten Verzweiflung, in ihren Augen glnzten Thrnen.

Nicht wahr, stammelte sie endlich, es macht Dir viel Vergngen, mich zu
qulen? ich mte Dich eigentlich hassen; seit wir uns kennen, hast Du mir
nichts gegeben als Leid und Weh . . . ihre Stimme zitterte. Sie neigte
sich zu mir und lehnte ihren Kopf an meine Brust.

-- Wohl mglich, dachte ich bei mir selbst, da Du mich eben deshalb
liebtest . . . die Freuden vergit man bald, den Kummer nie . . .

Ich schlo sie fest in meine Arme und hielt sie lange umschlungen. Endlich
nherten sich unsere Lippen und flossen in einem heien, berauschenden
Kusse zusammen; ihre Hnde waren kalt wie Eis, ihr Kopf glhte.

Hierauf entspann sich zwischen uns eins von jenen Gesprchen, welche auf
dem Papiere gar keinen Sinn haben, die man gar nicht wiederholen, ja, an
die man selbst nicht erinnern mu. Die Bedeutung der Tne ersetzt und
vervollstndigt die Bedeutung der Wrter wie in der italienischen Oper.

Sie will durchaus nicht, da ich die Bekanntschaft ihres Mannes mache,
jenes lahmen, alten Mnnchens, das ich im Vorbeigehen auf dem Boulevard
gesehen hatte; sie hat ihn ihres Sohnes wegen geheirathet. Er ist brigens
reich und leidet an Rheumatismus. Ich erlaubte mir nicht den geringsten
Ausfall gegen ihn, denn sie verehrt ihn wie einen Vater -- und wird ihn
betrgen wie einen Mann . . Ein seltsames Ding ist das menschliche Herz im
Allgemeinen, und das weibliche im Besondern.

Der Gemahl Wra's, Semen Wassiljewitsch G. . . ist ein entfernter
Verwandter der Frstin Ligoffska; er wohnt dicht neben ihr; Wra sieht die
Frstin sehr oft, und ich gab ihr mein Wort, die Bekanntschaft der Mutter,
und der jungen Frstin die Cour zu machen, um so die Aufmerksamkeit von ihr
abzulenken. Auf diese Weise werden meine Plne in nichts gestrt, und ich
werde meine Freude daran haben. --

Meine Freude! ich habe aber bereits jene Periode des Seelenlebens
durchlaufen, wo man nur dem Glcke nachjagt; in welcher das Herz die
Nothwendigkeit fhlt, irgend Jemanden innig und leidenschaftlich zu lieben;
jetzt fhle ich nur noch das Bedrfni geliebt zu werden und auch das nur
noch von sehr wenigen; es scheint mir sogar, da ich an einer bestndigen
Anhnglichkeit genug htte. Welch eine leidige Gewohnheit des Herzens!
. . .

Eins war mir immer seltsam . . . ich wurde nie zum Sklaven einer Geliebten;
im Gegentheil erlangte ich stets ber ihren Willen und ber ihr Herz eine
unwiderstehliche Macht, obgleich ich nie danach gestrebt habe. Woher mag
dies kommen? Vielleicht daher, da mir niemals etwas unaussprechlich theuer
war, und da sie jede Minute befrchten muten, mich zu verlieren? oder ist
es der magnetische Einflu eines starken Organismus? Oder gelang es mir
ganz einfach nicht, auf ein Frauenzimmer von hartnckigem Charakter zu
stoen?

Auch mu ich gestehen, da ich die Frauenzimmer von Charakter eben nicht
liebe; ist denn das ihre Sache?

Richtig, jetzt erinnere ich mich: einmal, ein einzigesmal liebte ich ein
Weib von fester Willenskraft, welches ich niemals besiegen konnte . . . wir
schieden als Feinde; -- doch wer wei, htte ich sie fnf Jahre spter
getroffen, ob wir uns nicht anders getrennt htten . . .

Wra ist krank, sehr krank, obgleich sie es nicht Recht haben will; ich
frchte, sie hat die Schwindsucht oder jene Krankheit, welche man fivre
lente nennt, eine Krankheit, die so wenig russisch ist, da wir in unserer
Sprache nicht einmal einen Namen dafr haben.

Der Sturm berraschte uns in der Grotte und hielt uns lnger als eine halbe
Stunde darin gefangen. Sie nthigte mich nicht, ihr die Versicherung meiner
Treue zu geben; sie fragte nicht, ob ich seit unserer Trennung Andere
geliebt habe, sie vertraute mir auf's Neue mit der frheren Sorglosigkeit
-- und ich tusche sie nicht; sie ist das einzige Weib auf der Welt, welche
ich nicht im Stande wre zu tuschen. Ich wei wohl, da wir uns bald
wieder trennen mssen, und diesmal vielleicht fr immer: Beide gehen wir
auf verschiedenen Wegen dem Grabe entgegen; doch die Erinnerung an sie wird
unverwischlich in meiner Seele zurckbleiben. Ich habe ihr das immer
wiederholt und sie glaubt mir auch, obgleich sie das Gegentheil behauptet.
Endlich trennten wir uns; lange folgte ich ihr mit den Blicken, bis sich
ihr Hut hinter den Gestruchen und Felsen verbarg. Mein Herz zog sich
krankhaft zusammen wie nach der ersten Trennung. O, wie mich dieses Gefhl
entzckte! Sollte wohl gar die Jugend mit ihren wohlthuenden Strmen auf's
Neue zu mir zurckkehren? oder ist es nur ihr letzter Abschiedsblick, ihre
letzte Gabe zur Erinnerung? Es kommt mir lcherlich vor, wenn ich bedenke,
da mein Aeueres noch immer das eines Jnglings ist . . . mein Gesicht ist
zwar bla, doch frisch; die Glieder geschmeidig und krftig; mein volles
Haar wallt, die Augen glhen, das Blut kocht . . .

Sobald ich nach Hause zurckgekehrt war, setzte ich mich zu Pferde und ritt
hinaus in die Steppe; ich mag gern auf einem feurigen Rosse durch das hohe
Gras gegen den Wstenwind jagen; mit Gier sauge ich die duftige Luft ein,
und richte den Blick in die blaue Ferne, bemht die nebeligen Umrisse der
Gegenstnde zu erfassen, welche von Minute zu Minute klarer und bestimmter
werden. Welcher Gram auch auf dem Herzen laste, welche Unruhe auch die
Gedanken ermde, Alles zerstiebt im Augenblicke; in der Seele wird einem so
leicht; die Ermdung des Krpers berwindet die Aufregung des Geistes. Es
giebt keinen Blick eines Weibes, den ich nicht beim Anblick der lockigen
Berge verge, wenn sie von der Mittagssonne in duftiges Roth gehllt
daliegen, -- den ich nicht dem Lcheln des blauen Himmels oder dem
Gerusche des Waldstroms, der von Fels zu Felsen strzt, verge.

Ich glaube, die Kosaken, die auf ihren Wachtposten ghnten, zerbrachen sich
lange den Kopf mit dem Rthsel, das ich ihnen darbot, als sie mich so ohne
allen Grund und ohne Ziel dahinstrmen sahen; denn der Kleidung nach
hielten sie mich wahrscheinlich fr einen Tscherkessen. Man hat mir in der
That versichert, da ich im tscherkessischen Costm zu Pferde einem
Kabardinzer hnlicher sei als viele Kabardinzer. -- In der That bin ich,
was diese edle kriegerische Kleidung anbetrifft, ein vollkommener Dandy.
Nicht Eine Tresse zu viel; die Waffen sind werthvoll, aber von einfacher
Arbeit; das Rauhwerk an der Mtze nicht zu lang und nicht zu kurz, die
Nesteln und Verbrmungen sind mit aller nur mglichen Genauigkeit
angeheftet; mein Beschmet ist wei, mein Tscherkessenmantel dunkelbraun.
Ich habe mich lange der tscherkessischen Art zu reiten befleiigt, und
nichts kann meiner Eigenliebe so schmeicheln, als wenn man meine Kunst, auf
kaukasische Weise zu reiten, anerkennt. Ich halte vier Pferde: eins fr
mich, drei fr meine Freunde, um der langen Weile zu entgehen mich allein
umherzuschleppen; sie machen mit Vergngen von meinen Pferden Gebrauch,
reiten aber niemals mit mir zusammen aus. Es war bereits sechs Uhr
Nachmittags, als ich mich erinnerte, da es Zeit sei zu essen; mein Pferd
war ermdet, ich lenkte es daher auf den Weg, welcher von Ptigorsk nach
einer deutschen Kolonie fhrt, wohin die Brunnengesellschaft sehr oft zum
Piquenique geht. Der Weg dahin windet sich zwischen Gebschen, indem er
bisweilen durch kleine Schluchten fhrt, wo unter dem Schatten hoher Grser
rauschende Bche dahinflieen; rundum erheben sich amphitheatralisch die
blauen Gebirgskolosse des Beschtu, des Schlangenberges, des Eisen- und des
Kahlenberges. Ich betrat eine dieser Schluchten, welche im hiesigen Dialekt
Balka heien und hielt still, um mein Pferd zu trnken; in demselben
Augenblicke wurde auf dem Wege eine laute und glnzende Kavalkade sichtbar;
die Damen in schwarzen und blauen Amzonen, die Herren im buntesten Gemisch
des tscherkessischen und nishegartskischen Costm; voran ritt Gruschnitzki
mit der Frstin Mary.

Die Damen, welche das Bad besuchen, glauben noch immer an die Anflle der
Tscherkessen am hellen, lichten Tage; aus diesem Grunde wahrscheinlich
hatte Gruschnitzki ber seinen Soldatenmantel eine Schaschka gehngt und
ein paar Pistolen in den Gurt gesteckt, in welcher heldenmigen
Ausstaffirung er ziemlich lcherlich aussah. Ein hohes Gestruch verbarg
mich vor ihnen, doch konnte ich sie durch dessen Bltter Alle sehen und an
dem Ausdruck ihrer Mienen errathen, da ihr Gesprch ein sentimentales war.
Endlich nherten sie sich der Schlucht; Gruschnitzki fhrte das Pferd der
Frstin beim Zgel; ich hrte zufllig das Ende, ihrer Unterhaltung.

So wollen Sie also Ihr ganzes Leben im Kaukasus zubringen? sagte die
Frstin.

-- Was ist mir Ruland, antwortete ihr Kavalier: ein Land, wo Tausende von
Leuten, weil sie reicher sind als ich, mit Verachtung auf mich blicken
wrden, whrend hier -- hier, dieser dicke Mantel mich nicht verhinderte,
Ihre Bekanntschaft zu machen.

Im Gegentheil . . . sagte die Frstin errthend.

Das Gesicht Gruschnitzki's drckte hohe Selbstzufriedenheit aus. Er fuhr
fort: Hier fliet mein Leben unter den Kugeln der Wilden geruschvoll
unbemerkt und rasch dahin, und wenn mir der liebe Gott jedes Jahr nur einen
hellen Mdchenblick gewhrt, einen Blick wie der . . .

In diesem Augenblicke waren sie dicht vor mir; ich gab meinem Pferde einen
Schlag mit der Reitpeitsche und sprengte aus dem Gestruch hervor.

Mon dieu, un Circassien! schrie die Frstin mit Entsetzen auf.

Um ihr ihren Irrthum aufs vollkommenste zu benehmen, antwortete ich mit
einer leichten Verbeugung: Ne craignez rien, madame, je ne suis pas plus
dangereux que votre cavalier.

Sie war verwirrt, -- doch weshalb? war's ber ihren Irrthum oder weil meine
Antwort ihr zu keck schien? Ich hatte gewnscht, da die letztere
Voraussetzung die richtigere gewesen wre. Gruschnitzki warf mir einen
unzufriedenen Blick zu.

Abends spt, gegen eilf Uhr, ging ich in der Lindenallee des Boulevard's
spazieren. Die Stadt schlief, nur in einigen Fenstern schimmerten noch
Lichter. Von drei Seiten erhoben sich dunkle Felsenkmme, Zweige des
Mschuk, auf dessen Spitze ein unheilverkndendes Wlkchen lag; der Mond
stieg im Osten auf; in der Ferne, wie mit silbernen Fransen umstickt,
erglnzten die Schneeberge. Der Ruf der Wachen wurde vom Gerusche der
heien Quellen unterbrochen, die des Nachts losgelassen werden. Dann und
wann ertnte ein lautes Pferdegetrappel durch die Straen, vom Geknarre der
Arba, (eines hohen zweirdrigen Wagens) und einem melancholischen,
tatarischen Liedchen begleitet.

Ich setzte mich auf eine Bank und versank in Gedanken.

Ich fhlte die Nothwendigkeit, meine Gedanken in einem vertrauten Gesprche
zu ergieen . . . aber mit wem . . . Was macht jetzt Wra, dachte ich? ich
wrde viel darum gegeben haben, htte ich ihr in diesem Augenblicke die
Hand drcken knnen. Pltzlich hre ich rasche und ungleiche Schritte
. . . wahrscheinlich Gruschnitzki . . . und so war es in der That.

-- Woher?

Von der Frstin Ligoffska, antwortete er sehr wichtig; o, wie Mary
singt!

-- Weit Du was, sagte ich zu ihm, ich wette, sie wei nicht, da Du Junker
bist; sie denkt gewi, Du seiest ein degradirter Offizier . . .

Das kann sein; was geht das mich an, antwortete er mit Zerstreuung.

-- Nein, ich meine nur so.

Aber weit Du wohl, da Du sie heute auerordentlich aufgebracht hast? Sie
fand, da Dein Betragen unerhrt frech war; ich konnte sie nur mit Mhe
berzeugen, da Du eine gute Erziehung habest und die Welt zu gut kennest,
als da es Deine Absicht htte sein knnen, sie zu beleidigen; sie meint,
Du habest einen unverschmten Blick und wahrscheinlich eine sehr hohe
Meinung von Dir selbst.

-- Sie irrt sich nicht! . . . aber Du, willst Du nicht ihre Eroberung
machen?

Leider habe ich noch kein Recht dazu.

-- Aha! dachte ich, er nhrt also doch bereits Hoffnungen.

Uebrigens kommst Du bei alle dem nur um so schlechter weg, fuhr
Gruschnitzki fort; jetzt wird es Dir sehr schwer werden, mit ihnen
Bekanntschaft zu machen, und das ist Schade; es ist eins der angenehmsten
Huser, die ich nur kenne . . .

Ich lchelte bei mir selbst. -- Das angenehmste Haus fr mich ist
gegenwrtig das meine, sagte ich ghnend, indem ich aufstand, um
fortzugehen.

Indessen gestehe selbst, da Du darber ergrimmt bist!

-- Was fr ein Unsinn! Wenn ich sonst will, so kann ich Morgen Abend bei
der Frstin sein! --

Nun, wir wollen sehen.

-- Wenn es Dir Vergngen macht, will ich sogar der jungen Frstin den Hof
machen . . .

Ja, wenn sie nur berhaupt mit Dir sprechen will.

-- Ich warte blo den Augenblick ab, wo sie sich an Deinem Gesprch
langweilt; Adieu!

Ich mu mich durchaus noch etwas ergehen; fr nichts auf der Welt knnte
ich jetzt einschlafen. Hre, la uns lieber in die Restauration gehen, dort
wird gespielt, und ich bedarf heute der starken Aufregungen.

-- So wnsche ich, da Du verspielen mgest. Mit diesen Worten begab ich
mich nach Hause.


Den 21. Mai.

Wiederum ist bereits eine Woche vergangen und ich bin immer noch nicht mit
den Ligoffska's bekannt geworden. Ich warte auf eine gnstige Gelegenheit.
Gruschnitzki folgt der Frstin berall, wie ihr Schatten; ihre Gesprche
finden gar kein Ende; wann wird sie seiner berdrssig sein? . . . Ihre
Mutter richtet nicht die geringste Aufmerksamkeit auf das ganze Verhltni,
denn er ist kein Brutigam fr sie. Das nenne ich mtterliche Logik! Ich
fing zwei bis drei zrtliche Blicke auf und mu dem Dinge endlich ein Ende
machen.

Gestern erschien Wra zum erstenmal am Brunnen. Sie ist seit unserm
Zusammentreffen in der Grotte noch nicht aus dem Hause gewesen. Wir
schpften zu gleicher Zeit mit unsern Glsern das Wasser aus dem Brunnen,
wobei sie mir zuflsterte, indem sie sich etwas vorbog:

So willst Du nicht die Bekanntschaft der Ligoffska machen? Wir knnen uns
nur dort sehen.

Ein Vorwurf! Unausstehlich! aber ich habe ihn verdient. --

-- Apropos! Morgen soll im Restaurationssaale ein Subscriptionsball Statt
finden; auf diesem will ich mit der jungen Frstin die Mazurka tanzen.


Den 29. Mai.

Der Restaurationssaal war in einen adligen Versammlungssaal verwandelt
worden. Der Ball begann um neun Uhr. Die Frstin war mit ihrer Tochter
unter den zuletzt erscheinenden; so manche Dame sah mit Neid und Migunst
auf sie, denn die Frstin Mary kleidet sich mit vielem Geschmacke.
Diejenigen, welche sich zu den hiesigen Aristokraten rechnen, verbargen
ihren Neid und begrten sie. Wie konnte dem anders sein? In einer
Gesellschaft von Damen bildet sich auch sogleich ein hherer und ein
niederer Kreis. Gruschnitzki stand am Fenster im dicksten Gewhl, indem er
sein Gesicht ans Fensterglas drckte und kein Auge von seiner Gttin
verwandte; beim Vorbergehen gab sie ihm ein kaum bemerkliches Zeichen mit
dem Kopfe. Er strahlte wie die Sonne . . . Der Tanz begann mit einer
Polonaise, auf welche ein Walzer gespielt wurde. Die Sporen klirrten, die
Gewnder wogten und rauschten. Ich stand hinter einer dicken Dame, welche
unter rosafarbenen Federn begraben war; der Prunk ihres Kleides erinnerte
an die Zeit der Reifrcke, und die Buntscheckigkeit ihrer rauhen Haut an
die glckliche Epoche der Schnpflsterchen aus schwarzem Taffet. Eine
ungeheuer groe Warze am Halse war von einem Fermoir berdeckt. Sie sagte
zu ihrem Kavaliere, einem Dragoner-Kapitaine:

Diese junge Frstin ist ein unausstehliches Jngferchen! Stellen Sie sich
vor, sie hat mich gestoen und nicht einmal um Entschuldigung gebeten, sich
vielmehr noch umgekehrt und mich lorgnettirt . . . C'est impayable! Und
worauf bildet sie sich so viel ein? Der mte man einmal einen Denkzettel
geben.

-- Daran soll es ihr nicht fehlen; entgegnete ihr der dienstfertige
Kapitain und begab sich in ein anderes Zimmer.

Ich ging sogleich auf die Frstin zu und forderte sie zum Walzen auf, den
hiesigen freien Gebruchen gem, die einem erlauben, mit Damen, denen man
zuvor nicht vorgestellt war, zu tanzen.

Sie konnte sich kaum bezwingen ein Lcheln zurckzudrngen und ihren
Triumph zu verbergen; indessen gelang es ihr noch schnell genug, eine
vollkommen gleichgltige, ja sogar strenge Miene anzunehmen. Sie lehnte
nachlssig ihren Arm auf meine Schulter, bog ihr Kpfchen etwas auf die
Seite, -- und wir begannen.

Ich kenne keine reizendere, zartere Taille! Ihr frischer Athem streifte
ber mein Gesicht; bisweilen spielte eine im wirbelnden Fluge des Walzers
losgelste Locke auf meiner glhenden Wange . . . Ich machte drei Touren
(sie walzt wunderbar leicht!). Sie war ganz auer Athem, ihre Augen waren
ihr wie verwirrt; kaum konnten ihre halbgeffneten Lippen das herkmmliche:
merci, monsieur! hervorbringen. Nach einigen Minuten tiefen Stillschweigens
von meiner Seite sagte ich, indem ich die bescheidenste Miene machte:

-- Ich habe gehrt, meine Frstin, da, obgleich ich Ihnen vllig fremd
bin, ich dennoch das Unglck hatte ihre Ungnade zu verdienen . . . da Sie
mein Betragen befremdete . . . Wre es mglich?

Wie es scheint, wnschen Sie, da ich Sie in dieser Meinung besttige,
antwortete sie mit einem ironischen Zuge, der ihrer beweglichen
Physiognomie brigens recht wohl ansteht.

-- Wenn ich die Khnheit hatte, Sie irgendwie zu beleidigen, so erlauben
Sie mir die noch viel grere, Sie um Verzeihung zu bitten. Ich wnsche in
der That Ihnen zu beweisen, da Sie sich in Betreff meiner sehr geirrt
haben.

Es mchte Ihnen doch etwas schwer werden . . .

-- Und warum das?

Weil Sie unser Haus nie besuchen und diese Blle sich wahrscheinlich nicht
oft wiederholen werden.

-- Das heit, dachte ich bei mir selbst, da ihre Thren mir auf ewig
verschlossen sind. -- Wissen Sie wohl, Frstin, sagte ich mit einem Anflug
von Bedauern, da man nie einen reuigen Snder verwerfen mu, weil er aus
Verzweiflung doppelt so schuldig werden kann, und dann . . .

Ein lautes Gelchter und Zischeln der uns Umstehenden veranlate mich, mich
umzudrehen und meine Phrase zu unterbrechen. In der Entfernung von einigen
Schritten stand eine Gruppe von Mnnern, unter denen sich auch der
Dragoner-Hauptmann befand, welche ihre feindlichen Absichten gegen die
schne Frstin offen kund gaben. Der Hauptmann besonders schien mit etwas
sehr zufrieden zu sein, rieb sich die Hnde, lachte laut auf und winkte
seinen Genossen zu. Pltzlich erschien aus ihrer Mitte ein Herr im Fracke,
mit langem Schnurrbart und rothem Gesichte, welcher seine unsicheren
Schritte gerade auf die Frstin zulenkte; er war betrunken.

Als er vor der erbebenden Frstin mit auf dem Rcken zusammengeschlagenen
Hnden stillstand und seine umnebelten, grauen Augen auf sie richtete, hob
er mit falscher Diskantstimme an:

Permettez! Ei was Ceremonien! ich engagire Sie hiermit zur Mazurka! --

-- Was ist Ihnen gefllig, sagte sie mit zitternder Stimme, indem sie einen
hlferufenden Blick um sich warf. Leider hatte sich ihre Mutter entfernt
und keiner der ihr bekannten Kavaliere war in der Nhe; ein Adjutant zwar
schien Alles zu sehen, was vorging, verbarg sich aber in dem groen Haufen,
um nicht in diese Geschichte mit hineingezogen zu werden.

Wie? sagte der betrunkene Herr, welcher dem Dragoner-Hauptmann zuwinkte,
der ihn seinerseits durch Zeichen ermuthigte, so ist's Ihnen nicht
gefllig? ich habe nochmals die Ehre, Sie pour Mazurek zu engagiren . . . .
Sie glauben vielleicht, ich bin betrunken? Das ist nichts! im Gegentheil,
ich kann Ihnen versichern . . .

Ich sah, da sie nahe daran war, vor Furcht und Unwillen in Ohnmacht zu
fallen.

Ich ging an den betrunkenen Herrn heran, fate ihn ziemlich fest am Arme
und bat ihn, indem ich ihm fest ins Auge blickte, sich zu entfernen, weil,
fgte ich hinzu, die Frstin mir schon lngst versprochen habe, die Mazurka
mit mir zu tanzen.

Nun, auch gut, auf'n andermal, sagte er grinsend und entfernte sich mit
seinen Gefhrten, welche ihn in ein anderes Zimmer zogen.

Ein wunderbarer, seelenvoller Blick war mein Lohn.

Die Frstin ging sogleich zu ihrer Mutter und erzhlte ihr Alles; diese
suchte mich sogleich auf und drckte mir ihre Dankbarkeit aus; sie erklrte
mir, da sie meine Mutter kenne und mit einem halben Dutzend meiner Tanten
befreundet sei.

Ich wei nicht, wie es geschah, da wir mit Ihnen bis jetzt noch nicht
bekannt sind, fgte sie hinzu, aber gestehen Sie, da Sie selbst daran
Schuld sind; Sie fliehen alle Menschen so, da man gar nicht wei, was man
daraus machen soll. Ich hoffe, da die Luft meines Salons ihren Spleen
vertreiben wird, nicht wahr?

Ich antwortete ihr mit einer jener Redensarten, welche ein jeder in
hnlichen Fllen bereit haben mu.

Die Quadrille zog sich schrecklich in die Lnge.

Endlich ertnte die Mazurka, wir setzten uns in die Reihen.

Ich spielte weder auf den betrunkenen Herrn, noch auf mein frheres
Betragen, noch auf Gruschnitzki an. Der unangenehme Eindruck der
vorangegangenen Scene fing allmlig an sich zu verwischen; ihr Gesichtchen
blhte wieder auf; sie scherzte sehr sinnig; ihre Unterhaltung war
geistreich, ohne alle Prtension, lebhaft und beredt; ihre Bemerkungen
bisweilen recht treffend. Ich gab ihr in einer sehr verwickelten Phrase zu
verstehen, da sie mir schon lngst gefiele. Sie senkte das Kpfchen und
eine leichte Rthe verbreitete sich ber ihr Antlitz. --

Sie sind ein seltsamer Mann! begann sie hierauf, indem sie ihre
Sammetaugen auf mich richtete und gezwungen lchelte.

-- Ich suchte deshalb Ihre Bekanntschaft nicht, fuhr ich fort, weil Sie ein
zu dichter Kreis von Verehrern bereits umgiebt und ich befrchten mute,
vollkommen unter diesen zu verschwinden.

Sie befrchteten das umsonst; sie sind alle unausstehlich langweilig.

-- Alle! Wre es mglich . . . Alle?

Sie blickte mir scharf ins Auge, als ob sie sich bemhe, sich etwas ins
Gedchtni zurckzurufen, worauf sie abermals errthend mit fester Stimme
sagte: _Alle!_

-- Selbst mein Freund Gruschnitzki?

Ist er auch Ihr Freund? sagte sie, indem sie den Zweifel durch ihre Frage
blicken lie.

-- Das ist er.

Nun freilich, er gehrt nicht in die Reihe der Lstigen . . .

-- Aber wohl in die Reihe der Unglcklichen, sagte ich lchelnd.

Gewi! Ist Ihnen das lcherlich? Ich mchte Sie wohl einmal an seiner
Stelle sehen . . .

-- Wie so? Ich bin seiner Zeit auch einmal Junker gewesen und mu gestehen,
da dies die glcklichste Zeit meines Lebens war!

Ist er denn Junker? . . . sagte sie rasch, ich meinte . . .

-- Was meinten Sie?

Nichts, nichts! -- Wer ist doch jene Dame?

Das Gesprch nahm nun eine andere Richtung und kehrte auf diesen Gegenstand
nicht wieder zurck.

Die Mazurka war beendigt und wir gingen auseinander -- auf Wiedersehn!

Die Damen fuhren nach Hause. Ich ging zum Abendessen und begegnete Werner.

Aha! sagte er, sind Sie das? Und wollten doch die Bekanntschaft der
Frstin nicht anders machen, als indem sie sie von einem sichern Tode
erretteten!

-- Ich habe mehr gethan, erwiederte ich ihm; ich habe sie vor einer
Ohnmacht auf dem Balle gerettet! . . .

Wie so das? Erzhlen sie doch.

-- Nein, das mgen Sie errathen, der Sie ja doch Alles auf der Welt
errathen.


Den 30. Mai.

Gegen sieben Uhr Abends ging ich auf dem Boulevard spazieren. Gruschnitzki,
der mich von fern kommen sah, kam auf mich zu; in seinen Augen leuchtete
ein lcherlicher Enthusiasmus. Er drckte mir krftig die Hand und sagte
mit tragischer Stimme:

Ich danke Dir, Petschorin . . . Du verstehst mich? . . .

-- Aufrichtig gesagt: nein; doch in jedem Falle bedarf es durchaus keines
Dankes, erwiederte ich ihm, da ich mich einer Dir erwiesenen Wohlthat nicht
recht erinnern kann. --

Wie, und gestern? hast Du denn ganz vergessen? Mary hat mir alles
wiedererzhlt . . .

-- So, so also zwischen Euch ist jetzt schon alles gemein? sogar die
Dankbarkeit? . . .

Hre, sagte Gruschnitzki sehr wichtig, ich bitte Dich, scherze nicht
ber meine Liebe, wenn Du mein Freund bleiben willst . . . Siehst Du, ich
liebe sie bis zum Wahnsinn, und ich meine, ich hoffe, sie liebt mich auch
. . . Ich habe eine Bitte an Dich. Du wirst heute Abend dort sein;
versprich mir alles zu beobachten: ich wei, da Du darin Meister bist und
die Weiber besser kennst als ich . . . Die Weiber! Die Weiber! Wer kann sie
je verstehen? Ihr Lcheln widerspricht ihren Blicken, ihre Worte
versprechen und locken an, whrend der Ton ihrer Stimme wieder zurckstt
. . . Bald errathen sie unsere geheimsten Gedanken, bald verstehen sie die
sichtbarsten Zeichen nicht . . . So z. B. die Frstin: gestern noch
sprhten ihre Augen vor Leidenschaft, so oft sie auf mir ruhten, und heute
sind sie umwlkt und kalt. --

-- Vielleicht geschieht dies in Folge der Wirkungen des Wassers? entgegnete
ich ihm.

Du siehst auch in Allem nur die schlechte Seite . . . Materialist, fgte
er verchtlich hinzu. Uebrigens, la uns von etwas anderem sprechen, und
mit einem abgedroschenen, schalen Calembour versetzte er sich wieder in
heitere Laune.

Gegen neun Uhr begaben wir uns zusammen zur Frstin.

Als ich an den Fenstern Wras vorberging, sah ich sie in der
Fensterbrstung sitzen. Wir warfen uns einen verstohlenen Blick zu; bald
nach uns erschien auch sie in dem Gastzimmer der Frstin, die mich ihr als
einen weitluftigen Verwandten vorstellte. Man trank Thee; der Gste waren
viele, das Gesprch ein allgemeines. Ich war bemht der Frstin zu
gefallen, ich scherzte und machte sie einige Male recht herzlich lachen.
Die junge Frstin htte wohl auch manchmal gern mitgelacht, allein sie nahm
sich zusammen, um nicht aus ihrer angenommenen Rolle zu fallen: sie findet
nmlich: da ein dsteres Wesen ihr wohl steht und hat vielleicht nicht so
Unrecht. Auch Gruschnitzki schien sehr damit zufrieden, da meine
Lustigkeit sie nicht ansteckte.

Nach dem Thee begab man sich in den groen Salon.

Bist Du mit meiner Folgsamkeit zufrieden, liebe Wra? fragte ich sie, als
ich an ihr vorberging.

Sie warf mir einen Blick der Liebe und Dankbarkeit zu. Ich bin an solche
Blicke gewhnt, doch gewhrten sie mir einstmals die reinste Seligkeit. Die
Frstin lie ihre Tochter ans Piano gehen: alle bestrmten sie mit Bitten,
ein Liedchen vorzutragen; -- ich schwieg und begab mich, dies
augenblickliche Durcheinander benutzend, an's Fenster zu Wra, die mir
etwas fr uns beide ganz besonders Wichtiges mitzutheilen hatte . . . Was
kam heraus? Unsinn.

Unterdessen war der Frstin meine Gleichgltigkeit sehr empfindlich, wie
ich das an einem erzrnten, strahlenden Blicke leicht errathen konnte
. . . O, ich verstehe wunderbar diese stumme aber ausdrucksvolle, kurze
aber krftige Sprache! . .

Sie sang. Ihre Stimme ist nicht bel, es fehlt ihr aber an Schule . . .
brigens habe ich kaum hingehrt. Dahingegen verschlang sie Gruschnitzki,
der sich vllig auf das Royal legte, mit den Augen, und rief ein Mal ber
das andere mit halber Stimme: charmant! dlicieux!

Hre, sagte Wra zu mir, ich will nicht, da Du mit meinem Manne
Bekanntschaft machst, dahingegen verlange ich unbedingt, da Du der Frstin
zu gefallen strebst; das ist Dir ein Leichtes, Du kannst alles, was Du nur
willst. Wir knnen uns nur hier sehen . . .

-- Nur? . . .

Sie errthete und fuhr fort: Du weit, da ich Deine Sklavin bin, da ich
Dir niemals zu widerstreben vermochte . . . und ich werde meinen Lohn dafr
schon erhalten: Du wirst aufhren mich zu lieben. Aber meinen Ruf mu ich
doch zu erhalten suchen -- Du weit recht gut, da es nicht meinetwegen
geschieht! O, ich flehe Dich an, qule mich nicht wieder, wie frher, mit
leeren Zweifeln und einer erzwungenen Klte: ich sterbe wohl bald, denn ich
fhle, wie ich von Tag zu Tage abnehme . . . und doch kann ich an das
knftige Leben nicht denken, sondern meine Gedanken weilen immer bei Dir.
Ihr Mnner knnt den Genu eines Blickes, eines Hndedruckes nicht
verstehen . . . whrend ich -- ich schwre es Dir -- wenn ich Deine Stimme
hre, eine tiefergreifende, seltsame Seligkeit empfinde, welche selbst die
glhendsten Ksse nicht ersetzen knnen.

Unterdessen hatte die Frstin Mary aufgehrt zu singen. Laute
Lobeserhebungen ertnten rund um sie; ich war der letzte, der zu ihr
heranging und ihr etwas ber ihre Stimme sagte. Ich that es ziemlich
gleichgltig.

Sie machte eine kleine Grimasse, indem sie die Unterlippe etwas nach vorn
bewegte, und nahm sich berhaupt sehr lcherlich aus.

Es ist mir dies um so schmeichelhafter, sagte sie, als Sie mich gar
nicht gehrt haben; aber vielleicht lieben Sie die Musik gar nicht.

-- Im Gegentheil . . . besonders nach Tische.

So hat Gruschnitzki Recht, wenn er sagt, da Sie einen sehr prosaischen
Geschmack haben . . . und ich sehe, da Sie die Musik nur in
gastronomischer Beziehung lieben.

-- Sie sind nochmals im Irrthum, ich bin durchaus kein Gastronom, denn ich
habe einen sehr verdorbenen Magen. Aber nach Tische schlfert einen die
Musik ein und es soll gesund sein, nach dem Essen zu schlafen: folglich
liebe ich die Musik in medizinischer Beziehung. Abends hingegen greift sie
meine Nerven zu sehr an und ich werde entweder zu melancholisch oder zu
ausgelassen. Das eine wie das andere ist entsetzlich ermdend, wenn man
keine bestimmte Ursachen hat sich zu hrmen oder zu freuen; auerdem
erscheint die Melancholie in Gesellschaft immer lcherlich und eine zu
groe Ausgelassenheit nicht wohlanstndig.

Sie hrte mich nicht aus, ging fort, setzte sich neben Gruschnitzki und es
entspann sich alsbald zwischen ihnen ein recht sentimentales Gesprch; wie
es schien, antwortete aber die Frstin auf seine weisen Phrasen ziemlich
zerstreut und unzusammenhngend, obgleich sie sich Gewalt anthat, ihm zu
zeigen, da sie ihm mit Aufmerksamkeit zuhre, denn bisweilen blickte er
sie erstaunt an, bemht, die Ursache dieser innern Aufregung zu errathen,
die sich bisweilen in ihrem unruhigen Blicke verrieth . . .

Ich aber, holde Frstin, habe Sie lngst durchschaut, nehmen Sie sich wohl
in Acht! Sie wollen mich mit derselben Mnze bezahlen und meine Eigenliebe
verwunden, -- das soll Ihnen nicht gelingen; sollten Sie mir aber gar den
Krieg erklren, so wrde ich schonungslos sein!

Im Verfolg des Abends bemhte ich mich absichtlich zu wiederholten Malen,
mich in ihr Gesprch zu mischen; sie nahm aber meine Bemerkungen ziemlich
trocken auf und ich entfernte mich zuletzt, mit verstelltem Aerger. Die
Frstin jubelte; ebenso Gruschnitzki. Jubelt nur, meine Freunde, und thut
es bald! Ihr sollt frh genug aufhren zu jubeln! Es wird gewi so kommen,
meine Ahnung trgt mich nicht! So oft ich noch mit einem Frauenzimmer
bekannt wurde, errieth ich stets, ohne je zu irren, ob sie mich lieben
wrde oder nicht.

Den Rest des Abends brachte ich an Wra's Seite zu und sprach mich mit ihr
ber die vergangenen Zeiten recht satt. Warum sie mich so lieb hat? ich
wei es wahrhaftig, nicht, um so weniger, als sie das einzige Weib ist,
welche mich vollkommen verstand, mit allen meinen kleinen Schwchen und
niedrigen Leidenschaften . . . Oder wre gar das Bse so anziehend? . . .

Ich verlie mit Gruschnitzki das Haus; auf der Strae fate er mich unter
den Arm und begann endlich nach lngerem Schweigen:

Nun, was sagst Du nun?

-- Du bist ein Narr, htte ich ihm antworten mgen; aber ich hielt mich
zurck und zuckte nur mit den Achseln. --


Den 6. Juni.

Alle diese Tage ber bin ich nicht ein einziges Mal von meinem System
abgewichen. Die Frstin fngt an Gefallen an meiner Unterhaltung zu finden;
ich erzhlte ihr einige der seltsamen Begebenheiten meines Lebens und sie
beginnt in mir einen ungewhnlichen Menschen zu sehen. Ich lache ber alles
auf der Welt, besonders ber die Gefhle: dies fngt an sie zu erschrecken.
Sie wagt es nicht mehr, sich in meiner Gegenwart mit Gruschnitzki in
sentimentale Debatten einzulassen und antwortete schon mehrmals auf seine
Ausflle mit einem spttischen Lcheln; so oft sich Gruschnitzki ihr nur
nhert, nehme ich ein ehrerbietiges, diskretes Wesen an und ziehe mich von
ihnen zurck; das erste Mal war sie erfreut darber, oder bemhte sich
wenigstens so zu scheinen; das zweite Mal aber rgerte sie sich ber mich;
das dritte Mal ber Gruschnitzki.

Sie haben auerordentlich wenig Selbstliebe! sagte sie gestern zu mir.
Warum glauben Sie denn, da ich mich mit Gruschnitzki lieber unterhalte?

Ich entgegnete ihr, da ich dem Glcke meines Freundes mein eigenes
Vergngen gern aufopfere . . .

Und das meinige auch, fgte sie hinzu.

Ich blickte sie starr an und machte eine sehr ernste Miene. Hierauf sprach
ich den ganzen Tag kein Wort mit ihr . . . Am Abende war sie sehr
nachdenklich, und heute morgen am Brunnen noch viel nachdenklicher. Als ich
mich ihr nherte, hrte sie nur zerstreut auf Gruschnitzki, der sich, wie
es schien, in Entzckungen ber die Natur erging; kaum bemerkte sie mich,
so begann sie laut zu lachen (und zwar durchaus mal  propos), um damit zu
zeigen, als habe sie mich gar nicht bemerkt. Ich ging an ihr vorber und
beobachtete sie unbemerkt aus der Ferne: sie wandte sich von ihrem
Gesellschafter ab und ghnte zweimal. Gruschnitzki langweilt sie also ganz
bestimmt. Noch whrend zweier Tagen werde ich nicht mit ihr sprechen.


Den 10. Juni.

Ich frage mich fter, woher es kommt, da ich mit solcher Hartnckigkeit
der Liebe eines jungen Mdchens nachjage, die ich weder verfhren will noch
jemals zu heirathen beabsichtige. Wozu diese weibische Koketterie? Wra
liebt mich besser, als die Frstin Mary mich jemals lieben wird; htte sie
mir nun noch wenigstens eine unberwindliche Schne geschienen, so wre ich
vielleicht von der Schwierigkeit des Unternehmens angestachelt worden
. . . .

Dem ist aber nicht so! Folglich ist es nicht jenes, unruhige Bedrfni nach
Liebe, welches uns in den ersten Jnglingsjahren so martert, und uns von
dem einen Weibe zum andern wirft, bis wir auf eine solche stoen, die uns
nicht ausstehen kann: nun beginnt unsere Bestndigkeit -- die wahre,
unendliche Leidenschaft, welche man mathematisch mit einer Linie
vergleichen kann, die von einem gegebenen Punkte sich in die Unendlichkeit
erstreckt; das Geheimni dieser Unendlichkeit ruht nur in der
Unmglichkeit, das Ziel, nmlich das Ende, erreichen zu knnen.

Warum aber mache ich mir so viel damit zu thun? Aus Neid gegen
Gruschnitzki? Der Schlucker! er ist dessen gar nicht werth. Oder ist es in
Folge jenes garstigen, aber unberwindlichen Gefhles, welches uns die
sen Verirrungen unseres Nchsten zu vernichten antreibt, damit wir, wenn
er uns verzweiflungsvoll frgt, wem man nun noch trauen knne, die niedrige
Genugthuung haben mgen, ihm zu antworten:

-- Mein Freund, es ist mir grade so ergangen, und doch siehst Du, da ich
zu Mittag und zu Abend speise, wunderschn schlafe und hoffe, dereinst ohne
Klagen und Thrnen zu versterben.

Doch verhehlen wir es uns nicht, es liegt ein unermelicher Genu in der
Herrschaft ber eine jugendliche, dem Leben kaum erschlossenen Seele! Sie
ist einer Blume gleich, deren sestes Aroma dem ersten Sonnenstrahle
entgegenduftet; in dieser Minute mu man sie pflcken und sich sattsam
daran weiden. Dann werfe man sie immerhin auf den Weg, es wird sich wohl
noch Jemand finden, der sie aufnimmt! Ich fhle in mir eine unersttliche
Gier, die alles verschlingt, was mir in den Weg kommt; die Leiden und
Freuden der andern betrachte ich nur insofern, als sie Bezug auf mich
haben, wie eine Speise, welche meine Seelenkrfte aufrecht erhlt. Ich
selbst bin nicht mehr im Stande unter dem Einflusse der Leidenschaften den
Verstand zu verlieren; mein Ehrgefhl wurde durch uere Umstnde
zurckgedrngt, es erschien aber bald wieder in einer andern Gestalt; denn
was ist das Ehrgefhl anders als der Durst nach Macht -- meine hchste
Genugthuung aber ist: meinem Willen alles zu unterwerfen, was mich umgiebt;
wenn man nun das Gefhl der Liebe, der Hingebung, der Furcht in andern
erweckt -- was ist denn dies anders als das erste Zeichen, als der hchste
Sieg der Macht? Ist es nicht die seste Nahrung unseres Stolzes, fr
irgend Jemand der Grund des Leidens und der Wonne zu sein, ohne, ein
bestimmtes Recht dazu zu haben? Was heit Glck!? Der gesttigte Stolz. --
Drfte ich mich fr besser und mchtiger halten als alle Menschen auf der
Welt, so wrde ich glcklich sein; wenn alle Menschen mich liebten, so
wrde ich auch die unversieglichen Quellen der Liebe in mir wahrnehmen. Das
Bse erzeugt das Bse; das erste Leiden erweckt in uns das Verstndni von
dem Genusse, einen andern zu qulen. Die Idee des Bsen konnte das
menschliche Gehirn nicht durchdringen, ohne da es nicht auch suchte, sie
zur wirklichen Ausfhrung zu bringen. Die Ideen, sagte Jemand, sind
organische Wesen, ihre bloe Empfngni verleiht ihnen auch schon ihre
Gestalt, und diese Gestalt ist die That; derjenige, in dessen Haupte die
meisten Ideen entsprangen, hat auch mehr als andere gewirkt. Daher mu das
Genie, das an den Breautisch gefesselt ist, entweder sterben oder
wahnsinnig werden, gerade so wie ein Mensch von mchtigem Krperbau bei
einer sitzenden Lebensart und strenger Keuschheit am Schlagflusse sterben
mu.

Die Leidenschaften sind nichts anders als Ideen in ihrer ersten
Gestalt-Entwickelung; sie sind das Eigenthum der Herzensjugend, und ein
Thor ist der, welcher glaubt das ganze Leben von ihnen bewegt zu werden:
viele ruhige Strme fangen als tobende Wasserflle an, aber auch nicht
einer von ihnen schumt und braust bis zu seinem Ausflu ins Meer. Aber
auch diese Ruhe ist wiederum hufig das Wahrzeichen einer gewaltigen, wenn
schon verborgenen Kraft. Die Vollkraft und Tiefe der Gefhle und Gedanken
lassen heftige Ste gar nicht zu: die Seele legt sich im Dulden wie im
Genusse strenge Rechenschaft von Allem ab und ist davon berzeugt, da sie
so handeln mu; sie wei, da ohne Strme eine bestndige Sonnengluth sie
austrocknen wrde; sie durchdringt sich mit ihrem eigenen Leben --
verzrtelt sich und bestraft sich, wie ein geliebtes Muttershnchen. Nur in
diesem hhern Zustande der Selbsterkenntni kann der Mensch die
Gerechtigkeit Gottes wirklich ermessen.

Indem ich diese Seite berlese, bemerke ich, da ich mich weit von meinem
Gegenstande entfernt habe . . . Doch was schadet das? Schreibe ich doch
dies Journal fr mich selbst, und wird doch alles, was ich auch darin
hinwerfe, mir dereinst eine theure Erinnerung gewhren.

                   *       *       *       *       *

Gruschnitzki kam zu mir und warf sich mir an den Hals. Er ist zum Offizier
ernannt worden. Ich lie Champagner auffahren. Doktor Werner kam ebenfalls
kurz nach ihm.

Ich gratulire Ihnen nicht, sagte er zu Gruschnitzki.

-- Und warum das?

Darum, da Ihr Soldatenmantel Ihnen viel besser steht, und weil, wie Sie
selbst gestehen mssen, eine hier in einem Badeorte genhte
Armee-Infanterie-Uniform Sie wahrhaftig um nichts interessanter machen
kann. Sehen Sie wohl, bisher wurden Sie hier zu den Ausnahmen gerechnet,
jetzt aber gehen Sie in der allgemeinen Regel auf.

-- Sprechen Sie was Sie wollen, Doktor! Sie werden mich in meiner Freude
nicht stren. Er wei nicht, raunte er mir ins Ohr, welche Hoffnungen mir
diese Epauletten verliehen . . . O, Epauletten, Epauletten! Eure Sternchen
sind mir Wegweiser . . . Nein, ich bin jetzt vollkommen glcklich! --

Wirst Du die Promenade nach dem Erdfalle mit uns machen? fragte ich ihn.

-- Ich? Fr nichts in der Welt zeige ich mich der Frstin eher, als bis
meine Uniform fertig ist.

Wnschest Du, da man ihr Deine Freude mittheile?

-- Nein, ich bitte Dich, sprich ihr nichts davon . . . Ich will sie
berraschen . . .

So sage mir wenigstens, wie Deine Sachen mit ihr stehen?

Er wurde verwirrt und nachdenkend; er htte gern ein Bischen aufgeschnitten
und sich wichtig gemacht, wenn er sich nicht ein Gewissen daraus gemacht
htte, und doch schmte er sich die Wahrheit zu gestehen.

Ja, was meinst Du, liebt sie Dich?

-- Ob sie mich liebt? Aber ich bitte Dich, Petschorin, was hast Du fr
Ideen! . . . Wie knnte das so schnell gehen? . . . Und gesetzt, es wre
dem so, wie knnte ein anstndiges Frauenzimmer das sagen! . . .

Gut! Nach Deiner Meinung soll nun wahrscheinlich ein Mann auch von seiner
Leidenschaft schweigen? . . .

-- Ach, Liebster, es kommt nur darauf an, wie man's anfngt. Vieles spricht
man nie aus, sondern lt es errathen. --

Das ist schon recht . . . Indessen verpflichtet die Liebe, die wir in den
Augen lesen, ein Frauenzimmer durchaus zu nichts, whrend Worte . . . Nimm
Dich in Acht, Gruschnitzki, sie fhrt Dich an . . .

-- Sie? antwortete er, die Augen zum Himmel erhebend und selbstgefllig
lchelnd: Du thust mir leid, Petschorin!

Er ging.

An demselben Abend begab sich eine zahlreiche Gesellschaft zu Fu nach dem
Erdsturz. --

Nach der Meinung der hiesigen Gelehrten ist dieser Erdsturz nichts anders
als ein erloschener Krater; er befindet sich am Abhange des Maschuk,
ungefhr eine Werst von der Stadt. Ein enger Fupfad fhrt zwischen
Gestruchern und Felsen dahin; als wir den Berg erstiegen, reichte ich der
Frstin meinen Arm, den sie whrend der ganzen Promenade nicht wieder
fahren lie.

Unser Gesprch begann mit bler Nachrede: ich fing an, alle An- und
Abwesenden unserer Bekanntschaft herunter zu reien, indem ich zuerst ihre
schwachen, alsdann ihre schlechten Seiten hervorhob. Meine Galle gerieth in
volle Thtigkeit. Ich fing scherzend an und endigte mit wirklicher
Erbitterung. Anfangs belustigte sie es; zuletzt fing sie an zu erbeben.

Sie sind ein gefhrlicher Mensch! sagte sie zu mir; ich mchte lieber
den Mrdern im Walde unter's Messer fallen als unter ihre kleine Zunge, und
ich bitte Sie in vollem Ernste: sollte es Ihnen jemals einfallen,
Schlechtes von mir sagen zu wollen, lieber ein Messer zu nehmen und mich
damit zu ermorden; -- ich glaube ohnedem, da es Ihnen nicht schwer fallen
wrde.

-- Sehe ich denn einem Mrder so hnlich? . .

Sie sind noch viel schlimmer . . .

Ich blieb einen Augenblick in Nachdenken versunken, und sagte endlich zu
ihr, indem ich eine tief gerhrte Miene annahm: Ja, das war mein Schicksal
von Jugend auf; alle lasen auf meinem Gesichte die Kennzeichen schlechter
Eigenschaften, die ich gar nicht besa; aber man setzte sie voraus -- und
sie kamen zum Vorschein. Ich war aufrichtig -- man beschuldigte mich der
Falschheit: ich wurde versteckt: Ich fhlte tief das Gute und das
Schlechte. -- Niemand hatte mich lieb, alle thaten mit weh -- ich wurde
racheschtig; ich war finster, andere Kinder waren heiter und plauderhaft;
ich fhlte mich ber sie erhaben, -- man stellte mich unter sie: so wurde
ich neidisch. Ich war bereit, die ganze Welt zu lieben -- Niemand wollte
mich verstehen: so lernte ich hassen. So flo meine farblose Jugend im
Kampfe mit mir und der Welt dahin; meine besten Gefhle verbarg ich in der
Tiefe meines Herzens aus Furcht vor dem Grinsen der Ironie: dort sind sie
nun erstorben. Ich redete die Wahrheit -- man versagte mir das Vertrauen:
ich fing an zu tuschen. Da ich nun die Welt und die Sprungfedern der
Gesellschaft so gut kennen gelernt hatte, so wurde ich in der Kunst zu
leben bald erfahren, und sah, wie andere Leute ohne alle Kunst glcklich
wurden, die sich ganz umsonst derjenigen Vortheile bedienten, welchen ich
mit so unermdlichem Fleie nachjagte. Da tauchte in meiner Brust die
Verzweiflung auf, -- nicht jene Verzweiflung, welche man mit dem Laufe
einer Pistole kuriren kann, sondern eine kalte, ohnmchtige Verzweiflung,
die unter der ueren Liebenswrdigkeit und einem gutmthigen Lcheln
verborgen liegt. Ich wurde ein moralischer Krppel: die eine Hlfte meiner
Seele existirte gar nicht mehr; sie war vertrocknet, verdampft, abgestorben
und so ri ich sie aus und warf sie fort, -- whrend die andere sich rhrte
und lebte Jedermann zu dienen, und Keiner dies bemerkte; weil Niemand von
der Existenz der verloren gegangenen Hlfte etwas gewut hatte; aber Sie
haben jetzt die Erinnerung an sie wachgerufen und ich habe Ihnen ihre
Grabschrift vorgelesen. Vielen Menschen scheinen alle Grabschriften
insgesammt lcherlich; mir nicht, besonders, wenn ich daran denke, was
unter ihnen begraben liegt. Uebrigens bitte ich Sie gar nicht etwa, meine
Meinung zu theilen; lachen Sie immerhin, wenn Ihnen meine Darstellung der
Sache lcherlich scheint: Ich benachrichtige Sie zuvor, da mich das nicht
im Geringsten beleidigen wird.

In diesem Augenblicke begegnete ich ihrem Blicke; in ihren Augen glnzten
Thrnen, ihr Arm, der sich auf den meinigen sttzte, zitterte, ihre Wangen
glhten, sie bedauerte mich! Das Mitgefhl -- dies Gefhl, dem sich die
Frauen so leicht unterwerfen, streckte seine Klauen ber ihr unerfahrenes
Herz. Whrend der ganzen Promenade war sie zerstreut und kokettirte mit
Niemand, -- ein wichtiges Zeichen!

Wir langten beim Erdfalle an; die Damen verlieen ihre Kavaliere, sie lie
meinen Arm nicht fahren. Die Witze der hiesigen Dandies machten sie nicht
irre. Der Abgrund der Untiefe, vor welchem sie stand, erschreckte sie
nicht, whrend die andern Damen laut aufkreischten und sich die Augen
bedeckten.

Auf dem Rckwege erneuerte ich unser trauriges Gesprch nicht, indessen gab
sie mir auf meine leeren Fragen und Gaukeleien nur kurze und zerstreute
Antworten.

-- Haben Sie schon geliebt? fragte ich zuletzt.

Sie sah mich mit einem durchdringenden Blicke an, schttelte das Kpfchen
und verfiel wieder in tiefes Nachdenken; es war klar, da sie etwas sagen
wollte, aber nicht wute, womit sie anfangen sollte; ihr Busen wogte
. . . Wie konnte dem anders sein! Ein Gaze-Aermel ist ein geringer Schutz,
und der elektrische Funke zuckte aus meinem Arme in -- den ihrigen: fast
alle Leidenschaften fangen damit an, und wir tuschen uns sehr oft wenn wir
glauben, da ein Frauenzimmer uns wegen unserer moralischen oder physischen
Vorzge liebt; es ist wahr, diese bahnen uns den Weg, sie stimmen das Herz
zur Aufnahme des heiligen Feuers -- nichtsdestoweniger entscheidet die
erste Berhrung jedesmal das ganze Verhltnis.

Nicht wahr, ich bin heute sehr liebenswrdig gewesen? sagte die Frstin
mit einem gezwungenen Lcheln zu mir, als wir von der Promenade
zurckgekehrt waren.

Wir verlieen einander.

Sie ist unzufrieden mit sich; sie klagt, sich selbst der Klte an . . . O,
dies ist der erste, der wichtigste Sieg! Morgen wird sie mich belohnen
wollen. Das wei ich alles schon im Voraus -- und das ist langweilig!


Den 12. Juni.

Heute sah ich Wra. Sie qulte mich mit ihrer Eifersucht. Die junge Frstin
war wahrscheinlich auf die Idee gekommen, ihr ihre Herzensgeheimnisse
anzuvertrauen: eine glckliche Wahl, in der That!

Ich errathe recht gut, wohin dies alles neigt, sagte Wra zu mir: sage
mir jetzt lieber ganz einfach, da Du sie liebst.

-- Wenn ich sie nun aber nicht liebe?

Wozu sie denn so verfolgen, beunruhigen und ihre Einbildungskraft so in
Wallung bringen? . . . . O, ich kenne Dich durch und durch! Hre, wenn Du
willst, da ich Dir glauben soll, so kommst Du in ungefhr einer Woche nach
Kislowodsk; wir ziehen schon bermorgen dahin. Die Frstin wird hier noch
lnger bleiben. Miethe die Wohnung nebenan; wir werden im Halbgeschosse des
groen Hauses nahe bei der Quelle wohnen; die Frstin bezieht die untere
Etage. Nebenan steht ein Haus desselben Wirthes, das noch nicht vermiethet
ist. Du kommst doch?

Ich versprach es und schickte noch denselben Tag dahin, die Wohnung fr
mich in Beschlag zu nehmen.

Gruschnitzki kam um sechs Uhr Abends zu mir und machte mir die Mittheilung,
da morgen, gerade zum Balle, seine Uniform fertig sein wrde.

Endlich werde ich mit ihr einen ganzen Abend hindurch tanzen . . . Da will
ich mich einmal mit ihr recht satt reden, fgte er hinzu.

-- Wann findet der Ball Statt?

Morgen! Mein Gott, weit denn Du das nicht? Es ist morgen ein groer
Feiertag, und die hiesige Behrde hat es bernommen, den Ball zu arrangiren
. . .

-- Komm, la uns nach dem Boulevard gehen . . .

Fr nichts in der Welt in diesem eckligen Mantel . . .

-- Wie, so hast Du ihn nicht mehr lieb? . . .

Ich ging allein, und da ich zufllig der Frstin Mary begegnete, engagirte
ich sie zur Masurka. Sie schien erstaunt und erfreut.

Ich dachte, Sie, tanzten nur aus Nothwendigkeit, wie das vergangene Mal,
sagte sie holdselig lchelnd.

Sie bemerkt, wie es scheint, die Abwesenheit Gruschnitzki's durchaus nicht.

-- Sie werden morgen angenehm berrascht werden, sagte ich zu ihr:

Wodurch das?

-- Das ist ein Geheimni . . . auf dem Balle werden Sie es selbst errathen.

Den brigen Theil des Abends brachte ich bei der Frstin zu; Gste waren
nicht da, auer Wra und einem sehr, drolligen alten Mnnchen. Ich war
aufgelegt und improvisirte verschiedene seltsame Geschichten. Die junge
Frstin sa mir gegenber und hrte meinem Unsinne mit einer so tiefen,
gespannten, ja, zrtlichen Aufmerksamkeit zu, da es mir ordentlich zu
Herzen ging. Wohin ist ihre Lebhaftigkeit, ihre Koketterie; wohin ihre
Launen, ihre herausfordernde Miene, ihr superbes Lcheln, ihr zerstreuter
Blick?

Wra bemerkte alles; auf ihrem krankhaften Gesichte malte sich ein tiefer
Kummer; sie sa im Schatten am Fenster, in einen breiten Lehnstuhl begraben
. . . Sie that mir leid . . .

Da begann ich die ganze dramatische Geschichte unserer Bekanntschaft,
unserer Liebe -- versteht sich unter vernderten Namen -- zu erzhlen. Ich
stellte meine Zrtlichkeit, alle meine Bekmmernisse, mein Entzcken so
lebhaft dar, ich schilderte ihren Charakter und ihre Schritte in so
vortheilhaften Farben, da sie mir unwillkrlich meine Koketterie mit der
Frstin verzeihen mute.

Sie stand auf setzte sich zu uns heran und wurde lebhafter. Erst gegen zwei
Uhr erinnerten wir uns, da die Doktoren befehlen, um eilf Uhr schlafen zu
gehen.


Den 13. Juni.

Ungefhr eine halbe Stunde vor dem Balle war Gruschnitzki im vollen Glanze
seiner Armee-Infanterie-Uniform zu mir gekommen. Mit dem dritten Knopfe war
noch eine kleine bronzene Kette eingeknpft, an welcher ein Doppellorgnon
hing; die Epauletten von ungleicher Form standen in die Hhe wie ein Paar
Amorsflgel. Seine Stiefeln krachten; in der linken Hand hielt er
zimmetfarbige, hundelederne Handschuhe und seine Mtze, mit der rechten
whlte er in den kleinen Locken seines gekruselten Haupthaares.
Selbstzufriedenheit und zu gleicher Zeit eine gewisse Unsicherheit drckten
sich in seinem Gesichte aus; sein sonntgliches Aussehen, sein stolzer Gang
htten mich laut lachen gemacht, wenn das mit meinen Absichten htte
bereinstimmen knnen.

Er warf seine Mtze und Handschuhe auf den Tisch und fing an, an den
Schen zu ziehen und sich vor dem Spiegel in Ordnung zu bringen: ein
ungeheuer groes schwarzes Halstuch, ber ein bereits sehr hohes
Unterhalstuch gebunden, dessen Schweinsborsten sein Kinn in die Hhe
hielten, guckte wohl um dreiviertel Zoll aus dem Kragen heraus; das schien
ihm noch zu wenig: er zog es noch vollends bis an die Ohren in die Hhe;
von dieser sauren Arbeit -- denn der Kragen war eng und unbequem -- fllte
sich sein Gesicht ganz mit Blut an.

Man sagt, Du habest dieser Tage meiner Frstin ungeheuer die Cour
gemacht? sagte er ziemlich nachlssig und ohne mich anzublicken.

-- Wo haben wir schon Gnse mit einander gehtet! antwortete ich ihm, indem
ich mich eines sehr beliebten volksthmlichen Sprichwortes bediente.

Sag' mal, sitzt mir die Uniform gut? . . . Ach, der verfluchte Jude!
. . . wie mich das unter den Armen schneidet! Hast Du keine Odeurs?

-- Aber ich bitte Dich, wozu willst Du deren noch mehr? Du riechst so schon
nach nichts als Rosenpomade . . .

Das thut nichts; gieb nur her . . .

Er go sich ein halbes Glas ins Halstuch, Schnupftuch und in die Aermel.

Wirst Du tanzen? fragte er.

-- Ich glaube kaum.

Ich frchte, da ich mit der Frstin werde die Mazurka erffnen mssen, --
und noch wei ich fast nicht eine einzige Figur . . .

-- Hast Du sie bereits zur Mazurka engagirt?

Nein, noch nicht . . .

-- Siehe zu, da man Dir nicht zuvorkommt.

Wirklich? sagte er, indem er sich vor die Stirn schlug. Adieu, ich will
sie am Thorwege erwarten. Er ergriff seine Mtze und eilte fort. Nach
einer halben Stunde ging auch ich. Auf der Strae war es dunkel und leer;
rund um das Restaurationsgebude drngte sich das Volk; die Fenster waren
erleuchtet. Die Tne der Militair-Musik wurden mir vom Abendwinde
entgegengetragen. Ich ging langsamen Schrittes vorwrts; ich war traurig
. . . Ist es mglich, dachte ich, da meine einzige Bestimmung auf dieser
Erde die wre, die Hoffnungen anderer zu zerstren. Seit ich lebe und
wirke, gebrauchte mich das Schicksal noch immer zur Entwickelung fremder
Dramen, als ob ohne mich Niemand sterben oder in Verzweiflung gerathen
knnte! Ich war noch immer eine nothwendige Person des fnften Aktes;
unwillkhrlich spielte ich die Rolle des Henkers oder des Verrthers.
Welche Absicht hatte das Schicksal hierbei? Htte es mich wohl gar zum
Verfasser von brgerlichen Trauerspielen und Familienromanen bestimmt? Oder
zum Mitarbeiter der Novellenlieferanten fr literarische Journale, wie z.
B. die Lesebibliothek?[A] . . . Was strebe ich darnach es zu wissen?
. . . Wie viele der Menschen giebt es nicht, die beim Beginn ihres Lebens
hoffen, dasselbe wenigstens wie Alexander der Groe oder Lord Byron zu
endigen, und die dennoch ihr ganzes Leben lang nicht ber den Titel eines
Titularrathes hinauskommen? . . .

Als ich in den Saal getreten war, hielt ich mich hinter einer Menge Herren
versteckt und fing an meine Beobachtungen zu machen. Gruschnitzki stand
neben der jungen Frstin und erzhlte ihr etwas mit groer Lebhaftigkeit;
sie hrte ihm zerstreut zu, blickte nach den Seiten und legte ihren Fcher
an die Lippen; ihr Gesicht drckte Unzufriedenheit aus, ihre Augen suchten
rundum etwas; ich ging sachte von hinten herum, um ihr Gesprch zu
berhren. --

[Funote A: Ein brigens anerkannt tchtiges Journal, unter der Redaktion
des Prof. Senkowski.]

-- Sie martern mich, Frstin, sagte Gruschnitzki. Sie haben sich ungemein
verndert, seit ich Sie zum letzten Male gesehen habe . . .

Sie haben sich auch verndert, antwortete sie, einen rapiden Blick auf
ihn werfend, dessen versteckten Spott er nicht auffate.

-- Ich, ich htte mich verndert? . . . O niemals! Sie wissen, da dies
unmglich ist! Wer Sie nur einmal gesehen, der trgt auf ewig Ihr
gttliches Bild in sich! --

Ich bitte, schweigen Sie . . .

-- Warum wollen Sie denn jetzt das nicht mehr anhren, wozu Sie mir noch
unlngst ein geneigtes Gehr schenkten? . . .

Weil ich Wiederholungen nicht liebe, antwortete sie mit einem feinen
Lcheln.

-- O, wie bitter habe ich mich getuscht! Ich whnte, da diese Epauletten
mir wenigstens das Recht verliehen, zu hoffen . . . Nein, es wre mir
besser gewesen ewig in jenem verachteten Soldatenmantel zu verbleiben,
welchem ich vielleicht Ihre Auszeichnung einzig und allein verdankte
. . .

In der That, der Mantel stand Ihnen sehr gut . . .

In diesem Augenblicke trat ich hervor und machte der Frstin eine
Verbeugung; sie errthete leicht und sagte rasch:

Nicht wahr, Monsieur Petschorin, der graue Mantel steht Monsieur
Gruschnitzki bei weitem besser? . . .

-- Ich bin nicht Ihrer Meinung, gndige Frstin, erwiederte ich, in der
Uniform sieht er noch viel jugendlicher aus.

Gruschnitzki hielt diesen letzten Schlag nicht aus. Wie alle Knaben, hat
auch er die Prtension ein reifer Mann zu sein; er glaubt, da auf seinem
Gesichte die tiefen Spuren der Leidenschaften den Stempel der Jahre
ersetzen. Er warf mir einen wthenden Blick zu, stampfte mit dem Fue und
entfernte sich.

-- Gestehen Sie, gndige Frstin, sagte ich zu ihr, da, obgleich er immer
hchst lcherlich war, er Ihnen doch jngst noch interessant schien . . .
im grauen Mantel? . . .

Sie schlug die Augen nieder und schwieg.

Gruschnitzki verfolgte die Frstin den ganzen Abend; bald tanzte er mit
ihr, bald war er ihr vis--vis; er verschlang sie mit den Augen, seufzte,
und langweilte sie mit Bitten und Vorwrfen. Nach der dritten Quadrille
hate sie ihn bereits.

Das htte ich von Dir nicht erwartet, sagte er, auf mich zukommend und
mich am Arme fassend.

-- Was?

Du wirst mit ihr die Mazurka tanzen? fragte er mit siegender Stimme. Sie
hat es mir gestanden . . .

-- Nun, und was weiter? Ist das etwa ein Geheimni?

Versteht sich . . . Ich htte das von einem solchen Kinde, einer solchen
Kokette wohl erwarten knnen . . . Aber ich werde mich schon rchen!

-- Schume gegen Deinen Mantel oder gegen Deine Epauletten -- warum denn
gerade sie beschuldigen? Was kann sie dafr, wenn Du ihr nicht lnger
gefllst? . . .

Warum gab sie mir dann Hoffnungen . . .?

-- Warum gabst Du Dich Hoffnungen hin? Wnschen und nach etwas streben --
das begreife ich -- aber hoffen, hoffen! . . .

Du hast die Wette gewonnen, nur noch nicht ganz, sagte er tckisch
lchelnd.

Die Mazurka begann. Gruschnitzki whlte zu allen Figuren nur die Frstin,
dasselbe thaten die brigen Kavaliere: es war ein offenbares Einverstndni
gegen mich; -- um so besser: sie will mit mir sprechen, man verhindert sie
daran -- sie wird es nun doppelt so sehr wnschen.

Ich drckte ihr zweimal die Hand; beim zweiten Male zog sie dieselbe
zurck, ohne ein Wort zu sagen.

Ich werde diese Nacht schlecht schlafen, sagte sie zu mir, als die
Mazurka zu Ende ging.

-- Daran ist Gruschnitzki Schuld.

O nein! Ihr Antlitz war so nachdenklich, so trbe, da ich mir das Wort
gab ihr diesen Abend unbedingt die Hand zu kssen.

Der Ball fing an sich aufzulsen. Als ich die Frstin in den Wagen hob,
drckte ich rasch ihr kleines Hndchen an meine Lippen. Es war dunkel, und
Niemand konnte es gesehen haben.

Ich kehrte, hchst zufrieden mit mir selbst, in den Saal zurck. --

An einem groen Tische speisten die jungen Leute zu Nacht; zwischen ihnen
auch Gruschnitzki. Als ich eintrat, schwiegen sie alle: es war klar, man
hatte von mir gesprochen. Viele haben mich noch seit dem letzten Balle auf
dem Korne, besonders der Dragonerhauptmann; jetzt aber hat sich offenbar
eine feindliche Clique gegen mich zusammengerottet, die unter dem Kommando
Gruschnitzki's steht. Er blickt so stolz und tapfer um sich. --

-- Mir sehr angenehm; ich liebe die Feinde, obgleich nicht im Sinne des
Evangeliums: sie gewhren mir Zerstreuung und setzen mein Blut in Bewegung.
Immer auf der Wache stehn, jeden Blick, die Bedeutung jedes Wortes
erhaschen, die Absichten Anderer errathen, ihre Verabredungen zu nichte
machen, den Getuschten spielen und dann pltzlich mit einem Rucke das
ganze ungeheure und mhselige Gebude ihrer Rnke und Plne ber den Haufen
werfen, -- das nenne ich Leben!!

Im Verlaufe des Abendessens zischelte Gruschnitzki mit dem
Dragonerhauptmann und gab ihm verschiedene Winke.


Den 14. Juni.

Heute frh ist Wra mit ihrem Gemahle nach Kislowodsk abgereist. Ich
begegnete ihrem Wagen, als ich mich eben zur Frstin Ligoffska begab. Sie
winkte mir mit dem Kopfe, in ihrem Blicke lag ein Vorwurf.

Wer ist Schuld an allem? Warum gewhrt sie mir nicht die Gelegenheit sie
allein zu sehen? Die Liebe wie das Feuer -- erlischt ohne Nahrung.
Vielleicht bewirkt die Eifersucht, was meine Bitten nicht vermochten.

Ich sa eine volle Stunde bei der Frstin. Mary kam nicht zum Vorschein, --
sie ist krank. Auf dem Boulevard erschien sie des Abends auch nicht. Die
daselbst zusammengekommene Rotte, mit Lorgnetten bewaffnet, nahm in der
That eine drohende Gestalt an. Ich war froh, da die Frstin krank war: sie
wrden ihr irgend einen Affront angethan haben. Gruschnitzki's Haar war in
wilder Unordnung, seine Miene eine verzweifelte. Wie es scheint, ist er
wirklich tief angegriffen, besonders fhlt er sich in seiner Eigenliebe
schwer verletzt; es giebt nun aber einmal Leute, an denen alles lcherlich
ist, sogar die Verzweiflung! --

Nach Hause zurckgekehrt, bemerkte ich, da mir heute etwas fehlt. _Ich
habe sie nicht gesehen! Sie ist krank!_ Sollte ich in der That verliebt
sein? . . . Was fr Unsinn!


Den 15. Juni.

Um eilf Uhr Morgens, -- nmlich zur Zeit, in welcher die Frstin Ligoffska
gewhnlich in der Jermoloff'schen Badewanne schwitzt, -- ging ich an ihrem
Hause vorbei. Mary sa nachdenklich am Fenster; als sie mich sah, fuhr sie
auf. --

Ich trat ins Vorzimmer; da ich keinen Lakai daselbst antraf, so benutzte
ich die hiesigen freien Gebruche und begab mich unangemeldet ins
Wohnzimmer.

Eine trbe Blsse bedeckte das holde Gesicht der Frstin. Sie stand am
Fortepiano und sttzte sich mit der einen Hand auf die Lehne eines Sessels;
diese Hand zitterte unmerklich. Ich ging leise auf sie zu und sagte:

-- Zrnen Sie mir, gndige Frstin? . . .

Sie heftete einen dstern, tiefen Blick auf mich und schttelte das Haupt;
ihre Lippen wollten einige Worte hervorbringen, vermochten es aber nicht;
ihre Augen fllten sich mit Thrnen; sie lie sich in den Lehnstuhl gleiten
und bedeckte ihr Gesicht mit den Hnden.

-- Was ist Ihnen, Frstin? sagte ich, und ergriff ihre Hand.

Achten Sie mich denn gar nicht? . . . O! verlassen Sie mich! . . .

Ich machte einige Schritte . . . Sie richtete sich im Sessel auf, ihre
Augen funkelten . . .

Ich blieb an der Thr, die Klinke in der Hand, stehen und sagte:

-- Verzeihen Sie mir, gndige Frstin! Mein Verfahren ist das eines
Wahnsinnigen . . . es soll nicht wieder vorkommen, ich werde meine
Maregeln darnach treffen . . . Was ginge Sie auch Das an, was bisher in
meiner Seele vorgegangen? Sie sollen es niemals erfahren, es ist soviel
besser fr Sie; leben Sie wohl!

Beim Hinausgehen kam es mir vor, als hrte ich sie schluchzen. Ich trieb
mich bis zum Abende zu Fu in den Umgebungen des Maschuk herum, ermdete
mich frchterlich und warf mich, sobald ich nach Hause zurckgekehrt war,
in vollkommener Abspannung auf's Bett.

Doktor Werner besuchte mich.

Ist es wahr, da Sie sich mit der jungen Frstin Ligoffska vermhlen?

-- Wie so?

Die ganze Stadt sagt es; alle meine Kranken sind mit dieser wichtigen
Neuigkeit beschftigt; diese Kranken, das ist die rechte Sorte, die wissen
alles!

Das ist ein Streich von Gruschnitzki, dachte ich.

-- Um Ihnen, lieber Doktor, die Unwahrheit dieser Gerchte zu widerlegen,
theile ich Ihnen als Geheimni mit, da ich morgen nach Kislowodsk
bersiedele.

Und die Frstin?

-- Sie bleibt noch eine Woche hier . . .

Also verheirathen Sie sich nicht?

-- Doktor, Doktor! Sehen Sie mich doch nur an: sehe ich wohl einem
Brutigame oder so etwas im Geringsten hnlich?

Das will ich damit nicht sagen . . . Indessen, wissen Sie wohl, giebt es
Flle . . . fgte er mit einem verschmitzten Lcheln hinzu, in welchen ein
anstndiger Mensch gezwungen ist zu heirathen, auch giebt es Mtter, welche
derartigen Fllen nicht vorbeugen. Darum rathe ich Ihnen als Freund
vorsichtiger zu sein. Hier am Brunnen weht eine gefhrliche Luft: wie
manchen schmucken Kerl habe ich nicht gesehen, der wahrhaftig eines bessern
Looses werth gewesen wre, und der von hier geradesweges unter die Haube
gerieth . . . Wollen Sie wohl glauben, da man mich sogar hat verheirathen
wollen! Besonders eine Mama aus der Provinz, die ein sehr blasses
Tchterchen hatte. Ich hatte das Unglck ihr zu sagen, da die frische
Gesichtsfarbe nach der Hochzeit wiederzukehren pflegt; alsbald bot sie mir
mit Thrnen der Dankbarkeit die Hand ihrer Tochter und ihr ganzes Vermgen
an -- ich glaube sie hatte etwa funfzig Seelen. -- Ich antwortete ihr aber,
da ich dazu unfhig wre.

Werner verlie mich in der festen Meinung, er habe mich gewarnt. Aus seiner
Rede vernahm ich, da ber mich und die Frstin entschieden schlechte
Gerchte im Umlauf waren. Das soll Gruschnitzki nicht umsonst hingehen.


Den 18. Juni.

Seit drei Tagen bin ich bereits in Kislowodsk. Ich sehe Wra jeden Tag am
Brunnen und auf der Promenade. Des Morgens, nach dem Aufstehen, setze ich
mich ans Fenster und richte meine Lorgnette auf ihren Balkon; sie ist schon
lngst angekleidet und wartet auf das verabredete Zeichen; wir begegnen uns
wie zufllig im Garten, der von unsern Husern nach dem Brunnen fhrt. Die
belebende Bergluft hat ihr ihre Gesichtsfarbe und Krfte wiederverliehen.
Nicht umsonst wird der Narsan die Heldenquelle genannt. Die hiesigen
Einwohner behaupten, da die Luft von Kislowodsk zur Liebe stimmt, da hier
alle Romane ihre Entwickelung finden, die irgendwo am Fue des Maschuk
geknpft wurden. Und wirklich athmet hier alles nur Einsamkeit und
Mysterium; die dunkeln Schatten der Lindenalleen, die sich ber den
Sturzbach breiten, der bald mit Schaum und Gebrause von Abhang zu Abhang
rast, bald ein Bett sich mitten durch die grnenden Berge whlt, sowohl,
wie die Schluchten voller Nacht und Schweigen, deren Verzweigungen sich
nach allen Seiten hin erstrecken, -- wie die Frische der aromatischen Luft,
vom Dufte der hohen Grser des Sdens und dem der weien Akazie
geschwngert, -- wie das ununterbrochene, s einlullende Rauschen der
khlen Quellen, die sich am Ende der Ebene begegnen, und nun, wie Freunde
vereint, ihrem Ausflusse in den Podkmok entgegenflieen. Diesseits ist die
Schlucht breiter und verwandelt sich zuletzt in einen begrnten Hohlweg;
eine staubige Landstrae zieht sich hindurch. So oft ich nach ihr schaue,
will es mich bednken, als kme ein Wagen, und als schaute ein rosiges
Gesichtchen aus dem Wagenfenster. Wie viele Wagen sind nicht dieses Weges
daher gekommen, aber der noch immer nicht. Das Drfchen, jenseits der
Festung, ist bevlkert. Aus der Restauration, die wenige Schritte von
meiner Wohnung auf einem Hgel liegt, schimmern des Abends die Lichter
durch die doppelte Pappelreihe; Lrm und Glserklang ertnen bis in die
spte Nacht.

Nirgends wird so viel Kachetiner (Land-) wein und so viel Mineralwasser
getrunken wie hier.

   Fr diese doppelte Vieltrinkerei
   Giebt es der Freunde viel -- doch ich bin nicht dabei.

Gruschnitzki tobt mit seiner Bande fast jeden Tag im Wirthshause; mich
grt er fast nicht mehr.

Er ist gestern erst angekommen; trotzdem ist es ihm bereits gelungen sich
mit drei alten Herren zu verzanken, die das Bad vor ihm nehmen wollten; --
wahrlich, das Unglck entwickelt in ihm den kriegerischen Geist.


Den 22sten Juni.

Endlich sind sie angekommen. Ich sa am Fenster, als ich das Gerassel ihrer
Equipagen hrte; mein Herz klopfte laut . . . Was bedeutet das? Wre ich
wirklich verliebt? Ich bin so dumm beschaffen, da man es wohl von mir
erwarten knnte.

Ich dinirte bei ihnen. Die Frstin sah mich sehr zrtlich an, geht aber
ihrer Tochter nicht von der Seite . . . Abscheulich! Wra hingegen ist in
voller Eifersucht gegen die Frstin -- habe ich doch endlich diese
Seligkeit erstrebt! Was thut ein Weib nicht, um ihre Rivalin zu krnken?
Ich erinnere mich, da die eine sich in mich verliebte, weil ich eine
andere liebte. Es giebt nichts Paradoxeres als den weiblichen Geist: es ist
schwer, ein Frauenzimmer von etwas zu berzeugen; man mu sie dahin
bringen, da sie sich selbst berzeuge. Die Ordnung der Beweise, womit sie
ihre Vorurtheile vernichten, ist hchst originell; will man sich ihre
Dialektik aneignen, so mu man in seinem Geiste alle Schulregeln der Logik
ber den Haufen werfen. Zum Beispiel, die gewhnliche Manier zu folgern
ist:

Dieser Mann liebt mich; ich aber bin verheirathet: folglich darf ich nicht
lieben.

Weibliche Manier:

Ich darf ihn nicht lieben, denn ich bin verheirathet; er liebt mich aber,
-- folglich . . .

Hier folgen einige Punkte, denn der Verstand spricht nicht mehr; hingegen
sprechen meistentheils: die Zunge, die Augen, und in ihrem Gefolge das
Herz, wenn ein solches vorhanden ist.

Wie nun, wenn diese Memoiren jemals einer Dame unter die Augen geriethen?
-- Verlumdung! ruft sie mit Entrstung aus.

Seit Dichter schreiben und Damen sie lesen (wofr wir ihnen die grte
Dankbarkeit weihen), hat man sie so oft Engel genannt, da sie in ihrer
Herzenseinfalt diesem Complimente wahrhaftig Glauben schenkten, vergessend,
da diese selben Dichter den Nero fr Geld einen Halbgott nannten . . .

Es wrde mir bel anstehen, boshaft von ihnen zu sprechen, mir, der ich
auer ihnen auf der Welt nichts lieb habe, mir, der ich immer bereit bin,
ihnen meinen Frieden, meinen Ehrgeiz, mein Leben zu opfern. Allein ich
suche ja auch nicht in einem Anfalle des Grames, oder der beleidigten
Eigenliebe ihnen den Zauberschleier abzureien, durch welchen nur ein
gebtes Auge dringt. Nein, alles was ich von ihnen sage, ist blo das
Resultat

   So mancher regen Geistesmhen
   So mancher bittern Herzensqual.

Die Damen sollten eigentlich wnschen, da alle Mnner sie so gut kennten
wie ich, weil ich sie hundertmal mehr liebe, seit ich sie nicht mehr
frchte und hinter ihre kleinen Schwchen gekommen bin.

Da fllt mir gerade ein, da Werner vor einigen Tagen die Damen mit dem
verzauberten Walde verglich, von welchem Tasso in seinem Befreiten
Jerusalem erzhlt.[A] -- So wie man ihn betritt, sagte er, fliegen
einem von allen Seiten solche Schrecken entgegen, da Gott bewahre:
Pflicht, Stolz, Anstndigkeit, ffentliche Meinung, Lcherlichkeit,
Verachtung . . . Man braucht aber nur die Augen zuzumachen und darauf
loszugehen; -- nach und nach verschwinden die Schreckbilder, und eine
stille, freundliche Flur dehnt sich vor Dir aus, in deren Mitte die
grnende Myrthe blht. Wehe Dir aber, wenn Dein Herz bei den ersten
Schritten bebt und Du Dich zurckziehst!

[Funote A: Canto XVIII.]


Den 24. Juni.

Der heutige Abend war reich an Abenteuern. Ungefhr drei Werst von
Kislowodsk, in der Schlucht, wo der Podkumok dahinfliet, befindet sich ein
Felsen, der _Ring_ genannt, weil er eine von der Natur gebildete Pforte[A]
bildet. Diese erhebt sich auf einem hohen Hgel, und die untergehende Sonne
wirft durch sie ihren letzten glhenden Blick auf die Erde. Eine zahlreiche
Kavalkade hatte sich dahinbegeben, um den Sonnenuntergang durch dieses
Felsenfenster zu betrachten. Die Wahrheit zu gestehen, dachte Keiner von
ihnen an die Sonne. Ich ritt neben der Frstin Mary; auf dem Rckwege
muten wir den Podkumok durchreiten. Die Bergflsse, selbst die
allerkleinsten, sind gefhrlich, besonders dadurch, da ihr Boden ein
wahrhaftiges Kaleidoskop ist: jeden Tag verndert er sich von dem Drucke
(Andrange) der Wogen; wo gestern ein Stein lag, ist heute ein Loch. Ich
nahm das Pferd der Frstin bei den Zgeln und leitete es ins Wasser, das
ihm nicht bis ber die Kniee ging; langsam setzten wir uns stromaufwrts
schrg gegen den Flu in Bewegung. Es ist bekannt, da man beim Reiten
durch reiende Gewsser nicht aufs Wasser blicken darf, weil man sogleich
schwindelig wird. Ich hatte vergessen, die Frstin darauf aufmerksam zu
machen.

[Funote A: Aehnlich der Porta Westphalica bei Minden. Anm. d. Uebers.]

Wir waren bereits in der Mitte der reienden Strmung, als sie pltzlich im
Sattel schwankte. Mir ist unwohl! sagte sie mit schwacher Stimme. Rasch
neigte ich mich zu ihr, umfate ihre schlanke Taille mit meinem Arme, und
raunte ihr zu: Sehen Sie in die Hhe, Frstin! es ist nichts, nur sein Sie
nicht furchtsam, ich bin ja mit Ihnen.

Sie fing an sich zu erholen und wollte sich meinem Arme entwinden, ich
umschlang aber ihren zarten, weichen Wuchs noch fester; meine Wangen
berhrten fast die ihrigen, von denen es mich glhend anwehte.

Was beginnen Sie mit mir'! . . . O mein Gott! . . .

Ich beachtete ihr Zittern und ihre Verwirrung nicht, sondern drckte meine
Lippen auf ihre zarten Wangen; sie erbebte, sagte aber nichts; wir waren
die hintersten: Niemand hatte uns gesehen. Als wir eben das jenseitige Ufer
erreichten, setzten sich die andern in Trab. Die Frstin hielt ihr Pferd
an; ich blieb neben ihr; offenbar beunruhigte sie mein Schweigen; ich hatte
mir aber versprochen kein Wort zu sagen -- aus reiner Neugierde. Ich wollte
sehen, wie sie sich aus dieser schwierigen Lage herausziehen wrde.

Entweder verachten Sie mich, oder Sie lieben mich ungemein! sagte sie
endlich mit einer Stimme, in welcher die Thrnen klangen. Vielleicht wollen
Sie sich ber mich lustig machen, meine Seele nur aufregen, und mich dann
fahren lassen . . . Das wre ja so nichtswrdig, so niedrig, da die bloe
Voraussetzung . . . O, nein! Nicht wahr, ich habe nichts an mir, das mir
Ihre Achtung versagte? Ihr khnes Betragen . . . ich mu, ich mu es Ihnen
verzeihen, weil ich Ihnen erlaubte . . . Antworten Sie mir, sprechen Sie
doch, ich will Ihre Stimme hren! . . . In den letzten Worten lag eine
solche weibliche Ungeduld, da ich unwillkhrlich lchelte; zum Glcke fing
die Dmmerung an einzubrechen . . . Ich erwiederte nichts.

Sie schweigen? fuhr sie fort: so wollen Sie vielleicht da ich Ihnen
zuerst sage, da ich Sie liebe? . . .

Ich schwieg.

Wollen Sie das? fuhr sie, sich rasch zu mir wendend, fort . . . In der
Entschlossenheit ihres Blickes und ihrer Stimme lag etwas Frchterliches
. . .

-- Wozu? antwortete ich mit den Achseln zuckend.

Sie schlug ihr Pferd mit der Peitsche und jagte mit verhngten Zgeln auf
dem engen gefhrlichen Wege dahin; dies war so rasch vor sich gegangen, da
ich sie kaum einholen konnte, und zwar erst als sie sich der brigen
Gesellschaft bereits angeschlossen hatte. Bis zu ihrem Hause blieb sie in
einem Lachen und Sprechen; in ihren Bewegungen lag etwas Fieberhaftes; mich
sah sie nicht ein einziges Mal an. Allen fiel diese ungewhnliche
Heiterkeit auf. Ihre Mutter freute sich innerlich, so oft sie auf ihr
Tchterchen blickte, das Tchterchen hingegen hatte ganz einfach
Nervenzucken: diese Nacht liegt sie schlaflos und in Thrnen! Dieser
Gedanke gewhrt mir einen unaussprechlichen Genu: es giebt Augenblicke in
denen ich die Vampire begreife . . . Bis jetzt gelte ich noch immer fr
einen guten Jungen und beute diese Benennung aus!

Nachdem sie vom Pferde gestiegen war, begaben sich die Damen zur Frstin;
ich war tief aufgeregt und galloppirte in die Berge, um die Gedanken, die
sich in meinem Kopfe drngten, zu zerstreuen. Der thauige Abend athmete
besnftigende Khle. Der Mond stieg hinter den dunkeln Bergspitzen empor.
Jeder Schritt meines unbeschlagenen Pferdes fand im Schweigen der
Schluchten sein Echo; beim Wasserfall hielt ich still mein Pferd zu
trnken, sog gierig einigemal die frische Luft der sdlichen Nacht ein, und
begann den Rckweg. Ich ritt durch das Drfchen. Die Lichter fingen an hier
und da in den Fenstern zu erlschen; die Wachen auf der Festung und die
Kosaken der benachbarten Feldwachen riefen sich mit gedehnter Stimme an.

In einem der Huser des Drfchens, das am uersten Ende des Hohlweges
stand, bemerkte ich eine ungewhnliche Beleuchtung; von Zeit zu Zeit
ertnte ein lautes unzusammenhngendes Stimmengetn, an welchem ich ein
militairisches Gelage erkannte. Ich stieg ab und schlich mich an's Fenster;
eine nicht gut anschlieende, vorgestellte Fensterlade erlaubte mir die
Zecher wahrzunehmen und ihre Worte aufzufangen. Man sprach von mir.

Der Dragonerhauptmann, vom Weine erhitzt, schlug mit der Faust auf den
Tisch und forderte die allgemeine Aufmerksamkeit:

Meine Herren! sagte er, das hat keinen Sinn und Verstand. Dem Petschorin
mu man einen Denkzettel geben. Diese Petersburger Flatterer bilden sich
immer so viel ein, bis man ihnen eins derb auf die Nase giebt! Er bildet
sich ein, da er allein die Welt kennt, weil er immer reine Handschuhe und
geputzte Stiefeln trgt. -- Und was er fr ein aufgeblasenes Lcheln hat!
Und dennoch bin ich berzeugt, da er eine Memme -- eine recht feige Memme
ist!

Ich glaube das auch, sagte Gruschnitzki. Er liebt es, sich durch einen
Spa aus der Schlinge zu ziehen. Ich habe ihm einmal solche Dinge gesagt,
da ein Anderer mich auf dem Flecke zu Boden gehauen htte, aber Petschorin
zog alles ins Lcherliche. Ich habe ihn natrlich nicht gefordert, denn das
war seine Sache; aber er wollte durchaus nicht anbeien . . .

Gruschnitzki ist bse auf ihn, weil er ihm die Frstin abspenstig gemacht
hat, sagte Einer.

Na, da bitte ich zu gren! Ich habe freilich der Frstin ein wenig die
Cour gemacht, indessen hab ichs gleich wieder dran gegeben, weil ich nicht
heirathen will, und es gegen meine Grundstze ist, ein junges Mdchen zu
compromittiren.

Ja, ich gebe Ihnen die Versicherung, er ist die grte Memme, nmlich
Petschorin und nicht Gruschnitzki, -- Gruschnitzki ist ein braver Junge,
und auerdem mein innigster Freund! sagte wiederum der Dragonerhauptmann.
-- Meine Herren, nimmt ihn hier Niemand in Schutz? Keiner? Desto besser!
Wollen wir einmal seine Courage auf die Probe stellen? Das wird Sie alle
amsiren . . .

Das wollen wir wohl; aber wie?

Ich habe einen Plan; hren Sie: Gruschnitzki ist besonders bse auf ihn;
ihm kommt also die erste Rolle zu! Er zieht die erste beste Dummheit heran
und fordert Petschorin zum Duell . . . Erlauben Sie, erlauben Sie: gerade
hierin liegt der ganze Witz; -- und fordert Petschorin zum Duell. Gut!
Alles dies -- die Herausforderung, die Vorbereitungen, die Bedingungen
mssen so feierlich und schrecklich wie mglich gemacht werden, -- das
bernehme ich; ich werde Dein Sekundant sein, armer Freund! Gut! Aber jetzt
sollt Ihr sehen, wo der Knoten liegt: In die Pistolen laden wir keine
Kugeln; ich stehe Ihnen dafr ein, da Petschorin Furcht hat -- wir stellen
sie sechs Fu einander gegenber; Hol's der Teufel! Sie sind damit
einverstanden meine Herren?

Wundervoll ausgedacht! -- Vollkommen einverstanden? Und warum denn nicht?
ertnte es von allen Seiten.

Und Du, Gruschnitzki?

Mit Spannung harrte ich der Antwort Gruschnitzki's. -- Eine kalte Wuth
durchzuckte mich bei dem Gedanken, da ich ohne diesen Zufall diesen Narren
ein Gegenstand des Spottes htte werden knnen. Wenn Gruschnitzki nicht
einwilligte, so htte ich mich ihm an den Hals geworfen. Allein nach kurzem
Schweigen erhob er sich von seinem Platze, streckte dem Hauptmann seine
Hand entgegen und sagte mit vieler Wichtigkeit: Gut, ich bin damit
einverstanden.

Das Entzcken der ganzen verehrlichen Gesellschaft lt sich schwer
beschreiben.

Ich kehrte nach Hause zurck, von zwei verschiedenartigen Gefhlen bewegt.
Das eine war Traurigkeit -- Warum hassen sie mich doch alle? dachte ich,
-- warum? Habe ich irgend einem von ihnen etwas zu Leide gethan? Nein.
Oder gehre ich in die Reihe derjenigen Menschen, deren bloer Anblick
bereits Widerwillen erregt? Und sodann fhlte ich, wie ein giftiger Grimm
allmlig meine ganze Seele erfllte. Nehmen Sie sich in Acht, Herr
Gruschnitzki! rief ich aus, indem ich in meinem Zimmer auf und ab schritt:
so lasse ich mit mir nicht spielen. Der Beifall Ihrer stupiden Kameraden
kann Ihnen theuer zu stehen kommen! Ich bin kein Spielzeug fr Sie! . . .

Ich that die ganze Nacht kein Auge zu. Gegen Morgen war ich gelb wie eine
Pomeranze.

Des Morgens frh begegnete ich der Frstin am Brunnen.

Sind Sie krank? fragte sie, indem sie mich durchdringend anblickte.

-- Ich habe die Nacht nicht geschlafen.

Ich auch nicht . . . Ich beschuldigte Sie . . . vielleicht . . . mit
Unrecht? -- Aber so erklren Sie sich, ich kann Ihnen alles verzeihen
. . .

-- Alles?

Alles . . . aber sagen Sie die Wahrheit, und schnell . . . Sehen Sie, ich
habe hin und hergedacht, und mich bemht, mir Ihr Betragen zu erklren, es
zu entschuldigen; vielleicht frchten Sie Hindernisse von Seiten meiner
Familie . . . Das will nichts sagen: besonders wenn Sie erst wissen, --
(ihre Stimme fing an zu zittern) ich will sie schon erbitten. Oder sollte
Ihre eigene Lage? O, so wissen Sie, da ich Alles, Alles fr den zu opfern
bereit bin, den ich liebe . . . O, antworten Sie schnell, -- haben Sie
Mitleid . . . Nicht wahr, Sie verachten mich nicht?

Sie ergriff meine Hand.

Ihre Mutter ging mit Wra's Gemahl voran und sah von allem nichts; allein
wir wurden von den spazierengehenden Kranken, den allerneugierigsten
Kltschern aller Neugierigen, gesehen, und so befreite ich meine Hand
schnell von ihrem leidenschaftlichen Drucke.

-- Ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen, erwiederte ich der Frstin;
ich werde meine Schritte weder entschuldigen, noch erklren: Ich liebe Sie
_nicht_.

Ihre Lippen erbleichten.

Verlassen Sie mich, sagte sie kaum hrbar.

Ich zuckte die Achseln, wandte mich um und ging fort.


Den 25. Juni.

Bisweilen verachte ich mich . . . kommt es vielleicht daher, da ich auch
die Andern verachte? . . . Ich war der edelmthigen Regungen nicht fhig;
ich frchte mich, dadurch selbst lcherlich zu werden. Ein Anderer htte an
meiner Stelle der Frstin son cocur et sa fortune angeboten; allein ber
mich hat das Wort _heirathen_ eine Art zauberischer Gewalt: wie
leidenschaftlich ich auch ein Frauenzimmer liebe, sobald sie mir nur zu
verstehen giebt, da ich sie heirathen soll -- Adieu Liebe! mein Herz wird
zu Stein, und nichts vermag es auf's Neue zu beleben. Zu allen Opfern bin
ich bereit, nur nicht zu diesem; zwanzigmal lieber stelle ich mein Leben,
ja meine Ehre auf die Karte, aber meine Freiheit verkaufe ich nicht.
Weshalb halte ich sie fr so kostbar? Was finde ich in ihr? Wohin flchte
ich mich dereinst? Was erwarte ich von der Zukunft? . . . In der That ganz
und gar nichts. -- Es ist bei mir eine feindselige Furcht, ein
unerklrliches Vorgefhl . . . Giebt es doch Leute, welche sich gegen ihren
Willen vor Spinnen, Schaben und Musen frchten . . . Und soll ich es ganz
gestehen? Als ich noch ein Knabe war, legte ein altes Weib meiner Mutter
ber mich die Karte. Sie wahrsagte mir _Tod in Folge meiner bsen Frau_;
das hat mich damals schon tief ergriffen; in meiner Seele entstand eine
unberwindliche Abneigung gegen die Ehe . . . Trotzdem sagt mir etwas, da
ihre Wahrsagung in Erfllung gehen wird; aber Mhe will ich mir wenigstens
geben, da dies so spt wie mglich geschehe.


Den 26. Juni.

Gestern kam der Taschenspieler Apfelbaum hier an; An den Thren der
Restauration ist eine lange Affische angeschlagen, welche das hochverehrte
Publikum benachrichtigt, da der obengenannte berhmte Taschenspieler,
Akrobat, Professor der Chemie und Optik, die Ehre haben wird, heute Abend
um 8 Uhr im adligen Saale -- sonst Restauration -- eine brillante
Vorstellung zu geben; Billete sind zu haben zum Preise von zwei und einem
halben Rubel.

Alle haben sich verabredet, den berhmten Taschenspieler zu sehen; sogar
die Frstin Ligoffska, obgleich ihre Tochter krank ist, hat fr sich ein
Billet genommen.

Nach dem Mittagessen ging ich vor Wra's Fenster vorber; sie sa allein
auf dem Balkone; ein Zettelchen fiel vor meinen Fen auf die Erde:

Komm heut Abend um zehn Uhr zu mir; Du kannst die Paradentreppe
heraufkommen; mein Mann ist nach Ptigorsk gereist und kehrt erst morgen
frh zurck. Von meinen Leuten wird Niemand zu Hause sein, ich habe ihnen
allen Billete gegeben, sogar denen der Frstin. -- Ich erwarte Dich; komme
unbedingt.

-- Aha! dachte ich, endlich kommt es doch, wie ich es wnschte.

Um acht Uhr ging ich zum Taschenspieler. Das Publikum versammelte sich
gegen das Ende der neunten Stunde; die Vorstellung begann. In den letzten
Stuhlreihen erkannte ich die Lakaien und Kammermdchen Wra's und der
Frstin. Es fehlte auch nicht Einer. Gruschnitzki sa in der vordersten
Reihe, mit seiner Lorgnette bewaffnet. Der Taschenspieler wandte sich stets
an ihn, so oft er ein Schnupftuch, eine Uhr, einen Ring und dergl. mehr
brauchte.

Gruschnitzki grt mich schon seit einiger Zeit nicht mehr, aber heute sah
er mich sogar recht frech an. Gut, ich werde Allem Rechnung tragen, wenn
unser Abrechnungstermin wird gekommen sein.

Kurz vor zehn stand ich auf und ging.

Auf dem Hofe war es so finster, da man die Hand vor den Augen nicht sehen
konnte. Schwere dunkle Gewlke hingen auf den Spitzen der nahen Berge; nur
dann und wann rauschte ein ersterbendes Windchen in den Kronen der Pappeln,
welche die Restauration umstehen; an den Fenstern drngte sich das Volk.
Ich ging die Anhhe hinab und, nachdem ich mich aus der Thr gestohlen
hatte, ging ich raschen Schrittes voran. Pltzlich schien es mir, als hrte
ich Jemanden hinter mir. Ich blieb stehen und blickte rund um mich. Es war
unmglich, in der Finsterni irgend etwas zu erkennen; doch ging, ich, der
Vorsicht wegen, gleichsam spazieren gehend, einige Male um das Haus. Als
ich an den Fenstern der Frstin vorberging, hrte ich abermals Tritte
hinter mir; ein Mann, in einen Mantel gehllt, ging eilig an mir vorber.
Dies fing an mich zu beunruhigen. Indessen gelangte ich an den Perron und
eilte schnell die dunkle Treppe hinauf. Die Thr ging auf; eine kleine Hand
ergriff die meinige . . .

Es hat Dich doch Niemand gesehen? flsterte Wra leise, indem sie mich an
sich zog.

-- Niemand.

Glaubst Du jetzt, da ich Dich liebe? O, ich habe lange geschwankt, lange
mit mir selbst gekmpft . . . aber Du machst nun einmal alles aus mir, was
Du willst . . .

Ihr Herz schlug heftig, ihre Hnde waren kalt wie Eis. Nun begannen die
Vorwrfe der Eifersucht, die Klagen; sie forderte von mir, da ich alles
gestehen solle, und sagte, da sie meine Treulosigkeit mit Ergebenheit
ertragen wrde, da sie ja nichts wolle als mein Glck einzig und allein.
Ich glaubte nicht ganz daran, beruhigte sie indessen durch Schwre,
Versprechungen u. s. w. u. s. w.

Also willst Du Mary nicht heirathen? Du liebst sie nicht? Und sie glaubt
. . . weit Du wohl, da sie Dich bis zum Wahnsinn liebt, die arme Seele!
--

                   *       *       *       *       *

Gegen zwei Uhr Mitternacht ffnete ich das Fenster, knpfte zwei Shawls
zusammen, und glitt an den Sulen vom obern Balkon auf den niedern hinab.
Bei der jungen Frstin brannte noch Licht. Eine unsichtbare Macht fesselte
mich an ihr Fenster. Der Vorhang war nicht ganz herabgelassen, so da ich
meinen neugierigen Blick im Innern des Zimmers herumschweifen lassen
konnte. Mary sa im Bette aufrecht, die Arme ber die Kniee gekreuzt; ihr
volles Haupthaar war unter eine Nachthaube aufgeschrzt, die mit Spitzen
garnirt war; ein groes Ponceau-Halstuch umhllte ihre weien Schultern,
ihr kleines Fchen war in bunten, persischen Pantoffeln versteckt. Sie sa
unbeweglich, den Kopf auf die Brust gesenkt; neben ihr auf einem Tischchen
lag ein aufgeschlagenes Buch; allein ihre Augen, unbeweglich und mit einem
unaussprechlichen Grame erfllt, schienen schon zum hundertsten Male eine
und dieselbe Seite zu berlaufen, whrend ihre Gedanken fern waren . . .

In diesem Augenblicke regte sich etwas im Gebsche. Ich sprang vom Balkon
auf den Rasen. Eine unsichtbare Hand ergriff mich an der Schulter. Aha!
sagte eine grobe Stimme: hab' ich Dich erwischt! Ich werde Dich lehren,
des Nachts zu schnen Frstinnen zu gehen! . . .

-- Halte ihn fest! schrie ein anderer, der aus einem Winkel
herbeigesprungen kam.

Es war Gruschnitzki und der Dragonerhauptmann.

Mit einem frchterlichen Faustschlag auf den Kopf warf ich den Letztern
nieder und stie ihn mit einem Futritte vor mir in's Gebsch. Alle Fuwege
des Gartens, welcher den sanften Abhang zwischen unsern Husern bedeckte,
waren mir bekannt.

Diebe! Wache! schrieen sie . . . ein Schu ertnte; der rauchende
Pfropfen fiel fast zu meinen Fen.

Innerhalb einer Minute war ich schon in meinem Zimmer, zog mich rasch aus
und legte mich. Kaum hatte mein Diener die Thr zugeschlossen, als
Gruschnitzki und der Kapitain schon bei mir anklopften.

Petschorin! Schlafen Sie? Sind Sie zu Hause? rief der Kapitain.

-- Freilich schlafe ich, antwortete ich verdrielich.

Stehen Sie auf! -- Diebe! . . . Tscherkessen! . . .

-- Ich hab' den Schnupfen, antwortete ich, und frchte mich zu erklten.

Sie entfernten sich. Vergebens hatte ich ihrem Rufe geantwortet; sie
suchten mich noch eine Stunde lang im Garten. Unterdessen war ein
frchterlicher Lrm entstanden. Aus der Festung kam ein Kosak
herbeigesprengt. Alles war in Alarm, jeder suchte die Tscherkessen in jedem
Busche und fand natrlich nichts. Viele aber waren hchst wahrscheinlich
der festen Ueberzeugung, da wenn die Garnison mehr Tapferkeit und
Schnelligkeit entwickelt htte, wenigstens einige zwanzig Stck von den
Rubern auf dem Platze geblieben wren. --


Den 27. Juni.

Heute Morgen war am Brunnen von nichts anderem die Rede als von dem
nchtlichen Anfalle der Tscherkessen. Ich trank die vorgeschriebene
Glserzahl Narsan, ging ein Dutzend Mal die lange Lindenallee auf und ab,
und begegnete Wra's Gemahle, der so eben von Ptigorsk zurckgekommen war.
Er fate mich unter den Arm, und wir gingen in die Restauration, um zu
frhstcken; er war in groer Angst um seine Frau. Wie sie sich diese
Nacht erschreckt hat! sagte er: mu doch gerade so etwas vorfallen, wenn
ich nicht hier bin. Wir setzten uns zum Frhstck nahe an die Thr, welche
zum Eckzimmer fhrt, in welchem an zehn junge Leute waren, unter denen auch
Gruschnitzki sich befand. Das Schicksal gewhrte mir zum zweiten Male die
Gelegenheit ein Gesprch zu berhren, welches ber seine Zukunft
entscheiden sollte. Er konnte mich nicht sehen und aus diesem Grunde konnte
ich bei ihm keine bestimmte Absicht voraussetzen; allein dies erhhte eben
seine Schuld in meinen Augen.

Sollten es denn wirklich Tscherkessen gewesen sein? sagte Jemand, hat
irgend Einer sie gesehen?

-- Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen, erwiederte Gruschnitzki, aber ich
mu Sie bitten mich nicht zu verrathen; die Geschichte hngt so zusammen:
Gestern Abend kommt ein Mann, den ich Ihnen nicht nher bezeichne, zu mir
und erzhlt mir, da er in der zehnten Stunde gesehen habe, wie sich Jemand
ins Haus der Frstin Ligoffska geschlichen. Nun mssen Sie wohl bemerken,
da die Frstin hier und nur ihre Tochter zu Hause war. Wir geschwind mit
ihm unter das Fenster der Frstin, um den Glcklichen zu bewachen.

Ich gestehe, da ich nicht wenig erschrak, obgleich mein Nachbar ungemein
mit seinem Frhstck beschftigt war; er konnte, wenn Gruschnitzki eben so
gut die Wahrheit errathen htte, Dinge hren, die ihn ziemlich unangenehm
berhrt haben mten; allein von der Eifersucht verblendet, ahnte er den
wahren Zusammenhang nicht einmal.

-- Also, sehen Sie, wir gingen dahin und nahmen ein Gewehr mit, das
brigens nur blind geladen war, blo um zu erschrecken. Bis zwei Uhr
warteten wir im Garten. Endlich kam er, Gott wei woher, zum Vorschein --
aus dem Fenster kann er nicht gekommen sein, denn es war nicht aufgegangen,
er mu also aus der Glasthre, die hinter den Sulen liegt, gekommen sein;
-- also endlich, sage ich, sehen wir Jemand auf dem Balkone gehen . . .
Eine schne Frstin? he? Nun, das mu ich gestehen, das sind Moskauer
Gewohnheiten! Wem soll man hier noch vertrauen? Wir wollten ihn ergreifen,
aber er ri sich los und warf sich wie ein Hase ins Gebsch; da scho ich
ihm nach . . . .

Ein Gemurmel der Unglubigkeit erhob sich um Gruschnitzki . . .

-- Sie glauben es nicht? fuhr er fort: ich gebe Ihnen mein heiliges
Ehrenwort, da alles die nackte Wahrheit ist, und zum Beweise will ich
Ihnen sogar den saubern Herrn nennen. --

Sprich, sprich, wer ist es? ertnte es von allen Seiten.

-- Petschorin, antwortete Gruschnitzki.

In diesem Augenblicke hob er die Augen auf -- ich stand vor ihm in der
Thre; er wurde feuerroth. Ich ging auf ihn zu und sagte langsam und
vernehmlich:

Es thut mir sehr leid, da ich erst eingetreten bin, nachdem Sie bereits
Ihr Ehrenwort zur Bekrftigung der allerabscheulichsten Verlumdung
verpfndet haben; meine Gegenwart wrde Ihnen eine berflssige
Niedertrchtigkeit erspart haben.

Gruschnitzki sprang von seinem Platze auf und wollte hitzig werden.

Ich fordere Sie auf, fuhr ich mit derselben Stimme fort, sogleich Ihre
Worte zu widerrufen. Sie wissen selbst recht gut, da alles leere Erfindung
ist. Ich habe nie geglaubt, da eine Dame, die gegen Ihre glnzenden
Eigenschaften, gleichgltig ist, eine so abscheuliche Rache verdient htte.
Ueberlegen Sie es wohl: bleiben Sie bei Ihrer Meinung, so verlieren Sie das
Recht auf den Namen eines ehrlichen Mannes und setzen Ihr Leben auf's
Spiel.

Gruschnitzki stand mit gesenktem Blicke vor mir; er war in einer groen
Aufregung. Allein der Kampf zwischen Gewissenhaftigkeit und Eitelkeit
dauerte nicht lange. Der Dragonerhauptmann, der neben ihm sa, stie ihn
mit dem Ellenbogen an; er fuhr auf und antwortete schnell, ohne mich
anzusehen:

-- Mein gndiger Herr, wenn ich etwas sage, so denke ich es auch und bin
bereit es zu wiederholen . . . Vor Ihren Drohungen frchte ich mich nicht,
und bin auf alles gefat.

Das Letzte haben Sie bereits bewiesen, antwortete ich ihm kalt, indem ich
den Dragonerhauptmann unter den Arm fate und mit ihm das Zimmer verlie.

-- Was ist gefllig? fragte der Kapitain.

Sie sind Gruschnitzki's Freund und werden wahrscheinlich sein Sekundant
sein?

Der Kapitain verneigte sich mit Wichtigkeit.

-- Sie haben es getroffen, erwiederte er, es ist sogar meine Pflicht sein
Sekundant zu sein, weil die ihm zugefgte Beleidigung sich auch auf mich
bezieht; ich war die vergangene Nacht mit ihm, setzte er hinzu, seinen
krummen Rcken aufrichtend.

So? Also waren Sie das, dem ich den hbschen Schlag ber den Kopf
versetzte? . . .

Er wurde gelb und blau im Gesicht; eine unterdrckte Bosheit drckte sich
in seinem Gesichte aus.

Ich werde die Ehre haben, Ihnen heute meinen Sekundanten zuzuschicken,
fgte ich hinzu, indem ich ihn artig begrte und so that, als ob ich seine
Wuth gar nicht bemerkte. --

Auf dem Perron der Restauration traf ich den Gemahl Wra's. Dem Anscheine
nach erwartete er mich.

Er ergriff meine Hand mit einer Wrme, die an Entzcken streifte.

Edler, junger Mann, sagte er mit Thrnen in den Augen, ich habe alles
mit angehrt. Solch ein Bube, solch ein Lump! Und solche Leute soll man in
einem ordentlichen Hause aufnehmen! Gott sei Dank, da ich keine Kinder
habe! Sie aber wird Die belohnen, fr die Sie Ihr Leben einsetzen. -- Sein
Sie berzeugt von meiner Verschwiegenheit, bis alles vorbei ist, fuhr er
fort, ich war auch einst jung und habe gedient, und wei, da man sich in
solche Dinge nicht mischen darf. Empfehl' mich Ihnen.

Der arme Schlucker! Freut sich, da er keine Tchter hat . . . Ich ging
sofort zu Werner, fand ihn zu Hause und erzhlte ihm alles -- meine
Beziehungen zu Wra und zur Frstin, so wie das Gesprch, das ich berhrt
und aus welchem ich die Absicht dieser Narren erkannt hatte, mich zum
Besten zu haben und mich mit einer blinden Ladung schieen zu lassen. Jetzt
aber nahm die Sache eine ernstere Wendung: eine solche Lsung hatten sie
wahrscheinlich nicht erwartet.

Der Doktor willigte ein mein Sekundant zu sein; ich gab ihm einige
Anweisungen in Betreff der Bedingungen des Duells; er sollte vor Allem
darauf bestehen, da die Sache so geheim gehalten wrde wie mglich; denn
war ich schon bereit mich jeden Augenblick dem Tode zu unterziehen, so
hatte ich doch nicht im Geringsten Lust, meine Zukunft auf dieser Welt auf
ewig zu verderben. --

Hierauf begab ich mich nach Hause. Nach einer Stunde kam der Doktor von
seiner Expedition zurck.

Gegen Sie ist wirklich eine Verschwrung im Werke, sagte er. Ich fand
bei Gruschnitzki den Dragonerhauptmann und noch einen Herrn, dessen Name
mir nicht gleich einfllt. Ich blieb eine Minute lang im Vorzimmer stehen,
um meine Kaloschen auszuziehen. Drinnen war ein frchterliches Lrmen und
Streiten . . . Fr nichts in der Welt willige ich jetzt ein, sagte
Gruschnitzki, er hat mich ffentlich beleidigt; damals war es ganz etwas
anders. -- Nun, was geht das Dich an, meinte der Kapitain, wenn ich
doch Alles auf mich nehme. Ich war Sekundant in fnf Duellen und wei schon
wie man das anfngt. Ich habe mir bereits alles ausgedacht; ich bitte,
stre mich in nichts; es kann gar nichts schaden, ihn ein wenig
einzuschchtern. Und dann -- warum wolltest Du Dich einer Gefahr aussetzen,
wenn man sie vermeiden kann? . . . In diesem Augenblicke trat ich ein; sie
schwiegen pltzlich still. -- Unsere Unterhandlungen dauerten ziemlich
lange; endlich kamen wir in Folgendem berein: Ungefhr fnf Werst von hier
ist eine tiefe Schlucht; sie gehen morgen frh um vier Uhr dahin ab, wir
folgen eine halbe Stunde spter; Ihr schiet Euch auf sechs Fu Distanz --
Gruschnitzki hat es selbst so gefordert; der Getdtete kommt auf Rechnung
der Tscherkessen. -- Mir ist aber noch ein Verdacht gekommen: sie, ich
meine die beiden Sekundanten, haben ihren frhern Plan in etwas verndert,
und wollen nur die Pistole Gruschnitzki's mit einer Kugel laden. Das sieht
denn doch gerade aus wie Todtschlag; in Kriegszeiten und besonders in einem
asiatischen Kriege lass' ich etwas List wohl gelten, aber ich halte
Gruschnitzki doch fr honneter als seine Gefhrten. Was meinen Sie? Sollen
wir ihnen zeigen, da wir sie durchschaut haben?

-- Fr nichts auf der Welt, Doktor! Sein Sie ganz ruhig; ich lass' mich
nicht anfhren.

Was wollen Sie eigentlich thun?

-- Das ist mein Geheimni.

Ueberlegen Sie wohl, welcher Gefahr Sie sich aussetzen . . . auf sechs
Schritte!

-- Doktor, ich erwarte Sie morgen um vier Uhr; die Pferde werden bereit
stehen . . . Adieu!

Ich blieb bis gegen Abend zu Hause und schlo mich in meinem Zimmer ab. Ein
Lakai der Frstin kam, mich zu ihr zu bitten, -- ich lie sagen, ich wre
krank.

                   *       *       *       *       *

Es ist zwei Uhr des Nachts . . . ich kann nicht schlafen. Und doch mte
mich der Schlaf etwas strken, damit morgen meine Hand nicht zittert.
Uebrigens ist es schwer auf sechs Schritt fehlzuschieen. Ha, mein Herr
Gruschnitzki, Ihre Mystification soll Ihnen nicht gelingen . . . wir werden
unsere Rollen wechseln; jetzt kommt es mir zu, auf Ihrem bleichen Gesichte
die Zeichen der geheimen Furcht aufzusuchen. Warum haben Sie selbst diese
verhngnivollen sechs Fu bestimmt? Glauben Sie etwa, ich wrde Ihnen ohne
Weiteres meine Stirne darbieten? . . . Nein, wir werfen das Loos! und dann
. . . dann . . . wie aber, wenn ihn das Glck begnstigt, wenn mein Stern
mich endlich verliee? . . . Und wie leicht knnte dies sein; diente er
doch solange schon meinen Launen . . .

Wie? sterben? So sterben? Fr die Welt freilich kein groer Verlust; und
mir selbst ist es auf ihr auch schon ziemlich langweilig. Ich komme mir vor
wie Jemand, der auf einem Balle ghnt, der aber blo deshalb noch nicht
schlafen geht, weil sein Wagen noch nicht da ist. Jetzt ist der Wagen da
. . . Adieu! . . .

Ich berschaue im Gedchtni meine ganze Vergangenheit, und frage mich
unwillkhrlich: Warum habe ich gelebt? Zu welchem Zwecke wurde ich geboren?
Wahrscheinlich hat doch ein solcher existirt, wahrscheinlich war meine
Bestimmung eine erhabene, denn ich fhle in meiner Seele unermeliche
Krfte . . . Ich habe nur diese Bestimmung nicht errathen, sondern lie
mich von den Lockungen leerer und undankbarer Leidenschaften fortreien;
aus ihrem Schmelzofen kam ich fest und kalt wie Eisen hervor, aber hatte
auch fr immer jedes edle Streben -- die schnste Blthe des Lebens --
verausgabt. Und wie oft habe ich seit jener Zeit die Rolle des Beiles in
den Hnden des Schicksals gespielt! Gleich dem Instrumente des
Hochgerichtes fiel ich auf das Haupt der geweihten Opfer, oft ohne Bosheit,
immer ohne Mitleid . . . Meine Liebe hat Niemandem Glck gebracht, weil ich
denen, die ich liebte, niemals etwas geopfert habe: ich liebte meinetwegen,
zu meinem eigenen Vergngen; ich gengte nur dem seltsamen Bedrfni meines
Herzens, und saugte mit Begier ihre Gefhle, ihre Zrtlichkeit, ihre
Freuden und Leiden auf -- und konnte mich niemals sttigen. So sieht ein
vom Hunger Gequlter, den die Entkrftung in den Schlaf gesenkt hat, im
Traume die ppigsten Speisen und schumendsten Weine; mit Entzcken
verschlingt er die lustigen Gerichte seiner Einbildungskraft und er fhlt
sich leichter; kaum aber ist er erwacht -- sein Bild verschwindet, und es
bleibt ihm nichts als doppelter Hunger und doppelte Verzweiflung!

Morgen sterbe ich vielleicht . . . und auf der Welt ist kein einziges
Wesen, das mich ganz verstanden htte. Die Einen halten mich fr
schlechter, die Andern fr besser als ich wirklich bin . . . Die Einen
sagen: er war ein guter Junge, die Andern -- er war ein
verabscheuungswrdiger Mensch. Und das eine wie das andere ist falsch. Ist
es nach alle dem noch der Mhe werth zu leben? Und doch lebt man -- aus
Neugierde: man erwartet stets etwas Neues . . . Es ist lcherlich und
traurig. --

                   *       *       *       *       *

Seit anderthalb Monaten bin ich bereits in der Festung N. -- Maksim
Maksimitsch, der Kommandeur der Festung, ist auf die Jagd gegangen . . .
ich bin allein und sitze am Fenster; graue Wolken haben die Berge ganz und
gar berzogen; die Sonne sieht durch den Nebel wie ein gelber Flecken aus.
Es ist kalt; der Wind pfeift und rttelt an den Fensterladen . . .
Langweilig! -- ich werde mein Journal, das von so vielen seltsamen
Ereignissen unterbrochen wurde, weiter fortfhren.

Ich berlese die letzte Seite: lcherlich! -- Ich glaubte zu sterben; das
war unmglich: ich habe den Becher des Leidens noch nicht geleert und jetzt
fhle ich, da ich noch lange leben werde.

Wie alles Vergangene sich so scharf und klar in meinem Gedchtni abgo!
Nicht einen Zug, nicht eine Nance hat die Zeit verwischt!

Ich erinnere mich, da ich im Verlauf der ganzen Nacht die dem Duell
voranging, nicht eine Minute geschlafen habe. Schreiben konnte ich nicht
lange: eine geheime Unruhe hatte sich meiner bemchtigt. Eine ganze Stunde
lang ging ich im Zimmer auf und ab; alsdann setzte ich mich und ffnete
einen Roman Walter Scott's, der gerade auf meinem Tische lag. Es waren die
Puritaner von Schottland. Anfangs las ich nur mit Anstrengung, verga mich
aber bald, von der wunderbaren Dichtung fortgerissen.

Endlich fing es an zu tagen. Meine Nerven beruhigten sich. Ich blickte in
den Spiegel; eine trbe Blsse berzog mein Gesicht, welches die Spuren der
angreifenden Schlaflosigkeit trug; allein meine Augen, obgleich von einem
braunen Ringe umgeben, glnzten stolz und unermdet. Ich war mit mir selbst
zufrieden.

Nachdem ich befohlen hatte die Pferde zu satteln, zog ich mich an und eilte
ins Bad. Ich tauchte mich in ein abgekltetes Bad der Narsanischen
Heiquelle und fhlte bald, wie die Krper- und Geisteskrfte mir auf's
Neue zustrmten. Ich stieg aus der Wanne so frisch und keck, als bereitete
ich mich zu einem Balle vor. Hiernach sage mir Jemand, da die Seele nicht
vom Krper abhinge! . . .

Bei meiner Rckkehr vom Bade fand ich schon den Doktor bei mir wartend. Er
trug graue Reithosen, einen Archaluk[A] und eine Tscherkessenmtze. Ich
lachte laut auf, als ich die kleine Figur unter dieser enormen Zottelmtze
erblickte; er hat so schon gar kein kriegerisches Gesicht, aber diesmal war
es noch lnger als gewhnlich.

-- Warum sind Sie so traurig, Doktor? fragte ich ihn. -- Haben Sie nicht
schon hundertmal die Leute mit dem allergrten Gleichmuthe nach jener Welt
begleitet? Bilden Sie sich ein, ich htte ein Gallenfieberchen; ich kann
wieder hergestellt werden, kann aber auch dran sterben; das eine wie das
andere liegt in der Ordnung der Dinge; bemhen Sie sich, mich wie einen
Patienten zu betrachten, der von einer Ihnen noch unbekannten Krankheit
befallen ist, -- dann kann Ihre Neugierde im hchsten Grade angeregt
werden; Sie knnen an mir einige merkwrdige physiologische Beobachtungen
anstellen . . . Denn die Erwartung eines gewaltsamen Todes ist doch wohl
schon eine wirkliche Krankheit?

Dieser Gedanke frappirte den Doktor und er wurde wieder heiterer.

Wir setzten uns zu Pferde; Werner klammerte sich mit beiden Hnden an die
Zgel, und wir machten voran, -- im Nu waren wir an der Festung vorber,
durch das Drfchen und ritten in die Schlucht, durch welche sich ein mit
hohem Grase halbverwachsener Weg dahinzog und die alle Augenblicke von
einem rauschenden Bache durchschnitten wurde, welchen wir dann zur groen
Verzweiflung des Doktors zu Pferde durchschwimmen muten, weil sein Pferd
jedes Mal im Wasser stehen blieb.

[Funote A: Ein kurzes gestepptes, gewhnlich seidenes Wamms.]

Ich erinnere mich keines blaueren und frischeren Morgens. Die Sonne guckte
kaum hinter den grnen Bergspitzen hervor und das Verschmelzen der ersten
Wrme ihrer Strahlen mit dem dahinsterbenden Nachtfroste brachte ber alle
Gefhle eine gewisse se Ermattung; in die Schlucht war noch kein Strahl
des jungen Tages gedrungen; er vergoldete nur die Spitzen der Felsen,
welche von beiden Seiten ber uns drohten; dichtbelaubte Gebsche, in den
tiefen Spalten der Felsen ihre Nahrung findend, berschtteten uns beim
leisesten Windhauche mit ihrem Silberregen. Ich erinnere mich wohl, da ich
diesmal mehr wie je zuvor die Natur liebte. Mit welchem Interesse
betrachtete ich jeden Thautropfen, der zitternd an einem breiten
Weinrebenblatte hing und Millionen von Regenbogenstrahlen widerspiegelte!
Wie gierig drstete mein Blick, die dampfende Ferne zu durchdringen! Dort
wurde der Pfad immer enger und enger, die Felsenmassen immer blauer und
furchtbarer, zuletzt in eine undurchdringliche Wand zusammenschmelzend! Wir
ritten schweigend nebeneinander.

Haben Sie Ihr Testament gemacht? fragte pltzlich Werner.

-- Nein.

Wenn Sie nun aber fallen? . . .

-- Meine Erben werden sich schon einfinden.

So htten Sie keinen Freund, dem Sie ein letztes Lebewohl zurufen
wollten?

Ich schttelte mit dem Kopfe.

Keine Dame wre auf der Welt, der Sie ein letztes Liebeszeichen
hinterlassen mchten?

-- Soll ich Ihnen, lieber Doktor, meine Seele erschlieen? antwortete ich
ihm . . . Sehen Sie, ich habe jene Jahre hinter mir, in welchen man
sterbend den Namen seiner Geliebten ausruft und seinem Freunde eine Locke
pommadirter oder nicht pommadirter Haare vermacht. Wenn ich an den nahen,
mglichen Tod denke, so denke ich nur an mich selbst: wie mancher thut das
nicht. Die Freunde, welche morgen mich vergessen, oder, was noch schlimmer
ist, auf meine Rechnung Gott wei was fr ungereimtes Zeug aussprengen; die
Damen, welche in der Umarmung eines andern ber mich lachen werden, damit
sie in ihm ja nicht die Eifersucht gegen einen Verstorbenen wach rufen, --
Gott mit ihnen! . . . Aus dem Sturme des Lebens habe ich nur einige Ideen,
aber kein einziges Gefhl brig behalten; schon lngst lebe ich nicht mehr
mit dem Herzen, sondern mit dem Kopfe. Ich wge und analysire meine eigenen
Leidenschaften und Schritte mit strenger Neugier aber ohne Theilnahme. In
mir sind zwei Menschen: der eine lebt, im vollsten Sinne dieses Wortes, der
andere denkt und beurtheilt ihn; der erste sagte Ihnen und der Welt schon
in einer Stunde auf ewig Lebewohl; aber der andere . . . der andere?
. . . Sehen Sie doch, Doktor, bemerken Sie nicht, wie auf jenem Felsen dort
rechts drei Figuren auftauchen? Es scheinen unsere Gegner zu sein? . . .

Wir beschleunigten unsern Ritt.

Am Fue des Felsens, im Gebsche, standen drei Pferde angebunden; wir
banden die unsrigen ebendaselbst an und stiegen auf einem engen Pfade zu
dem freien Pltzchen empor, wo Gruschnitzki mit dem Dragonerhauptmann und
seinem zweiten Sekundanten uns erwarteten. Sie nannten ihn Ivn
Igntjewitsch; seinen Familiennamen habe ich nie gehrt.

Wir erwarten Sie schon lngst, begann der Dragonerhauptmann mit einem
ironischen Lcheln.

Ich zog die Uhr hervor und zeigte sie ihm.

Er entschuldigte sich, da die seinige vorginge.

Whrend einiger Minuten herrschte ein drckendes Schweigen. Endlich
unterbrach es der Doktor, indem er sich an Gruschnitzki wandte:

Es scheint mir, sagte er, da ich Sie beide bereit sehe sich zu schlagen
und hierdurch den Bedingungen der Ehre Ihre Schuld zu bezahlen, da Sie die
Sache ebenso gut auf gtlichem Wege beseitigen knnten.

-- Ich bin bereit, sagte ich.

Der Kapitain winkte Gruschnitzki zu; dieser, in der Meinung da ich mich
frchte, nahm eine stolze Miene an, obgleich bis zu diesem Augenblicke eine
Todtenblsse seine Wangen berzogen hatte. Seit wir angekommen waren, sah
er mich zum erstenmal an; in seinem Blicke lag eine gewisse Unruhe, welche
den inneren Kampf verrieth.

Erklren Sie Ihre Bedingungen, sagte er, und Alles was ich fr Sie thun
kann, knnen Sie sicher . . .

-- Meine Bedingungen sind: Sie widerrufen heute ffentlich Ihre Verlumdung
und bitten mich sodann um Verzeihung.

Mein Herr, ich bin erstaunt, wie Sie es wagen, mir solche Dinge
zuzumuthen?

-- Und was htte ich sonst von Ihnen fordern knnen? . .

So schieen wir uns.

Ich zuckte mit den Achseln. -- Wie Sie wollen; indessen bedenken Sie es
wohl, da einer von uns unbedingt bleiben mu.

Ich wnsche, da Sie es sein mchten . . .

-- Und ich bin vom Gegentheil berzeugt . . .

Er wurde bestrzt, errthete und schlug dann ein erzwungenes Lachen auf.

Der Kapitain nahm ihn unter den Arm und fhrte ihn an die Seite; sie
zischelten lange miteinander. Ich war in einer ziemlich friedfertigen
Stimmung dahingekommen, allein nun fing ich an ber dies alles grimmig zu
werden.

Zu mir kam der Doktor.

Hren Sie, sagte er mit sichtbarer Unruhe: Sie haben wahrscheinlich ihre
Verabredung vergessen? . . . Ich kann keine Pistole laden, allein in einem
solchen Falle . . . Sie sind ein seltsamer Mensch! Erklren Sie ihnen, da
Sie ihre Absichten kennen und sie hren auf zu lachen . . . Welche Idee!
Sich wie einen Vogel erschieen lassen . . .

-- Thun Sie mir den Gefallen, lieber Doktor, machen Sie sich keine Sorgen
und warten Sie Alles ruhig ab . . . Ich werde es schon so einrichten, da
auf ihrer Seite auch nicht der geringste Vortheil sein soll. Lassen Sie sie
nur zischeln . . . Meine Herren, das fngt an langweilig zu werden, sagte
ich laut zu ihnen: Sollen wir uns schlagen, oder nicht? Sie hatten gestern
Zeit genug zu Verabredungen.

Wir sind bereit, erwiederte der Kapitain. Stellen Sie sich, meine
Herren! Doktor, sein Sie so gut sechs Schritte abzumessen . . .

Stellen Sie sich! wiederholte Ivn Igntjewitsch mit kreischender Stimme.

-- Erlauben Sie! sagte ich, noch eine Bedingung: da wir uns auf Tod und
Leben schlagen werden, so sind wir verpflichtet alles Mgliche zu thun, da
dies ein Geheimni bleibe und unsere Sekundanten nicht in Verantwortung
kommen. Sind Sie damit einverstanden?

Vollkommen einverstanden.

-- Nun, so habe ich Folgendes ausgedacht. Sehen Sie auf der Hhe dieses
senkrechten Felsens, rechts, das enge, freie Pltzchen? Von da bis in den
Abgrund wird es ungefhr 200 Fu sein, wenn nicht mehr; unten liegen spitze
Steine. Ein jeder von uns stellt sich an den uersten Rand des Pltzchens;
auf diese Weise mu selbst eine leichte Wunde tdtlich werden; dies mu
auch mit Ihren Wnschen bereinstimmen, da Sie selbst sechs Schritt Distanz
bestimmt haben. Derjenige, welcher verwundet wird, fliegt unvermeidlich in
die Tiefe hinab und zerschlgt sich in Stcke. Die Kugel zieht der Doktor
heraus und dann wird es ein Leichtes sein, diesen berraschen Tod durch
einen Sturz zu erklren. Wir werfen das Loos, wer zuerst schieen soll.
Schlielich erklre ich Ihnen, da ich mich anders nicht schieen werde.

Nach Belieben! sagte der Kapitain, bedeutungsvoll auf Gruschnitzki
blickend, der mit dem Kopfe ein Zeichen des Einverstndnisses gab. Sein
Gesicht vernderte sich von Minute zu Minute. Ich hatte ihn in ein
schwierige Lage versetzt. Schossen wir uns unter den gewhnlichen
Bedingungen, so konnte er mir in die Beine zielen, mich leicht verwunden
und so seine Rache befriedigen, ohne sein Gewissen allzusehr zu beschweren;
jetzt aber mute er entweder in die Luft schieen oder zum Mrder werden,
oder endlich seine niedrigen Vorstze aufgeben und sich mit mir derselben
Gefahr aussetzen. In dieser Minute htte ich nicht an seiner Stelle sein
mgen. Er fhrte den Kapitain an die Seite und fing an sehr lebhaft mit ihm
zu sprechen; ich sah, wie seine blaugewordenen Lippen bebten; allein der
Kapitain wandte sich mit einem verchtlichen Lcheln von ihm. -- Du bist
ein Narr! sagte er zu Gruschnitzki ziemlich laut, Du verstehst Dich auf
nichts! Brechen wir auf, meine Herren!

Ein enger Pfad fhrte zwischen Gestruchen auf den Abhang; Felsentrmmer
bildeten die schwankenden Stufen dieser natrlichen Treppe; wir hielten uns
an die Bsche fest und klommen empor. Gruschnitzki ging voran, hinter ihm
seine Sekundanten, dann kamen wir, der Doktor und ich.

Ich bewundere Sie, sagte der Doktor, indem er mir krftig die Hand
drckte. Lassen Sie mich den Puls fhlen! . . . Oho! wahrer Fieberschlag!
aber auf dem Gesichte ist nichts zu bemerken . . . nur Ihre Augen glnzen
heller als sonst.

Pltzlich rollten uns mit Gerusch kleine Steine unter die Fe. Was ist
das? Gruschnitzki war gestolpert; der Zweig, an welchen er sich
festgehalten, hatte nachgegeben und er wre auf dem Rcken
hinuntergefahren, wenn ihn seine Sekundanten nicht aufrecht gehalten
htten.

-- Nehmen Sie sich in Acht! rief ich ihm zu: fallen Sie nicht zu frh; das
ist ein schlimmes Zeichen. Gedenken Sie Julius Csars!

Endlich waren wir auf der Hhe des vorspringenden Felsens angekommen; der
kleine freie Platz war mit feuchtem Sande bedeckt, wie absichtlich zu einem
Duelle. Rundum, einer zahllosen Herde gleich, drngten sich die Berghhen
in den goldenen Morgennebel; der Elborus erhob sich gegen Sden mit seinen
weien Massen, die Kette der Gletscher beschlieend, zwischen welchen
bereits Wolkenstreifen herumwanderten, die von Osten herangezogen waren.
Ich begab mich an den Rand des Pltzchens und blickte in die Tiefe . . .
der Kopf wurde mir fast vom Schwindel ergriffen: dort unten schien es mir
so dunkel und kalt wie im Grabe; bemooste Felsenzacken, vom Sturm und der
Zeit hinuntergeworfen, erwarteten ihre Beute.

Das Pltzchen, auf welchem wir uns schlagen sollten, bildete ein fast
rechtwinkeliges Dreieck. Von dem vorspringenden Winkel wurden sechs
Schritte abgemessen und man kam berein, da derjenige, welchem es zufallen
wrde, das feindliche Feuer zuerst auszuhalten, an diesem Winkel, mit dem
Rcken dem Abgrund zugewandt, stehen solle; wird er nicht erschossen, so
wechseln beide Parteien mit den Pltzen.

Ich beschlo Gruschnitzki alle Vortheile zu berlassen, -- ich wollte ihn
prfen; in seiner Seele konnte noch ein Funke Gromuth erwachen und dann
htte sich alles zum Besten gewandt; allein seine Eigenliebe und
Charakterschwche sollten siegen . . . Ich wollte mir das volle Recht
verschaffen ihn nicht zu verschonen, wenn mich das Schicksal begnadigte.
Wer htte nicht hnliche Bedingungen mit seinem Gewissen abgeschlossen?

Werfen Sie das Loos, Doktor! sagte der Kapitain.

Der Doktor zog eine Silbermnze aus der Tasche und hob sie in die Hhe.

Die Kehrseite! rief Gruschnitzki rasch aus, wie Einer, den pltzlich ein
elektrischer Schlag zu sich brachte.

-- Der Adler! sagte ich.

-- Die Mnze flog auf und fiel klingend herab; alle warfen sich auf sie zu.

-- Sie sind der Glcklichere, sagte ich zu Gruschnitzki, es ist an Ihnen
zuerst zu schieen! Aber vergessen Sie nicht, da wenn Sie mich nicht
tdten, ich Sie wahrhaftig nicht verfehle -- Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.

Er errthete; er schmte sich doch einen Wehrlosen morden zu wollen; ich
sah ihm scharf in's Auge; Einen Augenblick schien es mir, als wolle er sich
mir zu Fen werfen und um Verzeihung bitten; wie aber sollte er so
niedrige Absichten bekennen? Es blieb ihm nur ein Mittel brig -- in die
Luft zu feuern; ich war berzeugt, da er es thun werde! nur Eins konnte
ihn daran verhindern, der Gedanke nmlich, da ich das Duell erneuern
wrde. --

Jetzt ist es Zeit! raunte mir der Doktor zu, indem er mich am Aermel
zupfte, wenn Sie jetzt nicht sagen, da wir ihre Absichten kennen, so ist
Alles verloren. Sehen Sie nur, er ladet schon . . . wenn Sie nichts sagen,
so werde ich selbst . . .

-- Fr nichts auf der Welt, Doktor! entgegnete ich, indem ich ihn am Arme
zurckhielt; Sie werden Alles verderben, und gaben mir doch Ihr Wort sich
in nichts zu mischen . . . Was geht Sie's auch an? Vielleicht will ich
getdtet werden?

Er blickte mich mit Verwunderung an.

O, das ist was Anderes! Nur beklagen Sie sich dann in jener Welt nicht
ber mich.

Der Kapitain hatte unterdessen seine Pistolen geladen und gab Gruschnitzki,
dem er lchelnd etwas zuflsterte, die Eine, die Andere mir.

Ich stellte mich an den Rand des Abgrundes, fest mit dem linken Fue auf
den Stein gestemmt und ein wenig vorwrts gebogen, um mich im Falle einer
leichten Wunde nicht sogleich rckwrts zu werfen. Gruschnitzki stand mir
gegenber und fing an auf ein gegebenes Zeichen die Pistole anzulegen.
Seine Kniee zitterten. Er zielte mir gerade auf die Stirn.

Eine unaussprechliche Wuth begann in meiner Brust zu kochen.

Pltzlich lie er den Lauf der Pistole etwas herabsinken und, leichenbla,
zu seinem Sekundanten gewendet, sagte er mit hohler Stimme: Ich kann
nicht!

-- Memme! erwiederte ihm der Kapitain. Der Schu ging los. Die Kugel
streifte mir das Knie. Unwillkhrlich machte ich einige Schritte vorwrts,
um schneller vom Rande hinwegzukommen.

-- Nun, Freund Gruschnitzki, es ist Schade, da Du fehl geschossen hast!
sagte der Kapitain: jetzt ist die Reihe an Dir, stell Dich nur hin! Umarme
mich zuvor, wir werden uns wohl nicht wiedersehen! -- Sie umarmten sich;
der Kapitain konnte sich kaum des Lachens erwehren! Nur nicht ngstlich,
setzte er hinzu, indem er Gruschnitzki pfiffig anblinzelte, auf der Welt
ist Alles doch nur Narrethei! . . . Die Natur -- eine Nrrin, das Schicksal
-- eine Scharteke, und das Leben -- eine Kopeke![A]

[Funote A: Sehr gebruchliches Sprchwort, welches nach seinem
Wortinhalte: [CYRILLIC:Natura--dura, sud'ba--indjka; a zhizn'--kopjka],
eigentlich so heit: die Natur -- eine Nrrin, das Schicksal -- eine
Truthenne, und das Leben -- eine Kopeke; des Reimes wegen haben wir, bei
der gnzlichen Sinnlosigkeit des Sprchwortes, die Wrter vertauscht.]

Nach dieser tragischen, mit gebhrender Wichtigkeit vorgetragenen Phrase,
begab er sich an seinen Platz. Ivan Ignatjewitsch umarmte jetzt
Gruschnitzki ebenfalls mit Thrnen in den Augen und so stand er denn
endlich mir allein gegenber. Bis auf den heutigen Tag bemhe ich mich, mir
dasjenige Gefhl klar zu machen, welches damals in meiner Brust kochte:
theils war es Zorn der beleidigten Eigenliebe, theils Verachtung und Grimm,
aus dem Gedanken hervorgehend, da dieser Mensch, der jetzt mit einer
solchen Zuversichtlichkeit, mit solch einer sorglosen Frechheit auf mich
blickt, mich noch vor zwei Minuten, ohne sich selbst der geringsten Gefahr
auszusetzen, wie einen Hund tdten wollte; denn, etwas schwerer am Fue
verwundet, wre ich unvermeidlich vom Felsen hinabgestrzt.

Ich blickte ihm einige Minuten lang scharf in's Auge, um auch nur die
leiseste Spur von Reue zu entdecken; es schien mir aber, als ob er ein
Lcheln zurckdrnge.

-- Ich rathe Ihnen vor Ihrem Tode Ihre Seele Gott zu befehlen, sagte ich
ihm endlich.

Bekmmern Sie sich um meine Seele nicht mehr, als um Ihre eigene; nur um
eins bitte ich Sie recht sehr: machen Sie's kurz.

-- So widerrufen Sie also Ihre verlumderischen Reden nicht? Sie bitten
mich nicht um Verzeihung? . . . Bedenken Sie es wohl; sagt Ihnen Ihr
Gewissen denn gar nichts?

Herr Petschorin! rief der Dragonerhauptmann. Erlauben Sie Ihnen zu
bemerken, da Sie nicht hier sind um zu predigen . . . Machen wir der Sache
ein Ende; wie leicht knnte Jemand vor der Schlucht passiren und uns
sehen. --

-- Gut. Doktor, kommen Sie, bitte, zu mir.

Der Doktor kam heran. Der Arme! Er war blsser, als es Gruschnitzki vor
zehn Minuten gewesen war.

Die folgenden Worte sprach ich absichtlich mit Nachdruck, laut und
vernehmlich, wie man ein Todesurtheil ausspricht:

-- Doktor, diese Herren vergaen, wahrscheinlich in der Eile, die Kugel in
meine Pistole zu laden; ich bitte Sie, dieselbe noch einmal zu laden, --
und ordentlich.

Das kann nicht sein! schrie der Kapitain; das kann nicht sein! Ich habe
beide Pistolen geladen; sollte die Kugel denn aus Ihrer Pistole
herausgerollt sein . . . das ist nicht meine Schuld! Sie haben aber kein
Recht noch einmal zu laden . . . nicht das geringste Recht . . . das ist
durchaus gegen die Regeln; ich werde nie zugeben . . .

-- Gut! sagte ich zum Kapitain, wenn dem so ist, so werde ich mich auch mit
Ihnen auf dieselben Bedingungen schieen . . .

Er wurde verwirrt.

Gruschnitzki stand da, den Kopf auf die Brust gesenkt, bestrzt und
finster. -- La sie doch! sagte er endlich zum Kapitain, der meine
Pistole aus den Hnden des Doktors reien wollte . . . Du weit doch
selbst, da sie Recht haben. Vergebens gab ihm der Kapitain verschiedene
Winke, Gruschnitzki wollte einmal nicht sehen.

Unterdessen hatte der Doktor die Pistole geladen und reichte sie mir zu.
Als der Kapitain dies sah, spuckte er aus und stampfte mit dem Fue! Du
bist ein Narr, mein Lieber, fuhr er heraus, ein elender Narr! . . . Wenn
Du Dich einmal auf mich verlieest, so mutest Du mir auch in Allem folgen
. . . Jetzt hast Du Dir's selbst zuzuschreiben, wenn Du wie eine Fliege
verrecken mut . . . Er wandte sich um und brummte whrend er zurcktrat:
Aber es ist doch durchaus gegen jede Regel. -- Gruschnitzki! sagte ich,
noch ist es Zeit; widerrufe Deine Verlumdungen und ich verzeihe Dir
Alles. Es ist Dir nicht gelungen, mich zum Narren zu haben und meine
Eigenliebe ist befriedigt; gedenke, da wir einst Freunde waren . . .

Sein Gesicht glhte, seine Augen funkelten.

Schieen Sie! entgegnete er, ich verachte mich und Sie hasse ich. Tdten
Sie mich nicht, so erschiee ich Sie des Nachts aus einem Hinterhalte. Fr
uns Beide ist auf dieser Erde nicht Raum . . .

Ich scho . . .

Als der Dampf sich verzog, war Gruschnitzki nicht mehr auf dem Pltzchen.
Nur der Staub wirbelte noch in einer dnnen Sule am Rande des Abhangs.

Alle schrieen wie mit einer Stimme auf.

-- Finita la Commedia! sagte ich zum Doktor.

Er antwortete nicht und wandte sich mit Entsetzen ab.

                   *       *       *       *       *

Ich zuckte die Achseln und machte den Sekundanten Gruschnitzki's meine
Verbeugung.

Beim Hinuntersteigen vom engen Bergpfade bemerkte ich zwischen den
herumliegenden Felsenstcken den blutigen Leichnam Gruschnitzki's;
unwillkhrlich schlo ich die Augen.

Ich band mein Pferd los und ritt im Schritte heimwrts; mir lag es wie ein
Stein auf dem Herzen. Die Sonne schien mir so trbe, ihre Strahlen so kalt
. . .

Kurz vor dem Drfchen lenkte ich rechts ab, dem Hohlweg zu. Der Anblick
eines Menschen wre mir eine Last gewesen: ich wollte allein sein. Ich lie
die Zgel fallen und ritt lange umher, den Kopf auf die Brust gesenkt, bis
ich mich endlich in einer wildfremden Gegend sah; sogleich wandte ich mein
Pferd um und suchte den verlorenen Weg wieder auf; die Sonne war bereits im
Untergehen als ich erschpft auf einem erschpften Pferde Kislowodsk
erreichte.

Mein Bedienter sagte mir, Werner sei hier gewesen und habe zwei Billete
zurckgelassen. Das Eine war von ihm, das Andere von Wra:

Ich erbrach das erstere; es lautete folgendermaen:

Alles ist aufs Beste arrangirt; der Krper ist entstellt hierhergebracht
worden; die Kugel ist herausgezogen. Alle sind berzeugt, da ein
unglcklicher Zufall die Ursache seines Todes war; nur der Kommandant, dem
der Streit wahrscheinlich bekannt war, schttelte mit dem Kopfe, sagte aber
kein Wort. Beweise sind gegen Sie nicht vorhanden, Sie knnen also ruhig
schlafen, wenn Sie knnen . . . Adieu!

Lange konnte ich mich nicht entschlieen das zweite Billet zu ffnen. Was
konnte sie mir schreiben? . . . Ein dsteres Vorgefhl wogte in meiner
Seele.

Ihr Brief, wie er Wort fr Wort unverwischlich in meinem Gedchtni bleiben
wird, lautete also:

Ich schreibe Dir in der vollkommenen Ueberzeugung, da wir uns niemals
wiedersehen werden. Vor einigen Jahren, als ich von Dir Abschied nahm,
dachte ich dasselbe; allein es hat dem Himmel gefallen, mich nochmals
heimzusuchen . . . ich hielt diese Prfung nicht aus; mein schwaches Herz
unterwarf sich der bekannten Stimme . . . Du wirst mich deshalb nicht
verachten, nicht wahr? Dieser Brief soll mein Abschied und meine Beichte
zugleich sein: ich fhle mich gedrungen Dir Alles mitzutheilen, was sich in
meinem Herzen aufgespeichert hat, seit es Dich liebt. Ich will Dich nicht
beschuldigen --: Du thatest mit mir, wie ein jeder andere Mann an Deiner
Stelle gethan haben wrde: Du liebtest mich wie Dein Eigenthum, wie die
Quelle Deiner wechselnden Freuden, Aufregungen und Besorgnisse, ohne welche
das Leben langweilig und gleichfrmig ist. Ich begriff dies gleich von
Anfang an . . . Allein Du warst unglcklich und so opferte ich mich in der
Hoffnung, da Du dereinst einmal die Gre meines Opfers wrdigen, die
tiefe Zrtlichkeit verstehen wrdest, die an keine Bedingung der Welt
geknpft war. Seitdem ist manches Jahr entflohen! Ich hatte alle geheimen
Saiten Deiner Seele kennen gelernt und die Ueberzeugung gewonnen, da jene
Hoffnung eine eitle war. Das ging mir bitter durch die Seele! Allein, meine
Liebe hatte mein ganzes Herz berwuchert: sie wurde dstrer, aber erstarb
nicht.

Wir trennen uns jetzt auf ewig; indessen kannst Du die Ueberzeugung
bewahren, da ich niemals einen andern lieben werde: meine Seele hat an Dir
bereits alle ihre Liebesschtze, ihre Thrnen, ihre Hoffnungen erschpft.
Wer Dich einmal geliebt hat, kann auf die brigen Mnner nicht ohne eine
gewisse Geringschtzung herabblicken; nicht als ob Du besser wrst als sie,
o nein! allein in Deinem Wesen liegt so etwas Besonderes, Stolzes,
Geheimnivolles, das nur Dir allein angehrt; was Du auch sprechest, in
Deiner Stimme liegt stets eine unwiderstehliche Gewalt. Niemand versteht es
wie Du, so bestndig geliebt werden zu wollen; in Keinem ist das Bse so
anziehend, keines Andern Blick verspricht so viel Seligkeit, Niemand
versteht es wie Du seine Vorzge zu benutzen und kein Mensch kann so
wahrhaft unglcklich sein, wie Du, weil Niemand so sehr wie Du sich bemht,
sich das Gegentheil einzureden.

Jetzt mu ich Dir noch den Grund meiner eiligen Abreise mittheilen, er wird
Dir unzureichend scheinen, weil er sich nur auf mich allein bezieht.

Heute frh kam mein Mann zu mir und erzhlte mit Deinen Vorfall mit
Gruschnitzki. Offenbar mu ich mich whrend dieser Erzhlung sehr verndert
haben, denn er blickte mir lange forschend in die Augen; ich verlor fast
das Bewutsein, wenn ich bedachte, da Du Dich heute schlagen mut, und da
ich Schuld an Allem bin; es schien mir eine Weile, als sollte ich
wahnsinnig werden . . . Allein jetzt, wo ich wieder mit Ruhe urtheilen
kann, habe ich die Ueberzeugung, da Du am Leben bleibst. Du kannst ohne
mich nicht sterben, es ist unmglich! Mein Mann ging lange im Zimmer auf
und ab; ich wei nicht, mehr, was er zu mir, gesprochen, erinnere mich auch
meiner Antworten nicht mehr, -- wahrscheinlich habe ich ihm gesagt, da ich
Dich liebe -- Ich erinnere mich nur, da er mich am Ende unseres Gesprches
mit einem grlichen Worte beleidigte und das Zimmer verlie. Ich hrte wie
er Befehl gab den Reisewagen in Ordnung zu bringen . . . Und nun sitze ich
schon seit drei Stunden am Fenster und warte auf Deine Rckkehr . . .
Allein Du lebst, Du kannst nicht sterben! . . . Der Wagen ist so gut wie
bereit . . . Adieu, Adieu . . . Ich bin verloren, -- doch was thut das?
. . . Knnte ich nur die Ueberzeugung mit mir nehmen, da Du meiner stets
gedenken -- ich will nicht sagen: mich lieben -- nein, meiner nur gedenken
wirst! . . . So lebe wohl; man kommt . . . ich mu den Brief verbergen
. . .

Nicht wahr, Du liebst Mary nicht? Du heirathest sie nicht? Dieses Opfer
mut Du mir bringen, die ich auf dieser Welt alles fr Dich verloren habe
. . .

Wie ein Besessener rannte ich nach dem Perron, sprang auf meinen
Tscherkessen, den man noch im Hofe auf- und abfhrte, und sprengte mit
verhngten Zgeln den Weg nach Ptigorsk entlang. Unbarmherzig trieb ich
das erschpfte Ro an, das rchelnd und schaumbedeckt den steinigen Weg mit
mir dahinflog.

Die Sonne verbarg sich bereits hinter schwarzem Gewlke, das auf dem Rcken
der westlichen Gebirgskette ausruhte; in dem Hohlwege war es dunkel und
feucht. Der Podkumok murmelte tief und einfrmig auf seiner Fahrt ber die
Felssteine. Ich erstickte vor Ungeduld und jagte vorwrts. Der Gedanke, sie
in Ptigorsk nicht mehr einzuholen, schlug mir wie ein Hammer auf das Herz;
noch einmal, noch einen Augenblick sie zu sehen, ihr ein letztes Lebewohl
zuzurufen, ihre Hand zu drcken . . . Ich betete, fluchte, weinte, lachte
. . . nein, nichts kann meine Unruhe, meine Verzweiflung beschreiben!
. . . Bei dem Gedanken, sie auf ewig zu verlieren, war mir Wra pltzlich
theurer geworden als alles auf der Welt, -- theurer als Leben, Ehre, Glck!
Gott wei, was fr abenteuerliche, verrckte Gedanken in meinem Gehirne
auftauchten . . . und unterdessen jagte ich unbarmherzig immer drauf los.
-- Und auf einmal bemerkte ich, da mein Pferd sehr schwer athmete und
schon zum zweiten Male auf ebenem Wege stolperte . . . doch blieben mir nur
noch fnf Werst bis nach Jessntukoff, einer Kosakenstation, wo ich ein
Pferd bekommen konnte.

Alles wre gut abgelaufen, wenn mein Pferd noch fr zehn Minuten Krfte
gehabt htte; allein, gerade als wir aus dem Gebirge herauskamen, strzte
es beim Steigen aus einer kleinen Vertiefung des Weges, auf die Erde. Ich
springe rasch ab und will es aufrichten, reie an dem Zgel -- alles
umsonst: ein kaum hrbares Sthnen drngte sich zwischen seinen
geschlossenen Zhnen hervor; nach einigen Minuten war es todt und ich in
der Steppe allein, meine letzte Hoffnung zertrmmert sehend; ich versuchte
zu Fu weiter zu gehen -- meine Fe stieen aneinander; von den
Aufregungen des Tages und der vorangegangenen Schlaflosigkeit zu Tode
ermdet, fiel ich auf das feuchte Gras und weinte wie ein Kind.

Lange lag ich unbeweglich dort und weinte bitterlich, nicht bemht meine
Thrnen und mein krampfhaftes Schluchzen zurckzuhalten; fast glaubte ich
da meine Brust zersprengen mte; meine ganze Festigkeit, meine ganze
Kaltbltigkeit war wie Rauch verflogen; meine Seele gebrochen, meine
Vernunft betubt, -- htte Jemand mich in diesem Augenblicke gesehen, so
htte er sich nur mit Verachtung von mir abwenden knnen.

Als der Nachtthau und der Bergwind meinen glhenden Kopf wieder erfrischt
hatten und meine Gedanken wieder in die gewhnliche Ordnung gekommen waren,
begriff ich sehr wohl, da es unntz und thricht ist, einem verlorenen
Glcke nachzujagen. Was fehlt mir denn eigentlich? Sie noch einmal sehen?
-- Und wozu das? Ist denn zwischen uns nicht alles beendigt? Ein bitterer
Abschiedsku kann meine Erinnerung um nichts bereichern und htte uns die
Trennung nur erschwert.

Indessen thut es mir wohl, weinen zu knnen! Vielleicht aber liegt dies an
meinen aufgeregten Nerven, einer vollstndig schlaflosen Nacht, an den zwei
Minuten vor der offenen Pistolenmndung und meinem leeren Magen.

Desto besser! Dieses neue Leiden hat in mir, um mich eines militairischen
Kunstausdruckes zu bedienen, eine glckliche Diversion hervorgebracht. Das
Weinen ist gesund, und berdies wrde ich ohne diesen vehementen Ritt und
die funfzehn Werst, die ich nun zu Fu zurcklegen mute, wahrscheinlich
auch diese Nacht kein Auge zugemacht haben.

Ich erreichte Kislowodsk um fnf Uhr des Morgens, warf mich auf das Bett
und schlief den Schlaf Napoleons nach der Schlacht bei Waterloo.

Als ich erwachte, war es drauen schon dunkel. Ich setzte mich an's offene
Fenster, knpfte meinen Archaluk auf und lie den frischen Bergwind ber
meine Brust spielen, die noch unter dem schweren Drucke der Mdigkeit
seufzte.

Jenseits des Flusses, durch die Spitzen seiner dichten, schattenreichen
Linden, schimmerten Lichter aus den Festungswerken und dem Drfchen
herber. Auf meinem Hofe herrschte tiefe Stille; bei der Frstin war alles
dunkel.

Der Doktor trat herein: seine Stirne war finster; gegen seine Gewohnheit
streckte er mir nicht die Hand entgegen. --

-- Woher, lieber Doktor?

Von der Frstin Ligoffska; ihre Tochter ist sehr krank -- Nervenabspannung
. . . Allein das fhrt mich nicht hierher, sondern Folgendes: Die Behrde
wittert den wahren Verlauf der Sache, und wenn man Ihnen auch nichts
positiv beweisen kann, so rathe ich Ihnen doch recht vorsichtig zu sein.
Die Frstin sagte mir, sie wisse, da Sie sich ihrer Tochter wegen duellirt
haben. Der alte Knabe, wie heit er doch gleich? hat ihr alles mitgetheilt;
er war damals Zeuge Ihres Streites mit Gruschnitzki in der Restauration.
Ich kam Sie zu warnen. Leben Sie wohl. Wer wei ob wir uns jemals
wiedersehen werden; man wird Sie wohl irgend wohin verschicken . . .

An der Schwelle blieb er nochmals stehen; er htte mir gern die Hand
gedrckt . . . und htte ich ihm nur den geringsten Wunsch darnach gezeigt,
so wre er mir an den Hals gesprungen; allein ich blieb kalt wie Stein --
und so ging er.

So sind die Leute! so sind sie alle: Sie kennen alle schlechten Seiten
einer That vorher, und doch helfen sie und rathen sie, und doch ermuthigen
sie sogar dazu, indem sie die Mglichkeit eines andern Mittels nicht sehen,
-- nachher aber waschen sie ihre Hnde in Unschuld, und wenden sich
unwillig von Dem ab, der die Khnheit hatte die ganze Last der
Verantwortung auf sich zu nehmen. So sind sie alle, sogar die besten, sogar
die verstndigsten! . . .

Am nchsten Tage, nachdem ich von der hhern Behrde den Befehl erhalten
hatte, nach der Festung N. abzureisen, begab ich mich zur Frstin, um
Abschied zu nehmen.

-- Sie war erstaunt, als ich ihr auf ihre Frage, ob ich ihr etwas ganz
besonders Wichtiges mitzutheilen habe, antwortete, da ich ihr viel Glck
u. s. w. u. s. w. wnschte.

Aber ich mu ganz ernsthaft mit Ihnen sprechen.

Ich setzte mich schweigend.

Es war zu sehen, da sie nicht wute, womit sie anfangen sollte; ihr
Gesicht wurde feuerroth; ihre vollen, runden Finger klopften auf dem Tische
herum; endlich begann sie mit zgernder Stimme:

Hren Sie, Herr von Petschorin, ich halte Sie fr einen anstndigen
Menschen . . .

Ich verbeugte mich leicht.

Ich bin sogar davon berzeugt, fuhr sie fort, obgleich Ihr Betragen
allerdings etwas zweideutig war; indessen konnten Sie Grnde haben, die mir
unbekannt sind und die Sie mir jetzt anvertrauen mssen. Sie haben meine
Tochter vor Verlumdungen geschtzt, Sie haben sich fr sie geschlagen, --
folglich Ihr Leben fr sie eingesetzt . . . Unterbrechen Sie mich nicht,
ich wei recht gut, da Sie das nicht eingestehen drfen, weil Gruschnitzki
gefallen ist (sie machte das Zeichen des Kreuzes) . . . Gott wolle seiner
und wie ich hoffe auch Ihrer Seele gndig sein! . . . Nun, das geht mich
weiter nichts an . . . ich wage es nicht Sie zu richten, weil meine
Tochter, obwohl unschuldiger Weise, Schuld an dem ganzen Unglck war. Sie
hat mir alles gestanden . . . ich glaube, Alles; Sie haben ihr eine
Liebeserklrung gemacht . . . sie hat Ihnen ihre Gegenliebe gestanden (hier
seufzte die Frstin tief auf); nun aber ist sie krank, und ich habe die
Ueberzeugung, da es keine gewhnliche Krankheit ist! Ein geheimer Kummer
reibt sie auf; sie will es nicht gestehen, doch bin ich fest davon
berzeugt, da Sie daran Schuld sind . . . Hren Sie mich an . . . Sollten
Sie vielleicht glauben, da ich auf hohen Rang und unermelichen Reichthum
sehe, so bitte ich Sie, sich vom Gegentheil zu berzeugen: ich will nur das
Glck meiner Tochter. Ihre gegenwrtige Lage ist freilich nicht
beneidenswerth, indessen ist dem ja wohl abzuhelfen, denn Sie haben
Vermgen; meine Tochter liebt Sie und sie ist so erzogen, da sie einen
Mann wahrhaft glcklich machen kann. Ich bin reich; -- sie ist mein
einziges Kind . . . Sagen Sie selbst, was hlt Sie zurck? . . . Sehen Sie,
ich sollte Ihnen alles dies nicht sagen, allein ich verlasse mich auf Ihr
Herz, auf Ihre Ehre; -- bedenken Sie, da ich diese einzige Tochter habe
. . . diese einzige . . .

Sie fing an zu weinen.

-- Frstin, sagte ich: es ist mir unmglich, Ihnen zu antworten: erlauben
Sie mir, mit Ihrer Tochter unter vier Augen zu sprechen . . .

Nimmermehr! rief sie auf, in der heftigsten Bewegung vom Stuhle
aufspringend.

-- Wie Sie befehlen, antwortete ich, indem ich mich anschickte fortzugehen.

Sie dachte eine Weile nach, gab mir ein Zeichen mit der Hand zu warten und
ging hinaus.

Fnf Minuten vergingen; mein Herz schlug heftig, aber meine Gedanken waren
ruhig, mein Kopf kalt; wie sehr ich auch in meiner Brust nach einem Funken
Liebe fr die liebliche Mary suchte -- es war ein vergebliches Mhen.

Da ging die Thr auf und herein trat sie. O Gott, wie war sie verndert
seit der Zeit, da ich sie nicht gesehen hatte, -- und wie lange ist das
her?

In der Mitte des Zimmers angekommen, schwankte sie; ich eilte hinzu,
reichte ihr meinen Arm und fhrte sie an einen Lehnstuhl.

Ich stand ihr gegenber. Wir schwiegen lange; ihre groen Augen, mit einem
unaussprechlichen Grame erfllt, schienen in den meinigen etwas zu suchen,
was einer Hoffnung hnlich wre; ihre bleichen Lippen strengten sich
umsonst zu einem Lcheln an; ihre zarten ber die Kniee gefalteten Hnde
waren so mager und durchsichtig, da sie anfing mir leid zu thun.

-- Gndige Frstin, sagte ich, Sie wissen also, da ich mich blo ber Sie
lustig gemacht habe? . . . Sie mssen mich verachten.

Auf ihren Wangen zeigte sich ein krankhaftes Roth.

Ich fuhr fort: -- Und lieben knnen Sie mich folglich gar nicht.

Sie wandte sich ab, sttzte den Arm auf den Tisch, bedeckte ihre Augen mit
der Hand und es wollte mich bednken, als glnzten Thrnen in denselben.

O mein Gott! sprach sie kaum hrbar vor sich hin.

Das fing an unertrglich zu werden: noch eine Minute -- und ich htte zu
ihren Fen gelegen.

-- Wohlan, Sie sehen selbst, begann ich mit fester Stimme und einem
erzwungenen Lcheln, da ich Sie nicht heirathen kann. Und wren Sie jetzt
dazu wirklich im Stande, Sie wrden es sicherlich bald bereuen. Meine
Unterhaltung mit Ihrer Frau Mutter zwingt mich zu einer so offenen und
groben Erklrung; ich hoffe, es wird Ihnen leicht sein, sie aus ihrem
Irrthume zu ziehen. Sie sehen, ich spiele in Ihren Augen die
allermiserabelste und hlichste Rolle, und stelle dies sogar nicht in
Abrede; das ist aber auch Alles, was ich fr Sie thun kann. Welche
schlechte Meinung Sie immer von mir haben knnen, ich unterwerfe mich ihr
. . . Sehen Sie, wie ich vor Ihnen erniedrigt stehe? Nicht wahr, und wenn
Sie mich wirklich liebten, von diesem Augenblicke an verachteten Sie mich?
. . .

Sie wandte sich zu mir, wei wie Marmor, nur ihre Augen funkelten
wunderbar.

Ich hasse Sie . . . sagte sie.

Ich dankte ihr verbindlichst, verneigte mich ehrerbietig und verlie sie.

Eine Stunde spter flog eine Couriertroika bereits mit mir aus Kislowodsk.
Einige Werst vor Jessntukoff erkannte ich in der Nhe des Weges den
Leichnam meines edlen Pferdes; der Sattel war, wahrscheinlich von einem
vorbeireitenden Kosaken, abgeschnallt, und anstatt des Sattels saen auf
seinem Rcken zwei Raben. Ich seufzte und wandte mich ab.

Und jetzt, hier in dieser langweiligen Festung, frage ich mich oft, wenn
meine Gedanken das Vergangene durchlaufen: warum ich jenen Pfad nicht
betreten, den das Schicksal mir erffnet hatte und wo stille Freuden und
Seelenruhe meiner warteten . . . Nein, ich htte ein solches Loos nicht
lange ertragen knnen! Ich bin wie ein Matrose, der auf einer
Korsaren-Jacht geboren und auferzogen wurde; seine Seele ringt sich in
Strmen und Kmpfen los, aber am Ufer welkt und schwindet er dahin; ob der
schattige Hain ihm winke und der friedliche Sonnenschein ihm
entgegenlchle; er geht den ganzen Tag auf den Kieseln am Meeresstrande,
und lauschet dem einfrmigen Gebrause der rollenden Wogen und schaut hinaus
in die nebelige Ferne, ob er nicht in jenem matten Punkte, der von dem
grauen Gewlk und der dunkelblauen Meeresfluth absticht, das erwnschte
Segel entdecke, das, anfangs dem Flgel des Sturmvogels hnlich, nach und
nach aus dem Schaume des Wogendranges hervortaucht und mit festem Laufe dem
einsamen Hafen sich nhert.







End of the Project Gutenberg EBook of Der Held unserer Zeit, by 
Michail Jurjewitsch Lermontow

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HELD UNSERER ZEIT ***

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