The Project Gutenberg EBook of Das heilige Donnerwetter. Ein Blcherroman
by Adolf Paul



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Title: Das heilige Donnerwetter. Ein Blcherroman

Author: Adolf Paul

Release Date: May 7, 2012 [Ebook #39650]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HEILIGE DONNERWETTER. EIN BLCHERROMAN***





                        [Illustration: Titelseite]


_ADOLF PAUL_

*Das heilige*
*Donnerwetter*

Ein Blcherroman



_Berlin_
Deutsche Buch-Gemeinschaft
G.m.b.H.





                 Copyright 1918 by Albert Langen, Munich

                              Alle Rechte,
      insbesondere der bersetzung und Dramatisierung, vorbehalten!

                           _Printed in Germany_





                                  INHALT


1. Im Adlernest
2. Erster Flugversuch
3. Der alte Adler
4. Im Schatten
5. Aus dem Nest heraus
6. Der Solofnger Nummer Eins
7. Vulkans Schmiede
8. "Prske Dickkppe"
9. Jena
10. Zwei Welten
11. Zwischen den Schlachten
12. Das heilige Donnerwetter
13. Das Fell des Lwen
14. Der grte Sieg
Bemerkungen zur Textgestalt






                                    1
                               IM ADLERNEST


In schnellem Flug huschte dann und wann der schneeweie Krper einer Mwe
vorber und leuchtete grell gegen das von keinen Wolken bedeckte Blau des
Himmels auf. Aber keiner von den drei jungen Leuten, die nebeneinander auf
den zusammengerafften Segeln im Boote lagen, drehte auch nur den Kopf, um
die Kunststcke des gewandten Luftseglers zu beachten. Sie starrten
unentwegt nach dem kleinen dunklen Punkt, der, kaum noch wahrnehmbar, sich
hoch in den Lften bewegte.

"Aufgepat!" rief der eine halblaut, "seine Kreise werden enger! Er sieht
Beute!"

"Er zielt!" rief der zweite.

"Er fllt!"

Der schwarze Punkt wurde schnell grer, breitete sich zur Flche aus,
gliederte sich, wurde zum Krper, dessen Kopf, Rumpf, Flgel und Schwanz
sich scharf von der klaren Luft abzeichneten. Dann scho er rasch tiefer,
hielt jh an und strzte pfeilschnell kopfber in den See.

Mit einem Ruck schnellten die drei jungen Leute empor, standen da
kerzengerade im Boot und blickten dem goldbraunen Krper des Raubvogels
nach, der ins Wasser hineinscho, da der Schaum hoch aufspritzte. Bald
kam er wieder zum Vorschein, hob sich zum Flug und steuerte mit ruhigen,
kraftvollen Schlgen seiner mchtigen Schwingen in flacher Bahn der Kste
zu, einen groen, silberweien Fisch in den Krallen mit sich fhrend.

"Der Adler von gestern!" rief der lngste von den dreien. "Ich kenne ihn
genau! Die gleiche Gre und Zeichnung! Nicht zu verkennen!"

"Er wird wohl hier in der Gegend nisten!"

"Sicherlich! Denn als er gestern drben bei Hiddensee fischte, stieg er
mit seinem Raub jh in die Hhe und flog nach Nordost, hierher. Jetzt
steuert er flach gegen das Land. Dort auf den Kreidefelsen wird es sein!"

"Schauen wir nach!"

Im Nu saen zwei an den Riemen, der dritte am Steuer, und von krftigen
Schlgen getrieben, glitt das Boot dem Ufer zu, wo hoch oben auf dem wei
leuchtenden Kreidefelsen ein paar uralte Kiefern wie vorweltliche Riesen
ihre knorrigen Kronen aus der saftig grnen Masse des Laubwaldes
emporhoben.

Auf diese Bume setzten sie Kurs. Und lange dauerte es nicht, bis das
braungeteerte Boot sich am Gerll des Ufers scheuerte.

Bald war es an Land gezogen, Segel und Ruder versteckt, und die drei
Freunde sprangen von Stein zu Stein auf das Gemengsel von Sand,
Schlemmkreide und Feuersteinen hinauf, aus dem der schmale Uferstreifen
gebildet war, der den Felsenrand vom Wasser trennte.

"In einer der alten Kiefern da oben wird er sein Nest haben!"

"Klettern wir hinauf!"

"Wozu klettern? Weiter nach links wei ich einen Pfad, der bequem zu
steigen ist!"

"Der gerade Weg ist der beste!" antwortete der, der zuerst geredet hatte -
ein lang aufgeschossener Jngling mit Adlernase und dunklen, blauen Augen.
Und ohne sich um die anderen zu kmmern, nahm er entschlossen Anlauf,
packte mit krftigem Griff den nchsten Busch, stemmte die Fe gegen die
Spalten und Vorsprnge des Felsens, nahm im ersten Ansturm die halbe Hhe
und blieb da auf einem breiteren Vorsprung stehen und blickte hinauf.

"Da ist er wieder!" schrie er und zeigte auf den Adler, der in raschem
Flug wieder seewrts steuerte. "Was sagte ich? Sein Nest ist hier!"

"Vorwrts nur!"

Ein paar krftige Klimmzge, ein Keuchen und Fluchen, wenn der Fu einmal
ausglitt und Steine und Sand prasselnd in die Tiefe schickte, dann waren
sie oben und fanden da den Dritten im Bunde lachend vor. Denn der
bequemere, wenn auch lngere Pfad hatte ihn doch zuerst ans Ziel gefhrt.

"Lache nur!" rief der Lange. "Hier wrest du nimmermehr heraufgelangt!"

"Wozu denn Wnde hochsteigen, wenn es auch so geht?" antwortete der
andere, ohne sich aus der guten Laune bringen zu lassen.

"Um auf dem geraden Weg zu bleiben! Umwege sind Abwege!"

Damit drang er den anderen voran durch den Laubwald nach der Anhhe, wo in
einsamer Majestt eine alte Kiefer thronte. Das Adlernest hatte er bald
herausgefunden. Aber wie hinaufkommen? Der riesige, mannsdicke Baum, der
es trug, hob sich wie eine Sule zu mchtiger Hhe. Sein von Wind und
Wetter glattpolierter Stamm bot dem Kletternden fast gar keine
Sttzpunkte.

"Wo du da einen bequemeren Umweg finden willst, mchte ich nur wissen!"
rief der Lange.

"Freund Diercks klettert auf die Bume wie ein Affe, Bruder!" antwortete
der zweite der beiden Bergsteiger. Und Diercks, der seine Krfte vorhin
geschont hatte, spuckte in die Hnde, packte den Baumstamm, umschlang ihn
mit Armen und Beinen und schob sich so langsam daran hoch, jede Muskel des
stmmigen Krpers auf das uerste anspannend. Endlos schien es den
Untenstehenden, bis sie ihn den Arm ber den ersten Ast der Krone schieben
sahen, um mit Aufbietung der letzten Kraft den Krper hinaufzuziehen.

Einen Augenblick blieb er sitzen, um Atem zu schpfen, dann ging es weiter
von Ast zu Ast, bis an das Adlernest heran. Ein Blick hinein, ein
Aufschrei!

"Gebhard! Siegfried! Ein ausgewachsener Adler!"

"Schon flgge?"

"Sicher! Aber er scheint noch keine Ahnung davon zu haben! Er liegt ganz
still!"

"Wirf ihn herunter!"

Einen Augenblick wurde es still da oben. Dann kam ein Aufschrei:
"Verflucht! Den Schnabel wei er schon zu brauchen!"

Dann hrte man nichts mehr als das Gerusch eines zhen Kampfes. Trockenes
Reisig und Grasbschel flogen aus dem Neste zu den Wartenden hinunter, und
zuletzt sauste, mit krftigem Schwung geschleudert, ein fast
ausgewachsener junger Adler herab. Zunchst fiel er in schwindelnder
Fahrt, dann auf einmal breitete er mit gellendem Aufschrei die Flgel aus,
und zum ersten Male trugen sie den Krper in sanftem Flug hinunter und
landeten ihn unweit der unten Harrenden. Einen Augenblick blieb er betubt
liegen, dann wurde er von vier krftigen Fusten gepackt und ihm eine
Kappe ber den Kopf gezogen.

Sein Bezwinger war unterdessen heruntergerutscht und kam jetzt heran.

"Den Vogel nehme ich mit nach Hause!" sagte er. "Da ich ihn fing, ist es
nur billig, da ich ihn behalte!"

"Wo willst du ihn bei euch hintun?"

"In den Hhnerstall, bis ich ihm einen Kfig gebaut habe!"

"Einen Adler in den Hhnerstall tun?" rief Gebhard, der lngere von den
beiden Brdern, entrstet. "Das geschieht nie und nimmer!"

Und ehe die anderen es sich versehen konnten, ri er die Kappe vom Kopf
des Adlers fort und warf den Vogel in die Luft.

"Gebrauche deine Flgel, jetzt wo du weit, wozu sie taugen!" rief er.

Der Adler machte ein paar ungelenke Bewegungen mit den Schwingen und
setzte sich in einiger Entfernung wieder auf den Rasen, nahm aber dann,
von seiner Angst getrieben, noch einmal Anlauf. Zwei, drei Schlge nur mit
den Flgeln, und die Unsicherheit war verschwunden, er wagte den Flug und
schraubte sich in sanftem Bogen um den Baum herum, bis er ins Nest
hineinblicken konnte. Dann war er mit einer schnellen Bewegung darber und
lie sich rasch hineinsinken.

"So!" sagte Gebhard und zog seine frei gewordene Kappe wieder ber die
Locken. "Vor dem Hhnerstall wren wir bewahrt!"

"Du bist nur neidisch," murrte sein Freund, "weil du ihn nicht selbst
fangen konntest!"

"Dafr konnte ich ihm die Freiheit geben!" sagte Gebhard, und es
wetterleuchtete vor trotzigem Stolz in seinen dunklen Augen. "Frei wie die
Luft, die er atmet, mu der Knig der Lfte sein! Ich mute ihm da helfen.
Und ich tte es nochmals, ob's dir pat oder nicht! Da" - er zeigte
landwrts auf die Wiese unterhalb des Berges -, "da fliegen andere Vgel,
die nicht dem Himmel so nahe kommen. Fang' dir die ein!"

"Die schwedischen Husaren!" rief Diercks und verga ber dem Anblick den
Adler und seinen rger ber Gebhards eigenmchtigen Eingriff in seine
wohlerworbenen Rechte. Er jauchzte laut den blaugelben Reitersleuten zu,
die aus dem Wald heraufsprengten, um in wildem Galopp ber die Ebene
hinwegzusausen.

"Den Flug machen wir mit!" rief er. "Die holen wir noch ein! Rasch, fangen
wir ein paar von Vaters Pferden unten auf der Wiese ein und setzen wir
ihnen nach!"

Gesagt, getan! Die drei unternehmungslustigen jungen Leute hatten sich
bald je ein Pferd eingefangen und ritten, statt den Reitern auf dem groen
Fahrwege ber Altenkirchen zu folgen, auf ihren ungesattelten Pferden
querfeldein nach der Wittower Fhre hin, wo sie gleichzeitig mit den
Husaren anlangten.

Diercks fand unter ihnen seinen Bruder vor, der bei den Schweden diente,
und viele Bekannte und Freunde auerdem. ber den Zweck des Streifzuges:
nach dem Gang der Aushebung auf Rgen zu sehen, wurde er gleich
aufgeklrt, und bald plauderten sie ber die Aussichten Schwedens, seine
pommerschen Grenzen im Kriege gegen Preuen zu verbessern. Denn als
Schirmherr des Westflischen Friedens hatte Schweden sich den Feinden
Friedrichs des Groen angeschlossen, die ihn an seinem khnen Unternehmen
hindern wollten, die Landkarte fr sich bequemer zu gestalten. Er hob also
auch in seinen deutschen Provinzen Kriegsvolk aus. Und da waren die drei
waghalsigen Reiter kein unwillkommener Zuzug zu der Schar, durften sich
also ohne weiteres anschlieen, und trabten vergngt mit auf dem Wege nach
Bergen, bis Venz in Sicht kam. Dort verabschiedeten sich die beiden Brder
von den anderen und ritten nach dem Gutshof hinauf, wo sie bei ihrem
Schwager zu Gast waren. Ihr Freund dagegen folgte den Husaren, nicht ohne
den lebhaften Neid seiner beiden Gespielen zu erregen, die gern noch
weiter mitgeritten wren.

"Wei Gott," sagte der jngste, "mir ist's, als gehrte ich zu dem
Kriegsvolk und mte mit, gleichviel wohin! Wre ich schon siebzehn, wie
du, ich liee mich anwerben!"

"Ich besorg's dir, Gebhard und mir auch!"

"Die Schulbank zu drcken habe ich satt! Wozu auch, wo's Pferde gibt? Aber
nichts dem Schwager verraten!"

"Ich werde mich hten! Der schickt mich dann gleich zurck nach der
Schweriner Pagenschule, auf da ich bei den Mecklenburgern graue Haare
kriege, ehe ich ein Offizierspatent bekomme! Da mchte ich nicht dienen!"

"Ich auch nicht!"

"Bei den Preuen aber noch weniger! Ich danke fr die Fuchtel Fritzens!"

"Ich auch!"

"Bei den Schweden reitet sich's viel freier und lustiger!"

"Gehen wir zu den Schweden!"

Nachdem sie so im Fluge mit echt jugendlicher Sorglosigkeit diese nicht
ganz unwichtige Lebensfrage erledigt hatten, sprangen sie von den Pferden,
trieben sie wieder auf die Weide und gingen zum Gutshof hinauf, um den
Rest des Tages irgendwie totzuschlagen.

                                    *

In der darauffolgenden Nacht hatte Gebhard einen sonderbaren Traum.

Von scharfen Krallen an der Brust gepackt, wurde er pltzlich von der Erde
gehoben und hoch durch die Lfte getragen. Schwindelnd schlo er die
Augen, sein Atem stockte, sein Herz schlug immer strker und strker.
Schlielich ging die Aufwrtsbewegung in ein langsames Sinken ber, die
Krallen lieen ihn los; er fiel, stie sanft auf den Boden auf, ffnete
die Augen und sah ber sich den groen Adler kreisen, hrte dessen
gellende Schreie, die zu Worten wurden. Und die Worte wiederholten kurz,
schneidend, immer wieder seine beiden Vornamen: Gebhard Lebrecht, aber in
verkehrter Weise.

"Leb-hart! Geb-recht!

Leb-hart! Geb-recht!" so kreischte es aus der Hhe. Und der Adler zog
immer weitere Kreise, stieg immer hher und verschwand schlielich im
tiefen klaren Blau des Himmels, das sich ber ihm wlbte, von rotbraunen,
knorrigen sten und blagrnen Kiefernadelbscheln umkrnzt.

Er atmete befreit auf, streckte sich auf dem Lager aus und fand es ganz
wie es sein sollte, da er da oben im Adlernest auf trocknem Gras und
Reisig ruhte, statt in seinem Bett.

Dann setzte er sich auf und blickte neugierig ber den Rand des Nestes
hinaus, sah unter sich wogende Laubkronen, Felder und Wiesen, schneeweie
Kreidefelsen und weit in der Ferne, mit dem Himmel zusammenflieend, das
endlose blaue Meer.

Und der Baum wuchs und schob seine Krone mit dem Adlernest immer hher in
die schimmernde, klare Luft hinauf. Immer weiter wurde der Rundblick, die
Insel ringsumher immer kleiner und kleiner. Frei und unbehindert sah
Gebhard ber das jenseitige Land hinaus, sah Stdte, Burgen, Hfen,
Wlder, Felder und Wiesen, Flsse und Kanle und weit in der Ferne
schneeige Gipfel in Sonnenlicht gebadet.

Sein Herz schwoll im starken Glcksgefhl, mit dieser ganzen Herrlichkeit
eins zu sein und fest in diesem Boden zu wurzeln. Wonnetrunken lie er die
Blicke immer weiter schweifen, gen Morgen, ber das Meer hinaus, wo
mchtige Knuel leuchtenden Dunstes, zu einer gewaltigen Wolkenwand
zusammengeballt, in den Strahlen der sinkenden Sonne goldrot
aufleuchteten, whrend von Westen her ein stickiger, schwarzer Nebel
langsam herankroch und die ganze strahlende Herrlichkeit zu verdecken
begann. Immer mehr verschlang der Nebel von den gesegneten Gestaden, an
deren Anblick er sich soeben ergtzt hatte. Bald wrde er den Baum
erreichen und sein Adlernest und ihn selbst mit einer undurchdringlichen
Nebelkappe berziehn.

Eine qulende Angst beschlich ihn. Er blickte hinauf, mit der letzten
Kraft seiner Augen das schwindende Licht trinkend. Da sah er den Adler
heransausen, hrte wieder sein gellendes Gekreisch:

"Geb-recht! Leb-hart!

Geb-recht! Leb-hart!"

Und der junge Adler, dem er die Freiheit wiedergegeben hatte, war auch
dabei. Er tummelte sich in den Lften, in stolzem Bewutsein, ganz wie der
Alte seine Schwingen gebrauchen zu knnen, und schrie vor Gier danach,
seinen Hunger zu stillen. Mit Windeseile schossen sie auf den im Neste
Liegenden herab und gruben ihre Schnbel in seine Brust. An sein Herz
wollten sie heran! Ein mutiges Herz war die rechte Speise fr den Knig
der Lfte! Das Herz wehrte sich aber und flog wie ein gefangener Vogel
zwischen den Stben seines Rippengehuses hin und her, um sich dem Griff
des scharfen Adlerschnabels zu entziehen. Aber das Raubtier lie nicht von
seiner Beute! Immer tiefer whlte sich sein Schnabel zwischen die Rippen
hinein und versuchte das Herz aus seinem Kfig zu reien. Das Herz aber
war tapfer, krampfte sich zusammen und zog den Kopf des jungen Adlers
immer tiefer hinein. So kmpfte sein Herz mit dem Raubtier, sthlte sich
am Kampfe und wurde krftiger und strker, bis es ihm schlielich gelang,
mit einem gewaltigen Ruck den jungen Adler zwischen die Rippen
hineinzuziehen. Und da sa er nun im Brustkorb gefangen wie hinter dem
Gitter eines Kfigs, an Stelle des Herzens, das er mit letzter Anstrengung
verschlungen hatte. Das Herz pulsierte wohl noch voller Sehnsucht wie
vorhin. Aber seine Sehnsucht hatte jetzt die Schwingen des Adlers bekommen
und Kraft, ihn hoch ber alle Erdenschwere hinauszutragen.

Er brauchte nur zu wollen. Und im nchsten Augenblick stand er drben auf
der gewitterschwangeren Wolkenwand, die sich immer noch hoch ber Land und
Meer und ber allen qulenden Nebeln erhob. Mit Riesenkrften packte er
sie und prete sie zusammen; Blitze zuckten, die Donner grollten, und vom
Feuer des Himmels verzehrt, lste sich der schwarze Nebel auf, der schon
die Herrlichkeit des ganzen Landes bedeckt hatte, und alles lag wieder im
stillen Glanz, befreit da, von der Abendrte umglutet. - -

Aber hoch ber ihm, dem es im Traum gegeben wurde, die Blitze des Himmels
zu schleudern, kreiste der Aar, dessen Junges ihm ans Herz gewachsen und
zum zweiten Herzen geworden war. Und gellend wie die Kriegstrompete
schmetterte er sein Gekreisch in die Lfte hinaus:

"Leb-hart! Geb-recht!

Leb-hart! Geb-recht!"

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Er erwachte jh und lag noch lange, ehe es ihm klar wurde, da es nur ein
Traum gewesen war und da er in seinem Bette lag in seiner Schwester Haus
zu Venz auf Rgen und nicht im Adlernest drauen auf den Felsen von
Stubbenkammer. Und er starrte seinen Bruder Siegfried fragend an, der
lange drauen seinen Namen gerufen hatte und jetzt mit Freund Diercks
hereinstrmte, um ihn aus dem Schlafe aufzurtteln.

"Auf!" riefen sie, "heraus aus dem Nest! Heute fangen wir den jungen Adler
wieder ein!"

"Den Adler?" fragte Gebhard und rieb sich die Augen und griff sich an die
Brust, wo er ihn hineingetrumt hatte. "Meine Mtze zieht ihr ihm aber
nicht mehr ber den Kopf! Das gibt dann wieder Trume, wenn ich sie
aufsetze!"

Er sprang aus dem Bett, schlpfte in die Kleider, gab sich kaum noch Zeit,
den bereitstehenden Morgentrunk zu schlrfen, sagte seiner Schwester rasch
guten Morgen und war eben im Begriff, den anderen auf neue Abenteuer zu
folgen, als sein Schwager, der Kammerjunker von Krackwitz, ihn aus dem
Fenster seines Arbeitszimmers rief.

"Ihr mt euch heute ohne Gebhard behelfen", sagte er, ohne ihren langen
Gesichtern Beachtung zu schenken. "Ich brauche ihn hier!"

Dagegen war nichts zu wollen. Gebhard mute mit sehnschtigen Augen die
anderen abziehen sehen und ging dann zu seinem Schwager hinein.

Der Kammerjunker war ein solider, ehrenfester Mann, ohne jeglichen Hang zu
abenteuerlichen Trumereien, stand mit beiden Fen fest auf dem Boden
realer Tatsachen und packte das Leben von der ntzlichen Seite an, wie
sich's fr einen Mann von Grundstzen gehrt.

Nach gebhrender Hervorhebung des Umstandes, da er gewissermaen an
Vaters Stelle stnde, nachdem er Gebhard in seinem Hause aufgenommen
hatte, fhrte er dem jungen Schwager zu Gemt, er drfe das Leben nicht zu
sehr auf die leichte Achsel nehmen. Er sei bereits sechzehn, also in einem
Alter, wo der Ernst des Lebens zu beginnen und das Spiel aufzuhren htte!
Ob er sich schon Gedanken ber die Zukunft gemacht habe? Und was er wohl
zu werden gedenke?

"Soldat wie der Vater und die Brder!"

Das wre ja alles gut und schn! Aber - wo er der Jngste unter sieben
Brdern sei, die alle dienten! Und bei dem beschrnkten Einkommen seines
Vaters? Ohne Zuschu vom Vater knne er nicht daran denken, auf der
Offizierslaufbahn vorwrts zu kommen!

"So hilf du mir!"

Dem wre er wohl nicht abgeneigt! Aber gegen die militrische Laufbahn
htte er seine Bedenken! Erstens gehre Rgen zu Schweden. Er wre also
Schwede und knnte ihn wohl durch seinen Einflu in schwedischen Diensten
vorwrtsbringen! Aber - das htte seine zwei Seiten! Mit der schwedischen
Macht ginge es abwrts. Lange wrden die Schweden ihre deutschen
Besitzungen nicht mehr behaupten knnen! Eines Tages kme man unter andere
Herrschaft, und er htte dann von vorne anzufangen. Denn lieber gar nicht!
Lieber Landwirt werden! Da knne er besser helfen! Er wrde ihn in allen
Stcken unterrichten und ihm dann helfen, eine eintrgliche Pachtung zu
bekommen, damit er auf eigene Beine kme im Leben! Das wre doch die
Hauptsache! Und htte er dann noch das Glck, eine Frau zu finden, die
auch nicht mit leeren Hnden kme, dann wre er sein eigener Herr. Und
dann - wenn's nicht anders ginge, und wenn die Lust in ihm bermchtig
werden wrde -, dann wre es immer noch Zeit, zur Fahne zu gehen! -

Bei der Rede des Schwagers wurde es ihm zumute wie gestern, als er die
Gespielen davon sprechen hrte, den jungen Adler in den Hhnerstall zu
sperren. Alles in seinem Innern lehnte sich dagegen auf.

Die graue Alltglichkeit eines unbemerkten Schicksals sagte ihm wenig zu.
Im Spiele mit den Rostocker Brgersshnen war er stets der Fhrer gewesen,
der sie alle anfeuerte, allen voranstrmte und die Palmen des Sieges an
sich ri! Nur so und nicht anders konnte er sich das Leben denken! Aber
tagaus, tagein hinter dem Pfluge torkeln, das sagte ihm ganz und gar nicht
zu. Er antwortete nicht. Und der Schwager, der sah, wie schwer ihm die
Entscheidung wurde, drang nicht weiter in ihn, sondern machte ihm nur den
Vorschlag, vorlufig auf seinem Gute alles zu erlernen. Er setzte ihm
sogar ein Gehalt aus, sobald er sich eingearbeitet haben wrde, und lud
ihn zu einem Ritt durch die Felder ein, um erst alles in Augenschein zu
nehmen.

Gebhard folgte ihm schweigend.

Kaum sa er aber im Sattel, so war die Mistimmung verflogen. In der
Phantasie trabte er jetzt nicht aus, um die Erdarbeiter zu inspizieren,
sondern strmte an der Spitze einer Schar Reiter auf den Feind los. Und
der Schwager hatte Mhe, ihm zu folgen.

Als sie nach einem erfrischenden Ritt zurckkehrten, strahlten Gebhards
Augen wieder in voller Lebenslust, seine Stirn war klar. Er tat sich
gtlich bei einem reichlichen Mittagsmahl und empfing so den von der
Adlerjagd zurckkehrenden Bruder. Der hatte geholfen, den jungen Adler
wieder einzufangen. Und Freund Diercks hatte den Wildvogel geradeswegs
nach Gagern gebracht, damit Gebhard ihm nicht wieder die Freiheit gbe!

Abends aber, als sie zu Bett gingen, flsterte ihm der Bruder etwas zu,
das sein Blut in Bewegung brachte.

"Morgen in aller Frh', ehe der Schwager munter wird, geht's nach Bergen!"

"Nach Bergen?"

"Ja, zu den Husaren! Ich lasse mich bei den Schweden einstellen! Du auch!"

"Ist es denn mglich?"

"Diercks hat es mit mir ausgemacht. Er will auch selbst Handgeld nehmen,
wie sein Bruder!"

"Was wird der Vater sagen?"

"Gar nichts! Und wenn schon -, sobald wir Handgeld genommen haben, ntzt
es ihm nichts!"

"Aber der Schwager?"

"Der wird schon aufbegehren! Aber das geht uns nichts an! Mit dem werden
wir schon fertig!"

"Denkst du, da man uns nimmt? Bin ich nicht zu jung?"

"Keinesfalls! Auf das Krperma kommt es an, und das hast du! Ich wei
auerdem, da man uns will!"

"Ganz gewi?"

"Ganz bestimmt! Gestern, als wir uns von den Husaren trennten und nach dem
Gasthof galoppierten, da sagte der Hauptmann zu Diercks: 'Die beiden
Jungen hole ich mir noch! Sie reiten ja wie die Deibel!' Und er mute ihm
versprechen, uns morgen zu ihm nach Bergen zu bringen! Ich gehe auf alle
Flle hin!"

Gebhard sagte nichts. Er ging anscheinend ruhig zu Bett. Aber er vermochte
kein Auge zuzutun. Er war jetzt am Scheideweg, wo es galt, entweder den
breiten gesicherten Weg zu whlen, den ihm der Schwager wies, oder den Weg
seiner Trume, deren Ziel er noch nicht sah, auf den es ihn aber mit aller
Macht hintrieb. Lange lag er da und sann. Pltzlich setzte er sich im Bett
auf. "Was ist aus dem Adler geworden?" fragte er.

"Der Adler?" antwortete der Bruder halb im Schlaf. "Den wollte Diercks mit
einer Kette an einem Pfahl im Garten anschlieen, bis sein Kfig fertig
wird!" Und damit schlief er ein.

Als Gebhard aber den Bruder fest schlafen hrte, stand er auf, zog sich
rasch an, schlich leise aus der Kammer hinaus, die Treppe hinunter, durch
den Garten und auf den Weg nach Gagern. Dort schwang er sich ber den
Gartenzaun und fand schnell den Pfahl, an den der Adler gefesselt war. Mit
einer mitgefhrten Kneifzange hatte er bald das Fueisen durchschnitten,
ergriff den Vogel, warf ihn in die Luft und sah, wie er auf mchtigen
Schwingen durch die Nacht davonschwebte. Unbemerkt, wie er gekommen, ging
er dann wieder nach Hause, schlpfte rasch ins Bett und schlief bald
ebenso fest wie der Bruder - jetzt aber ohne zu trumen.





                                    2
                            ERSTER FLUGVERSUCH


"Blitz und Donner!" fluchte der Wachposten am Eingang zum Zeltlager, das
sich am Waldessaum breitete. "Hier kann einer tagaus, tagein sich mit dem
saudummen Postenstehen die Beine in den Leib treten! Himmeldonnerwetter!
Wer endlich einmal dreinhauen drfte! Zu denken, was ich alles an Beute
gemacht htte - von den Gefangenen nicht zu reden! Leutnant htte ich
schon sein knnen - Rittmeister sogar - wer wei, vielleicht bald General!
Man hat's gesehen!"

"Sachte, sachte!" mahnte ein alter Graubart, der am Schilderhaus lehnte,
nahm die Pfeife aus dem Mund und klopfte sie an der Stiefelsohle aus. "Als
ich dereinst ins Feld zog, da hatte ich wohl auch wie du den
Marschallsstab im Tornister, obwohl ich blo ein Trommlerjunge war. Und so
mu es sein. Die wenigsten erwischen ihn aber! Mir gelang's schon! Da ich
aber auf meinen alten Tag nur Futtermarschall beim Regiment werden sollte
- darauf htte ich damals nicht schwren mgen!"

Er schwieg pltzlich, hielt die Hand vors Auge und blickte ber die Felder
hinaus, zwischen denen sich die Landstrae heranschlngelte. Ein
pltzliches Klappern von eilenden Hufen hatte seine Aufmerksamkeit
geweckt.

Der Wachposten hielt in seinem Hin- und Hertrotten inne und blickte auch
hin.

"Ein durchgegangenes Pferd!"

"Wenn der sich nicht das Genick bricht!"

"Himmelsakra! Hecke und Graben im Flug genommen! Ratsch ber die Wiese!"

"Jetzt klabastert's schon auf der Landstrae! Das wei den Weg nach deiner
Futterkiste!"

"Dann wird's auch wissen, wie leer sie ist! Heia! Hussassah!" schrie der
Alte und trat zur Seite. Denn jetzt sauste es heran mit rasender
Schnelligkeit. Dann: ein Ruck - alle viere in die Erde gestemmt - den
Reiter in elegantem Bogen abgeschleudert und - war's Zufall, war's
Instinkt - still stand es gerade vor dem Futtermarschall, zitternd,
schaumbedeckt und leise wiehernd, als ahne es dessen nahe Beziehung zum
Hafertrog.

Die beiden Husaren hielten sich die Seiten vor Lachen.

"Habt Ihr's aber eilig, junger Herr!" sagte der Alte.

"Ich habe nur Eure Fahne gegrt!" sagte Gebhard, der schon wieder auf den
Beinen war, und zeigte auf das blaugelbe Tuch, das ber ihren Huptern
flatterte. Denn er und kein anderer war's, der in dieser bereilten Weise
das schwedische Lager gestrmt hatte. "Die anderen sind aber gehrig
nachgeblieben!" fgte er hinzu und blickte ber den Weg hinaus. "Sie
haben's nicht gemerkt, als ich ihnen ausgerckt bin. Der Adebar auf der
Wiese, der pate aber auf, lie dicht hinter mir ein Klappern steigen, und
mein Brauner legte gleich los wie gestochen!"

Er versetzte dem Pferd einen Klaps auf die Lende, ging dann herum, fate
es beim Kopf und blies ihm beruhigend in die Nstern.

"Ein Angsthuhn bist du", gab er ihm kosend seinen Denkzettel und wandte
sich dann an den Alten mit einer Frage nach der Regimentsschreiberei.

"Ihr wollt Euch als Rekrut bei uns eintragen lassen?"

"Das stimmt! Zeige mir nur den Weg!"

"Kehrt lieber um! Oder, meinetwegen, geht zu den Preuen! Bei uns ist fr
Euch kein Fortkommen! Das heit, wenn Ihr vorwrts wollt! Rckwrts reiten
wir schon!"

"Halt's Maul!" rief der junge Husar rgerlich. "Und pa auf, was du
redest! Wer wird sein eigenes Nest beschmutzen!"

"Ich nicht! Durch mich wurde es nicht beschmutzt! Durch dich auch nicht,
obwohl du auch weidlich schimpfst!"

"Ich?!"

"Eben du! Und solange ich dich kenne! Bist Husar, bist ein Reitersmann und
hast kein Pferd, wie so viele vom Regiment! Und du kriegst auch keins, wie
brav du auch schimpfst! Und - wie schaut's mit der Montierung aus?"

"Kann ich dafr, da die Offiziere das Geld fr die Ausrstung am
Spieltisch vertun?"

"Nein! Aber du kannst deinen Schnabel halten, statt von deinen
Vorgesetzten schlecht zu reden!"

"Wie redest denn du?!"

"Mein Reden ist eines Mannes Rede! Aber du, Lausbub, hast das Maul nicht
so weit aufzureien! Erst etwas mitmachen und dann reden! Ich," - der Alte
richtete sich auf und schlug sich auf die Brust, "ich war mit bei Narwa,
bei Riga, bei Clissow und Holofzin - leider aber auch bei Pultawa! Als
Trommlerjunge zog ich aus mit Knig Karl dem Zwlften, Gott hab' ihn
selig" - er zog ehrfurchtsvoll den Hut bei Nennung des Knigs. "Mit ihm
zog ich aus, um den Moskowiter zu verprgeln, und machte das ganze tolle
Abenteuer mit bis zum Kalabalik in Bender. Der groe Krieg mit dem
Moskowiter und dann mit den Polacken, das war der Anfang vom Ende. Dir
wnsche ich, da du den Schlu nicht sehen mut. Denn er wird uns wenig
Ehre bringen!"

Der Wachtposten machte achselzuckend kehrt und fing wieder sein Hin- und
Herwandeln an.

"Kann ich dafr, da die Offiziere das Geld fr die Ausrstung am
Spieltisch vertun?"

Gerhard stand da, das Pferd am Zgel, und fragte nochmals ungeduldig:

"Der Weg nach der Regimentsschreiberei?"

Der Alte beachtete die Frage kaum, setzte sich gemchlich auf einem
Feldstein zurecht, zog den Tabaksbeutel, stopfte die Pfeife, schlug Feuer,
setzte sie in Brand und zeigte auf die Fahne, deren tiefblaues Tuch sich
in wogenden Wellenlinien warf. Sie breitete sich aus, lie ihr gelbes
Kreuz in der Sonne aufleuchten und sank dann in sanft weichenden Buchten
zurck, um wieder Wind zu fangen und von neuem das Spiel zu beginnen.

"Die Fahne," sagte der Futtermarschall, "die kann sich schon sehen lassen!
Auf die knnt Ihr stolz sein, aber nicht auf die Regierung, die heute ihre
Ehre so mig schirmt! Einst - so vor hundertundfnfzig Jahren war's wohl
-, da flatterten die blauen Fahnen mit dem gelben Kreuz lustig bers Meer
hinaus. Nach allen Richtungen hin flogen sie, als wollten sie den
schumenden Fluten Eystrasalts zurufen: 'Fortan seid ihr schwedisch - die
ganze Ostsee ist von jetzt ab ein schwedischer Binnensee!' Als ich mit dem
hochseligen Knig Karl" - er zog wieder den Hut - "in den Krieg zog, da
hielten wir noch das ganze Land um die Ostsee herum. Als wir aber nach
achtzehn Jahren wieder geschunden nach Hause zurckkehrten - da wagte die
blaugelbe Fahne sich kaum noch im Baltikum zu zeigen, die moskowitischen
Mordbrenner verheerten aber lustig die schwedischen Ksten, und rein aus
Gnaden lie man uns beim faulen Friedensschlu das bichen Pommern und die
Insel. Und die sollen wir jetzt auch noch verlieren! Zu dem Zweck ziehen
wir jetzt mit leeren Kriegskassen, auf lahmen Pferden hinaus in den Krieg!
Und das wollt Ihr, junger Herr, noch mitmachen?!"

"Den Weg nach der Regimentsschreiberei will ich wissen, weiter nichts!"
rief Gebhard nochmals ungeduldig und schlang die Zgel um das Handgelenk.

"Ich werde Euch schon den Weg zeigen! Aber wit Ihr auch, warum Ihr ihn
gehen werdet?"

"Warum denn sonst! Um mich bei euch Schweden als Kmpfer anwerben zu
lassen!"

"Als Kmpfer wofr?"

"Fr die Krone Schwedens -"

"Fr die kmpfen wir Schweden lngst schon nicht mehr! Wir fhren nur noch
die Kriege der anderen Mchte - bald Englands, bald Rulands, bald
Frankreichs, je nachdem - und tun es auch jetzt, nachdem jene Mchte
unseren Reichsrat gekauft haben, und ziehen gegen Preuen und gegen den
Schwager unseres Knigs, weil - nun eben weil unser Knig eine Schlafmtze
ist!"

"Du sollst wider die Majestt unseres allergndigsten Herrn nichts sagen!"
rief die Schildwache rgerlich und blieb vor dem Futtermarschall stehen.
Der aber lie sich nicht dreinreden.

"Ich pfeife auf solche Herrschaft", rief er. "Das ganze Land lacht ber
den dicken Holstein-Gottorper, dem die Zarin unsere Knigskrone ber die
Nachtmtze stlpte, weil er ihr Neffe war!"

"Halt's Maul!"

"Den Weg nach der Regimentsschreiberei?" rief Gebhard immer ungeduldiger.

"Wartet lieber ab, bis unsere Regimentsschreiberei in Preuen steht!"
murrte eigensinnig der Alte, "denn so wird's bald kommen!"

"So wird's _nicht_ kommen! Himmelkreuzdonnerwetter noch einmal!" schrie
der junge Husar wtend. "Sorgt nur fr gute Pferde, setzt uns Jungen in
den Sattel und gebt uns Leute an die Spitze, die reiten knnen, dann sollt
Ihr was erleben! Mordselement, Herr! Hrt nicht auf den Unglcksraben!
Geht nur immer in die Regimentsschreiberei! Geradeaus geht der Weg, dann
links in die erste Gasse gebogen, und dann fragt Euch vor! Und Gott
befohlen!"

Gebhard hrte den Abschiedsgru nicht mehr. Er sa schon im Sattel und
galoppierte ins Zeltlager hinein, gerade als sein Bruder und sein Freund
unten auf der Landstrae zum Vorschein kamen, ihren Pferden die Sporen
gaben und ihm in vollem Trab nachsetzten, ohne sich um den Anruf der
Torwache zu kmmern.

                                    *

War das eine Jagd! ber Felder und Wiesen flogen die Sturmvgel des Alten
Fritzen - seine schwarzen Husaren, mit dem Totenkopf an der Stirn - auf
die Landstrae zu, um die Schweden abzuschneiden, ehe sie zur Brcke
gelangten.

Eine kleine Patrouille der Blaugelben nur war es, aber gut beritten.

Wie die Teufel pfefferten sie los, da die Satteltaschen flogen, allen
voran ein baumlanger, schlanker Kornett, der die Kameraden durch nie
ermdendes Zurufen anfeuerte.

Vorwrts ging es ber Stock und Stein. Aber die Schwarzen waren nicht
schlechter beritten. Dicht vor der Brcke gerieten die Gegner aneinander,
mit einer Wucht, da alles sich zu einem unentwirrbaren Knuel von wild um
sich schlagenden Pferdeleibern und dreinhauenden Reitersleuten
verwickelte.

Die Sbel blitzten, Kommandorufe schmetterten, Schimpfwrter flogen hin
und her.

"Warum trgst du deine Rippen drauen auf dem Rock, statt im Busen, wie
sich's gehrt?" rief der Kornett und ritzte mit dem Sbel die gelbe
Verschnrung seines Gegners auf. "Und den Totenkopf trgst du auf dem
Tschako, statt im Schdel! Hast wohl nichts als Hcksel drinnen!? Wie?
Wollen mal nachschauen!"

Und er versetzte dem Gegner einen gewaltigen Hieb nach dem Kopf. Aber der
war nicht saumselig. Er parierte mit einer Doppelterz, da Gebhard der
Sbel aus der Hand flog und seine Kopfbedeckung denselben Weg nahm.

"Die Mtze her!" schrie Gebhard zornesrot, gab seinem Pferd die Sporen,
flog dem Frechen an die Gurgel, packte mit eisernem Griff sein Handgelenk,
als dieser zum tdlichen Streich ausholte, ri ihm den Sbel aus der Hand,
die Mtze vom Kopf, hieb ihn vom Pferd herunter, stlpte sich die Mtze
auf und - heia, hussassa! - eine Gasse durch die sich balgende Rotte
gebahnt, ber die Brcke gesprengt! Und dann frei wie ein Vogel
weitergesaust nach dem Quartier, um Meldung zu erstatten. Die anderen
folgten.

"Ich htte gern die ganze Uniform zum Ansehen mitgebracht! Und den Kerl,
der drin steckte, auch!" sagte Gebhard, als er vor dem Rittmeister stand
und ihm den eroberten Tschako zeigte. "Es ist eine ganz neue Sorte von
Gegnern, schwarz mit grnen Aufschlgen, grnem Kragen, gelber
Verschnrung und diesem Tschako! Ich sehe die Uniform zum ersten Male!"

"Ich nicht", sagte der Rittmeister. "Aber als Gegner erst heute! Es sind
die Bellingschen Husaren! Der Preuenknig hat Verstrkungen geschickt,
wie es scheint! Von seinen besten Reitern! Wir werden zu tun bekommen!"

"Gott geb's!" sagte Gebhard.

"Der Oberst Belling ist ein ganzer Kerl! Ich sah ihn einst bei Eurem
Schwager! Beim Krackwitzen auf Rgen, mit dem er verwandt sein soll. Er
wird uns zu schaffen machen!"

"Wir ihm auch!" trotzte Gebhard. "Die Mtze mchte ich behalten! Bald hole
ich mir den Rest von der Uniform!"

"Das tut nur!" lachte der Rittmeister und verabschiedete ihn.

Er tat's auch binnen kurzem. Aber in anderer Weise, als er's sich dachte.

                                    *

"Ihr reitet zu toll, junger Herr", sagte der alte Futtermarschall und
streichelte das Pferd, als Gebhard sich einige Tage spter in den Sattel
schwang. "Man braucht nicht gleich wie'n Gewitter dreinzusausen und das
Pferd zuschanden zu reiten. Die Feinde laufen auch so!"

"Wer ein Blitzpferd zwischen den Schenkeln hat -", lachte Gebhard.

"Dem geht es frher oder spter durch! Das hat man gesehen!"

"Jetzt bleibe ich im Sattel! Jetzt bin ich drin!"

"Das wart Ihr auch, als Ihr in unser Lager auf Rgen hineingaloppiertet!
Und wurdet doch abgeworfen!"

"Halt's Maul!" rief Gebhard rgerlich, gab seinem Pferd die Sporen und
folgte den anderen, denen er bald weit voraus war.

Die Schweden waren dabei, einen Vorsto in die Uckermark zu machen und
tasteten sich durch den Kavelpa, an der pommerschen und mecklenburgischen
Grenze vorwrts, die Preuen vor sich hertreibend. Gebhard, der mit seinen
Leuten immer den anderen voran war, um aufzuklren, hatte Glck. Denn
durch das schneidige Vorgehen der Sparreschen Husaren wurden eben seine
grimmigsten Gegner, die schwarzen Bellingschen Husaren, abgeschnitten.
Aber sie schlugen sich durch. Und als die Schweden wieder zurckgingen, um
Quartiere zu suchen, waren jene gleich hinterher wie ein Schwarm Hornissen
und waren aus Verfolgten Verfolger geworden.

Gebhard, dem es mehr zusagte, den Feind zu suchen als vor ihm
zurckzugehen, blieb ihm mit der Nachhut fest an der Klinge.

"Bischt zurckbliewe, Bbele?" rief ihm ein hnenhafter Kerl von den
Bellingschen zu, mit dem er oft Hieb und Schimpfwrter gewechselt hatte.
"Eil' dich! Sonst fange dir die andere den Fisch aus der Ostsee vor der
Nas' weg!"

"Erst schlachte ich mir ein paar von euch schwbischen Krhen zum
Angelfra!" lachte Gebhard und zog vom Leder.

"I werd' di scho' schlachte, Bbele!" rief der Lange und ritt auf ihn zu.
Gebhard warf aber sein Pferd herum und entging so mit knapper Not der
Gefahr, umgeritten zu werden.

"Hast wohl das Reiten auf der Schulbank gelernt?" hhnte Gebhard.

"I bring di noch auf die Schulbank! I schaff' dir noch Maniere!" rief der
Lange, feuerte seine Pistole auf das Pferd Gebhards ab, da es sich bumte
und den Reiter abwarf, fing dann mit geschicktem Schwung den Fallenden
auf, zog ihn quer ber seinen Sattel und sprengte davon.

Und Gebhard lie es zu. Im Augenblick des Fallens ging mit ihm eine
sonderbare Vernderung vor. Er war aus der Wirklichkeit jh wieder in
seinen Traum versetzt, fhlte sich wieder, von den Adlerkrallen gepackt,
im weiten Flug durch die Lfte fortgetragen, schlo die Augen und
erwartete nun, im Adlernest zu landen. So lebhaft war die Vorstellung, da
alles andere um ihn schwand und er wie gelhmt dalag und sich ohne
Widerstand fortfhren lie. Er sah nichts, hrte nichts und wute nicht,
was mit ihm geschah.

Durch die ohnmachthnliche Lhmung aller Sinne drangen ins Bewutsein nur
die Worte des alten Futtermarschalls, die er ihm zurief, als er heute zu
Pferde stieg: "Wie's anfngt, so hrt's auch auf."

Das war also das Ende!

Der Oberst Belling, ein wrdiger, freundlich dreinblickender Herr mit
gertetem Gesicht und ergrautem Schnurrbart, lie den gefangenen
schwedischen Kornett vorfhren. Er betrachtete wohlgefllig die
jugendliche, schlanke Gestalt und das bartlose Gesicht, aus dem
Jugendfrische und trotziger Wagemut hervorleuchteten.

"Name?"

"Blcher!"

"Vorname?"

"Gebhard Leberecht!"

"Vater?"

"Christian von Blcher, Rittmeister in der hessischen Armee!"

"Geboren wo?"

"In Rostock, zweiundvierzig!"

"Also achtzehn Jahre! Er ist zu jung, um schon Kornett zu sein. Was hat
sich Sein Vater dabei gedacht?"

"Ich habe ihn gar nicht danach gefragt!"

"So ist Er hinter dessen Rcken zum Militr gegangen!"

"Ich und mein Bruder auch!"

"Hat es denn so gebrannt?"

"Das freie Leben wollt' ich - wollte ein Pferd zwischen den Schenkeln,
hatte es satt, die Schulbank zu reiten! Mir brummt noch der Schdel von
all dem Latein!"

"Schon gut! Aber warum denn gleich in auslndischen Dienst? Warum zu den
Schweden? Gab's fr einen Mecklenburger nichts Nherliegendes - wenn's
schon Ausland sein mute? Preuen zum Beispiel?"

"Bei den Preuen dienen schon zwei meiner Brder. Und was sie zu melden
wuten, verlockte mich nicht."

"Bei uns Preuen gibt's eben Disziplin!"

"Bei den Schweden auch, Herr Oberst!" versetzte Gebhard, und seine Haltung
straffte sich. "Das schwedische Regiment lag brigens gerade auf Rgen, wo
ich zu Besuch war!"

"Und da war das die nchste Gelegenheit, von der Schulbank fortzukommen",
lachte der alte Herr. "Denn das war wohl dabei die Hauptsache! Wo war Er
denn auf Rgen?"

"Beim Kammerherrn von Krackwitz, der mein Schwager ist."

"Da sind wir ja in Familie miteinander", rief der Oberst. "Der ist auch
mein Verwandter! Dann bleibe Er nur bei mir! Da werde ich schon fr Ihn
sorgen, damit Er ein rasches Fortkommen findet! Will Er in mein
Husarenregiment eintreten? Zunchst als Kornett?"

"Dem Knig von Schweden habe ich den Fahneneid geschworen!"

"Der schwedische Knig kann Ihn vom Eid entbinden, und wird es auch tun,
wenn Er darum nachsucht und gute Grnde gibt. Versteht Er: gute Grnde."

Gebhard schttelte den Kopf.

"So hre Er einmal und denke Er darber nach! Was fesselt Ihn an die
Schweden? Doch nicht die Aussicht, nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft
bei mir, als Kornett zu ihnen zurckzukehren? Tritt Er bei mir ein, ist Er
in kurzer Zeit Leutnant und, wer wei, vielleicht bald Rittmeister! Das
kann bei den Schweden lange dauern! Ich dagegen werde demnchst ein
zweites Bataillon meines Regiments, im ganzen fnf Schwadronen, anwerben,
und lange dauert's nicht, dann schaffe ich noch ein drittes Bataillon. Wer
bei mir Offizier ist, hat also schnelle Befrderung zu gewrtigen. Schlage
Er nur ein!"

"Ich bin an meinen Eid gebunden, Herr Oberst!"

"Ich will Ihn gewi nicht dazu verfhren, gegen Ehre und Gewissen zu
handeln. Ich will Ihm aber etwas sagen. Ich werde in aller Form bei den
Schweden um Abschied fr Ihn einkommen. Ich werde erbtig sein, ihnen
einen gefangenen Offizier fr Ihn freizugeben. Und auerdem schreibe ich
dem Knig von Preuen und schlage Ihn als Kornett bei meinen Husaren vor.
Dann sitzet Er wieder frei im Sattel und kann drauflosreiten, was Ihm wohl
doch die Hauptsache zu sein scheint. Sonst kann Er lange die Pritschen in
den Kasematten drcken, und die sind bei uns Preuen weit unbequemer als
die Rostocker Schulbnke! Fr ein gutes Pferd will ich berdies Sorge
tragen! La Er mich nur machen, dann kommt alles auf die beste Art in
Ordnung, Sein Gewissen bleibt unberhrt, und der Knig von Preuen hat
einen Offizier mehr nach seinem Sinn! Einverstanden?"

Er hielt seine Hand hin.

Gebhard schlug ein, und so kam er endlich auf den rechten Pfad im Leben.

Als er nach kurzer Verhandlung seinen Abschied aus dem schwedischen Dienst
hatte - als die Besttigung des Alten Fritz als Kornett bei den
Bellingschen Husaren eingegangen war, und er, in seinem Quartier, vor dem
Spiegel stand, da trat ihm da ein baumlanger, spindeldrrer, bartloser
Husar entgegen, den er sich erst genau besehen mute, um mit ihm auf
vertrauten Fu zu kommen. Ein schwarzer Pelz mit grnen Aufschlgen, gelbe
Schnre ber der Brust, auf dem Kopf den Tschako mit dem Totenschdel -
das war ein ganz anderer Kerl als der blaugelbe, den er soeben ausgezogen
hatte.

"Allezeit bereit, soll das heien! Das merke dir!" nickte er seinem
Gegenber zu und tippte leicht auf den Totenschdel! "Hast alles, was du
brauchst: die ntige Lnge, den forschen Blick! Fehlt nichts, als da dir
der Himmel einen Schnurrbart ins Gesicht pflanzt!"

Sein Spiegelbild machte ein Gesicht, als wollte es sagen: "Was soll ich
mit der Pflanzung?"

"Du nichts! Aber die holden Mgdelein, denen sie auf die Lippen fllt! Die
werden es schon wissen!"





                                    3
                              DER ALTE ADLER


Den dreieckigen Hut mit der zerrissenen Tresse verkehrt auf dem Kopf, den
blauen, verschlissenen Waffenrock mit den roten Aufschlgen halboffen um
den hageren Leib, Schnupftabak ber der gelben Weste, Puder auf der
Schulter, die schwarzen Samthosen in den hohen Stiefeln verschwindend, die
Rechte schwer auf dem Krckstock ruhend, den schweren Kopf mit den
vorquellenden Augen vorgestreckt, so stand der Groe Knig, einem alten
Raubvogel mit zerzaustem Gefieder nicht unhnlich, im Kreise seiner
vierbeinigen Lieblinge und hielt Musterung.

Durch die offene Tr zum Arbeitszimmer sah er seine Kabinettsrte mit
ihren Schreibtafeln warten, um die Fortsetzung seines Diktats aufzunehmen.

Der Kammerdiener meldete den General von Llhffel, Inspekteur der
Kavallerie, der zur Audienz befohlen war.

"Warte Er, Llhffel!" rief der Knig hinaus, ohne zur Tr zu gehen. "Erst
mu ich bei meinen Hunden nach dem Rechten sehen. Dann kann Er mir von den
Kavalleriepferden mitsamt ihren Reitern referieren, so Er mir etwas
Erbauliches zu melden wei."

Die allerhchsten Hunde waren eben dabei, hchstihro Mahlzeit einzunehmen,
von betreten Lakaien mit Mundtchern ber den Arm alleruntertnigst
assistiert.

Nichts auf dieser Welt vermochte sonst den Gebieter Preuens von seiner
Arbeit abzulenken, auer der Sorge um das Wohlbefinden seiner vierbeinigen
Familienmitglieder. Fr sie hatte er immer einige Minuten brig. Auf die
Meldung hin, da das Diner der hohen Vierfler aufgetragen sei, erhob er
sich denn auch mitten im Diktat eines Briefes und verfgte sich ins
Schlafzimmer, um die Haupt- und Staatsaktion der Abftterung in
hchsteigener Person zu berwachen.

Er hatte befohlen, ihnen heute einen Extraleckerbissen von gebratenem und
gesottenem Hhnerfleisch zu geben, und pate genau auf, da jedes Vieh
sein ihm zugedachtes Teil ordnungsgem erhielt und da keins bervorteilt
wurde.

Kosenamen fr die Hunde, Scheltworte und gelegentlich auch Stockschlge
fr die Lakaien halfen da aus.

Zwischendurch, wenn die Kter sich gelegentlich so ins Abnagen der Knochen
vertieften, da sie Ruhe hielten, setzte der Knig durch die offene Tr
sein Diktat fort. Aber ohne die Hunde aus den Augen zu verlieren.

"Schreibe Er also weiter, wo wir aufhrten!" rief er hinein. Und die
Kabinettsrte senkten die Griffel auf ihre Schreibtafeln. Der Knig
diktierte: "Die Einfuhr von Kaffee ist, wie befohlen, tunlichst zu
beschrnken. - Hat Er das?"

"Zu Befehl!"

Der Knig nahm bedchtig eine Prise Schnupftabak aus der Dose, die er
nebst dem Krckstock in der Rechten hielt, pfropfte sich die Nase damit
voll und meditierte dabei halblaut vor sich hin:

"Jeder Lump will heutzutage Kaffee trinken! Der pure bermut! Biersuppe
tut's ebensogut! Die trank ich selbst, als ich jung war! Das ist weit
gesnder! Und das Geld geht nicht auer Landes! - - _Tu beau_, Alceste!"
rief er einem der Windspiele zu. "Gnne den anderen auch das Leben! - -
Weiterschreiben!"

Die Kabinettsrte gaben acht, und der Knig diktierte weiter.

"Den Beuchower Gemeindeltesten wird auf ihre Eingabe beschieden, der
Invalide Faber bleibet im Amte! Fr die Volksschule dorten ist er gut
genug! Es genget uns vollauf, wenn auf dem platten Lande die Kinder Lesen
und Schreiben lernen! Wissen sie zuviel, so laufen sie in die Stdte und
wollen Sekretrs werden und so etwas. Das ist nichts! Der Invalide Faber
bleibet ihnen! Die sollten sich was schmen, Leute, die frs Vaterland
alles geopfert, nicht versorgt wissen zu wollen! Wo er sich berdies
ntzlich macht, den Leuten das Vieh htet und auch den Nachtwchterdienst
versieht, so haben die Beuchower alles mgliche Gute von ihm und haben
nichts mehr zu wollen! - - Der Alkmene lt du den Knochen! Ich komme dir
sonst!"

Wieder drohte er einem der Lieblinge mit seinem Krckstock und wandte sich
dann zur Tr.

"Macht also die Briefe zur Unterschrift fertig!" verabschiedete er die
Kabinettsrte, die sich verneigten und gingen. "La Er jetzt hren,
Llhffel! Was bringt Er mir heute?"

Der General von Llhffel trat nher an die Tr heran und blickte in das
Schlafzimmer hinein.

"Melde gehorsamst, Majestt! Zunchst htte ich das Abschiedsgesuch des
Rittmeisters von Blcher von den Bellinghusaren Allerhchstdero
Entscheidung zu unterbreiten!"

"Der Rittmeister bleibet in Dienst!"

"Der Rittmeister besteht aber instndigst auf seine Entlassung!"

Der Knig blickte den General scharf an.

"Ist der Kerl noch nicht mrbe? Wie lange sitzet er schon?"

"Zu Befehl", sagte Llhffel und salutierte. "Der Rittmeister hat bereits
mehr denn dreiviertel Jahr strengen Arrest gehabt!"

"Viel zu wenig fr einen Offizier, der sich unterfngt, seinem Knig
despektierlich zu kommen! Die Offiziers sollen lernen sonder Rsonieren,
Ordres zu parieren! Sie haben sich nicht in meine Politik zu melieren!"

"Melde gehorsamst: von politischer Whlerei steht in der Konduite des
Rittmeisters von Blcher nichts!"

"Dann schreibe Er das hinein!"

"Zu Befehl!"

Der Knig blickte seinen General an.

"Er muckst wohl mit mir? Wer mein General sein will, mu auf Subordination
halten!"

"Zu Befehl!"

"Nun, hatte ich meinen Truppen in Polen befohlen, die Polacken milde zu
behandeln, oder hatte ich es nicht befohlen? Antworte Er!"

"Zu Befehl! Es sollte alles vermieden werden, was die Krone Preuen bei
der polnischen Bevlkerung verhat machen knnte!"

"Sehe Er, so war das! Das hatten wir, die wir wissen, was wir wollen, bei
der Besetzung des polnischen Landes ausdrcklich befohlen! Und da mu mir
jener Sausewind mit dem Kopf durch die Wand wollen und setzet mir alles in
Feuer und Flammen! Er hat berdies noch die Keckheit, ob seines
Ungehorsams avancieren zu wollen! Und will noch meinen Rock ausziehen,
weil ihm das nicht gelang! Lassen wir ihn nur ruhig weiterbrummen, bis Er
ein Einsehen hat! Ihm schadet's nicht, und der Dienst gewinnt!"

Llhffel rusperte sich, salutierte nochmals und wagte eine Entgegnung.

"Es ist meine Pflicht als Inspekteur der pommerschen Kavallerie, Eure
Majestt darauf aufmerksam zu machen, da der Rittmeister von Blcher
immerdar ein eifriger und meritierter Offizier war!"

"Davon mte ich doch wissen!"

"Er hatte im letzten Kriege nicht das Glck, unter den Augen Eurer
Majestt zu kmpfen!"

"Das hat mit meinem Wissen nichts zu schaffen! Wir pflegen uns auch so
nicht all die jungen Leutnants zu merken, die uns einmal an der Nase
vorbeilaufen! Und wissen doch in der Armee Bescheid! - - Halte Hektor
zurck, du dummer Esel!" fuhr er pltzlich den hinter ihm stehenden
Lakaien an. "Er berfrit sich sonst! - - Mut dir mehr Zeit nehmen, du
gutes Tier!"

Er kraute den Liebling und streichelte ihn zrtlich. Seine Augen
leuchteten auf einmal freundlich, und er wandte sich bedeutend weniger
kratzbrstig dem General zu.

"Immerhin lese Er mir des Rittmeisters von Blcher Konduite vor!"

Llhffel suchte unter den Papieren in seinem Portefeuille ein Dokument
heraus, hielt es militrisch steif vor sich hin und las mit lauter Stimme
vor:

"Trat mit achtzehn Jahren von den Schweden ber, erhielt die knigliche
Bestallung als Kornett im Husarenregiment von Belling, wurde am 4. Januar
1761 Sekondeleutnant, am 11. Juli 61 Premierleutnant, focht 62 in der
Armee des Prinzen Heinrich, Knigliche Hoheit, Korps Seydlitz, als die
Bellingschen die Reichsarmee bis Hof in Bayern zurcktrieben, machte da,
bei Auerbach, 500 Gefangene, wurde mit nur 60 Mann bei Libkowitz von 200
sterreichern angegriffen, machte 60 Gefangene, wurde in der Schlacht bei
Freiberg verwundet -"

"Ein braver Offizier," sagte der Knig, "ich erinnere das alles jetzt ganz
gut! Soll aber ein gar wster Spieler und Duellant sein und auch hinter
den Weiberschrzen her - wie alle von den Bellingschen! Ein
Zigeunerregiment ist das immer gewesen und keine Husaren!"

Er stie mit dem Krckstock hart auf dem Boden auf.

"Gib doch dem Hund zu trinken," schrie er dem Lakaien zu, "du siehst ja,
da er erstickt!"

Dem Hund wurde Wasser gegeben, seine Schnauze und Pfoten mit Servietten
abgewischt. Schweifwedelnd schlich er an den Knig heran und leckte ihm
die Hnde.

"Ein wster Duellant - ein Raufbruder!" wiederholte der Knig. "Er sieht,
ich kenne meine Leute!"

"Zu Befehl! Der Sbel sa ihm stets locker in der Scheide", sagte
Llhffel trocken und blickte in sein Dokument. "Hier steht noch
angefhret, da der Regimentsadjutant Blcher wegen Herausforderung seines
Chefs, des Obristen Belling, strafversetzt werden mute!"

"Was sagte ich!" knurrte der Knig gallig. "Ein aufrhrerischer Krabat! An
seinen Chef wollte er heran! Und nun mchte er gar an uns selbst sein
Mtchen khlen! Ich werde ihn schon Mores lehren!"

Er erhob den Stock und schlug auf den Tisch. "Keinen Pardon vor ihm!
Keinen Pardon! Und den Abschied auch nicht!"

"Wollen Majestt gndigst verstatten? Hier steht noch von einer
ffentlichen Belobigung des gedachten Rittmeisters aus Allerhchstdero
eigenem Munde!"

Llhffel zeigte auf sein Dokument.

"Wo hatte ich? Wann htte ich?"

"Bei einer Revue in Stargard Anno siebenzig!"

"In Stargard? La Er sehen!" Der Knig blieb stehen und dachte nach.
"Recht hat Er - der von Blcher war's! Der hatte mit einer Handvoll Leute
dreihundert konfderierte Polacken angegriffen, vier Rittmeisters und
achtzig Mann gefangengenommen! Und Er selbst, Llhffel, mute ihn, auf
meinen Befehl, vor der Front loben! So war's! Sehe Er, unser Gedchtnis
pariert Ordres noch besser, als unsere Offiziere es manchmal tun! - Ein
braver Mann! Ein tapferer Mann! Knnen solche Leute immer gut gebrauchen!
Der Rittmeister bekommt seinen Abschied nicht!"

"Sein Chef, der General von Lossow, befrwortet die Entlassung!"

"Der von Lossow ist ein Besserwisser und ein Streber. Der soll mir nichts
weismachen wollen. Weswegen mag er den Rittmeister nicht leiden?"

Llhffel las in seinem Papier nach und blickte dann den Knig an.

"Zu Befehl! Eben wegen der Verfehlung, die Majestt soeben Hchstselbst an
ihm zu rgen geruhte! Weil er entgegen des Allerhchsten Verbots die
Polacken durch sein allzu forsches Zugreifen aufreizte, als er eine seiner
Postierungen ermordet vorfand!"

"Mir sind die Einzelheiten der Geschichte entfallen!" sagte der Knig.
"Wir haben so viel und weit Schlimmeres im Leben erfahren! Erzhle er mir!
Wo hatte der Blcher zugegriffen? Wen hatte er -?"

"Einen polnischen Landgeistlichen in der Gegend von Kalisch, den er als
Anstifter in Verdacht hatte. - Er lie ihn aufheben und, da er nicht
bekennen wollte, _sans faon_ vor eine frisch aufgeworfene Grube stellen,
die Augen verbinden und eine Salve ber seinen Kopf abfeuern!"

"Das wird dem hbsch in die Glieder gefahren sein!"

"Vor Schreck ist er fast ums Leben gekommen!"

"Gro wre der Schaden nicht gewesen! Unrecht ist ihm sicherlich auch
nicht geschehen!"

"Zu Befehl! Seine Schuld war mit groer Wahrscheinlichkeit anzunehmen! Nur
nachweisen lie sich nichts!"

"Der Rittmeister tat gegen Befehl, dafr gebhrte ihm Strafe. Er handelte
aber ansonsten brav! Das wollen wir ihm lohnen! Sage Er einmal, Llhffel,
wieso kommt jener Brausekopf dazu, mir einen despektierlichen Brief zu
schreiben?"

"Er fand sich unverdienterweise bergangen! Er glaubte als ltester
Stabsrittmeister ein Anrecht auf die erledigte Schwadron des abgehenden
Majors von Zlow zu haben, die einem anderen gegeben wurde!"

"Was heit Anrecht? Die Schwadrons vergebe ich! Ein Anrecht auer Unserer
Entschlieung gibt's nicht! Und wider Unsere Entschlieung hat niemand
aufzubegehren. Der Rittmeister war ungehorsam - dafr wurde er im
Avancement mit Recht bergangen! Er schrieb uns einen despektierlichen
Brief, dafr sitzet er in Arrest! So er sich aber demtiget, wollen wir
ihn begnadigen und ihn befrdern. Schreibe Er: der Rittmeister von Blcher
wird zum Major befrdert! - - - Nein, noch nicht! Erst soll er abbitten!
Sonst denkt er, er htte es uns abgetrotzt!"

Llhffel rusperte sich, blickte den Knig unsicher an und wagte dann
doch noch der Gnaden des Knigs anheimzustellen, dem Rittmeister, der
trotz seines Eigensinnes und seines jhzornig aufbrausenden Temperaments
ein verdienter, tapferer Soldat sei, die ersehnte und erflehte Befrderung
zum Major zuteil werden zu lassen. Um so eher, da gedachter von Blcher im
Begriff sei, zu heiraten und einen Hausstand zu begrnden - -

Damit kam er an den Unrechten.

"Heiraten will er?" schrie der Knig auer sich und stie mit seinem Stock
mehrfach auf den Boden auf. - "Was erzhlt Er mir da fr
Rubergeschichten, Llhffel? Wei Er nicht, da es sich vor die Husaren
nicht schickt, wenn sie Weibers nehmen? Da sie dann keinen Schu Pulvers
mehr wert sind?! Wei Er nicht, da ich vor alle derartigen Mariagen einen
greulichen Abscheu habe? Wie kann Er indizieren, da wir einen Menschen
von solcher Fermete noch befrdern? Er ist wohl des Teufels?!"

Der Knig redete sich immer mehr in die Wut hinein und schrie, da die
Hunde ngstlich wurden, ihm winselnd um die Beine liefen und den General
gar auch noch anknurrten, weil er den Zorn ihres Herrn geweckt und ihre
Ruhe gestrt hatte!

"Ruhe, ihr Biester! Oder wollt ihr etwa auch _mariage_ tun?" schrie der
Knig und schlug nach seinen Lieblingen, zum malosen Staunen der Lakaien.
"Ruhe, Mene! _Tu beau_ Alceste! Wo hat Er das Gesuch des Rittmeisters,
Llhffel? Geb Er den Wisch her!"

Und er ri dem General das Papier aus der Hand, humpelte, so gut es ging,
auf seinen alten gichtischen Beinen an ihm vorbei ins Arbeitszimmer
hinein, warf das Papier auf die schrge Tischplatte, ergriff einen
Federkiel, stie ihn mit Wucht in die Tinte, da sie weit herumspritzte,
kratzte dann mit zitteriger Hand eiligst ein paar Worte unter das Gesuch
und sprach sie, wie immer, beim Schreiben laut vor sich hin.

"Der Rittmeister von Blcher kann sich zum Teufel scheren!"

Er warf den Federkiel fort.

"Mag er sich in des Teufels Namen kopulieren lassen, soviel er will! Aber
unter meine Husaren fhret er keine Schrzenwirtschaft ein! Basta!"

Dann lie er den General stehen, eilte mit gehobenem Stock wieder ins
Schlafzimmer hinein, wo die Hunde nur mit Mhe von den Lakaien gebndigt
werden konnten, und hieb - nicht die Hunde - aber die Diener durch, die so
schlecht aufpaten, da ihm heute keine Ruhe zum Regieren blieb!

Und Llhffel zog mit langem Gesicht ab. Es war ein schnder Abschied fr
einen langgedienten, braven Offizier wie Blcher. Aber mit der
Despektierlichkeit durfte man dem Alten Fritz nur vorsichtig nahen! Und
mit der _mariage_ nimmermehr!





                                    4
                               IM SCHATTEN


"Htte ich noch den schwarzen Dolman angehabt," sagte der Rittmeister
Blcher und hieb Treff-As auf den Tisch, da er zitterte, "wei der
Deibel, ich htte mir vielleicht doch noch die Sache berlegt! Denn den
hatte ich mir sozusagen mit der Waffe in der Hand erobert und in Ehren
getragen! Im roten Dolman hatte ich immer das Gefhl: den ziehst du bald
wieder aus! Gemtlich war's ja nicht, drin zu stecken, nachdem der Alte
Fritz die von Gersdorffschen aufgelst hatte und uns kommandierte, in ihre
entehrte Pelle zu schlpfen! Trotzdem ziehe ich sie mit Wonne wieder an,
wenn's endlich so weit gediehen ist mit der kniglichen Gnade! Kinder!"
rief er, schob seinen Stuhl zurck und fllte die Glser, whrend der
Postmeister die Karten mischte und der Apotheker Gewinn und Verlust der
letzten Runde getreulich buchte. "Mit keinem Knig mchte ich tauschen, so
vergngt bin ich heute!"

"Nun ja," schmunzelte der Postmeister, "du hast auch alle Ursache! Reiten,
jagen, das Mdchen gekt, die Karte in frhlicher Runde gebogen, was
willst du mehr?"

"Gewinnen!" antwortete fr ihn der Apotheker, der jetzt mit seiner
Rechnung im reinen war. "Gewinnen will er!"

"Gewinnen, verlieren, gleichviel!" lachte Blcher. "Nur nicht sein Leben
lang hinter dem Ofen hocken, oder die Nase ber die Schmker hngen und
Kriegsgeschichte oder so 'n Zeug pauken! Kriegsgeschichte, pfui Deibel!
Als Soldat mache ich Kriegsgeschichte und schreibe sie in Blut oder
beschreibe sie beim Rotspon! Die Tinte lasse ich die Federfuchser saufen!"

"Nun, die Kriegsgeschichte wird dir wohl nicht allzu lstig, seitdem du
des Knigs Rock auszogst!" versetzte der Apotheker.

"Wenn ich auch den Rock auszog, mit Leib und Seele blieb ich doch Soldat!
Sollst sehen, bald reite ich wieder an der Spitze meiner Schwadron, die
mir von Rechts wegen zukommt!"

"Sei froh, solange du's nicht ntig hast! Geniee dein Leben! Hast ja
alles, was der Mensch sich wnschen kann: eine brave, liebe Gattin,
prchtige Kinder, giltst als einer unserer besten Landwirte hier in
Pommern - was willst du mehr?"

"Red' keinen Schwefel!"

"Na, hre einmal!" sagte der Apotheker, "um nichts gab dir wohl der Knig
neuntausendfnfhundertfnfzig Taler Meliorationsgelder fr dein Gut?"

"Neuntausendfnfhundertfnfzig, ja! Das war so recht der Alte Fritz!
Zehntausend voll htte er mir ruhig geben knnen. Aber nein, er mute noch
etwas davon abstreichen, um seinen Sparsinn zu befriedigen! Sonst htte
ihm die ganze Sache keinen Spa gemacht! Und nun mu ich mich hier am
Spieltisch mit euch abrackern, um die Summe wieder abzurunden!"

"Das tust du auch redlich!" lachte der Apotheker. "Aber nach unten hin
scheint's mir!"

"Verliere ich, so gewinne ich auch - das Geld wie das Majorspatent, und
sitze im Sattel, ehe ihr's ahnt!" rief Blcher bermtig. "Dieser Haufen
Taler auf Pik-Dame gesetzt, da es so kommt!"

Er nahm eine Handvoll Talerstcke aus einem auf einem Stuhl neben ihm
stehenden, mit Geld gefllten Suppenteller, setzte auf die Karte und
verlor.

"Verflucht! Die Dirne ging mir durch die Lappen mit dem Geld! Die
Schwarzen waren mir niemals hold! Eine Blonde her! Coeur-Dame gewinnt!
Coeur-Dame war mir stets gewogen! Siehst du, was sagte ich? Hab' Dank,
holde Schne! Her mit dem Geld! Kinder, ich knnte die ganze Welt in
Trmmer schlagen, so vergngt bin ich! Eine Kraft ist in mir!
Himmeldonnerwetter! - Ein Schwert in der Faust, einen Gaul unter mir,
Feinde genug zum Dreinhauen, was brauche ich mehr?!"

"Glck im Spiel!"

"In der Liebe, du Giftmischer! Ich pfeife auf alles andere!"

"Nun", sagte der Apotheker und strich wieder den Einsatz ein. "Das httest
du erreicht!"

"Noch einmal zur Attacke auf Fortuna, das Luderchen!" rief der
Rittmeister, "Karten her! Und hier der Rest!"

Er leerte seinen Suppenteller auf den Tisch, nahm neue Karten und verlor
noch einmal.

"Blasen wir die Reserve heran!" sagte er, ohne darum seine gute Laune zu
verlieren. "Ich hole Sukkurs!"

Er stand auf, ging ins Nebenzimmer, ffnete die Ofentr, steckte die Hand
hinein, zog sie aber gleich wieder leer heraus und machte ein langes
Gesicht. Kniete dann nieder und blickte in den Ofen.

"Da soll mir der Donner dreinschlagen!" fluchte er. "Drei Suppenteller
voll Geld stellte ich drinnen parat, zwei nahm ich heraus, wo zum Kuckuck
blieb der dritte?"

"Haben Panje Rittmeister etwas verloren?" fltete hinter ihm pltzlich die
Stimme seiner alten polnischen Wirtschafterin.

Er schnellte empor.

"Hast du etwas gefunden, Sonja?"

"Kann sein!" schmunzelte die Alte.

"Etwa einen Teller -?"

"Einen Suppenteller - -"

"Mit -?"

"Mit etwas drauf, was hier im Hause nicht lange darauf zu bleiben pflegt!
Etwas, was Panje Rittmeister und seine brgerlichen Freunde meistens zum
Spa zum Fenster hinaus zu werfen pflegen!"

"Zum Spa?! I, du dummes Luder, das geschieht gewi nicht zum Spa! Das
werfen wir zum Fenster hinaus, damit es zum Schornstein wieder
hereinkommt! Verstehst du?"

"Ach so! Dazu stellen Panje Rittmeister die Suppenteller in den Ofen?"

"Ja! Ging dir jetzt ein Licht auf? Damit das Geld doppelt und dreifach
wieder hereinfliegt - dazu schmeien wir's zum Fenster hinaus! Denn
unterwegs jungt es - verstehst du wohl? Und den Teller stellen wir in den
Ofen, damit es nicht in die Asche fllt! Und nun sage mir, mein Tubchen,
wo du den Teller mit dem Gelde hingetan hast."

"Oben ins Schlafzimmer, auf der gndigen Frau ihr Bett! Nachher, wenn
Panje Rittmeister schlafen geht, wird er sich freuen, noch so viel Geld im
Hause zu haben!"

"Sofort holst du es wieder herunter!"

"Die gndige Frau Rittmeister schlafen doch! Sie schliefen schon, als ich
das Geld hintat!"

"Hol es rasch her! Und da du sie mir nicht dabei weckst!"

"Lassen wir das Geld ruhig auf der gndigen Frau ihrem Bett! Am Ende
jungt's da noch besser!"

"Nee!" lachte Blcher, "da jungt ganz was anderes!"

"Die heilige Jungfer bewahre!" rief die Alte erschreckt. "Es ist lngst
mehr als genug! Die kleine und zarte Person, und schon sechs Kinder! Sechs
habe ich schon auf meinen Armen getragen! Panje Rittmeister, nichts fr
ungut! Die Liebe ist eine schne Sache! Aber, was zuviel ist, ist zuviel!
Und so viel Liebe hetzt den Menschen ins frhe Grab! Sechs Kinder,
bedenket doch, Panje, was das fr eine Frau heit! Und dreie deckt schon
der grne Rasen! Da liegen die kleinen Engelchen und rufen nach der
Mutter! Und die Mutter will zu ihnen und wird mit jedem Tag immer
blasser!"

"Red' nicht!" sagte Blcher kurz und drehte seinen Schnurrbart. Es kam
etwas Feuchtes in seine Augen.

"Immer blasser wird sie! Und wie sollte sie auch nicht, bei dem tollen
Leben hier, wo der Postmeister und der Apotheker ihr Unwesen treiben, und
das Spiel und das Pokulieren nimmermehr aufhrt! Ich hab's auch nicht
leicht, wenn ich den Kindern Rede und Antwort stehen mu. Sie fragen mich
alles mgliche ber den Papa - wo er seine Soldaten hat und wieso er
keinen bunten Rock wie die andern Offiziere trgt -"

"Himmelkreuzelement! Halt's Maul!"

"Ja, das ist immer das Ende vom Lied: halt's Maul! Ich htte man das Maul
halten sollen, vor zehn Jahren, als meine kleine Herrin mir von dem tollen
preuischen Offizier vorschwrmte, der ihr den Hof machte! Ich htte das
Maul halten sollen, vor vier Jahren, als Panje Rittmeister das schne
Polen verlie und hierher nach Pommern zog! Ich htte sagen sollen: nein,
ich gehe nicht mit. Dann htte ich nicht sehen mssen, wie meine kleine
Herrin vor Gram elend umkommen mu! Sie, die Enkelin eines groen Herrn,
des Starosten von Gnesen, des erlauchten Herrn von Bojanovsky selbst! Das
edelste polnische Blut! Einen Grafen htte sie haben knnen! Einen Frsten
sogar! Sie hatte es nicht ntig, einen kassierten Offizier zu nehmen, der
sich mit niedrigen Brgersleuten gemein macht!"

Mit dem kassierten Offizier wagte sie sich aber erst dann heraus, als
Blcher lngst nicht mehr im Zimmer war. Er hatte sie einfach
stehenlassen, als sie anfing, ihm ihre gewohnte Litanei vorzuleiern, war
die Treppe nach dem oberen Stock hinaufgeeilt, ffnete leise die Tr des
Schlafzimmers und schlich auf den Fuspitzen hinein.

Seine Frau schlief. Zu ihren Fen, auf dem Federbett, stand der Teller
mit dem Gelde.

Einen Augenblick stand er noch da und lauschte auf ihren Atem.

"Da du das Geld bei dir hast, bringt Glck!" sagte er, nahm den Teller,
ohne sie zu wecken, und ging leise, wie er gekommen war, zu seinen Gsten
hinunter, setzte den Teller auf die Karte, die soeben ausgeschlagen wurde,
und rief:

"Das Ganze! Das Ganze gewagt!"

Und er gewann.

"Noch einmal!" rief er, schob den Teller nochmals hin und gewann abermals.

"So!" sagte er. "Nun ist's genug. Jetzt habe ich die Summe des Alten
Fritzen wohl gengend abgerundet! Ich hatte also Glck mit dem Gelde! Das
Glck in der Liebe brachte mir auch Glck im Spiel! Das hat wohl denn auch
gute Vorbedeutung fr mein Gnadengesuch an den Knig."

"Du hast wieder -"

"Ich habe dem Knig fr das mir geliehene Geld gedankt und die Gelegenheit
benutzt, um Wiedereinstellung als Major zu bitten, und zwar mit
Anciennitt vom Tage meines Abschieds ab! Einmal hat er's mir
abgeschlagen. Das war vor vier Jahren! Jetzt wird er wohl ein Einsehen
haben!"

"Alle Wetter!" sagte der Postmeister. "Gut, da du von der Sache sprichst.
Vorhin kam eben ein amtliches Schreiben an den Herrn Deputierten des
Pommerschen Landschaftsrates von Blcher an. Vom Kniglichen Kabinett,
scheint's mir! Ich nahm das Ding mit. Ihr machtet aber gleich einen Lrm,
da ich nicht zu Worte kommen konnte, und dann hab ich's verschwitzt, als
es mit dem Spiel losging! Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Da
nimm!"

Er reichte Blcher einen Brief mit dem kniglichen Siegel.

Blcher nahm ihn, machte ihn schnell auf, flog den Inhalt durch, wurde
pltzlich ernst und nahm sein Glas.

"Auf das Wohl Seiner Kniglichen Majestt!" sagte er kurz. "Er soll leben!
Und wir auch - wofern wir nicht fr ihn sterben drfen!"

"Abgelehnt?" fragte der Postmeister zgernd.

"Abgelehnt!" sagte Blcher kurz. "Abgelehnt zum zweiten Male! Das bedeutet
weiter nichts, als da ich nochmals bei Seiner Majestt mit meinem
Gnadengesuch vorstellig werde, und dann nochmals und dann nochmals, bis
ich damit durchdringe und er mich wieder einstellt. Ich lasse nicht
locker! Ist er eigensinnig - bin ich es noch zehnmal mehr! Jetzt kommt
aber; es wird schwl hier drinnen! Drauen im Garten atmet sich's
leichter! Ich lasse eine Bowle ansetzen, die euch munden wird wie den
Kindern Israels das Manna in der Wste!"

Er setzte den Hut auf, fate den Postmeister unter den Arm und ging
hinaus, von den beiden anderen gefolgt.





                                    5
                           AUS DEM NEST HERAUS


"Enten waren da, die Masse", sagte der Rittmeister und zwirbelte seinen
Schnurrbart. "Aber sie hatten Glck! Der Nebel wollte nicht weichen, die
Sonne machte sich's bequem! Und der Hund taugte auch nichts! Wei der
Teufel, was ihm in die Nase gefahren war! Der Nebel hatte ihm wohl den
Riecher genommen! Denn er stie direkt mit der Nase auf den Vogel, ehe er
ihn gewahr wurde! Der scho dann wie ein Pfeil davon, und der dumme Kter
stand da und glotzte in sein Kielwasser, wie es lustig durch das Schilf
rieselte, bis es zu spt wurde und der Vogel untergetaucht war. Keinen
einzigen Aufflug brachte er zustande! Keine Mglichkeit, zum Schu zu
kommen!

Da mute ich selbst den Hund machen! Beim nchsten Vogel, den wir
aufstberten, sprang ich ins Wasser und machte ein alles andere denn
weidmannsgerechtes Hallo, um ihn zum Aufflug zu bringen!

Das gelang nun schon nach Wunsch! Aber alles, was ich vom Vogel bekam, war
weiter nichts als sein hhnisches Schnattern und das Rauschen seiner
Flgel und, wo er aufflog, eine sonderbare Bewegung im Nebel, die im
Dmmerlicht der aufgehenden Sonne Gestalt annahm und zu etwas
Menschenhnlichem wurde!"

"Etwas Menschenhnlichem?!" wiederholte die Frau Rittmeisterin und blickte
von ihrer Handarbeit auf.

"Ja, eine menschenhnliche Gestalt, eine Nixe, die mich hold anlchelte
und die Arme gegen mich ausstreckte. Deine Zge hatte sie!"

"Geh!"

"Auf Ehre! Sie hatte es! Und ich, nicht faul, gleich hinterher, ohne an
den morastigen Boden zu denken! Und pltzlich, ehe ich's mich versah, gab
der Grund unter meinen Fen nach, und im Nu stand ich bis zum Hals im
Sumpf!"

"Das geschah dir recht! Warum jagst du Nixen nach!"

"Deine Zge hatte sie!"

"Wer's glaubt. Dann httest du's sicher nicht so eilig gehabt!"

"So eilig sogar, da es mir fast das Leben kostete!"

"Dein Leben achtetest du stets gering!"

"In dem Augenblick nicht! Ich gab gehrig Hals! Und zum Glck war der
Frster nicht weit!"

"Der Hasse?"

"Ja! Im letzten Augenblick kam er hinzu, reichte mir seinen Flintenlauf,
und daran konnte ich mich dann so allmhlich aus dem Schlamm herausholen!
Es htte aber schief gehen knnen!"

"Ja, da siehst du, wohin der bereifer dich fhrt! Immer mut du Leben und
Gesundheit aufs Spiel setzen, und sei's nur um eine Wildente - oder,
meinetwegen, um eine Nixe zu erwischen!"

"So ist's! Immer aufs Ganze! Nur so erreicht man etwas!"

"Wenn man nicht das Genick dabei bricht!"

"Darum brauchst du nicht zu bangen! Ich komme nicht um! Ich bin fest
berzeugt, da mir gegeben wurde, im Leben etwas Besonderes zu leisten!
Das macht fest gegen Schu und Hieb! Wenn ich auch manchmal etwas
abgekriegt habe -, das Leben hat's noch nicht gekostet! Zum Krppel wurde
ich auch nicht! Und heute, wo ich bis zum Hals versank und mich kaum noch
bewegen konnte, auch heute verlie mich die Zuversicht nicht, sondern ich
dachte: 'Habe ich etwas im Leben zu tun, so bleibe ich wohl am Leben!' Und
ich blieb! Die rettende Hand war gleich zur Stelle! Das gibt mir
Zuversicht. Denn so wie auf der heutigen Jagd, so war mein ganzes
bisheriges Leben, seitdem ich den Dienst quittierte. Bis zum Hals im
Schlamm versunken, ohne Mglichkeit, mich zu bewegen, wenn nicht bald die
Hilfe kommt, mich aus dem Sumpf herausbringt, mich wieder als Soldat
einstellt und mich mittun und mitleben lt! Denn so wie jetzt geht's
nicht weiter! So komme ich um! So versumpfe ich ganz und gar!"

"Warst du denn so unglcklich mit mir?"

"Wie kannst du nur fragen? Saumig wohl war's mir die ganze Zeit! Ein
stolzes Gefhl, als freier Herr auf eigenem Grund und Boden zu schalten
und zu walten und zu sehen, wie wir vorwrtskamen und uns wohl dabei
standen! Ich trug schon die Nase gehrig hoch bei all der Anerkennung, die
mir von allen Seiten zuteil wurde! Das leugne ich gewi nicht! Aber das
ist gewesen, und das soll mich von nichts mehr abhalten drfen! Alles hat
seine Zeit! Das mute auch erlebt sein, und das habe ich erlebt! Das
gengt aber nicht! Das erfllt mein Leben nicht! So schlafe ich ein,
geistig wie leiblich. Und das darf nicht sein! Ich habe den Trieb, mich
weit darber hinaus zu bettigen, und wenn's mir das Leben kosten sollte!
Vorwrtsstrmen aufs Unmgliche los, um es mglich zu machen und auch
andere dazu treiben! Das habe ich! Das kann ich! Ob's der Abenteurer ist,
der mir im Blute liegt - ob's weiter nichts ist als purer Leichtsinn -,
jener Trieb mu befriedigt werden, oder ich krepiere!"

Die Frau Rittmeisterin blickte auf.

"Man soll das Leben nur fr etwas einsetzen, was des Lebens wert ist!"

"Wer nicht bereit ist, es stets und immerdar fr seine Sache einzusetzen,
wie gering sie auch anderen scheinen mag, der ist nicht wert, zu leben!"

"Du wirfst es aber hin, wie wenn du Geld auf eine Karte setzest."

"Und gewinne es zehnfach wieder!"

"Wenn du nicht Pech hast, wie meistens - Pech beim Spiel, Pech auf der
Jagd, Pech in der Liebe -"

"Wie kannst du das sagen?"

"Wieso nicht?! Wo du mit einer Frau leben mutest, die dir weiter keine
Empfindungen eingeben konnte als das Gefhl, an ihrer Seite im Sumpf zu
versinken!"

"Verdrehe meine Worte nicht! Versteh mich recht: ich fhle mich
zurckgesetzt, ausgestoen, zu nichts nutz! Blo als Brotverdiener auf der
Welt und weiter nichts! Mein Leben geht dahin, und ich leiste nichts! Die
Zeit schwindet, und ich stapfe noch immer auf demselben Fleck! Wenn ich
sehe, wie weit es meine ehemaligen Kameraden inzwischen gebracht
haben - -"

"Da solltest du dem Himmel danken, da du des Knigs Rock beizeiten
auszogst! Denn das machte dich zum freien Mann und erhielt deinen Sinn
unabhngig! Gott behte, da du heute da stehen solltest, wo deine
Kameraden jetzt sind. Keinen Schritt knntest du machen ohne Befehl -,
keine Bewegung auer der reglementierten! Das kannst du aber jetzt -"

"Das kann ich jetzt erst recht nicht, wo ich die Rcksicht auf die Familie
und auf unser tglich Brot ber alles andere stellen mu. Ich ziehe
jedenfalls das soldatische Reglement dem der Ehe vor! Verzeihe mir, aber
es mute einmal klar und deutlich ausgesprochen werden."

"Ich glaube," sagte die Frau Rittmeisterin, ohne die geringste Bewegung zu
verraten, "ich glaube, da unsere Ehe dir genug Bewegungsfreiheit fr
deine persnlichen Neigungen lie. Jedenfalls nahmst du sie dir mehr als
reichlich!"

"Das tat ich! Und das htte ich auch als Offizier getan. Ich war dumm, als
ich den Dienst quittierte!"

"Du warst weder dumm noch klug, du warst ein aufrechter Mann. Und niemals
habe ich dich mehr geliebt als in dem Augenblick, wo du Manns genug warst,
deine Wrde zu wahren. Denn Unrecht geschah dir, als ein Frstensprling
dir vorgezogen wurde, der dir sowohl an Meriten wie an Dienstjahren
nachstand. Und du tatest recht, als du dem Knig daraufhin deinen Degen
vor die Fe warfst! Jetzt aber, wo du jahraus, jahrein dem Knig
schreibst und ihn um Wiedereinstellung als Offizier anbettelst, jetzt
schme ich mich deiner! An die zehnmal schriebst du ihm! An die zehnmal
gab er dir den Futritt, der dir ob solchen klglichen Gewinsels
gebhrte!"

"Hr auf!"

"Hrtest du wohl auf mit deinen Bettelbriefen? Schriebst du nicht unter
jeden Brief: 'in allertiefster Devotion ersterbend, Eurer Kniglichen
Majestt alleruntertnigst gehorsamer Knecht'? -"

"Phrasen, weiter nichts!"

"Habe ich einen Phrasendrescher zum Mann genommen? Habe ich einem
alleruntertnigst gehorsamen Knecht die Hand gegeben, der 'in
allertiefster Devotion erstirbt'? Oder war's ein Mann, der aus Ehrgefhl
zum Rebellen werden konnte?"

Er nahm sie in seine Arme und kte sie herzlich.

"Halte dich nicht ber uerlichkeiten auf. Der althergebrachten, von der
Gewohnheit, oder sagen wir: vom Zeremoniell geheiligten Form mu ein jeder
gengen, hoch oder niedrig, der sich dem Trger der Krone naht! Das ist
weiter nichts als eine Redensart!"

"Mag sein! Aber eine Redensart, die entwrdigt. Ich wrde mich schmen,
sie zu gebrauchen!"

"Und ich -, ich schreibe sie ihm nochmals und nochmals, bis er nachgibt
und mir meinen Willen tut. Wenn ich blo ans Ziel komme, wenn ich
erreiche, ttig sein zu knnen, was kmmert's mich, wie ich dazu komme?
Jeder Weg ist mir da recht! Und wre er noch so holperig, ich gehe ihn
doch ohne Zgern! Das ist nichts als einfache Pflicht, der Macht
gegenber, die mir anheimgab, eine Aufgabe ber das Alltgliche zu suchen!
Und daran hindert mich nichts - deine Verachtung nicht, und erst recht
nicht dein Schelten! In einem gebe ich dir aber jetzt recht: das Schreiben
von Bittgesuchen war dumm! Das werde ich knftig lassen. Es gibt andere
und bessere Wege! Wo ich Deputierter der Landschaft bin, kann ich auch so
an den Knig heran. Das nchste Mal, wenn er hier Revue abhlt, sorge ich
dafr, da ich die Landschaft vertrete. Da bedarf es keines
Audienzgesuches! Und das Weitere wird sich ergeben. Aber von meinem
Vorhaben lasse ich nicht ab. Soldat bin ich mit Leib und Seele, und Soldat
bleibe ich! Du sollst es schon sehen: eher als du denkst, wirst du als
Frau Majorin aufwachen!"

"Gott verhte es! Dann mte ich unser schnes Gro-Raddow verlassen und
in der Garnisonsstadt leben!"

"Das schon!"

"Das wre mein Tod! Das kann ich nicht! Ich wrde ersticken. Ich wrde
ohne Licht und Luft zugrunde gehen! Bin ich dir denn kein Opfer wert? Ist
dir der Traum, dem du nachjagst, mehr als eine ruhige, gesicherte
Wirklichkeit an meiner Seite? Wozu jetzt noch einmal dein altes Leben von
vorne anfangen? Vierzehn Jahre warst du schon auer Dienst, und du bist
nicht mehr der Jngste, hast nicht mehr das Ungestm der Jugend, das
vorwrts ber alle Hemmnisse hinwegtreibt. Du wirst nur Enttuschung ber
Enttuschung erleben und bitter bereuen, unser Glck um ein Hirngespinst
geopfert zu haben. Du hast ja ohnehin Ttigkeit bergenug! Hast ja die
Gter - unser schnes Gro-Raddow und Sassenhagen, das du eben angekauft
hast! Ein ganzes Leben brauchst du, um die hochzubringen. Wie kannst du
nur daran denken, daneben noch als Offizier zu dienen? Entweder die Gter
werden vernachlssigt, oder der Dienst wird es!"

"Dann lieber die Gter", dachte der Rittmeister. "Die kann man ja
verkaufen, wenn sie im Wege sein sollten!"

Aber er sagte es nicht laut. Er sah, wie sie mit ganzer Seele daran hing,
ihr Leben in der bisherigen Weise weiterleben zu knnen, dachte an ihre
zunehmende Krnklichkeit, fhlte ein menschliches Rhren, wurde gromtig,
opferbereit und schwang sich sogar auf, den Verzicht auszusprechen. Das
beruhigte sie.

Aber er selbst fhlte, als htte er seiner ureigensten Natur Gewalt
angetan und das Heiligste verleugnet. Ein brennendes, fieberndes Verlangen
nach dem groen Abenteuer seines Lebens, das er haben mute, wenn er nicht
elendiglich verkmmern sollte, bemchtigte sich seiner ungestmer denn je
und lie ihm keine Ruhe mehr.

                                    *

In Sanssouci endete zu gleicher Zeit ein einsamer Mann, von Arbeit
ermdet, von Krankheit zerrttet und von aller Welt verlassen.

Ein Leben erlosch, das Kampf gewesen war, Kampf und Sieg gegen eine ganze
Welt - ein Leben voll treuester Pflichterfllung und Strenge gegen sich
selbst und alle anderen. Der alte Adler starb und schlo seine Augen fr
immer.

Ein Aufatmen -, ein Gefhl der Erleichterung ging durch das ganze Volk.
Die wenigsten gedachten bei der Todesbotschaft der groen Lebensleistung,
deren Zeugen sie gewesen waren. Die erlittene Bedrckung zitterte noch bei
allen nach.

Auch nach Pommern drang rasch die Kunde des groen Ereignisses. Hier wie
dort im ersten Augenblick ein Aufjauchzen, das die Gre dessen, der zu
Grabe getragen wurde, total verwischte.

Auch Blcher ging es nicht anders. Aber zugleich fhlte er etwas wie ein
Rauschen groer Flgel um sein Haupt und wurde von einer seltsamen
Empfindung beschlichen, als sei ihm ein Erbe berkommen.

"Jetzt ist's vorbei mit dem schmhlichen Beiseitestehenmssen! Jetzt ist
meine Zeit da!"

So jauchzte er auf bei der Trauerkunde. Und seine Frau schwieg. Sie sah es
ein, da er nicht mehr zu halten sein wrde. Der stille Verbndete, den
sie in dem alten Knig gegen ihn gehabt hatte, war nicht mehr! Keine Macht
gab's mehr auf Erden, die seinen Tatendrang, der stets ihr Eheglck
sprengen wollte, eindmmen konnte! Sie mute es ber sich ergehen lassen,
wie es auch kommen wrde!

Und Trnen der Wehmut, nicht des Stolzes, waren in ihren Augen, als sie
beim darauffolgenden Durchzug des neuen Knigs durch Stargard ihren Mann,
hoch zu Ro, in der kleidsamen Uniform der pommerschen Landschaft, dem
kniglichen Wagen voraussprengen sah. Und auch als er siegestrunken
zurckkehrte und ihr vom Gelingen seines Unternehmens und von der Audienz
beim Knige erzhlte, sowie von dessen gndiger Zusage, ihn bei
Gelegenheit mit voller Anciennitt als Major in sein altes Regiment
wiedereinstellen zu wollen - auch dann vermochte sie nur mit Mhe die
qualvollen Seufzer niederzuhalten, die sich ihrer Brust entringen wollten.

                                    *

Einige Jahre spter stand er vor ihr in ihrer kleinen Wohnung im
pommerschen Stdtchen Rummelsburg, hatte den Feldzug in Holland hinter
sich, hatte den Verdienstorden um den Hals und war im Begriff, sich wieder
von ihr zu verabschieden, um in den Krieg gegen sterreich zu ziehen.

Er sah ihre bleichen Wangen, ihr abgezehrtes Gesicht, ihren mden Blick,
sah mutlose Resignation in ihrer ganzen Art, sich zu geben, und sein Herz
schnrte sich zusammen. Seinem Beruf zuliebe hatte sie auf das Landleben
verzichtet. Ihre Gter, an denen sie hing, die aber aus der Entfernung
nicht bewirtschaftet werden konnten, waren verkauft. - Gro war das Opfer,
das er von ihr verlangt hatte - er sah es ein. Aber er hatte nicht anders
handeln knnen. Und jetzt galt es wieder Abschied nehmen.

"Diesmal wohl fr immer", sagte sie wehmtig lchelnd. "Ich dachte es
schon damals, als du in den hollndischen Feldzug gingst. Und einmal mu
es ja sein! Es ist ja auch besser so. Ich sehe es ein - ich bin dir im
Wege und mu fort. Ich beklage mich nicht. Du warst immer gut, immer lieb
zu mir. Du kannst wohl aber nicht aus deiner Haut heraus. Dein Beruf mu
dir ja ber alles gehen, und mir kommt es zu, ihn nach Krften zu frdern.
Ich gehe also hinber zu den Kindern! Es mu auch nach ihnen geschaut
werden! Sie rufen mich schon oft, viel lauter als die Lebendigen. Bleib du
denen ein guter Vater. Und hab' Dank fr alles. Es war schn mit dir. Und
wenn ich nochmals mein Leben anfangen knnte, ich wrde dich wieder
nehmen!"

Er schlo sie in seine Arme und kte sie. Seine Trnen mischten sich mit
den ihren.

Dann ri er sich los, eilte hinaus, stieg in den Sattel und zog an der
Spitze seines Regiments sang- und klanglos zur Stadt hinaus.

"Wenn i kumm, wenn i kumm, wenn i wiederum kumm - -" summte er dabei leise
das alte Lied.

Als er aber wiederum kam - da war die Hochzeit gewesen. Ein anderer
Freier, der nirgends ungehrt anzuklopfen pflegt, hatte ihr das Brautbett
gerstet und sein Liebstes in khler Erde zur letzten Ruhe gebettet.

Die Kinder kamen zu den Groeltern, und nichts war mehr da, was ihn
fesselte.

Der junge Adler war aus dem Nest heraus und hob seine Schwingen zum Flug.





                                    6
                        DER SOLOFNGER NUMMER EINS


Der Sachse Hberlein von der Schwadron des Majors von Planitzer nahm im
ganzen Regiment der roten Husaren so etwas wie die Stellung eines Orakels
ein.

Er konnte lesen wie ein Schriftgelehrter, er schrieb und rechnete wie der
geriebenste Kriegskommissar und gehrte auch nicht zu jenen Zaghaften, die
ihr Licht unter den Scheffel stellen!

Der Strom seiner Rede war wie ein brausender Wasserfall, seine Gier nach
Neuigkeiten hrte nimmer auf - mit allem, was sich auf Erden zutrug oder
zutragen konnte, wute er besser Bescheid als ein Bataillon von
Klatschbasen. Wo das Regiment auch biwakierte, sprte er sofort das
Platzorakel oder wenigstens eine Zeitung auf und war sofort ber die
politische Konstellation des Tages unterrichtet. Htte er die Fden der
hohen Diplomatie in Hnden gehabt, Europa htte anders ausgesehen, und das
Knigreich Sachsen erst recht.

Nun hatte er leider Gottes nur die Gesamtdiplomatie seiner Schwadron zu
fhren, und er tat es mit einer Geduld und einem Opfersinn, der nur von
seiner unersttlichen Neugier bertroffen werden konnte. Zu dieser
Geheimdiplomatie gehrte vor allem die heikle Aufgabe, den des Schreibens
Unkundigen - und sie waren in der Mehrzahl - die Briefschaften ihrer
Familienangehrigen zu entziffern und sie, gegen ein geringes Entgelt fr
Tinte und Papier, nach den Wnschen der von solchem Ereignis Betroffenen
zu beantworten.

Insbesondere profitierte von diesen seinen unschtzbaren Eigenschaften
sein Nebenmann rechts, der Wasserpole Gajewsky, der in jedem Nest, wo die
Schwadron durchkam, eine Braut sitzen hatte, die auf das hehre Eheglck
polnisches mit ihm wartete und entsprechend vertrstet werden mute. Ohne
Dolmetscher war aber auch er auerstande, diesen Trost zu spenden. Denn er
war aus edelstem Schlachtschitzenblut, hatte Ahnen bis ins Blaue hinein
und entstammte einem uralten polnischen Hause, das einst, in den Tagen des
Glanzes, ber Tausende von Seelen geherrscht hatte, jetzt aber kaum noch
der eigenen Seele Herr war. Denn dessen Mitglieder, ber sotane Knste
erhaben, lieen sich nimmermehr herab, sich mit Lesen oder Schreiben oder
irgendeiner Art von Buchgelehrsamkeit abzugeben - was ja in besseren
Husern stets zu den dienstlichen Obliegenheiten eines Beichtvaters zu
gehren pflegte.

Als Edelmann hatte er ja alle Hnde voll zu tun, die Herzen zu brechen; am
Spieltische wurde nicht gerechnet; war die Tasche leer - und sie war es
meistens -, so hatte er die glnzendsten Revenuen aus den im Monde
gelegenen Stammgtern zu erwarten, pumpte darauflos, solange sich glubige
Seelen fanden, leerte den Becher, solange der Wein flo, lie die Wrfel
rasseln, kte die schnen polnischen Weiber und was ihm da noch von
anderen Rassen mit unterlief, und balgte sich nach Herzenslust mit den
Nebenbuhlern herum.

Heute zwirbelte er melancholisch seinen blonden Schnurrbart und hrte kaum
auf das, was der brave Sachse ihm vorschwefelte. Man hatte ihn gewaltsam
aus den Armen der Liebe gerissen, die im letzten Kantonnement besonders
weich und wohlig gewesen waren - hatte ihn in Marsch gesetzt, mit der
gesamten Schwadron hierher in den Hinterhalt gelegt, wo sie in aller
Herrgottsfrhe aufmarschieren und immer noch auf Befehl zur Attacke warten
muten.

Noch brannte der letzte Ku auf seinen Lippen, die nicht einmal Zeit
gehabt hatten, mit dem blichen Schwur ewiger Treue im Augenblick der
Trennung zu quittieren.

"Is sich nichts als purer Niddertracht, Panje Blcherr seiniges", knurrte
er verdrielich. "Ruft sich aus Quarrthier der Hund, ech sich hat der Hahn
gegackert!"

"Is  Sauerei, der kanze Griech!" pflichtete der Sachse bei.

"Denk ich: Mordio, will sich gebben Monsieur Ohnehos Rendezvous zeitiges
cheute! Werrd ich lerrnen ihm fallen Husar polnisches unter Ksse seinige!
Hat sich gerufen: pascholl! In die Sattel! Tatarata! Und dann Nitschewo!
Ahles nix! Nix Feind! Nix dreinhauen! Nix Ksse! Betrug hundsgemeines!"

"Eja, freilich!" krhte der Sachse. "Nichts als  unntze Lauferei, der
kanze Griech! Mir siechen und siechen und siechen! Mir nhmen dem
Franzosen Ganohnen, Kefangene, Pakasche, - alles! Mir hauen ihm in die
Pfanne! Gaum aber looft er, da loofen mir egal ooch! Aber nich hinterher,
nee, zurcke loofen mir und gucken in den Rhein, wie sein Wasser ooch
davonlooft, und freien uns dann gechenseitig, - der Vater Rhein und mir!
Wie mir aber mit der Medode nach Baris gommen dhun, wees der Gugguk!"

"Bischt ebens a Subalterner!" fiel ihm sein Nebenmann, der wortkarge
Schlesier Landeck, in die Rede. "Host nischts zu wissen! Maul holten,
dreinhauen, ist oalles, woas du ntig host!"

"Dreinhauen, jawohl! Aber 's Maul halten, nee, nu ben nich! Und morgen
ooch nich! Duht's unser Pliecher etwa? Hlt der 's Maul? Reit er's nicht
uff wie 'n Nilpferd, verdonnert die schockschwerenotverdammten
sterreicher, die uns egal immer unsere Fikdorien versauen, da es eine
Schande ist?! Pakasche! Schweinebande, hundsmiserable! Egal rumen sie
irgendwo eine Lienje, und mir mssen mit! Gaum hamm mir uns irgendwo recht
scheene einkerichtet, da mssen mir wieder raus!"

Der Schlesier tat wieder sein Maul auf.

"Host auf die sterreicher nich zu schimpfe! Bischt aus Sachsen; schimpf
auf die Preuen, bei dena du dienscht!"

"Die Preuen, eja, freilich! Die gennen mir ooch was! Da htten mir ooch
die Nase dicke voll von!"

"Is sich blasiert derr Preu!" warf der Pole ein und zwirbelte seinen
Schnurbart hoch. "Frit sich zu vill - liebbt sich zu wennig! Wird sich
faul und dumm!"

"Und pequem!" eifert der Sachse. "Guck  mal blo die meerschten von den
Offiziers an! Ih, du Kieticher, ist das een Fuhrwerken, eh so 'n oller
dicker Major in den Sattel gommt! Und sitzt er endlich mal drinne, dann
schreits: 'Mei Gchenwaachen!' und das ist nun allemal das erschte. 'Wo
ist mein Gchenwaachen, Ginner? Wo steckt er blo? Gnnt ihr ihn nicht
shn?' Da mu unserm Pliecher so 'ne Arche Noah von einem Gchenwaachen
blo in die Quere gommen! Der versteht's! 'Ausspannen! In den Graben
werfen! Pferde vor die Ganohnen!' Der schafft's! Mordselement!"

"Ja, der hot's! Aso a Teiwelskerl is dos!" stimmte der Schlesier bei.

"Heut fiel er wieder vom Frd!" flsterte der Sachse. "Bat  mal uff,
Ginner, des giebt wieder eene Sache! Wenn der vom Frd fllt und wieder
hochgommt, da setzt's allemal Schlge fr den Feind und Fikdoria fr uns!
So ist's immer kewsen, da gnnt ihr Kift druff nhmen, und des stimmt,
als wie zwee mal zwee is finfe!"

Der Pole machte runde Augen.

"Fill sich vom Ferrd, der Panje Blchherr, saggst du?"

"Kopfieper runterkesaust!"

"Habb ich nicht gesehhen!"

"Siehst ben blo, wo die Weibsbilder fallen!"

Der Pole lchelte martialisch.

"Hatt sich gebrochen Genick seiniges, der Panje Blchherr?" fragte er.

"Wo wird er wohl?!"

"Nu, wo werrd ich denn sehhen? Wei ich doch: hat sich ein Schweineglck,
der Panje Obberst!"

"Ein Schweineglck", wiederholte der Sachse. "Httest ihn shn sollen, wie
sein Frd rcklings in den Kraben trat! Wie 'ne Stahlfeder schnellte er
aus dem Sattel auf den Weech rauf! Wie 'ne Gerze stand er vor der Front
ohne eene eenzige Schramme - wo er doch von Rechts wegen mit gaputte
Gnochen unterm Frd liegen mute!"

"Er is gefeit", sagte der Schlesier kurz und bndig. "Oof ihn beet kee
Stich, kee Hieb. Die Kugeln biegen vor ihm aus. Und wenn a fllt, fllt a
imma hinoof. Fllt a as Oberscht, kommt a as General hoch! Fllt a as
General, kommt a as Feldmarschall wieder in den Sattel!"

"Nu ben!" lachte Hberlein. "Warum nicht ooch? Wenn der Schlsier sein
Maul uffdhut, da nimmt er's allemal dicke voll!"

Der Schlesier sagte nichts. Er sa nur da, wieder wie eine Statue, ohne
eine Miene zu verziehen, und blickte geradeaus.

"Unheimliches Kerl!" dachte der Pole frstelnd. Denn es war noch frh im
Mai und das Gruseln leicht.

Bum, schossen drben die Franzosen. Bum, Bum!

Ihr Feuer lag links auf Neustadt zu, wo die Hauptmasse der Blcherschen
Truppen jetzt herauskam und auch zu kanonieren anfing. Aber eine Kugel
fand auch den Weg nach rechts, ber den Wald, wo die Planitzer lagen, warf
Steine und Sand ber die Reiter und dem Sachsen ins Maul, da er's eben
auftat. Er aber geschwind die Bescherung ausgespuckt. Und hinterher
brauste seiner Rede Strom mit doppelter Gewalt.

"Nu saacht  mal blo: Was hat wohl der Alte mit uns vor? Mir stampfen
hier egal uff eenem Fleck und lassen uns mit Dreck schmeien! Warum nhmen
mir nich dem Kroppzeug drben die Ganohnen wech? Die schiessen ja wie die
Schweine! Am Ende treffen die ooch noch! Und dann ade reiten! Een, zwee!"
fing er an, die Schsse zu zhlen. "Des reene Salutschieen! Akrat wie in
Billnitz, wo wir mit den Rekruten durchkamen und die Maschestden ooch da
waren! Eja, des war scheen! Der Geenich von Sachsen, der Geenich von
Preien und der Gaiser Leopold ooch noch, Gott hab ihn slig! Und hinter
ihnen her der ganze Schwanz von hohen Herren und Gonfusionsrden! Die
machten nu fix een Gollech um den grnen Disch rum, zogen die Schlafmtzen
feste ieper die Ohren runter und taten damit dicke, wie sie den lieben
Gott wieder in Frankreich einsetzen wollten und den Geenich Lurwich ooch!
- Und des war nu nichts als wie 'n Schpadziergang, und des hamm sie nun
verbrieft und besiegelt und begossen und waren noch lange nicht mit der
Beschrung fertig - da hat der Franzos die Frechheit und erklrt uns den
Griech und haut seinem Lurwig den Dskopp ab und ist ieper die Krenze, ehe
die Gonfusionsrde wach wurden! Nich  mal  Griechserklrung hamm sie
fertig gebracht - nicht mal im Traum! _Die_ gennen nu die Franzosen wieder
alleen rausschmeien - die Gonfusionsrde! Mir dhuns nimmer mehr, wenn mir
so weiter siechen!"

"Is sich ein Schweinewirtschaft hundsmiserables!" stimmte der Pole bei.

"Mir Roten sind schon parat - daran fehlt's nicht! Da ist schon unser
Oberst hinterher wie der Deibel! Bei den Hufschmieden, in den Gammern, auf
den Futterbden - ieperall hat er hineingerochen! Mundierung und
Sattelzeug, Pulver und Blei - nach allem hat er geshn, und da die
Glingen scharf geschliffen sind, war ihm allemal die Hauptsache! Mir sind
parat! Aber die anderen! Die Rde und - nun, ich will nichts gesagt haben
- _der Geenich ist ja een kuter Mann_ - een seelenkuter Herr! Wo er aber
zu schpt Geenich wurde - nachher steht ooch alles andere im Lande zu
schpt auf! Beim Gaiser Leopold ooch! Na, nu ist er ja tot, und dakechen
ist nichts zu sagen! Aber sein Lben lang dachte der nicht daran, Gaiser
zu werden - der steckte dicke drinne im fetten toskanschen
Getreidegeschft und war een kuter Mann! Da stirbt der Bruder, und er mu
auf den Thron! Na, nu ist er das lend ooch los, und sein Sohn kann seine
Leute mit Mehlspeis und Backhndl fttern, bis ihnen die Buche platzen!
Httest drben bei den sterreichern bleiben sollen, Schlsier, wo du
schon warst!"

"Mei Atzung find' ich ieberall!" entgegnete der Schlesier.

"Nun wenn schon - warum suchst du sie denn gerade hier bei den Preien,
bei den Hungerleidern?"

"Was suchen die Sachsen und die Polen dahier? Am Ende wollte ich nur
sehen, wie mir der rote Dolman sitzt, wo ich doch dahier im selbichen
Rechiment schonn den schwarzen trug!"

"Nun schlag einer lang hin! Wo _mir_ schwarz waren, bist du ooch mit
kewsen?"

Der Schlesier sa da wieder wie in Erz gegossen und antwortete nicht!

Bum! schossen die Franzosen vor Kirrweiler. Bum! sekundierte eine andere
Kolonne, die mehr rechts, durch Edenkoben herauszukommen begann. Die
Kugeln kamen jetzt von rechts und von links. Die Leute wurden unruhig, die
Pferde tanzten hin und her.

"Is sich ein verdammtes Schissen!" knurrte der Pole. "Wr' ich Obberst,
htt' ich gebben lngst Siggnall!"

"Ihr Polen habt's immer eilig mit dem berlaufen!" sagte der Sachse
anzglich. "Ihr liebt den Franzmann! Wenn ihr mit ihm Hiebe tauscht, denkt
man, es sind Gomplimente!"

Der Pole wollte antworten. Da bliesen endlich die Trompeten zur Attacke,
die Roten sausten aus ihrem Hinterhalt heraus und begriffen jetzt, warum
ihr Oberst sie so lange hatte warten lassen.

In die Flanke der Kolonne, die ber Kirrweiler vorgedrungen war, ging es
mit schwindelnder Fahrt. Hier ri eine Kanonenkugel eine breite Bahn durch
die vorstrmende Masse - dort sank mancher Reiter, von einer wohlgezielten
Flintenkugel getroffen, aus dem Sattel. Aber die Lcken klafften nur einen
Augenblick, dann schlossen sich die Glieder, vorwrts fliegend, und die
Roten waren drben und droschen mit ihren Sbeln auf die Kpfe der
"Ohnehosen", da es nur so eine Art hatte.

Der Schlesier, der Sachse und der Pole wetteiferten mit den anderen im
blutigen Handwerk und hieben und stachen und bekamen manche Schramme ab.
Es war ein Gewhl, ein Gedrnge, ein Stampfen, ein Wiehern, ein Rcheln
der Sterbenden, ein Fluchen und Schreien, ein Schmettern der Trompeten.
Lange whrte es nicht, da war der Widerstand gebrochen, die Kanonen
genommen, die Franzosen in voller Flucht und die Roten hinterher - wie die
Apokalyptischen Reiter, Tod und Verderben in die Reihen der Fliehenden
send.

Durch das Dorf Kirrweiler ging es auf Frischlingen zu, wohin alles in
voller Auflsung floh. Die wilde Jagd folgte - allen voran Blcher selbst,
alles anfeuernd und vorwrts drngend. Mit ihm noch mehrere Zge brauner
Husaren, die jetzt ihren roten Kameraden halfen, den Sieg zu vollenden.
Dann sauste Blcher mit ein paar Schwadronen noch rasch nach rechts gegen
Edenkoben hin, um der darber hinaus vorgestoenen franzsischen Kolonne
in die Flanke zu fallen und auch ihr die Kanonen abzunehmen. Es gelang
nach heftigem Kampf mit der feindlichen Infanterie. Die Franzosen wurden
auch da in das Dorf zurckgeworfen und in den engen Gassen, wo sich alles
staute, kurz und klein gehauen. Das Schlachtfeld war weit und breit mit
gefallenen und verwundeten Feinden best.

Blcher triumphierte.

Am Morgen, als ihm das Anrcken der Franzosen gemeldet worden war und jene
ihre Tirailleursketten ausschwrmen lieen und mit der Kanonade anfingen,
da war sein General und Prinz Hohenlohe zu ihm geritten, hatte ihm
geraten, sich lieber vor der bermacht auf Neustadt zurckzuziehen, ihm
aber freie Hand gegeben. Blcher, dem der rechte Flankenschutz der
preuischen Armee oblag, dachte nicht einen Augenblick daran, zu
retirieren, sondern nahm den Kampf mit der bermacht auf. Und das Glck
war ihm hold. Mit Kavallerie allein gewann er einen glnzenden Sieg ber
ein ganzes Armeekorps, schlug es entscheidend, nahm ihm Kanonen, Munition,
Gefangene und Pferde ab, und verbesserte so nicht nur seine eigene
Stellung, sondern auch die der ganzen preuischen Armee.

Die Belohnung blieb nicht aus. Nach kurzer Zeit traf seine Befrderung zum
Generalmajor ein. Und zugleich wurde er Chef des Roten Husarenregiments,
des frheren Bellingschen, in dessen Reihen sein ganzer Aufstieg erfolgt
war, und das von nun an nach ihm benannt werden sollte.

Als frischgebackener General nahm er dann seinem Regiment die Parade ab.

In langer Front standen seine Braven, Schwadron an Schwadron - die Pferde
mit den Kpfen wie nach der Schnur aneinandergereiht, in steter Bewegung
und ungeduldig auf die Trensen beiend, da der schneeweie Schaum im
Winde flog.

Prchtig leuchteten die roten Dolmans gegen das helle Vorsommergrn. Und
als auf Kommando die Sbel aus den Scheiden flogen, um den Chef zu
salutieren, zngelte ein tausendfacher Blitz ber das Feld. Es war ein
prchtiger Anblick, und wohl dazu angetan, das Herz eines rechten Soldaten
zu erfreuen.

Dann kam der neue Chef heran in vollem Galopp, schlank wie ein Jngling,
stolz wie ein Sieger. Spielend leicht lenkte er sein Pferd mit gewaltigem
Sprung ber die das Feld umschlieende Hecke und hielt jh an, gerade vor
der Schwadron des Majors von Planitzer, wo auch der gute Sachse Hberlein
seinen Kopf noch aufrecht hielt, aber von unzhligen Binden zu einem
dicken weien Knuel verunstaltet, durch den sein sonst so rhriges
Mundwerk zur Unttigkeit verdammt wurde.

Die dunkelblauen Augen Blchers blitzten vor Freude, als sie die Reihen
seiner kriegserprobten Kmpfer berflogen.

"Guten Morgen, Husaren!" rief er mit weithin schallendem Ba.

"Guten Morgen, Exzellenz!" kam es aus den Reihen zurck, da es nur so
donnerte.

"Ich freue mich, euch zu sehen!" setzte er die Rede fort. "Ihr habt euch
immer brav gehalten! Ich habe mich auch gefreut, Seiner Majestt melden zu
knnen, da ihr unter meiner Leitung schon elf Kanonen, sieben
Munitionswagen und fnf Fahnen erobert und einen Generalleutnant,
hundertsiebenunddreiig Offiziere, dreitausenddreihundertsiebenundzwanzig
Mann, elfhundertvierunddreiig Pferde gefangen habt, sowie, da kein
Offizier des Regiments in Gefangenschaft geriet und kein Unteroffizier
gefallen ist. Seine Majestt haben daraufhin geruht, mir selber zu
schreiben, haben mir den Roten Adler verliehen, mich zum Generalmajor und
zum Inhaber des Regiments gemacht, auerdem mich beauftragt, euch seine
Allerhchste Zufriedenheit auszusprechen. Eurer Tapferkeit und eurem
unwiderstehlichen Mut verdanke ich diese Ehrungen, die euch allen in
meiner Person zuteil werden.

Kinder, ihr habt euch einen guten Namen gemacht! In der ganzen Armee
achtet man die Roten Husaren, und der Feind frchtet sie! Ich bin stolz
auf euch und freue mich, da das Regiment von jetzt ab meinen Namen fhren
soll! Das eine merkt euch aber: ein Blcherscher Husar _stirbt_, aber er
_kapituliert nicht_! Seine Parole ist: _immer vorwrts_ und _nimmer
zurck_! Sein hchster Stolz: Blut und Leben fr Knig und Vaterland
opfern zu drfen! So wollen wir's halten, und das geloben wir, indem wir
rufen: Seine Majestt, unser allergndigster Knig und Herr, er lebe
hoch!"

Donnernd brausten die Hochrufe ber das Feld, die Fahnen senkten sich, die
Tambours schlugen den Generalmarsch. Der ranglteste Offizier schickte
sich eben an, im Namen des Regiments zu danken und Glck zu wnschen. - Da
lste sich aus dem ersten Gliede der Schwadron von Planitzer eine Gestalt
und kam langsam und feierlich auf den General zugeritten. Er scherte sich
nicht das geringste um das Entsetzen der Offiziere und Mannschaften,
schreckte auch nicht vor dem zornigen Blick zurck, der ihm aus den Augen
Blchers entgegenblitzte, er zuckte mit keiner Miene, ritt bis dicht vor
den General heran, salutierte mit dem Sbel und sprach ohne das geringste
Zittern in seiner Stimme: "Holten zu Gnaden, Exzellenz, wenn ich vorwitzig
bin und mich vor Dero Antlitz dervorwage! Wo aber Dero Exzellenz heut eene
geworden sind, und ich an de Sache nich aso ganz unschuldich bin, mecht
ich alleruntertnichst melden, da ich ooch meine ganz besondere Freide an
Dero Erhebung habe!"

"Wieso, mein Sohn? Was meinst du damit? Sprich aus, was du auf dem Herzen
hast!" antwortete Blcher, dessen Augen anfingen, schelmisch zu leuchten.
Sonst von unerbittlicher Strenge beim geringsten Versto gegen die
Disziplin, war er heute gern gesonnen, ein Auge zuzudrcken, wenn keine
Bswilligkeit vorlge. Und der Bursche, der einen ernsten, soliden
Eindruck machte, hatte wohl einen besonderen Grund zu seiner Dreistigkeit.

"Wieso meinst du, da du an der Sache nicht unschuldig bist?" fragte der
General nochmals.

"Weil Dero Exzellenz ohne mei Derzwischenkumma nich General geworden
wren!"

"Sieh nur! Sieh nur! Du hast denn wohl beim Knige eine Frbitte fr mich
getan?"

"Zu Befehl nein, Exzellenz! Ich hob den Keenig aber daderzu derholfen, aus
dem Oberschten Blcher oanen General zu mache!"

"Da soll der Donner dreimal dreinschlagen! Du bist dreist, Bursche!"

"Ich sage nur die Wahrheet: Und die Wahrheet is, da der Keenig, ohne den
Oberschten Blcher zu hoben, ooch nicht htte aus ihm a General mache
kenna!"

"Da hast du recht, mein Sohn! Nun hatte er mich aber -"

"Nun ja, das hatte er! Und das hat er ebens mir zu danke!"

Blcher blickte ihn gro an. Er fing an, zu begreifen.

"Erinnern Dero Exzellenz noch das Gefecht am Kavelpa? Exzellenz waren
dazemal a schwedischer Junker, und ich wie itzt Reiter im Regiment. Den
Junker _fing ich_! Ich hoab's getan! Und aso bekam der Keenig von Preuen
den Mann, den er heute zum General machte und wohl noch heeher steigen
lassen wird, so Gott will!"

"So Gott will - das war ein gutes Wort!" sagte Blcher. "Denn daran
liegt's, und so war's auch am Kavelpa, denk' ich! Er wird's gewollt haben
und nicht du!" Er rieb sich die Nase. "Dein Name?" fragte er.

"Landeck!"

"Landsmann?"

"Aus Esterreisch'-Schlasien!"

Blcher betrachtete ihn forschend.

"An dein Gesicht kann ich mich nicht erinnern! Es ist ja auch lange her.
Und bei der bewuten Gelegenheit wird mir wohl der Schdel von den vielen
Hieben gehrig gebrummt haben! Aber das wei ich, und darauf kann ich
schwren: ein Husar war's sicher, der mich fing! Und wo du ein Husar bist
und wo du behauptest, derjenige zu sein, so bist du's wohl auch gewesen,
dem ich mein Glck zu verdanken habe! Nun erklre mir aber eins, mein Sohn
- denn ein wenig dmmert's mir doch noch von der Begebenheit -, spricht
man noch heute - in Schlesien - _so gut Schwbisch_ wie damals?"

Der Husar blickte ihn an, ohne zu begreifen.

"Der, der mich fing, mein Sohn, der schwbelte nmlich ganz gehrig, das
habe ich mir gemerkt! Nicht nur sein Sbel, auch sein Schwbisch schlug
mir bs um die Ohren!"

Landeck kratzte sich hinter dem Ohr.

"Exzellenz," sagte er dann keck, "ob ich dazemal schwabbelte, ich wee es
nicht mehr! Das aber wee ich: ooch in Schlasien gab's dazemal Schwabben
die Masse - nich bloich in Preuen. Und es gibbt se halt noch, und aso
leechte wird se halt nich los, wer se hoat!"

Blcher lachte.

"Gut geantwortet, mein Sohn", sagte er. "Sei's drum! Du bist mir der
Richtige! Du wirst heute mittag einen Lffel Suppe bei mir essen! Und
nachher wollen wir miteinander auf den schwedischen Junker anstoen, den
du leben lieest! Den preuischen General knnen wir dann auch leben
lassen! Und nun, mein Herr Solofnger, marsch auf deinen Platz! Und da du
mir nicht noch einmal ohne Befehl aus der Reihe heraus reitest! Sonst
brummst du bei Wasser und Brot, und wenn du mich zehnmal gefangen
httest!"

Gesagt - - der Schlesier warf sein Pferd herum und sa im nchsten
Augenblick wieder wie vorhin, unbeweglich wie eine Statue und salutierte
mit den anderen, da die Sonnenblitze von den Sbeln nur so bers Feld
zngelten, als der neue Chef und Inhaber des Regiments, von seiner Suite
gefolgt, die Front abritt.





                                    7
                             VULKANS SCHMIEDE


Es war in Emmerich am Rhein.

Der General Blcher hatte, wie gewhnlich, seinen Abendspaziergang
gemacht, um bei seinem vertrauten Freunde, dem Obersten von Pletz, eine
Pfeife zu rauchen.

Sie saen unter der Linde am Pfarrhofe, wo der Oberst in Quartier war,
schmauchten ihren Knaster in aller Ruhe und Gemtlichkeit, labten sich
dann und wann aus den groen Rmern mit Rheinwein, lauschten bisweilen auf
das Jauchzen der spielenden Dorfjugend und spannen dabei gemchlich ihre
Unterhaltung weiter.

"Dein Glck war's", sagte der Oberst schmunzelnd. "Du fingst schon an alt
zu werden."

"Da schlage der Donner drein!"

"Na, nun bist du ja wieder jung - nun sieht man dir wieder die siebzehn
Jahre an, trotz der grauen Schlfen. Aber fast wr's schief gegangen!
Warst schon dicht dran, in die verkehrte Tonne zu springen!"

"Ins verkehrte Ehebett, sag's nur gerade heraus!"

"Nun ja! Viel hat nicht gefehlt, da wre es so verrckt gekommen! Weit du
noch, wie du brummtest und fluchtest, als du den Korb von deiner reichen
Witwe heimtrugst?"

"Halt's Maul!"

"Nun - der bist du ja glcklich entgangen! Aber geflucht hast du! Und
gescheit hast du gesprochen - zum Kotzen gescheit - rein niedertrchtig
brav - von deinen armen Kindern, denen mit Gewalt eine Mutter besorgt
werden mte, obwohl sie schon erwachsen waren! 'Opfern' wolltest du dich
-"

Der Oberst schlug auf den Tisch; er ereiferte sich immer mehr zum Ergtzen
Blchers.

"Man heiratet doch nicht wegen der Kinder, die man schon _hat_," schrie
er, "sondern wegen denen, die man erst kriegen will! Man nimmt eine Frau,
um selbst von ihr gepppelt und verhtschelt zu werden, nicht aber damit
sie anderer Frauen Kinder bemuttern soll! Man fragt nicht nach dem
Geschft, zum Donnerwetter! Man heiratet entweder gar nicht, oder man
heiratet eine, in die man so verliebt ist, da man es _doch_ tut!"

"Hab' ich das etwa nicht getan?" lachte Blcher.

"Das ist es eben!" rief Pletz zum groen Gaudium seines Gegenbers. "Das
ist es gerade! Du httest verdient, die alte Witwe heimzufhren, und jetzt
hast du - ganz unverdienterweise hast du das groe Los gezogen!"

"Trink, alter Brummbr! Nrgler du, hundsgemeiner! Auf die Frauen!"
Blcher erhob sein Glas.

"Auf deine Frau!" antwortete der Oberst, trank aus und machte die
Nagelprobe. "Auf dein unverdientes Glck!"

"Glck wird eben nicht verdient!" sagte Blcher und stellte sein Glas
fort. "Man hat's oder hat's nicht, je nachdem ob man es zu packen
versteht!"

"Nun ja - das konntest du meistens. Aber sonderbar ist es doch, da du
gerade _sie_ - -"

"Nun ja, es _ist_ sonderbar. Und ich kann auch heute noch nicht begreifen,
wie so'n junges Ding, das meine Tochter sein knnte - wie sie mich so in
ihre Gewalt bekam, wie sie mich im Handumdrehen umkrempeln und zum
ordentlichen Menschen machen konnte!"

"Das wollen wir nicht hoffen! Das liegt dir nun gar nicht. Du bist und
bleibst schon derselbe Windhund, als den ich dich immer kannte, und daran
hat auch sie nichts ndern knnen. Aber sie gab ihre Jugend her, und das
verjngt. Das ist der einzige wahre Jugendbrunnen fr uns alte Leute. Ich
verstehe blo nicht, wie du dazu kamst!"

"Ich auch nicht. Ich war eben zum Mittagessen in ihrem Vaterhause geladen.
Und sie sa mir gegenber am Tisch. Das war alles! Anfangs sah ich sie
nicht und blickte kaum hin. Man hatte vorzgliche Speisen und Weine
aufgetragen - ich hatte einen Mordshunger und hieb auf die Schsseln ein,
wie sich's fr einen rechten Husaren gehrt. Eben war ich dabei, den
Flgel eines Kapauns abzunagen, und geno es so recht von Herzen, da
blickte ich so aus Zufall auf und sah gerade in ein Paar groe lachende
Augen. Ich sah ein Paar Lippen von feinsten geschwungenen Korallen, um die
es schelmisch zuckte, die aber verteufelt ernst wurden, als sie sich von
meinen Blicken berhrt fhlten. Mir wurde es auf einmal, als wre ich in
der Kirche, als wlbe sich ein himmelhoher gotischer Dom hoch ber meinem
Haupte - als blicke vom Altar die heilige Mutter Gottes liebreich auf mich
Snder nieder. Ich wurde auf einmal so klein, alles, was mich bisher
erfllt hatte, so nichtig! - Wie ein Verbrecher kam ich mir vor, der, von
gieriger Lust getrieben, eben im Begriff war, ihren Altar zu berauben! -
Vor bsem Gewissen vergingen mir Hunger und Durst - ich dachte an nichts
als nur daran: wie ich alles wieder gutmachen sollte! - Ich betete sie an
- nein, ich schwrmte, hol' mich der Teufel, ich glaube, ich hab's ihr
sogar gleich ins Gesicht gesagt und ihr auf der Stelle einen Antrag
gemacht! Was ich gesagt habe - wie ich's sagte, das wute ich im nchsten
Augenblick nicht mehr, und heute noch weniger. Ich sah nur, wie man ihrer
Verlegenheit zu Hilfe zu kommen suchte und sie scherzhaft sofort meine
Braut nannte. Aber - wer aus dem Scherz schnell Ernst machte - das war
ich. Denn ich war verliebt wie des Ksters Kater. Keine vier Wochen
dauerte es, dann war sie mein und die Hochzeit gefeiert!"

"So war's recht! Gleich die Festung strmen! Nur keine lange Belagerung!"

"Ja, so hab' ich's immer gehalten: Immer gleich losschlagen, und nicht
erst lange kalkulieren! Wo wrden wir hinkommen, wenn wir immer erst auf
Befehle warten sollten von Leuten, die sich's erst zehnmal berlegen und
dann noch nichts wagen! Wo alles auf dem Spiel steht - wo's das Leben
gilt, wo's darauf ankommt, die Sekunde auszuntzen, da - hol' mich der
Deibel - wenn ich da nicht zuschlage! Wenn ich aber die zaghaften Kerls
sehe, die den Entschlu fr das Ganze zu fassen haben, wie die sich erst
ngstlich nach allen Seiten nach Sicherung umgucken und darber das feste
Ziel aus dem Auge verlieren, da wird mir bange um den nchsten Krieg. Die,
die vierundneunzig alles so brav vertrdelten, sie sind seitdem nicht
jnger geworden! - Und was an Jugend heranwuchs, kam meistens nicht auf
den rechten Platz. Auch nicht da ganz oben! Unser junger Herr -"

"Der wird noch gehrig Lehrgeld zahlen mssen!"

"Und wir mit ihm. Es war ein Jammer, da der zweite Friedrich Wilhelm so
frh sterben mute!"

"Na, du hast ihm ja vieles zu verdanken. Aber der war auch kein
Draufgnger -"

"Sage man, was man will, unter ihm wurde Preuen immerhin verdoppelt. Wir
knnten es auch jetzt gut haben, aber dazu gehrt vor allem da oben mehr
Wagemut, mehr jugendlicher Leichtsinn! Geradeheraus: dazu gehrt ein ganz
anderer Kerl!"

"Prinz Louis Ferdinand zum Beispiel?"

"Ja, das ist ein Kerl, der hat das rechte Zeug! Ein Held wie wenige, und
Glck hat er auch! Wer so wie er die Kugeln verachtet, vor dem biegen sie
auch aus. Wenn der nur auf den rechten Platz kme!"

"Das wrde dann schon zu spt sein. Leute wie er verludern leicht, wenn
sie daneben geraten und sich immer nur ducken mssen!"

"Sage einmal," sagte der Oberst und klopfte seine Pfeife am Stiefelabsatz
aus, "ist das nicht deine Frau, die dort unten den Weg heraufkommt und dem
jungen Offizier an ihrer Seite so schne Augen macht?"

Blcher fuhr auf und blickte hin.

"Ja, das ist sie, und - alle Wetter!" - Er schnallte rasch den Sbelgurt
um und stlpte die Mtze auf. "Wenn man den Teufel nennt, kommt er schon
gerennt. Auf Wiedersehen, Pletz, ich mu eilen! Wir haben hohen Besuch!"

Damit eilte er den Weg hinunter und den Kommenden entgegen.

Ein schneres Paar als die mdchenhafte, liebreizende junge Frau und den
stattlichen, schlanken, bermtigen jungen Offizier an ihrer Seite konnte
man kaum sehen. Lachend und scherzend gingen die zwei ihres Weges und
waren in ihre Unterhaltung so vertieft, da sie Blcher erst bemerkten,
als er vor ihnen stand.

"Knigliche Hoheit hier in Emmerich?" fragte Blcher salutierend.

"Wie Sie sehen", antwortete Prinz Louis Ferdinand, denn er war es. "Ich
benutze meine freie Zeit, um den Rhein hinunterzureisen, und habe nicht
die gute Gelegenheit versumen wollen, der Generalin Blcher meine
Verehrung zu Fen zu legen. So habe ich auch das Vergngen, Sie zu sehen,
lieber General!"

"Das Vergngen ist ganz auf meiner Seite!" antwortete Blcher, gab seiner
Frau den Arm und wandte sich wieder zum Prinzen.

"Hoheit reisen doch nicht mutterseelenallein?"

"Leider nicht! Fr ein paar Stunden bin ich aber frei. Mein Adjutant ist
voraus, um Quartier zu bereiten und fr morgen ein Schiff zu besorgen. Er
wird mich abends bei Ihnen abholen, solange mssen Sie mich schon
behalten."

"Wenn Hoheit nur vorliebnehmen wollen mit dem, was mein Haus -"

"Machen wir keine Redensarten! Es wird alles gut sein! brigens, wenn
Sie's wissen wollen - nur zum Vergngen reise ich nicht den Rhein entlang.
Seitdem wir den dummen Lunviller Frieden haben und der Kaiser es so schn
eingerichtet hat, da alles drben, auf der linken Rheinseite, nun
Frankreich sein soll, sehe ich mir berall am Flu die Grenze daraufhin
an, wo wir's am besten anpacken knnen, wenn wir darangehen, sie wieder
nach Westen hin zu verrcken. Denn das kommt frher oder spter!"

"Sicher!" sagte Blcher. "Und hoffentlich recht bald. Denn wir brennen
alle darauf."

"Die drben im Rheinland auch, nach allem, was ich gesehen habe. Unsere
ehemaligen Landsleute sind nicht zufrieden. Sie sind aber zu beneiden."

"Wieso denn?"

"Statt hundert Herren haben sie jetzt _eine_ Regierung - statt hundert
Landesgesetzen _eins_! Leibeigenschaft, Feudallasten, Kirchenzehnten,
Zunft- und Bannrechte sind sie los, Handel, Verkehr und Gewerbe sind frei,
die Gedanken auch! Kurz: die ganze neue Zeit, der wir uns so ngstlich
verschlieen, ist ihnen zuteil geworden."

"Dafr mssen sie die Republik nach Belieben Rekruten ausheben lassen, und
zahlen Steuern bis ber den Kirchturm. Dafr mssen sie franzsisch denken
und fhlen und sich ihre deutsche Seele verwelschen lassen!"

"Das ist eben gut!"

"Der Teufel auch!"

"Denn je mehr sie leiden mssen, je mehr Ha sie gegen die Gewalthaber
aufbringen, die ihnen die neue Ordnung aufzwingen, um so eher haben wir
sie wieder. Und die neue Ordnung auch. Die haben wir bitter ntig. - Aber
leider knnen wir sie nur von drauen bekommen. Von selbst bringen wir
nicht die Entschlukraft auf, das Alte und berlebte abzustreifen. Sehen
Sie blo auf die Armee hier und drben. Was hat aus den lumpigen
'Ohnehosen' im Handumdrehen eine Armee gemacht, von deren Ruhm die ganze
Welt widerhallt? Was gab ihnen die Kraft? Sind sie etwa besser als wir?
Haben _sie_ die grere Ausdauer, die besseren Knochen oder mehr Mut und
Tapferkeit und Todesverachtung?"

"Nein, zum Kuckuck!" rief Blcher. "Den mchte ich sehen, der das zu
behaupten wagt!"

"Ich auch", sagte der Prinz. "Und doch sind sie uns voran. Weil sie das
Sldnertum abgestreift und die allgemeine Wehrpflicht eingefhrt haben.
Wie sieht's dagegen bei uns aus? Mannschaften, zum groen Teil aus der
Hefe aller Welt aufgelesen, Gauner und lose Leute, die nur mit Gewalt und
entehrenden Strafen zusammengehalten werden, immer dem Volk fremd bleiben
und ihm feindlich gegenberstehen mssen! Offiziere, die mehr Unternehmer
als Diener des Staates sind - die aus ihren Bataillonen und Regimentern
groe Einnahmen herauswirtschaften wollen und das nur knnen, wenn ihre
Leute beurlaubt sind und sie ihre Lhnung in die eigene Tasche stecken
knnen. Die brauchen den Frieden wie das liebe Brot! Solchen Kriegern ist
der Krieg das grte Unglck. Wir knnen heilfroh sein, wenn wir keinen
ernsthaften Kampf zu bestehen haben werden, ehe diese Zustnde mit Stumpf
und Stiel ausgerottet sind. Und dazu knnen wir, Sie und ich, nichts tun,
als immer wieder die Stimme erheben - um _nicht_ gehrt zu werden. Die
Widerstnde sind zu gro. Wir haben, wenn nicht die Revolution, so doch
zum mindesten ein groes Unglck ntig, um diese Leute und Zustnde, die
nicht mehr taugen, fortzufegen!"

"Nee, nee!" rief Blcher eifrig. "Wir brauchen keine Revolution, die alles
kaputt macht. Das Gute, was sich bewhrt hat, mu bleiben - und viel Gutes
steckt in unserer Armee! Das Schlechte mu zum Teufel! Dazu haben wir blo
ein paar richtige Kerls an richtiger Stelle ntig. - Ein paar Donnerkerls
am Kommando, mit klaren Augen und derben Fusten, die zupacken knnen. Und
dann blo ein bichen mehr Entschlukraft da oben! Das Weitere besorgt
schon die preuische Armee. Die nimmt's noch mit jedem auf. Noch hat sie
ihren alten Ruhm. Der wiegt mehr, als mancher hier zu Hause denkt - weit
mehr als der ganze welsche Kram. Sorgen Hoheit nur dafr, da wir nicht
immer mit Ketten am Fugelenk marschieren mssen, dann ist auch kein
weiterer Grund zur Schwarzseherei. Auer fr den Franzmann!"

"Htte ich die Entscheidung," sagte der Prinz, und es blitzte in seinen
blauen Augen auf, "dann knnte es schon morgen losgehen. Darber hatte ich
mich brigens schon mit Frau Gemahlin geeinigt", fgte er hinzu, sie
galant ins Gesprch hineinziehend.

"Du willst doch nicht auch -?" drohte ihr Blcher scherzhaft.

"Die Frau Generalin ist ganz fr die Kriegspartei gewonnen, lieber
Blcher. Da hilft Ihnen kein Struben!"

"Aber Malchen! Da haben wir am Ende schon den huslichen Krieg?"

"Hoffentlich!" lachte der Prinz. "In mir werden Frau Generalin jedenfalls
dabei einen stets kampfbereiten Bundesgenossen haben."

"Sieh nur, sieh nur! Der Bund wre denn wohl bereits geschlossen?" fragte
ihr Mann.

"Ja, sieh dich nur vor!" drohte sie. "Alle Tage schneien einem die
Mrchenprinzen nicht ins Haus!"

"Nun - ich nehme immer den Kampf auf!" lachte Blcher. "Fahre du auf, was
du in Kche und Keller an Munition hast - ein paar Batterien vom besten
Rheinwein lassen wir spielen -, wollen sehen, Knigliche Hoheit, wer von
uns zuerst ins Gras beit!"

"Topp!" sagte der Prinz.

Er kte leicht ihre Hand und empfing als Gegengabe einen dankbaren Blick.

Blcher lchelte. Aber ein schlauer, hinterlistiger Zug zuckte irgendwo
hinter dem Schnauzbart, und seine Augen leuchteten hart auf wie beim
Jger, wenn er das Wild gestellt hat und das Gewehr anlegt.

"Hoheit haben sich wohl bei der Rheinfahrt auch die Entschdigungen
angesehen, die wir diesseits des Flusses fr Preuen herausholen werden,
fr das, was uns der faule Friede drben geraubt hat?" fragte Blcher dann
im Weitergehen.

"Das war mit ein Hauptziel meiner Reise", antwortete der Prinz. "Und nur
um das zu verdecken, mache ich noch einen Abstecher ins Hollndische
hinein. Ich spiele ja am Hofe die Rolle des ungebetenen Mahners, den man
nicht gern in der Nhe wissen mchte, wo groe Entschlsse zu fassen sind!
Man hat mich gern ziehen sehen! Ich komme aber wieder. Und nachher sitze
ich den kniglichen Kabinettsrten, wie immer, feste im Nacken! Und mein
Vetter, der Knig, wird auch keine Ruhe vor mir haben! Es steht aber auch
viel auf dem Spiel - es gilt, rasch zuzugreifen!"

"Das meine ich auch! Das Bistum Mnster ist wohl das wenigste, was wir
verlangen knnen, und dann -"

"Hannover", sagte der Prinz und senkte die Stimme. "Die Frucht ist lngst
reif. Wenn ich nur zu befehlen htte! Aber es sieht wieder aus, als wrde
die gute Gelegenheit verpat werden, wie schon sooft bei uns."

"Ein Wort nur," rief Blcher, "und ich nehm's! Ich laure ja nur darauf!
Hannover mssen wir haben. Die Englnder knnen's nicht halten, und nehmen
wir's nicht, so nehmen's die Franzosen. Und die knnen wir nicht ein paar
Tagemrsche von Berlin gebrauchen!"

"Nein, das knnen wir nicht!" rief der Prinz. "Wenn Sie und ich und noch
ein paar solche Leute, die das und vieles andere einsehen, auch freie Hand
htten, dann wre es im Handumdrehen besorgt! Aber bei uns geht alles nach
der Schablone! Was alt und verknchert ist, sitzt oben und gebietet, nur
weil es von alters her Tradition war. Und Jugend und Wagemut mssen die
Zhne zusammenbeien und tatenlos beiseitestehen. Herrgottsakrament!"
platzte er mit einem Soldateneid heraus, ohne an die Anwesenheit der
jungen Frau zu denken. "Ich liebe die Franzosen nicht. Aber auf die Kerls
bin ich doch neidisch! Es war ja scheulich, wie sie in den acht Jahren
der Revolution das Oberste zu unterst kehrten, wieviel Wertvolles und
Unersetzliches sie in Trmmer schlugen und im Sumpf und Blut erstickten.
Aber das hat manche tchtige Kraft zum Wohl der Gesamtheit auf den rechten
Platz im Staate gestellt! Denken Sie nur an den Advokatensohn von Korsika,
der heute als Erster Konsul gebietet. Was hat er nicht in den paar Jahren
geleistet, seit wir zum erstenmal den Namen Bonaparte hrten! Glauben Sie
aber nicht, _wir_, Blcher, Sie und ich, htten das Zeug zu gleich Groem,
htten wir nur die Gelegenheit?"

"Die Gelegenheit ist da, zum Greifen nahe! Sie war immer da! Nur wagt man
nicht, sie auszuntzen! Man verwehrt uns das Losschlagen! Hier stehe ich
schon, Gott wei wie lange, auf demselben Fleck in Emmerich auf Vorposten
und fluche und schmke meinen Knaster und blicke ber den Rhein, ob nicht
der Franzmann mir bald den Gefallen tun wird, in Schuweite zu kommen!
Statt bers Wasser zu setzen, in Frankreich hineinzumarschieren, den
Parisern _bon jour_ zu sagen und dem Herrn Bonaparte zu zeigen, da
Preuen noch auf der Welt ist! Der htte dann anderes zu tun gehabt, als
ber die Alpen zu kraxeln und sich bei Marengo billige sterreichische
Lorbeeren zu kaufen! Dafr htte ich gesorgt! Das kommt aber noch, und das
ist meine feste berzeugung!"

Der Prinz antwortete nicht. Sie waren jetzt vor dem in einem Garten
gelegenen Wohnhause des Generals angekommen.

Der hohe Gast wurde durchs Haus gefhrt, alle Rume wurden ihm gezeigt -
auch die Wohnrume der jungen Frau. Denn in einer Zeit, wo das schne
Geschlecht noch im Bett zu empfangen pflegte, weil es die Sitte so gebot,
war ihr Allerheiligstes ein Raum, auf den jeder Gast, der nicht
unwillkommen erscheinen wollte, ein Anrecht hatte. Und der Prinz lie es
sich auch nicht nehmen, ihrem wohlverhngten Bett seine Huldigung
darzubringen.

Die junge Frau am Arm, wanderte er so, von dem vorangehenden Hausherrn
geleitet, leicht plaudernd, von Raum zu Raum. Im Zimmer des Generals
bewunderte er mit Kennerblicken dessen reichhaltige Waffensammlung, lie
es zu, da Blcher, bei Vorzeigung seiner Schtze, seine unvermeidliche
kurze Pfeife ansteckte, scherzte nur ber den Qualm, den er produzierte,
und meinte, es kme ihm vor, als ob er in Vulkans Schmiede zu Gast wre,
um im Rauch und Qualm der unterirdischen Gewlbe Waffen, Rstungen und
andere kostbare Erzeugnisse seiner kunstfertigen Hand zu bewundern!

"Um so eher," sagte er, galant der jungen Frau die Hand kssend, "da es
mir wie dem Kriegsgotte Mars ergeht, als er in der gleichen Lage war."

"Wie denn?" fragte die Generalin lchelnd.

"Ihm schwanden auf einmal die soeben angestaunten Schtze. Das Gold verlor
seinen Glanz, die Edelsteine erloschen, die Blitze der blanken Waffen
trafen nicht mehr, sondern verpufften ihre Funken umsonst!- Alles
verblate, denn aus dem innersten Gewlbe trat ihm Vulkans hehrster Schatz
entgegen: die Gttin Venus selbst, lebendigen Leibes - und er war
geblendet."

"Aber - wie's scheint - doch nicht stumm!" lachte Blcher und lie sich's
gefallen, da sein Malchen, ihre Verlegenheit durch einen pltzlichen
Hustenanfall verbergend, ihm die Pfeife aus dem Munde ri.

"Pfui, du verqualmst uns ja das ganze Haus! Kommen Sie, Hoheit - gehen wir
aus diesem Raum hinaus, wo er allein zu gebieten hat! - Ich fhre Sie in
_mein_ Reich!"

Und sie zog ihn mit. Blcher folgte. Und der Prinz, jetzt schon wie zu
Hause, forderte sie, drauen im Salon, auf, gleich den Tanzboden mit ihm
zu probieren.

Freudig willigte sie ein und lie sich von ihm die neueste Tour der
Gavotte zeigen, die man jetzt am Hofe der Knigin Luise so gern zu tanzen
pflegte, damit sie nicht unwissend sei, wenn sie einmal zu Hofe kme!

Die Tour wurde durchgenommen - der Prinz sang die Melodie dazu. Und
Blcher, der auch ein gewaltiger Tnzer war, wurde gleich Feuer und
Flamme, revanchierte sich sofort mit einem polnischen Tanz, den er beim
letzten Feldzug in Polen gelernt hatte, komplimentierte den Prinzen ans
Spinett, trllerte ihm selbst die Melodie vor, bis er sie spielen konnte,
und tanzte ihm dann mit seiner Frau einen feurigen Krakowiak vor, da die
Dielen drhnten und die junge Frau nur so durch die Luft schwirrte. Im
Tanzen stand er noch seinen Mann.

Als der Prinz aber in voller Begeisterung ein wahres Feuerwerk von
Komplimenten ber die junge Frau loslie, machte Blcher dem rasch ein
Ende, schickte sie fort, um nach den Anordnungen fr die Mahlzeit zu
sehen, und fhrte seinen Gast solange durch den Garten.

"Zur Abkhlung!" wie er nicht ohne einen Nebengeschmack von Ironie sagte.

Statt der schnen Frau mute der gute Prinz also die Pferde des Generals
bewundern, die aber auch erstklassig waren und es gleichfalls verdienten,
vor einer Kniglichen Hoheit Gnade zu finden. Blcher versumte es nicht,
dabei in den Sattel zu steigen, um ihre Vorzge recht anschaulich zu
machen, aber auch um zu zeigen, wie gut sie, trotz ihrer Wildheit, ihm
doch parierten, wenn auch sie, wie er nicht ohne Ironie beifgte,
bisweilen mannstolle Sprnge versuchten.

Dann ging's durch den Garten, an den Fernblick ber den Rhein, und zuletzt
um das Haus herum, wobei der Prinz sich genau nach allem erkundigte und
besonders von dem Efeu entzckt schien, dessen armdicke Stmme sich an der
Wand emporschlngelten, um mit dunklem Grn die Fenster zu umrahmen. Er
zeigte hinauf nach dem Fenster der jungen Frau - denn wo das war, hatte er
gleich heraus - und fragte leicht, den Efeu mit der Hand prfend
umfassend: "Daran klettern Sie wohl manchmal hinauf, Blcher, wenn Sie's
eilig haben?"

"Das wohl nicht, Hoheit", lachte der General. "Denn ich pflege nicht den
Schlssel zu vergessen, wenn ich abends aus bin. Aber - zu machen wre es
wohl!"

Und gewandt wie ein Jngling, packte der hohe Fnfziger den Stamm des
Efeus und kletterte halbwegs hinauf.

Da kam die junge Frau eben auf die Treppe heraus, um zu sagen, da alles
zum Essen bereit sei, sah die lange Gestalt ihres Herrn und Gebieters
zwischen Himmel und Erde schweben und schrie leicht auf.

"Hat keine Gefahr, Malchen," rief Blcher herunter, "mach' man ja kein
Geschrei!"

"Ihr Herr Gemahl ist ein liebenswrdiger Hausherr!" lachte der Prinz. "Er
zeigt seinen Gsten den nchsten Weg ins Allerheiligste!"

"Ich zeige hchstens - wie sie herunterkommen, wenn sie den Kletterversuch
unternehmen!" bekam er zur Antwort, und Blcher sauste herunter und zeigte
dann lachend seinem Gast den Weg in den Speisesaal.

Man nahm um den runden Tisch am offenen Fenster Platz, durch das man ber
den Rhein hinausblicken konnte, lie sich die Gerichte der Frau Gemahlin
gut schmecken, bego sie mit goldigem Rebensaft aus den Kellern des
Generals und war bald froh und guter Dinge.

Der General trank seinem hohen Gast zu und verga auch nicht, ihm einen
Trinkspruch zu widmen, da er ja gern und ausgiebig zu reden pflegte und
man das also wohl von ihm erwarten mochte.

"Hoheit gestatten?" sagte er, seinen Rmer ergreifend.

"Ich erhebe mein Glas auf den alten, guten, preuischen Offensivgeist,
dessen glanzvollster jugendlicher Vertreter uns die Ehre antut, heute
unser Gast zu sein. Selten habe ich jenen Geist des Drauflosgehens mit
solcher Lust walten sehen, wie eines schnen Julitages vor sechs Jahren -
bei Edesheim war es -, Hoheit wissen noch! Und selten wurde ich trotzdem
so enttuscht wie nach jenem Vorfall!

Meine braven Leute hatten sich den ganzen Tag wacker geschlagen und in den
Weinbergen einem an Menschen und Artillerie vielfach berlegenen Feind
standgehalten. Sie fingen schon an, mde und marode zu werden, und ich
mute schon zweifeln, ob sie bis zur Dunkelheit noch aushalten wrden. Da
kam _soutien_! Ein paar frische Bataillone Infanterie, an ihrer Spitze ein
junger Offizier, mit dem ich sofort einig wurde, dem Feind gleich auf die
Pelle zu rcken. Entschlu und Tat waren bei ihm eins. Kaum gesprochen,
war er sofort vom Pferd herunter und strmte allein voran auf den Feind
los, der sich schon Sieger glaubte. Es war eine Augenweide zu sehen. Und
meine Roten sumten auch nicht, einzugreifen, den Erfolg auszuntzen und
alles zusammenzuhauen, was da kreuchte und fleuchte.

Da - kaum da wir gesiegt hatten - kam der Befehl, zurckzugehen, alles
war umsonst gewesen! Denn anderswo lief nicht derselbe Feuergeist an der
Spitze! Da hatten sich die sterreicher abdrngen lassen, und da half uns
kein Fluchen. Heute aber, wo jener junge Held mein Gast ist, heute mchte
ich mit ihm mein Glas darauf leeren, da der Offensivgeist und die
Entschlufreudigkeit, die uns beide damals beseelten, immer mehr magebend
werden und nimmermehr in so schmachvolle Abhngigkeit kommen mgen!"

Sie stieen an und tranken. Der Prinz dankte, schlug aber ab, fr seine
Person irgendeine Ehrung zu empfangen. Die gebhre der Vertreterin des
schnen Geschlechts. Er brachte dann auch _a tempo_ einen Trinkspruch auf
sie aus, so glutvoll und strmisch, da ihr das Blut in die Schlfen trat,
und ihr Mann, um abzulenken, wieder das Wort nahm.

"Es ist ja zu verstehen," sagte er, ruhig lchelnd, "da ein junger Mann
in seiner Huldigung der holden Weiblichkeit sich in Lobsprchen ihrer
krperlichen und geistigen Vorzge ergehen und den ganzen Wortschatz der
Galanterie aufbieten mu, um ihres Liebreizes Herr zu werden. Es gibt aber
Augenblicke, wo die Huldigung vor einer Frau _keine_ Worte findet - wo sie
uns, durch ihr bloes Dasein, derartig in den Staub vor ihrer Hoheit
zwingt, da wir verstummen mssen. Wer einmal sein eigenes Kind an der
Brust der Mutter sah - wer erblicken durfte, wie es gesttigt, still
daliegt, ihre Brust mit seiner kleinen Hand sanft streichelt und sie
dankbar anlchelt, mit einem Blick voll tiefster Verehrung -, wer einmal
diese Weihe empfinden durfte -"

"Der scheint doch auch Worte dafr zu finden", sagte der Prinz rasch, dem
General ins Wort fallend. Denn er wute, da dessen jetzige Ehe kinderlos
war, und sah einen Schatten ber das Gesicht der jungen Frau huschen.

Ein dankbarer Blick aus ihren Augen lohnte es ihm.

Der General sah es und verstand wohl, wie sehr er sich in Nachteil gesetzt
hatte. Er lie sich aber nichts merken, schenkte die Glser voll, trank
seinem Gast zu, und so allmhlich fing man wieder an, alles rosenrot zu
sehen, verga alle wirklichen und eingebildeten Sorgen, lachte, scherzte
und freute sich wie ein Kind ber jede Kleinigkeit. Und als die Sonne
schon im Westen sank und man sich anschickte, auf die Terrasse zu gehen,
um sie hinter den Hgeln drben verschwinden zu sehen, da war's dem
Prinzen so gegangen, wie seinem Gastgeber selbst bei dem denkwrdigen
Essen im Hause seiner nachmaligen Schwiegereltern - er hatte zu tief in
die groen Augen der jungen Frau geblickt. Ihr Lcheln hatte es auch ihm
schon angetan. Und - als die letzten Strahlen der Sonne die leichten
Abendwolken zu vergolden anfingen und den Himmel in Brand setzten, da
loderte sein leicht entzndbares Herz schon lichterloh. Er wurde blind und
taub, sah nicht die finsteren Blicke seines Gastgebers, hrte nicht den
verhaltenen Unmut, der, trotz allen schuldigen Respekts, in seiner Stimme
zitterte.

Er flsterte ihr zrtliche Worte zu, verliebte Blicke flogen hin und her.
- Denn die Mrchenprinzen waren nicht allzu hufige Gste, und die gute
Erziehung gebietet Hflichkeit! Komplimente aus hohem Munde werden also
selten anders als mit dankbarer Rhrung empfangen.

Kurz, der Prinz war auf dem besten Wege, seine kurz vorher so beredt
dargelegte Absicht auch praktisch zu besttigen, da er's schon verstehen
wrde eine Gelegenheit auszuntzen - sobald er sie htte!

Schlielich merkte die junge Frau an den Blicken ihres Mannes, da sie das
Spiel zu weit hatte gehen lassen.

Schnell suchte sie der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben und
erbat sich vom Prinzen die Gnade, sich an seiner weit und breit gerhmten
Fertigkeit im Klavierspiel ergtzen zu drfen.

Der Prinz, dem die Lebenslust schon weit erlesenere Freuden vorgaukelte,
sagte leicht seufzend zu, und man ging in den Salon. Er setzte sich ans
Spinett und lie sein Ungestm ber die Saiten dahinbrausen.

Die Spannung legte sich. Die fiebernde Unruhe wich aus den Gemtern.
Langsam sanken die Menschenkinder aus den rosenroten Wolken, in denen sie
soeben hoch ber allem Erdgebundenen geweilt hatten, zurck zur
Alltagserde.

Der Prinz merkte es. Die Gelegenheit war nahe daran, ihm aus den Hnden zu
schlpfen. Das durfte nicht sein. Er schlo mitten im Stck, sprang auf
und setzte sich der Generalin zu Fen.

"Hier ist der einzige Platz, von dem aus man Ihnen Ritterdienste widmen
darf!" sagte er feurig. "Ihnen zu Fen, Ihnen zu Ehren, Ihnen zuliebe
singen und dichten, um aus Ihrer Hand den Sngerpreis zu empfangen."

"Hoheit bringen mich in Verlegenheit!"

"Sie waren ebenso grausam, _mich_ in die grte Verlegenheit zu bringen!
Denn so befangen war ich noch nie. Meine Hnde spielten - mein Herz nicht!
- Mein Herz lag hier vor Ihnen im Staube - und hat mir meinen Platz
gezeigt! Hier habe ich wieder die Macht ber mich gewonnen - hier singt
wieder alles in mir. Und wenn Sie befehlen, flechte ich aus meinen
Gefhlen fr Sie einen Kranz, ziere ihn mit Reimen und biete ihn Ihnen auf
den Knien als eine Gabe der Hochachtung dar. Genehmigen Sie's gndigst?"

"Sag' du ruhig ja, Malchen, geniere dich nicht und danke fr die Gnade",
fiel ihm Blcher in die Rede. "Dichtung ist Dichtung und hat mit der
Wirklichkeit nichts zu tun!"

"Sagen Sie das nicht, General", antwortete der Prinz. "Die Dichtung fhrt
manchmal die Wirklichkeit herbei - auch wenn sie ihr noch nicht entnommen
werden knnte! Seien Sie nur nicht sicher!"

Er lchelte bermtig und trommelte dabei wie suchend einen Rhythmus auf
der Erde vor sich hin. "Hren Sie erst, und dann entscheiden Sie! Darf ich
anfangen?" wandte er sich an die junge Frau.

"Ich bitte darum, Hoheit!"

Der Prinz blickte verstohlen lchelnd zu Blcher hin, wandte sich dann an
sie.

"Hier in Vulkans Schmiede kann man ja nur von Mars und Venus singen",
sagte er und fing an:

  "Mars, von Siegen bersttigt,
  kehrt in Venus' Liebesgarten
  ein, der Gttin aufzuwarten.
  Auf die Frage: Was berechtigt
  Ihn, hier einzudringen? gibt
  er die Antwort: weil er liebt
  - nach dem blutigen Entsetzen
  andrer Kmpfe - das Ergtzen!

  Liebt zu sehn, wie kleine Fe
  kunstvoll sich im Tanze winden,
  Netze knpfend, die ihn binden, -
  Fessel, die mit ganzer Se
  den Gefangenen bedrckt,
  wonneschauernd ihn beglckt,
  lt in Liebesbanden schmachten
  ihn, den groen Herrn der Schlachten!

  Amorinen, schnell geschftig,
  mhn sich um des Gottes Waffen,
  salben seine Glieder, schaffen
  Labung, deren er bedrftig,
  schnell herbei mit vielem Flei,
  bringen ihm den Siegespreis,
  winden um sein Haupt die Myrten,
  helfen alles loser grten.

  So gerstet tritt der Heros
  an der Gttin Lager, - findet
  sie in Trnen. Klagend windet
  sich der zarte Leib, und Eros,
  sonst ihr Helfer, abseits steht,
  blind und taub, wie sie auch fleht,
  ihre Fessel schnell zu brechen,
  eilt nicht, ihre Schmach zu rchen.

  Mars, behende, packt mit schnellen
  Griffen zu, die Fesseln fallen,
  sausen durch die weiten Hallen,
  an den Felsen sie zerschellen.

  Ihrem Retter sittig dankt,
  sich erhebend, Venus, wankt
  auf ihn zu, reicht, lieblich fltend,
  ihm die Hnde, sanft errtend.

  Eros rasch nach seinen Pfeilen
  greift. Er zielt, und hinterrcklings
  trifft den Helden er - - -"

"Um Vergebung, Hoheit, wenn ich unterbreche", fiel ihm Blcher hier
pltzlich in die Rede.

"Bitte!" sagte der Prinz etwas nervs und hrte jh mit der Improvisation
auf. Auch die junge Frau schien nicht besonders erbaut von der Strung zu
sein.

Blcher aber fuhr unentwegt fort:

"Ich wrde mich schon sehr dafr interessieren, zu hren, welchen
wunderbaren Reim Hoheit auf das hliche Wort 'hinterrcklings' finden
wrden -", sagte er.

"Warum hlich?" warf der Prinz gestochen ein.

"Weil mir alles zuwider ist, was nicht offener Kampf Auge in Auge ist!
Aber davon wollte ich nicht reden! Ich wollte nur, ehe wir - im Gedicht -
so weit wie bis zur Untreue kommen, mir erlauben, an einen Umstand zu
erinnern -"

"Welchen?"

"Die holde Dame, Venus, hatte doch bekanntlich einen Gatten."

"Gewi!"

"Da er seinen Liebesgarten so schlecht bewachen wrde, da ihm der erste
beste Buschklepper ins Gehege fallen konnte, erscheint mir doch sonderbar!
Wo mag er wohl bei der Gelegenheit geweilt haben?"

"Was wei ich? Nehmen wir an, er war damit beschftigt, dem Kriegsgott
Waffen zu schmieden!"

"Sehr wohl. Als alter Schmied seines Glckes hatte er aber sicher gelernt,
sich nicht vom Lrm der Schmiede sein Gehr so betuben zu lassen, da er
nicht merkte, wenn fremde Vgel in seinem Neste Liebeslieder sangen."

"Ich denke auch nicht. Die Fabel belehrt uns ja darber. Vulkan wartete,
bis er die beiden Verliebten _in flagranti_ ertappen konnte, fesselte sie
dann in einem kunstvoll geknpften Netz und zeigte sie so aller Welt. Ob
auf ihre oder seine Kosten gelacht wurde, meldet die Fabel nicht. Ich
nehme aber das letztere an."

"Wenn er es so weit gehen lie, da er berhaupt ntig hatte, seine
Geschicklichkeit im Knpfen von Netzen zu zeigen, so verdiente er
allenfalls, ausgelacht zu werden", sagte Blcher ruhig. "Ich htte diesen
Ehrgeiz nicht!"

"Von dir ist doch nicht die Rede", fiel die junge Frau ein, der es bei dem
Rededuell sonderbar zumute wurde.

"Hoffentlich nicht!" antwortete ihr Mann. "Von mir wrde _in dem Sinne_
nicht die Rede sein knnen. Denn ich ziehe es fr gewhnlich vor,
vorzubeugen - _ohne_ mit meiner Geschicklichkeit darin zu prahlen. Ich
habe nur den Ehrgeiz, in der Sache selbst obzusiegen und lade nicht ein,
darber zu lachen oder zu schwatzen."

"Sie sind eben sehr rcksichtsvoll, lieber Blcher", sagte der Prinz und
sprang von seinem Platz zu ihren Fen auf. "Mir scheint aber, mein Wagen
fhrt jetzt vor. Es wird Zeit, an den Aufbruch zu denken!"

Die beiden Gatten erhoben sich. Die Tr ffnete sich fr den Adjutanten
des Prinzen, der sich zur Stelle meldete. Der Prinz kte galant die Hand
der Frau Generalin, nahm Sbel und Mtze von seinem Adjutanten entgegen
und wandte sich seinem Gastgeber zu.

"Fahren Sie ein Stck mit, General, so plaudern wir noch ein wenig und
stechen bei mir eine Flasche aus?"

"Vielen Dank, Hoheit. Der Dienst ruft. Ich mu noch heute abend die Posten
inspizieren!"

"Nun denn, auf Wiedersehen!"

Noch ein Gru der gndigen Frau, und er ging, von Blcher bis an den Wagen
geleitet.

"Ich bringe Ihrer Frau noch eine Rose fr das unterbrochene Gedicht!"
sagte er, indem er sich in den Wagen setzte. "Das wird meine Rache Ihnen
gegenber sein, General! Es mu alles seine Ordnung und seinen gehrigen
Abschlu haben!"

Lachend und gndigst grend fuhr er ab.

An einer Biegung des Weges, als sie schon auer Sicht vom Hause des
Generals waren, lie der Prinz halten, sprang aus dem Wagen, befahl dem
Adjutanten, weiterzufahren und erklrte, allein durch die Felder nach
Hause gehen zu wollen.

Der Wagen fuhr weiter, der Prinz streckte sich hinter einem dichten
Gebsch aus und blickte hinaus in die blaue Sommernacht.

Vom Wege tnte lauter Gesang einer Mnnerstimme zu ihm herauf und das
Gerusch von sich nhernden Schritten.

  "Wir haben ihn aufs Haupt geschlagen
  und tten ihn aus dem Felde jagen,
  der Schimpf, der wird sich ma-achen.
  Mit Gottes Hilf' und unserm Schwert
  ihm teuer gemacht sein La-achen,
        ja Lachen."

Der Snger war jetzt gerade vor ihm. Der Prinz erhob vorsichtig sein Haupt
und blickte auf den Weg hinunter.

Es war Blcher.

Die kurze Pfeife im Mundwinkel blieb er, den Rcken zugekehrt, einen
Augenblick stehen und blickte ber den Flu hinaus. Nahm dann die Pfeife
in die Hand und setzte den Weg fort, weitersingend.

  "Es gab ein blutig Retirad,
  dabei auch noch gar mancher hat
  sein jung frisch Leben verloren,
  den nun sein Mtterlein beweint,
  die ihn mit Schmerzen geboren,
        ja geboren."

"Inspiziere du ruhig deine Posten", sagte der Prinz halblaut. "Inzwischen
bringe ich mein unterbrochenes Gedicht zu Ende!"

Mit einem Sprung war er auf dem Weg, eilte schnell wie der Wind zurck
nach dem im Halbdunkel liegenden Hause des Generals, ri eine der
schnsten Rosen an sich und schlich um das Haus herum nach der Seite, wo
er das Fenster der jungen Frau wute.

Das Fenster stand offen.

Schnell entschlossen packte er den Stamm des Efeus und enterte hoch, die
Rose im Mund.

Eine Manneslnge trennte ihn noch vom Fenster, da hrte er unter sich ein
Fluchen und Wettern.

"Da schlage doch der Donner drein! Wer klettert mir da an der Wand.
Schockschwerenot, herunter oder -"

Es war Blcher, der, von seltsamer Unruhe ergriffen, seine Inspektion
hatte fahren lassen und umgekehrt war.

Der Prinz fand sich sofort in die Situation, hielt sich mit einer Hand in
seiner schwebenden Lage fest, nahm mit der anderen die Rose aus dem Mund
und winkte.

"Seien Sie still, Blcher, wecken Sie Ihre Frau nicht - ich will ihr nur
die versprochene Rose durchs Fenster werfen! Gndige Frau!" sagte er
entschuldigend zur Generalin, die jetzt am Fenster erschien. "Genehmigen
Sie huldvollst diesen duftenden Gru als angemessenen Abschlu unseres
unterbrochenen Gedichtes!"

Noch ein paar Klimmzge, und er war so weit oben, da er die Rose
berreichen konnte. Die junge Frau nahm sie.

"Hierher die Rose!" kam es scharf von unten. Die Blume flog gehorsamst
Blcher zu Fen. Fast ebenso schnell war auch der Prinz unten, stand
aufrecht vor ihm und blickte ihn herausfordernd an.

"So schnell geht's abwrts, wenn ich dabei mitwirke!" sagte Blcher, jetzt
vollkommen ruhig. "Darf ich bitten, die Rose!" Er reichte dem Prinzen die
Blume. "Sie hat sich als Wegweiser vortrefflich bewhrt!"

Der Prinz machte eine abwehrende Handbewegung.

"Machen wir uns nicht lcherlich!"

"Ich sorge nur fr mich", sagte Blcher und steckte sich in aller
Seelenruhe die Rose ins Knopfloch.

"Guten Abend, General!" sagte der Prinz kurz, machte kehrt und verschwand
mit raschen Schritten in dem immer mehr zunehmenden Dunkel des Abends.

Blcher wandte sich zu seiner Frau, die jetzt herauskam und ihre Hand auf
seinen Arm legte.

"Hier hast du die prinzliche Rose, Malchen", sagte er launig und steckte
sie ihr an den Busen. "Behalt' sie nur. Ich nehm's dir nicht krumm, wenn
dir ihr Duft ein wenig zu Kopfe steigt. So mu es ja sein: alles mu dir
zu Fen liegen, alles in dich verrckt sein. Frsten und Knige mssen um
deine Gunst buhlen und ihre Knochen riskieren um einen Blick deiner Augen.
Nimm du's ruhig an. Da sie dir nicht zu nahe kommen - _dafr sorge ich
schon_, wie du siehst! In _dem_ Kriegshandwerk nehme ich's auch mit jedem
auf. Ich war selbst kein Kostverchter, als ich jung war!"

Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und blickte zu ihm auf.

"Du httest das von dem Kinde nicht vor ihm sagen mssen", sagte sie leise
vorwurfsvoll.

"Werd' nur nicht sentimental, Malchen", sagte er und gab ihr einen
herzhaften Ku. "Das steht dir nicht, und ich mag's nicht leiden. Meine
Tochter nehme ich jetzt ins Haus, da bist du nicht allein. Viel jnger wie
du ist sie nicht, ihr werdet euch gut anfreunden, denke ich! Und so kriege
ich sie von ihren Groeltern fort. Die verziehen sie mir nur. Und ich kann
fr meinen Tod nicht all diese welsche Erziehung der jungen Weiber leiden,
wie sie nur Franzsisch parlieren und sich mythologisch vorschwrmen
lassen knnen.

Die Rike mut _du_ in Behandlung nehmen, Malchen, wenn sie kommt, und ihr
das Welsche gehrig wieder austreiben! Versprich mir das! Und wenn sie
auch franzsisch frisiert sein sollte, wofr sie der Deibel holen soll, so
kmm's ihr nur schleunigst aus! Kmm's aus, Malchen, sonst lasse ich mich
von dir scheiden!"

Damit nahm er sie unter den Arm und ging mit ihr ins Haus hinein.





                                    8
                            "PRSKE DICKKPPE"


Franz Joseph Gall, Anatom und Phrenolog, war auf seiner Rundreise durch
die greren Stdte Deutschlands auch nach Mnster gekommen, wo Blcher,
nach der Besetzung des Mnsterlandes, als preuischer Gouverneur
residierte.

Er las dort Glubigen und Unglubigen ein Kolleg ber Dickschdel,
Hohlschdel und andere kraniologische Kuriosa vor. An der Hand eines
menschlichen Kraniums entwickelte er seine ebenso neue wie
aufsehenerregende Lehre, in der er es unternahm, nach der Gestaltung der
Schdeldecke auf das Geistesvermgen eines Menschen zu schlieen.

Das war im "Staate der Heiligen", wie Blcher sie nannte, nichts denn ein
tollkhnes Beginnen und ein Greuel vor dem Herrn! Zum Entsetzen aller
Strengglubigen unternahm der Herr Physikus ja nichts mehr und nichts
weniger als die Seele - die bis jetzt alleinige Domne der heiligen Kirche
- zum Objekt einer profanen Wissenschaft erniedrigen zu wollen!

Man hatte sich wohl, durch die vor kurzem begonnenen Skularisationen, an
vieles gewhnen mssen! Man hatte gesehen, wie der Kirche Lndereien und
Viehherden entzogen worden waren! Man staunte ber nichts mehr!

Aber eine Lehre, die die Decke eines ehrsamen Brgerschdels und bisherige
bevorzugte Abladestelle kirchlichen Segens auf die Geheimnisse des
darunter gehorsamst schlafenden Seelenlebens untersuchen wollte - die
dessen Hgel und Talmulden zum Forschungsgebiet einer ganz gemeinen
Neugier erniedrigte und den Geist sozusagen mit den Fingern betasten
wollte, die ginge doch, und nicht nur figrlich, ber die Hutschnur!

Fr Blcher war die Phrenologie ein gefundenes Fressen und eine
Belustigung besonderer Art.

Als alter Husar hatte er wohl stets seinen Kopf fr sich gehabt und sich
wenig darum gekmmert, ob oder inwiefern er ins System der anderen
hineinpate.

Als Gouverneur mute er ihn aber von Amts wegen tglich mit so vielen
andersgearteten Querkpfen karambolieren lassen, da er freudig jeden
Versuch begrte, eine Art Topographie des menschlichen Schdelgelndes zu
schaffen.

Es brachte immerhin ein bichen Ordnung in die Sache hinein und wrde am
Ende doch noch dazu beitragen, den amtlichen Geschftsgang zu
vereinfachen! Wenn der Herr Gouverneur sich auch nicht verhehlen konnte,
da amtliche Konfusionen mit berflssigen "Rckfragen" und anderem
verfnglichen Geschreibsel, als Ausflu hchster Beschrnktheit, durch
nichts mehr zu beschrnken seien! -

Immerhin verdiente der Versuch behrdliche Beachtung!

Der Herr Gouverneur zhlte also zu den eifrigsten und aufmerksamsten
Besuchern der Gallschen Vorlesungen, was in der guten Stiftsstadt sehr
bemerkt wurde und zu allerlei Vermutungen und Auslegungen Anla gab.

Mit ehrfrchtigem Staunen blickten die guten Mnsterianer scheu zu seiner
hohen Gestalt hinber, die, in der ersten Stuhlreihe sitzend, alle
berragte, und mindestens ebensosehr die Aufmerksamkeit auf sich zog wie
die ketzerischen Ausfhrungen des gelahrten Herrn Physikus.

Weder das noch die wortlose Entrstung eines ehrsamen Auditoriums
entgingen seiner Aufmerksamkeit.

Mit liebkosender Schrfe musterten seine Blicke die Sammlung erlesener
Schdel, die sich hier ein Stelldichein gegeben hatten, wie um als
unfreiwillige Demonstrationsobjekte zu dienen. Seine Augen leuchteten vor
diebischer Freude auf, und es zuckte spitzbbisch schlau um die Mundwinkel
hinter dem herabhngenden Schnauzbart, wenn er einen besonders leckeren
"Ball" entdeckte.

Am hufigsten schielte er zum Nachbar links hin, dessen kurze stmmige
Gestalt den geraden Gegensatz zu ihm selbst ausmachte. Wie Raubvgel
umkreisten seine Adlerblicke den gewaltigen Kopf, aus dessen Gesicht,
unter buschigen Brauen, eine mchtige Hakennase gebietend hervorsprang.

Schmunzelnd wie ein Gourmet, dem sein Leibgericht aufgetragen wird, sa er
mausestill da, stellte aus nchster Nhe seine Untersuchungen an und
schien zu ganz merkwrdigen Schlssen zu kommen. Indessen sein Opfer, in
Gedanken versunken, den Vorlesungen kaum zuzuhren schien und noch weniger
die Aufmerksamkeit beachtete, deren Gegenstand es war.

Endlich war der Anatomus mit seinen Ausfhrungen zu Ende, nahm sein
Kranium unter den Arm, rollte sein Manuskript zusammen, verneigte sich
wrdevoll, ging und lie sein kopfschttelndes Auditorium sitzen.

Blcher stand auf, und sein Nachbar ebenso, den er jetzt, im Stehen, um
Haupteslnge berragte.

"Wissen Sie was, Baron?" fragte er lchelnd und strich seinen langen
Schnurrbart hoch. "Als der Physikus soeben den Totenschdel aufhob, da
dachte ich: 'Nun geht das Kegelschieben los! Nun schmeit er ihn nach den
anderen Kpfen!' Die wackelten auch schon bedenklich! Die wren
durcheinandergekollert, da es eine Lust wre! An seiner Stelle htte ich
den Wurf getan! So 'ne Sammlung Dskppe war noch nicht da! Sehen Sie sie
nur an!" flsterte er. "Ausschaun tun sie wie ein Haufen 'Marterln' von
allen mglichen Stoppelfeldern hierherverpflanzt! Und statt der gewohnten
Krhen und Dohlen schwirren ihnen lauter funkelnagelneue Gedanken um die
Kpfe, da sie nicht mehr wissen, woran sie sind, und der Herr Physikus
noch weniger.

Keine Ahnung hat er - keine Ahnung! Was er da schwefelt, mag vor die
Franzosen gut genug sein, ihnen die Wrmer aus der Nase und das Geld aus
den Taschen zu ziehen - was ich brigens den Geizhlsen gnne! Aber so'n
richtiger preuischer Dickkopp, wie ich einer bin, und Sie erst recht,
Baron, der wird nimmermehr zugeben, da man den Schdel erst befhlen mu,
um zu wissen, ob einer lange Finger hat oder nicht. Der wird nicht sein
'Bekmpfungsvermgen', wie die Ochsen, mit dem Schdel dartun, sondern mit
blanken Hieben und derben Maulschellen, wenn's not tut. Und was das
'Eigentumsvermgen' betrifft, das er auch vom Schdel ablesen will - -"

"Da", lachte der Baron, "setzen Sie sich an den Spieltisch und verlieren
Sie und weisen es so - negativ nach!"

"Ich gewinne auch, mein Verehrtester, und nicht zu knapp! Und das liegt
bei den Karten und hat mit dem Schdel nichts zu tun!"

"Soweit ich ihn verstanden habe," sagte der Baron, "gingen seine
Ausfhrungen auch nicht so weit auf das Gebiet des praktischen Lebens ein.
Er wollte, meines Erachtens, nur rein theoretisch dartun, wie eine
geistige Fhigkeit mit den Hirnpartien, in denen sie ihren Sitz hat, ab-
oder zunimmt, und nachher durch die dadurch entstehenden Unebenheiten des
Schdels nachzuweisen ist."

"Das ist eben falsch", sagte Blcher bestimmt. "Die Erhhungen des
Schdels besagen gar nichts - bei den meisten Menschen jedenfalls nicht
mehr als: 'Hier ist beim gewhnlichen Rindvieh der Platz fr die Hrner!'
- Da knnen Sie sich auf _mich_, als alten Landwirt, verlassen! Sehen Sie
sich nur in den Spiegel, Baron!"

Der Baron blickte ihn an.

"Ich mchte doch sehr bitten!" sagte er scharf.

"Sehen Sie sich nur in den Spiegel!" lachte Blcher. "Nach den Theorien
Galls mten Sie ein gutmtiger, braver Spieer sein - sanft, fromm und
nachgiebig - das Muster eines Familienvaters! Nach _meinen_ dagegen - und
ich verstehe etwas von Kppen - ich habe mein Lebtag so ville eingeseift -
nach _meinen_ Theorien also, und wenn ich nicht wte, da Sie der
Reichsfreiherr vom Stein sind und Oberprsident der Westflischen
Domnenkammer - da wrde ich sagen: das ist ein Raufbold schlimmster
Sorte!"

"Um Gottes willen!"

"Oder zum mindesten ein geheimer Raubmrder!"

"Das auch noch!"

"Gestehen Sie's nur, Sie haben so etwas auf dem Kerbholz!"

"Nicht einmal im Traum!"

"Sie werden doch unter Ihren reichsritterlichen Ahnen wenigstens einen von
der Sorte haben?"

"Kann schon sein!"

"Nun, sehen Sie! Da werden Sie von ihm ebensoviel geerbt haben, wie ich
von dem meinigen, und mit mir eines Sinnes sein und eine Schdellehre
haben, und die ist nun die nmliche: wenn all die Dickkppe und Strohkppe
und Hohlkppe und Dskppe und Schafskppe und Quasselkppe, von denen der
Schdelgelehrte da nichts wute, obwohl wir hier im Lande einen berflu
daran haben - wenn _die_ alle im Staate mitreden sollten, wie Sie es
wollen, oder sich gar zu einem Parlament zusammentun drften, um Geschrei
und allerlei Konfusion zu machen - wie drben in Paris -, das wre weit
schlimmer als eine allgemeine Kopflosigkeit! Da hilft nur _ein_ Mittel
dagegen, und das ist nun das nmliche, was die Jakobiner so gut zu
handhaben wuten, nmlich: die Guillotine! Aber auf die richtige Art
angewandt - an den Jakobinern selbst. Runter mit dem Salat, das hilft!
Nachher wird kein unntz Stroh gedroschen!"

"Der Meinung bin ich nun nicht!" antwortete der Baron energisch. "Es
schadet nicht, da die Leute ihr Stroh dreschen, wenn sie nur mittun und
mitempfinden lernen. Nur wenn sie sich auch verantwortlich fhlen, nur
dann wird das eingeschlafene Gefhl der Zusammengehrigkeit mit dem
Vaterland wieder wachgerttelt. Und kein Fremder darf dann wagen, an
deutsche Gaue Hand legen zu wollen, wie er es jetzt wieder versucht!"

Sie waren inzwischen aus der Akademie herausgekommen und gingen langsam
durch die Straen der alten Stadt nach Hause.

Auf dem Domhof kam ihnen eine goldstrotzende Prozession entgegen mit
wehenden Fahnen, Blumen und Weihrauch und der gesamten Geistlichkeit in
prachtvollen Gewndern.

"Was ntzt uns das Wachrtteln," sagte Blcher, "wenn die da die Macht
haben, die Geister wieder einzuschlfern?"

Der Freiherr zog seinen Hut, und Blcher salutierte, bis die Prozession
vorbei war.

"Haben Sie gesehen, wie bs die Kerle mich anschielten?" fragte er dann
den Baron. "Die giften sich gewaltig, weil ich hier die Freimaurerloge
wieder aufgemacht habe. Een 'prsken Windbdel' - een 'lutherschen
Dickkopp' haben sie mich genannt. Der Windbdel setzt ihnen aber noch ganz
was anderes als die Loge auf die Nase!"

"Da drben hlt eine andere Prozession", sagte der Freiherr und zeigte auf
drei Soldaten, die einen gefangenen Deserteur transportierten und
ebenfalls von der Prozession aufgehalten worden waren. Sie blieben noch
stehen, um den General zu salutieren.

"Antreten! Melden!" rief Blcher sogleich, als er sie sah. Und die Leute
kamen ber die Strae, grten ihn nochmals und gaben ihren Rapport ab.

Blcher blickte den Gefangenen unwillig an. Er war ein junger, krftiger
Bursche. Die Hnde waren ihm auf dem Rcken gefesselt.

"Schmst du dich nicht, Bursche?" rief Blcher ihm zu. "Siehst, wie der
Franzos berall in der Welt haust und wie er seine langen Finger nach
immer mehr deutscher Erde ausstreckt - hast zwei krftige Arme zum
Dreschen und willst dich drcken, willst nicht helfen, deine Heimat von
den Schuften zu subern?! Abfhren!" rief er, und die Leute salutierten
und zogen mit ihrem Gefangenen ab.

"Vaterlandsloser Gesell!" kam es noch verdrielich aus dem Gehege seiner
Zhne hervor.

"Das ist er wohl. Aber nicht durch eigene Schuld!" sagte Stein energisch.
"Und das drfen Sie ihm darum auch nicht vorwerfen!"

"Das wre wohl auch!"

"Der, wie die meisten seinesgleichen, hat kein Vaterland! Der hat nur
einen Herrn, der von ihm mglichst viel Steuern herauspret und ihn
womglich noch zum Kriegsdienst aushebt. Und hat er nicht den einen Herrn,
so hat er den andern. _Wer_'s ist, ist ihm gleich - ob Preue, ob
Franzose, was schert das ihn, wenn er ihn nur mglichst wenig bedrckt!
Das vaterlndische Gefhl ist eben berall bei uns im Aussterben. Ich
sagte es ja schon, und auch, wie es zu bessern wre, wenn nicht zu spt
damit angefangen wird!"

"Ein Glck, da die Fahnenflchtigen unter _meine_ Gerichtsbarkeit fallen!
Denn wenn Sie, Herr Prsident, ihn abzuurteilen htten -"

"Ich wrde in dem Falle versucht sein, Milde walten zu lassen - ich
gestehe es! brigens werde ich bald hier nichts mehr zu richten haben!"

"Sie sind schon amtsmde? Nach kaum zwei Jahren?"

"Das nicht! Man hat mich nach Berlin in die Regierung berufen. Ich soll
Minister werden."

"Und Sie? Haben Sie angenommen?"

"Ich habe - _bedingt_ angenommen. Ich mchte mir wohl die Gelegenheit
nicht entgehen lassen, zum Besten meines Vaterlandes ttig zu sein. Aber -
ich mchte sie auch gehrig ausnutzen knnen!"

"Das traue ich Ihnen schon zu. Der Knig liebt es aber nicht, wenn man ihm
Bedingungen stellt!"

"Ist mir gleich!"

"Was hat er denn geantwortet?"

"Er hat - _bedingt_ zugestimmt!"

"Das ist bei ihm schon viel! Mehr erreichen Sie sicher nicht!"

"Das gengt mir aber nicht. Entweder ich bekomme die Befugnisse, die ich
brauche, um etwas leisten zu knnen, oder ich gebe mich mit dem ganzen
Kram nicht ab!"

"Was haben Sie denn verlangt?"

Der Freiherr blieb stehen, fate Blcher an einem Rockknopf und zwang ihn
so, auch stehenzubleiben. Ohne sich um die Blicke der Vorbergehenden zu
kmmern, fing er dann an, seine Plne zu entwickeln, durch die er dem
alten Schlendrian den Garaus zu machen gedachte und das alte Preuen von
Grund aus umgestalten wollte.

Erst den Beamtenkrper neuordnen, die ganze Verwaltung vereinfachen, die
eigene Jurisdiktion und Finanzverwaltung der Provinzen aufheben und
einschlgige Fachminister fr das ganze Land einsetzen, so dem Reich den
fast fderativen Charakter nehmen und seine Teile zu einem Ganzen
verschmelzen - die Regierung vereinfachen; statt Generaldirektion und
Justizministerium und dem allein mit der Person des Knigs verkehrenden
"Kabinettsministerium" ein Konseil einfhren, dessen Mitglieder smtlich
direkt mit dem Knig verkehren knnten - dann durch Stdte- und
Landgemeindeordnungen Rechte und Pflichten der Brger und der
Landbevlkerung festlegen, ihnen Selbstverwaltung geben, das Gewerbe frei
machen, den Besitz ebenso, die Fessel des Handels beseitigen, die Armee
neuordnen auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht, so da das Werbesystem
abgeschafft wrde und ein jeder es als eine Ehre statt als einen Zwang
empfnde, das Vaterland zu verteidigen. Zuletzt eine Volksvertretung
einsetzen, mit gesetzgebender Gewalt, die die Haushaltung des ganzen
Staates zu regeln haben wrde - -"

"Das ist schlau von Ihnen, Baron, die Volksvertretung zuletzt zu nennen",
sagte Blcher. "Ich hatte schon Angst, Sie wrden damit den Anfang machen
wollen! Die Jakobiner und ihr Gequassel htten wir sowieso frh genug!
Wenn die bei Ihren Reformplnen mitreden sollten - Sie wrden sich
wundern, was dabei alles herauskme! - Sie wrden Ihr eigenes Kind nicht
mehr wiedererkennen und all Ihre schnen Plne ins Wasser fallen sehen! Am
besten lassen Sie die Redebude ganz fahren. Die vertrdelt blo die Zeit,
weiter nichts! Wozu denn! Machen Sie's lieber ganz allein! Machen Sie's
mit der kniglichen Verordnung - die schafft's, wenn der richtige Mann sie
handhabt. Das sah man beim Alten Fritzen! Beschlieen - befehlen, und die
Sache ist da! Und ist sie gut und ist sie richtig gemacht, _dann erst_
lassen Sie die Leute reden, wenn's durchaus sein mu! Da ndert an einer
rechten Sache auch ein ganzes Parlament von Hohlkpfen nichts!"

"Das Volk mu," sagte der Freiherr energisch, "und das ist das
allerwichtigste und davon gehe ich nicht ab - das Volk mu wissen, da es
in seinen eigenen Lebensangelegenheiten mitzureden hat! - Es mu fhlen,
da es nicht nur dazu da ist, um ausgebeutet zu werden. So wie jetzt, ist
es ganz teilnahmlos. Wenn heute alles zugrunde ginge - es wrde sich nicht
im geringsten dafr interessieren. Denn der Staat ist sein Feind - oder er
ist ihm zum mindesten gleichgltig! Das Volk empfindet nicht, da es
selbst der Staat ist! Gelingt es nicht, ihm das zum Bewutsein zu Dingen,
so sind wir als Staat verloren und als Volk erst recht."

"Verehrter Freund," antwortete Blcher, "es kann sein, da Sie recht
haben! Wir haben aber keine Zeit, kostspielige Versuche zu machen. Die
Welt brennt jetzt an allen Ecken und Enden - sollen wir da Kinder und
unerfahrene Leute mit dem Feuer spielen und unser eigenes Dach in Brand
setzen lassen? Was sagte ich vorhin - den reinen Verbrecherkopf, den
reinen Verbrecherkopf haben Sie!"

Stein lachte. Aber Blcher fate ihn beim Arm und zeigte auf den Turm der
Lambertikirche.

"Sehen Sie da hinauf", sagte er. "Da oben baumelten vor etlichen
Jahrhunderten - wie viele ist mir Wurst - zwischen Himmel und Erde, in den
drei eisernen Kfigen, je ein solcher Neuerer wie Sie! Sie wissen: der
Schneidermeister und Knig vom 'Neuen Zion', Johann von Leiden,
Knipperdolling, sein Kanzler und Henker, und Krechting - denn so hie wohl
der Dritte im Bunde! Die hingen da, bis die Vgel des Himmels ihnen das
Fleisch von den Knochen gerissen hatten. Und das waren Leute, die auch -
in ihrer Weise - das Volk 'frei' machten, das Alte, Bewhrte in Trmmer
schlugen, mit Feuer und Schwert vertilgten und 'das Neue Reich' auf dem
Schutthaufen aufrichteten. Vergessen Sie nicht: wir stehen hier auf dem
klassischen Boden solcher Revolutionen, mitten im ehemaligen Reiche der
Wiedertufer."

"Fr blutige Revolutionen," sagte der Baron ruhig, "wie damals die der
Wiedertufer und heute die Franzsische, ist hier bei uns kein dauernder
Boden. Die Methode fhrt bei uns zu weiter nichts, als zu strkster
Gegenwirkung. _Wir_ mssen das anders machen, wenn wir uns verbessern
wollen - und das mchte ich eben versuchen."

"Das tun Sie nur, Baron. Gehen Sie nach Berlin! Ich behielte Sie wohl am
liebsten hier, aber da sind Sie uns viel ntiger! Gehen Sie nach Berlin -
- seien Sie frech -!"

"Frech nicht, aber entschieden!" lchelte der Baron.

"Das ist bei mir ein und dieselbe Chose!" sagte Blcher, nahm ihn beim Arm
und zog ihn weiter mit.

"Eins bitte ich nur aber aus", sagte er dann im Gehen. "Wenn Sie dabei
sind, alles neu zu machen - von der Armee lassen Sie die Finger! Die
besorgen wir vom Bau besser!"

"Ihr vom Bau hngt zu sehr am Althergebrachten, um Neuerungen die rechte
Unbefangenheit entgegenzubringen!"

"Man mu wohl, wie Sie, unabhngiger Reichsritter gewesen sein, keine
Armee zu kommandieren und kein Land zu regieren gehabt haben, um beides
besser zu verstehen - nicht wahr?" lachte Blcher.

"Ganz gewi. Da behlt man eben den Kopf frei, hat keine Scheuklappen vor
den Augen und ist an nichts gebunden als an sein gesundes, natrliches
Urteil!"

"Sehen Sie - das gefllt mir bei Ihnen, Baron! Aber trotzdem mag ich
nicht, da die Zivilisten an der preuischen Armee herummkeln! Es ist ja
viel daran zu bessern, das stimmt. Aber es steckt ein guter Kern darin,
der erhalten zu werden verdient -"

"Eben weil der Kern in der preuischen Volkskraft ruht", sagte der
Freiherr. "Aber nur _wir_ Eingeweihte empfinden das. Das Volk mte sich
dessen auch bewut werden, damit es an unserer Wehr mitschafft und so
seine Kraft verdoppelt!"

"Wer wrde das nicht wnschen? Sie wollen aber alles wegwerfen und von
Grund aus neu aufbauen."

"Auf _altem_ Grund neu - -"

"Das geht zu weit. Was gut und wertvoll ist vom alten Gemuer, das mssen
wir mit hinbernehmen - wie unsere Vorfahren bei ihren Kirchenbauten. Die
fingen oft romanisch an - sehen Sie nur die alten Kirchen im Lande an -
und bauten ruhig gotisch weiter, sobald die Zeit es verlangte, und
schlugen so in _einem_ Bau Brcken von Zeitalter zu Zeitalter. So eine
Brcke ist unsere Armee. Werft sie ab - und drben bleibt der Geist der
Ordnung, der Tapferkeit und des unbeugsamen Mutes, der sie immer
auszeichnete, und kann nicht zu uns herber."

"Der braucht nicht herberzukommen, denn er ist da, wie er immer in
unserem Volke da war. Er wird uns tglich neu geboren!"

"Aber auch tglich wieder totgeschlagen", erwiderte Blcher ernst. "Und
das eben mchte ich vermieden wissen! Solch einen Totschlag am Geist der
Ordnung und Tapferkeit wollt ihr Herren vom Zivil eben begehen, wenn ihr
die Hnde nach dem preuischen Heere ausstreckt! Ihr sollt mir aber die
preuische Armee nicht kaputt machen wollen. Ich habe mit in ihren Reihen
gekmpft im Siebenjhrigen Kriege - ich war mit ihr in Polen, in den
Niederlanden, am Rhein Anno dreiundneunzig und vierundneunzig -, ich habe
gesehen, was der preuische Soldat kann, wenn die Fhrung taugt. Ich
verstehe etwas von der Sache und wei, solch eine Waffe wirft man nicht
ohne weiteres fort! Schwerenot! Wenn ich einen guten, scharfgeschliffenen
Sbel habe, der mir gut in der Hand liegt und mir vertraut ist, den werf'
ich nicht zum alten Eisen und hole mir einen neuen, der mir am Ende
weniger zusagt, sondern ich hau' feste zu! Aufs Dreinhauen kommt's heute
noch an wie immer! Der richtige Kerl mu nur da sein, der die Waffe der
Vter zu fhren versteht, dann taugt sie auch!"

"Das wei ich ebensogut wie Sie!" versetzte der Freiherr ein wenig
gereizt.

"Nun, was wollen Sie denn!" rief Blcher nicht weniger heftig. "Wenn Sie
das wissen, da mten Sie sich auch sagen, da unsere Waffe nicht
verrosten kann! Da mten Sie doch sehen, da heute, wie immer, Leute
genug dabei sind, sie frisch zu polieren, den Geist und die Bildung beim
Offizier zu heben, das Untaugliche hinauszuwerfen und mit dem Schlendrian
reinen Tisch zu machen! Und auch, da uns nichts fehlt als der Befehl zu
rascher Tat!"

"Das alles sehe ich wohl!" sagte der Baron. "Aber auch das viele
berlebte, das leider Gottes die Macht hat, jede Entwicklung zum Besten
aufzuhalten. Da hilft nicht allein der Mann, der befehlen kann - denn was
ntzen mir Befehle, wo der Gehorsam fehlt?! Der Geist, der sich
bereitwillig dem Ganzen unterordnet, der fehlt oben wie unten! Erst mu da
Wandel geschaffen - erst mu von Grund aus alles neu geordnet werden. Und
der Grund kann nur die allgemeine Wehrpflicht sein, die jedem Staatsbrger
das Recht, aber auch die Ehrenpflicht gibt, das Land zu verteidigen, und
jede Anwerbung von auslndischem Gesindel ausschliet! _Da_ mten die
Leute den Hebel ansetzen, die, wie Sie sagen, auch in der Armee dabei
sind, mit dem alten Schlendrian aufzurumen -"

"Am Ende haben sie's lngst getan!" rief Blcher und blickte den Freiherrn
schalkhaft an. "Passen Sie nur auf, Baron! Sie werden noch von denen
berholt!"

"Das wrde mich der Sache wegen freuen", antwortete Stein ruhig. "Nach
allem, was ich bis jetzt gesehen habe und nach dem, was ich zu meinem
Erstaunen soeben auch von Ihnen hren mute, glaube ich aber nicht recht
daran."

Blcher lchelte.

"Sehen Sie sich nur die jungen Leute an, wenn Sie nach Berlin kommen! Da
werden Sie gleich am Hofe einen finden, der nach Ihrem Sinne ist - ein
junger Kerl, der beim Prinzen August Adjutant ist -, Clausewitz heit er -
kein Windhund, leider, aber sonst ganz mein Fall! Ein Gesicht hat er, das
nach sehr gutem Rotspon aussieht - geht nicht aus sich heraus, auer
wenn's eine Sache gilt, dann aber auch gehrig! Den nehmen Sie sich vor!
Sagen Sie ihm weiter nichts als das eine Wort: 'Scharnhorst', da sollen
Sie sehen, wie er wie eine Pulvermine auffliegt und gleich Feuer und
Flamme ist. Auf den Scharnhorst schwren sie, all die jungen Leute, die er
bei der Kriegsschule ausgebildet hat. Und recht haben sie. Denn er taugt
was, er kann was, und er wei, was er will. Aber ehe es so weit ist, da
man allerhchsten Ortes auf ihn hrt, da wird er wohl auch steinalt sein
und nichts mehr wollen knnen! Es ist leider Gottes nicht allen gegeben,
ihr Leben lang siebzehn Jahre alt zu bleiben."

"Deshalb sollen die, denen es gegeben wird," sagte der Baron mit Betonung,
"sich nicht dagegen struben, vorzugehen, wo es not tut!"

"Strube ich mich etwa?" rief Blcher lebhaft. "Wissen Sie, ob ich nicht
schon eine Denkschrift in der Sache fertig habe?"

"Bei Ihrer Aversion gegen alles Geschreibsel?" lchelte der Baron.

"Nun - wenn die Armee so heruntergekommen ist, wie Sie sagen, warum
sollten die Generle dann nicht auch zur Feder greifen und Tinte
verspritzen statt Blut? Taugen wir weiter nichts - dazu taugen wir sicher!
Da stehen wir auch unseren Mann, besser als die meisten von den Herren
Diplomatikern!"

Und ohne die Entgegnung des Barons abzuwarten, zeigte er auf das Rathaus,
an dem sie jetzt vorbeigingen, und fragte pltzlich:

"Waren Sie drin?"

"Wiederholt!"

"Haben Sie den Friedenssaal gesehen, wo der Westflische Friede gemacht
wurde?"

"Ich war drin!"

"Haben Sie sich die Bilder von all den Gesandten genau angesehen, die
jenen sauberen Frieden gemacht haben, deren Namen lngst vergessen sind?
Die hngen da mit Recht zur ewigen Schande der Zunft. Weil sie unser
armes, verwstetes, entvlkertes und ausgeplndertes Deutschland beim
Friedensschlu noch mehr zerstckelten und dem Fremden verschacherten,
damit er es auf Jahrhunderte hinaus als Tummelplatz fr seine Kriegsvlker
gebrauchen konnte. Haben Sie sie gesehen?"

"Man zeigte sie mir!"

"Nun - haben Sie jemals so 'ne Sammlung Schafskpfe beisammen gesehen?
Diplomatiker, wie nur wir sie noch heute haben - Schlauberger ihrer
eigenen Meinung nach, die so gut wissen, wie alles verkehrt gemacht werden
mu, nachdem die Welt sich verblutet hat! Und nachher mssen wir wiederum
bluten - weil die so berschlau waren, so saudumm zu sein! Sehen Sie sich
die noch einmal an! Und nachher gehen Sie nach Berlin, und lassen Sie sich
zum Minister machen! - Rumen Sie mit dem Gesindel auf, rotten Sie's mit
Stumpf und Stiel aus! Da rennen Sie mit Ihrem harten Verbrecherschdel das
ein, was zuerst herunter soll! Da haben Sie morsches Gemuer genug fr
Ihren Bedarf! Kreuzelement, was die Leute blo alles anrichten! Was die an
guten Gelegenheiten vorbergehen lassen - wie die uns allmhlich von allen
Freunden trennen und die ganze Welt gegen uns aufbringen! - Weil das
Schlappschwnze sind, mssen wir auch dafr gelten! Ihretwegen wagt man
sich an uns heran! Da mte schleunigst einer an die Spitze - ein ganzer
Kerl, der nichts versteht als nur das eine: die Wut loszulassen, die in
uns allen kocht, da wir endlich einmal wie das heilige Donnerwetter
dreinsausen knnen und reinen Tisch machen! Wie wrden wir dann in der
Welt dastehen! Ich mte da vierundzwanzig Stunden zu befehlen haben!
Vierundzwanzig Stunden nur!"

"Ja, wenn Sie nur nicht zu jung wren", sagte der Baron, ber den Eifer
Blchers schmunzelnd.

"Zu jung?! Sechzig durch!"

"Werden Sie erst siebzig - toben Sie sich erst aus! Sonst werden Sie uns
mit Ihrem jugendlichen Ungestm alles kaputt machen, wenn Sie das Heft in
die Hand bekommen!"

"Davor brauchen Sie keine Angst zu haben. Man ist allerhchsten Ortes
nicht so schlau, mich als Berater zu nehmen! Sonst wrden wir nicht alle
Tage Sachen erleben, bei denen einem Dutzende von Lusen ber die Leber
kriechen! Schwerenot, wenn ich blo an das Letzte denke, wie wir nun
glcklich nach vielem Hin und Her die Franzosen doch in Hannover stehen
haben - alles, weil unsere klugen Herren da oben wieder so schlau waren
und so gerne mchten und doch nicht zuzugreifen wagten!
Himmeldonnerwetter, wie war's mir, als ich davon Wind bekam! Ich bin
kopfber nach Berlin gereist, ich habe gefleht, ich habe geflucht - nichts
hat geholfen! 'Gehen Sie nach Mnster, General', war alles, was man mir
antwortete. 'Dort haben Sie Ihr Kommando!' Und ich ging - und - an der
hannoverschen Grenze in Diepholz, da empfingen mich schon franzsische
Gendarmen und scharwenzelten und parlierten und machten die Honneurs, als
wren sie dort zu Hause! Und Herr Mortier troff von Freundlichkeit und
falschem gallischen Gemt ber! Hol' ihn der Teufel! Wenn ich den nur
wieder herausschmeien darf! Jetzt sieht's der Knig schon ein! Jetzt
mchte er auch gern die Parlezvous wieder heraus haben! Aber statt mir den
Befehl zu geben, sie zum Teufel zu jagen, betraut er seine Diplomatiker
damit, und da wird's noch gute Weile haben. Die Leute mte man dem
Physikus Gall in Behandlung geben. Der mte ihnen die Schdel ordentlich
befingern!"

"Ich mchte gern," sagte Stein und lachte in sich hinein, "ich mchte gern
wissen, was Sie sagen wrden, wenn Sie, als ganz Unbeteiligter, Ihren
eigenen Kopf in die Finger bekmen, um ihn auf seine Fhigkeiten zu
untersuchen! Ob Sie wohl wie ich denken wrden?"

"Wie denn?"

"Lauter Gegenstze! Schlau und gerissen - und ein Dickkopf erster Gte!
Feuer und Flamme fr alles lebensfhige Neue - und doch zh am
Althergebrachten festhaltend! Allen voranstrmend, wenn es eine Sache
gilt, aber mit einem Ungestm, das Sie oft aus dem Sattel wirft! Pech im
Kleinen, Glck im Groen - nicht wahr, so wrde die Rechnung lauten?"

"Wie sie lauten wrde, wei ich nicht. Das wei ich aber: ich gbe gern
meinen Kopf darum, da da oben, auf der entscheidenden Stelle, der
richtige Kopf zwischen den richtigen Schultern se!"

Der Baron schwieg. Er blickte zum Residenzschlo auf, vor dem sie jetzt
standen und in dessen einem Flgel er residierte, in dem anderen Blcher.

"Hier trennen sich unsere Wege, General", sagte er. "Sie sind die militre
Macht - ich die zivile. Wir wollen voneinander nichts wissen - wir wohnen
jeder in seinem eigenen Flgel des gemeinsamen Baues. In der Mitte sind
die Rume der Krone!"

"Und da," sagte Blcher gallig, "da drin knnen Sie vor leeren Wnden
reden! Denn da wohnt fr gewhnlich - niemand! Statt einem, der einigend
ber uns beiden steht und uns manchmal zu gemeinsamer Beratung zu sich
einldt - ein leerer Raum, der uns trennt!"

"Das stimmt", sagte der Baron. "Dafr einigen wir uns aber - im
Kchengarten! Den haben wir gemeinsam, trotz der getrennten Magen!"

"Die Jagd habe ich allein", nickte Blcher.

"Und geben mir doch manchen Braten ab!"

"Nun, in der Magenfrage begegnen sich eben verstndige Leute!"

Stein antwortete nicht. Er bckte sich nur, nahm ein paar Fallpfel auf
und reichte Blcher einen.

"Da - beien Sie in den sauren Apfel, General!"

"Det ist von Ihren Appelbumen, Baron! Drben stehen meine - dort gibt's
saure pfel genug."

"Ich seh's! Ich werde mich auch nicht von Ihnen ntigen lassen - wenn wir
drben bei Ihnen sind. Sie aber machen ein Gesicht, als wre ich die
Schlange im Paradiese!"

"Die stelle ich mir, aufrichtig gesagt, anders vor! Zum Sndenfall gehrt
brigens auch eine Eva. Ohne sie hat die Schlange im Paradiese keine
Bedeutung. Immerhin - geben Sie den Appel her! Ich bin keen
Kostverchter!"

"Essen Sie ruhig - wenn er auch sauer sein sollte. Der Baum ist gut!"
sagte der Baron und bi selbst gierig in seinen Apfel hinein.

Den Mund voll, nickten sie einander zu und gingen so ein jeder in seinen
Flgel des gemeinsamen Baues hinein - Blcher lang, schlank und rstig
ausschreitend -, Stein vierschrtig, breit und behbig segelnd wie ein
weitbauchiger, vollbeladener Koff, dem keine Sturzwelle das Gleichgewicht
nehmen kann, der nicht stampft und schlingert oder zickzack kreuzt,
sondern, ohne auch nur einen Zoll auszubiegen, gerade auf das Ziel
zusteuert und wenn er darum auf Grund setzen mte.

"Ein verfluchter Querkopf", brummte Blcher, an dem freiherrlichen Apfel
kauend. "Ein kreuzverdammter, eigensinniger Dickschdel! Hol' ihn der
Teufel! Aber ein ganzer Kerl! Der tte uns bitter not, da oben, in der
Konfusionsbude! Aber von der Armee soll er mir die Finger geflligst
lassen! Ja, _wenn der Kerl nur nicht recht htte_! Aber so! Und so'n
Zivilist! Das geht nicht! Das geht im Leben nicht! Da mssen wir sehen,
ihm beizeiten das Wasser abzugraben!"

Und schmunzelnd, als plante er wieder einen rechten Husarenstreich, ri er
die Tr seines Dienstzimmers auf und strmte hinein.

"Schumann!" rief er sein Faktotum mit Donnerstimme. "Schumann, alte
Schreiberseele, bring' mir Tinte und Papier! Heute sollst du deine Freude
an mir haben! Heute sollst du etwas erleben! Nee - keene Briefbogen -
Kanzleipapier! Jawoll! Oogen machste?! Schneid' mir den Gnsekiel zurecht
und glotz' nicht! Weh, wenn er kratzt oder gar spritzt! So! Her mit dem
Mordinstrument! Kehrt! Marsch! Himmeldonnerwetter, Kerl! Feixt der auch
noch?! Raus!"

Und der alte Wachtmeister Schumann, der sonst die ganze verpnte
Schreibarbeit allein besorgen mute, eilte still in sich hineinlachend
hinaus, nachdem er dem General alles Verlangte zurechtgelegt hatte.
Blcher nahm den Federkiel, kratzte sich bedchtig damit hinters Ohr,
stie ihn ins Tintenfa, rckte einen Bogen Papier zurecht, setzte an und
ritzte in seiner scharfen, eckigen Handschrift Zeile um Zeile nieder.

Zuerst, wie sich's gebhrt, den Titel:

"Gedanken ber Formulierung einer deutschen Nationalarmee."

"_Die_ Gedanken habe ich zu haben und die anderen Offiziers auch!" brummte
er im Schreiben. "Aber so'n Quasselkopp von einem Diplomatiker! So'n
Satanskerl! Wie kann er nur auf den rebellischen Gedanken kommen, da
mitplrren zu wollen? So'n Kerl, der nicht einmal in sein eigenes System
hineinpat! - So'n Reichsfreiherr, der keinem untertan war und keinen
Herrn hatte! Der und Rebellion! Und gar eine unblutige! Ich werde ihm
schon zeigen, wie das gemacht wird!"

In kurzen, knappen Stzen und in der merkwrdigsten Orthographie von der
Welt legte er dann seine Anschauung nieder, wie er sich die allgemeine
Wehrpflicht dachte, verlangte eine krzere Dienstzeit, grere Lhnung,
bessere Behandlung der Soldaten - -

"Mir wird ganz fade im Hals von all dem ekelhaften Geschleime!" brummte er
dabei, als er bei der "besseren Behandlung" anlangte, rauchte dabei wie
ein Schornstein, spuckte, fluchte, kratzte sich den Kopf und stampfte auf
den Boden.

"Wie 'ne Fastnachtspredigt schaut's aus! Verdamm' mich, sobald einer mit
Tinte schreibt, statt mit Blut, wie's sein soll - da ist's aus - da - hol'
mich der Teufel - ich glaube, da wchst mir schon der Heiligenschein zum
Kopfe 'raus!"

Er flog auf und packte seinen Kopf mit beiden Hnden.

"Ich reie dich noch los und fange mit dir das Kegelschieben an! Ich werfe
noch 'alle neune' mit dir, schmeie dich dem Knig mitten in die Visage,
da er umfllt und det ganze Bataillon mit - det ganze Bataillon! Aber
Schreiben - dazu bringst du mich nicht nochmals, oller Dskopp!"

Er lachte laut auf - rief schleunigst seinen getreuen Wachtmeister
Schumann wieder herbei, drckte ihn auf den Stuhl und steckte ihm den
Gnsekiel in die Hand.

"So," sagte er, "mach' du das Gekritzel fertig, mein Sohn! Aber aufgepat,
da du mir kein X fr ein U machst! Det besorge ick alleene! Vorwrts!"

Und mit groen Schritten ging er auf und ab und diktierte, und Schumann
bemhte sich nach Krften, gleichen Schritt mit ihm zu halten beim Sturm
auf den alten Schlendrian.





                                    9
                                   JENA


Es war bei der Auffhrung von Wallensteins Lager im Kniglichen Theater zu
Berlin.

Auf der Bhne stimmte der Krassier sein Lied an:

  "Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!
  Ins Feld, in die Freiheit gezogen!
  Im Felde, da ist der Mann noch was wert,
  da wird das Herz noch gewogen!
  Da tritt kein anderer fr ihn ein!
  Auf sich selber steht er da ganz allein!"

So sang er, und die umstehenden Kameraden stimmten mit vorschriftsmiger
Begeisterung ein! Gegen Sitte und Brauch lieen sich aber auch aus dem
hintersten Parkett etliche rstige Mnnerstimmen hren, die mit Nachdruck
und berzeugung den Kehrreim ber die Kpfe der ahnungslosen Zuschauer
herausbrllten.

Es waren Leute vom Unterbefehl des Krassierregiments Gensd'armes, dessen
Offiziere heute auergewhnlich zahlreich anwesend waren und Logen und
Rnge fllten.

Sie wurden Feuer und Flamme bei den frischen Soldatenszenen des beliebten
Schillerschen Stckes, beneideten die Musketiere, Jger und Krassiere auf
der Bhne und lebten in Gedanken das lustige Lagerleben mit, das so grell
vom heutigen Kasernengetriebe abstach. Sie sangen mit und machten ihrem
Herzen Luft. Das Publikum horchte auf. Kein Ton des Mifallens wurde laut,
und das gab den noch Zaghaften unter den Marsshnen Mut. Beim nchsten
Vers stimmte schon das ganze hintere Parkett in den Kehrreim ein:

  "Der dem Tod ins Angesicht schauen kann,
  der Soldat allein ist der freie Mann!"

So sangen sie mit, da es im Hause drhnte. Und die eleganten Damen in den
Logen und Rngen blickten zu den jungen Offizieren hinber, ihre Augen
glhten, ihr Atem ging schneller; hin und her wogte es warm von Sinn zu
Sinn! Und als der dritte Vers stieg, da schlossen sie die Augen und sogen
begierig durch halboffene Lippen den Odem ein, der hei ber sie
hinbrauste, als berall im Theater die jungen Krieger einstimmten und das
Lied laut in den Saal hinausschmetterten:

  "Der Reiter und sein geschwindes Ro,
  sie sind gefrchtete Gste.
  Es flimmern die Lampen im Hochzeitsschlo,
  ungeladen kommt er zum Feste.
  Er wirbt nicht lange, er zeigt nicht Gold,
  im Sturm erringt er den Minnesold!"

Als aber auf der Bhne die Soldaten sich die Hnde gaben, einen groen
Kreis bildeten und gemeinsam die Schlustrophe anstimmten, in die das Lied
wie in einem groen erhebenden Aufschrei ausklingt, da hielt nichts mehr
das angefeuerte Publikum zurck.

Die Aufregung, in der man gelebt hatte, seit der letzte bergriff der
Franzosen bekannt geworden war - die Entrstung ber sein freches
Unterfangen, preuische Gebiete zu besetzen und seine eigenen, vertraglich
festgelegten Zugestndnisse an Preuen zu ignorieren -, der ganze
beleidigte Nationalstolz, der auf einmal erwacht war, mute Luft haben,
mute sich ausschreien und austoben, irgendwo und irgendwie! Und da war
das Schillersche Soldatenstck mit seinem frisch pulsierenden Blut und
seinem heien, vorwrtsstrmenden Atem wie geschaffen dazu, die Kinder des
khlen Nordens in rauschende Begeisterung zu versetzen. Im Taumel der
Gefhle erhob sich das ganze Haus von den Pltzen, die jungen Offiziere
eilten an die Brstung, zckten die Schwerter, lieen die Klingen im Takt
mit dem Gesang aufeinanderschlagen und sangen mit, von dem brigen
Publikum durch Zurufe und Winke mit den Tchern angefeuert.

  "Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezunt,
  die Brust im Gefechte gelftet!
  Die Jugend brauset, das Leben schumt!
  Frisch auf! Eh der Geist noch verdftet.
  Und setzt ihr nicht das Leben ein,
  nie wird euch das Leben gewonnen sein!"

  "Und setzt ihr nicht das Leben ein,
  nie wird euch das Leben gewonnen sein!"

So sang das ganze Haus mit, und der Vorhang fiel und erhob sich immer
wieder vor nie enden wollenden Beifallsstrmen. Das Tcherschwenken und
Winken galt aber den Soldaten drauen im Theater noch mehr, als denen auf
der Bhne. Und als ein junger Offizier an die Brstung trat und den Knig
hochleben lie, da stimmte alles begeistert ein, und es dauerte geraume
Zeit, ehe sich das Haus leerte.

Vor dem Theater aber staute sich die Masse der drauen Wartenden mit dem
durch die vielen Ausgnge herausstrmenden Publikum zu einem
undurchdringlichen Knuel, in dessen Mitte sich allmhlich die Offiziere
als fester Kern zusammenfanden.

Ein junger Brausekopf sprang auf die Freitreppe hinauf und hielt eine
feurige Rede, in der er in derber Soldatenweise dartat, wie sehr es an der
Zeit wre, da die Jugend jetzt das Heft in die Hand nhme und gutmachte,
was das Alter aus Bequemlichkeit und Zaghaftigkeit gesndigt htte!
Endlich wollte man den Franzosen zeigen, da Preuen noch da sei und in
der Welt mitzureden habe! Mit dem feigen Zurckweichen vor welscher
Anmaung habe es jetzt sein Bewenden! Das Schwert msse jetzt gutmachen,
was die Feder unfhiger Staatsmnner gesndigt! Die Tage der Schmach
htten jetzt ein Ende, und ein Hundsfott wre, wer sich da noch feige um
die Pflicht herumdrcke, Leben und Blut fr die beleidigte Nationalehre
einzusetzen, oder wer gar noch daran dchte, den Franzosen die Hand zur
Vershnung zu bieten! -

"Nieder mit den Franzosen!" schrien sie alle. "Nach der Botschaft! Nach
der franzsischen Botschaft!"

Wie von einem Gedanken getrieben, strzten sie vorwrts, lehnten sich mit
unwiderstehlicher Gewalt eine Gasse durch die angesammelte Menschenmenge
und eilten, die gezckten Waffen ber den Kpfen schwingend, auf das Haus
der franzsischen Botschaft zu. Und hinter ihnen her wlzte sich eine
tausendkpfige Masse, schreiend, tobend, jauchzend, johlend und alles was
lebte und ihr in den Weg kam, vor sich herfegend.

Das Haus der Botschaft lag in tiefem Dunkel. Als die schreiende Menge, die
jungen Offiziere mit den blitzenden Waffen voran, auf das Haus zustrmte
und den ganzen Platz davor fllte - da huschten rasch ein paar Schatten
auf den Balkon hinaus und bogen sich ber das Gelnder, blickten herab und
zogen sich dann schnell zurck.

Kein Schlag gegen das Haustor drhnte, kein Zeichen von Gewalt war zu
bemerken. Einzig ein schneidendes, kreischendes Gerusch, wie wenn
Hunderte von Schleifsteinen gleichzeitig gegen harten Stahl gestrichen
werden, war alles, was die oben atemlos Lauschenden von unten vernahmen,
und dann die Stille, in die das wste Lrmen allmhlich berging.

Wieder huschten sie vor und blickten hinunter.

Da an der Treppe knieten die jungen Offiziere Mann an Mann und wetzten
ihre Sbel an den steinernen Stufen vom Hause Frankreichs.

Als sie fertig waren, sprangen sie auf, schwangen wieder einmal drohend
ihre Waffen gegen die franzsische Fahne da oben am Mast und riefen wie
aus einem Munde:

"Hie Preuen allewege! Tod den Franzosen!"

Und jubelnd stimmte die tausendkpfige Menge in den Ruf ein:

"Tod den Franzosen!"

Niemand antwortete von den oben Harrenden! Aber die dreifarbige Fahne
flatterte stolz und breitete und blhte sich im Winde.

                                    *

Knig Friedrich Wilhelm III., lang, robust und soldatisch steif, ging mit
ungelenken Bewegungen in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Er schien
rgerlich ber irgendeine Begebenheit, von der er berrascht worden war,
und die ihn jh vor die Notwendigkeit stellte, einen Entschlu zu fassen.
Am liebsten berlie er das seinen Ministern, weniger aus Bequemlichkeit,
als aus bergroer Bescheidenheit und einer jugendlichen Befangenheit, die
ihn, trotz seiner siebenunddreiig Jahre, noch beherrschte.

Jetzt aber galt es, durch einen persnlichen Akt die Wrde seiner Stellung
zu wahren und mit einer Kundgebung seines Willens dem Geist der
Beunruhigung entgegenzutreten, den die jungen Offiziere durch ihre
disziplinwidrige Kundgebung entfesselt hatten!

Die Revolte gegen die knigliche Autoritt - denn nur so fate sie der
Knig auf - mute schnell im Keime erstickt werden, ehe sie von Berlin auf
das brige Land bergreifen konnte!

Den Kopf steifnackig in den hohen, goldgestickten Kragen zurckgedrckt -
das reiche blonde Haar aus der Stirn nach der Seite gestrichen - die
vollen Lippen vom kurzen Schnurrbart mig beschattet - die Wangen vom
Backenbart eng umrahmt - die Augen trb melancholisch blickend, so schritt
er bedchtig einmal durchs Zimmer und dann noch einmal - blieb vor dem
Arbeitstisch stehen und blickte zum Kabinettsrat Beyme hinber, der mit
devoter Haltung, in gemessener Entfernung vom allerhchsten Schreibtisch,
das Resultat der kniglichen Erwgungen abwartete.

Ein Zucken durchfuhr die kleine dicke Gestalt, als er die Augen des Knigs
auf sich gerichtet fand. Beflissen streckte er den Kopf vor, nahm die
Hacken zusammen, da seine krummen Beine ein erstauntes O bildeten; seine
kohlschwarzen Augen quollen achtunggebend aus ihren Hhlen hervor, bereit,
dem gndigen Herrn und Gebieter jeden Wunsch vom Gesichte abzulesen und
ihn so der Mhe zu berheben, ihm Worte zu verleihen.

Der Knig sah es, lie die Finger seiner Rechten einen zaghaften Appell
auf der Tischdecke trommeln, blickte dann steif vor sich hin, ohne Beyme
anzusehen, und sagte mit sichtbarer Mhe:

"Junge Offiziers maregeln! Beispiel statuieren! Widersetzlichkeit
ausrotten! Haben Befehle gegeben! Er, Beyme, hat fr strikte Durchfhrung
und fr Beruhigung der Stadt zu sorgen!"

Der Kabinettsrat verbeugte sich schweigend.

Der Knig wartete, um irgendein Wort der Entgegnung von seinem Getreuen zu
hren, nahm dann ein bereitliegendes Dokument vom Tisch und reichte es
ihm, sichtlich dadurch belstigt, allein reden zu mssen.

"Lesen!" befahl er.

Schnell wie ein Wiesel eilte der Kabinettsrat auf seinen krummen Beinen
vor, nahm mit tiefer Verbeugung das Papier entgegen, hielt es dicht ans
Gesicht und rollte mit seinen Blicken geschwind die Tintenspuren bis zu
den Unterschriften ab.

Dort blieben sie hngen, unter emporgezogenen Brauen, whrend die Lippen
sich mhten, den erstaunten Kreis der Beine nachzubilden.

"Nun?" fragte der Knig ungeduldig, endlich eine andere Stimme zu hren.

Beyme lie das Dokument bis zur Hhe seines Bauches sinken, zuckte fast
unmerklich mit den Schultern, wiegte den Kopf einmal nach rechts, dann
einmal nach links, tat die Lippen auf - schlo sie aber wieder, senkte die
Blicke und blieb stumm stehen, mit der Miene der verkannten Unschuld.

"Man verlangt von Uns seine Entlassung, Beyme!" sagte der Knig
ungeduldig, da er immer noch keine Antwort bekam.

Beyme blickte auf mit einem rhrenden Augenaufschlag, seufzte aus der
Tiefe eines gekrnkten Herzens und senkte die Blicke wieder, so
alleruntertnigst andeutend, da er sich in das Unabwendbare finden wrde,
wenn's sein mte. Aber er erwiderte keine Silbe.

"Den Kabinettsrat Lombard sollen Wir auch fortschicken - Unseren Minister
Haugwitz auch! Sage Er doch seine Meinung!"

"Majestt!" sagte der Angeredete mit einem gequlten Seufzer. "Dero
alleruntertnigstem Knecht wrde es wenig ziemen, irgendeine Meinung ber
ein Dokument zu verlautbaren, unter dem die erlauchten Namen fnfer
Prinzen des kniglichen Hauses stehen - der beiden Prinzen Brder, des
Prinzen Oranien Hoheit sowie der Prinzen Louis Ferdinand und August!"

"Da stehen auch andere Namen!"

"Namen von Mnnern, die sich des allerhchsten Vertrauens erfreuen drfen,
als welche die Generle Rchel und Pfuhl wohl zu bezeichnen sind, und auch
seine Exzellenz der Finanzminister Freiherr vom Stein -"

"Seine Unterschrift ist Uns allein hier magebend", sagte der Knig
langsam. "Die Prinzen und die Generle sind nichts als Mitlufer. So meint
Er doch auch?"

Beyme hob das Dokument wieder zur Hhe seiner Augen und rollte es noch
einmal rasch mit den Blicken ab.

"Wenn ich meine Ansicht alleruntertnigst vorbringen darf, so zeigt das
Schriftstck allerdings den Minister von Stein als Urheber an. Ganz seine
Art, gerade und ohne Umschweife auf die Sache loszusteuern, ganz seine
Verachtung einer jeglichen hfischen Form! - Auch Seine Knigliche Hoheit,
der Prinz Louis Ferdinand, wrde wohl nicht ermangeln, seine
Geringschtzung fr das Althergebrachte darzutun - jedoch mit mehr Eleganz
und nicht ganz so unverhohlen und schroff."

"Da der Freiherr vom Stein das Schriftstck abgefat hat, daran zweifeln
Wir nicht und halten es auch fr sehr wahrscheinlich, da er es geradezu
veranlat hat", sagte der Knig langsam. "Das ist aber nichts denn
Meuterei!" rief er dann pltzlich mit erhobener Stimme und schlug so
heftig auf den Tisch, da der kleine Kabinettsrat zitternd zurckwich.

In gemessener Ferne blieb er stehen und starrte erschreckt, aber mit
unverhohlener Neugier, seinen Herrn und Gebieter an, der unbeweglich vor
dem Schreibtisch stand und wieder trbe ins Leere blickte.

"Haben den Baron hierherbefohlen, um Uns Rede zu stehen!" sagte der Knig
schlielich und zeigte auf die Tr.

Der Kabinettsrat eilte zur Tr und winkte hinaus.

Ein Adjutant erschien und machte die Meldung. Seine Exzellenz, der
Minister Freiherr vom Stein wre zur befohlenen Audienz erschienen.

"Vorlassen!" beschied ihn der Knig und wandte sich zum Kabinettsrat, der
inzwischen das Dokument auf den Schreibtisch zurckgelegt hatte.

"In der Nhe bleiben!" befahl er diesem kurz und reichte ihm einen Brief.
"Brief des Generalleutnants von Blcher! Lesen! Antwort entwerfen!"

Beyme nahm den Brief, verbeugte sich ehrerbietigst und zog sich mit seinem
Portefeuille in ein Nebenzimmer zurck. Der Knig ging langsam durchs
Zimmer, stellte sich mit dem Rcken gegen den Kamin, blieb dort in
soldatischer Haltung stehen, die Hnde gerade an den Seiten hngend, den
Blick auf die Tr des Audienzzimmers gerichtet.

Die Tr ffnete sich und die breite, gedrungene Gestalt Steins erschien
auf der Schwelle.

Mit einer kaum merkbaren Bewegung des Kopfes beantwortete der Knig den
ehrerbietigen Gru des Freiherrn. Eine kurze Handbewegung deutete auf das
auf dem Schreibtisch liegende Dokument.

"Haben gelesen!" sagte er mrrisch. "Er hat sich Freiheiten genommen. Er
ist Unser Minister fr Zoll-, Manufaktur- und Kommerzwesen, Unser
Przeptor aber nicht. Wer Uns zu dienen hat, entscheiden Wir. Unsere
Brder und Vettern haben da nicht mitzureden. Unsere Minister und Generle
noch weniger! Es sei denn, da Wir sie um ihre Ansicht gebeten haben!"

"Majestt wollen gndigst gestatten -", fing der Freiherr an.

"Aufrhrerische Gesinnung und meuterisches Gebaren dulden Wir nicht. Er
ist an der ganzen Sache schuld. Er hat das geschrieben! - Er hat die
Prinzen und Generle veranlat, ihre Namen darunterzusetzen. Gestehe Er!"

"Das Memorandum habe ich nicht geschrieben. Ich komme aber fr jedes Wort
darin auf, als htte ich es getan!" sagte Stein bestimmt. "Es enthlt
nichts, was nicht durch vorherige Besprechung mit den Unterzeichnern
vereinbart wurde. Die darin zum Ausdruck gelangten Ansichten geben nur die
Befrchtungen wieder, die jeden vaterlndisch gesinnten Mann heute
bewegen: da die Politik der Kabinettsrte und vor allem des Grafen
Haugwitz uns an den Rand des Abgrunds bringt, wenn nicht schleunigst
Abstand davon genommen wird."

"Die Kabinettsrte fhren nur Unseren Willen aus! Haugwitz hat groe
Verdienste um die Krone und hat berdies viele Geschicklichkeit bewiesen.
Da er Neider hat, wissen Wir. Es wird denen nicht gelingen, Unser
Vertrauen zu ihm wankend zu machen. Was hat Er gegen den Grafen? Sage Er
offen seine Meinung!"

"In der Tat", sagte Stein und richtete sich auf, so weit es seine kurze
Gestalt erlaubte. "Ich wrde schlecht mein Amt als Berater der Krone
versehen, wenn ich die Frage nicht offen beantwortete! Der Graf Haugwitz
verdient in keinem Falle das groe in ihn gesetzte allerhchste Vertrauen.
Er treibt hinter dem Rcken Eurer Majestt seine eigene Politik, fr die
die Krone nachher die Verantwortung tragen mu. Eurer Majestt bestimmten
Befehl an ihn, sofort dem Kaiser der Franzosen Allerhchstdero
Kriegserklrung zu berbringen, fhrte er nicht aus, zgerte erst drei
Wochen, ehe er ins franzsische Hauptquartier fuhr, und brachte uns dann
statt des Krieges den Bndnisvertrag mit Napoleon zurck!"

"Zwischen seine Ausreise und seine Heimreise fiel die Niederlage unserer
Verbndeten bei Austerlitz!"

"sterreich und Ruland hatten sich wohl eben nichts Ersprieliches vom
Bndnis mit uns erwarten knnen. Sonst htten sie lieber auf uns gewartet,
als zu frh loszuschlagen und sich die Niederlage zu holen! Haugwitzens
feige, unentschlossene Neutralittspolitik hat die Krone Preuens so
allmhlich um alles Ansehen bei den anderen Mchten gebracht und hat das
Land nach allen Seiten isoliert. Man traut uns nicht, weder Freund noch
Feind. Und so mssen wir jetzt, wo wir um unserer Ehre willen das Schwert
ziehen, allein und ohne Freunde und Bundesgenossen dastehen. Wir werden
einer sicheren Niederlage entgegengehen, wenn nicht Eure Majestt
schleunigst Leute wie Haugwitz, deren Saumseligkeit und Ungeschicklichkeit
alles Unheil verschuldet hat, von der Leitung entfernen."

"Meine Armee wird ihm die gebhrende Antwort darauf geben!"

"Ich befrchte nein. Denn wie sind wir fr den Kampf gerstet? Ohne Geld,
mit veralteten Gewehren und mit Waffenfabriken, die nicht den zehnten Teil
vom Bedarf leisten. Wir haben es versumt, uns beizeiten aus England und
sterreich neue Gewehre zu kaufen. Unser Heer mit allen seinen Vorzgen
besteht zum grten Teil aus Veteranen, die durch lange Beurlaubung dem
Kriegsdienst entfremdet wurden. Es wird von Greisen gefhrt, die bei aller
Rstigkeit doch nicht ber die Erfordernisse des Paradeplatzes hinaus
etwas verstehen. Wie wir damit den kriegsgewohnten Truppen Frankreichs
standhalten wollen, ist unerfindlich. Was geschehen mu, mu also schnell
geschehen. Deshalb haben wir uns entschlossen, Eure Majestt um eine
Entscheidung zu bitten, die Allerhchstdieselbe doch frher oder spter
treffen mssen. Wir bitten also um Entlassung des Grafen Haugwitz, wir
verlangen die Entfernung der Kabinettsrte Lombard und Beyme, die sich
zwischen die Krone und ihre Berater gedrngt haben und die nur verhindern,
da Eure Majestt von der wahren Sachlage der Geschfte gebhrend
unterrichtet werden!"

"Wenn Er, mein Herr Minister, die Unentbehrlichkeit der Kabinettsrte
dartun wollte, Er htte es nicht besser tun knnen als durch das, was Er
soeben vorbrachte. Frwahr, es wird Uns schwer, ein ruhiges Urteil zu
gewinnen, wenn Uns in solch ungebhrlicher Weise, wie jetzt von Ihm,
Wnsche, Bitten und Vorschlge vorgebracht werden. Allein zu dem Zweck tut
es not, treue Diener zu haben, die es verstehen, Uns in geziemender Weise
zu nahen. So mssen Wir es ablehnen, Ihm irgendwie auf seine Vorstellungen
etwas zu erwidern. Wir verweisen Ihn auf seinen Platz, Wir verbitten Uns
jede unaufgeforderte Einmischung seinerseits in die Rechte der Krone, die
Wir allein wahrzunehmen haben und auch wahrnehmen werden, ob es unseren
Untertanen in den Kram pat oder nicht. Er hat sich zu fgen und Uns zu
vertrauen. Weder Unsere Minister noch Unsere Offiziere haben sich um
Unsere Entschlieungen zu kmmern. Und wagen sie's, offen dagegen zu
revoltieren und gar, wie es zu Unserer Betrbnis vorgekommen ist, auf
offener Strae dagegen zu demonstrieren, so werden Wir es verstehen,
Unsere Autoritt zu wahren!"

"Wollen Eure Majestt in Gnaden verstatten? Das, was die jungen Offiziere
sich erlaubt haben, das mag ungewhnlich sein, eine Revolte ist es aber
nie und nimmer gewesen, auch in keiner Weise ein Versuch, gegen des Knigs
Majestt irgendwie aufzubegehren. Dem Feind allein galt jene Kundgebung.
Sie erfolgte spontan und aus dem unwiderstehlichen Bedrfnis, die Ehre des
Landes zu wahren!"

"Die Ehre des Landes wahrt der Knig!"

"Der Knig _und das Volk_. So mu es sein. So wird es kommen. Und da
_die_ Erkenntnis zuerst hier in Eurer Majestt Hauptstadt zum erhebenden
Ausdruck kam, dazu ist Eure Majestt zu beglckwnschen. Ich flehe zum
Himmel, da sich dieses Erwachen des Volkes nicht nur auf Berlin
beschrnken mchte. An jene Kundgebung mssen Eure Majestt anknpfen, von
da aus alles umgestalten, dann sind wir unwiderstehlich, dann kann uns
nichts mehr etwas anhaben. Wie war es aber bis jetzt. Ich habe mich
geschmt, als die Franzosen Hannover berfielen und das hannoversche Volk
den Aufruf zur Rettung des Vaterlandes sich um die Fahnen zu scharen damit
beantwortete, da es alle waffenfhige Jugend auer Landes schickte. Und
berdies der eigenen Armee den Unterhalt verweigerte, wenn sie nicht
schleunigst Kanonen und Ausrstung dem Feind berlieferte, damit der Krieg
nur aufhre. Waren das Deutsche, die so handelten? Ich habe mir immer
wieder die Frage vorgelegt - und immer wieder antworten mssen - _ja, es
waren Deutsche_ - aber _deutsche Knechte_, denen jedes Gefhl der
Teilnahme fr das Geschick des Vaterlandes abhanden gekommen ist, und die
ihre Knechtschaft verdienen, wenn sie nicht lernen, sich selbst zu
befreien! Deshalb habe ich gestern, im Theater, laut mitgejubelt und
mitgesungen, als das groe, heilige Gefhl, fr die Ehre des Landes das
Letzte herzugeben, so hell und klar aufloderte. Denn ich war dabei, und
werde immer dabei sein, wo es gilt! Keinesfalls aber gebe ich mich dazu
her, eine Politik der Knechtung des Volkes und der Kriecherei vor den
Franzosen, wie sie Haugwitz und Lombard wollen, mitzumachen. Noch weniger
lasse ich mir den Mund verbieten, wenn ich Mngel und Schden im Staate
sehe und die Pflicht und das Amt habe, nach bestem Gewissen zur Besserung
beizutragen. Wird das ungndig aufgenommen und gar als Ungebhr gergt, so
bleibt mir nichts, als entweder volles Vertrauen zu verlangen oder um
meinen Abschied zu bitten!"

Der Knig hatte schweigend, ohne sich vom Kamin zu bewegen und ohne eine
Miene zu verziehen, der Rede Steins zugehrt. Er mochte nicht zeigen, wie
sehr die eindringliche Art des Freiherrn auf ihn gewirkt hatte, mochte
auch nicht das, was er als Ungebhr bezeichnen mute, dadurch
sanktionieren, da er irgendwie auf dessen Ausfhrungen einging.

Er ging langsam und steif einmal durchs Zimmer, kehrte dann zum Kamin
zurck und sagte, ohne Stein anzusehen und ohne die Stimme irgendwie zu
erhhen oder im geringsten von seiner gemessenen Art zu sprechen
abzuweichen:

"Werden Ihm Unsere Entscheidung bezglich seines Abschiedsgesuchs zukommen
lassen!"

Eine kurze Handbewegung, und die Audienz war beendet.

Der Freiherr verbeugte sich steif und nicht mehr als ntig, machte kehrt
und ging.

"Beyme!" rief der Knig, und der kleine Kabinettsrat kugelte aus dem
Nebenzimmer herein, den Brief Blchers und das Antwortschreiben in der
Hand.

"Hergeben!" sagte der Knig und setzte sich an den Schreibtisch.

Er lie sich den Antwortsentwurf von Beyme vortragen, nahm dann, ohne ein
Wort des Beifalls oder Mifallens zu uern, Blchers Brief vom
Schreibtisch und las ihn, noch einmal prfend, durch.

Der General schrieb unter anderem:

"aufgefordert durch die tglich immer bedenklichere Lage und gefhrlicher
werdenden Schritte, welche Frankreich sich in militrischer Rcksicht hier
gegen Eurer Knigl. Majestt Grenzen erlaubt, mu ich endlich mein Herz zu
Fen des Knigs, meines Herrn, ausschtten; mu ich als treuer und grau
gewordener Diener von Hchstdero erhabenem Hause meine Ansichten unserer
Lage Frankreich gegenber zum ersten und zum letzten Male Euer Majestt zu
Fen legen. - - - - - Frankreich meint es mit keiner Puissance redlich
und gut, am allerwenigsten mit Euer Knigl. Majestt, als der einzigen
Macht, die seinem Eroberungs- und Unterjochungssystem in Deutschland noch
allein im Wege steht. Es verbirgt sogar seine Ansicht nicht; denn
wenngleich es mitunter se Vorspiegelungen macht, so widersprechen alle
seine Handlungen gegen Eure Majestt diesen geradezu. Die Invasion von
Hannover, der letzte gewaltsame Durchmarsch durchs Ansbachsche, und die
ruberische Besetzung von Essen und Werden, sowie der ganze arrogante Ton,
den der franzsische Monarch sich erlaubt, beweisen Euer Knigl. Majestt
mehr als genug, was ich zuvor gesagt habe. Alle treuen Untertanen Eurer
Knigl. Majestt, alle echten Preuen, und die Armee besonders, haben das
Herabwrdigende dieser franzsischen Demarchen tief empfunden, und fhlen
es noch, und alles wnscht die gekrnkte Nationalehre bald - recht bald -
blutig zu rchen.

Wer das Betragen Euer Kniglichen Majestt aus einem anderen Gesichtspunkt
darstellt - -"

Der Knig sah bei diesem Passus vom Briefe auf und blickte Beyme lange an.
Dann las er weiter:

"- - wer Eurer Kniglichen Majestt zu fortwhrendem Nachgeben, zum
Frieden mit dieser Nation rt, der ist entweder sehr, sehr gutmtig, sehr
kurzsichtig, oder er ist mit franzsischem Golde gekauft -"

Hier unterbrach der Knig das Lesen und warf den Brief auf den Tisch. Er
nahm dann das Antwortschreiben Beymes aus dessen Hnden entgegen, zerri
es, ohne es zu lesen, langsam und bedchtig, zum Entsetzen des
Kabinettsrats und lie die Fetzen in den Papierkorb fallen.

"Wollen dem verdienten General nicht seine soldatische Offenheit strafen!
Wollen aber auch ihm keine unerbetene Einmischung verstatten - ziehen es
vor, ihn ohne Antwort zu lassen."

Beyme verbeugte sich schweigend.

"Hrte Er vorhin, was der Freiherr vom Stein Uns zu erzhlen wute?"

"Der Baron war sehr laut - -"

"Er hat Uns seinen Abschied nahegelegt!"

Der Knig blickte Beyme fragend an. Und dieser glaubte aus der vernderten
Absicht des Knigs dem General Blcher gegenber schlieen zu drfen, da
er doch nicht mehr so unempfindlich gegen die Vorstellungen Steins war,
wie vorhin. Er fand es also klger, einzulenken und demnach zu raten.

"Der Freiherr verdient zweifelsohne eine Maregelung ob seines dreisten
Tones", sagte er zgernd. "Er hat aber im Amte viel Eifer und Tchtigkeit
bewiesen. Will er jetzt zurcktreten, so tut er es nur, um sich der
Verantwortung zu entziehen - wenn das Unglck, das er prophezeit, wirklich
eintreten sollte! Und da verdient er eben seinen Abschied _nicht_ zu
bekommen!"

Der Knig merkte wohl, worauf sein lieber Beyme hinauswollte, sagte aber
nichts, sondern blieb sitzen wie vorhin und blickte geradeaus.

Ein Minister, der mit seinem Rcktritt drohte - das war ihm neu!

Sonst pflegten diese Herren an ihren mtern zu kleben. Neun Zehntel ihres
Strebens ging darauf aus, sich die Gunst zu erhalten. Sie waren fleiig,
enthielten sich eines jeden Widerspruchs, machten ihre Dummheiten mit
grter Diskretion, glatt, delikat unter Wahrung der Form, blieben trotz
etwaiger Futritte auf ihrem Platz, maten sich keine Verantwortung zu,
die ihnen nicht zukam, und belstigten niemals mit Ansichten und
unerbetenen Ratschlgen!

Und nun dieser Stein!

Ein ausgezeichneter Verwaltungsbeamter, ein fleiiger Arbeiter, aber
schroff, steifnackig, eigenwillig, geradeheraus und herrisch! Er stellte
gar Bedingungen! Entweder du tust meinen Willen oder ich gehe!

Das ginge nicht! Das drfte nicht sein! Er sollte bleiben! Er msse sich
aber ducken, msse sich an die Trense gewhnen. Nachher liee sich schon
gut mit ihm fahren!

Der Knig blickte Beyme an, der noch in gespannter Aufmerksamkeit wartete.

"Wollen Uns die Sache noch berlegen!" sagte er kurz. "Seinen Verweis hat
der Freiherr! Die anderen werden ihrem Teil auch nicht entgehen! Er aber
sorge dafr, da uns der Straenpbel mit aufrhrerischen Kundgebungen
nicht noch einmal inkommodiere! Dulden Wir das, so steht das ganze Volk
auf und will mitregieren!"

"Gestatten, Majestt - auf der Strae gibt es immer Leute, die
mitschreien, wo es zu schreien gibt. Sie sind nicht das Volk. Das Volk ist
froh und zufrieden, eine weise Regierung zu haben, die ihm den Frieden
sichert, damit es in Ruhe seinem Erwerb nachgehen kann. Die
Neutralittspolitik von Euer Majestt Regierung hat das bewirkt und einen
noch nicht dagewesenen Wohlstand erzeugt. Man ist berglcklich und
zittert nur vor dem einen: in den allgemeinen Kriegsstrudel hineingezogen
zu werden. Man will den Krieg nicht -"

"Aber man schreit auf den Straen und sucht ihn zu provozieren. Ob Krieg
oder Friede, haben Wir nach Unserem Ermessen zu entscheiden. Wir wollen
den Krieg nicht. Das merke Er sich, Beyme. Er kann gehen!"

Der Kabinettsrat verbeugte sich, so tief es seine kugelrunde Statur
erlaubte, und ging.

Der Knig rief seinen Generaladjutanten und Kabinettsrat fr militrische
Angelegenheiten, den Oberst von Kleist, und verfgte kurz:

"Den kniglichen Prinzen ist zu befehlen, sich sofort zur Armee, zu ihren
respektiven Truppenteilen zu verfgen. Haben zuviel Freiheit gehabt,
mssen sich wieder an Disziplin gewhnen!"

                                    *

Der korsische wilde Jger lie seine Meute los. In der Urheimat der alten
Germanen, im Thringer Wald, fing die Hetze an. Anfangs lauerte die Meute
weit auseinander zerstreut in Sddeutschland, von Passau und Memmingen,
sdlich der Donau, ber Ansbach und Wrzburg bis Frankfurt am Main. Dann
nahmen sie die Fhrte auf und stberten vorwrts aus allen den
verschiedenen Richtungen gegen den einen Punkt, wo Erzgebirge und
Fichtelgebirge einerseits mit dem Thringer Wald, andererseits in stumpfem
Winkel zusammenstoen, sich wie eine schtzende Barriere vor
Norddeutschland legen und nur durch einige Psse im Quellengebiet der
Saale bequemen Durchla gewhren.

Dort wollte der wilde Jger seine Meute vorbrechen lassen, sie auf dem
rechten Saaleufer vorwrts treiben und so die preuische Armee, die sich
nrdlich vom Thringer Wald aufgestellt hatte, berflgeln und von ihren
rckwrtigen Verbindungen abschneiden. - Inzwischen tastete die preuische
Armee zaghaft bald rechts, bald links um den Thringer Wald herum,
unsicher, ob sie den Feind abschneiden, ihm frontal entgegentreten oder,
in der Defensive verharrend, ihn mit verwandter Front, in der
Flankenstellung hinter der schtzenden Saale erwarten sollte.

Ihr Hauptquartier hatte sie in Erfurt.

Erfurt, bis vor zwei Jahren eine stille Stadt in den Landen des Kurfrsten
von Mainz und Grokanzlers des jetzt zertrmmerten Heiligen
Rmisch-Deutschen Reiches, bekam somit nachdrcklich zu wissen, da es zum
Range einer Hauptfestung des gromchtigen Knigreichs Preuen erhoben
worden war.

Die Stadt schien in ein wahres Feldlager verwandelt zu sein.

Tag und Nacht herrschte in den Straen ein reges Treiben. Kanonen,
Munitionswagen und Fahrzeuge aller Art rollten drhnend ber das Pflaster,
da die Hauswnde zitterten und die Scheiben klirrten. Taktfeste Tritte
von marschierenden Truppen, Pferdegetrampel, Trompetengeschmetter,
Trommelschlag, Pfeifenklang, Schreien, Lachen, Schelten, Kommandoworte,
Gerusche aller Art schwirrten durch die Luft.

In den Straen und auf den Pltzen drngten sich Neugierige jeden Standes
und Alters, rannten sich die Rippen ein und zertraten sich fluchend die
Hhneraugen. Stafetten und Kuriere aller Waffengattungen durcheilten mit
Windesschnelle die Stadt in allen Richtungen. Uniformen der berhmtesten
preuischen Regimenter zeigten sich berall, auf dem Anger, im
Karthusergarten und in den Lden auf der "Krmerbrcke". Zopf und
Schnauzbart dominierten und wurden allseitig angestaunt. In den engen
Straen der Altstadt war ein Gedrnge und Getriebe wie seit
Menschengedenken nicht. Und wackere Kriegerburschen pirschten die Gchen
ums Augustinerkloster nach holder Weiblichkeit ab und blickten wohl auch
nebenbei staunend zu den Klostermauern hinauf, hinter denen vor
dreihundert Jahren der hochgelahrte Herr Dr. Martinus Lutherus selbst das
Keuschheitsgelbde abgelegt hatte, als er dorten als Mnch eintrat.

Schsisch, Schlesisch, Rheinisch, Platt und unverflschtes "Balinsch"
kmpften in babylonischer Verbiesterung um den Vorrang im Konzert. Bis
endlich die Kanonen der Zitadelle Petersburg mit dem kniglichen Salut
einsetzten und die Glocken all der vielen Kirchen, vor allem die
altberhmte "Maria gloriosa" des Domes mit ehernen Stimmen die Majestt
des Knigs von Preuen begrten und so Preuen ber alles zur Losung
machten und als Sturmzentrum alles Geschehens proklamierten, von dem aus
es deutsch nach allen deutschen Gauen, Widerhall heischend, schallen
konnte.

Am fnften Oktober sollte beim Knig Kriegsrat abgehalten werden.

Kriegsrat, das heit fr gewhnlich Besttigung und Vermehrung der
Ratlosigkeit bei der Fhrung. So war es auch hier in Erfurt. Da sollten
ein Dutzend oder mehr Kpfe das Unmgliche vollbringen, sich um einen
Entschlu zu einigen, den der Oberbefehlshaber trotz seiner
Machtvollkommenheit nicht allein zu fassen wagte, sei's aus Alters- oder
Charakterschwche, aus hfischen Rcksichten oder um sich einer ihm
lstigen Verantwortlichkeit zu entziehen.

Tchtigkeit und besondere Befhigung allein sind leider nicht immer bei
Besetzung eines Amtes an dieser Stelle magebend. Es gibt hfische
Rcksichten, die da mitreden, Rcksichten auf Familie, Verwandtschaft,
Dienstalter, Rang und Namen, die oft den weniger Geeigneten, zum Schaden
der Sache, an fhrende Stelle verhelfen und verhindern, da die rechte
Person auf den rechten Platz kommt.

So kam es, da der Herzog von Braunschweig, als ltester Feldmarschall und
berhmtester Heerfhrer Preuens, mit dem Oberbefehl betraut wurde. Seine
siebzig Jahre waren kein Hindernis.

Aber - auch der General Frst Hohenlohe-Ingelfingen hatte Ansprche auf
ein selbstndiges Kommando, und man hatte geglaubt, ihm mindestens die
Fhrung einer Armee geben zu mssen. Man schuf also, statt einer
einheitlichen, zwei Hauptarmeen, nominell mit dem Herzog von Braunschweig
als gemeinsamen Oberbefehlshaber, aber doch voneinander ziemlich
unabhngig. Denn der Herzog, voll weltmnnischer Courtoisie, nahm jede
Rcksicht und lie dem Frsten Hohenlohe seinen Kopf fr sich.

Dieser Kopf Hohenlohes hie von Massenbach, Oberst und
Generalquartiermeister-Leutnant bei seinem Armeekommando.

Der Frst selbst war mehr zum Gehorchen als zum Befehlen veranlagt. Er
gehorchte also dem, der ihm in geeignetster Weise befehlen konnte. Und da
das nicht der Herzog war - gehorchte er also, wenn auch unbewut, seinem
Generalstabschef Massenbach.

Dieser war ein Genie. Aber eins von jener Sorte, die besser als alle
anderen wissen wollen, wie man reiten soll, aber selbst nicht reiten
knnen.

Er hatte Ideen - strahlende Ideen - tiefe Ideen - unfabar geniale Ideen,
die alles bisher Dagewesene in Schatten stellten. Er war von seiner
Vollkommenheit ebenso fest berzeugt, wie von der gnzlichen
Bedeutungslosigkeit aller anderen Generalstbler. Er war aus Schwaben, war
apoplektisch, kahlkpfig, hatte rosige, blhende Wangen und redete wie ein
Wasserfall.

Wenn er seine kleinen, runden, braunen Augen aufsperrte, sein Auditorium
fest anblickte und dabei ein Brillantfeuerwerk von gut gespitzten
Argumenten und Widerlegungen in endlosen Wortschlangen ber die
nimmermden Lippen herauslie, dann betubte er sein Auditorium - aber
auch sich selbst, so da er jeden auch noch so begrndeten Einwand
berhrte. Denn er berzeugte weder, noch lie er sich berzeugen. Er
konnte nur sich selbst reden hren und behielt, seiner Meinung nach,
deshalb stets das letzte Wort. Er hatte also recht, war malos erstaunt
und ungehalten, wenn man doch gegen seine Meinung zu handeln wagte, und
tat alles, um es zu hintertreiben.

Also ein unbequemer Untergebener, der an keine Stelle hinpat wo es groe
Entschlieungen zu fassen galt, dem aber trotzdem ein viel zu weitgehender
Einflu eingerumt worden war. Beim Kriegsrat wurde das merkbar.

Man zankte sich dort um die verschiedenen Offensivplne der verschiedenen
Armeeleitungen - obwohl der Herzog von Braunschweig, als Oberbefehlshaber,
aus eigener Machtvollkommenheit den Angriffsplan entwerfen und, ohne
Befragung anderer, ins Werk setzen konnte und mute.

Seine Idee war von Anfang an: sofort mit zehn Divisionen in sechs Kolonnen
den Thringer Wald zu berschreiten, sich bei Meiningen und Hildburghausen
zu vereinigen und von dort aus anzugreifen, eine Division im
Bayreuthischen zu postieren, um die Psse zu besetzen und zu verteidigen,
und drei Divisionen rechts vom Thringer Wald auf der Strae nach
Frankfurt vorgehen zu lassen, um dort das Korps Angereau festzuhalten.

Wre dieser Plan sofort ohne Zaghaftigkeit als berfall ausgefhrt worden,
dann htte man auch sicherlich mit ihm Erfolg gehabt.

Auch wenn die berrumpelung nicht gelang - wenn der Feind schneller sein
wrde und der Bewegung der preuischen Armee zuvorkme, dann vereinfachte
dieser Plan doch die Verteidigung. Denn durch die konzentrierte
Aufstellung bei Erfurt und Weimar war man imstande, dem Feind frontal
entgegenzutreten, wenn er ber den Thringer Wald oder von der Frankfurter
Strae kme, und wre durch die Saale geschtzt, wenn er durchs
Bayreuthische gegen die deutsche linke Flanke vorginge. So htte man die
Rckzugslinie auf Magdeburg und Wittenberg gewahrt und unter allen
Umstnden die Elblinie und Berlin gedeckt.

Der Befehlshaber der zweiten Hauptarmee, Frst Hohenlohe, hatte sich aber
von seinem bergenialen Generalstabschef Massenbach einen ganz anderen
Plan ausklgeln lassen, berwltigend, versteht sich, aber verwirklicht,
unklar und unpraktisch.

In der Hauptsache ging der Plan darauf aus, eine Offensive auf dem rechten
Saaleufer vorzunehmen unter gleichzeitiger Entsendung kleiner Detachements
auf der Eisenacher Strae und Patrouillen durch den Thringer Wald. Unter
gnzlicher Umgehung des Oberbefehlshabers und hinter dessen Rcken
unterbreiteten Hohenlohe und Massenbach dem Knig diesen Plan.

Es gelang ihnen wohl nicht, dessen frmliche Annahme durchzusetzen. Aber
sie stifteten durch ihre Vorstellungen und Mahnungen immerhin allerhand
Verwirrung an, verursachten Zeitverlust, machten den ohnehin durch Alter
geschwchten Oberbefehlshaber unsicher - und verschafften so dem Gegner
noch mehr Zeit, die er gut zu benutzen verstand.

Als der Knig dann bei der Armee ankam, griff der Herzog begierig die
Gelegenheit auf, ihm die Verantwortung aufzubrden, zog sich selbst auf
die zweite Stelle zurck und veranlate Zusammenberufung eines
Kriegsrates, der also den endgltigen Entschlu fassen sollte, zu dem er
allein nicht mehr die ntige Entschlossenheit hatte.

Zum Kriegsrat waren erschienen, auer dem alten, immer noch weltmnnisch
eleganten Herzog von Braunschweig und dem Frsten Hohenlohe, der
achtzigjhrige, stattliche und ungemein berhmte Feldmarschall von
Mllendorf, in jeder Beziehung dekorativ und eine Zierde jeder
Versammlung, und der Kommandierende der dritten Armeegruppe, der kleine
feurige Draufgnger General von Rchel, mit blitzenden Augen unter krausem
weien Haar, entschieden, polternd, herrisch und ein wenig martialisch
sich brstend. In seinen eigenen und anderer Augen war er der gegebene
Oberbefehlshaber, wenn nicht hfische und andere Rcksichten die Prinzen
ihm vorgezogen htten. Jedenfalls sah er in sich den berufenen Hter der
friderizianischen taktischen Tradition, wie sie noch auf den Paradepltzen
mit Eifer und Gewissenhaftigkeit gebt wurde.

Ferner waren anwesend die drei Generalquartiermeister-Leutnants Phull,
Massenbach und Scharnhorst, die berufen waren, unter Fhrung des
Generalquartiermeisters und Kriegsministers Gensau, gemeinsam den
Generalstab zu leiten. Verschiedenartigere Leute als diese drei zogen noch
nie an einem Strang. Phull war unberechenbar, eigenwillig, schrullenhaft,
Scharnhorst ruhig, sicher und methodisch und Massenbach bersprudelnd von
gelehrten Schlagwrtern und von Grnden, gegen die nicht aufzukommen war.

Phulls Strategie ging von der Lage der Magazine aus, hatte sich eins von
diesen Magenzentren ausstrahlendes "Radialsystem" zurechtgelegt und kam
darber nicht hinaus.

Massenbach wiederum klebte am Terrain und verga darber die Truppe.

Wogegen Scharnhorst, mit sicherer Intuition fr die Bedeutung der
Individualitt und deren Schulung, alles darauf legte, offene Augen, einen
klaren Kopf und schnelle Entschlufhigkeit zu schaffen, diese durch
kriegsgeschichtliche Studien zu frdern und so einen Stab um sich zu
scharen, der, von keiner vorgefaten Theorie behindert, jeder der tausend
wechselnden Situationen im Kriege gerecht werden konnte.

Diese drei Systeme fhrten miteinander Krieg und fhrten ihn so mit dem
Feind.

Der kleine, oberflchliche und verbindliche Minister des ueren, Graf
Haugwitz, chevaleresk, hinterhltig, glatt, poliert und leichtfertig wie
immer, war auch dabei. Ihm zur Seite sein Adlatus, der frhere Botschafter
in Paris, Marquis Luchesini. Der Diplomatie dieses Braven verdankte
Preuen den Pariser Vertrag, durch den es zum Vasallenstaat Napoleons
degradiert werden sollte.

Anwesend war ferner, wenn auch ohne Sitz und Stimme im Kriegsrat, die
rechte Hand des Knigs, der Kabinettsrat Lombard, der einflureichste Mann
am Hofe und im Lande verhat wie kein zweiter.

In einer Zeit, in der die Friseure als Anekdotenerzhler und
Neuigkeitskrmer ebenso geschtzt waren wie als Knstler, und ihre
vornehmste Obliegenheit _die_ war: der feinen Welt die letzte Tournure zu
geben - da waren es nur Leute von Esprit, Witz und tadellosen Manieren,
die es auf dieser Laufbahn zu etwas bringen konnten. Sie waren
gewissermaen Hter und Trger des guten Geschmacks und dessen berufenste
Vertreter und waren in Reinkultur, was der hohe Adel erst durch die Kunst
ihrer Hnde wurde. Sie fertigten die mondne Attrappe an, die den Inhalt,
das bliche sndige Fleisch und Blut, mit Anstand verdeckte.

Als Sohn eines Perckenmachers hatte Lombard also in dieser Beziehung
Ahnen erster Gte, auf die er sich berufen konnte. - Er war auch
wohlgebildet, gefllig, weltmnnisch geschliffen, aalglatt und falsch, von
der berlegenheit der franzsischen Kultur vollkommen berzeugt, und also
auch der eifrigste Verfechter einer franzosenfreundlichen Politik. - Er
war Trger der Tradition von der Unumstlichkeit und Machtvollkommenheit
einer Kabinettsregierung, wie sie am preuischen Hofe noch in Reinkultur
bestand. - Er war ohne Ministerportefeuille mchtiger als smtliche
Minister der drei Knige, denen er gedient hatte, und war ohne Sitz und
Stimme in der Regierung doch magebend, weil stets in persnlicher
Berhrung mit dem Knig.

Des weiteren nahmen an der Beratung teil: der wrdige General von
Kckritz, der Generaladjutant Oberst von Kleist, und eine Unzahl Rte und
Schreibersleute!

Prinz Louis Ferdinand war nicht einmal als Zuhrer geladen und wartete mit
Blcher im Quartier des Generals von Rchel auf Nachricht vom Verlauf der
Konferenz.

Das groe Wort bei der Beratung fhrte natrlich Oberst von Massenbach,
der in langen und wortreichen Ausfhrungen zu beweisen versuchte, da
alles Heil nur darin zu suchen wre, mit beiden Hauptarmeen links ber die
Saale abzumarschieren, die feindliche Armee auf dem Marsche anzugreifen,
die Rckzugslinie auf Dresden zu nehmen und so auch Schlesien, das ohnehin
durch Bhmen gedeckt war, noch mehr zu schtzen.

Rchel wrde inzwischen mit seiner Armee irgendwo auf der rechten Flanke
rekognoszieren.

Oberst von Scharnhorst dagegen, ruhig klar und berlegt wie immer, bestand
auf dem hauptschlich von ihm entworfenen Offensiv- und Defensivplan des
Herzogs von Braunschweig, freilich ohne den wortreichen Massenbach dadurch
niederkmpfen zu knnen, und im Bewutsein, da man durch das Zgern wohl
schon den rechten Zeitpunkt verpat hatte.

Man entschied sich endlich weder fr das eine noch fr das andere, belie
die Hauptarmee als Zentrum bei Erfurt, stellte die Armee Hohenlohe, unter
gleichzeitiger Besetzung der Saalepsse, als linken Flgel bei Blankenhain
auf und den rechten Flgel unter Rchel bei Craula. Nebenbei sollte
rekognosziert werden.

Der wankelmtige Oberbefehlshaber hoffte noch im geheimen auf Napoleon.
Wenn nur nicht zur Offensive geschritten wurde, wrde dieser wohl auch
vermeiden wollen, als Angreifer zu scheinen, wodurch womglich noch in
letzter Stunde der ganze Krieg vermieden werden knnte.

In dieser Utopie wurde er allerdings bestrkt durch einen soeben beim
Knig eingegangenen vershnlich gehaltenen Brief Napoleons!

Prinz Louis Ferdinand lachte laut auf, als ihm General Rchel nachher den
Verlauf der Konferenz schilderte.

"Unser Oberbefehl erinnert mich tuschend an ein russisches Dreigespann,
eine richtige Troika", sagte er. "Das mittlere Pferd luft da, wie Sie
wissen, in stetem, ruhigem Trab - die beiden Seitenpferde in Galopp! Alle
ziehen aber in einer Richtung vorwrts. Wogegen beim Oberkommando die drei
Pferde - unsere drei Generalquartiermeister-Leutnants - alle woanders hin
wollen! Scharnhorst in der Mitte hlt den beiden andern, Phull und
Massenbach, die Stange, so gut er kann! Aber der Fahrer auf dem Bock, der
Herzog, gibt ihm nicht den ntigen Rckhalt! Er fhrt unsicher, ist zu
liebenswrdig und zuvorkommend, lt jeden, der behauptet, ein Anrecht
darauf zu haben, zu sich auf den Bock, duldet, da diese unerbetenen
Mitfahrer ihm noch in die Zgel fallen und lt das Fahrzeug bald nach
links, bald nach rechts schwenken, je nachdem sie ihm zurufen: 'Achtung
Stein! Aufgepat eine Grube!'

Im Wagen aber, unter der Krone, sitzt mein Vetter, der Knig, behauptet
die Wrde und lt sich von den auf dem Steg mitschaukelnden beamteten
Ohrenblsern Lombard und Haugwitz schne Vortrge halten ber die
herrliche Aussicht, die man haben knnte, wenn's nicht so neblig wre, und
bersieht darber das schlechte Fahren des Kutschers!

Hinten aber, auf dem aufgestapelten Gepck, sitzt der Kriegsminister
Gensau, klein, dick und dumm, hlt seine Akten zusammen und schreibt und
rechnet und rechnet und schreibt und ordnet immer wieder die Gepckstcke,
deren berflssigstes er selbst ist, je nachdem wie sie, bei der Fahrt auf
dem holprigen Weg, durcheinandergeworfen werden."

"Gensau," sagte Rchel, "von dem hrte ich eben ein entzckendes
Geschichtchen, als ich vorgestern meine Armee verlie, um zum Kriegsrat
hierherzukommen. Die Geschichte ist charakteristisch fr das System und
bt nichts dadurch ein, da sie wahr ist. Ich stie nmlich pltzlich mit
dem alten 'Isegrim', Yorck, zusammen. Hoheit kennen ihn? - Nein?! - Klein,
drr, knarrig, Querkopf erster Gte, sieht berdies aus wie eine schlechte
Karikatur vom Alten Fritzen! - Er stand also da und schimpfte und fluchte
und wetterte ber die Schweinewirtschaft im Generalstabe, ber die
Kopflosigkeit und die Unordnung und die Liederlichkeit bei der
Quartiermachung, kurz ber Gott und alle Welt!

'Da steh' ich,' sagte er, 'und glaube nach beendigtem Tagesmarsch meine
wohlverdiente Ruhe haben zu knnen, und pltzlich meldet sich zu
nachtschlafender Zeit einer meiner Offiziere bei mir.

'Was will Er?' hab' ich gefragt. 'Meldung vom feindlichen Anrcken?'

'Zu Befehl, nichts vom Feind zu sehen!'

'Was treibt Er sich denn herum? Hat Er nicht seine Befehle?' frage ich.

'Zu Befehl, die hab' ich!' sagte er. 'Ich habe Order Quartiere zu
beziehen. - Wir finden aber die Quartiere nicht!'

'Soll ich Ihm helfen?' frage ich. 'Hat ein Oberst und Regimentskommandeur
nichts Wichtigeres zu tun, als Kinderfrauendienst bei den Majors und
Leutnants zu versehen? Wo ist Sein Quartierzettel? Zeige Er her!'

Und ich nehme den Zettel und lese ihn vor, denn da stand deutlich und klar
der Name des Dorfes, wo er Quartier nehmen sollte. Und ich wasche ihm noch
grndlich den Kopf und werfe ihm den Wisch wieder hin.

Da sagt er ganz ruhig: 'Lesen kann ich auch! Und was drauf auf dem Zettel
steht, wei ich ebensogut zu deuten, wie der Herr Oberst selbst. Aber mit
Erlaubnis zu sagen - ich mchte das Dorf nicht nur angewiesen haben, ich
mchte es auch tatschlich haben!'

Das ging denn doch zu weit. - 'Soll ich Ihm den Weg zeigen? Schere Er
sich! Was zum Kuckuck behelligt Er mich mit dergleichen?' schreie ich ihn
an und kriege einen roten Kopf und gebe ihm noch einmal einen Denkzettel,
der sich gewaschen hat.

Der Kerl rhrt sich aber nicht vom Flecke! Er geht nicht! Er steht nur da
und hrt in aller Ruhe zu, wie ich ihm mit Schweinerei und saumigem
Dienst und dergleichen um die Ohren werfe, und feixt auch noch und sagt
dann endlich: 'Wenn das Dorf zu finden wre - ich htte es schon gefunden!
Wir haben die ganze Gegend abgesucht! Aber nichts zu sehen! Die
Nachbardrfer, ja, _die_ waren da, aber unser Dorf nicht! Kein Mensch
wute etwas vom ganzen Dorf! Endlich haben wir einen uralten Kster vor
der Tr seines Hauses gefunden - der sagte uns Bescheid. 'Das Dorf,' sagte
er, 'war einst das grte und reichste hier in der Gegend - bis der
Dreiigjhrige Krieg kam! Der lie aber keinen Stein auf dem anderen, der
vertilgte das Dorf mitsamt den Bewohnern spurlos vom Erdboden!' - So sagte
der Kster. Aber auf der Karte des Generalstabes steht das Dorf immer noch
verzeichnet - in den Quartierlisten der Armee auch! Und da drinnen, in dem
Dorfe sollen wir nun wohnen!'

So eine Sauwirtschaft ist nur unter dem alten Gensau mglich', sagte Yorck
und fluchte und trug mir in drei Teufels Namen auf, die Sache gelegentlich
des Kriegsrats vorzubringen, was ich auch mit Wonne besorgt habe! Das war
meine Zutat zur heutigen Beratung! Mehr praktische Arbeit wurde von mir
weder geleistet noch verlangt, und von den meisten anderen 'Beratern' auch
nicht!"

Der Prinz lachte noch toller. Blcher aber, rgerlich ber die lange Dauer
der Beratung, schimpfte gleich los.

Rchel htte von Rechts wegen das Oberkommando haben mssen - der Prinz
hier mindestens ein Armeekorps statt einer Division, und er, Blcher
selbst, mte die ganze Kavallerie unter sich haben, dann stnde man jetzt
nicht noch hier! Dann htte man lngst die Franzosen auseinandergejagt,
den Rheinbund gesprengt und den sauberen Knigen von Napoleons Gnaden, den
von Bayern und den von Wrttemberg mitsamt ihrem badischen Bundesbruder
gezeigt, wo man im deutschen Vaterlande von Gottes Gnaden zu Frsten
ausersehen wre! Eine Schmach war's, da sie, obwohl Deutsche, gegen
Deutsche kmpfen wollten! Ein Bldsinn aber von der preuischen Regierung,
zu glauben, diese Abtrnnigen nur dadurch vom Kampf abhalten zu knnen,
da Napoleon sie nicht angriffe! Denn, ob er als Angreifer oder
Angegriffener dastnde, gleichviel! Die dreiundsechzigtausend Mann
Bayerns, Schwabens und Hessen-Darmstadts wrden doch gegen Preuen
marschieren und helfen es einzuengen! Dagegen wre nur eins am Platze
gewesen: schnell wie der Wind dazwischenfahren! Und wenn ein paar von den
Zaunknigen Napoleons dabei vom Ast gefallen wren - schaden tte das der
deutschen Sache nicht! Solche Frsten knnte man entbehren!

Die Armeeleitung wute aber nicht mehr, was sie wollte. Sie lie jede gute
Gelegenheit, dem Feind einen Streich zu spielen, vorbergehen und schien
nur zu dem einen entschlossen zu sein: stets zu spt zu kommen.

So hatte man erst jetzt, wo man sicher sein konnte, da die franzsischen
Korps ihren Standort lngst verlassen hatten, den groen Entschlu gefat,
ihnen mit einem khnen Husarenstreich in die Quartiere, wo sie nicht mehr
lagen, zu fallen, um ihren natrlich lngst stattgefundenen Aufmarsch zu
stren! Und statt sich damit zu begngen, sich mit ein paar Schwadronen
bei diesem nachtrglich mutigen Unternehmen zu blamieren, wollte man die
ganze Vorhut unter dem Herzog von Weimar quer durch den Thringer Wald, zu
ebendiesem Zweck schicken! - Ganze zwlftausend Mann, die bei der
Hauptarmee viel ntiger waren, aber jetzt todsicher dort fehlen wrden,
wenn's zur Entscheidung kme! Und das waren von den besten Truppen
Preuens!

Da waren darunter das berhmte Regiment Kuhnheim, das lteste der Armee -
das Regiment Braunschweig-Oels, das seinerzeit den Sieg bei Turin
entschied - das Regiment von Borck, das unter Blchers eigenen Augen bei
Kaiserslautern in Schritt und Richtung wie auf dem Paradeplatz
marschierend die franzsischen Linien durchbrach - da waren das seit
Zorndorf, Kollin und Prag berhmte Pommernregiment Owstien, das
Grenadierbataillon Graf Wedel, die Yorckschen Jger, die Husarenregimenter
von Pletz und von Zieten - nchst seinen eigenen "Roten", auf die er
nichts kommen liee, die besten der Armee! - Lauter Kerntruppen, auf die
ein Verla sei! Und die lie man ziehen! Man war doch ohnehin viel zu
schwach! Durch Stockung der Anwerbung, durch Desertionen und durch die
vielen Invaliden, die beim Ausmarsch zurckbleiben muten, waren die
Truppenteile sowieso weit unter den Bestand gesunken, den sie haben
sollten! Viele Tausende waren so verlorengegangen! Und die ostpreuischen
Truppen waren berhaupt nicht ausgerckt! - Das waren ber zwanzigtausend
Mann. Fast fnfzehntausend hatte man aus Angst vor den lieben Polen im
Herzogtum Warschau und zur Verstrkung der Garnisonen in den nicht
bedrohten schlesischen Festungen gelassen! In Westfalen fhlte man sich
auch der Bevlkerung nicht sicher und lie dort fast ebensoviel stehen! -
Von den westpreuischen Truppen hatte man, dmlicherweise, eine
"strategische Reserve" gebildet, die irgendwo in der Luft hing und
sicherlich erst zum Vorschein kommen wrde, wenn's zu spt wre und die
anderen Truppen abgekmpft waren - sicherlich aber nicht, wenn sie
bentigt wrde! Von der ganzen berhmten preuischen Armee, von
zweihundertundzwanzigtausend Mann, war nur die Hlfte zur Stelle, auer
den achtzehntausend Sachsen, die nicht zhlten! berhaupt die
Bundesgenossen! Die htten ganz anders angepackt werden mssen! Kurz und
gut erklren: Entweder du marschierst mit und schlgst dich, wo es eine
deutsche Sache gilt, oder ich verschlucke dich! Sonderinteressen gibt's
nicht! Was war das nun wieder fr eine Schlappschwnzigkeit der
preuischen Diplomatiker gewesen, all den kleinen Frsten Neutralitt
zuzugestehen?! Mecklenburg, Anhalt, die Schwarzburg, die Lippe, die
schsischen Herzge, den Herzog von Braunschweig, alle lie man neutral
bleiben - und Kurhessen durfte gar abwarten, bis es she, auf welcher
Seite es zum Sieg kme, ehe es sich entschlsse einzugreifen! Kursachsen
schickte blo seine halbe Armee, Weimar ein - sage und schreibe - ein
Bataillon Jger!

"Das sind alles in allem fnfzigtausend Mann, die wir htten _mehr_ haben
knnen, wenn wir nur den Mut gehabt htten, einmal gegen diese
Herrschaften bestimmt aufzutreten! Aber das wagten wir nimmermehr! Was
heit das, von Kurhessen eine derartige Niedertracht zu dulden! Das
liebugelt mit dem Korsen und will sich seinem Rheinbund anschlieen und
ihm die Stiefelsohlen lecken, wenn er ihm blo gestattet, Darmhessen zu
schlucken! Und rutscht auf dem Bauch vor Preuen und macht auch den
Norddeutschen Bund mit, wenn wir ihm zugestehen, die angrenzenden kleinen
Standesherrschaften zu annektieren! Und schmeit uns den ganzen Bund um,
weil wir dazu nur 'nein' sagten statt den Kurfrsten fest am Genick zu
packen und ihn auf die Knie zu zwingen! Himmeldonnerwetter, htte man mir
nur freie Hand gelassen, als ich auf dem Weg hierher durch Kassel kam. Ich
htte den guten Kurfrsten schon beim Schlafittchen genommen! Ich htte
uns die hessische Armee, mir nichts dir nichts, angegliedert! Und
mitgegangen wre sie! Aber da kamen wieder die berhmten Kontraorders vom
Kabinett, und nun knnen wir sehen, wie wir's machen! Ich wrde kein Wort
darber verlieren, wenn es nur sonst ein Ende nhme mit dieser bodenlosen
Unentschlossenheit und diesem Hin und Her ohne Reim und Rson! So geht's
ja nie und nimmer mit zwei kommandierenden Generalen und drei
Quatiermeistern, die alle woanders stehen und alle was anderes wollen, und
kreuz und quer kommandieren und nachher, jeder fr sich, die Entscheidung
vom Knig holen, der selbst nicht wei, ob er alles oder gar nichts will!

Dabei ist die Armee noch in der Umbildung, hat die Einteilung in
Divisionen kaum durchgefhrt, geschweige denn jemals im Ernstfall
ausprobiert! Wenn die Leute, die uns heute kommandieren, uns da nicht eine
groe Schweinerei bescheren, will ich gehngt sein! Ich bin gespannt, was
schlielich bei dem Kriegsrat herauskommt!"

"Ich nicht!" sagte der Prinz, dem das Schimpfen des alten Haudegen
sichtbar groes Vergngen bereitete. "Wenn mein Vetter gescheit wre,
wrde er tun wie unser gemeinsamer Ahnherr, der groe Friedrich, und
rundweg jeden Kriegsrat verbieten. Er wrde die ratlosen Herrschaften nach
Hause schicken und Rchel und Sie, Blcher, und mich zu sich rufen und
sagen: 'Jetzt macht die Sache, ihr drei! Macht sie schnell, macht sie gut,
sucht den Feind auf und schlagt ihn!' Das tut er aber nicht, er ruft Herrn
Beyme, er ruft Herrn Lombard! Und Lombard, der ergraute, parfmierte
Friseurjngling - der Allerweltscharmeur, der blasierte, lebensmde
Genumensch - Lombard kommt tnzelnd herbei und lispelt delizis: '_Sire,
vous voulez la guerre? Quelle horreur!_ Wou _la guerre_? Man verstndigt
sich - schliet einen Kompromi - beseitigt die Differenzen - reicht sich
die Hnde! Unter Leuten von Welt das Leichteste, das Einfachste was sich
denken lt! Jener Parvenu - jener Kaiser von Pbels Gnaden - er ist noch
zu neu in seiner Wrde, er hat noch keine Manieren! Gehen wir ihm mit
gutem Beispiel voran!'

Und dann setzt sich der Herr Lombard an den Schreibtisch, streift die
Spitzenmanschette zurck, taucht mit Grazie seinen Federkiel in
franzsisch parfmierte Tinte und schreibt soigniert, formvollendet, ohne
den geringsten Versto gegen die lngst abgestorbene Etikette, in
tadellosem Franzsisch, aber im Namen des Knigs von Preuen - ein
Manifest, als einzige Antwort auf die Unverschmtheit Napoleons, unser
Ansbach zu besetzen! Und der Knig lt gehorsamst das Elaborat seinen Weg
in den Papierkorb des Korsen, statt in den seinigen nehmen! Er befiehlt
uns nicht, sofort wie der Blitz dreinzusausen und mit blanken Hieben im
eigenem Blute des Unverschmten die einzige ihm gebhrende Antwort zu
schreiben! Das htte unverzglich und unverzagt schon vor Wochen getan
werden mssen! Da htten wir die Franzosen zum Teufel gejagt! Aber
jetzt - -"

"Eine Schmach ist es!" rief Blcher, "eine Schmach und Schande, wenn man
bedenkt, welcher Sprache sich jener kleine Kerl unseren Frsten gegenber
erfrecht! Schockschwerenot! Setzt der uns unten am Rhein seinen Schwager
auf die Nase, jenen Bckerjungen aus Cahors, den Seiltnzer Murat! Den
macht er zum Herzog von Berg, lt ihn unsere Abteien Essen, Eltern und
Werden nehmen und dehnt so seinen Rheinbund immer weiter nordwrts aus,
engt uns immer dichter ein - sucht Sachsen und Hessen auch heranzulocken
und lt uns dann gndigst wissen, wenn wir uns darber beschweren, da er
so den Norddeutschen Bund hintertreibt: _Er_, Napoleon, htte die
Unabhngigkeit aller deutschen Frsten garantiert, _er_ werde keinen
Oberherrn unter ihnen dulden!

_Das_ mu sich ein Knig von Preuen ins Gesicht sagen lassen! Und zieht
nicht gleich vom Leder, ruft nicht alles, was deutsch spricht, unter die
Fahnen zum Kampf gegen den Frechling, sondern berlegt's noch, macht einen
Schritt vorwrts, zwei Schritte rckwrts und blo halb mobil, zaudert und
berlegt und fragt: 'Soll ich, soll ich nicht? - Liebt er mich? Liebt er
mich nicht?' Wo es doch sonnenklar ist, da er uns absichtlich auf die
Hhneraugen treten wollte!"

"Der Knig hofft noch den Frieden zu bewahren - er hofft im letzten
Augenblick den Krieg abzuwenden", sagte der Prinz. "Und leider ist das
ganze Oberkommando ebenso vertrauensselig und tut nichts, um seine Zweifel
zu entkrftigen! Ein Glck ist es, da ich die Vorhut der zweiten Armee
habe, und da Sie, Blcher, die von der Hauptarmee jetzt bernehmen! Wir
werden uns da nichts entgehen lassen, nicht wahr?"

"Nein, hol' mich der Teufel, da soll mich nichts zurckhalten!"

"Die erste Gelegenheit, mit den Franzosen handgemein zu werden, nutze ich
aus! - Sie sollen's sehen, ich mach's, und das wird eine Sache, von der
man reden wird! Und dann _gibt's kein Zurck_! Fr die Ehre Preuens,
Blcher, fr den Ruhm der preuischen Armee, dafr setze ich mein Leben
ein! Das schwre ich!"

"Ich auch, bis zum letzten Blutstropfen!"

Sie gaben sich die Hnde, und Rchel, als Dritter im Bunde, legte auch den
feierlichen Schwur ab, gab dann Blcher die Befehle, auf die er wartete,
und hie ihn sich auf seinen Posten begeben. Prinz Louis Ferdinand holte
sich noch vom Prinzen Hohenlohe Instruktionen und sa kurz darauf im
Sattel, um seine Division in Rudolstadt aufzusuchen.

                                    *

Im Schlosse zu Jena dampften die Schsseln auf der Tafel des
kommandierenden Generals. Man hatte im Oberkommando der Hohenloheschen
Armee einen Mordshunger. Seit drei Tagen war man zu keinem rechten
Mittagsmahl gekommen, immer trafen gerade zur Tischzeit Hiobsposten ein,
die getroffene Dispositionen ber den Haufen warfen und ohne Verzug neue
verlangten.

Im Salon warteten die Mittagsgste des Frsten, der General Sanitz, der
fr den erkrankten General von Prittwitz die in Jena stehenden Reserven
kommandierte, die beiden Adjutanten, Major von der Marwitz und Major
Loucey, und einige Stabsoffiziere.

Die Stimmung war gedrckt. Ein Teil der Avantgarde unter Tauentzien war
von Bernadotte besiegt - der Rest unter Louis Ferdinand bei Saalfeld
geschlagen, der Prinz selbst gefallen! Man war zur Unterhaltung wenig
geneigt. Jeder der Anwesenden hatte seinen guten Teil Zweifel und
Ungewiheit zu tragen und zgerte, ihm Worte zu verleihen. Und schlielich
war man, wie gesagt, hungrig und entschlossen, sich wenigstens heute nicht
stren zu lassen, sondern erst auf die Schsseln einzuhauen und dann auf
den Feind.

Der Frst lie auf sich warten.

Er beriet noch im Arbeitszimmer mit seinem getreuen Massenbach und
diktierte verschiedene sofort zu erledigende Dispositionen. Der Hunger
setzte ihm wohl ebensosehr zu wie seinen Gsten, die drauen warteten.
Aber erst kommt der Dienst, und der verlangte heute schnellen Entschlu!
Dann wrde die Suppe um so besser munden, und man htte, nach dem Essen,
auch ein Viertelstndchen Zeit zum Ausruhen - was bei einem Sechziger, dem
die Strapazen des Hoflebens gelufiger waren als die im Lager, nicht ganz
ohne Bedeutung zu sein pflegt.

Die ersten Donnerschlge des Korsen waren gefallen, der Nebel, der seine
Absichten bis jetzt verhllte, hatte sich fr einen Augenblick verzogen;
man erkannte, aus welcher Richtung das Gewitter nahte, sah, was man
versumt oder falsch gemacht hatte, und traf Manahmen, der ersten
Verwirrung zu begegnen und die Dinge der neuen Sachlage gem zu ordnen.

Massenbach, sonst nicht gewohnt bei seinem fr gewhnlich gutmtigen und
gefgigen Herrn Widerspruch zu finden, hatte heute einen schweren Stand.

Der Frst hatte schlielich auch seine eigene Haut zu Markte zu tragen. Er
war nervs und ungehalten, die Verantwortung fr Fehlschlge auf sich
nehmen zu mssen, die der bereifrige Eigensinn seines
Generalquartiermeisters verschuldet hatte. Er warf ihm vor, absichtlich
unklare und zweideutige Instruktionen an die Unterbefehlshaber gegeben zu
haben, wodurch jeder von ihnen sozusagen einen Freibrief auf
eigenmchtiges Vorgehen erhalten und auch, zum Schaden des Ganzen, davon
Gebrauch gemacht hatte.

"Es geht nicht," sagte der Frst, "wenn man einen Befehl erteilt,
gleichzeitig anzudeuten, da man die Sache vielleicht doch lieber anders
gemacht haben mchte! Ich habe mir unsere an den Prinzen Louis Ferdinand
ergangenen Befehle vorlegen lassen. Der Prinz mute nach ihnen glauben,
das Wohl der ganzen Armee hinge davon ab, uns den Flubergang bei
Saalfeld zu sichern. Deshalb warf er sich mit seiner einen Division dem
ganzen Korps Lannes entgegen und nahm einen aussichtslosen Kampf mit dem
Feind auf, statt sich, wie befohlen, in Ordnung zurckzuziehen und nur in
Fhlung mit ihm zu bleiben! Und da haben wir die Niederlage! Seine
Division in alle Winde zersprengt, die Stimmung bei der brigen Armee
verdorben und die Siegeszuversicht der Soldaten aufs schwerste
erschttert!"

Das wre keineswegs der Fall, meinte Massenbach, zog schleunigst alle
Schleusen seiner Beredsamkeit auf und berschwemmte den Frsten mit einer
Schwallwoge von guten Grnden.

- Kleine Fehlschlge - und nur um einen solchen handelte es sich in diesem
Fall -, kleine Fehlschlge kmen stets im Kriege vor; damit msse man
rechnen, wie schmerzlich sie auch seien! - Die Schlappe bei Saalfeld wrde
keinesfalls die Stimmung bei den Truppen verderben! Was Prinz Louis
Ferdinand in der Beziehung gefhrdet htte, hatte er durch seinen
Heldentod wieder gutgemacht!

Hier nahm Massenbach den Mund recht voll, gab im breitesten Schwbisch
eine begeisterte Lobeshymne altpreuischen Heldengeistes zum besten, lie
die kriegerische Tugend des echten Hohenzollernsprossen in den hehrsten
Farben schillern, beschrieb, wie der Prinz, als er seine fliehenden Reiter
zum Stehen bringen wollte, im Strudel mitgerissen wurde und vergebens
dagegen ankmpfte - wie er, als sein Pferd beim bersetzen eines
Gartenzaunes hngenblieb, von den Franzosen eingeholt wurde -, wie er sich
dann mit Lwenmut gewehrt, Pardon weder gegeben noch genommen hatte,
vielmehr den Stern des Schwarzen Adlers auf seiner Brust mit dem Hut
bedeckt, um nicht als Prinz erkannt und geschont zu werden, und wie er so
lieber mit dem Tod als mit der Schmach der Gefangenschaft seine Niederlage
besiegelte!

Sonst war Massenbach des Eindrucks seiner Beredsamkeit auf den Frsten
sicher. Heute aber versagte sie total!

Keine Rhrung, kein Seufzer, keine Trne! Auch kein einziges Zeichen des
Beifalls, als er die Nachricht hinzufgte, die Trmmer der Division Louis
Ferdinand seien von General Grawert, der ihnen von Orlamnde aus nach
Rudolstadt entgegenrckte, aufgenommen und neu geordnet worden!

"Die Schlappe bei Saalfeld war schon der zweite Donnerschlag, der uns
traf! Tauentzien bescherte uns den ersten bei Schleiz!" sagte der Frst
rgerlich. "Und Sie haben alles mit verschuldet, Massenbach! Htten Sie
nur Ihren Plan: mit Gewalt das Hauptgewicht der Operationen auf das rechte
Saaleufer zu verlegen, zurckgesteckt und strikte die Order des
Hauptquartiers befolgt! Nun wissen die Generle nicht aus noch ein! Ein
jeder handelt fr sich - meine Armee steht berall zerstreut! - Keine
Sammlung, keine Einheit! Wenn's _jetzt_ zum Schlagen kme, sind wir beim
ersten Ansto in alle Winde zerstreut!" -

Auch gegen _die_ Besorgnis hatte Massenbach ein beruhigendes Pflaster
bereit.

- Er htte, wie der Frst ihm schon vorher in weiser Voraussicht bedeutet
hatte, Stafetten mit Marschorders berallhin ausgesandt, und aus allen
Richtungen strebten schon die zerstreuten Teile der Armee zum linken
Saaleufer hin! Verschiedene Truppen wren schon angelangt! Die schsischen
Regimenter zgen sogar in dieser Minute durch die Stadt! Nachmittags wolle
er, Massenbach, selbst hinauf nach dem Landgrafenberg und dahinter, an der
Schnecke und am Kapellendorf, wie befohlen, das Lager ausstecken. Es wre
sogar hchste Eile damit, um fertig zu werden, ehe die Truppen einrckten!

- Ob nicht in Anbetracht dessen Seine Durchlaucht die Gnade haben mchten,
zu befehlen, da aufgetragen werde? Die Suppe wrde sonst kalt werden! -

Da kam ihm der Frst mit dem dritten Donnerschlag von dem mit Windeseile
ber den Thringer Wald hinaufziehenden napoleonischen Gewitter und teilte
ihm die soeben eingegangene Nachricht mit, Naumburg mit seinen reichen
Vorrten und Magazinen wre gefallen!

"Naumburg?" flsterte Massenbach und wurde ganz still.

"Ja," sagte der Frst, "und das haben wir auch durch unsere unklare
Befehlsgebung, an der Sie nicht so ganz unbeteiligt sind, verschuldet!
Derlei unliebsame berraschungen, wie jetzt mit Naumburg, setzt man sich
nicht aus! Ich hatte bestimmte Befehle gegeben, die dem vorgebeugt htten,
wenn sie befolgt worden wren. Ich hatte, wie Sie wohl wissen, unseren am
weitesten nach Osten stehenden vorgeschobenen Postierungen befohlen,
gegebenenfalls sich _ohne Kampf_, aber in steter Fhlung mit dem Feind,
von Hof ber Schleiz nach Naumburg zurckzuziehen und uns stets _ jour_
mit allem zu halten! Der Graf Tauentzien aber verwechselte, von Ihnen
angesteckt, seinen Posten als Kommandant der Avantgarde mit der Stellung
eines Oberkommandierenden! Er disponierte selbst, schlug sich gegen Befehl
und wurde, wie sie wissen, von Bernadotte aufs Haupt geschlagen! Damit
fing's an! Das war das _Horsd'oeuvre_! Weil Tauentzien sich statt auf
Naumburg nun so allmhlich hierher, nach Jena, mit dem Rest seiner Truppen
zurckziehen mute, fehlte mir seit Tagen jede Nachricht ber die
Fortschritte der Franzosen auf dem Wege nach Leipzig! Die htten wir
lngst haben mssen und unsere Gegenmanahmen beizeiten treffen knnen,
stnde Graf Tauentzien heute wie befohlen in Naumburg, statt bei uns zu
dinieren!"

"Der Graf hat abgesagt! Dienstlich verhindert!" beeilte sich Massenbach
einzuwerfen, wagte dann noch eine schchterne Erinnerung an die wohl
lngst erkaltete Suppe vorzubringen und fand diesmal bei seinem Herrn ein
geneigteres Ohr. Denn der durchlauchtige Magen fing immer gebieterischer
an, sich Geltung zu verschaffen.

Man verfgte sich also in den Speisesaal, trat an den reichgedeckten
Tisch, die Diener schoben die Sthle zurck, die Tafeldecker hoben die
Deckel von den Schsseln, appetitlich duftende Dmpfe reizten die Gaumen,
das Vorgefhl kulinarischer Gensse erheiterte die Stimmung - man wurde
gesprchig, fing an, alles in Rosenrot zu sehen, lie Vergangenes
Vergangenes sein, lffelte vergngt die delikate Suppe aus und sah schon
den Madeira in den Glsern funkeln.

Da strzte atemlos, unter gnzlicher Miachtung einer jeglichen Etikette,
der Kammerdiener des Frsten herein.

"Die Franzosen sind in der Stadt!" schrie er leichenbla, und all die
erhobenen Suppenlffel blieben auf halbem Wege zu den aufgesperrten
Mulern stehen, um sich dann langsam wieder auf die Teller zu senken.

"Die Franzosen?" sagte der Frst unglubig. "Unsinn! Sie knnen nicht
fliegen!"

Und er lffelte wieder seine Suppe, kaltbltig, wie's sich einem erprobten
Kriegshelden geziemt.

Aber einige von den Stabsoffizieren meinten, es wre doch wohl mglich!
Sie htten den Feind am Tage zuvor gesehen, als sie den Vorposten Befehl
berbrachten, und es wre schon anzunehmen, da er heute seine Streifzge
bis nach Jena ausgedehnt htte! Die Adjutanten eilten hinaus, um sichere
Nachricht zu verschaffen. Massenbach aber a fr drei, in beschleunigtem
Tempo, und der Frst, der sich auch nicht gern beim Essen stren lie,
befahl den Fisch zu servieren. Er schnalzte vor Wohlbehagen beim Anblick
der leckeren Forellen, die sich graublau und mattsilbern unter hellgelben
Zitronenscheiben auf den glnzenden Schsseln behaglich rekelten. Er lie
sich ein paar auf den Teller geben, nahm reichlich Butter dazu und fing
schon an, die grte zu zerlegen.

Da ging drauen ein Geschrei und ein Getse los, als wre das Jngste
Gericht pltzlich ber das Land Thringen hereingebrochen - ein Laufen
war's, ein Fahren, ein Fluchen, ein Poltern! Der Frst lie Messer und
Gabel sinken, lie Forelle Forelle sein, erhob sich vom Tisch, befahl, die
Pferde vorzufhren, lie sich Hut und Degen geben und ging aus dem
Speisesaal hinaus, von allen Anwesenden gefolgt, mit Ausnahme von
Massenbach.

Der hatte sich fest vorgenommen, sich heute durch nichts von der Stillung
seines Appetits stren zu lassen, weder vom Kaiser Napoleon noch von
irgendeinem anderen Engel des Gerichts! Er nahm also ruhig seinen Platz
wieder ein und gab dem Hofmeister einen Wink - die Lakaien traten mit
gefllten Schsseln an, und der Herr Generalquartiermeister nahm ihnen die
Parade ab, revidierte aufs grndlichste, was sie an Proviant noch vorrtig
hatten, und verschonte auch nicht die Batterie von Flaschen, die
aufgefahren war! Indessen auf den Straen der Lrm wuchs und den Ohren des
schmausenden Helden das geeignete kriegerische Tafelkonzert lieferte.

Drauen sah es wst aus. Der Markt war berst mit fortgeworfenen Gewehren
und Patronentaschen, deren sich die durchmarschierenden schsischen
Regimenter, von wilder Panik ergriffen, entledigt hatten. Auf der
Saalebrcke war ein wirrer Knuel von festgefahrener Artillerie und
Munitionswagen, ein Schreien und Fluchen, um loszukommen, und schlielich
ein rasches Davongaloppieren der Gespannpferde, nachdem die Fahrer die
Strnge durchschnitten und sich in die Sttel geschwungen hatten. Durch
alle Tore strmten Soldaten in die Stadt hinein, um durchs nchste wieder
hinauszufluten; die Jenenser, von der allgemeinen Angst ergriffen,
sperrten sich in ihre Huser ein und gaben auch manchen von den wackeren
Vaterlandsverteidigern einen Unterschlupf - lieen aber dafr die bei
ihnen in Quartier liegenden Offiziere nicht hinein, um ihr Gepck und ihre
Pferde zu holen. Alles schien den Kopf total verloren zu haben. Einzig ein
paar Regimenter der unter Tauentzien stehenden geschlagenen Avantgarde,
die von Hof ber Roda nach Jena gekommen waren, nachdem sie mit dem Feind
handgemein gewesen waren und also wuten, wo er war und was sie an ihm
hatten - einzig sie behielten die Fassung. An ihrer Spitze umritt denn
Hohenlohe die Stadt, um die Friedensstrer, falls sie wirklich noch da
waren, zu stellen und zu schlagen.

Da, wo er hinkam, war aber nichts zu sehen. Einige Leute wollten Franzosen
auf den Bergen um die Stadt herum bemerkt haben. Und da der Frst, bei
nherem Nachsehen, ein paar Uniformen zwischen den Bschen dort oben
bemerkte, so schickte er Patrouillen hinauf, um nach dem Rechten zu sehen.

Sie kamen zurck und brachten als Gefangene - einige Verwundete von der
bei Saalfeld versprengten Division des Prinzen Louis Ferdinand mit, die
weder in Lazaretten noch in Brgerhusern Unterkunft gefunden hatten, die
auch, wie fast die ganze durch Gewaltmrsche gehetzte Hohenlohesche Armee,
in den letzten drei Tagen nichts gegessen hatten und nun, um ihren Hunger
zu stillen, dort oben in den Feldern nach Kartoffeln gruben. Fr ihre
Entbehrungen hatte ja auch die bekanntlich pnktlich waltende Nemesis der
Weltgeschichte den Frsten durch ebenso hufige Strungen seiner
Mahlzeiten gestraft, da ja _er_ die Verantwortung zu tragen hatte und sein
Generalquartiermeister nur zu sndigen brauchte!

Diese armen Leute waren es, die den Schrecken ber Stadt und Land
losgelassen und so vielen tapferen Leuten eine schmhliche Niederlage
bereitet hatten.

Ein paar Hasenfe von der Strae hatten sie gesehen und "die Franzosen
kommen!" geschrien. Und gleich war der Teufel los, Lrm wurde geschlagen,
Besinnung, Mut und Ordnung waren hin, und eine Schlacht ging verloren, in
der es nur Besiegte, aber keinen Angreifer und also auch keinen Sieger
gab!

Der Frst kehrte an der Spitze seiner Tapferen in die Stadt zurck, befahl
die ineinandergefahrene Artillerie auseinanderzubringen und die Fahrer,
die die Strnge durchgeschnitten hatten und geflohen waren, festzunehmen
und mit aller Strenge der Kriegsgesetze zu bestrafen - eine Aufgabe, die
die schsische Generalitt gtigst bernahm und auch pnktlich - - bis auf
die Bestrafung - durchfhrte!

So konnte sich der Frst endlich wieder zu Tisch setzen und in den
inzwischen bei der Verwirrung grndlich geleerten Schsseln Nachschau
halten. Viel fand er nicht mehr vor, die Forellen waren lngst in andere
Gewsser hineingeschwommen, die Lakaien hatten vor Schrecken in ihren
Verstecken weder sehen noch hren knnen, und der Herr
Generalquartiermeister war auf die Berge geklettert, um das Lager
auszustecken, das noch vor Sonnenaufgang bezogen werden sollte.

So endete der erste Tag der fr die Franzosen so glorreichen Schlacht bei
Jena.

Aber mancher tapfere Bursche knirschte vor Wut mit den Zhnen, als er von
der Panik hrte, und schwur hoch und heilig, wenn es wirklich zum Kampf
kme, die Schmach mit dem Blute der Franzosen abzuwaschen oder selbst
dabei ins Gras zu beien!

Am nchsten Tag kamen der Knig und der Herzog von Braunschweig von Weimar
herbergeritten. Sie wollten mit Hohenlohe die auf Grund der erlittenen
Niederlage Tauentziens und Louis Ferdinands vernderte Sachlage beraten
und beschlieen, was nun zu tun wre, um sich der nach dem Fall Naumburgs
drohenden berflgelung zu entziehen und aus der Falle hinter der Saale
wieder herauszukommen.

Das Resultat der Beratung wurde, da das Hauptheer von Weimar ber
Auerstedt auf die Unstrut zu in Marsch gesetzt werden sollte. Rchel, der
mit seiner Armee in Erfurt stand, sollte folgen, zunchst nach Weimar -
der Herzog von Weimar sollte von seinem "Husarenstreich" nach Franken
zurckberufen werden, Hohenlohe die Saalebergnge bei Jena, Dornburg und
Camburg besetzen, um den Flankenmarsch der Armee zu schtzen und dann
nachkommen. In Sachsen wollte man sich mit der Reservearmee unter dem
Herzog von Wrttemberg treffen und so vereint dem Feind entgegentreten.

Der Rand des Saaleplateaus, vorzglich der Landgrafenberg, sollte besetzt,
aber kein Angriff unternommen werden.

Man trennte sich wieder.

Der Frst, der sich bestimmt vorgenommen hatte, wenigstens heute zu Mittag
zu essen, wollte sich eben zu Tisch setzen, als ihm wieder zwischen Lipp'
und Bechersrand eine Probe gegeben wurde, wie sehr die Disziplin in seiner
Armee gelockert war und wie wenig er sich auf sie verlassen konnte.

Zunchst wurde er durch die Nachricht gestrt, da der Feind die dicht bei
Jena stehende Feldwache angegriffen hatte - was ja an sich keine
Katastrophe bedeutet htte, wenn jene Nachricht ihm nicht durch den Chef
jener Feldwache selbst berbracht worden wre, der auch gleich,
vorsichtshalber, sein ganzes Wachkommando nach der Stadt mitgenommen und
also dem Feind offene Bahn gelassen hatte. Das mute schleunigst in
Ordnung gebracht werden und wurde auch durch den Adjutanten des Frsten,
Major Loucey, mit einem Bataillon eines der in Jena stehenden Regimenter
Tauentziens besorgt. Auerdem bekam der schsische General Senft, der
zwischen Jena und Dornburg stand, Befehl, mit seinen Dragonern die neue
Feldwache zu untersttzen, die Saaleufer zwischen Dornburg und Jena zu
beobachten, Dornburg zu besetzen und auch mit einigen Eskadrons nach
Camburg zu gehen, um die dort befindliche Brcke, die in die Hnde der
Franzosen gefallen war, zu nehmen.

Der General tat das alles uerst saumselig, wofern er es berhaupt tat,
dirigierte eine Eskadron halbwegs nach Camburg und setzte sich mit dem
Rest seiner Dragoner irgendwo zur Ruhe. Der Frst wute aber davon nichts.

Es stand jedoch in den Sternen geschrieben, da der gute Frst, der sosehr
die Freuden der Tafel liebte, gerade in dieser Beziehung seines Lebens
nicht froh werden sollte!

Mit Entbehrungen seines durchlauchtigen Bauches mute er die Snden seines
Kommissariats vergelten, das so schlecht fr das leibliche Wohl seiner
Soldaten sorgte. _Nolens volens_ mute er die Qualen des Hungers selbst
leiden fr alles, was die braven Soldaten entbehren muten! Und gar noch
fr die Sachsen, obwohl diese ein eigenes Oberkommando, eigene Verpflegung
und eigenen Generalstab hatten und ihn in dieser Hinsicht gar nichts
angingen!

Das hinderte sie aber nicht, einen Kriegsrat ihres
Verpflegungsdepartements, mitsamt dem Adjutanten der kommandierenden
schsischen Exzellenz, zum Frsten zu schicken, mit der kategorischen
Mitteilung: Wenn die Preuen ihnen nicht sofort zu essen gben, wrden
sie, die Sachsen, sogleich abmarschieren und den Krieg Krieg sein lassen!

Der Frst verzog keine Miene bei der wenig erfreulichen Tatsache, da
seine halbe Armee angesichts des Feindes mit Rebellion drohte. Er
versprach alles und schickte sofort seinen braven Massenbach spornstreichs
nach Weimar zum Knig, um Brot fr die Sachsen zu erbitten. Denn er war
davon berzeugt, wo kein anderer etwas Ebares verschaffen knnte, da
wrde Massenbach bewirken, da die Steine zu Brot werden wrden. Aber leer
kme er nicht zurck! -

Nachdem der Frst diese Anordnungen getroffen hatte, setzte er sich nicht
noch einmal zu Tisch, denn das hatte er sich schon abgewhnt und als
aussichtslos aufgegeben! Sondern er bestieg sein Pferd und begab sich ins
Lager, lie die Truppen aus den Zelten hervortreten und ritt die Front ab.

Es wurde eine lange Inspektion.

Er ritt die preuischen und schlesischen Bataillone ab, beim rechten
Flgel der Aufstellung anfangend, fragte sie nach allem - ob und wie und
mit was sie versorgt waren -, was sie bekommen und was sie nicht bekommen
hatten? Er redete mit ihnen von den alten Feldzgen, die sie gemeinsam mit
ihm durchgemacht hatten, sprach wie ein Kamerad, sprach auch wie ein
Vorgesetzter, schn und markig, von altpreuischem Geist, von
ruhmgekrnten Fahnen und altbewhrter Waffentchtigkeit, von Treue und
Pflicht, von Knig und Vaterland - entflammte so den Mut und den
nimmermden guten Willen der Braven und bekam gleich Gelegenheit, ihn auf
die Probe zu stellen.

Denn noch hatte er den linken Flgel nicht abgeritten, da knatterte und
ratterte es links herum am Rande des Saaletales los, und die Nachricht
wurde ihm gebracht: Jena wre gerumt und auch evakuiert - die Franzosen
wren drin, und Tauentzien, der die Avantgarde befehligte, wre auf den
Landgrafenberg heraufgekommen! Leider aber fast gleichzeitig mit ihm die
an Zahl weit berlegenen Franzosen, so da er sich vom Talrand kmpfend
zurckziehen mute!

Da war kein Zweifel mehr, was zu tun war! Als alter erprobter Kriegsmann
lie der Frst sofort Fsiliere und Jger tiraillierend vorgehen und den
Feind aus dem nchsten Forst, wo er sich festgesetzt hatte, wieder
hinauswerfen. Er setzte dann preuische Grenadiere und reitende Artillerie
in Marsch, um die Franzosen, die noch nicht in allzu groer Strke auf dem
Plateau sein konnten, wieder in das Saaletal hinunterzuwerfen, von dem
sie, bei weniger Schlamperei und besserem Aufpassen der Vorposten, niemals
htten heraufkommen drfen! Alles jubelte ihm zu und war des Sieges gewi.
Der Frst wollte auch seine Tapferen in hchsteigener Person anfhren und
war schon im Begriff, den Befehl zum Angriff zu geben.

Da kam Massenbach, den ein ungndiger Himmel nicht unterwegs das Genick
hatte brechen lassen - da kam dieser Unglcksmensch spornstracks aus
Weimar zurckgesprengt, wohin ihn ein mignstiges Geschick in
berflssiger Sorge um den Magen der guten Sachsen entsendet hatte! Da kam
er atemlos an und brachte als erstes den strikten Befehl des Knigs: unter
keinen Umstnden irgendeinen Angriff zu unternehmen.

Der Frst wtete und schlug sich zornig mit der Reitgerte auf den Stiefel,
als wre der Stiefel Massenbach. Er fluchte und wetterte und beteuerte:
Wenn der Knig hier wre, wrde er selbst zum Angriff blasen lassen! Die
Gelegenheit wre gnstig, es galt die Sicherheit, ja die Existenz der
ganzen Armee. Man msse den Franzosen schnell wieder vom Plateau
hinunterwerfen! Nach einigen Stunden wre er zu stark, da wre es zu spt!
Also keine Zeit, erst aus Weimar Befehle einzuholen! -

Massenbach zuckte mit den Schultern, sperrte seine runden braunen
Gucklcher auf, blickte dem Frsten unverzagt ins Gesicht und wiederholte,
mit vor Ehrfurcht zitternder Stimme, den kniglichen Befehl, hier keinen
Angriff zu wagen, aber sofort nach Dornburg zu gehen, um die dort
verlorengegangene Brcke zurckzunehmen, damit der Abmarsch der Hauptarmee
ungestrt vor sich gehen konnte.

Befehl ist Befehl.

Zhneknirschend fgte sich der Frst, befahl seinen Braven, statt vorwrts
auf den Feind zu gehen, links abzuschwenken und nach Dornburg zu ziehen,
setzte sich selbst an die Spitze, da er nun schon das Kommando bernommen
hatte, lie die Franzosen auf dem Plateaurand bleiben und berlie es dem
General Tauentzien, mit der Avantgarde die Hauptstellung zu bewachen.

Diese Stellung, vom Lager bei Kapellendorf bestimmt, war von dem
bergenialen Massenbach fast mit dem Rcken gegen den Feind gewhlt. Ob er
es tat, um wieder einmal etwas anders und origineller als gewhnliche
Leute zu sein - um dem Feind recht nachdrcklich seine Verachtung zu
zeigen -, oder aus bergroer Hflichkeit, um es ihm recht bequem zu
machen, der preuischen Armee in den Rcken zu fallen, das mag
dahingestellt bleiben!

Massenbachs Genie reichte aber nicht so weit, anzunehmen, da der Feind
sich gewi nicht um des Knigs von Preuen Verbot, zu kmpfen, kmmern
wrde! Da man aber den Gehorsam so weit trieb, sich auch kopflos aller
Vorteile einer starken Stellung zu begeben - da man also die Saale nicht
einmal so lange verteidigte, da man die Absichten des Feindes erriet - da
die Brcke ber den Flu nicht abgebrochen, die Stadt Jena gerumt wurde -
da der Talrand ohne Widerstand dem Feind berlassen und ihm gar Zeit und
Raum gegeben wurde, dort, auf den beherrschenden Hhen festen Fu zu
fassen, so wre wohl vorauszusehen gewesen, da man, ungeachtet aller
Verbote, doch gezwungen werden wrde, eine Schlacht anzunehmen.

Man htte sich also ebenso gern gleich, ohne jene Fehler zu begehen, unter
unverhltnismig gnstigeren Bedingungen schlagen knnen und mssen.
Statt spter eine Schlacht in offenem Gelnde gegen vielfache bermacht
liefern zu mssen, htte man sich auf ein aussichtsreiches Nachhutgefecht
in vorzglichen Stellungen beschrnken und mit dem Gros der Hauptarmee
nachziehen knnen.

Durch den Kadavergehorsam seines Generalquartiermeisters Befehlen
gegenber, die der Befehlende selbst, nach Kenntnisnahme der vernderten
Sachlage, sicherlich sofort zurckgenommen htte, und durch seine eigene
Machtlosigkeit gegen diesen seinen bsen Geist, verlor Hohenlohe so die
Schlacht, schon ehe sie geschlagen war.

                                    *

Am Nachmittag desselben Tages kletterte ein kleiner Mann in grauem Rock,
den dreieckigen Hut auf dem Kopfe, den Abhang des Landgrafenberges hinauf,
stellte sich da oben auf den hchsten Auslug, die Arme ber der Brust
verschrnkt, und blickte ber die Gegend aus.

Ein paar kurz hingeworfene Worte von ihm gengten, und gleich flogen
Kuriere nach allen Richtungen hinaus mit Befehlen fr die kaiserlichen
Marschlle, schleunigst, wo sie auch waren, auf Jena zu marschieren, wo
man allem Anschein nach die preuische Hauptarmee gestellt hatte.

Inzwischen zog aber die preuische Hauptarmee ganz woanders in aller
Gemtsruhe weiter an der schtzenden Saale entlang.

Auf dem Landgrafenberge bei Jena bereitete sich das Gewitter vor.

Aus allen Schluchten, die rundherum zur Kuppe hinauffhrten - aus dem
Rauhtal, dem Mhltal, aus der Eule und dem Steiger, fluteten in endlosem
Strom nach und nach an die hunderttausend Mann hinauf mit Ro und Wagen,
mit Rohren und Protzksten!

Wie ein Gewimmel geschftiger Ameisen, so kribbelte und krabbelte es von
kleinen nervigen, schnellfigen Kerls gegen den einen Punkt hin, wo der
kleine Mann im grauen Rock stand.

Bume wurden gefllt, Wege mit Geistergeschwindigkeit hervorgezaubert, und
lngs der so gewonnenen Bahnen glitten immer neue Reihen von Kanonen,
Protzksten und Pulverkarren hinauf. Und von oben keine Strung, kein
einziger Schu, kein berraschender Angriff der preuisch-schsischen
Armee, die, teils im Lager bei Kapellendorf, teils um Dornburg herum in
weitlufige Quartiere gelegt, an alles andere eher dachte als daran, den
unerbetenen Gast wieder in die Schluchten hinabzuwerfen.

Der kleine Mann stand da unbeweglich als ruhender Punkt und Richtzeichen
in all dem Getriebe, das auf ihn zustrebte, um nachher, von seiner Hand
zusammengefat, sich wieder strahlenfrmig, wie aus einem Fcher heraus,
ber die Gegend zu ergieen und die preuische Armee zu umfassen, sobald
der Augenblick dazu da wre.

Der Wind spielte mit den Schen seines langen grauen Mantels. In der
zunehmenden Dmmerung verwob sich ihr Flattern mit den aus den Schluchten
der Saale aufsteigenden Dnsten, die immerfort zunahmen, als ginge der
Nebel von den grauen Rockschen aus. Immer dichter wurden die Dnste,
schon fllten sie die Tler und die Schluchten und lieen einzelne Kuppen
nur noch als briggebliebene Inseln aus der berschwemmung herausragen,
bis auch sie versanken und das Wolkenmeer sich vom Thringer Wald, ber
die Unstrut, bis weit nach der Elbe hin ausbreitete, Stdte und Gehfte
verschlang und alles Leben vom Erdboden vertilgte.

Im Schutz dieses Nebels fing der kleine graue Mann an, seine Netze zu
legen und seine Fallen zu stellen, schnell, behende, sicher und leise
schleichend wie das Unheil selbst.

Sorglos ruhte das Wild. Nur weit in der Ferne und auer Bereich des
Waltens jenes unheilschwangeren Geistes wachte ein Wille, von bsen
Ahnungen getrieben - ein Wille, der die Macht des Zauberers brechen
wollte. Aber er war noch unfrei, noch von den Fesseln blinden Gehorsams
gebunden.

Blcher - denn er war es - ging da, von qulender Unruhe getrieben,
rauchte sein kurzes Pfeifchen, schnupperte nach allen Windrichtungen hin,
rusperte sich, hustete die sauverfluchten Nebeldmpfe aus, spuckte und
fluchte ber den drckenden Dunst, der das Atmen behinderte und den
Ausblick versperrte!

Er dachte daran, wie er einst im Traum den Wolken des Himmels Blitze
entri und die Nebel verscheuchte.

Ja, das wre so etwas, frei zu fliegen, die Augen offen, alles sehen, im
Fluge das Notwendige gleich erfassen und blitzschnell zur Tat werden
lassen, statt wie jetzt, am Gngelbande eines anderen, Befehle
auszufhren, die der erste beste Stabsoffizier ebensogut bewltigen
knnte!

Als ihn heute unterwegs der Befehl des Knigs erreichte, sofort seine
Truppen zu verlassen, um zu ihm ins Hauptquartier zu kommen, da dachte er:
jetzt ist deine Zeit da, jetzt braucht man dich zu etwas, was nur du
leisten kannst!

Er ritt schnell wie der Wind hin und kam abgehetzt an - nur um die
Nachricht zu empfangen, der Knig schliefe und wnsche ihn erst am
nchsten Morgen zu sehen.

Eiliger war's also nicht!

rgerlich suchte er sich Nachtquartier in einer Scheune und ging nun davor
auf und ab und lauschte auf die tausend verschiedenen Laute, die, wie
Hilferufe Ertrinkender, von allen Seiten aus dem Nebel herausdrangen.

Alles Leben schien von dem feuchten, klebrigen Dunst verschlungen. Fort
war die stolze preuische Armee, fort die strammen Grenadiere mit ihren
steif gedrehten Zpfen und stolzen Schnauzbrten, fort die bunten Rcke
der Husaren, die Harnische der Krassiere, die wehenden Helmbsche und
blitzenden Seitengewehre! Alles war fort, alles versunken in den wogenden
Nebelschwaden, aus denen das Rollen der Rder, das Wiehern der Pferde, das
Rufen und Pfeifen und Trommeln immer gedmpfter herausdrang, um
schlielich zu verstummen, je nachdem wie die marschierenden Gruppen ihre
Biwake einnahmen.

Keine Mdigkeit vermochte aber den einsamen Mann dazu zu bringen, sich
auch zur Ruhe zu begeben. Am liebsten htte er sich an die Spitze seiner
"Roten" gesetzt, wre, auch ohne Befehl, aufs Geratewohl in den Nebel
hineingaloppiert, htte die Gegend bis zur Saale nach Franzosen
abgepirscht, htte das Kroppzeug gestellt, und, wie schon sooft, mit dem
preuischen Husarensbel traktiert.

Aber, es wollte hier alles befohlen sein! Und die Kunst des Befehlens war
den wenigsten gegeben!

Der Teufel mochte auch wissen, wo seine "Roten" biwakierten und wie weit
sie zurckgeblieben waren! Ohne sie gelnge kein Streich! Die anderen von
der Kavallerie, das waren eben die anderen!

Stunde um Stunde verging; die Dnste begannen allmhlich eine hellere
Frbung anzunehmen; irgendwo im Osten whlte etwas Gelbliches sich mhsam
Weg durch die Nebel. Hoch und hher stieg es, ohne mehr zu erreichen, als
die Dichtigkeit der Dunstschleier noch anschaulicher zu machen. Ein fahles
Licht war alles, was bis zur Erde durchsickern konnte, so da man zur Not
noch die Hand vor den Augen sah! Rundherum fing es aber an zu heulen und
zu rufen, als zgen die alten Recken der Urzeit wiederum zur Jagd auf den
Thringer Wald, whrend die Rder ihrer Streitwagen ratterten, die Pferde
wieherten und die Sippen folgten, unter Geschrei und Gejohle, um die
erlegte Beute zu zerteilen und fortzubringen.

Das Getse nahm zu und schwoll, vom Nebel zusammengefat, immer
unheimlicher an.

Jetzt zogen die alten Heidengtter zum Ragnark aus; die Midgardsschlange
ringelte ihren Leib um die Welt; der Fenriswolf sperrte seinen Rachen auf;
alles eilte dem Endkampf entgegen - die Gtterdmmerung war da!

Und er mute hier auf Befehle warten, statt sie selbst wie zndende Funken
in den Tumult hineinzuschmettern!

Er hielt's nicht lnger aus. Er befahl, das Pferd vorzufhren, lie seine
Adjutanten wecken - seinen Sohn, den Rittmeister von Blcher und den
Rittmeister Graf von der Goltz - und ritt, von ihnen gefolgt, um sich beim
Knige zu melden.

Der Knig war schon zu Pferd. Er lie Blcher wissen, da bei Ksen
Franzosen ber die Saale gegangen waren, und da er gegen sie vorgehen
msse. Befehle mge er sich beim Oberkommandierenden, dem Herzog von
Braunschweig, holen.

Der Herzog gab Blcher, da die "Roten" noch nicht angelangt waren, von der
Division Schmettau mit, was von den Heisingschen Krassieren und vom
Dragonerregiment Knigin da war. General Schmettau, der seine Kavallerie
selbst gut gebrauchen konnte, nahm das gewaltig krumm, ohne es indessen
ndern zu knnen.

Blcher selbst, nicht gerade froh, seine eigenen Leute nicht um sich zu
wissen, lie aber fnf gerade sein, lie zum Sammeln blasen, setzte sich
an die Spitze der Regimenter und galoppierte in den Nebel hinein!

Auf dem Landgrafenberg bei Jena aber war sein Widersacher, der kleine Mann
im grauen Rock, nicht mig gewesen. Ihm hatte keiner etwas zu befehlen.
Und das Glck war mit ihm. Kein Feind strte sein waghalsiges Unterfangen,
seine ganze Armee die Schluchten nach dem Berg hinaufklimmen zu lassen -
kein berraschender Angriff beim Aufmarsch -, kein pltzliches
Hineinkarttschen in die marschierenden Massen. Alles ging wie am
Schnrchen. Und er selbst biwakierte inmitten seiner Garden auf der
hchsten Kuppe so ruhig, als schliefe er in seinem Bett in den Tuilerien.
Nichts konnte seinen Schlaf stren, weder trbe Ahnungen noch der aus
allen Schluchten des Saaletales hervordrngende Lrm, der die ganze Nacht
anhielt, bis seine stolze Armee oben und nach allen Seiten hin in die
vorbezeichneten Stellungen aufmarschiert war!

Selbst hatte er schon die Stellungen der preuischen Armee rekognosziert
und war bisweilen so nahe an sie herangekommen, da er Feuer bekam und
sich schnell niederwerfen mute.

Dann fing er, vom Nebel begnstigt, an, seine Truppen wie Schachfiguren
hin und her zu schieben, schob Davoust mit seinem Korps weit ber Naumburg
hinaus, um die preuische Armee von ihren Verbindungen abzuschneiden, zog
selbst alles Erreichbare von dem anderen Korps an sich heran und stand zum
Losschlagen bereit.

Gegen Morgen fing es dann an im Nebel zu rattern und zu knattern. Das
zeitweilige Aufblitzen des Mndungsfeuers aus den Gewehren und Geschtzen
gab zu erkennen, wo Freund und Feind waren, lie aber keinen Schlu auf
die Menge oder die Art der kmpfenden Truppen zu.

Die Preuen griffen an.

Graf Tauentzien hatte die Bataillone Erichsen, Pelet und Rosen bei
Closewitz-Ltzeroda und im Issenstedter Forst aufgestellt und ging selbst
von Dornburg aus mit mehreren schsischen Bataillonen vor. Gegen sich aber
hatte er die drei Divisionen des Marschalls Lannes mit vielem Geschtz.
Ganze Regimenter lste dieser als Tirailleurs auf, die Tauentziens kleine
Schar so heftig bedrngten, da er sie auf Vierzehnheiligen und Altengnne
zurcknehmen und hinter den Divisionen des Generals Grawert in
Aufnahmestellung fhren mute.

Dieser hatte den Nachteil von Massenbachs dumm gewhltem Lager nach
Mglichkeit wieder gutzumachen gesucht. Er hatte seinen linken Flgel
linksherum auf Klein-Romstedt geworfen, bekam so die Front auf
Vierzehnheiligen und kehrte, wie sich's gehrte, dem Feinde das Gesicht
zu, statt den Rcken, was ihm nachtrglich gar das Lob eines groen
Feldherrn eingebracht hat.

Gegen Grawert schwrmten nun die franzsischen Tirailleurs wie die
Grasmcken aus und fllten die ganze Gegend. Ihnen war auch Artillerie
beigegeben, so da der Aufmarsch der Division Grawert im heftigsten Feuer
stattfinden mute. Trotzdem avancierten die Grenadiere so ruhig, als wren
sie auf dem Exerzierplatz. Mit klingendem Spiel ging's im Geschwindschritt
vorwrts, so da die Infanterie dicht hinter der auf Linien
auseinandergezogenen Kavallerie blieb. Fast bis zu Vierzehnheiligen heran
kamen sie. Dann lie Hohenlohe haltmachen, um das Fallen des Nebels
abzuwarten.

Der Feind indessen wartete nicht, sondern scho wacker hinein in die wie
Schiescheiben dastehenden Reihen und lichtete sie nach Krften. Er selbst
war nicht zu sehen. Hinter jeder Unebenheit des Bodens nahm er Deckung und
hatte seine Kanonen so gut eingegraben, da vom Rohre nichts zu sehen war.
Da sowohl Infanterie wie Kavallerie durch diese ununterbrochene
Belstigung unruhig wurden, war ja nichts natrlicher, als die letztere
gleich zur Attacke anzusetzen, sie zwischen die tiraillierenden Monsieurs
hineinsausen zu lassen und diese auf die preuische Infanterie
zuzutreiben. Aber der Gedanke fand bei der Fhrung keine Gegenliebe, die
Kavallerie blieb weiter auf dem Flecke als Zielscheibe und durfte ihre
Sbel nicht gebrauchen.

Endlich fiel der Nebel, und vor den Augen der Tapferen tauchten die
franzsischen Linien auf, wie sie mit klingendem Spiel zum Angriff
vorgingen und weit ber die beiden Flgel der Preuen hinauslangten.
Hinter ihnen standen ganze Kolonnen, von denen immer mehr Leute in die
Linien einschwenkten, je nachdem, wie sie sich dehnten und Lcken
entstanden.

Vor der drohenden berflgelung wankte und wich bei den Preuen alles
zurck. Und wo's zurckgeht, ist's vorbei mit Vertrauen und Zuversicht.
Hier und dort ri Unordnung ein, die Unordnung artete zur Flucht aus. Und
der Franzose, nicht faul, lie seine Kavallerie los, wo er die geringste
Verwirrung witterte. Wie die Affen sausten die kleinen betrunkenen Kerls
drein, fuchtelnd und schreiend, und ritten alles nieder, schon weil sie
ihre eigenen Pferde nicht halten konnten.

Manch preuischer Kavallerist bi vor Wut die Zhne zusammen oder fluchte
laut ber die unfhige Leitung, die es gar nicht zum Dreinhauen kommen
lie! Sie raubte so den Preuen ihre beste Waffe, setzte sie falsch ein,
zog sie in Linien aus, lie sie im Karttschenfeuer stehen oder nur
schleichend vorrcken - etwas, was weder Leute noch Pferde aushielten.
Voll Neid schielten sie zu den Sachsen hinber deren Kavallerie, obwohl
nicht besser, weit mehr leistete, weil sie besser gefhrt war.

Immer mehr rckte die Front der Franzosen vor, unter Trommelschlag und
schmetternden Fanfaren, drckte die Mitte gegen das Dorf Vierzehnheiligen,
bog den rechten Flgel um die preuische Linie herum - schob seinen linken
Flgel weit ber die nach Weimar fhrende Chaussee hinaus und umfate den
preuischen rechten. Der Rckzug artete in Flucht aus. Die schsischen
Bataillone Maximilian, Rechten und Winkel nahmen dabei mechanisch die
Fhrte auf die nchste Chaussee auf, gleichviel wohin sie fhrte, und
kamen so gen Weimar, was ganz verkehrt war. Und die Nchststehenden
folgten in gleicher Richtung. Auf dem linken Flgel dagegen gingen
Tauentzien und Holtzendorf auf Apolda zurck. Die Armee wurde dadurch in
zwei Teile gerissen, und der Feind, nicht saumselig, schob nach, was er
konnte, und frderte so nach Krften die Trennung.

Die Ankunft des Generals Rchel mit seinen fnfzehn Bataillonen nderte an
der Niederlage nichts. Gegen die bermacht konnte seine Armee ebensowenig
an wie die Hohenlohes, der seine Soldaten keinesfalls an Tapferkeit
nachstanden.

Er lie sie in Treffen geordnet, staffelweise - "_en chelons_" -
vorrcken. Sie schlugen sich brav, solange es ging, wankten dann, wichen
und flohen. Er selbst wurde auch, wie alle anderen Befehlshaber, verwundet
und vom Strudel der Fliehenden mitgerissen. Sein ganzes Vorgehen hielt den
doppelt berlegenen Feind nicht von der Verfolgung ab - es war blo eine
Einzelhandlung mehr in dieser aus lauter Teilkmpfen bestehenden Schlacht,
in der grozgige Fhrung nur auf seiten Napoleons zu finden war.

Whrend dies alles sich bei Jena zutrug, war weiter nrdlich auf dem
Plateau hinter der Saale, bei Ksen, Blcher mit der Avantgarde in den
Nebel hineingaloppiert. Er stie dann pltzlich auf etwas, das er fr eine
Hecke ansah, bald aber als feindliche Infanterie erkennen mute. Er
segnete den Nebel, der es ihm so ermglicht hatte, in den Rcken der
feindlichen Aufstellung zu kommen, fluchte aber, weil er nicht daran
gedacht hatte, den Oberbefehlshaber gleich um mehr Truppen zu bitten, und
schickte den Grafen von der Goltz spornstracks zurck, um Infanterie und
reitende Artillerie zu holen. Dann wrde er versuchen, die feindliche
Aufstellung aufzurollen, und es wre ihm auch gelungen.

Aber sein Adjutant kam nicht zurck, sein Sohn, den er nachschickte, kam
wohl wieder, aber ohne Bescheid.

Weder Infanterie noch Artillerie wurden ihm geschickt, dafr fuhr eine
Batterie die Chaussee nach Hassenhausen in Karriere hinauf und wurde vom
Feind in der Fahrt genommen.

Blcher gab dann seinen Eskadrons Befehl zur Attacke, um auch so die
feindliche Infanterie zu durchbrechen. Sie erhielten zwar von links
starkes Karttschenfeuer, gingen aber trotzdem erfolgreich vor, bis auf
einmal, durch irgendeine Schlamperei, bei irgendeiner Schwadron "Kehrt"
geblasen wurde, und infolgedessen alles stockte und zurckwich.

Blcher stellte die Ordnung wieder her und erneute den Angriff. Um das Ma
der Unordnung vollzumachen, wurde er aber dabei im Rcken von der eigenen
Artillerie beschossen, und da war es aus! Die Kavallerie, die sich
umzingelt glaubte, wich, und als Blchers Pferd erschossen wurde und man
den General selbst fallen sah, wandte sich alles zur Flucht, und er
selbst, auf dem Pferd eines Trompeters nacheilend, wurde vom Strom der
Fliehenden mitgerissen. Vergebens stellte er sich mit einer Standarte in
der Hand den Leuten entgegen, und bat und beschwor sie, stehenzubleiben, -
sie waren nicht zu halten.

Inzwischen waren die Divisionen von Schmettau und Wartensleben rechts und
links von der von Auerstedt nach Hassenhausen fhrenden Chaussee
aufmarschiert und zum Angriff vorgegangen, um dem Feind diesen seinen
einzigen Sttzpunkt diesseits der Saale zu entreien.

Ihre altgewohnte Taktik aus der friderizianischen Zeit - das Avancieren
_en chelons_ -, Bataillonssalven abzugeben und mit dem Bajonett den Rest
zu erledigen, kam trotz aller Tapferkeit nicht gegen die neue Kampfart des
Gegners auf.

Sie litten entsetzlich im Tirailleurfeuer der behenden Franzosen, deren
Karttschen groe Gassen in ihre wie Zielscheiben dastehenden Glieder
rissen.

Gleich zu Anfang der Schlacht wurde General Schmettau erschossen. Der
Herzog schickte darauf seinen Generalquartiermeister Scharnhorst nach dem
linken Flgel, um die Ordnung wiederherzustellen und dort zu befehlen. Als
er aber selbst kurz darauf durch die Augen geschossen wurde, da fehlte
Scharnhorst, der ja die Befehlsausgabe fr das Ganze zu ordnen hatte, an
der entscheidenden Stelle, und die Preuen waren ohne Fhrung.

Feldmarschall Mllendorf war da, war aber schon zu alt und versagte
vllig.

Der Knig war zu unerfahren und auch zu unentschlossen.

Die Schlacht war, wenn sie weiterging, trotz aller anfnglichen Mierfolge
gewonnen. Allein man ahnte es nicht.

Man htte wohl wissen knnen und mssen, da man hchstens ein einziges
franzsisches Korps sich gegenber hatte -, da man also ber eine
erdrckende bermacht verfgte!

Davoust hatte mehr gelitten als die Preuen und hatte keine Reserven mehr.
Aber die preuischen Reserven unter Kalckreuth waren noch intakt.

Blcher ahnte, wie die Sache stand. Er bat den Knig um Kavallerie, um
noch einmal den Versuch zu machen, eine Entscheidung herbeizufhren. Er
erhielt sie auch, aber, gerade als er zur Attacke blasen lassen wollte,
auch den unausbleiblichen Gegenbefehl. Er solle es lieber bleibenlassen.
Es ntze doch nichts mehr. Die Kavallerie hatte es ja heute schon einmal
schlecht gemacht. Und die Reserven, die bei Eckartsberga standen und
unttig zusahen, wie sich ihre Kameraden verbluteten -, die wollte der
Knig nicht auch noch opfern! Er glaubte nicht an den Sieg und siegte
infolgedessen nicht. Er begngte sich damit, zu befehlen, die Schlacht
abzubrechen und einen allgemeinen Rckzug auf Weimar zu nehmen, um sich
dort mit Hohenlohe zu vereinigen.

                                    *

Blcher war tobend und fluchend fortgeritten, als der Knig ihm seine
Zustimmung versagte, noch einmal mit der Kavallerie die Schlacht
wiederherzustellen.

Der Knig, der seinen alten Haudegen kannte und ihm nicht recht traute,
schickte ihm gleich einen Adjutanten nach mit dem Befehl, zurckzukehren
und bei seiner Person zu bleiben.

Sonst wre es nicht sicher, da nicht Blcher auf eigene Faust hin doch
noch etwas unternhme!

Der Alte kam, meldete sich steif und korrekt zur Stelle, nahm seinen Platz
im Gefolge ein, wurde vom Knig ins Gesprch gezogen, ritt gehorsamst
heran, salutierte, antwortete kurz: "Zu Befehl, ja - zu Befehl, nein!" auf
alle Fragen, die der Knig an ihn richtete, und kam aus der Einsilbigkeit
gar nicht heraus.

Der Knig lie sich aber nichts merken. Er tat, als wre alles in bester
Ordnung, und sprach weiter auf Blcher ein, ohne seine schlechte Laune zu
beachten. Und das pate Blcher nun ganz und gar nicht in den Kram.

Als der Knig ihm seine Ansichten ber die Ereignisse des Tages mit einer
fr ihn sehr ungewhnlichen Gesprchigkeit auseinandergesetzt hatte und
eine Pause machte, in der Erwartung, nun Blchers Meinung zu hren zu
bekommen, da schwieg Blcher steifnackig weiter.

Der Knig konnte dann nicht umhin, ein wenig die Majestt herauszukehren.
Er hielt sein Pferd an, was eine Stockung in der Vorwrtsbewegung des
ganzen Gefolges bewirkte, blickte auf Blcher, dessen Pferd auch
gehorsamst und alleruntertnigst stehenblieb und sagte ein wenig
ungeduldig:

"Nun? - Endlich Meinung hren lassen!"

"Zu Befehl, Majestt, meine Meinung ist _die_, wir reiten in verkehrter
Richtung!"

"Was heit das?"

"Wir kehren dem Feind den Rcken -, das ist immer verkehrt! Die Richtung
vorwrts ist mir lieber!"

"Uns auch! Wenn aber unsere Leute zurckgehen!"

"Hasenfe gibt's in jeder Armee. Es sind aber genug tapfere Mnner dabei
gewesen!"

"Wir waren berflgelt!"

"Die berflgelung htte ich abgestoen, so Eure Majestt mich htte
gewhren lassen!"

"Es wre Ihm ebenso schlecht gegangen wie bei Seiner ersten Attacke!"

"Die erste Attacke wre auch gut gegangen, htte uns die eigene Artillerie
nicht mit Karttschen beworfen! Der Feind war schon erschttert! Er hatte
keine Reserven! Unsere Reserven waren nicht zum Kampf gekommen. Die
Schlacht stand schon. Ein kleiner Sto noch, und sie wandte sich zu
unseren Gunsten! Wir htten Davoust vernichtet und uns freie Bahn in der
alten Marschrichtung erkmpft! Majestt wollen's mir zu Gnaden halten,
aber fr so etwas habe ich Nase!"

"Und wenn's doch anders gekommen wre, als Er denkt, und das wre gewi
der Fall gewesen - wir htten nur unntz das Blut unserer Leute
verspritzt!"

"Majestt halten zu Gnaden, aber dazu sind wir alle da! Wenn's gilt, Knig
und Volk zu retten, ist kein Leben zu teuer!"

Der Knig schwieg. Eine Weile ritten sie in Gedanken heiter. Er fing schon
an zu dunkeln.

Pltzlich hielt der Knig wieder sein Pferd an und richtete sich straff
auf; seine hohe Gestalt zeichnete sich krftig gegen den Oktoberhimmel ab.

"Nun haben wir ihn!" dachte Blcher. "Jetzt gibt er klein bei. Jetzt gibt
er den Befehl zur Umkehr und lt uns die Schlacht erneuern!"

Er hatte sich getuscht.

Der Knig seufzte nur, blickte ihn dann an und sagte trocken: "Er htte
das Spiel nicht gewonnen, Blcher!"

"Ich habe wohl dann und wann ein Spiel verloren, Majestt - aber noch
fter eins gewonnen! Und das nur, weil ich das Spiel _gewagt_ habe!"

Der Knig hatte schon eine derbe Antwort bereit.

Da knatterte es pltzlich irgendwo auf der rechten Seite los, Blcher gab
seinem Pferd die Sporen, sprengte hin, um zu sehen, was los war, und kam
zurck mit der Meldung, man htte ein paar naseweise Chasseurs zum Teufel
gejagt.

"Werden uns noch durchschlagen mssen!" sagte der Knig eintnig und
setzte den Weg fort. Blcher ritt voraus und untersuchte das Terrain, war
bald hier, bald dort und kehrte bisweilen zum Knig zurck mit der Meldung
ber seine Wahrnehmungen, wurde fr seine Frsorge bedankt, aber sonst
nicht weiter ins Gesprch gezogen.

Auf einmal, dicht vor Buttstedt, erhob sich an der Spitze der
zurckgehenden Kolonnen ein groes Geschrei. Herannahen von Truppen wurde
gemeldet. "Die Franzosen sind da!" schrie alles. "Wir sind abgeschnitten!"
Und gleichzeitig knallte es rechts und links im Gebsch los.

Alles stockte.

Patrouillen gingen vor und kamen zurck mit der Nachricht, Teile der Armee
Hohenlohe zgen aus entgegengesetzter Richtung heran. Man htte heute bei
Jena gekmpft, der Frst wre geschlagen und geflchtet - man wisse nicht
wohin - Grawert und Rchel wren vernichtet, die Sachsen gefangen - die
Franzosen verfolgten gegen Weimar die dorthin Geflohenen, man htte auch
hier bald mit ihrem Erscheinen zu rechnen!

Alles strzte vor, um selbst zu sehen und zu hren und von den Anrckenden
nhere Kunde zu bekommen.

Jede Ordnung hrte auf. Die Verbnde wurden zerrissen, alles eilte in
wirren Haufen durcheinander, schreiend, fluchend, tobend, ohne zu wissen
wohin, ohne auf das Kommando zu hren, nur vorwrts auf dem nchsten Weg.
Und ging's nicht schnell genug auf den von der Bagage verstopften
Chausseen, dann wurde einfach geplndert, die Regimentskassen verteilt,
die Proviantwagen geleert und in die Grben geworfen. Und wo es etwas
Trinkbares zu fassen gab, wurde sofort ein allgemeines Gelage
veranstaltet. Die Trunkenheit nahm bei den durch langen Hunger
entkrfteten Soldaten reiend zu. Wste Schmhreden auf die Offiziere, die
das ganze Unglck verschuldet hatten, wurden laut, die unfltigsten
Schimpfwrter schwirrten durch die Luft, vermischt mit dem kreischenden
Gesang der betrunkenen Polen, die mit Sack und Pack abzogen und sich laut
damit brsteten, da sie nun zu den Franzosen bergingen.

Die Offiziere, die Ordnung zu schaffen suchten, wurden grblichst
insultiert. Die Qulgeister unter ihnen ernteten jetzt die Frucht lange
keimenden Mivergngens, wurden geschlagen, geschmht und ihnen ins
Gesicht gespuckt. - Die Mannschaften rissen ihre Abzeichen ab, warfen
Knpfe, Achselklappen, Packung und Gewehre in den Kot, da die Landstrae
weithin mit den fortgeworfenen Gegenstnden best wurde.

"Mit Preuen ist's jetzt aus!" schrien sie, "Preuen ist hin! Unseres
Diensteides sind wir ledig!"

Der Knig war gleich nach Empfang der Unglcksbotschaft von Jena mit
seinem Gefolge weitergeritten. Er nahm den Weg, statt nach Weimar,
nordwestlich gen Smmerda, um von dort nach Sondershausen zu kommen,
welchen Ort er als neuen Treffpunkt und Sammelstelle fr die Armee angab.

Sein Befehl an die Truppen, ihm dorthin zu folgen, wurde nur von einem
Teil befolgt.

Ein groer Teil unter Mllendorf und Oranien war schon dicht vor Weimar
angelangt und zog von dort weiter nach Erfurt.

Der Knig nahm in Smmerda Quartier und begab sich gleich zur Ruhe. Am
folgenden Tag setzten ihm die Generle zu, er mchte schnellstens
vorreisen, um im Hinterlande den Widerstand zu organisieren. Er wre jetzt
da viel ntiger als hier. Er weigerte sich aber standhaft, die Armee zu
verlassen.

Blcher schwieg sich anfangs zu der Sache aus. Er berlegte es sich so:
Als Heerfhrer ist der Knig ebenso unerprobt und unfertig, wie die hohen
Generle untauglich. Ist der Vorteil, die Autoritt des Knigs im
Bedarfsfalle zur Stelle zu haben, grer als der Nachteil, selbst
mglicherweise vor ihr zurckweichen zu mssen? Die Sache schien ihm
unsicher. Allein wrde er am Ende mit den Generlen am besten fertig. Da
brauchte er kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Entschlossen setzte auch er dem Knig zu und brach dessen Widerstand.

In liebenswrdigster Weise bedankte sich der Knig bei Blcher fr dessen
umsichtige Fhrung bei dem gefahrvollen Nachtritt und entband ihn von der
Pflicht, ihn weiter zu begleiten, da die Armee seine Kraft anderswo besser
bentige. Aber von den roten Husaren nhme er gern die Eskorte fr die
Weiterfahrt nach Sondershausen an.

Blchers Augen leuchteten vor Freude, als er das hrte.

Die ntigen Befehle waren schnell gegeben. Aus den Reihen seines stark
zusammengeschmolzenen Regiments suchte er selbst die sichersten und
erprobtesten Leute aus, und bald zog da eine kleine Schar von fnfzig
Husaren vor dem Quartier des Knigs auf, unter dem Befehl des Rittmeisters
von Wolky, dem des Generals zweiter Sohn, der Leutnant von Blcher,
beigegeben war.

Die "Roten" waren sehr ungehalten ber den Rckzug, gerade wo sie die
Hoffnung gehabt hatten, gegen den Feind gefhrt zu werden, und zwar von
ihrem Alten selbst, den sie in der Schlacht schmerzlich vermit hatten.

"Der Feind brauchte nicht viele Schlge mehr," meinte einer, "warum wurde
nicht die Reserve eingesetzt?"

"Der alte Kalckreuth ist schon schlapp!" antwortete ein anderer. "Er hatte
schon lngst einen Knacks, und nun geht ihm wohl vollends die Puste aus!"

"Wir htten bei unserem Alten sein mssen, als er zur Attacke blasen
lie!" sagte noch einer. "Da wr's ein anderer Tanz geworden! Wir htten
ihn nicht aufsitzen lassen! Dunnerslag - so davonzulaufen vor den paar
Chasseurs! Eine Schmach war's und eine Schande! Aber die Knigindragoner -
- und die Reitzensteinkrassiere - und gar die von Heising! Die denken nur
an ihren Magen! Ihre besten Leute fouragierten, als es zur Schlacht gehen
sollte, und die anderen, nun, die sind eben nur bei den Paraden zu
gebrauchen! Na, nun werden wir ja - - - Kinder - das Regiment kommt zu
Ehren!"

"Man gut, da wir zusammenblieben und hierherkamen. Ich war schon
entschlossen, mich in den Busch zu schlagen und zu sehen, wie ich
durchkme, als der Kuddelmuddel unterwegs losging und alles davon redete,
sich dem Franzmann zu ergeben! Und htte ich unseren Alten nicht gesehen -
ich wre lngst ber alle Berge!"

Da kommandierte der Rittmeister: "Achtung!"

Die Glieder richteten sich; die Leute saen wie angegossen in den Stteln;
auf Kommando flogen die Sbel aus den Scheiden und salutierten. Denn
Blcher erschien jetzt auf der Freitreppe, von zwei Lakaien mit brennenden
Armleuchtern begleitet.

Wie er so dastand in der Oktobernacht, hoch, schlank und elastisch wie
eine Stahlfeder, das Gesicht mit dem grauen Schnurrbart frisch gertet,
die dunkelblauen Augen vor innerer Glut funkelnd, da war's jedem der unten
Harrenden, als trte er ihnen heute zum erstenmal vor Augen als der Herr
und Gebieter, dessen Wort ein jeder sich zu fgen hatte, und wenn's
geradeswegs in den Tod ginge! Ein Gefhl von Sicherheit und Zutrauen kam
sofort ber sie; die Haltung straffte sich, die Faust krampfte sich
sthlern um den Sbelgriff, die Schenkel griffen fester um den Sattel, so
da Reiter und Pferd miteinander verwachsen schienen. Und als Blcher
vortrat, und mit seiner sonoren, weithin schallenden Bastimme ihnen
zurief: der Knig habe dem Regiment die Gnade erwiesen und von ihm eine
Eskorte angenommen, und er, Blcher, erwarte von jedem einzelnen unter
ihnen, da er sich der hohen Ehre wrdig zeige und sein uerstes hergebe,
um die geheiligte Person des Monarchen glcklich durch alle Fhrnisse
hindurchzubringen, da bedurfte es nicht noch der Drohung, mit der er
glaubte seinen Worten weiteren Nachdruck geben zu mssen, als er die Worte
hinzusetzte: "Und das sage ich euch, Kinder, wer von euch nach einem
etwaigen Unglck mir noch lebendig unter die Augen zu treten wagen sollte,
den wrde ich mit eigenem Hnden in Stcke hauen!"

Eisenhart klang das, und eisenhart stand der Alte da, wie ein Engel des
Gerichts, die Hand auf dem Sbel.

Nicht seinen lieben Roten galten diese drohenden Worte, das wuten sie
alle! Sie wuten, da er sie wohl kannte und keinen Zweifel an ihnen
hatte. Er war ihr Vater und sie seine Kinder, Fleisch seines Fleisches,
Blut seines Blutes! Wie er fr sie und mit ihnen, so wrden sie alle
freudig auf seinen geringsten Wink in den Tod reiten - dazu bedurfte es
weiter keiner Mahnung und beileibe keiner Drohung! Die Worte soeben, die
hatten den anderen gegolten, die gestern so schlecht geritten waren und
ihren Alten im Stich gelassen hatten, statt ihm zum Sieg zu folgen!
_Denen_ waren sie ein gerechter Vorwurf, und die trafen sie auch - an den
Roten vorbei, die dabei stolz blickten und mit begeisterten Zurufen seine
Ansprache beantworteten.

Dann rief Blcher den Rittmeister von Wolky und seinen Sohn zu sich, sagte
ihnen, er htte befohlen, da das Husarenregiment von Schimmelpfennig und
das Dragonerregiment von Kraft rechts und links von der Chaussee
marschieren sollten, um die Reise des Knigs zu sichern - befahl ihnen
uerste Wachsamkeit und ging dann hinein, um dem Knig zu melden, da
alles bereit sei.

Der Knig wartete schon. Er bat die Generle, sich vorlufig auf keine
Kampfhandlungen einzulassen, da er dem Kaiser Napoleon geschrieben htte
und Waffenstillstandsverhandlungen in Aussicht stnden. Dann
verabschiedete er sich vom General von Kalckreuth, dem er den Oberbefehl
ber smtliche in Smmerda stehenden Truppen bertrug, verbat sich das
Geleit des alten, todmden Herrn, lie sich von Blcher hinausbegleiten,
stieg mit seinem Gefolge zu Pferde und trabte davon.

Blcher, von stolzer Genugtuung erfllt, blieb stehen, solange er noch die
wogenden Reihen seiner roten "Kinder" sehen konnte. Dann machte er kehrt
und ging zum General Kalckreuth hinein, um die weiteren Manahmen zu
besprechen.

Er fand den alten Herrn gnzlich gebrochen vor.

Im Lehnstuhl zusammengesunken, kaum noch atmend, sa er da und starrte wie
entgeistert ins Leere hinaus.

An der Tr wartete ein eben angekommener Kurier.

Mit einer schwachen Handbewegung zeigte Kalckreuth auf den Boten und sagte
tonlos: "Erfurt kapituliert! Mllendorf und Oranien mit zehntausend Mann
unserer besten Truppen haben sich kampflos Murat ergeben! Die Zitadelle
Petersberg auch!"

"Die Zitadelle auch?!"

Blcher schlug auf den Tisch, da der alte Kalckreuth vor Schrecken fast
vom Stuhle gefallen wre. Er schrie, da alles zusammenlief und bestrzt
ins Zimmer drngte, denkend, die Generle wren vom Feind berfallen
worden - obwohl der Feind doch nicht, wie der leibhaftige Gottseibeiuns,
durch den Schornstein zu kommen pflegte!

"Himmeldonnerwetter!" schrie Blcher, "schlag diese Schufte tausend
Millionen Klafter in die Erde hinein, die Knig und Land verraten - diese
Memmen, die nicht den Mut finden, lieber zu sterben, als ewige Schande auf
sich zu laden - diese hundsmiserablen Mummelgreise, die zu weiter nichts
taugen, als alt und berflssig zu werden und im Wege zu stehen! Ich hab's
kommen sehen! Ich hab's gewut! Da soll aber nur noch einer versuchen das
Maul aufzutun, um von Kapitulation zu reden! Wer's wagt, den erwrge ich
mit diesen Hnden. Und wenn mich darob der Teufel lebendigen Leibes
dreimal holen wrde - ich tu's!"

Der alte Kalckreuth erhob sich auf zitternden Beinen bei der
frchterlichen Drohung. Bleich, abgehetzt, todmde von dem Nachtmarsch und
der vorhergehenden Schlacht, stand er da, die lebendige Illustration zu
dem Worte Kapitulation, und sah schon halb erwrgt aus. Er ffnete die
Lippen - aber ehe er noch etwas entgegnen konnte, meldete sich ein eben
eingetroffener Kurier Hohenlohes, rapportierte, der Frst sei wohlbehalten
in Vippach und erbte sich vom Knig Befehle.

"In Vippach!" rief Blcher. "Geb Gott, er wre ganz woanders, wo's recht
hei ist! Geb Gott, er wre in der Hlle mitsamt seinem Massenbach, und
kme nie wieder auf deutscher Erde zum Vorschein! Sonst erleben wir
womglich noch grere Schweinereien als die, die er uns in Jena
bescherte! Was will der Frst noch Befehle, wo er ihnen doch nicht
gehorcht?!"

Kalckreuth stand mit offenem Munde und unausgesprochener Antwort und
blickte ihn entsetzt an. Schlielich winkte er den Boten nher heran und
gab ihm mit tonloser Stimme den Bescheid: er mge seinem Herrn bestellen,
der Knig wre in Sondershausen, und der Frst wrde gut tun, sich auch
dorthin zu begeben und sich dort Befehle zu holen.

Dann schrumpfte er in dem Stuhl zu einem leblosen Haufen mder
Menschlichkeit zusammen und schlief auf der Stelle ein.

Blcher aber lie sich ein krftiges Frhstck kommen und war bald wieder
bereit, es mit jedem Schicksal aufzunehmen.

                                    *

Die von Blcher befehligte Arrieregarde war auf dem Rckzug bis in die
Gegend von Weiensee gekommen, als pltzlich Prinz August, der ein
Bataillon im Regiment Knig befehligte, in voller Karriere an Blcher
heransprengte und ihm schon aus der Ferne laut zurief:

"Die Hundsftter! Die Hundsftter! Kommen Sie rasch mit, General, wenn Sie
das Unglck noch verhindern wollen, sonst haben wir im nchsten Augenblick
die Kapitulation!"

"Da soll doch der Donner dreinschlagen!" rief Blcher, hochrot im Gesicht.
"Sind die Leute denn alle alte Weiber geworden?"

Er gab seinem Pferd die Sporen und sprengte nach dem Standort des
Kalckreuthschen Oberkommandos, wo der alte General eben im Begriff war,
sich zur Unterredung mit dem Marschall Soult zu begeben.

"Wer redet hier von Kapitulation?" schrie Blcher ihn an. "Da kann doch
keine Rede davon sein, da wir kapitulieren mssen! Wir schlagen uns
durch, wenn's sein mu - aber uns ergeben? Nee! Das geschieht nie und
nimmer!"

Kalckreuth setzte ihm lang und breit die Verhltnisse auseinander, die ihn
zwangen, besondere Rcksichten zu nehmen: die kniglichen Prinzen, die in
seiner Armee standen - die Garden, die er dem Knig unversehrt erhalten
msse, und schlielich, aber nicht zuletzt, des Knigs Verbot, sich in
einen Kampf einzulassen. -

"Was die Prinzen betrifft," antwortete Blcher, "so sind sie selbst
sicherlich die letzten zu verlangen, da hier kapitulieret wird, damit
ihre Haut heil bleibt. Sie werden sich fr die Ehre bedanken. Und der Kopf
eines Gardisten ist nicht einen roten Heller mehr wert als der eines
gemeinen Soldaten. Der Knig hat Kampfhandlungen verboten, sehr wohl! Aber
er hat uns nicht befohlen, seine Truppen dem Feind auszuliefern. Noch
weniger hat er uns untersagt, uns zu wehren, wenn wir angegriffen werden,
oder den Franzmann zu werfen, wenn er sich uns in den Weg legt. Pulver und
Blei haben wir genug, scharfe Sbel auch; sowie Leute, die dem Franzmann
damit dienen knnen. Wer wird so dmlich sein, dem Franzmann da etwas
anderes als blanke Hiebe zu geben?!"

Kalckreuth wollte noch etwas entgegnen. Ehe er aber dazu kam, erhob zum
malosen Staunen Blchers der Oberst von Massenbach seine Stimme -
Massenbach, der bei Jena von seinem Opfer, Hohenlohe, getrennt worden war
und jetzt pltzlich im Hauptquartier Kalckreuths zum Vorschein kam.

Dieser Unglcksmensch tat also sein wortreiches Maul auf und bersprudelte
gleich von Grnden und Gegengrnden und grozgigen Projekten, die
gnzlich in den Wolken hingen.

Die Nutzlosigkeit jedes weiteren Kampfes stnde ohne weiteres fest, die
brauche er nicht noch darzutun nach den Niederlagen, von denen die
preuische Armee betroffen worden war.

"Wozu noch mehr vergebliche Blutopfer! Wenn man unter den obwaltenden
Umstnden kapituliert, dann nimmt man nicht dem Knig eine Armee, sondern
erhlt sie ihm!" sagte er dann und beantwortete die entrsteten und
erstaunten Ausrufe, die diese verblffende Bemerkung begleiteten, mit
einem selbstgeflligen und berlegenen Lcheln.

"Kapitulieren wir - ich wiederhole es -, dann erhalten wir dem Knig seine
Armee! Denn der Kaiser Napoleon ist gro; er ist erhaben und edeldenkend;
er ist nicht nur ein groer Feldherr und ein wahrhaft groer Mensch,
sondern vor allem ein politisches Genie. Er will uns nicht vernichten, er
will ein starkes, mit ihm verbndetes Preuen. Er wird, nach meiner festen
berzeugung, dem Knig seine Armee vllig intakt wiedergeben, wenn er nur
wei, da sie nachher gemeinsam mit ihm gegen Ruland kmpft. Freilich
wre es dazu notwendig, da wir uns jetzt erst politisch anders
einrichten!"

"Herr, was redet Er da fr einen Kohl?" fiel ihm Blcher in die Rede.

Aber Massenbach reckte seine kleine Gestalt auf, setzte die Stumpfnase
hoch und versuchte auf den viel lngeren Blcher verchtlich herabzusehen.

"Ich _deklariere_," sagte er mit Nachdruck, "die Allianz mit Ruland ist
unser sicheres Verderben. Wer dem Staat redlich dienen will, mu den Knig
daran zu hindern suchen. Rettung fr den Staat ist nur noch in einer
Allianz mit den Franzosen zu finden!"

Damit kam er aber bei Blcher schlecht an.

"So'n Sauverfluchter - so'n Schwerenotverdammter! Das mssen _wir_ uns
sagen lassen! So'n Gewsch wagt er uns zu bieten!? Wo _wir_ allezeit
bereit waren und bereit sind, den letzten Hauch herzugeben, um den
Franzmann aus dem Lande herauszujagen, da wollen _Sie_ ihm Tr und Tor
ffnen und ihn gar noch in die Arme schlieen! Das ist Verrat - das
ist - -"

Er kam in solche Aufregung, da er nicht weitersprechen konnte, und es
wre Massenbach sicherlich sehr bel ergangen, wre nicht im selben
Augenblick ein Parlamentr vom Marschall Soult angekommen, der den
Oberbefehlshaber zu einer weiteren Besprechung einlud.

Das nahm sofort seine ganze Aufmerksamkeit gefangen, und Massenbach wurde
vergessen.

Als man aber nachher zum Verhandlungsort ritt, da ritt Massenbach mit.
Denn er mute ja berall dabei sein und sein dickes Fell zu Markte tragen.

Soult und die begleitenden Offiziere waren nicht besonders liebenswrdig.
Sie kehrten recht deutlich den Sieger heraus und fhrten die Unterhandlung
in so hochfahrender Weise, als sei es eine Gnade von ihnen, berhaupt
darauf zu verzichten, die Preuen kurz und klein zu schlagen und zu Brei
zu treten.

Blcher sprach kein Franzsisch.

Er glaubte aber trotzdem aus der langen Unterhaltung Kalckreuths mit den
Franzosen ein paarmal das Wort "Kapitulation" heraushren zu knnen. Und
als das im Anschlu daran einsetzende Geflster nicht aufhrte, ri ihm
schlielich die Geduld.

Er ging zum Marschall Soult hin und rief ihm laut und ohne Umschweife zu:
"Kapitulation hin, Kapitulation her! Als Soldat bin ich in Ehren grau
geworden. Als ehrlicher Soldat lasse ich mich jederzeit zusammenhauen,
wenn's nicht anders ist! Aber kapitulieren, nein! Die Feigheit drfen Sie
nimmermehr von mir verlangen!"

Dabei schlug er auf die Sbelscheide, da es klirrte.

Bei den Franzosen ging dann ein Geschnatter los.

Wer jener Monsieur sei, der so aufgeregt tat! - Ob er oder _le comte_
Kalckreuth das Kommando htte? Man liee sich einen derartigen Affront
nicht bieten, man wre schockiert, konsterniert und wer wei was noch! -
Man stampfte auf den Boden, lie die uglein zornig blitzen und wetterte
und zeterte, da die Stimmen sich berschlugen.

Blcher fand das hchst ergtzlich und lachte ihnen aus vollem Halse ins
Gesicht.

"Wenn die Herren einen Wettkampf im Krhen veranstalten wollen, ich habe
nichts dagegen!" sagte er. "Aber dazu bedarf es meiner Gegenwart nicht!"
Worauf er ihnen den Rcken kehrte, in den Sattel sprang und
davongaloppierte. Die Franzosen taten das gleiche. Und die Herren
Kalckreuth und Massenbach kehrten betrbt zu den Truppen zurck.

In bester Ordnung wurde denn, trotz dem Feuer der Franzosen, weiter
marschiert bis nach Sondershausen.

Dort legte Kalckreuth sein Kommando nieder, nahm Urlaub und reiste von der
Armee fort, was Blcher aufs hchste erfreut htte - wenn der Knig nicht
dem Frsten Hohenlohe das Oberkommando ber die ganze Armee gegeben htte.

"Nun geht die Unordnung erst recht los!" fluchte er. "Fr einen lahmen
Gaul tauschen wir einen blinden ein. Himmelsakrament, wo findet sich ein
Kerl, der alles in Ordnung bringt und mir hilft, diese Bangbxen und
Stmper zu Paaren zu treiben?! Wo find' ich den?"

Da ffnete sich die Tr, und auf der Schwelle stand ein unscheinbarer Mann
in etwas gebckter Haltung, die Augen mde und trbe blickend, als wren
sie von Arbeit beranstrengt; das Gesicht von tiefen Furchen durchwhlt.
Mit nachlssigen Bewegungen kam er herein, grte, strich sich die wirren
Haare aus der Stirn und blieb vor Blcher stehen.

"Scharnhorst!" schrie dieser. "Sie kommen wie gerufen! _Sie_ fehlten mir
gerade! Ich bin nichts als Gift und Galle, nach all der Feigheit und
Miesepeterei hier. Erzhlen _Sie_ mir wenigstens eine gute Neuigkeit!"

Scharnhorst schttelte mde den Kopf.

"General," sagte er, "das geht nimmermehr, wenn Frst Hohenlohe jetzt den
Oberbefehl haben soll und Massenbach alles wieder verfahren darf!"

"Ob das geht!" rief Blcher, gallig auflachend. "Geradeswegs zum Teufel
geht's, darauf knnen Sie Gift nehmen."

"Dann tun _wir_ beide wenigstens, was wir knnen, um den Schaden zu
vermindern! Retten wir die schwere Artillerie! Die lt sich nun und
nimmer ber den Harz bringen, wo der Frst sich jetzt mit der Armee
durchschleichen will. Sie bleibt auf den schweren Wegen stecken. Wenn Sie,
General, den Befehl ber die Kolonne nehmen und mich alles anordnen
lassen, dann bringen wir die Artillerie viel sicherer und ebenso schnell
auf dem Umweg um den Harz herum ans Ziel. Wir ziehen ber Osterode,
Braunschweig und bei Sandau ber die Elbe. Ich lasse berall im voraus
Gespanne requirieren und bei den Haltepunkten bereitstellen, damit die
Artilleriepferde, die total abgetrieben sind, geschont werden knnen. Ich
sorge auch dafr, da wir sofort bei Sandau Fhrgelegenheit haben. Das ist
alles zu machen, wenn nur ein Mann wie Sie das Kommando nimmt, damit gut
aufgepat, schnell und energisch im Falle der Gefahr durchgegriffen und
ohne Zaudern vorwrtsgegangen wird! Wollen Sie?"

"Sofort!" sagte Blcher. "Das schaffen wir zusammen! Wir wollen den
anderen zeigen, Oberst, was zwei aufrechte Kerle vermgen, wo andere die
Kpfe hngen lassen. Wie viele Rohre sind das?"

"Einunddreiig. Und ein Bataillon Infanterie als Bedeckung."

"Das gengt! Wir nehmen noch an die sechshundert Pferde von meinem
Regiment! Kommen Sie, gehen wir gleich zum Frsten und bringen es ins
reine, und dann los!"

Sie schttelten sich die Hnde. Beide hatten gefunden, was sie suchten.
Der Generalquartiermeister das starke aktive Temperament Blchers, das
keine Hindernisse kannte und Autoritt genug hatte, alles mit sich
fortzureien - Blcher den klugen, sicher und khl berechnenden Kopf
Scharnhorsts, den trefflichen Organisator, den unermdlichen Arbeiter, den
vorausschauenden Blick, der schnell die Grenzen des Mglichen erfate und
nicht die geringste Kleinigkeit dem Zufall berlie, der die Notwendigkeit
des wagehalsigen Temperaments eines Spielers fr die Durchfhrung einer
Sache vollauf einsah, ihm aber auch im Bedarfsfalle einen Dmpfer
aufzusetzen verstand.

Sie taten sich zusammen, um ein paar Kanonen zu retten, und daraus wurde
ein Bund zur Rettung des ganzen Vaterlandes. Ein Bund ohne feierlichen
Schwur, ohne Verbrieftes und Gesiegeltes - "vom Zufall herbeigefhrt",
wrde der Skeptiker sagen - "mit Notwendigkeit - aus Schicksal", wie der
Fatalist es deuten wrde. Kurz und gut, es _wurde_. Und der Bund hielt.

Sie schritten also zur Ausfhrung ihrer ersten gemeinsamen Tat und zogen
mit dem Artilleriepark ab.

Inzwischen fhrte Hohenlohe die Armee auf den vielfach verschlungenen
Wegen durch den Harz und machte in Quedlinburg halt.

Dort wurde zur Abwechslung wieder einmal Kriegsrat gehalten.

Hohenlohe, der seine Niederlage bei Jena so schnell mit dem Oberbefehl
ber die ganze Armee belohnt sah, hatte nmlich nichts Eiligeres zu tun
gehabt, als seinen lieben Massenbach wieder hoch in Ehren einzusetzen, und
da war guter Rat teuer.

Bei der Beratung erhoben sich Stimmen dagegen, da von allen Seiten die
Truppen nach Magdeburg hinstrebten und so die Festung verstopften.

Der Hauptmann von dem Knesebeck schlug entschlossen vor, davon gnzlich
abzusehen. Es wre, so meinte er, zweckmiger, nur die Versprengten nach
Magdeburg laufen zu lassen, um sie dort neuzuordnen. Die armierten und
formierten Truppen dagegen knnte man weit vorteilhafter nach Hameln
werfen, sich dort mit dem noch intakten Korps des Herzogs von Weimar
vereinigen lassen. Dann mit diesem, mit den westflischen Truppen Lecoqs,
und mit Blchers Artillerie zusammen, Hessen und Westfalen insurgieren,
den Feind von Berlin und von der weiteren Verfolgung der aufgelsten
Truppen abhalten, und dem Knig Zeit geben, eine neue Armee zu bilden und,
vereinigt mit den Russen, heranzufhren.

Der Plan, der das Gute an sich hatte, wieder die Aktivitt der Truppen zu
beleben und ihre Unternehmungslust neu zu entfachen, fand allseitigen
Beifall.

Er hatte aber den einen und unverzeihlichen Fehler, nicht von Massenbach
zu stammen. Und damit war er erledigt.

Oberst Massenbachs Geist durfte sich nie und nimmer in den Bahnen eines
anderen bewegen. Und ihn gar der Unbequemlichkeit unterwerfen, sich mit
der Prfung von Gedanken anderer Leute abzugeben, das ging ihm wieder die
Natur!

Er entschied also kurz: Die Idee des Hauptmanns von dem Knesebeck wre
gut, sie wre sogar ausgezeichnet, aber sie liee sich leider nicht
verwirklichen. Unter den obwaltenden Umstnden msse an dem Plan, hinter
die Oder zu gehen, festgehalten und die Richtung auf Magdeburg eingehalten
werden. Das wre seine unverfngliche Meinung.

Grnde gab er nicht an. Soweit durfte er seine Autoritt nicht aufs Spiel
setzen. Er hatte es auch nicht ntig. Denn der Frst, mde, gelassen und
kurzsichtig wie immer, sagte zu seinen Ausfhrungen ja und amen, ohne nach
Grnden zu fragen. Und so bewegte sich alles im alten Trott.

In und um Magdeburg sammelte sich denn so allmhlich der Rest der stolzen
preuischen Armee - alles in allem fnfundvierzigtausend Mann -, um von
den kunsterfahrenen Hnden Massenbachs in neue Unordnung geordnet zu
werden.

In der Stadt hielt der jetzt allmchtige Herr Hof, lie Offiziere und
Adjutanten, die nunmehr von ihm allein ihre Befehle erhielten,
antichambrieren und war nicht zu sprechen, krnkelte an allen Ecken und
Enden, hatte seelische Depressionszustnde, bedurfte sehr der Schonung,
schrie und tobte ber den Frsten und alle Welt, die ihn mit allerlei
Drecksachen plagten, _ihn_, dessen Kopf von gigantischen, weltbeglckenden
Problemen brannte! Man solle ihn in des Teufels Namen in Ruhe lassen! Er
bedrfe keines Rates; er wte schon am besten, was zu tun wre! Und
brigens wre er mde und msse erst ausschlafen, um berhaupt denken zu
knnen!

So ungefhr lauteten die "Befehle", die der Herr Generalquartiermeister zu
erteilen geruhte. Und so geschah es, da das ganze Festungsglacis von
Packwagen und allerlei Tro derartig vollgefahren wurde, da die
Artillerie der Bastionen im Ernstfalle nie und nimmer htte feuern knnen,
ohne erst die eigene Bagage zusammenzuschieen - die Straen waren von
festgefahrenen Fahrzeugen verstopft, die Soldaten langten an, kamen und
gingen planlos, statt sofort gefat und auf ihre Truppenteile gebracht zu
werden. Und, als man schlielich mit der Hlfte der Armee aufbrach, wurden
die verkehrtesten Manahmen fr den Weitermarsch getroffen.

In groem Bogen strebte man auf Umwegen dem Ziele, Stettin, zu, lie dem
Feind den krzeren und bequemeren, geraden Weg nach Berlin offen, berlie
ihm also kampflos die dortigen reichen Vorrte, bis auf die Kassen, die
der Minister von Stein heimtckischerweise vor der allerseits einreienden
Schlamperei zu retten wute.

Dafr sorgte Massenbach in noch nicht dagewesener Weise fr das leibliche
Wohl der marschierenden Truppen, so da sie niemals zur Ruhe kamen und
stets hungrig blieben.

Der Weg nach dem jeweiligen Marschziel wurde mit grter Sorgfalt so
gewhlt, da man sich selbst auf dem Bogen und der Feind sich auf der
Sehne bewegen konnte, damit man ja nicht vor den charmanten Franzosen ans
Ziel kme. Die Marschordnung wurde so eingerichtet, da nicht zuviel
Kavallerie die dem Feinde zugekehrte Flanke der marschierenden Kolonne
schtzte, dagegen die linke ungefhrdete Flanke von der Masse der
Kavallerie bedeckt war - wohl zu merken, in Tagesmarschabstand, damit ihr
Chef, der alte Blcher, nicht zu unbequem oder vorlaut werden konnte.

Fr Nachtquartier, fr Brot und Branntwein und anderes Essen wurde
getreulich gesorgt. Aber auch dafr, da man todsicher anderswohin
marschierte, wo nichts bereitstand und auch nichts aufgetrieben werden
konnte. Der Umwege gab es noch lange nicht genug! Es muten immer neue,
immer andere gefunden werden! Den Anla zum Suchen gab das ewige Schieen
der eigenen Marodeure, berall, wohin man kam. Da witterte Massenbach
Franzosen die Masse! - Im Geiste sah er seine Lieben von ihnen
abgeschnitten oder umzingelt, erlaubte sich auch keinesfalls auf den
ketzerischen Gedanken zu kommen, zu kmpfen oder sich durchzuschlagen, und
teilte seine Mutlosigkeit und seine berzeugung von der Nutzlosigkeit
eines jeden ferneren Widerstandes den Truppen mit.

So brachte er die Armee, bis auf die Hlfte zusammengeschmolzen,
ausgehungert und durch unntze Nachtmrsche bis auf den Tod ermdet, _aber
kampflos_, bis in die Gegend von Prenzlau, wo sie fast gleichzeitig mit
den Spitzen von Murats Kavallerie, am 21. Oktober, ankam, nachdem bei
Wichmannsdorf, an dem Boitzenburger See, der Rest des berhmten Regiments
Gens'darmes abgeschnitten, gefangen und zur Verherrlichung des Einzugs
Napoleons nach Berlin abgeschoben worden war.

Die von Blcher und Scharnhorst vollstndig gerettete und der Armee wieder
zugefhrte Artillerie ging selbstverstndlich fast gleichzeitig ebenso
vollzhlig wieder verloren, sobald sie in andere, weniger geschickte Hnde
gekommen war.

                                    *

Tram - tararam, tram, tram.

Tram - tararam, tram, tram -

Die Trommler schlugen drein, die Trompeten schallten, im Lustgarten scho
man kaiserlichen Salut, die Glocken bimmelten aus smtlichen Kirchen,
franzsische Fahnen flatterten berall leicht, grazis und kokett
bestrickend von allen Schlssern und Staatsgebuden und besonders reich
vom Brandenburger Tor, durch das der Einzug genommen werden sollte. Der
sterbende Oktober gab noch seinen schnsten Altweibersommertag her, um dem
Fest die richtige Weihe zu geben. Franzsische Grenadiere sumten die
Straen ein. Bis weit hinaus auf die Charlottenburger Chaussee sah man die
schnauzbrtigen Kerle mit ihren doppelten Bandelieren, in schnurgeraden
Linien ber der Brust gekreuzt, Gewehr prsentieren und sich martialisch
brsten.

Und dahinter drngte sich alles, was in einer Stadt wie Berlin kreucht und
fleucht, reckte sich die Hlse lang, stie sich die Rippen ein, zertrat
sich die Fe, fluchte, lachte, johlte und schrie vor Aufregung, jenes
apokalyptische Ungeheuer, das die ganze alte Welt in Trmmer geworfen
hatte, endlich einmal mit Augen zu sehen.

Tram - tararam, tram, tram!

Tram - tararam, tram, tram! -

Die Tambours schlugen ihre Wirbel mit Macht, die Blser bliesen aus vollen
Backen, immer nher kam's, immer lauter schmetterten Posaunen und
Trompeten, die Pikkoloflten wieherten, der Wind wehte die Klnge immer
nher, man vernahm schon die Melodie.

"_Allons enfants de la patri-i-e_", sang gleich ein blasser
sthetenjngling mit interessanten dunklen Stirnlocken laut irgendwo
hinter dem Rcken der anderen mit - mit einer Vehemenz da sich seine
dnne Fistelstimme noch vor Rhrung berschlug. "Das Lied - _das_ Lied
ist's, das die Welt erobert! berall entflammt es die Herzen, berall
entfacht es die Begeisterung! Und wenn sie's hren, empfangen die
geknechteten Vlker dankbar ihre Freiheit aus der Hand des Befreiers!"

"Halt's Maul, Aff' verfluchter!" rief ihm ein dicker Fleischerbursche zu,
und versetzte ihm einen Bauchsto, da ihm das Singen verging.

"Au, meine Hiehneroogen!" kreischte schrill eine Stimme.

Eine andere gab zur Antwort: "Wennde schon Oogen in de Stiebeln hast, denn
guck dir doch unten besser vor, Rindvieh!"

"Bei ihm guckt blo de jroe Zeeh raus, und die hat keene Oogen nich! Die
is blind!" lachte ein dritter.

"Wat der uns woll noch an Steuern abknppen wird!" knurrte ein dicker
Budiker, stie seinen Nachbar in die Seite und zeigte auf "seinen"
Gerichtsvollzieher, der sich eben an ihm vorbeidrngelte.

"Nu wat denn?" antwortete der Angeredete. "Der wird dir schon janz eklig
kommen und nich zu knapp! Denn wat dem sein neuer Herr und Jebieter is -
det Napolibum - det soll jerissener sind wie ville Jerichtsvollzieher! Det
jehrt woll ooch zum Jeschlecht derer von Nimm!"

Immer lauter wurde das Geschrei der Leute. Die Einzelgesprche versanken
in dem allgemeinen Trubel, die Marseillaise, von drhnenden Trommelwirbeln
rhythmisch gehoben und vorwrts getragen, schwoll immer machtvoller an und
erfllte mit ihren Klngen die Luft, die Posaunen spien ganze Massen von
Fanfaren aus, als glte es die Mauern Jerichos umzublasen. - Immer nher
und nher schob sich das Ereignis; ein Wald von silber- und goldgestickten
Fahnen schaukelte langsam und feierlich vorwrts auf das Tor zu, durch
dessen mittleren Bogen hindurch und auf die "Linden" hinein.

Wo aber der Zug der Fahnen vorbeikam, verstummte der Lrm, die Kpfe
senkten sich, die Gesichter wurden ernst, zornige Worte preten sich ber
zusammengekniffene Lippen, die Fuste ballten sich, die Augen wurden
feucht.

Es waren - _preuische Fahnen_, vor allem die Feldzeichen der preuischen
Garderegimenter, von Siegen schwer, von Ehren bekrnzt, die in den
Schlachten des Groen Friedrich einst ihre Bluttaufe erhalten hatten und
jetzt, von achtzig franzsischen Grenadieren getragen, auf der
altgewohnten Strae ihrer einstigen Triumphe dem Besieger Preuens in
seiner Hauptstadt voranflattern muten.

"Hol' der Teufel die Schufte, die sie so schlecht verteidigt haben!"
fluchte ein alter Veteran zwischen den Zhnen.

"Nie wieder!" schrie ein anderer und verga sich so weit, da er die Faust
drohend gegen die franzsischen Soldaten schttelte. "Nie wieder wird euch
das hier im Lande vergessen werden, solange die Welt noch steht!"

"_Silence messieurs! Silence donc ici!_" wetterte es prompt aus der Reihe
der spalierbildenden Soldaten, und ein paar derbe Kolbenste
untersttzten die Mahnung. Indessen verstummte die Marseillaise pltzlich,
und der Zug hielt an.

Der Kaiser Napoleon, hoch zu Pferd und umgeben von den Marschllen
Berthier, Davoust, Angereau, Bessires und Lefebvre, hielt jetzt am Tor
an, um die programmgeme offizielle Begrung entgegenzunehmen.

Eine Gruppe der angesehensten Brger Berlins, an ihrer Spitze der
Zivilgouverneur Frst von Hatzfeld selbst, trat vor, um dem Kaiser die
Schlssel der Stadt feierlichst zu berreichen.

Der Frst hielt seine Ansprache; der Sieger von Marengo, Austerlitz und
Jena dankte mit seiner melodischen Stimme in leicht singendem Tonfall, die
Worte mit absichtlicher Feierlichkeit dehnend und fast skandierend. Er
lie dann die Schlssel der Stadt vom neuernannten Gouverneur in Empfang
nehmen, blickte auf das Tor hinauf zur bronzenen Viktoria, die ihm mit
ihrem Viergespann leichtgeschrzt entgegengesaust kam, lchelte bedeutsam
und sagte dann, ohne seine Worte an irgendeinen zu richten:

"Die Dame fhrt in verkehrter Richtung. Der Sieg kommt heute aus Westen,
Messieurs, die Siegesgttin also auch! Wir wollen ihr auf den rechten Weg
helfen!"

Ein Zeichen seiner Hand - die Musik fiel ein, die Trommeln schlugen, die
Blser prusteten, und durchs Siegestor der Hohenzollern zog die glnzende
kaiserliche Kavalkade ein, strotzend von Orden und goldenem Schmuck, mit
wehenden Federbschen, prachtvollen Gewndern, von frstlich
aufgeschirrten Pferden getragen. Allen voran Napoleon selbst im grauen
Mantel, den schwarzen dreieckigen Hut auf dem Haupte.

"_Vive l'empereur!_" riefen vorschriftsmig die Garden. Vereinzelte
Hurrarufe aus der Menge wurden laut.

"'t is ja een janz kleener Mann!" quiekte pltzlich eine Stimme.

"'n janz kleener!" brummte eine Bastimme Antwort. "Det meen ick ooch! Und
det will nu janz wat Jroet sind?! So'n Quatsch!"

"Fif Langperhr!" johlten ein paar strebsame Gassenjungen.

Und dann brach ein Sturm los, wie er selten auf der Feststrae Berlins
getobt hatte. Der Clou des Festzuges kam, die berraschung, die Napoleon
den Berlinern als Angebinde bot, indem er gleichzeitig seine eigene
verletzte Eitelkeit in der raffiniertesten Weise rchte.

Hinter dem Festzug her wurde der Stolz der Berliner, ihr feinstes
Regiment, das Regiment Gens'darmes, wie eine Viehherde ber die Linden
getrieben, durcheinandergeworfen, mit abgerissenen Uniformen, ohne Waffen,
ausgehungert und zu Tode gehetzt, um nicht beim Triumphe seines Besiegers
zu fehlen.

Eben _die_ Offiziere, die einst so mutvoll an den Stufen der franzsischen
Gesandtschaft ihre Sbel gewetzt hatten, eben die muten jetzt, dieser
Sbel beraubt, an dem Ort ihrer Tat gefangen vorberziehen, um so ihren
einstigen bermut zu shnen.

Und derselbe Pbel, der ihnen damals zujauchzte und noch lauter als sie
Frankreich verwnschte - derselbe Pbel pfiff sie jetzt aus, beschimpfte
sie, verlachte sie, bewarf sie mit Kot aus dem Rinnstein und mit
unfltigen Zurufen, und gab ihnen die Schuld an dem Krieg und an der
Niederlage und an der ganzen Schmach, die ber das Vaterland
hereingebrochen war. Er htte sie in Stcke gerissen, htten nicht die
franzsischen Grenadiere in der Aufrechterhaltung der Ordnung eine gebte
Hand gehabt.

Man erhob sich zum Richter, verga darber, wie sooft, die eigene Schuld,
und machte sich dadurch erst recht mitschuldig! -

Der Sieger aber, der die Geschmacklosigkeit gehabt hatte, die in ehrlichem
Kampfe berwundenen Feinde wie eine Herde gefangener Barbaren im
Triumphzuge der Csaren mitzuschleppen, er zog weiter nach dem Schlo,
empfing dort die sogenannte "Intelligenz", charmierte, poussierte,
kokettierte mit dem Allerweltsbrgertum, das auch hier in Berlin seine
ppigsten Blten trieb, alles bewitzelte, alles verspottete, und vor allem
jedes patriotische Gebaren ins Lcherliche zog.

Er teilte Auszeichnungen aus, er ordnete die Verwaltung der Stadt,
ernannte Gouverneure, Kommandanten, Richter und Polizeichef, empfing
Deputationen und hervorragende Persnlichkeiten der Literatur, der Kunst
und der Geldaristokratie, lauter franzselnde Weltbrger und
hypergebildete Kulturfexe, amsierte sich ber ihre plumpen
Schmeicheleien, lie sich ruhig anhimmeln und quittierte fr die
Kriecherei, indem er dem besiegten Vaterland jener Vaterlandslosen eine
sofort zu entrichtende Kriegskontribution von hundertneunundfnfzig
Millionen Mark auferlegte und rcksichtslos einzutreiben befahl. Er
verstand den Spa und wute eben, was Siegen heit!

                                    *

"Sagen Sie mal, Herr Kamerad," sagte der Major von der Marwitz, der
Adjutant Hohenlohes, zum Kapitn von Tippelskirch vom Generalstab, gerade
als dieser den Fu in den Steigbgel setzen wollte, "sagen Sie mal, ist es
Ihnen nicht aufgefallen, da die kleinsten Ursachen oft die grten
Wirkungen haben, und da, insbesondere in der Weltgeschichte,
Begebenheiten von den weittragendsten Folgen, von denen das Schicksal von
Nationen abhngt, meistens durch ganz nebenschliche und sonst
gleichgltige Umstnde herbeigefhrt werden?"

"Ich gebe zu, ich habe schon manchmal darber nachgedacht!"

"Dann werden Sie sich nicht wundern, da ich jetzt behaupte: wenn wir hier
kapitulieren mssen, und ich sehe es schon kommen - -"

"_Ich_ kapituliere nicht - ich reite dann eher davon!" rief der Kapitn
lebhaft.

"Recht tun Sie, Herr Kamerad! Und wre ich nicht als Adjutant an die
Person des Frsten gebunden, so wrde ich es auch so halten. Ich wollte
auch nur dartun, da wir, wenn wir hier kapitulieren mssen, in diese
Zwangslage durch den Umstand versetzt worden sind, da Herr Oberst von
Massenbach eine so beraus empfindliche Milz hat."

Der Kapitn von Tippelskirch lachte.

"Es ist mein Ernst, Kamerad", sagte der Major. "Mit der Milz ist nicht zu
spaen - mit Massenbachs am allerwenigsten! Wozu das Ding eigentlich da
ist, darber stritten sich von jeher die Gelehrten und streiten sich immer
noch. Bei Massenbach ist sie aber ganz bestimmt dazu da, um den guten
Oberst zu qulen!"

"Da geschieht ihm nur sein Recht!"

"Sie knnen berzeugt sein, Herr Kamerad, da ich ihm noch grere Qualen
gnnen wrde, wenn wir nur nicht so sehr davon in Mitleidenschaft gezogen
wrden."

"Wieso denn?"

"Nun eben weil jenes merkwrdige Klmpchen Fleisch, das man Milz nennt,
dem Herrn Massenbach total das Reiten verleidet."

"Ach so!"

"Kaum sitzt er im Sattel und schlgt ein rascheres Tempo ein, sofort
versetzt ihm seine Milz einen Stich, da er den Atem verliert und nicht
weiter kann. Da hilft ihm nichts als der gewhnliche langsame Trott, oder,
am liebsten, da er im Wagen weiterfahren kann. Galopp oder Trab ist ihm
unmglich auszuhalten. Und dabei soll der Mann rekognoszieren."

"Wie das ausfllt, lt sich denken!"

"Ja, aber nur denken! Denn er nimmt die letzte Zeit auf seine
Patrouillenritte niemand mit! Er rekognosziert immer allein. Und wissen
Sie warum?"

"Nun?"

"Um ohne Zeugen zu sein! Ich habe die berzeugung gewonnen - und ich
mchte beinahe darauf schwren, da es sich so verhlt -, ich habe also
die berzeugung: er unterschlgt wegen der Schmerzen in der Milz den
ganzen Ritt, setzt sich irgendwo im Gebsch hin und kommt dann nach einer
Weile wieder mit den wahnsinnigsten Rapporten! Nur so habe ich mir all die
merkwrdigen Beobachtungen erklren knnen, die er gemacht haben will. _Er
hat sie eben nicht_ gemacht. Er hat sich gesagt: 'Es _knnte_ so sein, es
knnte aber _auch so_ sein! Nehmen wir also das '_auch so_' fr sicher!
Warum sollte ich mit meinem Scharfblick nicht eine Entfernung ohne
Vermessen einschtzen knnen? Brauche ich eine Brcke, ein Defilee, einen
Pa zu sehen, um zu wissen, da sie da sind? Und was den Feind betrifft,
da der hinter uns her und vor uns und berall ist - wer wrde wagen,
_das_ von den Franzosen zu bezweifeln? Um _das_ festzustellen, dazu
brauche ich keinen Ritt zu machen! Das wei man auch so! Wer
kontrolliert's mir brigens? Keiner! Und wenn schon - der Frst glaubt mir
aufs Wort! Die anderen Kerls knnen mir was! Wozu sich schinden?' So wird
er rsoniert haben!"

"Das hat allerdings etwas fr sich", sagte der Kapitn von Tippelskirch
und schlug sich mit der Reitgerte auf den Stiefel. "Mir war es auch
merkwrdig, wie er so gar nicht mehr die Entfernungen einschtzen konnte!
Denn der Kerl ist nicht dumm! Und kann er auf einmal nicht mehr rechts von
links unterscheiden, so liegt's nicht am Sehvermgen, auch wird er nicht
so ganz auf den Kopf gefallen sein. Schlielich mu er doch auch als
Generalquartiermeister die Karten kennen. Ich kann mir nicht helfen, aber
ich sehe da so etwas wie bsen Willen walten! Der Kerl hat etwas vor!"

"Wissen Sie, Herr Kamerad," sagte von der Marwitz zgernd, "ich mag ihn
auch ganz und gar nicht. Aber Gerechtigkeit mu sein. An bewuten Verrat
glaube ich nicht. Dazu wre er meines Erachtens auch dann nicht imstande,
wenn er die Neigung htte, denn er ist zu feige. Er ist ein unbedeutender
Kopf, der zu Einflu gelangt und bergeschnappt ist, so da er sich nur
noch mit groen weltbewegenden Plnen abgibt, die er weder fassen noch
bewltigen kann. Da passiert es ihm eben, so in Gedanken zu sein, da er
rechts und links verwechselt, falsche Rapporte bringt und verkehrt
disponiert. Wir haben's dann auszufressen, sitzen in der Klemme und mssen
verhandeln."

"Das mssen wir eben nicht! Und wenn ich sehe, da das losgeht, dann reite
ich davon. Wenn Sie mitkommen, soll es mir lieb sein."

"Ich berlege es mir noch!"

Der Kapitn sprang in den Sattel und legte die Zgel in der Hand zurecht.

"Er ist aber doch ein ausgemachter Franzosenfreund", sagte er rgerlich.
"Sie haben doch selbst gehrt, wie er gegen das Bndnis mit Ruland
wetterte. Sie waren doch dabei, als er erklrte: In dem Augenblick, wo wir
uns mit Ruland alliieren, verlt er die preuischen Dienste und geht ins
Franzsische!"

"Ich wei. Ich habe ja selbst im ersten rger dem Frsten gesagt, er msse
wegen dieser uerung erschossen werden. Aber der Frst hat mich
ausgelacht. Massenbach wre nicht ernst zu nehmen, sagte er. Und dabei
nimmt er ihn selbst verteufelt ernst und lt sich von ihm total
beherrschen."

Der Kapitn beugte sich vom Pferde herunter.

"Wissen Sie was, Kamerad, der eine von den beiden ist ein Schuft, der
andere ein Schwachkopf! Das meine Meinung! Wenn es ihre
Privatangelegenheit wre, wrde ich keinen Ton sagen. Aber wenn Tausende
von Leben von ihren Schrullen abhngen, wenn das ganze Land darunter zu
leiden haben wird, da solche Leute zu befehlen haben - - Na -, wie
gesagt, ich reite meines Weges! Wenn's soweit ist, pfeife ich Ihnen!"

Er grte, gab seinem Pferd die Sporen und ritt davon. Major von der
Marwitz stieg auch in den Sattel und schlo sich dem Frsten Hohenlohe und
Massenbach an, die sich jetzt zu einer Unterredung mit den Franzosen
begaben.

Auf einer niedrigen Wiese kamen sie ihnen entgegengaloppiert, versteht
sich, auf guten, erbeuteten preuischen Kavalleriepferden, um recht
niederschmetternd zu wirken. Murat selbst ritt das bei Saalfeld erbeutete
Pferd Louis Ferdinands; sein Gefolge hatte sich beim Regiment Gens'darmes
beritten gemacht.

"Dieser freche Gaskogner - dieser Naseweis von einem Bckerjungen!" sagte
von der Marwitz laut, als er den blaurotgolden herausgeputzten
napoleonischen Reitergeneral sah, wie er sich unter der reichen
Verschnrung brstete und blhte, die gelockten Haare schttelte und
gleich anfing in einer Weise zu schwadronieren, gegen die Massenbachs
Zungengelufigkeit das reine Kinderspiel war.

Der war auch stumm wie ein Fisch und tat das Maul nicht einmal auf. Er
starrte nur, wie der Frst, entsetzt auf Murat, als dieser anfing, nach
rechts und links, nach Nord und Sd in die leere Landschaft
hineinzuzeigen, und pltzlich vor seiner erstaunten Phantasie die ganze
franzsische Armee aus dem rmel schttelte.

"_Voil le corps du marchal Lannes! Voil le corps du marchal
Bernadotte! Voil le corps du marchal Soult!_"

Soult, der hinter der Elbe stand! -

"_Je vous donne ma parole d'honneur, que vous tes cerns par cent mille
hommes! Je me trouve ici avec cent mille hommes, messieurs!_"

Und dabei hatte der Gauner nicht mehr als tausend Mann und sechs Kanonen!
Es wre ein leichtes gewesen, sie zum Teufel zu jagen, wenn man auch nur
den Gedanken eines Widerstandes zu hegen gewagt, und wenn nicht Massenbach
so liederlich rekognosziert htte.

Wen der Himmel aber verderben will, den schlgt er mit Blindheit. Und so
sah der Frst Hohenlohe im Geiste nichts als diese frchterlichen
Truppenmassen von allen Seiten druen, sah desgleichen das Herz seines
geliebten Massenbach immer tiefer in die Hosen sinken und hrte kaum noch
hin, als von der Marwitz ihn bat, doch von dieser tiefgelegenen Wiese auf
die Chaussee heraufreiten und selbst Umschau halten zu wollen, oder noch
besser, ihn mit einer Patrouille auszusenden, ehe er seinen Entschlu
fasse.

Massenbach hatte rapportiert! Massenbach hatte all das auch gesehen! - Das
gengte!

Das war der Kehrreim vom Lied - das Gesetz, gegen das es keinen Einspruch
gab!

Und vollends, damit nichts am Grotesken fehlte: als in der Ferne, auf dem
Wege von Stettin, einer von den eignen Pulverwagen aufflog und eine
kugelfrmige Wolke hochging, die in der Luft eine Weile hngenblieb, als
dann alles verblfft hinschaute, und man sich gegenseitig fragte, was das
wohl sein knne, da fiel man zum berflu noch auf den Bluff eines der
lchelnden Herren Franzosen herein, der mit frecher Stirn ganz ruhig
erklrte: "Das ist das Signal von Marschall Soult, da er Sie von Stettin
abgeschnitten hat! Sie sind umzingelt, Messieurs!"

Der Chef der Artillerie, Oberst Hser, kam dann noch mit der wenig
erfreulichen Nachricht hinzu: es fehle den Soldaten an Taschenmunition,
und er selbst htte nur noch fnf Schu pro Kanone brig. Und da war es
aus.

Da willigte Frst Hohenlohe ein und kapitulierte mit zehntausend Mann und
dreiig Kanonen vor Murats tausend Leuten und vor seinen sechs
frchterlichen Rohren! Alles, weil der Herr Generalquartiermeister Oberst
von Massenbach eine Milz hatte und diese ihn am getreulichen
Rekognoszieren behinderte! Und auch, weil der Artilleriechef nichts davon
wute oder wissen wollte, da einzelne seiner Batterien noch ber mehr als
tausend Schu verfgten!

Inzwischen balgten sich Blcher und seine Leute sechs Meilen davon nach
Herzenslust mit Bernadotte herum. Bei Lychen wurden sie handgemein.
Blchers "Rote" hieben brav drein, die anderen Truppen taten auch ihr
Bestes, schlugen den Franzmann gehrig aufs Haupt, bekamen wieder Mut und
Selbstbewutsein und _sangen_ wieder zum ersten Male, seitdem der Rckzug
angefangen hatte.

Da brachte man ein paar Deserteure von der Hohenloheschen Armee ein, die
der Kapitulation entflohen waren, weil sie keine Lust hatten, unntz eine
Reise nach Frankreich zu machen. Und von ihnen erhielt man Kunde von dem
Ereignisse. Das wirkte wie ein Donnerschlag. Laute Rufe des hchsten Zorns
wurden bei den Offizieren hrbar, und Blcher fluchte und tobte, wie nur
er es konnte!

In der Siegesstimmung, in der er war, wollte er gleich dreinhauen, zum
Angriff vorgehen, sich nach Stettin durchschlagen und, wenn's sein mute,
bis zum letzten Mann kmpfen, um wenigstens so die von Hohenlohe und
Massenbach geschndete preuische Waffenehre wiederherzustellen!

Er lie Scharnhorst rufen und beratschlagte die Lage mit ihm. Scharnhorst,
auch jetzt ruhig und besonnen wie immer, verstand es gut, die
Draufgngernatur Blchers zu bndigen, und fand auch gleich heraus, was zu
tun wre, um dem Ganzen am besten zu ntzen. Und da sein Plan immerhin
einiges von einem Husarenstcklein an sich hatte, so war Blcher nicht
schwer zu berzeugen und willigte sofort ein.

Was Knesebeck beim Kriegsrat in Quedlinburg mit der ganzen Armee tun
wollte und nicht durfte, das unternahm jetzt Scharnhorst mit dem
Blcherschen Korps.

Statt also nach der Oder durchzubrechen, wollte er lieber umkehren, auf
die Elbe zurckgehen, Magdeburg gewinnen oder Hamburg, wenn's nicht anders
ging. - Die Hauptsache dabei war, die Franzosen von der Oder abzuziehen,
damit der Knig Zeit bekme, sein Heer zu sammeln und die Festungen zu
verproviantieren.

Whrend der Beratung hatte sich aber die Kunde von der Kapitulation unter
den Regimentern verbreitet. Und da es berall einige unsichere Kantonisten
gibt, so gab's auch hier verschiedentlich Aufregung, und Rufe wurden laut,
es sei am besten, wenn hier gleichfalls kapituliert wrde, damit die ewige
Hetze endlich einmal ein Ende nhme!

Als aber die Leute das muntere, hoffnungsvolle Gesicht Blchers sahen, wie
er mit Scharnhorst herauskam, und schmunzelnd versicherte: er wolle ihnen
bald wieder Gelegenheit zu manch gutem Husarenstcklein geben, da faten
sie sich wieder ein Herz.

"Wo ich etwas zu sagen habe, da soll kein preuischer Soldat Schande
haben! Das glauben Sie _mich_!"

So schlo er seine Ansprache.

Die kleine Neigung zur Meuterei war sofort verflogen. Man zog in
westlicher Richtung ab, vereinigte sich bald mit dem jetzt von Winning
befehligten Korps des Herzogs von Weimar und hatte die Genugtuung, die
drei franzsischen Korps Lannes, Bernadotte und Soult von der Oder ab und
auf sich zu ziehen. Aber auch die Mhseligkeit, von ihnen scharf verfolgt
zu werden.

                                    *

  Massige Kirchen mit erzgrnen Dchern -
  ragende Trme mit Zinnen und Zacken -
  ringsum in leuchtendem Rot ein Meer
  von Ziegeldchern und Treppengiebeln,
  von breiten Strmen sanft umschlungen
  und tiefen Grben mit stillen Gewssern. -
  Kein druender Schlund auf Wllen und Mauern,
  kein Wchter im Turm, kein wehrhafter Streiter. -
  Auf hohen Wllen rauschen die Bume,
  geheimnisvoll raunt es von alten Strmen,
  von Streit und Orlog in fernen Zeiten,
  ehe alles im Dornrschenschlaf versank,
  die Tat vertrumte und weltfremd wurde.

  Da naht ein Ritter - mit rauher Faust
  er reit im Gestrpp eine Gasse.
  Krachend saust aufs verschlossene Tor
  der Knauf seines Schwertes, bricht Schlo und Riegel,
  die Schlge drhnen, die Bohlen bersten,
  das Tor springt auf; - - -
  schrill schmettert sein Streitruf hinein in die Stadt,
  verscheucht den Schlaf;
  aus rosigem, sonnigem Traum erwachend,
  blickt alles froh dem Leben entgegen.
  Da strmt der Tod durchs Tor hinein,
  durch alle Gassen in alle Huser,
  mit Mord und Notzucht, plndernd, sengend;
  in Rauch und Flammen und Strmen von Blut
  sinkt alles hin.
  Sitte, Brauch und Gesetze der Vter
  und heimische Wahrzeichen weichen den Welschen.
  Statt Ordnung und Recht
  Erpressung, Gewalt, Guillotine!

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Im Rathause zu Lbeck, im Audienzsaal des Senats zu ebener Erde, hinter
den in Hufeisenform gestellten grngedeckten Tischen, saen vollzhlig
versammelt, auf langen Sofas, die Mitglieder eines Hohen Senats, in
altspanischer schwarzsamtener Hoftracht mit breiten Halskrausen, die die
markigen Kpfe wie auf Prsentiertellern darboten.

Hinter der Balustrade, mitten im Saal, die ragende Gestalt Blchers, den
langen Reitermantel ber die Schulter zurckgeschlagen, das graue Haar
sich wirr trmend ber der hohen Stirn. Wie ein alter, von strmischem
Flug zerzauster Adler, wie ein Recke der Vorzeit, so mutete er an. Hoheit
strahlte seine ungebeugte Gestalt aus. Ehrfurcht flte sie jedem ein,
auch den gestrengen Herren auf den Ratsbnken, die versammelt waren, um
wider ihn die Rechte einer Freien Reichs- und Hansestadt zu wahren.

"Lbeck hoch in Ehren!" sagte Blcher und erhob grend die Hand. "Dem
Haupt der Hansa - der altberhmten Reichsstadt meinen ehrerbietigsten
Gru! Es tut mir leid, als ungebetener Gast vor einem Hohen Senat
erscheinen zu mssen, und ich bedauere sehr, da das Stadttor von uns mit
Gewalt geffnet werden mute. Aber herein muten wir. - Not kennt kein
Gebot. Wir wurden von der Elbe ab- und hierhergedrngt. So gezwungen,
einige Tage hier zu bleiben, um meine Truppen ruhen zu lassen und mit dem
Ntigsten zu versehen, sichere ich einem Hohen Senat und der Brgerschaft
Lbecks die strengste Manneszucht zu und Schutz fr Leben und Eigentum
jedes einzelnen.

Einen Hohen Senat aber bitte ich um Gottes willen zur Verpflegung und
Ausrstung meiner Truppen, um Lieferung von fnftausend Dukaten,
achtzigtausend Broten, viertausend Pfund Fleisch, dreiigtausend Flaschen
Wein und Branntwein und Schuhe und Futter fr fnftausend Pferde!"

Die Senatoren blickten sich ernst an.

Der prsidierende Brgermeister, Dr. Plessing, nahm dann das Wort und
erinnerte in gemessener und wohlgesetzter Rede an die allseits anerkannte
Neutralitt Lbecks, die durch seine Besetzung von der preuischen Armee
jetzt auf das grblichste verletzt worden war, wogegen er, _in optima
forma_, den entschiedensten Protest hiermit einlegen wollte. Er bedaure
aufs tiefste die tapfere preuische Armee und gbe die Notlage zu, wolle
sich auch nicht der Darstellung derselben durch ihren berhmten General
verschlieen, knne aber dessenungeachtet keinesfalls eine Verpflichtung
zur Lieferung seitens der Freien Reichsstadt Lbeck anerkennen und
erklrte, indem er sie doch nach Mglichkeit in Aussicht stellte, da man
nur der Gewalt weiche.

Blcher erhob bei den Worten sein Haupt.

"In welcher Form die Labung gegeben wird, ist mir gleich, wenn ich nur die
Gewiheit habe, ohne zum uersten schreiten zu mssen, meine Leute hier
erquicken zu knnen. Eins mchte ich aber doch Eurer Magnifizenz zu Gemte
fhren: wenn das Nachbarhaus brennt, da hilft's mir nicht, mich vor _mein_
Haus hinzustellen und dem Feuer zuzurufen: 'Dies Haus ist neutral! Da hast
du nichts zu suchen, da darfst du beileibe nicht znden!' - Das Feuer
brennt, wo der Wind es hintreibt, und den fliegenden Funken kmmert kein
Menschengebot. Ist der Krieg entfesselt, so zieht er seine Bahn. Wenn
Fieber den Krper schttelt, da ntzt es nicht, der Krankheit zu sagen:
'Die rechte Hand la mir in Ruhe, den Kopf auch - sie sind neutral -, da
darfst du nicht toben!' Nein - _da fiebert eben alles mit_, ob's will oder
nicht! Das ist _hhere Gewalt_, meine Herren! _Die Gewalt_ war's, die mich
zwang, Ihre Neutralitt zu verletzen, und allein _die_ Gewalt wird es wohl
sein, der Sie, meine Herren, hier weichen mssen. So mchte ich es
jedenfalls verstanden haben! Denn ich tue hier nichts denn meine Pflicht
gegen Knig und Vaterland, wenn ich versuche, seine Armee zu retten und
seinen Feinden mglichst lange unbequem zu werden! Und nun mit Gott!"

Er grte und ging.

Im Gasthaus Zum Goldenen Engel, dem Rathause gegenber, war das
Hauptquartier aufgeschlagen.

Dort saen Scharnhorst und der Hauptmann von Mffling mit Gehilfen in
emsigster Arbeit, die Verteidigung der Stadt zu ordnen.

Die Mauern standen ja noch, waren jedoch verfallen, die Wlle mit hohen
Bumen bestanden, Artillerie war nicht vorhanden. Lbeck war also eine
offene Stadt, aber leicht zu verteidigen, weil von zwei Seiten von Wasser
umgeben, ber das nur durch die vier Tore Zugang war.

Gegen drei von ihnen, gegen das Burgtor, das Hxtertor und das Mhlentor,
zog jetzt der Feind heran. Durch das Holstentor ging Blchers
Rckzugsstrae, auf der er schon Kavallerie und Tro nach Ratkau
vorangeschickt hatte, whrend die Trave, bis in die Gegend von
Israelsdorf, durch hinter dem Flu aufgestellte Regimenter gesichert war,
und die Armee so hier vor berflgelung geschtzt wurde.

Am Burgtor kommandierte der Herzog von Braunschweig-Oels.

Sowohl Blcher wie Scharnhorst hatten bei ihrer Besichtigung dort viel zu
erinnern gefunden. Die Truppen vor dem Tor und auch die Artillerie waren
unzweckmig aufgestellt. Sie suchten, so gut es ging, die schlimmsten
Mistnde abzustellen, ermahnten den Herzog, sein Fuvolk beizeiten
zurckzuziehen, damit der Feind nicht gleichzeitig mit ihm durchs Tor
eindrngen knnte, und kehrten ins Hauptquartier zurck.

Dort fanden sie den Leutnant von Eisenhart, der soeben aus Mnster mit der
geretteten westflischen Landeskasse eingetroffen war, um sie ber See
weiter in Sicherheit zu bringen. Bei der Geldknappheit Blchers war er
hchst willkommen, da er ihm so ber die schlimmste Not hinweghalf. Nach
Abgabe einiger Fsser mit harten Talern wurde Eisenhart sogleich mit
seiner Geldfuhre nach dem Holstentor vorausgeschickt, um fr alle Flle
rasch damit entschlpfen zu knnen, falls der Feind doch unerwartet in die
Stadt eindringen sollte.

Scharnhorst fing an verschiedene eilige Angelegenheiten mit Blcher zu
besprechen. Da trat pltzlich ein untersetzter, drrer Offizier mit
grmlichem Gesicht, den Arm in der Binde, auf krummen Beinen durch die Tr
herein - ging auf Blcher zu und fing zu dessen Verblffung an, ihn in
kurzem, knarrigem Ton zu schurigeln.

"Ich htte mir von Ihnen eine bessere Fhrung erwartet, General!" sagte
er. "Allerdings, Ihre Attacke bei Auerstedt war nicht berhmt! Und ich war
vom Groherzog von Weimar, meinem vorigen Chef, nicht gerade verwhnt,
obwohl er fr einen Prinzen ganz annehmbar funktionierte. Aber _Sie_
lassen uns laufen und laufen ohne Ende! Unsere Leute werden marode;
Tausende ber Tausende sind uns bei den Gewaltmrschen der letzten drei
Tage verlorengegangen. - Von meinen Jgern allein, von denen jeder Mann
unersetzlich ist, vermisse ich ber vierhundert!"

"Alle Wetter!" sagte Blcher, bei Erwhnung der Jger aufhorchend, "da
sind Sie wohl der Oberst Yorck?" und kam auf ihn zu, und betrachtete ihn
mit unverhohlener Neugier, aber auch mit Wohlgefallen. Den Obersten hatte
er, bei seiner Vereinigung mit dem Korps Weimar, unter seinen Befehl
bekommen. Er schtzte ihn ungemein wegen seiner Tapferkeit und der
geschickten Fhrung seiner Jger, hatte ihm gleich den Befehl ber die
Nachhut berlassen und war deshalb bis jetzt nicht in persnliche
Berhrung mit ihm gekommen.

"Ich freue mich, Sie endlich einmal zu sehen, Herr Oberst!" sagte Blcher
und reichte ihm die Hand.

"Nun, wenn Sie nicht immer so schnell weitergezogen wren, General, so
htte das frher sein knnen!" antwortete Yorck, ohne die ausgestreckte
Hand zu bemerken.

"Der Oberst von Yorck meldet sich zur Stelle", sagte Blcher belustigt und
blickte Scharnhorst augenzwinkernd an.

"Ich merke es!" antwortete dieser.

"Ich htte das frher besorgt," sagte Yorck noch kratzbrstiger, "htten
Sie es nur nicht so eilig gehabt. So kann ich also erst heute meine
Meinung vorbringen. Und die ist die: eine verlorene Schlacht wre weniger
mrderisch gewesen als diese Lauferei vor dem Feind. Sie htten die
Schlacht in unserer Position bei Gadebusch ruhig annehmen sollen. Da hatte
ich meine Jger noch alle beisammen, und Sie Ihre Leute auch, General.
Munition hatten wir genug, und die Leute waren frischer. Da brauchten wir
uns nicht von unserem Wege abdrngen lassen wie jetzt. Der Marsch auf
Lbeck war ein Fehler. Hier mssen wir uns doch schlagen, aber lange nicht
in so gnstiger Verfassung wie dort. Sie haben sich eben von Ihren vielen
gelehrten Offizieren" - er zeigte verchtlich auf Scharnhorst und Mffling
- "grndlich nasfhren lassen! Das meine Meinung!" -

Gesagt, die Hand an die Krempe seines Huts gelegt, kehrtgemacht und
abmarschiert.

Blcher lachte.

"Zum Kssen ist er! So'n bissiger alter Dachs! Und recht hat er auch!
Hundertmal juckte es mich auch unterwegs danach, gehrig dreinzuhauen! Und
wren Sie Massenbach gewesen und nicht Scharnhorst, ich htte mich den
Teufel um Ihren Einspruch gekmmert! Sie haben aber immer so gute Grnde,
Sie verfluchter Kerl, Sie! Und die schlechte Gewohnheit, immer recht zu
kriegen! Da haben Sie nun den Salat!"

Weiter kam er nicht, da wurde er durch heftiges Schieen unterbrochen.

"Man schiet am Burgtor! Kommen Sie, Mffling, schauen wir nach."

Der Hauptmann von Mffling stand auf, bereit, Blcher gleich zu folgen.
Scharnhorst aber erhob energisch Einspruch.

An allen Toren wrde heute gleichmig geschossen, das htte nichts zu
sagen! Wichtiger wre jetzt die Befehlsausgabe! Blcher wrde unbedingt im
Hauptquartier bentigt!

Da kam das Schieen immer nher; man ritt im Galopp drauen auf der
Strae. Franzsische Kommandorufe wurden laut.

Blcher blickte hinaus -

"Franzsische Dragoner mitten in der Stadt! Ich werde mich wohl hier wie
in einem Sack fangen lassen! Der Teufel auch!"

Er lief die Treppe hinunter, von Mffling und seinem Sohn gefolgt.

Auf dem Hof standen die Pferde bereit. In den Sattel gesprungen, die
Plempe gezogen, dem Pferde die Sporen gegeben, durchs Haustor hinaus, und
dann los, wie toll um sich hauend, so kam der Alte auf den Markt hinaus,
wo die Reserve stand.

Yorck, der ein paar Huser weiter wohnte, kam auch heraus, steckte seine
Jger in die Huser und auf die Bden, von wo aus sie die Straen
bestreichen konnten. Die anderen Truppen, von Blcher angefeuert, gingen
in der Breiten Strae vor. Wiederholt trieb man die Franzosen zurck.

Da gelang es diesen, Artillerie auf dem Koberg in Stellung zu bringen. Von
dort aus konnten sie in die Knigsstrae und in die Breite Strae
hineinschieen.

Ihre Kugeln schlugen weite Gassen in die Reihen der Verteidiger. Als einer
der ersten sank, schwer getroffen, Yorck um.

Blcher trieb die Seinen an, den Oberst zu retten und die franzsischen
Kanonen zu nehmen. Man kmpfte erbittert auf beiden Seiten. Da traf die
Meldung ein, die Franzosen gingen lngs der Trave auf das Holstentor zu
und wren im Begriff, die einzige Rckzugsstrae abzuschneiden.

Wollte er sich nicht gefangennehmen lassen, so war es jetzt hchste Zeit,
seine Truppen aus der Stadt zu fhren. Mit allem, was in der Nhe war, zog
er rasch ab und brachte sie noch glcklich durch das Tor hinaus.

Nach vergeblichen Versuchen, noch mehr von seinen Tapferen herauszuhauen,
zog er dann weiter nach Schwartau, legte das Fuvolk dort in Quartier und
nahm selbst Wohnung in Ratkau, wo die berbleibsel seiner Kavallerie
standen.

In Lbeck aber hausten die Franzosen in der barbarischsten Weise mit Mord
und Brand, Plnderung und Notzucht und respektierten so die Neutralitt in
der ihnen eigenen Art.

In ihren eigenen Chroniken, wo sie sich ihrer sonstigen Kulturtaten
rhmen, steht nichts davon.

In den Rechenschaftsbchern eines Hohen Senats zu Lbeck aber stehen noch
verzeichnet die Unsummen an Kriegskontributionen und erpreten
"Geschenken", die Bernadotte, Soult und Murat nebst Gehilfen zu ergattern
wuten.

Wogegen dort, auf der Schuldseite, der Name jenes Mannes lngst gelscht
wurde, der in einer Zeit, als alles den Kopf verlor und starke Festungen
ohne Widerstand kapitulierten, wenigstens den Versuch machte, sich
mannhaft zu wehren, und zwar in einer offenen Stadt.

Er brachte der Stadt wohl Leid dadurch. Aber das kittete sie nur um so
fester an das Ganze.

                                    *

Auf seinem Lager im Pfarrhofe zu Ratkau lag der General Blcher
hingestreckt. Er fieberte.

Es war Mitternacht. Der Herzog von Braunschweig-Oels hatte ihn soeben mit
einem Unterhndler des Marschalls Bernadotte verlassen, der ihm
Kapitulation zu ehrenhaften Bedingungen angeboten hatte.

Kapitulation - dieses in den Annalen der preuischen Armee nur in bezug
auf den Feind gebruchliche Wort, hatte ihn unablssig verfolgt seit dem
Unglckstage bei Auerstedt! Htte vorher im Ernst jemand gewagt, ihm
Preuen und Kapitulation in einem Atemzuge zu nennen, er htte ihn
ausgelacht, ihm den Rcken gekehrt und ihn keiner Antwort gewrdigt!

Seitdem er aber bei Auerstedt und anderswo die Unfhigkeit der Armeefhrer
gesehen hatte - seitdem klang ihm immer jenes fatale Wort in den Ohren,
Tag und Nacht!

Wo er konnte, hatte er alles getan, um zu verhindern, da der preuischen
Armee diese Schmach angetan wrde! Und wo er noch in letzter Stunde
hinzukam, war es ihm auch gelungen.

Freilich - berall hatte er nicht anwesend sein knnen!

Die Schmach bei Prenzlau, wo Hohenlohe mit der Hauptarmee die Waffen
streckte - diese unerhrte Schandtat wre nie und nimmer geschehen, wre
er nur dabei gewesen!

Htte er nur eine Ahnung davon gehabt, er wre hingeritten wie der Blitz,
htte den Frsten und jeden, der nur ein Wort von Kapitulation zu sprechen
wagte, vor den Kopf geschossen! Aber geschehen wre es nicht!

Denn das gab das Signal zu all den anderen Kapitulationen! Wenn der
Oberbefehlshaber selbst mit der Hauptarmee sich ergab - was Wunder denn,
da die anderen folgten? Die Kavallerie bei Pasewalk, Bila bei Anklam, und
dann: Stettin, Kstrin, Spandau! Wie reife Frchte beim ersten Windsto
vom Baume fallen, so fielen sie, die eine Festung nach der anderen, die
eine Armee nach der anderen! Und jetzt war er selbst in der schmachvollen
Lage, jenes Wort - jenes verhate Wort fr immer und ewig seinem eigenen
Namen anhngen zu mssen!

Es war ja noch nicht soweit! Er hatte es ja abgelehnt, vor Tagesanbruch in
irgendwelche Verhandlungen zu treten! Bis dahin knnte noch manches
passieren! Freilich war nicht viel Hoffnung da! Travemnde, wohin er mit
dem Rest seiner Truppen ziehen wollte, war bereits gefallen; Geschtz und
Gepck auf dem Wege dorthin verloren, keine Munition mehr, seine Leute
ohne Nahrung, frierend und hungernd! Da bliebe ihm nur - -

Er zwang seine Gedanken davon fort.

Der Braunschweiger hatte ihm auch ausfhrlich vom Einzug Napoleons in
Berlin erzhlt. Man hatte ja schon in Lbeck verschiedenes davon zu
munkeln gewut - und der Unterhndler Bernadottes hatte es sich jetzt noch
angelegen sein lassen, die Begebenheit in mglichst grellen Farben zu
malen, um ihn gefgig zu stimmen!

Er schlo die Augen, und sah es so deutlich vor sich, als htte er es
miterlebt, hrte die drhnenden Trommelwirbel und das Schmettern der
Trompeten, die das Nahen des Siegers verkndeten. Und dann ritt der kleine
Kerl an der Spitze seiner Garden durchs Brandenburger Tor hinein, vor ihm
die erbeuteten preuischen Fahnen, und dann hinterher - wie eine
Viehherde, die zur Schlachtbank getrieben wird - die gefangenen
preuischen Offiziere. Auch das hatte nicht an seinem Triumph fehlen
drfen!

Und der Pbel auch nicht, der dem Triumphator huldigte und seine Opfer
auspfiff! - -

Er sthnte laut auf, als er an die Szene dachte. Die Hnde krallten sich
vor Wut zusammen beim Gedanken an all den Raub, den der Sieger in Berlin
gemacht hatte, und all die Schmach und Schande, die er dafr aufs Haupt
der Besiegten hufte!

Er lachte laut auf.

"So ist's recht!" rief er gallig, sich im Bett aufsetzend, und schlug mit
der Faust auf den Bettrand. "So ist's recht! Nur zu, nur zu! Tritt sie mit
Fen - tritt nach Herzenslust! Die Deutschen trittst du nimmer tot! Aber
du trittst sie zu _einer_ Masse zusammen! Nur so werden sie's, nur die
uerste Gewalt kann das bewirken! Tritt sie - ihnen zum Heil und dir zum
Schaden, wenn sie sich dann endlich gemeinsam gegen dich erheben!"

Er sank wieder zurck und lag da lange mit geschlossenen Augen, heftig
atmend, die Wangen von Fieberglut gertet. Gestalten tauchten vor seinem
inneren Gesicht auf, Gefhrten der letzten Kmpfe, der Flucht und des
klglichen Rckzugs!

Zunchst Massenbach!

Den hatte er auf dem Strich, seit Greuen, wo dieser Schuft sich
unterfangen hatte, _sein_, Blchers, Ehrenwort aufs Spiel zu setzen durch
falsche Verdolmetschung seiner Weigerung, es abzugeben!

Den hatte er seitdem nicht aus den Augen gelassen!

Bei Jena war die Memme nicht zum Vorschein gekommen, wie berhaupt
nirgends, wo es Ernst wurde! Da verduftete er gleich, um erst, wenn alles
glcklich oder unglcklich vorbei war, wieder aufzutauchen und neues
Unheil anzustiften!

Jetzt hatte er sich aber fr immer und ewig unmglich gemacht!

Und das war das Gute bei diesem unerhrten Unglck, da es die Spreu von
dem Weizen sonderte, Schdlingen wie Massenbach die Larve vom Gesicht ri
und unfhige Leute von den Fhrerposten entfernte, um die, die sich
bewhrt hatten, zum Heil des Ganzen an die Spitze zu bringen! So wurden
dem Wiederaufbau wenigstens von Haus aus keine Hindernisse mehr in den Weg
gestellt! -

Er fuhr auf.

"Er sagte doch -", fing er laut an, und die Stimme bebte vor Zorn - "er
sagte doch - -"

Er lachte laut auf.

"_Kapitulieren_, um dem Knig eine Armee zu erhalten! So'n Wahnsinn! Und
darauf fallen gescheite Leute herein! So'n Wahnsinn! So'n gottverfluchter
Wahnsinn!"

Er sank wieder hin, wickelte sich in die Decke und lag wieder still da. Im
Kopfe brauste und brummte es von tausend Gedanken. Erlebtes und
Erlauschtes trat da wieder in Erscheinung und scho in bunten Bildern
durchs Gehirn. Aus dem brodelnden Chaos tauchte bald dieses, bald jenes
wohlbekannte Gesicht auf, als htten sich die Geister zur Heerschau um das
Lager des alten Helden versammelt, um zu raten, zu tadeln und ihm ber das
Bitterste hinwegzuhelfen. Er sann und sann nach einem Ausweg aus seiner
Lage.

Knnte er dem Knig wenigstens _seinen_ Arm und Kopf retten! Nur nicht
kapitulieren mssen, jetzt, wo jeder, der etwas taugte, bentigt wurde!

Und doch, es war nicht zu vermeiden! - Was sonst aber taugte, das sollte
wenigstens dem Knige erhalten werden!

Scharnhorst!

Da liee er nicht nach - der mute sofort ausgewechselt werden - das wre
Bedingung!

Der gehrte an fhrenderer Stelle! - Das wollte er dem Knig gehrig unter
die Nase reiben! - Da wre kein Wort des Lobes zuviel!

Dieser Kerl - Donnerwetter, was fr ein Glck, da er den gefunden hatte!

Er hatte einen Mann in dieser Welt, auf den zu bauen war, hatte ihn
ausprobieren knnen und das reine lautere Gold an ihm gefunden!

Wie hatte er sich nicht bei der Kunde von Hohenlohes Kapitulation
benommen! Wo sonst alles den Kopf verlor, blieb er ruhig, bestimmt,
zielbewut, und war sofort und ohne viel Gerede im klaren damit, was getan
werden mute!

Ohne viel Gerede, das war die Hauptsache.

Und _den_ hatten die Franzosen nun gefangengenommen! Und Yorck auch, den
Braven, der sich wie ein Lwe schlug!

Ob der wohl mit dem Leben davongekommen war?

Das mute er wissen! Dann sollte auch der auf die Liste der sofort
auszuwechselnden Offiziere.

Der alte Isegrim, der mit seinen Jgern whrend des Rckzuges so viele
glnzende Proben von Heldenmut und auergewhnlichen Fhrereigenschaften
gegeben hatte - bei Altenzaun, wo er dem Korps Weimar den Elbbergang
deckte - auf der Nossentiner Heide, wo er stundenlang mit der Nachhut dem
Feind den Weg verlegte und ihm derartig an die Kehle sprang, da er von
der Verfolgung an dem Tag genug hatte - auch der Yorck mute dem Knig
erhalten werden, wre er nur noch am Leben!

Der Knig, der wrde wohl endlich gelernt haben, solche Leute zu schtzen!
Er hatte wohl jetzt gesehen, was an denen war, die bis jetzt sein
Vertrauen genossen hatten! Es war eine harte Schule fr ihn gewesen! Er
hatte sich aber brav gehalten! Zum erstenmal im Feuer! Gar nicht schlecht!
Freilich, er htte nicht die Schlacht abzubrechen brauchen!

Aber er war noch jung, unerfahren, und hatte nicht den rechten wagemutigen
Leichtsinn, wenn's galt, das unbedingt Ntige aufs Spiel zu setzen!

Das war aber die Hauptsache, zum Donnerwetter! Auf die Waghalsigkeit des
Spielers kommt es eben an! Von ihr hngt oft das Schicksal von Tausenden
ab! Es kann _so_ gehen - es kann auch so gehen! Man wei es nicht im
voraus! Und doch mu es gewagt werden!

  "Wagemut, Wagemut,
  sengt mir das Blut!"

trllerte er pltzlich laut vor sich hin. Und mit dem Gedanken, da _er_
als Prinzenerzieher zuallererst ihnen die Lust beibringen wrde, die Karte
zu biegen, damit sie nicht in den Ernstfllen zauderten, sondern nach
rechter Mannesart fest zupackten - mit dem Gedanken schlief er ein und
schnarchte bald, da die Balken sich bogen.

Kaum war der Tag angebrochen, so wurde er mit der Kunde geweckt, zwei
franzsische Generle htten sich als Abgesandte Bernadottes eingefunden,
um die Kapitulation abzuschlieen.

"Hol' der Teufel die Kapitulation!" schrie er heiser den Hauptmann von
Mffling an, der, nach der Gefangennahme Scharnhorsts, das Amt des
Quartiermeisters versehen mute. "Haben die Kerls keine Nachricht von
Yorck gebracht? Lebt er noch?"

Der Jubel, als die Frage bejaht wurde!

"Der Isegrim lebt! Der alte Dachs hat nicht ins Gras gebissen! Das dachte
ich! Das wute ich! So was Garstiges, so was Widerborstiges kriegen nicht
einmal wir selbst klein! Geschweige denn die Ohnehosen mit ihren
Ksemessern! Papier her - Papier und Tinte her!"

Das Fieber war fort, der Alte wie verwandelt! Das Glck im Unglck wirkte
besser als alle Medikamente. Er ri Feder und Papier an sich und kratzte
in dem unmglichsten, aber von innigstem, burschikosem Humor durchtrnkten
Deutsch rasch ein paar Zeilen zusammen und reichte dem Hauptmann das
Papier.

"Da nimm's, mein Sohn, gibt's den Franzosen! Das sollen sie fr Yorck
mitnehmen! Der alte Kerl soll wissen, da ich ihn liebe, obwohl er mir so
grob kam! - Er soll fhlen, da noch einer da ist, der gute derbe Hiebe
einschtzen kann, und der den Teufel nach Hflichkeit in solchen Dingen
fragt, wenn der Hieb nur sitzt! - Und auch, da ich an ihn denke, fr ihn
sorge und von seinen Taten dem Knig genau berichten und sie ins beste
Licht rcken werde!"

Mffling verbeugte sich, versprach alles getreulich zu besorgen und wagte
dann an den eigentlichen Zweck seines Kommens zu erinnern - an die
Kapitulation - -

Blcher blickte ihn giftig an. Es galt also doch in den sauren Apfel zu
beien.

Er spuckte dreimal verflucht aus und schrie, so gut es ging - denn er war
ganz heiser von dem vielen Kommandieren der vorhergehenden Kampftage -,
schrie seinen guten Hauptmann Mffling an und sagte ihm, er mge in des
Teufels Namen denn das Dokument mit den Parlezvous' abfassen! Aber
deutsch, das bte er sich aus! Denn er unterschreibe nur, was er lesen
knne, und die gaskognischen Gauner und welschen Windhunde knnten ihm die
Schuhsohlen lecken - er sagte etwas Schlimmeres -, sie knnten ihn
dreiteilen, wenn sie wollten, und in kleine Stcke backen, aber er
unterschreibe nichts, wenn nicht hoch und heilig und ehrenwrtlich drin
vom franzsischen Marschall verbrieft und gesiegelt wrde, da der Oberst
von Scharnhorst und der Oberst von Yorck - denn er lebte noch -, da also
die zwei sofort ausgewechselt werden wrden und gehen knnten, wohin sie
wollten! Und wohin _die_ wollten, das wte er schon - aber das ginge den
Franzmann nichts an!

Ohne das unterschriebe er also nicht! Und unterschriebe _auch_ so nicht,
wenn er nicht auch die Grnde angeben knne, warum in drei Millionen
Teufels Namen er kapitulieren mute! Denn da er das nicht gutwillig tte
- da er kein solcher Schweinehund wre, das zu tun, solange er noch ein
Krnchen Pulver auf der Pfanne htte, das brauche er ihm wohl nicht erst
zu sagen?! Und freies Geleit bedinge er sich fr sein Gepck aus. Denn da
wre die westflische Landeskasse mit drin. Die wre keine Kriegskasse und
wrde nicht von der Kapitulation betroffen. Die Franzosen knnten sich den
Mund danach lecken. Und eine Eskorte fr sie sollten sie auch noch
stellen. Und nun solle er sich scheren, Musje Mffling, und ihm seine Ruhe
lassen! Und er bte sich aus, durch keinerlei Rckfragen behelligt zu
werden! Er htte jetzt seine Orders - er wte Bescheid, er solle es gut
machen - basta! -

Damit wickelte er sich in seine Decke, drehte dem Quartiermeister den
Rcken und schnarchte weiter.

Nach stundenlangem Hin und Her hatten die Unterhndler endlich das
schicksalsschwere Aktenstck fertig, durch das der letzte Rest des
Blcherschen Korps die Waffen streckte.

Von sechzehn Bataillonen hatte Blcher nur vier aus Lbeck retten knnen,
als die Stadt fiel, und zwei Kanonen von zweiundfnfzig! Diese vier
Bataillone sollten nun die Waffen strecken - aber mit allen Kriegsehren.
Mit Seitenwaffen und Kanonen, mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel
sollten sie vor dem franzsischen Heere vorberziehen, und die Offiziere
sollten ihre Degen behalten drfen. Auf die weiteren Bedingungen Blchers
waren die franzsischen Unterhndler auch eingegangen. Nur - die Angabe
der Grnde zur Kapitulation wollten sie ihm nicht zugestehen. Das wre
gegen allen Brauch - das drfe er nicht beanspruchen, und was sie da noch
an Gegengrnden vorzubringen wuten! -

"Was bei so'ner niedertrchtigen Sache Brauch ist oder nicht, ist mir
schnuppe!" sagte Blcher, als ihm Mffling das verdolmetschte. "Das
Kapitulieren ist berhaupt nicht bei mir Brauch und soll, hol' mich der
Teufel, nie wieder bei mir vorkommen! Und was ich beanspruchen darf, wei
ich selbst am besten und brauche mir das von so'n paar hergelaufenen
Grnschnbeln von Franzosen nicht weismachen zu lassen! Die sollen mich
den Buckel herunterrutschen, aber unterschreiben tue ich nach _meinem_,
nicht nach ihrem Kopf! Und wollen sie das nicht, sollen sie sich zum
Teufel scheren!"

Die Franzosen guckten den alten kratzbrstigen Herrn erstaunt an, der sie
so von seinem Lager aus mit heiserer Stimme anschrie. Sie blickten sich
an, zuckten die Schultern, blickten Mffling an, steckten mit diesem dann
die Kpfe zusammen und flsterten in bedauerndem Tone ein paar freundliche
Phrasen, von denen Blcher nur die Worte auffing: "_monsieur le gnral -
- encore trs malade!_"

Dann nickten sie endlich wohlwollend zustimmend. Mffling nahm das
Dokument, tauchte den Federkiel ein, legte ein dickes Buch unter und gab
das Ganze an Blcher, der, auf den linken Ellbogen gesttzt, nach der Wand
gedreht, und ohne den Siegern sein Gesicht zu zeigen, rasch ein paar Worte
hinkritzelte.

Dann reichte er Mffling, ohne sich umzudrehen, Dokument und Federkiel,
legte sich wieder hin, nach der Wand gekehrt, und lie die Franzosen
Franzosen sein.

Sie blickten sich wieder an, blickten Mffling an, schttelten die Kpfe,
blickten in das Dokument hinein und buchstabierten laut:






"Ik kapitlir nr, wei' ik knn Brott n kann Mnissiong mehr 'abe -

                                                               Bluchre -"






Sie falteten das Dokument zusammen, legten die Finger an ihre Kppis und
salutierten mit ausgesuchter Hflichkeit die ihnen reichlich gezeigte
Hinterfassade des alten Haudegens, lchelten sich an, schttelten die
Kpfe, rollten ihre kleinen Rattenaugen, da sie lustig funkelten, drehten
die Schnurrbrte spitz in die Hhe, und verlieen dann mit Grazie die
Hhle des Lwen, ohne von ihm eines Blickes gewrdigt zu werden.

                                    *

Blcher begab sich zunchst als Kriegsgefangener nach Hamburg und hatte
die Genugtuung, nach einigen Tagen Scharnhorst dem Knig senden zu knnen.
Er versumte nicht, ihn dem Monarchen angelegentlichst zu empfehlen und
die Verdienste seines Generalquartiermeisters whrend des Rckzuges im
hellsten Lichte strahlen zu lassen.

Der Einflu Scharnhorsts zeigte sich bald.

Der Knig hatte im Zeitraum von kaum drei Monaten so viele Schlge auf
sein Land niedersausen sehen wie kein anderer preuischer Knig vor ihm.
Auer den Kapitulationen im freien Felde hatten die Festungen Erfurt,
Spandau, Stettin, Kstrin, Magdeburg, Czenstochau, Hameln, Fort
Plessenburg bei Kulmbach sich ergeben, und Glogau und Breslau wrden, nach
allem zu schlieen, bald folgen. Trotzdem war der Knig noch ungebeugt. Er
hatte gesehen, was morsch und baufllig in seinem Staate war, aber auch,
da noch frische und unverbrauchte Krfte vorhanden waren. Das hatte ihm
den Mut gegeben, ungesumt an den Aufbau seines in Trmmer sinkenden
Staates zu gehen.

Zunchst fing er da an, wo der Schaden am offenkundigsten zutage getreten
war, bei der Armee.

Die Armee hatte es beim Volke verspielt! Preuischer Offizier zu sein, war
eine Schande geworden! Alle Welt fand sich befugt und berechtigt, die
Offiziere zu verhhnen und zu beschimpfen! Der lang verhaltene Neid ber
ihre bevorzugte Stellung kam jetzt elementar zum Ausbruch und machte sich
in der gehssigsten Form Luft, durch Pamphlete, in den Zeitungen, durch
ffentliche Insulten!

Es galt also, der Armee die Stellung in der allgemeinen Achtung
wiederzugeben, die sie als erste und unentbehrlichste Dienerin des Staates
haben mute, um ihres Amtes mit Erfolg walten zu knnen.

Es galt, ihr vor allem das Vertrauen zu sich selbst wiederzugeben! Es
galt, sie zu reinigen! Und das konnte wiederum nur der Offizier selbst
tun.

Der Offizier sollte selbst den Offizier richten! Jedes Regiment sollte ein
Tribunal einsetzen, vor dem ein jeder Offizier, der sich im Felde irgend
etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich zu verantworten haben wrde!
Die Gutachten dieser Tribunale sollten alle an eine Immediatkommission
gehen, die schlielich die Urteile nebst Begrndung und genauem Bericht
dem Knig unterbreiten mte.

Am 1. Dezember 1806 erlie der Knig von Ortelsburg aus, whrend alles um
ihn wankte, sein ewig denkwrdiges "_Publikandum wegen Abstellung
verschiedener Mibruche bei der Armee_".

Von dem Tage der Verffentlichung dieses Aktenstckes an datiert die
Neuschpfung der preuischen Armee, die sie zu der ersten der Welt gemacht
hat. Das Publikandum Friedrich Wilhelms des Dritten war der erste Baustein
in der Grundmauer, auf der sich sein Reich zum Heile Deutschlands wieder
neu aufbauen sollte.

Und Blcher hatte da geholfen, die richtigen Mitarbeiter zu finden.

Wie der Magnet das Eisen, so zog der alte Haudegen alles Tchtige an sich,
sonderte es so von allem Untauglichen und brachte es an den Tag. Und das
war schlielich nicht das am wenigsten Wichtige in seiner Lebensleistung!





                                   10
                               ZWEI WELTEN


"Nun, Monsieur Roustan, wenn man Ihnen von der Redaktion des _Courrier
franais_ wieder einen Interviewer schickt, um Ihre Ansichten ber das
Stck Langeweile zu erforschen, das wir hier in den polnischen Smpfen
auffhren, was wrden Sie antworten?"

Roustan, der Leibmameluck des Kaisers, pflanzte sich breitbeinig mitten im
Zimmer auf, steckte die Hnde in die Taschen seiner weiten Pumphosen, warf
sein turbanverziertes Haupt zurck, ghnte, als wollte er den Kronleuchter
verschlucken, drckte dann sein glattrasiertes Kinn in das Halstuch hinein
und bohrte seine Blicke verchtlich in sein Gegenber.

"Ich wrde," sagte er, "dem Herrn vom _Courrier franais_ genau das
gleiche antworten wie Ihnen, Monsieur Constant, da man hier in diesem
verfluchten Nest berhaupt keine vernnftigen Ansichten haben kann!"

"Sie sind eben verwhnt, Monsieur Roustan!" sagte Constant und drehte
seine schlanke Figur vor dem Spiegel, schlug ein paar Staubkrner vom
rmel seines grnen, goldgestickten Rockes, zupfte das Spitzenjabot ber
der weien Weste zurecht, nahm aus der Tasche seiner schwarzen Atlashose
eine Handvoll Goldstcke, lie sie von einer Hand in die andere rieseln
und steckte sie wieder ein. "Sie verlangen Opern, Schauspiele, Hoffeste,
Sie wollen Ihre tgliche Suite von Bittstellern, die durch Sie an den
Kaiser heranzukommen hoffen, Sie wollen Ihre goldene Ernte, Ihre Geschenke
- -! Sie knnen aber nicht verlangen, in jedem polnischen Nest ein Paris
zu finden! Sie knnen nicht erwarten, tglich hier von Malern um Sitzungen
bestrmt - oder von Frauen um Rendezvous - oder von Fremden als grte
Sehenswrdigkeit der Residenz angestaunt zu werden! Das strengt
schlielich auch an, wenn es auch ein hbsches Stck Geld einbringt! Sie
mten froh sein, ein paar Monate mit dem Betrieb aussetzen zu knnen! -
Oder gehrt es zu Ihren unumgnglichen tglichen Lebensbedrfnissen, jeden
Morgen im _Courrier franais_ 'Roustans Eindrcke' von den
Tagesereignissen zu lesen? Glauben Sie, wir knnen Europa nicht erobern,
ohne da Sie Ihren journalistischen Senf dazugeben?"

"Sie sind neidisch, Constant", erwiderte Roustan. "Sie wissen, da ich fr
Journalisten nicht zu sprechen bin. Einmal nur habe ich mich dazu
hergegeben, nach der Premiere der Oper La Caravane mich ausfragen zu
lassen. Das war Pflicht. Denn die Wste, die man auf der Bhne hingestellt
hatte - - ich sage Ihnen hahnebchen, direkt hahnebchen! - Das verstehen
aber die Pariser nicht! Da habe ich, als einzige Wstenautoritt - nun,
die Wrde werden Sie wohl uns Mamelucken nicht abstreiten knnen -, da
habe ich der feinen Welt von Paris die Wste klargemacht. Denn man
applaudiert nicht bei einem derartigen Schwindel! - Aber wozu davon reden?
Das alles ist Kinderei. Wenn ich mich von hier fortsehne, hat das ganz
andere Grnde!"

"Sie sind eben undankbar, Roustan! Sie drfen tglich um den grten Mann
der Welt sein. Sie drfen dabei sein, wo Weltgeschichte gemacht wird,
drfen aus nchster Nhe zusehen, wie die Welt gelenkt wird! Sie werden
von Tausenden um diesen Vorzug beneidet, und Sie interessieren sich so
wenig, da Sie keine Ansichten haben."

"Nehmen Sie ruhig an, Monsieur Constant, da es nichts als Diskretion
ist", brummte Roustan gleichgltig, nahm seinen blauroten Turban ab und
strich dessen Reiherfeder zurecht. "Sie fhlen sich doch auch nicht wohl
in diesem Polennest, wo's nichts als Morast, Regen, Nebel und Klte gibt,
wo keine Menschen, die man Menschen nennen kann, zu sehen sind, auer
unseren Soldaten, wo's berhaupt kein Leben gibt, kein Treiben, kein
Theater, keine Feste!"

"Keine Pariserinnen!" lachte Constant.

"Nun, dort hat man eben seine Freundinnen! Aber hier - nun - fr sich
selbst sorgt der Kaiser schon! Aber fr uns -! Wenn ich wenigstens meine
Nachtruhe htte! Aber seitdem er die Liaison mit der schnen Polin hat,
seitdem er so kindisch verliebt ist, seitdem schlft er berhaupt nicht
mehr, seitdem ruft er mich jede Nacht immer wieder! Wenn Sie ein Mensch
wren, Constant, wrden Sie mich einmal ablsen und statt meiner vor
seiner Tr schlafen, damit ich einmal ausruhen kann."

"Ich denke nicht daran", sagte Constant lchelnd. "Ich habe tagsber
ohnehin so viel mit ihm zu schaffen, da ich meine Nachtruhe vollauf
verdiene. Aber - in anderer Weise komme ich Ihnen gern zu Hilfe."

"Wie denn?"

"So, da ich fr die Ruhe seines Gemts sorge. Der Kaiser mu eben anders
werden. So wie jetzt, geht es nicht weiter, sonst verlieren wir den
Feldzug! - Wir regieren ja nicht mehr, wir fhren den Krieg nicht, alles
schlft ein, und keine Andeutung hilft. Er ist in Gedanken, er hrt nicht,
er lchelt manchmal still in sich hinein, oder er seufzt und spricht vor
sich hin! Verstehen Sie das? Er, der Mensch aus Stahl, dem man noch
niemals eine Leidenschaft ansah, auer der einen: ttig zu sein, Tag und
Nacht Anordnungen zu treffen, die ins Getriebe der ganzen Welt eingreifen
- er benimmt sich jetzt wie ein ganz gewhnlicher junger Mensch, der zum
erstenmal zu tief in die Augen eines jungen Mdchens geblickt hat! Das ist
entschieden ungesund. Er ist krank. Und da habe ich eben auf eigene Faust
eingegriffen und ihm einen Helfer hierherbestellt, der sein Ohr hat."

"Wen denn?"

Ehe Constant antworten konnte, ffnete sich die Tr, und eine seltsame
Gestalt trat ber die Schwelle.

Roustan lachte laut auf.

"Der soll ein Helfer sein?" rief er und deutete auf den kleinen,
buckligen, gebeugten Herrn, dessen gestickte Hoftracht nur dazu vorhanden
zu sein schien, die Gebrechen seiner ueren Erscheinung recht deutlich
hervorzuheben.

Zwischen seinen hochgeschobenen Schultern lag ein mchtiger Kopf mit
krftiger Hakennase und glhenden, von buschigen Brauen beschatteten
Augen, wie in ein Vogelnest versunken. - Sein Degen schlug ihm gegen die
schiefen Waden und verwickelte sich bei jedem Schritt in ihnen. Er blieb
an der Tr stehen und kaute an seinen krallenartigen Fingern.

"Seit wann," lachte Roustan, "seit wann ist es Brauch geworden, in
Liebessachen den Hhneraugenoperateur zu konsultieren?"

Constant antwortete nicht, sondern wandte sich mit strenger Miene dem
Neuangekommenen zu.

"Sie haben uns lange warten lassen, Herr Knig!" sagte er kurz in
gebieterischem Tone. "Sie htten bei einigem Diensteifer schon vorige
Woche hier auf Finkenstein sein knnen. Wo sind Sie solange geblieben?
Haben Sie die Gelegenheit benutzt, sich erst in Ihrer deutschen Heimat
umzusehen?"

"Was Heimat", kreischte der sonderbare Mann in verdrielich schnarrendem
Ton. "Ich habe keine Heimat, ich pfeife auf derartige Sentimentalitten!
Paris ist mir auch keine Heimat. Paris ist der Platz, wo ich mein Geschft
betreibe. Und was das betrifft, da ich hier zu spt komme, so lt mich
das kalt. Wo in aller Welt kme wohl ein Hhneraugenoperateur frh genug?
Erkundigen Sie sich brigens bei den Postillionen, die mich gefahren
haben, wenn Sie neugierig sind. - Fragen Sie die Soldaten, die meinen
Wagen zwei Tage lang in dem Loch stecken lieen, in das wir hineingeraten
waren, und die sich auch dann noch nicht beeilt haben wrden, meinen Wagen
aus dem Dreck zu ziehen, wenn nicht der Wagen des Marschalls Lefebvre
sonst nicht htte vorbeikommen knnen. Nichts hat bei den Lausekerls
geholfen, keine Bitte, kein Trinkgeld -"

"Nun, wenn der Herr Doktor Tobias Knig ein Trinkgeld verspricht, dann
rhre ich mich auch nicht!" sagte Roustan, der seine Erfahrungen in diesen
Dingen bei hoch und niedrig zu machen pflegte. "Da bleibt's fr gewhnlich
beim Versprechen."

"Auf Ehre!" rief der kleine Kerl. "Ich habe die Brse gezogen - ich habe
ihnen Geld gezeigt - schnes rundes Geld -, vollwichtiges Goldgeld!"

"Goldgeld! Ha, ha!" lachte Roustan!

"Die haben gelacht wie Sie", fuhr der andere fort. "Sie haben gesungen,
sie sind weitergezogen und haben mich sitzenlassen. Da habe ich ihnen
nachgerufen: 'Auf Befehl des Kaisers -', aber sie haben auch dann nicht
Hand angelegt, sie haben blo gefragt: 'Wer bist du denn?' Und da werde
ich nicht so dumm sein, zu sagen, ich bin Tobias Knig, der kaiserliche
Oberhoffuarzt - ich habe mich schn gehtet! Einen Juden wrden die nur
tiefer in den Morast gestoen haben! Ich habe mich damit begngt, mich in
meinen Mantel zu hllen, ich habe eine gestrenge Miene aufgesetzt, mich in
die Wagenecke gedrckt und mit aller Wrde gefragt:

'Wit ihr nicht, wer ich bin? - Ich bin der Frst Talleyrand, der Minister
des Auswrtigen.' Da haben sie noch mehr gelacht. 'Nun, wenn du so 'ne
miserable Politik machst, da wir in diesen polnischen Morsten monatelang
steckenbleiben, dann schadet's dir nichts, wenn du auch selbst drin
sitzenbleibst!' Und sie haben gelacht und sind weitergegangen!"

"Nun," sagte Constant, "die Wege sind allerdings nicht berhmt. Wir wollen
Ihre Entschuldigung fr diesmal gelten lassen. Aber ein anderes Mal werden
wir nicht so gutmtig sein. Jetzt werde ich den Kaiser wecken. Warten Sie
hier, Monsieur Knig! Wenn wir Sie heute bentigen, werden wir Sie rufen!"

Er lie sich von einem Lakaien einen brennenden Armleuchter geben und sah
nach der Uhr auf dem Kamin; als der Zeiger auf Punkt halb sieben stand,
ging er auf die Tr des Schlafgemachs zu, ffnete sie behutsam und trat
leise hinein.

Roustan beeilte sich, die Tr hinter ihm zu schlieen, und stellte sich
davor.

Napoleon war schon wach. Er lag behaglich ausgestreckt in seinem breiten
Bett, von mchtigen Plumeaus zugedeckt, den Kopf mit einem roten, wei und
blau punktierten Seidentuch umbunden, das ber der Stirn zusammengeknotet
war.

Constant stellte den Armleuchter auf den Kaminsims, trat an das Bett heran
und grte.

Gegen seine Gewohnheit antwortete Napoleon nicht, hatte auch kein
Scherzwort wie sonst bereit, dankte nur mit einem Blick und starrte wieder
auf die Decke.

Constant lie einen Lakaien herein, der schnell im Kamin einheizte,
ffnete die Fenster, nachdem er sich erst vergewissert hatte, da der
Kaiser gut zugedeckt war, und schlo sie wieder, als der Ofenheizer
fortging.

Er trat wieder an das Bett heran, bereit, Befehle zu empfangen. Als
Napoleon ihn gar nicht beachtete, wagte er eine Frage, ob Majestt seinen
Tee befehlen.

Eine abweisende Handbewegung war die Antwort.

Ob Seine Majestt heute lieber einen Aufgu von Orangenblten zu nehmen
geruhten?

Die gleiche Antwort.

Constant zog sich vom Bett zurck, machte sich mit dem Feuer zu schaffen,
wartete einen Augenblick und machte dann wieder einen schchternen
Versuch.

Der Kurier aus Paris sei angekommen - die Portefeuilles der Minister wren
zur Stelle. Er, Constant, hatte auch vertrauliche Mitteilungen vom
Polizeioberinspektor Beyrat erhalten ber den im Portefeuille des Innern
befindlichen Bericht des Polizeiprfekten von Paris, die ein
eigentmliches Licht auf die Pflichttreue dieses hohen Beamten warfen. - -

Napoleon winkte wieder ab.

"Spter", sagte er kurz, und Constant zog sich wieder etwas zurck.

Nach einer Weile trat er wieder vor und fing, trotz der abweisenden
Gebrde Napoleons, an, wie blich, den Tagesklatsch vorzubringen.

Da war insbesondere der gefangene preuische General Blcher - oder
Bluquaire, wie er ihn nannte, der sich wieder hatte Respektlosigkeiten
zuschulden kommen lassen. Der General war ein Grobian. Das Hauptquartier
in Rosenberg hatte ihn bestens empfangen, sein Zimmer mit Lorbeeren
bestreut, ihm eine Ehrenwache vor der Tr postiert, der General Le Camus
hatte ihn in Person empfangen, der Generaladjutant General Dnzel ebenso.
Er aber hatte die Aufmerksamkeit kaum beachtet; er hatte verlangt, sofort
zum Kaiser gefhrt zu werden; er hatte geschimpft und getobt, weil er
nicht gleich ausgewechselt wurde; mit seinen ebenso ungeschlachten
Gesellen spielte er von frh bis spt Karten, trank, rauchte, kurz, er sei
ein rechter Barbar! - Und jetzt kme das Unerhrte: - als Majestt neulich
an seiner Behausung vorbeigeritten waren und man ihn darauf aufmerksam
machte, da spielte er ruhig seine Partie Whist weiter und sagte nur: "Ich
will ihn gar nicht sehen, ehe ich ihn nicht sprechen kann." Diese
Unehrerbietigkeit - diese -

Er hrte pltzlich auf und zog sich etwas zurck, denn der Kaiser sa
pltzlich aufrecht im Bett und blickte ihn zornig an.

"Jetzt hre ich Sie bald eine halbe Stunde schwatzen, Monsieur Constant!"
sagte er streng, "Sie haben mir aber mit keinem Wort mitzuteilen geruht,
wie Frau Grfin Walewska die Nacht verbracht hat."

"Zu Befehl!" sagte Constant eilig. "Die Frau Grfin schlft noch; ihre
Kammerfrauen warten noch an ihrer Tr. Sobald sie aber eintreten drfen,
bekomme ich Nachricht!"

Napoleon legte sich wieder hin.

"Du wirst nicht versumen, es mir sofort zu sagen, wenn sie wach ist, mein
Sohn!" sagte er kurz. "Ehe du das nicht besorgt hast, brauchst du mir
weiter nichts zu berichten!"

Constant wollte trotzdem ein paar Worte ber irgendeine dringende Sache
wagen, da ffnete sich die Tr, und ein freundlich lchelnder, schon
ergrauter, aber ungemein jovial und heiter blickender Herr in reicher
goldgestickter Hoftracht, einen kostbaren Stock in der Hand, kam herein
und trat ohne Zeremonie an das Bett heran.

Er schien etwas erstaunt, vom Kaiser weder bemerkt, noch eines Grues
gewrdigt zu werden, fand sich aber rasch damit ab, stellte seinen Stock
an den Bettpfosten, ergriff die Hand des Kaisers, blickte nach seiner Uhr
und zhlte aufmerksam die Pulsschlge.

"Zehn Schlge mehr als gewhnlich", sagte er kopfschttelnd und steckte
die Uhr ein. "Sonderbar!"

Napoleon blickte ihn gro an. Er hatte etwas Abwesendes im Blick, was bei
ihm sonst niemals zu bemerken war. Die Pupille, sonst gro, so da das
Auge fast schwarz erschien, war jetzt zusammengezogen, da die Augen in
einem satten, sanften Dunkelblau schimmerten. Es schien ihm Anstrengung zu
machen, sich zu zwingen, etwas mit Bewutsein anzublicken. Irgendwelche
Trume, irgendwelche Visionen hielten noch die Sehkraft in ihrem Bann.
Endlich war er mit dem Vorgang im reinen.

"Corvisart?" sagte er leise, mit einem Tonfall, den der Arzt noch niemals
gehrt, und der gar nichts von der sarkastischen, bermtig neckenden Art
hatte, die dem Kaiser sonst beliebte. "Heute ist weder Mittwoch noch
Sonnabend! - Wieso kommen Sie zu mir, und wo kommen Sie her? Sie sind doch
in Paris. Haben Sie denn dort schon alle Ihre Patienten unter die Erde
gebracht? Haben Sie vor den Dankbezeigungen der glcklichen Erben fliehen
mssen? Gestehen Sie's gleich und ohne Umschweife, wie viele Leben haben
Sie heute auf dem Gewissen?"

"Lange nicht so viele wie Eure Majestt!" antwortete Corvisart, rasch den
blichen Gesprchston zwischen ihnen aufgreifend.

Aber Napoleon war wieder mit den Gedanken anderswo. Weder hrte er die
Antwort, noch warf er ihm ein rasches Scherzwort an den Kopf, auch kniff
er ihn nicht ins Ohr - und das war entschieden ein uerst ernstes
Symptom! Und die paar Worte der Begrung! Wie matt, wie abwesend, fast
automatisch und mehr aus alter Gewohnheit hatte er seine alten Scherze
wieder abgeleiert!

Der Leibarzt schttelte den Kopf. Dann, rasch entschlossen, strich er die
Bettdecke zurck, legte sein Ohr an des Kaisers Brust, horchte, sah
erstaunt auf, horchte nochmals, richtete sich dann auf und blickte den
Kaiser ernst an.

"Wahrhaftig - _man hrt es schlagen_! Man hrt das Herz Napoleons! Solange
ich die Ehre habe, fr die Gesundheit Eurer Majestt verantwortlich zu
sein, ist es das erstemal, da ich das erlebe! Das ist ein ernstes - ein
sehr ernstes Symptom!"

Napoleon lchelte, hrte nicht und schien immer noch an etwas sehr
Angenehmes zu denken.

Corvisart nahm wieder das Wort.

"Majestt", sagte er in ernstem, vorwurfsvollem Ton. "_Zehn_ Pulsschlge
mehr als blich und ein hrbarer Herzschlag! Bedenklich, sehr bedenklich!
Das zeugt von einem noch nie dagewesenen Nachlassen der Energie und der
Willenskraft! Wir regieren nicht mehr. Seit Monaten machen wir nicht mehr
Weltgeschichte! Sonst vergeht kein Tag, ohne da Throne wanken, Dynastien
in Nichts versinken, neue erstehen und Vlker befreit werden. Und jetzt
diese pltzliche Stille, diese Unttigkeit! Wir verstecken uns hier in
diesem unwirtlichen, stlichen Nest. Wir leben solide, brav, unttig wie
ein spiebrgerlicher Rentenempfnger - wir sind taub und blind,
verschlieen uns der Welt, trumen, lcheln still in uns hinein! Das kann
doch unmglich die Reaktion auf den fabelhaft schnellen Sieg ber Preuen
sein? Wenn ich nicht wte, wie leger - wie _en canaille_ Eure Majestt
stets das schne Geschlecht zu nehmen pflegen, ich wrde fragen: _o est
la femme?_"

Napoleon hrte auch jetzt nicht zu. Er lag da wie vorhin, immer noch
dieselben angenehmen Gedanken hin und her wlzend.

Corvisart schttelte immer ernster sein graues Haupt, streckte die Hand
nach seinem Stock aus und wollte gehen, um Constant ber die bedenklichen
Symptome nher auszufragen.

Als htte sein Denken an Constant Napoleon angesteckt, setzte er sich
gleich im Bett auf und rief: "Constant!" und nahm, da dieser nicht gleich
erschien, die Glocke vom Tisch und klingelte ungeduldig.

Constant erschien, ein mit Briefen und Depeschen vollbeladenes Tablett in
der Hand.

"Ist sie noch nicht wach?" fragte Napoleon ungeduldig.

"Die Frau Grfin schlft noch!" antwortete Constant und stellte sein
Tablett auf den Kaminsims.

"Meinen Schlafrock!" rief der Kaiser, warf die Decke zurck und schlpfte
rasch in die ihm gereichten weien Pantalons und den Morgenrock aus weier
Wolle, lie sich ein Paar ausgetretene rote Pantoffeln anziehen und setzte
sich in einen rasch herbeigeschobenen Sessel ans Feuer. Er nippte einmal
an der ihm gereichten silbernen Tasse, schob sie dann von sich, streckte
die Hand aus, nahm von dem ihm durch Constant dargebotenen Tablett einen
Brief, machte ihn auf, warf ihn auf den Teppich, machte noch einen auf,
las ihn flchtig durch und legte ihn auf einen neben dem Kamin stehenden
Tisch. - Er schob dann das Tablett zurck, was einen Austausch erstaunter
Blicke zwischen Kammerdiener und Leibarzt zur Folge hatte, streckte die
Fe so nahe wie mglich an den Ofen heran und starrte eine Weile ins
Feuer. Constant machte noch einen schchternen Versuch, seine Teilnahme zu
erwecken. Er reichte ihm die soeben eingegangenen Zeitungen, nach denen er
sonst begierig zu greifen pflegte, aber vergebens! Auch die Liste der im
Vorraum auf Audienz wartenden Personen wurde keines Blickes gewrdigt.

"Corvisart," sagte Napoleon endlich, ohne vom Feuer fortzusehen, "Sie
alter Schrzenjger mssen doch mit den Frauen Bescheid wissen! Wenn sie
der Schuh drckt, ohne da sie einen anhaben - wenn sie unendliche
Schmerzen leiden, ohne da die rzte den geringsten Grund entdecken knnen
- wenn die geschicktesten Scharlatane der medizinischen Wissenschaft mit
all ihrem Hokuspokus nicht imstande sind, herauszufinden, was ihnen fehlt
- und meine smtlichen Leibrzte und Chirurgen, die im Felde stehen, haben
sich schon vergebens bemht, das Rtsel zu lsen -, was halten Sie denn
von dieser merkwrdigen uerung der weiblichen Natur?"

"Sire -", fing Corvisart an.

Aber Napoleon war es mehr darum, zu fragen, als Antworten zu hren, die er
sich selbst viel besser als irgendein anderer geben konnte. Er fate
Corvisart bei der Hand und sprach weiter, immer noch ins Feuer starrend.

"Corvisart," fragte er, "haben Sie jemals getrumt? Heute nacht trumte
ich, sonderbar, ganz merkwrdig! Die Grfin Walewska war bei mir, hier im
Zimmer. Sie hielt die Hnde in den Taschen ihrer Jacke und stand mit dem
Rcken gegen den Kamin. Sie war aber nicht so sanft, auch nicht so lustig
und ausgelassen, wie sie es zuweilen sein kann! Sie hatte vielmehr etwas
Hinterhltiges an sich, das ich gar nicht bei ihr kenne, und blickte mich
ganz merkwrdig an, indessen ihre Rechte immer weiter in der Tasche grub
und drinnen mit einem Gegenstand hantierte.

Das machte mich mitrauisch. Blitzschnell packte ich ihre Hand und fhlte
durch den Stoff _eine Pistole_ - die sie vom Stoff gedeckt auf mich
richtete und abzudrcken versuchte. Ich, nicht saumselig, wandte die
Mndung der Waffe gegen sie und drckte ab. Aber der Schu versagte.

Dann nahm sie mir die Pistole aus der Hand.

'Soll ich dich lehren, mit ihr umzugehen?!' sagte sie lachend, eilte ans
Fenster, schlug es auf, zielte auf meine Armee, die hier drauen Parade
stand, und drckte ab. Wie ein Feuerstrom ging es von der Mndung der
kleinen, kinderspielzeughnlichen Waffe aus und sprudelte gegen die
Truppen hin. Und wo die Feuergarben trafen, sanken sie hin. Meine schnen
Grenadiere, meine Jger und Dragoner schmolzen vor meinen Augen wie
Bleisoldaten im Feuer und waren im selben Augenblick wie von der Erde
vertilgt.

Ich ri ihr die Waffe aus der Hand; sie lachte aber nur!

Ich zog sie mit mir, zwang sie auf die Causeuse da nieder, setzte mich
neben sie und nahm ihre Hand. Wie ich sie dann anblickte, verwandelte sich
ihr Gesicht, wurde katzenhnlich, mit langen Haaren um den Mund - ich
entsetzte mich vor ihr. Ich zankte sie aus, weil sie mich hatte ermorden
wollen und sagte ihr, sie sei das niedertrchtigste Weib, was ich jemals
auf Erden kennengelernt habe.

Da nahm sie schnell ihr wirkliches Gesicht wieder an; ihre Augen standen
voll Trnen, und schluchzend gestand sie mir, sie htte sich rchen
wollen, weil ihr Fu sie schmerzte und weil ich, der ich schuld daran
wre, ihr keine Linderung ihres Schmerzes gebracht habe. - Ich dachte an
dich, Corvisart, ich wollte dich rufen. - Da weckte mich Constant, und auf
einmal warst du da! Nun sollst du mir die Sache ins reine bringen und mir
sagen, was ihr fehlt."

"Ihr fehlt sicherlich gar nichts! Die ganze Sache ist weiter nichts als
eine uerung der ganz gewhnlichen weiblichen Niedertracht, die im Gemt
einer jeden Frau lauert und nach Gelegenheit sucht, sich zu entfalten. Das
macht mir keine Sorge. Aber mit Euer Majestt sieht es bedenklich aus.
Erst der Puls - dann das hrbare Klopfen eines sonst in seiner Ruhe
einzigartigen Herzens - dann der Traum, wo sonst der Schlaf ganz traumlos
in den wachen Zustand berzugehen pflegt! Alles Symptome der Verliebtheit,
und sehr auffallend bei einem sechsunddreiigjhrigen Manne, der stets,
auch in den Jahren der ersten Jugendschwrmerei, zu neunundneunzig Prozent
mit dem Verstand allein zu lieben pflegte! Denn dies allgewaltige
berwiegen des Gefhls, dies fast vollstndige Zurckdrngen eines
Verstandes, der in seinem Ttigkeitsdrang auf Erden seinesgleichen nicht
hat, das sah noch keiner bei Eurer Majestt! Frwahr - ich bin sehr
neugierig, jene Schne, die diese fast unglaubliche Handlung bewirkt hat,
kennenzulernen! Denn ich glaube fast - Eure Majestt werden mehr von ihrem
Schuh gedrckt als die holde Schne selbst!"

Napoleon lachte und wollte eben etwas Lustiges antworten. Da kam wieder
Constant herein und meldete gehorsamst, die Frau Grfin htte soeben nach
ihrer Schokolade verlangt. Er fgte hinzu, da der Oberfuarzt Seiner
Majestt, der lange und sehnlichst erwartete Tobias Knig, endlich aus
Paris in Finkenstein eingetroffen wre.

"Es ist gut," antwortete der Kaiser, "Roustan soll ihn sofort zur Grfin
Walewska fhren. Sie, Corvisart, gehen mit und berwachen die Operation,
wenn eine ntig wird. Sie haben die Verantwortung fr alles, was
geschieht! - Ist mein Bad bereit?"

Constant meldete ehrerbietig, das Bad warte schon lange auf Seine
Majestt, und richtete schnell den Befehl an Roustan aus.

Corvisart verbeugte sich und ging.

Der Kaiser ging ins Badezimmer, entledigte sich mit Constants Hilfe der
Kleidung und wollte eben ins Wasser steigen, als Roustan herbeigestrzt
kam und meldete, die Frau Grfin wre auer sich und verlange, den Kaiser
sofort zu sehen; sie lie sagen, sie wre dem Sterben nahe und msse ihn
gleich sprechen!

"Fnf Chirurgen habe ich mit im Felde", sagte der Kaiser verdrielich und
zog das Bein, das er schon ber die Badewanne ausgestreckt hielt, zurck.
"Fnf Chirurgen und vier Leibrzte! Ich zahle ihnen Unsummen, und sie
taugen alle nichts! Wir mssen auch noch selbst die Hhneraugenoperation
der holden Dame leiten, als glte es, eine Schlacht zu lenken, mssen die
Truppen kommandieren, womglich selbst noch dreinhauen! _A la bonne
heure!_ Gehen wir! Meine Pantalons, Constant, schnell den Morgenrock! -
Nackt ziehen wir auch in _den_ Kampf nicht! La Roustan Vorzimmer und
Korridore leeren! Keiner darf mich sehen! - So - nun noch die Pantoffeln!
Und nun leuchte mir!"

Von Roustan geleitet, ging der Kaiser dann, den Kopf immer noch von dem
bunten Tuch umschlungen, zu den in derselben Etage des Schlosses gelegenen
Zimmern der Grfin.

Er fand die Dame auf einer Causeuse ausgestreckt, den einen Fu in einem
goldgestickten, orientalischen Pantoffel steckend, den anderen nackt. Vor
ihr kniete der alte Jude und gab sich vergebliche Mhe, an ihrem
entzckenden kleinen Fu irgendein Gebrechen zu finden. Hinter der
Causeuse stand Corvisart, beide Hnde auf den Stock gesttzt und
betrachtete durch sein Binokel all das Schne, das sich vor seinen
erstaunten Augen enthllte, indes die schne Grfin eigensinnig hin und
her rckte, gar nicht stillhalten wollte und die Untersuchung zu einer
wahren Qual fr den guten Knig machte.

"Sire!" rief sie hinsterbend, "retten Sie mich aus den Hnden dieses
Ungeheuers! Er hat ein Messer - ich habe es gesehen - er hat ein Messer
aus seinem Etui da herausgenommen! Er wird mir die Adern ffnen - wird
mich ermorden! Retten Sie mich!"

Napoleon lachte, erklrte ihr, da keine Gefahr vorhanden sei, sie htte
nichts zu befrchten - ganz im Gegenteil. Er htte seinen ersten Leibarzt
und seinen ersten Pedikuren, die sonst beide in Paris unabkmmlich seien,
und die er sonst niemals ins Feld mitzunehmen pflegte, extra um
ihretwillen von Paris hierherkommen lassen! In besseren Hnden knnte man
gar nicht sein! Sie sollte sich nur ruhig ihnen anvertrauen, damit sie
endlich von ihrem Leiden, das ihn, den Kaiser, mindestens ebensosehr
schmerze wie sie selbst, befreit werde!

"Ich lasse mich aber trotzdem nicht operieren, wenn Eure Majestt mir
dabei nicht wenigstens die Hand halten!"

"Alles was Sie wollen, _ma chre_", sagte der Kaiser und nahm ihre Hand.
"Sie sehen, ich bin ja gleich auf Ihren ersten Ruf gekommen und habe mir
nicht einmal Zeit gegeben, mich anzukleiden!"

Sie blickte ihn von der Seite an und kicherte vor Freude, den Herrn der
Welt so ihrer Laune untertan zu wissen.

"Nun fangen Sie an, Monsieur Knig", rief der Kaiser. "Zeigen Sie Ihre
Kunst! Aber vergessen Sie nicht, Sie haben die Ehre, den schnsten Fu auf
Erden in Ihrer Hand zu halten. Seien Sie vorsichtig - ich wrde Ihnen
keinen Migriff verzeihen!"

Der Chirurg sthnte, er wandte und drehte den kleinen Fu hin und her und
versuchte vergebens die kranke Stelle ausfindig zu machen.

"Sire, ist es auch wahr, da Sie mein Leiden ebenso schmerzt wie mich
selbst?" fragte die schne Grfin kokett.

Der Kaiser versicherte, da ihr Zustand ihm wahre Qualen verursache.

"_Et la Pologne, ma patrie?_" suselte sie dann bezaubernd. "Es flt
Ihnen doch auch Mitleid ein, Sire?"

"Auch!" sagte der Kaiser.

"Sie lieben mich also?" fragte sie. "Sie lieben mich sehr - - au! - Sie
tun mir weh!", rief sie im selben Atemzug dem Chirurgen zu.

"Ich finde nichts - ich finde absolut nichts!" sthnte dieser, und groe
Schweitropfen perlten auf seiner Stirn.

"Und Sie sind um meinetwillen direkt von Paris gekommen?" fragte sie und
sah den Alten neugierig an. "Allein um meinetwillen? - Und Sie auch,
Monsieur Corvisart? - Und Sie sind die berhmtesten rzte, die es heute
gibt - die geschicktesten und teuersten von allen?"

Und als auch das bejaht wurde, und zwar vom Kaiser selbst, da schlug sie
die Hnde zusammen, lachte toll auf, wie ein verzogenes Kind, dem ein Spa
gelungen ist, gab dem Hhneraugenoperateur einen Nasenstber mit ihrem
nackten Fu, da er vor Erstaunen zurckfuhr und sitzenblieb, lachte noch
toller auf, wlzte sich auf ihrem Lager vor Vergngen und schrie: "_Mir
fehlt ja gar nichts!_ - Ich habe nur sehen wollen, ob Sie mich lieben,
Sire, und ob Sie ohne Zgern und ohne Murren alles fr mich tun wrden -
alles, was ich will!"

Sie flog dann auf und warf sich dem Kaiser, der in der ersten berraschung
sich zornig erhoben hatte, um den Hals, kte ihn mitten auf den Mund und
herzte und streichelte ihn und kmmerte sich dabei gar nicht um die beiden
rzte, die mit offenem Munde dastanden.

"Sie lieben mich also, Sire, Sie lieben mich ber alles?"

"ber alles, Grfin!"

"_Et la Pologne, ma patrie - vous me la librerez, n'est ce pas?_"
lispelte sie noch bestrickender.

Napoleon lachte laut auf.

"Da drckte wohl der Schuh!" rief er bermtig. "Gehen Sie, meine Herren,
da bedrfen wir Ihrer Kunst nicht! Da bin _ich_ der rechte Arzt! Gehen
Sie, Knig, freuen Sie sich Ihres Nasenstbers, den Sie von diesem schnen
Fu bekommen haben. _Der_ Futritt _adelt_, sagen Sie's Constant, und er
soll mich daran erinnern!"

Die rzte gingen und berlieen es dem Kaiser, die Kur zu vollenden.

Eine halbe Stunde spter sa er seelenvergngt in seiner Badewanne und
regierte von dort aus die Welt, da es nur so eine Art hatte.

Die Wanne umstanden in gemessener Entfernung der Generalstabschef
Berthier, der Generaladjutant General Dnzel, der Architekt der Tuilerien,
der Generaldirektor der Museen, der Geheimsekretr Meneval und mehrere
Gehilfen, whrend Constant und Roustan mit dem Kaiser hantierten, und
Corvisart und Knig das Kneten und Frottieren berwachten und gelegentlich
selbst mit Hand anlegten.

Und Napoleon bekam nie genug.

Er rief Roustan zu, fr mehr und noch wrmeres Wasser zu sorgen - lachte
ber die roten und erhitzten Gesichter seiner Getreuen, die bald halb
erstickt aussahen, befahl, die Kuriere mit den Portefeuilles der
Ministerien vorzulassen, lie sich aus den Akten vortragen, traf
Entscheidungen, diktierte Randbemerkungen und Antworten, unterzeichnete -
immer noch in der Badewanne sitzend - Heiratskonsense und Ernennungen,
Gnadenbewilligungen, Amtsenthebungen, Erlasse und Dekrete, kommandierte,
scherzte, lobte und zankte, alles in einem Atem.

"Schreiben, Meneval!" rief er, und Meneval setzte sich an einen Tisch und
legte Papier und Feder zurecht.

Der Kaiser diktierte.

"_An Fouch_: - Madame de Stal, die wir, wie er wohl wei, nicht
ausstehen knnen, ist, laut Rapport, wieder in Paris. Sie mag ihr Recht
auf 'freie Individualitt' anderswo zur Schau tragen! An der Seine nicht!
Er soll sie gleich ausweisen! Die ehemaligen Jakobiner aber nicht. Das ist
nicht mehr ntig! Was noch von ihnen da ist, ist harmlos - lngst
kapitalistisch eingekapselt! Sie sind alle satt und trge und haben ihre
Giftzhne lngst verloren. Bei der letzten Rezeption in der Akademie hat
der Abb Sicard in unpassenden Ausdrcken ber Mirabeau gesprochen! Wir
wollen keine Reaktion der ffentlichen Meinung! Fouch soll ber Mirabeau
lobend sprechen lassen.

_An Junot_ schreiben: Die Kontinentalsperre gegen England gilt auch fr
die kaiserlichen Marschlle und insbesondere fr ihre Frauen. Ihre Weiber
- schreiben Sie Weiber, Meneval! - Ihre Weiber mgen Krutertee trinken,
der ist ebensogut wie der Karawanentee, Zichorienkaffee ebenso gesund wie
der arabische! Und sie mgen sich hten, da ich nicht gewahr werde, wie
sie Kleider von englischen Stoffen tragen. Er soll das auch Madame Junot
nachdrcklichst einschrfen!

_Dem Erzkanzler Cambacres_: Wir sind ber die Unzufriedenheit und den
Pessimismus der Pariser erstaunt. Sie keifen, weil wir hier an der
Weichsel aufgehalten werden, und deuten unseren Sieg bei Eylau in eine
Niederlage um, weil er kein Austerlitz war. Sie sind verwhnt. Das
gesellschaftliche Leben siecht dahin, weil wir und unsere Marschlle nicht
in Paris sind! Das geht nicht. Man soll Feste geben! Er, Cambacres, und
auch Lebrun sollen da mit gutem Beispiel vorangehen! Man soll
Verschwendung treiben, Geld unter die Leute bringen, Millionenbestellungen
an die Industrie vergeben, damit die Arbeiter gut bezahlt, satt und
zufrieden werden! Man soll in allen kaiserlichen Schlssern das Meublement
mit kostbaren Seidenstoffen neu beziehen, man soll Stiefel, Riemen und so
weiter fr die Armee bestellen, die Handwerker mit Auftrgen msten - -

_An Knig Louis_: Mein Herr Bruder ernennt fr meinen Geschmack viel zu
viel Marschlle in Holland. Lieber die hollndische Armee vermehren!

_An Knig Joseph_: Journalisten sind Kokotten! Auch in Napoli! Man hat mit
denen bisweilen ein Verhltnis, aber erhht sie niemals zu legitimen
Gattinnen. Er gibt sich zuviel mit ihnen ab! Nicht auf ihren spitzen
Federn, auf den Spitzen meiner Bajonette ruht sein Knigreich. Den Mob
regiert man mit Futritten, mit Schmeicheleien nicht!"

"_Et la Pologne, ma patrie!_" fuhr er dann halb singend fort. "Constant,
hat dir unser guter Fuarzt eine Mitteilung gemacht? Gut. Nachher daran
erinnern!"

"_La Pologne, ma patrie!_ - Im ersten Freiheitsrausch in Posen haben mir
die Polen alles bewilligt. Und jetzt? Wir sind enttuscht! Statt der
versprochenen hunderttausend Mann nur fnfzehntausend schlecht
disziplinierte! Kaum zu gebrauchen! Wir werden uns ihretwegen auch nicht
derangieren! Hier, aus der Nhe gesehen, schaut Polen brigens ganz anders
aus! Seinetwegen werden wir nicht die Kontinente umstrzen!"

Er schwieg einen Augenblick. Dann rief er Berthier, ordnete
Truppendislokationen in Italien, am Rhein, in Holland an, gab Orders nach
Spandau und Berlin ber den Nachschub von Artillerie, Munition und
Proviant und fragte, ob nicht endlich vom Grafen Bertrand Nachricht ber
den Stand der Friedensverhandlungen mit dem preuischen Hauptquartier
angekommen wre.

Und einmal bei Preuen angelangt, rief er Constant zu:

"Was wolltest du mir heute vom General Blcher erzhlen?"

Er wartete aber keine Antwort ab, sondern rief den Generaladjutanten,
General Dnzel, der in der mordswarmen Temperatur des Badezimmers aussah,
als ob er bald seine tapfere Heldenseele aushauchen wollte, und gab ihm
den Befehl, noch heute, nach der Parade, den preuischen General zur
Audienz zu bringen - oder vielmehr den General Le Camus damit zu betrauen.
Denn er, Dnzel, htte auch anderes zu erledigen!

Dann schickte er sie allesamt zum Teufel bis auf Roustan, schrie nach noch
mehr und noch heierem Wasser, lie sich begieen, kneten, frottieren und
war so vergngt wie ein Fisch im Wasser!

                                    *

Inzwischen sa Blcher schon in aller Frhe beim Whist in seinem engen
Quartier zu Rosenberg, das er mit dem Rittmeister von Eisenhart und seinen
Shnen bewohnte.

"Heute bin ich wohl mit dem linken Fu zuerst aus dem Bett gestiegen!"
brummte er, schlug eine Karte nach der andern auf den Tisch und sah
manchen schnen Stich an seiner Nase vorbeitanzen. "Das kommt davon, wenn
man zu vieren in einem engen Zimmer logieren und verschmt tun und sich
drehen und wenden mu, bis man das Gefhl fr rechts und links verliert!
Verflucht noch einmal, Pfalzgraf! Gib endlich bessere Karten, gib mir nur
ein einziges Mal die Honneurs! Immer und ewig kannst du mir nicht zumuten,
dazusitzen und zuzusehen, wie du den groen Schlemm machst! Andere Karten,
sonst spiele ich nicht mit euch!"

Lachend strich Eisenhart die Karten zusammen, mischte und teilte sie
wieder in vier Haufen aus.

Blcher nahm seine Karten, ordnete sie und brummte dabei wiederholt in
seinen Bart. Schlielich legte er sie vor sich auf den Tisch.

"Es ntzt ja doch nichts!" sagte er verdrielich. "Solange wir hier in dem
verfluchten Nest festsitzen, ist's nichts! Alles geht mir wider den
Strich, seit ich Hamburg verlie! Zum Platzen ist das!"

"Exzellenz werden auch einmal gute Karten kriegen!" trstete Eisenhart.

"Sie werden mir keine geben, und die beiden Lausebengels noch weniger!"
antwortete Blcher und schielte nach seinen beiden Jungen, die auch
mitspielen muten. "Die freuen sich schon, wenn sie mich hereinlegen
knnen! brigens ist das das wenigste. Die ganze Art, wie die Franzosen
mich behandeln, ist's! Die ist emprend! Entweder man wechselt mich aus,
oder man tut es nicht! Zum besten halten gibt's nicht. Ich habe mich
ehrlich mit ihnen geschlagen und nicht wie ein Hanswurst. Die halten mich
aber zum Narren. Wenn's denen mit der Auswechslung ernst gewesen wre,
dann htten sie mich doch zu Schiff ber Kopenhagen reisen lassen knnen,
wie ich wollte. Und htten ihren Monsieur Victor auf demselben Wege mit
Handku retourbekommen. Aber nein. 'Der Kaiser Napoleon will Sie sehen!
Der Kaiser will Sie sprechen!' hie es. Und da mu ich alter Mann in dem
hundsmiserablen Mrzwetter wochenlang auf den Wagen liegen und mir die
Knochen durcheinanderrtteln lassen und hinter dem kleinen Kerl herreisen,
bis in die dunkelste Polackei hinein! Bis China wre es noch so
weitergegangen, htten unsere Leute sich nicht endlich auf ihre preuische
Waffenehre besonnen und bei Eylau dem Franzmann Halt geboten. Und da sitze
ich nun bald zwei Wochen hier und fange Fliegen und langweile mich mit
eurem faulen Whist herum und werde von euch beschummelt und lasse mich von
den franzsischen Lmmels zum Narren halten."

Eisenhart bedeutete ihm, vorsichtig zu sein, und sah sich besorgt um.

"Ach was, Pfalzgraf!" rief Blcher rgerlich und fing wieder an seine
Karten zu sortieren. "Die werden schon wissen, woran sie mit mir sind! Da
brauche ich kein Blatt vors Maul zu nehmen!"

"Sie glauben im Gegenteil, Eure Exzellenz fr ihre Sache gewonnen zu
haben!"

"Der Teufel auch!"

"Sie glauben es, und das ist gut!"

"Wenn Er mir da irgend etwas eingebrockt hat, Pfalzgraf, dann ist's aus
zwischen uns!"

"Ich habe etwas eingebrockt, und das ist die Freiheit, Exzellenz, die
Freiheit, baldmglichst wieder gegen sie zu kmpfen!"

"Geb Gott, da es bald soweit wre! Aber mit ehrlichen Mitteln, Eisenhart,
mit ehrlichen Mitteln!"

"So ehrlich, wie bei den Franzosen blich!"

"Das verbitte ich mir. Auf eine Stufe mit den Gaunern lasse ich mich _in
puncto_ Ehrlichkeit nicht stellen!"

"Wie wollen Exzellenz ihnen sonst beikommen?"

"Wie sonst immer! Mit scharfen Hieben!"

"Wenn wir ihnen im Felde gegenberstehen, ja, da ist das das Richtige.
Aber wo wir in ihrer Gewalt sind, da setzen sie Gewalt gegen Gewalt, und
sagen sich: 'Nein, der General Blcher kann uns gefhrlich werden, den
wechseln wir nicht aus, den behalten wir bis zum Ende des Krieges in
festem Gewahrsam'! Und schicken Eure Exzellenz nach Frankreich statt ins
preuische Hauptquartier, und uns mit!"

"Mag sein, da Er recht hat, Pfalzgraf. Aber auf die Vorschlge Napoleons
gehe ich nicht ein. Ich bin keine solche Schlafmtze wie die Herren
Lucchesini und Zastrow, die da beim Herrn Napoleon in Charlottenburg
bettelten und ihm gleich mit Kuhand ganz Preuen links von der Elbe
schenken wollten, mitsamt allen Festungen bis zur Weichsel und Abkehr von
Ruland und Gott wei wie viele hundert Millionen noch dazu! Ich werde dem
Knig nicht raten, Frieden zu schlieen! Ich werde ihm sagen, wie's hier
hinter der franzsischen Front aussieht, und wie leicht es wre, jetzt
einen Schlag zu tun. Das werde ich, hol' mich der Deibel, dreimal
verflucht! - Und dann, will's Gott, hauen wir die Bande in die Pfanne.
Aber kein Wort sag' ich anders, keinen Ton pfeife ich aus einem anderen
Loch, wenn ich im Hauptquartier bin."

"Das sollen Exzellenz auch nicht tun. Aber erst mssen wir mit unseren
Nachrichten da sein, und zwar mglichst bald, ehe die Verhltnisse bei den
Franzosen sich bessern. Daher mssen Exzellenz versprechen -"

"Nichts verspreche ich, nichts, was ich nicht halten kann!"

"Im Krieg ist jede List erlaubt. Exzellenz, als alter Husar, werden schon
oft in die Lage gekommen sein, den Feind zu tuschen!"

"Das schon - das schon!"

"In der nmlichen Lage sind wir jetzt auch. Und da habe ich im Namen Eurer
Exzellenz versprochen, und das haben wir, der General Le Camus und ich, zu
Papier gebracht, da Exzellenz bei unserem Knig fr einen seperaten
Frieden zwischen ihm und den Franzosen eintreten wollen, in dem uns
Preuen bis zur Elbe wieder herausgegeben wird."

"Ein separater Friede? Bist du des Teufels, Junge? Sollen wir die Russen
im Stich lassen?"

"Die Russen werden sich's nicht lange berlegen, ob sie uns im Stich
lassen sollen, wenn die Versuchung in der geeigneten Weise an sie
herantritt. Ich habe es versprochen! Exzellenz brauchen blo ja und amen
zu sagen! Und nachher, wenn wir frei sind, tun wir, was wir wollen! Das
ist erlaubte Kriegslist, weiter nichts."

Die Shne Blchers redeten ihm auch zu.

"Kinder, ihr macht mit mir, was ihr wollt! Was werden die Franzosen von
mir denken!"

"Sie werden salutieren und sagen: 'Donnerwetter, ist das ein Kerl!'"

"Ein Mordshalunke, werden sie sagen!"

"Hoffentlich! Ich werde mich jedenfalls sehr freuen, wenn der Feind
mglichst schlecht von Exzellenz spricht! Oder glauben Exzellenz etwa, sie
dchten gut von Ihnen?"

"Darum mchte ich die Kerls doch in allem Ernst ersucht haben!"

"Sie machen sich aber trotzdem ihre eigenen Gedanken. Und da ist nun der
Whist daran schuld."

"Wieso!"

"Nun, wenn wir so, wider alle Konvenienz, uns um acht Uhr frh an den
Spieltisch setzen und den ganzen Tag dort verbringen, alle Einladungen
ausschlagen und blo spielen, spielen, spielen - wenn unsere franzsischen
Wirte den General Blcher fluchen und immer mehr fluchen hren, da nimmt's
einen nicht wunder, wenn sie einmal fragen: 'Mein Herr, Sie rupfen wohl
den alten Herrn bis auf die Knochen? _Le gnral de Bluquaire_ soll doch
ein eingefleischter Spieler sein? Man sagt, er hat sein ganzes Vermgen
verspielt?' Und das fragen sie dann in einem mitleidigen Ton und mit einem
vielsagenden Blick, als warteten sie nur auf ein Wort des
Einverstndnisses, um gleich Geld anzubieten - groes Geld, dafr, da wir
ihnen den Frieden vermitteln."

Blcher legte die Karten aus der Hand.

"Ich will nicht hoffen, Eisenhart," sagte er ernst, "da Er einen solchen
Antrag an mich bernommen hat, oder da das, was Er mir jetzt sagt, ein
Vorfhler sein soll, ob ich fr Geld zu haben wre! Denn dann mte er
darauf gefat sein, von mir ber den Haufen geschossen zu werden!"

"Das wre auch verdient, Exzellenz. Und ich habe auch dem Herrn, der da
glaubte, mir so den Puls fhlen zu drfen, mit keiner Miene gezeigt, da
ich fr derartige Zumutungen irgendwelches Verstndnis htte. Ich erzhle
es auch jetzt nur, um Exzellenz zu zeigen, wie der Feind sich doch selbst
seine Gedanken macht und glaubt, was er will, wie anstndig man sich auch
benimmt! Denn das ist ihm gnzlich gleichgltig! Je mehr er flucht und je
mehr er schimpft, um so besser! Das zeugt nur davon, da unsere Hiebe
sitzen!"

Blcher schwieg einen Augenblick und zupfte an seinem langen Schnurrbart,
lie sich dann eine frische Pfeife bringen und in Brand stecken und paffte
dem Rittmeister ganze Wolken ins Gesicht.

"Hm, ja - schn! - Machen wir den Versuch! Probieren wir's denn mit dem
Husarenstreich! Aber erst neue Karten her!"

Neue Karten wurden gegeben. Und zum erstenmal, seit Blcher in Rosenberg
weilte - _gute_ Karten, und alle Honneurs! Er strahlte wieder und war
eitel Glck und Wonne, machte einen groen Schlemm nach dem andern und
merkte gar nicht, wie seine Jungen die Karten so gut zu mischen wuten,
da er immer wieder lauter Trmpfe in die Hand bekam. Denn die Pfeife
schmeckte und gab etwas her und hllte alles brav in Dmpfe ein. Eisenhart
wute auch so gut und eifrig den Kriegsplan zu entwickeln, da der alte,
gewiegte Spieler nicht daran dachte nachzusehen, ob auch richtig gemischt
wurde - wozu er ja auch keinen Grund hatte, solange die Karten gut fielen!
Im Grunde genommen waren die Franzosen ja auch ganz passable Kerle und als
Feinde gar nicht zu verachten! Und wenn schon ihre Freundschaft sich
verflucht fade anlie, so wollte er sich nicht widersetzen, er wollte
schon die Komdie mitmachen! Aber nur bis zur Grenze! Keinen Schritt
weiter! Sobald er frei war, da wollte er auch seine Freiheit haben!

"Eins kann ich den Kerlen nimmermehr verzeihen", sagte er und schmunzelte
ber die schnen Stiche, die er immer wieder machte. "Und das ist, da sie
mich nicht nach Berlin hineinlassen wollten. Zu denken, ich bin dicht vor
der Stadt, ich _soll_ da durch, es ist sogar der mir vorgeschriebene Weg!
Und da heit es: 'Auen herumfahren! In der Stadt knnen wir dich nicht
gebrauchen! Kommst du her, dann gibt's hier einen Aufruhr!'"

"Die Berliner htten Kopf gestanden!" sagte der eine junge Blcher stolz.

"Wre mir recht gewesen", schmunzelte der Alte. "Ich htte gegen den
Aufruhr nichts gehabt! So'n Krakeel wre mir gerade nach dem Sinn gewesen!
Und um das haben die Franzosen mich nun auch gebracht!"

Er schwieg und blickte auf. In der Tr stand ein franzsischer Offizier,
die Hand salutierend am Schirm seines Kppis. Durch das niedrige Fenster
guckten andere Offiziere herein.

Blcher stand nicht auf und erwiderte kaum den Gru.

"_Mon gnral_ -", fing der franzsische Offizier an.

"Ich bin nicht so 'n Allerweltsgeneral, ich bin preuischer
Generalleutnant und bitte mir richtige Titulatur aus!"

Die ward ihm auch sogleich und in der liebenswrdigsten Weise zuteil.

Auerdem die Mitteilung: der General Le Camus liee sich bestens
empfehlen, und er wrde sich die Ehre geben, den Generalleutnant von
Blcher zu der und der Zeit abzuholen, um ihn persnlich von hier nach dem
Schlosse Finkenstein zu geleiten, wohin der Kaiser Napoleon ihn heute zur
Audienz befohlen htte.

Blcher antwortete, er wrde sich die Ehre geben. Er wre bereit, und er
liee dem General Le Camus seine besten Gre bermitteln. Worauf er dem
Rittmeister Eisenhart die Hand gab und sagte: "Pfalzgraf, verlasse Er sich
darauf: es bleibt dabei, bei dem Husarenstreich!"

                                    *

Napoleon war eben von einer Besichtigung des Leibregiments der Kaiserin
zurckgekehrt und lie sich vom Generaldirektor der Museen, Monsieur
Denon, ber die in den Museen Kassels und Berlins "gefundenen" Kunstwerke
Bericht erstatten, als man ihm die Ankunft des Generals von Blcher
meldete.

Er gab Denon noch einige Instruktionen fr seine bevorstehende
Entdeckungsreise nach Warschau, wo auch fr Rechnung des "Muse Napolon"
Schtze zu heben waren, genehmigte die vorgeschlagenen "Enteignungen",
entlie huldvollst seinen talentvollen Mitruber und befahl, den General
vorzulassen.

Er wolle ihn ohne Zeugen sprechen, bedrfe auch eines Dolmetschers nicht!

Sein Generalstabschef, Berthier, holte dann Blcher ab, besttigte ihm im
Namen Napoleons die mit dem Rittmeister von Eisenhart vereinbarten
Friedensbedingungen, die Blcher dem Knig von Preuen berbringen sollte,
geleitete ihn dann durch alle Zimmer bis zur Tr des kaiserlichen
Arbeitskabinetts und verabschiedete sich dort von ihm.

Die Tr ffnete sich, und die beiden Gegner standen einander zum ersten
Male persnlich gegenber.

Blcher lang und stattlich mit weien Haaren und frischem,
lebenssprhendem Gesicht - der Kaiser klein, bla, energisch, lebhaft,
ohne einen weien Faden im kastanienbraunen Haar - Blcher in seiner roten
Husarenuniform, die Mtze mit dem Totenschdel auf dem Arm - der Kaiser in
seiner grnen Gardejgeruniform mit den weien Aufschlgen und dem Stern
der Ehrenlegion in Gold gestickt, den schwarzen, dreieckigen Hut in der
Linken.

Er kam gleich auf Blcher zu und fing an, lebhaft auf ihn einzureden.

Und Blcher stand da, lang und breitbeinig, den Kopf vorgestreckt, und sah
auf den kleinen Kerl herab, der sich mit zierlichen Schritten vor ihm hin
und her bewegte - glotzte ihn an wie eine groe Dogge, die die lustig
einschmeichelnden Sprnge eines zierlichen Affenpintschers um sie herum
anstaunt und dann und wann mit einem tolpatschigen Schlag der Pranke zu
vergelten versucht, dabei das Klffen des Kleinen mit einem gutmtigen
Zhnefletschen beantwortend.

Viel verstand er nicht von dem, was der Kaiser sagte, geriet aber sofort
in den Bann seiner sprhenden Beredsamkeit und der Energie, die aus jedem
seiner Worte, aus jeder Miene auf ihn einstrmte.

Er holte auch sofort zur Parade aus und fing an, ebenso lebhaft auf den
Kaiser dreinzuparlieren, in einem sonderbar zurechtgestutzten
Kauderwelsch, das in seinen eigenen Ohren gar lieblich klang und ihn
geradezu stolz machte. Lateinische, polnische und franzsische Brocken
wrfelte er dabei kunterbunt durcheinander, in einer Mischung, die ihm
sicherlich keiner so leicht nachmachte.

Aber als der Kaiser immer lebhafter wurde und ihn schlielich an einem
Knopf seiner Uniform packte und anfing daran zu drehen und zu drehen, da
wurde er still.

Das war unheimlich! So lie er sich denn doch nicht beim Wickel nehmen!

Er horchte genau auf das, was der Kaiser zu ihm hinaufsprudelte -
schnappte einige Worte auf und begriff, da lang und breit von der
Elblinie und von den knftigen Grenzen Preuens geredet wurde, wenn auch
nicht was, und da der Kaiser ihm das tgliche Lied seiner Generle von
der ihm zugedachten Rolle als Friedensvermittler jetzt selbst vorleierte.

Da aber das Drehen des Knopfes nicht aufhrte, vielmehr ein Gefhl
verursachte, als whle sich ein Bohrer immer tiefer und tiefer in ihn
hinein, da gab's bei ihm innerlich einen Ruck und ein Struben der Haare,
wie bei einem Kater angesichts des Hundes. Die Haltung straffte sich, die
Blicke sprhten Feuer und Flammen, er wollte schon etwas Krftiges
antworten.

Aber Napoleon wartete es nicht ab. Mit kleinen festen Schritten ging er
ein paarmal durchs Zimmer, setzte sich im offenen Fenster aufs
Fensterbrett, kam wieder vor und sagte in einem von fast echtem Gefhl
vibrierenden Tonfall:

"_Mais mon cher - je l'aime, votre patrie! Oui, c'est vrai, j'aime la
Prussie!_" Und er setzte noch lang und breit auseinander, wie sehr dieser
ganze Krieg wider sein Gefhl sei, und da es ihm zumute sei, als msse er
mit seiner Rechten seine Linke schlagen, wenn er das ihm so teure Preuen
schlge! Welche echt preuenfreundliche Gesinnung er noch mit einem
Hndedruck bekrftigte.

"Ist schon recht," dachte Blcher, "es gibt Freundschaft und Freundschaft,
und wie deine beschaffen ist, damit wei ich Bescheid! Wenn du denkst, da
ich darum fr dein '_patrie_' auch nur einen Pfifferling brig habe, da
irrst du dich gewaltig!"

In voller Gemtsruhe lie er dann noch einen rednerischen Ansturm ber
sich ergehen, sagte weder ja noch nein, nickte nur dann und wann
zustimmend, eingedenk der Mahnung Eisenharts, lieber mit List die
sofortige Freiheit zu gewinnen, als sich noch nach Frankreich in
Gefangenschaft schicken zu lassen.

Und als Napoleon ihm die Hand zum Abschied reichte, da langte er zu und
drckte sie recht herzlich wieder und schmunzelte freundlichst ber das
ganze Gesicht.

"Ein Teufelskerl ist das!" sagte er nachher, als er seinen Shnen und
Eisenhart von der Begegnung erzhlte. "Ein ganz verfluchter Kerl! Und
charmant! Ich dachte bei Gott nicht daran, da er eigentlich den
leibhaften Gottseibeiuns darstellt, dem man schleunigst das Genick brechen
mte! Mehr als einmal htte ich ihn durchs offene Fenster hinausstoen
knnen, als er auf dem Fensterbrett sa, wre ich nur nicht so verflucht
gutmtig gewesen, wie wir Deutschen es nun leider immer sind!"

"Wer wei," sagte Eisenhart mit einem spitzbbischen Lcheln, "wer wei,
was fr eine gute Gelegenheit Exzellenz da versumt haben, mit einem
raschen Sto den Krieg zu beenden und Europa eine neue Karte zu geben!"

"Ehrlicher Kampf ist mir lieber", sagte Blcher. "Und aufgeschoben ist
nicht aufgehoben. Wir werden ihm schon beikommen, wenn er auch ein guter
Schauspieler ist und die Kunst versteht, alle Welt dumm zu machen! Das
knnen wir schlielich auch, wenn's sein mu. Frs erste probieren wir's
mit Seiner Kriegslist, Eisenhart!"

So wurde es auch gemacht.

Beim Abschiedessen, das der General Le Camus ihm noch am selben Tag gab,
hielt Blcher dann eine Rede auf Napoleon und brachte in aller Form seine
Gesundheit aus. Allerdings erst nachdem der franzsische General Preuen
und seinen Knig hatte leben lassen.

Dann aber, als nach vielem Hin und Her, nach langem Warten und endlosem
rger, endlich der Augenblick da war, in dem er ber die Demarkationslinie
gehen durfte, whrend von der anderen Seite der Schatten des gegen ihn
ausgewechselten Generals Victor grend vorbeihuschte, da war's mit einem
gewissen Gefhl der Erleichterung, da er seinem getreuen Adlatus und
Reisebegleiter zurief: "Los, Eisenhart!"

Und er lie Eisenhart nicht aus den Augen, als der mit dem General Dnzel
leise sprach. Er rgerte sich aber gewaltig, als der Franzose nur lchelte
und befriedigt Beifall nickte, obwohl Eisenhart in aller Form erklrte,
mit der Friedensvermittlung Blchers wre es nichts - seine ganze Zusage
in betreff der Friedensvermittlung wre nichts als erlaubte Kriegslist
gewesen, und man wrde dem Knig von Preuen gute Ratschlge in ganz
anderem Sinne zu geben wissen.

Diese offene Kampfansage wollte Blcher wenigstens dem Franzosen mit nach
Hause geben. Sie sollten da nicht eine Sekunde lnger als ntig glauben
drfen, da er auch nur das geringste fr ihr "_patrie_" brig htte!

An seine Begegnung mit dem Kaiser dachte er aber mit vielem Interesse
zurck.

Er staunte Napoleon an wie eine seltsame Naturerscheinung, die mit seiner
eigenen Welt wenig Zusammenhang hatte.

Napoleons lebhaftes Sprhen, sein eindringliches Drauflosagieren hatte ihn
nicht darber zu tuschen vermocht, da er im Kaiser vor allem eine
malose Energie und einen konzentrierten, kalten und klaren Verstand vor
sich hatte, dem keine Grenzen gesetzt waren auer der einen, hinter der
Gefhl und alles mitreiendes Temperament allein geboten.

Und da war _er_, Blcher, wiederum zu Hause und wurzelte drin mit seiner
ganzen Persnlichkeit, und konnte seinerseits auch nicht ber die Grenze
hinaus.

Sie waren eben zwei einander vllig fremde Welten aus verschiedenartiger
Materie, vom Zufall fr einen Augenblick zusammengeschleudert, sausten
aneinander vorbei, machten viel und gewaltiges Gerusch und spien Feuer
und Funken und Flammen gegeneinander, jede nach _ihrer_ Art und ohne bei
der anderen znden zu knnen. Und sausten dann, jede in ihrer Richtung,
weiter und berlieen es dem Zufall, wieder einen Zusammenprall
herbeizufhren und zu entscheiden, welche von ihnen wohl dann die andere
aus der Bahn schleudern wrde.

                                    *

Blcher stand vor seinem Herrn und Knig und freute sich ungemein, denn er
wurde hier, im preuischen Hauptquartier zu Bartenstein, mit lauter guten
Neuigkeiten empfangen.

Die Kabinettsregierung war beseitigt, Lombard entlassen, Beyme fallfertig
und Blchers ber alles geschtzter Freund Hardenberg seit gestern
Staatsminister und Leiter der gesamten Politik.

Fehlte nur noch Stein, der in Ungnade Entlassene, und sein Glck wre
vollstndig gewesen.

Der Knig hatte ihn umarmt und gekt und sich hilflos nach einem Orden
fr ihn umgesehen.

"Haben keine Sterne mitnehmen knnen bei der eiligen Abreise!" sagte er.

Hardenberg half dann mit seinem Schwarzen Adler aus, und der Knig heftete
ihn selbst Blcher an die Brust.

Blcher fing dann an schwarz zu malen und gab eine erhebende Schilderung
von dem hoffnungslosen Zustand der franzsischen Armee, die man mit
Leichtigkeit vernichten knnte, wenn man es jetzt sofort versuchte.

"Majestt," sagte er, "ich steh' mit meinem Kopf dafr ein. Wenn ich nur
dreiigtausend Mann unter meinem Befehl habe, dann durchbreche ich die
franzsischen Linien und werfe den Feind wenigstens bis auf die Oder
zurck. Ich bin mit offenen Augen durch das von ihm besetzte Gebiet
gekommen. Seuchen berall, Mangel an Proviant, Mangel an Munition; die
Leute marode und deprimiert von dem ungewohnten Klima; die Wege
entsetzlich! In den nchsten vier Wochen knnen keine Verstrkungen zur
Stelle sein! Wenn wir jetzt dazwischenfahren, dann sind sie vernichtet -
dann kommt's zu einer Katastrophe, die dem Krieg eine neue Wendung geben
und unseren Leuten den Nacken wieder steifen wird! Wir werden, wenn wir
jetzt den Coup wagen, berall, in Hessen, am Rhein, in der Mark, Aufstnde
haben, wir werden die Franzosen ber den Rhein zurckjagen, und daran
wird's nicht fehlen. Glauben Majestt, da der Kaiser Napoleon nach seinen
groen Siegen ber uns um den Frieden bitten wrde, wenn er es nicht
bitter ntig htte? Nein! Ich habe ihm in die Seele geschaut! Eine Stunde
lang hat er auf mich eingeredet - viel habe ich nicht davon verstanden!
Aber so viel habe ich begriffen: er schwefelte mir so eifrig vor von der
Notwendigkeit _fr uns_, einen Separatfrieden zu schlieen, da ich von
der Notwendigkeit _fr ihn_ berzeugt wurde! Und ebenso eifrig wie er
selbst waren seine Leute. Wo aber der Franzose so liebenswrdig wird, da
_will_ er auf diese Weise immer etwas ergaunern, was er anders nicht
bekommen kann. Sonst wre er der letzte, sich die Mhe zu geben, sonst
nimmt er, was ihm beliebt und wie's ihm beliebt und fragt nicht erst nach
der Meinung anderer!"

Es wurde die alte Geschichte.

Der Knig sah es wohl ein - der General mochte schon recht haben -, es
wre nicht ausgeschlossen, jetzt durch einen khnen Handstreich einige
Vorteile ber den Kaiser der Franzosen zu gewinnen! Nach der Schlacht bei
Eylau war er ja schon bedeutend entgegenkommender geworden! Allein man
drfe nicht sein Letztes auf eine Karte setzen! Die Armee war bis auf
fnfundzwanzigtausend Mann zusammengeschmolzen: allein knnte man nichts
gegen die bermacht unternehmen - man wre sowieso von der Hilfe der
Russen abhngig. Es wre also das richtigste, zuerst mit dem Kaiser
Alexander zu reden - wenn er den Plan Blchers billigte, so wrde der
Knig auch nicht dagegen sein! Er, Blcher, sollte sofort zum Kaiser
mitkommen!

Das war fr diesmal schon viel erreicht. Guten Muts folgte Blcher dem
Knig nach dem Quartier des Kaisers Alexander.

Dieser war gleich Feuer und Flamme.

Gewi! Das wre ja glnzend, das wre brillant! Das msse gemacht, das
wrde sofort ins Werk gesetzt werden! Darauf knne sich Blcher verlassen,
und die verlangten Truppen bekme er! Der Kaiser sagte dem General noch
die schnsten Komplimente und Schmeicheleien fr seinen mutigen Rckzug
nach Lbeck, und bedankte sich sehr fr den auerordentlichen Dienst, den
Blcher der russischem Kriegfhrung dadurch geleistet hatte, da er die
Franzosen so lange vom Osten abzog. Er war so aimabel, so charmant, wie es
nur ein russischer Gardeoffizier sein kann. Seine Begeisterung war so
soigniert, so wohlgepflegt und ohne berschwang, seine ganze Art, sich zu
geben, so korrekt und elegant, da Blcher ganz bel zumute wurde.

Von diesem geschnrten, parfmierten, gut frisierten und schnen jungen
Mann waren keine derben Hiebe, keine groen Entschlsse und vor allem
keine Ausdauer zu erhoffen, das wute er gleich! Und auch, da mit schnen
Worten und Schmeicheleien nach Art der Franzosen von ihm alles zu
erreichen wre.

Seine Zustimmung gab der Kaiser also auf der Stelle, jedoch alles Nhere
msse Blcher mit seinem Oberkommandierenden, dem General von Bennigsen,
vereinbaren.

"Mit dem werde ich wohl fertig", dachte Blcher. "Der ist ja ein Deutscher
wie ich!" Und er ging hin.

Viel Deutsches war aber nicht mehr an dem kleinen russischen General mit
dem bauernschlauen, verschmitzten Gesicht zu entdecken - wenn nicht der
Hochmut deutsch ist.

Denn mit unsglich mitleidsvoller Verachtung blickte er auf Blcher
nieder, der ja das Unglck hatte, preuischer Offizier zu sein, was in
Bennigsens Augen, nach Jena, ungefhr das allerletzte war! Und dieser
hergelaufene alte Husar, der wollte ihm noch ins Handwerk pfuschen - der
wollte selbstndig kommandieren, auf eigene Faust Krieg mit dem Kaiser
Napoleon fhren, vor dem seine Landsleute so brav davongelaufen waren?!

Ihm, Bennigsen, kme man nicht mit dergleichen! Ihm, der vor nicht
allzulanger Zeit einen Zaren vom Thron gestoen und dem jetzigen Kaiser
die Krone aufs Haupt gesetzt hatte, der also in Ruland - das heit im
grten Reiche der Welt - das Heft in der Hand hielt!

Sein junger Kaiser war da wieder viel zu gutmtig, viel zu liebenswrdig
gewesen! Er war ein groes Kind! Er lie sich von allen mglichen
Abenteurern blauen Dunst vormachen, und nachher mte er, Bennigsen, der
einzige von allen Mrdern seines Vaters, den er noch um sich duldete, die
Sache wieder einrenken!

Das wrde er auch jetzt besorgen! -

Die Rechte in die Weste geschoben, die Beine bereinandergeschlagen, der
Blick weit ber Blcher hinaus in die Ferne schweifend, so stand er da, an
den Ofen gelehnt, lie sich Vortrag halten und geruhte dann in Gnaden zu
sagen: die Idee wre ganz gut, aber vorderhand nicht auszufhren! Sie
fordere Vorbereitungen! Und Vorbereitungen, das hiee Zeit haben! Indessen
wollte er sich alles genau berlegen!

Worauf Blcher gereizt erwiderte, berlegt und erwogen wre schon mehr als
genug. Wollte man noch damit Zeit vertrdeln, dann ginge inzwischen die
gnstige Gelegenheit verloren. Napoleon bekme wieder frische Truppen,
Munition und Proviant und wrde sicherlich nicht zgern, sofort vorzugehen
und die Russen ber die Grenze zurckzuwerfen.

Das wre ihm nicht unwillkommen, sagte dann der Renegat, ohne die Hand aus
der Weste herauszunehmen. Er wrde sich sogar freuen, kme er bald aus
diesem elenden Ostpreuen wieder in seine geliebte russische Heimat
zurck.

"So, auf _die_ Weise?" versetzte Blcher dann und rief den anderen
Offizieren, die mitgekommen waren, zu:

"Kommt, Kinder, hier haben wir nichts zu suchen! Wir sind verraten und
verkooft!"

Er drehte Bennigsen den Rcken und ging und fluchte, weil wieder eine gute
Gelegenheit versumt wurde, wo durch rasche Entschlossenheit und schnelle
Tat alles gewonnen werden konnte. Aus seinem schnen Husarenstreich wurde
nichts.

Aber trotz alledem wurde am nchsten Morgen drben bei den Franzosen Alarm
geblasen und ein Hallo gemacht, als wrde die Welt aus den Angeln gehoben.

"Die Russen sind da! Die Preuen rcken an und fallen uns in die
Kantonierungen!" schrie alles durcheinander. Die Trompeten schmetterten,
die Trommeln schlugen, Adjutanten und Stafetten flogen hin und her, man
schrie, kommandierte, fluchte und schimpfte.

Napoleon war auer sich ber seine Gutmtigkeit, den alten Haudegen
Blcher so leichten Kaufes entlassen zu haben! Der war sicherlich nicht
mit geschlossenen Augen durch die franzsischen Linien gekommen! Der war
der rechte Mann, eine gute Gelegenheit auszuntzen! Der kmmerte sich den
Teufel um schlechte Wege und Unbill des Wetters, auf die sich das
franzsische Feldkommissariat stets herausredete, nicht zum mindesten
jetzt, wo es auerstande war, Munition, Kanonen und frische Truppen
heranzufhren - vom Proviant gar nicht zu reden!

Die ganze Kavallerie sollte heraus, dem Feind entgegen und ihn aufhalten,
bis die anderen Truppen, die noch in ihren Quartieren zerstreut lagen,
versammelt wren.

Kaum befohlen, klabasterten die kleinen Chasseurs wie die Deubels gegen
die Passarge los, von wo man die ganze Nacht ein Geschrei und Getse
gehrt hatte, als wre die groe russische Armee eben im Begriff, ber den
Flu zu gehen.

Mit altgewohntem Elan ritten sie gegen die ungebetenen Gste auf, die
Karabiner schubereit, die Lanzen geschwungen. So kamen sie an das Ufer
der Passarge, ohne einen Schu abzubekommen - hielten mitten im tollsten
Ansturm inne, sperrten die Augen und die Muler auf und dachten an alte
Mrchen von Wassernixen, die als Schwne vermummt das Weite suchen, wenn
Gefahr naht, und wunderten sich, wo die Moskowiter auf einmal das Fliegen
gelernt hatten, und wie die schmutzigen, brtigen Kerls so schneewei wie
die Engel gen Himmel schweben konnten, wo sie doch eigentlich wie die
Teufel aussehen mten und in die Hlle gehrten! Denn zu Tausenden und
aber Tausenden flogen bei Sonnenaufgang mit lautem Getse wilde Schwne
von der Wasserflche auf, zogen ihre weiten Kreise, stiegen ohne
Aufenthalt ins Blaue hinein und lieen unten Lanzenreiter und Chasseurs
mit gestreckten Hlsen sitzen und gaffen und das groe Wunder des
hereinbrechenden Frhlings anstaunen, gegen das kein Kaiser und kein Knig
mit seinen Rossen und Reisigen aufkommen kann, wie gewaltig und mchtig er
auch ist.





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                         ZWISCHEN DEN SCHLACHTEN


Im Schlosse zu Knigsberg sa, brav und bieder, Blcher am Teetisch der
Knigin Luise und zupfte Scharpie. Er brummte wohl leise in den Bart,
schmunzelte aber dabei und gab sich nach Mglichkeit den Anschein, als sei
dies Werk der Liebe und nicht das rauhe Handwerk des Krieges so recht nach
seinem Sinn.

Er zupfte einen Faden - er zupfte zwei und legte sie behutsam vor sich auf
den Tisch.

Wren es Karten gewesen, sie wren schon anders dahergekommen!

Der dritte Faden flog auch bei dem Gedanken mit ganz anderem Schwung aus
der Hand und kam mit einem leichten Schlag auf die Platte.

Die Knigin blickte von ihrer Arbeit auf und lchelte unfreiwillig.

Blcher lchelte zurck, und sein Gesicht strahlte in glubiger Verehrung
und inbrnstiger Anbetung.

Denn um die schne Knigin herum tauchten vor seiner Phantasie pltzlich
all die Holden auf, denen seines langen Lebens Minnedienst gegolten hatte.

Heilige waren das wohl nicht gewesen! Er hatte aber auf den Knien vor
ihnen gelegen und hatte sie glubig angebetet! Und aus der Erinnerung
seliger Stunden lchelten sie ihm noch heute ihren Dank zu, weil er es
verstanden hatte, ein wenig Sturm in ihre Stille zu bringen!

Heilige nicht - aber doch umstrahlt von der ewigen Glorie eines freudig
geschenkten und ebenso freudig empfangenen und erwiderten Gefhls - das
einzige, was dem Leben hienieden den vollen Abglanz der Ewigkeit zu
verleihen vermag.

So etwas mochte wohl in den Blicken des alten Frauenverehrers gewesen
sein, als er zu seiner jungen, liebreizenden Knigin aufblickte. Aber
auch, da sie _jetzt_ war, was die anderen alle nur noch gewesen waren -
der Inbegriff all dessen, was das Herz eines Mannes zur Anbetung zwingen
kann: Jugend, Schnheit und inniges Gefhl, das locken und necken und
khnem Angriff Abwehr bieten konnte, aber auch, wenn es galt, einen Tanz
wagen und freudig mitfliegen mochte - kurz, gerade so bodenstndig und
unheilig, wie sich das Herz eines alten Husaren die Mutter Gottes
vorstellen mag - so und nicht anders! - -

Die Knigin verstand wohl auch Gedanken zu lesen, denn vor den feurigen
Blicken Blchers senkten sich ihre Augen, und in ihr Lcheln kam ein
Anflug von Spott. Das gengte vollauf, um Blcher auf das gebhrende Ma
alleruntertnigster Verehrung zurckzufhren.

Als Belohnung befahl die Knigin, ihm Tee zu reichen, und tat gndigst,
als merke sie gar nicht, wie er mit der Gewandtheit eines Taschenspielers
den Leinwandlappen, an dem er notgedrungen zupfte, unter dem Tisch in
seiner Sbeltasche verschwinden lie.

"Es ist schn von Ihnen, General," sagte sie vielmehr, "da Sie uns bei
unserem Liebeswerk so eifrig helfen wollen!"

Und Blcher in Wahl und Qual zwischen dem Tee und der Scharpie, griff
entschlossen nach einem neuen Leinwandstreifen und zog mit viel Mhe einen
Faden heraus.

"Wie immer gehorsamst zu Diensten, wenn Majestt befehlen!" sagte er,
eifrig zupfend. "Ich gestatte mir aber alleruntertnigst darauf
hinzuweisen, da es mir _bei diesem_ Liebeswerk viel an der rechten bung
fehlt. Wir Soldaten sind gewohnt, in ganz anderer Weise mit der Scharpie
in Berhrung zu kommen! Ich meine so, da sie sich schmerzstillend auf
unsere Wunden legt. Und wenn wir dabei der zarten Hnde gedenken knnen,
die, von Mitleid bewegt, uns so weiche Wohltat bereiten halfen, das
vermehrt die Heilkraft und stillt unsere Schmerzen sicherlich besser, als
wenn wir selbst sie zubereitet haben!"

Gesagt, und der zweite Lappen lag beim ersten in seiner Sbeltasche.

Die Knigin lchelte.

"Wie schn Sie das auch vorbringen, General," sagte sie und schob ihm noch
ein paar Streifen zu, "wir erlassen es Ihnen doch nicht, uns zu helfen.
Der Wunden gibt es viel mehr als Hnde, die Schmerzen zu lindern! Zupfen
Sie also brav weiter und erzhlen Sie uns dabei von Ihren Irrfahrten -"

"Meine Irrfahrten, Majestt," sagte Blcher ernst, "die ergeben sich alle
aus einer einzigen unauslschlichen Schmach, in der wir leider noch leben,
und von der ich alleruntertnigst mir zu gestatten bitte, nicht sprechen
zu mssen. Es sei denn, da ich davon sprechen darf, wie wir sie wieder
gutmachen. Denn das ist kinderleicht!"

"Meinen Sie?"

"Das meine ich! Nur wollen und wagen und die gute Gelegenheit ausntzen,
dann hat's keine Gefahr. Denn unsere Soldaten - nun, die haben bei Eylau
gezeigt, wie sich ein preuischer Soldat schlgt - sie haben da unsere
Waffenehre gerettet."

"Das sind Helden!" sagte die Knigin gerhrt. Und Blchers Augen blitzten.

"Wie die Kerle da zu den Klngen des 'Alten Dessauer' ber die
Schneefelder Sturm liefen, da die Bajonette im Abendsonnenschein
blitzten!" sagte er begeistert. "Ich kann's sehen, als wre ich dabei
gewesen, wie sie mit der Gewalt einer Meeresbrandung alles vor sich
herfegten - ich kann den Donner ihrer siegenden Hurrarufe hren -, und
_das_, Majestt, das tut meinem Herzen wohl, nach all der Schmach!"

Er zupfte wieder ein paar Fden und verbi die Rhrung.

"Und was ich jetzt von Kolberg hre," sagte er dann, "von den khnen
Ausfllen Schills, von seinen Streifzgen, von dem heldenmtigen Geist der
Brgerschaft, die von der Aufgabe der Festung nichts wissen wollte. So
htte es berall sein mssen, die Leute htten sich nur mit der Bitte um
andere Kommandanten an den Knig wenden sollen, da htten wir alle unsere
Festungen noch. Denn es gibt unter uns mehr solche Leute wie der Major
Gneisenau, der sich jetzt so brav in Kolberg hlt. Aber - - wenn man
bedenkt, da die vierzehn preuischen Generle, die in Magdeburg gefangen
wurden, zusammen dreizehnhundert Jahre alt waren - da ist's kein Wunder!"

Die Knigin lchelte.

"Es knnen nicht alle so jung sein wie Sie, General", sagte sie mit
sanfter Anspielung auf seine fnfundsechzig Jahre.

"Gewi nicht, Majestt", antwortete Blcher unbefangen. "Aber wenn wir
jungen Leute nicht die vielen Vordermnner gehabt htten, dann htten wir
ein Kommando gehabt und Gelegenheit, manches anders und vielleicht auch
besser zu machen!"

Der Knigin war es peinlich, in ihrem Salon so offenen Tadel ber Leute zu
hren, unter denen es doch manchen verdienten Mann gab. Sie unterbrach den
General.

"Sie wollten mir doch von Ihren eigenen Taten erzhlen", sagte sie, ohne
von ihrer Arbeit aufzublicken.

"Zu Befehl!" sagte Blcher. "Ich war auch dabei, alleruntertnigst von den
Taten zu referieren, die ich wohl planen, aber noch nicht ins Werk setzen
durfte!"

Die Knigin empfand den unausgesprochenen Vorwurf gegen den Knig, der in
der Antwort verborgen war, und antwortete nicht, blickte auch nicht von
ihrer Arbeit auf.

Blcher benutzte rasch die Gelegenheit, wickelte unterm Tisch den
Leinwandstreifen vom Finger ab und lie ihn wie die anderen schnell
verschwinden. Aber doch nicht so schnell, da es die Knigin nicht sah.

Sie lchelte wieder und blickte ihn an.

"Wir verstehen wohl, worauf Ihre letzten Worte hindeuten", sagte sie
gndig. "Uns sowohl wie dem Knig wre es auch lieber, Ihren Mut und Ihre
Einsicht in geeigneterer Weise bettigt zu wissen, als es jetzt leider der
Fall sein kann. Wir bedauern am meisten, da Sie nicht hoch zu Ro, an der
Spitze einer Armee, gegen die Eindringlinge vorstrmen knnen. Am Knig
und an mir liegt's nicht, wenn Ihren Wnschen nicht stattgegeben werden
konnte. Ich meinerseits kann Sie also heute nur so beschftigen wie jetzt
und dazu den Vers machen: Kommt Zeit, kommt Rat! Aber Sie haben kein
Leinen mehr, lieber General - hier!" und sie reichte ihm hchstselbst
wieder einen neuen Streifen.

Er nahm ihn gehorsamst, dankte alleruntertnigst, zupfte an seinem
Schnurrbart, blickte melancholisch in seine Teetasse und sehnte sich
unchristlich nach einem guten Rotspon und einer Pfeife echten Knasters,
fand sich aber dann in die Plage, schlrfte gottergeben seinen Tee und
zupfte einen Faden - zupfte gar zwei.

"Halten zu Gnaden," sagte er dann pltzlich und lie die Hand aufs Knie
sinken, "wollen Majestt gndigst verzeihen, wenn ich trotz dem Gesagten
es doch wage, Majestt um Allerhchstdero Vermittelung beim Knig
anzuflehen! Denn noch ist es nicht zu spt, gegen den Franzmann
vorzugehen! Noch ist die Gelegenheit gut!"

"Zeigen Sie Ihren guten Willen, zupfen Sie brav!" sagte die Knigin
scherzhaft, ohne auf den ernsten Ton des Generals einzugehen. Denn sie
hatte wiederum gesehen, wie der spitzbbische Alte einen ihrer kostbaren
Leinwandfetzen in seine Sbeltasche schmuggelte. "Sie mssen mir noch
einen ganzen Haufen Scharpie abgeben. Wer wei, welche Ritterdienste Ihrer
noch harren, wenn Sie die Probe mit Glck bestehen!"

Blcher fgte sich und zupfte brav eine Weile und dachte dabei zurck an
die Friedenszeit in Mnster, mit der vielen unfreiwilligen Schreibarbeit,
in der er damals nicht allzu eifrig mit seinem Freunde Stein wetteiferte!

Ob Stein es sich wohl auch mitten im Krieg gefallen lassen wrde, acht
Tage hintereinander Tee zu trinken und Scharpie zu zupfen, statt seine
Plne zum Wohle des Staates mit aller Energie auszufhren?

Er lachte innerlich bei dem Gedanken an seinen schroffen, stmmigen alten
Freund, den wohl nicht einmal der Liebreiz der Knigin Luise gezwungen
haben wrde, so galant zu sein!

Stein hatte brigens jedem Mibrauch seiner Kraft vorgebeugt. Er hatte
seine Meinung offen und ungeschminkt dem Knig ins Gesicht gesagt und
seine Strafe empfangen - war ungndig entlassen worden, gerade jetzt, wo
er mehr denn je ntig war.

Der Gedanke machte Blcher zornig. Er knllte den Lappen in der Hand
zusammen, hob, ohne diesmal zu schmuggeln, seine Sbeltasche hoch, schob
mit trotziger Energie die Hand hinein und tat ohne Umschweife den Lappen
zu den anderen.

"Ei, die schne Sbeltasche!" sagte die Knigin. "Geben Sie her, General!
Die mu ich mir genau ansehen!"

Und Blcher hakte gehorsamst die Sbeltasche los und berreichte sie
seiner hohen Gebieterin.

Die Knigin nahm sie, betrachtete sie genau, drehte und wandte sie nach
allen Seiten, untersuchte, wie sie zu ffnen sei, blickte auch hinein und
fand ihre geraubten Leinwandfetzen drin hbsch suberlich
beieinanderliegen.

"Ach sieh", sagte sie hold lchelnd und hielt ihren wiedergewonnenen
Schatz hoch. "Seht nur den braven General Blcher! Nicht genug, da er
sich hier bei uns im Dienste der Nchstenliebe bemht, er will sich auch
zu Hause weiter bettigen - er hat sich Arbeit mitgenommen! Frwahr, ein
leuchtendes Beispiel ritterlichen Opfermuts. Indes, das drfen wir nicht
annehmen. Die Leinenstreifen behalten wir hier. Sie werden doch nicht
darum kommen, sie zu zupfen, General! _Wir heben sie Ihnen bis morgen
auf_, wo wir Sie wiederum zum Tee und Scharpiezupfen erwarten!"

Worauf die Knigin die Sbeltasche zurckgab, die Leinwandstreifen vor
sich auf den Tisch legte und sie ausglttete.

Blcher war aber einer schnen Dame gegenber niemals auf den Kopf
gefallen, auch nicht, wenn es eine Knigin war. Er stand also auf,
verbeugte sich galant, nahm der Knigin rasch wieder seine ersparten
Leinwandstreifen ab, drckte sie gegen sein Herz und sagte: "Halten zu
Gnaden, Majestt, wenn ich diese Leinwandstreifen an mich nahm, so war es
keinesfalls, um sie zu Hause noch in Scharpie zu verwandeln, vielmehr, um
sie davor zu bewahren. In der Armee gibt's so manchen ritterlich gesinnten
jungen Mann, der jederzeit bereit ist, mit Freuden Blut und Leben fr sein
Knigshaus und seine Heimat zu opfern. Unter all den jungen Leuten gibt's
aber keinen - wie auch unter uns alten nicht -, der nicht das Bild unserer
liebreizenden Knigin im Herzen trge. Sie ist in Wahrheit unsere
Schutzheilige geworden. Und deshalb wollte ich den khnsten unter den
wackeren Streitern diese Streifen verehren, auf da sie sich damit
schmcken wie frher der Ritter, wenn er in die Schranken ritt, die Farben
seiner Herzensdame am Helm, und so zu immer greren Heldentaten entflammt
werden.

Das dnkt mich der Sache unseres Vaterlandes ntzlicher, als wenn daraus
Scharpie gemacht wird!"

"Uns aber nicht", sagte die Knigin, die ein leichtes Errten bei den
Worten des alten Schwerenters nicht unterdrcken konnte. "Wir freuen uns
ber die Zuneigung, die aus Ihren Worten spricht, Herr General, sind aber
nicht so eitel, fr unsere Person Ritterdienste anzunehmen, die einzig und
allein dem Lande zu gelten haben. Die Leinwandstreifen geben Sie mir nur
wieder her. Wir haben dafr etwas anderes, das wir Ihnen in die
Sbeltasche hineintun mchten, damit Sie doch nicht ganz leer ausgehen.
Hier -", sie entnahm einem, auf einer Konsole neben ihr stehenden Nhkorb
einen Brief und reichte ihn Blcher. - "Nehmen Sie das mit, aber lesen
Sie's erst, wenn Sie zu Hause sind! Der Knig gab es mir fr Sie! Er
schreibt Ihnen hoffentlich viel Erfreuliches drin! Und nun wollen wir Sie
fr heute nicht lnger in Anspruch nehmen. Sie werden neugierig sein und
wissen wollen, was in dem Briefe steht!"

Sie reichte Blcher die Hand, und er kte sie, verbeugte sich tief und
ging.

Schon im Vorzimmer erbrach er das knigliche Schreiben.

Es enthielt die Ernennung zum Kommandanten eines neu zu bildenden Korps,
das von Pommern aus, mit schwedischen und englischen Hilfstruppen vereint,
im Rcken der franzsischen Armee operieren, so die Bewegungen der
Hauptarmee erleichtern und womglich auch die beiden Festungen Kolberg und
Danzig entsetzen sollte.

Die Ernennung erfolgte auf ausdrckliches Ersuchen des Knigs Gustav Adolf
von Schweden, der den General Blcher gern zum Befehlshaber des
verbndeten preuischen Kontingents haben wollte.

"Da wren wir gewissermaen wieder in schwedischen Diensten angelangt",
sagte Blcher, steckte das Schreiben ein und verlie das Schlo, nicht
gerade erfreut. Ihm wre es lieber gewesen, schon jetzt und in ganz
anderer Weise den groen Wurf gegen Napoleon zu wagen, der so mit Hnden
zu greifen und gar nicht zu verfehlen war.

Dagegen dnkte ihn jenes Kommando in Schwedisch-Pommern wie eine
Verbannung.

                                    *

Es war ein heier Sommertag. Der Roggen blhte, die hren standen dicht
und steif ber den Feldern am Memelflu.

Hier und dort stieg eine leichte Wolke feinen Samenstaubs in die Luft,
schwebte in niedriger Hhe ber den Feldern und senkte sich wieder.

Kein Blatt bewegte sich.

Inmitten eines Feldes, unweit vom Flu, rieselte eine leichte Bewegung
durch die hren und pflanzte sich im Zickzack quer durchs Feld fort bis
zum Grabenrand.

Und da kam - eine Maus heraus, blickte sich scheu nach allen Seiten um und
lief dann im Grase weiter dem Flu zu. Aber nicht vorsichtig genug, um
unbemerkt zu bleiben.

Der scharfe Blick eines Bussards, der hoch oben in den Lften seine Kreise
zog, hatte die Bewegung in den hren erspht. Kaum hatte die Maus den
schtzenden Strohwald verlassen, so scho er pfeilschnell hinunter, packte
sie und schwang sich hoch ber dem Flu in die Hhe, seinen Raub in den
Krallen.

Ein Schu - ein krampfhaftes Schlagen mit den Flgeln - die Krallen lieen
ihre Beute los - ein kurzes hilfloses Flattern, und dann strzte der
Ruber schwer getroffen zu Boden.

Sein Opfer aber schwamm gerettet unten im Flu auf das nchste Ziel zu -
ein mchtiges Flo, das mitten im Wasser verankert lag.

Von keinem bemerkt, erreichte die Maus die rettenden Planken, kroch aus
dem Na herauf, lief rasch ber das Flo auf einen daraufstehenden
Pavillon zu, schlpfte unter den Vorhngen hinein und verschwand.

Es war kein gewhnliches Flo, auf dem die Maus so unverhofft gelandet
war.

ber Nacht auf Befehl eines mchtigen Kaisers entstanden, trug es auf
seinem glatten Bretterbelag einen aus kostbaren Stoffen und Teppichen
hergerichteten Pavillon, bestimmt, die beiden grten Herrscher und
Gebieter der gewaltigsten Kriegshaufen der Erde zu friedlicher Zwiesprache
zu vereinen.

Der Zar aller Reuen, bei Friedland blutig aufs Haupt geschlagen, hatte
Napoleon um Waffenstillstand gebeten und zugleich den Wunsch geuert, den
"grten Mann des Jahrhunderts" persnlich zu sprechen.

Napoleon willigte ein, legte die Zusammenkunft auf den nchsten Tag - den
fnfundzwanzigsten Juni - und gab seinem Artilleriegeneral Lariboissire
den Befehl, fr einen mglichst pomphaften Rahmen zu sorgen.

Mitten im Flu, wo die Demarkationslinie verlief, wollte der Sieger den
Besiegten empfangen.

So kam es, da gegen Mittag an den Ufern des Memelflusses die beiden
feindlichen Armeen Aufstellung nahmen.

Was an Bevlkerung da war, wurde gleichfalls zusammengetrommelt, um mit
dem bevorstehenden, glanzvollen Schauspiel beglckt zu werden.

Alles war also vereinigt, was zu einer gelungenen Vorstellung gehrt: ein
gerumiger, leicht zu berblickender Schauplatz, prunkhafte Dekorationen,
ein dankbares Publikum und eine stimmengewaltige, gut gedrillte Claque.

Die Hauptdarsteller lieen noch auf sich warten.

Der Schu, der vorhin fluaufwrts gefallen war und der dem Musebussard
das Leben gekostet hatte, hatte nicht viel Aufregung verursacht.

Man hatte das Opfer gesehen und den Tter als einen der Baumeister des
Flosses festgestellt, dem kein Attentatsgelst auf einen hohen Herrn
zuzutrauen war.

Das Publikum hatte den Knall als Zeichen zum Beginn des Spektakulums
aufgefat und war enttuscht, weil nichts daraus wurde.

Denn noch hatte die Uhr nicht eins geschlagen. Und pnktlich um eins
sollte die weltbewegende Begegnung stattfinden.

Die Zeitchronisten haben es unterlassen, die hochwichtige Feststellung zu
machen, ob die Uhr die Ehre hatte, nach franzsischer oder russischer Zeit
die bedeutsame Stunde zu schlagen.

Die russische Uhr geht bekanntlich vor.

Aber Ruland war besiegt und konnte also gereimterweise keinen Anspruch
auf den Vortritt erheben. Und der Franzmann ist galant, wenn er nur als
Sieger einherschreiten darf, und demtigt seinen Besiegten nur, wenn er
von ihm keine Vorteile erhoffen kann.

Anzunehmen ist wohl, da die Arrangeure des Schauspiels sich auf
preuische Zeit geeinigt hatten, da man ja Preuen erobert und es auch
sonst in jeder Hinsicht in der Tasche hatte.

Preuen gab den Boden fr die Veranstaltung her, die Bohlen und Bretter,
Stoffe und Teppiche und das ganze gemeine, schaulustige Volk. Es wrde
berhaupt die Zeche zu zahlen haben. Warum sollte es denn nicht auch die
Zeit angeben!

Im brigen war Preuen nicht zum Friedensfest geladen.

Der Knig von Preuen war wohl bei der Kunde vom Waffenstillstand schnell
nach dem kleinen Jagdschlo Szawl geeilt, wo der Zar sein Hauptquartier
hatte, und folgte dem Zaren von dort nach dem Dorfe Picktuphnen, Tilsit
gegenber, wo sie beide Wohnung nahmen.

Er war mit Recht besorgt. Denn weder war er gefragt worden, noch hatte man
ihn in die Konvention ber den Waffenstillstand mit aufgenommen.

Er htte sich mit Recht sogar entrsten knnen.

Denn vor kaum zwei Monaten hatte der Zar mit ihm eine andere Konvention
geschlossen, in der sich beide Vertragschlieenden verpflichteten, nur
gemeinsam die Waffen niederzulegen.

Aber als regierender Herr wute der Knig wohl Bescheid, welche Sonderheit
solche politischen Vertrge an sich haben.

Er hielt jedoch nicht mit Vorwrfen zurck.

Der Zar aber nahm die Sache weiter nicht tragisch.

Er befand sich in der Lage eines jungen Mannes von Welt, der das Pech
gehabt hat, ein Spiel zu verlieren. Mit unbefangener Miene begleicht er
den Verlust. Wie hoch er auch ist, der gute Ton gebietet, ihn als
Bagatelle anzusehen. Man verbeit sich den rger, nimmt frische Karten und
versucht bei einer neuen Runde noch einmal sein Glck - bis es sich einem
zuwendet.

Das ist das Spiel. _C'est la guerre!_

Nur nicht die Haltung verlieren, dann kann man Unsummen verlieren und hat
doch im Grunde nichts verloren! Am allerwenigsten den Glauben und das
Zutrauen zu dem eigenen Knnen!

Den Glauben hatte der Zar!

Er war ein Genie, und das nicht nur in seinen eigenen Augen. Seine
gleichaltrigen Freunde, Dolgorucki, Lobanoff und all die anderen, sie
schwuren smtlich darauf.

So wie er verstnde es keiner, mit durchblickendem Scharfblick jede
Situation sofort bis auf den Grund zu erschpfen, den springenden Moment
zu erfassen und gleich zu entscheiden, was in jedem Fall zu tun - gewesen
wre.

Denn das wute er. Den Treppenwitz hatte er. _Nachher_ - aber erst dann -
geruhte Seine Zarische Majestt die Erkenntnis Ihrer Allweisheit
kundzutun, wenn seine Generle schon mit echt russischer Schlamperei die
Schlachten verloren und die Feldzge verbummelt hatten. Denn das
verstanden _sie_.

Und der Zar war gromtig, der Zar war gndig. Er war eine Seele von
Mensch und schlug ihnen nicht die Kpfe ab. Er dachte mit Gleichmut: ein
anderes Mal, wenn Gott ihnen eine nchterne Stunde gibt, da erobern sie
mir die Welt! Und winkte herablassend gleichgltig, lchelte kalt, behielt
die Haltung und sagte: "Nitschewo!"

Trotzdem mochten die Generle ihn nicht bei der Armee haben und taten ihr
mglichstes, um ihm den Aufenthalt dort zu verekeln. Aber umsonst.

Sie hatten seinen Busenfreund Czartoryski aufgewiegelt, ihm die Hlle hei
zu machen.

Der Gute setzte ihm auch brav zu und bewies ihm haarklein, da er, der
Zar, bei seiner eigenen Armee nichts zu suchen htte. Sein Platz wre in
Petersburg, sein Amt das Regieren. In der Fhrung von Armeen htte er gar
keine bung, er wre zu jung, zu unerfahren und was noch alles!

Der Zar hatte wohl kalt gelchelt und "nitschewo" gesagt. Aber wren nicht
die anderen guten Freunde gewesen, er htte sich vielleicht doch gefgt!

Er, der Zar, htte sich von seinen eigenen Offizieren wie ein Schulbube
nach Hause schicken lassen.

Aber Dolgorucki hatte ihn bei der Ehre zu packen verstanden! Er hatte ihn
an den altrussischen Waffenruhm erinnert, dessen erster Hter er jetzt
sein mte! Er hatte ihm haarklein bewiesen, da nicht Gelehrtheit, nicht
Erfahrung, sondern einzig und allein die faszinierende Persnlichkeit die
Soldaten zur todesverachtenden Tapferkeit hinreien und Schlachten
gewinnen knnte. Und diese Fhigkeit, beim ersten Erscheinen die Leute
hinzureien, die hatte er, Alexander, wie kein Zar vor ihm! Er brauchte
sich nur zu zeigen, und alles war Feuer und Flamme!

Dies und noch viel mehr ging dem Zaren durch den Kopf, als er die
nchternen Ausfhrungen des sonst so wortkargen und gar nicht
unterhaltsamen Knigs von Preuen ber sich ergehen lassen mute. Er
blickte dabei lchelnd und ber seine elegante Erscheinung uerst
befriedigt in den Spiegel gegenber, der ihm getreulich half, die Miene
eines aufmerksamen Zuhrers zurechtzulegen, und ihn auch dadurch
schlielich so weit brachte, ein wenig zuzuhren.

Er lauschte also ein paar Sekunden den Auseinandersetzungen Friedrich
Wilhelms - gerade so lange, wie ntig war, um zu kapieren, da der Knig
ihn an ihre vorjhrige Begegnung in der Garnisonkirche zu Potsdam mahnte
und auch an den feierlichen Treuschwur, den sie ber dem Sarg des Groen
Friedrich geleistet hatten!

Mein Gott, es war ja eine ganz hbsche Szene gewesen! Gutes Theater! Das
verstand er! Das hatte er gelernt!

Man macht nicht umsonst eine Schule durch, wie er, der Zar, sie hatte
durchmachen mssen!

Wenn je einer, so hatte er gelernt, mit dem Tod im Herzen sich lchelnd
und heiter zu zeigen und mit den Lippen zu scherzen, obwohl er bei jedem
Schritt den Strick um den Hals fhlte! Stets den einen Fu im Gefngnis,
den anderen im Tanzsaal - stndlich vom vterlichen Zorn den Tod erwarten
und doch den gehorsamen Thronerben und den liebenden Sohn herauskehren zu
mssen! Den liebenden Sohn - einem Vater gegenber, den er hassen mute,
weil er ihm ans Leben wollte, und dessen Entthronung er schlielich hatte
gutheien mssen, um das eigene Leben zu retten.

Da der Vater dabei sein Leben verlor - mein Gott, das war ja zu beklagen!
Er htte ihm schon das Leben gegnnt! Von ihnen beiden hatte nicht er dem
Vater - der Vater hatte ihm ans Leben gewollt! - Und wenn der alte Herr
dabei sein eigenes verloren hatte?! Nemesis!

Im Leben wie auf der Bhne - alles Theater! Nur seine Rolle tadellos
spielen! Darauf kam alles an! Das hatte er auch der lieben Mama gegenber
gekonnt, die so gern regieren wollte und so bse war, als die Garden ihm
und nicht ihr nach dem Tode des Vaters huldigten. Wie hatte er sie dabei
gebeten, ihm doch die Last der Krone abzunehmen! Und wie brav fiel sie
darauf herein! Sprach ihren Herzenswunsch aus und gab sich ihm so in die
Hand! Eine Komdie, wie sie im Buche steht!

Er wrde auch heute seine Rolle gut spielen! Kein Wort von Politik
sprechen! Er wrde den Korsen ganz leichthin ber die Pariserinnen
befragen! Er wrde ihm von den schnen Russinnen vorschwrmen - beileibe
nicht von Preuen! Wozu auch von Preuen! Wozu von ernsten Dingen! Man
hatte ja seine Minister! Man kme doch zusammen, um sich persnlich
kennenzulernen - sich gegenseitig in die Karten zu sehen -, nicht aber, um
gleich alle Trmpfe auf den Tisch zu legen und offen zu spielen.

Er wollte Napoleon mit hbschen Histrchen geschickt und elegant
einwickeln - sein Vertrauen gewinnen und dann, so ganz nebenbei, ihm
praktische Zugestndnisse entwinden, die er sich nicht weigern knnte zu
machen, wenn er als guterzogener Mensch und als Mann von Welt etwas gelten
wollte.

Er wrde ihm von seiner Jugend erzhlen - von der Jugend eines Zaren. Den
ehemaligen kleinen korsischen Artillerieleutnant, der sich so recht und
schlecht durchgehungert hatte, mte das doch interessieren! Er wrde ihm
Intimitten von der Groen Katharina zuflstern, von der lieben Gromama,
die so gut fr ihren Enkel zu sorgen wute, die ihn schon als Knaben vom
Baum der Erkenntnis naschen lie, ihm hbsche Freundinnen zufhrte und ihn
lehrte, bei all den geheimen Schleckereien am vollgedeckten Tische der
Liebe doch stets den Schein nach auen hin zu wahren, sich niemals
erwischen zu lassen, sondern sich stets als Musterknabe Geltung zu
verschaffen. Die Gromama, die hatte es verstanden! Die hatte ihm
geholfen, den lieben Papa an der Nase zu fhren! Von ihr wollte er
Napoleon erzhlen und dann von sich selbst! Vor allem von sich selbst als
Heerfhrer!

Das wrde ein Spa werden! Er wrde Napoleon von den Schlachten erzhlen,
die sie miteinander geschlagen hatten! Von Austerlitz vor allem! Vom
Kriegsrat seiner Generle vor der Schlacht! Zum Wlzen war es, wie der
alte Kutusoff dasa und prompt wie immer einschlief, als die Beratung
begann! Wie die anderen Leuchten dann, der Frst Bagration, Buxhvden,
Langeron _et tutti quanti_ - wie sie da herumstanden, sich von allem
mglichen unterhielten und gar nicht zuhrten, was der biedere Deutsche,
der General Weihroter, an der Hand der Karte Mhrens zu erzhlen wute -
wie sie gar nicht hinsahen - gar kein Deutsch verstanden! Nur Doktorow,
der gute, der gewissenhafte, der bodenlos langweilige, er hrte zu, er
begriff! Wie aber dann Kutusoff erwachte, auf den Tisch schlug und
"Karascho!" sagte - "das haben Sie gut gemacht, Weihroter! Meine Herren
Generle, Sie haben's gehrt? Sie haben's verstanden? Nicht?! Ein
Generalstabsoffizier soll's also ins Russische bersetzen! Ein jeder soll
es schriftlich in Hnden haben! Und jetzt zu Bett!"

Und dann bekamen sie's schriftlich - vier Stunden nachdem die Schlacht
schon begonnen hatte!

"Napoleon hat ja gar keine Ahnung, wie leicht wir ihm das Siegen gemacht
haben! Er hat ja keinen Begriff von meinen Generlen! Von meinem Marschall
Kamenski, der verrckt wurde, als er zur Armee nach Wilna kam und den
Truppen sagte: Kinder, ihr seid verraten, am besten, ihr lauft gleich nach
Hause! Und der selbst dann auch sofort mit gutem Beispiel voranging. So
fingen _wir_ den Krieg mit Napoleon an! Und davon wei er nichts! Er
glaubt, er hat da etwas noch nicht Dagewesenes geleistet, als er uns
schlug! Er sieht nicht, da _wir_ nur gescherzt haben! Das werde ich ihm
aber gehrig unter die Nase reiben - dann wird er klein, dann wird er die
Ohren einziehen. Und dann werde ich ihm sagen: 'Den russischen Soldaten,
Sire, den haben Sie erst gesehen! Aber ihn noch nicht kennengelernt, _wenn
er Ernst macht! Wir knnen auch Ernst machen, Sire!_ Aber wir wollen uns
lieber vertragen!'"

So leger - so von oben herab! Ich schone ihn - das wird der richtige Ton!
- Nicht als Supplikant - als der Herr des grten Reichs der Erde - als
der geborene Sieger - - der sich nur aus Hflichkeit, aus guter Erziehung
schlagen lie - der sich nur nicht damit abgeben _wollte_, ihn jetzt schon
zu vernichten, weil, nun eben weil ich sein Genie bewundere! So wird's
recht!

Ein Adjutant trat ein und meldete, da die Uhr jetzt halb eins wre, und
da man um ein Uhr vom Kaiser der Franzosen erwartet wrde.

Alexander stand auf, reichte seinem Bundesgenossen die Hand, versprach
hoch und heilig, alles das getreulich bei seiner Unterredung mit Napoleon
zu bercksichtigen, wovon der Knig von Preuen jetzt lang und breit
gesprochen und wovon der Zar kein Wort gehrt hatte - gab noch sein
Ehrenwort, nichts davon zu vergessen - was ja auch nicht gut mglich war,
da er nichts davon im Kopfe hatte -, verabschiedete sich mit brderlichem
Hndedruck, sprach die Erwartung aus, nach der Unterredung mit dem Feinde
die Beratung fortsetzen zu knnen, und ging.

Friedrich Wilhelm blieb allein zurck und litt die nachtrglichen Qualen
aller zaghaften und unentschlossenen Naturen.

Vor zwei Monaten, nach der verlorenen Schlacht bei Eylau, hatte Napoleon
Preuen in seine Kombinationen einbeziehen wollen und ihm
Wiederherstellung eines groen Teiles seines Gebietes und ein Bndnis
angeboten, wenn Preuen von Ruland abliee.

Friedrich Wilhelm hatte ihm einen Korb gegeben. Aus purem Anstand!

Jetzt trat Napoleon in der gleichen Weise an Ruland heran. Der Zar wrde
aber sicherlich keinen Augenblick zaudern, Preuen im Stich zu lassen!

Friedrich Wilhelm wre ja selbst, trotz seinem Anstand, soviel
Realpolitiker gewesen, von Ruland abzufallen, htte Napoleon ihm nur den
ganzen frheren Besitz wiedergegeben! Er durfte also dem Zaren keine
Vorwrfe machen, wenn dieser eine gute Gelegenheit besser zu benutzen
verstnde als er selbst! Und hatte es seiner eigenen Unentschlossenheit
zuzuschreiben, wenn er dem heutigen Verbrderungsrummel, statt als
Hauptteilnehmer, als betrbter Zuschauer aus der Ferne beiwohnen mute.

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Fnf Minuten vor ein Uhr ging am linken Ufer der Kaiser Napoleon, von
einem glnzenden Gefolge begleitet, an Bord einer schn geschmckten
Barke, von deren Hintersteven die Trikolore wehte.

Am rechten Ufer betrat zu gleicher Zeit der Zar Alexander mit seiner Suite
ein ebenso schn geputztes Fahrzeug und lie das blaue Kreuz der
Andreasfahne entfalten.

Mit dem Schlage eins wurde Salut geschossen, die Musik intonierte links
vom Flu die unvermeidliche Marseillaise - rechts die ebenso
unausbleibliche Zarenhymne.

Zu gleicher Zeit stie man von Land ab - links eine Nuschale weltlicher
Gre, rechts eine Nuschale ebenso weltlicher Nichtigkeit - und paddelte
brav und bieder nach der schwimmenden Bhne inmitten des Flusses hinber,
wo heute die Drahtzieher des _theatrum mundi_ eine ihrer Hauptszenen vom
Stapel lassen wollten.

Zur gleichen Zeit legte man am Flo an. Die beiden machten ihr Entree auf
der Bhne und blieben wie auf Kommando freudig bewegt stehen. Der kleine
groe Mann legte geschwind nach dem Rezept Talmas ein paar Zoll seiner
Gre zu, schob die Schultern hoch, hob sich leicht auf den Fuspitzen und
schritt wie auf Kothurnen dem Zaren entgegen, die Arme liebevoll
ausgebreitet. Indes der Zar, lang, elegant, geschniegelt, geschnrt,
pomadisiert, frisiert und duftend wie ein ganzer Parfmerieladen, die
Taille schmal wie die einer Wespe, die Brust geblht, die Augen blitzend,
das Lcheln zwei Reihen perlenweier Zhne zeigend, mit der Grazie eines
eleganten Kavaliers, der in der Quadrille gewandt gegen seine Dame
hinbalanciert, auf sein kleines Visavis zutanzte und es tiefgerhrt an
seinen besternten Busen drckte.

In gemessener Entfernung schaute in glubiger Andacht das Gefolge zu,
lauschte entzckt dem schmatzenden Bruderku und harrte geduldig dessen,
was da noch kommen sollte.

An den Ufern tuteten und trommelten die Musikanten, die Grenadiere
Napoleons riefen "_vive l'empereur_", die brtigen "Naschi bratti" drben
grlten etwas anderes, die braven Ostpreuen steuerten, um des lieben
Friedens willen einige gutgemeinte Lebehochs bei, die Kanonen donnerten,
im Zelt auf dem Flo flog die Maus in Todesangst die Wnde hoch. - Sonst
schwamm alles in eitel Wonne.

Kurze Begrung des beiderseitigen Gefolges. Die Namen Murat, Bessires,
Berthier, Duroc, Caulaincourt wurden laut, desgleichen Grofrst
Konstantin "_mon frre_", "_mon __ami_" Frst Lobanoff, General Bennigsen,
Graf Lieven und noch ein General von des Zaren Gnaden.

Dann lud Napoleon seinen Gast in den Pavillon ein und lie ihm artig den
Vortritt. Sie gingen hinein - die Vorhnge vor der Tr wurden
zusammengezogen, und sie waren endlich allein.

Mit staunender Bewunderung zu Napoleon emporzublicken, war bei der
berragenden Krperlnge Alexanders nicht gut mglich. Das fiel also von
selbst fort.

Aber die Sicherheit, die gewinnende Liebenswrdigkeit und die natrliche
Wrde, mit der Napoleon sich gab, imponierten nicht weniger als die
gewaltigen Erfolge, von denen er getragen wurde.

Er begriff sofort: dem Manne konnte man nichts vormachen, da wrde die
geplante Komdie keine Wirkung haben, und jeder Versuch, berlegen zu tun,
wre bei ihm schlecht am Platze.

Mit schnellem Blick hatte Napoleon seinen Gast eingeschtzt. Eitel,
oberflchlich, unzuverlssig, gerade so hatte er sich ihn vorgestellt!
Gerade so konnte er ihn gut gebrauchen! Ein vielversprechender junger
Mann!

Alexander sah, da er dem Kaiser gefiel, und schumte sofort von
Herzlichkeit ber.

"Warum", rief er, "mssen _wir zwei_ miteinander Krieg fhren?"

"Seine Majestt, der Kaiser von Ruland, haben eben", antwortete Napoleon
verbindlich lchelnd, "sich dazu verleiten lassen, undankbare und
eiferschtige Nachbarn, wie die Deutschen, zu schtzen, und den Interessen
habschtiger Kaufleute, wie die der Englnder, zu dienen!"

Alexander fand sich bemigt, sich auf die Lippen zu beien, und Napoleon
beeilte sich, den Eindruck seines Vorwurfs schnell zu verwischen.

"Den Bundesgenossen Englands bekmpfte ich in Eurer Majestt, niemals aber
den Gebieter des gromchtigen Rulands!"

Alexander horchte auf.

"Wenn Sie nur den Kampf gegen England wollen, Sire," sagte er entschieden,
"dann werden wir uns leicht verstndigen! Denn wenn je einer, habe _ich_
mich ber England schwer zu beklagen!"

Und ohne eine Antwort abzuwarten, machte er gleich seinem Herzen Luft.

England hatte ihn in den Krieg gelockt! England hatte, wie immer, seine
Versprechungen nicht gehalten, seine Subsidien schlecht oder gar nicht
bezahlt und Truppen nur zum Schein geschickt, viel spter und in viel
geringerer Zahl, als ausgemacht worden war! Ruland hatte eben nur den
Angriff Frankreichs auf England ablenken, selbst aber nichts dafr haben
sollen! Dafr zu bluten, wre aber der russische Soldat viel zu gut!

Dem pflichtete Napoleon ohne weiteres bei.

Er htte, sagte er, bei Austerlitz, bei Eylau und bei Friedland den
russischen Soldaten als einen nicht zu verachtenden, ja als einen
ebenbrtigen Gegner des franzsischen kennengelernt. Ruland und
Frankreich, von Natur aus zu Freunden bestimmt, htten wie zwei blinde
Riesen aufeinander eingeschlagen. Warum? Sie wuten es selbst nicht! Einen
Vorteil brchte der Kampf weder dem einen noch dem anderen. Vereint
dagegen wren sie unwiderstehlich und wrden die Welt beherrschen!

Alexander schwieg.

Er sagte kein Wort von seinem unglcklichen Bundesgenossen, der drben am
anderen Ufer unter den russischem Generlen wartete. Er blickte nur
Napoleon an und lchelte.

Napoleon verstand den Blick und erwiderte das Lcheln.

Und dann fingen sie an, die Erde zu teilen.

Erst erledigten sie den blichen Betrug an den gegenseitigen
Bundesgenossen.

Denn wozu hat man Bundesgenossen?

Was wre berhaupt ein intimes Verhltnis ohne das bichen Untreue?

Erst die Untreue gibt ihm die rechte Wrze!

Um die Aufregung und den Reiz beim Seitensprung haben zu knnen, darum
tritt man doch schlielich in intime Beziehungen zueinander - wenn man es
auch erst nachtrglich einsieht!

Unter Leuten von Welt versteht sich so etwas von selbst.

Jede Schandtat lt sich plausibel machen! Schlielich - wozu hat man
Geist - wozu Genie?!

Als der Erfahrenste in solchen Dingen half Napoleon seinem jungen Gast,
der die Anfngerschaft nicht ganz verleugnen konnte, ber den ersten
schweren Schritt hinweg und half ihm seine Bndnisverpflichtungen
zerpflcken.

Die Sache war ja so einfach.

Als Freund und Verbndeter hatte man doch immer das Recht, ja sogar die
Pflicht, bei den lieben Mitkmpfern zu intervenieren, wenn es Zeit war,
das Blutvergieen einzustellen.

Als Verbndeter Englands und knftiger Verbndeter Frankreichs konnte der
Zar also England den Frieden mit Frankreich anbieten unter der Bedingung,
da England den Verbndeten Frankreichs - Holland und Spanien - ihre
Kolonien zurckgbe. Dafr sollte es selbst Hannover zurckhaben.

Napoleon wrde in diesen Frieden einwilligen.

Weigere sich aber England, dann msse man es unzweideutig wissen lassen,
da es mit dem ganzen Kontinent Krieg haben wrde.

Denn auer Frankreich und Ruland wrden ihm dann Preuen, Dnemark,
Schweden und Portugal den Krieg erklren mssen, sobald die beiden
Verbndeten es von ihnen verlangten.

Und man wrde es verlangen.

Schweden wrde sich vielleicht weigern. Und das wre gut. Denn dann knnte
Ruland Schweden mit Krieg berziehen und ihm Finnland nehmen. - -

Alexanders Augen leuchteten, als Napoleon ihm diese Zukunftsmglichkeit
vorgaukelte.

Napoleon sah es.

"Der Knig von Schweden ist allerdings Ihr Schwager", sagte er lchelnd,
und tat, als bemerkte er nicht die wegwerfende Bewegung, die Alexander bei
der Bemerkung machte. "Und er ist Ihr Verbndeter. Wenn er aber _trotzdem_
nicht den guten Willen zeigt, sich Ihrer Politik anzubequemen, dann mu er
eben die Folgen tragen.

Schweden ist in seiner heutigen Gestaltung fr Sie unmglich. Es ist der
_geographische Feind_ Rulands. Petersburg liegt zu nahe an der
finnisch-schwedischen Grenze - die schnen Petersburger Russinnen knnen
in ihren Palsten nicht ruhig schlafen, solange sie nicht davor sicher
sind, von den schwedischen Kanonen geweckt zu werden."

"Das", lachte der Zar, "wre allerdings eine Erwgung, vor der alle
anderen Rcksichten weichen mten! Dem schnen Geschlecht sind wir
entschieden jeden Krieg schuldig, den seine Ruhe von uns verlangt.
Finnland mssen wir unseren holden Damen zu Fen legen!"

"Das mssen Sie", erwiderte Napoleon. "Und was Ihren dritten Verbndeten,
Preuen, betrifft -"

Alexander lie anstandshalber einen nicht allzu schweren Seufzer hren,
schwach genug, um Preuen nicht zu viele Provinzen zu retten.

"Hand aufs Herz, Sire," sagte Napoleon, der auch das nicht berhrte,
"Ruland kann nichts als Vorteile davon haben, wenn ich die deutschen
Hauptmchte gehrig schwche!"

Alexander murmelte undeutlich etwas von Ehrensache.

"Ich gebe zu, da Sie Preuen gegenber mit Ihrer Ehre engagiert sind",
sagte Napoleon. "Um Ihre Ehre zu retten und Sie frei zu machen, bin ich
auch bereit, Preuen gegenber Zugestndnisse zu machen.

Preuen hat meine Warnung, sich nicht auf englische Intrigen einzulassen,
verachtet, es hat verdient, vernichtet zu werden. Jedoch aus Freundschaft
fr Ruland will ich mich damit begngen, da es mir seine polnischen
Provinzen, alles Land links der Elbe und Hannover abtritt, seine Armee
reduziert und eine Kriegskontribution zahlt. Doch davon spter. Die
Hauptsache fr Sie wie fr mich ist der Orient."

Alexander machte eine unfreiwillige Bewegung. Der Traum aller
Russenherrscher von der Herrschaft ber Konstantinopel tauchte wie eine
Fata Morgana vor seiner Phantasie auf.

"Sie sind der Verbndete der Trkei," sagte er schnell, "Sie haben mir
gegenber dem Sultan seinen Besitzstand garantiert, Sie haben sogar von
Preuen verlangt, jeden Angriff Rulands auf die Trkei als Kriegsgrund zu
betrachten!"

"Ganz recht", sagte Napoleon. "Aber mein Verbndeter, der Sultan Selim,
ist soeben, wie Sie wissen, wegen seines Bndnisses mit mir entthront
worden. Sein Nachfolger Mustapha mu also mein Feind sein. Sie sehen, ich
bin frei. Nichts hindert mich also, bei meinen Verbndeten die gleiche
Vermittlerrolle zu Ihren Gunsten zu spielen, die Sie mir zuliebe bei Ihrem
englischen Alliierten spielen werden. _Ihre_ Rolle bringt Ihnen Finnland
ein. _Meine_ wird Ihren Gewinn noch um die Donaumndungen vermehren. Ich
werde bei der Trkei die Ansprche Rulands auf die Moldau und die
Walachei in aller Freundlichkeit, aber mit Nachdruck geltend machen.
Weigert sich die Hohe Pforte - und sie mu es -, so ergibt sich daraus
Krieg. Nach dem Krieg die Teilung."

"Und die Teilung?" fragte Alexander aufgeregt.

Napoleon, der gerade beim Verschenken war und dem Zaren gromtig schon
den dritten Teil von Schweden zugestanden hatte, schnitt nun einen
geraumen Teil aus dem Leibe der Trkei und gab Alexander Bessarabien, die
Moldau, die Walachei und Bulgarien - das letztere aber nur bis zum Balkan.

"Und Konstantinopel?" fragte Alexander immer aufgeregter.

Napoleon berhrte es und stellte erst in aller Ruhe den Anteil
Frankreichs fest. Er wollte sich mit den trkischen Seeprovinzen begngen
und also Albanien, Thessalien, Morea, Kandia und die Inseln des Archipels
nehmen. sterreich msse man wohl zur Beruhigung und als Entschdigung fr
andere verlorene Provinzen Serbien und Bosnien zugestehen.

"Und Konstantinopel?" fragte Alexander noch einmal mit Nachdruck.

Aber Napoleon berhrte es wieder.

Er fing an, dem eitlen jungen Mann eine Menge wohlberechnete Komplimente
zu sagen.

Er ging aus sich heraus, er wurde herzlich und sogar warm, erklrte ihm
seine ganze Sympathie, seinen heien Wunsch, ihn als den ersten unter
seinen Freunden betrachten zu knnen, und forderte ihn schlielich auf,
nach Tilsit berzusiedeln, damit sie sich alle Tage ohne Zeugen sehen und
sprechen knnten.

"Wir zwei erledigen dann in ein paar Stunden das, wozu unsere superklugen
Herren Minister sonst Wochen ntig haben! Zwischen uns beiden darf es eben
nichts Trennendes geben - gar niemand - gar nichts!"

"Nein, gar nichts, Sire!" antwortete Alexander eifrig. "Also -
_Konstantinopel_?"

Er lie dabei seine Hand schwer auf den Tisch fallen, als wre der Tisch
Konstantinopel und nhme er jetzt endgltig von ihm Besitz.

Napoleon mute endlich seine Schwerhrigkeit aufgeben.

"Konstantinopel?" sagte auch er und legte seine Hand noch schwerer auf den
Tisch, zog die Stirn in tiefe Falten und wandte den Blick nach innen. Fast
tonlos wiederholte er dann halblaut, wie fr sich selber, indem er den
Kopf schttelte: "Konstantinopel - nein - - - nein, niemals! Das wre die
Alleinherrschaft ber die Welt!" - - -

Er blieb so einen Augenblick sinnend stehen, die Augen gesenkt, blickte
dann pltzlich auf, sah die Enttuschung auf dem Gesicht des Zaren,
begriff, da er ihm den ganzen brigen Orient nehmen knnte, wenn er ihm
nur Konstantinopel zugestehen wrde, und beeilte sich, es wieder
gutzumachen.

"Nun," sagte er und verzog die Mundwinkel zu einem kaum merkbaren Lcheln,
whrend das ganze brige Gesicht in steinerner Ruhe verharrte, "nun -
darber lt sich vielleicht noch reden! - Zwischen uns beiden darf es
eben nichts geben - gar nichts, was uns trennt!"

Und er blickte zum Zaren auf, holte mit der Hand aus, nahm mit Energie
einen Schritt zurck und trat dabei der Maus, die sich, von dem schweren
Schlag auf den Tisch aufgeschreckt, nach einem anderen Zufluchtsort umsah,
unversehens auf den Schwanz.

Ein leises Quieken wurde hrbar, und schnell wie der Blitz scho die graue
Maus an seinem Fu vorbei auf den Zaren zu, machte dort rasch kehrt und
verschwand wieder unter der schtzenden Tischdecke.

Napoleon schrieb den Brettern und Bohlen des Flosses das Quieken zu und
blickte gar nicht hin.

Aber Alexander hatte die Maus gesehen und wich erschreckt zurck.

Eine Maus - das bedeutet Unglck, Entfremdung und Feindschaft!

Wie der Schatten eines fliegenden Vogels, so schnell war sie zwischen ihm
und Napoleon vorbeigehuscht, eben in dem Augenblick, als er versicherte:
"Nichts darf zwischen uns kommen!"

Der Herr der Welt hatte es nicht einmal in seiner Gewalt gehabt, jenes
armselige Wesen daran zu hindern, sein Machtwort Lgen zu strafen! Wie
wrde er dann wohl verhten knnen, da etwas Ernsthaftes sich zwischen
sie beide schleichen wrde!?

Die Teilung einer Welt, an der auch die Muse, wenn auch noch so
bescheiden, Anspruch auf Beteiligung erheben konnten, war dem Zaren fr
den Augenblick verleidet. Seine zartbesaitete Seele war nicht fr
derartige dunkle Genossen gestimmt. Er schwieg von Konstantinopel,
begngte sich vorlufig mit Napoleons halber Zusage, lie noch
anstandshalber ein Wort fr den armen Knig von Preuen fallen, den er am
nchsten Tag hier auf demselben neutralen, wenn auch schwankenden Boden
Napoleon vorstellen wollte, versprach nach Tilsit berzusiedeln, nahm den
Kaiser am Arm, ging mit ihm hinaus, fhrte ihm nochmals seinen Bruder und
sein Gefolge in Freiheit dressiert vor, sagte den goldstrotzenden
franzsischen Marschllen einige wohlberlegte Artigkeiten, fiel dann
wieder seinem Cousin Napoleon um den Hals, empfing auf beiden Backen den
obligaten Abschiedsku und gab ihn getreulich wieder. Er bestieg dann
seine Barke, Napoleon die seine, und so ruderten sie wieder dahin zurck,
woher sie gekommen waren, unter dem Donner der Kanonen und den Hurrarufen
ihrer Soldaten, die jetzt ebenso bereit waren, sich zuzujubeln, wie vor
einigen Tagen sich gegenseitig zu zerfleischen.

                                    *

"Wei Er was, Gneisenau," sagte Blcher und zeigte auf den Berg von
Geschriebenem, der auf seinem Schreibtisch ragte, "wei Er, was das ist?"

"Nun?"

"Das sind meine Kanonen - das ist mein Pulver, meine Flinten und die
scharfen Hiebe, die ich jetzt noch austeile. _Akten_, Gneisenau - Akten!
Staubiges, tintiges Papier - krumme Gedanken weitschweifig hingekraxelt -
fades Geschleime mder Gehirne - keine Fanfaren, die zum Angriff rufen -
kein klares Kommando vorwrtszusausen, die Sache beim Schopf zu packen und
rasch in Ordnung zu bringen! Ein mdes Hinschleppen ist's, ein tristes
Schleichen, ein schlrfendes Leisetreten, ein banges Zurckweichen, ein
scheues Schielen um alle Ecken, ehe man den Fu hinzusetzen wagt! Gott
verdamm' mich, wenn ich blo daran denke, tritt mir die Galle ber!
Schmidt, 'n frischen Piep!"

Er streckte die Hand mit der ausgebrannten Tonpfeife hinter sich, ohne
sich umzusehen.

Der Kammerhusar Schmidt nahm die Pfeife, ging hinaus und kam gleich wieder
herein mit einer frisch angebrannten zwischen den Lippen, paffte wie ein
Schornstein, bis sie gut in Gang war, nahm sie dann aus dem Mund und
steckte sie Blcher unter den Schnurrbart.

Blcher qualmte und rauchte, was das Zeug hielt, und legte dann gleich
wieder los.

"Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt, als man mich zum
Generalgouverneur von Pommern machte und mir das Kommando hier gab!

Erst stibitze ich mir das bichen Pommern zusammen, dachte ich, bis ich es
ganz habe. Dann die Mark Brandenburg dazu - dann Westfalen und Sachsen und
all das andere, bis ich Preuen wieder zusammengeflickt habe! So hab' ich'
s mir gedacht! Und das wre im Handumdrehen gemacht, htte man mich nur
gewhren lassen! Aber man wagt nicht - man schlft! Schwerenot! - Ich mu
hier sitzen und Akten produzieren und dummes Geschreibsel fressen, statt
etwas Ntzliches zu tun. Und jetzt gar noch andere richten, die so khn
waren, ohne Befehl loszuschlagen, um das Vaterland zu retten! Das," sagte
er und lie seine Hand schwer auf die Akten fallen, "das ist alles, was
Schill mit seinem tollkhnen Losbrechen an greifbarem Gut erreicht hat -
alles, was er und seine Leute mit ihrem Blut erstritten haben -, dieser
Berg von geschriebenem Papier, den ich jetzt fressen mu. Der Aktenwust
ist ja auch ein ganz groes Stck vom Vaterland, das ist nicht zu leugnen,
das beste aber nicht! Und meinetwegen knnte das der Teufel gern holen! Je
eher, je lieber!

Ist's aber erhrt, mich zum Richter in so 'ner Sache zu machen? Wie?
Gerade mich, der ich doch immer auf dem Sprung stand, genau wie Schill
loszubrechen! Nun - das wei Er doch am besten, Gneisenau!"

"Das wei ich", antwortete der Angeredete. "Aber die anderen nicht!"

"Nun, ist das eine Art, mich zu zwingen, gewissermaen in eigener Sache
hier zu richten?! Ich komme mir als Richter direkt befangen vor!"

"Mir auch!" erwiderte Gneisenau.

"Nun, dann bleibe ich auch dabei! Ich bleibe ehrlich befangen und werde
mein Bestes tun, um die armen Kerle herauszuhauen!"

"Da denken Exzellenz ganz recht!"

"Fr einen Schildbrger ist Er ganz helle, Gneisenau, und versteht mich
ganz gut. Nun, Er ist ja nicht nur in Schilda geboren, Er ist auch von den
Jesuiten erzogen, und da hat Er's wohl her! Dafr bin ich Freimaurer und
helfe, wo ich helfen kann. Die armen Kerle haben brav ihr Blut fr's
Vaterland verspritzt, und das soll ihnen unvergessen bleiben."

"Wie viele sind es?" fragte Gneisenau.

"An die neunhundert werden's wohl sein. Allerdings, was dem Herrn Napoleon
in die Klauen fiel, kann ich nicht retten. Ich denke aber, wir brechen
einmal die Ketten, mit denen der Hund sie an seine Galeeren schmieden
lie. Und unsere herrlichen Jungens, die er auf den Wllen Wesels
niederknallen lie - solange auf deutscher Erde ein Herz noch schlgt,
werden die Schillschen Offiziere drin ein Ehrendenkmal haben. Ein stilles
Glas ihrem Andenken!"

Sie tranken aus und blickten eine Weile schweigend vor sich hin.

Blcher ging auf und ab und betrachtete dann und wann den jungen Obersten,
der vor ihm sa. Schlank, elegant bis in die Fingerspitzen ein vollendeter
Weltmann, mit einem feinen, frischen, sympathischen Gesicht, dessen
lebhaftes, stets bewegliches Mienenspiel ein reiches inneres Leben
widerspiegelte.

"Er hat es sich leicht gemacht, Gneisenau", sagte Blcher dann, setzte
sich und go sich wieder ein Glas voll. "Er hat seine Arbeit getan, und
nun, wo Stein und Scharnhorst von ihren Stellen haben weichen mssen, da
geht Er auch. Da macht Er nicht mehr mit, treibt sich drauen in England
rum, hat sein flottes vergngtes Leben und lt der Welt ihren Lauf!"

"Wer wei, wozu es gut ist", lachte Gneisenau wieder. "Am Ende bin ich
auch unterwegs meinem Vaterland ntzlich."

"Das bleibt einem ja auch so unbenommen", meinte Blcher. "Wenn's so
weitergeht, wie jetzt hier zu Hause, dann gehe ich auch in auslndische
Dienste!"

Und damit lie er ein Ungewitter los gegen die verfluchte Schlamperei und
gegen das bange Ausweichen vor den Anmaungen Napoleons.

Zunchst war es Stein, der, kaum ins Amt gekommen, auf Befehl des
Allgewaltigen hatte gehen mssen, allerdings nachdem er in den vierzehn
Monaten seiner Dienstzeit Preuen von Grund aus umgekrempelt hatte. Bis
auf die Volksvertretung hatte er alle Plne zur Umorganisation der
Verwaltung durchgefhrt, die er seinerzeit mit Blcher in Mnster
besprochen hatte, und mit der Heeresorganisationskommission zusammen, die
Scharnhorst leitete, das Heer auf Grund der allgemeinen Dienstpflicht
neugeordnet.

Jetzt war er ob seiner Tchtigkeit von Napoleon gechtet worden, und
Hardenberg, den der allgewaltige Gebieter Europas einst als
Friedensunterhndler und Staatsminister in Tilsit abgelehnt hatte, war
wieder in Gnaden von ihm aufgenommen und als Staatskanzler des Knigs von
Preuen zugelassen worden.

Alles wurde durchgekramt und genau errtert, auch wurde im Flsterton die
geheime Mission besprochen, die Gneisenau im Auftrag des Auswrtigen Amtes
auf seiner Reise in England ausfhren sollte.

Da kam Blchers Sohn und Adjutant hinzu und meldete dem Vater, der Graf
von Gottorp wre von Kolberg aus hier in Treptow angekommen.

"Ich will ihn nicht sehen, wenn er nach mir fragen sollte!" rief Blcher
lebhaft. "Der arme Mann tut mir leid. Ich mchte ihn nicht beschmen. Ich
will ihm nicht in seiner jetzigen traurigen Verfassung begegnen, nachdem
ich in seinem Glanze mit ihm verkehrt habe. Aber du sollst in jeder Weise
gut fr ihn sorgen. Es soll von uns nicht gesagt werden knnen, da wir
mit einem Unglcklichen kein Mitleid htten!"

Der Adjutant ging.

Blcher paffte eine Weile vor sich hin.

"Ja, ja, der Graf von Gottorp!" sagte er sinnend. "Vor nicht langer Zeit
hie er Knig Gustav Adolf von Schweden. Und pltzlich, eines Tages kam er
ohne Krone und mit einem Diener als einzigsten Untertan hier durch auf der
Reise zu seinen lieben Verwandten in Ruland. Jetzt ist er schon wieder
zurck. Sein Schwager Alexander hat ihn wohl nicht ber die Grenze
gelassen! Ein tolles Schicksal!"

Er paffte weiter und spuckte energisch aus.

"Es gibt eben Monarchen und Monarchen!" sagte er. "Ob aber die mit dem
gesunden Verstand oder die ganz verrckten die schlimmsten sind, mchte
ich ungesagt sein lassen.

Ich habe beide Sorten ausprobiert.

Besonders die verrckten, damals, als ich mit eben diesem gewesenen
Schwedenknig den glorreichen Feldzug hier in Pommern anfing, aus dem aber
auch nichts wurde, weil die Sicherheitskommissare in unserer Regierung es
so eilig hatten, uns den faulen Tilsiter Frieden zu bescheren. Gott
verdamm' sie!"

Er spuckte aus.

"Ein eigenwilliger Kerl, jener Schwedenknig!" sagte er dann. "Ein
Querkopf erster Gte! Zum Kssen bockbeinig, ganz nach meinem Sinn! Immer
mit dem Kopf durch die Wand - und so mu es sein! Man mu nur wissen, wann
und wo und vor allem wozu. Und das wute er nicht! Eben sein Pech! Das hat
ihm seine Krone gekostet!

Zuerst fiel ich doch auf ihn herein!

Kein Wunder bei der Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit da oben bei uns!

Es war direkt erfrischend, als ich zuerst sah, wie er seine viel zu
friedfertigen Generle schurigelte und Feuer hinter ihnen zu machen wute!

Mit dem Manne lt sich etwas anfangen, dachte ich gleich! Ganz ein Knig,
wie ich ihn gebrauchen kann!

Als ich aber zum Losschlagen fertig war und er immer noch nicht seinen
Waffenstillstand mit den Franzosen aufkndigen wollte, da gingen mir die
Augen auf. Ich dann wie der Blitz nach Stralsund und hinauf zum Knig!

'Majestt,' sagte ich, 'die pommersche Armee steht schlagfertig an der
Peene aufmarschiert und bereit, in Preuisch-Pommern einzurcken, sobald
die schwedische mittut! Wir drfen keine Zeit versumen! Danzig ist leider
Gottes nicht mehr zu retten, aber Kolberg hlt sich noch, das retten wir,
und Spandau und Stettin nehmen wir durch berrumpelung sofort, wenn wir
nur nicht zaudern! Mir knnen Majestt vertrauen, meinen Unterfhrern
auch. Der Oberst Blow hat die Infanterie in die beste Verfassung
gebracht, Borstell die Kavallerie, und die Freischaren Schills und
Marwitzens stren schon dem Franzosen seinen Schlaf! Die besten Pferde aus
Schleswig-Holstein stampfen in meinen Stllen vor Ungeduld, ihren Hafer zu
verdienen. Flinten und Kanonen sind funkelnagelneu nebst Pulver und Blei
aus England angelangt und gehen von selbst los, wenn _wir_ nicht schieen.
Und was die Leute betrifft - es waren allerdings nur
viertausendachthundert, die ich aus Pillau mitbrachte. Sie sind aber in
den paar Wochen durch Freiwillige und Ranzionierte auf das Doppelte
angewachsen, kaum da ich einen Aufruf verffentlicht hatte! In dem
Augenblick, wo wir ber die Grenze gehen, werden die Leute in hellen
Haufen zu unseren Fahnen strmen. Meine Armee wird wie ein Schneeball
wachsen, sehen die Leute blo, da wir Ernst machen! In Mecklenburg,
Hannover, Westfalen, Hessen ist alles vorbereitet, alles wartet. Im
Handumdrehen werden wir das ganze Volk unter Waffen haben. Und der Krieg
ist gewonnen! Nur frisch gewagt, und wir machen das Spiel!'

Der Knig kmmerte sich aber nicht darum! Er hrte kaum zu.

'Hr' Er, Blcher!' sagte er nur. 'Komme Er mit! Ich will Ihm etwas
zeigen!'

Und dann stiefelte er los durch die Stadt nach den alten Auenwerken hin,
kletterte in einer Bastion hoch, stellte sich da dicht hinter die
Brustwehr, die Arme verschrnkt, stand so eine Weile Statue, zeigte mir
sein heldisches Profil und blickte ber die Gegend hinaus.

Dann fing er an, mit groen Gesten in alle Himmelsrichtungen
hineinzuzeigen, und legte los.

'Komme Er her, Blcher, komme Er nur her!'

Und ich mute gehorsamst hinaufklettern.

'Hier, wo ich jetzt stehe, auf eben diesem Flecke, stand vor bald hundert
Jahren Karl der Zwlfte, berallhin sichtbar, mitten im dichtesten
Kugelregen! - - Kann ich auch, Blcher - werde ich auch tun -, verlasse Er
sich nur darauf! - Mitten im dichtesten Kugelregen stand also der
Heldenknig da - und um ihn herum fielen seine Leute wie die Fliegen. Er
aber feuerte sie an. Dort - sieht Er? - von jener Pforte aus lie er seine
Tapferen zum Ausfall antreten! - - Da drben stand der Feind -, da gerade!
Sieht Er? Da hatte er seine Batterien, und sie spien ganze Orkane von
Eisen gegen den einsamen Mann hier, da Sand und Erde hoch um ihn
herumspritzte. Er aber wankte nicht - er wich nicht -, aufrecht stand er
da und rief immer wieder: 'Vorwrts, ihr Blauen, packt sie, schlagt sie!!'
- Und seine Blauen rannten gegen die bermacht an, warfen die Feinde mit
blutigen Kpfen zurck, vernagelten die Batterien und kehrten mit Wunden
bedeckt zurck, Gefangene und Beute mit sich schleppend.

Niemals wre Stralsund gefallen, htte Knig Karl bei seinen Leuten
bleiben knnen. Denn auf ihn allein kam es an! Wo er dabei war und sie
anfeuerte, da waren sie unwiderstehlich, sonst nicht! Und er mute fort.

_Ich_ aber bleibe! Ich weiche nicht von dieser Stelle, wie sehr man auch
zu Hause nach mir verlangt! Und ich schwre Ihm, Blcher, niemals wird der
Franzose ber diese Wlle kommen!'

'Das ist alles schn und gut', meinte ich. 'Aber wir wollen es lieber
nicht darauf ankommen lassen, da der Franzose erst bei uns anklopft,
sondern ihm lieber jetzt gleich die Waffenruhe aufkndigen, ihn aufsuchen
und aufs Haupt schlagen!'

Nein, das wollte der Knig nicht. Erst mten die Englnder da sein, das
Traktat mit den Insulanern mte unterschrieben werden, und was noch!

Da half kein Reden. Er hatte seinen Kopf fr sich!

Ich hab's mit der Eigenliebe versucht. Ich habe ihm seinen Namensvetter
und Ahnen, den groen Gustav Adolf, als Beispiel hingestellt. Er hatte
aber an Karl dem Zwlften einen Narren gefressen. Und von allen beiden
Helden hatte er gleich wenig abgekriegt. - Man sagt ja, der finnische
Hofstallmeister Munk habe in allerhchstem Auftrag seinen Vater zum Vater
gemacht. Und da war's ja kein Wunder, wenn's mit den anderen Ahnen
haperte.

Ich htte ihn nicht herumgebracht. Da kam gerade Schill herangaloppiert
mit der Nachricht vom Waffenstillstand zwischen Ruland und Frankreich,
dem wir auch beitreten muten.

Ich habe geflucht, als ich's hrte. So schn wie wir bereit waren! Und da
sollte es wieder nichts werden! Ich mute es dem Knig mitteilen und
kletterte noch einmal zu ihm hinauf.

Da nahm er mich beim Arm.

'Wer ist das?' flsterte er und zeigte auf Schill. 'Nehme Er sich nur vor
dem in acht! Der ist gefhrlich! Der wird Ihm gehrig in die Suppe
spucken!'

'Ich wnsche, Majestt,' sagte ich dann, 'da ich noch ein paar solche
Kerle unter meinen Leuten htte. Denn er hat das schlechteste
Fhrungsbuch, das ich noch jemals bei einem Offizier gesehen habe,
abgesehen von meinem eigenen, als ich in den Jahren war! Und er ist der
beste Offizier, den man sich wnschen kann! Der geborene Rebell gegen
jeden Zwang, keck, bermtig, tollkhn, reitet wie der Deibel, schiet wie
ein Gott, ist hinter den Weibern her wie hinter dem Feind, und in beiden
Fllen unwiderstehlich! Er strmt die Hlle, wenn's sein mu! Wenn wir
noch Kolberg haben - ihm ist's zu verdanken. Denn da war's unter dem alten
Loucadou schon so weit wie in den anderen Festungen! und Schill und
Nettelbeck stachelten dann die Brger auf, einen anderen Kommandanten zu
erbitten. So kriegten wir den Gneisenau hin.'

'Ja, der ist gut,' sagte der Knig dann, 'sonst aber ist's eine Schande,
wie sich Ihre hheren Offiziere benommen haben! Und da waren doch tapfere
Leute darunter.'

'Gewi', sagte ich. 'Es kam aber wie eine Seuche ber sie mit den
Kapitulationen, und da hilft nur eine eiserne Kur!'

'ber die Bank schieen!' sagte der Knig - 'und den zuerst!' flsterte er
dann, auf Schill zeigend, 'denn der ist gefhrlich. Er hat's mit der
Melancholie! Ich seh's ihm an!'

Ich habe laut lachen mssen!

Aber der Knig wiederholte: 'Er hat's! Ich kenne die Sorte! Meine Schweden
sind auch so! Sie fliegen auf wie eine Rakete, und dann, auf einmal, packt
sie die Melancholie, sie zerplatzen in lauter feurige Trnen, verpuffen,
und weg sind sie! Passe Er nur auf! Er wird's noch mit dem Schill erleben!
- - Was wollte er?' fragte er dann auf einmal neugierig.

Ich brachte ihm dann schnell bei, sein lieber russischer Schwager htte
uns drben in Tilsit mit seinen Friedensverhandlungen einen bsen Streich
gespielt, und wir htten nun die Zeit verpat.

'Was?' rief er dann. 'Waffenstillstand haben die gemacht! _Dann kndige
ich meinen sofort!_ Das wird sie kurieren! - Essen!' rief er seinem
General zu, 'wir kndigen heute dem Marschall Brune die Waffenruhe! Und
meinem Schwager, dem Kaiser Alexander, wird geschrieben, wenn er mit dem
Mrder des Herzogs von Enghien jemals Frieden macht, ja wenn er nur daran
denkt, dann schicke ich ihm den Andreasorden zurck - dann kndige ich ihm
die Bekanntschaft -, dann gre ich ihn nicht mehr! Er soll sehen,
Blcher, _dem setzt sich der Kaiser Alexander nicht aus_! Wir schlagen
also los, wir beide! Das wird die beste Antwort auf seinen
Waffenstillstand! So ein Bldsinn akkordiert sich immer am besten mit der
Waffe in der Hand. Also: kndigen, Essen!'

Der General Essen machte Einwnde.

Da brachte man aber die Meldung, die Englnder landeten endlich auf Rgen,
und da war ich obenan. Der Waffenstillstand wurde gekndigt, wir rsteten
mit Feuereifer zum Aufbruch. Ein paar Tage hing mir der ganze pommersche
Himmel voller Geigen, und ich hatte schon die Welt so gut wie in der
Tasche.

Ich sah schon den Sieg zum Greifen nahe und streckte bereits die Hand
danach aus.

Da fielen mir die Sicherheitskommissare drben in Tilsit mit dem
niedertrchtigsten und schandbarsten Friedensschlu, der je da war, in den
Arm - Gott strafe sie! - Gerade als ich die Marschbefehle ausgegeben
hatte! Und ich mute nun wieder hin zum Knig Gustav Adolf - jetzt aber um
ihn zu bitten, den Waffenstillstand, dessen Kndigung ich ihm eben mit
Mhe und Not abgerungen hatte, wieder zu verlngern.

Da wurde er ganz wild, und ich konnte es ihm nicht verdenken, denn ich war
selbst bis zum Hals geladen.

Ob ich ihn wohl fr verrckt hielte? rief er mir zu. Und das tat ich ja,
obwohl mir seine Verrcktheit viel lieber war als manche dmliche Klugheit
bei uns drben in Memel. Er wrde jetzt erst recht losschlagen, rief er
noch. Und wer nicht mit ihm wre, der wre gegen ihn und wrde danach
behandelt werden!

Er htte seine Aufgabe vom Himmel bekommen, sagte er -, er sei vom
Schicksal bestimmt, Napoleon zu strzen, die Bourbonen auf den Thron ihrer
Vter wieder einzusetzen und das vergewaltigte Recht zu Ehren zu bringen.

Dann kam er mir mit der Offenbarung Johannis und bewies mir haarklein, die
apokalyptische Hure, das wre die franzsische Republik, und das wilde
Tier, mit dem sie sich abgab, wre Napoleon, und er, Gustav Adolf, wre
es, der dem Tier alle seine Kpfe abschlagen wrde, die da alle Kronen der
Welt trgen! - - Nun, ich bin in der Apokalypsis nicht so gut beschlagen
wie im Whist -, sonst wrde ich ihm schon wiedergeben, was mir der Knig
da alles auskramte.

Er war total verrckt.

Na, er hat's ben mssen. Sein guter Schwager hat ihm nun richtig den
dritten Teil seines Reiches genommen; die anderen beiden Drittel nahmen
ihm ja die Schweden selbst, mitsamt der Krone, und schickten ihn mit
seiner apokalyptischen Politik ber die Grenze.

Nicht einmal das Fell des toten Lwen, Karls des Zwlften, in dem er so
gern herumstolzierte, durfte er mit sich auer Landes nehmen. Und nun geht
er hier rum und klopft berall an, und nirgends ist seines Bleibens!

Und dabei hatte er bei all seiner Verrcktheit doch Blick fr die Menschen
- insbesondere fr die Verrcktheit der anderen! - - Denn nur bei den
anderen erkennt man sie, niemals bei sich selbst.

Was er da sagte von Schill und der Melancholie, das stimmte!

Ich habe die Brieftasche Schills in meinen Hnden gehabt, nachdem er
gefallen war -, denn ich mute ja sehen, ob da nichts fr andere Leute
Kompromittierendes drin war.

Wei Er, was ich drin fand?

- _Verse_, Gneisenau - schlechte Verse! - Mondscheingesusel - in Worte
geronnenes, fades Liebesgereimsel! - Wer htte das von dem Mann gedacht!

Da hatte ich's nun schwarz auf wei, da der seelisch einen Knacks hatte,
und da begriff ich auch, warum sein so khn begonnenes Unternehmen so
klglich enden mute.

Wre er vor mein Kriegsgericht gekommen - wegen der Verse htte ich ihn
verknackst -, wegen seines Privatkriegs mit Napoleon aber freigesprochen!

Na - htte er gewut, da sein Kopf, in Spiritus gelegt, dem Knig
'Lustick' berliefert werden wrde - er htte sich wohl einen anderen Vers
daraus gemacht - und fr einen besseren Schlu seines Heldenliedes
gesorgt.

Leute wie die seinen htten es aber nicht ntig gehabt, unntz zu sterben,
htte ihr Fhrer nicht den Schu Melancholie in der Seele gehabt, fr die
der Schwedenknig eine so feine Witterung hatte.

Denke Er sich nur: Schill, dieser Brausekopf, dieser Sausewind, fr den es
nichts Unmgliches gab - dieser Tausendsasa, dieser Lausbub, der durch
seine khnen Husarenstreiche schon als junger Mensch zu einer sagenhaften
Gestalt emporgewachsen war, und der auch mit Recht die Ehrung verdiente,
an der Spitze unseres Heeres in Berlin einzuziehen - dieser Strauchdieb
von einem Herzensbrecher, der sich nur zu zeigen brauchte, und alles
jubelte und jauchzte ihm zu - dieser tolle Junge, der die Keckheit hatte,
als alles andere sich ngstlich davor drckte, auf eigene Faust hin und
allein den Krieg mit Napoleon anzufangen - der verliert auf einmal mitten
im Kampfe den Kopf, verliert den Mut und gibt alles auf!

Das mag wer will als pltzliche Reue auslegen! Ich nicht!

Ich glaube - und das spreche ich offen aus: _an dem Manne ist ein
Verbrechen begangen worden_!

Man hat ihn glauben gemacht, der Knig billige im geheimen sein
Unternehmen, drfe sich aber nicht offen fr ihn erklren, bis alles gut
in Gang wre.

Und als die Umstnde allerseits ungnstig wurden und das Glck sich gegen
Schill entschied, da lie man ihn klglich fallen.

Er hatte eben Pech - dreifaches Pech.

Erst die Mitstreiter hier zu Hause, die ihm drauen im Volke den Boden
bereiten sollten, und es schlecht taten. Dann die sterreicher -
Herrgottsakra, wenn ich an die denke, da kriege ich einen roten Kopf!

Die haben den Napoleon aufs Haupt geschlagen - sie haben ihn, nach Aspern,
in der Mausefalle auf der Insel Lobau, mitsamt seiner ganzen Armee,
abgeschnitten, ohne Verbindungen, ohne Brcken, und sie greifen nicht zu,
sie machen ihm nicht den Garaus - sie lassen dem Hund noch wochenlang
Zeit, sich aus der Patsche zu ziehen, und warten geduldig, bis er aus
seinem Rattenloch herauskriecht und ihnen selbst einen Hieb auf den Kopf
versetzt! So 'ne niedertrchtige Schlamperei war noch nicht da!

Die Kunde von ihrer Niederlage bei Wagram war fr Schill ein schwerer
Schlag.

Da aber sein eigener Knig sich dann auch gegen ihn erklrte und ihn gar
mit einem Kriegsgericht wegen Insubordination bedrohte, da der Monarch
selbst, an dessen geheime Untersttzung man berall im Lande glaubte, nun
diese Behauptung Schills Lgen strafte, das zog ihm den Boden unter den
Fen weg.

Aber er htte doch nicht den Kopf verlieren mssen! Er htte nicht zgern
sollen, nach England zu gehen, ehe es zu spt wurde! - Er htte sich
sofort nach dem nchsten Hafen aufmachen und an Bord gehen mssen, um
drauen in Spanien gegen den Franzmann zu kmpfen!

Nun, er hat seine Saumseligkeit mit dem Leben gebt! Ein Hundsfott, wer
dafr auf seine tote Asche auch nur den Schatten eines Vorwurfs kommen
lt!

Es htte aber alles anders kommen knnen und mssen, wenn man bei uns nur
gleich zugegriffen htte! Wer wei - wenn die sterreicher gesehen htten,
da wir Ernst machten, dann htten sie am Ende den Napoleon doch noch beim
Schlafittchen gepackt und die gute Gelegenheit benutzt, das welsche
Unkraut mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Ich habe ja damals den Knig gebeten - ich habe gebettelt und gefleht,
'la mich nur, _gerade jetzt_, mit meinem Korps ber die Elbe gehen! Mit
meinem Kopf stehe ich dafr ein, da wir dann unsere Provinzen
wiederhaben!' Die htten wir auch! Ich htte drben alles in Feuer und
Flammen gesetzt, und die Unternehmungen von Schill und Drnberg und
Braunschweig wren nicht nutzlos vertan gewesen!

Aber man hat nicht den Mut gehabt! Seitdem unsere gute Knigin starb, ist
es ganz verdreht!

Himmelsakra - mir war dann der mit der Apokalypse am Ende doch lieber!
Obwohl er in seinem Ha gegen Napoleon weiter nichts war als ein
klglicher Don Quichotte, der gegen apokalyptische Windmhlen ritt. So
etwas ist aber am Ende mit Schlauheit zu lenken!

Wenn ich aber daran denke, da unser guter Knig einmal auch so von Tr zu
Tr wandern mte, Obdach suchen - - -! Das kann noch kommen, Gneisenau -
das kann noch kommen, wenn's so weitergeht, und wenn er die Zeichen der
Zeit nicht besser versteht! Denn wenn er selbst nicht _will_, Gneisenau -,
wenn er nicht will -, und wenn _wir_ wollen! Und wir sind jetzt proppvoll
geladen! - Und wenn wir dann ohne Befehl losplatzen, wer spricht da von
Insubordination? Schockschwerenot! Wozu sind wir auch schlielich da?

Ich werde wohl von Tr zu Tr mitgehen, wenn's soweit mit ihm ist?! Nee -
mein Leben gebe ich jederzeit fr den Knig her! Aber so 'ne Bettelei
mache ich nicht mit!

Die franzsischen Sklavenketten mag tragen wer will -, _ich_ trage sie
nicht! Ich sag's ganz offen, und wenn man mir zehnmal den Mund verbietet!
Warum nicht auch? Wozu schttelt Er den Kopf? Soll das auch
'Insubordination' heien!?

Nun, dann lasse Er sich gesagt sein, da Insubordination noch hierzulande
Mode werden kann, wenn's nicht anders mglich ist, das Land zu retten!

Und der Ihm das sagte, das war der General der Kavallerie, denn dazu haben
sich mich ooch jemacht, seitdem Er nach England reiste, und zwar um mir
das Maul zu stopfen!

Sie haben mich zum General der Kavallerie gemacht, Sie haben mich aber
auch zum Domherrn gemacht!

Was lacht Er da?

Zum Domherrn, sage ich, indem, da mir der Knig eine Domherrnprbende in
Brandenburg verliehen hat! Wenn der Staat seine Generle nicht anders
zahlen kann, zahlt er sie eben so! Bargeld ist Bargeld, und wenn's von der
Kirche kommt, wird's wohl auch den rechten Gottessegen haben.

Er braucht aber nicht deswegen zu denken, da ich jemals den Schleier
nehme oder fromm ins Kloster gehe und heilig werde! Ich bleibe, was ich
bin!

Der General der Kavallerie wird nicht minder krftig als der
Generalleutnant kommandieren: Vorwrts druff uff den Feind!

Und wenn ich jemals als Domherr die Kanzel besteige, dann, Gneisenau,
soll's Pech und Schwefel vom Himmel regnen, und die Sicherheitskommissare
und Angstmeier sollen sich alle Tage dreimal in die Hosen - -! Das meine
Predigt! - Schmidt! Noch 'n Piep!"

Und Schmidt wute Bescheid.

Er hatte mit Wonne bemerkt, wie gut der Tabak heute seine Schuldigkeit tat
und wie schn sein Herr durch ihn ins Schimpfen kam.

Er stand schon auf der Lauer, eine frische Pfeife im Munde, und qualmte
und schmunzelte gehorsamst bers ganze Gesicht bei den saftigen Worten
Blchers, und wartete auf das Signal.

Sobald das Kommando fiel, nahm er sofort mit Wucht die Hacken zusammen,
reckte sich, da die Knochen krachten, ri die Pfeife aus dem Gehege
seiner Zhne, und dann, mit Paradetritt vorwrts marschiert, Blcher die
Pfeife mitten ins Gesicht gesteckt und ihm so das Maul gestopft!

Dann nahm er die Akten Schill unter den Arm und trug sie behutsam zur Tr
hinaus. Blo die Brieftasche Schills mit den Versen nicht! Die behielt der
General und Richter als einziges belastendes _Corpus delicti_ zurck.

                                    *

Die Frau Generalin von Blcher ordnete in aller Eile den Kaffeetisch in
ihrer Wohnung zu Stargard.

Ihr Herr und Gebieter hatte ihr eine Stafette mit der Nachricht geschickt,
er kme nachmittags zurck von Berlin und bte sich zum Empfang eine Tasse
warmen Kaffee und Streuselkuchen aus. Es galt also rasch fertig zu sein.
Denn Blcher pflegte schnell zu reisen und konnte jeden Augenblick
ankommen.

"Es war eine schlimme Zeit", sagte die Generalin zu ihrer Freundin Frau
von Bonin auf Schnwerder, die gerade in Stargard war und den Nachmittag
ber blieb, um Blcher zu bewillkommen. "Es war nicht leicht, und ich
werde recht froh sein, wenn es jetzt ein Ende hat. Aber ich traue dem
Frieden nicht. Mit ihm war's immer so. Kaum da man denken konnte: Gott
sei Dank, nun hat die Schererei ein Ende -, da ging sie erst recht los. Es
wird jetzt nicht anders sein. Erzwungene Ruhe ist fr ihn Gift. - Und
wenn's jetzt wieder mit seiner Krankheit losgehen sollte, da befrchte ich
das Schlimmste! Das letzte war fr ihn ein schwerer Schlag!"

Sie rckte noch die Kaffeetassen zurecht, schnitt Kuchen auf und ordnete
an den Blumen.

"Es war lieb von dir, ihm Blumen zum Empfang zu bringen", sagte sie und
nickte ihrer Freundin zu. "Er hat die Blumen gern."

"Du weit, wie sehr wir alle ihn schtzen und lieben", antwortete diese.
"Seit ihr wieder in Stargard haust, leben wir ordentlich auf. Und jetzt,
wo er nicht mehr die Plage des Dienstes hat, jetzt wollen wir alle helfen,
ihm das Leben so heiter und gemtlich wie nur mglich zu gestalten, damit
er seinen Ruhestand recht geniet. Er darf es sich wahrlich gnnen. - Wie
hat er seinen Abschied vom Dienst aufgenommen?"

"Nun, gern beit keiner in den sauern Apfel! Aber du weit, die Mnner
stellen sich immer ein bichen an. Als er die knigliche Botschaft bekam,
hat er laut gelacht, da ich einen Schrecken kriegte. 'Endlich einmal ein
Entschlu am Allerhchsten Ort!' hat er dann gesagt. 'Das ist immerhin
eine Besserung! Htte ich sooft kapitulieren wollen wie Kalckreuth, htte
ich Danzig verloren, htte ich so brav, wie er, vor dem Franzmann
gedienert und mir sagen lassen: 'Sie sind nicht zum Unterhandeln, sondern
zum Unterschreiben da', und htte ich dann unterschrieben und meinem Land
einen schmachvollen Frieden um jeden Preis verschafft - ich wre
Generalfeldmarschall geworden, wie er, und htte die hchsten Ehren
genossen. Nun habe ich aber dem Knig sein Land wiedergewinnen wollen, ich
habe geholfen, zu rsten, Festungen zu bauen, Armeen auf die Beine zu
stellen und den Leuten Mut und Vertrauen auf die Zukunft einzuflen. Und
der Dank ist nun - ein Futritt des Knigs auf Befehl Napoleons!' - So hat
er geredet."

"Recht hat er!" sagte Frau von Bonin.

"Das meine ich auch", antwortete die Generalin. "Aber wenn mir trotzdem
nicht ganz rosenrot zumute ist, ist's kein Wunder! Er ist ja gewohnt,
rastlos ttig zu sein. berall hatte er seine Finger mit im Spiel. An den
Arbeiten der Armeereorganisationskommission nahm er so eifrig teil, als
wre er mit drin gewesen. Er schrieb und empfing alle Tage Briefe, hatte
seine Berichterstatter berall im Lande und auch im Ausland, wute stets
mit allem Bescheid, sa immer wieder dem Knig und der Regierung im Nacken
und regte sich malos auf, wenn dann nicht alles nach seinem Kopfe ging.
Ich habe mich manchmal ber die Geduld des Knigs gewundert."

"Der Knig hlt groe Stcke auf ihn!"

"Gewi! Das wute er auch und - mibrauchte es deshalb vielleicht nicht
ungern. Immer ging es ja nicht gut. Einmal kam eine Befrderung, ein
andermal eine gehrige Nase, und alles beides kmmerte ihn wenig. Nur
einmal wurde er ganz niedergeschlagen und war lange nicht mehr zu etwas zu
gebrauchen. Das war, als er unseren guten Eisenhart zum Knig schickte, um
ihn seine Wnsche mndlich vortragen zu lassen. Denn selbst durfte er
nicht hin -, du weit ja: persnlich kann gegen ihn keiner aufkommen, und
man frchtete wohl seine berredungsgabe. Aber Eisenhart hat auch ein
gutes Mundwerk, und da schickte er also den nach Knigsberg, um den Knig
zu berzeugen, da sich auf den ersten Ruf in Preuen schnell
hunderttausend Mann versammeln wrden, wenn der Knig nur wollte, und da
sterreich bereits vierhunderttausend Mann schlagfertig htte, um
gemeinsame Sache mit uns zu machen, und was noch mehr. Da antwortete der
Knig: in Preuen fehle es an dem Fhrer einer Armee von
hundertfnfzigtausend Mann! _Meinem_ Mann lie er diese Antwort geben!"

"Nicht mglich!"

"_Das_ hat er sich sagen lassen mssen, als ob er berhaupt nicht da wre!
Und auch, da er sich um alles in der Welt ruhig verhalten mchte! _Er_
und ruhig! Er wurde krank - na, du weit ja, wie's lange Zeit um ihn
stand! So niedergeschlagen habe ich ihn niemals gesehen, solange unsere
Ehe dauert. Er war ganz unertrglich -, ich habe meine liebe Not mit ihm
gehabt!"

"Du rmste!"

"Nun, das war nichts gegen das, was er selbst litt. Er nahm ab, wurde drr
wie ein Skelett, schlief die Nchte nicht, hatte Halluzinationen, sah
Gespenster am hellen Tage, a nichts, trank nichts als Kaffee und - ob
du's glaubst oder nicht - rhrte auch nicht einmal die Pfeife an. Ich
glaubte schon das Schlimmste erwarten zu mssen. Da auf einmal nahm's eine
Wendung zum Besseren. Der Appetit kam wieder, er a wie ein wildes Tier,
trank und fluchte und rauchte wie sonst. In ganz kurzer Zeit, so
geschwind, wie's nur bei ihm geht, war er obenauf! Weit du, was ihn so
schnell kurierte?"

"Nun?"

"Da der Knig den General von Blow zu seinem Stellvertreter im Kommando
ernannt hatte! Und auch zu seinem Nachfolger, falls er nicht wieder gesund
werden sollte. Das war das beste Gegengift gegen seine Krankheit. Sofort
packte ihn die Wut; er war auf den Beinen, schwang die Fuchtel, fhrte
wieder die Geschfte und genas -, _aus reinem Trotz_, und um Blow recht
zu rgern. Das ist nun mein Glaube. Denn seine Wut auf Blow war
unbeschreiblich. Und seitdem kann er ihn nicht mehr leiden."

Frau von Bonin lachte.

"Ja, so ist er," sagte die Generalin, "die Ttigkeit ist sein Leben. Er
krankt nach ihr und ist immer fertig zum Explodieren, wenn sie ihm
beschrnkt wird. Dann will er gleich alles hinwerfen, in fremde Dienste
gehen, verlangt seinen Abschied und bekommt ihn nicht und schpft daraus
neue Hoffnung, endlich ttig sein zu drfen, wie er will! Und ist es damit
wieder nichts, dann wird er von neuem gallig, bitter, niedertrchtig, halb
wahnsinnig, er verkmmert, altert, ist fertig mit dem Leben und kann sich
doch nicht vom Dienst losreien, weil er immer noch hofft, immer noch
einen Funken vom Kinderglauben an seine ihm vom Himmel gegebene Sendung
hat!" -

Sie wurde unterbrochen.

Ein Wagen fuhr rasselnd am Hause vor, und im nchsten Augenblick stand
Blcher im Zimmer.

Er war ganz verwandelt. Frisch wie ein Fisch im Wasser und voll von
Hoffnung und Zukunftsplnen.

"Das will nun ein in Ungnaden entlassener General sein!" lachte Frau von
Bonin.

"Was, Ungnaden!" erwiderte Blcher bermtig. "Die Ungnade ist nur eine
Komdie, um Napoleon zu tuschen. Ich stehe oben besser angeschrieben als
je. Der Knig war sehr gndig -, er war sogar sehr traurig. Ich habe ihn
ber meine Entlassung trsten mssen. So liegt die Sache. Und das ist ein
ganz anderer Kasus als damals, wo ich vom Alten Fritz meinen Abschied
erhielt. Du weit, Malchen, vierzehn Jahre habe ich nachher auf
Wiedereinstellung warten mssen. Und da ich das mute, das hielt mich
nachher stets zurck, sooft ich meinen Abschied nehmen wollte! Vierzehn
Wartejahre kann man sich in meinen Jahren nicht mehr leisten -, da
schluckt man lieber so manches herunter. Man soll eben seiner Sache treu
bleiben, Malchen -, Treue halten im Bsen wie im Guten! Dann bleibt sie
einem auch treu!

Jetzt hat mir der Knig wegen Ungehorsams gegen seinen Befehl, die
Befestigungsarbeiten in Kolberg einzustellen, den Laufpa gegeben. Er
denkt, er mu es aus Rcksicht auf Napoleon tun. Er wird mich aber
wiederhaben wollen und wird mich auch holen, sobald die Zeit da ist.
Meiner Sache bin ich sicher -, ich war's niemals so sehr wie jetzt, wo ich
eigentlich gar nichts mehr mit ihr zu tun habe. Jetzt erst fhle ich, wie
unlslich ich mit meiner Aufgabe im Leben verwachsen bin.

Nichts kann sie mir nehmen. Bestimmung ist Bestimmung. Was kommen soll,
kommt. Kein Knig und auch kein Kaiser kann mir mit seinem Machtwort
nehmen, was mir von allem Anfang an als mein Ureigenstes gehrte,
ebensowenig, wie er's mir verleihen konnte.

Siehst du, Malchen, was der Mensch nicht geben kann, das kann er auch
nicht nehmen. Das ist mein Glaube. Und nun warten wir in aller Ruhe und in
Gottes Namen das Weitere ab. Jetzt brauche ich auch nicht mehr Scharpie zu
zupfen, Malchen. Und nun - einen Ku - und dann zu Tisch!"

Er kte allen beiden Damen rasch die Wange, bot ihnen dann galant die
Arme und fhrte sie an ihre Pltze.





                                   12
                         DAS HEILIGE DONNERWETTER


Jahrhundertelang war Deutschland der Tummelplatz der Vlker und wurde
unbarmherzig verwstet, seine Bewohner geknechtet, ausgeraubt und
hingemordet, Handel und Nahrung lahmgelegt, seine Reichtmer gestohlen,
seine Kunstschtze geraubt und nach allen Windrichtungen hin verschleppt,
seine Kirchen und Schlsser und Kunstbauten in Ruinen verwandelt, seine
Entwicklung um Jahrhunderte zurckgeworfen.

Und immer wieder blhte das Leben in alter Kraft wieder auf -, immer
wieder strmten beutegierige Horden heran mit Mord und Brand und
plnderten und sengten.

Das in Strmen vergossene Blut trnkte die Erde, verseuchte die Gewsser,
schwngerte die Luft - man atmete Unheil, trank dessen Odem mit dem Wasser
der Quellen, fra ihn in sich mit den Frchten der Erde. Das bitterse
Gift schwellte die Adern, schlich durch den Krper, erfllte die Seelen
bis zum Platzen mit Spannung, erzeugte einen Ha, der jede andere Regung
unterdrckte, der alleinherrschend wurde, ins unermeliche wuchs und
gewaltsam zur Entladung drngte. Das Licht des Himmels, seine Sonne, seine
Sterne, sein leuchtendes Blau, alles schwand in dem qulenden Dunst, die
Farben des Lebens verblaten und erloschen. Es gab kein Gefhl, keinen
Gedanken mehr, als verbissene Wut ber schmachvolle Ohnmacht, kein Gebet,
das nicht den Herrn der Welten um Erlsung anrief und mit dem Himmel um
seine Blitze buhlte.

Die Schwle des Gewitters lagerte berall, ergriff alles Leben und wrgte
zum Ersticken.

Immer druender trmten sich die Gebilde des Hasses und der Emprung
empor, ballten sich zu mchtigen Gewitterwolken zusammen und erfllten den
Raum, bis endlich die Spannung zu gro, bis es der Last zuviel wurde und
das Gewitter losbrach.

Blitze zngelten auf die Hupter der Bedrcker nieder, warfen sie in den
Staub und zerschmetterten ihre Zwingburgen, indes der Donner grollend
durch den Raum fuhr und der Widerhall krachend von Felsen zu Felsen
jauchzte und Kunde von der Befreiung gab.

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Fast unbeschrnkt beherrschte Napoleon den Kontinent, alles lag ihm
gehorsam zu Fen. In jeder Festung, in allen Stdten Norddeutschlands
standen seine Truppen bereit, jeden Versuch zur Emprung mit Gewalt
niederzuwerfen.

Durch dauernde Besetzung Preuens war er zum wahren Herrn Europas
geworden. Wer nicht sein Verbndeter war, war ihm gehrig. Die
Rheinbundstaaten, Bayern, Wrttemberg, Baden, Hessen, Sachsen, Westfalen
und Mecklenburg, gehorchten jetzt seinem kleinsten Wink. Der Kaiser von
sterreich gab ihm seine Tochter zur Ehe. Sein Machtwort erstickte jede
selbstndige Regung im Keime. Ohne seine Zustimmung geschah in den
deutschen Landen nichts. Knige und Frsten holten sich Weisungen aus
Paris, empfingen aus seinem Munde Lob und Tadel und setzten ihre Beamten
ab und ein nach seinem Gutdnken. Seine Armeen wurden von den unterjochten
Vlkern unterhalten, die Einknfte der Staaten als Kontribution nach Paris
geschafft -, bis aufs Blut sog er die Besiegten aus.

Ihre Heere muten auf sein Gehei marschieren und fr den Ruhm Frankreichs
ihr Blut verspritzen - bis sie endlich begriffen, da Blut und Leben nur
fr die Heiligkeit der eigenen Sache einzusetzen seien.

Der Sohn der Revolution, von der unwiderstehlichen Kraft eines Volkes in
Waffen zu schwindelnder Hhe gehoben, kehrte so, durch den Gang der
Ereignisse getrieben und von den eigenen Siegen verfhrt, vom Volksheer
zum Sldnertum zurck. Er bewirkte gleichzeitig die entgegengesetzte
Entwicklung bei den Besiegten und gab ihnen so das Mittel zur Befreiung in
die Hand. Denn als sie sich dazu hergeben muten, fr eine fremde Sache zu
bluten, wurden sie sich ihres eigenen Volkstums bewut und fielen von der
Sache des Eroberers ab, sobald sie ernstlich zu wanken begann.

Seine bunt zusammengewrfelten Heerhaufen besaen sowieso nicht mehr die
Energie und den Schwung der ersten Revolutionsheere, noch weniger ihre
Begeisterung fr die Heiligkeit einer Sache, die allein gegen eine ganze
Welt den Sieg ertrotzt.

Noch stand der Kolo aufrecht und wagte in seinem bermut den eitlen
Versuch, den Gott zu spielen und das, was nicht zusammengehrt,
zusammenzukitten.

Und das Unerhrte geschah.

Als Napoleons aus unzhligen Hilfsvlkern zusammengesetztes Riesenheer
auszog, um seinen unbotmigen russischen Verbndeten zu zchtigen, da
marschierte zum erstem Male in der Geschichte des Landes ein ganzes
preuisches Armeekorps mit, um fr den Ruhm Frankreichs zu bluten.

Siebzehntausend Mann stark zogen die Preuen aus unter Befehl von Grawert,
der bei Jena die Feldherrnkunst Napoleons am eigenen Leibe kennengelernt
hatte. Er erkrankte und wurde von Yorck ersetzt.

Wie ein Haufen Heuschrecken, so wlzte das Riesenheer seine Massen ber
die deutsche Erde gen Osten hin, fra, wo es durchkam, das ganze Land kahl
und verwandelte es in eine Wste. Bis es endlich hinter der russischen
Grenze verschwand und sich ber die endlosen, dnn bevlkerten Felder
Rulands ergo, von einer ganzen Wolke von Marodeuren, Hndlern und
beutegierigen polnisch-jdischen Schacherern umschwrmt, die sich mit
seinen Abfllen msteten, alles, was am Wege blieb, auflasen, Kleider,
Ausrstung, Proviant und Beutestcke erhandelten oder stahlen, die todmde
am Wege Liegenden erschlugen oder sie bis auf die Knochen ausplnderten.

Schreck und Entsetzen hinterlie der Raubzug berall, wo er durchkam, und
lhmte die Kraft der Landeskinder so, da keiner auch nur daran zu denken
wagte, die Hand zur Rache zu erheben, als nachher die Reste der Horden
wiederkamen, geschlagen, geschunden, zerfetzt und zerlumpt und von noch
greren Schwrmen Beutegeiern verfolgt.

Tausende von franzsischen Offizieren, auch Napoleon selbst und seine
berhmten Marschlle, htte man ohne weiteres gefangennehmen knnen. Aber
man rhrte keinem Finger gegen sie, man lie sie ungefhrdet durch und in
ihre Heimat zurck, wo sie dann gleich neue Heerhaufen zur Unterjochung
bereitstellten.

Man schlug das Raubgesindel nicht mit Knppeln tot, man gab ihnen Lager
und Kleidung, speiste sie, pflegte sie, verga das vergossene Blut und die
Trnen, das geraubte Gut und Geld -, aber beileibe nicht aus Gutmtigkeit
und noch weniger aus Feigheit. Nein, jene Armseligen, in Lumpen
Zurckkehrenden, sie waren immer noch die Herren. Und keiner wagte noch an
das unerhrte Glck zu glauben, da jene gewaltige Macht, deren Diener sie
waren, jemals gebrochen werden knnte, auch dann nicht, als man es mit
eigenen Augen zu sehen und mit Hnden zu greifen vermochte.

Der Krieg wurde nicht erklrt, die Rstungen nur in grter Heimlichkeit
betrieben, und auch dann nur unter dem Schein, den Bndnisvertrag mit
Frankreich erfllen zu wollen. Die Geheimdiplomatie war eifrig dabei, zu
vertuschen und zu verhllen, kein klarer Wille wagte sich hervor, kein
offenes Wort wurde von magebender Stelle gesprochen.

Da auf einmal klang es jubelnd hart drein, wie schmetternde Fanfaren aus
der alt-fritzischen Zeit. Von weit drauen an der Grenze klang es herber,
aber so hell und klar, so bestimmt und zielbewut, da es in die
entfernteste Gegend des Landes drang und alle Herzen erzittern machte.

Es war der gleiche Ton, der Deutschland weckte, als Schill sein Panier
erhob.

Aber jetzt ging alles mit, jetzt erwachte begeisterter Widerhall berall -
ein Brausen, wie von einem herannahenden Sturm, ging ber alles Land, das
Gewitter verkndend, und erstickte mit seiner Gewalt jede Mahnung der
ngstlichen, den Weckruf lieber, im Namen der heiligen Subordination, zu
berhren.

Isegrim Yorck war's, der ins Horn gestoen hatte.

Er hatte den Sprung ins ungewisse gewagt und seinen Kopf darangesetzt, um
seine Preuen aus der schmhlichen Gemeinschaft mit den Franzosen zu
fhren. Dem Korsen hatte er die erzwungene Waffenbrderschaft aufgesagt,
seinen Knig mit einer vollendeten Tatsache berrascht und sein Volk auf
den Boden offener Stellungnahme gegen den wahren Feind gestellt.

Die Diplomaten rauften sich die Haare. Die Tat Yorcks kostete ihrer
Weisheit und dem Staate etliche Millionen, die Napoleon sonst gerade jetzt
htte zahlen sollen und vielleicht auch gezahlt htte, wenn alles
wenigstens dem Scheine nach beim alten geblieben wre.

Aber sie brachte dafr etwas ein, was fr alles Gold der Welt nicht
eingehandelt werden kann: die flammende Begeisterung, den
unwiderstehlichen Willen eines geknechteten und vergewaltigten Volkes,
seine Fesseln zu brechen und die Bedrcker niederzuwerfen. Sie entfesselte
das heilige Donnerwetter, dem nichts widersteht - mit dem stets der Sieg
ist, weil es die Emprung der Natur selbst ist gegen die ihr angetane
Vergewaltigung.

                                    *

"Herr," rief der General Blcher unwirsch und fuhr sich mit dem
Rasierpinsel im Gesicht herum, da der Seifenschaum weit umherspritzte,
"Er ist wohl des Teufels! Wie heit das? Was war das, was Ihm mir vom
General Yorck mitzuteilen beliebte?"

Der so angeredete Major Diedrich nahm die Hacken zusammen, reckte sich
stramm auf und brachte noch einmal seine Botschaft vor.

Die Infanterie Yorcks wre demnach durch die erlittenen Strapazen sehr
geschwcht und von 30000 auf 25000 Mann zusammengeschmolzen. Das
Landwehrregiment der zweiten Brigade, das vor acht Tagen zweitausend Mann
gehabt hatte, hatte jetzt nur noch siebenhundert. In sechs Tagen hatten
die Truppen viermal Nachtmarsch gehabt, ohne da abgekocht worden war. Sie
hatten bei strmendem Regen auf dem aufgeweichten Boden biwakiert, die
meisten ohne Mntel - die Taschenmunition war von Nsse verdorben, in den
Munitionswagen war kaum Vorrat genug fr eine Schlacht, und dabei htten
die Parkkolonnen sechzehn Meilen Weg bis zur Neie, um neuen Vorrat zu
holen. Der General Yorck liee bitten, dem Korps doch etwas Ruhe zu
lassen.

Blcher hatte mit offenem Munde, das aufgeklappte Rasiermesser in der
Hand, die Ausfhrungen des Majors angehrt.

Jetzt fing er an mit wahrer Wut das Messer an einem ledernen Riemen
abzuziehen. Er warf dabei dem Major immer wieder giftige Blicke zu.

"Ruhe soll ich dem Korps lassen? Bin ich der Franzmann, der mit ihm Krieg
fhrt? Hat Sein General nicht genug von dem dmlichen Waffenstillstand,
den wir kaum glcklich hinter uns haben, und den wir noch htten, wenn's
nach unseren Diplomatikern ginge? Ein Schuft ist Napoleon, aber gesegnet
soll er sein ob seiner Halsstarrigkeit, die Friedensbedingungen nicht
anzunehmen. Denn das allein hat verhindert, da unsere Neunmalweisen den
Karren noch tiefer in den Dreck schoben!"

Damit nahm er eine Kohle, zog rasch einen Kreis auf der weigetnchten
Wand, starrte, in Ermangelung eines Spiegels, da hinein und fing an sich
den Stoppelbart abzukratzen. Denn jetzt war er wieder in der Offensive und
durfte als hflicher Mensch dem Franzmann nicht unrasiert kommen.

Der Major Diedrich benutzte die Gelegenheit, weitere Einzelheiten ber den
schlechten Zustand des Yorckschen Korps vorzubringen, und Blcher, der
seine Zunge dazu gebrauchen mute, beim Rasieren die Wangen von innen zu
strammen, konnte dabei seinem Mivergngen nur durch ein mehr oder weniger
lautes Grunzen Luft geben. Bis der Major ihm mit den zwanzigtausend in
sterreich gekauften Flinten auf den Leib rckte, mit denen man die
Landwehr beglckt hatte, und die die unangenehme Eigenschaft hatten, keine
Zndlcher zu besitzen. Die hatte man in der Eile bei der Anfertigung zu
bohren vergessen. Und nun msse die brave Landwehr, zum grten Teil mit
Piken bewaffnet, in den Kampf ziehen!

Da hrte Blcher mit dem Schaben seines Bartes auf, sandte sich jh um,
warf dem Major einen vernichtenden Blick zu und wetterte los.

"Herr, was redet Er da von Zndlchern? Bei dem Sauwetter, wo's, wie
jetzt, seit Monaten Strippen regnet, schieen alle Flinten gleich gut, ob
sie Zndlcher haben oder nicht! Die sollen die Leute ruhig behalten und
mit den Kolben auf den Franzmann losschlagen. Und taugen sie auch dazu
nicht, dann mgen sie sich drben beim Feind bessere Flinten holen. Die
Franzosen haben ganz gute! Wozu haben wir den Krieg?"

Worauf er das Messer ansetzte und weiter schabte.

Aber der Major hatte noch mehr auf dem Herzen, und die Gelegenheit war zu
gut jetzt, wo der Alte das Messer an der Kehle hatte und die Zunge im Zaum
halten mute.

Er packte also aus.

Es fehle den Landwehrregimentern an Mnteln, sie htten nur leinene Hosen,
statt Patronentaschen leinene Beutel, Kochgeschirr wre bei ihnen eine
Seltenheit und Stiefel erst recht. Bei den aufgeweichten Wegen kme man
kaum noch vorwrts mit der schlechten Ausrstung.

"I der Deubel!" unterbrach Blcher pltzlich die Litanei. "Mit langen
Redensarten wurde noch niemals 'n Stiebel jemacht. Was red't Er denn? Wo
uns Hunderttausende von den besten franzsischen Stiebeln freundlichst
entgegentanzen und blo dadruff warten, genommen zu werden! Wenn unsere
Leute zu vornehm sind, um auf Pariser Sohlen zu laufen und sich die nicht
holen knnen, wo sie da sind, dann knnen sie meinetwegen barfu laufen!
Und was den anderen Kram betrifft - die Mntel und Patronentaschen und gar
die Hosen -, das alles macht noch lange nicht den Soldaten! Die Leute, die
da mit Piken und Sensen gebt und so die Griffe gelernt haben, die haben
eben gewut, wie saumig es um Preuen stand, und da es ihm an Flinten
und Stiebeln und Mnteln fehlte. Und sie sind doch gekommen und haben sich
zum Dienst gestellt. Warum, denkt Er wohl? Nicht, damit Er mir hier noch
eine Litanei vorbetet, sondern um Preuen all das zu verschaffen, was ihm
fehlt - vor allem die Freiheit und den alten Besitz! Das andere - die
Flinten und die Stiebel und der ganze Kram -, das kommt dann ganz von
selbst. Und nun schere Er sich, und lasse Er mich ungeschoren. Dem General
ist zu erwidern, da es beim Marschbefehl bleibt. Er hat sich von Jauer
zurck auf die Katzbach zu wenden und die vorgeschriebenen Stellungen bei
Brechtelshof einzunehmen. Verstanden?"

Der Major salutierte schweigend und ging. Und Blcher begab sich nach
vollendeter Toilette hinaus, um die abmarschierenden Truppen zu
inspizieren.

Sein gebtes Auge sah wohl alle Mngel und Gebrechen ihrer Ausrstung, sah
die beschmutzten, durchnten, frierenden und abgehetzten Kerle dastehen
und fragende Blicke auf ihn richten - sah aber auch unverzagten Mut aus
ihren Augen leuchten, als er vor der Front aufritt. Seine Blicke glitten
prfend von Mann zu Mann die Reihen entlang.

Es waren keine baumlangen Pommern oder Mecklenburger, sondern zumeist
klein gewachsene, schmchtige Leute aus den schlesischen Weberdistrikten.
Staat war mit ihnen nicht zu machen, aber sie wrden schon anbeien, wenn
man nur verstnde, im richtigen Ton zu ihnen zu sprechen, und ihnen gleich
zu Gemt zu fhren wte, da der Krieg keine Schule der Verzrtelung sei,
und da es dabei etwas Wichtigeres und Bedeutungsvolleres als Strapazen
und Entbehrungen gbe.

Und diesen Ton fand Blcher gleich.

Nachdem er die Reihen abgeritten war, hielt er vor der Front und rief in
seiner jovialen Art, mit einem listigen Augenzwinkern, da sich ein jeder
sofort innerlich auf du und du mit ihm befand.

"Kerls, ihr seht aus wie die Schweine! Aber es macht nichts. Ihr habt doch
die Franzosen geschlagen! Das ist aber nicht genug! Ihr mt sie heute
wieder schlagen, wie das Wetter und die Wege auch sind. Sonst sind wir
alle beschissen! Guten Morgen, Kinder! Und nun frisch darauflos!"

Worauf er schmunzelnd ber das donnernde Lachen, womit die Front fr die
Ansprache quittierte, sein Pferd herumwarf und zurck in sein Quartier
galoppierte.

Dort erwartete ihn groer rger und Verdru.

Yorck selbst war gekommen, um wegen des vielen "unntzen Hin- und
Hermarschierens" das Oberkommando zur Rede zu stellen, und war eben in
heftigem Diskurs mit dem Generalstabschef Gneisenau, der vom Obersten
Mffling getreulich sekundiert wurde.

Als er Blcher sah, wandte er sich gleich an ihn, und zwar in einem Ton,
den dieser sich als Oberkommandierender keinesfalls gefallen lassen
konnte.

"Und wenn der Teufel selbst das ganze Oberkommando gegen mich zur Attacke
ritte - marschiert wird doch nicht, ehe ich nicht achtundvierzig Stunden
gerastet habe!" rief er ohne alle Einleitung Blcher zu. "Das ist das
wenigste, was ich brauche, um meine Leute wieder schlagfertig zu haben.
Das mgen sich die Herren Kraftgenies hier -" er warf einen
despektierlichen Blick auf die beiden Mithelfer Blchers - "unter die Nase
reiben! Und auch, da ich dies kopflose Hin- und Hermarschieren, das sie
meinen Leuten zumuten, ohne ihnen Ruhe zum Essen und Schlafen zu gnnen,
da ich das mit den Menschen Schindluder treiben nenne. Und dazu sind
meine Preuen denn doch zu gut!"

Blcher verbat sich ein fr allemal in der energischsten Weise sowohl
diesen Ton wie auch jede Widerrede. Yorck und er seien wohl alte
Waffengefhrten, aber das entbinde ihn doch nicht von der Pflicht
unbedingten Gehorsams seinem Vorgesetzten gegenber. Zu befehlen habe hier
allein er, Blcher. Er trge auch allein die ganze Verantwortung fr die
gegebenen Befehle und verbte sich eine jede Kritik.

"Herr General," sagte Yorck, noch aufgebrachter als vorhin, "ich pfeife
auf die Waffenbrderschaft, die sich solchermaen in Erinnerung bringt.
Und wer von uns beiden sein Handwerk besser versteht, darber brauche ich
mich hier auch nicht auszulassen. Zum Kommandieren gehrt nicht nur das
Amt, man mu es auch knnen. Und kme es nur _darauf_ an - wer wei, wer
von uns beiden jetzt hier dem anderen zu befehlen htte! Mich kmmert aber
all das weniger! Mich kmmert in erster Linie die groe Verantwortung, die
ich vor meinem Knig und meinem Vaterland fr die mir anvertrauten Truppen
habe."

"Uns nicht weniger!" schrie Blcher zornesrot. "Darber hinaus gibt es
aber etwas, was ich militrische Notwendigkeit nenne. Wenn die ein Opfer
verlangt, so bringe ich es unbedingt, und wenn es noch so schmerzlich
wre. Und trage die Verantwortung dafr allein und teile sie mit keinem!"

"Wenn aber die Soldaten vorher zu Tode gehetzt werden, wozu und inwiefern
und mit welchem Nutzen will ein General dann jenes Opfer bringen? Wo
nichts ist, ist auch nichts zu opfern, wie gro die militrische
Notwendigkeit auch sein mag. Haben Sie, meine Herren, im Vorjahre die
Trmmer der groen franzsischen Armee gesehen, als sie aus Ruland
zurckkam? Und haben Sie dagegen meine Preuen gesehen, wie die aus dem
gleichen Feldzug wiederkehrten? Meine Frsorge fr meine Leute war's, die
dem Knig von Preuen da eine ganze Armee bewahrte, wo alles andere
zugrunde ging. Ohne diese meine Frsorge htte der General von Blcher in
seiner schlesischen Armee heute keine Preuen zu kommandieren. Wre mein
Eigensinn, den die jungen Leute hier im Oberkommando so gern bekritteln -
wre der nicht gewesen - htte ich nur den blinden Kadavergehorsam gegen
Vorgesetzte gehabt, den man heute hier von mir verlangt, ich htte mich
nimmermehr getraut, dem Marschall Macdonald, der heute die Franzosen gegen
uns fhrt, den Gehorsam aufzukndigen. Ich htte an einem Strange mit ihm
weitergezogen, und ich wre niemals dazu gekommen, in Tauroggen meinen
alten Kopf aufs Spiel zu setzen, um endlich eine reinliche Scheidung
zwischen uns und den Franzosen zu machen."

"Recht hatten Sie, Yorck", sagte Blcher, dessen Augen leuchteten bei der
Nennung des Tages von Tauroggen. "Aber jetzt sind Sie im Unrecht. Denn ich
bin kein franzsischer Marschall, dem ein preuischer General meines
Erachtens nimmermehr gehorchen kann, ohne vor sich selbst zu errten. Ich
bin hier der Oberkommandierende der schlesischen Armee, der hier im Namen
des Knigs befiehlt und sich Gehorsam zu verschaffen wissen wird,
gleichviel ob ich persnlich oder durch meine Generalquartiermeister die
Befehle erteile. Wobei eine Sache nicht zu vergessen ist, nmlich die: der
General Yorck hat den russischen Feldzug _als franzsischer General_
mitgemacht. Das frbt ab. Wir aber sind da rein geblieben und haben es
alle vorgezogen, den Dienst zu quittieren, statt mit dem Erbfeind
gemeinsame Sache zu machen. Deshalb haben _wir_ hier das Kommando jetzt,
wo es gegen den Franzmann geht, und haben es _nicht nur_ mit dem Vorrecht,
das der Knigliche Befehl uns gibt."

Damit schnitt er jede weitere Errterung ab, ging in sein Zimmer und hie
Gneisenau gleich zur Befehlsausgabe nachkommen.

Yorck aber, auer sich ber die ihm zugefgte Krnkung, ging in sein
Quartier, setzte sich hin und schrieb dem Knig einen langen Brief, in dem
er um seinen Abschied bat und sein Gesuch ausfhrlich begrndete.

Dann, als er den Brief abgesandt hatte, fgte er sich, befahl Aufbruch und
lie es sich sogar gefallen, da ihm vom Oberkommando der Oberst Mffling
beigegeben wurde, um ihn in die befohlenen Stellungen zu geleiten.

Blcher aber, mit Gneisenau allein geblieben, ging fluchend auf und ab.

"Himmeldonnerwetter!" rief er. "Mu ich auch noch mit meinen Untergebenen
um mein Kommando kmpfen! Das fehlte mir gerade noch!"

Er blieb vor Gneisenau stehen.

"Ich bin gewi der letzte, die groe Bedeutung von Yorcks Tat nicht
anzuerkennen, als er es wagte, den ngstlichen zum Trotz, sich mit seiner
Armee gegen Napoleon zu erklren. Wenn er aber glaubt, deshalb das Recht
zu haben, sich wie ein Bleigewicht an unsere Fe hngen zu drfen, so
irrt er sich. Ja, glauben denn er und seine Leute, da wir blind und taub
sind? Da kommen die Kerle her und machen mir was vor und erzhlen _mir_
von der schlechten Ausrstung! Die sehe ich ebensogut wie sie! Aber auch,
da wir uns schn hten mssen, ihr so groe Bedeutung beizumessen, da
unsere Leute darob mutlos werden. Denn das hiee uns unserer einzigen
guten Waffe: ihres felsenfesten Vertrauens auch noch zu berauben. Wenn ich
den wackeren Kerlen in die Augen schaue und das reine lautere Gold
glhender Vaterlandsliebe mir da entgegenfunkelt, da denke ich: hol' mir
der Teufel Flinten und Patronen! - _Das_ da ist unbezwinglich! Das siegt!
Das fragt nach keiner bermacht! Und auf die Leute wagen unsere russischen
Bundesbrder gar bermtig herabzublicken! Schockschwerenot - was haben
die Russen geleistet, das ihnen die Berechtigung dazu gbe? Die prahlen
damit, wie sie im Vorjahre Napoleon besiegt haben - wo sie vor ihm
gelaufen sind, bis der sich in seinem bermut verrannte und nicht mehr
heil aus ihren endlosen Steppen herauskonnte. Nun kommen sie her und tun
dick, und setzen uns _ihre_ Fhrung auf die Nase und wollen uns auch das
Ausweichen vor dem Herrn Napoleon beibringen! - Und unsere eigenen Leute -
die besten unter ihnen, wie der alte Isegrim soeben, die helfen da brav
mit. Der Geist des Rckzugs und der Flaumacherei geht bei uns mchtig um!
Es ist hchste Zeit, da wir ihm den Garaus machen, Gneisenau!"

Er schwieg.

Aller rger und alle Bitterkeit der letzten Jahre wurden wieder in ihm
wach, und er durchlebte in einem kurzen Augenblick noch einmal die
schrecklichste Zeit seines Lebens, die Zeit, wo er aus jeder
liebgewordenen Ttigkeit verbannt, gechtet und von den braven Strebern
gemieden leben mute. Bis er endlich die Frhlingsluft der Befreiung
witterte, seine Zeit gekommen fhlte und seine Stimme erheben durfte ohne
Furcht, nicht mehr gehrt zu werden.

"Mich juckt's in allen Fingern, den Sbel zu ergreifen", schrieb er da an
seinen unvergelichen Freund Scharnhorst. "Wenn es jetzt nicht Seiner
Majestt unseres Knigs und aller brigen deutschen Frsten und der ganzen
Nation Fhrnehmen ist, alles Schelmenfranzosenvolk mitsamt dem Bonaparte
und all seinem ganzen Anhang vom deutschen Boden weg zu vertilgen: so
scheint mich, da kein deutscher Mann mehr des deutschen Namens werth sei.
Jetzo ist es wiederum Zeit, zu dhun, was ich schon anno 9 angerathen,
nmlich die ganze Nation zu den Waffen anzuberufen, und wann die Frsten
nicht wollen und sich dem entgegensetzen, sie samt dem Bonaparte
wegzujagen. Denn nicht nur Preuen, sondern das ganze deutsche Vaterland
mu wiederum heraufgebracht und die Nation hergestellt werden."

Es "juckte" ihn in allen Fingern, das ganze Heer, das ganze Volk blickte
auf ihn wie auf den gegebenen Fhrer - und doch zauderte man, wie immer,
oben und wagte nicht, einen frischen Entschlu zu fassen. Der "Haudegen",
der "Draufgnger" knnte es ja zu sehr mit dem lieben Feind verderben.
Eine Partei am Hofe schob, nicht ohne Aussichten, ihren Mann, den Grafen
Tauentzien, als Kandidaten fr den Oberbefehl vor. Und einzig und allein
die rcksichtslose Energie Scharnhorsts war es, der es gelang, den
Widerstand des Knigs zu brechen.

Blcher wurde mit dem Oberkommando betraut, aber - denn an allen
Entschlieungen des Knigs hing ein einschrnkendes Aber, das teilweise
ihre Wirkung aufhob - Blcher wurde unter russisches Oberkommando
gestellt, und mit ihm das preuische Heer.

Der Oberbefehlshaber, der alte Kutusoff, der berhaupt nicht mit seinen
Truppen das russische Gebiet verlassen wollte, tat der Sache der
Verbndeten den Gefallen, gleich am Anfang des Feldzuges zu sterben. Aber
sein Nachfolger, Wittgenstein, war, bei allem guten Willen, ein gnzlich
unfhiger Feldherr. Er lie Napoleon Zeit, seine Armeen zu vereinigen,
verpate jede gute Gelegenheit, ihn zu berraschen, lie die Preuen in
nutzlosen Kleinkmpfen verbluten, sah im Rckzuge die einzig sichere
Frucht der teuer erkauften Siege, und gab ihnen so die Frbung der
Niederlage.

Der frische Ansturm der Frhlingsoffensive der Russen und der Preuen
verpuffte. Die blutigen Schlachten bei Grogrschen und Bautzen waren
umsonst geschlagen - die Schweden weigerten sich, die kaum befreiten
Hansestdte vor Wiedereroberung durch die Franzosen zu bewahren - der
Knig empfand schon die Situation "wie nach Jena und Auerstedt", und erst
der pltzlich von Napoleon angebotene Waffenstillstand machte dem
Zurckgehen der Alliierten nach der Weichsel ein Ende. Er dmpfte aber
auch die lodernde Begeisterung, die die Erhebung getragen hatte, zu
dumpfer Verzweiflung. Und die whrend des Waffenstillstandes einsetzenden
diplomatischen Verhandlungen waren nicht dazu geeignet, sie wieder zu
entfachen.

Die Herren Diplomatiker rieben ihre klugen Schdel aneinander und brachten
einen Friedensvorschlag zustande, dessen Bedingungen in der Hauptsache
Rumung aller preuischen Festungen seitens der Franzosen waren, sowie
Rckgabe von Danzig an Preuen und von den illyrischen Provinzen an
sterreich, Auflsung des Herzogtums Warschau und dessen Teilung zwischen
Ruland, sterreich und Preuen, und auerdem die volle Wiederherstellung
der Hansestdte. Die Auflsung des Rheinbundes und die Wiederherstellung
Preuens regte man wohl an, wagte sie aber nicht zur Bedingung zu machen.
Und Napoleon tat trotzdem den "Mchten" den groen Gefallen, auf diese fr
sie - aber nicht fr ihn - ungnstigen Bedingungen nicht einzugehen. Der
faule Friede unterblieb, die Diplomatie wich wieder dem Schwerte,
sterreich trat der Allianz bei, und von allen Bergen loderten
Freudenfeuer auf und bekundeten das Ende des Waffenstillstandes und die
Wiedererffnung der Feindseligkeiten.

Blcher aber brauchte sich nicht noch einmal von den russischen Generlen
gngeln zu lassen. Ihm wurde der Oberbefehl ber die aus einem preuischen
und zwei russischen Korps gebildete Schlesische Armee gegeben. Und da die
Monarchen sich alle unter die Obhut der unter Schwarzenberg von Bhmen aus
operierenden Hauptarmee begaben, so hatte er das groe und unerhoffte
Glck, diese Gesellschaft mit ihren jede freie Bewegung behindernden
Erwgungen und ihrem Gefolge von Besserwissern los zu sein, was seine
Siegeshoffnung nicht wenig strkte.

Freilich - einer fehlte, dessen Verlust ihm einer verlorenen Schlacht
gleichkam: Scharnhorst, der durch seinen unermdlichen Ttigkeitsdrang und
seinen Diensteifer seine in der Schlacht bei Grogrschen erhaltene Wunde
vernachlssigt hatte und daran starb, gerade als er am ntigsten war.

Der Schmerz ber diesen Verlust war schwer und andauernd. Er seufzte beim
Gedanken an den verlorenen Freund auf und umfate dessen Nachfolger und
frheren treuen Mithelfer mit einem zrtlich-dankbaren Blick, da
wenigstens _er_ ihm geblieben war.

"Na, Gneisenau", sagte er gutmtig, und es kam ein Ton warmer
Hoffnungsfreudigkeit in die Stimme, "jetzt gilt's, die Zaghaften im Lande
von ihren bsen Trumen zu erwecken. Ein Donnerschlag, Gneisenau, der
ihnen den Nebel aus den Kpfen verscheucht, so da sie wagen geradeheraus
zu sehen und zu denken! Eine frhlich schmetternde Siegesfanfare, die den
gesunkenen Mut wiederbelebt! Eine Tat, die unsere schlechten Waffen gut
macht und zu Ehren bringt! Vorwrts, an die Arbeit, Gneisenau!"

Dann lie er sich die Meldungen von den Avantgarden seiner Korps vorlegen.
Aus denen ging hervor, da der Feind auf den Hhen jenseits der Katzbach,
von Goldberg bis Liegnitz, lagerte, aber nicht, ob er vorrckte oder an
Zurckgehen dachte.

"Auf alle Flle greifen wir an", entschied der General.

Yorck erhielt den Befehl, von Jauer bis nach Schlauphof an der in die
Katzbach einfallenden Wtenden Neie vorzurcken und sich da, von den
Uferhhen gedeckt, in Kolonnen aufzustellen. Die Russen auf dem rechten
Flgel unter Sacken sollten die feindliche Front bei Liegnitz festhalten -
die Russen auf dem linken Flgel unter Langeron, die links von der
Wtenden Neie von Hennersdorf bis zum Gebirge standen, mten ber die
Katzbach auf Goldberg, Yorck in der Mitte gerade nordwrts bei Kroitsch
die Katzbach berschreiten.

Die Befehle flogen den Kommandierenden zu und lsten bei ihnen
verschiedene Gefhle aus - aber als Allerletztes das des Gehorsams.

Sacken allein erwiderte dem Offizier, der ihm Blchers Befehle
berbrachte: "Gren Sie den General: hurra!"

Aber sein Landsmann Langeron, der im Trkenkriege selbstndig kommandiert
hatte, der sich ungern dem Oberkommando Blchers fgte und sich als
bestellter Aufpasser des Hauptquartiers ber ihn fhlte, da man ihm von
dort stets geheime Mitteilungen von den Instruktionen an Blcher gab,
dieser franzsische Emigrant erklrte kurzweg, er drfe sein Korps nicht
aufs Spiel setzen.

Und Yorck wetterte und fluchte und tat einen Schwur: "eher werde er seinen
Degen zerbrechen, als ber die Katzbach gehen!"

Kurz: mit der Disziplin bei den hheren Fhrern der Armee war's bel
bestellt.

Der General Langeron war sogar noch weiter gegangen. Er kalkulierte, trotz
aller Befehle vorzugehen, da es weder einen Angriff noch eine Schlacht
geben wrde, sondern, wie im Frhlingsfeldzug, einen frischen, frhlichen
Rckzug, und hatte, in weiser Frsorge, bereits seine schwere Artillerie
nach rckwrts auf Jauer vorausgesandt. Durch diese Manahme fehlte sie
ihm nachher in der Schlacht.

Nach den ausgegebenen Dispositionen Blchers wurde aber an dem Tage
berhaupt nicht gearbeitet.

Denn auch der Feind parierte nicht. Er blieb nicht wacker in seinen
Stellungen stehen, um auf den Besuch zu warten, sondern berschritt
unvermutet die Katzbach einige Stunden, ehe die Schlesische Armee es tun
sollte, und enthob so deren Obergeneral der Pflicht, seine obstinaten
Unterfhrer dazu zu zwingen.

Der Marschall Macdonald glaubte bestimmt die Schlesische Armee auf dem
Rckzug, und er hatte ja, nach den bisherigen Erfahrungen mit der
Kriegfhrung der Alliierten, allen Anla dazu. Um so mehr, da sie wirklich
vor einigen Tagen zurckgewichen waren, als Napoleon selbst mit seinen
Garden die Angriffsarmee verstrkt hatte. Jetzt war der Kaiser nach
Dresden zurckgeeilt, um sich der Hauptarmee der Alliierten
entgegenzuwerfen, und berlie Macdonald allein die Verfolgung. Weit
auseinandergezogen gingen die Franzosen zu diesem Zweck vor - und stieen
zu ihrer nicht geringen berraschung auf die Blchersche Armee, die in
voller Schlachtordnung aufmarschierte.

Man war beiderseits sehr berrascht ber die Begegnung. Der Himmel gab
seinen Segen dazu, indem es wie seit Wochen in Strmen go.

Frischer Mut und frohe Laune bei andauernd schlechtem Wetter ist nicht
jedermanns Sache.

Wenn der Himmel bestndig voll grauer Wolken hngt, wenn Tag fr Tag kaum
einmal ein Glimt von der Lichtspenderin zu merken und ein Ende der
Sintflut nicht abzusehen ist, dann schrumpft die Hoffnung zusammen, frohe
Zuversicht wandelt sich in bleiche Verzagtheit, und der Mensch mchte sich
am liebsten in irgendeine Hhle verkriechen und da, in Erwartung besserer
Zeiten, hindmmern, ohne noch die Hand zu rhren, um sie herbeifhren zu
helfen.

Gegen die Elemente ist Menschenwille machtlos. Und eine Welt, in der es
immerfort regnet, verlohnt sich nicht zu erobern.

So kam es wohl, da ein aus Oberschlesiern bestehendes Bataillon nicht
stehen wollte, als einige Kanonenkugeln ihnen die ersten Gre Frankreichs
aus den Schluchten hinaufsandte, die zur Wtenden Neie hinabfhrten. Die
Schlesier gaben gleich Fersengeld und waren schon im Begriff, die anderen
Bataillone in Unordnung zu bringen, als der Fhrer der Avantgarde einige
Kanonen auf sie richten lie und sein Ehrenwort gab, ihnen auch deutsche
Kugeln zu kosten zu geben, wenn sie sich von der Stelle rhrten. Das
wirkte Wunder. Die Leute hielten sich nachher im dichtesten Kugelregen wie
alte, kriegsgewohnte Soldaten, und die Ehre der schlesischen Landwehr war
gerettet.

Der Feind war ber die Katzbach das Tal der Wtenden Neie heraufgekommen,
breitete sich von Schlauphof bis zu Dohnau aus und drang nun durch die
engen Schluchten nach dem Plateau hinauf, ohne zu ahnen, da er da oben
die Hauptmasse der Schlesischen Armee versammelt finden wrde. Blcher
beschlo, ihn heraufkommen zu lassen und sich dann auf ihn zu werfen und
ihn wieder in die Schluchten hinabzustrzen.

Yorck stellte seine Bataillone auf, aber nicht schnell genug und
vielleicht nicht ganz vorschriftsmig gerichtet. Denn das Oberkommando,
vom Obersten Mffling vertreten, fand daran zu tadeln. Der alte Yorck
wiederum fand, da er es nicht ntig htte, sich von Herrn von Mffling
sagen zu lassen, wie er seine Bataillone an den Feind zu bringen htte.
Und inzwischen avancierte der Feind, ohne sich um die Kunststcke zu
kmmern.

Schlielich hatte Yorck seine Truppen in schlachtmiger Ordnung. Selbst
fhrte er die Brigade Hhnerbein am linken Flgel, Horn mit seiner Brigade
den rechten. Prinz Karl von Mecklenburg-Strelitz hielt die zweite Linie,
Steinmetz' Brigade war in Reserve, die Reservekavallerie hinter dem ersten
Treffen. Und allen voran die Artillerie in vollem Feuern.

Der Feind wich - die Kavallerie fand die Zeit gekommen, ihm auf den Leib
zu rcken, und jagte in die feindliche Geschtzlinie hinein, weit ber sie
hinaus, nahm Kanonen, hieb Karrees zusammen, geriet aber bald selbst in
Auflsung und mute zurck, als feindliche Reiterei in geschlossenen
Massen ihr entgegentrat. Das gab eine Jagd in umgekehrter Richtung, die
allerlei Verwirrung verursachte. Mehrere preuische Batterien gingen
verloren, die Chasseurs sausten zwischen die Bataillone des rechten
Flgels hinein, Yorck klagte schon, da ihm der sichere Sieg aus der Hand
gewunden wrde.

Und immerfort regnete es in Strmen. Die Munition bei Freund und Feind
wurde in gleich neutraler Weise vom Himmel durchnt, die Flinten schossen
wirklich, wie Blcher vorausgesagt hatte, ebensogut ohne wie mit
Zndlchern - das heit: kein Schu ging ab, weder bei den Franzosen noch
bei den Preuen. Bajonette und Kolben, Lanzen, Sbel und Piken machten da
ganze Arbeit. Denn auch die Kanonen brummten nur mig in der dicken,
feuchten Luft. Es war die stillste Schlacht, die man sich denken konnte,
und doch eine der blutigsten und wtendsten des ganzen Krieges.

Schlielich gelang es der Infanterie, durch raschen Seitenangriff, der
franzsischen Kavallerie Herr zu werden. Die russischen Husaren warfen sie
weiter zurck, Sacken schwenkte, die feindliche Front berholend, rechts
ein. Da gab Blcher Befehl zum allgemeinen Angriff. Er setzte sich selbst
an die Spitze der Kavallerie, Yorck fhrte die Infanterie, und vor der
Wucht des Anpralls hielten die Franzosen nicht mehr stand. Mit blutigen
Kpfen kamen sie die Schluchten nach der Wtenden Neie und der Katzbach
wieder herunter, und diese Gebirgsbche, vom Regen angeschwollen, machten
gemeinsame Sache mit den Landeskindern und lieen die wenigsten von den
Feinden lebend wieder hinber! Zu Tausenden ertranken sie in den
angeschwollenen Fluten. Die preuischen und russischen Kugeln schlugen in
die Massen hinein, die sich ber die Brcken drngten. Es war ein Sieg,
wie sich der alte Blcher ihn nicht glnzender wnschen konnte.

Nur auf dem links von der Wtenden Neie aufgestellten linken Flgel der
Armee unter Langeron gab es einige "Schweinerei", die fast den Erfolg des
Tages auf das Spiel gesetzt htte.

Man hatte sich da vom Feind zurckdrngen lassen und war gar im Begriff,
aus der vorzglichen, alles beherrschenden Stellung bei Hennersdorf
abzuziehen, als Yorck, nach der Entscheidung rechts von der Wtenden
Neie, die Brigade Steinmetz nach dem linken Ufer hinberschickte, die
Gefechtslage dort wiederherstellte, Monsieur Langeron in die Offensive
zwang und mit ihm zusammen auch hier den Feind warf.

Achtzehntausend Gefangene, drei Generle und eine Menge Stabsoffiziere,
hundertdrei Kanonen, zweihundertfnfzig Munitionswagen, Lazarette,
Feldschmieden, zwei Adler und andere Trophen waren die Beute.

Die moralische Wirkung auf die Armee war aber ungeheuer, und die
wichtigste Errungenschaft des Sieges. Die bockbeinigen Herren
Untergenerle muten nolens volens, sich vor dem Glck beugend, die
berlegenheit einer Fhrung, die vom Himmel so gut bedient wurde,
anerkennen.

Allein Blcher selbst machte sich in seiner rebellischen Art ber seine
eigene Strategie lustig.

"Na, Gneisenau," sagte er pltzlich zu dem neben ihm reitenden
Generalquartiermeister, als sie sich am Abend in strmendem Regen nach dem
Hauptquartier in Brechtelshof zurckbegaben, "die Schlacht htten wir
gewonnen, das kann uns eine ganze Welt von Theoretikern nicht abstreiten.
Nun la uns auch mal daran denken, was wir klugerweisse zusammenbringen,
um den Leuten klarzumachen, _wie_ wir sie gewonnen haben. - Diesmal mu Er
die Strategie eben nachtrglich zurechtmachen. Einen Plan mssen wir
gehabt haben! Das geht nicht anders! Was werden die Strategen sonst von
uns sagen, wenn wir uns erfrechen, so gegen alle Regel eine Schlacht
gewonnen zu haben?"

                                    *

Im Schlo des Grafen Hohenthal zu Wartenburg war der Bankettsaal hell
erleuchtet.

Um die Tafeln eine ernste Gemeinde.

Ein blutiger Tag war zu Ende. Man feierte einen glnzenden Sieg -,
erfreute sich des Gelingens eines khnen strategischen Manvers, von dem
eine entscheidende Wendung des ganzen Feldzuges zu erhoffen war.

Aber immer noch stand die Hauptmacht Napoleons ungebrochen da. Immer noch
flatterten die dreifarbigen Fahnen ber der Hauptstadt seines schsischen
Vasallen. Die Marseillaise schmetterte noch sieghaft wie bisher und
behauptete das Feld gegen die fremden Klnge, die rebellische Rhythmen in
das Konzert zu werfen suchten.

Von allen Seiten kam das Echo feindlich gefrbt zurck - aus den
bhmischen Bergen - aus der Lausitzer Gegend und nrdlich von der Elbe,
krftig genug, um der Welt zu zeigen, da die Todesstunde der
franzsischen Alleinherrschaft geschlagen hatte.

Die Rollen waren vertauscht.

Jetzt war Napoleon nicht mehr der wilde Jger, vor dem alles auswich und
vor dessen Ungestm alles erlag. - Jetzt war er selbst das gehetzte Wild,
noch furchtbar, wo seine Pranke traf, aber nicht mehr als Sieger Gesetze
gebend.

Dem ersten Ansturm des aus Bhmen vorbrechenden Hauptheeres der
Verbndeten bot er siegreich Halt, schlug es bei Dresden entscheidend und
warf es ins Gebirge zurck. Und triumphierend jubelte die Marseillaise.

Aber aus allen Himmelsrichtungen antworteten die Hrner der Jger mit noch
strkeren Siegesklngen.

Bei Kulm war das ganze verfolgende Korps Vandammes vernichtet - an der
Katzbach Macdonald von Blcher aufs Haupt geschlagen worden. Auch der
Frst von der Moskwa, Ney, und der Marschall Oudinot holten sich bei
Grobeeren und Dennewitz derbe Schlge von den Untergenerlen des
zaghaften Kommandierenden der Nordarmee, des zum Kronprinzen von Schweden
avancierten Bernadotte - Niederlagen, die die franzsische Stellung an der
Elbe, trotz Beherrschung der Elbfestungen, in Frage stellten.

Noch aber war die Lage nicht kritisch geworden.

Die Nordarmee der Verbndeten hielt sich vorsichtig zurck und ntzte ihre
Siege nicht aus. Die Hauptarmee drckte sich noch immer in den bhmischen
Bergen herum und wartete auf Verstrkungen. Da brachte Blcher Bewegung in
das Ganze und zwang seine zgernden Mitarbeiter aus ihrer Zurckhaltung
heraus.

Er kmmerte sich den Teufel um die Hilferufe seines weit strkeren
Waffenbruders Schwarzenberg, lie die Hauptarmee Hauptarmee sein, schickte
ihr nicht einmal einen Knopf von den erbetenen fnfzigtausend Mann
Verstrkungen hin, marschierte statt links, wie man's wnschte, rechts ab,
wie er selbst es wollte, nach Nordwest, die Elbe abwrts, an der
franzsischen Hauptmacht vorbei, tuschte inzwischen Napoleon durch eine
pltzliche Diversion des Sackenschen Korps auf Meien, stellte diese und
noch andere russische Truppen nrdlich der Elbe als schtzende Kulisse
auf, hinter der er mit der Hauptmacht seiner Schlesischen Armee bis in die
Gegend von Wittenberg ziehen konnte. Dort ging er ber die Elbe, stand mit
einem Schlag im Rcken der franzsischen Armee, bedrohte die rckwrtigen
Verbindungen Napoleons, manvrierte so diesen mit khnem Griff aus Dresden
heraus und von der Elbe fort, und brachte zugleich Schwarzenberg vom Sden
und Bernadotte aus dem Norden in Bewegung. Denn jetzt muten sie folgen
und helfen, den Ring um das Edelwild noch dichter zu schlieen.

Im Schlosse zu Wartenburg tafelte Blcher mit seinen Offizieren nach
glcklich erkmpftem Elbbergang.

Der groe Bankettsaal war hell erleuchtet.

In Kronen und Ampeln flammten die Kerzen. Durch die Lcher in den Wnden
und durch die zerschossenen Fensterscheiben funkelten die Sterne des
Himmels herein.

Ernst waren die Gesichter der Tafelnden und leise die Unterhaltung. Ein
jeder lauschte auf die gedmpften Trommelwirbel von drauen, wo in der
Abenddmmerung die Gefallenen bestattet wurden, die um den Sieg ihr Leben
gelassen hatten.

Blcher selbst, sonst eitel Frohmut und Laune, sa heute nachdenklich da.

Das Gelingen seines khnen Unternehmens erfllte ihn wohl mit Genugtuung.
Aber der hohe Preis des Sieges, das viele kostbare Blut, das heute hatte
flieen mssen, stimmte die Siegesfreude in Trauerklnge um.

Pltzlich ergriff er sein Glas und erhob sich von seinem Platz.

Feierlicher Ernst lag auf seinem Gesicht, seine Augen schimmerten in
feuchtem Glanz, und in der Stimme zitterte ein Ton tiefster Bewegung, als
er anhub:

"Lasset uns unsere Toten begraben. Widmen wir ein Glas den vielen
namenlosen Helden, die bis heute ihr Blut fr die Befreiung unseres
Vaterlandes aus fremder Gewalt vergossen haben. Ein Name mag da fr alle
gelten. Denn er, der ihn trug, war auch der Geringsten einer. Aus den
rmlichen Verhltnissen nahm er seinen Aufstieg zur Hhe, wo jh seine
Laufbahn endete, und zeugt so davon, da nur wer vom Volke geboren wurde,
dem Volke Befreier werden kann.

Er wurde es.

Ihm, seinem Geiste, seinem unermdlichen Schaffen verdanken wir, wenn wir
jetzt dastehen, wo wir heute sind, und hoffen knnen, das hohe Ziel zu
erreichen, fr das wir alle unser Leben geben wollen.

Was das heit, brauche ich keinem von euch zu sagen. Wir alle wissen, da
wir als Volk so tief gesunken waren, da die groe Masse dem Unglck, das
unser Vaterland bis zur Grenze der Vernichtung niederwarf, fast
teilnahmslos gegenberstand. Wir sind alle Zeugen der jhen Wandlung - wir
haben das Aufflammen der Begeisterung miterlebt, das hoch wie niedrig
ergriff und zu Heldentaten befhigte, von denen wir heute wiederum
staunende und ergriffene Zeugen gewesen sind.

Wer schuf sein Leben lang in stiller emsiger Arbeit die Waffe zu solcher
Tat? Wer lehrte sie uns gebrauchen? Wer war uns Freund, Organisator und
Mitstreiter, ohne zu ermden, ohne sich Ruhe zu gnnen - auch nicht als
er, zu Tode verwundet, Erholung und Pflege haben mute? Sei getreu bis in
den Tod - dies hehre Gebot erfllte er ohne Zagen als erste und
selbstverstndliche Pflicht.

Was befhigte ihn dazu, was trug ihn und uns mit ihm durch alle
Niederungen der Knechtschaft zur Freiheit empor?

Es war der zhe, durch nichts zu besiegende Widerstandsgeist unseres
Volksstammes, der wohl gebeugt, aber nimmermehr gebrochen werden kann, und
der, wenn es um das Heiligste auf Erden geht: um das Recht, frei unter
freien Vlkern sein Haupt aufrecht zu tragen, in flammendem Zorn
emporlodert, um unwiderstehlich, wie das heilige Donnerwetter selbst,
alles hinwegzufegen, was sich erdreistet, sich dem in den Weg zu stellen!

Dieser Geist hat sich heute wieder herrlich offenbart -"

Blcher schwieg bewegt. Denn wieder rollten in langsamem Zeitma
langgedehnte Trommelwirbel gedmpft herein, wie um seinen Worten noch mehr
Nachdruck zu verleihen.

"Die Trommel geht," rief er dann ergriffen, "sie mahnt unseren Sinn, ins
Jenseits zu blicken. Dort ziehen jetzt in endloser Schar die Geister
unserer gefallenen Brder vorber. Immer dichter drngen sie an den Thron
des Herrn aller Heerscharen heran und empfangen als Lohn fr ihr Opfer die
Weihe, fortan, von jeder leiblichen Schwere unbehindert, mit uns zu
streiten, um unsere heilige Sache zum Siege zu fhren.

Wir hienieden sind alle gering gegen sie. Ich selbst weiter nichts als ein
Handwerker, der die aufgegebene Arbeit geleistet hat.

Wer aber alles so bereitet hat, da wir anderen hier den Erfolg haben
konnten, das war jener, von dem ich hier geredet habe -"

Er wandte sich mit den Worten an den jungen Leutnant von Scharnhorst und
winkte ihn nher.

"Das war Ihr Vater", setzte er seine Ansprache fort. "Denn er und kein
anderer hat jedem Sieg, den wir erstritten, vorgearbeitet, er hat in Reih'
und Glied mit den anderen dafr gekmpft, sein Leben eingesetzt und
verloren, wie der Geringste unter denen, deren Heimgang wir betrauern.
Blicke herab, verklrter Geist unseres Scharnhorst, und vernimm es, wie
wir alle hier in die Hand deines Sohnes geloben, dir nachzueifern in Wort
und Tat, bis wir das deutsche Vaterland von den Feinden und Unterdrckern
befreit und den preuischen Namen wieder zu Ehren gebracht haben."

Damit zog er den Sohn Scharnhorst an seine Brust und kte ihm die Stirn.
Die anderen traten ergriffen an den jungen Offizier heran und bekrftigten
mit stummem Handschlag die Worte ihres Fhrers.

                                    *

Im Schlosse zu Kthen sa der Kronprinz Karl Johann von Schweden, alias
Marschall Bernadotte, bei der Morgentoilette. Die geschickten Hnde seines
Kammerdieners befreiten seine, trotz den fnfzig Jahren, immer noch
rabenschwarzen Locken von den unzhligen Papillotten, in die sie ber
Nacht gewickelt waren, und ordnete sie in dekorativem Wirrwar um das
scharf geschnittene Profil herum, das so recht dazu geeignet war, auf
Mnzen und Medaillen majesttisch zu wirken.

Zur Mnze geschlagen, hlt der Mensch den Mund, und das ist bei manchem
gekrnten Haupt entschieden von Vorteil.

Noch war der Advokatensohn aus Pau ja nicht so weit in der Karriere
gediehen. Er plapperte also rstig drauflos.

Sein schwedischer Adjutant, der in ehrfurchtsvoller Haltung wartete, bekam
einen Ergu ber alles mgliche, was die neugefrstete Seele seines
Gebieters momentan bewegte.

"Wir schreiben also sofort an den General Blcher, da der Kaiser Napoleon
auf das rechte Elbufer bergegangen ist, unsere Rckzugslinie ernstlich
bedroht und uns ntigt, zu retirieren und ber die Elbe zurckzugehen. -
Wir fordern den General auf, uns mit der Schlesischen Armee zu folgen.
Und, damit er es auch tut -, deuten Sie ihm an, wir htten uns bei dem
Kriegsrat in Trachenberg von den Monarchen zusichern lassen,
gegebenenfalls und insbesondere bei gemeinsamen Unternehmungen auch ber
ihn und seine Armee den Oberbefehl zu fhren."

Der Adjutant machte sich eiligst Notizen.

"Es ist an der Zeit, mit der Legende aufzurumen, ein ehemaliger Marschall
von Frankreich wre gerade gut genug, in Deutschland ein subalternes
Kommando zu fhren! Wozu hat man mich wohl gebeten? Man berhuft mich mit
Komplimenten - man macht mir Versprechungen - der Kaiser Alexander selbst
wurde nicht mde, zu betonen, er htte mit mir die Strategie Napoleons in
die Dienste der Verbndeten gestellt! - Nun, er hat nicht zu sehr
danebengegriffen. Aber wem gab man den Oberbefehl? - Mir etwa? Nein, dem
Frsten Schwarzenberg!

Wer ist Frst Schwarzenberg? Auf welchem Schlachtfelde wurde sein Name
bekannt und berhmt? Auf keinem, wo ich mitgekmpft habe. Und wo habe ich
nicht mitgekmpft? Wer gab bei Austerlitz die Entscheidung? Wer bei Wagram
- und das in solchem Mae, da Napoleon vor Neid fast platzte und sich zu
Unbesonnenheiten mir gegenber hinreien lie, um mir die Palme des Sieges
zu entreien.

Nun hat man mich - und lt mich eine zweite - eine dritte Rolle spielen,
und verspielt so das Ganze. Sie werden es sehen. Napoleon wird den Leuten
ein Schnippchen schlagen. Und wenn nicht - dann haben sie's meiner
Vorsicht zu verdanken, die ihm stets zu entschlpfen wute.

Napoleon wei schon, was er an mir hat!

Er wei mich als Feind einzuschtzen. Er wird auf mich wtend sein! Er
wird darauf brennen, vor allem mich zu vernichten, weil ohne mich die
anderen ihm dann auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein werden!

Ich hte mich aber, mich seinen Keulenschlgen auszusetzen. Den billigen
Triumph soll er nicht haben. Wie knnte ich ihm auch standhalten?

Was fr Truppen hat man mir dazu gegeben? _Mon dieu!_ Einen Bernadotte
nimmt man zum Oberkommandierenden - und gibt ihm derartiges Gesindel in
die Hand!

Diese preuische Landwehr, wie sieht sie nur aus! Was fr eine Ausrstung,
welche Gesichter, welche plumpen Bewegungen, welche Ungeschicklichkeit!
Kein Griff, der sitzt - kein Elan, gar nichts! Die reinen Barbaren!

Und meine lieben Schweden - nun - nichts fr ungut. Oberst, geben Sie's
nur zu - mit den Grenadieren Napoleons sich messen zu wollen, ist
eigentlich eine Arroganz von Ihnen! Brave, liebe Leute, meine neuen
Landeskinder, ich gebe es zu!

Aber was soll es heien, da man in Schweden so besorgt tat, als sie
ausrckten.

'Opfern fr fremde Interessen', sagt man! _Mon dieu!_

Ich werde diese Raritten von Soldaten dem schwedischen Vaterlande ganz
unbeschdigt zurckgeben! Man kann unbesorgt sein. Ich werde sie wie
meinen Augapfel hten!

'Fr fremde Interessen'?!

Wei man denn nicht, da meine Teilnahme am Krieg den Schweden Norwegen
einbringen wird? Oder traut man mir nicht einmal das zu?

Glaubt man in Schweden an das alberne Gercht, die Schweden sollten
bluten, damit ich Kaiser der Franzosen werde, wenn Napoleon abgetan ist?

Es ist wahr, die Franzosen lieben mich! Sie wren schon imstande,
mich - - -

Wre Napoleon nicht aus gypten zurckgekommen - wre er damals nicht den
Englndern entschlpft -, wer wei, was geschehen wre?!

Wer wei, wie die Welt heute aussehen wrde, wenn statt ihm - ein anderer
- ich zum Beispiel, in den Tuilerien residieren wrde?!

Nun, morgen ist auch noch ein Tag. Und wenn die Franzosen es mir nicht zu
sehr verbeln, da ich am Kriege gegen sie teilgenommen habe, dann - -

Schlielich, ich tu' ihnen ja nicht weh. Aber man kennt die Treibereien
der Demagogen! - Es knnte gegen mich ausgentzt werden fr den Fall, da
man mich - - -

Wenn sie aber _trotzdem_ der Stimme ihres Herzens folgen, das stets fr
mich schlug - wenn sie mich binnen kurzem zum Nachfolger Napoleons
ausrufen, dann werde ich meine Pflicht tun - _meine Pflicht_, Oberst!

Gewi - ich _kenne_ meine Pflicht gegen die Schweden! Ein braves, ein
treues Volk! Aber eine drollige Sprache!

'Giff mik - - _un baiser_' - wie heit das nun wieder: _un baiser_? - 'En
schi' - danke lieber Oberst - 'en schi' - _mon dieu_, man zerbricht sich
fast den Mund dabei! Es klingt ja beinahe wie Deutsch - ebenso unmglich
zu prononcieren, ebenso guttural! Eine Sprache fr die Wilden! Man mte
eigentlich bei euch in Schweden die franzsische Sprache einfhren!
Glauben Sie, Oberst, die veredelt die Manieren! Die wrde euch Schweden
gut zu Gesicht stehen! Nun, wer wei, was noch kommen kann, wenn man mich
_nicht_ - - -

Denn _wenn_ man mich zum Kaiser der Franzosen whlt - es gibt eine
Pflicht, Oberst, die alle anderen Pflichten in den Hintergrund stellt, und
das ist die Pflicht gegen die Menschheit. Und meine Wahl wre: der ewige
Friede und also ein Segen fr die ganze Menschheit.

Das kme dann auch den Schweden zugute - und weit mehr, als wenn ich meine
aufs Groe gerichtete Kraft darauf verschwenden mte, nur ihr kleines
Land zu regieren.

Schlielich kann man sich auch in Schweden vertreten lassen -, oder die
beiden Lnder enger aneinanderschlieen. Sie werden's sehen, es wird noch
kommen, man wird noch in Schweden Franzsisch sprechen! -

Also, heute gehen wir ber die Elbe zurck.

Sie meinen, wir htten ebenso gern gleich drben bleiben knnen? Gewi!
Ich war niemals fr dies Abenteuer. Ich habe es kommen sehen, da wir
zurck mten!

Immerhin, ich habe dem alten Haudegen Blcher gezeigt, wie man so etwas
macht! Er hat bluten mssen, als er bei Wartenburg berging. - - Wieviel
sagten Sie? - Zweitausend Tote?! Das ist viel! Das ist ungeschickt!

Ich habe bei meinem bergang keinen einzigen Toten gehabt - keinen
einzigen! Eben weil ich die Gelegenheit besser wahrnahm und erst ber den
Flu ging, als der Feind mit Blcher beschftigt war und nichts davon
merkte.

Wer zuerst kommt, auf den strzt sich die Meute, an ihm beien sich eben
die Hunde fest!

Der gute Blcher glaubt sich mir berlegen, er treibt mich gar an! Er
denkt, er knne mit seiner Feldherrnkunst die meine dpieren?

Dabei hat er schon einmal in mir seinen Meister gefunden! Sie wissen: in
Ratkau, wo er vor mir kapitulieren mute! Er wird es nochmals erleben! Er
wird sich wundern, wenn ich heute die Karten aufdecke und ihm zeige, da
er eigentlich unter meinem Befehl steht und mir zu gehorchen hat!

Er wird fluchen! Ha, ha, ha! Er ist ein Grobian, ein ungeschlachter alter
Landsknecht, ein unmanierlicher Barbar! Nun, er ist eben ein Deutscher!

Apropos - ihr Schweden seid doch auch halb deutsch! Wie kann man nur?
_Ridicule!_ Und eure Sprache auch!

Wie hie es nun wieder: _donnez moi_ - 'giff mik un gi' - un gi! Wie
drollig! Wie lcherlich!"

So plapperte Seine neugebackene Knigliche Hoheit mit der
Selbstgeflligkeit eines Papageien weiter und imponierte seinem Adjutanten
und nicht zum mindesten seinem Kammerdiener mit seiner Zungengelufigkeit,
die, wie sooft bei seinen Landsleuten, ersetzen mute, was ihm an Geist
abging.

Als aber der Kammerdiener ans Barbieren kam, da stand das kronprinzliche
Mundwerk endlich so lange still, da der Adjutant seine Meldung abstatten
und mitteilen konnte: der englische Bevollmchtigte, General Stewart,
widerriete auf das bestimmteste einem Rckzug ber die Elbe.

_Wenn_ berhaupt zurckgegangen werden mte, da wre der General Stewart
dafr, dann lieber ber die Mulde, ja sogar bis hinter die Saale -,
berhaupt nach Sdosten auszuweichen, wie es Blcher vorgeschlagen hatte,
um die Verbindung mit der aus Bhmen vorbrechenden Hauptarmee zu suchen
und die Rckzugslinien Napoleons auf Weienfels und Erfurt zu bedrohen.

Der Kronprinz hrte gelassen zu, lie sich einseifen und antwortete mit
keinem Wort.

Er gedachte der Subsidien, die ihm England zahlte, und die wohl dessen
Bevollmchtigten berechtigten, ein Wort mitzureden.

Als aber dann ein zweiter Adjutant mit der Meldung hereinkam, die
Franzosen htten seine Schiffsbrcken bei Aken und Rolau zerstrt, da
atmete der Kronprinz erleichtert auf.

Denn nun mute er links der Elbe bleiben, ob er wollte oder nicht!

Die Sache war entschieden. Der Englnder hatte seinen Willen, und selbst
brauchte er, dank dem Feinde, keinen Entschlu zu fassen.

So trieb man die Weltgeschichte entschieden am besten und bequemsten. Man
lie ihr ihren Lauf, trieb selbst mit und vertraute dabei seinem Glck und
seiner angeborenen Fhigkeit, an die Oberflche zu kommen und sich dort zu
behaupten. Und wurde so ein Auserwhlter von Gottes Gnaden.

                                    *

  "Ein Fhnrich zog in den Kri-ieg -
  widibum fallera, juchheirassa,
  ein Fhnrich zog in den Kri-ieg,
  wer wei, ob er wiederkehrt,
  wer wei, ob er wiederkehrt!

  Er liebt ein schwarzbraunes Mdchen,
  widibum fallera, juchheirassa, -
  er liebt ein schwarzbraunes Mdchen,
  das bitterlich um ihn weint,
  das bitterlich um ihn weint!"

So sang man an einem der vielen Biwakfeuer des Yorckschen Korps vor
Mckern. Und weiter gen Wiederitzsch zu antwortete es von den Lagerfeuern
der Russen, die sich dort aneinanderreihten, in langgezogenen
melancholischen Tnen.

"Matjuschka-a babu-usch-ka - -", klagte da ein schmelzender Tenor das
ewige alte Russenlied vom roten Sarafan, an dem die Mutter nicht mehr
nhen soll, whrend oben auf der Anhhe die Silhouetten weithosiger,
bebluster Tnzer zu den Tnen der Balalaika sich gespenstisch hin und her
drehten, bald an dem flammenden Feuer vorbeihuschten, bald ins Halbdunkel
hineinhpften, um gleich wieder zum Vorschein zu kommen, die Hnde in die
Hften gestemmt, die Hacken zusammengeschlagen, die Knie gebeugt, und dann
bald nach links, bald nach rechts heraus auf den Hacken gerutscht,
hochgeschossen, rundgeschnurrt und wieder in die Finsternis hineingehpft.

Ein dumpfes Gerusch von ferne rollenden Rdern, ein aufbrausendes und
wieder abnehmendes Stimmengewirr, Kommandorufe, Hrnerklang, Trommelschlag
und Pferdegetrappel verrieten, da irgendwo bei Freund oder Feind im
Schutze der Nacht noch Truppenbewegungen vorgenommen wurden.

Klagen, Hilferufe, Jammern und Schmerzensgesthn wurden berall laut, um
wieder zu verstummen.

Hier und da ein pltzlicher Flintenschu - ein Verwundeter, der seinen
Qualen ein Ende machte, oder ein schnelles Gericht ber einen auf frischer
Tat ertappten Leichenplnderer. -

Es war ein blutiger Tag gewesen. Yorck und seine Tapferen hatten wieder
die Hauptarbeit machen mssen.

Der alte Isegrim hatte geflucht und genrgelt wie immer und die
Anordnungen des Hauptquartiers bekrittelt, dann aber seinen Mann gestellt.
Und wen er mit eisernem Griff packte, der blieb oder kam zerzaust davon,
da er fr weitere Kmpfe kaum noch in Betracht kam.

Jetzt ruhte der Kampf.

Einzelne Lichter bewegten sich langsam hin und her ber das Schlachtfeld,
hielten an und kehrten in die Richtung, aus der sie gekommen waren,
zurck. Und wo sie anhielten, erhob sich das klagende Gesthn zu neuer
Strke, und die Hilferufe wurden wieder laut. Sie galten den
Militrrzten, die die Verwundeten aufsuchten, aber bei der reichen Ernte,
die heute der Tod gehalten hatte, nur den wenigsten helfen konnten.

Ringsherum, soweit das Auge blicken konnte, flammte Feuer an Feuer der
biwakierenden Truppen.

Zune, Obstbume, die Huser der Drfer, berhaupt alles Brennbare in der
Umgegend, mute herhalten, um die vielen Tausende von Feuern zu nhren, an
denen die Soldaten all der Vlker, die hier zusammengestrmt waren, um
sich gegenseitig zu vernichten, ihre armseligen Sppchen kochten und ihre
von den Strapazen der Mrsche steifen Glieder gegen die Klte der
Oktobernacht zu schtzen suchten.

Schatten huschten berall hin und her durch die Nacht, tauchten hervor aus
dem Dunkel, von dem Licht eines pltzlich aufflammenden Wachtfeuers
gefat, duckten sich jh und schwanden, um bald wieder anderswo zum
Vorschein zu kommen.

Bald waren es Marodeure, Plnderer, Leichenfledderer, die sich an die
Gefallenen heranmachten und, wo der Tod nicht rasch genug fr ihre
Beutegier gewesen war, mit dem Gnadensto nachhalfen - bald waren es
berlufer der franzsischen Armee - meistens Rheinbndler, die das
Vertrauen zu dem Glck Napoleons zu verlieren anfingen und nun zu den
Gegnern hinberschlichen mit begierig empfangenen Nachrichten ber
Truppenzahl, Munition und Proviantvorrte und mit der Versicherung, da
die deutschen Hilfsvlker Napoleons bereits entschlossen wren,
regimenterweise berzugehen, wenn noch weitergekmpft werden wrde. Da
Napoleon an den Rckzug dachte, wuten sie alle, und auch, da er's nicht
tat, sondern sich bis zum letzten Atemzug schlagen wollte.

Die Stadt Leipzig hob ihre dunkle Masse gespenstig aus dem Ring von
Wachtfeuern heraus, der sich um sie herumschlang und deren Widerschein
rtlich auf dem mit Wolken bedeckten Himmel lag.

Von den Trmen der Stadt flammten einzelne Lichter auf, sonst war alles
dunkel, und nur ein gedmpftes Gerusch zeugte von dem Leben, das sich
noch drinnen bewegte.

Dicht an der Ziegelei im Dorfe Mckern an der Elster loderte und flammte
ein groes Biwakfeuer. Alles schlief drum herum, nur ein einzelner
Schatten ging langsam auf und ab.

Eine kleine Truppe von Reitern trabte heran. Ihr Fhrer sprang vom Pferde,
trat auf den Schatten zu und salutierte.

"Melde gehorsamst: Graf Henckell von den westpreuischen Dragonern,
kommandiert, das Hauptquartier zu decken! Haben Exzellenz besondere
Befehle?"

Yorck, denn er war es, schttelte den Kopf.

Der Rittmeister wollte sich eben entfernen, als Yorck ihn wieder
heranwinkte.

"Haben den Feind tchtig zerzaust heute."

"Es war ein glnzender Sieg, Exzellenz! Aber - es hat viel Blut gekostet -
viel Blut!"

Yorck schwieg eine Weile und blickte verbissen ins Feuer. Dann wandte er
sich wieder dem jungen Offizier zu.

"Bringt Er mir Rapporte?"

"Ich habe allerdings hier und dort herumgefragt -", fing der Rittmeister
zgernd an.

"Nun?"

"Dreiundfnfzig Geschtze, zweitausend Gefangene genommen!"

"Wei ich schon!"

"Die Mecklenburger haben einen Vogel erobert!"

"Der Adler wurde mir gemeldet, die genommenen Fahnen auch! Die Verluste
aber noch nicht ganz. Wei Er schon Genaues?"

Der Rittmeister schwieg und blickte zur Seite.

"Rede Er!" kam es scharf von Yorck.

"Zu Befehl, Exzellenz! - Es waren alles Helden!" sagte er dann leise, und
seine Lippen bebten.

Yorck nahm den Hut ab.

"Der Herr sei ihnen gndig", sagte er und faltete die Hnde.

"Wie viele?" fragte er dann.

"Von der Mannschaft fehlt der dritte Teil!"

Yorck zuckte zusammen.

"Ich hab's nicht vermeiden knnen", sagte er. "Es hat sein mssen!
Weiter?"

"Smtliche Regimentskommandeure sind fort. Achtundzwanzig
Stabsoffiziere - -"

"Namen nennen!"

Der Rittmeister las aus seinem Notizbuch vor:

"Von der Landwehr: Rekowsky, Thiel, Graf Wedell. Dann: General Steinmetz,
Major Hiller, Losthin, Maltzahn, Kossecki, Major Mumm, Major Leslie,
Oberst Borcke, Major Gtze, Othegraven, Krosigk -"

"Genug!"

"Fast alle Hauptleute fehlen - die Leutnants fhren die Bataillone -"

"Der Tod hat reiche Ernte gehalten", sagte Yorck und fletschte pltzlich
die Zhne. "Ja, ja!" setzte er schneidend hinzu, und ein grimmiges Lcheln
flog ber seine verwitterten Zge, "die Leute, die Er mir da genannt hat,
das waren eben - die 'Feiglinge' von Jena!"

"Herr General!"

Der Rittmeister stand aufrecht vor ihm und blickte ihn flammend an.

"Nun," sagte Yorck, "Er hat's doch auch vor sieben Jahren miterlebt, wie
nach Jena auf uns preuische Offiziere geschimpft wurde!

Kein gutes Haar lie man mehr an uns - kein Wort war schimpflich genug, um
unsere Feigheit und Wrdelosigkeit zu bezeichnen. Und wer schimpfte? Nun,
eben jene braven Brgersleute, die am Brandenburger Tor Napoleon die
Schuhsohlen leckten und nachher nicht schnell genug nach dem Schlo
vorauseilen konnten, um ihn dort nochmals ebenso unterwrfig zu empfangen.
Wer schimpfte aber auf die? Wer sagte auch nur ein bses Wort, als jene
Speichellecker dem Sieger zuliebe ihre sogenannten 'Nationalgarden'
errichteten, damit er keine Garnisonen in den Stdten zu halten brauchte?
Wer entrstete sich darber, da jene Garden ihm halfen, die
Kontributionen einzutreiben, oder weil die Shne der reicheren
Brgersleute sich in grngoldene Uniformen steckten, um als berittene
Boten und Dolmetscher bei den franzsischen Kommandanten Dienst zu tun?
Sagte einer auch nur ein Wort darber, da unsere Beamten whrend der
Okkupation brav und bieder weiteramtierten, als sei Napoleon ihr
rechtmiger Herrscher, und ihm halfen, die Einnahmequellen des Staates
aufzufinden? Nein. Aber die preuischen Offiziere, die muten ihre Haut
lassen. Nun - heute haben sie das besorgt, wenn auch nicht als
Sndenbcke, und den Herrn Napoleon haben sie bedient - aber in anderer
Weise, so wie's deutschen Mnnern ziemt. Und wenn sie's damals vor Jena
und Auerstedt nicht so gut taten - Henckell - ich sag's Ihm ganz offen -
dann lag's eben an unserer hundsmiserablen, rckenmarkslosen Regierung,
die wir hatten und noch haben, und die nicht regiert, sondern sich mit dem
Strom treiben lt. Na, heute haben nicht die Franzosen, sondern wir
Soldaten sie ins Schlepptau genommen, und sie mu mit dahin, wo das Heil
des Volkes zu finden ist. Aber es ist ein saures Stck Arbeit."

Er schwieg. Er dachte an den Tag von Tauroggen, auf den er mit gerechtem
Stolz zurckblicken konnte - dachte an des Knigs Wut, weil in "seinen"
Landen jemand gewagt hatte, einen Entschlu zu fassen und zur Tat werden
zu lassen, wo _er_ selbst es nicht wagte! Er dachte an seine Absetzung und
Stellung vor ein Kriegsgericht, von der er nur durch die Zeitungen erfuhr,
weil die Russen, mit denen er paktiert hatte, die kniglichen Kuriere
abfingen und zurckhielten, so da er sich um jene Kabinettsorder nicht zu
kmmern brauchte. Bis der Knig nicht mehr zu bremsen wagte, weil er sah
und sich sagen mute: "Das ganze Volk steht auf und fegt dich fort, wenn
du jetzt nicht mitgehst!"

Da appellierte er "an sein Volk", das lngst ohne das in Bewegung gekommen
war! Und sein Volk verga und gab sein Letztes: Besitz, Blut, Leben, alles
her!

An all das dachte der alte Isegrim wieder einmal und mit besonderer
Genugtuung, wie immer.

"An der Regierung liegt's", sagte er dann nochmals mit Nachdruck. "Und
ber ihr Haupt kommt all das Blut, das in diesem Kriege unntz vergossen
wird!

Diese ganze Schlchterei jetzt wre berflssig gewesen, und mancher brave
Mann htte zum Besten des Vaterlandes noch lange leben knnen, wenn die
Regierung ihre Pflicht getan und sich zur rechten Zeit zur Tat aufgerafft
htte! Wie haben wir anderen im vorigen Jahr, als die Trmmer der groen
franzsischen Armee durchs Land zogen, beim Knig und beim Staatskanzler
Hardenberg gebettelt.

'Lat doch die Marschlle und die paar tausend Offiziere aufgreifen, lat
sie festsetzen! Das ist jetzt mit Leichtigkeit und ohne Blutvergieen zu
machen!'

So haben wir gebeten. Aber nein - da mute gleich nobel getan und mit
Anstand und Menschenliebe geprahlt werden.

Die Leute wurden gefttert, gepflegt, gekleidet, Geld und Vorspann wurde
ihnen geliefert, damit sie heil und munter in ihr Land zurckkehren
knnten, um dort gleich ihrem Kaiser zu helfen, eine Armee gegen uns auf
die Beine zu stellen.

Das htte er aber nie und nimmer gekonnt, wren unsere Regierenden nicht
solche Schlappschwnze gewesen! Nun mssen die Besten unter uns bluten, um
das wieder gutzumachen. Und was dem Knig dann zum Regieren brigbleibt,
das sind eben jene Biederen, die Napoleon so brav die Schuhsohlen zu
lecken wuten! Wenn ich aber entscheiden mte, was uns mehr unntz
vergossenes Blut gekostet hat, unsere liebe Regierung oder die bergeniale
Leitung, die wir hier in der Schlesischen Armee haben, und die sich heute
wieder so verflucht gescheit bewhrt hat, da wir bald alle draufgegangen
wren - ich wte nicht, wem ich den Preis zusprechen mte!"

Und dann zog er gegen Gneisenau los, in dem er die Wurzel alles bels sah,
und ber Blcher, der jenen gewhren lie.

Die ewigen Hin- und Hermrsche seit dem Elbbergang bei Wartenburg, erst
mit Gewaltmrschen auf Leipzig zu - dann zurck nach der Mulde, als
Napoleon folgte, und hinter die Saale, als jener gar bis Dben vordrang!
Alles nur unntzes Leuteschinden!

Die Schlesische Armee mute so, nur wegen der Unruhe Blchers, hin und her
wie das Schifflein im Webstuhl, und zog auerdem die ganze Hauptmacht
Napoleons auf sich, weil der Kronprinz von Schweden nur eine Stunde
tglich marschieren wollte, und die Hauptarmee im Schneckentempo sich ber
die bhmischen Berge nach Sachsen hineinschob. Als die sich dann endlich
Leipzig so weit wie bis Liebertwolkwitz genhert und die Reitermassen
Murats von dort bis auf die Stadt zurckgeworfen hatte, so da Napoleon
eiligst zum Entsatz zurck nach Leipzig mute und von Blcher ablie, da
gnnte dieser seinen Leuten nicht die so sehr ntige Ruhe, da ging's
gleich in Eilmrschen hinter Napoleon her und sofort in den Kampf, kaum
da man sich ein wenig verpusten und abkochen konnte! Wobei Bernadotte,
wie immer, sein Bestes tat, um mit der Nordarmee nicht zu frh zur Stelle
zu sein, um helfen zu knnen.

"Unsere geniale Fhrung hatte eben so verdreht rekognosziert, da alles
bald schief gegangen wre - wre nicht der preuische Soldat eben der
preuische Soldat gewesen!" Und er schimpfte auf Blcher los.

Der hatte sich natrlich in den Kopf gesetzt, da der Feind von Osten ber
das Plateau von Breitenfeld angreifen wrde, statt aus dem Sden von
Leipzig aus, wie er's auch nachher wirklich tat. Er stellte also die ganze
Armee mit der Front gen Osten auf, wobei das Yorcksche Korps den Feind an
der rechten Flanke zu fhlen bekam, rechts drehen mute und vom Korps
Langeron abkam, das in der alten Richtung gegen die paar Feinde, die dort
standen, weiter vorging. Da das Korps Sacken als Reserve zurckgeblieben
war, mute also Yorck allein den Hauptkampf ausfechten.

Das ganze Korps des Marschalls Marmont stand da um und hinter dem an der
Elster liegenden Dorfe Mckern als Gegner und verteidigte seine Stellung
mit der uersten Hartnckigkeit.

Um jedes Haus, um jedes Gehft wurde Mann gegen Mann gekmpft, die
Landwehrleute schlugen mit dem Kolben drein, das Dorf wurde wiederholt
erobert und ebensooft verloren, die feindliche Artillerie warf ganze
Reihen von den Angreifern nieder. Yorcks Brigaden schmolzen hin wie Schnee
an der Sonne.

Aber er lie nicht locker, wo er einmal angefangen hatte.

Als er seine letzten Infanteriereserven verbraucht hatte, gab er endlich
der Kavallerie Befehl zur Attacke.

Mit lautem Hurra und Trompetengeschmetter sausten dann die
brandenburgischen Husaren unter Major Sohr in den Pulverqualm hinein, die
brandenburgischen Ulanen folgten, die litauischen Dragoner unter dem
Grafen Henckell ebenso, und dann alles, was noch an Kavallerie da war. Mit
verhngten Zgeln ging es auf die feindliche Stellung los, zwischen die
Batterien hinein, die Artilleristen wurden umgeritten und niedergesbelt,
die Karrees zusammengehauen, und alles, was noch Leben und Atem hatte, in
wilder Flucht und immer zunehmender Auflsung vor den Pferden
hergetrieben.

Alles, was Yorck noch an Truppen verfgbar hatte, lie er jetzt zur
Verfolgung vorrcken. Die Tamboure schlugen den Sturmmarsch, und
Ostpreuen, Schlesier, Mecklenburger und Brandenburger taten ihr Bestes,
um die Niederlage des Feindes so vernichtend wie mglich zu gestalten.

"Das sind alles die 'Feiglinge' von Jena gewesen!" sagte Yorck noch
einmal, als er mit dem jungen Rittmeister die Einzelheiten des Kampfes
durchgesprochen hatte. "Aber noch so'n Tanz, und ich habe keine Leute
mehr! Mancher Mutter Sohn hat heute die Erde kssen mssen! Zu viele
waren's, - - zu viele!"

"Dafr soll das Korps nun auch Ruhe haben!" antwortete der Rittmeister,
und meldete zugleich, da das Korps Yorck am nchsten Tag nach Wahren
zurckkehren sollte, um sich da neu zu formieren, und da die Russen unter
Sacken dafr in die Schlachtlinie einrcken wrden.

"Der Teufel auch!" rief Yorck zornig. "Das Schlachtfeld, das wir gegen den
Feind behauptet haben, behaupten wir auch gegen die Freunde. Das werden
wir wohl den Russen berlassen?! Nimmermehr!"

Der Rittmeister erwiderte, er htte selbst Gneisenau die Disposition
diktieren hren. Wobei Yorck in Wut kam und eine ganze Reihe von
Grobheiten gegen Gneisenau loslie, von dem das wieder nichts als
bodenlose Niedertracht wre.

Da klang von einem der Biwakfeuer das alte Lied: "Nun danket alle Gott!"

Am nchsten Feuer wurde der Gesang aufgenommen und pflanzte sich so weiter
von Feuer zu Feuer ber das ganze blutgetrnkte Feld, bis es, von
Tausenden von Stimmen getragen, gewaltig anschwoll, in machtvollen Klngen
alle anderen Gerusche verschlang, wieder abnahm, in sich zusammensank und
verstummte.

Yorck hatte seinen Hut abgenommen und stand da, still, gebeugten Hauptes,
und lauschte auf das Lied, bis es aufhrte. Dann sprach er seinen alten
Lieblingsspruch leise vor sich hin: "Anfang, Mitte und Ende, Herr Gott zum
besten wende!", setzte seinen Hut auf und verabschiedete den jungen
Rittmeister mit dem kurzen Befehl: "So, nun gehe Er an seinen Dienst!"

Auf einem anderen Platz des Schlachtfeldes stand noch jemand mit
entbltem Haupt und sang das Danklied mit. Es war Blcher.

Whrend seine Generalstabsoffiziere die Schreibarbeit versahen und die
Dispositionen fr den nchsten Tag ausfertigen, whrend Isegrim schimpfte
und nrgelte, machte er praktische Arbeit und legte selbst Hand an die
Bergung und Unterbringung der Verwundeten.

Jedes Leben, das er hier noch retten knnte, wrde er hten wie eine groe
Kostbarkeit. Seine Tapferen hatten durch ihren Heldenmut heute vielleicht
das Znglein der Wage auf Sieg gerckt, und nichts wre zu kostbar, um das
zu lohnen.

Denn, er fhlte es, er war zur rechten Zeit mit ihnen hergekommen.

Drben, jenseits Leipzigs, hatte es den ganzen Tag gewaltig gedonnert. Bei
der Schlamperei der Hauptarmee und mit der ganzen Hauptmacht Napoleons
gegen sich, hatte man wohl dort keinen entscheidenden Erfolg errungen.
Aber auch keine Niederlage erleiden knnen, nachdem es Blcher gelungen
war, hier bei Mckern Marmont festzuhalten und ihn daran zu hindern, zur
Untersttzung zu eilen.

Wre nur die Kronprinzenarmee zur rechten Zeit hier eingetroffen! Htte
Bernadotte nur seine Pflicht getan - da wre es mglich gewesen, auch die
beiden russischen Korps der Schlesischen Armee bei Mckern einzusetzen,
statt sie nur als Sicherung gegen mgliche berraschungen aus der linken
Flanke aufzustellen! Dann htten seine Preuen sich nicht verbluten
mssen!

"Kinder, wer heute abend nicht tot oder wonnetrunken ist, der hat sich
geschlagen wie ein Hundsfott!" hatte er vor Beginn der Schlacht seinen
Leuten zugerufen.

Und sie hatten sich wie Helden geschlagen.

Manch sangesfroher Mund war verstummt fr immer. Aber die noch da waren,
sangen um so froher.

Whrend des Gesanges war alles still geblieben. Auch ein paar Leute, die
auf einer aus zusammengelegten Gewehren zurechtgemachten Bahre einen
verwundeten Husaren trugen, blieben gerade vor Blcher stehen, setzten
ihre Brde ab, entblten ihre Hupter und sangen mit.

Blcher blickte hin. Es war ein Graubart wie er selbst. Er lag da in der
Uniform der schwarzen Husaren, unbeweglich ausgestreckt, und sthnte
leise.

Blcher ging hin, legte seine Hand auf den Arm des Verwundeten und fragte
nach seinem Befinden und seinem Namen.

"Krause! Auch frher bei den Bellingschen gedient!"

"Der Tausend auch! Da sind wir wohl alte Kriegskameraden?"

"Zu Befehl, Exzellenz! Ich war's ja - der damals - am Kavelpa - Exzellenz
wissen wohl noch -?"

Blcher schmunzelte.

"Ob ich's noch erinnere! Du warst es also, der mich gefangennahm?! - Sieh
nur! Das war gescheit von dir! Da hast du mir einen groen Gefallen getan,
mein Sohn! Dafr sollst du auch heute in meinem Bett schlafen! Ich geb's
dir ab. - Krause also?! Frher hiet du wohl anders! - Ich meine, das
letztemal, als wir von jener Begebenheit miteinander sprachen, da war dein
Name - -? Nun, gleichviel, wie er war! Du bist ein Husar, du hast dich
brav geschlagen - sollst es denn auch genau so gut haben wie dein General!
Tragt ihn in mein eigenes Quartier, Kinder!"

Die Trger griffen zu. Als sie aber die Bahre hoben, setzte sich der
Verwundete mit Aufbietung seiner letzten Kraft auf, starrte Blcher gro
an, seine Lippen bewegten sich, suchten nach Worten, das ganze Gesicht
arbeitete in Angst.

Schlielich gelang es ihm.

"Es ist wahr - ich _war_'s - ich -"

Und dann sank er zurck, der Kopf fiel hintenber, die Augen quollen vor,
ein blutiger Schaum trat auf die Lippen.

"Der Tausend!" sagte Blcher ergriffen. "Kaum finde ich meinen Solofnger
wieder - da ist er hin! Hattest du es aber eilig, mein Sohn!"

Er beugte sich ber den Toten und legte die Hand auf seine Stirn.

An den Wachtfeuern der Russen ging der Tanz weiter. Und drben stieg der
letzte Vers vom Fhnrich, der in den Krieg zog:

  "Am Grab sang dann eine Nachtigall:
  widibum fallera, juchheirassa!
  Am Grab sang dann eine Nachtigall
  ob seiner Tapferkeit -
  ob seiner Tapferkeit!" -

                                    *

"Der Kerl denkt, weil er mich einmal bei Lbeck zur Kapitulation brachte,
wird er's jetzt immer wieder tun! Der Teufel auch!" fluchte Blcher und
peitschte sein Pferd vorwrts, da seine Begleiter, Prinz Wilhelm und
Major Rhle von Lilienstern, kaum folgen konnten.

"Dem Faultier werde ich schon zeigen, wo Knig David sein Bier holte! Ich
werde dem Monsieur Polka tanzen lernen, da es nur so eine Art hat! _Den_
Kerl haben die hohen Herren zum Kriegsrat in Trachenberg berufen und mit
ihm den ganzen Kriegsplan beraten - mit mir nicht! Dazu war ich ihnen
nicht gut genug! Aber zum Eseltreiber - hol's der Teufel!"

In vollem Trabe langten die Reiter in Breitenfeld, nrdlich von Leipzig,
an. Auf dem hchsten Punkt des sanft gewellten Gelndes hielten zwei
andere Reiter in glnzenden Uniformen, mit blaugelben Straufedern an den
Hten.

Es waren Bernadotte und sein Adjutant.

Sie waren nicht etwa damit beschftigt, das Terrain fr den Aufmarsch auf
das Schlachtfeld um Leipzig zu untersuchen. Der Kronprinz, der nun auch
schwedische Geschichte lernen mute, lie sich ber die berhmte Schlacht
Vortrag halten, die Gustav Adolf einmal, whrend des Dreiigjhrigen
Krieges, dem General Tilly auf eben diesem Boden geliefert hatte.

Sie waren eben damit so weit gediehen, da die Sachsen, auf dem linken
Flgel der schwedischen Aufstellung, vor dem Sto der Wallonen Tillys in
wilder Flucht davongejagt waren; die Finnen unter Horn, die blauen und
gelben Regimenter unter des Knigs eigener Fhrung strmten gerade gegen
die Anhhe hier oben an, von wo die schwere Artillerie Tillys Tod und
Verderben in die Reihen der Schweden ste - das Schlachtenglck wandte
sich eben den Schweden zu, die Worte des Adjutanten wurden immer
hochtrabender, die Luft war von "Siegesfahnen schwl" - da galoppierte
gerade Blcher mit seinen Begleitern in die Geschichte hinein und warf die
Forderungen des Tages in die Bresche - die glorreichen Gestalten der
Weltgeschichte verblaten vor den blut- und lebenstrotzenden der Gegenwart
und wurden schmhlich in die Flucht geschlagen - Klios Griffel sank - die
Muse der Geschichte verhllte ihr Haupt - kurz: der Adjutant hielt sein
Maul, und Mars beherrschte in Blchers Person die Stunde.

Blcher hielt, atemlos von dem schnellen Ritt, vor Bernadotte, sagte:
"_Bon jour!_" und: "Wie geht's?" trocknete sich den Schwei aus der Stirn,
winkte Major Rhle schnell nher und schrie ihm mit heiserer Stimme zu:
"Sagen Sie ihm, da es hchste Zeit ist - hchste Zeit!"

"_Qu'est-ce qu'il dit?_" fragte Bernadotte etwas nervs wegen der
unerwarteten Unterbrechung seiner Geschichtsstudien.

"Sagen Sie ihm, es ist die hchste Zeit!" schrie Blcher noch
kratzbrstiger. "Er soll seiner Armee Marschbefehl geben! Er soll sofort
ber die Parthe gehen und auf den Feind einhauen! Die Schlacht beginnt,
wir warten schon seit Sonnabend frh vergebens auf den Monsieur - heute
ist's Montag, und er steht erst hier weit hinter uns! So'n
Schneckenkriechen angesichts des Feindes war noch nicht da!"

Der Major Rhle von Lilienstern verdolmetschte die Befehle seines
Obergenerals und tat es mit vielem Zartgefhl. Er verstand es, den
temperamentvollen Ausbruch Blchers in so tadellose Form zu kleiden, da
die erstaunt gehobenen Brauen Bernadottes wieder in die normale Lage
sanken.

Durch eine Neigung des Kopfes gab er zu erkennen, da er begriff.

"_Un moment!_" sagte er dann und fragte, sich an seinen Adjutanten
wendend: "Wo waren wir eigentlich? - Die schwere Artillerie Tillys stand
also auf dieser Anhhe? Und Gustav Adolf machte dort drben eine
Linksbewegung, um sich der drohenden berflgelung zu entziehen -
_n'est-ce pas_? Er setzte sich an die Spitze seiner 'Blauen' und seiner
'Gelben' - - -"

Und so lie er ungeniert die berhmte Schlacht bei Breitenfeld im
Dreiigjhrigen Kriege weitergehen, trotz der schon mit voller Gewalt um
ihn tobenden Leipziger Vlkerschlacht. Denn ein rechter Schlachtenlenker
lt sich durch nichts verblffen und verliert niemals seine Ruhe.

Blcher, der immer noch kein Franzsisch verstand, blickte bald Prinz
Wilhelm, bald Major Rhle an, die nur schwer ihre Munterkeit verbeien
konnten, und fragte: "Was redet er? Er spricht von Gustav Adolf! Er redet
von Tilly! Was gehen die mich an? Die sind alle beide lngst vermodert!
Heute heit's Napoleon oder kein Napoleon! Und der Monsieur dort soll mir
Antwort auf meine Frage geben, warum er mich im Stich lt?! Auch eine
Zumutung vom Groen Hauptquartier, mich, der ich kein Wort Franzsisch
kann, mit einem General zusammenzukoppeln, der kein Deutsch spricht! Weder
kann er mich, noch kann ich ihn kommandieren! Was mache ich nun mit dem
Kerl? Auf so'ne hahnebchene Idee konnte nur ein Franzsling wie Knesebeck
kommen!"

Bernadotte unterbrach noch einmal die Schlacht bei Breitenfeld, ritt an
Major Rhle heran und fragte hflich nach den Wnschen des Generals von
Blcher. Und ob ihm etwas zugestoen wre? Er wre ja so aufgeregt!

Major Rhle gab denn aus eigenem dem Kronprinzen Bescheid ber den Anla
zum frhen Morgenritt, nmlich: den Kronprinzen zu bewegen, mit der
Nordarmee schnellstens ber die Parthe zu gehen, stlich von Leipzig in
die Lcke zwischen der Hauptarmee und der Schlesischen Armee einzurcken
und so zu helfen den Ring um Napoleon zu schlieen und ihn dann mit aller
Macht anzugreifen.

Bernadotte schttelte den Kopf. Er war mitten in der Kriegsgeschichte
drin, die andere gemacht hatten. Und nun stellte man pltzlich die
Forderung an ihn: er solle selbst Geschichte machen! Geschichte
_demonstrieren_, ja, damit knnte er dienen! Und damit fing er denn auch
richtig an.

Er wies nach, da derartige Einkreisungsmanver in der Geschichte selten
oder niemals gelungen wren. Sie waren in den meisten Fllen nur zum
Nachteil des Angreifers ausgefallen! Und jetzt, mit einem Gegner wie
Napoleon, und ohne ihm einen zweiten Napoleon entgegenstellen zu knnen,
das wre aussichtslos! Dem Hannibal war das einmal bei Cann gelungen,
aber auch ihm nur das eine Mal!

Und Napoleon! Der kannte dies Terrain besser als jeder andere - ja besser
als die Einheimischen selbst! Der hatte, als junger Mensch, Europas Karte
buchstblich in sich hineingefressen! Sein Gehirn trug smtliche Berge,
Flsse und Tler des Kontinents im Abdruck! Stdte, Flecken, Burgen,
Schlsser, Wege, Defileen - alles hatte er im Kopfe! Es existierte nichts,
worber er nicht Bescheid wute! Er war ein Genie in der Ausntzung aller
Mglichkeiten! Gerade da, wo man es am wenigsten erwartete, sausten seine
Schlge nieder mit der Pltzlichkeit eines Donnerschlages! Nun, man wrde
ja sehen! "Hier, im Norden, wird er durchzubrechen suchen, wenn ich ihn
recht kenne", setzte der Kronprinz seinen Vortrag fort. "Alles spricht
dafr! Er mu nach Norden debouchieren! Den Plan, auf Berlin zu gehen, hat
er nur scheinbar fallenlassen! Er hat ja noch die wichtigsten
Elbfestungen: Dresden, Magdeburg, Hamburg. Er hat an der Oder: Kstrin,
Stettin - hat Danzig, hat groe Garnisonen berall, mit denen er sich
verstrken und unserer Herr werden kann! Er wird hier an Breitenfeld
vorbei durchbrechen - und mir zugleich meine einzige Rckzugslinie auf
Stralsund abschneiden. Dem kann ich mich nicht aussetzen. Er wrde mich
einkreisen! - - Nun - mit dem Kronprinzen von Schweden wrde er einen ganz
guten Fang tun!"

"Geb Gott, er nhme ihn! Wir geben ihn ihm mit Kuhand wieder!" sagte
Blcher grob, als Rhle ihm das alles verdolmetscht hatte. Es kochte in
ihm vor Wut, seine kostbare Zeit mit solchem Tratsch vertrdelt zu sehen,
und er schrie noch hochrot im Gesicht vor Zorn: "Der Kronprinz denkt wohl
am Ende, wir haben ihn uns kommen lassen, damit er uns den Napoleon
erklrt und uns angst und bange vor ihm macht?! Herr, solche Bangbuxen
haben wir ohne ihn mehr als genug. Wir brauchen nicht noch einen zu
importieren! Er soll seine Pflicht tun! Er soll sich auf seinen Platz in
der Schlachtordnung begeben und sich schlagen, wie's einem Mann geziemt!
Basta!"

Major Rhle bersetzte das in parlamentarische Ausdrcke und behauptete
mit eiserner Stirn: der General liee den Kronprinzen doch freundlichst
bitten, seiner Armee Befehl zum Aufmarsch zu geben. Worauf Bernadotte, der
sich Blcher gegenber in der glcklichen Lage eines Tauben befand, der
nichts zu verstehen brauchte, artig antwortete: er wre gern - und
besonders seinem alten Freunde Blcher gegenber - gefllig! Jedoch die
Klugheit gebiete ihm, lieber hinter dem linken Flgel der Schlesischen
Armee stehenzubleiben, um Napoleon in die Flanke zu fallen, falls er hier
durchbrechen sollte.

"Faule Ausreden, Herr!" schrie Blcher ihn jetzt direkt an. "Der Herr
Napoleon soll eben keine Lcher zum Durchbrechen haben! Die sollen ihm
verstopft werden, und dann wird er in die Pfanne gehauen! Verstanden?! In
drei Teufels Namen, Rhle, mache Er's doch dem Kerl verstndlich! Aber
wrtlich und ohne Umschweife!"

Das machte der Major, aber immer noch in seiner gewohnten diplomatischen
Weise. Worauf Bernadotte antwortete: Es wre gescheiter, wenn Blcher mit
seiner Armee, die doch am weitesten vorn stnde, sich nach links schieben
wrde und ihm berliee, mit der Nordarmee in _seine_ Stellungen
einzurcken.

"Das ist 'ne Unverschmtheit!" schrie Blcher. "Das Schlachtfeld, das ich
und meine Armee mit unserem Blute getrnkt haben, sollten wir, blo zu
seiner Bequemlichkeit, dem Laffen berlassen! Hol' ihn der Teufel, aber
wenn er mir mit derartigem kommt, kann er noch an mir etwas erleben!"

Prinz Wilhelm legte sich jetzt ins Mittel und beruhigte den Alten.
Inzwischen wurde Blchers Ablehnung ins Franzsische bertragen. Und in
_der_ Sprache klingt ja alles viel hflicher und liebenswrdiger, als es
gemeint ist!

Bernadotte verschlo sich nicht den guten Grnden, die Blcher fr seine
Ablehnung anfhrte, und erklrte sich schlielich bereit, den
Linksabmarsch vorzunehmen und noch heute in die Schlacht einzugreifen,
wenn Blcher ihm 30 000 Mann seiner Armee noch unterstellen wrde. Das
ganze Korps Langeron verlangte er von Blcher zu seiner Verstrkung. Er
wollte dann gleich eine Meile fluaufwrts gehen und bei Taucha, wo gute
Brcken waren, die Parthe berschreiten.

"Da kommt er doch erst nachmittags an den Feind heran", rief Blcher, sich
wieder ereifernd. "Wie kann einer so saudumm sein? Geradeswegs durch den
Flu soll er! Sag's ihm doch, Rhle! Geradeaus von hier geht sein Weg! Das
wei der Gauner ebensogut wie ich! Er will sich nur drcken!
Herrgottsakra! Das ist nicht mehr Dummheit! Das ist Niedertracht! Ich
werde ihm die 30 000 Mann geben! Er soll sie haben um des lieben Friedens
Willen, damit er endlich aus dem Krieg Ernst macht! Ich schlage mich
ebensogut mit dem Rest allein! Aber er soll zumachen! Sofort auf der
Stelle vorwrts! Das ist Bedingung! Sonst nehme ich ihm gleich meine Leute
wieder fort!

Bernadotte blickte fragend auf den Major. Er verstand, da Blcher
einwilligte, aber auch, da er schimpfte.

"Der General ist so ungeduldig", bemerkte er herablassend. "Er hat's wohl
eilig? Nun gut! Gehen wir gleich in mein Quartier, setzen wir auf der
Stelle unsere Vereinbarung schriftlich auf!"

Aus dem Sden von Leipzig hrte man jetzt schon Kanonendonner, und Blcher
konnte kaum noch seine Ungeduld meistern, whrend Rhle ihm Bernadottes
Worte bersetzte.

"Schriftlich will der's auch noch?! Der Teufel auch! Es ist schon zuviel,
wenn ich's ihm mndlich versprochen habe! Er soll mir den Puckel
herunterrutschen!"

Womit er sein Pferd herumwarf und ohne Abschied davongaloppierte.

Der Prinz und Rhle verabschiedeten sich in aller Form von Bernadotte,
besttigten ihm Blchers Einwilligung und setzten dann dem alten Hitzkopf
nach!

Blcher hielt unterwegs pltzlich an.

"Rhle!" rief er. "Erst befehlen Sie Langeron, sofort geradeswegs ber die
Parthe zu gehen! _Nachher_, wenn wir ihn da haben, wo wir ihn haben
wollen, dann erst sagen Sie ihm, da er heute seine Befehle vom
Kronprinzen von Schweden zu nehmen hat. Dann kann uns nichts mehr
passieren!"

Sie ritten weiter.

"Rhle!" sagte Blcher noch im Reiten, und ein spitzbbisches Lcheln
huschte ber sein Gesicht.

"Zu Befehl!"

"Wenn Er mir den Dolmetscher macht, da ntzt einem ja das ganze Schimpfen
nichts! Ich habe schon sein Scharwenzeln bemerkt! Er ist ein Filou! Ich
werde noch Franzsisch lernen mssen. Wie heit denn Donnerwetter auf
franzsisch - zum Donnerwetter?! Raus damit, da ich dem Kronprinzen
wenigstens _das_ direkt an den Kopf werfen kann!"

"Die Franzosen haben das mit dem Donnerwetter nicht, Herr General!"

"Nun, mit denen ist eben nichts los! Da wollen wir es ihnen einmal
beibringen! Und nun vorwrts!"

                                    *

Es war am Montag, dem 18. Oktober 1813.

Auf dem Colmberg hinter Liebertwolkwitz, sdlich von Leipzig, ging es
lebhaft zu.

Dort war fr den heutigen Schlachttag der Monarchenhgel, von dem aus die
drei verbndeten Herrscher sterreichs, Preuens und Rulands den Fortgang
der Schlacht beobachteten, oder wie sie dachten - leiten wollten.

Drei nebeneinander aufgepflanzte Standarten in den Farben der Monarchen
bezeichneten den Standort der Allerhchsten Dreieinigkeit.

Adjutanten, Ordonnanzen und Stallmeister eilten hin und her und brachten
Meldungen oder empfingen Weisungen. Auf kleinen Tischen lagen Karten und
Bestecke ausgebreitet. Furiere und Lakaien packten die Frhstckskrbe
aus, entkorkten Weinflaschen und bereiteten, an rasch gemachten Feuern,
den Tee. Im Hintergrund wurden die Hohen und Allerhchsten Leibpferde hin
und her gefhrt.

Ganz vorne lagen in drei bequemen, etwas auseinandergerckten Feldsthlen
die drei Gewaltigen, von Generalstabsoffizieren aufgewartet, die den
erklrenden Text zum Schauspiel sprachen und die Befehle der Majestten
empfingen, wenn ihnen Eingebungen von oben kamen.

Ein glnzendes Gefolge bildete den Hintergrund zur Monarchengruppe und
gleichzeitig die Kulisse, hinter der die Geschftigkeit der niederen
Dienerschaft sich ungeniert breitmachen konnte.

Da waren die kniglich-preuischen Generalmajore Freiherr von Hacke und
Freiherr von Knesebeck - der k. u. k. Feldmarschalleutnant Ritter von
Kutschera, der gleichfalls k. u. k. sterreichische Oberstleutnant Graf
Waldstein-Wartenberg, der unter seinen Ahnen gar einen Wallenstein hatte,
die russischen Generle Frst Wolkonsky und Graf Ovaroff, alles gewaltige
Helden und Schlachtenlenker, die tausendmal besser wuten, wie auf dem
Schlachtfeld alles gemacht werden sollte, als die, die es tatschlich
machten. Zuletzt, aber doch nicht der Letzte im Kreise, der
kniglich-grobritannische Generalleutnant Charles William Stewart, der
geheime Drahtzieher des von England bezahlten, von ihm erlaubten und in
seinem ureigensten Interesse gefhrten Befreiungskrieges, der es mit dem
Sturz Napoleons vom Alp der Kontinentalsperre befreien sollte.

Der Kaiser Alexander war in den sieben Jahren seit Tilsit flliger
geworden. Seine jnglingshafte Gestalt war einer gewissen selbstbewuten
Mnnlichkeit gewichen, die noch mehr vom Nimbus eines groen Kriegshelden
umstrahlt wurde, seitdem sein Glck ihm den Sieg des russischen Winters
ber den bis dahin unbesiegten grten Feldherrn seiner Zeit in den Scho
geworfen hatte.

Er war infolgedessen, im Rate der drei Monarchen, die unbestrittene
Autoritt in allen militrischen Dingen, deren Entscheidung fr gewhnlich
den Ausschlag gab.

Er ging heute ganz in der Betrachtung des Schauspiels auf, das sich vor
ihm abspielte, bte Kritik und gab Befehle und Anregungen.

Um ihn herum war ein Kommen und Gehen, ein Gewirr von Stimmen, eine
Aufregung, eine Verzckung, alles tat, als ob ihm gttliche Offenbarungen
zustrmten, und er selbst gab sich auch ungeniert und mit Grazie den
Anschein, das Ganze zu leiten.

Der Knig von Preuen trug immer noch seine alte, verdrieliche,
gelangweilte Miene zur Schau und schien von geheimem rger ber irgend
etwas Unaussprechliches geplagt zu sein. Seine Blicke glitten immer wieder
musternd ber die Uniform des neben ihm stehenden Generals von Knesebeck,
zhlten die Knpfe an seiner Hosennaht von unten bis oben, von oben bis
unten, und er geno dabei im geheimen die Wonne tdlichen Gekrnktseins
ber die Unverschmtheit Napoleons, ihn bei ihrem ersten Zusammentreffen
auf dem Memelflu zu fragen, ob er all die Knpfe an seiner Hosennaht
immer auf- und zuknpfen mte! -

Nun, heute wrde dem Korsen wohl das und so vieles andere mit Zinsen
heimgezahlt werden!

Kaiser Franz in weiem Uniformrock und roten Hosen, hager und vertrocknet,
mit dem langweiligen nichtssagenden Gesicht eines im Staub der Akten am
besten gedeihenden Kanzleimenschen, sa aufrecht im dritten Stuhl.

Ihm war's nicht ganz behaglich hier drauen, mitten im Trubel groer
Geschehnisse. Ihm wre viel wohler am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer
zu Schnbrunn, wo er nach Herzenslust Randbemerkungen und Verfgungen in
all die Gesuche um Gnadenbewilligungen hchst eigenhndig einzeichnen
konnte.

So etwas mute tglich erledigt werden, sonst hufte sich das an! Und kein
anderer durfte das besorgen. Wer wei, was ihm sonst an persnlichem
Tratsch verlorengehen wrde - und jetzt unwiderbringlich verlorenging,
solange er im Felde war!

Die ganze Kriegfhrung war ihm mit der Zeit herzlich gleichgltig
geworden. Es gab am Ende ja doch nur Niederlagen, wie oft man auch siegte!
Nach einem Aspern immer ein Wagram! Gegen Napoleon war ja nicht
aufzukommen!

"Kutschera!" rief er, und setzte sich noch gerader auf, so da die Falten
in seinem graublassen Gesicht sich in gestrenge, senkrecht verlaufende
Parallelen legten. "Schauen's a mal nach mei Reitpferd nach! Ob's auch
parat ist? Vorgestern, bei Gldengossa, wr's fast schief gange! Und heut
- man kann ja net wisse!"

Sein lieber getreuer Kutschera eilte, sich seines Auftrags zu entledigen.
Und der Kaiser blieb solange unbeweglich sitzen, ohne eine Miene zu
verziehen, und blickte in die Richtung, in die Kutschera gegangen war, bis
er wiederkam und alleruntertnigst meldete, da alles in Ordnung sei.

Der Kaiser berhrte dabei, ob absichtlich oder nicht, die Frage seines
lieben Vetters von Preuen nach dem Inhalt des Briefes, den er am
gestrigen Tage von seinem Schwiegersohn Napoleon bekommen hatte.

Kaiser Alexander antwortete statt seiner.

"Der Kaiser Napoleon wird Mitteilungen familirer Art gemacht haben",
sagte er ablenkend.

"Ihrer Majestt der Kaiserin Marie Louise geht es doch gut?" wandte er
sich dann direkt an den Kaiser Franz.

"Wollen das beste hoffen!" antwortete dieser trocken und blickte dann
vollkommen teilnahmslos ber das Feld hinaus, wo es jetzt anfing immer
lebhafter zuzugehen.

"So, jetzt geben's mir halt an berblick, Kutschera, wie vorgestern alles
richtig zugange ist!" befahl er dem Feldmarschalleutnant. "Mir ist's noch
nicht ganz klar!"

Kutschera legte los und gab seinem Herrn in kurzen Umrissen zu wissen, was
dieser am ewig denkwrdigen Sonnabend, dem 16. Oktober, miterlebt und
grtenteils bersehen hatte.

Und Kaiser Franz lie es ins eine Ohr hinein, durchs andere Ohr hinaus und
dachte dabei an das letzte Gesuch, das er noch an seinem lieben
Schreibtisch zu erledigen gehabt hatte, ehe er ins Feld ging. Es war das
Gesuch einer Postmeisterswitwe gewesen um Niederschlagung ihrer
rckstndigen Steuern. Das hatte der Kaiser abgelehnt. Denn Steuer mu
sein. Wo kme der Staat sonst hin, wenn all die kleinen Leute auf einmal
kmen und von ihren Steuern befreit sein wollten!? Sie mute zahlen wie
ein jeder. Aber, in einem Anfall von Gromut hatte der gute Kaiser dem
abschlgigen Bescheid eine Zuwendung von zweihundert Gulden aus seiner
Privatschatulle beigefgt.

Zweihundert - das war entschieden zuviel gewesen! Hundert htten es auch
getan! ber den Satz ging er sonst nicht hinaus! Dabei mte es bleiben!
Das gbe sonst Unsummen, die zum Fenster hinausflogen, bei den Tausenden
von tglichen Gesuchen!

Whrend der gute Kaiser solchermaen ber seine Postmeisterswitwe
meditierte, fuhr sein lieber, getreuer Kutschera in seinem Vortrag fort
und setzte ihm die Stellungen der Franzosen auseinander, die man am
sechzehnten angegriffen hatte. Denn die fing man jetzt allmhlich an im
Hauptquartier zu kennen, nachdem man sich zwei Tage lang die Kpfe
gekratzt hatte!

Drben im zerschossenen und halb abgebrannten Dorfe Wachau, wo jetzt der
Prinz Eugen von Wrttemberg mit seinen Franzosen und Russen stand, hatte
Napoleon seine Hauptarmee unter dem Befehl von Murat gehabt. Der rechte
Flgel unter Poniatowski war weit zurckgebogen am Pleieflu entlang bis
Connewitz, der linke unter Macdonald von hier, am Colmberg, bis in die
Gegend von Klein-Pna. Das Dorf links, zwischen dem Colmberg und Wachau,
war Liebertwolkwitz. Zwischen den beiden Drfern, am Galgenberg, hatte
Napoleon sein Biwak gehabt - -

"Ein ga-anzer Kerl, mei Schwiegersohn!" sagte Kaiser Franz nselnd. Er
fand es zwar nicht gerade fesch, aber doch verteufelt berlegen, gerade am
Galgenberg zu biwakieren.

Dann fing er wieder an zusammenzurechnen, wie viele Tage er keine Gesuche
um Untersttzung erledigt hatte - wie viele Gesuche pro Tag -, wie viele
Gulden pro Gesuch, und multiplizierte und addierte und kam zu einer
erklecklichen Summe an ersparten Geldern - erspart blo dadurch, da er
nicht zu Hause am Schreibtisch geblieben war. Und er wurde immer
zufriedener mit dem Leben im Felde, das ja sonst nicht seinem Geschmack
entsprach.

Dabei ging die Schlacht am sechzehnten in Kutscheras Vortrag weiter,
whrend ihre heutige Fortsetzung vor den nichtssehenden Augen des Kaisers
weitertobte. Dieser bekam sie also doppelt, aber geno sie nur einfach, da
ja der heutige Schlachttag noch nicht zum Vortrag befohlen und demgem
eingerichtet und fr den Allerhchsten Gaumen geniebar gemacht worden
war.

"Am sechzehnten," sagte Kutschera nselnd und die Worte langsam und
gemchlich ans Allerhchste Ohr schleifend, "am sechzehnten fing also
Prinz Eugen von Wrttemberg den Kampf mit achtundvierzig Kanonen an. Von
hier aus, vom Colmberge, wo wir jetzt sind, antwortete Napoleon mit einer
Kanonade aus hundert Geschtzen.

In drei Kolonnen gingen wir vor - in der Mitte, wie gesagt, Prinz Eugen
gegen Wachau, links von ihm, drben, mit seinen Preuen und Russen Kleist
gegen Markkleeberg, das dort weiter links an der Pleie liegt, whrend
unsere Leute unter Feldmarschalleutnant Klenau den Colmberg hier nahmen
und Liebertwolkwitz strmten.

Freilich muten wir aus allen drei Stellungen gleich wieder heraus, nahmen
sie aber noch einmal ein und gingen schlielich wieder zurck.

Die Franzosen waren ja in der bermacht mit 138 000 Mann, gegen die wir
nur 70 000 aufbieten konnten. Denn Frst Schwarzenberg selbst war drben
weiter links zwischen der Pleie und der Elster mit 30 000 Mann unter
Meerveld vorgegangen und hatte den Feldmarschall Graf Gyulai noch nrdlich
zwischen den beiden genannten Flssen vorgeschickt, bis Lindenau, um die
einzige Rckzugsstrae Napoleons nach Westen auf Weienfels abzuschneiden.
Na, der Frst wre wieder da. Drben in den Smpfen war kein rechtes
Fortkommen fr ihn. Heute haben wir also seine Armee mit hier und auerdem
die Reservearmee Bennigsens. Der Kronprinz von Schweden rckt auch noch
nordwestlich von der Stadt in die Schlachtlinie, nrdlich steht Blcher,
der Ring ist also um den Franzosenkaiser geschlossen, er kann nicht
heraus, er mu erdrckt werden -"

"Der Gyulai soll zurckgehen!" kam es dann pltzlich mit ungewohnter
Schrfe von Kaiser Franz.

Kutschera fuhr zurck.

"Majestt - das hiee doch dem Kaiser Napoleon die Rckzugsstrae ffnen!"

"San's mei Truppen, oder san's net?"

"Gewi sind sie es -"

"Na, denn sofort einen Adjutanten zum Frsten Schwarzenberg senden! Der
Frst soll sofort Gyulai mit seiner Truppe aus Lindenau zurckziehen!"

Kutschera verbeugte sich. Der Adjutant wurde expediert.

"Nun erzhlen's weiter!"

Kutschera erzhlte dann den weiteren Fortgang der vorgestrigen Schlacht,
wie Klenau und Gortschakow mit dem rechten Flgel zurckgehen muten - wie
Kleist mit dem linken standhielt, wie dagegen das Zentrum unter Prinz
Eugen durchbrochen wurde, als Murat mit achttausend Reitern zur Attacke
vorstrmte - wie die franzsische Reiterei fast bis zum Wachberge hinter
Gldengossa vorgedrungen war, wo die Monarchen an _dem_ Tag ihren Hgel
hatten, und wie sie allesamt gefangengenommen worden wren, wenn nicht
Orlows Kosaken und die russische Gardekavallerie den Franzosen in die
Flanke gesaust wren und sie vertrieben htten.

"Mei Pferd!" rief dann Kaiser Franz pltzlich. "Schauen's a mal wieder
nach, lieber Kutschera, ob's auch paratsteht? Und schauen's auch nach der
Bedeckung!"

Kutschera beruhigte den Kaiser darber.

"Am Sonntag auf dem Wachberg war i je net dabei!" sagte der Kaiser. "Aber
heute bin i da. Und es kann ja net schade!"

Dann versank er wieder in Gedanken und fand es gar anheimelnd, dazu das
Rattern der Flintenschsse von drben zu hren. Und Kutscheras langsames
Dahererzhlen wirkte so ungemein beruhigend dabei - ganz wie wenn man beim
Sturm und Unwetter daheim in der warmen Stube sitzt und den Hagelschauer
gegen die Scheiben peitschen hrt, whrend im Ofen das Feuer knistert und
Gromutter eine gruselige Geschichte erzhlt.

Gruselig genug war es ja zugegangen.

Um vier Uhr nachmittags hatte Napoleon bereits den Sieg in der Tasche
gehabt, die Angriffe der Verbndeten waren gnzlich zurckgeschlagen, er
lie schon in Leipzig die Kirchenglocken Sieg luten, befahl Marmont, der
nrdlich von der Stadt stand, zur Untersttzung herbei und wollte so die
Niederlage der Verbndeten vollenden.

Da traf Schwarzenberg von seiner verunglckten Expedition zwischen der
Pleie und der Elster in Wachau ein und brachte die Schlacht zum Stehen.
Und von drben kam Marmont, der sehnschtigst Erwartete, nicht. Vielmehr
wurde er bei Mckern von Blcher festgehalten und tchtig zermrbt. Als
Napoleon abends am Galgen biwakierte, hatte sich also das Blatt gewendet
und Fortuna bereits gegen ihn entschieden, obwohl von den Trmen Leipzigs
das Siegesgelute noch zu hren war. Am nchsten Tag kmpfte er dann nicht
wieder, am nchsten Tag verhandelte er, und das war gut. Denn so hatten
die Verbndeten Zeit, die Ankunft der Reserven Bennigsens und der Armee
des Kronprinzen von Schweden abzuwarten.

"Es war ja auch Feiertag!" sagte Kaiser Franz, der ein frommer Herr war
und auf Sonntagsruhe hielt.

"Drben bei Blcher fingen die Preuen aber trotzdem wieder an und
schlugen sich, bis ihnen der Frst Schwarzenberg den Kampf untersagte",
fuhr Kutschera fort.

Der Kaiser blickte schnell auf und winkte seinen lieben, getreuen
Kutschera nher. - Ganz nahe mute der Feldmarschalleutnant kommen und
sich so tief herabbeugen, da sein Herr ihm ins Ohr flstern konnte.

Mit einem verschmitzten Seitenblick auf Friedrich Wilhelm, der ganz
teilnahmlos in seinem Stuhle sa und ins Leere starrte, flsterte dann der
Kaiser rasch die paar Worte:

"Saupreien, verfluchte!"

Und Kutschera schmunzelte und nickte Einverstndnis. Der Kaiser versank
nach dieser Kraftuerung wieder in behagliche Gedanken. Er freute sich
darber, wie gut er den gestrigen Sonntag zu gebrauchen gewut hatte. Denn
er wre gern auf die Waffenstillstandsbedingungen Napoleons eingegangen
und htte schon seine Vorschlge angenommen, wenn dabei sein sterreich
nur ein paar Provinzen mehr und Preuen ein paar weniger bekommen htte!

Nun, das knnte noch werden!

Noch war nicht aller Tage Abend! Kme sein Schwiegersohn mit heiler Haut
davon, dann - nun - wozu wre er sein Schwiegersohn? Es ginge ja auch so,
in aller Gemtlichkeit und ohne Krieg! - Er hatte es ja schon schriftlich
von Napoleon in der Tasche - -

Der Kaiser schmunzelte.

Wie gut, da der brave Meerveld, der mit Napoleon persnlich so gut stand,
sich gestern so geschickt gefangennehmen lie! Das war alles, was ntig
war! Napoleon hatte ihm gleich sein Herz ausgeschttet und ihn schon am
nchsten Tag mit Vorschlgen und mit dem Brief geschickt. Und der Brief,
der enthielt nicht nur die geheimen Versprechungen an sterreich, der
enthielt auch die Bedingungen - Gegendienste, die verlangt wurden. - -

Der Kaiser fuhr auf.

"Hat man dem Gyulai schon befehlen lassen, von Lindenau zurckzugehen?"
fragte er scharf.

"Zu Befehl! Es sind zwei Kuriere an ihn abgegangen!"

"Hoffentlich krepieren's net alle beide unterwegs?" sagte der Kaiser. "Es
ist sehr wichtig, Kutschera, sehr wichtig, da Gyulai den Befehl erhlt!
Mei Schwiegersohn ist ein ganzer Kerl! Man darf ihn net zur Verzweiflung
bringe, dann knnte es uns bel gehe. Man mu ihm goldene Brcken baue.
Aus Deutschland mu er wohl raus. Aber sein Reich drben in Frankreich
soll er behalte drfe. Nun, was denn?!"

Und er schielte rasch nach Alexander hin, der im eifrigen Gesprch mit
Frst Wolkonsky dastand und lchelnd mit den Schultern zuckte.

Ob der Kaiser Alexander ihm das wohl wiedervergelten tte, wenn diese
Schlacht fehlginge, was ja schon sein knnte? Ob der's ihm heimzahlen
wrde, da er nach der unglcklichen Schlacht bei Austerlitz gleich einen
Separatfrieden mit Napoleon machte und sich verpflichtete, die verbndete
russische Armee auer Landes zu schicken? Ob der Zar nun seinerseits _ihn_
im Stich lassen wrde? Ganz war dem jungen Menschen doch nicht zu trauen!

Kaiser Franz stand auf und ging zu seinem lieben Vetter Alexander hin.
Auch der Knig von Preuen trat hinzu.

Der Knig war jetzt mit einer Frage geladen und kaute sich bereits die
Worte zurecht.

Er nahm den Arm Alexanders und zog ihn zur Seite.

Er hatte ausgerechnet, da Napoleon schon am sechzehnten htte
kapitulieren mssen, wenn Bernadotte mit der Nordarmee und die
Reservearmee Bennigsens rechtzeitig zur Stelle gewesen wren. Man htte
dann annhernd dreimal hunderttausend Mann beisammen gehabt, gegen die
Napoleon keine zweihunderttausend aufstellen konnte. Man hatte also eine
erdrckende bermacht.

Und trotzdem ging's nicht recht vorwrts. Die Meldungen besttigten, was
man auch von hier aus mit eigenen Augen sehen konnte, da die
sterreicher, die auf dem linken Flgel unter Hessen-Homburg von
Markkleeberg gegen Connewitz vorgingen, gegen Poniatowskis Polen nicht
recht vorwrts kamen. Und gegen die Hauptmacht Napoleons bei Probstheida,
gerade vor ihnen, konnten Preuen und Russen unter Kleist und Barclay de
Tolly auch keine nennenswerten Fortschritte aufweisen, trotz allem Aufwand
an Pulver und Blei - von ihrem Heldenmut nicht zu reden. Da kommandierte
aber auch Napoleon selbst, und unter ihm Angereau, Victor, Lauriston,
Murat, also lauter kriegserprobte Leute. Der Knig war besorgt.

Er blickte trbe in den Pulverqualm hinein, der ber der Ebene lag und aus
dem immerfort Blitze herausschossen, vom scharfen Aufbellen der Geschtze
begleitet.

Die Trompeten schmetterten, das Gewehrfeuer prasselte wie Hagelkrner an
die Fensterscheiben, das Rattern der Trommeln, das Wiehern der Pferde, das
Schreien der Sterbenden, das Rasseln der Fuhrwerke, alles vereinigte sich
zu einem einzigen ohrenbetubenden Gedrhn, das ber der Gegend lag.

Dann und wann zerri der Wind die Pulverwolke, und marschierende Truppen,
vorspringende Schtzenschwrme -, galoppierende Reitermassen kamen zum
Vorschein und verschwanden wieder in dem Qualm.

ber dem Ganzen der herrlichste Sonnenschein, der das bis gestern
herrschende Regenwetter abgelst hatte.

Gegen mittag wurde bei den Franzosen eine gewisse Nervositt merkbar. Man
schien einen Sturm zu planen, um sich Luft zu schaffen.

Eine Vorwrtsbewegung kam aber nicht zustande. Rckwrts ging es auch
nicht. Der ganze Ring der franzsischen Truppen sdlich um Leipzig herum,
gegen den die Verbndeten anstrmten, stand noch fest und ohne Wanken da,
soweit das Auge vom Colmberg aus blicken konnte.

Die Unruhe drben deutete also darauf, da bei den Franzosen von den
Schlachtfeldern nrdlich und stlich von Leipzig irgendwelche Nachrichten
eingegangen waren. Ob gnstige oder ungnstige, ob's Ansturm oder Rckzug
gbe, wrde sich bald zeigen.

Endlich liefen auch auf dem Monarchenhgel Meldungen ein.

Im Nordosten hatte Langeron mit seinen Russen Ney und Marmont aus
Schnefeld an der Parthe auf die Vorstdte von Leipzig zurckgeworfen.

Im Osten griff endlich Bernadotte ein. Seine Preuen unter Blow hatten
Paunsdorf gestrmt und Reynier, der es verteidigte, bis unter die Mauern
Leipzigs gejagt.

Dann traf von Bennigsen im Sden die Meldung ein, Holzhausen wre genommen
und Macdonald zurckgetrieben. Dreitausend Sachsen und einige Schwadronen
wrttembergischer Reiterei wren von Napoleon abgefallen.

"Die Nervositt drben deutet also auf Rckzug!" sagte Kaiser Alexander.
"Er hat genug. Er wird die Schlacht abbauen! Wollen nachhelfen!"

Und dann gab er Befehle. Die Adjutanten flogen in alle Richtungen, es kam
bald wieder Bewegung in das Ganze -, mit lautem Hurra wurde von allen
Seiten wtend gegen das franzsische Zentrum Probstheida angestrmt, aber
umsonst.

Der Feind wich nicht und wankte nicht.

Es galt fr ihn den Rckzug zu sichern. Auf der von Kaiser Franz
freigegebenen Strae ber Lindenau hatte Napoleon bereits Bertrand nach
Weienfels vorausgesandt, um Brcken ber die Saale zu schlagen. Und
jetzt, bei beginnender Dmmerung, fingen die franzsischen Kolonnen schon
an, sich ber den Ranstdter Seitenweg aus der Stadt hinauszuschieben, und
schlpften so allmhlich Regiment fr Regiment aus dem feuerspeienden Ring
heraus, den die verbndeten Truppen um sie geschlagen hatten.

Napoleon gab also die Schlacht verloren.

Freudestrahlend galoppierte Schwarzenberg mit der Siegesnachricht heran.
Und die drei Monarchen sanken bewegt in die Knie und dankten inbrnstig
dem Himmel fr den Sieg, den ihnen ihre Vlker mit ihrem Blut und
Aufopferung von Leben und Gesundheit erstritten hatten. Sie schoben somit
dem Himmel diese Tat zu und waren alsdann der Pflicht berhoben, ihren
Vlkern dafr zu danken.

Die Vlker hatten einfach ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan.
Die konnten dann, nach glcklich beendigter Lwenjagd und Erlegung des
Wildes, wieder an die Kette gelegt werden, damit sie kein Unheil
anrichteten und nicht am Ende jetzt, nachdem sie Blut geleckt und die
Freiheit von fremder Tyrannei erstritten, auch noch der heimischen los und
ledig sein wollten.

Drben hinter Probstheida, an der Tabaksmhle, sa in der Dmmerung mde
und zusammengebrochen der gefallene Herr der Welt am Biwakfeuer.

Um ihn herum wankte alles. Sein ganzes Werk - der stolze Bau seines
Weltreiches, von keiner inneren Notwendigkeit getragen, von seinem Ehrgeiz
nur und durch die Macht seiner gewaltigen Persnlichkeit zusammengekittet,
drohte zusammenzustrzen. Stck fr Stck brckelte es bereits ab und
wrde am Ende ihn selbst unter seinen Trmmern begraben.

Und was bliebe davon brig?

Der Fluch der Geknechteten, der Ruhm unsterblicher Heldentaten -,
Verarmung, Entvlkerung, Hunger und Elend berall, wo er seinen Fu
hingesetzt hatte. Kein Funken Liebe schlug ihm entgegen aus dem ganzen
Rund seines Riesenreiches, kein menschliches Gefhl des Dankes, nur khle
Bewunderung und unermelicher Ha.

Wer Ha st, erntet Ha. Rcksichtslos waren seine Schlge auf die Vlker
niedergesaust, hatten Gutes und Schlechtes miteinander niedergerissen und
Neues dafr aufgebaut! Aber auch das nur mit Gewalt! Gewalt war der
Anfang, Gewalt das Ende.

Ob er wohl aus dem Chaos sich noch ein Stck des Ganzen retten und dort
wieder anfangen knnte, Neues zu schaffen?

Ob er wohl wrde anders als bisher walten knnen? Sich selbst umschaffen?

Er schttelte den Kopf. Die Lippen zogen sich zu einem spttischen Lcheln
zusammen. Er blieb, der er war. Noch war nicht alles verloren, noch war
auf eine Wendung des Glcks zu hoffen! - -

Eine Granate schlug sausend in das Biwakfeuer und berschttete ihn mit
glhenden Kohlen und Asche. Das Feuer erlosch.

Er fuhr auf.

Die Nacht sank. Der Lrm der hinsterbenden Riesenschlacht legte sich
allmhlich. Ringsumher flammten die Biwakfeuer der verbndeten Gegner auf.

Er befahl seinen Wagen, warf sich in die Ecke und gab Berthier Befehl, den
allgemeinen Rckzug anzuordnen. Selbst wollte er noch im Hotel de Prusse
in Leipzig ein paar Stunden ausruhen und dann nach Weienfels
vorausfahren, nachdem er sich vom Knig von Sachsen verabschiedet htte.

Die Rheinbundtruppen unter Macdonald und die Polen Poniatowskis sollten
bleiben, die Stadt verteidigen und den Rckzug der Franzosen sichern. Dazu
waren sie gut genug.

Am nchsten Morgen drangen die Verbndeten in Leipzig ein. Zuerst die
Knigsberger Landwehr durch das Grimmaische Tor. Dann Blcher an der
Spitze seiner russischen Regimenter in die Hallesche Vorstadt. Yorcks halb
aufgeriebenes Korps, das durch seinen entscheidenden Sieg bei Mckern das
Schlachtenglck zugunsten der Alliierten gewandt hatte, durfte, zum groen
Leidwesen seiner tapferen Preuen, nicht am Schlusturm auf die Stadt
teilnehmen.

Es war nach Halle vorausgeschickt worden, um dort die Saalebergnge zu
besetzen, eine Manahme, in der der alte Isegrim nichts als eine
Niedertracht Gneisenaus sah, dessen Annherungsversuch er schnde
abgewiesen hatte. Er hatte Gneisenaus Glckwnsche zum Siege bei Mckern
mit einer schroff abweisenden Bemerkung beantwortet. Worauf Gneisenau sich
zu der uerung verstieg: "mit Yorck vertrgt man sich am besten, wenn man
mit ihm verfeindet ist!" und lie seinerseits nichts daran fehlen.

Mit dem blichen Geprnge und Tamtam hielten der Kaiser von Ruland und
der Knig von Preuen ihren Einzug in die eroberte Stadt. Kaiser Franz
blieb - wohl aus Familienrcksichten - der Siegesfeier fern. Der besiegte
Franzosenkaiser hatte ihm wohl wiederholt die vernichtendsten Niederlagen
und die beschmendsten Friedensbedingungen aufgentigt. Aber - er war halt
sei Schwiegersohn geworde! Und - man konnte ja net wisse!

Der Einzug der beiden anderen Monarchen war dafr um so eindrucksvoller.

berall, wo ihre Kavalkade durchkam, lagen Tote und Verwundete.
Pferdekadaver, zerbrochene Lafetten, Pulverkarren und Marketenderwagen
sperrten fast die Straen. Die Glocken luteten, die Huser flaggten, aus
allen Fenstern ertnte Freudengeschrei und begeistertes Winken. Hurrarufe,
Bllerschsse und der Gesang der einziehenden Regimenter mischten sich mit
dem Gesthn der Sterbenden und den Hilferufen der Verwundeten.

Auf dem Markt vor dem ehrwrdigen Rathaus war groe Parade,
Beglckwnschung der Monarchen, Belohnung der nicht gefallenen Helden,
Befrderungen, Ordenssegen und Gnadensonne. Ein jeder bekam, was sein Herz
begehrte, und alles schwamm in Wonne.

"Die zwei groen und schnen Tage sind verlebt," schrieb Blcher an seinen
Freund Bonin, "den 18. und 19. Fihl der groe Colo wie die Eiche vorm
Stuhrm, er der groe Tiran hat sich gerettet, aber seine Truppen sind in
unsern henden. Poniatoffsky wurde Blessirt und ist ertrunken, man glaubt
Angerau desgleichen, Rennie und Lauriston sind gefangen, der erste ist
Blessiert, den 19. wurde zu ende des kampffes Leipzig mit Stuhrm und
groer uf Opffrung genomen, man wollte Leipzig in brand schien ich wider
setzte mich die Russischen Batterien und sie durften nur mit kugell
Schien. -

an meiner seitte drank die Russische Infanterie zu erst in die Stadt, an
der anderen seitte die braven Pomern, es wahr ein kampff ohne gleichen,
100 Canonen sind in Leipzig genomen, unsere monarchen, da heist der
ostreische, der Russische kaiser und unser knig haben mich uf ffentligen
margte gedankt Alexander drckte mich ans HErtz."

Und an sein Malchen schrieb der zum Generalfeldmarschall Befrderte, "als
Frau Feldmarschallin mut du nun anstendig leben und sey nur nicht geizig
und la dich was abgehen! - - mit die ordens wei ich mich nun kein Raht
mehr ich bin wie ein alt kutsch Perd behangen, aber der gedanke lohnt mich
ber alles, da ich derjenige wahr der den bermtigen tihrannen
demtigte."

Alles jubelte, alles feierte in den berschwenglichsten Ausdrcken den
Fall des Kolosses, der solange wie ein Alp auf das Leben der Vlker
gedrckt hatte.

Der Triumph war teuer erkauft, viel zu teuer, wenn man bedenkt, wie viele
Tausende von Menschenleben bei grerer Entschlufreudigkeit und
geringerer Unzugnglichkeit der Regierungen htten gespart werden knnen.

Leipzig spie wie ein Vulkan Verwundete in alle Richtungen hinaus, wie der
amtliche Bericht eines Arztes sagte. Tausende von Verwundeten wurden nach
Halle und anderen angrenzenden Stdten von den Schlachtfeldern um Leipzig
gebracht. In Leipzig selbst lagen mindestens zwanzigtausend von allen
Nationen.

In dumpfen Spelunken, wo kaum zu atmen war, in Kirchen und Schulen, wo der
Oktoberwind durch die scheibenlosen Fenster klteschauernd heulte, lagen
die Kranken aufgeschichtet wie die Heringe in ihren Tonnen, alle noch in
ihren blutigen Gewndern, ohne Hemden, Bettcher, Decken, Strohscke,
geschweige denn Bettstellen erhalten zu knnen.

"Keine Nation ist bevorzugt, alle gleich elend beraten, und dies ist das
einzige, worber sie sich nicht zu beklagen haben", schreibt derselbe
Berichterstatter.

Aufgelaufene, brandige Glieder, gebrochene Arme und Beine, die weder in
die richtige Lage gebracht noch geschient und auch nicht amputiert werden
konnten aus Mangel an Heilgehilfen und an allen Hilfsmitteln -
Kinnbackenkrampf, Starrkrampf, Lhmungen berall - keine Wrter, keine
Hilfe, das war der Dank fr geopfertes Leben und Gesundheit. Wer nicht
aufstehen konnte, mute im eigenen Unrat faulen.

Im Hofe der Brgerschule ein Berg aus Kehricht und Leichen, die nackend
lagen und von Hunden und Raben angefressen wurden - -

Heldentod nach Heldenleben.

                                    *

  Schrum tsim tsim -
  schrum tsim tsim -

kratzten die Fiedler lustig und beherzt ihren Bssen, Bratschen und
Kniegeigen die ersten drei Schlge des Viervierteltakts ab, da die Wnde
wankten und die Kronleuchter klirrten. Der Kapellmeister schlug mit Wucht
hinterdrein und hielt seine ungestm vorwrtsstrmenden Musikanten zurck,
was er nur konnte, um das richtige altvterlich gezirkelte Zeitma
herauszubringen.

  Tram taram taram taramta
  ramtam tara rara
  ramtam tara rara
  ramtam - - - - -

zwitscherten und nselten Flten und Klarinetten. Ihre Tne trippelten
hbsch brav neben der altbekannten Melodie einher, die die Primgeiger mit
flottem Saltarello in duftigen Umrissen ber die Saiten warfen.

Mit unbewuter Grazie, schchtern und zaghaft, wie wenn ein unschuldiges
junges Mgdelein die Fuspitzen zchtig unter dem schtzenden Saum ihrer
Rcke hervorstreckt, um, die Erde kaum berhrend, elfenhaft
dahinzuschweben - so przise, gezirkelt und genau bemessen hpften die
Tne prickelnd hervor, kitzelten die Tanzlust bei alt und jung und
brachten den ganzen Saal in Bewegung.

  Schrum tsim tsim -
  schrum tsim tsim -

Mnnlein und Weiblein gaben sich die Hnde, drehten sich im Kreis, wiegten
sich, neigten sich, chassierten nach links, chassierten nach rechts,
figurierten, grten, lachten, scherzten, vom Licht der tausend Kerzen
berflutet, von unzhligen Spiegeln ins unendliche vervielfacht.

Soweit das Auge sehen konnte, Quadrille an Quadrille, streng nach der
Regel in ihren Bahnen beharrend und doch in lebhafter Grazie auf dem
glatten Parkett lustig und leicht hin und her gleitend.

Bunte Uniformen und schneeweie Schultern schoben sich zierlich aneinander
vorbei. Es war ein Weben, ein Schweben, ein Trippeln, ein Trappeln, ein
Klirren von Sporen, ein Blitzen und Funkeln von Sternen und Geschmeiden,
bezauberndes Lcheln auf holden Gesichtern, blendende Perlenzhne hinter
purpurnen Lippen, zum Beien und Kssen gleich verlockend, in tiefgrndig
trumenden Mrchenaugen blitzschnelle Abwehr, wenn verstohlenes Drcken
und zrtliches Flstern in heiem Ansturm zu rauben suchte, was erst nach
Sitte und Brauch in langer Belagerung erobert werden wollte.

Auf der Estrade an der Lngswand stand der Knig von Preuen mit seinem
getreuen Knesebeck und anderen Bevorzugten und blickte zerstreut in das
bunte Getriebe.

Ein Lcheln lag ber den sonst so griesgrmigen Zgen, und er lauschte
belustigt auf die bissigen Bemerkungen, womit das Gefolge meuchlings die
Tanzenden bedachte. Ihm bot sich aber auch ein seltsames Schauspiel dar.

Auf dem Ehrenplatz vor dem Thronsessel bewegten sich vier Paare, um die
herum sich in achtunggebietendem Abstand ein Ring von Zuschauern gebildet
hatte.

Verliebt wie ein junger Leutnant, charmant und geschmeidig, tanzte da
Blcher mit dem schnsten Mdchen im ganzen Saal -, ihm gegenber auf
steifen Beinen, wrdevoll und ernst, sein alter Waffenbruder und
Widersacher Yorck, der sich mhte, recht liebenswrdig zu erscheinen, und
dabei verzweifelte Gesichter schnitt. Rechts und links von ihnen
vervollstndigten Prinz Wilhelm und der Obrist von Katzeler mit ihren
Damen die Quadrille. Und Blcher kommandierte, wie sich's gehrte.

  "_Chassez croisez!_
  _Balancez!_
  _A gauche! -_
  _A droit! - - -_"

kam es mit Donnerstimme unter dem buschigen Schnauzbart hervor, und alles
parierte, alles figurierte im ganzen Saal, przise wie auf dem
Paradeplatz, erst im engeren Verband der Quadrillen, und dann, als das
Kommando "_Grande chane!_" fiel, zu einer einzigen endlosen Doppelkette
vereinigt, die sich in wogender Gegenbewegung um den ganzen Saal ringelte,
bis die auseinandergeratenen Prchen sich wieder zusammengefunden hatten.

"Dem Knig und Herrn alles Ordensegens spenden wir nun auch einen Stern!"
donnerte wieder die Stimme des Feldmarschalls durch den Saal. "Die Kegel
ran! _Etoile!_"

Und in jedes Karree sprang ein junger Offizier hinein, streckte die Hand
hoch, die anderen Herren ergriffen sie, und dann ging's in sausender Fahrt
um den so geschaffenen Mittelpunkt herum, da es den Zuschauern auf der
Estrade schwindelig wurde.

"_Changez les dames!_"

In jedem Stern flogen die Damen aus dem Arm ihres Tnzers in den des
nchsten und so weiter, bis sie sich wiedergefunden hatten.

"Nun, Exzellenz, warum so steif mit dem Tanzbein?" rief Blcher Yorck zu,
der ihm nicht schnell genug vorwrts kam. "Wir sind nicht an der Katzbach,
wir sind am Rhein! Da setzt's andere Sprnge! In einer Tour bis nach
Paris!"

Yorck fing schon an eine Antwort zu brummen. Blcher schnitt sie ihm aber
ab durch ein mit Stentorstimme hingedonnertes: "_Grande Polonaise!_"

  Tram tararam, tam, tam, tam -
  tram tararam, tam, tam, tam -

fiel die Musik sofort gehorsamst ein, mit dem gravittischen
Dreivierteltakt der Polacca, und Paar an Paar gereiht, defilierten die
Tanzenden mit Anstand und Wrde am Thron vorbei und brachten dem gndig
dankenden Knig ihre Huldigung dar.

Dann wurde Kurs auf die reich besetzten Bfette genommen, um sich dort
nach den Anstrengungen des "Feldzuges" zu laben und wieder gefechtsbereit
zu werden.

"Bekommen wir bald Frieden, Exzellenz?" lispelte die junge Dame Blchers
und nippte an dem ihr von ihm dargebotenen khlenden Getrnk.

"Ebenso gewi wie ich heute Geburtstag habe!" antwortete Blcher, der
einer jungen Dame gegenber an alles andere als an Friedensverhandlungen
dachte.

"Nun, den feiern wir doch eben!"

"Wir feiern ihn, ja! Aber wir haben heute den vierzehnten Dezember, und
ich war so frei, mich erst am sechzehnten auf die Welt befrdern zu
lassen!"

"Das Glck! Dann knnen Exzellenz ja bermorgen wieder Geburtstag feiern!"

"Das mache ich mir auch zunutze! Heute hier in Wiesbaden, bermorgen in
Frankfurt! Man hat's eben hier mit mir zu eilig gehabt! Und so ist es auch
mit dem Frieden! Die guten Leute knnen es nicht abwarten. Was bermorgen
sein soll, nehmen sie schon heute vorweg! Und - wenn wir das nicht zu
verhindern wissen - so bekommt der arme Wechselbalg von einem Frieden sein
Wiegenfest, ehe er geboren ist, kommt zu frh auf die Welt, taugt zu
nichts Rechtem und ist weder dem Sieger noch dem Besiegten zur Freude!
Aber, meine Gndigste, man spielt schon zum Walzer auf! Der Kampf geht
weiter. Verlieren wir nicht die Zeit mit Friedensgesusel! Da strmt schon
unser mutiger Obrist Katzeler zur Attacke heran! _En garde!_ An die
Verteidigung!" -

"Der Walzer gehrt dem Obristen!" -

"Nun, dann retiriere ich! - Jugend gehrt zu Jugend! Aber besiegt erklre
ich mich noch nicht! K' die Hand, meine Gndigste! - Vorsicht, Katzeler!
Zu tief in holde uglein geschaut, macht leicht straucheln!"

Er blickte dem davoneilenden Paar nach, machte sich dann an das Bfett
heran, tat sich gtlich an den dort aufgedeckten Leckerheiten, a mit
einem wahren Brenhunger und fluchte dabei ber den faulen Frieden, mit
dem man ihm nach jedem Sieg um die Ohren schlug und der ihm sogar hier im
Tanzsaal die Kampfesfreudigkeit verleidete!

Er fluchte respektlos ber den Knig und seine "feigen" Ratgeber, die,
Majestt versteht sich ausgenommen, alle miteinander an den Galgen mten!
Immer wieder fielen sie ihm in den Arm, gerade wenn er den Gegner
vernichtend treffen wollte. Immer wieder verlngerten sie den Krieg durch
ihre Dummheit, ngstlichkeit und ihre bereilten Manahmen! Der Friede
wre lngst da und weit vorteilhafter, als sie zu trumen wagten, wenn sie
ihm nur nicht immer zur Unzeit mit langgestreckten Hlsen nachliefen!

Aus dem Tanzsaal sprudelten die Melodien herber, mit heiterem
Stimmengewirr und dem Lachen der Tanzenden vermischt. Blcher ging auf die
Tr zu. Drben am Thron standen immer noch der Knig, der Staatskanzler
und ihre Speichellecker.

"Hol' sie der Teufel!" brummte er halblaut. "Denen werd' ich wohl was
vortanzen?! Der Kuckuck auch. Zum Tanz aufspielen, das schon eher, wenn
sie sich nicht sputen und sich endlich aus dem Dusel aufraffen! Das gibt
dann aber eine andere Polka!"

Er verfgte sich nach den entlegenen Slen, wo fern vom Getaumel
trinkfeste Mnner Bacchus huldigten. Er tat im Vorbeigehen einen Blick in
den Spielsaal, ging aber nicht hinein. Er liebte immer noch das Spiel fast
ebenso leidenschaftlich wie die schnen Frauen. Seit Anfang des Feldzuges
rhrte er aber keine Karte mehr an.

Aufregung und Anregung gab ihm der Krieg zur Genge. Dazu bedurfte er des
Spieltisches nicht!

Er begab sich also in den Keller, nahm unbemerkt im Dunkel einer Nische
Platz und lie sich Wein kommen.

Um den langen Tisch, inmitten des Saales, saen eine ganze Reihe meistens
jngerer Offiziere mit hochroten Gesichtern in eifrigster Unterhaltung.
Sie schimpften, da es Blcher gar warm ums Herz wurde, und verdonnerten
die Diplomaten nach Noten.

"Habt ihr den Metternich gesehen?" rief einer. "Wenn ihr den Fuchs gesehen
habt, dann wit ihr Bescheid. Wir Preuen sollen da immer und immer wieder
bluten, nur um den Englndern und den sterreichern die Kastanien aus dem
Feuer zu holen! Und nachher werden wir geprellt! Wir haben Napoleon
besiegt, haben ihn aufs Haupt geschlagen - und der Herr Metternich hat
nichts Eiligeres zu tun, als ihm den Rcken zu steifen! Habt ihr von den
Friedensbedingungen gehrt, die er jetzt wieder dem Franzmann geboten hat?
Friede und Freude, und die Pyrenen, die Alpen und den Rhein als Grenzen!"

Ein allgemeiner Aufschrei beantwortete die Nachricht.

"Schufte und Gauner sind's, die das befrworten!"

"Es sind hohe Herren, Frsten und Generle darunter!"

"An den Galgen mit ihnen!"

"Aufknpfen das ganze Gesindel! Schwarzenberg und Metternich voran!"

"Sind das Bundesbrder!"

"Immer hinken sie nach, immer halten sie zurck und tuscheln hinter
unserem Rcken mit den Franzosen!"

"Die sterreicher denken nur an ihren eigenen Vorteil! Und den suchen sie
in Italien! Da wollen sie sich bereichern! Deutschland ist ihnen
gleichgltig!"

"Ob wir frei werden oder nicht, ist denen Wurst!"

"Das ist ein Irrtum! Die sterreicher wrden uns gern an Hnden und Fen
gefesselt sehen! Nur kein starkes Preuen, nur kein einiges Deutschland!
Deshalb paktieren sie und treiben hinter unserem Rcken Kuhhandel mit den
Rheinbundfrsten, diesen Verrtern an der deutschen Sache! Sie befestigen
jene Knige von Napoleons Gnaden auf ihren Thrnchen, statt sie zum Teufel
zu jagen!"

"Ganz recht, und deshalb sollen wir eben nicht ihres Kaisers Schwiegersohn
Napoleon kaputt machen drfen! Deshalb drfen wir ihm nicht seinen
Lnderraub nehmen - deshalb lieen sie ihn bei Leipzig entschlpfen und
hinderten uns an der Verfolgung, wo wir ihm so brav an den Fersen hingen.
Keinen Mann htte er heil nach Frankreich zurckgebracht, htte man uns
bei der Stange gelassen! Und die lassen ihn mit ganzen siebzigtausend Mann
nach Mainz hinber!"

"So 'ne Schweinerei war noch nicht da! Die mten mit Ruten gestrichen
werden, die das verbrochen haben!"

"Und jetzt, was machen wir jetzt! Sechs Wochen lang stehen wir schon am
Rhein und drfen nicht hinber. Unsere Herren Frsten stehen da und gucken
ins Wasser und finden es tief und finden es breit, und schtteln die Kpfe
und machen bedenkliche Gesichter. Der Knig will nicht, der Kanzler will
nicht, das Groe Hauptquartier will verhandeln, die Russen wollen heim in
ihr Land. Keiner wagt den Sprung! Inzwischen wird Napoleon wieder stark -
und wir mssen wieder bluten!"

So schrien und tobten sie erregt durcheinander, und der Tabaksqualm legte
sich in immer dichteren Wolken ber sie und zog in langen Ringeln unter
dem Gewlbe hin, durch die Tr hinaus.

Blcher sa unbeweglich in einer Ecke und lie sich nichts merken.

Am Ende des Mitteltisches, etwas abseits von den anderen, sa allein und
schweigend ein groer, starker Kerl in Infanterieuniform und trank in
aller Ruhe mit tiefen Zgen einen Schoppen nach dem anderen. Mit jedem
Glas wurde sein Gesicht rter und seine Augen stierer. Er schien sich
gewaltig zu giften ber all das, was die anderen vorbrachten, und kam
immer mehr in Wut.

Schlielich fegte er Glas und Kanne vom Tisch herunter, stand auf, zog die
Plempe, schwang sie mit beiden Hnden hoch ber den Kopf und lie sie mit
voller Wucht auf die Tischscheibe niedersausen.

"Borussia!" schrie er, da es im Saal drhnte und alles verstummte und
sich zu ihm umwandte. "Borussia, wach auf! Von allen Seiten umschleichen
dich Feinde! Ringsum lauern falsche Freunde darauf, dich zu knebeln!

Denn du bist das Herz Deutschlands, die Wurzel seiner Kraft, die Quelle
seines Blutes und der sthlerne Ring, der bestimmt ist, all die deutschen
Stmme zusammenzuhalten und stark und mchtig zu machen. Hte dich vor
deinen schwachen Stunden, Borussia, la dir kein Gift in die Ohren
trufeln - wehr dich gegen die Falschheit derer, die ihre Dolche mit
Friedenspalmen verdecken! Wehr dich, sonst hast du umsonst geblutet, ohne
Nutzen den Kampf um die Freiheit gefhrt. Ohnmacht, Armut, Knechtschaft,
Schmach und Demtigung vor Fremden wird dein sicheres Los! Hre nicht auf
den Sirenengesang! La deine Knappen mit ihren Schwertern auf ihre Schilde
schlagen, da du die Stimme der Verlockung nicht hrst. Du lieest dich
schon zu oft tuschen! Du lieest dich zu Boden werfen, wurdest
ausgeplndert und zum Frondienst gezwungen! Und nun, wo der Himmel ein
Wunder tat und deine Fesseln lste, wo du weiter nichts zu tun brauchst,
als die Hand auszustrecken und zu nehmen, was dein ist, da lt du dich
beschwatzen, auf die Segnungen einer fernen Zukunft vertrsten, wo die
Gegenwart dir blht wie noch nie!

Borussia, wach auf! Sieh in der Sonne den Rheinstrom glitzern! Sieh sein
heiliges Band alle deutschen Gaue umschlingen! Frei wlzt er seine Wogen
dem Meere zu, an beiden Ufern wieder deutsch, wie er's immer war, wenn du
nur wolltest. La nur nicht die Welschen an ihn heran! Die bleiben nicht
wie du trumend an seinem Ufer stehen! Die werden stets zu neuen Raubzgen
hinberwollen, dir Mark und Blut aussaugen und sorgsam verhten, da du
jemals wieder zu Kraft und Macht erstarkst! Borussia, wach auf!"

"Die schlft schon nicht, junger Mann!" sagte Blcher, trat aus seiner
Nische ins Licht hinaus, ein Glas in der einen, ein paar Flaschen in der
anderen Hand, und setzte sich an das andere Ende des langen Tisches. "Denn
das ist kein Schlaf mehr! Da gehrt ein ganz anderes Wecken dazu, als Sein
bichen Krhen! Da helfen auch nicht die Posaunen des Jngsten Gerichts!
Bei der dicken Schlafmtze, die die Sicherheitskommissariusse der Madame
ber die Ohren gezogen haben, knnte der Himmel herabfallen, und sie
merkte nichts. Die wacht nicht uff. Wir geben ihr wohl mitunter einen
Schubs und bringen sie auf die Beine, da sie Anlauf nimmt und im Schlafe
siegt. Und dann fllt sie um und trumt vom ewigen Frieden! Und der Feind,
der Herr Napoleon, der niemals schlft und niemals trumt, er lacht sich
ins Fustchen und geht ihr immer wieder durch die Lappen. An der Saale
htten wir ihn jetzt packen knnen, an der Unstrut auch! Bei Auerstedt, wo
er uns schlug, htte er zur Wiedervergeltung eins auf die Mtze haben
mssen - bei Erfurt, wo wir frher einmal vor ihm kapitulierten, bei
Fulda, berall wre er geliefert gewesen, wenn wir bei der Stange
geblieben wren und zugelangt htten. Am Hrselberge hinter Gotha, wo wir
nach Jena so brav vor ihm gelaufen waren, da rchten wir uns aber in echt
deutscher Weise - da lieen wir ihn ebensogut vor uns laufen, gerade als
seine Vernichtung sicher war. Da spielten wir immer noch auf hheren
Befehl Blindekuh und sagten uns: 'Nee, da luft er nich, wo er luft! Er
luft sicher anderswo!' Und kletterten ber die Vogelsberge und guckten in
das Lahntal hinein und wunderten uns ba, da er uns nicht den Gefallen
tat, uns auch da etwas vorzulaufen.

Und nun sitzt er hinterm Rhein und pflegt seine Frostbeulen und salbt
seine wunden Fe. Und wir sitzen diesseits und blasen auf der
Friedensschalmei und tanzen und vergngen uns. Nun ja - hbsch sind ihre
Mdchen, das mu ich den Rheinlndern lassen! Und ihre Weine - - Na, komme
Er her zu mir, junger Mann, brechen wir miteinander dieser Pulle den Hals!
Da drin ist Sonnenschein - da drin ist Glut und froher Mut, aber keine
solche Wut, wie Er sich wohl aus Seinem Surius drben angetrunken hat!
Sieht Er, schne Redensarten, die kann ich auch machen! Nun will ich Ihm
aber auch vormachen, wie man den Mund hlt, wo's gilt, eine Tat fr ein
Wort zu setzen! Prost! Giee Er den Rebensaft die Kehle runter! Und keinen
Ton dabei - keinen Ton, auf da Ihm nicht die Galle bertritt. Siebzehn
Jahre wollen wir wieder werden, voll guter Laune, bermut, Tollheit und
schwellender Kraft, die singt und jauchzt und sich des Daseins zu freuen
wei. Dann sind wir morgen andere Kerle, und die Welt wird uns neu und
frisch und keusch wie eine aufblhende Jungfer, die dem gehrt, der sie
ohne Federlesens zu nehmen versteht, aber nimmermehr dem Worthelden, der
ber seinem Gefasel das Zupacken vergit. Wir _tun_, was _wir_ tun! Wir
lassen Schufte und Gauner Schufte und Gauner sein! Wir haben anderes zu
tun, als dem Gesindel Galgen zu errichten und Strafpredigten zu halten!
Prost!"

Trotz seinem Schweigegebot versumte er es aber auch nicht, selbst das
Wort zu nehmen und eine Rede zu schwingen, sooft nur der Geist ber ihn
kam.

Der andere hatte ihm eben nur das Wort aus dem Munde genommen und das
ausgesprochen, wovon er just im Begriff war, selbst berzusprudeln.

"Solche Leute mu man beizeiten dazu bringen, den Mund zu halten", dachte
er schmunzelnd. "Denn sagen sie zuviel, dann verderben sie einem nur das
Spiel!"

                                    *

Am Neujahrstag in aller Frhe hielt Blcher dann hoch zu Ro auf den
Hgeln des Rheinufers bei Caub und blickte in den grauen Tag hinein.

Unter ihm schlngelte sich die dunkle Masse seiner braven Armee ber die
Schiffsbrcke nach der kleinen Insel mitten im Flu, wo die alte Pfalz
liegt, und weiter nach dem jenseitigen Ufer, die Hgel hinauf.

Die Felsen warfen in immer wachsendem Echo das Hurra und das
Freudengeschrei hinber und herber und kndeten den Landeskindern
jenseits des Rheins: jetzt ist die Schmach getilgt, jetzt seid ihr wieder
Deutsche, wie ihr es immer wart und immer wieder werdet, was auch kommen
mag.

Dem alten Kmpfer schwoll das Herz vor Freude, er jauchzte mit, und durch
die Trnen, die ihm aus den Augen quollen, sah er sieben Sonnen, und alle
gingen sie ihm heute drben, im Westen, auf. Drben lag befreites
deutsches Land! Drben lief der Feind, was das Zeug hielt -, drben lag
Paris! -

Ein Katzensprung nur, und Paris war sein, die Hhle des Lwen ausgehoben,
der Quell alles Unheils verstopft, der Feind der Vlker von seiner
ragenden Hhe gestrzt! Nichts knnte mehr etwas daran ndern!

Drben liefen ja die Franzosen - - -

Sie liefen - lieen aber drben im befreiten Lande eine Grenzwache zurck,
der weder Pulver noch Blei etwas anhaben konnte: - den Typhus! Und der
machte seine Sache so brav, da allein vom Yorckschen Korps fnftausend
Mann ins Gras beien muten. Dem Typhus zur Seite wtete ein noch
unheimlicherer Feind: der Meuchelmord, der in jedem Bauernhause lauerte,
je weiter man ins rein franzsische Land drang. Denn es war ja ein
schwerer und unverzeihlicher Frevel von den Deutschen, den geheiligten
franzsischen Boden mit Krieg zu berziehen! Wozu waren die deutschen Gaue
da? War es nicht seit altersher den Vlkern zur Gewohnheit geworden und
also zum Recht, dort ihren Hader auszutragen und ihre Streitrosse zu
tummeln?! Hatten sie nicht den Deutschen dafr gedankt, indem sie ihr Land
nicht nur gndigst ausplnderten, sondern es auch mit den schnsten Ruinen
schmckten?!

Kein Mhsal, keine Gefahr, keine Seuchen, gar nichts vermochte aber das
Ungestm der Schlesischen Armee und ihres Fhrers zu brechen.

Unaufhaltsam drang sie auf ihr Ziel vor, ob die anderen Heere folgten oder
nicht.

An Bernadotte brauchte Blcher nicht mehr zu schleppen, da diesem Helden,
nach seiner gloriosen Leistung bei Leipzig, das Kommando der Nordarmee
genommen worden war.

Und die Hauptarmee mit ihrem ganzen Tro von Monarchen, Frsten und
Diplomaten, kmmerte ihn zunchst wenig.

Die schleppte sich im gewohnten Tempo, fern vom Schu, bei Basel ber den
Rhein nach Frankreich hinein, blieb dort auf der Hochebene von Langres
staunend stehen, und bewunderte die sonderbare Eigenschaft dieser
Wasserscheide, von dort nach drei verschiedenen Meeren gleichzeitig ihr
Wasser lassen zu knnen.

Von all den Flssen, die dort ihren Anfang nehmen, trug, wie zu billigen,
die Seine den Sieg ber die anderen davon.

Aber schon ehe die Hauptarmee ihre schwerfllige Masse nach dem Seinetal
in Bewegung setzte, fingen die Diplomaten sterreichs, unter Metternichs
Fhrung, wieder an, dem Schwiegersohn ihres Kaisers auf der
Friedensschalmei ein Stndchen zu blasen, und boten ihm die alten Grenzen
Frankreichs von 1792 an und den ungestrten Besitz seines Thrones fr
immer und ewig -, was in unserer Laiensprache so viel wie bis zum nchsten
Krieg heit. Denn Napoleon war ja, wie auch der preuische General von
Knesebeck hervorhob -, er war ein frmlich anerkannter und recte gesalbter
Monarch - er war Herrscher von Gottes Gnaden und hatte also zum mindesten
auf die Gnade der Mitmonarchen einen Anspruch.

Napoleon sah das auch ein, lie sich gndigst herbei, mit seinen
berwindern zu verhandeln, und schickte zu dem Zwecke seine Friedensboten
nach Chatillon.

Da war es wieder Blcher, der den friedfertigen Kampfgenossen in den Arm
fiel - aber in einer von ihm selbst am allerwenigsten beabsichtigten
Weise, indem er sich an der Marne grndlich - nicht _ein_-, sondern
_fnfmal_ von Napoleon schlagen lie.

Denn der Korse, der da seine schnsten Lwensprnge machte und bald dem
einen, bald dem andern von den ihn umstellenden Jgern an die Kehle sprang
und tchtig zauste, der fhlte sich wieder als Herr und Gebieter und
Bndiger der ganzen Welt.

Er schlug die einzeln marschierenden Korps der Blcherschen Armee
nacheinander bei Montmirail, bei Chteau Thierry, Vauxchamps und Etoges.
Er schlug Wrede und Wittgenstein bei Nangis und den Kronprinzen von
Wrttemberg bei Montereau. Und der Kamm schwoll ihm mchtig.

Er sah, wie die Schar seiner Angreifer anfing langsam wieder nach dem
Rhein zurckzufluten.

Bald wrde er sie da hinberwerfen und gnzlich vernichten!

Er hrte schon seine leicht erregten Pariser ber die Siegesbotschaften
und die vielen Gefangenen jubeln.

Sie wrden ihm alles bewilligen, der neuen Gloire jedes Opfer bringen!
Also keine Rede von Verhandlungen mehr!

Er wrde den Vlkern wieder den Frieden diktieren, wie sie es von ihm
gewohnt waren! Fort mit den Schreibern und Diplomaten mitsamt ihren
schlauen Finten und krummen Wegen! Ein Hieb des Schwertes zur rechten Zeit
- das bliebe stets die einfachste und wirksamste Diplomatie!

Napoleon bedankte sich also fr die Gnade, die ihm die deutschen Frsten
gewhren wollten, lehnte die Unversehrtheit eines verkleinerten Reiches
und den Besitz eines nur auf franzsischem Boden fuenden Thrones ab, rief
seine Unterhndler zurck und stand wieder kampfbereit da, mit zermrbten
Armeen, aber im vollen Glanz seines Genies und seines Siegerruhmes,
drohend, gewaltig, gefrchtet.

Da war's wieder Blcher, der sich nicht blenden und verblffen lie. An
Genie dem Gegner gleich, an urwchsigem Temperament ihm berlegen, hielt
er stand, wo alles weichen wollte, gebot dem Imperator Halt und lenkte die
rckwrtsstrebende Bewegung wieder vorwrts.

Und die Saumseligen folgten schweren Herzens und ergaben sich in ihr
Schicksal, die Frchte ihrer Siege pflcken zu mssen.

                                    *

                        "_Sa Majest l'empereur_"

stand es mit groen Buchstaben mit Kreide auf einer der Tren im Korridor.
An der Tr zwei Gardisten in hohen Brenfellmtzen, die Gewehre mit
aufgepflanztem Bajonett geschultert.

Ein Adjutant kam eiligst die Treppe herauf, den Korridor entlang und auf
die Tr zu. Die Wachen prsentierten.

Der Adjutant streckte die Hand nach der Klinke aus. Da ffnete sich die
Tr, ein paar Ordonnanzen kamen eiligst heraus, die zusammengefalteten
Zettel mit den soeben vom Kaiser diktierten Befehlen in der Hand,
salutierten und eilten die Treppe hinunter.

Gleich hinter ihnen trat Napoleon aus der Tr heraus, den grauen Mantel
noch offen, den dreieckigen schwarzen Hut auf dem Kopf. In seinem Gefolge
waren Berthier und Caulaincourt.

Der Adjutant grte.

"Sire, es ist hchste Zeit. Die Kosaken sind in der Stadt!"

Napoleon machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, ging an das Fenster
gegenber und blickte, die Arme ber die Brust verschrnkt, ber die Stadt
und die Gegend hinaus.

Wie oft hatte er nicht ber diese Hgel, ber diesen Flu, diese Wlder
geblickt, als er noch Zgling der Kniglichen Kriegsschule hier zu Brienne
war!

Von hier aus hatte seine Meteorenlaufbahn ihren blendenden Anfang genommen
- hier war das Tor, durch das er ins bunte Abenteuer seines mrchenhaften
Daseins hinausgeschritten war.

Jetzt mute er wieder hier durch - zurck ins ungewisse, mit bitteren
Erfahrungen beladen, ohne den unbeugsamen Glauben, ohne das feste
Vertrauen auf das Glck, das Berge versetzt. Das Milingen war auch bei
ihm in den Bereich des Mglichen gerckt, seine Bahn zum Ausgangspunkt
zurckgebogen! Mute er wieder anfangen -, wieder die Schulbank drcken,
wie damals, als ihm nichts unmglich, keine Aufgabe zu schwer erschienen
war? Hatte er seine Schulaufgabe frs Leben schlecht gelernt? Bekam er sie
jetzt zur Wiederholung und zum Besserlernen zurck? Wenn er auch noch
tausendmal die Kraft zum Umlernen aufbringen wrde -, htte er wohl noch
den Mut, die Lust - die Zeit dazu? War's berhaupt der Mhe wert? War
nicht alles eitel - nichtig -, zum berdru fade?

Aus der Tiefe knallten Flintenschsse, scharf, schneidend! Sie kamen
nher.

Der Kaiser erhob sein Haupt mit einem Ruck, wie ein altes Kutschpferd, das
wieder den Knall der Peitsche hrt, knpfte den grauen berrock zu und
ging mit festen Schritten den Korridor entlang, ber dessen Steinfliesen
die sinkende Winternachmittagssonne ihren bunten Schein go, und ging
rasch die Treppe hinunter, von seinen Adjutanten und
Generalstabsoffizieren und auch von den Wachtposten gefolgt. Gleich darauf
rasselten Hufschlge von Pferden bers Pflaster. Die Flintenschsse kamen
nher, Hurrarufe mischten sich hinein, Stimmengewirr und rasche Tritte auf
der Treppe wurden laut.

Dann kamen brtige Gestalten herauf, die Lammfellmtze schief auf dem
einen Ohr, Piken in den Hnden, die Sbel am Boden schleifend. Voran ein
Offizier, neben ihm der Korporal, eine Liste in der Hand.

Der Offizier zeigte auf die Tren im langen Korridor und sprach bei jeder
einen Namen aus. Der Korporal schrieb jedesmal den Namen auf die
betreffende Tr.

Sie blieben an der Tr stehen, durch die Napoleon gekommen war. Die Sonne
war tiefer gesunken. Ihre Strahlen fielen gerade durch das Fenster und
warfen ein buntes Farbenspiel ber die Aufschrift.

"_Sa Majest l'empereur!_" las der Offizier. "Ist gut! Da brauchen wir uns
die Zimmer nicht erst anzusehen. Da kommt der Obergeneral hinein!"

Der Korporal lie sein Kreidestck, das er schon im Anhieb hielt, auf den
Trspiegel fallen und schrieb einen Namen hin.

                         "Feldmarschall Blcher"

stand da in groen Buchstaben unter der alten Aufschrift zu lesen.

Ein Wink des Offiziers, und zwei Kosaken stellten sich jetzt rechts und
links von der Tr als Posten auf. Die Sonne drauen war schon halb hinter
die Hgel gesunken, ihre letzten Strahlen rteten nur noch ein wenig das
weigetnchte Dach. Es dmmerte schon. Der Offizier befahl, die Kerzen in
den Laternen auf den Treppenpfosten und an den Wnden anzuznden, und ging
mit seinen Leuten weiter.

Bald danach hallte das ganze Schlo von lauten Stimmen, schallendem
Gelchter, Sbelgerassel und Sporenklirren wider. Die Treppe kam's herauf,
und bald waren sie da: eine Schar von Offizieren, allen voran der
Feldmarschall Blcher, und mit ihm seine Adjutanten: von der Goltz, Graf
Nostiz, Gneisenau und andere.

Die Wachen salutierten, die Adjutanten ffneten die Tr, alle traten ein.

Im groen Saale stand noch der Tisch gedeckt. Die Speisen waren unberhrt.
Bei der Eile des Aufbruchs hatte die Bedienung alles stehen- und
liegenlassen, wie es war.

"Der Kaiser sorgt gut fr seine Gste!" rief der Feldmarschall. "Zu Tisch
denn! Ich habe einen mordmigen Hunger! Die Flaschen drben auf der
Kredenz sehen nicht bel aus. Rasch eingeschenkt! Auf unseren Gastgeber -,
auf da ihm der Deibel bald holt!"

Sie tranken.

Ein Krachen. In der Ecke des Saales barsten die Balken, Schutt und Gips
flogen ringsumher. Eine Kanonenkugel hatte eingeschlagen und war durch den
Boden weitergegangen.

"Er blieb uns die Antwort nicht schuldig!" lachte Blcher. "Der Kaiser
wute, wo die Suppenschssel stand, und war wohlerzogen genug, uns nicht
hineinzuspucken! Prost Mahlzeit, meine Herren! Der Wein ist gut! Kmmert
euch nicht um den Schutt!" rief er den Ordonnanzen zu, die sich gleich
daranmachten, aufzurumen. "Das Haus gehrt uns nicht. Wir brauchen's
nicht zu reparieren!

Lat es euch gut schmecken, Kinder! Hoffentlich haben's unsere Pferde auch
nach Wunsch?"

Der Adjutant, Graf Nostiz, gab zur Antwort, fr die Pferde wre bestens
gesorgt.

Er hatte auch alles angeordnet, aber in seiner eigenen Weise, indem er sie
nicht in die Stallungen, sondern nur um die Ecke des Schlosses fhren und
dort gesattelt bereithalten lie. Denn ihm schien es hier noch nicht ganz
geheuer und auch nicht sicher, da Brienne endgltig in der Hand der
Deutschen bliebe und nicht noch von den Franzosen durch einen Handstreich
wiedergewonnen werden konnte. Zum mindesten fand er es verfrht, schon
jetzt das Hauptquartier hineinzuverlegen, ehe die Truppen das Glacis fest
in der Hand hatten. Aber das Ungestm des Feldmarschalls war nimmer zu
bndigen.

Nostiz ging mit dem Grafen Goltz auf die Terrasse hinaus, blickte in die
Dmmerung hinein und dankte gleich dem Himmel, da er so frsorglich alles
angeordnet hatte. Denn kaum war er drauen, so pfiffen ihm schon die
Flintenkugeln um die Ohren, und die Scheiben in den Glastren gingen
klingend in Scherben. Kein Zweifel, der Kaiser war nicht gesonnen, Feinde
hier mitten unter seinen Jugenderinnerungen hausen zu lassen.

Er ging schon angriffsweise vor, kaum da man sich in seinem warmen Neste
zur Ruhe gesetzt hatte, und war schon im Begriff, das ganze feindliche
Hauptquartier mit dem Feldmarschall und allen durch einen khnen
Handstreich aufzuheben und in seine Gewalt zu bringen.

Sie eilten hinein. Es hielt aber schwer, den eigensinnigen alten Blcher
dazu zu bringen, das Schlo, in dem er schon anfing sich wohl zu fhlen,
gleich wieder zu verlassen.

Erst als die Schieerei immer nher kam, lie er sich berreden,
hinunterzugehen und die Pferde zu besteigen.

Es war aber fast zu spt. Kaum auf der Strae, galoppierten ihnen
fliehende Kosaken mit den Rufen "Franzuski!" entgegen, und hinter ihnen
her klabasterten schon flinke kleine Chasseurs mit einer Schnelligkeit,
da die Roschweife an ihren Helmen wie Schleier hinter ihren Huptern
flatterten.

Mit Not gelang es noch, durch flinkes Einbiegen in eine Nebenstrae ber
die Felder zu entkommen. Dort aber drehte sich Blcher um, blickte nach
der Stadt zurck, wo schon aus allen Fenstern Lichter blinkten, und wo der
Lrm des Straenkampfes immer lauter durch das Dunkel tobte, und sagte:
"Bilde dich nur nicht ein, da du dorten lange ruhig schlafen wirst!"

Als er aber nach einigen Tagen, nachdem er Napoleon geschlagen hatte,
wieder nach Brienne kam und ins Schlo hineinzog, um drinnen doch das
letzte Wort zu haben, da prangte auf der Tr im Korridor nicht nur ber
den Worten "Feldmarschall Blcher", sondern auch unter ihnen die
Inschrift: "_Sa Majest l'empereur_".

Stracks nahm er aus der Hand seines Quartiermachers, der schon wieder bei
der Arbeit war und von Tr zu Tr pilgerte, die Kreide, machte einen
Strich quer durch die Rechnung und schrieb eigenhndig darunter:

                               "_Blcher_".

"Die Fremdenliste wre nun in Ordnung", sagte er schmunzelnd, gab ein
Zeichen, die Tr zu ffnen, und befahl auch schleunigst, fr Speise und
Trank zu sorgen. Denn heute sei man bei sich selbst zu Gast, und man msse
doch fr seine Gste sorgen!

"Nachher knnen wir darangehen, mit dem Herrn Napoleon um das nchste
Hotel zu raufen!" fgte er hinzu. "Und mir soll's recht sein, wenn's sein
Palais in Paris ist!"

Fr heute lie er sich's aber beim Feldmarschall Blcher in Brienne gut
schmecken, und wurde dabei von keinen lose herumstrolchenden Kugeln aus
kaiserlichen Flinten und Kanonen mehr gestrt.

                                    *

"Heute war man im Hauptquartier knieschwach mit Bescheid", sagte Yorck
halblaut, als er durch den Abend von Laon nach seinem Quartier in Chambry
ritt. "Dem Feldmarschall schien es heute nicht sosehr wie sonst daran
gelegen zu sein, das Tanzbein zu schwingen!"

Er schlug die Schneeflocken vom Rockrmel, hielt sein Pferd an und blickte
ber die Gegend hinaus.

Der kurze Mrztag neigte sich seinem Ende zu. Durch das dnne
Schneegestber sah man noch, wie durch einen Schleier, die kleine Stadt
Laon auf ihrem Felsen aus der Ebene ragen, auf dem Rand des hchsten
Plateaus eine Reihe von Windmhlen, die sich scharf gegen den Himmel
abzeichneten.

Tausende von Lichtern glitzerten berall. Den Fu des Felsens sumten die
Biwakfeuer von Blows Preuen. Rechts und links davon, durch die
Vorstdte, bis weit ber die Ebene hinaus, zeigten Feuer an Feuer die
weitere Aufstellung von Blchers Armee an.

Hinter den Smpfen, der Stadt gegenber, auf der Senkung des dort
verlaufenden niedrigen Plateaus, rckten die Franzosen heran.

Nach dem unentschiedenen Gefecht bei Craonne, am vorhergehenden Tage, war
Napoleon selbst mit seinen Garden den weichenden Truppen Wintzingerodes
auf der Strae von Soissons hierher gefolgt und hatte sie aus dem Pa bei
Etouvelles ber den Ardonbach zurckgeworfen.

stlich von ihm, auf der Strae von Reims, rckte Marmont auf das gleiche
Ziel zu.

Blcher hatte hinter dem Felsen von Laon die beiden russischen Korps
Sacken und Langeron als Reserve aufgestellt, um je nach der Kampflage
rechts oder links hinter der Stadt vorzubrechen.

Nach seiner Vereinigung mit Blows ber Holland heranmarschierten Truppen
war er jetzt Napoleon doppelt berlegen. Er hatte auch vollstndige
Selbstndigkeit von der Hauptarmee erlangt und brauchte sich um die
langsamen Bewegungen Schwarzenbergs nicht zu kmmern.

Nichts wrde ihn daran hindern knnen, die letzte Scharte auszuwetzen und
dem Korsen die heimtckischen berflle an der Marne heimzuzahlen! So
hatte er sich heute Yorck gegenber geuert, aber nicht in seiner
gewohnten energischen Weise, sondern mit einem mden, abgespannten
Ausdruck in der Stimme, der seinen Worten geradezu widersprach.

Yorck lachte noch hmisch darber, als er langsam durch das Schneegestber
weiterritt.

Man war im Hauptquartier sogar mehr als lblich knieschwach geworden! Die
"Kraftgenies" und Draufgnger dort, die sonst mit ihrem Ungestm die
Soldaten abhetzten, hatten auf einmal ihre ganze Schwungkraft verloren!

Blcher, sonst die nie versiegende Hauptquelle aller Energie, war ber
Nacht zusammengeklappt und ein mder Greis geworden!

War es nur eine vorbergehende Abspannung? Oder bereitete sich eine
ernsthafte Erkrankung vor?

Ganz apathisch hatte er heute dagesessen, einen Schirm vor den Augen, und
hatte fast teilnahmlos zugehrt, wie Mffling und Gneisenau den
eingefangenen Hannoveraner Palm examinierten, der im Bureau des
franzsischen Generalstabschefs Berthier irgendeine Vertrauensstellung
eingenommen hatte, und heute von den Kosaken aufgegriffen worden war.

Er hatte sich nicht einmal gergert, ja kein einziges Mal geflucht, als
dieser ihm bezeugte, die gestrige Affre bei Craonne htte eine
vernichtende Niederlage fr Napoleon werden knnen, wenn die Preuen
diesem, wie befohlen, bei Corbeny in die linke Flanke und in den Rcken
gefallen wren. So aber hatte seine Nachhut unter Wintzingerode die ganze
Wucht des Angriffs allein auszuhalten gehabt und hatte sich nutzlos
verblutet. Und man konnte den Tanz wieder von vorn anfangen.

Dabei wre der Sieg so kinderleicht herbeizufhren gewesen! Als sich ein
paar Husaren und Kosaken auf dem Wege von Fetieux blo zeigten, hatten die
franzsischen Train- und Artillerieknechte die Strnge durchgeschnitten,
alles stehenlassen, und waren davongeritten. Eine regelrechte Panik war
schon im Entstehen. Aber die preuische Kavallerie, die man schon glaubte
heransausen zu hren, kam nicht! Und aus der sicheren Niederlage wurde so
ein unentschiedenes Nachhutgefecht.

Das alles hatte ihnen der gefangene Kommissar Berthiers klipp und klar
auseinandergesetzt. Und Blcher hatte keinen Ton gesagt, kein einziges
Donnerwetter ber die verfluchte Schweinerei losgelassen! Gneisenaus
Gesicht war immer lnger geworden!

Sie hatten alle beide pltzlich die Sicherheit eingebt! Ihre Kraft
schien erlahmt zu sein! -

Sonst schoben sie um des groen Zieles willen jedes Bedenken beiseite und
zwangen die Soldaten zu den grten Strapazen. Jetzt aber huften sie
Bedenken ber Bedenken und waren ngstlich darauf bedacht, ihre Leute zu
schonen!

Yorck hatte laut lachen mssen, als Gneisenau ihm in allem Ernst erklrte,
man msse die Truppen schonen, damit der Knig bei den
Friedensverhandlungen noch eine Armee htte, um sie in die Wagschale
werfen zu knnen! Daran dachte der gute Gneisenau sonst gewi nicht!

Er war sonst stets von hochfliegenden strategischen Plnen und genialen
Entwrfen so erfllt, da eine solche Kleinigkeit wie ein Menschenleben
mehr oder weniger ihn nicht im geringsten kmmerte.

Und jetzt auf einmal die diplomatischen Schmerzen!

War er kopfscheu geworden, als er die wohlgenhrten, gut gekleideten und
tadellos ausgersteten Soldaten Blows sah, die trotzdem auf glnzende
Siege in Holland zurckblicken durften - und neben ihnen die verhungerten,
abgerissenen, zerlumpten Schlesier Yorcks, die wie die "Grasteufel"
aussahen, und, ungeachtet aller Strapazen, in der letzten Zeit doch nur
Niederlagen gehabt hatten?

Sei's wie es sei, jedenfalls hatte Gneisenau stillschweigend sein Unrecht
zugegeben, und das erfllte Yorcks Seele mit einer stolzen Genugtuung und
gab ihr Leichtigkeit und Schwung. Der Widerspruchsgeist, der ihm sonst
stets innewohnte, steigerte sich bis zum spitzbbischen bermut. Er wollte
Gneisenau, wollte das ganze Hauptquartier noch mehr ins Unrecht setzen.
Jetzt, wo die zauderten und nicht mehr vorwrts wollten, jetzt wollte er.
Er, der sie sonst immer zurckhielt, ging ihnen jetzt aus reinem Trotz
durch und lie so das Donnerwetter los, das wegen der Krankheit Blchers
und der schwachen Stunde Gneisenaus im Sturmzentrum selbst zu erlahmen
drohte!

Frhlichen Herzens gab er seinem Pferd die Sporen, kam in sausendem Galopp
am Bauernhause in Chambry an, wo er sein Quartier hatte, sprang aus dem
Sattel und trat in den Saal hinein.

Um den flammenden Kamin saen die Offiziere seines Stabes in frhlicher
Runde und lasen mit verteilten Rollen aus Shakespeares Heinrich dem
Vierten.

Yorck winkte ihnen zu, sich nicht stren zu lassen, setzte sich auch an
den Ofen, starrte zerstreut ins Feuer und lauschte auf das Rasseln der
Verse.

  "O mein Gemahl, was seid Ihr so allein?"

lispelte mit hoher Fistelstimme ein junger Leutnant die Rolle von Lady
Percy hervor. Indes ein dicker Oberst mit tiefem Ba und gewaltiger
Inbrunst den Heisporn Percy mimte und sich gar nicht an sie kehrte.

  "Fr welchen Fehl war ich seit vierzehn Tagen,
  Ein Weib, verbannt aus meines Heinrichs Bett?
  Sag', ser Gatte, was beraubt dich so
  Der Elust, Freude und des goldenen Schlafs?
  - - - - - - - -
  Ich habe dich bewacht in leichtem Schlummer,
  Und dich von eh'rnem Kriege murmeln hren,
  Dein bumend Ro mit Reiterworten lenken
  Und rufen 'Frisch ins Feld!' Dann sprachest du
  Vom Ausfall und vom Rckzug, von Gezelten,
  Laufgrben, Basilisken und Kanonen.
  Ein schwer Geschft hat mein Gemahl in Hnden.
  Und wissen mu ich's, wenn er mich noch liebt."

"Fort, du Tndlerin -", brllte der Oberst den jungen Leutnant an.

              Ich lieb' dich nicht,
  Ich frage nicht nach dir. Ist dies 'ne Welt
  Zum Puppenspielen und Mit-Lippen-fechten?
  Nein, jetzo mu es blut'ge Nasen geben,
  Zerbrochene Kronen, die wir doch im Handel
  Fr voll anbringen. Alle Welt, mein Pferd!
  Was sagst du, Kthchen? Wolltest du mir was?"

"Ihr liebt mich nicht? Ihr liebt mich wirklich nicht?" lispelte der
Leutnant weiter.

"Nein, sagt mir, ob das Scherz ist oder Ernst?"

Worauf der Oberst jh aufschnellte und verchtlich lachte:

  "Komm, willst mich reiten sehen?
  Wenn ich zu Pferde bin, so will ich schwren:
  Ich liebe dich unendlich. Doch hre, Kthchen:
  Du mut mich ferner nicht mit Fragen qulen,
  Wohin ich gehe, noch raten, was ich soll!
  Wohin ich mu, mu ich: und, kurz zu sein:
  Heut abend mu ich von dir, liebes Kthchen.
  Ich kenne dich als weise, doch nicht weiser
  Als Heinrich Percys Ehefrau. Standhaft bist du,
  - jedoch ein Weib, und an Verschwiegenheit
  Ist keine besser, denn ich glaube sicher:
  Du wirst nicht sagen, was du selbst nicht weit!
  Und soweit, liebes Kthchen, trau ich dir."

Sie lasen schlecht, mit falschem Pathos, viel Stimmenaufwand und
gewaltiger Mimik. Yorck achtete nicht darauf. Ein ungestmer Tatendrang
war rein aus Trotz ber ihn gekommen, seitdem er sah, wie zaghaft man im
Hauptquartier geworden war. Er wollte jetzt die Zgel aufnehmen, die man
dort schleifen lie, die Fhrung an sich reien, einen waghalsigen Coup
unternehmen und so mit einem Schlag den Krieg zu Ende fhren! Wie, das sah
er noch nicht klar. Er fhlte nur bestimmt, im voraus, das groe
Geschehnis nahen und wurde wieder jung und waghalsig wie jener Brausekopf
Percy in Shakespeares Stck. Er wrde, wie dieser, weder sehen noch hren
knnen, bis jener Gedanke, der ihn ganz erfllte, in lebende Tat umgesetzt
worden war!

Am andern Morgen war dichter Nebel berall. Es wollte nicht Tag werden.

Man war zum Angriff bereit. Da pfiff es pltzlich den wackeren Kmpfern um
die Ohren. Flintenkugeln flogen aus nchster Nhe in die Stadt und in das
Lager Yorcks. Wie ein Schwarm Hornissen, so summte und brummte es den
Yorckschen um die Ohren, ohne da es mglich war zu entdecken, woher es
kam.

"Das sind die Bienen des Kaiserreiches!" sagte Yorck. "Die kommen
herangesummt mit dem Morgengru vom Kaiser! Die paar Insekten machen aber
noch lange keinen Sommer! Wir werden den frechen Kerls von Tirailleurs
schon eins auswischen!"

Der Nebel hob sich gegen elf Uhr, und als die Sonne durchbrach und die
Gegend erhellte, konnte der Posten oben auf der hchstgelegenen Windmhle
melden, da die Armee Napoleons zu beiden Seiten der Strae von Soissons
Aufstellung genommen hatte und zum Angriff vorging. Bald entbrannte auf
der ganzen Linie der Kampf. Napoleon konnte aber gegen die bermacht der
Blcherschen Armee nicht an. Es gelang ihm nur, dessen Vorposten aus
Etouvelles zu vertreiben und den dortigen Pa ber den Ardonbach zu
besetzen. Im Laufe des Tages rckte dann stlich von ihm auf der Reimser
Strae Marmont heran und suchte gleich um die linke Flanke Yorcks
herumzufhlen, mit der deutlichen Absicht, ihm die Rckzugsstrae nach den
Niederlanden abzugewinnen. Dem wurde rasch durch Kavallerie begegnet,
Yorck zog seine Vorposten aus dem vor seiner Front liegenden Dorfe Athis
heraus und lie es anznden, um ein verlustreiches Dorfgefecht zu
vermeiden.

Von beiden Seiten wurde eifrig kanoniert. Aber der erwartete Sturmangriff
der Franzosen unterblieb, und als der kurze Wintertag zu Ende ging, hatte
der Feind sich damit begngt, seinen Aufmarsch zu vollenden und
vorteilhafte Angriffsstellungen fr den nchsten Tag einzunehmen. Seine
Truppen durften sich zur Ruhe begeben. Aber die Ruhe gnnte ihnen Yorck
nicht. Er hatte ihre Passivitt als ein Zeichen der Schwche aufgefat und
sich gleich entschlossen, sie beim Einbruch der Dunkelheit zu berfallen.
Er holte die Genehmigung des Oberkommandos ein und traf sofort seine
Anordnungen.

"Das Vorrcken geschieht in geschlossenen Kolonnen und lautlos, bis man an
den Feind kommt. Es fllt kein Schu, es wird nur mit dem Bajonett
angegriffen" - so lautete sein Befehl.

Alles setzte sich in Bewegung. Vorwrts ging es ber den gefrorenen Boden
gegen die Linie der feindlichen Feuer bis auf fnfhundert Schritt
Entfernung.

Da brach auf einmal ein Hllenlrm los. Auf allen Trommeln wurde Sturm
geschlagen, die Trompeten und Flgelhrner schmetterten und tuteten, und
mit schallendem Hurra warfen sich die braven Schlesier auf den Feind, der,
vollkommen berrascht, an keinen Widerstand dachte, Hals ber Kopf floh
und alles im Stich lie. Er wurde krftig verfolgt. Und nach ein paar
Stunden konnte Yorck dem Hauptquartier melden, da das ganze Korps
Marmonts aufgerieben sei, seine gesamte Artillerie und Munition, Tausende
von Toten und Gefangenen verloren und auch das anmarschierende Korps
Mortiers mit in die Flucht gerissen hatte.

Napoleons Stellung war dadurch verzweifelt geworden. Er stand vor
Etouvelles mit wenig ber dreiigtausend Mann, seine beiden Flgel waren
erschttert, er hatte einen nunmehr dreifach berlegenen Feind sich
gegenber und den Engpa von Etouvelles als einzige Rckzugsstrae. Wenn
Blchers Armee ihren Sieg ausnutzte und rasch weiter vorging, so war er
verloren, denn er wrde sich dann einer Umzingelung nicht mehr entziehen
knnen.

Demgem wurde auch zunchst vom Oberkommando disponiert. Blow und
Wintzingerode sollten Napoleon festhalten, die anderen Korps von der
Reimser Strae seine rechte Flanke umgehen, Sacken und Langeron um seine
linke Flanke herumgreifen und versuchen, ihm die Strae nach Soissons zu
verlegen.

Bei Anbruch des Tages war schon alles auf dem Marsch. Yorck triumphierte
schon im voraus. Das Manver konnte nicht milingen. Man hatte endlich den
Lwen in der Falle! In ein paar Stunden wre er umringt und vernichtet und
der Krieg zu Ende. Alles drngte begeistert vorwrts, sich der Gre der
bevorstehenden Entscheidung bewut, und bereit, das Letzte herzugeben, um
sie herbeifhren zu helfen.

Da fiel das eigene Hauptquartier dem ungestm Vorwrtsdrngenden jh in
den Arm. Gneisenau sandte berallhin Konterorders und befahl, den so
rstig begonnenen Vormarsch einzustellen und in die alten Stellungen
zurckzugehen.

Entgegen aller Vermutung war Napoleon zum Angriff geschritten, in der
richtigen Voraussetzung, da ein Feind, dessen Korps er erst krzlich
einzeln geschlagen hatte, es jetzt nicht wagen wrde, sie noch einmal
voneinander zu trennen, sondern vor allem bestrebt sein mte, sie einem
Angriff gegenber jetzt sofort zusammenzufassen.

Er versuchte also, als der grere Menschenkenner, den Gegner zu bluffen,
und der Versuch gelang.

Die Rckberufungsbefehle Gneisenaus flogen eiligst nach allen Seiten
hinaus. Yorck bat, bei der Stange bleiben zu drfen, er gab gute Grnde,
er drohte, er fluchte, aber nichts half! Er, der sonst immer vom
Hauptquartier angetrieben werden mute, tat jetzt sein uerstes, um es
zur Tat mitzureien, aber vergebens.

Gneisenau war unerbittlich. Alles mute zurck. Der sichere Triumph ber
den "Feind der Menschheit" glitt Yorck aus den Hnden. Er mute gehorchen.
Aber in sein Quartier zurckgekommen, befahl er seinen Wagen, lie seine
Koffer hineinwerfen, nahm Platz und fuhr ohne weiteres von seiner Armee
fort.

Das lie er sich nicht gefallen - das machte er nicht mehr mit! Da knnte
kommandieren, wer wollte - er hatte es jetzt satt!

Zu dem rger, von Napoleon gefoppt zu sein, kamen jetzt bei Gneisenau die
Schwierigkeiten mit Yorck.

Die Insubordination durfte nicht hingenommen werden. Aber einem Mann wie
Yorck konnte man nicht einfach eine Kugel vor den Kopf geben.

Blcher allein vermochte da Wandel zu schaffen. Und Blcher war krank. Er
fieberte, er phantasierte und nahm an allem Geschehen keinen Anteil.

So ruhte alle Verantwortung auf Gneisenaus Schultern. Und dieser sonst vor
nichts zurckschreckende Mensch hatte eben seine "schwache" Stunde gehabt.

Da Blcher einen Sieg nicht bis zum uersten ausntzte, das war noch
nicht dagewesen! Das ging nicht mit rechten Dingen zu! Das empfand jetzt
die ganze Armee. Er war entweder tot oder todkrank. Das stand fest. In
beiden Fllen mute ein neuer Oberbefehlshaber an seine Stelle treten. Das
Kommando wre dann einem von den russischen Generlen zugefallen, und das
durfte auch nicht sein.

Die Krankheit Blchers wurde also verheimlicht. Gneisenau amtierte in
seinem Namen weiter - nicht aber, wie sonst, in seinem Sinn. Der Konflikt
mit dem tchtigsten Korpsfhrer der Armee war da und mute aus der Welt
geschafft werden! Tot oder lebend mute Blcher auf der Bhne erscheinen
und das besorgen. Aber wie das bewerkstelligen, wo der Alte in
Fieberphantasien dalag und auf keine Anrede eine vernnftige Antwort gab?!

Gneisenau ging mit Mffling zu ihm hinein.

In einer Ecke des Krankenzimmers brannte, dicht verhangen, eine Lampe. Der
Leibarzt Blchers, Bieske, sa daneben, sanft eingeschlummert. Im Bett
wlzte sich Blcher unruhig hin und her, die Augen mit einem alten
grnseidenen Damenhut gegen das kaum merkbare Licht geschtzt.

Die Augen schmerzten ihn. Ein zitterndes Flimmern lag ber der Netzhaut,
im Spiel der Farben wogte alles hin und her, Gestalten tauchten auf,
drangen von allen Seiten auf ihn ein, schlossen die Glieder, zogen in
endloser, dichtgedrngter Schar an ihm vorber, ernst, langsam und wrdig
wie zu einer Trauerparade -, Offiziere in Gala-Uniform mit roten Kragen
und hohen Blechmtzen, die Gesichter ernst und bla wie der Tod, die Augen
geschlossen, feierliche Ruhe in den Zgen, an der Seite jedes einzelnen
eine Frau in Trauer, den verschleierten Kopf schmerzvoll geneigt. So zogen
sie ohne Unterbrechung an ihm vorbei, wo er drauen auf einem Felsen am
Rhein stand. Aus allen Schluchten, aus allen Wldern, aus allen Tlern
ringsumher strmten sie in immer dichteren Scharen an ihn heran und nach
dem Ufer des Rheins hinab, stiegen ins Flutal hinunter und zogen dort
weiter, immer weiter gegen die Abendsonne hin. Die Blechmtzen glitzerten
und blitzten, von den schwarzen Trauerschleiern der Frauen umwallt. - Wie
ein Spiel der Wellen im Abendsonnenschein, so flimmerte es vor den Augen,
verwob sich in der Ferne mit dem Widerschein auf dem Wasser und wurde zu
einem einzigen Strom, der leuchtend und flammend sich weiter den Weg durch
die Felsen fra.

Die Augen schmerzten vom vielen Glanz! Da erhob sich pltzlich eine dunkle
Masse dicht vor ihm. Ein Felsen wuchs aus der Erde, hart, eckig und
knorrig - kein Felsen - eine menschliche Gestalt war's, mit zwei Kpfen,
in Wut verzerrt, die miteinander rauften, da die ganze Gestalt ins Wanken
kam. - Yorck war's!

Blcher frohlockte! Da war er endlich hinter das Geheimnis Isegrims
gekommen! Nicht einen -, _zwei_ gleich harte Kpfe hatte der alte Kerl,
die sich stets widersprachen! Das war des Rtsels Lsung, deshalb war mit
ihm nicht auszukommen!

Da fuhr ihm blitzschnell der Gedanke durch den Kopf: Yorck hielt ebenso
streng auf Ordnung bei seiner Truppe wie er selbst und duldete keine
Trowagen hinter der Marschkolonne.

"Mein Champagnerwagen!" rief er pltzlich, setzte sich im Bett auf und
hielt krampfhaft den alten grnen Hut ber die Augen gepret. "Mein
Champagnerwagen!" Denn er hatte frsorglich eine Fuhre Champagner direkt
von der Quelle nach Hause senden lassen, und er gab seitdem seinen
Mitarbeitern keine Ruhe, ehe er nicht diesen Schatz glcklich in
Sicherheit jenseits der Grenze wute.

"Mein Champagnerwagen!" schrie er. "Sorgt nur dafr, da der Isegrim ihn
nicht erwischt. Der brbeiige alte Kerl hat ja zwei Kpfe! Er hat _zwei
Muler zum Saufen_! Er trinkt mir meuchlings den ganzen Krempel aus! Her
mit Papier und Tinte! Ich mu es ihm schreiben -"

Mffling legte ihm ein Blatt Papier vor, und rasch, kaum leserlich,
kritzelte Blcher ein paar Worte darauf, reichte ihm den Papierfetzen hin
und sank ins Bett zurck. Eingedenk Ratkaus, wo dieser ihm auch etwas zum
Unterschreiben ans Bett gebracht hatte, rief er ihm noch energisch zu:
"Aber ich kapituliere nicht, Mffling, ich kapituliere nicht!"

Dann fiel er ins Bett zurck, blieb liegen und blickte bald Gneisenau,
bald Mffling eigentmlich an.

"Komm Er her!" rief er pltzlich. "Nher, nur immer nher, ich will Ihm
etwas sagen!"

Mffling beugte sich zu ihm herab, und flsternd und geheimnisvoll
nickend, fing der Alte an:

"Wei Er was? Ich habe ein Gefhl im Leib, als wre ich mit einem
Elefanten schwanger - es dehnt sich und dehnt sich - manchmal ist's mir,
als wre mir die Stube schon zu eng - ich mchte nur wissen, wie das kommt
- und auch, auf welchem Wege ich so'n Ungetm wohl auf die Welt bringen
werde?"

Das wurde Gneisenau zuviel. Entschlossen trat er an das Bett heran. In
kurzem, scharfem Ton, der unbedingt die Aufmerksamkeit des Kranken
erzwang, erzhlte er von der Desertion Yorcks, die unbedingt die sofortige
Dazwischenkunft des Oberkommandierenden erheischte, um peinliches Aufsehen
zu vermeiden.

Blcher begriff. Die Wut packte ihn, verscheuchte im Nu die
Fiebergespenster und machte seinen Geist sofort ganz klar.

"So'n Hundsmiserabler -, so'n Sauverfluchter! Und dabei hat der Kerl ganz
recht! Wir sind im Unrecht! Himmeldonnerwetter, klappe ich einmal einen
Augenblick zusammen, gleich geht alles schief! Wir htten verfolgen
sollen, Gneisenau - htten bei der Stange bleiben mssen, wo wir endlich
einmal den Kerl, den Korsen, im Sack hatten! Ja, sage Er einmal,
Gneisenau, wo hatte Er das mit dem Hangen und Bangen nur pltzlich her?
Das kenne ich sonst nicht bei Ihm? Es wre schon besser, das Fieber htte
Ihn gepackt, nicht mich! Verflucht, da ich gerade jetzt das Pech haben
mute, dazuliegen. Das mu ich wiedergutmachen. Her mit Tinte und Papier!
- Er ist ein altes Ekel, ein ruppiger Hund, der Isegrim! Aber - wie
prachtvoll hat er nicht soeben den Franzosen angebissen! - Nun, wo bleibt
das Papier? Der Fetzen da taugt -, her damit!"

Er deutete auf seinen Brief, den er vorhin geschrieben hatte. Mffling
reichte ihn ihm.

"Da steht schon etwas drauf!" sagte Blcher, der alles bereits vergessen
hatte. "Lese Er's mir vor, die Augen schmerzen mir!"

Mffling las.






                       "Mein lieber, alter Freund!

So etwas tun wir beide einander doch nicht an. Was wrde die Geschichte
dann von uns sagen?

                                                       Ihr alter Blcher."






"Betrifft den Champagnerwagen Eurer Exzellenz", fgte Mffling dann
aufklrend hinzu.

Blcher blickte ihn an.

"Ob's Yorck betrifft, ob die Witwe Cliquot, steht jedenfalls nicht drin.
Das taugt denn gleich gut fr alle beide. Was soll ich mich da noch
abqulen! Schicken wir das ab! Das gengt!"

So dachte auch Yorck, als der mit dem Briefe nachgesandte Kurier ihn noch
am selben Tage erreichte. Denn ihn reute schon der bereilte Schritt. Er
griff begierig nach der dargebotenen Hand, benutzte die ihm gebaute
goldene Brcke, kehrte zu seinem Korps zurck, und alles war in bester
Ordnung. Bis auf Napoleon, der aus der Umklammerung entschlpft war, und
hinter dem nun das Kesseltreiben weiterging. Blcher aber fiel in tiefen
Schlaf und war von Stund ab fieberfrei. Er blieb zwar noch krperlich
schwach, aber gewann sonst schnell die alte Energie wieder und trieb mit
dem prachtvollen Feuer seines Geistes alles vorwrts aufs Ziel. Sogar
seinen alten Krper bezwang er!

Der konnte zwar nicht in den Sattel hinauf, der mute sich im Wagen
mitschleppen lassen. Halb sa Blcher, halb lag er da, in Pelze
eingewickelt, die Augen durch den grnen Damenhut geschtzt.

So zog er langsam hinter dem von ihm entfesselten Sturm her und wurde von
ihm mitgezogen. Und jetzt gab's keine Hindernisse, keinen Widerstand mehr.
Was in den Weg kam, wurde fortgefegt.

Napoleons kecker Versuch, durch einen schnellen Marsch nach dem Rhein die
Feinde von seiner Hauptstadt abzuziehen, milang.

Die Hauptarmee zauderte wohl wie immer. Schwarzenberg wre am liebsten
zurckgelaufen, als er vom Zug Napoleons hrte, lie sich aber schlielich
doch bestimmen, ihm nur eine Reitertruppe zur Beobachtung nachzuschicken,
und folgte dann langsam in Richtung Blcher, vorwrts auf Paris.

                                    *

Am 31. Mrz 1814 hielten der Zar aller Reuen und der Knig von Preuen an
der Spitze ihrer Garden feierlichen Einzug in Paris.

Die Schlesische Armee durfte nicht mittun. Sie hatte die Hauptlast des
ganzen Feldzuges getragen, hatte geblutet, gehungert, gefroren,
Gewaltmrsche geleistet, Schlachten gewonnen, Festungen erobert, in Schnee
und Eis notdrftig auf bloem Boden biwakiert, von der Katzbach bis zum
Montmartre Ungeheures verrichtet. Und jetzt, am Ziel, statt Ehren, Dank
und reichen Lohn fr alles ertragene Mhsal zu erhalten, mute sie sich
damit begngen, aus der Ferne einen Blick ins Gelobte Land zu tun. Sie
durfte von der Barriere des Montmartres die schne Seinestadt zu ihren
Fen bewundern, die, von allen Herrlichkeiten und Genssen der Welt
erfllt, sich dort unten ausbreitete. Sie mute trockenes Kommisbrot essen
und auf den Straen biwakieren, statt in den Brgerhusern einquartiert zu
werden.

Und vom Knig, fr den sie geblutet hatten und dessen vornehmste Pflicht
es gewesen wre, aufs beste fr sie zu sorgen, von ihm muten sie hren:
ihre Montierung wre nicht propre genug; sie wre zu zerrissen und
unsauber, um beim feierlichen Einzug in diese glnzende Stadt damit
paradieren zu knnen. Man konnte wohl den Krieg in Lumpen gewinnen, aber
nie und nimmer in Lumpen triumphieren. Zum Triumphieren waren die Garden
da. Dazu waren sie und ihre Uniformen die ganze Zeit geschont worden. Und,
damit sie auch nicht zu spt kmen, um jener Ehre teilhaft zu werden,
mute die Schlesische Armee, die zwei Tage frher ohne Kampf htte Paris
nehmen knnen, auf Allerhchsten Befehl einen Umweg um die Stadt machen.
Die Folge war, da die Marschlle Mortier und Marmont noch mit ihren
Truppen zur Verteidigung herankommen konnten, und da noch viel Blut
flieen mute, ehe Paris sich ergab. Auch vom geheiligten Blut der Garden,
die sich mit gewohnter Tapferkeit schlugen, als sie endlich mal ran
durften.

Blcher machte aus Wut den Einzug nicht mit.

Yorck lehnte auch ab mit der Begrndung, er htte keine Pariser Kleider
mit.

Blcher war gesundheitlich wieder obenan. Seine Augen muten aber immer
noch von einem Schirm geschtzt werden. Mit dem grnen Damenhut wagte er
aber bei all seiner Tapferkeit den Parisern doch nicht zu kommen. Zu Pferd
war er noch nicht gewesen. Aber sein Mundwerk war wieder instand, und die
Galle funktionierte, wie sie sollte.

Der Einzug war schon seit mehreren Stunden vorber. Vorher, schon in aller
Frhe, hatte der Maire irgendeines Pariser Arrondissements nebst einer
Brgerdeputation bei Blcher vorgesprochen, um ihm ihre ehrerbietigsten
Gre zu Fen zu legen und ihn zu bitten, die Brgerhuser von
Einquartierung zu befreien.

Das fand Blcher emprend.

Seinen braven Schlesiern zuzumuten, auf den Straen zu kampieren, mit
Tausenden von reich ausgestatteten Husern vor Augen! Das ginge doch zu
weit.

"Rhle!" rief er seinen Adlatus herbei. "Er kann ja mit denen parlieren!
Sage Er ihnen von mir: der Tyrann hat alle Hauptstdte besucht, geplndert
und gestohlen. Wir wollen uns so was nicht zuschulden kommen lassen. Aber
unsere Ehre fordert das Vergeltungsrecht, ihm in seinem Neste den Besuch
zu erwidern, und da wre es wohl doch nicht zuviel, wenn wir allesamt mit
Speise und Trank ordentlich bewirtet und gut einquartiert werden. Wir
lassen unsere Gste nicht auf der Strae schlafen! Da sollen sie nur die
franzsischen Soldaten fragen, wie sie's bei uns gehabt haben! Sage Er's!
Nein! Warte! Er ist ein Filou! Ich sag's ihnen selbst!"

Er stellte sich dann breitbeinig vor der Brgerdeputation auf, bohrte
seine Blicke in sie und fing mit weithin schallender Stimme an:
"Messieurs!" Und dann war er mit seinem Franzsisch zu Ende.

"So," rief er dem Major Rhle zu, nun _sage Er ihnen den Rest_! Aber ohne
Firlefanzen!"

Und er guckte dem Major hllisch auf die Lippen, als der seinen Auftrag
erledigte, und begleitete jeden Satz, den dieser sprach, mit so drohenden
Blicken auf die braven Pariser Brger, da sie darob eigentlich htten in
die Erde sinken mssen, was sie aber lieber unterlieen.

Am meisten regte sich Blcher an dem Tage ber die Monarchen auf.

Nach dem Einzug hatten sie nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sich zu
einer Sitzung bei Talleyrand zusammenzufinden, um ber das Schicksal
Frankreichs, zu dessen Herbeifhrung sie selbst so wenig getan hatten, zu
beschlieen.

Der Zar, der Knig von Preuen, Nesselrode, Talleyrand und andere traten
da zur Beratung an. Aber Blcher, dem in erster Reihe der groe Sieg zu
verdanken war, wurde nicht gebeten.

Sie beschlossen sofort die Absetzung Napoleons und verwarfen einstimmig
die Nachfolge seines Sohnes.

Talleyrand, bis vor wenigen Tagen der getreue Minister und Sachwalter
Napoleons, nahm dann das Wort und behauptete dreist: ganz Frankreich sehne
sich unaussprechlich nach der Rckkehr der Bourbonen. Man mge den
Franzosen ihr geliebtes Knigshaus wieder bescheren.

Die Frsten und ihre Berater staunten. Wo sie durchs Land gekommen waren,
hatten sie nirgends eine Begeisterung fr das alte Knigshaus bemerkt,
wohl aber immer noch fr den Kaiser.

Sofort hatte Talleyrand ein paar Leute bei der Hand, die Stein und Bein
schwuren: das franzsische Volk in seiner berwltigenden Mehrheit wnsche
nichts sehnlicher, als die Schuhsohlen der Bourbonen zu lecken.

Es waren ein paar Leute von jener Sorte, die bei Umwlzungen stets gleich
bei der Hand sind, um sich auf irgendeine bemerkbare Stelle vorzudrngen,
indem sie tun, als ob eigentlich _sie_ die siegreiche "Bewegung" geleitet
htten, und deshalb als Lohn die lukrativsten Posten beanspruchen knnten.
Sie sprachen beredt, sie sprachen tiefbewegt, mit dem Brustton des
berzeugten und doch so besorgten Patrioten. Und man war viel zu gut
erzogen, um das nicht zu goutieren. Dem guten franzsischen Volk drfe man
einen mit solcher Inbrunst vorgebrachten Herzenswunsch nicht versagen.

Der Knig von Preuen sa ganz teilnahmlos da.

Zar Alexander blickte ihn von der Seite an und dachte an Tilsit und an
seine Begegnung mit Napoleon auf dem Memelflu, wo sie mit leichtem Herzen
ber das Schicksal Preuens hinweggegangen waren. Er dachte an sein
Versprechen an den Knig von Preuen. Und dabei fiel ihm ein, da er auch
heute sein Wort verpfndet hatte und also verhindert war, ohne weiteres
der Rckkehr der Bourbonen zuzustimmen. Eine lstige Sache! Aber ein Wort
ist ein Wort! Und htte er es Bernadotte nicht gegeben, er htte ihm
Finnland zurckgeben mssen, um seine und Schwedens Teilnahme am Kriege zu
gewinnen! Jetzt war ja der Krieg glcklich gewonnen! Aber trotzdem -

Der Zar lie also lssig ein paar gleichgltige Worte ber Bernadotte
fallen und fragte die erlauchte Versammlung, ob es sich nicht empfehle,
diesen bei den Franzosen angeblich so beliebten Frsten mit der Regierung
Frankreichs zu betrauen.

Gleich hatte Talleyrand wieder einen anderen Kronzeugen bei der Hand, der
hoch und heilig beteuerte, in der ganzen Armee wre Bernadotte als Mensch
und Soldat gleich verchtlich. Man wollte keinen Militr an der Spitze des
Staates mehr. Wollte man das, so hatte man ja Napoleon, den ersten
Soldaten der Welt, und brauchte keine von seinen Kreaturen zu nehmen.

Wozu denn das ganze Blutvergieen, wenn alles beim alten bliebe?!

Das sahen die Monarchen auch gndigst ein. Und damit die Sache einen Sinn
bekme - denn die Befreiung Deutschlands gengte den Herren nicht - so
stimmten sie also bei.

Da Talleyrand in seinem unerschpflichen Vorzimmer auch einen Buchdrucker
bereitgestellt hatte, dem er den von ihm bereits im voraus aufgesetzten
Beschlu der Majestten bergeben konnte, so durfte das franzsische Volk
schon nach einigen Stunden an allen Straenecken lesen, was es gewollt
hatte und wonach es sich so sehr gesehnt hatte, und wute also Bescheid,
wute, welche Wohltat es den fremden "Befreiern" verdankte, und wie
unaussprechlich glcklich es fortan sein knnte, seinen kriegerischen
Tyrannen gegen einen in der einzig richtigen Weise von Gottes Gnaden
geborenen einzutauschen. Das heit - insofern es lesen konnte.

"Darum Ruber und Mrder!" sagte Blcher gallig, als ihm das klgliche
Resultat so vieler Opfer mitgeteilt wurde. "Darum haben also die Besten
unter uns ihr Leben lassen mssen - darum haben meine Leute sich blutig
geschunden und gehungert und gefroren, damit dieses dicke Schwein von
einem Bourbonen, dieser _Louis dixhuit_, auf dem Nachtstuhl seiner Vter
soll sitzen knnen!"

Er lachte grimmig auf, erhob sich und ging hinaus, um seinen Truppen
Lebewohl zu sagen.

Denn er machte die Sache nicht mehr mit, er wollte schon heute seinen
Abschied nehmen. Weder fragte man ihn um Rat, noch hrte man auf seine
Wnsche.

Er hatte hundert Millionen Kontribution von den Parisern allein fr
Preuen verlangen wollen, um die Armee einzukleiden und ihre rckstndige
Lhnung auszuzahlen. Aber der Knig, der es hatte zugeben mssen, da
seinem eigenen armen Volk in den paar Jahren franzsischer Besetzung
_anderthalb Milliarden_ abgepret wurden, er wollte nicht so "inhuman" an
den Parisern handeln. Das heit, er wurde zu dieser Weichherzigkeit von
seinem lieben Vetter, dem Zaren, angehalten, der sich pltzlich als
eingefleischter Freund und Beschtzer alles Franzsischen entpuppte. Der
Knig vertrstete also seinen Marschall mit baldiger Zahlung der
rckstndigen Lhnung aus den leeren Kassen in Berlin, was diesen noch
mehr in Harnisch brachte.

"Wir werden uns noch auf Befehl besiegt fhlen mssen, nachdem wir einen
Siegeslauf sondergleichen gemacht haben!" rief er. "Wir werden noch
draufzahlen mssen, statt fr unsere verwsteten Fluren und versengten
Stdte, fr unsere geleerten Kassen und gestohlenen Kunstwerke Ersatz zu
bekommen! Blutegel mte man den Franzosen ansetzen, um ihnen das geraubte
Geld wieder abzusaugen! Aber nein! Die sollen ihr Land ungeschmlert
behalten und den ganzen Raub desgleichen! Hol' sie der Teufel! Na - wenn
der Knig so den ganzen Gewinn verspielt, da fange ich auch wieder mit dem
Spiel an! Da wird wieder frhlich die Karte gebogen! Ich will mal sehen,
ob ich den Franzosen nicht wenigstens so einen Teil des vielen Geldes
wieder abknpfe, was er bei uns eingesackt hat! Ich htte ja gern meine
Ruhe! Aber wenn's nicht anders ist - wenn's durchaus sein mu, ich arbeite
ja gern frs Vaterland! Ich nehme von heute ab mein Hauptquartier im
Palais Royal!"

Vergngt schmunzelnd, in der Vorfreude dieses neuen unblutigen Feldzuges
gegen den Erbfeind, trat er vor die Front und redete die Leute an.

"Kinder!" sagte er, "jetzt seid _ihr_ die Ohnehosen, aber von der
_richtigen_ Sorte - wat een Bx nich ist, aber een Bangbx ooch nich! Ich
htte gewnscht, da ihr, dreckig wie ihr nun einmal seid, an der Spitze
des Heeres beim heutigen Einzug den Parisern gezeigt httet, wie ein
Sieger eigentlich aussehen soll und was fr ein Teufelskerl das ist! Das
htte den Affen wohlgetan! Ihre Leute sind uns oft genug in abgerissenem
Anzug gekommen. Sie haben von unseren Bauern Champagner verlangt und sie
geprgelt, wenn sie keinen bekamen. Von denen httet ihr Weibier fordern
und es in der gleichen Mnze bezahlen mssen. Was dem einen recht ist, ist
dem andern billig. Ich habe fr euch sorgen wollen, ich habe Kleider, Geld
und gute Quartiere verlangt, es ist mir aber nicht gelungen. Ich setze es
noch beim Knig durch, darauf gebe ich euch mein Wort! Ihr sollt wissen,
da euer Vater Blcher an euch denkt, auch wenn er nicht mehr unter euch
weilt. Ich lege heute das Kommando ber euch nieder. Es war ein langer
Spaziergang, den wir miteinander gemacht haben, von der Katzbach bis zum
Montmartre, was soviel wie der Berg der Schmerzen heien soll. Mancher
brave Mann unter euch hat unterwegs ins Gras beien mssen. Aber wir sind
gut miteinander ausgekommen. Ich war mit euch stets zufrieden. Und wenn
ich's euch nicht immer recht machte - es war immer gut gemeint und nach
bestem Knnen getan. Aus seiner Haut kann keiner. Ich am allerwenigsten.
Und deshalb gehe ich. Denn wenn die Diplomatiker jetzt anfangen zu
negoziieren, da ist es fr mich Zeit, mich zur Ruhe zu setzen. Wo ich aber
meinen Ruhepunkt finden werde, wei der Kuckuck. Am Ende gibt's fr mich
hier keinen in dieser unruhigen Welt! Na - gehabt euch wohl, Kinder! Seid
vergngt und denkt einmal zurck an euren alten Marschall Vorwrts!"

Donnernde Hurrarufe beantworteten den Abschiedsgru, und Blcher rieb sich
verstohlen die Augen, als er vom Gefolge begleitet an den Wagen ging.

"Der Knig hat mich zum Frsten machen wollen", sagte er dabei zu seinen
Begleitern. "Das ist nichts als Niedertracht! Das ist die Rache dafr, da
ich sooft auf das Frstengesindel geschimpft habe, das wir berall mit
rumschleppen mssen, und das nur jeder freien Bewegung im Wege ist. Ich
habe abgelehnt. Ich habe ihm geantwortet, ich htte nicht so viel Geld, um
frstlich zu leben. Ob er das wohl begriffen hat?" wandte er sich zu den
Offizieren mit einem schelmischen Augenzwinkern. "Er ist ja ein hllischer
Rechenmeister geworden. Immer noch lt er mich als Feldmarschall mit
Generalleutnantsgehalt leben. Er denkt wohl: du kannst dir mit Belohnung
und Vergeltung fr den alten Kerl Zeit lassen, er geht wohl ab, und da
heit es: das Kind ist tot, die Gevatterschaft hat ein Ende! Nun,
vorlufig tue ich ihm nicht den Gefallen! Er wird schon blechen mssen!"

Er drckte den Offizieren die Hnde, setzte sich neben seinen Adjutanten
in den Wagen, drckte seinen grnen Schirm ber die Augen, lie die
Soufflette aufschlagen und fuhr so, von keinem erkannt, durch die
Abenddmmerung, ohne Eskorte, ohne Musik und hurraschreienden Pbel in das
von ihm eroberte Paris hinein.





                                   13
                            DAS FELL DES LWEN


In eine Fensternische in der Hofburg zu Wien hatte sich der Freiherr vom
Stein zurckgezogen und blickte ber das Festgewimmel hinaus.

In den festlich erleuchteten Slen bewegte sich eine in die Tausende
gehende glnzende Schar der hchsten Gesellschaft Europas. Was irgendwo
Namen oder Geltung hatte, war da. Die Frsten fast ohne Ausnahme, ihre
leitenden Minister ebenso. Die Kaiserstadt Wien hatte ihre schnsten
Damen, ihre elegantesten Kavaliere entsandt.

Es wurde getanzt, geflirtet, gelacht, gescherzt; die Ereignisse des
Kongresses: die Korsos, Schlittenfahrten, Maskenblle wurden besprochen
und Plne zu neuen Festlichkeiten entworfen. ber Politik sprach man
nicht. Sie war Anla zu den Festlichkeiten gewesen, und das gengte.

Man war nmlich hier an der schnen blauen Donau zusammengekommen, um der
befreiten Welt einen endgltigen, gerechten, dauerhaften und ewigen
Frieden zu bescheren.

Also eine uerst spaige Angelegenheit, wie die Ballkavaliere meinten.

Ein halbes Jahr pppelte man schon diesen berhmten Wechselbalg, und da
sah man ihn pltzlich zu allseitigem Staunen im Begriff, sich zu einem
regelrechten neuen europischen Krieg auszuwachsen.

"Wie drollig!" lispelten die holden Schnen, und traten lchelnd zum
Walzer an.

sterreich, England, Frankreich und dessen alte Rheinbundgenossen hatten
sich zu einer wahren Wegelagerergenossenschaft zusammengefunden, um den
Hauptkmpfern im Kriege, Preuen und Ruland, ihren Anteil am Raub aus der
napoleonischen Hinterlassenschaft abzujagen. Schon zckte man die Dolche
und lauerte auf Gelegenheit.

Inzwischen tanzten die Diplomaten, flirteten mit den schnen Wienerinnen,
schlossen zrtliche Allianzen und waren emsig bestrebt, ihre galanten
Eroberungen abzurunden. Man wetteiferte miteinander im Aufwand, man
arrangierte Blle, Schlittenpartien und Korsofahrten, man revidierte Mens
und Ballprogramme und zwischendurch auch, als neuestes Gesellschaftsspiel,
die Karte Europas, aber hauptschlich nur, um dabei die neuesten Bonmots
der Diplomaten zu belachen.

Die Schicksale der Vlker, die man ja auch in die Hand genommen hatte,
machten weniger Sorge - weil sie weniger amsant waren.

Stein machte jenes Gesellschaftsspiel nicht mit.

Sein Einflu auf dem Kongre war berdies gering. Er nahm nur teil als
Minister der besetzten Gebiete. Insofern hatte er mitzusprechen. Auf die
Entschlieungen der Gromchte hatte er wenig Einflu. Sonst wre er
seiner ganzen Veranlagung nach die fhrende Persnlichkeit des Kongresses
geworden, statt da die Leitung jetzt in die Hnde des intriganten,
oberflchlichen und selbstschtigen Metternich und seines sauberen
Kumpans, des Frsten Talleyrand, berging.

Steins Platz im Schatten auf dem kaiserlichen Hofball entsprach also
durchaus seiner Stellung auf dem Kongre, als nichttanzender Staatsmann.

In den Nebenslen wurde eifrig getanzt. Die Klnge der Musik drangen bis
zum entlegenen Platz im Thronsaal, wohin der Freiherr sich zurckgezogen
hatte, und bertnten das Stimmengewirr, so da nur die Gesprche derer,
die gerade an seiner Fensternische vorbeikamen oder dort stehenblieben,
deutlich zu hren waren. Drben hielten die Majestten Cercle - Kaiser
Franz, Kaiser Alexander und Knig Friedrich Wilhelm, jeder fr sich. Sie
zogen bald diesen, bald jenen von den sehnschtig der groen Gnade
harrenden Sterblichen "huldvollst" ins Gesprch, plapperten ihnen ein paar
leere Phrasen vor, entlieen sie und winkten andere herbei, um sie mit den
gleichen Nichtigkeiten zu beglcken.

Aus dem Kreise um die Allerhchsten Herrschaften lste sich eine schlanke
Gestalt in tadelloser Haltung, den feinen, wohlfrisierten Kopf unmerklich
nach den Klngen der Musik wiegend. Leise trllernd kam er gerade auf die
Nische zu, in der Stein stand, und schien jemand zu suchen.

Es war Metternich, der allgewaltige Gebieter sterreichs.

Stein zog sich etwas zurck.

Metternich blieb, ihm den Rcken zugekehrt, stehen und musterte die hin
und her wogenden Massen. Endlich schien er gefunden zu haben, was er
suchte, und gab ein Zeichen.

Ein kleiner, hagerer Mann in unansehnlicher Tracht kam rasch auf ihn
zugeeilt. Unter vielen Bcklingen und "ach" und "oh" und "Exzellenz" und
"Eure Hoheit" stellte er sich ihm "gehorsamst zu Diensten".

Stein kannte ihn wohl.

Eine Persnlichkeit von unheimlichem Zuschnitt, als beratender Expert zum
Kongre hinzugezogen, der Staatsrat Hoffmann aus Berlin - auch
"Seelenhoffmann" genannt.

Es gab im ganzen Deutschen Reiche kein Dorf, keinen Flecken, keine Stadt,
kein Land, deren Seelenzahl er nicht wute.

Galt es auf dem Kongre ein Lndchen abzutreten oder gar zu annektieren,
gleich wurde "Seelenhoffmann" zu Hilfe gerufen. Er sagte, kaum befragt,
sofort die genaue Zahl der Seelen her, die innerhalb der Grenzpfhle jener
Gegend nisteten, stellte eine Rechnung auf, bndelte die Seelen zusammen,
packte sie kunstgerecht ein und machte sie verkaufsbereit fr den Markt.
Dann erst konnte der Handel losgehen.

Die Potentaten protzten dann jeder mit seinem Bndel Seelen, spielten
damit Versteck und suchten unauffllig zu erraten, wie viele der
Gegenspieler unter sich hatte. Man schtzte den gegenseitigen Bestand ein
- man tauschte, handelte und war mit grerem oder geringerem Geschick
bestrebt, mglichst viele Seelen aus dem Geschft herauszuschlagen. So
war's, so ist's, und so wird es immer bleiben, solange Menschen ber
Menschen herrschen - ob sie's im Namen einer Monarchie, einer Demokratie
oder einer jakobinischen Schreckensherrschaft tun.

"Nun, lieber Staatsrat, haben Sie mir etwas in unserer Angelegenheit
mitzuteilen?" fragte Metternich.

Der Angeredete war gleich parat.

"Gewi, Exzellenz. Mir scheint der Kasus nicht unlslich. Wir mten, mit
gutem Willen, schon ohne Krieg um die Frage Sachsen herumkommen knnen!
Wir geben Preuen Sachsen - und geben es ihm auch nicht - die Sache ist
sehr einfach!"

Metternich schttelte den Kopf und grte zugleich mit viel
Liebenswrdigkeit eine am Arm eines Diplomaten vorbeischwebende Komtesse.

"Wie meinen Sie das?"

"Ich meine, Exzellenz, auf die Zahl der Seelen, die Preuen bekommt, kommt
es ihm doch hauptschlich an. Die Seelen bringen doch Steuern. Sie sind
die einzige Grundlage fr die Staatseinnahmen. Nur wer sich das
vergegenwrtigt, die Seelenzahl zusammenhlt und klug vermehrt, bringt die
Finanzverwaltung seines Staates auf gesunde Basis. Geben wir Preuen also
ein wenig mehr Seelen, als es in Sachsen finden wrde. Sie sind da, man
braucht sie nur aufzugreifen.

Lassen wir also Sachsen bestehen - machen wir's kleiner - aber vernichten
wir es nicht gnzlich! Wozu auch? Warum den guten Knig Friedrich August
schwerer als die anderen Rheinbundfrsten bestrafen? Er war ja nicht frei
- er handelte aus Zwang. Nun ja - was konnte wohl der kleine Sachsenknig
gegen den groen Napoleon? Seien wir gerecht. Lassen wir ihn am Leben.

Wenn wir Preuen links vom Rhein mit einer Million Seelen abfinden - wenn
wir ihm in Polen achtmalhunderttausend, item in Westfalen die gleiche Zahl
geben, dann ist es fein heraus, und weit besser bedacht, als wenn es blo
das bichen Sachsen bekme!"

"Das scheint mir plausibel", sagte Metternich. "Ich will mir die Sache
berlegen. Stellen Sie mir die Rechnung genau zusammen, geben Sie alles zu
Papier, bringen Sie mir den Vorschlag morgen frh genau przisiert in
meine Wohnung - ich schlage es dann den Herren morgen vor. Leben Sie wohl,
Herr Staatsrat. Wenn das beim Kanzler Hardenberg durchgeht, werden Sie uns
erkenntlich finden!"

Der Staatsrat verbeugte sich, ganz berglcklich.

"Ich rede noch mit ihm, ich setze ihm alles haarklein auseinander!" sagte
er. "Da kommt er gerade! Gehorsamster Diener, Exzellenz, allergehorsamster
Diener!"

Er eilte auf Hardenberg zu, der eben durch den Saal kam, scharwenzelte um
ihn, verkaufte auch da seine Seelen, und lie nicht locker, bis er den
Kanzler beim Wickel hatte.

Inzwischen wurde Metternich von einem ganzen Schwarm Komtessen in die
Mitte genommen, die eben aus dem Ballsaal hereinflatterten, um die
Majestten anzustaunen. Er flirtete gleich drauflos, bot dieser jungen
Dame Puder an, half jener schnell mehr Rot auf die Wangen legen, hielt
ihnen seinen Taschenspiegel hin und half mit vieler Sachkenntnis die vom
Tanze erhitzten Gesichter wieder hoffhig machen. Dann bot er der
schnsten Dame seinen Arm und fhrte sie in die Nhe der Allerhchsten
Herrschaften. Er war ein Herz und eine Seele und einer Meinung mit ihr,
fand wie sie die Polonsen abscheulich langweilig und eigentlich nur einen
Tanz fr Gromtter und alte steifbeinige Exzellenzen!

"Dagegen der Walzer, himmlisch!" lispelte die Schne. "Da schwebt man in
tollem Wirbel hin, bis sich alles um einen dreht und flimmert. Und
schlielich denkt man, man ist ein Stern am Firmament, und ringsherum
nichts als Sterne, die sich auch so im Tanze drehen und schweben!"

"Das sind Sie auch, Komtesse - ein Stern, aber Sie allein!"

Sie verschwanden in der Menge, die jetzt aus den Ballslen hereinflutete.

Steins Gedanken waren schon anderweitig beschftigt.

Ein leises ungleichmiges Stoen auf dem Parkett, das immer nher kam,
nahm seine Aufmerksamkeit gefangen. Er brauchte nur noch die sanfte,
harmlose Stimme dazu zu hren, um zu wissen, da Talleyrand heranhinkte.
Stein hate und verabscheute ihn. Aber er erkannte ohne weiteres an, da
dieser Mensch ohne Gewissen dazu prdestiniert war, die Seele jenes
Kongresses von Seelenhndlern zu sein.

Mit seinem Klumpfu hinkte er, zynisch lchelnd, jeder groen Begebenheit
nach und nahm seinen Vorteil wahr. Im Zeitalter des _ancien rgime_ als
Geistlicher, dem alle Boudoirs und tonangebenden Salons stets offenstanden
- whrend der Revolution als allgegenwrtiges, allwissendes, eifriges,
aber nicht allzu exponiertes Mitglied jedes Klubs, der gerade am Ruder war
- beim ersten Konsul als allmchtiger Minister, dem deutsche Frsten und
Republiken ihre Schtze zu Fen legten, damit er ihnen gndigst
verstattete, ihre Lndchen mit den Trmmern des Heiligen Rmischen Reiches
zu vergrern.

Minister des ueren unter Napoleon, blieb er in der gleichen Eigenschaft
bei dessen Nachfolger, und wurde - aber nur als persnlicher Vertreter
Knig Ludwigs - zum Kongre zugelassen. Das gengte aber, um ihn bald zu
dessen einflureichster Persnlichkeit zu machen.

Die alten Beziehungen fanden sich schnell wieder. Ansichten und
berzeugungen sind ja keine Gewissenssachen. Hatte man gestern eine, so
hat man dafr heute eine andere, noch vorteilhaftere. Und schlielich ist
ja ein Friedenskongre dazu da, damit man sich verstndigt!

Man fand sich also leicht. Man gewhnte sich schnell wieder daran, den
gewandten Rnkeschmied um seinen Rat zu bitten. Und er konnte wieder nach
Herzenslust intrigieren, geheime Fden knpfen oder lsen, die Mchtigen
der Erde miteinander ausshnen oder entzweien, je nachdem es der eigene
Vorteil heischte. Nebenbei gewann, ohne da es ihn weiter kmmerte, sein
geschlagen am Boden liegendes Frankreich den Rang einer viel und hei
umworbenen Gromacht.

Das Stoen auf dem Parkett hrte auf. Der Klumpfu hielt still, die sanfte
Stimme Talleyrands drang durch. Er sprach zu dem neben ihm gehenden
Abgesandten des entthronten Knigs von Sachsen, dem Grafen Schulenburg.

"Es ist nicht leicht, mein lieber Graf", sagte er im nonchalanten Ton.
"Ich habe meine liebe Not mit Ihren Angelegenheiten gehabt! Viel Arbeit,
viele Schreibereien, unzhlige Konferenzen! - Ich knausere auch mit
Geschenken nicht! - Nun, dafr setze ich meinen Willen durch! Wir knnen
nicht dulden, da ein treuer Freund Frankreichs, wie es Sachsen immer war,
so mir nichts, dir nichts von der Karte weggewischt wird! Ihr Souvern war
des _Kaisers_ Freund - und wir haben jetzt einen _Knig_! Gleichviel! Die
Person des jeweiligen Monarchen hat wenig zu sagen. _Die Politik bleibt,
wie sie war!_ Nun - Sie sehen, _ich bin geblieben_ - ich mache sie doch
eben! Also ich werde mein Bestes fr Sie tun! Sagen Sie das Ihrem
Monarchen! - Selbst kann ich nicht an ihn herantreten - es wrde meine
Bemhungen fr ihn nur kompromittieren, liee ich etwas merken. So etwas
mu behutsam, hintenherum gemacht werden! - _Flstern_ Sie's ihm also zu:
er kann sich auf mich verlassen! Ich werde es an nichts fehlen lassen, an
_gar nichts_! Die Rte aber, die die Akten machen und deren Inhalt auch,
sie sind schlecht bezahlt. Sie brauchen Aufbesserung, _nehmen sie auch
gern an_! - Mein Gott - man hat Familie, man hat Schulden, man mu sich
vorsehen, und nimmt den Segen, wo man ihn findet! Was ist dabei?! Ich
werde es auch da an nichts fehlen lassen!"

"Daran dachte mein erhabener Souvern auch", beeilte sich der Graf
dazwischen zu kommen. "Durchlaucht werden Aufwendungen fr uns gemacht
haben."

"Ich bitte Sie, lieber Graf!"

"Das darf nicht sein. Der Knig wnscht wohl und ist auch damit
einverstanden, da an nichts gespart wird. Er bittet Durchlaucht, ber
seine Kasse zu verfgen. Am liebsten wrden wir einen Fonds zur vllig
freien Disposition bereitstellen!"

"Ungern trage ich Verantwortung fr fremde Gelder!"

"Kein fremdes Geld, und von Verantwortung auch keine Rede! Durchlaucht
wollen ganz nach eigenem Ermessen und ohne Rechnung zu legen ber den
Fonds verfgen, als handle es sich um eigenes Geld. Nur eine einzige
Bedingung - -"

"Bedingung?!"

Talleyrand runzelte die Brauen.

"Eine leicht zu erfllende: - _strengste Diskretion_!"

"Ach so!"

"Die Welt ist boshaft! _Wir_ sind ja ber Verleumdungen erhaben - wer
drfte wohl auf den Gedanken kommen, da _wir_ - - Besser ist es aber, man
setzt sich nicht einmal der Mglichkeit aus, ein Spielball bser Zungen zu
werden!"

Sie gingen weiter.

Stein verlie seinen Beobachtungsposten und ging langsam um den Saal
herum, nach der anderen Seite hin, wo die Monarchen immer noch umschwrmt
wurden.

"Gewissenlose Vogelsteller sind das alles", knurrte er halblaut im Gehen.
"Sie legen ihre Schlingen, umstellen ganze Vlkerschaften, knebeln sie
nach Herzenslust und reden von Befreiung. Es ist ein eigen Ding um jene
'Freiheit'. In ihrem Namen wird gelogen, in ihrem Namen wird betrogen -
die Weltgeschichte ist voll von Raubzgen und Vergewaltigungen der
persnlichen Freiheit, die jener 'Freiheit' zu Ehren begangen wurden. Und
immer noch gehen die Vlker auf den Leim.

Wo auf der Gasse oder im Tempel von der Freiheit gepredigt wird, berall
ist Zulauf von naiven Seelen, die das Gequassel fr bar nehmen und
glauben: nun wird sie kommen! Mit Leib und Seele nehmen diese Braven sich
dann der heiligen Sache an - das heit, mit dem Leib nur, insofern es
nicht gefhrlich ist, und mit der Seele nur, insofern man eine hat!

Hat man aber geholfen, jener gepriesenen Gttin Freiheit in den Sattel zu
helfen, dann kann es einem just passieren, wenn man die Augen zu ihr
erhebt, da man in ihr nichts als eine neue und noch schwerere Tyrannei
erkennt als die, die man um ihrer schnen Augen willen beseitigen half.
Soweit wren wir jetzt. Wenn aber die Vlker merken, da sie die Fessel
der fremden Tyrannei nur brachen, um von den einheimischen Gewalthabern
noch schlimmer geknebelt zu werden - dann -"

Er sprach nicht zu Ende.

Die wohlbekannte verdrieliche Stimme des Knigs von Preuen wurde in
einer Gruppe vor ihm laut.

Der Knig mit seinem Hardenberg und seinem Knesebeck und seinem Humboldt
hielt sich, wie immer, etwas abseits von den beiden Kaisern. Er blickte
gelangweilt um sich und hrte kaum zu, was ihm sein Kanzler im Flsterton
eiligst vortrug.

"Wird abgelehnt", sagte er dann barsch. "Geben dem Frsten den Abschied
nicht! Ihm schreiben: knnen den Namen Blcher nicht entbehren!"

"Wird sofort erledigt!"

"Wollen Beruhigungsmittel fr ihn finden. Wollen ihm wieder Gelegenheit
geben, uns mit seinen Apothekerrechnungen zu kommen! Wird es ntig haben!
Soll ja wieder spielen! Ist jetzt nur in Wut, weil beim Kongre nicht
alles nach seiner Pfeife tanzt! Mchte gleich den ganzen Erdball
schlucken! Ist kein Politiker! Wrde ganzen Kongre auf den Kopf stellen,
wre er dabei! Gnnten ihm sonst gern das Tanzvergngen hier! - Wer ist
der stattliche General, der eben mit Kaiser Franz spricht?"

"Lord Wellington. Eben hier angelangt, um die Vertretung Englands zu
vervollstndigen."

"Nachher vorstellen!"

Stein lie sie stehen und nherte sich der Gruppe um Kaiser Franz.

"Den Knig von Sachsen lasse ich nicht fallen", sagte der Kaiser eben,
etwas hitzig werdend und auf seine Worte weniger achtend. "Ich lasse eher
schieen! Die deutschen Frsten sind eines Sinnes mit mir!"

Er senkte die Stimme wieder.

"Hannover, Holland werden Knigreiche, wie England wnscht. Hat meine
Zustimmung! Preuen mu sich bescheiden!"

Sein Blick fiel auf den Reichsfreiherrn vom Stein, dessen Plan, ein
starkes geeintes Deutschland mit dem Herrscher sterreichs als Kaiser zu
errichten, er wohl kannte. Er wandte sich an ihn.

"Die deutsche Kaiserkrone lehnen wir ab! Freuen uns, der Qual berhoben zu
sein! Haben genug in Italien zu tun!"

Stein verbeugte sich schweigend und ging weiter.

Ihn widerte der ganze Handel an. So ging es nun Monat fr Monat hin und
her ohne Entscheidung, ohne greifbares Resultat, und nichts geschah, als
dieses kleinliche Abwgen kleinlicher Interessen gegeneinander. Die groen
Frsten wollten sich auf Kosten der kleinen vergrern - die kleinen
wollten Wiederherstellung ihrer verlorenen Macht - der eine wollte dies,
der andere das, die Reichsritter, die Johanniter, die
Reichskammergerichtsbeamten, die Prlaten, die Frankfurter Juden - alle
kamen sie mit ihren Wunschzetteln, wollten Restitution, Entschdigungen,
Monopole, Rechte fr sich und Unrecht fr die anderen. Die Flut schwoll an
und berschwemmte mit Akten und Gesuchen die armen Schreibersleute, die
sie zu registrieren hatten. Und die groen Herren, bei denen die
Entscheidung lag, zuckten die Achseln zu dieser Sintflut, lachten,
scherzten, tanzten und flirteten.

"Das Schicksal der Vlker ist wie immer in den besten Hnden!" murmelte
Stein im Gehen. Er dachte mit Bitterkeit an seine kurze Amtszeit als
leitender Minister Preuens - dachte, wie kinderleicht es wre, in diesem
Lande Wandel zu schaffen, wre nicht immer Unverstand und Eigensinn und
Eitelkeit an der Spitze - htte nicht Unvermgen, Gleichgltigkeit und
Kraftlosigkeit Entscheidungen zu treffen und ins Werk zu setzen.

Er blickte verchtlich den Zaren an, der sich jetzt als derjenige
anhimmeln lie, dessen Energie und Entschlossenheit allein das groe Werk
zum glcklichen Ende gebracht hatte, als jeder andere zweifelte und auf
dem halben Wege stehenblieb. Kein Mensch wute, wer die ganze Zeit hinter
diesem Schwchling gestanden hatte - keiner dachte daran, da er, Stein,
es war, der ihm den Nacken steifte, als ihm beim Einfall Napoleons in
Ruland das Herz tief in die Friedenshosen fiel, und ihn auch nachher dazu
brachte, seinen Soldaten und Generlen zum Trotz den Feldzug in
Deutschland und in Frankreich zu fhren! Willenlose Schwchlinge, der eine
wie der andere, aufgeputzte Theaterpuppen alle miteinander! Knnte er nur
diese Sintflut von Frsten, in der alles Lebenstchtige zu ertrinken
drohte, von der Erde vertilgen, er tte es ohne Zaudern!

"Wie schade, da Napoleon, dieser Bndiger der Frsten, nicht hier unter
uns entstand!" murmelte er noch. "Er war den Leuten gesund! Wre er nur
nicht, von falschem Glanz geblendet, auch einer von ihnen geworden -,
htte er sich einen khlen Kopf bewahrt und der Versuchung widerstanden,
wer wei, was noch geworden wre?!"

So weit kam er in seinen Gedanken, da entstand eine pltzliche Bewegung im
ganzen Saal. Alles kam in Unruhe und stob auseinander. Die Sle leerten
sich fluchtartig. Die Monarchen drngten alle auf eine Stelle zusammen und
sprachen eifrig mit ihren Ministern und Rten. Kaiser Alexander redete
aufgeregt auf Kaiser Franz ein, der ihm wiederum Vorwrfe zu machen
schien, der Knig von Preuen kam hinzu, Hardenberg, Metternich,
Talleyrand, alles, was dazu gehrte, drngte auf die Gruppe ein und
horchte begierig - alle Intrigen, alle kleinen Feindschaften waren
vergessen -, die drohende Kriegsgefahr schien wie durch Zauber aus den
Gemtern gebannt zu sein.

"Napoleon hat Elba verlassen! Er zieht auf Paris! - Der Knig Ludwig ist
geflohen!" so rief im ganzen Saal alles durcheinander, ohne an die
Etikette zu denken.

"Mein Gott, was machen wir nun?" klagten ein paar niedliche Komtessen, und
blickten verzweifelt zu Metternich hinber, der, sonst ihr Helfer in der
Not, jetzt kein Auge fr sie zu haben schien.

"Der Maskenball beim Frsten de Ligne wird sicher abgesagt werden! Heute
habe ich gerade mein Kostm anprobiert - du weit, fr das _tableau
vivant_, in dem ich den Friedensengel darstellen sollte! Die Rolle lag mir
ausgezeichnet! Jetzt ist alles umsonst - alles nichts!"

"Dem Frsten Blcher befehlen, da er sich sofort auf seinen Posten
begeben soll! Ernennen ihn zum Oberbefehlshaber unserer ganzen Armee!"
sagte der Knig von Preuen im Gehen zu seinem Kanzler und lie sich noch
rasch Lord Wellington vorstellen, der allein im ganzen Saale khl lchelnd
dastand und das Auseinandertanzen des Friedenskongresses beobachtete.

                                    *

Kaum war Blcher in seinem Hauptquartier zu Lttich angelangt, da wurden
ihm die Fensterscheiben eingeworfen.

Drauen schrie man: "Vivat Napoleon! Hoch Friedrich August! Nieder mit
Preuen!" und machte einen Hllenlrm, schwang die Waffen und lief Sturm
aufs Haus.

Es waren die guten Sachsen.

Sie waren mit den Beschlssen des Wiener Kongresses ber sich nicht ganz
zufrieden. Sie erhoben ihre Stimmen und wollten gar mitreden. Die
achtmalhunderttausend verratenen und verkauften schsischen Seelen muckten
dagegen auf, ihre wunderschnen grnweien Landesfarben in preuisch
Schwarzwei umtauschen zu mssen. Der ganze Handel gefiel ihnen nicht. Sie
bedankten sich, und man konnte es ihnen nicht verdenken.

Als man aber Ernst machte, als das preuische Oberkommando anfing, die
schsischen Truppenverbnde, die jetzt zur Abwechslung gegen, statt fr
Napoleon ausgezogen waren, zu zerreien und die Bcke von den Schafen zu
trennen, siehe, da wollten sie alle keine Schafe sein, da bockten sie
heidenmig auf und machten ein gro Geschrei. Die, "welche noch", und
die, "welche nicht mehr" schsisch sein sollten, wurden pltzlich ein Herz
und eine Seele, als seien sie nicht mehr Kinder eines Volkes und gar eines
deutschen Stammes. So einig waren sie gegen ihre neuen Gewalthaber.

Sie meuterten also frmlich und fhlten sich dazu nicht nur berechtigt,
sondern geradezu verpflichtet, da ihr Knig sie noch nicht ihres Treueides
entbunden hatte.

Der hatte damit keine Eile.

Er hoffte im geheimen auf den Sieg Napoleons. Im Geiste sah er sich wieder
im ungeschmlerten Besitz seiner achtmalhunderttausend grnweier Seelen
und etlicher schwarzweier dazu.

Er hielt sie also nach Krften an ihrem Treueid fest wie ein Bndel
Heringe an ihrer Strippe. Und Blcher, der mit den Beschlssen jenes von
ihm sooft verfluchten Kongresses nicht das geringste zu tun gehabt hatte,
mute wieder einmal ausfressen, was die Diplomatiker eingebrockt hatten.
Ihm wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Er wurde angespuckt und in
reinstem Schsisch gebeten, mit Extrapost zur Hlle zu fahren. Man wollte
ihm sogar behilflich sein und zeigte ihm mit den Spitzen der blanken Waffe
den nchsten Weg.

Alles andere hatte er erwartet, nur den Empfang nicht.

Er hatte die Sachsen geehrt und bevorzugt. Er hatte sein Hauptquartier in
ihre Mitte verlegt. Er hatte dem schsischen Korps die Bewachung seiner
Person anvertraut. Und nun mute er das erleben!

Da ein Volk sich nicht wie ein Haufen Vieh verhandeln lassen konnte, am
allerwenigsten durch Beschlu fremder Mchte wie England, Frankreich und
Ruland - da es sich dagegen emprte und sich zur Wehr setzte, das war zu
verstehen.

Aber Meuterei war Meuterei und angesichts des Feindes durch nichts zu
entschuldigen. Kein Heer der Welt, das nicht sich selbst aufgibt, durfte
das dulden. Kein Befehlshaber durfte es sich gefallen lassen, und wenn es
sein Leben glte!

Blcher war auch nicht derjenige, der auswich, wenn man ihm mit blanker
Waffe unter der Nase herumfuchtelte. Er zog sofort vom Leder, wollte sich
dem meuternden Haufen entgegenstellen, und war nur mit Mhe von solch
nutzlosem Beginnen abzuhalten.

Seiner Umgebung gelang es, ihn zu berreden, sich fr den Augenblick in
Sicherheit zu bringen. Aber er hielt ein strenges Gericht. Bei Strafe der
Dezimierung muten die Aufrhrer ihre Rdelsfhrer ausliefern.

Diese wurden erschossen, die meuternden Bataillone aufgelst, ihre Fahnen
wurden verbrannt und das ganze schsische Armeekorps nach Hause geschickt.

Blchers Armee bestand fortan aus lauter Preuen, unter den vier
Korpsfhrern Zieten, Blow, Pirch und Thielmann.

Yorck, dessen widerborstiges Wesen im letzten Feldzug so viel Verdru
verursacht hatte, wurde nicht mitgenommen. Gneisenau aber war wieder
Generalquartiermeister.

Die Armee bezog Stellungen von Lttich ber Namur bis Charleroi, wo Zieten
kampierte. Wellington mit seinem aus Englndern, Hannoveranern, Hessen und
Braunschweigern bestehenden Heer hatte von Nieuport ber Brssel bis zur
Schelde weit auseinanderliegende Quartiere bezogen.

Da wollten beide den Aufmarsch der Russen und sterreicher ber den Ober-
und Mittelrhein abwarten, um dann konzentrisch in Frankreich einzurcken
und mit einer bermacht von sechshunderttausend Mann Napoleon zu
erdrcken.

Napoleon tat ihnen aber nicht den Gefallen, darauf zu warten.

Fr ihn gab es nur die eine Mglichkeit, die feindlichen Heere einzeln und
nacheinander anzugreifen und zu schlagen.

Schnell wie der Blitz tauchte er eines Tages pltzlich bei Maubeuge auf,
mit einer Armee von hundertachtundzwanzigtausend Mann und
dreihundertvierundvierzig Kanonen, schritt gleich zum Angriff, drngte
Zieten von Charleroi bis zum Lignybach zurck, warf sich zwischen die
englische und preuische Armee, die zusammen zweihundertzehntausend Mann
und fnfhundertvierundzwanzig Kanonen hatten, und bedrohte ihre wichtigste
Verbindungslinie, die Chaussee von Brssel nach Namur.

                                    *

Vor einer Mhle in der Ebene von Fleurus stand ihr Besitzer, ein alter
flmischer Windmller, und blickte betrbt in die Gegend hinein.

Die ganze Nacht, den ganzen gestrigen Tag hatte er auf der Chaussee von
Charleroi den Lrm anrckender Truppenmassen gehrt. Die Preuen, die
zuerst gekommen waren, lagerten noch in und um den Drfern am Lignybach.
Jetzt rckten die Verfolger, die Franzosen, heran. Und die Preuen machten
noch keine Miene, weiter auszuweichen!

Der Mller seufzte.

Blieben sie, dann se er wieder hbsch in der Klemme! Dann wrden von
hben und drben Kanonenkugeln heranfliegen, die neuen Flgel seiner Mhle
zerschmettern und, wer wei, sie am Ende gar in Brand stecken! Und er kme
um seinen Besitz! Seine schne Mhle, die er, im Vertrauen auf einen
dauernden Frieden, wieder mit Mhe und Not instand gesetzt hatte, wre
hin, und er konnte betteln gehen!

Er seufzte, ging mit schweren Schritten in die Mhle hinein, stieg die
schwankende Leiter bis zum Dach hinauf, ffnete die Luke und trat auf die
Plattform hinaus.

Von hier hatte er freien Blick nach allen Seiten und konnte sogar ber die
hohen Pappeln und Weiden, die die Ufer des Lignybaches umsumten und unten
den Ausblick nach Osten behinderten, hinwegsehen.

Drben im Osten, wo die scharfen Silhouetten einiger Windmhlen sich gegen
den Himmel abzeichneten, kribbelte und krabbelte es wie ein endloser Zug
von Ameisen auf der Chaussee von Namur nach Brssel, die sich am Kamm des
Hhenzuges entlang wand. Gen Sombreffe ging es und noch etwas darber
hinaus. Dort schien es sich zu stauen, quoll an, breitete sich aus und
begann langsam die hohe Bschung von der Chaussee nach dem Bach zu
berfluten. Die Ameisen krochen nher, bekamen blitzende Spitzen, bunte
Farben, sie wuchsen, gliederten sich, nahmen Form an, wurden zu Menschen,
Pferden, Geschtzen, Wagen, und bedeckten bald den ganzen Abhang, mehrere
Meilen breit bis zum Bach herunter. Und schlielich stand, wie auf einem
fcherartig sich ausbreitenden Amphitheater, die ganze preuische Armee
gefechtsbereit da.

Der Mller nahm seine Mtze ab und wischte sich die Schweitropfen aus der
Stirn. Der Tag war hei, die Sonne brannte. Es wrde noch ein Gewitter
geben.

Unten prangten die Wiesen wieder in saftigem Grn, nachdem die erste
Heuernte geborgen worden war. Die Kornfelder standen reich in goldener
Flle und harrten des Schnitters.

Ein einziger Tag wrde gengen, diesen ganzen Reichtum zu vernichten.

In den nchsten Stunden schon wrde der Schnitter Tod seine Sense
schwingen und Ernte halten. Die Erde wrde wieder daliegen, aufgewhlt und
mit tausend klaffenden Wunden, von blutigen Trmmern, Leichen und
Pferdekadavern bedeckt. Die Feldfrchte wrden zerstampft, alles
vernichtet werden!

Wie oft schon hatten seine Augen das gleiche Schauspiel gesehen! Seit
seiner ersten Jugend kannte er's nicht anders, als da fremdes Kriegsvolk
die Fluren seiner Heimat verwstete. Immer wieder suchten sich die Vlker
Flanderns blutgetrnkte Erde zum Tummelplatz ihres Haders und ihres
Streites aus. Jahraus, jahrein brauste der Schlachtenlrm ber seine
fruchtbaren Gefilde hinweg. Das einst so reiche und mchtige Land
verdete, sein Handel, seine Industrie suchte sich anderswo eine
gesicherte Heimat, und nur die alten Stdte mit ihren Burgen, Hallen,
Trmen und weit ins Land hineinragenden Belfrieden zeugten noch von der
einstigen Macht und Herrlichkeit ihrer Bewohner.

Der Mller stand noch eine Weile und blickte vertrumt auf die dichten
Wolken, die sich im Osten allmhlich ber den Horizont erhoben und
anfingen, langsam das Blau zu verdecken. In einigen Stunden wrde das
Gewitter da sein.

Unten wurden Hufschlge von Pferden laut und verstummten am Eingang.

Gleich darauf knarrte die Leiter im Innern der Mhle unter wuchtigen
Tritten. In der Wandluke zur Plattform kam ein scharfgeschnittenes Gesicht
zum Vorschein, darber ein dreieckiger schwarzer Hut, und dann eine grne
Uniform mit weiem Brustlatz ber einem starken kurzen Krper. Im nchsten
Augenblick stand der Kaiser Napoleon vor dem Mller, der eiligst seine
Mtze vom Kopfe ri.

Der Mller kannte ihn wohl - und wem in der ganzen Welt wren wohl die
Zge jenes Mrchenhelden noch unbekannt gewesen?

Er trat auf den Kaiser zu und verbeugte sich tief. Er wollte die
Gelegenheit bentzen, ihm ins Gewissen zu reden - wollte hinausschreien,
was er auf dem Herzen hatte, wollte ihm von hieraus die reiche Ernte
ringsherum zeigen, die jetzt auf ein Wort von ihm der Vernichtung
anheimfallen wrde, und wollte sagen: "Sehen Sie, Sire, wie schn das
alles ist, und wie reich uns der Himmel in diesem Jahre segnet! Das alles
hier unten sind Gaben des Himmels! Und Gaben des Himmels tritt man nicht
mit Fen! Denkt doch daran. Schont unser armes, gemartertes Land! Lat es
nicht wieder verwsten - lat meine einzige Habe nicht vernichten. Es
kostet nur ein Wort! Ein Wort, Sire, von Ihrem Munde gesprochen! Sie haben
die Macht! Ntzen Sie sie aus! Haben Sie Erbarmen!"

So wollte er sprechen. Als er aber die Blicke zu dem ehernen Gesicht des
Schlachtenkaisers erhob, da verga er alles, da verlor er den Mut.

Was htte es auch gentzt?!

Die Worte htten keinen Einla in das Bewutsein jenes Gewaltigen
gefunden, der vor ihm stand. Dort drinnen war alles in voller Grung. Die
Vorfreude einer groen Tat durchfieberte seinen Geist und spannte sein
ganzes Denken an. Gewaltige Ideen jagten sich, ungeheure
Gedankenverbindungen lsten sich dort unter jener Stirn ab, sein ganzes
Hren war auf die Zuflsterungen seiner inneren Stimme gerichtet. Wie wre
es ihm nur mglich gewesen, das Wimmern jenes armseligen Wurmes zu
beachten, der sich vor ihm krmmte!

Napoleon streckte die Hand aus, zeigte auf die Hhen im Nordosten, und
fragte, ohne auf den Mller zu sehen:

"Das Dorf drben, von dem der Kirchturm aus der Talsenke hinter der
Windmhle aufragt?"

"Brye!" antwortete der Mller.

"Und drben im Osten, rechts von Sombreffe, an der Chaussee von Namur?"

"Point de jour!"

"Das Dorf hier unten, wo der Bach im geraden Winkel von uns nach Osten
abbiegt, ist Ligny?"

"Ganz richtig!"

"Die drei Drfer links davon, vor der Biegung des Baches sind also -?"

"Saint-Amand - Saint-Amand la Haye - Le hameau Saint-Amand!"

"Das Dorf am meisten links ist also Wagnele. Und dahinter, die Strae,
die die Chaussee quer schneidet, wre denn die alte Rmerstrae?"

"Das stimmt!"

"Da wren wir also orientiert!" sagte der Kaiser und fing an, das ganze
Amphitheater und den Horizont mit seinem Fernrohr grndlich abzusuchen.

"Mindestens neunzigtausend!" murmelte er vor sich hin. "Sein viertes Korps
wird also noch unterwegs sein. Um so besser!"

Er schob sein Fernrohr zusammen, bckte sich und rief durch die Luke in
die Mhle hinein.

"Marschall Soult soll sofort noch einen Kurier nach Quatrebras an
Marschall Ney abfertigen, den Befehl von heute frh nachdrcklich
wiederholen und sagen, ich griffe um zwei Uhr die Preuen an, er mge
sofort alles, was vor ihm steht, wegfegen, Quatrebras und die Strae von
Namur nach Brssel besetzen, dann zwlf- bis fnfzehntausend Mann
hierherdetachieren und die Preuen in den Rcken nehmen. Sptestens um
zwei Uhr will ich seine Kanonen hren!"

"Zu Befehl!" antwortete drinnen eine Stimme, und die Leiter im Innern der
Mhle fing wieder an zu quietschen und zu knarren unter den Schritten des
Fortgehenden. Gleich darauf klapperten unten Hufschlge, die sich rasch
entfernten.

"Ist der Bach die ganze Strecke von uns aus so dicht mit Bumen
eingefat?" fragte Napoleon den Mller, der immer noch mit der Mtze in
der Hand dastand.

"Hinter Ligny - geradeaus von uns - ist eine baumlose Strecke", antwortete
dieser.

"Es ist gut!" sagte Napoleon, zufrieden, einen Platz herausgefunden zu
haben, von dem aus er die preuische Stellung flankierend beschieen
lassen konnte.

Er ging um die Plattform herum und blickte nach Westen ber das Feld
hinaus, wo seine eigenen Truppen im Anmarsch waren.

Links von der Chaussee Charleroi - Namur stand schon das Korps Vandamme in
Stellung vor den drei Drfern Saint-Amand. Auf der Strae selbst und
rechts am Bach, von dessen Biegung ab - also fast in rechtem Winkel zu
Vandamme - war das Korps Gerard im Begriff, sich auszubreiten - rechts von
ihm die leichte Kavallerie Pajols, Exelmanns Dragoner und Milhauds
Krassiere - hinter der ganzen Aufstellung, als Reserve, die Garde. Im
ganzen 64 000 Mann. Aber drei Lieues rckwrts, wo der Weg von Charleroi
sich in die Chausseen nach Brssel und Namur teilt, hatte Napoleon noch
den Grafen Lobau mit zehntausend Mann stehen, um im Bedarfsfalle entweder
auf der einen oder der anderen Strae zur Untersttzung vorgehen zu
knnen.

Voll stolzer Zuversicht blickte der Kaiser ber seine Truppen hinaus - die
prchtigsten, die er seit langem gefhrt hatte. Htte er die im Vorjahre
gehabt, nimmermehr wre der Feind in Paris eingezogen - die lcherliche
Elbaepisode htte er niemals erlebt, und der Kampf wre ihm jetzt erspart
worden.

Seine Veteranen waren aber in alle Welt zerstreut gewesen, in Spanien, in
den deutschen Festungen, in den Spitlern, oder kriegsgefangen. Und er
hatte den Endkampf mit unerprobten Rekruten und mit schlechtem oder
minderwertigem Material ausfechten mssen, da seine Hauptdepots in
Deutschland verlorengegangen waren.

Diese Leute hier waren aber fast alle in zwanzigjhrigen Kmpfen gesthlt,
wetterfeste, gebrunte Kerle mit Nerven aus Stahl und mit unbeugsamem Mut,
jeder einzelne zehn andere aufwiegend.

Napoleon zwngte seinen dicken Krper wieder durch die Luke hinein, ohne
den Mhlenbesitzer weiter zu beachten. Dieser hatte auch schon den Kaiser
vergessen und blickte interessiert nach der Mhle bei Bussy hinber, wo
unter den dunklen Uniformen der Preuen einige rote Rcke aufleuchteten,
und viel Gold und Flitter verrieten, da dort wohl der feindliche Stab,
mit Englndern vermischt, seinen Standort hatte.

Die Gewitterwolken waren bis zur halben Hhe des Himmels geklettert. Die
Sonne stand im Zenit und sandte eine mrderische Glut herab. Der Wind
schlief.

Vier Kuriere hatte Napoleon schon an Ney geschickt mit dem gleichen
Befehl, und noch immer hrte er nicht dessen Kanonen.

Die Spannung wuchs ins ungeheure.

Fhrte Ney pnktlich seinen Befehl aus, so gab's fr die Preuen kein
Entrinnen mehr. Sie wrden der sicheren Umzingelung und Erdrckung nicht
entgehen knnen und waren fr diesen Feldzug aus dem Spiel.

Die Niederlage der Englnder war dann nur eine Frage der Zeit - und die
politischen Folgen unabsehbar. Das Schicksal der Welt hing von der
strikten Ausfhrung dieses einen Befehls an Ney ab.

Mit der Uhr in der Hand wartete Napoleon die Zeit ab. Der Zeiger rckte
unendlich langsam vorwrts - es wurde eins - es wurde halb zwei - zwei -
und immer noch keine Kanonade von drben!

Was war denn los? Ney, sonst kaum zu zgeln, und jetzt?

Napoleon verfluchte innerlich seine Unklugheit, seinen ganzen linken
Flgel in die Hand dieses unzuverlssigen Brausekopfs gegeben zu haben. Er
hatte aber keine Wahl gehabt. Die meisten seiner alten Marschlle waren
kriegsmde und unter allerlei Vorwnden auf ihren Gtern geblieben. Sie
trauten seinem Glck nicht mehr und zogen es vor, sich noch alle Auswege
offenzuhalten. Ein Sieg nur - und er htte das Vertrauen jener Zaghaften
wieder! Dieser Sieg winkte ihm heute so sicher wie einst bei Austerlitz -
bei Jena - bei Marengo, und gleich umfassend, gleich vernichtend fr den
Feind! Knnte er nur selbst berall anwesend sein - selbst jede Einzelheit
seines Planes ins Werk setzen!

Er schickte rasch noch einen Kurier nach Quatrebras, mit dem eigenhndigen
Befehl an Ney, sofort zum Angriff auf die Englnder zu gehen und gleich
einige Regimenter hierherzusenden. "Das Schicksal Frankreichs liegt in
Ihrer Hand!" schrieb Napoleon, zog dann die Uhr, wartete bis halb drei,
fluchte laut, weil er noch immer keinen Kanonendonner von Ney hrte, und
erteilte endlich den Befehl zum Angriff.

Sogleich warf sich Vandamme mit seiner Division auf die drei Drfer
Saint-Amand, in denen Zieten sich festgesetzt hatte. Es waren drei
Festungen, wie sie da unten im Talgrund am Bach lagen, von Obstgrten,
Hecken, Zunen umgeben und untereinander verbunden durch die hohe grne
Kulisse der am Lignybach wachsenden Pappeln und Weiden, die Freund und
Feind gleich unsichtbar freinander machten.

Die Drfer wurden nach heftig hin und her wogendem Kampf von den Franzosen
genommen. Darber hinaus war aber kein Fortkommen, der Bach blieb fr sie
ein unberwindliches Hindernis - die Stellung der Preuen auf den Anhhen
dahinter war durch frontalen Angriff uneinnehmbar.

Blcher hatte zwischen Brye und Saint-Amand 60 000 Mann stehen, die er so
allmhlich in den Kampf eingreifen lie, um die Drfer vom Feind
zurckzuerobern. Nach stundenlangen wtenden Kmpfen, die besonders in
Ligny uerst blutig wurden, beschlo Napoleon, einen Keil zwischen die um
die Drfer kmpfenden beiden Korps Blchers und seine Reserven zu treiben.
Er bildete aus sechs Bataillonen seiner Garde eine Sprengkolonne, fhrte
sie selbst von der Biegung des Baches am Dorfe Ligny vorbei und lie dort
durch Sappeure eine Gasse in Kompaniebreite durch die den Bach umsumenden
Bume legen, um dort zum Durchbruch der preuischen Front vorzustoen.

Die Gefahr fr die Preuen war gro.

Blchers rechter Flgel hing in der Luft und konnte jeden Augenblick
umgangen werden, wenn der franzsische linke Flgel mit Ney eingreifen
wrde. Er hatte die Unvorsichtigkeit begangen, die Schlacht anzunehmen,
ohne erst die Ankunft seines vierten Korps abzuwarten. Er vertraute auf
Wellingtons bestimmtes Versprechen, um vier Uhr zu ihm zu stoen, und
hatte Napoleon das gleiche Schicksal zugedacht, wie dieser ihm.

Aber weder Wellington noch Ney kamen.

Im vergeblichen Abwarten dieser Untersttzung auf beiden Seiten rieb man
sich im Kampf um die Drfer auf, ohne vom Fleck zu kommen. Tausende von
Leichen bedeckten die Dorfstraen, die Grten und die umgebenden Felder.

Der Nachmittag ging schon zur Neige. Die Hitze, immer noch drckend, wich
pltzlich, als auf einmal mit gewaltigem Krachen das Gewitter ber das
Schlachtfeld niederging. Pltzliche Dunkelheit ersetzte die frhere
strahlende Helle, Blitze zngelten. Der Donner erstickte das Krachen der
Geschtze, der Kampf schien zu erlschen in den den Wolken entstrmenden
Fluten.

Blcher, der immer noch hoffte, Wellington mit seinen Rotrcken im Rcken
Napoleons ankommen zu sehen, trieb seine Divisionen unaufhaltsam vorwrts
gegen die von den Franzosen besetzten Drfer. Er bi sich in sie fest und
lie nicht locker, er wrde sie festhalten, solange er noch Kraft hatte,
bis der Englnder anlangte, um ihnen den Fangsto zu geben. Aber der
Englnder kam nicht, und seine Leute ermdeten. Er sprengte dann an die
Division Pirch heran, um sie selbst zur Untersttzung heranzufhren. Als
die Leute Blcher auf seinem Schimmel herangaloppieren sahen, blieben sie
stehen und grten den Marschall mit begeisterten Zurufen.

Blcher, dem es an allem anderen mehr gelegen war, als mit
Huldigungstratsch auch nur eine Sekunde kostbarer Zeit zu verlieren, hielt
jh seinen Schimmel an, erhob sich in den Steigbgeln, drehte sich zornrot
um und schrie ihnen mit Donnerstimme zu: "Leckt mich - - -! Dort steht der
Feind! Vorwrts!" - gab dann seinem Gaul die Sporen und flog allen voran
in den Kugelregen hinein, der ihm aus den Drfern den Willkomm gab.

Das Gewitter wurde immer heftiger, es dunkelte immer mehr. Es wurde schon
acht Uhr, und immer noch war keine Entscheidung, immer noch kein Ney in
Sicht!

Schlielich wurde Napoleon des Harrens mde und erteilte seiner Garde, die
er solange wie mglich geschont hatte, den Befehl zum Angriff.

Durch die offene Gasse zwischen den Bumen rckten die Bataillone vor,
berschritten den Bach und strmten die Anhhe auf der anderen Seite
hinan, um hinter die 60 000 Mann Blchers zu kommen, die unten bei den
Drfern kmpften, und sie von dem Korps Thielmanns, das noch oben an der
Chaussee stand, und von Blow, falls der kme, zu trennen.

Das Gewitter wurde immer gewaltiger, Blitz auf Blitz zngelte nieder und
beleuchtete die Einbruchsstelle, aus der die Kolonne der Brenmtzen
langsam und unwiderstehlich wie eine Naturmacht aus der Tiefe
heraufdrngte und alles vor sich hinwegfegte.

Die Gefahr war gro. Blcher warf alles, was er an Kavallerie hatte, den
Franzosen entgegen, eilte selbst von dem Kampf um Saint-Amand zurck nach
Brye und ordnete den Gegenangriff. Feurig wie ein Jngling, mit vor
Aufregung gertetem Gesicht, sprengte der Dreiundsiebzigjhrige, den Sbel
schwingend, in groen Bogenstzen allen voran und feuerte sie durch Zurufe
an.

Als kme er aus den Wolken, so wirkte im Aufflackern der Blitze seine
rasend vorwrts strmende Erscheinung auf Freund und Feind.

Ein ohrenbetubender Krach, ein minutenlanger Blitz, das Pferd Blchers
machte einen Riesensprung, als wollte es mit ihm in den Himmel
hineingaloppieren, und dann war es verschwunden. Kein Blitz vermochte es
mehr aus dem Dunkel hervorzuzaubern. Aber wo es zuletzt gesehen war,
rasselten die Hufschlge der jetzt zur Attacke vorstrmenden Krassiere
Milhauds vorber - und dann zurck, von den preuischen Reitern verfolgt.
Die Preuen fanden ihren Feldmarschall unter seinem Pferd liegend,
beschtzt von seinem treu an seiner Seite ausharrenden Adjutanten Nostiz.
Sie befreiten ihn aus seiner qualvollen Lage, setzten ihn, dessen alte
Knochen immer noch unversehrt waren, auf ein anderes Pferd und brachten
ihn aus dem Schlachtgetmmel.

Gleichzeitig brachen die Franzosen aus allen Drfern hervor, die nun nicht
lnger zu halten waren, nachdem durch den Sto der Garde die preuische
Schlachtlinie durchbrochen worden war. Die Preuen rumten das Kampffeld
und zogen sich auf Tilly und Mellery zurck. Die Strae von Namur nach
Brssel, ihre einzige Verbindung mit den Englndern, war ihnen
verlorengegangen. Es blieb ihnen nur brig, entweder auf den Rhein
zurckzugehen oder auf einem groen Umweg noch die Vereinigung mit
Wellington zu versuchen.

Mitten in der Nacht traf Gneisenau auf Blcher, der, auf Stroh gebettet,
in einer Htte in Mellery lag und von seinem Leibarzt Bieske gesalbt und
frottiert wurde.

"So'n Sturz mit dem Pferd war noch nicht da!" rief ihm der Alte entgegen.
"Wenn das nicht Glck bedeutet, dann will ich gehngt werden. Das nchste
Mal, Gneisenau, das nchste Mal! Heute haben wir Schmiere gekriegt, das
wollen wir ausbessern. Wir mssen uns zurckziehen, daran ist nichts zu
ndern, _aber der Rckzug geht vorwrts_, wie immer - vorwrts an den
Feind heran!"

Das wre auch seine Absicht gewesen, sagte Gneisenau, und das htte er
schon angeordnet. Er htte Blow bereits andere Marschorders gegeben und
die Armee in die Richtung auf Wawre dirigiert, statt zurck nach Namur und
Lttich.

"Wir geben wohl dadurch unsere Verbindungslinie auf," setzte Gneisenau
lchelnd hinzu, "und das ist ja bei einer geschlagenen Armee nicht gerade
blich! Aber wir kommen mit den Englndern zusammen und fhren hoffentlich
noch mit ihnen gemeinsam einen vernichtenden Streich gegen den Feind!"

Damit war Blcher einverstanden. Das war ganz nach seinem Sinn. Gneisenau
ging. Und als der Doktor auch fort war, rief Blcher seinen Kammerhusaren.

"Ist der Quacksalber nun weg?" fragte er. Und setzte, als die Frage bejaht
wurde, im Flsterton hinzu: "Der hat mich nun wieder bepflastert und
gesalbt, wie's nicht anders von ihm zu erwarten war! - Das _Innerliche_
wollen wir uns aber selbst verschreiben. Hol' mir eine Flasche Champagner
her. Aber heimlich, da es keiner sieht!"

Das besorgte der Husar, go dem Feldmarschall ein Bierglas voll, bekam
selbst sein Teil, und so waren sie bald wieder klar zum Gefecht.

                                    *

Die Preuen marschierten.

Auf grundlosen Wegen, bei strmendem Regen arbeiteten sie sich vorwrts,
abgehetzt, hungrig, durchnt, aber doch frohen Mutes, weil ihr Marsch sie
wieder an den Feind heranfhrte, und weil sie alle danach lechzten, die
Scharte auszuwetzen und fr die gefallenen Kameraden Rache zu nehmen.

Der verfolgende Sieger machte es sich bequem.

Er nahm ohne weiteres an, die geschlagenen Feinde htten nichts Eiligeres
zu tun, als wieder nach Hause zu laufen, und verfolgte sie also, nachdem
er erst weidlich gerastet hatte, in der Richtung auf den Rhein zu. Und so
marschierten die Preuen an seiner Nase vorbei, ohne da er etwas merkte,
sammelten ihre Versprengten, ordneten ihre Verbnde und langten am
nchsten Tage ungefhrdet in Wawre an.

Napoleon selbst htte sie nicht so leichten Kaufes entkommen lassen. Er
hatte aber den Fhrer seines rechten Flgels, den Marschall Grouchy, mit
der Verfolgung betraut, und zog selbst mit den Garden und der schweren
Reiterei in der Richtung auf Brssel den Englndern entgegen, die sich
langsam vor ihm zurckzogen, um sich ihm schlielich am Wald von Soignes,
auf dem Hhenzuge von Mont St.-Jean, in den Weg zu legen.

Am 18. Juni frh sprach General Friant von der alten Garde im
Hauptquartier beim Generalstabe vor, dem jetzt nicht Berthier, sondern
Marschall Soult als Generalquartiermeister vorstand.

Friant war einer der alten Veteranen, der alle Feldzge mitgemacht hatte,
und geno das grte Vertrauen Napoleons.

Der Kaiser war noch nicht von seinem Rekognoszierungsritt zurckgekehrt.
Die beiden Generle ritten langsam Seite an Seite die Chaussee entlang dem
Kaiser entgegen.

Sie unterhielten sich ber die vorgestrige Schlacht und die Aussichten fr
die heutige und fr den Feldzug berhaupt, und waren nicht ohne Bedenken.

"Der Kaiser hat das _Va-banque_-Spielen verlernt!" sagte der alte Friant,
der in den meisten Partien mitgespielt hatte und also Bescheid wissen
mute. "Frher war es anders. Idee, Entschlu, Tat waren zugleich da -
waren _ein_ Blitz, der niedersauste, traf und zerschmetterte. Jetzt
berlegt der Kaiser, spekuliert, erwgt die Chancen fr und wider mit
einer gewissen Genieerfreude im Auffinden von Spitzfindigkeiten und
versumt darber den rechten Moment. Seine Siege sind lngst keine
Katastrophen mehr fr den Feind und fr uns nur keine Niederlagen. Die
Niederlage ist dafr bei ihm in den Bereich des Mglichen gerckt. Das
verstimmt und macht einen unsicher!"

"Das macht das Fett", sagte der lange, hagere Soult mit seiner hohen
Fistelstimme, und strich seine wildflatternden Haarstrhnen aus dem
gefurchten Altweibergesicht. "Das Fett macht bequem, phlegmatisch und
kurzatmig - das verfettete Herz hpft nicht mehr in seinem Knochengehuse
wie ein Frosch auf einer grnen Wiese. Es zappelt nur lahm, sinkt mde hin
und schlft ein. Daher die pltzliche Schlafsucht beim Kaiser in den
letzten Jahren. Sie berkommt ihn ganz pltzlich bei den ungeeignetsten
Gelegenheiten und berwltigt ihn unwiderstehlich, als erlsche auf einmal
in ihm alles Licht. Mitten im entscheidenden Moment einer Schlacht hrt er
auf einmal nicht und sieht nicht mehr; alles flimmert ihm vor den Augen
und fliet auseinander; er mu sich sofort hinlegen und liegt dann da wie
ein Toter, ohne Trume, ohne Bewutsein. So hat er selbst es mir
geschildert. Es ist das Fett - ich wiederhole es. Und meines Erachtens
sind wohl auch die verschiedenen galanten Krankheiten nicht spurlos an
seinem Geist vorbergegangen."

"Dem mchte ich nicht beipflichten", sagte der alte Friant kopfschttelnd.
"Sein Geist weilt in der klaren Hhenluft wie frher, gleich
durchdringend, gleich schnell im Erfassen der Lage und im Entwerfen der
Plne. Aber der Krper ist von den jahrelangen, nie aufhrenden Kmpfen
mde geworden. Und wie seine leiblichen Glieder allmhlich erschlaffen, so
auch seine geistigen: seine Unterfhrer. Die Herren Marschlle
funktionieren nicht mehr wie frher. Sonst blitzschnelle Vollstrecker
seines Willens, sind sie jetzt unsicher und zaghaft und nur, wenn er
persnlich dabei ist und sie antreibt, von dem gleichen Elan wie ehemals.
Und der Kaiser, sonst scharf und vernichtend in seiner Kritik auch dem
besten Freund gegenber, ist jetzt sanft und nachsichtig geworden und
vermeidet die verletzenden Worte, die ihm sonst so schnell auf die Zunge
kamen. Ich habe mich gewundert, wie milde er heute dem Marschall Ney kam,
dessen Trdeln vorgestern das Milingen seines schnen Einkreisungsplans
verschuldet hatte."

"Ich nicht", sagte Soult. "Der Kaiser macht eben keine unntzen Worte.
Kein Wort kann am Geschehenen etwas ndern. Was vorbei ist, ist vorbei.
Als Ney gestern vor ihm stand, da stand er nicht als Vertreter seines
gemachten Fehlers da, sondern als Trger einer Hauptaufgabe in der
nchsten Schlacht!"

"Die er uns denn auch verpatschen wird", antwortete Friant brummig. "Das
wei Napoleon auch ebensogut wie wir. Er war keinesfalls von Nachsicht
gegen Ney beseelt. Er war nur vorsichtig. Er hat im Vorjahre eben an
seinen treuesten Dienern die bittere Erfahrung machen mssen, da ein
Abfall auch bei denen mglich ist. Das brennt sich in die Seele ein. Den
Treueid Neys hat er auch einschtzen gelernt, als der gute Frst von der
Moskwa, wenn auch zu seinen Gunsten, den Bourbonen den feierlichen
Treuschwur brach. Auch wird er niemals am eisernen Kfig vorbeikommen, in
dem Ney versprochen hatte, ihn nach Paris zu bringen. Der steht immer
zwischen ihm und dem Marschall. Mir scheint es jedenfalls seitdem immer,
als sprchen sie durch das Gitter jenes eisernen Kfigs miteinander, und
als wten sie alle beide dabei nicht recht, wer von ihnen drinnen und wer
drauen ist. Ein gutes Zusammenarbeiten gibt das nicht. Napoleon rgert
sich heimlich, weil er Ney nicht entbehren zu knnen glaubt. Und Ney ist
unzufrieden, weil er schwach war und sich wieder gebrauchen lassen mu.
Denn er ist schwach - er ist gnzlich ohne Charakter - er ist dumm,
geistlos, hat nichts als sein tapferes Herz und seinen Lwenmut, der alles
mitreit und in Flammen setzt. Wie fest glaubte nicht der Schwachkopf an
seine eigenen Worte, als er vor einem Vierteljahr an der Spitze einer
Armee auszog, um Napoleon zu fangen. Und kaum erblickte er den grauen
Mantel und den schwarzen Dreispitz Napoleons wieder, da schrie er zuerst
von allen sein '_Vive l'empereur!_' und fhrte den Kaiser im Triumph in
die Tuilerien. Und dann war wieder die Reue da mit dem bsen Gewissen ber
den gebrochenen Treueid an Ludwig, den er niemals htte schwren drfen,
den er aber, einmal gegeben, htte unbedingt halten mssen. Er fuhr auf
seine Gter, zeigte sich nicht bei Hofe und stellte sich nicht beim
Kriegsausbruch, er ebensowenig wie Berthier, Massena, Angereau und all die
anderen. Aber - kaum schreibt ihm Napoleon die paar Worte: 'Beeilen Sie
sich, wenn Sie meine erste Schlacht noch mit ansehen wollen', da wirft er
sich aufs Pferd, galoppiert los, ohne Gepck und nur von einem Adjutanten
gefolgt, reitet die Pferde kaputt, nimmt von Mortier dessen Pferde in
Maubeuge und kommt noch frh genug, um das Kommando des ganzen linken
Flgels zu bekommen und uns die vorgestrige Schlacht zu verderben. Ich
habe nach dem allen nicht viel Vertrauen mehr zu seiner Fhrung."

Soult antwortete nicht. Es war ihm peinlich, ber einen alten
Kriegskameraden zu Gericht zu sitzen. Aber der alte Friant hatte sein
Thema noch nicht erschpft.

"Es ist merkwrdig," sagte er noch, "wie die geringfgigsten Umstnde in
der Kindheit oft fr das ganze Leben eines Menschen Bedeutung haben
knnen. Sehen Sie nur Ney an, diesen baumlangen, pausbckigen, rotwangigen
Recken, mit seinem dichten, hellblonden Haarschopf. Er ist reich und
mchtig, er ist Herzog und Frst geworden und hat einen Namen, von dessen
Ruhm Europa widerhallt. Und doch sieht man ihm immer noch den frheren
Bttchergesellen an - den biederen Deutschen, brav, aufbrausend und
rauflustig, der seine Keile wuchtig wie wenige eintreibt - wenn der
Meister danebensteht. Sonst nicht! Er ist der typische deutsche
Landsknecht, wie er durchs ganze Mittelalter hindurchraste. Denn deutsch
sind die Leute aus seiner lothringischen Heimat, und sie werden niemals
rechte Franzosen.

Napoleon wiederum, er war das Kind des Schreckens - von seiner Mutter, in
der Aufregung der Flucht, zu frh geboren. So eilig hatte er es, auf diese
Welt zu kommen, da die Mutter nicht einmal Zeit fand, das Bett
aufzusuchen, sondern ihn auf einem Teppich gebar, der voll von Helden- und
Heroenkmpfen des Altertums war. Auf dem Teppich ist er sein Leben lang
geblieben! Aus dem Kampfgetmmel kommt er nicht mehr heraus! Die
Schreckensherrschaft machte seinen Aufstieg mglich! Schrecken verbreitete
er berall, wo er hinkam, Liebe nicht."

Heftige Rufe: "_Vive l'empereur!_" wurden laut. Die beiden Reiter hielten
an vor dem hochgelegenen Pachthof La Belle-Alliance, von dem sich die
Chaussee jh in das Tal senkt, und konnten von hier aus die in voller
Schlachtordnung aufgestellte franzsische Armee berblicken.

"Hren Sie selbst," sagte Soult, "wie die Leute Ihre Worte Lgen strafen!"
und zeigte nach links in die Ferne, wo die schwere Kavallerie Kellermanns
hielt. Dort nahmen die Krassiere eben ihre Helme auf dem Pallasch hoch
und schwangen sie ber den Kpfen, da sie in der Sonne blitzten. Die
Bewegung pflanzte sich fort, je nachdem die kleine Gruppe Reiter, deren
erster Napoleon war, die Reihen durchritt. Die Lanciers nahmen gleichfalls
ihre Tschakos auf die Piken und huldigten ebenso begeistert ihrem Kaiser.
"_Vive l'empereur!_" schallte es ununterbrochen und rollte wie ein Donner
durch die Gegend.

"Sie entschuldigen, Herr General, ich mu aber schnell hin!" sagte Soult
dann pltzlich, grte artig, gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte
davon.

Friant hielt sein Pferd, das mitgehen wollte, zurck, blickte ber das
Feld hinaus, ritt dann langsam zur Garde hinber, die im letzten Treffen
aufgestellt war, und nahm seinen Platz an der Spitze seiner "Brenmtzen"
ein.

Kurz darauf langte Napoleon nach beendigter Truppenbesichtigung am
Pachthof an.

An seiner Seite ritt sein Bruder Jrme. Im Gefolge die Marschlle Soult
und Ney und die Generle Lobau, Reille und d'Erlon.

Der Kaiser schwenkte sein Pferd herum und hielt an.

Wie immer, wenn er irgendwo haltmachte, sprangen vier Mann seiner
Leibgarde von den Pferden, stellten sich in weitem Viereck um ihn herum
auf und sperrten den Platz ab. Wie eine lebendige Burg schob sich dieses
Viereck hin und her, seinen jeweiligen Bewegungen folgend.

"Wie bei einem Fcher laufen die Flankenlinien unserer Aufstellung hier in
diesem Punkt zusammen", sagte Napoleon und blickte prfend ber seine
etwas tiefer stehende Armee, die in drei Linien, die eine krzer als die
andere, vor ihm aufmarschiert war.

Er nickte befriedigt, als er dicht vor sich in der dritten krzesten Linie
die feste Mauer seiner alten Garde sah, deren Grenadierbataillone, wie
wandernde Festungen seines Kaisertums, ihn durch alle Feldzge begleitet
hatten und ihn auch heute vor jeder Tcke des Zufalls beschtzen sollten.
Rechts von ihnen wogte ein Wald von Eisenspitzen ber den ungeduldig sich
bumenden Pferden der Lanciers von Lefebvre-Desnouttes, whrend links die
Linien der reitenden Garde, wie nach der Schnur ausgerichtet, ihrer
Verwendung harrten.

Napoleon winkte den Grafen Lobau nher und zeigte auf die von ihm
befehligte junge Garde, die die Mitte der zweiten Linie zu beiden Seiten
der Chaussee hielt.

"Es waren viele blutjunge Gesichter unter Ihren Leuten zu sehen, lieber
Graf", sagte er. "Viele schmchtige Gestalten, die ich Bedenken haben
wrde, auf entscheidenden Stellen einzusetzen, wenn ich nicht wte, da
es Franzosen sind - und vor allem, wenn sie nicht in Ihnen einen Fhrer
htten, der sie alle, nicht nur krperlich, um einen Kopf berragt!"

Er nickte gndig dem ber die Anerkennung stolz lchelnden Grafen zu und
lie die Blicke fast zrtlich ber die eiserne Masse seiner schweren
Reiterei schweifen, die, von Milhaud und Kellermann gefhrt, rechts und
links von der jungen Garde ihre Krasse und Helme in der Sonne blitzen
lie. Denn die Sonne brach jetzt endlich durch die Regenwolken, die sie
seit zwei Tagen dem Anblick der Welt entzogen hatten. Dann nahm die erste
Linie, die dicht am Rand des Plateaus ihre Massen ausbreitete, seine volle
Aufmerksamkeit gefangen.

"General d'Erlon!" rief er, und der General lenkte grend sein Pferd
nher. "Ihre Divisionen stehen alle hintereinander. Lassen Sie lieber vier
Angriffskolonnen nebeneinander um je eine Division in Kompaniebreite
formieren. Ihre Leute waren bei Ligny nicht im Feuer. Heute sollen sie die
Hauptarbeit machen. Wenn das Signal zum Angriff gegeben wird und das
Artilleriefeuer ausgewirkt hat, dann steigen Sie in das Tal hinunter,
werfen den Feind aus den Pachthfen La Haye und Papelotte, deren Dcher
dort unten rechts aus dem Grn herauslugen, strmen die jenseitige Anhhe,
zerschmettern den linken Flgel der Englnder, werfen ihn auf das Zentrum
und entreien ihm die Chaussee nach Brssel. Im Walde hinter seiner
Aufstellung werden wir ihm dann leicht den Garaus machen. Sie haben gegen
sich Schotten und Hannoveraner, wie ich heute festgestellt habe. Auf dem
Dorfweg, der sich drben auf halber Hhe die Bschung entlang wie ein
Laufgraben hinzieht, werden Sie auch von den Inselbewohnern etliche im
Hinterhalt liegend vorfinden. Es wird nicht geschossen, nur mit dem
Bajonett gearbeitet, bis Sie oben sind.

Ich mu auf dem rechten Flgel mehr Artillerie haben! - General Reille!"

Der Gerufene ritt in das Viereck hinein, das d'Erlon nach empfangenem
Befehl verlie.

"Sie werden", sagte Napoleon kurz und bestimmt, "von Ihrer Artillerie die
schweren Haubitzen nach dem rechten Flgel hinbersenden. Sie sollen dort,
wo die Front sich den Talrand entlang nach vorne biegt, Aufstellung nehmen
und von dort den Feind mit flankierender Wirkung beschieen. Sie sehen die
Huser, die links von der Chaussee unten im Tal aus der grnen Oase
emporragen?"

"Ich sehe sie."

"Es ist das Schlo Houguemont. Ich habe englische Garden drinnen
festgestellt. Werfen Sie sie hinaus. Erstrmen Sie dann die Bschung des
Plateaus und schlagen Sie den Rest der englischen Garden, die mit den
Hollndern und den Braunschweigern dort das Plateau garnieren. Suchen Sie
ihnen den Vereinigungspunkt der Chausseen von Nivelles und von Charleroi
zu entreien, und drngen Sie auch den rechten feindlichen Flgel in den
Wald. Sie werden den rechten englischen Flgel nicht umgehen knnen.
Wellington hat ihn, in seiner Angst, vom Meer abgeschnitten zu werden,
doppelt so stark bedacht wie den linken. - Bis nach Hal haben wir seine
Truppen feststellen knnen. Dort stehen mindestens 15 000 Mann. Dafr hat
er hier hchstens 75 000 Mann beisammen, deren wir leicht Herr werden -
wenn jeder seine Schuldigkeit tut und heute meine Befehle genau und auf
die Minute befolgt."

Die letzten Worte sprach er mit etwas erhhter Stimme und einem raschen
Seitenblick auf den Marschall Ney, dessen lange Gestalt etwas abseits hin
und her tanzte, da er sein Pferd in seiner Ungeduld immer wieder mit den
Sporen kitzelte und es so zum steten Pirouettieren brachte.

"Ney ist verdrielich", flsterte Napoleon seinem Bruder zu. "Es reut ihn,
vorgestern dem Teufel der Unentschlossenheit Einla in seine Seele gewhrt
zu haben. Ich habe meinen Ohren nicht getraut, als ich seine Ausreden
hrte. Er hat tatschlich geglaubt, bei Quatrebras die ganze englische
Armee vor sich zu haben, statt, wie ich bestimmt annehmen durfte und ihm
auch sagte, nur ein paar tausend Mann, die in zehn Minuten zu erledigen
gewesen wren. Dieser dumme Kerl erlaubt sich, noch auf eigene Gefahr hin
denken zu wollen, obwohl er wei, da ich fr ihn und fr euch alle zu
sehen und zu denken pflege! Er hat mich gar verbessern wollen - - und hat
mir so meinen schnen Plan verpfuscht. Htte er gehorcht, wir stnden
jetzt in Brssel, und Wellington htte nimmermehr gewagt, sich mir hier in
den Weg zu legen. Jetzt hofft Wellington auf den Beistand der Preuen. Den
soll er aber nicht haben, wenn mir Grouchy heute ein wenig besser gehorcht
als Ney vorgestern! - Auf Ihre Pltze, meine Herren!" rief er laut den
Generlen zu.

D'Erlon, Reille, Lobau und Ney grten, warfen ihre Pferde herum und
setzten sie in Trab in der Richtung, aus der sie mit dem Kaiser gekommen
waren.

"Heute wollen wir vor allem kaltes Blut bewahren, lieber Ney", rief dieser
noch dem Marschall nach, dessen hochrotes Gesicht sich dabei ganz dunkel
frbte.

"Der tolle Kerl wird mir heute durch die Lappen gehen, um sein
vorgestriges Trdeln wieder gutzumachen", sagte der Kaiser halb fr sich,
winkte seinen Leibpagen heran und befahl ihm, den Tisch mit den Karten auf
dem kleinen Hgel, der sich etwas abseits von der Chaussee erhob,
aufstellen zu lassen. Er blickte dann ber die Gegend hinaus, nach rechts
in die Verlngerung des Tales hinein, wo sich vier Lieues entfernt die
Trme des Stdtchens Wawre auf dem blauen Dunst matt abzeichneten und der
Lasne-Bach auf dem Grund des Tales sein silbernes Band hinschlngelte.

Von dort mute Grouchy mit seinen 30 000 Mann kommen. Er mte auch schon
unterwegs sein. - Zwei Kuriere waren ihm schon whrend der Nacht mit
dahingehenden Befehlen gesandt! Man sollte ihm gleich noch einen Boten
schicken, wenn sich nicht bald die Spitzen seiner Kolonnen drben auf der
Hhe zeigten, wo die Kapelle von St.-Lambert wei leuchtete.

Noch einmal umfate Napoleon mit einem Blick das ganze farbenprchtige
Bild, das jetzt vom frei flutenden Sonnenlicht auf das prchtigste
vergoldet wurde. Seine Haltung straffte sich, seine Augen leuchteten.

"Die Erde ist stolz, so viele tapfere Mnner zu tragen", sagte er. "Die
ganze Natur lchelt unseren Helden und grt sie mit Siegesglanz!"

Er wandte sein Pferd und ritt langsam an dem allein dastehenden weien
Gebude von Belle-Alliance vorbei, nach dem weiter hinten an der gleichen
Chaussee liegenden Pachthof Caillou, wo er sein Hauptquartier hatte.

Dort angekommen, fhlte er pltzlich, wie schon sooft in den letzten
Jahren, eine beginnende Ohnmacht im Gehirn.

Es war kein Wunder.

Am gestrigen Tag war er von frh um fnf bis zum spten Abend marschiert,
dann seit ein Uhr nachts wieder im Sattel, und hatte die Gegend und die
feindlichen Stellungen bei strmendem Regen selbst rekognosziert. Jetzt
hatte er alles angeordnet, den Angriffsplan entworfen, die Armee
aufgestellt und gegen die Ungeduld seiner Generle angekmpft, die schon
gleich in aller Frhe angreifen wollten, ehe der Boden so weit von den
Regengssen aufgetrocknet war, da die Artillerie vorwrts konnte. Das
spannte seelisch ab. Jetzt war er zu Ende, jetzt mute sein Gehirn Ruhe
haben.

Er rief seinen Bruder Jrme.

"Es ist zehn Uhr", sagte er. "Ich will eine Stunde schlafen. Um elf sollst
du mich wecken - die anderen wagen es ja nicht. Um elf Uhr, keine Minute
spter!"

Damit streckte er sich auf seinem Feldbett aus, legte seinen Kopf auf das
dnne Kopfkissen und schlief, wie er es jederzeit konnte, sofort ein.

Inzwischen marschierten die Preuen.

Durch unwegsames Gelnde strebten sie in groem Bogen wieder zur Chaussee
Namur-Brssel zurck, die sie bei Sombreffe hatten verlassen mssen.

In Wawre rasteten sie, trockneten ihr durchntes Zeug, schafften sich
etwas Warmes in den Leib, brachten ihre Waffen in Ordnung, ergnzten ihre
Munition und waren guten Mutes trotz der Strapazen und der bei Ligny
erlittenen Verluste.

Dort langte bei Blcher ein von Wellington abgesandter Bote an, mit der
Bitte, ihm so rasch wie mglich eine Verstrkung von zwei Korps zu senden.
Er wrde dann die Schlacht von Napoleon annehmen.

"Ich breche mit allem auf, was ich bei mir habe", antwortete der
Feldmarschall, der nach seinem Sturz in der Lignyschlacht sich kaum noch
aufrecht zu halten vermochte.

"So krank ich auch bin," schrieb er gleichzeitig dem General Mffling, der
im englischen Hauptquartier Preuen vertrat, "so werde ich mich dennoch an
die Spitze meiner Truppen stellen, um den rechten Flgel des Feindes
sofort anzugreifen, wenn Napoleon etwas gegen den Herzog unternimmt."

Und im Tagesbefehl an seine Truppen, in dem er den Verlust der letzten
Schlacht dem Ausbleiben der Untersttzung durch die Englnder zuschrieb,
kndigte er ihnen, aufrecht wie immer an: "Ich werde euch wieder vorwrts
gegen den Feind fhren. Wir werden ihn wieder schlagen, denn wir
mssen's!"

Er schickte dann seinen guten Doktor Bieske mit seinen Salben und Mixturen
zum Teufel, als dieser seine Quetschung wieder einreiben wollte.

"Heute", sagte er, "mag's den alten Knochen gleich sein, ob sie balsamiert
oder nicht balsamiert in die Ewigkeit gehen!" Er wankte dann zur Tr
seines Hauses hinaus, wo seine pommerschen Regimenter gerade vorberzogen
und ihn jubelnd begrten, hielt sich am Trpfosten fest, um nicht dabei
zu fallen, lie sich aufs Pferd heben und war seelenvergngt, als er die
vier sicheren Beine seines Schimmels wieder unter sich fhlte. Er lachte
ber Grouchy, der ihn in verkehrter Richtung suchte und also nicht fand,
lie die Korps Thielmann und Zieten in Wawre zurck, um diesen Marschall
aufzuhalten, und zog selbst an der Spitze der brigen Truppen nach Mont
St.-Jean ab.

Das war keine leichte Aufgabe.

Richtige, feste Chausseen waren nicht vorhanden. Die Feldwege waren alle
aufgeweicht und bald so vertreten, da kein Fortkommen mehr war. Die
Soldaten wateten bis ber die Knchel im Schlamm. Die Kanonen und
Munitionskarren blieben stecken und konnten trotz den vereinten
Anstrengungen von Zugtieren und Soldaten kaum von der Stelle bewegt
werden.

"Vorwrts, Kinder", rief Blcher und ritt hinzu, um die Leute anzufeuern.

"Es geht nicht!" riefen diese keuchend.

"Es mu gehen! Ich hab's versprochen. Wollt ihr mich denn wortbrchig
machen?"

Nein, das wollten sie nicht! Das ginge nun auch nicht! Sie legten sich
doppelt ins Zeug, kamen aus der Patsche heraus und marschierten frhlich
weiter dem Feind entgegen.

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Pnktlich um elf erhob sich Napoleon von seinem Lager, ohne da man ihn zu
wecken brauchte, und sofort war sein durch den Schlaf gestrkter Geist
wieder in voller Ttigkeit.

Er begab sich zu dem kleinen Hgel am Pachthof La Belle-Alliance, von wo
aus die ganze Gegend zu berblicken war, setzte sich da in seinen
"Regiestuhl", wie er scherzend sagte, lie die Karten vor sich ausbreiten,
lachte vergngt und sagte:

"Mein Freund Talma mte einmal als Volontr bei mir antreten. Ich wrde
ihm beibringen, wie man Massen bewegt!"

Einige Minuten vertiefte er sich in das Studium der Karte, stand dann auf,
winkte einen von den in respektvoller Entfernung stehenden Offizieren
heran und zeigte nach rechts.

"Aus dieser Richtung erwarte ich den Marschall Grouchy. Reiten Sie ihm
entgegen, sagen Sie ihm, er soll sich beeilen, mit seiner ganzen Macht
hierherzukommen! Und verlassen Sie ihn nicht, ehe er nicht in vollem
Anmarsch ist!"

Der Offizier salutierte, warf sich auf eins von den am Fue des Hgels
stehenden Pferden und galoppierte davon.

Um halb zwlf gab Napoleon das Zeichen.

Eine Salve aus hundertundzwanzig Feuerschlnden antwortete, spie einen
Orkan von Eisen ber die englischen Stellungen, erschtterte die Luft und
machte den Boden beben.

Nach einer halben Stunde hrte der Hllenlrm auf, ebenso jh, wie er
angefangen hatte, und man konnte jetzt ein lebhaftes Geknatter vom linken
Flgel hren, wo General Reille seine Infanterie gegen das Schlo
Houguemont fhrte.

Napoleon achtete besonders eifrig darauf, ob der Gegner sich durch jene
Kmpfe verleiten lassen wrde, Truppen zur Untersttzung seines rechten
Flgels heranzuziehen, und so seinen linken, gegen den der Hauptangriff
beabsichtigt war, zu schwchen.

Er wollte eben Ney befehlen, mit dem Zentrum und dem rechten Flgel
vorzugehen. Als er aber vorher die Gegend mit dem Fernrohr absuchte,
stutzte er pltzlich, reichte Soult das Glas und sagte: "Sehen Sie
dorthin, Herr Herzog, nach rechts, neben der Kapelle von St.-Lambert -
dort, ja! Ich sah da einen beweglichen Schatten. Was halten Sie davon?"

"Es knnten die Wipfel eines Gehlzes sein", sagte der Marschall und gab
das Fernrohr zurck.

"Es sind Truppen in Marsch!" sagte Napoleon und reichte sein Fernrohr
weiter an die anderen Offiziere, die seine Annahme besttigten.

Klein wie die Figuren einer Spielzeugschachtel bewegten sich die Truppen
auf der fernen Anhhe, aber so vom blauen Dunst umnebelt, da weder
Bewaffnung noch Uniform zu erkennen waren.

"Es knnen die Preuen sein!" meinte ein Offizier, indem er dem Kaiser das
Fernrohr zurckgab.

"Es _mu_ Grouchy sein!" erwiderte Napoleon gereizt. "Man soll sofort
Kavallerie zum Rekognoszieren aussenden! Bis die Frage geklrt ist,
unterbleibt der Angriff Neys!"

Er brauchte nicht lange auf Bescheid zu warten.

Gleich darauf brachte man einen gefangenen schwarzen Husaren ein, der
einen Brief Blchers an Wellington mithatte und aussagte, da die Truppen,
die man drben she, Preuen wren, von Blow gefhrt wurden und
dreiigtausend Mann stark heranrckten.

Napoleon gab sofort seine Befehle, und gleich darauf sah man aus der
zweiten Linie der franzsischen Schlachtordnung das Korps des Grafen Lobau
rechts abschwenken, um sich vor der Flanke der Armee aufzustellen.

Das waren gleich zehntausend Mann weniger gegen die Englnder und doch
lange nicht genug, um die Preuen zu werfen. Aber gleichviel. Es gengte,
um sie aufzuhalten, bis Grouchy kme, was ja bald der Fall sein wrde.

Ney, der seine Ungeduld kaum noch meistern konnte, bekam endlich den
Befehl anzugreifen. Er strzte sich auf die Pachthfe La Haye und
Papelotte und fing da ein blutiges Gemetzel an.

Gleichzeitig setzten sich die Divisionen d'Erlons in Bewegung. Sie gingen
in vier Kolonnen, zu je acht, auf fnf Schritt Abstand hintereinander
gestaffelten Bataillonen vor, stiegen in das Tal hinab und waren gleich
drben.

Erst als sie anfingen die Bschung des entgegengesetzten Plateaus zu
ersteigen, gewann Napoleon einen rechten berblick ber ihre Aufstellung.
Ein Ausruf des Zornes flog ber seine Lippen.

"Dieses leichtsinnige Schwein, dieser Ney!" murmelte er verdrielich.
"Schickt mir die Sturmkolonnen ohne Flankenschutz - in Reih' und Glied
hintereinander vor! Wie, wenn sie jetzt einen Kavallerieangriff bekommen?!
Wozu habe ich meine Generle, wenn ich mich jetzt um jedes Detail noch
kmmern mu?"

Indes, kein Fluchen half mehr. Es blieb ihm auch keine Zeit, noch fr
nderung zu sorgen. Der taktische Fehler war unabnderlich da.

Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte er den Verlauf des Angriffs. Er
sah, wie die Sturmtruppen am Wege von Ohain, der den Abhang in halber Hhe
durchschneidet, nach kurzem Kampf die dort eingegrabenen Englnder
berwltigten und die Bschung unaufhaltsam weiter erstiegen.

Jetzt waren sie oben - jetzt fingen sie an, sich auf dem Plateau zu
entwickeln, trotz dem Karttschenhagel, mit dem sie vom Feind berschttet
wurden. Einige Minuten nur, und sie wrden mit gesammelter Kraft auf die
Reihen Wellingtons vorstrmen. Der Durchbruch war in greifbarer Nhe!

"Mgen die Preuen marschieren!" murmelte Napoleon, "ehe sie herankommen,
bin ich mit den Bundesgenossen da oben fertig und gebe ihnen dann den
Rest!"

Er schwieg pltzlich und blickte gespannt durchs Fernrohr hinber - er
sah, wie sich aus dem Kornfelde da oben Rotrcke erhoben und aus nchster
Nhe auf die berraschten Truppen d'Erlons Feuer gaben, whrend von links
Ponsonbys graue Dragoner in zwei Kolonnen zwischen die Reihen ihrer
offenen Flanke hineinstrmten und sie in Verwirrung brachten. Die
Vorwrtsbewegung stockte sofort; alles wankte und suchte sich einen
Augenblick zu halten, und dann rutschte die ganze Masse von Infanterie und
Kavallerie, in bunter Unordnung miteinander vermischt, auf die Sohle des
Tales hinunter.

"Da haben wir die Schweinerei! Ich hab's ja gesagt!" rief Napoleon, warf
sein Fernrohr auf den Tisch, sprang in den Sattel und galoppierte, so
schnell er konnte, zu den auf dem rechten Flgel stehenden Krassieren
Milhauds hinber, schickte ein paar Schwadronen von ihnen zur
Untersttzung vor, ritt dann zu den Truppen d'Erlons, half sie wieder
ordnen und sprach beruhigend auf sie ein.

Inzwischen marschierten die Preuen und kamen immer nher und nher. Von
den Anhhen bei der Kapelle Saint-Lambert hatten sie schon in der Ferne
den Mont St.-Jean von Rauchwolken umkrnzt gesehen, aus denen Blitze
hervorzuckten. Das ferne Donnern der Geschtze versetzte sie in freudige
Aufregung.

Sie stiegen die Bschung nach dem Tal hinunter, so leicht, als ginge es
zum Tanz in der Dorfschenke. Und rutschten sie auf dem glitschigen Boden
aus, oder sanken in den flieenden Sand des Lasnebachs ein, so war's nur
ein Vergngen mehr.

Singend plantschten sie weiter vorwrts und freuten sich der Sonne, die
jetzt warm herniederstrahlte, die steifen Glieder durchwrmte und das
nasse Zeug trocknete. Als aber der Wald von Frichemont leer vor ihnen lag
und nicht einmal von einem Pferdeschwanz oder vom Fetzen eines
Infanteriemantels besetzt war, da jauchzten sie laut auf. Denn da htte
eine Handvoll entschlossener Leute ihnen das Fortkommen verteufelt sauer
machen knnen.

"Der Kaiser wird von hier aus nur seinen Grouchy erwartet haben", sagte
Blcher schmunzelnd. "Er wird sich wundern, wie der sich verndert hat,
wenn er mich sieht!"

Napoleon wunderte sich aber ber nichts mehr. Am allerwenigsten ber das
Versagen seiner Unterfhrer oder die Nichtausfhrung seiner Befehle.

Grouchy mit dem ganzen rechten Flgel seiner Armee blieb aus. Die Preuen
kamen zu frh an. Er stand vor einem schweren Entschlu.

Die Schlacht abbrechen, hiee sich besiegt erklren. Es wre ein
Retirieren unter steten Kmpfen in der Flanke und im Rcken. Die
Siegesfreudigkeit seiner Soldaten wre hin, die politischen Folgen
unbersehbar. Auch ein halber Erfolg kme da einer Niederlage gleich.
Einzig ein groer entscheidender Sieg konnte ihm jetzt helfen, wo ganz
Europa wieder auf ihn einstrmte.

Also _va banque_! Alles auf eine Karte gesetzt!

Er berblickte noch einmal die Situation.

Oben auf dem Plateau die englische Armee, die sich nicht vom Flecke
rhrte.

Unten im Hohlweg ihre drei Vorwerke, um die noch erbittert gekmpft wurde.

Links hatte sich dort Reille mit seinen smtlichen Divisionen in dem
Gehlz um Schlo Houguemont derartig festgebissen, da ein leerer Raum
zwischen ihm und den weiter rechts stehenden franzsischen Truppen
entstanden war. Rechts suchten die Englnder die bereits eroberten
Pachthfe La Haye und Papelotte zurckzunehmen. In der Mitte balgte sich
Ney noch mit den Verteidigern von Haye Sainte herum, das er haben mute.

Denn von hier aus wollte Napoleon zum entscheidenden Sturm auf die
englischen Stellungen ansetzen. Sobald er die preuische Sturmflut in
seiner rechten Flanke eingedmmt haben wrde, wollte er mit der Garde und
der schweren Kavallerie ber sie herfallen, sie vernichten und dann seine
ganze Kraft gegen die Preuen wenden.

Er gab den in der zweiten Linie stehenden Krassieren Milhauds Befehl, die
zwischen Neys und Reilles Truppen klaffende Lcke auszufllen.

Langsam wie auf dem Paradeplatz ritt Milhaud mit seinen acht von Eisen
starrenden Regimentern von rechts nach links quer ber das Feld und rckte
in die erste Linie ein.

Die hinter ihm in der dritten Reihe stehende leichte Gardekavallerie
folgte, wie von einem Magneten angezogen, den Bewegungen der "Schweren".
Ihr Fhrer, Lefebvre-Desnouttes, wartete nicht erst den Befehl des
Kaisers dazu ab. Und Ney, entzckt, die schne Kavallerie zur Verfgung zu
haben, ging gleich mit ihnen durch.

Er sah oben auf dem Plateau sechzig englische Kanonen ohne Bespannung
stehen, dachte: "die nehmen wir!" Und vorwrts - hui - sausten die
schweren Reitergeschwader ins Tal hinab, die Bschung hinauf, zwischen die
Geschtze hinein, ritt die dahinter stehende Division Alten um und strzte
sich auf die zweite Linie der englischen Infanterie, ohne sich um den
Hagelschauer von Geschossen zu kmmern, der gegen ihre Krasse und Helme
prasselte.

Erst als zwischen den englischen Karrees die Gardekavallerie Somersets und
die Dragoner Dornbergs vorbrachen, muten sie weichen. Es kam zu einem
erbitterten Nahkampf zwischen den beiden Reitereien, in dem die Franzosen
schlielich doch die Oberhand behielten, als die Lanciers
Lefebvre-Desnouttes zur Untersttzung herankamen.

Napoleon war auer sich, seine Kavallerie, die er sich fr den
Hauptangriff aufgespart hatte, vorzeitig durch Ney verbraucht zu sehen.

"Dieser Mensch", rief er, "bleibt stets der gleiche! Er bringt mir alles
in Gefahr, weil er sich niemals zgeln kann und immer eine Stunde zu frh
loslegt!"

Aber einmal begonnen, mute der Angriff durchgefhrt werden, wenn die
Krfte nicht nutzlos vergeudet sein sollten.

Napoleon gab also Kellermann, der links im zweiten Treffen hielt, Befehl,
seine Krassiere zur Untersttzung vorzusenden.

Der gleiche Vorgang wiederholte sich dann wie vorhin, als Milhaud
vorrckte. Sobald Kellermanns Krassiere sich in Bewegung setzten, folgte
automatisch die im dritten Treffen hinter ihnen stehende Gardereiterei -
zweitausend Grenadiere zu Pferd - und ging gleichzeitig mit ihnen so
energisch vor, da Napoleons Rckberufungsbefehl sie erst erreichte, als
es zu spt war und sie schon im Kampf verwickelt waren.

Ney bemchtigte sich ihrer sofort und fhrte mit unerhrter Wucht eine
Attacke mit zwanzig Schwadronen gegen die Englnder, sprengte ihre ersten
Linien, konnte aber den zhen Widerstand der englischen Garde und der
Braunschweiger doch nicht brechen. Wellington schickte seine letzte
Kavallerie, die Cumberlandhusaren, vor. Angesichts des Gemetzels machten
diese aber sofort kehrt, nahmen Reiaus und rissen alles - Gepck,
Artilleriepark und Verwundete - in wilder Flucht gen Brssel mit. Die
Schlacht wre fr Wellington verloren gewesen, htte Ney jetzt Infanterie
gehabt, um den letzten Widerstand der englischen Infanterie zu brechen.

Htte Napoleon mit eigenen Augen den Zustand der in den letzten Zgen
liegenden englischen Verteidigung sehen knnen, er htte keinen Augenblick
gezgert, seine Garde hinzuschicken, um dem Gegner den Gnadensto zu
geben. Aber er hatte schon alle Hnde voll mit den Preuen zu tun und
wagte nicht, sich seiner letzten Reserven zu entblen - er war auch
zornig ber den Ungehorsam Neys und hatte nicht mehr die berlegene Ruhe,
die Situation zu erfassen.

Ein anderer aber hatte sie. Blcher hatte von den gegenberliegenden Hhen
am Lasnetal gesehen, was auf dem Mont St.-Jean vorging. Er lachte vergngt
und hatte nicht bel Lust, Wellington sein Ausbleiben bei Ligny
heimzuzahlen.

"Nun, Bruder Wellington," sagte er grimmig, "wenn ich dir jetzt kme, wie
du mir gestern kamst, das heit: _gar nicht_, da sest du jetzt bse in
der Klemme! Und das wre dir ob deines Wortbruches zu gnnen. Ich werde
dir aber, obwohl ich ein Mecklenburger bin, zeigen, was ein Preue ist,
nmlich: ein Mann, ein Wort!"

Er schickte also schleunigst Befehl an Zieten, von Wawre heranzurcken, um
den englischen linken Flgel zu verstrken. Das Korps Pirch schickte er
zur Untersttzung gegen Lobau vor, der eine sehr starke
Verteidigungsstellung auf dem waldigen Vorgebirge zwischen dem Hohlweg des
Lasnebaches und dem Tal des Smohainbaches eingenommen hatte.

Um drei Uhr kam Blow hier an und sah vor sich oben auf dem Rand der
Anhhe Lobaus Kanonen -, die Kanoniere mit brennenden Lunten daneben. Er
teilte seine Truppen, schickte die Division Losthin rechts am Smohainbach
vor, die Division Hiller am Lasnebach gegen das hinter der franzsischen
Front liegende Dorf Planchenois, mit Befehl, es zu nehmen und so die
Rckzugsstrae Napoleons zu bedrohen.

In dieser waldigen Schlucht, wo die hinter den Bumen versteckten
Verteidiger ein ununterbrochenes Feuer unterhielten, drangen die Preuen
mit unerhrter Wucht vor.

Napoleon warf, was er an Truppen hatte, ihnen entgegen und trieb sie
zurck, mute aber wieder weichen. Er holte Sukkurs, schickte seine junge
Garde ins Feuer und suberte das Terrain von Feinden, aber mute es, trotz
allen Anstrengungen, zu guter Letzt wieder rumen. Immer neue Kolonnen von
Feinden wlzten sich aus der Schlucht hervor und zehrten an seinen
Truppen, die sichtbar in ihrem Feuer zusammenschmolzen. Es war, als htte
sich die Erde aufgetan, um eine nimmer endenwollende Flut von Preuen ber
ihn auszuspeien. Von Rauch und Feuer umwirbelt, quoll sie auf ihn zu,
alles niederreiend, alles berschwemmend. Und in den Wolken ber ihnen
sah seine berhitzte Phantasie riesengro und zornig verzerrt das Antlitz
seines unvershnlichsten Gegners, des alten Blcher, dem Angriff immer
neuen Odem einhauchend und seine Preuen unaufhaltsam vorwrts treibend.

Ein Schauer erfate ihn zum erstenmal im Leben. Fr eine Sekunde verlor
sein sonst immer klarer Geist das Gleichgewicht. Dann besann er sich
rasch. Er eilte zur alten Garde hin, nahm von deren fnfzehn Bataillonen
zwei, setzte ihnen in kurzen Worten auseinander, da die Entscheidung
nahe, und da sie sie herbeifhren und das Kaiserreich retten sollten. Sie
mten den Feind wieder in den Hohlweg hineinwerfen, aus dem er niemals
htte herauskommen drfen.

"_Vive l'empereur!_" schallte es ihm aus den Reihen der Brenmtzen als
Antwort entgegen. Dann traten sie mit unerschtterlicher Ruhe zum Angriff
an, mit geflltem Bajonett, ohne einen Schu zu tun, und warfen die
Preuen durch den ganzen Hohlweg bis ans andere Ende zurck.

Diese ihre Bravour gab Napoleon seine Zuversicht wieder. Wenn nur zwei
Bataillone seiner alten Garde das gegen ein paar feindliche Divisionen
erreichen konnten, dann hatte es keine Not, dann sollte auch Ney welche
von ihnen haben!

Ney hielt noch mit seinen halberschpften Krassieren und Gardegrenadieren
oben auf dem Plateau - ihm gegenber der gnzlich ermdete Englnder,
beide ohne einen Schu zu tun, beide darauf wartend, wer von ihnen zuerst
Hiebe bekommen wrde. Eine Stunde standen sie schon so unbeweglich da, als
Napoleon endlich glaubte, die Preuen so weit zurckgeworfen zu haben, da
er Ney die erbetene Infanterie geben konnte.

Er stellte noch sechs Bataillone zur Sicherung seiner Front gegen die
Preuen auf und schickte den alten Friant mit vier Bataillonen gegen die
Englnder auf das Plateau hinauf!

Kaum hatte er den Befehl gegeben, da bemerkte er eine pltzliche Unruhe in
der regungslosen Masse seiner Reiterei da oben. Auf der Brsseler Chaussee
kam Ney herangesprengt, ohne Hut, mit durchlcherter Uniform, das Gesicht
geschwrzt, der blonde Haarschopf wirr um das Haupt flatternd, und schrie,
seine Kavallerie wiche, wenn die Infanterie nicht sofort kme -, nahm dann
die Bataillone der Garde an sich und zog mit ihnen ab.

Da oben war immer noch der Sieg zum Greifen nahe. Hinter der englischen
Front floh alles, was Beine hatte. In Brssel wute man bereits, da
Wellington die Schlacht verloren hatte, und Botschaften flogen von dort
mit der Kunde von Napoleons Sieg nach allen Richtungen in die Welt hinaus.

Unten im Tal kamen dann aber pltzlich aus der Ecke, wo sich Napoleons
Front rechtwinklig zurckbog, die Rufe "_sauve-qui-peut!_" Und aus den
Hfen La Haye und Papelotte flohen die bisher siegreichen Leute der
Division Durutte. Alles hing vom Augenblick ab.

Die Schlacht war auf dem Punkt angelangt, wo der Geist der Panik
herangesaust kommt und ber dem Gewimmel darauf lauert, auf wen von den
Kmpfern er sich strzen soll, und ob er hben oder drben den geringeren
Widerstand finden wird, wenn er sein Entsetzen loslt.

Hben stand noch der kleine groe Schlachtenkaiser aufrecht da und schaute
ungeduldig nach seinem ungetreuen Grouchy aus, der immer noch nicht kam,
um ihm das Schlachtenglck zuzuwenden.

Oben auf dem Plateau stand der zhe Englnder und sah die Reihen der
Brenmtzen auf sich zukommen. Ein Wink seiner Hand - die Garden Maitlands
warfen sich auf den Boden hin, um dem Ansturm Neys und Friants zu
begegnen, erhoben sich, schossen aus nchster Nhe und durchlcherten die
Reihen der alten Garde an hundert Stellen.

Aus mehreren Wunden blutend, ging Friant zurck, holte sich von Napoleon,
der sie selbst herangefhrt hatte, noch fnf Bataillone von der alten
Garde zum Ersatz und zog mit ihnen wieder in den Kampf. Da sah Napoleon
die letzten Reste der englischen Reiterei unter Vivian und Vandeleur sich
pltzlich wieder ermannen und zur Attacke vorstrzen - er sah auch am Wald
von Soignes Preuen kommen, die Reiter Zietens voran.

Preuen berall und immer noch kein Grouchy! Er erbleichte -, es war die
Niederlage, die jetzt auf ihn einstrmte.

Zieten lie seine Reiter los, sie machten mit den Schwadronen Vivians und
Vandeleurs gemeinsame Sache und berfluteten in einem Augenblick das ganze
Schlachtfeld.

Wo Napoleon hinblickte, war ein Gewimmel von englischen und preuischen
Uniformen. Und er hatte keine Kavallerie mehr hier unten, um die
feindlichen Reiter zu verjagen, seitdem Ney ihm die letzte genommen hatte.
Das Fuvolk allein war gegen sie ohnmchtig.

Seine Gardebataillone bildeten berall Karrees, die hier und dort wie
Felsen aus dem brandenden Meere emporragten und sich wohl wehrten, aber
die Sturmflut nicht aufhalten konnten.

Oben auf dem Plateau machten dann Milhauds Krassiere kehrt, um nicht von
der Hauptarmee abgeschnitten zu werden, und ritten wieder die Bschung
hinunter. Auf dem abschssigen Boden gerieten sie aber sofort in Unordnung
und halfen so nur den Wirrwarr vermehren.

Wellington ging jetzt zur Offensive ber.

Keine Mglichkeit fr Napoleon, der Auflsung noch irgendwo eine Wehr
entgegenzusetzen, und ein Bollwerk zu schaffen, hinter dem sich die
aufgelsten Verbnde ordnen knnten.

"_Sauve-qui-peut!_" wurde die Losung - der Kehrreim, in den sich der
Siegestaumel der Franzosen jh auflste.

Napoleon sah das Nutzlose ein, jetzt, bei beginnender Nacht, wo er weder
gesehen noch gehrt werden konnte, seine Person dem Trubel
entgegenzustellen. Er lie sich in ein Karree einschlieen und ritt,
Jrme an seiner Seite, auf der Chaussee nach Charleroi fort, von den
vorbeiflutenden Trmmern seiner stolzen Armee mitgeschwemmt.

ber das Schlachtfeld zogen jetzt von verschiedenen Seiten die Preuen und
die Englnder gegen das weithin sichtbare Gehft Belle-Alliance hinan,
fegten den Boden von Feinden rein und nahmen die Verfolgung der fliehenden
Franzosen auf.

Die Preuen besorgten das Geschft allein. Bis Jenappes hielten sie die
Jagd durch, nahmen unterwegs Napoleon seine ganze Artillerie und Bagage ab
und scheuchten seine Truppen durch Karttschenschsse auf, sobald sie sich
zur Ruhe setzen wollten.

In Jenappes gnnten sie sich endlich selbst etwas Ruhe.

Blcher, der trotz den Strapazen des vorhergehenden Marsches selbst die
Verfolgung leitete, war frisch wie ein Fisch im Wasser und von einem
seltenen bermut.

Als er vom Pferd stieg und in sein Quartier hineingehen wollte, trat ihm
ein alter Husar in der schwarzen Uniform, die er so gut kannte, entgegen
und legte die Hand an die Mtze.

Wie der Blitz fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf: "Aha, da habe ich ja
meinen Solofnger! Der fehlte mir noch! Der war heute wieder fllig. So
war's nach Kirrweiler, so war's bei Leipzig! Und heute war's ja wieder
eine Sache gewesen! Also, er ist da!"

Er lie den Husaren gar nicht erst zu Worte, sondern rief ihm gleich zu:
"Keinen Ton! Ich wei, was du willst, ich wei mit dir Bescheid! Komm,
trinken wir miteinander eine Pulle Sekt fr den guten Fang! Und da hast du
auch deine zwanzig Mark! Soviel war's wohl wert, da du mich damals den
Preuen einfingst! - Oder sollte ich schon im Preis gestiegen sein?"

Der alte Husar stand da, ohne zu begreifen, blickte bald Blcher, bald das
Geldstck an und schttelte den Kopf.

"Wo htte ich? Was htte ich? Ich htte Eure Exzellenz gefangen? - - Wie
kme ich wohl zu der Ehre? Ich habe einen ganz anderen Fang gemacht!"

Und dabei nahm er aus der Tasche eine Handvoll Brillanten, lie sie aus
der einen Hand in die andere rieseln - hielt dem Marschall ein Etui hin,
in dem eine Sammlung der hchsten und seltensten Orden der Welt, auch der
preuische Schwarze Adler, glitzerten, und zog unterm Arm noch einen Degen
und einen dreieckigen schwarzen Hut hervor, den man in der ganzen Welt
wohl kannte.

"Zu dem Hut gehrt auch ein grauer Mantel!" rief Blcher aufgeregt, und
ri das Kleidungsstck an sich. "Und in dem Mantel steckte ein ganz
besonderer Kerl! - Wo hast du den gelassen?"

"Der steckt wohl immer noch drin in dem nmlichen Mantel, denke ich! Und
den habe ich nicht erwischt!"

"Du bringst mir ein Stck vom Fell des Lwen! Bringe mir den Lwen selbst,
und du wirst ein Frst, so wahr ich auch einer geworden bin. Ihm nach -
rasch -!"

Damit stlpte er den Hut Napoleons auf den Kopf, nahm den Degen und die
Orden an sich und ging hinein.

Drauen blieb der Husar stehen. Er lie noch ein paarmal die glitzernden
Steine aus einer Hand in die andere rieseln, steckte sie in die Tasche,
schttelte den Kopf und kratzte sich bedchtig die Nase.

                                    *

Das war am achtzehnten Juni. Schon am siebenundzwanzigsten konnte Blcher
seiner Frau aus Compigne schreiben: "Hier sitz ich in dem Zimmer, wo
maria luise ihre Hochzeitsnacht Celebrierte, man kann nichts Schneres und
angenehmeres sehn als Compiene - -"

Am siebenten Juli rckte Blcher wieder in Paris ein und fhrte so den
Gebrauch ein, auf jeden franzsischen Einzug in Berlin mindestens zwei
deutsche in Paris folgen zu lassen, damit man sich das merke und sich auch
danach richte.

Der deutsche Michel stand also wieder in Paris.

Er benahm sich nicht wie der Ochse im Porzellanladen - auch plnderte er
nicht und erprete nichts. Ja, er getraute sich nicht einmal, die ihm
abgenommenen Milliarden zurckzuverlangen - er war wieder gut und edel,
zeigte Gemt, nahm Rcksicht, dachte, man wrde es ihm danken, und merkte
nicht, da man ihn auslachte.

Die anderen, die machten es ganz anders, wenn sie an der Reihe waren und
siegten. Sie verstanden es, ihren Ha und ihre Rachsucht ins Gemt des
Besiegten hineinzustampfen, da der Schmerz drin blieb und wucherte und
zur Vergeltung trieb.

Es fehlte nicht an wohlmeinenden Mahnern, die Michel beim Ohr nahmen und
sagten: "Michel, werde hart, sonst geht's dir noch einmal ans Leben!"

Blcher brauchte jene Mahner nicht. Er sprach deutsch mit den
franzsischen Unterhndlern und schrieb ihnen auch in dieser verpnten
Sprache, zum Entsetzen aller Diplomaten, nicht zum wenigsten der
deutschen.

Er verfgte Wegnahme aller geraubten Kunstschtze, verlangte zweimonatige
Lhnung und neue Bekleidung fr seine Truppen, legte der reichen Stadt
Paris eine Kontribution von hundert Millionen auf und befahl sofortige
Sprengung der Jenabrcke, ehe die Monarchen nach Paris kommen konnten, um
das zu verhindern.

Sie kamen aber schleunigst mit Extrapost an und inhibierten sowohl das wie
vieles andere, insbesondere die Auszahlung der hundert Millionen.

Sie kamen aber nicht schnell genug, um zu verhindern, da Wellington in
seinem Gepck den vor drei Monaten ausgerissenen Knig Ludwig XVIII.
mitbrachte - _Louis dixhuit_ - oder "_biscuit_", wie er fortan, als
zweimal gebackener Monarch, genannt wurde.

Die beiden Kaiser und der Knig von Preuen hatten sich das franzsische
Cousinat diesmal ganz anders gedacht. Sie waren nicht sehr davon erbaut,
auf dem Thron Frankreichs diesen ungeheuren Klumpen lchelndes, gekrntes,
suffisantes Fett wieder vorzufinden, der sich ohne weiteres als Hausherr
gerierte und ihnen die Rollen wohlerzogener Gste zuschob.

Sie fanden sich aber bald mit ihren Rollen ab und lieen den ungelenken
Mastodonten auf seinem kniglichen Rollstuhl sitzen, allwo er denn auch
ein beschauliches Dasein fhren konnte, sich tagtglich zwischen dem Bett,
der Tafel und dem geheimen Kabinett hin und her schieben lie und, fern
von den Schrecknissen des Krieges, von Werken des Friedens trumen konnte,
als welche da sind: trffiertes Wildbret, pikante Soen, wohltemperierter
Burgunder und mehr desgleichen.

Bedenkt man die Verwstung und Verarmung der anderen europischen Lnder
whrend der langen Kriegsjahre, so mu zugegeben werden, da la France,
die Urheberin des ganzen Elends, doch mit ihrem neuen "Legitimen" billig
dabei weggekommen war. Denn, wenn er auch im guten Sinne nicht so viel
leistete, so tat er sich im bsen noch weniger hervor. Ganz wie das weie
Pflaster, das von der bourbonischen Hausfarbe wohl den Namen hatte.





                                   14
                             DER GRSSTE SIEG


Alt und grau, noch rstig, aber von Ruhm und Ehren gesttigt, kehrte er
zurck zu den heimatlichen Gestaden, um die Sttten wiederzusehen, auf
denen er in jugendlichem bermut herumgetollt war.

Er trieb sich in der Stadt umher, durch die Straen, ber den Markt, in
den Kirchen, auf den Friedhfen, versumte nicht, den Ratskeller auf seine
verborgenen Schtze anzusprechen, und landete schlielich auf dem Wall,
von wo aus er ber den Hafen auf den Breitling hinausblicken konnte, der
im Sonnenschein glitzerte und blinkte. Lange stand er da, in wehmtige
Gedanken versunken.

Das Wiedersehen mit der Heimat war so ganz anders, als er es sich whrend
seines langen Lebens vorgestellt hatte.

Damals eine Welt, die fr das Aufjauchzen der ersten Lebenslust kaum Raum
genug hatte, die zu eng, zu drckend war - eine Fessel, die gesprengt
werden mute -, ein Kerker, aus dem es galt mglichst schnell zu
entrinnen. Und jetzt leer, tot und verlassen von allem, was sich damals in
ihr drngte -, fremd und doch so vertraut zum Herzen sprechend wie ein
altes, lange nicht gehrtes Lied, das auf einmal pltzlich wieder an
unsere Ohren dringt.

_Vanitas! Vanitatum vanitas!_

Man kmpft und strebt, ringt um Erfolg und Ehren, kommt weit herum, sieht
fremde Gesichter, knpft neue Freundschaften an, bekommt Familie, schlgt
irgendwo, wo's der Zufall will, Wurzel, wird in neuer Erde bodenstndig,
glaubt sich dort beheimatet und bleibt ihr im Innersten doch ein Fremder.

Die Wurzeln, die einen noch an die Heimaterde binden, verkmmern oft,
zerreien aber nie. Die Trume und Erinnerungen lassen Vergangenes wieder
lebendig erstehen. Man wandelt in ihnen noch auf den Gefilden der lngst
verflossenen Kindheit, balgt sich mit den alten Gespielen herum, erlebt
die ersten Hoffnungen, die ersten Enttuschungen wieder, und bei jedem
weiteren Schritt im Leben kehren die Gedanken wieder zu ihnen zurck. Und
ber allem anderen, ber Siegesrausch und Triumph, leuchtet dann die
Frage: "Was werden die alten Gespielen, die Freunde, die Verwandten dazu
sagen! Sie werden sich wundern, wie weit ichs im Leben gebracht habe! Ich,
von dem sie so wenig hielten und dessen Flucht ins groe Leben hinaus nur
ihr mitleidiges Mitrauen in den Erfolg begleitete!"

Endlich hat man den Erfolg errungen. Man hat festen Boden unter die Fe
bekommen. Und doch kommt keine rechte Siegesfreude auf, ehe nicht die
engere Heimat ihren Segen zum Gelingen gegeben hat.

Man brennt darauf, diesen Triumph zu feiern, kehrt wieder heim, sucht alte
Sttten, Wege, Gefilde auf, lt die Blicke nach gewohnten Zielen
schweifen und wird gleich enttuscht.

Warum kommt nicht dort um die Ecke Freund Fritz gelaufen, munter, lustig
und zu jedem Streich bereit?

Wo bleibt heute Nachbars Lene, die sonst immer durchs Gartentor huschte,
sogleich bereit, den Zoll der Freundschaft von ihres Vaters Apfelbumen zu
entrichten?

Und der Herr Pastor, der wrdig dort die Strae herunterschreitet, das
Mebuch in den fromm gefalteten Hnden, die Blicke gesenkt, der Kster mit
dem Kruzifix im gleichen Trott hinterher, wie hat er sich verjngt! Damals
Schnee in den reichen Locken, jetzt blondester Flachs!

Dort sperrt ein fremdes Haus den gewohnten Blick ber den Flu, und
endlose Speicherbauten machen sich rcksichtslos auf dem Gelnde breit, wo
die gewaltigsten Ereignisse der frohen Kindheit sich abspielten. In den
Grnspan der Kirche sind frische Flicken von blankem Kupfer getrieben -
das Glockenspiel von damals knarrte und schnarrte ganz anders, ehe es zum
Herunterbimmeln des altgewohnten Chorals mit hinkendem, aber wrdevollem
Pathos ausholte -, auch der Strae am Elternhause gab die neue Zeit neues
Pflaster!

Und dann die zahllosen neuen Grber auf dem Kirchhof, die die
altvertrauten schier verdrngen wollen!

Liegen wohl da alle die, deren freundliches Staunen ob spt, aber doch
endlich gewonnener Anerkennung man heranzufordern kam?

Ja -, wozu war denn schlielich alles da?

Wozu der Kampf und Sieg, wenn eben die, die die schnsten Krnze
aufrichtiger, selbstloser Freude winden wrden, lngst die Eitelkeit alles
Erdenstrebens mit etwas Besserem vertauschten? Wren sie wenigstens in der
Erinnerung geblieben, wie sie waren - jung, lebenslustig, bermtig,
unbesiegbar. In der Erinnerung der Kindheit lebte bis jetzt noch alles,
was seither im Aufblhen die Seele erfllte! Und jetzt, nach dem
Wiedersehen, verblaten auch dort die Bilder und schwanden fr immer. Die
neue Wirklichkeit lschte ihre glhenden Farben aus - eintnige,
gleichgltige Leere umfing die Sinne - das treu im Herzen gehtete
Heiligtum sank hin, und Bitterkeit, Enttuschung und unendliche Wehmut
lagern ber dem Trmmerfeld teurer Erinnerungen.

Darber dmmerte aber wie ein Hauch der Ewigkeit die Antwort, die die
Heimat dann dem spt Wiederkehrenden gab: "Was du suchtest, fandest du:
Ehren, Ruhm, Reichtum - fr dich, aber nicht fr mich! Hofftest du auch
von mir Krnze, und spornte dich das zu immer neuem Ringen an - jetzt bist
du ja am Ziel - jetzt brauchst du meine Krnze nicht mehr! Jetzt blht dir
nur noch die Erkenntnis, die ich dir als letzte Lehre auf deinem letzten
Wege mitgebe: "_Aus dir selbst bist du nichts!_ Was du geleistet hast,
wurde dir vom Geber aller Gaben geschenkt! Sei dankbar, demtige dich! Was
suchst du noch im Staube nach Ehren! Das Loch in der Erde ist dir sicher,
mehr kommt dir nicht zu!"

Das ist hart.

Das bange Vorgefhl dieser Hrte war's wohl auch, das ihn immer wieder
davon abgehalten hatte, den Weg zurck zu beschreiten, um nicht eher jene
Illusion zu verlieren, die ihm sooft sieghaft ber alle Enttuschungen des
Lebens hinweghalf, bis sie nicht mehr gebraucht wurde. - -

Lange stand er noch, die Augen auf die glitzernde Wasserflche gerichtet,
mit den Gedanken spielend, die ber ihn gekommen waren - am Grab der
Eltern - unter den Bumen im Garten, wo er sooft als Junge geklettert war
- dort unten am Ufer, wo er sich mit all den anderen Rostocker Rpeln nach
Herzenslust gebalgt hatte - mit Hans Jrg und Jochen und Christian Faber,
und wie sie alle hieen!

Am Ufer der Warnow war ihr Schlachtfeld gewesen. Die merkwrdigsten
Manver hatten sie dort unten ausgefhrt, unsterbliche Heldentaten
verrichtet, Siege erfochten, gegen die Hamilkars und Hannibals das reine
Nichts waren - sie hatten in Blut gewatet, hatten die Leichen haufenweise
bereinandergetrmt! Und nach beendigter Schlacht waren die Gefallenen
ohne Ausnahme wieder lebendig geworden und zogen am nchsten schulfreien
Nachmittag wieder seelenfroh in den Kampf.

Und der Festungskrieg, der sich dort zwischen den Bretterstapeln
abgespielt hatte, der spottete jedes Vergleichs!

Viele brave und werte Genossen waren ihm in den spteren Kmpfen seines
Lebens nahegekommen, aber keiner nher als die Gespielen, die ihm halfen,
die ganzen ungeheuren Erlebnisse der Kinderphantasie zu gestalten.

Wo die wohl alle geblieben waren?

Ob sie noch lebten - wie sie wohl aussahen, und ob sie sich nicht jetzt
dazu bequemen wrden, ihn als den Strkeren anzuerkennen?

Es waren obstinate Racker gewesen, steifnackige Krabaten, ganz wie er
selbst. In den Jugendkmpfen mit ihnen, da hatte er wohl eben das feste
Zupacken gebt - da hatte sich am Ende der Keim zu den spteren Siegen
zuerst entfaltet?

Daher kam es wohl, da er sooft im wilden Getmmel groer Geschehnisse
pltzlich innehielt und sich beim ernsten Nachdenken ber die hochwichtige
Frage ertappte: was wohl Hans Jrg zu diesem oder jenem gesagt htte, wre
er jetzt dabeigewesen, und was fr ein Gesicht der alte Knabe wohl machen
wrde, wenn er in der Avis die groe Begebenheit fett gedruckt aufgetischt
bekme?

Aber der Hans Jrg war wohl auch so'n dicker, aufgeblasener Spieer
geworden und hatte wohl ber der Sorge seines Bauches lngst alles andere
vergessen!

Noch eine Weile blieb Blcher oben. Er konnte sich nicht vom Blick bers
Wasser trennen. Es war wohl ein allerletzter Abschied, den er jetzt nahm.

Endlich wandte er sich zum Gehen.

Da kam dort um die Ecke, gerade auf ihn zu, ein altes Mnnlein, hstelnd
und sich ruspernd, blieb vor ihm stehen, zog ehrerbietigst die Mtze,
blickte aus alten, mden, halberloschenen uglein neugierig zu ihm auf,
verzog sein gefurchtes, braunledernes Gesicht zu einem breiten,
vergnglichen, aber zugleich verlegenen Lcheln, indes die Zunge hinter
den zahnlosen Lippen mhselig nach Worten suchte.

Endlich brachte er die Frage heraus, lange und wollstig an jeder Silbe
lutschend:

"Verzeihen," sagte er, "wollen Ihro Hochgeboren nicht bel aufnehmen, wenn
ich wage, gehorsamst eine Frage zu stellen - aber Sie sind ja woll der
Durchlauchtigste Feldmarschall Frst Blcher selbst _in persona_?"

"Der bin ich!"

"Dachte ich mir auch gleich! Meine Alte las mir nmlich heute frh vom
hohen Besuch unserer Stadt aus der Avis vor. Und da dachte ich gleich - da
mut du aber 'raus und nachschauen, ob du ihn nicht auch erwischen kannst.
Na, da htte ich ja Glck gehabt! Nee -", sagte er dann und besah ihn sich
grndlich von allen Seiten, "was fr'n hoher und durchlauchtiger Herr aus
so'n ollen Rostocker Jungen wern kann! Das ist ja woll ganz und gar nicht
mehr mglich! An so'n Mirakel htte wohl keiner von uns damals geglaubt,
als wir uns da unten mang die Bretter 'rumtollten. Aber das sind ja olle
Kamellen! An die denkt so'n hoher Herr ja woll nicht mehr!"

"Was?" rief Blcher, und starrte den Alten mit unverhohlener Neugier an.
"Wer ist denn - - ja, ist das nur mglich -? Das ist ja woll -"

"Jaha," meckerte der Alte und nickte vergngt, "der Hans Jrg, der bin ich
immer noch -"

"Ja, wahrhaftig! Alter Freund! Das war aber eine rechte Freude! Na, da mu
ich aber wirklich sagen! Eben stand ich hier und dachte an die alten
Zeiten zurck und wunderte mich, wo ihr wohl alle seid, und was aus euch
geworden sein knnte! - Wo sind denn all die anderen, der Krischan Faber
und Jochen?"

"Die sind all tot! Den Krischan, den haben die Franzosen totgeschossen."

"Na, das htte er denn mit vielen braven Leuten gemeinsam gehabt. Ich war
auch oft nahe dran."

"Na, da hat der Himmel zu unserem Glck Eure Durchlaucht davor bewahrt!"

"Was?! Wie hast du mich genannt? Willst du wohl?!"

"Durchlaucht, sagte ich -"

"Nenne ich dich Durchlaucht? Wie?!"

"Nee, aber ich kann mir doch nicht erlauben -"

"Wenn du der Hans Jrg bist und du erlaubst dir, mich anders als frher zu
nennen - nun dann bist du eben nicht der rechte Hans Jrg. Dann fordre ich
dich vor die Pistole!"

"Das wre ja nicht der erste Zweikampf, den wir miteinander ausgefochten
haben!" lachte der Alte. "Erinnerst du dich noch, Gebhard, als wir um die
Wette nach der Boje da drauen hinausschwammen - ja, die schwimmt da noch
- und ich kam zuerst heran."

"I wo!"

"Jawoll, das tat ich. Und das pate dir nun nicht. Da bist du
untergetaucht und hast mich am Bein gepackt und zurckgezogen, und ich
drehte mich dann um und versetzte dir eine -"

"Zwei hast du dafr gekriegt."

"Jawoll - zwei - eine Balgerei ging da los, und ich habe dich noch
orntlich gedoppt -"

"Das erinnerst du falsch! So war's nicht - sicher nicht."

"Ob's so war? Dadrauf kannst du Gift nehmen, im Schwimmen, da war ich dir
ber - da frag' nur all die anderen, die werden's bezeugen! Und zuerst kam
ich doch an die Boje ran - und zuerst war ich am Land -"

"Na - schneid nur nicht auf! - Ich werd' mir wohl denn schon nichts daraus
gemacht haben! Aber, das wei ich noch bestimmt, im Schwimmen stellte ich
meinen Mann, und mach's heute noch!"

"Na - damals bist du aber unterlegen, Gebhard, und das stimmt. Und dann -
erinnerst du noch, als wir die groe Schlacht auf dem Teutoburger Wald
schlugen und du der Hermann warst und ich der Varus? Weit du noch, wie
wir dir alle deine Leute totschlugen und dich dann mit Stricken banden?" -

"Das lgst du!"

"Wahrhaftigen Gottes, das lge ich nicht. Du siegtest sonst immer, und
niedertrchtig hast du uns dann immer behandelt! Und da haben wir uns
schlielich verschworen und deine Germanen mit Zuckerzeug bestochen -
meine ganze Sparbchse ging drauf! Sie waren aber gern damit
einverstanden, ihrem Arminius einen Schabernack zu spielen. Das nchste
Mal, als der Kampf losging, da starben sie denn auch richtig wie die
Fliegen von dem Zuckerzeug, kaum da wir sie angesehen hatten! Und da
dauerte es nicht lange - da hatten wir auch den Arminius bei den
Hammelbeinen und schnrten sie ihm feste zusammen, daran erinnere ich mich
noch, als wre es gestern!"

"Das erinnerst du falsch, Hans Jrg, und das steck' dir hintern Spiegel!"

"Nun, das werde ich wohl wissen, wo ich dich selbst gebunden habe!"

"Das lgst du!"

"Mit 'nem richtigen Schiemannsknoten knpfte ich dir deine Apostelpferde
zusammen. Ich hatte meine Mutter ihre Wscheleine zu dem Zweck gestibitzt.
Ich fhle ja noch die Wichse, die sie mir dafr gab. Und das sollte ich
mir nicht richtig erinnern?!"

"Nee - das ist nun und nimmermehr wahr!"

"Da wir dich banden? Nun, so wahr, wie da ich hier vor dir stehe!"

"Und wenn du doppelt und zehnfach vor mir stndest, so lgst du doch und
lgst doppelt!"

"Ich werde mich wohl von dir einen Lgner schelten lassen!"

"Nun, wenn du einer bist!"

"Selbst bist du einer!"

"Was wagst du!"

"Nun, das fehlte auch noch, da ich das nicht wagen sollte! Es kann noch
besser kommen! Nimm dich nur in acht! Das wre nicht das erstemal, da ich
dich auf den Rcken lege!"

"Nun schweig aber!"

"Schweig selbst!"

"Wenn du jetzt nicht bald still bist -!"

"Denkst wohl, ich frchte mich vor dir!"

Hochrot im Gesicht standen die beiden Greise mit erhobenen Hnden und
zornig funkelnden Augen voreinander.

Da besannen sie sich wieder darauf, da sie nicht mehr die Schulbuben von
Anno dazumal waren, sondern alte, gesetzte Mnner im Staate, und brachen
pltzlich in ein helles Lachen aus. Sie lachten, da sie sich auf die Knie
schlugen.

"Wahrhaftig," sagte Blcher, "in einem Augenblick sind wir um sechzig
Jahre zurckgekommen und zanken uns hier wie die dummen Jungen, die wir
waren, und tragen unsere unerledigten Streitigkeiten von damals aus. Ich
erinnere mich auch an den Vorfall, als wre er gestern geschehen. Es war
eine Niedertracht von dir, Hans Jrg, und davon gehe ich nicht ab! Aber
erinnerst du noch, wie ich da gebunden lag und ihr mich alle fhlen
lieet, wie ich euch meistens unter der Fuchtel hatte - erinnerst du, als
ihr um mich tanztet und mich verspottetet, wie ich dann auf einmal frei
unter euch stand und deiner Mutter Wscheleine um eure Ohren sausen lie,
und wie ihr da alle lieft und euch wie die Ratten zwischen die
Bretterstapel verkrocht? Weit du das noch?"

"Nun ja - du hattest eben die Leine durchgebissen - ich hab's nachher auf
meinem Rcken ausbaden mssen!"

"Das hat dir nichts geschadet! Aber wenn ich an _den_ Sieg denke und an
den Triumph - nun, Katzbach war schon eine Sache, und Leipzig auch, von
Belle-Alliance und Paris nicht zu reden! Aber der Sieg ber euch Rostocker
Lausbuben im Teutoburger Wald, hier am Ufer der Warnow - wahrhaftig -,
_das war doch mein schnster Sieg!_ Und weil er auch der unblutigste war,
mssen wir ihn jetzt ordentlich mit Rebenblut begieen! Gekneipt haben wir
ja damals noch nicht. Aber den Weg zu mancher guten Pulle Rotspon habe ich
wohl nachher gefunden. Und du schon auch! Komm, Hans Jrg, finden wir den
Weg einmal im Leben auch zusammen!"

Arm in Arm zogen sie dann ab. Blcher lang und stattlich und Hans Jrg
klein und hstelnd, aber mit frstlicher Haltung und mit dem Widerschein
all der Siege seines groen alten Kampfgenossen in den Augen. So gingen
sie zurck in die gute alte Zeit, aus der sie gekommen waren, und blieben
da beisammen und lieen die "ernsthaften" Kmpfe dieser Welt sein, was sie
ihnen immer gewesen waren: - Schlacken am Gold ihres Kindergemts.






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***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HEILIGE DONNERWETTER. EIN BLCHERROMAN***



                                 CREDITS


May 07, 2012

            Project Gutenberg TEI edition 1
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"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
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bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
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Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.


                                   1.C.


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state of change. If you are outside the United States, check the laws of
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The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
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to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
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    almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
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public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
permission of the copyright holder), the work can be copied and
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phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
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or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.


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permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
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                                  1.E.4.


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work or group of works on different terms than are set forth in this
agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
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                                   1.F.


                                  1.F.1.


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identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
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           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
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they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
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extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

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business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
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For additional contact information:


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    Chief Executive and Director
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                                Section 4.


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