The Project Gutenberg EBook of Macchiavellis Buch vom Frsten by Niccol
Machiavelli



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Title: Macchiavellis Buch vom Frsten

Author: Niccol Machiavelli

Release Date: May 27, 2012 [Ebook #39816]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MACCHIAVELLIS BUCH VOM FRSTEN***





                              Macchiavellis

                           Buch vom Frsten.

                     Nach A. W. Rehbergs bersetzung
                                   mit
                       Einleitung und Erluterung
                            neu herausgegeben
                                   von
                           Dr. Max Oberbreyer.



Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.





                                 INHALT.


                                                           Seite
      Einleitung                                               3
 1.   Verschiedene Arten der Herrschaft                       33
 2.   Von erblichen Frstenthmern                            33
 3.   Von vermischten Herrschaften                            34
 4.   Warum das Reich des Darius nach Alexanders Tode         43
      gegen seine Nachfolger nicht aufstand
 5.   Wie Stdte und Frstenthmer zu behandeln sind,         45
      die vor der Eroberung ihre eigne Verfassung hatten
 6.   Von neuen Herrschaften, die durch eigne Waffen          47
      oder Tapferkeit errungen werden
 7.   Von neuen Frstenthmern, die durch fremde              50
      Untersttzung und durch Glcksflle erworben
      werden
 8.   Von Denjenigen, welche durch Verbrechen zur             58
      Herrschaft gelangen
 9.   Vom Volke bertragene Herrschaft                        63
10.   Wie die Krfte der Frstenthmer zu schtzen sind       67
11.   Von geistlichen Frstenthmern                          69
12.   Von den verschiedenen Arten der Truppen                 72
13.   Von Hilfstruppen                                        77
14.   Was der Frst im Kriegswesen zu beobachten hat          81
15.   Wodurch die Frsten Lob und Tadel erwerben              83
16.   Von der Freigebigkeit und dem Geize                     85
17.   Von der Grausamkeit und Milde                           87
18.   In wie fern ein Frst sein Wort halten mu              90
19.   Verachtung und Ha sind zu vermeiden                    93
20.   Ob Festungen und andere Sicherheitsanstalten der       104
      Frsten ntzlich oder schdlich sind
21.   Wie ein Frst sich zu betragen hat, um groen Ruhm     108
      zu erwerben
22.   Von den Ministern                                      112
23.   Schmeichler sind zu fliehen                            113
24.   Wie die Frsten Italiens ihre Herrschaft verloren      115
      haben
25.   Welchen Einflu das Glck auf die Angelegenheiten      117
      der Menschen hat
26.   Aufruf, Italien von der Fremdherrschaft zu             120
      befreien
      Erluterungen                                          125






                               EINLEITUNG.


Niemals hat eine politische Schrift so gewaltiges Aufsehen erregt, und so
viel gewirkt, als _Macchiavelli's_ hochberhmtes _Buch vom Frsten_. Der
Name des Verfassers ist durch die sogar in Staatsschriften als
Kunstausdruck bliche Benennung des _Macchiavellismus_ auch der groen
Menge bekannt geworden, die das Buch selbst nicht gelesen hat. Aber unter
den Groen und ihren Ministern haben sich Viele danach gebildet. Hier
glaubten sie das, was sie in einzelnen schlimmen Augenblicken gethan, oder
noch zu thun Lust hatten, durch zusammenhngende Grundstze gerechtfertigt
zu finden. Die es so benutzten, mgen oft ungehalten darber geworden
sein, da Alles, was sie sich, aber auch nur sich selbst, und als Ausnahme
von der Regel erlauben wollten, in allgemeinen Maximen ffentlich
aufgestellt, und dadurch Verdacht gegen ihre Absichten erregt ward. Daher
ist es am lautesten von denen angeklagt, die am meisten daraus gelernt
hatten. Andere Leser sind durch den Widerspruch, in welchem dieser
Inbegriff frstlicher Weisheit mit der gewhnlichen Moral steht, zu dem
Zweifel veranlat worden, ob das Buch wol im Ernste geschrieben sei? Da
sie die Bewunderung, welche der durchdringende Beobachtungsgeist und das
treffende Urtheil des Verfassers Jedem abnthigt, der politische
Verhltnisse zu beurtheilen vermag, mit ihrem Widerwillen gegen die freche
Immoralitt, zu welcher seine Grundstze fhren, nicht zu vereinigen
wuten, so haben sie geglaubt, Macchiavelli mge wol das vollstndige
Gemlde der Tyrannei und der Mittel zu ihr zu gelangen, in der Absicht
entworfen haben, um den Tyrannen in der verabscheuungswrdigsten Gestalt
darzustellen.

Mehrere italienische Schriftsteller haben diese Auslegung sehr frh
gemacht, um dem Geschrei zu begegnen, das sich bald nach der ffentlichen
Bekanntmachung des Werkes erhob. Die Vermuthung erhlt einigen Anschein
durch den Widerspruch, in welchem die Gesinnungen, welche in diesem Buche
herrschen, mit andern Schriften des Verfassers zu stehen scheinen, und der
um so auffallender ist, da das Buch vom Frsten und die Betrachtungen ber
den Livius offenbar nicht in ganz verschiedenen Perioden seines Lebens
geschrieben sind. Er bezieht sich in jeder derselben auf die andere, und
hat sie also, wenigstens spterhin, zugleich wieder berarbeitet. Aber man
kann dieser Erklrung durchaus keinen Beifall geben, sobald man das Buch
selbst unbefangen liest. Es ist mit solchem Ernste geschrieben, mit
solchem Nachdruck, und was noch mehr ist, es enthlt auf jeder Seite so
viel Wahrheit, da man das Ganze unmglich fr Ironie halten kann. So
treffende Lehren knnen nicht aus republikanischem Hasse gegen die
Tyrannei gegeben sein, damit der Tyrann ins Verderben renne: diesen Zweck
htten sie sicherlich verfehlt! Wer den Verfasser aus der Geschichte
kennen gelernt hat, wird auch nicht durch die Erklrung befriedigt, da er
hier die Naturgeschichte der Tyrannei gezeichnet habe, so wie er die
Theorie der Republik in den Discursen ber den Livius abhandelt.
Macchiavelli war kein gleichgltiger Zuschauer und bloer Beobachter der
politischen Welt. In allen seinen Schriften herrscht ein praktischer
Geist. Seine Discurse beweisen das lebhafteste Interesse an der Erhaltung
und der Gre einer Republik. Sie sind ganz im Tone eines Mannes
geschrieben, der selbst dazu mitwirken mchte, sie zu errichten oder zu
befestigen. Eben so krftige Rathschlge fr den, der sich auf der
errungenen Stelle eines Regenten erhalten will, eben so nachdrckliche
Empfehlungen der wirksamsten Mittel, eben so lebhafte Verachtung des
Zweckwidrigen, findet man in dem Buche vom Frsten.

Die Auflsung dieses rthselhaften Widerspruchs ist in dem Zustande
Italiens und in der Lebensgeschichte des Verfassers zu suchen.(1) Man
versteht ja berhaupt keinen ausgezeichneten Schriftsteller vollkommen,
wenn man nicht eine lebendige Kenntni von seiner Nation und seinem
Zeitalter, und ein feineres Gefhl fr ihre Art zu empfinden, aus den
einheimischen Geschichtschreibern erlangt hat, welche selbst die
Gesinnungen ihrer Nation theilen, und nicht blos die Handlungen der
Menschen, sondern ihre Quelle, die eigenthmliche Gemthsart, darstellen.
Aus solchen erhlt man eine ganz andere Einsicht in den Zusammenhang der
Begebenheiten, als aus der genauesten und sorgfltigsten Erzhlung eines
Fremden.

Die italienische Nation zeichnet sich durch eine ungemeine Lebhaftigkeit
aller Empfindungen und Leidenschaften aus, die ihren Gegenstand mit dem
Feuer unauslschlicher Begierde ergreift, und nie ablt. So wie man von
den Franzosen nicht ohne Grund sagt, da sie aus allem Ernste Scherz
machen, und dadurch so oft selbst ein Spiel ihrer eignen witzigen Laune
werden, so machen die Italiener aus allem Scherze Ernst. In allen
Handlungen der Franzosen erscheint ein feines und unaufhrlich reges
Ehrgefhl als die herrschende Triebfeder. Dieses zeigt sich in den
schlechtesten, wie in den vorzglichsten Individuen der Nation, auf
verschiedene Art, aber immer gleich stark. Alle franzsischen
Raisonnements ber sittliche Gegenstnde erhalten dadurch eine ganz eigne
Farbe, und in der Geschichte des Volks spielt es die Hauptrolle. Aus der
Verbindung dieses uerst reizbaren Ehrgefhls, und der feinen Beobachtung
aller Convenienzen des Augenblicks, worin die Franzosen allen Andern so
sehr berlegen sind, mit ihrer launigen Gemthsstimmung, entspringt eine
Versatilitt, von der man in der Geschichte der Italiener keine Spur
findet. Diesen kommt es immer auf die Sache an, die sie wollen. Die
brgerlichen Unruhen, die ganz Italien so viele Jahrhunderte lang
zerrissen haben, wren durch bloe Begebenheiten und Zuflle nicht so
lange unterhalten. Ihr Charakter ist wesentlich verschieden von dem
Factionsgeiste in der franzsischen Geschichte. Mit der Tenacitt der
Italiener ist eine tiefe Verschmitztheit nahe verwandt, die mit der
Falschheit eines versatilen Menschen, der sein Vergngen daran findet, mit
andern zu spielen, und schon dadurch befriedigt wird, wenn er sie fft,
durchaus keine Aehnlichkeit hat. Es ist bekannt, da nichts in der Welt
mit der Politik des rmischen Hofes verglichen werden kann, und da die
geistliche Intrigue, als ein zusammenhngendes System die Zwecke der
Herrschsucht zu erreichen, fr das vollkommenste Erzeugni des
menschlichen Geistes in seiner Art angesehen werden mu. Dies Meisterstck
eines feinen und dauerhaften Gewebes konnte nur in Italien zu Stande
gebracht werden, und hat wieder einen groen Einflu auf die Denkungsart
der italienischen Staatsmnner gehabt, die ihre Aufmerksamkeit
unaufhrlich auf den ppstlichen Stuhl richten muten, welcher durch seine
Bemhungen, die christliche Kirche zu beherrschen, zugleich mit in alle
weltlichen Hndel von Italien verwickelt ward.

In diesem ganzen Lande ist von Alters her ein republikanischer Geist
verbreitet gewesen, und hat viele Jahrhunderte lang einen unaufhrlichen
Kampf mit der Herrschsucht einzelner Hupter gefhrt, die in den innern
Bewegungen bel geordneter Gemeinden die Mittel fanden, sich zu erheben.

Unter der groen Zahl italienischer Republiken war allein Venedig schon
frh zu einer festen Verfassung und innern Ruhe gelangt. In allen brigen
verfolgten und vertrieben einander Parteien: eben so wie vormals in den
griechischen Freistaaten einzelne Geschlechter mit ihrem Anhange, und
Factionen, von Optimaten, von Brgern, und von kleinem Volke, Alles unter
einander kmpfte, und sich wechselweise austrieb. Solchem innern Zwiste
war ganz vorzglich das Vaterland des Macchiavelli unterworfen; eine der
strmischsten Republiken, die jemals existirt haben.

Die Geschichte der letzten hundert Jahre, wo Florenz als Freistaat
bestand, von 1432 an, da Cosmus der Groe von Medici zurckberufen ward
und die Leitung aller ffentlichen Angelegenheiten ergriff, bis zu der
endlichen Ernennung eines seiner Seitenverwandten, Cosmus des Ersten, zum
Herzog, im Jahre 1536, gehrt zu den interessantesten Partien der ganzen
Weltgeschichte. Vorzglich ist die letzte Hlfte dieses Zeitraums uerst
lehrreich, wegen der mannichfaltigen Abwechselungen der Verfassung, die
beinahe zu allen Lehrstzen der Politik Beispiele wirklicher Erfahrung
bieten.(2)

Florenz war whrend des fnfzehnten Jahrhunderts durch das berwiegende
Ansehen zweier Mnner aus dem _Hause Medici_ beruhigt, und in die Zeiten
des letztern von ihnen fiel Macchiavelli's Jugend. Cosmus der Groe und
Lorenzo, sein Grosohn, hatten als einfache Brger die Angelegenheiten
ihres Vaterlandes geleitet, und groen Einflu auf das Schicksal von ganz
Italien gehabt. Macchiavelli kannte den ganzen Umfang ihrer Talente und
Verdienste: er redet von ihnen mit Wrme und mit dem Wohlgefallen, welches
Niemand, ungeachtet aller Verschiedenheit der Grundstze und Gesinnungen,
Demjenigen versagen kann, durch welchen das Vaterland zu Ehre, Macht und
Reichthum gelangt ist. Die Gre des letzten von jenen beiden
ausgezeichneten Mnnern hatte Macchiavelli selbst noch gesehen. Er war
etwas ber zwanzig Jahre alt, als Lorenzo von Medici starb, dessen Tod
allgemein als die Epoche angegeben wird, mit welcher die Zeit des Genusses
und des Ruhms aufhrte, und eine endlose Reihe von Unglck und Elend
begann, das der Ehrgeiz fremder Monarchen, die unverstndige und
leidenschaftliche Herrschsucht einheimischer Groen, der unbndige Geist
khner Abenteurer und schamloser Emporkmmlinge ber Italien gebracht
hatten. _"Mit dem Tode Lorenzo's von Medici fing der Same des Uebels an
aufzugehen, wodurch, da Niemand mehr lebte, der ihn auszurotten verstand,
Italien zu Grunde gerichtet ist, und noch immerfort zu Grunde gerichtet
wird."_ Mit diesen Worten schliet Macchiavelli seine florentinische
Geschichte. Guicciardini beginnt seine Geschichte von Italien mit
derselben Bemerkung. Die Schriftsteller aller Parteien stimmen darin
berein.

Nach des groen Mannes Tode ward sein unfhiger Sohn Piero mit seinen
vornehmsten Anhngern vertrieben. Achtzehn Jahre lang war Florenz ein
Spiel republikanischer Unruhen. Die Republik, die unter der Leitung des
Lorenzo auf die Verhltnisse der groen Mchte von Europa so groen, oft
entscheidenden Einflu gehabt hatte, ward mit allen brigen italienischen
Staaten in den allgemeinen Strudel hineingezogen, den der Ehrgeiz der
franzsischen Knige erregte. Von den Heereszgen Karl des Achten und
Ludwig des Zwlften ward ganz Italien wie von Meereswellen verschlungen.
Whrend dieser Periode war Macchiavelli Staatssecretair der
florentinischen Republik, und mehr als zwanzig Mal Gesandter an groen und
kleinen Hfen, in den wichtigsten Angelegenheiten. Diese Auftrge fhrten
ihn zu intimen Verhltnissen mit den mchtigsten Mnnern der Zeit: unter
Andern mit dem Pandolfo Petrucci, der sich in Siena vom Fhrer einer
Partei bis zum Oberhaupte des Staats emporgeschwungen hatte, und denselben
von 1487 bis an seinen Tod, 1512, ungefhr durch Knste, wie sie
Macchiavelli lehrt, fast unumschrnkt beherrschte. Dieser Petrucci hatte
den Anfang seiner Gre damit gemacht, zwei der wichtigsten Personen der
Gegenpartei aus dem Wege zu rumen, und lie darauf seinen eignen
Schwiegervater, den Giovanni Borghese, einen sehr angesehenen und wegen
seiner Gelehrsamkeit berhmten Mann, dessen Einflu er frchtete,
ebenfalls ermorden. Er hielt es seinem Interesse angemessen, sich mit den
Florentinern zu verbinden, und berlie ihnen Monte Pulciano, ber dessen
Besitz sie mit den Sienesern in einen alten Streit verwickelt waren. Bei
der politischen Freundschaft zwischen dem Pandolfo und dem damaligen
Gonfaloniere Piero Soderini, war Macchiavelli nicht allein der
Mittelsmann, sondern er unterhielt auch selbst eine genaue Verbindung und
freundlichen Briefwechsel mit dem Tyrannen von Siena, wie der
Geschichtschreiber desselben(3) ausdrcklich bemerkt. Die Medici wurden
1512 in Florenz wieder eingefhrt. Gleich im ersten Jahre entspann sich
eine Verschwrung gegen sie, deren Hupter Nicolo Valori und Giovanni
Folchi, mit dem Leben bten. Macchiavelli gerieth als Theilnehmer in
Untersuchung, ward gefoltert und verbannt, bald darauf aber von der
Familie, welche die Oberhand behalten hatte, wegen seiner groen Talente
gesucht. Nicht volle zwei Jahre darauf zog ihn Papst Leo X. durch seinen
Freund, den gemeinschaftlichen Landsmann und florentinischen Gesandten zu
Rom, Veltori, ber die verwickelten Angelegenheiten Italiens, und ber die
Verhltnisse zu den fremden Mchten, welche er als Staatssecretair der
Republik und als Gesandter so genau kennen gelernt hatte, zu Rathe, wie
aus den Briefen des Vettori erhellt. Aber noch nher als Alles dieses lag
dem Macchiavelli die Frage, wie die Medici das wieder erlangte
Uebergewicht in ihrem Vaterlande benutzen wrden?

Die Ahnherrn ihres Geschlechts hatten, wie gesagt, als einfache Brger die
ffentlichen Angelegenheiten desselben aus ihrem Cabinet geleitet, ohne
die uere Decoration einer hhern Wrde zu verlangen. Aber die Zeiten
hatten sich gendert. In Frankreich, in Spanien, in Deutschland hatten
sich seit Kurzem krftige Monarchien erhoben. Italien hingegen ward von
innern Zwistigkeiten zerrissen. Insbesondere war Mittelitalien voll
kleiner Herren, die sich Alles erlaubten, um zu der hchsten Gewalt in
ihrer Vaterstadt, und zu der Herrschaft ber kleine Districte umher, zu
gelangen. Mehrere Ppste hatten mit einigem Erfolge gesucht, in ihren
Familien Herrschaften zu grnden, die dahin fhren konnten, die
italienischen Freistaaten und Frsten zu einem Bunde unter Leitung eines
angesehenen Oberhauptes zu vereinigen. So hatte sich das Haus della Rovere
durch zwei Ppste, Sixtus den Vierten und Julius den Zweiten, aus dem
Staube zu der herzoglichen Wrde von Urbino emporgeschwungen. Mit grerem
Nachdrucke hatte Alexander der Sechste seinen Sohn Csar Borgia zu einem
gefrchteten Herrn in Romagna gemacht. Leo der Zehnte konnte seinen
Verwandten noch mit ganz anderer Kraft untersttzen, als Alexander den
seinigen. Denn was der Spanier Borgia blos durch sein ppstliches Ansehn
zu Stande bringen mute, das unternahm Leo mit dem ganzen Gewichte des
Hauses Medici, welches im mchtigen und reichen Florenz so tiefe Wurzeln
geschlagen hatte. Ein Kind seiner Zeit war er nicht damit zufrieden,
seinem Geschlechte die Lage im Vaterlande zu sichern, in der sich seine
Vorfahren befunden hatten. Der groe Lorenzo war schon von der Lebensart
derselben etwas abgewichen: er hatte sich mit einer Prinzessin Orsini
vermhlt, und seinen Reichthum angewandt, Landgter zu kaufen, die mehr
der Grundlage eines Frstenthums, als Privatbesitzungen eines Brgers
glichen. Leo X. machte seinen Neffen Lorenzo zum Herzoge von Urbino, und
legte es darauf an, diesem und nach ihm immer dem Haupte der Familie einen
Antheil an der Regierung von Florenz zuzuwenden, der in seinem Umfange und
in der Art der Ausbung einige Aehnlichkeit mit der Herrschaft hatte, die
Augustus in Rom nach der Auflsung der Triumvirate fhrte.

Lorenzo ward Oberhaupt der Kriegsmacht, und fhrte den Titel: _Il
Magnifico_ (der Prchtige). In den ffentlichen Angelegenheiten durfte
nichts ohne seine Genehmigung geschehen. Dennoch bestanden alle
republikanischen Formen, und er berlie die gesammten Stellen in der
Verwaltung Brgern, die jedoch nur unter seinem Einflusse gewhlt wurden.
Im Wesentlichen war es eben so schon damals zugegangen, als seine groen
Vorfahren regierten. Seit undenklichen Zeiten war aus republikanischer
Eifersucht die obrigkeitliche Gewalt nur auf wenige Monate verliehen.
Jahrhunderte lang bildeten bald acht, bald zehn, bald zwlf Personen,
unter dem Titel: "_Priori dell' arti_", "_Priori della Libert_", "_Otto
della pratica_", oder andern Namen, den obersten Rath der Republik, der
unter dem Vorsitz des Gonfaloniere meist alle zwei Monate wechselte. Die
Personen, welche bestimmt waren, nach und nach einzutreten, wurden von
einem Ausschusse von Brgern auf eine Reihe von Jahren im Voraus gewhlt.
Diesen Ausschu aber setzte die mchtigste Partei des Augenblicks, die
sich unter dem Namen "balia" eine auerordentliche Gewalt anmate,
willkrlich zusammen. Bei diesem bestndigen Wechsel der Staatsbeamten
ward eine geheime Direction der ffentlichen Angelegenheiten nothwendig.
Diese ging lange von dem Cabinette der Medici aus, und eben in jenen
unaufhrlichen uern Vernderungen, wodurch die Verfassung den Anschein
einer Demokratie erhielt, lag ein Mittel, das Ansehn der Familie zu
befestigen, welche sich durch ihren Reichthum, ihre Verwandtschaften, den
Verstand und die Regierungsweisheit einiger ausgezeichneten Hupter, einen
so groen Anhang gemacht hatte. So oft die Medici nach einem kurzen Exil
in ihr Vaterland zurckgekehrt waren, hatten sie die republikanischen
Formen, die sie fr sich selbst so vortheilhaft fanden, beschtzt. Es
scheint, Leo X. wollte ungefhr auf gleiche Art sein Vaterland
beherrschen. Aber der ehrgeizige eitle Neffe, der mehr auf seinen Vater,
den Piero, der wegen seines unverstndigen Leichtsinns vertrieben war, als
auf seinen weisen Grovater Lorenzo artete, verlangte mehr. Macchiavelli,
der ihn daran nicht hindern konnte, der weder in Florenz eine Partei
hatte, die mchtig genug gewesen wre, die Republik herzustellen, noch
Einflu genug auf den Papst, um die Angelegenheiten seines Vaterlandes auf
diesem Wege zu leiten, wandte sich an den neuen Herzog von Urbino und gab
ihm in dem Buche, welches er ausdrcklich fr diesen Zweck schrieb,
Rathschlge, wie er sich zum Herrn machen und wie er die Herrschaft
behaupten knne. Von seiner persnlichen Verbindung mit diesem Frsten ist
brigens nichts Nheres bekannt. Sein ganzes Leben in dieser Zeit ist
beinahe noch vllig im Dunkeln.

Der frhe Tod des Herzogs von Urbino unterbrach 1519 die Plne, die
Macchiavelli auf den unternehmenden Geist desselben gebaut haben mochte;
nun benutzte er seine Verbindung mit dem Papst Leo, diesem einen Entwurf
vorzulegen, wie Florenz durch eine neue Verfassung beruhigt werden knne,
indem die Liebe der Einwohner zur Republik befriedigt, und zugleich dem
Papst Leo ein dauernder Einflu auf dieselbe fr die Zeit seines Lebens
gesichert wrde. Diesen Entwurf wird Jeder, der die Geschichte von Florenz
seit dem Tode des groen Lorenzo, die Parteien, die das Gemeinwesen
zerrissen, ihre Wnsche und die Bedrfnisse des Staats aus den Quellen
kennen gelernt hat, fr ein Meisterstck erkennen. Der Verfasser desselben
hatte nicht die Befriedigung, seine Ideen ausgefhrt zu sehen, die
vermuthlich dem Ehrgeize der Medici noch nicht genug einrumten.

Lorenzo war so jung gestorben! Papst Leo folgte ihm bald darauf in seinen
besten Jahren. Dennoch entstand keine Vernderung in der Lage des
florentinischen Staates. Das Schicksal rief viele Generationen hindurch
die einzelnen Hupter der Medici frhzeitig ab: der Familie hatte es die
Herrschaft von Florenz bestimmt. Seit dem groen Cosmus war kein
bedeutender Medici fnfzig Jahre alt geworden; aber so oft einer aus
diesem Hause den Schauplatz verlie, trat allemal ein anderer wieder auf,
freilich mit sehr verschiedenem Mae von Talenten ausgerstet, und mit
abwechselndem Glcke. Jetzt traf die Reihe den Julius, der zuerst als
Cardinal und bald darauf als Papst Clemens der Siebente Haupt der Familie
ward. Von ihm hing nunmehr das Schicksal der Republik ab. Eine Partei, die
aus den vorzglichsten jungen Mnnern von Florenz bestand, mit denen
Macchiavelli in der intimsten Verbindung lebte, und zu deren Belehrung er
seine Betrachtungen ber den Livius geschrieben, die zweien derselben, dem
Zanobi Buondelmonti und Cosimo Ruccellai, zugeeignet sind, - dieser Club,
der von den Grten Ruccellai, wo er sich versammelte, benannt ward, machte
Plne zu einer Herstellung der Republik, die dem Cardinale Giulio
vorgelegt wurden. Die Hoffnung, die man auf seine anscheinende Migung
gebaut hatte, ward vereitelt. Er bewies auch hier die furchtsame
verschlossene Falschheit, die sein ganzes Leben charakterisirt. Er hatte
nie die Absicht gehegt, zu willfahren, oder er nderte seine
Entschlieung, als er sah, wohin die Plne, die man ihm angab, fhren
wrden. Aber der Patriotismus jener Freunde der Freiheit war ernstlich
gemeint. Sie machten (1523) Anstalt, ihren Entwurf mit Gewalt auszufhren,
und den Cardinal, der im Wege stand, wegzurumen. Die Verschwrung ward
entdeckt. Luigi Alamanni und Jacopo da Diaceto verloren das Leben auf dem
Blutgerste. Zanobi Buondelmonti, ein andrer Ludovico Alamanni, (dem
Macchiavelli sein Leben des Castruccio Castracani zugeeignet hat), Batista
della Palla, Anton Bruccioli und einige ihrer Anhnger geringeren Standes
wurden verbannt. Macchiavelli war ebenfalls in diese Unternehmung
verwickelt: er entfloh.(4) Die Medici fhlten sich noch nicht stark genug,
den republikanischen Geist der Florentiner zu unterdrcken: sie versuchten
es, ihn einzuschlfern, indem sie die letzten Vorflle mglichst geschwind
vergessen lieen. Der Cardinal frchtete Erbitterung zu erregen, die
seinen Absichten auf den ppstlichen Stuhl hinderlich gewesen wre. Als er
diesen ein Jahr darauf wirklich bestieg, suchte Macchiavelli sich wieder
an ihn anzuschlieen, und erhielt Auftrge von Wichtigkeit, von ihm und
von der florentinischen Regierung. Wenige Jahre darauf erlaubten die
Umstnde noch einen Versuch zur Wiederherstellung der Republik zu machen.
1527 wurden die Medici aufs Neue vertrieben und die Freiheit proclamirt.
Macchiavelli erschien sogleich in seiner Vaterstadt. Allein die Bemhungen
seiner Freunde Zanobi Buondelmonti und Luigi Alamanni, ihn in den Rath von
zehn Mnnern whlen zu lassen, dem die Leitung der ffentlichen
Angelegenheiten bergeben werden sollte, wurden durch die allgemeine
Abneigung vereitelt, die das Volk gegen den Rathgeber der Medici und den
Verfasser des Buchs vom Frsten gefat hatte. Vergeblich suchte er die
Schrift zu unterdrcken, welche seine Gesinnungen so verdchtig machte.(5)
Der Verdru ber die fehlgeschlagenen Versuche, sich wieder zu heben,
hatte vermuthlich Antheil an seinem Tode, der bald darauf erfolgte.

Die Republik, die der Enthusiasmus des Volks unter gnstigen Umstnden
errichtet hatte, unterlag nach zwei Jahren der vereinten Macht des Papstes
und des Kaisers. Nachdem Clemens der Siebente sie durch Untersttzung Karl
des Fnften bezwungen hatte und mit ihr nach Gefallen walten konnte,
erneuerten die Freunde des Macchiavelli zum letzten Male ihre Bemhungen.
Sie baten den Papst, neben der ersten Stelle in der Republik, die er
seinem angeblichen Neffen Alessandro zuwenden wollte, die Hauptzge einer
republikanischen Verfassung bestehen zu lassen, welche schon Macchiavelli
dem Papste Leo X. empfohlen hatte. Das Wesentliche dieses Entwurfs,
wodurch die Brger einen wirklichen Antheil an der Verwaltung des Staats
erhalten htten, verwarf Clemens: den Anschein behielt er anfangs bei,
nahm bald aber auch dieses Schattenbild eines Gemeinwesens weg. Alessandro
ward 1531 unumschrnkter Herr, und geno seine Gre als ein chtes Kind
des Glcks, das weder durch Talente, noch durch eigne, seien es rhmliche,
seien es ruchlose Unternehmungen, sondern blos durch die Macht eines
Andern erhoben war. Mit Dirnen und Buhlknaben, wie Tacitus vom Domitian
sagt, spielte er den Frsten, zog Schmausereien und Maskenblle
frstlichen Beschftigungen vor, zu denen es ihm mehr an Lust als an
Geschicklichkeit fehlte, und erhielt nach fnf Jahren von einem Vetter
Lorenzino von Medici den Lohn seiner Nichtswrdigkeit, ohne da dieser
Mord den florentinischen Republikanern zu Gute gekommen wre. Ein andrer
Medici, Cosmus, ward 1536 zum Herzoge ausgerufen, und nach einem Siege
ber die republikanische Partei, die sich zum letzten Male unter Anfhrung
des Filippo Strozzi erhob, wirklicher Beherrscher von Florenz. Dieser
beruhigte endlich das Volk: er bezhmte die Widerspenstigen, besnftigte
die Gemther, lhmte jede gefhrliche Kraft, schmeichelte dem Talente,
beschenkte, versorgte, ehrte Alle, die berechtigte oder unberechtigte
Ansprche machten;(6) und erstickte damit das ganze Geschlecht
vorzglicher Mnner aller Art, wodurch Florenz bis auf seine Zeiten als
der hellste Stern in der neuern Geschichte der Cultur des menschlichen
Geistes geglnzt hatte.

In die Mitte dieser Periode fllt das Leben des _Macchiavelli_ (von 1469
bis 1527). In der an Talenten, Knsten und Wissenschaften aller Art
reichen Stadt, in einem Volke, das sich durch den lebhaftesten Verstand
und die heftigsten Leidenschaften auszeichnete, unter den Strmen einer
unsichern Verfassung und den hufigen Katastrophen derselben war er selbst
unaufhrlich thtig. Die Geschftswelt hatte ihn gebildet. Der eignen
Erfahrung verdankte er es, da er aus den groen Schriftstellern des
Alterthums mehr lernte, als Andere darin finden. Sie gab seinem Urtheile
ber die frhere Geschichte und ber die Ereignisse seiner Zeit die
treffende Schrfe, die man immer mehr bewundert, je mehr man seine
Bemerkungen mit dem vergleicht, was seinem Vaterlande nach seinem Tode
widerfuhr. Die Verhltnisse, in die er verwickelt war, hatten ihm das
Innere der Republiken und die Geheimnisse der Frsten aufgedeckt. Er
verstand sich auf die Politik jeder Partei. Man findet ihn aber auch in
den entgegengesetztesten Factionen.

Er liebte die Verfassung, in der er geboren und so lange Zeit auf die
glnzendste Art thtig gewesen war. Aber er mochte wol in gewissen
Augenblicken daran verzweifeln, eine dauernde Republik in Florenz
hergestellt zu sehen. Er zeigt selbst im siebzehnten Kapitel des dritten
Buchs seiner "_Discorsi_", da ein verdorbenes Volk sich schwerlich bei
der Freiheit erhalten knne; und im folgenden Kapitel, da es eben so
schwer sei, die verlorne Freiheit wieder herzustellen. Er sagt es gerade
heraus, einem solchen Volke sei es besser, da sich seine Staatsverfassung
der Alleinherrschaft eines Einzigen nhere: und die Anwendung auf sein
Vaterland liegt nahe genug!

Im Anfange des siebenten Buchs seiner Geschichte bemerkt er, da die
innern Uneinigkeiten das Leben der Republiken ausmachen, und ihre Strke
vermehren, so lange sie nicht in Anhang einzelner Hupter oder Familien
ausarten; sobald aber dieses eintritt, den Staat schwchen und das Wesen
der Republik vernichten. In Florenz, sagt er selbst, waren alle innern
Zwistigkeiten von dieser verderblichen Art. _"Daher wissen die Florentiner
die Freiheit nicht zu behaupten, und knnen die Knechtschaft nicht
ertragen."_

In der That, wenn man die innere Geschichte von Florenz berdenkt, deren
letzte Katastrophen oben angegeben sind, so findet man, da die Republik
in den schlechten Zeiten nur elende Anarchie, in den besseren maskirte
Monarchie gewesen war.

Von der frhern Zeit sagt Macchiavelli im Anfange des dritten Buchs seiner
Geschichte: "Die innern Uneinigkeiten, welche in Rom Wetteifer und Streit
erregten, sind in Florenz sehr frhe in Factionen und innern Krieg
ausgeartet. In Rom veranlaten sie neue Gesetze, um abzuhelfen: in Florenz
endigten sie stets mit Mord und Verbannung angesehener Brger. In Rom
dienten sie dazu, da einzelne groe Hupter sich erhoben. In Florenz
haben sie Alles gleich gemacht. In Rom wollte das Volk der grten Ehren
gleich dem Adel theilhaft werden. In Florenz wollte es ausschlielich
herrschen. Die neuen erzwungenen Gesetze waren daher ungerecht gegen den
Adel. In Rom wurden die Niedriggebornen immer edler und fhiger, die
Stellen zu bekleiden, nach denen sie strebten. Durch ihre zunehmende Kraft
und Talente ward der Staat gro. In Florenz wurden die Edlen aus den
ffentlichen Aemtern vertrieben, und muten dem niedrigen Volke gleich
werden, um zu jenen zu gelangen. Die edeln Eigenschaften, wodurch die
Mnner aus dem Volke in Rom den Edelgebornen gleich zu werden trachteten,
wurden in Florenz auch im Adel ausgelscht. So ward der Staat immer
niedriger und verchtlicher. So wie Rom durch den Uebermuth der Brger
dahin gerieth, da es nicht mehr ohne einen Herrn bestehen konnte, so kam
es mit Florenz dahin, da jede Verfassung durch eine geschickte Hand
aufgedrungen werden konnte."

Die alten Zwistigkeiten des Adels mit dem Volke, von denen Macchiavelli
hier redet, endigten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts mit der
Tyrannei des Herzogs von Athen,(7) der den Florentinern durch
neapolitanische Waffen aufgedrungen ward. Aber nach der Vertreibung
desselben theilte sich das Volk aufs Neue in Factionen der Brger und des
gemeinen Pbels, welche abermals den Staat zerrissen, bis die Familie
Medici im fnfzehnten Jahrhunderte mchtig genug ward, ihm Festigkeit und
innere Ruhe zu geben, die jedoch von Zeit zu Zeit durch gewaltsame
Katastrophen unterbrochen ward. Als dieser Zustand 1492 mit dem Tode des
Lorenzo von Medici endigte, und das ganze Geschlecht desselben vertrieben
ward, lebte der demokratische Geist wieder auf. Aber in einem Staate, in
dem man so wenig Brgergeist, dafr desto mehr Parteiwuth kannte, war es
nicht mglich, einen dauerhaften Zustand zu begrnden. Die Familie der
Medici, welche sechzig Jahre lang (von 1432 bis 1492) mit so groem eignen
Ruhme ihr Vaterland zu Gre, Ehre und Ruhm gefhrt, und innerlich
einigermaen ruhig gehalten hatte, konnte dies nur dadurch bewirken, da
sie den Staat durch eine Partei regierte, die sich hinter republikanische
Formen versteckte, ohne dem Volke wahren Antheil an der Verwaltung zu
verstatten. Sie hatte bestndig, wie man sich in unsern Tagen ausdrcken
wrde, eine Art von revolutionrer Regierung gefhrt. Sie behaupteten
nmlich, wie Macchiavelli ihnen vorwirft, da Florenz nicht anders regiert
werden knne, als durch eine von fnf zu fnf Jahren zu wiederholende
auerordentliche Maregel, ("_Ripigliar lo Stato_" genannt), wodurch die
gefhrlichen Brger willkrlich aus der Stadt oder von ffentlichen
Aemtern entfernt, diese aber eben so willkrlich mit Hintansetzung aller
vorgeschriebenen Formen besetzt wurden: das heit, sagt Macchiavelli, alle
fnf Jahre den Schrecken und die Furcht erneuern, wodurch das erste Mal
diejenigen Menschen in die Flucht geschlagen waren, welche, mit den Medici
zu reden, _schlecht_ gehandelt hatten.

Wahrlich, eine schne Republik, in welcher die Formen, Gleichheit und
Theilnehmung so vieler Brger an den ffentlichen Angelegenheiten
vorspiegeln, in der That aber Eine Familie unumschrnkter herrscht, als
ein Frst nur immer knnte; wo diese Familie um desto eiferschtiger Alle
entfernt, deren Ansprche sie frchtet, weil sie das ffentlich anerkannte
Recht allezeit gegen sich hat! Cosmus ist ein groer Mann, Lorenzo ein
noch grerer Mann gewesen. Aber ist der Staat frei zu nennen, wo solche
Mnner ausschlielich regieren, und die andern alten Geschlechter
angesehener reicher Brger, in der Verzweiflung ihr Recht nicht
durchsetzen zu knnen, zu verrterischen Anschlgen ihre Zuflucht
nehmen?(8) Wo die Soderini sich herablassen mssen, Clienten zu werden,
und den Pazzi, unterdrckten Nebenbuhlern, nur Meuchelmord brig bleibt,
um sich Luft zu machen: wo daher selbst ein Mann wie Lorenzo von Medici
seines Lebens nicht sicher ist!

So dachte Macchiavelli ber die Verfassung seines Vaterlandes vor dem
Exile der Medici: das beweist der ganze Ton aller seiner Schriften, in
denen er von den groen Mnnern aus jenem Hause stets mit Lobe redet, ihre
Nebenbuhler und die Verschwrungen gegen sie nie tadelt.

Nach der Vertreibung dieser herrschenden Partei, 1494, war zwar eine
republikanische Verfassung hergestellt, allein es hatte weder der
demokratische Fanatiker Savonarola, den das Volk eine Zeit lang als einen
Propheten verehrte, und als er einige Prophezeiungen vorbrachte, die nicht
gefielen, mit Jubel verbrennen sah; noch der redliche Freund
republikanischer Gleichheit und allgemeiner Gerechtigkeit, Piero Soderini,
der einige Jahre als Gonfaloniere vergebliche Bemhungen anwandte, die
Verfassung zu befestigen, etwas Dauerndes zu Stande bringen knnen. Dem
Letzten wirft Macchiavelli vor, da er sich die eitle Hoffnung gemacht,
allen ghrenden Stoff im Staate durch Geduld und Gte zu beruhigen, die
Feindschaften mit Wohlthaten auszulschen, und die Republik dadurch zu
befestigen, da er selbst das Beispiel gab, die Gesetze nie zu bertreten.
Ein solcher Charakter kann nicht verfehlen, die allgemeinste Hochachtung
zu erregen: er wird sogar von den Feinden der ffentlichen Ruhe gepriesen,
- von diesen aber eigentlich, weil seine Tugenden ihnen selbst ihr Spiel
erleichtern. Etwas krftiger noch drckte Macchiavelli sein Urtheil in
einem Sinngedichte aus, das er in einer launigen Stunde auf seinen
demokratischen Freund und Gnner machte.


    "In der Nacht, da Piero Soderini starb, fuhr die arme Seele zur
    Hlle hinab. Thrichter Geist, rief Pluto ihr entgegen, was willst
    du in der Hlle? Geh du zum unschuldigen Kinderteich!"


Macchiavelli behauptet, und das wol nicht mit Unrecht, da Soderini eine
auerordentliche Gewalt htte anwenden mssen, um sich in den Stand zu
setzen, fr die Zukunft eine Herrschaft der Gesetze zu grnden. "Wenn in
einem verdorbenen Zustande der Dinge noch etwas zu hoffen ist," sagt er,
"so ist es von einem mchtigen Manne, der sich vorlufig zum Herrn
aufwirft, um eine freie Verfassung vorzuschreiben. Auf andere Art ist es
unmglich."

Wer die Eigenschaften besitzt, wodurch man sich zur Herrschaft
emporschwingt, der wird sich freilich nicht dazu verstehen, einen solchen
Gebrauch von ihr zu machen: und das wute Macchiavelli selbst sehr gut.
Indessen knnte er dennoch wol einen Plan entworfen haben, durch einen
Andern und auf andere Art auszufhren, was damals fehlgeschlagen war. Den,
der geboren ist zu handeln, kann sein eignes treffendes Urtheil, die
vollkommenste Kenntni der Welt, die lebendigste Ueberzeugung, da nichts
mehr auszurichten stehe, nicht abhalten, Versuche zu machen, die ihm
selbst vergeblich scheinen. Er sieht ein, da es besser wre, alle Plne
aufzugeben, wenn die Werkzeuge zu ihrer Ausfhrung nichts taugen. Er
verspottet vielleicht die eitle Hoffnung derer, die es unternehmen, mit
schwachen thrichten Menschen Dinge auszurichten, wozu Kraft, Verstand,
Beharrlichkeit nthig sind. Und in demselben Augenblicke entwirft er
selbst wieder Plne, die Verstand, Muth, Beharrlichkeit erfordern: weil
der Mann von krftigem Verstande immerfort unwillkrlich solche Entwrfe
gebiert, wie ein tchtiger Baum gute Frchte trgt.

Das ist nicht poetische Schwrmerei. Es gibt solche Menschen, und die
grten Dinge geschehen durch solche, die sich nicht lange besinnen, ob
ein edler Entwurf ausfhrbar sei; die nicht warten zu beginnen, bis der
Zufall und andre Menschen das Beste gethan haben; sondern die im Vertrauen
auf die gute Sache wagen, und hoffen, die Umstnde werden ihnen zu Hilfe
kommen. Diese finden denn auch oft unerwartete Untersttzung: denn sie
selbst beleben Andere, und wecken Krfte, deren Dasein man nicht ahnte,
weil sie ohne solchen Antrieb nie erwacht wren.

Auf Macchiavelli mchte dies Alles freilich nicht recht anwendbar sein.
Der dachte immer zunchst daran, was ausgefhrt werden knnte.

Wenn es nun aber durchaus unmglich war, die Verfassung aufrecht zu
halten, auf die sich alle Entwrfe in glcklichen Zeiten bezogen, und die
Nothwendigkeit einleuchtete, sich neuen Verhltnissen zu unterwerfen, so
konnte auch wol ein redlicher Freund der brgerlichen Gleichheit dahin
gebracht werden, ihr nicht blos zu entsagen, sondern selbst Hand
anzulegen, etwas Ertrgliches zu schaffen, um nicht das Unertrgliche
unthtig zu leiden. So haben auch in Florenz spterhin, als das Schicksal
durch den Untergang des Filippo Strozzi die letzten Auswege zur
Herstellung der Republik versperrt hatte; als Alles, was sich auf das Alte
bezog, Entwrfe des Staatsmannes und Verpflichtungen des Brgers, gleich
Trumen verschwanden; als nichts mehr existirte, worauf eine Hoffnung
gegrndet werden konnte, und die neuen Verhltnisse unter der schnell
entwickelten Uebermacht Karls des Fnften es durchaus erforderten, da
Florenz einen Herrn erhalte, der sich des mchtigen kaiserlichen Schutzes
sicher halten konnte, die geistvollsten und angesehensten Mnner der
Republik den Herzgen gehuldigt.

Unter allen diesen Umstnden, aber auch nur unter solchen, konnten Mnner
von Ehre zu der neuen herrschenden Partei bertreten. Macchiavelli that
diesen Schritt sehr frh, und wie es sich bald zeigte, voreilig.

Es war zwar schon zu seiner Zeit Manches geschehen, das eine innere groe
Vernderung in Italien nothwendig nach sich ziehen mute. Franzosen,
Spanier, Deutsche kmpften um den Besitz dieses schnen Landes. Durch
innere Uneinigkeit war es dahin gekommen, da es schien, die Frage knne
nur sein, welche auswrtige Macht Herr werden solle. Das Volk hate alle
diese Fremden in dem Grade, wie die sdlichen Vlker hassen, und wie der
Unwille unterdrckter und mihandelter Vlker hat. Aber wie konnten die
Italiener die Unabhngigkeit wieder erlangen, die fr jedes Volk, das
eigenthmliche Denkart, Sitten, Sprache, Gesetze und Verfassung hat, das
hchste Gut, und die Bedingung aller Glckseligkeit ausmacht? Dazu muten
die gesammten Krfte der Nation in Verbindung gebracht werden, und eine
einzige Richtung erhalten. Dies konnte im damaligen Augenblicke schwerlich
durch einen Andern geschehen, als durch einen Medici. Wenn denn Italien
der Herrschaft der Barbaren auf keine andere Art entrissen werden kann,
und er das Vaterland nicht anders erlsen will, als wenn Florenz sich
unterwirft, - nun so herrsche Lorenzo ber Florenz und ber Italien. Wenn
er das Land befreit haben wird, so mgen sich die Florentiner selbst
wieder von ihren Tyrannen befreien und die Republik herstellen, - wenn sie
knnen. So mag Macchiavelli gedacht haben, als er dem Lorenzo den Weg
zeigte, zur Herrschaft zu gelangen: damit mag mancher Italiener
einverstanden gewesen sein.

Eine solche Entsagung konnte ihm lange nicht so viel kosten, als andern
Anhngern der Republik. Seine Liebe zu ihr war ernstlich: aber sie beruhte
nicht auf dem tiefen Gefhle des Brgers, dem Gleichheit das erste Gut
ist, und der Alles lieber duldet, als Jemanden ber sich zu sehen. Sie
entsprang nicht aus unerschtterlicher Anhnglichkeit an vterliche Sitte
und ererbte Verhltnisse. Das Nachdenken ber vergangene Zeiten und
Beobachtung der neuen hatte ihn gelehrt, da in republikanischen Staaten
die Leidenschaften geistvoller Mnner den grten Spielraum erhalten. Aus
diesem Gesichtspunkte beurtheilt er in seinen "Discursen ber den Livius"
die rmische Republik. An der Erhaltung des Bestehenden lag ihm wenig. Ihm
kam es nur darauf an, seinen Trieb zu unruhiger Thtigkeit zu befriedigen.
Fand in seinem Vaterlande die Verfassung nicht mehr statt, die er selbst
vorgezogen htte, so ergriff der von Catonischem Eigensinne weit entfernte
praktische Geist, dem auf cht Italienisch "virt" nur Thatkraft und
Verstand sie zu leiten bedeutete, mit eben der Lebhaftigkeit die Idee, die
den neuen Umstnden und den Gesinnungen der Mchtigen angemessen war, und
lie sie eben so geschwind wieder fahren. Macchiavelli hat nicht etwa in
einer groen Katastrophe seine Grundstze verndert und ist zu einer
Gegenpartei _einmal_ bergetreten: sondern er hat sich bald der einen,
bald der andern ergeben, und nur darauf gedacht, fr den Augenblick den
Entschlu zu fassen, der ihm der klgste dnkte, weil er in den
Verhltnissen des Tages der ausfhrbarste schien. Er hielt es damals fr
unvermeidlich, da Florenz sich unterwerfe: so gab er dem Lorenzo
Rathschlge, um ihm die Herrschaft zuzuwenden, damit Er es sei, dem der
neue Frst sie, wenigstens zum Theil, verdanke.

Wer das wollte, durfte nicht vielen Bedenklichkeiten ber die Wahl der
Mittel Gehr geben: und Alles, was in der Zeit vorging, htte auch wol
einen Mann von strengerer Sittlichkeit, als Macchiavelli, verleiten
knnen, sich ber das Gefhl der Menschlichkeit, die gewissenhafte
Redlichkeit und die Scheu vor moralischen Geboten wegzusetzen, um einen
groen Plan zum Besten des Volks auszufhren. Auch ein solcher htte wol
sagen knnen: es mu einmal regiert werden, damit das Volk der Erfllung
seiner eignen Wnsche theilhaft und glcklich werden knne; welches
Letztere wieder in Macchiavelli's und seiner Zeitgenossen Sinne nichts
Anderes heit, als politische Leidenschaften befriedigen. Da sich aber die
Vlker nicht demjenigen unterwerfen, der durch sittliche Vorzge ber sie
hervorragt, und durch diese verdiente zu regieren, so mge denn derjenige,
der zu herrschen versteht und die Herrschaft zu ergreifen vermag, sich
derselben auf jedem Wege bemchtigen, auf dem man zu ihr gelangt.

Die Geschichte der Zeit enthlt nichts als Mord, Treulosigkeit,
Verrtherei, Gewaltthtigkeit durch gedungene Streiter. Was zur Herrschaft
fhrt, ist gut: so der allgemeine Wahlspruch. Jeder erlaubte sich Alles,
was den Weg dazu bahnen konnte: Alle aber verfehlten ihren Zweck, weil sie
nicht Einsicht genug hatten, die rechten Mittel zu whlen, und weil es
ihnen in der gefhrlichen Unternehmung an der Selbstbeherrschung fehlte,
die dem Mchtigen so schwer wird, und doch so nthig ist, zu verfolgen. So
ging jeder Gewalthaber zu Grunde, die ganze Nation ward eine Beute fremder
Eroberer. Macchiavelli sah, da der neue Herzog von Urbino denselben Weg
betreten wrde, auf dem so Viele vor ihm verunglckt waren. Wenn denn
Niemand Anstand nimmt, Verbrechen zu begehen, wodurch er zur Herrschaft zu
gelangen hofft, so begeht, ruft Macchiavelli dem zu, der danach strebt, so
begeht Eure Unthaten doch nur so, da sie auch wirklich zum Zwecke fhren.

Die Lehren, welche Macchiavelli hierzu ertheilt, haben den eigenthmlichen
Charakter, der Alles auszeichnet, was aus dem wirklichen Leben geschpft
ist. Sie sind nicht bloe Erzeugnisse des Nachdenkens, Resultate
allgemeiner Beobachtungen. Sie haben die ergreifende Wahrheit der Gemlde,
dergleichen das berlegenste Talent nicht hervorbringt, ohne durch
wirkliche Anschauung belebt zu sein. Man hatte in Italien oft genug
gewaltige Menschen auftreten sehen, die sich in dem leidenschaftlichen
Streben nach der Herrschaft ber jede Beschrnkung durch Gesetz,
sittliches Gefhl und menschliche Empfindung gnzlich wegsetzten. Aber
keiner von ihnen hatte das Ma des Verstandes besessen, ohne den die
Immoralitt sich selbst zu Grunde richtet. In Csar Borgia, mit dem
Macchiavelli durch Verhandlungen ber die Angelegenheiten seines
Vaterlandes in genaue Verbindung gerathen war, glaubte er das vollendete
Ideal eines Mannes zu erkennen, der das wirklich leisten knnte, wonach so
Viele vergeblich gestrebt hatten. Von dieser Vorstellung war er ergriffen.
Alles, was er ber die Gesinnungen und Talente geschrieben hat, die zur
Befriedigung der Herrschsucht fhren knnen, ist durch das Bild von jenem
Unholde, der durch die Schrfe des Verstandes und Entschlossenheit des
Geistes andern eben so schlechten Menschen so sehr berlegen war, beseelt.

Lorenzo von Medici war nicht der Mann, etwas Aehnliches zu leisten. Er
konnte wol durch den Einflu seines Oheims, des Papstes Leo, Herzog von
Urbino werden, aber nicht Herr von Florenz, noch weniger Haupt eines
italienischen Bundes. Hat Macchiavelli ihn nicht genug gekannt? Oder hat
er ihm den Rath, sich zur Herrschaft emporzuschwingen, vielleicht so
gegeben, wie er selbst im dritten Buche seiner Discurse im
fnfunddreiigsten Kapitel sagt, da man den Groen rathen msse?
"Diejenigen," heit es hier, "welche einer Republik oder auch einem
Frsten rathen, kommen in ein Gedrnge, indem sie ihre Pflicht verletzen,
wenn sie nicht ohne alle andere Rcksicht den Rath ertheilen, der ihnen
fr den Staat oder den Frsten der ntzlichste scheint; so oft sie aber
wirklich solche Rathschlge angeben, Gefahr laufen, das Leben oder doch
ihre Stelle zu verlieren: weil alle Menschen doch darin blind sind, da
sie jeden guten oder schlechten Anschlag nur nach dem Ausgange beurteilen.
Ich sehe keinen andern Ausweg, als seine Meinung ohne Leidenschaft und mit
Migung vorzutragen, so da der Frst, wenn er sie befolgt, seinen eignen
Willen zu thun glaube, und da er nicht vom Rathgeber mit Ungestm
verleitet zu werden scheine. Wenn du auf diese Art deinen Rath ertheilt
hast, so ist es nicht wahrscheinlich, da Volk oder Frst dir bel wollen
werden, da dein Rath nicht gegen den Willen Andrer durchgesetzt worden.
Die Gefahr entsteht, wenn Viele widersprechen, die, wenn die Sache bel
ausfllt, sich vereinigen, den Rathgeber zu strzen. Bei jenem Verfahren
geht freilich der Ruhm verloren, der einzuernten ist, wenn man Rathschlge
gegen den Willen Vieler durchsetzt, und die Sache gut ausfllt: aber
dagegen entstehen zwei Vortheile. Erstens wird die Gefahr vermieden, und
zweitens kannst du groe Ehre einlegen, wenn du einen Rath mit Migung
ertheilst, derselbe nicht befolgt wird wegen des erhobenen Widerspruchs
und der Rathschlge Andrer, und alsdann groes Ungemach entsteht."

Hat Macchiavelli vielleicht seine Anschlge, zur Herrschaft zu gelangen,
dem Lorenzo von Medici in diesem Sinne gegeben? Hatte derselbe Verstand
genug, sie ganz zu fassen, Urtheil genug, sie richtig anzuwenden,
Dreistigkeit und Beharrlichkeit, sie auszuben - gelang Alles: gut, so
verdankte er seine Gre dem Unterrichte, und der Rathgeber konnte auf
alle Belohnungen Anspruch machen, die einen solchen Dienst bekrnen.
Fehlte es in irgend einem Stcke, so fiel Lorenzo durch seine eigne
Schuld. Er hatte nicht recht begriffen, nicht recht angewandt, oder die
Ausfhrung war unvollkommen gewesen. Warum unternahm er ein so schweres
Werk, dem er nicht gewachsen war, und dessen ganze Schwierigkeit
Macchiavelli ihm selbst so lebendig vor Augen gestellt hatte? Diesem blieb
alsdann immer noch brig es zu machen, wie der Graf von Shaftesbury, der
dem Knige Karl dem Zweiten Rathschlge gab, die die Freiheit der
englischen Nation untergruben, und darauf selbst diesen bermthigen,
leichtsinnigen und dennoch hinterlistigen Frsten, da er seine Sache
verdorben hatte, im Parlamente wegen jener Verrthereien gegen die Nation
anklagte.

Warum htte Macchiavelli Bedenken tragen sollen, selbst mit einem Frsten
eben so umzugehen, wie er diesen lehrt, andre Menschen zu behandeln, die
ihm zu Werkzeugen dienen? Wir haben keinen Timoleon vor uns, keinen Junius
Brutus, keinen Hampden, keinen Wilhelm Tell: sondern den verschmitzten
Unterhndler am franzsischen Hofe, Freund des Tyrannen von Siena,
Verehrer des Knigs aller Teufel seiner Zeit, des Csar Borgia. Der
Staatsmann mu auch mit solchen Menschen umzugehen wissen. Er mu sich
darauf verstehen, sie zu behandeln; er mu seine Gefhle in sich
verschlieen knnen, um unvermeidliche Verhltnisse mit ihnen zu benutzen,
oder doch unschdlich zu machen. Aber das unaufhrliche Treiben in solchen
Verbindungen ist stets gefhrlich. Es ist sehr schwer, dabei sein eignes
Gemth unbefleckt zu erhalten. Die Gewohnheit, seine Empfindungen zu
verlugnen, stumpft sie ab. Man vergit am Ende die natrlichsten
Gesichtspunkte, die einfachsten Wahrheiten, und wird durch die Kunstgriffe
seines eignen Verstandes aus seinem wahren Charakter herausgeworfen: man
wei selbst nicht, wie.

Ein Werk, wie das Buch vom Frsten, einem groen Herrn vorzulegen, und es
von sich bekannt werden zu lassen, da man solche Rathschlge gebe, war
ein gewagtes Stck. Aber Macchiavelli berlie sich der politischen
Intrigue mit vollkommner Zuversicht zu sich selbst. Er glaubte damit
spielen zu knnen, weil er sich auf seine Kraft des Verstandes, die
Sicherheit seines Urtheils und seine dreiste Entschlossenheit verlie. Wie
manche Menschen, denen Niemand diese Vorzge zugestehen wird, mchten ihm
dennoch gern nachahmen! Alle, die sich ihn zum Muster nehmen und mit einer
Geschmeidigkeit des Verstandes, die sie macchiavellisch nennen, die
Schwche ihres Charakters, ihre Eitelkeit, ihren Leichtsinn zu beschnigen
suchen, mgen sich zur Warnung dienen lassen, was ihrem angeblichen
Vorbilde begegnete, als der Tod des Herzogs von Urbino Gelegenheit zu
neuen Versuchen fr die Herstellung der Republik gab, und einer derselben
endlich gelang. Welchen hlichen Contrast damit bildete das Buch vom
Frsten! Der Verfasser htte das Meisterstck seiner Feder gern
unterdrckt: aber es hatte sogleich, nachdem er es aus den Hnden gegeben,
zu viele Bewundrer gefunden: so verlor er den endlichen Lohn so vieler
gefahrvoller und mit schwerem Leiden verbitterter Unternehmungen, weil er
nicht, einer Partei standhaft ergeben, mit Beharrlichkeit hatte erwarten
mgen, ob das Schicksal ihr vergnnen wrde, das Haupt wieder zu erheben.

Wer unter allen Umstnden etwas bedeuten will, jedem Herrn und zu jedem
Zwecke dient, nur damit Er etwas gelte, verfehlt das Ziel, nach dem er mit
allzu groer Begierde sich bereilt. Aller Aufwand von Verstand und
Talenten ist unzureichend, um eine wirklich groe Rolle zu spielen: dazu
gehrt ein groer Charakter. Durch die allzu rege unruhige Eitelkeit wird
das schrfste Urtheil irre gemacht, und die Dreistigkeit im Denken ist oft
nur eine Versuchung mehr, sich verderblichen Anschlgen zu berlassen.
Ueberhaupt hat derjenige, der mit besonnener Migung nach dem Besitze
uerer Gter strebt, weit mehr Wahrscheinlichkeit sie zu erhalten, als
der, dem sie um keinen Preis zu theuer sind, und der sie unter jeder
Bedingung besitzen will. Der Eigensinn der rastlosen Begierde erregt
gemeiniglich selbst unberwindliche Schwierigkeiten. Sogar die ffentliche
Achtung, welche den Gegenstand des edelsten Triebes ausmacht, darf nicht
allzu begierig gesucht werden. Sie ist von der freien Gesinnung der
Menschen, mithin auch von ihrer Laune abhngig. Sie lt sich nicht
abbringen, folgt aber freiwillig dem, der sie verdient, ohne sie zu
begehren. Bemerken die Menschen, da man sich ngstlich um ihren Beifall
bemht, so widerstrebt ihre Selbstsucht. Der Neid versteckt sich hinter
dem Vorwand, es sei nur auf die Befriedigung des Ehrgeizes und der
Herrschsucht abgesehen. Wer sich aber nicht in seinen Bemhungen fr
Zwecke, die den Beifall der Menschen verdienen, durch die Begierde nach
dem Genusse dieses uern Lohns irre machen lt, und niemals seinem
eignen Bewutsein die fremde Bewunderung vorzieht, dem wird auch diese
letzte nicht entgehen.

Wenn man das Buch vom Frsten richtig schtzen will, so mu man nicht
vergessen, da der Verfasser nirgends in der Geschichte als Hauptperson
erscheint, sondern immer nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es rhrt
von einem trefflichen Beobachter her, der in die handelnde Welt mit
eingegriffen hatte, sich aber nicht berufen fhlte, seine Lehren selbst in
Ausbung zu bringen. Die Schriften solcher Mnner, welche die Grundstze,
die sie aufstellen, aus ihren eignen Handlungen nehmen, haben einen ganz
andern Charakter. Vielleicht ist mehr Wahrheit in den Erzhlungen
einfacher Beobachter; denn es hat doch schwerlich jemals ein Mann, der
groe Dinge geleistet hatte, von sich selbst geschrieben, ohne da sein
Wunsch, der Welt etwas anders zu erscheinen als in seinem eignen
Bewutsein, einigen Einflu auf seine Darstellung gehabt htte. Aber
dagegen sprechen die Empfindungen mit mehr Lebendigkeit in den Werken
derer, die von eignen Handlungen reden. Es ist doch etwas Andres, zu
sagen, was man selbst gethan, oder in allem Ernste bereit ist zu thun;
oder Plne anzugeben, die Andre ausfhren sollen. Bei diesen Spielen des
Verstandes setzt man sich ber Alles weg: sobald man aber selbst handeln
soll, erscheinen die Dinge ganz anders, und alsdann lassen die
Einwendungen des Gewissens sich nicht so abweisen. Es ist noch immer die
Frage: ob Macchiavelli, wenngleich er nach den Aussagen von
Schriftstellern, die ihm nicht aus politischen Grnden abgeneigt waren, im
Privatleben ein "schlechter Mensch" gewesen sein soll, das Alles htte
thun mgen, was er, der wohl wute, da er nicht Frst werden wrde,
demjenigen rieth, der danach strebte.

Es gibt Menschen, bei denen alle Krfte in den Kopf treiben; die mit der
durchdringendsten Schrfe des Verstandes Alles durchschauen und zu jedem
mglichen Zwecke die Mittel auf das Treffendste anzugeben wissen: die aber
in der Beurtheilung der Zwecke von ihrer eignen Einbildungskraft oder von
Vorspiegelungen Anderer leicht irre gefhrt werden. Solche Mnner sind
recht gemacht, als Rathgeber zu glnzen. Man hrt sie gern, weil sie
nichts gegen die Absichten einwenden, die die Neigung einflt und sich so
gut darauf verstehen, diese Zwecke zu erreichen. Aber sie sind gefhrliche
Rathgeber. Denn weil die Zweckmigkeit aller Mittel sie weit mehr
interessirt, als die Beschaffenheit der Zwecke selbst, so berlassen sie
sich dreist allen Combinationen des Witzes; und das um so viel mehr, wenn
sie nicht selbst ausfhren sollen, was sie ausgedacht haben. Man findet
daher auch bei ihnen mit dem bewunderungswrdigsten Verstande eine
Versatilitt in den Grundstzen und Absichten, die unbegreiflich scheint,
bis man bemerkt, da es nicht die Sachen selbst sind, an denen sie Freude
finden; da es in einem wie im andern Falle nur das Spiel des Verstandes
ist, das sie interessirte. Ist vollends das Talent des Redners oder
Schriftstellers mit jenen Vorzgen verbunden, so werden leicht die
edelsten Gesinnungen und grten Ideen nur als Mittel angesehen, Plne des
Augenblicks auszufhren, und nach der Wirkung, die der Ausdruck derselben
auf den Zuhrer oder Leser macht, geschtzt.

Der Umstand, da Macchiavelli einen groen Theil der Achtung seiner
Zeitgenossen seinen schriftstellerischen Talenten verdankte, ist sehr
wichtig. Wenn aus dem Bisherigen klar wird, wie er ein solches Buch hat
schreiben knnen, so ist noch etwas Unbegreifliches darin, da er es
bekannt gemacht hat. Derjenige, dem der Rath gegeben wird, sein Wort zu
brechen, und der es eingesteht, da er diesen Rath befolgen wird, kann
sich schwerlich versprechen, Glauben zu finden. Das Buch vom Frsten ist
voll solcher Anschlge, die vereitelt sind, sobald sie bekannt werden.
Aber Macchiavelli konnte sich nicht enthalten, das Lieblingskind seines
Geistes, das Meisterstck seines Scharfsinns und seiner unvergleichlichen
Feder, zur Bewunderung aufzustellen; und es war der allgemeinen Denkart
der Groen so angemessen, da selbst diejenigen, fr die es zunchst
bestimmt war, kein Arg daraus hatten, es knne ihnen schaden. Es ging also
aus einer Hand in die andere.

Gedruckt ward es indessen erst nach des Verfassers Tode.(9) Papst Clemens
der Siebente, ein Medici, naher Verwandter des Lorenzo, dem es zugeeignet
ist, verstattete unbedenklich die ffentliche Bekanntmachung durch den
Druck; und eben dies beweist sehr deutlich, wie sehr die darin herrschende
Gesinnung mit der allgemeinen Denkart der Nation bereinstimmte. Eben so
hat Gregor der Dreizehnte kein Arg daraus gehabt, was seine Billigung der
Pariser Bluthochzeit fr eine Wirkung in der christlichen Welt thun wrde.
In beiden Fllen sah der ppstliche Hof, der nie zurckgeht, sich durch
die allgemeine Stimme genthigt, einen ffentlichen Schritt zu thun, um
das Aergerni zu heben. Als das Geschrei ber Macchiavelli's Frsten laut
wurde, verdammte Paul der Vierte das Buch 1559. Der Scandal dauerte fort,
und ward so arg, da 1592 einem Enkel des Verfassers, dem Niccolo
Macchiavelli, in Gemeinschaft mit einem Neffen desselben, Giuliano de'
Ricci, der Auftrag gegeben ward, das Tadelnswrdige aus dem Werke
wegzuschaffen. Da aber Niemand Interesse daran hatte, sie zu einer Arbeit
anzutreiben, deren Absicht durch die Ankndigung schon erreicht war, so
unterblieb sie, und das Buch ward bis heute unzhlige Male unverndert so
aufgelegt, wie es hier folgt.





                          DAS BUCH VOM FRSTEN.




                               *Zueignung*
    an den Gromchtigen _Lorenzo_, Sohn des Piero, _von Medici_.(10)


Diejenigen, welche die Gunst eines Frsten zu erwerben trachten, pflegen
sich ihm mit dem zu nhern, was ihnen unter Allem, das sie besitzen, das
Liebste ist, oder ihm am meisten zu gefallen scheint: daher ihm so oft
Pferde, Waffen, Teppiche, Edelsteine und andre Zierrathen berreicht
werden, die seiner Gre wrdig scheinen. Indem ich mich Euch,
gromchtiger Herr, mit einem Beweise meiner unterthnigen Ergebenheit zu
nahen wnsche, finde ich nichts in meinem Vorrathe, was mir werther wre,
oder ich hher schtzte, als die Kenntni der Handlungen groer Mnner,
die ich durch lange Erfahrung der neuern Zeit und unablssiges Lesen der
Alten erworben. Diese habe ich mit groem Fleie lange durchdacht und
geprft, und jetzt in ein kleines Buch zusammengefat, welches ich Euch
berreiche, gromchtiger Herr. Und obgleich ich einsehe, da es nicht
werth sei, vor Euch gebracht zu werden, so hoffe ich doch von Eurer
freundlichen Gemthsart, es werde gut aufgenommen werden, in Anbetracht,
da ich kein greres Geschenk zu geben vermag, als dieses, welches in den
Stand setzt, in so kurzer Zeit Alles einzusehen, was ich in vielen Jahren,
mit so vielen Gefahren und Mhseligkeiten erlernt und begriffen habe.
Dieses Werk ist von mir nicht geschmckt, noch mit vielem Wortgeprnge
oder anderer Schminke und uerer Zierde aufgeputzt, wie viele Andre ihre
Werke zu schreiben und zu schmcken pflegen: weil ich wollte, da die
Sache selbst sich ehre und die Wahrheit des Inhalts und der Ernst der
Ausfhrung allein das Buch empfehle. Es werde mir aber nicht als eine
Anmaung ausgelegt, da ich, ein Mann von geringem Stande, es wage, ber
die Handlungen der Groen zu urtheilen, und mich erdreiste sie zurecht zu
weisen. Denn so wie diejenigen, welche Landschaften aufnehmen, in die
Ebene herabsteigen, um die Gestalt der Berge und Hhen zu betrachten, und
auf die Berge steigen, um die Thler zu beobachten, so erkennen zwar die
Groen am besten die Natur des Volkes; um aber die Frsten zu kennen, mu
man aus dem Volke sein. Nehmt daher, gromchtiger Herr, dieses kleine
Geschenk, in der Gesinnung, mit welcher ich es berreiche. Ihr werdet
darin einen brennenden Wunsch sehen, da Ihr zu der Gre gelangt, zu
welcher Euch die Glcksumstnde und andre Eigenschaften bestimmt haben.
Wenn Eure Hoheit aber von Eurem erhabnen Standpunkte auf die niedern Orte
herabsieht, in denen ich mich befinde, so werdet Ihr erkennen, mit welchem
Unrechte ich ein anhaltendes widriges Schicksal ertragen mu.




   1. Verschiedene Arten der Herrschaft, und Wege, zu ihr zu gelangen.


Alle Staaten und Gewalten, welche Herrschaft ber die Menschen gehabt
haben und noch haben, sind Republiken oder Frstenthmer. Diese sind
entweder ererbt, indem sie von dem Geschlechte des Herrschers schon lange
regiert worden sind; oder sie sind neu errichtet. Die neuen sind entweder
von Grund aus neu, so wie die Herrschaft des Franz Sforza zu Mailand; oder
sie sind nur als Theile dem erblichen Staate dessen, der das Land erwirbt,
hinzugefgt, wie z. B. das Knigreich Neapel dem Knige von Spanien
gehrt. Solche neu erworbene Staaten sind entweder schon frher an die
Herrschaft gewhnt gewesen, oder die Freiheit ist in ihnen hergebracht.
Sie werden erworben: durch fremde Gewalt, oder durch eigne Krfte; durch
Glck, oder durch Tapferkeit.




                   2. Von den erblichen Frstenthmern.


Von Republiken will ich nicht reden, weil dies von mir bereits in einem
andern Werke ausfhrlich geschehen ist. Ich wende mich zur
Alleinherrschaft, und werde nach der oben angegebenen Ordnung errtern,
wie solche erworben und behauptet werden kann. Ich sage also, da in den
erblichen Frstenthmern, die an die Dynastie ihrer Herren gewhnt sind,
viel weniger Schwierigkeiten entstehen, sie zu erhalten und zu behaupten,
als bei neuen: weil es nur darauf ankommt, die Verhltnisse, so wie sie
unter den Vorfahren waren, nicht zu verndern, und bei allen Vorfllen in
die Gelegenheit zu sehen. Ein solcher Frst wird sich also stets auf dem
Throne erhalten, es sei denn, da ganz ungewhnliche und auerordentliche
uere Gewalt ihn desselben beraube; und wird er der Herrschaft beraubt,
so vermag er sie wieder zu erlangen, sobald dem, der sie ergriffen hat,
etwas Widriges begegnet. Wir haben in Italien ein Beispiel an dem Herzoge
von Ferrara, der den Venezianern im Jahre 1484 und darauf dem Papst Julius
dem Zweiten durch nichts Anderes Widerstand geleistet hat, als durch seine
in langer Zeit fest begrndete Herrschaft. Denn der angeborne Frst hat
weniger Veranlassung, und ist selten in der Nothwendigkeit, zu beleidigen.
Er ist daher mehr beliebt, und es ist natrlich, da die Seinigen ihm
wohlwollen, wenn er sich nicht durch auerordentliche Last verhat macht.
In der Lnge der Zeit einer fortgesetzten Herrschaft wird die Veranlassung
und die Erinnerung der Neuerungen vergessen, wohingegen Eine Neuerung
immer durch sich selbst die Veranlassung zu andern nachfolgenden
zurcklt.




                     3. Von vermischten Herrschaften.


Aber die neuen Herrschaften sind ganz andern Schwierigkeiten unterworfen.
Und zwar erstens, wenn nicht das ganze Reich neu ist, sondern nur ein
Theil davon, und es also ein vermischtes Reich genannt werden knnte, so
entstehen gewaltsame Vernderungen aus natrlicher Schwierigkeit, welche
allen neuen Herrschaften gemein ist, und daher rhrt, da die Menschen
gern ihren Herrn verndern, in Hoffnung, da es besser werden knne, und
die Waffen hierauf ergreifen: darin aber irren sie, indem sie bald
erfahren, da es schlimmer wird. Und das liegt wieder in der Natur der
Dinge: weil der neue Herr seine Unterthanen mit Soldaten und auf manche
andre Art zu bedrcken genthigt ist, blos weil die Herrschaft neu ist. Du
wirst also alle diejenigen zu Feinden haben, die du durch die Eroberung
selbst beleidigt hast, ohne diejenigen, durch deren Hilfe du Herr geworden
bist, zu Freunden zu behalten, weil du sie nicht nach ihren Wnschen
befriedigen kannst, und auch keine krftigen Heilmittel anwenden darfst,
wegen der Dankbarkeit, die du ihnen schuldig bist. Denn auch der
Mchtigste bedarf der Begnstigung von Einheimischen, um in das Land
einzudringen. Aus dieser Ursache hat Ludwig der Zwlfte von Frankreich
Mailand so geschwind erobert, und so geschwind wieder verloren. Das erste
Mal war die eigne Kraft des vertriebenen Herzogs Ludwig Sforza
hinreichend, weil das Volk, das jenen eingefhrt hatte und sich in seiner
Hoffnung getuscht fand, den Widerwillen gegen die neue Herrschaft nicht
ertragen mochte. Es ist wahr, da so zum zweiten Male eroberte Lnder
nicht wieder so leicht verloren gehen, weil der Herr von der Rebellion
Veranlassung nimmt, sich durch strenge Maregeln zu sichern, Verbrecher zu
strafen, Verdacht aufzuklren, und an den schwachen Stellen Vorkehrungen
zu treffen. Wenn es, um Mailand den Franzosen zu entreien, das erste Mal
hinreichend war, da ein Herzog Ludwig an der Grenze Rumor anfing, so
mute sich zum zweiten Male die ganze Welt dagegen vereinigen, um die
franzsischen Heere zu vernichten oder zu vertreiben. Die Ursachen sind
oben angegeben. Dennoch verlor Frankreich das mailndische Gebiet zum
zweiten Male. Die allgemeinen Veranlassungen der ersten Begebenheit sind
erzhlt; es bleibt also noch brig, die Ursachen der zweiten zu
betrachten, und die Mittel anzugeben, wie man sich in solcher Lage besser
behaupten kann, als der Knig von Frankreich gethan hat. Ich sage also,
da solche Provinzen, welche erobert und mit den alten Staaten des
Eroberers verbunden werden, entweder zu demselben Lande gehren und
dieselbe Sprache reden, oder nicht. In dem ersten Falle ist es sehr
leicht, sie festzuhalten, vorzglich, wenn sie nicht an Unabhngigkeit
gewhnt gewesen sind. Um sie mit Sicherheit zu beherrschen, ist es
hinreichend, die Familie ihrer vorigen Beherrscher auszurotten; denn weil
die Einwohner ihre alten Gewohnheiten und Verhltnisse beibehalten, auch
brigens gleiche Sitten mit ihren neuen Mitunterthanen haben, so leben sie
ruhig; wie man es in der Bretagne, Gascogne, Normandie gesehen hat, welche
schon lange mit Frankreich verbunden sind. Wenngleich zwischen diesen
Provinzen und dem brigen Frankreich in der Sprache geringer Unterschied
ist, so kommen doch die Sitten berein, und daher vertragen sie sich
leicht mit einander. Wer solche Provinzen erobert hat und sie behalten
will, mu auf zwei Dinge Rcksicht nehmen. Erstens: die Familie der
vorigen Regenten zu verlschen; zweitens: die alten Gesetze und
Verfassungen nicht abzundern: so werden alte und neue Staaten
baldmglichst zu einem Ganzen zusammenschmelzen. Aber wenn Provinzen eines
Landes erobert werden, das an Sprache, Sitten, Verfassung verschieden ist,
so entstehen Schwierigkeiten, und es gehrt viel Glck und groe Bemhung
dazu, sie zu behalten.(11) Eines der krftigsten Mittel ist, da der
Eroberer selbst sich hinbegebe, um daselbst seinen Wohnsitz aufzuschlagen.
Dadurch wird der Besitz gesichert und dauerhaft. So haben es die Trken
mit dem griechischen Reiche gemacht, welches sie trotz aller andern
angewandten Bemhungen nicht htten behaupten knnen, wenn sie nicht die
Residenz in Konstantinopel genommen htten. Denn wenn der Regent sich
selbst da befindet, so sieht er alle Unordnungen in ihrer Entstehung und
kann geschwind abhelfen. Ist er nicht gegenwrtig, so vernimmt er sie
erst, wenn sie schon sehr angewachsen sind, und keine Hilfe mehr ist.
Auerdem wird das Land nicht von den Beamten des Regenten ausgeplndert:
es beruhigt die Einwohner, zu ihm selbst seine Zuflucht nehmen zu knnen.
Ist er gut, so wird er geliebt; wo nicht, so wird er doch gefrchtet.
Fremde, die den Staat angreifen mchten, haben mehr Rcksicht zu nehmen.
So lange der Regent da wohnt, ist es schwer, ihn dessen zu berauben.

Das zweite vorzgliche Mittel ist, Colonien an einen oder zwei Orte zu
senden, die Schlssel des Landes sind. Dies ist nothwendig. Wer es
unterlt, mu wenigstens hinreichende Kriegsmacht daselbst halten. Die
Colonien kosten dem Frsten nicht viel. Er besetzt sie ohne vielen Aufwand
und beleidigt nur diejenigen, die von Haus und Hof vertrieben werden, um
neuen Bewohnern Platz zu machen. Dies ist immer nur der kleinere Theil.
Diese Beleidigten leben zerstreut und sind arm: sie knnen wenig schaden,
und alle brigen werden leicht beruhigt, oder sie frchten sich, da es
ihnen so ergehen mchte wie Jenen, wenn sie sich rhrten. Wohl zu merken
ist, da die Menschen entweder zur Ruhe geschmeichelt, oder vernichtet
werden mssen. Denn wegen geringer Beleidigungen rchen sie sich; wegen
groer vermgen sie das nicht. Jede Verletzung mu also so zugefgt
werden, da keine Rache zu besorgen ist. Wird statt der Colonien Besatzung
gehalten, so kostet das so viel, da die Einknfte des neuen Staats
daraufgehen. Die Eroberung schlgt also zum Schaden aus und verletzt weit
mehr, weil sie den ganzen neuen Staat trifft. Jeder fhlt die Last der
Einquartierung, und Jeder wird Feind; diese Feinde aber bleiben, wenn sie
geschlagen sind, in ihren eignen Wohnungen. Nach allen Seiten also ist
diese Besatzung schdlich: die Colonien hingegen sind ntzlich. Ferner mu
der Herr einer solchen fr sich bestehenden abgesonderten Provinz sich zum
Oberhaupte und Beschtzer der schwchern Nachbarn machen, und die
Mchtigen unter ihnen zu schwchen suchen: vor allen Dingen aber
verhindern, da kein andrer Fremder, der so mchtig wre als er selbst,
hereindringt. Solche werden immer von Unzufriedenen, aus Ehrgeiz oder aus
Furcht hereingelassen. Man hat einst gesehen, da die Rmer durch die
Aetolier nach Griechenland gelassen wurden. Eben so sind sie in alle
Lnder, in die sie gedrungen, durch die Einwohner hereingerufen. Es geht
damit also zu. Sobald ein Fremder in einem Lande Fu fat, so hngen sich
alle Mindermchtigen in demselben an ihn, aus Neid gegen denjenigen, der
im Lande selbst der Mchtigste war. Gegen jene Mindermchtigen ist also
nur wenig zu thun. Sie sind leicht gewonnen, und machen gemeinschaftliche
Sache mit dem neu eingedrungenen. Dieser hat nur zu sorgen, da jene nicht
mchtiger werden; und er kann leicht diejenigen, welche das Haupt
emporheben, niederdrcken, und also selbst die Oberhand behalten. Wer
diese Verhltnisse nicht gut zu regieren wei, verliert seine Eroberung,
und hat unendliche Mhe und Verdru, so lange er sie behlt. Die Rmer
fhrten ihre Sache in den eroberten Provinzen sehr gut, sandten Colonien
hin, untersttzten die Schwachen, ohne sie zu stark werden zu lassen,
demthigten die Mchtigen, und lieen das Ansehen mchtiger Fremden nicht
aufkommen. Griechenland dient hinlnglich zum Beispiele. Sie hielten die
Acher und Aetolier aufrecht, sie erniedrigten die Knige von Macedonien,
vertrieben den Antiochus. Acher und Aetolier konnten durch alle ihre
Verdienste um sie doch nicht die Erlaubni auswirken, irgend einen Staat
mit sich zu verbinden; durch alle Schmeicheleien des Philipp lieen sie
sich nicht verleiten, seine Freunde zu sein, ohne ihn niederzuhalten;
Antiochus konnte mit aller seiner Macht nicht bewirken, da sie ihm
zugestanden htten, in Griechenland festen Fu zu fassen. Die Rmer thaten
in diesen Fllen, was alle vorsichtigen Regenten thun mssen, welche nicht
allein auf die gegenwrtigen, sondern auch auf die knftigen Unruhen
achten und diesen begegnen. Was man von ferne kommen sieht, dem ist leicht
abzuhelfen; wenn man aber wartet, bis das Uebel da ist, so kommt die
Arznei zu spt,(12) und es geht, wie die Aerzte von der Lungensucht sagen:
da sie zu Anfang leicht zu heilen, aber schwer zu erkennen; wenn sie aber
im Anfange verkannt worden, in der Folge leicht zu erkennen und schwer zu
heilen sei. Eben so geht es dem Staate. Auch in ihm sind die Uebel, die
man von fern erkennt, (das vermag aber nur der, welcher Verstand hat)
leicht und geschwind geheilt; hat man sie aber so weit anwachsen lassen,
da Jeder sie erkennt, so ist kein Mittel mehr dagegen zu finden. Die
Rmer also sahen die Verlegenheiten, ehe sie entstanden, von ferne, und
lieen sie nicht nher kommen, um einen Krieg fr den Augenblick zu
vermeiden. Denn sie wuten, da man einem Kriege nicht so entgeht, wol
aber nur zum Vortheile des Gegners aufschiebt. Sie beschlossen also mit
Philipp und Antiochus in Griechenland Krieg zu fhren, um ihn nicht in
Italien selbst bestehen zu mssen. Sie konnten ihn zu der Zeit wohl
vermeiden; aber es gefiel ihnen nicht, was die Weisen unsrer Zeit im Munde
fhren: Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Sie verlieen sich vielmehr auf
ihre Tapferkeit und Klugheit. Denn die Zeit treibt Alles vor sich her,
Gutes wie Schlimmes; Schlimmes fhrt sie aber auch eben so leicht herbei
als Gutes.

Jetzt wende ich mich zu Frankreich und will untersuchen, ob es eine
hnliche Politik beobachtet habe, und zwar rede ich von Ludwig dem
Zwlften, und nicht von Karl dem Achten, weil jener sich lnger in Italien
gehalten hat, und der Gang seiner Unternehmungen daher klarer vor Augen
liegt. Wir werden also sehen, wie er das Gegentheil von Allem gethan hat,
was geschehen mu, um in einem fremden Lande Provinzen zu behaupten.
Ludwig der Zwlfte ward in Italien durch den Ehrgeiz der Venezianer
eingefhrt, welche die Hlfte von Mailand dadurch zu erwerben hofften. Ich
will diese seine Unternehmung nicht tadeln; denn da er einmal in Italien
Fu fassen wollte, und wegen des Betragens seines Vorfahren, Karl des
Achten, keine Freunde in diesem Lande hatte, so mute er wol die
Verbindungen knpfen, die sich anboten: und die Sache wre auch gelungen,
wenn er keinen anderweiten Fehler gemacht htte. So wie der Knig die
Lombardei eroberte, ward der Ruf, den Karl verloren hatte, bald wieder
gewonnen; Genua fiel, und die Florentiner traten auf seine Seite. Alles
kam ihm entgegen, der Marchese von Mantua, der Herzog von Ferrara,
Bentivoglio (welcher Bologna inne hatte), die Dame von Forli, die Herren
von Faenza, von Pesaro, von Rimini, von Camerino, von Piombino, die
Republiken Lucca, Pisa, Siena, Alles bewarb sich um seine Freundschaft.
Und nun konnten die Venezianer schon einsehen, wie unberlegt sie
gehandelt hatten, als sie, um selbst zwei Stdte zu erlangen, ihn zum
Herrn von zwei Dritttheilen von ganz Italien gemacht hatten. Jeder kann
sehen, wie leicht es dem Knige gewesen wre, sein Ansehen in Italien zu
behaupten, wenn er die erwhnten Grundstze befolgt, und dem groen Haufen
seiner Freunde durch seinen Schutz Sicherheit gewhrt htte. Die groe
Zahl derselben mute ihm wol anhngen, denn sie waren insgesammt schwach
und frchteten, einige den heiligen Stuhl, andere die Venezianer; durch
sie aber konnte er wieder Alles, was noch gro und mchtig im Lande war,
im Zaume halten. Kaum aber war er Herr von Mailand, so that er das
Gegentheil, indem er dem Papst Alexander dem Sechsten zur Herrschaft in
der Provinz Romagna verhalf. Er bemerkte nicht, da er durch diese
Entschlieung sich selbst Freunde und Anhnger nahm, und den Papst erhob,
da er diesem zu seinem so krftigen geistlichen Ansehen noch so viel
weltliche Macht gab. Dieser erste Fehler zog andere nach sich, so da er
am Ende selbst nach Italien kommen mute, um der Macht Alexanders Grenzen
zu setzen, und zu verhten, da dieser nicht Herr von Toscana werde. Nicht
genug, da er den Papst auf seine eignen Unkosten gro gemacht; aus
Begierde, das Knigreich Neapel zu erlangen, theilte er es mit dem Knige
von Spanien. Das Schicksal von Italien war bis dahin ausschlielich in
seinen Hnden. Hiermit aber gab er sich selbst einen Genossen, an den
Alle, die mit ihm unzufrieden waren, sich wenden konnten. Statt in jenem
Reiche einen Knig zu lassen, der von ihm abhngig gewesen wre, zog er
einen hinein, der ihn selbst daraus vertreiben konnte. Sie ist in der That
eine natrliche und gewhnliche Sache, die Begierde zu Eroberungen: und
die Menschen werden immer gelobt und nicht getadelt, die so etwas
unternehmen, wenn sie es ausfhren; wenn sie das aber nicht vermgen und
doch unternehmen, es koste was es wolle: da liegt der Fehler, und darber
werden sie getadelt. Konnte Frankreich Neapel mit eignen Krften
angreifen, so mochte es dies thun: konnte es das nicht, so mute es das
Land nicht theilen. Und wenn die Theilung der Lombardei mit den
Venezianern zu billigen war, weil man dieser Maregel den Eingang in
Italien verdankte, so verdient jene zweite Theilung Tadel, weil sie nicht
nothwendig war. Ludwig beging also fnf Fehler. Er vernichtete die
Mindermchtigen; vermehrte die Macht eines Mchtigen; rief einen sehr
mchtigen Fremden herein; schlug selbst seinen Wohnsitz nicht im Lande auf
und fhrte keine Colonien ein. Bei seinem eignen Leben htten trotzdem
diese fnf Fehler nicht geschadet, wenn nicht der sechste hinzugekommen
wre, die Venezianer herunterzubringen. Htte er nicht den ppstlichen
Stuhl so mchtig gemacht, und die Spanier nicht hereingerufen, so war es
vernnftig und nothwendig, die Venezianer zu erniedrigen. Aber nachdem in
jenes Erstere eingewilligt worden, durfte das Letztere nicht geschehen;
denn so lange die Venezianer mchtig waren, htten sie immer die Andern
abgehalten, die Lombardei anzufallen. Sie htten darin nie unter andrer
Bedingung eingewilligt, als da das Land ihnen selbst berliefert wrde;
die Andern htten es aber nie den Franzosen nehmen mgen, um es den
Venezianern zu geben, und beide zugleich zu bekriegen, htte man nicht
gewagt. Wendet man ein, Knig Ludwig habe dem Papst Alexander die Romagna,
und Neapel den Spaniern zugestanden, um einen Krieg zu vermeiden, so
antwortete ich: man mu aus den Grnden, die oben bereits angegeben
wurden, niemals ein bles Verhltni einreien lassen, um einen Krieg zu
vermeiden; denn er wird gar nicht vermieden, sondern nur zu deinem
Nachtheile aufgeschoben. Sollte man mir aber etwa das Wort entgegensetzen,
das der Knig dem Papste gegeben hatte, da er ihm die Unternehmung auf
die Romagna verstatten wolle, zum Lohne fr die Einwilligung in Ludwigs
Ehescheidung und fr den erbetenen Cardinalshut des Erzbischofs von Rouen,
so berufe ich mich auf das, was ich hiernchst ber Treu und Glauben der
Frsten sagen werde, und ber die Art, wie sie Wort halten mssen. Knig
Ludwig hat also die Lombardei verloren, weil er nichts vom Allem
beobachtet hat, wodurch Andere Lnder erobert und behalten haben. Und so
ist es gar nicht zu verwundern, sondern vielmehr sehr begreiflich und
natrlich. Ich sprach darber zu Nantes mit dem Cardinal d'Amboise,
Erzbischof von Rouen, als der Herzog von Valentinois (wie der Csar
Borgia, Sohn des Papstes Alexanders des Sechsten, gewhnlich genannt zu
werden pflegte), sich zum Herrn von der Romagna machte. Der Cardinal warf
mir vor, die Italiener verstnden sich nicht auf den Krieg. Ich erwiderte
ihm aber, die Franzosen verstnden sich nicht auf die Politik: sonst
wrden sie den heiligen Stuhl nicht so mchtig werden lassen. Die
Erfahrung hat es bewiesen. Frankreich hat den Papst und die Spanier in
Italien gro gemacht, und hat es selbst darber verloren. Hieraus ist eine
allgemeine Regel zu ziehen, die niemals oder doch selten trgt: Derjenige,
der einen Andern gro macht, geht selbst zu Grunde. Denn es kann von ihm
nur durch zwei Dinge bewerkstelligt werden: durch kluge Bemhung, oder
durch Gewalt, und beides ist dem, der mchtig geworden ist, verdchtig.




4. Warum das Reich des Darius nach Alexanders Tode gegen seine Nachfolger
                             nicht aufstand?


Wenn man die Schwierigkeiten erwgt, welche es hat, eine neu errungene
Herrschaft zu behaupten, so knnte man sich wundern, wie es zugegangen,
da das ganze von Alexander dem Groen innerhalb weniger Jahre eroberte
asiatische Reich, welches er kaum in Besitz genommen, als er starb, und
wovon man deswegen htte glauben sollen, da es gegen seine Nachfolger
aufstehen werde, von diesen dennoch behauptet wurde, ohne alle andern
Schwierigkeiten, als die, welche ihre eignen Uneinigkeiten erzeugten. Ich
antworte darauf, da alle Herrschaften, von denen man Kunde hat, auf
zweierlei Weise regiert worden sind. Entweder durch einen Herrn, der sich
nur solcher Diener bediente, die vermge der ihnen aus Gnaden verliehenen
Gewalt, blos als Werkzeuge, zu der Verwaltung mitwirkten; oder durch einen
Herrn und kleinen Frsten, die ihre Stellen nicht der Gnade des Herrn,
sondern ihrer eignen Abkunft verdankten. Solche hohe Beamten haben eigne
Lnder und Untertanen, von denen sie als Herrn anerkannt werden, und die
ihnen anhngen. Die Regenten, welche blos mittelst ihrer bestellten
Beamten regieren, haben weit greres Ansehn, weil Niemand im ganzen Lande
ist, der nicht dieses Ansehn anerkennt: und wenn er einem Andern gehorcht,
so ist es nur als dem Stellvertreter und Diener des Oberherrn. Solchen
Personen sind aber die Unterthanen nicht sonderlich zugethan. Beispiele
von beiden Arten von Regierungsform geben die Trken und die Franzosen.
Das ganze trkische Reich wird von einem Monarchen regiert: die andern
sind seine Diener. Es ist in Bezirke getheilt, die von einzelnen Personen
verwaltet werden, welche der Sultan nach Willkr ein- und absetzt. Der
Knig von Frankreich hingegen ist von einer groen Zahl von alten
Frstenhusern umgeben, deren Herrschaft von ihren Unterthanen anerkannt
und geliebt wird. Diese Frsten haben Vorrechte, die der Knig nicht ohne
Gefahr antasten kann. Wer diese beiden Regierungsformen betrachtet, wird
finden, da es schwer ist, das trkische Reich zu erobern: sobald es aber
erobert wre, wrde es leicht sein, es zu behaupten. Die Schwierigkeiten
der Eroberung sind folgende. Der Eroberer kann nicht durch inlndische
Frsten hereingerufen werden, und darf nicht auf Untersttzung von
Rebellen hoffen, aus oben angefhrten Grnden. Da sie alle Knechte sind,
so ist es schwer, sie zu bestechen, und wenn sie bestochen wren, so wrde
es wenig helfen, weil sie aus den angegebnen Ursachen nicht im Stande
sind, das Volk mit in ihr Interesse zu ziehen. Wer also die Trken
angreift, mu erwarten, sie einig zu finden, und darf nur auf seine eignen
Krfte rechnen, wenig auf die Uneinigkeit des Gegners. Wenn der Feind aber
berwunden ist, so da er keine Armee wieder aufzustellen vermag, so ist
nichts mehr zu frchten, als die regierende Familie, nach deren Untergange
kein Mensch mehr Ansehn genug im Volke hat, mit Erfolg aufstehen zu
knnen. So wie der Sieger vor dem Siege auf Niemand hoffen konnte, so hat
er nach demselben Niemand mehr zu frchten. Das Gegentheil findet statt
bei Reichen, die so regiert werden, wie Frankreich, in die es leicht ist
einzudringen, sobald man einen von den hohen Reichsbeamten gewonnen hat,
unter denen sich immer Unzufriedne und Neuerungsschtige finden. Diese
vermgen es, aus oben angefhrten Ursachen, den Weg ins Land zu ffnen,
und den Sieg zu erleichtern. Nachdem aber hat es unendliche
Schwierigkeiten, sich darin fest zu setzen: sowol mit denen, die Beistand
geleistet haben, als mit den Ueberwundenen. Es ist alsdann nicht genug,
das regierende Haus zu vertilgen: denn die Reichsherren bleiben brig, die
sich zu Huptern aufwerfen, und das Land dem Eroberer bei erster
Gelegenheit entreien, wenn er sie weder zu vertilgen, noch zufrieden zu
stellen wei. Wenn man nun erwgt, von welcher Beschaffenheit das
persische Reich war, so wird man viele Aehnlichkeit mit dem heutigen
trkischen finden. Alexander brauchte also nur Schlachten zu gewinnen, und
sobald Darius todt war, behielt der Sieger das Reich mit vollkommner
Sicherheit. Auch seine Nachfolger htten es in vlliger Ruhe behalten
knnen, und es entstanden in dem weiten Lande keine andern Unruhen, als
die sie selbst durch ihre Uneinigkeiten erregten. Aber Lnder, die solche
Verfassung haben, wie Frankreich, kann man nicht so ruhig besitzen. In
Spanien, in Frankreich, in Griechenland entstanden unaufhrliche
Emprungen gegen die Rmer, wegen der vielen einheimischen Frsten. So
lange das Angedenken an diese whrte, blieb der Besitz ungewi. Nachdem
dieses aber erloschen war, erhielten sich die Rmer durch ihre Macht und
die Lnge der Zeit in ruhigem Besitze. In der Folge, als die Rmer unter
sich selbst zerfielen, vermochte sogar jeder von ihnen einen Theil der
Provinzen, nach Magabe des darin erlangten Ansehns, in sein Interesse zu
ziehen, weil sie ihre eignen Frsten ganz verloren hatten und keine andre
Oberherrschaft anerkannten, als rmische. Erwgt man dies Alles, so wird
sich Niemand wundern, da es Alexander so leicht wurde, Asien in
Unterwrfigkeit zu halten, dagegen Andre, wie z. B. Pyrrhus, so viele
Schwierigkeiten fanden, ihre Eroberungen zu behaupten. Der Grund liegt
nicht sowol in der Heldenkraft des Eroberers, als in der verschiedenen
Beschaffenheit der Eroberungen.




5. Wie Stdte oder Frstenthmer zu behandeln sind, die vor der Eroberung
                      ihre eigne Verfassung hatten.


Wenn Staaten, welche erobert worden, wie wir angenommen haben, gewohnt
gewesen sind, nach eignen Gesetzen und in Unabhngigkeit zu leben, so gibt
es drei Wege, sie zu behandeln. Der erste ist, sie zu Grunde zu richten;
der zweite, da der Frst seinen Wohnsitz daselbst aufschlage; der dritte,
sie unter ihren eignen Gesetzen fortleben zu lassen, sich mit einer
jhrlichen Steuer zu begngen, und die Regierung einer Oligarchie zu
bergeben, vermittelst deren das Land in Unterwrfigkeit erhalten werde.
Denn eine solche Regierung wei wohl, da sie sich nicht ohne
Untersttzung ihres Schpfers halten kann, und mu Alles thun, um ihm die
Herrschaft zu sichern. Eine Stadt, die gewohnt gewesen ist, frei zu leben,
wird am leichtesten durch ihre eignen Brger im Gehorsam erhalten. Als
Beispiele knnen hier die Spartaner und die Rmer dienen. Die Spartaner
hatten Athen und Theben inne, bergaben die Herrschaft derselben einigen
Wenigen, und verloren ihre Eroberung trotzdem. Die Rmer zerstrten Capua,
Carthago, Numantia, und behaupteten sich daselbst. Sie versuchten es,
Griechenland so zu beherrschen, wie die Spartaner es gemacht hatten, indem
sie die Freiheit proclamirten und die einheimischen Gesetze bestehen
lieen - und es milang; so da sie gezwungen wurden, viele Stdte im
Lande zu zerstren, um die Herrschaft in demselben zu behaupten. Denn es
gibt in der That kein sicheres Mittel dazu, als zu zerstren. Und wer sich
zum Herrn einer Stadt macht, die gewohnt gewesen ist, in Freiheit zu
leben, und sie nicht ganz auflst, mag nur erwarten, selbst von ihr zu
Grunde gerichtet zu werden. Denn der Name der Freiheit dient immer zum
Vorwande des Aufstandes, und die alte Staatsverfassung wird weder ber der
Lnge der Zeit noch ber Wohlthaten vergessen. Was man aber auch immer fr
Vorkehrungen treffen mag, so kommen, wenn die Einwohner nicht getrennt und
zerstreut werden, immer der alte Name und die alte Verfassung wieder zum
Vorschein, so wie in Pisa nach so langen Jahren, die es unter der
Herrschaft von Florenz gestanden hatte. Sind aber Stdte oder Lnder
gewohnt gewesen, unter einem Frsten zu leben, und dieser ist ihnen
genommen und sein Geschlecht verlscht; sind sie also gewohnt einen
Frsten zu haben, und haben doch keinen alten, so vertragen sie sich nicht
darin, Einen aus ihrer Mitte zu erheben; frei leben aber knnen sie gar
nicht. Sie ergreifen also die Waffen nicht so leicht, und ein Frst
bemchtigt sich ihrer ohne Mhe, und behlt sie auch leicht im Gehorsam.
Aber die Republiken bergen mehr Ha und das Andenken an die verlorne
Freiheit. Man zerstrt sie also am sichersten oder man whlt sie zur
Residenz.




6. Von neuen Herrschaften, die durch eigne Waffen und Tapferkeit errungen
                                 werden.


Niemand wundre sich, wenn ich bei Allem, was ich von ganz neuen
Herrschaften und von Regenten und Staaten berhaupt sagen werde, groe
Beispiele anfhre. Denn da die Menschen fast immer in gebahnten Wegen
gehen, und in ihren Handlungen Andre nachahmen, so mu bei allem
Unvermgen, denen gleich zu kommen, die man nachahmt, ein Mann von Geist
doch immer sich die edelsten Muster vorsetzen, damit er wenigstens, wenn
seine Tugenden gleich das Ziel nicht erreichen, doch einigen Wohlgeruch
von sich gebe; er mu es machen, wie kluge Schtzen, die erkennen, da das
Ziel zu weit entfernt und der Bogen zu schwach sei, und deswegen die
Richtung hher nehmen: nicht um durch Anstrengung bis dahin zu gelangen,
sondern um dadurch das Ziel wenigstens zu erreichen. Ich sage also, da
ein neuer Frst mehr oder weniger Schwierigkeit findet, sich in der
Herrschaft zu behaupten, je nachdem er mehr oder weniger Geisteskrfte
besitzt. Und da sowol Tapferkeit als Glck einen Privatmann auf den
Frstenstuhl erhebt, so knnen auch die Schwierigkeiten in der Behauptung
der neuen Wrde auf beiderlei Art vermieden oder vermindert werden. Oft
hat der sich am lngsten erhalten, der doch das wenigste Glck hatte. Es
wird das Geschft auch oft dadurch erleichtert, wenn der gnzliche Mangel
andrer Staaten den Frsten nthigt, in seinem neuen Gebiete zu wohnen.
Aber um auf die zu kommen, welche durch eigne Tapferkeit mehr als durch
Glck auf einen Thron erhoben sind, so sage ich, da Moses, Cyrus,
Romulus, Theseus und hnliche die vorzglichsten gewesen sind. Von Moses
ist hier nicht viel zu sagen, weil er nur ausfhrte, was ihm von Gott
aufgetragen war, und er also nur deswegen bewundert zu werden verdient,
weil Gott ihn seiner Auftrge wrdigte. Wenn wir aber den Cyrus und
Andere, die neue Herrschaften gegrndet haben, betrachten, so finden wir
sie selbst wirklich bewunderungswerth: auch sind sie wenig in ihrer
Handlungsweise von Moses verschieden, dem gttliche Belehrung zu Statten
kam. Wenn man ihr Leben und ihre Handlungen untersucht, so finden wir, da
sie dem Glcke wenig mehr als die Gelegenheit verdankten, das auszufhren,
was sie ausgedacht hatten. Wenn die Gelegenheit gefehlt htte, so wre die
Kraft ihres Geistes verhaucht: htte es aber an dieser gefehlt, so wre
die Gelegenheit vergeblich dagewesen. So mute Moses das israelitische
Volk in egyptischer Sklaverei finden, damit es bereit sei, ihm zu folgen.
Romulus mute ausgesetzt werden, um den Gedanken zu fassen, Rom zu grnden
und Knig zu werden. Cyrus mute die Perser mit der medischen Herrschaft
unzufrieden, und die Meder durch den langen Frieden weichlich und weibisch
finden. Theseus konnte seinen Geist nicht beweisen, wenn er die
Athenienser nicht zerstreut vorfand. Diese Gelegenheiten haben jene groen
Mnner glcklich gemacht: durch die Gre ihres Geistes aber erkannten sie
die Gelegenheit, und dadurch ward ihr Vaterland glcklich und berhmt.
Diejenigen, welche durch hnliche Kraft Frsten werden, haben
Schwierigkeiten zu berwinden, um die Herrschaft zu erlangen: behaupten
sie aber sehr leicht. Die Schwierigkeiten, die sie zu berwinden haben,
entstehen zum Theil von den neuen Einrichtungen, die sie genthigt sind
einzufhren, um die neue Verfassung und ihre eigne Sicherheit zu
begrnden. Dabei mu man erwgen, da es gar keine Sache von grerer
Schwierigkeit und von zweifelhafterem Erfolge gibt, als sich zum Haupte
einer neuen Staatsverfassung aufzuwerfen. Denn Alle die, welche sich in
der alten Ordnung der Dinge wohl befanden, sind der neuen feindlich; und
diese hat nur laue Verteidiger an denen, welche dabei zu gewinnen hoffen:
theils, wegen der Furcht vor den Gegnern, welche die Gesetze fr sich
haben; theils, weil die Menschen von Natur mitrauisch sind, und an eine
neue Sache nicht glauben, bis sie sie wirklich klar vor sich sehen. Daher
kommt es, da diejenigen, die der neuen Ordnung feindlich sind, sie bei
jeder Gelegenheit theilweise angreifen, die Freunde derselben sie aber mit
solcher Lauheit vertheidigen, da das Oberhaupt sammt ihnen in Gefahr
gerathen kann. Um hier ein richtiges Urtheil zu fllen, mu man wohl
untersuchen, ob die Neuerer auf eignen Fen stehen, oder von Andern
abhngen; ob sie mithin ihr Unternehmen mittelst guter Worte oder durch
Gewalt durchsetzen knnen. Im ersten Falle geht es ihnen stets schlecht,
und sie gelangen zu nichts. Wenn sie aber auf eignen Fen stehen und
durch eigne Krfte mit Gewalt durchsetzen knnen, so milingt es selten.
Daher haben alle bewaffneten Propheten den Sieg davongetragen; die
unbewaffneten aber sind zu Grunde gegangen; denn zu jenen Ursachen kommt
noch der Wankelmuth des Volks hinzu, welches sich leicht etwas einreden
lt, aber sehr schwer dabei festzuhalten ist. Und der Plan mu so
angelegt sein, da, wenn sie aufhren zu glauben, man sie mit Gewalt dazu
anhalten kann. Moses, Cyrus, Theseus, Romulus htten ihre Anordnungen
nicht lange aufrecht erhalten knnen, wenn sie nicht Gewalt der Waffen
htten gebrauchen knnen; so wie es zu unsern Zeiten dem Fra Girolamo
Savonarola gegangen ist, der mit sammt seiner neuen Staatsverfassung zu
Grunde ging, als das Volk aufhrte ihm zu glauben, und er keine Mittel
hatte, seine Jnger beim Glauben festzuhalten, und die Unglubigen zu
berfhren. Solche haben daher groe Schwierigkeiten zu berwinden, und
mssen dies Abenteuer durch ihre eigne Tapferkeit bestehen. Sobald sie
aber gesiegt haben und anfangen hohes Ansehn zu erlangen, ihre Neider
daneben aus dem Wege geschafft sind, so bleiben sie mchtig, sicher,
geehrt und glcklich. So groen Beispielen will ich noch eins hinzufgen,
das zwar geringer ist, aber doch damit verglichen werden kann, und statt
aller andern hnlichen dienen soll. Dies sei Hiero von Syracus. Er ward
aus einem Privatmann Frst von Syracus, und das Glck hatte keinen weitern
Antheil daran, als da es die Gelegenheit herbeifhrte: denn die
Syracusaner, welche unterdrckt waren, whlten ihn zu ihrem Anfhrer, und
in dieser Stelle erwarb er sich durch Verdienste die frstliche Wrde.
Seine Eigenschaften waren so edel, da von ihm erzhlt wird, es habe schon
als Privatmann ihm nichts zum Herrschen gefehlt, als die wirkliche
Herrschaft selbst. Er lste die alte Armee auf und schuf eine neue;
verlie seine alten Verbindungen und knpfte neue an. Zahlreiche Freunde
und Krieger hingen ihm an, mit deren Hilfe er jede Verfassung einrichten
konnte: also, da er zwar viele Mhe hatte aufwenden mssen, um zu
erwerben, aber nur wenig, um das Erworbene zu behaupten.




  7. Von neuen Frstenthmern, die durch fremde Untersttzung und durch
                       Glcksflle erworben werden.


Diejenigen, welche durch bloes Glck Frsten werden, gelangen dazu ohne
sonderliche Mhe; aber sich auf dem Throne zu erhalten, wird ihnen schwer.
Auf dem Wege fanden sie keine Schwierigkeiten; denn sie wurden
hinaufgehoben: aber wenn sie oben sind, so beginnen jene. Dieses trifft
diejenigen, welche fr Geld oder durch die Gnade eines Andern Frsten
geworden sind: zum Beispiel manche Griechen sind vom Darius zu Frsten in
Ionien und am Hellespont gemacht, damit sie seine Sicherheit und sein
Ansehn befrderten. So auch sind viele Kaiser durch Bestechung der
Soldaten zu ihrer Wrde gelangt. Diese hngen lediglich vom guten Willen
und dem Schicksale derer ab, welchen sie ihre Erhebung verdanken; Beides
aber gehrt zu den wandelbarsten Dingen auf Erden. Sie verstehen sich
nicht darauf, und sie vermgen es auch nicht, sich auf einer solchen
Stelle zu erhalten; denn wenn es nicht etwa ein Mann von groem Geiste und
Kraft ist, so kann man nicht voraussetzen, da derjenige, der immer im
Privatstande gelebt hat, zu befehlen wisse: sie vermgen es auch nicht,
weil sie keine Mannschaft haben, die ihnen ergeben und treu wre. Ferner
knnen pltzlich entstandene Herrschaften, gleichwie Alles, was geschwind
entsteht und wchst, keine tiefen Wurzeln schlagen; mithin reit der erste
Sturm sie aus: es sei denn, da derjenige, den das Glck erhoben hat, so
viel Verstand und Talent habe, das, was ihm der Zufall in den Schoo
geworfen hat, zu bewahren, und die Unterlage nachzuholen, die Andre sich
angeschafft haben, ehe sie Frsten wurden. Von jeder der beiden
angegebenen Arten dazu zu gelangen, will ich je ein Beispiel aus der
Geschichte unsrer Tage anfhren. Diese sind _Francesco Sforza_ und _Csar
Borgia_. Der Erste ward durch groe Tapferkeit und berlegte Anwendung der
gehrigen Mittel Herzog von Mailand. Was er mit vieler Mhe erworben
hatte, ward ihm durch die Umstnde leicht zu bewahren. Der Andre, Csar
Borgia, (insgemein Herzog von Valentinois genannt), gelangte zu seiner
hohen Stelle durch den Glcksstern seines Vaters, und verlor sie zugleich
mit diesem, trotzdem er alle mgliche Bemhung anwandte und Alles that,
was ein kluger und muthiger Mann zu thun hat, um in dem Staate, den er
durch die Waffen und das Glck eines Andern erhalten hatte, feste Wurzeln
zu treiben. Denn wie schon gesagt ist, wer nicht damit angefangen hat,
Grund zu legen, kann es allenfalls durch groe Anstrengung nachholen,
allemal aber doch mit Gefahr des Baumeisters und des Gebudes. Bei der
Betrachtung aller Fortschritte des Herzogs wird man finden, wie viel er
gethan, um zu seiner knftigen Gre festen Grund zu legen. Ich halte es
nicht berflssig, dieses ausfhrlich darzuthun, weil ich einem neuen
Frsten keinen bessern Rath zu geben wei, als seinem Beispiele zu folgen:
und wenn seine Anstalten den Zweck dennoch verfehlten, so lag die Schuld
nicht an ihm, sondern an einem ganz auerordentlichen und hchst
widerwrtigen Schicksale.

Alexander der Sechste fand groe Schwierigkeiten in dem Plane, seinen Sohn
zu erheben: und das sowol in der Gegenwart als in der Zukunft. Vor Allem
sah er gar keinen Weg, ihm zu andern Besitzungen zu verhelfen, als zu
solchen, die im Kirchenstaate lagen. Er wute aber wohl, da der Herzog
von Mailand und die Venezianer das nicht verstatten wrden, weil Faenza
und Rimino schon unter venezianischem Schutze waren. Auerdem sah er, da
die italienischen Waffen, besonders diejenigen, deren er sich bedienen
konnte, denen anhingen, welche die Gre des ppstlichen Stuhls
frchteten. Sie waren smmtlich den Orsini und den Colonna ergeben, und
mithin war ihnen nicht zu trauen. Es war also nothwendig, diese
Verhltnisse zu stren, und in den Staaten von Italien Alles aufzurhren,
um sich eines Theils derselben zu bemchtigen. Dies ward ihm leicht, weil
die Venezianer aus andern Ursachen damit beschftigt waren, die Franzosen
wieder in Italien hereinzuziehen. Alexander widersetzte sich diesem also
nicht, sondern begnstigte es vielmehr durch die Einwilligung, welche er
zu der Ehescheidung des Knigs Ludwig des Zwlften ertheilte. Dieser brach
hierauf in Italien ein mit Zustimmung der Venezianer und des Papstes: und
kaum war er in Mailand, so hatte Alexander auch schon wegen des groen
Rufs der franzsischen Macht hinreichende Mannschaft, um seine
Unternehmung auf Romagna zu beginnen. Als er diese Provinz erobert und die
Partei der Colonna geschlagen hatte, und nunmehro diese Eroberung sichern
und weiter gehen wollte, standen ihm zwei Dinge im Wege. Erstens die
unzuverlssige Treue seiner Soldaten; zweitens die Gesinnungen des Knigs
von Frankreich. Er frchtete, da die Truppen der Orsini, deren er sich
bedient hatte, von ihm abfallen, und nicht allein an weitern Eroberungen
verhindern, sondern auch die gemachten wieder entreien mchten. Vom
Knige frchtete er das Nmliche. Mit den Orsini hatte er es ganz recht
errathen: wie sich bewies, als er nach der Eroberung von Faenza Anstalt
machte, Bologna zu belagern, und sie dabei so schlaff zu Werke gingen. In
Ansehung des Knigs ward die Sache klar, als er nach der Besetzung des
Herzogthums Urbino Toscana angriff, und der Knig ihn nthigte, von dieser
Unternehmung abzustehen. Hierauf beschlo der Herzog, sich nicht weiter in
Abhngigkeit von fremdem Glcke und fremden Waffen zu setzen. Er fing also
damit an, die Parteien der Orsini und Colonna in Rom zu schwchen, indem
er alle Edelleute, die ihnen anhingen, zu sich berzog, durch Stellen,
Geld und Ehre, welches Alles er ihnen gab. In wenig Monaten war die
Zuneigung zu ihren vorigen Anfhrern verlscht und hatte sich ganz zu dem
Herzoge gewandt. Hierauf sah er die Gelegenheit ab, die Orsini zu
vernichten, so wie er schon die Colonna auseinander gesprengt hatte: und
das ging ihm noch besser von statten. Die Orsini hatten sehr spt gemerkt,
da die Gre des Herzogs und des ppstlichen Stuhls ihnen den Untergang
bereite, und sie kamen darber zu Magione im Perusinischen zusammen.
Hieraus entstanden die Rebellion von Urbino, die Aufstnde in Romagna und
unzhlige Gefahren des Herzogs, die er mit Hilfe der Franzosen berstand.
Als er aber dadurch wieder zu Ehren gelangt war und den Franzosen nicht
traute, andern fremden Truppen eben so wenig, sie auch nicht auf die Probe
stellen konnte, so legte er sich darauf, sie zu hintergehen, und wute
sich wirklich so zu verstellen, da die Orsini sich mit ihm durch
Vermittlung des Herrn Pagolo Orsini vershnten. Er versumte hierauf
nichts, um sie zu gewinnen, beschenkte sie mit Kleidern, Geld und Pferden,
bis sie sich einfltigerweise nach Sinigaglia in seine Hnde locken
lieen. Als er hier die Oberhupter aus dem Wege geschafft und ihre
Anhnger unterwrfig gemacht hatte, so war ein guter Grund zur Herrschaft
gelegt, indem er ganz Romagna und das Herzogthum Urbino in seine
Botmigkeit gebracht, und die Vlker anfingen, sich darunter wohl zu
befinden. Dieser Theil seines Betragens ist vorzglich wrdig, beachtet
und nachgeahmt zu werden: daher ich mich darber etwas verbreiten mu.
Nachdem der Herzog die Romagna unter sich gebracht hatte, so fand er, da
dies Land ohnmchtigen Herren angehrt hatte, die ihre Unterthanen mehr
ausgeplndert als regiert, und mehr Unordnung veranlat, als ffentliche
Ordnung gehandhabt hatten, so da diese Provinzen voll von Straenraub,
Parteigngerei und aller Art von Gewaltttigkeit waren. Er fand also
nthig, sie zu beruhigen und der Obrigkeit unterthan zu machen. Zu diesem
Ende gab er ihr den Remiro d'Orco zum Vorgesetzten, einen entschlossenen
und grausamen Mann. Ihm ertheilte er volle Gewalt. Derselbe erwarb sich
groen Ruhm, indem er das Land in kurzer Zeit zur Ruhe und Sicherheit
brachte. Hierauf aber schien es dem Herzoge, da eine so ausnehmende
Gewalt nicht mehr gut angebracht sei, weil sie verhat werden mchte. Er
ordnete also unter dem Vorsitze eines ganz vorzglichen Mannes mitten im
Lande einen Gerichtshof an, bei welchem jede Stadt ihren Vertreter hatte.
Weil die vorige Strenge aber einigen Ha erzeugt hatte, so suchte er
diesen auszulschen und das Volk vollends dadurch zu gewinnen, da er ihm
bewiese, alle begangenen Grausamkeiten rhrten nicht von ihm her, sondern
von der rauhen Gemthsart seines Stellvertreters. Er ergriff die erste
Veranlassung, ihn eines Tages zu Cesena auf dem ffentlichen Markte in
zwei Stcke zerrissen auszustellen, mit einem Stcke Holz und einem
blutigen Messer zur Seite. Durch diesen grlichen Anblick erhielt das
Volk einige Befriedigung und ward eine Zeit lang in dumpfer Ruhe gehalten.
Aber um wieder auf die Unternehmung des Herzogs zurckzukommen, so fand
sich derselbe mchtig genug und fr den Augenblick gegen alle Gefahren
gesichert, da er nach seiner Weise hinreichende Mannschaft angeworben, und
die Truppen derer, die ihm in der Nhe gefhrlich werden konnten,
vernichtet hatte. Um weitere Eroberungen versuchen zu knnen, blieb nur
die Rcksicht auf Frankreich brig, von woher es schwerlich zugegeben
werden konnte, nachdem der Knig den Fehler, den er begangen, obwol spt,
eingesehen. Er fing also an, sich um neue Freundschaften zu bewerben, und
mit Frankreich ein zweideutiges Betragen anzunehmen, als ein franzsisches
Heer sich nach dem Knigreiche Neapel zu gegen die Spanier zu bewegen
anfing, die Gaeta belagerten. Seine Absicht war, sich dieser letztern zu
versichern, und das wre gelungen, wenn nur Alexander VI. leben blieb. So
viel that er in Rcksicht auf die Gegenwart. In der Zukunft hatte er
vornehmlich zu frchten, da ein nachfolgender Papst ihm weniger gewogen
sein, und das nehmen mchte, was Alexander ihm gegeben hatte. Hiegegen
hatte er vor, sich durch vier Mittel sicher zu stellen. _Erstens_, durch
Vertilgung aller Geschlechter der ihrer Herrschaften beraubten Groen, um
den Ppsten die Veranlassung zu entziehen, etwas gegen ihn vorzunehmen;
_zweitens_ dadurch, da er alle Edelleute von Rom zu gewinnen trachtete,
um mittelst derselben den Papst selbst im Zaume zu halten; _drittens_,
indem er sich im Cardinals-Collegium so viele Freunde als mglich machte;
und endlich _viertens_, indem er sich vor dem Tode des Papstes eine so
groe Herrschaft zu erwerben suchte, da er einem ersten Anfalle mit
eignen Krften hinlnglich widerstehen knne. Von diesen vier Dingen hatte
er beim Tode Alexanders drei ganz und das letzte beinahe vollfhrt. Von
den beraubten Herren hatte er, so viel er erreichen konnte, tdten lassen,
und sehr wenige waren entkommen, die rmischen Edelleute hatte er
gewonnen, im Cardinals-Collegium hatte er die meisten auf seiner Seite.
Was aber die Eroberungen betrifft, so hatte er es darauf angelegt, Toscana
unter sich zu bringen: Perugia und Piombino aber besa er wirklich, und
Pisa hatte er unter seinen Schutz genommen. Gleich als wenn er auf
Frankreich gar keine Rcksicht mehr zu nehmen htte, (und wirklich konnte
er dessen berhoben sein, nachdem die Spanier den Franzosen das Knigreich
Neapel abgenommen hatten, und nunmehro beide Theile sich um seine
Freundschaft bewerben muten) erklrte er sich zum Herrn von Pisa, worauf
Lucca und Siena fallen muten, theils wegen der Eifersucht gegen Florenz,
theils aus Furcht; Florenz selbst hatte keinen Ausweg. Wenn dies gelungen
wre (und es mute in dem nmlichen Jahre gelingen, in welchem Alexander
starb), so erwarb er solchen Namen und solche Krfte, da er fr sich
selbst bestehen konnte, ohne von dem Schicksale oder der Macht eines
Andern abhngig zu sein, sondern ganz allein von eigner Macht und
Tapferkeit. Aber Papst Alexander starb fnf Jahre nachdem er das Schwert
gezogen hatte. Er hinterlie seinen Sohn in folgender Lage. In Romagna
allein festgegrndete Herrschaft; mit allen brigen noch in der Luft, und
zwischen zwei sehr mchtigen feindlichen Heeren; dazu tdtlich krank. Der
Herzog hatte solchen frechen Muth und solche Ueberlegenheit des Gemths,
er wute so gut, wie man Menschen fr sich gewinnt, und die Fundamente
seiner Herrschaft, die er in so kurzer Zeit gelegt hatte, waren so fest
gegrndet, da er alle Schwierigkeiten berwunden htte, wenn er nicht nur
jene beiden feindlichen Heere auf dem Halse gehabt, oder gesund gewesen
wre. Da sein Ansehn gut begrndet war, dafr dient zum Beweise, da man
ihn in Romagna ber einen Monat lang ruhig erwartete; da er in Rom selbst
halb todt sicher war, und da die Baglioni Vitelli und Orsini, die nach
Rom kamen, sich keinen Anhang gegen ihn machen konnten. Er konnte, wo
nicht den neuen Papst machen, doch verhindern, da Keiner Papst werde, den
er nicht wollte. Wre er vollends beim Tode Alexanders gesund gewesen, so
war ihm Alles leicht. Am Tage selbst, da Julius der Zweite auf den
ppstlichen Stuhl erhoben ward, sagte er mir, er htte an Alles gedacht,
was beim Tode seines Vaters vorgehen knne, und Mittel gegen Alles
ausgefunden; nur daran habe er nicht gedacht, da er zu gleicher Zeit nahe
am Tode sein knne. Wenn ich nun alle Handlungen des Herzogs
zusammennehme, so kann ich ihn nicht tadeln. Vielmehr mu ich ihn allen
denen als Muster aufstellen, die durch Glck und fremde Macht zu einer
Herrschaft gelangen. Bei seinem hohen Geiste und dem Ziele, das er sich
vorgesetzt hatte, konnte er nicht anders handeln. Der frhe Tod seines
Vaters und seine eigene tdtliche Krankheit waren es allein, die seine
Plne strten. Wer also in seiner neuen Frstenwrde nthig findet, sich
gegen Feinde sicher zu stellen, Freunde zu erwerben, zu siegen, sei es
durch Gewalt oder durch List, sich beim Volke beliebt und gefrchtet zu
machen, Anhang und Ansehn unter Soldaten zu verschaffen, vertilgen die
beleidigen knnten, oder es nach ihrer Lage mssen, die alte Ordnung der
Dinge auf eigne Weise erneuern, streng und gndig sein, gromthig und
freigebig, untreue Kriegsheere auflsen, neue anwerben, die Freundschaft
von Knigen und Frsten erlangen, so da sie sich gern gefllig beweisen,
und hten zu beleidigen, der wird kein lebendigeres Beispiel finden, als
die Handlungen dieses Mannes. Der einzige Vorwurf, den man ihm machen
kann, ist der Theil, den er an der Wahl Papst Julius des Zweiten nahm.
Denn, wenn er gleich, wie oben gesagt ist, keinen Papst nach seinem eignen
Sinne machen konnte, so vermochte er doch zu verhindern, und durfte nie
einwilligen, da einer von den Cardinlen erhoben wrde, die ihn beleidigt
hatten, oder die ihn, sobald sie den ppstlichen Stuhl bestiegen hatten,
frchten muten. Denn die Menschen befeinden, entweder aus Ha oder aus
Furcht. Diejenigen, die ihn beleidigt hatten, waren unter Andern der
Cardinal von San Pietro ad Vincula, Colonna, San Giorgia, Ascania. Alle
andern aber muten ihn frchten, sobald sie Papst wurden: nur allein den
von Rouen und die spanischen ausgenommen. Diese wegen Verwandtschaft und
Verbindlichkeiten; Jener, weil er dazu durch seine Verbindung mit dem
Knige von Frankreich zu mchtig war. Der Herzog mute also vor allen
Dingen darauf dringen, da einer von den spanischen Cardinlen zum Papst
gewhlt wrde. Konnte er das nicht durchsetzen, so mute er seine
Zustimmung dem Cardinal von Rouen geben, und nicht dem von San Pietro ad
Vincula.(13) Denn wer da glaubt, da neue Wohlthaten bei den Groen alte
Beleidigungen vergessen machen, der irrt sich. Der Herzog beging mithin
bei dieser Wahl einen Fehler, welcher Ursache seines eignen Untergangs
geworden ist.




   8. Von Denjenigen, welche durch Verbrechen zur Herrschaft gelangen.


Es gibt noch zwei Wege, aus dem Privatstande zur frstlichen Wrde zu
gelangen, ohne sie weder ganz dem Glcke, noch der eignen Kraft und Tugend
zu verdanken. Ich will sie also hier erwhnen, obgleich von dem einen
ausfhrlicher da gehandelt werden mag, wo von Republiken die Rede ist. Sie
sind folgende. Wenn Jemand auf verbrecherischen und verruchten Wegen zur
Herrschaft gelangt; und wenn der Brger eines Freistaates durch die Gunst
seiner Mitbrger auf den Frstenstuhl erhoben wird. Hier also zuerst von
jenem ersten Wege, von dem ich zwei Beispiele anfhren will; ein altes und
ein neues: ohne jedoch weiter in die Untersuchung darber einzugehen, weil
sie nach meinem Urtheile fr denjenigen hinlnglich klar sind, der sich im
Falle befindet, sie nachahmen zu mssen. Agathokles, der Sicilianer, ward
nicht allein aus dem Stande eines Privatmannes, sondern sogar aus der
niedrigsten und verworfenen Lage Knig von Syracus. Er war der Sohn eines
Goldschmieds, und fhrte durch alle Stufen seines Glcks ein verruchtes
Leben. Daneben besa er aber solche Vorzge des Geistes und des Krpers,
da er vom Soldaten bis zum Prtor von Syracus aufstieg. Hierauf beschlo
er, Frst zu werden und die Macht, die ihm eingerumt war, mit Gewalt an
sich zu halten, ohne dem guten Willen weiter etwas zu verdanken. Er
verabredete sich darber mit dem Amilcar, der mit einem carthagischen
Heere in Sicilien stand; berief eines Morgens den Senat und das Volk von
Syracus zusammen, unter dem Vorwande, da er ber Angelegenheiten des
gemeinen Wesens zu rathschlagen htte; lie aber auf ein gegebenes Zeichen
durch seine Soldaten alle Rathsherrn und die Reichsten vom Volke ermorden.
Nachdem dieses vollbracht war, ergriff er die Herrschaft und hielt sie an
sich, ohne da irgend welche innere Bewegungen im Staate erfolgt wren. Er
ward zwar zweimal von den Carthaginiensern geschlagen und zuletzt
belagert, blieb aber doch nicht allein im Stande, die Stadt zu
vertheidigen, sondern mit einem Theile seiner Macht, wovon er den andern
zurcklie, Afrika selbst anzugreifen, dadurch Syracus in kurzer Zeit zu
befreien und die Carthaginienser in das uerste Gedrnge zu bringen.
Diese wurden genthigt, sich mit ihm zu vergleichen, sich mit Afrika zu
begngen und ihm Sicilien zu lassen. Wer seine Handlungen und seine
Tapferkeit erwgt, wird finden, da hier in der That wenig dem Glcke
beigemessen werden kann: da er, so wie oben gesagt worden, nicht durch
Gunst eines Andern, sondern vielmehr durch ein mit vielem Ungemache und
Gefahren errungenes Aufsteigen im Heere zur frstlichen Wrde gelangte,
und diese mit so groer Entschlossenheit und Dreistigkeit in Gefahren
behauptete. Man kann es nicht Tugend nennen, seine Mitbrger ermorden,
Freunde verrathen, ohne Treu und Glauben sein, ohne menschliches Gefhl,
ohne Religion. So kann man wol zur Herrschaft gelangen, aber keinen Ruhm
erwerben. Wenn man nur die kriegerischen Tugenden erwgt, die Agathokles
bewies, indem er sich in Gefahr begab und sie bestand: den groen Sinn,
womit er das Unglck ertrug und bestand: so ist nicht abzusehen, worin er
eben von den grten Feldherrn so sehr bertroffen werde. Aber seine wilde
Grausamkeit, sein Mangel an menschlichem Gefhle und zahllose Unthaten
erlauben nicht, ihn unter die vorzglichsten Menschen zu zhlen. Man kann
also weder dem Glcke noch seiner Tugend zuschreiben, was er ohne das Eine
und ohne das Andre erlangt hat.(14) Zu unsern Zeiten ist unter der
Regierung Papst Alexander des Sechsten der Oliverotto von Fermo, der vor
gar wenigen Jahren noch ganz klein gewesen war, von einem Oheime
mtterlicher Seite, Namens Giovanni Fogliano, erzogen, und in seinen
ersten Jugendjahren zum Kriegsdienste unter Paul Vitelli angehalten, damit
er durch diese Zucht zu einer angesehenen Kriegsstelle gelangen mchte.
Nach Pauls Tode diente er unter dessen Bruder Vitellozzo, und als ein
Mensch von lebhaftem Verstande, von krperlichen und geistigen Vorzgen,
ward er in kurzer Zeit einer der Ersten in dem Heere. Da es ihm aber zu
niedrig war, unter Andern zu dienen, so versuchte er durch Hilfe einiger
Brger von Fermo, die lieber Knechte sein, als ihr Vaterland frei sehen
mochten, und durch Untersttzung des Vitellozzo die Stadt Fermo unter sich
zu bringen, und schrieb an Giovanni Fogliani, da er nach so vielen Jahren
einmal nach Hause kommen und nach seinem Erbtheile sehen wolle; weil er
aber bis dahin nur nach Ehre gestrebt habe, so wolle er, damit seine
Mitbrger shen, wie er seine Zeit nicht vergeblich verwandt habe, auf
eine anstndige Art und in Begleitung von hundert Reitern, Freunden und
Anhngern, erscheinen. Er bte also, die Einwohner von Fermo mchten
bewogen werden, ihn recht anstndig zu empfangen; was ja ihm, seinem
Oheime selbst, der ihn erzogen, zur Ehre gereichen wrde. Giovanni
versumte nichts gegen seinen Neffen, bereitete ihm einen ehrenvollen
Empfang von den Einwohnern von Fermo und nahm ihn in seinem Hause auf, wo
der Oliverotto nach einigen Tagen, die mit Zubereitungen zu seiner
Schandthat zugebracht wurden, ein Gastmahl gab, zu welchem er den Giovanni
selbst und Alles, was in Fermo angesehen war, einlud. Nachdem die Mahlzeit
und was sonst bei solchen Festen vorzugehen pflegt, beendigt war, fing
Oliverotto absichtlich ernsthafte Gesprche an, redete vom Papst Alexander
und seinem Sohne Csar und deren Unternehmungen. Da Giovanni und Andre
sich hierauf einlieen, stand er pltzlich auf, sagte, dies seien Sachen,
die in einem geheimern Orte abgehandelt werden mten, und zog sich in
eine Kammer zurck, wohin ihm Giovanni und andre Brger folgten. Kaum aber
hatten sie sich gesetzt, so brachen aus verborgenen Orten Soldaten hervor,
die den Giovanni und alle Andern umbrachten. Nach dieser Mordthat stieg
Oliverotto zu Pferde, eilte durch die Stadt und schlo die
Magistratspersonen im Rathhause ein. Diese wurden durch Furcht bewogen
sich ihm zu unterwerfen, und ihn an die Spitze des Staates zu stellen. Da
nun Alle, deren bler Wille ihm schaden konnte, getdtet waren, so
befestigte er seine Herrschaft durch neue Anordnungen, brgerliche und
militrische: so da er whrend des Jahres, da er die Herrschaft behielt,
nicht allein in Fermo sicher, sondern auch allen Nachbarn furchtbar war.
Es wre schwer gewesen, ihn zu berwltigen, eben wie den Agathokles; wenn
er sich nicht mit den Orsini und Vitelli von dem Csar Borgia zu
Sinigaglia (wie oben bereits erwhnt ist) ins Garn htte locken lassen, wo
er zusammt dem Vitellozzo, seinem Lehrmeister in Heldentugenden und
Schandthaten, erdrosselt ward. Man knnte die Frage aufwerfen, wie es
zugehe, da Agathokles und mancher Andre nach so vielen Verrthereien und
Grausamkeiten lange in ihrer Vaterstadt sicher leben und sich gegen
auswrtige Feinde wehren knnen, auch keinen Verschwrungen ihrer
Mitbrger ausgesetzt gewesen: wohingegen Andre wegen ihrer Grausamkeit
sich nicht einmal im Frieden, geschweige denn in den so gefhrlichen
Zeiten des Krieges, auf ihrer Stelle behaupten konnten? Ich glaube, da
dieses von der rechten oder schlechten Anwendung der Grausamkeit herrhrt.
Eine wohl angebrachte Grausamkeit (wenn es anders erlaubt ist, diesen
Ausdruck zu gebrauchen) ist diejenige, welche ein einziges Mal zu eigner
Sicherheit ausgebt, und nchstdem, so viel mglich, zum Vortheile der
Unterthanen benutzt wird. Schlecht angebrachte Grausamkeit ist diejenige,
die klein anfngt und mit der Zeit eher ab- als zunimmt. Diejenigen,
welche den ersten Weg einschlagen, knnen, wenn Gott will, mit Hilfe
andrer Menschen, so wie Agathokles, ihre ble Lage verbessern. Die Andern
knnen sich gar nicht halten. Es ist also wohl zu merken, da derjenige,
welcher sich der Herrschaft in einem Staate bemchtigen will, alle
Grausamkeiten mit Einem Male vollfhren msse, um nicht alle Tage wieder
anzufangen, und da er wohl thue, die Freundschaft der Menschen zu
erwerben, indem er von seiner Macht, ihnen wehe zu thun, keinen Gebrauch
macht. Wer anders handelt, sei es aus Furcht oder aus Mangel an gutem
Rathe, mu das Schwert bestndig in der Hand halten, und kann sich nie auf
seine Unterthanen verlassen, weil diese wegen der unaufhrlich erneuerten
Beleidigungen kein Zutrauen zu ihm fassen knnen. Alle Verletzungen Andrer
mssen auf Einmal geschehen, damit sie weniger berdacht und besprochen,
und weniger tief gefhlt werden. Wohlthaten aber mssen nach und nach
erzeigt werden, damit man sich unaufhrlich damit beschftige. Vor allen
Dingen aber mu ein Frst sich einen Plan vorzeichnen, der gut genug
berdacht ist, damit er sich weder durch gnstige noch schlimme Zuflle
bewegen zu lassen brauche, davon abzugehen: denn wenn schlimme Zeiten
eintreten, so ist es nicht der Augenblick zu harten Verfgungen, und von
wohlthtigen hat man keinen Dank, weil sie erzwungen scheinen.




                   9. Vom Volke bertragene Herrschaft.


Ich komme zu dem zweiten Falle: wenn nmlich Einer aus dem Volke nicht
durch Verbrechen und Schandthaten, sondern durch die Gunst seiner
Mitbrger Frst in seinem Vaterlande wird. Dieses Frstentum von ganz
eigner Art knnte man allenfalls ein brgerliches nennen. Es wird nicht
blos durch Talente oder Glck, sondern vielmehr nur durch eine glckliche
und schlaue Geschicklichkeit erworben. Man gelangt dazu mittelst einer
Begnstigung, entweder des Volks, oder der Groen in ihm. Denn in jedem
Staate gibt es zwei verschiedene Gemthsbewegungen, die daher rhren, da
das Volk die Herrschaft und Unterdrckung des Groen nicht ertragen mag,
die Groen aber das Volk zu beherrschen und zu unterdrcken trachten. Aus
dem Streite dieser verschiedenen Bestrebungen entsteht entweder eine
Alleinherrschaft, oder die Freiheit, oder unbndige Gesetzlosigkeit. Die
Herrschaft wird entweder vom Volke oder von den Groen herbeigefhrt,
nachdem der eine oder andre Theil dazu Veranlassung erhlt. Denn wenn die
Groen sehen, da sie dem Volke nicht widerstehen knnen, so suchen sie
Einem unter sich einen groen Namen zu machen und erheben ihn zum Frsten,
um unter dem Schutze seines Ansehns ihre eignen Begierden zu befriedigen.
Ebenfalls das Volk macht, wenn es sieht, da es den Groen nicht
widerstehen kann, einen vorzglich Angesehenen zum Frsten, um von ihm
geschtzt zu werden. Wer durch Hilfe der Groen Frst wird, erhlt sich
schwerer als der, den das Volk dazu gemacht hat. Denn er findet sich
umgeben von Vielen, die sich ihm gleich dnken, und die er nicht nach
seinem Sinne zu behandeln und ihnen zu befehlen vermag. Aber derjenige,
welcher durch die Gunst des Volks Frst wird, steht ganz allein so hoch,
und ist mit wenigen Ausnahmen von lauter Leuten umgeben, die ihm zu
gehorchen bereit sind. Auerdem kann er auch die Groen nicht befriedigen,
ohne Andre zu beleidigen; wohl aber das Volk: denn die Wnsche desselben
sind viel billiger, als die Wnsche der Groen. Diese wollen unterdrcken:
jenes aber ist zufrieden, wenn es nur nicht unterdrckt wird. Hierzu kommt
noch, da der Frst sich eines feindselig gesinnten Volkes gar nicht
versichern kann, weil dessen zu viele sind: wohl aber deren, die nur
wenige sind. Das Schlimmste, was derjenige zu frchten hat, dem das Volk
abgeneigt ist, besteht darin, von ihm verlassen zu werden: aber wem die
Groen feind sind, der luft Gefahr, da sie ihn nicht allein verlassen,
sondern selbst gegen ihn aufstehen: weil sie mehr Einsicht und mehr
Schlauheit haben, zum Voraus auf ihre Sicherheit denken, und sich bei
demjenigen beliebt zu machen suchen, von dem sie glauben, er werde den
Sieg davontragen. Der Frst ist auerdem genthigt, bestndig mit dem
nmlichen Volke verbunden zu bleiben; er kann hingegen ohne die Groen
fertig werden, weil er darunter nach Gefallen erheben und erniedrigen,
Ansehn geben und nehmen mag. Um dieses noch in helleres Licht zu setzen,
sage ich, da es zwei Arten gibt, die Groen zu behandeln. Sie betragen
sich nmlich also, da sie sich entweder ganz an dich hngen oder nicht.
Diejenigen, welche sich dir verpflichten und nicht habschtig sind, mssen
in Ehren gehalten werden und verdienen groe Zuneigung. Diejenigen
hingegen, welche sich dir nicht verpflichten wollen, mssen wieder auf
zwei verschiedene Arten betrachtet werden. Entweder sie thun dies aus
Feigheit und natrlichem Mangel des Muthes. Solcher mu man sich bedienen:
absonderlich wenn sie Verstand haben; denn so lange es gut geht, wird man
von ihnen geehrt, und im Unglcke hat man sie nicht zu frchten. Wenn sie
sich aber aus ehrgeizigen Absichten nicht verpflichten wollen, beweisen
sie damit, da sie mehr an sich selbst, als an dich denken. Vor diesen mu
sich der Frst hten, und sie als heimliche Feinde behandeln, denn sie
sind wirklich immer bereit, im Unglcke zuzutreten und ihn mit zu strzen.
Wer durch das Volk Frst wird, mu das Volk zum Freunde zu behalten
suchen. Dies ist leicht, da es zufrieden ist, wenn es nur nicht gedrckt
wird. Wer aber gegen den Willen des Volks durch den Beistand der Groen
Frst wird, mu vor allen Dingen suchen das Volk zu gewinnen, was ja sehr
leicht ist, wenn er es nur in Schutz nimmt. Und da die Menschen einem
Wohlthter, von dem sie Uebles erwarteten, desto dankbarer werden, so wird
das Volk ihm noch mehr unterthan, als wenn es ihn selbst erhoben htte.
Die Mittel und Wege, wodurch der Frst das Volk gewinnen kann, sind
mannichfaltig, und richten sich ganz nach den Umstnden, weshalb ich sie
ganz bergehe. Ich ziehe indessen den allgemeinen Schlu, da man suchen
msse, das Volk auf seine Seite zu ziehen, weil sonst im Unglck kein
Rettungsmittel ist. Nabis, der Frst der Spartaner, hielt eine Belagerung
von allen Griechen aus und von einem siegreichen rmischen Heere; er
vertheidigte sich und seinen Staat dagegen, und dazu war es hinreichend,
sich einiger weniger Personen zu versichern. Wre das Volk ihm feind
gewesen, so htte jenes nicht hingereicht. Man setze mir auch nicht das
bekannte Sprichwort entgegen, da, wer sich auf das Volk verlt, auf den
Sand bauet. Denn dieses ist nur alsdann wahr, wenn ein Brger etwa die
Hilfe des Volks gegen die angebliche Unterdrckung seiner Feinde oder der
Obrigkeit anruft. In diesem Falle kann er sich gar leicht mit falscher
Hoffnung tuschen, so wie es dem Gracchus zu Rom und zu Florenz dem Georg
Scali(15) ging. Ein Frst aber, der zu befehlen versteht und Herz hat,
darf nur im Unglcke nicht weichen, sondern fahre fort Veranstaltungen zu
treffen, halte dreist auf seine Anordnungen und suche das Volk zu beleben.
Er wird sich in seiner Erwartung von ihm nicht betrogen finden. Solche
Herrschaften gerathen in Gefahr, wenn sie aus einer eingeschrnkten
Verfassung zur freien Alleinherrschaft aufzusteigen suchen. Denn diese
Frsten fhren ihre Sache selbst oder durch Magistratspersonen. Im
letztern Falle ist ihre Macht unsicher und schwach, weil sie von denen,
welche die obrigkeitlichen Stellen verwalten, gar sehr abhngen. Diese
knnen, absonderlich im Unglcke, leicht das Oberhaupt umwerfen, indem sie
sich ihm widersetzen, oder auch nur den Gehorsam verweigern: der Frst
aber darf in den gefhrlichen Augenblicken nicht daran denken, die
unbeschrnkte Herrschaft an sich zu reien, weil die Brger und
Unterthanen, welche gewohnt sind, den obrigkeitlichen Personen zu
gehorchen, ihm keine Folge leisten, und es ihm schwer wird, Personen zu
finden, denen er trauen kann. Diese Frsten kennen sich gar nicht auf das
verlassen, was sie in ruhigen Zeiten sehen, da die Brger der ffentlichen
Ordnung bedrfen. Alsdann luft Jeder, verspricht Alles und will fr ihn
das Leben lassen, so lange der Tod entfernt ist. In unglcklichen Zeiten
aber, wo der Staat Brger nthig hat, finden sich wenige. Ein solches
Experiment ist desto gefhrlicher, da man es nur ein einziges Mal machen
kann. Ein kluger Frst mu daher auf Mittel denken, zu bewirken, da seine
Unterthanen seine Herrschaft bestndig und zu allen Zeiten und unter allen
Umstnden bedrfen - dann werden sie ihm treu bleiben.




          10. Wie die Krfte der Frstentmer zu schtzen sind.


Bei der Betrachtung der Beschaffenheiten aller dieser Herrschaften kommt
es noch darauf an, ob ein Frst so viel vermag, da er sich selbst im
Falle der Noth vertheidigen kann, oder ob er dazu fremder Hilfe bedarf. Um
dieses deutlicher zu machen, sage ich, da diejenigen ihre Herrschaften
selbst zu behaupten vermgen, welche Menschen oder Geld genug besitzen, um
eine zureichende Armee aufzustellen, und demjenigen, der sie angreift,
eine Schlacht zu liefern. Dahingegen bedrfen diejenigen allezeit fremder
Hilfe, welche nicht gegen den Feind in das Feld rcken knnen, sondern
genthigt sind, sich hinter ihre Mauern zurck zu ziehen, um nur diese zu
vertheidigen. Vom ersten dieser Flle ist bereits oben geredet, und wird
in der Folge noch Mehreres vorkommen. Im zweiten Falle kann man dem
Frsten nichts Anderes rathen, als seine Stadt zu befestigen, und das Land
preiszugeben. Wer seine Stadt wohl befestigt und sich gegen Nachbarn und
eigne Unterthanen so betragen hat, wie hier oben angerathen ist, und ich
ferner anrathen werde, der wird auch nicht leichtsinnig angegriffen
werden, weil Niemand gern Dinge unternimmt, die Schwierigkeiten haben; und
es so leicht nicht ist, den anzugreifen, der wohl befestigt ist, und seine
eignen Unterthanen zu Freunden hat. Die deutschen Stdte haben groe
Freiheiten, wenig Territorium, gehorchen dem Kaiser so viel sie Lust
haben, und frchten weder dieses noch irgend eines andern Benachbarten
Macht, weil sie auf solche Art befestigt sind, da jeder wohl fhlen mu,
wie schwierig und langweilig es ist, sie zu erobern: sie haben nmlich
Wall und Graben, Geschtz in zureichender Menge, Lebensmittel und Holz zur
Feuerung, auf ein Jahr in Vorrath. Auerdem haben sie die Veranstaltung,
das Volk, ohne Nachtheil des Gemeinwesens, auf ein Jahr in dem Gewerbe,
wovon die kleinen Brger leben, beschftigen zu knnen, um ihm seinen
Unterhalt zu verschaffen. Auch halten sie die Kriegs-Uebungen in Ehren,
und haben dazu mancherlei Anordnungen. Der Frst, der eine Festung
besitzt, und bei seinem Volke nicht verhat ist, kann nicht angegriffen
werden: und wrde er es, so mte der Feind mit Schanden abziehen; denn
die Zuflle sind in dieser Welt so mannichfaltig, da es beinahe unmglich
ist, ein ganzes Jahr das Feld zu halten, um ihn zu belagern. Und wenn man
etwa antwortete, da das Volk, welches seine Besitzungen drauen hat und
selbige verheeren sieht, es berdrssig werden und seinen Frsten
verlugnen wird, so antworte ich, da ein mchtiger und entschlossener
Frst diese Schwierigkeiten stets berwinden wird; indem er bei seinen
Unterthanen bald die Hoffnung erregt, es werde nicht lange mehr whren,
bald Furcht vor der Grausamkeit des Feindes einflt, endlich auch sich
auf eine geschickte Art derer versichert, welche ihm zu dreist scheinen.
Auerdem ist der Feind genthigt, damit anzufangen, das Land mit Feuer und
Schwert zu verheeren, whrend die Brger noch guten Muth und Lust zur
Verteidigung haben. Der Frst darf daher um so weniger Anstand nehmen:
denn wenn die Gemther sich abkhlen, so ist der Schade schon geschehen;
es ist vergeblich, darber zu klagen und die Menschen werden sich desto
enger mit dem Frsten vereinigen, fr den sie ihre Habe und Gut
preisgegeben haben, wofr er ihnen Dank schuldig ist. Der menschlichen
Natur ist es gem, sich durch das Gute, was man Andern erzeigt, eben
sowol zu verbinden, als durch das, was man empfngt. Wenn man dieses Alles
erwgt, so wird man finden, da es einem Frsten nicht schwer ist, die
Gemther seiner Unterthanen bei einer Belagerung festzuhalten, wenn er nur
Lebens- und Vertheidigungsmittel genug hat.




                   11. Von geistlichen Frstenthmern.


Es bleibt nur noch brig, von geistlichen Herrschaften zu reden, bei
welchen alle Schwierigkeiten nur vorhanden sind, bis man zum Besitze
gelangt ist: denn sie werden durch ausgezeichnete Kraft oder durch Glck
erworben; aber erhalten, ohne das eine und ohne das andre; denn sie
beruhen auf den alten heiligen Einrichtungen der Religion, welche mchtig
genug sind, ihre Hupter in ihren Stellen zu erhalten, sie mgen sich
auffhren wie sie wollen. Diese allein haben eine hohe Stelle, und
brauchen sie nicht zu vertheidigen; sie haben Unterthanen und regieren sie
nicht; ihre Staaten werden nicht vertheidigt und ihnen doch nicht
genommen. Ihre Unterthanen bekmmern sich nicht darum, da sie nicht
regiert werden, und denken nicht daran, sich ihnen zu entziehen, knnen es
auch nicht. Diese Frsten also sind allein sicher und glcklich. Aber da
dieses von hhern Ursachen abhngt, an die der menschliche Verstand nicht
reicht, so will ich nicht davon reden. Gott schtzt sie: es wre vorwitzig
und dreist, wenn der Mensch darber urtheilen wollte. Wenn mich aber
Jemand befragte, wie es zugegangen, da die Kirche zu solchem weltlichen
Staate gelangt, und da, nachdem bis auf Alexander den Sechsten jeder, ich
sage nicht mchtige italienische Frst, sondern jeder Baron und Freiherr,
sich im Weltlichen nichts daraus machte; gegenwrtig der Knig von
Frankreich davor zittert, und von ihr aus Italien vertrieben ist; Venedig
daneben zu Grunde gerichtet: so will ich darber folgendes obwol schon
genugsam Bekannte, in das Gedchtni zurckrufen. Bevor Karl der Achte
nach Italien kam, war dieses Land unter den Papst, Venedig, den Knig von
Napoli, den Herzog von Mailand und die Florentiner vertheilt. Diese Mchte
hatten ihr Augenmerk auf zwei Dinge zu richten: erstens darauf, da keine
fremde Macht mit den Waffen eindringe; zweitens, da keine unter ihnen
selbst die Oberhand gewnne. Diejenigen, welchen dieses am meisten anlag,
waren der Papst und Venedig. Um den letztern Staat klein zu halten, muten
sich alle brigen vereinigen, so wie sie es auch wirklich thaten, um
Ferrara zu verteidigen. Den Papst zurckzuhalten, bediente man sich der
rmischen Barone, welche in zwei Factionen getheilt waren, die Orsini und
die Colonna. Unaufhrliche Uneinigkeiten unter diesen veranlaten sie
stets, unter den Augen des Papstes in den Waffen zu sein, und dieses hielt
den heiligen Stuhl klein und schwach. Und wenn gleich dann und wann ein
Mann von Geist den ppstlichen Stuhl bestieg, so wie Sixtus (der Vierte),
so konnte doch weder Glck noch Verstand von diesen Verhltnissen
befreien. Die Krze ihrer Regierung war eine Ursache. Denn in zehn Jahren
(so lange dauerte eine ppstliche Regierung im Durchschnitte) konnte kaum
eine der beiden Parteien herunter gebracht werden: und wenn zum Beispiel
der Eine die Colonna und ihre Anhnger gedemthigt hatte, so folgte Einer,
der den Orsini feind war, und hob jene, die in der kurzen Zeit nicht ganz
vertilgt sein konnten, wieder empor. Daher kam es, da die weltliche Macht
des Papstes in Italien so wenig geachtet ward. Es stand inzwischen
Alexander der Sechste auf und bewies besser, als irgend ein Andrer jemals
gethan hat, wie viel ein Papst mit Geld und mit seinen Krften ausrichten
kann. Er bewerkstelligte mittelst seines Sohnes, des Herzogs von
Valentinois, und bei Gelegenheit des Einmarsches franzsischer Heere,
alles das, was ich oben, als ich von der Handlungsweise des Herzogs
sprach, auseinandergesetzt habe. Seine Absicht ging nicht dahin, den
heiligen Stuhl gro zu machen, sondern nur sich selbst. Durch die Wendung,
die die Sache nahm, gewann aber der Stuhl, welcher nach seinem Tode die
Frchte aller Arbeiten des Herzogs erbte. Auf ihn folgte Julius der
Zweite, welcher den Stuhl schon gro und mchtig fand, da er die Romagna
besa, und daneben alle rmischen Barone durch Alexanders Bemhungen
zerschlagen waren. Daneben besa er Mittel, Geld zusammen zu bringen, die
man vor Alexander nicht gekannt hatte. Julius trat in dessen Futapfen,
suchte Bologna zu erwerben, Venedig herunter zu bringen und die Franzosen
aus Italien zu vertreiben. Dieses gelang ihm Alles zusammen, und gereicht
ihm zu so viel grerer Ehre, da er es nicht zu eignem Privatvortheile,
sondern zu Gunsten des Stuhles unternahm. Die Parteien Colonna und Orsini
erhielt er in dem Zustande, worin er sie fand. Obwol einige Ursache zu
Uneinigkeiten zwischen ihnen vorhanden war, muten sie doch ruhig bleiben:
erstens, weil ihnen die Gre des ppstlichen Stuhls imponirte, und
zweitens, weil sie beide keine Cardinle unter sich hatten, von denen
immer alle Unruhen herrhren. So oft Cardinle aus diesen Husern sind, so
knnen diese nicht ruhig sein, weil jene in und auer Rom die Parteiungen
unterhalten, und die Barone genthigt sind, sie zu vertheidigen. Aus dem
Ehrgeize solcher Prlaten entstehen mithin die Zwistigkeiten und Aufruhr
unter den Baronen. Es hat also Papst Leo den heiligen Stuhl schon gro und
mchtig gefunden, und so wie seine obgedachten Vorfahren ihn durch die
Waffen gehoben haben, so ist zu hoffen, da er ihm durch seine groen
persnlichen Eigenschaften und seine Milde Ansehen verschaffen werde.




               12. Von den verschiedenen Arten der Truppen.


Nachdem ich die verschiedenen Beschaffenheiten der Herrschaften erwogen,
von denen ich mir vornahm zu reden, und die Ursachen angezeigt, aus denen
es ihnen wohl oder bel ergeht, nebst den Mitteln, womit man versucht hat,
sie zu erwerben und zu erhalten, so bleibt mir noch brig, im Allgemeinen
die Arten des Angriffs und der Vertheidigung durchzugehen, welche dabei
vorkommen knnen. Wir haben bereits erwhnt, da eine Herrschaft auf guten
Grnden beruhen msse, wenn sie nicht zusammenstrzen soll. Die
hauptschlichste Sttze aller Staaten, der neuen wie der alten und der
vermischten, sind gute Gesetze und tchtige Kriegsmacht. Gute Gesetze
knnen nicht bestehen ohne eine gute Kriegsmacht. Diese aber setzt gute
Gesetze voraus. Ich lasse also die Gesetzgebung liegen und rede von der
Bewaffnung; ich sage, da die Kriegsmacht, womit ein Frst seinen Staat
vertheidigt, entweder aus eigner oder gemieteter Mannschaft oder aus
Hilfstruppen besteht, oder aus diesen allen zusammen. Gemiethete
Mannschaft und Hilfstruppen sind unntz und gefhrlich. Wer seine
Herrschaft durch Miethlinge zu schtzen denkt, steht nicht fest, und kann
nie sicher sein, weil diese unter sich uneins, unbndig, ohne Disciplin,
untreu, bermthig gegen ihre Freunde, feig gegen die Feinde sind, Gott
nicht frchten und treulos gegen die Menschen handeln. Der Untergang ist
also nur bis dahin verschoben, wo der Angriff erfolgt. Im Frieden wird man
von ihnen selbst beraubt; im Kriege vom Feinde. Die Ursache hiervon ist,
da sie nicht aus Zuneigung und aus keiner andern Ursache im Felde
erhalten werden, als um eines geringen Soldes willen, deswegen sie ihr
Leben nicht preisgeben werden. So lange kein Krieg zu fhren ist, wollen
sie wol Soldaten sein: so wie aber der Feldzug erffnet wird, laufen sie
davon oder gehen nach Hause. Es sollte wol ohne viele Mhe einleuchten,
da dies sich also verhlt; da Italien aus keiner andern Ursache zu Grunde
gegangen ist, als weil man sich so viele Jahre lang auf Miethstruppen
verlassen hat, welche dann und wann einige Vortheile bereinander
erhielten und ganz tapfer schienen; sobald aber fremde Heere kamen, zeigte
es sich, wie sie beschaffen waren. Daher konnte Karl der Achte Italien so
geschwind berziehen. Wer behauptete, dies geschehe um unsrer Snden
willen, hatte ganz Recht: aber nicht um derjenigen willen, die darunter
verstanden wurden, sondern wegen derer, die ich angegeben habe. Die
Frsten hatten die Fehler begangen und muten dafr leiden. Ich will die
unglcklichen Folgen solcher Vertheidigungsanstalten noch besser beweisen.
Die gedungenen Feldherren sind entweder vorzgliche Kriegshelden oder
nicht. Im ersten Falle kann man sich auf sie nicht verlassen, weil sie
nach eigner Gre streben, und deshalb darauf denken, entweder denjenigen
selbst, der sie gedungen hat, oder Andre gegen den Willen desselben zu
unterdrcken. Ist der Feldhauptmann kein rechter Krieger, so geht
derjenige gemeiniglich zu Grunde, der ihn gedungen hat. Will man hierauf
antworten, da es einerlei sei, ob derjenige, der die Kriegsmacht anfhrt,
gedungen ist oder nicht, da er in einem Falle handeln werde, wie im
andern, so erwidre ich, da ein jeder Frst selbst ins Feld gehen und sein
eigner General sein msse; Republiken aber Einen ihrer Mitbrger an die
Spitze des Heeres stellen mssen, denselben zurckrufen, wenn er sich
nicht hinlnglich geschickt beweiset, und wenn er der Sache gewachsen ist,
ihn im Zaume der Gesetze halten. Die Erfahrung beweist es, da Frsten und
Republiken durch eigne Truppen allein Fortschritte machen, und da
Sldnerheere nur Unglck anrichten. Eine Republik, welche sich mit eignen
Waffen vertheidigt, wird nicht so leicht von einem ihrer Mitbrger
unterjocht, als wenn sie ein gedungenes Heer hlt. Rom und Sparta sind
viele Jahrhunderte lang bewaffnet und frei gewesen. Die Schweizer sind
hchst kriegerisch und frei. Von Miethstruppen aber gibt Carthago ein
Beispiel, welches nach dem ersten Kriege mit den Rmern von ihnen
unterdrckt ward, obgleich die Carthaginienser eigne Brger zu Generalen
bestellt hatten. Philipp von Macedonien ward von den Thebanern nach dem
Tode des Epaminondas zum Feldherrn erwhlt und nahm ihnen dafr die
Freiheit, sobald er einen Sieg erfochten hatte. Die Mailnder besoldeten
nach dem Tode des Herzogs Filippo (Visconti) den Franz Sforza, um gegen
die Venezianer Krieg zu fhren. Sobald derselbe sie aber bei Caravaggio
berwunden hatte, verband er sich mit ihnen gegen seine Dienstherren, die
Mailnder. Sein Vater Sforza war im Dienste der Knigin Johanna von
Neapel, und lie diese mit einem Male ganz ohne Vertheidigungsmittel, so
da sie sich dem Knige von Arragonien in die Arme werfen mute, um ihr
Reich nicht zu verlieren. Wenn Venedig und Florenz sich durch solche
Waffen vergrert haben, und die Anfhrer derselben sich nicht zu Herren
haben aufwerfen knnen, so antworte ich auf diesen Einwurf, da Florenz
viel Glck gehabt hat, indem von den tapfern Generalen, die ihm furchtbar
wurden, einige im Kriege nicht glcklich gewesen sind, andre Widerstand
von andrer Seite her gefunden, endlich noch andre ihre ehrgeizigen
Absichten auf andre Orte gerichtet haben; z. B. hat Giovanni Acuto(16)
nicht gesiegt; daher nicht offenbar geworden, wie weit ihm zu trauen
gewesen wre, wenn er gesiegt htte. Jeder aber mu eingestehen, da er in
diesem Falle mit Florenz machen konnte, was er wollte. Franz Sforza hatte
bestndig den Braccio und seine Leute sich gegenber: einer hielt den
andern zurck. Francesco richtete seine Absichten auf die Lombardei,
Braccio auf den Kirchenstaat und Neapel. Wir wollen die neusten Zeiten
betrachten. Die Florentiner haben den Paolo Vitelli zu ihrem Feldherrn
erwhlt: einen tapfern Mann, der im Privatstande den grten Ruhm
erworben. Wenn derselbe Pisa erobert htte, so ist gar nicht zu lugnen,
da er mit Florenz schalten konnte, wie er wollte; denn wenn er zu ihren
Feinden berging, konnten sie nichts machen: und wenn er es mit ihnen
ferner hielt, so muten sie ihm gehorchen. Betrachtet man die Fortschritte
der Venezianer, so wird man finden, da diese sicher und glcklich waren,
so lange sie sich dazu ihrer eignen Krfte bedienten: das ist, bis sie
ihre Unternehmungen auf dem festen Lande anfingen; denn bis dahin hatten
sie tapfer mittelst ihres eignen Adels und Volkes Krieg gefhrt. So wie
sie aber anfingen auf dem festen Lande Krieg zu fhren, machten sie es wie
die brigen Italiener. Im Anfange ihrer Eroberungen brauchten sie ihre
Generale nicht sonderlich zu frchten, weil ihr Staat noch nicht sehr gro
war, und sie dafr desto greres Ansehen genossen. Als sie aber
ansehnliche Fortschritte zu machen anfingen, welches unter dem Carmignuola
geschah, merkten sie, da sie auf falschem Wege waren. Sie sahen, wie
gefhrlich seine Tapferkeit ihnen zu werden drohte, und sobald sie unter
seiner Anfhrung den Herzog von Mailand geschlagen hatten und sahen, da
er nunmehr erkaltete, sie also keine weiteren Vortheile durch ihn zu
hoffen htten, ihn aber nicht entlassen konnten noch wollten, um das
Erlangte nicht zu verlieren, so sahen sie sich genthigt, ihn zu ihrer
eignen Sicherheit ums Leben bringen zu lassen. Sie haben hierauf den
Bartolomeo von Bergamo, Ruberto von San Severino, den Grafen von
Pitigliano und andre Generale gedungen, bei denen sie nur zu frchten
hatten, da sie geschlagen wrden, aber nichts von ihren Fortschritten
besorgen durften: so wie es denn auch zu Vaila ging, wo sie in einer
Schlacht Alles verloren, was sie in achthundert Jahren mit so vieler Mhe
errungen hatten. Denn solches Kriegssystem bringt langsame und geringe
Fortschritte, und pltzlichen erstaunlichen Verlust mit sich. Da ich auf
diese italienischen Beispiele gekommen bin, in welchem Lande Alles seit
vielen Jahren mittelst gedungener Krieger ausgerichtet wird, so will ich
darin noch etwas hher hinauf gehen, um den Ursprung und die Fortschritte
des Uebels zu zeigen, damit man ihm desto besser begegnen mge. Da in den
neuern Zeiten das kaiserliche Ansehn in Italien fiel, und das weltliche
Ansehn des Papstes dagegen zunahm, war dieses Land in verschiedene Staaten
zertheilt. Mehrere der groen Stdte ergriffen die Waffen gegen die
Herren, welche sie unter Begnstigung des Kaisers in der Unterdrckung
hielten; der ppstliche Stuhl aber untersttzte jene, um sich weltliches
Ansehn zu verschaffen. In manchen andern erhoben sich Brger zur
frstlichen Wrde. Italien gerieth mithin gewissermaen in die Hnde des
heiligen Stuhls und einiger Republiken: Beide aber, Priester und Brger,
waren nicht an die Waffen gewhnt, und fingen an Truppen zu miethen. Der
Erste, der eine solche Miliz zu Ehren brachte, war Alberigo da Como
Romagnuolo. Aus seiner Schule gingen unter Andern Braccio und Sforza
hervor, die zu ihrer Zeit ber Italien walteten. Auf sie folgten alle
Andern, die bis zu unsern Zeiten die italienischen Heere befehligt haben.
Das Ende ihrer Heldenthaten aber ist gewesen, da Italien von Karl dem
Achten berrannt, von Ludwig dem Zwlften ausgeplndert, von Ferdinand von
Arragonien bezwungen und von den Schweizern geschndet worden. Jene
Anfhrer von Miethstruppen fingen damit an, das Fuvolk um seine Ehre zu
bringen, um selbst zu grerem Ansehn zu gelangen. Dieses thaten sie, weil
sie selbst ohne Lnder und auf persnliche Mittel beschrnkt, mittelst
weniger Fuvlker kein groes Ansehn erhalten, zahlreiche aber nicht
ernhren konnten. Sie beschrnkten sich also auf Reiterei, wo sie denn
mittelst einer geringern Zahl Unterhalt und Ehre zu gewinnen vermochten.
Die Sache war dahin gekommen, da in einem Heere von 20,000 Mann kaum 2000
Mann zu Fu waren. Auerdem wandten sie Alles an, um sich und ihren Leuten
Mhseligkeiten und Gefahr zu ersparen, indem sie in den Schlachten
einander nicht tdteten, sondern ohne Verwundung gefangen nahmen. Sie
machten des Nachts keine Angriffe auf die Festungen, keine Ausflle aus
denselben, sie befestigten ihre Lager nicht und hielten das Feld nicht im
Winter. Alles das war ihrer Kriegsordnung gem, und wie ich schon gesagt
habe, ausgedacht, um Mhseligkeit und Gefahr abzuwenden. Italien ist
darber aber vllig in Sklaverei und Schande gerathen.




                          13. Von Hilfstruppen.


Die zweite Art unntzer Kriegsmacht sind die Hilfstruppen: nmlich, wenn
ein Mchtigerer angerufen wird, dich mit seinen Waffen zu untersttzen und
zu vertheidigen, so wie neuerlich Papst Julius, nach der traurigen
Erfahrung mit gedungener Mannschaft, die er bei Ferrara gemacht hatte, den
Knig Ferdinand von Arragonien anrief, da er ihm mit seiner Armee zu
Hilfe kommen mchte. Ein solches Heer kann wol fr denjenigen, dem es
angehrt, etwas Ntzliches ausrichten; aber dem, der es herbeiruft, ist es
allemal nachtheilig: denn wird es geschlagen, so bist du berwunden; und
siegt es, so bist du selbst ihr Gefangener. Die alte Geschichte ist auch
von solchen Beispielen voll: ich will aber bei dem vom Papst Julius stehen
bleiben, welches noch ganz neu ist. Dieser htte keinen schlechtern
Entschlu fassen knnen, als sich einem Fremden in die Arme zu werfen, um
Ferrara zu erlangen. Zu seinem Glcke kam ein Drittes dazwischen, so da
ihn die Folgen dieses Fehlers nicht trafen. Da nmlich seine Verbndeten
bei Ravenna geschlagen wurden, und die Schweizer aufstanden, welche gegen
alle Erwartung die Sieger vertrieben, so fiel er weder in die Hnde seiner
Feinde, die eben geschlagen waren, noch seiner Freunde, weil Andere als
sie den Sieg davongetragen hatten. Die Florentiner hatten selbst gar keine
Armee, und fhrten zehntausend Franzosen vor Pisa, um es zu erobern:
woraus fr sie selbst grere Gefahr entstand, als worin sie sich jemals
befunden hatten. Der Kaiser von Konstantinopel sandte zehntausend Trken
nach Griechenland, um es gegen seine Nachbarn zu schtzen. Nach beendigtem
Kriege weigerten sie sich aber, es zu verlassen, und dies war der Anfang
der Unterjochung von Griechenland durch die Unglubigen. Wer sich selbst
in die Lage setzen will, auf keine Weise den Sieg davontragen zu knnen,
der bediene sich solcher Hilfstruppen. Mit ihnen ist der Untergang zum
Voraus ganz zubereitet, denn sie sind unter einander einig, und im
Gehorsame eines Andern. Gedungene Mannschaft hat doch, wenn sie schon
gesiegt hat, noch etwas Zeit nthig, und es mssen besondere Gelegenheiten
entstehen: weil sie nicht ein eignes Corps ausmacht, von dir
zusammengebracht und bezahlt ist, ein Dritter aber, den du ihnen zum
Oberhaupte gibst, nicht augenblicklich so viel Ansehn erhlt, dir schaden
zu knnen. Kurz, das Gefhrlichste ist bei Miethstruppen ihre Feigheit;
bei Hilfstruppen ihre Tapferkeit. Jeder nur etwas kluge Frst hat immer
vermieden, sich solcher Mannschaft zu bedienen, und hat lieber mit eigner
berwunden werden, als mit fremder siegen wollen; da er den Sieg, den er
durch fremde errungen, nicht fr wahren Gewinn halten konnte. Ich trage
kein Bedenken, den Csar Borgia und seine Handlungen zum Beispiele
anzufhren. Dieser Heerfhrer fiel mit franzsischen Soldaten in Romagna
ein und eroberte mit ihnen Imola und Furli. Weil er diese Armee aber nicht
sicher achtete, so wandte er sich zu Miethstruppen, die er fr weniger
gefhrlich hielt, und nahm die Orsini und Vitelli in Sold. Da er auch
diese bei der weitern Verhandlung unsicher, untreu und gefhrlich fand, so
lste er sie ebenfalls auf und wandte sich zu eignen Leuten. Den
Unterschied zwischen beiden Arten der Kriegsmacht kann man leicht
einsehen, wenn man nur mit einander vergleicht, wie der Herzog angesehen
ward, so lange er die Orsini und Vitelli hatte, und wie viel er gewann,
sobald er mit eigner Mannschaft dastand. Zu groer Achtung gelangte er
erst, als Jedermann sah, da er vllig Herr ber sein ganzes Heer war. Ich
verlasse die neue italienische Geschichte ungern: doch kann ich nicht
umhin, den Hiero von Syracus zu nennen, dessen ich schon oben gedacht
habe. Die Syracusaner hatten ihn, wie ich bereits erwhnt, zu ihrem
Heerfhrer erwhlt. Er sah sogleich ein, da ihm die Miethstruppen nichts
ntzen konnten, weil sie gleich wie unsre italienischen von eignen
Anfhrern gedungen waren; da er sie nun weder behalten noch gehen lassen
durfte, so lie er sie insgesammt in Stcke hauen und fhrte darauf den
Krieg blos mit eigner Mannschaft, ohne fremde Hilfe. Noch will ich an eine
Begebenheit aus dem alten Testamente erinnern, die hier recht passend ist.
Da sich David dem Saul anbot, den Philister Goliath auf seine Ausforderung
zu bekmpfen, so gab ihm Saul seine Waffen, um ihm Muth zu machen. So wie
David sie aber angethan hatte, so weigerte er sich und sagte, damit knne
er sich auf sich selbst nicht verlassen, er wolle mit seinen eigenen
Waffen kmpfen, und griff zu Schleuder und Messer. Kurz, fremde Waffen
fallen ab, oder erdrcken durch ihre Last, oder erdrosseln dich selbst.
Karl der Siebente, Vater Ludwig des Elften, erkannte, nachdem er
Frankreich von den Englndern befreit hatte, die Nothwendigkeit eigner
Waffen, und errichtete in seinem Lande die Gensd'armes und das Fuvolk.
Sein Sohn Ludwig fing darauf an, das Fuvolk zu entlassen und statt dessen
Schweizer zu besolden. Dieser Fehler nebst einigen andern, die bald
nachfolgten, ward Ursache der groen Gefahr, in welche sein Reich gerieth.
Denn er verschaffte dadurch den Schweizern groen Ruf, und machte seine
eigne Macht verchtlich, da er das Fuvolk auflste und die Gensd'armes
daran gewhnte, gemeinschaftlich mit Schweizern zu fechten, so da sie
ohne diese nichts mehr auszurichten vermochten. Daher kommt es, da
Franzosen gegen Schweizer nichts vermgen, und ohne Schweizer gegen Andre
ebenfalls nichts ausrichten knnen. Die franzsischen Heere sind also
vermischt, halb gedungene, halb eigne Mannschaft. Das Alles zusammen ist
viel besser, als blos gedungene, oder bloe Hilfstruppen: aber doch viel
schlechter, als blos eigne. Das angefhrte Beispiel ist hinreichend, denn
das franzsische Reich wrde unberwindlich sein, wenn Karls Ordnung
aufrecht erhalten und weiter ausgedehnt wre: aber so machen es die
Menschen. Sie fangen ohne viele Ueberlegung eine Sache an, die einigen
guten Anschein hat, und achten nicht auf das verborgene Gift, so wie ich
oben von der Schwindsucht gesagt habe. Der Frst, der das Uebel erst
alsdann erkennt, wenn es schon da ist, kann nicht fr weise gehalten
werden, was ja Wenigen gegeben ist. Wenn man dem Untergange des rmischen
Reiches nachsprt, so findet man den Anfang in der Maregel, die Gothen zu
besolden; denn damit lie die Strke des rmischen Reiches nach, und alle
Krfte, die dieses verlor, gingen auf jene ber. Ich schliee also, da
keine Herrschaft fest steht ohne eigne Waffen; denn wer keine Kraft hat,
die ihn bei widrigen Schicksalen schtzt, hngt blos vom Glcke ab. Es ist
immer die Meinung weiser Mnner gewesen, da nichts so schwach und
unbestndig sei, als der Ruf groer Macht, der nicht auf eignen Krften
beruht. Eigne Waffen aber sind solche, die von Unterthanen oder Brgern
gefhrt werden, auch selbstgeschaffene Heere. Alles Andere sind gedungene
oder Hilfstruppen. Die beste Art, eigne Mannschaft anzuordnen, ist leicht
auszufinden, wenn die oben von mir angegebenen Anordnungen erwogen werden,
und wenn man erwgt, wie Philipp, Alexanders des Groen Vater, und viele
andere Frsten und Republiken es gemacht haben.




           14. Was der Frst im Kriegswesen zu beobachten hat.


Ein Frst soll also nichts Anderes zu seinem Augenmerk nehmen, auf nichts
Anderes denken, und zu seiner eignen Beschftigung erwhlen, als das
Kriegswesen und die Einrichtung desselben; denn dies ist die einzige eigne
Sache dessen, der befehlen will, und vermag so viel, da sie nicht allein
geborne Frsten erhlt, sondern auch manche Privatpersonen zur Herrschaft
erhebt. Und im Gegentheil haben manche Frsten die Herrschaft verloren,
sobald sie die Wollste dem Kriegshandwerke vorzogen. Die erste Ursache,
die Herrschaft zu verlieren, ist es, wenn man den Krieg verachtet: das
Mittel, sie zu erwerben, ist die Erfahrenheit in der Kriegskunst.
Francesco Sforza ward durch seine Geschicklichkeit in derselben Herzog von
Mailand; seine Shne fielen durch ihre Abneigung gegen die Mhseligkeiten
des Kriegs von der herzoglichen Wrde wieder zurck in den Privatstand.
Unter andern Uebeln, die die Abneigung gegen den Krieg mit sich fhrt, ist
dies, da sie Verachtung erregt: und dieses ist etwas, wofr sich der
Frst am allermeisten hten mu, wie weiter unten mit Mehrerem gezeigt
werden wird. Denn zwischen einem Bewaffneten und einem Unbewaffneten ist
gar kein Verhltni. Es ist unvernnftig zu erwarten, da der Bewaffnete
dem Unbewaffneten gehorchen werde, und da der Unbewaffnete unter seinen
bewaffneten Dienern sicher sein solle. Auf einer Seite Verachtung, auf der
andern Argwohn: das kann zusammen unmglich gut gehen. Ein Frst, der den
Krieg nicht versteht, ist auer andern Uebeln, wie gesagt, auch noch
diesem unterworfen, da er auf die Achtung seiner Leute keinen Anspruch
machen und ihnen nicht trauen kann. Er darf daher dieses Kriegshandwerk
niemals vernachlssigen, und mu es im Frieden noch mehr ben, als im
Kriege selbst; welches auf zweierlei Art geschehen kann: durch Thtigkeit
und durch Nachdenken. Was das Erste betrifft, so mu er seine Mannschaft
immer in guter Ordnung und in Uebung halten; selbst aber seinen Krper
durch die Jagd abhrten, welche ihm auerdem Gelegenheit gibt, die
verschiedene Beschaffenheit der Gegenden zu beobachten: zu lernen, wie die
Berge sich erheben und die Ebenen laufen, wie Flsse und Seen beschaffen
sind, und dies Alles auf das Genaueste zu bemerken. Diese Kenntni hat
zweierlei Nutzen. Erstens lernt er sein eignes Land besser kennen, und die
Mittel es zu vertheidigen. Zweitens erlangt er durch diese praktische
Kenntni die Fertigkeit, unbekannte Gegenden zu erforschen, an denen ihm
gelegen ist; denn die Hgel, Berge, Thler, Flsse und Seen, z. B. in
Toscana, haben einige Aehnlichkeiten mit denen in andern Lndern, so da
man durch die Bekanntschaft mit jenen auch diese leichter kennen lernt.
Der Frst, dem diese Geschicklichkeit fehlt, ermangelt eines
Haupterfordernisses des Feldherrn; denn hierdurch lernt man den Feind
aufsuchen, Lager auswhlen, Armeen fhren, Schlachten anordnen und mit
Vortheil Belagerungen anfangen. Unter andern Lobsprchen, welche die
Schriftsteller dem achischen Feldherrn Philopmen ertheilen, ist auch
dieser begriffen, da er im Frieden immer an den Krieg dachte, und wenn er
sich mit seinen Freunden im freien Felde befand, oft mit ihnen
Betrachtungen darber anstellte, wer im Vortheile sein wrde, wenn der
Feind auf jenem Hgel stnde, und wir hier mit unserm Heere wren? Wie er
alsdann mit Beibehaltung der Schlachtordnung sicher anzugreifen sei? Was
mte geschehen, wenn wir uns zurckziehen wollten? Was htten wir zu
thun, um ihn zu verfolgen, wenn er sich zurckzge? Auf Spaziergngen
legte er ihnen alle Flle vor, die bei einem Heereszuge vorkommen knnen,
hrte ihre Meinung, sagte ihnen die seinige und untersttzte diese mit
Grnden: so da nach so vielen Betrachtungen fast kein Zufall im Felde
sich ereignen konnte, der nicht zum Voraus erwogen wre. Was die Bildung
des Geistes anlangt, so mu der Frst die Geschichte lesen und die
Handlungen ausgezeichneter Mnner betrachten; erwgen, wie sie sich im
Kriege benommen haben, die Ursachen ihrer Siege und Niederlagen
erforschen, um diese zu vermeiden, jene nachzuahmen; und vor allen Dingen
es so zu machen suchen, wie irgend ein groer Mann, den er sich zum Muster
vorgestellt hat, vor ihm gehandelt; so wie man sagt, da Alexander der
Groe den Achilles, Csar den Alexander, Scipio den Cyrus zum Vorbilde
gewhlt habe. Wer Xenophons Leben des Cyrus gelesen hat, wird im Leben des
Scipio erkennen, wie viel Ruhm diesem die Nachahmung gebracht, und wie
sehr Scipio sich bemht hat, in der Enthaltsamkeit, Leutseligkeit,
Menschlichkeit und Freigebigkeit das zu erreichen, was Xenophon vom Cyrus
meldet. Auf solche Art mu ein weiser Frst die Mue benutzen; nicht aber
im Frieden mig gehen, sondern sich durch Anstrengung einen Schatz
sammeln, den er im Unglcke gebrauchen knne, damit das Glck, wenn es
sich wendet, ihn vorbereitet finde, seinen Schlgen zu widerstehen.




             15. Wodurch die Frsten Lob und Tadel erwerben.


Es erbrigt noch die Untersuchung, wie der Frst sich gegen seine
Untergebenen und gegen seine Freunde benehmen msse. Und da dieses schon
von Manchen abgehandelt worden, so besorge ich, es werde mir zum
Uebermuthe angerechnet werden, da ich ebenfalls von der Sache rede,
insbesondere da ich von meinen Vorgngern abweiche. Da aber meine Absicht
darauf gerichtet ist, etwas fr den, der es versteht, Ntzliches zu
schreiben, so scheint es mir schicklicher, die Wahrheit so darzustellen,
wie sich dieselbe in der Wirklichkeit findet, als den Einbildungen jener
zu folgen: (denn manche Schriftsteller haben Republiken und Frstenthmer
erdacht, dergleichen niemals gesehen worden, oder in der Wahrheit
gegrndet gewesen sind) weil ein so groer Unterschied vorhanden ist unter
dem, was da geschieht, und dem, was geschehen sollte; da derjenige, der
das Erste vernachlssigt und sich nur nach dem Letzten richtet, seinen
Untergang eher als seine Erhaltung bereitet. Jemand, der es darauf anlegt,
in allen Dingen moralisch gut zu handeln, mu unter einem Haufen, der sich
daran nicht kehrt, zu Grunde gehen. Daher mu ein Frst, der sich
behaupten will, sich auch darauf verstehen, nach Gelegenheit schlecht zu
handeln, und dies thun oder lassen, so wie es die Nothwendigkeit
erfordert. Mit Hintansetzung alles dessen, was ber erdichtete Frsten
vorgebracht worden, und um bei der Wahrheit zu bleiben, sage ich, da
allen Menschen, von denen geredet wird, und vorzglich den Frsten, die so
viel hher stehen als andre, gewisse Eigenschaften beigelegt werden, die
mit Lob oder Tadel verbunden sind. Einer gilt fr freigebig, der andere
fr filzig,(17) einer liebt zu geben, der andre zu rauben; einer ist
grausam, der andre mitleidig; einer treulos, der andre zuverlssig; einer
weibisch und feig, der andre muthig und wild; einer menschenfreundlich,
der andre bermthig; einer wollstig, der andre keusch und zchtig; einer
aufrichtig, der andre listig; einer hartherzig, der andre nachgibig; einer
ernsthaft, der andre leichtsinnig; einer religis, der andre unglubig und
so weiter. Ich wei wohl, da Jedermann eingestehen wird, es sei
wnschenswerth die Frsten mchten von allen obbenannten Eigenschaften die
lobenswerten besitzen: da aber die Beschaffenheit der menschlichen Natur
nicht verstattet, dies zu erwarten, und alle jene Vorschriften zu
befolgen, so ist es nothwendig, klug genug zu sein, um den beln Ruf
solcher Laster zu vermeiden, ber welche die Herrschaft verloren gehen
knnte; vor den Fehlern aber, welche solche Folgen nicht haben, mu man
sich zwar hten, wenn es mglich ist; allenfalls aber kann man sich sogar
ohne viele Vorsicht darin gehen lassen. Endlich mu man sich nicht so
ngstlich vor dem bsen Rufe solcher Untugenden hten, ohne welche man
schwerlich die Herrschaft behauptet; denn wenn man die Sachen genau
betrachtet, so gibt es anscheinende Tugenden, bei denen man zu Grunde
geht; und anscheinende Fehler, auf denen die Sicherheit und Fortdauer des
Wohlbefindens beruht.




                 16. Von der Freigebigkeit und dem Geize.


Ich fange mit der ersten unter den obgedachten Eigenschaften an, und
behaupte, da es gut ist, fr freigebig zu gelten. Hingegen wird die
Freigebigkeit, die du so ausbst, da du nicht dafr giltst, schdlich
sein. Denn wird sie nur recht tchtig ausgebt, und wie es recht ist, aber
nicht recht bekannt, so vermeidet man damit nicht einmal den blen Ruf des
Gegentheils. Um den Namen eines Freigebigen unter den Menschen zu
behaupten, mu man alle Art von Aufwand machen. Damit verzehrt ein Frst
Alles, was er hat, und wird zuletzt genthigt, um den Namen des
Freigebigen aufrecht zu halten, seine Unterthanen mit Auslagen zu
beschweren, und alle Wege einzuschlagen, um Geld zu bekommen. Das macht
ihn bei seinen Unterthanen verhat, und sobald er in Geldnoth gerth, wird
er verchtlich. Seine Freigebigkeit hat Wenige bereichert, seine
Verschwendung aber drckt Viele, und er kommt darber bei der ersten
Verlegenheit in Gefahr. Sieht er dies ein und will zurckziehen, so kommt
er in den bsen Ruf der Filzigkeit. Da der Frst also nicht auf solche Art
freigebig sein darf, da es in die Augen falle und bekannt werde, so mu
er den Ruf des Geizes nicht frchten. Mit der Zeit wird er schon wieder
fr freigebig gelten, wenn man sieht, da bei seiner Sparsamkeit die
gewhnlichen Einknfte zureichen; da er die Kosten eines Krieges, womit
er etwa berzogen wird, bestreiten kann, ohne die Unterthanen zu
beschweren, so da er am Ende freigebig gegen den groen Haufen ist, dem
er das Seinige lt, und geizig nur gegen die Wenigen, die nichts von ihm
erhalten. Wir haben zu unsern Zeiten gesehen, da nur diejenigen groe
Dinge andichteten, die fr geizig galten; die Andern aber zu Grunde
gingen. Papst Julius der Zweite hatte den Namen der Freigebigkeit durch
das Betragen erworben, wodurch er sich auf den ppstlichen Stuhl schwang:
nachdem er ihn bestiegen hatte, dachte er nicht mehr daran, um sich
vielmehr nur zum Kriege gegen Frankreich vorzubereiten. Er hat auch
wirklich so viele Kriege gefhrt, ohne auerordentliche Auflagen zu
machen. Seine lange Sparsamkeit schaffte Rath zu allen ungewhnlichen
Ausgaben. Wenn der jetzige Knig von Spanien (Ferdinand der Katholische)
fr freigebig htte gelten wollen, so htte er nicht so viele
Unternehmungen ausfhren knnen. Ein Frst, der solche Wirthschaft fhrt,
da er nicht nthig hat seine Unterthanen auszuplndern, um sich zu
vertheidigen, da er nicht zu besorgen hat, arm und verachtet zu werden,
da er nicht in Gefahr gerth, aus Noth habschtig zu werden, darf nicht
frchten fr geizig zu gelten: denn das ist eine Untugend, auf der die
Sicherheit seiner Herrschaft beruht. Und wenn Jemand sagen sollte, da
Csar durch seine Freigebigkeit zur Herrschaft gelangt sei, und da viele
Andre durch diesen Ruf sich sehr hoch geschwungen haben, so antworte ich
Folgendes: entweder du bist schon gemachter Frst, oder auf dem Wege es zu
werden. Im ersten Falle ist die Freigebigkeit nachtheilig, im zweiten ist
es zwar nthig, fr freigebig zu gelten, und von der Art war Csar, der
die Herrschaft von Rom zu erlangen strebte: htte er aber lnger gelebt,
ohne diese Weise zu handeln abzulegen, so htte er seine Herrschaft selbst
zerstrt. Auf die Antwort, da viele freigebige Frsten mittelst ihrer
Kriegsheere groe Dinge ausgerichtet haben, erwidere ich: der Frst
vergeudet entweder das Seinige und das Gut seiner Unterthanen, oder
fremdes. Im ersten Falle sollte er sparsam sein; im zweiten mu er auf
alle Weise den Namen der Freigebigkeit suchen; denn der Frst, der mit
einem Heere auszieht, welches vom Raube, Plnderung, Brandschatzung lebt,
und fremdes Gut an sich bringt, mu wol freigebig sein: sonst fnde er
keine Soldaten, die mit ihm ausziehen. Wenn du nicht dein eignes oder
deiner Unterthanen Gut vergeudest, so magst du wol freigebig sein, wie
Cyrus, Csar und Alexander: fremdes Gut durchbringen, macht keinen
schlechten Namen, sondern das Gegentheil. Nur die Verschwendung des eignen
schadet. Keine Sache verzehrt sich selbst, so wie die Freigebigkeit. Indem
du sie bst, verlierst du die Kraft dazu, und wirst entweder arm oder
niedertrchtig, oder um der Armuth zu entgehen, ruberisch und dadurch
verhat. Unter allen Dingen, die ein Frst vermeiden mu, steht oben an,
verachtet und verhat zu sein, und die Freigebigkeit fhrt zu Beidem. Es
ist daher weiser, sich als geizig verschreien zu lassen, was freilich
einen schlechten Namen macht, jedoch ohne Ha zu erzeugen, als um des
Rufes der Freigebigkeit willen als ruberisch berchtigt und dabei verhat
zu werden.




                    17. Von der Grausamkeit und Milde.


Ich gehe weiter zu den brigen oben benannten Tugenden und sage, da jeder
Frst suchen msse, fr mitleidig gehalten zu werden, jedoch aber so, da
er diese Tugend nicht bel anwende. Csar Borgia galt fr grausam. Diese
Grausamkeit hatte die Provinz Romagna zusammen gehalten, in Einigkeit, in
Frieden und in treuer Unterwrfigkeit. Erwgt man es genau, so wird man
finden, da dies viel menschlicher war, als das Betragen der Florentiner,
die zugaben, da Pistoja zerstrt ward, um nicht fr grausam zu gelten.
Ein Frst mu daher den Ruf der Grausamkeit nicht scheuen, um seine
Unterthanen in Gehorsam und Einigkeit zu erhalten. Es ist mehr
Gelindigkeit darin, wenige Strafen zu verfgen, als durch unzeitige
Nachsicht Unordnungen zu veranlassen, welche Mord und Raub erzeugen, die
ganze Gemeinwesen treffen, wohingegen die Straferkenntnisse der Frsten
nur Einzelne drcken. Unter allen Frsten kann der neue am wenigsten den
Namen der Grausamkeit vermeiden, weil seine Lage voll Gefahren ist, und
daher Virgil der Dido zur Entschuldigung ihrer strengen Regierung
Folgendes in den Mund legt:

  _"Res dura et regni novitas me talia cogunt_
  _Moliri, et late fines custode tueri."_

Dennoch mu er nicht leicht glauben und sich in Bewegung setzen; sich auch
nicht von selbst frchten, sondern mit Klugheit und Menschenfreundlichkeit
mig verfahren, so da ihn weder zu vieles Zutrauen unvorsichtig, noch zu
vieles Mitrauen unertrglich mache. Hieraus entsteht eine Streitfrage, ob
es besser sei, geliebt oder gefrchtet zu werden. Ich antworte, da beides
gut ist; da aber schwer ist, beides mit einander zu verbinden, so ist es
viel sichrer, gefrchtet zu werden, als geliebt, wenn ja eines von beiden
fehlen soll. Denn man kann im Allgemeinen von den Menschen sagen, da sie
undankbar, wankelmthig, verstellt, feig in der Gefahr, begierig auf
Gewinn sind: so lange du ihnen wohlthust, sind sie dir ganz ergeben,
wollen Gut und Blut fr dich lassen, ihr eignes Leben aufopfern, das Leben
ihrer Kinder (wie ich schon gesagt habe), so lange die Gefahr entfernt
ist; kommt sie aber nher, so empren sie sich. Der Frst, der sich auf
ihre Worte verlassen und keine andren Zurstungen gemacht hat, geht zu
Grunde: denn die erkauften Freundschaften, so da nicht durch Gre des
Geistes und Edelmuth erworben sind, haben zwar guten Grund, halten aber
doch nicht vor, wenn es Noth thut. Die Menschen machen sich weniger
daraus, den zu beleidigen, der sich beliebt macht, als den, der gefrchtet
wird; denn die Zuneigung der Menschen beruhet auf einem Bande der
Dankbarkeit, das wegen der schlechten Beschaffenheit der menschlichen
Natur abreit, sobald der Eigennutz damit in Streit gerth: die Furcht
aber vor Zchtigung lt niemals nach. Doch mu der Frst sich auf solche
Art frchten machen, da er nicht verhat werde; denn es kann recht gut
mit einander bestehen, gefrchtet zu sein und nicht gehat. Hierzu ist
vornehmlich erforderlich, da er sich der Eingriffe in das Vermgen seiner
Brger und Unterthanen, und ihrer Weiber enthalte. Ist es ja nothwendig,
einem das Leben zu nehmen, so geschehe es so, da die gerechte Ursache am
Tage liege. Vor allen Dingen aber enthalte er sich, das Vermgen der
Unterthanen anzutasten, denn die Menschen verschmerzen allenfalls noch
eher den Tod des Vaters, als den Verlust des Vermgens. Auch fehlt es
niemals an Veranlassungen, das Vermgen zu nehmen. Wer einmal anfngt so
zu plndern, findet immer Ursachen, den Nchsten ebenfalls anzugreifen:
die Veranlassungen zum Blutvergieen sind seltner, und es fehlt leichter
daran. Hat der Frst aber ein groes Heer beisammen, so darf er den Ruf
der Grausamkeit nicht frchten; denn ein Kriegsheer kann ohne das nicht
wohl beisammen und in Gehorsam erhalten werden. Unter die
bewunderungswrdigen Thaten des Hannibal wird vorzglich gezhlt, da er
ein groes, aus unendlicher Mannichfaltigkeit von Menschengeschlechtern
zusammengesetztes Heer in fremde Lnder gefhrt, ohne da jemals ein
Aufstand oder Zwistigkeit unter ihnen entstanden wre, und zwar so wenig
im Unglcke als im Glcke. Dies kann nur von seiner unmenschlichen
Grausamkeit herrhren, die ihn in Verbindung mit seinen unendlichen groen
Eigenschaften ehrwrdig und furchtbar machte, was ja durch die brigen
allein nicht geschehen wre. Unberlegte Schriftsteller bewundern seine
Handlungen und tadeln auf der andern Seite die Ursachen derselben. Da dem
wirklich also gewesen, beweist das Beispiel des Scipio, der ein in seinen
und in allen Zeiten so seltnes Beispiel aller Tugenden gab, und dessen
Kriegsheer in Spanien dennoch rebellirte; was keine andre Ursache gehabt
hat, als seine Milde, die den Soldaten mehr Freiheit zugestand, als mit
der militrischen Zucht vereinbar ist. Fabius Maximus warf ihm dies im
Senate vor und nannte ihn deswegen den Verderber der rmischen
Kriegszucht. Als einer seiner Unterbefehlshaber die Locrenser vernichtete,
machte er diesem keinen Vorwurf darber, und strafte ihn nicht: auch
dieses rhrte von seiner allzunachsichtigen Gemthsart her. So da Jemand
im Senate ihn damit entschuldigte, es gebe Menschen, die besser wten,
selbst nie zu fehlen, als die Fehler Andrer zu bestrafen. Diese
Gemthsbeschaffenheit wrde am Ende den Ruhm des Scipio befleckt haben,
wenn er htte fortfahren sollen, den Befehlshaber zu machen. Da er aber
unter der Regierung eines Senates lebte, so verschwand der Fehler nicht
nur, sondern gereichte ihm noch zum Ruhme. Ich komme zum Beschlusse auf
meine Behauptung zurck und fasse sie also: da die Liebe der Menschen von
ihrer Neigung, ihre Furcht aber vom Betragen des Frsten abhngt, so mu
der weise Frst es nicht auf die Neigungen Andrer ankommen lassen, sondern
auf das achten, was von ihm abhngt; nur mu er vermeiden, sich verhat zu
machen.




             18. In wie fern ein Frst sein Wort halten mu.


Jedermann wei, wie lobenswrdig es ist, wenn ein Frst sein Wort hlt und
rechtschaffen lebt, nicht mit List. Dennoch sieht man aus der Erfahrung
unsrer Tage, da diejenigen Frsten, welche sich aus Treu und Glauben
wenig gemacht haben, und mit List die Gemther der Menschen zu bethren
verstanden, groe Dinge ausgerichtet, und am Ende diejenigen, welche
redlich handelten, berwunden haben. Wisset also, da es zwei Arten gibt,
zu kmpfen: eine durch die Gesetze, die andre durch Gewalt - das Erste ist
die Sitte der Menschen; das Zweite die Weise der Thiere. Oft aber reicht
das Erste nicht zu, und so mu zu der zweiten Manier gegriffen werden.
Einem Frsten ist daher nthig, den Menschen und das reiende Thier
spielen zu knnen. Diese Lehre wird von den Alten dadurch angedeutet, da
sie berichten, wie Achilles und viele andre Helden vom Centauren Chiron
aufgezogen und unterwiesen worden. Einen solchen Lehrer haben, halb
Mensch, halb Thier, heit nichts Anderes, als da ein Frst beide Naturen,
die menschliche und die thierische, gut zu gebrauchen wissen soll, weil
eine ohne die andre nicht lange besteht.(18) Weil es denn nothwendig ist,
da der Frst sich darauf verstehe, die Bestie zu spielen, so mu er
Beides davon nehmen, den Fuchs und den Lwen; denn der Lwe entgeht den
Schlingen nicht, und der Fuchs kann sich gegen den Wolf nicht wehren. Die
Fuchsgestalt ist also nthig, um die Schlingen kennen zu lernen, und die
Lwenmaske, um die Wlfe zu verjagen. Diejenigen, welche sich allein
darauf legen, den Lwen zu spielen, verstehen es nicht. Ein kluger Frst
kann und darf daher sein Wort nicht halten, wenn die Beobachtung desselben
sich gegen ihn selbst kehren wrde, und die Ursachen, die ihn bewogen
haben es zu geben, aufhren. Wenn die Menschen insgesammt gut wren, so
wrde dieser Rath nichts werth sein. Da sie aber nicht viel taugen und ihr
Wort gegen dich nicht halten, so hast du es ihnen auch nicht zu halten:
und einem Frsten kann es nie an Vorwand fehlen, es zu beschnigen, wenn
er es bricht. Hiervon knnte man viele neue Beispiele anfhren und zeigen,
wie viele Friedensschlsse, wie viele Versprechungen durch die Untreue der
Frsten vereitelt sind, und da derjenige, der den Fuchs am besten zu
spielen gewut hat, auch am weitesten kommt. Aber es ist nothwendig, sich
darauf zu verstehen, wie diese Eigenschaft beschnigt wird, stark in der
Kunst zu sein, sich zu verstecken und zu verlarven. Die Menschen sind so
einfltig und hngen so sehr von dem Drucke des Augenblicks ab, da
derjenige, der sie hintergehen will, allemal Jemand findet, der sich
betrgen lt. Ein einziges neues Beispiel will ich anfhren. Papst
Alexander der Sechste that gar nichts Anderes als betrgen, dachte an
nichts Anderes und fand immer Leute, die sich anfhren lieen. Niemals hat
Jemand eine grere Fertigkeit gehabt, zu versichern und mit groen
Schwren zu betheuern, und weniger zu halten. Dennoch gelangen ihm seine
Anschlge, Hinterlisten nach Wunsch, weil er die Welt von dieser Seite gut
kannte. Ein Frst mu also nicht die vorhin beschriebenen Tugenden haben,
wol aber das Ansehn davon. Ich wage es zu behaupten, da es sehr
nachtheilig ist, stets redlich zu sein: aber fromm, treu, menschlich,
gottesfrchtig, redlich zu scheinen ist sehr ntzlich. Man mu sein Gemth
so bilden, da man, wenn es nothwendig ist, auch das Gegentheil davon
vorbringen knne. Ein Frst, und absonderlich ein neuer Frst, kann nicht
immer alles das beobachten, was bei andern Menschen fr gut gilt; er mu
oft, um seinen Platz zu behaupten, Treue, Menschenliebe, Menschlichkeit
und Religion verletzen. Er mu also ein Gemth besitzen, das geschickt
ist, sich so, wie es die Winde und abwechselnden Glcksflle fordern, zu
wenden, und zwar nicht eben den geraden Weg allemal verlassen, so oft es
Gelegenheit dazu gibt; wol aber den krummen Weg betreten, wenn es sein
mu. Ein Frst mu sich daher wohl hten, da nie ein Wort aus seinem
Munde gehe, das nicht von obgedachten fnf Tugenden zeugt. Alles, was von
ihm herkommt, mu Mitleid, Treue, Menschlichkeit, Redlichkeit, Frmmigkeit
athmen. Nichts aber ist nothwendiger, als der Schein der letztgenannten
Tugend. Denn die Menschen urtheilen im Ganzen mehr nach den Augen, als
nach dem Gefhle. Die Augen hat Jeder offen; Wenige haben richtiges
Gefhl. Jeder sieht, was du zu sein scheinst; Wenige merken, wie du
beschaffen bist, und diese Wenigen wagen es nicht, der Stimme des groen
Haufens zu widersprechen, dem der Glanz groer Wrde immer fr einen Grund
der Bewunderung gilt. Bei den Handlungen der Menschen, absonderlich der
Frsten, welche keinen Gerichtshof ber sich anerkennen, wird immer auf
den Endzweck gesehen. Der Frst suche also nur sein Leben und seine Gewalt
zu sichern: die Mittel werden immer fr ehrenvoll gelten und von Jedermann
gelobt werden, denn der groe Haufe hlt es stets mit dem Scheine und mit
dem Ausgange. Die ganze Welt ist voll von Pbel, und die wenigen Klgern
kommen nur zu Worte, wenn es dem groen Haufen, der in sich selbst keine
Kraft hat, an einer Sttze fehlt. Ein Frst unsrer Zeit, den ich besser
nicht nenne,(19) predigt nichts als Frieden und Treue, und wre doch um
seine Herrschaft gekommen, wenn er sie selbst beobachtet htte.




                19. Verachtung und Ha sind zu vermeiden.


Nachdem ich von den wichtigsten der aufgezhlten Eigenschaften ausfhrlich
gehandelt, so will ich die brigen hier in die allgemeine Lehre
zusammenfassen, da der Frst (so wie zum Theil im Einzelnen schon gesagt
ist) Alles vermeiden mu, was ihn gehssig oder verchtlich machen kann;
und so oft er dies vermeidet, wird er das Seinige gethan haben, und alle
brige ble Nachrede kann ihm keine Gefahr bringen. Verhat macht ihn vor
allem Andern (wie bereits erwhnt worden), wenn er ruberisch ist, und das
Vermgen und die Weiber seiner Unterthanen angreift, deren er sich
enthalten sollte. So lange der Menschen Vermgen und Ehre nicht angetastet
wird, so lange leben sie zufrieden, und es ist nur der Ehrgeiz einiger
Wenigen zu bekmpfen, welche auf mancherlei Art leicht im Zaume zu halten
sind. Verchtlich wird derjenige, der fr wankelmthig, leichtsinnig,
weibisch, kleinmthig, unentschlossen gilt: dieses mu ein Frst
vermeiden, wie eine Klippe; und sich bemhen, in seinen Handlungen eine
gewisse Gre, Muth, Ernst und Strke zu zeigen. In allen Verhandlungen
mit den Unterthanen mu er von sich die Meinung zu erregen suchen, da
seine Entschlsse unwiderruflich seien: und sich in solcher Achtung
erhalten, da Niemand es wage, ihn zu hintergehen oder zu bestricken. Der
Frst, der in diesem Ansehn steht, hat Ruf genug, und gegen ihn wird
schwerlich eine Verschwrung angezettelt. Es greift ihn nicht leicht
Jemand an, sobald man wei, da er groe Eigenschaften hat und von den
Seinigen geachtet wird. Ein Frst hat nur zwei Dinge zu frchten: eines im
Innern von den Unterthanen; das andre von Auen von fremden Mchten. Gegen
diese wehrt man sich mit guter Kriegsmacht, und wer die hat, dem kann es
nie an Freunden fehlen: im Innern wird er stets Ruhe erhalten, so lange
von Auen Alles sicher ist, es wre denn, da eine Verschwrung entstnde;
und wird er von Auen angegriffen, hat aber Alles angeordnet und so
gehandelt, wie ich gesagt habe, so wird er, bleibt er sich selbst nur
getreu, alle Anflle abwehren, so wie Nabis der Spartaner. Aber von den
Unterthanen ist auch bei uerer Ruhe eine Verschwrung zu frchten, gegen
welche der Frst sich sichert, wenn er Ha und Verachtung vermeidet und
das Volk zufrieden stellt. Dies ist aber nothwendig, wie gezeigt worden.
Eines der krftigsten Mittel gegen Verschwrungen ist es, allgemeinen Ha
und Verachtung des Volks zu vermeiden; denn wer Verschwrungen anzettelt,
glaubt immer, durch den Tod des Frsten das Volk zufrieden zu stellen. Wer
hingegen wei, da er dieses dadurch beleidigen wird, wagt es nicht,
solche Dinge zu unternehmen: denn die Schwierigkeiten sind unendlich auf
Seiten der Verschwornen. Die Erfahrung zeigt, da viele Verschwrungen
gemacht, wenige aber gelungen sind; denn wer sie unternimmt, kann allein
nichts ausrichten; Hilfe kann er nur bei denen suchen, die er fr
unzufrieden hlt. Sobald du aber einem Mivergngten deine Absichten
entdeckt hast, so gibst du ihm das Mittel, seine eignen Wnsche zu
befriedigen, denn er mag von der Verrtherei des Anschlags allen Vortheil
hoffen. Wenn er sichern Gewinn von dieser Seite sieht, und von der andern
Ungewiheit und Gefahr, so mu er eine seltne Treue der Freundschaft gegen
seinen Mitgenossen, oder eingewurzelten Ha gegen den Frsten haben, wenn
er dir Wort halten soll. Kurz, auf Seiten der Verschwornen ist nichts als
Furcht, Eifersucht, Argwohn, welche Alles lhmen; auf Seiten des Frsten
ist das Ansehn der frstlichen Wrde, die Gesetze, Schutz der Freunde und
der ffentlichen Gewalt, so da, wenn hier noch die Zuneigung des Volks
hinzukommt, es unmglich ist, da Jemand so tollkhn sei, eine
Verschwrung anzufangen. Gewhnlich haben die Verschwornen vor der
Ausfhrung ihres Anschlags Uebles zu frchten: nach derselben mssen sie
auch noch alsdann, wenn Alles gelingt, das Volk frchten, und es bleibt
ihnen daher keine Zuflucht. Ich knnte unzhlige Beispiele davon anfhren;
es ist aber mit Einem genug, welches sich zur Gedenkzeit unsrer Vter
ereignet hat. Annibal Bentivoglio, Frst von Bologna und Grovater des
jetztlebenden Herrn Annibal, ward von der Partei der Canni in einer
Verschwrung ums Leben gebracht. Er hinterlie ein einziges Kind in den
Windeln, den Giovanni. Gleich nach dem Morde stand das Volk auf und
brachte die ganze Partei der Verschwornen um. Das war die Wirkung der
Zuneigung des Volks von Bologna gegen die Familie Bentivoglio, welche
damals so gro war, da die Bologneser, in Ermangelung eines Andern von
der Familie, der nach Annibals Tode den Staat htte regieren knnen, nach
Florenz kamen, wo ein Sprling des Hauses Bentivoglio sich aufhielt, der
aber fr den Sohn eines Schmieds galt, um diesem die Regierung zu
bertragen, die er auch wirklich gefhrt hat, bis Herr Giovanni das
hinreichende Alter erreicht hatte.(20) Ich schliee also, da ein Frst
Verschwrungen wenig zu frchten hat, so lange ihm das Volk gewogen ist.
Wenn er demselben aber verhat ist, so mu er Alles und jeden Menschen
frchten. Wohlgeordnete Staaten und weise Frsten haben daher immer mit
der grten Sorgfalt zu vermeiden gesucht, da die Groen nicht in
Verzweigung fallen, das Volk aber zufrieden bleibe; denn dieses ist eine
der wichtigsten Sorgen des Regenten. Unter den wohlgeordneten und
regierten Reichen unsrer Zeit ist Frankreich zu nennen, wo sich unzhlige
gute Anstalten finden, von denen die Sicherheit und Freiheit des Knigs
abhngt. Unter diesen ist die erste das Parlament und sein Ansehn. Wer
dieses gegrndet hat, kannte den Uebermuth der Groen und ihre
Dreistigkeit: er sah die Nothwendigkeit, ihnen einen Zaum anzulegen. Auf
der andern Seite kannte er den Ha des Volks gegen die Groen, der von der
Furcht herrhrt. Um dasselbe sicher zu stellen, dem Knige aber die blen
Folgen abzunehmen, die von den Groen zu besorgen waren, wenn er das Volk
begnstigte, und von dem Volke, sobald er die Groen begnstigte, so
ordnete er einen dritten Richter an, der ohne Beschwerde des Knigs die
Groen niederhalten und das Volk schtzen konnte. Es lie sich keine
bessere Ordnung fr die Sicherheit des Reichs und des Knigs ausdenken.
Hieraus ist noch eine Lehre zu ziehen: da die Frsten alle harten
Maregeln durch Andre ausfhren lassen, Gnadensachen aber fr sich selbst
behalten mssen. Ferner schliee ich, da ein Frst den Groen mit Achtung
begegnen solle, jedoch ohne das Volk zum Hasse zu reizen. Es mag
vielleicht Manchem scheinen, da das Beispiel der rmischen Kaiser diesem
widerspreche, da doch mehrere, die vortrefflich regiert und vorzgliche
Kraft des Geistes gezeigt hatten, durch Verschwrungen den Thron oder gar
das Leben verloren haben. Diesem Einwurfe zu begegnen, will ich den
Charakter einiger Imperatoren durchgehen, und die Ursachen ihres Falles
anzeigen, welche demjenigen nicht widersprechen, was ich oben gesagt habe.
Dabei werde ich zum Theil erinnern, was dem, der die Geschichte jener Zeit
liest, bemerkenswerth sein mu. Es ist fr mich hinreichend, die
Imperatoren, welche vom Marcus Antoninus an bis auf Maximinus regiert
haben, durchzugehen. Marcus, sein Sohn Commodus, Pertinax, Julianus,
Severus, Antoninus Caracalla, Sohn des Vorigen, Macrinus, Heliogabalus,
Alexander und Maximinus. Zuerst ist zu bemerken, da, wenn in andern
Reichen nur der Ehrgeiz der Groen und die Zgellosigkeit des Volks zu
bekmpfen ist, die rmischen Imperatoren noch eine dritte Schwierigkeit
vor sich fanden, welche in der Habsucht und der Wildheit der Kriegsmacht
bestand. Diese Sache hat solche Schwierigkeit, da sie Ursache des
Unterganges einiger Kaiser wurde; weil es schwer ist, die Soldaten
zufrieden zu stellen und das Volk zugleich mit: denn das Volk wnscht Ruhe
und liebt deswegen die Frsten von gemigter Denkungsart: die Soldaten
aber lieben kriegerische, bermthige, grausame, raubschtige Frsten. Sie
verlangten Personen von solcher Gemthsart zu Imperatoren, um doppelten
Sold zu erhalten und ihren Geiz und grausame Gemthsart zu befriedigen.
Daher muten alle Imperatoren, die nicht von Natur oder durch ihre
Bestrebungen sich ein Ansehn zu verschaffen wuten, welches Alles Jene im
Zaume zu halten vermochte, zu Grunde gehen. Die meisten von ihnen,
insbesondere die aus dem Privatstande waren, bemhten sich, wenn sie diese
Schwierigkeiten fhlten, nur die Soldaten zufrieden zu stellen, und
achteten wenig auf die Bedrckung des Volks. Dies war nothwendig. Denn
wenn Frsten es nicht vermeiden knnen, den Ha des einen oder andern
Theils auf sich zu laden, so mssen sie doch alle Sorgfalt anwenden, da
es nicht von beiden zugleich geschehe. Ist es einmal unvermeidlich, von
einer Partei gehat zu werden, so sei es doch wenigstens nicht von der
mchtigsten. Die Imperatoren, welche zur neuen Herrschaft aufstiegen, und
desfalls auerordentlicher Gunst bedurften, machten sich daher lieber
einen Anhang unter den Soldaten als im Volke, welches ihnen aber doch nur
in so fern etwas ntzte, als sie ihr Ansehn bei den Letztern zu erhalten
vermochten. Aus diesen Ursachen nahmen diejenigen, welche von milder
Gemthsart, Gerechtigkeit liebend, der Grausamkeit abgeneigt,
menschenfreundlich und leutselig waren, nmlich Marcus, Pertinax und
Alexander, den einzigen Marcus ausgenommen, ein gewaltsames Ende. Marcus
allein lebte und starb geehrt, weil er durch Erbrecht den Thron bestiegen
hatte, und ihn weder den Soldaten noch dem Volke verdankte. Auerdem war
er durch so viele Tugenden ehrwrdig, wute beide Stnde whrend seiner
ganzen Regierung in ihren Grenzen zu halten und machte sich nie verhat
oder verchtlich. Pertinax aber ward gegen den Willen der Soldaten
gewhlt, welche unter dem Commodus an Zgellosigkeit gewhnt, das
ordentliche Leben, welches Pertinax einfhren wollte, unertrglich fanden.
Dies erzeugte Ha. Dazu kam Geringschtzung wegen seines Alters, und so
ging er, gleich nachdem er die Regierung angetreten, zu Grunde. Es ist
bemerkenswerth da Ha durch gute Handlungen sowol als durch schlechte
erregt werden kann. Ein Frst, der sich auf dem Throne erhalten will, darf
daher oft, wie ich bereits gesagt habe, nicht gut handeln, denn wenn die
Masse seines Volks oder Kriegsheers, oder die Groen seines Reiches, deren
er bedarf, um sich zu halten, verdorben sind, so mu er wol ihrem Sinne
folgen und sie zufrieden stellen, wozu die rechtschaffenste Handlungen oft
schdlich sind. Auf den Alexander zu kommen: dieser war so gtig gesinnt,
da man unter anderm Lobe, das ihm ertheilt wird, bemerkt, er habe in
einer vierzehnjhrigen Regierung keinen Menschen, ohne da er verurtheilt
worden, tdten lassen. Dennoch fiel er in Geringschtzung, weil er fr
weibisch galt, und es hie, er liee sich von seiner Mutter regieren. Es
entstand eine Verschwrung der Soldaten gegen ihn, durch welche er um das
Leben kam. Nunmehr wollen wir die entgegengesetzten Charaktere des
Commodus, Severus, Antoninus Caracalla und Maximinus betrachten. Wir
finden sie hchst raubschtig und grausam. Um die Soldaten zu befriedigen,
enthielten sie sich keiner Art von Mihandlung des Volks. Dennoch kamen
sie, mit alleiniger Ausnahme des Severus, gewaltsamer Weise ums Leben.
Severus hatte ein so tapferes Gemth, da er die Herrschaft dadurch
glcklich zu behaupten vermochte, da er die Soldaten zu Freunden behielt,
obwol er das Volk sehr drckte: denn seine groen Eigenschaften machten
ihn den Soldaten und dem Volke so ehrwrdig, da dieses erstaunt und
demthig, jene aber voll Verehrung und befriedigt waren. Da die Handlungen
dieses zur Herrschaft emporgestiegenen Regenten ganz ausgezeichnet gewesen
sind, so will ich kurz zeigen, wie er den Fuchs und den Lwen zu spielen
verstand, was ich vom Frsten verlangt habe. Da Severus die Feigheit des
Kaisers Julianus erkannte, berredete er das Heer, welchem er in Slavonien
vorgesetzt war, nach Rom zu gehen, um den Tod des Pertinax zu rchen, den
die Leibwache getdtet hatte. Unter diesem Vorwande setzte er sich in
Bewegung, ohne seine Absichten auf den Thron merken zu lassen, und langte
in Italien an, ehe man seine Abreise wute. Gleich nach seiner Ankunft in
Rom erwhlte ihn der Senat aus Furcht, und Julianus ward getdtet. Noch
blieben dem Severus zwei Schwierigkeiten: die eine in Asien, wo Niger sich
hatte ausrufen lassen, die andre im Occidente, wo Albinus nach der Wrde
des Imperators strebte. Er hielt es fr gefhrlich, sich zugleich gegen
Beide zu erklren, und beschlo daher, den Niger anzugreifen, den Albinus
aber zu hintergehen. Diesem schrieb er, er sei vom Senate erwhlt, wolle
die Wrde mit ihm theilen, gab ihm den Titel Csar und lie ihn durch den
Senat zu seinem Collegen erwhlen. Albinus nahm dieses fr Ernst. Als
Severus aber den Niger besiegt und den Orient beruhigt hatte, kehrte er
nach Rom zurck und beschwerte sich im Senate ber den Undank des Albinus,
der ihn verrtherischer Weise nach dem Leben getrachtet habe, und den er
wegen seiner Undankbarkeit zchtigen msse. Er suchte ihn hierauf in
Frankreich auf und nahm ihm Wrde und Leben. Wer diese Geschichte
aufmerksam erwgt, wird den muthigsten Lwen und den schlauesten Fuchs
erkennen: wird sehen, wie er von Allen gefrchtet und geehrt ward und beim
Kriegsheere nicht verhat war. Man darf sich nicht wundern, da dieser
neue Frst die Herrschaft zu behaupten gewut, da er sich durch seinen
groen Ruf bestndig gegen den Ha zu wehren wute, den seine Neuerungen
beim Volke htten erzeugen knnen. Sein Sohn Antoninus hatte ebenfalls
ausgezeichnete Eigenschaften, und ward deswegen vom Volke bewundert, bei
den Soldaten aber beliebt, weil er kriegerisch war, alle Strapazen nicht
achtete und kstliche Speisen so wie alle andern Wollste verachtete,
welches ihm die Zuneigung aller Armeen erwarb. Aber seine Wildheit und
Grausamkeit war so unerhrt, da er bei verschiednen Gelegenheiten einen
groen Theil des Volks von Rom und alle Bewohner von Alexandrien tdtete.
Dadurch ward er der ganzen Welt verhat, und flte auch denen, die um ihn
waren, Furcht ein, so da ein Centurio ihn mitten in seiner Armee
umbrachte. Hierbei ist zu bemerken, da die Frsten solchen gewaltsamen
Tod durch die Hand eines entschlossenen Mannes gar nicht vermeiden knnen.
Denn es kann Jeder die That vollbringen, der nur sein eignes Leben nicht
achtet. Doch hat der Frst sie eben nicht zu frchten, weil solche
Handlungen uerst selten sind. Er mu sich nur hten, diejenigen, die um
ihn sind, und deren er sich in Regierungsgeschften bedient, nicht
grblich zu beleidigen, wie Antoninus that, der einen Bruder des Centurio
hatte tdten lassen, und ihm selbst tglich drohte, trotzdem aber die
Leibwache anvertraute. Das war tollkhn und mute ein schlechtes Ende
nehmen, wie es auch in Wahrheit geschehen ist. Wir kommen zum Commodus,
der die Herrschaft gar leicht htte behalten knnen, die er als Sohn des
Marcus geerbt hatte. Er durfte nur in die Futapfen seines Vaters treten,
so htte er Volk und Soldaten Genge gethan. Da er aber ein grausames und
thierisches Gemth hatte, veranlate er selbst in der Armee allerlei
Complotte, und lie sie zgellos werden, um seine Raubgier zu befriedigen
und das Volk auszuplndern. Auf der andern Seite behauptete er seine Wrde
schlecht, indem er oft ins Theater herabstieg, um mit Gladiatoren zu
kmpfen, und andre Dinge vornahm, die der kaiserlichen Wrde schlecht
anstanden; er ward also bei den Soldaten verchtlich. Auf einer Seite
gehat, auf der andern verachtet, fiel er als Opfer einer Verschwrung.
Endlich vom Maximinus. Dieser war hchst kriegerisch, und da die Armee
einen Widerwillen gegen das weibische Wesen des Alexander bekommen, von
dem ich oben geredet habe, tdteten sie diesen und whlten jenen zum
Kaiser, welcher er jedoch nicht lange blieb. Zwei Dinge machten ihn
verhat und verachtet. Das eine seine niedrige Herkunft, da er in Thracien
das Vieh gehtet hatte (welches allgemein bekannt war, und ihn in allen
Augen herabsetzte); das andre, da er im Anfange seiner Herrschaft
verschob, nach Rom zu gehen und Besitz von der kaiserlichen Wrde zu
nehmen; daneben in blen Ruf gerieth, weil er durch seine Statthalter in
Rom und anderen Orten viele Grausamkeiten verben lassen. Da mithin die
ganze Welt voll Unwillen ber seine niedrige Herkunft, und andrerseits
voll Ha und Furcht wegen seines wilden Gemths war, so verschwor sich der
Senat, ganz Rom und endlich ganz Italien gegen ihn. Hierzu kam sein eignes
Heer, welches im Lager vor Aquileja Schwierigkeiten bei der Belagerung
fand, seiner Grausamkeit berdrssig ward, und da es sah, da ihn die
ganze Welt hate, ihn umbrachte. Ich will weder vom Heliogabalus, noch vom
Macrinus, noch Julianus reden, welche so niedrige Geschpfe waren, da sie
sofort zu Grunde gingen: sondern ich komme zum Schlusse und sage, da die
Frsten unsrer Zeit sich weniger in jener Verlegenheit befnden, auf
auerordentliche Mittel denken zu mssen, um die Soldaten zu befriedigen.
Wenngleich auf diese Rcksicht genommen werden mu, so hat es doch damit
so viel nicht zu bedeuten; denn die heutigen Frsten haben keine Heere
beisammen, die mit der Regierung und Verwaltung der Provinzen so verwebt
wren, als die rmischen. War es damals nthiger, das Kriegsheer zu
befriedigen, als das Volk, weil jenes mchtiger war, als dieses; so ist es
gegenwrtig fr alle Frsten (mit Ausnahme der Sultane von Konstantinopel
und Egypten) notwendiger, das Volk zufrieden zu stellen, weil selbiges
heutigen Tages mehr vermag, als die Soldaten. Ich nehme den trkischen
Kaiser aus, der ungefhr zwlftausend Mann zu Fu und fnfzehntausend zu
Pferde hlt, von denen die Sicherheit und Strke seines Reiches abhngt,
und die er daher nothwendig ohne alle Rcksicht auf die andern Unterthanen
zu Freunden behalten mu. Eben so ist es mit dem Sultan von Egypten, der
ganz in den Hnden seiner Soldaten ist, und diese daher zu Freunden
behalten mu, es koste was es wolle. Es ist dabei zu bemerken, da dieser
Sultan von allen andern Frsten verschieden ist, und Aehnlichkeit mit dem
Papste hat, der weder Erbfrst ist, noch fr einen neuen Frsten gelten
kann; denn es werden jedesmal nicht die Shne des verstorbenen Regenten
Erben und Nachfolger, sondern der Frst wird von denen gewhlt, die dazu
befugt sind. Da diese Ordnung der Dinge alt ist, so kann es nicht fr eine
neue Herrschaft gelten, indem keine von den Schwierigkeiten vorhanden
sind, die ein neuerrichtetes Frstentum drcken. Wenngleich der Frst aus
dem Privatstande zu der Wrde erhoben wird, so sind doch die Anordnungen
alt, und Alles ist darauf eingerichtet, ihn als einen Erbfrsten zu
empfangen. Auf meine Behauptung zurckzukommen, so wird Jeder, der die
obige Erzhlung erwgt, einsehen, da Ha und Verachtung die Ursachen des
Unterganges jener Imperatoren gewesen. Es wird dadurch begreiflich, wie es
zugegangen ist, da, da einige auf diese, andre auf entgegengesetzte Weise
handelten, dennoch einige von jenen und einige von diesen ein glckliches,
andre ein unglckliches Ende genommen. Dem Pertinax und Alexander half es
nichts, dem Marcus nachzuahmen, weil sie sich auf den Thron geschwungen
hatten, dieser aber ein Erbfrst war; dem Caracalla, Commodus und
Maximinus war es sehr nachtheilig, es so zu machen wie Severus, weil es
ihnen an den erforderlichen Tugenden fehlte, in seine Futapfen zu treten.
Ein neuer Frst kann dem Marcus nicht nachahmen und braucht nicht dem
Severus zu folgen: sondern er mu vom Severus annehmen, was nthig ist,
seine Herrschaft zu grnden; vom Marcus aber das, was ruhmwrdig und
ntzlich ist, einen bereits festgegrndeten Staat zu erhalten.




20. Ob Festungen und andere Sicherheitsanstalten den Frsten ntzlich oder
                             schdlich sind?


Einige Frsten haben ihre Unterthanen entwaffnet, um ihre Herrschaft
sicher zu stellen, andre haben es darauf angelegt, da die Parteien in den
ihnen unterworfenen Stdten fortdauern sollten, andre haben Feindschaften
gegen sich selbst unterhalten, andre haben sich bemht, diejenigen, welche
ihnen zu Anfang verdchtig waren, zu gewinnen; einige haben Festungen
erbaut, andre haben sie niedergerissen und zerstrt. Obgleich ber alle
diese Dinge kein allgemeines Urtheil stattfindet, sondern es auf die
besondern Umstnde des Staates ankommt, in welchem eine Entschlieung zu
fassen ist, so will ich doch im Allgemeinen so viel davon reden, als die
Natur der Sache verstattet. Es ist einem neuen Frsten niemals zutrglich
gewesen, seine Unterthanen zu entwaffnen. Vielmehr hat ein solcher sie
allemal mit Nutzen bewaffnet, wenn er sie unbewaffnet fand: denn wenn er
sie bewaffnet, so werden diese Waffen Sein, Verdchtige werden treu, die
Getreuen knnen sich erhalten, und die Unterthanen werden Anhnger ihres
Herrn. Da es aber unmglich ist, alle Unterthanen zu bewaffnen, so sind
diejenigen, welche dazu ausersehen werden, mit gewissen Vorzgen
auszuzeichnen: mit den andern aber kann man ganz sicher nach Belieben
verfahren. Diese Verschiedenheit in der Behandlung sichert die Ergebenheit
derer, die hervorgezogen werden; die andern aber entschuldigen das
Verfahren, weil sie die Nothwendigkeit einsehen, diejenigen, welche mehr
Verpflichtung und Gefahr bernehmen, zu belohnen. Wer hingegen damit
anfngt, das Volk zu entwaffnen, beleidigt es, und zeigt Mitrauen in
ihren Muth oder ihre Treue: solche Gesinnungen erregen beide Ha. Weil der
Frst nicht ganz ohne Kriegsmannschaft sein kann, so mu er zu
Miethstruppen greifen, von deren Beschaffenheit oben gehandelt worden.
Wren diese aber auch tadellos, so kann man doch ihrer nicht genug
unterhalten, um sich gegen mchtige Feinde und verdchtige Unterthanen
zugleich zu vertheidigen. Neue Frsten haben daher allemal, wie ich
bereits gesagt habe, in ihren neuerworbenen Lndern Kriegsmannschaft
eingefhrt. Die Geschichte ist voll solcher Beispiele. Wenn aber ein Frst
ein Land erwirbt, welches als ein neues Glied mit seinen Besitzungen im
alten Staatskrper vereinigt wird, so ist es nothwendig, diese Provinz zu
entwaffnen, mit alleiniger Ausnahme derjenigen, die sich bei der Eroberung
fr ihn erklrt haben. Und auch diese ist es rathsam, mit der Zeit und bei
guter Gelegenheit schlaff und weichlich zu machen, und die Sachen so
einzurichten, da alle Soldaten aus dem alten Lande seien. Unter unsern
Vorfahren pflegten die Weisesten zu sagen, die Herrschaft msse ber
Pistoja durch innere Uneinigkeit, ber Pisa durch Festungswerke behauptet
werden. Sie unterhielten daher in jener untergebenen Stadt die innern
Zwistigkeiten, um sie sichrer zu beherrschen. Dieses mochte zu der Zeit
gut sein, als ein gewisses Gleichgewicht in Italien vorhanden war:
gegenwrtig aber scheint mir der Rathschlag nicht mehr tauglich. Ich
glaube vielmehr, da aus angestifteten Uneinigkeiten niemals Gutes kommt:
vielmehr mssen Stdte, die innerlich entzweit sind, bei Annherung eines
Feindes bald fallen; denn der schwchste Theil wird sich immer an den
auswrtigen Feind hngen, der andre aber nicht im Stande sein, sich zu
behaupten. Diese Ursachen haben, wie es mir scheint, die Venezianer
bewogen, die Parteien der Guelfen und Ghibellinen in den ihnen
unterworfenen Stdten zu unterhalten. Wenn sie es gleich nicht bis zum
Blutvergieen kommen lieen, so unterhielten sie doch diese Zwistigkeiten,
damit die Brger beschftigt und abgehalten wrden, sich gegen sie
aufzulehnen. Dieses schlug aber nicht so aus, als beabsichtigt war; denn
sie waren nicht sobald bei Vaila geschlagen, so fate eine der Parteien
Muth und strzte die venezianische Herrschaft. Aehnliches Verfahren deutet
allemal die Schwche des Frsten an. Unter einer krftigen Herrschaft
werden solche Uneinigkeiten nicht gestattet, weil sie nur im Frieden zu
etwas ntzen knnen, indem sie dienen, die Unterthanen nach Gefallen zu
behandeln; entsteht aber Krieg, so tritt doch zu Tage, wie trglich eine
solche Art zu regieren ist. Ohne Zweifel dient es zur Gre eines Frsten,
Schwierigkeiten und Widerstand zu berwinden. Wenn das Schicksal einen
neuen Frsten, der unstreitig eines guten Rufes mehr bedarf, als ein
Erbfrst, gro machen will, so erweckt es ihm Feinde und reizt dieselben
zu Unternehmungen gegen ihn, damit er sie zu Schanden mache, und auf der
Leiter, die ihm seine Feinde solchergestalt zutragen, noch hher steige.
Es haben daher Einige geurtheilt, da ein weiser Frst, wofern die
Gelegenheit sich darbietet, einige Feinde schlauer Weise anfeuern msse,
um durch ihre Besiegung grer zu werden. Die Frsten, und insbesondere
neue, haben mehr Treue bei denen gefunden, und mehr Nutzen von denen
gezogen, die ihnen im Anfang verdchtig waren, als bei denen, die sich
gleich anfangs zu ihnen schlugen. Pandolfo Petrucci, Frst von Siena,
regierte seinen Staat mehr durch Jene, als durch die Andern. Aber es ist
nicht viel davon zu sagen, weil es allein auf die Umstnde ankommt. Ich
will nur noch dieses Einzige anfhren, da diejenigen, welche einer
Herrschaft anfangs feind waren, wofern sie so beschaffen sind, da sie
sich nicht ohne Untersttzung halten knnen, vom Frsten leicht gewonnen
werden, und genthigt sind, ihm treuere Dienste zu leisten; da sie
einsehen, da sie etwas thun mssen, um die nachtheiligen ersten Eindrcke
auszulschen. Der Frst zieht also von ihnen grern Nutzen, als von
denen, welche sich in seinem Dienste ganz sicher halten und daher seine
Sache vernachlssigen. Da der Gegenstand es erfordert, darf ich nicht
verabsumen, die Frsten, die ein Land durch Hilfe ihrer Anhnger unter
den Einwohnern erobern, zu erinnern, da sie wohl erwgen, welche Ursachen
jene bewogen haben, es mit ihnen zu halten. Ist dies nicht aus einer
natrlichen Zuneigung, sondern blos aus Mivergngen mit dem vorigen
Zustande der Dinge geschehen, so wird man sie mit aller Mhe schwerlich zu
Freunden behalten, weil es beinahe unmglich ist, sie zufrieden zu
stellen. Wenn man alte und neue Geschichten erwgt, so wird man finden,
da es leichter ist, diejenigen zu gewinnen, welche bei dem vorigen
Zustande der Dinge zufrieden, und deswegen dem neuen Herrn feind waren,
als diejenigen, welche unzufrieden waren und diesen deswegen begnstigten.

Die Frsten pflegen wol zu ihrer Sicherheit Festungen anzulegen, welche
ihnen als Zaum und Gebi ihrer Gegner dienen, und bei einem Ueberfalle
eine Zuflucht fr den ersten Anlauf anbieten. Ich kann diese Weise nicht
mibilligen, da es von Alters her so geschehen. Doch hat Herr Nicolo
Vitelli zu unsrer Zeit zu Citt di Castello zwei Burgen niedergerissen, um
diesen Ort zu behaupten. Guid'Ubaldo, Herzog von Urbino, zerstrte nach
seiner Rckkunft in sein Land, aus welchem ihn Csar Borgia vertrieben
hatte, alle festen Pltze in demselben, weil er es auf diese Art leichter
zu behaupten dachte. Eben so machten es die Bentivogli nach ihrer Rckkehr
in Bologna. Festungen sind daher nach Umstnden ntzlich oder schdlich,
und wenn sie auf einer Seite helfen, so schaden sie auf der andern. Dies
beruht auf Folgendem: der Frst, der mehr sein eignes Volk als Fremde zu
frchten hat, mu Festungen anlegen; wer sich aber mehr vor fremden, als
vor seinen eignen Leuten frchtet, unterlasse es. Dem Hause Sforza hat das
Castell von Mailand, welches Francesco Sforza erbaut hat, mehr Schaden
gethan, als irgend ein andrer Umstand. Die beste Festung ist, seinem Volke
nicht verhat zu sein; denn wen das Volk hat, dem helfen Festungen nicht,
weil es nie an Fremden fehlt, die dem Volke zu Hilfe kommen, sobald es die
Waffen ergriffen hat. Zu unsern Zeiten hat man kein Beispiel gesehen, wo
sie einem Frsten Nutzen gebracht htten, auer der Grfin von Forli;(21)
welche sich bei einem Volksaufstande nach dem Tode ihres Gemahls, des
Grafen Girolamo, dahinein rettete, bis Hilfe von Mailand kommen konnte und
sie wieder einsetzte: dabei verstatteten die damaligen Umstnde den
Fremden nicht, dem aufrhrerischen Volke zu Hilfe zu kommen. Nchstdem
aber, da Csar Borgia sie angriff, und das Volk sich mit Fremden gegen sie
verband, diente die Festung zu nichts. Allemal wre es ihr mehr werth
gewesen, von ihrem Volke nicht gehat zu werden, als Festungen zu haben.
In Erwgung alles dessen will ich gern denjenigen loben, der Festungen
anlegt, und den, der keine anlegt; tadle aber denjenigen, der sich darauf
verlt, und deswegen den Ha des Volkes nicht achtet.(22)




   21. Wie ein Frst sich zu betragen hat, um groen Ruhm zu erwerben.


Nichts erwirbt einem Frsten so viel Achtung, als groe Unternehmungen und
glnzende Handlungen. Zu unsrer Zeit haben wir den Fernando, Knig von
Arragonien, gegenwrtigen Knig von Spanien. Derselbe kann gewissermaen
fr einen neuen Souverain gelten, weil er aus einem schwachen Frsten,
durch den Ruhm seiner Thaten, zu dem ersten Monarchen der Christenheit
geworden. Wenn man seine Handlungen betrachtet, so findet man in allen
Gre: einige sind aber ganz auerordentlich. Zu Anfang seiner Regierung
griff er Granada an; diese Unternehmung ward der Grund seiner Gre.
Anfangs vollfhrte er sie ganz gemchlich und brauchte nicht zu besorgen,
darin gehindert zu werden; beschftigte damit die castilischen Barone,
welche dadurch abgehalten wurden, auf Neuerungen zu Hause zu denken, und
erwarb selbst dadurch unvermerkt groes Ansehn ber sie und Ruf. Er war
vermgend, seine Armee mit dem Gelde der Kirche und seines Volks zu
unterhalten, und legte durch diese langen Feldzge einen guten Grund zu
der Kriegsmacht, welche ihm in der Folge zu so groer Ehre verhalf.
Auerdem aber bte er, um zu greren Unternehmungen schreiten zu knnen,
unter bestndigem Vorwande der Religion eine fromme Hrte aus, durch
Vertreibung der Mauren. Ein schrecklicheres und seltneres Ereigni gibt es
nicht. Unter gleichem Vorwande fiel er in Afrika ein, versuchte einen
Feldzug in Italien, griff endlich Frankreich an. So beschftigte er sich
bestndig mit groen Entwrfen, welche unaufhrlich seine Unterthanen in
der Erwartung ihres Ausganges und in Bewunderung erhielten. Diese seine
Handlungen entsprangen eine aus der andern, also, da gar nicht dazwischen
zu kommen, und keine Zeit war, dagegen zu wirken. Ferner ist es einem
Frsten sehr ersprielich, in der innern Verwaltung auffallende Dinge zu
thun, so wie vom Herrn Bernhard von Mailand erzhlt wird, als wenn
Gelegenheit entsteht, irgend Jemanden wegen auerordentlicher Dinge im
Guten oder im Bsen auf solche Art zu belohnen oder zu bestrafen, da
davon viel geredet werde. Vor allen Dingen mu ein Frst in jeder seiner
Handlungen den Ruf des Groen und Hervorstechenden suchen. Noch erweckt es
groe Hochachtung gegen einen Frsten, wenn er sich als einen ernstlichen
Freund oder Feind beweist: das ist, wenn er ohne alle Bedenklichkeit
entschiedene Partei nimmt; dies bringt stets mehr Ruhm, als neutral zu
bleiben. Denn wenn zwei mchtige Nachbarn in Streit gerathen, so hast du
von dem Sieger etwas zu befrchten, oder nicht. In beiden Fllen ist es
besser, hervorzutreten und ernstlich Theil zu nehmen: denn im ersten Falle
wird derjenige, der sich nicht blogeben wollte, allemal eine Beute des
Siegers, zur grten Zufriedenheit des Ueberwundenen, und es bleibt keine
andre Zuflucht mehr offen. Denn der Ueberwinder verlangt keine
verdchtigen Freunde, die in der Gefahr nicht beistehen. Der Besiegte
bietet demjenigen keine Zuflucht an, der in den Zeiten des Kampfes sich
geweigert hat, Theil zu nehmen. Antiochus hatte sich von den Aetoliern
bewegen lassen, nach Griechenland zu kommen, um die Rmer zu bekmpfen. Er
schickte Gesandte an die Acher, welche Freunde der Rmer waren, um sie zu
bewegen, Zuschauer zu bleiben. Auf der andern Seite redeten ihnen die
Rmer zu, die Waffen fr sie zu ergreifen. Als dies in der Versammlung der
Acher zur Berathung kam, so antwortete der rmische Gesandte dem
Botschafter des Antiochus, der zur Neutralitt mahnte, Folgendes: "Wenn es
Euch als der beste und ntzlichste Ausweg empfohlen wird, neutral zu
bleiben, so bedenket, da Euch nichts Nachtheiligeres angegeben werden
knnte; denn wenn Ihr am Kriege keinen Theil nehmet, so werdet Ihr ohne
Dank und ohne Ehre eine Beute des Siegers werden." Es wird immer so
kommen, da derjenige, der mit dir nicht gut steht, dich ersuchen wird,
neutral zu bleiben; der Andre aber wird dich bitten, ihn zu schtzen.
Unentschlossene Frsten schlagen meistentheils diesen Weg der Neutralitt
ein und gehen auch meistentheils darber zu Grunde. Macht aber ein Frst
ernstlich gemeine Sache mit einem Theile, und dieser trgt den Sieg davon,
so bleibt er freilich abhngig von demselben, jedoch sind die Fden der
Dankbarkeit angeknpft, und die Menschen sind nicht so verrtherisch, da
sie die Undankbarkeit bis dahin treiben sollten, ihren Anhnger sogleich
zu unterdrcken. Auch ist der Sieg selten so vollstndig, da der Sieger
nicht allerlei Rcksichten nehmen mte und vorzglich auf die
Gerechtigkeit. Wenn aber der Theil, zu dem du dich geschlagen hast,
unterliegt, so steht er dir doch bei, und du hast einen Freund, mit dessen
Beihilfe du vielleicht wieder emporkommen kannst. Im zweiten Falle, da die
streitenden Parteien einander so gleich sind, da vom Sieger nichts zu
frchten ist, so ist es so viel klger, Partei zu nehmen, weil sonst Einer
zu Grunde gerichtet wird, dem ein kluger Zuschauer vielmehr beistehen
wrde; siegt er, so behltst du ihn in Hnden, und es ist fast unmglich,
da derjenige, dem du beistehst, nicht den Sieg davontrage. Hier ist noch
bemerkenswerth, da ein Frst sich niemals mit einem Mchtigern verbinden
mu, um ber einen Dritten herzufallen, auer im Falle der Noth. Denn wenn
er siegt, so bist du in seiner Gewalt: dies ist aber vor allen Dingen zu
vermeiden. Die Venezianer verbanden sich mit Frankreich gegen den Herzog
von Mailand; dies geschah unnthiger Weise, und sie gingen darber zu
Grunde. Wenn es aber unvermeidlich ist, so wie mit den Florentinern der
Fall war, als der Papst und die Spanier die Lombardei berzogen, alsdann
mu man freilich wol diesen Entschlu nehmen. Kein Staat glaube jemals mit
Sicherheit auf etwas zhlen zu knnen, sondern rechne bestndig auf die
Ungewiheit aller Dinge: denn die Welt ist so beschaffen, da man allemal
einer Unbequemlichkeit entgeht, in eine andre aber hineingerth. Die
Klugheit besteht darin, unter ihnen auszuwhlen, und die geringste
auszusuchen. Ferner noch mu ein Frst Liebe zu ausgezeichneten
Eigenschaften beweisen und vorzgliche Mnner in jedem Fache ehren. Er mu
seine Brger anfeuern, da sie sich ernstlich in ihrem Gewerbe anstrengen,
sei es im Handel oder dem Ackerbau, oder anderm Gewerbe; da sie nicht
frchten, das, was sie erworben, zu genieen; ihre Besitzungen, aus Furcht
sie zu verlieren, vernachlssigen; aus Furcht vor neuen Steuern den Handel
liegen lassen. Vielmehr mu er Jeden dazu aufmuntern, und denjenigen, der
der Stadt oder dem Staate auf irgend eine Art frderlich ist, belohnen.
Sein Volk mu er zu den gehrigen Zeiten im Jahre mit Festlichkeiten und
Schauspielen beschftigen, und da jede Stadt aus Znften besteht, diese
ehren, ihren Zusammenknften zu schicklichen Zeiten beiwohnen, sich
menschenfreundlich und freigebig beweisen, dabei aber seine Wrde in allen
Dingen behaupten, welche niemals vernachlssigt werden darf.




                          22. Von den Ministern.


Die Wahl der Rthe ist keine der geringsten Angelegenheiten eines Frsten
und fllt gut oder schlecht aus, nachdem er wohl berlegt oder nicht. Man
urtheilt zunchst ber ihn und ber seinen Verstand, nachdem die Personen
beschaffen sind, die ihn umgeben. Sind sie der Sache gewachsen und getreu,
so wird er immer fr einen weisen Mann gelten, weil er sie fr das
erkannte, was sie waren, und sie treu zu erhalten wute. Ist das nicht, so
kann man ber ihn kein gnstiges Urtheil fllen, wenn er in dieser ersten
Angelegenheit Fehler begeht. Wer nur den Antonio von Venafro, den Minister
des Pandolfo Petrucci, Frsten von Siena kannte, mute diesen fr einen
Mann von Verstand halten, weil er jenen zu seinem Minister erwhlte. Es
gibt drei Arten von Kpfen. Die erste sieht Alles von selbst ein; die
zweite begreift es, wenn Andre die Sache darlegen; die dritte sieht nichts
ein, weder von selbst, noch durch die Bemhungen Andrer. Die ersten sind
die vorzglichsten, die zweiten sind noch immer vortrefflich, die letzte
Art ist aber zu nichts ntze. Pandolfo gehrte nicht zu der ersten, wol
aber zu der zweiten Classe; denn wer nur den Verstand hat, Gutes und
Schlechtes, was Andre sagen und thun, zu unterscheiden, kann, wenn er
schon selbst keinen erfinderischen Geist besitzt, die Handlungsweise
seiner Minister beurtheilen, tchtige erheben und andre zchtigen; kein
Minister kann ihn hintergehen, und er erhlt sich. Minister zu
beurtheilen, dazu ist Folgendes ein untrgliches Mittel. Sieht man, da
einer mehr an sich als an seinen Herrn denkt, und in allen seinen
Handlungen seinen persnlichen Vortheil vor Augen hat, der wird nie ein
guter Rathgeber sein, noch kann man ihm trauen. Denn wer einmal die
Angelegenheiten einer Regierung in Hnden hat, mu nicht mehr an sich
denken, sondern an seinen Frsten, und Alles in Beziehung auf diesen
betrachten. Auf der andern Seite mu der Frst wieder an ihn denken, ihm
Ehre und Reichthum zuwenden, ihn sich verbinden, an der Ehre und der
Fhrung der Geschfte Theil nehmen lassen, so da er sehe, er knne ohne
den Frsten nicht bestehen, und so viel Auszeichnung habe, da er nicht
nach hherer strebe; des Reichthums so viel, da er nicht noch mehr
begehre; und in so hohen Aemtern stehe, da er jede Staatsvernderung
frchten mu. Wenn Minister so beschaffen sind und von den Frsten so
behandelt werden, dann knnen beide einander trauen; sonst aber wird es
sicher mit dem Einen oder Andern ein schlechtes Ende nehmen.




                     23. Schmeichler sind zu fliehen.


Ein Kapitel von grter Wichtigkeit kann ich nicht bergehen, da es einen
Fehler betrifft, den die Frsten selten vermeiden, wenn sie nicht sehr
viel Verstand haben und nicht gut zu whlen wissen. Dies behandelt nmlich
die Schmeichler. Es gibt gar kein anderes Mittel, um sich gegen die
Schmeichelei zu sichern, als wenn man zeigt, da man die Wahrheit hren
kann, ohne dadurch beleidigt zu werden: darf aber Jeder dir die Wahrheit
sagen, so verletzt er die Ehrfurcht. Ein kluger Frst mu daher einen
dritten Weg einschlagen, gescheidte Leute auswhlen, diesen allein
erlauben, ihm die Wahrheit zu sagen, aber doch nur ber die Gegenstnde,
darber er sie befragt; er mu sie aber ber Alles befragen, ihre Meinung
hren und dann selbst seine Entschlieung fassen. Mit diesen Rathgebern
mu er sich so benehmen, da Jeder sieht, er werde desto mehr Gehr
finden, je freimthiger er spricht. Auer diesen aber mu er Niemand
hren, beschlossene Sachen nicht wieder besprechen und von gefaten
Beschlssen nicht zurckgehen. Wer es anders macht, wird entweder durch
die Schmeichler ins Verderben gestrzt, oder wird ber der
Mannichfaltigkeit der Ansichten, ber das ftere Wanken in seinen
Entschlssen verchtlich. Ich will hiervon ein Beispiel aus der neuesten
Geschichte anfhren. Pater Luca, ein Vertrauter Kaiser Maximilians, sagte
von diesem, er ziehe Niemanden zu Rathe und handle doch niemals nach
seinem eignen Sinne: welches daher rhre, da er das Gegentheil von dem zu
thun pflege, was hier oben angegeben ist; der Kaiser sei nmlich ein
verschlossener Mann, erffne Niemandem seine Gedanken und frage Niemanden
um seine Meinung. Aber wenn er anfngt, seine Entwrfe ins Werk zu
richten, und sie sich entwickeln, so finden sie auch Widerspruch bei
seinen Umgebungen; und da er selbst von nachgibigem Charakter sei, lasse
er sich leicht davon abbringen. Was er an einem Tage angefangen, vernichte
er am folgenden wieder. Man knne daher nie daraus klug werden, was er
vorhabe, und knne auf seine Beschlsse nicht bauen. Ein Frst mu sich
also bestndig berathen: aber das, wenn Er es will, nicht wenn Andre
wollen; er mu Jedem den Muth nehmen, ihm ungefragt Rath zu ertheilen; er
mu aber hufig fragen und alsdann den freimthigen Vortrag der Wahrheit
gern hren, und vielmehr noch zrnen, wenn Jemand sie ihm aus
Nebenursachen vorenthlt. Es glauben wol Einige, da manche Frsten,
welche den Ruf groer Klugheit erworben haben, denselben nicht ihrem
eignen Verstande, sondern den guten Rathschlgen Andrer verdanken; aber
diese irren unstreitig: denn es ist eine ganz allgemeine Regel ohne
Ausnahme, da ein Frst, der selbst keinen Verstand hat, auch nicht guten
Rath annehmen kann, es sei denn, da er zuflligerweise ganz und gar von
einem einzigen, und zwar von einem sehr gescheidten Manne regiert wrde.
In diesem letzten Falle kann er wol gut geleitet werden; es dauert aber
nicht lange: denn ein solcher Rathgeber wird ihn bald selbst strzen. Ein
Frst, dem es an Weisheit fehlt und der Mehrere befragt, wird nie
bereinstimmende Rathschlge erhalten, und sie eben so wenig selbst in
Uebereinstimmung bringen. Jeder seiner Rathgeber wird immer auf seine
eigne Sache denken, und der Frst wird sie weder kennen, noch in Ordnung
halten. Rathgeber, die es anders machen, sind nicht zu finden, denn die
Menschen sind ihrer Natur nach schlecht, wenn sie nicht durch Noth
gezwungen werden, gut zu handeln. Mit Einem Worte: Gute Rathschlge, sie
mgen herrhren von wem sie wollen, mssen von der Klugheit des Frsten
veranlat werden. Durch gute Rathschlge wird kein Frst klug gemacht.




      24. Wie die Frsten Italiens ihre Herrschaften verloren haben.


Wenn alles bisher Ausgefhrte gut beobachtet wird, so wird ein neuer Frst
einem alten gleich und wird geschwind so sicher und fest in seiner
Herrschaft, als wenn er darin aufgewachsen wre. Denn die Handlungen eines
neuen Frsten werden weit mehr beachtet, als eines Erbfrsten. Erkennt man
darin groe Vorzge, so gewinnt dieses die Menschen, und er erwirbt sich
eine grere Anhnglichkeit, als ein altes Geschlecht; denn die Menschen
sind viel mehr mit dem Gegenwrtigen, als mit vergangenen Dingen
beschftigt; befinden sie sich wohl, so sind sie damit zufrieden und
verlangen nichts Anderes, nehmen auch ernstlich die Partei des Frsten,
wenn er nur sich selbst nicht im Stiche lt. Auf diese Art erwirbt er
doppelten Ruhm, indem er eine neue Herrschaft gegrndet, zu Ehren
gebracht, mit guten Gesetzen, tchtiger Kriegsmacht, Freunden und gutem
Beispiel fr Andre versehen hat. Dagegen trifft doppelte Schande den
Frsten, der eine alte Herrschaft durch Unverstand verliert. Wenn man aber
die Geschichte derjenigen italienischen Frsten betrachtet, welche zu
unsrer Zeit ihre Staaten verloren haben, wie den Knig von Neapel, den
Herzog von Mailand und Andre; so wird man zuerst einen gemeinsamen Fehler
finden, in den sie hinsichtlich der Kriegsmacht gefallen sind: aus den
oben aus einander gesetzten Ursachen. Ferner wird man finden, da einer
oder der andere von ihnen das Volk zum Feinde gehabt, oder wenn er das
Volk zum Freunde hatte, sich der Groen nicht versichern konnte. Ohne
solche Fehler geht keine Herrschaft verloren, welche mchtig genug ist,
ein Heer ins Feld stellen zu knnen. Philipp von Macedonien, nicht der
Vater Alexanders des Groen, sondern derjenige, welchen Titus Quintius
berwand, hatte keinen groen Staat im Vergleich mit den Rmern und
Griechen, die ihn angriffen; dennoch hielt er es manches Jahr mit ihnen
aus, weil er kriegerischen Geist hatte, das Volk zu behandeln verstand und
sich der Groen zu versichern wute. Wenn er auch eine und die andre Stadt
verlor, so behauptete er sich doch in seinem Knigreiche. Unsre Frsten,
welche eine lange Jahre hindurch besessene Herrschaft verloren haben,
mgen also nur nicht das Schicksal anklagen, sondern ihre eigne Feigheit;
denn wenn sie in ruhigen Zeiten nie darauf gedacht haben, da diese sich
ndern knnen - der gewhnliche Fehler der Menschen, bei gutem Wetter
nicht an den Sturm zu denken - und alsdann, wenn schlimme Umstnde
eintreten, nicht darauf denken, sich zu vertheidigen, sondern entfliehen
und hoffen, da die Vlker sie aus Ueberdru der Sieger wieder zurckrufen
sollen; so ist das ganz gut, wenn gar kein andrer Weg eingeschlagen werden
kann: aber es ist sehr bel, andre Wege zu vernachlssigen und diesen
vorzuziehen. Kein Mensch wird je muthwillig fallen, in Hoffnung, da ein
Andrer ihm wieder aufhelfen werde. Mag das nun wirklich geschehen oder
nicht, so ist es immer hchst unsicher. Es hngt nicht von uns ab und ist
ein niedriges Mittel. Nur diejenige Vertheidigung ist gut, sicher,
dauerhaft, welche von uns selbst und unsrer eignen Tapferkeit abhngt.




 25. Welchen Einflu das Glck auf die Angelegenheiten der Menschen hat.


Ich wei wohl, da Viele ehedem die Meinung gehegt haben und noch jetzt
hegen, die Begebenheiten der Welt wrden solchergestalt vom Glcke und von
Gott regiert, da die Menschen mit aller Klugheit sie nicht verbessern und
nichts dagegen ausrichten knnten. Daraus knne man abnehmen, da es nicht
der Mhe werth sei, viel einzufdeln, sondern da man sich nur dem
Schicksale hingeben mge. Diese Meinung hat in unsern Tagen durch die
groen Vernderungen, die Alles erlitten hat, die man noch tglich sieht,
und welche alle menschlichen Vermuthungen zu Schanden machen, viel
gewonnen. Indem ich hierber nachgedacht, bin ich zu Zeiten geneigt
gewesen, mich zu derselben Meinung zu bekennen. Weil aber doch der
menschliche freie Wille damit in Widerspruch steht, so urtheile ich, da
das Glck wol die Hlfte aller menschlichen Angelegenheiten beherrschen
mag; aber die andre Hlfte, oder doch beinahe so viel, uns selbst
berlassen msse. Ich vergleiche das Glck mit einem gefhrlichen Flusse,
der, wenn er anschwillt, die Ebene berschwemmt, Bume und Gebude
umstrzt, Erdreich hier fortreit, dort ansetzt. Jedermann flieht davor
und gibt nach; Niemand kann widerstehen. Dennoch knnen die Menschen in
ruhigen Zeiten Vorkehrungen treffen, mit Deichen und Wllen bewirken, da
der Flu bei hohem Wasser in einem Canale abflieen mu, oder doch nicht
so unbndig berstrmt und nicht so viel Schaden thut. In gleicher Art
geht es mit dem Glcke, welches seine Macht zeigt, wo keine ordentlichen
Gegenanstalten gemacht sind, und sich mit Ungestm dahin kehrt, wo keine
Wlle und Dmme vorhanden sind, es im Zaume zu halten. Wenn man Italien
betrachtet, welches der Sitz dieser groen Umwlzungen gewesen ist, so
wird man ein ebenes Feld finden, ohne Wlle und Dmme. Wre dieses Land
durch hinlngliche Kriegstugend vertheidigt, so wie Deutschland,
Frankreich und Spanien, so htten jene Ueberschwemmungen keine solchen
Umwlzungen hervorgebracht, oder wren gar nicht eingetreten. So viel im
Allgemeinen vom Widerstande gegen das Schicksal. Nunmehr der Sache nher
zu treten, sage ich, da man einen Frsten heute im Wohlstande, morgen zu
Grunde gehen sieht, ohne da er seine Natur im Geringsten verndert habe.
Dies scheint mir zuerst von den Ursachen herzurhren, die ich oben
ausfhrlich errtert habe: nmlich, da ein Frst, der sich ganz auf das
Glck verlt, zu Grunde gehen mu, sobald dieses sich dreht. Ferner
glaube ich, da es dem gut gehe, der in seiner Handlungsweise mit dem
Geiste der Zeit zusammentrifft, und da derjenige verunglcken msse, der
mit den Zeiten in Widerspruch gerth. Denn man sieht die Menschen ihre
Zwecke, die sich ein jeder vorgesetzt hat, es sei nun solches Ehre und
Ruhm oder Reichthum, auf verschiedene Art verfolgen. Einer mit Vorsicht,
der andre mit Ungestm; einer mit Gewalt, der andre mit List; einer mit
Geduld, der andre auf entgegengesetzte Art, und jeder kann auf seine Weise
dazu gelangen. Man sieht zwei gleich vorsichtige: einem gelingt es, dem
andern nicht. Ebenfalls gelingt es zwei verschiedenen gleich gut, von
denen der eine vorsichtig, der andre ungestm zu Werke geht. Dies rhrt
lediglich von der Verschiedenheit der Umstnde her, welche mit der Art zu
verfahren bereinstimmen oder nicht. Daher kommt, was ich gesagt habe, da
zwei entgegengesetzte Verfahrungsarten zu dem gleichen Zwecke fhren; und
da von zweien, die auf gleiche Art verfahren, doch einer das Ziel
erreicht, der andre es verfehlt. Eben daher kommen die Abwechselungen des
Glcks; denn wenn Jemand sich mit Vorsicht und Besonnenheit und Geduld
benimmt, dazu die Umstnde wohl bereinstimmen, so geht Alles gut von
Statten. Aendern sich Zeiten und Umstnde, so geht er zu Grunde, wenn er
sein Betragen nicht ebenfalls ndert. Es findet sich aber nicht leicht ein
so verstndiger Mann, nach dem er sich zu richten vermchte; theils weil
er nicht gegen seine natrliche Neigung handeln kann; theils weil
derjenige, dem es auf einem gewissen Wege bis dahin gelungen ist, sich
nicht berzeugen kann, da es gut sei, denselben nunmehr zu verlassen. So
geht es dem vorsichtigen Manne. Wenn es Zeit ist, dreist darauf los zu
gehen, so vermag er dies nicht, und mu also zu Grunde gehen. Htte er
seine Gemthsart mit den Zeiten und Umstnden gendert, so htte das
Schicksal sich nicht gendert. Papst Julius der Zweite ging in allen
Dingen mit Ungestm zu Werke, und die Zeitumstnde stimmten dazu so gut,
da er immerfort glcklich war. Man erwge nur seine erste Unternehmung
gegen Bologna, als Giovanni Bentivoglio noch lebte. Die Venezianer waren
damit nicht zufrieden: der Knig von Spanien sowol als der von Frankreich
dachten selbst auf eine solche Unternehmung. Dennoch griff er mit seinem
gewhnlichen Ungestme die Sache an, und zwar persnlich. Dieser khne
Schritt hielt Venedig und Spanien zurck; jenes aus Furcht, dieses durch
die Begierde, das ganze Knigreich Neapel zu erobern. Auf der andern Seite
zog der Papst den Knig von Frankreich in sein Interesse, indem der Knig
sah, da der Papst einmal zugeschlagen hatte; und da er selbst die
Venezianer zu demthigen wnschte, so glaubte er jenen nicht durch
Verweigerung der Hilfstruppen offenbar beleidigen zu drfen. Julius
brachte also durch seine ungestmen Bewegungen zu Stande, was niemals ein
andrer Papst durch alle menschliche Klugheit ausgerichtet htte. Htte er
gezaudert, von Rom aufzubrechen, bis Alles gehrig bestellt und alle
Anstalten vorlufig getroffen wren, so wie andre Ppste es gemacht
hatten, so wre es ihm nicht gelungen. Denn der Knig von Frankreich htte
tausend Entschuldigungen gefunden, und die Andern htten ihm tausend
Besorgnisse erregt. Ich bergehe alle seine andern Handlungen, welche
insgesammt dieser hnlich sind und alle gelangen. Die Krze seines Lebens
hat nicht verstattet, da er ein feindliches Schicksal erfuhr. Wren aber
Umstnde eingetreten, die ein vorsichtiges Betragen erheischten, so wre
auch Er zu Grunde gegangen, weil er seinen natrlichen Charakter in seiner
Handlungsweise nicht wrde haben verlugnen knnen. Ich schliee also,
da, da die Glcksumstnde vernderlich sind, die Menschen aber bei ihrer
Weise eigensinnig beharren, es diesen nur so lange gut geht, als Beides
mit einander bereinstimmt; sobald aber Disharmonie darin eintritt, Alles
miglcken mu. So viel ist indessen wahr, da allemal besser ist, muthig
darauf los zu gehen, als bedchtig; denn _das Glck ist ein Weib, und wer
dasselbe unter sich bringen will, mu es schlagen und stoen_. Es lt
sich eher von dem, der es so behandelt, unterjochen, als von dem, der
ruhig und kalt zu Werke geht. Deswegen ist es auch als ein chtes Weib den
jungen Leuten gewogen, weil sie weniger bedchtig sind, muthiger und
dreister ihm befehlen.(23)




         26. Aufruf, Italien von der Fremdherrschaft zu befreien.


Erwgt man nun alles bisher Vorgetragene und berlegt mit mir, ob
augenblicklich wol in Italien die Zeitverhltnisse so sind, da man einen
neuen Frsten zu Ehren bringen und da ein tapferer und besonnener Mann
eine neue Verfassung schaffen knnte, die ihm selbst zum Ruhme gereichte
und der Nation Vortheil brchte, so scheinen mir jetzt so viele Umstnde
zusammenzukommen, da nie ein gnstigerer Zeitpunkt dazu vorhanden war.
Wie gesagt, die Knste des Moses konnten sich nicht entwickeln, wenn die
Juden nicht in der Dienstbarkeit Egyptens gewesen wren; die Gre des
Cyrus wre nicht erkannt, wenn die Perser nicht von den Medern vorher
unterdrckt wren; den Theseus berhmt zu machen, muten die Athenienser
zu seiner Zeit zerstreut leben; und so mute auch, damit ein italienischer
hoher Geist sich zeigen knne, Italien so tief sinken, sklavischer werden,
als die Juden je gewesen sind, unterdrckter als die Perser, zerstreuter
als die Athenienser, ohne Kopf, ohne Ordnung, geschlagen, ausgeplndert,
zerrissen, berrannt, - das italienische Volk mute auf alle Weise zu
Grunde gerichtet sein. Und wenn sich gleich bis daher in Einem oder Anderm
einiger Schein gezeigt hat, als ob er von Gott dazu berufen sei, Italien
zu erlsen, so sind solche doch im Verfolge der Begebenheiten durch das
Schicksal so zurckgeworfen, da Italien noch immer wie todt daliegt und
auf den harrt, der es von den erlittenen Schlgen herstellen, den
Plnderungen und Verheerungen der Lombardei, dem Aussaugen und
Erpressungen des rmischen Gebietes und Knigreichs Neapel ein Ende
machen, und die durch die Lnge der Zeit so tief hinein brandig gewordenen
Wunden heilen wird. Seht, wie das Volk zu Gott ruft, er mge Jemand
senden, der es von der Grausamkeit und dem Uebermuthe der Barbaren erlse!
Seht, wie geneigt es ist, der Fahne zu folgen, wenn nur Jemand da wre,
der sie aufpflanzte. Es ist aber jetzt Niemand zu finden, auf den man
hoffen drfte, auer in eurem erlauchten Hause, welches durch seine hohen
Eigenschaften und durch seinen Glcksstern(24) (unter Begnstigung Gottes
und der Kirche, an deren Spitze euer Geschlecht gegenwrtig steht)
Anfhrer der Befreiung werden knnte. Dies wird euch nicht schwer werden,
wofern ihr nur die von mir vorgehaltenen Beispiele vor Augen behaltet. Und
obwol diese von seltnen und bewunderungswrdigen Mnnern herrhren, so
waren sie doch auch Menschen: die Gelegenheit aber nie so gnstig als
gegenwrtig; denn ihre Unternehmungen waren weder gerechter noch leichter,
noch auch hat sich Gott ihnen gnstiger bewiesen als euch. Hier ist
gerechte Sache: denn dieser Krieg ist gerecht, nothwendig. Hier sind
fromme Waffen: deswegen hoffet auf nichts Anderes, als auf sie. Alles ist
dazu vorbereitet, und mithin kann es keine groen Schwierigkeiten haben,
wenn man nur die von mir aufgestellten Beispiele zum Muster nimmt.
Auerdem sind Zeichen und Wunder geschehen ohne Beispiel, und die von Gott
kommen; das Meer hat sich aufgethan, eine Wolke hat euch den Weg gezeigt,
ein Fels hat Wasser ergossen, Manna ist geregnet: Alles hat sich vereinigt
zu eurer Gre; das Uebrige mt ihr selbst thun. Gott thut nicht Alles,
um der Freiheit des menschlichen Willens keinen Eintrag zu thun, und uns
den Theil des Ruhmes zu lassen, der unsre Handlungen angeht. Auch ist es
nicht zu verwundern, wenn keiner von oben gedachten Italienern das hat
leisten knnen, was man von eurem erlauchten Hause hoffen darf, und wenn
es in so vielen Umwlzungen von Italien und so vielen kriegerischen
Unternehmungen den Anschein gehabt hat, als sei alle kriegerische Tugend
erloschen. Dies beweist nur, da die alten Anordnungen nichts taugten, und
bisher Niemand neue zu erdenken gewut hat. Nichts bringt einem neu
aufsteigenden Helden mehr Ehre, als die Erfindung neuer Gesetze und neuer
Anordnungen. Sind diese gut begrndet und ist darin eine gewisse Gre, so
erwerben sie ihm Verehrung und Bewunderung, und es fehlt in Italien nicht
an Materie zu jeder neuen Gestalt. Kraft genug ist in den Gliedern, wenn
sie nur nicht in den Kpfen gefehlt htte. Die Zweikmpfe und einzelnen
Gefechte unter wenigen Personen beweisen, wie viel Ueberlegenheit die
Italiener in Kraft, Geschicklichkeit und Verstand besitzen. So wie sie
aber in ganzen Heeren zusammen erscheinen, so sieht man nichts mehr davon;
Alles liegt nur an der Schwche der Hupter, denn die es besser wissen,
gehorchen nicht; Jedermann aber will es so gut wissen als der Andre, da
bis jetzt noch Niemand aufgestanden ist, der Ueberlegenheit genug in
Tugend und Glck gezeigt htte, da die Andern ihm htten weichen mssen.
Daher kommt es denn, da seit zwanzig Jahren kein einziges Heer etwas
ausgerichtet hat, welches aus bloen Italienern bestand. Das beweisen die
Schlachten am Taro, Alexandrien, Capua, Genua, Vaila, Bologna, Mestri.
Wenn also euer erlauchtes Haus das Beispiel derer nachahmen will, die ihr
Vaterland befreit haben, so ist vor allen Dingen nthig (worauf ja jede
Unternehmung beruht), eigne Mannschaft anzuwerben, weil es keine treueren,
chteren und besseren Soldaten gibt. Wenn gleich jeder Einzelne fr sich
gut ist, so werden sie zusammengebracht noch besser, sobald sie von ihrem
eigenen Frsten angefhrt sind und sich von demselben geehrt und gut
behandelt sehen. Es ist also nthig, sich auf diese Art zu rsten, um sich
mit italienischer Tapferkeit gegen die Fremden zu vertheidigen. Und
obgleich die schweizerischen und spanischen Fuvlker fr furchtbar
gelten, so haben doch beide ihre Fehler, die einem Dritten Gelegenheit zum
Widerstande und Hoffnung geben, sie zu besiegen. Denn die Spanier knnen
den Angriff der Reiterei nicht aushalten, und die Schweizer geben dem
Fuvolke nach, wenn sie auf solches stoen, das eben so hartnckig im
Gefechte ist, als sie selbst. Die Erfahrung hat dieses bewiesen; die
Spanier knnen eine franzsische Reiterei nicht abhalten; die Schweizer
unterliegen spanischem Fuvolke. Von dem letzten haben wir noch keine
vollstndige Erfahrung: jedoch hat sich ein Probestckchen davon in der
Schlacht bei Ravenna gezeigt, als die Spanier mit deutschen Truppen
zusammentrafen, welche dieselbe Art zu fechten haben wie die Schweizer.
Die Spanier drangen nmlich durch die Gewandtheit des Krpers und durch
Hilfe ihrer kleinen Schilder tief auf sie ein, unter ihre Piken, und waren
dabei im Angriffe gedeckt, ohne da die Deutschen sich gegen sie wehren
konnten. Wre die Reiterei nicht dazu gekommen, so waren sie Alle
verloren. Da man also die Mngel jener Mannschaft zu Fu erkannt hat, so
kann gegenwrtig eine neue Einrichtung derselben eingefhrt werden, welche
der Reiterei zu widerstehen vermag und andres Fuvolk nicht zu frchten
braucht. Dieses wird nicht durch die Beschaffenheit der Waffen, sondern
durch Stellung und Anordnung der Mannschaft bewirkt werden. Dieses sind
die Erfindungen, welche einen neuen Frsten gro machen und seinen Ruhm
grnden. Die gegenwrtige Gelegenheit mge also nicht vorbergehen, damit
Italien endlich nach so langer Zeit seinen Erretter sehe. Ich vermag es
nicht auszudrcken, mit welcher Begierde ihn alle Lnder aufnehmen wrden,
die so viel von den fremden Ueberschwemmungen gelitten haben; mit welchem
Durste nach Rache, welcher unberwindlichen Treue, welcher frommen Liebe;
wie viel Thrnen fr ihn flieen wrden! Welche Thore wrden wol ihm
verschlossen werden? Welches Volk knnte es versagen, ihm zu gehorchen?
Wie drfte der Neid sich gegen ihn regen? Welcher Italiener knnte sich
weigern, ihm zu folgen? Einen Jeden ekelt diese fremde Herrschaft an! So
ergreife denn euer erlauchtes Haus den Entschlu, mit dem guten Muthe und
der Hoffnung, womit gerechte Unternehmungen angefangen werden, damit das
Vaterland unter seinen Fahnen wieder geadelt werde, und die Prophezeiung
des Petrarca eintreffe:

"Die Tugend wird gegen die wilde Wuth in Waffen treten und das Gefecht
bald entschieden sein; denn die alte Tapferkeit ist in der Brust der
Italiener auch heute noch nicht erstorben!"





                              ERLUTERUNGEN.




                                    1.


Charakteristisch fr den Standpunkt des Verfassers sind sogleich die
ersten Worte. Ein heutiges politisches Handbuch wrde etwa beginnen: "Die
Verfassungen der Vlker im staatsbrgerlichen Vereine". Dagegen heit es
hier: "Die Gewalten, welche Herrschaft ber die Menschen ausben". Dieser
Herrschaft setzt Macchiavelli die Freiheit entgegen, wie die Griechen und
Rmer Tyrannei und Republik einander entgegensetzten. Aber in seinen
Betrachtungen ber die Republik (_Discorsi sul Livio_) ist eben sowol als
im Buche vom Frsten nur von der Befriedigung des Ehrgeizes und der
Herrschsucht, hier des Einzelnen, dort der Partei, die im Staate regiert,
und den uern Verhltnissen die Rede. Nach einer von Simonde Sismondi am
Schlusse seiner Geschichte der italienischen Republiken vortrefflich
ausgefhrten Bemerkung sind in diesem Gemeinwesen des Mittelalters, wie in
den griechischen und rmischen, die Ideen von Freiheit und Unabhngigkeit
nur auf diese uern Verhltnisse und nicht auf den einzelnen Brger
angewandt, auch nur der herrschenden Mehrzahl zu Gute gekommen; whrend
dagegen der Genu der Freiheit und des Vermgens jedes Einzelnen, so weit
dies Alles mit der Ordnung des Ganzen vereinbar ist, den Hauptgegenstand
der politischen Speculation unserer Zeit ausmacht. An dieser fr das
menschliche Geschlecht sehr wohlthtigen Vernderung hat die Neigung zu
metaphysischen Spekulationen unverkennbar groen Antheil, und das darf bei
der Beurtheilung des Zeitgeistes im achtzehnten Jahrhunderte nicht
bersehen werden. Die Entwickelung abstracter Begriffe ber die Rechte der
Menschen in der brgerlichen Gesellschaft erregt meistentheils bei denen,
die die wirkliche Welt im Auge haben, nur ein mitleidiges Lcheln.
Allerdings gehen aus dem Spiele mit abstracten Begriffen oft Theorien
hervor, die auf Nichts anwendbar sind, und diese haben unsinnige und
verderbliche Unternehmungen erzeugt. Aber die Versuche wesentlicher
Verbesserungen der rechtlichen Verhltnisse im Staate, mit denen sich
unser Zeitalter so ernstlich beschftigt, erhalten durch die sorgfltige
Prfung und Sonderung allgemeiner Begriffe eine bestimmte Richtung. Wir
verdanken daher der Metaphysik wirklich weit mehr, als diejenigen glauben,
welche sich mit der Verbesserung der Gesetze beschftigen und sich des
Einflusses der ihnen verhaten oder von ihnen verachteten Systeme
abstracter Begriffe auf ihre eignen Arbeiten nicht bewut sind.




                                    2.


Dies Kapitel zeigt kurz die Vortheile, die es dem gebornen Frsten so
leicht machen, sich zu erhalten, so lange nicht ein Sturm von auen sich
erhebt, der alle Berechnungen der Politik zu Schanden macht. Betrachten
wir kurz die Ursachen, welche solche Katastrophen herbeizufhren im Stande
sind.

Wenn es den erblichen Regenten so leicht ist, sich gegen innere Gefahren
zu sichern, warum werden sie so oft ein Raub uerer Feinde, denen zu
widerstehen die Krfte des Staates doch noch wol zureichten? - Weil sie
diese Krfte so wenig gebrauchen. Eben weil es so leicht scheint, und
wirklich so leicht ist, eine angeerbte Herrschaft zu behaupten, so
schlfert das Bewutsein dieser Sicherheit ein. Die Frsten werden
sorglos, indem sie sehen, wie das Volk ihnen anhngt, und da es ihnen
anhngen mu. Ihre Rathgeber wissen es nur zu gut, da Alles, was den
Menschen werth ist, die Sicherheit des Eigenthums und die Erhaltung aller
gewohnten Verhltnisse, mit demjenigen steht und fllt, der das oberste
Glied der Kette in der Hand hlt. Hierauf verlassen sie sich. Aber alle
moralischen Bande unter den Menschen sind gegenseitig. Das Volk erkennt
mit seinem geraden Sinne und unverdorbener Empfindung, da es seiner
Obrigkeit unterthan sein msse, um frei zu leben und das Seinige sicher zu
genieen. Die Religion heiligt dieses Verhltni durch die Lehre, da alle
Ordnung von Gott kommt, der diejenigen eingesetzt hat, die sie handhaben.
Aber die Groen und ihre Rathgeber, welche nichts empfinden, was der
rechtlichen Denkungsart des Volks entspricht, verkennen ihren Gehalt. Sie
halten die Anhnglichkeit desselben, worin ihre eigne grte Strke liegt,
fr Eigennutz, und verachten sie als Beweise einer knechtischen
Gemthsart. Daher drfen sie es denn auch nicht wagen, ihre Unterthanen in
der Gefahr mit Bewegungsgrnden aufzufordern, die ihr eignes Betragen fr
leere Worte erklrt hat.

Die Anhnglichkeit eines Volkes an das Haus seiner Frsten beruht auf
Ueberlieferungen der Ahnen: sie ist mit der Liebe zu alten ererbten
Einrichtungen zu der Verfassung und den Maximen der Verwaltung, die dem
ganzen Stamme des Volkes und seiner Hupter eigen sind, innigst verwebt.
Wer mit diesen tief gegrndeten Verhltnissen willkrlich spielt, zerstrt
den Grund, auf dem die Sicherheit des Staates und der regierenden Familie
beruht. Es kann der Eitelkeit schmeicheln, Einrichtungen des Staates nach
Gefallen abzundern und seinen eignen Willen an die Stelle alles dessen zu
setzen, was auf die Einsichten und die Autoritt einer Reihe von
Geschlechtern gegrndet war. Wenn aber der Sinn des ganzen Volkes
widerstrebt, so entstehen Schwierigkeiten, die der Kraft des mchtigsten
Herrschers unberwindlich sind. Bricht der allgemeine Unwille in
offenbaren Widerstand aus, so ist die grte Kriegsmacht nicht immer
vermgend, ihn zu berwltigen. So verlor Joseph der Zweite Belgien, als
er die alten politischen und religisen Ordnungen mit einem Schlage
vernichten und einen neuen Staat nach seinen Ideen an die Stelle setzen
wollte. Kommt es nicht so weit, so ist der bloe unthtige Widerstand der
Untergebenen, die alle Mitwirkung verweigern, und das, was ihr guter Wille
leisten sollte und knnte, den Dienern hhere Befehle berlassen, schon
hinreichend, die Anschlge der Allgewalt zu vereiteln, die sich ohnmchtig
fhlt, wenn sie von den eignen Dienern verlassen wird, welche nichts mehr
ausrichten knnen. Eben so wenig vermag der Eigensinn des mchtigsten
Regenten, der an ererbten Gewohnheiten festhlt, welche mit dem
Bedrfnisse der Zeiten und der vernderten Denkart des lebenden
Geschlechts in Widerspruch gerathen. Man hat gesehen, da Regierungen, die
Recht und Macht auf ihrer Seite zu haben schienen, in solchen
Unternehmungen bei der ersten Erschtterung gefallen sind; und wenn sie
bestehen bleiben, so vergeht dennoch das, was sie festzuhalten vermeinten,
ohne da sie es merken, unter ihren eignen Augen und Hnden.

Das persnliche Betragen, wodurch ein Erbfrst sich bei seiner Wrde
behauptet, ist z. B. von Haller in seinem "Handbuch der Staatenkunde"
vortrefflich dargestellt. Wenn dieser Autor aber hinzufgt, da
Macchiavelli sich viel vergebliche Mhe damit gemacht habe, Mittel
auszudenken, wie die Herrschaft aufrecht erhalten werden knne, da dieses
doch aus ihren natrlichen Grnden ganz von selbst erfolgen msse, so
vergit er, da Macchiavelli nur von den Mitteln redet, eine neue
Herrschaft zu grnden und zu erhalten, die nicht, wie sein Tadler von
aller Regierung voraussetzt, aus natrlichen Verhltnissen erwachsen,
sondern von Einem Manne willkrlich geschaffen ist. Und damit hat er sich
so wenig eine vergebliche oder berflssige Mhe gegeben, da vielmehr oft
ein Zweifel entsteht, ob der Schriftsteller, der doch Alles geleistet hat,
was die Krfte des menschlichen Verstandes in dieser Absicht vermgen,
genug gethan habe. Denn es liegt, wie die Folge dieser Betrachtungen
zeigen wird, in der Sache selbst, da aller Aufwand von Verstand, und
sogar die Ueberspannung aller Mittel, die sich aus demselben ziehen
lassen, oftmals nicht zureicht, eine aus bloer Selbstsucht errungene
Herrschaft zu befestigen.




                                    3.


Dies Kapitel behandelt also die Mittel, ein fremdes Land zu unterjochen,
nicht den Zweck selbst. Davon sagt der Autor nur vorsichtig: "Solche
Unternehmungen werden immer bewundert" - nicht: "Sie verdienen bewundert
zu werden".

Ein ewiger Friede ist unmglich. Das Bestreben der Vlker, ihren Zustand
zu verbessern, fhrt natrlich Gelegenheiten herbei, kriegerische Talente
und Tugenden zu zeigen, und die _Helden_ solcher Kriege sind es, die von
ihrem Volke als Wohlthter verehrt, von der ganzen Welt bewundert werden.
Dagegen tuschen sich die _Eroberer_, die nur eine wilde Herrschsucht zu
befriedigen suchen, wenn sie die abgedrungene Schmeichelei der in Furcht
gesetzten Vlker fr Beweise der Verehrung nehmen. Ihre Zeitgenossen
verfluchen sie. Das folgende Geschlecht, das sie nicht mehr zu frchten
hat, schtzt sie gering.

Wenn Macchiavelli auch an alles dies gedacht hat, so hielt er vermuthlich
dafr, es sei vergeblich, es den Groen zu sagen, die Lust haben, auf
Eroberungen auszugehen. Aus dem Glcke der Menschen, das sie aufopfern,
machen sie sich nichts, und an dem Erfolge ihrer Unternehmungen pflegen
sie nicht zu zweifeln. Auch von _der_ Seite ist ihnen schwer beizukommen.
Wenn denn also erobert werden soll, so mssen die Mittel erwogen werden,
wie eine eroberte Provinz behauptet werden kann. Hierber sagt
Macchiavelli sehr viel Treffendes. Dennoch bersieht er das sicherste
Mittel, wodurch Eroberungen dauerhaft werden knnen. Dasselbe liegt auer
seinem Gesichtskreise, da er nur die Neigungen und das persnliche
Interesse des Machthabers beachtet, ohne die Vlker an sich selbst fr
etwas gelten zu lassen. Durch diese engherzige Denkart wird das System des
scharfsinnigsten politischen Schriftstellers mangelhaft: durch sie ist
auch Napoleon I., der es vielleicht besser als je Einer im wirklichen
Leben dargestellt hat, zu Grunde gegangen.

Welches andere Mittel gibt es denn, die neuerworbene Herrschaft ber ein
fremdes Volk zu sichern, welches man beim Macchiavelli vermit? Es ist
dies: eine Behandlung, welche Achtung und Zutrauen gegen das ganze Volk
beweist, und indem sie die eigne Zufriedenheit desselben zu ihrem nchsten
Zwecke macht, dadurch zugleich das krftigste Mittel fr die Zwecke des
Herrschers erzeugt. Wenn man dem Volke die Verfassung lt, die ihm lieb
ist, und es von seinem vorigen Regentenhause nichts mehr zurckwnscht,
als die Personen, so hat man die Erinnerung daran nicht so sehr zu
frchten. Wer Menschen fr sich gewinnen will, mu ihnen die Ueberzeugung
beibringen, da Er es ist, durch den sie erhalten knnen, was sie
verlangen. Wer sie nur fhlen lt, da er ihnen nehmen kann, was ihm
gefllt, und da sie Alles als Gnade annehmen mssen, was er ihnen wol
lassen will; wer hiermit freiwillig auf alle feineren Beweggrnde Verzicht
leistet, und blos auf Gewalt trotzt, spielt ein gefhrliches Spiel; denn
Gewalt ist stets, und wre sie auch noch so gro und schiene sie noch so
fest begrndet, feindlichen Zufllen unterworfen.




                                    4.


Schon von Hume (_Essays_ 1, 3) ist, wie ich sehe, bemerkt, da das von
Alexander eroberte Persien nicht so beschaffen war, wie Macchiavelli es
darstellt, und da die Fortdauer der von Jenem gegrndeten griechischen
Herrschaft auf andern Ursachen beruht habe. An sich selbst aber ist das
Raisonnement des Macchiavelli zutreffend und vollkommen auf die Geschichte
des Mittelalters anwendbar, in welchem die Verfassungen sich gebildet
hatten, die Macchiavelli vor Augen lagen. In den Verhltnissen, die er
darstellt, war die Ursache des abwechselnden Erfolges der langen Kriege zu
suchen, die Frankreich und Spanien mit einander fhrten. Unruhige Groe,
die fremde Feinde hereinriefen und von ihnen abfielen, sobald die
Verblendung aufhrte, mit der sie erwarteten, diese wrden nicht fr sich
selbst, sondern fr _sie_ kmpfen und erobern. Ludwig der Vierzehnte
dmpfte diese Unruhen, indem er den Uebermuth der Vasallen, woraus der
Factionsgeist Nahrung zog, demthigte. Seit jener Zeit hat sich auch der
trkische Staat verndert. Die Verhltnisse der Statthalter in den
Provinzen zum Sultan sind nicht mehr ganz dieselben, und daher findet das
Raisonnement des Macchiavelli keine genau zutreffende Anwendung in der
neueren Geschichte von Europa.




                                    5.


Macchiavelli hat Vlker vor Augen gehabt, die heftigeren Leidenschaften
unterworfen und grerer Aufopferungen fhig waren, als die meisten
Nationen der sptern Zeit. Er redet von Zerstrung ganzer Stdte, von
vlliger Auflsung von Staaten, wie von ganz gewhnlichen und nothwendigen
Dingen. Dies ist bei einem Schriftsteller natrlich, der die Zeiten der
Guelfen und Ghibellinen im Sinne hatte: Zeiten, da Stdte wie Mailand vom
Kaiser Friedrich dem Ersten zur Vernichtung verurtheilt wurden, mit nicht
mehr Bedenklichkeit, als womit heut zu Tage ein Edelmann etwa in Lndern,
wo noch Leibeigenschaft herrscht, seine Bauern verpflanzt, um ihre Hfe
einzuziehen. Nimmt man hierzu die unvershnliche Rachsucht, die ewige
Mordlust, die verblendete Wuth des italienischen Volkes, so wird es
begreiflich, wie er Grundstze aufstellen konnte, die nachmals bis zum
Ende des achtzehnten Jahrhunderts der allgemeinen Denkungsart und den
Empfindungen der Gewalthaber selbst widerstritten. Die neuere
Regierungsweisheit, ihre Finanz- und Kriegskunst, lehrt aus der
Unterjochung der Vlker Vortheile ziehen, die mit so gewaltsamen Maregeln
unvereinbar sind. Damals erforderte die geringere Macht der Frsten und
die Unvollkommenheit ihrer Veranstaltungen ein ganz anderes Verfahren.
Wenn man erwgt, wie klein das Heer war, das Karl der Fnfte als Herr von
Spanien und Indien, von Belgien und einem Theile von Deutschland und
Italien mit aller Anstrengung dieses unermelichen Reiches auf Einen Punkt
zusammenzubringen vermochte, wie schwer es ihm ward, das erforderliche
Geld anzuschaffen, und wie unsicher dadurch alle Eroberungen wurden: so
sieht man wohl, da damals andere Maregeln ergriffen werden muten, als
in den Zeiten, in denen die Herrscher ber Armeen von Hunderttausenden und
vermittelst eines grenzenlosen Credits ber alles Geld der Vlker
disponiren.




                                    6.


_Savonarola_ war ein halb religiser, halb politischer Schwrmer. Whrend
des Exils der Medici in den ersten Jahren des sechzehnten Jahrhunderts
machte ihn ein groer Theil des florentinischen Volkes zum Abgotte. Der
religise Fanatismus war der Grund, auf dem sein politischer Einflu
beruhte, und er htte die Florentiner dadurch so unumschrnkt beherrschen
und seine Plne durchsetzen knnen, etwa wie Mahomed, wenn er nicht in der
Quelle seiner Gewalt selbst angegriffen wre. Die Zwistigkeiten seines
Ordens mit andern Mnchen erregten ihm Neider und Nebenbuhler, die eben so
ausschweifende Wunderthaten des Glaubens ankndigten, als er selbst. So
ward das Volk irre und sah ruhig zu, wie ein Mann verbrannt ward, der
wenige Monate vorher dreist htte wagen drfen, seine Gegner zum Feuertode
zu verdammen. - So unsicher ist Alles, was auf der Combination heterogener
Dinge beruht! Wenn der ehrliche Fanatiker zu Grunde geht, sobald er seine
Schwrmerei gebrauchen will, sich politischen Einflu zu verschaffen; wie
mu es dann erst dem ergehen, der nur die Maske davon annimmt, und sich
dessen, was bei Jenem in allem Ernste Beweggrund war, nur als eines
armseligen Kunstgriffs bedient.

Es bedarf brigens kaum einer Erinnerung, da Alles, was Macchiavelli von
der geringen Kraft der Neuerungen und von der Unzuverlssigkeit ihrer
Anhnger sagt, nur auf die Unternehmungen bezogen werden darf, die von
einzelnen unruhigen Kpfen herrhren. Wenn diese Neuerer auch anfangs
schwach und an Zahl unbedeutend sind, so knnen sie es durch ihren
lebendigen Feuereifer und ihre hartnckigen Anstrengungen doch bald dahin
bringen, die Majoritt, die unter sich nicht einig ist und nur schlaffen
Widerstand leistet, zu beherrschen und sie zu zwingen, ihre Ansichten
anzunehmen und sich ihrer Fhrung zu unterwerfen.




                                    7.


Wahrscheinlich geht es dem Leser bei der ersten Lectre dieses Kapitels
wie den Bewohnern von Cesena, als sie den ermordeten Remiro d'Orco
ausgesetzt fanden: staunend verstummten sie bei dem Anblick. Man sollte
fast glauben, Macchiavelli habe diese Geschichte idealisirt, um Etwas
aufzustellen, das in seiner Art nicht zu bertreffen war. Vielleicht war
der Richter nicht blos ein harter aber gerechter Mann von etwas grausamer
Gemthsart, sondern er befriedigte seine eigenen schlechten
Leidenschaften, unter dem Vorwande der Gerechtigkeit, die er handhaben
sollte. Csar Borgia hat ihm vielleicht eine Zeit lang nachgesehen, weil
er ihn sonst brauchbar fand, und am Ende der Gerechtigkeit selbst ein
Opfer gebracht, indem er ihn hinrichten lie. War er aber wirklich das,
wofr Macchiavelli ihn ausgibt, so war auch dieser einzige falsche Streich
des Frsten hinreichend, zu verhindern, da sich nie wieder ein Mann von
Ehre und zuverlssiger Gesinnung zu seinem Dienste hergab. Und eines
Mannes von Ehre und zuverlssiger Gesinnung bedurfte doch der Herzog von
Valentinois zur Ausfhrung seiner Plne.

Dieser Held des Macchiavelli, dessen Betragen er so oft allen denen zum
Muster aufstellt, die nach der Herrschaft streben, war klger,
entschlossener, und ging zusammenhngender zu Werke, als die groe Zahl
derer, welche sich damals, so wie Er, Alles erlaubten, um sich zu erheben.
Die Herren, die er zu Sinigaglia ermorden lie, wie Macchiavelli in einer
besondern Erzhlung ausfhrlich berichtet, waren um nichts besser als er,
und in Rcksicht auf ihre Unterthanen viel schlechter. Insbesondere liest
man von dem Oliverotto, Herrn von Fermo, eine solche Reihe von
Schandthaten, da es eine Art von Beruhigung gewhrt, zu erfahren, da er
am Ende durch einen mchtigern bsen Geist bestraft und von der Erde
hinweg geschafft worden. Wo der ganze Haufe der Mchtigen sich den
wildesten Leidenschaften ergibt und die Menschheit auszieht, da ist es ein
groer Gewinn, wenn Einer durch die Ueberlegenheit seines Verstandes die
Oberhand behlt. Dieser wird, um seines eignen Vortheils willen, manches
Gute thun, manches Ueble hindern. Der Csar Borgia war unstreitig listiger
und hatte dabei etwas Greres in der Gesinnung, als seine Mitwerber. Ob
er aber wirklich ein solches Ideal von Verstand war, wozu ihn Macchiavelli
machen will, knnte noch bezweifelt werden. Das Gesprch mit dem, dessen
Macchiavelli gedenkt, kann den Verdacht erregen, da es einigen Einflu
auf sein Urtheil gehabt habe. Es war allzu schmeichelhaft, von dem
furchtbaren Manne, der Geiel seiner Zeit, einer vertraulichen Mittheilung
gewrdigt zu sein, als da derselbe nicht dadurch ein greres und
bewunderungswrdiges Ansehen erhalten haben sollte. Er mag inzwischen den
Ruhm, den Macchiavelli ihm beilegt, verdient oder nur erschlichen haben:
von grerem Interesse ist die Frage, ob es denn wirklich, so wie
Macchiavelli behauptet, fr eine Vollkommenheit des Regenten gelten kann,
wenn er die Menschen insgesammt nur als Werkzeuge seiner Absichten
ansieht, und sich aller Empfindungen fr sie entuert, um groe Zwecke zu
erreichen.

Da Groe der Erde so denken, ist ja etwas sehr Gewhnliches. Man braucht
dazu auch nicht Regent zu sein. Vielmehr ist es noch eine Frage, ob es
nicht den Geringern fter gelingt, Hhere und Mchtige, die sich das nicht
trumen lassen, so zu mibrauchen, als den Groen, welche die Geringern
bei Weitem nicht so gut kennen, als sie von ihnen gekannt werden. Ist es
aber die rechte Denkungsart fr die Ausfhrung groer Entwrfe, wenn man
die Menschen um sich her nur als eine eigne Art von Maschinen ansieht,
deren Krfte und Wirkungen der Berechnung unterworfen werden knnen, und
das ganze verwickelte Gewebe ihrer Verhltnisse als ein Spiel betrachtet,
in welchem man, eben so wie in andern Glcksspielen, nur so lange
glcklich sein kann, als man sich der eignen Empfindung entschlgt und
alle Handlungen von dem eiskalten Verstande bestimmen lt?

Die Triebfedern der Menschen liegen doch nicht so deutlich vor Augen, da
ihre Wirkungen nach klaren Gesetzen mit Sicherheit vorher bestimmt werden
knnten. Der grte Kenner wird unzhlige Male durch unerwartete Anomalien
berrascht. Wie selten findet man einen nur mig consequenten Menschen!
Wer vermag die brigen mit einiger Zuverlssigkeit zu errathen?

Eben so wenig kann man sich selbst zu einem bloen Werkzeuge seines eignen
Verstandes machen. Wenn der Macchiavellische Politiker auch von sich
selbst ganz sicher sein knnte und sich nie verriethe, so thut doch sein
erknsteltes Betragen nicht die rechte Wirkung. Wer von lebhafter
Empfindung ergriffen ist, reit Andere mit sich fort. Diese Kraft des
wahren Gefhls ist nicht durch eine, wenngleich noch so gut ausgedachte
und gespielte Rolle zu ersetzen. Die Menschen lassen sich auf die Lnge
nicht so anfhren. Gerade die Einfltigsten sind darin oft zum Bewundern
scharfsichtig. Sie sind nicht im Stande, sich selbst klar zu machen, warum
ihnen so bel zu Muthe ist: aber ihre eigne ehrliche Gesinnung verrth
ihnen, da sie nur zum Spiele des berlegenen Verstandes dienen sollen. So
glcklich auch einzelne schlau ausgesonnene Streiche ausfallen, so
verfehlt das ganze Gewebe der Kunst doch seinen Zweck.

Endlich verzeiht das allgemeine Urtheil dem, der sich Alles erlaubt, die
Schlechtigkeit seiner Mittel, doch nur dann, wenn er das Ziel wirklich
erreicht hat. Wer es wagen will, sich ber die Moralitt ganz
hinwegzusetzen, mu also wenigstens des Ausganges gewi sein. Er mu zum
Voraus Alles bersehen, auf jeden Fall gefat sein und nie einen falschen
Schritt thun. Csar Borgia, den Macchiavelli als das vollkommenste Muster
eines politischen Betragens aufstellt, hat doch Einen Fehler gemacht. Und
gerade durch diesen Fehler ist er zu Grunde gegangen. Denn eben die
Papstwahl, wobei er den Schritt verfehlte, den er thun mute, um sich
sicher zu stellen, strzte ihn in die Gefangenschaft, worin er sein Leben
beschlo.

Wenn aber auch in einem ganzen langen Leben, unter den schwierigsten
Umstnden, durchaus kein Fehler gemacht wrde, - eine Sache, die leichter
zu denken, als auszufhren ist - so bleiben noch immer die zuflligen
Begebenheiten brig, die sich gar nicht voraussehen lassen. Wer nicht sich
selbst aufs Spiel setzen und seine ganze Zufriedenheit daran wagen will,
wie die Karte fllt, wird bei jedem unerwarteten Vorfalle darauf
zurckgefhrt, da die reine Absicht mehr werth ist, als alle Kunst; die
chte Gte des Willens mehr, als aller Verstand, der seiner Natur nach dem
guten Willen dienen sollte, statt da er verkehrter Weise zum Herrn
eingesetzt wird.

Bisher ist von der klugen Benutzung gnstiger Umstnde die Rede gewesen.
Wie aber, wenn das Glck, dem so Viele, die gro geworden sind, die
Gelegenheit dazu verdanken, seinen Beistand versagt? Alsdann mu
derjenige, der herrschen will, auch diesen Mangel ersetzen und sich selbst
den Weg erffnen. In einem vollstndigen Lehrbuche des Ehrgeizes darf die
Anweisung hierzu nicht fehlen, und davon handelt Macchiavelli im achten
Kapitel.




                                    8.


Die angefhrte Ueberschrift schon gibt zu erkennen, welche Gesinnungen man
zu erwarten hat.

Es gibt mehrere Wege zum Throne. Groe Verdienste: dreiste Verbrechen.
Beide kommen in der Geschichte vor. Von beiden mu hier erklrt werden,
wie man glcklich durchkommt oder untergeht.

So viel ist wahr: allgemeine Gesetzlosigkeit ist der schlimmste Zustand,
in den ein Volk gerathen kann. Das erste Bedrfni jeder menschlichen
Gesellschaft ist brgerliche Ordnung; Gesetze und Gewalt sie
einzuschrfen. Man mu aber erst Herr sein, ehe man regieren kann. Die
Zgel mssen also mit starker Hand ergriffen werden, und es mchte
immerhin Einer fr sich selbst Ausnahme von allen moralischen Gesetzen
machen, wenn er dadurch in den Stand gesetzt wrde, alle Andern zu ihrer
Befolgung anzuhalten. Ein einziges Verbrechen, das dahin fhrt, knnte als
nothwendige Abweichung von der Regel entschuldigt werden, wenn es das
einzige bliebe. Das liee sich aber nur von dem erwarten, bei dem es nicht
aus dem Herzen entsprungen, sondern vernunftmig beschlossen wre, weil
es mit ruhiger Ueberlegung als das einzige Mittel zu groen und guten
Zwecken erkannt worden. Hat aber die Geschichte wol Mnner aufzuzeigen,
die ein groes Verbrechen begangen htten, blos um wohlwollenden Neigungen
einen freieren Wirkungskreis zu erffnen? So meint es auch Macchiavelli
selbst nicht. Er sieht die Sache nur aus dem Gesichtspunkte des Ehrgeizes
an. Fr diesen gibt er Lehren: die dadurch errungene Herrschaft mag dann
gebraucht werden, wie es dem Mchtigen gefllt.

Besondere Beachtung verdient noch die letzte Bemerkung dieses Kapitels, da
sie nicht nur fr den hier behandelten Fall gilt, sondern auf jeden
Regenten Anwendung findet. Bei allen harten Verfgungen, zu denen man
durch auerordentliche Umstnde veranlat wird, ist es immer sehr
wohlgethan, Macchiavelli's Rath befolgend, mit einem einzigen Schlage zu
vollfhren, was man vorhat. Vorzglich trifft diese Erinnerung die
Behandlung groer Staatsverbrecher. "Schlage den Hirten und die Schafe
werden sich zerstreuen." So lange aber diese in Ungewiheit bleiben und
Strafe fr das Vergangene besorgen, werden sie gereizt, sich durch
Erneuerung der fehlgeschlagenen Entwrfe zu retten. Haben sie nichts mehr
zu frchten, so verlieren sie allmhlich das Interesse an der Sache und an
den Fhrern, die dafr gelitten haben, und bemhen sich es Andere
vergessen zu machen, da sie an der verunglckten Unternehmung Theil
gehabt. Groe politische Verbrecher nehmen ferner auer ihren
entschiedenen Anhngern leicht eine Menge ihrer Mitbrger durch blendende
Vorwnde ihrer verrterischen Anschlge fr sich ein. Diese, welche, ohne
selbst fr die Sache thtig gewesen zu sein, gnstig von ihr dachten und
den Unternehmern wohlwollten, sind nicht leicht eines Bessern zu belehren.
Aber sobald sie die Hoffnung aufgeben mssen, da die Sache gelingen
knne, so werden sie gern glauben, sie sei vergessen. Darber vergessen
sie sie wirklich am Ende selbst. Dazu aber ist nothwendig, da sie sobald
als mglich fr beendigt erklrt werde. Alsdann wird die Aufmerksamkeit
des groen Haufens bald durch die neuen Angelegenheiten des Tages
abgelenkt.




                                   10.


Ueber dies treffliche Kapitel ist nichts weiter zu sagen, als da es einen
Zustand der Welt voraussetzt, der nicht mehr existirt. Sobald Heere von
Hunderttausenden auf dem Kriegstheater erscheinen und die Uebermacht
entscheidet, kann nicht mehr von der Vertheidigung kleiner Herrschaften
die Rede sein. Damals bedeutete jeder einzelne Frst, der eine Stadt
besa, und jede kleine Republik etwas, sobald Verstand da war, die
geringen Krfte zu gebrauchen und unter der groen Menge der Nachbarn
durch geschickte Unterhandlungen Hilfe zu suchen. In solchen Zeiten haben
alle Krfte des Verstandes und des Gemthes Gelegenheit zu freier
Entwicklung. In Perioden aber, wo eine bermchtige Gewalt Alles besiegt
und unterjocht, kommt nichts auf, was Interesse zu erregen verdiente. Die
Nachwelt aber bt Gerechtigkeit aus: sie mag nichts von den Thaten dessen
hren, der doch whnte, sie werde sich ganz allein mit ihm beschftigen!




                                   11.


Dieses Kapitel ist das drftigste oder vielmehr das einzige schwache im
ganzen Werke. Macchiavelli hat im Eingange versprochen, von den
verschiedenen Arten der Herrschaft zu reden. Man erwartet hier also
Bemerkungen ber die eigenthmlichen Verhltnisse, in denen sich die
geistlichen Frsten befinden, ber die starken und die schwachen Seiten
ihres weltlichen Ansehns und ber die in der That hchst merkwrdige
Rolle, die sie in der Geschichte spielen. Wenngleich Macchiavelli
berhaupt die Unternehmungen, die Grundstze, das Betragen der Frsten, in
Beziehung nicht auf die regierten Vlker, sondern nur auf die Befestigung
der Herrschaft selbst betrachten wollte, so war noch immer genug ber die
geistlichen Frstenthmer zu sagen. Diese, sagt er, bestehen unter dem
Schutze des religisen Vorurtheils, und wenn einer nur durch glckliche
Intrigue oder Zufall auf den heiligen Stuhl erhoben worden, so wird von
ihm nichts weiter gefordert, um sich zu behaupten. Hat er Geist genug,
sein Glck zu benutzen, und Sinn fr den einzigen Genu, der eines Frsten
wrdig ist, fr die Befriedigung der Herrschsucht, so wird er es machen,
wie Sixtus der Vierte, Alexander der Sechste, Julius der Zweite, Leo der
Zehnte. Hat er das nicht, so mag er sein Leben mit Beten zubringen, oder
mit Schlemmen, wie es ihm gefllt. Abgesetzt wird er dafr nicht werden.
Mit diesem bsen Spotte fertigt Macchiavelli den heiligen Stuhl ab. Jene
Ppste, von denen er hin und wieder redet, waren Mnner von heftigen
Leidenschaften und Meister in der Politik, die in Italien zu ihrer Zeit
die hchste Ausbildung erhalten hatte und deren Geheimnisse Macchiavelli
aufdeckt. Sie waren insgesammt seine Zeitgenossen, und er hatte keinen
Andern auf dem ppstlichen Stuhle gesehen.

Aber es hat auch Perioden in der Geschichte gegeben, in welcher die
Hupter der Kirche in ganz anderm Geiste auf die Angelegenheiten der
Vlker einwirkten; wo sie Schiedsrichter der Knige waren und durch ihr
friedliches Ansehn grere Kriege beilegten, als der feurige Ehrgeiz
Julius des Zweiten erregt hat. Auch dies hing von dem persnlichen
Charakter und den Talenten einzelner Ppste ab. Aber die Mittel, wodurch
sie so groe Dinge ausgefhrt haben, lagen in der Natur ihrer Wrde. Die
vernderte Denkart verschiedener Zeiten erforderte jedesmal besondere
Modificationen. Im sechzehnten Jahrhunderte konnte die Sache nicht durch
einen hingeschleuderten Bannstrahl ausgemacht werden, wie zu der Zeit
Gregor des Siebenten; aber das Verhltni des heiligen Stuhls zu den
weltlichen Monarchen war doch im Grunde immer dasselbe, wenn es gleich
nicht mit so hoher Hand geltend gemacht werden durfte.

Die Ppste genossen als Oberhupter der christlichen Kirche ein Ansehn,
das allemal um so viel grer und unverletzlicher war, jemehr sie sich
bemhten, im Geiste ihrer Wrde zu handeln und das Interesse ihrer
weltlichen Besitzungen und ihrer Familien so weit zu verlugnen, da es
wenigstens nicht als nchste und vorzglichste Triebfeder hervorleuchtete.
Alle Verhandlungen, die mit dem ppstlichen Hofe gefhrt sind, oder in
welche dieser auch nur verwickelt gewesen ist, haben einen eignen
Charakter. Der berlegnen Macht darf der Schwchere nicht wagen entgegen
zu setzen: "_Ich will nicht_" (_non volumus_). Aber wenn sein demthiges:
"_Ich kann nicht_" (_non possumus_) durch den Zusatz "_wegen meines
Gewissens_" geschtzt wird, so erhlt er vielleicht Gerechtigkeit fr
Andre, wenigstens Schonung fr sich selbst. Die Verhandlungen unter den
erbittertsten Gegnern nehmen einen ganz andern und sanftern Charakter an,
wenn eine Person dazwischen tritt, die sich gegen Beleidigungen nicht
wehren kann, die man aber nicht beleidigt, ohne sich selbst mehr zu
beschimpfen, als seinen Gegner. Wie oft hat die Dazwischenkunft eines als
Frsten ohnmchtigen, aber wegen der allgemeinen Verehrung der Vlker
gegen seine geheiligte Person gefrchteten Papstes die entschlossensten,
ehrgeizigsten, ungestmsten Kriegshelden aufgehalten, und ganzen Lndern
einige Jahre Ruhe verschafft! Wenige Frsten haben es gewagt, _gegen sie_
die Hrte, den Ungestm, den Eigensinn zu uern, wodurch ihre
Uneinigkeiten unter sich so frchterlich werden. Die Politik des rmischen
Hofes besteht in geschicktem Zaudern. Durch unendlichen Aufschub,
Wiederholung derselben Aeuerungen in andrer Gestalt und mit vernderten
Wendungen ist dort unzhlige Male einbrechendes Ungewitter abgeleitet. Von
wem anders htte man sich das gefallen lassen, als von dem, der in seinen
Verhandlungen mit weltlichen Mchten die Sprache des alten Mannes zu der
feurigen Jugend redete, und den diese Sprache wohl kleidete. Wenn man in
der Geschichte findet, wie die Gesandten der grten Mchte ihrer Zeiten,
franzsische und spanische Abgeordnete, unter dem Vorsitze eines
ppstlichen Legaten, der nur ermahnen soll und gar nicht drohen kann,
wenigstens den Anschein friedlicher Gesinnungen annehmen und durch den
Anstand gegen den gemeinsamen Vater der christlichen Vlker zu einem
nachgibigen Betragen verleitet werden, so kann man sich nicht enthalten zu
wnschen, da noch jetzt eine Autoritt vorhanden sein mchte, der diese
Mittel zu Gebote stnden.

Die Religion bezieht sich auf die Bedrfnisse, die Rechte und Wrde der
menschlichen Natur, auf welche der Geringste wie der Hchste und
Mchtigste Anspruch machen darf. Wie die brgerlichen Verhltnisse auch
beschaffen sein mgen, in der Kirche sind die Menschen an sich selbst
etwas: da drfen sie nicht als bloe Werkzeuge und Untergebene ihrer
Herren betrachtet werden. Dem Oberhaupte einer solchen geistlichen
Gemeinheit steht es daher sehr wohl an, Bewegungsgrnde vorzubringen und
an Grundstze zu erinnern, die in dem Munde des weltlichen Staatsmannes
vielleicht verlacht wrden.

Der Einflu der geistlichen Gewalt auf die Angelegenheiten der Welt ist
zwar eben sowol dem Mibrauche unterworfen, als die Herrschaft des
Schwertes; und es ist doppelt emprend, wenn das angebliche Seelenheil der
Menschen nur zum Vorwande der nmlichen Leidenschaften dient, die der
Kriegsheld auf andern Wegen zu befriedigen sucht. Ein Lehrbuch der
geistlichen Regierungsknste, von einer Feder wie Macchiavelli's, mte
noch unangenehmere Empfindungen erregen, als die Stellen im Buche vom
Frsten, die das Gefhl am meisten beleidigen. Dieser Mibrauch der
geistlichen Herrschaft hat den Bemhungen der weltlichen Regenten, ihr
Ansehn zu vernichten, allgemeinen Beifall verschafft. Die Philosophie des
achtzehnten Jahrhunderts hat entschieden fr diese Partei genommen, und
nach den Grundstzen eines spekulativen Naturrechts die geistliche
Autoritt aus der brgerlichen Verfassung verwiesen. Aber die Staaten der
wirklichen Welt sind nicht nach reinen Abstractionen angeordnet, und ihre
Verhltnisse knnen nicht nach einfachen Principien beurtheilt werden. Der
ursprngliche Beruf des christlichen Priesterthums, der die Gelehrsamkeit
als seine vorzglichste Beschftigung voraussetzt, hat auf die ganze
innere Verwaltung und auf die uern Verhandlungen der geistlichen
Frstenthmer einen groen Einflu. Selbst die Hofhaltung des Oberhauptes
der katholischen Kirche ist danach eingerichtet, und die ganze Politik
desselben sucht die weltlichen Angelegenheiten einem hhern, zwar nicht
immer wohl verstandenen, aber an sich selbst ehrwrdigen Interesse
unterzuordnen.

Zu den Zeiten Macchiavelli's war die Hierarchie von demselben
verderblichen Geiste ergriffen, der ganz Italien verwirrte. Aber der Sinn
fr literarische Cultur und Liebe zu den Wissenschaften, die sich mit der
grten Schnellkraft entwickelten, erzeugte einen neuen Charakter, den
auch die hohe Kirche annahm. Bald nach dem Zeitalter Macchiavelli's
bestieg ein Mann den heiligen Stuhl, der die Satyre, die wir gelesen
haben, mit der That widerlegte, und bewies, was Regententugenden auf jener
Stelle vermgen. In einer kaum fnfjhrigen Regierung hat Sixtus der
Fnfte nicht allein sein Ansehn bei fremden Mchten eben so gut und noch
weit mehr behauptet, als Alexander, Julius und Leo. Er vollbrachte daneben
in dieser kurzen Zeit Alles, Alles, was die thtigste frstlichste
Verwaltung zu leisten vermag. Ruhe und Ordnung wurden hergestellt,
ffentliche Sicherheit geschafft, die vorher im Kirchenstaate Niemand
kannte; Gerechtigkeit gehandhabt, der Wohlstand befrdert, und dabei eine
unglaubliche Menge der glnzendsten Unternehmungen vollendet, die der
Stadt Rom die Bewunderung der hinstrmenden Welt verschafften.

Dieser Sixtus gehrte zu den seltenen Mnnern, denen Alles zu gering ist,
was allein persnlichen Ehrgeiz oder Familieninteresse befriedigt, die
nichts ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Bemhungen werth achten, als
ffentliche Ordnung und Wohlfahrt; fr die nichts so groen Reiz hat, als
was das Interesse des menschlichen Geistes angeht. Solche Menschen knnen
auch auf Thronen geboren werden. Aber in der Beurtheilung der Bedrfnisse
des Privatlebens wird ihnen der immer berlegen sein, der durch diese
selbst hindurchgegangen ist. Hierin knnte ein Vorzug der Verfassung
liegen, worin die Regenten nicht durch das Recht der Geburt bestimmt
werden. Aber in welchem Wahlreiche wird man durch jene Eigenschaften auf
den Thron erhoben, auer im geistlichen? Wenn in einem andern der
Privatmann hoffen darf, die Intriguen der Familien und Parteien durch
persnliches Verdienst zu berwinden, so ist es nur der Kriegsheld. Die
Geschichte des Dejoces, den die Meder wegen seiner Gerechtigkeitsliebe zum
Knige gewhlt haben, gehrt in die alten Zeiten, von denen man gar viel
erzhlen kann. Auf den ppstlichen Stuhl aber sind in allen Perioden von
Zeit zu Zeit Mnner erhoben, von deren Herkunft Niemand etwas wute, und
die sich blos durch persnliche Vorzge den Weg gebahnt haben.

Familienintrigue hat zwar oft auf die Wahl von Ppsten und auf die Politik
derselben einen entscheidenden Einflu gehabt, und die Nepoten haben nicht
blos in der innern Staatsverwaltung, in welcher ihnen keine stndischen
Rechte Widerstand leisteten, groen Schaden gethan; sie haben auch oft die
Staatshndel aller Mchte von Europa verwirrt, die das Ansehn des heiligen
Stuhls vielmehr htte besnftigen sollen. Die Farnese, die Caraffa, die
Barberini spielen keine schne Rolle in der Geschichte. Aber das ganze
Gebude der hohen Kirche beruht so wesentlich auf der Bildung des Geistes,
ihre weltliche Macht, Reichthum und Einflu ist so sehr mit den Anstalten
fr wissenschaftliche Cultur verwebt, da Verdienste um diese letztere
immer in guten Zeiten einen berwiegenden Einflu haben, und selbst in den
schlechtesten nicht ganz zurckgesetzt werden knnen. Wenn man zum
Beispiel die Schilderung liest, die der Cardinal Bentivoglio, selbst ein
ausgezeichneter Staatsmann und Schriftsteller, von dem Cardinals-Collegium
und dem ppstlichen Hofe macht, so wie er es unter Clemens dem Achten bei
seinem ersten Eintritte in die Welt fand, so erstaunt man ber die Menge
von Cardinlen und andern hohen Dignitaren, die sich durch Gelehrsamkeit
oder durch groe Geschicklichkeit in Staatshandlungen zu ihrer Wrde
emporgeschwungen hatten, ohne durch irgend etwas Anderes empfohlen zu
sein. Rom hat nicht zu allen Zeiten eine so ehrwrdige Prlatur besessen;
aber Talenten, Einsichten und Kenntnissen ist der Weg zu hohen Wrden
niemals ganz verschlossen gewesen, selbst nicht unter den Ppsten, die
ihre Erhebung keinen persnlichen Vorzgen verdankten.

Die deutsche hohe Geistlichkeit, welcher man das in mancher Rcksicht
verdiente Lob durch einseitige Schilderung aller Nachtheile der ehemaligen
deutschen Reichsverfassung mit Unrecht zu entziehen sucht, ist jedoch
hinsichtlich des persnlichen hervorstechenden Glanzes einzelner Prlaten
weit hinter der italienischen zurckgeblieben. Man hat es schon in sehr
frhen Zeiten darauf angelegt, den Weg zu hohen Stellen allen denen zu
verschlieen, die sich nur auf Verdienste berufen konnten; und diese
Bemhungen des deutschen Adels, alle Stellen in hohen Stiftern in dem
Kreise gewisser Geschlechter festzuhalten, in welchem sie nach einer
gewissen Billigkeitsrolle vertheilt werden mten, ist nicht ohne Wirkung
geblieben.

In Rom hat man nie lernen knnen, so zu denken. Der Besitzstand, bei dem
die deutschen Prlaten sich so wohl befanden, war gar nicht hinreichend,
die Absichten und Bedrfnisse der ganzen Hierarchie zu befriedigen. Der
Einflu, den sie immer zu erweitern strebte und nur mit ausnehmender und
ununterbrochener Aufmerksamkeit aufrecht erhalten konnte, erforderte
vielmehr eine groe Thtigkeit und Bekanntschaft mit der ganzen Welt, mit
der vergangenen und mit der lebenden. Es ist daher ganz falsch, was
Macchiavelli von der Geistlichkeit sagt: da ihre Hupter auf ihren hohen
Stellen durch die Kraft der Trgheit, die in alten Einrichtungen liegt,
erhalten werden, sie mgen sich auffhren wie sie wollen. Vielmehr hat
sich in der Geschichte keines einzigen Staates deutlicher gezeigt, wie
viel wahrer Verstand und gute Gesinnung in der Welt vermgen, als gerade
in der Geschichte der Ppste.

Die Philosophen und Geschichtschreiber der neuern Zeiten haben sich mit
groem Erfolge bemht, die geistliche Gewalt verhat zu machen, indem sie
ihr Alles zur Last legen, was Geistliche gethan haben, ohne zu beachten,
ob sie die Kraft dazu durch ihren geistlichen Stand erhielten, und ob man
der Herrschsucht ihr Gift genommen htte, wenn ihr das geistliche Kleid
ausgezogen wre. Die franzsischen Schriftsteller insbesondere machen sehr
bittere Bemerkungen darber, wie viel Unheil die Cardinle in der
Staatsverwaltung gestiftet. Richelieu und Mazarin fanden es zwar sehr
vortheilhaft, ihrer Person durch den rmischen Purpur Schutz zu
verschaffen. Wrden sie aber anders regiert haben, wenn sie als weltliche
Minister die Macht besessen htten, die sie nicht ihrer geistlichen Wrde,
sondern persnlichem Einflusse auf die Gemther ihrer Regenten verdankten?
Der geistliche Beruf hat freilich einem Alberoni Gelegenheit gegeben, sich
dem Regenten von Spanien zu nhern und das Schicksal mehr als Einer
Monarchie zum Spiele seines Ehrgeizes zu machen; aber auch dem Ximenes,
d'Ossat und andern groen Mnnern den Weg zu Stellen erffnet, die den
vorzglichsten Menschen so schwer zu Theil werden, wenn sie nicht durch
die Geburt begnstigt sind.

Die Philosophie htte sich also begngen sollen, die Anmaungen der Kirche
in billige Schranken zurckzuweisen, ohne sie zu vernichten, um dagegen
ein fr die Wrde der menschlichen Natur eben so gefhrliches System der
brgerlichen Ordnung nach den Gesetzen des uern Rechts zu erheben.

Das leichtsinnige und fehlerhafte Urtheil des Macchiavelli ber die
geistlichen Frsten erforderte diese Betrachtungen ber die Vortheile,
welche das System der katholischen Hierarchie gewhrt. Es ist hier nicht
der Ort, von den wesentlichen Fehlern derselben zu reden, welche die
Veranlassung zu der Trennung der Protestanten von ihr gegeben, und die
Wiedervereinigung kaum mglich machen. Diese Fehler werden nicht durch die
Vernderungen gehoben, welche vermge der neuern Denkart in der
katholischen Kirche entstanden sind, und die ihr zugethanen Vlker laufen
daher Gefahr, die Vortheile zu verlieren, welche sie besaen, ohne durch
diejenigen entschdigt zu werden, die die protestantischen errungen haben.

In dem kirchlichen Systeme dieser Letztern findet die Einwirkung einer
geistlichen Gewalt auf Staatsverhandlungen mit andern Mchten gar nicht
statt. Was aber ihren Einflu auf innere Landesangelegenheiten betrifft,
so kann hier nur der Gesichtspunkt im Allgemeinen angegeben werden, von
dem die Untersuchung darber ausgehen mu.

Es ist berhaupt das grte Problem des natrlichen Staatsrechts und der
Politik, wem man in der brgerlichen Gesellschaft die Befugni ertheilen
solle, sich der willkrlichen Gewaltthtigkeit zu widersetzen. Das Gesetz
Gottes geht ber das Gesetz der Menschen. Seit den rasenden Tyrannen Roms,
die sich zu lebenden Gttern erklrten, hat selten ein Regent gewagt,
seinen Vlkern ins Gesicht zu sagen, er wolle, da ihm mehr gehorcht
werde, als Gott. Aber wie soll die Stimme des unsichtbaren Gottes
durchdringen? Wer soll sie erklren? Soll derjenige, den das Volk fr
ihren Ausleger hlt, gar keine weltliche Macht in Bewegung setzen knnen,
so wird er zu einer leeren Stimme in der Wste, sobald es dem Regenten
gefllt. Soll er Mittel besitzen, sich Gehorsam zu verschaffen, so
entsteht ein innerer Krieg, sobald seine Vorschriften mit dem Willen des
weltlichen Regenten disharmoniren. Diese letzten schrecklichen Folgen hat
die katholische Kirche oft erfahren. Jenem Nachtheile ist die
protestantische ausgesetzt, sobald die Geistlichkeit, wie es nach den
eingeschrnkten Ideen derer sein sollte, die einem drren Systeme zu
Gefallen alle Verhltnisse mglichst vereinfachen, als besoldete Diener
des Regenten betrachtet werden, welche bestellt sind, Moral zu predigen
und die brgerlichen Gesetze einzuschrfen. Wo sollte wol ein solcher
bestellter Officialis der Sittlichkeit den Muth hernehmen, seinem Herrn,
den alle Welt frchtet, ins Gewissen zu reden? Friedrich Wilhelm dem
Ersten von Preuen hat doch ein Landprediger den Vers aus der Bibel
vorgehalten: "Wer einen Menschen stiehlt", um damit seine gottlose
Menschenruberei fr die Potsdamer Garde zu strafen. Wer wird dergleichen
unternehmen drfen, wenn es weder Vorsteher der Nation gibt, die von ihr,
und nicht vom Regenten abhngen; noch auch Lehrer gttlicher Weisheit, die
einen hhern Beruf anerkennen, als ein Bestallungspatent!

Die Reformatoren der Kirche haben dies Alles wohl gefhlt. Sie verkannten
ihren Beruf nicht. Sie haben den geistlichen Stand, dem die Sorge
anvertraut ist, eine hhere Bildung des Menschengeschlechts zu erhalten,
nicht zu Dienern des irdischen Gemeinwesens, zu Staatsdienern
herabgewrdigt. Die Frsten der Zeit haben sich nicht vermge ihrer
frstlichen Wrde zu Huptern der Hierarchie erklrt. Das htte das
damalige Volk nicht gelitten. Die deutschen Frsten haben als natrliche
Beschtzer der Kirche, deren mchtigste Glieder sie waren, die
bischflichen Rechte und Pflichten auf sich genommen, nachdem die
Gemeinden sich von der katholischen Hierarchie losgemacht hatten. Dieser
wesentliche Unterschied wird kaum mehr beachtet, seitdem die Speculationen
ber das Staatsrecht und ber die Staatsklugheit eine angeblich
metaphysische Wendung genommen haben, vermge deren ein strenges ueres
Recht das Wesentliche aller sittlichen Verhltnisse der brgerlichen
Gesellschaft ausmachen soll: da doch die Menschen, aus denen der Staat
besteht, die Gesetze ber ueres Recht nicht eher begreifen, und die
Verpflichtung sie zu besolden nicht anerkennen, bis sie durch viele
religise Bemhungen und moralischen Unterricht dazu fhig gemacht sind.




                                   12.


Der Hauptgedanke, auf welchen diese lehrreiche Darstellung der vergangenen
italienischen Zeiten fhrt, ist ganz allgemein wahr und zu allen Zeiten
ntzlich. Selbst ist der Mann. Jeder mu sich selbst zu schtzen suchen,
so viel er kann. Man darf nie Andere fr sich tapfer, vorsichtig, klug
sein lassen und sie dafr bezahlen; denn wer Schtze hat, fremden Schutz
zu erkaufen, dem werden sie gerade von demjenigen genommen, den er zum
Wchter zu bestellen dachte. Der Genu des Reichthums erschlafft und nimmt
selbst dem, welchem es nicht an Einsicht fehlt, die Kraft zu handeln.
Daher hat groer Reichthum der Vlker von jeher schlimme Perioden
herbeigefhrt: entweder Unterjochung von Auen oder Revolutionen im
Innern, wodurch die Leitung der ffentlichen Angelegenheiten und das
Eigenthum der Nation in die Hnde derjenigen Classen gerieth, die bis
dahin noch keinen Antheil am Ueberflusse gehabt hatten. Hieraus ergibt
sich auch die Ursache, warum Seemchte, trotz des grten Reichthums und
selbst des bertriebensten Luxus, den er veranlat, gro und mchtig
bleiben knnen. Die Quelle ihrer Schtze fhrt das Heilmittel selbst bei
sich. Die Schifffahrt gelingt nur durch die uerste Anstrengung aller
Krfte des Geistes und des Krpers. Daher nthigt der Seehandel, der den
grten Gewinn bringt, zugleich zu dem emsigsten Bestreben nach einer
Ausbildung, die auch im Kriege Ueberlegenheit gibt. Wenn eine Seemacht
jemals andere Nationen in Sold nhme, um fr sich die Gefahren und
Mhseligkeiten der Schifffahrt zu bernehmen, so wre sie verloren. Aber
auch nur dann. Die groe Seefahrt und die Gesetze, die sie veranlat,
werden gewhnlich nur aus dem eingeschrnkten Gesichtspunkte des
Handelsgewinns angesehen. Die Veranstaltungen, die sich darauf beziehen,
sind aber noch weit wichtiger in moralischer Rcksicht. Sie befrdern die
ernsthafte Beschftigung und Abhrtung, sie erhalten einen mnnlichen
Charakter in der Nation. Und da das Seewesen einer groen Menge von
wissenschaftlichen Kenntnissen bedarf, so entsteht daraus das Phnomen
einer kriegerischen Macht, die zugleich alle Knste des Friedens zu
vervollkommnen sucht; wohingegen eine sehr kriegerische Nation auf dem
festen Lande immer Gefahr luft, in Rohheit der Sitten zurckzusinken.




                                   15.


Macchiavelli kannte die Begriffe von Recht und Sittlichkeit und ihren
Einflu auf die Menschen sehr wohl. Aber sie galten ihm nur als
Erscheinungen im menschlichen Gemthe, die gleich andern Neigungen und
Vorteilen in die Berechnungen ber die Triebfedern der menschlichen
Handlungen mit aufgenommen werden muten, ohne ihnen einen Werth an sich
selbst zuzugestehen. Eben so kannte einer von seinen Schlern, die ihn am
besten begriffen hatten, die sittlichen Triebfedern der Menschen gut
genug, um sie fr seine Zwecke und zu dem Verderben derer zu mibrauchen,
die er dadurch zu seinen Werkzeugen machte. Aber dieser Mann, Napoleon der
Erste, verkannte die Natur der Dinge, wenn er die ganze lebende Welt um
ihn her nur im Verhltnisse zu seiner Person beurteilte, und in Beziehung
auf sich ordnen wollte. Er whnte, sich fr ein personificirtes Schicksal
erklren zu drfen. Der mchtigste Mensch bleibt doch immer nur ein
Triebrad des Schicksals unter vielen. Er ist und bleibt abhngig, so wie
Andre, nur auf andre Art. Es ist daher etwas Verkehrtes in der Sinnesart,
die alles Allgemeine, Hhere, Edlere der Persnlichkeit unterordnet, und
deshalb kann sie schon vor dem Richterstuhle des bloen Verstandes nicht
bestehen; wohingegen derjenige, der sein persnliches Interesse hheren
Zwecken unterordnet, auch alsdann mit sich einig bleibt, wenn er diese
verfehlt, und sogar, wenn er selbst darber untergeht.




                                   16.


Diese Bemerkungen sind von der grten Wichtigkeit fr jeden Regenten. Die
Freigebigkeit ist eine natrliche Eigenschaft des hohen Sinnes. Man fhlt
sich ber andre Menschen erhaben, indem man ihnen wohl thut. Sie ist also
ganz eigentlich eine frstliche Tugend. Der Geiz hat etwas Kleinliches und
ist daher in einer hohen Stelle unanstndig. Bei dem, der nach der
Herrschaft strebt, kommt noch hinzu, da er des Beistandes so Mancher
bedarf, und denselben durch alle Mittel suchen, ihn also auch oft erkaufen
mu.

Betrachtet man aber die Folgen, so sieht man auf der Seite der
Freigebigkeit undankbare Gnstlinge, die immer mehr fordern, je mehr sie
erhalten haben; ganze Classen, die als ein Recht ansehen, was Einem unter
ihnen zugestanden worden; die, wenn sie das gesammte frstliche Gut unter
sich getheilt haben, denjenigen gering schtzen, der nichts mehr zu geben
hat und sich gegen ihn auflehnen; milungene Unternehmungen, weil es an
Mitteln fehlt; unbelohntes Verdienst, ungerechte Vorenthaltung
rechtmiger Forderungen, allgemeine Unzufriedenheit, zuletzt Verachtung.

Der Geiz hingegen, nicht aber die Habsucht, die vielmehr mit
leichtsinniger Verschwendung nahe verwandt ist, kann wol mit
Gerechtigkeitsliebe bestehen. Strenge Wirthschaftlichkeit macht den Grund
aller guten Regierung aus. Ist aber der Geiz nicht die Folge ernstester
Ueberlegung und Vorsicht, entspringt er vielmehr aus Neigung, so fllt er
auf die Gegenstnde, welche nicht die wichtigsten sind, sondern nur die
nchsten; er lt groe Dinge fahren, um Kleinigkeiten zu ergreifen, freut
sich nicht ber den Zweck der guten Haushaltung, sondern nur ber das
Ersparen selbst, mignnt daher Jedem die wohlverdiente Belohnung
geleisteter Dienste und erzeugt allmhlich die tiefe Abneigung, welche
derjenige stets einflt, dessen Macht man frchtet, ohne seinen Charakter
zu achten.




                                   17.


Die Lehren dieses Kapitels sind einleuchtend. Dennoch wird es Mnnern von
menschenfreundlicher Gemthsart sehr schwer, sie anzunehmen. Sie hoffen
immer, die Menschen werden zu ihren Gunsten eine Ausnahme machen. Ihre
eignen Gesinnungen verleiten sie auch in Andern entsprechende zu wnschen
- vergeblich zu erwarten. Aber es wird im Gegentheil demjenigen, der
einmal im Rufe der Menschenliebe steht, von allen Seiten angesonnen, sich
gefallen zu lassen, was keinem Andern widerfhrt, und das ist der wahre
Grund, warum die angebliche Tugend der Gutmtigkeit - sehr verschieden von
der Liebe zum Guten - so allgemein erhoben wird. Sie ist in Wahrheit nur
Schwche eines harmlosen Gemths und schon im Privatleben verchtlich. Wer
den Menschen im Ernste wohl will und fr sie thtig sein mchte, mu
kmpfen und berwinden, den widerstrebenden Eigennutz der
Schlechtgesinnten in Furcht setzen, die Schwachen zwingen mitzuwirken und
oft diejenigen selbst, denen er wohlthun will, nthigen, ihr eigenes
Bestes zu besorgen. Im ffentlichen Leben gibt es gar keinen greren
Fehler, als jene Gutmthigkeit, die immer nachgibt: Schlechte schont und
Gute preisgibt; bescheidene Selbstverleugnung vorschtzt, um
zurckzubleiben, wo es die Pflicht erfordert, hervorzutreten, und die
verchtlichste Feigheit mit dem nichtswrdigen Ruhme der Sndhaftigkeit im
Leiden, da wo man sich wehren sollte, beschnigt. Vorzglich ist
Nachgibigkeit und unzeitige Schonung im Verhltnisse zu Untergebenen
verderblich. Die Liebe zu Vorgesetzten erfordert einen berwiegenden
Zusatz von Achtung. Diese ist mit der Furcht nher verwandt, als mit der
Zuneigung. Ein anderer Bestandtheil der Liebe zu Vorgesetzten ist
Vertrauen auf ihren Schutz. Dazu gehrt wieder die Ueberzeugung, da Andre
sich vor ihnen frchten. In einem andern Sinne als Macchiavelli es
behauptet, ist es in der That wahr: die Furcht ist das Band der
brgerlichen Gesellschaft.




                                   18.


Unter allen Lehren, die Macchiavelli den Groen gibt, haben diese den
allgemeinsten Beifall gefunden. Auf ihn berufen sich alle Staatsmnner,
die Vertrge und Zusagen brechen und den Betrug mit dem Namen der Politik
rechtfertigen mchten. Doch hat ein so erfahrener Mann unmglich sagen
wollen, da ohne Gefahr immer und immer nur betrogen werden knne. Das hat
er auch nicht gesagt, denn er verlangt ja von seinem Frsten, da er gegen
Tugend und Laster nur gleichgiltig sein, Eines wie das Andere ben und
beides nur als Mittel gebrauchen solle, Absichten zu erreichen. Die Groen
und Mchtigen begehren gewhnlich von den Fesseln moralischer Gesetze
befreit zu werden, um ihre Leidenschaften zu befriedigen. Das aber gewhrt
ihnen Macchiavelli nicht. Es fordert vielmehr keine noch so strenge Moral,
so groe Aufopferungen, als diejenige Staatskunst, welche von keiner Moral
etwas wissen will, und Alles, was der Mensch thut, den kalten Berechnungen
des Verstandes unterwirft, um einen einzigen Zweck zu erreichen. Wer
danach strebt, Herrschaft zu erringen, und wenn er sie hat, zu erweitern,
darf nichts Anderes wnschen. Macchiavelli sagt gar nicht, der Frst darf
sich ber die Moralitt ganz wegsetzen, sobald es ihm beliebt, weil er
mchtig genug ist, es ungestraft zu thun. Dazu kannte er das Volk zu gut
und beurtheilte zu richtig, was auf dasselbe wirkt. Er verlangt aber
vollkommene Gleichgiltigkeit gegen die Tugenden im Herzen selbst. Der
Frst soll den Redlichen und Unredlichen spielen, so wie es die Umstnde
verlangen. Es ist also auch nicht damit gethan, sich gegen Gefhl und
Gewissen abzuhrten und bei keinem Verbrechen anzustoen, das in den Plan
des Ehrgeizes gehrt. Wer dies leistet, hat nur die Hlfte der Forderung
erfllt. Er mu sich daneben das Ansehn aller Tugenden geben. Hier aber
erkennt man den scharfsinnigen Beobachter der Menschen gar nicht.
Aristoteles, der in seiner Politik (im fnften Buche, elften Kapitel) dem
Tyrannen Lebensregeln gibt, die berhaupt mit dem Macchiavelli ziemlich
bereinstimmen, verlangt ebenfalls, da er den Schein aller Tugenden
annehme, die ihm fehlen. So nthig sind die wahrhaft kniglichen Tugenden
jedem Herrscher, da er den Ruf, sie zu besitzen, nie ganz entbehren kann.
Aber Aristoteles rth ihm, sich ihnen mglichst zu nhern, davon
anzunehmen, was er nur vermag, und wenigstens den Schein der andern zu
suchen. Macchiavelli hingegen verbietet ihm die Tugenden selbst, weil sie
ihm hinderlich sein wrden; verlangt aber dabei, da er ihren Schein
annehme, so oft er ihrer Wirkung nicht entbehren kann. Kann nun wol der
bloe Schein diese hervorbringen? Wir sehen schon im gewhnlichen Leben,
wie wenig Zutrauen und welche tiefe Abneigung diejenigen Menschen erregen,
denen es nur auf den Effect ankommt, die sich daher selbst immer im Auge
haben und einen Spiegel mit sich umhertragen. Sie mgen sich noch so gut
darauf verstehen, andre Menschen anzufhren, sie werden dennoch bald fr
das erkannt, was sie sind. In den kleinsten Zgen ihres Betragens liegt
ein "Hte dich!" das seine Wirkung nicht verfehlt. Die Groen sind
vielleicht mchtig genug, das vorwitzige Urtheil ihrer Unterthanen zu
unterdrcken. Aber auch der Nachwelt? Und doch hat schwerlich jemals ein
Frst existirt, der Geist genug hatte, die schwere Rolle zu spielen, die
Macchiavelli vorzeichnet, ohne den Wunsch zu hegen, da er auch nach
seinem Tode so beurtheilt werden mchte, als er sich bemht, vor seinen
Zeitgenossen zu erscheinen.

Wer mchtig genug ist, ehrlich handeln zu knnen, thut daher immer noch
besser, der Heuchelei zu entsagen. So lange Verstand gegen Verstand kmpft
und der Macchiavellische Frst sich auf seinem wohlbekannten Fechterboden
befindet, wo Verrath und Treulosigkeit von beiden Seiten angewendet
werden, die Absichten durchzusetzen, wird stets der Schlaueste den Sieg
davontragen. Wenn es aber darauf ankommt, nicht den Listigen zu
berlisten, sondern die Ehrlichkeit zu bercken und die gerade Einfalt des
Herzens sich nicht mehr anfhren lassen will, so vermag alle Kunst nichts
mehr, und Satan selbst hat nicht Verstand genug, um die Tugenden des
Gemths zu ersetzen, die fortan allein etwas auszurichten vermgen.

Was insbesondere die Wortbrchigkeit betrifft, von der Macchiavelli als
von einer notwendigen und gewhnlichen Sache redet, so bedarf es einer
genauen Bestimmung, wann sie dem Frsten erlaubt sein kann. Es ist ein
alter und mit religiser Ehrfurcht bewhrter Ausspruch, da das Wort der
Frsten heilig sein solle. Die Wahrhaftigkeit ist berhaupt das Band, das
die menschliche Gesellschaft zusammenhlt. Selbst die einzelne Lge kann
nur da etwas wirken, wo Wahrheit allgemeine Regel ist. Von Andern verlangt
sie daher auch ein Jeder, und der rgste Lgner schreit immer am lautesten
gegen den Betrug, der gegen ihn gespielt wird. Die ganze Welt aber
vereinigt ihre Stimme, denjenigen, der sich nicht etwa einmal eine
Unwahrheit oder einen Wortbruch zu Schulden kommen lt, sondern in dessen
Charakter es liegt, durchaus unwahr zu sein, wie eine Pest der
Gesellschaft zu fliehen.

Die Natur hat aber dem Menschen die List nicht umsonst gegeben. Sie ist
die Schutzwehr des Schwachen gegen Strkere; sein Vertheidigungsmittel
gegen bermchtige Gewaltttigkeit. Mit Recht sagt daher Macchiavelli, da
der Frst sich darauf verstehen msse, den Fuchs und den Lwen zu spielen.
Weil er unter Menschen wandelt, die mehr von der thierischen Natur an sich
haben, als vom Geistigen, so mu er gleichfalls die Bestie herauskehren,
wenn es Noth thut. Beides soll er knnen, den Fuchs spielen und den Lwen.
Der Lwe ist stark, wirft Alles nieder und verzehrt, was ihm gefllt. Wenn
er theilt, so nimmt er das beste Stck, weil er Lwe heit. Der Fuchs
hilft sich mit List, um zu erlangen, was er zu seiner Erhaltung bedarf.
Aber den Wolf, den Feind aller Geselligkeit, der selbst mit seines
Gleichen nur Verbindungen des Augenblickes eingeht, um ber den Dritten
herzufallen und nie in einer friedlichen Gemeinschaft angetroffen wird,
dieses ganz ungesellige Thier soll kein Mensch jemals nachahmen. Vielmehr
soll ja der Frst, wie Macchiavelli selbst sagt, den Lwen machen, um die
Wlfe zu vertreiben. Noch in andern Stellen seiner Werke spricht er
nachdrcklich gegen diejenigen, die wie die Wlfe unter Menschen leben.
Wenn denn also dem Menschen die Schlauheit des Fuchses gegeben ist, damit
er die Wlfe ins Verderben ziehe, gegen die er sich nicht wehren kann,
wohlan, so gebrauche die List, so oft sie nothwendig ist. Lge, brich dein
Wort, verschwre dich, verleite deinen Gegner durch die hinterlistigsten
Vorspiegelungen und stich ihm den Dolch ins Herz, indem du ihn umarmst.
Aber beweise, da dies Alles nothwendig war, um dich von der Noth zu
befreien, die die Bosheit ber dich brachte: und du bist gerechtfertigt.
Zeige, da es nothwendig war, um das dir anvertraute Volk vom Untergange
zu retten - und du wirst als ein wohlthtiger Schutzgeist verehrt werden.
Wer kann sich der lebhaftesten Theilnahme erwehren, wenn die
Unternehmungen des selbstschtigen, unersttlichen, gegen Wohl und Wehe
der Menschen gefhllosen Ehrgeizes und der Habsucht durch die
Verschlagenheit des Unterdrckten auf den Urheber der Mihandlung
zurckfallen?

Es ist um so viel notwendiger, die Knste der List und Verstellung richtig
zu wrdigen, da sie einen ganz eigenthmlichen Reiz fr die Groen haben,
der aus den besondern Verhltnissen ihrer Lage entspringt. Wer so viel
vermag, sollte man denken, wird sich die Mhe nicht geben wollen, sich zu
verbergen. So Vieles kommt ihren geringsten Wnschen entgegen. Sie
brauchen kaum zu wollen, so geschieht schon, was ihnen angenehm ist. Wie
selten hat Einer von denen, die sich ihnen nahen, die Dreistigkeit, etwas
zu tadeln, das sie thun. Aber das Alles trifft doch nur die Kleinigkeiten,
die ihre eignen persnlichen Neigungen angehen. In Allem, was zu ihrem
politischen Leben gehrt, ist es ganz anders. Sie finden in den
verwickelten Anstalten der brgerlichen Ordnung, in der Organisation der
Gewalt selbst, mit der sie ihren Willen vollziehen, Schwierigkeiten und
Widerstand. Sie verachten die Menschen und mibrauchen sie ohne Scheu.
Dennoch knnen sie dieselben nicht zu Maschinen machen. Der
unumschrnkteste Monarch mu sich herablassen, ihre eignen Gesinnungen und
Empfindungen zu schonen. Auerdem ist Alles, was ihn umgibt, unaufhrlich
beschftigt, von jeder seiner Aeuerungen Vortheil zu ziehen. Er lernt
bald, da Alles, was von ihm herkommt, von der grten Wichtigkeit ist und
oft Wirkungen thut, die ihn selbst berraschen. Wenn er nicht etwa von dem
Feuer eines ungestmen Temperaments beherrscht wird, das keinen Zwang
ertrgt, so wird er in sich selbst mitrauisch und geneigt zur
Verstellung.

Kommt hierzu noch eine verkehrte Bildung des Geistes, entschuldigt er bei
sich selbst den Mangel an Entschlossenheit und Muth mit dem Grundsatze, es
sei besser, Alles, was auf geradem Wege zweifelhaft sein knnte, mit
versteckter Kunst zu Stande zu bringen; findet er ein Vergngen darin,
Schwierigkeiten aufzusuchen, und bewundert seinen eignen Verstand, wenn er
mit seinen Mittelchen die Kraft des Willens zu ersetzen sucht, - so
entsteht zuletzt ein Gewebe, darin sich der Knstler, der es angelegt hat,
selbst verstrickt und verliert.

Die Wirkungen der Politik, die Macchiavelli lehrt, haben sich niemals
deutlicher gezeigt, als in der Geschichte der Familie, fr die sein Buch
zunchst bestimmt war.

Lorenzo von Medici, dem er es zugeeignet hat, ist nicht Herr von Florenz
geworden. Aber er scheint doch von den Rathschlgen, die ihm hier ertheilt
werden, Gebrauch gemacht zu haben. Er hatte, wie es scheint, Anlage zu
einem Schler des Macchiavelli im praktischen Leben. Ein frher Tod
unterbrach seine Ausbildung. Aber er vererbte diesen Schatz von
Grundstzen auf seine Tochter. Catharina von Medici nahm sie mit sich nach
Frankreich. Dort ward das florentinische Gewchs von den Landsleuten, die
sie dahin begleiteten, sorgfltig gepflegt. Die Geschichte der
franzsischen Nation hat dadurch eine ganz eigne und ihrem ursprnglichen
Charakter fremde Wendung genommen. Der Herzog von Retz, den Catharina aus
Florenz kommen lie, hatte einen entscheidenden Einflu auf die
Entschlieungen Karl des Neunten und Heinrich des Dritten, und brachte
Plne zur Reife, die in franzsischen Gemthern schwerlich gediehen wren.
Mehrere Italiener umgaben Heinrich den Dritten. Unter diesen der Abbate
del Bene, von dem sich jener Monarch, dessen Charakter und dessen Leben
ein sonderbares Gemisch von Wollust, Trgheit, Leichtsinn und tiefer
Verstellung, dreister Thtigkeit und Grausamkeit war, in den Stunden, wo
es ihn anwandelte, Politik zu studiren, den Tacitus, Polybius und mehr als
diese den Frsten von Macchiavelli vorlesen lie.(25) Die Lehren, die er
hier vernahm, bte er auch dann und wann einzeln, nach Laune aus. Und
damit bekrftigte er selbst recht nachdrcklich die Bemerkung seines
Lehrers, da die Menschen selten den Muth und die Beharrlichkeit haben,
etwas recht und ganz zu sein, und da sie eben dadurch zu Grunde gehen.

Die Mutter aber war anders. Beides, natrliche Anlage und Bildung durch
die Lehren des Meisters in der italienischen Politik, vereinigten sich in
ihr, und in ihrer Lage fanden sich Veranlassungen, die ganze Rolle zu
spielen, die er vorgezeichnet hatte. Ihre Ansprche auf die Regentschaft
whrend der Minderjhrigkeit ihrer Shne waren zweifelhaft. So weit befand
sie sich mit dem Frsten des Macchiavelli in gleichen Verhltnissen, und
die Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden, wurden noch durch ihre
fremde Abkunft vermehrt. Groe persnliche Vorzge waren erforderlich, sie
zu berwinden, und solche hat sie unstreitig besessen.

Catharina von Medici hatte so viel Verstand und Talent, als irgend eines
der Weiber, die in der Geschichte berhmt geworden sind. Der begeisterte
Verehrer ihrer Vorzge, der Geschichtschreiber Davila, hlt ihr bei der
Erzhlung ihres Todes folgende Standrede:

"Die groen Eigenschaften dieser Frau, welche dreiig Jahre lang die Augen
von ganz Europa auf sich gezogen hat, erhellen besser aus ihrer
Geschichte, als ich sie in wenigen Worten darstellen knnte. Ihr Verstand
war unerschpflich an Mitteln, um die unerwarteten Zuflle zu verbessern,
und die Wirkungen des blen Willens der Menschen zu vereiteln. Hierdurch
ertrug sie whrend der Minderjhrigkeit ihrer Shne die Last der
brgerlichen Kriege, whrend welcher sie zu gleicher Zeit den
Religionseifer, die Widerspenstigkeit der Unterthanen, die Bedrngnisse
des Schatzes, die Verstellung der Groen und die ungeheuern Unternehmungen
des Ehrgeizes bekmpfte. Ihre Bestndigkeit, ihr hoher Sinn, womit sie,
eine Fremde, es unternahm, das Ruder der Regierung den einheimischen
Groen zum Trotze zu ergreifen, womit sie sich desselben bemchtigte und
es festhielt gegen alle Knste der Widersacher und den Schlgen des
Schicksals zum Trotze, hatte mehr Aehnlichkeit mit dem Geiste eines in den
groen Welthndeln gebildeten Mannes, als mit der Gesinnung eines an die
Weichlichkeit des Hofes gewhnten und von ihrem Eheherrn unterdrckten
Weibes. Aber die Geduld, die Gewandtheit, die Migung, womit sie sich zu
behaupten wute, und ungeachtet des in ihrem Sohne selbst gegen sie
allmhlich entstandenen Argwohns die Regierung so festhielt, da er es
nicht wagte, ohne ihren Rath und ohne ihre Einwilligung zu handeln, selbst
da, wo er ihr nicht traute: dieses ist der grte Beweis und das
krftigste Kunststck ihrer vorzglichen Gaben. Daneben wute sie sich
stets ber die natrlichen weiblichen Schwchen zu erheben und unterlag
nie den kleinlichen Neigungen, welche vom rechten Wege abfhren. Sie hatte
einen hellen Verstand, wahrhaft knigliche Anmuth in ihrem Benehmen gegen
die Menschen, mchtiges Talent zu reden, lebendige Neigung sich freigebig
und geneigt gegen die Guten zu beweisen, den bittersten und
unvershnlichen Ha gegen die Andern. Sie lie nicht ab, ihre Anhnger zu
begnstigen und zu erhhen, und dennoch konnte sie es nicht dahin bringen,
da der franzsische Stolz ihre italienische Geburt vergessen htte. Die
unruhigen Kpfe hrten nie auf, sie als die Feindin ihrer Absichten zu
hassen, und insbesondere ist sie von den Hugenotten verleumdet worden, als
wenn sie nur aus unbegrenzter Begierde zu herrschen Rathschlge gegeben,
wodurch Frankreich doch aus den grten Gefahren gerettet worden ist. Mit
allen diesen Tugenden war sie der allgemeinen Unvollkommenheit der
menschlichen Natur unterworfen und hatte ihre Fehler. Man hielt dafr, ihr
sei durchaus nicht zu trauen: etwas zu allen Zeiten, vorzglich aber und
ganz besonders zu den unsrigen Gewhnliches. Sie drstete mehr nach Blut
oder verachtete das Menschenblut wenigstens mehr, als ihrem Geschlechte
wohl ansteht, und es ward bei vielen Gelegenheiten offenbar, da sie alle
und jede Mittel, auch die ungerechtesten und verrtherischsten gut fand,
um nur zu ihrem Zwecke zu gelangen. Aber bei billigen Beurtheilern werden
diese Fehler, welche die Noth der Zeiten veranlate, durch die erwhnten
groen Eigenschaften bedeckt."

Wenn man nun diese groe Knigin, dieses Ideal italienischer Politik,
deren Bild Davila hier beinahe mit denselben Ausdrcken entwirft, womit
Macchiavelli seinen Frsten zeichnet; wenn man sie nher betrachtet und
ihre Geschichte erwgt, so wie sie von ihrem Lobredner selbst erzhlt
wird, was findet man denn fr groe Wirkungen ihrer hochberhmten
Eigenschaften? Die schlaue Frau wute durch ein verstecktes Spiel, durch
die Knste der verfhrerischen List, die sie in der That im vollkommensten
Mae auszuben verstand, alle Parteien in gewissem Gleichgewicht und sich
ber sie erhaben zu erhalten. Jede dieser Parteien ward zwar bald inne,
da mit ihr gespielt werde, mute sich aber diesem Spiele hingeben, so oft
es ihr gefiel, es wieder anzuknpfen, weil sie anfangs als Regentin die
rechtmige Gewalt und nachmals als geliebte und gefrchtete Mutter einen
entscheidenden Einflu hatte. Der heimliche Widerwille und das Mitrauen,
mit welchen diese Nachgibigkeit bestndig verbunden war, vereitelte aber
auch auf jener Seite alle ernstlichen Unterhandlungen, und so ward es
unmglich, so lange sie lebte, die brgerlichen Unruhen beizulegen, welche
Frankreich solche Uebel zugefgt haben, da man wirklich nicht einsieht,
wovon Catharina das Reich errettet haben soll.

Die innern Kriege, die Frankreich vierzig Jahre lang zerrissen haben,
wurden beendigt, indem der rechtmige Erbe der Krone zu der Kirche
bertrat, welcher bei weitem der grte Theil des Volkes leidenschaftlich
anhing. Heinrich dem Vierten war es lange vorher gesagt, er werde den
Thron von Frankreich nie besteigen, wenn er das Volk nicht durch diesen
Schritt vershnte. Er war selbst davon berzeugt und ging Jahre lang damit
um, durfte es aber nicht wagen, aus Besorgni, die Partei, die ihm schon
anhing, zu verlieren, ohne der andern gewi zu sein. Catharina hatte schon
Unterhandlungen mit ihm angefangen, die dahin fhren sollten, und durch
deren glcklichen Ausgang das, was einmal geschehen mute, zum Besten der
franzsischen Nation viel frher geschehen wre. Was vereitelte denn diese
Bemhungen der klgsten Frau ihrer Zeiten? Der geringe Umstand allein: der
kleine Naturfehler, ber den Davila so leicht weggeht: - "Ihr war nicht zu
trauen." - Nachdem sie unzhlige Male gelogen und betrogen hatte, da
konnte sich auch der treuherzigste Mensch auf der Erde nicht mehr von ihr
anfhren lassen. Solche Politik ist gut, um Kriege anzuzetteln. Wenn man
aber das Feuer auslschen mchte, das durch so schlaue Knste angefacht
ist, so findet man _selbst_ mit Erstaunen, da alle die Werkzeuge, wodurch
der feine Verstand so bewunderungswrdiges Machwerk zu Stande gebracht
hat, nichts mehr vermgen; da das einzige Wort eines zuverlssigen
redlichen Mannes eine sicherere Grundlage abgibt, als die knstlichsten
Veranstaltungen der List, und da Achtung und Zutrauen der Menschen
krftigere Mittel sind, etwas Groes zu vollbringen, als die
Ueberlegenheit des Verstandes, wenn sie gemibraucht wird, Andere zu
bethren, die sich fr die erlittene Demthigung mit unvershnlicher
Erbitterung rchen, sobald sie knnen.

Lange vor dem Macchiavelli und Davila hatte schon der jngere Philipp von
Macedonien ein Beispiel davon gegeben, was die Geschichte des Betrugs und
der List fr einen Ausgang nimmt. Er versuchte sich zum Oberhaupte der
Griechen zu machen, um den Rmern die Spitze zu bieten. Ungefhr so wie
Csar Borgia sich eine berwiegende Macht in Italien zu erwerben
trachtete, um den Fremden zu widerstehen. Und mit denselben Mitteln. Was
war das Ende? Er hatte in allen griechischen Staaten so viel Mitrauen, so
viel heimliche und ffentliche Feindschaft erregt, da es ihm unmglich
ward, die Nation mit sich zu vereinigen. Er unterlag im Kampfe, ohne nur
einmal von seinem eignen Volke bedauert zu werden.

Die Menschen hren indessen nicht auf, den Verstand ohne alle Beziehung
auf die Eigenschaften des Gemths, die ihm zur Unterlage dienen mssen,
wenn er wahren Werth haben soll, ausschlielich zu bewundern. Der
scheinbare Erfolg seiner Kunststcke im Einzelnen verleitet sie nicht
allein zu dem Vorurtheile, da es in der Welt nur auf Verstand ankomme;
sie verkennen auch seine Natur. Das sichere treffende Urtheil, welches in
verwickelten Verhltnissen das Geringfgige bersieht und den Punkt
festhlt, auf den Alles ankommt, ist ihnen zu einfach. Ein Gewebe von
kleinen Knsteleien, von Auswegen des Augenblicks, die immer tiefer in die
Verwicklung fhren, von verschmitzten Rnken, gefllt ihnen besser.
Doppelzngigkeit, Falschheit und List, ber deren zweckmigen Gebrauch
Macchiavelli selbst Lehren gibt, die wol einiges Bedenken erregen knnten,
ob man sich auch zutrauen drfe, sie so anzuwenden; diese Untugenden
gelten am Ende fr Beweise von Verstand und Talent, oder sollen den Mangel
daran ersetzen. Wer gar keine Lust hat, die Maske des Lwen vorzunehmen,
die ihn auch schlecht kleiden wrde, glaubt genug gelernt zu haben, wenn
er zu lgen, zu betrgen, sein Wort zu brechen wei. So ist es zu gewissen
Zeiten in der Geschichte dahin gekommen, da man berall, wo sich Jemand
in vollendeter Nichtswrdigkeit nur recht schamlos beweist, den Geist von
Macchiavelli's Frsten zu erkennen geglaubt hat. Zu diesem aber gehrt die
Tapferkeit des entschlossenen Gemths eben sowol, als die Gewandtheit des
listigen. Nur in dieser Beziehung vertrgt die Welt die Unredlichkeit. Der
Abscheu, den diese einflt, nimmt dabei den Charakter einer grauenvollen
Bewunderung an; geht aber in Verachtung ber, sobald diese nachlt: "_Du
sublime au ridicule il n'y a qu'un pas!_"




                                   19.


Interessant ist der Rath Macchiavelli's an den neuen Frsten, sich nicht
an den Weibern seiner Unterthanen zu vergreifen.

Einem gebornen Prinzen wird es ja nicht schwer, solche Neigungen zu
befriedigen. Die Weiber kommen ihm natrlich stets entgegen. Er ist immer
allein schn, klug, liebenswrdig. Er hat also wenig Versuchung, die
Schranken zu bertreten, die ihm der Anstand vorschreibt, und in der
frstlichen Erziehung wird auf die Erhaltung des Anstandes so viel Werth
gelegt, da er ihn wol einmal verletzen, aber sich schwerlich ganz darber
wegsetzen wird. Anders der Privatmann, der zur Unabhngigkeit von den
Gesetzen, die Andre binden, gelangt ist und keine Scheu vor dem
ffentlichen Urtheile hat, er ergibt sich den Ausschweifungen der Wollust
nicht allein aus Sinnlichkeit oder Eitelkeit, sondern oft aus bloem
Uebermuthe. Manche neue Frsten haben einen Genu darin gesucht, ihre
Unterthanen auf diese Art zu beschimpfen, und die hierdurch gereizte Rache
hat mehr Frsten das Leben gekostet, als der Patriotismus von
Republikanern.

Der neue Frst selbst beschftigt sich grtentheils mit herrschschtigen
Plnen und wird durch die Rcksicht auf diese einigermaen zurckgehalten.
Aber Shne und Brder, die ihre Erhebung nicht eignen Bemhungen
verdanken, verlieren alle Besinnung im Rausche der neuen Gre. Unzhlige
Beispiele finden sich in der Geschichte der rmischen Imperatoren und des
neuen Italiens. Eines lag dem Macchiavelli vermuthlich zunchst vor Augen.

Der alte Pandolfo Petrucci von Siena lie morden, zwang reiche Erbinnen,
seine Anhnger zu heirathen, und verfuhr berhaupt gewaltthtig mit den
Brgern, wo es in seinen Plan gehrte. Dabei behauptete er sich bis an das
Ende seiner Tage. Aber sein Sohn, Borghese Petrucci, der die Frchte der
vterlichen Bemhungen von frher Jugend an einerntete, wute nicht was
Alles beginnen, um sie zu genieen. Er beraubte Diesen und Jenen,
verfhrte und mibrauchte mit Gewalt Weiber und Tchter. Dafr ward er
verjagt. Nicht besser machte es in Florenz selbst Alessandro von Medici,
der nach Macchiavelli's Tode nicht durch eigne Talente und Bemhungen,
sondern durch Protection Herzog geworden war: auch er ward deshalb
ermordet. Die Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts enthlt noch mehrere
Beweise, bis zu welchem Unsinne der Uebermuth der Emporkmmlinge die
unnatrlichsten Ausschweifungen der Wollust treiben kann. Was zum Beispiel
ein Pietro Luigi Farnese, Sohn des Papstes Paul des Dritten, mit dem
Erzbischofe von Bologna vorgenommen, als dieser ihn bei einem feierlichen
Einzuge bewillkommte, grenzt beinahe an das Unglaubliche ....




                                   22.


Es ist bereits einige Male Pandolfo Petrucci erwhnt, der sich zum
Oberhaupte des Staats von Siena aufgeworfen hatte, ohne jedoch den Namen
eines Herrn zu fhren. Er verdankte den ruhigen Besitz seiner hohen Stelle
vorzglich dem Antonio Giordani von Venafro, der die Aemter eines Richters
und ffentlichen Lehrers zu Siena bekleidet hatte, und dem Pandolfo als
Staatssecretair und in Gesandtschaften diente. Den Ratschlgen dieses
Mannes werden die feine Politik und das feste Benehmen, seiner grausamen
Gemthsart aber auch die Mordthaten zugeschrieben, wodurch sein Gnner
sich emporschwang und erhielt. Von der Sinnesart des Giordani und zugleich
vom Geiste der damaligen Zeit kann die Antwort als Probe dienen, die er
als Gesandter dem Papst Alexander dem Sechsten gab. Dieser fragte ihn, wie
er es anfange, die Sieneser zu regieren? - "Mit Lgen, heiligster
Vater." -

Der alte Petrucci brachte es dahin, da sein Sohn Borghese Petrucci (seine
Mutter war eine Borghese) nach seinem Tode in seine Stelle einrckte. Aber
der leichtsinnige und ausschweifende junge Mensch hatte nicht so viel
gesunden Verstand, dem alten Rathgeber seines Vaters zu folgen. Er hatte
einen Gnstling, Pochintesta, der sich die ausschweifendsten Mihandlungen
seiner Mitbrger erlaubte. Antonio rieth ihm, sich durch die Hinrichtung
desselben die Liebe des Volkes zu erwerben. Er aber ergab sich ihm, dem
geliebten Genossen aller eigenen Bubenstcke, immer mehr, anstatt ihn zu
zchtigen. Die Partei, welche den Borghese Petrucci zu verdrngen suchte,
bemerkte bald, wo seine Strke lag, und fing damit an, ihm den Antonio
verdchtig zu machen. Der gedankenlose Borghese ging in diese Falle und
ertheilte dem beschwerlichen Mentor den Abschied mit angeblichem Bedauern
und in der Einkleidung eines Rathes, er mge der allgemeinen Abneigung
ausweichen und sich entfernen. Recht wohl, erwiderte Jener, ich werde
Ihnen das Quartier bestellen. Der junge Frst mute wirklich bald
nachfolgen. Die Petrucci hatten es mit den republikanisch gesinnten
Florentinern gehalten. Die Revolution zu Florenz, wodurch die Medici in
demselben Jahre wieder eingesetzt wurden, als Pandolfo starb (1512), zog
also natrlich auch in Siena eine Katastrophe nach sich, wodurch unter dem
Schutze Papst Leo X. Rafael Petrucci, Bischof von Grosseto und Castellan
des Castel Sant' Angelo zu Rom, ein Vetter und geschworener Feind des
Borghese Petrucci und Anhnger der Medici, statt des vertriebenen Borghese
auf kurze Zeit Oberhaupt von Siena geworden war. Antonio von Venafro war
glcklich nach seiner Vaterstadt entkommen und beschlo daselbst sein
Leben in Ruhe. Borghese aber ward wahnsinnig und starb bald darauf in
Neapel.

Der Frst von Siena und sein Minister mgen in Einem verdienten Schicksale
untergegangen sein und mit so vielen Andern vergessen werden. Was gehen
sie uns weiter an? Aber das Mittel, wodurch der alte Rathgeber entfernt
und der Frst seiner Sttze beraubt worden, verdient Aufmerksamkeit.
Dieser lie sich berreden, sein Freund sei allgemein verhat; durch die
Entfernung desselben werde ihm die Liebe des Volkes erhalten und seine
Herrschaft gesichert werden. Eben so erregten die Gnstlinge Knigs Karl
des Zweiten von England, denen der unbestechliche Clarendon im Wege war,
zuerst ein leises Gemurmel: der Kanzler fange an verhat zu werden, er sei
auch gar zu wenig nachgibig, sein Benehmen allzu rauh. Es fanden sich
ihrer bald genug, die mit einstimmten, weil er sich geweigert hatte, ihre
unziemlichen Begehren zu erfllen, und so gelangte eine angeblich
allgemeine Stimme vor den Thron, der Knig msse seinen Minister
entfernen, um selbst bei dem Volke beliebt zu bleiben. Clarendon mute
weichen, und nur sein Andenken hat eine versptete Genugthuung von der
unparteiischen Nachwelt erhalten.

Noch viele andere Frsten sind in hnliche Schlingen gefallen. Auch
bessere, und diese eben durch den Mibrauch, den man von ihren
vorzglichsten Eigenschaften gemacht hat; ihrer Achtung gegen das
ffentliche Urtheil und gegen die Gesinnungen des Volkes. Dazu gehrt
wahrlich nicht einmal die Schlauheit eines Arlington oder Buckingham.




                                   23.


Nie ist das alte, wenn man so sagen will, abgedroschene Kapitel der Moral
die uralte Lehre, die schon jener griechische Philosoph beim Stobus
seinem jungen Prinzen ertheilt: "Hte dich vor Schmeichlern!" so lebendig
und eindringend vorgetragen als hier. Nur ist der Satz: "Die Menschen sind
ihrer Natur nach schlecht" hier nicht recht passend, wenigstens zu
allgemein gefat. Die Menschen sind nicht _alle_ schlecht - wenn auch
unlugbar die berwiegende Mehrzahl. Sie sind nicht _alle_ eigenntzig,
von strflichen Leidenschaften getrieben, wahrer Zuneigung und Vertrauens
unwerth. Durfte wol Heinrich der Vierte den Sully fr schlecht halten? Und
htte dieser eine solche Meinung ertragen? Aber nur ein Frst, der wie
dieser die Schmeichelei verschmht, kann einen Sully finden. Macchiavelli
hat vorhin in Kapitel 22 selbst einen Minister aufgestellt, dem der Frst
unbedingt vertrauen und den er in sein eignes Schicksal verflechten soll.
Der Autor durfte doch kaum gemeint haben, da der Frst dies mit einem
"schlechten", wenn auch noch so klugen Menschen wagen solle.




                                   25.


Die Geschichte der groen Weltereignisse sowol als die einfache
Lebenserfahrung besttigt ohne Zweifel die in diesem Kapitel vorgetragenen
Lehren. - Jedes Zeitalter hat seinen eignen Charakter. Es hat nicht allein
eine jede Generation ihren besondern Geschmack, ihre eigenthmlichen
Grundstze und Empfindungsweisen, sondern auch viele Begebenheiten, welche
zufllig scheinen, weil ihr Zusammenhang mit den Gesinnungen und Neigungen
der Menschen nicht klar vor Augen liegt, nehmen etwas von jenem
eigenthmlichen Geiste der Zeit an. Nur derjenige kann hoffen, eine groe
Wirkung hervorzubringen, dessen Talente in gewissem Verhltnisse zu seinen
Zeitgenossen stehen, und der in das, was sie treiben, auf die rechte Art
eingreift. Dies Verhltni des einzelnen handelnden Mannes zu dem, was ihn
umgibt, lt sich nicht immer in bestimmten Ausdrcken angeben und auf
Grundstze zurckfhren. Der Beobachter der Welt stt in der Geschichte
und im tglichen Leben hufig auf ein unerklrliches Etwas, welches
vollkommen gut ausgesonnene Plne vereitelt. Es war nicht die rechte Zeit.
Ein altes Sprchwort sagt: "Der Mensch, der des Morgens mit dem linken
Fue zuerst aus dem Bette tritt, stt den ganzen Tag ber allenthalben an
und luft Gefahr, ein Bein zu brechen." Wer das Unglck hat, in seine
Laufbahn mit einem ersten falschen Schritte einzutreten, kommt den ganzen
Tag seines Lebens ber nicht in den rechten Tact, und findet stets
Widerstand.

Die grten Talente, ja auch Vorzge des Gemths, haben nur eine gewisse
Zeit, whrend welcher sie vollgiltig sind. Glcklich, wenn ein gnstiges
Geschick den Mann von vorzglichem Geiste abfordert, ehe die Periode
abgelaufen ist, in welcher er etwas zu leisten vermag; oder wenn er den
rechten Augenblick trifft, sich aus der thtigen Welt herauszuziehen, um
dem herben Schicksale zu entgehen, ungeachtet der grten Anstrengung,
geringeren, aber gerade jetzt besser angebrachten Krften weichen zu
mssen.

Macchiavelli sah selbst wohl ein, da es unmglich ist, dem Menschen
vorzuschreiben, wie er handeln soll, ohne darauf Rcksicht zu nehmen, ob
er, nach seiner individuellen Gemthsart, gerade er so handeln kann. In
einem Briefe an Piero Soderini, worin er nicht mit der feierlichen Miene
des Lehrers der Frsten auftritt, sondern vertraulich seine Meinung
mittheilt, drckt er es ganz vortrefflich aus. "So wie die Natur," sagt
er, "den Menschen verschiedene Gesichter gegeben hat, so haben sie auch
verschiedene Gemthskrfte und verschiedene Launen. Auf der andern Seite
sind auch die Zeiten gar sehr von einander verschieden. Demjenigen gelingt
Alles _ad votum_, der es mit dem Zeitalter in seinem Verfahren recht
trifft, und derjenige ist unglcklich, der mit demselben in Widerspruch
gerth. Die Zeiten und die Umstnde ndern sich aber gar oft, ohne da die
Menschen ihre Einflle und Handlungsweise danach abndern. Wer so
gescheidt wre, Zeit und Umstnde allemal zu kennen und sich danach zu
richten, wrde immer glcklich sein oder sich doch vor Unglck hten. So
wrde der Weise wirklich den Sternen und dem Schicksale zu gebieten
scheinen. Aber solche gibt es nicht: _die Menschen knnen ihre Natur nicht
so ndern_."

Knnen das die Menschen nicht? Hngt ihr Betragen also auch nicht blos von
der richtigen Beurtheilung der Umstnde allein ab? Bestimmt wirklich die
eigenthmliche Gemthsart, der Charakter des Menschen, auf welche Art er
in das Gewebe der Begebenheiten, das ihn umgibt, eingreifen, und ob er
etwas ausrichten werde? So ist es ja falsch, worauf doch das ganze System
des Macchiavelli beruht: da der Frst sich ohne Vorliebe fr irgend Etwas
ganz allein von der kalten Beurtheilung leiten lassen msse, um in seinen
Unternehmungen glcklich zu sein. Am Schlusse des Kapitels, wo er Alles
bersieht, was der Frst gethan haben mag, und das Schicksal aller seiner
Unternehmungen so treffend weissagt, gesteht der Lobredner des Verstandes
selbst ein, da zu einem groen Manne etwas ganz Anderes erfordert wird
als Verstand, und da es die Krfte des Gemths sind, welche die Rolle
bestimmen, die er spielen wird.




                                   26.


Das Schlukapitel, der Aufruf zur Abschttelung der fremdherrlichen
Ketten, hat jetzt fr uns nur als ein Meisterstck der Beredtsamkeit
Interesse.

Es fand sich thatschlich damals in Italien kein Frst, der der
Unternehmung gewachsen gewesen wre, durch neue Anordnungen der Nation
Einheit und Unabhngigkeit zu verschaffen. Die Intrigue fuhr daher fort,
das Land zu zerreien, und die Vlker blieben ein Spiel fremder Mchte. -
Der Historiker _Sismonde de Sismondi_ sucht (in seiner _Histoire des
republiques de l'Italie_) die Ursachen des tiefen Verfalls des
italienischen Volkes seit dem fnfzehnten Jahrhundert in dem Untergange
der groen Republiken in der Lombardei, wodurch zuletzt auch das Ende der
Freistaaten in Mittelitalien und die Unterwerfung der ganzen Nation unter
fremde Herrschaft herbeigefhrt worden ist. Es ist begreiflich, da die
rohe Gewaltthtigkeit, wodurch die Herrschaft in allen Landschaften und
Stdten von Italien unzhlige Male genommen und verloren worden, in
Unbndigkeit des schwelgerischen Genusses berging, und da allgemeine
Erschlaffung erfolgen mute, sobald Nachfolger und Enkel jener
Emporkmmlinge zum ruhigen Besitze der Gewalt gelangten. Aber dagegen
schtzt auch die republikanische Verfassung nicht. In der Geschichte von
Venedig entwickelt sich zufolge der Darstellung, welche _Daru_ (_Histoire
de la republique de Venise_) aus urkundlichen Quellen entworfen hat, in
ihrem Entstehen, Fortschreiten und Verfallen der Verfassung derselbe
Charakter, der den gleichzeitigen italienischen Einzelherrschern eigen
ist.

In den Bewegungen eines von Parteien zerrissenen Volkes werden alle
Anlagen des Geistes und des Gemthes gereizt, sich zu entwickeln, aber
nicht blos die schlechten, auch die besten und edelsten. Man sieht daher
in Republiken, auch in Zeiten der grten Verdorbenheit, einzelne groe
Brgerseelen aufstehen; dahingegen unter der Tyrannei nichts von Allem
aufkommt, was bei Macchiavelli _virt_ heit. Sie verschwand sehr bald in
Florenz unter den Groherzogen, und von dieser Seite hat die frhere
Erhebung der Visconti und Sforza zu Herren von Mailand der Nation viel
geschadet. Aber die Unabhngigkeit von Italien wrde schwerlich durch die
Herstellung der mailndischen Republik bewirkt sein. Diese wrde gleich
den toscanischen Freistaaten nur dahin gestrebt haben, schwchere Nachbarn
zu unterdrcken, statt mit ihnen einen groen Verein zu bilden, um sich
gegen fremde Uebermacht zu schtzen. Schon vormals hatte die Geschichte
des alten Griechenlands ein Gleiches gezeigt.

                              --------------

Wenn man nun den ganzen mit Macchiavelli zurckgelegten Weg hier nochmals
mit einem Blicke bersieht, so wird man von einer sonderbaren Empfindung
ergriffen. Jedes einzelne Urtheil, jeder Rath, jeder Anschlag ist so
zutreffend, da man der berredenden Kraft nirgends widerstehen kann,
sobald man sich einmal von dem Rade hat ergreifen lassen, welches
unaufhaltsam mit sich fortreit. Vorausgesetzt, da der erste Schritt
einmal geschehen sei, so kann er nicht besser verfolgt werden. Es mu
Alles so kommen, wie Macchiavelli sagt. Man mu also auch so handeln, wie
er angibt, um die Abgrnde zu vermeiden, zwischen denen sich der Weg
hinzieht. Dennoch bleibt immer in der Tiefe des Gemths etwas, das
widerstrebt und die Ueberzeugung zu Schanden macht. Macchiavelli kann
dreist seine Leser auffordern, etwas gegen seine einzelnen Urtheile
einzuwenden. Aber wer knnte wol das Ganze fr mehr als fr ein Spiel des
Verstandes halten? Das ist es eben: _das ganze Buch ist nur die Frucht des
Verstandes_. Von Theilnahme am Schicksale der Menschen, von Rcksichten
auf ihre Empfindungen, von ihrer Zufriedenheit als einem Zwecke an sich
selbst ist gar nicht die Rede. Man vermit durchaus Alles, was vom Gemthe
abhngt und aus der Empfindung fr Andere entspringt, oder was der Sinn
fr einen erhabenen schnen Zweck eingeben knnte. Daher bleibt der Leser
immer unbefriedigt, so viel er auch zu bewundern findet. Moralisches
Gefhl hat Macchiavelli entweder gar nicht gehabt, oder es ist in ihm von
politischen Leidenschaften ganz unterdrckt. _Was aber bloer Verstand zu
leisten vermag, das hat er erreicht._ Und deswegen ist im Einzelnen so
viel von ihm zu lernen; auch fr den, der die ganze Denkungsart und die
Grundstze, die im Buche herrschen, verabscheut. Niemals hat ein
politischer Schriftsteller die Handlungen der Menschen und ihre Folgen mit
mehr Scharfsinn entwickelt, und gerade vom gewhnlichen Fehler der
Scharfsinnigen findet sich bei ihm keine Spur: von der Ueberfeinheit.
Keiner hat jemals besser gewut, jedesmal den Punkt, auf den Alles
ankommt, zu treffen. So wie man von seinem groen Landsmanne Michel Angelo
erzhlt, da er immer mit dem Meiel in den Marmor geradezu hinein gehauen
und auf ein Haar getroffen habe, wie weit er gehen msse, eben so gibt
Macchiavelli immer mit Einem Worte das Rechte an, verwirft alle
Knsteleien, die nur verwirren, und sagt den Mchtigen auf den Kopf zu,
was in ihrem Sinne tief verborgen liegt. Hiermit stimmt auch sein Vortrag
berein. Es ist bekannt, da die Italiener ihn fr ihren besten
_Prosaisten_ halten. Von der Weitschweifigkeit, dem verwickelten und weit
ausgesponnenen Periodenbau der meisten italienischen Schriftsteller, von
diesem allgemeinen Fehler, der fast der Sprache selbst eigen zu sein
scheint, ist er ganz frei. Die Vollkommenheiten seines Vortrages, der
gedrngte Inhalt und der krftige Ausdruck sind aber am auffallendsten im
Buche vom Frsten. Dieses thut denn auch eine Wirkung, welche der grten
Erwartung entspricht, die der Verfasser davon gehabt haben mag. Man fhlt,
da es unmglich ist, besser anzugeben, wie man die Herrschaft erwerben
und behaupten knne, sobald es nur um dieses zu thun ist, und alles Andere
nicht beachtet werden soll.

Aber das Bild dieser Herrschaft steht auch in Begleitung aller furchtbaren
Genien, die sie herbeigefhrt haben, der Gewalt, der List, der
Treulosigkeit, Heuchelei und Schamlosigkeit, mit ihrem Gefolge, dem
dumpfen Mitrauen der Unterworfenen, und der tiefen Verschlossenheit ihres
gedemthigten Herzens, dies Alles steht in der schrecklichsten Verbindung
zu einem Ganzen vor den Augen des Lesers, und lt nicht ab, ihn zu
verfolgen. Wer die Geschichte selbst durchgedacht hat, wird unablssig
aufgefordert, immer wieder aufs Neue zu prfen, wie denn diese Resultate
der Beobachtung dessen, was geschieht und was geschehen kann, mit den
Grundstzen ber das, was geschehen sollte, die Niemand verlugnen kann,
in Uebereinstimmung gebracht werden mgen.

Diese Untersuchung, deren Hauptmomente in den Bemerkungen ber das Buch
angegeben sind, ist um so viel interessanter, da es nicht nothwendig ist,
eine gnzliche Unempfindlichkeit gegen das Wohl andrer Menschen, und einen
selbstschtigen Ehrgeiz bei dem Schler Macchiavelli's vorauszusetzen. Ein
Kopf, der von schwrmerischen Plnen zur Verbesserung des
Menschengeschlechts und seiner Verhltnisse im Groen eingenommen ist,
kann sich auch wol verleiten lassen, alle einzelnen Menschen als Werkzeuge
seiner gutgemeinten groen Absichten anzusehen und alle Verpflichtungen,
die sich auf die gewhnlichen Vorschriften der Sittlichkeit grnden, einem
erdichteten hhern moralischen Zwecke aufzuopfern.

So ist der Geist der Politik, die Macchiavelli lehrt, auch in
philosophischer Gestalt und mit einer moralischen Larve, in dem
Grundsatze, da der Zweck die Mittel heilige, zum Vorschein gekommen. So
sehr aber dieser Lehrsatz auch von den Leidenschaften begnstigt wird, die
sich vortrefflich darauf verstehen, ihre Wnsche dem angeblichen hhern
Zwecke unterzuschieben, so ist doch die gewhnliche Moral zu tief in den
Empfindungen gegrndet, als da man hufig Menschen finden sollte, die
sich in einem ganz consequenten Betragen darber weggesetzt htten.

Dieses geheime Gefhl der moralischen Bande wird oft unterdrckt, erwacht
aber immer wieder. Daher kommt es denn, da die Menschen in ihrem Benehmen
(so lautet eine der berhmtesten und treffendsten Bemerkungen
Macchiavelli's in seinen "Discursen" 1, 27) nie ganz gut oder ganz bse
sind, und eben deswegen in so vielen groen Unternehmungen verunglcken.

Sie mchten wohl: aber da sie doch nicht drfen, so wollen sie auch nicht
recht. Sie fangen an, in Hoffnung, der Zufall werde das Uebrige thun.
Verweigert dieser seinen Beistand, so bedenken sie sich, Schritte zu thun,
von denen sie doch voraussehen konnten, da sie unvermeidlich sein wrden.
Einige Treulosigkeit, einige Verrtherei, einige Verletzung der
allgemeinen Gesetze der Sittlichkeit hlt Jeder im Gedrnge der Umstnde
fr erlaubt, und verzeiht man einander allenfalls. Wenn es aber dadurch so
weit gekommen ist, da ein letzter dreister Streich zum Ziele fhren
wrde, so versagt das Herz. Wren die Menschen etwas besser, so blieben
sie von Unternehmungen zurck, die sie in solche Verwicklungen fhren;
wren sie etwas schlechter, so verfolgten sie ihre Zwecke ohne
Bedenklichkeit bis ans Ende, opferten alles Andre auf und verlren
vielleicht Manches, erhielten aber doch das Eine, worauf es abgesehen war.
Sie erhielten es vielleicht in einzelnen Fllen. Aber wohin fhrt ein ganz
consequentes unsittliches Betragen? Lassen sich dadurch Zwecke erreichen,
die eines wirklich groen Geistes wrdig wren? Macchiavelli selbst
gesteht ein, da es dazu nicht hinreicht, indem er von seinem Idealfrsten
verlangt, er solle trotz seiner innern Gleichgiltigkeit gegen die
Moralitt den Anschein und den Ruf aller Tugenden erwerben, die er ihn im
Herzen zu verachten befiehlt. Was aber davon zu halten ist, das haben wir
vorher gesehen.


                                  Ende.






                               ANMERKUNGEN


    1 Man vergleiche zu dem Folgenden Macaulay's geistvolle Abhandlung
      "Macchiavelli" in Mllenhoffs gewandter Uebersetzung (Univ.-Bibl.
      Nr. 1183).

    2 Wir besitzen darber hinreichend befriedigende Quellen.
      _Macchiavelli's florentinische Geschichte_ schliet zwar schon mit
      1492, aber seine brigen Werke enthalten auch einzelne Zge zur
      Beurtheilung der folgenden Begebenheiten. Neben _Guicciardini's
      italienischer Geschichte_ haben wir eine Menge florentinischer
      Geschichtsbcher. Auer dem fleiigen Benedetto _Varchi_, der eine
      vollstndige und ausfhrliche Erzhlung aller Begebenheiten, an
      denen er Anfangs selbst Antheil genommen, aus den besten Quellen,
      welche ihm von allen Seiten erffnet wurden, zusammengetragen hat,
      und der Geschichte des ehrlichen _Nardi_, die vorzglich wegen der
      Nachrichten von dem schwrmerischen Demagogen Savonarola merkwrdig
      ist, sind noch ein paar Werke vorhanden, in deren Verfassern man den
      Geist wahrer Staatsmnner nicht verkennen kann. Bernardo _Segni_,
      ein Schwestersohn des Niccolo Capponi, welcher whrend der Jahre
      1527 und 1528, bei dem letzten Versuche, die Republik herzustellen,
      Haupt des Staats und Anfhrer derer war, die eine auf Gerechtigkeit
      und Billigkeit gegrndete Verfassung einzufhren wnschten, und
      Filippo _de Nerli_, ein verstndiger Freund republikanischer
      Freiheit, und genauer Bekannter der Mnner welche frher im Jahre
      1522 einen vergeblichen Versuch machten, eine Republik herzustellen,
      und deren vornehmster Rathgeber Macchiavelli war. Nerli schlo sich
      nachmals im Gedrnge des demokratischen Fanatismus an die Medici an,
      die allein Schutz gegen die Wuth des erhitzten Pbels geben konnten,
      und ward zuletzt unter den Herzgen Senator. Sein Werk enthlt die
      besten Anzeigen und treffendsten Beurteilungen der so oft
      vernderten Verfassung. Die Erzhlung geht bis 1555.

_    3 Memorie Storico-Critiche della Citt di Siena, che servono alla
      vita civile di Pandolfo Petrucci dal 1480 al 1512. da Gio. Ant.
      Pecci, Patrizio Sienese. Siena 1755._

    4 Diese wenigen Nachrichten finden sich in der Geschichte Filippo de'
      Nerli's, welcher alle genannten Personen und besonders den
      Macchiavelli genau gekannt hatte, und der Partei selbst wohlwollte.

    5 Varchi, Geschichte von Florenz. Sie war also bekannt. Schon dieser
      Umstand spricht gegen die Vermuthung, da das Buch nur ein geheimer
      Rathgeber des Frsten habe sein sollen, dem es zugeeignet ist.
      Auerdem aber ist der Ton des Buchs vom Frsten mit dieser Ansicht
      nicht zu vereinigen. Zu einem solchen Zwecke htte der Verfasser
      doch bestimmte Anwendungen auf die Verhltnisse des Augenblicks
      machen, und Maregeln gegen die Mitwerber um die Herrschaft von
      Italien und gegen einzelne Staaten angeben mssen: und dazu wre
      Macchiavelli sehr geschickt gewesen, wie seine Berichte an die
      florentinische Regierung whrend seiner hufigen Gesandtschaften
      beweisen Aber das Buch vom Frsten hat ganz den Charakter eines
      literarischen Kunstwerks. Als ein solches bertrifft es nicht allein
      Alles, was damit verglichen werden knnte, sondern auch die brigen
      Schriften des Verfassers selbst. Und ein solches Meisterstck sollte
      er nicht fr die Welt bestimmt haben?! - - - -

    6 Fnfzig solcher Mnner machte er zu Staatsrthen mit hohem Range und
      hoher Besoldung, wofr sie sich um Nichts bekmmern durften -
      angenehme Sinecuren, wie sie hnlich noch heute im gelobten Preuen
      einige evangelische Domherren haben, die fr einen Jahresgehalt von
      ca. 36,000 Mark einmal jhrlich eine Quittung unterschreiben und ein
      opulentes Frhstck verzehren mssen! -

_    7 Gaultier de Brienne_, der als Erbe eines Kreuzfahrers den Titel
      Herzog von Athen fhrte.

    8 Die erste Veranlassung zu der berhmten Verschwrung der Pazzi gegen
      die Medici lag in der Heirath eines Pazzi mit einer reichen Erbin,
      welcher man ihr Erbrecht unter dem Vorwande zweifelhafter Gesetze,
      in der That aber dem Lorenzo von Medici zu Gefallen entzog, um die
      Familie seines Gegners zu entkrften.

    9 Man behauptet zwar, das Buch sei 1515 gedruckt, also nicht allein
      bei Lebzeiten des Verfassers, sondern sogar auch des Lorenzo, dem es
      dedicirt ist. Allein der Herausgeber einer vollstndigen Sammlung
      aller Werke des Macchiavelli (Florenz, 1782, in 6 Quartbnden),
      behauptet, Niemand habe den angeblichen Druck gesehen; der erste sei
      vom Jahre 1532, wo Giunti es mit Privileg des Papstes edirte.

   10 Ueber die Widmung vgl. Mllenhoff, Macaulay's kritische Aufstze,
      Bd. 2, Macchiavelli, (Univ.-Bibl. No. 1183) S. 49.

   11 Man denkt jetzt (1879) an Lothringen oder Bosnien!

   12 Erinnerung an Ovids (_Remed. Am._ 91) Vers: _Principiis obsta, sero
      medicina paratur_.

   13 Della Rovere, der den Namen Julius der Zweite gefhrt hat.

   14 Wer in einer ausfhrlichen Erzhlung der Thaten dieses Menschen ein
      Beispiel aus der alten Geschichte lesen will, wie weit kriegerische
      Eigenschaften in Verbindung mit gnzlicher Immoralitt es darin
      bringen knnen, groe Dinge auszufhren, die nichts bleibendes Gutes
      erzeugen der lese Diodor, Buch 19 und 20.

   15 Ein groer Liebling des florentinischen Pbels, den im Jahre 1381
      die Obrigkeit wegen einer Gewaltthtigkeit, die er beging, um ihr
      einen verhafteten unruhigen Kopf zu entreien (eine Unternehmung, an
      der der Pbel Wohlgefallen zu finden pflegt), hinrichten lie, ohne
      da der Aufstand, auf den er hoffte, erfolgt wre. Ja, es fand im
      Gegentheil auch diese Hinrichtung Beifall.

   16 Ein Krieger von englischer Abkunft, der am Ende des vierzehnten
      Jahrhunderts das Handwerk trieb, wodurch so viele in der Folge als
      Condottieri berhmt wurden.

   17 Die italienischen Worte _misero_ und _avaro_ sind von den deutschen,
      durch welche sie bersetzt werden knnen, in der feinern Bestimmung
      des Sinnes etwas verschieden. Uebrigens ist _filzig_ von _geizig_ zu
      unterscheiden: geizig ist, wer noch daneben zu erwerben trachtet;
      _filzig_, wer sich enthlt zu benutzen, was er besitzt.

   18 Das ist nun freilich eine beraus khne Interpretation der
      griechischen Sage!

   19 Ferdinand von Arragonien scheint gemeint zu sein.

   20 Er besann sich, ob er den Antrag annehmen solle. Da ihm zugeredet
      ward, wenn er ein chter Bentivoglio sei, so wrde er den Antrag
      nicht ablehnen, und das Volk von Bologna ihn auch nicht verlassen,
      wagte er den Schritt: und nun kam es auch so. Er bewies sich des
      Blutes wrdig, das man in ihm voraussetzte, und machte sein Recht
      dadurch geltend. So viel vermag die Geburt, wenn sie nicht allein
      Alles thun soll.

   21 Catharina, Tochter des Francesco Sforza und Schwester des Ludwig.
      Ihr Gemahl war Hieronymus Riario, Neffe Papst Sixtus des Vierten.

   22 Eine weitere Ausfhrung der in diesem Kapitel enthaltenen Gedanken
      findet man in den Discorsi ber den Livius im 2. Buche, 24. Kapitel.

   23 Vorzglich wahre Sentenz!

   24 Nardi erzhlt im 6. Buche seiner Geschichte von Florenz, da die
      Astrologen dem Papste Leo X. in den ersten Monaten seiner Regierung
      vorhergesagt haben, sein Bruder Giuliano (der als Herzog von Nemours
      starb) werde Knig von Neapel, und sein Neffe Lorenzo Herzog von
      Mailand werden.

   25 Das erzhlt _Davila_, der durch seinen Bruder, einen Kammerherrn der
      Catharina, mit Heinrich dem Dritten und seinem Hofe genau bekannt
      war. Davila, selbst ein Italiener, spricht von der Catharina und
      ihren Shnen mit der sympathetischen Empfindung des Landmanns. Daher
      ist seine Geschichte dieses mehr italienischen als franzsischen
      Hofes so natrlich, so lebendig, so anziehend. Er fhlte ganz
      anders, wie die florentinischen Gemther gesinnt waren, als
      franzsische Schriftsteller. In den Erzhlungen solcher
      Geschichtschreiber sieht man die Menschen selbst vor sich; in den
      Bemerkungen andrer ber die ihnen fremden Gestalten entgeht das
      Eigenthmlichste und Feinste. Ueber cht franzsische Charaktere mu
      man hingegen franzsische Schriftsteller lesen: ber Heinrich den
      Vierten den Voltaire. Den Helden der Galanterie und des Point
      d'honneur stellt dieser mit eben so vielem Talente dar, als Davila
      die Catharina, die er wegen ihres verschmitzten Herrschertalents
      vergttert.





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
einzelne Wrter aus fremden Sprachen. Sie sind hier durch Unterstrich (_)
gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wrter.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Textes an den Anfang versetzt.

Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden nicht vereinheitlicht.

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      Seite 96: "gelt nd" gendert in "geltend"
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***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MACCHIAVELLIS BUCH VOM FRSTEN***



                                 CREDITS


May 27, 2012

            Project Gutenberg TEI edition 1
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