The Project Gutenberg EBook of Yester und Li, by Bernhard Kellermann

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Title: Yester und Li
       Die Geschichte einer Sehnsucht

Author: Bernhard Kellermann

Release Date: July 24, 2012 [EBook #40314]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK YESTER UND LI ***




Produced by Jens Sadowski






Bernhard Kellermann
Yester und Li. Roman




Meiner Schwester Erika




Bernhard Kellermann

YESTER und LI

Die Geschichte einer Sehnsucht


3. Auflage


BERLIN und LEIPZIG  1905
Magazin-Verlag Jaques Hegner




Alle Rechte vom Verleger vorbehalten
Gedruckt in der Spamerschen
Buchdruckerei zu Leipzig   









I.


Ginstermann kam spt in der Nacht nach Hause. Es mochte zwei Uhr sein.
Vielleicht auch drei Uhr. Vielleicht noch spter. Er wute es nicht.
Langsam, ganz langsam war er durch die Straen gewandert.

ber den Boden seines Zimmers war ein Schleier von Licht ausgebreitet, der
leise zitterte, als er die Tre schlo. Der Mond schien durch die Vorhnge.
Auf den Blechgesimsen pochte es, dumpf, in unregelmigen Zwischenrumen,
wie ein Finger. Es sickerte, rieselte, die Tiefe schluckte. Der Schnee ging
weg.

Ginstermann machte Licht. Es war ihm, als sei noch eben jemand im Zimmer
gewesen, als sei er jetzt noch nicht allein. Auf dem Tische lagen seine
Manuskripte verstreut, wie er sie am Abend verlassen hatte, die
Kleidungsstcke auf den Sthlen, das Kissen auf der Ottomane in der
gleichen Lage.

Er blickte zum Fenster hinaus, in den dunklen Hof hinab, er bersah den
Kram seines Zimmers, die Skizzen an den Wnden. Alles erschien ihm
sonderbar, rtselhaft, wie von einem Finger berhrt, der es vernderte.

Drauen klopften die Tropfen, und es schien, als ob sie eine seltsame
Sprache redeten. Ein leiser Hauch drang durch die Vorhnge, und auch der
Hauch schien geheimnisvolle Worte mit sich zu fhren.

Wer spricht zu mir? dachte Ginstermann.

Will mir diese Nacht alle Wunder der Welt und meiner Seele zeigen, um mich
zu verwirren? Alles schwankt und fllt, was eben noch feststand. Alle
Begriffe sind verworren. Ist es nicht, als sei ich aus langem Schlafe
erwacht, und folgten mir wunderbare Trume in mein Erwachen?

Wer bin ich? Ich habe vergessen, wer ich bin, und wei nur, da ich ein
anderer bin, als der ich zu sein glaubte.

Und welch geringen Anlasses bedurfte es, um meine Seele zu verwandeln?

Wer aber bist du? da du solche Macht ber mich hast?

Wer aber bist du, da ich nicht an dir vorbergehen kann wie an anderen
Menschen . . . . . .

Er sann und sann.

Da wurde es Morgen.




II.


Diesen Abend ereignete sich etwas Auergewhnliches: Ginstermann ging mit
zwei Damen ber die Strae. Mit zwei jungen Damen in eleganten
Abendmnteln.

Ginstermann, der wochenlang seine vier Wnde nicht verlie, den man nie in
Begleitung sah, den noch niemand mit einer Dame hatte gehen sehen.

Sie kamen von einer Abendunterhaltung, die Kapelli, der Bildhauer, seinen
Bekannten anllich seiner Hochzeit gab. Kapelli, der seit Jahren mit
seiner Geliebten zusammenlebte, war schlielich, da sie ein Kind
erwarteten, auf den Gedanken gekommen, sich trauen zu lassen. Ginstermann
wohnte im gleichen Hause und war mit den Bildhauersleuten befreundet. Die
Damen gehrten zu Kapellis Kundschaft und waren aus irgend einem Grunde
eingeladen worden.

Kurz nach zehn Uhr brachen die Mdchen wieder auf. Sie waren kaum eine
Stunde dagewesen.

Frulein Martha Scholl htte noch groe Lust gehabt, lnger zu bleiben. Sie
uerte das in Worten und Mienen. Aber Frulein Bianka Schuhmacher war
nicht dazu zu bewegen, trotzdem Kapelli und seine Frau alles aufboten. Sie
gab vor, sie werde zu Hause erwartet. Vielleicht langweilte sie die
Gesellschaft auch.

Zur allgemeinen Verwunderung hatte sich Ginstermann erboten, die Damen nach
Hause zu begleiten.

Sie gingen alle drei langsam, wie vornehme Leute. Die Mdchen dicht
nebeneinander, er links von ihnen. In gemessenem Abstand, als sei noch eine
vierte Person da, die unsichtbar zwischen ihm und den Mdchen schreite.

Es sei nicht einmal kalt.

Nein, sehr angenehm sogar.

Und man habe doch erst Mrz. Im Mrz sei es fr gewhnlich noch sehr
unfreundlich.

Ginstermann erwiderte nichts mehr darauf, und sie schwiegen wieder.

Eine eigentmliche Unruhe erfllte ihn. Die Ereignisse des Abends hatten
ihn verwirrt.

Noch immer hrte er die Worte, mit denen er den Mdchen seine Begleitung
angeboten, in sich klingen. Das war gar nicht seine Stimme gewesen. Wieder
und wieder sah er sich aufstehen, den Stuhl unter den Tisch schieben und
Frulein Bianka Schuhmacher in ihre klugen, durchsichtigen Augen hinein
fragen, ob es ihnen nicht unangenehm wre, wenn er mit ihnen ginge. Das war
alles so unerklrlich rasch und ohne eigenen Willen geschehen. Er erinnerte
sich, da seine Hand zitterte, als er ihr beim Anlegen des Abendmantels
behilflich war: der Stoff dieses Mantels hatte sich so sanft angefhlt wie
Schnee.

Und dann dieses zufllige Wiedersehen . . .

Da war wiederum Kapellis Atelier, ein Saal nahezu infolge des Meeres von
Zigarettenrauch und der drei feierlich verschleierten Lampen, mit den
abgetretenen Teppichen an den Wnden, die wie kostbare Gobelins aussahen,
den Oleanderstcken und der Menge Gesichter, deren Augen glnzten. Und er
trat ein. Verwirrt durch den ungewhnlichen Anblick, den Kopf noch erfllt
von der Arbeit des Tages. Und all die glnzenden Augen richteten sich auf
ihn, Hnde winkten, und man rief seinen Namen. Bravo, der Einsiedler!

Da war Kapelli, im schwarzen Festrock, der ihn vernderte, mit dem
gutmtigen Philistergesicht und den genialen Augen; Frau Trud, lachend wie
immer, das goldblonde Kpfchen wiegend, eine zinnoberrote Schleife
vorgebunden; die Faunsmaske des Malers Ritt, das verschwimmende bleiche
Gesicht der Malerin von Sacken, ganz in Schwarz, eine Tragdie in ihrem
Lcheln; Knut Moderson, der Karikaturenzeichner, Maler Maurer, der Lyriker
Glimm, der blonde Goldschmitt und eine Menge anderer noch.

Und da waren zwei junge Damen, die er nicht kannte, und bei denen man ihm
seinen Platz anwies.

Zwei verdutzte, erstaunte, ihn anstaunende braune Augen, mit
Goldflitterchen darin, ein Puppengesichtchen, frisch, glnzend wie eine
Kirsche, Grbchen in den Wangen.

Und daneben zwei khle, fragende Augen, blagrn wie Wasser, die jeden Zug
seines Gesichtes mit einem Blick aufnahmen, ein feines, nervses Antlitz,
gleichsam durchsichtig, wie es Brustleidende haben. Ein Legendenantlitz.
Und dieses Antlitz hatte er schon gesehen. Hatte er schon gesehen.

Ah -- Kapelli hatte es modelliert. Es war die Bste die er Seherin
genannt hatte. Das waren diese schmalen, halbgeffneten Lippen, die zgernd
den Duft von Blten einzuschlrfen schienen. Und die markierten Schlfen,
die bebenden, elfenbeinernen Nasenflgel. Wenn sich dieses schmale Antlitz
zurckneigte, und die groen Augen sich auf ein Ziel in der Ferne hefteten,
so war es ganz genau die Seherin.

Kapelli hatte nicht umsonst seine prchtigen Augen.

Aber dieses Legendenantlitz hatte er frher schon gesehen. Irgendwo, vor
Jahren vielleicht. Er tuschte sich unmglich. Und whrend sie rings von
Siry sprachen, dem Dichter Siry, der sich vor einigen Wochen erscho, sann
er darber nach, wo er dieses Gesicht schon gesehen hatte.

Und da fiel es ihm ein. Wie ein Blitz durchfuhr es ihn.

Welch ein Zufall! Nun wute er es.

Das war im Hoftheater, vorigen Winter.

Und er sann . . . . .

Der blonde Goldschmitt, der ewig Lebendige, erzhlte irgend etwas. Von
seinen Fuwanderungen. Vorigen Sommer. Von mittelalterlichen Stdtchen, die
in der Dmmerung versanken und von Kornfeldern, die in der Sonne kochten,
und vom Meer, das er in einer Sommernacht hatte leuchten sehen. Und vom
Walde -- ah, vom Walde. Goldschmitt, der Malerdichter. Er sprach nur in
Superlativen, ebenso seine Mienen. Und fortwhrend strich er sich mit den
Fingern ber das strhnige Haar, das von der Stirne bis in den Nacken lief,
eine einzige Welle. Und Dichter Glimm sa, ohne eine Silbe zu sprechen, die
Zigarette zwischen den Lippen, durch die Wimpern ins Licht blickend, und
lie sich durch Goldschmitts Schilderungen Stimmungen suggerieren.

Dieser Goldschmitt erzhlte in der Tat gut. Er sah impressionistisch, immer
Licht, immer Farbe, ein roter Klecks auf dem Kirchturmdach, und das Bild
war fertig.

Dazwischen kam Kapelli mit der Zigarettenschachtel und beugte sich ber den
Tisch, so da ein Bschel grauer Haare ber seine Stirne fiel. Wenn er
sprach, so funkelten die Vokale gleich leuchtenden Steinen, und man
versprte Lust, ihn zum Singen aufzufordern.

An den Tischen lrmten und lachten sie, und ewig war Ritts nasale Stimme zu
hren.

Und Frulein Scholl hing mit den Blicken an Goldschmitts Lippen und hielt
die Zigarette mit steifen, ungewohnten Fingern, hier und da Tabak von den
Lippen nehmend. Sie schttelte den Kopf, wenn sie lachte, und die Wellen
ihrer Haare wippten. Diese Haare waren von genau der gleichen Farbe wie
ihre Augen. Ihre Zhne waren schneewei, klein, Puppenzhne, und zuweilen
blitzte eine goldene Plombe auf. Manchmal unterbrach sie den Erzhlenden
und begann eine hnliche Schilderung, um mitten darin abzubrechen, da ihr
der Ausdruck fehlte. Dann blies sie stets eine dnne Rauchwolke in die
Luft.

Daneben ihre Freundin, reserviert im Wesen. Sie lchelte liebenswrdig. Sie
rauchte nicht. Sie hielt die Augen auf Goldschmitt gerichtet und brachte
ihn einigemal in Verwirrung, als er sich ungeschickt ausdrckte. Es war,
als beobachte sie genau, was um sie vorging, und bilde sich ber alles ein
Urteil. Dazwischen wieder lachte sie herzlich, wie ein Kind, als sei sie
fr einen Augenblick eine andere geworden. Wenn sie sprach, so sprach sie
schn und ohne Hast. Ihre Stimme erinnerte an die Tne einer Geige, sie war
weich und gedmpft. Diese Stimme drang tiefer als in die Ohren und erweckte
das Bedrfnis, sie bei geschlossenen Lidern zu hren. Gleichzeitig klang
der khle Stolz einer sich abschlieenden Seele aus ihr.

Und er sa und sann.

Wie seltsam es doch ist, dachte er, das Schicksal hat die Menschen an Fden
und fhrt sie zusammen und auseinander und wieder zusammen, je nach seiner
Laune.

Hier also traf er sie wieder.

Schon angesichts der Bste hatten seine Gedanken hartnckig eine Erinnerung
in ihm auszulsen gesucht. Er entsann sich dessen noch deutlich.

Aber nun stand sie klar vor seinen Augen, wie an jenem Abend.

In leuchtend weiem Kleide sah er sie vor sich, auf Marmorstufen stehend,
mitten im Licht. Und sie hielt die groen Augen auf ihn geheftet, gleichsam
erstarrt vor Freude. Als sei er ihr Geliebter und nach langer Fahrt ber
ferne Meere unerwartet zurckgekehrt. Er stieg die Stufen zum Foyer hinauf
und hielt unwillkrlich den Schritt an, betroffen durch den Ausdruck dieses
Blickes. Und sah sie an.

Das alles whrte nicht lnger als eine Sekunde. Es war sonderbar, wie ein
Rtsel.

Sie hatte ihn heute nicht einmal wieder erkannt. Trotzdem war es ihm, als
ob ihr Blick zuweilen ber seine Zge tastete und etwas suchte.

Dann erhoben sich die Damen, und auch er stand auf. Und ohne eigentlich
daran gedacht zu haben, bot er ihnen seine Begleitung an.

Und nun ging er neben ihnen her.

Und war noch so verwirrt durch die Eindrcke des Abends, da er kein Wort
zu sprechen vermochte.

All die vielen Gesichter schwebten ihm noch vor Augen, lchelnd, lachend,
mit den Augen zwinkernd, er hrte immer noch das Gewirr von Stimmen, und da
war wieder die verschleierte Lampe, das mit Zigarettenasche bestreute
Tischtuch, Goldschmitt, Glimm, Frulein Scholl und daneben Frulein
Schuhmacher.

Er sah sie ganz deutlich vor sich. Ihre hellen Augen, ihre schmalen Lippen,
die leise und vornehm lchelten, ihre Hand. Er hatte noch nie eine solche
Hand gesehen. Sie erschien ihm wie ein denkendes, selbstndiges Wesen.

Und wieder empfand er jenen undefinierbaren Schrecken wie in jenem Moment,
da er in seinem Gegenber jene Dame vom Hoftheater entdeckte.

Ah -- das war auch zu sonderbar. Das mochte jetzt ber ein Jahr her sein.

Wiederum aber war es ihm unerklrlich, wie ihn dieser alltgliche Zufall in
derartige Aufregung versetzen konnte. War ihm diese Spannung rtselhaft,
mit der er jeder Bewegung dieses Mdchens gefolgt war, jeder noch so
unmerklichen Vernderung dieses durchsichtigen Antlitzes.

Das war absolut nicht mehr die Objektivitt, mit der er sonst seine Modelle
studierte.

Wurde er nicht komisch vor sich selbst, da er mit den jungen Damen lange
Straen entlang ging? Wenn er aber ehrlich sein wollte, so mute er sich
gestehen, da es ihm auf der anderen Seite unangenehm gewesen wre, htte
ein anderer diese Rolle bernommen. Da es ihm gleichzeitig eine physische
Befriedigung bereitete, neben dem schlanken Mdchen einherzugehen.

Er dachte an sein verlassenes, dunkles Zimmer, das er liebte nahezu wie
einen Menschen. Er sah sich bei der Lampe sitzen und schreiben, wie er es
Tag fr Tag, seit zwei Jahren gewohnt war. Er sah seine Manuskripte auf dem
Tische liegen, mit der groen Rede Rammahs, die er in der Mitte abgebrochen
hatte, um zu Kapelli hinunterzusteigen. Es erschien ihm tricht, da er
seine Arbeit im Stiche gelassen hatte. Kapelli htte es ihm gewi nicht
bel genommen, wenn ihm auch Frau Trud einige Zeit bse gewesen wre. Nun
wrde er die groe Rede, die Rammah, der Gefangene, an die Knigin Lehhe
zu richten hatte, beendigt haben. Rammah, der seinen Kopf aufs Spiel
setzte, um noch einmal das Antlitz seiner Geliebten zu sehen.

Und er dachte an Rammah und Lehhe, die Knigin. Und wiederholte sich im
Geiste die Szene und die Worte, die der Gefangene zuletzt sprach.

Rammah sagte: Gib dem Gefangenen eine Hand voll Ton, er wird das Bildnis
seines Weibes formen, bei Tag, bei Nacht, in jeder Miene -- so formt ich
Euer Bildnis, Knigin, bei Tag, bei Nacht, aus Wolken, Steinen, Wasser,
Bumen, Wind, in jeder Mime, stolz und milde, lchelnd, strahlend, wie ich
es sah.

Und nun sollte er erzhlen, da ihn seine Qual zu den Mnchen getrieben.

Aber seine Rede verwirrte sich.

Eine unerklrliche Erregung erschtterte Ginstermanns Wesen.

Whrend er sich diese Worte wiederholte, erschien es ihm, als empfnde er
sie inniger als am Abend, als kmen sie aus dem Tiefsten seines Wesens. Und
Lehhe, die Knigin, hatte sich verndert. Nicht mehr die orientalischen
Zge, die schmale gebogene Nase, das blauschwarze glatte Haar, nun trug sie
die Zge des Mdchens, das ihm zur Seite schritt . . . . .

Ginstermann hllte sich dichter in den Mantel und gab sich Mhe, auf andere
Gedanken zu kommen.

Die Gewnder der Mdchen rauschten sanft. Es war ihm, als gingen sie sehr
rasch. Diese Vorstellung wurde dadurch verstrkt, da man ihre Schritte
nicht hrte. Es war frischer Schnee gefallen.

Die Straen erschienen breiter und der. Dunkle, unnatrlich groe
Fuspuren liefen ber die Trottoire. Die Bogenlampen leuchteten trb,
umflimmert von feinem Schneestaub, den ein groes Sieb ber sie zu
schtteln schien. Dunkle Gestalten tauchten lautlos auf, verschwanden
lautlos. Irgendwohin. Schatten gleich, die die Straen einer toten Stadt
durchwandern.

Und sie selbst glichen solchen Schatten.

Ginstermann hatte das peinliche Gefhl, da die Mdchen auf eine Anrede
seinerseits warteten. Ja, vielleicht belustigten sie sich ber ihn, der
nichts wute, als vor sich hinzugrbeln. Es war nicht ausgeschlossen, da
Frulein Scholl ihre Freundin in den Arm kniff und in sich hineinkicherte.

Aber ein Seitenblick berzeugte ihn, da sie beide in Gedanken versunken
waren, die nicht in direktem Zusammenhang mit dieser Wanderung standen.

Beide lchelten. Aber dieses Lcheln war grundverschieden. Bei Frulein
Schuhmacher hauchte es aus den halbgeffneten Lippen, bei Frulein Scholl
sprhte es in den Wangengrbchen.

Es schien, als denke die eine ber etwas Hbsches nach, das in der
Vergangenheit ruhte, die andere ber etwas Hbsches, das aus der Zukunft
schimmerte.

Frulein Schuhmacher ging mit geffneten Augen und blickte zu Boden, als
beobachte sie das Spiel ihres Schattens, der bald vorauseilte, bald unter
ihren Schritten durchschlpfte. Ihr Profil war von vornehmer, reiner Linie.
Die Stirne gedrckt und eigensinnig. Der Mund der eines Menschen, der wenig
gelacht und viel gelitten hat.

Frulein Scholl hielt die Augen geschlossen, und diese geschlossenen Augen
lchelten.

Whrend ihre Freundin leicht vornbergebeugt schritt, das Wippen der
Libelle im Gang, ging sie aufrecht, mit steifem Stolze. Den Kopf etwas auf
die Brust gesenkt.

Man konnte sie sich gut als wrdevolle Dame vorstellen.

Ginstermann sann darber nach, was er den Damen sagen knne.

Der Wunsch erwachte in ihm, ihnen durch irgend eine Bemerkung aufzufallen.

Er war oftmals nahe daran zu beginnen, aber stets fand er die Bemerkung
deplaziert oder banal. Die einleitende Bemerkung, einleitende Frage
forderten sein Lcheln heraus infolge ihrer hnlichkeit mit den
Ballgesprchen in den Witzblttern. Mit nervser Hast suchte er in seinem
Kopfe nach einem Gedanken, den er htte anbringen knnen. Er htte sich
gern geistreich, witzig gezeigt. Er htte den Mdchen gern etwas mit nach
Hause gegeben, ein kleines souvenir de Ginstermann, etwas, das sie noch
beschftigte, whrend sie sich entkleideten. Etwas Frappierendes, das sie
kopfschttelnd zu fassen suchten, ein schnes Wort, das noch auf der
Schwelle ihres Schlafes vor ihnen schimmerte.

Aber seine Gedanken schleppten altes Zeug herbei, das einem jeder von den
Lippen ablas, wenn man es aussprechen wollte. Oder Einflle, die er frher
irgendwo geuert, und suchten ihn zur Kolportage seiner eigenen Gedanken
zu verfhren.

Was sollte er diesen Mdchen sagen?

Sollte er ihnen einen Vortrag halten ber die Schuld im modernen Drama,
ber die Phonetik des Dialogs?

ber die seelische Armut eines Mdchens aus guter Familie? ber Bcher,
Theater, Musik?

Sollte er ihnen die Grimasse der modernen Gesellschaft mit hhnenden
Strichen skizzieren?

Sollte er ihnen sagen: Meine Damen, so kahl wie dieser Baum hier ist unsere
Zeit an Schnheit und dem Wunsche nach ihr. Aber es werden Generationen
kommen, deren Schnheitsdurst so gewaltig sein wird, da man das
herrlichste Weib des Landes, nackt, auf geschmcktem Wagen durch die Stadt
fhren wird.

Was sollte er sagen? Sollte er sagen --?

So sehr er sich bemhte, er fand nichts.

Er hatte es verlernt, mit Menschen zu verkehren, mit jungen Damen angenehm
zu plaudern. Die Jahre seiner Einsamkeit hatten ihm die Lippen
verschlossen.

Wute er, was diese Mdchen interessieren konnte?

Ach, wie entzckend! tief Frulein Scholl pltzlich aus und blieb stehen.
Ist es nicht herrlich?

Der Marmorpalast der Akademie lag vor ihnen.

Vom bleichen Lichte des Mondes durchstrahlt, umgeben von dunklen
Husermassen, stieg er empor aus wipfelkahlen Bumen wie ein heiliges
Denkmal, durch eine Luftspiegelung aus einer herrlichen Welt
herbergetragen. In seiner mehr denn totenhaften Stille, die nicht mehr das
Ohr, nur die Phantasie fate, in seiner sanften Schnheit stand er
auerhalb alles Irdischen, auerhalb der Zeit, bereit, jeden Augenblick zu
versinken und trivial-praktische Huserklumpen zu enthllen.

Ginstermann wute: Das ist der Palast eines gewaltigen Knigs. Der Knig
ist gestorben und liegt aufgebahrt auf dunklem Sarkophage inmitten des
Palastes. Zu seinen Fen kauert sein Weib. Pechpfannen umflammen das
Lager. Und morgen wird der Palast in Flammen stehen, und den Platz werden
Menschen erfllen, trnenlos in ihrer Trauer, als ein starkes Volk. Und
Priester werden das Blut von tausend Kriegern in die rauchenden Trmmer
gieen, dem Geliebten zu opfern.

Ist es nicht berwltigend? flsterte Frulein Scholl.

Es ist schn, sagte Ginstermann.

Frulein Schuhmacher streifte ihn mit einem Blicke, wie um die Gedanken zu
erraten, die er ihnen vorenthielt.

Frulein Scholl wohnte in der Schackstrae. Sie begleiteten sie bis zur
Tre, dann gingen sie weiter. Die Leopoldstrae hinunter.

                   *       *       *       *       *

Sie gingen nun allein.

Mit der Entfernung der Freundin war die Last auf Ginstermanns Seele um das
Doppelte gewachsen.

Seine Verwirrung steigerte sich, und er fhlte, wie er die Herrschaft ber
seine Gedanken verlor. Vergebens strengte er sich an, seine Gefhle zu
entwirren. Er empfand wiederum den schwindelartigen Zustand, der ihn
ergriff, als er aufstand, um den Damen seine Begleitung anzubieten.
Gewohnt, immer Herr der Situation und seiner selbst zu sein, empfand er ihn
als eine demtigende Peinigung. Es war ihm, als habe man ihn in eine
Narkose versetzt, gegen die sich seine halbbetubten Sinne erfolglos
strubten.

Gleichsam ohne selbstndigen Willen schritt er neben diesem Weibe einher.
Einem Trabanten hnlich, der in die Bahn eines mchtigen Sternes geriet.
Die Seele dieses Weibes hatte sich der seinigen bemchtigt und lockte ihn
mit der Gewalt ihres Rtsels.

Diese Situation, das Schweigen, aus dem man heraushren konnte, was man
wollte, wurde ihm unertrglich.

Er richtete sich auf, steckte die Hnde in die Manteltaschen, bemht, sich
vor sich selbst das Aussehen eines gleichgltigen Menschen zu geben.

Er hrte ihre Schritte ber den Boden gleiten, ihre Kleider rauschen, er
bemerkte jede Bewegung ihres Kopfes, ihrer Hand, ohne jedoch sein volles
Bewutsein zurckfinden.

Die Strae war schnurgerade, wie ein Lineal. Blendend wei in der Nhe, von
dsterem Rauch erfllt in der Ferne. Beschneite Pappeln flankierten sie,
die ihnen in langsamem Zuge entgegenpilgerten.

Dann und wann krauchte ein Schatten heran. Die Helmspitze eines
Schutzmannes blitzte auf. Eine Katze berschritt geschmeidig die Strae,
behutsam Pfote um Pfote in den Schnee setzend.

Jeder, der an ihnen vorberkam, blickte sie an. War es ein Herr, so
musterte er zuerst seine Begleiterin, dann ihn; war es eine Dame, so galt
ihm der erste Blick. Alle dachten sich etwas. Sie dachten, es sind
Liebesleute, die sich gezankt haben und nun still, voneinander entfernt
ihre Strae gehen. Oder sie dachten, es sind Leute, denen die aufkeimende
Liebe die Lippen verschliet und schwermtige Gedanken eingibt.

Whrend seine Sinne dies mechanisch beobachteten, rang seine Seele mit der
fremden Gewalt, die auf ihn eindrang.

Er wollte froh sein, wenn er wieder allein war. Auf der andern Seite jedoch
frchtete er diesen Moment und suchte er nach Mglichkeiten, ihn
hinauszuschieben. Mit rgerlichem Schrecken dachte er daran, da er zum
ersten und voraussichtlich zum letzten Male neben diesem Weibe ging, das
seiner Seele nicht gleichgltig war. Und da er es nicht verstanden hatte,
diese gnstige Lage auszuntzen, das Wesen dieses Mdchens zu ergrnden,
und dadurch seine Gedanken vor der peinigenden Gier zu behten, mit der sie
ein ungelstes Rtsel zu umkreisen pflegten.

Da vernahm er pltzlich ihre Stimme.

Er verstand ihre Worte nicht und mute sich erst ihren Klang ins Gedchtnis
zurckrufen, bevor er sie erfate.

Kennen Sie denn meine Gedichte? antwortete er lchelnd, erfreut, da das
Stillschweigen gebrochen war.

Sie hatte gesagt: Ich kenne ein Gedicht von Ihnen, Herr Ginstermann, das
sehr schn ist.

Ja, erwiderte sie, ich habe sie gelesen. Ein Herr machte mich darauf
aufmerksam. Viele sind mir zu herb, zu bitter, aber dieses eine ist sehr
schn, und ich empfand das Bedrfnis, Ihnen das zu sagen, bevor wir uns
trennen. Es heit: Martyrium.

Das war mein erstes, Frulein Schuhmacher.

Ihr erstes?

Ja. Ich trottete meine Strae. Da kam es. Ganz von selbst, ich hatte
frher nie Verse geschrieben.

Sie schwieg und blickte sinnend zu Boden.

Da erschrak Ginstermann. Diese wenigen Worte erlaubten ihr, eine Menge
Schlsse auf sein damaliges Innenleben zu ziehen.

Der Gedanke ist schn, und das Bild ist schn, fuhr sie leise fort, es
hat einen tiefen Sinn. Ich kenne kein Gedicht, das einen so tiefen Eindruck
in mir hinterlassen htte.

Er wute, da dieses Gedicht gut war, zu seinen besten gehrte. Aber keine
einzige Besprechung hatte es besonders hervorgehoben. Um so seltsamer
erschien es ihm, da sie darauf gekommen war.

Das Gedicht war sehr einfach. Ein Mann, der vor einem Weibe in unverhllter
Schnheit kniet, bittet es, ihm den Dornenkranz der Liebe, mit dem es ihn
krnt, tief, tief ins Haupt zu drcken.

Hier bin ich nun zu Hause, sagte Frulein Schuhmacher und blieb stehen.

Sie standen vor einer Villa in modernem Stile, deren originelle Architektur
Ginstermann schon frher aufgefallen war. Zwei Fenster der ersten Etage
waren matt erhellt, als lge ein Kranker im Zimmer.

Ginstermann griff an den Hut, da es sich nicht schickt, eine Dame vor der
Tre noch zu verhalten.

Aber sie schien es nicht zu bemerken.

Ihr Blick ruhte auf seinem Antlitz, und wieder gewann er die Vorstellung,
als suche sie nach irgend etwas.

Wir sahen uns brigens schon einmal, begann sie von neuem, und ihr Blick
traf voll den seinigen.

An diesem Blicke erkannte er sie.

Hier ist ein Mensch! dachte er, freudig erschreckend. Er fhlte, wie die
Erregung in langer Welle durch seinen Krper lief.

Diese Augen waren hell und durchsichtig, als brenne ein Licht hinter ihnen.
Er wute, hinter diesen Augen wohnt jemand.

Ja, im Hoftheater, erwiderte er, und er lchelte und blickte ihr in die
Augen. Es erschien ihm, als seien sie langjhrige Bekannte.

Ich verwechselte Sie damals mit jemandem, fuhr sie fort, und ihre Lippen
zuckten sonderbar, als unterdrckte sie ein Lcheln.

Er habe das sofort bemerkt.

Frulein Schuhmacher blickte zum Himmel empor, aus dem groe nasse Flocken
fielen.

Es taut, sagte sie, ich glaube, es wird nun wirklich Frhling.

Das klang einfach, aber eine krankhafte Sehnsucht nach dem Frhling lag in
dem Tone ihrer Stimme und den Blicken, mit denen sie die groen Flocken
verfolgte.

Dann bot sie ihm die Hand, indem sie ihm fr die Begleitung dankte. Sie sah
ihn dabei an, aber es schien, als blickte sie durch ihn hindurch.

Ginstermann entgegnete: Ich danke, Frulein Schuhmacher. Das Ich
betonend.

Sie blickte ihn mit leichter Verwunderung an.

Er aber wiederholte: Ich danke. In der gleichen Betonung.

Da drckte sie ihm die Hand, jedoch ohne eine andere Sprache als die der
Hflichkeit einer modern denkenden Dame.

Adieu, sagte sie, auf Wiedersehn.

Adieu, sagte er.

Sie nickte und ging. Im Augenblick war sie verschwunden.

Ein dunkles, schweres Tor glitt lautlos hinter ihr ins Schlo, lautlos,
unaufhaltsam.

Ginstermann stand allein auf der Strae. Pltzlich fhlte er, da es dster
und kalt war.

Er stand noch eine Weile, dann wandte er sich und machte einige zgernde
Schritte. Etwas hielt ihn zurck. Und nun blitzte es auf. Sie hatte gesagt:
auf Wiedersehen. Sie hatte gesagt: auf Wiedersehen. Er hrte ganz deutlich
ihre geschmeidige, leicht verschleierte Stimme. Aber das allein war es
nicht.

Er ging wieder auf die Stelle zurck, wo er sich von ihr verabschiedet
hatte, gleichsam als hre er hier ihre Stimme mit grerer Deutlichkeit in
seinem Gedchtnis wiederklingen.

Sie hatte das Wieder betont. Das war es.

Es war keine Hflichkeitsformel, mechanisch gesprochen. In dieser Betonung
lag der Wunsch, ihn wiederzusehen und zugleich eine gewisse Freude, ihn
kennen gelernt zu haben.

Nun erst ging er seiner Wege.

Nach geraumer Zeit bemerkte er, da er die verkehrte Richtung eingeschlagen
hatte.

Er machte Kehrt und berschritt, als er sich der Villa nherte, die Strae,
um nicht gesehen zu werden.

Im Eckzimmer der ersten Etage war Licht. Rtliches, sanftes Licht, das
durch das geffnete Fenster wie feiner Dunst in die Strae hauchte.

Er erschrack, ohne zu wissen weshalb, als er es bemerkte.

Da wanderte die Flamme einer Kerze an den dunklen Fenstern der anstoenden
Zimmer vorbei und verschwand in dem Zimmer, das matt erleuchtet war.

Ginstermann stand, verborgen im Schatten einer Pappel, und wartete. Er
wartete lange und in sonderbarer Erregung, als spiele sich in dem Zimmer da
droben etwas ab, was entscheidend fr sein Leben sei. Und doch war es nur
der Besuch eines Kindes bei seiner Mutter, vor dem Schlafengehen.

Die groen, weien Flocken fielen langsam auf ihn herab, ihn gleichsam
durch ihr geheimnisvolles, sanftes Abwrtsgleiten in einen Zustand der
Betubung versetzend.

Das Licht erschien wieder und wanderte an den Gardinen vorber. Aus seinem
Auf und Ab erkannte er ihren Schritt. Er bildete sich ein, das Schlieen
einer Tre zu vernehmen.

Und nun erschrak er, da er unwillkrlich tiefer in den Schatten
zurcktrat.

Sie war ans Fenster gekommen. Und sie blickte genau auf den Baum, der ihn
verbarg.

Etwas wie eine tdliche Angst packte ihn, sie knne ihn durch den dicken
Baum hindurch bemerken.

Zum ersten Male sah er, wie schlank sie war!

Endlich wandte sie den Kopf, und er atmete auf.

Sie trat zurck und schlo das Fenster. Er hrte es, als stnde er dicht
darunter, ber ihre Hand, die den Knopf drehte, flossen die Vorhnge
zusammen, und fingen den Schatten ihrer Gestalt auf.

Das Verlangen erfate ihn, irgend etwas zu unternehmen, zu rufen, irgend
etwas zu rufen, nur um sie noch eine Sekunde zurckzuhalten.

Da wurden die Vorhnge licht.

Er ging nach Hause.




III.


Ginstermann verlebte die folgenden Wochen in gewohnter Zurckgezogenheit.

Wie frher lie er sich des Mittags seine Mahlzeit auf das Zimmer bringen,
um nicht gentigt zu sein, in einem lrmenden Lokal zu speisen und mit
gleichgiltigen Leuten ein Gesprch fhren zu mssen. Nur des Abends, wenn
die Dmmerung herabsank, und es dunkler war, als wenn alle Lampen in den
Straen brannten, verlie er zuweilen das Haus, um einen kurzen Spaziergang
zu unternehmen. Diese Spaziergnge benutzte er dazu, sich in Gedanken auf
die Arbeit des Abends vorzubereiten.

Die Ereignisse jenes Abends hatten ihm zu denken gegeben.

Zu nchterner Vernunft zurckgekehrt, hatte er mit Erstaunen wahrgenommen,
mit welcher Schnelligkeit er die Herrschaft ber seine Seele verloren. Wenn
er sich daran erinnerte, wie er hinter der Pappel stand und auf das
schlanke Mdchen am Fenster blickte, so sah er gleichsam einen Fremden vor
sich, dessen Gebaren er kopfschttelnd und mitleidig lchelnd beobachtete.

Er erklrte sich diese Erregung als eine Reaktion seines Gehirns, das sich
seit Jahren in rastloser Ttigkeit befand, immer auf der Flucht vor alten
und der Jagd nach neuen Gedanken, sich kaum die notdrftigste Ruhe und
Zerstreuung gnnend.

Jenes unscheinbare Erlebnis war fr ihn das gewesen, was fr den Nchternen
ein Schluck Wein ist, es hatte ihn berauscht. --

Ginstermann hatte frher ein Leben ohne Ma und Ziel gelebt, teils von
seinen lebendigen Sinnen getrieben, teils von dem Wunsche, den Hunger
seiner Seele an mglichst vielen Eindrcken zu stillen. Erst seine reisende
Erkenntnis gebot ihm eine Regulierung seiner Lebensweise, wenn er seine
Seele nicht durch Erinnerungen berlasten wollte.

Sie riet ihm zur Vorsicht angesichts der Empfindsamkeit seiner Seele, die
eine Leidenschaft in jungen Jahren noch gesteigert hatte.

Jahre der Einsamkeit und Verinnerlichung lieen Erkenntnisse in ihm reifen,
die ihm Welt und Menschen in neuem Lichte zeigten.

Er erkannte, da das, was man im allgemeinen Leben nannte, rmlich und
nchtern war gegen ein Leben in der Phantasie, gegen die Beschftigung mit
den ewigen Ideen, die geheimnisvoll die Jahrtausende regieren, das Tun der
Menschen bestimmen.

Nach und nach war er zur gnzlichen Unfhigkeit gelangt, mit den Menschen
zu verkehren.

Er verachtete, er bemitleidete sie.

Sie waren ihm zu wenig Luxuswesen, zu wenig Dichter, ohne freie Gefhle,
ohne den Wunsch nach Flgeln. Ihre Ziele waren klein und klglich und
reichten nicht ber den Tag hinaus. Die gesicherte Existenz im Himmel hatte
sie vergessen lassen, da der Mensch auch auf der Erde etwas zu vollbringen
hatte.

Seine Geschlechtsgenossen waren ihm nicht sympathisch. Ihre rohen Sinne,
ihre Lsternheit, ihre vergiftete Phantasie stieen ihn ab. Die
Widerstandslosigkeit, mit der sie sich den von der Masse diktierten
Gesetzen und ihren Trieben unterwarfen, machte sie ihm erbrmlich.

Das Weib schien ihm erst auf einer Durchgangsstufe zum Menschen angelangt
zu sein. Das Unklare, Vorurteilsvolle, das Spekulierende, das wenig
Schpferische, seine Freude an glitzernden Dingen lieen es ihm als ein
Wesen erscheinen, das um tausend Jahre hinter dem Manne zurck war und sich
nicht Mhe gab, diesen Vorsprung einzuholen. Es lebte von den Erkenntnissen
des Mannes, ohne dies einzugestehen und ihm Dank zu wissen, es lebte von
seiner Seele, ohne ihm etwas dagegen zu geben.

Auf die Suche zu gehen nach einem Gefhrten, einer Gefhrtin, hatte er
schon lange aufgegeben, da ihn die Erfahrung lehrte, da in jedem neuen
Menschen wieder der alte steckte, dem er mimutig und gelangweilt den
Rcken gedreht hatte.

Nicht als ob er in Zeiten geistiger Ebbe nicht unter seiner Vereinsamung
gelitten htte. Es geschah manchmal, da er des Nachts mit fiebernden Augen
in die wogenden Visionen seiner Phantasie starrte, und gleichzeitig sein
Herz in ihm vor Hunger und Sehnsucht pochte.

Er war entstanden aus Mann und Weib und deshalb zerklftet. Er hatte das
empfindsame, lebensfrohe Gemt seiner Mutter geerbt und den hochmtigen
Verstand seines Vaters. Diese beiden, Gemt und Verstand, lebten in
ungleicher Ehe. Er pflegte ber seine weichen Empfindungen spttisch zu
lcheln. Er stand skeptisch jeder Erscheinung gegenber und entkleidete sie
des Tandes, mit dem gutmtige Dummkpfe sie geschmckt. Im Grunde seiner
Natur aber lebte das Bestreben, alle Dinge wiederum zu verklren und mit
einem Schmucke zu versehen, wie ihn seine Seele liebte.

In den folgenden einsamen Abenden, die ihm eine ruhige Sammlung seiner
Gedanken erlaubten, gelang es ihm, die Fremdkrper wiederum auszuscheiden,
die seiner Seele gefhrlich zu werden gedroht hatten.

Er machte Nachtrge in sein Tagebuch, revidierte seine Aufzeichnungen,
bltterte in alten Manuskripten, lie wieder und wieder die ewigen Fragen
Revue passieren, nach neuen Gesichtspunkten, neuen Perspektiven suchend.

Indem er die Entwicklung seines inneren Menschen berblickte, erkannte er
mit Deutlichkeit, da sein Weg in die Hhe fhrte. Abgrnde lagen zwischen
ihm und der Welt. Und alle Brcken waren gefallen. Er hatte ihre Irrtmer
und Gtzen berwunden.

Mit Genugtuung bemerkte er, da er gewachsen war, seit er sich das letzte
Mal sah, da seine Seele fortfuhr, ihr Licht in die Finsternis zu
schleudern.

Und mit dieser Erkenntnis kam frischer Mut ber ihn und neuer Stolz. Ein
ungestmer Schaffensdrang erfllte sein Wesen. Fiebernd vor Schaffensfreude
und Finderglck verbrachte er seine Tage und Nchte.

Drauen schneite und strmte es. Es war ihm gleichgltig, ob das Jahr
vorwrts oder rckwrts ging.

Der Vorfall von neulich entwich in weite Fernen und verlor an Leben und
Bedeutung. Das schlanke Mdchen tauchte nur dazwischen in seinen Gedanken
auf und versuchte ihn mit groen, schimmernden Augen zu bannen. Aber sie
brachten ihm keine Gefahr mehr. Blick und Farbe erloschen, sobald er es
wollte.

Und nur, wenn sein Gehirn mde war von langer Arbeit, stieg der Wunsch in
ihm auf, das Mdchen wiederzusehen, sich zu erfreuen am Klange dieser
Stimme, der Klarheit dieser Augen. Aber des Morgens erwachte er stets
heiter, sorglos und ohne Wnsche.

Der Wert jenes Weibes verringerte sich keineswegs in seiner Vorstellung. Er
war berzeugt, da sie einen reiferen, hheren Typus reprsentierte, als
ihre Schwestern, die er kannte.

In seinem Herzen jedoch wohnte die Sehnsucht nach einem Weibe hinter den
Sternen. Singe hie sie, das ist: ich bin nicht.

Seine Gefhle gehrten den Gestalten, die er schuf, seine Gedanken gehrten
ihnen.

Seine Seele gehrte seiner Arbeit, seinem Ziele.




IV.


Es war nun wirklich Frhling geworden.

Finsternis und Rauch des Winters waren verschwunden, und die Klte vorber,
die einem wie eine Katze ins Genick sprang, wenn man das Haus verlie.

ber den Husern wlbte sich ein wolkenloser Himmel gleich einer ungeheuren
Flagge von blablauer Seide. Weiche, laue Luft hauchte durch die Straen.
Die Stadt erschien wie aus einem klaren, duftenden Bade gestiegen.

Die Trottoire waren reingefegt von Sand und Schlacke, erfllt von
Spaziergngern. Jeder, dem es mglich war, ging zu Fu, um die herrliche
Luft und die wrmende Sonne zu genieen. Man trug Kleider von hellerer
Farbe, und aus den Herzen der Menschen war der Mimut entwichen, den der zu
Ende gehende Winter erzeugt. Aus ihren Augen spiegelte der junge blaue
Himmel. Wagen, besetzt mit Frauen und Kindern in schmucken
Frhlingsgewndern, flogen an den Spaziergngern vorber, und aus den
Gesichtern der Insassen strahlte die Freude, bald den Wald und die Wiesen
zu sehen.

Ginstermann hatte den Entwurf seines Dramas beendigt und benutzte das
verlockende Wetter, um sich zu erholen, neue Kraft und neuen Blick fr die
Ausarbeitung zu gewinnen. Er wanderte stundenlang in den Straen umher, mit
wachen Augen und Ohren fr alles, was um ihn vorging.

Er trug einen hellen Sommeranzug, der ihn ganz vernderte. Mit seinen
schwarzen Augen und Haaren, dem elfenbeingelben Teint seines schmalen
Gesichtes erschien er wie ein Sdlnder. Die ewige Zigarette im Munde,
schlenderte er einher, wie einer, der den ganzen Tag nichts zu tun hat, als
spazieren zu gehen und Zigaretten zu rauchen.

Auf einer dieser Promenaden -- es war gegen Abend -- sah er sie. Frulein
Bianka Schuhmacher.

Und ein eigentmliches Erschrecken durchlief ihn, als er sie gewahrte.

Eine schlanke Dame ging mit einem Herrn ber den Odeonsplatz. Gestalt und
Gang dieser Dame riefen augenblicklich das Bild von Frulein Schuhmacher in
ihm wach.

Voller Spannung sah er sie nherkommen.

Sie trug ein graues Jackett, das ihr bis an die Knie reichte, einen kleinen
schwarzen Hut mit silbergrauem Schleier herum.

Sie bemerkte ihn nicht, sie plauderte eifrig und vergngt mit ihrem
Begleiter. Dieser war schlank, schmalbrstig, grer noch als sie, mit
hbschem, fr einen Mann zu hbschem Gesicht, dessen Teint an den eines
Kindes erinnerte. Er trug einen dnnen blonden Schnurrbart, und ber seine
Wange lief ein haarfeiner Schmi.

Kleidung und Bewegungen verrieten den Mann der feinen Gesellschaft, dem der
Sinn fr das Korrekte, Tadellose angeboren ist.

Sie gingen nun gegenber von ihm, eine Straenbreite entfernt.

Der blonde hbsche Herr schttelte leicht den Kopf voller Vergngen ber
eine Bemerkung seiner Dame.

Er hrte das Mdchen sprechen und den Herrn antworten. Er verstand nichts,
nur, da er Du zu ihr sagte.

Da hielt sie pltzlich im Plaudern inne, und ihr Blick traf unvermittelt
den seinigen. Gro, ruhig, mit einem verborgenen Lcheln in den Augen sah
sie ihn an.

Er zog den Hut.

Sie dankte, aber mehr mit den Augen als dem Neigen des Kopfes, das kaum
wahrnehmbar war.

Der blonde hbsche Herr grte hastig und tief, ja mit einem gewissen
Respekte, wie um durch die Achtung, die er einem Bekannten seiner
Begleiterin zeigte, ihr seine eigene Ehrerbietung auszudrcken.

Ginstermann berschritt unwillkrlich die Strae, um den beiden unauffllig
nachsehen zu knnen.

Sie waren bei einer Kunsthandlung stehen geblieben, und er bemerkte, wie
Frulein Schuhmacher den Kopf nach ihm wandte, whrend sie plauderte. Er
blickte aber im selben Moment weg und tat, als habe er es nicht bemerkt.

Das Merkwrdige war, da ihre Blicke ihn nicht auf der anderen Seite der
Strae gesucht hatten.

Eine Weile kmpfte er mit der Versuchung, den beiden zu folgen und ihnen
nach geraumer Zeit wie zufllig wieder zu begegnen. Allein es kam ihm
schlerhaft, seiner unwrdig vor, und er setzte seinen Weg fort. Er blickte
sich auch nicht mehr um, obschon es ihm eine frmliche Anstrengung kostete,
seinen Kopf gerade zu halten, den eine unsichtbare Hand zu drehen
versuchte.

Aber seine Gedanken, die eben noch wie wohlerzogene Kinder gefolgt hatten,
vermochte er nicht mehr zu lenken.

Sie gingen mit den beiden durch die Straen, blieben mit ihnen bei den
Auslagefenstern der Magazine stehen, lauschten auf ihre Gesprche und das
vertrauliche Du des hbschen Herrn.

Zu Hause angelangt, versenkte er sich in sein Manuskript, berzeugt, da er
sich dadurch zur Ordnung zwinge. Er sah sich getuscht.

Seine Gedanken fuhren fort, neben den beiden einherzugehen, sie traten mit
ihnen in die Geschfte, beteiligten sich an der Auswahl des Gegenstandes
und schlpften zwischen ihnen und der Verbeugung des Kommis zur Tre
hinaus. Sie stiegen mit ihnen in eine Droschke, sahen zu, wie sie an einem
tadellos gedeckten Tisch, an dem noch einige andere Leute saen, dinierten.
Sie hrten sie plaudern, mit den Bestecken klappern, beobachteten, wie die
Tafel aufgehoben wurde, und man sich zur Ruhe in Sessel niederlie. Das
alles, whrend er Worte vor sich las, die nur zgernd blasse und
unzusammenhngende Eindrcke erweckten.

rgerlich ber sich sprang er endlich auf und nahm den Hut. Aber mitten auf
der Treppe wandte er wieder um und kehrte in sein Zimmer zurck.

Er lchelte ber sein Betragen.

Weshalb sollte er eigentlich fortlaufen, fragte er sich.

Was kmmerte ihn dieses Mdchen? Was kmmerte ihn ihr Verlobter?

Da jener hbsche blonde Herr mit seinem rosigen Teint der Verlobte von
Frulein Schuhmacher war, erschien ihm auer Zweifel. Die respektvolle
Vertraulichkeit, mit der er mit ihr plauderte und lachte, die ihr geltende
Achtung, mit der er vor ihm den Hut gezogen, bewiesen ihm das zur Genge.

Aber was kmmerte ihn das?

Sollte ihm das Mdchen deshalb begehrenswerter erscheinen, weil ein anderer
seine Seele besa?

Zudem hatte sie ihn ja kaum gegrt, als scheue sie sich, ihrem Verlobten
merken zu lassen, da dieser Mensch in seinem lcherlichen Sommeranzug sie
kenne.

Unerklrt blieb allerdings, weshalb sie sich nach ihm umgewendet hatte.

Aber das war nicht von weiterer Bedeutung.

Vielleicht in Gedanken, vielleicht um zu sehen, ob er ihr und ihrem
hbschen Kavalier nachgaffe. Vielleicht hatte sie zu ihm gesagt: Du guck,
das ist der, der das Gedicht Martyrium geschrieben hat.

Und der Blonde hatte geantwortet: Der mit den niedergetretenen Abstzen?

Und sie hatten gelacht.

Hatte er nicht deutlich ein Lcheln in ihren Zgen aufsteigen sehen, das
sie Mhe hatte, so lange zu unterdrcken, als er herblickte?

Auf- und abgehend, erfand er einen Dialog, in dem die beiden ber ihn
witzelten. Dadurch geriet er allmhlich in eine heitere Stimmung, die ihm
ber den Vorfall hinweghalf.

Er setzte sich an seine Arbeit, und nun hatten die Repliken pltzlich Klang
und Sinn. Er arbeitete bis spt in die Nacht hinein und legte sich
zufrieden mit sich nieder, noch whrend des Einschlafens mit dem Schicksale
seiner Gestalten beschftigt. --

Am anderen Morgen fand er ein Billett im Briefkasten. Es hatte folgenden
Inhalt: Weshalb sah man Sie denn solange nicht mehr? Ich vermutete, Sie
seien erkrankt. Gru, auf Wiedersehen, Bianka Schuhmacher.




V.


Die Leopoldstrae ist eine schne Strae.

Jeder, der sie kennt, wird das zugeben mssen.

Zu beiden Seiten stehen Palste und Villen in endloser Reihe, von Grten
umgeben, die ein geschulter Grtner pflegt. Die Portale sind massiv, von
kunstvoller Schmiedearbeit, vergoldet, jedes in seiner Art ein vollendetes
Werk. Die Fassaden verraten das verfeinerte Auge des Architekten in
Proportionen und Schmuck.

Das sind nicht Huser, in denen die Menschen schlafen, kochen und sich vor
Klte und Nsse schtzen, das sind Heime, in denen die Menschen leben.

Hier gibt es kostbare Gardinen mit verschwenderischen Falten, hier blickt
das Auge in stilvoll eingerichtete Zimmer mit schimmernden Rahmen an den
Wnden.

Feine Leute erscheinen an den Fenstern, feine Leute kommen die Stufen
herab. Die Herren in Uniform, mit Seidenhten, die Damen in sfarbenen
Toiletten mit geschmeidigen, wohltuenden Bewegungen, den Abglanz der
Sorglosigkeit auf dem gepflegten Antlitze.

Die Pappeln stehen in geordneten Reihen, ehrwrdig, ein hundertjhriges
Geschlecht, bilden sie Spalier, gleichsam um die Fugnger vor den
vorbeirollenden Wagen zu schtzen und vor dem Anblick der rohen,
schwitzenden Arbeit zu bewahren. Es ist, als ob die freie Natur, der Wald,
das Feld hereingepilgert kmen. Sie sind der Anfang eines Weges, der auf
die Wiesen fhrt, und man fhlt sich gleichsam entfernter von der
fauchenden, surrenden, stauberfllten Stadt.

Im beginnenden Frhjahr bot die Strae ein berckendes Bild. Die Bume, die
Strucher schlangen ihre frischgrnen Zweige in zierlichen Tanzgesten um
die harten Ecken der Huser, so da Palste und Villen den Eindruck
erweckten, als htten die Maler sie ersonnen, nicht die Architekten gebaut.
Die Pappeln begannen zu knospen, und ab und zu schlpfte ein kleiner Vogel
aus ihrem Geste.

Ginstermann hatte an all dem Gefallen.

Schon frher war er gerne diese vornehme Strae hinabgegangen, in der
letzten Zeit kam er fter heraus. Wenn er gerade Zeit hatte. Des Mittags,
um sich in der Sonne zu wrmen, des Abends, um die se Luft zu schlrfen,
die schon gewrzt war von dem Duft der Blumen und Strucher, die noch gar
nicht blhten. Und hier auen war die Luft auch klarer als in den Straen
der Stadt, die nach dem Dunste und Schweie des Tages rochen.

Auch war es angenehm, hier zu gehen, wo man nicht von Vorbeieilenden
angerannt wurde, wo nicht das ununterbrochene Rufen, Pfeifen und Klingeln
jede Melodie erttete, die leise aus dem Innersten des Empfindens sang.

Er wollte sich etwas erholen, sein Blut von den schdlichen Stoffen
reinigen, die der dumpfe Winter und das ewige Zimmersitzen in ihm
erzeugten. Deshalb gnnte er sich diese Spaziergnge. Zudem arbeitete er,
whrend er ging. Er trug stets ein Notizbuch bei sich, in das er alles, was
ihm bemerkenswert schien, verzeichnete. Und vielleicht wrde er auch
Frulein Bianka Schuhmacher treffen. Ein Paar Worte mit ihr wechseln
knnen, oder sie wrde am Fenster stehen, und er konnte zu ihr
hinaufgren.

Jedesmal, wenn er sich ihrem Hause nherte, berschritt er die Strae und
setzte auf der anderen Seite ebenso gemchlich seine Wanderung fort, als
sei er ganz zufllig ber die Strae gegangen, und stnde dort drben nicht
eine Villa, deren Fenster man von hier aus unauffllig berfliegen konnte.

Dabei erfllte ihn stets eine prickelnde Angst, der gefrchtete und
ersehnte Moment knne eintreten. So sehr er sich freute, sie zu sehen, so
unangenehm wre es ihm auf der anderen Seite gewesen, von ihr gesehen zu
werden.

Hie und da unternahm er auch noch des nachts einen Spaziergang hier heraus,
um nachzusehen, ob das Eckzimmer beleuchtet war. Brannte Licht, so war er
befriedigt. Er wute, sie ist da droben, liest, schreibt oder trumt,
verspotteten ihn aber die weien Gardinen der dunklen Fenster, so wurde er
unruhig und machte sich alle mglichen Gedanken.

Dazwischen wiederum vergingen Tage, ohne da er sein Zimmer verlie.
Hartnckig blieb er zu Hause. Sein Betragen erschien ihm albern und
kindisch. Sein Stolz erwachte. Sein wahnwitziger Stolz, der es fr
entwrdigend hielt, sich mit einer anderen Person zu beschftigen als der
eigenen.

Dieser Stolz rief ihm zu: Bist du es, Ginstermann? Bist du des Alleinseins
schon mde?

Dann vergrub er sich wieder in seine Arbeit, grbelte er ber seinen
Problemen und wandelte er auf der freien, selbstherrlichen Hhe seiner
Vernunft.

Aber da war eine Sehnsucht in ihm, die zuerst leise nagte, pickte, dann
pochte, brauste, um endlich wie ein Sturm durch ihn zu fahren, der ihn vor
sich hertrieb.

Er erschien wieder in der Nhe der Villa, morgens, mittags, nachts.

Er schrieb in Gedanken tausend Billette, um sich ihr zu nhern.

In trockenem, sachlichen Tone dankte er ihr darin fr ihren Gru und grte
er sie wieder.

Htte er nicht das Recht dazu? Hatte sie ihm nicht ebenfalls geschrieben?

Aber er zerri sie auch alle wieder in Gedanken und warf die Schnitzel
sorgfltig in den Ofen. Er, jener Ginstermann, der die dnkelhafte
Flachheit des Weibes, sein halbtierisches Wesen in Aphorismen und Zynismen
gegeielt hatte, die die Runde in der Bohme machten, sollte ein Billet an
eine junge Dame schreiben? Und wenn auch diese junge Dame zehnmal besser
war als ihre Schwestern, lauerte nicht das Weib in ihr?

Was trieb ihn zu ihr? Weshalb hatte sie ihm geschrieben? Wer war sie?

Es waren stets die gleichen Gedanken, die in seinen Reflexionen
wiederkehrten wie die Figuren eines mechanischen Theaters.

Seine berzeugung ging dahin, da es das beste sei, sich von diesen Ideen
zu befreien, wenn er sich Klarheit ber das Mdchen verschaffte. Wrde er
sie einigemal gesprochen haben, so konnte er sich ein sicheres Urteil
bilden und demgem handeln.

Aber er vermochte sie nirgends zu finden. Vermutlich sa sie in einer Laube
des Gartens, der ber die Villa blickte, mit Bchern und Zeitschriften ihre
Tage verbringend.

Zu Kapelli kam sie schon lange nicht mehr, die Bste war lngst fertig. Ein
paarmal hatte sie die Bildhauersleute besucht, aber stets zu einer Zeit, wo
er abwesend war.

Endlich lste sich das Rtsel.

Er hatte eine halbe Nacht im Caf zugebracht, um mittels Lektre diese wie
Schildwachen in seinem Kopfe hin- und hergehenden Gedanken zu verscheuchen,
und wollte vor dem Nachhausegehen sich -- wie er es nannte -- nach ihrem
Befinden erkundigen.

Da bemerkte er noch Licht in ihrem Zimmer. Aber es war kein Licht, bei dem
man liest oder schreibt, es war gedmpftes, sorgfltig gedmpftes Licht,
wie es in Krankenzimmern brennt.

Er erschrak bei dieser Wahrnehmung, als sei etwas bernatrliches
geschehen.

Nun wute er es: sie war krank.

Der Schmerz bermannte ihn augenblicklich. Er nahm den Hut ab, stand starr
wie eine Sule und flsterte: Sie ist krank.

Er trottete nach Hause, immer wieder stehen bleibend und wiederholend: Sie
ist krank.

In seinem kahlen, trostlos toten Zimmer angekommen, nahm er einen Blaustift
und schrieb mit groen, stumm-wehklagenden Lettern an die Wand: Sie ist
krank.

Er blies das Licht aus. Ach, wozu brauchte er Licht.

Er schritt in seinem Zimmer auf und ab, immerzu.

Seine Schritte sagten: Sie ist krank. Seine Uhr sagte: Sie ist krank.
Krank, krank, knarrte eine lockere Diele.

Drauen sang der Sdwind. Der Tag graute. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Zwei Herren kommen die Granittreppe herab, gehen durch den Vorgarten
hindurch.

Der eine ist alt, lchelt das Lcheln des Stoikers in seinen weien Bart,
der andere ist jung, hbsch und schmalbrstig. Er hat die rosigen Wangen
eines Kindes.

Ginstermann steht hinter einer Litfasule und beobachtet sie. Er will aus
ihren Mienen lesen, was in den Gehirnen dieser beiden vorgeht. Aber das
Gesicht des Alten ist verschlossen und verbirgt alles hinter diesem
stoischen Lcheln, das Gesicht des Jungen ist zu hbsch, um Gedanken
verraten zu knnen.

Sie gehen an ihm vorber. Der Alte sagt, mit dem Kopfe nickend, als sei er
mit einer Stahlfeder am Rckgrat befestigt: Jawohl, jawohl, jawohl. Sein
Handschuh entfllt ihm. Der Junge bckt sich rasch und gelenkig und hebt
ihn auf.

Danke, sagt der Alte, -- jawohl.

Sonst vernimmt er nichts.

Er folgt den beiden. Im Abstand von zwanzig Schritten. Aber ihre
Gestikulationen sind korrekt und beherrscht, auch sie verraten nichts.

Hinter dem Siegestor ist der Junge pltzlich verschwunden, spurlos, als sei
er in die Luft zerstoben. Der Alte aber geht langsam mit steifen
Schrittchen die Strae hinauf. Er tritt in ein Haus, verlt es nach einer
Viertelstunde wieder. Er biegt in eine Seitenstrae, tritt abermals in ein
Haus, verlt es nach einer Viertelstunde wieder. Das wiederholt sich
einigemal.

Endlich verschwindet er hinter einem Portale. Er kehrt nicht zurck. Ein
groes Emailschild ist an dem Portale angebracht, darauf steht: Wirkl.
Geheimrat Prof. Dr. von Gagstetter.

Ginstermann begibt sich in das nchstbeste Zigarrengeschft.

Pardon, sagt er, ich will nichts kaufen, ich mchte Sie um eine
Geflligkeit ersuchen. Das Adrebuch, bitte sehr. Es ist da etwas
vorgekommen, man braucht einen Arzt, einen Spezialisten.

Eine Dame berreichte ihm das Buch. Bitte schn, sagt sie hflich, ihn
mit dem Interesse der Teilnahme betrachtend.

G, g -- g -- a b c d -- g

Gagstetter -- Spezialist fr Krankheiten der Atmungsorgane.

Danke, vielen Dank!

Bitte schn.




VI.


Das gedmpfte Licht im Eckzimmer brannte nun elf Tage.

Ginstermann ging hinaus ins Freie und machte ein Struchen zusammen aus
Primeln, Veilchen, Weidenktzchen und sprossenden Buchenreisern, und was er
sonst noch auffinden konnte, Grsern und Halmen. Auch ein winziges
Johanniskferchen, mit kleinen schwarzen Pnktchen auf dem roten Schild,
packte er mit hinein. Diesen Strau sandte er der Kranken. Er legte keine
Karte bei.

Sie sollte nicht wissen, von wem er sei. Er freute sich in dem Bewutsein,
da sie diese Frhlingskinder in die Hnde nahm, ihren Duft einsog und vom
Frhling und der Genesung trumte. Auch glaubte er ihre Gedanken angenehm
zu beschftigen, dadurch, da er ihnen freien Spielraum lie, nach dem
Geber zu suchen.

Das Licht brannte nun siebzehn, es brannte nun achtzehn Nchte. Stets
gleich gedmpft, stets gleich ruhig, es schien nicht mehr verlschen zu
wollen.

Aber eines Tages wrde es doch verlschen, das wute Ginstermann. Einmal da
wrden diese Fenster da droben schwarz sein, und am Tage darauf wrden
Wagen vorfahren, aus denen Leute in schwarzen Kleidern stiegen. Er wute es
ganz genau. Und whrend seines ganzen Lebens wrden ihn zwei Gedanken
beschftigen. Sie war das Weib, das die Natur fr dich schuf, hie der
eine, sie war es doch nicht, der andere.

Ginstermann war Tag und Nacht auf den Beinen. Er bemhte sich, Frulein
Scholl aufzufinden, aber es war vergebens. Er hatte vor, ein Dienstmdchen
zu bestechen, aber das wre unfein gewesen. Hundertmal stand er vor dem
Portale mit dem Emailschild: Wirkl. Geheimrat Prof. Dr. v. Gagstetter, mit
dem Vorsatze, bei dem Arzte Erkundigungen einzuziehen.

Was aber htte der Arzt denken sollen? Er htte ihm die Hand auf die
Schulter gelegt und sein kluges Philosophenlcheln gelchelt. Konnte er
seine Liebe fremde Augen sehen lassen? Im brigen, was htte all das
gentzt? Er konnte nichts tun, als auszuharren, geduldig auszuharren.

Manches Mal dachte er, ja schien ihm eine untrgliche Ahnung zu sagen:
Dieses Licht da droben, hrst du, mein Freund, brennt am Lager einer Toten.
Er verbrachte dann eine schwere Nacht und war glcklich, am andern Tage
nicht die Wagen mit den schwarzgekleideten Leuten vor dem Hause halten zu
sehen.

Das Licht brannte nun einundzwanzig Nchte.

In der zweiundzwanzigsten waren die Fenster dunkel.

Ginstermann vermochte es nicht sofort zu fassen. Er strengte die Augen an,
ob nicht doch, ganz leise, ganz leise das Licht da droben noch schimmere.
Er wartete, er wartete.

Die Fenster waren und blieben dunkel. Sie blieben, Gott wei es, sie
blieben dunkel. Dunkel! Er konnte es gar nicht begreifen.

Noch im Laufe des Abends war er hier auen gewesen. Nicht der kleinste
Umstand deutete darauf hin, da das Unausdenkbare eingetreten sei. Heute
morgen hatte das Zimmermdchen die Fenster geputzt und dabei gesungen.

Ginstermann fhlte sich wie befreit. Das Gespenst, das ihn eingehllt
hatte, lange Tage hindurch, lste sich von ihm. Er atmete auf, lange und
tief.

Langsam ging er die Strae hinab, das Glck der Erlsung genieend und die
Freude, da es besser mit ihr ging.

Pltzlich hrte, sah, fhlte er wieder wie frher. Der ausgeschaltete Strom
seiner Empfindungen kam wieder in Bewegung.

Er trat in ein Caf, dessen erleuchtete Fenster vor ihm lagen. Er brauchte
Licht, Menschen! Sein Glck drehte ihn im Wirbel.

Hier war es hell, ungewohnt hell, es gab Menschen, wenn auch nicht viele.
Mit der Befriedigung eines, der eine schwere Zeit hinter sich hat, lie er
sich auf ein Plschsofa nieder.

Das Caf war in modernem, sympathischen Stile gehalten. Polster von
karmoisinrotem Plsch mit schwarzen, senkrechten Streifen, Tische und
Sthle rot gelackt wie Gartenmbel. Ein Fries nackter, einander
nachlaufender Mnner mit den gleichen Bewegungen an den Wnden. Das Ganze
machte den Eindruck feierlichen Pompes.

Das ist ein Raum fr die still Glcklichen, dachte Ginstermann.

Das Lokal war schlecht besetzt. In der Ecke, Ginstermann gegenber, saen
zwei junge Leute. Der eine lag phlegmatisch in seinem Sessel, die Beine
ausgestreckt, die Hnde in den Hosentaschen, und lachte, wobei sich sein
Zigarrenstumpen auf und ab bewegte zwischen den Zhnen. Der andere sprach
aufgeregt, immerzu, mit der Begeisterung der ersten geistigen Grung, er
sprach mit Hnden und Fen und warf jedesmal die Streichhlzer um, wenn er
seine Zigarette anznden wollte. Sein Zuhrer lachte nur.

Ihr Menschen seid so wesenlos und schemenhaft wie die Moose auf dem
Meeresgrund, rief der Erregte aus, und wiederum seid ihr so dick und
unverschmt stumpf wie ein Balken!

Etwas im Hintergrunde sa eine Dame vor geleertem Glase, den Hut ins
Gesicht gesetzt, mit der Lektre der Wiener Karikaturen beschftigt. Man
sah die nackten Beine nur so strampeln.

In einer Nische hatten ein Herr und eine Dame Platz genommen. Das Gesicht
des Herrn fiel durch leichenhafte Blsse und Bewegungslosigkeit auf und
eine Falte ber der Nasenwurzel, scharf wie der Schnitt eines Messers. Die
Dame sah Ginstermann nicht, er erblickte nur den in einem enganliegenden,
stahlgrauen rmel steckenden Arm, wenn sie gewohnheitsmig in die Hhe
griff, um die Frisur zu richten. Er hrte sie dazwischen kurze Fragen
stellen und schlo aus ihrer Stimme und Betonung, da sie geistreich war.

Im Seitenkabinett spielten zwei Herren stillschweigend Billard. Der eine
war der Cafetier, seinem Wesen und seiner Kleidung nach.

Ein junges, hbsches Mdchen bediente. Ihre Kollegin sa auf einem Stuhle
und war eingenickt. Sie hob nur dazwischen die schlafschweren Augenlider,
als habe sie im Schlummer das ungeduldige Klopfen des Lffels an eine Tasse
gehrt.

Es machte Ginstermann Vergngen, all das zu beobachten, whrend ein Teil
seiner Gedanken unausgesetzt das glckliche Ereignis des Abends umkreiste.

Er fhlte sich behaglich hier und brach sogar in Lachen aus, als der
Lebhafte ihm gegenber in lachendem Zorn ausrief: Dann nehme ich mein
Rckgrat heraus und schlage es an dir ab, mein Lieber!

Das hbsche Mdchen brachte ihm den Kaffee und blieb ein Weilchen bei ihm
stehen. Es war ein blutjunges Ding mit mandelfrmigen Augen, aus denen die
Schwermut der Keuschheit blickte. Niemand htte sie in dieser Stellung
vermutet.

Sagen Sie, Frulein, begann Ginstermann, kann man nicht zu Ihrer Taufe
eingeladen werden?

Das Mdchen lachte und blickte ihn verdutzt an, halb argwhnisch, eine
Keckheit hinter dieser Frage vermutend.

Nun, sie sei doch noch so jung, da sie unmglich schon getauft sein knne.

Sie brach in Lachen aus und wandte sich halb ab, nach den Gsten sehend.
Dabei klimperte sie mit dem Gelde in der Tasche ihrer schneeweien Schrze.

Wir werden Sie >Rehuglein< taufen, fuhr Ginstermann fort -- da berhrte
jemand seine Schulter.

Es war der Akademiker Goldschmitt. Uff, Ginstermann? rief er aus.

Der Maler war verblfft, Ginstermann hier im Caf zu treffen, mehr noch,
ihn bei einer Unterhaltung mit einer Kellnerin zu ertappen. Seine
Verblffung steigerte sich aber noch, als er Ginstermanns Aufgerumtheit
bemerkte. Er war nur gewhnt, ihn als einen verschlossenen, dsteren
Menschen, der sein geistiges und seelisches Leben hinter einer
regungslosen, hochmtigen Miene verbarg, zu sehen.

Ginstermann fr seine Person war froh, nun jemanden zur Unterhaltung zu
haben. Er sprach und lachte immerzu. -- Er begann von den Bildern des
jungen Malers zu sprechen und lobte sie. Er gab seiner Meinung ber
zeitgenssische Gren Ausdruck, die er sich erst whrend des Sprechens
bildete. Er legte dem Akademiker seine Anschauungen ber Zweck und Ziel der
bildenden Kunst klar. Er warf ihm Hndevoll Gedanken hin, die er verwerten
knne.

Dabei dachte er an ganz andere Dinge.

Es ging besser mit ihr, also war alles gut.

Goldschmitt hrte aufmerksam zu und wartete auf den zndenden Funken. Er
breitete seine Plne und Ideen vor ihm aus, ob er sie fr gut finde.

Ginstermann fand alle fr gut, sogar fr sehr gut.

Sie werden Ihren Weg machen, sagte er und stie mit ihm an.

Der Maler konnte sich nicht enthalten, nach der Ursache von Ginstermanns
Lustigkeit zu fragen.

Ich feiere heute Geburtstag, erwiderte ihm Ginstermann, den wahren Sinn
dieser Antwort selbst erst herausfindend, nachdem er gesprochen.

Einige Gste traten geruschvoll ins Lokal, und wie auf ein Zeichen wurde
es lauter, kaffeehausmiger. Die verschlafene Kellnerin stand auf und ging
langsam mit schwerflligem Wiegen der Hften zwischen Bfett und Tischen
hin und her. Die einzeln sitzende Dame legte das Blatt aus der Hand und
begann mit unmerklich lchelnden Blicken unter dem Hute hervorzusehen.

Der Lebhafte in der Ecke hatte ein Glas umgeworfen, das ganze Tischtuch
triefte. Er plauderte weiter, whrend das Rehuglein den Schaden gut
machte. Sein Freund lachte, da sich alle Gste umwandten und mitlachten.
Sein Mund war rund wie ein Taler.

Betrachten Sie mal diesen Menschen, sagte Ginstermann.

Goldschmitt entgegnete: Das ist Spiegel, er hat dieses Caf hier
entworfen.

Das wollte Ginstermann nicht glauben.

Sie, Spiegel, rief Goldschmitt ber das Lokal, haben Sie dieses Caf
entworfen oder nicht?

Der Angerufene drehte schnell den Kopf, rief: Jawohl! und setzte seine
Disputation fort, ehe Ginstermann sein Gesicht sehen konnte, das ihn
nunmehr interessierte.

Um zwlf Uhr brachen sie auf. Ginstermann war in sehr aufgerumter Stimmung
und lachte immerzu. Er drckte dem Rehuglein ein Zweimarkstck in die Hand
und sagte:

Morgen um zehn, da bin ich wieder da, und Sie werden mir dann
herausgeben. Goldschmitt, der Knicker, gab keinen Pfennig Trinkgeld, er
sah dem Mdchen nur mit einem kurzen, warmen Blick in die Augen, den
niemand bemerkte, der nicht Ginstermanns scharfe Beobachtung besa.

Bleiben Sie recht brav, Rehuglein, scherzte Ginstermann und schttelte
ihr wie ein alter Bekannter die Hand.

An der Nische vorbeigehend, in der der Herr mit seinem leichenblassen
Gesicht sa, blickte sich Ginstermann um. Zwei helle Augen, die
hnlichkeiten hatten mit denen von Frulein Schuhmacher, waren auf ihn
gerichtet. Sie erblickten nicht den Mann in ihm, sie suchten nach dem
Menschen in ihm. Zu diesen Augen gehrte ein Gesicht von seltener
Hlichkeit.

Goldschmitt protestierte anfangs dagegen, da Ginstermann ihn nach Hause
begleite, aber er mute nachgeben.

Arm in Arm gingen sie die Strae hinunter, und Ginstermann unterbrach
pltzlich das Gesprch und sagte: Wissen Sie was, Goldschmitt, dieses Sie
ist zu fade, nennen wir uns du.

Also du, wie du meinst, versetzte der Maler.

Vor dessen Wohnung angelangt, versuchte ihn Ginstermann, noch durch eine
neuaufgeworfene Frage zu halten. Aber Goldschmitt wollte schlafen gehen, er
msse morgen zeitig heraus.

Eines will ich dir noch sagen, Ginstermann, wenn du wieder ins Caf
kommst, so gieb dem Mdchen kein Trinkgeld. Du sollst ihr kein Trinkgeld
geben. Das Mdchen ist meine Braut. Aber -- notabene -- nicht da du meinst
-- -- gute Nacht. --

Ginstermann wanderte langsam nach Hause.

Es war eine herrliche Nacht, die tausend se Geheimnisse barg. Im Himmel
hatten sie alle Kerzen zur groen Mette angezndet. Die Erde lag gebettet
in feuchtwarme Luft und dem Geruche frischer Wiesen, von Liebe und
Fruchtbarkeit trumend gleich einem Weibe.

Ginstermann hatte nicht die mindeste Lust, schlafen zu gehen, aber er war
mde. Die Haustre ffnend, sah er Maler Ritt, die Zigarette im Mund, in
jeder Hand eine Flasche tragend, ber den Vorplatz gehen.

Die Tre seines Ateliers war angelehnt, und der Lichtschein, der daraus
strmte, erhellte Ritts boshaft-gutmtiges, verlebtes Faungesicht. Im
Atelier pfiff jemand La Paloma.

Nanu? sagte der Maler, h-h! und zog erstaunt die Brauen in die Hhe.

Ob er nicht ein wenig eintreten wolle? Auf eine Zigarette? Nicht?

Ginstermann war auf den Maler nicht sonderlich gut zu sprechen, aber er
trat ein. Er hatte so gar keine Lust zum Schlafengehen, und dann war Ritt
doch nicht schlechter und nicht besser als jeder andere Mensch. Und heute,
wo ein besonderer Tag war . . .

Es ging besser mit ihr, folglich war alles gut.

Er trat in eine Wolke blulichen Zigarettenrauches. Der Schirm der Lampe
schwebte einer rotglhenden Kugel gleich darin. Die Wolke kam infolge ihres
Eintritts in Bewegung, und um die rotglhende Kugel schaukelten
phantastische Figuren. Im gleichen Moment bemerkte er ein mattschimmerndes
Gesicht, dessen glnzende Augen auf ihn gerichtet waren, den weien Saum
eines Unterrockes, und nach links blickend abermals ein blasses Gesicht,
aus dem eine senkrechte Rauchsule emporstieg.

Zwei Damen in eleganten Kostmen lagen auf Ottomanen, halb in Kissen und
Puffs versunken. Sie blickten ihn beide an, und obschon ihre Augen von
verschiedenem Schnitt und ungleicher Farbe waren, lag doch der nmliche
Ausdruck in ihnen, lsterner Glanz. Sie rhrten sich nicht und blieben
ruhig liegen, als Ritt Ginstermann mit ostentativer Pose und einer Menge
Bemerkungen, wie ein Tierbndiger ein seltenes Exemplar, vorstellte.

Dieser Mann hat den sanften Blick der Taube, aber die scharfen Krallen des
Geiers, meine Damen, schlo er.

Sie lachten alle, und Ginstermann gab ihnen die Hand.

Die eine erwiderte mit einem zgernden Druck, die andere reichte ihm die
Rechte mit mder Grazie und lie sie sofort wieder auf das Kissen
zurckfallen.

Wo er nur immer diese hbschen Frauen auftreibt, dachte Ginstermann.

Ritt ging umher und fllte die Glser, die auf niedrigen Taburetts standen,
so da sie bequem zur Hand waren. Dabei strich er der einen der Damen leise
ber die Haare, als ob er eine Mcke verscheuche. Ihre Augen folgten ihm,
und weie Zhne schimmerten hinter lchelnden Lippen.

Es war nicht die, die Ginstermann die Hand gedrckt hatte.

Der Maler legte sich auf zwei Sthle und forderte Ginstermann auf, ein
Gleiches zu tun.

Bei mir knnen Sie lernen, wie man angenehm lebt, rief er aus. Die Leute
amsieren sich in den Pausen ihrer Arbeit, ich arbeite in den Pausen meiner
Vergngungen, die Leute wollen sich schonen, ich will mich auf angenehme
Art zugrunde richten -- hh. Darin beruht der Unterschied meiner
Lebensauffassung und der der Welt. Wir leben nur eines Atemzuges Lnge,
lat uns atmen, Freunde! Prosit!

Man stie an. Ginstermann dachte an das Mdchen in der Leopoldstrae und
trank sein Glas bis zum Boden leer.

Ritt fuhr fort, in seiner nselnden, dnnen Stimme die Freude zu preisen,
die den Menschen ber sein tierisches Ahnentum erhebe.

Der Maler vermochte nicht eine Minute zu schweigen. Er befand sich
unausgesetzt in nervs lustiger Erregung.

Ein Genie von Geburt, hatte ihn sein ausschweifendes Leben frhzeitig zu
einer totalen Erschlaffung seines Willens gefhrt, so da er zum Spielball
seiner Triebe geworden war. Von Zeit zu Zeit schlo er sich vollstndig von
der Welt ab, um sich wiederum die ntige Achtung vor sich selbst zu geben,
und da schuf er ein Bild, von dem jeder einzelne Pinselstrich den Eindruck
der Inspirativen erweckte. Seine Schpfungen hatten ihn berhmt gemacht.
Aber allen haftete etwas an, was an einen verzweifelten Sieg erinnerte, als
seien sie einem vorbeisausenden Augenblick entrissen. Er hatte keine Zeit
zur Sammlung, seine Seele war zerrttet.

Niemand htte das Alter des Malers genau zu bestimmen vermocht. Am Tage sah
er vierzig, bei Lampenlicht dreiig Jahre alt aus. Sah man ihn aus einiger
Entfernung, so erweckte seine schlanke, elegante Figur den Eindruck eines
Zwanzigjhrigen.

Sein Gesicht war welk, ausgetrocknet, mit matten Augen, die nahezu
wimpernlos waren. Er trug einen dnnen, langen Spitzbart, der einige
Dutzend Haare hatte, ber seine Zge lag etwas Tppisches, Kindisches
ausgebreitet, das zeitweise verdrngt wurde durch den Ausdruck mhsam
verborgenen Grauens vor etwas Entsetzlichem, das er selbst nicht kannte,
vor dem Wahnsinn.

Ginstermann suchte Ritt deshalb zu meiden, weil er in ihm ein Stadium
entdeckte, aus dem er sich glcklich emporgearbeitet hatte. Diese nervse
Lustigkeit des Malers, seine Gier, sich fortwhrend zu betuben, seine
Freude an Orgien, sein bramarbasierendes Reden, das alles erinnerte ihn an
seinen frheren Zustand.

Er empfand Mitleid mit ihm, sah aber auf der anderen Seite ein, da der
Versuch, den Abwrtsgleitenden zu retten, vergebens gewesen wre. Ritt
wrde ihm ins Gesicht gelacht haben, weil er sich gescheut htte, den
Zusammenbruch seines Inneren einzugestehen.

Eine der Damen sang, als Ritt geendet, ein franzsisches Chanson, dessen
Refrain lautete: Achte moi un homme, maman, if you please, maman.

Die beiden anderen sangen den Refrain mit, und schlielich fiel auch
Ginstermann ein.

Nach jedem Vers brachte Ritt einen Trinkspruch aus, einen paradoxer als den
andern.

Ginstermann sa vergngt in seinem niederen Sessel, er war zu mde, um
aufzustehen. Es gefiel ihm auch gut. Zur Abwechslung konnte sogar ein
Einsiedler mal seine Hhle verlassen.

Die eine der Damen betrachtete ihn durch ihre Lider hindurch mit
schillernden Augen, whrend sie sang.

Man stie wieder an. Aber Ginstermann war zu mde, nach einem Glase zu
greifen.

Zur vollstndigen Genesung braucht man immerhin vierzehn Tage, dachte er,
je nachdem, je nachdem. Da fhlte er, wie jemand ihm mit der Hand ber das
Gesicht strich, und er schlief ein. Hinter der Wand hrte er noch Gelchter
und Ritts nselndes Bravo, bravo! --

Da stie ein Vogel mit groen Fittichen gegen seine Stirne, und er ffnete
die Augen.

Vor ihm sa eine Dame mit schillernden Augen und lchelte. In ihrer Hand
hielt sie ein Kissen mit einer Geste, als wolle sie es nach ihm werfen.

Nun fiel es ihm erst ein, wo er war.

Das war Ritts pompses Studio, dort stand sein neuestes Bild
Mdchenreigen und hier die rotglhende Lampe, und richtig, diese Dame
hatte ihm beim Eintreten die Hand gedrckt. Die anderen aber waren nicht zu
sehen.

Er war noch voller Schlaf und bewegte die Lippen, um zu sprechen.

Sie holen Wein, sagte das Mdchen, das auf der Ottomane sa, und blies
sonderbar lchelnd gegen die Glut ihrer Zigarette.

Er stand auf und gab ihr die Hand, um sich zu verabschieden.

Sie kommen nicht sogleich wieder, flsterte das Weib und blickte ihn an.
Ihre Hand bebte.

In seinem Kopfe schwindelte es. Er sagte, sich herabbeugend und lchelnd:
Ich bin mde. Ihre Augen waren dicht vor den seinen. Funken tanzten
darin. Diese Augen waren wie Magnete, die ihn festhielten. Nun entfernten
sie sich, und zwei Reihen weier Zhne unter roten Lippen kamen nher. Er
stand noch immer und hielt diese heie, zitternde Hand in der seinigen. Da
fhlte er eine Hand an seinem Nacken, und ein warmer Hauch traf sein
Gesicht.

Dieser Hauch stie ihn ab. Er richtete sich auf und kam zum Bewutsein.

Adieu, sagte er und ging hinaus.

Ihn schwindelte. Die khle Luft hier auen tat wohl. Ein paar tiefe
Atemzge, und sein Kopf war klar.

Er stieg die Treppe hinauf. Es war vier Uhr.

An der Tr der Malerin von Sacken, seiner Nachbarin, flimmerte ein kleines
Sternchen. Auch sie hatte noch Licht. Alle Leute waren noch wach und waren
guter Dinge.

Es war heute ein ganz besonderer Tag!

Er freute sich nun auf die Ruhe und den Moment, wo er sich in seine Decke
wickelte mit dem Gedanken, da nunmehr keine Wagen mit schwarzgekleideten
Leuten zu befrchten seien.

Pltzlich lauschte er. Hier hatte jemand geschluchzt!

Es war so stille, da er das Rollen eines Wagens von der Strae her hrte.
Und nun vernahm er wiederum unterdrcktes Schluchzen.

Da drinnen hielt der Gram einen Menschen wach.

Diese Laute nach all dem Lachen des Abends wirkten auf ihn wie eine
niederschmetternde Anklage, als trge er an dem Schmerze jenes Weibes
Schuld.

Frulein von Sacken klopfte eines Abends bei ihm an, um ihn nach der Zeit
zu fragen, da sie nicht schlafen knne, wenn ihre Uhr stehe. Aber sie kam
nicht deswegen. Sie kam, um mit einem Menschen ein paar Worte wechseln zu
knnen, da die Einsamkeit sie peinigte. Ginstermann erriet das. Und nach
kurzem Gesprche fragte sie ihn, ob er wisse, was die drei schrecklichsten
Dinge im Leben seien. Sie beantwortete ihre Fragen selbst, indem sie sagte:
Die Einsamkeit, die Gestaltungssehnsucht und der Ehrgeiz.

Daran dachte er jetzt. Er sah sie noch deutlich an der Tre stehen und jene
drei Worte sprechen, deren jedes einzelne eine Tragdie birgt. Sie waren
ihm erschienen wie drei hohe, finstere Tore, hinter denen er nackte
Menschenleiber in wortloser Qual sich winden sah.

Heute war sie im Kampfe mit den drei Bestien unterlegen. Er aber wollte ihr
helfen. In seiner glcklichen Stimmung konnte er den Schmerz dieses Weibes
um so tiefer begreifen.

Er begann an seiner Tre zu rtteln, mit dem Fu dagegenzustoen.

Das Schluchzen hrte augenblicklich auf.

Eine Weile wartete er, dann ging er an die Tre der Malerin und pochte
behutsam.

Wer da? fragte eine jhe, ngstliche Stimme.

Er, Ginstermann, er bitte um Verzeihung, aber --

Frulein von Sacken ffnete.

Herr Ginstermann? sagte sie mit leiser, vom Weinen noch unsicherer Stimme
und lchelte verwundert.

Ob das nicht zum Verrcktwerden sei: nun habe er seinen Schlssel verloren
und knne nicht in sein Zimmer. Er habe noch Licht gesehen und sich
erlaubt, anzuklopfen. Vielleicht habe sie einen Schlssel oder Haken oder
sonst ein Instrument zum ffnen. Wenn er sie aber im Arbeiten stre --

Ach nein -- das sei allerdings unangenehm.

Treten Sie ein bichen ein, es findet sich vielleicht etwas.

Er wre so frei. Wenn er aber stre, so msse sie es ruhig sagen.

Im Zimmer brannte eine Lampe ohne Sturz. Auf dem Tische lagen Briefe
umhergestreut, von denen einige auseinander geschlagen waren.

Der Anblick der mit allerlei billigem Tand maskierten rmlichkeit dieses
Mdchenzimmers schmerzte ihn um so mehr, als er noch Ritts vornehmes
Atelier mit gedmpftem Lichte, Teppichen und den in Zigarettenrauch
gebetteten zwei schnen Frauen in der Erinnerung trug.

Hier roch es nach Terpentinl und welken Blumen. Die Mbelstcke warfen
harte, zackige Schatten im unmittelbaren Lichte der kahlen Lampe.

Der mchtige, abenteuerliche Schatten der Malerin bewegte sich ber Wnde
und Decke.

Frulein von Sacken war eine groe, ppige Erscheinung. In ihrem schwarzen
Kleide, mit dem nervsen, bleichen, leicht zerflieenden Gesicht, das von
frherer Schnheit zeugte, erschien sie Ginstermann wie die Maitresse eines
Frsten, die den Abschied bekommen hat, da ihre Schnheit verging, und ihr
ppiger Krper anfing, seine reinen Formen zu verlieren. Eine sanfte
Schwermut erfllte ihre Zge, als trauere sie ber ein verfehltes Leben.
Sie hatte groe Augen von matter Schwrze mit langen, strahlenfrmigen
Wimpern. Diese Augen flehten um etwas, das niemand erriet.

Man gewann den Eindruck, da sie die Nchte in einem Sessel verbringe und
vor sich hingrble, whrend Trnen ihren dunklen Augen entfielen.

Ginstermann kannte ihre Geschichte. Sie war die Tochter eines hheren
Offiziers, und ihre Angehrigen hatten sich aus irgendeinem Grunde von ihr
losgesagt und ihr eine knappe Rente ausgesetzt. Sie sprach mit mhsam
verhaltener Bitterkeit von ihnen, und ihr Streben ging dahin, einmal ein
gutes Bild zu malen, das ihren Namen bekanntmachte, und die Rezension des
Werkes ihren Verwandten zuzuschicken. Aber sie sah diese Hoffnung von Jahr
zu Jahr mehr verblassen. Man wies jedes ihrer Bilder zurck. Sie hatte mit
dem Stilleben begonnen, war dann zum Portrt, vom Portrt zum Genre, zur
Landschaft, bergegangen, um schlielich wieder beim Stilleben anzukommen,
fest berzeugt, da sie nur hierin etwas leisten knne.

Das bichen Talent, das sie mitgebracht, hatte sich lngst zerrieben und im
verzweifelten Studium alter Meister verloren. Wie es mit allen kleinen
Talenten geht, die angesichts einer groen Schpfung klglich absterben.

Das Grauen vor der knstlerischen Unfruchtbarkeit war ihr grtes Leiden.

Die Malerin kramte in der Kommode und brachte einige Schlssel herbei.

Vielleicht passen die, sagte sie.

Ginstermann prfte die Brte und legte sie kopfschttelnd beiseite.

So geht es, wenn der Mensch Unglck hat, sagte er. Nun ging ich heute
mal aus, seit einem Jahre ist es das erste Mal wieder. Der Mensch sollte
nicht so schwach sein, aber ich war heute in einer Stimmung, in einer
Stimmung, in der die Leute Selbstmord begehen.

Er schwieg und sah mit finsterer Miene zu Boden, auf ihre Gegenrede
wartend.

Ich habe Sie stets um Ihre gleichmige Ruhe beneidet, Herr Ginstermann.

Ein Mensch kann lcheln, whrend in seinem Innern die Hlle tobt, Frulein
Sacken, fuhr Ginstermann fort, vor sich hinbrtend. So einer bin ich.
Aber wir tragen ja alle unsere Tragdie in uns herum, ich und Sie und
Kapelli und Ritt, alle. Unsere entwickeltere Empfindungsfhigkeit ist
schuld daran. Und wir Schaffenden haben neben all den menschlichen Sorgen
auch noch die um unsere Arbeit. Gegen diese sind alle anderen nichtig. Wei
man aber, ob all unser Kmpfen einen Sieg vorbereitet? Da wir das nicht
wissen, daran leiden wir. Die einen haben mit Erfolg begonnen und mit
Niederlagen geendet. Die anderen fielen aus einer Enttuschung in die
andere und sprengten pltzlich die Schlacke, die sie einhllte. Solange wir
nur das Bewutsein haben, etwas zu leisten, einmal, gleich wann, so knnen
wir glcklich sein. In unseren schwachen Stunden verlt es uns, und um uns
heult das Elend. Ein Erfolg lt sich eben nicht vom Himmel reien, man mu
Geduld haben.

Viel Geduld!

Viel Geduld. Aber nehmen wir an, man hat nie Erfolg, nie Erfolg.

Niemand ertrgt das.

Ich aber sage Ihnen, trotzdem mte man es ertragen, trotzdem mte man
sich noch glcklich schtzen, stolz sein. Ich frage, kann es uns nicht
gleichgltig sein, ob ein verbldetes Publikum uns zujubelt oder uns
verlacht? Fr wen schaffen wir? Fr uns, sonst fr niemanden. Wir sollten
uns gengen lassen an der Erkenntnis, da wir berhaupt entwickeltere Wesen
sind, feiner, selbstndiger empfinden als jene Erbarmungswrdigen, blind,
taub und seelenlos Geborenen da drauen. Die Gabe, originelle Eindrcke
aufnehmen zu knnen, des vermittelnden Kunstwerkes entbehren zu knnen, die
sollte uns stolz machen, wenn wir auch nicht die Kraft besitzen, diese
gesammelten Eindrcke zum Kunstwerk zu verdichten. Und dieser Stolz sollte
uns ber alles hinwegtragen, ber die Misere des Daseins, ber das Gesptte
der Welt, das Achselzucken unserer Angehrigen. Man prostituiert sich vor
sich selbst, wenn man nur einen Gedanken daran verschwendet. Man sollte,
man sollte -- aber dazu ist man immer noch zu klein, zu beengt im Blicke.

Er schwieg.

Die Malerin lehnte am Tische, den Blick zu Boden gerichtet und lchelte.
Aber das war nicht ihr stereotypes, wehmtig-liebenswrdiges Lcheln, es
war das Lcheln des Befreiten, des Aufatmenden.

Nach einer Weile stand Ginstermann auf. In verndertem Tone sagte er: Nun
sehen Sie, nun habe ich meinen Schlssel gefunden. Ist das nicht kostbar!
Im Futter meiner Westentasche hat er gesteckt.

Haben Sie ihn gefunden? fragte sie mechanisch.

Ja, entgegnete er, und nun gute Nacht, und nehmen Sie es mir, bitte,
nicht bel, da ich Ihnen mit meinem Lamento gekommen bin. Es ist
menschlich, sich dazwischen Luft machen zu mssen. Morgen bin ich wieder
jener, den Sie um seine gttliche Ruhe beneiden.

Sie nahm seine Hand, sie legte die Linke noch darauf und prete sie. Ihre
Augen waren feucht, ihre Brust wogte. Mit einem Blick, den er sein Leben
nicht vergessen wrde, sagte sie:

Es mu doch einen Gott geben!

Wieso? fragte Ginstermann verdutzt.




VII.


Das waren schlimme Tage.

Und mehr noch schlimme Nchte.

Des Tags wurde Ginstermann von einer unsinnigen Sehnsucht, Frulein
Schuhmacher zu treffen, in den Straen herumgetrieben, des Nachts marterte
er sein Gehirn mit Plnen, wie dies herbeizufhren sei.

Jeden Morgen harrte er voller Ungeduld auf den Schritt des Postboten auf
der Treppe. Meistens ging er an seiner Tre vorbei, pochte er aber, so
eilte er, schwindlig vor Erregung, um zu ffnen. Allein es war stets eine
nichtssagende Mitteilung von seinem Verleger, seinem Agenten, eine Offerte,
ein Mahnbrief, ein Zeitungsausschnitt.

Sobald es recht Tag war, verlie er das Haus, um auf die Suche zu gehen. Er
sphte in alle frequentierten Geschfte, er lie keine Droschke vorbei,
ohne sich die Insassen anzusehen. Er bestieg eine Straenbahn und fuhr
kreuz und quer in der Stadt herum, eifrig die Trottoire absuchend.

Manchmal, in der Meinung, sie entdeckt zu haben, verfolgte er eine Dame,
die in Gestalt und Gang etwas hnliches mit ihr hatte. Nach kurzer Zeit
bemerkte er jedoch immer, da ihn irgend eine Nebenschlichkeit genarrt
hatte. Bald war es die Fasson des Hutes, die Farbe des Grtels, die Art den
Schirm zu tragen, das Kleid aufzuraffen, bald war es die Form der Hand, des
Ohres, des Kinnes. Dann stand er still, keuchend vom Lauf, zornig und
betrbt darber, da er so gar kein Glck hatte, um bald darauf in die
nchste Strae zu verschwinden, von einer Ahnung, sie hier zu treffen,
angetrieben.

Stundenlang belagerte er in mglichst unaufflliger Weise die Villa in der
Leopoldstrae. Er studierte die Plakatsule, bis er alle Annoncen auswendig
wute, das eine Auge stets auf das dunkle Portal und auf das Eckzimmer im
ersten Stock gerichtet. Darin hatte er es bis zu einer gewissen Genialitt
gebracht. Er kannte bereits den Bcker, der das Brot brachte, den
Fleischer, der das Fleisch brachte, das Dienstmdchen, die Kchin und einen
alten Mann, der tglich Punkt 1 Uhr eintrat, um das Haus nach einer knappen
halben Stunde wieder zu verlassen.

Er begriff nicht, was mit ihr sein knne. Da sie vollstndig genesen war,
schlo er daraus, da jeden Abend bis zwlf, ja bis ein Uhr Licht in ihrem
Zimmer brannte.

Verreist konnte sie also auch nicht gut sein, oder kam ihr Geist jeden
Abend und zndete sich die Lampe an, Romane zu lesen, wie?

Zudem sah er dann und wann auch ihren Schatten auftauchen und verschwinden.
Einmal sah er sogar ihre Hand, das war ein Ereignis.

Wenn man gegenber auf die Staffel trat und sich auf die Fuspitzen
stellte, so konnte man den Lster aus Orchideenblten wahrnehmen, deren
Kelche das Licht ausstrmten. Und weit hinten etwas Blinkendes, wie der Arm
einer Statuette.

Als Knabe hatte er sich einmal mit der Erfindung eines Spiegels
beschftigt, mit Hlfe dessen man um die Ecke sehen knnte. An diesen
Spiegel mute er immer denken. Er htte ihn auch bentzt, ein einziges Mal
wenigstens. Auch mit dem Telemikrophon ohne Draht wre etwas zu machen
gewesen.

Seinen Ahnungen schenkte er schon lange keinen Glauben mehr.
Nichtsdestoweniger war er doch enttuscht, sie nicht auftauchen zu sehen,
wenn ihm seine Gedanken eingeflstert hatten, du wirst sie am Siegestor
treffen. Oftmals dacht er: Zhle bis tausend, und sie tritt aus der Tre.
Er zhlte, bei neunhundert erfate es ihn wie ein Schwindel, bei tausend
ffnete sich auch die Tre, aber es war nur eine Tuschung seiner erregten
Sinne.

Spt in der Nacht kehrte er stets erst zurck, todmde vom Wandern, Warten
und Zermartern, mit einer Sehnsucht, die wie Wogen gegen die Wnde seiner
Brust schlug.

Er warf sich aufs Bett, aber der Schlaf schien ihn vergessen zu haben. Es
war, als ob sein Gehirn all die nichtigen Eindrcke des Tages
aufgespeichert habe. Wie in einem Kaleidoskop zuckten Bilder vor ihm auf,
um wie auf ein unmerkliches Rtteln zu versinken und andere entstehen zu
lassen. Leute grten, Posten prsentierten, Menschen liefen zusammen, ein
Zug elektrischer Wagen staute sich. Hier entkam eine Frau mit knapper Not
einer sausenden Kutsche, dort fuhren zwei junge Mdchen auf blitzenden
Bicycles hintereinander, Gesichter gingen an ihm vorber, bald unnatrlich
gro und nah, als wollten sie durch ihn hindurchgehen, bald klein, scharf,
wie durch ein Verkleinerungsglas gesehen. Der ganze wirre Lrm der Strae
war in ihm, Pfeifen, Schreien, Worte, Gelchter kam zu seinen Ohren wieder
heraus. Hier sagte jemand: Ei der Tausend -- ah, recht sehr! Hier fiel ein
Stock klappernd aufs Pflaster.

Nachdem diese infolge des pltzlichen Abgeschlossenseins von der Auenwelt
hervorgerufene Reaktion seiner Sinne nachgelassen, trat sie in seine
Gedanken. In Hunderten von Situationen. Sie ging an der Seite des
schmalbrstigen Herrn ber die Strae, sie sa in einem Wagen und verneigte
sich grend, sie stand am Fenster und warf Apfelsinenschalen in den
Vorgarten, sie betrat die Loge im Theater, sie sa bei der Lampe ber eine
Mappe gebeugt.

Endlich war er soweit, seinen Gedanken eine bestimmte Richtung geben zu
knnen. Er dachte an den kommenden Tag, er dachte an die kommenden Tage. Er
entwarf tausend Bilder des pltzlichen Wiedersehens. Er schmiedete tausend
Plne.

Denn, so sagte er sich, wenn es nicht so gehe, so wolle er List anwenden.

Er hielt sich fr einen geriebenen Burschen, der sich in den Himmel
einschlich, wenn es ihm darum zu tun wre. Es waren verwegene, verblffende
Plne, wie sie im Gehirn eines Einbrechers und Intriganten entstehen. Oft
brach er in lautes Lachen aus, so burlesk, so genial erschienen sie ihm.

Besonders gelungene arbeitete er bis ins kleinste Detail aus, und hufig
brach er in der Mitte ab, um von vorn zu beginnen, da ihm seine
Vorstellungen immer noch lckenhaft erschienen.

Seht ihr dieses alte Mnnchen die Ludwigsstrae hinabtrippeln? Jedermann
wettet, es ist ein kleiner Rentner, ein pensionierter Galerieaufseher. Seht
wie behutsam er die Strae berschreitet, wie er seine Kinnbacken bewegt,
wie er mit dem Rohrstock nach Papierknueln stochert. Seht seinen weien
Bart, sein kluges, pfiffiges Gesicht, ein Studienkopf, der einer jungen
Malerin recht in die Augen stechen kann. Ha, Schauspieler Ling ist ein
Meister in der Maske, alle Kritiker sagen das. Achtung! ein Tandem schnurrt
hinter dir her . . .

Was ist hier geschehen? Die Brcke ist vollgepfropft von Menschen und
Wagen, da sie sich biegt. Da drunten -- seht, dort! Weshalb jammert dieses
Weib so und liegt auf den Knien?

Platz da -- Platz gemacht! Ein Krper durchschneidet die Luft, ber ihm
schlgt das Wasser zusammen. Es ist eine Turmlnge bis da hinunter. Dort,
dort! Seht! -- Hoch! Hoch! Das Wasser luft nur so herunter an ihm, er hat
den ganzen Flu in den Kleidern. Ach, keinen Dank, Frau, machen Sie doch
keine Geschichten. Der Schlag eines Wagens ffnet sich: Herr Ginstermann
darf ich Ihnen den Wagen anbieten? . . .

Man mte den alten Herrn, ihren Vater, im Kaffeehaus zu treffen suchen,
mit ihm ber Politik und Mnzensammlungen, ber den unentdeckten Vulkan in
Hinterindien, ber sonst etwas sprechen. Irgendwo ist ein alter Herr stets
zu packen . . .

Vergessen wir unsern kleinen Rentner nicht. Nun klingelt er. Ein
Dienstmdchen. Das gndige Frulein besaen die groe Liebenswrdigkeit,
mich zu bestellen. Ein Kleid rauscht. Eine schlanke, blasse Dame. Das
Mnnlein blinzelt, schttelt den Kopf.

Nein -- nein -- ich mu irr gegangen sein. Ich mchte eine Dame namens Won
-- Wonderne sprechen.

Ich bedaure.

Leopoldstrae 12?

Allerdings.

Diese Dame ist Malerin, sie bestellte mich bis drei Uhr, Leopoldstrae
12.

Ich kenne niemanden dieses Namens. Aber fragen Sie mal nebenan nach, bei
Major von Hrmann. Es ist da eine Dame zu Besuch --

Zu Besuch -- richtig, zu Besuch! Ich danke vielmals, ich bitte um
Entschuldigung. Ein alter Mann --. Das Mnnlein macht einen Kratzfu und
steigt vorsichtig die Treppe hinunter.

Bei Major von Hrmann, gleich nebenan.

O, ich danke, vielen Dank, Euer Gnaden . . .

Wo brennt es? Es brennt noch nicht, Herr Schutzmann, aus dem Keller schlgt
Rauch. Wenn man schnell alarmiert. -- Ja, wo denn? Leopoldstrae, diese
moderne Villa . . . Sein Gehirn arbeitete mit der Schnelligkeit eines
Motors, ber den der Maschinist die Herrschaft verloren. Er versuchte alles
nur Denkbare, um einschlafen zu knnen. Whrend sein Krper wie tot lag,
befand sich sein Gehirn in hellster Aufregung. Er zhlte bis hundert und
zurck, er lauschte auf das Ticktack seiner Taschenuhr, er dachte: Sommer,
du liegst im Gras, Hitze schwingt, Bienen brummeln; alles war umsonst.

Bald kletterte er auf eine Pappel, um sie zu sehen, bald zechte er mit dem
alten Mann, der tglich um ein Uhr die Villa betrat, um etwas aus ihm
herauszulocken, bald schlug er eine tollwtende Dogge zu Boden, die sich
auf den schlanken hbschen Herrn mit seinem Kindergesicht strzen wollte.

Gegen Morgen erst versank er in einen schweren, traumlosen Schlaf, und er
wute sich nie zu besinnen, bei welcher Gelegenheit er eingeschlafen war.

Er erwachte meist mit dem jhen Schrecken, er hre ihre Stimme unten in
Kapellis Ateliers.

So vergingen einige Wochen.




VIII.


Ginstermann erzhlt:

Heute aber, nachdem ein fortgesetztes Migeschick mich gnzlich mutlos
gemacht hatte, heute aber -- meine Herrschaften, verzeihen Sie diese Phrase
-- lchelte mir endlich Fortuna!

Ja, Fortuna lchelte mir!

Holdrio!

Meine Damen, meine verehrten Damen und Herrn. Ich wandere zurck an den
Wllen Jerusalems, des ewigen, ich bin weit drauen in der Vorstadt
gewesen. Es wird Abend, ein trber, trauriger Abend, als htte ihn mein
Herz geboren. Ein feiner Regen rieselt herab.

Ein niedertrchtiger, unverschmter Regen, der meine Zigarette nt, da
sie zu kohlen beginnt. Dieser Umstand allein wrde bei normalen
Verhltnissen gengt haben, mich mimutig zu machen. Jetzt schlug er dem
Fa den Boden aus.

Es ist zuviel, es ist zuviel, alles was recht und billig ist.

Ich werde geradezu wtend. Aber pltzlich, durch all meine Misere hindurch
lchelte mir der holde Sonnenblick Fortunas.

Nur Geduld. Bei groen Momenten halte ich groe Reden der Einleitung, wie
ein Gourmand die Delikatessen einer sorgfltigen Betrachtung unterzieht, um
seinen Genu zu steigern.

Also es regnet, und das Pflaster ist na. Meine Zigarette ist erloschen,
und ich schreite mit dsteren Blicken meine Strae. Das bewute Haus kommt
nher.

Ein geschmackloses, ein lcherliches Haus, das Experiment eines
Architekten, der in modernem Stil macht. Macht ist gut gesagt.

Wie gesagt und berhaupt -- betrachten Sie, bitte dieses Haus!

Ich htte Lust, Ihnen jetzt einen kleinen Vortrag zu halten ber moderne
Architektur im speziellen, ber moderne Kunst im allgemeinen. Eventuell mit
Ihnen ein kleines Exkursinchen durch die Baustile aller Zeiten und Vlker
zu unternehmen, ber die phrygische, lykische, syrische Kunst hinweg,
hinein in die babylonisch-assyrische, mit Ihnen den Palast des Knigs
Sargon zu Chorsabad zu besichtigen und den Tempel des Chunsu zu Karnak zu
durchwandern. Hier im Schatten des Sulenwaldes wrde es mir ein besonderes
Vergngen sein, Ihnen, wenn Sie wnschen, meine Ansichten ber die
rituellen Gebruche dieser Vlker auseinanderzusetzen.

Aber zur Sache! Ich sehe, die Damen langweilen sich.

Ich gehe an diesem Hause vorber, emprt ber seine Geschmacklosigkeit,
ber die hhnisch lchelnde Verschlossenheit, mit der mich seine
vierundzwanzig Augen verfolgen -- da hre ich meinen Namen rufen.

Ganz leise, als ffe mich ein Spuk.

Meine Herrschaften!!

Ich wende den Kopf, von vornherein berzeugt, da ich mich tuschte, da
erblicke ich eine weibliche Gestalt unter der Tre.

Ich rege mich nicht von der Stelle, ich starre sie nur an, ber mir sausen
Flammen.

Guten Abend, sagt sie und lchelt mir zu.

Endlich gehe ich nher. Guten Abend, Frulein Schuhmacher.

Sie hat ein Tuch umgeschlagen, und aus einem in der Dmmerung leuchtend
blassen Gesichtchen blicken ihre glnzenden, groen Augen. Geschmeidig wie
eine Katze huscht sie die Stufen herunter.

Ruhig, ohne die geringste Erregtheit, sage ich: Ich konnte mir gar nicht
denken, wer mich anrufen knne.

Sie gibt mir ihre schmale Hand, und ihre Finger sagen: Gr Gott.

Ich sah Sie vor einer Stunde die Strae hinuntergehen.

In Schwabing ist ein Neubau eingestrzt.

Ach ja, ich vernahm davon. Wie traurig, sechs Tote, sagt man.

Ja, sechs Tote. Ich wollte mir das ansehen. Nicht aus kleinlicher
Neugierde natrlich, studiumhalber. So ein Unglcksfall enthllt die
Herzen, man sieht sie wahr.

Sprechen wir nicht von so traurigen Dingen, unterbricht sie mich, und,
indem sie mir einen Brief zeigt, sagt sie: Ich will ihn in den Kasten
stecken.

Auch ihre Hand leuchtet, so bla ist sie.

Ihre Stimme ist leise, teilweise klanglos, mit singendem Tonfall. Dann und
wann funkelt es wie mattleuchtende Steine darin. Ich vermute, da sie das
Englische gut ausspricht. Lautlos geht sie neben mir, mit der Linken das
Kleid aufraffend, mit der ihr eigenen Biegung des Handgelenkes, auf den
Fuspitzen schleichend, wenn besonders nasse Stellen kommen. Ihre Schultern
sind schmal, zart, sie heben und senken sich unmerklich beim Atmen wie die
Flgel eines Falters, der aus einer Blte trinkt. Ihr Gesicht blickt wie
eine Knospe aus dem seidenen Tuche, durchsichtig, ihre Seele ausstrahlend.
Jetzt erst erkenne ich, wie hnlich das Portrt ist, das Kapelli
geschaffen.

Ein feiner Duft strmt aus dem Tuche, auf ihren Stirnlckchen sprhen die
Regentropfen wie Tau.

Wir sprechen nur weniges. Sie erzhlt mir, da sie krank war, nicht
sonderlich, Schlaflosigkeit. Ich danke ihr fr ihr Billett von damals.

Wir stehen wieder vor dem hohen, dunklen Tore.

Wir werden demnchst abreisen, sagt sie, mit der Fuspitze vorsichtig in
den Rand einer kleinen Pftze tippend.

Mama ist leidend. Der Arzt rt uns, nach Italien zu geben. Aber Mama ist
nun wieder krnker geworden, so da wir die weite Reise vorlufig nicht
wagen knnen.

Sie tippt noch immer mit der Fuspitze in die kleine Pftze und blickt zu
Boden.

Ach, Ihre Frau Mama ist leidend?

Ja, leider. Sie sieht auf und blickt mich an.

Vielleicht sehen wir uns noch einmal, Herr Ginstermann?

Mit Vergngen, allein --

Ob ich gerne in den Englischen Garten ginge.

Sehr hufig sogar.

Vielleicht treffen wir uns dort. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, so
wrde ich vorschlagen, uns am Samstag um 3 Uhr dort zu treffen. Ein bichen
plaudern, nicht?

Sehr gerne, sehr gerne.

Knnen Sie Samstag?

Haha -- ja --, ich besinne mich etwas, o ja, Samstag sehr gut. Gewi,
gewi, sehr angenehm.

Ja, aber der Garten ist gro.

Am Monopteros vielleicht, wenn ihr das recht sei.

Natrlich, es ist ja egal. Also Monopteros, nicht? Gute Nacht, Herr
Ginstermann.

Guten Abend, Frulein Schuhmacher.

Sie nickt mir nochmals zu und schlpft ins Haus.

Meine Brder, meine Brder!

Die Leopoldstrae hinauf geht ein Mann, die Augen zusammengekniffen, um
nicht herauszulachen. Die Hnde in die Rocktaschen vergraben, um nicht die
Leute am Rock zu fassen und zu schtteln, die Zehen verkrampft in den
Schuhen, um nicht zu tanzen.

So gehen die Menschen, denen das Glck ins Herz fiel.

Das bin ich.

Er luft in die aufgespannten Schirme hinein, zieht den Hut, entschuldigt
sich mit einem Schwall von Worten. Jemand tritt ihn auf den Fu und sagt:
Pardon. Er wendet sich um und ruft lachend: Bitte sehr, bitte sehr, hat gar
nichts zu sagen. Er geht auf einen Schutzmann zu und fragt, wo es nach der
Feldherrnhalle gehe. Immer geradeaus. -- Ob man sich nicht verlaufen knne?
Nicht? Herzlichen Dank.

Er deutet auf eine Plakatsule und sagt: Eine Villa am Chiemsee ist gegen
Blaupltze zu vertauschen. Offerten unter Chiemsee. Vermittler verbeten.

Das bin ich.

Er bleibt stehen und spricht: Geehrte Dame, ich wnsche Ihnen eine hbsche,
langwierige Krankheit. Eine Krankheit, die Ihnen erlaubt zu essen, zu
trinken, was Sie bevorzugen, zu tanzen, wenn Sie Lust haben, die Sie aber
wie Millionen Nadeln durchfhrt, wenn Sie abreisen wollen. Diese hbsche
Krankheit wnsche ich Ihnen von ganzem Herzen, o geehrte Dame.

Das bin ich, liebe Brder, das bin ich!




IX.


Nachdem die ersten Wogen des Glckes zurckgeebbt waren, fand Ginstermann
die Kraft, sich zu fassen. Das vibrierende Wonnegefhl, das sein ganzes
Wesen durchzitterte, lste eine still-bermtige Stimmung in ihm aus.

Seine Seele hielt inne in dem ekstatischen Tanz und versank in einen
Zustand kstlicher Ruhe, durch die die Zuversicht auf etwas Herrliches
schimmerte.

Er kam sich vor wie einer, der nach einer wahnsinnigen Jagd, gepeitscht von
der Furcht, sein Ziel zu verfehlen und in grausigen Wldern zu verkommen,
die Zinnen der ersehnten Stadt in der Abendsonne zu seinen Fen leuchten
sieht.

Gemchlich lie er sich vom Strom der Menschen treiben.

Es schien ihm, als sehe er mit neuen Augen, hrte er mit neuen Ohren, seien
alle seine Sinne verndert, wie die Sinne eines, der lange Zeit in einem
stillen Zimmer krank gelegen. Gewohnt tglich, in jeder Minute Nahrung zu
sich zu nehmen, strzten sie sich heihungrig auf alles, was sie umgab.
Aber unterhalb dieser Flucht von Eindrcken zogen unaufhrlich stille,
sanftfarbene Bilder durch sein Inneres, halb unbeachtet, und es kam vor,
da Menschen und Huser pltzlich ihre Krperhaftigkeit verloren, und er
durch sie hindurch in ein Traumland blickte.

Der Regen hatte mit einem Male aufgehrt, nachdem er die Menschen den
ganzen Tag ber gelangweilt hatte, und die Sonne schttete noch im Sinken
Hnde voll blitzender Funken ber die Stadt. Eine ungewhnlich
gespenstische Beleuchtung herrschte, gleich dem Leuchten auf dem Antlitze
eines Sterbenden.

Die Leute gingen alle mit gelb-durchscheinenden Gesichtern, deren Wimpern
sprhten, einher, wie Wesen, die ein Zauber fr einige Stunden dem Dasein
zurckgibt. Diese magische Lichterscheinung schien auf ihre Bewegungen, auf
ihre Stimmen zu wirken, und nur die stumpfen Nerven der Arbeiter und Greise
blieben unberhrt von diesem Einflusse, dem sich selbst Pferde und Hunde
nicht entziehen konnten, mit ihrem alltglichen Gebaren den Zauberspiegel
in Stcke schlagend.

In den Hauptstraen gab es nahezu ein Gedrnge, so viele Leute hatte das
Verlangen herausgetrieben, noch einen Schluck dieser kristallklaren,
krftigen Luft zu erhaschen.

Die Wagen glitten pfeilschnell vorber, und das Prasseln der Pferde, die
stramm in den Zumen gingen, verschwand ebenso unvermittelt, als es
auftauchte. Als wren sie auf Wiesengrund eingebogen. Die elektrischen Cars
schossen wie die losgekoppelten Wagen eines Zuges in Abstnden
hintereinander her, den Strom des Verkehrs fr Augenblicke in zwei Arme
teilend. In den Magazinen brannten die Lampen und zogen unwillkrlich den
Blick der Passanten auf die ausgebreiteten Herrlichkeiten. Blasse Gesichter
mit verblasenen Schatten unter den glnzenden Augen wanderten durch den
Lichtschein.

Aus dem Panoptikum tnte das atemlose Tschin-tschin des Automaten, laut,
seelenlos und jh abbrechend, als habe man fr einen Moment die Tre eines
Vergngungslokales geffnet.

Ginstermann lchelte in der Erinnerung daran, da er vor drei Jahren an
dieser mit Plakaten beklebten Tre gestanden und den Vorbeieilenden mit
verbindlichem Lcheln die grellbunten Zettel in die Hand gedrckt habe.

Er trat in einen Laden, um sich eine Tte Datteln zu kaufen. Das Fleisch
der sen Frchte zwischen den Zhnen zerreibend, die Steine aufs Pflaster
schnellend, nahm er promenierend sein Abendbrot ein.

Pltzlich entstand ber den Huptern der Menschen ein kurzes Knistern und
Prasseln, die Bogenlampen sprhten auf. Eine ungeheuere Reihe leuchtender
Perlen hing aus dem dsterblauen Himmel herab, ein glitzerndes Gewebe von
Licht ber Huser und Menschen werfend.

Die Szenerie vernderte sich dadurch mit einem Schlage.

Die Gebude schienen gewachsen zu sein, einige glichen Ruinen mit mchtigen
Breschen darin, andere wieder erweckten den Eindruck, als seien sie aus
ihrer Starrheit erwacht und machten Miene, die Strae hinabzuwandern.

Die Menschen, infolge des phantastischen Abendleuchtens in stille
Schwrmerei versunken, sprhten nun laute Frhlichkeit. Sie lchelten alle,
selbst dann, wenn sie nicht lchelten. Sie gingen zu Paaren, in Gruppen,
einig in dem Vorsatze, den Abend lustig zu verbringen. Herren und Damen
gingen Arm in Arm einher, eifrig plaudernd. Sie sprachen zumeist von
nichtigen Dingen, aber es war ja wohl mehr die Freude des Sprechenden, zu
diesen Ohren sprechen zu knnen, und mehr die Freude des Lauschenden, diese
geliebte Stimme zu hren, als die nichtssagenden Dinge selbst, was diese
Einmtigkeit hervorrief. Sicherlich stand ihnen allen noch ein besonderes
Glck in Aussicht, ein Ku im Hausflur, ein abendliches Zusammensein.

Die Leute sahen ganz anders aus als vor wenigen Minuten. Es war, als seien
sie rasch zu Hause gewesen, Toilette zu machen. Man sah berall frisch
gewaschene Gesichter, schneeweie Kragen und Lackschuhe. Die Bewegungen
erschienen vornehmer, theatralisch nahezu bei aller Unbefangenheit.

Der Lrm der Wagen wurde sonderbar, Rufe, Schreie, Gepfeife geheimnisvoll.
Man bezog alles auf sich, wenngleich es weitab hrbar war.

Dazwischen bemerkte Ginstermann ein Gesicht, das ihn interessierte. Ein
originelles, stolzes Antlitz, in dem ein intensiver Denkproze, ein tiefes
Seelenleben so lange gearbeitet hatten, bis Vater und Mutter darin
zurcktraten, und ein neuer Mensch hervorkam, ein Adam sozusagen. Solche
Leute htte er gerne angesprochen.

Eine Frau ging am Arme ihres Mannes vorber, mit einem transparenten
Gesichtchen, blauen, hellgewaschenen Augen voll trumerischen Sinnens. Sie
war guter Hoffnung. Der Blick der beiden begegnete sich, und Ginstermann
erkannte, da es wunderbar feine Menschen waren. Er whnte ihre Seelen
klingen zu hren, als sie sich ansahen.

Heute hatte er die Fhigkeit, die Herzen der Menschen unter den Kleidern zu
sehen. Traum war es und Sehnsucht, Kampf und Liebe, was er darinnen sah. Er
erblickte sich selbst in ihnen. Ein Gefhl der Zusammengehrigkeit erfllte
ihn, wie nie zuvor. Wie ein Stckchen Holz unter anderen Spnen die
Bewegung der Welle, die sie trgt, mitmacht, schien er alle Bewegungen
dieser tausend Seelen mitzumachen. In der Einsamkeit seines Zimmers, der
Abgeschiedenheit seiner Gedankenwelt war dieser Kontakt gelockert worden
und nun, da ein Erlebnis sein einigermaen vernachlssigtes Gefhlsleben
befruchtet hatte, verstand er die Sprache wieder, die dieser Spiegel zu ihm
redete.

Im Begriffe, seiner Behausung zuzusteuern, bemerkte er ein kleines
Hndchen, dessen possierliche Art zu laufen ihm auffiel. Es lief wie ein
kleines Maschinchen, und man htte glauben knnen, es bewege sich in
drolliger Absicht nicht schneller vom Platze, whrend es die Beinchen wie
verrckt bewegte.

Eine Dame ging neben ihm her. Es war Frulein Scholl.

Ginstermann berschritt die Strae und rief sie an. Sie wandte sich mit
einer drehenden Bewegung um, als befnde sie sich auf dem Eise. Sie
entdeckte ihn nicht sofort.

Ach, Sie! rief sie dann mit vergngtem Lachen, ihm die Hand
entgegenstreckend, viel hher, als es ntig gewesen wre.

Ihr Puppengesichtchen strahlte, und sie schttelte Ginstermanns Hand, als
seien sie langjhrige Bekannte. Sie war braun in braun gekleidet. Brauner
Hut, braunes Kostm, dazu kamen noch ihre mattbraunen Haare und ihre Augen
von altgoldener Farbe. Das sensitive Auge eines Malers schien diese Nancen
zusammengestimmt zu haben.

Ginstermann erkundigte sich, wo sie denn die letzten Wochen gesteckt habe.

Ich bin in Berlin gewesen, sagte sie, den Berliner Jargon nachahmend.

Das gab sofort Stoff zur Unterhaltung. Sie erzhlte ihm von der Hin- und
Rckfahrt, von all den harmlosen Abenteuern und Erlebnissen eines jungen
Mdchens. Hufig lachte sie in der Erinnerung an diese Begebenheiten,
Ginstermann im Unklaren lassend, was ihre Heiterkeit derart erregte.

Er hrte ihr gerne zu. Ihre unvollstndigen Stze, ihr Lachen, die
dazwischen geworfenen Berliner Redensarten belustigten ihn. Es war komisch
zu beobachten, wie sie, mitten in ihrer Heiterkeit sich an die Wrde
erinnernd, die eine junge Dame zu bewahren hat, pltzlich ihr Lachen
dmpfte, ihre Bewegungen berwachte und in korrekten Stzen sprach.

Ihr Wesen war voll kindlicher Anmut und jener am Tage liegenden
Frhlichkeit, wie sie Menschen besitzen, die das Leben nur von der sonnigen
Seite kennen und infolge ihrer optimistischen und wenig polemischen
Veranlagung auch nie dazu kommen, seine dunklen Seiten zu erfassen.

Allmhlich verstand es Ginstermann, das Gesprchsthema auf ihn mehr
interessierende Gegenstnde zu lenken.

Er fragte, ob sie ihre Freundin schon besucht habe.

Natrlich doch, entgegnete sie, gleich am Montag. Und ihn anblickend,
setzte sie hastig dazu: Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Sie gesehen,
Herr Ginstermann.

Mich?

Ja, Sie standen am Siegestor und studierten die Skulpturen.

Nein, niemals. Montag? Da bin ich gar nicht hier gewesen, Frulein.

Sie lachte unglubig und sagte, sie knne ihren Kopf wetten. Sie habe auch
geklingelt -- sie war zu Rad -- aber er habe nichts gehrt.

Es wre wirklich schade um ihren Kopf.

Aber, sie wrde ihn auf keinen Fall verlieren.

Eine Weile stritten sie sich wie die Kinder.

Sie gingen die Ludwigsstrae hinunter, die noch lnger aussah als am Tage.
Die elektrischen Lampen hingen in endloser Reihe, riesigen glhenden
Tropfen gleich, die an den Drhten entlang rollten.

Ginstermann brachte alles mgliche aufs Tapet, wofr sich seine Dame
interessieren konnte. Sie sprachen von Kleidern, Theater, Literatur. So gut
er konnte, pate er sich ihrem Gedankengang an und vermied es, sie auf
irgendwelche Irrtmer aufmerksam zu machen, so unangenehm sie ihn auch
berhren mochten. Es wre ihm als ein Verbrechen erschienen, diese
Mdchenseele durch Aufklrungen in Unruhe zu versetzen. In frheren Zeiten
hielt er dies fr seine Pflicht. Sie fand alles wunderbar und entzckend,
und nur das wirklich Wertvolle, das fand sie langweilig und verrckt.
Dazwischen uerte sie wiederum Anschauungen, die zu ihren frheren in
direktem Widersprche standen, Splitter aus dem Geistesleben anderer, die
an der Oberflche ihres Geistes haften geblieben waren.

Hin und wieder warf er eine Frage ein, die sich auf Frulein Schuhmacher
bezog. Er erhielt stets bereitwillig Auskunft. Schlielich machte er einen
wahren Sport daraus, von jedem nur immer geeigneten Punkte des Gesprches
auf die Freundin berzuspringen, sich und seiner Begleiterin ein wenig
Komdie vorspielend. Auf diese Weise erfuhr er, da sich die Mdchen in
Berlin kennen gelernt hatten, da Frulein Schuhmacher aus Hamburg stammte,
wo ihr Vater eine groe Mbelfabrik besa, da ihr Bruder Offizier in
Berlin sei, da sie bei schnem Wetter alle Morgen nach Schleiheim
radelten, und eine Menge anderer Dinge. Es machte ihm Freude, von der
Geliebten zu hren, andererseits bereitete es ihm Vergngen, zu sehen, da
die Harmlosigkeit seiner Begleiterin seine Absicht nicht bemerkte, obschon
er in seiner bermtigen Laune so weit ging, jede Frage mit den Worten: was
ich noch fragen wollte, einzuleiten.

Am Ziele angelangt, plauderten sie noch eine Weile im Hausflur.

Ihre Stimmen hallten leicht, als sprchen die Wnde mit, und wenn Frulein
Scholl in ihr herzliches Lachen ausbrach, so schien dieses Lachen nach
geraumer Zeit wieder durchs Stiegenhaus herabzukommen. Am Treppenpfosten
brannte eine elektrische Lampe, eine Laterne vorstellend, an der der
bekannte Savoyardenknabe lehnte, dieser Fratz mit seinem Glimmstengel im
Munde. Die Wnde schmckten Stuckkartuschen, ausgefllt mit Amoretten, die
Blumengirlanden hielten. Eine Putte in so unglcklicher Lage, da man
befrchtete, sie knne jederzeit aus dem Rahmen fallen und sich den Kopf an
der Kante des Gesimses entzweischlagen.

Zum Abschied, sagte Ginstermann, sollten Sie mich eigentlich noch Ihrem
Hndchen vorstellen, Frulein Scholl.

Sofort einverstanden damit, machte sie die Herrschaften mit tnzelnder
Grazie bekannt: Herr Ginstermann -- Frulein Bijou.

Ginstermann lftete den Hut und machte seine Verbeugung.

Frulein Bijou klffte: w! und machte Miene, auf Ginstermann loszufahren,
eiferschtig und wtend ber die lange Vernachlssigung.

Darber lachten beide, da das ganze Treppenhaus mitlachte.

Frulein Bijou klffte und umkreiste, auf drei Beinen hpfend und mit dem
Schweife wedelnd, die Lachenden.

Seine Herrin nahm es auf den Arm und drckte es zrtlich gegen die Wange.

Eine gescheite Dame, sagte Ginstermann, sehen Sie nur das Gesichtchen.
Ja, ein wirkliches Gesicht! Moderner Hund, neurasthenisch, das Geschlecht
gehrt seit Jahrhunderten zur Aristokratie.

Er nahm den Hut ab, um sich zu verabschieden.

Ach, Sie wollen schon gehen?

Ich kompromittiere Sie ja.

Sie kompromittieren mich nicht im mindesten. Tante ist verreist, und mein
Bruder kommt nie vor 1 Uhr nach Hause. Er kneipt immer. Es wrde ihm rasend
Spa machen, Sie kennen zu lernen. Wollen Sie Ihren Tee bei mir nehmen,
Herr Ginstermann, ja?

Dabei sah sie ihn bittend an.

In diesem Augenblick liebte er sie wirklich. Den Ausdruck des Erstaunens
ber diese Einladung verbergend, erwiderte er: Ich mu leider ablehnen.
Danke. Ich mu an meine Arbeit. Zu Hause bei mir sitzt einer, der es nicht
erwarten kann, seinen Kopf zu verlieren im dritten Akt.

Sie setzte das Hndchen ab und reichte ihm die Hand.

Nun denken Sie wohl schlimm von mir, weil ich Sie einlud, mit
heraufzukommen?

Da mte ich in erster Linie schlimm von mir selbst denken.

Sie verstand nicht sofort, dann sagte sie:

Nun ja, wenn Sie arbeiten wollen --

Sie blieb noch immer stehen, drehte den rechten Fu auf dem Absatze und
stichelte mit der Schirmspitze nach der Fuspitze.

Adieu, sagte sie dann schnell, in dem Wunsche, heiter zu erscheinen wie
vordem, und gab ihm nochmals die Hand, die er herzlich drckte.

Sie war rund und kurz, hei.

Adieu, Frulein Scholl und nochmals Dank fr Ihre liebe Einladung.

Frulein Scholl sprang rasch die Treppe hinauf.

Bijou rannte aus der Tre und klffte Ginstermann nach. -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- --

Ginstermann ging nach Hause, setzte sich an den Tisch und schrieb:

Das Herz.

Da war ein Mann, vor langer Zeit. Habuck hie er, das ist: der Gestorbene.
Er war bleich, wei wie Zucker sein Gesicht, seine Hnde. Seine Augen waren
dunkel wie Kohlen, seine Lippen schmal, von blulicher Farbe. Ein Lcheln
umkruselte sie, scharf wie Gift. Sah er Kinder an, so begannen sie zu
schreien, blickte er junge lachende Mdchen an, so weinten sie und
trauerten ihr ganzes Leben. Er ging durch die Straen und lchelte. Da
wurden alle Menschen stumm, als sei ihr Herz entzweigesprungen.

Sein Lcheln, das sagte: Weshalb lacht ihr?

Einmal kam er durch ein Dorf, da tanzten sie unter der Linde. Er ritt auf
einem mageren, starken Pferde und ritt ganz langsam. Die Fiedel verstummte,
und die Paare standen erschrocken still. Niemand lachte mehr, niemand regte
sich mehr, sie standen wie gelhmt. Der Spielmann versuchte ein Liedchen
anzustimmen, da rissen die Saiten wie Zunder.

Es ist Habuck! flsterten die Mdchen und hllten das Gesicht in die
Schrze.

Der Spielmann wackelte mit dem Kopfe und streckte die Zunge heraus. Man
kann ihn noch heute so sehen.

Habuck war ein Tyrann. Habuck wollte die Menschen knechten, wahnsinnige
Herrschsucht raste in seinem Gehirn. Seine Gesetze hingen gleich
zweischneidigen Schwertern zu Hupten des Volkes. Sein Stolz war so gro,
da er sagte: Erdengttlein, meine Schultern reichen bis an deinen Bart.

Er verbrachte die Nchte beim Wein und brtete, wie er das Lachen tten
knne, auf der ganzen Erde. Er schlief nie, er starb nie, er lebte ewig.

Oftmals raste er gegen sich selbst und nannte Gott einen Feigling, da er
unsichtbar mit ihm kmpfte. Dann warf er sich auf sein Pferd und durchritt
die Welt. Ohne Rast, ohne inne zu halten.

Habuck kommt bers Feld, riefen die Leute und strzten in ihre Huser.
Sie krochen in die Betten und verstopften sich die Ohren, denn wer den
Hufschlag seines Pferdes hrte, in dem klang er fort, bis er irrsinnig
wurde.

Eines Abends ritt Habuck ber eine groe Heide. Violett das Kraut, violett
der Himmel. Sturm ringsum und rasendes Wetter.

Am Waldesrand stand ein Weib, das auf ihn wartete.

Es stand mitten im Wege und wich nicht.

Habuck blickte es an, aber es wich nicht. Und sonderbar, sein Pferd blieb
stehen, als er ber das Weib wegreiten wollte.

Ich habe dir etwas zu geben, sagte das Weib.

Habuck fragte: Was willst du?

Ich habe dir etwas zu geben, wiederholte das Weib und trat nahe an ihn
heran.

Nimm es, sagte es, ich habe es gefunden und bringe es dir. Du hast es
verloren, als du ein Knabe warst.

Und als Habuck zgerte, warf sie es ihm in den Scho und verschwand.

Er fand nichts in seinem Sattel und ritt weiter.

Der Sturm schwieg, das Wetter schwieg. Die Vgel begannen zu trillern im
Walde, es war spt in der Nacht.

Er kam an eine Schenke, stieg ab und trat ein.

Wer bist du? fragten die Leute.

Niemand kannte Habuck mehr. --

Das schrieb Ginstermann. Es fiel ihm vorlufig nichts Besseres ein.




X.


Samstag.

Ginstermann sprang aus dem Bette, mit beiden Fen zu gleicher Zeit, und
sagte: Samstag.

Er hatte lange und tief geschlafen und fhlte sich in erwartungsvoll
heiterer Stimmung angesichts dieses Tages, aus dessen Dmmerung das groe
Glck wetterleuchtete.

Es war noch sehr zeitig. Die Kamine, die auf den Dachfirsten ritten, warfen
noch nicht den mindesten Schatten. Der Tag kam mit sanftem Blau am Himmel
herauf. Die Dmmerung vor sich hertreibend, in deren niedersinkenden
Schleiern die Sonne in Tausenden von unsichtbaren Funken sprhte.

Durch die geffneten Fenster strmte frische, wrzige Luft, gesttigt mit
dem Geruche der Wlder und dem khlen Atem der Quellen, noch nicht
verdorben vom Staub der Teppiche und den Kchendnsten. Der Hof lag noch
ruhig. Es war ein richtiger Feiertagmorgen.

Sein Zimmer war hell und freundlich, wie zum Empfang eines Gastes
hergerichtet, aus Mbeln und Wnden schien die Sonne der letzten Wochen zu
strahlen. Er gewann es lieb, wie einen treuen Freund, den man einige Zeit
hindurch vernachlssigt hat. Tisch und Sthle, Bcher und Skizzen an den
Wnden waren ihm alte Bekannte, die treu bei ihm aushielten ohne Dank zu
heischen.

Er erinnerte sich an jene Morgen, da er erwachte, verpackt in einen Block
von Klte und Finsternis, in wster Betubung von der Arbeit der Nacht und
lchelte. Das war nun vorbei. Ein Traum hatte ihn auf einen anderen
Planeten getragen. Hier gab es nur Sonne und Gesang. Das gtige groe Leben
winkte ihm wiederum und lud ihn ein, im Reigen mitzutanzen.

Ginstermann schritt nackt in seinem Zimmer auf und ab. Es gehrte dies zu
seinen Liebhabereien.

Das Gefhl von Kraft und Gesundheit erfllte ihn in einem Mae, wie er es
nie zuvor empfunden. Es schien ihm, als ob er gewachsen wre. Seine Brust
war gleichsam breiter geworden, den Lungen mehr Raum zum Atem erlaubend,
seine Sehnen straffer. Die Mdigkeit war weg, der gebeugte Rcken, die
bleischweren Fe. Als htte er einen wsten Rausch ausgeschlafen.

Er wettete, mit der Faust Lcher in die Wand schlagen zu knnen, die Decke
zu sprengen, wenn er sich streckte.

Kstlicher aber als all das, war die Stille, der Friede seiner Seele, die
einer Wiedergeburt entgegensah.

Eine bermtige Melodie summend, die ihm der junge Tag als Morgengeschenk
gegeben, trat er vor den Spiegel, lie die Muskeln seiner Arme spielen,
reckte die Brust, beugte den Kopf zurck, sich erfreuend an dem Schnellen
der Sehnen, der berschneidung der Schulter, der energischen Linie seines
Armes, als studiere er einen fremden Krper.

Man sollte nicht versumen, dachte er, jede freie Stunde nackt zu gehen.
Was fr Bewegungen wrde man bekommen, welche Elastizitt, welche Gensse
von Schnheit knnte man sich verschaffen, abgesehen von der Bereicherung
seiner anatomischen Kenntnisse. Nackt mten die Menschen in Grten
wandeln, voll Ehrfurcht vor der Schnheit ihrer Schwestern und Brder, und
die Welt nhme von neuem ihren Anfang, Schnheit und Erkenntnis ihr
zweifaltiger Gott.

Endlich ging er an die Toilette. Er berschwemmte seinen Krper mit Wasser
und lief frstelnd und pustend im Zimmer umher, eine solche Menge Fuspuren
hinterlassend, als habe ein Rudel Wilder hier getanzt. Er hatte sich einen
netten Anzug angeschafft, denn es erschien ihm unmglich, in seinem
geschossenen blaugrauen Sommeranzug mit einer vornehmen Dame im Englischen
Garten zu promenieren. Allerdings hatte er nahezu seine ganzen Ersparnisse
hinlegen mssen, aber das war ja vorlufig einerlei. Fix und fertig trat er
vor den Spiegel. Der Anzug sa auerordentlich gut, als sei er fr seine
Figur geschnitten. Er machte in seiner dunkelgrauen Farbe einen
ruhig-vornehmen Eindruck.

Zur Vervollstndigung setzte er auch seinen netten Strohhut auf, dessen
verrterischen Glanz er mittels Wasser abgeschwcht hatte, und erblickte
nun im Spiegel einen elegant, nahezu geckenhaft gekleideten jungen Mann,
der sonderbarerweise sein Gesicht hatte.

Er lftete grend den Hut und sagte: Guten Tag, wie geht es Ihnen? dabei
lchelnd mit freudigen Augen. Seine Wangen berzog ein Hauch von Rte, und
diese Erscheinung machte ihn verblfft wie ein Wunder. Gemchlich nahm er
seinen Tee, rauchte er seine Zigarette. Er hatte Zeit. Unendlich viel Zeit,
die mit den raffiniertesten Kunstkniffen vertrieben sein wollte.

Gehen die Lahmen zu Tanze, Antonio? sagte er zu sich. Er lachte und
erwiderte sich selbst: Wenn die Toten neugierig werden, Pietro, weshalb
sollen die Lahmen nicht tanzen?

Ein Toter wird wieder lebendig, mein Sohn, wenn er sieht, wie sein
Waffenbruder die Flucht ergreift.

Man merkt, da du schon lange gelegen bist, tapfrer Held, selbst dein Witz
ist nicht mehr frisch.

So frisch noch, um das Faule deiner Ausflchte zu spren, Antonio. Ein
Antonio, der beim Junggesellenmahl des Colonna den Degen in den Tisch stie
und rief --

Man merkt, da du selbst wenig Gedanken besitzt, da du Raum im Kopfe hast,
die Gedanken anderer Leute aufzubewahren.

Donna Claudia --

Nun mu deine Zunge ein Loch haben, da sie einen Weibernamen aussprach.

Die Schnelligkeit deiner Einwrfe beweist mir, was mir gar nicht mehr
bewiesen zu werden brauchte. Donna Claudia ld zum Tanze, und das ganze
mnnliche Venedig schlft nicht mehr vor Aufregung, wie eine Jungfrau vor
der Hochzeit. Wenn man euch hrt, so glaubt man, ihr speistet sechs Teufel
an einer Gabel, aber das Lcheln einer Frau macht euch zu tnzelnden
Pudeln. Don Luigi, dessen Zunge scharf war wie ein Rasiermesser, um dessen
Degen die Leute einen Halbkreis beschrieben, ertrank in den Wangengrbchen
eines rosigen Mdchens, Freund Fabio, der noch mit halbem Schdel kmpfte
und mit dem Satan in persnlicher Korrespondenz stand, gab seine Narben fr
den Ku eines zierlichen Frauenknchels. Und Antonio --

Antonio ist nach Palermo abgereist.

Antonio, der beim Festmahl des Colonna sagte: Wenn mein Herz Langeweile
hat, so frage ich es: Hast du Langeweile, mio bambino? Sollst eine Puppe
haben, eine feine Puppe, die Mama und Papa sagt, wenn man sie auf den Bauch
drckt -- dieser nmliche Antonio, ihr Herren, so hrt doch! schlpft in
den Balg eines Papageis, wenn Donna Claudia zum Tanze ld.

Ein Fisch knnte sich ertrnken.

Ein Weib knnte die Wahrheit sagen.

Ich wnschte nur, Pietro, die Marchesa Colombi knnte Zeugin deiner
mannhaften Entrstung sein.

Die Marchesa Colombi? Der Mond falle dir auf den Bauch, Freundchen! --

Er erfand einen Dialog, in dem sich zwei blasierte Schlingel gegenseitig
den Rest ihrer Gefhle zum Vorwurf machten. Daran reihte sich eine Szene
bei Donna Claudia, Antonio--Claudia, und ein Zwiegesprch der Marchesa
Colombi mit einer Maske in einer Fensternische, die mit einer klatschenden
Ohrfeige endigte. Pietro, dieser freche Patron, mute unbedingt seinen Lohn
haben.

Da begann Kapelli in seinem Atelier einen Heidenspektakel zu vollfhren, er
trieb Ngel in ein Brett, und die Gste der Donna Claudia gingen nach
Hause.

Von der Strae her drang das Lrmen des erwachten Verkehrs. Die
Gemseweiber riefen mit singender Stimme ihre Waren aus, die Glocke des
Kehrichtwagens zeterte.

Ginstermann ging auf und ab, dann trat er ans Fenster und blickte hinaus,
um sich die Zeit zu vertreiben.

Aus dem Fenster gegenber lehnte sich eine Magd, die plumpen Brste
breitgedrckt auf dem Gesims, und warf mit schwingender Bewegung des
fleischigen Armes Kartoffelschalen in den Hof. Darauf zog sie sich
schleunigst zurck, den Mund aufsperrend, um das Lachen zu verhalten. Sie
sah aus wie eine Schiescheibe. Im Hofe wurde eine gutmtig-kreischende
Weiberstimme laut, die augenblicklich eine Menge Gesichter an die
Kchenfenster lockte.

Eine Zeitlang beobachtete er das Treiben des Hofes, das an die
Daseinsuerungen von harmlosen Tieren erinnerte, dann erwachte wiederum
die Melodie von vorhin in ihm, in bestimmterem Rhythmus, mit halbgehrtem
Texte, und pltzlich, ohne sich eigentlich ber diesen Vorgang klar zu
werden, trllerte er vor sich hin:

      Juhei, juhei, der Tag ist da,
      er tanzt als wie ein Narr herum,
      mit heija--halleluija
      tanzt er die alten Huser --
         ja alten Huser um. Juhei!

      Juhei, juhei, der Tag ist da,
      ein wilder, kecker Bengel,
      mit heija--juhaheirassa
      hlt er mich untern Pumpen --
         ja untern Pumpenschwengel. Juhei!

      Juhei, juhei, der Tag ist da,
      mit einem Strau von Dften,
      dann hngt er mich mit juhaha
      an einen hohen Kirchenturm --
         ja Kirchenturm zum Lften. Juhei, Juheirassassassa!

Er wiederholte den Singsang, vernderte die Melodie, dichtete ein paar
Strophen dazu, bis er endlich des Spaes berdrssig wurde.

Er sah auf die Uhr.

Es war sieben, noch nicht sieben.

                   *       *       *       *       *

Der Wind trug das Singen des Glockenspiels von St. Anna herber in den
Park. Ginstermann stand und lauschte. Bei den einundzwanzig Wunden des
Csar! es war schon wieder eine Stunde um.

Heute schlief Phbus auf seinem Kutschenbock, wie seinerzeit am Tage von
Gilgal. Jede Minute ging so gemtlich als mglich und trank eine Tasse
Schokolade, bevor sie die Parole an die folgende abgab.

Ginstermann promenierte seit Mittag im Englischen Garten, um nicht zu spt
zu kommen, wie er sagte. Er hatte hastig und ohne jeglichen Appetit, als
habe er das Reisefieber, sein Mittagsbrot eingenommen und war, ohne recht
zu wissen wie, in den Park gekommen. Den Vormittag ber hatte er sich in
den Straen, auf dem Bahnhofe herumgetrieben, eine solche Menge
beobachtend, erlebend, erfindend, da es geschrieben einen Folianten gbe,
ohne aber seine Ungeduld, seine Langweile nur eine kleine Weile bannen zu
knnen. Eine Zeitlang hatte er bei dem Auslagefenster eines Reisebureaus
gestanden, wo die kleinen Zinnschiffe auf gemalten Ozeanen wimmeln, und
einen kurzen Ausflug nach Sdamerika, Australien und Japan unternommen, mit
einigen Zusammensten, Seeruberberfllen und einer kleiner Robinsonade
auf einer niedlichen Koralleninsel in der Sdsee.

Es war angenehm, hier zu gehen, auf den gepflegten, reingekehrten Wegen.
Durch die halbhohen Wiesen hindurch, deren Grser und Blumen der Wind leise
wiegte, oder unter den hohen Bumen mit den in der Sonne flitternden
Blttern.

Das war ein Tag, von einem Gotte, der ein Dichter und ein Maler war,
geschaffen. Duftende Blten, bunte verliebte Falter, ein blauer Himmel, der
der Sonne das Feuer in einem einzigen Kusse zurckgab, ein Tag, der einen
Engel auf die Erdenkinder htte neidisch machen knnen.

Zur Mittagszeit gab es nur wenig Leute. Ab und zu eine Bonne mit Kindern,
ein Reiter, der auf den Sandsteigen vorbeistampfte, ein Wagen, ein Mann,
der vor sich hinsann. Hinter den Bumen blinkten die Villen wie eine Reihe
weier, lchelnder Zhne. Die Stadt surrte in der Ferne, eine atemlose,
keine Sekunde stillestehende Maschine.

Mit jeder Viertelstunde wuchs in Ginstermann eine sonderbare Angst, die ihn
wie ein Schwindel im Kreise drehte. Als ob man zu einem sagte: Noch eine
kleine Weile, und die Tre springt auf, und du stehst vor dem Schicksal,
das dir deinen Platz im Leben anweisen wird. Es war das nmliche Gefhl,
das er empfand, als bei der Premiere seines ersten Dramas der Vorhang in
die Hhe stieg, und er das gefllte Haus in der Dmmerung liegen sah, das
gekommen war, ihn zu richten. Und doch war es nichts als ein harmloses
Rendezvous mit einer jungen Dame.

Als es zwei Uhr schlug, stieg er zum dutzendsten Male den Hgel hinauf, auf
dem der Monopteros, ein schlanker Rundtempel aus weiem Marmor, errichtet
war.

Hier wrde er sie treffen. In einer Stunde wrde sie hier oben stehen
. . .

Er blickte ber die Wiesen, die Baumwipfel, die Stadt.

All das war ihm wohlbekannt. Jeder Weg, jeder Baum, jeder Turm. Er hatte
vorigen Sommer hier oben zu Mittag gegessen, als es ihm nicht sonderlich
gut ging, zwei Monate lang.

Er ging unter den Sulen umher und las Namen und Monogramme, die von einem
Herzen eingeschlossen waren. Erinnerungen an verliebte Leute. Er bemerkte
ein hliches Wort und rieb es mit einem Steinchen weg, damit nicht ihre
Augen zufllig darauf fallen konnten.

Dann stieg er wieder herab und lie sich auf einer Bank in der Nhe nieder,
die ihm erlaubte, den Tempel im Auge zu behalten, ohne da er den Ausgang
sah. Er wollte sie nicht kommen sehen, sondern pltzlich sollte ihre
Gestalt ihm aus den schlanken, weien Sulen heraustreten.

Hier war es sehr still, und er trumte, wie sie aussehen wrde, was sie
sprche. Vor ihm standen die hohen, ernsten Bume mit schweren,
schattensatten Wipfeln, Bsche zwischen ihren Stmmen, Blumen und allerlei
Kraut unter diesen Bschen. Drei Wlder, verschieden an Gre und um so
ppiger und farbenprchtiger, je mehr sie sich dem Erdboden nherten. Es
hmmerte, es klopfte, knackte da und dort, Fliegen mit schillernden Flgeln
summten ber den Weg, Vgel schwankten von Ast zu Ast. Das war so
eigentmlich, so mrchenhaft, da man whnte, jede Minute msse sich das
Gebsch teilen und etwas Sonderbares hervorkommen.

Ginstermann spann sich in diese Mrchenstimmung hinein, bis ihn das
glucksende Lallen eines kleinen, wie eine Puppe herausgeputzten Mdchens
weckte. Das Kind blieb vor ihm stehen, mhsam das Gleichgewicht haltend,
und lief pltzlich auf ihn zu und fiel ihm mit jauchzendem Lachen nahezu in
den Scho. Es legte die Fustchen auf seine Knie und blickte ihn zutraulich
mit groen, wasserblauen Augen an, aus denen das wunderliche Traumland
seiner Seele schimmerte.

Die Mutter, eine schmale, kleine Frau in Trauerkleidern, eilte mit
mdchenhaft flchtigen Schritten herbei und versuchte die Kleine
wegzuziehen.

Aber bitte, lassen Sie die Kleine doch, sagte Ginstermann, ich fhle
mich sehr geschmeichelt, da sie Zutrauen zu mir hat.

Sie belstigt Sie. Herzchen, Du belstigst den Herrn!

Nein, nein, aber keineswegs. So hbsche Kinder belstigen mich nie.

Die junge Mutter nahm neben ihm Platz, sich nochmals entschuldigend. Ihr
Wesen hatte etwas Gedrcktes, Hoffnungsloses an sich, als sei sie mhsam
der Verzweiflung entronnen. Ihr schwarzes Kleid war abgetragen und spielte
an den Armen und der Brust ins Grnliche. Mit krankhafter Schamhaftigkeit
versuchte sie die Schuhe unter dem Rocksaum zu verbergen, da sie rissig
waren.

Ginstermann nahm das Kind auf die Knie und schaukelte es, dabei trllernd:

Die Schweden sind kommen -- habn's Pulver mitg'nommen . . .

Die Kleine lachte und klatschte vor Vergngen mit den Patschhndchen.

Sie wird ihnen lstig fallen, hub die Mutter wieder an, ihm mit einem
Blicke ihrer traurigen, verschleierten Augen dankend.

Sie sehen ja, da das Vergngen ganz auf meiner Seite ist. Was verlangen
Sie fr das Kind? Ich kaufe es Ihnen ab. Drei, fnf Millionen?

Aber das Weib lchelte nicht. Sie blickte den Weg hinunter zu einem kleinen
Manne in komisch kurzem Gehrocke, der heftig hustete.

Es luft auf jeden Herrn zu, denn es hat keinen Vater.

Sie sagte das mit einer Stimme, die ihren ganzen Schmerz ausdrckte.

Denn es hat keinen Vater, wiederholte Ginstermann innerlich.

Er fuhr fort, das Kind zu schaukeln, dann sagte er:

Wer ein solches Kind hat, darf eigentlich nicht traurig sein.

Sie blickte immer noch zu dem hustenden Mnnlein hinunter.

Ach, sagte sie, er htte mich ja sicher geheiratet. Er ist gestorben. Er
war drei Tage krank, dann ist er gestorben. Nun ist er tot.

Das Mdchen jauchzte und fuhr mit gespreizten Fingerchen nach Ginstermanns
Gesicht.

Fllt es Ihnen noch nicht lstig?

Ach nein. Hren Sie doch diese Stimme! Wie eine Glocke. Und dieses Haar,
das sie hat, feiner wie Seide.

Darf ich Sie etwas fragen, ja? Und Sie werden mir Ihrer berzeugung gem
antworten?

Bitte, bitte.

Ob er an ein Wiedersehen im Himmel glaube!

Dabei sah sie ihm direkt in die Augen.

Nun auf jeden Fall doch! Da gibt es doch einfach keinen Zweifel.

Auf ihrem Gange wohne einer, ein Doktor, ein Schriftsteller, der sage, nur
die Dummen glaubten es noch. Seine Hausfrau habe es ihr erzhlt.

Ja, ein Schriftsteller, entgegnete Ginstermann, die glauben alle nichts.
Ich kann Ihnen aber etwas sagen, Sie brauchen gar nicht so lange zu
warten.

Das verstnde sie nicht.

Sehr einfach. In ein paar Jahren htte sich ihr Kind entwickelt, und aus
dem Kinde wrde alsdann der Vater heraustreten. Zum Beispiel an der Bildung
der Stirne, an einer Bewegung, in der Stimme wrde sie ihn erkennen. Und
somit in ihrem Kinde auch dessen Vater erblicken.

Sie sann vor sich hin, beglckt von dieser Erffnung und sah im Geiste das
Kind heranwachsen und seinem Vater gleichen.

Dann erzhlte sie Ginstermann leise, in unvollstndigen Stzen, die
Geschichte ihrer Liebe, um sich das Herz dadurch zu erleichtern. Sie war
Telephonistin und ihr Brutigam Zeichner in einer Mbelfabrik. Er war sehr
geschickt. Sie hatten sich durchs Telephon kennen gelernt. Schon als sie
das erste Mal seine Stimme gehrt, habe sie ihn lieb gewonnen. Und eines
Abends war er hinter ihr hergekommen und hatte gerufen: 23--75. Das war die
Nummer seines Geschfts. Sie sei auf den Tod erschrocken. Und dann htten
sie einander geliebt. Aber dann sei er krank geworden, nur drei Tage krank
gelegen und gestorben. Und sie habe ihre Stellung verloren, als das Kind
kam und sei nun Kontoristin. Gegenwrtig habe sie Urlaub, drei Tage.

Ginstermann hrte ihr von Mitleid ergriffen zu. Er schmiedete Plne, auf
welche Weise man das arme Weib erfreuen knne. Htte er Geld gehabt, so
wrde er ihr soviel als mglich zugestellt haben: Ein Freund ihres
Brutigams, der Mbelzeichner K. habe diese Schuld abzuzahlen. Er bitte
wegen der Verzgerung um Entschuldigung. Auch beschftigte ihn der Gedanke,
auf die Direktion zu gehen und dem Beamten die Nichtswrdigkeit seiner
Handlungsweise vorzuhalten, ein junges Mdchen deshalb zu entlassen, weil
es der Stimme seiner Natur gefolgt war.

Wenn Ihnen die Kleine aber lstig wird --? -- -- Es regnete ein wenig und
ich hatte den Schirm aufgespannt, an jenem Abend. Da kam er hinter mir her
und sagte: 23--75. Ach, ich bin auf den Tod erschrocken --

In diesem Momente schlugen die Uhren drei.

Ginstermann erschrack, die Tne durchliefen seinen ganzen Krper.

Er stand hastig auf und sagte, bebend vor Erregung:

Entschuldigung, ich mu gehen. Es ist drei Uhr. Um drei Uhr mu ich gehen.
Auf Wiedersehen.

Zwischen den Sulen auf dem Hgel war noch nichts zu sehen. Kein Schatten,
nicht der Verdacht eines Schattens.

Drei Uhr und nichts zu sehen. Ginstermann wurde von einer lhmenden Angst
befallen und hielt den Schritt an.

Wie ein Blitz fuhren ihm hundert Mglichkeiten durch den Kopf, die sie
abgehalten haben mochten, und die eine verblieb hartnckig als die
wahrscheinlichste: Sie wollte nicht, sie hatte es sich anders berlegt. Was
sollte sie mit ihm?

Nun hatte er drei Tage gefiebert, und seine Sehnsucht hatte sich die Flgel
lahm geflogen nach diesem Moment -- und sie kam nicht.

Er stand und blickte mit bitterem Lcheln zu Boden.

Gut! Es war vorbei. Das Leben hatte ihn genarrt!

Aber pltzlich schrak er zusammen. In dem Bilde, das unbewut seine
Netzhaut spiegelte, hatte sich etwas gendert.

Sie stand oben.

Sie stand wirklich und wahrhaftig oben.

Schlank und wei stand sie zwischen den schlanken, weien Sulen und
blickte ber die Wiese.

Es fiel Ginstermann nicht ein, hinauf zu eilen. Er blieb ruhig hinter
seinem Busche stehen und beobachtete sie.

Sie ging langsam im Kreise umher, dann blieb sie stehen und schrieb mit dem
Sonnenschirm auf den Boden. Sie wartete.

Ist es nicht kstlich, dachte Ginstermann, sie wartet! So steht jemand, der
wartet! Oder schreibt man sonst mit dem Schirm auf den Boden? Oder steht
man sonst in solch nachdenklicher, nachlssiger Haltung?

Er gtzte sich eine Weile an diesem Gedanken, dann eilte er, was er konnte
und langte ganz auer Atem oben an.

Da sind Sie ja! sagte sie und lchelte.

Ihre Stimme klang klarer und voller als neulich, da sie krank gewesen. Mit
einem kurzen verstohlenen Blick berflog sie sein verndertes uere.

Er schmte sich nun, es kam ihm vor, als beleidige er sie durch diese
spiebrgerliche Rcksichtnahme, und er verwnschte Anzug und Hut.

Ja, da bin ich, sagte er, indem er ihr die Hand gab. Es fiel ihm sonst
nichts ein, all die hundert Anreden, die er sich zurecht gelegt hatte,
waren in seinem Kopfe verschwunden wie durch ein Loch.

Sie habe schon gedacht, er sei irgendwie verhindert.

Dies sagte sie leichthin, in verletzend gleichgltigem Tone, der
Ginstermann augenblicklich die Fassung zurckgab.

Ich wrde nicht verfehlt haben, Sie das wissen zu lassen, entgegnete er.

Sie gingen den Hgel hinab und blieben an der Wegkreuzung stehen,
unwillkrlich.

O, das ist ja gleich, sagte Frulein Schuhmacher und schlug den Fahrweg
ein.

Sie begannen zu plaudern. Anfangs tasteten sie unsicher nach einem
Gesprchsthema, das Interesse fr jeden besa und jedem gestattete, etwas
dazu zu geben, und huschten sie ber die Oberflche einer Menge von Fragen
hinweg, bis sie schlielich in glattes Geleise kamen.

Ginstermann war nicht vollstndig bei der Sache. Ein Chaos von Gefhlen
wirbelte in ihm. Ist es nicht herrlich, neben ihr zu gehen, dachte er.

Ein Mann macht eine Reise um die Erde und spricht nach seiner Rckkehr zum
erstenmal wieder mit seiner Geliebten. So kam es ihm vor.

Nachlssig schlenderte er neben ihr her, den Hut in den Nacken gerckt, die
Hnde in den Hosentaschen, wie er es bei guter Laune zu tun pflegte. Er war
nicht bedrckt durch ihre Nhe, wie frher, er fhlte sich befreit, ohne
die peinigende Unruhe, unter der er zu leiden hatte, wenn er fern von ihr
war. Er schlrfte sein Glck mit dem lachenden Leichtsinn eines, der nicht
daran denkt, da der Becher einen Boden hat.

Es war ihm auch gar nicht darum zu tun, die Seele dieses Mdchens
auszuhorchen. Wozu sollte sein Verstand das ergrnden, was sein Herz lngst
wute. Er war ihr Freund, mochte sie seine Gefhle erwidern oder nicht, und
er war selig in dem Gedanken, einen Menschen zu wissen, dem er sich ohne
die Scham des Schenkenden geben konnte, wie er war.

Sein Inneres glich jenem Fleckchen Land, durch das sie schritten,
erschauernd unter der gtigen Sonne, Leben und Blten quellend.

Kommst du nach Hause, Wanderer, so sage, du habest einen gesehen, den das
Leben mitten auf den Mund kte, dachte er, als jemand an ihnen
vorberging.

Emanzipation? Welches seine Meinung ber die Emanzipation des Weibes sei?

Er nahm dieser Frage gegenber seine feste Stellung ein. Diese Stellung
suchte er ihr zu charakterisieren. Er vertrat die Frauenbewegung in ihrer
radikalsten Form, wenngleich er da und dort seine Bedenken hegte. Die
soziale Stellung des Weibes hielt er fr einen Punkt sekundrer Bedeutung,
mehr war es ihm um die Erweiterung des Erkenntnisvermgens der Frau zu tun.
Die Frau msse es vor allem lernen, ihre Kinder zu erziehen. Sie msse
begreifen lernen, da das seelische Wohl des Kindes vor sein leibliches
Wohl gehe.

Die Tatsache ist betrbend, sagte er, da der seelische Zusammenhang des
erwachsenen Kindes und seiner Mutter ein lediglich auf natrlichen Gesetzen
basierter ist; ein gezwungener also, kein aus einem freien Bedrfnis heraus
entstandener.

Dann sprach er von dem Verhltnis des Weibes zum Manne, das kein von der
Natur vorgeschriebenes, in seelischem Sinne natrlich, sondern von der
Kultur erwnschtes sei.

Das waren fr ihn alte Dinge, ber die er Bcher geschrieben hatte, und er
dachte vieles andere, whrend er sprach.

Wie schn die Nachdenklichkeit sie macht, dachte er. Es ist nicht Schnheit
im Sinne der Welt, es ist eine neue Art von Schnheit, fr die man
besonders entwickelte Augen haben mu. Und man wei nicht, liegt sie in der
Linie ihres Profils, liegt sie in der durchsichtigen Tiefe ihrer Augen,
darber die Wimpern sprhen. Man braucht es auch nicht zu wissen. Wie ist
es, dachte er, findet ein Mann in einem Weibe, dessen Seele er liebt, seine
Schnheit heraus, er, sonst kein anderer, oder liebt ein Mann nur das Weib,
das seinen unbewutesten Schnheitsgesetzen nach schn ist?

Ist es nicht unglaublich, dachte er, wie gut Breite und Hhe und die Farbe
des Hutes mit der Form ihres Kopfes, dem Teint ihres Antlitzes harmonieren?

Allgemein gesprochen, schlo er seine Ausfhrungen, freut es mich, da
das Weib strebt, weil ich hoffe, da der Mann dann um so mehr streben
wird.

Wie oft gab es das, ergriff Frulein Schuhmacher das Thema wieder, da
ein Mann wirklich und wahrhaftig als Freund, als Kamerad mit einer Frau
lebte? Ich befrchte, nicht oft. Sprechen Sie heute als Weib mit einem
Manne, und Sie werden fhlen, da er Ihnen etwas verbirgt, da er Ihnen
etwas vorenthlt von seiner Meinung, irgend etwas, das ich nicht sagen
kann, ja, da er sie gar nicht fr ernst nimmt, Ihre Bemerkungen erst
ausbaut, zur Hhe fhrt, und Ihnen dadurch beweist, wie wenig Sie
berechtigt sind, sich an so etwas heranzuwagen. Ich empfinde das und bin
betrbt deshalb. Und ich glaube, alle Frauen empfinden es. Dieses Lcheln
der berlegenheit hassen wir, weil wir merken, wie berechtigt es ist.
Deshalb arbeiten wir, nur deshalb, wir wollen uns eine Gleichstellung mit
dem Manne in jeder Hinsicht erringen.

Dieses Zugestndnis aus dem Munde eines jungen Mdchens zu hren, machte
Ginstermann einigermaen verwundert. Hier war wirklich ein Weib, das den
grundlosen Dnkel seines Geschlechts, sich fr etwas Hheres zu halten,
berwunden hatte.

Frulein Schuhmacher blickte einem Falter nach, der ber die Wiese
gaukelte, dann fuhr sie fort: Und die Gelehrten wollen wissen, da das
Weib nie konkurrenzfhig mit dem Manne werden knne. Welches Weib soll da
nicht verzagen?

O wozu sprechen, dachte Ginstermann. Wozu sprechen? Er war gekommen,
lediglich, um neben ihr einherzugehen, das se Gefhl ihrer Nhe zu
empfinden, die Blumen am Wege anzusehen, die Schwalben in der Luft zu
verfolgen. Wenn sie nun sprach, so hrte er nicht ihre Worte, nur ihre
Stimme. Nie hatte er noch eine solche Stimme gehrt. Das koste, ohne kosen
zu wollen. Das war wie ein weicher, weicher Arm, der sich um den Nacken
schlingt. Ihre Worte waren wie Teppiche, so weich, so sanft. Sie hat
Elfenbein in ihrer Stimme, Elfenbein, sagte er jubelnd zu sich, als er das
gefunden.

Andererseits aber war er rgerlich, sich so passiv zu verhalten. Er, der
sich nichts Herrlicheres wute, als ein lebendiges Gesprch, er, der ewige
Kampflustige, er, der um sich zu unterhalten, die Sthle seines Zimmer
rings um sich stellte und mit ihnen konversierte.

Welch herrlicher Tag doch heute war! Wie? und welche Mhe es gekostet
hatte, die Stunden zu vertreiben. Seit fnf Uhr morgens.

Ich werde mich bei ihr bis auf die Knochen blamieren, dachte er, und
gleichzeitig, wie er sie neben sich gehen sah, die Harmonie ihrer Seele in
den Augen, dem Antlitze, dem Gange, wenn man doch ihre Hand fassen knnte
und ihr sagen: Sehen Sie es denn nicht?

Aber wozu das wiederum? Man mute stets daran denken, da man Proletarier
und sie eine vornehme Dame war. Wozu also?

Sie konnten ihn mit glhenden Zangen zwicken, er wrde doch nicht reden.
Vergessen Sie nicht, Frulein Schuhmacher, antwortete er ihr, da es
sich in erster Linie absolut nicht um eine intellektuelle Ausbildung
handelt, nicht darum auch, Kunstwerke zu schaffen, sondern um eine
Steigerung und eine Verfeinerung der Empfindung. Wo bleiben da ihre famosen
Gelehrten?

Ein Lcheln strahlte aus ihren Augen. O, ich wei߫, sagte sie, man mte
ja sonst verzweifeln. Hierin sind unsere Fhigkeiten denen des Mannes
gleich. Ja, vielleicht -- ja vielleicht . . . Sie brach einen Zweig und
roch an den Blttern.

Der Park war nun belebt. Zwischen den Bschen leuchteten die hellen
Gewnder der Damen. Wagen und Radfahrer glitten die Strae dahin, als zge
sie ein rascher Strom. Man vernahm Plaudern und Lachen, gedmpft durch das
Laub und die warme Luft, bald nah, bald ferne, bald schien es aus der Luft
zu kommen, bald aus der Erde.

Ein Reiter berholte sie in flinkem Tempo. Es war Maler Ritt. Er wandte
ihnen, indem er den Hut lftete, sein Gesicht zu und verzog es zu einer
indiskret lchelnden Grimasse. Es schien, als sei der Teufel in elegantem
Reitdre, geschniegelt und gebgelt an ihnen vorbeigeritten. Um ihnen seine
Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen, gab er dem Pferde die Sporen, so da
es unvermittelt in Galopp berging.

Eine Weile sprachen sie von ihm. Frulein Schuhmacher gestand, wie ganz
anders dieser Mann, dessen Bilder sie bewunderte, ja verehrte, in ihrer
Vorstellung lebte, bevor sie ihn persnlich kennen lernte.

Er ist mir sehr unsympathisch, urteilte sie, ja er widert mich an. Ich
kenne ihn nicht, aber es steht fest, da ich mich nicht in ihm tusche. Ich
glaube nicht, da er Charakter besitzt. Es gibt so wenig Menschen mit
Charakter, finde ich, Frauen wie Mnner. Die meisten haben die Seele einer
Dirne, bei der es aus- und eingeht.

Ginstermann dachte nicht mehr an die bunten Falter und Blumen, an die
Schwalben da droben, er hrte zu.

Ich kenne berhaupt nur einen Mann, fuhr sie fort und blickte Ginstermann
an: Das ist mein Bruder.

Und sie begann von ihrem Bruder zu erzhlen, dessen Vorzge im hellsten
Lichte ihrer abgttischen Schwesterliebe strahlten. Sie wurde nicht mde,
ihn zu loben und schien gar nicht zu bemerken, da ein Teil dieses Lobes
auf sie selbst zurckfiel.

Ginstermann freute sich ber diesen Beweis ihres Vertrauens und wute sie
durch Fragen zu veranlassen, fortzufahren. Der Ton, in dem sie seine
Verdienste rhmte, war voll von aufrichtigster Verehrung, so da er, eine
kleinliche Eifersucht berwindend, schlielich dahin kam, diesen
Beneidenswerten selbst zu verehren und zu lieben.

Nicht nur, da er sich bis zu dem, was sie Charakter nannte, durchgerungen
hatte, da war noch etwas anderes:

Wenn ich ihm in die Augen sehe, sagte sie, so brauche ich nicht in Angst
zu sein, seine Vergangenheit darin zu entdecken, dann er hat keine
Vergangenheit.

Das durchfuhr Ginstermann wie ein Stich. Er mute an die Zeit denken, wo er
sich betubte, um nicht zu verzweifeln.

Seine Frhlichkeit war wie fortgeblasen. -- Er fhlte zwischen sich und dem
Mdchen eine Mauer emporwachsen, die sie fr alle Zeiten trennen wrde.

Er war nahe daran, ihr zu sagen: Sehen Sie her! Sehen Sie mir in die Augen.
Graut es Ihnen? O, wenn sie es nicht sehen, so will ich Ihnen sprechen
davon, sprechen!

Und doch fand er nicht den Mut dazu, er war zu feige.

Der Himmel verdsterte sich, und wie ein riesiges Schattenbild zog seine
Vergangenheit langsam darber.

Stumm schritten sie nebeneinander her. Sie mit Gedanken an ihren Bruder, er
mit Gedanken an sich beschftigt. Sie gingen voneinander entfernt.

Im Hintergrunde stampfte die groe Maschine, die wippenden Zweige streuten
Goldstaub auf den Weg.

Es war Ginstermann als peitschten sie seinen Rcken. -- --

Nach einiger Zeit bat Frulein Schuhmacher Ginstermann, dessen pltzliche
Mistimmung ihr auffallen mute, ihr einiges ber seine Arbeiten zu
verraten.

Es ist ihr gleichgltig, wer ich bin, dachte dieser bitter, sie geht nur
mit mir, weil die Zeitungen von mir schreiben.

Was arbeiten Sie gegenwrtig. Ich interessiere mich dafr, es ist nicht
Neugierde.

Ginstermann blickte sie an und lchelte. Nein, es war nicht Neugierde. Das
vershnte ihn einigermaen mit sich. Einerseits fhlte er sich in seiner
Eitelkeit dadurch geschmeichelt, auf der anderen Seite tat es ihm
ordentlich wohl, da jemand von ihm wissen wollte.

Er fuhr fort zu lcheln und sagte: O, das ist nicht so einfach zu sagen.
Das ist sehr kompliziert alles. Jemandem das auseinandersetzen zu wollen
-- Er rusperte sich.

Eine heie Welle berflutete ihn. Nein, war das nicht sonderbar? Jemand
wollte wissen, was er schrieb?

Sollte er ihr die Hnde kssen?

Er dachte gar nicht mehr an vorhin. Er dachte nur das eine: Jemand
intressiert sich fr dich, Freundchen. Das tut einem armen Hunde ordentlich
wohl, wenn jemand kommt und mit der Hand ber ihn streicht, wie? Haha.

Und er begann zgernd Gedanken und Plne auszukramen. Seine Hnde bebten,
er suchte ungeschickt nach den deckenden Ausdrcken, seine Lippen
zitterten.

Es war auch das erste Mal, es war auch das erste Mal!

Schamhaftigkeit durchschauerte ihn, whrend er sie sachte in das Innerste
seiner Seele fhrte und ihr all die Dinge zeigte, die noch keines Menschen
Auge erblickt. Da gewahrte er wie reich er war, und Stolz erfllte ihn.

Anfangs hing er allen Ideen einen Schleier ber, der sie verallgemeinerte,
dann lie er, seine letzte Scham berwindend, die Schleier sinken und lie
ihr sein Innerstes nackt sehen, so bitter, so s, so albern und verrckt
es ihr auch erscheinen mochte.

Heie Blutwellen durchliefen seinen Krper, er zitterte vor Erregung. Sein
Antlitz, das er sonst beherrschte oder verstellte, lebte auf, Zug um Zug
lste sich und diente zum Ausdruck. Es war, als sei er aus langjhrigem
Schlafe erwacht.

Er sprach mit leiser, eindringlicher Stimme, durch die Trnen fielen. Seine
Seele pulsierte in feinen Worten.

Zum erstenmal vernahm er seine eigene, wirkliche Stimme!

Er nahm dazwischen den Hut ab, strich sich durch die Haare, er blieb stehen
und zndete sich mechanisch eine Zigarette an. Oft hielt er den Schritt an
und sah dem Mdchen in die Augen, immerzu sprechend. Seine Augen fieberten,
er lachte und von all dem wute er nichts.

Sie gingen denselben Weg immer hin und her. Wohl ein dutzendmal. Wie auf
Kommando drehten sie am Ende immer um.

Fluten stiegen in ihm, quollen in ihm, brausten heraus. Er hatte tausend
Hoffnungen, tausend Plne.

Ich will nicht auf den Trmmern kauern und schluchzen, wie die anderen
alle, ich will aufbauen, neu aufbauen! Hier ist euer Weg, hier ist euer
Ziel! Wacht auf, wacht auf, um der Menschheit willen! Fort mit Schlaf, fort
mit Lge!

Er fand nicht Ende, nicht Anfang. Von jedem Gedanken liefen tausend Gnge
zu tausend anderen. Alles was unbewut in ihm geschlummert, brach ans
Licht, reiste in dieser Stunde blitzschnell heran. Ein ungeheures Rad mit
blitzenden Speichen schwang in ihm, angetrieben von einer unbekannten
Kraft.

Eine Blte fiel herab und blieb auf ihrer Schulter liegen, er nahm sie weg,
ohne jeden Gedanken.

Und er baute weiter, immerzu, der Hhe entgegen. Alles, was ihm sonst
unfabar gewesen, rckte in das Sehfeld seiner Erkenntnis. Mit beiden
Hnden konnte er wegwerfen, seiner Schtze wurden nicht weniger, es war wie
ein Zauber.

Zuweilen fragte er sich zwischen all diesen Strmungen: wie kommt das? Wie
ist das mglich? Bin ich sehend geworden? Und weshalb sage ich ihr das,
gerade ihr? Weshalb reit es mich hin, ihr den Fanatiker der Idee zu
zeigen, der ich bin, nachdem sie mich jahrelang in Schweigen gehllt?

Endlich hielt er inne. Seine Worte gehorchten nicht mehr, er brach in
nervses Lachen aus.

Frulein Schuhmacher faste nach seiner Hand und drckte sie.

Sie gingen still nebeneinander her. Die Gedanken, die er gesprochen,
umgaben sie wie eine sie begleitende Atmosphre.

Sie kamen am Wasserfall vorber und blieben stehen, das Bild und den toten
Rhythmus des Tosens mit halben Sinnen genieend.

Auf einen Felsblock sa eine Dame und zeichnete. Sie hatte eine spitze
abgeknickte Feder auf dem Hute und der bergeschlagene Fu wippte
unmerklich auf und ab. Ginstermann bemerkte das, so sonderbar es ihm auch
erschien. Und whrend die Wellen in ihm noch weiterrauschten, dachte er:
Hier sitzt immer jemand, der zeichnet, oder jemand der liest, oder einer,
der verzweifelt nach einem Verse sucht.

Sie gingen weiter, und Frulein Schuhmacher sagte nach langem Sinnen:
Wollen Sie mir nicht etwas aus Ihrem Leben erzhlen, Herr Ginstermann?

Das klang wie eine Bitte, die sie schchtern vortrug und am liebsten wieder
zurckgenommen htte. Eine leise Rte stieg in ihre Wangen, sie beugte den
Kopf in den Nacken und sah zum Himmel empor, den ihre Augen hell
spiegelten.

Von meinem Leben? erwiderte Ginstermann und lachte kurz auf.

Von Ihren Eltern, Ihren Geschwistern. Haben Sie Geschwister?

Ich habe weder Geschwister noch Eltern, Frulein Schuhmacher.

Sie blickte ihn an und war erstaunt, da er heiter lchelte.

Wie das?

Ich war noch nicht achtzehn Jahre, als man mir Urlaub fr mein ganzes
Leben gab. Ich hatte so etwas wie eine Dummheit begangen.

Er lachte wieder, ganz vergngt.

Ich begreife das nicht.

Ich bin glcklich, wenn ich daran denke. Der Ha macht glcklich, Frulein
Schuhmacher.

Pause.

Dann fuhr Ginstermann ganz von selbst fort:

Ich komme einen dunklen Weg. Niemand knnte das fassen, selbst wenn man es
ihm erzhlen knnte. Niemanden kann man es erzhlen. Man mte keine Scham
mehr haben. Ich habe das Bewutsein, da Tausende in dem schwarzen Sack
stecken geblieben und nicht mehr ans Licht gekommen wren. Ich kann Ihnen
nichts sagen. Nehmen wir an, ich sollte erzhlen, ich schlich mich in die
Stlle und stahl den Khen die Rben aus den Barren -- so knnte ich
hchstens sagen: dann und wann hat es mich auch gehungert. -- -- Hunger und
Durst ist das wenigste. Mit dem Stolze eines Knigs geboren zu sein und die
Demtigung eines Bettlers ertragen zu mssen, ist schon schwerer. Aber bei
all der Misere, Sehnsucht nach Glck und Licht und Liebe und all das
Ungegorene mit sich schleppen zu mssen, das ist keine Kleinigkeit. Ich
kann Ihnen nichts sagen, niemand sagt das. Es ist vorbei und heute lache
ich darber. Sie ahnen ja nicht, was alles an Herrlichem und Leuchtendem
auf dem dunklen Sumpfe schwimmt. Im allgemeinen ist auch nichts dahinter.
Es ist eine Vergnstigung des Schicksals. Was ist dabei, Tausende erleben
dasselbe, es ist keine Tat. Man blickt ein bichen ins Leben, sieht dem
Schicksal etwas bei der Arbeit zu. Man lernt das eher begreifen, was andere
spter begreifen mssen. Der Mensch ist nichts, wird nichts. Mysterien
walten ber uns, wir nennen sie Schicksal. Schicksal ist alles. Das
Schicksal hockt und lauert. Irgendwo hockt es und lauert.

Einer geht seine Strae und denkt, ich bin gefeit. Er geht sorglos. Andere
sieht er fallen, er ist gefeit. Er geht sorglos. Aber hinter dem 121.
Kilometerstein hockt sein Schicksal und lauert. Es haut ihn zusammen. -- O,
der Mensch ist ohnmchtig, das lernt man. Und fr diese Ohnmacht mchte er
sich rchen und deshalb ist er schlecht. Wir nennen es so. Aber das kmmert
das Schicksal nicht.

Es zieht Furchen in den Sand, wie die Kinder, die spielen, und setzt die
Menschen hinein: hier mut du laufen, hier du. Es drckt ihm die Hirnschale
ein, es reit ihm einen Fu aus. Er krabbelt weiter. Aber da kommt einer
daher, dessen Weg den seinen kreuzt, der hat die Kunst gelernt, Hirnschalen
zu flicken, Beine einzusetzen. Das nennt man Glck. Aber dieser
Wunderdoktor kommt selten. -- Und dabei all unsere Sehnsucht, unsere
kindische, gttliche Sehnsucht -- --! Glauben Sie nicht, da das alles
Unsinn ist, es ist manche Wahrheit darin.

Er nahm eine neue Zigarette aus dem Etui und sagte lachend:

Nun will ich Ihnen mal etwas Lustiges erzhlen. Einmal war ich Erdarbeiter
bei einem Bahnbau im Gebirge. Die Arbeit tat meinem Krper sehr gut, den
Feierabend benutzte ich dazu, zu schreiben. Ich setzte mich in den Wald und
schrieb. Oft schrieb ich in der Mittagspause, in glhender Sonne, whrend
die anderen auf dem Gesichte lagen und schliefen. Des Nachts schrieb ich in
der Baracke, in der ber fnfzig Leute schliefen, bei einem Stumpen Licht.
Ich mute mich in acht nehmen, denn sonst setzte es Spott und Prgel. Es
waren gute Kerle, trotzdem sie roh waren. Sie litten an Elend. Sie litten
auch noch an etwas anderem. Deshalb betranken sie sich, deshalb fluchten
sie, sie wuten es aber nicht. Sie hatten ein zottiges, irrsinniges Tier in
sich, das immerzu im Kreise ging. Das war ihre Seele, ihre geschndete
Seele. Einmal nun erwischten sie mein Buch. Es war ein dickes Notizbuch.
Einer, ein dicker, runder Bursche mit dem Gesichte eines Metzgerhundes las
es vor. Bei jedem Worte wieherte die Bande. In der Ecke da sa ein
Schwindschtiger mit herabhngendem Chinesenbart, der machte aus jedem
Worte eine Zote. Da kam nun einer im Buche vor, der denselben Vornamen
hatte wie einer meiner Kollegen. Das gab Hallo. Und als etwas Abflliges
ber ihn gesagt wurde, schrieen alle: Schlage ihn tot! Der, ein brenhafter
Kerl stieg ber eine Kiste und schlug mich auf den Kopf, da ich umfiel. Es
war nur Scherz. Die anderen stieen mich herum wie einen Fuball. Natrlich
nur Scherz. Schlielich wollten sie mein Buch zerreien und es mir zum
Fressen geben. Aber ein alter Arbeiter stand auf und sagte: Nein! Sonst
nichts. Da warfen sie es mir ins Gesicht -- ich habe noch heute die
Schrammen unter dem Auge -- und ich hatte es wieder. -- Ist das nicht
kostbar? Ich knnte Ihnen eine Menge solcher Geschichten erzhlen.

Nein, bitte, nein, ich habe an dieser einen genug.

Ginstermann erwiderte: Sie haben recht, wozu auch immer schwtzen.

Ich hre Sie gerne erzhlen, aber so bittere Geschichten machen mir keine
Freude. Und von solchen Leuten --

Nein, sagen Sie nichts ber diese Leute, Sie sollten sie kennen. Spter da
dichtete ich ihnen Lieder. Revolutionre, sehnschtige. O, Sie htten sie
sehen und hren mssen, wenn sie sangen. Eine Seele waren sie, ein Ha,
eine Klage. Es war, um in den Wald zu gehen und zu weinen.

Er lchelte und fuhr in anderem Tone fort: Nun habe ich noch eine
Geschichte fr Sie gefunden. Das war in Ungarn. Ich schrieb da in einem
kleinen Bureau. Da lernte ich ein Mdchen kennen. Sie hatte so gute Augen,
da ich es wagte, sie anzusprechen, als es niemand bemerken konnte. Dann
mute ich fort und sie erlaubte mir an dem und dem Tage an das Gitter ihres
Gartens zu kommen, um ihr Adieu zu sagen. Ich kam. Es war bitter kalt. Sie
hatte noch zwei Schwestern dabei, die ihr so hnlich sahen, da man sie fr
Abzge einer gleichen photographischen Platte htte halten mgen. Sie gab
mir die Hand zum Gitter heraus. Dann ging sie zu den Schwestern zurck. Sie
standen in einer Reihe auf einem Hgel. Und pltzlich zogen sie etwas aus
der Tasche und drei goldene Blle flogen durch die Luft. Orangen. Sie taten
es mit der gleichen Bewegung und riefen dabei ein und dasselbe ungarische
Wort. Ich verstand es nicht. Ich habe es auch vergessen und nur, wenn ich
sehr heiter bin, so klingt es mir in den Ohren. Dieses ist mein schnstes
Erlebnis.

Frulein Schuhmacher lchelte. Es ist schn, so wie Sie es erlebten,
sagte sie. Vielleicht finden Sie noch eines?

Nein, nein. Es ist genug. Wieviel habe ich heute nur gesprochen. Ich
sprach in drei Jahren nicht soviel. Tatsache. Und das ist nicht richtig.
Wir sollten stumm gehen und lauschen und sehen, sehen und lauschen, und uns
ber das herrliche Dasein freuen.

Finden Sie es so herrlich?

O ja, sehr.

Sie schttelte den Kopf. Ich verstehe Sie nun nicht.

Wenn ich Ihnen erklren sollte, weshalb ich das Leben herrlich finde, so
mte ich Ihnen wiederum eine lange Rede halten, und das wollen wir nicht.

Ich bitte Sie darum.

Schn, wenn Sie es wollen. Nun ich meine, es gibt doch unzhlige Freuden
und Herrlichkeiten. Da gibt es schon ganz einfache Dinge. Z. B. ich stelle
mir rot vor. Rot. Das ist herrlich. Oder ich mache die Augen auf und sehe
irgend etwas. Diese Baumgruppe, dieses Kind dort auf dem Wege, eine Fliege.
Ist das nicht schn? Man zirpt an eine Saite, und das ist schn. Ich
spreche noch gar nicht von Musik, von Kunst! Man kann tausendfltig
genieen, wenn man seine Sinne nicht verschliet. Alles wird Erlebnis, das
Kleinste. Hier ist es ein schn gesprochenes Wort, da ein kluges
Vogelkpfchen, und so fort. Und nun kommen erst die eigentlich seelischen,
die aus den Beziehungen von Mensch zu Mensch entstehen. Sie gehen ber die
Strae -- wozu Worte! Und dann ist es der Schmerz, die Sehnsucht, die
Arbeit, die Freude und das Erwarten eines besonderen Glckes, ohne das
niemand leben wrde . . . -- --

Der groe Tag neigte sich seinem Ende zu.

Sie gingen nach Hause, durch die treibende, bunte Menge hindurch, die die
Wege berflutete.

Sie sprachen nur noch weniges und hingen ihren Gedanken nach.

Ginstermann htte gerne noch um ein Viertelstndchen gebeten, aber er
befrchtete, ihre Gte zu mibrauchen.

Auf der Strae zwischen den den Husern, inmitten des brutalen Lrmens des
Verkehres, verwandelten sie sich beide in andere Menschen, als sie im Park,
in der Sonne gewesen.

Frulein Schuhmacher war wiederum die khle, vornehme Dame, als die er sie
kennen gelernt hatte.

Aber beim Abschiednehmen war sie liebenswrdig und herzlich wie whrend des
Spazierganges.

Ich werde Ihnen schreiben, wenn ich wieder kommen kann, nicht? Ist es
Ihnen angenehm? Adieu, und seien Sie recht fleiig. Auf Wiedersehen!

Sie schttelte ihm die Hand und ging.

Ginstermann schritt langsam die Leopoldstrae hinauf, ganz langsam.

Was fr einen Monat haben wir, meine Brder? sagte er.

Wir haben Mai!!

                   *       *       *       *       *

Ginstermann ging nicht sogleich nach Hause.

Er kehrte in den Englischen Garten zurck und schritt langsam, den Hut in
der Hand, dieselben Wege, die er mit ihr gegangen.

Die Sonne blitzte hinter der Stadt, die Wipfel der Bume streckten sich
ihrem erlschenden Lichte entgegen. Dmmerung kam und schob die Leute den
Ausgngen zu.

Jene auffallende Sicherheit und Ruhe, die Ginstermann whrend des
Nachmittages erfllte, fiel in dem Moment, wo er allein war, gleich einer
Schleuse, und die Flut seiner Empfindungen ergo sich mit dreifacher Wucht.
Er sa inmitten der Stunden dieses Tages, und jede einzelne breitete ihre
Herrlichkeiten vor ihm aus.

Er durchlebte nochmals jede einzelne Minute und das Erlebnis gewann an
Schnheit und Tiefe, da seine Phantasie es verklrte und durchleuchtete.
Jedes Wort, das Frulein Schuhmacher gesprochen, klang in ihm wieder, so
deutlich und lebendig, als spreche sie neben ihm. Ihre kurze Frage: wie
das? wolle ihn nicht mehr verlassen. Sie ging neben ihm her. Schlo er die
Augen, so leuchtete ihm ihr Gesicht entgegen, in jedem Ausdruck, den er zu
sehen wnschte. Sie wandte ihm sachte die Augen zu, wenn er redete, sie
lchelte, wenn er scherzte, sie kruselte die Stirne, wenn er ein Paradoxon
aussprach. Er entdeckte abermals, wie wesenhaft ihre Hnde waren, wie
schmal und gewlbt ihre rosigen Fingerngel, die kaum merkbare Asymetrie
ihrer Stirne.

Als er den Wiesenweg entlang schritt, den sie whrend seines Vortrages hin-
und hergegangen, fand er Spuren ihrer Schirmspitze. Dies mutete ihn an wie
eine reale Hinterlassenschaft.

Hier sagte sie dies und jenes, ein gelber Falter schaukelte ber die Wiese,
ein roter Sonnenschirm wanderte dort hinter den Bschen. Er wute jede
Einzelheit ganz genau.

Heute war der Tag seiner Wiedergeburt. Er hatte einen Menschen kennen
gelernt, er hatte sich einem Menschen zu erkennen gegeben, das war das
groe Ereignis.

Eines nur war bitter. Jene Erkenntnis, da ein Abgrund sie trennte.

Wenn ich ihm in die Augen sehe, so brauche ich nicht zu befrchten, seine
Vergangenheit darin zu entdecken, denn er hat keine Vergangenheit.

Welch unerschtterlich herrlicher Glaube lag in ihrem Tone und welch
grausige Abneigung vor dem Menschen, bei dem sie dies zu befrchten hatte.

Ein Schleier war gesunken, und er hatte eine Sekunde ihre Seele gesehen.
Mit Furcht und Bangen. --

Mde vom Laufen und Sinnen, steuerte er endlich seiner Wohnung zu.

Durch die Straen hauchte ein schwler lautlos bser Wind, Bangen in den
Herzen der Menschen erweckend. Die Sterne flackerten wie Kerzen, ber die
ein Luftzug streicht. Eine dunkle Wolkendecke schob sich ber die Residenz,
die Erde darunter zu ersticken.

Bei Bildhauer Kapelli war noch Licht.

Ginstermann schob den Kopf zur Trspalte hinein und sagte guten Abend.

Die beiden Leutchen saen aneinandergeschmiegt auf dem Sofa, eine
niedergebrannte Kerze vor sich auf dem Tische.

Kommen Sie doch herein, sagten sie mit vom Glcke schwermtiger Stimme.

Er trat ein und sa eine Weile, den Hut im Nacken, bei ihnen und scherzte
mit gedmpfter Stimme, obschon kein eigentlicher Grund zum Leisesprechen da
war.

Die Augen von Frau Trud erschienen wie blaue Flmmchen, die hinter Gaze
brennen.

Mai, Juni, Juli, sagte sie, ungewhnlich lchelnd. Sie sann vor sich hin,
dann warf sie den Kopf zurck, damit ihr nicht die Trnen aus den Augen
fielen, und lchelte wieder.

Ihr Gesichtchen war verklrt durch mdchenhafte Schamhaftigkeit und das
Mysterium, das sich in ihrem Schoe vollzog, durchschauerte ihr ganzes
Wesen.

Sie hatte ihren blonden kleinen Kopf, um den goldene Funken sprangen, an
den ihres Gatten gelehnt und Kapellis grauer Haarbschel hing ber ihre
Schlfe. Ihre Lippen waren rot, wie geschminkt, und Ginstermann fiel es
auf, da sie eine Schleife von genau der gleichen Farbe trug.

Sie atmeten alle beide in gleichen Zgen.

Ginstermann hrte auf zu scherzen und mit der Andacht vor dem Gefhle, das
diese beiden Menschen zu einem gewandelt, zog eine schmerzlich-se
Sehnsucht nach einem Zustande in sein Herz, dem er keinen Namen zu geben
vermochte.

Er schwieg schlielich ganz und nur sein Mund lchelte noch.

Alle drei sahen sie in die Flamme auf dem Tische, als shen sie die Bilder
ihrer Trume darin.

An den Fenstern knisterte es wie von feinem Sande, den eine Hand dagegen
warf.

Ginstermann flsterte.

Bianka, flsterte er.

Er erschrak und sah auf. Aber die beiden hatten nichts gehrt.

Er ging.

Aus dem Zimmer der Malerin von Sacken drang lautes Sprechen und Lachen. Er
erkannte Maler Ritts Stimme. Etwas verwundert ber die neue sonderbare
Freundschaft trat er in sein Zimmer.

Der Wind lag auf dem Boden und sprang an ihm empor, als er die Tre
ffnete.

Da begann es in der Ferne zu grollen, und dumpf rollte der Donner ber die
aufhorchende Stadt.

Ginstermann sagte: Das ist mein Schicksal!

Er sagte es mit unterdrcktem Jauchzen in der Stimme.

Er lehnte sich gegen die Tre, den Kopf in den Nacken gebeugt, immer noch
das Lcheln von vorhin auf den Lippen.




XI.


Ginstermann hatte es aufgegeben, gegen das Geschick zu kmpfen, das auf ihn
einbrauste.

Noch war es nicht soweit gekommen, da er sich ihm als Sklave ergeben
mute, noch konnte er sich verschenken.

Und so verschenkte er sich.

Er hatte sich gegen das Leben abgeschlossen, alle Fugen seiner Seele
verstopft. Nun war es doch gekommen, heimtckisch in seiner Gte, furchtbar
in seiner Liebe. Wie ein glhender Sturmwind fuhr es daher. Mit tausend
Stimmen, mit Posaunen rief es ihn.

Die Posaunen des Lebens riefen ihn!

Nicht ohne Grauen folgte er dieser Stimme, aber er folgte mit der
versteckten Sicherheit eines Menschen, der wei, da er sich zuletzt, ganz
zuletzt, wenn es ihn an seiner Brust zerdrcken mchte, durch einen Sprung
retten kann.

Und wenn nicht -- nun dann sollte er untergehen.

Er hatte solange geherrscht ber sich und andere, er hatte Sehnsucht,
einmal zu dienen, er hatte immer geschenkt, verschwendet, er wollte nun
nehmen, gierig nehmen.

Der Kampf gegen sein Schicksal war das Wahnsinnige, Erschpfende gewesen,
nun, da es sein Freund war, nahm er Geschenke und Hiebe ohne Trotz und
Schmerz entgegen.

Blank und frisch, reingescheuert lag die Erde. Der Himmel lockte, die Sonne
sang und sang, er blieb eigensinnig zwischen seinen vier Wnden.

Er wute, wenn du nach Schleiheim gehst, zwischen acht und neun Uhr
morgens, so kannst du sie sehen, wie sie mit der kleinen Scholl auf dem Rad
vorbeiklirrt, aber er ging nicht. Er wollte sich keine Freude mehr stehlen.
Selbst mute sie zu ihm kommen, ganz von selbst.

Sie wrde ihm ja schreiben. Ich schreibe Ihnen, wenn ich wieder kann, hatte
sie ja gesagt.

Oder hatte sie es nicht gesagt? Sie hatte es gesagt, natrlich!

Und noch hatte er ja zu zehren von dem groen Glcke von neulich.

Es war entzckend, nichts, gar nichts zu tun, auf der Ottomane zu liegen
und Zigaretten zu rauchen. Die Wirklichkeit versank und herrliche Trume
wuchsen aus ihr empor wie mattleuchtende Tulpen, deren Kelche sich leise
neigten.

Dazwischen dachte er daran, etwas zu schreiben. Er war voll von Liedern.

Doch lie er sie singen, klingen in sich, wozu sollte alles Papier werden?
Er wollte seiner Seele diese Lieder nicht rauben, sie sollten diese zarten
langstieligen Blumenkelche umschweben.

Bekam er Langeweile, so sprach er bei den Bildhauersleuten vor.

Er fhlte eine seelische Zusammengehrigkeit mit ihnen und es fiel ihm
nicht im Schlafe ein, sich daran zu erinnern, da er sie frher verliebte
Tierchen genannt, die in den Stall gehrten.

Er las in einem Buche, whrend Kapelli arbeitete, er spielte Karten mit
ihnen, wenn es Feierstunde gab, er sah Frau Trud beim Nhen zu.

Sein Aussehen hatte sich gendert. Er sah frischer denn sonst aus, blhend
gleichsam, nahezu wie ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren. In seinen
Augen, die sonst dster brannten, sprhte das helle Feuer der Lebenslust.

Eines Morgens standen zwei Bsten auf dem Tische, als er bei Kapelli
eintrat. Es war Biankas Portrt. Er erschrak vor Freude.

Diese beiden ganz gleichen Kpfe wirkten, lnger betrachtet, verwirrend
schmerzhaft auf ihn. Er sah im Geiste eine unendliche Reihe desselben
Kopfes vor sich und wurde nervs bei dieser Vorstellung.

Kapelli lachte ber dieses Gefhl. Seine Sinne waren abgestumpft, dadurch,
da er wochenlang dieses Gesicht studiert hatte. Fr ihn war es ein Kopf,
ein beliebiger Kopf, ein Geschpf von ihm.

Ich wrde ihnen eine Bste schenken, Ginstermann, sagte er. Wenn Sie
wollen.

Ginstermann berflog, berglcklich durch dieses Geschenk, das zu erbitten
ihm sein Zartgefhl verboten htte, des Bildhauers Gesicht, ob er nicht
einen schelmischen Zug darin entdecke. Aber Kapelli war vollstndig von
seiner Arbeit eingenommen und knetete mit nervsem Ernste an seiner Skizze
herum, jene argwhnisch-forschende Hrte in den Augen, die das
unausgesetzte gewissenhafte Vergleichen zwischen Modell und Arbeit erzeugt.

Also konnte er annehmen.

Ich danke, Kapelli, sagte er, diese Bste gehrt zum Besten, was Sie
geschaffen haben -- haha.

Er legte das Taschentuch um sie und trug sie behutsam in sein Zimmer
hinauf, sehr behutsam.

Nun stand sie auf seinem schmalbrstigen, hohen Bcherregal.

Anfangs beunruhigte in dieser Gast. Er war nicht mehr allein. Gleichzeitig
ein Gefhl der Scham, ohne ihr Wissen etwas von ihr zu besitzen. Aber sein
Egoismus brachte gar bald sein Gewissen zur Ruhe, und schlielich wurde ihm
die Bste eine wonnige Erlsung.

Er mochte sich noch so sehr in Trumereien verlieren, immer wieder gelangte
er auf irgend einem Wege zu diesem Bildnis. Seine Gedanken, ja seine
Bewegungen wurden dadurch beeinflut. Etwas Weltfernes, etwas Reines,
Heiliges erfllte ihn, ohne da er sich erst dazu htte erziehen mssen.

Sein Zimmer wurde zu einem Tempel, dessen Gottheit Bianka war. Die Vorhnge
waren stets zugezogen, so da feierlich gedmpftes Licht herrschte. Schien
die Sonne gegen die Scheiben, so erfllte eine schwrmerisch-gelbe,
verheiende Beleuchtung das Gemach, dunkelte es drauen, so versank der
Raum in Schwermut und scheues Wnschen.

Oft stand er dicht vor der Bste und verharrte lange in der Betrachtung.
Dann waren nur Bianka und er im Zimmer, sonst nichts, weder Stuhl noch
Tisch.

Eigentlich konnte man nicht gut Bste sagen. Es war ein Mittelding zwischen
Bste und Maske. Der Hinterkopf war weggeschnitten, wodurch das Edle,
Durchgeistigte des Antlitzes noch hervorgehoben wurde.

Es war ein Antlitz, wie es Kranke haben, so zart, so durchscheinend,
gleichsam berstrahlt von einem Lichte, das aus dem fernen Lande glnzte,
wohin diese groen sehnschtigen Augen blickten. Die Nasenflgel schienen
zu beben, der Mund zu zittern unter diesem Lcheln, diesem schmerzlich
verlangenden, drstenden Lcheln jener Menschen, die das Schicksal auf
diese Welt verschlug.

Ich leide, sagte dieses Lcheln, aber ich mchte es euch verbergen, denn
ihr wrdet mein Leiden nur miverstehen.

Die Spitzen der Finger schmiegten sich, als wollten sie das pochende Herz
beruhigen, an die Brust, whrend die brige Hand in den Block berging.

Er verbrachte die Tage hinter verschlossener Tre, mit dem Egoismus des
Glcklichen, der Scheu des Verbrechers, der Scham des Liebenden.

Er nannte sie Bianka, wenn er zu ihr redete. Wenn seine Gedanken zu ihr
redeten, von denen er nicht einmal wute, was sie sprachen. Ach, alles war
Keim in ihm, Knospe, er htte keine Worte gefunden, als solche, die die
Lippen vieler bereits profanierten. Er wnschte es auch nicht. Alles war
Musik in ihm und schwebender Klang. Selbst Bianka sagte er nicht, nur seine
Lippen bewegten sich, als liebkosten sie diesen Namen.

Feiertage waren das. Was er, der Gottlose, nie kannte, das lernte er jetzt
kennen in seiner ganzen Se: Andacht, himmlische, inbrnstige Andacht.

Oft war es ihm, als wre er gar nicht, als ginge er als Traum eines hheren
Wesens einher.

Aufs neue erschlo sich ihm Mensch und Menschentun, da er die Liebe kennen
lernte, die ledig aller Leidenschaft war. O, wie glatt und kalt waren doch
die Speere der Vernunft! Sie mordeten. Die Liebe, die so weich ist wie
Mutterlippen, die heilte. Nun wurde ihm der groe Prediger lebendig, der
diese armen Menschen alle an seine Brust nahm und die Trnen seiner
unendlichen Liebe in ihre bitteren Herzen trufelte.

Gelobet seist du!

Und die armen Menschen hatten dies Erbe verloren. Sie lebten auf dem
Kerichthaufen des Tages und scharrten schwatzend und zeternd ekle Klumpen
und bunte Fetzen. Sie waren Schlacke, die kein Hauch mehr erwrmte, kein
Feuer mehr glhend machte. Der Mensch war ja tot! Seinen Gott hatte er
verloren und nicht mehr soviel Seele in sich, in schchterner
Kinderinbrunst zum Menschen zu beten. --

Eines Abends verlie Ginstermann das Haus -- die Beleuchtung in seinem
Zimmer war so schal und mde -- und kehrte mit einem Paketchen in
Fliepapier zurck.

Er hatte Blten eingekauft, mit denen er sein Heiligstes schmckte.

Es waren zartfarbene exotische Blten von mrchenhafter Gestalt, lange
geschweifte Kelche, die einen sen Duft ausatmeten. Er wute nicht, wie
man sie nannte. Verwunschene Prinzessinnen waren es, hchst einfach.

Er lag auf der Ottomane und betrachtete das Bildnis, whrend sich seine
unklaren Gefhle zu einem Zuge stummjauchzender Verse ordneten, die in
seiner Seele hin- und herzogen, eine feierliche Prozession in Wei und
Gold.

Alle Tage ersetzte er die Blten durch neue.

Der Tag versank um ihn, er dachte hufig gar nicht mehr daran, da jenes
Weib, das er hier anbetete, wirklich existierte.

Ohne die geringste Ungeduld wartete er auf ihr versprochenes Billett.

Auf einem seiner Einkufe begegnete ihm Frulein Scholl. Die kleine
reizende Scholl sagte: Frulein Schuhmacher reist demnchst ab.

Er hrte es ohne Schmerz und dachte: Sie wird dir schreiben, wenn sie
wieder kommen kann.

Es eilte ja gar nicht, es eilte ja gar nicht.

Einmal entstand das Verlangen in ihm, ihr ein Fest zu geben.

Er nahm seine ganze Barschaft und handelte weie Rosen dafr ein. Sie waren
klein wie ein Taubenei, und jede hatte hundert zarte Bltter. Es war eine
ungeheure Menge und doch waren es noch lange nicht genug.

Er arbeitete fiebernd vor Festesfreude an der Ausschmckung. Er rannte fort
und besorgte Draht, er rannte fort und besorgte Seidenpapier fr die Lampe,
er rannte fort und besorgte duftende Kruter.

Die Bste stand nun in einer Laube weier Rosen, bleicher, keuscher,
sehnschtiger als diese. Rosen lagen auf der Schulter, vor ihr auf dem
Teppiche, aus einer kleinen Schale stieg der Rauch duftender Kruter empor,
ein dnner Faden, der oben einen sich drehenden Kelch bildete. Die Lampe
war in gelbes Seidenpapier gehllt und sah aus wie ein Stern, der werden
will.

Es war schn! Ach, ihr httet es sehen mssen!

Bianka! jubelte Ginstermann. Bianka!

Allerdings htte man es sich noch viel, viel herrlicher denken knnen. Eine
Laube aus weien Rosen mit goldenem Himmel zwischen den Ranken, wie auf den
Gemlden der alten Meister. Und ganz aus der Ferne die Stimme einer Geige.
Einer einzigen Geige, leise und s, eine Melodie, die er in sich hatte,
schchtern anbetend, verschmt sehnschtig.

Und in den Pausen dieser ewigen Melodie htten die Stimmen von Jungfrauen
jauchzen mssen, so unendlich ferne und verweht vom Schwingen grner
Palmzweige.

Ergriffenheit bemchtigte sich seiner, er breitete die Hand ber die Augen,
als ob er weinen msse.

Bianka blickte ihn an. Ihre Augen bekamen Farbe und Ausdruck, whrend das
Gesicht bleich und still blieb. Sie zrnten ihm nicht wegen des Frevels, zu
dem ihn seine Liebe verleitete. Sie blickten mild und gut.

Dieser Abend war eine einzige Kstlichkeit.

Seine Trume in dieser Nacht waren noch erfllt davon. Bianka schwebte
durch sie, bald mild lchelnd, bald stolz fliehend.

Er sa auf einem Sterne, weit ab von der Sonne, die Sonne erschien wie ein
winziger Funke. Bluliches Licht um ihn. Er hatte aus den anderen Sternen
Biankas Namen gebildet, der sich flimmernd durch den Raum spannte, wie eine
silberne Brcke. Er sa und schluchzte. Weshalb schluchzte er? Er wute es
nicht. Da strich etwas ber seine Haare, ein Gewand flsterte, das war
Bianka. Er sah sie nicht, aber er wute, da sie es gewesen.

Und wieder, da eilte er durch einen Lilienwald. Das weie Gewand Biankas
schimmerte vor ihm. Aber so sehr er eilte, er erreichte es nie. Er rief,
aber der Wald verschluckte seinen Ruf, ohne ihn weiterzugeben. Pltzlich
wurden die Lilien so dicht, da er nicht mehr durchzukommen vermochte. Und
Biankas Augen blickten ihm entgegen. Sie lchelten grausam und hhnisch. Da
begann der ganze Wald zu wandern und voller Schrecken erwachte er.

Wieder -- wieder -- da gingen sie durch eine Wiese von
glsern-durchsichtiger Farbe. Er und sie. Sie schritten Hand in Hand. Er
war jung, schn war er. Sie war bald Kind, bald Jungfrau -- Sie gingen im
gleichen Schritt, sonderbar pathetisch, als trge sie eine Melodie.

Da begann sie zu singen. Leise, flsternd.

Als Kinder spielten wir auf blumiger Wiese, sang sie.

In unseren Trumen sprten wir unsere Hnde, sang er.

Ihre Schritte zogen eine leuchtende Spur durch die Flur.

Sie blieben stehen, legten sich die Hnde auf die Schultern und blickten
einander an. Aus ihren Augen zngelte eine goldene Flamme.

Wohin gehen wir?

Bis an die Pforte.

Bis an die Pforte?

Bis an die weie Pforte. -- --

Die nchsten Tage verbrachte Ginstermann mit Arbeit. Es hie, sich nun
verzweifelt einzuschrnken. Fr die wenigen Gegenstnde, die er verkaufen
hatte knnen, war ihm lcherlich wenig geboten worden. Er war auf
Viertelkost gesetzt. Aber das kmmerte ihn herzlich wenig. Die Not hatte
fr ihn nichts Furchterweckendes mehr; Gewohnheit und sein momentaner
Gemtszustand lieen sie ihn als eine Freundin betrachten, eine alte
Bekannte, mit der man Scherze treibt. Schmerzlich war nur der Umstand, da
er jetzt seine Blumenopfer unterlassen mute, und wenn er nun arbeitete,
geschah es weniger in der Absicht, Brot zu schaffen, als vielmehr Blten
erwerben zu knnen.

In der ersten Zeit ging es nur langsam vorwrts, sein Geist war der
Disziplin entwhnt; aber dann hatte er eine Menge glcklicher Einflle, und
es gelang ihm noch in derselben Woche, eine satirische Plauderei
loszubringen. Fr die Hlfte des Honorars kaufte er Blumen, die er mit
glckseligem Jauchzen ber sein Heiligstes streute.

Er war stets guten Mutes.

In den Pausen seiner Arbeit stand er in Betrachtung der Bste versunken.
Dann verfiel er auf den Gedanken, Briefe an Bianka zu schreiben, die er
natrlich nicht absandte.

Es waren Briefe, die nur er verstand, sonst niemand. Sie jauchzten und
jubilierten, sie stammelten vor Glck. Hymnen nannte er sie, Hymnen an
Bianka. Nie sollte ein Mensch sie zu lesen bekommen, er nahm sich vor, sie
zu verbrennen -- bei Gelegenheit.

Tage gingen. Regen kam.

Regen. Unaufhrlich klopfte er an die Scheiben.

Dieser kleine Umstand gengte, Ginstermanns Stimmung zu verndern.

Sein Zimmer erschien ihm eng, ein Kfig, ein Kerker. Es war ihm, als habe
die Zeit ihn vergessen, als lebe er allein auf dem Planeten, whrend alles
schon schlief.

Unruhe berfiel ihn und namenlose Sehnsucht.

Oft, whrend er schrieb, sprang er auf und sagte laut: Weshalb schreibt
sie nicht? Er mute seine Arbeit stundenlang unterbrechen, da ihm die
Sehnsucht keine Ruhe lie.

Er sah nach seinem Kalender. Heute war der siebzehnte Tag danach.

Er ging des Nachts wieder in der Leopoldstrae auf und ab. Er lauerte auf
der Schleiheimer Chaussee. Allein die Straen waren wenig verlockend zum
Radfahren. Und dann regnete es auch. Bei Regenwetter fahren junge Damen
nicht Rad. Er lachte; den Weg htte er sich ersparen knnen.

Weshalb schrieb sie nicht?

Sollte er schreiben? Nein, das hiee wenig Vertrauen zeigen.

Also wartete er.

Seine Arbeit bestand nun darin, von der Morgen- zur Mittagspost, von der
Mittags- zur Abendpost zu warten.

Eine Stunde hat sechzig Minuten und eine Minute sechzig Sekunden, meine
Freunde!

Wenn er grbelnd ber den Papieren sa, so hrte er hufig Pochen an der
Tre. ffnete er, so fand er jedoch niemanden vor. Oder er vernahm das
Rauschen von Frauenkleidern, hrte sie sprechen im Hofe drunten.

Und dann diese Stille, diese Einsamkeit. Diese bengstigende Stille, die
schwerer und schwerer wurde und ihn zu erdrcken drohte. Diese Einsamkeit,
in die Rufe und Poltern der Strae wie Hohn drangen.

Sah er die Bste stehen, die er nur geschmckt gewohnt war, so verursachte
ihm dies ungeheure Qual. Er trat davor und sagte, schmerzlich lchelnd:

Das Schiff mit Gold mu jeden Tag eintreffen.

Wie alle Einsamen, sprach er viel laut vor sich hin. In letzter Zeit jedoch
geschah es hufiger denn gewhnlich, und er gefiel sich in den
absonderlichsten Bildern.

Eines Tages nun kam der Briefbote und brachte ihm einen Wertbrief mit
fnfhundert Mark.

Er ri, schwindelig vor Glck, das Kuvert auf und schlug auf den Tisch, um
sich zu berzeugen, da es keine Sinnentuschung war. Es lagen fnf
Hundertmarkscheine darin. Ein Brief seines Verlegers, er solle ihm das Geld
bermitteln.

Ginstermann warf die Scheine auf den Tisch und ging mit geballten Fusten
umher.

Welcher Schuft will mir eine moralische Schuld mit Geld bezahlen! rief er
aus. Irgend so etwas stak dahinter. Er witterte es. Oder wer sonst sollte
ihm das Geld zuschicken? Er kannte niemanden. Er dachte an Bianka, schmte
sich aber augenblicklich, er dachte an Frulein Scholl, lachte aber
darber. Diese Dame lebte in dem holden Wahne, ein Dichter schwimme in
Gold. Faktisch!

Eine ungeheure Wut gegen den Unbekannten, der seinen Stolz bestechen
wollte, packte ihn.

Dann hielt er den Schritt an, und er fhlte, wie sein Herz stille stand und
jeder Tropfen Blutes aus seinem Gesichte wich.

Nein, nein, rief er, das ist nicht denkbar!

Nun war er da, der Gedanke, und er brachte ihn nicht mehr los.

Die Hand seiner Vergangenheit hatte nach ihm gegriffen.

Lieber Freund, sagte er zu sich, auf der Ottomane kauernd, du bringst
deine Vergangenheit nicht mehr los, und wenn du dir das Gehirn aus dem
Kopfe schlgst. Eine Schlinge liegt um deinen Fu und zieht sich zu, wenn
du ausschreiten willst. Du kannst nicht mehr gehen, wohin du willst.

In seinem Gehirn wirbelten die Gedanken wie die Flgel einer Turbine,
seinen ganzen Krper durchzitternd.

Nach einer Weile fand er seine Fassung zurck.

Was ist dabei, sagte er sich und legte das Kuvert in ein Schubfach. Ich
werde es herausbringen. Im brigen geht man nicht rckwrts in die Zukunft
hinein, mein Freund.

Er nahm den Hut, um spazieren zu gehen. Es darf nicht so fortgehen, dachte
er. Er kramte in seinen Papieren, zog ein dnnes Manuskript hervor und
steckte es in die Tasche, um es auf die Redaktion zu tragen.

Es waren Gedichte, Gedichte an Bianka. Das kam ihn hart an, aber es mute
sein. Das Leben erlaubte keine Zimperlichkeit. Er wollte sie unter fremdem
Namen verffentlichen, damit Bianka nicht etwa den Verrat entdecken konnte.

Du verzeihst, sagte er, die Bste anblickend, und ging.

Nun war er traurig, sehr traurig. Es half nichts, da er sich zurief: Mut,
Mut!

Im Hausflur traf er Frulein von Sacken, die glcklich lchelnd Ritts
Atelier verlie.

Guten Tag, sagte sie und bot ihm lchelnd die Hand.

Guten Tag, erwiderte er und ging an ihr vorbei.

Ritt sah zur Tre heraus und grinste.

Kommen Sie, Ginstermann! rief er ihm zu.

Ginstermann hatte keine Lust.

Nur eine Sekunde!

So trat er also ein. Ritt fhrte ihn zu einem Bilde, das auf der Staffelei
stand. Es war ein Stillleben, Karpfen waren es.

Wie finden Sie es? Ich habe dem armen Weib ein bichen geholfen.

Es war prchtig gemalt, aber Ginstermann sagte nichts.

Fr ihn gab es keine Farben mehr, kein Leben und Lachen. Eine dunkle
Traurigkeit hllte ihn ein.

Die Sacken ist doch eigentlich noch ein hbsches Weib, nicht? lchelte
Ritt.

Ginstermann erwiderte mechanisch: O, gewi߫, und ging.

Es war ihm alles einerlei.

Ob das Bild gut oder schlecht war, ob Frulein Sacken hbsch oder nicht
mehr hbsch war, das konnte ihm doch ganz gleichgiltig sein. -- -- --

                   *       *       *       *       *

Ginstermann schlo seine Tre auf, streckte den Kopf ins Zimmer und lachte.

Er trug ein kleines Paketchen in Fliepapier, das er sorgfltig enthllte.

Dumpfe Luft und schwermtiges Licht erfllten sein Zimmer. Er zog die
Vorhnge auseinander und ffnete die Fenster. Die Sonne wirbelte ins Zimmer
und berschttete die Bste mit goldenen Kssen.

Im Tempel des Lebens ist die Sonne der Strahl der Kerzen und frische Luft
Weihrauch! jauchzte er pathetisch.

Der Duft von Veilchen, die er mitgebracht, erfllte das Gemach. Das ganze
Haus stand gleichsam in einem blhenden Garten. Ein bescheidener Schmuck
lagen sie auf der schneeweien Schulter, ihr wunderholdes Bltenantlitz an
Hals und Brust Biankas schmiegend.

Weshalb hatte sie ihm nicht geschrieben?

Nun wute er es, und er wute es doch nicht.

Sie hatte gesagt: Oft dachte ich daran, Sie zu einem kurzen Spaziergang
aufzufordern, aber ich unterlie es stets. Ich wei nicht, weshalb.

Sie wute nicht, weshalb.

Er war durch die Straen gegangen, als er pltzlich seinen Namen hrte. Er
sah sich um, er sah hinber: Frulein Schuhmacher stand drben, und
Frulein Scholl und Frulein Bijou waren auch dabei.

Eine ganze Stunde hatten sie zusammen gebummelt. Sie hatten Einkufe
gemacht fr die Reise. Die Mdchen waren in die Magazine getreten, und er
hatte sich die Auslagen betrachtet und sie stets, wenn sie zurckkamen,
gefragt, was sie Schnes gekauft htten. Einmal war er sogar mit in das
Geschft eingetreten. Es sollte eine Aschenschale fr den Bruder, den
Offizier in Berlin, gekauft werden. Obgleich er Bianka ein feines
Verstndnis zutraute, hatten ihn doch ihre Sicherheit und ihr reifer
Geschmack verblfft. Sie prfte Stck um Stck, und er sah stets an ihrem
Blicke, was ihr an der Arbeit mifiel. Endlich entschied sie sich fr die
einfachste Schale, die zu finden war. Keine Figur, keine augenfllige
Originalitt, eine vornehme Form, ein paar sprechende Linien. Er sah erst
jetzt, wie schn die Schale tatschlich war.

Die kleine Scholl meinte allerdings, die Schale sei langweilig und
geschmacklos.

Bianka wrde in vierzehn Tagen abreisen. Wenn es der Zustand der Mama
erlaubte, vorausgesetzt. Einige Zeit wrden sie in Montreux zubringen, dann
fr immer nach Nizza bersiedeln. Ihr Vater wollte in Nizza eine Villa
kaufen.

Es gab auf der Welt Leute, die eine Villa in Nizza kaufen konnten, es gab
wiederum solche, die nicht ein Billett nach Nizza zu erschwingen
vermochten. Es gab Leute, deren Seele in Sorglosigkeit erblhte, es gab
solche, deren Seele von banalen Widerwertigkeiten zerfressen wurde, wie ein
Stck Zucker von Ameisen.

Aber sie wrde doch wieder nach Mnchen kommen?

Nein, voraussichtlich nicht.

Nicht, nicht. Jawohl nicht.

Nun gut, es waren ja noch vierzehn Tage, vier--zehn Tage.

Und morgen wrde er sie wieder im Englischen Garten treffen.

Kann man mehr verlangen.

Morgen, morgen, morgen -- --!

Er nahm einen Briefbogen und schrieb. Den 21. Tag danach. Bianka, du sollst
mich nicht tten. Herrliche, weit du, nie liebte mich jemand, nun sterbe
ich daran. Deine Gte, deine endlose Gte! Die Gte in deinen Augen, die
Gte in deinem Lcheln, diese Gte in deinem Hndedruck. Tte mich nicht,
du Erlserin zur neuen Qual . . . .




XII.


Der Nachmittag war vorber.

Bis man den Mund auf- und zumachte, war er schon vergangen.

Ginstermann ging in der Dmmerung seines Zimmers auf und ab. Er wollte sich
sammeln zur Arbeit. Da waren so sonderbare Gedanken in seinem Kopfe, die
gegen die Gehirnwnde pickten und ans Licht wollten.

Es wrde etwas berraschendes werden, das fhlte er.

Aber vorlufig kam er noch nicht dazu. Er war zu vergngt, zu vergngt. Er
mute ununterbrochen lachen, gerade als ob er Lachgas eingeatmet htte.
Schon heute Nachmittag hatte er diesen eigentmlichen Lachreiz versprt.

Eine Menge komischer Erlebnisse fielen ihm ein und beschftigten ihn. Da
war die kleine Sngerin di Ballo, die ihn an den Haaren zupfte und mit
ihrer affektierten Stimme fltete: O, noch einmal la mich in deine schnen
Augen blicken, in deine tiefen schwarzen Funkelaugen! Und da war Sergeant
Kderiz, den sie jeden Abend betrunken nach Hause fuhren. Dieses Lcheln,
wenn er auf dem Karren lag! Er trumte von schnen Frauen, die ihm die
nackten Arme um den Hals schlangen und seinen roten Schnurrbart zirpelten.

Wenn der Mensch unglcklich ist, so denkt er an alle schlimme Stunden, ist
er glcklich, an alle amsanten Erlebnisse, das ist doch erklrlich.

Und er, Ginstermann, war heute glcklich!

Was war am Nachmittage alles geschehen? O, es waren Herrlichkeiten ber
Herrlichkeiten passiert.

Bianka war sehr liebenswrdig gewesen und hatte ihn ausgezankt seines
bernchtigen Aussehens wegen. Sie ahnte ja nicht, was ihn nicht schlafen
lie, das war das Groartige! Er hatte ihr das feierliche Versprechen
ablegen mssen, nicht mehr soviel Tee zu trinken und Zigaretten zu rauchen.
Drei wollte sie gestatten. Glcklich darber, da sie ihn ein wenig
bemutterte, hatte er ihr es versprochen.

Dann waren sie zusammen in den Chinesischen Turm gegangen und hatten Kaffee
getrunken. Es hatte zu regnen begonnen. Ganz herrlich, whrend die Sonne
schien. Wie geschliffene Brillanten fiel es durch die Sonnenstrahlen. In
einem Regen glitzernder Steinchen waren sie geschritten.

Wollen wir nicht ins Restaurant treten? hatte er gefragt.

O ja, es wird besser sein.

Und da war nun das Komische geschehen: er hatte sein Portemonnaie
vergessen. Tatschlich! Glaubt man es? Ein Mensch, der absolut nichts zu
tun hat, vergit sein Portemonnaie. Und er lud eine junge Dame zu einer
Tasse Kaffee ein!

Im brigen freute es ihn, da er sich so vortrefflich beherrschen konnte.
Es lag am Tage, an ihm war ein groer Mime verloren gegangen. Er konnte in
aller Ruhe ber die gleichgltigsten Dinge sprechen, ja, er konnte Bianka
durch sein Benehmen, seine Nonchalance sogar beweisen, wie wenig sie ihn im
Grunde interessierte. Und das alles, whrend es in seinem Innern fieberte,
da er die Finger verkrampfen mute, da er die Augen schlieen mute,
damit sie nicht die Flammen seines Herzens darin she.

Sie durfte nichts erraten, nicht das mindeste, bei Gott, sie durfte nicht
einmal Verdacht schpfen.

Was war noch geschehen? Was war noch geschehen?

Ach, es war noch etwas Sonderbares geschehen. Das war, als sie Abschied
nahmen.

Bianka hatte gesagt: Es ist ganz merkwrdig, wenn Sie den Kopf neigen, so
sehen Sie einem Freunde von mir sprechend hnlich.

Und ohne seine Gegenrede abzuwarten, war sie fortgefahren: Er war ebenso
alt wie Sie. Er war Komponist von starker Begabung. Man prophezeite ihm
eine groe Zukunft.

Was aus ihm geworden wre?

Es sei nichts aus ihm geworden. Er sei zugrunde gegangen. --

Es war noch eine Menge geschehen; eine ungeheure Menge.

Und auf dem Heimwege war er noch der kleinen Scholl begegnet.

Herr Ginstermann!

Aber er hatte keine Zeit gehabt, nicht eine Sekunde. Er gab ihr die rechte
Hand, sagte: Guten Abend, wie geht es? dann reichte er ihr auch schon die
Linke, und fort war er. Verzeihung, ich will arbeiten, rief er dem
verdutzten Mdchen zu.

Ja, nun wollte er auch arbeiten. Dieses Zerstreutsein mute ein Ende
nehmen. Er wollte die Geschichte zweier Auserwhlten schreiben!

Die Begierde zu schreiben erfate ihn so heftig, da er kaum erwarten
konnte, bis die Lampe in Ordnung war.

Aber im gleichen Momente leuchtete die Bste auf, und nun konnte er den
Blick nicht mehr von ihr wenden.

Das war Bianka, Bianka! So war Bianka. Ebenso stolz, ebenso unnahbar. Sie,
blickte ihn nicht an, sie sah durch ihn hindurch, irgendwohin in eine
Ferne, die ihre Phantasie geschaffen. Genau wie die lebende Bianka, wenn
sie ihn anblickte.

Wie hatte Kapelli das fertig gebracht? War er ein Seelenseher?

Ein Zweig granatroter Blten lag vor der Bste. Er hatte sie heute morgen
gekauft. Sie hatten ein Vermgen gekostet, ein Landgut sozusagen, eine
Domne, aber er kaufte sie. Es waren indische Blten mit einem wunderbaren
Namen. Der Zauberer, bei dem er sie erstand, hatte ihn genannt. Er war so
weich, so duftend, alle Mrchen aus Tausendundeiner Nacht barg dieser Name.

Er stand auf und trat vor die Bste.

Trnen traten in seine Augen. Es war, als schluchze es in ihm. Sein Herz
quoll ber. Er war nicht mehr eins, sein Wesen lste sich auf in tausend
Teilchen, die ihr alle dienten, sie anbeteten. Tausend Lippen flsterten
lautlos ihren Namen.

O, wie liebte er sie! O, was hatte er ihr alles zu danken!

Er flsterte etwas. Es war keine Sprache, die die Menschen reden. Es waren
Laute, die aus seinem Innersten kamen.

Ava -- ava, flsterte er.

Er wute nicht, was es hie, aber in die Sprache des Pbels bertragen,
bedeutete es vielleicht: ich liebe dich!

Nach langer Weile erst lie ihn dieser Bann los.

Adieu, sagte er leise und begab sich wiederum an den Tisch zurck. --

Am nchsten Tag trifft er sie wieder. Sie machen zusammen Einkufe. Er
trgt die Paketchen, alle Taschen hat er voll. Sie ist heute
liebenswrdiger denn je. Das bringt ihn dazu, sich kleine Scherze zu
erlauben. Zum Beispiel ber die Art, wie sie die Augenbraue hochziehe, wenn
jemand an sie stoe. Und ber ihre Augen erlaubt er sich diesen Scherz:
Ihre Augen sind so klar, Frulein Schuhmacher, da ich mich nicht wundern
wrde, pltzlich Forellen drinnen schwimmen zu sehen.

Sie lchelt und sagt: Sie sind ein Schelm! -- Warten Sie, ich will hier
Handschuhe kaufen.

Er wartet geduldig und ungeduldig in einem, das Griffchen ihres
Sonnenschirmes liebkosend, den sie ihm berlassen hat.

So geht es fort. Am nchsten Tag, am bernchsten. Des Glckes Ewigkeit ist
nun gekommen.

Und heute hat sie ihn eingeladen, sie zu besuchen. Er nahm die Einladung
mit ungeschickter Verblffung entgegen.

Sie lachte und sagte: Kommt Ihnen das so wunderbar vor?

Und da lachte auch er.

Noch etwas Herrliches, Sinnverwirrendes. Etwas, an das er nicht denken
kann, ohne die Augen dabei zu schlieen.

Adieu, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. Aber sie zog sie wieder
zurck und streifte den Glac ab. Und sie gab ihm ihre nackte, weie Hand,
deren feine Knochen er fhlte. Sie hat eine Hand, die in Versen spricht!

Und nun befindet er sich in Biankas Tabernakel. Hier ist keine Farbe laut,
kein Licht laut, kein Gerusch laut. Das Zimmer atmet leise, es ist ein
Wesen. Auf der Konsole klingt das Ticken einer Uhr, und jedes Kling-kling
siebt feinen Silberstaub auf den Teppich.

Niemand wrde es wagen, hier laut zu sprechen, nicht ein Barbar.

Er befindet sich in einer Erregung, wie er sie noch nie empfand. Und er
stand schon vor groen Mnnern, vor Theaterdirektoren und tausend Zuhrern.

Bitte, ld sie ihn ein, Platz zu nehmen. Sie trgt ein Hauskleid mit
weiten rmeln und Spitzenmanschetten.

Ob er sich auf den Puff oder in den Schaukelstuhl setzen drfe?

Nach Belieben.

So setzt er sich in den Schaukelstuhl.

Ich habe die Schaukelsthle so gerne, sagt er, schon als Kind war ich
verliebt in sie. Da hatte ich eine Tante, Tante Anna. Die besa einen
Schaukelstuhl. Ich besuchte sie so hufig als mglich. Obschon sie Katzen
hatte. Nebenbei, sie hatte so viele Katzen, da keine Woche verging, ohne
da eine starb.

Sie zndet die Kaffeemaschine an.

Rauchen wir? fragt sie.

Er zappelt aus seinem Stuhl heraus und nimmt eine Zigarette.

Sie rauchen und plaudern.

Dann, whrend sie den Kaffee serviert, sagt sie: Nun mssen sie lesen. Sie
haben doch etwas mitgebracht!

Natrlich, er hatte die ganze Tasche voll.

So liest er also. Kleinigkeiten, Stimmungen, Gedichte.

Das eine gefllt ihr gut, das andere wieder weniger. Eines entzckt sie
sogar.

Es heit: Der Sohn. Da ist eine Mutter, die nichts besitzt als einen Sohn.
Er reist. Kommt er zurck, so kt er sie. Erst hei, dann innig, dann
khl. Zuletzt sind seine Lippen wie Eis, sie berhren kaum die ihrigen. Sie
ahnt, er kommt nicht wieder. Ihre Angst, ihr Schmerz. Er kommt auch nicht
wieder. Ein Telegramm aus fernem Lande.

Diese Geschichte nimmt sie und trgt sie zu ihrer Mama hinaus.

Ihre Mama habe es ergriffen.

Er verneigt sich tief.

Dann zeigt sie ihm das Bild ihres Bruders. Sie mssen ihn kennen lernen,
sagt sie. Sie ist so gut.

Und hierauf sehen sie eine Weile zum Fenster hinaus. Sie stehen so dicht,
da sich ihre Hnde nahezu berhren. Er kmpft einen entsetzlichen Kampf,
nicht ihre Hand leise zu liebkosen. Sollte er sie um die Erlaubnis bitten,
ihr ber die Hand streichen zu drfen? Sie knne ihm dann seine Hand
abschlagen lassen. Oder er wrde ihr versprechen, morgen tot zu sein.

Sie plaudern wieder, ja sie lachen zusammen. Er sitzt wieder in seinem
Schaukelstuhl und fhlt sich behaglich. Er schaukelt sich leicht. Pltzlich
bemerkt er es, erschrickt und sitzt still.

Endlich mu er aufbrechen.

Sie bittet ihn, noch zu bleiben, aber er geht. Nein, nein, es ist so schon
zu lange.

O, er wre schon noch geblieben, lange bis zur Unverschmtheit. Aber es
ging nicht -- er hatte zuviel von diesem starken Kaffee getrunken.

Immer muten so kleine, boshafte Teufelchen im Spiele sein -- --

Wieder ein Festtag. Sie holen zusammen den Bruder vom Bahnhof ab. Er hatte
depeschiert: Komme drei Uhr. Gru Theo. Und nun holten sie ihn ab. --

Ginstermann trumte noch eine Menge glcklicher Situationen durch, bis
schlielich seine Sehnsucht ihn freilie.

Nun war die Zeit zur Arbeit gekommen. In ihm redete und klang es. Es stieg
wie die Wasser eines Brunnens.

Er nahm die Feder und schrieb:

Das Haus im Hain.

   Yester und Li wohnten in dem Haus
   im Hain und waren noch nicht sechzehn
   Jahre alt.

   Sie wuten nicht, wann und wie sie
   in das Haus gekommen. Eines Morgens
   erwachten sie auf gemeinsamer Lagersttte
   und lchelten einander zu. Sie hatten
   ihre Hnde im Schlafe gefat.

   Hrst du, Yester, sagte Li und lauschte
   verzckt, das ist Killi-hiwi!

   Killi-hiwi singt am schnsten von
   allen, erwiderte Yester, den Atem verhaltend.

   Killi-hiwi sa jeden Morgen auf einem
   Rosenzweig vor dem Fenster und zwitscherte.
   Er war so klein wie ein Taubenei, seine
   Stimme war Silber. Er sang jeden
   Morgen zu ihrem Erwachen und war
   dann den ganzen Tag nicht zu erblicken.

   Das Haus stand in einem Hain weier
   Birken, junger weier Birken mit hellgrnem
   Laub. Es war klein und wei,
   schneewei. Wie eine Flocke Schnee sah
   es von weitem aus. Es hatte blinkende
   Fenster, die Tag und Nacht offen standen,
   und blitzende Beschlge an der Tre. Die
   Tre war aus grnem Glase. Eine Treppe
   fhrte in den Garten, auch sie war aus
   grnem Glase. Rings um das Haus
   standen Beete von Hyazinthen, oder von
   Mohn, oder blauen Kuckucksblumen. Das
   ganze Jahr. ber Nacht wuchsen stets neue.

   Yester und Li wuten es nicht anders.
   Sie wunderten sich nicht darber. Sie
   streiften den ganzen Tag umher. Der
   Hain war sehr gro, sie waren noch nie
   an sein Ende gekommen. Sie dachten
   auch gar nicht, da er ein Ende haben
   msse. Sie trugen weie Schleiergewnder
   die von ihren Schultern herabfielen. Sie
   jagten einander und jauchzten von frh
   bis nachts. Immer hatten sie Sonne und
   einen Himmel, der funkelte wie ein blauer
   Edelstein. Des Nachts stand ein groer
   grner Stern ber ihrem Hause, und er
   wagte erst zu erlschen, wenn die Sonne
   wiederkam.

   Vor dem Hause, da war eine tiefe
   runde Quelle mit einer Bank aus weiem
   Marmor herum. Sie sah aus wie ein
   tiefes klares Auge und Li meinte, der
   Himmel blicke aus dem Grunde. Man
   sah selbst am Tage die Sterne durch den
   Brunnen wandern, so tief war er.

   Li sa oft auf der Bank und warf
   Steinchen ins Wasser. Und jedesmal,
   wenn Li ein Steinchen warf, gurgelte es,
   und ein goldener Fisch mit kreisrundem
   Mulchen und Edelsteinen auf dem Rcken
   tauchte auf und fragte: Was befiehlst du?

   Er mute kommen, er mute fragen.

   Li befahl nichts, sie freute sich an dem
   drolligen Kerlchen und lie ihn oft hundertmal
   kommen. Er wurde nicht bse.

   Yester aber stand, whrend sie spielte,
   an eine Birke gelehnt und sah ihr zu.
   Sie erschien ihm selbst wie eine Blume.
   Ihre Hand zart und durchscheinend wie
   die Blten der Hyazinthe. Ihr Haar
   spiegelte sich im Wasser, in der Quelle
   schien ein Feuer zu brennen, es zerrann
   in goldene Fden, wenn der Fisch auftauchte,
   aus dem Grunde schien ein seltsamer
   flimmernder Blumenkelch zu wachsen.
   Ihre Augen blickten heller aus dem Wasser,
   als sie in Wirklichkeit waren. Sie erschienen
   grn wie die Bltter der Birken,
   durch die die Sonne scheint.

   Dann besann er sich jedesmal, was er
   ihr Liebes erweisen knne.

   Yester liebte Li ber alle Maen. Li
   liebte Yester ber alle Maen.

   Ihr Haus lag im endlosen Hain, und
   der endlose Hain lag am Morgenrot. --

                   *       *       *       *       *

Der Damm war gebrochen. Die Einflle fielen ber ihn her wie ein Rudel
hungriger Tiere. Irgend jemand schien ihm die Geschichte zu diktieren und
er schrieb, schrieb: fieberhaft schrieb er.

Das groe Glck der Inspiration war ber ihn gekommen. Es durchschauerte
ihn am ganzen Krper. Da gab es kein Zgern, keinen Zweifel, keine Pause.
Alle Geheimtren seiner Seele sprangen auf, alle Schnheiten, die er
aufgespeichert, lagen funkelnd vor seinen Blicken, alle Stimmungen, die er
empfunden, strmten aus ihm und hllten ihn in ihren Duft. Whrend er noch
am ersten Kapitel schrieb, arbeitete einer in ihm am letzten.

Er sa inmitten eines Gartens, Blumen wuchsen vor seinen Augen empor,
entfalteten ihre mrchenhaften Kelche, aus den Kelchen stiegen Wunder,
zerfielen, andere quollen heraus. Flammen strzten von den Bergen ringsum
und hllten ihn ein, weie Flammen. Aus ihnen rief es, aus ihnen klang es.
Er war das Herz einer Welt, und alles strmte nach ihm.

Das war der Hain, der in der Sonne zitterte, das waren die Blumenbeete,
ber die die Falten des Windes streiften. Das waren die bunten Vgel, die
seltsame Worte sangen.

Das war Li. So schritt Li, so sprang Li, so lachte, so weinte Li. Und das
waren Yesters glckstrahlende Augen, das war seine Art, ber die Bche zu
fliegen, wenn Li ihm rief, so umschlang, kte er Li. So waren ihre
Sonntage, so ihre keuschen Liebesnchte.

So war ihr Glck, so war das Glck berhaupt, rein von aller Erde.

Er fand kein Ende. Wie eine groe Woge trug es ihn dahin.

Wo ist Yester? Yester ist fort. Drei Tage fort. Li weint und luft umher
und ruft in alle Winde. Yester verfolgte einen Falter, den sie gerne gehabt
htte. Endlich schimmert sein Gewand im Hain. Er geht langsam, erschpft
von der Jagd. Den Falter trgt er zwischen den Fingern. Li schwenkt den
Schleier und ruft: Ye--ster -- Ye--ster --!!

Li! Li!!

Und Yester saust wie ein Wind ber die Wiese, er sprt keine Mdigkeit
mehr.

Bogen um Bogen fllte er.

Und er schrieb immer nur ber den ewigen Lenz, der jeden Tag neu und
herrlich ist.

Seine Lampe verlosch. Er brannte die Kerze an.

Und nun war er fertig. Er jauchzte. Fertig! jauchzte er.

Noch klang es in ihm weiter. Das war Lis Jubeln, Yesters Rufen, das war der
Hufschlag des sonderbaren Reiters, das war das Jubilieren der Vgel, als
ihnen ein Kind geboren ward, das war der krchzende Ruf der Geier, die,
eine dunkle Wolke, nach dem Menschenlande flogen und riefen: Krieg --
Krieg. -- --

Er ging ans Fenster und zog die Gardinen auseinander.

Allah ist gro -- es war Tag.

Langsam mit wankenden Fen ging er im Zimmer hin und her. Er blieb vor der
Bste stehen und kte ihre Schulter.

Das war ja keine Snde. Heute hatte er sich dieses Recht verdient.

Aus Kapellis Atelier erscholl Gesang. Er mute hinunter, nichts htte ihn
mehr zu halten vermocht. Er konnte keine Sekunde mehr allein sein.

Er nahm Hut und Manuskript und ging die Treppe hinunter. Er hielt sich am
Gelnder fest, um nicht zu strzen.

Kapelli empfing ihn, als sei er ein Gespenst.

Mensch! rief er. Kommen sie als Ihr eigener Gipsabgu?

Nein, aber diese Nacht habe etwas wie ein kleines Feuerwerk in seinem Kopfe
stattgefunden.

Ah! Der Bildhauer betrachtete ihn mit gutmtiger Verachtung. Er liebte
Erzesse nicht.

Gebummelt, Kapelli, gebummelt. Und zuletzt noch ein kleines Abenteuer mit
einer Dame, die den reizenden Namen Li hatte.

Aber da kam Frau Trud, fix und fertig angekleidet bis auf die Schleife,
lachend, und frisch, wie aus dem Ei gesprungen.

Guten Morgen, sagte Ginstermann, in Sprache und Miene einen Betrunkenen
kopierend.

Sie wich erschrocken zurck. Hu, was hat er denn?

Kapelli machte ihr ein Zeichen. Dann ging er auf ihn zu und richtete ihn
energisch in die Hhe.

Ginstermann, heute abend kommen Sie zum Tee, nicht? Adieu, Sie schlechter
Kerl! sagte er halb rgerlich.

Aber da zog Ginstermann sein Manuskript aus der Tasche und schlug es auf
den Tisch, da es nur so krachte.

Sehen Sie her! Diese Nacht!

Nanu? Kapelli betrachtete das Manuskript und sagte lachend: So ein
Filou, er ist ganz nchtern.

Frau Trud machte sich daran, die Bogen zu zhlen, unglubig den Kopf
schttelnd. In einer Nacht? Das sei ja unmglich. Und das knne ja niemand
lesen.

Nein, kein Mensch knne das entziffern. Was zum Beispiel das da hiee?

Schwesterseele, holde!

O, das knne ebensogut Stiefelknecht heien. -- Und das da?

Die silbernen Lerchen der Nacht steigen empor.

Hahahaha.

Da seien die Sterne gemeint.

Hahahaha.

Ginstermann fiel in einen Stuhl, seine Knie zitterten.

Er sah noch wie Frau Trud aus einer weien Kanne Kaffee einschenkte und
whrend er sich auf das heie Getrnk freute, versank er in einen
senkrechten, bodenlosen Schacht, an dessen Wnden er sich vergebens
festzuklammern suchte. Das Lachen Frau Truds flatterte ber ihm wie ein
Schwarm Vgel, der hher und hher stieg.

Nach einem kleinen Jahrtausend hrte er im Halbschlafe eine gedmpfte
Stimme. Es war Frulein von Sacken, die sprach. Sie sagte, er sei hier
gewesen und habe das Bild gesehen. Er habe sie beglckwnscht!

Da erwachte er vollstndig. Frulein von Sacken ging eben zur Tre hinaus,
elastischer, stolzer denn sonst. Eine Lampe brannte auf dem Tische, Kapelli
sa bei der Zeitung, eine dicke Zigarre im Munde, aus der eine mchtige
Wolke wirbelte.

Er fand sich auf dem Sofa liegend, die Fe in eine Decke gehllt, ein
Kissen unter dem Kopfe. Ohne Kragen.

Da kam Frau Trud durch die Portiere, machte einen Knix und rief, kindlich
lachend: Guten Morgen, Langschlfer!




XIII.


Am Tage darauf trafen sie sich wieder, Bianka und Ginstermann.

Sie trafen sich nun beinahe jeden Tag.

Es waren herrliche Sonnentage. Der Vormittag noch frisch von der Khle der
Nacht, der Nachmittag von einer alles durchdringenden Wrme, gerade noch
ertrglich, der Abend von einer stillstehenden Schwle, die der
Nachtfrische wie ein Block trotzte. Der Himmel wie ein weiches
blauflimmerndes Meer, durch das schneeweie Wolken segelten, langsam, ohne
Aufhren, rings um die Erde herum.

Auf den Straen war es leer, Pflaster und Gebude warfen die Glut der Sonne
verstrkt zurck. Die Menschen gingen ermattet, die Augen zusammengezogen;
die Pferde setzten im Halbschlaf ihren mden Trab fort, wunderliche
Schattenflecke unter ihren Schritten zerschlagend.

Im Englischen Garten war es schn wie im Paradies. Alles blhte, was noch
nicht ausgeblht hatte, die Wipfel waren von strotzender Flle, die Wiesen
standen am hchsten, bunt wie ein Teppich, berst von einem Heere Falter
und Bienen. Die Hitze tanzte ber den Wegen, die hellen Kleider der Frauen
und Kinder leuchteten weithin, in der Vorstellung Jauchzen und helle Lieder
erweckend.

Bianka und Ginstermann gingen meist vereinsamte Wege. Sie mochten die
vielen Leute nicht, die herumtollenden Kinder. Im Schatten der Bsche
schritten sie, umsurrt von tausend Insekten, das Schwatzen des Tages in der
Ferne. Waren sie mde, so suchten sie eine abgelegene Bank auf, die
Ginstermann Zum schlafenden Brahmanen getauft hatte.

Nachdem sie sich ausgesprochen hatten ber das, was sie Probleme, Fragen,
letzte Dinge nannten, drehten sich ihre Gesprche zumeist um ihre
persnlichen Erlebnisse und Wnsche.

Je mehr Ginstermann Bianka kennen lernte, um so mehr bewunderte er sie. Sie
war so rein, so keusch, wie ein Weib nur sein kann, das Erziehung und
Selbstberwachung vor unreinen Dingen bewahrte. Ihre krankhafte Scheu
vermied es, die Motive der menschlichen Handlungen bis an die Wurzeln zu
verfolgen.

Alles verklrte sich in ihren Augen, sie trug noch ein Ideal vom Menschen
in sich. Die Menschen waren fr sie gefallene Engel, die man bemitleiden
msse, nicht Tiere, die sich zum Menschen emporgerungen. Sie hatte noch
wenig erlebt, wnschte auch nicht, viel zu erleben, in der Furcht, ihre
Unberhrtheit und Selbstndigkeit zu gefhrden. Sie gehrte nicht zur
Klasse der Frauen, die mit ihren Eroberungen grotut, sie schien es sogar
unangenehm zu empfinden, wenn einer sie tiefer, als die Hflichkeit es
erheischt, grte, wenn einer sich nach ihr umwendete oder ihr folgte.

Ihr Urteil war schchtern, anspruchslos, ihre Verwirrung oft kindlich. Sie
mate sich nicht an, wie es Frauenart ist, mit einer Handbewegung das
Resultat einer Kulturarbeit abzuurteilen, mit einem Lcheln zu verspotten.

Ginstermann fhlte sich in ihrer Nhe ruhig, gleichsam geborgen. Er verga
die Kmpfe der letzten Tage, die Jahre, die hinter ihm lagen. Seiner
geistigen berlegenheit war er sich wohl bewut, ebenso aber auch seiner
seelischen Verstmmelung und Zerrissenheit im Gegensatze zu ihrer Harmonie
und zielbewuten Energie.

Bianka schenkte ihm Vertrauen, behandelte ihn mit zurckhaltender
Herzlichkeit, wie einen Freund, nahezu wie einen Freund. Ihr Benehmen tat
ihm wohl. Es gab ihm seinen Glauben zurck, der da und dort wankend
geworden war, ein neuer Stolz kam ber ihn. Etwas von ihrem Wesen strmte
in ihn ber, glhte die Schlacke in ihm aus, er wurde rein, indem er
Biankas Freundschaft geno.

Seine Anschauungen festeten sich, nachdem er den Mastab reguliert hatte,
der sich whrend seiner Einsiedlerzeit verzerrte. Es war wunderbar,
zuweilen hatte er Augenblicke, die ihm alle Dinge in momentaner
Bewegungslosigkeit zeigten, bis ins Innerste und Geheimste erkennbar. Und
es hatte nur dieses kleinen Anstoes bedurft. Gleichsam wie ein Gef
eisigen Wassers, das schon die Kristalle birgt, ein unmerkliches Rtteln
zur Erstarrung bringt.

Ihr Benehmen war Tag fr Tag das gleiche. Sie empfing ihn freundlich,
entlie ihn mit einem freundlichen Wort, fhrte kleine Wortkriege mit ihm
in ganz objektivem Tone, lachte und scherzte. Nie, da sie ihn durch eine
Bemerkung, eine Miene von sich gedrngt htte, nie, da eine Laune, ein
Verletzttun in ihm die Ahnung htte aufkeimen lassen, da er Macht ber sie
besitze.

Er bewegte sich in stets gleichem Abstande um sie. Es war, als habe sie
einen Kreis um sich gezogen, den sie im Verkehr mit ihm nie berschritt und
nie berschreiten lie.

Einmal allerdings ereignete sich etwas, das diese seine Anschauung fr
Minuten ins Wanken brachte.

Sie promenierten im Park, Weg hin, Weg her, als sie einer kleinen schmalen
Frau begegneten, die ein niedliches Mdchen in blendend weiem Kleide an
der Hand fhrte. Die kleine, mdchenhafte Frau blickte sie erschrocken, ja
entsetzt an mit blauen, blindglnzenden Augen und wandte nicht den Blick
von ihnen. Das Mdchen streckte glucksend und lallend die Hnde nach
Ginstermann aus. Es war die Comptoiristin, die Witwe des Mbelzeichners.

Ginstermann grte und ging, von einer Erregung gepackt, weiter. Da fhlte
er den Blick Biankas auf sich gerichtet. Sie war totenbleich, und ihre
Augen verrieten Schmerz und Angst. Aber nur einen Augenblick, dann
beherrschte sie sich. Und als Ginstermann ihr die Geschichte dieses
unglcklichen Weibes erzhlt hatte, ergriff sie impulsiv seine Hand und
sagte: Verzeihen Sie mir, ich habe Sie in Gedanken beleidigt. --

In seinen freien Stunden trieb sich Ginstermann ruhelos umher, Bianka vor
Augen, in Bianka lebend. Nahte die Zeit ihrer Zusammenkunft heran, so wurde
er ruhiger, trennte er sich von ihr, so krochen aus allen Winkeln seiner
Wesenheit die alten Gespenster hervor, um ihn zu martern.

Einst war Bianka verhindert zu kommen. Das war ein schlimmer Tag, das war
ein schlimmer Tag! Und das Billett, das er am nchsten Morgen erhielt,
bedeckte er mit Trnen der Freude.

Aber natrlich, wenn Sie Besuch haben, natrlich! -- rief er immerzu aus.

Da war ein Mann, der schlich des Nachts scheu wie ein Verbrecher zu einem
Hause da drauen. Wie auf einer Woge von Blten thronte es. Und er koste
die Klinke der Tre. Niemand darf es wissen, niemand!

Da war ein Mann, der sa Nchte durch auf einem Hgel, drei Stunden
entfernt von der Stadt. Und dieser Mann sprach: Dort ber den Bergen bist
Du nun, Geliebte! Meine Gedanken wandern zu dir ber die Berge. Meine Seele
breitet die Schwingen, siehe, in ihren hohlen Hnden ist Blut, Geliebte!
Das ist das Blut meines Herzens, Geliebte. Schlfst du? Hast du auf sie
gewartet mit der bittren Last? Wachst du, Geliebte? Da, zwischen dir und
mir, da ist eine Wiese, dort begegnen wir uns des Nachts und bringen
einander Sehnen und Trnen des Tages, Geliebte --

Niemand darf es wissen, niemand!

Da ist ein Mann, der sitzt auf einer einsamen Bank im Park. Ein Vogel
fltet im Gebsch. Und dieser Mann spricht mit jemandem, der nicht da ist.
Du httest es sehen mssen, Beste, sahst du's mir nicht an den Augen an. O,
was fieberte ich, nun ist es vorbei, Beste, nun ist ja alles gut.

Niemand darf es wissen, niemand! --

Zuweilen jedoch berfiel ihn ein Zustand vollkommenster Gleichgltigkeit.

Es kam ihm unsinnig vor, da er jenes Mdchen im Englischen Garten
spazieren fhrte, da er sich berhaupt durch sie aus dem Gleichgewichte
hatte bringen lassen. Weshalb liebst du sie eigentlich, fragte er sich. Sie
ist hbsch, ihre Sprache ist melodisch, ihr Gang ist aristokratisch, das
alles hat dich bestochen. Ihre weien Elfenbeinhnde mit. Aber ist sie auch
die, die du in ihr anbetest? Ist es nicht das Ideal des Weibes berhaupt,
das du dir gebildet hast, was du in ihr anbetest? Sie ist es gar nicht.
Deine Liebe gilt ihr gar nicht. Vielleicht einer in Australien, irgendwo.
Und das, was du rein an ihr nennst, keusch, was ist das eigentlich? Es ist
Indolenz, sonst nichts. Oder was sollte es sonst sein? Mit Fischblut in den
Adern hat man es leicht, sich rein zu halten, mein Freund. Und dieses
hbsche, elegante Mdchen hat dich bezwungen? Was bist du nun? Du bist zum
Objekt geworden, o, Schmach ber dich! Gro warst du einst und ein
Herrlicher in deiner Einsamkeit. Lache doch ber dich, wenn du nicht
ehrlich genug bist, um ber dich zu weinen. Was war dein Ziel? Herrschen
will ich und sie alle zu meinen Fen wissen. O, mein Held, mein tapfrer,
khner Held! Heil dir! --

So dachte er auch einst, als er neben Bianka ging. Und diese Anschauung gab
ihm ein Lachen, ein kurzes hhnisches Lachen. Da zuckte sie zusammen. Er
war unglcklich, ihr wehe getan zu haben und maskierte sein Benehmen so gut
als es ging. --

Diese Stimmungen waren nur von kurzer Dauer. Dann berfiel ihn wieder jene
namenlose Sehnsucht und Qual, die wie lohende Flammen ber ihm
zusammenschlug und ihn verbrannte.

Er bat sie um etwas Liebe, nur etwas Liebe sollte sie ihm geben, fr all
seine Glut nur einen kleinen winzigen Tropfen.

Keinen winzigen Tropfen? Keinen winzigen Tropfen?

Es war hart fr einen Mann seines Stolzes, so demtig zu lieben!

Wieder und wieder trumte er von einem Glcke, das nie werden wrde. Sie
lebten in einem Hause abseits der Strae. Er kannte es ganz genau, dieses
Haus, das Grtchen davor, alles. O, in diesem Hause lebten glckliche
Leute. Alle nichtssagenden Details, alle harmlosen Kleinigkeiten eines
Lebens zu zweien durchlebte er. Er lag des Nachts neben ihr auf dem Lager
und koste sachte die Haare der Schlafenden. Er schlich sich fort, um Mohn
zu holen, den sie so sehr liebte, und legte ihn ihr auf die Decke, damit
sie ihn beim Erwachen finde. Er lste ihr die Schuhe und kte in Demut
ihren Fu. Er sa mit ihr auf dem Rasen und las vor, was er geschrieben
hatte.

So oft es anging, versuchte er Frulein Scholl zu treffen. Sie hatte
dreimal in der Woche Violinstunde, das war sehr gnstig. Er wartete auf
sie, schwtzte mit ihr, ausschlielich von dem Verlangen beseelt, irgend
etwas von Bianka zu hren, einige Worte sprechen zu knnen ber sie, ihren
Namen von den Lippen der Freundin zu vernehmen.

Einmal traf er im Hausflur ein Kind, ein Mdchen, schmchtig, zart, mit
blonden Haaren und klaren Augen, die denen Biankas glichen.

Wie heit Du? fragte er die Kleine, bemht, sie fr sich zu stimmen.

Camilla.

Knntest du nicht Bianka sein, dachte er. Bianka ein Kind und ich ein Kind,
und wir beide Gespielen. Unsere Grten, die stieen zusammen und im Zaun da
wre ein Loch. Wir schlpften hin und her, zwitscherten zusammen wie
Vgelein.

Und dann -- und dann -- --

Weshalb war das Leben so grausam, so geizig mit seinen Freuden, so karg.
All das dachte er, whrend er bei dem Kinde kniete.

Nun wollen wir uns etwas kaufen, sagte er zu ihm und lchelte. Komm!

Dieses Kind liebte er. Weil es Biankas klare Augen hatte, Augen ohne Grund,
von einer Tiefe, aus der es flsterte, die alles in sich hineinzog.

Camilla wohnte in seinem Hause, das war gut. Er schmeichelte sich mit
Sigkeiten und Mrchen ein bei dem Kinde, so da es schlielich von selbst
auf sein Zimmer kam.

Sie nannte ihn Onkel Ginster.

Ich heie Henri, sagte er zu ihr. Du sollst Henri sagen. Du sollst auch
du zu mir sagen, ganz als ob ich ein kleiner Bub wre.

Ari, sagte sie.

So sage Heiner. Ich heie auch Heiner.

Heiner, ach ja, Heiner!

Stundenlang hielt er die Kleine auf dem Scho, dieses zarte, warme
Krperchen an sich schmiegend. Er erzhlte immerzu Geschichten.

Das waren ganz einfache, drollige Kindergeschichten, aber fr einen, der
sie verstand, waren sie mehr, weit mehr.

Er kte die Kleine. Du bist ein Dieb! rief es in ihm. Aber er kte sie
doch. Einmal in der Dmmerung, als er in Trumen versunken war, sprach er
vor sich hin, jedes Wort stellte sich von selbst ein: Beide Hnde wollte
ich gierig voller Edelsteine halten und alle rieselten sie mir durch die
Finger. Du als der schnste bist mir geblieben. Kind, Kind, wenn du
wtest, wie ich deine Mutter liebte -- Kind --

Da wurde er sich der Worte bewut, er sprang auf und stellte Camilla hart
auf den Boden.

Bist du bse, Heiner?

Er lchelte. Nein, Se, Heiner ist nicht bse -- Heiner ist -- Heiner ist
-- o, geh heute, Schtzlein -- morgen, gelt. Heiner ist heute -- geh,
Schtzlein -- --

Bianka ahnte von all dem nichts. Wie sollte sie auch? In ihrer Nhe war er
ruhig, beherrscht. Und gesprochen hatte er noch keine Silbe, woraus sie es
htte entnehmen knnen.

Er gehrte zur Klasse jener Menschen, die innerlich verbluten und doch
lchelnd sagen: ich verspre nichts.

Er erinnerte sich daran, da er als Knabe am lngsten seinen Finger ber
eine brennende Kerze gehalten, wenn sie Spartaner spielten, oder da er
jeden im indischen Duell, wie sie die Austragung ihrer Ehrenhndel
nannten, besiegte, weil keiner drei Tropfen glhenden Siegellacks ohne
Zucken der Hand ertrug.

Er wute, er wrde schweigen und wenn er sich die Energie an den
Gehirnwnden abschaben mte.

Er hatte nicht das Recht, ihr von seiner Liebe zu reden, weil er nicht mehr
rein war.

Diese fortwhrenden Seelenkmpfe drckten seinem Gesicht ihre Spuren auf.
Er war bleich, um seinen Mund zuckte ein krampfhaft schmerzliches Lcheln.
Seine Augen waren grer geworden -- so schien es ihm -- ein dsteres Feuer
brannte auf ihrem Grunde. Sah er sich im Spiegel, so war es ihm, als blicke
ihn ein Fremder an, einer, der unheimliche Dinge in seinen Augen hatte.

Die Menschen mit den heien Herzen, schrieb er in sein Tagebuch, sind nicht
gut daran. Alle Menschen wollen sie lieben und von allen Menschen geliebt
werden. Wer aber liebt sie?




XIV.


Eines Nachmittags, gegen sechs Uhr, empfing Ginstermann den Besuch einer
Dame, die er schon irgendwo gesehen hatte.

Sie trug ein Kleid von weier durchsichtiger Seide mit kleinen rosa Rschen
darauf, einen goldenen Grtel, einen hellen Hut mit kleinen rosa Rschen,
sie trug einen Schleier.

Ginstermann stand auf und sein Herz pochte, da er es fhlte.

Er hatte ganz in Gedanken herein gesagt, und nun trat eine Dame ein in
weiem Seidenkleid mit kleinen rosa Rschen darauf, und goldenem Grtel,
eine Dame, die er kannte. Ihre Haare waren so sonderbar weiblond, wie
Stroh, das lange in der Sonne gelegen hat.

Die Dame stand schweigend an der Tre und hob mit zierlicher Handbewegung
den Schleier. Da erkannte er sie mit den Augen, er hatte seinem Herzen
nicht glauben wollen.

Er stand wie gelhmt. Seine Augen waren ohne Blick, als zerflssen sie.

Die Dame trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. Ohne jeden Willen hatte er
ihr die Hand gegeben, ohne Druck.

Mein Gott, Henri! sagte sie bewegt, verwirrt, nahezu wie er selbst.

Sie hatte noch dieselbe Stimme.

Und er entgegnete: Guten Tag, gndige Frau.

Sie lchelte voller Scham, voller Verwirrung und sah sich nach einem Stuhle
um, ihre Erregung zu verbergen.

Bitte, sagte Ginstermann und schob ihr seinen Arbeitssessel hin.

Sie nahm Platz, setzte den linken Fu ber den rechten, dann den rechten
auf die Fuspitze des linken und bewegte ihn leicht hin und her. Ihre Hnde
strichen ber die Lehnenrundung des Sessels, immer auf und ab.

Nach geraumer Zeit sagte sie, ganz leise: Ich habe dich gesucht, berall
gesucht, aber ich fand dich nirgends. Du warst wie von der Erde
verschwunden.

Er sa ihr gegenber und lchelte erstarrt. Sie bemerkte es nicht, sie sah
zu Boden, dem Spiel ihres Fues zu.

Dann las ich von dir und hrte, du seist Dichter geworden. Ich wute es ja
damals schon, da du ein Dichter bist.

Sie blickte auf, zu ihm hin, voll Vertrauen auf die Wirkung ihrer letzten
Worte. Sie war schn, ihre blagrauen Augen tief, erfllt von verborgener
Leidenschaft. Hellbraune Pnktchen schwebten darin wie gefangene
Luftblschen.

Du wirst mich verurteilen, Henri, ich wei es. Aber ich versichere dich --
glaube es mir -- ich konnte damals nicht anders handeln. Glaube es mir. Ich
erzhle dir einmal alles. Ich hatte Sehnsucht, Sehnsucht, dich
wiederzusehen, ich hatte auch den Mut dazu. Ich bin da, siehst du. Es steht
bei dir, ob du meinen Besuch erwidern willst oder nicht. -- Ich wohne in
Starnberg. Mein Gatte ist gestorben, verunglckt bei einer Segelpartie in
Nizza --.

Nizza, sagte ein Echo in Ginstermann.

Ich wohne in Starnberg. -- Willst du nichts sprechen? Wie ging es dir
denn?

Danke, es ging.

Vielleicht bin ich dir noch soviel, da du mich Freundin nennen kannst,
Henri?

Ginstermann stand auf und sagte, ebenso leise wie sie, ebenso khl, als sie
herzlich sprach: Nein, gndige Frau.

Die Dame erhob sich und blickte ihn an. Ihre hellgrauen Augen berzog ein
Schleier.

Glaube es mir, ich konnte damals nicht anders. Mein Gatte -- du sollst
alles hren. Ich hatte so groe, groe Sehnsucht nach dir -- -- willst du
mir nicht die Hand geben, Henri?

Doch, gndige Frau. Ich danke Ihnen fr Ihren Besuch.

Willst du mich nicht anders nennen. Hast du meinen Namen vergessen?

Ja, gndige Frau.

Adieu, Henri. Ich sage trotzdem Henri zu dir.

Ginstermann zog ein Schubfach auf und nahm ein Kuvert heraus.

Ich habe Ihnen dieses Kuvert zurckzugeben, danke.

Sie sagte: O, blickte ihn zusammenzuckend an und nahm das Kuvert.
Besuche mich doch, bat sie wieder, nur einmal, einen Augenblick! Als --
Feind, wenn du willst. Du weit ja nicht, was die Liebe ist.

Nein, er wute nicht, was die Liebe ist.

Sie stand eine Weile, lie das Kuvert in den Sessel gleiten und wandte sich
zur Tre. Da fiel ihr Blick auf Biankas Bste, wie ein Blitz, so kurz
zuckte er darber.

Ginstermann nahm abermals das Kuvert und sagte: Sie haben dies vergessen,
gndige Frau.

Sie nahm es, zerknllte es langsam, dann wandte sie sich nochmals um. Sie
lchelte.

Vielleicht besuchst du mich doch einmal, Henri? sagte sie. Sie wollte ihm
ihre Niederlage nicht eingestehen.

Ihr Antlitz war wei wie ihr Kleid, und die rosa Rschen darauf schienen
rter zu sein.

Sie ging.

Langsam glitt ihr Schritt die Treppe hinab. --

Ginstermann go sich ein Glas Wasser ein und trank es auf einen Zug
hinunter. Das Glas stellte er auf einen Stuhl, da es zum Tisch zu weit war.

Er kauerte sich auf die Ottomane und blieb sitzen bis es dunkel wurde.

                   *       *       *       *       *

An der Decke entstand ein gelber trber Fleck, den eine Petroleumlampe aus
dem Kchenfenster gegenber hereinwarf. Es war furchtbar still. In der
Ferne wurde mit Bestecken geklappert. Ein Wagen rasselte auf der Strae.
Dann war es wieder still, furchtbar still. Der schmutziggelbe Flecken an
der Decke schwankte, glitt zum Fenster hinaus, erschien wieder an einer
anderen Stelle.

Ginstermann sa immer noch auf der Ottomane.

Die Stille spannte sich ber ihn wie eine Glocke von Glas.

Ein Pfiff schrillte und lief gleich einem Risse ber diese Glocke. Schritte
kamen, die Huppe eines Automobils ertnte, und Surren erschtterte die
Luft. Frulein von Sacken rief drauen ber das Gelnder, und eine Menge
schwatzender, lachender Damen trampelte die Treppe herauf.

Ginstermann stand auf und machte Licht.

Nun war es berwunden.

Er zog das unterste Fach seiner Kommode auf und kramte darin. Bndel von
Zeitschriften Manuskripten, Briefen warf er auf den Boden. Ein Pckchen
Briefe in dunkelroten Enveloppen trug er an den Tisch. Sie waren abgenutzt
vom vielen Herumtragen und die Schrift verwischt vom Regen.

Diese Briefe las einer vor Jahren jeden Morgen und jeden Abend. Diese
Briefe waren einst fr einen das, was Gebete fr Leute sind, die die
Verzweiflung beschwren.

Er nahm den obersten und hielt ihn ber die Lampe. Das Papier begann zu
kohlen, zu knistern, eine kleine blaue Flamme sprang von oben herab und
fra sich am Rande wie eine feurige Schlange entlang. Das Kuvert bog sich
auf und der glhende Saum kroch auf die Anrede: mon petit coeur zu,
verschlang sie, und gleichsam als ihr Gespenst tauchten die Worte in
bronzegrner Tinte auf der dunklen Asche auf.

Er warf den Brief in den Ofen und die anderen dazu. Verbaffende Rauchwolken
quollen aus den Fugen, die Flamme brauste auf und nun bog sich ein Stck
Pappe in der Glut hin und her. Das Bildnis einer Frau tauchte einen Moment
auf, neigte sich vor und zurck wie in entsetzlicher Qual und strzte
endlich als weie Asche in das Hufchen Glut, das aussah wie ein klippiges,
winziges Gebirge, das in der Sonne glht.

Ginstermann stand, den roten Widerschein der Glut in den Augen, und
lchelte.

Nun war es berwunden.

Er holte jene Pcke Manuskripte und Zeitschriften herbei und warf sie in
die verglimmende Asche. Ein Fanatismus, alles zu zerstren, was ihn an
seine frheren Jahre erinnerte, erfate ihn.

Hier und da warf er einen Blick in die Bltter. Es waren die Aufzeichnungen
eines verbitterten, hhnischen Menschen, dessen Seele ein Erlebnis zerstrt
hatte. Ungeheure Zynismen, Verwnschungen, Flche.

Da war auch ein Kapitel ber das Weib darunter. Ginstermann lachte, als er
es berflog, er las es nicht zu Ende.

Der wste Lrm von Kneipen, das Lachen eines Wahnsinnigen, der Geruch von
Branntwein, das Gekreische von Dirnen stieg aus diesen Blttern.

Er las all das nicht ohne jenen Schrecken, den einer empfindet, der einer
Gefahr entronnen ist, in der er ohne sein Wissen schwebte.

Sein Blick fiel auf ein Blatt, das die berschrift trug: Der letzte Stern.

Es war eine eigentmliche Geschichte. Sie lautete:

Eines Morgens fanden die Leute bei ihrem Erwachen die ganze Erde mit
Sternen bedeckt. Alle Sterne waren des Nachts vom Himmel gefallen. Sie
erschraken gewaltig und blickten bleich und hhnisch zu gleicher Zeit auf
die Propheten, die sie gelehrt hatten, die Sterne anzubeten. Haha! schrien
sie, die Sterne sind heruntergekommen diese Nacht!

Einige Vorwitzige hatten sich aufs Feld gemacht und sich den Sternen
genhert. Kommt! schrien sie, kommt! Und sie wlzten sich vor Lachen.

O, ihr Lgner von Propheten, ihr Diebe von Propheten, so seht doch, seht
doch -- hahaha! Das also sind eure heiligen Sterne, das!

Und sie spien den Propheten ins Gesicht.

Das nmlich hatte sich herausgestellt: Die Sterne waren Pappe, bronzierte
Pappe, nichts als bronzierte Pappe.

Hahaha, ihr Hunde! Seht ihr, Pappe, bronzierte Pappe!

Den ganzen Tag zeterten und hhnten sie. Die Sterne schlugen sie in Fetzen,
dieselben Sterne, vor denen sie frher die Stirnen beugten.

Die Propheten standen gesenkten Hauptes, das Gesicht trauernd und grbelnd
in die langen Brte gedrckt. Gegen Abend begannen sie, den andern bei der
Zerstrung der Sterne zu helfen, dieser Sterne aus bronzierter Pappe.

Bis auf einen, einen alten, ganz alten mit schneeweien Haaren. Der stand
wie aus Stein.

Es wurde Nacht. Da geriet der Greis in Verzckung und deutete gen Osten.
Seht! rief er, seht!

Alle sahen hin. Es war ein Wunder. Dort oben blinkte ein Stern, ein
winziger Stern mit grnem Lichte.

Hoho, schrien sie, hoho?

Seht! Seht!

Sie aber schttelten die Kpfe und lachten. O, du eisgrauer Narr, hhnten
sie, du hast den Verstand eines neugeborenen Kalbes! Begreifst du -- ha!
Alle Sterne waren nichts als bronzierte Pappe, so wird auch dieser
bronzierte Pappe sein!

Weshalb fiel er nicht? Seht ihr nicht, wie er leuchtet und sprht! Der ist
aus reinstem Golde!

Alle Sterne -- siehst du nicht -- Narr! Bronzierte Pappe! -- O, Narr, uns
betrgst du kein zweites Mal!

Weshalb aber fiel er nicht? Und der Greis deutete mit erhabenem Triumphe
zu dem letzten Stern empor.

Da gab es einige wenige, die zu lachen aufhrten -- -- --

Dieses Blatt wanderte nicht in die Flammen.

Die Papiere hatten eine starke Hitze verursacht. Ein dichter Qualm zog die
Decke entlang und wirbelte lustig zum Fenster hinaus. Er hatte alle Mcken,
die an der Decke gesessen, in Aufregung versetzt, und sie summten wie
verrckt umher.

Ginstermann sa und blickte in die Glut. Er lchelte. Seine Irrjahre waren
vorbei, da drinnen sanken sie in Asche. Nichts verband ihn mehr mit ihnen.
Er fhlte, da sich seine Seele erneuert hatte.

Lange sa er bis alles kalt und tot war da drinnen. -- --

Wenn aber die Vergangenheit vergangen ist, Bianka? flsterte er . . .




XV.


   Die Wrfel sind gefallen.

   Alles ist verloren. --

   Bianka lchelt und sagt: Es war sehr
   tricht von mir. Wie hbsch htten wir den
   Nachmittag bei mir verplaudern knnen.

   Ginstermann entgegnet: Aber bitte. Nein,
   das wre zuviel der Liebenswrdigkeit gewesen.
   Sie waren ohnedies so gtig gegen
   mich.

   Er verbeugt sich einigemal und lchelt.
   Er verbeugt sich linkisch und lchelt erstarrt.
   Da sind einige Muskeln um seinen Mund,
   die sich verzerrt haben.

   Bianka merkt das nicht. Sie sieht nicht,
   da seine Augen wie ausgetrocknet sind, seine
   Haare vom Schweie an die Stirne kleben,
   da er bleich ist wie eine Wand.

Es ist gut, da es dmmert.

Sie stehen wieder in dem Vorgrtchen vor der dunklen schweren Tre und
morgen geht die Reise. Adieu! Morgen geht die Reise. Um 11 Uhr.

Ein Mann mu sich beherrschen knnen, er mu stehen, bis er tot hinschlgt.
War er nicht ein ganzer Kerl, ein ganzer Kerl! Das Messer war ihm bis ans
Heft ins Herz gefahren, mitten ins Herz und er hatte nicht gezuckt. Er
hatte gelchelt und geplaudert, als habe sie ihm etwas Schnes geschenkt.
Sie sollte nicht wissen, da sie ihn heute nachmittag gettet hatte.

Jetzt sei es allerdings zu spt. Es gbe auch noch eine Menge Besorgungen
fr die Reise.

Aber selbstverstndlich. Wann sie fahre?

Sie lchelt, da er schon einigemal gefragt hat, und erwidert: Um 1/2 11.
In Bellinzona machen wir die erste Station. Mamas halber.

Sie sieht an den Fenstern hinauf, eine unbegreiflich lange Zeit, dann tritt
sie nher und blickt ihn an. Noch einmal schwebt dieses zarte, rtselhafte
Antlitz vor ihm, und diese klaren graugrnen Augen locken zum letzten Mal
tote Wnsche.

Aber sie bleiben tot, nicht einer regt sich mehr.

Sie werden mir doch dann und wann schreiben, Herr Ginstermann?

O gewi, wenn sie es erlauben. Ein paar Zeilen --

Erinnern Sie sich stets daran, da Sie da unten im Sden eine Freundin
haben, die Ihnen fr alle Zeiten und Flle eine Freundin sein mchte,
wollen Sie das?

Er dankt ihr, indem er sich verbeugt.

Er werde sich stets daran errinnern. Fr alle Zeiten. Er danke ihr, ja er
danke ihr tausendmal fr all ihre Gte. Er wisse, da auch Sie sich oft an
den herrlichen Sommer errinnern werde.

Flieend, ohne einen Fehler in der Betonung, spricht er. Es ist ihm, als
sei da ein Zweiter neben ihm, dem er voll Bewunderung und Erstaunen zuhre.

Dann schttelt sie ihm die Hand.

Adieu. Morgen um 1/2 11, bestimmt! Am Bahnhof. Adieu. 1/2 11 Uhr, nicht?
Adieu!

Das sagt sie leicht hin, etwas hastig und steigt die Treppen hinauf.

Ginstermann wendet sich augenblicklich und geht zur Gartentre hinaus. Er
geht stolz und aufgerichtet. Der Wind wirft ihm boshaft lachend eine Hand
voll Staub ins Gesicht.

Da ruft sie ihn nochmals. Sie steht auf der obersten Treppe, mit einer
Geste als wolle sie herabsteigen, um ihm noch etwas zu sagen. Aber sie
steigt nicht herab, sie spricht nichts, sie hebt nur die Hand, um zu
winken. Aber sie winkt auch nicht.

Adieu, Frulein Schuhmacher!

Die Tre fllt ins Schlo, mit jenem eigentmlichen, dumpfen Laut einer
Tre, die sich fr immer geschlossen hat. Er sieht sie noch da oben stehen,
die Hand erhoben. Und nun sieht er nur noch die Hand.

Er sieht die Tre an und lchelt, er blickt am Haus entlang und lchelt.

Dann geht er. --

Die Sache Henri Ginstermann -- Bianka Schuhmacher ist erledigt: Ginstermann
ist geschlagen!

Nun war es vorbei.

Ein trnenloses Schluchzen erschtterte seine Brust und gleichzeitig lachte
er.

Weshalb ereignete sich nichts? Weshalb fiel kein Haus ein, kam nicht ein
Stck vom Himmel da droben herunter?

Aber er hatte es ja nicht anders verdient. Nein, wenn er einem Menschen
einen Vorwurf machen konnte, so war er dieser Mensch selbst. Weshalb war er
so verblendet gewesen, abermals an einen Menschen zu glauben? Sein Herz
einem jungen Mdchen zu Fen zu legen, das achtlos und blind darber
hinwegschritt? Noch immer war er jener Tor, der sein Herz auf den Hnden
durch die Straen trug und die Leute fragte, ob sie es nicht haben wollten,
da es zu schwer von Liebe sei fr ihn. Er hatte es als Kind seinen Eltern
schenken wollen, sie hatten es nicht angenommen, er hatte es spter Frauen
und Freunden schenken wollen, sie hatten es verspottet und mihandelt, und
wieder, wieder --? O, er war ein Tor! Die Menschen waren zersprungene
Geigen, die keinen Ton mehr gaben, die Menschen waren zu arm an Liebe, um
einen Hund damit ernhren zu knnen. Die Menschen waren ein Pack von
Krmern, Kirchgngern, Wucherern, Handwerkern und Barbaren. Aber die
Menschen waren keine Menschen. Diesen Titel hatten sie einigen Groen
gestohlen und sich umgehngt wie einen Orden.

Das war ja des Hades Maskengarderobe, was da ging und stieg und sich
brstete nach Pfauenart, Ekel verbreitend und blen Geruch. Als geputzte
Blge kamen sie daher, stupid und leer ihre Augen, aus denen ihr Magen
blickte.

Er spie aus, er spie ihnen seine ganze Verachtung vor die Fe.

Hoho! Einer der Leichname fand diese Grabrede fr zu bndig. Wohl Psalme,
du Schuft?

Ginstermann erwiderte kein Wort. Er stand still, die Fuste in den
Rocktaschen und ma ihn mit messerscharfen Blicken, den Kopf kampfbereit
gesenkt. Ein ganzer Kreis von Leuten bildete sich um ihn. Einen nach dem
andern fixierte er und einer nach dem andern stahl sich fort.

Sie hatten alle Angst, diese Feiglinge. Es war sonderbar, niemand lchelte,
niemand erwiderte eine Silbe. Diese Leute hatten Furcht vor ihm. Es war
eine Wonne, seine Macht zu fhlen.

Wre doch wenigstens noch etwas vom Kain, vom Tiger in euch! sagte er,
verchtlich die Lippen zuckend.

Er wandte sich voller Abscheu und ging. Mit herausfordernden Blicken, den
Kopf scharf nach jedem wendend, der ihn anblickte, schritt er die Strae
entlang. Einigemal blieb er stehen, lachte, hustete, um einen Kampf zu
provozieren.

Sie hatten Angst, alle. So ein feiges Gesindel waren diese Kreaturen!

Der Wind blies ihm entgegen in heftigen Sten, mit seinen riesigen
Fittigen bald die Strae fegend, bald die Wipfel der Pappeln beugend. Die
Strae herauf flogen Karossen in Wirbeln von Staub, eine hinter der
anderen. Kamen sie aber vorbei, so waren gar keine Karossen darin, nur der
Wind. Der sprang lachend heraus. Pltzlich war das Trottoir mit schwarzen
Sternchen berst und eine dunkle Wolke senkte sich bis nahe an den
Erdboden herab, Finsternis verbreitend. Der Wind stand, ein jammerndes
Gespenst, in wirbelnde Lappen gehllt, inmitten der Strae und drehte sich
im Kreise. Durch eine Wolke von Staub hindurch sah man Leute, die betend
die beiden Hnde gen Himmel streckten. Die Huser wankten, die Wagen
neigten sich, die Erde drehte sich schneller unter den Fen -- da erhielt
sie einen Sto und stand still, die Leute taumelten.

Ginstermann sprte einen heftigen Schmerz an der linken Schlfe. Er war
gegen eine Staffel gefallen. Er wollte sich erheben, aber es ging nicht.
Ein paar Leute standen um ihn herum, die Augenbrauen in die Hhe gezogen.
Ein Student, die Mensurmtze ber dem glatten Schdel, nselte ein
lateinisches Wort.

Da stand Ginstermann augenblicklich auf und ging weiter. Seine Fe waren
wie mit Blei ausgegossen. Um ihn rauschte es, es regnete.

Seine Schlfe schmerzte, in die Augenbraue sickerte es.

So geht es, wenn man sich aufregt, mein Freund, sagte er zu sich und
lchelte, als wolle er einem hbschen Mdchen gefallen.

Die Huser standen wieder aufrecht, die Leute hrten auf zu tanzen und zu
taumeln.

Er bog links ab und ging in den Englischen Garten.

Das aufziehende Regenwetter hatte die Leute vertrieben. Der Park lag still
und traurig, die Bume verschleiert, als erwarte er einen Leichenzug. Man
betrat ihn nicht ohne Bangen und Grauen.

Ginstermann blieb stehen und lauschte. Unzhlige Spechte klopften an den
Bumen. Endlich entdeckte er, da es das pochende Blut in seinen Ohren war.
Die Baumgruppen erschienen ihm wie zusammengeduckte Ungeheuer, denen einer,
der das nicht bemerkte, unfehlbar in den Rachen lief. Aber er war nicht so
tricht. Im brigen wute er auch recht gut, da es ganz gewhnliche Bume
waren, nichts weiter. Dort oben stand der Monopteros.

Sonnentempel, Tempel der Seligkeit! Haha!

Er sah aus wie die Arbeit eines Zuckerbckers, die nun im Regen elend
zerweichen mute.

Hahaha, gerade so. Er war Teig, weicher Teig war er.

Er blieb stehen.

Zur Sache, sprach er, wir wollen es kurz machen. Hier war es, gerade
hier. Oder war es nicht hier? Er mute -- wo war es? Er mute -- bei allen
Heiligen -- doch die Stelle finden, wo er begraben lag! Haha, das wre noch
hbscher! Zur Ruhe, zur Ordnung! Was hatte sie gesagt? Ein Dutzend Worte.
Hier war es angegangen, also mute es hier neben diesem kleinen Bumchen
sein.

Er kniete nieder und machte ein winziges Kreuz in den Sand.

Henri Ginstermann, gestorben am Herzeleid. Bete ein Vaterunser, o Christ!

Aber vielleicht war es doch nicht hier? War das nicht dumm, nicht dumm,
messieurs? Man mute ins reine kommen.

Er lief den Weg hinab und setzte sich auf eine Bank. Dann stand er auf und
sagte: Sie haben recht, die Sonne sticht hier unertrglich. Man sitzt wie
im Brennpunkt einer Lupe. Langsam schritt er, als ginge er neben Bianka
einher.

Ah, nun wute er alles, jede Einzelheit. Hier ging Bianka, hier er. Ihre
Schatten liefen wie folgsame Pudel links von ihnen.

Er wute alles ganz genau. Pltzlich war eine Jalousie in seinem Kopfe in
die Hhe gegangen.

Sie sprachen von der Reise, sie sprachen von der Reise. Und sie sprachen
auch vom mutmalichen Wetter. Jawohl. Und sie sprachen auch davon, wie
schn der Sommer gewesen wre. Auch vom Sommer. Gut. Reise, Wetter, Sommer.
Gut. Es stimmt. Bianka -- ja, nun kam es. Wie kamen sie nur darauf? Ach,
richtig, sie sprachen ja vom Sommer. Wie schn er gewesen wre. Bianka --
nur Vorsicht -- bis zu dem Bschel Lwenzahn dort ungefhr von der Reise,
bis zur Wegkreuzung vom Sommer, wie schn er gewesen wre -- von hier an --
jawohl. Alles in Ordnung. Hier ging ein alter Herr mit einem glatten
Elfenbeinknopf am Spazierstock an ihnen vorber, so da er nher zu Bianka
hinber mute. Bianka spielte mit den Quasten ihres Sonnenschirmes, und er
bemerkte, da die Naht des Handschuhes am Ballen etwas geplatzt war. Haha,
er entsann sich sogar auf Dinge, die er kaum recht beobachtet hatte. Und
Bianka sagte:

Eigentlich ist es doch recht selten -- Oder begann sie nicht so? Es war
da etwas wie ein helles A am Anfang ihres Satz es. Das passiert nicht oft,
da man einem Menschen begegnet. Mir passierte es sehr selten. Und deshalb
freut es mich, da ich Sie kennen gelernt habe. Nun blieb sie stehen, sah
ihn an und fuhr fort, indem sie lchelte: Wie sonderbar es begann, da im
Theater, da bei Kapelli, nicht? Und dieser Sommer -- es war alles hbsch.
Sie stockte, besann sich, ging weiter.

Er entgegnete nichts darauf. Von einer freudigen Ahnung durchschauert,
wartete er auf das, was sie nun sprechen wrde. Sie hatte gleichgltig
gesprochen, wie einer, der etwas Besonderes folgen lassen wird. Es war wie
eine Einleitung und hinter ihrem letzten Wort stand etwas wie ein groer
Doppelpunkt.

Nun wird sie es sagen, dachte er und es flimmerte ihm vor den Augen vor
Erregung.

Aber sie setzte ihre Rede nicht fort. Sie schwieg.

Er wartete noch immer, noch immer. Da begann sie ber Nizza zu sprechen.

Sie sprach nichts weiter, nichts sonst, keine Silbe. Es war hbsch, hrst
du, Ginstermann? -- hbsch war es.

Und hier war es, hier.

O, es war in der Tat hbsch, auerordentlich hbsch. Sie knnen sich nicht
vorstellen, wie hbsch es war, Herr Ginstermann. Wir gingen einige Wochen
zusammen, wir unterhielten uns, Sie erffneten mir ihre Ideen, Herr
Ginstermann, ja vielleicht liebten sie mich auch ein bichen. Addieren Sie,
bitte, addieren Sie. Summa: hbsch.

Er umschritt das kleine Kreuzchen im Sande und lachte.

Hier liegen die Trume eines Toren, begann er in pastoralem Tone, hier
liegt die Sehnsucht eines Narren -- hahaha. Sie ertranken in der Tiefe
einer Mdchenseele. Ich will mein Senkblei in deine Seele werfen, sagte der
Narr, ob sie tief sei, ich will es gegen ihre Wnde schlagen lassen, ob sie
Ton wiederhallen, ob sie Silber singen. Da ertranken seine liebsten Kinder
in der bodenlosen Tiefe -- hahaha --!

Pltzlich hielt er inne und richtete sich auf. Ein unheimlicher Gedanke
stieg in seinem Kopfe empor, riesengro, ein graues Gespenst ohne Form und
Ausdruck.

Du bist wahnsinnig, sagte er leise zu sich, damit es niemand hre auer
ihm.

Das Gespenst sank wie ein Schatten auf ihn herab und hllte ihn ein. Sein
Herz ging in langsamen Sten, er stand wie gelhmt. Eine Ewigkeit.

Rings um ihn rieselte der Regen, der Park lag wie ein Leichnam, starr und
still. Die Stille flsterte, sie flsterte unverstndliche, grauenhafte
Dinge. Der Wind stie wie die Flgel eines Schwarmes von Vgeln an seinen
Kopf.

In seinem Kopfe da ging ein schweres Pendel hin und her, das alle Gedanken,
die aufstehen wollten, niederschlug. Und er lauschte auf das, was diese
Stille flsterte.

In der Ferne schlug eine Uhr.

Das war eine Uhr, dachte er. Jawohl, eine Uhr. Und das hier ist ein Weg,
und das da bin ich, Henri Ginstermann, dem sie in der Jugend einen
schlimmen Untergang prophezeiten. Und das hier ist meine Hand. So nennt man
das Ding. Ich kann es bewegen.

Was ist geschehen, was ist geschehen mit mir, dachte er.

Nun haben sie mich in die Luft eingemauert, wie ein Luftblschen in Glas
eingemauert ist. Angst lhmte ihn.

Drben am Wege ging eine Gestalt, in einen sonderbaren Mantel gehllt.

Nun kommt er, dachte er, den groen Holzhammer unterm Mantel, um dir auf
den Kopf damit zu schlagen.

Aber nein, was war mit ihm geschehen?

Pltzlich bewegte er die Fe und ging. Fort, fort aus diesem Garten,
dessen tausend graue erloschene Augen dich anblicken, fort, fort.

Er lief hastig, quer durch die Wiesen, um die Gebsche zu vermeiden.

Endlich war er auf der Strae. Er wurde ruhiger. Hier gab es Menschen und
Schutzleute, er war geborgen.

Nach und nach kehrte die Reaktion seiner Sinne zurck. Langsam, mit dumpfem
Kopfe schlich er an den Husern entlang. Es war noch nicht spt, es
dmmerte. Der Himmel war dster und erschien wie ein unendlich tiefer Sack,
aus dem flimmernde Fden hingen. Die Bogenlampen brannten, die
Telephondrhte schimmerten und liefen rasch in die Dmmerung hinein, als
htten sie es sehr eilig, an den Leitungsdrhten der Straenbahn sprhten
zornige, grne Flammen auf.

Die Cafs waren erleuchtet, die Tren gingen auf und zu. Durch einen
Vorhang sah er ein grnes Billard, ber das sich ein Herr mit langen weien
Manschetten beugte. Der Kopf einer Kellnerin ging hinter der Scheibe
vorber und verdeckte fr einen Moment das ganze Billard.

Er war fhig, diese Eindrcke aufzunehmen, ohne aber sonst Kraft zum Denken
zu besitzen. Man hat alle Drhte in meinem Kopfe durchschnitten, dachte er.

Seine Schlfe brannte. Das Bedrfnis, sie mit kaltem Wasser zu netzen,
trieb ihn ber die Brcke, in die Anlagen. Dort stieg er zum Flu hinunter.
Die Bschung war gepflastert, er mute vorsichtig sein. Der Flu rauschte
vorber, blitzschnell, mit hundert Zungen nach ihm leckend. Schon daran,
die Hand nach dem Wasser auszustrecken, hrte er ber sich rufen. Er wandte
erschrocken den Kopf und glitt aus. In Todesangst klammerte er sich an den
Steinen fest.

Es war ihm, als habe ihn der Flu schon in seine brausende Tiefe
hinabgezogen. Ohne sein Vorhaben auszufhren, kroch er wieder in die Hhe;
kalter Schwei bedeckte seine Stirne. Er schleppte sich weiter, mde ging
er wie ein alter Gaul.

Er ging lange, bis die Huser klein und niedrig wurden. Trb leuchteten
ihre Augen, einige hatten viele, wiederum welche waren blind von oben bis
unten.

Auf der Strae spielten Kinder. Es waren kleine Mdchen. Sie hatten einen
Kreis gebildet und schritten um ein Mdchen herum, das in der Mitte sa,
die Hnde vor dem Gesicht. Dabei summten sie ein Lied. Es war ein weicher
flsternder Gesang, wehmtig durch die Dmmerung schwebend.

Ginstermann stand und lauschte. Aus diesem Summen der Mdchen da sprach es
zu ihm, wie aus dem Flstern der Stille im Park.

Und nun verstand er.

Sterben, sprach es.

Er ging und lchelte vor sich hin, von diesem weichen, kosenden Sang
gefolgt, der: sterben sagte. Wie die weichen Arme eines Unsichtbaren
umschlang es ihn und kte ihm dies Wort auf den Mund.

Die Huser hatten ein Ende. Frei lag das Feld vor ihm.

ber die Ebene lief hurtig ein khler Wind. Er nahm den Hut ab und lie
sich die Stirn von ihm khlen. Das war sanft und wohltuend, er mute an die
schmalen khlen Lippen seiner Mutter denken, wenn sie ihm die Wangen kte.

Es regnete nicht mehr. Im Westen glomm ein schmaler, dsterroter Saum, die
Nacht schlug wie das ungeheure schwermtige Lid eines Vogelauges ber der
Erde zusammen.

Die Luft war gewrzt vom Geruche des triefenden Waldes, der Wiesen. Er roch
die Nacht heraus.

Er kniete nieder und kte die Erde.

Adieu, sagte er. Er stand noch eine Weile: Das war der Wald, hier das Feld,
dort oben der Himmel. Adieu.

Dann wandte er sich der Stadt zu. Er wollte nach Hause.

Nun konnte er pltzlich wieder denken. Aber all seine Gedanken liefen
diesem einen Ziele zu, -- ruhig, ohne Schmerz, erfllt von Weihe, die
dieses Ziel ber sie hauchte.

Die ganze Stadt war Licht, Lrm, Lachen. Menschen fluteten, Menschen, die
dieses Licht, diesen Lrm, dieses Lachen liebten, die die kleinen sen
Abenteuer liebten. Es brauste nah, in der Ferne. Es lutete, klingelte.

Aber lauter und klingender wie der Lrm des Verkehrs ging hoch oben ein
Brausen ber die Stadt. Es lief durch die Straen, ri die Fenster auf,
fuhr durch die Huser, fuhr in die Brust der Menschen, und blies die Glut
ihrer Herzen zu Flammen: Das Leben!

Nun lag es hinter ihm. War es nicht schn gewesen? O, es war kstlich
gewesen. Es hatte ihm die groe Freude, den groen Schmerz gegeben. Was
sollte es mehr? Er hatte sich satt getrunken an seinen Schnheiten, er
hatte seinen Rtseln gelauscht.

Er war mde, er sehnte sich nach der groen Ruhe, nach der Rckkehr in das
Nichts, wo die atemlose Flucht der Erscheinungen ein Ende hatte.

Bei einem Waffenladen blieb er stehen. Die Lufe blitzten, die runden
hohlen Augen blickten ihn wie etwas Bekanntes an. Wie unschuldige Wichtchen
schlummerten die Kugeln in den Schachteln, plump und dick ein Schdel in
Stcke reiend, klein, nur den Stich einer Nadel an der Schlfe
hinterlassend.

Aber er ging weiter. Er hatte zu Hause ein scharfes, scharfes Rasiermesser.
Damit wollte er sich die Adern durchschneiden, und whrend das Blut in
langsamen Sten seinem Krper entwich, noch an all das Herrliche denken,
das ihm das Leben schenkte. --

Als er seine Treppe emporstieg, sah er Frau Trud vor der Tr des Ateliers
stehen. Es schien als warte sie auf jemanden.

Ach, Sie sind es, sagte sie. Sie sah angegriffen aus und hatte gelbe
Ringe um die Augen.

Ginstermann erschrak, als er sie erblickte, es war ihm, als errate sie
seine Absicht. Sie betrachtete ihn auch so sonderbar, versteckt
argwhnisch. Sie lie ihn sicher nicht ohne weiteres vorbei.

Was ist mit Ihnen, Herr Ginstermann? fragte sie mit jher, erschrockener
Stimme.

Mit mir, wieso denn nur?

Wie sehen sie nur aus. Ist Ihnen etwas zugestoen?

Diese Besorgnis, diese mtterliche Anteilnahme machte ihn bewegt.

Ach nein, erwiderte er. Gute Nacht, Frau Trud.

Er gab ihr die Hand und sah ihr mit einem tiefen Blick in die Augen.

Oben wandte er sich nochmals um und rief: Gren Sie Kapelli, ich werde
ihn demnchst wieder mal besuchen.

Er zitterte noch, als er in seinem Zimmer angelangt war.

Hatte sie etwas gemerkt? Wie konnte sie das?

Nachdem er abgeschlossen hatte, zndete er die Lampe an. Dann sphte er
unter das Bett, ob niemand drunter versteckt sei, der ihn beobachten
konnte. Die Vorhnge zog er zu.

Er ging zur Bste, blickte sie eine Weile dster lchelnd an und hob sie
herab.

Er prete sie an die Brust und kte sie auf den Mund.

Bianka, sagte er, leb wohl. Wer du auch seist, ich danke dir. Du warst
das Schnste, das Leuchtendste in meinem Leben. Du gabst mir ein tiefes
Erlebnis. Nie hat ein Mensch Schnres erlebt. Dafr danke ich dir. Weit
du, wie ich dich liebe? Sieh, ich bin irrsinnig geworden, so liebe ich
dich. Irrsinnig, du meine Bianka. Vielleicht htte ich dich glcklich
gemacht. Wir wissen es ja nicht. Leb wohl. Wenn du von meinem Tode hrst,
so hrme dich nicht. Verzeih!

Trnen rollten ber seine Wangen, whrend er sie lchelnd betrachtete. Er
ffnete den Schrank und stellte die Bste behutsam hinein. Sie sollte es
nicht sehen.

Da pochte es an seiner Tre.

Er erschrak heftig und fragte stockend: Wer da?

Kapelli. Ob er nicht Lust habe, den Abend mit ihnen zu verbringen.
Bichen Karten spielen.

Nein, danke schn.

So machen Sie doch mal auf!

Ginstermann ging an die Tre, unschlssig ob er ffnen sollte.

Dann rief er: Ich will arbeiten, Kapelli. Stren Sie mich nicht lnger.
Aber Kapelli pochte nochmals.

Ginstermann beugte sich herab und blies durchs Schlsselloch.

Ich werde Sie die Treppe hinunterblasen, rief er, sich zum Lachen
zwingend.

Na, dann also gute Nacht.

Kapelli stieg die Treppe hinab, hielt inne, kam wieder ein paar Stufen
herauf, stieg abermals hinunter und schlo endlich die Tre seines Ateliers
hinter sich.

Was wollen sie nur, dachte Ginstermann. Diese beiden guten Leutchen, sie
ahnen wohl etwas? Morgen wird Kapelli sagen: Armer Kerl, der Ginstermann.
Und des Nachts werden sie stumm in ihren Betten liegen und an mich denken.

Und Kapelli wird hinter dem Sarg hergehen, seinen engen schwarzen Rock ber
dem Bauche zugeknpft, einen Zylinder auf dem Kopf. Und er wird im Sarge
liegen und Grimassen schneiden. Aber nein, er wird hbsch ruhig bleiben. Im
brigen wute es man nicht. Niemand wei, was ein Toter tut, wenn der
Deckel aufgeschraubt ist. Noch besa niemand soviel Mut sich neben einen
Toten in den Kasten zu legen und zu beobachten, was er tut. Einer seiner
Bekannten wird ein paar Worte am Grabe sprechen: Blh -- blh -- Henri
Ginstermann ist tot. Er hat Das Ebenbild Gottes geschrieben -- blh --
blh -- er hat auch Verse geschrieben -- man wei nicht, woran er gestorben
ist, vielleicht ist er am Leben gestorben -- blh -- blh --

Ginstermann setzte sich auf die Ottomane und sann vor sich hin. Seine Hnde
zitterten, die Pulse hpften in seiner Schlfe; in seinem Kopfe da rauschte
es, rings herum.

Da gab es noch jemanden, den die Nachricht stutzig machen wird. Dieser
jemand wird sagen: Henri Ginstermann? das ist ja mein Sohn. Seine Mutter
hatte ihn doch ein bichen gerne, frher. Nun ja, bei jenem Skandal -- kann
eine anstndige Dame da anders handeln. Ein Schler, ein Junge von siebzehn
Jahren, der sich mit einer verheirateten Frau einlt! Puh, puh! Aber nein,
frher. Als er noch zwlf Jahre alt war. Bis er den Ring stahl. Stahl, das
ist ja nicht richtig. Er legte ihn ja abends wieder auf den Toilettetisch.
Er hatte ihn nur in der Sonne funkeln lassen, weil das seine Augen
entzckte. Sie hatten ihn allerdings Dieb genannt. Dieb zischten sie alle.
Und er wurde in eine dunkle Kammer gesperrt, die ganze Nacht. Da kam der
Teufel mit seiner ganzen Verwandtschaft. Die Holzwrmer schlugen mit den
dicken Kpfen auf die Dielen. Die Muse nagten die Balken ab, um ihn in
einen tiefen Schacht hinabzustrzen. Eine Uhr rasselte wie ein Sterbender.
O, das war schon mehr als Geisterspuk. Des Morgens kam ein graubleicher
Bursch zur Tre heraus, dem diese Nacht mit ihrem Schrecken wie ein Frost
auf die Seele gefallen. Seitdem hate er sie, seine Eltern und Geschwister,
seine Mitschler und Lehrer, alle Menschen. Und er schlief trotzig in der
Geisterkammer, ohne Furcht, da er sich dem Teufel verschrieben hatte, der
ihm jetzt nichts mehr tat. Ja, selbst die Mrder frchtete er nicht mehr.
Sollten sie ruhig zum Fenster hereinsteigen und ihn erdolchen. O, es war
nur ein Spa! -- Hoho, aber pltzlich da wurde es anders. Niemand liebte
ihn, bis er eine junge hbsche Frau kennen lernte.

Weshalb sieht man so finster in die Welt, lieber Henri? -- Wollen wir Musik
zusammen machen, wie? -- Wollen wir in den Garten gehen und die Blumen
ansehen? -- Armer Bub wie haben sie dich hergerichtet? -- Nein, nicht
kssen, nicht kssen, Schlingel!

O juhei, o juhei -- wie herrlich ist das Leben! -- Wie, abgereist? Gndige
Frau ist abgereist? So so. Er lebt acht Tage als Waldmensch, frit Moos und
Schnecken und heult wie ein Irrer durch die Nchte. -- Hinaus! sagt der
Vater, hinaus! Sein Finger deutet gegen die Tre. Er biegt ihn im Gelenk
ab, damit es recht theatralisch aussieht. Haha, welche Groartigkeit. Wie
ein Feldherr: alle Fnftausend. Hinaus, hinaus! Alle Tren zu. Einer dreht
sich im Kreise, ein ganzer Kreis von Fingern deutet: Hinaus! -- Ein Zug
braust durch die Nacht. Hahaha, Freundchen, es ist nicht so einfach, sich
unter einen rasenden Zug zu werfen, dazu gehrt die Gewandtheit eines
Seiltnzers. Wie, die Hand haben sie sich blutig geschlagen, Mylord? O, das
schadet nichts. Ein bichen Blut, wir sind doch kein kleines Mdchen, wie?
-- Die Bauern sind ein mitleidig Volk, sie geben Brot, sie hetzen auch ihre
Hunde. Nur Scherz. Es schlft sich gut im Wald, bei den vielen Mcken und
Ameisen. Man trumt von Gendarmen, das ist nur angenehm. Denn wenn man
erwacht, so sieht man nichts um sich als Bsche und Kruter, und der Mond
spannt silberne Saiten zwischen den Stmmen. Drauf greifen Elfenfinger ihre
Lieder. Ist das nicht herrlich? -- -- In Bhmen liegt ein Bauernhof. War es
nicht ein hbscher Bauernhof? Die Bume herum, die Tannen dahinter auf dem
Hgel wie finstere Borsten auf einem Ungeheuer. Und Segtschin, der
Wahnsinnige, wie er mit den Zhnen fletscht. Er kann die Deutschen nicht
leiden. Ich renne ihm die Mistgabel durch den Leib! Ach, eine Mistgabel,
ich bitte Sie, Verehrtester, Sie werden doch so ein Ding nicht frchten.
Und da ist Hesse, der defraudierte Bahnbeamte aus Baden. Er hat eine Kneipe
in Rumnien. Willst du das Weib da kssen, du Kleiner! Ha! Ein Patron, it
und trinkt drei Wochen bei mir und will das Weib da nicht kssen, wenn ich
es befehle. Hund, marsch -- oder -- ah -- sie ist ja ein kleines
Schweinchen, die Sonja -- aber -- hahaha! Sein betrunkenes Gesicht mit dem
Ausdruck eines Metzgerhundes schwillt auf vor Wut, als ob es zerplatzen
wollte. Ach, nun ist es gar nicht mehr Hesse, nun ist es Herr Trutt, der
Kaufmann Trutt mit seinem Doppelkinn, seinem Fettnacken, seinen schielenden
Augen, seiner fettrasselnden Stimme. Dieser Halunke, der will, da man sich
fr ein paar Gulden kaput arbeitet. Aber was will nur Hesse mit dem Bohrer.
Nein, es ist kein Bohrer, es ist ein Spazierstock. Und doch ist es ein
Bohrer, ein Bohrer so lang wie ein Spazierstock. Mit diesem Bohrer kommt er
auf ihn zu, den Bohrer schwingend. Aber so gro seine Schritte auch sind,
er kommt nicht nher. Er baumelt wie an den Hften festgeschraubt, schlgt
mit Armen und Fen, den Bohrer schwingend. Ich will dir den Kopf
anzapfen, Kleiner, gib acht. Sonja, schlage ihn, du sollst dich betrinken,
bis du platzt, Schweinchen!

Was wollen denn diese vielen Leute? Sie stehen um Hesse herum und deuten
auf ihn, alle auf ihn. Und sie schielen alle und haben viereckige und
verschrobene Kpfe. Es ist eine ganze Mauer von Leuten, es sind tausend
Kpfe. Lauter Kpfe; unter ihrer Verzerrtheit verbirgt sich ein bekanntes
Gesicht. Segtschin fletscht mit den Zhnen -- und da ist auch Kapelli! He,
Kapelli! Zum obersten Stockwerke dieses lebendigen Gebudes sieht er
heraus. Er spuckt herunter. Ah, nun ist er ber ihm. Hoho, ber ihm sind
auch Kpfe! berall, rings um ihn Kpfe, die sich unaufhrlich verzerren zu
entsetzlichen Grimassen, bald den, bald jenen darstellend. Da ist ja auch
jenes Weib, Ritts Freundin mit den weien Hnden. Sie wirft ihm Sofakissen
an den Kopf. Ich schlage dich doch noch tot, du Kleiner, flsterte Hesse
pltzlich dicht neben ihm und schwingt einen Weinheber ber seinem Kopfe.
Seine Augen sind blutunterlaufen und aus seinem roten Schnurrbart strmt
der Geruch von Branntwein. Sie leugnen also jede hhere Bestimmung des
Menschen, mein Herr, wie, wie? Sie gestatten, mein Name ist Spi. Ja, zum
Teufel, mein Herr -- Spi ist mein Name, gestatten -- Sie leugnen also
jede hhere Bestimmung des Menschen, mein Herr? Hier stehe ich, Spi. Die
Bestimmung des Menschen kann nicht hoch genug sein. Ich sage mir, sie ist
keine gttliche, sondern eine vom Menschen selbst gegebene, deshalb nicht
minder hoch. Der groe Mensch und Gott flieen in eins zusammen, -- ja, zum
Henker, mein Herr, wer sind Sie eigentlich? Spi, gestatten. Speien Sie
mir doch nicht immer ins Gesicht, wenn Sie Ihren verfluchten Namen
aussprechen! Meine Behauptung gleicht also -- ja, wo stecken Sie denn?
Hier, Spi -- Teufel --! Spi, ich bin unsichtbar, gestatten, Spi ist
mein Name. Lassen Sie mich doch -- lassen Sie mich doch --! Aber was
wollt ihr denn, was wollt ihr denn, ihr hngt ja Camilla auf! Hier
hinauf, geehrter Bruder im Herrn, auf den hohen Baum, sie will die Welt
sehen, und deshalb hngen wir sie so hoch hinauf, seht, wie niedlich sie
ist, wie des Jairi Tchterlein -- --

Da erscholl ein mchtiger Schlag.

Ginstermann stand inmitten des Zimmers, er taumelte, er stolperte ber
einen Stuhl, der am Boden lag.

Er starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen.

Ein Gedanke rang in seinem Kopfe, aber er kam nicht zur Klarheit.

Er suchte sich auf etwas zu besinnen. Was war denn eigentlich? Was war das
alles? Was wollte der phosphoreszierende Schdel dort? Ein Gespenst, hu?
Oder -- nein, eine Lampe. Seine Lampe. Sehen so die Lampen aus?

Ja, es konnte auch eine Lampe sein.

Er fand fr einige Augenblicke die Besinnung zurck. Das war sein Zimmer,
hier stand sein Tisch, dort das Bcherregal, auf dem Biankas Bste
gestanden. Diese Bste hatte er in den Schrank getan.

Er ging an den Schrank, um nachzusehen. Aber er wagte ihn nicht zu ffnen.
Er wute, etwas unsagbar Grliches hockte darin. Da entdeckte er ein
Gesicht an der Wand. Dieses Gesicht bewegte sich nach derselben Richtung,
nach der er sich bewegte. Es war ein Kreidefleck mit Augen darin, die wie
Tiger heraussprangen. Ah, das war ein Spiegel und das Gesicht darin war das
seinige.

Ich komme gleich nach, rief er aus und ging an den Waschtisch.

Was wollte er nur? Er hatte doch etwas aus dem Waschtisch nehmen wollen.
Sollte er beten, da Gott ihm aus seiner Wirrnis herausfhre. Haha,
vielleicht durch einen hbschen Engel mit bleichen, lilienzarten Hnden?
Gott? Was war Gott?

Sie wissen nichts! sagte ihm jemand ins Ohr. Das war Dichter Glimms
Stimme. Er zeigte die Zhne wie ein Eichhrnchen. Aber er war gar nicht zu
sehen.

Sie wissen nichts! wiederholte er. O, dieser Heuchler. Die ganze Zeit
hatte er sich als Atheist aufgespielt.

Wer setzte die Urzelle in die Welt, mein Lieber? Weshalb haben alle
Vlker, alle Vlker den Drang nach Gott, he? Antworten, antworten! Ist
die Welt? Geflunker -- Geflunker! Antwort? Wer ist Gott? Ich lasse Sie
nicht los. Sie -- Dummkopf, Sie. Ich bin Gott, Gott ist in uns. Jeder hat
sein Mekka in sich. So sagten Sie in Ihrem Drama, Freund -- in Ihrem
traurigen Machwerk, das Sie Drama nennen -- hahaha!

Nein, was wollte er nur! Was erhielt er fr Besucher?

Er stand und starrte an die Wand. Da zappelte etwas. Auf hohen
Spinnenbeinen kroch es daher, den gequollenen Krper vorwrtsschiebend.
Unsinn, es war ein Tintenfleck! Jemand hat ein Tintenglas einmal gegen die
Wand geschleudert -- glaubt es, ihr Leute! Spinne? Es sah aus wie Pinien.
Er hatte, seit er hier wohnte, stets an Pinien gedacht.

Nun lste es sich von der Wand und zappelte durch die Luft.

Er wich zurck und schrie. Ein dumpfer Schlag und Klirren.

Er verschwand in ein Loch und sank in tiefe, tiefe Nacht.

Ach, wie gut tat die Finsternis! Und wie herrlich war es zu sinken, immerzu
zu sinken.

Hatte er es doch dabei? Ja, natrlich. Das Rasiermesser! Es tat nicht weh,
nein, nein. Die Adern werden schlaff und die groe selige Mdigkeit kommt.
Mu man tiefer schneiden? Er mochte nicht mehr. Er war mde. Und auf seinem
Kopfe sa einer, so schwer wie ein Zentner.

Guten Tag, ihr Herren, guten Tag, ihr Frauen.

He! was ist das. Was sind das fr Leute? Graue Gesichter. Es sind die
Selbstmrder der letzten Woche. Hahaha, der Tod verliert seine ganze
Kundschaft. Und wer ist der dort? Hehe? Mit seinem purpurnen Schlips. Siry!
Siry! Siehst du, hier an der Schlfe habe ich ein winziges Loch. Ich kmme
das Haar darber, immer elegant! --

Was wollt ihr denn mit der Decke? So, bin ich nackt? Danke.

Die groe selige Mdigkeit . . .

Ich hre nichts mehr, weshalb pocht ihr mir? Weshalb ruft ihr mir?

Mchten sie pochen -- ruhig pochen -- mochten sie rufen, ruhig rufen
. . . . .




XVI.


Eines Tages hrte Ginstermann im Halbschlafe Sankta Lucia singen.

Er wute, da er schlief und vernahm seinen Atem. Er wute auch, da er
trumte und ihm der Traum das Lied sang. Es schien ihm, als schwebe er auf
einer weien flaumigen Wolke dahin. Er lag in heier Sonne, die auf seiner
Stirne wie Sternchen knisterte. Die Wolke trug ihn ber ein herrliches
paradiesisches Land. Orangenhaine tief unten, glitzernde Flsse, ein blauer
Golf, ber den die weien Segel streichen. Eine Stadt mit funkelnden Zinnen
und geschmckten Straen. Alles eigentmlich und mrchenhaft, in satten,
leuchtenden Farben, von Gesang durchzittert.

Sankta Lucia -- Sankta Lucia . . . Ganz leise, aus der Tiefe herauf. Es war
eine weibliche Stimme.

Nun brach das Lied ab und jemand lachte, ganz nah. Eine Frauenstimme,
dieselbe, die eben gesungen, rief laut ein seltsames Wort. Da ertnte die
Melodie eines Leierkastens, die sich entfernte.

Er schlief wieder vollstndig ein, um durch die Melodie des Leierkastens
abermals geweckt zu werden. Sie klang von weit herber. Wieder begann die
Stimme von vorhin das gleiche Lied zu singen. Es war eine herbe burische
Stimme, deren Alt blechern zitterte. Und nun hrte er ein Gerusch, als
schnitte jemand ein Buch auf.

Er versuchte die Lider zu ffnen, die wie angeklebt waren. Pltzlich
sprangen sie auf, ein blauer Schleier zog an seinen Augen vorbei. Er wurde
dnn, durchsichtig, und das Bild eines Herrn, der an einem Tisch sa und
las, erschien. Der Herr las eine Broschre in grnem Umschlag. Es war ein
blonder, schlanker Herr, mit rosigem Teint und einem feinen Schmi auf der
linken Wange.

Dort stand sein Bcherregal und dort hing ein Strohhut, unter dem er sich
unwillkrlich sein Gesicht vorstellte. Nun wandte der Herr ein Blatt um,
ein feines Gerusch verursachend. Seine Finger waren auerordentlich lang
und braun.

Das war doch Traum, doch Traum. Er schlo wieder die Augen.

Da, nach einer Ewigkeit, sagte jemand -- und er empfand, da der
Betreffende beim Sprechen lchelte -- dicht neben ihm: Wie fhlen Sie
sich?

Er schlug erschrocken die Augen auf und gewahrte den Herrn, der am Tisch
gesessen, vor sich, ein Lcheln auf seinem dnnen Schnurrbart.

Der verbeugte sich leicht und sagte: Dr. Scholl.

Ginstermann sann eine Weile nach, dann kam ihm der Gedanke, da dies wohl
der Bruder von Frulein Scholl sein msse, und da er krank gewesen sei.

Er sttzte sich auf die Ellbogen und richtete sich etwas in die Hhe.

Erklren Sie mir, bitte --? Bin ich krank? fragte er.

Der blonde freundliche Herr lie sich auf einen Stuhl neben dem Bette
nieder und entgegnete:

Sie hatten etwas Fieber, Herr Ginstermann. Nun ist es vorbei. Wie fhlen
Sie sich?

O danke. Es ist mir, wie soll ich sagen -- wie als Kind, wenn ich lange
und tief geschlafen hatte.

Sie werden sich wohl etwas wundern, wie ein Wildfremder zu Ihnen
hereinkommt?

Er hatte sich gar nicht darber gewundert, aber jetzt war er erstaunt
darber.

Der Blonde lchelte, und Ginstermann bemerkte, da es kein glckseliges
Kinderlcheln sei, wie es ihm vorhin geschienen, sondern ein sanftes,
seelenvolles Lcheln, wie er es noch nie gesehen.

Und der Blonde sagte: Mich haben zwei junge Damen zu Ihnen geschickt. Er
hatte hellbraune Augen, die innen mit Gold ausgeschlagen zu sein schienen.

Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt. Das Blut stieg ihm in den
Kopf, ganz langsam, so da er die Bewegung der Welle versprte. Er lie
sich zurck in die Kissen fallen.

Also Fieber hatte ich? Das ist ja eine heitere Geschichte, sagte er und
lchelte. Nein, er lachte.

Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt! Zwei!

Er blickte zum Fenster hinaus, das offenstand. Ein tiefblauer Himmel
leuchtete ber den Dchern, wie frisch mit Lack berzogen. Es war also noch
Sommer. Pltzlich schien es ihm, als sei er lange Jahre krank gewesen.

Er schlo die Augen, das satte Blau da drauen in der Erinnerung genieend.

Wie lange bin ich krank gewesen?

Er sei acht Tage krank gewesen.

Ich soll Ihnen die besten Gre von meiner Schwester und Frulein
Schuhmacher bestellen.

Ginstermann drckte die Augen zu und zog die Brauen in die Hhe, um seine
Erregung zu verbergen.

Das ist aber zu sonderbar. Acht Tage und ich wei nichts davon?

Nun mssen Sie sich allerdings etwas schonen. Sie drfen nicht soviel
arbeiten. Sie haben ja ihre ganzen Nerven ruiniert.

Er durfte nicht so viel arbeiten. Jawohl.

Er setzte sich aufrecht und drckte dem jungen Arzt die Hand.

Meinen Dank, Herr Doktor. Auch fr die bermittelten Gre. Ich lasse sie
erwidern. Frulein Schuhmacher ist gesund in Nizza angekommen?

Sie ist noch gar nicht abgereist.

So, Frulein Schuhmacher --

Nein. Es gab ein Hindernis.

Jawohl.

Ginstermann lag eine Weile still. Nun erfllte ihn Friede, ser Friede. In
den Hfen drunten lachten Kinder. Es war als seien es seine Gedanken, die
dort drunten herumsprangen und jauchzten.

Diese unerwartete Mitteilung hatte ihn ganz munter gemacht. Alle
Gegenstnde bekamen scharfe Linien, jede Kleinigkeit konnte er
unterscheiden. An seiner Tre war whrend seiner Krankheit eine neue Leiste
eingesetzt worden. In der Nhe des Schlosses.

Diese Entdeckung machte ihn stutzig. Er versuchte, sich dies zu erklren,
aber seine Gedanken wurden bald mde und gerieten auf andere Wege.

Wie kommt dieser Doktor zu dir, dachte er. Wieso wuten diese Leutchen, da
du krank bist? berhaupt, was hatte sich da alles ereignet? Zum Beispiel,
wie kommt diese Leiste an deine Tre?

Das war vor acht Tagen und er hatte Fieber gehabt. Nun entsann er sich, da
es am Tage vor Biankas beabsichtigter Abreise gewesen. Er hatte sich im
Englischen Garten herumgetrieben, dann wre er nahezu in die Isar gefallen.
Was hatte er nur an der Isar zu suchen gehabt? Mdchen, die einen Reigen
tanzten -- waren nicht auch Mdchen, die einen Reigen tanzten, mit im
Spiele gewesen.

Seine Gedanken verwirrten sich, nur unklare Erinnerungsbilder tauchten in
ihm auf. Aber schlielich, so sagte er sich, wird sich all das noch finden.
Die Hauptsache ist, da Bianka noch nicht abgereist ist.

Es war etwas dazwischen gekommen.

Ah -- wie gesund er doch war! Eine wohltuende Mattigkeit flo durch seinen
Krper, bei jedem Atemzug fhlte er seine Gesundheit. Diese erquickende
Luft! Nur hei war es, sehr hei.

Mcken schwirrten herum, durch ihr Summen in der Vorstellung die Hitze
vergrernd. Andere wieder klebten an der Decke, den Rcken nach unten
gekehrt, ohne herunterzufallen. Eine Schwalbe wippte am Fenster in die Hhe
und zwitscherte. Sie hatte unter dem Dache ihr Nest. Nun hatte er die
Glocke der Straenbahn vernommen, weit in der Ferne, gedmpft.

Alles war weich und sonnig, zart wie lauwarmes Wasser. Er mute an blhende
Apfelbume denken. Einen ganzen Hain blhender Apfelbume sah er vor sich.
Das Gras war hellgrn und zart wie Frhlingssaat. Um die Stmme der Bume
herum stand ein Kranz von Veilchen, deren Duft er versprte.

Dr. Scholl hatte die Farben der Apfelblte im Antlitz. Er war viel zu schn
fr einen Mann und htte gut als Frau gehen knnen. Selbst sein Schmi war
weibisch. Die hnlichkeit zwischen ihm und seiner Schwester war
augenfllig. Dieselben flaumigen, hellbraunen Haare, dieselben goldbraunen
warmen Augen.

War das nicht eine wunderbare Verkettung? Wie kam er hierher?

Zwei Damen hatten ihn geschickt. Also stak Bianka ihm Spiel.

Bianka, Bianka . . .

Wie gut es doch ist, wenn man zuweilen nicht stirbt, dachte er. Das
Bewutsein, da sie noch hier war, da drauen in der Leopoldstrae,
erfllte ihn mit tiefinnerer Freude.

Er liebte sie so sehr. Er liebte sie mit einer sanften, tiefen Liebe.

Trnen traten ihm in die Augen, so da er sie schlieen mute.

Sind Sie mde? fragte der Arzt.

Ach nein, er sei nicht ein bichen mde.

Das waren seltsame Dinge. Er hatte nun lauter Frhlingslandschaften im
Kopfe, sacht glitt ein Bild in das andere ber. Das war Bianka, in Bildern
dargestellt.

Dr. Scholl ging an den Tisch und brachte ihm einige Briefe. Es waren einige
Geschftskuverte und zwei Billette von Biankas Hand.

Ginstermann ffnete zuerst die geschftlichen Mitteilungen. Eine Absage,
ein Brief von seinem Verleger, der ihm meldete, da die erste Auflage
seiner Gedichte abgesetzt sei.

Nun habe ich in zwei Jahren 500 Exemplare meiner Gedichte verkauft, Herr
Doktor! sagte er lachend. Er schreibt es. Ist das nicht einfach enorm?

Dr. Scholl lachte ebenfalls.

Dann nahm er Biankas Billette zur Hand.

Ob er denn krank sei. Er solle ihr umgehend Mitteilung zukommen lassen. Das
andere: Weshalb er nicht auf den Bahnhof gekommen sei. Die Abreise sei
abermals verschoben worden, noch ganz zuletzt.

War das nicht zuviel? Nicht doch ein wenig zuviel? Bedenkt! Fr einen, der
acht Tage im Fieber gelegen.

O, nun -- nun -- o, nun liefen ja pltzlich goldene Stege ins Land hinein.

Er lag still, die Briefchen in seiner Hand drckend. Das Glck hatte ihn
berauscht, es rieselte durch seine Glieder. Ein Blutstropfen schien es dem
anderen zuzurufen.

Er versank in Trumereien. Die Stille trug ihn hoch in den ther hinauf,
wohin kein Vogel mehr fliegt. Dort schwebte er und Biankas Antlitz,
durchsichtig wie Kristall, schwebt vor ihm her. Sein Blick sank in den
ihrigen, und keine Macht der Welt konnte ihre Blicke trennen.

Da tickte es. Wie ein rastloser, winziger Wanderer schritt es auf silbernen
Schuhen dahin. Die Uhr in der Tasche des Arztes tickte.

Und der Arzt sprach etwas. Er sprach wohl schon lange? Was sagte er nur?

. . . ich vermisse das Schicksal, den Kampf mit dem Schicksal, der den
Menschen zum Herren macht, um ihn zuletzt niederzuwerfen. Immer rechnet der
Mensch mit dem Menschen ab . . .

Ah, er sprach ber moderne Literatur.

Und wie es im Drama ist, so ist es auch im Roman. Weder das moderne Drama
noch der moderne Roman ist bis jetzt geschaffen. Wir leben in keiner
schpferischen Zeit.

Die Zeit sei allerdings unfruchtbar, leider, warf Ginstermann ein und
drehte den Kopf zur Wand.

Ob ihn das Sprechen stre?

Aber nein, keineswegs. Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Doktor.

Er hrte nur halb, was der Doktor sagte. Titel und Namen klangen an sein
Ohr, ohne da er sie recht vernahm. In ihm zogen des Traumes bunte Bilder,
sanft und unaufhrlich.

. . . seine Darstellungskraft ist bewundernswrdig. Aber es ist alles zu
wenig von seiner Seele durchleuchtet, scheint mir, nie erwrmt von ihr. Der
Torso ist zu kolossal, als da er ihn durchleuchten knnte. Die anderen
sind Pygmen gegen ihn, allerdings. Man braucht nur an Germinal zu denken.

Wie sie die Strae dahinziehen -- Brot -- Brot! Die ganze geknechtete
Menschheit schreit das mit, gleich einem Echo.

. . . Da schaukelte eine Rose ber dem Abgrund. Das Mdchen wollte sie
haben. So stieg er hinab. Den Leuten da droben gerann das Blut in den
Adern. Das ist die Rose, sagte er und verbeugt sich. Sie antwortet: Ihr
mutet sie holen.

. . . Ich befrchte, da der Import von Osten unserer Entwickelung
schadet. Fr Ruland mag er ja Fortschritt bedeuten. Hier mu sich erst
eine Soziett bilden. Diese Ideen haben wir ja schon lngst berwunden. Ich
fr meine Person mu bei seinen Bchern nahezu historisch denken. Nehmen
Sie >Auferstehung<, ich finde --

Unser Ziel ist der Einzelne.

Natrlich. Wir drfen auch schon an die Ausbildung von Individualitten
denken . . .

. . . Im ganzen Lande luten die Glocken. Was ist geschehen? In den
Korridoren des Schlosses flstern sie, Verwirrung in den bleichen
Gesichtern. Niemand will es tun. Wer knnte es auch. Sie wissen alle, wie
sehr sie den Bruder liebte. Wer soll ihr die Kunde bringen -- keiner will.
Das Los. Wer es zieht, der mu. Er mu. Er tut es nicht. Er geht hin und
stirbt . . .

. . . Was fr die Malerei der Impressionismus ist, der sie zur Konkurrenz
befhigt mit der Kunst der Renaissance, ist fr die Literatur die
Psychologie. Komplikationen -- ach, was -- --

. . . kling -- klang -- klung -- o Skule, Knig Skule -- es heulen die
Hunde, sehn sie den Mond -- klung -- klung -- es weinen die Weiber, stirbt
ein Spatz -- o Skule, Knig Skule, du bist in deinen Bauch verliebt, in
deinen dicken Bauch verliebt, und hrmst dich, du kannst ihn nicht kssen
-- klung -- klung . . . Schweig, Narr! Verstimmt ist deine Leier. Roselind
ist morgen tot. -- Der Narr zieht ab. Was soll er hier bei Knig Skule
noch? Er schneidet seine drolligsten Grimassen, greift einen Miakkord und
geht schellenklingelnd zur Tr hinaus.

Klung -- klung -- je schner ein Weibchen in der Welt -- je eher es dem Tod
gefllt -- klung -- -- kling -- klung --

Knig Skule sitzt und sinnt. Neben ihm der Page bietet umsonst den Pokal.
Da hinter dem golddurchwirkten Vorhang schluchzt es. Ein Mdchen schlpft
heraus, das Gesicht in den Schleier gedrckt, und geht durch den Saal.

Um die Burg murmelt das Volk: Roselind?

Wieder ffnet sich der Vorhang, und ein Mdchen geht durch den Saal, das
Gesicht verhllt wie das erste.

Knig Skule greift nach dem Becher, ohne ihn zu nehmen. Er knirscht mit den
Zhnen, er mu an die heien Schlachten denken.

Und nun tritt ein drrer, schwarzer Mann aus dem Vorhang. Sein Gesicht ist
wachsfahl und ohne Leben.

Knig Skule fragt ihn mit den Augen. Der Arzt schttelt langsam den spitzen
Kopf.

Wann? fragt Knig Skule. Der Arzt antwortet ihm mit scharfen, ruhigen
Blicken.

Wenn das Gold in den Bergen glht? Wenn der Abendstern aus den Tannen
kommt?

Der Arzt nimmt den Becher und schttet den Wein auf den Boden.

Ehe dieser Wein verdampft, o Herr.

So la in die Posaunen stoen.

Die Posaunen rufen. Was rufen sie? Wer sich das Herz bei lebendigem Leibe
aus der Brust schneiden lasse, fragen sie. Der Zauberer kndete, das wrde
Roselinds Leben retten.

Still wird's um die Burg.

Die Posaunen rufen.

Nimm dies! Knig Skule entblt die Brust.

Es ist alt. Es mu ein junges sein.

Am Boden dampft der Wein. Der Flecken kriecht in sich zusammen.

An der Wand geht eine Tre auf, die niemand je sah. Sechs Jungfrauen in
dstern Schleiern treten heraus, beugen sich und schreiben mit dem Finger
auf den Boden, heben die Arme, lften den Schleier: bleiche Schdel
grinsen. Sie verschwinden. Ihre dstern Schleier schlpfen durch den
Vorhang.

Dort drauen weint es leise. Das ist die Knigin. Zwei Shne fielen ihr in
der Schlacht.

Roselind -- -- --?

Ein Pilger kommt. Sie fhren ihn herein. Der Pilger kniet vor Knig Skules
Thron und spricht: Ich bringe dir mein Herz.

Stille. Im Garten sticht ein Spaten Erde aus.

Der Flecken am Boden ist so gro wie eine Hand.

Kling -- klang -- klung -- klang -- macht des Narren Zither. Er hockt auf
dem Fensterbrett und grinst. O Skule -- Knig Skule --

Werft ihn in Ketten! befiehlt der Knig. Ein Diener stutzt und geht. Gilt
das dem Narren, der singend in wilder Schlacht neben Skule ritt?

Ich bringe dir mein Herz.

Der Knig hebt die Hand.

In einer wachsfahlen Hand zuckt ein dnnes Messer. Eine wachsfahle Hand
reit einen blutigen Klumpen in die Hhe.

Stille.

Das Schluchzen hrt auf. Ein Mdchen erscheint vor dem Vorhang und hebt
verzckt die Hnde.

Der Teppich schnurrt zurck: Da steht Roselind und lchelt.

Die Fanfaren jauchzen, die Hrner lachen.

Roselind! Roselind! jubelt tausendstimmig das Volk.

Es tropft. Aus dem blutigen Klumpen tropft es auf den Boden.
Tipp--tapp--tipp--tipp . . .

Bringt mir den Narren! Fllt den Becher!

Klung--klung--kling-- ich wre dir nicht fortgelaufen, Skule . . . --

Dr. Scholl hatte sich erhoben. Er nahm den Hut vom Tisch und trat, sein
Gesprch beendend, wieder ans Bett.

Man erlebt da Dramen, glauben Sie es mir.

Richtig, er hatte von seiner Praxis gesprochen.

Wir rzte lernen die Menschen kennen. Es gibt viele Qual in dieser Welt.
Wenn ich wiederkomme, so erzhle ich Ihnen noch mehr. Das mu Sie ja
interessieren.

Natrlich. Ich lerne da ohne jede Mhe. Sie geben mir Extrakt.

Besonders die Geschichte von dem Alten, der sich mit Fluchen und Fusten
gegen den Tod wehrt, mssen sie mir nochmals erzhlen.

Adieu.

Eine Tre ging. Er schrak zusammen, als der Drcker ins Schlo schnappte.

Wie still es doch war. Seine Kissen flsterten bei jedem Atemzuge. Er lag
im heien Dnensand, und das Meer pltscherte . . .

Roselind -- Roselind . . .

Roselind ist Hagewolfs, des schnsten und mutigsten Recken, ehelich Gemahl.

Wie eine Krone, glitzernd von Steinen, flammend von Zinken, auf dunklen
Locken, liegt ihre Burg auf schwarzem ewigen Walde. Halali heit der Wald.
In Skules Reichen ist nicht Schneres.

Hagewolf fuhr bers Meer, zum Siege. Schwert des Tor nennt ihn das Volk.

Roselind ist schn. An allen Hfen flstern die Saiten: Roselind ist schn.

Nach Halali! Nach Halali! Noch in der Nacht werden die Pferde gesattelt. --

Am Tore vor Roselinds Schlo, da kauert ein Pilgrim. Die Nacht ist lang.
Zwlf Meere an Finsternis birgt diese Nacht. In den Bschen glhen die
Rosen. Es sind Menschenherzen, die Roselind in die Bsche warf. Auf dem
Tore stecken an Speeren zwei Kpfe. Knigsshne. Blut tropft ins Gras. Bei
jedem Tropfen hrt man weit hinter den Bergen Frauen schluchzen.

Der eine ffnet die blauen Lippen und spricht: Weh dir! Weh dir! Der
andere schlgt die schwarzen Lider in die Hhe und spricht: Entfleuch!
Entfleuch!

Die Nacht ist lang! Die Nacht ist lang!

Mein Sohn, mein Sohn, jammert es berm Meer. Liebster mein, Liebster mein,
schluchzt es weit hinter den Bergen.

Nun faucht der Morgenwind aus dem schwarzen Walde und blst die Herzen in
den Bschen aus. Ein Schwarm feuriger Vgel streicht ber den Wald.

Ein Mdchen steigt auf die Treppe, weie Bltenbnder um den
perlmutterschillernden Leib, legt die Hnde an den Mund und ruft: ber der
Herrin Land -- leuchtet der Son -- ne Brand -- --! -- leuchtet der Sonne
Brand! antwortet in der Ferne eine Stimme . . . . Der Sonne Brand . . . .

Jauchzen. Rot glhen die Zinnen aus Granat.

Die Kpfe am Tore sind steif und stumm.

Mach auf.

Wen suchst du, Armer? -- Ich suche Roselind. -- O, weh dir!

Hrner lachen. Ein Tor springt auf: Roselind und das Gefolge reiten heraus.

Roselind ist schn, flstern die Saiten im ganzen Lande . . .

Neben ihr auf schwarzem Hengste, ein drrer, schwarzer Mann mit wachsfahlem
Antlitz. Sein Gewand starrt von bunten Steinen.

Kommst du bers Meer? Wen suchst du, Fremdling?

Ich suche dich.

Roselind lchelt. Dieses Lcheln sagt: du stirbst.

Ich sterbe gern fr dich.

Der Schwarze mit dem wachsfahlen Antlitz richtet die Augen scharf wie ein
Messer auf des Pilgrims Gesicht. Es ist wei wie Schnee, blutleer das
Geder.

Er ists, sagt er.

Roselind neigt sich im Sattel. Du bists. Knig Skule suchte dich durchs
ganze Land. Dein Leben ist dir geschenkt. Erbitte dir eine Gnade.

Der Pilgrim beugt das Knie.

Roselind wirft ihm ein Band Perlen hin. Er soll hundert Pferde mit
Geschmeide haben!

Ich will nicht dein Gold.

Knig Skule gibt dir einen Thron.

Was ntzt mich Knig Skules Thron?

Beeile dich!

Ich will --

Werde nicht khn!!

Ich mchte den Saum deines Gewandes kssen, Roselind!

Hahaha -- lacht das Gefolge -- hahaha . . . . Fort strmts in den Wald.
Hahaha . . . .

Halali heit der Wald . . . .

Hier versank Ginstermann wiederum in Schlaf.




XVII.


Es gab eine Menge Neuigkeiten.

Frau Trud hatte einem Mdchen das Leben geschenkt.

Kapelli erzhlt es eben Ginstermann. Er sa auf der Bettkante bei ihm und
rauchte seine Zigarre.

Heute morgen um fnf Uhr, sagte er und alle Vokale funkelten. Es ist ein
Prachtwesen!

Er hatte die Blicke auf eine Skizze an der Wand gerichtet, und Ginstermann
sah es ihm an, da er Mhe hatte, sein Glck zu ertragen. Whrend der
ganzen Nacht war er wohl in seinem Atelier auf und ab gegangen,
zusammenschreckend bei jedem Gerusch, jedem Schrei im Nebenzimmer, bebend
vor Angst, vielleicht hatte er auch ein wenig gebetet. Nun war er erlst
und glcklich. In seinen Augen glnzte die Freude. Ein neuer Lebenstag
begann fr ihn, ber dem nicht mehr die beunruhigenden Schatten der letzten
Zeit schwebten.

Ginstermann nahm an seinem Glck teil, denn sowohl Kapelli als Frau Trud
hatte er sehr gern, im Innersten seines Herzens aber nagte ein Gefhl, das
er nicht die Aufrichtigkeit besa, Neid zu nennen.

Es gab noch manches andere.

Kapelli stand der Auftrag zu einem Brunnen in Aussicht. Wenn er ihn bekam
-- er rechnete bestimmt darauf -- so hatte er Beschftigung auf ein Jahr --
da wollte er sich in der Nhe der Stadt ein Atelier mieten. So etwas wie
ein Haus im Freien, Bume herum, ein Garten, in dem Frau Trud das
Schnuckerl spazieren fahren konnte, meinte er.

Maler Ritt hatte auf sein letztes Bild hin eine Professur erhalten. Er
feierte seit fnf Tagen ein Fest in seinem Studio drunten und hatte Tag und
Nacht ein Rudel Herren und Damen zu Gaste. Mit einer Ziehharmonika machten
sie Musik, alle Anwesenden waren als Zigeuner kostmiert, und man konnte
nicht zum Hause hinausgehen, ohne ber einen im Flur liegenden Bezechten
hinwegsteigen zu mssen.

Was aber sagen Sie zur Sacken, Ginstermann?

Frulein von Sacken war in allen Besprechungen ganz hervorragend gelobt
worden.

Unsere neueste Entdeckung heit Sacken, schrieben sie. Und: Man sah nur
selten Fische so gemalt. Groes ist von dieser Knstlerin zu erwarten.

Es ist ihr zu gnnen, selbstverstndlich. Nun ja, Ritt hat ihr ein bichen
geholfen, aber das geht uns nichts an, meinte Kapelli.

Ginstermann kleidete sich an, um Frau Trud persnlich zu beglckwnschen.
Auf der Treppe begegnete ihm Frulein von Sacken. Sie trug wie sonst ein
schwarzes Kleid, das die Fahlheit ihres leicht schwammigen Gesichtes
erhhte. In ihren Augen wohnte der alte, unnennbare Kummer, und erst als
Ginstermann ihr die Hand zur Gratulation schttelte, leuchtete helle Freude
darinnen auf, von der man brigens nicht wute, ob sie echt oder gemacht
war. Sie lie ihn nicht vorber, ohne da er die Rezensionen gelesen hatte.

Jetzt knnen Sie ruhig sterben, scherzte er, indem er ihr nochmals die
Hand drckte.

Ja, entgegnete sie und blickte zu Boden, als suche sie irgend etwas;
besondere Genugtuung bereitet es mir, meinen Angehrigen den Beweis
erbringen zu knnen, da ihr Spott ungerecht war.

Sie blickte auf, und der Ha flackerte noch in ihren Augen. Ginstermann
htte nie und nimmer solch wilden Stolz und elementare Leidenschaft in
diesem bescheidenen, schwermtigen Weibe vermutet.

Sie lchelte und sagte: Sie wissen ja, da mich Herr Ritt bei der Arbeit
untersttzte.

Auf ein paar Pinselstriche kme es nicht an.

Ich habe meinen Lehrer fr heute abend eingeladen. Wollen Sie mir nicht
auch das Vergngen schenken, Herr Ginstermann?

Er msse leider aus Gesundheitsrcksichten ablehnen.

Nicht? -- Sie sehen nicht gut aus, in der Tat. Ihr Gesicht ist noch um
etwas schmler und blsser geworden. O, und graue Haare haben Sie auch
bekommen, eine ganze Menge, setzte sie lchelnd dazu. --

Frau Trud war vergngt und zu Scherzen aufgelegt wie sonst. Aber es schien,
als ob sie nur lache und scherze, um ihre Ergriffenheit dahinter zu
verbergen. Sie war auerordentlich bla und geschwcht, und oft sprach sie
so leise, da man sie nicht mehr verstand. Kapelli mute sie fortwhrend
ersuchen, den Mund zu halten.

Ginstermann kte sie, bewegt von dem anspruchslosen Heroismus, mit dem sie
ihr Martyrium ertrug, auf die Stirne. Das war sein Glckwunsch und
gleichzeitig sein Dank fr neulich. Es kmmerte ihn nicht, da Kapelli
dabei stand, und Kapelli kmmerte es auch nicht. Frau Trud dankte ihm mit
einem Blick voller Liebe, als sei er ihr Geliebter.

Natrlich mute er auch das Kind sehen.

Mein Gott! es war ein runzeliges Tierchen mit schneeweien Hrchen auf dem
unfrmigen Kopfe. Er konnte es nur mit berwindung betrachten.

Es hat dieselben blauen Augen wie ich, sehen Sie? sagte die Mutter. Es
wird berhaupt ein hbsches Kind werden, nicht?

Er konnte das mit dem besten Willen nicht herausfinden.

Wenn es so fortfhrt, sicherlich, sagte er.

Kapelli trug sich allen Ernstes mit dem Gedanken, diese Skizze von Mensch
in Gips abzugieen. Und zwar gleich morgen.

Die Lippen werde ich dann etwas retouchieren. Oder finden Sie nicht, diese
Unterlippe da ist etwas zu breit? Trud hat ja zwar --

Frau Trud machte ihm eine geballte Faust, die sich aber augenblicklich zu
einer verlangend ausgestreckten Hand lste.

Kapelli kte sie.

Du sollst nicht so viel reden, sagte er.

Ich hab ja nun gar nichts gesagt, Frau Trud darauf.

Ginstermann wandte sich ab, um seine Bewegungen zu verbergen.

Die Sehnsucht nach dem Weihe, mit dem man eins ist, die in jedem Manne
lebt, erwachte in ihm, die Sehnsucht nach dem Kinde, ohne die nie ein
Mensch gro ward, stand in ihm auf.

Weder dies, noch das, sagte er sich.

Das wute er, nie sollte er ein Weib haben. Nach Bianka wrde er nicht mehr
fhig sein, ein Weib zu lieben. Das wute er, nie sollte er ein Kind haben.
Er wrde nicht imstande sein, seine Seele mit der eines Weibes zu
vermischen, nachdem ihm das Schicksal Bianka gezeigt.

Andere Sterne! Andere Sterne!

Ach, da war ja noch die Erinnerung -- und die Arbeit! --

Er ging.

Er stieg die Treppe hinunter, um im Hofe nach seiner kleinen Camilla zu
sehen. Er wollte ihr nur die Locken streicheln.

Bei Maler Ritt wurde getanzt. Fe schlrften, und zuweilen stie jemand
gegen die Tre. Eine Violine spielte einen berckenden, schwermtigen
Walzer, viel zu zart fr das wste Schleifen der Tanzenden.

Hoi -- hoi! rief dazwischen Ritts scharfe Stimme. Die Rufe hrten sich an
wie das Knallen einer Peitsche, mit der er die Ermatteten antrieb.

Camilla war nicht zu sehen. Er begab sich in das Vorderhaus, um in ihrer
Wohnung nachzufragen. Eine ausgetrocknete Alte mit in den Brillenglsern
zerflieenden, erschreckend groen Augen ffnete. Von ihr erfuhr er, da
Camilla ausgezogen sei. Eine Weile besann er sich, ob er sie in ihrer
netten Wohnung aufsuchen sollte. Vielleicht wrde er sie treffen, wenn er
am Hause auf und ab ging.

Aber er war zu mde, und dann war ja all das unsinnig.

Er legte sich wieder nieder und nahm ein halbfertiges Manuskript, das von
der Religion der Gottlosen handelte, zur Hand, um sich auf andere
Gedanken zu bringen. --

Noch einige Tage und er war gnzlich hergestellt.

Dr. Scholl besuchte ihn jeden Nachmittag. Sie waren Freunde geworden.
Ginstermann liebte das offene, kluge Wesen des jungen Arztes. Dieser Mann
hatte die Eigentmlichkeit, die radikalsten Anschauungen wie etwas
Selbstverstndliches zu uern, und das tat wohl. Ein immenses Wissen
erlaubte ihm, spielend Unmengen von Material aus allen Gebieten
herbeizubringen, an der Hand desselben Schlsse zu ziehen, zu begrnden, zu
widerlegen. Es war eine Lust, mit ihm zu diskutieren. Man brauchte nicht
mehr im Jargon zu sprechen, nicht zu befrchten, miverstanden zu werden,
keine noch so feine Nance ging verloren, und selbst da, wo der Ausdruck
fehlte, sprach eine Gebrde, das Stocken selbst. Ihre Gesprche griffen wie
die Zhne zweier Rder ineinander.

Noch nie hatte sich Ginstermann so sehr und so angenehm in der Beurteilung
des Wertes eines Menschen nach seinem ueren getuscht. --

Ginstermann hatte Bianka ein Billet zugeschickt, worin er ihr fr ihre
Gre dankte und ihr seine Genesung mitteilte.

Tags darauf erhielt er eine Einladung ihrerseits zu einem kurzen
Spaziergang.

Werter Freund, schrieb sie, werter Freund.




XVIII.


Drei Uhr.

Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, wei in wei gekleidet wie immer, und
steigt den Hgel zum Monopteros hinauf. Sie atmet auf, blickt die Wege
entlang, geht zwei-, dreimal im Kreise umher, schreibt mit dem Sonnenschirm
auf die Fliesen, sieht auf die Uhr und geht wieder hinab. Ganz langsam. An
der Wegkreuzung wartet sie noch ein Weilchen, dann geht sie wieder quer
durch die Wiese, wei in wei, den Krper leicht vornber gebeugt.

Ginstermann ist nicht hingegangen.

Noch in letzter Minute besann er sich eines anderen.

Er hatte dieses Wiedersehen, an das nicht mehr zu denken gewesen war,
whrend der Nacht in der Vorstellung vorausgelebt, mit allen Worten und
Mienen, dem Parke in der Sonne, den schieenden Schwalben im ther. Er
hatte verzckten Auges in ihr strahlendes Antlitz geblickt, er hatte ihre
geschmeidige Hand in der seinigen gehalten, ihr Guten Tag und Adieu gesagt
-- er hatte in die dunkle Nacht einen Teppich von Sonne und Wonne gewoben:
und er war nicht hingegangen.

Das war nicht leicht, es war durchaus nicht leicht.

Er wollte sie nicht wiedersehen, das war es.

Nun sa er in seinem Sessel und lauschte auf das Schlagen der Uhren und
sprach: Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, wei in wei gekleidet wie
immer, und steigt den Hgel zum Monopteros hinauf --

Adieu Bianka!

Das war nicht leicht, das war durchaus nicht leicht. Er hatte sie ja doch
immerhin ein bichen lieb, wie?

Sein Entschlu lastete auf ihm wie ein Ungeheuer. Alles wirbelte in ihm
herum, seine Gedanken verwirrten sich, eisige Angst kroch an sein Herz.

Noch war es mglich, ihr zu begegnen . . .

Aber nein, er wollte nicht. Diesem letzten tapferen Gedanken wollte er
Treue bewahren.

In groen, aufgeregten Schritten ging er in seinem Zimmer hin und her,
whrend die zwei Gegner in seinem Kopfe sich stritten. Heute wollte er sich
den Beweis liefern, da er noch einen freien Willen besa.

Um seine Gedanken abzulenken, ging er bedchtig wie ein Galeriebesucher an
den Wnden entlang, seine Blicke auf die vergilbten Bltter bohrend. Da war
Knopfh, ein Frauenbildnis. Aufs Papier gehaucht, ein Schleier, der jeden
Augenblick zerflieen konnte. Von solchen Frauen wissen die Dichter. Bist
du eine Schwester von ihr? Ein Frans Hals: Die Hille Bobbe. Eine ehrwrdige
Matrone, haha. Bcklin. Bcklin! Balestrieri: Beethoven. Beethoven. Wer
schluchzt hier? Weshalb sind wir von Erde, o, weshalb? -- Und hier stand
ein Satz. Kurios. Ein Satz mit Blaustift an die Wand geschrieben. Wer ist
sie? Kennt ihr sie? Und dort dieser Tintenfleck. Wer hatte das
Tintenfa geschleudert? Und weshalb? Einer, den die Launen eines Weibes zum
Jhzorn reizten, einer, den seine Ohnmacht zur Raserei brachte, der seine
Steine suchte und sie in Staub zerfallen fand? Hier hatte jemand an die
Wand gekritzelt: 22. Mrz, und einen Lorbeerkranz herum.

Wie viele hatten hier gelebt, gelitten, gelacht? Knnte man nicht ein
dickes Buch schreiben: Historie eines chambre garnie?

Und zuletzt einer, dessen Gehirn in Flammen gestanden, einer der irre Worte
flsterte und endlich sagte: Adieu. Einer namens Ginstermann.

Da war ein Mdchen, das kannte einen jungen Mann, der Komponist war. Und
man prophezeite ihm eine groe Zukunft.

Und dieses Mdchen . . .

Perlen steigen. Elfenbeinperlen, glitzernde Perlen. Eine Fontne. Sie neigt
sich, beugt sich, wie der tanzende Leib eines schlanken Weibes, das mit
beiden Hnden funkelnde Perlen auf den Rasen streut. Sie beugt sich und
kt den Boden. Sie sinkt zusammen, murmelt, sie wchst, rauscht, jubelt.
Singende Vgel mit silbernen Flgeln steigen aus ihr und verschwinden im
ther. Zarte, schmale Hnde mit Ringen an den Fingern gleiten ber die
Tasten des Flgels, Kinderhnde. Und das Klavier wogt, die Decke wogt, der
Boden wogt.

Und der dunkle Lockenkopf des Spielenden schwebt regungslos ber den
elfenbeinernen Tasten.

Hinter ihm sitzt ein Weib. Ein schlankes, junges Weib. Das schmale Haupt
geneigt; regungslos. Als sei es tot. Und die funkelnden Perlen regnen ber
sie. Wie glhende Tropfen fallen sie ihm ins Herz, wie Lippen, khle Lippen
berhren sie seinen Krper. Und der glitzernde Leib der Fontne schlingt
seine Arme um das Weib und pret es an sich und kt es. Kt es. Auf den
Mund. Und umhllt es. Ein Name klingt, ein Name klingt. Und es spricht und
singt. Das sind die silbernen Vgel. Sie fliegen ihm ins Herz.

Die zarten, schmalen Hnde mit Ringen an den Fingern ruhen auf den
Elfenbeintasten.

Und das dunkle Lockenhaupt des Spielenden schttelt sich. Wendet sich.

Der Spielende steht auf und lchelt.

Das junge Weib aber hat Trnen in den Augen.

Wissen Sie, wie das hie?

Weshalb fragen Sie mich das?

Und das dunkle Lockenhaupt beugt sich herab. Beugt sich herab. Und zwei
Lippen berhren eine Stirne. Zwei Lippen berhren einen Mund. Sie sind
hei.

Das junge Weib regt sich nicht.

Das junge Weib regt sich nicht.

Es liebt ihn.

Ah, wir drfen keine Kinder sein, sagt der Mann und lchelt. Er lacht.
Seine Augen sind schwarz und blitzen.

Es war ja nur eine Improvisation.

Und wieder gleiten die schmalen zarten Hnde mit Ringen an den Fingern ber
die Elfenbeintasten.

Und wieder lauscht das junge Weib.

Die silbernen Vgel singen seinen Namen.

Und wieder . . . .

Und wieder . . . .

Die schwarzen blitzenden Augen werden matt und trb, die schmalen zarten
Hnde zittern.

Und er geht zugrunde . . . . er geht zugrunde.

Und das Mdchen sieht einen Mann, der dem Komponisten hnlich sieht.
Besonders wenn er den Kopf neigt. Und das Mdchen tastet mit seinen Blicken
ber sein Gesicht und sucht. Und wenn er den Kopf neigt . . . . Werter
Freund . . . .

Aber drinnen in dem Herzen des jungen Mdchens, da singen die silbernen
Vgel so se Lieder. Immerzu. Sie sterben nimmer . . . . Martyrium!
Martyrium!

Aber dieser andere, der dem Komponisten hnlich sieht, dieser andere
. . . .

Nun wollte er Bianka schreiben.

Verehrte Freundin! begann er.

Er lchelte und wiederholte: Verehrte Freundin.

Er entschuldigte sich wegen seines Ausbleibens. Er sei ihr diese
Handlungsweise schuldig, glaube er. Sie msse wissen, wer er sei, dann
knne sie ja entscheiden, ob sie ihn wiedersehen wolle oder nicht.

Das sah aus wie eine Beichte, ohne eine solche zu sein. Er schrieb so
sachlich als mglich. Schrieb und schrieb, enthllte ihr seine
Vergangenheit, ohne ihr etwas zu verbergen, ohne etwas dazuzutun, ohne zu
beschnigen, ohne zu verschlimmern.

Als sei er ein gewissenhafter Biograph, der die Liebes- und
Leidensgeschichte eines Landfremden darzustellen habe.

Er bereute nichts, was war, das war. Ach, es war das Schicksal eines jungen
Mannes von heute, von ehedem und morgen, was war es sonst. Freilich wre es
fr ihn, der sich Aristokrat fhlte, nicht ntig gewesen, den
Entwickelungsgang des Pbels zu absolvieren.

O, er htte ihr gerne gebeichtet. Ungefhr seinen Kopf in ihren Scho
gelegt und ihr erzhlt, wie das kam und jenes kam, was er erduldete an Leib
und Seele, wie er sich freute, sie kennen zu lernen, wie er sie liebte. All
das. Aber das ging ja nicht.

Er wollte ihr Urteil durch nichts beeinflussen. Aus diesen drren Tatsachen
heraus sollte sie abwgen, ob er ihr Freund sein knne oder nicht.

Was sollte ihm eine geschenkte Freundschaft, eine erschlichene
Freundschaft?

Wahrheit sei unser erstes Gebot, Wahrheit unser zweites und drittes, unser
letztes Gebot.

Zum Schlusse dankte er ihr nochmals, in feierlichen, ernsten Worten.

Dabei ereignete es sich, da er bewegter wurde, als er war. Die Versuchung
flsterte ihm zu, irgend ein Wort, ein kleines, kleines Wort einzustreuen,
das ihr ein Schlssel zu seinem Empfinden htte sein knnen, ein
Verrterchen, wie unbemerkt der Feder entschlpft.

Er lchelte der Versuchung. --

Es war spt, als er den Brief zum Kasten trug.

Schwle Abenddmmerung brtete ber den Husern, ber welchen der tiefblaue
Himmel zurckwich. Die Luft war schal, verbraucht von den Lungen der Stadt,
erfllt von Staub, der sich langsam senkte. In der Ferne brodelte der
Kessel des Verkehrs, die Melancholie der sinkenden Nacht mit wirrem Murmeln
und Sthnen begleitend. Die Laternen blitzten. Sie erschienen wie die
stechenden, frechen Augen von Dirnen, die an den Straenecken warteten.
Irgendwo heulte ein Hund.

Ginstermann ging mit den raschen, elastischen Schritten eines, der sich
selbst bezwang.

Er schob den Brief in den Kasten. Ohne Laut fiel er auf.

Nun ruhten seine lohenden Wnsche, seine irren Trume, seine fiebernde
Sehnsucht hinter diesen metallnen Zhnen. --

In dieser Nacht schlo er kein Auge.

Die Sterne gingen ber den hellen Himmel, schlpften hinter den dunklen
Kamin, kamen wieder hervor und glitten vorbei. Neue kamen. Endlich
flimmerten sie schemenhaft hinter grauen Schleiern. Himmel und Erde
schliefen. Dann hauchte ein slich-grauer pastellner Ton ber die Dcher,
Scheiben blinkten, ein mdes, verschlafenes Gesicht tauchte an den Fenstern
auf: der Tag.

Es schlug sechs, sieben, acht.

Nun ist er dort, sagt er, und die Augen fielen ihm zu.




XIX.


Sonne!

berall Sonne! Rote Sonne!

Ginstermann und Bianka gingen wiederum im Englischen Gatten. Still
nebeneinander, ohne zu sprechen. Selbst als sie sich da droben am
Monopteros die Hand gaben, sprachen sie nichts. Nur der Druck ihrer Hnde
redete, und sie verstanden sich.

Es war ein heier Tag; die Sonne in Milliarden funkelnde Krperchen
aufgelst, vibrierte in der Luft, bis hinauf zum paradiesisch blauen
Himmel. Der Geruch von Heu und der Duft der Linden erfllten den Park.
berall glitzerte und leuchtete es. Hier blitzte das metallene Halsband
eines Hundes, dort blendete das Dach eines Kinderchaischens, die Speichen
der Herrschaftswagen glitzerten, grellfarbene Sonnenschirme flogen hinter
den in der Sonne sich ausdehnenden Bschen vorber. Die Augen der Menschen
strahlten, als brenne ein Stern in ihrer Brust, die Kleider der Mdchen
leuchteten, die quer durch die Wiesen wandelten.

Es war ein Tag des Lichtes.

Im Chinesischen Turm war Konzert. Lustig und ungeniert bliesen die
Blechinstrumente durch den ganzen Garten, ebenso grell wie Sonne und
Farben.

Bianka trug ein duftig weies Kleid, das sie grer, blhender machte.
Einen weien Ledergrtel, einen Sonnenschirm von derselben Farbe. Selbst
ihre Schuhe waren wei.

Sie ging in ihrer nachdenklichen, vertrumten Art neben Ginstermann einher.
Ihr Haar flimmerte, wo die Sonne es traf. Den Mund hatte sie geschlossen,
um ihre Augen zogen Ringe. So erschien sie lter, gereifter denn sonst.

Sie schritten ihre gewohnten Wege. Am Wasserfall blieben sie stehen, die
Khle zu genieen. Das Wasser wirbelte, ein ewig bewegter Spiegel des
Laubes, des Himmels, in bunten Arabesken zwischen den lechzenden, ppigen
Ufern. Dazwischen sprhte feiner Wasserstaub bis zum Gelnder herauf, den
die Haut, die Lippen gierig einsogen. Gegen die sonnige Wiese war es hier
dunkel; ein Sonnenstrahl tanzte auf dem Wasser, ein sprhendes, lustiges
Feuerchen, das hartnckig Fu zu fassen suchte, wie durch ein Brennglas auf
ein und dieselbe Stelle dirigiert.

Sie gingen durch die Hauptallee, auf deren vom Sprengen dunkelen Boden
Streifen von Sonne lagen, die wie Schlangen eilig an den Kleidern der ber
sie Schreitenden emporkletterten. Ein schillernder Laufkfer eilte ber den
Weg. Er lief, was er konnte, als sei die Angst vor dem Zertretenwerden bei
seinem Geschlechte, das Jahrhunderte in einem ffentlichen Garten lebte,
zum Instinkt geworden.

Sehen Sie, wie schn! sagte Bianka.

Das war das erste Wort heute. Sie schienen beide aufzuatmen und dem Zufall
dankbar zu sein, der ihre Lippen lste.

Da kam ein Wagen und zerquetschte den Kfer. Seine schillernden Flgel
standen weit auseinander.

O, rief Bianka aus, sehen Sie nicht hin!

Das war ein Stck Schicksal, versetzte Ginstermann, das Bild des
zerquetschten Kfers vor Augen.

Wiederum schwiegen sie, an das Schicksal denkend, das ber den Menschen
waltet, jedes in seiner Art.

Das Schicksal hlt die Menschen in einem Sieb und rttelt. Wer ber einer
Masche ist, fllt durch, dachte Ginstermann.

Bianka blieb stehen und blickte ihn an.

Heute sei die Hitze unertrglich.

Das sei ein kleines Italien.

Ja.

Dieses ja zitterte, weil sie es lchelnd aussprach.

Wann geht nun die Reise?

Bald, bald.

Ob ihre Mama krnker geworden sei, weil man sie abermals verschob?

Nein. Sie lchelte mit leiser Wehmut. Dieses Mal ist es etwas anderes
gewesen, sagte sie.

Sie wandt den Kopf und sah durch die Bume hindurch ber die Wiese, wo
Mnner und Frauen das Heu zusammenrafften. Eine Magd blickte direkt zu
ihnen her, als ob sie sie neugierig beobachte; aber sie konnte sie
natrlich gar nicht sehen. Ihr Gesicht war ein roter Klecks, sonst nichts.

Dann blickte sie ihn wieder an, und er las in ihren Augen, da sie nun ber
den Brief sprechen wrde. Er erschrak und suchte nervs in seiner Tasche
nach irgend etwas.

Tschin--da--tschin--da--dadada -- macht die Musik in der Ferne.

Ich habe es Ihnen schon geschrieben, aber ich mchte es Ihnen
wiederholen, sagte sie, ich finde nicht die Worte, um Ihnen fr dieses
Vertrauen zu danken!

Sonst sagte sie nichts. Sie gab ihm die Hand, die er bewegt drckte.

Sie standen eine Weile beide beklommen. Bianka lchelte unmerklich, und
dieses Lcheln ging auf seine Lippen ber.

Tatatra--tatatra--bum -- machte die Musik.

Und nun wollen wir plaudern, mein Freund.

Es war das erste Mal, da sie ihn Freund nannte.

Sie gingen weiter und sprachen von allerlei Dingen, die die Welt eben
beschftigten oder die Welt auch nicht beschftigten. Aus irgend einem
Anla kam Bianka darauf, ihn zu fragen, ob er ein Bild von sich besitze.

Nein, er besitze kein Bild von sich, erwiderte er.

Sie erriet seine Gedanken und kam ihm zuvor: Nein, nicht. Und sie
schttelte den Kopf und wiederholte: Nein, nicht . . . Es ist ja Sitte
unter Freunden -- aber lieber nicht. Das sagte sie ganz leise.

Die Schatten der Bume streckten sich, die Wiese wurde rot.

Bianka mute nach Hause.

Wie stets dachte er: Soll ich sie bitten, noch ein Viertelstndchen zu
bleiben. Oder auch nur noch zehn Minuten? Mit Trnen in den Augen bitten?

Nie liebte er sie mehr als heute.

Sie ahnte ja nicht, wie allein er war, wenn sie gegangen. Wie einer, auf
einer den einsamen Insel, vor dessen Augen ein Segel vorberzog. --

Wieder kam der Abschied.

Bianka sah auf ihre Hnde. Der Mittelfinger ihrer Rechten trug einen weien
Dumling. Sie bewegte ihn leicht und lchelte.

Ich habe mich geschnitten, sagte sie. Dann ri sie mit einem Ruck den
Dumling herab und bot ihm die Hand.

Ihre Augen waren gro und tief, voll von einem Ausdruck, den er sich nicht
zu deuten wute.

Adieu!

Er lchelte ein verzerrtes Lcheln und wiederholte mechanisch mit den
Lippen: Adieu. --

Das war alles so schnell geschehen, da er es nicht zu fassen vermochte.

Nun wollte er einen recht gescheiten Menschen bitten, ihm dies zu erklren!

Dann kam es wie Rausch ber ihn. Er hatte ihr geschrieben, alles
geschrieben und trotzdem -- trotzdem --!

Heil Bianka! Heil Ginstermann!

Und: Heil Bianka! Heil Ginstermann! brauste es ringsum.

War er nicht ein Tor gewesen, seine Wnsche, seine Hoffnung so schnell in
einen schwarzen Sarg zu sperren und tief in die Erde zu versenken? Ein
dunkler Vorhang mit Fragen und Schlangen darauf war gestiegen, und vor ihm
lag kstlicher Morgen mit klarer Frische und klingendem ther!

Er ging in den Park zurck, er ging einsame Wege. Er ging ganz langsam.

Er legte sich unter einen Busch ins hohe Gras und breitete das Taschentuch
bers Gesicht. So sah es aus, als wolle er sich vor den Mcken schtzen.

Er weinte, still und leise. Das groe Glck schluchzte in ihm.

Lange lag er so.

Da kamen Schritte, und eine tiefe Stimme sagte: Das Betreten des Rasens
ist verboten.

Ein Schutzmann.

Er stand auf und lchelte ihm unter Trnen zu.

Ich gehe schon. Ich danke Ihnen, mein Herr. Grte und ging.

Die Dmmerung fllte als blauer Dunst die Straen, ber die Stadt herauf
stieg jauchzend die Rte des Abends. Ein vereinzelter Stern flimmerte
mitten darin, wie ein winziges Loch, das einer in den Himmel gestochen
hatte, um herab auf die Erde blicken zu knnen.

Die Menschen fluteten, plaudernd und lachend. Jeder trug sein Glck mit
sich. Der heie Sommertag hatte sie in bermtige Stimmung versetzt. Schne
Mdchen glitten durch die Menge, von der Liebe trumend. Die Herren lieen
keine Dame vorbei, ohne sich nach ihr umzublicken und Scherze ber sie zu
machen, etwas lose Scherze.

Ginstermann war allen gut. Er liebte sie, wie man Kinder liebt, und freute
sich ihres Tuns.

Der Mensch war zur Freude auf der Welt, wenn er einen Zweck hatte.

Man mute es ihm lehren! Man mte ein Evangelium der Freude schreiben!
ber die Freude fhrt der Weg zur Liebe, die Freude lacht all das
Kleinliche und Mignstige fort aus seiner Brust.

Er schlenderte in den Straen umher, bis es dunkel wurde.

Dann berkam ihn der Wunsch, Bianka zu sehen. Er wollte ihr einen kurzen
Besuch abstatten und hierauf die Nacht im Freien zubringen, um seine Freude
auszukosten. Urpltzlich war diese Sehnsucht in ihm erwacht und trieb ihn
nun ungeduldig seiner Wohnung zu.

Er wollte die sehen, deren Freund er war, die fr ihn das Leben bedeutete,
das warme, groe Leben, ohne das er tot war.

In der Nhe seines Hauses ging er an einem Mdchen vorber, das da, ein
Hndchen an der Leine, gemchlich promenierte.

Es war Frulein Scholl. Er blieb stehen und blickte sich um.

Auch sie war stehen geblieben und wandte ihm den Blick zu.

So etwas! lachte sie, ihm die Hand voller Vergngen hinstreckend. Das
sind Sie! Ich denke mir, wer sieht dich nur so an?

Guten Abend, Frulein Scholl! Welches Unglck fhrt Sie denn durch diese
Strae?

Ich bin auf dem Heimwege begriffen, ich habe meine Freundin besucht. Die
Hanna Klett.

Jawohl, die kenne er. Das sei die mit den vielen Sommersprossen und den
unschuldigen Augen.

Frulein Scholl blickte ihn an und lchelte verlegen.

N--nein, sagte sie.

Nicht? Er lachte. Seien Sie nicht bse. Ich kenne das Frulein nicht.

Das wre auch gar nicht mglich.

Natrlich.

Wieso natrlich?

Naja -- haha -- es sei natrlich ebensogut mglich.

Sie blieb stehen und wirbelte die Leine um Bijouchens Nschen. Weshalb
sind Sie mir eigentlich bse, Herr Ginstermann? Sie sah zu Boden.

Er, ihr?

Ihre Augenlider gingen schnell auf und ab. Ich sehe Sie gar nicht mehr,
wenn ich in die Violinstunde gehe.

Ach so. Nun, sie wisse doch, da er krank war.

Ja, aber --? Nun ja, Sie haben nichts gegen mich?

Nicht das mindeste.

Sie lchelte: Ich dachte, ich htte Sie irgendwie gekrnkt. -- Geht es
Ihnen nun wieder gut?

Sie gingen an einem Bckerladen vorbei, und fr einen Augenblick huschte
der Lichtschein ber ihr Gesichtchen. Ginstermann bemerkte, da sie an der
Unterlippe nagte. Das war nicht mehr jenes naive, lustige Mdchen, mit dem
man seine Scherze trieb, das war ein Weib, das empfand und litt.

Ja, danke. Ihr Bruder hat mich schnell kuriert.

Er hat mir von Ihnen erzhlt. Sie blickte ihn an, und ein Lcheln
schimmerte in ihren dunkelgoldnen Augen.

Was sagte er? Hat er mich recht angeschwrzt.

Ach nein -- er sagte -- er sagte: an Ihnen sei was.

So, was ist denn an mir?

Ach Gott! Das war Martha Scholl von neulich.

Sie waren an seiner Tre angelangt, und Ginstermann ersuchte sie, eine
Sekunde zu warten, er wolle nachsehen, ob die Post nichts gebracht habe.
Eilig stieg er in sein Zimmer hinauf. Er entzndete ein Streichholz und
flsterte, als das marmorweie Antlitz aufleuchtete: Bianka. Dann sprang er
wieder rasch die Treppe hinunter.

Biankas Antlitz schwebte vor ihm, whrend des ganzen Weges, den er mit
Frulein Scholl zurcklegte. Es war ihm unmglich, seine Gedanken davon
loszulsen, und er unterhielt seine Dame herzlich schlecht. Ein paarmal
mute er sie um Wiederholung ihrer Bemerkung ersuchen, da er nicht gehrt
hatte.

Ich will ja nichts als deine Freundschaft, Bianka, sie allein macht mich
unsglich glcklich, dachte er, whrend er Frulein Scholl antwortete: In
Genf ist es prchtig, da haben Sie allerdings recht.

Glaube mir, nie soll ein Gedanke ber die Grenze hinausgehen, die du mir
gesetzt hast, Bianka, Herrlichste -- und er sagte: In so einer Pension mu
es recht lustig hergehen, stelle ich mit vor.

Sie hatten Biankas Namen noch nicht genannt, ganz zuletzt sprach Frulein
Scholl von ihr.

Sind Sie nicht recht glcklich, da Frulein Schuhmacher noch hier ist?
fragte Ginstermann.

Ja, o freilich. Ich darf gar nicht an den Abschied denken.

Das begreife ich. Frulein Schuhmacher ist ja Ihre Freundin. Ich denke,
auf diese Freundschaft knnen Sie stolz sein. Frulein Schuhmacher ist sehr
exklusiv, wie ich wei.

Ja, Bianka ist sehr whlerisch.

Frulein Schuhmacher --

Da unterbrach sie ihn. Sie msse jetzt gehen.

Aber sie ging gar nicht, obschon sie ihm hastig die Hand hingestreckt
hatte. Sie besann sich auf irgend etwas, dann rief sie mit einer
ungewhnlichen Lebhaftigkeit: Adieu, Herr Ginstermann, und sprang in den
Hausflur hinein.

Bijou galoppierte hinter ihr her.

Ginstermann ging einigermaen verwundert ber ihr Benehmen weiter. Er
wanderte langsam die Leopoldstrae hinunter, an all die Qual denkend, die
er hier auf und ab geschleppt hatte.

Bianka hatte Licht. Er blieb stehen und winkte mit der Hand zu dem
erleuchteten Fenster hinauf.

Vielleicht denkt sie an mich, dachte er, freudig erschreckend bei dem
Gedanken.

Eine Stunde darauf befand er sich wieder im Englischen Garten.

Wie komme ich nur hierher, sagte er lchelnd zu sich.

Die Nacht war ganz wei.

bergossen vom Schein des Mondes, der allen Dingen das Krperhafte nahm,
erfllt vom Geruch des Heus, der Linden, zitternd im Gezirpe eines Heeres
von Grillen, das die Stille zauberhaft erhhte, lag der Garten da gleich
einem Schmuckkstchen, von einem mit Tausenden von blitzenden Steinen
bersten Deckel abgeschlossen.

Ah -- das war ein Hain, auf dessen Wiesenteppichen die Elfenreigen der
Maler schweben, aus dessen Schatten die Poeten ihre Spuk- und Traumgeister
springen lassen.

Hier stand Yester und Lis Haus!

Er nahm den Hut ab und schritt die khlen Laubgnge entlang, die ihre
Bltenzweige wie liebende Arme um ihn schlangen, ergriffen von all den
Wundern der Welt um ihn her und seines Herzens. Geschichten fielen ihm ein,
hundert Geschichten zugleich, die ihm all dieser Garten erzhlte. Und in
all diesen Geschichten, da liebte einer ein Mdchen mit einer innigen,
demtigen Liebe. So umgab er Bianka mit einem Kranz von Trumen, die sie
keusch kosend umhllten, wie die weien Rosen die Prinzessinnen im Mrchen.

Auf den Bnken im Schatten, da saen Liebesleute, sich inbrnstig
umschlingend, sie flsterten, sie stammelten, sie kten sich, ja sie
schluchzten. Vgel zwitscherten im Traum, lautlos strichen Schatten ber
die Wiese, dunklen Wipfeln zu. In den Bchen tanzten des Mondlichts
silberne Fische.

Auch den Monopteros besuchte er, ihn mit heiliger Scheu betretend. Dieser
Tempel war heilig durch die Reinheit seiner Kunst, geheimnisvoll in der
weien Pracht, dieser Tempel war geweiht durch Biankas Fu.

Er lehnte sich gegen eine der khlen Sulen und blickte hinunter, hinber.
Das Zirpen der Grillen, die Stille trug ihn empor, er erschien sich wie ein
Wesen, aus dem ther herniedergestiegen.

Die Wiesen schimmerten unter ihm mit dem Schatten der Heuhuschen, die
Bume zogen wie Rauch im Silberlichte, aus der Silhouette der Stadt stieg
der Lichtschein gleich weiem Opferrauche.

Ferne, seltsame Laute ertnten, als ob die Stadt in unruhigem Schlafe rede.

Er verbrachte die Nacht im Garten. Biankas Geist war ihm nahe, umgab ihn,
alle Worte, die sie zusammengesprochen, alle Gefhle, die sie hier
empfunden, schwebten um ihn.

Leise singend ging er seine Wege. Er sa auf einer Bank und schrieb in den
Sand. Ava -- ava -- abala -- schrieb er. Er wute nicht, was es hie.

Sein Wesen lste sich auf, der Zauber der Nacht war in ihm, er war ein
Hauch dieser Nacht selbst.

Was ist der Mensch? Ist er eine Blume, die sich frei bewegt? Ist er ein
Hauch aus fernen Grten, der Gestalt angenommen?

Der Park erklang in silbernem Gesange. Eine Wolke trug ihn dahin, und ber
ihm schwebten die Sterne, den glitzernden Perlen einer ungeheuren Fontne
gleich. Im Geiste nahm er sein Herz aus der Brust und hob es hoch in den
Hnden den Sternen entgegen und rief: Segnet es, segnet es . . .

Frh am Morgen ging er nach Hause. Es war khl geworden, und sein Blut flo
langsam durch den Krper --

Als er die Treppe hinaufstieg, knarrte oben ein Schritt. Er erschrak nicht,
er lebte noch zu sehr in seinen Trumen. Ein Mann stand in der Ecke, die
Hand am hinaufgeschlagenen Rockkragen, mit nassen, verquollenen Augen. Es
war Ritt. Er lchelte und huschte an ihm vorber.

Ginstermann dachte, was mag er gewollt haben, und legte sich nieder.

Der Schlaf kam, er fhlte wie er, ein Hauch, ber ihn strich.

Zwischen Wachen und Schlaf vernahm er leisen Gesang und eine Sekunde lang
tauchte es vor ihm auf: Sommermorgen. Frische. Ein Hain blhender Akazien,
mitten drin ein weies Haus. Vgel zwitschern, o, des Duftes! Und aus dem
Hause tnt eine weiche Frauenstimme. Aus dem fernsten Zimmer kommt ihr
Gesang.

O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . .

Blten wirbeln, wei in wei, das Haus, der Hain verschwinden.

Ferne noch: O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . . .




XX.


Am Tage darauf erhielt Ginstermann folgenden seltsamen Brief:

Werter Herr Ginstermann!

Sie werden gewi verwundert sein ber die Zeilen, aber es lt mir keine
Ruhe. Ich habe gestern deutlich empfunden, da sie eine andere lieben.

Ich werde Ihnen nie zrnen, denn diese andere ist tausendmal besser und
klger denn ich, ich werde Sie bis zum Tode lieben.

Verzeihen Sie mir dies. Nun heirate ich den ersten Besten. Ihre X. X.

PS. Antworten Sie mir, bitte, nichts darauf. Sprechen Sie mich auf der
Strae nicht mehr an, ich bitte Sie. D. O.

Da fiel ihm dies ein: Einer kommt zu einem Weibe und sagt: Siehe, du
Herrlichste, was du verlangst, ist geschehen. Ich habe mir die linke Hand
abgeschlagen. Das Weib lacht: Es war ja nur Scherz, mein Freund. -- Ein
andrer kommt und spricht: Du bist hlich wie eine Unke. Nun werde ich dich
schlagen! Ja, schlagen werde ich dich! Das Weib lchelt: Schlage mich,
schlage mich doch, Liebster!

Dies fiel ihm ein. Er wute nicht mal, ob er die Geschichte erfunden oder
gelesen habe.




XXI.


Kann ich weiter lesen?

Ja, lesen Sie weiter.

Sie saen zusammen auf einer einsamen Bank aus Birkenstmmen, der
Ginstermann den Namen zum schlafenden Brahmanen gab.

ber ihnen die grne Flut der Wipfel, die sich schlfrig hin und her
wiegte. Ab und zu fiel ein Stckchen Sonne, ein Stckchen blauer Himmel zu
ihnen herunter.

Sie waren ganz allein.

Und Ginstermann fuhr fort:

Yester kehrte spt in der Dmmerung zurck.

Er trug einen Strau blauer Glockenblumen und war so mde. Die Sonne, die
ihm noch in den Augen brannte, hatte ihn mde gemacht. Er war am Bache
gesessen und hatte dem Spiel der Fische zugesehen. Es war ihm so eigen
zumute.

Fahl leuchtete das Haus zwischen den Birken, fahl leuchteten die
Hyazinthen, in denen es stand.

Die Dmmerung machte alles bleich und blulich dunstend.

Da stand Li! Da stand Li!

Sie hatte das Gewand abgestreift und stand durchsichtig wie Marmor und
regungslos. In der Hand hielt sie eine Hyazinthe, das Haupt geneigt, ohne
daran zu riechen. Sie stand schon lange so.

Yester nherte sich ihr mit leisen, bebenden Schritten und glitt vor ihr in
die Knie. Da bemerkte sie ihn. Sie jauchzte, schlang ihre Arme um seinen
Nacken und kte seine Haare.

Er umschlang sie und kte ihre Lippen.

Li! Li! flsterte er.

Sie sah ihn an. Deine Stimme ist ganz anders, sagte sie.

Er lchelte und bettete ihren Kopf an seine Brust.

Lis Augen waren tief und voller Rtsel. Sie hatte den Wald in den Augen,
mit all seinen scheuen Tieren, seinen weien Blumen, seinen purpurnen
Schatten.

Ein schwler Wind hauchte. Die Hyazinthen neigten ihr weies Haupt und
atmeten schwermtig sen Duft.

Da fing Li pltzlich an zu weinen.

Yester erschrak so sehr, da er keine Worte fand, sie zu fragen, sie zu
beruhigen.

Li, Li, flsterte er in seiner Ratlosigkeit.

Li prete die Wange an seine Brust und weinte.

Der Wind hauchte, und von den Bumen fielen weie Blten auf ihre Haare,
ihre Schultern. Die Birken sangen.

O Li, o Li -- Li, o Li?

Li hielt im Weinen inne und lchelte zu ihm empor.

Ich sehne mich so, Liebster, sagte sie leise, ganz leise.

Immer noch fielen Blten auf sie herab. Die Hyazinthen dufteten strker,
sie litten mit Li.

Ist es nicht schn bei uns, Li?

Li nickte.

Ist der Wald nicht herrlich? Duften die Blumen nicht kstlich, glitzert
nicht der Tau an den Rosen des Morgens?

Li nickte.

Und lieb ich dich nicht?

O Yester!

Und doch -- und doch -- Li?

Ich sehne mich so, Yester. Yester, ich sehne mich so . . .

Im Hain schlug s ein Vogel. Bald nahe, bald ferne. Weit drinnen im Walde,
da antwortete es ihm. Im selben sen Tone. Nun waren es zwei, nun drei,
nun waren es viele. Sie lockten sich mit schmelzender Stimme, sie
antworteten einander mit ihrem sesten Liede. Es sang der ganze Hain.

Da droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten.

Der Wald sandte seine Gerche, die Wiesen, die Quellen. Schatten glitten
durch die Bsche, jagten sich, fanden sich. Aus den Blten sahen Augen,
schne, sanfte Augen.

In der Ferne schrie ein Pfau.

Da verstand Yester die Sehnsucht in Lis Augen.

Li, Li, schluchzte er.

Der Hain sang, der Wald sandte seine Gerche, die Wiesen, die Quellen. Da
droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten . . .

Yester und Li wurde ein Knabe geboren. Es war zur Zeit, als blaue Tulpen
das Haus umstanden, und deshalb nannten sie ihn Blaue Tulpe.

Alle Tiere des Waldes kamen, um ihn zu sehen. Die Hirsche, die Rehe, die
Rotkehlchen, die Eidechsen, die Bienen. Elfen brachten ihm ein Gewand, das
sie aus ihren Haaren gewoben, Erdmnnlein golden Geschmeide und Spielzeug,
das sie gefertigt.

Blaue Tulpe hatte die tiefen, klaren Augen Lis. Er hatte Lis Haare, Lis
Stimme, er hatte Lis leichte Fe, Lis Lachen, er hatte Lis gtiges,
goldenes Herz.

Von Yester hatte er die tiefe Farbe der Lippen, von Yester hatte er -- die
Art, Li zu lieben . . .

Weiter vermochte Ginstermann nicht zu lesen. Trnen kamen in seine Stimme.
Er mute innehalten, um nicht in Weinen auszubrechen.

Sie saen beide und waren stille.

ber ihnen rauschte die grne Flut, die Stmme tnten.

Bianka stand auf. Ohne Ginstermann anzublicken, sagte sie: Wir sind so
allein.

Und sie ging.

Ginstermann blieb noch eine Weile sitzen, die Hnde vor die Augen gepret,
dann stand er auf, ihr zu folgen.




XXII.


Wie war es doch gewesen?

Gestern hatte er bei Kapelli vorgesprochen, um ihm das Gedicht vorzulesen,
das am Feste der Taufe gesungen werden sollte. Sie hatten probiert und
probiert, und Kapelli auf seiner Laute nach einer Melodie gesucht, whrend
Frau Trud sich schttelte vor Lachen.

Da ging die Tre auf, ohne da es zuvor gepocht htte, und die Malerin von
Sacken trat ein.

Verzeihung, sagte sie, ich habe gar nicht geklopft, und lachte.

Kapelli erklrte ihr, da das lngst aus der Mode sei.

Sie schttelte Frau Trud, Kapelli und ihm die Hand und lachte. Dann blieb
sie stehen und atmete tief auf, auf ihren Wangen brannten rote Flecken:

Ich komme eben vom Sekretariat, Kinder!

-- mit Kri -- kra -- kri -- kra -- krallen, mit Krallen an den Fingern,
summte Kapelli und klimperte in den Saiten.

Vom Sekretariat?

Ja! Sie setzte sich, stand wieder auf. Vom Sekretariat -- soeben bin ich
gerufen worden -- -- mein Bild ist von der Staatsgalerie angekauft!

Alle schttelten ihr die Hnde, teilnehmend an ihrer Freude, froh, sie
endlich glcklich zu sehen.

Ich gri -- gra -- gratuliere! sang Kapelli mit hellem Tenor.

Da vernderte Frulein von Sacken pltzlich ihr Wesen und blickte sie mit
triumphierenden Augen an. Nun noch das! rief sie. Erst die Rezensionen
und nun noch das! O, was wird sich diese feige Gesellschaft schmen, diese
nichtswrdige, erbrmliche Gesellschaft, was wird sie sich schmen!

Damit war sie zur Tre hinaus, ohne jeden Gru.

Die drei sahen einander an, eines verblffter wie das andere, bis
schlielich Kapelli in lautes Lachen ausbrach.

Und nun heute?

Er kam spt nach Hause und fand das ganze Haus in Aufregung. Kapelli stand
unter der Tre und winkte ihn herein.

Kommen Sie schnell! rief er. Er war erregt wie noch nie.

Da war das Atelier finster, und da sa Frau Trud am Tisch und schluchzte.

Als er eintrat, stand sie auf und schluchzte lauter.

Kapelli umschlang sie und drckte sie sanft auf das Sofa zurck.

Wein nur, wein nur Trud, sagte er, selbst dem Weinen nahe.

Ja, was denn nur sei?

Kapelli ging in eine Ecke, wie um etwas zu suchen.

Nun ja -- die Sacken --

Das war es, die Malerin hatte sich erschossen . . .

Warum nur? Warum nur? stie Frau Trud heraus. Gerade jetzt --!

Ginstermann wute es.

Ganz pltzlich war ihm die Erleuchtung gekommen. Er wute alles, die ganze
Tragdie des armen Weibes lag vor seinen Blicken enthllt.

Er ging hinunter zu Ritt und pochte. Keine Antwort. Er rttelte an der
Tre.

Dann begab er sich hinaus in den Hof und klopfte energisch gegen die
Scheiben. Nichts regte sich.

Schuft! rief er. Er schlug die Scheibe ein und rief hinein in das
finstere Atelier.

Ah, ffnen Sie nur, Sie Wicht!

Seine Stimme hallte wieder. Er fhlte, da niemand im Zimmer war.

Er ging wieder an die Tre zurck und entzndete ein Streichholz.

Verreist.

Der Schuft ist durch, der Schuft ist durch! --

Am anderen Tage, in aller Frhe, vernahm Ginstermann vom Korridor herein
die Stimme eines alten Herrn, eine schnarrende, unangenehme Stimme, aus der
er aber doch die Stimme der Toten heraushrte. Es war ihr Vater.

Schritte kamen und gingen. Ein Wagen fuhr in den Hof. An allen Fenstern
erschienen gefhllos-neugierige Gesichter. Ginstermann zog die Vorhnge
zusammen und wandte den Fenstern den Rcken zu.

Schwere Schritte stampften die Treppe hinab, gedmpfte Rufe wurden hrbar.

Heben Sie hher! befahl die schnarrende, unangenehme Stimme.

Ginstermann ffnete die Tre. Ein dunkler groer Sarg schwankte auf den
Schultern schwarzgekleideter Mnner um die Biegung der Treppe.

Er erschien ihm wie einer, der sich im Starrkrampf befindet und winken
mchte und nicht kann.

Da drinnen liegt ein Mensch! sagte er und begab sich zurck in sein
Zimmer.

Er zog ein Schubfach auf und zhlte seine Barschaft. Es waren knapp zwanzig
Mark. Das Geld nahm er und bestellte einen Kranz dafr. Einen Kranz aus
blutroten Rosen. Er wollte auch am Grabe der Sacken sprechen, er!

Am Abend pochte es, und ein kleiner, stmmiger Herr mit weiem Schnauzbart,
kurzen Haaren und rotem Gesicht trat in sein Zimmer.

Major von Sacken, sagte er, sich khl verbeugend.

Ginstermann lud ihn ein, Platz zu nehmen, und erkundigte sich nach seinen
Wnschen.

Ich mchte Sie fragen, mein Herr, ob Sie meiner Tochter irgendwie nher
standen?

Nein, er sei ihr nicht nher gestanden.

So? Ha, das ist sonderbar, mein Herr! Er warf ein Pckchen Briefe auf den
Tisch und blickte Ginstermann hhnisch an.

Ginstermann lie sich dadurch nicht beirren. Er ffnete einen Brief, der
seine Adresse trug. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen. Die Bitte, diese
Briefe zu verbrennen, da sie es nicht vermocht habe. Und dann noch etwas.

Und dann noch etwas . . .

Der Major starrte auf den Boden, vor sich hinblasend, als wolle er eine
kleine Windmhle in Gang halten.

Ginstermann legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, ihn
durchdringend anblickend:

Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr Major!

Der alte Herr stand auf und ma ihn.

Wie knnen Sie es wagen --!

Ginstermann wiederholte, seinen Blick erwidernd: Sie haben ein Verbrechen
begangen, Herr!

Der alte Herr wurde dunkelrot im Gesicht und hob die Faust empor, seine
Augen waren stahlgrau.

Ginstermann wich nicht vom Fleck, er sagte im gleichen Tone wie vorhin:

Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr!

Da brach der Alte zusammen, wie durch einen Hieb. Er sank in den Stuhl und
krallte die Finger in seinen Kopf.

Wer konnte es denn wissen! schrie er.

Dann stand er auf und rusperte sich.

Was wollen Sie -- mit Ihrem Verbrechen -- das ist ja heller Unsinn. Nein,
sage ich, nein, Sie kennen die Verhltnisse nicht. Meine Tochter mag Ihnen
geschrieben haben, was sie will! Gut. Mein Herr, meine Tochter achtete Sie,
sie schrieb Ihnen ja noch zuletzt. Gut. Ich mchte nicht, da wir als
Feinde scheiden. Meine Tochter achtete Sie -- gut -- adieu, mein Herr!

Er streckte Ginstermann die Hand hin.

Aber Ginstermann blickte ihn abweisend an, ohne seine Hand zu nehmen.

Da wurde der Alte kreidebleich. Er stand lange Zeit, dann wandte er sich
der Tre zu und stolperte ber die Schwelle. Schon drauen, blickte er
nochmals um, noch ebenso bla wie zuvor.

Adieu, mein Herr, sagte er mit gebrochener, weicher Stimme.




XXIII.


Der Hymnus der Morgenrte.

11. Hymnus an Bianka.


Stimme vom Berge:   Gott ist gro! -- Licht gleit sein Antlitz.
   Sein Lcheln
   Streut Rosen und Myrrhen
   Auf das dunkle Haupt der Welt.

Stimme in der Ferne:   -- -- -- scheucht die Schatten
   In ihr finstres Reich
   Mit goldnen Pfeilen. -- Gro ist Gott!

Chor der Betenden:   Der das Licht aus dem Dunkel schlug,
   Die Erde schpfte aus der schwarzen Flut,
   Ist unser Herr!
   Gestalt gab dem Elefanten, dem Kamel,
   Dem einhckrigen, dem zweihckrigen,
   Dem Bffel, dem Krokodil,
   Das Korn, die Lotos schuf,
   Wind und Regen uns gibt und Weide unsrer Herde,
   Ist unser Herr!

Chor der Suchenden:   Wir gehen rechts -- wir gehen links,
   Wir gehen links -- wir gehen rechts,
   Wissen wir's?
   Wir gehen vorwrts -- wir gehen zurck,
   Rund herum um das Glck.
   Das finden wir nicht.
   Uns trgt der Rcken eines Tiers.
   Das kennen wir nicht.
   Wir pochen an der dunklen Wand,
   Ob nicht die Pforte einmal springt,
   Die keiner fand.
   Wir trinken Nchte,
   Uns trinkt die Nacht.
   Wir schleppen die Kette von Menschenleid,
   Die endlose Kette von Menschenleid,
   Die jedes Herz noch schwerer macht,
   Durch die engen Dornentore der Zelt.
   Und tragen sie ringsherum um die Welt,
   Und immer ringsherum um die Welt,
   Und harren der Stunde, da sie fllt.
   Und suchen das Lachen.
   Und suchen unsere Ewigkeit.
   Und tasten weinend der Finsternis Pfade.
      Rate!
      Rate!

                   *       *       *       *       *

Eine Stimme singt:   Mit Blten bestreu ich euch,
   Ihr Bittren!
   Mit sen,
   Wohlriechend wie der Morgenwind,
   Die in den ewigen Grten sprieen,
   Die ferne von der Erde sind . . .

                   *       *       *       *       *

   Alles, was klingt,
   Zerspringt.
   Das tiefste Meer
   Verrinnt.
   Alles, was Staub ist,
   Wird Wind.
   Wird Wind!
   Alle Zeit
   Ist ein Flgelblinken der Ewigkeit.
   Und denkst du an den letzten Tag
   Gibt's keinen Tag!
      ffne dein Herz.
      Schwester, Bruder,
      Bruder, Schwester,
      ffne dein Herz!
   Die Zeit der Saat -- naht!
   Denke an mich:
      Die Lebensgebrerin,
      Die Lebensernhrerin,
      Die Lebenserweckerin,
      Die Lebensvollstreckerin
      Bin ich!
   Denke an mich:
      Was schlft, das mu reden.
      Was tot ist, will ich tten.
      Und keine Tiefe ist mit zu tief,
      Die ich nicht rief.
      Flgel schenk ich dir, die tragen
      Dich ber die Erde.
      Wer ber der Erde
      Nicht lebt,
      Lebt nicht
      Auf der Erde,
      Und nimmer ist's ntig,
      Da er begraben werde.
   Denke an mich:
      Die Lebensgebrerin,
      Die Lebensernhrerin,
      Die Lebenserweckerin,
      Die Lebensvollstreckerin
      Bin ich!
   Im Herzen des Alls,
   Da quillt ein See,
   Er hat nicht Grund.
   Gott warf sein Herz hinein,
   Da ich entsteh!
   Gott warf sein Herz hinein,
   Warf seines Sohnes Herz hinein,
   Warf aller Weisen und Guten
   Herz in den See,
   Da ich entsteh!
      ffne dein Herz,
      Schwester, Bruder,
      Bruder, Schwester,
      ffne dein Herz.
   O, ffne dein Herz!
   Die Zeit der Saat -- naht!
   Schmcke dich!
   Den Blhenden trgt die weite Flut zur Ewigkeit,
   Der Dorre sinkt!
   Die Ewigkeit liebt wste Grten nicht!

                   *       *       *       *       *

Chor der Erlsten, jubelnd:   Liebe! Liebe!!

Chor der Verlornen, schluchzend:   Die Ewigkeit liebt wste Grten nicht . . . . . .





XXIV.


Der letzte Tag.

Ginstermann stand frstelnd am Fenster und sah ihn grau ber die Dcher
kommen. Und voller Bangen frug er ihn in sein verschlossenes Antlitz
hinein: Was bringst du mir?

Er hatte versucht zu schlafen, umsonst. So war er wieder in seine Kleider
geschlpft und auf und ab gegangen in seinem Zimmer, auf und ab, diese
dunkle, ewige Nacht voller seltsamer Rufe und gequlter Schreie hindurch.

Was wird morgen sein, was wird morgen sein? frug seine Qual.

Bianka war fr ihn ein groes Feuer, durch das ihn das Geschick peitschte.
Wie wrde er hervorkommen? Wrde es ihn verbrennen?

Liebe Freunde, er wollte sich ja zusammennehmen. Er wollte ja ringen,
soweit seine Krfte reichten. Aber tief in seinem Innern, da lebte eine
verzweifelte berzeugung: er sah einen schwanken und strzen. Er wollte
kmpfen, so lange es ging.

Wer gab dir diese Macht, Bianka? rief er aus. Ein Lcheln von dir kann
mich selig machen, du kannst mich in ein Land schicken, von dem kein Schiff
mehr zurckkehrt. Mache meiner Qual ein Ende, so oder so, heute mache ihr
ein Ende. O Vernunft, wie ohnmchtig bist du!

Alle Kmpfe der letzten Monate tobten in ihm, alle zugleich, und diese
dunkle Einsamkeit stand vor ihm, starr, unerbittlich, riesengro, wie sein
Schicksal selbst, zu dessen Fen er lag.

Dumpf schlugen die Uhren. Hrst du, rief er, nun treiben sie die Ngel
in deinen Sarg. Das Schicksal hat seinen Pfeil auf dich abgedrckt, du
magst dich krmmen und winden, wie du willst, er wird dich erreichen.

Da drauen sthnte die Nacht. Es waren die Todesschreie der Getroffenen,
die auf der unendlichen, dunklen Wahlstatt sanken, die Leben heit.

All die Kmpfe -- und zuletzt doch verzweifeln! Und doch verzweifeln!

So war sein Leben: er ward und ging und geriet in ein Bordell. Er entkam
und ging und geriet in das Herz eines jungen Mdchens. Immer geriet er,
immer geriet er. Der Mensch geht nicht, er gert! Das ist die letzte
Wahrheit.

Und hier sollte er enden. Er, der noch vor kurzem ber sein Leben gesehen
hatte wie ber weite, weite Ebenen!

Er sah seine gespenstisch flackernden Augen im Spiegel und nickte. Jaja,
du bist gezeichnet!

Aber vielleicht, vielleicht wrde sich die dunkle Wand doch teilen und ihm
einen schmalen Pfad zeigen, auf dem er entweichen konnte?

Vielleicht, vielleicht wrde er Bianka auch wiedersehen? Da sah er einen
vor sich, der von Dorf zu Dorf zog, in den Schenken sang und lustige Verse
deklamierte, um seine Schlafsttte zu verdienen. Er wanderte nach Sden,
immerzu nach Sden.

Es gab wohl hundert Mglichkeiten, Hunderte und abermals Hunderte von
Zufllen.

Da ist ein Theater, vollgepfropft von Menschen, Was spielt man? Man spielt:
Yesters Tod. Wit ihr, was Liebe ist, ihr Leute? Nun tritt einer vor die
Rampe und verbeugt sich. Sein Lcheln ist traurig, seine Augen erstorben.
Ich habe mein Herzblut fr dieses Stck gegeben, ihr da drunten, das ihr
applaudiert. In der ersten Sitzreihe -- er verbeugt sich tief und lchelt
. . .

Da ist der Kurgarten eines Weltbades. Die elegante Welt promeniert, die
Kapelle spielt. Aus Tristan und Isolde. Sie spielt gut, sie spielt fr
verfeinerte Ohren. Auf einer Bank am Wege sitzt ein Bettler. Er kam zu Fu
hierher, seine Schuhe sind zerrissen. Grau und welk ist sein Gesicht, vom
Trunk verwstet seine Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, er ging zugrunde.
Einst war er ein Knig. Die Allee herauf wandelt eine schlanke Frau am Arme
ihres Gatten. Sie sind glcklich, sie sind vornehm, hinter ihnen geht ein
Diener mit silbernen Knpfen. Die schlanke Frau streift den Bettler mit
einem kurzen Blick. Sie ist reich, sie ist glcklich, was kmmert sie der
Bettler? Heute, morgen, jeden Tag. Die Kapelle spielt sanfte Weisen, die
vornehme Welt zieht vorbei. Die schlanke Frau sieht in des Bettlers
verwstete Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, einst war er Knig. Was
kmmert sie der Bettler? Und heute -- heute kommt ein Diener mit silbernen
Knpfen an die Bank am Wege und spricht: Jemand interessiert sich fr Sie.
Man bittet Sie, Ihren Namen zu sagen. Da erhebt sich der Bettler und geht.
Weit, weit, so weit ihn seine Fe tragen . . . .

Endlich graute der Tag.

Er wuchs, er wuchs, es wurde ganz helle.

Ginstermann htte sich gerne von irgend einem Gotte eine kleine Ewigkeit
erbeten, um sie zwischen Nacht und Tag zu schieben. Nur eine kleine
Ewigkeit. Aber unaufhaltsam flogen die Minuten. Keine Macht der Welt hielt
auch nur eine Sekunde auf. Ja, man mute eilen, um mitzukommen.

Es war ein trber Tag. Zeitweise regnete es.

Aber Bianka wrde kommen, so konnte sie unmglich von ihm gehen.

Den Vormittag ber sa Ginstermann auf den Treppen des Monopteros. Als die
Glocken zu Mittag luteten, begab er sich in die Stadt, weit hinein, um die
Zeit zu verscheuchen, die ihm nun endlos deuchte. Er trieb sich auf dem
Bahnhof herum, sah Zge gehen, hereinbrausen, er ging zur Parade an der
Feldherrnhalle, hrte die Wache mit Rumtata und vielen Kommandorufen
aufziehen, betrachtete sich die Fremden, die auf den Staffeln herumsaen
und lauschten.

Kurz vor drei stieg er wieder den Hgel zum Monopteros hinauf.

Bianka stand schon oben.

Ich bin etwas frher daran sagte sie, sich gleichsam entschuldigend.

Seit wann sie schon da sei?

Ungefhr zehn Minuten.

Wenn er es nur geahnt htte!

Bianka trug ein graues Kleid und graue Glac, so grau wie der Himmel.

Sie lchelte, aber ihr Lcheln war nicht wie frher.

Der Park war wie ausgestorben, die Wege na und aufgeweicht. Das Gras lag
am Boden, die Bltter hingen schlaff. Aus den grauen Tchern da droben
fielen vereinzelte Tropfen, ein weier Fleck, wie ein transparenter
ltropfen auf grauem Papier, zeigte den Stand der Sonne.

Bianka brach ein Zweigchen zwischen den Fingern.

Wir werden kein hbsches Reisewetter haben.

Aber es sei khl. Wie qualvoll wre doch die Hitze in den Waggons.

Ja, das ist allerdings ein Vorteil.

Nach und nach kamen sie in ein leidliches Gesprch. Sie sprachen von ihren
Zusammenknften, bei Kapellis Fest angefangen. Sie lieen alle diese
herrlichen Tage an sich vorberziehen, ergnzten ihre Erinnerungen und
lachten wohl auch ber dies und jenes. Ja, sie lachten. Ginstermann kam in
die Laune, Scherze zu machen, die er stets einigemal wiederholte. Und
Bianka lachte mit. Eins wie das andere war bemht, mglichste
Alltagsstimmung vorzugeben, ohne zu erwarten oder zu wnschen, da der
andere sie fr ernst nehme.

Hier geschah das, hier sprachen Sie das, sagte Bianka, whrend sie die
bekannten Wege schritten.

Auch die Stelle passierten sie, wo Ginstermann einst im Wahnsinn das
Kreuzchen eingegraben. Er schlo die Augen, um es nicht zu sehen.

Was wird morgen sein, was wird morgen sein, dachte er, und jedesmal zerri
sein Herz. Seine Lippen aber scherzten in gleichgltigem Tone.

Es begann zu regnen. Rings um sie rauschte es.

Wollen Sie nicht Ihren Schirm aufspannen?

Nein, nein.

Wollen Sie nicht ins Restaurant treten?

Nein, nein.

So schritten sie im Regen, der ihre Hte zerweichte.

Ich reise gar nicht gerne, sagte Bianka, gar nicht gerne. Dann lachte
sie nervs und fgte hinzu: Morgen um diese Zeit bin ich in Mailand, im
schnen Mailand.

Und bermorgen in Nizza?

Voraussichtlich. Sie blieb stehen und schttelte den Kopf, um das Wasser
aus dem Hutrande zu schaffen.

Aber Sie bleiben doch nicht immer in Nizza?

Nein, Papa trgt sich mit dem Gedanken, nach Kairo berzusiedeln.

Nach Ka--iro!

Seine Zhne schlugen aufeinander, whrend er dieses Wort wiederholte. Er
bi sich in die Lippen und hieb mit dem Stocke Bltter vom Gebsch.

Dann lachte er heraus.

Das ist ein kleiner Katzensprung -- das ist ein kleiner Katzensprung!
rief er aus.

Bianka sah ihn an und bat ihn mit den Augen, sich zu fassen.

Das ist ja in Afrika! lachte er. In Afrika!

Trnen traten ihm in die Augen, so sehr er auch dagegen ankmpfte.

Bianka nahm seine Hand und flsterte: Bitte.

Bitte, flsterte sie.

Er hatte sich auch sofort wieder und ging plaudernd neben ihr her. Aber
seine Gedanken waren nicht bei seinen Worten. Er dachte daran, da Bianka
nach Kairo bersiedeln wrde. Da gab es zwei Wege: einen bers Meer, einen
ber Kleinasien.

Heizer, Steward?

Ah, es war ja vorbei. Er wrde es nicht ertragen. Morgen wrde er schon
verzweifeln.

Da stand Bianka still und sagte: Wir mssen nun Abschied nehmen.

Ja, sagte er rauh, einmal mu der Teufel aus der Schachtel.

Bianka blickte zu Boden, sie war ganz bleich.

Sie soll nur auch leiden, weshalb lie sie mich nicht in Ruhe, dachte
Ginstermann und richtete sich straff auf, ein bitteres Lcheln auf den
Lippen.

Dann ging sie weiter, um bald wieder stehen zu bleiben.

Wollen wir nicht noch einmal zu unserem Monopteros hinaufsteigen, fragte
sie und lchelte.

Wie Sie wnschen.

Nun galt es, sich zusammenzunehmen. Seine Hnde bebten bei jedem
Pulsschlag, in seinem Kopfe wimmelten verrckte Einflle. Um keine
Torheiten zu begehen, fing er an, von seinen Plnen zu sprechen.

Nun werde ich arbeiten, arbeiten, viel arbeiten. Ich habe da so etwas im
Kopfe. Da kommt einer drinnen vor, der im Sterben liegt. Aber zuvor will er
sich noch den Spa machen, seiner Umgebung die Wahrheit zu sagen. Er
zertrmmert alle Heiligtmer, macht ein halbes Dutzend Menschen
unglcklich. Nun empfehle ich meinen Geist in Gottes Hnde, hhnt er und
ist tot. Punkt. Hoffentlich wird es nicht verboten . . .

Da tauchte der Monopteros vor ihren Blicken auf, und jh brach er ab.

Jetzt kommt der Abschied, jetzt kommt der Abschied, rief es in ihm. Zorn,
Wut, Schmerz schttelten ihn, er htte niederstrzen mgen und jammern wie
ein Kind.

Sie waren oben.

Bianka sah ber den Park hinber nach den Trmen der Stadt, deren Spitzen
blinkten.

Die Sonne arbeitete sich durch die Wolken, und Milliarden Fnkchen fielen
durch ihre Strahlen. Irgendwo begann ein Fink zu rufen. Auf dem Wege drben
gingen zwei Herren. Ein braungefleckter Hhnerhund sprang in groen Stzen
ber die Wiese. Irgend jemand pfiff, aber der Hund kmmerte sich den Teufel
um seinen Herrn.

Bianka wandte ihm den Blick zu.

Blsse bedeckte ihr Gesicht, ihr Haar sah ganz golden aus. Die schmalen,
durchsichtigen Lippen waren halb geffnet, die Pupillen ihrer Augen gro.

Da gewahrte er, da sie litt, ja, da dieses Leiden nicht von heute war.
Diese Stunde lie es ihn erkennen. Vielleicht hatte sie ebenso gerungen wie
er.

Aber das hielt kein Mensch lnger aus, er wandte das Gesicht ab und sah dem
Hhnerhund auf der Wiese drunten zu.

Bianka legte ihm die Hand auf die Schulter. Diese leichte Hand drckte ihn
fast zu Boden. Aber er war mutig und lchelte, obschon er ihr htte zu
Fen strzen und ihre Knie umklammern mgen.

Wir mssen uns jetzt adieu -- sagen, flsterte sie. So leise. Es war nur
ein Hauch.

Ja, sagte er, laut.

Wir mssen jetzt voneinander gehen, flsterte sie, so leise wie vorhin.
Ihre Augen wurden grer, ihr Lcheln erstarrte.

Sie nahm die Hand von seiner Schulter und blickte in die Sonne.

Es ist so schn. Gerade jetzt.

Die Sonne hatte die Wolken durchbrochen und leuchtete aus einer
phantastischen, ungeheuren Grotte von blendendem Bernstein.

Ja, es ist schn, wiederholte Ginstermann ohne Gedanken.

In allernchster Nhe sagte jemand unvermittelt laut: Das ist ja nicht
mglich, das ist ja nicht mglich! Und ein anderer lachte und hustete.

Das ist schon mglich, Sie Esel, dachte Ginstermann.

Die Sonne berstrahlte Biankas Antlitz, so da es durchgeistigter,
therischer erschien. Die Sonne tauchte bis auf den Grund ihrer Augen.

Bianka streckte ihm die Hand hin, von der sie den Glac gestreift hatte.

Ginstermann lchelte schmerzlich, dann nahm er mit raschem Griffe ihre Hand
und sagte:

Adieu! So tapfer als mglich sagte er es. Adieu! --

Bianka blickte ihn an, ein unnennbarer Ausdruck erfllte ihr Gesicht, jede
Linie verndernd.

Im nahen Laubgang pfiff jemand einen Gassenhauer.

Bianka zog ihn sanft an die Brust und kte ihn auf die Lippen.

Ihr Herz pochte gegen das seine.

Er gab ihr den Ku zurck.

Liebster! hauchte sie, und ihre Augen glnzten in Trnen.

Dann wandte sie sich rasch, sprang die Stufen hinab und verschwand im
Laubgang.

Ginstermann stand betubt. Er stand ganz im Licht.

Ein braungefleckter Hhnerhund springt ber die Wiese.

Ein braungefleckter Hhnerhund springt ber die Wiese . . . .




XXV.


Ginstermann ging nach Hause. Ginstermann setzte sich in einen Sessel.
Ginstermann dachte nichts.

Er fhlte nur, da er glcklich war, befreit, erlst, gerettet! Er fhlte
nur, da ihn neue Kraft durchstrmte.

Die Stunden gingen, er sa und dachte nichts.

Am Abend pochte es, und er sagte herein.

Bianka trat ins Zimmer.

Er fate es nicht sofort, und doch war er auch nicht berrascht.

Sie blieb an der Tre stehen und sagte: Bleib, bleib.

So blieb er auf derselben Stelle stehen.

Sie blickten einander an, eine Ewigkeit.

Wollen Sie nicht Platz nehmen, Bianka? fragte er endlich.

Sie antwortete ihm mit einem langen Blick.

Sage doch du zu mir.

Willst du nicht Platz nehmen, Bianka?

Nein, nein -- o, nur schnell -- sie wolle nicht Platz nehmen. Sie wolle
gleich wieder gehen. Der Wagen warte unten. Sie wolle -- sie sei nur
gekommen, um es ihm zu sagen . . .

Aber sie setzte sich doch. Auf einen Stuhl nahe der Tre.

Lange Zeit war es stille, dann begann sie mit leiser Stimme:

Weshalb ich nicht kann -- das will ich dir sagen, Liebster.

Sag es, sag es, Bianka, Herrlichste.

Sie sann vor sich hin, sie blickte ihn an, sie blickte ihn voller Qual an.

Dann schttelte sie den Kopf und breitere die Hnde vors Gesicht.

Sie brach in Weinen aus.

Erst nach geraumer Zeit wagte er es, nher zu treten. Er legte seine Hand
auf ihre Schulter, ganz sachte.

Bianka?

Da schluchzte sie laut auf und tastete nach seiner Hand, die Linke auf die
Augen pressend.

Er fhrte ihre Hand an seine Lippen, ganz sachte.

Pltzlich hrte sie auf zu weinen. Sie erhob sich. Ganz dicht kamen sie zu
stehen. Unwillkrlich rckte sie den Stuhl zurck.

Ich kann nicht, flsterte sie, ihn mit den Blicken beschwrend. Sie sah
zu Boden und schttelte sonderbar den Kopf.

Hrme dich nicht, Beste, sagte er,

Sie ging zur Tre, ging hinaus. Die Tre stand offen.

Er wagte es nicht, ihr zu folgen, er blieb auf der gleichen Stelle stehen.
Er wute . . .

Da kam sie zurck. Sie nahm seine beiden Hnde.

O du! stammelte sie.

Sie kte ihn auf die Lippen, sie beugte sich herab und kte ihn auf das
Herz.

Sie lchelte verzckt.

Dann ging sie . . . . .




XXVI.


Drei Uhr morgens.

Auf dem Geleise, das nach Sden fhrt, geht ein Mann. Weit weg liegt die
Stadt.

Er geht immerzu.

Die Nacht ist klar und frisch, ringsum dampfen die Wiesen. Kein Laut. Der
Mond steht am Himmel und alle seine Sterne.

Der Mann wandert immerzu, auf dem Geleise, das nach Sden fhrt.

Zur Linken ein Garten. Schimmernde Wipfel, ein bleicher Giebel. Der Duft
von Rosen steigt in die Nacht.

Der Mann klettert ber den Zaun. Ein Hund schlgt an.

Der Mann geht gemchlich von Stock zu Stock und reit die Rosen ab. Ein
Hund zerrt an der Kette und klfft. Das kmmert den Eindringling nicht. Er
plndert die Stcke, dann steigt er wieder ber den Zaun und setzt
gemchlich seinen Weg fort.

Wo die Geleise in den Wald einmnden, macht er Halt.

Er wirft die Rosen ber die Schienen.

Dann wartet er.

Er steht und wartet.

Eine Stunde. Ein Hahn krht von weit her.

In der nebligen Ferne erscheint ein dunkler Punkt.

Es schnaubt, es rast, Eisen klingt in Eisen.

Der Mann tritt zurck.

Der Zug rast heran, der Zug rast vorbei.

Er entblt sein Haupt.

Ende.






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End of the Project Gutenberg EBook of Yester und Li, by Bernhard Kellermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK YESTER UND LI ***

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