The Project Gutenberg EBook of Der Dichter in Dollarica by Ernst von
Wolzogen



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Title: Der Dichter in Dollarica

Author: Ernst von Wolzogen

Release Date: August 1, 2012 [Ebook #40391]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DICHTER IN DOLLARICA***





                         Der Dichter in Dollarica





              Verlag von F. Fontane & Co., Berlin-Grunewald

                            _Es erschien von_

                           *Ernst von Wolzogen*

                                 _Romane_

                        Ecce ego - Erst komme ich
                Die Groherzogin a. D. | Die Entgleisten
                          Der Erzketzer. 2 Bde.

                                _Novellen_

     Was Onkel Oskar mit seiner Schwiegermutter in Amerika passierte
          Die rote Franz | Fahnenflucht | Seltsame Geschichten
  Der Topf der Danaiden und andere Geschichten aus der deutschen Bohme
           Da werden Weiber zu Hynen | Heiteres und Weiteres
                     Erlebtes Erlauschtes Erlogenes
          Das gute Krokodil und andere Geschichten aus Italien
                   Geschichten von lieben sen Mdeln

                                 _Verse_

Verse zu meinem Leben (Selbstbiographie mit einer Heliogravre Wolzogens)

                                _Theater_

                    Der unverstandene Mann (Komdie)
            Daniela Weert (Schauspiel) | Unjamwewe (Komdie)
                      Lumpengesindel (Tragikomdie)
                              Die Maibraut
                   (Ein Weihespiel in drei Handlungen)

                              _Essays_ usw.

Des Schlesischen Ritters Hans von Schweinichen eigene Lebensbeschreibung
                (Neu herausgegeben von _E. von Wolzogen_)
    Augurenbriefe. Bd. I. | Ansichten und Aussichten (Ein Erntebuch)
                      Linksum kehrt schwenkt - Trab!

                       _Eheliches Andichtbchlein_

     Herausgegeben von _Ernst Ludwig_ und _Elsa Laura von Wolzogen_
                       Buchschmuck von _J. Martini_





                                  *Der*
                         *Dichter in Dollarica*

                    Blumen-, Frucht- und Dornenstcke
             aus dem Mrchenlande der unbedingten Gegenwart

                                   von

                            Ernst von Wolzogen


Zweite Auflage


Berlin 1912, F. Fontane & Co.





      Auf Grund des U.-G. vom 19. Mai 1909 gegen Nachdruck geschtzt

Die erste und zweite Auflage dieses Buches ist in 2220 Exemplaren gedruckt
                  und wurde im Jahre 1912 herausgegeben.




                                Altenburg
                       Pierersche Hofbuchdruckerei
                           Stephan Geibel & Co.





                    The Germanistic Society of America


    to whom I am deeply indebted for the opportunity of seeing
    America, may kindly accept this document of how I saw America as a
    token of my sincere gratitude, and may humour it as genially as it
    was conceived.





                            ZUR VERSTNDIGUNG.


Ich gehre zu den Menschen, denen das vorwitzige Aburteilen und nichtige
Klugschwtzen eilfertiger Reisender ber fremde Lnder, Vlker,
Einrichtungen und Sitten durchaus zuwider ist. Wenn ich mich nun
gleichwohl verleiten lie, nach einem Aufenthalt von nur drei Monaten,
dennoch meine Reiseeindrcke aus den Vereinigten Staaten zu Papier zu
bringen und sogar in Buchform herauszugeben, so mu ich wohl meinem
Unterfangen selber einen Passierschein schreiben, damit ernsthafte Leute
ihm nicht von vornherein den Zutritt in den Bereich ihrer Aufmerksamkeit
verweigern.

Ich wurde als Gast der _Germanistic Society of America_ zu einer Reihe von
Vorlesungen und Vortrgen an neunzehn Universitten und Colleges, sowie in
zahlreichen deutschen Vereinen eingeladen und hielt mich von Anfang
November 1910 bis Mitte Februar 1911 in den stlichen, nrdlichen und
mittelwestlichen Staaten auf. Die oft gerhmte groartige und herzliche
Gastfreundschaft nicht nur meiner deutschen Landsleute, sondern auch der
fr deutsche Kultur und insonderheit deutsche Dichtung interessierten
akademischen Kreise des Landes, sorgte in beraus umsichtiger Weise dafr,
da wir - denn meine reizendere Hlfte begleitete mich samt ihrer
tatbereiten Laute - in all den zahlreichen groen und kleinen Stdten, die
wir berhrten, mglichst viel und mglichst Eigenartiges und Bedeutsames
von dem wunderreichen Lande zu sehen bekamen. Nun ist man ja im
allgemeinen, und zwar mit gutem Recht, geneigt, die programmigen
Vorfhrungen, die liebenswrdige Komitees hastig vorbei sausenden
Ehrengsten zuliebe von den Sitten und Gebruchen der Einwohner
veranstalten, nicht gerade fr die sichersten Quellen ernsthafter
Belehrung zu halten und sich vergnglich ins Fustchen zu lachen, wenn der
also Gefeierte hinterher dankbaren und kindlichen Gemts all dies
freundliche Geflunker fr bare Mnze nimmt und daraufhin mit wichtiger
Kennermiene seinen begeisterten Bericht erstattet. Selbstverstndlich
wurde ich wie jeder andere prominente Reisende schon bei der Einfahrt in
den Hafen von New York von den das Schiff enternden Reportern gefragt, wie
mir Amerika gefiele; selbstverstndlich begleitete mich diese
unvermeidliche Frage von Station zu Station, und selbstverstndlich
machten die Herren Reporter, je nach ihrem Witz und ihrer stilistischen
Begabung, aus meinen verlegenen, drftigen Antworten in ihren Interviews,
was ihnen gut dnkte. Ich wurde auch gleich in den ersten Tagen nach
meiner Ankunft gefragt, ob ich gedchte, ein Buch ber Amerika zu
schreiben, und habe diese Zumutung damals mit ehrlichem Erschrecken weit
von mir gewiesen. So lange ich unter dem verwirrenden Eindruck der tglich
und stndlich in buntester Abwechslung am Auge vorberhastenden, einander
berstrzenden Erlebnisse und Begegnungen stand, erschien es mir auch
wirklich ein unmgliches Unterfangen, diese Eindrcke auch nur
beschreibend zu einem deutlichen Bilde zu gestalten, viel weniger darber
ein Urteil von einigem Wert zu formulieren. Da ich nicht vllig die Tinte
wrde halten knnen, da vielmehr unfehlbar aus meinen Betrachtungen durch
das Fenster des Exprezuges ein paar Feuilletons herausspringen wrden,
lag ja freilich bei meiner berufsmigen Zugehrigkeit zur Schreiberzunft
nahe; aber den Mut und die Lust zu einer erschpfenden Bearbeitung meiner
Reisebeute gewann ich doch erst allmhlich in der stillen Beschaulichkeit
meines fruchtbaren Darmstdter Poetenwinkels. Ich schrieb erst einmal
kunterbunt alles zusammen, was mein Gedchtnis und meine Notizen mir von
Gehrtem und Geschautem bewahrten, und was mir schon drben weiteren
Nachdenkens wert erschienen war. Und dann schleppte ich mir einen Sto
guter Bcher ber die Vereinigten Staaten zusammen, verglich die darin
niedergelegten Anschauungen eingeborener und auslndischer Kenner des
Landes und bewhrter Beobachter mit den Eindrcken, die ich selbst
empfangen, und erst nach Beendigung dieser klrenden Vorarbeit begann ich
mich fr berechtigt zu halten, dem groen Publikum, das bei einer
gerechten Beurteilung der neuen Welt interessiert ist, meine Meinung
aufzutischen.

Es versteht sich wohl von selbst, da ich mir trotz dieser gewissenhaften
Vorbereitung durchaus nicht einbilde, mein Urteil knnte neben dem
eingeborener grndlicher Kenner des Landes oder ernsthafter
wissenschaftlicher Forscher ausschlaggebend in Betracht kommen; darum habe
ich schon im Titel meines Buches den Nachdruck auf den _Dichter_ gelegt.
Ein Dichter ist, wenn anders er ein wirklich berufener genannt werden
darf, "zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt". Sein Schauen ist freilich
ein anderes als das des gelehrten Forschers: whrend dieser geradlinig
rckwrts oder voraus sieht oder senkrecht in die Tiefe bohrt, schweift
des Dichters Auge ber den ganzen Horizont rund um und erfat dennoch im
Vorbergleiten eine ganze Menge bedeutsamer Einzelheiten der nchsten
Umgebung. Sein Geist liebt es, Brcken zu schlagen vom Kleinsten zum
Grten. Mgen diese Brcken oft auch luftig genug, mehr aus bunten
Regenbogenfarben als aus soliden Balken zusammengezimmert sein, wertlos
ist darum die dichterische Betrachtungsweise gewi nicht; denn oft ahnt er
mit dem sicheren Instinkt des schpferischen Geistes groe, bedeutsame
Zusammenhnge, die dem scharfen Auge des Forschers verborgen bleiben, weil
dem sein Gewissen nicht erlaubt, bei seinen Feststellungen unbekannte
Gren in Rechnung zu setzen. Den Vorzug der dichterischen Intuition und
den guten Blick eines geschulten Beobachters nehme ich fr mich in
Anspruch, ohne jedoch Straflosigkeit fr dichterische Freiheit zu
beanspruchen. Ich gehre nicht zu den Leuten, die sich durch glnzende
uerlichkeiten leicht blenden lassen, auch nicht zu den mitrauischen
Duckmusern und Leisetretern. Ich habe es mir ernstlich angelegen sein
lassen, drben in dem merkwrdigen Lande der unbedingten Gegenwart, wo es
irgend anging, die Meinung gescheiter, mir zuverlssig erscheinender
Menschen einzuholen, um meine eignen Beobachtungen zu vervollstndigen, zu
klren und zu berichtigen. Dabei ist es mir nun allerdings beraus hufig
begegnet, da der Sachverstndige B., der, sagen wir 25 Jahre im Lande
war, den Sachverstndigen A., der 27 Jahre im Lande war, fr einen
ausgemachten Esel erklrte, und da der Sachverstndige C., der 50 Jahre
im Lande war, zur Entscheidung aufgerufen, beiden als elenden Grnhrnern
jede Berechtigung zum Urteilen absprach. Es ist nun eine alte Erfahrung,
die jeder mit einem klaren Blick begabte gebildete Reisende schon
besttigt gefunden haben wird, da sich der Eingeborene eines Landes oft
gerade der auffallendsten Eigentmlichkeiten desselben nicht bewut ist,
weil ihm eben der Mastab zur Vergleichung fehlt und weil ihm naturgem
das Gewohnte als das Selbstverstndliche erscheint. Ebenso verliert auch
der Einwanderer, je lnger er in dem neuen Lande weilt, desto mehr den
Blick fr seine Besonderheit. Ihm dnkt vieles Neue bedeutsam, weil er es
unter seinen Augen erst entstehen sah und nicht mehr wei, da man drben
in der alten Heimat vielleicht schon lngst ber den betreffenden Zustand
hinaus gekommen ist, whrend ihm Dinge, die dem Fremden als hchst
eigenartig auffallen, nicht mehr der Beobachtung wert erscheinen, weil sie
fr ihn Alltglichkeiten geworden sind. Aus diesem Grunde knnen selbst
des flchtigen Besuchers erste Eindrcke von ganz erheblicher Bedeutung
werden. Es ist auch ganz verkehrt, etwa nur Zahlen oder offizielle
Dokumente als wissenschaftlich beweiskrftig anzunehmen, denn mit Hilfe
der Statistik kann man bekanntlich ebenso wie mit Hilfe der Etymologie
alles Beliebige beweisen, und da behrdliche Urkunden auch nicht immer
direkt aus gttlicher Inspiration hervorgehen, drfte wohl zugegeben
werden. Es bleibt also unter allen Umstnden fr das dichterische Schauen
ein weites Feld ersprielicher Ttigkeit brig. Und der _Forscher_, der
den _Seher_ verachtet, gleicht dem Querkopf, der bei Mondschein im
Kalender die Laterne zu Hause lt, auch wenn dicke Wolken das freundliche
Gestirn dauernd verfinstern.

Ein wie schwieriges, unter Umstnden sogar lebensgefhrliches Unterfangen
es sei, auch mit dem ernstlichsten Bemhen um Gerechtigkeit ber
Jung-Amerika zu schreiben, das sollte ich aber erst aus der Wirkung
erfahren, die meine Zeitungsfeuilletons drben taten. Ich habe, was wohl
niemand einem Poeten verargen wird, ernsthafte Dinge ernst und minder
bedeutsame uerlichkeiten lustig behandelt und mich auch
selbstverstndlich nicht geniert, in der humoristischen Betrachtungsweise
der heiteren Wirkung zuliebe keck zu bertreiben und ntigenfalls sogar
ein Weniges dazu zu lgen, in der sicheren Erwartung, da der
amerikanische Humor, der ja bekanntlich in der grotesken bertreibung sich
am besten gefllt, gerade an diesen heiteren Episoden Gefallen finden
wrde. Darin scheine ich mich jedoch grndlich getuscht zu haben, und
Henry F. Urban, der humoristische Entdecker Dollaricas und unzweifelhaft
genaue Kenner seiner Bewohner, drfte doch wohl recht haben mit seiner
Behauptung, da der richtige Dollaricaner keinen Sinn fr Satire habe,
wenigstens nicht sofern sie sich auf ihn selbst und sein Land bezieht. So
erklrt sich auch die fr uns merkwrdige Erscheinung, da dieses so
humorbegabte und zu derben Spen aufgelegte Volk noch keine politischen
Witzbltter besitzt. Der Dollaricaner sieht eben fortwhrend vor seinen
Augen die Wstenei sich in ppiges Fruchtland verwandeln, Riesenstdte aus
elenden Ansiedlungen sich quasi ber Nacht entwickeln, eine luxurise
Tipptopp-Kultur urpltzlich, wie den glnzenden Schmetterling aus der
unscheinbaren Puppe, aus dem Chaos herausschlpfen - da ist es freilich
begreiflich, da sein Herz von unbndigem Stolze auf sein Wunderland und
auf die Tatkraft seiner Bewohner geschwellt ist. Dieser schne Stolz geht
nun aber so weit, da er jeden fr einen verleumderischen Schurken
erklrt, der nicht alles und jedes fr vollkommen und unvergleichlich
hlt, was die Vereinigten Staaten hervorbringen, und da er nicht nur dem
auslndischen Beobachter, sondern auch seinen eignen Landsleuten jede
kritische Anwandlung frchterlich bel nimmt. Die englischen Zeitungen
haben sich vornehmlich an meine Spe und bertreibungen gehalten und mich
wie gnzlich humorblinde Pedanten auf kleine Unrichtigkeiten festgenagelt
und darum ihrem Publikum als unwissenden, leichtfertigen Verleumder
hingestellt; meine ehemaligen deutschen Landsleute aber haben sogar
Entrstungsmeetings abgehalten, weil ich mich der Feststellung der
auffallenden Tatsache nicht enthalten konnte, da sie im allgemeinen an
krperlichen Vorzgen hinter den Yankees zurckstehen, und da sie nicht
verstanden haben, sich rechtzeitig den politischen und gesellschaftlichen
Einflu zu sichern, den sie nicht nur durch ihr zahlenmiges bergewicht,
sondern auch als hervorragendste Kulturtrger rechtens zu beanspruchen
gehabt htten. Fr diese Missetat haben mich zahlreiche
deutsch-amerikanische Bltter, vornehmlich minder betrchtliche
Provinzorgane, mit den liebenswrdigsten Schmeichelnamen bedacht, unter
denen wohl 'krummer Hund' noch der mildeste war, und zahlreiche
Privatpersonen haben mich brieflich ihrer vorzglichsten Tiefachtung
versichert und mir sogar mit Mord und Totschlag gedroht, falls ich die
Dreistigkeit haben sollte, abermals in Hoboken zu landen. Nun, ich darf
mir wohl erlauben, diese seltsamen Blten patriotischer Entrstung nicht
allzu tragisch zu nehmen, da auer solchen robusten Kundgebungen mir doch
auch zahlreiche bedingte oder unbedingte Zustimmungen zugingen, welche im
Gegensatz zu jener Knppelpolemik durchweg aus den oberen geistigen
Regionen herstammten. Ich habe brigens die in jenem Aufsatz ber die
Yankeerasse, der so viel bses Blut gemacht hat, niedergelegten Ansichten
in verschiedenen anderen Kapiteln dieses Buches begrndet und erweitert.
Es versteht sich von selbst, da ich jedem dankbar sein werde, der mir
beweist, da ich da und dort derb daneben gehauen habe, und werde es mir
zur Pflicht machen, Irrtmer zu berichtigen, soweit etwaige Neuauflagen
die Gelegenheit dazu geben sollten.

Zusammenfassend betone ich also noch einmal, da dies Buch weder
wissenschaftlichen Wert beansprucht, noch etwa ein Fhrer fr Reisende
sein soll, dagegen auch mehr als nur unterhaltendes Geplauder zu geben
beabsichtigt. Es ist fr uns Europer von grter Wichtigkeit, uns klare
Vorstellungen von diesem Lande ohne Vergangenheit zu verschaffen, das fr
uns einen Spiegel unserer eignen Zukunft darstellt. Nach den Vereinigten
Staaten zu reisen bedeutet fr den wibegierigen Europer soviel, wie es
fr die Unschuld vom Lande bedeutet, zur Kartenschlgerin zu gehen, nur
mit dem Unterschiede, da das, was wir drben ber unsere Zukunft
erfahren, kein plumper Schwindel, sondern unentrinnbare Wahrheit ist. Je
mehr wir mit unserer Vergangenheit aufrumen, je rckhaltloser wir uns von
dem reienden Strome der modernen Entwicklung mit forttragen lassen, desto
sicherer werden sich unsere Zustnde und unser Charakter amerikanisieren;
und darum ist es gut, wenn wir uns das Wunderland der Gegenwart so genau
wie mglich betrachten, und darum hat jeder, dem eine gute Beobachtung und
ein gesundes Urteil zu Gebote steht, das Recht und sogar die Pflicht, ber
Dollarica auszusagen, was irgend er davon zu wissen glaubt.

Ich kann dies Vorwort nicht beschlieen, ohne meinen verehrten Gnnern und
neugewonnenen lieben Freunden da drben, vornehmlich der Germanistic
Society, den rtlichen Veranstaltern meiner Vortrge, den leitenden
Persnlichkeiten der deutschen Vereine, sowie den beiden so umsichtigen
und eifrigen Managern meiner Rundreise, den Herren Professor Rudolf Tombo
jun. und Paul C. Holter, meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen fr die
herzliche Anteilnahme, die sie meiner Person und meinem Schaffen zuteil
werden lieen, wie fr die groe Mhe, die sie so erfolgreich aufwendeten,
um mir in der kurzen Zeit diese reiche Flle von Eindrcken zu
verschaffen.

_Darmstadt_, im Oktober 1911.
                                     *Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen.*





                           INHALTSVERZEICHNIS.


      Zur Verstndigung                                    VII
 1.   Als Mauernweiler in Dollarica                          1
 2.   Die Yankeerasse                                       20
 3.   Der Yankee als Erzieher                               32
 4.   Das Universittsleben in der Union                    41
 5.   ffentliche und private Moral                         64
 6.   Liebe und Ehe                                         79
 7.   Die Dienstbotenfrage                                  94
 8.   Die Kochkunst der Yankees                            110
 9.   Knstlerische Kultur                                 122
10.   Vom Theater im Yankeelande                           135
11.   Die amerikanische Presse                             149
12.   Von der demokratischen Gesellschaft                  169
13.   Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht   186
14.   Die Landschaft                                       207
15.   Dollaricas infamster Schurke                         220
16.   Baedekereien fr Amerikafahrer                       232
17.   Was knnen wir von Amerika lernen?                   250
18.   Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schssel        273
      Bcherverzeichnis                                    284
      Namen- und Sachregister                              285






                      ALS MAUERNWEILER IN DOLLARICA.


Ein rechtschaffener "teutscher Tichter" schlgt drei Kreuze vor dem
Gedanken einer Auswanderung nach den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau,
der seinerzeit aus Begeisterung fr die Freiheit und fr die biederen
Rothute hinbersegelte, hat bekanntlich das nchste Retourschiff benutzt,
und sein Entsetzen hat ihn das Wort prgen lassen von dem Lande, in
welchem die Vgel keine Lieder und die Blumen keinen Duft htten. (Eine
Behauptung, die brigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron
mochte kein intimes Verhltnis mit der Dame Dollarica eingehen, weil sie
gar keine Miene machte, ihm von ihrem berflu an Dollars etwas abzugeben.
Ich vermute, da sie ihn zunchst hat Flaschen splen lassen, eine Prfung
auf die mnnliche Tchtigkeit, die sie allen gestrandeten Offizieren und
sonstigen mit Bildung oder hohen Lebensansprchen beschwerten, zu grober
Handarbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern zunchst einmal
auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht mit den Hintergedanken eines
galanten Rubers, sondern nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate
im Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert heim und
bescherte uns, als Frucht seines fleiigen Studiums, sein schnes und
gerechtes Buch "Das Land der Zukunft". Dafr war aber auch Polenz kein
solch nrrischer Lyriker, der in zornige Trnen ausbricht, wenn ihm ein
fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen in Kaktushainen
schlagen und Affen auf Lindenbumen herumklettern zu lassen. Paul Lindau,
der welt-, witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und hat
eine Masse von Eindrcken gleich bunten Schmetterlingen im Vorbeifliegen
mit "gewandter Feder" feuilletonistisch aufgespiet; gelegentlich der
groen Weltmessen von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der
und jener aus unserem Federvolke mit drben gewesen, um mit mehr oder
minder leichtsinniger Wichtigkeit den Mastab seiner kleinen Person an die
Ungeheuerlichkeit der Verhltnisse da drben zu legen, und sie sind alle,
durch starke Eindrcke bereichert, heimgekehrt. Erst seitdem einige
hervorragende Deutsch-Amerikaner mit Hilfe der Professoren der
germanistischen Fakultten und Untersttzung etlicher fr deutsche Kunst
und Wissenschaft eingenommener amerikanischer Mzene die _Germanistic
Society of America_ gegrndet haben, ist es mglich geworden, richtigen
deutschen Dichtern und Gelehrten, ohne Rcksicht auf Geldverdienst und
etwaige lyrische Sentimentalitten, die groe Kinderstube im fernen
Westen, das Mrchenland der absoluten Gegenwrtigkeit, zu zeigen und
andererseits diese seltsamen Tiere dem amerikanischen Volke lebend
vorzufhren. Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders Krger,
Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber dieser Zeilen dazu gelangt, ihren
deutschen Landsleuten drben, sowie den fr deutsche Geistesart
interessierten Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten der
Gegenwart zu bringen.

(M1)

Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn Universitten und
Colleges, sowie fnfzehnmal in deutschen Vereinen gesprochen. Ich habe
dabei teils aus meinen Werken rezitiert, teils die letzten dreiig Jahre
deutscher Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persnlicher
Eindrcke und Begegnungen durchgenommen, oder mich ber das Theater der
deutschen Gegenwart verbreitet, oder endlich mit Untersttzung meiner Frau
die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. Und da
ich diese kleine Singefrau mit hatte, war sehr gut. Denn wo immer sie in
die Zupfgeige griff und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen lie,
da leuchteten die Augen, da war der Jubel gro, und die gewohnten
Redensarten eines hflichen Dankes bekamen einen echten Herzensklang. Sie
haben mir ja auch die Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach
getaner Arbeit heimwrts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt da
behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug hatten. Das soll nun
nicht etwa heien, da ich mich ber eine laue Aufnahme oder ber
Unverstndnis zu beklagen gehabt htte. Ganz im Gegenteil: man mu bei uns
schon bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der dankbaren
Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch sehr bald, da ich diesen
lebhaften Beifall vornehmlich meiner rezitatorischen Leistung sowie dem
Umstande zu verdanken hatte, da ich einen wichtigen Teil meines Wesens
vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann habe ich die Kunst
gelernt, unterhaltende Programme zusammenzustellen, und auf die
Psychologie der Massen verstehe ich mich auch einigermaen; das ist der
Grund, weshalb mir's drben so gut gegangen ist. Ich wute schon vorher
genug ber den Geschmack des amerikanischen Publikums, um ungefhr
beurteilen zu knnen, welche meiner Werke und Anschauungen fr drben
mglich wren und welche nicht. Und da mute von vornherein vieles von dem
als unmglich ausgeschlossen werden, womit ich mir hier meine wertvollsten
Erfolge geholt und meiner literarischen Persnlichkeit berhaupt erst
feste Umrisse gegeben habe. Die Natrlichkeiten der Erotik sind bei den
Angloamerikanern ebenso von der ffentlichen Besprechung und
knstlerischen Gestaltung ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die
Deutsch-Amerikaner, die lange genug drben gelebt haben, sind immerhin von
diesem Puritanertum soweit angesteckt, da die Grenzen des knstlerisch
Erlaubten bei ihnen nicht weiter gehen als etwa beim deutschen
Familienblatt lteren Stils. Du lieber Himmel - und ich bin der Verfasser
des "Dritten Geschlechts", der "Geschichten von lieben sen Mdeln" und
gar "des Erzketzers" und habe niemals einen Beitrag zur "Gartenlaube" oder
zum "Daheim" geliefert! Selbstverstndlich hatte ich wohl ausnahmslos an
jedem meiner Vortragsabende ein paar literarisch gebildete, vorurteilslose
Leute unter meinem Publikum, die sich gerne htten strker beschwren
lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich und ntzlich
machen, den des Deutschen beflissenen Studenten englischer Zunge und
besonders den aus allen Bildungsschichten zusammengewrfelten
Deutsch-Amerikanern.

(M2)

Mit den Versen gab's wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf
die moderne Technik muten ja in dem Lande der technischen Hochkultur
znden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste
verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastcken hatte ich meine liebe
Not, und bei meinen Streifzgen durch die deutsche Literatur der letzten
dreiig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem
gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner
Lieblingsfiguren etwas lnger verweilte oder den Versuch machte, ein
bichen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein
suggestives Ghnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll
gespannten Zge zu erschlaffen begannen. Da mute ich mich denn beeilen,
mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten
Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so
vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem
kindlichen Standpunkt, da sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern
auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem
Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker mu so gut wie der
Universittsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er
sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg
haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten
Gegenstnden humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche
Universittssitzung mitgemacht, bei welcher der Prsident der Universitt
eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben
hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man sa in berziehern und
Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung
gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten
erzhlte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwrmte sich die
frierende Gesellschaft an lautem Gelchter. In dem amerikanischen
nationalen Drama, der _Blood and Thunder-Show_, mu die erbauliche
Abwechslung zwischen Leichenaufhufung unter Revolvergeknatter und
sentimentaler Rhrung ber unmenschliche Edelmutsausbrche (vom obligaten
Tremolo der Geigen begleitet) in regelmigen Abstnden von derben
Clownspen unterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu
bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie
ihm der "Tristan" gefallen habe, achselzuckend erwiderte: "Nu, mer lacht",
knnte hier leicht manches Gegenstck finden. Das ist nun etwa nicht als
besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der
Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenber genau denselben
Standpunkt: er schtzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die
geistige Erhebung durch tragische Erschtterung vermag er ebensowenig zu
genieen, wie die rein sthetische Freude an der schnen Form; sein
Interesse hngt rein am Stofflichen, am grblich Sinnflligen, an der
handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute
und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen
sthetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverstndlich, da
es dort im Verhltnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger sthetisch
interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute
knnen von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum
weitaus berwiegenden Teil von gnzlich amusischer Herkunft sind. Die
deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus
machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu
erhalten, setzen sich zusammen aus den berresten der achtundvierziger
Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit
akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als rzte,
Knstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen
nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe
hier ihr Glck gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine
hhere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine
sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein knstlerischen und
literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach
Landsmannschaften oder Gesellschaftsschichten als nach geistigen
Ansprchen. Man darf also nicht erwarten, fr irgend welche
wissenschaftlichen oder knstlerischen Darbietungen in den Vereinigten
Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu
finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften,
kaufmnnischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man
kann aber sicher sein, berall unter seinen Zuhrern eine Anzahl fein
gebildeter und verstndnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine
kleine Minderheit sein mag. Fr diese Minderheit wird man dann aber, wenn
man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen
im Geiste nach Mglichkeit durch Konzessionen an ihr
Unterhaltungsbedrfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen
freilich bei solchen berraschenden Ausbrchen kindlicher Heiterkeit kalt
berlaufen. Im Hrsaal der Universitt zu Rochester wollten sich Studenten
deutscher Abkunft halb tot lachen ber die von mir berichtete traurige
Tatsache, da Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den
Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal
der Universittsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in der _High
School_ von Youngstown (Ohio) kreischten die _Boys_ und _Girls_ vor
Vergngen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Gromutter
Schlangenkchin bersetzte. ber die Fischlein, die die bse Hexe mit
einem Stock im Krautgrtlein fngt, und gar ber "_The black and tan
Doggie, that burst into a thousand pieces_" (das schwarzbraune Hndlein,
das in tausend Stcke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und
meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Trnen zu rhren
gedachte, war bla vor Schrecken, - hat sie aber dann doch zu packen
gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des
deutschen Mrchenstiles so siebenfach versiegelt ist.

(M3)

Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer
hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche
Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein mu, als
Frstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die
Provinzen bereisende bessere Frstlichkeit wird man nmlich in den
Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als groes Tier, als
illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das
einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des
Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den
Leib rcken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Subern und
Ausruhen gnnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die
einzelnen Vortragsstdte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa
Berlin und Neapel!) mu man mehrere Interviews ber sich ergehen lassen,
bei denen einen der stete Zweifel nervs macht, wer von beiden der grere
Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee
wieder an, um einem die Sehenswrdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu
bemerken ist, da im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis
hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt
genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht
einziger Ausnahme von Boston und Washington), da die Kriegerdenkmler
noch erheblich frchterlicher sind als bei uns, und man die berhmtesten
Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden
diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wsten Steinhaufen der
Citys hinaus ins Land fhren und man einen schnen Tag erwischt.
Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgrten wie
bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind
selbst die zum Ghnen einfrmigen gemtlichen Holzhuschen, mit denen auch
sehr wohlhabende Amerikaner glcklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu
sehen. Nachdem der sthetische Graus der Stdte dergestalt berstanden
ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und
gemtlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines
Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die
amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen
ausgebt werden, ist ber alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen
Gelegenheiten das Men nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine
Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife
Frmlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei gergert zu werden. Nicht
selten ist bereits mit dem Lunch eine kleine _reception_ verbunden, d. h.
nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultt, wenn
der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und
Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig
kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form
der "reception". Man hrt alle Namen, schttelt alle Hnde, schwtzt ein
Stndchen herum und hat im Fluge einen oberflchlichen Eindruck von dem
Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich
interessante Persnlichkeit flchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee
geraten, das bereits Erfahrungen mit europischen Nerven gemacht hat, so
darf man sich zu einem Ruhestndchen zurckziehen, andernfalls geht es
ohne Gnade und Barmherzigkeit weiter im Programm. Man wird zur
Besichtigung der Universittsinstitute, der Bibliotheken, der
Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch
immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch
mindestens zum Brgermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, da
so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den
meisten Fllen grer als das Knigreich Bayern, in einigen Fllen sogar
grer als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt ber die leichte
Zugnglichkeit und jeder steifen Frmlichkeit abholde Art dieser groen
Herren. Sie haben natrlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie
beteuern, ber die Bekanntschaft entzckt zu sein, und stellen sich aufs
Liebenswrdigste unseren Wnschen zur Verfgung. Mittlerweile wird es dann
Zeit, sich zum _dinner_ in _full dress_ zu werfen. Dabei geht es ohne
mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend
gut, und man mu sein bichen Witz gehrig zusammennehmen, um diesem
nationalen Talente gegenber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den
Abend frei, so ist solch ein _dinner_ um 7 Uhr eine erquickliche
Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte,
stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmgliche Masse von Speisen und
ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten
eingepumpt zu bekommen. Groe offizielle Festessen dehnen sich freilich
auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Lnge des Mens, sondern nur
wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem
Dessert zu ffnen. _Toastmaster_ und _Chairman_ regulieren den Strom nach
parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschpft ist, beginnt
erst der echt amerikanische Hauptspa, indem der _Toastmaster_ noch unter
den besonders prominenten, durch ihre Eigenart berhmten oder berchtigten
Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten da einer
auf solche Reizung nicht reagiert. Natrlich reitet bei dieser Gelegenheit
jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder
gedankenreiches Eigengut zutage gefrdert wird. Schlimm ist es, wenn man
unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten mu, wie das gar nicht
selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert
ist, erst beim Besteigen der Rednertribne vom Vorsitzenden zugeraunt
wird, da man doch geflligst nur eine Stunde lang sprechen mge - ber
ein Thema, das in dreien kaum halbwegs grndlich zu erledigen wre! Diese
beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverstndlich an,
da ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschft daraus macht, ffentliche
Vortrge zu halten, jederzeit und unter allen Umstnden bereit sein mte,
sie aus der Pistole zu schieen. Da wir schwchlichen Ostleute zu jeder
geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht
zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgltig,
wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst geniet oder seine Bildung
bereichert; offene Tren, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und
klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und
probende Gesangvereine ber dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich
ging an einem Universittshrsaal vorbei, dessen Tr sperrangelweit offen
stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf
und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig
nachschreibenden Hrer lieen sich dadurch auch nur im geringsten stren.
In St. Louis waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten,
ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenru, da
ich einen weien Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das
elektrische Licht versagte; wir saen also bei einigen Notlampen im
Finstern, und ich trug eine rhrende Geschichte vom bitteren Leiden und
Sterben eines schwindschtigen Mdchens unter der rhythmischen Begleitung
zweier melodisch knallender Heizkrper vor. Natrlich war ich nahe daran,
aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese
stimmungsmordenden Umstnde nicht im mindesten berhrt zu werden. Der
Vorsitzende bat fr diese belstnde um Entschuldigung, und damit war es
gut. Der Amerikaner fgt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter
Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um fr sein Geld Kunst zu genieen
oder Weisheit zu schlrfen, so fhrt er diesen Vorsatz auch unter den
widrigsten Verhltnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und
seine Nerven parieren ihm so absolut, da er imstande ist, durch einfachen
Willensakt whrend des zartesten Pianissimos einer Sngerin den knallenden
Heizkrper oder die lutende Lokomotive nicht zu hren.

(M4)

Die groe _reception_, dieser Schrecken aller Schrecken fr berhmte
Mauernweiler, diese echt amerikanische "Hetz", pflegt nach dem Vortrag des
zu feiernden Gastes in einem mglichst groen Saale stattzufinden. Der
Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im
Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann
sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines
scharmanten Menschen sein, ohne da es ihm einfallen wird, sich selber
vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen
Hflichkeit sich bemigt fhlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table
d'hote-Bekanntschaft gegenber die Hacken zusammenzuschlagen und mit
kommentmig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: "Sie gestatten, mein
Name ist Mller," so riskiert er, da der Angeredete, ohne sich von seinem
Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit
gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurckgibt: "_Aoh,
is that so?_" Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten
bekannt zu werden. Auslndische Berhmtheiten interessieren ihn brennend,
und fr Leute mit schnen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine
besondere Schwche, aber niemals wrde er sich einfallen lassen, eine
formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft
nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man
sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfllen
unter anderen Veranstaltungen auch die berchtigten _receptions_. Jeder,
der nur irgendwelche Berhrungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphre
oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemht sich, eine Einladung
zu solcher _reception_ zu bekommen. Der Vorgang bei dieser
hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in
musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine
Sule an der Schmalseite des groen Saales und meine Frau an eine andere
Sule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat ein
_Gentleman-Usher_ und an die Seite meiner Frau eine _Lady-Usher_ (Usher =
Einfhrer). Von diesen wird vorausgesetzt, da sie wie ein Hofmarschall
alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In
langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die
Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen wnschen, und der Usher
waltet seines Amtes. "Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John
Dubbleju Weber (sprich: Uebbh) vorzustellen. Einer der prominentesten
Brger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begrnder, denn er hat
vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle
stand, den ersten Laden fr baumwollene Taschentcher, Whisky, Kautabak
und Schiepulver erffnet."

"_How do you do, Mister Uolsogen?_" gurgelt Mister John Dubbleju Uebbh
aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie
mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. "Komme Se mal zu mir, da wer' ich
Se mal was Scheenes eigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn
se ntiquitis gleicht." (Antiquitten gern hat).

Und Missis Uebbh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons
in den Ohrlappen, grinst mich mtterlich bewegt an und versichert,
entzckt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter,
und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, da ich glcklich sei,
Persnlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser
berhmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht
htten.

"_Move on, please!_" sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar
sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O.
Waddlepaddledaddle (oder so was hnliches) bekannt macht. Mister
Waddlepaddledaddle (oder so was hnliches) ist mit sieben Cents in der
Tasche vor fnfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein
Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen
hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des
Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar
wert. Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Ble
mit Brillanten fr etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betrbt
(_so awfully sorry!_), da ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann,
denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen
von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Bchern gelesen,
darunter natrlich auch meinen entzckenden "Herrgottsschnitzer von
Oberammergau" und meinen reizenden "Httenbesitzer" und berhaupt beinahe
alles. Leider habe das Mdchen die Mumps.

Beschmt und tief gerhrt bekenne ich, da diese genaue Kenntnis meines
dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefhl einer wahren
Popularitt auf zwei Hemisphren voll empfinden lasse.

Mister Waddlepaddledaddle (oder so was hnliches) quetscht mir bewegt die
Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was hnliches) hat noch eine
Frage auf den ppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwrdigen
Greis in weiem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und
geistvoll geschnitten, als den berhmten Professor der Ethik, Dr. James
Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berhmte Gelehrte ist so steinalt,
da ich ihm aufs Wort geglaubt htte, wenn er mir versichert htte, da
bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch
letzterer brigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein
1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehrt
htten. "Froh, Sie zu treffen, Baron", beginnt der groe Gelehrte, mir
krftig die Hand drckend, und wissend, da ihm nicht viel Zeit gegeben
ist, knpft er gleich eine Frage ber den Stand der Ethik in Deutschland
als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewute Ausdrucksform der
Volksseele an. Ich erinnere mich zum Glck, da ich jahrelang eifriges
Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbru-Ausschankes in der
Franzsischen Strae in Berlin gewesen bin und erklre ihm, da wir in der
Ethik durchaus obenauf, _up to date_ wren und berhaupt...

"_Move on, please!_" ruft der unerbittliche Usher, und der groe Gelehrte
bezhmt lchelnd seinen Wissensdurst und lt sich ohne Murren weiter
schieben.

Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultt an die Reihe, mit denen ich im
Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees,
die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatschlich
den "Kraft-Mayr" gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer
Mdchenschule, die just meine "Gloriahose" in ihrer Klasse bersetzen lt
- lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen
zurckziehen mchte - es hilft nichts: "_Move on, please!_" kommandiert
die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanstndig schieben sich
die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und
feste Sulen der Brgerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Mnnlein
und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit grerer oder
geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschttelt und versichert hatten, da
sie _so_ glcklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten spter an
der nchsten Sule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos
so glcklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe:
lustige Studentinnen, die mit einem vergngten Knall in die Hand
einschlagen und die Affre mit dem stereotypen "_How d'ye do?_" mglichst
rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen
versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student mit sehr
groen roten und kalten Hnden, der mir sein deutsches
Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte berreicht, ihm da etwas
hineinzuschreiben.

"Stehe ich drin in diesem Leitfaden?" frage ich den glatten Jngling.

"Ich bin betrbt, nein zu sagen," lchelte er verlegen, und ich attestiere
es ihm schriftlich in sein Buch hinein, da das eine ganz miserable
Literaturgeschichte sei.

(M5)

Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein.
Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas
hnliches und selbstverstndlich das entsetzliche Eiswasser oder den
unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften
beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese
"reception" glcklich geworden seien. Die sind mit uns vllig einig
darber, das solche Veranstaltungen der grte Bldsinn von der Welt
seien, so ungeeignet wie mglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen
Kennenlernens zu erfllen. Aber trotzdem: wenn das nchste Mal zur
Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen
Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis
Waddlepaddledaddle (oder so was hnliches) mit ihren smtlichen Brillanten
und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps berstanden haben
wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbh, der eigentliche Grnder des
jetzt so blhenden Gemeinwesens, und die smtlichen anderen Prominenten
der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjhrige
James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe
stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht
beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung fr den richtigen
Amerikaner, sagen zu drfen: "Da und da traf ich den berhmten X. und
schttelte Hnde mit ihm." Der Prsident der Vereinigten Staaten hat das
Vergngen, alljhrlich bei der groen Neujahrsreception Tausenden von
Menschen die Hnde zu schtteln und jedem einzeln zu versichern, da er
_so_ froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach
Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48
Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub's gerne, da er das
ntig hatte, denn der mute tglich Bankette und Receptions mitmachen, bei
denen noch x-mal so viel Hnde zu schtteln und Trinksprche zu
beantworten waren, abgesehen davon, da er im Laufe des Tages auch noch
smtliche Kriegerdenkmler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe,
Preisbullen und Deckhengste besichtigen mute. Auch mir, dem bescheidenen
Dichter, wurde der berhmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen
hochmtig starren Monokelaugen vorgefhrt, auch vor mir tnzelte der
kokette Racker, die x-fach preisgekrnte Jerseykuh, auch mir zu Ehren
wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber fr
mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten
Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Fr unseren
unglcklichen Reprsentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von
frh bis in die spte Nacht tagtglich im Geschirr. Seine Nervenleistung
war so enorm, da sie schlielich sogar den Amerikanern imponiert hat.

Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den
Fremdling, und wre er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: "Wie
gefllt Ihnen Amerika?" Sie sollten eigentlich fragen: "Wie halten Sie
Amerika aus?" Denn das ist, wenigstens fr den offiziell herumgezeigten
Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drben. Mein Gott, es ist eben
ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen
Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Gre, Neuheit, Khnheit
aller ihrer Unternehmungen, da jeder Amerikaner den Kitzel in sich
versprt, jeden Fremden, der auf der Strae irgend etwas anstaunt, zu
fragen: "Na, was sagen Sie dazu, elender Europer, bartbewachsenes
Blagesicht, kolossal, was? Habt Ihr drben nicht!"

(M6)

In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin
interviewt. Selbstverstndlich: "_How do you like America_" usw., und dann
kam die verfngliche Frage: "Und was denken Sie von unserer Kultur?" Da
kratzte ich mir den Kopf und sagte: "Mein liebes Frulein, in diese
Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht." Und nun schlug das se Ding seine
wunderschnen Augen mit einem so traurig enttuschten, kindlich
erschrockenen Blick zu mir empor - ich werde diesen rhrenden Blick nie
vergessen! Und um Ihrer schnen traurigen Augen willen, reizendes Frulein
von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindrcke von meiner
Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, da bei diesem groen
Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke,
unanstndig gesunde Jugend ist.





                             DIE YANKEERASSE.


(M7)

Es ist ein weitverbreiteter europischer Irrtum, da sich in den
Vereinigten Staaten Nordamerikas allmhlich durch energisches Umrhren
eines beraus buntscheckigen Vlkergemisches die Bildung einer neuen Rasse
vollziehe. Ich gestehe, da ich mich, bevor ich selber drben war,
gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zuknftigen
form- und farblosen Vlkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit
offenen Augen und ohne vorgefate Meinung sich die Menschen in den
Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts
weis machen lt, der mu zu der Erkenntnis kommen, da es drben (mit
Ausnahme der sdlichsten Staaten) nur Yankees(1) und Fremdvlker gibt.
_Der Yankee aber ist ein reiner Grobritannier oder, wenn man will, eine
Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut
strker vertreten ist als im alten England._ Durch die neuen, eigenartigen
Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den
britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden - drei
Jahrhunderte voll harter Kmpfe, wilder Arbeit und glnzender Erfolge -
haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelschsischen
und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der
neuen, gut durchgemischten Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden
Charakter aufzwingen mssen. Angelschsisch im Wesen des Yankees ist sein
Kolonisationstalent, seine Zhigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine
nchterne Beschrnkung auf das Nchstliegende, Ntzliche,
Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag
zurckzufhren sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges
Spielertemperament, seine Begeisterungsfhigkeit und seine leichte
Zugnglichkeit fr alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Sufer und
Raufbold einigermaen berchtigte Irlnder spielt in der Weltgeschichte
gewi keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus
Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit blerer Geselle. Mit den
argen Schwchen des Iren konnte seine katholisch gefrbte Phantastik, sein
kindlich liebenswrdiger Frohsinn immerhin vershnen, whrend die
sittenstrenge Lebensfhrung und die ehrenhafte Geschftstchtigkeit des
Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen,
boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schne
und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszushnen. "Der Herr ist mit uns",
war das Feldgeschrei der Pilgervter - aber dieser Herr war eben ein
grimmiger Spezialgott fr die Rechtglubigen, d. h. also fr die blinden
Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte
sein auserwhltes Volk dazu, die Rothute mit Feuerwasser und Feuerwaffen
auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu zchtigen. Wenn drben nicht
anfangs die Menschen so rar und die Hnde so notwendig gewesen wren,
htten diese europischen Berserker gerade so eifervoll wie die
Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten
und protestantische Sektierer gewtet, so aber begngten sie sich damit,
alle denkenden Kpfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen
geschftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein
amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, da bei den Puritanern auer
Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer
Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Brger vorgeschrieben, wie er
sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu
denken und wie er zu fhlen habe. Selbstverstndlich wren diese Menschen
niemals die Begrnder des grten demokratischen Freistaates der Welt
geworden, wenn nicht ihre geschftlichen Interessen sie gezwungen htten,
allmhlich einen nach dem anderen von ihren starren Grundstzen fallen zu
lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtrnnigen, grimmig
verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegrndet, war die erste,
welche religise Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundstze einfhrte,
und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien,
da die frommen Vter am geschftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln
begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelschsischen
Rasse der praktische Nutzen ber allen Idealen gestanden, und ihr klarer,
nchterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz
ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Trumereien und eigensinnige
Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchaus _matter
of fact_, und diese Eigenschaft hat die Englnder befhigt, die
mustergltigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren groen Stiles
und kaltbltige Geschfts-Politiker zu werden. Fr das Klima des
nrdlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die
denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote Urbevlkerung war trotz ihrer
Kriegstchtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenber
verloren, denn die Indianer waren fromm naturglubig und darum hilflos
abhngig von der Natur, die fr die naturfeindlichen Puritaner nur ein
Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung
keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die
unsympathischen Charaktereigenschaften der angelschsischen Rasse zu
verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische
Steifheit und langweilige Ehrpulichkeit und erzeugte in der Vereinigung
jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgngern, von willensstarken
Optimisten, dem allein das groe Werk gelingen konnte, durch die Steppe,
durch die Wste und ber das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den ppigen
Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer
Herrenrasse aufzuschwingen, der alle brigen von Europa nachdringenden
Vlker sich ebenso bedingungslos unterwerfen muten, wie die unglcklichen
Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel
in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit,
da er sich nicht einmal im Spa, d. h. im freien Verhltnis, viel weniger
in der Ehe, mit den Angehrigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen
riesigen Kontinent bevlkern, vermischt. Fr die lateinischen Eroberer
Sdamerikas und auch der sdlichen Lnder des nrdlichen Kontinents hat es
immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch
mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen?
Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das
fr jede hhere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfhig, in
Leidenschaften verlottert oder in Trgheit versumpft. Solches
Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch
friedliche Mittel zu einer hheren Kultur emporzufhren, denn
_Mischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an_; das Beispiel so
mancher sdamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat
sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der grte Luxusartikel im Lande
waren, niemals mit Indianermdchen beholfen; seine Vernunft begeisterte
ihn zu der Grotat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in
einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige
Mglichkeit gewhrte, die Plantagenwirtschaft der ppig fruchtbaren Lnder
des heien Sdens durchzufhren. Dennoch hlt er es bis auf den heutigen
Tag fr die grte Schande, die ein Weier auf sich laden kann, sich
geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu
vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa
herbergekommenen anderen weien Rassen, die Romanen, die Slawen, die
Juden, ja selbst die ihm nchst verwandten Deutschen und Franzosen als
Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewi heit er alle Vlker der Erde
vorlufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in
seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so
lange sie sich bescheiden gebrden und mit Eifer ntzlich machen, gut
gebrauchen kann. Er gewhrt diesen Fremden das Brgerrecht, er lt sie an
allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts
dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen,
als ihnen irgend mglich ist, aber er wei sie beraus geschickt von den
einflureichen Staatsmtern fernzuhalten und zeigt sich durchaus nicht
bermig beflissen, um ihre schnen Tchter zu freien oder seine schnen
Tchter ihnen ins Haus zu fhren. Als im Februar dieses Jahres die Tochter
des Milliardrs Jay Gould - nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen
oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen
englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren
Eltern aus allen Lndern der Union entrstete Protestkundgebungen, ja
sogar offene Drohungen, da das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern
werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen verffentlichten
Drohbriefe hie: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der
freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sprlinge
entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus
diesem Beispiel, da der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das
eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbrmlich leicht werden bei uns in
Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine
Gelegenheit findet, den verblaten Glanz eines alten Wappens durch die
Mitgift einer jdischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Jdin
heiratet - der Fall drfte brigens selten genug vorkommen - so tut er es
sicher aus Liebe, wie denn berhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne
unter den Yankees uerst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist,
den Tchtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermgens in Gestalt
einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das
Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Fhigkeiten und zu seinem
Glck hat, macht tatschlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren,
und damit ist auch schon eine starke Gewhr fr die Aufrechterhaltung
einer krftigen Rasse durch natrliche Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte
Stellung der Frau spielt selbstverstndlich unter den gnstigen
Bedingungen fr die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die
Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen
Pionieren wie eine Halbgttin verehrt, wie ein Ktzchen verhtschelt
worden. Niemals wurde ihr harte krperliche Arbeit zugemutet, niemals
wurde ihren Schwchen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer
sah es der Mann als eine gern gebte Pflicht an, seine Krfte bis aufs
uerste anzustrengen, um es der Frau zu ermglichen, sich gut zu nhren,
schn zu kleiden und in Mue ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge
dieser Behandlung war die, da sich die Yankee-Frau, wenigstens
krperlich, zur schnsten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese
Schnheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten
Europern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame
ppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie
den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fues
und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn fr Eleganz, in ihrem
aparten Geschmack fr Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens
sehr nahe. Da sich diese schne und verwhnte Frau nur uerst selten zu
mehr als zwei Kindern bequemt, erhlt sie sich lange jung und frisch, und
man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche,
muntere und hbsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt.
brigens hat die Rasse von England den Sinn fr vernnftige Krperkultur,
besonders fr peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft
ist auch den Mnnern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten
Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch leisten
mssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze
und Klte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den bsen Fiebern der
Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wsteneien raffte das
widerstandsunfhige Menschenmaterial hinweg und lie nur die Strksten mit
dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von
Muskel- und Nervenkraft, wovon die Mnnlichkeit der Nation noch auf eine
gute Weile zu zehren haben wird. Auerdem ist es durch Gesetz streng
verboten, Kranke oder gar Krppel aus der alten Welt an den Gestaden der
neuen landen zu lassen.

(M8)

Unmittelbar nach meiner Rckkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes
Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste grere Versammlung deutscher
Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefhr vier Monaten wieder
vor Augen kam. Und ich mu gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu
erschttert ber den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen,
diese Bierbuche, Kahlkpfe, X- und Sbelbeine, diese verpustelten und
verpickelten, grmlich grauen, brutalen oder schwchlichen, gierigen oder
rgerlich verknitterten Gesichter gehrten also meinen lieben Landsleuten!
Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden,
geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen ksbleichen, blaugig
blden, stumpfnasigen, schiefzhnigen, feuchthndigen und dickbeinigen
Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie frderhin ihren Nachwuchs
zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewi war es ein tckischer
Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongre von
Migeburten stoen lie, aber da unsere arg vermanschte Rasse immer noch
von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte in ihrer krperlichen
Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten
Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach
englischem Muster bettigten Suglingspflege und einer vernunft- und
naturgemen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschnern
beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drben in den Vereinigten
Staaten ist der Deutsche und besonders _die_ Deutsche der ersten
Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem
deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und
angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht
schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die
guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche
Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Fllen Toilette machen und scheint
im hheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser
Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, krperlich
glnzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist,
den Kindern die berzeugung beizubringen, da es ein unberschtzbarer
Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, da sich
alle brigen Weltteile, alle brigen Vlker nicht im entferntesten mit der
unerhrten Vorzglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen
Yankeerasse messen knnten. Selbstverstndlich lernt das Kind die
englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern
jemals mglich wird. Es kommt dazu, da das amerikanische Leben, die ganze
Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder auerordentlich schrft.
Da knnen nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und
sich darber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an
boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehrt, wie ein
Yankeebbchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen
mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten htte, verchtlich die
Achsel zuckend entgegnete: "Ich wrde mich doch nicht darum kmmern, was
der olle Dutchman sagt." ("_I would'nt care, what that old Dutchman
says._") So wird es selbstverstndlich der Kinder grter Ehrgeiz, in
ihrem ueren zunchst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem
Wirtsvolk anzuhneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgem bei
den geistig beweglichsten Kindern am strksten. Es ist erstaunlich, wie
rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern
unhnlich werden. Die Shne schieen um Kopfeslnge ber ihren Vater
hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die
Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejngling mit der
aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald
fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Mbeln herum, und er
trifft mit tdlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der
entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjhrige Tchterchen aber kann
seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so
unhnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter.
Die Yankee-Mi fhrt in ihrer kecken Selbstndigkeit ein so
beneidenswertes Dasein, da jedes deutsche Mdchen, wenn anders es nicht
vllig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Hnden und Fen dagegen
struben mte, sich von einer trichten Mutter gewaltsam zu einem
ngstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und errtenden,
Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen.

(M9)

So spornt das Beispiel der strkeren und gesunderen Rasse die krperlich
und geistig bevorzugtesten unter den Kindern der fremden Einwanderer
mchtig zur Anpassung an. Die zweite Generation, vornehmlich der deutschen
Einwanderer, weist schon recht zahlreiche Exemplare auf, die von echten
Yankees kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind - und dennoch verhlt
sich der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern gegenber
in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich sprde. Er sieht die Deutschen
sehr gern in seinem Lande, er schtzt sie hoch als ehrliche, anstndige
Menschen, die der politischen Korruption einen zhen Widerstand
entgegensetzen, die mit ihren geschickten Hnden, ihrem Flei, ihrer
Geduld zu allen feineren Handwerken vorzglich geeignet und mit ihrer
Klugheit und Gewissenhaftigkeit fr allerlei ruhige mter, die dem Yankee
zu langweilig sind, und schlielich auch in der Kunst und Wissenschaft
ganz hervorragend brauchbar sind - und dennoch gibt er ihnen seine Tchter
nicht gern zur Ehe! Nicht anders ist es mit den Angehrigen der
romanischen, slawischen, mongolischen und semitischen Vlker. Sie hocken
alle in gewissen Stadtvierteln oder Straenzgen der Grostdte, oder in
kleineren Ansiedlungen auf dem Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl
mit allen Rechten des freien Brgers der Vereinigten Staaten ausgestattet,
fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. Die Juden z. B. haben es
ebenso wie in Europa zum groen Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht.
Sie entwickeln unter den freiheitlichen Grundstzen der Gesetze und
Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. In der Presse, in der
Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft und im rztlichen Beruf
haben sie, geradeso wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne
ihrer Mitglieder sind als Inhaber groer Bankhuser zu einem
weltumspannenden Einflu gelangt, und dennoch haust die groe Masse
derselben noch immer im Ghetto beisammen. Die meisten Yankees wrden, wenn
man ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, erstaunt die
Brauen hochziehen und gar nicht wissen, was das sei; nichtsdestoweniger
findet man auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher
Juden kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den vornehmsten
Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges werden Juden berhaupt nicht
zugelassen!

Wenn die Deutschen in der Zeit der groen Massenauswanderung, als auf dem
nordamerikanischen Kontinent noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert
waren, fr sich ein solches Neuland erobert, zh festgehalten, und alle
neu zustrmenden Landsleute htten zwingen knnen, sich dort gleichfalls
anzusiedeln, dann htten die Deutschen einen starken Staat im Staate
bilden knnen und ihre Selbstndigkeit zu wahren vermocht, auch wenn sie
sich dem Staatenbund angeschlossen htten. Diese Gelegenheit ist endgltig
verpat. Aber damit sie in den anderen jungfrulichen Weltgegenden nicht
abermals verpat werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, und lernt von
den Yankees, was das unerschtterliche Kraftbewutsein einer starken,
gesunden Rasse vermag und wie man seine Rasse rein erhlt!





                         DER YANKEE ALS ERZIEHER.


(M10)

Die alte Erfahrung, da junge Eltern sehr hufig bessere Erzieher ihrer
Kinder sind als ltere und reifere, findet im Yankeelande eine auffallende
Besttigung. Die Yankees sind eben als Rasse und die brigen Brger der
Vereinigten Staaten als Nation noch so kindhaft jung, noch so tief
befangen in dem glckseligen Taumel des Kraftberschusses, da sie ihre
klgsten wie ihre dmmsten Streiche mit der gleichen schnen Begeisterung
verben und mit reizender Naivitt dem eigenen Verdienst gutschreiben, was
sie oft doch nur glcklichen Umstnden zu verdanken haben. Der leichte
Erfolg, der den kraftvollen und rcksichtslosen Ausbeutern jenes
jungfrulichen Kontinents voll ungehobener Naturschtze zu teil wurde, hat
die ganze Rasse eitel, prahlerisch und sorglos wie Kinder gemacht, und
diese Kindlichkeit ist bis auf den heutigen Tag die liebenswrdigste
Eigenschaft des neuen Volkes. Es lebt in den Tag hinein, denkt kaum an
morgen, grundstzlich nicht an bermorgen, kennt keine Gefahr, erschrickt
vor keinem Hindernis und trstet sich ber alle Schwierigkeiten hinweg mit
dem Gedanken: Es ist noch immer gegangen und wird auch diesmal gehen!
Weist ein Auenstehender auf offenbare Schwchen hin, so erwidert der
Yankee gut gelaunt: "Nun ja, Sie mgen recht haben; aber Sie sehen ja, wir
leben auch so, und wir leben recht gut!" Man lt sich alle
Unbequemlichkeiten lachend gefallen und schickt sich in alles, da man an
ein jhes Auf und Nieder von berflu und Mangel, von absoluter geistiger
de und raffinierter Luxuskultur wie an die schroffen bergnge von
eisiger Klte zu glhender Hitze gewhnt ist. Aus dieser Quelle entspringt
der siegessichere Optimismus und die heie Vaterlandsliebe des
amerikanischen Volkes. Dem Yankee gilt ganz selbstverstndlich alles
Amerikanische als das Beste, das Grte, das Schnste in der Welt, und das
jnglinghafte Renommieren mit all diesen Superlativen ist ebenso
charakteristisch fr die Nation, wie ihre Vorliebe fr unsinnige
Kraftproben, nrrische Wetten, sensationelle Schaustellungen und lrmende
Vergngungen. Der Yankee bewahrt sich diese jugendlichen Eigenschaften bis
in sein hohes Alter. Greise, die sich necken, puffen und balgen wie Buben,
alte Damen, die sich wie Backfische anziehen, sind alltgliche
Erscheinungen.

(M11)

Es versteht sich von selbst, da so geartete erwachsene Menschen fr das
Denken und Empfinden der Kindesseele weit mehr Verstndnis haben mssen,
als das gesetzte, bequemlich wrdevolle Alter der Kulturvlker unserer
alten Welt, welches aus der Erfahrung von Jahrtausenden die vorsichtige
Kritik und damit sehr hufig auch den steten mimutigen Zweifel gelernt
hat. Die geistige berlegenheit hrt auf, ein glcklicher Erziehungsfaktor
zu sein, sobald sie zum geistigen Hochmut ausartet, und in diese Gefahr
gert sie ja in unserer alten Welt leider nur zu leicht. Wenn es
andererseits richtig ist, da der Einflu der Kameradschaft die Jugend
besser zu erziehen vermge, als das Beispiel des Alters, so sind
zweifellos junge Vlker uns als Erzieher berlegen. Der Yankee vergttert
sein Kind. Erstens einmal, weil es berhaupt ein rarer Artikel ist, und
zweitens, weil es den ungeheuren Vorzug hat, als Amerikaner auf die Welt
gekommen zu sein. Man sollte eigentlich meinen, da eine so stolze,
exklusive Rasse wie die der Yankees darauf aus sein mte, die Reichtmer
ihres Landes und die vielen glnzenden Lebensaussichten lieber ihrer
eigenen zahlreichen Nachkommenschaft zuzufhren, als sie den
einwandernden, ihrer Meinung nach doch unendlich minderwertigen
Fremdlingen aus aller Welt zuteil werden zu lassen. Wenn der Yankee dieser
nahe liegenden Erwgung zum Trotz Neumalthusianer ist und folglich selten
mehr als zwei Kinder hat, so erklrt sich das aus der eigenartigen
Stellung, die die Frau im nrdlichen Amerika einnimmt. Sie war in den
ersten Jahrhunderten der britischen Kolonisationsarbeit infolge ihrer
Seltenheit ein Gegenstand des beneideten Luxus und der unterwrfigen
Verehrung. Der glckliche Besitzer einer jungen Frau nahm freudig alle
Last der Arbeit auf sich, um seiner Gefhrtin die Mglichkeit zu gewhren,
ihre Schnheit, ihre geistige und krperliche Beweglichkeit bis ins Alter
zu pflegen. Die Ansicht, da es fr den Mann die denkbar grte Schande
sei, der schwachen Frau harte Arbeit zuzumuten, brachten die Kolonisten ja
schon aus der britischen Heimat mit, und es ist begreiflich, da sie unter
den besonderen Verhltnissen des abenteuerlichen Lebens im neuen Lande
noch verstrkt und sogar unvernnftig bertrieben werden mute. So wurde
also auch das Wochenbett unter die schweren krperlichen Leistungen
gerechnet, die ein Mann seiner Frau nicht fters zumuten drfe, als der
Bestand und die Interessenpolitik der Familie es unbedingt erforderten. So
ist es erklrlich, da bis auf den heutigen Tag Anglo-Amerikanerinnen, die
ihren Stolz darin suchten, viele Kinder zu haben, uerst selten sind. Die
wenigen vorhandenen Kinder profitieren natrlich am meisten bei diesem
Zustand. Bei der ungemein bevorzugten Stellung der Frau und bei den
gnstigen Lebensaussichten, welche nicht nur das begterte, sondern auch
das auf seine Arbeit angewiesene Mdchen in den Vereinigten Staaten hat,
erklrt es sich, da die Geburt eines Knaben durchaus nicht hher
eingeschtzt wird, als die eines Mdchens. Eine vernnftige
Suglingskultur herrscht als gute englische Erbschaft ber den ganzen
Kontinent. Die Eltern sind von einer rhrenden Geduld und Nachsicht den
Kleinen gegenber. Ein Kind zu schlagen gilt als unerhrte Roheit.
Kinderzucht in unserem Sinne wird drben wohl nur noch von manchen der
eingewanderten Fremdvlker, vornehmlich in deutschen Familien versucht,
aber meist vergeblich, denn schon die Kleinsten werden sehr bald durch den
Vergleich belehrt, da sie es nicht ntig haben, sich in dem freien Lande
eine unwrdige Behandlung gefallen zu lassen. Deutschen Beobachtern
erscheint das Yankeekind sehr oft als vorlaut, unziemlich respektlos und
unertrglich ungezogen, wogegen die Yankee-Eltern das starke Hervorkehren
des Eigenwillens in ihren Kindern als einen Vorzug ansehen und sich hten,
deren Selbstndigkeit zu unterdrcken. Sie geben sich die erdenklichste
Mhe, ihren Verkehr mit den Kindern auf den Ton der Kameradschaft zu
stimmen und behandeln die unverschmten Gernegroe, sobald sie aus dem
Alter der sen Kindlichkeit heraus sind, in dem man mit ihnen wie mit
Puppen spielen kann, wie Erwachsene. Infolgedessen emanzipieren sich die
Kinder auch sehr frhe vom Elternhause, und zwar nicht nur in den
untersten Stnden, wo die Notwendigkeit mit zu verdienen die
lcherlichsten Knirpse oft schon zu selbstndigen Unternehmern, zu fixen
kleinen Handelsleuten macht.

(M12)

Die ffentliche Schule gliedert sich in Kindergarten (diese deutsche
Bezeichnung hat man allgemein bernommen), sowie Volksschule
(Popular-School), Grammar-School, High-School und Colleges oder
Universitten. Das Hauptziel, namentlich der niederen Schulen, ist
Erziehung zum Patriotismus. Da auch die Kinder smtlicher eingewanderter
Fremdvlker sofort fr die Schule eingefangen werden, so bekommen auch die
jungen, frisch importierten Deutschen, Slowaken, Griechen, russischen
Juden, Syrer und Chinesen zunchst einmal den Grundsatz eingetrichtert,
da alles Amerikanische von unzweifelhafter Vortrefflichkeit sei. Die
Verfassung der Vereinigten Staaten wird als hchste Leistung idealen
demokratischen Brgersinnes auswendig gelernt. (Sie ist brigens
tatschlich nach Form und Inhalt ein Muster von Klarheit, Sachlichkeit und
edler, vernnftiger Menschlichkeit.) Die kurze, krause und an erziehlichen
Heldenbeispielen nicht eben berreiche Geschichte des Staatenbundes gilt
als wichtigster Gegenstand des Studiums, die Geschichte der brigen Welt
dagegen als unbetrchtlich. So vernnftig und so schn nun auch dieser
heie Eifer in der Frderung der Vaterlandsliebe ist, so verfhrt er doch
naturgem leicht zu ebenso grblichen Flschungen und Unterschlagungen
von Tatsachen, wie bei uns etwa die konfessionell gefrbten Darstellungen
der Kulturgeschichte. In einem sehr verbreiteten und hochgeschtzten
Schulbuch, "_History of the American Nation_" von Andrew C. Mc Laughlin,
Geschichtsprofessor an der Universitt von Michigan, das ich mir zu meiner
eigenen Belehrung anschaffte, kommt zum Beispiel in dem 28 eng gedruckte
Spalten umfassenden Index das Stichwort "_German_" gar nicht vor! Der
groe und rhmliche Anteil, den die eingewanderten Deutschen sowohl als
Kmpfer in den nationalen Kriegen wie auch als Kulturpioniere auf den
verschiedensten Gebieten geleistet haben, wird vllig mit Stillschweigen
bergangen und nur der Baron Steuben flchtig als ntzlicher militrischer
Drillmeister erwhnt! Das ist ein etwas starkes Stck und will gar nicht
dazu stimmen, da die Pflege der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit von dem
Yankeevolke als vornehmster Grundsatz der huslichen wie der ffentlichen
Erziehungskunst laut verkndet wird. Man darf es wohl den Amerikanern
glauben, auch wenn man nicht lange genug im Lande gewesen ist, um es durch
die eigene Beobachtung gengend besttigt gefunden zu haben, da es ihrer
Erziehung gelinge, feige Lge und Heuchelei den Kindern schimpflicher
erscheinen zu lassen, als selbst gefhrliche Streiche des bermuts und
sogar Ausbrche der Roheit. Der erwachsene Amerikaner lgt zwar, wenn es
sein Vorteil erheischt, rger als ein Gascogner und nimmt es, namentlich
dem Staate gegenber, auch mit seinem Eide durchaus nicht genau - seine
Lgenknste werden sogar, wenn er Geschftsmann und Politiker ist, als
_smartness_ bewundert - aber das amerikanische Kind fhlt sich nicht so
leicht zur Lge veranlat, weil es nicht in steter Furcht vor Prgeln und
sauertpfischen Mienen aufwchst. Auch die Schule lt keinerlei
Duckmuserei aufkommen und straft z. B. den Angeber mit Verachtung,
anstatt ihn aufzumuntern. Die ganze Pdagogik geht darauf aus, das
Ehrgefhl zu verfeinern und den Ehrgeiz anzureizen. Sie ist
auerordentlich verschwenderisch mit Preisen und schmeichelhaften
Belobigungen und sie straft vornehmlich durch Beschmung. Dadurch, da sie
die Leistungen krperlicher Tchtigkeit kaum minder hoch einschtzt als
die geistige Befhigung, schafft sie auch fr die minder Begabten, aber
wenigstens krperlich gewandten und mutigen Schler eine Mglichkeit,
ehrenvolle Auszeichnungen davonzutragen. Gute Schler, die sowohl in den
_Athletiks_ wie in den Wissenschaften Hervorragendes leisten, kommen im
Laufe der Schuljahre in den Besitz eines kleinen Museums von Ehrenflaggen
und Wimpeln, silbernen Bechern, Medaillen, Diplomen, Bcherpreisen und
dergl., und diese Trophen aus der Schulzeit machen noch in hherem Alter
den grten Stolz der Inhaber aus.

(M13)

Sehr schwer ist es begreiflicherweise, den jungen Republikanern Disziplin
beizubringen, denn die Abneigung gegen jeden Zwang liegt ihnen im Blute.
Dazu pflegen sie im Durchschnitt auch noch erheblich temperamentvoller und
lebhafter, ungebrdiger und eigenwilliger zu sein, als die Kinder der
meisten anderen Vlker. Man stelle sich eine junge Lehrerin (die
Lehrkrfte sind zum berwiegenden Teil weibliche) einer groen Klasse von
tobschtigen Buben und ausgelassenen Mdels gegenber vor. Schlagen darf
sie nicht, auch wenn sie krperlich imstande wre, diese wilden Rangen zu
bewltigen. Wstes Anschreien ist auch verpnt; wie soll sie also mit
einer solchen Gesellschaft fertig werden? Georg v. Skal erzhlt in seinem
Buche "Das amerikanische Volk" ein hbsches Beispiel, wie solch eine schon
fast verzweifelte junge Lehrerin ihrer besonders wilden Klasse Herr wurde.
Sie erklrte nmlich der radaulustigen Gesellschaft, sie habe es satt,
sich die Schwindsucht an den Hals zu rgern, sie mchten sich geflligst
allein regieren; sie gebe ihnen anheim, sich einen Prsidenten, einen
Vizeprsidenten und was sonst fr Beamte notwendig seien, aus ihrer Mitte
zu whlen und mache dann diese selbstgewhlte Regierung fr
Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich. Und siehe da, der angeborene
_common sense_, d. h. der Instinkt fr das Vernnftige, brachte diese
schwierige Gesellschaft ohne irgend welche Beeinflussung von oben dazu,
den besten und gesittetsten Schler der Klasse zum Prsidenten und den
strksten und gewaltttigsten zum Vizeprsidenten zu erwhlen. Der erstere
suchte durch vernnftige berredung einzuwirken, und der Vizeprsident,
als Haupt der Exekutive, verprgelte eigenhndig die unbotmigen Elemente
dergestalt, da sie es bald vorzogen, sich widerspruchslos zu fgen. Die
junge Lehrerin durfte sich bald einer Musterklasse rhmen. Die
Selbstverwaltung spielt berhaupt eine groe Rolle im amerikanischen
Schulwesen. Schlerverbindungen aller Art werden nicht wie bei uns
unterdrckt, sondern im Gegenteil begnstigt. Die Lehrer unterweisen diese
Verbindungen in der Handhabung der parlamentarischen Formen und wachen nur
darber, da keine unziemlichen oder unsinnigen Ausschreitungen
stattfinden. Der schlimme Anreiz zur frhzeitigen Nachahmung eines
studentischen Saufkomments fehlt den Schlern der amerikanischen
Mittelschulen vollstndig, da ein solcher auf den Universitten nicht
existiert. Und so luft die Hauptttigkeit aller Schlerverbindungen auf
Sport und Spiel, vornehmlich auf die Nachffung des politischen Lebens im
kleinen, auf bung im Redenhalten und Debattieren hinaus. Der Erfolg ist
denn auch der, da der junge Amerikaner des Durchschnitts zum mindesten
die rhetorische Phrase auerordentlich gelufig beherrschen lernt und da
die hervorragenden Intelligenzen sich spielenderweise zu vorzglichen
Rednern und schlagfertigen Debattern heranbilden. Der Lehrplan ist in den
Elementarschulen durchaus auf das Praktische gestellt; es wird scharf
gedrillt, viel auswendig gelernt und viel examiniert. Was jeder Mensch an
Elementarwissen zum Leben unbedingt notwendig braucht, wird zuverlssig
den im allgemeinen uerst hellen und lernbegierigen Kpfen
eingetrichtert. Nebenbei verrichtet aber die Volksschule noch eine hchst
wichtige Kulturarbeit, indem sie auch die erwachsenen Einwanderer durch
deren Kinder erziehen lt. Selbstverstndlich erlernen diese die
englische Sprache sehr viel rascher und grndlicher als die Eltern und
werden dadurch zu deren Lehrern. Aber sie werden auch zu Lehrmeistern
ihrer Eltern in bezug auf Krperkultur, Hygiene und Manieren. Jedes Kind,
das nicht sauber gewaschen und in properem Anzug zur Schule kommt, wird
seinen Eltern heimgeschickt mit dem Auftrag, das Ntige zur Behebung
solcher Mngel sofort vorzunehmen. Die heimgeschickten Kinder fhlen sich
so beschmt durch diese Manahme, da sie es in den meisten Fllen auch
bei Eltern, die einem Volke angehren, dem die Pflege des Drecks ein
Gegenstand religiser berzeugung ist, durchsetzen werden, da um der
Schule willen Seife, Zahnbrste, Kamm usw. mit der der angelschsischen
Rasse angeborenen Energie angewendet werden. In besonders schwierigen
Fllen begleiten wohl die Lehrerinnen die armen Kinder solcher
Schmutzfanatiker heim und reinigen und beflicken sie selbst vor den Augen
der Eltern; oder die Angehrigen besonderer sozialer Hilfsvereine
unterziehen sich dieser menschenfreundlichen Aufgabe. So lernen sich
unzivilisierte Eltern vor ihren Kindern schmen und bringen es noch auf
ihre alten Tage ber sich, dem Weidwerk auf den eigenen Kpfen nachzugehen
und die ehrwrdige Patina des wrmenden Drecks, den sie aus Europa oder
Asien ber das Weltmeer mit hinber gebracht haben, den ungemtlichen
Idealen moderner Hygiene zu opfern.





                   DAS UNIVERSITTSLEBEN IN DER UNION.


(M14)

Wer sich ber die tiefsten Wesensunterschiede der amerikanischen und der
europischen Kultur klar werden will, der mge sich nur ordentlich umsehen
auf den Sttten, wo die geistigen Werte in gangbare Mnze umgesetzt und
die groen Wechsel auf die kulturelle Zukunft ausgestellt werden, nmlich
- auf den Hochschulen. Wer in Deutschland akademischer Brger gewesen ist,
dem mu zunchst unfehlbar der groe Unterschied zwischen hben und drben
in der ueren Erscheinung der Studenten und Studentinnen auffallen.
Abgesehen davon, da selbstverstndlich der groteske Typus des Studiosus
Sffel, des bemoosten Hauptes mit dem Bierbauch und den aufgeschwemmten,
kreuz und quer zerhackten Backen, sowie auch die des hochmtig blasierten
ultrapatenten Korpsstudenten fehlt, sieht man sich auch vergeblich nach
dem Typus unseres heibeflissenen Jngers der Wissenschaft um, nach den
stubenbleichen Brillentrgern, den vertrumten oder frhzeitig
zergrbelten Denkerkpfen, deren Alter schwer bestimmbar und deren
ungeschicktes, weltfremdes Gebaren mit der Reife und dem Ernst ihres
Denkens und Redens oft in so drolligem Widerspruch steht. Drben sieht man
nur frische, derbe Jungens und Mdels; die ersteren hufig noch brenhaft
tolpatschig, die letzteren mit der ruhigen Sicherheit der frheren Reife
ihres Geschlechts auftretend. Die sozialen Unterschiede der Herkunft
machen sich nur in der Kleidung bemerkbar und in der greren oder
geringeren Zierlichkeit der Gliedmaen und Verfeinerung der Manieren. Im
Ausdruck der Gesichter herrscht aber eine erstaunliche Gleichartigkeit.
Die Studierenden der beiden ersten Semester werden _Freshmen_ genannt, der
zweite Jahrgang _Sophomors_, der dritte Jahrgang _Juniors_, der vierte
Jahrgang _Seniors_. Alle zusammen sind die _Undergraduates_, und was nach
dem Graduieren, d. h. also nach dem Baccalaureats oder sonstigem
Staatsexamen, noch weiter studiert, _Postgraduates_; als uerliches
Kennzeichen fhren sie verschieden gefrbte Knpfe auf ihren Oxfordbaretts
oder gestrickten Wollkappen. Von der High-School kommen sie zwischen 17
und 19 Jahren zur Universitt oder in die Colleges; aber nicht, wie bei
uns, tut nun der junge Mensch einen gewaltigen Sprung aus der strengen
Disziplin in die schrankenlose Freiheit, sondern nur einen bedchtigen
Schritt vorwrts von einer strengeren zu einer freieren Schulgattung, denn
auch auf der Universitt und im College sind die jungen Leute einer
Disziplin unterworfen, die ihre persnliche Freiheit immerhin beschrnkt.
Sie wohnen in sogenannten _Dormitories_ (Schlafhusern), wo sie, je nach
ihren Mitteln, einzeln oder mit Kameraden zusammen hausen. Die Mahlzeiten
nehmen sie gemeinsam in einer groen Halle ein, wo sie fr billiges Geld
eine einfache, nahrhafte Kost, aber nur Wasser zu trinken bekommen. An
denjenigen Hochschulen, die beiden Geschlechtern gemeinsam dienen, sind
fr die Mdchen besondere Schlafhuser und meist auch Speisesle
vorhanden. Ebenso auch besondere Gymnasien, d. h. Sporthallen, und
besondere Spielpltze; dagegen hufig gemeinsame Klublokale, wo sie
Tanzvergngungen abhalten, Liebhabertheater spielen, Nachmittagstees oder
Abendreceptions geben. Von jeder Aufsicht frei sind sie nur in ihren
Vereinen und in ihren Bruder- oder Schwesterschaften (_Fraternities_ und
_Sororities_). Diese letzteren nehmen die Stelle unserer Verbindungen ein.
Sie bezeichnen sich aber nicht nach Landsmannschaften, sondern mit
Buchstaben des griechischen Alphabets, welche die Anfangsbuchstaben eines
Wahlspruchs sind, den sie meist mit drolligem Ernst als ein groes
Geheimnis bewahren. Nur die wohlhabenden Studenten und Studentinnen knnen
sich die Mitgliedschaft in einer solchen Bruder- oder Schwesternschaft
leisten, denn diese Vereinigungen besitzen eigne Huser, in denen sie, zum
Teil sogar recht luxuris, wie Gentlemen und Ladies der besten
Gesellschaft zusammen leben, essen und arbeiten. Selbst die bescheidensten
dieser Verbindungshuser sind mit allen modernen Bequemlichkeiten
behaglich und gediegen ausgestattet. Man sieht also auch aus dieser
Erscheinung wieder, wie das demokratische Prinzip der Gleichmacherei immer
wieder von dem natrlichen Drange des Menschen nach aristokratischer
Absonderung durchbrochen wird; nur, da es in der groen Republik ein
selbstverstndliches Gebot anstndiger Gesinnung ist, Vorzge der Geburt
und des Besitzes nicht durch anmaendes Wesen gegenber den vom Glck
weniger Begnstigten zum Ausdruck kommen zu lassen. Man wird schwerlich
jemals beobachten knnen, da arme Studenten und Studentinnen, die sich
durch Stundengeben, Schreiber- oder gar Handlangerdienste mhsam
durchschlagen mssen, vor den Mitgliedern der reichen Verbindungen
unterwrfig kriechen, oder da jene sich diesen gegenber einen
berheblichen, unkameradschaftlichen Ton herausnhmen. In allen
gemeinsamen Angelegenheiten halten die Studenten fest zusammen, und der
Stolz auf ihre Alma mater uert sich bei allen festlichen Gelegenheiten,
namentlich bei den sportlichen Wettkmpfen mit anderen Hochschulen, in
einem erfrischend jugendlichen Enthusiasmus. Jede Hochschule hat einen
besonderen _Cheer_, d. h. _Hochruf_, nach Rhythmus und Melodie
verschieden. Und mit diesem Cheer werden die beliebten Professoren und die
sportlichen Siege gefeiert, bei den groen Wettkmpfen mu er gleich dem
Kriegsruf wilder Vlkerschaften zur Anspornung des Kampfeifers dienen. Wer
einmal - etwa gar in dem berhmten _Stadion_ der zwanzigtausend Menschen
fassenden Arena von Cambridge bei Boston, einem Fuballmatch zwischen
Harward und Yale beigewohnt hat, wird zeitlebens den Eindruck nicht
vergessen. Jede der beiden Parteien hat ihr eignes Musikkorps, welches in
den Spielpausen Studentenlieder und schmetternde Mrsche zum besten gibt
und whrend des Spiels jede bedeutsame Wendung, jede gute
Augenblicksleistung des Einzelnen mit einem Tusch quittiert. Vor jedem der
beiden Musikkorps sind Angehrige der betreffenden Parteien aufgestellt,
welche, mit riesigen Sprachrohren bewaffnet, den _College-Cheer_
intonieren und, wild mit den Armen fuchtelnd, meistens gnzlich
unrhythmisch und unmusikalisch, den Tusch der Blser dirigieren. Und dann
fallen in diesen Heilruf nicht nur die Kommilitonen, sondern auch die
anwesenden frheren Studierenden der betreffenden Universitt und deren
ganzer Anhang von Freunden und Verwandten im Publikum ein, und das mit
einer Begeisterung und einem Kraftaufwand, da dem unbeteiligten Fremdling
darber Hren und Sehen vergeht. Man springt auf die Bnke, man schwenkt
Taschentcher und Kopfbedeckungen, wildfremde Menschen packen sich bei den
Schultern und schtteln und stoen sich, um einander aufmerksam zu machen
auf spannende Momente oder sich zu grerer Begeisterung fr die Sieger
aufzurtteln. Und dabei sieht der Fremdling, der von dem Spiel nichts
versteht, eigentlich nur einen in eine Staubwolke eingehllten Knuel
grotesk bekleideter Jnglinge, der sich balgend auf dem Boden wlzt, wobei
ein Individuum dem andern die Rippen eintritt, mit den Fusten den Wind
ausblst (_to blow the wind out_) oder die schweren Sportstiefel unter die
Nase feuert, bis sich einer mit dem eroberten Ball unterm Arm aus dem
wsten Menschensalat herausarbeitet und in weiten Sprngen, wie ein junger
Hirsch, unter dem betubenden Jubel von zwanzigtausend bis zur Tollheit
begeisterten Landsleuten ber den Kampfplatz strmt.

(M15)

In diesen Wettspielen der hchst kultivierten Jugend Amerikas erlebt man
staunend bei dem traditionslosesten aller Gegenwartsvlker eine hchst
eindrucksvolle Auferstehung der Antike. Die Schnheit und Anmut der
nackten Griechen fehlt freilich vllig bei dieser unfrmlich wattierten,
mit Lederkappen und Fausthandschuhen ausgersteten Yankeemannschaft, aber
die leidenschaftliche Teilnahme des ganzen Volkes, die diese Kraft- und
Gewandtheitsspiele seiner Jugend zu einer nationalen Angelegenheit macht,
kann auch im alten Hellas und im alten Rom nicht hinreiender gewesen
sein. Die amerikanische Mutter ist auf ihren Sohn, dem beim Ballspiel das
Nasenbein oder sonstige Extremitten geknickt wurden, so stolz wie die
Spartanerin, deren Knabe, ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Ruten
bis aufs Blut peitschen lie.

(M16)

Diese hohe Wertschtzung der krperlichen Tchtigkeit, die brigens
keineswegs nur auf das mnnliche Geschlecht beschrnkt ist, trgt sehr
viel dazu bei, dem amerikanischen Studentenleben sein durchaus
eigenartiges Geprge zu verleihen. Ich habe mir des fteren erlaubt,
amerikanischen Studenten gegenber meinem Zweifel Ausdruck zu geben, da
diese Helden der Arena, diese Champions der Ballschlger, Ruderer,
Wettlufer und Boxer auch in geistiger Beziehung Zierden einer
wissenschaftlichen Anstalt seien, habe aber fast regelmig die Antwort
bekommen, da meine Zweifel durchaus unbegrndet, vielmehr unter den
hervorragenden Athleten hufig auch die tchtigsten wissenschaftlichen
Begabungen, zum mindesten aber die fleiigsten Bffler zu finden seien.
Weit weniger sichere und selbstbewute Antworten dagegen erhielt ich, wenn
ich amerikanische Studenten nach ihren wissenschaftlichen Zielen oder gar
nach ihrer Weltanschauung auszuforschen versuchte. Da hie es meist: "Ach,
darber zerbrechen wir uns vorlufig den Kopf nicht. Wenn wir unser Examen
gemacht haben, schickt uns die Regierung nach Portorico oder nach Haiti
oder sonst wohin, da haben wir schon eine gute Stellung in Aussicht." Ein
anderer sagt: "O, ich trete einfach in das Geschft meines Vaters ein, da
brauche ich keine andere Weltanschauung als die eines Gentlemans." Da die
englische Sprache keinen przisen Ausdruck fr Weltanschauung kennt, so
ist es berhaupt sehr schwer, einem jungen Amerikaner begreiflich zu
machen, was man damit meint. Der Optimismus des jungen erfolgreichen
Volkes sitzt ihm so tief im Geblt, da er kaum begreift, wie man sich von
Zweck und Wert des Lebens, von der Vortrefflichkeit der bestehenden
Weltordnung verschiedenartige Vorstellungen machen knne. Er fhlt nicht
den mindesten Drang oder Beruf in sich, an diesen Dingen Kritik zu ben,
weil er in der Anschauung aufgewachsen ist und sie innerhalb seiner jungen
Erfahrung berall besttigt findet, da fr einen Brger der Vereinigten
Staaten berall Raum und Gelegenheit zur erfolgreichen Bettigung seiner
Krfte und Talente gegeben sei. Eine solche Anschauung ist unzweifelhaft
gesund fr Leib und Seele - aber fr die wissenschaftliche Erkenntnis ist
sie nichts weniger als frderlich. Innerhalb dieser Zufriedenheit mit dem
Gegebenen bleibt eben kein Platz fr den fruchtbaren Zweifel und fr die
Unersttlichkeit des Forschers. Den amerikanischen Studenten im
allgemeinen interessiert nur jenes positive Wissen, dessen unmittelbare
praktische Verwertbarkeit ihm einleuchtet. Und wie der Zuschnitt aller
amerikanischen Erziehungsanstalten, von der Elementarschule an, darauf
eingerichtet ist, dem jungen Nachwuchs zu geben, was er braucht, wonach
seine natrlichen Instinkte sich freudig drngen, so sind auch die
Universitten keineswegs darauf aus, Gelehrte zu zchten, sondern ihre
Absicht ist vielmehr nur, dem Schulwissen den letzten Schliff, das
_refinement_ der hheren Kultur und den Fachstudien jene Vertiefung zu
geben, die sie im praktischen Leben erst nutzbar macht. Der amerikanische
Student glaubt an sein Lehrbuch und schwrt auf die Worte seines Lehrers.
Er lernt fleiig, ohne sich von Zweifeln beirren zu lassen, und beschrnkt
sich auf die Fcher, die ihm fr seinen knftigen Beruf als notwendig
vorgeschrieben sind. berflssige Wissenschaften nimmt er nur eben so mit,
sofern er die Eitelkeit besitzt, als Schngeist zu glnzen, und um sich
von den Damen seines Kreises nicht in bezug auf allgemeine Bildung in den
Schatten stellen zu lassen. Seinen Professor plagt auch keineswegs der
Ehrgeiz, den Prometheusfunken schpferischen Instinktes, der etwa in den
jungen Kpfen seiner Hrer schlummern mag, zur hellen Flamme aufzublasen
und die Methoden selbstndiger wissenschaftlicher Forschung diesen
zuknftigen Bahnbrechern nahezubringen. Er begngt sich meistens damit,
sein Fachwissen der Jugend mitzuteilen, und sorgt durch Abfragen und
Aufgabenstellen dafr, da sie sich dies Fachwissen grndlich einprgen.
Er ist daher in weitaus den meisten Fllen nach unseren Begriffen selber
gar kein Gelehrter, sondern eben nur ein Reservoir von Kenntnissen, ein
Experte, ein Korrepetitor. Unter den beraus zahlreichen Professoren
deutscher Abstammung, die es drben als Universittslehrer zu groem
Ansehen gebracht haben, finden wir daher so manchen, der sich niemals
wissenschaftlich bettigt hat und als einfacher Tchterschul-, Real- oder
Gymnasiallehrer ausgewandert ist. Erweisen sich solche bescheidene
Handlanger der Wissenschaft drben als gute Pdagogen, bei denen die
Kinder gern und gut lernen, so haben sie es nicht schwer, zu
Hochschullehrern aufzurcken. Anstandshalber pflegen sie dann einen
Leitfaden, ein Kompendium oder eine populre Darstellung ihres speziellen
Wissensgebietes zu verfassen. Im Colleg ist der freie Vortrag von seiten
der Professoren durchaus nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Die
meisten halten sich an ein Lehrbuch eigner oder fremder Erzeugung und
pauken dies gewissenhaft den Schlern ein. Schler bleiben die Studenten
ja in der Tat, bis sie ihren akademischen Grad erreicht haben. Der
_Freshman_ birgt in seinem Schdel keineswegs jene bengstigende Masse
verschiedenartigster Kenntnisse, deren Vorhandensein der deutsche Schler
im Abiturientenexamen nachweisen mu. In den philologischen Fchern,
namentlich in den alten Sprachen, besitzt er kaum das Wissen eines
deutschen Untersekundaners; in den modernen Sprachen, in Geschichte und
Geographie wei er vielleicht so viel, da er bei uns das
Einjhrigenexamen bestehen knnte, und in den Realien etwas mehr. Wer also
eine humanistische Bildung erstrebt, der arbeitet das Pensum unserer
Obersekunda und Prima erst auf der Universitt durch; die brigen werfen
sich von vornherein auf das Fach, aus dem sie spter ihren Beruf zu machen
gedenken. Es gibt besondere Drillanstalten fr Juristen, fr Mediziner,
fr Theologen - die letzteren werden von den einzelnen Denominationen
(Sekten) auf eigne Kosten unterhalten. Am strksten besucht und am
glnzendsten ausgestattet sind die Institute fr die technischen Berufe,
die chemischen und physikalischen Laboratorien, die
Maschinen-Ingenieurschulen, die Museen und Sammlungen fr den
Anschauungsunterricht der Geologen, Zoologen, Landwirte, Architekten usw.
usw. Weitaus die meisten Universitten sind im Grunde nichts anderes als
technische Hochschulen, an welche eine philosophische Fakultt, eine
juristische, medizinische oder theologische Fachschule angegliedert sind,
ganz hnlich wie ja auch bei unseren technischen Hochschulen Vorlesungen
ber Nationalkonomie, Literatur und Kunstgeschichte, ber Philosophie und
dergleichen, die allgemeine Bildung bereichernde Gegenstnde gehalten
werden. Es ist ja sehr begreiflich, da vorlufig noch die weitaus
berwiegende Mehrzahl der geistig regsamen jungen Leute in Amerika sich
nach den Berufen drngt, welche noch auf lange Zeit hinaus die grte
praktische Bedeutung haben werden. Fr Hoch- und Tiefbauingenieure,
Elektrotechniker, Maschinenkonstrukteure, Geologen, Schiffsbauer, Chemiker
gibt es selbstverstndlich in dem Riesenkontinent mit den groen, noch
unerschpften Mglichkeiten der Ausbeutung viel mehr zu tun, als fr die
Vertreter der reinen Geisteswissenschaften. Man hegt trotzdem eine an
Ehrfurcht grenzende Hochachtung fr die seltsamen Idealisten, welche,
anstatt ihre Schpfkellen unter die zurzeit noch ppig sprudelnden
Goldquellen zu halten, den Durst ihrer Seelen mit transzendenten
Betrachtungen stillen, und statt nach blanken Metalladern nach
Regenwrmern graben. Es gibt auch in Amerika wunderliche Kuze, die
imstande sind, sagen wir ber das Alpha privativum im Griechischen dicke
Wlzer zu schreiben, oder lange Jahre ihres Lebens der Erforschung
irgendeines dunkeln Winkels der Geschichte zu opfern, an dessen Aufhellung
keinem modernen Menschen das Geringste gelegen ist. Man bezahlt sogar
solche Kuze - sie sind brigens fast alle Deutsche - sehr gut und ist
besonders stolz auf ihren Besitz - aus demselben Grunde, aus welchem man
unerhrte Summen aufwendet, um allen mglichen alten Trdel aus Europa
neben wirklichen Kostbarkeiten der Kunst in die privaten und ffentlichen
Sammlungen Amerikas zu schleppen. Man will eben der Alten Welt beweisen,
da man sich in der Neuen den Luxus der Reliquienverehrung auch leisten
knne und da man keineswegs den beln Ruf verdiene, ein Volk von
Emporkmmlingen zu sein, das nur fr materielle Dinge Achtung und
Verstndnis besitze.

(M17)

Es ist charakteristisch, da es drben Privatgelehrte wohl berhaupt nicht
gibt. Wer wirklich gelehrte Studien treibt, seien es auch solche, deren
praktischer Wert nicht ersichtlich ist, kann sicher sein, in einer
Universittsstellung seinen Lebensunterhalt zu finden, sei es auch nur als
sorgfltig unter Glas verwahrte Raritt. Es gibt also auch kein gelehrtes
Proletariat, und das scheint mir denn doch ein Vorzug zu sein, um welchen
wir das junge Land nur beneiden knnen. Jeder akademische Brger ist
imstande, die Kenntnisse, die er sich auf der Hochschule erworben hat,
spter praktisch zu verwerten. Der Staatsbeamte braucht nicht seinen
Eltern bis in seine 30er Jahre hinein auf der Tasche zu liegen, der Arzt,
der Rechtsanwalt, der keine Praxis, der Geistliche, der keine Gemeinde
findet, braucht deswegen immer noch nicht zu verzweifeln, sondern sich nur
einen Sto zu geben und die Annehmlichkeiten einer stlichen Grostadt mit
der Langenweile eines wildwestlichen Standquartiers zu vertauschen, so
wird er auch seine Rechnung finden; wenn nicht, so wird er eben
Geschftsmann, Farmer oder sonst etwas Vernnftiges. Seine Bildung braucht
ihm dabei nicht hinderlich zu sein. Handel, Industrie und Landwirtschaft
schicken ihre Shne scharenweise auf die Universitten, um sich dort
allgemeine Bildung und ntzliche Spezialkenntnisse zu erwerben. Das fr
die eigentliche wissenschaftliche Forschung in Betracht kommende
Studentenmaterial bildet nur eine fast verschwindende Minderheit. brigens
finden diese Leute, die sich dann wohl meist der akademischen
Lehrttigkeit widmen wollen, als _Postgraduates_ auch in Amerika reichlich
Gelegenheit, ihre Studien zu vertiefen und zu erweitern, denn es fehlt
weder an hervorragenden Kapazitten in fast allen wissenschaftlichen
Fchern, noch an Lehrmitteln. Die Bibliotheken zumal sind beraus reich
ausgestattet. Sollte aber ihr wissenschaftlicher Eifer sich auf Gebiete
werfen, die in der Heimat noch zu wenig angebaut sind, so finden sie
sicher Mzene, die ihnen ein weiteres Studium im Auslande ermglichen,
wenn die eignen Mittel dazu nicht ausreichen sollten.

(M18)

Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, da die Frische und Freudigkeit,
die uns bei der amerikanischen akademischen Jugend so vorteilhaft
auffllt, die glckliche Folge der Klarheit und Sicherheit aller
Verhltnisse drben ist. Der junge Mensch kommt nicht als berfttertes
Geistesmastprodukt auf die hohe Schule; er hat nicht seine schnsten
Jugendjahre an eine erzwungene Arbeit verloren, deren Nutzen er nicht
einzusehen vermochte, und hat nicht seinen Charakter verdorben durch
ohnmchtiges Zhneknirschen wider ein verhates System und deren lebendige
Vertreter; er kommt mit echt jugendlichem Vertrauen seinen Lehrern
entgegen und braucht sich nicht vorzeitig mit der Schicksalsfrage zu
qulen: wozu bffelst du nun eigentlich noch immer weiter? Wird dir dein
Wissen auch ein sicheres Auskommen gewhren, oder wird die einzige
Vergeltung fr dein hheres Streben darin bestehen, da du einst als
abgetriebener alter Karrengaul an der Staatskrippe ein drftiges
Gnadenbrot findest? Wenn schon jeder gewhnliche Amerikaner durch das
Bewutsein, da ihm alle Wege offen stehen, zur hchsten Anspannung seiner
Krfte angefeuert wird, so mu dieser Auftrieb natrlich noch viel strker
sein bei den jungen Auserwhlten der Nation, die ja den Wettlauf um die
hchst erreichbaren Ziele bereits um viele Stationen nher an diesem Ziele
beginnen. Der nicht akademisch gebildete Amerikaner schaut mit stolzer
Verehrung zu jedem jungen _Harvard-Yale-Columbia-Cornellman_ wie zu einem
hheren Wesen auf, denn er wei, da diese strammen Burschen einst die
Richter, die rzte, die Gesetzgeber seiner Kinder sein und da ohne
Zweifel geniale Erfinder, Kulturfrderer groen Stils, auch wohl
Prsidenten der Vereinigten Staaten darunter sein werden. Die hohe
Wertschtzung des akademischen Wissens findet vielleicht ihren schnsten
Ausdruck in der Bereitwilligkeit, mit welcher zu Reichtum gelangte Leute
aus einfachsten Verhltnissen frstliche Stiftungen fr wissenschaftliche
Zwecke machen. Sobald eine Universitt in Verlegenheit ist, woher sie das
Geld beschaffen soll fr notwendige Neubauten, zur Bereicherung ihrer
Bibliotheken und sonstigen Sammlungen, so braucht der Herr Rektor, dort
Prsident genannt, nur ein paar notorische Millionre der Stadt oder des
Staates aufzusuchen, und er kann sicher sein, binnen kurzem die ntige
Summe zusammenzubringen. Unsere Groindustriellen spenden ihre
Hunderttausende, um den Kommerzienratstitel und schne Orden zu bekommen;
drben sind sie zufrieden, wenn ein Collegegebude, ein Laboratorium, eine
Klinik ihren Namen trgt. Der Holzhndler Cornell hat die nach ihm
genannte, jetzt hoch berhmte Universitt von Ithaka ganz und gar aus
eignen Mitteln aufgebaut und ausgestattet. Und dieses Beispiel hat so
eifrige Nachahmung gefunden, da heute schon die wissensdurstigen jungen
Leute selbst der unkultiviertesten Bundesstaaten nicht mehr die engere
Heimat zu verlassen brauchen, um hheren Studien obzuliegen. Es gibt jetzt
schon eher zu viel als zu wenig Universitten und Colleges(2). Die groe
Wertschtzung akademischer Bildung seitens des ganzen Volkes uert sich
manchmal auch in einer Weise, die uns einigermaen naiv erscheint. Die
Amerikaner haben alle Resultate der wissenschaftlichen Forschung der
ganzen Welt fertig herber genommen, und ihre eigne Arbeit lief fast
ausschlielich auf deren praktische Verwertung hinaus; folglich erscheint
dem gemeinen Mann jeder Professor als ein moderner Hexenmeister, dessen
Zauberknsten alles zuzutrauen sei, und darum spielt auch der akademische
Lehrer in der ffentlichkeit eine ganz andere Rolle, wie in Europa.
Whrend z. B. in England der Gelehrte noch mehr wie bei uns in seinem
Wirkungskreis als Lehrer und stiller Forscher eingeschlossen bleibt, wird
er in den Vereinigten Staaten als sachverstndiger Berater und ttiger
Mitarbeiter zu allen ffentlichen Angelegenheiten herangezogen. Er
schreibt fleiig fr die Tageszeitungen, er hlt populre Vortrge, er
beteiligt sich an der Politik und wird gern von der Regierung zu wichtigen
diplomatischen Bettigungen herangezogen. Der Cornell-Professor Andrew D.
White ist nicht der einzige, der von seinem Lehrstuhl weg direkt auf einen
Gesandtschaftsposten berufen wurde. Man sieht also nicht im Gelehrten
einen weltfremden, in sich gekehrten Sonderling, sondern einen Mann der
Tat, dessen reiches Wissen seinen Gesichtskreis notwendig erweitert haben
mu.

(M19)

Eine schne Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes Teil dazu beitrgt, die
geistige und leibliche Gesundheit der studierenden Jugend zu frdern, ist
die, da man die Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstdte mit
landschaftlich schner Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altberhmten
Universitten von Boston, New York, Philadelphia, Baltimore, Washington
und Chicago sind alle Hochschulen auf dem Lande. Der _Campus_, d. h. das
Gelnde der Universitt, befindet sich auerhalb der Ortschaften, mit
Vorliebe auf Anhhen, die die ganze Gegend beherrschen, und auf denen noch
ein ppiger alter Baumwuchs der schndlichen Waldvernichtung der ersten
Ansiedler entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng aneinander
gedrngt, sondern in den wohlgepflegten Parkanlagen weit zerstreut, so da
die Studierenden auf dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich
Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller Art Sport ist
selbstverstndlich berall reichlich gegeben, wie man sich denn berhaupt
einen Studenten, der nicht rudert, Ball spielt, wettluft usw. gar nicht
vorstellen kann. Die kleinen Stdte bieten so gut wie keine Ablenkung oder
gar gefhrliche Versuchung fr die jungen Leute. Was sie brauchen an edler
geistiger Zerstreuung, an knstlerischer Anregung, das schaffen sie sich
selbst in ihren Vereinen fr Musikpflege, ihren Liebhabertheatern und
festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang- und
Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbarschaft der Universitt
herum und verdienen sich ein hbsches Geld mit Konzerten, das sie nicht
selten dazu verwenden, hervorragende Snger und Virtuosen kommen zu lassen
und ihren Kommilitonen vorzufhren, ja wohl gar hauptstdtische
Theatertruppen und Sinfonie-Orchester. So ziehen beispielsweise die Lehrer
und bevorzugten Schler der Berkley-University von Kalifornien alljhrlich
in den Sommerferien in den Urwald, leben dort wochenlang in Zelten und
Blockhtten, die zum Teil im Gest der riesigen Mammutbume (Sequoia
gigantea) errichtet werden und betreiben whrend dieser Zeit die
Einstudierung und Auffhrung dramatischer Festspiele unter freiem Himmel.
_Bohemian Jinks_ nennen sie diese Freilichtspiele (etwa "zigeunerische
Luftsprnge" zu bersetzen), fr die sie aus eignen Krften Dichtung,
Musik, Kostme und Darsteller liefern. Whrend dieser heiligen
Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens verbannt, und es
werden daher nach antiker Weise bei den Spielen die Frauenrollen von
jungen Mnnern dargestellt. Im brigen sorgt die an den meisten
Hochschulen bestehende _Coeducation_ (kurz _Coed_ genannt) dafr, da die
jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern die guten Manieren
im geselligen Verkehr nicht verlernen. Die Studentinnen pflegen ihr eignes
Gesellschaftshaus mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom
zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch umgekehrt die
jungen Herren die Studentinnen zu ihren Unterhaltungen heranziehen. Fast
jeder Student hat wohl unter den Kommilitoninnen sein _best girl_, mit dem
er "geht", wie man bei uns sagen wrde. Diese Kameradschaften sind aber
durchaus harmloser Natur, haben nicht die entfernteste hnlichkeit mit der
_collage_ des franzsischen Studenten und verpflichten auch keineswegs zu
standesamtlichen Folgen. Amerikanische Professoren wissen nie etwas von
sittlichen Gefahren dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen
schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen Niveau
wissenschaftlichen Geistes der Rcksichtnahme auf die weiblichen Studenten
zu.

Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel besser als an den
gemischten Universitten. Ich wte nicht, wo ein junges Mdchen mit
starkem Bildungsdrange in der Welt besser aufgehoben wre, als z. B. in
Wellesley-College bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser
Frauenakademie durchblttert, erstaunt man ber die schier fabelhaften
Bildungsmglichkeiten, die hier den Tchtern der Neuen Welt geboten
werden. 17 mnnliche und 137 weibliche Professoren, Dozenten und
Assistenten lehren an dieser beraus reich dotierten Hochschule. Um
aufgenommen zu werden, mu die junge Dame im Englischen 3, in Geschichte
1, in Mathematik 3, Latein 4, einer zweiten Sprache 3, einer dritten
Sprache 1 und in Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die
Anzahl der Punkte bedeutet nmlich die Anzahl der Jahre, die der Schler,
bei durchschnittlich 5 wchentlichen Stunden, auf den betreffenden
Gegenstand verwendet haben mu, und durch ein Abgangszeugnis oder ein
Examen mu er beweisen, da er diese Zeit befriedigend ausgenutzt habe. Um
einen Begriff von der Reichhaltigkeit der wissenschaftlichen Speisekarte
zu geben, will ich hier nur die in der germanistischen Abteilung
angekndigten Vorlesungen aufzhlen:

(M20)
       1.   Elementarkursus, Grammatik, bungen im Sprechen, Lektre,
            Auswendiglernen von Gedichten.
     2-4.   Vorbereitungskurse fr deutsche Literaturgeschichte.
       5.   Repetitions- und Erweiterungskurs fr Grammatik und Stil.
       6.   Freie Reproduktion. Bhnendeutsch. bungen im mndlichen und
            schriftlichen Ausdruck. Kritische Betrachtung deutscher, in
            Amerika erschienener Texte.
       7.   bungen im schriftlichen Ausdruck im Anschlu an die
            Literaturgeschichte.
       8.   Geschichte der deutschen Sprache.
       9.   Umrisse der deutschen Literaturgeschichte (Gtter- und
            Heldensagen).
      10.   Goethes Leben und Werke.
      11.   Das Drama des 19. Jahrhunderts.
      12.   Der deutsche Roman.
      13.   Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis Hans Sachs.
      14.   Literaturgeschichte bis Goethe.
      15.   Mittelhochdeutsch.
      16.   Die romantische Schule.
      17.   Lessing als Dramatiker und Kritiker.
      18.   Schiller als Philosoph und sthetiker.
      19.   Goethes Faust.
      20.   Schillers Leben und Werke.
      21.   Stilbungen.
      22.   Gotisch.
      23.   Die deutsche Lyrik und Ballade.
24 u. 25.   Studien zur modernen deutschen Sprache.

(M21)

Demgegenber stehen 45 Vorlesungen ber englische Sprache und Literatur,
21 ber Geschichte, 29 ber Hygiene und krperliche Ausbildung, wobei
Tanzen, Schwimmen, Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind.
Ferner 18 Vorlesungen ber lateinische Sprache und Literatur, 11 ber
reine und 5 ber angewandte Mathematik, 18 ber Musik, 29 ber Philosophie
und Psychologie, 19 ber Soziologie und Nationalkonomie, 6 ber
Astronomie usw. usw. Die jungen Mdchen drfen aber keineswegs nach ihrem
Belieben an all diesen Herrlichkeiten naschen, sondern der Studiengang ist
ihnen vorgeschrieben, und sie knnen nicht zu den hheren Offenbarungen
vordringen, bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben, da ihnen die
niederen Grade gelufig sind. Damit sie aber frisch und bei guter Laune
bleiben, haben sie reichlich Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser
zu tummeln und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im Freien und auf
der eignen niedlichen Bhne des Shakespearehauses nach Herzenslust zu
vergngen, auch nach dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren,
so oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen Damen aus
reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities angehren, ihre eignen
Huser innerhalb des Campus, die als griechische Tempel oder als Cottages
sich darbieten. Das Gebude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr hbsch
das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die technischen Fcher
sowie auch Medizin, Juristerei und Theologie existieren nicht an dieser
Akademie, die sich also darauf beschrnkt, den jungen Damen eine
humanistische, expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung zu
vermitteln. Wenn die Qualitt der Lehrenden auch nur einigermaen der
landschaftlichen Schnheit der Umgebung und der Vortrefflichkeit aller
praktischen Einrichtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das
gegenwrtige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung verwirklicht. Und
Wellesley ist nicht einmal die einzige Anstalt dieser Art, sondern es gibt
deren noch mehrere, die nicht minder reich ausgestattet und stark besucht
sein sollen. Unter den Studierenden sind Tchter fast aller
Bevlkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der Typus der derb
gesunden, ein bichen starkknochigen, rundlichen Farmer- und Brgertchter
der stdtischen Mittelschicht vornehmlich in den Universitten mit _Coed_.
Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den Tchtern der vornehmeren
Kreise vorgezogen. Es ist auffallend, wie selten selbst unter diesen
letzteren die spezifisch amerikanischen Schnheiten sind. Das kommt daher,
da die Amerikanerin die Schnheit als einen Beruf fr sich betrachtet,
als ein Kapital, das unter allen Umstnden sich reichlich verzinst. Die
jungen Schnheiten suchen ihre Erfolge ausschlielich auf dem Parkett des
Salons, und die ntige Fertigkeit zur Lieferung des seichten
Salongeschwtzes, mit dem sich drben die elegante Welt der Amsierlinge
begngt, kann man sich allerdings ohne die Kenntnis antiker Sprachen und
ohne philosophische Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, da das
amerikanische Salongeschwtz kaum auf der geistigen Hhe des englischen,
dagegen noch betrchtlich unter der des franzsischen und deutschen
Konversationstones der sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann
man von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskameradschaft zwischen Mann
und Weib besteht, ohne weiteres voraussetzen, da man mit ihnen wie mit
gebildeten Menschen reden drfe - und man wird sich selten enttuscht
sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen daran liegt, ihren strebsamen
Tchterchen, ohne sie gerade zu Gelehrten zu machen, eine solide
weltlufige Bildung zu verschaffen, tten gut, sie auf die amerikanischen
Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von dort nichts anderes
mitbringen sollten, als einen abgehrteten geschmeidigen Krper,
vernnftige Lebensanschauungen und eine Ahnung von allerlei wissenswerten
Dingen, so wrde das immerhin wertvoller fr sie sein, als was die
blichen Pensionate der franzsischen Schweiz oder die Klosterschulen fr
die vornehme Welt ihnen zu bieten pflegen.

(M22)

Mir persnlich scheint berhaupt das ganze amerikanische
Unterrichtssystem, und besonders das der Universitten, gerade fr uns
sehr viel Nachahmenswertes zu enthalten. So will es mich ungemein
vernnftig bednken, da die Zgellockerung der strengen Schuldisziplin
zwischen dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18. und 20.
Jahre erfolgt, und da dann die berschumende Kraft des ungebrdigen
Jnglings bezw. des lebenshungrigen Mdchens nicht sofort in eine
schrankenlose Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit echtem
Wohlwollen und Verstndnis fr die Jugend geleitet wird. Es ist beraus
bezeichnend, da, wie die krzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete
Umfrage bei einer groen Anzahl bekannter fhrender Deutscher bewiesen
hat, auer den spteren Philologen und einigen ganz wenigen Staatsmnnern
und Theologen, fast smtliche Gefragten ihre Gymnasialzeit fr die
schrecklichste Erinnerung ihres Lebens erklrten; wogegen umgekehrt in
Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf seine Schler- und
Studentenzeit als auf die schnste seines Lebens zurckblickt. Mgen
unsere hchsten Lehranstalten immerhin mit Fug und Recht sich fr die
besten Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie auer acht
gelassen werden, da von den Tausenden und Abertausenden von Abiturienten,
die alljhrlich unseren Universitten zustreben, doch nur eine
verhltnismig kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in sich
trgt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche Universitt die denkbar
beste Anleitung zum eignen Forschen geben; um dieser wenigen Auserwhlten
willen aber wird die gewaltige berzahl mehr auf das Praktische
gerichteter Geister, aus denen zwar keine schpferischen Gedanken, wohl
aber viel ntzliche Lebensarbeit herauszuholen wre, durch ein System
vergewaltigt, das notwendig in ihren Augen ein zeitlebens verhates
Schrecknis bleiben mu. Dieses System zchtet Nrgler und Hasser, es ist
auch schuld daran, da jener garstige Hochmut sich in den Kpfen der
Auserwhlten einnistet, der die herrschenden Klassen in eine dumme
Volksfeindschaft hineintreibt und gnzlich schiefe Lebensanschauungen in
ihnen gro zieht; es ist aber auch schuld daran, da so viel
hoffnungsvolle Jugend auf den Universitten verbummelt. Sollte nicht
schlielich ein junges Geschlecht von frohen, fr die hchsten Berufe der
Gegenwart gut ausgersteten Akademikern auch unserer Nation von grerem
Werte sein, als die jetzige berflle an wirklichen und verunglckten
Gelehrten? Ich bin berzeugt, da wir durch eine teilweise
Amerikanisierung unseres Systems von unseren alten Vorzgen nichts
einben wrden. Methodik und Systematik der exakten Forschung werden,
ebenso wie das knstlerische Element im wissenschaftlichen Betriebe, stets
eine Besonderheit des deutschen Universittslehrers und Studenten bleiben,
einfach weil die Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die
Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine groen Philosophen,
Dichter, schpferischen Forscher hervorgebracht, weil ihr Schulsystem zu
diesem Zweck nichts taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als
Volk, bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten
Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition und bei der
starken Inanspruchnahme aller geistigen Krfte durch rein praktische
Aufgaben berhaupt noch gar keine Mglichkeit gehabt haben, nach jener
Richtung Begabung zu entwickeln. Eine selbstndige Wissenschaft und eine
nationale Kunst werden erst zu verlangen sein, wenn aus den
verschiedenartigen Vlkerschaften der Vereinigten Staaten wirklich eine
neue Rasse geworden und die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan
sein wird, da alle feineren Geister fr die Beschftigung mit den
vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird alsdann viel Spreu
hinweggefegt werden, aber an dem System des Hochschulbetriebes schwerlich
viel gendert werden mssen. Die wissenschaftlichen Leistungen der
Studierenden werden selbstverstndlich gleichen Schritt halten mit denen
der Lehrenden. Der einzige amerikanische Philosoph, dessen Ruf bisher
durch die ganze Welt geklungen ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein
hohes Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner vornehmen
Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen, fruchtbaren Gedanken; fr Amerika
ist Emersons Philosophie aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die
beliebten demokratischen Vorurteile lchelnd beiseite schiebt. Es wird
aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen Vorurteile nur noch
bei der Masse zu finden sein werden, und wo die Freiheit der
wissenschaftlichen Kritik sich berhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt
gebieten lt, auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst knnen
wir von dem amerikanischen Volke verlangen, da es groe Knstler und
originale Denker hervorbringe. In den regsamsten Kpfen, in den tiefsten
Gemtern dieses Volkes ist schon jetzt eine groe Sehnsucht lebendig nach
jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr nur die Resultate
europischer Arbeit ntzlich verwenden, sondern selber Finder neuer Wege
und Setzer neuer Ziele werden knnen. Das beweist der ungeheure Zulauf,
welchen die ffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vortrge der
Wanderredner und besonders gemeinntzige Institute, wie die Sommerschule
in Chautauqua finden, wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel
wissensdurstige Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andchtig
den Vortrgen der besten Gelehrten ihres Landes lauschen. Wir Europer
werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahrhundert oder noch lnger unseren
Vorrang des weisen Alters behalten und der mchtig emporstrebenden Neuen
Welt die Leitstze fr ihre eigne wissenschaftliche Fortentwicklung
liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, da man von der Jugend immer
lernen kann! Wenn wir das tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber
schwerlich jemals berflgeln knnen. Wir werden an ihr alsdann keinen
verhhnten oder beneideten Feind, sondern vielmehr einen guten Kameraden
besitzen, der uns in gleichem Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben
Hchstzielen wahrer Kultur nach.





                      FFENTLICHE UND PRIVATE MORAL.


Die deutschen Zeitungskorrespondenten in den Vereinigten Staaten beklagen
sich allgemein darber, da sie gezwungen seien, ihre Berichte den
Vorurteilen der deutschen Zeitungsleser zuliebe zu frben und so dazu
beizutragen, da diese Vorurteile in Deutschland nicht aussterben. Da sie
Unglcksflle nur kabeln drfen, wenn sich ber zehn Tote ergeben haben,
ist ja eine ganz weise Beschrnkung, aber da sie sich gentigt sehen,
immer nur sensationelle Flle von wster Korruption in der Politik, in der
Rechtsprechung, im Gebaren der groen Truste, offenbare Verrcktheiten und
groteske Reklamemanver auf den Gebieten des Erfindungswesens, des Handels
und Verkehrs, ja selbst der Wissenschaft, sowie schlielich grbste
Familienskandale aus der Welt der Milliardre zu berichten, das ist doch
recht bedenklich. Selbstverstndlich sind gerade die guten Brger jeder
Nation berzeugt, da die allgemeine Ordnung der Dinge, die ffentliche
wie die private Moral in ihrem Lande besser sei als in irgend einem
anderen; aber es tut doch nicht gut, diese natrliche Neigung zur
Ungerechtigkeit durch die Presse, als durch das berufene Organ der
ffentlichen Aufklrung, zu untersttzen; denn die Unterschtzung fremder
und noch dazu rasseverwandter Vlker kann unter Umstnden doch recht ble
Folgen haben. Sei es mir als einem Amerikafahrer, der Augen und Ohren gut
aufgemacht und aufmerksam zugehrt hat, wenn er wohlunterrichtete Leute
drben die Verhltnisse besprechen hrte, gestattet, mein bescheidenes
Teil zur Aufklrung ber die wichtige Frage der ffentlichen und privaten
Moral in den Vereinigten Staaten beizutragen.

(M23)

Die Korruption in der Politik ist ein ffentliches Geheimnis und wird von
niemandem geleugnet. Sie ist eine notwendige Folgeerscheinung nicht sowohl
der republikanischen Staatsform, als der ungeheueren Ausdehnung des Landes
und besonders des Umstandes, da sich alle vier Jahre verfassungsgem ein
Wechsel in den Personen der Machthaber vollziehen mu. Da jeder neue
Prsident, Gouverneur, Brgermeister usw. seine guten Freunde und
Verwandten in die eintrglichsten und einflureichsten Stellungen zu
bringen versucht, ist menschlich begreiflich, und man braucht sich darber
nicht weiter zu entrsten; aber die ebenso selbstverstndliche Folge, da
der politische Ehrgeiz durch den dauernd tobenden Wahlkampf fortwhrend in
Atem gehalten wird, macht es dem vielbeschftigten Staatsbrger natrlich
unmglich, den politischen Angelegenheiten seine kostbare Zeit zu opfern.
Er mu notgedrungen diese Bettigung Leuten berlassen, die daraus einen
Lebensberuf machen. Und so ergibt sich mit Notwendigkeit die Existenz der
Geschftspolitiker. Da selbstverstndlich diese, die sogenannten Bosse,
nicht vom Staat oder von der Gemeinde besoldet werden knnen, so schaffen
sie sich ihre Einknfte dadurch, da sie sich fr die Untersttzung bei
Wahlen, fr die Erlangung von ffentlichen mtern, von Privilegien und
Konzessionen aller Art bezahlen lassen. Es leuchtet wohl ohne weiteres
ein, da sich nicht die Blte der Nation, sondern nur machthungrige und
geldgierige Streber zu diesem politischen Agenturgeschft hergeben, und
da diese Leute nicht das geringste Interesse daran haben, dem
intellektuell und moralisch hervorragendsten Kandidaten zum Siege zu
verhelfen, sondern demjenigen, der am meisten zahlt. Da es nur zwei groe
politische Parteien, Demokraten und Republikaner, gibt, so ist alle vier
Jahre die Chance eines vlligen Systemwechsels durch den Sieg der
Gegenpartei gegeben. Dann werden alle kommunalen mter, die ganze
Beamtenschaft, vom Prsidenten bis zum Ofenheizer im Weien Hause, an die
Anhnger der siegreichen Partei vergeben. Wer den richtigen Bo am besten
geschmiert hat, bekommt das Amt. Es ist klar, da bei solchem System Staat
und Gesellschaft niemals davor sicher sind, schlechte Beamte fr noch
schlechtere einzutauschen, und da die ffentliche Moral dadurch
schndlich verdorben wird. Trotz alledem wird auch bei uns niemand leugnen
wollen, da die Vereinigten Staaten bisher noch immer tchtige, zum
mindesten doch anstndige Prsidenten gehabt haben, und da in die
obersten Stellungen wenigstens sehr selten oder nie ganz minderwertige
Personen gelangt sind. Dieses scheinbare Wunder wird begreiflich, wenn man
den hochentwickelten _common __sens_, den gesunden Menschenverstand der
fhrenden angelschsischen Rasse in Betracht zieht. Der anstndige
Geschftsmann und die hher gebildeten Klassen berhaupt kmmern sich um
das schmutzige Gewerbe der Politik wenig oder gar nicht und ertragen mit
dem glcklichen Gleichmut und dem guten Humor der Yankeerasse die
tausenderlei offenbaren Ungerechtigkeiten und Widersinnigkeiten, die durch
die Korruption entstehen. Sobald sie aber merken, da die Bosse irgend
etwas im Schilde fhren, was gegen den guten Ruf des Staates, gegen die
Sicherheit des Eigentums oder gegen den demokratischen Charakter der
Verfassung geht, so tun sich ein paar einflureiche Leute von tadellosem
Leumund zusammen - die fhrenden Deutschen sind immer bei dieser
Anstandspartei zu finden - und klren durch geeignete Manahmen die Massen
der Whler ber den Unfug auf, der verbt werden soll. Und siehe da: immer
gelingt es der Wucht der ffentlichen Meinung, wenigstens die grbsten
Schandtaten zu verhindern, die unmglichsten Kandidaten beiseite zu
schieben. Der Patriotismus ist dem Yankee angeboren und anerzogen; die
Verfassung der Vereinigten Staaten wird als ein unbertreffliches Werk
genialer Einsicht verehrt, und alle Gesetze, die das souverne Volk durch
seine Erwhlten in den Einzelstaaten machen lt, werden fr vorzglich
gehalten. Das ewig verdrossene Nrgeln an den Gesetzen und ffentlichen
Einrichtungen, jenes hchste Vergngen des deutschen Bierbankpolitikers,
kennt der Yankee nicht. Man respektiert die Gesetze und fgt sich sogar in
Unannehmlichkeiten, wenn man einsieht, da anders die Ordnung nicht
aufrechterhalten werden kann. Im brigen aber tut doch jeder, was ihm
beliebt, und pfeift auf die Gesetze, wenn sie ihm nicht in seinen Kram
passen. Man wei, da die Polizei nicht von ihrem Gehalt, sondern von den
Schmiergeldern so rosig fett und robust wird; man wei, da sogar die
Binde vor den Augen der Gerechtigkeit zuweilen aus lauter
zusammengefalteten Dollarnoten besteht, aber man sieht selbst an den
schreiendsten Mistnden schweigend vorbei, weil es sich so bequemer leben
lt, und weil der Gentleman sich nicht gerne die Hosenrnder beschmutzt
und daher den Pftzen lieber in weitem Bogen ausweicht. Solange sie seine
persnliche Bewegungsfreiheit und seine geschftlichen Unternehmungen
nicht empfindlich stren, ist der Yankee mit den Gesetzen zufrieden und
gnnt den zahlreichen Mitbrgern, die von den Mngeln dieser Gesetze
leben, also den Politikern, Advokaten, smarten Geschftsleuten und
geistvollen Hochstaplern, ihr gutes Auskommen. Den gewaltigsten
Machthabern der Industrie und des Verkehrswesens, den sogenannten Knigen
der Eisenbahn, des Silbers, des Stahls, des Petroleums knnen ja berhaupt
die Gesetze nichts anhaben, wie es sich erst jngst wieder in dem
vorsichtig weitmaschig abgefaten Urteil des obersten Gerichtshofes in
Sachen des ltrusts gezeigt hat. Mit jenen ganz groen Herren, in deren
Macht es steht, die Bundesarmee gegen miliebige Nachbarn mobil zu machen,
oder in einer Anwandlung schlechter Launen unzhlige Betriebe lahmzulegen,
Hunderttausenden von Arbeitern ihr Brot vom Munde wegzureien, mit denen
htet sich natrlich nicht nur der einzelne, sondern auch die Justiz der
Einzelstaaten wie der Bundesregierung anzubinden. Machen sich aber die
kleineren Machthaber irgendwie lstig, so versteht man ihnen selbst in dem
Falle beizukommen, da die Behrde gegen sie ihre Pflicht vernachlssigt.

(M24)

Ein hbsches Beispiel solcher demokratischen Selbsthilfe erlebten wir in
St. Louis. Durch wochenlange Trockenheit war die Rauchplage daselbst
unertrglich geworden. Im ganzen weiten Mississippi- und Missouritale
herrschte herrliches klares Winterwetter. Die Sonne lachte frhlingsheiter
vom wolkenlosen Himmel herab. Als der Zug aber in das Weichbild der Stadt
einfuhr, verblate pltzlich die Sonne zu einem fahlgelben transparenten
Fettfleck in einer Wand gleichmig grauen, schweflig riechenden Nebels,
der selbst die nchsten Gegenstnde nur in verschwommenen Umrissen
erscheinen lie. In den Husern herrschte eine erstickende, verbrauchte
Luft, weil man kein Fenster ffnen konnte, ohne da sofort eine dichte
Ruschicht, wie von einer schwer blakenden llampe, sich auf alle
Gegenstnde im Zimmer legte. Wenn man ber die Strae ging, waren Kragen
und Manschetten geliefert, und wenn man sich morgens sein Bad einlie, so
schwamm eine schwarze Rahmschicht auf dem Wasser. Die Zeitungen waren voll
von Entrstungsartikeln ber diesen schmachvollen Zustand. berall
erschollen laut die Stimmen der Sachverstndigen mit Vorschlgen zur
Beseitigung des bels. Man erinnerte sich pltzlich wieder, da es im
Staate Missouri, ebensogut wie anderswo, vorzgliche gesetzliche
Vorschriften gebe, welche die auf die einheimische Weichkohle angewiesenen
Industrien zur Anbringung von Rauchverzehrungsvorrichtungen und hnlichen
Manahmen von erprobter Wirkung verpflichteten. Die Herren Fabrikbesitzer
hatten aber bisher keine Lust gehabt, sich in Unkosten zu strzen wegen
dieser rgerlichen Gesetze, denn sie hatten ja ihre Villen weit vor der
Stadt in erfreulich reiner Luft. Und wenn der Wind einigermaen gnstig
wehte, und hin und wieder ein Niederschlag den in der Luft herumfliegenden
Kohlenstaub band, so konnten ja selbst die Leute, die in der Stadt wohnen
muten, ihre Lungen gengend mit Sauerstoff fttern. Es mute wohl immer
noch billiger sein, den polizeilichen Aufsichtsorganen gelegentlich gute
Trinkgelder zu verabfolgen, als die vorschriftsmigen Umbauten zu
bestreiten. Da geschah es in den Tagen unserer Anwesenheit, da ein
vornehmer Damenverein, der Mittwochsklub, die Sache in die Hand nahm. Um
ein mglichst groes Damenpublikum fr ihre Zwecke herbeizuziehen,
kndigten sie mit gehriger Reklame ein Konzert meiner Frau an.
Vierzehnhundert Frauen und Mdchen aus den besten Kreisen wurden hierzu
zusammengetrommelt und nach Schlu der musikalischen Darbietungen ersuchte
die Vorsitzende die ganze Gesellschaft, noch da zu bleiben, um sich ber
die Beseitigung der Rauchplage auszusprechen. Es war alles so gut
vorbereitet, da in kurzer Zeit ein leitendes Komitee und eine groe
Anzahl von Offizieren und Mannschaften aus der Mitte der Damen heraus
gewhlt und die notwendigen Mittel zur Ausfhrung des Planes gezeichnet
waren. Diese kleine freiwillige weibliche Polizeimannschaft bernahm es
nmlich, mit List oder Gewalt in alle industriellen Betriebe mit
Weichkohlenfeuerung einzudringen und ntigenfalls Tag und Nacht Patrouille
zu gehen und Posten zu stehen, so lange, bis alle Miachter der Gesetze
zur gerichtlichen Verantwortung gezogen, gebhrend bestraft und die
vorgeschriebenen Manahmen gegen den Rauch tatschlich ausgefhrt waren.
Das Mittel soll einen durchgreifenden Erfolg gehabt haben, denn vor
energischen Frauen kapituliert der Yankee immer.

(M25)

Die Zuversicht, da aus allen Schwierigkeiten und belstnden, wenn auch
vielleicht erst im Moment der hchsten Gefahr, und wenn sie bis zur
Unertrglichkeit gestiegen sind, ein Ausweg sich zeigen, von irgendwo die
Rettung kommen mu, erhlt dem Volke seinen optimistischen Gleichmut.
Selbstverstndlich erzeugt die Demokratie nichts weniger als Ehrfurcht vor
Paragraphen oder Untertnigkeit vor Amtspersonen, ja, sie untergrbt sogar
recht bedenklich die Disziplin, ohne die schlielich keine Ordnung
irgendwelcher Art aufrecht zu erhalten ist. Die Warnungs- und
Verbotstafeln, mit denen bei uns zu Lande unser ganzes Leben von der Wiege
bis zum Grabe von den Behrden so rcksichtsvoll eingezunt wird, kann man
sich drben fast vllig sparen, da sie doch keine Beachtung finden wrden;
aber wo der gesunde Menschenverstand einsieht, da Vorsicht, Unterordnung,
Geduld und Rcksicht auf den Nebenmenschen am Platze sind, da bt er sie
auch ohne Warnungstafeln und ohne Einschchterung durch sbelfuchtelnde
Schutzleute aus. Dem Europer fllt z. B. die ausgezeichnete Disziplin im
Straenverkehr der Grostdte sehr angenehm auf; nie hrt man wild
aufeinander los fluchende Kutscher im Wagengedrnge; nie werden
Schutzmannsketten durchbrochen, wo eine Absperrung notwendig ist; mit
einem Wink des Fingers dirigieren die Posten an den Straenkreuzungen den
kolossalen Verkehr. Ohne Murren findet sich alle Welt mit der Einrichtung
ab, da um 6 Uhr abends alle Geschfte geschlossen werden. In den Straen-
und Untergrundbahnen, in berfllten Lokalen jeder Art macht jedermann
bereitwillig Platz, so gut es geht. Am Weihnachtsheiligabend fuhren wir in
der Neuyorker Subway. Da es um die Zeit des Geschftsschlusses war, so
waren die Wagen mit sitzenden und stehenden Menschen so voll, da der
berhmte Apfel nicht mehr zur Erde fallen konnte. Da drngte sich auf
einer Station im letzten Moment noch eine alte Frau mit einem riesigen
Schaukelpferd herein. Die Mnner auf der hinteren Plattform schufen der
Frau mit krftigen Ellenbogen Platz, die ganze Menschenmauer geriet ins
Schwanken, man trampelte sich gegenseitig krftig auf den Zehen herum, die
hervorragenden Spitzen der Kufen des Schaukelpferdes stieen einigen
Passagieren in die Buche oder gegen die Kniescheiben - und dennoch zeigte
sich niemand gekrnkt oder nervs gereizt. Mit ein paar gutmtigen
Scherzen ging man ber die Unannehmlichkeiten hinweg; bei uns wre ein
Sturm der Entrstung losgebrochen. Auch der eiligste Geschftsmann wartet
geduldig bei Verkehrsschwierigkeiten, bis die Passage frei ist, und
niemals wird ein hher Gestellter versuchen, fr sich Ausnahmemaregeln
durchzusetzen. Auch die strengen Polizeivorschriften im Interesse der
ffentlichen Hygiene werden bereitwillig befolgt, weil der Nutzen jedem
vernnftigen Menschen klar ist.

(M26)

Hchst merkwrdig ist die Art, wie der Yankee ffentliche Fragen lst, die
anderwrts der Polizei die allergrten Schwierigkeiten machen und ber
die sich Juristen, Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die
Kpfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der Yankee nmlich
einfach dadurch, da er erklrt, sie existierten gar nicht. Der
Prostitution z. B. ist im Gesetze berhaupt nicht Erwhnung getan, und in
den Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten Mnnern nennt man
die Prostitution verschmt "das soziale bel" (_the social evel_), aber in
der ffentlichkeit erwhnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals,
weil die jungen Mdchen nichts von seiner Existenz erfahren sollen, und
weil man annimmt, da der Amerikaner berhaupt viel zu anstndig sei, um
irgendwelcher heimlicher Notbehelfe fr die Forderungen seines Trieblebens
zu bedrfen. Dessenungeachtet wei selbstverstndlich jeder erwachsene
Mensch, da die Zahl der Prostituierten, der freien wie der kasernierten,
auch in den Vereinigten Staaten ungeheuer gro ist. Die Polizei hat dafr
zu sorgen, da die ffentlichkeit von diesen Damen nichts merkt; sie hat
also nicht nur die ffentlichen Huser, sondern auch jede einzeln
flanierende Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die ffentlichen
Gerichtshfe sich sehr viel mit der Bestrafung von Prostituierten
beschftigen mten, so knnte es nicht ausbleiben, da das Publikum auf
diese Dinge aufmerksam wrde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grundsatze
des Totschweigens unverbrchlich treu blieben. Folglich duldet es die
Behrde wissentlich, da die Polizeiorgane sich von den beltterinnen
dafr bezahlen lassen, da sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und da
die Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse dafr
entrichten, da sie sie vor Konflikten mit Behrden bewahren.
Selbstverstndlich erhalten solche Huser keine polizeilichen
Konzessionen, noch gibt es irgendwelche offizielle Kontrolle der freien
Prostitution. In den Adrebchern figurieren jene Damen als Ladnerinnen,
Nherinnen, Masseusen und dergleichen, und die zahlreichen Freudenhuser
werden von den erfindungsreichen Bossen mit fingierten Personen bevlkert,
und zwar vornehmlich mit - wahlfhigen Mnnern! Man bedient sich zu diesem
Zweck der Namen lngst verzogener oder gar verstorbener Persnlichkeiten.
Durch dieses schlaue Manver wchst bei den Wahlen dem Bo fr jede
Gefangene einer solchen Lastersttte ein Wahlzettel fr seine Partei zu.
Eine Folge dieser unerhrten Heuchelei ist auch die, da die Bestrebungen
des internationalen Vereins gegen den Mdchenhandel in den Vereinigten
Staaten wirkungslos bleiben. Dieses schmachvollste aller Geschfte, der
weie Sklavenhandel, blht im Gegenteil in den nordamerikanischen groen
Hafenpltzen wo mglich noch ppiger als in denen Sdamerikas. Die dunkeln
Ehrenmnner, die sich mit diesem schmutzigen Geschft befassen,
ausschlielich galizische, ungarische und rumnische Juden, fhren der
Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die Finger sehen, ansehnliche
Summen zu.

Es ist jngst ein Roman ber diese Zustnde erschienen: "_The House of
Bondage, by Reginald Wright Kaufmann_". Es drfte wohl das erstemal sein,
da in dem Lande der puritanischen Heuchelei ein solches Thema von der
Dichtung errtert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine
literarische Qualitt anbetrifft, nicht entfernt mit Else Jerusalems "Der
heilige Scarabus" messen, und es ist bezeichnend, da der mutige
Verfasser selbst mit dem grten Eifer betont, er habe in diesem Werke
nichts weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit berichten
wollen. Im Anhang des Buches sind all die behrdlichen Aktenstcke
abgedruckt, welche die Grundlage zu den Behauptungen des Verfassers
gegeben haben. Ich habe bis jetzt nicht gehrt, ob die Zeitungen
angesichts der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus ihrer traditionellen
heuchlerischen Reserve herausgegangen sind, oder ob sich gar die Behrden
zu einem energischen Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die
niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Einbue an ihren
Einknften erleiden wrden, so ist das auch kaum anzunehmen. Aber einen
schnen Erfolg hat der Verfasser trotzdem dadurch erreicht, da der junge
Herr Rockefeller sein Werk in alle unter den nordamerikanischen
Einwanderern vertretenen Sprachen bersetzen und in vielen Tausenden von
Exemplaren unter den unteren Volksschichten, deren Tchter ja
hauptschlich gefhrdet sind, verteilen lie. So kann wenigstens nicht
mehr Ahnungslosigkeit der Eltern und der Mdchen dafr verantwortlich
gemacht werden, wenn sie in die Schlingen der gewissenlosen Vogelsteller
geraten.

(M27)

Fr uns Europer ist es schwer begreiflich, da in demselben Lande, in
welchem jeder gesellschaftliche Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte
in den Zeitungen breitgetreten wird, in dem kaum das Schlafzimmer vor den
Reportern sicher ist, aus Anstandsrcksichten in der gesamten Tagespresse
kein Wort ber ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung des
berhmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben werden darf. Wir haben
hier den fr uns beraus seltsamen Fall, da selbst der indiskreteste und
von Amts wegen quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der
Journalisten aus Patriotismus eine verblffende Selbstverleugnung bt. Die
verehrten Pilgervter schon haben das Dogma aufgestellt, da in den
Vereinigten Staaten die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert
sei. Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puritanertums zuliebe
wird noch heute der Yankee als ein untadelhafter Gentleman hingestellt,
der mit einer jungen Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen
oder auf einer einsamen Insel wohnen knne, ohne menschliche Begierden zu
verspren. Der Yankee steckt es lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht
sagt, da seine smarten Geschftsleute die grten Gauner der Welt seien;
aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schriftsteller drfen es nicht
wagen, einen Yankee als Verfhrer der Unschuld hinzustellen. Die
schrfsten Sozialkritiker, die realistischen Romanschriftsteller, mssen
dieses nationale Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem
Heimatlande unmglich machen wollen. Eine segensreiche Wirkung dieses
starr festgehaltenen Vorurteils ist unzweifelhaft die, da es im
Yankeelande eine pornographische Literatur berhaupt nicht gibt, da die
schlpfrigen franzsischen Schwnke der Bhne ferngehalten und der Import
von pikanter Lektre, Bildern und dergleichen hchstens auf ganz
versteckten Schleichwegen stattfindet. Es mu auch unbedingt zugegeben
werden, da der zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine
starke krperliche Bettigung im Sport, verbunden mit dem Fehlen
ungesunder Reizungen durch schlechte Lektre dem jungen Mann, zumal der
gebildeten Oberschicht, eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen
bewahrt, die in Europa kaum irgendwo in gleichem Mae vorhanden sein
drfte. Es ist richtig, da kein Yankee sich durch gewandtes Erzhlen von
Mikoschwitzen gesellschaftlichen Ruhm erwerben kann, und da man selbst in
intimer Herrengesellschaft und unter dem Einflu des Alkohols schwerlich
jemals die Sauglocke luten hrt. Es ist auch richtig, da ein junger Mann
von guter Familie, der ein junges Mdchen aus seinem Gesellschaftskreise
kompromittiert und sitzen lt, der chtung seiner Standesgenossen
verfllt - aber dennoch kann man nicht aus ehrlicher berzeugung das
Verhalten des Amerikaners der Erotik gegenber unbedingt zur Nachahmung
empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von Heuchelei zu frdern,
die den weniger vom Glck begnstigten Mitmenschen teuer zu stehen kommt,
und auerdem die Poesie der Liebe schwer schdigt. Wie in allen
gesellschaftlichen Fragen, so wird nmlich auch in bezug auf die Erotik
das demokratische Prinzip nur allzu gern vergessen. Der starke Schutzwall
der weiblichen Ehre wird im Grunde genommen doch nur um die Angehrigen
der eignen Kaste errichtet. Derselbe wohlerzogene begterte junge Mann,
der die grte Freiheit im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen
seines Kreises auch bei strkster Versuchung nicht mibrauchen wrde,
macht sich doch schwerlich ein Gewissen daraus, sich ein Chorusgirl, eine
fesche Manikre, Typewriterin oder sonst eine hbsche Angestellte aus dem
Geschft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten, und das wird ihm in
seinem Kreise auch keineswegs belgenommen, wenn er nur von seiner
Liebschaft kein groes Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein
Mdchen unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise
einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in derjenigen Gesellschaft,
die sich die beste zu nennen beliebt, dieselbe niedertrchtige Doppelmoral
wie in der alten Welt, wo die chevaleresken Brder mit geschliffenen
Sbeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwestern Wache halten,
aber vielleicht selber auf das schmachvollste mit dem Glck und der Ehre
anderer Mdchen umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankeeanschauung
ist vielleicht nur der, da drben der Ruf des verfluchten Schwerenters
dem Manne nicht so wie bei uns zum Vorteil gereicht, und da ein Mdchen
aus den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den hheren
geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der hheren Gesellschaft
aufgenommen zu werden, falls es sich nur _ladylike_ zu benehmen versteht;
dagegen fllt der Vergleich zu ungunsten des Yankee aus, wenn man die
Gefhlsroheit in Anschlag bringt, die in der Beurteilung des freien
Liebesverhltnisses drben herrscht. Der Yankee hat fr die illegitime
Freudenspenderin nur die rohesten Worte seiner Sprache brig. Selbst der
Ausdruck _Sweetheart_ hat einen verchtlichen Nebenklang bekommen. Die
amerikanische Moral bekreuzt sich entrstet vor dem "Verhltnis" des
Deutschen oder vor der "Collage" des franzsischen Studenten. Die
amerikanische junge Dame wrde die selbstlose Hingabe des leidenschaftlich
liebenden deutschen "Gretchens" oder der franzsischen Grisette nicht nur
fr _shocking_, sondern besonders fr entsetzlich dumm halten; denn sie
ist gewohnt, mglichst viel zu fordern und mglichst wenig dafr zu
gewhren. In einem amerikanischen Roman oder Theaterstck ist folglich die
poetische Verklrung eines freien Liebesverhltnisses vllig unmglich.
Ein Autor, der dergleichen wagen wrde, und sei er selbst ein Mann von
anerkannter Bedeutung, wrde nicht nur den Absatz seines Buches schwer
schdigen, sondern sich auch gesellschaftlich unmglich machen. Ob bei
dieser Anschauung die Heiligkeit der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu
entscheiden, sicher nur dnkt es mich, da die Heiligkeit der Liebe viel
dabei verliert. Manche uerungen dieser einseitigen
christlich-pfffischen Moralauffassung erscheinen uns Europern ja
geradezu komisch. So kann z. B. ein Bankdefraudant, wenn er Glck hat,
sein geraubtes Schfchen ganz gut drben ins Trockene bringen und unter
Umstnden sogar sich wieder zu allen brgerlichen Ehren emporarbeiten;
landet er aber gleichzeitig sein Liebchen in Hoboken, so mu er gewrtig
sein, da er sofort vor die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu
heiraten, oder umgehend nach Europa zurckzukehren. Auf jedem Ozeandampfer
wachen scharfe Yankeeaugen ber dem Benehmen der paarweise Reisenden, und
wer da nicht einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der kann
sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehebescheinigung ersucht zu
werden. Sollte es der Yankeerasse gelingen, die puritanischen
Unmenschlichkeiten aus ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem
die Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen gegenber zu
bewahren, die den grten Teil ihrer Jugend jetzt schon als
Begleiterscheinung der krperlichen Reinlichkeit und der vernnftigen
Erziehung auszeichnet, so drfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen
der alten Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber mssen wir
uns doch erlauben, diese gern betonte moralische berlegenheit mit einem
groen Fragezeichen zu versehen.





                              LIEBE UND EHE.


(M28)

So viele Kabel auch zwischen Alt-Europa und der neuen Welt gelegt sind, so
viele Geschfts- und Familienbeziehungen die Vlker diesseits und jenseits
des Ozeans miteinander verbinden, so herrschen gerade ber manche wichtige
grundlegende Verhltnisse die grbsten Miverstndnisse. Was wissen wir
Deutsche z. B. vom Familienleben, von Liebe und Ehe der Yankees? Wir lesen
in unseren Zeitungen alle Augenblicke von sensationellen Heiraten zwischen
Milliardrstchtern und europischen Aristokraten, von Millionenerbinnen
oder Gattinnen von Industrieknigen, die mit Chauffeuren, Friseuren oder
Klavierlehrern durchgehen; wir lesen mit moralischen Schauder die
ungeheuerlich hohen Ziffern, welche die Statistik ber die Scheidungen in
den Vereinigten Staaten nennt, und wir glauben, aus allen diesen
Erscheinungen schlieen zu drfen, da die Yankees ber die Heiligkeit der
Ehe uerst frivol denken und ihre Tchter nur als Ware, als Tauschobjekt
fr gute gesellschaftliche und geschftliche Beziehungen betrachten
mten. Zum mindesten kommt wohl jeder gute Deutsche mit einem starken
Vorurteil gegen die koketten, herzlosen und anspruchsvollen Yankeemdchen
nach Dollarica; wem es aber gestattet ist, unvoreingenommen und aus
nchster Nhe die Frage der Liebe und der Ehe im Yankeelande zu studieren,
der drfte doch bald zu einer anderen Meinung gelangen. Vor allen Dingen
wird ein guter Beobachter sehr bald lernen, zwischen den Sitten und
Gewohnheiten der paar Hundert Multimillionre und denen der
berwltigenden Mehrheit des brigen Volkes zu unterscheiden. Es brauchte
nicht erst der gute und kluge Carnegie zu kommen, um uns die Weisheit zu
offenbaren, da Frauen desto unglcklicher, unzufriedener und zu trichten
Streichen geneigter sind, je reicher sie werden; das ist eine uralte
Weisheit, die wir bei uns zu Lande ebenso oft besttigt finden knnen, wie
irgendwo sonst auf der Erde. Die Frau des Multimillionrs, die ganz in
gesellschaftlichen Interessen aufgeht, ihre Nerven in einer sinnlosen
Hetze von Vergngen zu Vergngen, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von
blo spielerischer bis zu wirklich angreifender Ttigkeit aufreibt, dabei
drei- bis viermal tglich die Toilette wechselt, unsinnigen Moden zuliebe
ihre Gesundheit aufs Spiel setzt und jede ihrer Launen rcksichtslos
befriedigen kann, die mu natrlich, falls sie nicht einen unverwstlich
guten Kern besitzt, ihre Nervenberreizung irgendwie ben. Die tollen
Streiche ihrer Laune, ihre frivolen Geschmacksverirrungen sind dann nur
Folgeerscheinungen eines seelischen Schadens, der aus der zerrtteten
krperlichen Grundlage erwuchs wie der Schwamm aus einem faulen Balken.
Ebenso begreiflich ist es, da die Mnner jenes Kreises, sobald der
aufgehufte Dollarberg ihnen bis ber die Nase steigt und sie zu ersticken
droht, bedenkliche Kongestionen nach dem Kopfe bekommen, die zunchst dazu
zu fhren pflegen, da sie ihre anerzogenen demokratischen Grundstze
vergessen und mit ihrem berflu das einzige zu erreichen trachten, was
drben fr kein Geld zu haben ist, nmlich einen Abglanz feudaler
Herrlichkeit. Da sie nun bei sich zu Hause nicht mit Frsten- und
Grafenkronen auf dem Kopfe herumlaufen knnen, ohne sich lcherlich zu
machen, so kaufen sie diese schnen Dinge ihren ehrgeizigen Tchtern und
fttern ihre Eitelkeit mit dem Bewutsein, mit dem ltesten Adel Europas
wenigstens verschwgert zu sein und als Gropapas Prinzlein und Komtelein
auf ihren Knien schaukeln zu drfen. Und dennoch ist gerade fr die
Vereinigten Staaten nichts weniger kennzeichnend als der Mdchenschacher.
Man darf getrost behaupten, da in keinem Lande der Welt den Tchtern eine
grere Freiheit der Wahl gelassen werde, als gerade in den Vereinigten
Staaten, und da auch nirgends das Spekulieren der jungen Mnner mit einer
fetten Mitgift weniger im Schwang sei. Es ist nmlich durchaus nicht
Sitte, den Tchtern eine Mitgift zu geben; nur die ganz reichen Leute
machen hiervon eine Ausnahme. In der berwltigenden Mehrzahl der
Yankeefamilien, von den untersten bis zu den obersten
Gesellschaftsschichten, denkt der Erwerber ebensowenig daran, sich selber
als Rentier zur Ruhe zu setzen, so lange er noch imstande ist, einen Brief
zu diktieren und ein Telephon zur Hand zu nehmen, als dem Erwhlten seiner
Tochter in den Jahren seiner besten Kraft in Gestalt eines Kapitals eine
faule Haut zu unterbreiten, auf der Schwiegersohn und Tochter sich
behaglich rkeln drften. Die jungen Leute mgen sich im stillen auf die
fette Erbschaft freuen, so viel sie wollen, inzwischen aber sich
geflligst selber regen und sich den Zuschnitt ihres Lebens nach ihrem
eignen Verdienst gestalten. Dieser hchst vernnftige und gesunde
Grundsatz fhrt zu der selbstverstndlichen Folge, da drben viel mehr
aus Liebe geheiratet wird, als bei uns. Auerdem wird aber auch viel
frher geheiratet, weil schon die Kindererziehung darauf ausgeht, eine
frhe Selbstndigkeit der Charaktere zu erzielen, und weil die
Lebensverhltnisse heute wenigstens noch so sind, da ein junger Mensch,
der etwas gelernt hat, sei es Mann oder Weib, viel frher als bei uns zu
einem leidlich anstndigen Einkommen gelangen kann. Ein junger Mann am
Anfange der Zwanziger, der von seinem Berufseinkommen noch keine Frau
ernhren kann, braucht deshalb noch nicht auf die Freuden der Ehe und der
Huslichkeit zu verzichten, denn er kann sich ja ein Mdchen suchen, das
auch in einem praktischen Beruf ttig ist und ein selbstndiges Einkommen
daraus bezieht. Wer in der teuren Grostadt noch nicht imstande wre, von
seinem Einkommen eine drftige Etagenwohnung zu bestreiten, der findet
weit drauen in den weniger besiedelten Staaten doch vielleicht einen
Platz, wo er mit demselben Einkommen ein ganzes Haus nebst Dienerschaft
sich leisten kann. Die vernnftige Erziehung, bei der die beiden
Geschlechter stets auf dem Fue der Gleichberechtigung und der guten
Kameradschaft miteinander verkehren, und auch wohl ein wenig Vererbung aus
den Zeiten puritanischer Sittenstrenge erhalten den jungen Mann gesund und
keusch in seinen Anschauungen und lassen ihn die Ehe als das normale und
schnste Ziel seiner Sehnsucht erscheinen in einem Alter, in dem der junge
Europer sich auf seine frivole Weiberverachtung besonders viel
einzubilden pflegt. Es kommt auch wohl noch dazu, da, wie gesagt, ein
sehr groer Teil aller jungen Leute in gottverlassenen Gegenden seine
Existenz zu begrnden beginnt, wo er keinen menschenwrdigen Ersatz fr
die eheliche Gemeinschaft zu finden hoffen darf. Und schlielich gibt es
in Amerika noch eine ganz besonders gute Vorbereitung auf den heiligen
Ehestand durch eine bei uns kaum in den untersten Volksschichten allgemein
eingefhrte Sitte. Es gilt nmlich in der Yankeefamilie als ganz
selbstverstndlich, da der Sohn sowohl wie die Tochter, sobald sie
selbstndig zu verdienen beginnen, zu den Kosten des elterlichen
Hausstandes beitragen. Da man bei den Yankees so vernnftig ist, die
geschftliche Behandlung praktischer Fragen auch in den intimsten
Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau nicht fr
gefhlsroh zu halten, so erwgt man im Familienrate in aller Gemtsruhe,
wie viel jedes einzelne Kind im Verhltnis zu den Aufwendungen, die fr
seine Erziehung gemacht wurden, von seinem Einkommen billigerweise den
Eltern zurck zu erstatten habe. Man hrt selten davon, da sich ein bel
geratenes Kind dieser Zahlungspflicht gegen die Eltern entzieht, noch viel
weniger davon, da die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern und
erwachsenen Kindern unter solcher Geschftspraxis leide. Die Eltern
spannen vielmehr ihre Krfte aufs uerste an, um ihren Kindern eine
mglichst gute Ausbildung zu geben, weil sie wissen, da sich das
aufgewendete Kapital nicht nur ideal verzinsen wird. Und die Kinder werden
durch diese geheiligte Sitte von frh an in ihrem Pflichtbewutsein und in
ihrer selbstlosen Schtzung des Familienlebens gestrkt. Whrend also
unsere Sitten den jungen Mann zu einem heillos eingebildeten
Selbstschtling erziehen, der sich kein Gewissen daraus macht, den Eltern
noch Jahre auf der Tasche zu liegen, und der seine edle Freiheit nur um
den Preis einer stattlichen Mitgift und auch erst dann nur zu verkaufen
geneigt ist, wenn ihn der Suff und die Weiber an Leib und Seele schon
bedenklich mrbe gemacht haben, kann sich die amerikanische Sitte und
Erziehungskunst etwas darauf einbilden, das denkbar beste Mnnermaterial
fr den heiligen Ehestand stets frisch und in reichlicher Quantitt auf
Lager zu haben. Von nicht zu unterschtzender Bedeutung dnkt mich auch
der Umstand, da die englische Sprache keinen Unterschied von Du und Sie
kennt, indem nmlich das Frwort _thou_, also das eigentliche du, nur noch
in der Poesie und im Gebet angewendet wird, whrend _you_ - gleich Ihr -
schon seit Jahrhunderten ausschlielich als Anrede bei Hoch und Niedrig in
den intimsten wie in den fremdesten Beziehungen verwandt wird. Es fllt
also auch im Verkehr der Geschlechter die Scheidewand fort, welche das
frmliche Sie bei uns errichtet, und der bergang zwischen einer bloen
guten Bekanntschaft in hflichen Formen zur Freundschaft oder Liebe
markiert sich uerlich gar nicht. Die jungen Mnner und Mdchen, die
durch gemeinsamen Schulbesuch oder durch den gesellschaftlichen Verkehr
der Eltern schon in der Kindheit auf kameradschaftlichen Fu gekommen
sind, behalten brigens auch die Gewohnheit, sich beim Vornamen zu nennen,
bis ins heiratsfhige Alter bei. Ein junger Mann kann mit Dutzenden von
jungen Mdchen seines Kreises auf diesem kameradschaftlichen Fue stehen;
ein junges Mdchen kann sich heute von ihrem Freunde Jack ins Theater,
morgen von ihrem Freunde Jimmy zu einer Bootfahrt, bermorgen von ihrem
Freunde Tom zum Baden abholen lassen, ohne da die ganze Freundschaft,
Verwandtschaft und Nachbarschaft, wie bei uns, darber die Kpfe
zusammensteckt und ein eifriges Getuschel beginnt. Die Verkehrsformen
zwischen den jungen Leuten sind allerdings nach den Begriffen einer
ehrsamen deutschen Tantenschaft sehr frei, und selbst der nicht allzu
leicht moralinsauer reagierende Beobachter wird von der besonderen Art,
wie die junge Amerikanerin ihre Lieblingsbeschftigung, den Flirt, ausbt,
wenig erbaut sein. Deutsche junge Mdchen, die schon als Erwachsene
hinber kommen, finden auch meist diesen Ton und diese Verhltnisse wenig
nach ihrem Geschmack. Selbst wenn sie Talent zur Koketterie haben und
darin rasche Fortschritte machen, so rgert es sie doch, da sie nie
wissen, wie sie mit den amerikanischen jungen Mnnern eigentlich daran
sind, weil sich der Unterschied zwischen einem frivolen Kurmacher und
einem Anbeter mit ernsten Absichten viel weniger leicht bemerkbar macht,
als bei uns. Der junge Amerikaner der hheren Schichten kann jahrelang
ohne irgendwelche Konsequenzen Freundschaften mit Tchtern seines Kreises
unterhalten, und dennoch steht es ihm frei, seine Gattin ganz berraschend
irgendwo anders her zu holen. Er wird sich auch nicht gro darber
wundern, wenn eine seiner Freundinnen seiner Bedenklichkeit zuvorkommt und
ihn urpltzlich mit der Frage berrascht: "Was meinst du, Jim, wir knnten
doch eigentlich Verlobungskarten herumschicken?" Der jungen Amerikanerin
geht auch ganz die heimliche Angst deutscher junger Mdchen ab, als ob der
freie Verkehr mit jungen Mnnern zu einer berrumpelung in einer schwlen
Stunde fhren knnte, denn sie wei ganz genau, da der junge Mann, der
einen solchen Vertrauensbruch begehen wrde, der lebenslangen chtung in
seinem Kreise verfallen wrde. Sie wei ebenso genau, da ihr Freund,
falls sein Temperament ihm keine Ruhe lt, auereheliche Freuden bei den
leichten Mdchen geringeren Standes sucht, und wird ihm das wohl meistens
auch nicht besonders bel nehmen. Aus solchen Anschauungen und
Gewohnheiten erklrt es sich, da in den Vereinigten Staaten der Typus Don
Juan, der kecke Herzensbrecher, gefhrliche Schwerenter und verfluchte
Kerl, durchaus kein romantisches Ideal von Mnnlichkeit darstellt, weder
dem Geschmack der Mnner, noch dem der Frauen nach, sondern da dieses
Ideal vielmehr gefunden wird in dem ritterlichen Beschtzer weiblicher
Tugend, in dem getreulich ausharrenden, alle Launen seiner Schnen
lchelnd erduldenden und stets dienstbeflissenen Liebhaber. Von der Poesie
der Liebe, wie wir sie aufzufassen gewohnt sind, fllt durch solche
Anschauungen allerdings sehr viel weg. Die Lieblingsgestalt der deutschen
Dichtung, das unbedenklich dem Zuge seines Herzens folgende, bedingungslos
sich hingebende und schwrmerisch sich aufopfernde junge Mdchen wrde
nach amerikanischer Auffassung nur eine leichtsinnige Person oder eine
dumme Gans sein. Und dem mnnischen Mann, dem rcksichtslosen Eroberer,
dem Schrecken und der sen Sehnsucht deutscher Frauenherzen, wrde
einfach der Charakter als Gentleman abgesprochen werden.
Bezeichnenderweise kommen diese Typen in der amerikanischen Literatur auch
gar nicht vor. "Das se Mdel", wie Schnitzler und ich es novellistisch
verherrlicht haben, findet auch durch die Hintertr der bersetzung keinen
Einla in die amerikanische Poesie. Von meinem Roman "Das dritte
Geschlecht" liegt seit Jahren eine ausgezeichnete amerikanische
bersetzung vor; sie findet aber keinen Verleger, weil die darin
gepredigte Philosophie der Liebe _shocking_ ist. beraus lehrreich war fr
mich die Bekanntschaft mit einem modernen Thesendrama "_The easiest way_"
(der leichteste Weg) von einem sehr talentvollen jungen Dramatiker Walter,
der drben als ein khner Pfadfinder gilt. Das freie Verhltnis eines
reichen Geschftsmannes mit einer kleinen Choristin steht im Mittelpunkt
der Handlung. Das Mdchen hat eine tiefe Sehnsucht nach der brgerlichen
Anstndigkeit und dem behrdlich approbierten heiligen Ehestand. Der
Verfasser jedoch scheint es als selbstverstndlich anzusehen, da solche
gefallenen Mdchen niemals die Kraft finden knnen, einem faulen, eiteln
Genuleben zu entsagen. Er lt ihren Aushlter mit seiner trotz aller
Gromut doch etwas brutalen Vernunft recht behalten und das Mdchen im
Sumpf zu Grunde gehen. Fr amerikanische Begriffe war es, wie gesagt,
schon eine ungeheure Khnheit, solch ein illegitimes Verhltnis berhaupt
auf die Bhne zu bringen. Ertrglich wurde diese Khnheit fr das
Theaterpublikum drben nur durch den moralischen Standpunkt, den der
Verfasser einnahm. Sein grausamer Schlu entsetzte freilich die zarten
Gemter nicht wenig; aber lieber solche Grausamkeit, lieber auch die
verlogene Sentimentalitt einer Kameliendame, als der aus Mitleid und
tiefem Verstndnis fr alles Menschliche geborene ehrliche Realismus der
modernen europischen Dichtung. Wie im Theater und in der Literatur, so
sphen wir Deutsche auch in der ffentlichkeit vergebens nach den uns
vertrauten uerungen der Verliebtheit. Liebesprchen, welche in dunkeln
Ecken von Biergrten Hand in Hand sitzen, sich anschmachten, aus einem
Glase trinken, von einem Butterbrot abbeien, oder etwa gar im
Eisenbahncoup wie angeleimt dicht nebeneinander hocken und sich
fortwhrend zrtlich ttscheln und heimlich drcken, drften wohl drben
zu den Unmglichkeiten gehren. Kaum da man einmal auf den Bahnhfen
Abschied nehmende Ehe- oder Brautpaare sich kssen sieht. Ob deswegen die
Amerikanerin weniger zrtlich oder gar feurig sei, als europische Frauen,
wage ich nicht zu entscheiden, denn ich war weder mit einer Amerikanerin
verheiratet, noch habe ich bedauerlicherweise jemals ein Verhltnis mit
einer solchen gehabt.

(M29)

Der Sinn fr Romantik in der Liebe geht jedoch den Amerikanern keineswegs
gnzlich ab, was man daraus erkennen kann, da abenteuerliche Entfhrungen
viel mehr an der Tagesordnung sind, als vermutlich irgendwo sonst. Aber
freilich, was will eine Entfhrung in dem Lande der Freiheit gro
bedeuten! Die Eltern lassen ja ihren erwachsenen Kindern fast durchweg
freie Wahl; ihrer Erlaubnis zur Heirat bedrfen die Tchter in den meisten
Staaten nur in ganz jugendlichem Alter, und auch dann ist es sehr leicht,
einen gesetzlichen Dispens zu erwirken. Ich glaube, viele sehr junge
Mdchen heiraten blo, weil ihnen das Entfhrtwerden so viel Spa macht.
Es kann ja auch in allen Ehren geschehen, da man mittags durchbrennen und
sich abends schon als Ehepaar den erstaunten Eltern prsentieren kann. Man
braucht bekanntlich drben nicht drei Wochen zu hngen oder in der Kirche
aufgeboten zu werden, sondern man holt sich einfach von der zustndigen
Magistratsperson einen Heiratsschein, den man anstandslos bekommt, sobald
man beschwrt, da keine gesetzlichen Hinderungsgrnde vorliegen. Mit
diesem Schein geht man zum nchsten besten Pastor und lt sich auf der
Stelle trauen, bezw. von dem Zivilstandsbeamten zusammen geben.
Glcklicherweise kann man fast ebenso leicht wieder auseinander kommen.
Zwar sind in betreff der Scheidung die Gesetze in den einzelnen Staaten
sehr viel verschiedener als in bezug auf das Heiraten, aber wer in seinem
Staate auf Schwierigkeiten stt, der verfgt sich eben in einen
weitherzigeren und bequemeren Staat und riskiert hchstens, da er sich
dort einige Zeit aufhalten mu, bevor er die Wohltat seiner Spezialgesetze
genieen darf. Es knnte wunder nehmen, da dieselben Yankees, die
vielfach noch sehr puritanisch streng ber die Ehe denken, die Scheidung
so beraus erleichtern; der praktische Erfolg hat aber gelehrt, da hier,
wie so oft, ihr gesunder Menschenverstand ihnen den rechten Weg gewiesen
hat. Religion, Gesellschaftsmoral und die besonderen Verhltnisse des
jungen Landes begnstigen das frhe Heiraten; da nun aber ein despotisches
Eingreifen des elterlichen Willens durch die demokratischen Grundstze
ausgeschlossen erscheint, so kommen die Ehen fast allein durch die
Leidenschaft mehr oder minder unreifer Menschen zustande, welche durchaus
noch nicht fhig sind, sich ber ihre eigenen sittlichen Krfte, noch ber
die Kmpfe und Hemmungen, denen sie in ihren besonderen
Lebensverhltnissen entgegengehen, ein Urteil zu bilden. Es werden sich
folglich sehr viele dieser jugendlichen Wahlen als verfehlt erweisen. Wre
nun diesen unglcklich Gepaarten ein Loskommen voneinander unmglich
gemacht oder auch nur betrchtlich erschwert, so wrde bald das ganze Land
berschwemmt sein von verrgerten, zhneknirschenden, entmutigten
Menschen, welche ebenso viele fanatische Prediger gegen die Ehe bedeuten
wrden. So aber wei jeder beim Eingehen seiner Ehe: Habe ich mich
grblich getuscht, nun dann ist's auch weiter nicht schlimm; eine
Scheidung kostet nicht den Kopf, und das nchste Mal kann ich es ja besser
treffen. Selbstverstndlich wird die leichte Scheidungsmglichkeit aus
bloer Vernderungssucht viel mibraucht werden, aber sicherlich nicht so
viel, wie ngstliche Gemter sich vorstellen mgen, denn die liebe
Gewohnheit vermag auch den brutalsten Sinnenmenschen zu bndigen. Das
Anstands- und Gerechtigkeitsgefhl des Mannes, besonders bei einer
allgemein ritterlich veranlagten Rasse, und die Liebe zu den Kindern und
zur Huslichkeit bei der Frau richten unter allen Umstnden einen starken
Schutzwall wider den rcksichtslosen Leichtsinn auf. brigens ist die
Gefahr der unglcklichen Ehen auch schon dadurch herabgemindert, da die
ganze Yankeerasse nchterner denkt als wir und sich daher ber Liebe und
Ehe auch weniger Illusionen macht. Das Denken ist berhaupt dieses Volkes
Sache nicht, es wird daher um so strker von der Tradition beherrscht, ist
auch von den Einflssen der Erziehung, der Schule abhngiger und darum in
seiner Masse viel gleichartiger an Charakter und Gemt als wir. Durch
diese Gleichartigkeit fllt von vornherein der bei uns hufigste Grund der
Ehestrung fort. Hypersthetische, dekadente Mnner oder verzwickte
Ibsensche Frauennaturen, wie sie bei uns als schreckhafte Beispiele
schwierigster Ehegesponse herumlaufen, drfte man drben nur sehr selten
antreffen. Ganz ohne Zweifel ist aber der amerikanische Ehemann fr die
Frau bequemer als der deutsche. Er fhlt sich durch ihre nach unseren
Begriffen oft unverschmten Ansprche nicht weiter gekrnkt, weil ihm die
Verehrung fr das zartere Geschlecht noch fest im Blute sitzt. Es dnkt
ihm ganz in der Ordnung, da einer fr das Vergngen, mit einer hbschen
und eleganten Frau prahlen zu drfen, einen gehrigen Preis zahlen, d. h.
bis an sein Lebensende sich mchtig anstrengen mu. Wie der Mann das viele
Geld verdient, ist der teuren Gattin ziemlich gleichgltig, denn fr ihr
gesellschaftliches Ansehen macht es wenig aus, ob er mit Schuhwichse oder
mit Juwelen handelt, ob er ein wilder Spekulant oder ein solider
Industriekapitn, Beamter, Anwalt, Arzt oder Knstler ist. Der
gesellschaftliche Rang des Gatten hngt vielmehr davon ab, ob er einer
mehr oder minder alten Familie angehrt, die schon lange Wohlstand und
Ansehen geniet, oder ob er ein Emporkmmling ist, von dem man in der
guten Gesellschaft noch nichts Genaues wei. Eine gescheite und reizvolle
Frau kann die gesellschaftliche Stellung ihres Mannes wesentlich
verbessern, indem sie mit Kreisen in Fhlung kommt, die ber denen stehen,
aus denen der Mann hervorgegangen ist. Sie hlt es darum auch fr ihre
vornehmste Pflicht, sich ihre Schnheit zu erhalten, ein elegantes Haus zu
machen und feinere Leute in ihren Verkehr zu ziehen. Wenn solche
gesellschaftlich geschickten Frauen gemtlos und geistig beschrnkt sind,
dann knnen sie natrlich auch den geduldigsten Mann durch ihre trichten
Ansprche zur Verzweiflung bringen; meistens sind sie aber doch klug
genug, sich gerade dann, wenn sie die rgsten Zumutungen an seinen
Geldbeutel und seine Geduld stellen, die grte Mhe zu geben, ihn bei
guter Laune zu erhalten. Die kleinlich eiferschtige, keifende, den
Hausschlssel verweigernde deutsche Philisterfrau aus den "Fliegenden
Blttern" wird man drben nicht oft finden; dagegen ist die putzschtige,
mit dem Scheckbuch des Gatten tglich die Warenhuser heimsuchende und
ihre Zeit in nichtigen Vergngungen und spielerischer Vereinsttigkeit
verzettelnde Hausfrau sicher noch hufiger zu finden als bei uns. Es wre
aber doch wohl ungerecht, deswegen der Amerikanerin im allgemeinen die
Fhigkeit zu entsagender Hingabe an strengere Pflichten abzusprechen. Man
hrt sogar nicht selten von jungen Mdchen aus wohlhabenden Familien, die
mit ihrem Erwhlten in die halbe oder ganze Wildnis ziehen und sich unter
rauhen Lebensbedingungen tapfer mit durchschlagen. Auch versteht es die
Amerikanerin in beschrnkten Verhltnissen beinahe so gut wie die
Franzsin, ihr Haus stets nett und freundlich zu halten, sich gut
anzuziehen und ihren Krper trotz der Arbeitslast frisch zu erhalten. Die
Frau, die nur unter furchtbarem Getse die Haushaltungsmaschine in Gang zu
halten versteht, immer seufzt und sthnt, nie angezogen ist, und, sobald
sie den Mann sicher eingefangen hat, ihr ueres, ihre kleinen Talente und
ihren Bildungstrieb vernachlssigt, die soll drben angeblich nicht
existieren - auch nicht unter den Bauern; denn die Gattin des Farmers ist
eine Lady, der niemals der Mann schwere Feldarbeit zumuten wrde, und ihre
Tchter spielen Klavier und besuchen die hheren Schulen. Die arbeitende
Frau des Mittelstandes mag zwar nchtern und uninteressant sein, aber sie
teilt doch meistens die glcklichste Eigenschaft ihrer Rasse, nmlich die
leichte Anpassungsfhigkeit an die verschiedenen Glcksumstnde. Es wird
nicht oft vorkommen, da eine Frau ihren Mann, wenn er pltzlich zu groem
Reichtum gelangt, in einer vornehmeren Gesellschaftsschicht durch
schlechte Manieren, schlechte Sprache und geschmacklosen Anzug blamieren
sollte. Das Talent zur Lady scheint wirklich der Weiblichkeit der ganzen
Rasse eigen zu sein, und es macht sich selbst bei jenen armen Geschpfen
noch angenehm bemerkbar, welche die Gesellschaft deklassiert und zu
Freiwild fr die illegitimen Begierden der Mnner bestimmt hat. Einige
gefllige Amerikaner veranstalteten zum Vergngen des Gefolges unseres
Prinzen Heinrich seinerzeit in New York eine kleine, ganz intime
Abendgesellschaft - fr jeden der Herren war ein geflliges Chorusgirl
eingeladen worden. Und das Benehmen dieser leichten Mdchen war so
anmutig, der Ton der Unterhaltung so gesittet, da die Herren glaubten,
einer Einladung in ein feines Tchterpensionat gefolgt zu sein und gar
nicht genug Rhmens von dieser liebenswrdig kaschierten Frivolitt machen
konnten.

(M30)

Man mag diese unzweifelhaften Vorzge als uerlichkeiten gering
einschtzen und ihnen gegenber die Gemtstiefe, die Pflichttreue, die
enthusiastische Opferfreudigkeit und edle Mtterlichkeit der deutschen
Frau als das Grere und Ausschlaggebende hinstellen, man mag sogar die
Liebesfhigkeit des Yankees in Zweifel ziehen, aber man darf nicht
leugnen, da durch Gesetz, Sitte und Herkommen fr den heiligen Ehestand
drben besser gesorgt ist. Und ich glaube, es kann schwerlich einem
Zweifel unterliegen, da die allgemeine Heiratslust der Jugend einem Volke
das sicherste Gesundheitszeugnis ausstellt.





                          DIE DIENSTBOTENFRAGE.


(M31)

Es war in Philadelphia. Mir gegenber im zweiten Stockwerk eines netten,
epheuumrankten Familienhauses war ein junger Nigger mit Fensterputzen
beschftigt. Bekanntlich gibt es in Amerika keine Flgelfenster, sondern
ausschlielich jene greulichen englischen Schiebefenster, welche ein
behagliches Hinausschauen, ein geschwindes Kopfherausstrecken nach einer
rasch vorber brausenden Straensensation fast unmglich machen. Denn die
Fenster sind fast durchweg so niedrig ber dem Fuboden angebracht, da
die bewegliche untere Hlfte einem ausgewachsenen Menschen kaum bis zur
Brusthhe reicht. Wenn man also hinausschauen will, so mu man, um nicht
etwa das bergewicht zu verlieren und kopfber hinauszupurzeln, schon auf
den Boden hinknien und seinen Hals, auf die Gefahr hin, bei etwaigem
schlechten Funktionieren der Sperrfedern gekpft zu werden, unter die
glserne Guillotine stecken. Mein Nigger hatte es sich im Reitsitz auf dem
Fensterbrett gemtlich gemacht; das eine Bein hing auf die Strae hinaus,
obwohl es empfindlich kalt an diesem sonnigen Januartage war. Whrend er
sein Handwerkszeug, Schwamm, Trockentuch und Lederlappen, bedchtig auf
dem Fensterbrett zurecht legte, pfiff er sich eins, blickte die schmale
Seitenstrae hinunter und die breite Avenue hinauf (denn es war ein
Eckhaus). Da doch vorlufig nichts Besonderes zu sehen war, so stellte er
sein Pfeifen ein und schaute mit sorgenvoll gerunzelter Stirn aufwrts. Er
dachte offenbar angestrengt ber das Problem nach, wie er wohl, ohne sein
kostbares Leben zu gefhrden, d. h. auf dem Fensterbrett stehend, mit dem
Oberkrper rckwrts hinausgelehnt und nur mit einer Hand am Fensterrahmen
in der Mitte sich festklammernd, die obere Scheibe von auen reinigen
knnte. Da er zu diesem waghalsigen Turnerstckchen sich nicht aufgelegt
fhlte, so schttelte er seinen dicken Wollkopf und versuchte, wie weit er
mit ausgestreckter Hand ber sich emporreichen knnte. Die Fingerspitzen
langten nur gerade ein weniges ber die mittlere Rahmenleiste hinaus; das
gengte ihm aber vorlufig. Er ergriff seinen Lappen und wischte am
ueren unteren Rande der Mittelleiste ein wenig Staub hinweg. Darauf
erhob er sich und befummelte im Stehen die innere Seite des
hinaufgeschobenen Fensters. Er lie sich sehr reichlich Zeit hierzu, ohne
deswegen jedoch die Sache gar zu ernst zu nehmen. Als die innere obere
Scheibe seiner Meinung nach gengend sauber war, nahm er wieder auf dem
Fensterbrett Platz und lie sein linkes Bein, dessen zierliches
Plattfchen mit einem riesigen Footballstiefel bekleidet war, wieder ins
Freie baumeln. Nachdem er eine ganze Weile unttig vor sich hingetrumt
hatte, unternahm er den Versuch, die innere Fensterhlfte
herunterzuziehen, um nunmehr das Glas von auen zu bearbeiten. Es dauerte
sehr lange, bis es ihm gelang, das Fenster aus seiner Ruhelage zu bringen,
und als er es endlich glcklich los hatte und nun versuchte, die schwere
Glasscheibe auf seinem rechten Knie so zu sttzen, da ein gengend groer
Spalt offen blieb, um ihm das Hantieren im Sitzen zu gestatten, fand er
alsbald, da er sich dadurch in eine hchst unbequeme Lage begeben und
besonders seinem zarten Kniechen zu viel zugemutet habe. Er schob also
sthnend und schnaufend die Scheibe wieder hinauf, wischte sich mit dem
rmel ber den Schdel und fletschte zornig sein anmutiges "G'frie" gegen
die Scheibe hinauf - gerade wie es die Kinder machen, wenn sie mit der
Kommode bse sind, an der sie sich gestoen haben. Pltzlich verklrte
sich seine intelligente Schimpansenphysiognomie. In der Ferne lie sich
Militrmusik vernehmen. Bum, bum, tschindara! Master Kinkywoolly wurde
ganz Ohr und ganz Seligkeit. Er beugte sich so weit hinaus wie mglich und
sphte die breite Hauptstrae hinunter. Etwas ganz besonders
Herzerhebendes mute da los sein, denn mein Nigger klatschte begeistert in
die Hnde und zeigte, seine zierliche Fresse weit aufreiend, die
lachenden Zhne im Leckermaul. Ich schob nun gleichfalls mein Fenster
hoch, kniete auf den Boden nieder und reckte den Hals hinaus, um mir den
seltenen Anblick eines militrischen Aufzuges nicht entgehen zu lassen.
Aber es war ganz etwas anderes, was ich zu sehen bekam, etwas ganz
spezifisch Amerikanisches. Gassenbuben und Strolche vorweg, dann eine
uniformierte Kapelle und dann in Rotten zu vieren ein schlotteriger
Parademarsch, inszeniert von einem politischen Bo und ausgefhrt von
einer Elitetruppe seiner Parteifreunde. Lauter freie Republikaner
gesetzten Alters, wohl genhrt, sauber und glatt rasiert, alle mit den
gleichen gelben Gamaschen, denselben Schlipsen, denselben Hten und
denselben Bambusstcken mit vernickelten Griffen, die sie wie die Gewehre
aufrecht an die Schulter gedrckt trugen, wie ehemals unser Militr bei
dem Griff "fat das Gewehr an". Ein gerade zu Besuch anwesender
Eingeborener erklrte mir, da die Parteikasse die Ausrstung an
Gamaschen, Schlipsen, Hten und Spazierstcken stelle und diese
ffentlichen Umzge ansehnlicher, sichtbarlich satter und zufriedener
Mitbrger von Zeit zu Zeit veranstalte, um dem Publikum zu beweisen, wie
gut es sich unter den Fittichen ihrer Partei leben lasse. Ein unerhrt
fetter schwarzer Schutzmann, der an der Straenkreuzung postiert war,
fhrte vor Vergngen ber diesen gelungenen Aufzug einen veritablen
Cakewalk nach dem munteren Rhythmus der Musik aus, und mein Fenster
putzendes Niggerlein jauchzte vor Vergngen ber solchen grotesken Anblick
und bewegte sich im Takte der Musik, als ob er ein tanzendes Zirkuspferd
zwischen den Schenkeln htte. Offenbar gehrten der cancanierende
Schutzmann und der reitende Fensterputzer gleichfalls der Partei der
Demonstranten an und fhlten sich durch den erhebenden Parademarsch ihrer
Vertrauensmnner in ihren patriotischen Gefhlen angenehm gekitzelt. - Bis
der letzte Hauch der Blechmusik verklungen war, dachte selbstverstndlich
der farbige Jngling gegenber nicht daran, sein Fenster wieder
vorzunehmen. Dann aber griff er tief aufseufzend wieder zum Wischtuch und
hielt es nachdenklich in der Hand, whrend seine schwarzen Sammetaugen
sich bekmmert an den dummen Fensterrahmen hefteten, der so gar keine
Miene machte, von selber zu ihm herunter zu kommen. Pltzlich kam wieder
Leben in die schier erstarrte Gestalt. Master Kinkywoolly drehte den Kopf
ber die Schulter und ugte hchst gespannt die Avenue hinauf. -
Wahrhaftig, noch eine Parade! Mehrere Dutzend Geistliche der Stadt,
paarweise nebeneinander in schwarzen Talaren. Und statt der Bambusrohre
mit Nickelknpfen schulterten sie ihre Regenschirme. Die schwarzen Herren
waren auf dem Wege zum Oberbrgermeister, um feierlich bei ihm vorstellig
zu werden, da er die fromme Qukerstadt beschtzen mge vor dem
Satansgreuel der Salome von Richard Strau, deren Auffhrung in
Philadelphia eine fremde Operntruppe angekndigt hatte. Es wre eigentlich
passend gewesen, da der fette schwarze Schutzmann an der Straenkreuzung
bei dieser Gelegenheit den Tanz der sieben Schleier aufgefhrt htte. Aber
er schien zu Richard Strau und seiner Kunst noch nicht Stellung genommen
zu haben, denn er lie die Parade ohne sichtliche Gemtsbewegung
vorberziehen und sorgte nur dafr, den Wagenverkehr derweil zu bndigen.
- Mein Fensterputzer stierte bld der schwarzen Prozession nach, bis sie
um die Ecke verschwunden war; dann fhrte er mit seinem kalt gewordenen
Spielbein einige Freibungen aus und war eben dabei, tatschlich seinen
Schwamm ins Wasserbecken zu tauchen, um vielleicht doch den Versuch einer
flchtigen Wsche von auen zu wagen, als es vom nchsten Kirchturm zwlf
schlug. Der Schwamm flog ins Becken, das Bein ber das Fensterbrett und
der schwarze Jngling davon zum schwer verdienten Lunch. Ich vermute, da
er am nchsten Ersten um eine Lohnerhhung eingekommen ist.

(M32)

Das Beispiel dieses schwarzen Fensterputzers drfte einigermaen typisch
sein fr den Eifer, mit dem husliche Dienstleistungen in den Vereinigten
Staaten verrichtet werden. Gewi arbeitet ein frisch von Europa
eingewandertes Hausmdchen fleiiger und grndlicher, dafr ist es aber
auch sehr viel anmaender und sehr viel schwieriger zu behandeln als der
Niggerboy, der doch wenigstens freundlich grinst und danke sagt, wenn er
ein Trinkgeld kriegt. Ja, die Dienstbotennot ist wirklich die Frage aller
Fragen, nicht nur fr die Hausfrau des amerikanischen Mittelstandes. Die
ganz reichen Leute freilich leisten sich einen englischen _Butler_
(Haushofmeister), einen franzsischen _Valet de chambre_, einen
italienischen Koch, einige griechische Lakaien von klassischer
Gesichtsbildung und unbezahlbarer Frechheit und etliche appetitliche
irische Mdchen. Fr Geld, d. h. fr sehr viel Geld ist natrlich auch
eine aristokratisch luxurise, gut gedrillte Dienerschaft in den
Vereinigten Staaten zu haben; aber die Leute von mittlerem und kleinem
Vermgen, also von einem Einkommen, wie es hier unsere armen Schlucker von
Regierungsprsidenten, Generalmajoren, Oberpostdirektoren und beliebten
Schriftsteller besitzen, knnen sich eine perfekte Kchin und noch ein
tchtiges Stubenmdchen dabei schwerlich leisten. Denn eine Kchin, die
etwas Ebares zu kochen imstande ist, drfte unter 100 Mk. Monatslohn
nicht zu haben sein, und 10 Dollars mu man sogar fr einen frisch
importierten, unerprobten Besen schon anlegen. Sind diese Damen bereits
ein paar Monate im Lande, so da sie sowohl von der Sprache wie von dem
Wesen ihrer staatsbrgerlichen Rechte einigen Begriff haben, so machen sie
mit ihrer Herrschaft einen Vertrag mit zahlreichen Paragraphen, welche
genau ihre Pflichten und Rechte festlegen. Darin ist bestimmt, da sie
auer dem Sonntag, an welchem sie nur morgens die Schlafzimmer aufzurumen
haben, noch an einem Wochentag ausgehen, ferner das _Parlor_ (Wohnzimmer)
bei Besuchen ihrer Freunde und Verwandte mitbenutzen und
selbstverstndlich ohne Kndigung abziehen drfen, sobald es ihnen
beliebt. Irgendwelche schwere oder schmutzige Arbeit verrichten diese
Damen grundstzlich nicht, dazu mssen extra Nigger, Chinesen, Polacken
oder dergleichen Kroppzeug gehalten werden. Verlangt die Hausfrau
irgendwelchen Dienst von ihnen, der nicht kontraktlich stipuliert oder
landesblich einbegriffen ist, so entgegnet ihr das Frulein
achselzuckend: "_That's not my business, Ma'm_" - und fertig. Ein Mdchen,
das fr die Kche angestellt ist, wird beispielsweise um keinen Preis dem
Hausherrn einen Knopf annhen; und ein Hausmdchen wird sich auch im Falle
der hchsten Not schwerlich herbei lassen, ein Kind aufs Tpfchen zu
setzen. Einer geborenen Amerikanerin zumuten zu wollen, die Stiefel zu
putzen, wre ungefhr gleichbedeutend mit schwerer krperlicher
Mihandlung. Eine junge deutsche Dame, die einen amerikanischen Landsmann
geheiratet hatte, erzhlte mir, da sie, um den Schwierigkeiten der
Dienstbotenwirtschaft zu entgehen, sich eine alte, treu anhngliche
Dienerin mitgebracht habe, die schon 14 Jahre in der Familie gewesen war.
Nach drei Wochen bereits habe sie ihr die Stiefelbrste vor die Fe
geworfen und erklrt, da sie sofort heimreisen werde, wenn ihr solche
entwrdigende Zumutung noch lnger gestellt wrde. An einer
Frauenuniversitt, an der ich eine Vorlesung gehalten hatte, wurde mir das
einzige fr mnnliche Gste reservierte Zimmer zum bernachten angewiesen,
in welchem der Herr Bischof untergebracht zu werden pflegte, wenn er zur
Kirchenvisitation kam. Ich entdeckte im Badezimmer ein schn poliertes
Mahagonikstchen, und als ich es neugierig ffnete, fand ich darin ein
komplettes Wichszeug vor. Der Herr Bischof mute sich also auch hchst
eigenhndig seine Stiefel putzen, da es im Gebiete der Damenuniversitt
natrlich keinen ffentlichen Wichsier gab. Da gerade gegen die
ehrenhafte Bettigung des Stiefelputzens ein solches Vorurteil besteht,
ist um so merkwrdiger, als der freie Amerikaner niederen Standes es sonst
durchaus nicht fr unter seiner Wrde hlt, seine Karriere als Inhaber
eines Straenwichsstandes zu beginnen und als nicht wenige der heutigen
Multimillionre in diesem Geschft den Grundstock ihres Vermgens legten!

(M33)

Deutsche Dienstmdchen gibt es schon lange kaum mehr; die meisten der
Damen, die so anfingen, fahren heute in ihrem eignen Auto spazieren. Denn
wenn sie auch nur eine Ahnung von der edlen Kochkunst hatten und
einigermaen nett anzusehen waren, wurden sie mit Wonne von besser
situierten Landsleuten geheiratet. Auch die einstmals als Hausmdchen
besonders beliebten Irinnen trifft man heute hchstens noch in sehr
vornehmen Hotels in dieser Stellung an. Im Westen soll es noch schlimmer
sein als im Osten. In San Franzisco verdient ein Maurer 7 $, also gegen 30
Mk. pro Tag! Selbstverstndlich denken seine Tchter nicht daran, in
Dienst zu gehen, auch nicht in die Fabrik. Sie spielen lieber Klavier und
gehen in echten Ponypelzen spazieren. Gegenwrtig sind Ungarinnen
besonders gefragt, und wer eine solche dralle, hochgestiefelte Putadirne
nicht erschwingen kann, der nimmt mit einer Kroatin, Slowakin, Ruthenin
oder dergleichen vorlieb. Wer aber dem ewigen rger und der ewigen Angst,
ob er morgen noch auf die Untersttzung seiner Perle zu rechnen oder
abermals den Gang aufs Mietsbureau anzutreten haben werde, seiner
Konstitution nicht zutraut, oder als echter Demokrat zu feinfhlig ist, um
Menschen seinesgleichen, freie Mitbrger in unwrdiger Abhngigkeit zu
erhalten, der verzichtet berhaupt auf husliche Dienstboten. Und zu
diesen vernnftigen Leuten gehren fast alle Mnner, die das Glck hatten,
eine Frau zu erwischen, die von Kche und Haushalt etwas versteht, und der
eine rege Bettigung im eignen Heim mehr Freude macht, als das fade
Gesellschaftsleben und die Hetze von Verein zu Verein, von Vergngen zu
Vergngen.

(M34)

An einem sonnigen Sonntagvormittag traf ich beim Spaziergang durch eine
der reizenden lndlichen Universitten des Nordens eine meiner neuen
Bekanntschaften von einem Diner am vorhergehenden Abend. Es war ein
hochgewachsener, schlanker junger Herr in den Dreiigern, der in einen
hchst eleganten Sealskinpelz gehllt, einen glnzend gebgelten
Zylinderhut auf dem Kopf und eine edle Havanna mit goldfunkelnder
Leibbinde zwischen den kostbar plombierten Zhnen - einen eleganten
Kinderwagen mit Inhalt vor sich herschob! Lebhaftes Interesse fr seinen
glcklicherweise schlummernden Sprling heuchelnd, begrte ich den Herrn
Professor. Er mochte mir wohl anmerken, da mir begriffsstutzigen Europer
seine vterliche Bettigung in diesem Aufzuge etwas sonderbar vorkomme und
erklrte mir aus freien Stcken den Zusammenhang. "_Look here_", sagte er,
"wir sind jung verheiratet, wir haben nur ein kleines Haus und ein kleines
Einkommen; wir knnen uns keine Dienstboten halten - auerdem ziehen wir
es vor, in unserer zrtlichen jungen Ehe unbeaufsichtigt zu bleiben und
wollen uns nicht den halben Tag den Kopf darber zerbrechen, wie wir aus
unserer Mary oder Jane die grtmgliche Arbeitsleistung herausziehen
knnten, ohne ihrer Empfindlichkeit als Mitbrgerin zu nahe zu treten. Wir
haben nur eine alte Negerin zur Hilfe, die vormittags zwei Stunden die
grblichere Arbeit verrichtet, und einen Mann, der alle Wochen einmal die
Asche aus dem Zentralfeuerloch im Keller ausrumt und die Mllkasten vor
die Tr stellt; alles andere besorgen wir selbst. Sehen Sie, heute frh
z. B. habe ich zunchst, wie alle Tage, das Feuer in der Zentralheizung
geschrt und Kohlen nachgefllt, dann habe ich Kaffee gekocht, da meine
Frau nicht ganz wohl ist, und das Frhstck fr uns beide hergerichtet.
Dann habe ich, weil es in der Nacht lustig geschneit hat, vor unserer
Haustr und auf dem Trottoir Schnee geschippt und darauf mich wieder in
einen Gentleman verwandelt. Da es darber fr die Kirche zu spt geworden
war, habe ich vorgezogen, meine Sonntagsandacht in Gesellschaft meines
vorlufig einzigen Sohnes durch ein edles Rauchopfer im Sonnenschein zu
verrichten. Zum Luncheon behelfen wir uns mit kalter Kche, und wenn
meiner Frau bis abends nicht besser wird, so nehme ich mein Dinner im
Klub, nachdem ich ihr eine Suppe gekocht und eine Konservenbchse gewrmt
habe. Vor dem Schlafengehen schtte ich dann noch einmal im Keller Kohlen
auf die Heizung, und damit habe ich alles getan, was die
Haushaltungsmaschine braucht, um regelrecht zu funktionieren."

"Sehr schn," sagte ich in ehrlicher Anerkennung. "Aber das nimmt Ihnen
doch sehr viel Zeit weg. Und wenn Sie nun frh morgens eine Vorlesung
haben, was machen Sie dann?"

"_Well_, dann stehe ich eben eine Stunde frher auf," lachte er vergngt,
"und gehe abends eine Stunde frher ins Bett. Das ist sehr gesund. Ich
habe immer acht Stunden guten Schlaf, und wenn die Frau wohlauf ist,
kostet mich mein Anteil an der Hausarbeit kaum mehr als eine Stunde am
Tag. Wir haben es noch nie bereut, die Wirtschaft mit den Dienstboten
berhaupt erst gar nicht probiert zu haben. Und dabei brauchen wir noch
nicht einmal auf Geselligkeit im Hause zu verzichten. Wie haben schon
einmal 50 Leute eingeladen gehabt."

"Nicht mglich! Wie haben Sie denn das angestellt?"

"O, sehr einfach. Wir besitzen Service fr 12 Personen, also waren wir 12
Personen zum Lunch. Natrlich haben wir kein Ezimmer, in dem 12 Personen
bei Tische sitzen knnten, es mute sich also jeder setzen, wo er gerade
Platz fand. Dann kriegte jeder einen Teller, eine Serviette und ein
Besteck, und darauf wurden die Schsseln, eine nach der anderen,
herumgereicht - alles auf denselben Teller. Bei einigem guten Willen geht
es schon, und meine Frau kann wirklich kochen. Natrlich hatten wir dabei
Hilfe, aber nicht etwa bezahlte Mdchen, sondern zwei meiner Studentinnen;
die machen das viel intelligenter und netter. Nach dem Essen kamen dann
die brigen 38 Personen - die wurden aber nur mit geistigen Genssen
traktiert. Ich las ihnen etwas vor, und eine meiner akademischen
Aushilfskellnerinnen spielte, von meiner Frau begleitet, einige
Fltensolos. Auerdem konnten wir sogar noch mit der berhmtesten
Schnheit von Pawtucket, Connecticut, die sich gerade auf der Durchreise
befand, aufwarten!" - -

Und so wie dieser junge Professor halten es die meisten vernnftigen
Amerikaner von hnlicher gesellschaftlicher Position und Vermgenslage.
Wir waren einmal bei der Dekanin einer Frauenuniversitt zu einem intimen
Diner geladen. Whrend des Essens stie mich meine Frau unter dem Tisch
mit dem Fue und richtete meine Aufmerksamkeit durch ihre Blicke auf die
bedienende Maid, die in ihrem weien Kleid, mit dem weien getollten
Hubchen auf dem ppigen Blondhaar allerdings eine Sehenswrdigkeit
darstellte. Wir drckten der Gastgeberin erst auf Deutsch, und als dies
durch warnendes Ruspern abgelehnt wurde, auf Franzsisch, dann auf
Italienisch unsere Bewunderung fr dieses nicht nur ungewhnlich hbsche,
sondern auch ungewhnlich intelligent aussehende Hausmdchen aus. Da aber
fing die ganze Gesellschaft zu kichern an, und die schne Blondine bekam
einen roten Kopf und hastete in grter Verlegenheit hinaus. Und nun wurde
uns anvertraut, da dieses reizende Servierfrulein eine junge akademische
Kollegin von Frulein Professor sei, nmlich - die Privatdozentin fr
Sanskrit!

(M35)

Das Merkwrdige an diesem kleinen Erlebnis soll nun nicht so sehr der
Umstand sein, da es in der neuen Welt bereits Privatdozentinnen fr
Sanskrit gibt, welche obendrein auch noch sehr hbsch sind, als vielmehr,
da in diesem angeblich so freien und vorurteilslosen Lande zwar die
gebildeten Menschen keinerlei notwendige Arbeit scheuen und sich in der
liebenswrdigsten Weise gegenseitig in ihren huslichen Schwierigkeiten
aushelfen, whrend gerade die untersten, auf krperliche Arbeit
angewiesenen Stnde die Lohnarbeit im Hause geradezu als eine Schande
anzusehen scheinen. Obwohl es in dem Lande, wo die Dienstboten so hoch
entlohnt werden wie nirgends in der Welt und mit zarter Rcksicht wie die
rohen Eier behandelt werden mssen, damit sie nicht gleich wieder
fortlaufen, keifende Hausdrachen und grob anschnauzende Hausherrn wie bei
uns wohl berhaupt nicht geben drfte, ziehen doch die Mdchen die
unangenehmste Arbeit in der Fabrik, den anstrengenden Laden- und
Bureaudienst dem bequemen Schlaraffenleben als Haushaltsangestellte vor.
Gehorchen zu sollen ist eben fr den Amerikaner die furchtbarste Zumutung,
die man ihm stellen kann. Er dient nur so lange, wie er es absolut ntig
hat. Sobald er sich ein paar Dollar zurckgelegt hat, sucht er sich
selbstndig zu machen. Bei dem elenden Dasein eines kleinen Handelsmannes,
der auf der Strae Ansichtspostkarten, Popcorn oder Kaugummi verkauft,
fhlt er sich zehnmal stolzer und zufriedener, als in der bequemsten
huslichen Stellung, in der er sich einem fremden Willen unterzuordnen
hat. Es kommt noch dazu, da dem Brger der Neuen Welt nicht nur jedes
Gefhl fr die Schnheit und Wrde des sich Einfgens in ein
patriarchalisches Abhngigkeitsverhltnis von Herr und Knecht, von Meister
und Geselle, sondern auch jeglicher Zunftstolz abgeht, jegliche Liebe zu
dem Handwerk etwa, in das einer hinein geboren oder fr das einer bei uns
erzogen wird. Im Grunde genommen sind die Menschen drben alle Spieler und
Glcksritter. Sie ergreifen ohne langes Besinnen, was sich ihnen gerade
bietet, und treiben es nur so lange - _until a better job turns up_ -, bis
sich eine bessere Sache bietet. Jeder junge Mensch drben fhlt sich
einfach zu allem berufen. Wenn er heute aus Hunger zugreifen und sich in
den weien Anzug eines New Yorker Straenkehrers stecken lassen mte, so
zweifelte er darum doch keinen Augenblick daran, da er berufen sein
knnte, bers Jahr bereits Teilhaber einer Minenausbeutungsgesellschaft in
Oklahama zu sein und auf der Hhe seines Lebens in den Senatspalast von
Washington einzuziehen. Es ist eigentlich niemand etwas Gewisses in diesem
Lande; selbst bei meinem Kollegen, dem erfolgreichen Dramatiker, bin ich
nicht sicher, ob er nicht bers Jahr Flugmaschinen fabriziert oder
Truthhne en gros zchtet. Daher kommt es, da auf dem Gebiete der
persnlichen Dienstleistungen und des handwerklichen Betriebs keine
fachmnnische Tchtigkeit und Zuverlssigkeit existiert. In Madison
(Wisconsin) lie ich mir einen zerbrochenen Zeiger an meiner Uhr durch
einen neuen ersetzen. Als ich nach Hause kam, stellte sich heraus, da der
neue Zeiger sich absolut nicht bewegte. Der angebliche Uhrmacher, der ihn
eingesetzt hatte, war vermutlich vorgestern noch Verkufer in einer
gerucherten Fischwarenhandlung gewesen. In New York wollte ich mir eine
Kleinigkeit an einem silbernen Stockgriff lten lassen. Man schickte mich
von Pontius zu Pilatus ber fnf Instanzen hinweg; endlich, in einer
Silberwarenfabrik, erbot sich der Besitzer nach vielen Bedenklichkeiten
und Hin- und Herreden ber Wetter und Politik, einen seiner Arbeiter zu
ersuchen, die Kleinigkeit zu besorgen. Ich bekam auch wirklich schon nach
ein paar Minuten meinen Stock zurck. Der uerst geschickte
Silberarbeiter hatte das losgelste Monogramm allerdings mit dem Ltrohr
befestigt, dabei aber den oberen Rand des Stockes zu Kohle verbrannt. Und
als ich mit dem reparierten Gegenstand daheim anlangte, mute ich die
Entdeckung machen, da das Monogramm endgltig verloren war, nachdem es 14
Tage lang doch wenigstens noch an einem Faden gehangen hatte. Man gibt
sich eben in diesem groen Lande nicht gerne mit Kleinigkeiten ab. Was mit
der Maschine nicht gemacht werden kann, das wird schlecht oder gar nicht
gemacht, weil der Amerikaner seine Menschenwrde so beraus hoch
einschtzt, da er die Handarbeit und gar das persnliche Dienstverhltnis
verachtet. Darum strengt er auch seinen hellen Verstand auf das uerste
an, um immer mehr notwendige Verrichtungen durch die Maschine besorgen zu
lassen und die unumgnglichen Handarbeiten tunlichst zu vereinfachen. Weil
die Dienstboten so rar, so teuer und so beraus bequem sind, lieben sie
z. B. das Messerputzen durchaus nicht, folglich hat man fast
ausschlielich Messer von Bronze in Gebrauch genommen, mit denen man zwar
nicht schneiden kann, die dafr aber auch durch einfaches Durchziehen
durch heies Wasser und Abtrocknen zu subern sind. Da es nun aber Messer
mit einer scharfen Schneide nicht gibt, so kann es selbstverstndlich auch
keinen Braten geben. Das Roastbeef und das Geflgel macht man durch
Zerreien zwischen Gabel und Messer einigermaen mundgerecht. Im
allgemeinen aber richtet man die Speisen lieber gleich in einer
breifrmigen Gestalt her, soda sie nur einfach in den aufgesperrten
Rachen hineingeschaufelt zu werden brauchen; man spart damit auch viel
kostbare Zeit.

Vorlufig findet ja noch ein starker Zustrom von slawischen,
sdeuropischen und westasiatischen Vlkerschaften statt. So lange diesen
noch nicht der Knopf aufgegangen ist, d. h. so lange sie sich ihrer
Bedeutung als selbstherrliche Brger der glorreichsten Republik der Welt
nicht bewut sind, geben sie sich ja noch teils aus Hunger, teils aus
angeborener Knechtseligkeit zu Kellnern, Hausmdchen und dergl. her. Aber,
wie gesagt, immer nur bis der bessere "Job" auftaucht, dann gesellen sie
sich alsbald der stolzen Klasse der selbstndigen Unternehmer zu. Wenn nun
aber einmal das Land voll ist, so da es seine Tore vor den Einwanderern
zusperren mu - wer soll dann all die husliche und sonstige, niemals
vllig aus der Welt zu schaffende Handarbeit verrichten? Ich legte diese
kniffliche Frage auch meinem hochverehrten Gastfreunde in Ithaka, Andrew
D. White, dem frheren Botschafter in Berlin, vor. Er wiegte bedenklich
seinen schnen weien Gelehrtenkopf, und dann gab er mir verschmitzt
lchelnd zur Antwort: "Ja, sehen Sie, wir Amerikaner sind eben Optimisten.
Wir sagen: es ist noch immer gegangen, und dies wird auch gehen, so oder
so. Warum sollen wir uns die Kpfe unserer Enkel zerbrechen?"

(M36)

Hm! allerdings - man hat schon Bronzemesser eingefhrt und auf Braten
verzichtet; man kann sich ja das Bett, das man jetzt schon allgemein
abends selber aufdecken mu, auch morgens selber machen; man kann auch
seine Frau hinten zuknpfen, ohne an seiner Mannesehre Schaden zu leiden,
aber man kann schlielich doch nicht auf Wohnen, Schlafen, Essen,
Kinderkriegen und Sterben im eignen Heim gnzlich und unter allen
Umstnden verzichten. Und alle diese Notwendigkeiten setzen doch
wenigstens unter gewissen Verhltnissen die Hilfe von Leuten voraus, die
nicht gerade akademische Bildung oder ein Scheckkonto auf der Bank zu
besitzen brauchen. Wo sollen die herkommen, wenn alle Amerikaner erst
einmal selbstndige Unternehmer geworden sind?

Ich mu gestehen, mein beschrnktes Europergehirn ist, so oft es ber
diese Frage nachgedacht hat, schlielich immer wieder zu demselben Schlu
gekommen: _Die selbstlosen Idealisten der Vereinigten Staaten haben die
Sklaverei mindestens 100 Jahre zu frh aufgehoben!_





                        DIE KOCHKUNST DER YANKEES.


Da ich mich in meinem vorigen Kapitel mit Kchinnen beschftigt habe,
drfte es angebracht sein, im Anschlu ein wenig in die amerikanische
Kche hineinzuleuchten. Nach dem unzweifelhaften Wahrwort, da der Weg zum
Herzen des Mannes durch den Magen fhre, drfte es noch sehr lange dauern,
bevor Dame Dollarica sich in der kulinarisch gebildeten Mnnerwelt einer
auch nur annhernd hnlichen Beliebtheit erfreut wie Madame Marianne oder
die Commare Italia oder die nahrhafte Tante Austria. In Dingen des guten
Geschmacks tut es eben der Reichtum allein nicht, sondern die groe
Vergangenheit einer aristokratischen Kultur, und innerhalb dreier lumpiger
Jahrhunderte entwickelt sich keine neue Rasse von Fressern zu Speisern.
Wie lange ist es denn berhaupt her, da sich die Besiedler der neuen Welt
des Segens sicherer behaglicher Huslichkeit erfreuen? Viele der jetzt
ppig blhenden Grostdte sind ja erst ein paar Jahrzehnte und nur ganz
wenige ber ein Jahrhundert alt. Der wsten Raubbau treibende
angelschsische Kolonist, der meist unbeweibt in selbstgezimmertem
Blockhause hauste, briet sich ber dem offenen Feuer am Spie seinen
Fetzen Fleisch und manschte sich aus den ihm zugewachsenen Zerealien
irgend etwas zurecht, was einer geniebaren Speise vielleicht entfernt
hnlich sah. Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die weibliche Zuwanderung
sich hob, fanden die mit der Kochkunst einigermaen vertrauen Frauen -
unter den Britinnen sind sie nicht besonders hufig - eine Mnnerwelt vor,
die einfach mit allem zufrieden war, was ihr vorgesetzt wurde. Erst in
neuester Zeit, als die Vereinigten Staaten willige und splendid zahlende
Abnehmer fr alle Luxusprodukte der alten Welt wurden, begannen auch
bewhrte Meister der Kochkunst ber den Ozean zu ziehen; aber die traten
selbstverstndlich nur in den Dienst der vornehmsten Hotels, der teuersten
Restaurants und der Milliardre ein und konnten folglich nicht fr die
breite Masse des mig begterten Brgertums erziehlich wirken. Die
amerikanischen Esser sind die dankbarsten der Welt, weil ihnen im
Vergleich zu ihrer barbarischen Kche natrlich die Speisekarte der
Kulturvlker lauter berraschende Offenbarungen bietet.

(M37)

Die unkultivierte Kindlichkeit des Geschmacks offenbart sich denn auch in
Amerika nirgends deutlicher als auf dem Gebiete der Kche. Das
Haupterfordernis der Ebarkeit ist fr den Yankee die Se. Alles, was s
ist, schmeckt ihm ausgezeichnet. Bezeichnenderweise ist es mir trotz
grter Mhe nicht gelungen, irgendwo in den Vereinigten Staaten ein
Mundwasser aufzutreiben, das nicht schauderhaft verzuckert gewesen wre.
So ist Sigkeit das erste, was der Yankee, sobald er sich dem Schlaf
entwunden, in den Mund bekommt. Seinem ersten Frhstck geht der Genu von
Frchten: Orangen, Grapefruit oder Melonen voran, die unter einem Berge
von Streuzucker mit dem Lffel hervorgegraben werden. (Nebenbei gesagt:
das Fruchtessen vor dem Frhstck ist die einzige nationale Speisesitte,
die ich Europern zur Nachahmung empfehlen mchte. Die wundervoll saftige
Grapefruit mit ihrem Chiningehalt besonders ist hchst erfrischend und
bekmmlich.) In einem ppigeren Haushalt ist schon der Frhstckstisch
reicher gedeckt als bei uns manche Mittagstafel. Beefsteak,
Hammelkotelette, Fischgerichte, kalter Aufschnitt verschiedenster Art
werden von den Mnnern bevorzugt, whrend die Frauen und Kinder eine groe
Auswahl der zum Teil wunderlichsten Eier- und Mehlspeisen zur Verfgung
haben. Weizen, Korn, Gerste, Mais, Hirse, Buchweizen, Hafer, Reis, kurz:
alle erdenklichen Getreidearten erscheinen in der Form von Grtze,
Graupen, Flocken, Fden oder papierdnnen Schnipfeln, roh, gekocht oder
gerstet und werden grtenteils mit Rahm und sehr viel Zucker angerhrt.
Dnne Eierkuchen werden mit bersen Fruchtsften bergossen, und der
Toast sowie die meist gleichfalls sen Semmeln mit Fruchtgelees und
Marmeladen bestrichen. Diese Vorliebe fr den Genu von Sigkeiten von
Tagesanbruch ab ist aber durchaus nicht etwa auf die Frauen und Kinder
oder auf die wohlhabenden Klassen beschrnkt, sondern sie ist ganz
offenbar eine nationale Raserei.

Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Cafs im Wienerischen Sinne. Als
ich daher einmal auf dem Broadway ein Wirtshausschild mit der Aufschrift
"Coffeehouse" erblickte, strmte ich begeistert in das Lokal. Es war eine
groe reinliche Halle, die Diele mit Sand bestreut, ohne Tische und
Sthle, nur den Wnden entlang zogen sich Holzbnke, die durch
Zwischenwnde in einzelne Sitze eingeteilt waren, und auf diesen
trennenden Seitenwnden waren gengend breite, rund geschnittene Bretter
angebracht, um eine Tasse und einen Teller daraufstellen zu knnen. Am
Kopfende der Halle befand sich ein riesiges Buffet, auf dem die
herrlichsten Kuchen und Torten aufgebaut waren, sowie zwei blitzblanke
vernickelte Samovars fr Tee und Kaffee. Das Publikum dieses eigenartigen
Kaffeehauses bestand aber ausschlielich aus Droschkenkutschern,
Chauffeuren, Messenger Boys, Policemen und Arbeitern. Keine Frau betrat
das Lokal. Kaffee gab es reichlich und anstndig, und den ganz
vorzglichen und fr New-Yorker Verhltnisse sehr billigen Schaum- und
Fruchttorten, Apfelkuchen mit Schlagrahm und Minced Pie sprach dieses
robuste Mannsvolk mit dem Behagen schleckermuliger Schuljungens zu.

(M38)

Die eigentliche Nationalspeise ist keineswegs das Roastbeef oder der
hochfestliche _Turkey_ (Puter), sondern der _Icecream_, das Gefrorene.
Icecream wird Winters und Sommers von mittags bis Mitternacht verzehrt von
Alt und Jung, von Hoch und Niedrig; Icecream besnftigt die ungebrdigen
Suglinge; Icecream gilt als Vorspeise, als Dessert, als Kompott sogar; er
kehrt bei groen Diners mehrmals im Laufe der Speisenfolge als
Zwischenaktsmusik wieder, er ersetzt den verpnten Alkohol und bewirkt,
da die Amerikaner sich der besten Zahnrzte der Welt erfreuen - denn das
schroffe Durchsetzen siedheier Suppen und glhender Breie mit Eiswasser
und Icecream knnen selbst die besten Gebisse nicht vertragen. Der Schmelz
springt ab, und die vom ewigen Zuckerschleimstrom umsplten, schutzlosen
Zhne sind der Karies rettungslos preisgegeben. Infolgedessen hat
jedermann fortwhrend den Zahnarzt ntig, und man braucht sich nicht zu
wundern, Kanalausrumer und schmierige Nigger mit so viel Gold im Munde zu
sehen wie die kstlichste Maimorgenstunde.

(M39)

Ich habe bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, wie durch den
Mangel an Dienstpersonal die Kche und die Tafelgewohnheiten beeinflut
werden. Ich bemerkte, da durch den Mangel an scharfen Messern mit schwer
zu putzenden Stahlklingen ein Braten zu einer schwer zu bewltigenden
Speise geworden sei. Folglich kommen gekochtes Rindfleisch, Schmorbraten,
Sauerbraten, Kalbs- und Hammelsrcken oder Schlegel so gut wie gar nicht
auf den Tisch. Das nationale angelschsische blutrnstige Roastbeef,
drben jedoch nicht so, sondern _Prime rib of Beef_ genannt, mu man von
der Gabel mittels des stumpfen Bronzemessers abzustemmen versuchen, wenn
man nicht vorzieht, den ganzen Fladen in den Mund zu nehmen und mittels
der Gabel oder der Finger durch die Zhne zu ziehen. brigens sind diese
Ochsenrippenstcke neben den sehr ppigen und teuren Rinds- und
Hammelsteaks das einzige gebratene Fleisch, welches wirklich schmackhaft
zubereitet zu sein pflegt, whrend Kalbskoteletten und Schnitzel meistens
ungeniebar sind. Als niedliches Kuriosum mchte ich erwhnen, da ich
einmal bei einem Sonntagsdiner Honig als Kompott zum Roastbeef angeboten
bekam! Geflgel wird sehr viel mehr als bei uns gegessen. Es wird zu
unwahrscheinlichen Dimensionen herangezchtet. Ich habe Hennen gesehen,
die so hoch waren wie ein Storch und so fett wie ein Mops; aber das
Fleisch dieser abnorm groen Tiere ist dafr auch wenig zart, und die
Keulen besonders bekommen einen ganz anderen Charakter als das
Brustfleisch; es wird beim Braten braun und mrbe, whrend das weie
Fleisch trocken und charakterlos bleibt. Meistens wird einem aber der
Genu selbst eines wohlgeratenen jungen Hahns durch eine pappige, sliche
Mehltunke verkmmert. Da das Tellerabwaschen die Geduld des feinnervigen
Kchenpersonals auf eine zu harte Probe stellen wrde, so mu man sich,
wenigstens in Haushaltungen bescheideren Stils, die ganze Mittags- oder
Abendmahlzeit einschlielich des Kompotts auf ein und denselben Teller
packen. In dem Boardinghouse bester Art, in dem wir in New-York wochenlang
lebten, bestand die sonderbare Sitte, da nach der Suppe warme Teller mit
einem Kleckschen Fisch, etwa von Daumendicke und -lnge, verabfolgt
wurden, selbstverstndlich in einer seimig-sen Sauce versteckt.
(brigens sind die Fische des Atlantischen Ozeans auf der amerikanischen
Seite wenig schmackhaft; wirkliche Delikatessen findet man nur unter den
Flu- und Sseefischen.) Nachdem der Fischbissen verschluckt,
beziehungsweise mitrauisch auf den hohen Rand geschoben war, wurde der
ganze Tisch voll kleiner Platten gestellt: verschiedene Fleischsorten
verwischten Charakters, unseren Klopsen, falschen Hasen, Bouletten,
Rouladen und dergleichen hnlich, in irgendeiner mehlweien oder
kapuzinerbraunen Schmiere halb versunken, das unvermeidliche Chicken, dazu
verschiedene Gemse, unter denen grne Erbsen, Lima-Bohnen und Blumenkohl
die geniebarsten, sowie Kartoffeln in mehrerlei Aufmachung, in der Schale
im ganzen gebacken - man bricht sie auf und schlt sie mit dem Teelffel
heraus; recht empfehlenswert - oder als Brei, oder kloartig, oder
gebraten. Niemals fehlen auf dem Tische die beliebten _Sweet Potatoes_,
Gebilde von Gurkenausdehnung, vor denen ich Fremdlinge eindringlichst
warnen mchte, denn sie sehen wie gezuckerte Glyzerinseife aus und
schmecken leider auch so hnlich.

All diese Genumittel, noch um diverse eingekochte Frchte vermehrt,
arrangiert man sich nun nach Geschmack und Talent auf seinem Fischteller,
und man kann von Glck sagen, wenn einem die Grten nicht in die grnen
Erbsen, das Kompott nicht in die ausgehhlte Kartoffelpelle und die
Hhnerknochen nicht in den falschen Hasen geraten. Echte Hasen gibt es
berhaupt nicht. Der Ersatz dafr, und berhaupt das einzige einheimische
Wild, ist das hasenfarbige _Rabbit_ (Kaninchen), das die Natur da drben
aus Kautschuk verfertigt zu haben scheint - mglicherweise wird es aber
auch aus Abfllen der Schuhfabrikation knstlich hergestellt. Alles brige
Wild haben die begeisterten Freischtzen in den kultivierteren Staaten
schon lngst abgeschossen - bis auf die Ratten und die Klapperschlangen.
Hat man die ebaren Bestandteile der wsten Speisenaufhufung auf seinem
Universalteller herausgefuttert, so bilden die berbleibsel ein sthetisch
reizvolles Stilleben. Sind sie endlich entfernt, so erscheint als eiserner
Bestand jedes amerikanischen Mens sowohl im Hotel ersten Ranges, wie auf
dem einfachsten brgerlichen Mittagstisch der Salat, der niemals in einer
Schssel herumgereicht, sondern immer fertig auf winzigen flachen
Tellerchen einem vorgesetzt wird. Mich wundert, da noch kein
Yankeedichter diesen Salat besungen hat, denn in ihm feiert die Phantasie
des amerikanischen Kochknstlers orgiastische Triumphe.

(M40)

Ich glaube, es gibt in den drei Naturreichen nichts, was nicht in solch
einem amerikanischen Salat zu finden wre. Den Grundstock bilden ein bis
drei groe grne Bltter, die nicht unbedingt der Salatstaude zu
entstammen brauchen. Darauf werden einige Tropfen Essig und l geschttet
und auf dieser Unterlage ein mehr oder minder khner Aufbau von allem
mglichen und unmglichen Sem, Sauerem, Salzigem, Bitterem, Hartem,
Weichem, Flssigem, Geniebarem und Ungeniebarem vollzogen. In einem
feinen Hause, in dem sich die Hausfrau selbst auf ihre Kochkunst viel
zugute tat, wurde beispielsweise eine solche Salatdichtung mit
auerordentlichem Beifall beehrt, deren Komposition ich dem Augenschein
und der Zunge nach ungefhr folgendermaen analysieren mchte: zwei
Bltter Salat mit je fnf Tropfen Essig und l, darauf eine Scheibe
frische Tomate, eine viertel Scheibe Ananas, etwas weies Hhnerfleisch,
einige Scheiben Radieschen, einige gepickelte Erbsen und Karotten, ein
Klecks Butter, mit Streuzucker durchgerhrt, ein Teelffel
Schokoladencream und eine Rumkirsche als Turmknopf oben drauf.
Totaleindruck auf Zunge und Gaumen zauberhaft; schmeckt - wie mein Freund,
der Rechtsanwalt in Landau, sagen wrde - wie l und Werg! Diese
kulinarische Offenbarung erfolgte aber, wie gesagt, in einem Hause, dessen
Herrin ihren Xenophon in der Ursprache zu lesen vermochte. In minder
gebildeten Familien ist man natrlich weniger whlerisch und verwendet zur
Salatbereitung die nchstliegenden Gegenstnde, also in erster Reihe die
mehr oder minder traurigen berreste frherer Mahlzeiten, soweit sie
ebaren Naturprodukten einigermaen noch hnlich sehen. Fehlt es aber zum
Beispiel an gepickelten Spargelspitzen, so kann man dazu auch einen klein
geschnittenen Spazierstock verwenden, da die Spazierstcke drben auer
Mode gekommen sind, und statt der Fleischbeigaben die Reste in Gedanken
stehen gebliebener Gummigaloschen, die die Trffel tuschend ersetzen,
zumal, wenn sie vorher in sauren Rahm eingelegt und dann mit braunem
Zucker kandiert werden. Salat von Fischgrten, Kalmus und Bananen, mit
roten Pfefferschoten und Knallerbsen garniert, soll auch sehr gut sein;
ich habe ihn aber nicht gegessen, sondern nur nach einer besonders
anregenden Mahlzeit - ertrumt!

Den Fruchttorten, die man an Stelle der Mehlspeisen zum Nachtisch reicht,
wird regelmig ein derbes Stck Kse beigefgt; zu welchem Zwecke, wei
ich nicht. Als ich zum erstenmal diese Zusammenstellung erblickte, steckte
ich den Kse instinktiv in die Westentasche; ich hielt ihn fr ein Stck
Radiergummi, den ich in meinem Geschft immer brauchen kann. Befindet sich
Obst auf dem Tische, so nehme man sich davon beizeiten und reichlich,
flle auch womglich seinen Pompadour damit an, denn alles Obst ist in
Amerika von ganz vorzglicher Qualitt - und man wei ja nie, wie's kommen
mag! Was meine Person betrifft, so mu ich gestehen, da ich mich whrend
der ganzen Boardinghouse-Periode kmmerlich von Austern und Hummern
genhrt habe, denn die sind von unvergleichlicher Gte, Gre und
Nahrhaftigkeit und nebenbei auch das einzige amerikanische Produkt, das
man - neben Stiefeln - als billig bezeichnen kann. Europer von noch nicht
gengend fortgeschrittener Perversitt mchte ich jedoch vor den _Clams_
warnen, einer kleinen, lachsfarbenen Muschelart, deren penetranter
Nachgeschmack einen besseren Neurastheniker zum Selbstmord verfhren
knnte.

Die raffinierten Schlemmer unter den Yankees sind brigens sehr selten,
und ihre Begierde wandelt andere Pfade wie die des europischen Genieers.
Im vornehmsten Hotel in Buffalo "Zum Irokesen" sollte ich zum erstenmal
die Bestimmung eines geheimnisvollen Utensils kennen lernen, das mir schon
in vielen Hotels und Restaurants aufgefallen war: ein massives, etwa einen
halben Meter hohes, zylindrisches Silbergert mit einer oben
herausragenden, durch einen derben Querbalken bettigten Schraube. Ein
einsamer Speiser lie sich an einem Nebentisch nieder, dessen Bestellung
sogleich eine Menge Kellner in aufgeregte Bewegung versetzte. Offenbar war
dieser wuchtige Geselle mit dem rmischen Imperatorenkopf ein Genieer
hherer Grade. Nach lngerer Zeit brachte man eine groe verdeckte
silberne Schssel, die auf ein Spiritusrechaud gestellt wurde. Zwei
Kellner trugen dann jenen rtselhaften schweren Silbergegenstand herbei
und schraubten dessen obere Hlfte ab. Darauf hob der Oberkellner mit
feierlicher Miene den Deckel der Silberschssel auf und spiete von den
beiden darunter befindlichen, leicht angebratenen Vgeln (Enten waren es
meiner Meinung nach) einen auf und pfropfte ihn mit Mhe in jenen Zylinder
hinein, worauf das Oberteil wieder aufgesetzt und nunmehr die Schraube mit
Anstrengung beider Hnde bettigt wurde. Aus einer Ausfluffnung am Boden
des Gefes rann dickes, schwrzliches Blut in eine vorgehaltene Schale.
Dieses Blut wurde mit allerlei Gewrzen angerhrt und schlielich als
Sauce ber den anderen halb rohen Vogel gegossen. Dieses kannibalische
Gericht verzehrte der Einsame mit dem Gleichmut eines Lukull. Ich erinnere
mich nicht, ob er Tee dazu getrunken hat. Zu verwundern wre es weiter
nicht gewesen, da der Yankee auch die opulentesten Mahlzeiten mit
Eiswasser, Tee oder Kaffee hinunter zu splen pflegt.

(M41)

Der Fremde, dessen Mittel nicht ausreichen, in erstklassigen Hotels und
Restaurants zu speisen, und der sich mit der Yankeekche gewhnlichen
Schlages nicht zu befreunden vermag, fhrt am besten, wenn er sich in
eines der zahlreichen, meist billigen und einfach gehaltene Speisehuser
begibt, die seine heimische Kche pflegen. Man kann in dem teuren New
York, und wohl auch in den meisten der ganz groen Stdte, franzsisch,
deutsch, italienisch, griechisch, polnisch, ungarisch, chinesisch und
koscher essen. Namentlich an guten, sehr billigen italienischen Lokalen,
in denen es noch einen trinkbaren Wein gratis gibt, ist in New York
wenigstens kein Mangel. Dagegen habe ich wienerische Speiserestaurants
ebenso schmerzlich wie Wiener Cafs vermit. Ich meine, hier wre noch
eine Kulturmission fr die Einwanderer der sterreichischen Kronlnder zu
erfllen. Wenn ich drben irgendwo ein Stck Rindfleisch mit Beilage, wie
bei Meisl & Schaden, vorgesetzt bekommen htte, ich htte es knieend
verzehrt und hernach stehend die sterreichische Nationalhymne gesungen.
Und die Einfhrung des Berliner Systems Kempinski, nmlich eine groe
Auswahl von Gerichten in tadelloser Qualitt zu einem sehr billigen
Einheitspreis zu geben, knnte eine Revolution des Ernhrungswesens drben
hervorbringen. Bis dahin mu der deutsche andachtsvolle Genieer mit
heier Liebe seine wohlhabenden Landsleute umbuhlen, denn es sind drben
fast allein die Deutschen, die den Schwerpunkt ihres gesellschaftlichen
Ehrgeizes auf eine gute Tafel im heimatlichen Stil verlegen.

(M42)

Beim richtigen Yankee scheinen es brigens nicht die Geschmackswarzen zu
sein, welche ihm den Genu beim Essen vermitteln, sondern vielmehr die
Kinnbacken und die Speicheldrsen. Das Kauen und das Schlucken an sich
macht diese einfachen Naturkinder glcklich. Wer zum erstenmal nach den
Vereinigten Staaten kommt, kann sich nicht genug darber wundern, hier
einem Volke von Wiederkuern zu begegnen. In der Straenbahn, in den
Geschften, in den Vergngungslokalen wie auf der Strae sind die
Kauwerkzeuge dieser seltsamen Nation in unausgesetzter Bewegung, und ein
Widerschein von Zufriedenheit berstrahlt von dieser Kinnbackenbettigung
aus die Gesichter. Junge hbsche Ladnerinnen kauen, wenn sie mittags zum
Lunch gehen und wenn sie vom Lunch ins Geschft zurckkehren. Die Soldaten
kauen beim Exerzieren; sie wrden sicher auch kauend ihre Schlachten
schlagen. Der gesetzte junge Mann mit ernsten Absichten kaut, wenn er
seine Liebeserklrung macht, und seine Erwhlte erwidert errtend: "Mum
mum mum - tschap tschap, sprechen Sie mit Mama." Und der gewaltige, 125
Kilo schwere Schutzmann rennt kauend dem Dieb nach und packt ihn beim
Kragen mit dem Ausruf: "Dscham dscham - ich verhafte Sie - mum mum - im
Namen des Gesetzes!" Ein Stckchen gezuckerter Gummi (_Chewing Gum_)
zwischen die Backzhne geschoben, beglckt alle diese Leute wie den
Seemann sein Priemchen und wiegt sie in die freundliche Tuschung ein, in
der besten aller Welten zu leben. Wre Cartesius als Yankee zur Welt
gekommen, er htte sicher sein berhmtes "cogito ergo sum" abgewandelt in:
"Ich kaue, folglich bin ich."





                          KNSTLERISCHE KULTUR.


Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter Geister hat das neue
Volk in der Neuen Welt, wie es scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen
Schnheitssinn zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse
imponiert, was viel gekostet hat, das mu nach den Begriffen des
Durchschnittsamerikaners auch schn sein.

(M43)

Es ist mir als hchst bezeichnend aufgefallen, da selbst hochgebildete
Leute enttuschte Gesichter machen, wenn der Fremde, der zum erstenmal
durch New York gefhrt wird, sich weder durch die berhmten Wolkenkratzer,
noch durch die Verschwendung herrlichen echten Materials an ffentlichen
Prachtbauten, noch etwa durch die glnzende elektrische Lichtreklame fr
sthetisch besiegt erklrt. Allerdings vermgen diese himmelhohen Kasten
mit den unzhligen Fensterlchern unter Umstnden schn zu wirken. Wenn
man zum Beispiel vom Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der
Dmmerung oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so knnen sie einen
traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der einen Maler toll und einen
Dichter selig zu machen vermag. Einige von diesen Ungeheuern, wie
vornehmlich das Gebude der Manhattan-Lebensversicherungsgesellschaft,
sind auch an sich hervorragende Kunstwerke, und kein Mensch von Geschmack
wird die ideale Schnheit der neuen Staatsbibliothek in weiem Marmor oder
die Genialitt des neuen Empfangsgebudes der Pennsylvaniabahn bestreiten.
Auch die lustigen Spielereien der beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur
als mechanische Kunststcke, sondern auch als witzige Erfindungen und
farbiger Augenschmaus hchst amsant. Aber all diese Schnheit, Gre und
knstlerisch idealisierte Zweckmigkeit ist nicht einem vorbedachten Plan
organisch eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen lauter
Banalitt und entschiedene Garstigkeit hingestreut. Die Umgebung ist es,
die in weitaus den meisten Fllen die Wirkung der Schnheit des einzelnen
zerstrt. Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem durch die
geographische Lage bedingten beraus vernnftigen und klaren Plane
angeordnet wurde, und immerhin der puritanischen Schnheitsfeindlichkeit
der Neuenglandstaaten weniger unterworfen war, scheint doch der
knstlerische Instinkt gefehlt zu haben. Palste stehen neben den
Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene niedrige Baracken;
entzckende, grnbewachsene gotische Kirchen findet man eingeklemmt
zwischen Metzger- und Grnkramlden, ffentliche Gebude von edlen
Proportionen und mit prchtigen Fassaden neben wsten Kasten fr Bureau-
und Werkstattzwecke, an deren Straenfronten scheuliche rotgestrichene
Feuertreppen im Zickzack hin und her laufen.

Selbst in der Fnften Avenue, der Strae der prunkvollsten Lden und der
Residenz der Milliardre, finden sich noch genug solcher barbarischen
Scheulichkeiten unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die
Nebenstraen, wo die kleinen Einfamilienhuser stehen, zeigen selbst in
den besseren Gegenden ein hchst langweiliges Einerlei. Auch die
nchternsten modernen Stdte Deutschlands, wie Mannheim und Karlsruhe,
fallen den amerikanischen gegenber immerhin noch angenehm auf durch ihre
strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, whrend die enorm reiche
Kommune New York bis heute noch nicht einmal eine anstndige Pflasterung
und Straenreinigung durchzufhren vermochte. Der Fahrdamm der Fnften
Avenue besteht aus Lchern, zwischen denen hier und da aus Versehen ein
Stck Asphalt liegen geblieben ist. Oberflchliche Reparaturen werden in
der Weise ausgefhrt, da man mitten auf der Strae zur Freude der
Gassenbuben in diesen Lchern Feuer anzndet; dann schmilzt der Asphalt
ringsherum, und das Loch bekommt wenigstens abgerundete Rnder. Wem der
Arzt eine Vibrationsmassage gegen Trgheit der Unterleibsorgane verordnet
hat, der braucht nur auf dieser Fnften Avenue - oder besser noch auf den
gepflasterten Hauptstraen des nordstlichen Teiles von Philadelphia -
eine halbe Stunde spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei
der Zirbeldrse und seine Milz unter dem Mastdarm suchen.

Es ist merkwrdig, da derselbe Amerikaner, den das wste Durcheinander in
der Auenseite seiner Stdte so wenig zu genieren scheint, doch fast
durchweg einen so guten Geschmack in seiner Kleidung und
Wohnungseinrichtung zeigt. Allerdings ist fr die Herrenkleidung England,
fr die Frauenkleidung Paris richtunggebend, allein die dortigen Muster
werden doch fr den amerikanischen Geschmack einigermaen abgendert, und
was dabei herauskommt, ist meist zweckmig und apart. In der
Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee auerordentlich konservativ, und
der Kolonialstil ist immer noch magebend. Das moderne deutsche
Kunstgewerbe hat kaum noch irgendwo Einflu ausgebt; dafr sieht man auch
nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittelstande, so stillos
zusammengewrfelte Einrichtungen wie in der Wohnung des zurckgebliebenen
deutschen Spiebrgers. Man hlt zh fest an der guten englischen
Tradition und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung der Wohnrume
als auch die unaufdringliche Schlichtheit der Formen, Harmonie der Farben,
die zusammen den Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen.

(M44)

Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe fr Schaukelsthle. Ich habe
Zimmer angetroffen, in denen berhaupt kein einziger Stuhl fest auf seinen
vier Beinen stand, und wo eine besondere equilibristische Begabung dazu
gehrte, um beispielsweise seine Stiefel zu schnren oder seinen Koffer zu
packen; denn wenn man seinen Fu auf solch ein ungemein niedriges Mbel
setzt, so kippt es nach vorn und rutscht gleichzeitig nach hinten, so da
man also auf einem Bein dem flchtigen Stuhl nachhpfen mu, bis er an der
Wand einen Sttzpunkt gefunden hat. Oder man placiert seinen
aufgeschlagenen Koffer auf die Lehnen zweier gegeneinander geschobener
Rockingchairs und beginnt vergngt das Packgeschft. Sobald der sich
fllende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze berschreitet, neigen sich die
sttzenden Sthle nach innen, der Koffer klappt zu und rutscht zwischen
den Lehnen durch; es ist sehr amsant, unter solchen Umstnden seinen
Koffer zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekanntschaft mit
einladend aussehenden Sitzmbeln gemacht, die nicht nur vor- und
rckwrts, sondern auch seitwrts schaukelten. Auf diesen heimtckischen
Mokiersthlen kann man sich ebenso famos fr das Kamelreiten trainieren,
wie auf den einfachen Rockers fr die Seefahrt. Vermutlich haben die immer
praktischen Amerikaner auch diesen Nebenzweck im Auge.

So nett und gemtlich nun auch eine solche amerikanische
Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch uns deutschen
Erzindividualisten recht bald langweilig, weil sie eben berall dieselbe
ist. Ich spazierte einmal mit einem jungen deutschen Gelehrten die _Common
__Wealth Avenue_ in Boston hinunter - nebenbei bemerkt eine der schnsten
Straen, die mir berhaupt in Amerika aufgefallen sind. Es befinden sich
hier nur vornehme Familienhuser, die als besondere Eigentmlichkeit groe
Spiegelscheiben im Erdgescho aufweisen. Man kann also von der Strae aus
in das Treppenhaus und das Parlor hineinsehen. Ich freute mich des schnen
schmiedeeisernen Gitterwerks, das diese wohlhabenden _Homes_ von der
Strae abschlo, der prchtigen Tren und anderer reizvoller Einzelheiten.
Da unterbrach mein Begleiter meine Lobeshymne mit den Worten: "Was wollen
Sie wetten? Unter den zwlf nchsten Husern von hier aus finden wir
mindestens sechs, in denen wir durch die Fenster genau dieselbe innere
Einrichtung konstatieren knnen." Und richtig, so war es auch. Aber nicht
nur in sechs, sondern in neun von diesen Husern stand berall in
derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Sule mit demselben Blumenkbel
darauf und derselben Palme darin, genau an derselben Stelle derselben Wand
befand sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende Sofa mit
den Portrts der Eltern oder Groeltern darber usw. usw. Immerhin kann
man sich diese ermdende Uniformitt gefallen lassen, da sie doch
wenigstens einen guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbrgt.
Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich nur in den
Palsten ungebhrlich rasch reich gewordener Emporkmmlinge - gerade wie
bei uns.

(M45)

Merkwrdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in den meisten seiner
Vergngungen und knstlerischen Bettigungen doch noch recht unkultiviert
zeigt, in anderer Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack und
hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der Malerei, in der
Photographie, im Buchgewerbe. Whrend die amerikanischen Museen zum
weitaus grten Teile noch das sehr zweifelhafte Kunstverstndnis ihrer
freigebigen Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander von Kitsch
und Kunst bieten, begegnet man in den Ausstellungen moderner Knstler
einer sehr respektablen Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden
Entwicklung der Plastik kann selbstverstndlich in einem Lande, das die
Scheu vor der Nacktheit in der Kunst lngst noch nicht berwunden hat,
keine Rede sein. Ich habe mir sagen lassen, da auf der Weltausstellung in
Chicago zum erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauenkrper als
Karyatiden zu sehen gewesen seien! Ein biederer Farmer war von diesem
vllig neuen Anblick dermaen gefangen, da er berhaupt fr nichts
anderes in der ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die Augen
starr in die Hhe gerichtet, von Saal zu Saal schritt und dabei
kopfschttelnd vor sich hinseufzte: "_Oh good Lord, what tits, what
tits!_"

Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete allegorische Figur, die sich
in der ffentlichkeit zu zeigen wagt, einen heftigen Kampf mit der
Geistlichkeit und den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen, wenn
auer etlichen anstndigen Portrtstatuen, naturalistischen Kriegergruppen
und Reitermonumenten von bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten
nichts zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir persnlich
in den Weg gekommen ist, war das Kriegerdenkmal in Easton (Pennsylvania):
auf einer sehr hohen schlanken Sule ein moderner Militrtrompeter; und im
Schalltrichter seines Instrumentes erglhte nachts eine elektrische Birne!

(M46)

Allerdings haben die amerikanischen Knstler ihre Techniken vom Auslande
gelernt und stark eigenartige Glanzleistungen auch nur in den bildenden
Knsten sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist ihnen bis
jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert worden. Und selbst die einzige
musikalische Spezialitt, die sich zurzeit als echt amerikanisch
ansprechen lt, nmlich das Volkslied der Neger und der _Ragtime_
(eigenartig verschobener synkopierter Rhythmus fr Tnze und derbe
Couplets), ist doch auf schottischen und irischen Ursprung zurckzufhren.
Es lt sich aber nicht leugnen, da fr gute Musik heute schon ein recht
groes und verstndnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man bedenkt, da
an der Geschmackserziehung des amerikanischen Hrers erst seit wenigen
Jahrzehnten von europischen Knstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es
doch wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, da man heute schon den
"Parsival" vor einer andachtsvoll ergriffenen Zuhrerschaft geben kann,
und da Konzertprogramme, die ausschlielich aus Beethoven, Brahms, Hugo
Wolf und hnlichen anspruchsvollen Namen bestehen, groe Scharen anziehen
und begeistern. Allerdings finden bei einer groen Masse selbst der
hheren Schichten auch stillose Programme, in denen rgste Banalitten mit
echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall - aber knnen wir das
in Deutschland nicht auch erleben? Der Unterschied ist wohl nur der, da
bei uns kein Knstler von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen wrde,
dem schlechten Geschmack des Publikums solche Konzessionen zu machen. Wir
Deutschen drfen uns rhmen, auf musikalischem Gebiet uns die
Meistbegnstigung fr unseren Import von Kunstwerken, Knstlern und
Lehrern erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen deutschen
Musikanten aber auch arbeiten mssen, in welchen harten steinigen Boden
haben sie oft ihre Pflugschar drcken mssen, um berhaupt erst den Boden
fr ihre Saat zu bereiten.

Ich habe in der Person des Sngers Max Friedrich einen solchen Veteranen
von einem deutschen Musikpionier kennen gelernt. Als er vor 20-30 Jahren
hinauszog, um den Leuten des kunstversimpelten Ostens, wie den
lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens Schubert und Schumann, Lwe
und Franz vorzusingen, da ghnte und hhnte man ihn aus. Aber er lie
nicht locker, er lie sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen von
seiner heiligen berzeugung wegdisputieren. Ihm und einigen Wenigen
seinesgleichen ist es zu verdanken, wenn heute ein ernster Knstler mit
einem vornehmen Programm sich berall in der ganzen Union hren lassen
kann, ohne frchten zu mssen, von entrsteten Cowboys mit dem Schieeisen
vom Podium gejagt zu werden.

Talent und Liebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht sprlich aus
amerikanischem Boden hervor. Weder die Zuchthusler und Abenteurer in der
Zeit der Flegeljahre der neuen Welt, noch die frommen Pilgervter haben
irgendwelche Keime zur knstlerischen Entwicklung mit herbergebracht. Und
bis die groen Kriege durchgekmpft, die Naturschtze erschlossen, das
ungeheure Land bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang gebracht
worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf ums Dasein viel zu viel zu
tun, um Mue zu knstlerischer Bettigung zu finden. Gegenwrtig ist diese
Mue freilich schon fr viele vorhanden, aber die Kunst hat dort noch
keinen rechten Boden, weil in der Masse des Volkes noch kein wirkliches
Bedrfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung von der Wichtigkeit der Kunst als
Kulturfaktor ist bisher nur einer kleinen Auslese von Hchstgebildeten
aufgegangen, die groe Masse jedoch sieht in ihr nur einen schmckenden
Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In der alten Welt entfaltete sich
alle Kunst auf dem Boden uralten, oft umgeackerten und gedngten
Kulturlandes. Sie wurzelt in der frhesten Vergangenheit der Vlker, in
deren untersten Schichten, und ihr Wachstum strkte sich an den Hemmungen,
die sie zu berwinden hatte. Auerdem kann Kunst unmglich von einem Volke
hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine aristokratische
Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre Knstler ist ein geborener
Aristokrat, der zwischen sich und den Viel zu Vielen, den Banausen und
Philistern, eine hochmtige Scheidewand errichtet.

Die demokratische Anschauung von der Gleichheit der Menschen ist dem
Instinkt des Knstlers ein Greuel. Und selbst jene naivste Bettigung
schaffender Phantasie, die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre
Gesetze, ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in uralten
Zeiten knigliche Snger aufstellten. In der Neuen Welt aber, in der eine
historische Entwicklung in unserem Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo
immer gegenwrtige Resultate eines langsamen Werdegangs aus der Alten Welt
fertig bernommen wurden, ist das Entstehen einer originalen Kunst
vernnftigerweise auch noch gar nicht zu erwarten. Die Yankees, als
Abkmmlinge der britischen Einwanderer, haben selbstverstndlich eine
angeborene Vorliebe fr die englische Kunst und werden die von dort
empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die Nachkommen der deutschen
Einwanderer sich instinktmig an die deutschen Vorbilder klammern werden.
Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird natrlich ihren
Einflu auf die Malerei, die eigenartigen Lebensbedingungen der Neuen Welt
auf die Architektur einen bestimmenden Einflu ausben. Darum ist es
selbstverstndlich, da in diesen beiden Knsten zunchst eigenartige
Leistungen zu erwarten und ja auch gegenwrtig schon vorhanden sind.
Dagegen kann man von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt,
auch keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum mindesten
mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache gebunden, da allein schon aus
diesem Umstande der bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne
weiteres begreifen lt. Das schliet natrlich nicht aus, da geborene
Amerikaner ganz hervorragende Leistungen auf Kunstgebieten vollbringen
knnen, deren auslndische Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben
und deren inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die
Vlkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehrt und eine wirkliche
chemische Durchdringung der verschiedenen Rassenelemente stattgefunden
haben wird, kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele entwickeln,
aus der dann folgerichtig auch eine originale amerikanische Kunst
hervorgehen mte.

(M47)

Wie die Dinge heute noch liegen, wre aber beispielsweise ein jugendlicher
Yankee, der sich freiwillig dazu hergeben mchte, das Hungerleiderdasein
eines deutschen oder franzsischen Poeten zu fhren, eine undenkbare
komische Figur. Der poetisch begabte Jngling fngt drben mit der
Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem soliden
Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Erfolg, so probiert er es eben
mit einem anderen. Schwerlich wird es ihm einfallen, sich trotzig wider
den Geschmack der Zeit und der groen Masse aufzulehnen. Auch wenn er
Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er sein Publikum nicht
rcksichtslos damit erschrecken, sondern es allmhlich vorzubereiten
suchen. Die Beschftigung mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen
Dingen ist eben drben ein vornehmer Zeitvertreib fr Ausnahmemenschen,
besonders also fr solche, die keine Sorge um das tgliche Brot mehr
drckt. Man setzt auch voraus, da der Mann, der einen Beruf aus dem
Dichten, Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentleman sei,
also ein gut angezogenes Mitglied der auserwhlten Gesellschaft mit
normalen Manieren und auch einigermaen normalen Gesinnungen. Es ist
bezeichnend, da der Name _Bohemiens_, der fr Knstler- und
Literatenklubs besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen recht
wohlhabender Mnner gewhlt wird, die es sich leisten knnen, ihre
festlichen Sitzungen in den vornehmsten Hotels abzuhalten und dazu nichts
als franzsischen Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon
deshalb drben unmglich gedeihen, weil es keine Kaffeehuser gibt. Es
kommt vorlufig auch noch selten vor, da knstlerische, besonders
literarische Talente aus den untersten Volksschichten hervorgehen, weil in
denen noch alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet ist.
In New York gibt es allerdings einen hervorragenden Dichter, der Sattler
und Tapezierer ist - Hugo Bertsch heit er - aber der schreibt Deutsch und
ist aus Reichelsheim i. O. gebrtig.

Bemerkenswert ist, da einer der wenigen jungen Dramatiker, die damit
begonnen haben, sich von der herrschenden Prderie und Konvention
freizumachen und die amerikanische Bhne fr moderne Probleme zu erobern,
nmlich der anderwrts von mir schon erwhnte Walter von unten
heraufgekommen ist, gehrig gehungert und im Zentralpark gepennt hat,
bevor er bekannt wurde. Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack
London, der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer Frbung
auszeichnet, hat als Goldgrber angefangen, obwohl er eine gute
wissenschaftliche Bildung genossen hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn
gleichfalls als Goldgrber und bettigte sich nacheinander als Lehrer,
Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur wurde. Auch
Mark Twain begann als Setzer und wurde dann bekanntlich Lotse auf dem
Mississippi. Edgar Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber
wegen schlechter Auffhrung von der Universitt und der Militrakademie
relegiert und desertierte aus der Armee, bevor er sich zu dem berhmten
Dichter entwickelte. Walt Whitman, ursprnglich gleichfalls Buchdrucker,
gewann seinen Lebensunterhalt als Subalternbeamter im Ministerium. Einzig
Longfellow von den bekannteren Dichtern stammte aus hheren Kreisen und
erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er bettigte sich zunchst
als Rechtsanwalt.

(M48)

Es scheint also, da auch im neuen Lande das alte Gesetz, da die
knstlerischen Krfte am Widerstand erstarken, Geltung besitze. In dem
Paradiese der absoluten Gegenwart, dessen glckliche Bewohner so gern
alles, was ist, gut finden, wie der liebe Gott sein Schpfungswerk, haben
natrlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwimmen. Die
vernnftigen Kunstbeflissenen trachten aber, nur marktgngige Ware zu
liefern, und marktgngig ist, was dem Unterhaltungs- und
Sensationsbedrfnis entspricht. Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika,
folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes Geschft zu
machen fr diejenigen, die sich auf den Geschmack des Publikums verstehen.
Dieser Geschmack heit aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im
Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs sind nicht nur bei
den ganz kleinen Leuten die beliebtesten Helden. Es mssen daher auch
ernste Schriftsteller, z. B. solche, die ihr soziales Gewissen auf das
Gebiet des Anklageromans verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf
strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit bedacht sein.
Sicherlich wrde die Entwicklung des knstlerischen Geschmacks bei dem
amerikanischen Volk, das doch wahrhaftig weder ngstlich noch
begriffsstutzig ist, viel raschere Fortschritte machen, wenn nicht die
Tagespresse die mehr als kindliche Oberflchlichkeit des Urteils in
unverantwortlicher Weise nhrte. Aber das ist ein Kapital fr sich.





                       VOM THEATER IM YANKEELANDE.


Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das amerikanische. Die
Yankees haben es mit all seinen Licht- und Schattenseiten herbergenommen,
nur da die Qualitt ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl
noch um einiges hinter den besten englischen zurckbleibt, was bei dem
Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu verwundern ist. Hben wie
drben ist fr das Drama hohen Stiles kein groes Publikum vorhanden, und
darum suchen Bhnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen, die
groe Masse durch raffinierte szenische Wirkungen, durch Pomp und
Massenentfaltung anzulocken. Fr das moderne Gesellschaftsdrama und das
feinere Lustspiel sind schauspielerische Begabungen besonders hufig
vorhanden, und da die Dichtung noch in keinem Lande englischer Zunge - mit
verschwindend wenigen Ausnahmen - vom Konventionellen zum Individuellen
aufgerckt ist, so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten
Schauspieler, ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten fr das
Rollenfach, in welches uere Erscheinung, Stimmklang und Temperament sie
verweisen. Sie alle spielen also im Grunde genommen nicht nur solange ein
Stck luft, sondern ihr ganzes Leben lang ein und dieselbe Rolle. Es ist
wohl allgemein bekannt, da man drben Theater mit wechselndem Repertoir
bisher noch nicht kennt. Fr jedes neue Stck wird eine Truppe
zusammengestellt, und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist, wandert
die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzulsen, sobald seine Zugkraft
erschpft ist. Wer also drben die Schauspielerei zum Beruf erwhlt, der
mu schon ber recht betrchtliche Reserven an Krper- und Geisteskraft
verfgen, wenn er nicht der sicheren Verbldung und der unheilbaren
Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in den Vereinigten Staaten
ein vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir nach knstlerischen
Grundstzen ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New York von
einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht durch die Grndung des _New
Theatre_. Und dieser Versuch ist gescheitert, obwohl fast unbeschrnkte
Mittel und eine auserlesene Schar feingebildeter, sehr tchtiger
Schauspieler zur Verfgung stand, auch die Leitung in keineswegs
ungeschickten Hnden lag. Ich habe in diesem Theater eine Auffhrung von
Maeterlinks "Der blaue Vogel" gesehen, die in bezug auf die
darstellerischen Leistungen sehr gut und in bezug auf knstlerische
Inszenesetzung sogar ganz hervorragend geschmackvoll war, und dennoch
gaben die Unternehmer den Versuch schon nach Beendigung der ersten
Spielzeit als vorlufig aussichtslos auf! Es wurden allerlei Grnde fr
dieses seltsame Fiasko ins Feld gefhrt; mir scheint der erheblichste und
zugleich auch betrblichste der zu sein, da fr das Schauspiel die Anzahl
der knstlerisch wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein
solches Unternehmen geschftlich halten zu knnen. Man ist es einfach noch
nicht gewhnt in jenen Gesellschaftskreisen, die fr den Besuch eines den
Ansprchen verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage kommen,
tglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich womglich gar wegen einer
Vorstellung, die vielleicht bald wieder vom Spielplan verschwindet, in
seinen huslichen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stren zu
lassen. Wenn es die groe Oper gilt, nimmt man freilich alle mglichen
Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber das ist eben die groe Oper, die
_mu_ wechselndes Repertoir haben, weil dieselben Snger nicht alle Tage
groe Partien singen knnen; und auerdem gehrt die groe Oper auch mehr
zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man seiner Stellung wegen
Opfer bringen mu, als zu den bloen knstlerischen Unterhaltungen. Ein
vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir wrde ohne Zweifel
ebensogut mglich sein wie das Millionen verschlingende _Metropolitan
Opera House_, sobald es bei dem hohen Adel und den Growrdentrgern der
demokratischen Gesellschaft _de rigueur_ wre, auch in diesem
Schauspielhaus eine Loge zu besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu
treffen. Bis dahin aber und bis ein mchtig aufblhendes nationales Drama
des Yankeetums nach einer nationalen Bhne schreit, wird noch viel Wasser
den Hudson hinunterlaufen.

(M49)

Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz erheblich besser als
mit dem Schauspiel, weil die Oper ein internationales Unternehmen ist, dem
es vorlufig ganz gleichgltig sein kann, ob ihm einheimische Krfte als
Komponisten und als Snger zuwachsen oder nicht; denn sie kann ihren
Bedarf durch die Meisterwerke und Gesangssterne Europas vollkommen decken.
Im brigen wird die beste Oper immer da vorhanden sein, wo das meiste Geld
zur Verfgung ist, vorausgesetzt da die Leitung nicht gnzlich unfhig
ist. Mit dem ntigen Geld kann man sich nicht nur die besten Snger und
Sngerinnen der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und
Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande, wo die
_Greenbacks_ (Dollarscheine) so leicht das Fliegen lernen, wre es
mglich, ein gengend zahlreiches Personal von Sngern und Sngerinnen,
darunter die berhmtesten Knstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um
damit die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch, die
franzsischen franzsisch und die italienischen italienisch darzustellen?!
Trotzdem das Riesenhaus immer voll und die Eintrittspreise fr unsere
Begriffe sehr hoch sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch
durch die Freigebigkeit der milliardenschweren Logenbesitzer immer gedeckt
wird. Es ist also selbstverstndlich, da keine Opernbhne Europas an
Groartigkeit des Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es
versteht sich also auch ganz von selbst, da man in diesem Theater
Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an uerem Glanz, sondern auch
an echter knstlerischer Qualitt alles bertreffen, was selbst Wien,
Berlin, Mnchen, Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu bieten
vermgen. Andererseits treten aber freilich auch die groen Gefahren
dieses amerikanischen Systems, bei dem die starke Triebfeder eines
hingebenden knstlerischen Idealismus durch eitle Prahlsucht und
Geldprotzentum ersetzt werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der
leitenden Krfte ein Migriff erfolgt ist oder diese Krfte die Lust
verlieren, fr das viele Geld, das sie bekommen, wirklich ihr Bestes zu
tun. Aber schlielich wird berall mit Wasser gekocht, und eine
ununterbrochene Reihe wirklicher Weihefestspiele kann es eben nur unter
Bedingungen geben, wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls
ungerecht und tricht von uns Europern, die glnzenden Veranstaltungen
der Metropolitan-Oper geringschtzig als eitel Blendwerk abzutun. Die
Herren Milliardre bekommen fr ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst
geliefert.

(M50)

Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von Komdienspiel erlebt
habe, fand ich in einem der fnf jiddischen Theater an der Bowery, dem New
Yorker Ghetto, wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu
Tausenden beieinander hocken. "_The Miners_" (die Bergleute) hie das
Theater, unansehnlich von auen, eng, schmutzig und in allen Einrichtungen
veraltet von innen. Es wird nur zwei, hchstens dreimal die Woche gespielt
an diesen kleinen Dialektbhnen; aber obwohl es nicht Schabbes, war das
Haus gesteckt voll. Ganze Familien mit Kind und Kegel im Parterre, die
besseren Leute im ersten Rang, die groen Glaubensgenossen, die schon ihr
Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der Galerie die Arbeiter
und kleinen Gewerbetreibenden, rmlich und schbig anzuschauen, mit
steifen kleinen Hten oder schmutzigen russischen Mtzen auf dem Kopf. Sie
sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten Schauspieler ihrer Zunge,
_David Keler_, zu sehen, der zugleich der knstlerische und geschftliche
Leiter des Unternehmens ist. Das Stck hie: "Jankel, der Schmied", von
_David Pinsky_, einem jdischen Autor, der schon einmal bei Reinhardt
durchgefallen ist, eine naturalistische Kleinmalerei aus dem Leben der
jdischen Kleinbrger in Ruland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stck
Wahrheit von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deutschen Bhne
seit Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" kaum mehr dagewesen ist. Und diese
heimatlosen Weltwanderer, diese schwitzenden und keuchenden Arbeitstiere
mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit, Schnheit, Licht und
Glanz im Herzen, die in den Zwischenakten ein so wildes, mauschelndes
Geschnatter vollfhren, da einem die Ohren gellen, sie lauschen
andachtsvoll gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese ihre
nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet, als den tiefen
Einblick in unsglich traurige Familienverhltnisse und widrige
Menschenseelen, sie nehmen all dies Hliche mit gelassenem Ernst hin und
begren die derben Spe oder auch die wenigen idyllisch gemtvollen
Lichtblicke in dieser trostlosen de mit dankbarem Gelchter und
begeistertem Beifall. Was aber wirklich an dieser seltsamen dramatischen
Kunst auch fr den rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls
wrdig ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst des
Dichters die wirklich vollendete Leistung smtlicher Darsteller; denn
nicht nur das Haupt der Gesellschaft, dieser David Keler, ist ein
wirklich groer Charakterdarsteller, der ganz und gar in dem vom Dichter
geschaffenen Menschen aufzugehen versteht, sondern alle seine Schauspieler
und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren Aufgaben derartig verwachsen,
als ob sie einfach sich selber ohne jede Rcksicht auf die Optik der Bhne
und die Sinne der Zuschauer darzustellen htten. Im Zwischenakt machte ich
die Bekanntschaft David Kelers und war nicht wenig erstaunt aus seinem
Munde zu hren, da auer ihm gar keine Berufsschauspieler in seiner
Truppe vorhanden seien, sondern da er sich die Leute von berallher
zusammengelesen und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vorzgliche
komische Episodenspieler handelt tagsber mit alten Hosen, diese schlichte
sentimentale Liebhaberin, die so ergreifende Gemtstne findet, ist
vielleicht Dienstmdchen in einer besseren jdischen Familie, und diese
ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten schwarzen Scheitel
auf ihrem ehrwrdigen grauen Haar zieht uns beiseite und erzhlt uns mit
stolz aufleuchtenden Augen, da sie mit ihrer Hnde Arbeit ihren einzigen
Sohn so weit gebracht habe, da er nun schon als Advokat in dem fremden
Lande eine geachtete Stellung einnehme und einer glnzenden Zukunft
entgegengehe. Am Schlu des Stckes bricht ein tobender Beifall los, der
sich sonderbarerweise auer in Klatschen und wildem Trampeln auch in
gellenden Pfiffen uert, und sobald David Keler auf der Bhne erscheint,
rufen ihm Hunderte von Stimmen zu: "_Speech, speech!_" Der derbe
vierschrtige Gesell steht unschlssig mit niedergeschlagenen Augen da,
und dann stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie er sich aber
zum Abgehen wendet, wird von der Galerie her der Ruf nach Musik laut. Da
macht er kehrt, stampft bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm
in der Richtung, von wo der Ruf kam. "Wer Musik haben will," ruft er in
kaum unterdrckter Entrstung, "der mag ins Tingeltangel gehen, hier ist
nicht der Ort fr trivialen Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische
Kunst mit heiem Bemhen fr unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich seit
einer Reihe von Jahren und tue mein uerstes, um euch, meinen armen
Landsleuten und Glaubensgenossen, eine nationale Kunst zu geben, wie ihr
sie braucht, und wie ihr sie versteht. Schritt fr Schritt habe ich
versucht, euch zum Kunstbedrfnis und Kunstverstndnis zu erziehen, mit
dem Einfachsten und Verstndlichsten habe ich angefangen, um euch
vorzubereiten auf das Tiefere, das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und
jetzt schreit ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!"

(M51)

Es drfte selbst fr den abendlndischen Juden schwer sein, das
russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man hrt sich allmhlich
hinein. Ich wenigstens vermochte vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu
folgen, und so glaube ich, da ich auch den Gedankengang dieser aus echter
Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich richtig verstanden habe.
Ganz still und beschmt saen die Zuschauer da, und die jngeren Leute
besonders hingen mit Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den
das Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach von der Sehnsucht
seines Volkes nach Kunst, nach ttiger Beteiligung an den hheren
Kulturaufgaben der Menschheit, er wies voller Stolz auf die groen Erfolge
hin, die jdische Dramatiker, jdische Darsteller vornehmlich auf der
deutschen Bhne gefunden htten. Er nannte mit Begeisterung den Namen _Max
Reinhardts_, der einen der ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel
hervorgezogen und zahlreichen anderen jdischen Knstlern Gelegenheit
gegeben habe, ihre groe Begabung von dem anspruchsvollsten und
kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen. Er leitete aus diesen
ersten groen Erfolgen die Pflicht des gesamten Judentums ab, sich mit
seinen besten Krften immer eifriger an der Aufwrtsentwicklung der
modernen Kunst zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden
und verlie unter donnernden Cheers die Bhne.

Nachdem ich gesehen habe, was beliebige Dilettanten, auf gut Glck
herausgegriffen aus den unteren Schichten dieser in die westlichste aller
Kulturen verschlagenen Orientalen, fr ein starkes Talent zur
Menschendarstellung, d. h. also zur knstlerischen Selbstentuerung
besitzen, habe ich begriffen, woher es kommt, da in allen Kulturlndern
gerade das Theater von Angehrigen dieser Rasse berschwemmt wird.
Geldgier und Ruhmsucht sind in diesem Falle sicher nicht die Triebkrfte;
denn es gibt genug jdische Schauspieler, die nicht im hellen Sonnenlichte
des Glckes sitzen, und die ebenso wie ihre arischen Kollegen aus reiner
Begeisterung fr die Kunst frieren und darben. Denn gleichwie diese Rasse
eine Neigung zur Spitzfindigkeit des Denkens, zum knifflichen Problem
stellen, eine besondere Geschicklichkeit im Rtselraten und in raschen
Kombinationen des Witzes ihr eigen nennt, die sie fr die Juristerei
besonders geeignet erscheinen lt und ihren Handelsunternehmungen und
Geldspekulationen so oft einen khn-fantastischen Anstrich verleiht, so
mag, im Verein mit solcher geistigen Disposition, auch der
jahrhundertelange Druck, der auf dem Gemt dieses Volkes lastete, die
naive Lust am Mummenschanz zu der starken Sehnsucht hinauf gesteigert
haben, wenigstens gelegentlich durch das Mittel des knstlerischen
Selbstbetruges ber das gedrckte Ich der Wirklichkeit hinauszukommen und
im Rampenlichte Knige, Helden und glckliche Liebhaber vorzustellen. Es
ist berhaupt charakteristisch, da gerade diejenigen Vlker, deren
Einwanderer sich in der Neuen Welt noch am fremdesten, am wenigsten von
der Sympathie der dort herrschenden Rassen gesttzt fhlen, am eifrigsten
und mit dem grten Erfolg ihr nationales Theater pflegen. Neben den Juden
sind dies die Chinesen, die gleichfalls in New York und San Franzisco
stehende Bhnen unterhalten. Die Italiener und die Franzosen sehen ja an
der groen Oper ihre nationale Kunst glnzend vertreten, aber auch sie
werden vermutlich ebenso wie die Griechen und die zahlreichen Angehrigen
der verschiedenen slawischen Volksstmme eifrig Liebhabertheater spielen.
Ich habe leider davon nichts zu Gesicht bekommen.

(M52)

Aber seltsam mu es uns Deutsche berhren, da dies ungeheure Neuland, als
welches Deutschland es in musikalischer Beziehung berhaupt erst urbar
gemacht und vollstndig mit der Saat bestellt hat, die in Gestalt der
groen Oper und eines blhenden Konzertlebens glnzend aufgegangen ist,
doch kein deutsches Schauspielhaus von einiger Bedeutung mehr am Leben zu
erhalten vermag. Wenn man bedenkt, da der herrschenden Yankeerasse mit
ihren 20 400 000 Kpfen 18 400 000 Amerikaner deutscher Abstammung
gegenberstehen, da New York dem Prozentsatz der Einwohner deutscher
Abstammung nach die zweitgrte deutsche Stadt der Welt ist, so mu man
sich ba verwundern, da die wenigen stehenden deutschen Bhnen in den
Vereinigten Staaten nicht nur knstlerisch immer mehr zurckgehen, sondern
auch meistens mit schweren Existenzsorgen zu kmpfen haben. Bei lngerem
Hinschauen und ruhiger berlegung wird diese traurige Tatsache allerdings
verstndlich. Die Nachkommen der Einwanderer beherrschen fast ausnahmslos
das Englische schon besser als ihre Muttersprache, in der zweiten
Generation haben es die meisten wohl schon ganz vergessen. Ferner ist zu
bedenken, da die weitaus berwiegende Zahl der Einwanderer den wenig
gebildeten Stnden entstammt, bei denen naturgem von einem starken
Pflichtbewutsein als deutsche Kulturtrger nicht die Rede sein kann. Wenn
nun schon die Vter der fremden Sprache und damit der fremden
knstlerischen Kultur kaum irgendwelchen Widerstand entgegensetzen, so
wird dies bei ihren Kindern und Kindeskindern erst recht nicht der Fall
sein. Es bleibt also von den 18 Millionen als befhigte Genieer und
berufene Frderer des deutschen Dramas nur ein verhltnismig kleiner
Bruchteil brig, dessen Mitglieder zudem ber den ganzen weiten Kontinent
verstreut sind. Nun wird freilich in sehr vielen der zahllosen deutschen
Vereine nicht nur das deutsche Lied, sondern auch die deutsche Poesie mit
schnem Eifer gepflegt; es gibt auch reiche Deutsche genug, die nicht nur
zugunsten eines Liebhabertheaters, an dem ihre Tchter und Shne
mitspielen, sondern auch zugunsten einer ffentlichen Bhne tief in ihre
Taschen zu greifen bereit sind; aber nun taucht die andere groe
Schwierigkeit auf: Fr welche Gattung deutscher Dramatik soll dies Geld
gespendet, dieser rhrende Eifer aufgewendet werden? Auer den paar
akademischen Lehrern deutscher Literatur und einigen auf der Hhe der
Bildung stehenden berufsmigen Kritikern haben doch nur verschwindend
wenige Deutsch-Amerikaner ein so starkes Interesse an der Entwicklung
speziell des Theaters, da sie dem wunderlich sprunghaften Werdegang
unseres Dramas in den letzten vier Jahrzehnten zu folgen imstande gewesen
wren. Die internationale Mode hat lediglich das Musikdrama Wagners und
seiner Nachfolger gesttzt. Die Schulen Ibsens und der Naturalisten, der
Neuromantiker, der Symbolisten, Satanisten, und wie sie sonst noch heien
mgen, deren Modeglanz oft schon verblat war, bevor ernsthafte Leute sich
noch ber ihren inneren Wert klar geworden waren, sie konnten zwar das
deutsche Theaterleben stark anregen, besaen aber nicht die Kraft, zumeist
auch nicht einmal die Zeit, fruchtbar in die Ferne zu wirken. Die strkste
Auswanderung gebildeter Deutscher erfolgte aber in den Sturmjahren um 48
herum und in den ersten Jahren nach 1870. Die Begriffe vom deutschen
Drama, die also unsere wichtigsten Kulturtrger mit herberbrachten,
stammen noch aus der Zeit, als auf unserem Theater ein blasses Epigonentum
herrschte. Von den aufregenden Kmpfen, die in den letzten vier
Jahrzehnten unsere dramatischen Dichter nicht zur Ruhe kommen lieen und
unseren Geschmack revolutionierten, hat das Deutschtum berm Ozean kaum
einen Hauch versprt. Was ist begreiflicher, als da der Leiter eines
deutschen Theaters in Amerika in der Aufstellung seines Repertoirs
mglichst sicher gehen will? Da er mit gutem Grunde befrchten mu, sein
Stammpublikum durch allzuviel Ibsen und Hauptmann zu langweilen, durch
Ernst Hardt und Herbert Eulenberg vor den Kopf zu stoen und durch Frank
Wedekind zu entrsten, weil die angelschsische Geistesenge und Prderie
bei langem Aufenthalt im Lande schlielich doch auch auf die kecksten
Deutschen abfrbt, so wird er sich darauf beschrnken, neben den
Klassikern das harmlose Familienlustspiel und das gesinnungstchtige
Thesenstck zu geben. Diese dramatische Kost wird nun allerdings auch den
ganz anspruchslos und lammfromm gewordenen Deutsch-Amerikaner nicht zum
entrsteten Widerspruch reizen; sie wird ihm aber auch nichts zu geben
vermgen, was sein Gemt in gesunde Wallung bringen und seinem Kopf zu
denken geben knnte. Die sozialen Verhltnisse, auf denen das deutsche
Familienstck beruht, die Konflikte, die durch Standesvorurteile oder
durch spiebrgerliche Beschrnktheit entstehen, auch manche
Lieblingsfiguren dieser Gattung, der Schwerenter in Uniform, der
Backfisch, der schchterne Kandidat usw. usw., sind ihm gnzlich fremd
geworden. Wie sollten ihn Menschen und Verhltnisse auf der Bhne
interessieren, die er in seiner Umwelt niemals gesehen hat? Neuerdings
sind einzelne deutsche Theaterleiter auf den Ausweg verfallen, auch die
deutsche Operette in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine unglcklichere Idee
konnten sie wohl nicht gut auftreiben; denn was gibt es auf theatralischem
Gebiete Abschreckenderes und Jmmerlicheres als eine Operette, mit
unzulnglichen Mitteln dargestellt? Zudem ist in den Vereinigten Staaten
an Operettenbhnen wahrlich kein Mangel, und was Wien an Schlagern
produziert, wird unfehlbar auf diesen Bhnen mit allem Pomp inszeniert und
von den zugkrftigsten Spezialisten dieser Gattung dargestellt. Die
Besonderheit der amerikanischen Operettendarstellung besteht darin, da in
ihr keiner der Darsteller auch nur eine Minute lang seine Gliedmaen ruhig
halten kann; jede Note schier wird mit einer Geste begleitet, und sobald
ein flotter Rhythmus einsetzt, beginnen Chor und Solisten mit allen
verfgbaren Extremitten zu zucken, zu schlenkern, zu stoen und zu
schleudern - kurz, es ist ein wirbelndes Durcheinander taktmig in
Schwung gebrachter Beine und Arme, von verzweifelten Anstrengungen
ausgepumpter Lungen und heiser geschriener Stimmritzen begleitet. Wie arg
nun auch dieser Stil einem gebildeten Geschmack auf die Nerven gehen mag,
er ist einmal der herrschende geworden, und kein sehafter amerikanischer
Brger wird sich eine Operette anders vorstellen knnen, denn als eine
solche prunkvoll inszenierte, herrlich gewandete Universalzappelei mit
Musikbegleitung. Was soll ihm unter solchen Umstnden eine deutsche
Operette bieten, die fr den Mangel an kostspieliger Inszenierung und
geschmackvoller Kostmierung keineswegs durch glnzende Leistungen des
Orchesters und der Snger zu entschdigen vermag? Sie kann nur dazu
beitragen, seine Achtung vor dem deutschen Theaterwesen noch mehr
herabzusetzen, als es Klassikervorstellungen mit drftiger Ausstattung und
mittelmigen Schauspielern schon zu Wege gebracht haben. Das Interesse
fr deutsches Theater und die Hochachtung vor der Leistungsfhigkeit der
deutschen dramatischen Kunst kann meines Erachtens da drben nur dadurch
wieder erweckt werden, da _von Deutschland aus_ groe Mittel aufgewendet
werden, um Gastspiele ganz hervorragender Truppen mit allerersten
Schauspielern, bedeutenden Regisseuren und glnzender Ausstattung in den
deutschen Hauptstdten der Union zu ermglichen. Mit zweiter Garnitur und
mit abgeblaten Sternen in Dollarica zu arbeiten, hat gar keinen Sinn.
Wenn _Max Reinhardt_ seinen Plan verwirklicht, seinen "dipus", "Faust"
und andere geniale Inszenierungen nach Amerika zu bringen, so wird er ganz
sicher nicht nur gute Geschfte machen und persnlich einen groartigen
Erfolg erzielen, sondern er wird auch die Ehre der deutschen
theatralischen Kunst wiederherstellen und fr die Zukunft eine neue
Mglichkeit schaffen, ein gutes deutsches Theater stndig drben zu
erhalten. Die Amerikaner wollen zunchst einmal verblfft sein; es mu
ihnen etwas noch nicht Dagewesenes gebracht werden. Eine Bombenreklame mu
auch das ganze gebildete Publikum _englischer Zunge_ in dies Unternehmen
locken, und dies gesamte Publikum englischer Zunge mu vor Neid bersten
und zu dem Gestndnis gezwungen werden, da es dergleichen in seinem
Theater noch nicht erlebt habe. Und der Stolz auf diesen Neid der Yankees
wird das Solidarittsgefhl der Deutsch-Amerikaner aufstacheln. Die
Schecks fr einen deutschen Theaterfonds werden sich zu einem Berge
aufhufen, und so gut, wie die jetzigen italienischen Leiter der groen
Oper sich unsere ersten Snger, Sngerinnen und Kapellmeister
herberkommen lassen, werden in Zukunft Unternehmer groen Stils die
Mittel besitzen, sich unsere hervorragendsten Regisseure und Schauspieler
zu kaufen. Und wenngleich die groe Sensation, die das deutsche Theater in
Mode bringt, von Sophokles und Goethe ausging, so wird sie in der Folge
doch sogar die Denkfaulheit und die Prderie des amerikanischen
Durchschnittsmenschen besiegen und auch khnere Neutner unter den
lebenden Dramatikern zu Worte kommen lassen. Wenn dann gegen den Geist des
deutschen Dramas in den Zeitungen ein ebenso lauter Kampf entbrennt und
ebenso heftig von den Kanzeln gedonnert wird, wie es gegen Richard Strau'
letzte Opernwerke geschah, so wird manch ein geplagter deutscher
Theaterdirektor seinen Kahn schmunzelnd wieder flott werden sehen, und es
wird sogar - was schlielich doch wohl das Beste dabei ist - wieder ein
tchtiges Stck Arbeit in der Richtung der kulturellen Germanisierung
Amerikas geleistet werden knnen.





                        DIE AMERIKANISCHE PRESSE.


In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia
Universitt zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten
richtete, fand ich folgende hchst bezeichnende Worte ber die
amerikanische Presse, die ich hier in bersetzung geben will: "Einen guten
Mastab fr die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem
Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre
Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolitt, ihre Skrupellosigkeit. Mir
scheint es manchmal wirklich besser, berhaupt keine Zeitungen zu lesen,
selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an
Verstndnis fr die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des
amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten ber
unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fuballspiel
sechs Spalten und einer groen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen
zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was
sein _sollte_ und dem, was praktisch _ist_. Amerikanische Lorbeeren grnen
fr die gigantischen Industriehuptlinge: wenn das Leben eines solchen
bedroht oder gar ausgelscht ist, so mssen ganze Morgen herrlichen Waldes
fallen, um das Material zu liefern fr das Papier, das notwendig ist, um
seine Verdienste in das gehrige Licht zu setzen, wohingegen unser grter
Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines
einzigen Baumes gengt fr die paar kurzen, unaufflligen Stzchen, die
ber seine Krankheit und seinen Tod berichten. Vergleichen Sie einmal die
Ausfhrungen der britischen und der amerikanischen Presse ber einen solch
leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren
allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser
Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern knnen. ber einen noch viel
moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse
vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung ber die Konstruktion der
Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische
Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des
Reiches gehalten wurde, in voller Ausfhrlichkeit in seinem Morgenblatt;
er bekommt also in seiner Eigenschaft als Whler sein Material aus erster
Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs."

(M53)

Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners mge mir
als Schild dienen gegen die emprten Anfeindungen amerikanischer
Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als
einen Ausflu bornierten europischen Neides hinstellen wrden. Jeder
ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen
mssen, da wir Europer ein gutes Recht haben, ber das kulturelle Niveau
der Brger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so
lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns
Meinung ist selbstverstndlich auch die aller fein empfindenden und fr
den guten Ruf ihrer Geisteshhe besorgten Amerikaner; aber der Umstand,
da der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist,
eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, da der schlechte
Geschmack bei der erdrckenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand
der Zeitungsverleger noch nicht ausschlielich aus reinen Idealisten
besteht, denen kein Geldopfer gro genug ist zur Hebung des geistigen
Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverstndlich die Zeitung nach
dem Geschmack ihrer Kufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in
den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als
stilistisches Geschick genug besen, um auch einem erheblich
anspruchsvolleren Publikum zu gengen. Es dnkt mich sogar nicht
unwahrscheinlich, da in dem Lande der glnzenden Redner, der scharfen,
witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene
Journalisten vorhanden sein drften, als in manchen Lndern der Alten
Welt; wie aber gegenwrtig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen,
haben die skrupellosen fixen Reporter das bergewicht, und die besten
Kpfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder
schrauben, dem Zwange der Verhltnisse gehorchend, ihr Geistesniveau
absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist,
erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als fr Kinder
und Unmndige zugeschnitten. Selbstverstndlich ist drben, wie
schlielich auch berall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied
zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blttern und der
gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das
Betrbliche dabei ist eben, da das Modernste auch das Schlechteste
bedeutet, und da die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren
lteren Bltter zwingt, wenigstens in der ueren Aufmachung sich immer
mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren.

(M54)

Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin,
sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere auerordentlich
fortgeschrittene Technik ist noch nicht imstande, fr den Rotationsdruck
auf Zeitungspapier in Massenauflagen knstlerisch wirkende Bilder
herzustellen, abgesehen davon, da es auch nur in sehr seltenen
Ausnahmefllen mglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger
Stunden flotte knstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich
also fr den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln
knnen, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was
dabei fr den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen
mit dem Kodak nachluft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffngt und
die berhmten Zeitgenossen tckisch im Vorbergehen knipst, das erleben
wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften.
Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfgen
wenigstens ber ein besseres Papier und mehr Zeit fr sorgfltige
technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des tglichen Rotationsbetriebes wird
aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus
der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur
eines Raubmrders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland,
gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung fr ein Kutscherblatt an, und
der bessere Mensch schmt sich, damit einen gerucherten Hering
einzuwickeln.

(M55)

In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewut, berhaupt keine
unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Bltter,
die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern
schuldig zu sein, wenigstens Portrts vom Tage und humoristische Beigaben
zu bringen. In den ausdrcklich fr den Geschmack der groen Masse
bestimmten Blttern aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen
Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drben die gelbe genannt,
lt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und
Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der
Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: "_287 Menschen verkohlt_", oder
"_Rabenmutter lt sieben Kinder verhungern_", oder "_Das Arnoldmdchen
mit Liebhaber in Neapel gesehen_" - wobei zu bemerken ist, da "das
Arnoldmdchen" die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten
Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbrllen ihres Herzeleides wie
ffentlich geohrfeigt vorkommen mu! Dann folgen groe Portrts der
Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wst hingekleckste Darstellungen
der groen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmdchens als Baby, als
Schulmdel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entfhrers. Falls der
letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden
konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natrlich
auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme ber das gerade
vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Unglcks-,
Verbrechens- oder Skandalchronik fllen die erste und vielleicht auch noch
die zweite Seite aus; ntigenfalls schlieen sich hier die Schauer- und
Trauerflle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen
an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, da alle die
Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik "Unglcksflle und Verbrechen"
in mglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit
lebhaftem Interesse gelesen werden, drben an erster Stelle stehen und den
meisten Raum beanspruchen, selbst in Blttern, die fr anstndig gelten.
Den Sportereignissen werden tagtglich, winters und sommers, viele, viele
Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt
schlielich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grnen Felde in
irgendeinem Sport eifrig bettigt, einmal dazu, seine interessanten Zge
in der Zeitung festgehalten zu sehen, und da das der jugendlichen
Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich - weniger begreiflich jedoch,
da die Nation es nicht mde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs,
Dicks, Johns und Jacks zum Frhstck serviert zu kriegen. Alle prominenten
Persnlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden
fleiig interviewt und selbstverstndlich abgebildet. Mehr oder minder
harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des
Tagesinteresses stehenden Personen fllen zahlreiche Spalten, und Big Bill
(der Prsident Taft) mu sich's gefallen lassen, ebenso burschikos
angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene
Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen,
verfllt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die
Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weien Hause _The
Spinster Aunt_ Big Bills, d. h. die Altjungferntante des Prsidenten, im
Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhndig Lebkuchen und
andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren
gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblttern nur in
Zeiten der Wahlkmpfe einen groen Raum ein, und die Sprache, die sie dann
fhrt, zeichnet sich durch hahnebchene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr
recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene,
gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen
breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns "Hof und
Gesellschaft" berschrieben zu sein pflegt. Whrend aber bei uns nur die
regierenden Huser, der hchste Adel und ganz wenige groe
Persnlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der ffentlichkeit
sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtglich von dem Leben und
Treiben nicht nur ihrer hchsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionre und
Modeberhmtheiten, sondern ber alle ihre besser gestellten Mitbrger,
soweit sie ein Haus ausmachen. "Mister und Missis Habakuk J. Flips von
132. Strae W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret
Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gste eingeladen. Unter
den prominenten Persnlichkeiten bemerkte man ... usw." So geht es
spaltenlang fort whrend der ganzen Saison. Wenn Damen aus der
Gesellschaft fr die Wohlttigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten,
so bringt die Presse die Portraits smtlicher Patronessen und ausfhrliche
Berichte; ebenso wenn ein bekannter Brger der Stadt eine groe Reise
unternimmt, wenn seine Tochter als Schnheit in der Gesellschaft Aufsehen
erregt, oder sein Sohn beim Fuballspiel einige Rippen eingetreten kriegt,
oder sein zu drei Viertel verkalkter Grovater achtzig Jahre alt wird -
kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und
trgt zu der frchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze
Preunwesen darstellt, am meisten bei. ber Theater und Musik kann man
unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in
weit grerer Ausdehnung das alberne Gewsch der Reporter finden, ebenso
wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem
sachverstndigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gnzlich
unqualifizierte Volksstimme, das Gnsegeschnatter des Salons und der
bldeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von
Nichtigkeiten doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel
erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die
abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschftsreklamen zu
unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf ber irgendeine brennende, sagen
wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen
Ausfhrungen, bis pltzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem
Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umrndert, die
Reklame eines Apothekers fr sein neues Abfhrmittel hinein; oder ich
erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen
Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener
Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfr befindet sich in allen besseren
Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Pltzlich wird eine reizende
Bosheit ber die Liebe durch das sich breit hereindrngende Inserat einer
Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten berschritt:
"Whle dir nie dein Leichenbestattungsgeschft aus persnlicher
Freundschaft, denn wenn du das tust," geht es nun in kleinem Druck weiter,
"so schdigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualitt
Leichenbestattung zukommen lt, und ldst zweitens den Hinterbliebenen
eine Schuldenlast auf, fr die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein
kleines Unternehmen, das jhrlich nur wenige Begrbnisse zu liefern hat,
selbstverstndlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein groes
von unserem Rang, und dennoch viel hhere Preise berechnen mu, weil es ja
auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem
Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur
Erweisung der letzten Ehre fr seine teuren Verblichenen sich wnschen
kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen begraben
lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und
Bruderschaften zu unserer Verfgung." Doppelstrich, - und dann geht es
weiter im Text. So mu ich unglcklicher Zeitungsleser mir meine
Reflexionen ber die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der
Leichenwscherin stren lassen; kann keinen Leitartikel bewltigen, ohne
peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder
mangelhafte Darmttigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den
harmlosen Roman in der Beilage schmkern will, halten mir die eifrigen
Verkufer aller mglichen Waren fortwhrend ihre Muster mit lautem
Geschrei unter die Nase.

(M56)

Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen
Unterbrechungen nur mit den Gefhlen vergleichen, die das Telephon im
Busen des modernen Menschen auslst, wenn es ihm rcksichtslos in seinen
Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier
hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, da der
Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt.
Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr
alle seine freien Augenblicke, selbst whrend der Geschftsstunden, und es
ist fr den denkenden Europer hchst verwunderlich zu beobachten, wie
Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des
Alters und Geschlechts, den nmlichen intellektuellen Schlangenfra
geduldig und sogar wohlig hinunterwrgen. Man traut seinen Augen nicht,
wenn man einen ehrwrdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn
betrchtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte
humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung
erscheint nmlich, ich wei nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits,
tagtglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im
Stile unseres "kleinen Moritz". Die scheulichen Fratzen, welche sich die
amerikanischen Exzentrikkomiker des Variets anzuschminken pflegen, fanden
vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden
Karikaturenzeichnungen der Tagesbltter, und diesen Fratzen hngen Zettel
aus dem Munde, auf denen ihre erschtternd witzigen Aussprche verzeichnet
stehen. Gewi knnen auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung
einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen - die goldig harmlosen
Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blttern tagtglich diesen
Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in
Buntdruck!

Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche
Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das
der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt,
beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an
eine beliebige Redaktion und setzt voraus, da er da eine prompte Auskunft
auf alle erdenklichen Fragen erhlt. Die Naivitt der guten Leute geht
soweit, da sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse
anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne
Abteilung fr solche vertraulichen Ausknfte, die manchmal in ganz
ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spahaften Redakteur zur
ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine
angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik "Die Frau und
ihre Interessen" folgende Anfrage aus dem Leserkreise: "Liebes Frulein
Libbey!" - das ist die Redaktrice dieser Abteilung - "Schreiber dieses ist
ein junger Mann, welcher in einer Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit
dem schnen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame,
und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht
die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in
der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame
von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wnschen sollte,
wrden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A."

Antwort: "Ja, das knnte Ihnen schon vorwrts helfen."

Ist das nicht rhrend niedlich?

(M57)

Eine allbekannte Eigentmlichkeit der amerikanischen Tageszeitung sind die
_Head lines_ (Kopfzeilen). Die Redaktionen haben einen eignen Mann,
welcher nichts zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit solchen
auffallenden, kurz orientierenden berschriften zu versehen, und dieser
Mann wird gut bezahlt. Der europische Leser luft anfangs blau an vor Wut
ber diese grlichen _Head lines_; er fhlt sich zum Idioten erniedrigt,
weil man durch diese berschriften, die jeden Artikel alle Nase lang
zusammenfassend unterbrechen, im Grunde genommen doch nur ausdrcken will,
da man ihn fr zu stumpfsinnig halte, als da er imstande sei, sich
selber ber den Hauptinhalt des Gelesenen klar zu werden. Er rgert sich
noch ganz besonders ber die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei
Berichten ber uerungen hervorragender Persnlichkeiten zu Tagesfragen
den Namen des Sprechers weg zu lassen. Da steht also z. B. fett und
gesperrt gedruckt: "_Sagt, Kalifrage nicht schuld_", und erst in dem in
Diamant- oder gar Perlschrift ohne Durchschu gesetzten Text erfhrt man,
da es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin handele, der die
Mutmaung zurckweise, da seine Haltung in der Kalifrage die Ursache
seiner Abberufung gebildet habe. - Ein Bericht ber mein und meiner Frau
Auftreten in einem Universittshrsaal war beispielsweise berschrieben:
"_Tituliertes Paar produziert sich vor erlesener Hrerschaft_". Oder ein
Mordbericht ist berschrieben: "_Pfeift Signal aus Liebestagen, ttet
sodann Frau_". Genug der Beispiele. Aber derselbe Europer, der anfangs
mit knapper Not dem Schlagflu entging vor rger ber so viel Kinderei und
grobe Geschmacklosigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, die
Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten tatschlich den
Ariadnefaden, der allein einen durch das Labyrinth der zu wsten Haufen
aufgetrmten Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe der
Headlines ist man nmlich imstande, die umfnglichste Tageszeitung in fnf
Minuten zu erledigen, whrend man reichlich fnf Stunden brauchen wrde,
wenn man den ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also im
Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung.

(M58)

Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein kleines Beispiel
dafr anzufhren, was der Amerikaner unter journalistischer _Smartness_
versteht. In St. Louis wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft frh
morgens ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wnschte. Ich merkte
sehr bald, da der sympathische, bescheidene junge Mann keinen blassen
Schimmer hatte, wer wir waren, und er gestand auch lchelnd ein, da ihn
nur der "Baron" veranlat habe, uns so rcksichtslos zu berfallen, ehe
wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt abgesplt hatten. Da in jenen
Tagen die Auffhrung von Richard Strau' "Salome" in Chicago viel Staub
aufwirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung darauf warteten, ob
ihr Stadtoberhaupt die Auffhrung dieses gotteslsterlichen Werkes
gestatten werde, so brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich
ber meine Beziehungen zu Strau und meine Ansicht ber "Salome"
auszufragen. Er stenographierte fleiig, und wir brachten, wie mir schien,
ein ganz nettes Feuilleton zustande. Hchst vergngt zog er mit seiner
Beute ab. Bereits eine Stunde spter wurden wir von seiner Redaktion
angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein ganz bldsinniges
Gewsch abgeliefert, wir sollten doch die berflssige Belstigung
entschuldigen und den Besuch eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion
freundlichst empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser
Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante junge Mann seinen
Kollegen fr einen Trottel erklrt hatte, lie er sich ein Bild von meiner
Frau geben und fragte sie, wie ihr die amerikanischen Mnner gefielen, ob
ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbrte, was
sie von den Humpelrcken halte, ob sie nach dem Westen zu gehen
beabsichtige, ob sie sich nicht vor den Cowboys dort frchtete - und
dergleichen weltbewegende Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe
seines hchst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, und es
wurde uns nachher von vielen Leuten besttigt, da das Publikum
tatschlich dergleichen platte Nichtigkeiten sehr gerne lese. Einige Tage
spter waren wir zu Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein
reizendes Heim und eine aus belangreichen Mnnern und interessanten Frauen
anmutig gemischte Gesellschaft und in der Gattin des Hausherrn eine
hochgebildete, geschmackvolle und fein empfindende Dame.

(M59)

Ich glaube, aus dieser und manchen hnlichen Erfahrung schlieen zu
drfen, da der Tiefstand der amerikanischen Presse durchaus nicht immer
einen Rckschlu zulasse auf mangelhafte Befhigung der amerikanischen
Journalisten. Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfgen nicht selten
ber eine sehr gute Bildung, ber eine hchst gewandte Feder, einen
schlagfertigen Witz, und es wre sehr wohl mglich, mit denselben
Mitarbeitern auch eine nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen.
In allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar vielfach
berlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung und besonders die
Schnelligkeit in der Herstellung dieser, an Umfang unsere Tagesbltter
meist weit bertreffenden Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und
Weise, wie die Zeitung oft tatkrftig in ffentliche Angelegenheiten von
Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen Gelegenheiten der Journalist
zum Volksmanne groen Stiles, zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und
Unterdrckten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung
erfllen. Ich brauche wohl nur die Namen _New-York Herald_ und _Henry M.
Stanley_ zu nennen! Es bettigen sich eben im Journalismus nicht nur
Leute, "die ihren Beruf verfehlt haben," nicht nur Klugschwtzer und
Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies - weil sie wissen,
da aus einem Journalisten alles werden kann: ein Nordpol-Entdecker, ein
Sherlok-Holmes, ein Theatertrustmagnat, ein Prsident der Republik!
Unserer deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, da unter den
hervorragendsten Journalisten englischer Feder sich auch zahlreiche
deutsche Einwanderer befinden. Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks
ist ein Deutscher; in dem am _Boston Transcript_, einer in geistigen
Dingen fhrenden Tageszeitung, angestellten Redakteur fr literarische
Angelegenheiten entdeckte ich einen ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er
schreibt jetzt, wie viele seiner Landsleute im Journalismus und im
Lehrfache, ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Mglichkeiten
zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der Tagespresse so erschreckend
niedrig ist, so sind daran in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger
schuld, die sich an das gefhrliche Goethewort halten: "Wer vieles bringt,
wird manchem etwas bringen."

Eine Zeitung fr jedermann aus dem Volke kann es aber vernnftigerweise
berhaupt nicht geben; denn was das Herz eines Waschweibes erfreut,
bedeutet fr einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, was eine
weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft interessiert, langweilt
vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung zum Ghnen usw. usw. Eine
Zeitung kann ungemein erziehlich wirken nicht nur fr den Geschmack,
sondern auch fr die guten Sitten und sogar fr das Denkvermgen ihrer
Leser, indem sie allgemein verstndlich schreibt, ohne sich jedoch zu dem
Geschmack und dem beschrnkten Begriffsvermgen der geistig Minderwertigen
herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse keine
Konzessionen macht und den Erbrmlichkeiten gegenber, die die Wogen des
Lebens tagtglich ans Ufer der ffentlichkeit schleudern, gewissermaen
die Funktionen der Gesundheitspolizei ausbt, dadurch da sie alle bel
riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens desinfiziert und zum
Nutzen der allgemeinen Moral chemisch verarbeitet. Die jmmerliche
Liebedienerei, welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der Masse
gegenber betreibt, wirkt jedoch als schweres Kulturhemmnis,
geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. Da sie, wie ich in den
Ausfhrungen ber ffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz
ihrer indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten
Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen Dingen
gegenber eine geradezu ngstlich prde Zurckhaltung ausbt, verringert
die moralischen Gefahren, die sie heraufbeschwrt, nicht im geringsten,
wenn anders man zugibt, da Moral keineswegs im Nichtswissen um die
Natrlichkeiten des Geschlechtslebens besteht, sondern darin, da man
seinen Mitmenschen gegenber eine anstndige Gesinnung bettigt und seine
schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den Instinkt der Masse zum
obersten Richter ber die Moral und den gesunden Menschenverstand zum
Minister der geistigen Angelegenheiten einsetzt, der trgt notwendig zur
Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem Mob eine etwas zu tiefe
Verbeugung gemacht hat, dem setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet
ihn in den Sumpf der tdlichsten Trivialitt hinein. Es ist sehr schwer,
sich da wieder herauszurappeln.

(M60)

Auch dafr liefert uns die amerikanische Presse ein warnendes Beispiel;
anstatt da nmlich, um die Geringwertigkeit des tglichen Massenfutters
auszugleichen, die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf
nahrhafte Qualitt der von ihnen aufgetischten Geistesspeise ausgingen,
sehen wir sie vielmehr fast samt und sonders von dem bsen Beispiel der
Tagespresse angesteckt. Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden
Preis! Ich wei nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, das
absichtlich den Kreis seiner Leser einschrnkte, um zwanglos zu einer
Gemeinde von Auserwhlten sprechen zu drfen. Weil der Hunger nach
Sensation, durch die schlechte Presse geflissentlich genhrt, nunmehr
bereits eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden ist, so
glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen- und Monatsschriften
Rechnung tragen zu mssen, wenn es auch nur mit einem einzigen Artikel
wre. Wenn man den Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern
sie einem achselzuckend: "Ja, dieses einen Artikels wegen wird aber unsere
Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, so schnappt uns die Konkurrenz
die Leser weg." Dieser eine Sensationsartikel, der zum rger
geschmackvoller Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen
Zeitschrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz einer feinen,
liebenswrdigen Matrone, wird bezogen aus dem Reiche des Schwindels, der
literarischen Hochstapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der
Rachsucht, vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Whrend
meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten brachte so eine angesehene
Zeitschrift einen Artikel, in welchem behauptet wurde, da in New York
tglich etliche hunderttausend Stck faule Eier importiert wrden, und da
smtliche Zuckerbcker ihre appetitlichen Sigkeiten grundstzlich nur
aus faulen Eiern herstellten! Und eine Monatsschrift von noch lterem Rufe
entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefhrlichen Ignoranz
der amerikanischen rzte, insonderheit der Chirurgen. Da wurde als
Beispiel erzhlt, da ein Chirurg mit groer Praxis eine Reise ins Ausland
unternehmen wollte und seine Patienten einem lteren, angesehenen Kollegen
empfahl; darunter eine Dame, an der er eine Blinddarmoperation ausgefhrt
hatte, die aber neuerdings wieder ber Schmerzen klagte. Der ltere
Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen keine andere
Diagnose als Blinddarmentzndung stellen knnen. Schlielich sei der
Zustand der Dame so besorgniserregend geworden, da sie selber auf eine
nochmalige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich, da der Blinddarm,
und zwar in scheulicher Verfassung, noch vorhanden war. Als der jngere
Kollege dann zurckkehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation
erfuhr, habe er totenbla ausgerufen: "Mein Gott, was habe _ich_ dann da
der Dame herausgeschnitten!?" Ich mte mich sehr tuschen, wenn ich
diesen Scherz nicht schon vor dreiig Jahren in Deutschland gehrt htte;
aber er gengte, gehrig aufgefrischt, um die smtlichen medizinischen
Fakultten, die ganze rzteschaft der Vereinigten Staaten mobil zu machen
und einen erbitterten Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene
tchtige alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. Man sieht
aus diesen Beispielen, da sich der Sensationsgier zuliebe selbst die fr
die geistige Oberschicht arbeitende Presse kein Gewissen daraus macht, mit
der Ehre des Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar der
ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung dafr
klingt freilich plausibel genug: "Was wollen Sie?" sagen einem die
Herausgeber, "die Wissenden tuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff,
die amsieren sich nur darber, und im brigen wird so unendlich viel
gedruckt und gelesen, da das Publikum es ja doch nicht alles behalten
kann. Wenn also die rgsten Lgen wirklich einmal nicht einwandfrei
dementiert werden sollten, so vergit sie das Publikum doch sicher ber
der nchsten Sensation. Wo bleibt also der groe Schaden, den wir stiften
sollen?"

Es mu allerdings zugegeben werden, da unter den besonderen
amerikanischen Verhltnissen der Schaden vielleicht geringer ist, als er
bei uns in Deutschland sein wrde, weil dort verhltnismig nur wenige
Menschen auf ein Blatt abonniert sind. Der Grostdter zumal kauft sich
seine Zeitung und selbst seine Wochen- und Monatsschrift auf der Strae,
und zwar heute die und morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also
die politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen in
demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute rot, morgen blau und
bermorgen gelb - wenn er noch seinen eignen grnen Optimismus hinzutut,
ergibt die Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schlielich doch das Wei
der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verbldung durch die Presse ist also
schlielich doch nicht so gro, wenigstens fr den an sich schon freieren
Geist. Gesetzt aber selbst den Fall, da unter den etlichen 90 Millionen
Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevlkern, nur wenige Tausend
noch auf dem kindlichen Standpunkt stehen sollten, alles, was gedruckt
ist, fr wahr zu halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor
der brigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut umhin kann, die
Intelligenz und den Geschmack der ganzen Nation nach der Presse zu
beurteilen, die sie sich gefallen lt.

(M61)

Es sei brigens nachdrcklich betont, da wenigstens ein Teil der
deutschen Presse Amerikas, und besonders der fhrenden Bltter New Yorks,
sich die redlichste Mhe gibt, sich ber den Standard der englischen
Presse zu erheben. In den groen deutschen Zeitungen findet man, besonders
ber das Ausland, eine bei weitem ausfhrlichere und zuverlssigere
Berichterstattung, als selbst in der guten englischen Presse. Und was
beispielsweise die New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an
Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualitt und Quantitt
von keiner unserer Zeitungen erreicht. Aber freilich: die groe Mehrzahl
der deutschen Einwanderer amerikanisiert sich berraschend schnell in
Dingen des Ungeschmacks und der oberflchlichen Neugier, und so zwingt der
Selbsterhaltungstrieb auch die deutschen Bltter, manchen betrblichen
Unfug mitzumachen. Die Frage ist nun die: ist es berhaupt mglich, diesem
rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem groen demokratischen
Freistaat, in dem die Masse sich zum allmchtigen Tyrannen aufgeschwungen
hat? Ich habe an anderer Stelle ausgefhrt, da es die natrliche Tendenz
jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie aus sich heraus zu
entwickeln. Nun, ich sehe auch die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege
dazu. Die Zeit mu kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und stark genug
ist, um die geistige Fhrung an sich zu reien. Eine aristokratische
Kultur aber lt sich eine kulturlose Presse nicht gefallen. Die gebildete
Welt wird die Amerikaner erst dann unter die Kulturvlker rechnen, wenn
sie eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, den
Geschmack der Masse zu vergewaltigen.





                   VON DER DEMOKRATISCHEN GESELLSCHAFT.


(M62)

Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt
sind, und es sich leisten knnen, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu
besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Fllen, da sie mit
staunender Genugtuung den groen Aufschwung des Vaterlandes in
wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und
knstlerischer Beziehung wahrgenommen, da sie mit stiller Rhrung so
manche treu behtete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswrdige alte
Sitten und Gebruche, feuchtfrhliche Kneipwinkel und traute Gemtlichkeit
im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestrkt
htten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der
Neuen Welt schmerzlich vermiten und ihr Leben nicht lieber mehr oder
minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des
Rentners in der alten Heimat beschlieen wollten, da bekommt man fast
immer zur Antwort: "Nein, Wurzel fassen knnte ich auch in dem ppigen
modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so
habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit.
Ihr fhlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollstndig
in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren groen und kleinen
Frsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und
aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gngeln
und behten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzunt von Warnungs-
und Verordnungstafeln, der freie Entschlu und die freie Meinung trauen
sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis
oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu
bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schne Sache,
aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, mu doch mit zu viel
Demtigungen des Selbstbewutseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen
Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends lcherlich und
unertrglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmglichsten
Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzurumen.
Das sind die Grnde, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die
Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht
mehr heimisch werden kann." Und dann werden einem allerlei blamabel
komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil ber unsere
Unfreiheit erhrten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur
Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des
Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken
schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte
Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mtze, der mit Papieren in der Hand
auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein
Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische
Angst der Gastgeber vor Versten gegen die Rangordnung bei Einladungen in
ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die
umstndlichen Hflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander -
und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit
mehr sind.

Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Auslnder zu verbeln,
wenn er diese Dinge bei uns mit ironischer Heiterkeit oder gar mit
bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist fr uns nur die: lebt man in der
demokratischen Gesellschaft der grten amerikanischen Republik wirklich
so sehr viel freier? Und ist es berhaupt mglich, ein friedliches
Nebeneinanderleben von Menschen, eine ffentliche Ordnung, Sicherung des
Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne
Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschrnken und ohne
Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die
republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr
energisch verneint. Ich wte nicht, wo in der Welt mehr und eifriger
Gesetze fabriziert wrden, als gerade in der Union, wo nicht nur im
Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen smtlicher 44
Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die
wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen
weitgehende Ergnzungen erfahren. Gewi, unsere Verordnungswut, unsere
kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schne Stunde und reizen
die Galle fter als das Zwerchfell - aber ist das drben so sehr viel
besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reit
mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin
mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in
Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Strae
ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe
belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen
lasse; wenn ich ein schnes Mdchen bewundernd anblicke, riskiere ich,
durchgeprgelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack
und weier Weste betrete, werde ich durch verchtliche Blicke in den Boden
gebohrt. In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen
Unterschied der Stnde, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren
deutlichsten Ausdruck darin finden, da auf der Eisenbahn nur eine einzige
Wagenklasse fr alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit
nur bei langsamen Lokalzgen durchgefhrt, die der "bessere Mensch" ja
doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite
Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern,
Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmdchen und Viehtreibern in die Car
mit den grlich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen,
sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft
und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem groen luftigen, schn
ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu
benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und
Rauchkabinett, Speisewagen, Bfettwagen mit Schreibgelegenheit und
reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich
sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter,
manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder
besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse fhre. Fhle ich mich
aber so auerordentlich _prominent_, da mir auch diese Gesellschaft noch
zu ordinr ist, gehre ich also nach deutschen Begriffen zu den
_erstklassigen_ Menschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe
mir dafr ein _Compartement_, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum
innerhalb des groen Pullman-Wagens, in dem ich ber ppige Salonmbel
verfge und nachts auch allein schlafen kann, whrend die Leute zweiter
Klasse, Mnnlein und Weiblein ple-mle, der Lnge nach hinter einem
grnen Vorhang bereinander geschichtet und sorgfltig von der frischen
Luft abgeschlossen werden. Selbstverstndlich kann man es, ebenso wie bei
uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn
es ihm Spa macht, fr sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drben
etwa ein Cowboy in verwegenem Ruberaufzug sich fr seine zerknitterten
Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird
er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch
spucken darf, bald genug ungemtlich fhlen und ganz bescheiden in den
Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas
anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer dnkelhaften
Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse fr die
Leute mit der ganz schmalen Brse - die Eisenbahnknige im Lande der
Freiheit und Gleichheit denken aber natrlich nicht daran, diesem
Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzufhren. Da - in
den Sdstaaten wenigstens - Neger in der Eisen- und selbst in der
Straenbahn im besonderen Wagen fahren mssen, ist ja eine weltbekannte,
echt demokratische Einrichtung.

(M63)

Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, da auch in der groen Republik
dafr gesorgt ist, da der freie Kulturmensch sich hie und da an
Gesetzestafeln Beulen stt und wegen lcherlicher Bevormundung gerade so
schn die Krnke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir nher zusehen,
welchen Mchten es denn zu danken sei, da wir drben nicht vor lauter
Freiheit allzu bermtig werden, so stoen wir in den meisten Fllen auf -
_die alte Tante_! Ich fr meinen Teil mu gestehen, da mir diese alte
Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Tren
einschlgt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Krperschaften die
Fenster des Sitzungssaales einschmeit und am liebsten alle freie
Frhlichkeit durch ihr sauertpfisches Geplrr ersticken mchte, bei
weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das
ist berhaupt die ble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den
Amerikanern, da sie so leicht vor den verrcktesten Anschlgen boshafter
und beschrnkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der
Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe
bsartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem
erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu splen, oder
mir ein harmloses Glas Bier durch eine Lge zu erschleichen(3), dieselbe
auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase
zusperrt, mir jede schne knstlerische Nacktheit mit Feigenblttern
verschandelt und sogar meine Lektre kontrolliert, indem sie die Tore des
Freistaates gegen die Einfuhr "freier" Bcher verschliet und dem
einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und
Gedankenkreise berhren zu lassen, die _sie_ fr anstig erklrt! Da
diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die
Vergngungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gnzlich auszurotten
vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, da sie eine
scheuliche und lcherliche Heuchelei zchtet und auf knstlerischem und
wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin betrchtlich
hemmt. Da es dem Brger der Vereinigten Staaten an so vielen Pltzen
verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Na zu lschen, so verlernt
er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getrnken und berauscht sich
bei verschlossenen Tren an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der
Genu des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch
nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben,
ganz und gar von dieser unter Umstnden sogar bildenden Unterhaltung
auszuschlieen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen
unter dem Namen _Sacred Concert_ zu gestatten, wobei aber Kostm und Tanz
fortfallen mssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York
am Sonntag nachmittag "Madame Bonivard", der franzsische Schwank von der
alten Balletteuse, als _geistliches Konzert_ gegeben!

(M64)

Und wenn die Amerikaner behaupten, da es einen Kastengeist oder berhaupt
gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so mu ich mir
erlauben, auch dahinter ein groes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen
der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner
Handwerker, die 1620 mit der "Mayflower" landeten, entwickeln einen
Adelstick, der unsere blaubltigsten ostelbischen Junker neidisch machen
knnte. Ganz natrlich: denn ein Amerikaner, der seine Groeltern noch
kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt,
die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich
rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen
Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehruber gewesen sein und am Galgen
geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere
genieen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen
kniglicher Huser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel uerlich
erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines
gesellschaftlichen Kreises dafr, da er nicht mit der Kraple verwechselt
werden kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten
Vierhundert hineinzukommen, als an den Hfen europischer Kaiser und
Knige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den
Hofgeschichtsschreibern Flschungen und Unterschlagungen begehen lassen,
um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so
scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um
unangenehme Verffentlichungen ber ihre Ahnen zu hintertreiben.
Nachschlagewerke wie "Wer ist wer?" spielen drben eine Rolle wie bei uns
der "Gotha". Die guten alten Familien schtteln ihre Bekanntschaften durch
sieben Siebe, bevor sie sie ihres nheren Umganges wrdigen, und die
Emporkmmlinge, mgen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein hheres
Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Huser
zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer jngeren Prinzen oder
Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drben offiziell
nicht, dafr recken sich aber die guten Leute in den Theater- und
Konzertslen die Hlse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren
Diplomaten zu bestaunen und schmcken ihre Knopflcher mit Vereinszeichen
in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden
von weitem wenigstens sehr hnlich sehen. Und jeder Brger, der durch sein
geschftliches Glck oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten
geraten ist, trgt eifrig dafr Sorge, so oft wie irgend mglich in den
Zeitungen erwhnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine
gesellschaftliche Stellung ungemein erhht. Die guten Republikaner
scheinen ein vortreffliches Gedchtnis sowohl fr die
Zeitungsberhmtheiten wie fr die Familienverhltnisse aller ihrer groen
Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders
die Damen ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit
wem nicht. Sie haben ihre Liste der _mglichen_ Menschen so sicher im
Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium
die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von
hben und drben ist also nicht gar so gro - nur da die europischen
Raubritter doch wenigstens ursprnglich Sprossen erlesensten Blutes waren
und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Ruberei verfhrt
wurden. Drben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primre und
wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von
ungeheuren Vermgen gehrt neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit,
Phantasie und Wagemut noch immer eine groe Portion Rcksichts- und
Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und
Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als
jedes andere. _Pluckyness_ ist heute noch ein hchstes Lob fr einen
Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm fr
einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit
Hochgenu studieren will, der lese die krzlich erschienenen Memoiren des
alten Gauners Drew(4). Darin kommt eine kstliche Anekdote vor, wie er
einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute
Gelegenheit benutzt und fr ein Spottgeld eine ganze Herde hchst
minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New
York und lie die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und
erbrmlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und
sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des
mitrauischen alten Geschftsfreundes lie er seine Herde saufen, saufen,
saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbuchen eine unerhrt strotzende
Gesundheit vortuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen
glnzenden Preis. Dieses Schwindelmanver hat eine sozusagen klassische
Berhmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch
Vortuschung groer Rentabilitt bei gesundem finanziellem Fundament in
die Hhe zu treiben "_Watering the stock_" die Herde wssern - denn das
Wort _stock_ bedeutet sowohl Aktie wie Herde. - Natrlich fllt es mir gar
nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Gelsten einen Vorwurf
machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Besttigung meiner
berzeugung, da das Streben nach Zchtung einer Aristokratie ein
Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwrts- und Hochkommen
anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller strkeren,
wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwchlingen
abzusondern.

(M65)

Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Fhrers der
Sozialdemokratie zu vernehmen, da es in den Vereinigten Staaten so
auerordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute
keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns
bekmpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste - und
dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren
gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militrische Drill sitzt seit etwa
fnf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten
erzogen; dem freien Brger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der
Welt so verhat als wie Disziplin. Obwohl drben die Herdeninstinkte noch
viel strker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu
weitgehender Differenzierung der Persnlichkeit fhrt, so ist doch jeder
Einzelne als Republikaner viel eiferschtiger auf seine persnliche
Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel ber die Dienstbotenfrage habe ich
diesen Punkt berhrt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische
Eitelkeit, wie ich es nennen mchte, in der Frage der Rekrutierung des
stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus
naiv glorifiziert und liebenswrdig verhtschelt. Es braucht nur ein
Bataillon mit klingendem Spiel durch die Straen zu ziehen, und alles ist
tief gerhrt vor nationaler Begeisterung - aber dienen will niemand, und
die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchfhrbar. Die Regierung sieht
sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate
mssen mit schreienden Farben die Shne des Vaterlandes zum Heeresdienst
verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen
und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende
Offiziere, den Arm in vterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner
Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gesprch einherwandeln;
und auf den Schmuckpltzen groer Stdte etablieren sich Feldwebel und
harren unter hnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die
es gelstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber mssen
reden knnen wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken
voll lustiger Schwnke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken
- denn Freund Alkohol mu meistens ein briges tun, um den schwankenden
Heldenjngling soweit zu bringen, da er Handgeld annimmt. brigens
versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische
drfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht
wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Krfte gehrig
angespannt, aber dafr wird auch der gemeine Mann wie ein anstndiger
Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte
hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen fr Unterhaltung und Erholung
dafr gesorgt, da er nicht von Krften komme und bei guter Laune bleibe.
Die Liebenswrdigkeit eines prchtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten
in Columbus (Ohio) lie mich einen Einblick in das Kasernenleben tun.
Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne
Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er
krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten
Hospital die denkbar sorgfltigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um
6 Uhr in einer eigens dafr bestimmten groen Halle mit den Kameraden ein
und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten
Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck
gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine
vorzgliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemse und hinterher
anstndigen Kaffee mit delikatem Weibrot. Selbstverstndlich haben sie
auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem
Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreuischen
Begriffen nicht weit her, dafr wird aber die Entschlufhigkeit des
einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem
Erfolge anerzogen. Da die Lhnung eine ungleich viel bessere ist als bei
uns, ist wohl selbstverstndlich. Der amerikanische Soldat knnte also den
unsrigen hchstens in dem einen Punkte beneiden, da er keine so bunte und
blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafr ist die seinige aber auch
viel bequemer als die unsrige und auerdem ein sichererer Schutz als der
festeste Kra, denn ihre staubgraue Farbe macht den Mann schon in einer
Entfernung von etwa 300 Meter vllig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst
erzhlte mir, da sie eines schnen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe
abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa
350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen
bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst
beflgelt, sei sie vorwrts gestrzt und - nach ein paar Minuten sei der
schmerzlich Vermite erst schattengleich, dann immer deutlicher und
kompakter wieder auf dem Rcken seines Pferdes erschienen. Es wrde also
aus der Hhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer
amerikanischen Armee unter Umstnden berhaupt nichts zu sehen sein. Doch
dies nur nebenbei.

(M66)

Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete
Sldnertruppe einem groen, intelligent geleiteten Volksheer gegenber
standzuhalten vermge, wird ber kurz oder lang doch einmal zur
Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, da die Japs ein
uerst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die
amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap
Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den
ihm zur Begrung entgegengeschickten hohen Wrdentrgern des japanischen
Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos
freundliche Gesicht eines Mannes, der lngere Zeit bei ihm als Grtner
angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie
wissen tatschlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Plne von
langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte
behaupten, da die pacifischen Republiken Sdamerikas schon alle durch die
Versprechungen der Japaner fr deren Zwecke eingefangen und bereit seien,
beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Kste zu bemchtigen,
dem groen Bruder in den Rcken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es
aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann wrde es
eine beraus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es
gibt ber die Rocky Mountains nur fnf einigermaen gangbare Psse, die
militrisch leicht zuzuschlieen sind. Nur angesichts eines solchen
nationalen Unglcks wrde die glhende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich
zur Einfhrung der allgemeinen Wehrpflicht hinreien lassen. Ich glaube,
sie wre ein Segen fr das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an
persnlicher Opferwilligkeit macht sich berall als Hemmnis fr den
Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im
Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Ruland, durch Angst und Schrecken
mhsam aufrecht erhalten werden mu, schafft berhaupt erst die
Vorbedingungen fr das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und
Einrichtungen.

(M67)

Die Freiheit, welche die Brger der Vereinigten Staaten tatschlich vor
uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden mssen, besteht
also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen
Verhhnung der Gesetze und in der geringen Empfindung fr die Wichtigkeit
einer ngstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und
Berufsehre, als vielmehr darin, da drben tatschlich jede Energie, jedes
Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas wei,
wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat,
der kann sicher sein, ein Feld fr Bettigung seiner Krfte zu finden,
Ohren, die auf ihn hren und Hnde, die ihm vorwrts helfen. Gute
Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflureiche Gnner und ererbtes
Betriebskapital sind selbstverstndlich auch drben eine wertvolle
Vorbedingung; aber der wirklich Tchtige kann auch ohne all das sicher
sein, vorwrts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit
dnkelhafter ngstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk
errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll
Einlaheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und
gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreien; das Beste an
der demokratischen Freiheit ist es, da sie einen solchen Bretterzaun
zwischen Regierung und "Untertan", zwischen Behrde und Publikum nicht
duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest,
da nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen
da sei; dagegen entspringt aus dem Bewutsein des freien Brgers, da
nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich fr sein Geld eine Regierung
nach seinem Geschmack leisten knne, jenes Herrenbewutsein, das die wahre
Menschenwrde erst zur rechten Blte bringt. Dieses Herrenbewutsein ist
aber auch der grimmigste Feind aller Duckmuserei, Neidhammelei,
Nrgelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene
beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spieertums,
nmlich einerseits der untertnigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende
und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel hufigere, auf
alles schimpfende und doch nie zur Selbsthlfe greifende Spieer drften
in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den desten Kleinstdten zu
finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren
Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten
Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden berall in
der ffentlichkeit, nicht nur in den groartigen Organisationen der
Wohlttigkeit, der Erziehung, der Frsorge fr die physisch und moralisch
Kranken, in den kniglichen Stiftungen der Milliardre, sondern in vielen
kleinen Zgen, die beweisen, da auch der rmste dieser freien Brger an
jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das fr die
genialen Diebe groen Stils so viel lchelndes Verstndnis brig hat, das
auf der Strae liegende Eigentum des Nchsten auffallend respektiert. Wenn
der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er
seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen
will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf.
Man hrt nie davon, da sich jemand an dem angesammelten Kleingeld
vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt fr Drucksachen und
dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und
keinem kommt der Gedanke, da sie da fortgenommen werden knnten; ja noch
mehr: man sieht in den Straen massenhaft herrenlose Automobile
herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten knnen sich nur
sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der
Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Klte geschtzt
- und man hrt selten oder nie davon, da ein Auto oder auch nur eine
solche Decke von der Strae weg gestohlen worden wre. Bei hellichtem Tage
bandenweise in einen Laden oder in einen _Saloon_ einfallen und Inhaber
wie Kunden ausplndern, das ist guter Sport, das ist fesch, wrde der
Wiener sagen; aber von der Strae etwas fortnehmen, das ist gemeiner
Vertrauensmibrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der
Kleine, der sich von dem Groen geschdigt und schlecht behandelt fhlt,
setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter ist leicht mit dem Streik bei
der Hand, wenn er die groen Geldscke allzu zugeknpft findet. Aber es
fllt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um
seinen berflu. Wei er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren,
da sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, da die Kerle
eben einen guten Kopf, Flei, Energie und Glck gehabt haben - ihm selber
oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen.
Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der
Weizen des Sozialismus drben nicht blhen will.

Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen knnte, einige Schiffsladungen
voll Philister, Spieer, Paragraphenreiter, Schulfchse,
Bureaukratsbrsten und Einfaltspinsel hinber zu schaffen, um bei Bruder
Jonathan einen mehrjhrigen Kursus zwecks Charakterverbesserung
durchzumachen?





           WIE DER YANKEE SEINE RECHNUNG MIT DEM HIMMEL MACHT.


Es war eine der klgsten Manahmen der Unionsbegrnder, da sie in ihrer
Verfassung die Trennung von Kirche und Staat aussprachen. Wie berall in
der Welt, so hatte auch in den ersten Jahrhunderten der Besiedelung
Nordamerikas die Verquickung des religisen Elements mit der Politik die
belsten Folgen gehabt. Die bischfliche Kirche Englands, die papistische
wie die protestantische, hatte natrlich versucht, ihre Herrschaft auch
auf die amerikanischen Kolonisten auszudehnen und dadurch den unseligen
Religionshader in die neue Welt verpflanzt. Die Pilgervter, das heit
jene fanatischen Puritaner, die in der ersten Hlfte des siebzehnten
Jahrhunderts die sogenannten Neuenglandstaaten besiedelten, hatten sich
weit unduldsamer erwiesen als selbst die rmische Pfaffenherrschaft in den
spanischen Sdstaaten. Sie wren am liebsten mit Inquisition und
Scheiterhaufen gegen alles, was ihnen ketzerisch erschien, vorgegangen.
Aber wie diese Pilgervter ber dem Psalmsingen und Ketzerriechen doch
niemals vergaen, ihre weltlichen Geschfte als geriebene Kaufleute
intensiv zu frdern, so lie sich auch der vielgerhmte _Common __sence_
ihrer angelschsischen Rasse selbst durch religise Inbrunst nicht vllig
unterdrcken. Die stupiden Glaubensverfolgungen hatten tiefgehende
Spaltungen, verbitterte Feindschaften zwischen den in dem jungen
Kolonialreich doch so sehr auf gegenseitige Hilfsbereitschaft und festen
Zusammenhalt angewiesenen Brgern erzeugt. Neugegrndete Stdte und
Staaten wurden entvlkert, abtrnnige Sektierer fanden groen Zulauf und
grndeten neue Gemeinwesen, die sich zu bedrohlichen Konkurrenten der
alten Puritanersiedelungen entwickelten. Als nun gar der kleine Freistaat
Maine, der als erster vllige Religionsfreiheit eingefhrt hatte,
auffllig rasch emporblhte, begannen doch auch den starren Puritanern die
Augen aufzugehen.

(M68)

Und so kam es, da nach der gewaltsamen Losreiung vom alten Vaterlande
die Trennung von Kirche und Staat von der Bundesregierung zum Grundsatz
erhoben wurde. Im Artikel 1 des Anhangs zur Konstitution von 1778 ist
dieser Grundsatz festgelegt, und seit dieser Zeit kann tatschlich in den
Vereinigten Staaten jeder nach seiner Fasson selig werden. Die
Staatsgewalt schreitet nur ein in dem Falle, da die Grundstze einer
Religionsgemeinschaft den Gesetzen zuwiderlaufen, wie zum Beispiel die
Vielehe bei den Mormonen. Auerdem hat sie in weiser Voraussicht der
Ansammlung bermigen Kirchensvermgen Grenzen gesetzt. Die Folge dieser
Entfesselung der Religion war eine Spaltung des Protestantismus in
unzhlige Sekten, die aber keineswegs eine Schwchung, sondern vielmehr
eine Strkung des religisen Lebens bedeuten. Philosophisches und
besonders kritisches Genie ist dem Yankeevolke durchaus abzusprechen,
dagegen besitzt es einen starken Hang zur Phantastik, ja auch
Begeisterungsfhigkeit und Inbrunst. Das Volk ist in seiner Allgemeinheit
heute noch kindlich denkunreif, und so erklrt es sich, da die Bibel ihm
noch durchweg als Offenbarungsquelle dient. Natrlich aber liest jedes
grblerisch veranlagte Individuum aus dieser Offenbarung etwas anderes
heraus. Und wer Beredsamkeit und Zhigkeit genug besitzt, vermag Anhnger
um sich zu scharen und eine unabhngige Gemeinde zu grnden. Die
Opferwilligkeit, die dazu gehrt, eine solche Gemeinde, Sekte oder Kirche
(_Denomination_) aus eigenen Mitteln zu unterhalten, legt beredtes Zeugnis
ab fr die Strke des religisen Bedrfnisses. Freigeister in unserem
Sinne gibt es bei den Yankees nur sehr wenige, und am Christentum selbst
hat noch niemand von ihnen ernsthafte Kritik gebt. Die Tradition hat die
Bibelglubigkeit der Vorvter so lebendig erhalten, da es heute noch,
ebenso wie in England, ein oberstes Gesetz gesellschaftlichen Anstandes
geblieben ist, seinen Eifer fr das Christentum irgendwie zu bettigen.
Dieser Eifer aber tut sich etwas auf seine Freiheit zugute und nimmt daher
oft die wunderlichsten Formen an. Die katholische Kirche dagegen hlt fest
zusammen wie berall und gibt kein Titelchen von ihren Dogmen preis. Sie
grndet ihre Macht auf das irische Element und erhlt stndigen Zuwachs
durch italienische, polnische und slawische Einwanderer. Klug, wie sie
ist, trgt sie dem in der demokratischen Luft sehr bald auch bei den
geistig minderwertigsten Einwanderern ppig ins Kraut schieenden Stolz
auf die persnliche Freiheit Rechnung und mischt sich nicht so
aufdringlich wie in Europa in Privatangelegenheiten; politisch dagegen
versucht sie mit allen mglichen Mitteln Einflu zu gewinnen. Die
bedeutsamste politische Verbindung der katholischen Irlnder, die bekannte
Tammany Hall im Staate New-York, bt offensichtlich eine groe politische
Macht aus. Ob es ihr aber wirklich gelingt, ihre Hauptabsicht, katholische
Irlnder in die wichtigsten Staatsstellungen zu bringen, in gefhrlicher
Weise zu bettigen, darber gehen die Meinungen bei den Amerikanern selbst
sehr weit auseinander. Es ist doch wohl nicht anzunehmen, da der
nchterne, praktische Yankee, wo es sein staatsbrgerliches Wohlbefinden
und seinen Geldbeutel angeht, sich von konfessionellen Quertreibereien
bers Ohr hauen lassen sollte.

(M69)

Obwohl der Grundgedanke des Christentums entschieden demokratisch ist, so
ist doch in der demokratischen Republik gerade die Kirche der Boden, wo
sich aristokratische Absonderungsbestrebungen am lebhaftesten bettigen.
Selbstverstndlich wird in smtlichen Kirchen und Betslen Nordamerikas -
man zhlt gegenwrtig, wenn ich recht berichtet bin, 86, nach anderer
Quelle sogar gegen 200 verschiedene Bekenntnisse - der christliche
Grundsatz gepredigt, da vor Gott alle Menschen gleich seien; in
Wirklichkeit ist aber beispielsweise die bischfliche Hochkirche nur fr
die Reichen und Vornehmen vorhanden. In ihren prchtigen Kathedralen
kostet das Abonnement auf einen Sitzplatz sicherlich so viel wie das auf
einen ersten Rangplatz in der groen Oper. Ein beliebiger Mensch der
minder gut gekleideten Klasse, dem es einfallen wollte, im vorbergehen in
solch eine Kirche einzukehren, wrde nicht nur schwerlich einen Sitzplatz
finden, sondern sich auch durch die entrsteten Blicke der Stammgste
energisch hinausgeekelt fhlen. Die Geistlichen dieser Kirche sind feine
Weltleute, verkehren in der vornehmsten Gesellschaft und verdanken ihre
Karriere hufig ihren glnzenden Eigenschaften als Tischredner,
Bridgespieler, Musikdilettanten und Tnzer. Die Kirche der geistigen
Aristokratie, der wohl der grte Teil der akademischen Welt angehrt, ist
die _Unitarian Church_. Diese hat alle Dogmen beiseite geworfen und nur
den ethischen Gehalt der Bergpredigt als Richtung gebend beibehalten. Sie
treibt keinerlei Kult mit dem starren Bibelwort und sucht die Themen fr
ihre Sonntagsbetrachtungen gerne bei den Dichtern und Philosophen,
vornehmlich bei ihrem berhmtesten Mitgliede Ralph Waldo Emerson. Den
grten religisen Eifer entfalten natrlich die kleineren Denominationen,
deren Prediger oft die seltsamsten Mittel zum Seelenfang anwenden. Die
Berichte, die zuweilen nach Europa dringen von Geistlichen, die ihre
Gemeinde mit Schokolade und Icecreme bewirten, vergngte musikalisch
deklamatorische Unterhaltungen oder schweitreibende Leibesbungen
veranstalten, beziehen sich wohl nur auf solche Sekten, die auf den
Geschmack des kleinen Mannes spekulieren und daher auch in ihrer Reklame
dem Hange des amerikanischen Humors zu grotesker bertreibung Rechnung
tragen mssen. Am spahaftesten mu es wohl in den Negerkirchen zugehen.
Wer jemals eine Probe der geistlichen Gesnge der Nigger gehrt hat, deren
Eigentmlichkeit es ist, die biblischen Geschichten sowie die Vorstellung
von Himmel und Hlle mit ganz modernen Zutaten, aus dem Bereich der
Technik etwa, auszustatten, der wird sich auch eine Vorstellung von der
Weihe eines Negergottesdienstes machen knnen. Der Rhythmus afrikanischer
Kriegs- und Geisterbeschwrungstnze sitzt diesem kindhaft gebliebenen
Volke eben noch so fest in den Knochen, da auch seine religisen Gefhle
bis auf den heutigen Tag noch in diesem Takte schwingen.

(M70)

Um einen Begriff von dem Ton dieser religisen Niggerpoesie zu geben, habe
ich versucht, einige solche Kirchenlieder zu bersetzen, wobei freilich zu
bedenken ist, da die Eigentmlichkeiten des Negerdialektes schon darum
jeder Wiedergabe in Deutsch spotten, weil wir ja bei uns kein Negerdeutsch
kennen. Eines dieser Lieder aus der Zeit der Sklaverei lautet
folgendermaen: "Jossua fit de battle ob de Jerico".

  Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho - so froh!
  Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho -
  und die Mauern purzeln um - glatt um!

  Kommt Brder, in die Wildnis, wo der Sturm heult, lat uns eilen,
  da soll da heilig Bibelwort uns unsern Kummer heilen.
  Wir whlen uns zum Text - die Deutung, die liegt nah:
  "Der Herr rief: Moses, Moses! - und der Mann sprach: Ich bin da!"
              O Daniel!
  Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho,
  und die Mauern purzeln um, glatt um.

    Nu, oll' Pharo von gypten - klger war kein Mensch gebor'n -
  und er kriegt die Judenkinder 'ran zur Arbeit in sei'm Korn.
  Schlielich lie der Herrgott sagen durch den Moses, seinen Knecht,
  da der Pharo diese Juden schleunigst laufen lassen mcht'.
              O Daniel usw.

    Sollt er aber dies verweigern! - o verdammt - dann ging's ihm schlimm.
  Auf gypten wollt er leeren kbelweise seinen Grimm.
  So geschah's. Und Pharos Heere waren keinen Dreier wert.
  Also, merkt, mit seinen Kindern heute noch der Herr verfhrt.
              O Daniel usw.

    Tolle Sachen dreht der Herrgott - und nicht nur in alter Zeit,
  nicht fr Israel nur - Mitchristen, nein, die Hilfe ist nicht weit!
  Seine Liebe reicht fr uns noch ... so, nun lauft nicht und verpetzt
  mich meinem Massa, da die Predigt euch zum Muckschen aufgehetzt.
              O Daniel usw.

Besonders interessant ist es, da, wie auch in den ltesten Zeiten des
Volksliedes der europischen Kulturlnder, das eigentlich sinnvolle
Gedicht von einem Solosnger vorgetragen wird, whrend der Chor sich durch
ganz aus dem Zusammenhang fallende Ausrufe und Kehrreime beteiligt. In
obigem Lied singt also der Chor: so froh - glatt um - o Daniel - und
wiederholt am Schlusse jedes Verses die auer Zusammenhang mit dem Inhalt
stehenden Einleitungszeilen: "Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho".

Ein anderes Lied, das in einen festen Rhythmus zu pressen ich mich
vergeblich bemht habe, lautet hchst charakteristisch:

                               Der Vorsnger:
  O der Gnsekiel kratzt in dem Kontobuch des Herrn -
  Mein Herr schreibt meine Zeit ein.
  Wie im Schwanze des Opossums, sind auf deinem Schdel auch
  alle Haare dir gezhlt. Weit du das nicht?
  Oder meinst du, da der Herr, der sie schuf, nicht einen Hecht
  von 'nem Walfisch unterscheiden sollte knnen?

                                   Chor:
  Sndige also lieber nicht, wenn du nicht magst Strafe zahlen,
  denn mein Herrgott schreibt es ein.

                                 Vorsnger:
  Und das Hauptbuch, das ich meine, das ist Gottes Weltgericht -
  mein Herrgott schreibt meine Zeit ein.
  Du erwarte nicht vom Nachbar, da er deiner Seele durchhilft,
  deine Snden mssen braten wie die Hhnchen auf dem Hofe.

                                   Chor:
  Also sndige lieber nicht usw.

In einem anderen Liede wird den armen Sndern angeraten, sich ja
rechtzeitig einen guten Platz in dem Autobus nach dem Himmel zu belegen,
denn der Andrang sei gerade in diesen Tagen enorm.

Es wre aber ein groer Irrtum, anzunehmen, da die groteske Form dieser
religisen Gesnge nur der Lust der Nigger an kindischer Spamacherei
zuzuschreiben sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und werden
von den weniger kultivierten Schwarzen auch heutigestags noch nicht als
komisch empfunden. Die meisten und eigenartigsten dieser Lieder stammen ja
aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute verngstigter Seelen in
armen gequlten Leibern. Und die religise Inbrunst, die aus ihnen
spricht, ist mindestens ebenso echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie.
brigens stellen diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar,
was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie hervorgebracht
haben, sowie auch die Negermusik die einzige originelle musikalische
Neubildung auf amerikanischem Boden bedeutet.

(M71)

Das weie Gegenstck zu der halbwilden Gottestrunkenheit der Schwarzen ist
die Heilsarmee, die Kirche der Allerrmsten und Untersten. Zeichnen sich
ihre Kultformen schon in Europa nicht gerade durch guten Geschmack aus, so
erreicht diese Geschmacklosigkeit in Amerika schon geradezu kannibalische
Dimensionen. Die Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und verfgen
oft sogar ber sehr gute Singstimmen und geschickte Instrumentalisten.
Auerdem pat der rasche Rhythmus ihrer geistlichen Gesnge, die Vorliebe
fr die alttestamentarische Legende und die phantastische Ausmalung von
Himmel und Hlle vortrefflich zu ihren schwarzen, wsten Gesichtern mit
den sanften schwrmerischen Augen. Wenn aber weie Menschen unter einem
nrdlichen Himmelsstrich ihre religisen Gefhle in der Form einer mehr
als barbarischen Musikbung mit grauenhaftem Gesang und mitnender
Pauken- und Trompetenbegleitung auf offener Strae ausben und sich in
ihren Predigten wie ihren Gesngen eines Jargons bedienen, der weder fr
den hohen Schwung der alttestamentlichen Sprache noch fr die schlichte
Tiefe der evangelischen Darstellung das geringste Verstndnis besitzt, so
mu einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln. Kein sozial
fhlender Mensch wird dem idealen Zweck der Heilsarmee seine Hochachtung
versagen; sie allein von allen religisen Gemeinschaften hat es vermocht,
den natrlichen Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen
Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem jmmerlichsten Elend zu
berwinden; sie allein wagt sich mutig unter den Auswurf der Menschheit
und ringt sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten; sie
speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten ab, sondern sie
gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft so manchem schon gnzlich
Verzweifelten, von der Gesellschaft vllig aufgegebenen doch noch zu einem
menschenwrdigen Dasein. Der groe Erfolg, den sie auf der ganzen
christlichen Erde aufzuweisen hat, beweist, da sie sich auf die
Psychologie jener alleruntersten Schichten, auf die sie es abgesehen hat,
versteht, und da die sinnflligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer
Propaganda anwendet, die richtigen sind.

Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kultivierten Menschenfreund
so grausam ins Herz schneidet. So weit haben wir es also mit unserer
gepriesenen Zivilisation, mit unserer Religion der Liebe, mit unserer
Aufklrung durch die Schule und unserer bewundernswrdigen sozialen
Hilfsarbeit gebracht, da in unseren prunkenden Weltstdten berall noch
Tausende und aber Tausende von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit
fratzenhaftem Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeitsvorstellungen
beizukommen ist! In den Vereinigten Staaten leistet zudem die organisierte
Wohlttigkeit vielleicht mehr als in irgendeinem Lande der alten Welt. Die
_Legal Aid Society_ zum Beispiel gewhrt den rmsten und Unwissendsten
unentgeltlichen Rechtsbeistand; die Bemhungen um die Besserung erblich
belasteter Verbrechernaturen, um den Schutz entlassener Strafgefangener
gegen das Zurckgleiten in ihr frheres Leben haben groartige Erfolge
aufzuweisen und zeugen von tiefer Menschenkenntnis und echter
Menschenliebe - und dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer
scheulichen Bum-Bum-Reklame gerade dort noch so viel zu tun!

(M72)

Wenn man die Verbreitung und die laute Bettigung der Heilsarmee als
Mastab fr die Gesittung eines Volkes annimmt, so mte in dieser
Beziehung das Volk der Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Vlkern
stehen. Ich meine aber, da dieser Mastab doch vielleicht zu einem
ungerechten Urteil verfhrt: nicht im Volkscharakter als solchem liegt
wohl die grere sittliche Verkommenheit, sondern diese ist nur eine
Folgeerscheinung des unerhrt raschen Emporschieens einer rein
technischen Zivilisation und des dadurch gefrderten unnatrlichen raschen
Wachstums der Stdte. In der kleinen Landgemeinde findet einer am andern
Halt, und die unmittelbare Berhrung mit der erhabenen Natur, mit der zu
Nachdenken und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem rmsten edle
Freuden - Seelenfrieden wenigstens -, whrend in der Grostadt alle diese
idealen Gter nur fr die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen
verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere Ruhe und wird so
fast unausweichlich in einen krassen Materialismus hineingetrieben. Je
mehr sich Riesenvermgen in den Hnden weniger zusammenfinden, je mehr
eine glnzende Luxuskultur sich in der ffentlichkeit breit macht, desto
sicherer verfllt der Besitzlose und dabei geistig Unkultivierte der
Verrohung. Es ist das eine Tatsache, die ein vernichtendes Urteil ber den
Kulturwert des technischen Fortschrittes in sich schliet. Die Arbeiter,
die in steter Berhrung mit den erstaunlichsten Erfindungen des
Menschengeistes sind, die ihnen die Bndigung der Naturkrfte durch
unseren Verstand und die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen
Organismus durch einen wunderbaren Mechanismus tagtglich vor Augen
fhren, gewinnen von diesem Umgang weder fr ihre Verstandesbildung noch
fr die Bereicherung ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was
allenfalls dabei herausspringen kann, wre fr gut veranlagte Kpfe der
Anreiz zu erfinderischer Eigenbettigung. Ebensowenig wird der Herr der
Maschine, der Arbeitgeber, dem sie Reichtum und folglich auch Macht,
Behagen und Luxus schafft, von allen diesen schnen Dingen eine seelische
Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer Kultur, das heit also an
Idealismus, an einem zeitig geweckten sthetischen und ethischen Gewissen
fehlt.

Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich durch die
Radauversammlungen der Heilsarmee zur Bubank locken lt, legt also im
Grunde ebenso beredtes Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen
Zivilisation ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und
reputierliche Mensch der Oberschicht, der sich von dem religis drapierten
Hokuspokus raffinierter Spekulanten und Agitatoren einfangen lt.

Von der ffentlichen Katzenmusik der mit der groen Trommel begleiteten
Bupredigten, von dem rotgestrichenen Betteltopf am eisernen Dreifu, vor
dem die wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle unablssig in
Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen Marmorkathedralen mit vergoldeten
Kuppeln, welche die Christian Science in Boston, Providence und vielen
anderen Grostdten des Ostens errichtet hat, scheint es ein weiter Weg -
und ist doch nur ein Katzensprung! Wir Europer sehen die durch Misses
Mary Baker G. Eddy hervorgerufene religise Bewegung als eine geistige
Epidemie an, welcher religis veranlagte, aber denkunfhige Geister
deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine Wiederherstellung
urchristlicher Inbrunst mit magischer Wirkung erblicken. Wir zucken
gleichmtig die Achseln ber diese sogenannte christliche Wissenschaft und
verweisen sie unter die abstrusen Erscheinungsformen moderner Hysterie.

(M73)

Der "American Encyclopedie Dictionary" definiert die Grundlage dieser
Wissenschaft folgendermaen: "Die Christian Science lehrt die Wirklichkeit
und Allgegenwart Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der
Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des Weltalls, die
Allmacht des Guten und die Unmacht des bels. Christian Science will die
Wahrheit der ursprnglichen Lehre Christi wiederherstellen. In der
Wahrheit erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum; Krankheit
ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der Snde. Bekmpfe also Snde und
Irrtum, so bekmpfst du Krankheit und Tod." - Christlich kann man diese
Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philosophische
Begrndung ist keineswegs auf Misses Eddys eigenem Geistesboden gewachsen.
Das Neue und fr die groe Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende
an dieser Lehre besteht darin, da sie Christus zum Magier macht und die
magischen Krfte seiner Glubigen durch inbrnstige Gebetsbungen dermaen
strken zu knnen vorgibt, da auch die Wunder zu wirken imstande sind,
vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der praktische Nutzen der neuen
Religion ist also der, da sie an die Stelle von Doktor und Apotheker die
Autosuggestion als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt
ist erfllt von beln und Schrecknissen aller Art, von Sorgen, Kummer, Not
und Tod; der Glubige aber behauptet, alle diese Dinge existierten nur in
der Einbildung der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich durch
seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung; sie zwingen ihren
Willen, nicht mehr sehen zu wollen. Und wenn sie es glcklich zur
vollendeten Blindheit gebracht haben, dann existieren allerdings weder
Schmerzen noch Tod mehr. Man begreift, da eine solche Lehre in Amerika,
wo es so wenig philosophisch geschulte Kpfe gibt, ihr Glck machen mute.
Derselbe Optimismus des jugendlichen Volkes, der alles von ihm
Hervorgebrachte fr vortrefflich hlt, derselbe glckliche Leichtsinn, der
die schwierigsten Fragen dadurch lst, da er einfach behauptet, sie
existierten nicht (wie wir es zum Beispiel bei der Frage der Prostitution
gesehen haben), dieselbe Leichtglubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten,
Somnambulen und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben auch der
Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hunderttausende von Glubigen in
ihre Kirche gezaubert. Das eigentliche Genie dieser merkwrdigen Frau
liegt viel mehr in der praktischen als in der philosophischen Richtung.
Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der praktische Erfolg.
Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen so ungeheure Geldsummen aus der
Tasche zu locken und mit ihrer Hilfe eine festgefgte Organisation zu
schaffen versteht, der mu ein erwhltes Werkzeug Gottes sein.

(M74)

Es will uns Europern schier unfalich dnken, da im zwanzigsten
Jahrhundert unter dem angeblich nchternsten aller Vlker eine Frau zur
Grnderin einer neuen mchtigen Kirche und von ihren Glubigen fr heilig,
unfehlbar, ja selbst unsterblich erklrt werden konnte! Misses Baker Eddy
war bekanntlich schon zu ihren Lebzeiten zur sagenhaften Persnlichkeit
geworden. Man wollte wissen, da sie schon seit Jahren tot sei, und da in
ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren werde, um ihre Anhnger
nicht in ihrem Glauben an die physische Unsterblichkeit ihrer Ppstin irre
werden zu lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch ganz
wirklich gestorben und begraben worden, und die rzte wuten ganz genau
den Charakter ihrer Krankheit und die unmittelbare Todesursache anzugeben.
Man htte nun meinen sollen, da mit diesem unzweifelhaften leiblichen
Tode der magische Nymbus zerstrt worden sei, der die Person der Ppstin
auerhalb der Menschheit in die Reihe der Gtter stellte. Aber das war
keineswegs der Fall; denn alsbald nach ihrem Begrbnis verkndete eine
ihrer vertrautesten Jngerinnen, sie knne den Glubigen mit Bestimmtheit
versichern, da nur eine verbrauchte materielle Erscheinungsform der
Misses Baker Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter
Leiblichkeit, vermutlich verjngt, vielleicht schon in vierzehn Tagen
wieder auf Erden wandeln. Vorsichtigerweise setzte die Dame allerdings
hinzu, es knnte eventuell auch lnger dauern, vielleicht Jahre, viele,
viele Jahre lang.

Die Christian-Science-Kirche ist nicht mit ihrer Grnderin gestorben; sie
hat sogar, bisher wenigstens, den starken Erschtterungen ihres Ansehens
standgehalten, denen sie durch den hchst unerquicklichen Zank der
Auserwhltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung ihres verwaisten
ppstlichen Stuhles und die Aufteilung ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt
war. Fr uns Europer kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur
eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit bedeuten. In den
Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu gefhrlich, ber diesen
Gegenstand, selbst in gut gesiebter Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu
uern. In der gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer
Gesellschaft, die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten und sonstigen
geistig hervorragenden Herren bestand, war ich auf dem besten Wege, mich
fr ewige Zeiten unmglich zu machen, indem ich das Thema von der
Christian Science anschlug. Durch Augenwinken und bedeutungsvolles
Ruspern brachten mich glcklicherweise einige wohlmeinende Mitmenschen
zum rechtzeitigen Schweigen. Und hinterher erfuhr ich, da mein Nachbar
zur Linken und der bedeutende Herr vis-a-vis berzeugte Anhnger der
Misses Eddy seien.

Wie auerordentlich verhngnisvoll dieser sonderbare Fanatismus auch fr
die privaten menschlichen Beziehungen sein kann, dafr wurde mir ein
Beispiel aus dem Bekanntenkreise eines Freundes erzhlt. Ein gescheiter
und tchtiger Geschftsmann hatte eine recht wohlhabende Frau geheiratet
und fhrte eine durchaus glckliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der
Gesundbeter geriet. Von da an lie er das Arbeiten bleiben und
beschftigte sich nur noch mit Beten und Predigen in der eigenen Familie.
Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau zu sich herberzuziehen. Die
Nichtexistenz der Materie mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte
er sich so aus, da nunmehr auch der Herr fr die Bezahlung der laufenden
Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz eifrig betriebener
Gebetsbungen merkwrdigerweise nicht der Fall war, so mute seine Gattin
immer mehr und mehr von ihrem Kapital flssig machen, bis sie eines Tages
die Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz der Materie
dadurch klar machte, da sie ihm ein Scheidungsurteil vorlegte und mit
Sack und Pack sein Haus verlie.

(M75)

Wir wrden den Yankees schwer unrecht tun mit der Annahme, da nur in
ihrem Lande heutzutage noch ein gnstiger Boden fr ausgiebigen Gimpelfang
auf religisem Gebiet zu finden wre. Christian Science zum Beispiel hat
auch in Deutschland zahlreiche Anhnger, und zwar vornehmlich in jenen
erlauchten Kreisen, die auf die "Kreuzzeitung" abonniert zu sein pflegen.
In meinen Hnden befinden sich zwei traurige Beweisstcke fr die engen
Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem Schwindel und deutscher
Strammglubigkeit. Annoncierte da in den gelesensten Blttern der ganzen
Welt ein Mister G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepotnummer
1106: "Woher stammt diese wunderbare Gewalt! Das ganze Land ist erstaunt
ber die wunderbaren Taten, die Herr Mann vollbringt!

Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingeflt. rzte und Prediger
erzhlen staunend von der Einfachheit, mit der dieser moderne Wundertter
Blinde und Lahme mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen des
Todes entreit. Seine Ratschlge sind unentgeltlich fr alle. Dieser Herr
entbietet sich, seine Ratschlge unentgeltlich zu geben. rzte suchen
seine auerordentliche Kraft zu ergrnden ..."

Und in diesem scheulichen Reklamestil geht es zwei Spalten lang fort.
Zahlreiche Heilerfolge werden mit Namensnennung angegeben, und zum
Schlusse stellt sich Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von
ihm erfundenen Radiopathie vor. "Die Radiopathie hilft nicht nur bei
gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie ntzt gegen alle Krankheiten,
wenn die verschiedenen, magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer
Formel prpariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden. Wenn Sie
krank sind, es ist einerlei, an welcher Krankheit Sie leiden, schreiben
Sie Herrn Mann, beschreiben Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange
Sie krank sind, und er wird sich ein Vergngen daraus machen, Ihnen die
Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein Verfahren zu
beschreiben, das Ihnen ntzen wird. Dieses kostet Sie absolut nichts, und
Herr Mann wird Ihnen dazu ein Exemplar des wunderbaren Buches: 'Wie man
sich selbst und anderen helfen kann' mitschicken usw."

Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Fr das Postfach 1106 in
Rochester liefen aus allen Teilen der Welt die Briefe zu Hunderten und
Tausenden ein, und die Heilsuchenden, natrlich lauter arme, verzweifelte,
schmerzensreiche, meist von den rzten aufgegebene Menschen, erhielten ein
gedrucktes Schreiben, welches ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie
aufforderte, 10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofr
ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten, natrlich eine vllig
wertlose Droge, zugehen wrden. Die hochwichtige Broschre voll angeblich
wissenschaftlichen Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis beigepackt.
Und siehe da, Tausende und aber Tausende lieen sich den letzten
Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten und machten Herrn G. A. Mann zu einem
schwerreichen Mann. Selbstverstndlich ist er in Wirklichkeit weder Dr.
med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener amerikanischer
Schwindler mit den eigenartigen Ehrbegriffen dieser interessanten
Menschensorte. Um seinen guten Freunden auch einen Spa zu machen, lie er
zuweilen besonders pikante Zuschriften aus seinem Kundenkreis
photochemisch vervielfltigen. Und durch denselben wackeren Deutschen, der
diesem niedertrchtigen Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden
mir zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preuische
Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison dem Herrn
Professor der Radiopathie in Rochester Gestndnisse ablegen, wie man sie
selbst seinem Hausarzt und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande hchster
Verzweiflung ablegen drfte.

(M76)

Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen Spa daraus, diese
traurigen Intimitten seinen guten Freunden zu verraten! Angeblich soll
dieser gemeingefhrliche Schwindler brigens sein Unwesen heute noch von
Paris aus frhlich weiter betreiben. Charakteristisch ist es nun, da die
erwhnten, sozial so hoch stehenden Briefschreiber alle beide Herrn Mann
gestehen, sie htten es unter anderem auch schon mit der Christian Science
versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel. Auch wir Europer
sind noch lngst nicht ber den Berg des Aberglaubens hinweg; der
religise wie der medizinische Schwindel kommen auf beiden Seiten des
Ozeans noch auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden sie
ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehrigen aller Bekenntnisse, aller
Gesellschafts- und Bildungsstufen. Wie weit sind wir nun im Grunde
abgerckt von dem Glauben der Wilden an die Zauberkraft der
Beschwrungstnze ihrer Medizinmnner? Dunkle Erdteile gibt es nicht mehr,
aber in den finsteren Hhlen der Menschenseele kann der unerschrockene
Entdecker noch genug Fossilien aus dunkelster Vorzeit finden.

Bei der vlligen Gewissensfreiheit, welche die Verfassung der Vereinigten
Staaten gewhrleistet, und der groen Anzahl der Bekenntnisse, die der
heilsuchenden Seele zur Verfgung stehen, braucht die Wahl der
Religionsgemeinschaft, der ein erwachsener Mensch sich anschlieen will,
von keinen anderen als rein idealen Erwgungen geleitet zu werden;
begreiflicherweise spielen aber dennoch Ntzlichkeitsgrnde, allerlei
komische oder betrbliche Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine
bedeutende Rolle. Alle Leute, die nicht selbstndig denken gelernt haben,
und deren Zahl ist in Amerika besonders gro, sowie alle Leute, die nicht
von einer besonderen religisen Inbrunst erfat sind, werden entweder
einfach dem Bekenntnisse ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Gemeinde
anschlieen, durch die sie wertvolle geschftliche und gesellschaftliche
Verbindungen zu erwarten haben. Da es in dem demokratischen Staat
offiziell keine Rangeinteilung, keine Klassen- und Kastenunterschiede
gibt, der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, da sich immer gleich
zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt, Schranken zwischen sich und
der Auenwelt zu errichten, so kommen die Religionsgesellschaften der
natrlichen Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine
dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts- und
Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstck zu den Klubs, die aber
nur den Wohlhabenden zugnglich sind und die Familie ausschlieen. Der
selbstndige junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert
verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfgung stehen, diejenigen
aussuchen, in der er ausschlielich seinesgleichen in bezug auf Bildung,
gesellschaftliche Stellung, Lebenshaltung und allgemeine Interessen
findet.

Es ist klar, da der religisen Heuchelei, dem Drucker- und Muckertum
durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub geleistet wird. Wenn auch die
Respektablitt es erfordert, da man einer christlichen Gemeinschaft
angehre, so erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa eines
frommen Qukers Sohn zu den Methodisten bertritt oder die Tochter des
Presbyterianers sich den Baptisten anschliet. Religise berzeugung wird
unter allen Umstnden geachtet, auch wenn sie uerlich wunderliche Formen
annimmt. Und so fhrt schlielich das echte religise Bedrfnis bei dieser
Zersplitterung doch noch am besten. Und die Geistlichen gar drften in
keinem Lande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden erleben, wie in
den Vereinigten Staaten, weil ja bei der vlligen Freiheit der
Meinungsuerung jeder Geistliche in seiner Person gewissermaen eine
eigene Kirche darstellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm
seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch lange nicht
deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter Seelenfnger, so mietet er
sich eben einfach anderswo ein Lokal und versucht neue Menschen
hineinzupredigen. Hat er deren ein Huflein beisammen, so ist seine
Ich-Kirche wieder lebendig. Der unfhige Geistliche, dessen Persnlichkeit
der suggestiven Kraft ermangelt, wird dagegen mit Recht unter das
Proletariat derjenigen unbrauchbaren Menschen hinabgleiten, die da
brotlose Knste treiben.

(M77)

Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden Lichtbilde
schlieen. Auf dem Campus der Cornell-University in Ithaka im Staate New
York erhebt sich ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White, dem
feinsinnigen Gelehrten und allverehrten frheren amerikanischen
Botschafter in Berlin, gestiftet wurde. Das Innere zeigt eine wundervolle
Holzarchitektur in Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedmpfte
Farbenharmonie fat die weitgeschwungene bunte Decke mit dem dunkelbraunen
Holzton des Gesthls mild zusammen, und die farbigen Fenster dmpfen das
Licht, ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in mystischer
Dmmerung zu ersticken. Kein Altar, keine blutigen Kruzifixe oder
Marterdarstellungen, berhaupt keine biblischen Schildereien finden sich
in diesem, ich mchte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine
einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In einer Seitenkapelle,
die dem Charlottenburger Mausoleum einigermaen hnlich ist, ruhen in
herrlichen Marmorsarkophagen die Gebeine des trefflichen Holzhndlers
Cornell, der seinen Namen durch die Grndung dieser, zu den
allervornehmsten zhlenden Universitten unsterblich machte. Hier ruht
auch die erste Gemahlin Dr. Whites, und hier wird er selber seine
Ruhesttte finden. Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet,
sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel steht jedem
berufenen Redner offen, dessen Denken und religises Fhlen sich irgendwie
unter dem Einflu christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also
hier allsonntglich abwechselnd eingeladene Vertreter aller erdenklichen
Bekenntnisse, sowie auch auerhalb alles Kirchentums stehende bedeutende
Denker und Redner.

Ist es nicht bezeichnend, da die bisher einzige Absage, die Dr. Andrew D.
White auf seine Einladungsschreiben erhielt, von katholischer Seite kam?
Allerdings htten sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger
gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer freien, Wahrheit
suchenden Gemeinde geredet htten - Rom aber sprach: "Quod non!"





                             DIE LANDSCHAFT.


(M78)

Schlielich sieht es doch nicht berall in den Vereinigten Staaten aus wie
in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der
Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schnheit mordenden
Industriegelndes in den Mittelstaaten von den groen Seen bis zum
Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und
Nchte lang durch Kohlen- und Petroleumhllen, endlose Steppe und Wste
bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinberzufahren, um auf
landschaftliche Schnheiten zu stoen. Schon die Manhattan-Insel, auf der
die Fnfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt
erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den
grnen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer,
von New York nach Providence, glaubt man sich im sdlichen Schweden zu
befinden; die liebliche Wald- und Hgelszenerie mit ihren dunklen Tlern
und klaren Bchen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt,
knnte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize
ostpreuischer oder mrkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der
Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und
vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem
nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake
Cayuga und wie sie alle heien; in den Tlern des Delaware, des
Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche
Schnheit herben und zarten, heroischen und idyllischen Stiles vorhanden,
wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wnschen kann, Schnheit
genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung
zu schaffen. Aber der europische Naturfreund wird nirgends dieser
Schnheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit
Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn - _es fehlt berall
an der kulturellen Inszenesetzung_. "O lieber Herrgott, wie gut hast du's
gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie bel hast du die Absichten der
Natur verstanden!" Das ist das Stogebet, das sich berall in den
Vereinigten Staaten dem schwergekrnkten sthetischen Bewutsein entringt.
Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhuser, die
Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaten, von Gau zu Gau
wechselnden Charakter angenommen; berall dasselbe tdliche Einerlei
plattester Zweckmigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen
Granit in mchtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und
hie und da sogar ein Stckchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der
ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten
Holzhuser, in lustigen Blumengrten sauber aufgestellt, darinnen derbe,
blonde Dirnen in roten Rcken und grnen Schrzen hantieren? Wo ist die
blhende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und
Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit
seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in
den anmutigen Flutlern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu
finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wre?
Wo sind in den Glanzstcken der Gebirgslandschaft die romantischen Wege
fr Fuwanderer, die einsamen alten Wirtshuser an der Landstrae, die
verrucherten alten Rubernester italienischer Bergdrfer, oder gar die
lustigen Sennhtten unserer Alpenlnder zu finden? Nichts, nichts von
alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist berhaupt
schwer hinzugelangen. Aber berall, wo so viel zu sehen ist, da der
Baedeker einen Stern dabei machen wrde, spreizen sich die lieblosen
groen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebhrender
Entfernung halten. Fr die reichen Sommergste ist selbstverstndlich
gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennispltzen, mit Motorbooten und allen
neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants
zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen
Futterpltzen konzertieren selbstverstndlich kleine Musikkapellen, die
die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten
geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten.

(M79)

Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Bedrfnis
nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer
Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns
sehen wir ihn ausschlielich die groen Hotels, die geruschvollen
internationalen Vergngungsorte bevlkern, wo er von der Eigenart einer
Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren
Gebirgen, an unseren Flssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen
Ausrstung von modernsten Sportanzgen und neuesten patentierten
Sportgertschaften. Vom jngsten Bbchen bis zum ltesten Greise widmet er
sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut
ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bllchen in Gesellschaft hbscher
Misses mit Kntteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel
schwer zugnglicher Schnheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl mu
seinen Kodak umhngen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostm oder
das mitgenommene se Baby in allen Lebenslagen knipsen zu knnen.
Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern
begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefhrlich ist
und ihrer Raserei fr das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und
sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Ksebrot und einer Streu
vergngt bescheidet, den grndlichen Wissensdrang, der am liebsten die
stillen Winkel durchstbert, die fromme innige Naturschwrmerei, die den
groen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege
geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt fr
schn, was ihm durch Dimension oder Quantitt imponiert und - was viel
gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich ber die grlichen
Reklameschildereien ereifern hren, die gerade an den landschaftlich
bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt
von einigen Stunden, die recht genureich fr das Auge sein knnte,
etliche hundert Mal in der Gestalt eines berlebensgroen rotbunten Ochsen
entgegenschreit, da _Durham Bull_ der beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak
sei, oder sonst irgendeine mchtig interessante Feststellung. Hlt man ihm
die Poesielosigkeit der groen Hotelbauten in seinen berhmten
Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der knnte
sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe
ausgerstet in die Wildnis ziehen. O gewi, das wrde auch unserem
Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter den jungen
Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte "_camping out_". Aber auch
dieses Vergngen des Biwakierens ist mit Kosten verknpft, die sich nur
wohlhabende Leute leisten knnen, denn es versteht sich von selbst, da
man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt,
ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit,
Kochgeschirr, Angel- und Jagdgert usw. auf das vollkommenste mit den
allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerstet zu sein. In den
Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld htten,
da sie sich nicht einmal so etwas leisten knnten, oder wenigstens kennt
man in besseren Kreisen solche betrbliche Armseligkeit nicht.
Andererseits wrde wieder das geistige Gepck, das unsere kultiviertesten
Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drben fr ein
auerordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische
und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche
grndliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was
dem historischen Sinn Nahrung geben knnte, so vermit der Amerikaner die
edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverstndlich
alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte
Germpel.

(M80)

Es ist ein wahres Wunder zu nennen, da die guten Kinder ihre Niagaraflle
verhltnismig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen
Kraft, die dort umsonst zu haben ist, wre es doch eine Kleinigkeit, zum
Beispiel ber dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und
Streifenbanner aus elektrischen Glhkrpern flattern zu lassen! (Sie
machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie wrden
sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen Ufer
Onkel Sams Fahne flammen sehen mten! Sie wrden vermutlich nicht lange
zgern, auf ihrer Seite einen wenn mglich noch greren, elektrisch
bewegten _Union Jack_ zu hissen. Und damit wre sozusagen das Eis
gebrochen: in wenigen Wochen wrde der strahlende Ochse Durham das Lob des
besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus
brllen; ber, unter, zwischen und hinter den Fllen selbst wrden in
genial ersonnenen Lichtspielen die kstlichen Whiskys, die beliebtesten
Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abfhrmittel sich dem
staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu
begreifen, da nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywsche diese
glnzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch smtliche
amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafllen zu
unternehmen pflegen. Ich vermute, da da irgend welche schlechten
Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schndlich
unterbunden haben mssen; anders ist dieser geradezu barbarische und
schamlose Zustand gar nicht zu erklren, da man hier die Natur so nackt
und blo wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den
menschlichen Geschfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europer
kann so etwas schn finden!

Und dennoch mu ich gestehen, da ich dekadenter Europer auch angesichts
der Niagaraflle die feinere Regie vermite. Ich mute an unsern lieben
Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche
Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch
eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche
Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begrnten Stadtmauer,
seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirtshusern! Wie
sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken - denn
auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die ppigen Schtze der Natur aus
reiner Sentimentalitt ungehoben zu lassen -, wie sind sie so geschickt
unter dichtem Grn versteckt! Dagegen dehnt sich drben von der furchtbar
garstigen Grostadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheulichen Nest
Niagara-Falls-City die trostloseste Einde am Gestade des Eriesees
entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar,
und infolgedessen sieht man berall verlassene Ansiedlungen,
Trmmerhaufen, dland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem
schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mifarbigen Rinnsalen. Lange,
trbe Straenzge mit garstigen Arbeiterhusern durcheilt die elektrische
Bahn nach den Fllen, an wsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit
klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons mu man vorber,
bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden
Hauptflle angelegt hat. Dann gelangt man zunchst an den kleineren
dritten Fall, den die Industrie ganz und gar fr sich in Beschlag genommen
hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und
Schlote der Fabriken empor, und die gebndigten Wassermassen quellen aus
einer Menge von eisernen Rhren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen
Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es mssen wohl Farbwerke
sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie
sah, waren alle diese Abflsse zu Eiszapfen gefroren, die einen
pittoresken Behang ber dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schn
chromgelb, vitriolblau und krapprot gefrbt waren. Die groen Flle selbst
gehren ja ohne Zweifel zu den gewaltigsten Naturschauspielen der Welt,
besonders im Winter, wenn die Bume im weiten Umkreis in wunderbar
funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische
Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden
Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustck
gnzlich an Hintergrund. Der Niagaraflu verbindet eben zwei an sich wenig
reizvolle groe Wasserflchen, und wenn nicht zufllig der Eriesee etliche
60 Meter hher als der Ontariosee gelegen wre, so wrde es berhaupt
nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die
biedere Warthe in irgendeinem preuischen Kartoffelacker einen solchen
Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausfhren liee, so wrde das einigen
Hunderttausenden Deutschen gengenden Anla bieten, um entrstet aus der
Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister
geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.

(M81)

Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner
verbeln durfte, weil er eben zunchst fr das Allernotwendigste zu
sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was
sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjgern zu verteidigen hatte,
die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten fr den hochkultivierten Osten,
und die Zahl derer, die sich nach Schnheit zu sehnen beginnen, wchst von
Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten
Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt
Landschaftsregisseure mit unbeschrnktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was
liee sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich wei mir keinen
schneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New
York bis Albany schlgt er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis
Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar
mit der Elbe zwischen Knigstein und Schandau aufnehmen vermge seiner
herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die
Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der
Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Strme, so liegt
das eben einfach daran, da ihm die Rebenhnge mit den berhmten
Weinmarken, die lieben alten Stdtchen und ganz besonders die malerischen
Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons htte also die Aufgabe, das
ganze stdtische und drfliche charakterlose Germpel, das die Ufer des
Flusses verschimpfiert, niederzureien und durch Neubauten im Stil des
Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wre mit viel Geld zu
machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdrngte: Ja, welches
ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das wei eben
kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die
Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall,
ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederlieen, und jeder von
ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte
und seine Mittel es erlaubten. Gewi haben sich an unserem Rhein die
Menschen ursprnglich auch nicht aus Bewunderung fr die schne Gegend
niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Hhen gebaut, um
spteren Geschlechtern eine Sehenswrdigkeit durch deren Ruinen zu
liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft spteren Dichtern und Malern
zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmige ist
immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten gerade so wie in
der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat
die Schnheit dazu getan. Aber diese Schnheit ist keineswegs ganz wild
gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein
einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, da der Wille
einzelner berragender sich den Herdenmenschen aufzwang, da die
knstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden
erkannt und mit groen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster
schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder
nachmachten. Die Znfte muten ihren Zwang auf die Handwerker ausben, die
Stadtvter muten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die
Engigkeit der Verhltnisse mute ein konservatives Philisterium gezchtet
werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der
Entwicklung strte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in
einer groen demokratischen Republik nachahmen knnte. Gewi, ein genialer
Architekt, nennen wir ihn Meyer, knnte mit den zur Verfgung gestellten
Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen,
und das knnte vielleicht etwas sehr Schnes geben, aber dann mten auch
drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwngen,
ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten
und sich berhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen.
Wrden sich die freien Brger des Staates New York das gefallen lassen?
Schwerlich. Sie wrden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative
Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schn geschwungenen
Uferbergen des Hudson knstliche Burgruinen zu errichten, zu denen
Zahnradbahnen oder Elevators hinauffhrten. Es wre weiterhin nur
vernnftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederlieen, die
auf den Plattformen der Trme Flugschiffstationen und auf den
Turnierpltzen Hangars fr roplane einrichteten. Gewi wrden es die
Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige
Fabrik hbschere Formen annhme und an Stelle manchen hlichen Germpels
reiche Mitbrger ihre Sommervillen in allen mglichen bizarren
europischen und asiatischen Stilen anlegen wrden. Vermutlich wird man
schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und
Drachenburgen, japanische Teehuser, russische Datschen und Darmstdter
Eigenheime bewundern knnen, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von
selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja
bei uns, wie schwer es die Vereine fr Denkmal- und Heimatschutz haben,
unsere schnsten alten Stdtebilder vor Verschandelung zu behten, und wie
auch die strengste Baupolizei hchstens unter Mitwirkung wirklich
feinfhliger Knstler einigermaen dem Eindringen der Stillosigkeit zu
wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorvter ist
uns Modernen durch den Mangel an Sehaftigkeit der groen Masse, die durch
unsere Verkehrsverhltnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen.
Drben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit
natrlich niemals bestanden; der Knstler, den man zum
Landschaftsregisseur ernennen wollte, htte es also mit Kindern und
Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft
machen, aber keinen Stil aufzwingen knnte. Die Yankees mit ihrem
wundervollen Optimismus sind natrlich berzeugt davon, da die Schnheit
und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln mten als
eine Frucht der fortschreitenden Geschmackskultur ihrer reichen und
migen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube
vielmehr, da sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der groe Unterschied
zwischen der alten Welt als einem Antiquittenmuseum und der neuen als
einem Novittenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmhlicher
Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht
einzuholen.

(M82)

So mte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure fr die Vereinigten
Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht
ganz. Im weiten Sden, im uersten Norden und im fernen Westen ist noch
Platz genug fr Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die
gesetzgebenden Krperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur
Bedingung fr neue Grndungen machten, da die Plne nicht ohne
Hinzuziehung bewhrter Knstler entworfen und ausgefhrt werden drften,
so wre von diesen neuen Stdten und Drfern des 20. Jahrhunderts doch
wohl ein bichen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko
nicht; ich wei nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran
gedacht hat, die knstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die
Amerikaner behaupten ja, da ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole
Seattle und andere nordwestliche Grndungen von hervorragender Schnheit
seien. Nun, dann wrde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von
Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in
einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und
vor dem Schlafengehen nicht fortgerumt haben. Von dem groen Vlkerumzug
sind noch berall die ausgerumten Kisten, die Stroh- und Papierhllen,
die ausgerissenen Ngel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn
erst der Osten sich vor dem Westen zu schmen beginnt, dann findet er
vielleicht auch Zeit, endlich einmal grndlich aufzurumen. Und in der
aufgerumten Landschaft, dem gesuberten Stadtbilde werden wenigstens die
grbsten Scheulichkeiten so unliebsam auffallen, da man sich um so mehr
beeilt, sie gnzlich wegzutilgen und durch Schneres zu ersetzen. Dann
wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir
sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere
Missionre den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann
auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Knstler
hinber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische
Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und
Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen
amerikanischen Stadt eine schne Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem
Namen an Stelle des bei uns blichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis
und Landwehr-Bataillon zu lesen wre: "Gestiftet von Carnegie, in Szene
gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus Mnchen-Pasing."





                      DOLLARICAS INFAMSTER SCHURKE.


(M83)

Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten
gegenber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen
Enttuschungen dadurch zu schtzen, da ich meine Mitmenschen von
vornherein jeder Bosheit und Niedertracht fr fhig halten mge, stets mit
Ernst und Eifer die Meinung verfochten, da alle Kreatur von Mutterleibe
an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und da nur widrige
Umstnde, zumeist gnzlich unverschuldeter Art, wie ble Herkunft,
leibliche Not und ungestillte Sehnschte der Seele die bsen Triebe
gewaltsam einzuimpfen vermchten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois)
Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, mu ich gestehen, da
meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschttert
wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern
sogar ein Vierfler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden
Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demtiger Ergebung
und verehrungswrdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der
ganzen Vereinigten Staaten ist nmlich, gerade herausgesagt - _ein
Hammel_, und zwar der Leithammel in _Armour & Co.'s Packing Company_ in
den Chicagoer Schlachthfen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter
wre, der ich, wie gesagt, nicht bin, so wrde ich diesen Hammel eine
_eingemenschte Bestie_ titulieren. Denn wer htte es je fr mglich
gehalten, da ein Schafskopf so viel Niedertrchtigkeit beherbergen
knne?! Nichts in dem vertrauenerweckenden ueren dieses Hammels deutet
auf die Schndlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergngtes
Schafsgesicht verklrt das satte Lcheln eines gutmtigen Pfffleins auf
fetter Pfrnde, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines
beleibten, aber noch rstigen alten Herren, der unter Umstnden wohl noch
zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt
getragene Maske der Bonhomie zu der eintrglichen Stellung bei Armour &
Co. verholfen.

Dieser ehrenwerte Beamte erfllt nmlich die Aufgabe, whrend der
Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende
seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehrigen und
Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen
Eisenbahnzgen treffen sie aus allen Teilen der Union in den _Stockyards_
von Chicago zusammen. Die Wagentren ffnen sich, und froh, der langen
grausamen Haft entrinnen zu knnen, drngen sich die Scharen munterer
Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky,
von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren
bedrngten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige "Mh" der Erlsung
von langer Qual. Weite Hrden nehmen sie auf, die krauswolligen, weien
und schwarzen Brder und Schwestern, Vettern und Basen aus smtlichen
Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige
Heu, in langen Rinnen der krftig gemischte Trank. Und doch, die rechte
Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch
erfllt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, grne Weide,
kristallklare Bche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht
treu besorgter Hunde und frommer Schfer; hier aber engen himmelhohe
rotbraune Mauern sie ein, statt lustiger weier Lmmerwlkchen wlzen
schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Hupten daher, und statt des
feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebrll
rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen
sie die Schwnzlein und die Kpfe hngen, lassen sie die Trankrinne und
die Futterraufe unberhrt.

(M84)

Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser bengstigend fremden Welt
mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den
besten Jahren: "Munter, meine lieben Kinder, munter!" beginnt er in
humoristisch gefrbtem Bockston, und alsbald umdrngt ihn ein dichter
Kreis von Zuhrern. "Ihr habt nicht die geringste Ursache, Ohren und
Schwnze mutlos hngen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine groe
Ehre fr euch ungebildete Prairieschafe, in die groe Millionenstadt
Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr wret die einzigen
Schafskpfe hier am Orte, mhhh!? Hier geht es hoch her, das knnt ihr
mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht
lang werden, auf Eh - hhhh - re! Ich habe es zwar nicht ntig, mich
fr euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer
auskmmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will
mich dennoch eurer hilflosen Lndlichkeit annehmen, weil doch nun einmal
der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach,
ich fhre euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte
uns geniert." - Und leichtfig tnzelt der feiste Onkel voran einen glatt
gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, da nur zwei knapp nebeneinander
gehen knnen, aber sicher eingeplankt, so da keines an den Seiten
herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergngens ist
vielversprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen
Rutschpartie geht's auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz
und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und
trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, da es klingt,
wie wenn in schwlen Frhlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und
Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Ben, ein dumpfes Wirbeln wie
von gedmpften Trommeln, - als sollten durch solchen Trauermarsch den
unschuldig Verurteilten die militrischen letzten Ehren erwiesen werden.
Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und
hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Trchen in der
rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er
in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit
einem Ruck in ein gemtliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht,
whrend seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu
Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere
Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an
einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwrts, ein gewaltiges
Rad empfngt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und lt sie auf der
andern Seite rasch abwrts schweben der Stelle zu, wo der Mrder mit
seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Sto - und lautlos haben sie
ausgelitten. Derweile lt sich's der erprobte Beamte von Armour & Co. in
seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl
sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu
Angekommenen in die Hrden hinunter zu begeben und seinen niedertrchtigen
Trick aufs neue auszufhren. Wenn er ein Mensch wre, so wrde er sicher
auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleiig
in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermgen wohlttigen Stiftungen
vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das
Bedrfnis, sein Gewissen zu betuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um
seinen Mut zur Infamie tglich neu zu entflammen, sondern sein
eigentmlich hammelhafter Ehrbegriff lt ihn vielmehr seinen Stolz drein
setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverstndlichkeit
seine verrterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension
geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blhungen ihm unversehens den
Garaus machen. - Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weien Eunuchen
von Chicago fr den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu
erklren?

(M85)

Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schne Leserin, werden Sie mir
entgegnen wollen, da die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur
schndlich mibraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse,
da seine von ihm verfhrten Artgenossen dem Tode verfallen seien. - Ich
kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest berzeugt, da auch dem
geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer
Schlachthfe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen mu,
sobald es nur den Eisenbahnwagen verlt. Und da ein Leithammel doch
jedenfalls die Blte der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es
doch schwer glaublich, da gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben
sollte, da alle die von ihm angefhrten Herden auf Nimmerwiedersehen in
dem Abgrund verschwinden, dem jener heie Blutgeruch entstrmt, und da es
immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von Hammeln sind, an
deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich
knnte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen
Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient,
nicht noch eine grere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein
beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anrchigen
Handlungen, die im Interesse seiner hheren Zwecke verrichtet werden
mssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafr scheinbar harmloser
Umwege zu bedienen. So hat die edle weie Haut der roten Haut ihre
Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher
Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man
hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung
eines groen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden
Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur
Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Vlker zu verwenden. Solchen
imposanten Grotaten menschlicher Niedertracht gegenber will es moralisch
nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit
einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierqulerei und unliebsames
Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und
Menschenfreunde mu man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche
ganz Nordamerika tagtglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte
Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepkelten und gerucherten
Fleischwaren versehen. Wer an einem glnzenden Beispiel lernen will, wie
der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnden
Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und krperlichen
Geschicklichkeit schlielich dazu gelangen kann, die Vollendung des
Zweckmigen sogar bis zum knstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe
sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.

Durch Upton Sinclaires berhmten Roman "_The Jungle_" (der Sumpf) sind ja
die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.'s Packing Company gerichtet
worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman bel geworden. Es hat
monatelang kein _corned beef_ mehr gekauft, in der Meinung, da in den
hbschen, sauberen Blechbchsen mehr Rattenschwnze, abgehackte
Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden wren, als solides
Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in jngster Zeit, wie ich,
die Schlachthuser und Packrume Armours aufmerksam durchwandert hat, der
wird doch sagen mssen, da entweder Mister Sinclaire ein arger
Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder da die Gesellschaft sich sein
Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen
gemacht haben msse. Denn so wie das Unternehmen sich heute prsentiert,
bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf
sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft,
auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des
verarbeiteten Materials.

An einem schnen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich
und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der
Firma, uns herumzufhren. Es war zufllig derselbe Herr, der auch unseren
Prinzen Heinrich gefhrt hatte. In der stolzen Haltung des freien Brgers
der grten Republik der Welt, d. h. die Hnde in den Hosentaschen, eine
ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser
Herr zunchst einmal das Kompliment, da unser kaiserlicher Prinz ein
feiner Kerl - _a fine fellow_ - sei. Man habe ihn vorher instruiert
gehabt, den hohen Herrn mit "_Your Royal Highness_" anzureden; aber daran
habe er sich nicht gewhnen knnen, und es habe offenbar dem Prinzen ganz
gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von
anstndiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den
Mittelpunkt der Hlle geleitet. Sehr vernnftiges amerikanisches Prinzip:
denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder
wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushlt, dem kann berhaupt auf dieser
Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.

(M86)

Eine schwere schmale Tr wird aufgestoen; eine heie Welle von slichem
Blutdunst schlgt ber unseren Kpfen zusammen, und das furchtbare,
wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betubt uns die Ohren,
zerreit uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie,
die dick mit Sgespnen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief
hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich
langsam eine riesige, metallene Scheibe, ber die eine schwere, eiserne
Kette luft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht
bersehen knnen, werden die Schweine von riesenstarken Fusten eines nach
dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer
Hinterschenkel befestigt. Im nchsten Augenblick wird das Tier
emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskrften strampelnd und
schreiend, ber die groe Scheibe weggefhrt. Auf der anderen Seite dieser
Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich
langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, fhrt er
den Todessto in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schiet heraus. Der
Mann ist ber und ber mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und
steht bis an die Knchel in einem Bluttmpel. Ein zweiter Mann in seiner
Nhe hat die Aufgabe, mit einem groen Besen das Blut in ein Loch im
Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren
Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den
Schlchter, so da er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit
dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der hchstbezahlte
Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem grlichen Fache; aber
unfehlbar ist seine Hand natrlich doch nicht, und manche der gestochenen
Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange whrt ihre
Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette fhrt sie in die untere Etage
hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll
kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weien Schweineleichen in
dichtem Gedrnge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder
nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrht, wie man sie
in unseren Metzgerlden in der Auslage hngen sieht. Kein Unterschied mehr
zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blarosig,
starr und schwach dampfend kommen sie in Abstnden von etwa 2 Meter wieder
in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und
schreiten auf unserer erhhten Schaugalerie in einen groen, lichten Saal
hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die
Arbeiter mit ihren scharfen Messern, xten, Knochensgen und Ltlampen auf
ihren Posten, und whrend die Kette in langsamer Vorwrtsbewegung das
Schwein an ihm vorbeifhrt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer
dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste fhrt einen Bauchschnitt der
ganzen Lnge des Krpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die
Gedrme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen,
der vierte sgt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Ltlampe
die etwa noch briggebliebenen Borsten weg - und so fort. Am Ende des
Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter
Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist
das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgelst, die Schinken,
die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.

(M87)

Ganz hnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder
bearbeitet werden. Aus einer Falltr werden sie von unten heraufgehoben
und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betubt. Nach dem
Grausen der Schweineschlchterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu
zart gedmpft, man mchte fast sagen, liebenswrdig diskret, denn das Rind
schreit nicht, es ist betubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum
Bewutsein kommt, da es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige
Maschinenkraft hebt das schwere, bewutlose Tier an den Hinterfen in die
Hhe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den groen
Arbeitssaal. Am Kopfe hngt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim
Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die
Schlchtergesellen ihre Arbeit, da man in diesem Saale, mit den Augen
wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem mchtigen Rindskadaver
die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so
hngen die Rinder in groen Abstnden an der Kette, und jeder Arbeiter
geht dem ihm zugewiesenen Stck so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk
des Abhutens, Zersgens und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der
Arbeitsteilung ist strikte durchgefhrt. Ein Arbeiter hat nie etwas
anderes zu tun, als das Rckgrat von oben bis unten durchzusgen, ein
anderer nur das Abhuten zu besorgen - und wehe dem, wenn er das wertvolle
Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung
ist seine Strafe.

(M88)

Von den Schlachtrumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft.
ber hlzerne Brcken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die
die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befrdern, gehen
wir in die Packhuser hinber, wo das gekochte, gerucherte und
eingepkelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen
von fabelhafter Przision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und
Abertausende von Blechgefen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei
in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlten des Deckels und das
Bekleben der Dosen mit den schnen, buntgedruckten Papieretiketten. Das
Schlustck in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist
der Saal, in welchem nette junge Mdchen in weien, steif gestrkten
Hubchen und blendenden Kleiderschrzen an langen Tischen sitzen, mit
feinen weien Hnden die dnnen Fleischscheiben, die die lautlos
arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren
Rhythmus hinstreut, in die Blechbchsen verpacken. Die tadellose
Sauberkeit dieser Mdchenhnde wird dadurch sinnfllig gemacht, da nicht
nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen,
sondern da in einer Ecke des Saales auf einer erhhten Tribne eine
artige Manikre fortwhrend an der Arbeit ist, um die Fingerngel zu
subern und streng vorschriftsmig im Verschnitt zu halten. Diese
Manikre und jener infamste Schurke Dollaricas, nmlich der Leit - hammel,
stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der
gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste
Rcksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand
zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, nmlich die
Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt
die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir
die gutgepkelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Bchse auf
den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenflei ihr Letztes
hergegeben und durch geniale Ausntzung des Materials und Hinaufsteigerung
aller Energien zu uersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und
darum sthetisch wirkende Harmonie verwandelt.





                     BAEDEKEREIEN FR AMERIKAFAHRER.


(M89)

Whrend meines Aufenthaltes in New York geschah es, da ein aufgeweckter
Marschbauer, irgend so ein deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heien
mochte, mit der ganz gescheiten Absicht herber kam, sich fr die etlichen
30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten Bauerngut herausgewirtschaftet
hatte, im fernen Kansas, Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo
das Land noch spottbillig ist, eine groe Farm zuzulegen. Der Mann war in
der Vollkraft seiner Jahre, verlie sich auf seine derbe Faust, seinen
klaren Dickkopf und seinen deutschen Flei und hatte guten Grund,
anzunehmen, da er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder wrde
nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben eines
Grogrundbesitzers im Lande der Freiheit teilnehmen lassen knnen. Der
Mann hatte in seiner biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt
erzhlt, wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitn, der
es gut mit ihm meinte, hatte ihm fr seinen Einzug in die
Fnfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in Gestalt eines seiner
Offiziere mitgegeben. Der nahm Klaas Petersen freundschaftlich unter den
Arm und fhrte ihn zunchst einmal die Kellertreppe zur _Subway_, der
Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des Hudson hindurch
Brooklyn mit New York verbindet und dann in zwei sten die ganze
Manhattaninsel bis in die ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas
Petersen ber das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel hindurch in
einen der Riesenwagen hineinbugsiert war und nun in drangvoll
frchterlicher Enge, eingekeilt zwischen hinter riesigen Zeitungen
verschanzten Negern, Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten
Yankees stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze
Felsenhhle hineintauchte und dort mit unheimlicher Schnelligkeit um die
Kurven schlingerte, da fing Klaas Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu
weinen an und schluchzte: "Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. -"
Und dabei blieb's; er wollte keine Vernunft annehmen. Mit dem nchsten
Schiffe kehrte er tatschlich wieder heim.

Noch bler erging es einem anderen Grnhorn, das sich auf seinen eigenen
Witz verlie und bei Brooklyn-Bridge einen Trambahnwagen bestieg, um ber
die berhmte Brcke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen Landsmann
aufsuchen wollte. Und er kam auch ber die Brcke, aber er verstand nicht,
was der Schaffner ausrief, und traute sich nicht aufs Geratewohl
auszusteigen; und ehe er sich's versah, war er wieder auf der Brcke, denn
die Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er ein
Gemtsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen, was der Herr in
seinem unerforschlichen Ratschlu ber ihn beschlossen htte. Er fuhr also
auf der groen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage lang.
Schlielich mute man ihn aus Mitleid erschieen, da er sonst verhungert
wre.

Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben magst, lieber Leser,
so la es bleiben. Deswegen bleibt es doch als unumstliche Wahrheit
bestehen, da du in Amerika unmglich bist, sofern der Himmel dich zu
einem Junker Truminsblau geschaffen oder deine Eltern dich mit der
Zipfelmtze bis ber die Nase und einem schnen Brett vorm Kopf in die
Welt entlassen haben. Bist du aber kein Muttershnchen, das in der Bangbx
bebbert, sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und nicht zu
viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist in das Abenteuer
strzen. Bist du ein armer Teufel, der drben sein Glck machen will, so
wappne dich mit Humor und Wurstigkeit, schme dich keiner Arbeit und la
die Ohren nicht hngen, wenn es dir in einem Fach milingt. "_Let us try
another chance_" sagt der Amerikaner in diesem Falle, und das sag du auch
und pfeif drauf. Willst du aber zu deinem Vergngen und zu deiner
Belehrung dich drben umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld -
noch viel mehr Geld! Denn wisse, da fr den nicht sehaften Menschen
drben die meisten Dinge doppelt und viele viermal so viel kosten wie bei
uns. Fr ein Seidel Wrzburger Hofbrubier oder Pilsner, das nur 4/10
Liter hlt, mut du einen _Quarter_ hinlegen, das ist _M_ 1.-, und du
wirst bald dahin gelangen, diesem _Quarter_ nicht mehr wehmtig
nachzutrauern; denn das amerikanische Bier enthlt zwar Wasser, Malz und
Hopfen und sieht schn braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine
verlockende schneeweie Rahmhaube auf und der erste Schluck geht dir
lieblich ein, aber bald merkst du, da es doch kein Bier ist. Und dann
wirst du auch bald finden, da es sehr viel leichter ist, die schmalen,
schmutzigen, zerknitterten Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei
uns daheim ein schnes blankes Zwanzigmarkstck anzureien; du mut
nmlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du berhaupt Gold zu sehen
bekommst. Mache dir nur ja nicht etwa die Illusion, als ob du an
irgendeiner Stelle wieder hereinsparen knntest, was du an anderer Stelle
grozgig verschwendet hast. Abgesehen davon, da der Knicker und
Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardre hchst verchtlich ber die
Achsel angesehen wird, kommst du auch schon aus dem Grunde nicht zum
Sparen, weil die guten Dinge, die zum tglichen Bedrfnis des Gentleman
gehren, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis haben. Du kannst
zum Beispiel nicht in einem Hotel zweiten Ranges wohnen und in einem
Restaurant ersten Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten
Ranges gibt. In den groen Stdten wenigstens sind alle Hotels, denen sich
ein besserer Zeitgenosse berhaupt anvertrauen kann, nach unseren
Begriffen erster Klasse, und was danach kommt, ist nach unseren Begriffen
gleich vierter Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse wohnen
und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du kannst es wohl, aber du
wirst bald davon zurckkommen. Denn das billige Essen ist auf die Dauer
unmglich, und zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten Hotel
und einem anstndigen Restaurant gibt es kaum einen Unterschied. Versuche
um Gottes willen auch nicht mit Trinkgeldern zu knausern, das wrde dir
bel bekommen; nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in der
breitesten ffentlichkeit wrde es deinem Renommee schaden. Ein werter
Freund und Kollege von mir hatte sich von Eingeborenen sagen lassen, da
der bliche Satz fr den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen
zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel bestand in einem
belegten Brtchen mit einem Schnitt Bier, wofr er 70 Cent = _M_ 2,80
bezahlen mute. Gewissenhaft wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und
schob sie reinen Herzens dem _waiter_ zu. Der starrte erst mit
verdchtigem Grinsen auf das Smmchen hin, dann lief er zum Oberkellner,
beriet sich lngere Zeit mit ihm und kehrte endlich zurck, um die 7 Cent
zwar ohne Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen
Frhlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen stand es in smtlichen New
Yorker Blttern, da der beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld
gegeben habe. Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, lachten
ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, lieber Landsmann,
besonders wenn du aus Mnchen kommen solltest, wo die Kati schon fr drei
Pfennige danke schn sagt, da man unter zehn Cent berhaupt keiner
Hilfskraft in der Ernhrungsbranche anbieten darf, und da man das
Trinkgeld immer nach oben bis zur nchsten durch zehn teilbaren Ziffer
abrunden mu.

(M90)

Du darfst ruhig Piefke heien und in Schmierlen machen und brauchst dich
doch keinen Moment zu besinnen, in den vornehmsten Hotels einzukehren.
Wenn du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und weder die
Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den Kompotteller ableckst, so
wirst du auch in der allerprominentesten Gesellschaft geduldet werden. Fr
fnf Dollar bekommst du berall ein anstndiges Zimmer mit Bad, und wenn
du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade gut stehst, kannst du fr
denselben Preis sie auch mit hinein nehmen, denn die Betten sind immer
reichlich zweischlfrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen wolltest,
auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so wrde man das vielleicht als
einen Mibrauch der Gastfreundschaft betrachten und dir einige Dollars
extra tschardschen. Aber wer reist berhaupt mit Kindern nach Amerika?!

(M91)

Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine ganz andere Rolle wie
bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher und geschftlicher Treffpunkt, und
die _Lobby_, d. h. die Vorhalle im Erdgescho mit ihren massenhaften
Schaukelsthlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und sonstigen
Verkaufsstnden, spielt dieselbe Rolle, wie der Barbierladen im antiken
Athen und Rom und wie das Cafhaus in sterreich. In der Lobby befinden
sich auch Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei und
Ausgabestelle fr die Post. Die greren Huser haben sogar eine eigene
Telephonzentrale fr die Vermittlung des riesigen Gesprchsverkehrs
innerhalb des Hauses wie mit der nheren und ferneren Auenwelt, und was
man dir nicht mndlich durch den Draht ausrichten kann, das wird dir auf
elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. Selbst in den mittleren
Stdten haben die guten Hotels selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze
Anzahl von Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom Keller, wo
der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich bearbeitet, bis hinauf zum
Dachgarten, wo du in schnen warmen Sommernchten bei Musik und feenhafter
Beleuchtung dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der Lobby aber und in den
angrenzenden Restaurationsrumen laufen fortwhrend kleine niedliche Pagen
mit Zerevismtzchen auf den Kinderschdeln herum und quarren die Namen der
Leute aus, fr die ein Besuch oder eine Depesche da ist, oder die am
Telephon verlangt werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann
aufhalten kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann man ruhig bei
bsem Wetter dort hineinflchten, sich eine Zeitung und eine Zigarre
kaufen und in einem Schaukelstuhl Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet
oder gar ein Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens mit
seinen Geschftsfreunden und abends mit seinem Liebchen. Bauernfnger,
Detektivs und Reporter wimmeln in Scharen dort herum. Die letzteren holen
sich drei Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer bei
dem Clerk, der das Fremdenbuch fhrt, in das jeder neu ankommende Gast
sich einschreiben mu, und strzen sich auf ihn, sofern er nur irgendwie
prominenzverdchtig oder weit hergereist ist oder sich durch einen
europischen Titel auffllig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren
berall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an Gesprchen der
Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden und der Klatschbasen
erlauschen knnen, beschreiben die Toilette und das Gepck reisender
Knstlerinnen und konstruieren sich ganze Romane aus dem bloen
Mienenspiel aufgeregt flsternder Leute.

Jeder, der es irgend _afforden_ kann, kehrt in den groen Hotels ein,
selbst Menschen, die man bei uns zu den kleinen Leuten rechnen wrde, und
reiche Leute, die auf dem Lande oder in den Kleinstdten wohnen, aber oft
in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, jahraus ein
Zimmer fr sich reservieren. Folglich sind die Hotels immer voll und
amsant fr jeden, der kein Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und
Luxus wird dir fr deine europischen Begriffe Fabelhaftes geboten. Bad
und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverstndlich; ein Transparent
leuchtet auf und zeigt dir an, da Briefe fr dich in der Office sind, und
was das Allererstaunlichste ist - jeden Abend wird dein Bett frisch
bezogen, als ob du ein Milliardr oder ein Erzschweinepelz wrst! Nur
deine Kleider mut du dir selber reinigen, wenn du nicht _M_ 2 extra dem
Hausschneider dafr bezahlen willst, und die Stiefel mut du dir im Keller
oder auf der Strae putzen lassen. Was aber das Schnste ist: du kannst
ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld heischenden
Bediensteten Spieruten laufen zu mssen. Dem Hausdiener, der deine Koffer
dir aufs Zimmer schleppt, gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und
wenn du ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den Liftboy mit
einem Tip. Selbstverstndlich kannst du auch im Office dein Bahnbillett
und dein Gepck besorgen lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten
mit dem Zurechtfinden oder mit den Behrden hast, so wird dir ein sehr
feiner Gentleman zur Verfgung gestellt, der dich sicher geleitet und fr
dich redet, wo du etwa mit deinem Englisch nicht auskommst. Der Gentleman
behandelt dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm nichts
in die Hand zu drcken - er steht nachher auf deiner Rechnung. Alles, was
du im Hause verzehrst, bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei,
deine Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst.

(M92)

Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich bei der Ankunft in
New York deine Schritte zunchst ins _Astorhotel_ lenken, und du wirst gut
daran tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren kannst, wie
herrlich weit aus kleinsten Anfngen heraus es ein intelligenter,
tatkrftiger Deutscher drben bringen kann. In dem Hotel der _Gebrder
Muschenheim_, aus dem hessischen Drfchen gleichen Namens, findest du
nicht nur all den hier geschilderten Luxus und Komfort, sondern auch fr
dein sthetisches Bedrfnis in dem groen Festsaal eine der schnsten
Orgeln der Welt, die tglich von Knstlern ersten Ranges gespielt wird,
und im Grillroom etwas fr deinen historischen Sinn, nmlich ein
geschmackvoll zusammengestelltes Museum, das dir ber Leben und Treiben
der Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen hchst lebendigen
Anschauungsunterricht erteilt. - Kommst du aber weiter ins Land hinein, in
die mittleren und kleineren Stdte, so erkundige dich ja, bevor du dich in
das Fremdenbuch eintrgst, ob das Haus in europischem oder amerikanischem
Stil gefhrt wird; andernfalls kann es dir so ergehen wie mir in einer
kleinen Stadt Wisconsins. Ich wurde mit meiner Frau in einem der besten
Zimmer eines neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt
untergebracht. Auer dem groen Bett stand kein Mbel in diesem Zimmer
fest auf seinen vier Beinen, das vierte war nur angelehnt, wenn berhaupt
vorhanden. Auf der frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck
zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, der andere vom
Rauch herrhrend; ein Bad gehrte selbstverstndlich auch zu diesem
Staatszimmer, es war aber mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin
war, (ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine Knie bis ans
Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte man allenfalls sitzend darin
Platz finden. Da wir whrend unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten
eingeladen waren, so verzehrten wir nichts auer dem Frhstck am anderen
Morgen, d. h. wir htten dieses Frhstck verzehren knnen, wenn man es
uns noch verabreicht htte, was aber nicht der Fall war, da wir erst nach
neun Uhr im Restaurant erschienen. Wir muten also in die Stadt gehen und
in einer Konditorei frhstcken. Die Rechnung betrug 7 Dollar, also nahezu
_M_ 30.- fr ein Bett, einen Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein
Quetschbad! Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu leihen. Da
entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig: "Ja, _warum haben_ Sie
denn nichts verzehrt hier? Das ist Ihr Pech. Sie htten fr die 7 Dollar
essen knnen, soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben
nmlich amerikanischen Plan hier." Und die ganze Menschheit in der Lobby
quietschte vor Vergngen ber die lange Nase, mit der ich abziehen mute.
Jetzt also, lieber Leser, weit du, was _american plan_ ist.

(M93)

Wenn du nur einigermaen prominent bist oder durch sonst welche
aufflligen Eigenschaften die Aufmerksamkeit der Reporter auf dich gelenkt
hast, so kannst du die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins
Hotel in den Morgenblttern eine schmeichelhafte Beschreibung deines
Exterieurs, eine Wrdigung der Vorzglichkeit deines eventuellen
Schmierls und auerdem deine Ansicht ber Amerika zu lesen. Unter anderen
Folgen solcher frisch gebackenen Popularitt wird sich auch ein Gentleman
in tadellosem Anzug mit liebenswrdigen Manieren befinden, der dir seinen
Besuch macht und sich erbietet, dir gnzlich kostenlos deine ganze
Reiseroute auszuarbeiten und die ntigen Fahrkarten nebst den Beikarten
fr Pullmanwagen und Bett zu besorgen. Du bist natrlich ba erstaunt ber
diese fabelhafte Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst,
wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir findet. Da lt sich ein
zweiter, ebenso eleganter und liebenswrdiger Gentleman melden, erkundigt
sich ebenfalls, wohin deine Reise gehen soll und macht dich lchelnd
darauf aufmerksam, da der Herr, der vorher da war, dir eine sehr
unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; mit seiner Gesellschaft wrdest
du schneller, komfortabler und sicherer reisen. Da hast du des Rtsels
Lsung. Da zwischen den bedeutenden Pltzen der Union fast berall mehrere
Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die verschiedenen Gesellschaften
ihre Kunden persnlich einzufangen, obwohl man nicht nur in allen groen
Hotels, sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in den eleganten
Offices der verschiedenen Gesellschaften seine Billette vorausbestellen
kann. Diese starke Konkurrenz hat fr den Reisenden das Angenehme, da
sich jede Linie die grte Mhe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten und
Vorteile zu bieten, wie irgend mglich. Wenn du also zum Beispiel
geborener Berliner bist und als solcher Wert darauf legst, deiner
koddrigen Schnauze Bewegung zu machen, so kannst du whrend deiner Reise
alles bemkeln, und wenn du dich irgendwie zurckgesetzt fhlst, den
erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: "Wissen Sie, alter Freund, mit
Ihrer verdammten Linie fahre ich nie wieder, verstehen Sie mich!" Gegen
Langeweile oder Magendrcken ist eine solche Erleichterung der Galle recht
ntzlich. brigens ist es immer sehr angenehm, einen reisegewhnten
Amerikaner zum Beistand zu haben, denn die Kursbcher sind fr den
Uneingeweihten sehr schwer verstndlich; auerdem gibt es auch keine. Die
einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrplne in mglichst farbenfreudiger
Ausstattung in den Hotels auf, und wenn man eine Reise vor hat, die einen
ber ein Dutzend verschiedener Linien fhrt, so stopft man sich also zwlf
solcher schnen bunten Bchelchen in die Tasche; man wird aber, wie
gesagt, schwer klug daraus, obwohl sonst alles, was das Verkehrswesen
betrifft, von den Amerikanern beraus praktisch angepackt wird. Wie
prchtig glatt und rasch geht z. B. die Gepckaufgabe vonstatten! Durch
einen Handgriff deines Koffers wird ein Lederriemchen oder ein Spagat
gezogen, an dem eine Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine
Nummer und den Namen des Bestimmungsortes trgt, das Duplikat dieser Marke
wird dir ausgehndigt. Fertig! Und kostet nichts, auer wenn du ber einen
Zentner mit dir schleppst. An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein
Mann durch den Zug und ruft: "Gepck fr Chicago!", oder was es nun sein
mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst ihm dein Absteigequartier.
Fertig! Gibst du zerbrechliche Gegenstnde oder schlecht verpackte Kolli
auf, so mut du einen Revers unterschreiben, da du die Bahnverwaltung
nicht fr etwaigen Schaden verantwortlich machen willst. Willst du das
nicht, so nimmt man dein Gepck nicht mit, oder du mut es besonders
versichern. Das ist alles sehr vernnftig und nicht zeitraubend.

(M94)

Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du sicher schon so viel
gehrt, da ich dir darber schwerlich etwas Neues erzhlen kann.
Verwunderlich ist es nur, da in diesem Lande der hchst entwickelten
technischen Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten knnen,
die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So sind beispielsweise auch
die schnsten Pullmanwagen fast immer entsetzlich berheizt und whrend
des ganzen Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. Die
einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, der auf der Station
durch das ffnen der Auentren entsteht. Bevor du an deinem
Bestimmungsort ankommst, nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung,
klopft deinen berzieher aus und brstet dich von oben bis unten
sorgfltig ab. Das ist nun sehr hbsch von ihm, und du gibst ihm gern
seine 20 Cent dafr, aber - die Zurckbleibenden mssen deinen Staub
schlucken! Man kann sich die Atmosphre am Ende einer langen Reise
vorstellen! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natrlich noch viel
rger, weil da die Tren seltener aufgemacht werden. Ich begreife
berhaupt nicht, wie europische Reisende die Schlafeinrichtung der
Pullmanwagen bewundern knnen. Man liegt nmlich nicht, wie bei uns, quer,
sondern lngs in zwei Reihen bereinander, und zwar ohne Unterschied des
Standes, Alters oder Geschlechts. Fr die Ruhe soll es freilich
vorteilhafter sein, die Ste des Wagens in der Lngslage abzufangen, und
die Betten sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und gar
hinter dicke, natrlich mehr oder minder staubige Vorhnge versteckt,
deren Schlitz man, wenn man glcklich in sein Bett geturnt ist, von oben
bis unten zuknpfen mu. Ich fhlte mich einmal dem Ersticken nahe und
konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. Als ich den um
Himmels willen bat, doch wenigstens die Ventilationsklappe zu ffnen,
erklrte er achselzuckend, es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind
im Wagen, die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen S. M.
"das Kind" gibt es keinen Appell in Amerika. Wenn das Kind verschnupft ist
mgen die Groen ersticken und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn
du dir einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit dazu
gehrt, das Bedrfnis nach Ausgezogenheit mit der Genierlichkeit in
Einklang zu bringen, als der Anfnger zu besitzen pflegt. Allerdings
befinden sich an beiden Enden der riesengroen Wagen sehr gerumige
Toiletten, in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder
ankleiden knnen; aber wenn man nicht praktisch im _american style_
ausgerstet ist, so wei man doch nicht, wohin mit seinen Sachen, und wie
man im Nachtzustande ber eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer
kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen haben das
leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations im Toilettenraum aus
und werfen einen Schlafrock drber. Frher pflegten sie die Strmpfe
anzubehalten und ihr Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wuten
das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken zu fahren und
tiefschlafenden Damen die Strmpfe zu erleichtern. Neuerdings rentiert
sich aber dies Geschft nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der
Passagiere mit vorgehaltenem Schieeisen, weil kein Mensch mehr Geld bei
sich trgt als er gerade fr die Reise ntig hat. Heutzutage hat jeder
Mensch sein Scheckbuch bei sich und damit kann der Ruber nichts anfangen.
(Wenn du also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein erster Gang
zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du dein Geld deponierst und dir ein
Scheckkonto erffnen lt.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, was
amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die umstndliche
Morgentoilette eines herkulischen Gentleman nach einer Nachtfahrt
vergessen. Der Mann war sicherlich weder ein Gesandtschaftsattach, noch
sonst ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich ttowierten Armen und Hnden
nach zu schlieen, eher ein Metzger oder Viehhndler. Der Kerl wusch sich
vom Kopf bis zu den Fen, rasierte und frisierte sich, putzte Zhne,
Ohren, Ngel, da es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. Er nahm
sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte seinen ungeschlachten Leib
mit der Liebe und Sorgfalt eines Knstlers, der die letzte Feile an sein
Werk legt. Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der
Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren knnten. - brigens geht so
eine amerikanische Nachtfahrt auch dadurch arg auf die Nerven fr jeden,
der kein geborenes Murmeltier ist, da die Glocken und Pfeifen der
Lokomotiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Lrm vollfhren, bei
dem einem angst und bange werden kann. Sie mssen nmlich alle Augenblicke
Warnungssignale geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstraen
sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier Strecke ohne
Unter- oder berfhrung. Da wird der nervse Europer schwer den Gedanken
los, da ihm pltzlich ein anderer Exprezug rechtwinklig durch seinen
werten Unterleib fahren knnte. Nein, alles was recht ist, aber
Nachtfahrten sind nur in Ruland, Schweden und Norwegen wirklich
komfortabel.

(M95)

Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du in den Vereinigten
Staaten, wenn du den Vorzug hast, weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand
drfte es da drben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann ist auf
einen Wink ihr zu jedem Dienst erbtig, und wenn sie einen Kavalier bei
sich hat, so ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, alles fr
sie zu zahlen. Ich habe ein einziges Mal in Amerika einen wilden
Wortwechsel erlebt, der in Ttlichkeiten auszuarten drohte; das war in
einem berfllten Straenbahnwagen in New York. Eine gut angezogene, nette
Negerin des besseren Mittelstandes versuchte durch die dicht gedrngt
stehenden Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Mnnerstimme:
"_Let the ladys get out first!_" - und eine andere Stimme hhnte dagegen:
"_Let the Niggers get out first._" Und nun platzten ber die Doktorfrage,
ob eine Negerin auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften wild
aufeinander! - Merke dir auch, mein Freund, da du Damen deiner
Bekanntschaft auf der Strae nicht zuerst gren darfst, das wrde fr
eine Anmaung angesehen werden; du mut abwarten, ob sie die Gnade haben
wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein Weib nicht bewundernd
anstarren, und sei es noch so schn. Hast du aber die Bekanntschaft einer
Dame in Gesellschaft oder im Familienkreise gemacht, und wrdigt sie dich
ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich auch nicht so
zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. Handksse sind nicht blich,
wohl aber ein ungeniertes festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe
zuteil, eine Dame durch gefhrliches Straengewhl zu geleiten, so packst
du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen Karren vor dir her; das
ist sicher und fr beide Teile angenehm. Hast du dir gar Freundinnen in
den besseren Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater oder
zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen einladen, ohne eine
Mutter oder eine Tante als Begleitung befrchten zu mssen. Wenn du von
deinen Freundinnen wohlgelitten bist, kannst du dir alle mglichen
Vertraulichkeiten herausnehmen, ohne da sie selbst oder die Familie
deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Kssen sei vorsichtig; denn
das Gesetz mancher Staaten betrachtet den Ku als Heiratsversprechen, als
ttliche Beleidigung oder Krperverletzung und brummt dir pro Stck eine
betrchtliche Geldstrafe auf. Natrlich gibt es aber auch nette
Amerikanerinnen, die gern und gratis kssen.

Den Hut kannst du fast berall aufbehalten, nicht nur in der Synagoge,
sondern auch in der Lobby des Hotels; aber im Elevator mut du ihn stramm
herunterziehen, sobald eine weibliche Person ber vierzehn Jahre
hereintritt. Im brigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreien und
beflissenes Vorstellen nur lcherlich. Mache es dir zum Grundsatz, von
deinen Mitmenschen, solange sie dir nicht durch einen Dritten offiziell
vorgestellt sind, keinerlei Notiz durch hfliche Formalitten zu nehmen.
Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der Strae begegnest, so hast
du es auch nicht ntig, deinen Deckel herunterzureien und deinen Skalp
der Unbill der Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und rufst
lchelnd: "_Hallo, Bobby, how do you do!_", worauf er gleichfalls winkt
und ruft: "_Hallo, Fritze, how do you do!_" Das ist praktisch und macht
einen guten Eindruck; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und
ist euch auch beiden gnzlich gleichgltig, zu erfahren, wie es euch geht.
Auch vor Hochgestellten brauchst du keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen;
dafr verlangt man aber auch von dir, da du die sozial untergeordnete
Menschheit nicht hochmtig von oben herunter behandelst. Der Schatz der
amerikanischen Umgangssprache ist reich an massiven Deutlichkeiten, und
wenn du dir herausnimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es dir
leicht passieren, da du mit einer reichlichen Blumenlese aus diesem
Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz der amerikanischen Hflichkeit
besteht darin, da man sich gegenseitig nicht im Wege ist, da man seinem
Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, dagegen in Verlegenheiten
sich hilfreich beisteht. Ich habe gesehen, wie blinde und andere hilflose
Personen sogar auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie knnen eben
sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim Ein- und Aussteigen
behilflich ist und sie vor Gefahr bewahrt. Man bekommt auch fast immer
klare und knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten Unbekannten
wendet, und wenn man ein sympathisches, vertrauenerweckendes uere hat,
lt sogar ein eiliger stark beschftigter Grostdter seine Arbeit liegen
und begleitet einen bis an die nchste Ecke. In den kleinen Dingen der
tglichen Notdurft des Verkehrs darf man auch ruhig auf die Ehrlichkeit
seiner Mitmenschen vertrauen; handelt es sich dagegen um grere Summen,
so reie deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif wie ein
Schiehund.

(M96)

Willst du in Amerika ein Geschft erffnen, so miete dir irgendwo im
neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk ein Zimmerchen mit Telephon und
Schaukelstuhl und engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle
ungemein gewandt und vielfach auch sehr hbsch. Alsdann ziehe deinen Rock
aus - denn das tut jeder Amerikaner, sobald er sein Office betritt, sei es
Winter oder Sommer -, znde dir eine Importierte an, verbreite deine Beine
anmutig ber Tisch und Sthle und beginne zu telephonieren. Telephonieren
und Briefe diktieren fllt die amerikanischen Geschftsstunden von 10-5
Uhr vollkommen aus. Da die Amerikaner meistens gute Geschfte machen, mu
das Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch an der
Hemdrmeligkeit. Oberster Grundsatz deines Verhaltens aber sei und bleibe
in allen Lebenslagen, solange du drben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl
aber mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch das ganze Land.





                    WAS KNNEN WIR VON AMERIKA LERNEN?


Das Land der absoluten Gegenwart ist fr alle Kulturvlker ein Spiegel, in
dem sie deutlich ihre Zukunft sehen knnen. Der Fortschrittsgedanke
marschiert drben in Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor
sich, whrend unsere Schrittmacher der Entwicklung immer noch auf
Hindernisse stoen, die die Vergangenheit aufgerichtet hat, Berge von
Vorurteilen, Abgrnde von Dummheit, die nicht immer leicht zu berklettern
oder zu berspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden
berflgelung durch die Neue Welt in allen Fragen der technischen
Zivilisation daran gehen wollten, unsere Abgrnde auszufllen und unsere
Berge abzutragen - was wrden wir damit gewinnen? Eine trostlose
Verflachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch mit historisch
und philosophisch geschultem Denken, mit sthetischem Bewutsein und einer
idealistischen Weltanschauung ausgerstet, wird, mit offenen Augen in
jenen Spiegel hineinschauend, nur sagen knnen: Gott bewahre uns vor
dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, da wir unseren wertvollsten
Besitz, nmlich unsere geistige Kultur, nicht den materiellen
Errungenschaften der Gegenwart, sondern der fernen und fernsten
Vergangenheit verdanken, und da es gerade jene Hemmungen des
Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund fr unser
gegenwrtiges Empfinden, Wissen und Knnen so beraus solid aufgemauert
haben.

(M97)

Wir Europer haben von Amerika schon mehr gelernt, als wir wissen und als
uns gut ist. Seit nmlich die raum- und zeitverkrzenden Erfindungen sich
zu berstrzen begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefhr, ist von
Amerika her der _Rekordwahnsinn_ in die Welt gekommen. Fast alle die
groen Erfindungen, vermge deren wir jetzt Wasser, Erde und Luft
beherrschen, sind in der Alten Welt gemacht und htten unter allen
Umstnden die Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu steigern;
in Amerika aber haben diese Erfindungen, der ungeheuren Entfernungen
wegen, doch die rascheste und vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch
auch strker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Der
Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen zu machen und auf allen neuen
Gebieten das Vollkommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung,
und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit hat, sich auf
dem Felde der Literatur und der Kunst auszutoben, strzte sich mit
Begeisterung auf den Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im
Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport sehr teuer und sehr
gefhrlich ist, so sagt er dem Amerikaner, der ja bessere Nerven besitzt
und aufregende Vergngungen in viel greren Quantitten vertilgen kann,
ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrckten Schnellzugs-,
Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten nicht im eignen Lande, sondern
begann an allen internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein
Sensationsbedrfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das Rekordfieber
in der groen Welt gewaltig geschrt. Die enorm gesteigerte Schnelligkeit,
der groartige geschmackvolle Luxus der transatlantischen Dampfschiffe
haben die Yankees in immer greren Scharen zu uns hinbergelockt, und wo
immer sie in grerer Menge auftraten, zwangen sie durch ihren Reichtum
die betreffenden Orte, sich ihren Ansprchen anzubequemen. Genau so, wie
ehemals die Reiselust der Englnder und ihr starres Festhalten an ihren
nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust und Unfhigkeit, Sprachen zu erlernen
und sich fremden Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und
Fremdenindustrie einen starken Einflu ausbte, so geschieht dies jetzt
noch in hherem Mae durch die grere Kapitalskraft ihrer amerikanischen
Vettern. Whrend die amerikanischen Hotels sich allmhlich den
europischen Stil aneignen, bemhen sich jetzt unsere Hotels, sich zu
amerikanisieren. Die Englnder kamen frher sehr hufig auf den Kontinent,
um zu sparen, zeigten sich also hier geizig; die Amerikaner dagegen sind
viel groartiger und leichtsinniger, als Emporkmmlinge auch
protzenhafter. Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das grte
Vergngen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern auch den Stil
bodenstndiger Kultur, den guten Geschmack, weil sie berall die
Sensation, das uerste, das Unerhrte verlangen. Da sie bereit sind, es
gut zu bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt es, da
auch bei uns immer mehr das Schnste und das Bedeutendste, was unsere
Natur und unsere Kunst aufzuweisen haben, sich dem amerikanischen
Snobismus anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht des
Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur an Bayreuth, Oberammergau,
die Mnchener Musikfeste, die groen Bilder- und Antiquittenauktionen,
die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun will sich aber der
europische Reichtum nicht gern ausstechen lassen. Er strengt sich darum
aufs uerste an, es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein
gefhrlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. Da ferner die tiefste
Bildung und der feinste Geschmack durchaus nicht immer an den Reichtum
geknpft sind, so machen sich Dilettantismus und Oberflchlichkeit immer
mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer schwerer, sein Bedrfnis
nach Kunst- und Naturgenu zu befriedigen. Wohl drfen wir Vlker Europas
uns einbilden, da anspruchsvoller Geschmack und tiefere Bildung bei uns
verhltnismig verbreiteter seien, als in der Neuen Welt; immerhin sind
doch aber auch bei uns die Ungebildeten in der berzahl, und diese
berzahl wird leicht verfhrt durch die glnzende Auenseite, die
amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Bettigungen seiner
Vergngungssucht zu geben vermag. In den Niederungen der dramatischen
Kunst, z. B. in der Operette, im Vaudeville, im Varit, im Zirkus dringt
der amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer mehr durch. Das
Vergngen an den Sentimentalitten, Hintertreppensensationen und
Clownspen der Lichtbildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an
den scheulichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet schon durchaus
amerikanisch an.

(M98)

Der ausschlaggebende Einflu des Reichtums in Bezirken, wo eigentlich nur
die Autoritt des Wissens und des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das
Kulturniveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, die alles
bisher Dagewesene rasch berbieten sollen, hindert die gesunde Stetigkeit
der Entwicklung und drngt den Tchtigen berall zugunsten des Fixen
zurck. Als Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glnzende
Auslese von flott und sicher auftretenden geschfts- und sportgewandten
Mnnern kennen, in Begleitung reizender, eleganter, siegessicherer Frauen.
Das erweckt in uns die Meinung, da diese beneidenswerten Neuweltler, die
es in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter gebracht
haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem richtigen Wege sein
mten, und wir beginnen folglich uns unserer Langsamkeit, unserer
bedchtigen Grndlichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schmen. Wir
vergessen dabei, da gerade das Zusammenwirken dieser Eigenschaften es
ist, was uns heute immer noch ber die glnzende Scheinkultur der Neuen
Welt ein betrchtliches bergewicht gibt. Wenn wir uns auf den atemlosen
Wettbewerb mit dem Riesenkontinent ber dem Ozean einlassen, so werden wir
sicher den Krzeren ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes
sind nicht so unerschpflich wie die drben, und wenn unsere Industrie,
unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben darauf richten wollten, das
unerprobte Neue, das Unfertige also, nur mglichst schnell an die Stelle
des Alten zu setzen, um anderen Lndern zuvor zu kommen, so wrden unsere
Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald nicht mehr die wichtige Rolle spielen
wie heute. Der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer
kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele Dinge von uns zu
beziehen gentigt sind, liegt hauptschlich darin, da drben jenes
Erbinventar von Talent, Geschicklichkeit und Geschmack, durch
Handwerksstolz und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt und
verstrkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen Vorzge wrden uns
aber verloren gehen, wenn wir uns von dem amerikanischen Snobismus noch
weiter anstecken lieen.

(M99)

Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen Zeitungswesens
darauf hingewiesen, da auch unsere Presse hie und da bereits recht
bedenkliche Anlufe gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wster
Sensationsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte der
minderwertigsten Leserschaft sogar der _gelben_ Presse gleichzutun. Auch
bei uns beweist die Erfahrung, da auf dem Gebiete des geistigen Schaffens
die Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem ordinren Geschmack
entsprechend aufgeputzt ist, durch den Massenabsatz erheblich mehr
einbringt, als das gute, aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von
Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern einfach
zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist dies ebenso wie der
Massenabsatz von billiger und vielfach recht minderwertiger Reiselektre.
Wir haben uns neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft,
gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese Herabwrdigung zumal der
literarischen Arbeit zum bloen Zeitvertreib dadurch anzukmpfen, da wir
berall, bis in die kleinsten Nester hinein, eine beraus lebhafte
Vereinsttigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann aus dem
Volke fr ganz billiges Geld wertvolle Anregung, Belehrung und gute
knstlerische Unterhaltung zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte
und Knstler zu Vortrgen gewinnt. Auerdem blhen berall die
Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und wirklich wertvolle
gemeinntzige Unternehmungen, wie Reclams Universalbibliothek, stehen
schon nicht mehr vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der
Drang nach Belehrung, nach knstlerischer Erbauung auch in weite Schichten
unseres Volkes getragen, fr die frher die Quellen des Wissens und der
Schnheit unerreichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgem
erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten Staaten, obwohl auch
dort, namentlich durch Grndung von musterhaft eingerichteten ffentlichen
Bibliotheken und Museen, durch die _University Extension_ und Gewinnung
von tchtigen Wanderrednern neuerdings sehr viel in dieser Richtung getan
wird. Es ist also wahrscheinlich, da uns in nicht allzu ferner Zeit
Amerika auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen wir uns nicht
berflgeln lassen, so wird der Richtspruch unserer Volksbildner ebenso
wie der unserer Fabrikanten heien mssen: "_Qualitt, nicht Quantitt;
nicht vom Neuen das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das
Auffallendste, sondern das Originalste, das Persnlichste, das Deutscheste
bieten._"

(M100)

Wir haben es ja so viel leichter, persnlich, original, volkstmlich zu
sein, denn wir _sind_ ein Volk, als Rasse zwar auch gemischt, aber in
dieser Mischung doch schon seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte
Europa fr den feinsinnigen Betrachter so unerschpflich interessant
macht, das ist die unendliche Abwechslung und Differenzierung im Charakter
seiner Vlker. Wie die Mundart schon in verhltnismig kleinen Bezirken
wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so gro ist wie der eine
Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde, wie etwa das Plattdeutsche und
das Oberbayrische zu erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der
Charakter der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in der
Bauart, den Sitten und Gebruchen widerspiegelt. Eine nordamerikanische
Rasse gibt es aber vorlufig noch lange nicht, und die Behauptung
vereinzelter amerikanischer Gelehrten, da die Menschheit drben sich
deutlich dem Indianertypus zu nhern beginne, drfte wohl als ein
wunderliches Hirngespinst zu betrachten sein. Die Menschen, die sich in
der Neuen Welt zusammengefunden haben, werden wohl noch auf unabsehbare
Zeit hinaus Englnder, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, Russen, Juden,
Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich wie z. B. die Neger in den
Vereinigten Staaten noch nach ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt
alle Schattierungen der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse
aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen Landstrich
verraten, dem ihre Vorvter entstammten, so wird man auch den Nachkommen
der weien Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr ursprngliches
Vaterland ansehen, vorausgesetzt, da sie nicht durch fortwhrende
Mischehen absichtlich darauf ausgehen, ihre Rassenmerkmale zu verwischen.
Es sind nur die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen
Verhltnisse, welche drben innerhalb der verschiedenen Rassen einen
eigenartigen neuen Typus erzeugen. Wenn ein Deutscher ein oder zwei
Jahrzehnte lang in Argentinien oder in Sdwestafrika Farmer gewesen ist,
so vermag er sich auch in seinem Wesen und in seinem ueren Gebaren so
stark zu verndern, da seine Familienangehrigen, wenn sie ihn nach so
langer Zeit wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. Aber er
ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen und beileibe kein
Buschmann oder Pampas-Indianer geworden! In den Vereinigten Staaten ist
berdies noch die Mglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren,
dadurch ausgeschlossen, da diese Ureinwohner bis auf klgliche berreste
vernichtet sind. Der Deutsche kann drben dem Englnder, der Jude dem
Japaner, der Neger dem Italiener dies und jenes abgucken oder
unwillkrlich in fremde Anschauungen sich hineinfhlen, fremde Gebruche
bernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen noch lange nicht hinaus.
Es wohnt also drben ein Vlkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine
gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus den neuen
Lebensbedingungen heraus gemeinsame Kulturideale zu suchen. Von einem
amerikanischen Volke wird man erst sprechen knnen, wenn die ungeheuren
Lndergebiete drben so gleichmig bis zur Sttigung bevlkert sind, da
die Regierung auf die Aufnahme weiterer Einwanderer dankend verzichten
kann. Aber auch bei verschlossenen Tren wird der Proze der Durchrhrung
des so verschiedenartigen Gebltes viele Jahrhunderte in Anspruch nehmen.
Vielleicht wird es im Jahre 3000 eine nordamerikanische Rasse geben -
denkbar aber auch, da bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des
internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation der groen
Kulturwelt berhaupt eine Rassenbildung nicht mehr mglich ist, und die
ganze nderung darin bestehen wird, da die alten Rassen ihre
charakteristischen Eigenschaften verlieren und hchstens noch, als pikante
Erinnerung an die einstige schne Verschiedenartigkeit, Farbennuancen
brig bleiben. Sollte dieser Zustand in ein- bis zweitausend Jahren
wirklich schon eingetreten sein, dann knnte man davon sprechen, da
Amerika uns verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen
Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstrenden Tendenz
bemerken lt. Die Gewissensfrage ist fr jeden einzelnen: soll ich dazu
beitragen, die Entwicklung zum rassenlosen Weltbrgertum zu beschleunigen,
oder soll ich mich mit all meinen Krften dagegen struben?

(M101)

Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa zurckkehrt, so nimmt
zunchst das Auge mit wonnigem Behagen den Eindruck der Ordnung, der
Fertigkeit, der stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk in
sich auf. Sei es eine englische Hgellandschaft mit ihrem ppigen
Wiesengrn und ihren anmutigen Heckenzunen, sei es ein franzsischer
alter Herrensitz mit wundervollem Schlo, umgeben von Weinbergen, Blumen
und Obstgrten, sei es selbst nur eine arme deutsche Flachlandschaft mit
ihren peinlich nach der Schnur bestellten Feldern, ihrem trauten Drflein,
so behaglich im Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne
Grostadt mit imposanten geraden Straenfluchten, voll prunkender
ffentlicher Gebude, oder sei es endlich gar eine uralte, winklige,
hochgieblige, vieltrmige Kleinstadt, noch durch alte Ringmauern und
Wachttrmchen gegen einen lngst nicht mehr existierenden Feind geschtzt.
Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans schmerzlich vermit
haben und die man uns auch drben nicht nachahmen kann. Das ist Tradition
einer alten Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten
Disziplin, sthetische Werte, die nicht nur die Sinne des anspruchsvollen
hheren Menschen erfreuen, sondern auch ethisch beraus fruchtbar sind,
weil in allen diesen Dingen die besten Krfte der Rasse uerlich sichtbar
werden. Diese ethisch sthetischen Werte sind es, die den Begriff der
Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat gibt es ein wirkliches
Lebensglck. Wer gedankenlos nur der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu
kommen, die Heimat zu unterschtzen, weil er meint, da das Glck da
wohnen mte, wo die Mittel zu einem ppigeren Dasein leichter zu
erreichen sind, und wo es weniger schwer als daheim sei, in weiteren
Bezirken eine erheblichere Rolle zu spielen. Fr solche Leute ist es wohl
angebracht, nach Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem
trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke da drben werden
sie erst den Wert der Heimat schtzen lernen - es sei denn, da sie zu den
blinden Seelen gehren, welche im rein materiellen Genu ihr Gengen
finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprche eine vertiefte Bildung
gesteigert hat, kommen ja jetzt mit ihrem groen Hunger nach echter Kultur
zu uns nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener herz- und
sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen knne, die ihre vorlufig noch fast
ausschlielich technische Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie
bekommen alle eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, vor
unserer Kunst, vor der Soliditt unseres Handels und unserer Industrie,
vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker, vor der wohldisziplinierten
Ordnung unserer Lebensverhltnisse; viele von ihnen bringen auch als
Reisegewinn eine liebenswrdig verschmte heimliche Liebe zu unserer
Romantik mit heim - nachahmen aber knnen sie auch beim besten Willen
diese unsere Vorzge schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts brig,
als in Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk mit eigner
Tradition geworden sind.

(M102)

Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar buntscheckige
Gesellschaft von Lebensstudenten in die Neue Welt hinber: alle die
berzhligen Esser kinderreicher Familien, unzufriedene, verrgerte,
aufsssige und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner
aus allen Stnden, und diese schwierige Gesellschaft lernt tatschlich da
drben mehr, als sie irgendwo in der Alten Welt lernen knnte. Der
entschluunfhige Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine
liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln gebrauchen
kann, der langsame, ngstliche Philister, der faule Trumer, der vornehme
Miggnger, der hochmtige Geld- oder Wissensprotz - sie alle werden
zunchst einmal durch die grblichen Faustste der harten Not darauf
aufmerksam gemacht, da die Parole in der Neuen Welt laute: Augen auf!
nicht abwarten, sondern zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, mu
arbeiten, und der persnlichen Wrde tut es keinen Eintrag, ob du von
Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer weder ein
Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbstndiges Geschft
anzufangen, noch ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft so praktisch
zu verwerten wei, da er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und
Nahrung findet, der mu sich eben ohne Zgern auf dem groen Arbeitsmarkt
fr jede beliebige Ttigkeit zur Verfgung stellen, die bezahlt wird. Ich
habe drben Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen im Lande
waren und bei uns maturiert hatten, adlige Offiziere in Mengen als
Kellner, Reitknechte, Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmnnische
Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent fr irgendeine
Warenspezialitt zu werden; zeigt er sich hierin gewandt, so ist der
Schritt zum selbstndigen Geschftsmann nicht mehr schwer. Das Gute bei
dieser Hrte ist, da sich der Amerikaner durch Anmaung, hinter der keine
offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren lt. Der Yankee macht sich
freilich oft lcherlich durch sein bereifriges Herandrngen an unsere
Hfe, an unseren Adel, und der echte Republikaner drben ist mit Recht
emprt ber das Bestreben seiner Emporkmmlinge, die schwere Mitgift der
Tchter gegen europische Titel und Stammbume einzutauschen; aber man
merkt bei nherem Zusehen doch bald, da es nicht der Titel an sich ist,
welcher diese faszinierende Wirkung bt, sondern vielmehr die mit altem
Adel verbundene vornehme Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche
Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten drben ihr Brot
suchenden, heruntergekommenen Adligen, da versagt der Zauber vllig. Eine
Persnlichkeit, die sich nicht kraft ihrer ungewhnlichen geistigen oder
physischen Begabung durchzusetzen versteht, mu unerbittlich in die
Hackmaschine hinein und geht in der groen Gleichheitswurst auf. Aber auch
mit philistrser Bedenklichkeit kennt das amerikanische Leben kein
Erbarmen. Wer in der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der
kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefhrt des Fortschritts
unterwegs verlassen, so mu er schon sehr geschickt in der Fahrtrichtung
abzuspringen verstehen - nach rckwrts aussteigen heit unter die Rder
kommen.

(M103)

Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber, da sie selbst dem
Verbrecher nicht den Rckweg zum anstndigen Leben verlegt. Das Vertrauen
auf die eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, da man sich vor den
Schdlingen der Gesellschaft nicht so berngstlich frchtet wie bei uns.
Denn wer etwa im wilden Westen sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der
mute ja immer gegen Ruber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen auf
dem _qui-vive_ stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, da ein einziger
beherzter Mann mit einem Dutzend feigen Gesindels fertig werden kann. Er
hat aber auch an zahlreichen Beispielen gesehen, wie ausgemachte Lumpen
durch den Zwang der Arbeit und schlielich durch den Erfolg doch noch zu
brauchbaren Menschen gemacht wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist,
da man sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm jedoch immer
wieder Gelegenheit gibt, ein besseres Leben anzufangen, und wenn er dann
etwas Ordentliches erreicht, hlt man ihm seine Vergangenheit nicht wieder
vor. Das ist ein groer, edel menschlicher Zug, dem viele durch falsche
Erziehung und angeborene Charakterschwche zu Verbrechern gewordene
Menschen ihre Rettung verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind
glcklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner. Wir sind sehr
geneigt, den manchmal grotesken Humor ihrer salomonischen Urteile zu
verspotten, aber es ist sicher, da diese lustigen Entscheidungen nicht
halb so viel Unheil stiften und Erbitterung zurcklassen, als oft die
Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst der barbarische
Richter Lynch hat sich wohl noch nie an einem Unschuldigen vergriffen, und
die Abschreckungstheorie handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg.
Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den lediglich das Leben
selbst mit seinen Erfahrungen in die Lehre genommen hat, ist, wenn er
wirklich gesund geblieben ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle
Schmkerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter der gesegneten
Herrschaft des Kgl. Grobritannischen _common sense_ haben sich ja alle
besten Charaktereigenschaften der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir
alten Europer werden ihnen freilich diese Charaktereigenschaften nicht
ohne weiteres ablernen knnen, denn ihr Optimismus, ihre prahlerische,
aber tatkrftige Zuversichtlichkeit, ihr mutiger Leichtsinn sind eben
Tugenden der Jugend, und andere Vorzge, wie besonders ihre schne
Neidlosigkeit, sind durch die Gewhnung an Verhltnisse bedingt, die wir
alten Vlker ebensowenig nachahmen knnen wie die Jugend.

Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von den Yankees noch
etwas lernen knnen, nmlich das Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden
ein rckstndiges Volk heien mssen, so lange wir nicht die Trennung von
Staat und Kirche durchgefhrt haben und so lange es noch mglich ist, da
ein Deutscher seines religisen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich
verfemt und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren nicht an
der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein Vater, der seine Kinder
nicht dem Christentum ausliefern will, durch Polizeistrafen und sonstige
behrdliche Schikanen drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich
anerkanntes religises Bekenntnis vorschriftsmige Bedingung zur
Erlangung ffentlicher mter und Ehrenstellen ist. In dem Lande der
absoluten Glaubensfreiheit ist das religise Leben, trotz mancher
blamabeln Auswchse, viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke
religise Persnlichkeit, der agitatorisches Talent verliehen ist, kann
eine Macht ber die Seelen gewinnen, um die sie unsere
Generalsuperintendenten und sogar unsere Erzbischfe ehrlich beneiden
drften. ber das, was wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees
lernen knnten, habe ich an anderer Stelle mich verbreitet. Ein Volk, das
Jugend in sich selber hat, versteht auch naturgem mit der Jugend besser
umzugehen. brigens machen die Yankees ja andauernd praktische Proben auf
Exempel, die unsere fortschrittlichen Theoretiker schon lngst aufgestellt
haben. Lernen wir also an ihren Erfolgen und Mierfolgen.

(M104)

Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die praktischen Erfolge des
groen Staatenbundes uns als Vorbild dienen knnen: dahin rechne ich in
allererster Linie die politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt
hat. Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer aus den britischen
Inseln, sind heute der Zahl nach den Nachkommen der deutschen Einwanderer
nur noch um etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es
verstanden, ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd zu erhalten.
Die Yankees allein haben nicht nur kolonisatorisches, sondern auch
staatenbildendes Geschick bewiesen, whrend die Deutschen nicht einmal die
von ihnen gegrndeten Gemeinwesen dauernd in der Hand zu behalten wuten.
Die Deutschen haben die Staaten Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin,
Michigan, Missouri ihrer Zeit frmlich berflutet. Germantown, Milwaukee
und einige andere waren einmal ganz deutsche Stdte. Cincinnati,
Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche andere Grostdte zeigten
vorbergehend ein bergewicht an deutschen Einwohnern, und dennoch haben
sie sich berall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt es noch
hie und da einen deutschen Brgermeister, aber er versteht kein Deutsch
mehr und verdankt seine Stellung den politischen Bossen und nicht dem
einmtigen Willen seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich
nicht nur ihren Ausschu ber den Ozean geschickt, die groe Mehrheit
bildeten vielmehr tchtige buerliche und handwerkliche Krfte, und im
Jahre 1848 gingen sogar zahlreiche unserer besten Intelligenzen hinber,
die den Beruf zu geistigen Fhrern ihrer Stammesgenossen in sich trugen.
Woher kommt es denn nun, da trotzdem diese 18 Millionen Menschen es zu
keiner politischen Selbstndigkeit bringen konnten? Die Zahl jener
geborenen Fhrer, die sich am Ende der 40er Jahre im Mississippital
niederlieen, und die man spottweise die _lateinischen Bauern_ nannte, mag
allerdings wohl der erdrckenden berzahl der ungebildeten, politisch
gleichgltigen Landsleute gegenber zu gering gewesen sein - auch war der
Vorsprung, den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten, nicht ohne
weiteres einzuholen; das Schlimmste aber war, da alle diese Deutschen ein
stolzes Nationalgefhl berhaupt nicht besaen, und da sie ihren
Partikularismus, ihre subalterne Denkungsart, ihr Spiebrgertum mit
hinberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr tchtige Bauern,
Handwerker und Kleinbrger ab, zeigten sich aber den besonderen
Anforderungen des amerikanischen Lebens nur selten gewachsen. Viele von
ihnen waren nicht einmal fhig, sich die englische Sprache vllig
anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten. In Kriegszeiten
brigens haben auch diese Deutschen Groartiges geleistet, wie denn ja
auch die von ihren edlen Frsten verkauften Wrttenberger, Hessen usw.
sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie die Lwen
geschlagen haben. Im Sezessions- wie im Brgerkrieg verdanken
amerikanische Truppen deutschen Heerfhrern einige ihrer glnzendsten
Siege - und dennoch waren und blieben diese Deutschen nur ein gern
geduldetes und gehrig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen
britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbstverstndlich nicht
daran, diese bequemen Biedermnner in ihre groen Ehrenstellen der Staats-
und Gemeindeverwaltung hinein zu komplimentieren, da sie selber durchaus
keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es htten den deutschen
Einwanderern damals zwei Wege offen gestanden: entweder sie muten resolut
ihr Deutschtum ber Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner werden,
oder aber sie muten fest zusammenstehen, sich alle in einer bestimmten,
von ihnen zuerst besetzten Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im
Staate grnden und diesen mit rcksichtslosem Chauvinismus gegen das
Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer Rassen abschlieen. Die
meisten Deutschen haben aber keines von beidem getan, sie haben sich ber
das ganze weite Land zerstreut und sich dann in unzhligen Vereinen
wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus engeren
landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen Eitelkeitsgrnden aufs
gehssigste bekmpfen. Aber auch der starke Zustrom aus dem geeinigten
Deutschland der 70er und ersten 80er Jahre hat keine wesentliche nderung
in diesen Verhltnissen gebracht. Diese neuen Reichsdeutschen htten doch
alle Ursache gehabt, ihren frischen Nationalstolz der herrschenden
Yankeerasse entgegenzustellen, aber auch unter ihnen war der politische
Ehrgeiz eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohlstand begrnden
durften, waren sie zufrieden, und selbst diejenigen, die durch ihre
Tchtigkeit und durch ihren Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten
nicht daran, sich in das Parteigetriebe zu strzen - die meisten wohl aus
moralischem Reinlichkeitsbedrfnis, viele auch aus reiner Bequemlichkeit.
Man mu also doch wohl sagen, da ihnen, einige ganz wenige glnzende
Ausnahmen, wie Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent fr die
Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vorzeit haben
kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit im hohen Mae besessen und
verdankten dieser Eigenschaft die glnzende Rolle, die sie whrend der
Vlkerwanderung und noch whrend der Staufferzeit in der Weltgeschichte
spielten. Der jahrhundertelange Jammer der Kleinstaaterei und
Pfaffenherrschaft haben aber jene ursprnglichen Veranlagungen vollstndig
erstickt. Hingegen kamen die ersten englischen Besiedler der neuen Welt
aus einem Lande, in welchem die parlamentarische Verfassung bereits Zeit
gehabt hatte, die ganze Nation, bis in die untersten Schichten hinein,
politisch zu erziehen. Zudem waren es neben den religisen auch zumeist
politische Ursachen, welche die Leute zum Auswandern veranlaten, und sie
alle, mochten sie Royalisten oder puritanische Revolutionre sein,
brachten den Stolz mit hinber, Brger einer Weltmacht zu sein, deren
Flagge siegreich und gefrchtet in allen Meeren der Erde wehte. Diese
Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein Herrenvolk zu fhlen,
sie waren sich aber auch der vornehmsten Pflicht bewut, welches dieses
Herrentum ihnen auferlegte - der Pflicht nmlich, ihr Blut rein zu halten.
Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Sdamerikas und Mexikos, die
nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit den eingeborenen Weibern eine
recht bedenkliche Mischrasse zu erzeugen, existierte fr die
Anglo-Amerikaner des Nordens das rote Weib berhaupt nicht; und selbst
gegen Mischehen mit den besten europischen Einwanderern richtete das
Rassenvorurteil einen starken Damm auf. Das ist das ganze Geheimnis der
imposanten Machtentwicklung der keltogermanischen Rasse in Nordamerika und
das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei den Briten diesseits
und jenseits des Ozeans in die Lehre gehen mssen. Das Wort Chauvinismus
hat einen garstigen Klang fr unsere kosmopolitischen Doktrinre, unsere
edlen Friedensschwrmer und liberalen Idealisten, es ist aber schlielich
nur ein anderer Ausdruck fr Kraftbewutsein. Denn bei allen wirklich
starken Rassen und Nationen ist der Republikaner so gut wie der
Monarchist, der Liberale so gut wie der Reaktionr _chauvin_.

(M105)

Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach auch noch deren
Kinder, besitzen nun allerdings jenen schnen Nationalstolz, von dem die
vorigen Generationen noch nichts wuten. Sie lesen noch die deutschen
Zeitungen und freuen sich der Berichte ber die groartige Entwicklung des
deutschen Handels, der deutschen Industrie, das Aufblhen seiner
Weltmachtstellung zur See. Auch wenn sie die Zeitungen nicht lsen, wrden
sie von diesem Aufschwung einen starken Hauch verspren, denn sie knnen
kaum in irgendeinen Laden gehen, ohne auf die schmeichelhafte Inschrift:
"_Made in Germany_" zu stoen, und die gewaltigen Schiffe der groen
Reedereien, allen voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen
Meergiganten an solider, geschmackvoller Pracht und Zuverlssigkeit in
jeder Beziehung bertreffen, haben fr die Hebung des deutschen Ansehens
ber dem Ozean mehr getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten
Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten vier Jahrzehnten
des gesegneten Friedens sich fr die Ewigkeit zu manifestieren trachtete.
Die Person des deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen
Welteroberung durch deutsches Wissen und deutsches Knnen, geniet bei den
Deutschamerikanern eine fast uneingeschrnkte Verehrung, und auch das
Vereinsleben hat durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Triebkraft
bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago, Indianapolis, Milwaukee und
einigen anderen Stdten erheben sich schne deutsche Vereinshuser, in
denen nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch mit ernstem
Eifer deutsche Musik und berhaupt deutscher Kulturbesitz gepflegt wird.
In Cleveland haben die Deutschen in einem schnen ffentlichen Park eine
Kopie des Weimarschen Schiller-Goethe-Denkmals errichtet, in Buffalo
bemhen sie sich mit rhrender Leidenschaft um denselben Zweck, und selbst
im fernen Westen, in Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer
rastlos am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen Leben des
Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist begreiflich, da die
Bestrebungen einer ausschlielich auf sthetische Kultur gerichteten
intellektuellen Oberschicht in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begrndung
und Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Krfte noch fast
ausschlielich in Anspruch nimmt, wenig Verstndnis finden knnen. In
dieser Beziehung sind es noch Grovterideale, welche die versprengten
Landsleute drben pflegen und es ist charakteristisch, da die wenigen
leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum in Kunst und Literatur
vorwiegend eingewanderte deutsche Juden sind.

(M106)

Es hat sich also nachtrglich doch noch so etwas wie ein deutscher
Chauvinismus entwickelt - leider, leider kommt er jetzt um mehr als ein
halbes Jahrhundert zu spt, denn die Neue Welt ist fortgegeben! Es hiee
unseren deutschen Landsleuten einen schlechten Dienst erweisen, wenn man
sie jetzt noch zur Sonderbndelei mit prahlerischem Maulaufreien von uns
aus aufstacheln wollte; das wre tricht und geschmacklos. Wie wrden wir
es wohl aufnehmen, wenn die vielen Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste
sind, uns fortwhrend ihre Nationalitt und Rasse unter die Nase reiben,
Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesnge in die Ohren schmettern und
darauf bestehen wollten, unsere Sprache nicht zu lernen? Wir wrden uns
ihrer mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten. Auch die
Yankees, die tatschlichen Herren der Neuen Welt, haben ein gutes Recht,
zu verlangen, da die Einwanderer aufhrten, Fremdlinge zu sein, indem sie
sich bemhen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der Wirtsrasse
aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es unter diesen Verhltnissen,
sich stolz bewut zu bleiben, da sie die Erben einer tieferen und
feineren geistigen Kultur als die ihrer Wirte, und da sie dazu berufen
sind, den Bltenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauhhaarigen
Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinber nehmen, in die Seelen
der neuen Landsleute befruchtend abzustreifen. Deutsche Denkungsart,
deutschen wissenschaftlichen und knstlerischen Sinn, deutsche Treue,
deutsches Gemt in der neuen Heimat zum ausschlaggebenden Kulturfaktor zu
machen, das mu ihnen als heilige Pflicht bewut bleiben. Auf diese Weise
lassen sich immer noch Siege _gegen_ und, was noch wichtiger ist, auch
_mit_ dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene Yankeerasse mit
deutschem Geiste zu durchtrnken und so zu unseren innerlichst Verbndeten
zu machen, das wre ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glnzende
Waffentaten. Inzwischen drfen sich aber die Deutschen der Vereinigten
Staaten auch nicht fr zu gut dnken, von den Yankees zu lernen, und
ebenso wir Deutschen im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch
ntiger haben. Es ist nmlich leider nicht zu leugnen, da wir trotz des
groen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch nicht dazu gebracht haben,
als Nation so respektiert zu werden, wie wir es unseren Leistungen
entsprechend wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Vlker
irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter sich ausgemacht
haben und jemand unter ihnen die Frage aufwirft: "Ja, was wird aber
Deutschland dazu sagen, wird es sich das gefallen lassen?" so wird ihm mit
lchelndem Achselzucken die Antwort: "Ach, die Deutschen! Die sind ja so
anstndig, friedliebend und zuvorkommend, die kriegen wir schon herum." Es
ist eben in der Politik eine zweifelhafte Tugend, sich aus Hflichkeit die
Butter vom Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleiig bei den
Jungen die Fehler der Jugend - in der Politik werden viele davon zu
Tugenden, vornehmlich die goldene Rcksichtslosigkeit.

Man wird einwenden, da jene nachahmenswerten amerikanischen Tugenden
nicht nur in der Jugend des Volkes, sondern mehr noch in den freien
Entwicklungsmglichkeiten einer groen demokratischen Republik begrndet
seien. Ich fr meine Person kann jedoch nicht glauben, da die Staatsform
wirklich diese ausschlaggebende Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung
hat mich gelehrt, da die demokratische Theorie drben, wie berall, an
der aristokratischen Veranlagung der Menschennatur scheitert; ich habe
zahlreiche Beispiele dafr beibringen knnen. Der innerlich freie Mensch
kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in Deutschland
speziell noch an unseren Regierungssystemen geniert, sind alles Dinge, die
sich bei gutem Willen abstellen lassen. Es ist hchst wahrscheinlich, da
die Propheten, die uns als nchstes Ziel unserer politischen Entwicklung
die _Vereinigten Staaten von Europa_ verheien, recht behalten werden.
Aber alsdann werden die gesunden, stolzen Rassen immer noch ein vlkisches
Sonderdasein fhren und auch ihre Kaiser und Knige ebenso piettvoll
konservieren knnen, wie ihre Eigenart auf allen geistigen Gebieten. Wenn
aber diese Vereinigten Staaten von Europa ein vernnftiges,
zukunftsicheres Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Lehren mit
zu verdanken haben, die ihnen das Land der absoluten Gegenwart als
untrglicher Spiegel der Zukunft gegeben hat.





              DAS HIRN AMERIKAS AUF EINER GOLDENEN SCHSSEL.


Unter all den sonderbaren und gewaltigen Menschenwerken der Neuen Welt mag
wohl keines so sehr den Europer staunen machen, wie der Expreelevator
eines Wolkenkratzers, der erst am elften Stockwerk hlt. Wohnungen fr
kochende, Kinder aufziehende Menschen pflegen sich in diesen riesigen
Steinkasten nicht zu befinden, sondern ausschlielich Geschftsrume fr
die Welt des Handels und der Industrie, Kanzleien fr Rechtsanwlte, fr
Konsulate, fr alle erdenkbaren Vermittler eines die ganze Welt
beherrschenden Austausches von Waren und Werten aller Art. Das Herz
Amerikas schlgt in den kleinen, einfachen Holzhuschen der Vorstdte und
lndlichen Bezirke; aber das Hirn Amerikas arbeitet fieberhaft in diesen
gigantischen Trmen und liefert zwischen 8 Uhr frh bis 6 Uhr abends die
Hochdruckspannung fr den Betrieb der Dollarmaschine. Hunderte von
Telephonleitungen vereinigen sich auf den Dchern, die unablssig von
diesen eifrigsten Drahtsprechern der Welt in Anspruch genommen werden; im
Erdgescho unterhlt eine der Telegraphen- und Kabelkompanien ein Zweigamt
und befrdert unzhlige Telegramme ber den ganzen Kontinent, wie nach
allen bewohnten Gegenden der Erde, und der gebndigte Blitz trgt
Botschaften voll Hoffnung und Verzweiflung, voll wilder Gier und wildem
Mut in alle Welt hinaus. Millionen strmen herein, Millionen strmen
hinaus. Hier pendelt den ganzen Tag die groe Wage, auf der die Gedanken
erfindungsreicher Kpfe mit Gold aufgewogen werden; hier saust geruschlos
der schwere Schicksalshammer nieder, der mit einem Schlage Existenzen
vernichtet; hier schwirren die Websthle, an denen die schimmernden Netze
fr den Gimpelfang fabriziert werden; mit dem Lokalaufzug klettert der
fleiige, unentwegte Streber langsam von Stockwerk zu Stockwerk hinauf,
und mit dem Expreaufzug, der erst am elften Stockwerk hlt, schwingt sich
das Genie ber die Kpfe der armen Durchschnittsmenschheit in
atembenehmendem Tempo empor.

(M107)

In diesem Tempo offenbart sich die Energie der jungen Rasse, und dieser
Expreelevator ist das bezeichnendste Symbol der Kultur dieser Neuen Welt.
Nie und nirgends zuvor hat die Menschheit so tolle Luftschlsser gebaut,
wie in diesen Wolkenkratzern des amerikanischen Nordens. Ein gigantisches
Eisengerippe schiet starr und nackt aus dem Boden hervor, und der Ausbau
wird hoch droben mit dem Dach angefangen. Von oben herunter beginnt man
alsdann die Wnde von Zementgu zwischen den Rippen zu spannen, also
gewissermaen flssigen Stein vom Dach herunter zu gieen, bis er endlich
den Boden erreicht und nun mit Quadern im Grundstock verblendet wird,
schwer und gewaltig, wie fr die Ewigkeit bestimmt. Wir Menschen der Alten
Welt aber haben zuerst in den Hhlen gewohnt, die die Natur uns zum
Unterschlupf darbot; dann haben wir gelernt, uns in die Erde zu whlen.
Stein um Stein, Balken um Balken haben wir herbeigeschleppt und langsam
aneinander gefgt, und Jahrtausende, ja Hunderttausende selbst haben wir
gebraucht, um den stolzen, sicheren Bau unserer Kultur bis in jene Hhen
hinaufzufhren, wo die Stickluft schwitzender Mhsal nicht mehr lastet, wo
der frische Wind der Freiheit weht und der Blick sich weitet in die lichte
Ferne. Die khnen Abenteurer dagegen, die die Neue Welt besiedelten,
brachten die eisernen Trger fr den Aufbau ihrer Kultur gleich fertig
mit. Es waren schwindelfreie Menschen, die zuerst das groe Wagnis
unternahmen; denn ngstliche, bedchtig am Alten klebende Ofenhocker und
Duckmuser gingen ja berhaupt nicht ber das groe Wasser. Die Eroberer
brauchten das Pulver nicht zu erfinden; der Knall ihrer Bchsen, der
Donner ihrer Kanonen war ihr erster Gru an die technisch hilflosen
Besitzer des neuen Landes. Und als die weie Besiedlung in groem Stile
einsetzte, da war die Zivilisation des 17. Jahrhunderts das A, und die
Aufgabe, sich weiter hinauf zu buchstabieren im Alphabet, verursachte
keineswegs mehr einen Riesenverbrauch von Gehirnarbeit. Jedes Schiff
brachte einen neuen Gedanken von der Alten Welt herber, und diese neuen
Gedanken brauchten sich nicht in hartem Kampfe erst langsam durchzusetzen
gegen den widerstrebenden Willen der Alten - denn es gab keine Alten in
diesem Lande, in dem Jugend und Kraft allein regierten. Da brachte einer
die Idee der Dampfmaschine herber, und alsbald erkannte man, da die
Riesengre des Landes all ihre Schrecknisse verlieren und die zahlreichen
Quellen unerschpflichen Reichtums berhaupt erst nutzbar gemacht werden
wrden, wenn der rasche Dampfwagen spielend die Entfernungen berwand.
1825 lief die erste Eisenbahn in England, 1829 gelangte die erste
Lokomotive nach den Vereinigten Staaten und wurde alsbald zwischen Boston
und Worcester in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1840 waren schon 2818 englische
Meilen Eisenbahn ausgebaut, und im Jahre 1869 wurde die Pacificlinie
vollendet, die den Atlantischen mit dem Stillen Ozean verbindet! Man
wartete drben nicht, wie bei uns, ab, bis reich bevlkerte Gegenden und
groe Stdte die Mittel zu neuen Bahnbauten aufbrachten, sondern man legte
resolut die Schienenstrnge durch jungfruliches Land, durch Wsten und
Einden und veranlate dadurch, da jene Gegenden besiedelt wurden, Stdte
und Industrien ber Nacht aus dem Boden wuchsen. Kleinliche
Bedenklichkeiten kannte man nicht. In jenen Gegenden hielt man sich mit
dem Anlegen fester, kostspieliger Bahndmme nicht lange auf, sondern
rammte die Schwellen so gut oder so schlecht es gehen wollte in den Boden
ein und lie die schweren Lokomotiven darauf los rasen; auf ein paar
Menschenleben mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Was ist an denen
gelegen, wenn nur die berlebenden den winkenden Dollar glcklich
erhaschen!

(M108)

Und wie mit den Eisenbahnen, so ging es mit allen anderen technischen
Errungenschaften des europischen Geistes. Begierig wurden sie drben
aufgegriffen und, sobald ihre praktische Verwendbarkeit feststand, im Nu
ber das ganze Land verbreitet und in ihrer Leistungsfhigkeit durch
Verbesserungen bis an die Grenze der Mglichkeit gesteigert. Und genau so
wie mit den Resultaten der technischen, verfuhr man auch mit denen der
geistigen Kultur: man importierte alle wichtigen Axiome der Wissenschaft
gleichzeitig mit den neusten, khnsten Hypothesen und flte sie den
lernbegierigen jungen Kpfen ein. Von den sieben freien Knsten lie man
sich reichhaltige Mustersendungen kommen und erwarb zum Schmucke des
eignen Lebens was irgend dem unreifen Geschmacke eines noch nicht zu
beschaulicher Ruhe gelangten Volkes zusagte. Man hatte auch nicht ntig,
aus dunkler Angst und Erlsungssehnsucht langsam eine nationale Religion
empor wachsen zu lassen, sondern man lie sich die Religionen schockweise
aus den alten Lndern kommen und von einheimischen Kchen fr die
amerikanischen Seelen lecker zubereiten. So besa man auf einmal Religion
und Kunst, Wissenschaft und Technik zugleich, und alles dieses in einem
auf der Hhe des Tages befindlichen nagelneuen Zustande. Es galt fr
dieses absolute Gegenwartsvolk niemals, alte Kleider aufzutragen, mit
alten Vorrten zu rumen, alte Mauern niederzulegen, alte Mnzen
einzuschmelzen. Und weil jeder Anfang fr die Leute dieser Neuen Welt ein
Weiterbauen auf etwas bedeutete, das die Alte Welt bereits als ein
Vollendetes geliefert hatte, so mute sich in den Kpfen dieser
Neuweltleute die berzeugung festsetzen, da es fr ihre Entwicklung keine
Schranken gbe. Der Himmel hngt diesen Leuten voll unbegrenzter
Mglichkeiten. Weil sie es niemals ntig hatten, auf dunkeln Wendeltreppen
mit schmerzenden Knien in die Hhe zu klimmen, wie wir, so deucht es ihnen
die natrlichste Sache von der Welt, ihre zwanzig, dreiig Stockwerke per
Expre mit hchstens zwei bis drei Stationen hinauf zu flitzen. Und da
droben, im Genue der schnen Aussicht und der frischen Luft, fhlen sie
sich so pudelwohl, da sie es gar nicht merken, wie sie in der Luft
hngen. Es mu schon ein gewaltiges Erdbeben kommen, um ihnen begreiflich
zu machen, da in ihrer Hhe der Ausschlagswinkel der Pendelschwingung
etwas ungemtlich zu werden beginnt und da man unten zum mindesten
sicherer wohnt. Aus eben dem Grunde aber vermgen kultivierte Menschen der
Alten Welt in jenen stolzen Luftschlssern niemals heimisch zu werden. Sie
finden es fukalt darin, weil die unteren Stockwerke unbewohnt sind und
alle Winde frei durch das leere Eisengerippe streichen. Wir wurzeln eben
mit unserer ganzen Seele in der Vergangenheit. In den schweren Kmpfen
einer langen, langsamen Entwicklung sind unsere Krfte gewachsen; an den
Steinen, die uns in den Weg geworfen wurden, haben wir die Waffen unseres
Geistes geschrft; unseren Gttern haben wir Wohnungen gebaut aus den
aufgetrmten Leichnamen unserer Mrtyrer; den holden Rausch unseres
Frhlings haben wir uns verdient in eiskalten Winterstrmen, aus Schutt
und Brand die Ideale unserer Schnheit gerettet - aller Stolz auf unsere
Gegenwart, all unsere Sehnsucht in die Zukunft sind arm und klein, an der
heiligen Liebe zu unserer Vergangenheit gemessen. _Ein Mensch der Alten
Welt, der keine Romantik im Leibe hat, ist eine Migeburt._ Und wenn die
Kinder der absoluten Gegenwart zu uns herberkommen, so wandeln sie wie in
einem Museum einher: alles, was fr uns lauter lebendige Quellen ewiger
Werte bedeutet, sind fr sie ausgestopfte Kuriositten, patinierte
Schildereien, bleiche Spirituskonserven - sie gehen staunend oder lchelnd
vorbei und fragen hie und da: "Wieviel kostet das?"

O ja, wir sind auch Gegenwartsmenschen, sogar wir ehemals so vertrumten
Deutschen! Wir ruhen keineswegs auf unseren Lorbeeren aus, wir stellen
immer noch unsere Welteroberer so gut wie zur Zeit der Vlkerwanderung.
Diese neuen deutschen Menschen sind aber die sonderbarsten Realisten, die
die Welt je gesehen hat. Wohl sind sie modern im besten Sinne und
innerlich doch noch ganz und gar angefllt von den ererbten Eigenschaften
ihrer ritterlichen oder spiebrgerlichen Vorfahren. Ihr Blut strubt sich
dagegen, reine kalte Geschftsmenschen zu werden; sie ringen mit ihrer
rhrenden Gemtlichkeit, ihrer korrekten Bravheit und wohl auch mit einer
streberhaften Enge der Empfindung, und ihrem mannhaften Ringen blht der
Erfolg, weil sie sich der Arbeit und der Disziplin verschrieben haben.
Dies neue Geschlecht der deutschen Realisten bildet heute noch einen Staat
im Staate, eine Freimaurerorganisation mit ungeschriebenen Gesetzen. Aber
es ist sicherlich berufen, den Staat von Grund aus umzuwandeln, das
Ferment der neuen deutschen Gesellschaft zu bilden - jener groe, der
offiziellen Welt meist fernstehende Komplex von Ingenieuren, Technikern,
Kaufleuten, exakten Forschern, voraussetzungslosen Denkern und
rcksichtslosen Knstlern, der heute schon die eigentliche Triebkraft zu
allen tchtigen deutschen Taten hergibt. bermenschen sind sie darum noch
lange nicht, diese neuen Deutschen, aber doch bereits wieder ein
prchtiges Herrenvolk, unter dem die Ahnherrn des bermenschen schon jetzt
im Fleische wandeln drften.

(M109)

Drben glauben sie, wie es scheinen mchte, den bermenschen bereits zu
besitzen, und zwar in der Person des Spielers groen Stiles, des Millionen
aus der Luft greifenden und auf eine Karte setzenden kalten
Geschftsmannes. Hren wir ein Stckchen Yankeephilosophie aus dem Munde
eines ihrer besten Schriftsteller, _Jack London_(5): "Zu Zehntausenden und
zu Hunderttausenden sitzen Menschen die Nchte durch und planen, wie sie
zwischen die Arbeiter und deren Erzeugnisse sich hineinquetschen knnen;
das sind die Geschftsleute. Die Kleinen von ihnen, Krmer und
dergleichen, greifen sich aus dem Erzeugnis des Arbeiters irgend etwas
heraus, woran sie verdienen knnen; aber die groen Geschftsleute
benutzen diese kleinen Geschftsleute, um die Werterzeuger fr ihre Zwecke
herzurichten. Den ganz groen Leuten aber liegt nichts daran, den
einzelnen Arbeiter auszubluten, ihm seinen Profit wegzuschnappen, sondern
sie suchen sich zwischen die Hunderte und Tausende von Arbeitern und ihre
Erzeugnisse hineinzuschieben. Diese Art von Glckspiel nennt man 'die hohe
Finanz'. Ursprnglich bestand das Geschft nur darin, den Arbeiter
auszuplndern; dann aber taten sich die groen Ruber zusammen und jagten
einander die aufgehufte Beute ab. Unter den bermenschen der Geschfts-
und Finanzwelt gibt es, mit einigen seltenen mythischen Ausnahmen, kein
_noblesse oblige_. Diese modernen bermenschen sind eine Gesellschaft von
Banditen, welche die erfolgreiche Frechheit besitzen, ihren Opfern Gebote
von Recht und Unrecht zu predigen, an die sie sich selber nicht kehren.
Bei ihnen heit es, eines Mannes Wort soll gelten, so lange als er
gezwungen ist, es zu halten. Du sollst nicht stehlen, ist ein Gebot, das
nur den ehrlichen Arbeiter angeht; sie selber stehlen selbstverstndlich
und werden von ihresgleichen der Gre ihrer Beute entsprechend geschtzt.
Obwohl jeder Ruber stets auf der Lauer liegt, um jeden anderen Ruber zu
berauben, so ist doch die ganze Bande wohl organisiert. Sie hat
tatschlich die Kontrolle ber den politischen Mechanismus der
Gesellschaft. Sie bringt Gesetze durch, die ihr das Privileg zum Rauben
geben, und sie verschafft diesen Gesetzen Achtung durch die Polizeiorgane,
die Gerichte und die Armee. Des bermenschen Hauptgefahr liegt in seinem
Mitbermenschen, nicht etwa in der dummen groen Masse des Volkes - die
kann man durch den lcherlichsten Bluff zum Narren halten - die zhlt
nicht mit. Die hohe Finanz ist nur ein Pokerspiel auf hherer Basis, aber
man kann sehr wohl die Betrgereien und Vortuschungen dabei durchschauen,
ohne sich sittlich darber zu entrsten. Es ist eben die Ordnung der
Natur, da die gigantische Nichtigkeit alles menschlichen Strebens von den
Banditen organisiert und ausgenutzt wird. Auch zivilisierte Menschen
berauben einander, weil sie eben so geschaffen sind. Sie rauben, wie die
Katze kratzt, der Frost beit und der Hunger kneift. Der groe Finanzier
lernt sein Geschft bald sportmig betreiben. Arbeiter und kleine Leute
beschwindeln, das ist zu leicht, zu dumm, das ist ebensowenig ein Sport,
wie etwa die Jagd auf die fetten, in der Nudelkiste aufgezogenen Fasanen,
wie sie in England noch betrieben werden soll. Der groe Sport besteht
darin, den erfolgreichen Rubern einen Hinterhalt zu legen und ihnen die
Beute wieder abzunehmen. Das gibt Aufregung, das spannt, und zuweilen
setzt es dabei Klopffechtereien, an denen der Teufel seinen besonderen
Spa hat."

(M110)

Die bermenschen von Wallstreet tragen mit ihren genialen Taten allerdings
dazu bei, die Physiognomie der Neuen Welt charakteristisch auszuprgen,
besonders wenn man ihr Treiben so auffat, wie jener witzige Englnder,
der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Geschftsleute wie in den
Vereinigten Staaten htten sie drben in England doch nicht, kaltbltig
erwiderte: "O ja, die haben wir auch - aber bei uns sitzen diese Herren
alle im Zuchthaus." Der Amerikaner hat eben den guten Humor, die Taten
seiner groen Spitzbuben, wie Jack London, mit sportlichem Interesse zu
verfolgen. Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen
zwischen den groen Tieren, ber die er sich amsiert, und denen, auf die
er stolz ist. Es gibt einige sehr vornehme Klubs drben, in deren
Mitgliederverzeichnissen man die Quintessenz des amerikanischen Genius
suchen darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und Hhenmenschen.
So existiert z. B. in New York der alte, hoch angesehene Century-Klub, in
welchen nur Mnner aufgenommen werden knnen, die irgendeine
bedeutungsvolle Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen haben. Am
26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein Komitee, dem ein Dutzend der
weltbekannten Industriefrsten angehrte, die Gelegenheit eines festlichen
Frhstcks im Straenanzug, um unserem Prinzen Heinrich von Preuen _das
Hirn Amerikas auf einer goldenen Schssel darzubieten_. Ungefhr 150
Einladungen lieen sie ergehen an jene _Captains of Industrie_, wie Thomas
Carlyle sie genannt hat: "Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht
blo eingebildeten Aristokratie!" Bei diesem denkwrdigen Frhstck wurde
nicht die Schwere des Geldsacks in Betracht gezogen; ausgeschlossen waren
die bloen smarten Geschftsleute, die tollkhnen Spieler des groen
Spiels; ausgeschlossen waren auch Leute, die nur vermittels ihres hohen
Ranges eine Augenblicksbedeutung haben; es waren vielmehr nur wirkliche
Feldherrn in dem gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch
Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zur Huldigung entboten. Dem
Prinzen wurde vorher ein kleines gedrucktes Heft berreicht, in dem die
Eingeladenen dem Alphabete nach aufgefhrt und die Bedeutung jedes
Einzelnen in einer ganz knapp gefaten Notiz erlutert war. Die "New
Yorker Staatszeitung" sagte von diesem Frhstck: "Der erlauchte Bruder
des deutschen Kaisers und mchtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen
hat heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, Leute von dem Schlag
der Augsburger Fugger, Frsten des Handels, Baumeister unserer Gre. Es
waren nicht lauter Millionre, die da saen, aber sie gehrten
ausschlielich zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschpfliche
Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzumnzen verstehen und die
unseren Nationalwohlstand begrnden halfen."

(M111)

Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei der ein Frst der
Alten Welt in hnlicher Weise gefeiert worden wre. Wenn unsere gekrnten
Hupter reisen, so bekommen sie berall dieselben Exzellenzen, Geheimrte,
Spitzen der Behrden, Kriegervereine usw. zu sehen; zweifellos lauter
wackere und verdienstvolle Staatsbrger; aber die wahrhaft fhrenden
Kpfe, die genialen Organisatoren, die Trger der modernen Ideen - jene
Exzellenzen im eigentlichen Wortsinne - jene Hervorleuchtenden - sie
finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den Aufwartenden. Und der
Eifer der intimen Hter des Thrones, der Hflinge und Breaukraten sorgt
dafr, da von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz des
Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Gedankenschwung sich keck ber
die Grenzen des beschrnkten Untertanenverstandes erhebt. Auch drben in
dem Mrchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der Liste der
Eingeladenen die groen Philosophen, Knstler und Dichter, die Verknder
einer neuen Sittlichkeit und einer neuen Religion, die khnen Umwerter und
gefhrlichen Fackeltrger - sie muten fehlen, weil sie drben noch nicht
vorhanden sind, diese Kulturblten schwer von dem Honig einer glorreichen
Vergangenheit.

Wann wird fr Deutschland die Stunde schlagen, in der ein Kaiser vor
seinem Volke den Tanz der sieben Schleier tanzt, wobei seine Majestt eine
Hlle alter Vorurteile nach der andern abwirft, um schlielich zum Lohne
das Hirn Deutschlands auf einer Schssel zu fordern? Vielleicht wird diese
Schssel nicht, wie drben in dem Lande der unerschpflichen Naturschtze,
von purem Golde sein knnen - aber das Hirn wird sich sehen lassen drfen!






        EINIGE FR DIES WERK BENUTZTE UND EMPFEHLENSWERTE BCHER:


_      Dr. Otto Ernst Hopp_, "Bundesstaat und Bundeskrieg in den
      Vereinigten Staaten". Zwei Bnde. Verlag G. Grote. Berlin 1886.
_      Mc. Laughlin_, "History of the American Nation". Verlag Appleton &
      Co. New York 1903.
_      Paul Bourget_, "Outre Mer". Verlag Alphons Lemerre. Paris 1905.
_      Georg von Skal_, "Das amerikanische Volk". Verlag Egon Fleischel &
      Co. Berlin 1908.
_      Dr. Hintrager_, "Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten
      Staaten?" Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1904.
_      Wilhelm von Polenz_, "Das Land der Zukunft". Verlag F. Fontane &
      Co. Berlin 1905.
_      Ludwig Max Goldberger_, "Das Land der unbegrenzten Mglichkeiten."
      Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1903.
_      A. von Ende_, "New York". Verlag Marquardt & Co. Berlin.





                         NAMEN- UND SACHREGISTER.


      Aberglaube 203.
      Adel 261, 175 ff.
      Akademische Vergngungen 55.
_      American plan_ (style) 240, 244.
      Angelsachsen 21.
      Antisemitismus 31.
      Arbeit 105, 107, 261.
      Armee 177 ff.
      Armour & Co. 218 ff.
      Asch, Schalom 142.
      Astor 179.
      Astorhotel 239.
_      Athletics_ 37, 45.
      Ausgestanden! 17.
_      Avenue, common wealth_ 126.
_      Avenue, fifth_ 123 f.

      Baker G. Eddy, Mrs. Mary 196 bis 200.
      Bauern, lateinische 265.
      Bayreuth 138.
      Berufstreue 106, 254.
      Bertsch, Hugo 132.
      Bibliotheken 51, 63.
      Bier 234.
      Bildungsgang des Volkes 63.
      Bildungstrieb 63, 255.
      Bischfliche Hochkirche 187.
      Blood and Thunder-Show 5.
_      Bohemian Jinks_ 55.
_      Bohemians_ 132.
      Bordelle 72 f.
      Bosse, die politischen 65, 73, 96.
      Bret Hart 133.
_      Brooklyn-Bridge_ 233.
      Bronzemesser 110.
      Buchgewerbe 126.
      Buffalo 118, 211.

      Cafs 112, 119, 237.
_      Camping out_ 209.
_      Campus_ 54, 205.
_      Car_ 172.
      Carnegie 80.
      Cartesius 120.
      Century-Club 281.
      Chautauqua 63.
      Chauvinismus 28, 266 ff.
      College _Cheers_ 43 f.
      Chicagos Schlachthfe 218-229.
_      Christian Science_ 196-203.
      Clams 118.
_      Coeducation_ 36, 55, 82, 84.
_      Common sense_ 38, 66, 184, 263.
_      Compartement_ 172.
_      Concerd__, sacred_ 173.
      Confessionslose Kirche 205 f.
      Cornell 53, 205.

_      Denomination_ 49, 188 ff.
      Demokratischer Stolz 105.
      Demokratische Tugenden 181.
      Deutsch-Amerikaner 28 f., 36, 264 bis 271.
      Deutsche Pflichten 6, 271 f.
      Deutsche Stdte 265.
      Deutsche System, das 61.
      Dienstboten 94-109.
      Dienstmdchen, Karriere besserer, 101.
      Dienstpersonals, Pflichten u. Rechte des 99.
      Disziplin 38, 70 f., 170, 180, 278.
      Dollarmaschine 273.
      Doppelmoral 77.
_      Dormitorys_ 42.
      Drew, Daniel 179.

      Ehe 79-93.
      Ehescheidung 79, 88 f.
      Ehrgeiz 37.
      Ehrlich-Hata 74.
      Ehrlichkeit 182.
      Einwanderers, die Kinder des 29.
      Eisenbahn 275 f.
      Eisenbahnen, Kundenfang der 241.
      Eiswasser 17.
      Eitelkeitsmarkt 176, 155.
      Emerson Ralph Waldo 62.
_      Episcopal Church_ 187.
      Erotik 75 ff.
      Erziehungskosten, Rckzahlung der 83.
      Eulenberg, Herbert 145.
      Europa, Vereinigte Staaten von 272.
      Exzellenzen, die wahren 283.
      Expreelevator 273 f.

      Fahrplne 242.
      Familienhuser 123.
      Fensterputzer, der schwarze 95.
      Festessen 10 f.
      Fische 115.
      Fleischverarbeitung 230.
_      Flirtation_ 84 f.
      Forschung, wissenschaftliche 46 f.
      Fortschritt, kampfloser 275.
_      Fraternitys_ 42 f.
      Frauenakademien 56 ff.
      Friedrich, Max 129.
      Frchte 111, 118.
      Fulda, Ludwig 2.
      Frauenverehrung 26, 34, 70, 80, 90, 174, 246.

      Gastfreundschaft 9.
      Geflgel 114.
      Geldheirat 25.
      Ghetto 138.
      Gold 234.
      Gould, Jay 25, 176.
      Gouverneur 10.
      Germanistic Society of America VII, XIV, 2.
      Geschftspolitiker 65.
      Geschlechter, freier Verkehr der 84 f.
      Gesetzen, Achtung vor den 67.
      Gesetzfabrikation 173.
      Gepckaufgabe 242 f.
      Gesundbeter 197-200.
      Grnhrner 232 ff.
      Graf, Dr. Alfred 60.

      Handwerk 30, 106 f., 254.
      Hapag 269.
      Hardt, Ernst 147.
      Harward 44.
      Hauptmann, Gerhart 139, 145.
      Hauptmann, Karl 2.
      Hausfrauen 91 f., 93, 101.
_      Head lines_ (Kopfzeilen) 161 f.
      Heilsarmee 193-196.
      Heimatliebe 171, 259.
      Hemdrmeligkeit 249.
      Heinrich, Prinz von Preuen 18, 226, 282.
      Heirat 88.
      Heiratslust ein Gesundheitszeugnis 93.
      Herald, New York 164.
      High School von Youngstown 7.
      Hotel 207, 236 ff., 252.
      Hflichkeitsbezeugungen 13, 170, 247 f.
      Hlle, Mittelpunkt der 227.
      Hudson 207, 215 ff.
      Humanistische Bildung 48.
      Humoristische Lichter 5.

_      Icecream_ 17, 113 f.
      Illustrierte Zeitungen 151 ff.
      Indianer 23.
      Industriehuptlinge 149, 282.
      Interviewer 8, 19, 158 f.
      Inquisition 21.

      Jerusalem, Else 74.
      Judentum 30 f., 144.
      Juristen 263.

      Kastengeist 172, 177.
      Kaiser, der deutsche 269, 283.
      Kannibalische Gerichte 119.
      Karikaturen 160.
      Kasernenleben 180.
      Kaufmann, Reginald Wright 73.
      Katholizismus 188.
      Kauer, das Volk der 120.
      Kaugummi 121.
      Kelten 21.
      Kempinskis System 120.
      Keler, David 139 ff.
      Kindervergtterung 33 f., 244.
      Kinderzucht 35.
      Kirchenwahl 203 f.
      Kleidung 124.
      Knickebockers 175.
      Kochkunst 111-120.
      Koketterie 79, 85.
      Komisch finden, was sie alles 7.
      Kongre deutscher Migeburten 27.
      Kontrakte der Dienstboten 99.
      Korruption 65 ff.
      Krger, Hermann Anders 2.
      Kunstbedrfnis 129.
      Kunst, nationale 62, 131.
      Kssen, vom 87, 247.
      Kurmacherei, unverbindliche 85.

      Landschaftsregisseure 212 ff.
      Laughlin, Andrew C. Mc. 36.
_      Legal__ Aid Society_ 192.
      Lenau, Nikolaus 1.
      Lehrer und Lehrerin 38 ff.
      Leitartikel 154.
      Leithammel 219.
      Lesefutter fr Kinder und Unmndige 151.
      Lichtreklame 122, 211.
      Liebe, die, in der ffentlichkeit 87.
      Liebesheirat 25.
      Liebesverhltnis 77, 86 f.
      Liebe und Ehe 79-93.
      Liliencron, Detlev v. 1.
      Lindau, Paul 1.
      Lloyd, Norddeutscher 269.
      Lobby, die 237.
      London, Jack 132, 279 ff.
      Longfellow 133.
      Lgner 37.
      Lynch, Richter 263.

      Manieren 27, 29, 92.
      Mann, G. A. 201 ff.
      Malerei 126, 130.
      Mannszucht 117 ff.
      Mark Twain 133.
      Massengeschmack 133, 163 f.
      Materialismus 193, 250.
      Mayflower 175.
      Mdchenhandel 73.
      Mzene 51 ff.
      Menschen, neue deutsche 278 f.
      Menschliche Niedertracht 223.
      Mischlinge 23 f.
      Mitgift 25, 81.
      Modedamen 80, 90 f.
      Monatsschriften 164.
      Moralbegriff 78, 164.
      Morgentoilette des Ttowierten 245.
      Multimillionre 79 f.
      Muschenheim, Gebrder 239.
      Musiker, deutsche 128 ff.

      Nacktheit in der Kunst 127, 174.
      Neger 95 ff., 99, 173.
      Negerkirchen 188 ff.
      Neidlosigkeit 183.
      Nervositt 11.
      Niagaraflle 209 ff.
      Niggerlied 128, 188, 191.
      Niggerpoesie 188 ff.

      Oper 136 ff.
      Operette 146 f.
      Optimismus 21, 32, 108, 215, 263.
      Osborn, Prof. Dr. Henry F. 149 f.
      Orden 53, 176.

      Pagen 237.
      Papiergeld 234.
      Parsifal 128.
      Ppstin, Tod der 198 f.
      Philister 260.
      Photographie 126.
      Pilgervter 21, 75, 186.
      Pinsky, David 139.
      Plastik 127.
      Poet, der neuweltliche 130.
      Polenz, Wilhelm v. 1.
      Politik 65 ff., 271, 264 f., 154.
      Polizei 67, 72, 74, 171.
      Postgraduates 51.
      Prachtbauten 122 f.
      Presse, deutsche 167.
      Presse, gelbe 149, 153, 161, 164, 255.
      Privatgelehrte 50.
      Proletariat, gelehrtes 50.
      Professor, der 53 f.
      Professor, der, als Mdchen fr alles 103.
      Prohibition 171, 174.
      Prostitution, die 73.
      Prderie 4, 74, 132, 145, 174.
      Publikums, Psychologie des 3.
      Puritaner 21 ff.
      Pullman-Wagen 172 f., 243 ff.

      Quker 204.

      Radiopathie 199 f.
_      Ragtime_ 128.
      Rasse, amerikanische 20 ff., 256 ff., 268.
      Rassestolz 23.
      Raubritter 179.
      Rauchplage 68.
_      Reception_ 9, 12 ff.
      Redegabe 10 f., 39.
_      Refinement_ 47.
      Reinhardt, Max 142, 147 f.
      Reinheit, erotische, der Mnner 75 f., 82.
      Reklame 156, 208, 210.
      Rekordfieber 251.
      Rekrutierung 177.
      Reliquienverehrung 50.
      Renommage 33.
      Rentiers 81.
      Reporter 8, 241, 237, 160 f.
      Richter 262 f.
      Rockefeller jun. 74.
      Romantik 87 f.

      Salat 116 f., 117.
      Schaukelsthle 125.
      Scheidung, die 89.
      Schlachtverfahren fr Schweine 227.
      Schlachtverfahren fr Rinder 229.
      Schlangenfra, intellektueller 157.
      Schliff, der letzte 47.
      Schnitzler 86.
      Schnheit, krperliche 26.
      Schnheiten, berufsmige 59, 104.
      Schule 35 ff.
      Schlerverbindungen 39.
      Schurz, Karl 267.
      Sehenswrdigkeiten 9.
      Sekten 186 ff.
      Selbsthilfe, energische, eines Damenklubs 69.
      Sensationsartikel 164 ff.
      Sentimentalitt 87.
      Sexuelle Heuchelei 75.
      Sinclaire, Upton 226.
      Skal, Georg v. 38.
      Sklaverei 109.
      Snobismus 251 ff.
_      Social evel, the_ 72 ff.
      Soldatenwerbung 179.
      Sldnerheer 181.
      Sommerfrischen 209.
_      Sororitys_ 58.
      Sozialdemokratie 180, 185.
      Sparsamkeit 235.
      Speisehuser, billige 119.
      Spekulationsheiraten 81.
      Spieertum 183, 185.
      Spione, japanische 181.
      Spitzbberei als Sport 281.
      Sport 44 ff., 54, 281.
      Sportberichte 153 f.
      Sportliche Wettkmpfe 45.
      Staatszeitung, New Yorker 167, 282.
      Stanley, Henry M. 162.
      Steuben, Baron 36.
      Stiefelputzen 100.
      Straendemonstrationen 97.
      Straenpflaster 124.
      Straenverkehr 71.
      Strau, Richard 97, 98, 148, 160.
      Studenten, arme 43.
      Studentenverbindungen 43.
      Studentin, Typus der 59.
_      Subway_ 232.
      Sigkeit 111 f., 117.
_      Sweet Potatoes_ 115.

      Tafelfreuden im Pensionat 115.
_      Tammany Hall_ 186.
      Tante, die alte 173.
      Tauschhandel, Tchter im 25.
      Technische Hochschulen 49.
      Technik und Wissenschaft 49.
      Telephon 237, 249, 273.
      Theater, amerikanisches 135-138.
      Theater, deutsches 143-148.
      Theater, jiddisches 138 ff.
      Theatre, New 136.
      Todessprung, der 221.
      Toleranz 22.
      Touristen 211.
      Transcript, Boston 162.
      Trennung von Staat und Kirche 185, 263.
      Trinkgeld 235 f., 238.
      Trustmagnaten 68.

      bermensch, der, von Wallstreet 279 ff.
      Undergraduates 42.
      Unglcksflle, Verbrechen 153 f.
      Uniform 180.
      Unitarier 189.
_      University Extension_ 63, 255 f.
      Urban, Henry F. XII.
_      Usher_ 13, 16.

      Verbrecher, Behandlung der 262.
      Vereinsleben 6 f., 255, 266, 269.
      Verfassung der V. St. 36.
      Virginians, true 175.
      Volkslied 3, 130.
      Vlker, junge, u. Kinder 33.
      Vorstellen, nicht! 13.
      Vorurteile, demokratische 62.

      Wahlmanver 73.
      Walt Whitman 133.
      Walter, Dramatiker 86, 132.
      Wedekind, Frank 145.
      Wehrpflicht 180.
      Wellesley-College 56-59.
      Weltanschauung 46.
      Wettkmpfe 44 f.
      White, Dr. Andrew D. 108, 203, 205 f.
      Wildpret 115 f.
      Williams, Roger 22.
      Wissenschaftliche Speisekarte fr Damen 57.
      Wohlttigkeit 194.
      Wohnhuser, Stil der 208.
      Wohnungseinrichtung 124 ff.
      Wolkenkratzer 123, 273 f.

      Yale 44.
      Yankee 20.

      Zahnarzt 113.
      Zukunft, schwierige Frage an die 109.
      Zwangsheirat 78.





                Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem

          Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten Staaten?

                      Nordamerikanische Reiseskizzen

                                   von

                              Dr. Hintrager
                          Geheimer Regierungsrat

                  Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50

                              _II. Auflage_

New Yorker Staatszeitung:
(Aus einem mehrere Spalten fllenden Feuilleton.)

Dr. Hintrager hat in seinem Buche: "Wie lebt und arbeitet man in den
Vereinigten Staaten?" ein gutes Werk geliefert; er hat geraume Zeit in den
Vereinigten Staaten zugebracht und sich bei seinen wiederholten Besuchen
des Landes nicht darauf beschrnkt, die Auenseite der Dinge anzusehen. Er
hat nicht nur auf einer Farm in Jowa gewohnt, sondern dort auch einige
Monate mitgearbeitet. Er hat die Schulen grndlich studiert, ist im Bureau
eines Rechtsanwaltes ttig gewesen, hat die meisten der greren
Strafanstalten besucht und geprft und juristische Vorlesungen gehalten.
Kurzum, er hat einen Blick in das innere Leben des Volkes getan und wei
hbsch und interessant davon zu erzhlen.

Sehr gut und lesenswert - auch fr Deutsch-Amerikaner, die ber diesen
Punkt wenig unterrichtet sind - ist das Kapitel ber die Amerikanerin. Man
fngt doch an, einzusehen, da die amerikanische Frau nicht blo das
Sofakissen ist, fr das man sie so lange gehalten hat.

                Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem

                                Das Land
                                   der
                        unbegrenzten Mglichkeiten

   Beobachtungen ber das Wirtschaftsleben der Vereinigten Staaten von
                                 Amerika

                                   von

                          Ludwig Max Goldberger
                          Geheimer Kommerzienrat

                  Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50

                             _VIII. Auflage_

Literarisches Zentralblatt, Leipzig:

Unter der in der letzten Zeit betrchtlich angeschwollenen Literatur ber
die Vereinigten Staaten darf das vorliegende Werk wohl den ersten Platz
beanspruchen. Eingehende Sachkunde, erschpfende Grndlichkeit, genaue
Detailforschung ohne jede Voreingenommenheit und Geflligkeit der
Darstellung zeichnen dieses Werk besonders aus. Man mu selbst auf den
Spuren des Verfassers in den Vereinigten Staaten gewandelt sein, um die
stets zutreffende und mit wenigen Worten beraus anschaulich gezeichnete
Schilderung ganz wrdigen zu knnen, welche in diesem Werk vom Boden und
den Menschen, von der Arbeit und den Werksttten, dem Nationalreichtum,
den Eisenbahnen und Steuern, der Arbeiterfrage und dem Trustwesen und
verschiedenem anderen gegeben sind. Durch das ganze Werk zieht sich die
nicht hoch genug zu veranschlagende Tendenz, die beiden groen Nationen
menschlich und wirtschaftlich nher zu bringen ...

                Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem

                           Das Land der Zukunft

                                  oder:

          Was knnen Amerika und Deutschland voneinander lernen?

                                   Von

                            Wilhelm von Polenz

                  Preis: broschiert M. 6,-; geb. M. 7,50

                              _VI. Auflage_

St. Petersburger Zeitung:

Polenz beweist auch hier bei dem Studium fremder Verhltnisse die
glnzende Beobachtungs- und Schilderungsgabe, die wir in seinen
Dichtungen, besonders in seinem klassischen Roman "Der Bttnerbauer"
bewundern. Mit offenen Augen hat er sich in der amerikanischen Welt
umgesehen und schildert scharf und klar, ohne sich auf der einen Seite
durch wirkliche und scheinbare Erfolge blenden oder aber durch das, was
dem Europer fremd, sonderbar und vielfach auch abstoend erscheint,
beirren zu lassen.

Rheinisch-Westflische Zeitung, Essen:

Nicht landlufige Reiseeindrcke sind es, die uns Polenz wiedergibt, er
entrollt vielmehr vor uns ein treffliches, wahrheitsgetreues,
interessantes Gemlde von kulturhistorischer Bedeutung, von den
Verhltnissen, Sitten und Gebruchen der heutigen Welt.





                               ANMERKUNGEN


   M1 Psychologie des Publikums.
   M2 Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden.
   M3 Sehenswrdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervs sind sie nicht.
   M4 Nicht vorstellen! Great reception.
   M5 Ausgestanden!
   M6 Die reizende Reporterin.
   M7 Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Tchter im Tauschhandel.

    1 Das Wort Yankee kommt von einer mihrten indianischen Aussprache
      des Wortes "english" her und wurde in den Befreiungskriegen den
      Amerikanern von den Englndern als Spottname angehngt.

   M8 Kongre deutscher Migeburten.
   M9 Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus?
  M10 Junge Vlker und Kinder.
  M11 Kinderzucht.
  M12 Lgner und Duckmuser.
  M13 Schlerverbindungen.
  M14 Studentenverbindungen.
  M15 Sportliche Wettkmpfe.
  M16 Der letzte Schliff. Technik und Wissenschaft.
  M17 Postgraduates.
  M18 Der Professor im ffentlichen Leben.

    2 Der Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen ist schwer zu
      umgrenzen. Professor Mnsterberg von Havard definiert ihn dahin, da
      sich das College mit der Ansammlung von Wissen, die Universitt
      dagegen mit dessen kritischer Wrdigung und mit exakter Forschung
      beschftigen soll, doch flieen die Grenzen schon deshalb oft
      ineinander, weil eben an den meisten Universitten auch noch nicht
      viel von selbstndiger Forschung und wissenschaftlicher Systematik
      zu finden ist.

  M19 Akademische Vergngungen.
  M20 Wissenschaftliche Speisekarte fr Damen.
  M21 Typus der Studentin.
  M22 Das deutsche System. Bildungsdrang des Volkes.
  M23 Geschftspolitiker.
      Achtung vor den Gesetzen?
  M24 Energische Selbsthilfe eines Damenklubs.
  M25 Disziplin im Straenverkehr.
  M26 Die Prostitution.
  M27 ffentliche und private Moral. Sexuelle Heuchelei und Reinlichkeit.
      Beurteilung des freien Liebesverhltnisses.
  M28 Spekulationsheiraten.
      Rckzahlung der Erziehungskosten.
      Unverbindliche Kurmacherei.
      Die Liebe in der ffentlichkeit.
  M29 Die Scheidung.
      Die Hausfrau und die Dame der Gesellschaft.
  M30 Heiratslust ein Gesundheitszeugnis.
  M31 Der schwarze Fensterputzer.
      Straendemonstrationen.
  M32 Pflichten und Rechte des Dienstpersonals.
  M33 Karriere besserer Dienstmdchen.
  M34 Der Professor als Mdchen fr Alles.
  M35 Demokratischer Stolz.
      Unstetigkeit des Handwerks.
  M36 Schwierige Frage an die Zukunft.
  M37 S mu es sein!
  M38 Icecream und Zahnarzt.
  M39 Tafelfreuden im Pensionat.
  M40 Amerikanischer Salat.
  M41 Billige Speisehuser.
  M42 Das Volk der Kauer.
  M43 Planloses Durcheinander.
  M44 Abenteuer mit Schaukelsthlen.
  M45 Die Nacktheit in der Plastik.
  M46 Deutsche Musikpioniere.
  M47 Der neuweltliche Poet.
  M48 Diktatur des Massengeschmacks.
  M49 Die groe Oper.
  M50 David Kelers jiddisches Theater.
  M51 Eine improvisierte Standrede.
  M52 Niedergang des deutschen Theaters.
      Repertoirschwierigkeiten der deutschen Bhne.
      Reinhardt der Retter.
  M53 Lesefutter fr Kinder und Unmndige.
  M54 Illustrationsunfug.
  M55 Eitelkeitsmarkt.
  M56 Intellektueller Schlangenfra.
  M57 Kopfzeilen.
  M58 Ein smarter Reporter.
  M59 Ideale Mglichkeiten fr die Zeitung.
  M60 Sensationsartikel ernster Zeitschriften.
  M61 Die deutsche Presse.
  M62 Die demokratische Freiheit.
  M63 Die alte Tante.

    3 "_A drink with a wink_" heit das. In den Staaten, wo die
      Prohibition streng durchgefhrt ist, fordert man unter mglichst
      unmerklichem Augenzwinkern ein Glas Milch und bekommt alsdann in
      einem undurchsichtigen Gef sein Bier, wobei die weie Schaumhaube
      die Milch vortuschen mu.

  M64 Raubritter hben und drben.

    4 "The Book of Daniel Drew" by Bouck White.

  M65 Soldatenwerbung.
  M66 Vom Sldnerheere.
  M67 Demokratische Tugenden.
      Neidlosigkeit.
  M68 Trennung von Staat und Kirche.
  M69 Die Bischflichen und die Unitarier.
  M70 Die Negerkirchen.
  M71 Die Heilsarmee.
  M72 Bankrott des Materialismus.
  M73 Die Kirche der Gesundbeter.
  M74 Der Tod der Ppstin.
  M75 Christian Science in Europa.
  M76 Aberglaube, Kirchenwahl.
  M77 Eine konfessionelle Christenkirche.
  M78 Sommerfrischen.
  M79 Kostspielige Ausrstung des Touristen.
  M80 Die Niagaraflle.
  M81 Der Hudsonstil.
  M82 Der Landschaftsregisseur. Aufgaben fr deutsche Knstler.
  M83 Der Leithammel.
  M84 Der Todessprung
  M85 Menschliche Niedertracht.
  M86 Der Mittelpunkt der Hlle.
  M87 Schlachtverfahren beim Rindvieh.
  M88 Der Zweck heiligt die Mittel.
  M89 Tragikomdien des Grnhorns.
  M90 Unangebrachte Sparsamkeit.
  M91 In der Lobby.
  M92 Das Astorhotel.
  M93 Kundenfang der Eisenbahnen.
  M94 Im Pullmanwagen. Die Morgentoilette des Ttowierten.
  M95 Vom Kssen und von der Hflichkeit.
  M96 Hemdrmeligkeit.
  M97 Das Rekordfieber.
  M98 Ansteckungsgefahr des Snobismus.
  M99 Volkstmliche Bildungsbestrebungen.
 M100 Zhigkeit der Rassen.
 M101 Heimat.
 M102 Arbeit und persnliche Wrde.
 M103 Juristen und Menschenkenner.
 M104 Die deutschen Kolonisatoren.
      Unsere mangelhafte politische Befhigung.
 M105 Neuerwachter Nationalstolz der Deutschen.
 M106 Heiligste Pflicht des Deutschtums.
 M107 Kampfloser Fortschritt.
 M108 Unbegrenzte Mglichkeiten.
 M109 Der bermensch von Wallstreet.

    5 Aus dem Roman "Burning Daylight", S. 159 ff.

 M110 Spitzbberei als guter Sport.
 M111 Die wahren Exzellenzen.





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Die lebenden Kolumnentitel sind als Randnotizen wiedergegeben.

Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:

      Seite 6: "Clownspssen" gendert in "Clownspen"
      Seite 16: "sterotypen" gendert in "stereotypen"
      Seite 39: "rethorische" gendert in "rhetorische"
      Seite 107: "grossen" gendert in "groen"
      Seite 109: "Unstnden" gendert in "Umstnden"
      Seite 118: "Neuurastheniker" gendert in "Neurastheniker"
      Seite 172: "Pullmann" gendert in "Pullman"
      Seite 192: Anfhrungszeichen entfernt hinter "knnen?"
      Seite 201: Anfhrungszeichen entfernt hinter "Gewalt!"
      Seite 204: "auschlielich" gendert in "ausschlielich"
      Seite 222: "Jhr" gendert in "Ihr"
      Seite 256: Anfhrungszeichen ergnzt vor "Qualitt"
      Seite 269: "uneingegeschrnkte" gendert in "uneingeschrnkte"
      Seite 286: "Karrikaturen" gendert in "Karikaturen"

Ungewhnliche Schreibungen von Eigennamen (etwa "Oklahama",
"Sherlok-Holmes") und englischen Begriffen wurden nicht korrigiert. Im
Register wurden die Interpunktion vereinheitlicht und einige Eintrge an
die alphabetisch korrekte Stelle versetzt.





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DICHTER IN DOLLARICA***



                                 CREDITS


August 1, 2012

            Project Gutenberg TEI edition 1
            Produced by Karl Eichwalder, Stefan Cramme, and the Online
            Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
            file was produced from images generously made available by The
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INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
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                               Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


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public support and donations to carry out its mission of increasing the
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
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