The Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer

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Title: Die Osternacht
       Zweite Abtheilung

Author: Leopold Schefer

Release Date: August 18, 2012 [EBook #40524]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Leopold Schefer




Die Osternacht




Die Osternacht.


Zweite Abtheilung.




Sinnwort:

   Soldatenfreuden
   Sind Menschenleiden.





I.


Nun wird die gute Zeit wohl aus sein! sprach Christel, mit gesenktem
Kpfchen zur Erde sehend und ihre Hnde gefaltet.

Vater, die Strae brennt! rief Daniel, durch das Thor in den Hof springend.

Ach, da _die_ nur brennte, nicht auch unser liebes Zahlbach, und Huser,
Gehfte, Drfer und Kirchen im Lande! erwiederte ihm Johannes und nahm ihn
an die Hand. Wo erst die Pferde Rauch machen, da machen die Menschen dann
Feuer und Elend.

Was fr Menschen? frug Wecker, fast erhaben darein sehend, und mit dem Ohre
wie vom Himmel auf eine Antwort horchend. Aber, mein Daniel, fuhr er mit
belehrender Geberde fort, die da kommen, _das_ sind gar wundersame
Menschen, Cento- oder Milletauren aus Taurien, mit vier Pferdebeinen und
Pferdeschwnzen, und mit zwei Kpfen -- einem Pferdekopf, der sehr klug
ist, und Hafer frit, auch grne Saat und Dachschoben von den Strohhtten
und liebes Brod von den Tischen -- und einem Menschenkopf mit einem Bart
wie ein Ziegenbock, und mit zwei Hnden, wovon die eine so lang ist, wie
ein Spie, und von Holze, und ganz vorn der eine Finger daran von Eisen! --
Cavallerie, von Cavallo, nicht von Cavalier! wie euer alter Vater Frommholz
sagt, Johannes!

Ach, scherzt doch nicht, Wecker! bat Christel. Mir ist wie vor einem
Gewitter, das still heraufzieht.

-- Und vorber! meinte Wecker. Ist am Himmel nur Eine Wolke von heute frh
nur, oder von gestern, von vor dem Jahre, von vor hundert oder tausend
Jahren zu sehen! -- seht hinauf, mit euren lieben feuchten Aeuglein, liebe
Christel: Alle sind weg! Verflogen, verregnet, verdonnert, verstoben -- und
der alte Himmel ist hell! Und kommen auch neue Wolken, so wird der Schwarm,
so gro und barbarisch er ist, auch vorberziehen, und die Erde wird wieder
rein sein -- wie nach der Sndfluth, Der arme Noah! Der litt einmal! Es ist
auch ein Elend, viele, viele, ja alle andere Menschen umkommen zu sehen,
und selbst feuer- und wasserfest und wohlverpicht in seiner Arche zu
sitzen, und Tauben und Raben hinaus zu lassen, um zu wissen, ob die Erde
wieder gangbar ist? -- Und htte ich nachher den Regenbogen gesehen, so
htte ich gesagt: Verzeih' mir's Gott! er gefreut mich nicht; -- es sind
gar zu viel Menschen ersoffen, denen er -- Frieden bedeutet! Das sind nur
die Thrnen von allen den Leuten, die zum Himmel geweint haben, aller der
desperaten Snder! Darum lieber selbst etwas mitleiden, etwas mitweinen,
ein paar Glieder von den Seinigen oder von seinem Leibe miteinben, wenn
ganze Korporationen in und am corpore -- dem corpus delicti -- leiden, das
ist in bsen Zeiten ein wahrer Trost! Das macht uns zu Mitmenschen,
Mitknigen und Mitbauern, je nachdem wir nun dies oder das sind, liebe
Christel. Die Kinder Gottes _leiden!_ Von jeher, und noch wie lange, wei
Niemand! Und _die Herren_ denken: haben sie _so_ lange gelitten, mgen die
paar Millionen auch noch ein paar tausend Unglcke weiter leiden. Denn
_sie_ bleiben es doch. Aber -- Wecker bleibt Wecker!

Ach, Ihr meint es rechtschaffen, mit uns und der ganzen Welt! sprach
Christel.

Das wollt' ich nur wissen! erwiederte er weich, da sich oben am Himmel ein
Regenbogen aufbaute. Glaubt nur, Kinder, fr einen _Rechtschaffenen_ ist
das ganze Himmelszelt, so gro es ist, nur eine Htte! _Er_ ist viel
grer, viel leichter als die Blue, viel fester in seinem Kerne, und lebt
und schwebt mitten darin und doch hoch darber -- wie euer alter Vater,
Johannes, da droben als Zimmermann an dem Kirchthurme hngt, wie ein
Grnspecht mit seiner grnen Jacke, und hackt! Seht nur, jetzt hackt er die
Axt fest, und sieht sich um ber die Gegend nach _Britzenheim_ zu, und
sieht den Schwarm der Feinde kommen, davon wir nur erst noch den Staub
erblicken, nicht die Herren Staubmacher, zu Staubmacher und zu Staubwerder
selbst!

Jetzt blieben alle eine Weile still, denn es fiel ein Kanonenschu von der
_Klubbistenschanze_ vor der, nur eine Viertelstunde von Zahlbach entfernten
Festung Mainz; und als er verdonnert, und in den Thlern verhallt war,
sahen sie sich an, Wecker aber fuhr fort: Kinder, das war seit langer Zeit
der erste! Die blaurckigen Kinder drin werden wach, und schau . . . sie
haben den Staub auch gesehen! Aber um hinauf zu dem alten Grovater
Frommholz auf den Thurm zu kommen, seht nur, er lt die Axt eingehackt und
kriecht zum Loche hinein! Er wird herunter kommen, und uns _berichten_
. . . oder kommt er blo zum Abendessen? Das wre besser! Aber dabei bleibe
ich: Jetzt in der allgemeinen Noth marschirte ich mit keinem lieben Vieh,
je einem Mnnlein oder Frulein, und mit meiner seligen Frau, mit Shnen
und Tchtern und sndlosen Anverwandten, auch wenn ich welche htte, doch
nicht in die aufgethane Arche, und lebte darin in Freuden, und
wohlverpicht! Denn das erlebe ich, da auch mein Sohn _Friedrich Wecker_,
der wohlgerathene Tambour, aber mirathene Schulmeister, ohne Arme oder
ohne Beine -- ad lubitum der Herren Feinde, aus Ruland oder aus
Deutschland angewackelt kommt -- oder nur von _Hanau_, wo man unserem
Hochverehrten den Weg verlegt hat, die Breite und nicht die Lnge.
Verkehrt! Denn von der Seite reitet man ein Pferd um. Aber mag er kommen
ohne Trommel, ohne Arm, ohne Zehrpfennig -- er soll mein lieber Sohn sein!
Ich will mich im Geiste seiner Mutter, als meiner lieben Ehehlfte im
Grabe, wovon die andere Hlfte, als nmlich ich, noch ber dem Grabe vagirt
-- freuen, und wieder einmal weinen, als ein einsamer Mensch, der gar
Niemanden mehr schelten kann; denn ihr alle, der alte Grovater Frommholz,
Ihr Johannes, Christel und eure Kindlein, ihr seid doch Alle gar zu gut,
und ich habe nichts, als im Herzen euch Dank zu sagen! Aber Mann und Weib
ist _ein_ Leib. Aber was ist ein Wittwer und eine Verklrte? nmlich meine
Ehehlfte. Es ist doch ein nrrisches Leben, wenn Einer halb im Grabe liegt
mit schwarz bombasinenem Kleide und cannevassener Haube -- und zugleich
auch halb drauen steht, wie Ich, und als Ich, ganz, gesund, alt, mager und
sechs Fu hoch, wie ein Weinstock -- ohne eine einzige Rebe, vor dem Winter
eingepackt in einen alten Rock, grob wie eine Matte, und einen Stock im
Leibe, damit die ganze Vogelscheuche nicht einfllt! Darum mein groer
_Friedrich_, komme Du heim, komme _mir_ nur heim, ob ich gleich keine
Heimath habe! Aber ich habe eine Brust und ein Herz, da sollst Du Schlingel
zu Hause sein, weil Du doch einmal darin immer zu Hause gewesen bist --
auch so lange Du entlaufen warst, oder wohlgerathener Landstreicher und
Tambour -- vielleicht . . . Major!

Nun, sprach Christel, das Unglck der Groen ist oft, wenn nicht immer, der
Kleinen Glck; wenn ein Sack -- wie Napoleon, reit, fallen viel Krner
heraus; und so kommt vielleicht auch mein Bruder, der _Stephan_, wieder,
der mit Gewalt mit angeworben wurde, weil er kein Weib, keine Kinder,
sondern nur . . .

-- -- nur Haus und Hof, Khe und Klber, Pferde und Ochsen hatte, fiel
Wecker ein. Freilich, um die war's nicht Schade, ob sie ihn gleich
vielleicht auch gut gekannt und lieb gehabt haben! Aber wer kann alle
Herzensangelegenheiten schonen!

Daniel winkte zu hren, und sprach nach einer langen Pause: Wie sie
gesungen kommen --

-- da einem das Herz im Leibe lacht und der Magen, meinte Wecker. So in
Fugen singen sie; Einer fllt nach dem Andern ein, der Dritte, der Vierte,
und Alle aus vollem Halse. Und wie es fromm klingt! Das sind gewi gute
Menschen! Wer singt, ist gut, nmlich so lange er singt, und den Mund
_dazu_ braucht.

-- Horcht! nun pfeifen sie gar! rief Daniel, freute sich, und wollte zum
Thor gehen, um aus dem Gehfte auf den Weg das Dorf hinauf zu sehen.

Ach, seufzte Christel, was sollen wir thun? Was ist jetzt gut, oder was ist
schlimm von dem, was wir Leute gewohnt sind? Jetzt ist kein Schritt recht
oder gleichgltig, kein Fleisch recht gekocht, kein Huhn gut gebraten,
keine Suppe recht gesalzen! Da lob' ich meinen Johannes und euch Alle! --
Ihr wart immer mit mir zufrieden. Aber _darum_ vernachligte ich nichts,
in dem guten Zutrauen auf eure Geduld; sondern je begngter ihr wart, je
sorgsamer strengte ich mich an, und lauschte und merkte mir gern, was der
Kleinste gern hatte. Nun werde ich nichts recht machen; und ich mchte
wahrhaftig mein _Sophiechen_ oder meine _Clementine_ sein! Heut nur in
unserm Zahlbach! Denn . . . seht nur, wie glcklich sind doch die Kinder!
Wie leben sie berall und immer im Paradiese! Ohne Sorge und Furcht,
glcklich, wenn nur die Mutter lchelt und spricht: Du bist mein liebes
Kind! Seht nur, mein kleines Osternachtkind, die kleine _Clementine_, die
ich der guten gndigen Frau zum Andenken so genannt -- sie versprach mir
gestern Nacht: ohne mich ganz allein einzuschlafen, wenn ich ihr ein
Brodchen mitbke; und so konnte ich ungestrt backen; jetzt hat sie es dort
bei sich; und da _ihr_ das Schaukeln so gefllt, so denkt sie: dem lieben
Brodchen soll es auch gefallen, und so hat sie es auf den Sitz der Schaukel
_gesetzt_, und schaukelt es mit ihren kleinen Aermchen! Ach mag doch Alles
verloren gehen . . .

. . . Also hbsch langsam! schaltete Wecker ein. Verloren _gehen_, nicht
verloren rennen!

Auch das! fuhr Christel fort; mag heut, schnell, gleich Alles verloren
werden, und hin sein, selber das tgliche Brod, sogar wie es Luther
auslegt, nur nicht . . . nur nicht: Mann und Kinder! Nicht Ein Kind! Weiter
bitte ich Gott um nichts . . .

. . . Um nichts weiter! Ei, meine bescheidene Christel, da bittet Ihr recht
viel, recht grob den lieben Gott! sprach Wecker. Denn, wie ich Euch kenne,
habt Ihr eben nichts weiter, nichts Anderes in Euren Gedanken, in Eurem
Herzen, als den Mann und die Kinder. Ihr wollt also nur geradezu Alles
behalten, was Ihr habt und besitzt; denn die Tausend Gulden von Eurem
Vater, die der alte Herr von Borromus fr Euch am Kaufgelde hat fahren
lassen mssen, und die Ihr ausgeborgt habt fr die Kinder, die kmmern Euch
nicht; auch nicht die dreihundert Gulden Lotteriegewinn vom Gevatter Pathen
Leineweber Krieg, die Euch Dorothee wiederbezahlt, weil sie nun mehr hat,
und nichts schuldig sein wollte, das protzige Mdchen, das nicht aus
Fleisch und Blut zu bestehen scheint, sondern aus lauter Ehre
zusammengebacken, und mit Mdchenstolz gesuert.

Ihr habt nicht ganz Unrecht, . . . _Meister_ Wecker, wie Ihr ohne Schule
nun einmal wollt genannt sein, damit Ihr doch noch etwas wret oder hieet;
sprach Johannes dazu. Selbst die saubern Gerthschaften, Tische, Sthle,
Schrnke, Betten, Gebetten, Kisten und Kasten mit Wsche und schsischer
Leinwand, und was wir Alles aus Herrn Paschalis Schiffchen packten, freute
meine gute Christel nur um der Kinder willen; die freuten sich! Aber doch
Sonntags, wenn Alles fein sauber aufgerumt war, die liebe Sonne in die
blanke Stube schien, und Christel selbst auch sonntglich in dem lieben
Sonnenschein stand, da gewann ihr die neue Heimath denn doch ein heimliches
Lcheln ab. Das Geld haben wir nicht zum Bauen gebraucht; denn als meinem
Vater seine zweite Frau gestorben war, mit welcher er Alles erheirathet
hatte, da ward ich wieder sein Sohn, da durfte ich wieder zu ihm kommen, da
mute ich sogar Haus und Garten und Feld von ihm nehmen, zum Zeichen, da
er heimlich immer mein guter Vater gewesen.

Jetzt kam der alte Frommholz vom Thurme. Die Kinder liefen ihm entgegen,
auch die Kleinste mit ihrem Brodchen, und er mute sie auf den Arm nehmen.
Der alte Mann nahte und trat zu ihnen. Seine Gestalt war hoch, sein Gesicht
ernst geworden von dem langen Zuschauen der wechselnden Erde, die ihre
schnsten und besten Kinder, die Menschen, wenig zu achten scheint; dennoch
war seine Stellung fest, sein Auge getrost, aber seine Hand vom Alter
mager, von der Sonne braun; und das Kind hatte sein kleines, weies
Hndchen darauf gelegt, wie ein Blthenstchen auf einen trockenen Ast; und
-- wie eine Rose an ein altes Gemuer -- lehnte es sein kleines Gesicht
wei und rosig an das gleichsam wettergraue Gesicht des Alten; und die
_noch nicht_ gefrbten weilichen Haare der Kleinen mischten sich mit den
_schon wieder_ entfrbten, und nun auch weien Haaren des Grovaters, die
ihm voll bis auf die Schultern hingen, und er hie bei Menschen ein
_ehrwrdiger_ alter Mann, entweder weil er die Sonne lange gesehen hatte,
oder sie nicht mehr lange schauen sollte. -- Da will ich die Wahl haben!
meinte der lebenssatte Wecker, wenn die Leute demselben Glck zu dem
schnen Alter wnschten und ihn bewunderten -- wie den eingefallenen Thurm
zu Babel, und die vornehme Nase, die nach Damaskus -- geschaut hat, in
ihrer Jugend.

Nun, Grovater, sagte jetzt Christel, Ihr stellt Euch so ruhig und
schweigsam zu uns! Erzhlt uns doch! Rathet uns doch!

Wer kommt denn eigentlich? frug Johannes; unsere groe, ganz klein
gewordene Armee?

-- Unser Friedensstifter, Vermittler, Bundruthe unseres Rheinbundes, unser
allergromchtigster Kaiser und allezeit Mehrer des Reiches, auch wenn er
ein Stck von seinem Kaisermantel nach dem andern verliert? fragte Wecker.

Was sollen wir thun? frug Johannes; sollen wir hier bleiben, drauen? oder
hineingehen? Kochen, braten oder backen? Und was? Oder sollen wir Alles
stehen und liegen lassen, und ein ruhiges Land aufsuchen?

Kinder, sagte der Alte, heut zu Tage kann man immer auf das
Entgegengesetzte von dem gefat sein, was alle Menschen vermuthen und
glauben, selbst die Herren Potentaten. Alles kommt anders und besser, als
selbst der Freiestgesinnte und Beste denkt, und ganz etwas Neues! So kommen
auch jetzt unsere Feinde, die Kosaken, _vor_ unserer Armee, als ihre
Vorreiter, Voresser und Vortrinker. Aber, was Ihr thun sollt, meine Kinder?
-- Nichts! Wenn bse, gefhrliche Zeiten kommen, mu Jeder schon das Seine
gethan haben: gelebt, gebaut, geheirathet, gesorgt, verdient und gespart.
Die bse Zeit tritt zum Menschengeschlecht als sein Richter, und spricht:
So wie du gelebt _hast_, so wird dir geschehen; mein Buch ist geschlossen,
deine Rechnung gezogen. Die sieben fetten Khe mssen die sieben magern
bertragen. Wer die sieben fetten in's Haus geschlachtet hat, der kommt um!
-- Aber, sprach er mit Lcheln, ein ruhiges Land aufsuchen? -- Wo denn?
Jetzt nirgend. Wenn Erndte ist, ist berall Erndte, ein Paar Tage, ein Paar
Wochen spter; aber Erndte ist gewi, gute oder schlechte, wie und was
Jeder geset hat. Vielleicht htten wir sollen mit den verstndigen, freien
Wrtembergern, den Rhein hinunter, nach Amerika ziehen. Wenn in einem Lande
Herbst wird, ziehen die Lerchen, die Schwalben und Strche von dannen, und
sind unverstndige Vgel. Sie nisten ber dem Meere nicht, aber der Mensch
baut sich an, und gedeiht berall wohl, wo nur die Erde ist, und nur die
Erde ist sein Vaterhaus und seine gute gleichnhrende Mutter berall. Die
groe Lehre hat uns Schmach und Schande gelehrt. Uns aber lie man doch die
vorzglichste Freiheit -- wegzuziehen, wenn es uns nicht unter dem neuen
Herrn des Landes gefiel; und nur die Freiheit des freien Abzugs mit Weib
und Kindern, kleinen und groen, zu jeder Zeit mu den Menschen bleiben,
wenn sie so durcheinander gewrfelt und hinber und herber verspielt und
gewonnen werden, wie bis jetzt anno 1813, als wenn die Unterthanen liebes
Vieh wren, und kein Herz htten, und zu _Niemand ein Herz haben sollten_.
So wollte man, und _so_ ist den ihr Wille geschehen. Amen!

Amen! Amen! _In Ewigkeit!_ sprach Wecker fromm und glubig dazu. Der Bauer
Adam Mller hat doch Recht gehabt! Es ist Krieg geworden, 1812, wie in dem
Briefe an den seligen Herrn von Borromus stand! Vielleicht gehen nun auch
die unschtzbaren schlechten Zeiten an, die er verheien, und worber sich
das Landesvterchen so gefreut!

Die Unsrigen rcken aus Mainz dem Feinde entgegen, und wahrscheinlich
begegnen sie hier sich im Dorfe; sagte der Alte erst jetzt. Es kommt darauf
an, wer schneller reitet.

Mein Gott! sthnte Christel. Wer htte gedacht, da man unter einer Festung
Napoleons nicht sicher wohnte!

Sogar er selber nicht mehr, sprach der Alte. Aber wenn Er sogar nicht mehr
sicher ist, so knnen alle Andern, die nicht solche Mnner wie Er sind,
nicht ihren festen Sitz auf hundert Jahre verpachten, ohne da der Pchter
nicht vor Ablauf der Pachtzeit -- stirbt.

Wecker schttelte sich und sprach: Mir ist ordentlich als ginge Jemand mit
Geisterschritt in den Wolken, und warnte herab mit dem Finger, und sprche
groe Lehren herab; und auf Erden liefen Teufel umher, und hielten den
groen Menschen die Ohren zu, und sprchen: Das da oben ist bloes
Luftgebrause! Unsinn am Himmel! Wer nicht gehrt hat, der darf nicht
folgen. Erlauben Sie also gndigst, Ihre hochgeehrten Ohren mit dem
weichsten schadlosesten Wachs zu verkleben; es ist gelbes natrliches
Wachs, ohne allen Arsenik! Sehen Sie, ich verschlinge ein Stck davon. --
Und bei den Worten brach Wecker einen Krumen von Clementinens Brodchen, und
verschlang ihn im Eifer.

Der Lrm ist im Dorfe! sprach Christel bestrzt. Riegelt das Thor zu!

Da sprengen sie es ein! und werden erst wthende Gste! versetzte der
Greis.

-- Verbergt Euch!

Da holen sie uns hervor mit Flintenkolben und flachen Klingen.

-- Fliehen wir!

Da znden sie das Haus an, oder richten uns Alles zu Grunde.

-- Kommt in das Haus!

Da kommen sie nach, und erbitterter! Das wei ich als alter Soldat. Thut,
als kmt Ihr, sie zu begren. Sagt, Ihr wartet auf sie. Lat Alles offen!
Bleibt, wo Ihr seid; wir sind berall in Gottes Hnden! Wer da denkt: Gott
hat ihn nur im Mutterleibe gebildet, und da das Leben gegeben; und nicht
glaubt, da Gott ihn jeden Augenblick so wunderbar fort bildet, und seinen
Odem ihm leiht, der ist ein Blinder.

Das wollt' ich nur wissen! meinte Wecker.

Wit, denkt, glaubt es doch auch, Ihr alle meine Lieben; fuhr der Alte
fort, whrend man kaum vor Gerusch und Geschrei und Geklirr und Gestampf
seine Stimme recht hrte. Wit Ihr es auch. Die Rosse hat Er geschaffen,
die eisernen Spitzen sind aus seiner Erde, die Menschen sind aus seinem
Paradiese. --

Die Wuth aber ist vom Teufel! schlo Wecker.

Denn von den Feinden, die sich eben im Dorfe einnisten wollten, aber schon
wieder ihre Feinde: franzsische Infanterie, begegneten, kam ein Kosak in
den Hof gesprengt, der einen Franzosen verfolgte. Der Franzose lief in
einem Zickzack um die schnen Linden, die jetzt schon gelbe Bltter
verstreuten, auf das Haus zu. Alle sprangen nach dem Hause; Wecker mit
Gotthelf, Christel mit Sophiechen, Johannes mit Daniel, und der alte
Grovater Frommholz war mit dem kleinen Osternachtkinde, mit Clementinen,
die er auf dem Arme trug, der Letzte. Das Kind sah ber die Achsel des
Grovaters nach dem weien Pferde, und hielt sein Brodchen hoch und bereit,
es dem fremden Manne zu geben -- da verfehlte der Kosak mit der langen,
rothen, eschenen Lanze seinen Feind, der eine schnelle Wendung machte, und
sich platt mit seinem Gewehr auf die Erde warf, und die eiserne lange
Spitze der rothen Stange fuhr dicht ber der Schulter des Grovaters mitten
in die kleine Brust des Kindes, und durch und durch, da der alte Mann die
Spitze mit seinem rechten Auge erblickte; und er stand wie angewurzelt, wie
mit Feuer begossen von dem Gedanken, was da geschehen sei; und ohne Kraft,
das Schicksal der leichten, aber unglcksschweren Last zu tragen, sank er
auf seine Kniee; vor seinen Augen war gnzliche Nacht, und in der Nacht war
gnzliche Wste; aber das Kind hielt er noch fest.




II.


Nur der Kosak schrie auf -- _menschlicher_ Weise gedenkbar: selbst in der
eigenen Wuth noch erschrocken ber das -- Kriegsglck, da er statt des
Feindes, das Kind durchbohrt. Aber es war ein Schu gefallen; denn der
bedachte, absichtlich handelnde Franzose hatte sich gleich wieder auf ein
Knie gerafft, richtig den Augenblick ergriffen, sicher gezielt und sicher
getroffen, und der Kosak lag am Boden. Niemand konnte erkennen, da er ein
alter Mann mit silberweiem Barte war, kaum da er ein Mensch sei, wenn es
nicht die brige Gestalt noch htte schlieen lassen; denn ber Augen und
Gesicht flo lichtrothes Blut von der Stirn, unter der rothen vierlappigen
Mtze hervor, und berflo den breiten Bart, als sei er aus blhendem
Fuchsschwanz knstlich gemacht; und die gertheten Zhne im Munde
klapperten vor Schmerz oder Wuth; denn er war gleichsam nur ein
blautuchener Schlauch voll deutscher Beute.

Die inde genahten Franzosen hatten mit einer Salve der reitenden
Artillerie die Kosaken wie sechsbeinige Hasen aus dem Dorfe gebrschet. Man
hrte in der Ferne nur schreien und reiten, und sah wieder die Strae
brennen. Im Dorfe aber und in Johannes Hofe war es still. Der Franzose
hatte den Schimmel am Zaume aufgegriffen, und an der Linde angehangen,
stand ruhig, putzte seine Flinte rein, und ladete sie wieder, whrend er
mit finstern Seitenblicken zu dem Kosaken auf die Erde zwischen den Zhnen
murmelte: Moskowiter! Ismaeliter! Esauwiter! -- Da liegst Du -- und Ich
nicht! -- Du bist mein -- und Ich nicht Dein!

Wecker war in heiliger Entrstung inde bei dem alten Frommholz vorber,
herausgeschritten, und in Bezug auf den in seinem Blute schwimmenden
Asiaten sprach er mit innigem Bedauern und herzlichem Wohlmeinen zu dem
Franzosen: Kain! Kain! Kain! o fliehe! fliehe! -- Du hast Deinen Bruder
erschlagen! Wir wollen unsere Augen inde zudrcken, da wir nicht wissen,
wohin Du geflohen!

Und so drckte er seine Augen zu, und stand mit gerthetem Angesicht
harrend. Da er aber nur ein verwundertes Lachen hrte, schlug er die Augen
wieder auf, sah den Lachenden mit Erstaunen an, und frug ihn, ganz irr' an
sich und der Welt: Nun so sagt: Wer hat Euch das Recht gegeben, den Mann zu
erschlagen?

Ihr seid verrckt! entgegnete der Franzose.

Das habe ich schon von Andern gehrt! entgegnete Wecker; aber, mein Freund
-- -- denn auch Ihr seid noch mein Freund -- aber auch so ein Ungeheurer,
wie ich, kann fragen; also ernstliche Antwort: Wer hat Euch das Recht
gegeben, geliehen, geschenkt oder vermeint zu geben, zu leihen, zu
schenken!

Das Beispiel! nrrischer Mensch. Die Trommel, der Feldwebel, der erste
Kanonenschu, das Wort Marsch! Kein Mensch hat es uns eigentlich laut
gesagt.

An der verschmten Art haben sie wohl gethan! sprach Wecker mit einiger
Freude; aber _gemeint_ haben sie es doch!

Und das recht redlich! Die Hohen befehlen, die Kleinen thun, die Alten thun
es vor, die Jungen nach.

O Volk, du heiliger Affe! sacra simia, wie auch Horaz den verfluchten
Hunger nennt; aber kennt Ihr nicht aus dem Vorschreibe-Versbchlein das
Symbolum? Daniel! Wo bist Du? Bete doch dem Herrn Todtschlger den Vers
vor: _Flieh, wenn Du -- --_ Da er aber den Daniel nicht gewahrte,
dictirte er gleichsam die Zeilen dem Manne in die Feder oder _in die
Flinte_ -- wie er bemerkte -- und sprach laut und warnend:

   Flieh, wenn Du Bses siehst,
   Und thu' es niemals nach!
   Du bist so strafbar sonst,
   Als der es erst verbrach!

Der Franzose aber hatte einen _groen_ russischen Hund, Peter, oder der
groe Peter gerufen, mitgebracht; und der Hund nun beroch den Kosaken; und
hungrig, wie Peter sein mochte, leckte er ihm endlich das warme Blut vom
Gesicht und aus den Augenhhlen -- und der Kosak sthnte, schlug die Augen
auf und erblickte seinen Schimmel, der sich von der Linde los gemacht, und
mit gesenktem Kopfe neben seinem gefallenen Herrn, Freund und Vater stand.
Und der Kosak schlo die Augen wieder.

Der kleine Gotthelf aber frug Weckern: Meister Wecker! Ist das ein
Centaure?

Ja, mein Shnchen, mein Gotthelfchen! erwiederte er. Gott helfe ihm! Es ist
ein solcher guter, armer Teufel, wie einst ein gewisser Pferde- und
Menschendoctor, Chiron benannt! Ist dieser hier nicht so lange todt wie
Jener, so wird er es doch bald so lange werden. Aber die Todten holen sich
wohl nicht ein? Inde, so weit her sind sie Beide, und unser Gast wohl noch
weiter her, der daher gekommen, um unsere Erde zu kosten, und statt um ein
drei Ellen hohes Federbett, nur um ein drei Ellen tiefes Wurmlager bittet,
ja nicht einmal bittet -- so gut ist der liebe, alte Mensch; mein Gotthelf,
mein Gotthelf. O, helfe doch Gott allen Menschen!

So sprach er in heier Entrstung und mit zum Himmel gestreckten Hnden,
und er schickte sich an, dem armen Alten beizustehen, und wo mglich noch
Hlfe zu leisten, da er doch noch ein Lebenszeichen von sich gegeben -- als
Christel laut aufschrie.

Jetzt erst war sie herausgetreten; jetzt erst hatte die Mutter ihr Kind
gesehen. Es lag auf dem Rasen neben der Thre, und als es die Mutter
erblickte, streckte es beide Hndchen nach ihr. Der alte Mann htte sein
Enkeltchterchen vielleicht sogleich hineingetragen, wenn er nicht
befrchtet, dem Kinde durch eine Wendung oder durch das Nachschleppen der
langen, schweren Lanze, an der es steckte, weh oder weher in seiner Brust
zu thun; und so hatte er es nur ruhig hingelegt, und sich selbst auf die
Bank gesetzt, wo er kraftlos und athemlos sa. Die Mutter bedeckte die
Augen vor ihrem Kinde mit ihren Hnden. Sie hatte gesehen . . . Alles mit
einem Blick . . : es lebte noch! Es blutete nicht! Denn der Speer verschlo
seine Wunde zugleich! Aber das holde Gesicht des Kindes war bla, und die
rosenrothen Wangen auf Zeit der Erde oder des Himmels dahin! Der Blick aus
den schnen blauen, Hlfe bittenden Augen in ihre Mutterseele hatte ihr
schweigend gesagt: sie sei des Kindes Mutter nicht mehr! Die liebe Kleine
sei ihr auf einmal vom Herzen gefallen, so fremd geworden, und werde ihr
bald so unkenntlich und so unergrndlich sein, wie -- Erde, und immer
ferner, weit, fern, unerreichlich fern, und doch so nahe, so fest, so recht
innig im Herzen, wie der durchbohrende, schmerzliche Speer in der kleinen
Brust des Kindes. Ihre volle Mutterliebe stand auf einmal an einem grausen
Abgrund still, wie ein gefrorner Wasserfall -- und nur in der Tiefe schlich
noch ein kleiner, zusammengedrngter, warmer Quell unter der eisigen Decke,
das ewige schne Gefhl: sie liebe noch! und jetzt erst unaussprechlich,
unausweinbar, und zerfle sie selber zu Thrnen. Der blaue Himmel war ihr
sonst nur die herrliche, gleichsam unsichtbare Decke ber die Erde gewesen;
die Erde selbst aber nur das weite, breite Haus fr die Menschen, und die
Sonne das stille Geleucht zu den Geschften und Sorgen und Mhen aller
solcher treuen Mtter wie sie, solcher redlichen Vter wie ihr Johannes,
und solcher von Liebe der Aeltern gedeihender Kinder wie ihre! Jetzt war
ihr die Erde kein fester Boden mehr; denn er schwand unter ihren Fen
hinweg, _als habe sie auf falschem, nichtigem Gewlk gestanden; sie
taumelte_ und hielt sich an die Pfosten der Thr. Und so war auch der
Regenbogen ber ihr nur ein Schatten; und die Sonne -- dem Regenbogen
gegenber -- war ihr nur ein grauses Gespenst, ein Gesicht ohne Augen, ein
kahler, liebloser, lebloser Scheitel ohne Haar -- sie hatte vergessen, da
es eine Welt gab, und ein Leben; denn _dieses_ ihr Kind war hin! Und ihr
Mutterherz empfand in dieser ihrer Noth keine andern Kinder mehr, sie waren
ihr alle gestorben -- und _sie schrie laut und durchdringend._ Dadurch
hatte sie sich selbst aufgeweckt; sie blickte schchtern und ngstlich und
neugierig umher, ob es wahr sei, was sie getrumt -- und als sie nun
wiederum sah, es ist wahr . . . . es bleibt und bleibt wahr . . . . da
strmte Eifer zu retten ber sie; sie kniete hin und wollte dem Kinde den
Speer aus der Brust reien mit schneller, schonungsloser und schonender
Hand.

Der franzsische Soldat aber sprang hastig hinzu, und wehrte ihr mit den
Worten: Junge Frau, thut das nicht! Sonst verblutet sich erst das Kind. Es
kann noch leben, bis ein verstndiger Arzt kommt, der das vernnftig macht!

_Johannes_ lief auf das Wort sogleich in das Dorf nach dem Dorfbarbier.

Seht, sprach der Soldat weiter, und ri seine breite, weie, mit Haaren
mnnlich geschmckte, schne, hohe Brust auf, ich bin mitten hindurch
geschossen, und lebe und kann schreien wie Einer: Es lebe der Kaiser! --
Mein Gehirn ist abgedeckt worden durch einen mich dumm zu machen meinenden
Sbelhieb eines albernen Russen, aber, Gott sei Dank, ich bin noch so klug
-- wie ein Franzose! -- Eine Kanonenkugel ist mir quer an den Augen vorber
gesauset, und hat sich unterstanden mir das Nasenbein verstellen zu wollen
-- aber seht, meine Nase ist noch musterhaft und der feinste Riecher! Und
so schwach ich sehe, so sehe ich doch -- aus Uebung den Feind, er sei
_blau, grn, wei_ oder _roth_, wenn Ihr das versteht, liebe junge Frau!
Ich mu denken -- es ist Herbst auf immer fr mich geworden, oder
Abenddmmerung zwischen Hund und Wolf, oder die Frau Erde hat ihr
Schleierkleid fr mich angezogen -- also sie hat mich ausgezeichnet durch
ihre besondere Gunst.

Er sah sie bei diesen Worten an, und mute zu ihr mitleidig lcheln, so
freundlich sprach ihn das schne, blasse, ngstliche Muttergesicht der
Christel an, und er war eigen sanft und mild gegen sie, wie gegen eine
frhere liebe Bekannte. Und das war sie auch wirklich. _Christel war seine
Schwester._ Aber als er aus dem Vaterhause gezogen, war sie noch ein ganz
kleines Jngferchen gewesen; und er erkannte sie nicht, weil sie gro,
ausgebildet, verndert durch ihre Reife, und verwandelt in ihrem Wesen
durch ihr schreckliches Leid jetzt vor ihm stand; und nicht im Vaterhause,
sondern im Hause eines fremden, ihm unbekannten Mannes, und als Mutter von
erd- und weltfremden Kindern. _Christel_ aber erkannte ihren Bruder
_Stephan_ nicht, weil sie sich nur seiner angehenden Jnglingsgestalt und
obendrein nur dunkel erinnerte, er aber jetzt ein gebruntes,
bartverwachsenes Gesicht hatte, dem wohlgeheilte Wunden dennoch eine
Entfremdung fr sie gegeben; und der Mann schien ihr Bruder nicht, _der aus
einem sanften Knaben_ jetzt kriegverwildert vor ihr stand, auf die frhere
Gutmthigkeit jetzt rauh, roh und hart erschien, gro und lter geworden,
wie sie ihn nie gesehen. Htte er sie erkannt, dann htte sie das Bild
ihrer Erinnerung von ihm mit seiner gegenwrtigen kriegerischen Gestalt
vertauschen mssen; aber ihn hinderte vorzglich die Unwahrscheinlichkeit:
sie knne es seyn, daran; und in ihrer reinen, liebenden Seele wurde jede
mgliche Ahnung durch den Gedanken niedergedrckt: _Das_ ist ein Mrder --
_der_ hat einen Mann erschlagen -- _der_ kann dein Bruder nicht sein! Und
dennoch sah sie ihm in die mild auf sie gerichteten Augen, und frug nach
seinem Namen.

_St. Etienne_ heie ich, antwortete er nicht ganz unbefangen, weil er sich
durch und durch franzsisch gemacht hatte; und darauf schlug sie die Augen
nieder und seufzte tief, als habe sie keine Ursache dazu, die sie wte;
und ihr Anblick war wunderbar, bis sie sich ber ihr Kind hinbeugte, und
ihre Gedanken vergingen in heiligem Mutterschmerz. Aber sie hatte in
Wahrheit ihren Bruder doch wiedergesehen. _Und so hatte sie das Geschick
auf eine zwar unverstandene, doch heilige Weise geheim und zart getrstet_
-- und sie konnte weinen! Und das Kind hielt sich fest an dem Hals der
weinenden Mutter geklammert.

Wecker aber hatte sich herzugekehrt, seine Augen waren immer grer
geworden, sein Mund offener, sein langes, blasses Gesicht immer lnger,
seine Hnde immer krampfhafter von ihm gestreckt, und zitternd gehalten,
bis er nun die beiden stillen, theuern Wesen sah, seinen Nacken beugte und
leise zu dem Kinde sprach:

   Wie freundlich thust du dich doch zu,
   Und greifst mit beiden Armen
   Nach aller Welt, in Lieb' und Ruh
   Uns ewig zu umarmen!

Denn ich war Dir auch gut, Clementine, ob Du gleich noch nicht _schulfhig_
warst! Nur _Aepfel-_ und _Birnenfhig_, die ich Dir brachte. O, mein Kind!
--

Der Kosak hatte sich mhsam aufgesetzt, und starrte vor sich ihn, als ob er
zushe. Und so gab Wecker ihm gleichfalls seinen Vers: Hast Du noch etwas
einzuwenden, Du armer Teufel! Ei komm' her, versuch' es ob Du was kannst
enden; la hren, was ist Dein Begehr? Doch Trotz Dir, Du verfluchter
Geist, da Du mich von dem Kreuze reist! -- Pfeif, pfeif, Du tckische
Sirene, und locke, Du vertrackte Welt! Ja, mach' es noch einmal so schne,
und preise, was Dir wohl gefllt: bei einem, der sich hier befindet, da
kommst Du Narre viel zu blind! -- Er schmte sich aber, da der alte Mann,
auf der That bestraft, wieder umsank; beugte sich zu Christeln, rhrte sie
an der Schulter an, und sagte ihr, whrend Thrnen aus seinen Augen
tropften:

   Wer htte bei den Mrdern
   Die Unschuld doch gesucht?
   Den Segen zu befrdern
   Wirst du von Gott verflucht.
   Die _Dich_ zu Boden treten,
   Woher _Dir_ weh geschieht.
   Fr diese willst Du beten;
   Mehr Rache weit Du nicht.

Diese Worte erweichten Christel vollends. Und nun wute sie nicht, was sie
dem Kinde vor seinem Tode _noch schleunig sagen, Liebes thun, vorsprechen
oder versprechen sollte,_ um es ber die bse Stunde hinweg zu bringen,
oder nur die Augenblicke noch zu benutzen.

Kennst Du mich denn? mein liebes Kind! frug sie leise und hold, so hold sie
es vermochte. Und die kleine Clementine lchelte nur, und drohte ihr mit
dem Finger. Und dennoch frug sie, um es noch einmal zu hren: Nun wer bin
ich denn?

Nun meine liebe Mutter!

Nun so habe mich einmal recht lieb! einmal (_nur noch einmal_ vermochte
sie nicht zu sagen). Und das Kind drckte sie, da es zitterte, und kte
sie wieder und frug dann: Mutter, aber was weinst Du denn gar so sehr!

Und die Mutter antwortete ihr, sich bezwingend: Darum, da Du nicht
aufstehen kannst, nicht herumspringen, da Dir die Brust wohl weh thut?

Ach, es ist nur so wenig Luft geworden, und gar so hei ist es, Mutter.
Gieb mir nur mein Brodchen -- ich will auch heute wieder ohne Dich
einschlafen!

Die Mutter schlo die Augen ber das Wort, und gab ihr das Brodchen und
sagte ihr dann: Sei nur noch ruhig und gelassen, bis der Vater wieder
kommt. Wenn Du hbsch fromm bist, sollst Du auch ein ganz neues weies
Kleid kriegen, neue grne Schuhe, und in Deine Hrchen einen Kranz von den
schnen Astern, die Du nicht hast pflcken sollen, und auch nicht angerhrt
hast, mein folgsames Kind!

Da sie aber den Todtenkranz gemeint, so konnte sie nicht weiter sprechen,
wandte sich ab, und schttete schnell ihre Thrnen aus.

Mutter, lachst Du? Ja, ich freue mich auch! Und das Kind lachte, klaschte
in die Hnde, und die Mutter lachte mit ihr, unaussprechliches, sanftes und
heiliges Lachen.

Das Kind hatte aber bei der Erschtterung der kleinen Brust groe Schmerzen
empfunden, und sagte auf einmal: Mutter, ich werde sterben. Lebe wohl, und
gre den Vater. Sage dem heiligen Christkind, es soll mir bei Euch nicht
bescheren, sondern gleich oben -- Du weit schon: wo!

Der Mutter war fast unertrglich im Herzen, und es kam jener Ernst ber
sie, _wo der Schmerz ein freundlicher Wahn wird,_ und die Gedanken die
Pforten der Heimath der Menschen aufthun, _und die Welt zum schnen
Mhrchen wird._ Und so sprach sie mit verschlossenen Augen: Nun so gehe in
Gottes Namen von uns, mein liebes, liebes Kind! Sage dem groen Vater: wir
htten Dich in seinem Namen lieb gehabt, beinahe wie er selber Dich lieb
hat; oder beinahe wie wir ihn lieben -- ich htte Dich immer sanft am
Morgen mit einem Kusse geweckt, mit einem Kusse seist Du eingeschlafen im
Mondschein oder wenn drauen die Sterne standen -- -- -- sage ihm: ich
htte Dich immer sauber und warm gekleidet, Dich auf meinem Schooe
getrnkt und gespeiset, und Dir von seinem Sohne erzhlt, und von ihm
selbst, der die schnen Blumen Dir gemacht hat, an jedem Morgen neue! Sage
ihm, wir wrden Dich sanft in seine Erde senken, und er mchte Dich mir da
bewahren, wie einen groen Schatz -- und darinnen schlafe Du ruhig, bis ich
komme, und mich zu Dir lege. --

Du kommst doch gewi? frug die Kleine.

-- Gewi, Gewi! Das dauert nicht lange! antwortete die Mutter.

Aber in die Erde!

-- Habe ich Dir denn nicht gesagt, da der liebe Gott auch _in_ der Erde
ist! Denn Du weit ja, die andern Strucher und Blumen knnen die Blumen
nicht machen, und machen sie nicht -- und doch hast Du immer welche am
Morgen gefunden, die er verborgen Dir aus der Erde heraus gesteckt: frisch,
fertig und voller Geruch! Also kommst Du da zu ihm, Du liebe Blume, Du mein
Herz!

Aber der Vater soll auch nachkommen zu Bett, und Brder und Schwestern!

-- Wir kommen! Wir kommen! sprachen sie alle, und reichten ihr die Hnde,
da sie sie nicht alle fassen konnte. Und so schlo sie die Augen und
lchelte sehr. Die Mutter beugte sich ber sie und schwieg, so, lange,
whrend die Abendglocke gelutet ward vom Thurme, weil die Sonne zu Rste
ging und zu Golde ward, und zerschmolz.

Inde war das Kind gestorben. Und als die Mutter merkte, da es
ausgezittert hatte an ihrem Halse, da entfloh sie und warf sich im Garten
in das Gras unter die Bume -- aber durch das so eben geschehende Wunder
der Natur war es der armen Mutter: ein weiches smaragdenes Bett, und der
Schirm des Baumes ber ihr: ein von der untergehenden Sonne purpurn und
golden leuchtender Baldachin; und der Herbstwind fuhr eilig, doch sanft,
von der Abendrthe daher und streute falbe Bltter leis ber sie nieder,
und breitete den Hall der Abendglocke wie himmlischen Duft weit ber ihr
Gefild aus, und bewegte die blauen Astern, die zum Todtenkranz fr das Kind
bereit standen -- und diese schauerten und nickten mit ihren schnen
Engelsgesichtern.

Wecker aber sagte langsam zum alten Frommholz: Vater! Grovater! noch immer
kaum glaublicher Grovater von einer kleinen Todten! Beweiset nun Eure
Zimmermannskunst an dem Kinde; fat Euch ein Herz; nehmt den Fuchsschwanz
und sgt die Lnge des unschuldigen Spiees von beiden Seiten ab, sonst mu
der Todtengrber ein unmglich tiefes oder langes Loch machen! Geht, alter
Vater, geht! Braucht Euer _rechtschaffenes_ Handwerkszeug einmal _dazu!_
Die schnen grnen sonnigen Hgel auf Erden dienen ja auch zu kleinen
grnen Hgeln fr Todte! Der Herr hat die schne Erde also _auch dazu_
bestimmt! Seid nicht dagegen, Grovater! und lat die Sachen sein, was sie
sind, weil sie Gott dazu bestimmt; ob ich Euch gleich sage, da ich es
nicht begreife, wenn so ein Acker schner weiumblhter und mit gelben
Blumen geschmckter Frhlingserde zu solchem Jammer dienen soll! Aber ich
mag hinsehen wie ich will: die groen Hgel bleiben grn unter dem blauen
Himmel, und die kleinen Todten-Hgel bleiben bunt von gelben und rothen
Blumen, die duften und wehen; und die liebe, _wahrscheinlich unverstndige_
Sonne wrmt sogar darauf und beleuchtet sie recht. _Nrrisch, aber wahr!_
Alter _Frommholz_ -- seid einmal von Holze und fromm dabei, so wird es sich
sgen mit Gottes Hlfe! Und dann seid hbsch _ehrlich_ -- gebt die eiserne
Spitze und den rothen Schaft seinem Herrn wieder! Die 5 Zoll Holz aber die
dazwischen fehlen, die wird sich das Kind schon verdient und bezahlt haben
-- durch seine zwei schnen, blauen, zugemachten Aeuglein. Zwei Augen
zumachen, ist das schwerste Werk der armen Menschen, geschweige der
Reichen! Selbst der kleinen Kinder, geschweige der Groen!

Zu den Kindern aber sprach er: Mein Daniel! geh und setze Dich still dort
neben die Mutter! Denn damals als Du aus Mangel an Holz erfroren warst, da
bekam sie gleichsam statt Deiner die kleine Osternachttochter Clementine;
jetzt, da das Kind durch ganz berflssiges Holz umgekommen, nun geh Du
wieder hin, da sie Dich habe statt jener, besonders da ich Dich erweckt
habe mit einem Strohwisch, als so viel ich Apotheker-Spezerei zur Hand
hatte. Und wenn sie Dich ansieht, dann sage nur, Wecker hat mich erweckt,
und ist ein bloer Schulmeister! Jener ist aber der hohe Patron der Schule
der groen Menschenkinder, der hat gar andere Mittel die Kinder
aufzuwecken, als bloe Strohwische; und alle Apotheken sind bloe
Mrdergruben gegen seine Offizin mit Lebensbalsam, der alle Frhjahre schon
die todten Blumen erweckt, da sie riechen, da wir sie riechen und
kostbar! Gehe, geh. -- Sophiechen, geh Du auch hin; Du bist ein Mdchen,
die Mutter mu also sehen, wenn hinter ihrem Mutterauge die Mutterseele
nicht am trauerschwarzen Staar leidet, da sie noch ein Tchterchen hat!
Und willst Du, so magst Du auch den Kern-Vers von _Johann Menzer_ beten und
sprechen: Nun ist nur noch der Tod zurcke; jedoch er hat mir wenig an:
mein Jesus bricht ihm das Genicke, so ist's um seine Macht gethan: weil er
mir Christum nur nicht frit, so wei ich gar wohl wie mir ist. Gehe, geh.
-- Und Du, Gotthelf, gehe auch, und setze Dich hin, und sprich weiter
nichts, als: Liebe Mutter, _Gotthelf_ ist da! Und, liebe Mutter, Du hast
mir sonst immer gesagt: Wenn Du _der Mutter_ folgst und das thust und das
annimmst von ihr, was _sie_ will, so ist _Dir_ gleich wohl, mein Kind; nun,
liebe Mutter, nimm Du auch einmal das an, was _der Vater_ will -- so wird
Dir auch gleich wohl sein! Gehe, geh.

Und als Wecker sah, da die Kinder langsam zur Mutter schlichen, da ging er
selbst aus dem Gehft auf den Kirchthurm -- um frische Luft zu schpfen.
St. Etienne aber machte sich an das Aussuchen und Ausplndern des Kosaken,
des Don Tauro, wie er ihn nannte, oder an das Beutemachen. Aber das erste
Wort des Aufgerttelten, sich wieder Besinnenden und Hlfe Flehenden war:
-- -- Mutter! -- -- Schnaps! --




III.


Unterwegs traf Wecker seinen Schutz- und Brodherrn Johannes auer Athem. --

Er war nicht da, er war nicht dort, er war nirgends! sprach er zu Wecker.

Wer denn? frug Wecker. -- Nun, der Sonntagsbarbier, der wochentags sechs
Handwerke treibt. --

Geht nur heim, Johannes, trstete ihn Wecker, der Herr hat schon
geholfen!

Und so eilte Johannes frhlich nach Hause.

Aber der Christel steht bei! rief ihm Wecker nach, und sprach dann zu
sich: Jetzt ist es in deinem kleinen Oberstbchen nicht richtig, mein
lieber Meister, darum gehe du in dein groes Oberstbchen! auf den Thurm!
der hilft! Ein Thurm ist ein gewaltiger Freund in der Noth; aber das
alberne Volk luft drunten hinweg, und kennt nicht die Kraft der tausend
Riesen, die blo im Lande umher als dumme Jungen stehen!

In der Halle begegnete er dem Chirurgus, den er herzlich bat, den Kosaken
in seine Cur zu nehmen. Der aber entschuldigte sich mit dem Wort: er sei
ein bloer Civilchirurgus, und als solcher habe er keine solche
wallfischmaulgroe Wunden von Pferden, Kanonenkugeln, ja von Kanonen
selber, zu verbinden oder wohl gar zu heilen -- brigens zahle die
Soldateska nichts, es geschehe Alles auf Regiments-Unkosten, und das
Regiment -- marschire weiter . . . mit klingendem Spiel! Kurz er gehe
nicht, und werde lieber seine Pfeifen curiren und purgiren; denn sein Herr
Bruder komme zu ihm, der Herr Licentiat! mit Frau Licentiatin!

Wecker fielen alle dessen Snden, selbst das Schweinchen, aufs Herz, und so
ergriff er den in der Halle stehenden schwarzen, ruigen Besen, und trillte
den strrischen Menschenfreund zum Tempel hinaus, und ein Stck auf dem Weg
zu Johannes fort; dann warf er das chirurgische Operationsinstrument in
den Winkel, und begegnete auf der Thurmtreppe -- dem Teufel -- _den er
herabwnschte, um Deutschland rein zu kehren,_ und anfing ihn zu
beschwren; aber der brummte: noch nicht; doch bald; -- und er erkannte den
Schornsteinfeger, der sich nach den brennenden Drfern umgesehen, und
reichte ihm die Hand, um ihm seinen frommen Irrthum abzubitten.

Euer _Breitenthal_ brennt auch! sagte ihm der Schwarze. Auf _dem_
Striche, der droben auf der Dorf-Rose gerade nach dem Feuer weiset, steht
richtig Breitenthal; es kann auch ein Dorf dahinter sein. Bei Tag scheint
das Feuer zu weit, bei Nacht zu nah. Aber ehrlicher Freund, strmt nicht
erst mit der Glocke! Welch Dorf soll jetzt dem andern helfen? Jedes braucht
seine Beine, Arme, Augen und Ohren zu Hause; und obendrein alles voll
Soldaten!

Wecker aber sah droben von der Zinne des Thurmes den Erdspectakel, den
Krieg, wie er laut sagte, wodurch die Menschen zu Vieh ohne Mitleid zu
werden -- gezwungen waren -- so offenbar und hell, wie der Himmel feuerroth
zu werden gezwungen war. Und als er einige Zeit hinber gestarrt und ganz
geblendet und wthend war -- stand pltzlich der Teufel neben ihm. Wecker
starrte ihn an, indem er die Hnde mit ausgespreiteten Fingern gegen das
Ungethm, wie zur Abwehr, hielt; und er hrte es sprechen: Denkst du, ich
bin gestorben? Nrrisches Haus! der Teufel -- et le Roi -- stirbt nicht,
als aufgehoben zum letzten Gericht. Und wenn ich mit allen Gestirnen im
Abgrund der Welt verschttet lge, also nicht mit Pfeffernssen -- die
kleinste Snde der _letzten_ Zeit erweckt den Teufel in seiner _ersten_
Kraft wieder auf -- und jetzt geschehen tausend Groe, nun geht mein Reich
wieder an, diesmal nur ein kurzes, aber Hllefllendes: _das Reich der
Unterlassungssnden!_ Wie lange habe ich mit meinen vorzglichsten Geistern
gearbeitet: die Welt klug zu machen, und das wahre, chte, erste
Christenthum auszubreiten! Erschrick nicht unglubig, Schulmeisterlein,
sondern hre mich aus. _Erfahren und weise_ mu die groe Welt, oder auf
franzsisch (denn das ist meine Sprache): le grand monde werden, _damit sie
doppelt strafbar werde,_ damit doppelt so viel Groe und Kleine zur Hllen
fahren -- und nicht wieder auferstehen. Wenn ein verlorenes Lmmchen
zurckekehrt, wird ein Kalb geschlachtet, wenn sich ein Hoher verkehrt,
dann brate ich einen Leviathan ganz, als Rost-beef. Wie jener fromme --
Kreuzzug mit leckern Ziegen und Gnsen und glattzpfigen Kuttentrgern an
der Spitze nach einem heiligen Grabe, das, wie sie wuten, doch nirgends
vorhanden war und keinen Leichnam enthlt, -- so beginnt nun ein neuer
Kreuzzug blutdrstend _nach einem lebendigen Leichnam._ Und nun sie so
erfahren und so weise sind, nun erst will ich alles alte Unrecht, allen
alten Unsinn, ich will den Papst und seine -- oder meine Schaaren -- wieder
auf die Beine bringen und sein Regiment durch ein Regiment zu meinem
Regiment wieder einsetzen lassen. -- Kann ich frmmer und christlicher
handeln? Mir ist Niemand auf Erden schtzbarer als Christus. Denn seit das
Licht in die Welt gekommen, und die sogenannten Menschen _dennoch_ in
Finsterni wandeln, Werke der Finsterni frdern und thun, sich im Namen
des Lichtes dazu vereinigen, die Finsterni auszusen wie Ru und Mohn;
seitdem ist Gedrng in den Pforten der Hlle, und ich habe neue erbliche
Pairs mssen creiren, um neue unsterbliche Strafen zu stiften! Es lebe
Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Aber Wecker, mein nrrisches Haus
-- denn alle Narren sind mein -- beruhige Du Dich! Fr jeden Einen, der in
den Kreuzzgen hochlblicher Maaen umgekommen, sind schon Millionen --
Aepfel und Birnen gewachsen; Pflaumen und Kirschen (aus Kerasus
mitgebracht) gar nicht gerechnet! Und wie viele St. Lampertsnsse werden
noch wachsen! O schmackhafter Profit der Kreuzzge, groer, kindlicher
Gewinn! Hat Clementinchen Dir nicht nach dem -- Kreuzzuge die Taschen oft
ausgesucht: Und was htte sie sonst gefunden, als chtdeutsche Plunschken
und schne, blaue, abscheuliche Schlehen? So werden auch knftige Kinder
die Frchte _dieses_ Kreuzzuges aus den Taschen der Verrckten suchen. Ist
das kein Gewinn fr die _schne, die groe_ Welt, wenn Weiber, Kinder und
Sperlinge etwas zu naschen haben in Ewigkeit! Sage: Ich bin Wecker, bin
verrckt, und ich sage Ja! Und nun sei ruhig ber das Surren und Stechen
des Schwarmes, der nur einen Leichnam -- meinen groen Sohn in das Grab
schaffen wird, und Kindern -- wenn nicht Enkeln -- und Sperlingen -- wenn
nicht Adlern nutzen wird, und gewilich doch mir; durch Weisheit, die
Dummheit wird; durch Wahrheit, die Lge wird; durch Versprechungen, die
Wortbrchigkeit wird. O, meine Sperber freuen sich auch, und ich lasse die
Hlle neu dielen, und die Dielen um des Pilzes Stamm in der Mitte voll von
den Herren Musicis -- mit Blumengewinden malen zum Festball. -- Mit der
Bande bin ich nun fertig; nun noch ein Wort an Dich, Schulhauptmann! Hre
einen groen Vorschlag: Ich gebe Dir alle Reiche der Herrlichkeit, nicht
etwa, wenn Du niederkniest und mich anbetest -- das ist abgedroschen; nein,
wenn Du nur heute das kleine Mdchen willst mit dem Speere durchstoen
haben; -- eine pure Kriegslappalie, eine Kinderei gegen die hunderttausend
Todten, die Millionen Wunden und Billionen Thrnen, die daheim Wittwen und
Waisen, Vter und Mtter und Brder und Schwestern um sie weinen werden.
_Was_ ist also ein solches albernes Kind, und _was_ sind alle Reiche der
Herrlichkeit, Wecker? Wach' auf! Schlag ein! Und Du sollst sie ganz
monarchisch, ja trkisch oder autokratorisch besitzen, ohne Constitution,
ohne gebundene Hnde, ohne gebundenes Maul, oder irgend eine gebundene
Gliedmaae; ja ich gestehe Dir viel zu -- ohne Papst und Jesuiten! Schlag'
ein, nimm das Kind auf Deine Seele, und sei legitimer Herr Aller.

Hebe Dich von mir, Satan! rief Wecker in uerster Emprung. Was hlfe
es mir, wenn ich die ganze Welt gewnne, und nhme doch Schaden an meiner
Seele.

_Das wollt' ich nur wissen!_ rief _sein_ Satan lachend. Sie -- sie
werden Schaden an ihrer Seele nehmen durch Selbstsucht, Habsucht und elende
Seelenkratzerei -- und doch nicht die Welt gewinnen, noch sich arrondiren;
denn wie knnen alle Bienenzellen rund werden, Du Esel! Oder wie sollen
alle Menschen Hrner bekommen, Du Schaaf!

Wecker fhrte einen gewaltigen Streich mit der Faust nach dem Lgengeist.
_Aber der strzte sich jh vom Gelnder hinab,_ und zerflo drunten wie
Wasser in eines alten katholischen Bischofs Grabe, und Leichenduft kam
herauf. Aber wie eine wispernde Eidechse, kroch auch noch am Thurme die
vergessene Einladung herauf: . . . Wecker, komm' wieder! Ich komme auch
wieder. Verstanden?

-- Fahre zum Teufel, also zu Dir selber! Lgengeist! sprach Wecker, von
wirbelnder Angst erlst. Was will der Mensch -- oder verzeihe mir Gott, der
Extract des Bsen der Menschen, bei Dir? Sollst Du seine Meinung
ausposaunen? Bist Du eine Posaune, Wecker! -- dann mte Dich Jemand
blasen! und das wollte er! Aber das wren abscheuliche deutsche Herzen, die
nicht zufrieden wren mit der Arbeit und Frucht von 30 Jahren der Erde,
wenn _Diese_ auch nichts gethan htten, _als_ den Veruneiner, Hetzer und
Schandeser von Deutschland zu Grabe zu tragen! Und wenn sie auch 15, ja 30
Jahre auf solch eine Hllenarbeit ruhten -- und ein _langes Leichenessen_
feierten -- ich gnnte ihnen den Sabbath! Wer das gethan, hat auf
Jahrtausende gethan, o Du Schnder, Sptter, Lgengeist -- Teufel! -- Eine
neue Volksbewegung mag Neues erstreiten! Und Deine -- des Teufels Lobrede
auf Christum -- und Dein Vivat! -- mir stehen noch die Haare zu Berge! --

Indem er so sprach, und sich, aber bedchtiger und menschlicher als der
Teufel ber -- _Stufe fr Stufe_ -- die Treppe hinab vom Thurme strzen
wollte, um unter Menschen zu kommen, da trat eine weibliche, schwarz
gekleidete, tief verschleierte Gestalt heraus auf den Gang, die ihn nicht
wahrnahm, niederkniete, den Lockenkopf beugte, die weien Hnde vor die
Stirn gefaltet oder gewunden hielt, noch einmal beten wollte, aber nur
verworrene Worte murmelte, sich hastig auflste, sich wild umsah, bebend
sich auf das Gelnder schwang, und wahrscheinlich sich -- gerade an des
Teufels Stelle hinunter strzen wollte.

Du weiblicher Teufel! schrie Wecker. Hier geht's in die Hlle. Halt! in
aller Engel Namen, ich fasse Dich an den Haaren! Und so hatte er sie schon
ergriffen, mit beiden Armen um die Kniekehlen gefat, und hob sie herab,
und setzte sie derb nieder auf ihre Fe. Aber sie setzte sich auf den
Boden, und als er sehen wollte, wer sie sei, schrie sie laut, und hielt
sich den Schleier fest ber Haupt und Gesicht. Wecker aber nahte ihr ganz,
und beim Scheine der Abendrthe sah er -- wie er meinte -- durch den
angezogenen Schleier ein Gesicht, das er kannte -- und er fuhr zurck, wie
ein redliches Herz vor einem solchen Gedanken.

Und als er sich gefat hatte, trat er wieder nher, legte der weinenden
Gestalt seine Hand sehr sanft auf das Haupt und sprach vorsichtig-allmhlig
zu ihr, so mild er nur konnte: -- D . . . Do . . . Doro . . . Dorothea, ja
ganze, leibhafte _Dorothea_, Gott wei es ja doch, wer Ihr seid -- das war
albern! Ich wei, Breitenthal ist abgebrannt -- oder brennt noch da drben
-- aber wegen Breitenthal, und wenn es Langenthal -- Goldenthal dazu wre
-- so kenne ich Euch nicht, brave Jungfrau!

-- Sie schauderte. --

Oder, oder -- ich wei -- Ihr seid _Braut_ mit dem gar lieben, jungen
Herrn von Ellenroth -- ist Euch _der_ etwa untreu geworden? Dann weinen
gewhnlich treue Mdchen, die Gott danken sollten, da sie _vorher_ klug
werden, nicht _nachher!_

-- Die Gestalt lehnte sich kraftlos an. --

Oder ist er Soldat geworden, und _kann_ erschossen werden? Oder ist er
schon Soldat _und_ zerhauen worden?

Die Verschleierte sthnte tief, aber das Sthnen klang Weckern wie Freude.

Oder . . . wenn nur Euer Vater, der ehrbare Herr Paschalis nicht gestorben
ist, sprach er, so wird sich Alles geben. Ihr lebt ja! Aus Euch ist noch
Alles zu machen, die schnste, beste Frau im Lande! Und fr allen Dank
erbitte ich mir nur _auf Eurer Hochzeit_ erscheinen zu drfen -- ein
Hochzeit- oder Kindtaufenschmaus ist das beste Regal der geplagten
Schulmeister! Und da ich nicht mehr geplagt bin, wird es mir desto besser
schmecken, und gar erst _auf dem Kindtaufenschmaus_ . . .

-- Die Gestalt beugte ihr Haupt, und drckte die Ballen der Hnde in die
Augen. --

. . . Da wird sich Wecker freuen, wie der Grovater Paschalis! fuhr er
unwissend fort, gutgemeinte, aber der unerhrt Gefallenen oder gewaltsam
Herabgerissenen, entsetzliche, unerhrte Worte zu sagen: Denn wenn der
_gemeinste Schuft Vater_, ach, _Vater_ und endlich gar _Grovater_ wird,
und noch so verwerflich gelebt hat, wird er eine _Respectsperson_, und so
betrachtet, so behandelt; und der himmlische Vater stt Jeden selbst mit
der Nase auf seine Wrde, und aller Firlefanz fllt nun weg -- es geht ihm
Niemand mehr darauf ein, wer da wei, was er ist und vorstellt auf Erden
bei Menschen und bei den Seinen. So sicher und herrlich sorgt Gott fr
Jeden, der nur jemals Eine seiner lieben Jungfrauen recht angesehen hat;
denn dann mu er heirathen; ber sein, ihm von Gott hingesetztes Kind
erschrecken, erstaunen, das Wunder bewundern, das Mysterium der Kindtaufe
ausrichten, sich Vater von seinem Weibe rufen lassen, und ein neues,
seliges Leben anfangen, er mag wollen oder nicht.

-- Die Verschleierte schrie laut. --

Wecker schwieg betroffen, aber in seiner Freude setzte er hinzu: Ihr seid
verschmt, und ein keusches Kind, das wissen wir, darum vergebt! Denn ich
habe groe Freude. Wre die arme Clementine der armen Christel nicht
umgekommen, so rannte ich nicht auf den Thurm! Wollte mich der Teufel nicht
zu einem Teufel machen, so wre ich nicht Euer Engel geworden und htte
Euch nicht gerettet -- denn ich war fort! Oder gar nicht da! Furchtbar!
Entsetzlich! Ja _nun_ freu' ich mich ordentlich, da ich so alt geworden,
so lange gndiges Brod -- _sogenanntes_ Gnadenbrod, aber von der guten
Christel: _wirkliches_ -- gegessen, und ich mchte bald rufen wie Satan: Es
lebe Christus, der Sohn . . . . aber heut kann ich nicht, vielleicht morgen
-- wenn ich ihn vergessen. Aber wollt Ihr nicht mit hinunterkommen zu der
armen Christel? _Ihr knnt ihr helfen das Kinderzeug machen, das letzte
weie Kleid, das nicht mehr gewaschen wird!_ Kommt!

-- Sie wollte aufstehen und reichte ihm matt die Hand. --

Haha! lachte Wecker und rieb sich die Hnde, haha! Das wollt' ich nur
wissen! _Ihr seid es_ . . . Ihr liebe Person seid Dorothea -- die Gabe
Gottes -- sonst wolltet Ihr nicht zu _Christel_ kommen! Ja, ja, _Mitleid
lt gute Menschen nicht sterben_, und sie richten sich vom Sterbekissen
noch einmal auf . . . und leben wieder lange. _Wei Gott, was in der Welt
steckt; ich glaube: der liebe Gott!_

Da sprang die Gestalt so pltzlich auf, da Wecker erschrak und zurckfuhr.

Nun gut, sprach sie, und ri ihren Schleier empor und hielt ihn so mit
der rechten Hand; ich bin Dorothea -- . . . oder -- ich war sie! -- Aber
Eure Hand darauf -- schweigt, schweigt, schweigt . . . da Ihr mich hier
gesehen . . .

. . . und was ich gesehen! setzte er hinzu. Wecker bleibt Wecker. Ich
bin ein alter Mann und keine alte Frau. Und sollt ich mich selber rhmen,
da ich nicht der Teufel war, sondern bei einem guten Engel zugriff! Und
wollt Ihr nicht mit mir kommen, kommt nach! Auf der Treppe ist's lange
schon dunkel. Euer Vater ist wohl auch da? . . oder kommt doch?

Und da sie leise nickte, sprach er: _nun so seid ihr gebunden_ -- da kommt
Ihr schon; denn Ihr scheint nun wieder so vernnftig wie ich!

Und so ging er. Und sie seufzte tief.




IV.


In Johannes Hause leuchtete der Kamin hell zu den hellen Scheiben hinaus,
und von drauen sah die Wohnung sich so ruhig und erdglcklich an wie je.
In Christels Stbchen nach Morgen war auch Licht. Rauch stieg aus der Esse
gerade und ein wenig mondbeleuchtet von der Sichel des Neumonds zu dem
dunkelblauen herbstlichen Himmel empor, und er hatte seinen alten weien
nchtlichen Friedensbogen sich umgegrtet und die Gestirne schienen still
so fort, und jeder Stern brannte ruhig und unbewegt so fort, ohne zu
flackern und Strahlen zu schieen, wie in einer heilig dunkeln Todtenkammer
-- der Lebendigen.

Auf Johannes Hofe aber stand ein -- bei Tage und von Prunkthoren
sogenannter prchtiger englischer Reisewagen, aber diesmal, statt der
geraubten, braunen vier -- National-Englnder mit sechs schwarz und wei
grogescheckten hollndischen Khen bespannt, und hinten, statt der
Bedienten mit zwei angebundenen Mastochsen. Auf dem Bocke aber sa neben
dem englischen Kutscher die Kuhmagd, die besser als er ihr liebes Vieh zu
bereden und zu _regieren_ wute. Die Khe sollten fr Herrn _Paschalis_ und
seine Tochter Milch geben; die Mastochsen aber frisches Fleisch, wenn sie
in der Festung Mainz vor dem doppelten Feinde, den Russen und der Krankheit
sich eingeschlossen htten, wie in dieser Nacht noch geschehen sollte; und
die Viehmagd trug schon die unsichtbare Bestimmung an sich, dann
Kammerjungfer zu sein, wozu sie schon jetzt so treu als hbsch genug war.
Der englische Kutscher war dann ein nothwendiges Uebel und Ueberlei, und
ward blo auf bessere Zeiten aufgehoben, wie ein leeres gutes Weinfa von
einem Winzer auf bessere Weinlesen.

_Paschalis_ war ausgestiegen und that kaum einen Blick nach der Gluth am
Himmel zurck; ein schwerer, ja der allerschwereste Seelenschmerz schien
ihn zu bedrcken, ja niederzubeugen; denn er hielt ein weies Schnupftuch
in der Hand, und wie er in dem Dster der Nacht unbemerkt zu sein glaubte,
hielt er es pltzlich vor die Augen, als wenn er eine Fluth von Thrnen
darein ausgieen wollte, ob gleich kein Tropfen darein flo und sein Gehirn
wie ausgetrocknet war, und doch wollte er nur -- wenn ihn ja Jemand bemerkt
-- das Ansehen tragen: als habe er genieset; und er nahm wieder Tabak aus
seiner goldenen Dose; aber er steckte ihn in den Mund -- denn es war
schwarzbraunes egyptisches Opium.

_Johannes_ hatte das schne Vieh brllen gehrt, sich hinaus getraut,
seinen dankbaren Freund Paschalis gefunden, sich gewundert, und voll wie
sein Herz war -- demselben in einfachen Worten das Schicksal mitgetheilt,
das sein Haus betroffen, aber keinen Trost erhalten, als einen langen
Hndedruck und keine Antwort als: _Dankt Gott fr dieses reine Leid_, mein
lieber Johannes! und auf die Frage, wo Dorothea sei, erhielt er nur den
Bescheid: sie ist auf Euren Thurm gestiegen, um den Rauch von Breitenthal
noch einmal zu sehen.

Whrend nun Johannes fr die Leute und das Vieh sorgte, schlich Paschalis
sacht an die lichten Fenster, lehnte leis die Stirn an und sahe hinein, und
er sahe: In der groen Wohnstube, ihm gegenber an der Wand, hatte der alte
Frommholz seine Hobelbank, und er arbeitete mit Daniel an einem kleinen
Sarge; denn es waren schon sechs Brettchen zugeschnitten, und der Knabe und
der Alte sgten eben an den vier kleineren.

Ach, _Ihr_ seyd glcklich! sagte Paschalis und schlich vorber, an
Christels Stbchen. Seine Angst, als _Vater_ Dorotheas, war gro; seine
Ungewiheit war halbe Verzweiflung. Denn whrend in seinem Schlosse sieben
Feinde, _Kosaken_, gelegen, schien _seiner_ Tochter ein unmenschliches
Unglck zugestoen zu sein. Er vermuthete es nur, er wute es nicht. Er
hatte sie nicht gefragt vor Entsetzen und Scham; sie hatte also auch nicht
geredet, vor Entsetzen und Scham, Aber in dieser Meinung hatte er _ein
siebenfaches Verbrechen_ begangen, und das marterte ihn. Aber auch Dorothea
schien ein siebenfaches Verbrechen begangen zu haben, so gut oder so
schlimm wie er, nur auf andere Weise. Er vermuthete das gleichfalls nur,
und er wute auch das nicht. Aber Dies _zugleich_ -- oder Jenes _allein_,
schien sie zu foltern; und er war kein Vater und kaum ein Mensch mehr, nur
sein eigener krperlicher runder Schatten; und seine Seele war nur noch wie
der schrillende Klang einer geborstenen Glocke, die er nicht wagte
anzurhren mit dem leisesten Gedanken, aus Furcht, sie verrathe den
schmhlichen Ri -- ihm selber. Und noch unglcklicher htte er sich
gefhlt, wenn er nur htte ahnen knnen, mit welchen seligen trstenden
Worten von Brautstand und Ehestand Meister Wecker seiner Tochter Dorothea
die leidende unschuldig-schuldige Seele zerrissen.

Jetzt sah er in _Christels_ Fenster. Da drinnen aber sah es anders aus.
Denn Christel hatte es unmglich ber das Herz bringen knnen, den Gebrauch
noch vieler Deutschen nachzuahmen, welche die Gestorbenen sogleich aus
ihrem Bette reien, und mit kaum zugedrckten Augen und kaum verbundenem
Munde nackend auf ein Brett legen, darauf schon die halbe Stadt oder das
halbe Dorf gelegen hat, und dann die Aermsten, zur Dauer fr die Wrmer, wo
mglich in ein finsteres kaltes Gemach stellen, bis zum Tage ihrer
Einkleidung fr die Gruft. Die herzige Mutter hatte dagegen ihr Kind, nach
schicklicher Ruhe, sogleich schn gewaschen und angezogen, ihm ber die
Bettchen seiner Wiege -- worin es noch geschlafen -- ihr feinstes weies
Tuch gebreitet, und das liebe Mdchen darauf gelegt. Selbst der Kranz von
rothen und blauen Astern schmiegte sich schon wehmthig-schn um das theure
kleine Haupt. Und wie es die Mutter so ansah, that ihr sonderbar genug
recht eigen leid, da die Kleine _mit einer gefallenen und noch ungeheilten
Wunde auf der Stirn in das Grab gelegt werden sollte_; wie ein Maler sein
eben vollendetes Werk gern recht sauber und ohne Stubchen aus seinen
Hnden giebt, es noch einmal zurckverlangt aus den Hnden des Empfngers,
es genau berblickt, _noch ein Sonnenstubchen vorsichtig von dem goldenen
Rahmen haucht_, und dann lchelnd und zufrieden es auf immer dahin lt und
spricht: _Nun, so!_ -- Christel aber, welche die Wunde nicht hatte
weghauchen oder wegkssen, noch mit Thrnen wegwaschen knnen, hatte sie
unter eine Blume versteckt -- _schchtern sich umgesehen, als ob ihre
redliche Seele Jemanden getuscht habe,_ und leise gesagt: _Nun, so!_

Zu den Kindern aber hatte sie gesagt: Meine Kinder, seht euch noch an
eurem Schwesterchen satt! Ihr habt sie nur noch, bis zweimal die Sonne
untergeht -- dann seht ihr sie lange nicht wieder! -- Und so hatten die
Kinder ihre Weihnachtswachsstckchen aus ihren Schrnkchen hervorgeholt,
sie in lauter kleine Lichter zerschnitten, sie zu Hupten der Wiege an den
Tischrand geklebt, angezndet -- alle auf einmal -- und nun waren die
goldgeschmckten Lichtlein in Kurzem alle auf einmal niedergebrannt, und
sie weinten nun, da es wrde finster sein, und sie ihr Schwesterchen nicht
mehr shen. Die Mutter hatte den Schaden gut gemacht durch angezndete
Lichter. Aber Sophiechen war ber das Weinen eingeschlafen; und Gotthelf
war mde und hungrig eingeschlafen und hatte sich nicht getraut, heut von
der Mutter ein Abendbrod zu bitten. Und so lagen die lieblichen Kinder
_alle drei_ wie vom Schlafe gelst, noch mit den Gesichtern zusammen;
_zweien_ davon blhten die Wangen rosig und sie athmeten leis, aber ihre
Haare waren unbekrnzt -- dem _dritten_ aber blhten die Wangen von einem
tiefern Schlafe _wei_ und _rein_, und es bedurfte die Erde zu keinem
Athemzuge mehr; aber seine Hrchen waren bekrnzt. Christel aber hatte dem
Mrder des Kindes, nachdem er nothdrftig verbunden worden, ihr eigenes
Bett eingerumt; er lag auf demselben; und wie sie jetzt vor ihm stand und
ihn ansah, seufzte sie schwer darber, wie sehr er sie beraubt habe, und
sprach, nun ihn deswegen aus tiefer Seele bedauernd: Armer, armer Mann!
Armer _Sebast-Janow_! Denn St. _Etienne_ hatte seinen Namen in seinen
Sachen aufgezeichnet gefunden und ihr ihn gesagt. St. Etienne hatte ihr
aber auch zum Abschied und zum Troste ein Bildni dagelassen, welches er
dem Sebastianow, als dessen Raub und nun seine Beute, mit abgenommen, und
welches Christel hatte annehmen mssen, aber noch nicht angesehen, ja nur
hingelegt; er aber hatte es ihr an dem goldenen venetianischen Kettchen
hingehangen. Denn das Bildni hatte unlugbare Aehnlichkeit mit der kleinen
Tochter Clementine. Christel drehte das funkelnde Geschmeide jetzt kaum
neugierig um -- aber sie sahe die Brillanten daran nicht vor Ueberraschung:
denn das Bild stellte ihre Schwester _Martha_ dar . . . . Niemand anders
hatte es _getragen_, als ihre _Dorothea_, welcher es der Vater _Paschalis_
geschenkt . . . Dorothea htte es lebend Niemandem von ihrem Herzen gegeben
. . . es war ihr also nur _gewaltsam geraubt_ . . . und Christel trat
hastig drei Schritt nach der Thre zu. Aber wo wollte sie hin? Was konnte
sie ndern? Sie war in der Stimmung, worin sie aus Noth und Tod, aus
Vertrauen und Liebe _von aller Welt_ das Beste hoffte. Und mit ganz anderem
Sinn stellte sie sich wieder vor den verwundeten Sebastianow und sprach
jetzt mit Thrnen: Armer, armer Mann! -- Aber die Worte zerschnitten ihr
Herz. Sie blickte auf ihr Kind; sie kte alle drei schlummernde Hupter;
sie setzte sich zu ihnen, und eines davon schlang in halbem Schlafe -- die
Mutter ahnend -- sein Aermchen um ihren Nacken und wandte sich um, ohne
aufzuwachen.

Dem weinenden Paschalis aber war zu Muth, als she er in die seligen
Gefilde eines Mhrchens: oder als sei ihm jetzt erst die Welt zu einer
groen heiligen Wundergrotte geworden; oder die Welt sei schon lange, lange
undenkliche Zeit _der Zaubersaal des Gottes_, in der That und unlugbar;
und es bedrfe nur Augen der Seele dazu, es zu sehen, da er das sei; und
nun dachte er, da sich der himmlische Vater freuen mte, _wenn auch Er
das Alles she:_ -- Eine gute Menschenmutter in ihrem heiligen Schmerz! Ein
Weib, das freilich keine Unsterbliche sei, und bald selbst auch von der
Erde verschwinden werde; aber da hier ja keine Unsterbliche zu sein
brauche, um alles Menschliche richtig zu thun und zu leiden, und das als
Sterbliche eben noch wunderbarer daliege, wie in einem Mhrchen, mit dem
Haupt neben den kleinen Huptern der drei schlummernden Kinder! Und wenn Er
she: _Gute Kinder_ voll Liebe, Leid und Mitleid -- welche schne Gefhle
alle in ihrem engen Geiste nur Traum seien . . . . und _einen guten Vater_,
der um alle still und schweigsam besorgt war; vor allem aber: _den
Grovater_, der alle um ihrer Liebe willen liebte und um ihrer Schmerzen
willen litt, aber auch fr alle gefat war und thtig -- denn sein eigenes
Leben hatte er berstanden und gleichsam zugemacht wie einen schnen
Bildersaal, und ihn kmmerte nur noch das Leben und Glck der Seinen.
_Paschalis_ aber dachte nicht nur, er glaubte, er empfand, da der
himmlische Vater _zugleich mit ihm_, und doch ganz anders, in das Stbchen
she; und er kehrte sich vor unertrglicher Seligkeit des reinen
Menschenlebens ab; denn Verzweiflung ergriff ihn, und er -- niesete wieder!

Ei, meine allerbeste Gesundheit! und zugleich meinen allerschnsten guten
Abend, theuerster Abgebrannter und Herr Paschalis! sagte Wecker, der still
gekommen. Nicht wahr . . . ein himmlischer Guckkasten, worein Sie
beliebten zu sehen! Ein trauliches stilles Hirtenhuschen -- das eben ruht;
nur die Papierwnde freilich _etwas gro von himmelblauem Himmelspapier!_
Aber still . . . da kommt ihre Tochter, unsere Dorothee -- was ein wahres
Glck ist! Denn gewisse Leute knnen sogar mit allen zerschmetterten
Gliedmaaen -- nicht -- fglich -- mehr -- wandeln -- -- am wenigsten
anhero! -- Und, um seinem Wohlthter auf eine _unverstndliche_ Weise zu
verstehen zu geben, wie er ihm heut vergolten habe, setzte er hinzu: Denn
heute habe ich alter Mann -- wie Sie mich hier sehen -- eine gleich groe
schne Jungfrau geschaffen! Mit diesen drren Meisterhnden! Ja ihr auch
_eine neue Seele_ in ihre eigene Rippe geblasen -- denn Eva war eine Rippe
-- aber _Adam's_, wissen Sie -- _wie ich wei_ -- knnen Sie denken! Der
Mann bin ich.

O Wecker, wenn Ihr das knntet! sprach Paschalis leise, und zog ihn still
um die Ecke des Hauses in's Dstre; und _Dorothee_ ging darauf langsam
hinein zu _Christel_.

Johannes aber, von einer andern Seite kommend, brachte schon wieder etwas
Neues: die Ansagung von zwanzig Mann Einquartirung auf ihr Haus, und schon
diese Nacht! Beide wurden dadurch gehindert zu sehen, wie Dorothea sich bei
Christel bezeigen wrde, und zu hren, durch welch ein Wort sie sich
vielleicht errathen lasse. Denn auch ihrem Vater war ihre pltzliche
Verwandlung in's Tiefe, Abgeschlossene, Finstre, Verschwiegene, Qualvolle
und Weltverachtende selbst ein Rthsel, wenn er auch ohngefhr vermuthen
konnte: was sie gethan. Denn auch _gethan_ hatte sie etwas, ja ein
Grausames und Schreckliches. Aber das behielt er als Vater fr sich, und
niesete nur auch jetzt wieder auf diese neue Nachricht, Wecker wnschte
aber diesmal sein hflichstes: _Gotthelf!_ wozu Paschalis nur leise
verneinend den Kopf bewegte.

Hoho! sagte Wecker, kann auch der nicht mehr helfen!

Johannes aber hatte eine groe Bitte auf dem Herzen und sprach: Ich getraue
mich kaum es zu sagen, wenn Ihr es nicht wret -- unser lieber Herr
Paschalis, der an uns schon so viel gethan. _Darum_ habe ich auch jetzt
mein Vertrauen auf Euch gesetzt, und bitte Euch: nehmet unsere Kinder mit!
Nach der Stadt ins Sichere! Wir sind gewarnt auf Zeitlebens! Und hat der
Grovater aus zu groem Vertrauen _die Vorsicht_ uns versumen lassen, mge
Gott nicht auch _mein Mitrauen_ gegen unsere Lage, im Dorfe hier einsam
und unter der Schanze, mit Unglck bestrafen! Aber wie es auch komme -- ich
nehme es auf mich; denn ich meine es gut; und so wird es gewi auch der
himmlische Vater meinen -- meinet Ihr es auch gut mit den Kindern, mit
Christel und mir! Nur der Grovater wird in der Sicherung der Kinder einen
stillen Vorwurf gewahren, und nur deswegen mcht' ich kaum bitten . . . .
aber ich bitte doch!

Wenn das nur Christel zufrieden ist; meinte Paschalis; die Kinder wird
Dorothea schon wohl besorgen; und -- liebe Sorge thut dem Herzen wohl, und
trgt uns furchtlos ber grause Wogen!

Lieber Herr Paschalis, sagte Johannes, was einem Manne so recht wohlgemeint
in die Gedanken kommt, das will seine Frau gewi auch, sonst kme es ihm
gar nicht ein, oder er bliebe nicht lange dabei! Ich rede aber aus ihrer
Seele, wie sie immer aus meiner; denn wir sind Eheleute -- Ihr wit das
nicht; nehmt das nicht bel; aber Ihr werdet meine Rede besttiget finden!
--

Als sie nun alle hineingegangen in die Wohnstube, wo Frommholz und Daniel
arbeiteten, kam Christel herber, grte Paschalis, und -- als knne sie es
vor Angst nicht lnger ertragen, bat sie unverweilt: er mchte sie selber
mit nach Mainz nehmen!

Paschalis lchelte niedergeschlagen darber, als habe Dorothea ihr das
gerathen, und sagte dagegen: _Die Kinder!_ liebe Christel. So meinte
Johannes.

Ja, ja, die Kinder! rief sie bestimmt.

Und Johannes sagte zu Paschalis: Sie hat nicht, wie ich, gewut, da sie 20
Mann Einquartirung bekommt.

Zwanzig Mann, nicht Mnner! erklrte Wecker.

O Gott, scherzt nicht! verwies ihm Christel und eilte Anstalt zu treffen
fr die Mann und die Kinder. Dorothea schlft! hatte sie Paschalis noch
gesagt.

Ungegessen? oder: ohne gegessen zu haben -- wie ich die Schulkinder
verbesserte; eine sonderbare Braut! sprach Wecker.

Die schlafende Clementine hat sie angesteckt! meinte Paschalis, zu
welchem Daniel jetzt bescheiden trat und ihn frug, was fr einen Text aus
der Bibel, die er ihm hinhielt, er auf dem Kreuze der kleinen Schwester
zitiren solle?

Und Paschalis nahm das Buch, setzte sich an das Kaminfeuer, bltterte,
seufzete, las, bltterte wieder und sagte ihm endlich: Lieber Daniel,
hier! Zitire Deinen Namens-Vater Daniel oder das _sechste Capitel aus dem
Buche der Weisheit_, das pat jetzt auf alle Welt. Denn die Schrift ist fr
alle Zeiten geschrieben, und jeder Mensch und jedes Jahrhundert findet
seine Lehre, und sein Urtheil darin. Gebe nur endlich Gott, da die ganze
Welt zusammen nur Einen Vers daraus hlt, als etwa gleich diesen! -- Er
wollte Einen sagen, aber seine Leiden verwandelten ihm die Worte im Munde
und er sprach, zu aller Verwunderung diese: Ach, da ich wte, wie ich
ihn finden, und zu seinem Stuhl kommen mchte, und das Recht vor ihm sollte
vorlegen, und den Mund voll Strafe fassen, und erfahren die Rede, die er
mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen wrde!

Und Wecker sprach leise zu den Andern: Stille, stille! Er meint den lieben
Gott! Er ist jetzt Hiob! Lat ihn schlafen; er senkt schon sein Haupt auf
die Brust. Setze Dich neben ihn, Daniel, und nimm ihm nachher die Bibel
leise aus seiner Hand, damit er nicht aufweckt, wenn sie zu Boden fllt!
Ich aber bernehme das diesmal leichte Colfactoramt am Kamin, und will --
_nicht_ mehr anlegen! So wird ihm der Kopf nicht noch heier vom Feuer!
Lasset ihn schlafen, und ruhet Ihr auch!

Und so setzte er sich hin. Das Feuer erlosch nach und nach, und es ward
trauliches Dunkel und heimliche Stille im warmen Zimmer, und die Sterne
schienen herein zu den Schlummernden.




V.


Als aber der Mond purpurhell aufgegangen, und alles zu der kurzen Reise
besorgt war, trug Johannes seine schlafenden drei Kinder in Paschalis Wagen
-- nicht ahnend: da er Keines mehr wiedersehen wrde. Und so war er froh,
als er den _Daniel_ aufgehoben, ohne da er aufgewacht war, und ihm und
sich nicht den Abschied erschwert, oder das Scheiden wohl gar unmglich
gemacht, wenn er gar so sehr gebeten htte: bei Vater und Mutter zu bleiben
und versprochen, Alles zu thun und zu dulden, was ber sie kme. Daniel
aber war doch halb wach, und redete im Schlafe, weil er whrend des Tragens
doch merkte, da etwas mit ihm vorging, und erzhlte seinen Geschwistern im
Traume, ohne die Augen zu ffnen, das Mhrchen: _Die sieben Raben_, und
fuhr jetzt laut darin fort: Nun ging das Schwesterchen immerzu, weit, bis
an der Welt Ende, um seine sieben Brder zu finden. Da kam es zur Sonne;
aber die war zu hei und frchterlich und fra die kleinen Kinder; eilig
lief es weg, und hin zum Mond; aber der war gar zu kalt und auch grausig
und bs; und als er das Kind merkte, sprach er: ich rieche
Menschenfleisch! ich rieche Menschenfleisch! -- Diese Worte klangen aus
eines Traumredenden Munde, in der Mondnacht und in der Nhe des todten
Schwesterchens zauberhaft-ngstlich, und Johannes war herzlich froh, als er
seinen Knaben glcklich hingelegt, und Daniel sagte nur noch: da machte es
sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und
gut. Der Morgenstern aber stand auf . . .

Damit schwieg er. Die jngern Kindern aber, _Sophiechen_ und _Gotthelf_
ngsteten den Vater nicht so, da sie fester schliefen; und nur Sophiechen
hatte ihn fest um den Hals gefat und wollte die Arme nicht wieder
wegnehmen. Johannes aber lste sie ihr langsam und legte sie ihr in den
Schoo, und die Hand des Brderchens darein, als sei es die Mutter. Und so,
vom Mondlicht beschienen, sahe er seine Lieben noch einmal an, und Freude
durchwallte sein Herz, sie in Sicherheit zu schicken, und empfand schon,
wenn nicht ihr Glck, doch ihr Leben in der nchsten Zukunft, welche fr
ihn selbst, seine Kinder und ihrer Kinder und Kindeskinder fernste Zukunft
war. So tuschte ihn sein Gefhl, und Ahnung knftiger sicherer Tage
beglckte ihn.

Obgleich Paschalis gern versprochen hatte, fr alles zu sorgen und es neu
und gefllig anzuschaffen, was die Kinder bedrfen knnten, so brachte doch
Christel zuletzt noch ein Krbchen mit den bekannten Spielsachen der
kleinen Kinder, damit sie doch gleich in der neuen Stadt ihre alten lieben
Bekannten shen und fnden, und glaubten zu Hause zu sein, wenn sie in
ihren Spielen Vater und Mutter vergessen htten; so gut wie die Kinder ja
oft auch daheim lieber ihre Bilder, ihre kleinen Teller und Schsseln und
Becher und Flschchen und ihre Hochzeiten und Kindtaufen, _selbst Vater und
Mutter stundenlang vergessen_. Und sagt nur immer: ich komme Morgen!
sprach sie zuletzt zu Paschalis; und ich komme heimlich so bald ich kann.
Da soll Freude sein in Mainz! --

Als aber die Wagen langsam fortgefahren und nicht mehr zu sehen waren, fiel
Christel ihrem Johannes um den Hals und weinte. Und er sprach: Ja, meine
Christel, das ist eine schreckliche Zeit, die die Menschen am Leben
hindert, an Arbeit und redlicher Sorge fr die Seinen. Aber sie sind in
guten Hnden; die Stadt ist nicht weit -- und wir haben ja noch ein Kind --
das auch in guten Hnden ist! Komm hinein!

Und whrend jetzt, beim Einmarsch der Soldaten ins Dorf, die Trommeln
wirbelten, gingen sie ruhiger Hand in Hand hinein; denn sie waren bei
einander voll Unschuld und Muth und Vertrauen und Schmerz, und glaubten dem
allgemeinen Elend ihr Opfer gebracht zu haben, und zwar ihr Liebstes. Was
sollte noch Schlimmeres kommen, was Theuerers von ihnen gefordert werden?
-- sie fhlten das nicht, denn sie hatten sich, und rechneten sich beide
fr Eins.

_St. Etienne_, Christels unerkannter Bruder, trat jetzt bei ihnen als
Sergeant mit 20 Mann ein, und meldete sich mit kurzen Worten diesmal als --
_Werber_. Er hatte Vollmacht, aus jedem Hause alle gangbaren schiefhigen
und erschieensfhigen Mannspersonen zu nehmen -- ausgenommen den einzigen
Wirth oder Stamm des Hauses. Selber _Weckern_ hatte er gedroht in den
Soldatenrock zu stecken, da er keine Wirthschaft, keine Schule, keinen Kix
noch Kegel habe. _Und wenn er nicht recht bei Verstande scheine, das sei
eben recht! Selbstdenker brauche sein Herr nicht zu Soldaten;_ die Dummen
raisonnirten so gut wie gar nicht, oder nur Dummes; und ein Verrckter
werde, wenn er auch noch so Wahres fasele, billig fr verrckt gehalten,
und drfe frei reden, was er wolle, weil ihm die Natur das Patent dazu
gegeben. Eine Million Wecker, hatte er gesagt, und der Kaiser ist durch!
Die Raisonneurs aber, die Besserwisser und die Anderswoller wrden ihn als
Vogelscheuche allein im Felde stehen lassen mit einer Flinte aus einem
Stocke und einem Sbel von Span. So hatte St. Etienne sich zornig geredet
und sich gelobt, Keinen zu schonen, sondern jeden Brauchbaren aus dem ja so
bald von dem Feinde besetzten Lande herauszuziehen und dem Kaiser hinber
zur Hlfe zu schleudern, damit der Geschonte nicht sein Feind werden knne.
Denn das unterstehe sich jetzt jeder Hasenfu. --

Wecker kam ber die Rede ergrimmt und erschrocken in die Kche zu Christel,
die ihn seinetwegen trstete, aber selbst erschrak, als sie darauf
hineinkam mit dem Frhstck, das sie ihren Gsten freundlich brachte, denen
sie alles, fr die Ihren Gesparte, ohne Entgeld oder Dank dafr, hinzugeben
verbunden war -- denn der Herr bedarf sein, wie Wecker dem Rechte den
Titel gab. Sie erschrak, lchelte aber gefat und blickte St. Etienne
endlich gar lachend an, als sie ihren Johannes im Soldatenrock und einem
Chacot mit hohem rothen Stutze zugleich mit am Tische sitzen sah.

So gefllt mir mein Mann! sprach sie zu St. Etienne. Aber ich bitte Euch,
zum Scherz sei's genug! Gott sei Dank, da die Kinder nicht da sind! Die
schrien sich todt, und Daniel fiel Euch zu Fen, wenn er in seines Vaters
Hand ein Pasquill auf das fnfte Gebot she, wie unser Wecker einen Sbel
oder eine Flinte nennt! Eine Kanone aber nennt er gar den letzten
_Verstand_[A] der Menschheit. Pfui Johannes, ziehe Dich aus!

[Funote A: ultima ratio.]

Und Wecker trat auch herzu und fragte St. Etienne: We ist der Rock und
das Bandelier?

Des Kaisers! sprach der Sergeant.

Nun so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist!
verlangte Wecker.

Christel wollte ihrem Johannes nun helfen, die im Scherz ihm aufgeredete
Soldatenmaskerade wieder abzuthun. Der Sergeant wehrte ihr aber und sprach:
Es ist nicht leerer Scherz; es ist voller Ernst, des Kaisers Ernst und
meiner. Ihr habt noch den alten Frommholz zum Wirth -- und euern Wecker zum
Voigt in dem Bischen Wirthschaft: der Daniel wchst auch heran -- und wie
_Ihr_ weint, mein junges hbsches Weib, so haben schon Viele geweint in
aller Welt, und Viele _schon aufgehrt_ in aller Welt, und so fgt Euch
darein in dieser Welt. Gebet dem Landesherrn, was des Landesherrn ist --
und Er hat gesagt: Der letzte Thaler und der letzte Mann ist mein!

-- Es ist Etwas Majesttisches um Einen groen Mann, sprach Wecker. Denn
_die Erde ist des Herrn_ und alles, was darinnen ist. Er sitzet ber dem
Kreis der Erden, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken! Der die
Frsten zu nichte machet, und die Richter auf Erden eitel machet: als htte
ihr Stamm weder Pflanzen, noch Saamen, noch Wurzel in der Erden; da sie,
wo ein Wind unter sie wehet, verdorren, und sie ein Windwirbel wie Stoppeln
wegfhrt.

St. Etienne hatte das betroffen angehrt, denn es klang gewaltig, und er
sprach lchelnd: Das kann kommen! Den Knig von Westphalen hat schon der
Wirbelwind fortgefhrt.

Die Wirbelwinde haben immer verschiedene Namen, je nach dem Ort, wo sie
einherblasen, und werden sie immer haben, sprach Wecker; wie hie denn also
der Wirbelwind Hieronymi?

Tzschernitschef; hrt' ich, antwortete St. Etienne.

So ist das schne Land ohne Knig! sprach Christel. So hrt doch, St.
Etienne! Das geht weiter! Was werbt Ihr also!

Johannes aber klagte aufrichtig aus seinem treuherzigen Sinne: Mein Gott,
ein Land ohne Knig, wie soll das gehen? Das ist das grte Unglck. Mir
ducht ordentlich als knne da keine Saat mehr keimen, kein Baum blhen und
kein Weinstock tragen! Wenn ein Land auch Alles verloren, Menschen, Huser,
Habe, Vieh, Getreide, Geld und Wohlsein, wenn alle Uebel drin hausen und
alle Krankheiten darin sich satt fressen, und es hat nur noch einen Knig,
wie ein Bienenstock einen Weisel, so erholt sich der Stock wieder, setzt
Brut, hselt Wachs, baut Zellen, schleppt Honig, und das ganze Land hat
wieder ein ses Maul. Wer wird nun die Steuern empfangen? Wer wird
befehlen? Denn ohne Befehlen hrt der Gehorsam auf. O schlimme
amerikanische Zeit! --

Wir wollen Gott bitten, sprach Wecker, da er sich wieder erbarmt und das
Herz eines Andern regiert, der sich wieder des verwaiseten Thrones erbarmt!

Bittet nur bald, sonst bittet Ihr guten Leute zu spt; sprach St. Etienne.
Ich bin glcklich! Wir sind glcklich! -- Wir haben noch einen Kaiser; und
der braucht Soldaten, nachdem er Sechsmalhunderttausend in Ruland --
_angefhrt_ hat! Tchtig _angefhrt!_ Also werbe ich! Denn ohne Soldaten
bleibt Er sogar nicht vier Wochen auf dem Throne, geschweige ein Anderer
fnfzehn Tage. Darum werden wir Soldaten auch beinahe auf Hnden getragen,
wenigstens, wenn's Noth thut, auf Wagen gefahren zur Schlacht. --

-- Bank! setzte Wecker hinzu.

Also zur Schlachtbank -- meinen Johannes! meinen einzigen Sohn, den
_einzigen Vater_ der Kinder, den _einzigen Mann_ unsrer Christel! sagte der
alte Frommholz betubt: Das ist der Kaiser nicht werth. Viel Hunde sind
des Hasen Tod, und er wird es nicht lange mehr bleiben -- aber jetzt
freilich bin ich noch hier in dieser eurer Gewalt.

_Ihr_ nicht! alter Mann! belehrte ihn St. Etienne, noch lachend.

Ja wohl ich, nur ich; sthnte der Alte verworren und schwieg.

Ihr bleibt wo und wer Ihr seid, erklrte St. Etienne. Aber, freilich, wret
Ihr nicht, so wre _Johannes_ der Einzige auf der Bude, die zu
_Einquartirungen_ und _Lieferungen_ und _Abgaben_ und _zur Zucht_ von neuen
Soldaten gebraucht wird, und Johannes wre frei.

Frei! rief Wecker wie ein Echo aus jener Welt.

Warum hab' ich so lange gelebt! seufzte der Alte. O, die Verheiung Gottes:
ein langes Leben und graue Haare, sind nun ein Fluch und eine Strafe
geworden! Aber meine Christel, sei ohne Kummer! Ich wei ein . . . ja ich
bin ein sicheres Mittel!

Wecker aber merkte, da der Herr Sergeant erbittert worden und fragte
darein: Aber Johannes, wie seid Ihr denn erst zu dem Rocke gekommen? -- Und
Johannes antwortete: -- Der Herr Sergeant wollte seinen Rock ausbrsten, da
sollte ich der ausgestopfte Mann dazu sein, oder der Nothnagel.

Dankt Gott, da ich ihn Euch nicht am Leibe _ausklopfe_ versetzte St.
Etienne. Nachmittags 2 Uhr Exerciren, hier im Hofe! Alles, was noch gesund
ist bei Euch im Dorfe, und werth auf dem Felde der Ehre zu sterben, wird
auch hieher kommen. Der Tod darf keine alten Krppel auf dem Schlachtfelde
finden, sondern _lauter nagelneue, brhwarme_. Sollen wir Andere mit Lahmen
und Blinden, mit Einugigen und Buckligen -- fallen, welcher brave Soldat
wohl vertrge die Schmach. -- Also, Johannes, um zwei! --

Der alte Frommholz aber schlich sich fort in seine Kammer, setzte sich auf
sein Bett, blieb erst lange schwermuthsvoll, dann gedankenvoll, und sprach
endlich laut mit sich selbst: Frommholz, altes mrbes Holz, Du hast Dir
immer im Leben Rath gewut; nun rathe Dir auch; oder nimm meinen Rath
gleich lieber an, damit _Christel_ keine Wittwe wird, _die Kinder_ keine
Waisen, und _Du_ kein Bettelmann mit Weckern! Kein Mensch kann eines andern
Treppe brauchen, das weit Du als Zimmermann; und so hat auch jeder seine
eigene passende Leiter zum Himmel. Zum Himmel? Ach, Frommholz! Doch, wer
anklopft, dem wird aufgethan; und wer so anklopft wie ich, _nicht um selbst
hinein zu kommen_, sondern um aus strmischem kaltem Regenwetter gute
verlorene Kinder hineinzusichern, den lt man vielleicht mit einlaufen,
wie auf der St. Bernhardsstrae den armen guten Hund, der verirrte Menschen
in die warme Stube bringt! Ich wenigstens stiee das gute verstndige, vor
Klte stumme Thier nicht wieder mit dem Fue ber die Schwelle zurck in
den Schnee und die Klte, in das Heulen und Zhnklappern hinaus -- _in die
Hlle!_ Doch Frommholz, Frommholz! Du thust mir recht leid! -- Wehe denen,
die durch alle Jahre bis in ihr Alter richtig und glcklich gewandelt, und
erst im letzten Jahre einen Stein im Wege finden, worber sie Hals und
Beine brechen! -- Hals und Beine! --

Der alte Mann sprang erschrocken auf, und besah sich seine noch ganzen
Gliedmaen, und versuchte den Kopf auf dem Halse zu drehen, und er war auch
noch ganz, -- Nun, sprach er, so ist es doch schlimm, da es Dich
trifft, denn kein anderer kann helfen! Siehe aber, Du weit ja, manches
Holz macht dem Menschen wenig Plage -- einige Mal den Stamm querdurch
gesgt, die Himpel mit dem Keile gespalten, einige Schlge darauf, dann die
Kloben in Scheite gespalten -- so ist es verbrannt und Asche. Ein anderes
bloes Stck Holz aber soll eine Sule zu einer Wendeltreppe werden, oder
ein geschnitztes Altarbild, und macht eine lange, saure Plage! Doch Deine
ist kurz. Und gestehe nur, Soldat Frommholz, der Du in Deinen vierziger
Jahren statt Spne von Balken, _Arme vom Leibe, und Kpfe vom Rumpfe
hiebst_, gestehe nur, _Du mein halbvergessener_ Vorfahr, da Du die Strafe
wohl verdient! Hiebst Du nicht bei Ankona, wo der _Papst_ zur Vernderung
auch einmal _der Trken_ Bundesgenosse war, einen bildhbschen jungen Mann
zusammen, weil Erschlagen befohlen war, und derjenige ein Ehrenzeichen
bekam, der es darin am weitesten gebracht! Und kamst Du dann nicht ins
Quartier zu der jungen, schnen Grfin, die ihr Knbchen wiegte! Hrtest Du
sie nicht laut aufschreien, als sie ihren geliebten Mann in _der_ Gestalt
herein trugen, in welche Du ihn verhunzt! -- Hei! das war ein schnes
Ebenbild Gottes! -- Frommholz! Sahst Du nicht, wie sie ihr Kind aus der
Wiege ri, es hoch empor hielt, und es des Vaters unsichtbarem Todtschlger
zeigte -- da _Dir_ die Haare zu Berge standen -- und wie sie es Gott dem
unsichtbaren Vater zeigte, da _Du_ vor Furcht Dich bcktest, -- und die
silberne Klapper aufhobst, die dem kleinen Waisenkinde vor Angst vor der
Mutter aus dem Hndchen gefallen war! Hrtest Du nicht, wie sie Rache
schwur, wenn nicht der Welt, wenn nicht dem guten, schnen
Menschengeschlecht, wenn nicht den Frevlern, die den Krieg herauf
beschworen und ihn wthen geheien, _blo um selbst lnger ihr Volk zu
beglcken_ -- denn doch Rache dem, der ihn erschlagen und sein schnes
Gesicht entstellt, da sie ihn kaum erkannten. Und Du, Soldat Frommholz, Du
mutest schweigen, und aest still von ihrem weien Brode und trankest
ihren rothen, sen Wein! Und mit heiler Haut gingst Du selber heim,
legtest den Soldatenrock und die Hllenwaffen ab, und griffst zum
Zimmerbeil wie nach einem Kleinod. Aber vergessen habe ich, ich grau
werdender Zimmermann, nicht Dich Fleischer, Menschenjger und Brandstifter
auf anderer Leute Gewissen hin! Und ich Zimmermann sage Dir jetzt: Mensch,
Du sollst Deinem Gotte mehr gehorchen, als den Menschen! Denn Menschen sind
alle, wie sie auch heien, ob sie Kronen tragen oder Pelzmtzen, Sterne
oder Knpfe. Und kein Mensch kann das fnfte Gebot aus der Bibel kratzen,
oder das nicht aus demselben vertilgen und Gott zum Trotze mit seinem
Kain-Finger in die Gesetzestafel schreiben: Du sollst tdten! ohne da
ihn der Donner des Herrn erschlge! -- Aber, warf ihm der _Soldat_
Frommholz ein: Sie thun ja doch so -- und der Herr lt regnen ber
Gerechte und Ungerechte, und seine Sonne scheinen ber Gute und Bse. --
Das ist eben entsetzlich! Die sanfte, liebevolle, schweigende, himmlische
Mahnung! entgegnete ihm der alte Zimmermann Frommholz. Manchmal, wenn ich
in Frankfurt war, habe ich mich gewundert, warum denn die Juden nicht
Christen werden! -- Oder doch die Trken! -- Da sagte mir ein vornehmer
Mann, der meine _laute_ Verwunderung hrte: Ich wrde die Juden und die
Trken verabscheuen, wenn sie _das_ werden wollten: was wir _sind_ oder
heien, alter Mann! Und als Mahomed erschien, hatte seine Lehre reienden
Fortgang, weil es schon 300 Jahre vor ihm keine wahren Christen mehr gab.
-- Ich mu in die Sitzung! Lebt wohl! So schied er. Und jetzt da Einer 300
Meilen weit hergeritten kommt, um meine kleine, liebe Sohnestochter
aufzuspieen, und ich sie nicht einmal _vor_ dem Wirrwar hineingetragen --
nun will ich, der Zimmermann, Deine Snden wieder gut machen, Soldat,
gottloser Frommholz! Aber weiche von mir auf Erden, und erscheine mir einst
nicht im Himmel! Wir sind geschiedene Leute!

Und nun, mein Alter, sprach seine Seele weiter, Deine Sache ist leicht! Du
zimmerst am Thurme ja, wie das ganze Dorf wei; . . . Du legst nun das
Brett auf einer Seite hohl; . . . Du haust fehl -- es schwankt; . . . Du
schwankst -- es fllt; Du fllst . . . und _Johannes ist kein Soldat_, so
wahr meine alten Gebeine nicht von Eisen sind! Und nur ein Scrupel bleibt:
da sie Dich ehrlich begraben! Johannes beweint mich redlich! Christel geht
schwarz in Trauer um mich, und die Kinder pflanzen ihre paar Blumen auf
mein Grab, und kommen zu mir, sie an schnen Sommerabenden frisch zu
begieen. Und der Mond geht auf, und die Linden duften, und zum
Wahrzeichen hnge ich angenagelt und aus Holz geschnitzt und mit Oelfarbe
bunt gemalt, an der Ecke des Thurmes -- und die thrichten Kinder im Dorfe
sprechen: Das ist der alte Frommholz! Aber der Wahre hat die Seinen aus
der Gewalt der erbrmlichen Zeit errettet. Denn was ein Mensch kann, das
wissen die Millionen nicht!




VI.


Johannes mute nun auf Christels Frbitte fr den armen _Sebastianow_ und
auf des Sergeanten Befehl den Sonntagsbarbier holen. Dieser aber lag --
krank, weil ihm schon Wecker im Thurme gedroht hatte: er msse zu einem
Russen kommen, der also wahrscheinlich die _ansteckende gefhrliche_
Krankheit an sich haben und ihm mittheilen konnte. Darum lag der
vorsichtige Mann gleich lieber selbst gesund im Bette krank, und pflegte
sich ganz im Geheim endlich einmal recht aus. Aber sein Bruder, der
Licentiat war gekommen, um sich gleichfalls nach Mainz ins Sichere zu
begeben, und hatte bei seinen Kunden umher, auf die Furcht vor der
grassirenden Krankheit sich -- das Reisegeld und die Aufenthaltskosten
geborgt, und von den furchtsamen Leuten, die alle Hlfe vom Arzte erwarten,
es auch gern, gefllig und richtig geliehen erhalten -- und ohne
Schuldschein. Starben sie also whrend der Abwesenheit seines Leibes --
denn Geistesgegenwart besa er nirgend -- so waren sie bezahlt; oder er
bezahlte die Familie durch neue Liquidationen, die gerade die Summe
erreichten oder um einige Gulden oder Kreuzer noch berstiegen, damit die
Rechnung nicht studirt schien. Der Licentiat nun konnte seinem alten
Freunde Johannes nicht ausweichen, der mit _Holenlassen_ zu drohen
beauftragt war, und erwiederte: Lieben Leute, Ihr thut wahrhaftig den
Aerzten zu viel Ehre an, in dieser letzt betrbten Zeit, wo ich wenigstens
meinen Bankrott gestehe. Wir sind so gewhnlich gut, wo nichts ist; aber
jetzt, wo diese Krankheit herrscht, da beweisen wir der Welt, da Jeder
selbst sein bester Arzt ist, wenn er sich _vor ihr_ und _vor uns_ sein in
Acht nimmt -- wie ich, und meine liebe Frau! Denn wir wissen das sicherste
Mittel selbst gegen die Pest: -- _Pest fliehe bald! Fliehe weit! Und spt
erst kehre zurcke!_ -- Und Jetzt kann man bei jedem Leidenden das Leiden
vermuthen! O Gott, wann werden wir wieder drei Monate Zeit haben eine
Krankheit zu curiren! Denn diese lt sich nicht _spinnen!_ Und Ein Thaler
bei Tag fr den ersten Besuch ist auch der letzte! Wie soll das werden? --
Doch als die Frau Licentiatin gratulirend und lchelnd gefragt und gehrt
hatte, da die vorher so prehafte _ganze Familie_ sich nun in gesegneten
Umstnden befinde, nicht blo mehr die liebe Hausfrau _Christel_, also
bezahlen konnte und gut bezahlen mute, so legte sie bei ihrem Manne ein
bittendes Frwort ein, das aber wie er wute, ein unweigerlicher Befehl
war. Und so versprach er zu kommen -- doch in der Dmmerung, aus besondern
Grnden. Frau Licentiatin rucherte, da Alle husten muten; selbst der
Kranke im Bett in dem Alkoven; und als Johannes schied, sagte sie ihm noch
zum Troste in der Thr: Vertraut nur der Christel . . .

Das thue ich immer in Allem; versetzte Johannes.

. . . Nein vertraut ihr nur das: ihr Schweinchen hatte Finnen! So vergit
sie es leichter.

Johannes aber schied stumm. Aber wie erschracken sie Alle, als am Abend --
ein Elephant die Thr aufmachte, und seine lange, bis auf die Erde
reichende und riechende Nase, oder den Rssel, vorsichtig ber die Schwelle
zog -- und Guten Abend! sagte, hinter einer Larve mit Glasaugen hervor.
Denn es kam nur der Anfang, das Vordertheil eines jungen Elephanten herein,
dem der Krper fehle; denn die glanzleinewandene Erscheinung sagte gleich
selbst: Ich bin der Licentiat, der seine Sicherheitsnase, die nur etwas
reine Luft an der Erde holt, nicht zu frchten bittet!

_Sebastianow_ aber sprang von dem Bette; man hielt ihn, bedeutete ihn
schwer, da die Gestalt sein Doctor sei, und er lie sich endlich zum
Niedersitzen bewegen; schlo aber die Augen, als Christel Licht brachte,
damit er verbunden werden knne, und bat unter nachlassendem Zittern um
etwas Niederschlagendes fr ihn, und rief: Mutter, Schnaps!

Entweder dieses niederschlagende Getrnk, der Schreck, der Verband, die
Hoffnung, oder Alle zugleich, strkten Sebastianow, da er dann aufblieb,
und seines Glaubens eingedenk war, sobald er sich wieder allein befand mit
der kleinen Todten. Er suchte sich aus den Bildern an der Wand Jemand aus,
der seinem Schutzheiligen am hnlichsten sah; zndete Lichter an, und las,
nach seinen Gebruchen, aus seinem Bchlein nun unaufhrlich Gebete, bald
leise, bald laut, bald still, um auszuruhen. Das that er dem Kinde zum
Nutzen im Himmel, und sich zum Vortheil auf Erden, weil auf die Beerdigung
dann, seiner Meinung nach, ein prchtiges Abendessen zu hoffen stand, oder
weil er sich dadurch Christels Gunst erwerben wollte, der die einfache
Feier gefiel, die aber von selbst schon Alles an ihm that, um nicht zu
ihrem Schmerz noch Rache zu fhlen, _und sich nicht die heiligsten Tage
einer Mutter zu verderben._

Als nun das Srglein fertig war, und grn und wei gemalt mit der Farbe der
Unschuld und Hoffnung, und Wecker den Text auf das Kreuz geschrieben, da
schritten sie zu dem Begrbni. Und Wecker las _latent_, wie er es nannte,
erst selbst _als Schuljunge_ oder Custos, an der Hausthre mit
nachgemachter Knabenstimme, die schne Verkndigung von den Todten; dann
las er wiederum selbst mit Bastimme drinnen an der offenen Stubenthr die
Trostworte des Engels, als _geistlicher Herr_, mit viel mehr innerer Wrde;
und wer ihn sah, der wute, was er las, und weinte _latent_ mit, wie er;
denn das Haus war voll fremder, unbekmmerter Menschen. -- Darauf sprach
Wecker als bloer angemater Schulmeister und treue Hausseele: Nun sind
wir so weit! Liebe Christel! Wenn nur Jemand Todtes da ist, so kann man
immer begraben, nmlich einmal, nicht alle Abende, wie die Kinder den
Staar. Wir warten vergebens auf einen ruhigern Tag, und Johannes steht
schon seit Mittag im Hofe exerciren mit einem Prgel statt einer Flinte,
wie ein Br; und der abgewachsene Mensch und Ehemann lernt nun auf _einem_
Beine stehen, wie eine Gans -- ganz prachtvoll! und lernt den Kopf drehen,
wie ein Wendehals, ganz wunderbar! Hrt nur das Commando: Kpfe -- -- --
links! Kpfe -- -- -- rechts! und so fliegen ihnen die Kpfe, als wren sie
nun jemand Anderm! -- Prachtvoll! Und jetzt treten sie gar den Gnsemarsch
an -- Einer hinter dem Andern! Prachtvoll! Und nun Kpfe links! und Kpfe
rechts dazu -- schwer! doch nun ganz erstaunend! Hei, nun schwenken sie!
sie defiliren hierher, wie Enten, Alle an einem Faden Zwirn, und der
Hinterste hat den Speck im Leibe; und die Arme haben sie Alle ohne
Windelschnur fest am Leibe, wie Wickelkinder -- und schreien, ja mucken
auch nicht, sondern sehen ganz jmmerlich-ehrwrdig aus! Soll ein Mensch
nicht erstaunen, was aus einem vernnftigen Menschen werden kann, sogar
eine Maschine! Also _die_ Kunst ist nicht gelungen: eine Maschine zum
Menschen zu machen, wie man schon einen Trompeter hat. Aber die Kunst
florirt: Menschen zu Einer Maschine von Einem zu machen. Und die _stille
Musik_ dazu! Nein, ich bin auer mir vor Freuden! _Lat uns begraben, da
ich weinen kann!_ Denn ehe die Rekruten -- schon ein ganz himmlischer Name
-- ein Rekrut -- ehe nicht zwanzig Stck halb todt umgefallen vor Mdigkeit
und Gnsestehen und Entenmarschiren, jetzt _hier_ niedrig, jetzt _drben_,
ehe lt man sie nicht aufhren zu exerciren. Johannes kommt also vor Nacht
nicht in sein Haus, und marschirt wie ein Betrunkener vor seiner eigenen
Thre herum und vorbei! _Lat ihm die Freude!_ Uns aber lat allein zu dem
Werke schreiten; da die lieben, kleinen, weien Mdchen des Dorfes nicht
mittrippeln mit ihren Krnzen, so schreite ich mit. Denn Alte gehen nur mit
Alten, Weiber mit Weibern, Jungfrauen mit Jungfrauen, und Mnner mit
Mnnern zu Grabe, nach unserem schnen Gebrauche in Zahlbach. Jetzt aber
lassen die Aeltern, wie keine Gans und keine Henne noch Ente, auch die
lieben Kindlein nicht heraus aus dem Wirrwar in allen Husern in den
Wirrwar vor allen Husern; Sr. Auchwohlerwrden der Herr Schulmeister, kann
auch nicht mit schreien, noch mit schreiten, denn er hat _vom Volke_ --
wie wir mit Recht den Ausschu desselben nennen -- mit Unrecht Schlge
bekommen, weil er die Suppe zu hei ausgethan und die Herren sich die
Schnbel verbrannt, und ist _ausgetreten_. Sr. Hochehrwrden, der Herr
Pfarrer Lademann aber kann nicht mit einherschlendern, weil er erst ein
junges Weib, einen schnen, lustigen Finken aus Bockenheim, genommen; ist
also noch eiferschtig und ganz verschmt oder confus, besonders da sich
der gndige Gottlieb, nunmehriger Lieutenant bei den Cohorten, im
Pfarrhause dermaaen einquartiert, da er jmmerlich schiert, um sich
vorerst Furcht zu machen. Darum schreitet der Herr Pfarrer nicht dreiig
Schritt geradeaus mit dem Rcken vom Hause, fr dreiig Ducaten; aber
zweihundert Schritt um die Ecke der Kirche, nicht um zweihundert Louisd'or.
Da ziehen ihn Eure sechszehn Kreuzer denn diesmal nicht. Auch geht man
jetzt nicht _auf_ der Strae, sondern bei dem Wetter _in_ der Strae bis an
die Waden. -- Ich mu also schon mit schreiten oder waten, das seht Ihr
ein! Seid nur so gut! --

Und so fuhr denn der alte Frommholz das liebe Kind auf dem Gras-Schiebbock
zu dem ausgeworfenen Grabe, und des Kindes Mutter ging allein still hinter
ihm als Leidtrgerin; Wecker aber vorn, als Schulmeister, Schule und Custos
mit dem Kinderkreuz, und sang -- stumm, oder latent, mit sehr beweglichem
und bewegtem Gesicht, wie Jemand, der mit vollem Munde kauet; er aber hatte
Seelenspeise auf der Zunge, und labte sich recht.

Als sie bei dem Hofthore auf dem rechten Flgel der Rotte vorber kamen,
htte Johannes, der mitten im langen Gliede stand, seelensgern _rechts_
gesehen, um wenigstens seines Kindes kleinen, bunten Sarg noch einmal ins
Auge und in die Seele zu fassen; aber die Kpfe waren _links_ commandirt,
und er hatte im rechten Auge nur einen mattblendenden Schein von dem
sonnebeschienenen Srglein. Es zog ihn unwiderstehlich, doch hinzublicken;
er wandte allein von der ganzen Rotte den Kopf _rechts_; und der _gndige
Gottlieb_, der als Lieutenant inspiciren gekommen, sprang zu, und rckte
ihm denselben bei den Ohren gewaltsam in das heilige Commandowort Links,
und hielt ihn dann zornig am Kinn mit der Faust.

Und Johannes alter Vater, der das vorberfahrend mit angesehen, sprach nur
halblaut vor sich: _Es ist schon gut!_ -- Johannes aber sah sogar die
groe soldatenbunte Gestalt des gndigen Gottlieb nicht, die ihm nahe in
die Augen grollte; sondern vom Scheidegefhl und dem stillen Lebewohl ganz
anders ergriffen, sprach er nur, im Herzen _still_, die Worte seinem Kinde
nach: Der Herr behtet Dich, der Herr ist Dein Schatten . . . da Dich des
Tages die Sonne nicht steche, und der Mond des Nachts. Der Herr behte Dich
vor allem Uebel, er behte Deine Seele. Der Herr behte Deinen Ausgang und
Eingang, von nun an bis in Ewigkeit. -- _Amen!_ sprach er laut; und der
Lieutenant lachte, und das Glied, und er lie ihm das Kinn los.

Nahe bei der Kirche, wo die Wege sich kreuzen, ward aber Wecker von einer
Schaar betrunkener Reiter berritten, deren jeder eine Koppel wilder
Handpferde zur Armee fhrte; und ein, von den betrunkenen Menschen
gleichsam mit wie betrunken gemachtes Pferd sprang ber das Srglein, ri
es dem Alten vom Schubkarren herab und auf, da der Deckel weit hinflog;
ein anderes schlug scheu aus, und traf das Kind, whrend Christel sich
verhllte, und mit gewundenen Hnden darauf nach Hause lief wie vom Feuer
verfolgt. -- Es ist Krieg! riefen die rohen Gesellen. Und Einer, an
dessen Stimme Wecker _seinen Sohn_ zu erkennen glaubte, sprach lachend:
Was fhrt Euer Weg ber unseren Weg? Kronengut geht vor Bauerngut! Und
wenn wir die Pest am Leibe htten, wir zgen frei durch alle Lande, und
schliefen in Eurem Bett! Fort aus dem Wege!

Es ist schon gut! sthnte der alte Vater wieder. Mein Sarg steht schon
lange auf unserem Boden. Und so las Wecker das liebliche, wie vor Schreck
bla gewordene Kind wieder von der Strae in das Srglein, auch den kleinen
frischen Asternkranz von heut, und das kleine Brodchen, damit es ohne die
Mutter gut schlafe, und deckte den Deckel wieder leise und schonend darauf,
da er dem Kinde ja kein Fingerchen quetsche. -- Und whrend der alte
Frommholz stumm es darauf unter einzelnen fallenden Thrnen versenkte, und
zuwarf mit der immergleichen, unverweslichen Erde, sah Wecker zum Himmel
und auch zum Thurme -- und sah den Teufel auf der Spitze stehen, der ihn
herunter angrinsete unter unhrbarem Hohngelchter, whrend er die schwere
eiserne Fahne mit dem vergoldeten Adler um seinen Kopf schwenkte, so da
ein Kreis von Fahnen mit Adlern sich um den Knopf des Thurmes bildete, wie
Schwalben sich an einander hngen. Und die Raben kamen zur Nachtruh in das
alte Gemuer geflogen, und krchzten ihr Lied. Wecker aber ri das neue
schon gepflanzte Kreuz wieder aus, und hielt es -- seiner Erscheinung
empor, und sie verschwand. Zu den Raben aber sprach er empor, indem er
seine Hnde vor dem Munde zu einem kurzen Schallstck hhlte und rundete:
Ihr wit nicht, wer ihr seid? Ihr seid Engel gegen die Adler, ja Engel
gewi, die ihr eurem kleinen Gespielen entgegen singt. Es klingt aber
schlecht! Ich -- ich kann nicht singen -- mir ist die Kehle wie
zugeschnrt: Der Mann bin ich! . . . Wollt' ich sagen: _Der_ Vater!




VII.


Am Morgen leuchtete in Johannes und Christels Schlafkammer die purpurne
Morgenrthe flammend herein, Christel setzte sich auf im Bett, und glhte
geblendet von dem schmckenden Scheine. --

Wo ist denn das Kind? -- Bei Dir Johannes? frug sie, sich umsehend. Da
gewahrte sie durch das Fenster, da Berge und Bume und Garten und Gefilde
verschneit waren vom reinsten Schnee. -- Ach, seufzte sie, nachdem sie
unter bewundernder Betrachtung sich besonnen: Ach, das Kind schlft unter
einem andern Tuche! Es ist nicht ohne mich, denn -- o mein Gott -- es hat
mich vielleicht vergessen; aber ich bin ohne seine frhe leise weckende
Stimme: Mutter, mache die Augen auf! . . . mach' doch die Augen auf! und
ohne seine Umhalsung und seine spielende Morgenfreude im Bett, und ohne
sein Morgengebet, und das fromme Gesichtchen, das Falten der kleinen
Hndchen! Ach, ich bin um die kleinen Hemdchen und Rckchen, die Schchel
und die Schrzchen -- ich bin um Alles -- da hngt es, und liegt es, und
sieht ganz erschrecklich aus, so still . . . und mchte doch reden! so bunt
-- und mchte doch schwarz sein, wie mein Band um die Haare. Und erst die
letzte Schmach an ihm! -- --

Es war die letzte! sagte Johannes; es ruht.

An ihm, die letzte! klagte Christel. Aber, mein Johannes, nun ist mir erst
erschrecklich zu Muth! Denn so wie uns, ist es wenigstens Tausenden
gegangen! Tausenden wird es gewi noch so gehen -- und rger! Und was hilft
das Unglck eines Menschen den andern? Was mir -- das fremde? Und was den
lieben fremden Menschen das meine -- oder das unsere, wollte ich sagen,
Johannes; sei nicht bse! Jeder leidet doch das eigene, das seine. Und ein
Guter leidet noch das Leid des Andern mit, wie mein Kind mir schwer wird,
als sollte ich tausend Kinder auf meinen Armen tragen. Aber, mein Johannes,
ich habe nun auch das Mitleid erkauft, Du hast es schwer erkauft, aber wir
haben es doch! Und Mitleid ist in traurigen Zeiten der heiligste Schatz.
Aber ich habe es nun auch mit Dir! Denn Du, Johannes, sollst nun gar ein
solcher Mensch werden, der alles Menschliche vergessen, ja mit Fen treten
mu! Das ist das Aergste, und schlimmer, als meine und Deine Einsamkeit, ja
schlimmer, als wenn Du nicht wieder kmest, und Du mich verlrest, und ich
Dich! Darum hat auch der Teufel die Fahne mit den Adlern geschwenkt --
vertraute mir heimlich Wecker, besonders aber, weil der Pferdeknecht, der
ihm bei der Pferdethat an dem Kinde so grliche Worte gesagt von Kronengut
und Soldatenfreiheit -- weil der Abscheuliche -- sein groer Friedrich,
sein lieber Sohn gewesen ist, der ihn nicht vermuthet hat; Wecker aber hat
ihn erkannt -- als ihn der Teufel gefragt hat: -- Wecker! war das nicht
Dein Sohn, der da reitet nach _Britzenheim!_ -- Siehe, und so ist der
alte, gute Vater Wecker fort, schon die Nacht, seinem Sohne nach; aber, was
er bei ihm und mit ihm will -- wei Gott! Er hat ein Messer mitgenommen
. . . .

Ein Messer? frug Johannes erstaunt.

Ja! Aber um eine ungeheure Ruthe zu machen; denn er sagte: Kein Vater darf
sich das Recht ber seine Kinder nehmen lassen -- ausgenommen sie werden
besser und klger als er, und es werden ihnen vernnftigere und
menschlichere Vorschriften gegeben, und heilsamere Handlungen
vorgeschrieben, als bei ihm zu Hause! _Sonst_ mu der Vater aufstehen! und
lehren und strafen und rathen, wenigstens fortzulaufen und die schreckliche
Bande im Stiche zu lassen, worein ihn der Kerl vom Thurme gemengt. Wecker,
bleibt Wecker! Aber es ist doch entsetzlich, wenn so ein curioser Mann, wie
ich, soll gescheidter sein, als viele _ganz_ curiose Leute; und so ein
armer Snder, wie ich, soll besser sein, als die ruhmgekrnte, geschlossene
Gesellschaft von christlichen Trkenhuptern! Wozu sie noch der Corse, _der
Corsar zu Lande_, macht, -- und _meinen Sohn!_ . . . -- So sprach er
sthnend und jammernd, ri mir das verweigerte Messer geschwind aus der
Hand, und lie sich nicht halten!

La den guten Wecker mit seiner Ruthe ziehen! sagte ihr Johannes
betrbt-lchelnd. Alles zu dulden bin ich auch nicht gemeint! Zum Ackern
lassen sich selber die Ochsen geduldig anspannen, und ziehen im Schweie
ihres Angesichtes bis die heilige Sonne zu Rste geht, und der Acker in
Schatten und Dunkel liegt; aber wunderlich ausgeputzt mit goldenen
Klapperblechen, werden sie rasend bei der Stierhetze, wie der Grovater von
Rom uns erzhlt hat. Wir Vlker, mit uns allein, ohne Hetzer, sagte er,
wrden alle in Frieden leben, wenn man diejenigen ruhig beisammen liee,
die einerlei Sprache reden; hchstens wrde einmal ein Viehstreit oder ein
Hutungsstreit ein paar Stunden dauern. Aber, da sind Andere, die glauben,
die Erde zu besitzen und verschenken zu knnen, wie einen groen grnen
Schweizer Schabsickerkse mit Krutern und Maden und Milben -- als nmlich
mit uns Erwachsenen und Kindern, wie der Papst; -- und Andere, die glauben:
die Lnder eigenthmlich, wie ein Mller seine Mhle oder die Mahlsteine zu
besitzen, sie rund machen zu mssen, sie Mehl fr sich mahlen zu lassen,
sie verkaufen, vererben, ja entzweireien und theilen zu knnen, als wren
es wirklich blo Steine . . . und nun kommt dazu: da Viele das wollen,
oder wie der Grovater eben behauptet: nur Einige; -- und so mahlen sich
die Steine zu Schanden, von einem dampfenden Menschenblut-Strome getrieben,
und von fhllosen Rdern aus Eichenholz; und statt Mehl kommt Menschenasche
und Knochenkleie herunter, die auf zum Himmel riecht, und die Mller selber
werden elend von dem Elend, schleichen schlaflos auf den Gngen umher,
hren mit Angst die Glocken rufen: neue Menschenknochen aufzuschtten!
und wollen doch Mller heien und bleiben; denn anders haben sie nichts
gelernt. Wenn sie aber _Christen_ wren -- lieen sie den lieben Gott seine
Gaben auf seine Mhle schtten, lieen _ihn_ das Mhlhaus beglcken, und
htten Freude und Schlaf und Dank. Und wenn der Mller nicht ein Christ
wird, so kann es Gott selbst nicht anders bessern, als wenn die _Menschen_
Christen werden, nmlich wir, wir Alle, und nichts mehr thun und leiden,
als was Christus der Herr oder die zwlf Jnger gethan oder gelitten
htten. Darum mu sich das Volk nicht unterweisen lassen im Aberglauben, es
mu keine Zauber- und Hexereistckchen-Fabrik mehr in Italien geben; das
Volk mu nach der _wahren_ Lehre Christi fragen, und darum fleiig das Wort
Gottes lesen, um des Teufels Worte auszurotten!

_Nichts weiter!_ sagte Christel zum Morgengebet. Nichts weiter; ich
habe es gestern im Stillen weinend mit angehrt, wie Dir Dein Vater das
Alles gestern im Dunkeln gesagt hat. Ich war ja in der Stube. Doch _inde_
-- inde -- bis dahin: wer will Dich retten. Soldat zu werden, mein
Johannes, und von der Schmach: Deinem deutschen Vaterlande neue Ketten
schmieden zu helfen mit Deinem christlichen Seitengewehr! Denn der Kaiser
wird nicht klug! Ein anderer Vater wird menschlich, wenn er einen Sohn
erhlt; aber nun _der_ seinen kleinen Knig von Rom hat, nun will er ihm
erst das groe Reich recht gro machen, wenigstens sicher und fest -- aber
Du weit, was der Adam Mller prophezeiet hat! Das klingt ganz anders! Wenn
ich den Mann nur einmal sehen sollte, der ein Bauer sein soll, doch was fr
ein Bauer -- ein Prophet wie Daniel! -- Ach, was wird _mein_ Daniel machen?
-- Ich mu fort, ich mu hin! sprach sie, von dem Namen des Propheten an
ihren Knaben erinnert.

Gehe in Gottes Namen! hie ihr Johannes. Ich aber habe Muth zu thun und zu
leiden . . . . Jedes aber nur, so lange sich jedes mit meinem Gewissen
vertrgt. Ich will ein Schaaf scheinen, wenn ich nur keines bin; und ich
will ein Tiger scheinen, wenn ich nur keiner bin. Aber ich werde keiner,
das frchte nicht! Nur habe ich durch des Grovaters Worte eine groe
Hoffnung gefat! Wenn nur die Menschen alle _die_ Hoffnung haben und die
Aussicht, die das Wort Gottes verheit, das nicht lgt -- eben weil das
Wort sich in jedem Menschen selbst wahr macht, und der Mensch selber ist --
so sehen sie es eine Weile noch an, wie die Welt luft, oder wie die Mhle
geht; und wenn nicht gut, dann schtzen sie selber den Blutstrom ein, und
die Mller mgen ihre _eigenen_ Kinder mahlen, nicht unsere! Denn wir, wir
legen Alle, ein Jeder die Hand auf das Herz und sagen: Du sollst nicht
lnger bluten als dafr: -- da wir nicht lnger bluten, und da wir nicht
lnger zu Staube gemahlen werden, und unsere Kinder! -- so sagt der Vater.

Christel trstete inde ihren redlichen Mann, mit allen holden Trstungen,
die ein junges schnes liebendes Weib im Ueberflu hat; und sie saen in
ser stiller Betrachtung noch einige Zeit neben einander, indem sie sich
still an den Hnden hielten. Deines Vaters Geburtstag ist heut, sprach
sie endlich; heut ist er siebzig Jahr. Gott erhalte ihn uns noch lange!
besonders nur _mir_; denn was er mir thut, das thut er Dir und Deinen
Kindern. Jedoch wenn er auch nur noch ist, lebendig und gegenwrtig; wenn
er it, und es ihm schmeckt, und er sein Gutes empfngt von uns in seinen
letzten Tagen, so ist ein Alter schon unersetzlich im Hause, ein wahrer
Hausschatz, den kein _anderes_ Gut mehr aufwiegt. Denn jedes ist schon ein
eigenes, und ein alter Vater auch ein eigenes. Darum wollen wir den Tag
still feiern, und kochen etwas Besseres fr Alle, oder braten von den
Gnsen; und so mgen es heut Alle bei uns gut haben, wenn sie auch nicht
wissen: warum? selber der alte _Sebastianow_ und der groe Peter, der Hund.
Ich aber gehe nach Mittags den kurzen Weg zu den Kindern in die Stadt, und
zur armen Dorothea, die einmal nicht glcklich werden soll, das junge
Mdchen. Auch bringe ich vielleicht von ihr heraus, was ihr ist, geschehen
ist, oder Gott verzeihe mir, was sie vielleicht gefehlt hat! In _diesen_
Zeiten ist Niemand vor groen Fehlern sicher, ja nicht vor Verbrechen; die
Angst, die Furcht, die Entrstung, die Rache sind los, und ergreifen Einen
um den Andern, den Schuldigen und den Unschuldigen -- und nichts ist
lnger, selbst die Gerichtsbank nicht, als Gottes Langmuth -- spricht
Wecker; aber in _der_ Lnge ist Muth und Gewiheit. Und erhasche ich nur
ein Wort von Dorothea, verschweigt sie auch nur eine Antwort, so sehe ich
durch ihr Wesen, wie durch einen Schleier, und kann ihr dann rathen und
helfen! Nur ein Weib lst einem Weibe die Zunge, und wei sie recht aus dem
Grunde zu verstehen, recht aus der Seele Theil an ihr zu nehmen und es mit
ihr gut zu meinen als wie mit sich; denn beide sind Weiber, und aus
demselben weichen Stoffe -- aus Liebe und Thrnen! --

Christel brach ab; denn sie sahe durch's Thor einen vornehmen Reiter herein
in den Hof gesprengt kommen und halten. Als Johannes hinabgeeilt, kam er
wieder und schickte Christel in den Hof. Der fremde, schne, junge Herr
rief sie nahe an sein Pferd und ritt dann an einer einsamen Stelle des
Gehftes, immer im Kreise langsam umher, whrend er hochglhend im edlen
Gesicht, und doch sehr niedergeschlagen sagte: Ich heie _Ellenroth_ und
bin . . . oder war, oder heie noch der Brutigam Euerer Dorothea. Er
holte schwer Athem, dann fuhr er mit einem Seitenblicke zu Christel geneigt
fort: Und so glaube ich Euch schon ganz bekannt zu sein; denn von einem
Brutigam wissen die Verwandten der Braut schon Alles; und wit: ich bin
ein junger Mann, der ein Mensch werden will durch ein Weib. Denn durch ein
Weib wird man ein Mensch, nicht erst ein Mann; der mu man dazu ja gewesen
sein. Auch bin ich Euch durch meine Liebe zu einer Verwandten von Euch
gewi schon lieb und vertraut -- wie ein Anverwandter -- wenigstens habe
ich herzliches Vertrauen zu Euch, und bedarf Euern Rath und Euere Hlfe,
denn _Ihr_ seid jetzt gleichsam die Mutter der Dorothea, da Euere Schwester
_Martha_ dahin ist -- dahin, wo . . . frchte ich . . auch Dorothea bald
folgen wird, oder zu folgen glaubt. Denn nehmt nur den Brief hier von ihr!
Sie will nicht die Meine werden -- _weil_ sie mich liebe und ehre; aber
auch keines Andern -- weil sie mich herzlich bemitleide und beklage. Ja,
sie meint: Gott erhalte mir nur meinen Verstand, damit ich nicht
katholisch werde, weil ich dann in ein Kloster gehen knnte. Leset!
Erklret mir, helft! Ich bin unschuldig und rein wie der gefallene Schnee!
Und auch Sie ist gewi so leicht ber die Erde gewandelt, wie ber Schnee,
ohne eine Futapfe zu beflecken! Da, nehmt!

Christel nahm den Brief, blieb stehen und las, whrend Ellenroth in groem
Kreise langsam umherritt. Darauf ging ihm Christel entgegen und sagte ihm
traurig: Was ein Mdchen, wie Dorothea sagt, so sagt, und schreibt, das
hlt sie gewi, dabei bleibt es. Armer, junger Herr!

Geht zu ihr! bat er; redet noch einmal zu ihr! Ich bin so thrig wie
alle Menschen, die das Theuerste entbehren, das Aeuerste dulden, wenn sie
nur klar wissen, warum? und wie es gekommen! Und diese Thorheit beweiset,
_da es ein grer Glck giebt als alles Glck oder alles Unglck_ -- und
das ist: _die Wahrheit_, ist die Vernunft! Ach, da die Liebe zu dem Weibe
mir nur nicht hher wre, liebe Christel! Denn erfahre ich auch den Grund
der Zurckweisung und Verweisung meines Herzens auf sich selbst, so ist es
doch leer, halb, zerrissen _ohne Sie_ -- und der Tod ist jetzt leicht zu
finden: ich werde Soldat! oder erlse durch meine freiwillige Gestellung
vielleicht und gern noch einen gezwungenen Vater von Kindern! Vielleicht
sollte das nur so kommen, _das_ sollte ich im Leben vielleicht nur thun!
Wer wei, wozu ein jeder bestimmt ist auf Erden. Doch _die Tage_ erst
lichten _das Leben_ auf -- und die finstern: ein helles! Nur verdenkt mir
nicht, da mir die Augen trpfeln! Vor Euch will ich es nicht verbergen.

Christel meinte in diesen Worten auch eine Schickung Gottes zu sehen, ward
durch und durch froh, und ber und ber roth, und wollte den verlorenen
oder nicht erst erworbenen Freund instndigst bitten . . . wenn er denn
wollte, was er mte, oder mte was er wollte . . . diesen Dienst dann
_ihrem Johannes_ zu leisten . . . den Vater ihrer Kinder frei zu machen von
den Soldaten, durch sich! Aber sie errthete bei dem Trpfeln seiner Augen
ganz anders. Denn Thrnen rhren ein Weib am meisten, und unter allen
Thrnen, die Thrnen eines Mannes, der schn und edel und _muthvoll_ ist;
ja diese solche Thrnen erheben sie ber sich selbst, und geben ihr alle
ihren weiblichen Adel wieder und eine Himmelsseele dazu, oder erwecken sie
nur in ihr, wenn sie schlummerte. Und so erwiederte Christel: Armer Herr!
Ich wei gewi, es ist vergeblich -- aber ich gehe zu Euerer Dorothea.
Bleibt bis zum Abend hier . . . und kann ich Euch nicht helfen . . . so
helfet Ihr uns! Und Ihr . . . Ihr knnt es, und wollt es gewi . . . schon
um Dorothea's willen! -- Die wird sich doch freuen ber Euch!

Sagt es dann gleich lieber jetzt! bat er. Aber sie beruhigte ihn damit,
da sie gleich nach Mittag in die Stadt gehen werde, nahm ihm das
heigerittene braune Pferd ab, und als er hineingegangen, sahe er bald
darauf -- den Johannes exerciren, und fate im Stillen selbst den
Entschlu: den redlichen, einfachen, aber den Seinen so kostbaren Freund zu
erlsen . . . oder verstand er jetzt erst Christels Worte. Denn manche
Worte werden erst spt verstanden, oft Jahre und Jahrhunderte nachdem sie
verhallt sind, wie die chten wenigen Worte Christi, wie Wecker sagte.

Der alte Frommholz aber wute von dieser fast gewissen Hlfe nichts, und
auch von keiner andern irgend woher. Aber er wute heimlich aus einem
andern Hause den noch verborgen gehaltenen Befehl: da bermorgen, oder
schon morgen, die Neugeworbenen, Alte und Junge, selbst halbe Greise und
halbe Kinder, die nur verwstet wurden, ber den Rhein auf jene linke Seite
gefhrt werden sollten. Darum hatte er beim Schlafengehen groe Sehnsucht
nach dem Tage. Der untergehende, prachtvoll schillernde Mond, der vor
einigen Tagen schon voll gewesen, tuschte ihn: sehr frh aufzustehen, und
zwang ihn gleichsam, die wechselnden aber immer wiederkehrenden Wunder der
Nacht noch einmal recht zu genieen; bis er sich in seinen geschnitzten
Lehnstuhl setzte, und mit stiller Freude endlich die Tritte seines Johannes
ber sich hrte. Da lschte er im Kalender, schon in der heiligen
Morgenfrhe den Tag aus -- den Montag -- wie er sonst immer erst nach dem
Abendsegen that; dann zog er die stehengebliebene Wanduhr auf; lie den
Kukuk die Stunden nachrufen -- und schrieb noch einmal seinen Namen auf das
mit Schiefer belegte Tischblatt, sahe ihn an, und lschte ihn lchelnd weg.
Dann betete er aus seinem _Kubach_ das sonderbare, doch chte Gebet eines
Schieferdeckers, so er vom Thurme fllt, welches zwei Seiten lang ist,
also einen wolkenhohen Thurm voraussetzt, wenn der dabei besonnene
Unglckliche nicht eher auf Erden anlangen soll, als er es ausgebetet hat.
Er merkte das, und lchelte die geringe Hhe _seines_ Thurmes und seinen
Fall, wie ein Kinderspiel, dadurch hinweg -- und das Gebet bekrftigte ihn
und machte ihn stark! Dann ffnete er die Stubenthr einen Fingerbreit, um
noch einmal zu sehen: wie Alles darin morgen stehen wrde! . . . . Wie in
fnfzig Jahren . . . . in hundert Jahren die liebe Sonne so hereinscheinen
wrde!

Der stille Herr Ellenroth machte das Frhstck still. Doch sagte Christel
dem Grovater, da sie zu den Kindern hineingehen wrde, und er lie sie
alle gren und bitten: sie sollten ihn nicht vergessen! Das durfte er
sagen. Aber Johannes durfte ihm nicht sagen, da sie seinen Geburtstag
begehen wrden; um ihn beim Mittagsessen zu berraschen.

Als der Alte aber an die Arbeit gehen wollte, bat ihn Johannes: Vater,
bleibt doch zu Hause! nur heute zu Hause! Das Wort traf den alten Vater,
als sei er verrathen. Doch als der Sohn hinzu setzte: macht wenigstens
Mittags bei Zeiten Feierabend; die paar Schlge an dem Thurme werden ja
noch vor dem Winter gethan werden -- da versprach er zu Mittag bei Zeiten
bei ihnen zu Hause zu sein -- und she sich jetzt um, wie es dann in der
Stube unruhig aussehen wrde, wie er daliegen wrde todt und zerschmettert;
aber auch, wie er des Sergeanten, ja des Kaisers grausame Befehle zu bloem
Wasser gemacht; und freute sich, da so Jeder, der stark etwas Gutes will,
frei ist von allen ber den Lndern liegenden eisernen Gittern; und nur das
Eine that ihm in seiner redlichen Seele leid, das ehrliche Begrbni, das
sie ihm wrden angedeihen lassen; und das Bedauern, als sei er unglcklich
gewesen in seinem Tode; da er doch grade sich sen wollte in Gottes Erde
als einen Keim des Glcks fr die Seinen. Und so sagte er nur zu Johannes:
Du bist mein lieber, mein einziger Sohn! Und Du meinst es gut mit mir --
das merke ich heimlich! Merke nur auch heimlich: Ich meine es auch gut mit
Dir -- so gut wie ein alter Vater noch kann! -- Lebe wohl -- inde!

So ging er.

Aber auch Christel ging kurz vor Essen noch eilig in die Stadt; denn
Paschalis Magd, die Einiges zu holen gekommen, hatte ihr gesagt: da das
kleine Mdchen sehr nach ihr geweint -- und mit gewollt! Das war nun schon
Stunden vorbei, aber das hielt sie nicht aus, obgleich das Kind gewi jetzt
lngst schon wieder ruhig war.




VIII.


Von den Kindern zurckgehalten, ging Christel erst am anderen Vormittage
von Mainz nach Hause. So wute sie nichts aus Zahlbach -- und so gewhrt
der Himmel den guten Menschen das Glck ihrer Treue und Liebe; und wo das
Glck ist, kann nicht zugleich Schreck und Pein sein; und so sind sie nicht
nur nicht elend, sondern oben darein beseligt. Wie viel Ursache aber Alle,
ja alle Vlker haben: tagtglich zu bitten, da auch ihre _Nachbarn_ und
alle die Ihrigen auf unschdlicher, ja wohlttiger Bahn wandeln mgen,
damit sie nicht durch ihren Verkehr mit ihnen und grade durch ihre Neigung
und Freundschaft und Liebe recht Bitteres von ihnen leiden -- das erfuhr
sie heute.

Daniel begleitete sie in Mainz bis an das Thor. Unter dem hohen dunklen
langen Gewlbe wandelnd umfingen sie gleichsam die alten Zeiten sichtbar
und doch so wunderlich. Denn wenn drauen auf Markt und Straen neue
Sonnenhelle und neues Leben sich regte, so hingen hier drinnen still, wie
Fledermuse, an den schattigen Mauern, die Spuren vieler hundert
verflogener Jahre; und Alles, was sich hier Frhliches und Trauriges herein
oder hinaus bewegt, herein oder hinaus geschollen war, das hatte sich
gleichsam nur -- als Rauch an die Bogen gehangen, und ihnen die
wettergraue, alterbraune Farbe -- der vergnglichen Welt gegeben. Die
Gewlbe aber hallten nur wieder, selber stumm; und so sagten ihr die Steine
nicht, da so eben die Rekruten aus Zahlbach hier durch geschleppt worden
waren, whrend die armen Teufel ihre Angst in lustigen Liedern zum Himmel
gesungen.

Aber Mutter! sprach Daniel, sind das nicht unsere Khe dort? und unsere
vier neuen Rder am Wagen?

Sie drngten sich hin vor die Wache, vor welcher der Wagen mit einem im
Strohe liegenden Manne hielt; aber nahe hinan konnten sie nicht, denn
Soldaten und Menschen umstanden ihn. Und ein Brger sprach zu dem andern:
Das ist ein bses Zeichen! Die Welt hat den Krieg satt; und damit nun
grade der Kaiser und seine Brder, seine Herrn Vetter und Frau Muhmen,
Tchter und Schwger auf den mit Braten gepolsterten und mit Wein
besprengten Thronen sitzen, und Niemand Anders, oder Niemand, _deswegen_
wollen sich nun die dummen Bauern nicht mehr selber todt schlagen lassen,
noch ihre Shne als frische Schemmelbeine unter den Thron zerzimmern
lassen! --

Sie sagten, es wre ein Zimmermann; versetzte ein Anderer.

Ja, besttigte ein Dritter. Er ist vom Thurme gefallen; und nun hat der
Lieutenant in Zahlbach gesagt: er habe sich hinunter gestrzt -- weil er
ihn habe frh morgens am Altare knien und beten sehen -- weil er einen
einzigen Sohn mit Weib und drei Kindern zu Hause habe.

Ach Gott! der Grovater ist todt! sagte Christel zu Daniel.

Der alte Mann gefllt mir! sagte der Erste. Erstlich, weil er ein Mann
auf seine Hand ist, der uns Allen vorleuchten sollte; zweitens, weil er
soll den Arzt gefragt haben: ob er auch wirklich ein Krppel wre, nun er
beide Beine zweimal gebrochen habe . . .

Mutter! rief Daniel fast zu laut vor Freuden: der Grovater lebt ja! Er hat
nur beide Beine zweimal gebrochen . . . .

. . . und als ihm das ist besttigt worden, hat er mit Freuden
eingestanden: er sei _nicht gefallen!_ Auf dieses sein Gestndni, da er
seinen Sohn dem forcirten Vaterlande habe vorenthalten wollen, ist er nun
hier in Ketten hereingebracht und soll ins Gefngni geworfen werden und,
als Zimmermann am richtigsten in den Holzthurm -- sie wissen nur noch nicht
in welches, denn alle -- Holzthrme sind voll: -- Verrther, das heit nur
voll Freunde ihres alten wahren Vaterlandes, das da Deutschland heit.

Schwager! versetzte der Dritte: das ist das grte Elend auf der Erde,
da grade das wahre Herz der Vlker jetzt ein Scorpion sein soll! und die
alte chte redlichste Treue -- Verrath; weil sie nicht mehr pat, und nicht
hflich und artig ist, wenn ein Andrer das Vaterland zerrissen, erbeutet
und unterjocht hat, und doch so gut wie ein alter treuer, lieber guter
Vater nun Kindesdienste, ja die Kinder selber verlangt! Der gute liebe
Mann! Und wenn ich hunderttausend Jahre alt wrde -- ich wrde kein
Franzose! Und wenn ich Millionen Jahre alt wrde, so wrde ich nie _ein_
Russe, geschweige zehn oder tausend Russen mit meinen Kind und
Kindeskindern -- und wenn ich alle Tage 1000 Napoleons, oder alle Stunden
5000 heilige Andreaskreuze mit Brillanten -- geschweige die Knute bekme;
-- -- denn so _Etwas_ ist nicht mglich, wider den Mann und wider den
Menschen, und das sollte _man_ einsehen, besonders: -- Man, der Teufel!

Darauf sahen sie einen schnen Knaben auf ein Rad des Wagens steigen, und
jetzt nur erblat und ngstlich nach dem braven Manne darin sphen . . .
dann langsam und vorsichtig ber die Leiter steigen und sich zu ihm setzen;
und der Alte hob sein Haupt auf, sahe ihn wieder an, und rief: Daniel!
und Daniel rief: Mein Grovater!

Darauf war es umher still vor Mitleid und Verwunderung; selbst die Soldaten
wehrten dem Knaben nicht; und so berwand auch Christel die Scheu, aber nur
durch eine starke innere Aufwallung, sich vor so vielen Augen zu zeigen;
und so lie sie die Menschen die Menschen sein, unbekmmert, ob sie solche
heilige Kleinode unter der Stirn besen, die da zu sehen vermchten, was
unter der Sonne vorgeht; oder ob solche kleine Hmmer in ihren Ohren ihnen
verkndigten, was aus einer Menschenbrust herauf und heraus getnt in die
himmlische Luft -- -- sie drckte dem Vater die Hand, und hielt sie fest,
whrend ihre thrnengefllten Augen ber ihm schwebten. Denn sie bedachte
mit staunendem Bedauern, wie nahe ihm die Hlfe des Himmels durch den
entschlossenen Ellenroth gewesen sei, und welche That er aus Mangel an
Vertrauen gethan -- und sie drohte ihm mild mit dem Zeigefinger; -- er
kehrte sein Gesicht ab -- und sie hatte nun eisernes Antlitz -- vor aller
Welt zu weinen! Dann erblate sie ber und ber vor Scham vor der Welt der
Groen, und errthete wieder ber ihre eigene Schuld der Verschweigung
gegen den Schwiegervater: _welchen_ Trost ihr der Herr von Ellenroth
gegeben! Aber soll ein Weib denn alle Augenblicke Alles sagen? und
gleichsam vom Herzen abschlagen, was noch nicht reif ist, sondern erst eine
kleine grne Frucht ansetzt, die noch abfallen kann? So trstete sie sich
selbst, fate sich schwer aufathmend, und befahl ihrem Daniel leise, bei
dem Grovater zu bleiben und ihn zu pflegen und darum wohl zuzusehen, wohin
man ihn ins Gefngni werfen werde, und dann Herrn Paschalis zu bitten, da
er sich seiner erbarme. Darauf gab sie dem Daniel Geld, stieg rasch vom
Wagen und verlor sich unter der Menge.

Und der eine Brger sagte wieder: Schwager! Wenn wir nicht alle _die_
Hoffnung htten, da eigentlich Nichts lange besteht, was die Groen thun,
hchstens von einem Friedensschlu bis zum andern, und wenn es nicht ein
wahres Glck wre, da ein Friede nicht von Eichenholz ist, also nicht
versteinern kann, sondern der ewigste Friede nur etwa fnfzehn Jahr alt
wird -- so mchte ich kein Schuhflicker sein in Ewigkeit! Sela!

Und ich kein Schneider! Schwager! versetzte der Andre, Aber wir hoffen,
das deutsche Reich, dieses viel zerrissene und von aller Welt behaltene
Gewand, das der liebe Gott am Schpfungs-Sonntage selber abgelegt, das wird
nun endlich wieder auf seine alte rechte Seite neugewandt werden, und auf
eine bere, ja hoffentlich gute Weise mit Cameelgarn und Seide wieder
zusammengenht, da es so lange hlt wie ein Rock der Kinder Israel in der
Wsten -- 40 Jahr! Sela!

Wenn's nur noch Stich hlt! schlo der Dritte. Menschenherzen sollten
sie knnen zusammen nhen! So einen Schneider gebe uns Gott! Desselben
Ziegenbock will ich sein in Ewigkeit!

Ich auch! sprach der Dritte. Ich auch! schrie der Erste. Und von ihrem
Gedanken gleich froh ergriffen, _meckerten_ alle drei Freunde laut, und
nunmehr erscholl unauslschliches Lachen. Doch nun meckerten sie erst
recht. Und die Kinder umher meckerten, die Lehrjungen meckerten; die Khe
brllten; die Soldaten fluchten und schlugen ohne Auswahl und ohne Schonung
unter die Menge. Und die drei ursprnglichen Ziegenbcke fingen an zu reden
und sprachen: Vergieb ihnen, Herr! denn Soldaten wissen ja nie, was sie
thun! -- nur was sie leiden!

Christel, auf den Heimweg fortgeschlichen, hielt fter ihre -- mit den
Ellenbogen wie in die Luft gesttzte Hand vor die Stirn, wollte eilen, und
ging, von Demuth ganz gebeugt, dennoch nur langsam. Denn sie betrachtete,
da das alles um ihrer und ihrer Kinder willen geschehen sei, und erklrte
es sich aus gutem Herzen so: -- Johannes liebte sie; das sahe der
Grovater; -- und dieser liebte als Vater seinen Sohn, der wiederum sie und
die Kinder liebte mit seiner Liebe. So war es gekommen. Darum beschlo
sie, zu Hause nur wenige aber herzliche Worte zu reden, nicht aber zu
schweigen, damit Johannes nicht meinte: sie behalte das Schwere auf ihrem
Herzen. Und so ward dieses neue Unglck ein neues Band um sie und Johannes;
denn jeder Verlust und jeder Gewinn, jeder Segen und jedes Unheil zieht ein
gutes Weib nur fester ans Herz ihres Mannes, mit dem sie das Leben trgt,
und um dessen willen sich ihr nur Alles begiebt, das Traurige und das
Frohe.

Johannes aber stand vor ihr, als sie eingetreten, und frug nur: Weit Du?
-- Und sie antwortete nur: ich wei! Und nach zeitlangem Schweigen setzte
er nur noch hinzu: Deine schnen Khe sind auch fort! -- Sie aber
versetzte heiter lchelnd: aber die Kinder -- die Kinder sind alle -- ach
nun alle die wir noch haben -- gesund und frhlich -- bis auf den Daniel,
der mich begleitete, und ihn nun pflegt, Du kannst Dir denken: Wen!

Sie schwiegen darauf beide -- aber bereinstimmend -- und gingen an ihre
Geschfte, diese wahre Wohlthat des Lebens, oder das Leben des Einfachen
selbst, der in ihren nthigen Kreis unvermeidlich gebannt, nicht Zeit hat,
ein Gespinnst aus den Gedanken und Gefhlen _darber_ zu machen, sondern
seine Leiden und Freuden in seine Geschfte hinein arbeitet oder
hineinwirkt, wie ein Weber seinen Einschlag -- und das Gottgeheiene willig
und still vollendend, ein Mensch ist, ein chter Trger der Zeit -- wenn er
bei Andern auch nur ein Handwerksmann, oder ein Bauer heit.

Der junge Herr von Ellenroth, der Christel entgegen gegangen war, und sie
verfehlt hatte, kam darauf; aber er erfuhr nur von ihr, und noch als ein
groes Geheimni kaum verstndlich zugeflstert: Da Dorothea nichts
gethan: -- _als eine Thre zugemacht_, eine Gewlbthr im Unterstock des
Schlosses, -- Das Mdchen derselben aber habe ihr, auf ihre weitere
Erkundigung gesagt: in dem Gewlbe habe ein groes Kohlenbecken mit
glhenden Kohlen gestanden. -- Mit diesem unverstndlichen Bescheid wollte
der verstoene Brutigam wieder nach Frankfurt reiten, aber -- er nahm
seinen Weg ber Breitenthal, um zu erfahren: Wie eine Thr zumachen seine
Braut und ihn scheiden, und sie oder doch ihn so trostlos machen knnen.

So war denn im Hause wieder Ruhe, oder doch von Ordnung beherrschte
Unordnung, und von Mhe und Sorge bezwungene Noth mit so vielen Gsten, die
sich mig pflegten und schonten bis zum Lord- -- Todesschmause auf dem
groen grnen Schlachtfeldstische, wobei sie die Speise sein sollten, nicht
aber mitspeisen, hchstens ins Gras beien, oder Erde kauen; -- so wie
Bauern beim Schachspiel, welches morgenlndische Herrscher mit lebendigen
Figuren spielten oder noch spielen, und den verlornen und gewonnenen, vom
Stehen mden Statisten die Kpfe abhieben oder noch hauen, abhauen lassen
oder es befehlen; ohne da die armen Schelme ein Wort vom Spiele erfahren
als die Parole; oder einen Gewinn davon genossen, als -- den Braten
gerochen, den sie wie Jger, noch grunzend im Walde fr ihres gndigen
Herrn Wildpretskammer geschossen, und der ihnen den Leib mit den Hauern
aufgerissen hat; wie Wecker gesagt.




IX.


Das Weihnachtsfest kam whrend de herbei, aber nicht als ein
dankbar-heiteres Fest der Geburt Christi, sondern als ein irdischer Lrm,
und als eine Gelegenheit: das wenige Wohlschmeckende noch zu verzehren, was
ber den unfruchtbaren Winter hinaus bis zu den neuen Gaben der Erde hatte
langen sollen. Darum fehlten die Kinder nur Christel am meisten -- denen
sie _Freude_ machen konnte! Und doch bereute sie nicht ihre bereilte
Furcht, aus welcher sie dieselben in die sichere Stadt gebracht. Denn wenn
sie jetzt auch nicht am Leben gefhrdet schienen, so war ihr kindliches
Herz und ihre junge Seele doch in Gefahr der Verwahrlosung durch die rohen
Gste; und bei jedem frechen Worte und jeder frechen Geberde und That
derselben, welche die Kinder nicht sahen und nicht hrten, _dankte Christel
Gott, und empfand nur Freude, als fromme Mutter_, welche die Weise gefunden
hatte: die Welt sich immer gut zu deuten in dem ihr entgegengesetzten guten
Herzen.

Sie wollte den Kindern selbst bescheren gehen, sa in stiller Nacht vor dem
Backofen und buck jedem sein Christbrod; und jedes gedieh sehr schn und
ward gro; -- selber das Christbrod, das sie fr die kleine umgekommene
Tochter Clementine, voll guter Sachen und voll groer Rosinen mitgebacken,
ging hoch auf, und frbte sich lieblich braun; und Christel sah es mit
feuchten Augen und weinte und dachte: es geht Dir also wohl im Himmel,
mein Kind, das seh' ich an diesem Zeichen! Deine Bescherung aber soll ein
armes Kind bekommen, das dagegen ohne Mutter ist, wie ich ohne Dich! --
Auch fr den verschollenen alten Hausfreund Wecker soll sein Christbrod
gro und lockend daliegen, und der neue Rock dahngen -- bis er kommt! Und
zum Weihnachtsfest, oder doch zum Neujahr kehrt ein Jeder gerne heim. Sie
freute sich auf Weckern, sah ihn im Geist das liebe Gut verzehren und hrte
ihn wieder wie sonst dazu sprechen: Da wir durch des Christkindes Geburt
nicht mehr Sklaven der weltlichen und geistlichen Tyrannen sind, sondern
da wir armen alten Schulmeister, ja jedermnnig klger sind, auch wohl
besser, als anderleuts Narren zu sein oder nur zu scheinen, das verdient
wohl, da man ein paar Tage Christbrod it, oder wohl gar ein delikates
Stck Mohnstriezel, der einem im Munde zergeht!

-- Oder auch _zwei_ Stck! sprach Christel dann fast laut, und legte ihm
in Gedanken noch ein tchtiges Stck hin; und Daniel legte ihm still das
Seine auch dazu -- und Wecker bedankte sich nicht bei ihr und dem Knaben,
sondern bei dem Herrn Christus, besonders aber bei dem fast ganz aus der
Acht gelassenen, ja wie in die Acht erklrten heiligen Geiste, dafr, als
welcher es eigentlich so weit gebracht, da Christbrod in der Welt sei --
und gute Menschen!

Darauf weinte sie im Stillen vor alter Freude, und zuletzt vor neuem Leid.
Aber das knftige kannte sie nicht, und ahnete es kaum; wie Niemand an
bunten warmen Herbsttagen den Alles wei bedeckenden Schnee. Und doch war
ihr Herz voll Angst und Furcht vor der Zukunft, die sie gern gewut htte,
nur ein Augenblickchen gern hinter den Vorhang der Jahre geguckt, oder nur
hinter die Nebelwand, die vor dem nchsten Jahre hngt, um zu sehn, was fr
Gestalten dahinter standen; blutig, glnzend, wohlthtig, oder schrecklich
-- alle aber vom Himmel gesandt; -- oder schon auf Erden wandelnd, aber
ihre eigenen knftigen Thaten und Werke noch nicht kennend, und unerkannt
unter der Menge wandelnd; bis ein Engel mit seinem Finger vom Himmel herab
auf ihn deutet, laut seinen Namen nennt, ihn anruft und spricht: Nun sei
du selbst! Werde und wirke!

Am Vorabend des Neujahrfestes 1814 trat da in der Dmmerung ein Mann in
Johannes Stubenthr und sprach: Willkommen! Sprich Willkommen, mein
liebes sogenanntes Pathchen, denn ich bringe Euch einen Gast mit! -- Ich
bin der sogenannte Leinweber _Krieg_ mit der Bageige; aber ich habe sie
heute nicht mit! Und der Fremde wird Euch gewi lieber sein, denn er brummt
nicht so, und ist ein stiller Mann und alter guter Freund von mir -- und
wird nicht lange bei Euch verweilen -- sage ich Euch zum Troste. Nun tretet
nur ein, sogenannter Herr Prophet Adam! Hier wohnen treue verschwiegene
Leute. Das sei Gott geklagt! Nmlich: da nicht in jedem Hause dergleichen
Adamskinder wohnen, mein Adam! Denkt, Ihr seid ihr Urvater, macht's Euch
bequem, und setzt Euch nieder, als wrt Ihr zu Hause im sogenannten
Paradiese. -- Marsch, hinein! nicht hinaus! denn ich bin kein sogenannter
Engel mit dem Schwert -- nur mit dem Stocke, der heut gewi so mde ist als
ich -- ob ich gleich als Leinweber das Treten gewohnt bin, aber -- beim
Sitzen, nicht beim Laufen! Nun Christel, macht sogenanntes Licht; das
heit: zndet es an, oder den Kamin! das heit das Holz darauf, damit wir
uns sehen und kennen lernen, und Adam nicht glaubt, ich habe ihn in ein
sogenanntes Blindenhaus gefhrt, was jetzt die ganze Welt ist, nmlich
nicht fr immer, sondern nur bis wieder die sogenannte liebe Sonne aufgeht,
das heit: die Erde unter, das heit: sich nur herumdreht mit den Betten
voll schlafender Halbtodter, das heit: nur immer eine Nacht Todter. Also
nur Licht! Wrme, Brod, ein Schoppen Wein, und dann Stroh zu einem
sogenannten Bett, mein liebes Pathchen! Erschreckt nicht ber meine lange
Eingangsrede; sie ist nicht der Eingang, sondern die Rede selbst, und ist
nun aus und heraus! Vorhin war mir das Maul von der Klte zugefroren --
jetzt ist es aufgethaut.

Christel schlug mit freudezitternden Hnden Feuer und -- machte Licht. Dann
nahm sie dem lieben Pathen Leinweber den Pelz ab, und sahe mit sonderbarer
Scheu zum ersten Mal in ihrem Leben einen Propheten. Der Mann war schlank
und hager; seine groen schwarzen Augen funkelten sie an, und sie sahe
darin Gutmthigkeit, Treuherzigkeit und viel mehr Demthiges als Stolzes,
und vielmehr Offenheit als Schlauheit; wenn auch sein Mund nur freundlich
grte, aber zurckhaltend dann schwieg, oder nur die nthigsten Worte
sprach. Denn er schien menschliches Wesen, den Lrm um das Heut und das
Jetzt immerfort zu belcheln, wie das brennende sich verzehrende Licht; und
doch beobachtete er alles Geschehende scharf, und schien es nicht recht
fassen oder sich damit vertragen zu knnen. Und so lag eine gewisse, schwer
zu verhllende Hast und Ungeduld in seinen Geberden und Schritten, bis er
wieder in einer Ecke still stand und sah und zusah. Wie Jemand, der selbst
auf einer weitschauenden Hhe steht, und hinter den Bergen her viel fremde
wunderbare Gste erwartet, die ihm haben zusagen lassen: sie wrden
kommen, und die alle Augenblicke, aber auch in Jahren erst kommen knnen,
und die zu erwarten und zu begren er auf die Hhe gestellt ist. Und so
lag auch Ueberdru auf seinem blassen Gesicht, und seine Kleidung war nur
-- Kleidung, und schien nicht sorgfltig angezogen, sondern nur umgehangen.
Auch seine schweren langen schwarzen Haare hingen ihm grad und schlicht,
ohne zu glnzen, bis auf die Schultern herab. Seine Sprache aber drckte
selbst das Gewhnliche so aus, als sei sie blo fr diese jetzige Sache von
ihm erschaffen worden, und solle in der Welt nichts anders mehr bedeuten;
und so erschien sie klar wie Wasser, das den Grund durchsehen lt, doch
nicht wie geprgtes fertiges Gold, sondern wie solches, das eben geprgt
wird, das mhsam aber sauber und fehllos unter dem hrbar arbeitenden
Stempel hervorkommt.

Sie hatten kaum zu Abend gegessen und sich ausgeruht, als ein furchtbarer
Lrm im Dorfe entstand. Alle Soldaten liefen bewaffnet hinaus, und auch die
Bewohner von Zahlbach standen eine Zeitlang betubt in jenem allgemeinen
Erschrecken, in welchem alles Grause, das in der Natur ist, aufgeschrien,
wie Ungeheuer des Himmels, des Meers und der Erde drohend und schnappend
mit offenen Rachen die Menschen umlagert, und gegen welches das grte
Unglck nur Kinderei wird, wenn der Schreck seinen Namen durch die Taufe
der Zeit erhalten. Und so ward sogar allen leicht um das Herz, als sich ein
nahender Bote erbarmte und kund that: Mainz brennt!

Nun eilten Viele auf die Clubbisten-Schanze. Aber es war nur dort ein
matter niedergehaltener Schein ber der Stadt zu sehen; oder bisweilen
einige leuchtende Funken um die Thurmspitzen, und dumpfes Gerusch scholl
auf; dazwischen auch wohl ein Knall, hier einer und dort zwei, auch drei;
dann schwieg es wieder und rauschte und rief nur fort und blieb hell,
Johannes mit seiner Christel und der Leinweber Krieg mit seinem Propheten
Adam Mller stiegen also auf den noch hher liegenden Berg zur Seite. Krieg
prophezeihe Unglck -- denn die sogenannten Verbndeten gingen in dieser
Nacht ber den Rhein! . . .

Friede! Friede! Es ist Friede! scholl es von der Clubbistenschanze.

Friede? rief Adam, aufglhend vor Zorn, Friede! Der ist nicht! Der wre
schrecklich! Das kann ein Kind begreifen! Die Vlker sollen Eins werden --
und im Kriege erkennt Jedes das Andre als ein eigenes Wesen mit eigenen
Rechten und Ansprchen, und fhlt sein eigenes Unrecht und seine Snden
. . . wie seine Wunden! und kann den Himmel mit Hnden greifen . . . wie
seine Leichen. Friede? Entsetzlich! Wie wrde da Frankreichs Licht
ausgegossen ber Europa! Der Kosak sticht in ein franzsisches Herz mit der
Lanze, wie ein Hammerschmid in den hohen Ofen, und eine ganze Gans, ein
Strom Feuer flieet ihm zu! Deswegen sind die rohen unwissenden Vlker so
kriegslustig -- um zu wissen, und sterben gern wie Ameisen; denn sie
wissen, ihre Nachkommenden erstrmen die Zuckerdose!

In Mainz flogen Leuchtkugeln auf, und die nchste Umgebung ward schwach
erhellt davon, wie von vielen kleinen zerplatzenden Monden.

Seht nur, sprach der Leinweber; das ist ein sogenannter alberner Spa
fr einen Propheten, der den Feldmarschall Blcher wieder besuchen und ihm
den Verlauf und den Ausgang des Krieges prophezeien will -- nmlich da
alle sogenannten Schlachten jetzt so gut wie halb umsonst geschlagen
werden, und da das viele junge Blut jetzt umsonst flieet, weil Napoleon
wiederkommt nach Jahresfrist -- und nun machen sie Friede in Mainz!

In Mainz! versetzte Adam. Der Friedensjubel ist nur eine Maske, in
welche die endlich auch einmal schlau gewordenen Deutschen die Feinde
gesteckt, damit sie drin tanzen und nicht -- den Uebergang ber den Rhein
sehen.

Also wird _der Kaiser_ vom Throne gestoen werden? frug Johannes. Sagt uns
doch auch Etwas!

Das kann ein Kind begreifen! sprach Adam; freilich der Kaiser; denn ein
ganzes Volk lt sich nicht absetzen von seiner Menschenwrde oder _auf den
Thron stoen!_ Darum sind alle Kanonen nur auf Ihn gerichtet, welche
freilich den armen Franzosen Arme und Beine zerschmettern oder den Leib
aufreien, weil ein Potentat nur aus anderleuts Gliedmaaen besteht. Aber
nur ein schwangerer Mann wird ihn berwinden; denn mit einem solchen
Elephanten-Unternehmen trchtig gehen, ist kein platter Spa, sondern ein
hherer Ernst, ihr Leutchen! Sein Sieger mu glauben, einen Elephanten
gebren zu sollen. Nur wie man das einmal auf's Theater bringen will, oder
malen, ist meine Sache nicht; aber auch eingebildete Dinge sind wahr, und
wr' es ein junger Elephant. Das Blut mu aber doch vergossen werden.

Und dann wird Friede? frug Christel frhlich und getrost.

Das kann ein Kind begreifen! sagte ihr Adam. Aber, meine Frau Christel:
ein Donnerwetter im Frhjahr ist nur eine sichtbare, hrbare und wandelnde
Schaffung der Blthenzeit auf der Erde. So soll und wird der bekannte
gemeine Krieg nicht aufhren, damit der bekannte gemeine Friede wird,
sondern damit der reine _groe ewige_ Krieg wieder anheben kann, welchen
die Menschheit unter sich tagtglich kmpft. Denn Leben ist der Streit und
das Ringen nach Weisheit, Recht und Freiheit; und in diesem soll bewhrt
werden die Liebe und die Tugend; denn die Thrnen und Wunden, die Schmerzen
und Tode in dem _stillen Kriege_ der Menschen, der da Frieden heit, sind
unaussprechlich tiefer, schwerer und tdtlicher, und millionenfacher -- als
in dem lauten Kriege. Darum bete ich um Frieden, auf da der wahre Krieg
wieder seinen groen Verlauf beginne; und der leibliche Krieg mu nicht
mehr geduldet werden von keinem Volke, weil er den Welt- und Geisterkrieg
nur unterbricht. Und da mte Einer oder Mehrere blind, stock -- blind
sein, wenn sie nicht sehen, da das deutsche Volk nun aufsteht die
Auferstehung, die mit dem nie dahin begrabenen Kaiser im Kyffhuser
gleichsam begraben liegt, seine groe, ganze Auferstehung! Nicht dafr, da
Jeder wieder seine vorher so beglckten Leute wieder so wie bisher
beglcken soll; denn das kann ein Kind begreifen: das Volk steht nicht
begeistert auf fr Andere, sondern fr sich, von einer groen Ahnung voll:
das groe gemeinsame Vaterland soll leben und dastehn, nicht Heinze oder
Kunze, die als Sterbliche doch bald umfallen. Fr Heinzen und Kunzen opfert
es also scheinbar auch sein Blut; deutlicher aber schon: um die Schande los
zu werden, da es ein fremder Tyrann nach seinem eignen Gefallen
beherrscht. Und Deutschland wird durch seinen Sturz sich emporrichten; _den
ihm Niemand abgewehrt_, den im Gegentheil ihm Viele lange herbeigefhrt
haben durch Habsucht und Uneinigkeit; und Deutschland wird durch seine
Erniedrigung erhhet werden, wozu ihm nur Gott der Herr hilft. Und das wei
das Volk -- und Gott! Und das Volk wird siegen mit Gott!

Jetzt erdonnerten hundert Kanonenschsse rund um die Stadt, aus feurigen
freudigen Schlnden, wie Triumphhall; die deutsche Erde bebte, und die
deutschen Augen weinten auf dem Berge. Aber Adam setzte sich traurig
nieder, sahe auf Mainz hin und weinte auch, aber ingrimmig; und der Mann
schien eine feurige Flamme, die aus der Erde gefahren, und aus der Flamme
sprach es: Ja, jubele nur Du unschuldige Stadt, Neu-Bethlehem, Du Stadt
des Unheils der unschuldigen Kinder, um _das Wort der Weisen_ zu Schanden
zu machen: da die Erlsung nun da sei und das Licht geboren! In Dir wird
man hren aus thrigen Kindern, was -- die Erde will, und um dieser Kinder
willen wird man ein Netz ber alle Lande legen, ein eisernes Netz, das
zehntausend Millionen Goldstcke kosten wird, und in _einer Sommernacht_
zerreissen wird wie von Spinnenfden, und dann keinen Kreuzer mehr werth
sein wird, wie ein zerrissenes Kreuzspinnennetz! Denn die Kreuzspinnen
werden es spinnen, und eine groe Kreuzspinne mitten darin still sitzen und
Spinnen brten, und hineilen, wo nur ein Fdchen sich lsen mchte. Aber
das Netz hat der Spinne letzte Lebenskraft gekostet; sie kann es nicht
wieder verschlingen, nicht mehr verdauen, um es neu zu weben, so lange der
Himmel bleibt. --

Da erscholl mit erschtternder Wirkung vom Thurme des Domes Posaunenhall
durch die Nacht, und himmlische Luft trug unter den heiligen Sternen und
ber der heiligen Erde die Worte her: _Herr Gott, Dich loben wir! --
Herr Gott, wir danken Dir!_ --

Er hat schon geholfen! schrach der Leineweber. Mir ist, als spielte ich
das Lied mit meinem Basse mit, und striche furchtbar dazu, da es die
adligen vornehmen Todten in den Grften beim Altare hrten, und die
gemeinen Bauern-Todten drauen in schlechter Erde auf dem Gottesacker!
Blaset nicht mehr! Ich halte es nicht aus -- ohne meine Bageige! Hrt auf,
ihr Menschen!

Und gleich auf der Stelle trifft das ein, was Ihr voraussagt, Herr! sagte
Christel. Das Netz soll zerreien -- und gleich danken sie Gott dafr in
Mainz!

Nicht nur in Mainz, meine Christel! sprach Johannes. Aber besinne Dich
nur! Denn Du vermischest seine wahre Rede mit ihrer falschen Freude; --
eigentlich posaunen sie Unsinn! Sie sind nur zum Narren gehabt!

Aber nicht Narren! -- Hilf Deinem Volke, wirklicher, nicht nur sogenannter
_Herr_ und Gott! _Das_ trifft gewilich ein; meinte der Leinweber.

Alles Gute trifft ein. Denn das Gute ist Gott! Und Gott ist nicht todt zu
machen, _und Gott bleibt nicht aus!_ Er ist immer da und nah! Gebt acht!
-- sagte Adam Mller. --

Und eine ungeheure Nachteule, gro wie der Vultur papa, oder auf Deutsch:
der Papst der Geier, rauschte niedrig am Boden vor ihnen vorber, und
krchzte schauerlich-furchtbar und furchtsam wieder heran. Denn sie war
geblendet, und wahrscheinlich aus dem alten, dunkelrothen Dome der Stadt
verblasen und verschossen worden. Sie setzte sich nahe vor ihnen hin; ihre
Augen funkelten; ihre Federn standen ihr zu Berge; sie war aufgehuschert,
wie zum Schlafe. Und Peter, der Hund, der ihnen nachgekommen war, strzte
sich auf sie, und zerfederte sie; aber die Eule klammerte sich ber seinem
Maule fest, und hackte nach seinen Augen; und der Hund heulte, von ihren
Krallen zerkratzt, durch die Zhne; schnaufte, boll dumpf, wlzte sich, bi
sie endlich todt, und schttelte das schndliche Schlo mit Schmerzen und
Qual vom Munde, und kam dann blutend und doch frhlich zu den Menschen.

Allen war grauenvoll zu Muth.

Ist das auch ein Zeichen heut in der Neujahrsnacht? frug Christel.

Die Natur verstehe ich nicht auszulegen; erwiederte der Prophet, ich
sehe nur _Gesichte_. Aber etwas Aehnliches kann kommen. Denn das deutsche
Volk nimmt jetzt einen ungeheuren Anlauf zum Hohen und Groen, wie nie
zuvor; und unfehlbar auf immer; und wenn es Eines wird in Sinn und Geist,
wrde es furchtbar allen Blinden und Taubstummen -- _wenn_ es nicht ein
treuer Hund wre, der eher wacht und schtzt, als raubt und verschlingt,
wie ein Wolf. Deswegen werden die vergrerungsschtigen, falschen --
Trken seinen Herren falsche Angst machen; da der Hund nun ein Ungeheuer
werden knnte, und bitten und rathen, und _befehlen_, da ihm ein Schlo
vor den Mund gelegt werde, damit er nicht . . . reden lerne wie Bileams
Esel, und kaum klagen knne seine Nothdurft, aber nur dumpf, aber nicht
bellen noch beien -- das treue arme gute Thier! Seht nur, wie Peter
blutet! heit er nicht so? Denn was jetzt geschehen wird, das kann ein Kind
begreifen . . . aber in den dreiiger Jahren, wenn der Komet kommen wird
. . . da wird die Erde Angstschwei schwitzen, wie ein Ro vor dem Kameel!
Und wie die Fliegen, die auf dem Rosse sitzen, von dem Angstschwei
sterben; so werden die Menschen, die Fliegen und Wrmer der Erde --
sterben. Denn heut ist es ein Jahr, da klopfte es um Mitternacht an mein
Fenster. Ich horchte; aber ich las still fort in den groen Propheten. Da
klopfte es wieder. Ich sah hin -- es schwieg -- ich las fort. Aber -- ich
wei nicht auf welche Weise, ich schlich leise zur Hausthr, und harrte.
Und als es zum dritten Mal pochte, ri ich die Thre auf, um zu sehen, wer
. . . doch ich sah -- lat mich schweigen -- ich sah _Jemand_ in einem
weien langen Gewande, wei, wie der Schnee . . und es blickte mich an mit
hohlen Augen . . . und es winkte mir fort -- und als ob ich von ihm an
einer Kette gefhrt wrde, mute ich folgen, und wir schritten durch das
mondhelle todtenstille Dorf auf den mondhellen todtenstillen Gottesacker --
-- und die Pforten der Kirche standen offen, und es zog mich hinein, und
die Pforten fielen hinter uns zu, und die Schlsser verriegelten sich --
die Gestalt deutete nach dem Altar, und versank vor meinen Fen in die
Steine des Bodens, wie Wasser zerrinnt; und ich stand allein in der
mondhellen todtenstillen Kirche. Aber sie war heller als von einem bloen
Monde, und so still, da ich das Blut vor meinen Ohren sausen hrte, wie
Rauschen des Meeres. Und aus Furcht schritt ich zu dem Altar hin, wo es
heller war, und die Gestalten von Engeln wenigstens aus Stein gehauen um
mich waren. Aber da kamen vor meinen Augen -- wie drei goldene Khne still
aus einem Wasser tauchen -- drei Srge aus dem Boden herauf, und an jedem
stand eine Jahrzahl, wie von einem inwendigen Feuer glhend und licht. Und
mich zog es wider meinen Willen hinzu, und ich mute den Deckel des ersten
Sarges abheben -- und der Sarg war voll von warmem noch dampfendem
Menschenblut -- aber das Blut schrie leis und unaussprechlich bang zum
Himmel, wie ein neugebornes Kind schreit in seinen Windeln. Das Blut aber
wimmerte in drei Sprachen zum Himmel . . . und nannte drei Namen, und rief
ber jeden Namen dreimal Wehe! -- und die Engel neben mir riefen: Wehe!
-- Und ich konnte es nicht ertragen. Und um Grausen mit Grausen zu
vertilgen, ri ich den Deckel vom zweiten Sarge . . . und ich sah . . . er
lag voll Menschengebeine . . . und die Gebeine regten sich und klapperten,
und drre Hnde falteten sich wie zu beten, und wollten sich aufstellen und
konnten nicht, und fielen immer wieder in die Asche zusammen, wie
Kartenhuser den Kindern . . . . Und der tiefste Ton in der Orgel fing an
zu sausen und mit dem Tremulanten zu zittern, da die steinernen Glieder
der Engel zitterten und klapperten; und die Steine der Kirche zitterten und
klapperten mit, und die Fenster klirrten; der Mond von drauen und das
Licht von drinnen erlosch, und ich stand in schwarzer Nacht. Und vom
Orgelchor sang eine einsame Stimme eines Knaben -- vom Tremulanten in einem
Tone begleitet, die Worte: Und dann, wenn kein Elend mehr laut genug
chzen kann, dann wird ein Schaafsterben kommen und die Hirten erschrecken.
Endlich mu Jeder dadurch einsehen: Jeder sorgt zugleich fr sich am
besten, wenn er fr die Andern sorgt: fr die Armen, die Hungernden und
Nackten, und die _zugleich_ arm, hungernd und nackt sind! Endlich soll nach
den sechstausend Jahren seit der Schpfung im Paradiese, Gottes Ebenbild
und alle seine tausend kleine Bilder, nicht mehr tausendmal schlechter sein
als das Vieh, das sein Fell -- seine Kleidung, sein Gras -- seine Nahrung
hat fr den Leib. Denn selbst das Vieh bleibt nur gesund und giebt Nutz,
wenn es sein Futter bekommt zu rechter Zeit. Aber demthig, ohne Fell und
ohne Futter stehen noch Millionen Kinder Gottes und beten: O Pest! Stecke
nicht durch uns die Reichen an, sondern erffne die Augen derer, die Zungen
haben, da der ungerechte Ueberflu aufhrt, und die berflssigen Rechte,
da nicht lnger Unbarmherzigkeit sei auf Erden! Darum soll dein Name, o
Menschenvertilgerin, genannt werden: Die endlich barmherzige Mutter der
Menschheit! -- Da erklang ein ungeheurer Lrm von lauter verstimmten
Instrumenten, Geigen und Bssen, Fagotten und Hrnern und Trompeten und
Pauken; die Orgel aber spielte noch obendarein einen halben Ton tiefer
dazu, und ein _Gelchter_ erscholl, wie von hundert brllenden Lwen. Ich
sah mich um, und alle Orgelpfeifen waren gleissende dicke Schlangen und
hatten Teufelskpfe, und die Kpfe lachten alle; und eine groe Schlange
zischte und gebot dem Gelchter Stille, und die Stimme sprach dann herab:
_Niemand ist barmherzig als Gott!_ Kein Teufel lt einen Kreuzer aus
seinem Sacke Gold fahren; kein Gewaltiger lt ein Haar nach von seinen
geerbten Rechten, als hchstens gezwungen ein Paar, um die brigen sich zu
erhalten! Niemand ist barmherzig als Gott! Kein Teufel! -- Und die Kpfe
verfielen wieder in ihr Gelchter, und lachten sie aus die Barmherzigkeit
der Menschen. -- Und wie mir da grauenvoll zu Muthe war -- siehe da
springen die Pforten der Kirche auf, und blendendes Licht bricht herein;
und die Halle bricht oben aus einander, und die Gewlbe und das Schiff der
Kirche bersten oben auseinander, und als wren die Mauern und Pfeiler und
Sulen von blauem Weihrauchduft, werden sie lichter und lichter,
durchsichtig und leicht, und duften nach und nach hinweg; und der tiefe
blaue Himmel ist droben und drunten und um mich. Und ein Stern, gro wie
zwlf Scheiben des Mondes, und wei wie Schlehenblthe, nahet da langsam
wie ein Mensch, kommt herein in den Raum, und ich weiche vor ihm bis an den
Altar, und er nahet und bleibt ruhig schwebend, wie die Sonne am Untergange
anschaubar stehen vor den drei Srgen. Und der Stern war -- ein groes
himmlisch-schnes Antlitz, und es blickte mit thrnenfeuchten Augen auf die
Gebeine im zweiten Sarge, und das Blut aus dem ersten Sarge sprach wieder,
aber leise: Das ist _das leidende Gesicht der Menschheit!_ Sieh es an! --
Und ich schaute es nun getroster an, und das Blut sprach: Siehst Du das
leidende Gesicht der Menschheit von solchem Nebel umblasen, da es wie
blind ist und nicht gern die Augen aufmacht, weil ihm die Augen bergehen!
Verwegene Buben haben ihm Niewurz unter die Nase gestrichen, und es mu
niesen, und schlgt mit dem Kinn auf das vor ihm zugemachte in Eisen
eingebundene harte Buch, worin es gern lesen mchte . . . die
Weltgeschichte. Das Haupt ist wie ein Engelshaupt, ohne Leib, ohne Hnde
und Fe, und rckt nur hher wie die Sonne; aber in tausend Jahren nur
eine Spanne hoch, und sieht noch kaum die Erde vor Nebel und Glanz. Aber
ach, es hat auch nicht Flgel wie Engel, und es mu auf Erden bleiben, es
mag ihm gehen wie es will. Andere Dmonen wollten ihm die Augenlieder
abschneiden, wie griechisch-glubige Kaiser ihrem Vorgnger, damit es
niemals schlafen knne, sondern nur, unschdlich, in einem irrigen Traume
dahin starre! Sieh nur; das kindlich fromme Gesicht hat Wunden ber und
ber aus tausend Kriegen, und Pestspuren, und sieht hungersatt, arbeitsmatt
und kummervoll aus, und trgt einen Ausdruck in seinen gtterschnen Zgen,
der selbst dem hrtesten Menschen das Herz im Leibe erweichen mte, wenn
er eins htte -- und ihm das leidende Gesicht der Menschheit einmal
erschiene. Du aber bist gewrdigt worden es zu sehen, und sage es nur, sage
nur die Wahrheit: das erbarmungswrdigste, ehrwrdigste, leidendste und
doch das schnste, was es geben kann, ist das leidende Gesicht der
Menschheit! -- -- Ich selbst nun wollte ihm einen frommen Trostspruch aus
Gotteswort in das Ohr rufen -- aber das Ohr war taub! und ich hatte zu viel
Ehrfurcht, um zu schreien; aber das Haupt neigte sich, wie ein
stillwahnsinniges Kind, und seine frommen groen milden Augen sahen
freundlich auf mich; ber das Antlitz flog einmal -- ein trauriges Lcheln,
und die schnen Lippen zuckten, als wollten sie sprechen. Aber es bedeckte
seine Augen wie blaue Glockenblumen, mit den schngewlbten,
langbewimperten Augenliedern -- und schwieg. Und ich rief auer mir:
Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht; mit Gott im Himmel hadre nicht!
und es war, als htte das Haupt sein Herz in der Erde, und das Herz
desselben schlug laut unter mir, und hmmerte wie ein tiefes unterirdisches
Werk in stiller weithrender Nacht. -- Und der Chorknabe stand jetzt
drunten neben mir in himmelblauem Gewande und frug, und Thrnen rannen ihm
dabei ber seine reinen Wangen, er frug: Ist es mglich, giebt es wohl so
harte selbstschtige Herzen, dies Himmelsantlitz so tief zu krnken! Ist es
mglich, ihm nicht alles Liebe und Holde zu thun, ihm selbst sein Herz zu
opfern -- nicht wie dem Abgott Fitzliputzli -- denn das Antlitz ist Gottes
Ebenbild und Gottes des Sohnes Ebenbild -- und was ihr ihm thut, das habt
ihr _ihm_ gethan -- _oder ihm nicht gethan_. Aber hast Du Muth zu sterben
und nur eine Viertelstunde todt zu sein (wenn Du, der schndlichen Welt
entrissen, nicht immer unter den Seligen bleiben willst), so will ich Dich
schauen lassen, welche Strafen und Qualen alle die leiden, die diesen
Himmelsaugen nur eine Thrne ausgepret, ber die das in der Erde
schlagende Herz nur einmal verborgen geseufzet! -- Und er sank hin vor
meinen Augen und starb und war todt -- und eine geheimnivolle innere Macht
hielt mein Herz an, wie eine Uhr, nahm den Hauch aus meiner Brust und
schlo mir leicht und s die Augen zu, und ich war gestorben und todt --
aber ich wunderte mich, da ich noch lebte, als der Knabe mir an einem
fremden Orte leuchtend entgegentrat, da ich sah; aber Alles klarer, so da
ich zugleich es einsah; und da ich hrte, aber aus ungemessenen Fernen,
und doch Alles deutlich unterscheidbar und unterschieden. Und wir standen
auf einem Berge, mitten in grner, groer Ebene, gro, wie dem Schiffer die
offenbare See um ihn her; doch die Ebene schien wie die Erde voll
Saatfelder, Bche, Flsse mit Bumen besumt, mit Hgeln und Felsen und
wunderlichen Gebuden und altem Gemuer besetzt, und sonderbare Gestalten
regten sich emsig im ganzen Gefilde. In der Mitte desselben stand ein
riesengroer Kandelaber, und erleuchtete den ganzen Raum mit hellem
Purpurlicht; denn keine Sonne, kein Mond und kein Stern war hier zu sehen;
denn diese hatten noch alle ihre gttliche Arbeit in der lebendigen Welt.
Auf dem Kandelaber aber stand als rubinrothe Lampe -- ein Menschenherz. Es
war durchsichtig, und man sah das Blut in den Adern desselben umlaufen, und
zu den Ohren des Herzens lfteten sich von Zeit zu Zeit lichte Flmmchen
heraus, wie wenn man Stahl in Lebensluft verbrennt; und in dem Kandelaber
liefen Rhren, wie Adern, hinauf, die dem leuchtenden Menschenherzen sein
Oel -- das vergossene Blut aus der Erde berall zusammensaugten und
herauffhrten. _Wrme_ aber gab ein ungeheures Felsenthor in einem Gebirge
zur Seite, worin man Flammen brennen sah -- das Feuer, das bereitet ist
vom Anbeginn -- sagte mein Fhrer. Am Himmel waren keine Wolken zu sehen,
nur reine azurne Wand, aber in den vier Himmelsgegenden: vier himmelhohe
Bilder, nicht gemalt, sondern nur in Umrissen, ausgelegt mit
buntschimmernden falschen Edelsteinen. Ein Anblick, wie ihn selbst so gro
und erstaunend der gestirnte Himmel nicht zeigt, der dagegen nur aussieht,
wie eine -- blaue Wiese, oder eine blaue Hhe mit gelben Schmergelblumen.
Aber hier war Arbeit! Gegen Morgen ragte das Bild der _Herrschsucht_ empor,
und die Gestalt hatte ein Kind mit einer eisernen Spindel statt des
Rckgrates auf ihren Armen -- den _Stolz_, der eine barbarische verachtende
Unterlippe hatte, an welcher drei schwere Ordenskreuze hingen. Gegen Mittag
aber stand die _Habsucht_, mager und lauschend, mit gierig umhergreifenden
Hnden wie Polypen, die jappend und schnappend im Leeren sich selber faten
und ansaugten und fraen; weil der Himmel umher, wie eine Wand mit
Eisenspitzen bewaffnet war, da sie sich blutig ritzten. Gegen Norden aber
stand die _Furcht_, wie auf dem Sprunge zu entfliehen, aber zu schwer
gepanzert, als da sie entfliehen konnte; und sie trug an ihrem Grtel
viele Arten Waffen. Ihr Mund aber war mit Schlangenzhnen besetzt, und
statt des Herzens, sah man durch die Gestalt -- trug sie einen grnen
Beutel voll Scorpionen, und auf dem Beutel stand: Das bse Gewissen.
Gegen Abend aber stand die _Religion_, aber sonderbarer Weise nur als ein
groer Deckmantel abgebildet, mit wunderlichen Zeichen, Mtzen, Ketten,
Bullen und Bullenbeiern und Fackeln farbig gestickt. Wie eine groe
Gallerie aber lief, ber den Kpfen der vier Riesenbilder, horizontal unter
der Kuppel des Himmels umher, ein breiter schwefelgelber Streif mit einer
schwarzen Umschrift, die aber nicht still harrte, wie eine andere Schrift,
bis sie Jemand lse; sondern sie rief immerfort selbst ihre eigenen Worte
laut umher aus: _Du sollst nicht begehren Deines Nchsten Land._ Denn,
sagte mein Engel: Gott hat zwar gesagt im neunten Gebot: Du -- also
Jedermann, wer es sei, denn Gott redet jeden Erdenwurm aus
Machtvollkommenheit mit Du an: Du sollst nicht begehren Deines Nchsten
Haus; und im zehnten Gebote hat er gesagt: Du sollst nicht begehren Deines
Nchsten Weib, Knecht, Magd, Vieh oder Alles, was sein ist. Aber weil der
gute Vater der Menschen nicht erst die Vermessenheit eines sterblichen
Snders fr mglich gehalten, da Einer hunderttausend Huser, nebst
Millionen Weibern, Millionen _Knechten_, Mgden, unzhlbares Schaaf- auch
Rindvieh und Alles, was ihr ist, _begehren_, ja sogar _nehmen_, ja sogar
_behalten_ wrde; darum steht nun hier deutlich ausgedrckt: Du sollst
nicht begehren Deines Nchsten Land! Auch hatte er jene Gebote nur mit dem
Finger auf stumme Steine geschrieben; darum spricht sich nun sein
erlutertes Gebot ohne Rast und Ruhe Tag und Nacht, wie von Gott gerufen,
selbst ganz laut aus, und Niemand kann die gttliche Stimme hemmen oder zum
Schweigen bringen, noch in sich und in Andern betuben; denn sie bertnt
Alles, und nach ihr wird an jenem groen Tage ein Jeder unerbittlich
gerichtet werden. Denn wie soll der gerechte, ja der barmherzige Gott
Jemandem seine tausend Pfund, oder so etwas Heiliges wie sein Weib und
seine Kinder, seinen Vater und seine Mutter wiedergeben, und die Seligkeit
dazu, wenn ein Mensch so etwas Sorgenvolles und kurz Besessenes wie ein
Land, seinem Nchsten auf Erden nicht wiedergegeben? Die zehn Pfund! --
Mitten in dem Aetherdome aber hing ein erstaunend und furchtbar groes
Kreuz, ganz einsam und allein, an einer langen, langen Wurzel des
Lebensbaumes herab; doch Christus hing nicht an dem Kreuze, sondern es war
nur verhllt und umwunden mit schwarzem Trauerflor, und statt der
Inschrift: I. N. R. I., an der Stelle wo sein Haupt fr die Menschheit
gestorben, glhten rubinroth die Worte: _Bis heute vergebens!_ Aber sie
riefen sich nicht selber laut aus ber die Welt, wie des Gebotes Erfllung:
Du sollst nicht begehren Deines Nchsten Land, sondern sie schwiegen
unbeschreiblich wehmthig anzublicken, und weinten immerfort, wie ein still
rinnender lebendiger Quell in Tropfen herab, die verblinkten wie Thau und
verdufteten wie Himmelsthau. Hoch droben aber, ber dem Kreuze hing im
Schlusse der Kuppel des Alles umfangenden Aetherdomes die groe Posaune zum
Weltgericht an Spinnenfden; und ein Engel schwebte Wache um sie, mit einem
silbernen Mundstck in der immer bereiten Hand. -- Gerade unter dem
trauerumflorten gewaltigen Kreuze aber war ein Chor erbaut, auf welchem
sechshundert auf Erden ermordete Tyrannen und Herrscher, in Brenhute
gekleidet, saen, mit ihren Weibern und Kindern und Brdern und Schwestern
und Vtern und Mttern. Und ich hrte sie singen, und frug; und der Engel
antwortete mir: Hre nur, wie befangen, widerwillig und immer trotzig sie
singen; denn sie singen die Marseiller Hymne immer durch, und vom Ende
wieder zum Anfang in einem ewigen da Capo, bis der, wie ein feuriger Stahl
und Strahl auf die Erde gefallene Gesang, dessen gleichen seit Paulus
Worten nicht erscheinen, und seit welchem fr die Menschheit das neue Reich
anhebt, bis er in ihr Haupt gestiegen, und wo mglich in ihr Herz, damit
ihre Seelen nicht verloren gehen. Denn das will der groe Vater nicht! Sie
singen ihn aber zugleich zur Ermunterung der Millionen Arbeiter in diesem
groen Fabrikgefilde. Denn siehe, fr alle Verbrechen mu erst
_Wiederersatz_ geleistet werden; und das konnten sie Alle nicht im Leben,
im immer gedrngtvollen, breit mit Werken besetzten Hause der Menschen;
darum mssen sie Schadenersatz und Genugthuung leisten im Tode. Und hier in
diesen Rumen -- dem Orte des Wiederersatzes -- hier ist unendlicher
unbehinderter Raum dazu, und unendliche unbehinderte Zeit. -- Denn ehe
nicht Jeder und Alle: Jedes und Alles wieder in den Stand gebracht, in
welchem es war, ehe er es verdorben, verwstet oder zerstrt, ehe kann ja
nicht _das Weltgericht_ beginnen, wo erst _die Snde_ jeder That gewogen
und vergolten wird! Hier also ist die bloe Vorbereitung zum Weltgericht,
zum Gericht der Seelen, wo Herz und Nieren geprft werden. Und der Engel
rief einen alten Griechen, der Gesanglehrer bei dieser Singacademie war,
und frug: Dionysius! Wer kann die Hymne? -- Sie singen und brummen alle die
Weise, die wir wissen: Du einem Menschen eingegeben hast; aber . . . aber
. . . ich will fragen! und nun frug er: -- He! Csar! -- Und mit Mhe und
Noth sang Csar -- der vor Lange unsern Calender verbessert -- den ersten
Vers:[A] Sei uns gegrt du holde Freiheit! Zu dir ertnt froh der Gesang!
Du zerschlgst das Joch der Bezwinger, Du erhebst zu Tugend und Heil. Uns
zu erneu'n kehrst Du vom Himmel, lngst deinen Geweihten ersehnt. Was hemmt
ihr Bezwinger, noch in verschworener Wuth die Erneuung? Mit Waffen in den
Kampf! fr Freiheit und Recht! -- und Alle fielen ein: Wir nah'n, wir
nah'n! Beb' Miethlingsschwarm, entfliehe und stirb! -- -- Ja die
Chorworte wissen sie Alle! sprach Dionysius lchelnd. Aber, Richard der
Dritte! wie heit der zweite Vers? -- Und Richard wute den Anfang nicht,
und stammelte die zweite Hlfte. Ihr, die zum Vieh Menschen entwrdigt,
Unmenschen, ihr trotzt noch jetzt? Ihr straft, wo ein Gedank' ertnt, und
erzwingt fhllosen Gehorsam . . . Und der sechste Vers . . . Landvoigt
Geler! wie lautet der? -- Und Geler stand auf wie ein groer Schulknabe
und brummte: Und es ertrgt zahllose Heere, die wie der Feind lasten und
drohen, nur genhrt zum Dienste der Willkr, dem Gewerb' und Pfluge
geraubt! Und es ertrgt Kriege des Throns, Arglisten und Launen ein Spiel!
und Jammer! -- -- -- Da erscholl eine dumpfe gesprungene eiserne Glocke,
und lutete Mittag; und pltzliche Ruhe und tiefes Schweigen ward berall.
Vom Himmel aber regnete es Mannakrner, aber nicht zur Speise, nur statt
derselben. Denn ich kostete ein Korn, und es war bitter mit Galle gewrzt
-- damit _die Genugthuenden_ immerwhrend nur einen bittern Geschmack im
Munde htten, wie mein Fhrer sagte; und Becher mit Thrnen gefllt, welche
Menschen einst ber sie geweint, gingen herum; aber nur die sonst am
durstigsten Gewesenen, setzten sie kaum an die Lippen, und gaben sie
weiter. Und whrend die Ersatzleistenden von ihrer Arbeit feierten, ging
ich in ihren Werksttten umher, und sah und besah, was sie geleistet oder
noch zu leisten hatten; und ich erstaunte und sah vor Verwunderung empor --
da zog am Himmel sich ein Augenlied von einem Auge weg, das ich nicht
bemerkt hatte, und ein Donnerschlag erklang durch das ganze Gefild. Und
mein Fhrer sprach: Entsetze Dich nicht! Lilith, des Teufels Gromutter,
schlgt ihr Wchterauge auf, um zu sehen, ob die Genugthuenden diesen
halben Tag genug gethan? Denn ein teuflisches Weib sieht am meisten, und
sieht am eh'sten, was fehlt; denn sie wei am besten, was sie selber
unterlassen und verbrechen wrde. Darum ist sie die Wchterin, und so oft
sie ihr Auge aufthut, fllt ein Donnerschlag, und die Trgen erschrecken
und fallen mit Hast auf ihr Werk. Aber hrst Du? Sie lacht! Hohngelchter!
Denn Nichts ist vollendet. Und Alles ist schwer zu thun, aber Ersatz zu
leisten am schwersten. Und das sah ich nun selbst. Denn nicht weit von uns
stand die unbeschreiblich schne Charlotte Corday; vor ihr lag der todte
frischerhaltene Marat mit noch bluttriefender Brust, und sie sollte die
Wunde des Dolches heilen; um sie standen alle kstlichen Salben, lagen
Gerthe und Binden -- aber sie sa nur, das Werk bedenkend, in tieferem
Schweigen, und dsterer Verdru stand auf ihrem schnen ngstlichen
Gesicht. Weiterhin stand _Napoleon_ und hatte dem erschossenen _Palm_ die
Kugel aus dem Herzen gezogen, und hoffte ihn wieder lebendig zu seiner
Wittwe und seinen Kindern nach Erlangen zuschicken. Und ich sprach
verwundert: _Napoleon lebt ja noch auf der Erde_, und er steht doch auch
schon hier unten und leistet Ersatz! -- Ja, sprach mein Fhrer: Der Leib
ist nicht der Mensch, sondern seine Seele, sein Wille. Der Mensch besteht
aus so vielen Thaten als er gethan hat, guten und bsen -- und mit jeder
That stirbt er einmal und stellt sich fest in ihren Reichen, in dem seligen
oder dem unseligen Werke; und so siehst Du Napoleon dort eben wieder; aber
einen andern seines Geprges -- wie er dreimal hundert tausend Franzosen,
die erfroren sind, durch seinen Trotz und sein blindes Gottvertrauen auf
linden Winter, wieder durch Schnee, oder durch was er sonst meint und dazu
begehrt, lebendig machen soll, und so, da Keinem mehr eine Zehe schmerzt,
oder eine Nase roth wird, wenn Nordwind streicht. Eher kommt er nicht von
hinnen. Und dort steht noch ein Napoleon, der den _Schill_ in der heiligen
Arbeit hat. Denn jeder Mensch mu selbst das entgelten, was er Andern
befohlen hat, die gehorchen muten; und die da schlechte unmenschliche
Befehle vollzogen, mssen eben noch selbst auch dasselbe entgelten; denn
dort arbeiten noch zehn Andere an dem Herzog von Enghien, die ihn
erschossen haben, und jeder Einzelne hat seinen eigenen Herzog vor sich und
fr sich. Darum siehst Du auch hier im Gefilde so wenige Knige und
Frsten; meist nur die erbrmlichen Handlanger, Rathgeber und heimlichen
Regenten der Leidenschaften und Leiden der Regierenden: -- ihre Frauen,
Geliebte, Leibrzte, Kammerhusaren, Beichtvter, ja oft auch nur ihren Koch
oder Hofnarren in mannigfach angezogener Person. Denn die Frsten sind gut,
und thten gewi lauter Knigliches, wenn sie lauter edle Knige zu
Freunden htten, nicht unzhliges Volk dazu whlen mten, das sich in
Respect vor ihnen verhllt, wie in eine Nebelkappe, so da sie nie einen
Menschen sehen; denn ein chter Mensch ist wahr und frei, weil er gut ist,
und gut, weil er frei ist, und nur das Gute, die Freiheit will und die
Wahrheit. -- Und so erstaunt' ich nicht mehr so stark, als ich eine
verwstete und verbrannte Stadt sah, die ich an ihrem schnen Dome als
Magdeburg erkannte, und keine Seele war darin -- als _Tilly_, der
Mutter-Seelen allein eine Kirche wieder aufbaute, die er zerstrt. In den
einigen Jahrhunderten hatte er nun Ziegel gestrichen, Grund gegraben, und
war fast mit dem Sockel heraus; aber indem er hier mauerte, war dort ein
Theil vom Wetter schon wieder verwaschen und aufgelset -- und er sah mich
wthend an, als ich ihn lachend ansah. Eben so gewahrte ich _Suwarow_ im
Hemde arbeitend, wie er Warschau wieder baute -- und ich sah ihn auch
wieder vor einer dabei liegenden Festung -- Ismael -- wo er dreiigtausend
Menschen wieder Athem einblasen sollte. So geht's dem treuen Diener der
Mutter! sprach er; einem Throne dienen, und Gott, oder nur den schofeln
Menschen, ist ein Unterschied wie Suwarow oben und Suwarow drunten! Und er
sah mich wthend an, als ich ihn lachend ansah. Weiterhin aber gewahrte ich
_wahre_ Kriegsrthe, die unbersehbares Elend gut zu machen hatten hier
unten, ob es gleich Gott der Herr wieder droben gut gemacht, so weit das
selbst der Allmacht mglich ist in der Zeit. Sie fingen aber ihr Werk
grndlicher an, als Charlotte Corday mit Marat -- sie studirten die Natur,
und Einzelne versuchten Einzelnes nachzumachen, Diese: Augen; Andere: Adern
und Nerven, wozu ihnen alle Zuthat unentgeldlich geliefert ward. Aber
Manche saen schon Jahrtausende und sahen ganz schimmlig und ganz zerdacht
aus, und waren noch nicht mit der Bildung eines Auges zu Stande gekommen,
das nicht sah! geschweige mit einem Ohre, das nicht hrte! Andere hatten
zwar Zungen fertig liegen, aber sie _schmeckten_ nichts; denn es fehlte der
Jemand, der Geist dazu, den sie aus dem Tode nicht wieder in den beinahe
vollendeten knstlichen Leib herauf beschwren noch beten konnten, und
studirten nun: erst nur einen Geist zu machen. Kurz, ihre Arbeit war
schwer, und mehrere, selbst alte deutsche Minister und Kriegsrthe hatten
siebzig bis achtzig tausend Menschen herzustellen, die Pferde und Ochsen
ungerechnet -- die sie nachher machen wollten, oder sich an ihre Stelle
gestellen; und zum Trocknen der Thrnen und Aufwaschen des Blutes wollten
sie sich Weiberkleider anziehen, wenn sie bis zu der letzten Arbeit gelangt
wren. Einige theuer bezahlte Englnder aber bauten trkische Flotten in
griechischen Hfen, und waren fast damit -- bis auf die Trken selber --
fertig, und fluchten ein God dam nach dem andern, da ich entsetzt mich
entfernte. -- Du wunderst Dich, ber diese unerlassenen
Wiederherstellungen, sprach mein Begleiter. Und eure Knige fordern fr
einen elenden Hirsch oder einen jmmerlichen Hasen erschrecklichen Ersatz
und Strafen, wenn Jemand eines dieser unvernnftigen Thiere in ihren
Thiergrten gebrscht. Aber in _Gottes Garten_ soll Alles frei stehen zu
verwsten und zu zerschlagen, selber der Mensch! Aber seid ihr nicht besser
als viele Sperlinge? Und sind nicht alle eure Haare auf euren Huptern
gezhlt, geschweige eure Adern und Gebeine, eure Thrnen und Kinder! Du
guter Narr! Und wisse: Auch Tyrannei, Gruel und Mord darf kein Mensch
tyrannisch, graunvoll und mrderisch wieder gut machen, noch Unrecht auf
ungerechte Art. Glaube ja nicht, da die Herrscher Alles thun, weder alles
Gute noch alles Bse; sie thun in Wahrheit sehr wenig in dem groen
Erdenleben, sondern bewachen das Volk blo wie ein Nachtigallfreund die
Ameisen, welche die Eier ihm dahin tragen, wo er ihnen ein Grbchen gemacht
und mit Laub bedeckt. Das Volk thut Alles sich selbst, das Meiste aber
durch sein Leiden, und alle eigene Hlfe soll blo die sein, da Alle
besser werden, und wo mglich gut sind; dann fllt Unvernunft und
Gewaltthat nimmer es an, wie keine Leichenwrmer und Asseln den Leichnam
Christi, geschweige seinen lebendigen Leib, noch gar seinen verklrten, zu
welchem die Menschen ja werden sollen! -- Ich schwieg tief betroffen und
berzeugt, ging beschmt von ihm -- und sprach mit Andern aus verschiedenen
Vlkern; und Alle verstanden mich, und ich verstand Alle; denn hier galt
der Sinn der Rede wie Blumenduft, und die Worte waren nur wie erschtterte
Luft, die ihn fort- und hinfhrte. Aber auch hohle Gebilde sah ich reglos
liegen, denn ihr Geist war jetzt -- wo Nacht auf Erden war -- hinauf
geschwebt als Trume, damit sie ihre Shne oder Freunde bewegten: das zu
halten fr sie, was sie einmal versprochen und nicht gehalten. Und ich
rhrte die entgeisterten Gebilde an, und sie zuckten wie Chrysaliden und
ihr Gesicht war in blutigem Angstschwei gebadet und sah unbeschreiblich
flehentlich aus -- so flehentlich wahrscheinlich, wie ihre Seele jetzt bat:
ihr gegebenes heiliges Wort zu lsen! Und Grauen und Mitleid erfate mich
um die Elenden -- und ich sah mich selbst -- meine eigene hohle Gestalt,
die durch mein Nahen beseelt, wie rasend ber mich herfiel, -- und vor
Schreck -- erwachte ich . . . in der Kirche, und als ich zu mir gekommen
war, fate ich mir zum Troste meinen Begleiter an der Hand. Und als ich
mich in dem leeren Raume umsah, sprach er: Du wirst das leidende Gesicht
der Menschheit wiedersehen . . im Kleinen abgedrckt auf allen
Menschengesichtern in dieser Zeit; aber gro und erschtternd zu schauen,
wird _es selber_ lebendig wiederkommen am Himmel . . . und _es wird der
Komet sein!_ Der Komet, der in zwanzig Jahren erscheinen wird, um ihnen
Frist zu lassen. Das Antlitz wird stumm fragen, tief in alle Augen und
Herzen blicken, und Schrecken ber alle Bsen und Sumigen bringen,
Schrecken ber Alle, die sich vor dem Volke frchten mehr als vor Gott; die
da aus Selbsterhaltung frchten ihm Gutes zu thun und sein gttliches Recht
und seine gttlichen Gaben ihm auszuhndigen, -- als sei Gottes Ebenbild
des Teufels Ebenbild, und die Menschen lauter Teufel! nicht: arme Kinder
der Erde, leicht froh zu machen und durch eine kleine Gabe herzlich
dankbar, und schwer weinend vor Schmerz und leicht schluchzend vor Freude!
-- Du aber verschweige nicht dies Gesicht; denn alle Engel Gottes schtzen
den mit bergewaltigen Hnden, der selber schuldlos und arglos im Herzen,
nur will: da Keinem ein Uebles geschehe, selbst einem Wurme nicht, und der
durch himmlische Gesichte und Gottes unfehlbare Gerichte die Zweifelnden
warnt: nicht darein zu verfallen, sondern durch jede ihrer Thaten sich
tglich hinauf in das selige Reich zu stellen _und tausend Engel zu werden
aus einem Menschen_, und zu leuchten wie die Sterne; denn die Gerechten
sollen leuchten wie die Sterne; aber diejenigen, die da wissen, da die
Gerechtigkeit nur gttliche Milde und feurige Liebe sei, und _Liebe_ ben,
die sollen leuchten wie die _Sonnen_ -- und Sonnen _sein!_

[Funote A: Von Johann Heinrich Vo.]




X.


Der redliche Mann hatte sich selbst ganz erweicht durch seine Worte. Die
ganze Angst, die er fr alle Andern in seinem reinen besorgten Herzen
fhlte, stand sichtbar auf seinem glhenden Gesicht. Er trieb nach Hause,
und dort griff er sogleich nach dem Stabe, um diese Nacht noch weiter zu
gehn; Krieg, der ihn kannte, machte keine Einwendungen, sondern erklrte
blo: er selber bleibe da. Auch Christel bat nicht; sondern von seinen
Bildern und Worten fromm ergriffen, segnete sie seinen Weg. Ihr war, als
msse seinem klaren Auge die Nacht helle sein und der Weg licht; die Steine
mten vor seinem Fue wegrollen, und die Kinder aus den Drfern kommen und
seine Hnde kssen, weil er es gar so wohl, gar so herzlich meinte -- und
sie kte ihm selber die Hnde zum Abschied, worber er sie lchelnd ansah.
-- Ihr wollt noch etwas wissen? frug er als Menschenkenner . . . Was in
dem _dritten_ Sarge war? Meint Ihr, Goldstcke, die daraus emporflogen wie
flgge Vgeleier, und die sich im Fluge verwandelten in bunte Spielsachen
der groen und kleinen Kinder, in Pferde, Huser, Kirchen, Schfereien,
kurz in die goldene Zeit! -- Ja wohl. Aber nicht so. Es lagen darin die
Urkunden der Nachwelt; Landkarten mit den neuen Grenzen; blutig
unterstrichene Stdte und Drfer mit den zwei Schwertern dabei, zum Zeichen
der bei denselben zu liefernden Schlacht. -- Dann Volkslieder, und wie soll
ich es ausdrcken: gedmpfte Kronen; mattgoldene Scepter mit
Pergamentrollen umwunden, und kleine geschnitzte Modelle zu Thronen, alle
mit eines gewissen Rousseau Bildni in Brillanten. Dazu aber die Namen
derer, die in fnfzig Jahren darauf sitzen werden; denn das kann ein Kind
begreifen, da alle jetzigen Daraufsitzer alsdann zu Staube sein werden, so
herzhaft sie jetzt auch noch reiten, befehlen und unterschreiben. Wie es
aber dann sein wird; und wie die von ihrem Anfhrer zehn Jahr angefhrten
oder betrogenen Franzosen dann im _Geiste_ wiederkommen werden, also
mchtig unschlagbar und gar nicht todt zu machen, und wie sie fr ihre
Erlsung dann dankbar sein werden, nmlich ein bloes Licht, das will ich
meinem lieben Vorkmpfer des deutschen Volkes getreulich, aber geheim
berichten! Denn Wissen ist dem Guten gut! --

Ach nein! sagte Christel, das kmmert uns nicht, und Gott Vater auch
nicht, denn der wird alles ohne Sorge und Mhe gewilich thun; und wie
Wecker sagt, wei Er gewi auch so viel von der heiligen Rechnenkunst: ob
fnfzig Familien oder fnfzig Millionen Familien mehr sind; ich wollte nur
wissen, wie es _uns_ ergehen wird in dieser Zeit? -- Euch? frug der
Prophet sich verwundernd, Euch, meine liebe Frau Christel, und Eurem
ganzen Hause wird es immer wohl, ganz wohl gehen! denn also seht Ihr mir
aus! Wie der Mensch lebt, so geschieht ihm. Wie er ist, so ist ihm! Das
kann ein Kind begreifen. Drum ist es mir auch immer wohl ergangen, und wird
mir immer wohl gehn, so lange ich wei -- da ich bin. Lnger braucht es
nicht. Lebt wohl!

So ging der alte Mann allein fort in der Nacht, von einem innern Drange
unaufhaltsam hingezogen. _Krieg_ hatte nicht geglaubt, da er ohne ihn,
ohne Ausruhe, gleich wirklich jetzt um Mitternacht sich aufmachen werde,
und er that ihm leid, schon als er hundert Schritt auf dem Wege nicht mehr
zu sehen war. Er wollte ihm nachrufen, auf ihn zu warten; aber sein guter
-- Verstand hielt ihn davon ab. Und sie waren kaum hineingetreten, als sie
hrten, da doppelte Wache vor Haus- und Hofthr angestellt ward. Sie
schliefen aber ruhig; bis am Morgen St. Etienne herber kam und erstaunte
und frug, wo der fremde Wahrsager sei? Er erfuhr die Wahrheit und sandte
ihm Flche nach, weil ein wenig Sauerteig von einem Narren, ein ganzes
landgroes Backfa zu Narren machen knnte; wenn auch solche neue Mhren
nur schdlich wrden, wenn sie Jemand glaubte und wahr machen wollte! Oder
wahr machte . . . was mglich sei -- wie das Trkenthum oder die
Peterskirche. Und der Unglcklichen wren jetzt sehr viel, und der
Hoffenden noch mehr -- und die wollten alle einen Kern in ihre hohlen
Nsse, und ein Bild in den leeren Rahmen ihres Gehirns. Und zum Beweise
seiner Rede setzte er zornig hinzu: Bei uns hat man Lnder -- das ganze
groe Reich -- nach dem Spiel Karten einer Mamsell aus der Normandie
regiert und wird nach ihren Karten verspielen, ja sterben! Nun, lat ihn,
lat ihn laufen; wer wei, wem er mit seinem Hirngespinnst die Augen blind
macht, da er die Zeit nicht sieht, und ihm ein Brett vor die Stirn hngt,
das zehn Tischler nicht durchschroppen knnen -- weil es unsichtbar ist! Ja
das Herz kann er damit versteinern und Mnner zu furchtsamen Hasen machen
-- lat den Hasenfu laufen! Doch zwei Husaren . . .

Der Leinweber Krieg sprach aber beherzt den Vers darein: Er lie keinen
Menschen ihnen Schaden thun, und strafte Knige um ihretwillen. Tastet
meine Gesalbten nicht an, und thut meinen Propheten kein Leid! -- St.
Etienne aber sagte: Weil Ihr unserer Frau Christel Pathe seid . . .
versteht Ihr mich! . .

Christel schwieg. Denn so geneigt sie ihr Herz dem unbekannten Bruder
fhlte, so gefrchtet und widerlich waren ihr seine freundlichen Blicke,
und seine zutraulichen Reden mit ihr; und ihr war nur freier zu Muth, wenn
er zrnte und grob war, oder wenn er recht log oder grosprach; dann war
dem guten Weibe das Herz leicht; denn an der Stelle der Neigung quoll dann
das Blut feindselig in ihrem Herzen. Und mit ihm war ja das Unglck ins
Haus gekommen. Mit ihm hatte sie das Zutrauen zur Welt und den Verla auf
sich selbst verloren. Er war an allem Unglcke Schuld, oder hatte seine
Hnde dabei mit im Spiel, was ihren lieben Johannes betroffen, ja was der
Grovater gethan hatte und deswegen jetzt noch litt. Und dennoch _weinte_
sie im Geheimen nur ber Alles -- auch ber den verhaten Etienne! Als sie
sich aber eines Abends Zeit genommen bei Licht zu spinnen, und er erst
heimlich nur mit dem Schatten ihrer schnen, an der Wand sich bewegenden
Haare gespielt; dann als er sich sogar geneigt und das liebliche schwarze
Bild ihres sich auf den Faden neigenden Gesichtes gekt hatte, worauf sie,
wie aus Versehn, den Rocken angezndet, um eine halblcherliche und
halbgefhrliche Beschftigung auf die Bahn zu bringen, um alle Fenster
aufzumachen, ihn in dem Rauch und der Klte stehen zu lassen, und selbst zu
Johannes hinber zu gehen oder zu flchten; -- als er angefangen von seinem
Golde fr den schweren Bedarf in ihrem Hause einzukaufen und mit zu sorgen;
-- -- als er sie eines Morgens an den Stall gefhrt, die Thre aufgestoen,
und ihr ihre beiden schnen Khe wieder gezeigt, und als sie ihn darauf
sogar an der Hand gehalten, oder sie gar gedrckt hatte, sie wute das
nicht gewi, da sprach sie nur zu sich; Ich wei nicht wie mir ist! Aber
Zeit ist es, da . . . da . . . . Und sie wute nicht, was geschehen
sollte oder mchte.

Darum war es ihr willkommen -- ein gutes Werk zu thun, und in die Stadt zu
_Dorothea_ zu gehn, deren Namen nennen zu hren sie jedoch erschtterte,
aber mit Muth: unter tausend Feinden, ja unter hunderttausend Freunden:
_Christel_ zu sein und zu bleiben. Paschalis schrieb ihr nmlich ein Blatt
voll -- _Hauszeitungen_. Dorothea hatte einen Frauenverein gestiftet, die
Verwundeten und Kranken zu pflegen. Sie hatte aber nicht nur Geld und
Leinwand gegeben, wie viele Andere, sondern sich selbst als Pflegerin
gestellt, vielleicht als Opfer. Doch mit eigensinniger Auswahl hatte sie
nur solche Opfer ihres Vaterlandes bernommen, deren Wunden an Kopf oder
Brust -- Lanzenwunden, also wahrscheinlich Kosakenwunden waren. Jetzt lag
sie an der mitgebrachten Krankheit darnieder, und begehrte herzlich nach
Christel. Und wie die Tochter bat, flehte auch der Vater nach ihr -- nur
auf kurze Zeit! Denn die Zeit der Kranken rinnt durch eine zerbrochene
Sanduhr; ihr Leben ist Sand und ihr Leib ist Glas und der Mensch berhaupt
nur Vexier -- _Erde_ -- nur durch Einschmelzen in das ewige luternde Feuer
wieder aus Staube zu einem Gef zu blasen, und bleibt Blase, worin sich
die Welt nur schimmernd spiegelt, hier die Erde oder dort die Sonne, der
Himmel oder die Hlle! --

Der Brief war vom 20. Februar 1814. In der Nachschrift stand: Kann ein
Selbst- oder Andere-Beherrscher in ein gesundes feindliches Land
pestbehaftete Soldaten schicken, oder kranke angesteckte Soldaten in alle
gesunden Drfer ihrer eigenen Heimath -- nach Hause schicken; so darf ein
Mensch, ein wahrer Vater wohl einmal die Pflegemutter seiner Tochter
bitten: in ihrer letzten Krankheit zu ihr zu kommen. Vlkerrecht --
Hausrecht! Ich habe gebeten, -- das Kommen nun steht bei Euch. Ich sage
Euch aber aufrichtig: Eure _Kinder_ bitten: Ihr sollt nicht kommen! Daniel
aber gesteht doch: der _Grovater_ wundere sich, da er Euch noch mit
keinem Auge in seinem Kerker gesehen habe, und meine: er habe das
verdient. --

Der Christel war der Sinn der Worte des Briefes zu hoch, und sie verstand
nicht: _durch_ dieselben das zerrissene Gemth des Vaters zu sehen, der, um
seine Leiden nicht ewig fhlen zu mssen, lieber gewnscht htte -- neu
eingeschmolzen zu werden und berall -- auch in der Sonne . . . . im Himmel
. . . . oder in der Hlle schmelzbar oder zerbrechlich zu sein. Aber die
Weiber werden von dem Unverstndlichen oder Unverstandenen am tiefsten
ergriffen, und leben und bewegen sich darum so sicher und froh in der Welt,
weil sie ihre Gefhle und Gedanken ganz unbehindert hineinlegen knnen, und
unbeschrnkt darinnen verbreiten. Und so erschtterte der Brief ihre Seele.
Die Nachschrift aber erinnerte sie an Anderer Grausamkeit; -- an die guten,
fr sie frchtenden Kinder; -- an den Grovater, der seine Leiden meinte zu
verdienen, inde sie den durch ihn erlsten Johannes besa und geno; und
so war sie weiblich wunderlich, grade entschieden, diesen ihren Johannes zu
verlassen und grade zu den _sie liebenden_ Kindern hinzueilen! Und ihr Herz
war doppelt froh.

Die Ereignisse erleichterten ihr aber auch den Gang. Die Verbndeten hatten
an demselben Tage Mainz berannt. Die Soldaten, die noch drauen auf den
Drfern sich genhrt, und gesund erhalten hatten, waren alle, bis auf
hundert Mann, aus Zahlbach fort, hineingezogen -- und in ihrem Hause lag
nur noch St. Etienne allein. Dagegen war nun der Leineweber Krieg bei
Johannes, bei welchem er bleiben mute: denn er war durch eine
Vorpostenkette rund abgesperrt, und konnte nirgends hinaus nach der nahen
Heimath. Die Feinde standen sogar in _Britzenheim_ nur eine Viertelstunde
von Zahlbach. Dieses ihres schnen freundlichen Dorfes Schicksal war voraus
zu sehen, und Johannes trieb seine liebe Christel nicht allein zu dem Gange
nach Mainz, sondern er bat sie auch dort zu bleiben. Denn die Einwohner von
Zahlbach vergalten jetzt den braven Mainzern ihre tagtglichen Spaziergnge
zu ihnen heraus, die Sonntagsfeste und Morgen- und Abendbesuche unter ihren
grnen Weinlauben, Kastanienbumen und Wallnubumen, und flchtete, jetzt
ihr -- Vieh in die Huser der Stadt, ihre Habe und Gut, ja Weiber und
Kinder; denn das Dorf war kein Dorf mehr, sondern nur eine Caserne. Die
Clubbistenschanze stand mit Kanonen bespickt und mit Soldaten besetzt,
deren Vorhut im Dorfe stand, das nun der Belagerungsschauplatz werden
mute. Und so hatte Christel nur eine Bitte: da Johannes mit ihr in die
sichere Festung Mainz kme! Er aber wollte sein Erbe nicht Preis geben, und
Alles zu Grunde gehen lassen, ohne es so lange wie mglich geschtzt -- und
dann seinen Untergang wenigstens selbst mit angesehen zu haben. Und so
zeigte er jetzt den Muth des Landmanns, den Muth, den er seiner Christel
unlngst mit kurzen aber wahren Worten versichert; und er wollte nicht sich
selber, was sie besaen, fr sich bewahren, sondern eben fr seine Christel
und ihre Kinder. Und so gut er ihr war, so fest blieb er bei seinem
Vorsatz, wenn er ihn auch nur in halblauten milden Worten mehr andeutete
als vertheidigte. Thut es Noth, sprach er, sie bei der Hand fassend,
dann bist Du bei mir, oder ich bei Dir -- wie der Herr trifft. Denn die
Soldaten laden und feuern nur los -- auf Gottes Gnade und in Gottes blauen
Himmel.

Da nun auch ihr Pathe Leinweber Krieg dablieb, der als vieljhriger Wittwer
sein Hauswesen und selbst Kche und Heerd und Tpfe zu seiner eigenen
Zufriedenheit wohl bestellt, ja wie er sagte, sich sogar nie eine
sogenannte Suppe versalzen habe, die -- er nicht habe essen knnen oder
mssen; so brachte Christel ihr Haus in enge, leicht bersehliche Ordnung,
fhrte die beiden Mnner in Stall, in Keller, in Hausgewlbe bedchtig und
belehrend umher, und deckte alles auf, und wieder zu, damit sie wten, wo,
wieviel und in wie gutem Zustande alles vorhanden sei; klopfte mit dem
Knchel des Fingers an die ganzen Tpfe, und stellte die wenigen bei Seite,
die einen Ri hatten, aber doch noch gute trockene Dienste leisteten; wobei
der Pathe versprach, einen sogenannten Ring von Draht um dieselben zu
legen, oder nach Verdienst und Wrdigkeit dieser alten stillen Freunde und
Hausgenossen, sie ber und ber in Ketten und Banden zu legen, oder zu
berstricken. Als sie dann auch beide, Einer nach dem Andern, in die
Rauchkammer hatten gucken mssen, was sie, des Rauches wegen, mit
zugemachten Augen gethan, und als der Gevatter Pathe die prchtig gefrbten
starken wohlriechenden Schinken, Speckseiten und Wrste -- aus Liebe und
Zutrauen zu Christel -- mit Verwunderung ber das sogenannte quale et
quantum aufrichtig gelobt hatte, so war die Uebergabe geschehen; und
Christel stand im Hause als sei sie berflssig, verborgt, verschenkt oder
verkauft, und ihr war zu Muthe, sie wute nicht wie. Sie legte an die
Bestellung des Abendessens keine Hand an, schlich nur einmal heimlich
nachsehen, schrete das Feuer, legte, wie ein kleines Mdchen, spielend ein
Scheitchen mit zu, nahm es aber aus Rechtschaffenheit wieder weg und
lschte es in der Asche aus -- und legte es doch wieder ins Feuer, weil es
einmal angebrannt war und verrathen htte, da sie die Kchenmeisterin
gemacht. Dann setzte sie sich an den Tisch wie ein Gast beim
Kirchweihfeste, lie lchelnd decken und auftragen und Jedem und sich
selber austhun und a -- ob ihr gleich vor Bangigkeit kein Bissen schmeckte
-- von allem recht viel, und lobte die Speisen und die zwei Kche, die
dasmal nichts versalzen noch verdorben, und vermahnte sie scherzhaft so
fortzufahren! St. Etienne war ber Nacht auf dem Posten; und Johannes lie
in der Ferne der ruhigen Zeiten dem Gevatter Pathen, zur Dankbarkeit fr
seinen Beistand, wieder die Aussicht auf einen frhlichen Kindtaufenschmau
erblicken, bei einer kleinen _neuen_ Clementine, oder am liebsten: der
alten vorigen -- wenn der Herr seiner Christel _dieselbe_ wieder in
hnlicher Gestalt in die Wiege legen wolle. Ihre in Thrnen schwimmenden
Augen aber verlschten die Aussicht wieder, und sie saen still, dankten
still, und standen still vom Tische auf, nachdem sie ihrem Johannes noch
einmal die Hand ber das weie Tuch hinber gereicht, um seines Lebens
Wrme zu empfinden und von seinem Dasein recht handgreiflich berzeugt zu
werden. Dann aber sprach sie als gute Wirthin nur leicht: Aber ihr alten
Kinder, das ist ein _gutes_ Tischtuch! Jetzt verrichten es die mittlen. Und
ihr kleckt nicht wie die Kleinen -- zur groen Wsche bin ich wieder zu
Hause.

Dann gingen sie ruhen. Am Morgen aber stand sie allein schon lange vor Tage
auf. Ihr Johannes schlief zu fest; so lie sie ihn schlafen. Aber wie sie
an die Thr trat, hatte er ihr im gelben Morgenscheine, eine fahle
todtenhnliche Farbe auf Gesicht und Hnden. Sie trat hastig hinzu, und sah
-- aber er athmete leis und schlief so ruhig -- und ruhig ging sie weg,
whrend Daniels Monats-Tuberich, schon frh auf im Taubenschlage, ber
ihnen im Giebelfelde zu Neste heulte und trommelte. Wenn aber ein
zukunftskundiger Mann oder ein Geist, der das kleine Leben der Menschen
berschaut, sie gesehen htte so ruhig hinweggehen, der htte gesagt:

   So schlummert der Wandrer
   Voll sicherer Gnge
   Im eigenen Hause
   Noch einmal, auf lange,
   Der sorglos und trauend
   Am blhenden Morgen
   Von Weib und von Kindern
   Dann scheidet, kaum einmal
   Sich umsieht -- und hingeht,
   Wo jhlings am Abend
   Der Tod ihn ereilet,
   Ihn schweigend die Fremde
   Verschlingt und zurckhlt;
   Und Heimath und Htte
   Mit Bumen und Blumen
   Sie bleiben auf immer
   Still hinter ihm stehen,
   Und ruhig bescheint sie
   Die leuchtende Sonne!




XI.


Nun traf es sich, da an diesem Tage St. Etienne's Geburtstag fiel. Da er
aus so vielen Landen und Schlachten glcklich wieder bis in die Gegend
seiner Heimath gelangt, so war er nicht ohne Schadenfreude, nmlich ber
seine geheilten Wunden; und wenn der Soldat keinen Sonntag hat, als wenn
die Sonne scheint, und keinen Feiertag, als wenn er im Feuer steht, so war
ihm in alle dem wsten Leben nur noch der Tag, durch den er da war, im
Herzen geblieben, und zwar ihm nicht mehr werth, als eben sein unvergngtes
Dasein jetzt selber, aber doch so viel, und in dem heutigen Tage lag die
Erinnerung alle der frhern -- glcklichen -- mit. Auch machte ihn wohl der
Verdru ernst, da Christel fehlte und ferner nicht da sein sollte. Und so
setzte er sich bei drei Flaschen vaterlndischen Rheinwein hin -- und
begehrte die Bibel; und Johannes brachte die groe Bibel von Christels
Vater und Seinem, und lie ihn allein zur Andacht.

St. Etienne besah den gepreten Deckel, schlug ihn um -- und fand von
seines Vaters treubekannter Hand: seine liebe Tochter _Christel_ darinnen
verzeichnet, und seine Schwester _Martha_ und die andern Geschwister und
sich selbst. Und er las das:

Mein lieber Sohn _Steffen_, den Gott gedeihen lasse, ward mir geboren
whrend der unsichtbaren Sonnenfinsterni, den -- --

Aber die Augen gingen ihm ber. Und er trank hastig ein Glas Wein nach dem
andern, schlug dann das wohlbekannte Buch zu, legte sich zugleich mit den
Lippen darauf, als wenn er Vater, Mutter, Geschwister und Schwester
Christel darin kssen wollte, blieb dann lang mit dem Gesicht darauf
liegen, bis er Alles durchgedacht; dann richtete er sich auf, legte die
gefalteten Hnde auf die Bibel, und blieb so sitzen. Er war heim. Denn er
hatte keine andere Heimath mehr, und wute nicht welcher Stein diese Nacht
noch sein Ruhekissen werden knnte, und welcher Rasen sein Deckbette. --
Welches Unglck! Wenn nun meine Schwester nicht ein Weib -- wie Christel
war, sondern ein Weib, wie -- ich wei nicht wie viel! dachte er. Aber
wenn die andern zu albern-guten Dinger auch nicht _meines_ Vaters Tchter
sind -- haben sie nicht alle einen Vater: _Einen!_ -- Dabei schlug er mit
der Hand noch auf gut soldatisch auf die Bibel; aber die Hand kam, von
Scheu gemigt, nur sanft darauf hernieder. Heute mchte ich Feldprediger
sein! wenn wir welche htten! Aber das sieht der Kaiser ein, da _Der_,
dessen Wort er lehrt, und die, die ihm alle Augenblicke Hohn sprechen, sich
nicht wohl passen. _Der_, -- warum nicht einmal wieder den Namen nennen --
Jesus weinte ber seine Vaterstadt, die sein Vaterland war; aber Knig
darber mochte er nicht sein, noch weniger: sich durch hunderttausend
Umbringungen von seinen Brdern als Herrscher erhalten -- und _herrscht
doch_, aber _inwendig_ in den Menschen allein. Das Inwendigherrschen ist
andern nicht respektabel genug! Das macht ihm kein Teufel nach, selbst
unser Allergndigster nicht. Es ist aus mit Ihm! Ich bin auch nichts mehr!
Wir Alle sind nichts! Und zu erkennen geben kann ich mich nicht. Als wir im
Siege waren, da redeten unsere Thaten. Nun im Verluste . . . mute ich
nicht ruhmredig werden, aufthauen wie ein altes Weib, das von ihrer
Schnheit spricht, die einmal ber ihr Gesicht gefahren, wie die Hand ber
. . . den Verrther der Menschheit. Mute ich nicht beschnigen und
lgen! Grothun! Aufschneiden, um nur vor den Leuten bei Ansehen zu
bleiben; und selber bei mir nicht vor Scham zu vergehn! Plagte mich nicht
der deutsche Ahnen- und Titel-Teufel: mich fr eines groen Mannes Sohn
auszugeben, fr eines Generalpchters Sohn, der wahrscheinlich eines
Prinzen Sohn gewesen -- weil er mit der ganzen noblen Gesellschaft das
Hasenpanier ergriffen, anno: anno! Dies Jahr! wo es wieder andre Noble
ergreifen werden! O Hasenpanier! Du bist allgegenwrtig! Und ich, ich
mchte dich auch ergreifen, wenn ich nicht Sergeant wre! Und _den groen
Unglcklichen_ verlasse ich nicht! Und mich auch nicht! Sitze, mein
Stephan, und thue Gutes! Vielleicht lernst Du noch wieder beten -- wenn das
die Noth lehrt! Wir sind aber gelehrt: eher auf die Nase zu fallen, als auf
die Kniee. Doch Unglck schickt sich! Und nun sang er, halbberauscht, gar
den neuen Vers:

   Soll Unglck sich schicken.
   Stt man sich am Grase,
   Und fllt auf den Rcken
   Und bricht sich -- die Nase!

sang aber noch rger dafr:

   Man fllt auf die Nase
   Und bricht sich -- den Rcken!

Dabei sank er selbst auf den Rcken, dmmerte ein, schlo die Augen und
redete dann halbschlafend, halbtrumend: Sacre: wenn meine Kinder in
Ruland jetzt vielleicht die Knute kriegen, das sollte mich doch
verdrieen! Oder wenn Einer von meinen Buben in Italien sollte Horas
singen, oder, was Gott verhten mge, in Rom einmal gar Papst werden; oder
ein Schlingel wie der Mufti; oder in Spanien endlich ein Groinquisitor;
alles und jedes mglich . . . denn was ist, oder das trkische Verhngni
beriefe mein Shnlein aus Aegypten, und er wrde ein Grothier -- wie der
Gro . . . das sollte mich doch verdrieen! Oder wenn gar eine oder die
andere von meinen unbekannten lieben Tchtern -- gewi jetzt schon recht
hbsche Mdchen! -- das werden sollten, was ihre Mtter waren,
Ehebrecherinnen, oder erlste Nonnen und Contessinnen -- --

Er ward wthend und schlug mit der Faust auf den Tisch, da sie blutete,
und schwere Bibel und Weinflasche wie vor Schreck in die Hh' sprangen.
Aber sich erinnernd, setzte er leiser nur grimmiger noch hinzu:

Doch Unglck schickt sich!

Schickt sich . . . . schickt sich . . . . murrt' er und murmelt' er.
Unglck schickt sich nicht! Nicht einmal der Teufel schickt es. Wir machen
es selber. Unglck -- Ungeschick! Unglcklich -- unschicklich . . . . . .
Na! das _dortige_ Unglck! Die Schnheit macht alles ausstehbar! . . . _Das
hiesige_ aber hat sich nicht geschickt, und htte sich nicht geschickt.
Steffen! mein Steffen! wrde der Vater sagen . . und die Mutter -- --
ach, es ist doch nichts besser als eine Mutter! -- Rief sie nicht? --

Mutter, hie bin ich! rief er, erweckte sich selbst, sprang auf -- und
_Johannes_ stand vor ihm.

Und Stephan war verwandelt, und sah ihn mit groen Augen an, ergriff das
Glas, setzte es aber derb nieder, um nicht zu verrathen, da er sich
schme. Und Johannes wischte die Bibel vom Wein ab.

Haltet das Buch in Ehren, Johannes! sprach Stephan; es macht gute
Freunde!

Und so war es auch von nun an. Stephan schob auf den Soldaten, als einen
mit Willen und Gehei bewaffnet losgelassenen Mordlufer[A], oder Subject
aus einer Menagerie, was er auf den Menschen nehmen sollte, der in dem
rasenden Tiger steckt oder gesteckt wird, und meinte: mit Hunderttausenden
dergleichen Subjecten losgelassen zu werden, vermehre die Wuth
hunderttausendfach, und aller alten todten Soldaten Geist, ja aller
heidnischen alten Armeen Dmon -- denn blo die christlichen Vlker haben
den Teufel -- fahre in _einen_ neuen Soldaten; und mit dem angezogenen
Rocke ziehe der vernnftigste Mensch seinen Menschen aus, wie der frmmste
Mnch, der des Papstes Kleider auf seine paar ffentlichen Jahre anziehe.
Das sei Kastengeist, und die ganze Welt stecke separirt in tausend
dergleichen Kasten, wie in Tollhauskammern und werde gleich wieder
gescheid, wenn sie herauskomme, und wieder dumm und toll, so wie sie wieder
hineinfahre, Berlicke! Berlocke! Berlicke! Berlocke! Wenn ein Mensch im
Kriege seinen Feind auf Hnden tragen und fttern wolle, wie sein kleines
Kind -- das wre gegen Ordre, und ginge nicht! Und wenn ein Mensch zu Hause
-- nicht anderleuts Vater und Bruder, sondern blo _seinen_ Vater, _seine_
Geschwister und seine Kinder so mit Bajonetten zerfleischen und mit Kugeln
zerfetzen wolle, und Haus und Hof sich selber ber dem Kopfe anstecken
wolle . . . das ginge nicht! Johannes mge das glauben!

[Funote A: In Indien geht Jeder einem solchen weit aus dem Wege.]

Und Johannes glaubte das redlich, und der Leinweber Krieg, der da meinte:
es wundre ihn nur, da Alle, oder ein Paar nur, was schon genug wre, nicht
glaubten: da _Alle Gottes_ Kinder wren! -- Stephan sprach erst nur so,
weil der Ruhm der Seinen jetzt vom Sturme aus Deutschland zerblasen ward,
wie eine reife Distel -- _gefressen!_ sprach er satyrisch im Stillen; da
er jedoch sich zu Hause bei den Seinen fhlte, so ward diese seine gute
Gesinnung allgemach redlich, und er sagte laut zu Johannes, da er fr sie
alle -- und meinte Christel -- einmal in eine _verlorene_ Schlacht gehen
wolle, geschweige alles andere thun. -- Mehr knne ein ehrliebender Soldat
sich nicht erbieten! Er trieb Johannes, da er ginge und Christel holte,
weil er ihr etwas gar Wunderschnes zu sagen habe von ihm und von ihr!

Christel aber schickte von selbst nach Johannes, aber mit sehr gelassenen
Worten, weil sie wute, da solche bei ihm stets hinreichten, ihr alles zu
thun, und schon eine Bitte ihn verlegen machte vor Rhrung, so da er oft
darber sie bittend angesehen, als bitte er um Schonung. Und um vielleicht
ihm jetzt einen Schreck zu ersparen, hatte sie diesmal so spt, vielleicht
zu spt geschickt.

Er eilte also blo mit der Lust und Hoffnung: sie wieder zu sehn, nach der
Stadt. Es dmmerte schon. Die letzten Dohlen flogen zu Rste. Der Himmel
war schwarz umwlkt -- denn aus schwarzen Wolken fllt der weie Schnee --
und der Wind wehte mit den Flocken, wie Kinder Flaumfedern vor sich her
blasen, um sie nicht auf die Erde zu lassen; -- und wirklich: er hrte im
Felde _Kinder_ rufen . . . aber so weit rechts ab, da er im Winde seine
eigenen Kinder _nicht erkannte_. Und doch stand er und horchte, ob sie
nicht riefen, vor Angst sich zu verirren? oder nach Hlfe? Und sein Herz
klopfte laut, und er stand auf dem Sprunge hinber zu eilen. Aber er freute
sich; denn die Kinder riefen nur: Mutter! Mutter! -- Und wie ein
Traumbild sah er auch ein Weib -- sein eigenes Weib, seine Christel, stehen
bleiben, und etwas Dunkles, wahrscheinlich ein kleines Kind, auf den Arm
nehmen -- das sein kleines Sophiechen war. Und er freute sich wie das Kind,
da es die Mutter hatte, und da das Weinen still ward, und die Mutter
wieder den beiden andern greren Kindern voranschritt oder sprang! -- kam
es ihm vor. Und das Weib hatte in dem Nebelflor des Schneegeflirres ein
gespenstisches Ansehen; und wenn er scharf genug sahe, so war sie nur halb
bekleidet, und die Haare flatterten ihr in dem Winde voraus. Nun that ihm
die arme Frau leid, die jetzt in den Thalweg nach Britzenheim zu verschwand
. . und die Kinder verschwanden ihm hinter ihr -- und alles war weg! Er
lehnte sich an das hohe rothe Kreuz am Scheidewege, das im Winter ein
Wegweiser war, und starrte noch eine Weile hin; aber es blieb still; und er
hrte nur den Schnee suseln; in der Ferne den Wind pfeifen; und wie der
Wind herstrich, hrte er auch die Mhle von Zahlbach gehen; und die Mhle
von Britzenheim; und dort in dem Dorfe ward Licht, und ein langer Schein
strahlte davon bis zu ihm her, und weiter hinaus in den Himmel. Ihm
grauste. Er schritt hastig zu, nur von dem Gedanken getrstet: Das Dorf sei
nicht weit, und ehe er in Mainz sei, seien die Kinderchen und das arme Weib
in Britzenheim!

Er eilte nun durch die wohlbekannten Straen der Stadt nach Paschalis
Wohnung. Er durfte an keine Thre klopfen, denn sie standen offen; aber in
allen Zimmern -- Niemand! Keine Christel! Kein Daniel! Kein Sophiechen!
Kein Gotthelf! Kein froher Kinderruf: Vater! kein Willkommen! schallte
ihm wo entgegen. Ueberall Niemand. Bis er durch das Wohnzimmer hindurch
ging, worin nach hinten hinaus noch eine Thr war, und vielleicht Menschen
dahinter. Vielleicht dachte er, sind sie alle bei Dorothea! Die Thre war,
wie ein Schrank, nur mit dem Schlssel aufzumachen; er merkte also nicht,
da sie verschlossen gewesen.

Beim Dmmer einer an drei vergoldeten Ketten hngenden rubinrothen Lampe
erkannte er aber nur an ihrer Kleidung das treue Mdchen, das an jenem
Abende neben dem englischen Kutscher die vier Khe vom Bocke gefahren. Mit
dem Gesicht lag sie, wie eingeschlafen, auf einem Gebetbuch mit goldenem
Schnitt. Medizinflaschen und Glser und Tassen und Schchtelchen auf dem
Tische, waren alle beiseite an die Wand geschoben; und auf dem weien
Bette, mit zurckgezogenen grnseidenen Vorhngen, lag Dorothea, wie er
meinte, sehr leise schlafend, und hatte gewi gebetet; denn ihre Hnde
waren ausgestreckt und gefaltet. Jetzt fuhr das Mdchen in die Hhe, als
habe sie Dorothea gerufen. Sie sprang zu ihr; sah nach ihr; besann sich
aber, seufzte ein tiefes Ach; und kehrte sich leise von ihr um; und
erschrack vor Johannes, da er selber erschrack, und beide sich fragend
anstarrten. --

. . . Schlft sie? frug er leise.

Sie schlft; antwortete das Mdchen; aber Ihr knnt laut reden,
Johannes; sie schlft fest. Und doch sagte sie das auch nur halblaut vor
Furcht oder Ehrfurcht.

. . . Also ist ihr wohl und besser? frug er zutrauensvoller.

Wohl. Und besser. So bleibt ihr nun gewi; erwiederte sie.

. . . Nun ich gnne das Glck unserem Herrn Paschalis! Der wird sich
freuen! sagte Johannes mit Augen, die vor Mitfreude glnzten. Die liebe
ehrenwerthe Tochter war seine Lust und sein Leben! --

Und kann nun sein Tod sein! sprach das Mdchen. Und die Worte schnitten
Johannes und ihr in das Herz, und sie schluchzte vor Thrnen. Und als
Johannes einen Schritt nher zum Bette gethan, und forschender hingesehen,
trat er zurck, sank auf den Stuhl, und lag nun mit seinem Gesicht ber dem
Buche, wo vorhin des Mdchens Gesicht gelegen, und die Bltter waren noch
na. Aber er fhlte es nicht, sondern weinte frische, warme Thrnen zu
ihren kalten.

Gnnt ihr die Ruhe! sprach das Mdchen, Ihr war zu schrecklich zu Muth.
Sie hat viel Gutes gethan, aber ich denke, ich denke, warum! Es war so kein
rechtes Gutes, denn sie war in Eifer, ja fter in Wuth dabei. Und wenn sie
sich auch die Krankheit geholt, und zum Tode krank daran danieder gelegen,
so ist sie doch nicht daran gestorben -- spricht der Licentiat, sondern an
einer gewissen _Furcht_, die aber _gewi_ wre, an einer Furcht vor einer
sogar guten Hoffnung; sagte er einmal dem Vater, der sich ber das Wort vor
die Stirn schlug, als gehrte sein Kopf einem Andern von Holze. Eure liebe
Frau Christel hat es mit angesehen und mit angehrt, noch in der letzten
Nacht, wie Dorothea in weien Nachtkleidern aufsprang, uns ansah, ohne uns
zu sehen, und so recht herzlich Jemanden frug: Sage mir nur: Wer an dem
ganzen Unheile Schuld ist? Kann der Morgen herkommen mit seinen Seuchen und
Teufeln, wenn der Abend nicht hingeht und ihn holt? Und sa der Abendstern
auf dem Thron, wenn noch die alte Nacht darauf sa mit ihren Gespenstern!
Ist also Jemand Schuld an der neuen Zeit, als die alte tyrannische, elende
Zeit, als das alte Glck an dem neuen Unglck? Die Knige des vorigen
Jahrhunderts an den Knigen des jetzt laufenden! O, da alles Unheil liefe,
verliefe wie Wasser aus Thrnen und Blut, und ich mit darauf hinschwmme zu
der groen Pforte hinein, schn und hoch und golden und purpurn wie das
Abendroth! Aber sage mir auch, ob sich noch heute Teufel in Menschengestalt
verwandeln knnen, und _ein_ Teufel in sieben Gestalten, eine teuflisch wie
die Andere; in der einen -- siebenarmigen -- Hand sieben blitzende Sbel,
und in der andern siebenarmigen Hand sieben Flaschen alten Rhein! -- Und
sage mir nur: giebt es auch sieben Tode? -- -- Und sieben Gewissen -- und
sieben Schlangen in Jedem! -- Ah! -- -- So phantasirte die arme Dorothee.
Dann sank sie vor Schreck um, schrie Hlfe, rang sich mit Jemand wild
umher, chzte, und lag dann lange wie todt -- dann sprang sie wthend auf,
starrte umher, da uns die Haare zu Berge stiegen, zerschlug den Spiegel,
oder ihr Bild darin, da die Stcken umher flogen, und zertrat das letzte,
aus dem sie noch ihr eigenes Auge ansah. Aber, frug sie dann hhnisch
lachend: wre es _fr die Welt_ nicht besser: Ich wre sieben
Kaiserstchter! Oder nur sieben Knigstchter! Aber mein Vater ist auch ein
Knig, und ein ganz Anderer, und das ist besser fr den Himmel; besonders
wenn er seine arme Tochter in den Himmel nimmt, und die sieben Teufel in
die Hlle stt. Aber Gott auf Erden thut nur Alles mittelbar. Und ich mu
auch so thun? Nicht wahr! -- -- Und dann lachte sie recht heimlich aber
seelenfroh, und versicherte den, mit welchem sie sprach: . . . Ich habe
gethan! Das Gewlbe hat gethan; der Wein hat gethan; und -- die Thr hat
gethan! und das Letzte das Beste! Aber meinst Du nicht, mir wre doch
besser jetzt und in der abscheulichen Zukunft; selber im Himmel wre mir
und dem sndigen Herrn Paschalis besser, wenn Er . . . nein, wollte ich
sagen, wenn die sieben Teufel alle andere Gebote nicht gehalten htten,
alle nicht: Das Erste, das Zweite, das Dritte, Vierte, Fnfte -- --
Siebente, Achte, das Neunte, das Zehnte nicht -- aber nur Eines, das Eine,
ein einziges Mal! Und dann weinte sie aus geschlossenen Augen, und zhlte
dann wieder die Teufel: Einer, Zwei, Drei, Vier, Fnf -- -- -- dann
erwachte sie aus ihren Gedanken, und fuhr, erschrocken vor uns, da wir da
gewesen, und fuhr in das Bett, wie ein Gespenst, zog die Tcher ber sich,
und wir hrten sie darunter dumpf mit den Zhnen klappen, und dazwischen
noch aus ihrem Traume die behaltenen wieder auftauchenden Worte murmeln:
Es wre doch gut fr die Welt: ich wre Sieben Knigstchter; denn die
Sieben Kaiserstchter htten Sieben Vter, und die Sieben Vter htten
Sieben Herzen und Sieben Steuer solchen Unglcks -- -- -- --

Das Mdchen deckte jetzt den weien Schleier von Dorotheas Gesicht und
Brust; und wie sie so schn und ruhig lag, und ganz unverstehlich und
unausforschlich lchelte, sprach ihre Pflegerin zu Johannes: Seht nur, ob
Sieben Knigstchter schner sein knnen! Seht nur getrost hin: Sie ist nun
eine Knigstochter! Und eines ganz andern Knigs Tochter, der ein ganz
anderes Herz hat.

Sie schwieg; denn die Thre ging auf, und ein franzsischer Soldat, in
feiner Uniform mit dem Orden der Ehrenlegion geschmckt, trat herein;
Johannes erkannte den jungen Herrn von Ellenroth, der als Soldat noch
einmal so mnnlich, und in seinem Schmerz noch einmal so schn, ihn mild
begrte. Er wollte leis aber gerade zu Dorothea hingehen, als wenn sie
noch lebte; aber er blieb vor ihr stehen, wandte sein Gesicht zurck, und
sagte: Wie kann man das so bald vergessen, da Du todt bist! Ach nur, weil
ich es nicht glauben kann, da Du todt sein sollst; weil Du in mir so fort
lebendig mir da bist, wie je, und aus mir, und mit mir schaltest, wie Du
willst, und _wolltest!_ -- Er nahm den Orden von der Brust, und sagte
leis: Doch . . . hier ist der Orden der Ehre, fr die Sieben Kosaken, die
ich Dir zum Opfer gebracht in diesen Tagen, die diesen Deinen Sterbetag
mich erwarten lieen. Mit Erlaubni der Obern wurden sie mein, und so viel
ich erlegen kann oder will. Aber Sieben sind genug -- und nun falle ich
Andern zum Opfer, ohne mich zu wehren. Der _Achte_ aber liegt schon
_verwundet_ bei Johannes, und ist heilig; und da er ein Prophet unter
seinem Volke ist, wie sie sagen, so ziehe der _Unglcksvogel_ heim und
prophezeie! Und noch aus seinem Grabe dringe seine Stimme, wenn er da
hinunter gestiegen! -- Das waren schwere Tage, mein Johannes! sprach er
jetzt noch milder. Wir sind Leidensgefhrten! Denn Eure Christel, von
derselben Krankheit befallen, sehr krank, irr, und immer noch hlfreich
auch in ihrem Wahn -- ob sie gleich wirklich gehrt, da Wecker in
Britzenheim als Spion sitzt, und morgen, ich wei nicht wie: abgethan
werden soll -- Eure Christel ist entsprungen! Und Daniel und die anderen
Kinder hinter der Mutter! Ihr nach, nach Ihr; kein Winkel ist im Hause
undurchsucht -- und in den Straen hat man sie nicht gesehen; denn jetzt
hat Jeder seine eigene Noth; aber im Thore, das nach Zahlbach fhrt, meinte
eine Kastanienfrau, es wre ihr wohl so, als wenn ein halbgekleidetes Weib
hindurch geschlichen wre, und bald nachher drei Kinder, wovon das kleinste
nach warmen Ksten (Kastanien) verlangt. -- Ihr mt sie begegnet haben --
sonst ist Paschalis umsonst ihr nach. Ich verlie ihn im Thore; und daher
komm' ich, noch na von den Flocken.

Johannes hrte ihn kaum aus, und eilte von hinnen. Ihm war Alles im Innern
klar. Nun hatte er sein Weib gesehen! Das waren seine Kinder gewesen! Doch
er verirrte sich noch erst in Paschalis Hause, in den Zimmern, kam in die
Kinderstube und sah seiner Kinder weggehangene Kleidchen und die
Spielsachen, und Christels Bett, und die kleinen Bettchen; drunten an der
Hausthr aber erwartete ihn sitzend der Hund Peter, der ihm als seinem
Brodherrn nachgelaufen war, und jetzt frhlich an ihm emporsprang. Dann
eilte er durch die Gasse voll Menschen und Kinder, die dem Zapfenstreich
mit trkischer Musik nachliefen, durch das Thor ganz geblendet ins Freie,
und auf der Strae in Sturm und Wetter dahin; und wie er sein Weib und die
Kinder vorher wie Gespenster gesehen, so schwebten sie jetzt in der dunkeln
Nacht ihm wieder vor seinen Augen, luftig, und unerreichlich, immer voraus;
und an dem hohen Kreuze stolperte er und fiel mit dem Gesicht in den
Schnee. Er besann sich, wo er war; und whrend ihn der Hund mit der Pfote
scharrte und um ihn herum boll, betete er an diesem Zeichen der
angefangenen Erlsung in der Angst um Rettung den Vers: Nun danket Alle
Gott! Und aus der verhallten Neujahrsnacht erklangen ihm wieder die
Posaunen vom Dome dazu, und die Freudenschsse fielen, und die Eule kam,
und der Hund erinnerte ihn an den Hund, und sein Gebell an seinen Gang. Und
er sprang auf, schlug nun den Thalweg nach Britzenheim ein, sah schon das
Licht in der Mhle -- aber da sah ihn auch der Posten der Vorhut, und
donnerte ihm sein: Zurck, entgegen.

Denn das Wort war ein Donnerkeil, und spaltete sein Herz. Seine Fragen
waren umsonst, denn die Wache war eben erst abgelst; seine Bitten waren
umsonst, denn der von seiner Erzhlung nicht ungerhrte Soldat aus dem
Elsa, fragte ihn nur: Ob er wolle, da er erschossen werde? Denn seine
Bitte begehre seinen Kopf. Und wenn er auch kein Spion sei -- so knne er
durch einige fnfzig Stockschlge einer werden, indem er in aller Unschuld
nur Alles treulich sage, wie es in Mainz aussehe? und wo die Wache stehe?
und so knne er vielleicht hundert Mann um ihr Leben bringen, durch hundert
Schritte vorwrts. -- Wenn Euer Weib hierzu gekommen ist, so hat sie sich
vielleicht in dem Schneewetter, ungesehen, glcklich zwischen den Posten
durchgeschlichen nach Britzenheim. --

Der redliche Johannes war traurig berzeugt, blieb aber doch noch lange
Zeit neben dem Manne sitzen, bis er vor Gedanken fast einschlief, und das
Kommen der neuen Wache ihn weckte, und er still nach Hause schlich, den
Pathen im Bette weckte, und ihm sein Herz ausschttete, und seine Thrnen
still in sein Kissen.

Vom frhesten Morgen des, auf die betrbte Nacht schn anbrechenden
Sonntags durchstrich und durchmusterte Johannes bei Sonnenlicht mit noch
brennenden Augen, nebst Petern als Hauptperson, und dem Pathen Leinweber
und einem gutwilligen Nachbar die ganze engbeschlossene Gegend, so weit er
es durfte. Zuerst stellte er sich auf den Ort, wo ihm Christel und die
Kinder verschwunden waren; ging der Richtung nach, suchte Futapfen auf,
lie Petern auf die Fhrte -- aber die Tritte waren vom eingefallenen
Schnee verweht und verschttet, und der Hund sah ihm rathlos in die Augen.
Johannes starrte betrbt in die stille, sonnenblitzende Ferne, die ein
schweres Geheimni fr ihn bedeckte, inde es doch gewi an seinem Orte ein
offenbares war, und er weinte die lchelnde Sonne an. Darauf ging er -- als
Gottesdienst -- den Vater besuchen, den er gestern vergessen hatte, wie
Jemanden, den er im Sichern wute. Der Leinweber Krieg aber ging in den
Krug, um vor Mimuth und Trauer den Ba zum Tanze zu streichen; im Grunde
aber, um von irgend Jemand aus der Menge ein Wort zu hren, da das Volk
Alles erfhrt, Alles wei; weil Alles sich meist auf unentdeckte und oft
auf unbegreifliche Weise viel schneller hinaus und umher verbreitet, als
schnaufende Pferde mit Schnellreitern und ledernen Tschchen die Kunde
berichten. Er traf aber hier nur Soldaten; denn selber die Tanzjungfern
waren Soldaten, die sich zierlich verkleidet hatten, damit doch wenigstens
Weiberkleider zu sehen und zu fassen wren. Steffen hatte den Kummer im
Hause gemerkt, fragte ihn jetzt weit leichter dem Bassisten ab, erschrack,
bedachte, gebot ihm Schweigen, und versprach ihm Hlfe.

Und nicht ganz vergebens. Denn schon am Morgen hatte er einen Blauspecht
gefangen, wie er sich ausdrckte, der in Britzenheim gestanden, und nun die
gewhnliche Soldatenbeichte ablegen mute. Und so lie sich der
heimgekehrte Johannes nun selber erzhlen, da ein Weib in das Dorf
gekommen, und drei Kinder; und der Wirth htte sie wohl gekannt und wohl
aufgenommen in diesen schweren Tagen, wo die Menschen wunderlich
durcheinander geworfen wrden, damit das Volk desto mehr Gelegenheit htte,
sein Herz zu beweisen; wie ein alter nrrischer Kerl gesagt, den man als
Spion eingebracht mit einer groen Ruthe. Das Weib aber sei schwer krank,
die Kinder aber gar wohl, bis auf den Gram um die Mutter.

Der Gefangene ward in die Stadt gefhrt, und Johannes begleitete ihn ein
Stck, um Alles noch einmal zuhren, oder nur noch einen kleinen neuen
Umstand. Aber die wiederholten Worte brannten in Johannes Herz nur
schmerzlich und tief das Verlangen ein: um jeden Preis zu seiner Christel
hindurch zu dringen, und zu seinen Kindern -- da sie nicht zu ihm nach
Hause konnten. Er wre gern auf den Thurm gestiegen, um nur nach
Britzenheim zu sehen; aber des alten Vaters Frommholz wegen war er sogar
nicht mehr in die Kirche gekommen, weil da der Altar stand, woran _sein_
Erlser vom Kriege gekniet und gebetet hatte; und er sah keinen Pfarrer
darauf, nur immer den alten Zimmerman; und er war ihm theurer, und erschien
ihm eben so liebend und frsorgend, als der alte gute weibrtige
Zimmermann Joseph, der auf dem Altarblatte den Esel mit seiner
_anbefohlenen_ Maria mit ihrem Kinde, am Strick nach Egypten zog, aber seit
mehr als hundert Jahren noch keinen Schritt weiter gekommen war; und der
Esel hatte noch immer die Distel am Wege nicht erschnappt; und die Distel
war nicht verblht, und der alte Joseph zerrte unermdlich noch immer an
dem morgenlndischen vierbeinigen Wagen mit dnnhaarigem Schwanze; und sein
Gesicht sah nur staubig aus, aber nicht von egyptischem Sande, sondern vom
Kirchenstaube. So unverndert kniete in seiner blauen Jacke, die Axt zur
Seite, ihm auch der eigene wahre alte fromme Vater Frommholz; und so war
der arme Johannes denn auch um den Trost von Gottes Worte aus des Magisters
Lademann Munde. Auer der Vermuthung: da sich die Seinen wahrscheinlich
bei dem Richter befnden, der in Krieges- und Friedenszeiten Vieles umsonst
zu tragen und Alles im Dorfe zu verantworten hat; da sie, als im
Nachbardorfe, dort bekannt oder doch nicht fremd, und jedenfalls bei
Menschen, und unter dem alten treuen Himmel wren, von welchem klarer als
die Sonne, aber noch stiller und ganz verborgen ein Auge herabblicken und
aller Menschen Geschick bewachen soll -- auer dieser Vermuthung trstete
ihn nur sein Entschlu, zu ihr durch die Vorpostenkette zu dringen, und
hielt ihn hin, wie die Menschen sind, von Tage zu Tage, von Nacht zu Nacht
mit dem Bewutsein, er knne ihn ausfhren, in welcher Nacht er wolle --
und auch in der Nacht schlummre und schlafe das Auge nicht, und sei nicht
untergegangen, wie die eigentlich doch treulose Sonne; und das Eine Auge
sei dann tausend Augen, und schiee zu Zeiten goldene Blicke, wie Gestrahl
eines fallenden Sternes.

Johannes theilte sein Vorhaben dem Pathen Gevatter mit, --

Ich gehe zwar mit, wenn Ihr geht, sprach dieser; denn ich habe den
sogenannten Propheten im Stiche gelassen, und das treibt mich aus Reue mit
Euch. Aber ich rathe uns Beiden: nicht zu gehen! Die sogenannten Feinde
knnen nher heranrcken, Zahlbach nehmen, und sich vor die Schanze legen
-- dann kann _Christel_ herein -- oder noch her begraben werden, wenn sie
gestorben ist; oder wir, das heit, unsere sogenannten Freunde, knnen
einen Ausfall machen, und Britzenheim _nehmen_, wie man so einen Jammer
kurz umschreibt, da er kein sogenannter Diebstahl noch Raubmord ist; und
dann knnt _Ihr_ zu Christel und den Kindern hinaus. Ich rathe Euch zu
Geduld! Denn mit Geduld kommt der Mensch sehr weit, unglaublich weit, und
ist aller Verhltnisse gelassener Herr, besonders weil die Welt _keine_
Geduld hat, am wenigsten aber mein hungriger Namensvetter, der Krieg, die
groe Lappenpuppe, die aus lauter Magen und Geldbeuteln besteht! Und nichts
ist fr den Menschen erschrecklicher, als wenn Gott _morgen_ einen sichern
glcklichen Weg fr uns macht, und wir, wir machen einen unsichern
unglcklichen -- _heute_. Etwa heute die Nacht! Selber einen alten
Handwerksburschen, einen sogenannten Steuerbruder, der gewi niemals mehr
zu einem dreibeinigen Sitze kam, oder gar zu seinem eigenen sogenannten
Werstbnkel, den lumpigen lebensmatten Gesellen hrte ich lustig einmal in
die Morgenluft singen: Es bleibt dabei: Wer warten kann, Der trifft sein
Glck bei Zeiten an!

Johannes aber schob, als Antwort, seinem Freunde nur den neuen Kalender auf
1814 hin, worin unter andern freigesagten Lehren der Freiheit, auch auf
Jahrhunderte nachhaltende Sprche ber Menschenrechte standen, auf deren
ersten Johannes ihm mit dem Finger wies, und dann die geballte Faust ganz
ruhig auf dem Tische hielt, so lange Krieg las:

   Drei Dinge stehen jedem Menschen zu,
   Die Niemand niemals ihm verkmmern darf:
   Die Gaben Gottes, da er sei, und froh sei;
   Die Hlfe seiner Lebensmitgenossen;
   Das Dritte aber macht ihn erst zum Menschen,
   Das Recht: den Gott zu ehren und die Seinen
   In Noth und Tod zu lieben. Ohne Liebe
   Fllt dieses groe Haus der Welt zusammen,
   Ein jedes kleine Haus, und jedes Herz.
   D'rum ohne dies Recht, mu er lieber sterben,
   Dies Recht zu ben, froh den Tod nicht scheuen.

Wie gesagt, erwiederte der Pathe Leinweber hierauf: Ich gehe mit -- denn
meine Bageige wird nicht zur Wittwe, und meine paar Geigen nicht zu
Waisen! Die kann Jeder streichen, und den Webstuhl Jeder treten, auer
Einem oder Tausenden, denen die Beine weggeschossen worden oder werden.
Aber Eure Frau ist keine Bageige, und die Kinder keine Armgeigen oder
sogenannte Bratschen -- die schon jmmerlich genug klingen. Doch, ich will
Euch nicht wehren . . . . .

. . . _Niemand! Niemals!_ schlo Johannes; denn da steht auch: Die
Gottes Wege gehn, schtzt Gott mit seiner Macht. --

Und doch lie der bedenkliche Vater noch Tag nach Tag, noch Woche nach
Woche verstreichen. Denn die Vergleichung seiner Christel mit einer, und
gar noch verwittweten Bageige, gefiel ihm auf keine Weise. Noch die Waisen
--

In dieser Zeit wurde seine Spannung und Angst immer grer, und St.
Etienne's Freundschaft zu ihm deswegen immer vertrauter. Auch Johannes
wollte ihm wohl, recht wohl. Darum dauerte ihn der arme Schelm, als er ihm
eines Abends sein Soldaten- und Beutegeld aus allen Nhten ausgetrennt und
in einen kleinen Beutel versammelt, brachte, ihm aushndigte, ungezhlt,
denn ein lachender oder . . . _vielleicht_ auch weinender Erbe nehme Alles
ungezhlt, und zhle dann schon selber nach, oder sich und den Seinen vor:
wie viel es sei, was sich der gute Narr abgedarbt und aufgespart, und
trnke allen Geizhlsen ein Vivat. Doch ernstlich, sprach St. Etienne:
Die Posten werden jetzt weggeputzt wie Krauthupter; und da zwanzig
Lieutenants auf einen Gemeinen aus Ruland und Deutschland wiedergekehrt
sind, so haben wir Sergeanten sogar die Ehre tagtglich Wache zu thun; wie
ein Kronprinz einmal im Leben, bei vollem Magen den vollen Ranzen trgt, um
zu wissen, wie schwer es den Soldaten Allen zeitlebens, besonders auf
Hundertmeilenmrschen bei leeren Ranzen wird. Wir haben die Ehre! Sag'
ich, und wahrlich, das ist die grte Ehre -- vor Schusse zu stehen! Als
gemeiner Soldat bin Ich im Grunde der Knig des Krieges, der Gott des
Schlachtwogenmeeres, des Dampfes und Donners! Der Oberwelt und der
Unterwelt! Im Pulverdampfe athme ich Lebenslust! Wenn die Schlacht brllt,
wenn die Batterien rasen, da geniee ich meines Lebens, da bin ich mir
aller meiner Kraft bewut, und bin bis an die schlagenden Halsadern, voll
von dem, im Schwanken und Schweben erst sicheren Gefhl: Ich bin da! Ich
bin in der Welt! Was kmmert mich, wer siegt? _Mein_ Sieg, mein Triumph ist
mit dem ersten Schritte entschieden; Ich siege gewi ber Furcht und Elend
des Lebens! Mein Muth ist unzweifelhaft -- Ich bin unbesiegbar im Kampfe
mit einer halben Million Feinde; denn ich stelle ihnen Allen: den Einen,
einzigen -- _meinen_ Mann gegenber, mein Alles, meine Habe, mein Gut,
meine Erde und meinen Himmel. Ich bin ein Kern der Saat, die da wchst
gegen die Rasereien der Menschen! Ich bin ein Vermittler und
Friedensstifter! Der Kaiser kann geschlagen werden -- Ich? -- Nie! Er sitzt
auf seinem Teppich und brockt Todesbrocken ein -- Ich esse sie aus! Ich bin
ein Soldat -- Er ist ein bloer Kaiser und Knig -- von Gottes Gnaden! Und
Gottes Gnade wendet sich berall stets von den Alleinklugen, den Blinden,
den Tauben und Taubblinden. -- Da nimm den Bettel!

Und als Johannes das Gold nicht nehmen, selbst nicht ungezhlt in
Verwahrung behalten wollte, sagte er ihm: Siehe mich, so lange ich noch
sichtbar bin! Und siehe mich recht an! Wir haben uns wenigstens zweimal
hunderttausend Jahre nicht gesehen, und knnen uns dreimal hunderttausend
Jahre nicht wiedersehen, und das Wiederkennen ist schwer zwischen Masken
und Masken . . . auf einem weltbreiten und weltlangen Corso! oder
himmlischen Grothustrae! _Jetzt_ aber wirst Du mich zu erkennen glauben,
Johannes (denn so dumm und glubig ist der Mensch); wenn ich Dir sage,
_Deine_ Christel ist _meine_ Schwester! Und ich bin also ihr Bruder! So
nennen die Menschen solch kleines Geschmei aus einem Mutterschooe! Und Du
bist mein Schwager. Oder ist sie so gut, und ich so schlecht, so bin ich
ein Soldat, ein unbegreifliches Ding und knftiges Unding; wenn die Todten
nicht noch Dinge sind, oder nur Dnger, Bautzner Dnger, Leipziger Dnger
und dergleichen, und Christel ist eine Mutter! Und eine Mutter ist das
beste Thier unter den Cherubim und Seraphim! Meine auch! Geh', bringe die
Bibel! Die Bibel macht Freunde -- Bluts- und Herzensfreunde und
Seelenfreude! -- Das war noch einmal ein Spa, Steffen, da Dir die Augen
berlaufen! Nun mag man sagen: Schach dem -- Kaiser! -- der weidlich:
Schach den Knigen, gesagt, und manchen matt gesetzt! Ja meinetwegen
mgen selbst die schachmatten, durch die Vlker -- die Bauern -- entsetzten
Knige nun einmal zum Danke sagen: Schach den Vlkern! und die Vlker mgen
sagen: Schach den Knigen! oder mag ein Tlpel von Kometen gar das
Schachbret umstoen -- der Spa bleibt! Der Spa war herrlich!

Auf diese Freude, besonders auf dieses _Zutrauen_, das Johannes zu _diesem_
Soldaten, der ihm ganz fremd und herb gewesen, und durch ihn nun zu allen
Soldaten bekam, fehlte nichts: seinen Entschlu frhlich sogleich
auszufhren, als da noch ein Handwerksbursche, ein Waffenschmied, im Dorfe
und auch bei ihm fechten -- Brod erfechten -- umherging, der glcklich
durch die Vorposten durchgeschlichen, nur ein weies Hemd ber seine
Kleider angezogen, um in dem Schnee einem Schneemann hnlich zu sehen, oder
wei auf wei gar nicht gesehen zu werden, und der ber den Gang nur Scherz
trieb, den er aus der -- fr Johannes zu leicht wiegenden -- Ursache
unternommen, um in seinem Vaterlande, dem Elsa, Waffen gegen die
Deutschen, auch Russen zu schmieden. Hundert! sagte er; und mit jeder
Spitze kann man hundertmal stechen, wie eine Wespe und nicht daran sterben.
Denn der Waffenschmied selbst bleibt gesund und frisch dabei, und freut
sich am Feuer, und schlgt nur mit Bosheit aufs Eisen. Wir Waffenschmiede
sind unsichtbare Geister, und sollten alle wenigstens _Geheime_ Kriegsrthe
heien! Ohne Geld keine Schweiz. Ohne Waffen, kein Polen! kein Frankreich!
Huser ins Wasser baut man auf Rost -- von Holze; aber alle Reiche ruhen
auf frischem oder doch auf altem verrosteten Eisen, Darum ist Vulcanus
unser Patron, weil er hinkt, und weil er hinkt, hinken die armen Reiche
auch alle, und haben auch keine Kinder, wie der Gott der Maulesel, und
mssen sie darum rauben, wie Amazonen, aus vterlicher Kinderliebe! -- So
sprach er. Und fr ein warmes Frhstck sang er viel lustige Lieder, und
zeigte ihnen Schmachbilder auf Malaparte; denn wer sein Theil erwhle und
behaupte, der habe _nunmehr_ das schlechte Theil erwhlt. Aber Gott schtzt
Frankreich.

Die Marterwoche, der Charfreitag zog nun Johannes unwiderstehlich zu
Christel. Vor zwei Jahren hatten sie an dem Tage den Tremulanten gehrt,
und das ngstliche, ja abscheuliche blinde gotteslsterliche alte unsinnige
Lied:

   O groe Noth:
   Gott selbst ist todt.

und sie hatte darauf vom Tode Gottes getrumt, um zu merken: er lebe; sie
hatte die Wassersuppe aus Bettelbrod vom Daniel mit Danke gegessen; und das
Andenken an das arme gute Weib durchzuckte ihn, whrend er zwei weie
Ueberhemden und zwei weie Nachmtzen fr sich und den Pathen aus der
einsam stehenden Lade nahm; und der auf den Deckel gemalte Vogel sah ihn
mit seinem groen Auge recht wunderlich an, und die gemalten Blumen selbst
thaten ihm leid um Christel, geschweige sein Weib selbst, seiner Kinder
Mutter, und selber die Kinder!

Als nun Stephan zur Nacht auf Wachposten gezogen, stellte er ihm noch zu
Morgen den Schinken bereit auf den Tisch, und schrieb mit Kreide dazu:
Morgen komme ich wieder -- ftterte Petern; _verga aber ihn
einzusperren_; berlie dem schwachen russischen Unglckspropheten und
Mitverbrecher an Dorotheen, dem in seiner armseligen Seele sich ohne alles
Unrecht fhlenden, brigens pudelguten Kosaken Sebastianow das Haus, wollte
die morgende Nacht wieder zurck sein, nur einen Tag mit den Seinen
verleben, wissen, wie es ihnen gehe, sie pflegen, ihnen rathen, helfen!

Und in der Nacht, noch ehe der Vollmond aufzugehen drohte, stand Johannes
bereit zu dem kalten Gange, in das weie Hemd gekleidet; und der Pathe
Leinweber im weien Hemde; und Einer setzte dem Andern vergngt die weie
Nachtmtze auf; und in der dunkeln Stube, worein nur das Schneelicht durch
die Fenster fiel, kamen sie sich vor wie Gespenster und gaben sich seufzend
die Hnde, und die Pelzhandschuhe gaben einen dumpfen Laut. Und als der
Leinweber noch also von seinem Freunde Abschied genommen -- weil er selbst
gern der Noth entkommen, nicht das Letzte mit aufzehren zu helfen und nach
so lange auch wieder nach Hause wollte -- traten sie Beide die
Viertelstunde Weges an, der wie eine Kettenbrcke, ber eine gefhrliche
Kluft fhrte, die sie bisher unertrglich getrennt hatte. Aber sie wren
lieber durch die Luft geschritten, als auf der Erde einen knisternden
Schritt nach dem andern dahin.

Sie traten heraus; und linksher erklang ihnen ein glckliches Zeichen in
himmlischer Luft. Denn der alte Psalm des alten Heerfhrers Moses erfllte,
wie heiliger Erdduft aus umgeackerter Erde die Rume der heitern glnzenden
Nacht voll derselben alten Gestirne, und die alten Worte flossen zum
Herzen, wie Blut der Welt. Und sie standen betroffen und hrten. Ehe denn
die Berge worden, und die Erde, und die Welt geschaffen worden, bist du,
Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. _Der du die Menschen lssest sterben_, und
sprichst: Kommet wieder Menschenkinder! --

Die Menschenkinder sind die Franken auf der Schanze! sprach der
Leineweber leise, whrend sie weiter gingen. Die Psalmen haben sie aus
ihrer Kinderzeit noch behalten, sonst nichts. Und wie der Herbst den Hirten
ein Lied abzwingt, so pret ihnen die stille Gewalt der Winternacht auch
wieder ein Lied aus, Lebensmost! und wir trinken ihn mit den -- Ohren! Ich
mchte auch aus mir was herauspressen! Aber alles, was seine Zeit hat, hat
auch seine sogenannte Unzeit!

Johannes schwieg.

Sie kamen nun vor dem Dorfe ins Freie. Unten Alles ein unbersehliches
weies Gefild. Es war, als wenn die weie silberfunkelnde innere Domdecke
vom Himmel ab, auf die Erde gefallen, und nur von dem breiten Gurt des
Gewlbes _nicht_; denn die Milchstrae war breit und wei, wie stiller
wolkiger Flor da droben hangen geblieben; aber sie schimmerte nicht
silbern, sondern funkelte golden; und daneben -- da berall, wo die Decke
herabgestrzt und wo nun ein unergrndlicher Bau durchsichtig sich
aufgethan hatte, da funkelten klare Gestirne golden, wie groe Ampeln in
fernen, fernen Gemchern und Slen, nur klein, und ruhig. Und whrend
Johannes, der voran ging, den Himmel vor Angesicht hatte, fiel ein Stern
aus dem dunkeln Blau, entzndete sich wie ein feuriger Komet, und scho mit
langem Schweife, Strahlen und Funken versendend, vorber.

Sie blieben einen Augenblick stehn -- und Peter der Hund war bei ihnen.

Denn in Daniel war die Sehnsucht der Mutter zur Reife gekommen, wie Saft
und Kraft und Wrme der Erde hinaufgesogen wird in ein junges
Fruchtbumchen; und statt ihrer und seiner Geschwister war _er_ glcklich
in seines Vaters Haus gelangt, ein Bndel mit frischbackenem Kuchen,
wohlgeschichtet und vorsichtig getragen, im reinen Tuch, und tausend Gre
auf seiner Zunge. So sa er daheim auf der Ofenbank, und harrte des Vaters,
nachdem er in der dunklen Schlafstube leise auf sein Bette gefhlt und
davor gefragt: Lieber Vater! schlaft Ihr schon? Die Mutter ist wieder
gesund! Und beim zweiten Bett hatte er gesagt: Lieber Vater! Ich bin da!
Seid aber ja nicht bse; Ihr konntet mir's nicht erlauben, und die Mutter
wei es nicht. Nur Wecker. Aber ich bringe Euch Kuchen, den sie gebacken
hat; denn sie hilft dort im Hause und macht die Wirthin. So hatte er
gestanden, bis er gefhlt, da das zweite Bett auch unberhrt war, und in
allen Winkeln Niemand; und so sa er denn still im Dunkeln am Ofen, und
neben ihm schnarchte der ihm verhate, weibrtige Sebastianow, whrend der
Vater und Krieg in der Nacht hinschritten.

Der Hund aber schlug jetzt einmal zu bellen an, da das Feldgeschrei der
nahen Vorposten umher scholl; denn er hrte seines Herrn, St. Etienne's
Stimme heraus, der nicht mehr entfernt, auf dem letzten Posten stand, wo
Johannes mit seinem Gefhrten vorber mute, Johannes rief Petern; und sie
knpften zwei Tcher zusammen, das eine Ende derselben fest an den Ring
seines Halsbandes, das andere fest an einen Zaunpfahl im Felde, und
bedrohten ihn stumm und streichelten ihn, damit er schwiege und bliebe.
Ihre Angst erwachte. Denn der tiefe Hohlweg, der sie bis zu der Zahlbacher
Mhle gedeckt hatte, gab sie nun auf und frei; und nachdem sie die Mhle
umschlichen, deren Geklapper ihr Ohr erfllt, standen sie eine Weile mit
Herzklopfen nach der zweiten, der Britzenheimer Mhle sphend und horchend,
nach welcher sie nun links ber das offene Feld sich schleichen muten. Und
hier in der Stille hrten sie wieder, aber schwcher den von vielen
deutsch-franzsischen Mnnerstimmen gesungenen Psalm: Meine Seele ist
stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Hort, meine Hlfe, mein
Schutz, da mich kein Fall strzen wird, so gro er ist. Wie lange stellet
ihr Alle Einem nach, da ihr ihn erwrget, als eine hangende Wand und
zerrissene Mauer? Sie denken nur wie sie ihn dmpfen, befleiigen sich der
Lgen, geben gute Worte, aber im Herzen fluchen sie. Sela. -- Die Luft
strich ein Weilchen, und bog den, schwach ihnen nachflieenden Gesangstrom
seitwrts, und wandte ihnen erst wieder die Worte zu: Meine Zuversicht ist
auf Gott. Hoffet auf ihn allezeit, lieben Leute, schttet euer Herz vor ihm
aus. Gott ist unsere Zuversicht. Sela. Aber Menschen sind doch ja nichts,
groe Leute fehlen auch; sie wgen weniger denn nichts, so viel ihrer ist.
--

Wenn der knisternde Schnee jetzt fnf Minuten lang nur Flaumenfedern wre!
oder heute schon: knftiges Wasser, da er nicht knarrte! flsterte der
Leinweber dem Pathen zum Ohr. Jetzt, Johannes, denkt, ihr seid wieder ein
Knabe; und da Euch der Vater nicht sieht, sollt ihr unter den niedrigen
Fenstern wegkriechen, zu den andern Kindern, zum Spiele. Also gebckt! Und
glaubt mir in aller Stille, da mir der Buckel dabei weit weher thut, als
Euch -- denn ich bin kein Schneider! Wir Leineweber sitzen kerzengrade; und
wir Bastreicher stehen wie Lichter -- aber ein Wurm krmmt sich -- denn
dort dmmert der letzte Posten, bei dem wir, Schneckenpost, vorber mssen.
Nun, Glck zur hflichen Reise!

Und whrend sie jetzt so wunderlich wie zwei weie Eisbren -- vom
losgekommenen Hunde gefolgt, schweigend und mit verhaltenem Sthnen, dem
Posten sich nahten, und ihn umschleichen wollten, auf welchem grade in
dieser Nacht St. Etienne stand, wurden sie die Nhe von dem ersehnten
Britzenheim und der Feinde, in der stillen Nacht deutlich aus dem frhlich
gesungenen Liede (von Theodor Krner) inne: Die Hlle braust auf in neuer
Gluth, umsonst ist geflossen viel edles Blut, noch triumphiren die Bsen.
Doch nicht an der Rache des Himmels verzagt, es hat nicht vergebens blutig
getagt, roth mu ja der Morgen sich lsen.

Jetzt trat pltzlich ein blutrother Mond aus dem Himmel; aber er blieb
nicht stehen, sondern er flog ber dem Himmel, wie ein purpurner Ball von
einem Riesen geworfen, erhellte die Gegend -- und fiel entfernt, wie es
schien, in die schwarzgrnen Fichten der Berge. Und um nicht aufzustehen,
setzten sich vor Verwunderung die Freunde einen Augenblick, und sahen sich
nahe in die Gesichter, um sich einander schweigend zu fragen: welch Zeichen
das sei? Und wieder flo deutscher Gesang jetzt nher und strker daher:
Und noch regt sich mit Adlerschwung der vaterlndische Geist! Und noch
lebt die Begeisterung, die alle Ketten reit! Und wie wir hier
zusammenstehn, in Lieb' und Luft getaucht, so wollen wir uns wiedersehn,
wenn's von den Bergen raucht. Drum frisch, Gesellen, Kraft und Muth! Der
Tag der Rache kmmt! Bis wir sie mit dem eignen Blut, vom Boden
weggeschwemmt. Und _Du_, im freien Morgenroth, zu dem dies Hochlied stieg,
du fhr' uns, Gott wr's auch zum Tod! Fhr' uns das Volk zum Sieg! --

Jetzt sahe Johannes den letzten franzsischen Posten, und auch der sprende
Hund sah ihn und boll. Der Pathe hielt ihm die Schnauze zu. -- --

Wer da?[A] rief St. Etienne.

[Funote A: Qui vit?]

Krieg drehte sich hinter Johannes um, und nahm eine andere Richtung in
seinem Krebsgang; aber seine jetzt grade ungewogneren Tritte knisterten
lauter im Schnee. Johannes blieb todtenstill, hatte die Augen fest
geschlossen und war sich selbst wie verschwunden. Peter winselte freundlich
und wedelte mit dem Schwanze.

_Wer da?_ scholl es lauter.

Und Johannes warf sich auf die Erde und kroch auf Hnden und Fen weiter,
whrend von einer andern Seite die Worte ihn mit Schneegeflirr vermischt
berrieselten: Nicht leichten Kampfes siegt der Glaube, solch Gut will
schwer errungen sein. Freiwillig trnkt uns keine Traube, die Kelter nur
erpret den Wein; und will ein Engel himmelwrts, erst bricht im Tod ein
Menschenherz.

Wer da? rief St. Etienne jetzt zum dritten Male in gespannter Entrstung,

Der Hund lief hin. Johannes wollte behend wie ein Pfeil entrinnen; er
wollte hinzu, und mit dem Manne mit mnnlicher Gewalt kmpfen -- und
zuletzt glaubte er, zwischen den schnellen Entschlssen schwebend, er
glaubte Stephans Stimme erkannt zu haben . . . und vor Freude und Hoffnung
versagte ihm die Sprache. -- Da sank er schon; und den Schu selber hrte
er nicht in den Schluchten verhallen.

Die Wache tritt ins Gewehr. Der gndige Gottlieb hrt von St. Etienne, da
er Etwas erschossen, was sich durch die Posten schleichen wollen. Der Hund
springt an ihm herauf. Herr von Ellenroth eilt mit der Laterne zum Ort. Der
gndige Gottlieb folgt mit den Andern, und St. Etienne findet die
sonderbare Gestalt, wendet sie um, leuchtet ihr in das Gesicht, und erkennt
seinen Wirth, seinen Freund, der noch athmet, der ihm kein Wort mehr sagen
kann, nur schwach die Hand noch reichen. Und als St. Etienne seine noch
brigen paar Thrnen, kurz aber hei ber den armen Freund geweint, sprach
er: Httest du nur deinen Namen genannt! Oder ein Anderer nur deinen --
ich htte nicht geschossen; und ich begreife beinah: wie ein Mensch
Jemandem mehr sein kann, als ein Kaiser und Knig. Aber waren nicht Alle
die vielen Andern auch Menschen . . . die ich . . . . -- Ach! . . . .
Meiner Schwester wollte ich Freude machen; und ach, ich habe nicht ihm in
die Brust geschossen, sondern mit ihm -- _Ihr_ grade ins Herz! Sie selber
lge hier besser! Und ich am besten!

Der sausende Mond aber war ein Zeichen zum Ueberfall gewesen; -- ein im
Dunkeln durchblitztes, durchklirrtes, durchschrieenes Getse wie von
Geistern -- und in einer Viertelstunde war kein Feind mehr in Britzenheim
und weiter hinaus. Die Wege waren frei, und Christel war frei, die ruhig
schlief, whrend der wahre Mond wie eine goldene Scheibe im Feuer glhend,
doch khl ber den Horizont heraufstieg, und mit gttlicher Ruhe das
heiligruhende, purpurschimmernde Schneegefild beschien -- und Johannes
entlaubte Bume, und Johannes auf immer verlassenes Haus. So still! So
gttlich!




XII.


Inhaltvolle besorgte Eil schien nun Stephan zu drngen. Nach der
getmmelverworrenen Nacht erst suchte er seinen todten Freund wieder auf,
und lie ihn nach Zahlbach tragen in sein Stbchen; nicht nach Britzenheim,
wohin doch der Lebende -- vor sein Leben gern begehrt. Dem Todten aber
meinte er keinen Willen mehr zu brechen, noch einen zu erfllen; und statt
Freude bei Christel zu bringen, htte er ihr nur pltzlichen Schreck
gebracht. Als aber die Sonne aufgegangen, machte er sich dafr selbst auf
den Weg zu seiner Schwester, die schon unglcklich genug, noch auf
vielfache Weise unglcklicher htte werden knnen, und jetzt noch, ja erst
werden konnte, je nachdem in ihrer Seele die Ereignisse sich nun reiheten,
und _in welcher Folge_ sie ber ihre Brust fielen, wie Tiger. Und so ging
sein grter Kummer, wie ein unsichtbares Gespenst, unempfunden an ihm
vorber, weil er nicht wute, da der Leinweber treulich mit Johannes
gegangen und treulos entflohen war. Diese Kenntni wrde ihn rathlos
gemacht haben auf seinem Gange zu Christel; denn der hohlsausende Thauwind,
der pltzlich grau gewordene verwesende Schnee auf den Feldern; der
herabrieselnde Regen; ja selbst die neugrn hervortauchenden Raine und
Kmme der Saatfelderbeeten, die wie aus einer seligen, seligen Zukunft
erschienen waren, die er nicht frhlich mehr sehen sollte; selbst ein, wie
aus dem Winter geretteter Vogel, der, einige Tne zwitschernd, die Kehle
probirte zum Frhlingsfeste, keine Ruh auf den Zweigen hatte, zwischen
hangendem Schnee und braunen Frhlingsknospen, und eifrig von Baum zu Baum
flog, weil ihm keiner gefiel, und doch die rechten grnbelaubten, mit
Blthen ihn verbergenden, suselnden Huser auf einem Stamme noch nicht
da waren; und vollends erst das Gerusch der sich sammelnden Wasser . . .
und das ferne se heilige Rauschen auf Berg und Wald -- das Alles stimmte
ihn weich, wie er als Knabe gewesen voll Hoffnung; aber jetzt weicher, denn
alle seine Hoffnung war hin, und aller Schmerz war da, und das Vorgefhl
des grten und des letzten. Doch auch die letzte Freude war nah; und sie
austrumend, und ausspinnend, ging er mit gesenktem Haupte, aber lchelnd,
und sahe seine Christel gleichsam unter der Schneedecke des Weges immer mit
ihm schweben: wie sie jetzt roth ward; jetzt bla; jetzt weinte; und ihm
war, als schiffe er, bergebeugt im leisen Kahne, oder als ginge er auf dem
blhenden Ufer eines tiefen, klaren Wassers, und Christels klare Gestalt
unter ihm war sein eigenes Bild in dem Wasser!

Pltzlich stand ein Mann vor ihm, der ihm erstaunt ins Gesicht sah.

Wecker! Todtenwecker! rief St. Etienne, und reichte ihm die Hand.

Ein Ungehangener darf sie schon nehmen und geben! sprach Wecker, der viel
von seiner saubern Tracht verloren, und den kleinen Gotthelf auf dem Rcken
-- reiten hatte. Gut, da Ihr Britzenheim gefangen habt! denn leider
Niemand, das heit kein Mann, kam aus Zahlbach, der mich kannte und
anerkannte! Lieber will ich, ehrlich erschossen, auf einem bockenden Pferde
in aller Welt herumgaloppiren, als auf den Tod sitzen, den Strick in der
Hand, und aqua toffana schwitzend vor Bosheit! Ich habe es gestern durch
den Daniel dem Johannes sagen lassen, denn meine -- wollte ich sagen:
Christels Angst war gro!

Wo ist mein Daniel! Ist er bei Euch? rief jetzt Christel, ihr Kleinstes
auf dem Arme, ber den Weg; und ihr Mutterherz trieb sie getrost, sogar dem
gemiedenen Sergeanten unter die Augen zu treten, herber durch den
Schneewasser-Bach auf dem Wege. Stephan ergriff ihre Hand, um sie auf den
Fuweg zu ziehen und sprach: Euer Johannes schickt Euch gewi den
Hndedruck: und ihm ist wohl, so wie wir Menschen davon wissen! Seid nicht
bse. Aber Daniel ist bei uns zu Hause? frug er bedenklich.

Nicht! Nicht? tnte aus der Mutter Brust, wie aus einer zerrissenen Welt;
und ihre grogeffneten flehenden Augen gossen einen heiligen Strom von
Wehmuth -- in seine Augen voll Wehmuth.

Wo wird er denn sonst sein! rief Wecker, barsch vor Angst.

Christel, sprach Stephan gedrngt, was soll ich es Dir verhehlen liebes,
liebes, gutes Weib -- ich komme Abschied von Dir zu nehmen -- ich ziehe
nach Hause zum Vater, denn ich bin schwer verwundet -- -- --

Christel errthete und erblate.

Stephan nahm ihr das Kind vom Arm, liebkosete es, und sagte: Also lebe
wohl! und reiche mir zum letzten Male Deine Hand!

Sie gab sie. Er aber hielt sie fest, sahe ihr tief und nah in die schnen
schwarzen Augen, und flsterte ihr leise zu: Weit Du noch, als der Vater
das Haus baute, und Du ein Lamm hattest als kleines Mdchen; und das Lamm
Dich umstie; und wie Du aus den Blumen aufstehen wolltest, und wie es Dich
immer wieder hinstie -- wer erlsete Dich denn aus den Blumen? Christel!
Brodchristel, wie wir Geschwister Dich nannten!

Mein Bruder! rief Christel; Steffen!

St. Etienne! sprach Stephan, mit dem Finger auf seine Brust deutend. Aber
wie sie vorgebeugt, und mit offenen Lippen und irren Augen ihm in das
Gesicht sah, sank er langsam um, und mit einem Schrei ergriff sie das Kind.
So blieb sie wie aus einem Traume erwachend stehen, und aus ihren Zgen
entstieg gleichsam, wie rauchender Hauch aus Wasser im Winter, die
ausgestandene Angst, und Schreck legte sich wie Reif ber ihr bla
gewordenes Antlitz; und wie sie so reglos stand, erhob sich Etienne wieder,
kte sie auf die schne geneigte Stirn -- schrie laut, wandte sich ab und
schritt von hinnen. Denn er sah von weitem Daniel gelaufen kommen, der ja
nun wute . . . da er, ihr Bruder, ihr den Mann erschossen . . . . und
vielleicht auch mehr erzhlte, als Christel jetzt erfahren sollte -- bis er
dahin geschieden.

Bruder! rief sie ihm nach, mein Bruder!

Zum Teufel! Gott sei bei uns . . . rief Wecker, so bleibt doch!

Schwester! -- Schwester, leb wohl, rief er zurck, und sprang in den
Hohlweg, wie ein Seliger froh; denn seine Schwester hatte _ihren Bruder_
wieder gesehen, rein den _Reinen_, ohne Schuld und Fehl; und nun sollte sie
ihn nur auch noch rein und redlich -- den Redlichen beweinen, wenn auch
nicht den Reinen; _dann_ mochte sie Alles erfahren; _denn keine sptere_
_Schuld kann frhere Unschuld rckwrts im Herzen ermorden; kein spterer
Schmerz kann einmal genossenes Glck zu Unglck verwandeln_ -- nur frben!
und wie oft habe ich nach durchwachten Nchten gesehen, sprach er: wie
die Morgendmmerung selbst schwarze Gegenstnde herrlich blau frbt, selbst
Todtenkreuze! Und vielleicht auch thut es _die Abenddmmerung_ . . . in
welcher das neue junge Weib von sieben und zwanzig Jahren nun leben wird,
bis ihr das Alter oder der Tod die Zahl zwei und siebenzig dafr ganz leise
auf das Kreuz ihres grnen Hgels schreibt!

Und doch stand Stephan hinter einer hohlen Eiche, und harrte, und lauschte,
und brannte zu hren, wie Daniel seiner Mutter erzhlen wrde, wie er sich
allein bei dem Vater gefrchtet, den sie ihm in das Haus getragen in weiem
langem Hemde.

Und siehe, da richtete sich _Johannes_ in weiem, langem Hemde vor Stephan
auf, der ihn aus der Eiche, wie aus der Erde hervorkommen sah. Und ob er es
gleich nicht begriff -- so durchzuckte ihn Freude, da er gelhmt stehen
blieb, und dann laut seiner Schwester rief. Doch sich besinnend erkannte er
den Pathen Leinweber, der im ungewohnten Lauf und der blendenden Nacht sich
an einem Pfahl gestoen hatte und liegen geblieben war, durchnt, von
Furcht, vom Krampfe, und endlich vom Schlafe gefesselt.

Krieg frug ihn, belebt, nach Johannes.

Ich wei nichts von ihm; antwortete Stephan, froh, da jener nichts
wute, und deutete ihm auf Daniel, und Wecker und Christel, die dem Knaben
entgegen eilten.

Krieg schlich auf sie zu. Und auch Stephan fate den uersten Muth: stehen
zu bleiben. Und selbst in der geringen Entfernung war er jetzt am hellen
lichten Tage wie unsichtbar, weil Christel ihn jetzt nicht vermite, an ihn
nicht dachte, vor Freuden ber Daniel. Aber . . . er hrte die Stimme des
Knaben, die der Wind zerri; und das Weinen; und ihren Ausruf ber die
Gestalt des Leinwebers . . . und die Wrter . . . Bageige, und
Armgeigen, und Weckers lautes Wort: so mu er begraben werden -- am
Auferstehungstage! Auf den Fall giebt es noch kein Lied! . . . Schade, da
der alte Vater Frommholz nicht mitkommen kann! Wir zwei begraben
rechtschaffen! Das kleine Ding, Clementinchen, rckt zu; das ist ein gutes
Kind! Und mein groer Friedrich ein groer Schlingel! -- Und er sahe
darauf, wie sie Krieg an die nahe Stelle fhrte, wo Johannes Blut den
Schnee befleckt hatte -- und sah seine Christel verschwinden . . .

Und er zog seinen Weg.

Endlich fuhr Christel empor und eilte mit Daniel, Hand in Hand, nach Hause.

Sie werden blo zum bloen Hause kommen, nicht mehr nach Hause! Wittwen
und Waisen haben keine rechte sogenannte Heimath mehr, und mssen erst
wieder von Grund aus, d. h. vom Tode des Vaters aus, ein neues Leben
anfangen; sprach Krieg zu Weckern, indem sie beide langsam nachfolgten,
jeder Eins der Kinder auf dem Arm, die Wunderliches frugen, und von den
beiden Alten gar wunderliche Antworten erhielten. Sie kehrten vor Hunger in
der ersten -- wohlriechenden Mhle ein, ja selbst in der zweiten, obgleich
bei diesen erst der Backofen wohlroch, und -- wrmten die Kinder aus. Aber
es war zu viel zu malen, um Kuchen zu schneiden. Verdammter Krieg! sprach
Krieg. Zuletzt verweilte Wecker den alten Freund noch auf dem Kirchhofe,
wegen eines drei Ellen tiefen und doch unergrndlichen Loches, in welches
er als Kind stundenlang hinabgesehen, um _die_ Grube auszugrbeln und
auszustudiren. -- Und so berzgerten sie die erste wahrhaft traurige Zeit
eines Weibes, aber nicht die letzte -- und die Frist: da eine wie vom
Himmel gefallene Wittwe sich nothdrftig ausweint, und den Thrnenquell zum
Flieen bringt! Und ein Mann ist nicht Freund von Klagen ohne Hlfe, und
schenkt nicht gern den noch ungegohrenen trben Most des Trostes ein, wobei
Zwei alte Menschen Ein Narr sind oder Ein Stummer -- wie Wecker sagte.

So fanden sie Christel mit ausgeweinten Augen, aber schon sehr sauber in
_weiem_ -- Trauerkleide, da sie kein schwarzes hatte. Aber das schwarze
Tuch um den Busen und Kopf erregte ihr bei den Kindern und selbst bei den
Alten: die uralte Scheu und Ehrfurcht vor der uralten Nacht und dem Tode,
die an Lebendigen, Liebenden und Geliebten so sichtbar schwarz und traurig
abgespiegelt, ganz wundersam, ja heilig erschienen. Die Kleinen aber
packten das Tuch mit dem Kuchen auf, langten Beide jeder Zwei Stck, je
Eines in jedes Hndchen, und setzten sich schon hin in den Winkel, um ruhig
umzeche von beiden zu essen; als Daniel es ihnen verwies und sagte: Wie
knnte ich nur den Kuchen essen, der fr den Vater bestimmt ist! Ich wte
da nicht, ob Er ihn e, oder Wer! Und die Kleinen legten ihn hin. --
Ja, sagte Wecker, folgt nun Eurem Daniel! Er ist nun Euer kleiner
Vater. Und so langte er selbst zu, und legte dem Pathen hin, und die Alten
aen; und selbst der hingestellte Schinken ward von dem so lange hungernden
Weber angeschnitten. Muth! sagte Wecker; was schadet Rauch und Fleisch
der Traurigkeit? Denn ein Schinken bleibt ewig ein Schinken -- oder leider
nur eine kurze Abschnittszeit -- Wecker bleibt Wecker! Und Johannes bleibt
Johannes in Ewigkeit und kommt nur nicht wieder.

Christel aber brachte ihnen die letzte Flasche Wein, go in die Glser,
kostete selbst -- weil ihn Johannes gepret hatte, und gab auch den Kindern
zu nippen von des Vaters -- Mhe und Wohlthat, die so golden im Glase
blinkte, wie sie still dabei empfand. Dann stellte sie das Glas hin und
erblickte die groe mit Kreide deutlich geschriebene Schrift:

      Morgen komme ich wieder, lieber Steffen.
      Seid ja nicht bse auf mich!

         _Johannes_.

Sie las sie vor Schreck, unbewut, laut; und ging vor Wehmuth dann hinber
zu ihm, und legte sich schlummern. Daniel aber sah es durch das Fenster,
und setzte sich in das kalte Haus vor die Stubenthr Wache, da Niemand die
Mutter stre, die von schwerer Krankheit unter Sorge und Kummer mhselig
genesen, schon lange so bla aussah, da er ihr sonst im Scherz, aber aus
innerer Angst, die Wangen roth rieb mit den warm gehauchten drei
Fingerspitzen; dann sahe sie wohl aus, dann war er froh!

Sie aber trumte jetzt bis die Sonne unterging -- nicht von dem neuen
Unglck, welches der wohlthtige stilleste Freund der armen Menschen, der
Traum, erst wie eine nachreifende Frucht, _bis sie s und lieb ist_, auf
sptere Nchte aufspart; sondern sie trumte von ihrem alten Glck. -- Sie
war ein kleines Mdchen; und das Lamm stie sie in die Blumen; und Stephan
nahm sie auf und an seine Brust, und sie schluchzte vor Seligkeit. -- Sie
schlug grade die Augen auf, als die blitzende Sonne sank -- und ein
ungeheurer Donnerschlag fiel und ri sie empor von dem Bett; und das Haus
schtterte; selbst die Bume zitterten; und die Erde unter ihren Fen
bebte weit hin -- und die Thre sprang auf, und sie sah den Knaben sitzen;
und eh' noch der Wiederhall rings umher den Wetterschlag ausposaunt, stand
sie, in irrigem Wahn, schon vor ihrem todten Johannes, was ihm geschehen
sei? Aber es quoll nur Blut aus seiner erschtterten Brust.

Wecker und Krieg und selbst Daniel liefen hinaus. Sie erblickten nur noch
eine sanft sich verziehende Wolke von blauem Dampf, der die Abendrthe
durchschimmerte. Auf der nahen Klubbistenschanze standen aber mehrere
Soldaten um Etwas, das sie betrachteten; und so eilten sie mit einigen aus
dem Dorfe auch zu den Neugierigen, und drngten sich endlich Raum zum
Sehen, und sahen und hrten. Und Einer sprach zu den Andern! Uff! der hat
kurzes Ende gemacht statt des langen! Er sah, Wir fallen alle, verlieren
den Ruhm und vergehn in Schande. Er starb noch in _vollem Monde der Ehre,
im groen Tage_ des Vaterlandes, in welchem bald -- einst -- und nie ein
Franzose mehr sterben kann! Und ein Andrer sprach: Die sechs Kanonen hat
er auf Einen Punkt gerichtet, da er jetzt Wache hier stand -- alle mit
Granaten geladen; dann durch einen mit Pulver eingeriebenen Faden, ber
kurze Luntenstummel verbunden, hat er hier stehend sie alle zugleich
abgeprotzt. -- Ein Vorwand! _Ein Kind von zwei Mttern geboren!_ sagte
noch ein Andrer. Er hat in letzter Nacht seine Schwester durch ihren Mann
erschossen. Durch und durch! Also zwei aufeinmal.

Also das Wer da? Wer lebt? heut in der Nacht auf unserem Wege zu Christel
kam von _Stephan_? sagte Krieg bestrzt.

Ist gekommen! sprach Wecker. Dein Reich komme!

Und hier erschiet er sich nun!

_Hat_ sich! sprach Wecker wieder. _Vergieb uns unsere Schuld!_ Es ist
kein tempus besser fr Jeden, als das praeteritum! Und zum Glck ist unser
Aller Gegenwart kein Wartendes, sondern ein Gehendes, Laufendes,
Verschwindendes.

Der Mann ist wie verschwunden! sagte der gndige Gottlieb. -- Er liegt
in hundert Stcken; sagten Mehrere, ohne seine Gebeine zu sammeln, und
besahen nur die Brocken des tapfern verwogenen Mannes -- zerrissene Stcke
von Tuch, von Leder, vom Seitengewehr, keines einen Handteller gro; und
weit verstreute einzelne Knpfe. Nur ein Lustigmacher setzte sich den
weggeschleuderten Tschako auf. Wen der Teufel holt, der braucht keinen
Sarg! meinte der gndige Gottlieb. Daniel aber sah etwas entfernt, Petern,
den Hund, an einem Strauche sitzen, ging hin, und wollte das verlassene
Thier mit zur Mutter nehmen. Er kam aber stumm wieder zu Wecker und Krieg
gelaufen, und zog sie nach; und sie sahen den Hund vor dem unversehrten
Kopfe St. Etienne's sitzen, und die Augen desselben sahen dreist in den
Abendhimmel. Und Wecker sprach: Ein Hund wei doch, wer der Mensch ist! Er
sitzt nicht bei einem Beine, oder Arme; nicht beim Seitengewehr, selbst
nicht beim Herzen -- er sitzt bei den Augen, bei dem Kopfe, beim Verstande!
Darum sollte Peter eigentlich nicht bei dem Unverstande sitzen! Darauf kam
Herr von Ellenroth, hob den Kopf behutsam auf, verhllte und bewahrte ihn,
und trug ihn fort; und der Hund lief nun mit ihm, wie gebannt.

Schweigt! hatte der junge Freund ihnen noch geboten! Und sie nun wieder
empfahlen dem Daniel zu schweigen, der Mutter willen. Siehe, mein Sohn,
sagte Wecker, so kann Jemand nichts gesehen haben in der Welt! So haben
wir Alle in Europa jetzt Nichts gesehen und gehrt -- und schweigen, und
wissen doch, wer den Kopf nun hat, und wer keinen -- nmlich wir! nmlich
_nicht!_ Aber wir haben ein Herz! Und die Stunde zum Reden wird kommen,
mein Daniel, dann kannst Du der Mutter Alles sagen. Da ihm Christel aber
auch des Propheten Gesicht von der Genugthuung, als Vorbereitung zum
jngsten Gericht, erzhlt hatte, so sprach er auch noch voll Verwunderung:
Wie aber der Stephan einmal sich selber wieder herstellen wird, -- das ist
mir zu hoch!

So mit gedrcktem Herzen und scheuen Blicken traten sie wieder zu Christel
ein; aber nur Daniel fiel ihr um den Hals. Und die Mutter sagte ihm selber:
Du guter Junge! Wir sind ja nicht ganz verlassen -- ich habe nun meinen
Bruder! Der wird mein Trost und Euer Vater sein. Nur heute morgen war er so
sonderbar -- Ihr wit aber nicht _warum_, und danket Gott dafr!

Ach, meine Mutter! sprach Daniel, und wandte sich weinend weg.

Eine geraume Zeit nach dem Sonnenuntergang, eben als der Kukuk neunmal in
der Kammer rief, als sehnte er sich nach dem alten Frommholz, trat der Herr
von Ellenroth langsam und leise ein -- und sagte aus gutem Herzen nicht:
Guten Abend, sondern: Ich mu Euch doch besuchen, liebe Christel; ich
komme so gern, und mu. Denn hrt Ihr nicht aus der Ferne die Schsse? Man
wird uns die Vertreibung vertreiben, und uns Eingeschlossene noch enger
einschlieen. Darum lt Euch Herr Paschalis sagen und bitten: Ihr sollt so
bald als mglich mit den Euren in die Stadt zu ihm kommen. Am Hause kann
Euch nichts mehr gelegen sein, und er will Euch jede Stecknadel mit einem
ganzen Briefe vergten, geschweige das Andere, was Ihr hier lat, oder
lieber sogleich an die Aermsten im Dorfe verschenkt, wozu Paschalis Euch
rathen lt. Ich habe den armen Vater Paschalis ganz verndert gefunden;
denn seit jenem Abend, wo vormals Euer -- nun wieder der Welt angehrige
Johannes meine Dorothea todt gesehen, war ich aus Schmerz und vergeblicher
Sehnsucht nicht mehr bei ihm im Hause gewesen. Heute zur Osternacht lie er
mich zu sich entbieten. Er meint es auch gut mit Euch. Kommt! glaubt mir!
Denn . . . ich habe eine Todte, und Ihr einen Todten; wir leiden dasselbe,
und wir verstehen uns, nicht wahr, liebes Weib, so jung und schon so
verlassen. Denn wir Beide erwerben nichts weiter mehr in der Welt! Und zu
unserem mglichsten Glck! Wer immer wieder gewinnen, wer Alles ersetzen
kann, was er verloren, meine Christel . . . der hat Nichts besessen! Aber
wir haben gehabt, was die Seele begehrt und erfllt -- wenn auch meine
Seele nur mit Hoffnung und Thrnen -- und dieses Bewutsein ist
immerwhrend ein groes Glck -- oder fr arme Menschen doch -- das
grte!

Christel schwieg.

Da die Schsse von Britzenheim her, aber jetzt deutlicher zu hren waren,
sprach Wecker: _Die_ Christen feiern die Osternacht -- auf ihre
altglubige Art! Wie Herodes die Weihnachtsnacht! Aber Herodes war noch
kein Christ! sondern hatte nur wthenden Respect vor Christo. Aber den
Johannes knnen wir doch nicht todt zur Stadt fahren, wie einen gewissen
alten Hector, der auch in seinen besten Jahren umgekommen, und einen
kleinen Zweig, Ast-Anax, verlassen. Darum sage ich: Der Todte ist da, als
die Hauptperson zu jedem noch so schlechten Begrbni. . . . Das auf der
elenden Erde berhmteste Loch, das Loch in die Welt, das Allerweltsloch,
wodurch alles Schne heimlich herausluft, wie aus einem See, so da die
Welt nur eine lcherige Pauke ist, die ich nicht einmal pauken mag, weil
sie abscheulich dumpf und hohl und leer klingt -- als wrfe man Erde auf
einen Sarg -- das Thrnenloch ist bald abgetuft . . . . zu der groen
Maskerade im Finstern ist Johannes bald proper genug angethan . . . . des
Vaters Bretterhaus wird des Sohnes unsterbliche Wohnung; denn Bume sterben
zwar ab, aber Bretter verfaulen nur . . . und jetzt, zur heiligen
Osternacht ist es schn, einen Lieben zu begraben, whrend alle Drfer
umher jetzt denken, denn singen drfen sie's nicht: Christ ist erstanden!

Christel war Alles zufrieden, wie den raschen Tod, so das schnelle
Begrbni.

Besser Eins wie Keins, sagte Wecker. Wer ein Kind verloren, und einen Mann;
das heit: seinen Einen Einzigen, wie soll der nicht gelassen sein, und
verlassen ansehen, was sich etwa noch weiter Albernes in der Welt begiebt!
Ihr seid nicht ganz dumm, Frau Christel, eine Frau bleibt Ihr doch, und die
beste auf drei Quadrat -- Schuhe im Umkreis -- denn um die Lebendigen
stehen alle guten Todten! Weiber und Mnner; gewi auch Johannes! Denn,
sagt man, ein ganzes Jahr lang steht noch ein Vater bei seiner Wittwe und
seinen Kindern hinter der Thr!

Und Alle schwiegen bangselig, als die kleine Sophie die Thr vorsichtig
aufthat, weit offen stehen lie, so da Licht in das Haus fiel, und weit
vorgebogen mit dem Kpfchen hinter die Thr nach dem Vater sah.

Aber Christel rief sie, band ihr und den beiden andern Kindern den Flor um
den Arm; und Daniel fiel dabei auf die Kniee und sprach in verworrenem
Schmerz, des Vaters und Stephans gedenkend mit gefalteten Hnden wie
betend: Ach, Mutter! ein Hund ist ein treues Thier, geschweige ein Kind!
Ich will den Vater zeitlebens vor Augen haben, wie . . . wie . . . und Euch
im Herzen wie Er!

Darauf beschickten die Mnner, mit der nchsten Nachbarn Hlfe, den
sonntglich angezogenen Johannes in die geweihte Erde; whrend Christel,
die einen kurzen getrosten Abschied genommen -- weil alle Wittwen ihren
Mnnern ja bald nachzufolgen glauben -- mit Daniel und den Kleinen zu Hause
geblieben, und zuletzt nur bis in den Hof trat, Sie hrte jetzt wirklich
die Marseiller Hymne singen, blickte zum Himmel -- und so sah sie nun auch
-- aus der Neujahrsnacht -- das leere Kreuz, das Zeichen der angefangenen
Erlsung vom Himmel herab hangen, und die Posaune des Weltgerichts, und die
Inschrift rund umher mit den groen Buchstaben; und in der Ferne regte es
sich arbeitsam-gespenstisch; und auch das Feuer der Hlle schien am
Horizont herein; ein naher Kanonenschu war ihr nur der Donnerschlag aus
dem Wchterauge der Gromutter des Teufels ber die Arbeitenden im
Gefild; ber die im Gefecht stehenden Soldaten; und sie sah die vier
Riesenbilder an den Weltwnden -- aber es waren Wolkengestalten; und das
Feuer war der Schein des aufgehenden Mondes; und sie wute es, und doch sah
sie das blasse Antlitz an als _das leidende Gesicht der Menschheit_ -- und
endlich ward das Antlitz _ihr eigenes_ _blasses Gesicht_; und sie selber
sah sich unaussprechlich leidend an, lange, lange. Und eine kalte Hand
berhrte ihre Schulter . . . und es war Wecker, der frhlich die kalten
Hnde reibend sagte: Vor der Hand ist das Loch in die Welt zu, und
Johannes hindurch in alle Welt! Die Welt ist gro und schn, meine
Christel; trotz des weltberhmten Allerweltsloches -- ja eben des Loches
wegen! Wenn ich nicht die Aussicht htte, mich einmal vor mir selbst
_darein_ zu verkriechen und eine Einsicht und Aussicht und Ansicht darin zu
haben -- vielleicht: _das Antlitz_ Gottes, statt Eures lieben, schnen,
leidenden Mondscheingesichts -- so wollt' ich, wir gingen sogleich nach
Mainz! Die Gedanken waren ihm vor Leid vergangen.

Und so thaten sie. Und nichts nahm Christel mit, als ein kleines
Glasschrnkchen mit den besten Angedenken: dem Osterei des Daniel; einem
kleinen, kleinen Strohwisch aus Weckers groem, womit er den Daniel erweckt
hatte; mit einem Span von dem Holze, das Christel entwendet; mit Johannes
ABC-Buch; und der eisernen Spitze, die ihr Clementinchen durchbohrt; und
zuletzt, mit dem Stck ausgeschnittenen Hemde, wodurch ihrem Johannes die
Kugel in die Brust gegangen war. Wecker trug dieses kleine Leidenhuschen
das Monstrandum, die Monstranz, oder das Monstrum feierlich, als wollte
er es aller Welt zeigen; aber mit langen Schritten. Denn, sprach er,
unser Geschichtschreiber wird sagen: Sie eilten, von den nahenden
Schssen gedrngt, durch die finstere Mitternacht, und gelangten, _froh_
des eignen davon gebrachten Lebens, in die _sichere Stadt_ -- denn selbst
seine Schmerzen werden dem Menschen unabkaufbar-lieb; und um _sie_ fort zu
genieen, selbst das elende Leben; denn der Schmerz ist ein Zauberspiegel
mit allem genossenen Glcke klar und nah dahinter, statt Folie; und der
Spiegel ist so warm und _beredt_, als das Glck gro war, da es nicht
ausgesprochen werden konnte -- wie das Leben.

Zu Paschalis Hause, das dem Dom gegenber stand, whlten sie den Weg durch
die erleuchtete, offene, menschenerfllte Kathedrale, worin so eben
Christus Auferstehung durch eine lebensgroe Puppe knstlich dargestellt
ward, und -- _der Kinder willen_ whlte Christel den Weg durch die Kirche;
obgleich Ellenroth sie so fhrte, da sie an dem Grabmale des Churfrsten
Albrecht von Mainz zu stehen kamen, der vom Papst Leo X. den Abla fr
Deutschland, wie ein Jude den Zoll, gepachtet hatte, so da der geistliche
Pascha seine groe Pachtsumme nebst doch einigen Procenten den Deutschen
ausngsten mute -- damit das deutsche Volk sich selbst auf ewig davon
erlste; wie der Wecker dem Schulmeister, und der Schulmeister dem Weber
jetzt an dem Grabmal desselben stehend, davon erzhlte.

Hier aber begrte sie leise _Paschalis_; und als er mit Christel allein
einmal um das Altar gegangen, frug er sie: Darf ich Dir den Schmerz um
Johannes aus der Brust nehmen? -- Und sie sagte: Ich dchte nicht! Nicht
gern. Aber doch! sagte er langsam. Siehe Christus ist erstanden: -- --
und _Dein Bruder Stephan ist umgekommen_.

Und Paschalis hatte wahr geredet. Denn das neue Leid erfllte nun ganz ihre
Seele. Jetzt war der Mutter das Kind nicht begraben worden; Johannes war
nicht begraben worden; Alles lebte ihr in ewigem, heiligem, verborgenem
Sein -- und nur St. Etienne lag ihr als Leiche in der ganzen groen Welt,
und die ganze Welt war ihr nur: der schne geliebte todte Bruder. Und
Paschalis lie sie, still vor der Heiligkeit des Ortes, still ausweinen,
whrend sie in's Dunkel gekehrt ihre Stirn an einen kalten Engel legte, und
ihn fest an dem kalten Hndchen hielt.

Und als endlich Christel wieder Paschalis angesehen, und ihm eine Hand
gereicht, und als er wieder mit ihr um das Altar gegangen, fragte er sie
noch milder als zuvor: Darf ich Dir wieder den Schmerz um den Bruder aus
der Seele nehmen? Und sie sagte wieder: Ich dchte nicht! Nicht gern!--
Aber doch! sagte er: _Dein Bruder hat sich selber erschossen._

Und eine jubelnde Musik fiel ein, und jauchzende Snger riefen vom Chor
ber die Menschenhupter durch den Kerzenglanz und den Weihrauchduft:
Christ ist erstanden! und die, das uralte, mchtige Wort zurckhallenden
mchtigen Pfeiler schienen es mitzusingen, wie versteinerte Riesen, denen
das Wort Sprache gegeben; und an den Bogen des Gewlbes wlzte es sich vor
Freuden dahin, und stieg herauf, und flo wieder herab . . wie ein
Schmerzensstrom in Christels Brust. Und sie rief die Kinder zu sich, setzte
sich in einen geschnitzten Stuhl und versank in die Tiefe ihrer Seele.

Und als sie endlich aufsah, aber zrnend und doch niedergeschlagen, frug
sie Paschalis wieder: Soll ich Dir auch diesen Schmerz verwandeln? -- Und
sie sagte jetzt: Gern! Aber unmglich! Aber leicht! sagte er: . . .
_Dein Bruder hat Deinen Johannes erschossen._

Und Christel ward bla, schlo die Augen, lehnte sich zurck, und ber den
schlafenden Augen und den schlafenden Ohren und dem zugeschlossenen Herzen
verrauschte das Halleluja! so machtlos und freudlos und still, als wrde es
tausend Klafter tief unter einem steinernen Bilde der schnsten Mater
dolorosa in der Erde von Erdgeistern gesungen; oder in tiefem Meeresgrunde
sngen es, in den verborgenen zauberisch schnen Meeresgrten, die
wundervollen Blumen mit Blumenlippen -- und hoch, hoch, hoch darber
schiffte ein einsam verschlagenes Schiff auf den wsten strmenden Wogen
mit nur noch Einem Menschen, einem Todten! Und die Todte wre Christel!
. . . Die Kinder wollten schreien, aber sie rttelten nur an der Mutter,
die erwachte, die Augen wild aufschlug, umhersah, jh auffuhr, die Kinder
verga und davon fliehen wollte, sie wute nicht wohin. Paschalis hielt sie
sanft, aber sicher am Arme; und an ihn sich sttzend, ward sie wieder
vllig munter, und war wieder aufgetaucht in die de -- liebevolle Welt.

Denke doch, Christel, sprach Paschalis, das liebevolle Herz schlgt ja
eben in der Welt! Wre die Welt nicht, nicht gewesen . . . Wen oder Was
httest Du doch geliebt? Die Welt ist nicht de, sie ist nur graunvoll --
denn eben unser Licht wirft nur graunvolle Schatten und schafft sie erst!
Stirb, -- und die Welt wird ruhig und voll, voll, schwervoll sein, wie --
ein Grab. Das kann ich mir Alles denken! Ich aber, ich wei, ich empfinde
ganz Anderes. -- Ihr habt Euch nicht selbst geholfen -- Ihr leidet nur
selbst. Das ist Nichts! spreche ich, und kann ich sagen! Nun komme mit mir!
Jetzt glhst Du vielleicht so hei in Gefhlen, und die Marterkammer der
Menschen ist Dir so nah vor den Fen aufgeborsten, Du wandelst noch selbst
auf dem flammenerhitzten und durchzuckten Boden, um meiner Leiden Abgrund
zu ermessen! -- Kommt, Krieg! Wecker kommt; und komme auch Du -- Du,
Sebastianow! -- Ich kann alle Leiden heilen -- wie Moses selber sterbende
Schlangen! Kommt!

Und im Gehen sagte Wecker: Ja! Seht, meine Christel, wie gut! Wir haben
Alle nicht freventlich in der Arche gesessen! Wir sind rechtschaffen mit
ersoffen! Deswegen verstehen wir nun recht die Sndfluth der gemachten
Leiden und die schlagenden Herzen der geschlagenen Menschen weit und breit
-- denn wie hier, wie Uns ist es Hunderttausenden gegangen. Wir verstehen
das Leid! Das Mitleid! das der Herr auf Erden wieder erwecken will, denn es
hat lange, zu lange eisern geschlafen! Wir verstehen den _Krieg_, und --
und -- und werden nun auch erst recht die _Frchte_ mit Muth zu verlangen,
mit Kraft zu erlangen, zu schmecken und zu wrdigen wissen, die uns der
Friede bringen wird, der Friede der Lebendigen und der Todten! Denn der
bloe nackte Friede selber, _ohne seine versprochenen Gaben_, ist blo ein
dummer Junge -- ein wahrer dummer Friede! Eine Scheune voll leerer
Strohschtten nebst abgedroschenen Flegeln! Frchte wollen wir sehen und
mit Freuden erndten, die wir mit Thrnen geset! Die sollen uns schmecken,
wie Nrnberger Pfefferkuchen! Nicht wahr Kinder?

Und die Kleinen sagten: Ja!

Armer hoffender Wecker, sagte Paschalis; Ihr hofft fr Andre. Migung
ist die beste Frucht der Unmigkeit.

Die Todten gehen nicht auf; seufzte Christel.

Ihr wit, erinnerte der Leinweber, die Urheber mssen Alles gut machen,
ersetzen; _gut_ macht es dann der sogenannte Herr!

Paschalis fhrte Alle darauf in den Saal seines Hauses. In der Mitte ber
der runden Tafel leuchtete nur ein uralter Kronleuchter, fast wie eine
dickbuchige Kreuzspinne mit langen, dnnen Arm-Beinen, an jeder Fuspitze
ein Wachslicht. Er lud sie ein sich zu setzen, vertheilte Osternachts-Gaben
-- bunte Eier, ungesuertes Brod und Honig, hatte aber wenig Geduld und
viel Hast dabei, und sagte: Ich reise weit weg; auf lange; und fahre die
Nacht noch ab. Bleibt hier in meinem -- nun Eurem Hause, bis Ihr aus der
Arche gehen knnt. Ich lege meine Ehre und meine Schande in Eure Zunge.
Auch meine _Jungfrau Maria_ binde ich Euch mit Liebesstricken und
Unglcksbanden auf's Herz! Vielleicht, lieber Ellenroth, da Sie schon in
Griechenland waren, reisen Sie noch mit Ihr nach Italien -- nach Rom, --
nach Loretto in die Casa santa!

Von Ellenroth und die Anderen sahen ihn an -- aber Paschalis fuhr fort:
Meine Christel, -- Dich bitte ich, knftig in dem jetzt ausgebrannten
Schlosse von Breitenthal, wenn es wieder eingerichtet ist, eine wirklich
gndige gndige Frau zu spielen; den alten weinseligen Herrn von
Borromus aus dem Vogelheerde zu erlsen, und ihm den Jger Niklas zum
Diener zu geben. Das Gut bleibe dann den Kindern. Der Leinweber und Wecker
sollen Deine Amtleute und Rechnungsfhrer sein. Zu dem Herrn von Ellenroth
meinte er: Geld ist Ihnen lieber! Mein ganzes briges Vermgen -- wirklich
nun ganz brig -- mge Sie an meinen guten Willen erinnern, Ihnen meinen
edelsten Schatz auch gern anzuvertrauen, wenn der Schatz wollen durfte!

Er gab ihm dabei einige Papiere, die der Schwiegersohn in -- ewiger -- spe,
wie er ihn nannte, sogar aus Verlegenheit nahm und in Hnden behielt.
Darauf ward Paschalis sehr ernst, indem er nach Etwas in seiner Brusttasche
zu fhlen schien, und sagte: Dorothea ist todt! Meine und Ihre. Aber
. . . sprach er verstummend, ging und that leise die Thre zu einer mig
groen Halle zur Seite des Saales auf, welche ganz wie das heilige Haus,
die Casa santa in Loretto eingerichtet und hell erleuchtet war -- seht!
Sehet recht hin! -- Dorothea lebt!

Christel sprang auf. Ellenroth wandte sich hin, und blieb wie bezaubert
stehen.

Dorothea lebt; sprach Paschalis mit bebender Stimme; sie lebt; so
scheint es. Ich wei jedoch nicht, und nur _sie_ wird es wissen, ob es noch
_unser_ Leben ist, wenn Jemand Andres in uns und aus uns lebt, denkt,
empfindet und spricht . . . . wenn ein jetziger Mensch ein nunmehr gewi
sehr altes, ja todtes Weib ist; nicht seine Gedanken, sondern ein Gedanke
der curiosen Welt, also fr sich ein Wahn, ein Hirngespinnst, ein Gespenst
-- aber ein unertrglicher Geist fr mich! Denn sie ist und bleibt meine
Tochter, nichts weiter. Sie aber -- -- so hat sich ihre Krankheit gelst
. . . so hat sich ihre Seele wieder hergestellt, oder der Sache ein
Mntelchen umgehangen -- denn sie -- sie ist sich: die _Jungfrau_ Maria.
Und also sind alle ihre Schmerzen verhallt, alle ihre vergeblichen Wnsche
auf Erden wieder in dem Himmel ihrer Seele erfllt. Sie war hoffrtig!
Stolz! Sicher im Gefhl ihrer strengen Zucht und Ehre -- der Herr hat sie
gedemthigt; aber die Niedergeworfene wieder aufgehoben, doch sie -- Wecker
geht hin und seht, -- sie hat das ABC stets vor sich auf dem Schoo, den
Lobgesang Mari aufgeschlagen, und betet oft kniend laut daraus mit
_Freuden und Dank_, da mir die Haut schauert . . . denn sie betet: Er
bet Gewalt mit seinem Arm, und zerstreuet, die hoffrtig sind in ihres
Herzens Sinn. Er stet die Gewaltigen vom Stuhl, und erhebet die Elenden!
--

Und sie traten an die Thr und sahen das schne blasse Mdchen,
eingeschlafen; aber auch schlafend noch in ihren morgenlndischen Kleidern,
nur sonderbar mit dem Bande der Ehrenlegion geschmckt, auf alterthmlichem
Sessel sitzend, die Linke auf die Lehne gelegt, die Rechte auf dem
aufgeschlagenen Kinderbuche. Um ihren Kopf schimmerte ein chtpersisches
buntes Tuch, und auf dem Wirbel schimmerte eine kleine silberne Krone. Im
Zimmer war wenig, aber gleichfalls alterthmliches Gerth; und an der Wand
hing eine Copie der _Verkndigung_ von der Angelika Kaufmann, die zur Seite
der Casa santa in der Kirche zu Loretto hngt.

Und wie dort der willfhrig empfangene Engel, kniete jetzt hier der
verstoene Brutigam vor sie hin, und beugte sich dann zu ihren Fen
nieder. Wecker aber nahete leise, legte sehr sanft die alte zitternde Hand
auf ihr Haupt und sagte zu der Schlafenden: Htte ich Dich doch hinunter
strzen lassen, wo ich den Teufel vom Thurme strzte! Denn Du arme
Verrckte hast ja doch gethan, wovor Dich Gott, laut Deines Briefes,
bewahren sollte: -- Du bist katholisch geworden! -- Dann zog er die Hand
zurck.

Wecker! tadelte ihn der Leinweber: die wahre Jungfrau Maria ist nie
katholisch gewesen! Selbst Christus war kein Katholik, hchstens rein
evangelisch, und das noch kaum: Er war nur Er selbst ganz allein, nicht ein
Christ, sondern Christus.

Die Kinder aber frchteten sich hinein zu gehn, und die Kleine war schon
schlafend bei ihren Ostereiern am Tische sitzen geblieben. Christel stand
also entfernt mit Daniel und Gotthelf. Sebastianow, der Mitverwster dieser
starken Seele, dieser schnen Jungfraugestalt, aber zitterte am ganzen
Leibe wie vor dem jngsten Gericht, das so eben wie Wetter hereingebrochen,
und bebte nun seinen Namen zu hren.

Paschalis aber sagte ihm mild auf Russisch: Janow -- Zschartowitsch![A]
Gehe getrost hinein. Sie kennt selbst den Vater nicht, denn sie wohnt in
Nazareth, in alten, heiligen Tagen; und ich bin ihr nur ein fremder,
fremder Mann aus der Zukunft . . . und doch bekannt . . . wie aus dem
Paradiese! Hast Du aber vorhin in der Kirche, nach Eurer Sitte, vor jedem
Geistlichen dreimal ausgespuckt, so schlucke hier dein Gift hinunter. --
Dabei schenkte er ihm einen Beutel mit Golde, und der Mensch betete ihn
bald an. Ziehe in Frieden! sagte er ihm, sich von ihm wendend, ob er ihn
gleich mit keinem Auge angesehen.

[Funote A: Teufels-Sohn.]

Nun, Christel. frug er diese, hast Du noch einen Dolch im Herzen, um
Dorothea! Auch den Schmerz will ich aus Deiner reinen Brust nehmen! Ja,
wenn Du auch um mich noch einen Stich empfinden solltest, so will ich
vorher dem Dolche die Spitze umbiegen. Ja, was Du auch gelitten hast, Du
sollst Dich darber freuen und dem Herrn _dafr_ danken! Denn ich halte
noch ein kleines aber furchtbares Licht in meiner Hand, das mich brennt es
fallen zu lassen. Und doch bin ich innerlich schon dadurch verkohlt. Ich
bin todt, und darf nur die Augen noch zuthun. Doch das ist bald gethan.

Die Andern traten jetzt Alle um ihn, und Paschalis sprach ernst: Nun wohl,
so mgt Ihr es wissen, besonders der Brutigam. Wie der bessere Mensch nur
ein Wort ist, und die meisten nur ungesetzte Buchstaben im
Buchdruckerkasten, die der Geist der Welt setzt, so konnten die Menschen,
jeder eine Lehre aus seinem Leben ziehen: wieder das Wort. Klarer aber, als
da drauen aus der furchtbar wogenden Welt, springt aus unserem kleineren
Leben eine groe Lehre heraus, und die will ich als Kaufmann noch ziehen!
Migung, sagte ich angeklungen vorhin, Migung ist die beste Frucht der
Unmigkeit. Auch Migung in den Wnschen. Die Hoffnung war auch etwas
werth. Der Betrug wird auch klug machen. Ein Volk, das nur einmal wieder
tchtig zugestutzt worden ist, selbst bis auf den Stamm und die Wurzel, das
hat wieder Lebenskraft erhalten, verjngt sich wieder und geht nicht ein.
Am schrecklichsten aber bestraft sich Selbsthlfe? Wenn sich ein Mensch
helfen will, so thue er es blo durch weise-, gelassen- und gut-sein.
Vlker denken oft anders. Aber auch zu ihrem Schaden; denn wenn Alle klug
sind und fromm, kann Einer oder werden Mehrere nicht mehr gottlos und dumm
sein. Sela.

Das wollt' ich nur wissen! sprach Wecker.

Ich aber verabscheue die Selbsthlfe, wenn sie nur ein wenig mehr ist, als
Ertragung und Verwnschung der Uebel, selber der schwersten und
schmhlichsten, (Er sah wehmthig nach Dorothea.) Denn der Lasttrger hat
Kraft; der Verwnschende hat weiseres Wissen und Zorn gegen das Bse, und
den Wunsch des Bessern, ja des Guten. Ich aber -- beweint mich nicht -- ich
habe mir selber so geholfen . . . da ich mir nicht mehr zu helfen wei.
_Meine Tochter_ hat sich geholfen . . . bis in den Scheintod, ja bis zur
Jungfrau Maria! Und ihr war doch schon geholfen durch mich. Der alte
Zimmermann _Frommholz_ hat sich geholfen . . . bis in den Kerker -- und
sein Helfer war schon bereit! -- _Johannes_ hat sich geholfen . . . bis in
den ewigen Kerker -- und die Kugeln rhrten sich schon in den Lufen, die
ihm freie Bahn machten! _Stephan_ hat sich geholfen -- Alle haben sich
selber geholfen . . . und Niemand kann _ihnen_ mehr helfen, selbst ein Gott
nicht, der seine Welt nicht auf Selbsthlfe berechnet hat, sondern auf
seinen Rath und seine Fhrung und seine Kraft, der _Niemand_, Niemand
widersteht; und auf seine Liebe, die _Allen_ angedeiht; und auf das
_Zutrauen_ zu Rath, Fhrung, Kraft und Liebe des auerdem --
Erschrecklichen! Zermalmenden! -- Gottes!

Paschalis ging einige Schritte bei Seite; stand, wandte sich ab; bog den
Kopf zurck, als starre er hinauf in den Himmel; aber er hatte dabei seine
Hand am Munde. Dann kam er zurck und sprach: Kinder, Daniel und Gotthelf,
geht doch zu Euerem alten Grovater Frommholz! Keines von Euch hat ihn
bemerkt. Er sitzt schlafen hinter der offenen Thr, da ist sein warmes
Pltzchen. Ich hab' ihn erlst; und als alter Zimmermann pat er sich wohl
hieher. Und die Kinder gingen und der Pathe.

Darauf sprach Paschalis eilend und schneller, aber auch schwcher und doch
wie entzckt: Sonderbar! Nun ich _wei:_ Ich -- Ich habe sieben Menschen
umgebracht -- und wei: nur grlich _Schuldige_, also Thiermenschen -- und
_Ich_ habe sie geschlachtet, nicht meine theuere Dorothea hat es gethan --
nun ist mir leicht! Denn sie sind _eher_ an meinem mit Kirschlorbeerkraft
vergifteten Rheinwein gestorben, als sie erstickt _sind_, nicht _worden_.
Mein Kind hat es also nicht gethan -- _ob sie es gleich gethan hat_ --
sondern doch nur gewollt. Todte kann man nicht tdten. Jeder Mensch, sieben
oder einer -- auch Ich -- knnen nur einmal sterben. Ich knnte den
sonderbarsten Proze mit meiner Tochter fhren . . . und nur gewinnen! Denn
Ich bin der Rcher fr ihre erlittene Schmach! Mein Kind, mein armes Kind
ist _unschuldig_ wie das Lamm Gottes, das -- der Welt Snde trgt. Er
taumelte. Und eilender sprach er: Holt keinen Arzt! Ihr Thoren, sterben
werde ich nicht -- bis Gott stirbt.

Er zitterte; er holte heieren Athem; sein Gesicht glhte; seine Augen
standen glotzend. Ihn erdrckte das Gewicht der Worte, die er gesprochen --
da sein Kind _unschuldig_ sei, whrend sie doch der Welt Snde trug, und
schmachgebeugt, bis zur Unkenntlichkeit ihrer schnen Seele, vor ihm
vergangen war, und herabgesunken bis zum Gespenst der Jungfrau Maria. Und
zum Glck oder Unglck erhob sich jetzt die schne stille Knigin der
Trauer, Dorothea, und kam in ihren rauschenden, langen Gewanden, mit
schimmernder Silberkrone auf Paschalis zu. Und da sie so viele befreundete
Menschen sah, breitete sie ihre Arme mit getuschter und gesammelter
Empfindung -- nach ihrem Vater aus. Und er sank in ihre Umarmung.

So blieben sie lange. Bis Dorothea wankte, und sie ihr zu Hlfe kommen
muten. Denn der Vater, vom Gewissensschlag gerhrt, wie Ananias, von
Jammer zerrissen, und vom stillen schnellen Gift ausgelscht wie ein Licht,
war in ihren Armen vergangen.

Sie lehnten ihn hin. Und Dorothea verwunderte sich nicht, vergo keine --
Klage, ja ihre Augen wurden nicht feucht.

Und Christel zog und drckte ihre Kinder an sich, und pries sich glcklich,
ja selig. Der Prophet hat wahrgesagt! Mich wrde kein Unglck treffen;
dachte sie. Denn sie selber litt rein das unreine, schmhliche, aber nicht
beschmitzende Leid des Lebens.

Nur Dorothea sah sie gro an, und lchelte spttisch. Und Christel
errthete vor dem Geiste St. Etienne's, der ihr erschien und verschwand.
Und sie seufzte tief aus befreiter, nicht schuldig gewordener Brust auf
. . .

Paschalis aber hielt in seiner Hand noch ein kleines Blatt Papier, das er
vorhin, whrend er gesprochen, immer langsam um beide Zeigefinger spielend
gerollt hatte. Dorothea langte es geisterhaft daraus, und wog es. Dann
starrte sie lange hinein.

Und als glten die Worte sowohl dem Vater, als eben _so wohl_ auch ihr, las
sie erst halblaut . . . dann laut . . . dann begeistert, und wieder wie
entseelt, und Alle zu Thrnen hinreiend:


Meine Grabschrift.

   Es ist nur Eine Ruh' vorhanden. Doch
   Die _trge_ Ruh' im Grabe ist sie nicht!
   Die stille Kraft des _Geistes_ ist sie,
   Der in der Welt, doch _ber_ aller Welt
   Festschwebend, alles Uebel niederhlt,
   Nur voll vom Guten, nicht das Bse kennt,
   Und rein die Liebe walten lt! _Ihm_ ist
   Das regste Leben: ungestrte Ruhe;
   Der Kampf mit aller Welt: der tiefste Frieden!
   Der allverbreiteten urstillen Kraft,
   Die Ungemessenes unablssig wirkt,
   Der willst Du Ruh' und Fried' und Seligkeit
   Absprechen? Gott? -- Und Gott liegt nicht im Grabe!
   Ich selber gehe durch das Grab zu ihm,
   Und hoffe bei der Kraft und Liebe -- _Ruhe!_
   Gott ist nichts Besseres als Du . . . sein kannst.

. . . Seine Tochter bin ich schon . . . seine Schwiegertochter! sprach
Dorothea holdselig und begngt.






Anmerkungen zur Transkription

Quelle: Leopold Schefer's ausgewhlte Werke. Siebenter Theil. Veit und
Comp., Berlin, 1845, pp. 1-178.

Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.






End of the Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT ***

***** This file should be named 40524-8.txt or 40524-8.zip *****
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*** START: FULL LICENSE ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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