The Project Gutenberg EBook of Jeremias, by Stefan Zweig

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Title: Jeremias
       Eine dramatische Dichtung in neun Bildern

Author: Stefan Zweig

Release Date: August 22, 2012 [EBook #40564]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JEREMIAS ***




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[Illustration]




  STEFAN ZWEIG

  =JEREMIAS=

  EINE DRAMATISCHE DICHTUNG IN NEUN BILDERN

  [Illustration]

  INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG 1918




  FRIEDERIKE MARIA VON WINTERNITZ

  DANKBARST


  OSTERN 1915 -- OSTERN 1917




DIE BILDER DES GEDICHTS


     I. Die Erweckung des Profeten    11

    II. Die Warnung                   25

   III. Das Gercht                   51

    IV. Die Wachen auf dem Walle      67

     V. Die Prfung des Profeten      91

    VI. Stimmen um Mitternacht        113

   VII. Die letzte Not                147

  VIII. Die Umkehr                    163

    IX. Der ewige Weg                 193




DIE GESTALTEN DES GEDICHTS


ZEDEKIA, der Knig

PASHUR, der Hohepriester

NACHUM, der Verwalter

IMRE, der lteste der Brger

ABIMELECH, der Oberste der Kriegsknechte

HANANJA, der Profet des Volkes

Schwerttrger, Krieger, Knechte

       *       *       *       *       *

JEREMIAS

SEINE MUTTER

JOCHEBED, eine Anverwandte

ACHAB, der Diener

BARUCH, ein Jngling

SEBULON, sein Vater

       *       *       *       *       *

DAS VOLK VON JERUSALEM

DIE GESANDTEN NABUKADNEZARS

CHALDISCHE UND GYPTISCHE KRIEGER

       *       *       *       *       *

Der Schauplatz des Gedichts ist Jerusalem zur Zeit seines Untergangs.




DAS ERSTE BILD

DIE ERWECKUNG DES PROFETEN

    Rufe mir, so will ich dir antworten und dir anzeigen groe und
    gewaltige Dinge, die du nicht weit.

  Jer. XXX, 3.


    Das flache Dach auf dem Hause des Jeremias, weigequadert und
    blinkend im matten Mond. In der Tiefe mit Trmen und Zinnen, mit
    Schlaf und Stille Jerusalem. Alles ist reglos ringsum, nur der Wind
    der ersten Frhe fhrt manchmal tnend durch das Schweigen.

    Pltzlich Schritte, polternd und hastig, die Treppe empor. Jeremias
    im losen Kleid, die Brust offen, wie ein Gewrgter keuchend, strmt
    herauf.

JEREMIAS:

Die Tore rammelt zu ... die Riegel vor ... zum Wall ... zum Walle!... Oh
Wchter, schlimme Wchter ... sie kommen ... sie sind da ... Brand ber
uns ... im Tempel Brand ... Hilfe ... zu Hilfe!... Die Mauer fllt, die
Mauer ...

JEREMIAS (ist bis zum Rande des Daches vorgestrmt und hlt pltzlich
inne. Sein Schrei prallt gell gegen die weie Stille. Er schrickt
zusammen, ein Erwachen kommt ber ihn. Sein Blick tastet wie der eines
Trunkenen ber die Stadt hin, seine Arme, die schreckhaft gespreizten,
brechen langsam nieder, mde streift die Hand ber die offenen Lider):

Wahn! Wieder Trug und Traum, der frchterliche! Oh Trume, Trume,
Trume, wie voll ist ihrer das Haus!

    (Er beugt sich ber den Rand der Mauer und blickt hinab:)

Friedlich die Stadt, friedlich das Land, in mir nur dieser Brand, nur
meine Brust ein Feuer! Oh, wie sie selig ruht in Gottes Arm, von Schlaf
bebrtet, berdacht von Frieden, ein Tau von Mond auf jedem Haus und
Schlummer, sachter Schlummer auf jedes Hauses Stirn. Nur ich, ich brenne
Nacht um Nacht, strz hin mit allen Trmen, fliehe Flucht, vergeh in
Flammen, nur ich, nur ich, zerwhlt die Eingeweide, fahr taumelnd hoch
vom heien Bett zum Mond, da er mich khle! Nur mir sprengt Traum den
Schlaf, nur mir frit feurig Graun das Schwarze von den Lidern! Oh
Marter dieses Bilds, oh Irrwitz von Gesichten, die trgerisch im Blut
sich ballen und matt schmelzen dann im wachen Mond!

Und immer gleich der Traum, gleich dieser Wahn, Nacht, Nacht und Nacht,
der gleiche Schrecken sich im Fleische bumend, der gleiche Traum zu
gleicher Qual entbrennend! Wer tat dies in mein Blut, dies Gift der
Trume, wer, wer jagt mich so mit Schrecknis? Wer hungert meines
Schlafs, da er ihn wegfrit mir vom Leibe, wer qult, wer qulet mich?
Mond, Nacht, Gestirn, ihr kalten Zeugen, wer, wer plaget mich, und wem,
wem wache ich? Oh Antwort, Antwort! Wer bist du, Unsichtbares, das vom
Dunkel zielt auf mich mit Pfeilen des Entsetzens, wer bist du,
Schrecknis, die mich nachts beschlft, da ich dein schwanger ward und
mich hinkrmme in den Wehen? Warum dies Grauen mir, nur mir in dieser
Stadt voll Schlummer und Entsinkens!

    (Er horcht in die Stille hinein. Immer fiebriger.)

Oh Schweigen, Schweigen, immer Schweigen und innen Aufruhr noch und
aufgewhlte Nacht. Mit heien Fngen krallt sichs ein in mich und kann
sie doch nicht fassen, mit Bildern geielts mich und wei nicht, wer
mich treibet, in leere Luft hinfallen meine Schreie! Wohin, wohin
entfliehn? Oh wirr Geheimnis dieser Jagd, der ich erliege, und wei
nicht, wessen Ziel und wem zur Beute! Tu auf dich, Netz und Wirrnis, den
Sinn sag dieser Qual, du Unsichtbarer, oder la von mir, ich kann, ich
kann nicht mehr. La ab, du Jger, oder fasse mich, in Wachen ruf mich,
nicht im Traum, in Worten sprich und nicht in Bildern brenne, -- tu auf
dich, der du mich verschlieest, den Sinn sag dieser Qual, den Sinn, den
Sinn!

EINE STIMME (leise rufend vom Dunkel her. Sie scheint aus Tiefen oder
Hhen zu kommen, geheimnisvoll in ihrer Ferne):

Jeremias!

JEREMIAS (taumelnd, wie von Steinwurf getroffen):

Wer?... mein Name ... war dies mein Name nicht ... rief es von Sternen,
riefs aus meinem Traum?... (Er horcht hinaus. Alles ist wieder stumm.)

JEREMIAS:

Bist du es, Unsichtbarer, der mich jagt und plaget ... bin ich es selbst,
tnt mein hinstrmend Blut ... noch einmal sprich, da ich dich kenne,
Stimme ... noch einmal ruf mich an ... noch einmal, einmal sprich ...

DIE STIMME (nher tastend):

Jeremias!

JEREMIAS (zerschmettert in die Knie strzend):

Hier bin ich, Herr! Es hrt dein Knecht! (Er lauscht atemlos. Nichts
regt sich ringsum.)

JEREMIAS (erbebend vor Leidenschaft):

Sprich, Herr, zu deinem Knecht! Du riefest meinen Namen, so gib die
Botschaft auch, auf da mein Sinn sie fasse. Wach bin ich deinem Wort
und offen deiner Rede! (Er lauscht wieder angespannt. Tiefes
Schweigen.)

JEREMIAS:

Ist es vermessen, da ich dein begehre? Ein Unbelehrter bin ich und
geringer Knecht, ein Staubkorn deiner Erde, doch dein ist alle Wahl! Der
du Knige kiesest aus den Hirten und oft entsiegelst eines Knaben Mund,
da er dann glhet deiner Rede, -- du whlst nach andern Zeichen. Wen du
berhrest, Herr, der ist erwhlet, wen du erwhlest, Herr, der ist
berufen. War schon dein Ruf dies, der an mich ergangen, oh sieh, ich
habe ihn vernommen; bist du es, Herr, der mich gejagt, so sieh, ich
flieh dir nicht. Fa deine Beute, Herr, greife dein Wild oder jag weiter
mich zum Ziele! Nur mach mich wissend, da ich dich nicht fehle, tu auf
die Himmel deines Wortes, da ich dich erschau, dein Knecht!

DIE STIMME (nher, eindringlicher):

Jeremias!

JEREMIAS (entbrennend):

Ich hre, Herr, ich hre! Mit meiner ganzen Seele horche ich dir zu!
Aufgetan sind die Quellen meines Bluts und strmen, ausgereckt jede
Faser meines Leibs, dich zu fassen, offen bin ich, unwrdig Gef,
deiner Verkndung. Rede mir deine Rede, befiehl deine Befehle, dein bin
ich mit dem Fleisch und dem Inwendigen meiner Seele! Ich will werden in
deinem Willen und vergehen in deinem Gehei. Ich will verlassen, die ich
liebte, um deinetwillen und abseits werden meinen Freuden, ich will
lassen die Se des Weibes und die Hausung der Menschen, in dir allein
will ich wohnen und wandern deine Wege. Keinen Ruf will ich hren, da
ich deinen erhrte, und ertauben der Rede von Menschen. Dir allein
gelobe ich mich, Herr, dir allein, denn durstig ist meine Seele deines
Dienstes -- offen bin ich deinem Wort und gewrtig deiner Zeichen!

DIE STIMME DER MUTTER (nun schon ganz nahe und kenntlich):

Jeremias!

JEREMIAS (in Ekstase):

Brich ein in mich, Herr, mein Herz birst vom Schauer deiner Nhe schon!
Schtte dich aus, selig Gewitter; whl mich auf, da ich deinen Samen
trage, mache fruchtend meine Erde, mache trchtig meine Lippe -- einbrenn
mir das Brandmal deiner Hrigkeit! Wirf dein Joch ber mich, siehe,
gebeuget schon ist mein Nacken, -- dein bin ich, dein fr immerdar. Nur
erkenne mich, Herr, wie ich dich erkenne, nur la mich deine
Herrlichkeit schauen, wie du erschautest im Dunkel meine Niedrigkeit,
den Weg nur weise deines Willens, Herr, weise ihn, weise ihn deinem
ewigen Knecht!

DIE MUTTER (ist suchend die Treppe emporgestiegen. Ihr Blick ist
ngstliche Sorge, ihre Stimme voll Zrtlichkeit):

Oh hier ... hier bist du, mein Kind.

JEREMIAS (auffahrend von den Knien, voll Schreck und Ingrimm):

Weg ... fort ... oh, verloschen die Stimme ... zerschlagen der Weg ...
verborgen fr immer ...

DIE MUTTER:

Weh ... wie du hier stehest im dnnen Gewand am Kalten der Mauer ... komm
hinab, mein Kind ... Fieber schwelt her von den Smpfen des Morgens ...

JEREMIAS (voll Wildnis):

Was folgst du mir, was verfolgst du mich! Oh Jagd ohne Ende, umstellt
von Stirn und Rcken, in Wachen und Schlaf ...

DIE MUTTER:

Jeremias, wie fa ich dich? Ich lag unten im Schlafe, da war mir, als
hrte ich Zwiesprach vom Dache und Rede und Wort ...

JEREMIAS (auf sie zu):

Du hrtest ... Du auch ... um der ewigen Wahrheit willen ... Du hrtest
Ihn reden, vernahmest den Ruf ...

DIE MUTTER:

Wen meintest ... keinen seh ich mit dir ...

JEREMIAS (sie fassend):

Mutter ... ich beschwre dich, sprich mir ... Tod oder Seligkeit trgt
mir dein Wort ... Du hrtest eine Stimme ... wachen Sinnes hrtest du
sie ...

DIE MUTTER:

Eine Stimme hrt ich vom Dache und tastete, da ich dich weckte. Doch
kalt war das Linnen, leer lag dein Bett. Da fiel Angst ber mich, und
ich rief deinen Namen ...

JEREMIAS (erschwankend):

Du riefest ... Du riefest meinen Namen ...

DIE MUTTER:

Zu dreien Malen rief ich ihn ... Doch warum ...

JEREMIAS:

Zu dreien Malen? Mutter, des bist du gewi ...

DIE MUTTER:

Dreimal rief ich dich an ...

JEREMIAS (mit brechender Stimme):

Zernichtung und Hohn! Oh, Trgnis berall, auen und innen. In Angst
schrie eine zu mir, und mein Grauen vermeinte den Gott ...

DIE MUTTER:

Wie bist du sonderlich! Kein Unrecht glaubt ich zu tun. Und stieg, da
keiner Antwort gab, selbstens empor, ob hier einer wre. Doch keiner war
hier.

JEREMIAS:

Oh doch! Ein Rasender, ein Verblendeter ... oh Qual und Marter der
Trume ... Sinn und Widersinn im Betruge ... ich Narr, ich Narr meines
Wahns!...

DIE MUTTER:

Was redest du ... was ficht dich an ...

JEREMIAS:

Nichts, Mutter, nichts ... nicht achte meiner Worte ...

DIE MUTTER:

Nein, Jeremias, ich achte ihrer, doch sie verschlieen sich mir.
Jeremias, ein fremder Geist ist ber dich kommen, fremd ward und
feindlich dein Sinn. Was ist dir geschehen, mein Kind, was qulet, was
sorget dich?

JEREMIAS:

Nichts qult mich, Mutter ... mich schwlte das Bett ... Khlung kam ich
zu trinken ...

DIE MUTTER:

Nein, du verschliet dich, du Harter, vor mir und bist doch offen meiner
Seele. Meinst du, ich wisse nicht, wie du umgehst seit Monden Nacht um
Nacht; meinest du, ich hrte nicht das Sthnen deines Schlafs und den
Angstschrei deines Schlummers? Oh, offenen Auges hr ich dich im Dunkel,
wie du umwanderst ruhlos im Haus, Schritt fr Schritt hr ich dich
schreiten, und Schritt fr Schritt mitwandert mein Herz. Was ists, das
dich qulet? Tu dich auf, du Verschlossener, nicht birg meiner Sorge die
Qual!

JEREMIAS:

Nicht sorge dich, Mutter! Nicht sorge dich!

DIE MUTTER:

Wie soll ich deiner nicht sorgen? Bist du denn meiner Tage Tag nicht und
meiner Nchte Gebet? Aus den Hnden bist du mir gewachsen, darin ich
dich trug, doch meine Seele, noch hlt sie dich inne, da sie wache
deines Lebens. Oh, ich wute es vordem, eh du es wutest, ich sah es, eh
du es schautest, seit Monden schon: es ist ein Schatten auf dein Antlitz
gefallen und eine Sorge in deine Seele. Du bist fremd worden deinen
Freunden und abseits der Frhlichen, den Markt meidest du und der
Menschen Haus. In Gedanken vergrbst du und des Lebens versumest du
dich. Jeremias, besinne dich, zum Priester bist du gezogen, dein harret
des Vaters Gewand, da du lobpreisest den Herrn mit Psalter und Gesang.
Heb auf dein Antlitz vom Dunkel in den Tag, es ist Zeit, da du bauest
dein Leben, da du beginnest dein Werk!

JEREMIAS:

Nicht ist Zeit jetzt des Beginnens! Zu nah ist das Ende!

DIE MUTTER:

Es ist Zeit! Es ist Zeit! Mannbar bist du des langen, eines Weibes
verlanget dies Haus und der Kinder, damit erweckt sei deines Vaters
Bild.

JEREMIAS (in grimmigem Schmerz):

Ein Weib heimfhren in Wstung? Kinder zeugen dem Wrger? Wahrlich,
nicht brutlich nahet die Stunde!

DIE MUTTER:

Ich fa dich nicht.

JEREMIAS:

Soll ich bauen ein Haus in den Abgrund und mein Leben in den Tod? Soll
ich sen der Fulnis und lobpreisen die Vernichtung? Ich sage dir,
Mutter, wohl dem, der sein Herz nicht hngt jetzt ans Lebendige, denn
wer atmet diesen Tag, trinkt schon von seinem Tod.

DIE MUTTER:

Welch ein Wahn ist ber dir? Wannen war sanfter die Zeit, wann stiller
im Frieden dies Land?

JEREMIAS:

Nein, Mutter, sie sagen Friede und Friede, die Toren, aber es ist darob
kein Friede noch, und sie legen sich nieder und vermeinen Schlaf, die
Arglosen, und schlafen schon in ihren Tod. Mutter, eine Zeit ist nahe
wie keine gewesen je in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner ber
Erden gefahren! Eine Zeit, da neiden werden die Lebendigen die Toten in
der Grube um ihren Frieden und die Schauenden die Blinden um ihr Dunkel.
Noch ist es nicht sichtig den Toren, noch ist es nicht offenbar den
Trumern, doch ich, ich hab es geschauet Nacht um Nacht. Immer hher
brennet der Brand, immer nher nahet der Feind, er ist da, der Tag des
Getmmels und der Zertretung, schon steiget des Krieges rot Gestirn aus
der Nacht.

DIE MUTTER:

Entsetzen ... wie wtest du's?...

JEREMIAS:

  Ein Wort, ein heimlich Wort ist ber mich kommen,
  Da ich Gesichte beschaute des Nachts
  Und irrging in Trumen.
  Furcht und Bangnis fiel ber mich,
  Meine Gebeine erbebten wie eine Klapper,
  Und gleich rissiger Mauer
  Einstrzte mein Herz. --
  Mutter,
  Ich habe Dinge gesehen,
  Wenn die stnden geschrieben,
  Wrde starren der Menschen Haar
  Und der Schlaf fallen wie Asche
  Von ihrem Gesicht.

DIE MUTTER:

Jeremias ... was ist ber dich ...

JEREMIAS:

  Das Ende nahet, das Ende,
  Es fahret aus
  Druend von Mitternacht,
  Feuer sein Wagen,
  Wrgung sein Flug!
  Schon rauschen Schrecknis die heiligen Himmel,
  Schon bebt die Erde von Donner und Huf.

DIE MUTTER (im Entsetzen):

Jeremias!

JEREMIAS (sie anfassend, lauschend):

Hrst du ... hrest du nicht, es rauschet, es rauschet schon nah ...

DIE MUTTER:

Nichts hre ich! Es morgent. Hirtenflten wachten im Tal, und ein klein
Wind umspielet das Dach.

JEREMIAS:

  Ein klein Wind?
  Wehe, wehe!
  Gewaltigen Rauschens
  Wchst er empor,
  Sturmwind von Gott.
  Aus dem Geklfte
  Der Mitternacht
  Kommt er gefahren,
  Schrecknis schwingt er
  ber die Stadt.
  Mutter! Mutter! Hrst du es nicht:
  Schwert klirrt im Wind,
  Rder rollt die rauschende Welle,
  Lanze blinkt und Harnisch die Nacht,
  Krieger und Krieger, unendliche Scharen
  Schttet der Sturmwind ber das Land.

DIE MUTTER:

Wahnwitz von Trumen! Wirrnis und Trug!

JEREMIAS:

  Es nahet, es nahet,
  Fremd Volk,
  Mchtig und alt
  Aus dem Osten der Erde,
  Unendliche Flle
  Rauschen sie an,
  Wie Blitz fliegen weit ihre windigen Pfeile,
  Ihre Rosse sind alle mit Eile behufet,
  Ihre Wagen starr wie die Felsen geschient.
  Und inmitten ausfhret
  Mit blutiger Krone
  Der Strzer der Stdte,
  Der Znder der Brnde,
  Der Zwingherr der Vlker,
  Der Knig, der Knig von Mitternacht.

DIE MUTTER:

Der Knig von Mitternacht ... Du trumest ... der Knig von Mitternacht.

JEREMIAS:

  Den Er erweckte,
  Den Er erwhlte,
  Als harten Vollstrecker
  Hrtesten Spruchs,
  Da er strieme das Volk um all seiner Fehle,
  Da er mahle die Mauer und berste die Trme,
  Da er lsche das Licht und das Lachen der Huser,
  Da er tilge die Stadt und den Tempel von Erden
  Und pflge die Straen Jerusalems.

DIE MUTTER:

Irrwitz und Frevel! Ewig whret Jerusalem!

JEREMIAS:

  Es fllt!
  Was Gott berennet,
  Hat nicht Bestand!
  Von untenher
  Werden dorren seine Wurzeln,
  Und von obenher
  Geschnitten seine Frucht!
  Mit der Axt und dem Brande
  Wird der Reisige roden
  Israels Forst und Zions Gefild.

DIE MUTTER (ausbrechend):

  Es ist nicht wahr!
  Du lgst! Du lgst!
  Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
  Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen!
  Und wenn der Feind von den Enden der Erde km,
  Ewig werden die ragenden Mauern,
  Ewig die Herzen Israels dauern,
  Ewig whret Jerusalem!

JEREMIAS:

Es strzet! Gebrochen ist der Stab und gezeichnet die Stunde! Das Ende
nahet, Israels Ende!

DIE MUTTER:

Gottesleugner! Gottesleugner! Des Herrn Erwhlte sind wir und werden
dauern ber die Zeiten! Nie vergehet Jerusalem!

JEREMIAS:

Ich habe es geschauet in meinen Trumen, offenbar ward es meinen
Gesichten!

DIE MUTTER:

Frevler, wer so trumet, und Frevler siebenfach, wer glaubt solchen
Trumen! Wehe, wehe, da ichs erlebe, mein eigen Blut zaget an Zion und
zweifelt des Herrn! Jeremias, Jeremias, willst du, da mir zum Abscheu
werde mein Scho?

JEREMIAS:

Wider Willen kam mir das Grauen, nicht vermag ich zu wehren den
Gesichten.

DIE MUTTER:

Halte dich wach im Gebet wider sie, und an dem Namen des Herrn
zerschellet ihr Trug. Jeremias, besinne dich: eines Gesalbten Sohn bist
du und geweiht, da deine Stimme lobsinge dem Herrn, da sie erhebe die
Herzen der Zagenden und mit Mut flle der Verstreten Sinn!

JEREMIAS:

Wie kann ichs, wie kann ichs! Selbst bin ich der Verstrteste aller! La
ab von mir, Mutter, la ab!

DIE MUTTER:

Ich lasse nicht dein und nicht deine Seele dem Zweifel. Jeremias, mein
einzig Kind, hre mich an! Geheimes knde ich dir zum erstenmal, da
erwache dein Herz. Hre mich, die ich zu dir rede aus meiner Not. Auch
ich war eine Verzagete einst, denn zehen Jahre verschlo der Herr meinen
Scho. Spott ward ich den Gefhrtinnen und der Kebsen Gelchter. Zehen
Jahre trug ich es duldend und zagete schon, aber im elften entbrannte
mein Herz, und ich ging in Gottes Haus, da Er Frucht schenke meinem
Scho.

JEREMIAS:

Zum erstenmal kndest du dies ... zum erstenmal.

DIE MUTTER:

Und ich warf mich zur Erde und trnkte sie mit meinen Trnen und
gelobete: so ein Sohn mir geschenkt sei, ihn zu weihen dem Herrn. Ich
gelobete zu schweigen und kein Wort zu tun vom Munde in meiner schweren
Zeit, da ihm dereinst der Rede Flle sei, zu lobpreisen den Gott.

JEREMIAS:

Mich gelobet ... Mutter!... auch du ... auch du ...

DIE MUTTER:

Selbigen Tages erkannte dein Vater mich, und ich ward dein gesegnet.
Jeremias, hre, Jeremias, neun Monde begrub ich getreu die Stimme in
meinem Leibe, da dir alle Flle des Wortes sei, da du Lobknder
werdest des ewigen Gottes! So lsete ich mein Wort, und wir zogen dich
auf, da du lerntest die Schrift, und lieblich klang deine Stimme zum
Psalter. Jeremias, nun weit du: zum Priester bist du geweiht von
Anbeginn und zum Lobknder des Herrn. Zerrei deiner Trume Netz und
tritt in den Tag.

JEREMIAS:

Oh, zwiefach Gelbnis, Mutter, oh, zwiefach Zeugnis dieser Nacht. Zum
andern Male hast du mich erwecket dem Leben, ein Wissender bin ich
worden an deinem Wort, denn wundersam: ich schrie auf meine Frage zu
Gott, und er entsandte dich mir zur Rede! Oh Geheimnis dieses Wegs, oh
Stachel der Trume, der mich aufstie, oh Lockung der Bilder, die mich
weckten, oh trefflicher Jger, der nicht fehlet! Nun wei ich, wer
geschlagen an meines Schlafes Wand, bis ich aufstund von meines Lebens
Schlummer, nun wei ich, wer drngete meine Sumnis, nun wei ich, wer
mich gefordert ...

DIE MUTTER:

Was ward dir! Wie eines Trunkenen gehet deine Rede ...

JEREMIAS:

Ja, trunken bin ich nun der Gewiheit seines Willens und so voll der
Rede, da mich der Odem in meinem Innern ngstet. Die Siegel sind
gebrochen meines Mundes, und mir brennet die Lippe der Verkndung ...

DIE MUTTER:

Wehe, wenn du sie kndest deine Trume, die verruchten! Mein Sohn bist
du nicht, schreist du aus solchen Wahn!

JEREMIAS:

Dein Sohn, Mutter? Oh, wie sehr bin ich dein Sohn, wie dir gleich im
Geschehen! Wisse, auch ich bin ein Unfruchtbarer gewesen, und Er hat mir
ein Wort gezeuget und ein Geheimnis. Erneut habe ich, Mutter, dein Wort,
auch ich habe mich ihm gelobet ...

DIE MUTTER:

So tritt hin in sein Haus, da du ihm opferst, der dich erweckte, da du
lobpreisest seinen Namen!

JEREMIAS:

Nein, Mutter, nicht Opferers Dienst hab ich genommen -- selbst will ich
das Opfer sein. Ihm bluten entgegen meine Adern, ihm brennet mein
Fleisch, ihm flammet meine Seele. Ich will ihm dienen, wie keiner
gedient, seine Wege sind meine Wege nunab. Oh, siehe, schon morgents im
Tale, und auch in mir war es Tag aus den Dunkelheiten! Sein Himmel
brennet in Feuer, und auch mir entbrannte das Herz. Oh, Wagen Elias,
auffahrend im Feuer, rei mit meine Rede, da sie niederstrze wie
Donner in der Menschen Tag! Wehe, mir brennet die Lippe schon, fort, ich
mu fort ...

DIE MUTTER:

Wohin willst du vor Tag?

JEREMIAS:

Ich wei nicht, Gott wei es.

DIE MUTTER:

Doch sage, was planest du?

JEREMIAS:

Ich wei nicht, ich wei nicht! Sein ist mein Herz, sein ist die Tat!

DIE MUTTER:

Jeremias, ich lasse dich nicht, du schwrest mir denn, da du
verschweigst deine Trume ...

JEREMIAS:

Ich schwre nicht! Ihm allein bin ich verschworen!

DIE MUTTER:

... da du nicht kndest Schrecknis vor dem Volke.

JEREMIAS:

Sein ist die Verkndung, mein nur die Lippe!

DIE MUTTER:

Wehe, du fliehest mein Wort! So hre und wisse: wer ausgehet Zweifel zu
sen in Israel, geht nicht mehr ein in mein Haus.

JEREMIAS:

Sein ist mein Wort, sein meine Hausung.

DIE MUTTER:

Wer nicht glaubet an Zion, ist nicht mehr mein Sohn!

JEREMIAS:

Sein bin ich allein, der mich eintat deinem Leibe.

DIE MUTTER:

So weichest du? Aber hre vordem noch, Jeremias, hre, eh du auftust die
Lippe vor dem Volke: Ich fluche aus meiner Seele Kraft dem, der
Schrecknis wirft ber Israel, ich fluche ...

JEREMIAS (schauernd):

Nicht fluche, Mutter, nicht fluche!

DIE MUTTER:

Ich fluche dem, der Sturz sagt den Mauern und Wstung den Gassen, ich
fluche dem, der Tod schreit ber Israel. Mge sein Leib in Feuer fallen
und seine Seele in des lebendigen Gottes Faust.

JEREMIAS:

Nicht Fluch sprich ... Mutter ... vielleicht stt Er mich unter ihn ...

DIE MUTTER:

Ich fluche dem Zweifler, der mehr vertrauet den Trumen denn Gottes
Barmherzigkeit! Ich verfluche, ich verfluche den Leugner Gottes und wre
es mein Kind! Zum letztenmal, Jeremias ... whle!

JEREMIAS:

Ich ... geh ... meinen Weg ... (Er beginnt mit schwerem Schritt zur
Treppe zu treten.)

DIE MUTTER:

Jeremias ... mein einzig Kind bist du und meines Alters Trost ...
entweiche meinem Fluch ... denn Gott wird ihn erhren, wie er erhrte
mein Gelbnis.

JEREMIAS:

Auch ich bin ihm gelobet, Mutter, auch mich hat er erhret. Lebe wohl!
(Er schreitet die erste Stufe hinab.)

DIE MUTTER (aufschreiend):

Jeremias! ber mich geht dein Schritt! Du zertrittst mir das Herz!

JEREMIAS:

Ich wei die Strae nicht, die ich schreite ... ich fhl die Steine
nicht, die ich trete ... ich fhl einen Ruf nur ... einen Ruf, der mich
rufet ... und ich folge dem Ruf ...

    (Er steigt langsam die Stufen nieder, das Antlitz ernst und
    verhalten, die Augen starr in den Himmel.)

DIE MUTTER (zur Treppe hinstrzend, in Verzweiflung):

Jeremias!... Jeremias!... Jeremias!...

    (Keine Antwort. Der Schrei verhallt zur Klage und schwingt
    allmhlich ganz ins Schweigen zurck. Einsam steht die einstrzende
    Gestalt der Mutter vor dem hohen Himmel, ber den sich tragische
    Morgenrte wie ein Schein von Feuer und Blut mhlich zu verbreiten
    beginnt.)




DAS ZWEITE BILD

DIE WARNUNG

    Die Profeten, die vor mir gewesen sind von alters her, haben wider
    viel Lnder geweissaget von Krieg, von Unglck und Pestilenz;

    wenn aber ein Profet von Frieden weissagt, den wird man kennen, ob
    ihn der Herr wahrhaftig gesandt hat, wenn sein Wort erfllet wird.

  Jer. XVIII, 8/9.


    Der groe Platz von Jerusalem, der mit vielen Stufen aufsteigend in
    den Sulenvorhof der Burg von Zion fhrt, rechts zum kniglichen
    Palaste und mittseits zum anschlieenden Tempel. Auf der andern
    Seite ist der gerumige Platz von Husern und Gassen begrenzt, die
    nieder und gebckt scheinen gegen den hochragenden Bau. Die Eingnge
    in den Palast sind umschmckt von Girlanden und prchtigem
    Zedergetfel; in breite, kunstvolle Brunnenschalen des Vorhofs
    fliet Wasser nieder, rckwrts glnzt dunkel das erzgetriebene Tor
    des Tempels.

    Vor der Sulenhalle des Palastes, auf der Strae und die Stufen
    empor wirr durcheinandergedrngt das Volk von Jerusalem, eine
    farbige, erregte Masse von Mnnern, Frauen und Kindern, die von
    einhelliger Erwartung bewegt sind. Die Menge hat viele Stimmen, die
    in den Augenblicken des Geschehens oft in einen einzigen Schrei
    zusammenflieen, sonst sich aber erregt widerstreiten. Im
    gegenwrtigen Augenblicke sind alle in die Richtung der Gassen
    gewandt und drngen sich in erwartender Unruhe.

STIMMEN:

Der Wchter hat schon gerufen vom Turm ... nein, noch nicht ... doch,
ich habe das Horn gehrt ... ich auch ... ich auch ... sie mssen nahe
sein ... von wo kommen sie ... werden wir sie sehen ...

ANDERE STIMMEN:

Vom Tore Moria kommen sie ... hier mssen sie vorbei ... sie gehen zum
Palast ... lat die Gasse frei, ... ja ... ja ... wir wollen sie sehen ...
weicht zurck ... macht Raum ... Raum fr die gypter ...

EINE STIMME:

Aber ist es gewi auch, da sie kommen?

EINE ANDERE STIMME:

Den Boten sprach ich, der ihnen vorausgeeilt.

STIMMEN:

Er hat den Boten gesprochen ... erzhle ... wie viele sind ihrer ...
bringen sie Geschenke ... wer ist ihr Fhrer ... was bringen sie ...
erzhle, Isaschar!

    (EINE GRUPPE bildet sich um den Mann Isaschar.)

ISASCHAR:

Ich vermag nur zu berichten, was der Bote, mein Schwher, mir gesagt.
Die ersten Krieger gyptens sind es, die Pharao uns sandte, und Sklaven
sind viele mit ihnen, die Geschenke bringen auf Snften und Tragen. Seit
Salomos Tagen ward nichts ihresgleichen gen Zion gebracht.

STIMMEN:

Es lebe Pharao ... Ruhm seiner Herrschaft ... Heil gypten!

EINE STIMME:

Sie sagen, auch eine Tochter Pharaos reise mit ihnen, da sie Zedekia
vermhlt werde. Ist es wahr, Isaschar?

ISASCHAR:

Es ist wahr. Eine Tochter Pharaos geleiten sie. Die Schnste ist sie
seiner Tchter, und er hat sie Zedekia gewhlt.

STIMMEN:

Ruhm Pharao ... Heil Zedekia ... werden wir sie schauen ... Heil
gypten!...

EIN ALTER MANN:

Unheil kam von je ber Israel von den fremden Weibern der Knige ...

STIMMEN:

Ja, sie wenden den Sinn der Gerechten ... fort mit ihnen ... was schmhst
du gypten ... ja, was wollen, sie ... was bedeutet die Sendung ...
seit wann ist Freundschaft zwischen gypten und Israel ... was wollen
sie?

EINE STIMME:

Ein Bndnis bietet Pharao Necho wider Nabukadnezar, ich wei es von
Abimelech.

STIMMEN:

Heil Abimelech, unser Fhrer ... kein Bndnis ... kein Bndnis mit
gypten ... kein Bndnis mit Mizraim ... wider wen ist das Bndnis ...

ISASCHAR:

Warum kein Bndnis mit ihnen? Mchtig sind sie, und vereint wren wir
stark wider unsern Unterdrcker. Zehntausend Sichelwagen vermag Pharao
Necho ins Blachfeld zu stellen, und seine Bogenschtzen und Reiter sind
ohne Zahl. Er will aufstehen wider Assur, unsern Peiniger, und sie
begehren unseres Beistands.

DER ALTE:

Kein Bndnis mit gypten! Unser Kampf ist nicht der ihre!

ISASCHAR:

Unsere Not ist die ihre, sie wollen nicht Knechte sein der Chalder!

STIMMEN:

Wir auch nicht ... wir auch nicht ... nieder mit Assur ... zerbrechen
wir das Joch ... hten wir uns ...

BARUCH (ein Jngling, ekstatisch):

In Ketten gehen unsere Tage und mit gldenen Schkeln unsere Boten
allneumonds gen Babel. Wie lange wollen wir es dulden noch?

SEBULON (der Vater Baruchs):

Schweige ... nicht dein ist die Rede ... eine linde Knechtschaft ist
Chaldas Joch ...

STIMMEN:

Aber wir wollen nicht lnger Knechte sein ... die Stunde der Freiheit
ist gekommen ... nieder mit Assur ... verbinden wir uns gypten ...

SEBULON:

Nie kam Gutes von Mizraim. Man mu prfen und erwgen, man mu mitrauen
und gedulden.

STIMMEN:

Die Gerte des Tempels mu man schaffen ... nicht lnger soll Baal sich
ihrer ergtzen ... nieder mit den Rubern des Tempels ... jetzt ist es
die Stunde ...

ANDERE STIMMEN (von der Tiefe der Gasse her):

Sie kommen! Sie kommen!

STIMMEN (von allen Seiten jauchzend):

Sie kommen ... Raum ... macht Raum ... sie kommen ... hier herauf ...
zurck hier ... ich sehe sie schon ... hier kannst du sie sehen ...

    (DAS VOLK strmt die Stufen empor und bildet eine Gasse, durch die
    nun die Gesandtschaft der gypter zum Palaste ziehen kann. Man sieht
    vorerst nur die Lanzenspitzen der Krieger ber dem Gewoge der
    lrmenden Menge leuchten.)

STIMMEN:

Wie stolz sie gehen ... wer ist der Fhrer ... Araxes ist es ... die
Geschenke ... die Snften ... seht diese, sie ist verhllt ... die
Tochter Pharaos mu es sein ... heil Araxes ... heil gypten ... wie
schwer sie tragen an den Truhen, Gold mu darin sein ... wir werden es
zahlen mssen mit Blut ... die Schwerter, seht die kurzen ... die unsern
sind besser ... wie hochmtig sie gehen ... gewaltige Krieger mssen es
sein ... es lebe Pharao Necho ... es lebe gypten ... heil ... Gott
strafe Assur ... heil gypten ... heil Araxes ... es lebe Necho ...
Segen ber Pharao ... geheiligt unser Bund ... heil euch ... heil euch ...

    (DIE MENGE umdrngt mit frenetischen Jubelrufen den Zug der
    gypter.)

    (DIE GYPTER, reichgeschmckt, schreiten stolz und ernst durch die
    Reihen. Sie klirren die Schwerter zusammen und danken wrdevoll.)

BARUCH (von den Stufen herab):

Der Knig erflle eure Wnsche! Er schliee den Bund!

STIMMEN:

Ja ... ja ... auf gegen Assur ... zerbrechen wir das Joch ... es lebe
Necho ... Segen ber eure Ankunft ... Rache fr Zion ...

ANDERE STIMMEN:

Zum Palast ... geleitet sie zum Palast ... zum Knige ... er schliee
den Bund ... es lebe Araxes ... Segen ber Zedekia, unsern Knig ...
ein Knig der Knechte ... nein ... nein ... Freiheit ... auf zum Palast ...

    (DIE GYPTER sind die Stufen empor zum Palast geschritten und in die
    Sulenhalle eingetreten. Hinter ihnen strmt der Schwall des Volkes.
    Andere Schwrme verlaufen sich in den Gassen. Es bleiben auf den
    Stufen nur einzelne kleine Gruppen lterer Leute zurck, whrend die
    Krieger und die Frauen schaulustig den gyptern nachstrmen, die
    Snften umdrngen und mit dem Zuge im Sulenvorhof verschwinden.)

BARUCH (der ihnen ekstatisch zugewinkt hat):

Ich mu mit ihnen.

SEBULON:

Du bleibst!

BARUCH:

Ich will es schauen, ich will es erleben, wie Israel aufsteht wider
seine Peiniger. Meine Seele verzehrt sich, das Gewaltige zu erschauen,
und nun ist die Stunde genaht.

SEBULON:

Du bleibst! Gott wgt seine Stunden, nicht wir. Des Knigs ist die
Entscheidung.

BARUCH:

Wie sie jubeln! La mich mit ihnen sein, mein Vater, da ichs erlebe.

SEBULON:

Oft und oft noch wirst du's erleben. Denn immer jubelt das Volk zu den
lauten Worten, immer luft es hinter dem Geprnge.

EIN ANDERER:

Was verweigerst du ihm die Freude? Ist der Tag unseres Sehnens nicht
erschienen? Freunde sind Israel erstanden.

SEBULON:

Nie war Mizraim Israels Freund.

BARUCH:

Unsere Schmach ist die ihre, Israels Not die gyptens.

SEBULON:

Nichts gemein haben wir mit den Vlkern der Erde. Einsamkeit ist unsere
Gewalt.

DER ANDERE:

Aber sie wollen fr uns kmpfen.

SEBULON:

Fr sich wollen sie kmpfen. Jedes Volk kmpft nur fr sich allein.

BARUCH:

Sollen wir Knechte bleiben, soll Zedekia ein Knig sein der Sklaven und
Zion ein Pflichtling Chaldas? Oh, da er ein Knig wre, Zedekia ...

SEBULON:

Schweige, ich befehle es dir. Nicht ziemt es den Knaben, die Knige zu
richten.

BARUCH:

Jung bin ich, doch wer ist Jerusalem, wenn die Jugend nicht? Die
Bedchtigen nicht haben es gebaut. David, der Junge, hat sie getrmet
und gro gemacht unter den Vlkern.

SEBULON:

Schweige, nicht dein ist das Wort auf dem Markte.

BARUCH:

Sollen nur die Bedchtigen reden, nur die Greise beraten, da Israel
ergreise vor den Jahren und Gottes Wort faule in unsern Herzen? Unser
ist die Stunde, unser die Rache. Ihr habt euch gebeuget, wir wollen uns
erheben, ihr habt gezgert, und wir wollen vollbringen, ihr hattet den
Frieden, und wir wollen den Krieg.

SEBULON:

Was weit du vom Kriege, du Vorwitziger. Wir, die Vter, haben ihn
gekannt. Er ist gro in den Bchern, aber ein Wrger ist er in Wahrheit
und ein Schnder des Lebens.

BARUCH:

Ich frchte ihn nicht. Ein Ende der Knechtschaft!

EINE STIMME:

Einen Eid des Friedens hat Zedekia geschworen.

STIMMEN:

Ungltig ist der Eid ... er zerbreche den Schwur ... kein Eid gilt den
Heiden ...

STIMMEN (von rckwrts aus der Gasse kommend, im Jubel):

Abimelech! Heil Abimelech ... Abimelech, unser Fhrer ... heil dir ...

    (DIE GRUPPEN sammeln sich um Abimelech, den Obersten der Krieger,
    und jubeln ihm zu.)

STIMMEN:

Abimelech ... ist es wahr, da gypten ein Bndnis bietet ... raffe dein
Schwert ... auf, ziehe wider Assur ... raffe Israels Kraft ... wir sind
bereit ... wir sind bereit ...

ABIMELECH (auf der Hhe der Stufen zu der Menge):

Sei bereit, Volk von Jerusalem, denn nahe ist die Stunde deiner
Freiheit.

    (DIE MENGE, die ihn umringt, bricht in Jubelschreie aus.)

ABIMELECH:

Pharao Necho hat uns seine geharnischte Hand geboten. Er will sich uns
gesellen, da wir selbzweit Assurs Macht brechen, und wir wollen es tun,
mein Volk von Jerusalem. Bereit sind deine Streiter, gerstet deine
Kmpfer, geschirrt deine Wagen, gespannt deine Bogen, nun sthle dein
Herz, Volk von Jerusalem.

DIE MENGE (jauchzend):

Auf gegen Assur ... Krieg mit Chalda ... heil Abimelech ...

EIN KRIEGER:

Wie die Schafe werden wir sie vor uns hertreiben. Sie haben sich matt
gemacht in den Frauenhusern, und ihr Knig trug nie eines Kriegers
Gewand.

EINE STIMME:

Das ist nicht wahr!

DER KRIEGER:

Wer sagt, es sei nicht wahr?

EINE STIMME:

Ich sage es. In Babel bin ich gewesen und habe Nabukadnezarn gesehen. Er
ist gewaltig und sein Kriegsvolk ohne Makel.

STIMMEN:

Du Schurke, lobpreisest du unsere Feinde ... ein Gekaufter ist er ...
sein Weib ist eine Chalderin ... sie hat gehurt mit allen Knechten
Babels ... Verrter ...

DER KRIEGER (vortretend zu den Sprechenden):

Willst du sagen, wir knnten ihrer nicht obsiegen?

DIE STIMME:

Ich sage, da sie mchtig sind, die Chalder.

DER KRIEGER (auf ihn eindringend):

Meine Faust sieh hier und sage noch einmal, sie seien besser denn
Israel.

STIMMEN:

Sag es noch einmal ... zerreit ihn ... Verrter ... Verrter ...

DER SPRECHER (von allen gefat, eingeschchtert):

Nicht das sagte ich ... ich meinte ... ich meinte, da ihrer viele sind.

ABIMELECH:

Immer waren unserer Feinde viel, und immer haben wir sie geschlagen.

STIMMEN:

Wer kann an wider uns ... alle haben wir geschlagen ... Moab
zerschmettert und Ammon ... Sanherib und seine Tausendmaltausend ... die
Philister und Amalek ... Wer kann uns widerstehn ... Tod ber den, der
uns schmht ...

    (EINIGE BOTEN eilen aus dem Palast.)

DIE MENGE (sie umdrngend):

Wohin eilet ihr ... was bringt ihr ... wen suchet ihr ... was ist ...

EIN BOTE:

Der Knig hat den Rat berufen.

STIMMEN:

Krieg ... er beschlieet den Krieg ... Krieg ...

ABIMELECH:

Wen hat er berufen?

DER BOTE:

Imre, den ltesten, Nachum, den Verwalter; und auch an dich ergehet sein
Ruf.

ABIMELECH:

Zauderern bin ich gesellt und Klglern, die das Wort wgen und schauern
vor der Tat. Aber ich bringe mein Schwert, und ich will es von mir
werfen, darf ich es nicht zcken wider Assur. Dein ist die Stunde, ich
kmpfe fr sie, Volk von Jerusalem!

DIE MENGE:

Heil Abimelech ... Heil Abimelech ... heil dir, du Gottesstreiter ...
heil ...

    (ABIMELECH eilt in den Palast.)

BARUCH:

Ihm nach, ihm nach! Der Knig soll unsere Stimme hren, er hre unsern
Willen erdonnern vor seinem Palast.

SEBULON:

Ich verstoe dich, wenn du nicht schweigest. Der Knig will beraten, und
Ruhe mu sein um den Ratschlu.

BARUCH:

Er soll nicht beraten. Er beschliee! Er beschliee den Krieg! Wir alle
wollen den Krieg.

STIMMEN:

Ja, wir alle ... wir alle ... schreit auf zu ihm ...

EINE STIMME:

Nein, ich will keinen Krieg ... ich will keinen Krieg ...

STIMMEN:

Schweige ... Verrter ... noch ein Gekaufter ... wer bist du ... nieder
mit ihm ... wer bist du ...

DER SPRECHER:

Ein Bauer bin ich, und nur im Frieden blht mein Feld. Aber der Krieg
stampft meine cker und zerstt mir die Scholle. Ich will keinen Krieg,
ich will nicht!

BARUCH (wild):

Schmach ber dich! Schmach ber dich! Da du doch faultest in deinem
Acker und ersticktest an deinen Frchten! Fluch denen, die am Gewinn
ihren Mut messen und an ihrem Leben des Landes Geschick! Israel ist
unser Acker, und wir wollen ihn dngen mit unserm Blute, denn, ihr
Brder, es ist Seligkeit, zu sterben fr den alleinigen Gott.

DER SPRECHER:

So stirb und lasse mich leben. Die Erde liebe ich, auch sie ist Gottes,
und er hat sie mir zu eigen gegeben.

BARUCH:

Nichts ist uns zu eigen gegeben, Lehen ist alles vom lebendigen Gotte,
da wir es wiedergeben an ihn auf seinen Ruf. Und sein Ruf ist
erschollen, oh, da wir ihn hrten! Erfllet sind die Zeichen! Oh, wo
sind die Knder der Worte, wo sind sie, die seines Geistes sind, da sie
die Trgen entflammen und hren machen die Tauben. Wo sind die Priester,
wo sind die Profeten? Was schweigt ihre Stimme in dieser Stunde zu
Jerusalem?

STIMMEN:

Ja ... die Profeten ... wo sind sie, die Priester ... wecket sie auf ...
sie versumen die Stunde ... wo ist Hananja ...

BARUCH:

Zum Tempel empor! Nichts ohne Gottes Wort! Sie mgen entscheiden, die
Gottesmnner!

STIMMEN:

Ja ... wo sind unsere Hirten ... in ihnen ist die Wahrheit ... Hananja ...
Pashur ... wo sind sie ... tut auf den Tempel ... tut auf das Tor ...
Hananja ... Pashur ...

    (EINIGE sind die Stufen hinaufgeeilt und schlagen an die erzene Tr.
    Die Tr tut sich auf, und es erscheint im Ornat:)

PASHUR (der Hohepriester):

Was ist dein Begehr, Volk von Jerusalem?

BARUCH:

Erfllt ist die Verheiung, aufstehet das Volk! So sume nicht. Sprich
den Fluch ber unsere Widersacher, denn die Stunde der Freiheit winket
deinem Volke.

STIMMEN:

Tu den Tempel auf, da Gott ber uns sei ... den Profeten rufe, da er
uns Wahrheit sage ... aus den Bchern lies die Weissagungen ... zum
Knige sprich und zum Volke ...

PASHUR:

Was ist geschehen? Was glhet ihr mit einem Male?

BARUCH:

Ein Bndnis ist geboten von gypten wider Assur, und der Knig zaudert.
Krmer und Knechte sind seine Vertrauten. Doch das Volk verlanget eurer
Stimme.

STIMMEN:

Die Profeten rufe, da sie uns Weisheit lehren ... Hananja ... Hananja ...
wann waren sie vonnten, die heiligen Worte, wenn nicht zu dieser
Stunde?... Ihrer sei die Entscheidung ... Hananja ...

PASHUR:

Was begehret ihr des Profeten?

BARUCH:

Sein Wort falle in unser Herz, er segne Israel, er verfluche
Nabukadnezar und seine Knechte ... Sein Wort soll wie Feuer ber uns
fahren, da wir entbrennen. Hananja rufe, Hananja, es fordert ihn die
Stunde, Gott fordert ihn.

DIE MENGE:

Hananja ... wo ist unser Profet ... Gott fordert ihn ... Er erscheine ...
wir drsten nach seinem Worte ... Hananja ... Hananja ...

    (HANANJA tritt aus der Tr des Tempels.)

    (DIE MENGE bricht bei seinem Anblick in wilde Jubelrufe aus.)

BARUCH (zu ihm empor):

Hananja, Gottes Gesandter, siehe, dein Volk drstet nach deiner Rede!
Gie aus die Welle deines Wortes ber sie, da Kraft ihnen entbrande,
mache fruchtbar unsern Ingrimm und ziele unsern Zorn. In deinen Hnden
liegt Jerusalems Schicksal!

DIE MENGE:

Gie aus Gottes Wort ber uns ... Die Verheiung verknde ... Sage, sollen
wir ausziehen ... Gottes Wille la uns wissen ... belehre dein Volk, du
Bote des Herrn, belehre den Knig ... oh, sprich die Verheiung ... sieh
unser Schwanken ... erwecke unser Herz.

HANANJA (vor die Schwelle des Tempels tretend, pathetisch):

Selig deine Frage, selig deine Stimme, selig du selber, Volk von
Jerusalem, da du sie endlich aufhebst zum Schrei! Denn Schlaf war
gefallen ber dich, ein Ohnmchtiger bist du gelegen in den Sielen der
Knechtschaft, Jerusalem, und die Vlker sind geschritten ber dich wie
ber einen Trunkenen, sie haben gespien auf dein Gewand, und sie haben
gelacht deiner Ble. Aber ein Ruf ist gegangen an die Schlfer, eine
Botschaft an die Vertrumten, und ich will sie knden euch
Gotterweckten.

DIE MENGE (bricht in fanatische Jubelschreie aus):

Hret ihn!... Erweckte sind wir ... wahrlich, wie im Schlafe sind wir
gelegen ... sage, Meister, ist es Zeit ... sag an, ist es die Stunde ...

HANANJA:

Wie lange noch wollet ihr euch gedulden der Taten, da Gott euch erweckte
... wie lange stille sein, da der Herr euch gerufen? Gott drstet, denn
leer sind seine Krge, Gott hungert, denn gebrochen sind seine Altre,
Gott friert, denn geraubt ward der Schmuck seiner Fliesen, Gott leidet,
denn es spotten sein die Priester Baals und die Knechte der Astaroth! Er
harret euer, da ihr ihn erlset, und wie im Schlafe habt ihr gelegen;
er winket zu sich euch, aber ihr rhret euch nicht im Joche. So werfet
ab das Joch, reit euch los von den Ketten, die Posaune lat schallen
und erklirren das tdliche Erz; Gott hat euch wach geschrien, so kmpfet
fr ihn!

BARUCH:

Tne, oh tne, du Gottesposaune! Auf, Israel, auf, Jerusalem, brecht
Gottes Joch!

DIE MENGE:

Zerbrechen wir das Joch ... auf wider Assur ... streiten wir gegen
Nabukadnezar ... zu den Waffen ... werft auf das Panier ... Sage, ist es
Zeit, da wir ausziehen ... Krieg wider Assur ... Sag, werden wir ihrer
obsiegen?

HANANJA:

Die Stimme des Herrn erbrauset mir innen, wie ein Meer schumt sie mir
strmend zum Munde, und also tnet sie euch zu: Erhebe dich, Israel,
wappne deine Lenden, fasse froh den Schild und die Speere, auf, tummle
deine Rosse, denn Assur ist dein Wild und Babel deine Beute. Gehe an, du
Gewaltiger, deine Bedrnger zu jagen, ich habe dir Pfeile in den Kcher
getan, die nicht fehlen, und Lanzen gerstet, die nicht splittern. In
deine Hand habe ich Assur gegeben, so balle sie zur Faust, Israel, und
knicke seine Knochen! Tritt unter die Fersen, die dich bedrckten, hole
heim meine Habe, erlse mich, wie ich dich erlse. Wirf weg, die dir
widerraten, tilge aus, die dich zumen, nicht hre die Schwachmtigen,
nur meinen Boten erhre! Hre, Israel, hre auf ihn!...

JEREMIAS (aus der Menge wild aufschreiend):

Nicht hret auf ihn! Nicht hret auf ihn --! Nicht hret auf ihn!

    (DIE MENGE weicht im Tumult auseinander. Jeremias wird mitten in der
    erregten Masse sichtbar. Er arbeitet sich gegen die Stufen zu der
    Stelle empor, wo Hananja spricht.)

STIMMEN:

Wer redet ... wer ist dieser ... was fr Rede ... was sagt er ... wer
ist er ...

JEREMIAS:

Nicht hret ihn, nicht hret denen zu, die euch nach dem Munde reden,
tut ab die Schlingen seiner Worte! Nicht hret die Gleisner, die euch
ins Schlpfrige stoen, nicht tappet in die Netze der Vogelsteller,
nicht lausche, Jerusalem, den Lockpfeifern des Krieges!

PASHUR (sich aufrichtend):

Wer redet in der Menge?

HANANJA:

Wer redet wider den Herren? Hervor aus dem Dunkel!

JEREMIAS (sich vorstoend):

Es redet die Angst, und es schreit das Bangen um Jerusalem, die
Schrecknis tut auf ihren Mund. Fr Israel spreche ich und um Israels
Leben!

STIMMEN:

Wer ist er ... ich kenne ihn nicht ... es ist keiner von den Profeten ...
ich kenne ihn nicht ... wer ist es ...

EINE STIMME:

Jeremias ist es von den Priestern zu Anathoth.

STIMMEN:

Wer ist Jeremias ... wer ist er ... was wollen die zu Anathoth in
Jerusalem ... der Sohn Hilkias ist es ... wer ist er ... was will er ...

PASHUR (zu Jeremias, der die Stufen emporgestiegen ist):

Fort von des Tempels Stufen! Den Gesandten Jahves, den Gottesmnnern
und Profeten ist allein verstattet die heilige Schwelle! Uns allein ist
es, Gottes Wille zu knden!

JEREMIAS:

Wer ist so vermessen, da er sich unterfange, ihm allein habe der Herr
die Weisheit zugeteilt und das Geheimnis seines Willens! Nur in Trumen
spricht Gott zu den Menschen, und auch mir hat er Trume gesandt. Mit
Entsetzen hat er gefllt meine Nchte und mich wach gemacht in die Zeit,
er hat mir einen Mund gegeben, da ich rede, und eine Stimme, da ich
schreie. Er hat die Angst in mich eingetan, da ich sie ber euch werfe
wie ein brennend Tuch, und ich will sagen meine Angst um Jerusalem, ich
will schreien meinen Schrei vor dem Volke, ich will knden meine Trume ...

BARUCH:

Fort mit den Trumern und Traumdeutern! Wache will die Stunde!

HANANJA:

Wem sind nicht Trume gegeben! Das Tier wlzt sich im Schlafe, und der
Sklaven Traum ist mit Bildern voll. Wer hat dich gesalbet, da du redest
vor dem Tempel?

STIMMEN:

Nein ... er soll reden ... wir wollen ihn hren ... ein Wahnwitziger ist
er ... seine Trume soll er knden ... erzhle ... offen ist der Markt ...
frei ist Gottes Haus ... sprich, Jeremias ...

PASHUR:

Nicht von des Tempels Schwelle! Nicht vor des Tempels Gela!

HANANJA:

Ich bin Gottes Profet und keiner sonst in Israel. Auf mich sollet ihr
hren und nicht die Schwtzer der Gasse. Weg die Trumer vom Markte!

BARUCH:

Ein Feigling ist er, entlaufen seinen ngsten.

STIMMEN:

Er soll reden ... wir wollen ihn hren ... nein, Hananja rede ...
Hananja ... er ist vielleicht gesandt vom Herrn ... sprich, Jeremias ...
warum ihn nicht hren ... was hat er getrumt ... in Trumen ist oftmals
Verkndung ... la ihn reden, Hananja ... man wge ihre Worte ...
sprich, Jeremias ...

JEREMIAS (hat sich emporgeschwungen):

Brder in Israel, Brder in Jerusalem, einen Sturm hrt ich fahren im
Traume wider Zion, und Kriegsvolk wider unsere Mauern, und sie warfen
nieder das Geblk und strzten die Zinnen, Flamme sa auf den Dchern
wie ein rot Tier und fra leer unsere Hausung. Es war kein Stein mehr,
der stund auf dem andern, und eine Wstung in den Gassen; so viel Tote
sah ich liegen wie Kehricht, da das Herz sich mir wandte im Leibe und
die Siegel meines Mundes aufbrachen im Schlaf ...

PASHUR:

Wahnwitz schreit von den Stufen des Tempels.

HANANJA:

Fallsucht plaget ihn, und er plaget uns.

BARUCH:

Hinunter mit ihm!

STIMMEN:

Nein, die Trume wollen wir hren ... was deuten sie ... ein Irrwitziger
ist er ... ein Narr ... fort mit ihm ...

JEREMIAS:

Doch da ich wach auffuhr im Schweie meines Leibes, ihr Brder, da
spottete ich mein, wie diese meiner spotten! Denn war nicht Friede im
Lande, ihr Brder, sa die Stille nicht auf den Mauern und kein Wind
rhrete sie an? Und ich ging fort vom Hause und schmete mich meines
ngstens und ging her zum Markte, da ich mich freute des Friedens. Da
scholl Jauchzen her, und das Herz brach mir ein inwendig, denn ein
Jauchzen war es zum Kriege. Meine Brder, da ward bitter wie Galle meine
Seele, und das Wort sprang mir zum Munde wider meinen Willen, denn saget
wahrhaft, ihr Brder: ist Krieg ein so kostbar Ding, da ihr ihn
lobpreiset? Ist er so gtig, da ihr ihn ersehnet, ist er so wohlttig,
da ihr ihn gret mit der Brunst eures Herzens? Ich aber sage dir, Volk
von Jerusalem, ein bs und bissig Tier ist der Krieg, er frit das
Fleisch von den Starken und saugt das Mark von den Mchtigen, die Stdte
zermalmt er in seinen Kinnladen, und mit den Hufen zerstampft er das
Land. Nicht schlfert ihn ein mehr, der ihn weckte, und wer das Schwert
zcket, mag leicht selber darein fallen. Weh darum ber den Frwitz, der
Streit anhebt ohne Not, denn auf einem Wege wird er ausziehn, und auf
sieben wird er rckfliehen, weh denen, die Mord tun am Frieden mit dem
Wort! Hte dich vor ihnen, hte dich, Volk von Jerusalem!

BARUCH:

Vor den Feiglingen hte dich, Volk von Jerusalem, vor den Gekauften und
Verrtern!

HANANJA:

Wo ist seine Verheiung? Wo Gottes Wort? Fr Babel spricht er und Bel.

STIMMEN:

Nein ... er redet recht ... viel Wahres ist an seinem Wort ... lasset
ihn ausreden ... die Trume ... was fr Verheiung ... lasset ihn ...
auch ihn wollen wir hren ...

JEREMIAS:

Was wecket ihr auf das reiende Tier mit eurem Gejauchze, was locket ihr
in die Stadt den Knig von Mitternacht, was rufet ihr zum Kriege, Mnner
Jerusalems? Habet ihr dem Mord eure Shne gezeuget, und der Schande eure
Tchter? Ward dem Feuer eure Hausung gebaut und dem Prellbock die Mauer?
Besinne dich, Israel, halt ein, eh du rennest ins Dunkel, Jerusalem! Ist
denn so hart deine Knechtschaft, ist so brennend dein Leiden? Siehe,
siehe um dich: es ist Gottes Sonne ber dem Lande, und eure Weinstcke
blhen in Frieden, es schreiten beseligt die Brute mit ihren Erwhlten,
es spielen einfltig die Kinder, und sanft glnzet der Mond in
Jerusalems Schlaf. Das Feuer hat seinen Ort und das Wasser seine Sttte,
die Speicher ihre Flle und Gott sein gerumiges Haus. Sage, Israel,
sage, ist es nicht schn in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons
Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefll? Oh, la es dir genug
sein, friedsam zu wohnen unter Gottes beruhigtem Blick, und halte den
Frieden, halte ihn fest in deinen Mauern, Volk von Jerusalem, halte den
Frieden!

SEBULON:

Recht redet er! Heil ihm! Wie Gold ist seine Rede!

PASHUR:

Wie chaldisch Gold!

STIMMEN:

Ja ... er ist verkauft ... nein, recht redet er ... Friede ... wir
wollen den Frieden ... ein Verrter ist er ... ein Sldling von Assur ...
lasset ihn reden ... nein, Hananja redet wahr ... nur Hananja ...

HANANJA:

Fort mit dir, fort! In Samaria rede, wo Knechte sitzen; zu Moab sprich
also oder zu den Unbeschnittenen, doch zu Israel nicht, das Gottes
Erstling ist unter den Vlkern.

BARUCH (auf Jeremias eindringend):

Sprich, stehe Rede, hier vor dem Volke sprich es aus, da sie es hren:
soll dauern unsere Knechtschaft, sollen wir lnger Gold zahlen an
Chalda? Sprich Antwort, du Verrter!

STIMMEN:

Ja ... ja ... antworte ... rede ... sollen wir weiter zahlen ...
antworte.

JEREMIAS:

Laut spreche ich vor dem Volke: Besser den Zins des Goldes zahlen dem
Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn
der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr!

HANANJA:

Oh, du Gehorcher und Diener, du Knecht Chaldas, willst du leugnen
Gottes Wort, das heischet den Krieg wider die Bedrcker, willst du
leugnen die Schrift?

JEREMIAS:

Doch es stehet auch geschrieben daselbst: Wenn ihr stille bleibet,
wrde euch geholfen, durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.

STIMMEN:

Ja, so ist es geschrieben ... er redet wahr ... ja, so ist es
geschrieben ... weise ist sein Wort ... nein, er drehet es zu seinem
Sinne.

HANANJA:

Unheiligem Krieg ist es gesagt, Zwist der Geschlechter Israels! Doch
dies ist ein heiliger Krieg, ein Gotteskrieg ist es, Jerusalem, um
deines ewigen Namens willen, ein Gotteskrieg, ein Gotteskrieg!

JEREMIAS:

Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott fhret Krieg, sondern die
Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das
Leben.

BARUCH:

Du lgst! Du lgst! Das Leben ist uns einzig gegeben, da wir es
hinopfern fr Gott und seinen Geist. Ich will mich opfern auf seinem
Altare, ich will sinken vor seinen Feinden, ich will sterben fr Israel
und seine Herrschaft auf Erden. Nie wird Israel besiegt sein, wenn alle
meines Sinnes sind!

HANANJA:

Nie wird es besiegt sein, solang die Sterne vor Gott leuchten, doch in
dreien Monden wird Babel in unsere Hand gegeben sein, so wir ausziehen
mit gypten.

STIMMEN (jauchzend):

In drei Monden ... Heil Hananja ... hret ihn ... in drei Monden ...

HANANJA:

Israel wird siegen, gegen tausend und tausend.

BARUCH:

Angst streut er aus, wie sie ihm Gold streuten.

STIMMEN:

Israel ber den Vlkern ... auf wider Assur ... Krieg ... Krieg ...
nein, Friede ... Friede ber Israel ... Krieg ... Krieg ... fr Assur
spricht er ... ein Verrter ... sind die nur wahrhaft, die Krieg
schreien?... gekauft ist er ... bereilet nicht ...

BARUCH:

Ins Weiberhaus mit dem Feigling! Ins Weiberhaus!

EIN WEIB (Jeremias anspeiend):

Schmach wr er fr uns! Da dem Manne, der sich verkriecht und uns
schndet! Krieg ... Krieg wider Assur!

JEREMIAS (in Zorn ausbrechend):

Wer bist du, die du so brnstig bist nach dem Blute? Hast du deine
Lenden aufgetan fr das Grab und deine Kinder gesugt fr die Grube?
Fluch ber den Mann, der nach Blut schreit, aber siebenmal Fluch ber
die Frauen, die brnstig sind nach dem Kriege, denn die Frucht ihres
Leibes wird er fressen, und die Knechte Assurs werden worfeln um sie und
um ihr Gewand. Klageweiber werdet ihr sein und mit den Ngeln zerren an
euren Wangen, schrill Heulen wird aus euren Zhnen brechen, die gespien
wider mich und wider den Frieden ...

STIMMEN (Weiber):

Wehe ... wehe ... hret den Fluch ... unsere Shne ... wehe ... wehe ...
der Furchtbare ... wehe ...

BARUCH:

Die Frauen schreckst du, du Zagherziger, doch die Mnner nicht. Hinunter
mit dir!

EINIGE KRIEGER:

Hinunter! Jagt ihn in die Gasse!

HANANJA:

Sperrt ihm den Mund!

STIMMEN:

Fort ... er verstrt die Frauen ... fort ... genug Unheil gekndet ...
kalt ward mein Gebein, da er sprach ... er schweige ... schweige ...

JEREMIAS:

Ich schweige nicht, ich schweige nicht, denn in mir schreit Jerusalem!
Jerusalems Mauern stehen in meinem Herzen, und sie wollen nicht sinken,
Israels Lande blhen in meiner Seele, und ich will sie behten! Dein
eigen Blut schreiet aus mir, Jerusalem, da es nicht vergossen werde,
dein Same, da er nicht versprengt werde, deine Steine, da sie nicht
strzen, und dein Name, da er nicht vergehe! Halte dich fest, du
Schwankende, und birg deine Kinder an dich, hre, Jerusalem, des
Warnenden Stimme hre, meine liebende Angst, meine ngstende Liebe hre!
Hre sie, Zion, du Gottesburg, und wahre den Frieden, wahre den Frieden ...

STIMMEN (jetzt im vollen Widerstreit):

Ja ... Gottes Friede ber Israel ... Verrter ... Gekaufter ... Gottes
Friede ber uns ... meine Shne will ich bewahren ... Krieg ... Krieg
wider Assur ... dem Knig die Entscheidung ... ein Verrter ... wir
wollen in Frieden leben ... feige ist er ... gekauft ... Krieg ...
Friede ... Hananja sagt die Wahrheit ... nein Jeremias ... wir glauben
ihm ... recht redet er ... Krieg ... nein ... zerbrechet das Joch ...
Krieg ... Friede ...

    (EIN GETMMEL erhebt sich in der Richtung des kniglichen Palastes,
    eine Gruppe Menschen kommt mit Abimelech in der Mitte, der
    schwertlos aus der Sulenhalle strzt.)

DIE STIMMEN DER NAHENDEN:

Verrat ... Verrat ... Verrat in Israel.

    (DIE MENGE lt ab von dem Streite um Jeremias.)

STIMMEN:

Was ist geschehen ... Abimelech ... was ist ihm widerfahren ... vom
Knige kommt er ... Abimelech ... Zorn schattet seine Brauen ... was ist
geschehen.

ABIMELECH (vorne auf den Stufen, neben Jeremias):

Verkauft ist Israel von den Weichlingen, verschachert von den Krmern.
Obgesiegt haben Imri und Nachum im Rate, sie sprachen wider gypten, und
der Knig gab ihnen Gehr.

STIMMEN:

Nieder mit Nachum ... Verrat ... Imri der Greis ... Verrter ... Was
ward beschlossen ... was sagte der Knig ... Friede, heil dem Frieden ...
Gottes Gericht.

ABIMELECH:

Sein Herz schwanket, denn er scheuet den Krieg. Er will besinnen und
bereden, eh er entscheidet.

JEREMIAS:

Ruhm Zedekia, mit Weisheit ist er gegrtet!

ABIMELECH:

Mit Schwachheit ist er umstellt, das Alter und die Angst sind seine
Berater. Ich aber warf hin das Schwert, denn kein Schwert will ich mehr
um meine Lenden tragen, solange Zion pflichtig bleibet an Assur. Ich
diene seinem Rufe, aber ich diene nicht der Knechtschaft.

BARUCH (ekstatisch):

Oh, du Herrlicher, du Gotteskmpfer, heilig dein Schwert, das fr Israel
flammt!

PASHUR:

Segen ber dich, der du dich nicht verbrdert den Kuflingen und
Krmern.

HANANJA:

Sollen wir zgern noch? Wes ist die Stunde? Ist sie Nachums, des
Krmers, und Imres, des Greises, oder deiner, Volk von Jerusalem! Gottes
Stunde ist gekommen, nimm sie hin! Auf zum Knige, auf zum Palast, da
er uns hre, da er uns sehe. Auf, Jerusalem, hebe deine Stimme, sto
aus den Atem deines Zorns, tritt hin das Gewrm des Palastes, auf,
Israel, auf, in den Palast.

STIMMEN:

Auf! Zum Palast ... Zum Knige ... nieder mit den Greisen ... zum
Palast ... zieh mit uns, Abimelech ... auf.

PASHUR:

Zum Knige, da er dich schaue, Volk von Jerusalem. Zum Knige und zum
Siege! Gott will es! Gott will es!

STIMMEN:

Auf ... zum Knige ... zum Palast ... zum Sieg ...

JEREMIAS (vor den Eingang der Sulenhalle springend):

Haltet ein, haltet Friede, ihr mordet Jerusalem!

STIMMEN:

Fort ... Raum ... Zum Palast ... Was ruft er ...

BARUCH (das Schwert ziehend):

Mein Schwert ber den, der jetzt noch Friede spricht!

HANANJA:

Schlag ihn nieder! Schlag ihn nieder!

PASHUR:

Nieder mit dem Verrter!

JEREMIAS:

Um mich, Freunde Gottes, rettet, rettet Jerusalem!

PASHUR:

Sto ihn nieder! Er will Aufruhr schaffen!

JEREMIAS:

Um mich, Freunde des Friedens, nicht weichet der Gewalt, rettet, rettet
Jerusalem!

PASHUR:

Stopft ihm das Maul. Die Zhne in den Schlund!

BARUCH:

Bei meinem Zorn, weiche vom Markte!

JEREMIAS:

Hier bleibe ich, ich weiche nicht; um den Frieden kmpfe ich, um
Jerusalems Leben! Wahnwitz zurck! Hret, hret ...

DIE MENGE (die Stufen hinaufschumend):

Auf ... was zgert ihr ... wer wehrt den Eingang ... fort ... zum
Palast ...

BARUCH:

Fort! Zum letztenmal! Frei gib den Weg!

JEREMIAS:

Mit meinem Leibe wider den Krieg, mit meinem Leben fr den Frieden!

HANANJA:

Schlag ihn hin! Schlag ihn hin! Es ist Gottestat!

BARUCH:

Zum letztenmal! Den Weg frei zum Knig! (Er sucht ihn zur Seite zu
stoen.)

JEREMIAS (sich losreiend mit gewaltiger Stimme):

Keinen Schritt fr die Torheit! Friede! Gottes Friede ber Israel!

    (BARUCH hat das Schwert gezckt und schlgt ihn nieder.)

    (JEREMIAS strzt blutend die Stufen hinab.)

DIE MENGE (in Entsetzen auseinanderstiebend):

Mord ... sie haben einen erschlagen ... Mord ... wer ist es ...
Jeremias ... sie haben ihn erschlagen ... wehe ... warum Gewalt ...
warum schlgt man den Profeten ... recht getan an den Lgnern ...
zum Knig ... zum Knig!

    (BARUCH bleibt betroffen stehen, das Schwert schwer in der sinkenden
    Hand.)

HANANJA (ekstatisch ber alle rufend):

Mgen alle Feiglinge so enden, alle Sldlinge Assurs, alle Knechte
Chaldas! Auf zum Palast, auf zum Knige. Erlset Israel, erlset
Jerusalem!

ABIMELECH:

Tod den Verrtern! Rache an Assur!

PASHUR:

Gott hat ihn gefllt!

HANANJA:

Gott hat ihn gefllt! Sein Blitz ist ber den Leugner gefahren!

DIE MENGE (nach dem kurzen Erschrecken wieder emporschumend und in die
Sulenhalle des Palastes flutend):

Zum Knige ... Israel ber alle Vlker ... Krieg ... Krieg mit Assur ...
nieder mit den Verrtern ... zum Knige ... Gott mit uns ... Gott mit
uns ... nieder mit Assur ... Freiheit ... Freiheit ...

    (DIE MENGE strmt jauchzend in die Halle.)

    (JEREMIAS ist am Stufenrande ohnmchtig liegen geblieben, ohne da
    einer seiner achtete. Der Sturm der andern flutet ber ihn hinweg.
    Wie die Woge des Volkes verbrandet, bleibt er zurck wie ein
    ausgeworfenes Stck Leben in den Steinen.)

    (BARUCH, der fr einen Augenblick aus seinem Erschrecken von der
    Menge mitgerissen war, arbeitet sich wieder aus der Flut heraus. Er
    tritt langsam, wie von innerer Macht gezwungen, an den Ohnmchtigen
    heran, beugt sich ber ihn, betastet seine Stirne und horcht nach
    seinem Atem.)

BARUCH:

Jeremias ... sprich, Jeremias ... wenn noch Leben in dir ist!

    (BARUCH richtet den Betubten halb auf von den Stufen.)

JEREMIAS (mit geschlossenen Augen, aus der Dumpfheit der Sinne):

Die feurige Wolke ist gefallen ... es brennt ... es brennt ... Feuer
ber der Stadt ... es brennet uns an ... wehe ... wehe ...

BARUCH:

Halte still, da ich dir das Blut von den Augen wische ... still ...

JEREMIAS (die Augen aufschlagend):

Wo ... wo bin ich ... wer ... wer bist du ...

BARUCH:

Halte dich still und la deiner warten ...

JEREMIAS:

Wer ... wer bist du ...

BARUCH:

Nicht krampfe dich auf, la das Blut dir stillen ...

JEREMIAS:

Lasse mich ... lasse mich ... ich kenne dein Antlitz ... aus deiner
Stimme fuhr Ha wider mich ... deine Augen brannten mich an ... ich
kenne dich ... warst du es nicht ...

BARUCH:

Ich war es, der im Zorne wider dich schlug, doch flach fiel mein
Schwert, und lieb ist mir dies, denn wider einen Waffenlosen hab ich
geschlagen. Shngeld will ich bieten fr dein Blut ... la es mich
stillen ...

JEREMIAS:

La es flieen, la es flieen ... oh, da einzig das meine strmte in
Jerusalem ... (sich aufrichtend): Wo ... wo sind die andern ... das
Volk, wo ... leer die Strae ... der Markt ... ah ... im Palaste schon ...
bei dem Knig, da sie ihn zwingen ... wo ... wo sind sie ...

BARUCH:

Beruhige dich ...

JEREMIAS:

Fort sind sie ... zu spt ... Fluch ber dich, Fluch ber dich, da du
mich flltest ... da du brachst meine Knie ... Oh Mrder mehr, als wenn
du mich schlugest ... nicht mein Blut hast du gemordet, aller in Israels
Blut ... nicht mich hast du gemordet, aber Zion hast du gebrochen ...
Zion zerstrt ... den Wchter hast du gettet, und sie wten im
Heiligtum des Herrn ... auf ... auf ... la mich ... weg, du Mrder
Israels ...

BARUCH:

Was willst du?

JEREMIAS (fiebrig):

Auf ... hilf mir auf ... Du hast mich gefllt, so hilf mir empor ...
auf ... raffe mich hoch ... vielleicht ist es noch Zeit ...

    (JAUCHZEN von fern aus dem Palast.)

JEREMIAS (aufschreiend):

Ah ... ah ... ihr Jubel ist Tod, ihre Freude Vernichtung ... zu spt
wird es ... ich mu ... ich mu ... warnen ... auf, um Jerusalems
willen willen ... sttze mich ... ich mu zu ihm ... es ruft mich ... es
ruft ...

BARUCH (verwirrt):

Was willst du? Noch beben deine Knie ...

JEREMIAS:

Wider Hananja, wider Pashur, wider die Lockvgel des Krieges, wider das
Volk ... hilf mir auf ... ich mu schreien das Friedenswort, ich mu es
gellen in die Ohren der Vertaubten ... auf ... auf ...

BARUCH (erstaunt):

Noch einmal willst du ... noch einmal allein wider das Volk ... in
deinen Tod strzest du dich ...

JEREMIAS:

Und htte ich sieben Leben, siebenmal will ich geben fr Jerusalem und
Gottes Frieden ... so hilf mir ... hilf mir fr mein vergossen Blut ...
noch dunkeln mir die Sinne ... hilf ... es gilt Jerusalem ...

BARUCH (schaudernd):

Noch einmal willst du ... noch einmal allein gegen alle ... mchtig ist
die Gewalt, die dich treibt, Jeremias ... ich habe dich gesehen unter
meinem Schwert, und dein Auge war klar ... Jeremias ... einen Feigen
habe ich dich geschmht und einen Weichling vor dem Volke ... Doch ich
sehe, da du stark bist in deinem Willen wider den Tod ... Jeremias ...
ein Gewaltiges kndest du mir ...

JEREMIAS:

Wenn du mich ehrest, so hilf mir ... auf, sttze mich, da ich wider sie
schreite ... da ich rette Zion vor dem Verderben ...

BARUCH (ihn sttzend):

Ich ... helfe dir ... Jeremias ... wider meinen Willen und meinen
Glauben ... denn Macht ist in dir, die mich zwingt ... wie hei dein
Auge brennt im Willen ... Einen Schwachen und Scheuen vermeinte ich
dich, darum stand ich wider dich, der du schmhtest die Tat und den
sanften Frieden gefordert.

JEREMIAS:

Meinst du, der Frieden sei eine Tat nicht und aller Taten Tat? Tag um
Tag mut du ihn reien aus dem Maule der Lgner und aus dem Herzen der
Menschen; als einer mut du stehen gegen sie alle, denn immer ist das
Lrmen bei den vielen und die Worte bei der Lge. Stark mssen die
Sanftmtigen sein, und die den Frieden wollen, stehen im ewigen Streit.
Oh, ich wei, da ich in Fluch gehe und sie Tod wider mich werfen, aber
ich frchte mich nicht, denn Gottestat mu ich tun, und wer Gottestat
will, darf nicht ngstig sein vor der Menschen Ha.

BARUCH:

Nicht gehe ... nicht gehe allein ... nichts vermagst du wider sie ...

JEREMIAS:

Ich gehe, ich gehe, da nicht Wind seien meine Worte. Denn wer nicht
einstehet mit dem Leben fr sein Wort, des Rede ist Rauch und verwehet.
Auf ... da ich ausgiee meine Gesichte und schreie mein Warnen wider
den Knig ... fort ... hilf mir weiter ...

BARUCH:

La mich ... la mich mit dir gehen ... da ich tue, wie du tuest ...
denn ich fhle, ein Groes mu es sein, das du beginnest.

JEREMIAS:

Mit mir willst du gehen ... war denn dein Wille nicht wider mich und
dein Schwert?

BARUCH:

Zu stark warst du, da ich wider dich war ... so will ich mit dir sein.
Gebannt hast du mein Herz mit deinem Blute, ich tue, was du tuest, denn
ich ... ich glaube dir, Jeremias!

JEREMIAS (innehaltend, wie erschreckt):

Du glaubst meinen Worten?

BARUCH:

Ich ... glaube an dich ... denn klar sah ich dein Auge unter meinem
Schwert.

JEREMIAS:

Du ... glaubst an mich ... wider die Priester und Profeten, die mich
verleugnen, wider Volk und Stadt?

BARUCH:

Ich glaube an dich ... denn ich sah dein Blut fr dein Wort.

JEREMIAS:

Du glaubest an mich ... eh ich selber kaum glaube meinen Trumen ...
redest du wahr, du Knabe?

BARUCH:

Ich glaube an dich, denn ich sehe dich aufrecht wider den Tod. Meinen
Willen tu ich in deinen Willen.

JEREMIAS (erschttert):

Du glaubst an mich ... Knabe ... wer bist du? Mein Blut hast du
gesprengt aus mir und deinen Willen geworfen in den meinen ... der erste
bist du, der mir glaubet ... und noch wei ich deinen Namen nicht.

BARUCH:

Baruch bin ich, der Sohn Sebulons von Gilead.

JEREMIAS:

Du wirst keines Sohn mehr sein, so du mir glaubest, der Verstoene
wirst du sein, so du mir folgest, der Gehate und Verbannte, denn in
Flammen mu verbrennen, wer leuchten will im Wort. Hte dich, Baruch, du
Knabe! Mein Blut hast du genommen von mir, soll ich darum das deine
schon nehmen? (Ihn ergriffen fassend): La sehn deine Augen! Morgendlich
noch leuchtet ihr Stern, soll ich ihn umwlken mit meinen Trumen? Rein
glnzet deine Stirn, soll ich sie furchen mit meinen Sorgen? Klar runden
dir die Lippen sich, soll ich sie bitter machen mit meiner Rede? Nein,
Knabe, geh, geh von mir, den Schrecknis umgrtet, nicht wirf in Lauge
dein Herz, weiche von mir um deines Lebens willen.

BARUCH:

Ich will mein Leben nicht ... Dein Weg soll mein Weg sein, denn ich
glaube dir, Jeremias, und dieser Glaube ist nunab mein Leben.

JEREMIAS (bewegt):

Der erste bist du, der mir glaubet, wahrlich meines Glaubens Erstling
bist du und meiner Angst erstgeboren Kind ... mit meinem Blute habe ich
dich gezeuget und aus meiner Qual dich gewunden ... soll ich dich
wahrhaft nehmen in meiner Bitternis ...

BARUCH:

Nimm mich mit dir ... nimm mich mit dir ... um Jerusalems willen ...

JEREMIAS (sich aufraffend):

Um Jerusalems willen! Oh, es bedarf der Helfer in dieser Stunde, das
verwirrte ... So komm, Baruch, du Gezeugter meines Worts, auf, sttze
mich, da wir schreiten wider sie. Meine Angst, ich will sie werfen
wider den Knig, meine Sorge, ich will sie schleudern in ihrer Herzen
Scho, auf, sttze mich, hilf mir wider sie!

BARUCH:

Ich gehe mit dir ... ich gehe mit dir ...

    (JUBELGESCHREI von nahe.)

JEREMIAS:

Wehe ... wehe ... wenn das Volk jubelt, ist Unheil im Werke.

BARUCH:

Sie kommen ... sieh ... aus dem Palast kommen sie ...

JEREMIAS:

Ihnen entgegen ... raffe mich auf ... noch dunkeln mir die Sinne ...

BARUCH:

Der Knig ... der Knig ist unter ihnen ... er hlt das Schwert nackt
in den Hnden ... zum Tempel ziehen sie ...

JEREMIAS:

So raffe mich weiter ... es ist Zeit ...

BARUCH:

Die Hallen drhnen von ihrem Gelrme ... Hananja tanzt ihnen voraus wie
David vor der Lade ... sie haben obgesiegt ... es ist zu spt ... Weiche
von ihnen, birg dich ... es ist zu spt.

JEREMIAS:

Es ist nie zu spt ... la mich ihnen entgegen.

BARUCH:

Was willst du tun ... mich la es tun ... ich bin jung und stark.

JEREMIAS:

Das Wort wider sie zcken wie ein Schwert ... ich will wenden des Knigs
Herz ... zu ihm mu ich durch ... zu ihm ...

    (DIE MENGE ist inzwischen unter wilden Rufen und Geschrei, Gesang
    und Lrmen aus dem Palaste hervorgestrmt, schumt die Stufen nieder
    und strmt wieder zum Tempel empor. Das ganze Volk flammt in einer
    einzigen Ekstase. Alle Schreie von frher sammeln sich.)

STIMMEN:

Heil Zedekia ... Israel ber alle Vlker ... Krieg wider Assur ... das
Joch ist zerbrochen ... es lebe gypten ... Krieg mit Chalda ...
Vernichtung Nabukadnezar ... zum Siege ... zum Siege ... heil dem Bund
mit gypten ... heil Zedekia ... heil Abimelech ... Sieg ... Sieg ...

HANANJA (wie ein Trunkener voraneilend zum Tempel, laut):

Auftut des Tempels Tore! Auftut die Tore! Vor dem Altar beschwrt der
Knig den Bund wider Assur!

STIMMEN:

Heil dem Bunde!... Oh Tag der Verheiung ... oh Ende der Knechtschaft ...
Nieder mit Assur ... heil Zedekia ... heil ... Sieg ... Sieg ... Israel
ber alles ... Gott ist mit Israel ...

    (DER KNIG ZEDEKIA ist, gefolgt von den gyptischen Gesandten, aus
    dem Palaste geschritten. Er trgt das Schwert blo in den Hnden.
    Sein Antlitz ist strenge und ernst, er geht inmitten des Jubels wie
    gedrckt von Gedanken, neigt sich kaum dem allgemeinen Schrei und
    Zuruf und steigt jetzt mit langsamen Schritten den Tempel hinan.)

    (DIE MENGE drngt ihm nach, lrmend und jubelnd, pltzlich gellt
    mitten aus ihr der Schrei):

JEREMIAS:

Zedekia! Zedekia! Tu ab das Schwert!

    (DIE MENGE bricht in Tumult aus, die Schreie fallen pltzlich
    nieder.)

    (DER KNIG bleibt stehen auf der Stufe und wendet sich um.)

JEREMIAS (Stimme sich gewaltig erhebend):

Tu ab das Schwert, Zedekia! Du rettest Jerusalem! Friede gib Israel!
Gottes Friede!

DIE MENGE (wild aufschumend durcheinander):

Krieg ... Krieg ... Krieg mit Assur ... wer redet ... ein Gekaufter ...
nieder mit den Verrtern ... Krieg ... Krieg ... Schlagt ihn nieder ...
Israel ber alles ... Krieg ... Krieg ...

    (JEREMIAS Schrei ist schnell im aufspringenden Getse untergegangen,
    er selbst fortgedrngt und nur mhsam von Baruch geschtzt; die
    Menge schumt und tost fort mit verdoppelter Wucht ihrer
    ekstatischen Stimmen zum Knige.)

    (DER KNIG ist horchend stehen geblieben und sucht nach dem
    untergegangenen Schrei. Er hat das Schwert fr einen Augenblick
    sinken lassen und wendet sich wie nach Hilfe rings um. Um ihn
    brandet jetzt donnernd der fanatische Ruf des Volkes, die Tore des
    Tempels werden breit aufgetan. Er zgert noch einen Augenblick, dann
    hebt er wieder das Schwert und schreitet fest und ernst die letzten
    Stufen empor.)




DAS DRITTE BILD

DAS GERCHT

    Weil ihr solche Rede treibet, siehe, so will ich meine Worte in
    deinem Munde zu Feuer machen und dieses Volk zu Holz und sollen sie
    verbrennen.

  Jer. IV, 14.


    Der gleiche Platz vor dem Tempel und dem Knigspalast. Auf den
    Stufen sitzen und lagern lssige Bndel von Mnnern und Frauen. In
    den Straen und in der Halle das gewohnt bestndige Auf- und
    Niedergehen von Menschen in Geschften und Gesprch.

EINER (in der groen Gruppe auf den Stufen):

Und ich sage es euch, es ist gewi: eine gewaltige Schlacht hat
angehoben zwischen Nabukadnezar und Pharao.

EIN ANDERER:

Ja ... auch ich habe es gehrt ... ein Bote ist gekommen ...

EINE STIMME:

Unablssig kommen Boten in den Palast ... das hat nichts zu bedeuten.

DER ZWEITE:

Aber ich habe ihn gesprochen, ich wei es gewi.

DIE STIMME:

Den Boten hast du gesprochen?

DER ZWEITE:

Nein ... Aphitor, den Schreiber des Knigs ... auch er sagte, eine
Schlacht habe begonnen ... eine groe Schlacht ...

DER ERSTE:

Eine gewaltige Schlacht, wie nie eine war seit Menschengedenken, gypten
gegen Nabukadnezar ...

STIMMEN:

Mge der Himmel ihn zermalmen, den Verfluchten ... gypten ist mchtig ...
auch von den Unsern sind Streiter zur Stelle ... sie werden ihn strafen,
den Hochmtigen ...

EINER:

Er wird ihn zerbrechen, denn Gott ist mit uns.

EIN ANDERER:

Stark ist gypten, er wird ihm nicht obkommen.

EIN ANDERER:

Auch Nabukadnezar ist stark. Sie sagen ...

EIN ANDERER:

La sie sagen, die Schwachmtigen! La sie sagen!

DER ERSTE:

Sie sagen, wie ein Heuschreckenschwarm seien seine Krieger!

EINER:

Krieger! Es sind keine Krieger! Klein sind sie von Wuchs wie die Knaben
und unkund des Schwerts. Mein Schwestermann hat ihrer viel gesehen, in
den Weiberhusern sind sie Mnner und nicht auf dem Feld.

EIN ANDERER:

Bei den Knaben liegen sie des Nachts und machen sie zu Weibern.

    (EINIGE lachen.)

EINER:

Pharao wird sie vernichten.

STIMMEN:

Wie Spreu wird er sie fegen von der Tenne ... lang lebe Pharao, unser
Freund ... es lebe Pharao, der Besieger ... lang lebe Pharao ... er kann
nicht an wider ihn ... es lebe Pharao ...

ANDERE (von den Rufen hergelockt, die Gruppe vergrernd):

Was sagt ihr vom Pharao ... was ists mit Pharao Necho ...

EINER:

Eine groe Schlacht schlgt er wider Nabukadnezar ...

STIMMEN:

Er wird sie besiegen ... wie die Hunde mit geklemmten Schwnzen werden
sie vor ihm laufen ... ja, ich habe es gehrt, ein gewaltig Ringen hat
angehoben ... er wird sie besiegen ... er wird uns befreien ... es lebe
Pharao ... ewigen Ruhm ber Pharao ... eine Tafel des Gedenkens mge man
ihm graben aus Gold ... es lebe Pharao, der Besieger Assurs.

NEUE NEUGIERIGE (herbeieilend):

Was ists ... was ist geschehen ...

EINER DER JNGSTGEKOMMENEN:

Pharao hat Nabukadnezar besiegt.

STIMMEN:

Heil Pharao Necho ... ist es wahr ... ich mu heim, meinem Weibe es
knden ... heil Pharao Necho ...

EINER:

Aber noch ists nicht gewi!

ANDERE:

Wieso ist es nicht gewi ... willst du zweifeln ... wie kann Baal wider
unsern Gott ... Gott ist mit uns ...

EINER:

Ich habe es immer gewut, Gott wird mit unsern Waffen sein. Wo er
streitet, ist Sieg ... Keiner kann wider uns ... keiner ...

EIN ANDERER (wegeilend, andern entgegenrufend):

Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ...

    (DIE MSSIGEN des Platzes auf diesen Ruf zur Gruppe hineilend.)

STIMMEN:

Sie erzhlen von Sieg ... ist es wahr, da Pharao Nabukadnezar
geschlagen ...

STIMMEN:

Ja, es ist wahr ... noch nichts ist gewi ... ja, es ist gewi ... wer
sagt es ... alle sagen sie es ... er hat es gehrt ... der Schreiber des
Knigs hat es gesagt ... der Knig hat es gesagt ... er hat es selbst
gehrt vom Knige ... Pharao mge leben ... es lebe unser Freund ... ein
Ende der Knechtschaft ... es lebe Zedekia, der Erlser des Tempels ...

EINER:

Habe ich es nicht gesagt, eine Schmach war es, da wir Tribut zahlten
diesen bermtigen!

STIMMEN:

Eine Schmach ... nun sollen sie uns bezahlen ... das Haus Jahves mu
erneut werden ... ein neues mssen wir ihm bauen ... ja, ein neues ...
sie mssen es bezahlen zur Shne ... Salomos Palast mu erstehen ...
Salomos Haus ...

EIN MANN:

Was ists? Was ist geschehen?

STIMMEN:

Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ... Sieg ...
Sieg ... wir haben gesiegt ...

DER MANN:

Sieg, endlich Sieg, heil Pharao ... ich mu es verknden daheim ... sie
harren der Kunde ... (wegeilend) Sieg ... Sieg ber Assur.

DIE MENGE (strmt jetzt rauschend zu, sich immer mehr begeisternd die
Rufe werden lauter und lauter):

Gottes Gebot war es, da wir diesen Krieg begannen ... heil Zedekia ...
nun mssen wir sie alle besiegen ... Israel mu ber allen Vlkern sein ...
ein Brandopfer auf dem Altar ... danket dem Herrn, da er unsere Feinde
geworfen ... ja ... ja ... danket dem Herrn, Halleluja ... Sieg ber
Assur ... zum Tempel ... zum Knige ... da wir mehr doch wten, mein
Herz verzehrt sich in Ungeduld ... von Gott war diese Erleuchtung ber
Zedekia ... Hananja hat es geweissagt ... Ja, Hananja ... Hananja ...
sein war der Ruf ... nun mssen wir wider Babel ... ja, zerbrechen wir
seine Mauern ... die goldenen Gerte mu man holen ... Sklaven mssen
sie werden, unsere Sklaven ... mein Herz hat gedrstet nach dieser
Stunde ...

EINER:

Ein Bote kommt vom Tore ...

ALLE (wild in die Richtung strzend):

Ein Bote ... ein Bote ... wer hat es gesagt ... vom Blachfeld kommt
er ... was ist es ... was bringt er ... er wird uns berichten ... wo ist
er ... wo ...

    (EIN BOTE, schweibedeckt, keuchend vom Lauf, ringt sich durch die
    Menge.)

STIMMEN:

Erzhle ... er hat gesiegt ... was ists mit Nabukadnezar ... wieviel
sind der Toten ...

DER BOTE:

Los ... lat mich los ... Raum ... an den Knig geht meine Botschaft ...

STIMMEN:

Sei nicht so grob ... ein Wort nur ... ein Wort ... ist er geflohen ...
erzhle ... lat ihn frei ... er mu zum Knige ... ein Wort nur ...

DER BOTE (sich ihnen entwindend):

Lat mich frei!... lat mich frei ... ihr werdets bald erfahren ... zum
Knig ... ich mu zum Knig ... meine Botschaft ist eilig ...

STIMMEN:

Was hat er gesagt ... was ists ... Die Botschaft sei eilig ... was hat
er gesagt ...

EINER:

Er sagte, wir wrden es bald erfahren, er eilte zum Knig.

EIN ANDERER:

Das ist gut.

EIN DRITTER:

Warum gut?

DER ZWEITE:

Htte er nicht gute Botschaft, wrde er so hastig sein?

STIMMEN:

Ja ... das ist wahr ... ja ... ja ... mit einem silbernen Schkel zahlt
ihm der Knig jedes Wort ... ja ... er eilt um den Botenlohn ... er
verkndet den Sieg ... Sieg ... Sieg ... gute Nachricht ... Sieg ...

STIMMEN (von rckwrts, die den Boten nicht sehen konnten):

Sieg ... er verkndet den Sieg ... Der Bote hat den Sieg verkndet ...
zerschmettert ist Assur ... Sieg ... Sieg ...

EINIGE LEUTE (neu herbeistrmend):

Was ist ... was ists ... was jauchzet ihr ...

STIMMEN:

Sieg ... Sieg ... ein Bote ist gekommen ... er hat Botschaft vom Siege
gebracht ... Nabukadnezar ist geschlagen ... ein Sieg ist errungen ...
ein gewaltiger Sieg ... danket Gott ... Halleluja ... nun ist es gewi ...
Sieg ... Sieg ...

EINER:

Ein gewaltiger Sieg mu es sein.

EIN ZWEITER:

Sonst htte er nicht so verborgen getan.

EIN DRITTER:

Man spart uns die Kunde.

STIMMEN:

Ja ... ein gewaltiger Sieg ... bald werden wir es hren ... Tausende
mssen gefallen sein ... vielleicht Nabukadnezar selbst ... Tausende ...
Zehntausende mssen es sein ... ich habe es immer gesagt ... heil
Zedekia ... ein weiser Knig ist er ... Salomo ...

EINER (sich durchdrngend):

Ist es wahr ... Nabukadnezar ist gefallen ... sie sagen es in allen
Gassen ...

STIMMEN:

Ja ... tot ist der Bedrcker ... nein ... es ist noch nicht gewi ...
ja ... er hat es gesagt ... der Bote ... inmitten seines Zeltes haben sie
ihn geschlagen ... Zehntausende mit ihm ... lobpreiset Gott ... ja ...
ja ... lobpreiset Gott ... danket dem Herrn ... der Bedrcker ist
gefallen ... Halleluja ...

EIN LTERER MANN:

Aber er sagte doch nur, der Bote ...

STIMMEN:

Sieg hat er gekndet, was zweifelst du noch ... ausrotten soll man diese
Kleinmtigen ... ich hab es gehrt ... ich auch ... ich auch ... er
sagte, da sie Nabukadnezar schlugen ... inmitten seines Zeltes, sagte
er ... nein, das hat er nicht gesagt ... ja ... nein... aber Sieg hat er
gekndet ... frei ist Israel ... frei ...

DER LTERE MANN:

Aber ich stand doch neben ihm und hrte ...

STIMMEN:

Taub ist dein Herz und deine Ohren, totschlagen soll man diese Wrger der
Freude ... kommt, legt Festkleider an ... fort mit dir, du Schwtzer ...

    (EINE NEUE GRUPPE strmt aus der Gasse.)

STIMMEN:

Sieg ... Sieg, Nabukadnezar ist gefallen ... habt ihr es auch gehrt ...
durch die ganze Stadt ... ein Bote ist gekommen und hat es berichtet ...
ja, hier ... hier hat er es erzhlt ... lngst wissen wir es schon ...
lnger als ihr ... uns hat er es zuerst berichtet ... nein ... uns ...
uns ... wir wuten es als erste!...

EINER:

Hananja hat es verkndet als erster, der Seher, der Profet. Oh, wie
weise waren wir, da wir auf ihn hrten und nicht die Verzagten, die
flennten und greinten, der Tempel werde strzen ...

EIN ANDERER:

Assur wrde Zion besiegen ...

EIN DRITTER:

Unsere Jungfrauen geschwcht werden von den Chaldern.

DER ERSTE:

Zum Tempel! Zum Tempel! Wir mssen Gott danken und Hananja, seinem
Profeten!

STIMMEN:

Ja ... ja ... nein, wir wollen warten ... Freude und Ungeduld zehrt
unser Herz ... der Knig wird erscheinen ... ja ... ja ... wer hat es
gesagt ... immer erscheinen die Knige nach dem Siege ... er wird in
den Tempel gehen ... er zuerst mu Dankopfer spenden, nicht uns ziemt
es ... ja ... ja ... bleiben wir ... aber Zimbeln und Pauken lat uns
rsten zum Siege ... wie David hinter der Lade wollen wir tanzen ... oh,
Gott ward wieder gtig Jerusalem ... den Reigen rstet ... den Reigen ...
die Frauen holt alle ... die Blser und die Lautenschlger ...
ja ... ja ... tuen wir also ... allen erzhlet vom Siege ... ein Fest
lasset uns rsten, ein Fest dem Knig der Knige .. ja, wir gehen ...
ich bleibe ...

    (DIE MENGE wogt freudig wie ein aufgeregter Strom hin und wider,
    Gruppen bilden und lsen sich in Erwartung und Ungeduld.)

    (JEREMIAS und BARUCH kommen aus einer Nebenstrae gegangen, um ihren
    Weg weiter durch die Menge zu verfolgen.)

EINER (lachend):

Da ... da kommt er ... da seht hin ... Jeremias ...

ANDERE (bermtig):

Gegrt, du Verknder!... der Profet kommt, lasset uns gren den
Zerstrer Jerusalems ... da ist er, der Schwtzer der Gasse ... kommt ...
kommt mit ...

    (EINIGE DER LEUTE umringen Jeremias und Baruch, hindern sie, ihren
    Weg fortzusetzen, indem sie sich spttisch vor ihnen verneigen.)

EINER (sich tief verneigend):

Gegrt du, Gesalbter des Herrn!

DIE ANDERN:

Gegrt du, Elia ... heil dir, du Verknder ... Gru dir, du
Starkmutiger ... heil Jeremias, dem Profeten!

JEREMIAS (stehen bleibend, finster):

Was heischt ihr von mir?

BARUCH (an ihm drngend):

Nicht sprich mit ihnen, nicht rede mit ihnen. Spott ist auf ihren Lippen
und Verhhnung in ihrem Blick.

EINER:

Weisheit wollen wir von dir und Verkndigung!

DER ZWEITE:

Wir wollen dich fragen, ob unsere Jungfrauen Jungfrauen bleiben drfen.

DER DRITTE:

Wir wollen dich bitten, da du dich geduldest und lassest weiter ragen
die Mauern Jerusalems.

JEREMIAS (hart):

Was wollt ihr von mir! Nicht ists zu Scherzen Zeit, da Blut fliet und
Krieg hngt ber Israel.

DER ERSTE:

Vorbei ist der Krieg, nun drfen wir wieder scherzen!

DER ZWEITE:

Und am Bart fassen die Weisen und an ihrer Torheit die Schwtzer.

DER DRITTE:

Wo ist er, dein Knig von Mitternacht, wo ist er, du Verknder?

DER VIERTE:

Wo sind ihre Sklaven, wo sind ihre Rosse?

JEREMIAS:

Was wirrt euch die Sinne? Seid ihr rasend geworden? Wie sagt ihr? Vorbei
schon der Krieg, kaum da er begonnen?

BARUCH:

Nicht rede mit ihnen, nicht rede mit ihnen! Zum Spott wird, wer mit
Rasenden spricht!

DER ERSTE:

Er wei es noch nicht! Er wei es noch nicht, der Profet!

DER ZWEITE:

Ei, seht! Er wei nicht, was gestern war, und will knden, was morgen
geschieht.

JEREMIAS:

Was wei ich noch nicht? Was ists, das euch so froh macht, ihr
Witzlinge! Ein Arges wohl mu es sein.

DER ERSTE:

Ein Arges nennt ers. Ein Arges frwahr deinen Wnschen!

DER ZWEITE:

Dein Knig ist gefallen, erstickt ist er in seinem Blut!

JEREMIAS:

Nabukadnezar ist gefallen? Assur geschlagen?

DER ERSTE:

Ja, du Allweiser. Hananjas Wort hat sich bewhrt.

DER ZWEITE:

Zerrei dein Gewand und scher dir den Bart. Israel hat gesiegt.

DER DRITTE:

Grab dich ein, du Profet, und verschneide deine Zunge. Tot ist
Nabukadnezar, ewig whret Jerusalem.

JEREMIAS (erschttert):

Tot wre Nabukadnezar? Ist es wahr, ist es gewi auch? Sprecht ...
treibt nicht Scherz mit so Gewaltigem!

DER ERSTE:

Er zweifelt noch! Weine, weine, Profet!

DER ZWEITE:

Ja, ich gell dirs in deine Ohren, tot ist Nabukadnezar, zerschlagen
seine Wagen, zerjagt seine Krieger. Gerettet, gerettet ist Israel!

JEREMIAS (ist einen Augenblick starr geblieben. Dann spreitet er die
Arme wie in hchster Freude von seiner aufatmenden Brust. Pltzlich lt
er sie sinken, und es quillt ihm fast jubelnd von den Lippen):

Gebenedeit sei Gott! Oh, Dank, du Allgtiger, da du zuschanden
machtest meine Trume, da du bewahrtest Jerusalem! Besser ich ein Narr
meines Wahns, als die Stadt die Beute der Feinde! Gesegnet seiest du,
Gott, gesegnet!

DER ERSTE:

Ja, du Allweiser, Gott ist milder als du, er liebt uns und erquickt
unser Herz.

DER ZWEITE:

Was wirst du nun uns verknden? In welchen Winkel wirst du kriechen, du
Maulwurf? Wen wirst du jetzt noch verwirren, du Verwirrter?

DER DRITTE:

Wen nunab betrgen, du Betrger?

DER VIERTE (mit gespielter Entrstung):

Oh, wie sprecht ihr arg mit dem Boten des Herrn? Oh, lasset uns kssen
sein Gewand, lasset uns ehren sein Getrume!

STIMMEN (durcheinander lachend):

Ja, erzhle uns, Elia ... belehre uns wieder, du Allweiser ... beglckt,
der dir vertrauet ... auch dein Knabe ... beschlfst du ihn mit
Weisheit ... wo hast du dies Hhnchen gefunden, das gackert hinter
dir ... oh, erzhle uns, Jeremias ... Unheil verknde uns, viel Unheil,
Jeremia ... Berge von Unheil ...

JEREMIAS (pltzlich ausbrechend):

Ein Wunder ist ber dich gekommen, du feiles Volk von Jerusalem, ein
Wunder, das dich erlst vom Tode, und statt frchtig zu werden daran,
spottest du im berwitz! Eine Stunde kaum ist es, und ihr waret im
Rachen der Angst; noch wanken die Knie eurer Seelen, noch beben die
Herzen eurer Herzen, und schon belfert wieder euer Mund. Weh euch, da
euer erster Schrei, seit der Strick ri eurer Kehle, Hohn war und
berheben!

BARUCH (sich an ihn drngend):

Nicht sprich zu ihnen. Tricht, wer zu Toren spricht!

EINER:

Ja, Spott werfe ich wie Kot auf dich, denn auf das Herz warfst du uns
Angst, da wir uns aufrafften zum Kampfe.

DER ZWEITE:

Jetzt mchtest du, da wir schwiegen, aber unser ist jetzt das Reden, an
dir jetzt das Schweigen.

DER DRITTE:

Nicht hren willst du's, aber mach dir taub wie die Eule dein Ohr, ich
schrei dirs hinein aus meiner Freude: Wir haben gesiegt, wir haben
gesiegt!

JEREMIAS (einen anfassend):

Wo hast du gesiegt, erzhle hier! Wen hast du geschlagen, du, der du
dich brstest? Ich seh kein Blut an deinem Schwert, und du, deine Narbe
zeig her, die du empfingest im Streit! Auf dem Markte seid ihr gesessen
allesamt und bei euren Weibern gelegen. Was hurt ihr mit der gypter
Sieg, was buhlt ihr mit fremder Tat? Beugt die Knie und blht eure Hlse
nicht: denn nicht ihr habt gesiegt.

STIMMEN:

gyptens Sieg ist Israels Sieg ... wir sind Israel ... auch der Unsern
waren dabei ... wir haben gesiegt, weil Israel befreit ist ... es ist
das gleiche ... er will uns nur hhnen ... seine Wut seht, da wir
siegten ...

JEREMIAS:

Aber nicht du und nicht du und nicht du, der jetzt die Backen blht,
nicht ihr, die ihr euch mstet mit fremder Tat! Sie haben gesiegt, die
Krieger, nicht ihr! Demtig sind sie hingegangen, Tod zu senden und Tod
zu leiden, mit krummen Rcken unter der Waffen Wucht sind sie gekeucht,
und der Tod warf sich ber sie und drckte ins Knie die Geschwchten. Wo
sie ackerten mit ihrem nackten Gebein, wollt ihr Stolz ernten, aus ihrem
Blute trnken euren Frechsinn, ihr verlassen Volk! Weh, da sie siegten
fr euch und euren stinkenden Stolz!

STIMMEN:

Weh, da sie siegten -- habt ihr gehrt?... er ist toll ... Ihn lstet
nach Nabukadnezar ... er trauert um Assur ... weh, da sie siegten ...
er heulet um Jerusalems Fall ... Ohrenschmaus ist sein Zorn ...

JEREMIAS:

Weh, da sie siegten, sage ich, weh, da sie siegten, denn zum Narren
gemacht hat euch der Sieg, und den Narren ist bses Ende. Da Josuas
Schwert die Feinde zerschlug, schwieg sein Mund, er brach hin vor dem
Altar und dankete Gott. Hin beugte er sich in Stille, von Schweigen und
Demut glnzte sein Herz, seine Seele tnte an Gott, und war doch ein
Kriegsherr wie keiner der euren. Ihr aber, denen Sieg auf den Scheitel
fiel wie Regen vom Himmel, wem habt ihr gedanket, wem geopfert aus des
Herzens Stille? Mit Hochmut habt ihr euren Wanst gefllt, mit Stolz habt
ihr euch trunken gemacht, bis ihr taumelig wart; freche Worte rlpst ihr
heraus und speit Unreines vor wie die Schlange ihr Gift. Wahrlich, wert
seid ihr, gezchtigt zu werden, und so gro Gottes Langmut ist, an
eurer Hurenstirn mu sie zerbrechen!

STIMMEN:

Kommt ... kommt her ... hrt den Profeten ... zerreit die Kleider, denn
wir haben gesiegt ... streut die Asche aufs Haupt, denn Nabukadnezar ist
gefallen ... heulet, heulet, ihr Kinder Israels, denn Zion ward erlset ...
trauert, ihr Gerechten, denn Gott schenkte uns den Sieg ... Oh, Weisheit,
oh, Jeremias!

JEREMIAS (immer mehr entbrennend):

Wahrlich, du Volk, unter euch sein, ist unter Skorpionen sein; aber ich
sage euch, ihr Frechen, euer Lachen wird krzer dauern denn die Blte
des Weinstocks! Gott hat euch begnadet, er hat noch einmal errettet
Jerusalem, aber nicht um eures Lachens, sondern um der Demut willen!
Nicht wollet ihr seiner gewahr werden in der Gte, wohlan, ihr
Verworfenen, bald werdet ihr ihn erkennen in seinem Zorne! Wie einen
Vorhang wird er das Lachen zerreien in eurem Gesicht, und wie Stein
werden eure Augen dann starren im Schrecken! Rcklings wird fallen eure
Freude, denn nahe ist die Stunde der Shne dir, Jerusalem, Furchtbares
ist dir bereitet ...

STIMMEN:

Es werden strzen die Mauern ... es werden weinen die Jungfrauen ... wir
kennen es schon ... Zion wird sinken ... oh, Jeremias, du Weisheit des
Narren ... wie unsere Freude ihn brennet ... hrt ihr wanken die
Mauern?...

JEREMIAS:

Hhnt ihr den Warner? So hat Sodom gelachet, wie ihr lachet, und Gomorra
gespottet, denn auch Sodom hat Gott verschonet zu zweien Malen! Aber
schon ist der Rcher gerstet, der euren stinkenden Stolz wegfeget,
schon das Schwert gezckt, das eure Frechheit zerhauet; der Bote, schon
eilt er heran, euch Jammer zu bringen, er eilt, er eilt, schon hasten
seine Schritte gen Jerusalem, da sie euch verstren! Schon naht er, der
Bote der Schrecknis, schon naht er, der Bote des Entsetzens, da seine
Worte wie Hmmer auf euch fallen, schon naht der Bote ...

STIMMEN:

Geh heim, Jeremias ... fri dich satt an deiner Galle und spei nicht auf
unsere Freude ... nein, hrt ihn, er erheitert das Herz ... sprich
weiter ... spei dich aus, du Verknder ...

EINE STIMME (von rckwrts):

Ein Bote ... von Moria kommt er ...

DIE MENGE (sich verlaufend, in die Richtung strzend):

Ein Bote ... wo ist er ... er bringt Nachricht vom Siege ... fhrt ihn
her ... vom Siege bringt er Kunde ...

JEREMIAS (erbebend im Schrecken):

Der Bote ... der Bote ...

EINE STIMME:

Vom Tore kommt er gelaufen ... wie ein Trunkener wankt er von seiner
Schnelle ...

STIMMEN:

Wo ist er ... hieher ... hieher ... was ist ... erzhle ... wann fiel
er ... hieher ... hieher ...

    (DIE MENGE umstrmt den Boten, der eilig vorwrts will und vor
    Erschpfung keucht.)

STIMMEN:

Heil dir, Siegbringer ... gegrt ... gegrt ... erzhle ...

DER BOTE (mit letzter Stimme, sich fortkmpfend):

Den Weg frei ... ich ... zum Knig ... ich ... ich mu ...

STIMMEN:

Ein Wort nur ... wie fiel Nabukadnezar ...

DER BOTE:

Ist Irrwitz unter euch gefahren ... was ist so viel Jubel in Jerusalem ...
rstet euch, rstet euch ... lat mich ... zum Knig ...

STIMMEN:

Was ist geschehen ... ist Nabukadnezar denn nicht tot ... Pharao hat ihn
zerschlagen ... was sollen wir rsten ...

DER BOTE:

Mit seiner ganzen Macht zieht er heran ... Nabukadnezar ... kaum entkam
ich seinen Reitern ... rstet ... rstet ... Wchter an die Mauern ...
ich ... ich mu ...

STIMMEN:

Wie ... was sagt er ... wer ist geschlagen ... wo ist Pharao ... Du bist
verwirrt ... gebt ihm Wasser ... er lebt ... es ist nicht mglich ... wo
ist gypten ...

DER BOTE:

Wasser ... ich kann nicht mehr ... gypten ist geschlagen ... Necho hat
Friede gemacht ... Tribut ... Tribut ... nun zieht er heran ...
Nabukadnezar ... fhrt mich ... ich kann nicht mehr ... hinter mir seine
Reiter ... zum Knige ...

    (EINIGE fhren den Boten, der kaum vor Erregung gehen kann, zum
    Palast.)

STIMMEN (von rckwrts):

Was hat er gesagt ... sind die Chalder geschlagen ... was ist ... warum
schweigt ihr ... was ist geschehen ...?

DIE MENGE (wird allmhlich von einer grauenhaften Angst befallen, der
groe, rauschende Tumult ist in ihr erloschen. Ein ungeheures Schweigen
der Bestrzung geht allmhlich ber in die Stimmen, die zaghaft und
erschreckt aus der Stille aufzucken):

Es ist nicht mglich ... es darf nicht wahr sein ... was ... was hat er
gesagt ... ein Betrger ... er ist trunken ... nein, er war erschpft ...
die Reiter hinter ihm, hat er gesagt ... es kann nicht sein ... sie
haben doch gesagt ... er lgt ... nein, nicht eines Lgners war sein
Gebaren ... was ist ... was ist geschehen ... was hat er gesagt ... es
kann nicht sein ... Gott kann das nicht wollen ...

EINE STIMME (laut):

Pharao hat uns verraten!

STIMMEN (pltzlich aufspringend im Zorn und raschen Anlaufs wachsend):

Ja ... Pharao hat uns verraten ... ja ... ja ... Fluch ber Pharao ...
ein Bndnis geschlossen ... Fluch Mizraim ... Betrger die gypter ...
sie haben uns verraten ... Fluch Pharao ...

EINE STIMME:

Immer habe ich gesagt: kein Bndnis mit gypten.

STIMMEN:

Ich auch ... ich auch ... ja ... ich auch ... ich auch ... wir alle ...
ich auch ... ein Rohrstab ist gypten ... weh, da der Knig ihnen
traute ... ich habe widerraten ... ich auch ... ich auch ... wir alle ...
Fluch ber Pharao ... was wird nun aus uns ... wehe ber Israel ... mein
Weib, meine Kinder ... ich habe gewarnt ... ich auch ...

EIN MANN (hereinstrzend):

Zu den Waffen! Zu den Waffen! Verschlieet die Tore, Nabukadnezar zieht
heran und seine Scharen. Schon bei Hebron sind seine Reiter ...

STIMMEN:

Wehe ... bei Hebron ... in zwei Tagen umgrtet er die Stadt ... wir sind
verloren ... nein ... an die Mauern ... wo ist der Knig ... man
schliee Friede ... nein ... es ist zu spt ... sind wir besiegt denn ...
die Priester, wo sind sie ... bei Hebron hat er gesagt ... zu den
Waffen ... nein, Friede ... Friede ... zieht ihm entgegen ... verloren
sind wir ... von je hab ich gewarnt ...

EINER (pltzlich auf Jeremias hindeutend, der sich wie ein Trunkener an
eine Sule sttzt und sein Antlitz verhllt):

Da ... da seht hin ...

STIMMEN:

Was ist ... wer ist es ... was habt ihr ... was meinet er ...

DER EINE:

Dort ... dort sehet hin ... von ihm geht es aus ... er hat sie
gerufen ... er hat den Boten gekndet ... er hat uns verflucht ...

STIMMEN:

Wer ... Jeremias ... wer ist es ... Jeremias, er hat uns verflucht ...
ja, er hat ihn gerufen ... er hat gebetet um Nabukadnezars Sieg ... ein
Gekaufter ist er ... zerreiet ihn ... nein, nicht rhrt ihn an ... er
hat es gekndet ... ein Profet ist er ... ein Gekaufter ... seht, wie er
brtet ...

DER EINE:

Sein Lachen verbirgt er hinter dem Tuche. Aber zu frhe freuet er sich.
Noch steht Jerusalem, ewig wird es bestehen.

STIMMEN:

Ja ... ja ... ewig whret Jerusalem ... tretet ihn tot ... nein, weichet
von ihm ... Macht ist in ihm ... weh, da er uns fluchte ... er ist
alles Unheils schuld ... ausreit ihm die Zunge ... nein, lat ab von
ihm ...

    (EIN HEROLD tritt hastig aus des Knigs Palast.)

STIMMEN:

Ein Herold ... ein Bote des Knigs ... Botschaft des Knigs ...
schweigt ... schweiget ... hret ihn an ... ein Bote ...

    (DIE MENGE wird ganz still und sammelt sich um die Stufen.)

DER HEROLD:

Botschaft des Knigs! Feind ziehet wider Jerusalem, Chalda ist auf
wider uns. Jeder Mannbare greife zum Schwert, und die Weiber mgen
Pfeile rsten und Schleuder. Es schaffe aus der Stadt ein jeder seine
Siechen und Unkrftigen, es tue jeglicher Zehrung in sein Haus, da
nicht Hunger uns zwinge. Denn wider Waffen stehen unsere Mauern, nichts
vermag Baal wider Jahve, nichts Assur wider Jerusalem!

DIE MENGE:

Ja ... Gott ist mit Israel ... Wir werden uns rsten ... ja ... Gott ist
mit uns ... auf ... zu den Waffen ...

DER HEROLD:

Keiner bleibe zurck, und keiner entbehre des Mutes. Wer in Zagen
spricht, den sollt ihr schlagen mit dem Schwert, wer von Flucht redet,
den sollt ihr jagen aus den Mauern. Ihr sollt euch nicht rotten auf den
Gassen, jeder hte sein Haus und rste sich dem Feinde. Auf, Volk
Israels, recke deine Kraft und zage nicht, denn ewig whret Jerusalem!

DIE MENGE (wieder ganz im Taumel):

Ewig whret Jerusalem ... zu den Waffen ... ich hole mein Schwert ...
auf wider Assur ... lasset uns ermannen ... auf ... zu den Waffen ...
eilt, eilt ... an die Wlle ... in die Huser ... wir werden
zerschellen ihre Macht ... ewig whret Jerusalem!...

    (DIE MENGE zerstreut sich in wildem Tumult nach allen Seiten, so da
    der ganze Platz frei bleibt und mit einem Male die lrmende Erregung
    einer grauenhaften Stille weicht.)

    (JEREMIAS ist langsam aufgestanden und schreitet mit verhlltem
    Antlitz die Stufen zum Tempel empor.)

BARUCH (ihm nach):

Wohin gehst du, Meister? Nicht lasse mich, den Getreuen!

JEREMIAS:

Allein mu ich ... allein ... zu ihm, da er mich erleuchte ... ein
Zeichen lie er mich tun vor dem Volke, und doch, ich glaube ihm nicht,
denn, Baruch ... ich will es nicht glauben, da Gottes seien in mir die
Gesichte, da Gottes sei dieser schreckhafte Wahn ... oh, da es Gebrest
nur wre meines Hirns und nicht Botschaft seines Geistes ... Denn wehe,
wr ich erwhlet als Knder und wahr meine Trume ... wehe ...

BARUCH:

Du bist erwhlet, Meister, ich hab es erschauet in dieser Stunde. Ein
Zeichen hat dich bezeugt, ein Zeichen von Gott! Der Geist der Profeten
ist ber dir und ihre Gewalt!

JEREMIAS (die Stufen empor, gleichsam fliehend vor ihm, mit abwehrenden
Hnden):

Nicht sage, da ich erwhlet sei, nicht versuche mein Herz! Es darf
nicht wahr werden mein Wort, es darf nicht wahr werden um Israels, um
Jerusalems willen. Oh, lieber der Verlachte und Verhhnte sein des
Volkes, denn der Erfller solcher Schrecknis! Lieber Lgner und Narr,
denn dieser Wahrheit Profet! Lieber ich, denn die Stadt dein Opfer,
Herr! Mge ich strzen ins Dunkel der Vergngnis, wenn nur leuchten
deine Zinnen, Jerusalem! Mgen vergehen meine Worte wie Rauch, wenn du
nur dauerst, du ewige Stadt, mge Gott meiner vergessen, wenn er nur
deiner gedenket! Oh, ich will knien vor seinem Altare, da er zerschlage
das Wort in meinem Munde, ich will beten auf meines Herzens Knien, da
er verstoe meine Verkndung und, Baruch -- bete, bete mit mir, da ich
als Lgner erfunden werde an Jerusalem!

    (JEREMIAS steigt demtig die letzten Stufen empor und tritt mit
    gebeugtem Haupte in die Vorhalle des Tempels. Baruch verharrt
    regungslos und sieht ihm nach, bis er verschwindet.)




DAS VIERTE BILD

DIE WACHEN AUF DEM WALLE

    Und des Herren Wort geschah zu mir und sprach: 'Wenn ich ein
    Schwert ber das Land fhren wrde und das Volk im Lande nhme
    einen Mann unter sich und machete ihn zum Wchter, und er she das
    Schwert kommen und warnete nicht das Volk, und das Schwert kme und
    nhme etliche weg, deren Blut will ich von des Wchters Hand
    fordern.'

  Hesekiel XXXIII, 1.


    Auf der Umwallung Jerusalems. Die Mauern, breite, behauene Quadern,
    laufen als Strae rings um die Stadt. Rckwrts der sternenbesete
    Himmel und dmmerig fern das Tal mit Lichtern und ungewissen
    Flchen. Strahlendes Mondlicht kleidet die Wlle wie blinkendes Erz.

    Auf den Mauern schreiten zwei Krieger die Wache auf und ab. Ihre
    Gesichter sind verschattet von den Helmen, auf ihren Lanzen
    schimmert das Mondlicht.

    Einige wenige Neugierige haben sich trotz der nahen
    Mitternachtsstunde auf die Mauer gewagt und sphen in die ungewisse
    Ferne.

EINE FRAU:

Es ist Schlafenszeit. Fll dir nicht das Herz mit Bangnis. Frhe genug
siehst du sie morgen, die Verfluchten. Komm schlafen, es ist vielleicht
das letzte Schlafen in Stille.

EIN MANN:

Wie schlafen knnen, wie schlafen, da sie wach sind, unsere Feinde,
wider uns! Schwerer denn Blei ward mir das Herz, seit ich hier stehe,
und kann doch nicht fort -- wie in einen Abgrund mu ich starren in die
Flut, die aufsteigt, uns zu schlingen! Von Mitternacht kamen die Reiter
und dann von Abend her, immer meinte man, es msse zu Ende sein, und
immer zogen ihrer noch mehr, als wren Lnder ausgeschttet wie Korn und
die Lanzen wie Halme geset.

EIN ANDERER:

Schon haben sie Zelte gespannt, ein weier Wald ist aufgestanden im Tal.

EIN ANDERER:

Wehe, sie wollen verweilen.

EIN ANDERER:

Wie der Wind mssen sie gekommen sein. Gestern waren ihre Reiter noch in
Bethul, und heute grten sie Zion schon ein.

DER ERSTE:

Furchtbar ist Assur. Gott mge uns schtzen.

DAS WEIB:

Das Lichte sieh drben, wie eine Sule ist es, die zum Himmel fhrt.

EINER:

Samaria ist dort!

EIN ANDERER:

Eine Feuersule ist es, die gen Himmel fhrt. Sie haben Samaria
genommen!

STIMMEN:

Wehe!... es ist nicht mglich ... eine Feste ist Samaria, dreifach
gegrtet!... ein Rasender bist du ... Samaria ist es ... ich sehe es ...
wehe ... es ist nicht mglich ...

EINER:

Sie haben Widder, gewaltige Bcke von Holz, mit denen sie die Mauern
berennen. Ich habe gehrt von ihren Schleudern, die Trme zerschmeien ...

EIN ANDERER:

Wehe ... Unsere Trme ... Jerusalem ... Jerusalem ...

EIN ANDERER:

Dort drben sieh ... dort drben ... eine neue Sule, rot greift sie den
Himmel hinan ... Gilgal ist das ...

EIN ANDERER:

Meine Heimat ... meiner Kinder Haus ...

EIN ANDERER:

Mordbrenner sind sie ... Fluch ber Assur ...

DER ERSTE:

Mizpah haben sie vertilgt und Saron ... wie ein Sturm sind sie ber das
Land gefahren ... furchtbar ist Assur in seinem Zorne.

EIN ANDERER:

Nie htten wir Streit beginnen sollen mit ihnen.

STIMMEN:

Wer hat ihn begonnen ... nicht wir ... ich nicht ... der Knig ... die
Priester ... wir wollten in Frieden leben mit ihnen ...

EINER:

gypten hat uns verlockt und verraten.

STIMMEN:

Ja, gypten ... der Pharao ... Fluch Pharao ... sie haben uns verkauft ...
verlassen haben sie unser Elend ... wo sind sie, die fnfzigtausend
Bogenschtzen ... allein sind wir nun ... verloren ...

EINER:

Wehe ... Jerusalem, Jerusalem ... Deinen Feinden bist du gegeben, und
deine Neider blecken die Zhne ...

DER ERSTE KRIEGER (zornig dreinfahrend):

Fort da! Was wrmt ihr die Mauer! Geht heim zu euern Weibern und
schlaft. Wir wachen fr euch!

EINER:

Wir wollen schauen, wie ...

DER ERSTE KRIEGER:

Nichts zu schauen! Ihr habt geschrien um sie mit vollen Backen und Assur
gefordert, nun ist Assur gekommen. Lasset den Kriegern, sie heimzujagen,
ihr aber geht und schlaft oder betet, so ihr nicht schlafen knnt.

EINER:

Aber sage uns ...

DER ERSTE KRIEGER:

Nichts zu sagen. Der Worte sind schon zu viel, jetzt haben die Fuste
ihr Maul. Fort ... Herunter mit euch ...

    (DIE BEIDEN KRIEGER stoen mit ziemlicher Gewalt die Neugierigen von
    der Mauer zurck. Die Fortgedrngten verschwinden im Dunkel der
    Stufen, die zum Walle emporsteigen und tief verschattet sind. Es ist
    jetzt ganz still oben. Die beiden Krieger stehen wie Erzgestalten im
    weien Mondlicht.)

DER ERSTE KRIEGER:

Wie verzagt das Volk schon ist, kaum da sie die ersten Lanzen
erblickten. Man darf es nicht dulden, da sie so reden.

DER ZWEITE KRIEGER:

Wenn man Angst hat und ihrer nicht Herr wird, mu man reden. Es hilft
nicht und hilft doch.

DER ERSTE KRIEGER:

Sie sollen schlafen und nicht schwtzen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Der Schlaf ist nicht der Menschen Knecht. Er lt sich nicht befehlen an
der Sorgen Bett. Viel offene Lider schauen heute den Mond.

DER ERSTE KRIEGER:

So sollen sie schweigen, die kein Schwert fhren. Wir wachen fr alle.

    (DIE BEIDEN KRIEGER schweigen und gehen auf und ab. Ihre Schritte
    hallen dumpf, ihre Speere funkeln im Mondlicht.)

DER ZWEITE KRIEGER (bleibt stehen):

Hrst du?

DER ERSTE KRIEGER:

Was soll ich hren?

DER ZWEITE KRIEGER:

Es ist ganz still, und doch tnt es, wenn der Wind sich wider uns hebt.
Als ich in Joppe war, hrt ich zum erstenmal das Meer von fern in der
Nacht. Solch Tnen ist nun im Tal von Tausender Gegenwart, leise sind
alle, und doch rollet von Rdern und Waffen die Luft. Ein ganzes Volk
mu es sein, das pltzlich ber Israel fiel, wie ein Meer rauscht es
dumpf an die Mauern.

DER ERSTE KRIEGER (hart):

Ich will nichts hren als den Wachtruf. La rollen, la rauschen!

DER ZWEITE KRIEGER:

Warum wirft Gott die Vlker gegeneinander? Es ist doch so viel Raum
unter dem Himmel, da einer nicht strte den andern. Viel Land noch
harrt der Pflugschar, viele Wlder des Beiles, und doch schrfen sie
Schwerter aus den Pflgen und schlagen in lebendiges Fleisch mit den
xten. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!

DER ERSTE KRIEGER:

Von jeher war es so.

DER ZWEITE KRIEGER:

Aber mu es so sein? Warum will Gott den Krieg zwischen den Vlkern?

DER ERSTE KRIEGER:

Die Vlker begehren seiner um seinetwillen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Wer sind die Vlker? Bist du nicht unsres Volkes einer, bin ich es
nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes
Teil, und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte
einen Speer, nicht wei ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im
Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward, ich kenne ihn
nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen und die Brust, die ich mit Tod
ihm durchstoe. Und ein anderer wrmt dort unten vielleicht jetzt am
Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern den Vater stt, und hat mich
nie geschaut und nie Krnkung gehabt von meinem Leben. Fremd sind wir
einander wie die Bume des Waldes, doch die wachsen still und blhen aus
sich, wir aber wten widereinander mit der Axt und dem Speer, bis das
Harz unseres Blutes aus den Leibern quillt. Was ist dies, das Tod unter
die Menschen stellt und den Ha set zwischen sie, da dem Leben so viel
Raum ist und der Liebe so lange Frist? Ich verstehe es nicht, ich
verstehe es nicht!

DER ERSTE KRIEGER:

Von Gott mu es kommen; denn von jeher war es so! Ich frage nicht
weiter.

DER ZWEITE KRIEGER:

Gott kann diesen Frevel nicht wollen. Er hat das Leben gegeben um des
Lebens willen. Auf seinen Namen hufen die Menschen alles, was sie nicht
verstehen. Nicht von Gott kommt der Krieg, woher mag er nun stammen?

DER ERSTE KRIEGER:

Was wei ich, woher er stammt! Ich wei, er ist da und will nicht
beschwatzt sein. Ich tu mein Gehei, ich schrf mir den Speer und nicht
meine Zunge.

    (EIN SCHWEIGEN entsteht zwischen beiden. Sie stehen lautlos in der
    weien Stille und sphen hinaus. Von ferne tnt der Wachtruf Simson
    ber sie ganz undeutlich zuerst, dann nher gesprochen von den
    unsichtbaren Wachen Simson ber sie und nun ganz deutlich heran
    von den nchsten Posten. Auch die Krieger wiederholen laut den Ruf
    Simson ber sie, und man hrt ihn die unsichtbare Runde der Mauer
    weiterlaufen und vertnen. Es wird wieder ganz still, ehern stehen
    die Gestalten mit verschattetem Gesicht im blanken Mondglanz.
    Schweigen.)

DER ZWEITE KRIEGER:

Weit du etwas von den Chaldern?

DER ERSTE KRIEGER:

Unsere Feinde sind sie, das wei ich, und wollen wider unsere Heimat.

DER ZWEITE KRIEGER:

Nicht dies meine ich. Ich frage dich, hast du ihrer je einen gesehn,
kennst du ihre Sitten und Lande?

DER ERSTE KRIEGER:

Grausam sind sie wie wilde Katzen und heimtckisch wie die Schlangen,
hat man mir gesagt, und sie werfen ihre Kinder in Gtzensteine von
Kupfer und Blei. Doch nie habe ich ihrer einen gesehen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Ich auch nicht. Es trmen sich viel Hgel zwischen Babel und Jerusalem,
Flsse fahren dazwischen und mehr des Lands, als einer in Wochen
durchschritte. Selbst die Sterne stehen anders ber ihren Hupten und
unsern, und doch sind sie wider uns und wir wider sie. Was begehren sie
von uns? Wenn ich einen fragete von ihnen, er wte wohl nur zu sagen,
da ein Weib seiner wartet zu Hause und Kinder auf der Streu wie in
meinem. Ich glaube, wenn ich redete mit einem, wir verstnden uns. Weit
du, manchmal lockt es mich, die Hand zu heben und einen zu rufen, da
wir redeten Herz zu Herz.

DER ERSTE KRIEGER:

Das darfst du nicht.

DER ZWEITE KRIEGER:

Warum darf ich das nicht?

DER ERSTE KRIEGER:

Sie sind unsere Feinde, wir mssen sie hassen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Warum mu ich sie hassen, wenn mein Herz nicht wei um diesen Ha?

DER ERSTE KRIEGER:

Sie haben den Krieg begonnen, in unsern Frieden sind sie gefahren.

DER ZWEITE KRIEGER:

Die in Jerusalem sagen das so. Doch vielleicht auch sagen sie das
gleiche in Babel. Wenn man redete miteinander, man wrde vielleicht
klar.

DER ERSTE KRIEGER:

Du darfst nicht reden mit ihnen. Wir mssen sie schlagen, so ist uns
befohlen, wir mssen gehorchen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Ich wei es mit meinen Sinnen, da ich nicht darf, und fasse es doch
nicht mit meiner Seele. Wem dienen wir mit ihrem Tod?

DER ERSTE KRIEGER:

Was fragst du, Einfltiger? Dem Knige dienen wir und unserm Gott.

DER ZWEITE KRIEGER:

Aber Gott hat gesagt und es stehet geschrieben: Du sollst nicht tten.
Wer wei, wenn ich mein Schwert nhme und wrfe es fort, ich diente ihm
wahrhafter denn mit der Feinde Blut.

DER ERSTE KRIEGER:

Aber es stehet auch in den Bchern: Aug um Auge, Zahn um Zahn.

DER ZWEITE KRIEGER (seufzend):

Viel steht in der Schrift. Wer mag alles verstehen?!

DER ERSTE KRIEGER:

Ein Grbler bist du. Um unsere Stadt drngen sie und wollen ihre Huser
brennen, und hier stehe ich mit Schwert und Speer, ihnen zu wehren. Mehr
des Wissens ist ungut. Ich will nicht mehr wissen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Aber ich frage ...

DER ERSTE KRIEGER (hart):

Du sollst nicht so viel fragen. Krieger sind wir und mssen kmpfen,
nicht fragen. Was grbelst du, statt dich zu hrten?

DER ZWEITE KRIEGER:

Wie soll ich nicht fragen, wie soll mein Herz ohne Unruh sein in dieser
Stunde? Wei ich denn, wo ich stehe und wie lang ich noch wache? Dies
Dunkle hier unter der Mauer, wo der Stein hinbrckelt und fllt,
vielleicht ist es morgen mein Grab, und der Wind, der mir jetzt um die
Wange fhrt, vielleicht findet er mich morgen nicht mehr. Wie soll ich
nicht fragen, da ich lebendig bin, um mein Leben? Die Flamme zuckt auf
und windet sich, ehe der Docht lischt ins Dunkel, wie sollte das Leben
sich nicht heben zur Frage, ehe es lischt in den Tod? Vielleicht ist es
schon der Tod in mir, der so fraget und nicht das Leben mehr.

DER ERSTE KRIEGER:

Du grbelst zu viel. Nichts ntzt es und qult nur.

DER ZWEITE KRIEGER:

Gott hat uns das Herz aufgetan, da es sich qule.

DER ERSTE KRIEGER:

Was hilft es dann zu reden? Wir haben Wache, mehr mag ich nicht wissen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Das Reden hlt wach, und es hrens nur die Sterne.

    (EIN SCHWEIGEN wieder zwischen beiden.)

DER ZWEITE KRIEGER:

Was kommt da? Vom Dunkel schleicht es heran.

DER ERSTE KRIEGER:

Wieder Miggnger! Sie sollen schlafen des Nachts. Jag sie heim!

DER ZWEITE KRIEGER:

Nein! La sie reden und tritt ins Dunkel. La uns hren, was sie reden.
Es scheucht den Schlaf von den Lidern, die Stimme der Menschen zu hren.
Tritt zurck in den Schatten!

DER ERSTE KRIEGER:

Ein Sonderbarer bist du! Ich schreite die Runde!

    (DIE BEIDEN KRIEGER treten zurck in den Schatten des Mauerturmes.
    Ihre Gestalten verschwinden in dem tiefen Dunkel, das mit scharfer
    Schattenschneide gegen die vom Mondlicht berflutete Mauer grenzt.
    Nur ihre Lanzen funkeln manchmal leise hervor.)

    (JEREMIAS UND BARUCH steigen aus dem Dunkel der Tiefe zur Mauer
    empor, Jeremias hastig voran, Baruch mhsam seiner Erregung folgend.
    Der Krieger steht -- von ihnen ungesehen -- im Schatten wie aus Erz
    gegossen.)

BARUCH:

Wohin fhrst du mich, Meister? Wohin fhrst du mich?

JEREMIAS:

Empor, empor! Ich mu es schauen, das Frchterliche, Blick in Blick.

    (JEREMIAS ist auf der Hhe angelangt. Er starrt in das mondbeglnzte
    Tal hinab und verharrt regungslos, ohne zu sprechen.)

BARUCH (ngstlich):

Was starrst du so, was sprichst du nicht?

JEREMIAS (schauernd):

Der Knig ... er ist gekommen ... der Knig von Mitternacht (erregt nach
Baruch fassend), Baruch, Baruch, tritt zu mir, tritt zu mir her! Rhr
meine Hand, da ich wei, ob ich wach bin oder getaucht in Traum.
Baruch, Baruch, sprich, meine Augen, sind sie aufgetan, ist eine Mauer
dies aus Stein oder aus Trnen, ist Jerusalem dies Dunkle, das
ahnungslos liegt, und wahrhaft Assur dies andere Dunkle dort und der
Mond dies, fahl und fhllos wie Wasser zwischen beiden? Sag es mir,
Baruch, sag es mir, und so ich nur trume, rttle mich auf, da ich des
Irrwitzes lache, Zion sei umgrtet von Assur; denn nicht wahr ist dies
vor Gott, es darf nicht wahr sein. Weck mich auf, Baruch, weck mich
wach!

BARUCH:

Wie meinest du, Meister? Ich fasse dich nicht.

JEREMIAS:

Bin ich wach, Baruch, bin ich wach, sind meine Augen offen und wahr dies
Unheil vor ihnen, ich flehe dich an.

BARUCH:

Ich fasse dich nicht ... wie zweifeltest du ...

JEREMIAS:

Oh, Fluch, so ist es wahr, wahr und wahrhaftig, ich trume nicht mehr!
Meine Trume, sie sind wach geworden, sie haben Rosse geschirrt und
Wagen gegrtet, Assur zieht an gegen Zion, es erfllt sich, es erfllt
sich! Und all dies Unselige, aus mir quillt es vor, aus meiner Trume
Scho drngt sichs fort; in mir war es zuerst, ehe es war in der Welt,
und ich, ich warf es im Wort ber sie. Ich hab es gewut, ich allein, eh
Gott es getan! In mir hat es Anfang und mndet mir zu, und ich kanns
doch nicht halten im Laufe, nicht fassen im Fluge, kein Schild ist mir
dawider und kein Schwert -- oh, Ohnmacht, Ohnmacht der Worte!

BARUCH:

Meister, was redest du ... nicht fasse ich den Sinn ... sprich zu mir,
da ichs glaube und begreife, was dich erfllet.

JEREMIAS:

Da du es glaubest ... Baruch, Baruch ... wirst du wahrhaft glauben
meinem Worte, das ich dir sage zu dieser Stunde unter den Sternen ...
wirst du es nicht leugnen und verlachen, so ichs beschwre mit meiner
Seele Siegel ... denn wider allen Sinn ists, was ich dir knden will ...

BARUCH:

Meister ... der Glaube an dich ist mein Leben ...

JEREMIAS:

So hre es, hre, was ich dir sage ... (geheimnisvoll, leise) Dies
alles, dies alles, was heute ist zum erstenmal, ich habe es getrumt vor
Monden schon, ich habe es getrumet in meinen Nchten, ganz so
getrumet. Nicht ein Stern steht da, den ich nicht sah, hier oben den
Wall und Gottes weiragendes Haus und unten der Feinde Scharen, Zelt an
Zelt, und meines eigenen Herzens eigenen Schauer und Blick, all, all
dies hab ich getrumt.... Hrst du mich, Baruch, hrst du mir zu ...

BARUCH (schauernd):

Ich hre dich ... ich hre dich ...

JEREMIAS:

Warum mir, warum ward mir dies alles offenbar vor der Zeit? Es kann
nicht sein wider Gottes Willen, da er mir aufschliet seine Plne und
mir sichtig macht Bilder des Zuknftigen. Und es darf nicht sein, es
darf nicht sein, da ich dawider mich wehre, da ich schweige, denn
Baruch, Baruch: lang verbarg ich mein Herz der Berufung und verschlug
mein Ohr seinem Rufe. Doch nun, da ich schaue lebendig, was in mir
lngst schauten die Trume, da wie ein Spiegel sichs aufrollt auen zum
Innen, nun fhle ichs zum ersten Male, da Gott in mir ist, und Baruch,
ich sage dir: er hat mich gewhlet. Weh mir, wenn ich verschwiege meine
Angst vor dem Volke und meine Ahnung vor den Knigen. Denn nur ein
Anfang ist dies, und ich kenne, ich kenne das Ende ...

BARUCH:

Knde es, du Geweihter ... ausrufe dein Wort ...

JEREMIAS:

Baruch, Baruch, siehst du Lager und Zelt, siehest du dies schlafende
Meer wogen von Mitternacht her ...

BARUCH (schauernd):

Ich sehe den Feind ... ich sehe die Zelte ...

JEREMIAS:

Die Nacht siehest du, den Schlaf und die falsche Stille der Rast. Aber
in meinem Ohr gellen die Trompeten schon und klirren die Waffen, wenn
sie aufstehen und strmen wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fues
noch wuchten, schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich
hre ihn, hre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschumt ihre
erzene Flut! Baruch, Baruch, wehe, mein Wort stund auf ber Israel, ich
hre den Tod, wie er fhrt ber die Stadt und die Mauern, sie fallen und
mit ihnen Jerusalem. Baruch, Baruch, ich sehe es wach; denn Gott hat ein
Auge mir aufgerissen im Schwarzen meines Leibes, da ichs schaue, und
einen Schrei getan in meine Eingeweide, da ich ihn stoe aus mir wie
ein Horn. Was schlafen sie noch! Was schlafen sie noch! Oh, es ist Zeit,
da man sie wecke, es ist Zeit, denn sie schlafen in ihren Tod hinein
und brten in ihr Verderben. Es ist Zeit, da man aufschreie Jerusalem,
es ist Zeit, es ist Zeit!...

BARUCH (hingerissen):

Ja, erwecke sie, erwecke sie, Jeremias!

JEREMIAS (immer fanatischer):

  Oh, das trige Volk, oh, die ratlose Stadt,
  Wie kann sie vom Schlaf sich umfrieden lassen,
  Da Tod ihnen unter die Lagerstatt
  Sein eiskalt Linnen gebreitet hat.
  Oh, das trige Volk, oh, die ratlose Stadt,
  Wie knnen sie ruhen, den Donner zu Hupten!
  Oh, wie knnen, wie knnen
  Sie so hindmmern, in Trumen verloren,
  Da donnernd wider die Tempel und Tore
  Schon Assurs Widder hmmern und rennen;
  Oh, wer weckt die Toren, wer weckt die Betubten?
  Wer schreckt sie auf, wer weckt sie empor,
  Wer wirft einen Ruf in ihr ohnmchtig Ohr,
  Oh, wer wird in den Tod dieser Stille hinein
  Gottes Gebot und Wille hinschrein?

BARUCH (ekstatisch):

Du wecke sie auf! Erwecke sie! Meister, vom Tode rei sie auf!

JEREMIAS:

  Wacht auf! Wacht auf! Empor! Empor!
  Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!
  Flchtet, eh er euch ganz zernichtet,
  Entflchtet dem Schwert, entflchtet den Flammen,
  Lat eure Habe, lat euer Haus,
  Die Frauen rafft, die Kinder zusammen,
  Eh er euch fat, flchtet hinaus!
  Auf! Empor!
  Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!
  Empor! Empor!

DER ZWEITE KRIEGER (aus dem Dunkel tretend):

Wer lrmt? Er wird die Schlafenden erwecken.

JEREMIAS:

Da ichs vermchte, oh, da ichs vermchte! Auf! erwache, Jerusalem ...
Gottesstadt, errette dich ...

DER ZWEITE KRIEGER:

Trunken bist du ... fort mit dir ... geh schlafen ...

BARUCH (sich dazwischen werfend):

Ablasse von ihm!

JEREMIAS:

Ich darf nicht schlafen! Keiner darf schlafen mehr. Der Wchter bin ich,
der Wchter! Weh, wer mirs wehrt!

DER ZWEITE KRIEGER (ihn anfassend):

Ein Mondkranker bist du, da du dich Wchter nennst ... ich selbst bin
die Wache ... fort mit dir ...

BARUCH:

Nicht rhr ihn an ... den Erwhlten des Herrn ... den Profeten ...

DER ZWEITE KRIEGER (ablassend):

Bist du Hananja, der Gottesknder?

BARUCH:

Jeremias ist es, der Profet!

DER ZWEITE KRIEGER:

Jeremias, der das Volk verwirrt, der hinschrie in den Gassen, Assur
werde obsiegen? Bist du gekommen, dich deiner Verheiung zu weiden? Zu
frh bist du gekommen, du Zagherz, und doch zurecht meinem Zorn!
Gesegnet meine Faust, da ich dich fasse, du Krmer des Unglcks ... ich
will dir Verkndigung geben ...

BARUCH (mit ihm ringend):

La ab von ihm ... la ab ...

DER ERSTE KRIEGER (herbeistrzend):

Der Knig kommt ... der Knig macht die Runde ... schaff weg das Volk ...

JEREMIAS:

Der Knig!... Segnung des Herrn ... oh, sichtliche Deutung ... Gott
stt ihn mir in die Hnde ...

DER ERSTE KRIEGER:

Fort mit euch ... fort, ihr Schwtzer ...

DER ZWEITE KRIEGER:

Hinab mit dir ... da ... fort ... Da krieche unter und rhr dich nicht,
sonst mach ich dich kalt ...

DER ERSTE KRIEGER:

Weg ... fort ... der Knig kommt ...

    (JEREMIAS UND BARUCH werden hastig die Mauer hinabgedrngt; sie
    verschwinden im dunklen Schatten, aus dem sie aufgestiegen. Die
    beiden Krieger treten an den Rand der Mauer, um dem Knig und seinem
    Gefolge Raum zu geben. Da Zedekia erscheint, klirren sie zum Grue
    mit den Speeren an die Schilde und stehen dann wieder regungslos.)

    (DER KNIG ZEDEKIA erscheint, begleitet von Abimelech und einigen
    seines Gefolges, auf seinem Rundweg um die Mauern. Er ist ungerstet
    und barhuptig, im weien Mondlicht sieht sein Antlitz bleich und
    ernst aus. Er bleibt stehen und blickt lange auf das fahldmmernde
    Blachfeld hinaus.)

DER KNIG ZEDEKIA (zu Abimelech):

Auf wieviel schtzest du ihre Scharen, Abimelech?

ABIMELECH:

Zelt reiht sich an Zelt, schwer wie die Sterne sind sie zu zhlen. Die
Boten nannten ihrer hunderttausend, doch man soll den Worten nicht
trauen.

ZEDEKIA:

Wahr sprichst du, Abimelech, allzu wahr. Man soll den Worten nicht
trauen. Wo sind die Wahrsager, die mir rieten, wo Pharaos Heer und die
Hilfe Mizraims! Nun sind wir allein wider die Heere Chaldas.

ABIMELECH:

Zwiefach wird unsere Ehre darum sein, sie zu besiegen. Ewig whret
Jerusalem!

ZEDEKIA:

Oh, da dein Wort sich erfllte! Doch mein Herz mitraut schon den
Worten ...

ABIMELECH:

Ich schwre auf Israels Sieg, mein Knig, und Tat bekrfte meinen Eid.

ZEDEKIA:

Auch ich habe einen Eid geschworen Nabukadnezarn, und man entwand mir
das Wort. Das Schicksal zerbricht die Eide und Gott die Worte der
Menschen. Dort unten im Dunkel ruht er, dem ich Friede zusprach, und nun
ist Krieg und seine Lanzen gerstet zur Rache. Fluch ber sie alle, die
an mir zerrten, da ich diesen Weg ging wider ihn, und weh ber mich,
da ich nicht stark ward, ihnen zu wehren! Nicht kannst du dies fassen
vielleicht, Abimelech, denn ein Krieger bist du und spottest deines
Lebens, doch auf mir lasten die Mauern und eines Volkes Geschick,
tausend und abertausend Leben pochen laut durch mein Blut. Ich will
beten zu Gott, da er diese Zeit von uns nehme, denn mein Herz vermag
nicht sie zu tragen und drstet nach Frieden!

ABIMELECH:

Den Sieg erst, mein Knig, und dann den Frieden. La Nabukadnezarn die
Stirn seines Zorns sich zerstoen an diesen Mauern und die Widderbcke
seines Ingrimms zerschellen an unsern Herzen. Ihr Blut erst, und dann
den Frieden!

ZEDEKIA (sieht lange hinaus in die Ferne):

Wieweit hinein ins Land die Lagerfeuer dort brennen, es ist, als sei ein
Himmel schwarz hingesunken auf die Erde und leuchtete nun Stern an
Stern. Unendlich Volk fhl ich lagern um Israel, und jedes Speer ist
gezckt, jede Hand gehoben, und im Schlafe noch trumen sie wider uns.
Und morgen wird all dies aufstehen wie die Halme nach dem Regen und die
Stille gellen von Schrei und Tod. Es ist die letzte Nacht des Friedens
und des Schlafes vielleicht fr immerdar.

ABIMELECH:

La dein Herz nicht verdstern, mein Knig. Auf diesem steinernen
Gelnde, da du stehest in Sorge, stand Hosea, dein Oheim, einst, und
auch seine Seele war Sorgen voll, denn unten wogten Salmanassars Scharen
unendlich wie diese. Schon einmal umsplte Assurs Woge die heilige
Stadt. Doch der Herr reckte aus seinen Arm wider sie, und die Pest fra
ihre Vlker. Nie bricht diese Mauer! Ewig whret Jerusalem!

DIE ANDERN:

Ewig whret Jerusalem!

DIE STIMME JEREMIAS (aus dem Dunkel):

Wache auf, verlorene Stadt, da du dich rettest! Wachet auf aus eurem
harten Schlaf, ihr Arglosen, da ihr nicht geschlachtet werdet im
Schlummer, wachet auf, denn schon brckelt die Mauer und will euch
erschlagen, wachet auf, denn Assurs Schwert ist gezckt ber euch ...

ZEDEKIA (zusammenfahrend):

Wer spricht? Wer spricht?

STIMMEN:

Wer redet ... wer spricht ...

DIE STIMME JEREMIAS:

Der Zorn des Herrn ist gefallen ber des Friedens Verstrer, und von
Mitternacht den Knig hat er gen Israel gesandt, da er ihm breche Trme
und Trotz. Wachet auf, um zu fliehen, wachet auf, euch zu retten, denn
er ist gekommen, der Wrger eurer Shne, der Schnder eurer Tchter, der
Verwster eurer Felder. Wachet auf! Wachet auf!

ZEDEKIA (zusammenschreckend und sich schlielich stark aufraffend):

Wer spricht da? Wer redet da?

DER ERSTE KRIEGER:

Ein Wahnwitziger ist es, Herr, der Mond hat ihn verwirrt.

STIMMEN:

Sperr ihm das Maul ... fort mit ihm ... fort ... ein Toller ...

ZEDEKIA:

Nein ... bring ihn vor ... ich will ihn sehen ... ich will sehen, da
ein Lebendiger solches sprach ... denn zu furchtbar klang diese
Stimme ... mir war, als schrien Klage die Steine Jerusalems, als entbebte
der Mauer das Wort ...

    (DIE BEIDEN KRIEGER eilen hinab.)

ABIMELECH:

Nicht la dich verwirren, Herr ... viele sind gekauft in der Stadt von
chaldischem Gold ...

ANDERE:

Nicht hre ihn an ... la von der Mauer ihn werfen ... Nicht mit den
Verngstigten sprich ...

    (JEREMIAS UND BARUCH werden von den beiden Kriegern heraufgeholt,
    Jeremias vor den Knig gestoen.)

DER ZWEITE KRIEGER:

Dieser ist es, der so lsterlich redete. Schon vordem habe ich ihn
belauscht.

ZEDEKIA:

Sie sagen von einem, der umginge in der Stadt und Unheil kndete vor den
Leuten. Ist es dieser?

STIMMEN:

Er ist es ... Jeremias ... Fluch ber ihn ... Unheil sprengt er aus ...
er vergiftet die Herzen ... ein Lgner ist er ...

BARUCH:

Gottes Bote ist er, und Wahrheit kndet er, ich zeuge fr ihn.

STIMMEN:

Wer bist du, da du zeugest?... Du Knabe ... nicht hre ihn ...
niederschlagen soll man solch Otterngezcht.

ZEDEKIA:

Schweiget ... Weg mit diesem vorerst, ich bedarf eines Zeugen nicht ...

    (BARUCH wird zurckgestoen in das Dunkel.)

ZEDEKIA:

Tritt heran zu mir, Jeremias ... Bist du es, der Israel verwirrt?

JEREMIAS:

Von Israel geht Wirrnis aus und nicht von mir.

ZEDEKIA:

Ich kenne deine Stimme ... ich mu sie gehrt haben ... aus meinem
Herzen klingt etwas zurck, da du mir zusprichst, und doch blickte ich
dich nie. Oder ... Warst du es nicht, der damals um Friede schrie vor
dem Palast ...

JEREMIAS:

Ich war es, Herr!

ZEDEKIA:

Du warst es, Jeremias? Viele schrien um mich zu jener Stunde, doch als
ich heimging des Nachts und ruhte ohne Schlaf auf meinem Lager, da war
dein Ruf noch wach in meinem Herzen.

JEREMIAS:

Gott wollte, da du ihn hrtest, und weh dir, da du ihn wegwarfst, denn
es wre Schlaf jetzt auf deinen Lidern und ein Friede in Israel.

DIE ANDERN:

Nicht hre auf ihn, Knig ... ein Gaukler ist er und frevelt mit Gottes
Wort ... sprich nicht mit ihm ...

ABIMELECH:

Was schaffst du hier auf der Mauer des Nachts? Zu den Chaldern willst
du fallen? Nimm ihn fest, mein Knig, sein Wandel ist Gefahr!

EINER:

Seine Mutter ringt mit dem Tode, vergiftet hat sie sein Wort. Aber er
meidet das Haus, sieh, des Nachts schweift er hier um und spht zu den
Feinden ...

JEREMIAS (erschreckt):

Meine Mutter, sagst du ...

ANDERE:

Ein Verrter ist er ... nicht hre ihn, mein Knig ... nicht hre ihn ...
nimm ihn fest ...

ZEDEKIA:

Ruhe um mich! Meine Seele ist so schwach nicht gemauert, da ein
Schwtzer sie werfe. Jeremias, tritt her zu mir und sei ohne Scheu. Ich
habe das Wort vernommen, das du riefest am Tage des Ausgangs, und dies
Wort klang mir zu, denn ein Gotteswort ist das Friedenswort. Doch
vergangen ist das Vergangene. Nun brennt Krieg zwischen Assur und
Israel. Nicht bndigt ihn mehr ein Wort, ich kann ihn nicht niedertreten
mit dem Willen ...

JEREMIAS:

Du kannst es, Herr!

ZEDEKIA (zornig):

Wie kann ich es noch? Siehst du den Feind nicht um die Mauern, hrst du
seine Speere nicht klirren im Wind? Wie kann ich das wenden?

JEREMIAS:

Du kannst es, Herr, denn du bist der Knig.

ZEDEKIA:

Kann ich sie fortblasen mit meinem Hauch, kann ich austilgen das
Vergangene? Zu spt ist es fr den Frieden.

JEREMIAS:

Es ist nie zu spt.

ZEDEKIA (noch zorniger):

Wie ein Einfltiger redest du. Noch ward Assur nicht geschlagen von
Israel und nicht Israel von Assur, noch ist Blut nicht geflossen. Wie
kann ich enden, was nicht begonnen?

JEREMIAS:

Das Blut ist ein Graben zwischen den Vlkern. So tiefer du ihn ziehest,
so schwerer wirst du ihn dmmen. Darum la sprechen die Worte vor dem
Schwert, geh hin zum Knig oder sende ihm Botschaft!

ZEDEKIA:

Ich soll zu Nabukadnezar, meinem Feinde?

JEREMIAS:

Sende Boten an ihn, vielleicht, da du noch rettest Jerusalem!

ABIMELECH:

Eine Schmach sind seine Worte, eine Schmach fr Israel ... fort mit dem
Zagherzigen ...

ZEDEKIA:

Warum soll ich senden zu ihm, warum ich als der erste? Bin ich sein
Knecht denn, bin ich der Besiegte schon?

JEREMIAS:

Es mu einer den Frieden beginnen, wie einer den Krieg.

ZEDEKIA:

Warum soll ich es sein, der als der erste spricht, warum ich und nicht
er? Soll er meinen, da ich verzagte? Mge er senden zu mir, so will ich
Zwiesprache halten und erwgen sein Wort. Doch warum ich als der erste?

JEREMIAS:

Selig, der als erster die Hand bietet fr den Frieden, selig der Knig,
der das Blut spart seines Volkes.

ZEDEKIA:

Und wenn ich die Hand bte, wenn ich mein Herz bezwnge, Jeremias, wenn
ich so tte, wie du heischest, und er stt sie zurck, meine Hand?

JEREMIAS:

Selig die Verstoenen um der Gerechtigkeit willen, denn Gott nimmt sie
auf an sein Herz.

ZEDEKIA:

Ich aber sage dir, die Kinder wrden meiner spotten und die Weiber
lachen meiner Schmach.

JEREMIAS:

Besser, der Narren Gelchter hinter dir, als der Witwen Klage. Nicht
deiner gedenke jetzt, sondern des Volkes, dem du gesetzt bist von
heiliger Hand. La dich verlachen von den Toren um der Gerechtigkeit
willen, aber tu Gottes Tat! Tu auf die Tore, tu auf dein Herz, Zedekia,
bedenke, du rettest Jerusalem! Du hast dich erhoben wider Assur, so
beuge dich vor ihm!

ZEDEKIA:

Ich mich beugen?

JEREMIAS:

Beuge dich, beuge dich, Gesalbter des Herrn, um Jerusalems willen! Tu
auf die Tore, tu auf ihm dein Herz! Du rettest, du rettest Jerusalem!

ZEDEKIA:

Mit dem Schwert will ich es retten und meines Lebens Preis, doch mit
meiner Ehre nicht. Du weit nicht, was du heischest von mir.

JEREMIAS:

Das Schwerste heische ich von dir, denn wem ziemt das Gewaltige denn den
Gesalbten? Deines Herzens Kleinod, deinen Stolz opfre hin fr die Stadt!
Wirf dich hin vor jenen, wie ich mich hinwerfe vor dir, tu auf die Tore,
tu auf dein Herz! Beuge dich, Knig Zedekia, denn besser, du beugest
dich, denn da Israel gebeuget werde.

ZEDEKIA:

In Spott willst du mich stoen und dich weiden an meiner Schmach, du
Rasender! Aber ich steh aufrecht und halte mein Erbe! Lieber sterben,
als Gnade erbitten, lieber Vernichtung, denn diese Demut! Weg von mir,
weg! Ich beuge mich nicht, keinem auf Erden beuge ich mich!

JEREMIAS (von den Knien sich gewaltig aufhebend):

Dann Fluch dem l, das dir salbte die Stirn, und Fluch der Krone, die
dir die Stirne grtet; Fluch dir, Davids Sohn, da du nur deinen Hochmut
schtzest, dein irdisch Teil, statt da du wahrest Jerusalem, dein
Gottesteil. Aber hre mich ...

ZEDEKIA:

Nichts will ich mehr hren, du Narr, du bser Narr Gottes ...

JEREMIAS:

Stoe es nur fort mein Wort mit dem Fue, du Taumelnder, nicht kannst du
zertreten ein Gotteswort. Spei es aus, du Trunkener, aber wisse es bis
in deine Eingeweide: nahe ist die Stunde, Zedekia, da du schreien wirst
nach meinem Troste, wie die Gebrerin schreit! Doch dann wird kein Rat
mehr sein, denn wer wei Rat wider den Tod und hat ein Retten vor Gottes
Gericht. Gedenke der Mauer hier, gedenke der Stunde! Rechtzeit habe ich
dich gewarnt, aber ein Prellbock starret dein Herz und von Eisen deine
Stirne, und wie ich dir darob fluche aus dieser Stunde, werden fluchen
Geschlechter und Geschlechter deinem Namen. In deine Hnde war Zion
gegeben, und du lieest es fallen, dir war es vertraut, und du hast es
verschleudert! Mgest du darum vergessen werden von Gottes Gnade, wie du
vergaest Jerusalem! Fluch ber dich, du Vollstrecker Babels, du Wrger
Zions, du Mrder, du Mrder von Israel!

ABIMELECH:

Die Mauer hinab! Zerbrecht ihm den Nacken!

DIE ANDERN:

Er hat den Knig gelstert ... sperrt ihm das Schandmaul ... die Mauer
hinab ... nicht frchte des Rasenden Wort ... Schaum steht um seine
Lippe ... ein Kranker ist er ... hinab mit ihm.

    (DIE BEGLEITER des Knigs dringen gewaltsam auf Jeremias ein.)

ZEDEKIA (der wie vor unsichtbarem Anprall zurckgefahren ist, die Hand
am Herzen, sich wieder ermannend):

Ablat von ihm! Meint ihr, eines Narren Fluch machte mich blassen, ein
frech Wort knickte schon meine Kraft? (Nach einer Pause): Aber dies sehe
ich: wahr ist, was sie sagten im Volke: gefhrlich ist dieses Menschen
Wort. Wie ein Sturmbock stt er wider die Herzen. Es geht nicht an,
da solch ein Gottesleugner lnger frei rede im Volke und seine Angst
auf die Krieger falle.

ABIMELECH:

Tten mu man ihn. Wer nicht Gott vertraut, ist unwert des Lebens.

STIMMEN:

Man steinige ihn ... ein Sldling ist er ... er will die Stadt den
Chaldern preisgeben ... la ihn tten ... er betet um unser Verderben ...

ZEDEKIA:

Soll ich tten den, der mich schmhte, da man meine, ich frchte sein
Wort? Nicht so! Tritt her, Jeremias! Wind ist mir dein Wort, doch noch
einmal frage ich dich um deinetwillen: Sagt dir untrglich dein Herz,
da Tod sei ber Zion und allen in Zions Mauern? Ich frage dich!
Antworte mir frei!

JEREMIAS:

Tod steht ber Jerusalem, Tod ber uns allen. Nur Ergebung kann uns
erretten.

ZEDEKIA:

Dann geh und ergib dich! Als einziger aller rette dein Leben!

    (JEREMIAS starrt ihn an, ohne ihn zu verstehen.)

ZEDEKIA:

Wer zehrt an unserem Brote, soll nicht auch zehren an unserer Kraft.
Frchtest du fr Zion, so fliehe von Zion! Ich schenk dir dein Leben!
Die Mauer hier, klimm sie hinab, zu Nabukadnezar geh und birg deinen
Leib. Und so dein Wort sich erfllet, blh auf deine Backen und lache
der Brder, die starben fr Jerusalem.

ABIMELECH:

Zu milde bist du, Knig, mit dem Lsterer.

    (JEREMIAS unbeweglich, ringt um ein Wort.)

ZEDEKIA:

So geh doch, flieh fort, Abtrnniger des Glaubens, geh zu Nabukadnezar,
des Sieg du gekndet, und ksse seinen Fu! Ich aber bleibe in meines
Volkes Mitte und in meiner Vter Heimat, denn ich glaube bis zum letzten
Atem meines Leibes: Lge ist dieses Mannes Rede und ewig whret
Jerusalem!

DIE ANDERN (jauchzend):

Ewig whret Jerusalem! Nie vergehet Gottes Haus!

ZEDEKIA:

So eile! Lauf ber zu Assur, ich hab dirs gewhrt! La uns unsern Tod
und kriech in dein Leben!

JEREMIAS (sich fassend):

Ich lasse nicht Jerusalem!

ZEDEKIA:

Hast du nicht eben gekndet uns allen, Tod stnde ber Jerusalem? So
flieh, da du ihm entweichest!

JEREMIAS:

Nicht meines Lebens trage ich Bangen, sondern fr die Tausendmaltausend
schreiet mein Herz. Ich weiche nicht! Mgen fallen seine Mauern, ich
strze mit dem letzten seiner Steine.

STIMMEN:

Nicht dulde ihn bei den Kriegern ... ein Verrter ist er ... Verwirrung
sprengt er unter die Krieger ... jage ihn fort ... nicht habe er lnger
Gemeinschaft mit uns ...

ZEDEKIA:

Zum letztenmal, Jeremias! Aufgetan ist dir der Weg!

JEREMIAS:

Ich bleibe in Gottes Stadt, bis da sie vergehet, bis da ich vergehe!

ZEDEKIA:

Dann aber wisse dieses zur Warnung: Schwert liegt fortab auf deinem
Wort! So du noch einmal hebst die Stimme zu harter Verkndung, so du
noch einmal ausschreiest Untergang in diesen Mauern, ist dein Leben
verfallen.

JEREMIAS:

Nicht ich hebe die Stimme, Gott wirft sie aus mir. Wie die Luft fhrt
durch die Posaune, da sie erklinge, so tnet sein Wille durch mich. In
seine Hnde habe ich mich gegeben.

ZEDEKIA:

Ich habe dich gewarnet, Jeremias, wie du mich gewarnet. Selbst schtzest
du fortan dein Leben. (Zu den andern): Keiner rhre ihn feindlich an,
solange er sich zhmet. Doch schreit er noch einmal Schrecknis ber die
andern, so fasset ihn, und er be nach euerm Spruch. (Zu Jeremias):
Hte dich, hte deine Lippe, da dein Blut nicht springe ber sie! Uns
aber mge Gott schonen, wie ich heute deiner geschonet.

JEREMIAS (reglos, mit unsicherer Stimme):

Nicht mich hte ich ... ich hte Jerusalem ...

ZEDEKIA (wieder an den Rand der Mauer tretend):

Noch immer ziehen sie her, und wie von Wettern rollts von ihren Wagen
und Rossen, es ist kein Ende abzusehen, kein Ende. Wahrlich, furchtbar
ist er, der Knig von Mitternacht, furchtbar wird es sein, ihm zu
begegnen! Gott schtze Jerusalem! (Tief atmend): Gott schtze Jerusalem!

    (ZEDEKIA wendet sich langsam zum Gehen und schreitet die Runde
    weiter; Abimelech, die anderen sowie die beiden Krieger folgen dem
    sinnend Hinschreitenden langsam nach.)

BARUCH (aus dem Dunkel vorstrzend):

Rasch ... eile ihm nach, noch einmal fasse deine Kraft ... Gottes
Sendung ist ber dir ... eile, da du ihn zwingest.

JEREMIAS (erwachend aus seiner Dumpfheit):

Wen ... wen soll ich zwingen?

BARUCH:

Den Knig ... eile ihm nach ... entbrenne dein Wort, rette, rette
Jerusalem!

JEREMIAS:

Den Knig! (In heiem Erschrecken um sich auf die leere Mauer starrend):
Oh, fort ... fort ... versumt ... verloren die heilige Stunde ... von
Gott war er mir gesandt, in meine Hnde geworfen, da ich knetete seinen
Willen, und ich lie ihn entgleiten ... Blick in Blick war mir der
Schwanke gegeben, und doch: wie Asche zerstubte an seiner Stirne mein
Wort ... Oh, Schmach ber mich, da so drr war meine Rede, so laulich
mein Atem ... Mit Fluch fiel ich ihn an, und mit Gte hat er mich
geschlagen ... wer bin ich, da man mir diente, wenn ich nicht diene dem
Wort ... Oh, Fluch der Nessel meiner Rede ... Fluch der Distel meines
Munds ...

BARUCH:

Noch einmal versuch es, und du zwingest ihn. Schon erschwankte sein
Wille!

JEREMIAS:

Zu spt, zu spt, verloren ist die Stunde, die Gott mir erkor! Doch was
whlete er auch mich, den Schwchling, was rief er Unkraft zu so
gewaltig Beginnen! Warum tat er nur Galle des Fluches in meinen Mund und
des Wortes bittern Wermut, warum die lutrige Flamme nicht, die
entbrennet die Herzen der Menschen! Wer bin ich denn, Nichtiger, da ich
mich erfreche, seines Wortes Profeten mich zu nennen, Bruder der
Erlauchten, wenn ich nicht Erbe bin ihrer Strke? Knigen umtaten sie
den Zaum ihres Willens und beugeten der Vlker Stirn, Feuer des Herrn
fuhr voran ihrer Rede, doch ich, ich Dorn im Fleisch ihrer Qual, nicht
ein Blatt vermag ich zu wenden mit meiner Seele Odem ... ein
Speichelspeier nur bin ich, ein Tnen von Wirrsal und Wind ...

BARUCH:

Nicht qule dich, Meister ... der Schmerz verwirret dich.

JEREMIAS:

So sage doch, zeuge, knde mir, da ichs gewahr sei ... was hab ich
vermocht? Eine Stadt hngt am Tode, und ihre Not verzehret mich ... von
Trumen bin ich allnchtens umtan und schmerzhaft trchtig des Worts ...
so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde ... meine Warnung,
wen warnete sie ... nicht da er einen Boten sendete von Zelt zu Zelt ...
nicht da ein Mensch seine Schritte aufhbe als Bote des Friedens ...
Oh, die Luft frit meine Schreie, und das Gelchter der Menschen
schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage
geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten
und meiner Mutter Kmmernis. Kein Weib trgt ein Kind mir im Scho, und
kein Lebendiger glaubet meiner Rede!

BARUCH:

Ich glaube dir, ich la dich nicht.

JEREMIAS:

Du glaubest mir ... noch immer ... dann hr mein Wort ... So du mir
glaubest, verla mich! Denn du verderbest dich. Geh zu den andern, die
Se predigen und triefen von Verheiung, geh zu Hananja, der Sieg sagt,
und nicht spotte ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre
Lge, sie zeuget noch Khnheit, doch schlaff sind die Lenden meines
Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur zeugt meine
Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unntzer, denn der Friede schreit
zwischen den Schwertern, wer trichter als der Weisheit Verknder in der
Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die
Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, wer trstet, verflucht, wer nur
fluchet ... da ihm darre die Zunge ... da auslsche, der Ansto ist
und rgernis ...

BARUCH:

Nein, ich weiche nicht von dir ... Du bist der Groe ... Dich hab ich
erwhlt um deines Leidens willen.

JEREMIAS:

Nicht lobe mich, nicht lobe mich ... mich verbrennet die Scham ... was
hab ich denn Jerusalem zum Heile getan ... hab ich gebeugt des Knigs
Starrnis, hab ich zum Rechten gefhrt das irrend Volk, hab ich erweckt
den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich
und gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fhrt,
und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet ... wo ist meine Tat ... wem
brachte ich Segen ... wo schuf ich den Frieden ... wo weckte ich den
Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt ...

BARUCH:

Wie sagtest du ... einen Boten mtest du schaffen, da er gehe von
Nabukadnezar zum Knige?

JEREMIAS:

Will er denn als erster sprechen zum andern. Wie die Knaben warten die
Knige, da einer anhbe mit dem Wort.

BARUCH (hei):

Aus deinem Atem, sagtest du, mtest du einen Boten erschaffen ... aus
deinem Atem ... siehe, Jeremias, wisse ... du heilig Verzagter ... nicht
drr und fruchtlos ist dein Wort ... fruchtend ist es mir in die Seele
gefallen ... in mir nun keimet Gottes Gehei ... ich danke dir, Meister,
Erwecker ... aus dem Dunkel hast du mich gehoben ... meine Tat mir
gewiesen ... oh, Jeremias, der du Kraft zeugest aus deinem Schmerze ...
ich danke dir ... ich danke dir.

JEREMIAS:

Was erglhest du so ... Ich fasse dich nicht ...

BARUCH:

Meine Tat ... Sie ist es, die mir entglht ... Du hast mich befeuert ...
ich wei den Weg, nachbarlich geht er dem Tode wie der deine ... doch
ich will ihn gehen fr Jerusalem ... lebe wohl, Meister ... ich will
wrdig sein deines Rufes, lebe wohl.

JEREMIAS:

Wohin willst du?

BARUCH:

Lebe wohl, Meister ... lebe wohl und segne mich, wenn ichs vollbringe,
und fluche mir nicht, so ichs versume ... lebe wohl ... lebe wohl ...
es gilt Jerusalem ...

    (BARUCH schwingt sich zur Mauer und beginnt hinabzuklettern.)

JEREMIAS:

Was willst du an der Mauer ... Baruch ... wohin ...

BARUCH:

Deinen Weg ... lebe wohl ... lebe wohl ...

    (BARUCH verschwindet jenseits der Mauer.)

JEREMIAS (sich ber die Mauer beugend):

Baruch, wohin gehest du ... halt ein ... sie werden dich fassen ... die
Spher Chaldas sind schon rege um die Wege ... Baruch ... Baruch ...
Was fliehst du von mir ... Was lssest du mich allein ... Baruch ...
Baruch ... bleib bei mir in dieser Stunde ...

DER ERSTE KRIEGER (ist herbeigeeilt):

Was rufst du da ... was schreist du in die Nacht ...

JEREMIAS (sich aufrichtend):

Ich rufe ... ich rufe, und doch hrt keiner auf mich ...

DER ERSTE KRIEGER:

Was geht hier vor? Was treibst du noch da? Mir war, als glitte ein
Schatten die Mauer hinab. Ist einer mit dir?

JEREMIAS:

Keiner ist mit mir ... keiner ist mehr mit mir ...

    (JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer
    stadtwrts hinab. Der Krieger sieht ihm starr nach, bis er im
    Schatten der Mauer verschwindet, dann rafft er sich auf und
    schreitet im harten Mondlicht schweigend auf und ab. Es ist ganz
    still, nur sein schwerer Schritt hallt ber die mondblanken Quadern,
    und von ferne tnt aus dem Unsichtbaren heranklingend wieder der
    Wachtruf: Simson ber sie ... Simson ber sie durch die weie
    Nacht ...)




DAS FNFTE BILD

DIE PRFUNG DES PROFETEN

    Doch der Herr wollte ihn mit Leiden zermalmen.

  Jes. LIII.


    Das enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Tren
    des schmalen Raumes sind mit Vorhngen berhngt, ebenso die
    Fenster, so da Licht und alle Laute nur gedmpft von auen in die
    Dsterheit der Stube dringen und kaum mehr als der Umri der
    Gestalten und Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glnzt wei
    aus der Dunkelheit das breite bettartige Pfhl, auf dem die alte
    Frau regungslos liegt. Neben ihr aufrecht stehend ACHAB, der alte
    Diener.

JOCHEBED (eine Anverwandte, hebt vorsichtig den Vorhang des Einganges):

Achab ... hr, Achab ...

ACHAB:

Leise!... Tritt leise heran! Wie Flaum liegt der Schlummer ber ihr,
eines Wortes Windhauch schon blst ihn fort. Nicht stre ihre Ruhe!

JOCHEBED:

Wohl dem, der noch ruhen kann, indes die Tore schttern und die Festen
beben der Stadt!

ACHAB:

Nicht sprich davon, nicht erwhne des Feindes! So du sie liebst, schone
der Kranken.

JOCHEBED:

Wie meinest du? Was soll ich nicht sagen?

ACHAB:

Nicht nenn unsere Not! Fremd ist ihr Jerusalems Schicksal.

JOCHEBED:

Nicht fasse ich dich. Sie wei nicht, da Krieg unsere Stadt umfhrt?

ACHAB:

Wozu ihrs verraten, woran sie verginge? Ein Ahnen schon wre ihr Tod.

JOCHEBED (in hchstem Erstaunen):

Sie wei nicht, da Assur ber uns gefallen? Es ist noch ein Lebendiger
in den Mauern, der unwissend blieb unseres Elends? Wie konnte solch
Wunder geschehen? Sind ihre Sinne verschlossen denn, da sie die
Posaunen nicht hrt, meint sie noch Frieden, da schon Widder die Mauern
anrennen?

ACHAB:

Ihre Sinne sind dunkel geworden. Was sie hrt, vermeinet sie Traum. Die
Tren hab ich vertan und die Spalten verschlossen, da nichts Eingang
finde von Lrmen und Licht!

JOCHEBED:

Sie wei es nicht? Sie wei es nicht? Wunder ist dies und grausam
zugleich. Nichts, sagst du, Achab, wei sie, auch kein Ahnen rhrt ihren
Sinn?

ACHAB:

Manchmal flog Ahnen sie an, doch traumhaft nur, und mit Worten scheucht
ich es fort. Nur gestern, als das Volk schrie bei des ersten Widders
Prall, da schreckte sie auf. Die Decken warf sie im Fieber von sich und
reckte die Hnde, sie msse hinaus, sie msse zu Walle, Krieg sei im
Land, Feind in der Stadt, Zion vergehe, Jerusalem falle. Das Wort sei
erfllt, ihr Sohn, er habe es wahrgesagt, der Knig sei gekommen, der
Knig von Mitternacht. Und sie reckte sich auf und brach in die Knie,
doch ehe sie noch strzte, fate ich sie und trug sie zum Bett und
begtete sie, es sei nur ein Traum, nur ein Fiebertrug, dies Drhnen
drauen von Volk und Posaunen. Sie schien es zu glauben und lag dann
offenen Auges und horchte dem dunklen Gedrhne der Gasse nach.

JOCHEBED:

Wie sonderlich! Doch sag: was ists, das sie so verwirrt?

ACHAB:

Ihre kranken Sinne suchen den Sohn.

JOCHEBED:

Jeremias ... den Rasenden ... den Geiferer der Gasse ... sie selbst doch
stie ihn aus dem Haus.

ACHAB:

Doch ward keine Stunde ihr seitdem froh. Stumm sa sie nur mehr in den
Gemchern, und oft fand ich sie gebeugt ber das Tor wie einer, der
eines Gastes wartet. Und als er nicht kam und nicht kam, ward es mhlich
dster in ihren Sinnen.

JOCHEBED:

Doch was kommt er nicht, der Verworfene, da sie genese an ihm? Die
Gassen streift er alltags und speit Fluch in das Volk, indes die Mutter
seiner sehnend ist. Warum kommt er nicht, der Schwtzer des Markts, der
Wrger der Freude?

ACHAB:

Unwissend ist er, da sie seiner begehrt. Stolz ist er wie sie selbst,
nicht die Steine der Schwelle tritt er, auf die sie ihn gestoen.

JOCHEBED:

So la es ihn wissen.

ACHAB:

Wie darf ichs ohne ihr Gehei? Ein Sklave bin ich, ein Diener nur. Darf
ich mich unterfangen denn, zu hren, was sie unwissend spricht?

JOCHEBED:

Du darfst es, du mut es, so es ihr Leben gilt.

ACHAB:

Ist wahrhaft dies dein Meinen? Glaubst du, ich tte recht, voraus zu
sein ihrem Wort und ihm Botschaft zu senden?

JOCHEBED:

Bei Gottes Gte, so mein' ichs. Ihr Leben rettest du damit.

ACHAB:

So sei Gott gedankt, denn hre, Jochebed! Was du forderst, ich hab es
getan in meines Herzens Bedrngnis.

JOCHEBED:

Gesegnet, gesegnet dafr!

ACHAB:

Schon gingen meine Knaben aus, ihn zu suchen. Durch die Stadt sandte ich
sie, noch fanden sie ihn nicht, doch hart sind ihre Schritte hinter den
seinen!

JOCHEBED: Ach, fnden sie ihn nur! Es wrde ihr Genesung bringen, der
Armen, denn wirr ist zwischen Stolz und Sehnen ihr Sinn.

ACHAB:

Ja, wirr ist ihr Gefhl und verdstert ihr Blut. Seit er ging, ist sie
wie mit sich selber entzweit.

JOCHEBED:

Ach, wer fhlt denn noch klar in der Wirrnis der Zeit!

    (DIE MUTTER regt sich seufzend auf dem Bette.)

JOCHEBED (ihr Erwachen bemerkend, leise zu Achab):

Achab ... sie regt sich ... der Schlaf fllt von ihr ab ... noch sind
ihre Augen verschlossen, doch ihre Lippen fllt schon das Wort ...

    (ACHAB eilt hin und beugt sich ber die Kranke.)

DIE MUTTER (mit geschlossenen Augen, ihre Stimme ist leise wie ferner
Gesang):

Sag, ist er gekommen, sag, kam er schon? Oh, wo ist er, wo ist er, mein
Sorgensohn?

JOCHEBED (flsternd):

Wie wunderlich! Zum erstenmal denkt sie seiner im Wort!

ACHAB:

Noch ist Traum ber ihr, noch sind ihre Augen verhangen.

DIE MUTTER (regt sich und schlgt ihre Lider auf):

Wo ... Achab ... Du bist es ... Jochebed ... oh, das Dunkel ber mir ...
Traum, Traum, der mich verwirrte ... wo ...

ACHAB (zrtlich sich hinbeugend):

Wie fhlst du, du Liebe? Wie hast du geruht?

DIE MUTTER:

Wie kann ich ruhen ... wie ruhen in solcher Trume Schrecknis ... wo ist
er ... war er nicht hier ... wo ist er ... ich hab ihn gesehen ... was
ging er fort ...

JOCHEBED:

Sieh den Glanz in ihren Augen! Wie aus Fieber blickt sie, noch wirrt sie
der Traum.

ACHAB:

Wen meinst du, Liebe?

DIE MUTTER:

Fort ... was ging er fort ... was lieest du ihn von mir ... hier war
er, hier ...

ACHAB:

Keiner war im Gela, denn Jochebed und ich ...

DIE MUTTER:

Nicht er ... nicht er ... oh, Trume, wie voll ist von ihnen das Haus ...
(pltzlich sich aufrichtend, fiebrigen Blicks): Was rufst du ihn
nicht ... er soll kommen ... soll kommen ...

ACHAB:

Wen soll ich rufen?

DIE MUTTER:

Was fragst du, was fragst du? Siehst du nicht, Tod kniet auf mir, und du
rufst ihn nicht!

ACHAB:

Wie wagte ich ...

DIE MUTTER:

Oh, da meine Fe vermauert sind, da ich sieche, gehtet von blinden
Knechten, von steinernen Herzen. Fort ... fort von mir!

ACHAB:

Aber Liebe ...

DIE MUTTER:

Verraten hast du mich ... gesperrt ihm das Haus ... gewi war er hier,
und du hast ihn fortgestoen ... er war hier ... mein Blut sprt ihn an
der Schwelle ... er harrt nur des Rufes, und du schweigst ... Du hast
ihn weggestoen.

ACHAB:

So hre doch, Liebe ...

DIE MUTTER:

Weh ber mich ... fort ... fort von mir ... mgest du sterben wie ich,
verlassen von deinen Kindern, sterben am Streu wie das Rudige ...

ACHAB:

Ein Wort nur la mich sagen.

DIE MUTTER:

Ein Wort nur will ich hren, nur eines: Er kommt, er ist da ...

ACHAB:

Dies eben vermeld ich ... er kommt ... schon nahen dem Haus seine
Schritte ...

DIE MUTTER (sich aufrichtend, ganz verzckt):

Er kommt ... er kommt ... mein Jeremias ... oh, Achab ... nicht belge
mich ... nicht trge den Tod ...

JOCHEBED:

Schon hat er die Shne gesandt, da sie ihn suchen ... bald ist er hier ...

DIE MUTTER:

Er kommt ... Ist es wahr ... er kommt ... ja, schon hre ich ihn ... in
mir gehen seine Schritte ... ich hr ihn im Haus ... er will herein ...
im Herzen pocht er ... hinab, so geh doch, ans Tor, eile, flieg hinab ...
was steht ihr noch ...

ACHAB (beruhigend):

Du Liebe, gleich ist er bei dir ... frhmorgens schon sandte ich die
Shne ... er kommt gewi ...

DIE MUTTER (wieder erregt):

Nein ... er kommt nicht ... trge sind sie, die Knaben, nicht suchen sie
ihn ... sie streichen die Gassen ... oh, eilten sie doch ... das
Dunkel ... das Dunkel ... im Blute steigt mirs auf ... ich ... ich will
ihn noch sehen, eh mirs blendet den Blick ... geh, Achab ... sieh
doch ... er ist da ...

ACHAB:

Gedulde dich, Liebe, nicht reg dich so wild.

DIE MUTTER:

La ihn ein ... was lt du ihn warten ... hrst du nicht, wie er
hmmert am Tor ... an den Schlfen fhle ichs schon ... auf ... tu ihm
auf ... wie er hmmert ... weh ... wie er hmmert mit den Fusten ...
auf, tu ihm auf ...

ACHAB:

Noch ist er nicht hier, Liebe, doch er zgert nicht lang ...

JOCHEBED:

Gleich wird er kommen ... gedulde dich ...

DIE MUTTER:

Nein, nein, er ist da ... was haltet ihr ihn von mir ... ich habe nicht
Zeit ... kalt rinnts mir die Glieder herauf ... oh, kalt ... wie Stein
meine Beine ... es will ... es will ...

    (JEREMIAS ist leise zur Tre eingetreten und bleibt zgernd dort
    stehen, seine Hnde sind verkrampft, sein Haupt wie von ungeheurer
    Last gebeugt.)

ACHAB:

Nicht raff dich so auf ... bette dich hin ... er wird ...

    (ACHAB bemerkt Jeremias, er hlt erschrocken inne; auch Jochebed
    schweigt voll starrer Ergriffenheit. Eine steinerne Stille steht
    pltzlich im dunklen Raum.)

DIE MUTTER (sich mhsam aufrichtend):

Was schweigt ihr pltzlich mit einemmal ... was schweigt ihr so?
(Pltzlich mit einem Jubellaut): Ist er gekommen ... ist er da, mein
Kind, mein Sohn ... mein Jeremia ... oh, da meine Sinne so dunkel
sind ... wo ... wo bist du, Jeremia ...

    (JEREMIAS tritt zgernd einige Schritte nher, bleibt dann stehen,
    gleichsam vom eigenen Gefhle bezwungen.)

DIE MUTTER (sich gegen ihn wendend):

Du bist da, ich fhl es ... meine Sinne eratmen dich ... weh, da es so
dunkelt vor meinem Gesicht ... was trittst du nicht nah, da meine Hnde
dich fassen ... Was kommst du nicht, mein Jeremia?

JEREMIAS (unbeweglich verharrend, die Hnde an sich gekrampft):

Ich wage es nicht! Ich wage es nicht! Unheil hngt mir an, Fluch fhrt
mir voraus. La mich ferne stehn, da mein Hauch dich nicht rhre, nicht
Schauer anstreife dein heilig Herz!

DIE MUTTER (fiebrig):

Mein Kind, meine Arme, sie sehnen sich aus, was kommst du nicht, Lieber,
was kommst du nicht nah? Ward dir so widrig die Lippe, so fremd meine
Hand?

JEREMIAS:

Fremd bin ich mir selbst, fremd steh ich im Haus!

DIE MUTTER:

Oh, er verstt mich, er lt mich zum andermal! Was lt du mich
sehnen, was bist du so hart?

JEREMIAS:

Ich kann nicht! Ich kann nicht! Ein Wort brennt zwischen mir und dir wie
des Engels Schwert.

DIE MUTTER:

Oh, der Fluch, den ich tausendmal selber verfluchte. Wind hat ihn
zerblasen, mit dem Atem ist er verweht.

JEREMIAS:

Nein, Mutter, wach ist dein Fluch und alle Gassen rege deines Worts. Von
den Husern ist er gefahren wider mich, aus aller Menschen Mund sprang
er mich an. Nicht dein Sohn, nicht atmend Fleisch bin ich mehr, nur
Gelchter einer Welt, der Ausgestoene bin ich worden meines Volks und
der Zorn der Gerechten, der Vergessene Gottes und Ekel mir selbst.
Allein, la mich allein, abseits la mich stehen im Dunkel, den
Verfluchtesten aller!

DIE MUTTER:

Oh, mein Kind, und wrest du der Verstoene einer Welt, in der Priester
Bann und des Volkes Acht, und htte selbst Gott dich verstoen von
seinem Antlitz, mein Kind bist du und mein selig Blut fr immerdar! Fr
ihren Ha will ich dich lieben und segnen fr ihren Fluch! Haben sie
gespien auf dich, oh, komm, da ich dich ksse; haben sie dich
verstoen, oh, komm, da ich dich empfange; oh, kehr heim an mein Herz,
da du ausgegangen. S ist mir deine Lippe, die bittere, und s das
Salz deiner Trnen, gesegnet mir dein Wandel fr allezeit, kehrst du nur
heim an mein mtterlich Herz ...

JEREMIAS (mit einem Aufschrei hinstrzend und in die Knie sinkend):

Oh, Mutter, du ewige Gte du! Oh, Mutter, du meine verlorene Welt!

DIE MUTTER (ihn in den Armen einwiegend, hlt ihn lautlos umfangen. Ihre
Hnde streichen immer aufs neue zitternd ber sein Haupt, seinen Leib.
Endlich blickt sie ihn an, in ihrem Auge glnzt ein fremdes,
glckseliges Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm
spricht):

  Mein Kind, du mein weltverlorenes Kind,
  Ach, wrst du doch niemals von mir gegangen
  Zu den Menschen, die starr wie die Steine sind!
  Oh, du Lieber, du Guter, du spt Belehrter,
  Mein Herzgewiegter, mein Heimgekehrter
  Ruh aus nun, du Lieber, am Herzen ruh aus,
  Ich habe dich ja wieder, spr Blut dich im Blut,
  Vterlich hlt dich mit Stille das Haus,
  Mtterlich warm mein Arm dich gefangen.
  La dir streicheln die Stirn, la dir schmeicheln das Haar
  Wie einstens, wenn in dir ein Wehes war,
  Und das Wort, das harte, das trige Wort,
  Sieh, schon streichts die Hand von den Schlfen dir fort.

JEREMIAS (mit leisem Erschrecken):

  Oh, Mutter, wie deine Hnde doch schmal sind,
  Oh, Mutter, wie deine Wangen doch fahl sind,
  Dein Herz ward so still, deine Lippen so bla.
  Bist du krank denn, Mutter, sag, fehlt dir etwas?

DIE MUTTER:

  Was mir fehlte, warst du allein,
  All, was mich qulte, dein Fernesein.
  Als hier vom Haus
  Dein letzter Schritt im Gang verklang,
  Da ward herzinnen mir so schwach,
  Wie jenes Tags vor Jahr und Jahr,
  Als ich dich in die Welt gebar
  Und vieler Monde volle Frucht
  Aus meinem s beschwerten Scho
  Mit einmal schmerzhaft von mir fiel
  Und fast das Herz mir stille stand,
  Da es nicht mehr dies andre fand,
  Das mit ihm schwang im Wechselspiel. --
  Oh, jene Stunde banger Qual,
  Da du zuerst dich mir entrafft,
  Als neue Not und Mutterschaft
  Durchlebt ich sie nun abermal,
  Oh, Tag um Tag und Nacht fr Nacht,
  Und du weit nicht, wie Sehnsucht uns mde macht.

JEREMIAS:

  Oh, Mutter, so hast du um mich gelitten,
  Und ich stie durch die Straen, starrfhlend wie Stein!
  Oh, Mutter, wie kann ich dir dies abbitten,
  Oh, Mutter, wie kannst du mir dies verzeihn!

DIE MUTTER:

  Und wenn ich so mit mir allein
  Im leeren Haus verlassen lag,
  Trumt ich dir all deine Trume nach.
  Bei Tag
  Da duckten sie sich, da hockten sie stumm
  Im grauen Gespind und Geblk herum.
  Doch kaum, da am Dach die Sonne verblich,
  Da regten sie sich,
  Wie Eule, Unke und Fledermaus
  Flatterten sie schwarz aus den Schatten aus.
  Sie schlichen
  Und strichen
  Um meine Schlfen mit Graun und Geraun.
  Sie hockten
  Sich schwer auf die Brust, da der Atem mir stockte.
  Sie hackten
  Und nagten
  Kaltgleitende Schatten mir schwarz auf der Stirn
  Und fraen den Schlaf vom Herzen und Hirn.
  Oh, wie sie mich qulten, die widrigen Tiere,
  Die wirrichten Trume, die geilen Vampire,
  Bald khlten und bald durchschwlten sie mich,
  Bis tiefst zu innen aufwhlten sie mich,
  Da ich, wenn endlich der Morgen anbrach,
  Entkrftet im Schwei meines Leibes lag,
  Von Schauer und Traum
  Ganz ausgehhlt wie ein uralter Baum.

JEREMIAS:

  Oh, Mutter, oh, Mutter, was tat ich dir an!
  Und ich strich die Straen, fremd, unbedacht!
  Mit Jahren la jede Nacht mich entshnen,
  Die du um meinetwillen verwacht!
  Jetzt, jetzt erst hebt ja mein Leben an,
  Seit ich heim in deine Vergebung mich fand,
  Nun wei ich erst, da die wirrichte Welt
  Der Liebe nicht auch nur ein Tausend enthlt,
  Als das milde Kreuz deiner Arme umspannt.

DIE MUTTER:

  Oh, mein Sohn, mein Kind, mein Jeremia,
  Oh, ahntest du, was du an Trstung gibst,
  Wenn ich wieder erfhle, da du mich liebst,
  Oh, da du doch immer mir nahe bliebst,
  Du mein brennender Trost, mein seliges Licht,
  Du mein Erdenbrot, du mein Gottesdank,
  Genesen entglht mir schon deinem Gesicht!
  Oh, hre, ich beschwre dich,
  Jeremias, verla mich nicht,
  Bleib mir jetzt nah, es whrt nicht lang,
  Bleib da bei mir, Jeremia!

JEREMIAS:

Was frchtest du ... ich fa dich nicht ...

DIE MUTTER:

  Nicht lge, nicht betrge mich.
  Glaubst du, da ichs nicht innen spr,
  Wie sichs mit mir zu Ende neigt.
  Ich fhls: der Tod ist wach in mir!
  Und wie in einer Schattenuhr
  Ganz unmerklich
  Der schwarze Zeiger Strich um Strich
  Wandaufwrts schiebt und rndet sich,
  So steigt
  Mit jedem wachen Atemzug
  Das Dunkel tiefer mir ins Blut.
  Weh, da ichs selbst so wissend spr,
  Wie ich im wachen Blut einfrier.

JEREMIAS:

  Mutter, wie soll ich den Wahn verstehn,
  Du willst mich verlassen? Willst von mir gehn?
  Bedenke, nun sind
  Wir doch einander kaum wiedergewonnen,
  Zu neuer Gemeinschaft, Mutter und Kind,
  Nun erst hat mein wahrhaft Leben begonnen,
  Gott hat nicht vergebens mich heimgesendet
  Aus meiner Wirrnis und meinem Wahn:
  Ein Anbeginn ist dies von Gott und kein Ende,
  Oh, Mutter, heb neu mir zu leben an!

DIE MUTTER:

  Du ewiger Trumer, du mein triges Kind,
  Wie verfhrungsvoll deine Worte doch sind!
  Ach, da ichs vermchte,
  Was du ersehntest, dir wahrhaft zu werden,
  Ein Traum wr die Welt, zum Himmel die Erde!
  Im stillen Haus, eintrchtig zu zwein,
  Wie friedsam sollte dies Leben sein!
  Mit lindem Gang
  Schritt ich des Tags deine Stunden entlang,
  Und zur Nacht
  S ich ob deinem Schlummer wach
  Und glnzte den Blick als ein lauschend Licht
  In das schlafend Dunkel auf deinem Gesicht,
  Ich horchte in deines Atems Getn,
  Ob still er weht
  Oder hei von Fiebern und Trumen geht.
  Und fhlt ich, die Trume erschreckten dich,
  So weckte ich dich,
  Und dein erster, dunkelenttauchender Blick
  Fiele froh in das Lcheln des meinen zurck.

JEREMIAS:

  Mutter, Geliebte, sorge dich nicht,
  Meine Nchte sind dunkel und trumeleer.
  Es ist vorber: ich trume nicht mehr.

DIE MUTTER:

Du trumst nicht mehr?

JEREMIAS:

  Ich trume nicht mehr.
  Mein Schlaf ward schwarz, mein Schlaf ward stumm,
  Nicht mehr wallen
  In meinem Blut die Gesichte um,
  Meine Trume sind tief in den Tag gefallen,
  Ihr Schauer hat sich den Stunden gesellt:
  Ich trume nicht mehr, denn wach ward die Welt.

DIE MUTTER (ekstatisch):

  Jeremia! Du trumst nicht mehr?
  Oh, wie gut! Oh, wie gut!
  Siehst du Verzagter, ich wute es ja,
  Gott wrde dein dunkelndes Herz erleuchten
  Von seiner Wirrnis und seinem Wahn!
  Oh, so selig sicher glhts mir im Blut,
  Was ich dich lehrte von Anfang an:
  Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
  Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen,
  Und wenn der Feind von den Enden der Erde km,
  Ewig werden die ragenden Mauern,
  Ewig die Herzen Israels dauern,
  Ewig whret Jerusalem!

JEREMIAS (ist von den Knien aufgefahren. Er starrt sie wie ein Sinnloser
an. Seine Lippen beben das Wort wie eine Frage nach):

Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt ... umwallen?...

DIE MUTTER (aufzitternd vor Angst):

  Was schrickst so jh,
  Was blickst du so bla?

JEREMIAS (noch ganz benommen im Schauer):

Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt umwallen ...

DIE MUTTER:

  Jeremia, sprich,
  Was ist dir geschehn,
  Was krampfst du die Hand,
  Was birgst du den Blick?
  Was schrickst du und blickst du so unbewut?
  Und ihr,
  Achab, Jochebed,
  Was winkt ihr ihm ab,
  Was blinkt ihr ihm zu,
  Jeremia, Jeremia,
  Sage mir, sage, was ist geschehn?

JEREMIAS (sich fassend):

  Nichts, Mutter ... nichts ... nicht errege dich.
  Mir war
  Nur dein Wort so fremd ... so sonderbar.

DIE MUTTER:

  Nein!
  Euer Blick
  Ward mit einmal schwarz und sorgenumdstert;
  Und nun steht ihr im Dunkel und schauert und flstert.
  Frchterlich, frchterlich
  Ist dies Geheimnis, das ihr verschliet.
  Ich spr
  Es wie Tod und Gottes Zorn ber mir.

JEREMIAS (stammelnd):

Nichts, Mutter ... nichts ... verbergen wir dir.

DIE MUTTER:

  Was belgt ihr mich,
  Was betrgt ihr mich?
  Noch bin ich nicht tot und nicht eingesargt,
  Noch geht der warme Atem von mir,
  Noch schlgt mir das Blut aus dem Herzen heraus,
  Noch kann ich hren, noch bin ich nicht stumm,
  Noch bin ich lebendig im eigenen Haus.

JEREMIAS:

  Mutter ... du fieberst ... Wahn hlt dich umkrallt,
  Deine Schlfen sind Feuer ... deine Hnde so kalt ...

DIE MUTTER:

  Was biegt ihr mir aus,
  Was schliet ihr mich ab?
  Und wr es die Schrecknis, ich will um sie wissen!
  Warum, oh warum
  Sind hier die Fenster und Tren verhngt,
  Warum ist alles so dunkel und stumm?
  Wie in einen Sarg
  Habt ihr mich wach in mein Bett versenkt,
  Mich schwarz vergraben in Matten und Kissen.
  Warum, warum
  Stot ihr gewaltsam in Grauen und Grab
  Mich, die Lebendige, jetzt schon hinab?

JEREMIAS:

  Mutter ... Mutter ... bette dich hin ...
  Nicht wirf dich hoch ... beruhige dich ...
  Meine Hnde fhle ... ich bin doch bei dir ...

DIE MUTTER:

  Ich lebe ... ich lebe ... ich lebe noch,
  Ich lasse mich nicht belgen und trgen.
  Frchterlich Wachen kommt ber mich.
  Ich wei es, ich wei es jetzt grauenvoll klar,
  Da mein Trumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war.
  Oft
  Hrte ich Drhnen
  Von Rossen und Wagen,
  Ein Tnen,
  Klirren und Klagen und Waffenschlagen,
  Posaunen schollen dumpf in den Raum her,
  Und ich lag
  Von Grauen umdrngt
  Und meinte,
  Da all dies nur mein eigener Traum wr.
  Doch jetzt
  Bin ich wach,
  Grauenhaft wach,
  Der Tod hat die Lider mir aufgesprengt.
  Ich wei,
  Warum ihr das Licht und den Lrm mir verhngt:
  Unheil ist um in der Stadt, in den Toren,
  Wir sind geschlagen, wir sind verloren.
  Wehe, Krieg ist in Israel!

JEREMIAS:

Mutter! Mutter!

DIE MUTTER:

  Jeremia,
  Jeremia, sprich,
  Nicht la mich in Dunkel, nicht schweige mich an.
  Sag,
  Ist er gekommen,
  Den du verkndet,
  Der Knig, der Knig von Mitternacht?

JEREMIAS:

Du trumst, Mutter, du trumst.

JOCHEBED (flsternd):

Leugne es ihr ... um ihres Lebens willen leugne es ihr ...

DIE MUTTER (im Fieber):

  Weh, die Fanfaren,
  Wie sie drhnen und schallen!
  Er ist da, er ist da,
  Der reisige Knig von Mitternacht!
  Krieg ist in unsere Lnder gefallen,
  Feind kommt gefahren
  Unendliche Scharen.
  Weh, wie sie strmen!
  Es knicken die Mauern,
  Es brechen die Tore
  Gewaltig entzwei.
  Verloren ... verloren
  Israels Stadt und heiliges Haus.
  Die Mauer begrbt mich,
  Die Mauer erschlgt mich.
  Weh! Ich will nicht verbrennen im Bette!
  Rette mich, rette!
  Wohin
  Soll ich entfliehn?
  Jeremia ... wo bist du ... Jeremia,
  Hebe mich fort ... trag mich hinaus!

JEREMIAS (bei ihr kniend):

  Mutter, Mutter, unseliger Wahn
  Hlt dich umkettet,
  Mutter, Mutter, hre mich an!

DIE MUTTER:

  Ich halt deine Hand, ich halt deine Hnde,
  So schwre mir, schwre,
  Da es nicht wahr ist.
  Schwre mir, schwre,
  Da Israel nicht in Not und Gefahr ist.
  Schwr mirs, beschwre,
  Da kein Feind mir die letzte Ruhe verstrt,
  Da mein Leib in Zion zur Erde fhrt!

JEREMIAS (erschreckt):

  Es wird ... es wird ... Gott wird gndig sein
  Unserm Tode, wie ers dem Leben ist.

DIE MUTTER:

  Jeremia,
  Sage mir, sage,
  Bin ich wach oder wirr,
  Ist Feind vor den Toren
  Oder seligen Friedens voll unsere Welt?

    (JEREMIAS mit sich ringend, sucht vergeblich ein Wort.)

ACHAB (gleichzeitig auf ihn eindringend):

  Tusche sie ... sprich
  doch ... eh sie vergeht.
  Siehst du denn nicht,
  Wie dunkel schon auf ihrem Gesicht
  Schatten des Todesengels hinweht?
  Die Angst ... die Schrecknis ... scheuch ihr sie fort ...

JOCHEBED:

  Sprich ihr zu ... sonst wird es zu spt ...
  Ein Wort nur ... ein Wort,
  Da sie in Frieden zu Gott eingeht.

JEREMIAS (mit sich ringend):

  Ich ... kann nicht ... ich kann nicht.
  Es hlt mir einer die Kehle umpret,
  Es hlt mir einer die Seele umschnrt ...

DIE MUTTER:

  Wehe,
  Er schweigt,
  Oh, wahr, es ist wahr!
  Gott hat sein eigenes Volk geschlagen ...
  Jerusalem ... Fluchtag, der mich gebar ...
  Das Dunkel ... wehe ... das Dunkel steigt ...
  Brand berm Land ... die rasende Glut ...
  Weh, ich verbrenne ... rettet mich fort ...

ACHAB (gleichzeitig):

Ein Wort ... ein Wort nur sprich ... nur ein Wort.

JOCHEBED:

Trste sie ... trste sie ... eh sie vergeht ... Ein Wort nur ... ein
Wort ... sieh, wie sie verschmachtet.

JEREMIAS (wie ein Gewrgter rchelnd):

  Ich ... kann es nicht sagen ... das Wort ...
  Er lt nicht ... Er ... Mir die Kehle verdorrt ...
  Die Hand ... die grausame Gotteshand ...
  Mir ... die Seele geschnrt ... die Kehle umspannt ...
  Gott ... Gott, gib mich frei ... gib mich frei ...

DIE MUTTER (aufzuckend in wildem Schrei):

  Verloren ... weh ... wehe ... ich brenne ... Mord im Gezelt ...
  Hilfe ... die Stadt ... der Tempel ... Gott fllt ...
  Gott ist gefallen ... verloren ... die Flammen Gehennas ...
  Ins Herz ... bis ins Herz ... oh, Jerusalem ...

    (Die Mutter strzt pltzlich in sich zurck. Ein tiefes Schweigen.)

    (ACHAB UND JOCHEBED treten erschreckt heran und beugen sich ber die
    Tote.)

JEREMIAS (Stimme pltzlich grell wie ein Springquell aufschieend):

  Es ist nicht wahr:
  Ich log, ich log,
  Ewig whret Jerusalem,
  Nie wird ein Feind unsere Stadt umwallen,
  Nie Zion sinken, nie Davids Burg fallen.
  Hre mich, Mutter, noch einmal aufhre,
  Ich schwre, siehe, ich schwre, ich schwre:
  Ewig whret Jerusalem!

ACHAB (im Zorn):

  Weg,
  Du schreist sie nicht wach!
  La ihr den Frieden!

JEREMIAS:

  Sie mu mich hren, sie mu mich hren,
  Eh es zu spt ist!

ACHAB:

  Es ist zu spt!
  Weg
  Von ihrer Stille,
  Fort aus dem Gemach,
  Du schreist sie nicht auf, du lgst sie nicht wach!
  Was sprachst du nicht, da sie vor Angst sich verzehrte
  Und ihr Leben an deinem Schweigen verging?
  Fort,
  Du Mitleidsloser, du Gottesnarr,
  Du wster Trumer, du Ausgestoner!
  Da,
  Sieh nur, wie starr
  Ihre Blicke nach Gte und Hoffnung fragen,
  Und du hast
  Ihr den Schrecken des Todes hineingeschlagen.
  Du Gottverfluchter ... weg ... la ihr den Frieden ...
  Der du sie selber gemordet hast.

JEREMIAS (stammelnd):

La mich ... ich will ...

JOCHEBED:

  Fort, du Aussatz
  Von den Gerechten,
  Fort aus dem Haus!
  Wehe, warum
  Lie sie dich ein?
  Weg, du Verfluchter,
  Rhr nicht die heilige Stille an
  Und den Tod, den du ihr angetan.

JEREMIAS (zusammenbrechend):

  Ewig verflucht,
  Ewig verstoen,
  Aus dem Mutterscho in die Welt hinein,
  Gott ... Gott ... es ist hart, dein Bote zu sein!

    (ACHAB UND JOCHEBED umschreiten feierlich die Tote. Sie drcken ihr
    die Augen zu und schlagen die Laken um ihren Leib. ACHAB geht zu den
    Krgen und schttet das Wasser auf die Erde. Man hrt nur ihr
    ernstes Schreiten. Jeremias stumpfer Blick ist starr zu Boden
    gerichtet. Ein langes, tiefes Schweigen voll der Geheimnisse des
    Todes.)

    (LRMEN von auen, heftige Stimmen in Erregung.)

ACHAB:

Wer dringt heran?

JOCHEBED:

Auen stehen sie, ein lrmender Hauf. Sie wollen ins Haus.

ACHAB:

Wie die Feinde pochen sie hart. Tu ihnen auf!

JOCHEBED:

Wehe, die Wilden! Sie sprengen das Tor!

    (Gepolter nah auen von zerbrechendem Holz. Herauf dringt das
    Drhnen schwerer hastiger Schritte und herein strmen SEBULON,
    PASHUR, HANANJA, DER ERSTE KRIEGER und ein Schwarm mit ihnen.)

SEBULON:

Hier mu er sein.

EIN KNABE:

Ich sah ihn eingehn ins Haus.

STIMMEN:

Ich auch! Vor einer Stunde schlich er hier ein. Ich hielt Wache, wie du
befahlst ... ich auch ... ich hab ihn gesehn.

ACHAB:

Wen sucht ihr?

PASHUR:

Gib ihn heraus, den du birgst!

SEBULON:

Wir wollen ihn fassen! Blut um Blut!

ACHAB:

Was lrmt ihr! Weg von hier, ihr Rotte ...

PASHUR (die Tote sehend, hebt die Hnde von sich und spricht ernst):

Gelobt sei der ewige Richter. Gndig mge er sein der Gerechten! (Dann
wendet er sich und tritt schweigend zurck.)

DIE ANDERN (pltzlich still werdend, murmeln):

Gelobt sei der ewige Richter ...

EINER (leise):

Wer starb?

ACHAB:

Eine, von der Gott sein Antlitz kehrte. Eine Kummervolle, eine
Leidbeschwerte. Eine, deren Schmerz und bitterste Sorge war, da sie
einen Feind ihrem Volke gebar.

EINER:

Jeremias!

SEBULON:

Ihn suche ich! Ihn suche ich! Jeremias!

JEREMIAS (auffahrend, seine Stimme ist gewaltig von schmerzlichem
Zorne):

Wer sucht mich noch? Wer will noch Fluch schreien ber mich? Er komme,
da er es tue, der Aufgetane bin ich allen Flchen dieser Erde!

SEBULON:

Ich komme, dir zu fluchen, du Verfluchter, ich, Sebulon, der Vater
Baruchs, den du verfhrtest. Wo ist mein Sohn?

JEREMIAS (abwesend):

Ich wei es nicht. Nicht bin ich der Hter deines Sohnes.

SEBULON:

Der Verfhrer doch bist du und der Verderber. Schande hast du geworfen
auf mein Haupt und Schmach auf seinen Namen. Brder um mich, hret,
diesen klage ich an! Er hat meinen Sohn verlockt, da er untreu ward
seinem Gotte und feige an seinem Volke. Er hat ihn beredet, mit Worten
des Unheils und verleitet zur Schande.

HANANJA:

Antworte! Klage erhebt dieser Mann wider dich!

JEREMIAS:

Auch er klaget, auch er? Wehe, wenn ich anhbe zu klagen, mein Wort
mte fahren zu Gott!

STIMMEN:

Er schweigt ... er redet wirr, da man ihn nicht fasse ... Haltet
Gericht ... nicht gebet ihn frei ... Pashur, Hananja ... Ein Ende machet
mit ihm ... haltet Gericht ...

HANANJA:

Hast du Zeugen deines Wortes, Sebulon?

SEBULON:

Verschwunden ist mein Sohn aus der Stadt, und mit ihm nur ward er
gesehn! Und dieser hat gehrt, wie er ihn verlockte des Mitternachts an
der Mauer, da er berliefe zum Feind!

HANANJA (zu dem ersten Krieger):

Bist du des zu zeugen erbtig?

DER ERSTE KRIEGER:

Ich bin es, Profet! Da ich stund auf dem Walle, kamen selbander die
beiden, dieser, Jeremias, den ich kannte, und ein Jngerer, wie ein
Knabe anzuschaun, schwarz von Haar und feurigen Blickes ...

SEBULON:

Baruch, mein Sohn, mein Kind, das verfhrte!

DER ERSTE KRIEGER:

Und viel Redens war zwischen ihnen, und dieser, Jeremias, kndete laut
Untergang, da mir das Herz ergrimmte ...

HANANJA (zu den andern):

Habt ihr vernommen? Laut kndete er Zions Fall!

DER ERSTE KRIEGER:

... und da der Knig gegangen war und beide allein, klomm jener, den ihr
Baruch nennet, die Mauer hinab und lief zum Feinde, indes dieser zagte
und blieb.

SEBULON:

Hrt ihr? Habt ihrs vernommen, Mnner Israels? Der Verfhrung klage ich
ihn und der Schmach ber mein Haus.

PASHUR:

Was ist dein Einspruch, Jeremias? Klage stehet wider dich.

JEREMIAS (schweigt).

PASHUR:

So nennest du keinen Zeugen?

JEREMIAS (dumpf):

Der fr mich zeugen wird, nennet sich nicht.

PASHUR:

Wird er sich erweisen zur Zeit?

JEREMIAS:

Oh, Schweigen, Schweigen! Qual eurer Worte!

HANANJA:

Hrt ihr? Eitel Ausflucht und Rnke!

STIMMEN:

Er leugnet nicht ... berwiesen ist er! Ein Ende, macht ein Ende.

PASHUR:

Stille! Gerecht Gericht will ich halten! Jeremias, ich rufe dich zu
Einspruch und Widerrede!

JEREMIAS (schweigt).

PASHUR:

Klage ist wider dich, da du gekndet Untergang wider des Knigs Gehei.

JEREMIAS (schweigt).

STIMMEN:

Er verbirgt sich ... brich seinen Trotz ... ein Ende, mach ein Ende ...

HANANJA:

So leugnest du deine Verheiung?

JEREMIAS (schweigt wie abwesend).

HANANJA:

Sehet, vor des Todes Angst bricht seines Lebens Angst. Er schweiget, zum
ersten Male schweiget er!

JEREMIAS:

Willst du mich versuchen, du Versucher Israels, da ich sage nein fr
Gottes Ja und ja fr sein Nein! Strker hat er mich versuchet, da ich
weiche von seinem Wege, und ich bin nicht gewichen. Er hat eine wider
mich gestellt, deren Atem mir teurer war, als meines Lebens Hauch, und
ich wankte ihr nicht, denn wen der Herr zur Geiel erlesen, den reit er
los vom Baume des Lebens. Steinern bin ich worden in dieser Stunde, oh,
da ich wre der Stein des Anstoes, an dem ihr euch zerstoet. Weichet
von mir und verstrt nicht meinen Frieden!

SEBULON:

Nicht weiche ich! Meinen Sohn hat er verstrt. Gericht fordere ich,
gerecht Gericht.

HANANJA:

Das Volk hat er verwirrt! Tod ber sein Haupt!

STIMMEN:

Tod ber ihn ... befreie uns von seiner Nhe ... tilg ihn aus ... Sprich
deinen Spruch ...

PASHUR:

Zweimal habe ich dich gerufen zum Wort. Da du schweigen solltest, hast
du geredet, und nun du reden solltest, schweigest du. Zum drittenmal
rufe ich dich.

JEREMIAS (schweigt).

PASHUR:

So sprech ich deinen Spruch! Nicht mehr sollst du schrecken die Mutigen,
nicht mehr verwirren die Knaben. Jeremias, Sohn Hilkias in Israel ...

JEREMIAS:

Ein Ende! Macht ein Ende! Brennt mich nicht an mit den Blicken! Euer
Atem ekelt mich! Ein Ende, ein Ende!

PASHUR:

In die Dngergrube stot ihn hinab, Unrat zu Unrat, Kot zum Kote, da
Gottes Licht er nicht lnger schnde und ledig sei seiner Stimme die
Stadt. Mge er faulen wie seine Worte im Dunkel der Erde.

JEREMIAS:

Oh Qual alles Lebens! Oh Qual aller Worte! Gesegnet das Dunkel, gesegnet
das Grab!

PASHUR:

Fat ihn an, vollzieht den Spruch!

STIMMEN:

Gerechter Spruch ... gesegnet deine Weisheit ... fort ... hinab ...
schleifen wir ihn fort ... die Seile holt ... die Seile ... daran wir
ihn niederlassen.

JEREMIAS (zurckzuckend vor ihrer Berhrung):

Nicht rhret mich an, nichts hab ich gemein mehr mit euch! Oh, besser
jetzt im Dunkel zu weilen, denn die Stunde ist nahe, da die Lebendigen
neiden werden die Toten und die Wachen die Schweigenden in Israel. Oh,
wie michs schon lstet des Schweigens, wie michs brennet, der Toten
Bruder zu sein -- fort -- weichet, selbst scharr ich mich ein, da ich
erlst sei der Welt und Israel meiner erlset sei!

    (JEREMIAS geht mit eingezogenen Armen wie ein Frierender gegen die
    Tre, das Haupt schon gesenkt gegen die Tiefe. Die andern beginnen,
    ihm vorsichtig nachzufolgen.)

HANANJA (mit gellem Ton die Stille zerschneidend):

Jauchze, Zion, geborsten ist die Posaune deines Untergangs, zerrissen
die Lippe deines Leugners. Jauchze, Zion, denn ewig ist deine Blte!
Ewig whret Jerusalem!

    (JEREMIAS hat sich im Zorne gewaltig umgewandt. Er spannt seine Arme
    zur Beschwrung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von
    seinen Lippen will furchtbarer Fluch brechen. Die ihm folgen, fahren
    schauernd zurck wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias
    bezwingt sich. Seine Arme sinken langsam nieder, die gespannte
    Furchtbarkeit seiner Zge lst sich. Einmal noch sucht sein Blick
    das Bett der Toten, dann lischt seine Glut. Er verhllt sein Antlitz
    und schreitet einsam voran, wie gebckt von groer Last.)

DIE ANDERN (sich allmhlich aufraffend, doch noch voll Gedrcktheit):

Selig, da wir diesen wsten Trumer abtaten von der Stadt ... ein
Verhngnis war er ... man verbrannte an seinem Blut ... oh, da nun doch
Frieden wrde ... Friede in Israel ... hinab mit ihm, da versiegelt sei
dieser Mund des Schreckens, oh, Erlsung ... da doch nun Friede wrde
in Israel ...

    (ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verlt
    ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind
    zurckgeblieben und blicken einander unsicher an. Dann hebt Achab
    ein Linnen und breitet es ehrfrchtig ber die Tote.)




DAS SECHSTE BILD

STIMMEN UM MITTERNACHT

    Es will Abend werden, und die Schatten werden gro.

  Jer. VI, 4.


    Das Schlafgemach des Knigs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum,
    dessen Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur ber dem Ruhebett
    leuchtet eine Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das
    weitaufgetan ber die Stadt blickt, strmt weiches Mondlicht. Vorne
    ein breitgefgter Tisch mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter
    Vorhngen, steht rckwrts in der Mitte des Raumes.

    (ZEDEKIA steht am Fenster und sieht regungslos auf die mondbeglnzte
    Stadt. Es ist ganz still und er selbst ein Teil dieser Stille.)

    (DER KNABE SPEERTRGER von der Tre auf ihn zu. Er wartet
    ehrfurchtsvoll, ob der Knig ihn bemerken wolle. Zedekia wendet sich
    nicht, sondern sieht regungslos in die Nacht hinaus.)

DER KNABE SPEERTRGER (nach einer Pause, ehrfurchtsvoll, behutsam):

Mein Knig!

    (ZEDEKIA wendet sich wie erschreckt.)

DER KNABE:

Mitternacht, mein Knig. Die Stunde ist es, da du mich hieest, den Rat
vor dich zu rufen.

ZEDEKIA:

Sind alle versammelt?

DER KNABE:

Alle, so du entboten.

ZEDEKIA:

Hat keiner des Volks oder der Knechte sie gesehen?

DER KNABE:

Keiner, mein Knig. Auf dem geheimen Wege habe ich sie geleitet.

ZEDEKIA:

Und der Spher, ist er gesondert von ihnen?

DER KNABE:

Er harrt in der Halle der Trhter.

ZEDEKIA:

Er mge warten. Erst rufe den Rat.

    (DER KNABE verneigt sich, hebt den Vorhang der Tre und
    entschwindet.)

ZEDEKIA (allein, durchmit mit starken Schritten den Raum. Dann bleibt
er wieder am Fenster stehen und blickt hinaus):

Wie die Sterne heute abends glhen, so sah ich sie nie. In Reihen stehen
sie, wirr und wei wie eine Schrift zu schauen auf dem Dunkel des
Himmels, und doch vermag keiner sie zu lesen. In Babel, so sagen sie,
sind Deuter und Priester, die den Gestirnen dienen und Zwiesprache
pflegen mit ihnen des Nachts. Anderen Knigen sprechen ihre Gtter, auf
Trmen sind Sttten gebaut, das Wort der Himmel zu fassen, wenn innen im
Herzen das Dunkel waltet wie am Tage des Anbeginns. Warum sind mir nicht
Diener gegeben, die Zuknftiges wissen! Wahrlich, es ist furchtbar,
Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner
gesehen! (Er blickt lang auf die Stadt): Schlaf liegt auf ihnen, denen
ich gesetzt bin als Knig, bei ihren Weibern ruhen sie oder bei ihren
Waffen, und all ihr Wachsein ist in mir und ihre Not. Rat mu ich geben,
doch wer ist, der mich beratet? Fhrer mu ich sein, doch wer ist, der
mich fhrte? ber sie bin ich gesetzt, doch einer ist gesetzt ber mich,
und ich sehe ihn nicht. Schlaf hngt unter mir, Schweigen hngt ber
mir. Furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des
Auge keiner gesehn!

    (DER KNABE hebt den Vorhang. Es treten lautlos die fnf Rte des
    Knigs ein. PASHUR, der Priester, HANANJA, der Profet, IMRE, der
    lteste, ABIMELECH, der Heerfhrer, NACHUM, der Verwalter. Zedekia
    wendet sich und schreitet auf sie zu. Alle verneigen sich.)

ZEDEKIA:

Ich habe euch des Nachts entboten, auf da geheim bleibe unsere Rede.
Des Groen Rates habe ich entraten, denn ich bin seiner nicht sicher
mehr. Zu viele sind sie, als da ein Geheimnis nicht schlpfte von
hundert Zungen. Doch euch vertraue ich des Herzens Geheimstes. Redet
frei, wie ich frei zu euch rede, keiner mge zagen, da ich ihm zrne,
wenn sein Wort gegen das meine sich wendet. Doch was an Rede und
Ratschlu hier fllt, mu tot sein fr Stadt und Volk, begraben in
unserer Brust. Das fordere ich von euch und da ihr es bekrftigt mit
einem Gelbnis. Legt eure Hnde zum Zeugnis in des Priesters Hand, er
bewahre an des Hchsten Statt euren Eid!

    (ALLE heben die Hnde schweigend zum Eid und legen sie dann in
    Pashurs Hand.)

ZEDEKIA:

Und ich schwre bei Gott dem Allmchtigen, da ich mein Herz
verschlieen will dem Zorne gegen jeden, der wider mich redet. (Er legt
seine Hnde in die Pashurs.) Und nun lat uns Rates pflegen! (Er weist
mit der Hand gegen den Tisch. Alle lassen sich nieder. Schweigen.) Der
elfte Monat ist es, da Nabukadnezar uns belagert. Die Reben sind grn
geworden zum andern Male. Nichts hat Nabukadnezar vermocht wider
Jerusalem, aber desgleichen auch wir nichts wider ihn. Wie in Wasser
schlgt sein Schwert wider uns, wie in Wasser das unsere wider ihn.
Nichts haben wir unterlassen, dem Hilfe entwachsen knnte. Ich habe
Boten entsandt an Cyros, den Meder, und zu den Frsten des Morgenlands,
da sie uns beikmen wider Assur. Sie sind heimgekehrt leerer Hnde.
Keiner ist gewillt, unserer Not zu helfen. Wir sind allein.

HANANJA (heftig):

Gott ist mit uns!

    (DIE ANDERN schweigen.)

ZEDEKIA (sehr ruhig):

Gott ist mit uns, er hat sein Zelt geschlagen auf diesem Hgel, und sein
Haus schattet mein eigen Dach. Aber Gott sendet auch Prfungen ber sein
Volk. Nochmals sei es gesagt: die uns Treue schwuren, haben uns
verraten, gypten hat uns verlassen, wir sind allein. Lasset uns nun
bereden, Wort wider Wort, Meinung wider Meinung, wie wir den Streit
ausfechten mchten mit Nabukadnezar oder ob einer Rat wte, ihn zu
enden.

HANANJA:

Wir mssen beten zu Gott, da er das Wunder sende. Wir mssen unsere
Herzen fllen mit Gebet und seine Altre mit Opfern. Wir mssen ein
Doppeltes tun als bisher ...

NACHUM:

Es sind keine Opfer mehr, nicht Farren noch Bcke.

HANANJA:

Nicht wahr ist dies. Selbst habe ich das Blken der Rinder gehrt, die
du birgst vor den Altren.

NACHUM:

Die letzten sind es, Milchkhe, gespart den Frauen, ihre Kinder zu
sugen, und als Zehrung den Kranken.

HANANJA:

Man darf nicht sparen fr Gott. Mgen darben die Kranken und verdorren
die Brste der Frauen. Gott darf nicht entbehren des Opfers.

PASHUR (ernst):

Sein Herz wei unsere Not auch ohne Gabe.

HANANJA:

Aber nichts ist ihm ser, denn die Gabe der Not. Man gebe ihm das
Letzte und reie es selbst sich vom Munde.

PASHUR:

Ich kenne die Bruche, nicht mut du meines Dienstes mich belehren,
Hananja, besser ist er vielleicht mir bewut, als dir Gottes Wort und
Wille.

HANANJA:

Wer nicht opfert heien Herzens, wer da zaudert und zhlt, ist nur ein
Schlchter des Tieres und nicht Diener des Herrn. Ich aber sage euch, so
ihr nicht das Letzte hingebet von eurer Notdurft, seid ihr nicht wrdig,
vor sein Antlitz zu treten ...

ZEDEKIA (heftig):

Schweigt stille! Ich mag eure Worte nicht. Noch sind der Sandkrner
kaum zehn niedergeronnen in der Uhr, und schon erhebt ihr Rede
widereinander. Was Gottes ist, will nicht beredet sein. Ich habe euch
zum Rate gerufen ber unsere Not und wie wir sie vermchten zu wenden.
Kriegszeit ist unsere Zeit, und so frage ich dich als ersten, Abimelech,
den Obersten meiner Krieger.

ABIMELECH:

Fest sind die Mauern Jerusalems, mein Knig, aber noch fester ist mein
Herz.

ZEDEKIA:

Aber deine Knechte, du Getreuer, wie ist ihr Sinn? Selten hre ich sie
jubeln, und schreite ich an ihnen vorber, so schlagen sie nicht mehr
die Schilde und wahren den Blick.

ABIMELECH:

Schweigsam macht der Krieg, aber er hrtet die Herzen. Vorbei ist die
Stunde, da sie jauchzten vor Lust, da das Schwert ihnen frei aus den
Hnden fuhr, denn die Gewhnung mordet alles Groe, und jede Lust wird
schal an der Dauer. Aber sie wachen und warten, ehern hten sie die
Mauern Jerusalems.

ZEDEKIA:

Und wenn die Monde wachsen und sich mindern, wenn abermals das Jahr sich
neut? Wir haben keine Hilfe zu erharren.

ABIMELECH:

Mag es dauern, solang es Gott gefllt! Wir werden dauern wie die Zeit.

ZEDEKIA:

Der Herr erflle dein Wort! (Zu den andern:) Ist eure Meinung gleicher
Art?

PASHUR:

Wir mssen harren und gedulden, bis das Los des Sieges gefallen.

ZEDEKIA:

Und was ist dein Wort, Hananja?

HANANJA:

Nie wird Nabukadnezar uns obkommen! Weh denen, die kleinmtig sind und
denen das Herz schmilzt im Leibe, es wre besser, man schlge sie mit
der Schrfe des Schwerts.

IMRE:

Mein Auge ist trbe geworden, doch es hat dereinstens noch Salmanassar
gesehen, der aufstund wider Israel, und es sah seiner Toten Schar vor
den Mauern. Nie waren so fett die Schakale, denn das Jahr, da Jerusalem
gegrtet war von den Feinden des Herrn. Und so wird er wiederum treffen,
die wider uns aufstunden. Mge mein Auge nicht welken, ehe es diesen
Tag erschaut. Ewig whret Jerusalem!

ABIMELECH, HANANJA, PASHUR:

Ewig whret Jerusalem!

ZEDEKIA (nach einer Pause):

Ich misse dein Wort, Nachum! Warum verharrst du in Schweigen?

NACHUM:

Dster sind meine Gedanken, mein Knig, und bitter meine Rede. Nicht
drngt sich vor, dessen Sinn ohne Freude ist.

ZEDEKIA:

Ich rief euch, Rates zu halten. Willkommen, des Botschaft Labsal bringt,
willkommen auch der, des Wort Warnung ist. Sprich frei vor uns allen!

NACHUM:

Ehe du mich entbotest zum Rate, bin ich in die Kammern des Korns
gegangen und habe die Scheffel gezhlt. Die Rume, die voll gewesen bis
zum Speicher, sind licht und leer. Es geht nicht mehr an, da jeder ein
ganzes Brot erhalte des Tages.

    (ALLE schweigen betroffen.)

ZEDEKIA:

Wurde nicht Korn aus den Drfern geschafft? Lie ich nicht Milchkhe und
Vieh in die Mauern treiben?

NACHUM:

Elf Monde whret der Krieg, und viel fressende Muler flohen zur Stadt.

ZEDEKIA (nach einer Pause):

Es ist nicht vonnten, da jeder die volle Zehrung habe. Wir werden
sparen.

NACHUM:

Auch bislang ward kein Krnchen verschwendet, mein Knig, und doch
ghnen die Speicher. Gewaltigen Schlund hat die Zeit.

ZEDEKIA:

Und wie lange ... meinest du ... knnten wir ausharren ... mit unserer
Zehrung ...

NACHUM (leise):

Drei Wochen, Herr, -- zum lngsten.

    (ALLE schweigen wieder betroffen.)

ZEDEKIA:

Drei Wochen ... und dann?

NACHUM:

Ich wei nicht Antwort, Herr, Gott wei sie allein.

    (ALLE schweigen wieder.)

HANANJA (erregt):

Man teile die Brote. Man gebe jedem nur das Halbe oder ein Drittel.
Genug lang haben sie geprat fr sich und ihre Kebsen, nun mgen sie
darben fr den Herrn.

ABIMELECH:

Meine Krieger drfen nicht geschmlert werden. Wer kmpfen soll, darf
nicht darben.

HANANJA:

Alle mssen ihr Teil geben, auch die Krieger. Es gilt Jerusalem.

ABIMELECH:

Meine Krieger mssen Kraft haben. Lieber mgen die Unntzen verhungern,
die Luftblser und Wortemacher.

NACHUM:

Um Nichtiges rechtet ihr. Denn was wre gewonnen, schnrten wir die
Magen, wenn Hundertmaltausend in unsern Mauern sind? Drei Wochen reicht
die Zehrung, und schlachten wir die Tiere des Tempels, so whret es zwei
Sabbate mehr.

PASHUR:

Es mu mehr Stille sein zwischen uns. Wie die Feinde sprecht ihr
gegeneinander. Wir mssen verbndet sein gegen Nabukadnezar und
verbndet gegen das Volk. Nicht er und nicht sie drfen wissen von
unserer Not.

ZEDEKIA:

Und wenn er es wte bereits?

NACHUM:

Keiner kann es wissen. Ein Siegel drcke ich allmorgendlich an die Tr
der Kammern und lse es mit eigener Hand. Nicht das Volk ahnt die Not,
nicht Nabukadnezar.

ABIMELECH:

Gott sei gepriesen. Er wrde unser nicht schonen.

ZEDEKIA:

Ich habe euch gerufen zum Rat, ihr ltesten des Volkes. Nicht war mir
bewut, wie karg unsere Speise sei, und doch, meine Gedanken standen auf
wider die Zeit. Nicht das Schwert allein endet die Kriege, oft snftigt
sie das Wort. Und ich rief euch, zu fragen, was ihr dchtet, wenn ich
Botschaft sendete zu Nabukadnezar, da wir fragten um den Frieden
zwischen unsern Vlkern.

HANANJA:

Keinen Frieden mit den Lsterern des Allmchtigen!

ABIMELECH:

Mge er senden zu dir, mein Knig! Nicht wir zu ihm!

PASHUR:

Gefhrlich dnkt mich dies Beginnen. Er wird uns zu knechten suchen,
sobald er unsere Botschaft gehrt.

ZEDEKIA:

Anders denn eure sind meine Gedanken. Noch ist unsere Not ihm verborgen,
doch in wenig Tagen wird er sie wissen. Wir mssen die Zeit des
Geheimnisses nutzen.

NACHUM:

Wie wahr ist deine Rede, mein Knig! Wir mssen Gnade suchen bei
Nabukadnezar, ehe seine Hoffart mchtig wird ber uns.

ABIMELECH (erbittert):

Keine Gnade! Lieber den Tod!

PASHUR:

Gottes Gnade bedrfen wir, keiner andern!

HANANJA:

Feiger Verrter du, Krmer des Glaubens ...

IMRE (mhsam):

Wann wird der Streit tot sein in euren Herzen! Wahr redet der Knig.
Nicht zur letzten Stunde drfen wir warten. Lasset uns ihm
entgegengehen, solange wir noch aufrecht sind.

ABIMELECH:

Es ist zu spt schon. Die Toten vor den Mauern reden wider uns.

PASHUR:

Es ist zu spt. Zuviel Grimm hat der Krieg gehuft.

ZEDEKIA:

Es ist nicht zu spt. (Er schweigt einen Augenblick.) Denn schon ist ein
Bote gegangen zwischen Nabukadnezar und mir!

    (ALLE aufspringend, wirr durcheinander.)

NACHUM:

Du hast Botschaft von ihm! Gesegnet sei die Stunde!

HANANJA:

Verrat! Du verhandelst mit den Feinden!

ABIMELECH:

Keinen Vertrag ohne unsere Stimme! Du hast unser vergessen!

PASHUR:

Was handelst du, Knig, ohne unsere Meinung? Wozu sind wir berufen?

ZEDEKIA:

Ruhe vor mir! Knnt ihr nicht warten auf einer Rede Ende! Wie die
hungrigen Hunde zerfleischt ihr das erste Wort! (Pause. Er spricht
ruhiger:) Ein Sendling ist gekommen von Nabukadnezar in mein Haus,
Botschaft zu bringen. Nicht habe ich ihr gewehrt, nicht habe ich sie
empfangen. Versiegelt noch harrt sie in seinem Munde. Ist dies
Verhandeln, was ich tat, ist dies Betrug? Redet!

    (ALLE schweigen.)

PASHUR:

Verzeihe, mein Knig. Schwer ist es, sein Herz zu halten, wenn es heilig
Schicksal trgt.

ZEDEKIA:

An euch ist es, ihn zu hren oder ihn abzuweisen.

NACHUM:

Wir sind in Not. Wir mssen ihn hren.

IMRE:

Man hre ihn und mitraue doch seinen Worten.

ABIMELECH:

Man hre ihn, doch erwge, ob man ihn heimsende hernach, denn er mag
ein Spher sein und gesandt, uns auszuschleichen.

ZEDEKIA:

Und ihr, Pashur und Hananja?

PASHUR:

Man hre ihn!

    (HANANJA schweigt, wendet sich ab.)

ZEDEKIA:

Da keiner dawider spricht, sei er berufen. (Er tritt zur Tr und ruft:)
Joab, hole den Boten! (Dann zurck zu den andern:) Fraget ihn aus, jeder
nach seinem Dnken. Vielfach sei unser Fragen, doch einig unsere
Antwort. Meidet, vor ihm uneins zu sein.

    (BARUCH tritt ein hinter Joab, der den Vorhang ber ihn hebt und
    dann verschwindet. Er verneigt sich vor dem Knige.)

ZEDEKIA:

Bist du es, der Botschaft bringt vom Knige Nabukadnezar an Israel?

BARUCH:

An dich hat er mich mit Botschaft gesandt.

ZEDEKIA:

Meine Rte sind dies. Wer zu mir redet, mu ihnen Antwort stehen, denn
sie und ich, Israel und sein Knig, sind eines Gottes Wille. (Zu den
andern:) Fraget ihn aus.

HANANJA (hhnisch):

Was geruhet die Gnade des heidnischen Knigs ...

ABIMELECH (hart unterbrechend):

Die Frage der Vorsicht zuerst! Wie ist dein Name?

BARUCH:

Baruch bin ich, der Sohn Sebulons, aus dem Stamme Naphtali.

ABIMELECH:

Unseres Blutes nennst du dich?

BARUCH:

Ich bin Diener des alleinigen Gottes, und zu Jerusalem steht meiner
Vter Haus.

ABIMELECH:

Ist einem Kenntnis dieses Mannes?

PASHUR:

Seinen Vater kenne ich, rechtlich ist er, ein treuer Diener des Herrn.

ABIMELECH:

Wie fielest du in des Feindes Hand?

BARUCH:

Ich war gegangen, Wasser zu holen vom Brunnen Moria. Da faten sie mich
von den Schultern her und griffen mich.

ABIMELECH:

Und wie weisest du, da du sein Bote bist? Ist geschrieben Zeugnis dir
gegeben, gesiegelte Schrift?

BARUCH:

Er lie seinen Ring an meine Hand tun, da ich kenntlich sei seinen
Kriegern fr Eingang und Widergang. (Er hebt die Hand mit dem Ringe.)

ABIMELECH:

Ich habe keine Frage mehr. Er rede seine Botschaft.

BARUCH:

Da mich die Krieger griffen vor dem Tore, schleppten sie mich in des
Knigs Zelt. Sie fhrten mich vor sein Angesicht und frugen, ein Ebrer
sei gefangen und ob sie mich vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch
der Knig wehrete ihnen und hielt mich elf Monde bis zum gestrigen Tage,
da er mich frug: Willst du Botschaft bringen an den Knig Zedekia? Ich
stund vor ihm ohne Furcht und sagte, da ich willens sei. Da sprach
Nabukadnezar: Elf Monate lagere ich hier vor der Stadt, und ich habe
geschworen, nicht eher zu weichen und bei einem Weibe zu liegen, bis
diese Tore sich auftun vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht lnger.
Lange habt ihr mir widerstanden, doch nun reifet der Zorn in mir:
frchtet seine Frucht! Will der Knig sich bedenken, so mge er eilen.
Kein Volk hat mir besser widerstanden, gegen keines will ich milder
sein, so ihr euch eilet, die Gnade zu nehmen.

ABIMELECH:

Nabukadnezar ist ein groer Krieger. Ehre ist es, ihm widerstrebt zu
haben elf Monde lang.

BARUCH:

Und er sagte ferner -- die Krone trug er zu Hupten, wie ich nie eine
gesehen, funkelnd von Gold und Edelgestein: So ihr die Tore noch auftut
und euch beugt, ehe der volle Mond sich neut, will ich euch das Leben
lassen. Jeder mge seines Weinstocks pflegen und in Frieden von seinem
Feigenbaume essen. Ich will nicht Blut von euch, obzwar ihr Blut
vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, da die Vlker
von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen gewahr werden, da kein
Trotz ist wider mein Schwert, der nicht zerbrche, und kein Knig, der
mir sich nicht beugete, dem Knig der Knige. Des will ich ein Zeichen,
und dauern mge eure Stadt und eure Tage.

NACHUM:

Milde dnkt mich die Botschaft.

PASHUR:

Zu milde, als da ich ihr traute.

ZEDEKIA:

Doch das Zeichen! Welches Zeichen fordert Nabukadnezar?

BARUCH:

Er sagte: Also sprich mein Wort zu Zedekia: Ich habe die Krone gelassen
auf deinem Haupte, weil sie ein Kind war der meinen, ein Kind meiner
Gnade. Doch du hast aufgereckt dein Haupt wider mich, so mut du wieder
es beugen; du warst Knig durch meine Gnade vordem und sollst es
wiederum werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mut du zuvor Bue
tun und deiner Hoffart.

ZEDEKIA (ruhig, sehr langsam):

Was fordert Knig Nabukadnezar von mir, da ich tue?

BARUCH:

Er sprach: Der aufstand wider mich, mu sich beugen, und der die Stirne
reckte wider mich, dessen Rcken will ich sehen. Wenn ich einschreite
durch das Tor, soll Zedekia mir entgegengehen vom Tor des Tempels bis
zum Walle, die Krone in Hnden und ein hlzern Joch auf seinem Nacken ...

ZEDEKIA (auffahrend):

Ein Joch?

BARUCH:

Ein Joch, auf da alle gewahr werden, da sein Starrsinn gebrochen sei
und sein Hochmut sich beuge. Und ich will ihm entgegengehen und das Joch
nehmen von seinem Nacken und die Krone wieder setzen auf sein Haupt.

ZEDEKIA:

Nie wird das Haupt eine Krone tragen, des Nacken ein Joch gefhlt.
Niemals! (Er steht auf.)

ABIMELECH:

Nie werde ich es dulden. (Er steht gleichfalls auf.)

    (DIE ANDERN bleiben schweigend sitzen.)

NACHUM (endlich nach einer langen Pause nachdenklich):

Vom Tor des Tempels sagte er, bis zur Mauer der Stadt?

PASHUR:

Hundert Schritte kaum sind es ... nicht mehr ...

IMRE:

Nicht siebenzig sind es ... nicht siebenzig ...

ZEDEKIA (sich umwendend in Zorn):

Die Schritte zhlet ihr schon, die ich tun soll, den Nacken unter das
Joch gespannt wie der Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch
gefahren, da ihr meint, ich wrde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit
mir, solange es euer Leben galt und euer Gespartes, und nun, da der
Freche euch befriedet, verschachert ihr meine Schmach? Feiglinge seid
ihr ...

PASHUR:

Mit deinem Eide hast du gelobt, mein Knig, da jeder frei vor dir sage,
was sein Herz ihm gebietet.

ZEDEKIA:

Zum rechten erinnerst du mich. Verzeih meinem Blute. Sprecht frei nach
eurem Herzen.

NACHUM:

Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch hrter die Not. Man mge ihm
willfahren. Nicht aber meine, da wider deine Ehre ich rede, mein Knig.
Habe ich bislang mich gebeugt in Ehrfurcht vor dir, so will ich noch
tiefer mich neigen vor dem, der die Not des Volkes auf den Nacken
genommen, der sich erniedrigt, auf da Israel erhhet sei. Denn
wahrlich, Knigstat ist es, zu leiden fr sein Volk.

PASHUR:

Und ich, mein Knig, neide dir deine Stunde. Denn selig ist es, zu
leiden fr seine Brder. Siebenzig Schritte hast du unter dem Joche zu
gehen, und Siebenzigmaltausend rettet dein Schreiten.

ZEDEKIA:

Leicht ist euch, was mir Tod ist. Alle, alle wider mich! Und du,
Hananja?

HANANJA:

Ich schweige, mein Knig. Dein ist die Tat!

ZEDEKIA:

Schweigst du jetzt, Profet! Noch sind die Ohren mir voll deiner
Verheiung. Alle, alle wider mich in der Not! So wollt ihr mich zwingen?

ABIMELECH:

Ferne sei es uns, zu zwingen den Gesalbten des Herrn. Frei walte sein
Wille!

ZEDEKIA:

Frei! Schicksal habt ihr geladen auf mein Leben, und nun ich sthne und
strze, tretet ihr abseits und lat mich ihm allein. (Er geht auf und
ab, dann tritt er wieder zum Fenster.) Mauern und Trme, Huser und
Lager, alles, alles auf mein sthnend Herz, Schicksal von Tausend auf
Tausend gehuft auf mein Leben! Wie das tragen, ohne hinzusinken, wie es
ertragen! (Er geht wieder auf und ab. Pltzlich:) Noch einmal wgt euern
Beschlu, prfet bis ins Mark euer Meinen. Ist es euer aller Gehei, da
ich unter das Joch trete fr Israel?

    (ALLE schweigen. Dann sagt:)

NACHUM (als erster):

Ich flehe dich an, da du es tuest fr uns und unsere Kinder.

IMRE:

Fr die Stadt und das Land.

PASHUR:

Fr den heiligen Tempel und den Altar.

HANANJA:

Fr Gott, der es heischt von dir.

    (ABIMELECH schweigt und birgt sein Gesicht.)

ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. In ihm wogt ein innerer Kampf. Endlich
tritt er vor. Seine Stimme ist ernst und feierlich):

Ich will tun, wie ihr gebietet. Ich will meinen Stolz nehmen und ihn
zerbrechen wie ein Rohr, ich will das Joch nehmen auf mein Haupt.

    (ALLE wollen erregt sprechen. Er winkt ihnen, zu schweigen.)

ZEDEKIA:

Ich will die Krone nehmen von meiner Stirne und sie darbieten mit den
Hnden, wie jener es gebot. Aber heilig ist die Krone Israels, und kein
Haupt soll sie tragen, dessen Nacken ein Joch geschleppt. So ich abgetan
von mir das Holz der Schmach, tue ich auch ab Zepter und Ring von mir in
meines Sohnes Hand. Jung ist er, doch ihr werdet ihn beraten. Schwret
ihr, da ihr Treue bietet, da ihr das Volk ihm zuscharen werdet und ihn
kleiden mit Krone und Ring an meiner Statt?

PASHUR (ergriffen):

Ich schwre es, mein Knig.

IMRE, HANANJA, NACHUM:

Wir schwren es.

ABIMELECH:

Wie ein Knig hast du getan, Ruhm deinem Namen!

NACHUM:

Ewiges Gedenken dem Knig Zedekia.

ZEDEKIA:

So mgen stehen die Mauern und die heilige Burg, wenn ich hinsinke in
Staub; besser ich, denn die Stadt. Ewig whre Jerusalem!

ALLE (begeistert):

Ewig whret Jerusalem!

ZEDEKIA (zu Baruch):

Du hast gehrt, Knabe! So gehe hin zum Knige und sage ihm an: Zedekia,
der Herrscher war und aufstund wider ihn, beuget sich vor ihm, auftun
sich die Tore seiner Gnade. Gehe hin und eile, denn es drngt mich, bald
vor die Tr meines Hauses zu treten und es dem Volke zu sagen das
kstliche Wort: Friede.

BARUCH (unruhig, leise):

Ich hre, mein Knig. Doch eines noch hie der Knig mich melden, eines
noch heischt er von uns.

ABIMELECH (auffahrend):

Noch mehr? Gengt ihm noch nicht diese Schmach?

BARUCH:

Ein Geringes nur nannte er es. Doch mich dnkt es gro.

ZEDEKIA:

Was fordert sein Stolz noch mehr?

BARUCH:

Er sprach: Ich will nehmen das Joch vom Nacken des Knigs und die Krone
wieder legen auf sein Haupt. Und er mge zu meiner Linken gehn, damit
man erkenne, da ich ihn ehre als meiner Krone Geschwister und Kind.
Aber noch einer ist in euern Mauern, von dem die Vlker sagen, da er
mchtiger sei denn alle, und diesen verlangt es mich, zu sehn. Sie
sagen, ein Gott sei in euern Mauern, dessen Blick ihr berget vor den
Menschen hinter zeltenen Wnden und den keiner ertrge zu schauen. Aber
fremd ist mir Furcht, und ich will vor ihn treten, da ich ihn kenne.
Ich werde nicht rhren an seinen Altar, nicht fassen nach seinem Brote,
nicht gieren nach seinen Schtzen. Einla nur heische ich von euch, denn
es lstet mich, den zu kennen, der gewaltiger wre als ich. So sagte
Nabukadnezar.

PASHUR:

Niemals! Niemals!

HANANJA:

Die Flamme des Herrn mge ihn fressen, den Frevler!

PASHUR:

Lieber in Staub den Tempel als entweiht!

IMRE (bestrzt):

Das Allerheiligste heischt er zu sehen! Furchtbar ist das Verlangen!

PASHUR:

Frevel ist es und heidnischer Hochmut! Sende heim den Boten, mein Knig,
sende ihn heim!

HANANJA:

Sende ihn heim! Nie darf dieses geschehen!

NACHUM:

bereile nichts, mein Knig. Wir sind entboten, eines Volkes Wohl zu
erwgen.

ABIMELECH:

Tausend Tode lieber als diese Schmach.

PASHUR:

Und ich sterbe mit euch! In eurer Mitte, ihr Krieger!

HANANJA (wild):

Sende ihn heim, Knig. Lieber Tod als diese Schmach!

IMRE:

Wie ihr doch redet vom Sterben! Wie leicht werft ihr das Wort!
Siebenzigtausend ttet euer Trotz, bedenket es, ihr Eilfertigen!

PASHUR:

Willst du es preisgeben, Gottes Heiligtum?

IMRE:

Auch das Leben ist ein Heiligtum von Gott, Gott selbst ist das Leben.
Warum berhebst du dich, Gottes Anwalt zu sein?

HANANJA:

Es wre Schmach ohne Ende und Triumph vor den Heiden, ginge er hin und
sagete: Ich habe Jahwes Antlitz gesehn.

NACHUM:

Mgen sie jauchzen, unsere Feinde, mge vergehen unser Stolz. Doch die
Stadt mge berdauern unsern Stolz und unser Leben. Knig, mein Knig,
errette Jerusalem!

HANANJA:

Nein! Sende ihn heim! Sprich das Wort! Sprich das Wort!

ZEDEKIA:

Ich bin die Hand nur, die wgt. Mein eigen Herz halte ich nieder. Eilet,
entscheidet, zhlet die Stimmen! Zhlet und eilet, da ein Ende sei im
Bsen oder im Guten.

IMRE:

Der lteste bin ich und sage: man erflle Nabukadnezars Gebot.

HANANJA:

Man erflle es nicht. Gott wird uns helfen.

PASHUR:

Ich schachere nicht um Gottes Antlitz. Niemalens diesen Frevel!

NACHUM:

Gottes Stadt fr ewig. Man sende den Boten.

ZEDEKIA:

Und du, Abimelech?

ABIMELECH:

Nicht dein Berater bin ich, mein Knig, dein Diener bin ich und dein
Schwert. Bei ja und nein, in Leben und Tod steh ich zu dir.

ZEDEKIA:

Zwei Stimmen gegen zwei und in mir selbst sind zwei Stimmen! Widerstreit
um mich und Widerstreit in mir! Wie soll ich entscheiden? Weggestoen
habe ich meinen Willen und euch zugeworfen, doch wie das Meer schleudert
ihr ihn mir zurck und schauernd halte ich ihn in Hnden. Mu ich selbst
sie werfen, die Wrfel, die frchterlichen?

PASHUR:

Gott wird dich erleuchten!

ZEDEKIA:

Da er doch sprche zu mir! Oh, selig die Ahnen, denen er sich noch
auftat im Gewlk! Ich habe ausgereckt meine Hnde nach ihm und mein
Herz, doch verschlossen sind mir seine Himmel. Im Dunkel tappe ich, und
meine Hnde greifen nur Ungewisses. Betet fr mich, da ich das Rechte
finde!

NACHUM:

Unsere Liebe ist mit dir, mein Knig!

ZEDEKIA:

Die Sterne werden bla, und ehe die Nacht sich wendet, mu ich ja sagen
oder nein, und vielleicht ist nein ja und ja ist nein. Mge Gott mich
erleuchten. (Er steht auf, alle erheben sich.) Lasset mich allein! Euer
Zwiespalt mehrt nur den meinen. Ich werde entscheiden, wie mein Herz mir
sagt, und vielleicht, ehe ihr heimkehret, ist der Spruch gefallen; wie
in Kindesnot die Gebrerin, krmmt sich mein Herz, da es das Rechte
gestalte. Betet, ihr Freunde, betet, da ich das Rechte erwge fr
Israel! Betet fr mich, betet fr Jerusalem!

PASHUR:

Gott mge dich erleuchten! Mein Auge wird nicht den Schlummer sehen, ehe
du entschieden. Ich harre vor dem Altare!

HANANJA (im Abgehen):

Gedenke Gottes!

NACHUM (gleichfalls):

Gedenke der Stadt!

IMRE:

Gedenke der Kinder, gedenke der Frauen!

ABIMELECH:

Du findest mich bei dir in Leben oder Tod.

    (ALLE gehen ab. BARUCH allein ist wartend stehen geblieben.)

BARUCH (leise):

Soll ich mit ihnen, mein Knig?

ZEDEKIA (aus seinen Gedanken auffahrend):

Wie sagst du? (Sich erinnernd): Nein, du bleibst!

    (BARUCH bleibt wartend in der Nhe der Tre stehen. ZEDEKIA beginnt
    unruhig auf und ab zu gehen. Er blickt auf die Stadt, starrt lange
    hinaus, wandert wieder auf und nieder. Dann wendet er sich pltzlich
    scharf um.)

ZEDEKIA:

Noch heute fordert Nabukadnezar mein Wort?

BARUCH:

Noch heute! Denn morgen neut sich der volle Mond.

ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. Dann pltzlich):

Du bist vor seinem Antlitz gestanden! Sprach er vor vielen mit dir oder
im geheimen?

BARUCH:

Er lie mich in sein Gemach entbieten. Nur sein Schreiber war
gegenwrtig und sein Vertrauter.

ZEDEKIA:

Und wie war seine Weise, da er zu dir sprach?

BARUCH:

Stolz schien mir seines Wesens Art vor allem. Er sprach gtig zu mir und
schien sich zu freuen, da er so gtig zu sein vermochte; und da die
andern ihn deshalb priesen, sonnte er sich in ihrem Wort.

ZEDEKIA:

Und da er drohete, wie war er?

BARUCH:

In Finsternis hllte er sein Gesicht und stampfte mit dem Fue. Aber ich
merkte, da auch dies nur getan sei, da man vor seiner Gre schaudere
und ich Botschaft brchte seines Zorns.

ZEDEKIA:

Und frug er dich nach mir?

BARUCH:

Sein Vertrauter wollte mir Kundschaft ablocken, er aber duldete es
nicht.

ZEDEKIA:

Hoffrtig ist er und sein Trotz ein Gewitter ber unsern Hupten. Aber
ich frchte ihn nicht. Ich frchte ihn nicht. (Er geht auf und ab.)
Keine Frage hat er getan nach mir?

BARUCH:

Nein, mein Knig.

ZEDEKIA:

Nichts sind wir ihm, ein Hufchen Staub unsere Mauern. Aber er mge
Trotz finden fr sein Trotzen. Elf Monde stt seine Stirne gegen unsere
Wlle, und kein Lcheln sind wir ihm wert. Fr ein Wort bin ich ihm zu
gering und fr einen Atem die Stadt. Aber noch ist mein Joch nicht
geschmiedet, noch stehen die Mauern Jerusalems. (Er geht heftiger auf
und ab.) Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute?

BARUCH:

Morgen neut sich der volle Mond.

ZEDEKIA:

Warten haben wir ihn gelehrt, und noch immer hat er es nicht gelernt.
Nicht bin ich der Springer seiner Ungeduld, nicht seiner Launen Ball.
Will er nicht warten lnger als einen Tag, so soll er warten lernen
Wochen und Monde. (Sich aufrichtend.) Noch heute bringst du Botschaft an
Nabukadnezar! Melde ihm ...

BARUCH (erschreckt):

Mein Knig! Nicht im Zorne entschliee dich!

ZEDEKIA (ganz starr vor Erstaunen):

Was erkhnst du dich?

BARUCH (flehend):

Mein Knig, ich sah den Grimm auf deinem Antlitz und erschrak vor der
Botschaft.

ZEDEKIA:

Was mat du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du zu schauen, sondern
Worte zu bringen. Und ich befehle dir ... Warum zitterst du?

BARUCH:

Furchtbar ist es, Bote zu sein harter Botschaft.

ZEDEKIA:

Hast du Furcht, sie Nabukadnezar zu bringen?

BARUCH:

Nicht ihn frchte ich -- ich frchte die Botschaft.

ZEDEKIA (erstaunt):

Was frchtest du?

BARUCH:

Wider uns wird sie fahren, die Flamme deines Zorns! (Pltzlich in die
Knie strzend:) Knig, mein Knig, nicht im Zorne entschliee dich,
rette, rette die Stadt!

    (ZEDEKIA ist in hchstem Erstaunen zurckgetreten.)

BARUCH:

Ich flehe dich an auf den Knien, rette Jerusalem, rette Jerusalem! Recke
aus deine Hand, da sie den Frieden fasse, sonst strzen die Mauern und
sinkt der Tempel in Staub. Knig, mein Knig, tu auf die Tore, tu auf
dein Herz!

ZEDEKIA (grimmig):

Tu auf die Tore, tu auf dein Herz -- ich kenne dieses Wort. Nicht du
sprichst zu mir, du Frecher. Es ist einer hinter dir, der redet wider
mich ...

BARUCH:

Niemand, mein Knig: ich flehe aus der Tiefe meiner Angst. Wahrheit will
ich dir sagen. Nicht gefordert hat mich Nabukadnezar zu sich, ich sah,
da zgerten die einen und die andern zum Frieden; da ging ich hin zu
ihm freien Herzens, da ich das seine erweichte. Sein Gewand fate ich
an und flehte, elf Monde, Tag fr Tag, bis er mir Botschaft gab an dich.

ZEDEKIA:

Das hast du getan? Ein Knabe, ein Kind, bist du gegangen, whrend wir
sprachen und rieten, bist du gegangen zum Knig der Knige, um Frieden
zu holen?

BARUCH:

So habe ich getan in meines Herzens Not, mein Knig.

ZEDEKIA (ihn lange ansehend; pltzlich scharf):

Nicht du hast diese Tat ersonnen, nicht du!

BARUCH:

Niemand hat mich sie geheien.

ZEDEKIA:

Das ist nicht wahr. Kein Knabe sinnt solche Taten aus.

BARUCH:

Ich schwre, mein Knig, ich tat es allein. Unwissend war er ihrer,
nicht hat er sie befohlen noch gebilligt.

ZEDEKIA:

Wer ist dieser, der dir gebietet?

BARUCH (ausflchtend):

Mein Lehrer, mein Meister.

ZEDEKIA:

Wer ist dein Meister, frage ich, wer gebietet den Knaben in dieser
Stadt?

BARUCH:

Gottes Diener und Profet ist mein Meister -- Jeremias.

ZEDEKIA (ausbrechend):

Jeremias! Er, immer er! Immer der Schatten hinter meiner Tat, immer in
Aufruhr wider mich! In den Kerker habe ich ihn verschlossen, aber noch
immer schreit er zu mir wie am ersten Tage: Friede, Friede! Was drngt
er sich vor? Was will er mich verwirren, was quert er meinen Weg? Wo ich
mich wende, ist auch er, im Palast, in der Stadt, und durch seine Boten
wirft er sich auf wider mich. Was verfolgt er mich?

BARUCH:

Du irrst, mein Knig! Jeremias liebt dich mehr, denn einen andern dieser
Stadt.

ZEDEKIA:

Ich brauche seine Liebe nicht, ich speie sie an und zerblase seinen
Zorn! Wer ist er, da er wagt, mich zu lieben? Darf einer aufstehn in
der Gasse und knden, er liebet mich oder liebet mich nicht? Was stt
er sich zwischen mich und meinen Entschlu? Will er mehr sein als ich?
Ich bin der Knig, ich allein! Mge er schreien: Friede, Friede! nicht
seine Hand hlt Jerusalems Geschick. Ich bin der Knig, und nicht rhmen
soll er sich, er habe mich geschreckt mit seinen Trumen. Eher sinke die
Stadt, als da sie gerettet sei durch Jeremias! (Zu Baruch): Du gehst zu
Nabukadnezar und sagest ihm an: Nie wird Zedekia ein Joch tragen, nie
hebt er den Vorhang des Heiligsten. Mge er kommen mit seinen Vlkern,
Zedekia ist ihm bereit.

    (BARUCH, im Schrecken beide Hnde hebend, will sprechen.)

ZEDEKIA:

Kein Wort! Und bringst du die Botschaft nicht, so fllt Jeremias Haupt.
Zweimal habe ich seines Lebens geschont, doch zu Ende ist meine Milde.
Nicht will ich Richter hinter mir und Schatten hinter meiner Tat, ich
will sterben als Knig zu Jerusalem.

    (BARUCH hebt noch einmal die Hnde.)

ZEDEKIA:

Ein Wort dawider, und sein Haupt sinkt hin. In deinen Hnden ist meine
Botschaft, ist Jeremias Haupt. Geh! Ich befehle dir: geh!

    (BARUCH bleibt noch einen Augenblick stehen, dann verhllt er sein
    Antlitz und wendet sich ab.)

ZEDEKIA (hat sich drohend aufgerichtet gegen den Zgernden. Wie Baruch
abgeht, fllt sein ausgereckter Arm nieder wie zerbrochen, sein Antlitz
verdstert sich wieder von neuem. Pltzlich sich aufreckend):

Vorbei! Ein Ende, ein Ende! Nur nicht mehr die Qual! (Er geht wieder auf
und ab, hebt den Vorhang und sieht lange stumm sinnend auf die Stadt.
Endlich stampft er zweimal mit dem Fue.)

DER KNABE SCHWERTTRGER (erscheint):

Mein Knig?

ZEDEKIA:

Wein! Bring mir Wein! Ich will schlafen, schwarz und tief, schlafen ohne
Trume!

    (DER SCHWERTTRGER bringt hastig einen Krug und fllt den silbernen
    Becher. Zedekia strzt ihn gierig hinab. Sein Gesicht wird wieder
    unruhig.)

ZEDEKIA:

Wer ist drauen im Gange? Ich hre einen Schritt. Ist der Spher nicht
gegangen, zgert er noch?

SCHWERTTRGER:

Er ist gegangen, Herr! Der drauen wacht, ist mein Bruder Nehemia.

ZEDEKIA:

Er soll nicht so laut schreiten des Nachts vor meinem Schlafgemach. Ich
will nichts hren um mich. Ich will schlafen. Auch ich will schlafen wie
die andern.

SCHWERTTRGER:

Es soll geschehen, Herr! (Er schlgt die Vorhnge des Pfhles
auseinander und verhllt die Ampel. Nur ein trber Schein von Mondlicht
glnzt in den Raum.)

SCHWERTTRGER:

Soll ich dir noch lesen aus den heiligen Bchern, mein Knig, wie
gestern und ehetags?

ZEDEKIA:

Aus den Bchern?... Nein, la die Bcher, auch sie wissen nicht Rat. Ich
will schlafen, schlafen einmal wie die andern. Meine Lider brennen, und
mein Herz brennt mit.

SCHWERTTRGER (hilft ihm aus dem Obergewand. Zedekia wirft sich auf das
Ruhelager):

Gott schtze deinen Schlummer, mein Knig.

    (ZEDEKIA breitet sich hin.)

    (SCHWERTTRGER ruft Nehemia. Sie stellen sich schweigend ins Dunkel
    zu Hupten des Bettes, reglos auf ihre Lanzen gesttzt. Die Lampe
    ist ganz verhllt, nur das Fenster wirft Mondlicht auf den Teppich
    zu Fen des Pfhles. Riesengro stehen die Schatten der Wachenden
    an der Wand. Es ist ganz still. Man hrt aus dem Hofe jetzt das
    leise pltschernde Rauschen eines Springbrunnens. Sonst ist alles
    wie erstorben. Die beiden rhren sich nicht. Die Zeit fliet stumm
    weiter.)

ZEDEKIA (pltzlich wild aufspringend und sie anfahrend):

Was flstert ihr miteinander? Habe ich nicht Stille befohlen?

SCHWERTTRGER (erschrocken):

Wir sprachen nichts, mein Knig.

ZEDEKIA:

Aber es spricht jemand! Wer dringt in meinen Schlaf, wer frit an meinem
Schlummer? Sie sollen schlafen jetzt alle, alle, damit ich schlafen
kann! Ist jemand noch wach in den Nebengemchern?

SCHWERTTRGER:

Niemand, mein Knig. Niemand ist wach mehr im Hause.

ZEDEKIA:

Niemand ist wach mehr, nur ich, nur ich! Warum auf mich alle Last, die
Mauern der Stadt und die Trme der Sorgen? Wein, gib mir Wein!

    (SCHWERTTRGER gibt ihm wieder den Becher, Zedekia strzt ihn hastig
    hinab und schleudert ihn weg. Er sthnt und legt sich wieder auf das
    Ruhebett. Wieder wird es ganz still. Wieder hrt man durch die
    Stille das Rauschen des fernen Springbrunnens. Es ist ein leises
    Tnen davon in der Luft, einlullend und geisterhaft. Reglos stehen
    die Schatten der beiden Wchter, dunkel im Dunkel. Wieder rinnt Zeit
    vorbei.)

ZEDEKIA (der reglos gelegen, richtet sich im Dunkel ganz leise auf. Wie
ein Tier im Ansprang, krmmt sich sein Krper in der Anstrengung des
Lauschens, er krampft sich immer mehr zusammen, und pltzlich schreit er
heftig):

Es spricht! Es spricht! Es spricht hier von irgendwo. Ich hre eine
Stimme, ich hre, ich hre sie. Und es soll niemand jetzt reden in
meinem Haus. Wie Gesang tnt es her, es soll niemand jetzt singen in
meinem Haus. Hrt ihr es, hrt ihr es nicht?

SCHWERTTRGER:

Ich hre nichts, mein Knig!

NEHEMIA:

Nichts habe ich vernommen ...

ZEDEKIA (sieht beide starr an, dann krmmt er sich wieder auf seinem
Lager zusammen, horcht und pltzlich wieder losbrechend):

Und doch! Es spricht! Es spricht! Es spricht ohne Ende! Hieher,
Schwerttrger, hier, unter meinem Ohr. Wie ein Maulwurf whlt es im
Schwarzen meines Schlafes und frit meine Ruhe. Hrst du, hrst du es
nicht?

SCHWERTTRGER (lauscht. Es ist einen Augenblick ganz still. Dann
schaudernd):

Ich hre eine Stimme. Aus der Tiefe dringt sie empor!

ZEDEKIA:

Ah, du hrst sie auch!

SCHWERTTRGER (schaudernd):

Es tnt wie Gesang. Die Geister der Tiefe sind wach unter dem Haus. Es
klagt und sthnt wie ein gefesseltes Tier.

NEHEMIA:

Vielleicht ist es Wind, in eine Spalte verfangen?

ZEDEKIA:

Nein, Worte sind es, ich fhle sie, ohne sie zu fassen. Wer singt hier
nachts in meinem Haus? Ist den Sklaven so wohl, da sie singen, indes
ich, der Knig, hier liege mit brennenden Lidern? Geh, Joab, und mache
ihn stumm.

    (SCHWERTTRGER eilends ab.)

ZEDEKIA (bleibt gekrmmt horchend. Er scheint etwas zu hren, denn er
hebt den Kopf, dann beugt er sich wieder horchend nieder. Pltzlich hrt
man drei dumpfe Schlge. Der Knig horcht gierig. Dann aufatmend):

Gott sei gedankt. Es schweigt! Es ist stumm! Er hat es stumm gemacht!

    (SCHWERTTRGER erscheint wieder an der Tr. Er blickt verstrt.)

ZEDEKIA:

Wer war es, der da sprach?

SCHWERTTRGER (zitternd):

Ich wei es nicht, Herr. Ich bin ihm nicht genaht. Wie ich niederstieg
zur Halle, hrte ich strker das Singen, aus der Tiefe der Erde schien
es zu kommen, und grauenhaft tnten die Worte. Ich ging nach, wo sie
tnten, und fand doch keinen, der sang in der Halle, immer war es tiefer
als ich, immer tiefer, wie aus einem Brunnen klang es empor oder einer
Grube. Und ich hrte seine Worte, die waren frchterlich. Dreimal stie
ich den Speer auf die Erde. Und da schwieg die Gehenna.

ZEDEKIA:

Was tnte die Stimme?

SCHWERTTRGER (schaudernd):

Ich ... ich kann es nicht sagen!

ZEDEKIA:

Ich befehle dir: sage die Worte!

SCHWERTTRGER:

Lsterung war es, mein Knig, die aufstrmte vom Brunnen.

ZEDEKIA:

Was waren die Worte? Bei meinem Zorn!

SCHWERTTRGER (schaudernd. Seine Stimme wird psalmodierend im Gesang):

  So sang es von der Tiefe:
  Ich habe mein Haus verlassen mssen
  Und mein Erbe meiden,
  Und was meine Seele liebet, in der Feinde Hand geben.
  Meine Augen flieen mit Trnen Tag und Nacht
  Und hren nicht auf,
  Denn die Jungfrau, die Tochter meines Volks,
  Ist greulich zerplagt.

ZEDEKIA (aufschreiend):

Jeremias! Er, immer er!

SCHWERTTRGER (wie begeistert weitersingend):

  Wehe, wie hat der Herr die Tochter Zion
  Mit seinem Zorn berschttet!
  Er hat die Herrlichkeit Israels
  Vom Himmel auf die Erde geworfen,
  Er hat die Mauer seiner Palste
  In des Feindes Hnde gegeben,
  Da sie im Hause des Herrn geschrien haben
  Wie an einem Fest.
  Er hat ...

ZEDEKIA (ausbrechend):

Schweig still! Schweig still! Ich will es nicht hren. Ich will nicht!
Immer er, immer er! Auf jeden Kreuzweg ist er gestellt, da ich schreite,
hinter meinen Taten rennen seine Rufe, in meine Trume drngt er sich
ein und fttert meinen Zwiespalt. Wie ihm entrinnen, dem Schatten, dem
frchterlichen? Aus der Grube noch schreit er zu mir! Wie ihm
entfliehen, der mich verfolgt, wie ihm entgehen, der allerorts ist? Wer
befreit mich von ihm ...

SCHWERTTRGER:

Herr, ist es dein Feind, so ... (Er macht eine Bewegung.)

ZEDEKIA (aufgeschreckt aus seinem Zorn, starrt ihn fassungslos an. Dann
in erwachendem Stolz):

Du meinst ... Nein, ich frchte ihn nicht. Ich frchte niemanden. Und
ich wei nicht, ob er mein Feind ist. Vielleicht war es tricht, vor ihm
zu flchten ... Vielleicht ... (Er geht unruhig auf und ab):
Schwerttrger!

SCHWERTTRGER:

Mein Knig?

ZEDEKIA:

Geh hinab und schliee auf die Dngergrube. Nimm mit deinen Bruder
Nehemia, und bringet den Mann aus der Tiefe vor mich her. Geheim mu er
gebracht werden und im geheimen wieder hinab.

    (DER SCHWERTTRGER und sein Bruder eilig ab.)

ZEDEKIA (allein. Er spricht halblaut vor sich hin):

An jedem Kreuzweg hinter meinem Rcken und immer zu spt, und immer mu
ich ihn hren. Warum rief ich nur Gott, der mir schweigt, und nicht
alle, die sagen, da er rede durch sie? Aber warum reden sie einer gegen
den andern und widersprechen sich, wie ja dem nein? Wie sie erkennen,
wie scheiden das Falsche vom Wahren? Furchtbar, furchtbar dieser Gott,
der immer nur schweigt und dessen Boten keiner erfat!

    (JEREMIAS erscheint, begleitet vom Schwerttrger, der auf eine
    Gebrde Zedekias sofort den Raum verlt. Sein Antlitz ist fahl und
    abgemagert, schwarz wie aus einem Totenschdel schauen die Augen aus
    einem weien, knchernen Gesicht. Er blickt den Knig ruhig
    forschend an.)

ZEDEKIA (nach einer kurzen Betretenheit):

Ich habe dich rufen lassen, Jeremia. Warum strst du meine Ruhe? Was
singst du des Nachts, da alle schlafen, und schlfst nicht auch?

JEREMIAS:

Dem, der da wachen soll ber das Volk, ist kein Schlafen verstattet, und
zum Wchter bin ich gesetzt und zum Warner.

ZEDEKIA:

Wahr sprichst du, Jeremias, nicht ist jetzt Zeit zu ruhen in Jerusalem,
und bei Gott, ich habe nicht geruht. Ratschlu habe ich gehalten mit den
Dienern meiner Krone, aber nicht ward still meine Seele daran. Die
Freunde habe ich vernommen, die meines Sinnes sind, doch noch verlangt
es mich, den zu vernehmen, der wider mich ist in Jerusalem.

JEREMIAS:

Nie ward mein Herz wider dich, mein Knig, nur meine Rede wider dein
Tun.

ZEDEKIA:

Und nie war ich dir feind, sei des eingedenk in dieser Stunde! Wenn ich
dich verschlo, so war es, dich zu retten vor deinen Widersachern.
Heilig war mir dein Haupt um deiner Khnheit willen. Doch nun sprich zu
mir nicht, wie du am Markte sprichst, sondern in deiner Seele und vor
Gottes Ohr. Nahe bist du vielleicht deinem Ende, und die Bcher sagen,
da Worte wahr sind im Antlitz des Todes.

JEREMIAS:

Nicht nher bin ich dem Tode, Zedekia, als du selbst. Auf einem Blatte
des dunklen Buches ist unsere Stunde gezeichnet.

ZEDEKIA:

Ich bin nicht dein Feind: mge sie dir ferne sein!

JEREMIAS:

Zweimal habe ich gesprochen zu dir, Zedekia, Knig von Israel, doch nur
deinen Rcken traf meine Rede, und vor dir lief schon die Tat. Nun
spreche ich in dein Antlitz und frage dich, was begehrst du von mir?

ZEDEKIA:

Viel ist von den Dingen wahr geworden, Jeremias, die du geweissagt, und
deine Stimme ward strker in meiner Seele. Nabukadnezar ist gekommen von
Mitternacht mit Rossen und Wagen, wie du gesehen im Traum, und grtet
die Stadt. Nichts ist ihm gelungen bislang, doch mchtig hilft ihm die
Zeit. Ein Geheimnis will ich dir knden. Karg wird in den Mauern das
Brot.

JEREMIAS:

Ich wei es, Herr.

ZEDEKIA:

Wie kannst du es wissen? Keiner hat die Scke gezhlt, als Nachum, der
Hter. Wie gibst du vor, es zu wissen, der du beim Dnger liegst unter
der Erde?

JEREMIAS:

Das Brot ist kleiner geworden und kleiner, das sie mir in die Grube
reichen, kaum deckt mirs die Spanne der Hand. Und ich hre die Hunde
winseln des Nachts und scharren in den Knochen, denn keiner wirft ihnen
mehr Weiches zu. So ward mir die Not bewut.

ZEDEKIA (noch gereizter):

Die Hunde wissen es in den Gassen, die Versenkten in ihrer Grube, und
mich, den Knig, hat man heut es gelehrt. Auf den Gassen geht die
Wahrheit um und weilet dort lange, ehe sie kommt zu den Knigen.

JEREMIAS:

Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dnkel weilt? Ist ihr denn Willkomm
bei den Knigen? Hart ist das Ohr der Knige und nur aufgetan der
Honigrede, ihre Hften umgrtet mit Hochmut und ihre Fe umnestelt mit
Schmeichlern. Sie meinen, die Hochmtigen, man knne Feuer fassen, ohne
sich zu brennen, und ins Schwert greifen, ohne sich zu schneiden. Wer
aber den Frieden strt, dem wird er verstret werden, und wer Wind in
die Welt geset, wird Sturm ernten in seiner Seele.

ZEDEKIA:

Jeremia, zum Rat habe ich dich gerufen, nicht zur Schmhung! Aus deiner
Tiefe habe ich dich geholt, und keiner wei es von ihnen, da aus dem
Brunnen, darein sie dich versenkten, Ratschlu ich hebe. Darum sprich zu
mir wahrhaft und rate, ehe da du schmhest. Willst du mir zu Willen
sein?

JEREMIAS:

Gott einzig bin ich zu Willen.

ZEDEKIA:

So hre, was keiner wei, denn meine Rte. Ein Bote kam von
Nabukadnezar, da wir wendeten den Krieg von unseren Vlkern.

JEREMIAS (jauchzend):

Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!

ZEDEKIA:

Nicht juble zu frh! Hart ist, was er fordert von uns, und seine Hoffart
ohne Ma.

JEREMIAS:

Hoffrtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein
Herz, doch rette die Stadt!

ZEDEKIA:

Meine Ehre hat er gefordert.

JEREMIAS:

Gib sie hin fr die Stadt!

ZEDEKIA:

Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone?

JEREMIAS:

Was dein ist, wirf weg! Besser als Ehre ist Friede, besser Leiden denn
Sterben.

ZEDEKIA:

In ein Joch will er mich beugen!

JEREMIAS:

Selig zu leiden einer fr alle, zu leiden fr das lebendige Leben. Beuge
den Nacken, errette die Stadt!

ZEDEKIA:

Schmach wre es fr all die Knige, deren Erbe ich bin, Unflat am Kleid
meiner Ahnen.

JEREMIAS:

Nicht derer denke, die waren, denn Staub sind sie und Wurmfra. Denke
der Stadt, gedenke der Lebendigen!

ZEDEKIA:

Doch nicht mich nur will er erniedrigen, auch unsern Gott.

JEREMIAS:

Gott lchelt seiner Verchter! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut
dein Herz!

ZEDEKIA:

Das Heiligste will er betreten, dem keiner genaht!

JEREMIAS:

Gott wird es wehren, so es sein Wille ist, nicht du. Tu auf die Tore, tu
auf der Demut dein Herz!

ZEDEKIA (ergrimmt):

Starrsinn ist deine Weisheit und Trotz dein Ratschlu. Mit tauben Ohren
hrst du mir zu, und Kieselstein ist deine Antwort.

JEREMIAS:

Soll ich die Hnde klappen zu deiner Verblendung und jauchzen zu deinem
Wort? Rat scheinst du zu fragen und buhlst doch nur Beifall. Doch eher
dorre meine Zunge und zerfalle mein Gebein, als da ich deine Torheit
lobe und nicht schreie wider deine Verblendung.

ZEDEKIA:

Was wirfst du dich hart ber mich? Noch weit du meinen Willen nicht.

JEREMIAS:

Ich kenne deinen Sinn. Nur dein Wort buhlt um mich, doch dein Wille
bockt wider mich! Willst du meiner spotten und spielen mit Gottes Wort?
Nicht riefst du mich, da ich die Wage sei deines Entschlusses. Lngst
ist die Botschaft gehrtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung.
Nicht mich belgst du, nur dich selber, Knig von Israel.

ZEDEKIA:

Jeremias!

JEREMIAS:

Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Knige: Unwahr handelst du an mir, und
Ausflucht sind deine Worte. Denn nicht frei ist dein Wille mehr, und du
willst nicht, da ich ihn wende.

ZEDEKIA (unsicher):

Wie kannst du es wissen?

JEREMIAS:

Deine Lippe verrt es, wie ein Schuldiger schreckst du vor meinem Zorn.
Versuchen wolltest du mich, da ich dir zusprche und ablde die Schuld
deinen Schultern, aber, wehe dem, der Menschen versucht, denn Gott
versucht er in ihnen.

ZEDEKIA (zgert betroffen. Dann leise):

Viel ist dir zu wissen gegeben, Jeremias! Wahr, allzu wahr ist dein
Wort. Nicht ist mein Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem
Boten.

JEREMIAS:

Nimm sie ihm ab! Errette die Stadt!

ZEDEKIA:

Schon ist er gegangen.

JEREMIAS:

Zurck! Ruf ihn zurck!

ZEDEKIA:

Zu spt! Zu spt bist du gekommen.

JEREMIAS:

Eile ihm nach! La ihm nachsetzen mit Rossen und Lufern.

ZEDEKIA:

Es ist zu spt. Schon hlt sie des Knigs Hand!

JEREMIAS (bricht zusammen, verhllt sein Gesicht, mit einem dumpfen
Schrei die Hnde reckend):

Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem! Wehe! Wehe!

ZEDEKIA (erschreckt ihm nahe tretend):

Was ist dir, Jeremias?

JEREMIAS (hrt ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Krper.
Allmhlich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne
mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschttelt von
mchtiger Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hnde
aufhebend, berwltigt von innern Gesichten):

  Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen,
  Jerusalem, prchtiger Morgenstern,
  Und gedachtest doch ber die Welten zu steigen!
  ber die Wolken wolltest du fahren,
  Doch wehe, du bist gesunken, du Schner,
  Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht.

ZEDEKIA (ihn erwecken wollend):

Jeremias!

JEREMIAS:

  Was war heller, als deine Stirne,
  Du Burg Jakobs,
  Du Kronstadt Davids,
  Du Zelt Salomos,
  Gottes Kleinod und heiliges Haus?
  Wer konnte dich knden, wer durfte dich rhmen?
  Die Psalter ward mde, die Zimbel zu leise,
  Von Morgen bis Abend dich heilig zu preisen.
  Vlker pilgerten her, dich zu schauen,
  Und wer dich schaute, dem frohlockte das Herz!

ZEDEKIA:

Du rasest, Jeremias! Wach auf! Wach auf!

JEREMIAS:

  Doch wie still bist du nun, du Schne, geworden,
  Wo ist dein Leuchten, wohin dein Gefunkel?
  Nicht mehr flstern
  Die Stimmen des Brutigams und der Braut,
  Weithin verscholl das Wogen des Marktes,
  Das Tnen der Freude,
  Fltenklang und der Jungfraun Gesang!
  Weh! Ein Wrger ist ber dich kommen,
  Ein arger Vollstrecker von Mitternacht.
  Eitel Wstung sind deine Straen,
  Dornen wachsen in Marmelgemchern
  Und Nesseln in deines Knigs Palast.
  Weh! Gesunken sind all deine Mauern,
  Geborsten die Trme und schmhlich zerstoen
  Das ewige Herz deines Heiligtums.

ZEDEKIA:

Du lgst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems Mauern!

JEREMIAS (immer frenetischer):

  Alles Haupt ist geschoren,
  Aller Bart ist geschnitten,
  In Scken gehen die Mtter und reien
  Mit Ngeln sich rot das Fleisch von den Wangen:
  Wo sind meine Shne? Wo sind meine Tchter?
  Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen
  Die Leichen der Knaben, erwrgt von den Knechten,
  Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare,
  Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht.
  Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Flle,
  Und die Schakale der Wste sind satt.

ZEDEKIA:

Schweig still! Schweig still! Du lgst!

JEREMIAS:

  Was hilft es zu flchten in die Geklfte,
  In brennenden Steinri, in tiefes Gestrpp?
  Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten,
  Sie treiben dich aus mit Ruchern und Brnden,
  Sie fassen dich an und fassen dich doch!
  Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers,
  Sie schwchen die Frauen, sie schlagen die Greise,
  Die Tochter des Knigs wird Magd seiner Mgde
  Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann.

ZEDEKIA:

Kein Wort mehr, du Lgner, bei meinem Zorn!

JEREMIAS (aufklagend):

  Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind,
  Geschmht und geschwcht vom Hohne der Heiden,
  Oh wehe, da ich dich so schauen mu!
  Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens,
  Sie blecken die Zhne und lachen betulich:
  Ei, wie haben wir diese erniedrigt,
  Wie ward willfhrig die Stolze, die Schne!
  Das ist der Tag, des wir haben begehret,
  Wir habens erlanget,
  Wir habens erlebt!

ZEDEKIA (zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fusten):

Schweige, du Lgner! Ich kann es nicht hren! Du lgst! Du lgst!

JEREMIAS:

  Oh, Jerusalem, heilige Gottesstadt,
  Wiege der Vlker und Kleinod der Welt.
  Wer wird dich rhmen, wer findet dich?
  Eine Sage der Zeiten bist du geworden,
  Fabel und Sprichwort unter den Vlkern,
  Oh, ich sehe ...

ZEDEKIA:

Nichts wirst du sehen, du Rasender du!

JEREMIAS:

  Ich sehe dein Leid, ich seh deinen Tod,
  Ich sehe ...

ZEDEKIA (ihn wild anfassend und rttelnd, in hchstem Zorn):

Nichts wirst du sehen! Ich lasse dich blenden!

JEREMIAS (wie in einem frchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann
pltzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase):

  Mich?!
  Du mich blenden, du Ruchloser!? Nein!
  Anders hat Gottes Entschlu bestimmt!
  Wohl wird einer geblendet sein,
  Ehe der Tag noch sein Ende nimmt,
  Doch jener, der lngst schon verblendet war,
  Als sein Auge noch blickte und sah: --
  Hre mich, Knig Zedekia!

    (ZEDEKIA hat ihn losgelassen und starrt ihn erschrocken an.)

JEREMIAS (mit beiden Fusten auf ihn zu):

  Dich
  Werden sie fassen, des Knigs Knechte
  Im Hause Gottes, das du verstrt,
  Sie reien die Rechte
  Dir los vom Altar,
  Daran sie zur Hilfe verklammert war!
  Du willst dich wehren, sie brechen dein Schwert,
  Umtun deine Arme mit eisernen Flechten
  Und schleppen
  Und schleifen dich ber die Treppen,
  Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlgen
  Jenem entgegen,
  Dessen Hand du verstoen, dessen Joch du zerbrochen
  Und der dir ein feuriges Urteil gesprochen!

    (ZEDEKIA ist zurckgefahren und hebt wie abwehrend die Hnde.)

JEREMIAS:

  In die Knie
  Knicken sie dich und stoen dich sie,
  Ein Feuer loht knisternd auf rundem Stein,
  Vier Hnde halten den Blendstahl hinein.
  Hei
  Frit die Hitze
  Vom schwarzen Griff sich auf in die Spitze.
  Sie glht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird wei!
  Und dann
  Fassen dich rauh ihre Fuste an,
  Zischend und rauchend
  Tauchen
  Sie die Nacht dir in dein Auge hinein.

ZEDEKIA (aufschreiend und sich an die Augen greifend, wie ein
Geblendeter):

Weh!

JEREMIAS:

  Doch eh
  Dir noch in einer brennenden Gischt
  Von Blut und Trnen dein Blick verlischt,
  Mut du noch sehn
  Deine Shne, die drei, vor dem Henker stehn!
  Doch dich halten die Knechte, dich halten die Ketten,
  Du kannst sie nicht lsen, du kannst sie nicht retten,
  Du kannst nur aufschrein, wie jetzt das Schwert
  In den ersten! den zweiten! den letzten fhrt!
  Du siehst,
  Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fliet,
  Und siehst,
  Eh der rote Stahl dich fr immer blendet,
  Wie Israels Stamm und Knigtum endet.

ZEDEKIA (der, wie ein Blinder tappend, auf das Ruhebett gesunken ist,
die Hnde flehend aufhebend):

Erbarmen! Erbarmen!

JEREMIAS:

  So wirst du ins ewige Dunkel schrein,
  Doch dir wird kein Helfer im Himmel sein,
  Denn Gott erhrt
  Nie den, der frevelnden bermutes
  Seine Stadt vertan und sein Haus zerstrt.
  Er wirft dich nieder zu den Wrmern und Schlangen,
  Die blind am Bauche der Erde hinlangen,
  Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwrten,
  Den Unreinen, zu den Aussatzverzehrten,
  Er wirft dich in Abseits, zu Rude und Grind,
  Wo die Ausgestoenen des Volkes sind.
  Ein blinder Bettler, der rmste der Armen,
  Durchstreifst du fremd dein eigenes Land,
  Und tritt einer nah
  Und sieht unter dem aschenwirrichten Haar
  Das, was einstens Knig zu Zion war,
  Dann hebt er die Hand
  Und flucht dir, Knig Zedekia!

ZEDEKIA (ist wie zerschmettert von den Worten sthnend auf dem Lager
liegen geblieben. Jetzt richtet er sich langsam auf und sieht Jeremias
mit einem wirren Blicke schauernd an):

Was fr eine Macht ist dir gegeben, Jeremias! Die Kraft hast du
gebrochen in meinen Gliedern, und das Mark steht starr mir im Leibe.
Furchtbar sind deine Worte, Jeremias!

JEREMIAS (die Ekstase ist von ihm gefallen, der Glanz in seinen Augen
erloschen):

Arm sind meine Worte, Zedekia, Ohnmacht meine Macht. Nur wissen kann ich
und nicht wenden!

ZEDEKIA (erschttert):

Warum bist du nicht frher vor mich getreten?

JEREMIAS:

Ich war immer zur Stelle. Doch du fandest mich nicht.

ZEDEKIA:

Es mu so Gottes Wille gewesen sein! (Schweigen. Dann steht Zedekia
langsam auf und geht auf Jeremias zu): Jeremias, hre mich an -- ich ...
glaube dir! Furchtbareres hast du gekndet, denn je gekndet ward einem
Knig in Israel, und doch -- ich glaube dir. Mit Schauer hast du mein
Herz geschlagen, und doch, ich ward dir nicht gram. Es mge kein Streit
mehr sein zwischen uns im Schatten des Todes. Geh hinab, woher du
gekommen, nicht soll es dir fehlen an Zehrung, das letzte Brot meines
Tisches will ich teilen mit dir. Und niemand wisse um unsere Zwiesprache
denn Gott allein.

    (JEREMIAS wendet sich zum Gehen.)

ZEDEKIA (geqult):

Jeremias! Mu es denn sein? Oh, Jerusalem, mein Jerusalem! Kannst du es
nicht wenden?

JEREMIAS (dster):

Es mu sein! Nichts vermag ich zu wenden. Verknden ist mein Amt. Wehe
den Ohnmchtigen!

ZEDEKIA (schweigt, dann von innen):

Jeremias, ich habe es nicht gewollt! Ich mute Krieg knden, aber ich
liebte den Frieden. Und ich liebte dich, weil du ihn gekndet hast.
Nicht leichten Herzens hab ich den Harnisch genommen, es war Krieg vor
mir unter Gottes Angesicht und wird auch nachdem sein. Viel habe ich
gelitten, sei dessen Zeuge zu seiner Zeit. Und sei bei mir, wenn dein
Wort sich erfllt.

JEREMIAS (ergriffen):

Ich werde bei dir sein, mein Bruder Zedekia!

(JEREMIAS wendet sich langsam, abgekehrten Gesichtes von ihm. Er ist
schon bei der Tre, da ruft noch einmal:)

ZEDEKIA: Jeremias!

    (JEREMIAS wendet sich.)

ZEDEKIA:

Tod ist ber mir, und ich sehe dich zum letztenmal. Du hast mir
geflucht, Jeremias -- nun segne mich auch, ehe wir scheiden.

JEREMIAS (zgert, dann schreitet er feierlich zurck und hebt die Hnde
ber des Knigs Stirn):

Der Herr segne dich und behte dich auf allen deinen Wegen. Er lasse dir
leuchten sein Angesicht und gebe dir den Frieden.

ZEDEKIA (trumerisch verworren nachsprechend):

Und ... gebe ... uns ... den Frieden ...




DAS SIEBENTE BILD

DIE LETZTE NOT

    Ich hielt meinen Rcken dar denen, die mich schlugen, und meine
    Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht
    vor Spott und Speichel.

  Jer. L, 6.


    Auf dem groen Tempelplatze am Morgen des nchsten Tages. Eine
    gewaltige Menge, meist Frauen mit Kindern, drngt sich wild vor dem
    Palaste die Stufen empor und wird eine einzige, lrmende Flut,
    berschumt von einzelnen gellen Rufen und Schreien. Die Vordersten
    sind bis zu der Tr gelangt und hmmern an das Tor.

DER TRHTER (erscheint):

Was wollt ihr noch? Ich habe euch schon gesagt, es wird heute kein Brot
mehr gegeben!

EIN WEIB:

Aber ich habe Hunger! Ich habe Hunger!

EINE ANDERE:

Ein Brot haben sie mir gegeben fr meine drei Kinder, klein wie die
Spanne meiner Hand! Sieh her: ganz drr ist das Mdchen, wie Bast ihre
Finger. (Sie hebt ein Kind empor.)

EINE ANDERE:

Das meine sieh! Das meine! (Sie hebt ihr Kind empor.)

STIMMEN (wild durcheinander):

Ich habe Hunger ... Gib Brot ... Brot ... Brot ... Wir verhungern ...
Brot ... Brot ...

EINER (ist bis zur letzten Stufe emporgeklettert):

Her mit den Schlsseln, sage ich.

STIMMEN (durcheinander):

Ja ... her mit den Schlsseln ... Sperrt auf ... Die Schlssel ...
Ja ... ja ...

DER TRHTER (den Emporgeklommenen vor die Brust stoend):

Zurck! Befehl des Knigs, jedem ein Brot zu geben bei Tagesanbruch, und
dann die Speicher zu schlieen.

EINE STIMME:

Mir hat man keines gegeben!

ANDERE STIMMEN:

Mir auch nicht ... mir auch nicht ... Man hat mich vergessen ... mich
auch ... warum mir keines?

EINE FRAU:

Wie ein Goldstck war meines, und ich habe ein Kind an der Brust.
Gerechtigkeit!

EINE ANDERE:

Sand war in meinem, Kies und Sand!

EINE ANDERE:

Es sind nicht die gleichen Brote wie vordem! Falsch teilt man uns zu!
Gerechtigkeit!

DER TRHTER:

Nachum teilt jedem das gleiche zu. Er ist gerecht.

EINE STIMME:

Wo ist er?

ANDERE STIMMEN:

Ja, wo ist er? Wir wollen ihn sehen!... Wo ist er ... er soll uns Rede
stehn ... Heraus mit ihm ... Er bestiehlt uns ... wo ist er ...

EINE STIMME (aufreizend, grell):

Zu Hause sitzt er und mstet die Seinen. Kringel und Kuchen backen sie.

EIN ANDERER:

Ja, sie haben alles beiseite geschafft, die Reichen!

ANDERE:

Und wir sollen hungern ... nein! nein!... Sie bestehlen uns ... Brot fr
die Armen ... Brot ... Brot ...

DIE AUFREIZENDE GRELLE STIMME:

Beim Knige sind die goldenen Schsseln voll mit Wildbret und Leckerei.
Den Hunden werfen sie im Palast lieber die Reste vor als unseren
Kindern.

EINE STIMME:

Das ist nicht wahr.

ANDERE STIMMEN:

Ja ... ja ... ich habe es selbst gesehen ... meine Schwester sagt es
auch ... Wo ist Nachum ... Vorwrts ... Hinauf ... Brot ... Brot ...
Verschwunden sind sie jetzt alle ... Brot ... Brot ...

    (DIE STIMMEN schwellen allmhlich zu einem einzigen gewaltigen
    Schrei Brot! Brot! an. Die Menge flutet die Treppen in steigender
    Erregung hinauf, die Vordersten wollen schon den Trhter greifen
    und hmmern mit ihren Fusten an die verschlossene Tr.)

    (DER TRHTER hat in ein Horn gestoen. Aus dem Palast eilt sofort
    ABIMELECH mit einigen Kriegsknechten herbei.)

ABIMELECH:

Fort!... Stot sie zurck ... Hinunter die Treppen ... hinunter ... Raum
vor dem Palast.

    (DIE MENGE flchtet, gestoen von den umgekehrten Lanzen, hinab in
    panischem Tumult.)

DIE STIMMEN (durcheinander):

Wehe ... Er hat mich geschlagen ... Sie tten uns ... Wehe ... Wo ist
mein Kind ... Weh ... Gewalt ... Zu Hilfe!

    (DIE MENGE hinabgedrngt, wogt unten in zorniger Erregung.)

ABIMELECH:

Seid ihr rasend! Der Feind wirft sich wider uns. Vor dem Walle stehe ich
seit morgens gegen seinen Ansturm, und derweil brecht ihr hier vor? Was
wollt ihr, Rotte?

DIE STIMMEN:

Brot ... Wir haben Hunger ... Brot ... Unsere Kinder verhungern.

ABIMELECH:

Jedem ist Brot zugeteilt.

DIE STIMMEN:

Mir nicht ... Man hat mich vergessen ... Nicht genug ...

ABIMELECH:

Der Feind berennt die Stadt! Spannt den Riemen enger. Kriegszeit ist
jetzt.

DIE STIMMEN:

Nicht genug ... Wir haben Hunger ...

ABIMELECH:

So hungert! Ihr knnt hungern, wenn wir bluten! Erst die Stadt, dann
ihr! (Aufmunternd): Es lebe Jerusalem!

EINE EINZIGE STIMME (aus der Menge, schwach):

Es lebe Jerusalem!

DIE AUFREIZENDE STIMME (grell):

Wer ist Jerusalem? Hat es Magen und Blut? Steine und Mauern sind nicht
Jerusalem. Wir sind Jerusalem!

DIE MENGE:

Ja! Wir sind Jerusalem ... wir wollen leben ... wir wollen nicht
verhungern ... Meine Kinder sollen leben ... Was ist mir Jerusalem?
Brot ... Brot ...

ABIMELECH (aufstampfend):

Ruhig, Volk! In die Huser mit euch! Was steht ihr mig auf dem Markt
statt an der Mauer! Es ist Krieg jetzt.

EIN WEIB:

Warum ist Krieg?

VIELE STIMMEN:

Ja, warum? Warum ist Krieg? Machen wir Friede ... Friede ... Friede ...
Brot ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

War uns nicht wohl unter Nabukadnezar, war sein Joch nicht sanft, und
linde unsere Tage?

VIELE STIMMEN:

Ja ... ja ... Friede mit ihm ... Friede ... Ja ... ja ... Endet den
Krieg ... Nieder mit dem Krieg ... Fluch dem, der ihn begann ...

EIN WEIB:

Zedekia hat ihn gewollt um der gypter willen ...

STIMMEN:

Ja ... Er hat uns verkauft ... Unsere Rte haben uns verraten ...
Zedekia hat uns verraten ... er hat sich verkrochen bei seinen Weibern.

ABIMELECH:

Wer wagt, den Gesalbten des Herrn zu schmlen? Der Erste ist er im
Kampfe ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Das ist nicht wahr!

ABIMELECH:

Wer sagt, es ist nicht wahr? Er trete vor, der Verleumder, ich will ihn
vor mein Schwert. Wer hat es gesagt?

    (DIE MENGE schweigt.)

ABIMELECH:

Htet euch vor den Verleumdern! Und jetzt in die Huser, und wer Kraft
hat, an die Wlle.

STIMMEN (von rckwrts):

Nachum ... Nachum ... da ist er.

DIE MENGE (verteilt sich, flutet gegen Nachum, den sie umringt):

Nachum, guter Nachum ... Gib uns Brot ... Brot ... Brot ... Du bist der
Gerechte ... Nachum ... Hilf uns ... Guter Nachum ...

NACHUM (sich losringend):

Lat mich los! Gebt mich frei!

DIE MENGE (hinter ihm die Treppen emporwogend):

Nachum, Nachum ...

ABIMELECH:

Zurck mit euch!

    (DIE KNECHTE heben die Speere, die Menge bleibt schreiend unten.)

NACHUM:

Was wollt ihr von mir?

EINE STIMME:

Die Speicher schlie auf!

NACHUM:

Sie sind leer. Jedem ein Brot des Tages, das mu reichen.

DIE STIMMEN VON FRHER:

Ich habe keines bekommen ... ich auch nicht ... tu auf die Speicher ...
tu auf die Speicher ...

NACHUM:

Die Speicher sind leer.

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Wir wollen sie sehen.

VIELE STIMMEN:

Ja, wir wollen sie sehen ... ich glaube es nicht ... es ist nicht
wahr ... mit unseren Augen wollen wir es sehen ... schliee sie auf ...
wir wollen selbst sehen ... ja ... ja ... schliee auf ... ich glaube es
nicht ...

NACHUM:

Ich schwre euch ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Wir glauben nur, was wir sehen. Zuviel hat man uns gelogen.

VIELE STIMMEN:

Ja ... alle haben uns belogen ... die Priester ... Ja, alle ... der
Knig ... Her mit den Schlsseln ... Alle haben sie Lgen gesagt ...
Sieg haben sie verkndet.

ANDERE STIMMEN (immer strker ausbrechend):

Wo sind die gypter ... Wir wollen sie sehen ... Zedekia hat sie
verheien ... Wo sind die Wunder ... Wo sind sie ... wo ... Brot ...
Brot ... Her mit den Schlsseln ... Brot ... Her mit den Schlsseln ...

    (DIE MENGE ist wieder mchtig aufgewogt gegen die Treppen. Sie
    bedrngen Nachum und suchen ihm die Schlssel zu entreien.)

NACHUM:

Zu Hilfe! Zu Hilfe!

ABIMELECH (dreinschlagend mit seinen Knechten):

Hinunter, ihr Rotte! Hinunter! Hinunter!

EINE STIMME:

Wehe, ich bin getroffen!

VIELE STIMMEN:

Wehe ... mein Kind ... er hat mich geschlagen ... Mrder ... Mrder ...
Wehrlose schlagt ihr ... Sie morden uns ... Mein Kind ... Wehe ...
Gewalt ...

EIN WEIB (sich das Gewand aufreiend):

Hier hat er mich getroffen! Ich blute! Ich blute! Seht her!

DIE MENGE (die zurckgeworfen ist, stt Wutschreie aus):

Rache ... Nieder mit ihnen ... nieder!

ABIMELECH:

Zum letztenmal! In die Huser mit euch! Rumt den Platz, oder ich fasse
das Schwert!

DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME:

Unser ist der Markt, unser die Stadt!

VIELE STIMMEN:

Ja, wir bleiben.

EIN WEIB:

Ich bleibe, bis der Knig kommt.

STIMMEN:

Ja ... ja ...

DAS WEIB:

Mein Kind werfe ich ihm vor die Fe. Er soll es nhren. Ich weiche
nicht, ehe ich nicht Brot habe.

ANDERE:

Ich bleibe ... wir warten ... ich weiche nicht ... ich bleibe.

EINE STIMME (von rckwrts durch das Gedrnge):

Abimelech, wo ist Abimelech?

ABIMELECH:

Hier bin ich!

DIE MENGE:

Dort ist er, der Verruchte ... der Mrder ...

DER BOTE:

Zu Hilfe, Abimelech ... Am Tore Moria sind sie eingedrungen.

    (DIE MENGE stt einen Schreckensschrei aus.)

ABIMELECH (mit dem Schwert sich durchschlagend):

Platz, Gesindel! Fort! Raum! (Er schlgt sich durch eine Gasse von
Entsetzen und Schreien mit dem Schwerte durch.)

    (DIE MENGE wird jetzt im Entsetzen zu einem einzigen, gewaltig
    tnenden Chaos. Whrend sie frher in einer Richtung, einem Willen
    drngte, wirren die einzelnen jetzt durcheinander, strmen zu,
    flchten und kommen. Es ist ein brodelndes Geschwirr von Worten,
    Schreien und Bewegungen in ihnen, das in seinen hundertfachen Formen
    ein einziges ausdrckt: grenzenlose, sinnlose, ziellose Angst,
    ratloses Entsetzen.)

STIMMEN AUS DER MENGE:

Bei Moria sind sie ... Wir sind verloren ... jetzt ist es zu Ende ...
wohin ... Meine Frau ... meine Kinder ... Wehe ... wehe ... Wo bist
du ... Gottes Tod ber uns ... In den Tempel ... Elia ... Elia ...
Gott errette uns ... Wo sich bergen ... Wehe ... wehe ... Was sollen wir
tun ...

EINE STIMME:

An die Mauern ... Alles an die Mauern ...

STIMMEN:

Ja ... nein ... An die Mauern ... Elia ... Wohin ...

    EINE GRUPPE lst sich ab und eilt fort, andere Gruppen strmen
    wieder her, eine flutet heran und ruft mit einzelnen

STIMMEN:

In den Tempel ... In den Tempel ... Gott mu uns helfen ... Die
Bundeslade ... Die Bundeslade ... Traget sie vor ...

ANDERE STIMMEN:

In den Tempel ... Wo sind die Priester? Wehe, wo sind sie? Wo sind sie?
Verschlossen die Tren!

EINER (hereinstrmend):

Verrat! Der Knig ist geflohen! Wir sind verloren!

    (DIE MENGE bricht in einen Schrei wtenden Entsetzens aus.)

STIMMEN:

Verraten sind wir ... verloren ... Wo ist der Knig ... wo sind die
Priester ... wo Hananja ... verraten ... Verschlossen die Tren ... wir
sind verloren ... wohin ... sie haben uns belogen ... Rache ... Rache ...
sie lassen uns ermorden ... Wehe, wer rettet uns ... Wer rettet uns ...
Tod ber uns ... Die Chalder ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Fluch dem Knige!

STIMMEN (im Wutgeschrei):

Fluch! Fluch!

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Fluch den Priestern! Fluch den Profeten! Alle haben sie uns belogen!

DIE MENGE:

Fluch! Fluch!

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Sie haben geschlagen, die warnten und rieten ...

EINE STIMME:

Geschlagen Jeremias!

ANDERE STIMME:

Ja! Er hat es gesagt! Jeremias ... Jeremias ...

ANDERE STIMMEN:

Er hat gewarnt ... Friede hat er gefordert ... gedenket ihrs noch ...
ja ... Ich habe es gehrt ... Ja ... ja ... Hier hat er es gesagt ...
ja ... ja ... Er ist der Profet ... immer wurde sein Wort Wahrheit ...
Ja ... ja ... ja ... Er hat alles gekndet.

ANDERE STIMMEN:

Wo ist er ... Jeremias ... rufet ihn her ... Jeremias ... wo ist er ...
er soll uns raten ... ja ... ja ... er hat stets das Rechte gewut ...
er wird uns helfen ... Wo ist er ... wo ist er ...

EINE STIMME:

In den Dngerhaufen haben sie ihn versenkt, hier im Palast.

    (DIE MENGE bricht in ein Wutgebrll aus.)

STIMMEN:

Wir mssen ihn befreien ... ja ... ja ... er wird uns erretten ...
sprengt seine Gruft ... ja ... heraus mit ihm.

ANDERE STIMMEN:

Die Tore auf ... Jeremias ... Jeremias ... Oh, er ist der Befreier. Gott
hat ihn gesandt ... Wo ist er ... Jeremias, du Gottesknecht ...
Erlsung ... Erlsung ...

ANDERE:

Schlagt die Lgner und Profeten ... Er ist der Wahre, er hat es
verkndet ... ja ... ja ... jedes Wort ist Wahrheit geworden ... Gottes
Gnade war ber ihm ... Gib das Beil ... die Latte gib her ... wir mssen
ihn befreien ... hinauf ... Jeremia!... Jeremia!... Er soll Knig
sein ... Wo ist er ... oh Helfer, Erretter, oh Trost, oh Trster ...

    (DIE MENGE hat ihre Stimmen zu dem einzigen glhenden Schrei
    Jeremias, Jeremias zusammengefat, in dem sich ihre Wut, ihre
    Hoffnung und Angst vereint. Ihre Flut ist die Treppe wieder
    hinaufgeschumt, mit Brettern und Hmmern und den Fusten schlagen
    sie gegen das verschlossene Tor. Endlich wird zgernd aufgetan.)

DER TRSTEHER:

Was wollt ihr?

DIE MENGE:

Fort! Jeremia! Jeremia! (Sie stoen ihn zur Seite.)

DER TRSTEHER:

Hilfe! Hilfe! (Sein Schrei wird mit ihm selbst fortgerissen, ein Teil
der Masse flutet schwarz durch die Tr, man hrt dumpf das Sprengen von
Tren, das Schlagen von xten.)

    (DIE MENGE unten beobachtet in wilder Ekstase und Ungeduld das
    Geschehen.)

STIMMEN:

Hinein!... Hinein!... Ganz unten haben sie ihn verscharrt ... sie hatten
Furcht vor ihm ... die Hunde ...

STIMMEN:

Oh, ein Heiliger ist er ... ein Gesandter des Herrn ... Oh, Jeremia ...
er wird uns erretten ...

EIN WEIB (in Ekstase):

Er hat die Hnde gebreitet und gerufen: Friede! Gottes Flamme war auf
seinen Lippen und seine Stirne hell wie von Engelsgeleucht. Oh, er wird
uns erlsen!

EINE ANDERE:

Er wird seine Hand ausrecken wider die Feinde, und Aussatz wird ber sie
fallen. Oh, seine Fe zu kssen, des Heiligen, der fr uns gelitten!

EINE ANDERE:

Gegeielt haben sie ihn ... wie Balsam sind fr uns seine Wunden ... ich
will knien vor ihm in den Staub ...

DIE ERSTE:

Heilig ... heilig ... heilig ist er, Jeremia!

STIMME (von oben):

Seile ... Bringt ein Seil ... da wir ihn heben!

DAS WEIB:

Oh, er naht! Rettung naht, wir werden leben, mein Kind! Der Heilige
naht.

DIE ANDERE:

Da ich doch schon schauen knnte sein seliges Antlitz. Leuchten wird
davon Jerusalem.

    (JUBELGESCHREI von oben aus der Tiefe.)

DIE MENGE UNTEN:

Sie haben ihn gefunden!... Rettung ... Rettung ... Gottes Gnade ...
Jeremia ... Jeremia ...

DAS WEIB:

Oh, ihn schauen, ist schon genesen, mein Herz brennt loh, ihn zu sehen!
Oh, du Heiliger, du Erlser, nahe deinem Volke, nahe deinen Mgden,
rette, rette Jerusalem! Gehe auf, du Sonne unserer Nacht, erglhe, du
Stern unseres Dunkels! Rette! Rette Jerusalem!

DIE MENGE (wild ekstatisch):

Jerusalem!... Rette die Stadt ... Jeremia ... Jeremia ...

DAS WEIB:

Er naht! Oh, ich sehe ihn, ich sehe, ich sehe sein seliges Antlitz. Wie
die Sonne ist es zu schauen, da sie ber den Libanon steigt. Oh, sieh
nieder, du Gebenedeiter! Sieh nieder auf unser Elend! Hebe uns auf!

    (DIE MENGE hat unter wildem Getse Jeremias im Triumph aus dem Tore
    geschleppt. Er steht an der obersten Stufe, die Augen verhllend vor
    dem Licht, das so pltzlich auf ihn eindringt. Um ihn tost die
    Ekstase der Menge.)

STIMMEN:

Heiliger! Meister!... Samuel ... Elia ... Elia ... Oh, Verknder ...
Jeremia ... errette ... errette uns ... Jeremia ... Knig ... Gesalbter
du ... Jeremia ... Hre ihn, Israel ... Jeremia ...

DAS WEIB (zu seinen Fen sich werfend):

Was verhllst du dein Antlitz? Labsal ist dein Blick! Oh, sieh,
Gesegneter, auf das Kind, damit es genese, sieh auf uns, da wir
auferstehen vom Tode!

JEREMIAS (langsam die Hnde von den Augen nehmend. Er ist sehr ernst und
dster, wie er in die wilde Erwartung blickt):

Fremd ist das Licht meinen Augen, es brennet mich, und ungewohnt diese
Liebe meiner Seele: auch sie brennet mich! Was heischt ihr von mir?

DIE MENGE:

Heiliger ... Jeremias ... rette uns ... Gesalbter ... rette die Stadt ...
Unser Knig sei ... tue ein Wunder ...

JEREMIAS:

Ich verstehe eure Worte nicht. Was wollt ihr von mir?

DIE MENGE (chaotisch durcheinander):

Moria ... die Burg ... rette Jerusalem ... ein Wunder ... wir sind
verloren ... Unser Hort bist du ... errette uns ... rette Jerusalem ...

JEREMIAS:

Einer rede, nicht alle!

DAS WEIB (hinstrzend zu seinen Fen):

Heiliger! Gesalbter Gottes, Stern unserer Hoffnung, tu auf deine Hnde,
die gebenedeiten! Rette uns, rette uns, rette Jerusalem! Was du
geschaut, hat sich erfllet, die Chalder sind ber uns!

EINE STIMME:

Sie strmen die Mauer von Moria!

EINE ANDERE STIMME:

Unsere Mnner sind geschlagen ...

EINE ANDERE STIMME:

Vor dem Tempel schon kmpfen sie.

EINE DRITTE STIMME (verzweifelt):

Rette, rette Jerusalem!

DIE MENGE (frenetisch):

Rette, rette Jerusalem!

    (JEREMIAS bleibt unbeweglich und birgt sein Gesicht in den Hnden.)

DAS WEIB:

Wir wollen dich rchen an deinen Feinden, mit den Ngeln zerreien das
Antlitz deiner Widersacher. Aber erbarme dich unser, erbarme dich! Unser
Hort bist du und unsere Hoffnung.

EINE STIMME:

Wer errettet uns, wenn nicht du?

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Die Priester haben uns verraten, der Knig uns verkauft.

JEREMIAS (auffahrend):

Das ist nicht wahr! Was schmht ihr den Knig?

STIMMEN:

Er hat uns verlassen ... Wo ist er ... warum hilft er nicht ... er ist
geflchtet ... er ist geflohen ...

JEREMIAS (stark):

Das ist nicht wahr.

STIMMEN:

Es ist wahr ... Sie haben uns in diesen Krieg gefhrt ... sie haben uns
geopfert ... Wir haben diesen Krieg nicht gewollt ... Friede wollten
wir ... Friede ... Mache Friede mit ihnen ... Friede ... Friede ...

JEREMIAS:

Spt wollt ihr den Frieden! Was werft ihr Blutes Schuld von euch fort
auf den Knig? Auch ihr habt diesen Krieg gewollt.

STIMMEN:

Ich nicht ... nein ... ich nicht ... ich nicht ... Der Knig hat ihn
gewollt ... ich nicht ... keiner von uns ...

JEREMIAS:

Alle habt ihr ihn gewollt, alle, alle! Wankelmtig sind eure Herzen und
schwanker denn Rohr. Die jetzt Friede schreien, hrte ich toben nach dem
Kriege, und die jetzt den Knig schmhen, jauchzeten ihm zu. Wehe, du
Volk! Doppelzngig ist deine Seele, und jeder Wind wendet deine Meinung!
Ihr habt gehurt mit dem Kriege, nun traget seine Frucht! Ihr habt
gespielt mit dem Schwerte, nun fhlet seine Schrfe. Wider euch schlaget
mit den Fusten, wider euch mit den Worten!

STIMMEN:

Wehe ... er zrnt uns ... Jeremias ... sieh unsere Not ... hilf uns ...
was sollen wir tun ...

JEREMIAS:

Es tue jeder nach seinen Krften. Wer ein Schwert fassen kann, fasse das
Schwert und diene mit seinem Blute, und wem der Arm lahmt, der gehe ein
in sein Haus und diene mit seinen Trnen. Aber rottet euch nicht und
murret nicht!

DIE MENGE:

Nein ... Rettung ... Hilf uns ... Sieg, gib uns Sieg ... La uns nicht
ohne Hoffnung ... Siehe, wir vergehen ... Jerusalem ... rette uns ...
rette Jerusalem ... Heiliger ... Gtiger ... hilf uns ... ein Wunder tu,
la es nicht geschehen ... ein Wunder ... recke aus deinen Arm, wie
Jesaja tat ... wie Elia ... wie Aaron ... hilf uns ...

JEREMIAS:

Niemand kann helfen, so Gott euch nicht hilft.

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Gott hat uns verlassen!

DIE MENGE:

Ja ... Gott hat uns verlassen ... wo ist er ... wo ist der Bund, den er
geschlossen mit uns ... Gott hilft nicht ...

JEREMIAS (zornig):

Was zischt ihr wider Gott aus eurem Elend, ihr Gewrm der Erde, wollt
ihr, da er euch zertrete mit seiner Ferse? Da er euch gndig war,
brstetet ihr euch mit seiner Liebe und prangertet mit seiner Gte, und
meinet ihn nun wegspeien zu drfen am Tage des Gerichts! Wehe, welch ein
Volk seid ihr. Stein ist eure Stirne und eine eiserne Ader euer Nacken,
aber ich sage euch: Nicht stemmet die Stirn wider Gottes Strke, beuget
euch, beuget euch, ehe ihr zertreten werdet!

STIMMEN:

Wehe ... wie unbarmherzig ... er verlt uns ... nur Worte gibt er ...
Wir sind verloren ... wer hilft uns ... Nicht harte Worte gib uns ...
ein Wunder tu ... ein Wunder ... ein Wunder ... ein Wunder ...

JEREMIAS:

Wahrlich, ein Wunder wre vonnten, euren Starrsinn zu beugen! Noch aus
dem Tod hebt ihr die Stirne, noch aus dem Untergang eure Lsterung!
Wehe, welch ein Volk seid ihr! Ich aber sage euch, beuget euch, beuget
euch! Nicht auf das Wunder wartet, das euch erlse -- den Gott erlset
in euch! Beuget euch, ihr Starren, demtiget euch, ihr Hochmtigen, ehe
ihr zerbrochen werdet!

STIMMEN HERBEISTRMENDER:

Sie haben ein Tor gesprengt bei Moria ... Abimelech ist gefallen!

DIE MENGE (wild aufschreiend):

Wehe ... wehe ... (Dann pltzlich mit verdoppelter Wucht gegen Jeremias
aufschumend): Hre ... hre ... wir sind verloren ... jetzt hilf ...
tue ein Wunder ... ein Wunder, Profet ... ein Wunder ...

JEREMIAS (verzweifelt):

Was wollt ihr, da ich tue? Soll ich die nackten Arme recken wider den
Feind ...

DIE MENGE (ekstatisch):

Ja ... ja ... tue also ...

JEREMIAS:

Glaubt ihr denn, da ich jagen kann, den Gott wider euch sandte?

DIE MENGE:

Ja ... ja ... Du kannst es ... Du kannst es ... Du mut es knnen ...
ja ... ja ... alles kannst du ...

JEREMIAS:

Ich kann es nicht, Wahnwitzige! Nichts vermag ich wider Gott!

DIE MENGE:

Du kannst es ... rette Jerusalem ... Du kannst es!... Das Wunder tu ...

JEREMIAS (ausbrechend):

Und wenn ich es knnte wider Gottes Wille, ich tte es nicht. Weichet
von mir, die ihr mich verlockt wider ihn. Zu ihm halte ich und nicht zu
euch, ich streite nicht wider sein Schwert, ich rede nicht wider seine
Rede, ich will nicht wider seinen Willen! Mget ihr euch ihm wehren, ich
beuge mich! Was immer er verhnge, ich beuge mich seinem Willen, ich
beuge mich.

STIMMEN:

Wehe ... nein ... nein ...

JEREMIAS:

Es geschehe, wie er bestimmt. Es erflle sich sein Wille: wer durch das
Schwert fallen solle, falle durch das Schwert, wen der Hunger schlgt,
durch den Hunger, wen Pest wrget, wrge die Pest -- sein Wille geschehe,
sein Wille geschehe, ich beuge mich, ich beuge mich! Seine Bitternis
will ich trinken und seine Fuste fhlen, so es sein Wille ist -- ich
beuge mich.

STIMMEN:

Wehe ... er verleugnet uns ... er verlt uns ...

JEREMIAS (immer mehr in Ekstase):

Zu ihm halte ich, dem Getreuen, und nicht zu euch, die ihr schwanket. Sein
Wille geschehe und nicht der eure! Herr, tue, wie es dein Wille ist --
ich beuge mich dir, ich beuge mich. Fallen mge Jerusalem, so es dein
Wille ist -- ich beuge mich!

    (DIE MENGE bricht in einen Entsetzensschrei aus.)

JEREMIAS:

Fallen mge dein heiliges Haus, so es dein Wille ist -- ich beuge mich!

    (AUS DER MENGE zucken wilde Wutschreie.)

JEREMIAS:

Fallen mgen die Trme, zerstieben das Volk und sinken sein Name,
Schmach mge strzen auf meinen Leib und Marter auf meine Seele, so es
dein Wille ist -- ich beuge mich, Herr, ich beuge mich!

DIE MENGE:

Er ist rasend ... Nieder mit ihm ... Er ist toll ... Wehe ... Er
verflucht uns ... Schweige ... Verrter ... Wehe ...

JEREMIAS (ganz in Ekstase):

  Was immer du tust, ich beuge mich.
  Ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
  Strm nieder auf mich mit all deinen Schauern,
  Ich tu mich dir auf, ich sperr mich nicht ab,
  Brich ein in mein Herz, brich ein in die Mauern,
  Wirf nieder die Tore, die tdlich umstrmten,
  Verbrenn deinen Altar, den blutig beschirmten,
  Verstoe dein Volk und verstoe auch mich --
  Ich bleib dir doch treu in Tiefe und Trauer,
  Denn mein Herz beherbergt dich ewiglich!

DIE MENGE (ihn wild umstrmend):

Verrter ... Er betet um unsern Tod ... Er verflucht uns ... Steiniget
ihn ... steiniget ihn ...

JEREMIAS (noch ekstatischer sich aufrichtend, wie eine Flamme ber der
dunkel schwelenden Masse):

  Herr, tue an mir, wie dir es gefllt.
  Ist Dunkel gesunken, kam Leidenszeit,
  Herr, ich bin allem Leiden bereit!
  Gie aus deines Zornes fressende Lauge
  In meine Seele -- sie wird dich nicht lassen,
  Zerbrich meine Hnde, verschlie meine Augen --
  Ich werde dich schauen, ich werde dich fassen.
  Sinn aus das trchtigste Ma deiner Leiden,
  Ich will mich nicht wehren, ich bin ihm bereit!
  Und je mehr du mir Leiden und Martern gibst,
  Um so mehr will ich knden, da du mich liebst!
  Ich will doppeln die Qual, die du auferlegt,
  Ich will kssen die Geiel, die mich zerschlgt,
  Ich will danken der Hand, die mich knechtet und krnkte,
  Ich will rhmen den Brand, der das Herz mir versengte,
  Ich will segnen den Tod, den dein Wille entsandte,
  Ich will segnen die Not, die die Stadt uns verbrannte,
  Ich will segnen Bitternis, Knechtschaft und Schmach,
  Ich will segnen den Feind, der die Tore zerbrach,
  Denn ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
  Was immer du sendest, ich lobe dich,
  Herr, hre mein Wort und erprobe mich!

DIE MENGE (in Wutschreien ihn unterbrechend):

Verrter ... steiniget ihn ... er segnet unsere Feinde ... er betet fr
unsere Feinde ... Steiniget ihn ... Fluch wirft er ber uns ...
Lsterer ... Steiniget ihn ...

DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME (alle berkreischend):

Kreuziget ihn! Kreuziget ihn ...

DIE MENGE (die Stufen emporschumend in wildem Schrei):

Ja ... ans Kreuz ... kreuziget ihn ... Gotteslsterer ... Verrter ...
steiniget ihn ... kreuziget ihn ...

JEREMIAS (die Arme auftuend zur Kreuzgebrde, in uerster Ekstase):

  Dein Wille geschehe! Kommt her! Kommt her!
  Die Lanze rammt mir ein und den Speer,
  Oh, geielt nur, speit und beschmhet mich,
  Zum Kreuze schleppt und erhhet mich,
  Zerreit meine Hnde, zerbrecht mein Gebein, --
  Ich will ja nur fr euch alle und alle
  Vor Gott das selige Shnopfer sein.
  Oh, fat mich! Vielleicht ist mein Opfer genehm,
  Vielleicht sieht sein Auge mit Wohlgefallen
  Mein brennendes Herz und erbarmet sich
  Und rettet und rettet Jerusalem!

    (DIE MENGE schumt empor, ihn umdringend. Einige fassen ihn, andere
    werfen sich ihnen entgegen und versuchen, ihn zu befreien.)

STIMMEN:

Ans Kreuz ... steiniget ihn ... Er lstert Gott ... Kreuziget ihn ...
Fluch Jeremias ... Kreuziget ihn ...

ANDERE STIMMEN:

Lat ... Der Geist Gottes ist ber ihm ... Er rast ... lat ab ...

ANDERE STIMMEN:

Ans Kreuz ... Ans Kreuz ... Er hat uns verflucht.

JEREMIAS (im Tumult, die Hnde kreuzgebreitet):

  Was zgert ihr noch? Den seligen Preis
  Des Martertods, ich will ihn bezahlen!
  Oh, wie drstig bin ich der Martern und Qualen,
  Denn ich wei,
  Der am Kreuze hinstirbt in irdischer Pein,
  Wird der selige Mittler und Frbitter sein.
  Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen,
  Werden liebend die Seele der Welt einst umfangen,
  Seine Lippen, die schmachtend verlschen und brechen,
  Das erlsende Wort des Friedens aussprechen,
  Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden,
  Seine Qual die ewige Liebe auf Erden.
  Oh, sein Tod ist Leben, sein Leiden Vergeben,
  Nur sein Fleisch kann sinken, sein Leib kann zerfallen,
  Doch seine Seele wird flgelnd mit allen
  Snden der Menschen zu Gott aufschweben
  Und dort der Bitter und Bote sein!
  Oh, da ich es wre, oh, da ich es wrde,
  Meine Seele verzehrt und verlodert sich!
  Auflegt mir das Kreuz! Aufhuft mir die Brde!
  Kreuziget mich! Oh, kreuziget mich!

    (DIE MENGE hat ihn unter wilden Rufen gefat und schleift ihn mit
    sich. Sie schlagen auf ihn ein.)

STIMMEN:

Kreuziget ihn ... Ans Kreuz ... Er hat sie gerufen ... er ist der
Feind ... Kreuziget ihn!... steiniget ihn ...

    (Flchtige kommen in diesem Augenblick von rckwrts gestrmt in
    wahnsinniger Verwirrung. Sie schleudern die Waffen im Lauf weg und
    gebrden sich wie Tolle.)

WILDE STIMMEN:

Die Mauer ist gefallen ... Die Feinde sind in der Stadt ... Die Chalder
ber uns ... Verloren ... Israel ist verloren ...

NEUE FLCHTIGE:

Abimelech ist tot ... Alles ist verloren ... Jerusalem ist gefallen ...
Rettet euch ... Die Chalder ...

NEUE FLCHTIGE (in vollem Lauf):

Sie sind hinter uns ... Zum Tempel ... Alles ist verloren ... Wehe ...
Israel ... Israel ... Wehe! Israels Ende ... verloren Jerusalem!

    (DIE MENGE stiebt in furchtbarem Entsetzensschrei auseinander. Sie
    lassen Jeremias und strzen kreischend in alle Richtungen. Die ganze
    Stadt drhnt von Geschrei und Getse wirrer Verzweiflung und
    Flucht.)




DAS ACHTE BILD

DIE UMKEHR

    Oh, da Hiob versuchet wrde bis ans Ende.

  Hiob XXXIV, 36.


    Ein weitlufiges kellerartiges Gewlbe, dessen Lden verschlossen
    und dessen Tren verrammelt sind. Feuchtes Grau fllt die Tiefe des
    unterirdischen Raumes. Wie Gewrm, dunkel und verstrickt, kauern und
    liegen Flchtlinge auf den Steinen, einige haben sich um einen Greis
    zusammengetan, der aus der Schrift mit zerbrochener Stimme halblaut
    liest; rckwrts liegt, von einer Frau behtet, ein Verwundeter.

    Abgesondert von ihnen, auf einem Stein und selbst reglos wie er in
    Fels erstarrt, sitzt gebckt JEREMIAS, das Antlitz in den Hnden
    vergraben. Er ist ganz teilnahmslos. Sein Schweigen liegt wie ein
    Block in dem wogenden Murmeln und Widerstreiten der andern.

    Es ist der Tag nach Jerusalems Fall, die Stunde nach
    Sonnenuntergang.

DER LTESTE (liest vor aus der Schrift, den Leib rhythmisch wiegend zu
den Worten, die er leise und monoton spricht, nur manche Rufe der
Verzweiflung und der Begeisterung ruft er vor, und die andern sprechen
sie im murmelnden Chore mit):

  Hre, oh hre, du Hirte Israels,
  Der du Josefs htest wie der Schafe,
  Erscheine, der du sitzest ber Cherubim,
  Erscheine, erwecke deine Gewalt!

DIE ANDERN UM IHN (mitmurmelnd):

Erscheine, erscheine, Erwecke deine Gewalt!

DER LTESTE:

  Erscheine, du Hirte! Gott, trste uns,
  La leuchten dein Antlitz, auf da wir genesen!
  Wie lang willst du zrnen dem betenden Volke,
  Mit Trnen sie speisen, mit Trnen sie trnken?
  Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
  La leuchten dein Antlitz, auf da wir genesen!

DIE ANDERN:

La leuchten dein Antlitz, auf da wir genesen!

DER LTESTE:

  Du hast aus Mizraim den Weinstock geholet
  Und eingepflanzt in der Heiden Land,
  Du lieest die Wurzeln ihn mchtig ausgreifen,
  Gehgel und Berge deckte sein Schatten
  Und sprossende Reben die Zedern des Tals,
  Doch wehe,
  Die Fremden haben die Reben zerrissen,
  Die wilden Tiere sein Wachsen verderbet,
  Festiglich war er, und wst ist er nun!

DIE ANDERN:

  Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
  La leuchten dein Antlitz, auf da wir genesen!

DER LTESTE:

  Nicht denke der Snden, so wir begingen,
  Erbarme dich unser, eh wir vergehn,
  Denn dnn und schwank schon sind wir geworden,
  Und der Sturm deines Ingrimms wirft uns zu Tod,
  Nicht denke der Snden, so wir begingen,
  Gedenke des Bundes, gedenk deines Namens,
  Erscheine, du Hirte! Fhr heim deine Herde!
  Erscheine! Erwecke deine Gewalt!

DIE ANDERN:

Erscheine! Erwecke deine Gewalt!

ANDERE (flehentlich):

La leuchten dein Antlitz, auf da wir genesen!

DER VERWUNDETE (von rckwrts, der leise gesthnt hat, jetzt laut
aufschreiend):

Ah! Ah! Ah!... Ich verbrenne ... Legt mir Wasser auf ... ich
verbrenne ... ah ... ah ... ah ... Wasser!

DIE FRAU (neben ihm):

Schweige, Guter, schweige um Gottes Gnade willen! Sie hren uns sonst.

DER LTESTE:

Schweige! Sei stille! Verschlie dich! Du strzt uns alle ins Verderben.

EIN ANDERER:

Sie tten uns, wenn sie uns entdecken!

DER VERWUNDETE:

Sie sollen mich tten ... ah ... ah ... ich ertrage es nicht ... es
frit mich das Feuer ... ah ... ah ... Wasser ... Wasser ... gebt mir
Wasser ... ich verbrenne ... Hilfe ... Hilfe!...

EIN MANN:

Wir mssen ihn schweigen machen, er verrt uns.

DIE FRAU:

Nein ... fort von ihm ... mein Bruder ist er ... von der Mauer habe ich
ihn auf meinen Schultern getragen. (Sie kniet bei ihm nieder.) Lieber ...
Lieber ... ich flehe dich an ... versuche zu schweigen ... ich hole
dir Wasser ... da, mein Tuch nimm und klemm es in die Zhne ... so ...
so ...

    (DER VERWUNDETE hat das Tuch sich in den Mund geknebelt. Sein
    Schreien geht in ein dumpfes Wimmern ber.)

    (DIE ANDERN, die erregt aufgestanden waren, haben sich wieder
    niedergelassen.)

EINER:

Lies weiter, Pinehas! Es ist viel Trstung im Wort.

EIN ANDERER:

Lies weiter! Von der Verheiung lies, von der Verheiung!

ANDERE:

Ja ... vom Gottesknecht ... vom Reis aus Isais Stamm ... die
Verkndigung ... Oh, lies ... snftige mein Herz ... vom Erlser lies ...
unsere Herzen drsten nach dem Tau des Worts ...

    (DER LTESTE hat die Schrift wieder aufgenommen und will zu lesen
    beginnen. Es pocht von auen an eine Tre. Alle fahren zusammen.)

EINE FRAU (ngstlich):

Es hat gepocht!

EINE ANDERE (erregt):

Sie sind da! Sie haben uns ausgesprt!

EIN MANN:

Es ist nicht vom Tore her! Einer der unsern mu es sein. Nur sie kennen
den Gang. Tut ihm auf!

DIE FRAU:

Nein! Nein! Es kann Verrat sein. Schcher sind unter dem Volke. Lat zu!

DER LTESTE:

Stille! (Er nhert sich vorsichtig der hinter Steinen verborgenen Tre).
Wer ist es?

    (EINE STIMME von auen antwortet.)

DER LTESTE:

Zefanja ist es, der Sohn meines Schwhers, den wir auf Kundschaft
gesandt. (Er schiebt den Riegel auf, ein Mann tritt ein, behelmt und wie
ein Chalder gekleidet. Alle strzen sich um ihn. Nur Jeremias bleibt,
wie der Stein, auf dem er mit gesttztem Arm starrt, reglos und
unbeteiligt.)

ALLE (wild durcheinander):

Was ist geschehen ... Hast du Neter gesehen, meinen Sohn ... Tebia, mein
Weib ... mein Haus, haben sie es verbrannt ... Erzhle ... sprich ... Wo
ist der Knig ... Der Tempel ... Erzhle, Zefanja ... Mein Gatte,
Ismael ... wo ist er ... Sprich ... Wo ist der Priester ... was geschieht
mit uns ... Erzhle ...

DER LTESTE:

Stille! Ihm lasset die Rede, denn seine Augen haben den Tag gesehen und
die Stadt!

ZEFANJA:

Besser im Dunkel zu sitzen, anstatt solches zu schauen, besser als
dieses noch, blind sich zu weinen, und am besten tief unten im Schwarzen
zu schlafen zwischen den Wurzeln der Bume und den Eingeweiden der Erde.
Ein Acker der Toten ist Davids Stadt geworden, Schutt und Kehricht
Salomos Burg.

ALLE:

Wehe ... Jerusalem ... wehe ... wehe ...

ZEFANJA:

Wie Kot liegen unserer Brder Leichen auf den Gassen, und selbst den
Toten noch rauben sie das Kleid. Aus den Grbern haben sie das Gebein
des Knigs Judas gerissen und geworfelt um den Purpur Salomos aus
seinem Sarge. Sie haben die Brote gegriffen vom heiligen Tisch und die
Leuchter geraubt von den Wnden.

DER LTESTE (sein Kleid zerreiend):

Ich will nicht mehr leben! Oh, knnt ich mein Innres zerreien wie dies
mein Gewand!

STIMMEN:

Wehe ... wo ist Gottes Kraft ... der Bund ... die Verheiung ... wo sind
unsere Fhrer ... Nachum ... wo ist Jochan ... verloren, verloren ...
Jerusalem ... mein Gatte ... wen sahest du ...

ZEFANJA:

Um viele fraget ihr, und eine Antwort habe ich fr alle. Es sieht keiner
Gottes Morgen mehr von den Edlen der Stadt.

ALLE:

Wehe ... Sie alle ... es ist nicht mglich ... Was ist mit Abodassar ...
Jojakim, auch er ... Hedassar ... Imre ... mir sage, mir ... Nachum ...

ZEFANJA:

Nicht fraget mich ... ihr Leiden ist gewesen und ihre Seelen bei Gott.

ALLE (durcheinander):

Und sage, auch Nachum ... antworte ... die Kinder des Knigs ...
Absalon, mein Schwher ...

ZEFANJA:

Es ist keiner am Leben. Wer nicht fiel an der Mauer, den erwrgten
Nabukadnezars Schlchter. Keiner lebet mehr, denn Zedekia.

STIMMEN:

Zedekia lebet ... Warum ihn geschont ... warum gerade ihn ... Ein
Verrter ist er ... Warum Gnade ihm, wenn den andern Tod ... warum ihm
Schonung?

ZEFANJA:

Ehrfurcht vor dem Knige! Ehrfurcht vor seinem Leide.

STIMMEN:

Was ist mit ihm ... ist er gefangen?...

ZEFANJA:

Zedekia brach durch mit sechzig der Tapfersten, da sie sich sammelten
im Gebirge und den Kampf erneuerten wider Assur. Aber jene jagten ihnen
mit Wagen nach und faten ihn und schleppten ihn vor Nabukadnezar.

STIMMEN:

Und er ... was tat er?

ZEFANJA:

Ich kreuzte den Weg seines Leidens und stand auf dem Platze, da sie ihn
in Ketten hielten. Und sie schlugen vor seinen Augen seine Kinder eines
nach dem andern mit dem Schwert. Dann aber ... als seine Augen voll
waren mit Grauen und Trnen ... dann ward der Gesalbte des Herrn, dann
ward Zedekia geblendet ...

JEREMIAS (pltzlich aus seiner ehernen Reglosigkeit auffahrend, in
furchtbarstem Entsetzen):

Geblendet, sagst du ... geblendet ...

ZEFANJA:

Wer ist dieser?

STIMMEN:

Sprich nicht mit ihm ... sieh ihn nicht an ... Schweiget ... nicht
nennet den Namen des Verruchten ... Fluch ist auf ihm ... fort ...
Sprich nicht zu ihm ...

ZEFANJA:

Wer ist, der da fragte? Ich kenne diese Stimme.

STIMMEN:

Nicht frage ... Fluch ber ihn ... er gehrt nicht zu uns ... ein
Ausgestoener ist es des Herrn...

EINE FRAU:

Gottes Fluch ist er, ber uns gesandt zu brennender Qual, Gottes Geiel
und Galle -- Jeremias, Jeremias!

ZEFANJA (mit einem gellen Aufschrei, beide Hnde vor sich hinhaltend):

Jeremias!

JEREMIAS:

Was schrickst du so vor mir? Was frchtest du dich? Ich bin nicht zu
frchten mehr. Wind ward mein Wort, und Kot ist meine Kraft. Spei mich
an und geh deines Wegs!

ZEFANJA (schauernd):

Nicht fluche mir, du Furchtbarer, nicht fluche mir! Nein, nein, nein,
ich tat dir nichts! Nicht fluche mir!

JEREMIAS:

Und wenn ich dir fluchte, was schdigte es dich, und wenn ich dich
segnete, was frderte es dich? Was bin ich denn? Ein Hauch ohne Wort,
ein Fluch ohne Kraft, ein Verknder ohne Gott. Spei mich an, denn
Aussatz war mein Wort und Lahmheit mein Wandel.

ZEFANJA (noch mehr schauernd):

Nicht fluche mir! Nicht fluche mir! Nie war ich dir feind! Oh, schtzet
mich! Verbergt mich vor ihm! Flehet ihn an, da er mir nicht fluche! Ich
kann sein Auge nicht schauen, ohne zu zittern, ich kann seinen Namen
nicht hren, ohne zu schauern.

DER LTESTE:

Ermanne dich! Was schauerst du vor ihm? Wind sind seine Worte und die
Schmach seine Heimstatt.

ZEFANJA:

Nein ... nein ... furchtbar ist er ... furchtbar ... er hat es gewut ...
er hat es gewut voraus ... er ... er allein ... und er hat ihn
gerufen ... der Knig ... er ... er ...

DER LTESTE:

Wer hat ihn gerufen?

ZEFANJA (ganz entgeistert):

Er ... er hat ihn gerufen ... der Knig. Gefat hatten sie ihn in seinen
Ketten und wandten sein Antlitz, da er schaue, wie man seine Kinder
schlge ... er wehrte sich ... aber sie zwangen ihn... Seine Lippen
waren zwischen den Zhnen, er wollte schweigen ... und er schwieg, wie
sie den ersten faten seiner Shne ... aber wie sie den zweiten griffen,
da bebten sie ... und da sie den dritten durchstieen, da sprangen sie
auf, die Lippen, die verzerrten ... aber nicht um Gnade schrie er ... er
schrie: Jeremias! Jeremias!

    (ALLE schauern zurck.)

ZEFANJA:

Seinen Namen schrie er in der Qual. Und da der Brandstahl seine Augen
zerstie, da schrie er nochmals ... Jeremias ... Jeremias... Wo bist du,
Verknder ... wo bist du ... mein Bruder Jeremias ... ihn ... ihn hat er
gerufen ... Er hat es gewut ...

    (ALLE weichen vor Jeremias, wie vor einem gefhrlichen Tier.)

JEREMIAS (in wirrer Qual mit sich ringend):

Es ist nicht wahr ... Ich habe es nicht gewollt ... nichts, habe ich
gewollt von dem allen ... er darf mich nicht anklagen ... er darf
nicht ... Das Wort ist in mich gefahren, wie das Feuer vom Steine fhrt ...
er darf mich nicht anklagen ... ich ... ich wollte zu ihm ... nicht ich ...
Gott hat mich zum Lgner gemacht ... ich habe mich seiner erwehret ...
es ist nicht wahr ... nicht ich habe es getan ...

ZEFANJA:

Was redet er?

EIN WEIB:

Wahnsinn hat ihn befallen.

EIN ANDERER:

Ein Rasender ist er.

EIN MANN:

Nein ... er hat es gesagt ... er hat alles gewut ... ein Weiser ist
er ... ein Profet ...

JEREMIAS:

Er darf nicht ... er darf nicht ... er darf mich nicht anklagen ... mein
Wort ist mein Wille nicht ... Macht ist ber mir ... Er ... Er ... Der
Furchtbare ... Der Mitleidslose ... Sein Werkzeug bin ich nur ... sein
Hauch ... seiner Bosheit Knecht ... Er hat mich beredet, und ich lie
mich bereden ... denn bermchtig war er, und sein Knecht bin ich
geworden ... Fluch hat er in meinen Atem getan ... Er ... Er ... der
Furchtbare ... die Galle in meine Rede ... und das Bittere in meinen
Speichel ... Oh, wehe ber die Gottesfaust ... wen er fat, der
Furchtbare, den lt er nicht wieder ... oh, da er mich freigbe, den
Verfluchten seines Worts ... ich ... ich ... ich will nicht mehr reden
seine Rede ... schweigen will ich ... schweigen ... ich ... ich ... ich
will nicht mehr, Gott ... ich will nicht mehr ... ich fluch deinem
Fluche ... la deine Hand von mir, tu das Feuer von meinem Mund ...
ich ... ich ... ich kann nicht mehr ... ich will nicht mehr ...

DIE STIMMEN:

Tobsucht hat ihn berkommen ... die Krmpfe ... die Krmpfe ... wie eine
Gebrerin windet er sich ... weichet von ihm ... hrt ihn nicht an ...
Gott hat ihn gestraft ...

    (JEREMIAS bricht wie zerschmettert in sich zusammen.)

DIE STIMMEN:

Sehet ... seht ... Die Hand des Herrn hat ihn getroffen ... Wahnsinn hat
ihn geschlagen ... weichet von ihm ... weichet von ihm ...

    (ALLE haben sich zusammengeschart und drngen sich von Jeremias
    fort, der auf der Erde liegt, wie ein gefllter Baum. Einige
    Augenblicke herrscht bestrztes, ratloses Schweigen. Dann pltzlich
    von auen ein Hrnerschall aus groer Ferne.)

ZEFANJA:

Wehe, sie nahen schon, die Verknder, die Herolde des Unheils!

ALLE (um ihn):

Was ist ... was ist geschehen ... was bedeutet der Ruf ... Lasset den
Narren ... Sprich, Zefanja ... welche Botschaft ...

ZEFANJA:

Botschaft Nabukadnezars an die Restlinge des Volkes.

STIMMEN:

Wehe ... was haben sie vor ... sollen wir gehen, sie zu hren ... drfen
wirs wagen ... sprich, Zefanja ...

ZEFANJA:

Nicht eilet euch, bse Botschaft ist immer zu frh noch vernommen.

STIMMEN:

Nein ... sprich ... erzhle ... sprich ... was ist uns verhngt ...

ZEFANJA:

Es ist Nabukadnezars Wille, da die Stadt nicht mehr lebe auf Erden.

    (STIMMEN in Schreckensschreien.)

ZEFANJA:

Zum Denkmal der Schrecknis hat der Verruchte Gottes Stadt bestimmt! Von
der Erde reit er uns weg, wandern mssen wir, Brder, wie einst in die
Knechtschaft. Eine Nacht nur wird uns Restlingen gegeben zur Rast, da
wir die Toten begraben, dann mu ein jeder, Greis und Kind, fort von
hier in der Chalder Land. Fremden Acker sollen wir bauen, fremde Reben
aufpflanzen und fremd uns selber werden und unserm Gott. Zum letzten
Male halten wir Jerusalems Erde an unserm Fu, zum letzten glnzt
heimatlich Gestirn ob unsern Hupten. Das ist jener Botschaft. Weh, wen
es lstet, sie zu vernehmen!

    (DER POSAUNENSCHALL tnt wieder von nher.)

STIMMEN:

Wir sollen hinaus ... fort von Zion ... fort von Jerusalem ...

DER LTESTE:

Ich gehe nicht ... ich bleibe ... ich bleibe ...

ZEFANJA:

Wer sich weigert der Wandrung, den fllt das Schwert. Jeder soll sich
rsten zur Reise und sich sammeln auf dem Markte. Dreimal wird die
Posaune tnen vor dem Morgenrot. Wer dann noch betroffen wird in der
Mauern Geviert, der verfllt ihrem Schwert.

DER LTESTE:

Mge es mich fllen, ich bleibe, ich bleibe! Ich will nicht leben ohne
Jerusalem. Im Sarge lieber, denn in fremdem Geviert!

EIN WEIB:

Mein Bruder ist gefallen, meines Bruders Sohn und mein Gemahl. Grber
sind mein Erbe, ich will es behten.

EIN MANN:

Ich bleibe! Ich bleibe! Hier ist meine Wurzel und meine Kraft. Lahm
wrde mein Arm, sollte ich den Pflug stoen in fremde Erde, und blind
meine Lider in fremder Welt.

STIMMEN (begeistert):

Wir bleiben ... wir wollen sterben ... lieber den Tod, als das
Diensthaus ... nicht in die Verbannung ... sterben fr Gott ...
sterben ... lieber sterben ...

DER KRANKE (von seinem Lager rckwrts sich fiebernd aufrichtend):

Nein ... nein ... ich will nicht sterben ... nicht sterben ... leben
will ich, leben ... ich will fort ... fort ... nur nicht sterben ... wer
wird mich tragen ... verlat mich nicht ... nicht ... nicht sterben ...
leben, leben, leben!...

DIE FRAU (zu ihm hinstrzend):

Beruhige dich ... ich trage dich.

DER KRANKE (fiebernd):

Ja ... fort ... fort von den Wahnwitzigen ... nur nicht sterben ... nur
nicht sterben ...

DER LTESTE:

Er spricht wirr ... sein Leib ist verbrannt, sein Arm zerschmettert ...
er wei nicht, was er redet ...

DER KRANKE (in fiebriger Wut):

Ich wei ... ich wei ... ich habe den Tod gesprt ... nur nicht
sterben ... Lieber verbrennen, lieber leiden ... aber doch Leben noch
fhlen, Leben ist Hoffnung, und Totsein ist nichts ... nur nicht
sterben ... leben ... leben ...

EINE JUNGE FRAU:

Ja, auch ich will leben ... ich habe noch nichts geschaut, nichts
gefhlt ... meine Glieder blhn noch ... ich spre mich ... ich will
nicht ins Kalte ... ich will nicht ... ich gehe mit dir ...
berallhin ... berallhin ...

EIN ANDERES WEIB:

Metze du ... Buhlerin ... willst du Kebse werden der Fremden?

DIE JUNGE FRAU:

Alles ... alles ... nur leben, nur leben ...

DER KRANKE:

Leben ... alles leiden, alle Qualen ... aber leben ...

EIN MANN (wild):

Kein Leben ohne Gott ... kein Leben ohne Jerusalem ...

ANDERE STIMMEN (durcheinander):

Lieber sterben ... lieber sterben ... nur nicht zurck ins Diensthaus ...
nicht Sklave sein ... nicht sterben, nur nicht sterben ...

    (DER POSAUNENRUF der Herolde tnt nun von ganz nahe.)

EINER:

Lat sie rufen, ich hre sie nicht. Die Stimme des Todes tnt in mir
stark wie Gotteswort! Sterben wir, sterben wir, lassen wir uns nicht
locken! Sterben wir mit Jerusalem!

DER LTESTE:

Ich halte dich, Jerusalem, heilige Stadt, mit meinen welken Hnden
klammre ich mich dir an, mein Leben warst du, so sei auch mein Tod! Wie
knnte ich atmen ohne dich, wie auftun das Auge des Morgens, ohne zu
schauen Salomos Haus und Gottes irdische Rast? Lieber in deine Erde
versargt sein, als hingehen ber andere Scholle, lieber ein Toter mit
meinen Vtern, denn ein Knecht unter Fremden. Jerusalem, Jerusalem,
Jerusalem, nimm mich in deine Erde, mein Leben warst du, sei auch mein
Tod!

ZEFANJA:

Ich scheide mich von dir. Ich will nicht sterben! Zu viel der Toten habe
ich gesehn in den Straen, ihre Augen standen starr in den Himmel der
Stadt, ihre Fuste waren gekrampft in Israels Erde, aber es war kein
Friede in ihrem Gesicht. Ich will leiden ohne Ma, aber ich will leben.
Mgen sie mich hmmern in die Bergwerke von Tyr, wo das Wasser tropft,
da der Bart fault und die Augen blinden, mgen sie mich schmieden mit
krummem Rcken in den Ring ihrer Ruderschiffe, mgen sie mich
verschneiden ihren Gttern und verstmmeln, jedes Glied in mir schreit
noch um Leben zu Gott. Jeden Tag will ich segnen aus Ketten und Qual,
oh, nur nicht tot sein, nicht tot sein!

DER KRANKE (sich aufrichtend):

Ja, nur leben, nur ein Sandkorn Zeit noch zwischen den Fingern fhlen!
Nur noch sehn die kleinen Blten der Mandeln, die sich wei auftun ber
Nacht, und den Mond, wie er schmilzt und sich rundet unter den Sternen.
Oh, nichts genieen mehr, verkrmmt sein und vertaubt, aber noch schauen
die seligen Dinge der Welt und die Luft einziehen im Munde. Nur sein
eigen Herz spren, wie es schlgt und die Ader warm luft an den Hnden!
Leben, oh, leben, nur leben!

DER LTESTE:

Schmach ber euch, Weichlinge! Wollt ihr leben ohne Gott? Wollt ihr ihn
rcklings lassen in Schutt und Schande?

EIN MANN:

Er geht mit uns, wie er ging durch die Wste.

EINE FRAU:

Wir wollen seiner gedenken im Gebet.

DER LTESTE:

Wo wollt ihr beten, wenn nicht an seinem Altar? Abtrnnige seid ihr und
Verrter. Wollt ihr knien vor Bel und opfern vor Astaroth? Lebe, wer
leben will ohne ihn. Ich bleibe ihm getreu.

EIN MANN:

Ein neues Haus wollen wir ihm bauen.

DER LTESTE:

Dieses hat er gewhlt. Hier ist er allein.

STIMMEN:

Er wandert mit uns ... berall spricht er zu uns ... auch aus dem Golus
wird er uns hren ... auch dort werden wir glubig sein ... unter allen
Himmeln ist sein Wort, sein Antlitz berschattet alle Wege ...

DER LTESTE:

Nein, wer Jerusalem lsset, verlt auch Gott. Hier ist Jahwes Haus,
hier ist er allein. Gtzendienst ist jedes Opfer als an seinem Altar.

STIMMEN (widerstreitend):

Nein ... berall ist er ... hier ist er allein ... berall ... allerorts
ist er ... er wird sich uns weisen an jeder Sttte ... nur im Tempel ist
sein Haus ... berall ist er ... berall ... nur hier ist sein
Antlitz ...

JEREMIAS (pltzlich sich aufraffend, mit furchtbarem Ausbruch):

Nirgends ist er! Nirgends! Wer hat ihn gesehn von den Lebendigen, wer
gehrt seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins Leere starren, die
ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lgner geworden vor der
Menschheit Gesicht. Nirgends ist Gott, in den Himmeln nicht und auf der
Erde und in den Seelen der Menschen nicht! Nirgends, nirgends ist er!

DER LTESTE (ganz erstarrt mit offenem Munde. Endlich mit den Hnden
aufzuckend zum Himmel fahrend):

Lsterung! Lsterung! Fahre nieder auf ihn mit deinen Blitzen!

JEREMIAS (immer heier):

Wer hat ihn gelstert, wenn nicht er selbst? Zerbrochen hat er seinen
Bund, verleugnet seine Schwre, zerschmissen seine Mauern und verbrannt
sein eigen Haus. Er selbst verneinet sich, er selbst ist Gottes
Lsterer, er, nur er!

DER LTESTE:

Hrt nicht auf ihn! Hrt nicht auf ihn! Ein Abgefallener ist er, ein
Ausgestoener, hrt nicht auf ihn, ihr Diener des Allmchtigen!

JEREMIAS (immer mehr sich entzndend):

Wer hat ihm gedient wie ich in Israel, wer war sein Knecht so treuselig
wie ich in Jerusalems Mauern? Ich habe mein Haus gelassen um
seinetwillen im Hasse und meine Mutter im Tode, Freunde habe ich
geopfert seiner Liebe und der Frauen Se seiner Eifersucht! Seinem
Willen habe ich mich aufgetan wie ein Weib dem Manne. Das Wort zwischen
meinen Zhnen war sein, und das Blut in meinem Leibe, jeder Gedanke war
seines Willens Kind und die Trume hinter meinem Schlaf. Ich habe meinen
Rcken geboten, die mich schlugen, mein Angesicht verbarg ich nicht vor
Hohn und Speichel. Und ich habe gedient, ich habe gedient, weil ich
meinte, da er wenden werde das Unheil durch mich; ich habe geflucht,
weil ich meinte, er werde es zum Segen kehren; ich habe gekndet, weil
ich meinte, er werde mich zum Lgner machen und werde retten Jerusalem!
Aber Wahrheit habe ich gekndet, und nur er ward Lgner an seinem Wort.
Wehe, wehe, da ich so treu gedient dem Treulosen! Da meine Brder
lachten, hat er mich entsendet, da ich speie auf ihre Freude, und nun,
da sie sich ngstigen und sich winden im Krampf ihres Elends, will er,
da ich ihrer lache! Aber ich lache nicht, Gott! Ich lache nicht an
meiner Brder Qual, ich lache nicht! Nicht vermag ich mich zu freuen wie
du an dem Jammer der Verschreckten, und der Erschlagenen Geruch duftet
mir nicht! Deine Hrte ist mir zu hart und zu schwer deine Hand! Ich
diene nicht mehr deiner rasenden Rache, ich dien dir nicht mehr. Ich
zerreie den Bund zwischen dir und mir. Ich zerreie ihn! Ich zerreie
ihn!

STIMMEN (durcheinander):

Er ist rasend ... er lstert Gott ... fort von ihm ... Gott wtet in
ihm ... Irrwitz hat ihn befallen.

JEREMIAS (ber sie hinweg, in wilder Ekstase ins Leere sprechend):

  So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich!
  Wie ich wider dich zeuge, zeug du wider mich!
  Sag an,
  Ob je ich meinem Gelbnis mich wehrte,
  Ob je ich gemdet und aufbegehrte?
  So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich,
  Raff dich auf vor diesen und sprich wider mich!
  Du hast mich gesucht und hast mich gefunden,
  Mit Ahnung verschreckt und mit Trumen entzunden,
  Und da meine Seele in Flammen stand,
  Als Feuerbrand wider mein Volk entsandt;
  Was wars, als dein rasender Wille nur,
  Da wie ein Feind ich wider sie fuhr?
  Ich war die Drossel, die sie umkrampfte,
  Der Huf, der ihren Frieden zerstampfte,
  Ich war die Sge, die sie zerkreischte,
  Der Stachel, der sie lebendig entfleischte,
  Ich war die Schrecknis, die sie erschreckte,
  Der Angsttraum, der sie allnchtens erweckte,
  Der Brand, der an ihren Knochen fra,
  Der Dorn, der in ihrem Fleische sa,
  Ich war der Znker, der sie schmhte und schmlte,
  Der Henker, der sie zerpfhlte und qulte,
  Und war noch der Hohn, der dann sie verlachte verlachte --
  Oh, alles war ich, was dein Irrwitz mich machte,
  Denn fhllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier,
  So diente ich dir! So diente ich dir!
  Ich fhlte die Brder, deren Seele mich suchte,
  Und doch! Ich verschlo mich und fluchte und fluchte,
  Und ob auch mein Herz sich bumte und schrie,
  Ich zumte es nieder und zchtigte sie.

STIMMEN:

Im Fieber redet er ... zu wem spricht er ... er ist rasend ... sein Hirn
verbrennt ... Irrwitz redet er ...

JEREMIAS:

  Aber ich sage mich los!
  Ich tu nicht lnger nach deinem Begehr,
  Ich rechte nicht mehr und knechte nicht mehr!
  Mein Herz ist nicht lnger dir Heimstatt und Haus,
  Ich strz dich aus deinen Himmeln hinaus!
  Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoen,
  Den harten Hasser, den Mitleidslosen,
  Denn ein Gott, der Hohn anstatt Hilfe gibt,
  Ist nicht wert mehr, da man ihn kndet und liebt!
  Nur wer das Leiden wendet, ist Gott allein,
  Nur wer Trost ausspendet, darf Allmacht sein!
  Oh, ich wei es, ich wei es, nur der ist Profet,
  Dessen Hand die ewige Liebe ausset,
  Dessen Seele Flut ist von groem Erbarmen,
  Dessen Seele Glut ist von allem warmen
  Strmenden Blut, das unschuldig versprengt ist,
  Und dessen Herz von unendlicher Liebe versengt ist!
  Oh, und ich fhl es, ich fhl es, ich kann einer sein,
  Denn die Stimmen, die ungehrt auf zu dir schrein,
  Sie schlagen wie Flammen in mich hinein!
  Mich ruft die Stadt, die du zrnend verbrannt hast,
  Mich ruft dein Volk, das du hassend verbannt hast,
  Mich rufen die Witwen, die du gezeugt hast,
  Mich rufen die Mtter, die du gebeugt hast,
  Mich ruft der Knig, den du geblendet,
  Dein Altar, den du dir selber geschndet:
  Aus Grften und Lften sind klingende Boten
  Urmchtigen Leidens mir zugesendet,
  Die Lebenden rufen, mich rufen die Toten,
  Und mein Herz erhrt sie -- es hat sich gewendet:
  Gewendet von dir, der du hassend und hart bist
  Und zum Gtzenstein deines Stolzes erstarrt bist,
  Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brdern,
  Die Leiden umkleiden, die Qualen erniedern!
  Nur ihnen, nur ihnen
  Tut auf sich mein Herz, blhn auf meine Arme,
  Und ich beug ihrem Leid mich, ihm beug ich die Knie --
  Denn ich hasse dich, Gott, und ich liebe nur sie!

DER LTESTE:

Er hat Gott verflucht ... Schlagt ihn nieder ...

STIMMEN:

Er rast ... er ist toll ... Irrwitz ist seine Rede ... Wachen Auges
trumt er ... es ist Gefahr, ihn zu hren ... bringt ihn zum Schweigen ...

JEREMIAS (pltzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt):

  Oh, meine Brder, verzeiht mir, verzeiht,
  Verzeiht meiner ruchlosen Eitelkeit!
  Er, er nur hat mich mit Trumen verblendet,
  Mit Worten gelockt und mit Zeichen versucht,
  Da ich meinte im Trotz meiner Eigensucht,
  Ich sei als ein Mahner gen euch gesendet.
  Ich meinte, da ich der Groe bin,
  Wenn seinen Namen ich wider euch reckte
  Und die Zhne mit seinen Flchen ausbleckte, --
  Doch ich reie mich los und verstoe ihn!
  Und ob ich hoffrtig an euch getan,
  Ihr Brder, hrt mich erbarmungsvoll an!
  Weil ich euch fluchte, erbost euch nicht,
  Weil er mich versuchte, verstot mich nicht,
  Zu euren Fen werf ich mich hin,
  Fhlt, fhlt es, da ich voll Bue bin!

    (DIE MNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurck.)

JEREMIAS (ihnen nachkriechend auf den Knien):

  Ihr Brder, ihr Brder, verzeiht mir, verzeiht,
  Oh, wie fhl ichs jetzt, da ihr mir Brder seid
  Und ich der jngste, geringste von allen!
  Oh, lat mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen
  Und selig das Brot eures Leidens mitbrechen,
  Oh, lat es, ihr Brder, euch gtig gefallen,
  Da ich euch liebe, da ich euch gehre,
  Nie soll mein Wort mehr, ich schwre, ich schwre,
  Sich frech und mahnend wider euch kehren.
  Das Letzte, das Niederste will ich euch tun,
  Das ihr mir auflegt als Bue und Pein,
  Den Staub will ich kssen von euren Schuhn
  Und der klgliche Knecht eurer Knechte sein.
  Oh, ihr Brder im Dunkel, ihr Brder im Leid,
  Meine Reue fhlt, meine Demtigkeit,
  Und vergebt mir, ihr Brder, verzeiht mir, verzeiht!

DER LTESTE:

Tod ber den, der ihn berhrt! Gott hat ihn gerichtet.

STIMMEN:

Gottverfluchter ... fort mit dir ... fort ... weg von uns ... weg aus
unserer Mitte ... verpeste uns nicht ... Gottesleugner ... fort ...
fort ...

JEREMIAS (zurckgestoen, mit einem dumpfen Aufschrei):

Aussatz ber mich! Aussatz ber mich und Tod! (Er bricht in sich
zusammen.)

STIMMEN:

Man mu ihn hinausschaffen wie ein Aas ... er verpestet mit seiner Nhe
den Atem ... Wahnsinn ist ber ihm ... hinaus mit ihm ... ttet ihn ...
schlagt ihn nieder ...

DER LTESTE:

Rhrt ihn nicht an! Gottes Hand ist ber ihm, und sie ist strker, denn
die unsere.

    (EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Tre.)

ALLE (durcheinander):

Die Herolde ... die Chalder ... es pocht wie die Hand eines
Gebieters ... es ist keiner der unsern ...

    (DAS POCHEN, heftiger und eiliger.)

ALLE (durcheinander):

Wie er drngt ... er ist ungeduldig ... man darf ihn nicht erzrnen ...
lat verschlossen, Ruber sind es, Chalder ... man mu auftun ... er
erzrnt sonst.

DER LTESTE:

Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes nicht zu jeder Stunde?

    (DER LTESTE ffnet zaghaft einen Spalt der groen Tre. Sie wird
    hastig aufgestoen und herein strzt)

BARUCH (verstrten Gesichts):

Brder, ist Jeremias hier?

DER LTESTE:

Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus!

BARUCH:

Ist er hier? Man hat mirs gesagt.

DER LTESTE:

Da er doch anderwrts wre, im Schlund der Gehenna und zerrissenen
Gebeins im Schlachthaus der Feinde! Hier liegt er, getroffen von Gottes
Hand.

BARUCH (hinstrzend):

Jeremias! Jeremias!

JEREMIAS (sich aus seiner Hingesunkenheit langsam erhebend, ganz fremd
ihn anstarrend):

Wer sucht mich noch, wer versucht mich noch?

BARUCH:

Meister, mein Meister, kennst du mein Antlitz nicht mehr, ward dir fremd
meine Stimme?

JEREMIAS:

Ich will nichts schauen mehr und nichts hren. Weg du, der du noch Atem
im Maule hast! La mich liegen und faulen!

BARUCH:

Jeremias, gtigster Meister du! Ich beschwre dich, raffe dich auf, sie
fahnden nach dir, sie sind nah, sie kommen!

JEREMIAS:

Wer sucht mich noch auf dieser Welt?

BARUCH:

Du bist verraten, man wei deine Hausung. Nabukadnezar sandte Schergen
nach dir, sie suchen dich, und rasch nur flog ich voraus.

JEREMIAS:

Mgen sie kommen. Selig die Schlchter, selig der Tod!

BARUCH:

Jeremias, fasse deine Sinne. Der Letzte bist du von den Edlen der Stadt;
alle sind sie gefallen und geschlachtet, nur um dich fahnden sie noch,
da alles ausgerottet sei, was edel war in Israel.

JEREMIAS:

Mgen sie kommen! Selig die Schlchter, selig der Tod!

BARUCH (in Verzweiflung ihn aufrttelnd):

Jeremias! Jeremias! Wach auf aus deinem Traum! Furchtbar ist
Nabukadnezars Zorn und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod
schrft er durch Qualen, und seine Knechte wissen zu martern wie keiner.

JEREMIAS:

Meinst du das, Knabe? Oh, du kennst Ihn nicht, den Frchterlichen, der
Qualen hat und Martern, die kein Irdischer wei. Wes lebendige Seele in
Gottes Marter gefallen, der frchtet nicht mehr des Leibes Pein und die
Schrecknis der Knechte. Mgen sie kommen, mgen sie kommen und sich
versuchen an mir, dem Gott in die Eingeweide griff, und ich spotte
ihrer. Denn ich habe die Gottesqual gekannt, und Seligkeit ist die
Marter des Tods gegen die Marter des Lebens, eine Wollust der Menschen
Qual wider die Gottesqual.

BARUCH:

Jeremias, Jeremias! Wenn du mich liebst, so entfliehe, ich lasse dein
Leben nicht, ich lasse es nicht!

JEREMIAS:

Ich liebe nicht mehr! Keinen mehr liebe ich, keinen!

BARUCH (ihn umschlingend):

Nein, Meister, mein Blut eher, denn deines. Ich sterbe mit dir.

    (HEFTIGE SCHLGE von ehernen Lanzen an der Tr.)

ALLE (strzen in die Winkel):

Wehe ... wehe ... die Chalder ... unsere Stunde ist gekommen ... er hat
das Unheil ber uns gebracht ... Wehe ... er ... er ... liefern wir ihn
aus ...

BARUCH (entsetzt):

Es ist zu spt ... sie sind da ...

JEREMIAS:

Tu ihnen auf, Baruch!

    (BARUCH zgert.)

JEREMIAS (aufstehend, stark, mit groer, klingender, fast jauchzender
Stimme):

Tu ihnen auf, da ich aufrecht sie empfange, denn drstig ward meine
Seele des Todes. Oh, erster Erfller meines Wortes, sei gegret,
gegret das Ende! Tu auf, Baruch! Tu ihm auf, dem Erlser!

    (BARUCH schreitet gegen die Tr, zgert wieder.)

    (NEUE HEFTIGE SCHLGE von auen.)

JEREMIAS (mchtig):

Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich befehle es dir. Tu ihm auf!

    (BARUCH verhllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.)

    (DIE TRE wird mchtig mit ihren beiden Flgeln aufgestoen, ein
    Schimmer vom letzten abendlichen Licht glht in das verdunkelte
    Gemach herein. Die drei Abgesandten des Knigs treten reich
    geschmckt herein, hinter ihnen steht feurige Helle des sinkenden
    Tages. Die Flchtigen scheuen vor ihnen in die dmmerigen Winkel
    zurck, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen gegenber.)

DER GESANDTE (den beiden andern voraustretend):

Ist unter euch der, den sie Jeremias nennen, den Sohn Hilkias von
Anathoth?

JEREMIAS:

Ich bin, den du suchst. Tu an mir nach deinem Gehei.

    (DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Lnge nach vor Jeremias
    nieder und berhrt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden
    anderen tun desgleichen.)

    (JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurck.)

DER GESANDTE (sich aufrichtend):

Gru und Ehrfurcht dem Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verknder
des Geschehens, dem Erschauer des Verhllten! (Er neigt sich wieder
dreimal zur Erde, dann steht er auf, die beiden andern folgen seinem
Gehaben.)

    (JEREMIAS hat sich wieder gefat und sieht ihn finster an.)

DER GESANDTE:

Auftrag ist dir und Botschaft gesandt durch meinen knechtischen Mund von
Nabukadnezar, meinem Herrn, dem Knig der Knige, dem Umpflger des
Lands. Also ergeht an dich das Wort des Gewaltigen. Gekndet ward
Nabukadnezarn, da du der einzige warst deines Volkes, der Untergang
kndete den Emprern und Schande den Schwtzern. Wie Blei sind
geschmolzen die Worte der Priester, die wider seine Strke sprachen,
aber das deine der Warnung ward bewhret wie Gold. Nabukadnezar hat
deinen Ruhm vernommen, sein Ohr hat deinen Namen getrunken, und nun
drstet sein Auge, dich zu schauen.

JEREMIAS:

Mgen die Feinde meine Weisheit rhmen, ich fluche meinem Wort!

DER GESANDTE:

Also aber ergehet des Allknigs Ruf an dich: Ich habe geblendet, die
verblendet waren. Ich habe die Kinnbacken gebrochen den Emprern und die
Zunge ausgerissen denen, die sprachen wider mich. Aber die meine Macht
ehrten, die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu frchten
gewut. Ein Gewand sendet er dir, wie es die Frsten Chaldas tragen,
und du sollst der Oberste seiner Diener sein an seinem Tisch.

JEREMIAS:

Ich diene keinem mehr im Himmel und auf Erden, seit ich Gott gedient und
mde ward an ihm. Ich weigere mich dem Dienst.

DER GESANDTE:

Falsch deutest du das Wort. Nicht zu geringem Dienste bist du begehrt,
sondern ber alle gestellt, die dem Knige dienen. Der Oberste sollst du
seiner Magier werden, Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne
zhlen, die seine Jahre sind. Es soll keiner sein ber dir, frei dein
Ausgang und Eingang in seinem Palast.

JEREMIAS:

Ich hre dein Wort, ich hre des Knigs Wort aus deinen Worten und wge
es flach in den Hnden. Gro ist der Ruf, den Nabukadnezar mir sendet,
doch grer des Volkes Not, dem ich zu eigen bin. Darum hre! Ich mag
nicht eingehen in den Palast, des Stufen die Tchter meines Herren
scheuern als Mgde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener
Gesell, deren Hnde den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen zu Zion.
Ich mag Gunst nicht von dem Grausamen und die Gnade nicht von dem
Gnadelosen, ich mag sie nicht.

DER GESANDTE:

Botschaft habe ich dir gebracht, du hast sie vernommen, und eines Knigs
Botschaft will Gehorsam.

JEREMIAS:

Klar ist deine Rede, klar sei auch die meine. Geh hin zu dem, von dem du
gekommen, und sage ihm, wie ich dir sage: Also spricht Jeremias zu
Nabukadnezar. Meine Bitternis hat keine Se fr dich und meine Lippen
keine Verheiung fr deinen Stolz. Und wenn du riefest mit aller Engel
Stimme, mein Herz wird dich nicht hren, und wgtest du alle Steine
Jerusalems mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Se mein Mund. Ob du
mich gleich ehrest, ich ehre dich nicht, und ob du mich suchest, ich
will dich nicht finden.

DER GESANDTE:

Besinne dich, der Knige Knig ist es, der dich vor sein Antlitz
fordert!

JEREMIAS:

Ich weigere mich ihm! Ich weigere mich!

DER GESANDTE:

Noch nie ward Weigerung ihm geboten.

JEREMIAS:

Ich biete sie ihm, ich, der Letzte Israels. Wer ist er, da ich ihn
frchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und ein Windhauch sein
Zorn.

DER GESANDTE:

Verwegener, wen lsterst du? Des Herren geheiligten Namen sprichst du
liederlich aus. Hte deine Zunge, hte dein Leben!

JEREMIAS (entbrennend):

Wer ist er, da ich ihn frchten soll? Viele waren, die einst solch
Stirnband trugen von Gold und sich Pharao nannten, und ist doch keiner
mehr, der ihnen nachfragte und einen Stift fat, ihr Gedchtnis zu
schreiben in die Bcher der Zeit. Mchtigere waren denn er, und die
Geschlechter der Erde vergaen ihrer, ehe die Bume morschten, die sie
gepflanzt. Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, da ich ihn frchten
soll? Ist er ein Menschwurm nicht und wartet nicht Tod hinter seinem
Schlaf und Fulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel enteilt schon und
dem Umschwung der Stunde? Meinst du, er halte schon, was er habe, und
mag sich des Ausgangs berhmen inmitten des Wegs?

DER GESANDTE:

Ewig whret Nabukadnezars Macht, ewig hlt er den Sieg.

JEREMIAS:

Hast du es gelesen im Buche des Schicksals, haben die Magier ihm die
Siegel gelst vom Zuknftigen und die Sterngucker es bedeutet? Wei er
seinen Ausgang schon, da ihr ein Prahlen um ihn anhebt, und kennet er
sein Los, da er sich erfrechet? Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen
ist der Stab ber Nabukadnezar und zerrissen das Kleid seiner Macht.
Tief hat er Israel geknechtet, aber siebenmal tiefer wird er geknechtet
werden. Schon keimet sein Sturz, und seine Stunde, sie ist nah, sie ist
da, schon erstanden ist der Rcher fr Israel, erstanden der Rcher fr
Jerusalem!

    (DER GESANDTE schrickt zurck.)

DER LTESTE (aus dem Dunkel ist pltzlich aufgestanden und schreit
begeistert):

Erflle, erflle sein Wort! Erhre es, Gott, erhre es!

JEREMIAS (ganz in Glut):

Geh hin zum Knige, geh hin! Hat er doch gesendet um Botschaft und
gefordert das Verhllte, geh hin, geh hin, sage ihm Verkndigung, da
die Ohren ihm gellen, geh hin, du Gesandter, geh hin und sage, wie ich
es ihm sage: Weh dem Verstrer, denn er wird verstret werden, und weh
dem Ruber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken in
Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemstet vom Fleische der
Vlker, bald wird er Fra sein der Wrmer! Horch! Ein scharfer Wind
wacht auf wider Babel und ein Sturmwind gen Ninive! Gezhlt sind die
Tage Assurs und gezckt das Schwert -- Schwert wider Babel, Schwert
wider dich, Schwert ber deine Mnner, Schwert ber Volk und Gefild!
Gezckt, gezckt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezckt,
es ist gezckt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger,
reif ist dein Assur zur Grube, voll sind die Kelter deiner Missetaten
und die Kufen deines Frevels, Nabukadnezar.

    (DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflchtet und
    halten die Hnde abwehrend vor sich.)

DER LTESTE (in Ekstase):

Erhre ihn, Herr! Erhre ihn! Mache wahr seine Rede, mache wahr seine
Zunge! Sei du, der es sendet, sein Wort!

EINIGE DER FRAUEN UND MNNER (haben sich aus dem Dunkel gewagt und um
ihn gesammelt. Flehentlich):

Erhre ihn, erhre ihn, Gott Zebaoth! Erhre ihn!

JEREMIAS:

Schon ist er wach, der Rcher, er ist wach, denn der Herr des Tempels
hat ihn erweckt und mit Strke geschienet! Und er kommt, er naht, er ist
da, gewaltig sind seine Fuste, sie werden Babel zerdrcken wie ein
Vogelnest und sein Volk jagen wie Spreu! Setze nur Wchter auf die
Trme, da sie warnen, rste geharnischte Mnner, da sie ihm wehren,
schrfe die Speere; doch so wenig du die Wolke kannst scheuchen am
Himmel mit deinem Hauche, kannst du scheuchen seinen Sturm, denn als ein
Rcher kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem trunkenen
Schwert.

DER LTESTE (ekstatisch):

So lasse es geschehen, Gott! Lasse es geschehen!

DIE ANDERN (um ihn haben sich gesammelt, auch sie ergreift die
Begeisterung):

Strze nieder auf sie, wie er gesprochen ... erflle, erflle sein
Wort ... oh, Verheiung ... sende den Rcher ... sende den Rcher ...
flle Babel, wie er gekndet ... erhre ihn, Gott ... erhre ihn ...

    (DIE GESANDTEN weichen verstrt zum Ausgange.)

JEREMIAS (in einem wilden Gemenge von Jubel und Ekstase):

Oh, du Irrwitziger der Irrwitzigen, hast du wahrhaft gemeint, uns zu
knechten, hast du gemeint, Gott verge unser, Gott verge Jerusalem?
Sind wir denn sein Kind nicht und seines Namens Vermchtnis, seine
Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf uns und sein Segen auf
Abrahams Scheitel? Er hat uns gezchtigt in unsern Snden, doch er wird
unser sich erbarmen, er hat zerstrt, doch er wird wieder aufbauen, er
hat uns zerstreut, doch seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wren
wir zerstreut bis an die Enden der Erde. Was seine Linke genommen, wird
die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brder, ihr Brder, eher
mgen Berge strzen und aufwrts flieen die Flsse und verdunkeln des
Himmels Gezelt, als da Gott verge seines Bundes, da er verge
Israel, da er versumte Jerusalem!

    (DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebrden entschwunden.)

DER LTESTE UND DIE ANDERN (umdrngen Jeremias von nah und begleiten
seine Rede mit hymnischem Zuruf):

Segen auf dein Wort ... Segen ber dein Haupt ... Gott vergit nicht
Jerusalem ... Oh, Verkndigung, selige Botschaft ... Segen auf dein
Wort ... Segen ber dich!

JEREMIAS (immer jauchzender, ohne ihrer zu achten):

Oh, wie dunkel doch waren die Tage der Erde, da druend die Brauen
Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hllte seinem Kindern! In
Finsternis waren wir zergangen, schon meinten wir zu ersterben in den
Kerkern der ngste. Aber, meine Brder, seines Ingrimms Ende war seiner
Liebe Anfang schon. Ein Wetter ist er hingefahren ber unsern Hupten
und hat uns zerschlagen, wie Rohr brach er die Kraft unseres Leibes,
aber neu glnzt bald die Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den
Hnden, er heit seine Donner schweigen, und im sanften Suseln klingt
seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, s zu vernehmen ber Lnder
und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird sprechen zu ihrer
Stunde:

    Stehe auf, Jerusalem,
    Stehe auf, du Gekrnkte,
    Und frchte dich nicht,
    Denn ich erbarmte mich dein.
    Ich habe dir gezrnet
    Und dich einen kleinen Augenblick verlassen,
    Aber nicht immerdar will ich mit dir hadern,
    Und ich zrne nicht ewiglich.
    Und darum, da du die Verlassene gewesen bist
    Und die Verstoene einen Tag,
    Sollst du die Prchtige sein fr und fr
    Und die Erhobene in aller Ewigkeit.
    Ich will dich schmcken mit meiner Liebe
    Und grten mit meinem Frieden,
    Mein Antlitz hat sich dir zugewendet,
    Und mein Segen ist deinem Scheitel gesenkt.
    So stehe auf, Jerusalem,
    Stehe auf,
    Denn ich hab dich erlset!

DER LTESTE:

Segen ber dein Wort und Erfllung!

DIE ANDERN:

Erhre ihn, Gott ... tue nach seinen Worten ... erhre uns ... erlse
Jerusalem ... erlse Jerusalem ...

JEREMIAS:

Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstrte, da sie hrte den
wonnigen Ruf, und es lset der Herr die Fesseln ihres Halses und das
Joch ihrem Nacken. Er hebt auf die Geknickte von den Knien, er wischt
ihr die Trnen von den Wangen, die Witwe und Waise erkrt er zur Braut.
Und es lchelt die Gekrnkte, es blht die Verdorrte, es wird fruchtbar
die Verschlossene und verlangt ihrer Shne, da sie mchten sie schauen
in ihrem Glcke und frohlocken ihrer Erneuung. Aber schon haben Israels
Kinder vernommen den Ruf des Herrn, und so weit sie verstoen von den
Enden der Erde und den Eilanden des Meeres, kommen sie heimgezogen gen
Zion. Von Morgen und Mittag, von Abend und Mitternacht, selige Pilger
kommen sie gezogen, ber Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, ber Basan
und Karmel ihre Ungeduld, da sie schauen die Stadt unserer Liebe, die
Stadt unseres Leidens, Zions heilige Burg. Und es glnzet Jerusalem, es
jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre Kinder, zahllos gekommen aus
den Kerkern der Verbannung, es blhet die Verdorrte, es glnzt die
Verdunkelte, es jauchzt die Verstummte, auferstanden ist die Versargte,
sie ist auferstanden! Und die Hgel winken ihr zu wie einst, und es
schatten sie die Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glnzet der
Friede ber ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede
Jerusalems!

DIE ANDERN:

Oh, lasse es geschehen, wie er kndet, Herr ... tue also, wie er
gesagt ... Friede ber Israel ... lasse auferstehen Jerusalem ... la
uns auferstehen ... la uns auferstehen ...

JEREMIAS:

  Und des Tags, da wir wieder um Zion uns scharen,
  Die wir so lange die klagenden Knechte
  Im dsteren Zinshaus der Fremde waren,
  Da werden wir glubig zusammentreten,
  Da werden wir sprechen, da werden wir beten:
  Gesegnet seist du, Herr Zebaoth,
  Der du gro und gndig an uns hast getan!
  An den Wassern von Babel saen wir bangend
  Und brachen der Knechtschaft bitteres Brot,
  Wir mengten mit Trnen den Wein in den Krgen,
  Denn unsere Seele war heimverlangend
  Und unsere Dienstschaft ein tglicher Tod.
  Da riefen wir hei, wir riefen aus Tiefen
  Des brennenden Sehnens dich, Gtigen, an,
  Wir riefen dich an, und es war nicht vergebens,
  Denn du hast unsere Fesseln, die harten, gesprengt,
  Mit dem Tau deiner Gte, mit den Wassern des Lebens
  Den Brand unserer drstigen Seelen getrnkt,
  Du hast unsere Hoffnung, die schon versiegte,
  Mit dem heiligen Stab deines Namens berhrt,
  Du hast die Verirrten, du hast uns Besiegte
  Aus der Tiefe geholt und uns heimgefhrt.
  Oh, seht
  Es, ihr Berge, oh, seht es, ihr Lande,
  Wir sind heimgekehrt, wir sind auferstanden!
  Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hgel,
  Oh, Strme, rauscht auf in unser Gebet,
  Umgrnt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Grten,
  Mit Bltenfackeln die Heimgekehrten!
  Bekrnzt uns, ihr Wlder, mit jubelndem Ton,
  Streu Rosen uns, Saron, zum andern Male,
  Umschatte uns, Karmel und Libanon,
  Wir sind heimgekehrt, wir sind heimgekehrt!
  Und du,
  Du selige Stadt, geliebt und verloren,
  Im Wachen ertrumt, in Trumen beschworen,
  Du Braut unsrer Liebe, du Mutter uns allen,
  Mit Zimbeln erfll dich und Fltengetn,
  Wach auf und la deinen Jubel erschallen,
  Denn heimgekehrt sind wir, Jerusalem!

DIE ANDERN (ihn jauchzend umdrngend, zu seinen Fen hinstrzend,
seine Knie umfassend in wilder Hingerissenheit):

Heimgekehrt ... auferstanden ... oh, Verheiung ... Jerusalem ...
Jerusalem ...

BARUCH (zu seinen Knien):

Oh, mein Meister, mein Lehrer, wie ist deine Lehre s meinem Herzen,
wie selig deine Erleuchtung!

DER LTESTE:

Gebenedeit sei, wer die Verheiung bringt in den Stunden der Not. Segen
ber deine Trstung! Erfllung, oh, Erfllung!

EINE FRAU:

Sein Antlitz seht, wie es leuchtet! Wie zwei Sterne glhn die Augen ihm
auf und hellen den Raum.

EINE ANDERE:

Gottes Geist hat sich auf ihn gesenkt!

DER KRANKE:

Aufgerichtet hat mich sein Wort ... aufrecht bin ich ... ich lebe, ich
lebe wieder ... oh, da ich heimkehrte mit euch.

ZEFANJA:

Mein Herz ist erstanden und klingt dir zu, Jeremias.

JEREMIAS (ohne sie zu hren, ganz allmhlich aus seiner Ekstase
erwachend und erschreckt um sich blickend):

Wo sind sie hin, zu denen ich sprach? Wo sind sie hin?... Waren nicht
Boten da des Knigs Nabukadnezar? Habe ich getrumet ... mir dnkte,
drei Mnner kamen und redeten ... prchtig waren sie gewandet ... wo
sind sie hin ...

DER LTESTE:

Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht.

ANDERE:

Deine Worte haben sie gejagt ... wie ein Schwert fuhr dein Zorn ber
sie.

JEREMIAS (immer verwirrter):

Was habe ich gesagt? Ein Dunkles liegt um mich, und doch glnzt michs
von innen an ... Was habe ich gesagt ... Oh, und warum, warum blickt ihr
mit einmal auf zu mir wie die Durstigen ... was seid ihr geschart um
mich ... es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glnzt ihr mich
an mit den Blicken ... Was ist geschehen mit mir, was ist geschehen mit
euch?

DER LTESTE:

Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott seine Flamme geworfen, von
dir strahlt dieses Licht! Oh, welche Verheiung hast du uns gekndet,
welche Verheiung!

EIN MANN:

Aufgetan hast du mir die Seele, du Guter!

EIN WEIB:

Mein Herz mir mit Manna gespeist.

STIMMEN:

Oh, wie s waren deine Worte, du Lieber ... genesen sind wir an deiner
Verheiung ... nun ist die Fremde nicht mehr Bitternis ... heimkehren
werden wir, oh, seliges Wort ...

JEREMIAS (ergriffen):

Meine Brder, meine Brder, was ist mit mir geschehen? War nicht Groll
zwischen uns und Fluch auf meinen Lippen, da ich redete zu euch? Ein
Sturmwind hat mich gefat und getragen, wohin ich nicht wei, und nun
ich strze, sehen eure Augen mich liebend an, ihr Brder, eure Hand
spre ich an meinen Knien, und eure Seele zittert wie ein Falter mir zu!
Was ist mir geschehen, was ist mir geschehen?

DER LTESTE:

Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer Freude, wie s ist deine Rede
nun unserm Leiden! Du hast uns getrstet, du hast uns erlset wie keiner
vordem!

EINER:

Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglckt hast du mich,
Gebenedeiter!

EIN ANDERER:

Die Zweifel hast du gerodet aus meiner Brust und Gottes ewige Heimstatt
bereitet.

EIN ANDERER:

Oh, du Trster der Trster! Mge nun Leid auf mich fallen, meine Seele
wird ihm nicht mehr erliegen.

EINE FRAU:

Im Tode war mein Herz und ist auferstanden durch dich.

JEREMIAS:

Ihr Lieben, ihr Lieben, was ihr sprechet, ist es wahr? Von meiner Lippe,
der fluchverbrannten, ist Trstung gekommen, aus meiner Seele, der
nchtigsten aller, ein liebendes Wort!

EIN WEIB:

Oh, wie es dir sagen? Meine Hnde fhl an, die wie Frchte sich heben!
Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte deines Worts!

DER KRANKE:

Seht her ... seht her ... ich schreite, ich gehe ... ich spre die
Qualen nicht mehr ... aus dem Tode hat dein Wort mich erweckt ... wie
Elia ... ein Wunder hast du an mir getan.

DAS WEIB:

Seht ihn an ... er lag, vom Fieber zerfressen ... ich bezeuge es, ich
bezeuge es ... ein Wunder hat er an ihm getan ...

STIMMEN (ekstatisch):

Ein Wunder ... ein Wunder wie Elia ... ein Wunder hat er getan ...
Erweckung ... beugt euch dem Gottgesandten ... ein Wunder ... ein
Wunder ... beugt euch vor ihm, dem Wundertter!...

JEREMIAS (hat sich aufgerichtet vor ihnen, ganz leise):

Schweiget, ihr Brder ... nicht rhmet mich ... beschmet mich nicht ...
ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, doch nicht
ich habe es vollbracht -- an mir, ihr Brder, ist es geschehen. Ihr
Brder, ihr Brder, ich sage euch, ein Groes hat Gott in dieser Stunde
an mir getan. Ich habe gefluchet meinem Gotte und ihn gettet in meiner
Seele. Doch, meine Brder, meine Brder, ehe der Atem noch kalt war in
meinem Munde, ist er mir auferstanden. Er ri mir das Herz aus dem
Leibe, da ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Sto, aber ein
steinernes Herz war es, das er von mir ri, und ein fleischernes hat er
mir nun eingetan, da ich fhle alles Leiden und alles Leidens Sinn. Oh,
ihr Brder, ihr Brder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich
habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen,
und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich
erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein
Obsiegen wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brder, und
nichts ist ser, als von ihm besiegt zu sein.

DER LTESTE (ekstatisch):

Jeremias ... oh, Jeremias ... uns allen mge er tuen wie dir!

JEREMIAS:

Oh, da ich so spt ihn erkannte, so spt euch fand, meine Brder! Doch
ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht
fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt,
dunkel unser Schicksal, aber, meine Brder, vertrauen wir, denn
wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich
umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem
Fluche, will ich trnken mit meinen Trnen. Nimm, Erde, du geschmhte,
gtig meine demtigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, gndig mein
glubiges Wort!

    (Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:)

    Ich danke dir, Herr, da du so lind mir begegnet,
    Als ich mich wehrte und von dir gekehrt,
    Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet,
    So segn ich, solang mir mein Leben whrt.
    Ich segne dich, da du das wrzige Brot
    Des Wortes in meine Lippen getan,
    Damit ich dich preise in Leben und Tod,
    Ich segne dich, da du mir wecktest den Geist,
    Der die Welten mit Liebe durchgtet und speist.
    Ich segne dich, da du so hart mich gefat
    Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast,
    Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid,
    Da du luternd die Seelen der Menschen durchdringst
    Und flammend mit deiner Allfltigkeit
    Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst,
    Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet,
    Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest,
    Der die Suchenden fhrt und die Fliehenden findet,
    Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet,
    Der dem Niedersten sich als der Gndigste gibt
    Und den Sndigsten um seiner Snden liebt,
    Selig, der sich an dich verloren,
    Selig, den du dir auserkoren,
    Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt,
    Selig dein lauschender Spiegel, die Welt,
    Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben,
    Selig der Tod und selig das Leben!

BARUCH (auf die Knie zu dem Knienden strzend):

Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein
Wort. Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in ngsten, ihre
Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um
Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib ihnen Leben, gib ihnen
Gott zurck! Richte auf die Verzagten, und die Durstigen trnke mit den
Wassern des Lebens!

DER LTESTE:

Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe die zagenden Herzen! Gie aus
dein Wort ber die Schmachtenden, gie es aus!

STIMME:

Auf ... zu den Brdern ... zu unsern Brdern ... erwecke sie ... gib
ihnen Trost, wie du uns gegeben ... gib Verkndigung ... gib
Verheiung ...

JEREMIAS (sich aufrichtend):

Wohlan, meine Brder, fhret mich zu ihnen! Der Getrstete Gottes bin
ich gewesen, nunab will ich ein Trster sein! Lat uns gehen, meine
Brder, vielleicht ist der Verworfene gewhlet, lat uns gehen zu den
Brdern, den verzagten, da wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten,
da wir ihnen bauen das ewige Jerusalem!

    (JEREMIAS geht mit starken Schritten gegen den Ausgang.)

DIE ANDERN (umringen ihn jauchzend, einige eilen voraus, ihre Stimmen
klingen ekstatisch durcheinander):

Jerusalem ... oh, das ewige Jerusalem ... Verkndigung ... Auf, Bauherr
Gottes ... Ewig whret Jerusalem ...




DAS NEUNTE BILD

DER EWIGE WEG

    Denn ich wei wohl, was fr Gedanken ich ber euch habe, spricht
    der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, da ich euch
    gebe das Ende, dessen ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen, und
    ich werde euch erhren. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen
    werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und
    will euer Gefngnis wenden.

  Jer. XIX, 11--14.


    Der gleiche groe Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun
    mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstrung.

    Auf dem Platze stauen sich in wirrem Geschiebe Karren mit Hausrat
    beladen, aufgezumte Tragtiere, Wagen und Gefhrte, dazwischen der
    strmende Schwarm der flchtigen Menschen, die zum groen Aufbruch
    rsten. Immer neue Gruppen drngen aus den Gassen her, immer lauter
    wird das Geschwirre der Stimmen. Auf den Stufen hocken teilnahmlos
    Greise und Frauen, indes die Mnner die Maulesel zumen; chaldische
    Krieger in voller Rstung schreiten stolz und herrisch durch das
    Getmmel, sich Platz mit den Speeren stoend, und wachen ber die
    Vertriebenen.

    ber dem wirr geschftigen tragischen Treiben hngt das Dunkel einer
    mondverwlkten Nacht, die allmhlich in das Ungewi der nahenden
    Dmmerung bergeht. Manchmal lst sich ein Glanz von Licht weilich
    aus den Wolken los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von
    Osten schon als rtlicher Rauch der Frhschein des Morgens sich
    kndet.

STIMMEN:

Hier ist der Platz ... wie viele ihrer schon sind ... haltet euch
zusammen, Shne Rubens ... wie es doch dunkel ist ... hier voran, da
ihr die ersten seid ...

ANDERE STIMMEN:

Was drngt ihr ... unser ist die Stelle ... seit Abend stehen unsere
Muler hier gegrtet ... Unser ist die Stelle ... immer will Ruben voran
sein ...

EIN ALTER:

Nicht streitet ... lasset Ruben voran, so will es das Gesetz ...

DIE ANDERN STIMMEN:

Es gibt kein Gesetz mehr ... verbrannt ist die Schrift ... wer bist du,
da du uns gebieten willst ... die Priester ruft, die Priester ... Es
gibt keine Priester mehr ... alle raffte sie das Schwert ... Hananja ist
entkommen ... nein, am Pfahle verdarb er ... fhrerlos sind wir ...
verlassen von allen ... wer wird uns gebieten ... oh, Qual der
Knechtschaft ... wer wird die Opfer empfangen zu Babel ... wer uns
deuten das Wort ... ausgerottet ist Aarons Geschlecht ... weh uns
Verwaisten ... da wir die Lade doch htten und die Rolle des
Gesetzes ... sie ist verbrannt ... nein, Gottes Wort verbrennt nicht ...
selbst sah ich sie kohlen im Feuer, wie eine Schlange sprang sie hoch ...
wehe, sie ist verbrannt ... verbrannt das Gesetz ... nein, es kann nicht
wahr sein, Gottes Wort verbrennet nicht ... ist sein Haus nicht
verbrannt, sein Altar nicht gestrzt ... lie er nicht sinken seine
heilige Stadt ... Ja ... ja ... hat er nicht uns in Knechtschaft
gegeben ... ja ... ja ... gebrochen hat er den Bund, vernichtet die
Verheiung ... lstert nicht ... lstert nicht ... ich frchte ihn nicht
mehr ... lstert nicht ... wer gebietet mir ... fhrerlos sind wir ...
da doch Mose uns erstnde ... da ein Richter unter uns wre ... der
Knig, wo ist er ... der Geblendete ... blind ist er immer gewesen ...
er hat uns hinabgestoen ... oh, Ende Israels, Ende Jerusalems ... was
ziehen wir aus ohne Gott und Gesetz, ohne Fhrer, der uns weise ... oh,
Simson, Simson ... warum kommt er nicht, der uns ausfhret mit starker
Hand ... nie war grer die Not ... ach, er kommt nicht, verloren sind
wir ... Gott ist gesunken mit seinem Tempel ... lstere nicht ...
lstere nicht ... da er doch kme, der Verknder, der Befreier ...

EINE NEUE GRUPPE (aus dem Dunkel):

Hier ist des Marktes Mitte ... wer seid ihr ... Benjamin sind wir ...
die Letzten, reihet euch an ... nein ... nein ... wir wollen nicht
fressen von eurem Staube ... und wir nicht den euren ... fort mit den
Tieren, fhrt sie am Zaume ... ihr tretet die Frauen ... weichet aus ...
wehe, was stoet ihr ... es ist so dunkel ... ach, da es schon Morgen
wrde, da ausginge diese Nacht ... wehe, wie Arges wnschest du, bete,
da ewig sie whrte, denn die letzte ist sie auf Zions Berge ... ja ...
ja ... segne die Nacht, sie birgt unsere Trnen, sie hllt unsere
Schmach ... die Sonne von morgen wird uns entblen und unsere Scham den
Heiden zeigen ... wehe ... betet, da der Morgen nie komme ber unser
beladen Haupt ... ich kann nicht beten mehr ... meine Seele ist starr
geworden in Schrecken und mein Herz steinern vor Grauen ... selig die
unten liegen im Dunkel fr ewig und Ruhe haben, selig die Toten Israels,
sie drfen weilen im Schatten der Heimat ... ins Diensthaus mssen wir
ziehen ... ach, brche doch nie dieser Tag ber uns ... wehe uns, weh
unsern Kindern, den Knechten der Fremde ...

    (GELCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet von
    Fackeln, die trunkenen chaldischen Frsten, grlend und lachend. In
    ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoen, einer zum andern,
    da er zwischen ihnen schwankt und immer zu fallen droht.)

DIE CHALDISCHEN KRIEGER (durcheinander):

So geh doch wider Nabukadnezar ... Auf, Erstrmer Babels ... nicht
falle, du Sule Israels ... geh ... stot ihn weg ... er det uns ...
nicht kann er tanzen, wie David, der Knig ... nicht schlgt er die
Psalter ... lasset ihn ... kommt zurck zum Weine ... an seinen Weibern
erletz ich mich lieber ... lasset ihn Dunkel trinken, und trinken wir
Wein ... kommt ... kehret ... lat ihn ...

    (DIE KRIEGER kehren lachend und lrmend in den Palast zurck. Der
    Verlassene bleibt unsicher im Dunkel ber der Treppe stehen. Ein
    matter Strich verwlkten Mondlichtes lt seinen Schatten schwarz
    hinter ihm aufstehen, da er gro und gespenstig scheint.)

    (DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flsternd.)

STIMMEN:

Wer ist es ... warum haben sie ihn fortgestoen vom Mahle ... wer ist
er ... wie ein Felsen steht er schwarz ... warum spricht er nicht ...
seine Blicke sind verschnrt ... wie er die Hnde hebt ... wer ist er ...
nicht nahet ihm ... wer mag es sein ... ich will sehen ...

    (EINIGE der Beherzten sind die Stufen emporgeklommen.)

EINER (pltzlich aufschreiend):

Zedekia!

DIE MENGE (durcheinander):

Der Knig ... der Geblendete ... Gottes Gericht ... Zedekia ...

ZEDEKIA (unsicher):

Wer ruft mich?...

STIMMEN:

Keiner ruft dich ... Fluch ruft dich und Gottes Gericht ... Wo sind die
gypter ... wo ist Zion ...

ANDERE STIMMEN:

Schweiget!... Der Gesalbte ist er des Herrn ... geblendet haben ihn
unsere Feinde ... Ehrfurcht dem Knige ... ehret den Dulder ...

ANDERE STIMMEN:

Nein, er soll nicht sitzen unter uns ... wo sind meine Kinder ... gib
sie mir wieder ... Fluch ber den Mrder Israels ... sein ist die
Schuld ... fort mit ihm ... warum lebt er, da Bessere starben?

ZEDEKIA (zu einem, der emporgestiegen ist und ihn leitet):

Wer sind jene, die wider mich rufen? Ist es Israel, das mir feind ist?

DER FHRENDE:

Herr, Unglckliche sind es!

STIMMEN:

Nicht fhre ihn her, gesondert sei unser Los von dem seinen!... abseits
mge er sitzen ... Gott hat ihn gestraft ... Fluch liegt auf ihm ...

ZEDEKIA:

Fort ... fhre mich fort ... in den Tempel, da er mich berge vor ihrem
Hasse ... ich will ihre Stimmen nicht hren ... ihr Ha brennt auf meine
Wunden ... in den Tempel.

DER FHRENDE:

Herr, der Tempel ist nicht mehr.

ZEDEKIA:

Ist der Tempel gefallen ... dann falle auch ich ... wehe, wer ttet
mich, den Blinden ... geh ... sage ihnen, rufe sie, die mich schmhen,
da sie ein Ende machen.

DER LTESTE:

Weichet vom Knige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Was zerfleischet
ihr einander, da der Feind uns wrget?

STIMMEN:

Ein Fluchbringer ist er ... er hat Gottes Haus strzen lassen ... er
brach den Eid ... nein, lasset ihn ... man hat seine Shne geschlagen ...
ein Blinder ist er ... aber er soll nicht mehr Knig sein ... nein ...
nein ... was soll uns ein Blinder ... eine Last ist er ... nein, er
soll nicht Knig sein ... nein ...

ZEDEKIA (fast weinend in seiner Hilflosigkeit):

Fhr mich fort ... meine Augen sind mir genommen ... die Krone noch
reien sie mir ab ... birg mich ... verbirg mich vor ihnen.

EINE FRAU:

Hier ruhe aus ... mein Knig, bette dich hin.

    (ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drngt um ihn.)

DER LTESTE:

Weichet vom Knige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Unser Fhrer ist
er von Gott.

STIMMEN:

Nein ... ein Blinder ist kein Fhrer ... wie kann er Knig sein in
Jerusalem, da Zion fiel ... Knechte sind wir alle, wir brauchen keine
Fhrer ... oh, wir bedrfen eines Erretters ... oh, da Mose uns
erstnde ... ein Trster wre vonnten, kein Bedrckter ... ein
Erleuchteter und kein Blinder ... niemand kann uns helfen ... rstet zur
Reise ... sehet das Dmmern ... wehe der Tag ... oh, Auszug ins
Fremde ... wehe wir Vertriebenen ... wehe uns Fhrerlosen ...

    (EIN LAUTES KLINGENDES TNEN von ferne.)

STIMMEN:

Wehe, die Posaune ... die Posaune ... hrt ihr sie tnen ... nein, es
ist die Posaune nicht ... wie von Zimbeln klingt es und Pauken ...
Gesang, hrt ihr Gesang ... es jauchzen unsere Feinde ... oh, Schmach ...
oh, Qual ...

    (DAS LAUTE KLINGENDE TNEN kommt nher.)

STIMMEN:

Pauken und Zimbeln ... sie rufen ... sie jauchzen ... sie kommen, uns
fortzutreiben ... Gesang schwillt her ... wehe, wehe, wenn unsere Feinde
jauchzen ... ihren Sieg jubeln sie ... verschlieet die Ohren ... weh,
ihrer ist das Frohlocken und unser die Trauer ... Schmach, es hren zu
mssen ... wohin flchten vor ihrem Hohn ... sie danken ihrem Gotte ...
wem sollen wir klagen?

    (DAS TNEN ist ganz nah, man hrt einzelne Rufe und Zimbelschlge.
    Aus dem Dunkel sieht man eine Gruppe Menschen schreiten, die sich
    jubelnd um eine hohe Gestalt drngen.)

EINER (aus der Menge):

Sehet ... sehet ... der Unseren welche sind es, die nahen ...

STIMMEN:

Es ist nicht wahr ... wie knnten sie jauchzen ... Fluch dem Sohn
Israels, der frohlockte an diesem Tag ... Trunkene mssen es sein ...
die Unsern sind es ... ich erkenne sie ... Wer ist es, den sie
umschreiten ... was geschieht hier ... was jauchzen sie ... was schlgt
die Zimbel das rasende Weib ...

    (DIE GRUPPE der Nahenden, mit Jeremias in der Mitte, ist aus der
    Tiefe ins fahle Morgenlicht getreten. Sie schreiten wie die
    Trunkenen einher im Taumel, einige ekstatisch, andere wieder ernst
    und feierlich.)

STIMMEN DER NAHENDEN:

Hosianna ... Verkndigung ... ewig whret Jerusalem ... oh, selige
Heimkehr, oh, ewige Wiederkehr!... Gesegnet der Trster, gesegnet die
Trstung ... Hosianna ... ewig whret Jerusalem ...

STIMMEN DER MENGE (in wilder Erregung):

Sie sind rasend ... was ist geschehen ... hret ... hret! Hosianna
rufen sie ... was bringet er ... was ist seine Botschaft ... er rede
auch zu uns ... wer ist es ... auch zu uns sprich, Verknder ... Oh,
Trstung, wer gibt uns Trstung ...

EINER:

Sehet, ist dies Jeremia nicht, den sie umschreiten?

STIMMEN:

Ja ... nein ... dunkel war jenes Gesicht ... ein Leuchten ist aber um
diesen ... doch, sehet, er ist es ... er ist es ... wie ist er
gewandelt ... wehe der Flucher ... wie kann Ses kommen von dem
Bittern ... was folget er uns, der uns verfolgte ...

BARUCH:

Hret die Trstung, Brder, lasset euch speisen mit dem Worte Gottes,
mit dem Brote des Lebens!

STIMMEN:

Wie kann Trstung kommen von dem Verfluchten ... wie die Geiel schlgt
er zu ... er wird uns wrgen mit dem Wort ... genug der Profeten, sie
haben uns verredet mit ihren Worten ... nein, dieser hat gewarnet ...
hart ist sein Mund wie ein Schwert ... Salz streut er in unsere
Wunden ... hebe dich fort, Unbarmherziger!

BARUCH:

Nein, hret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, lasset euch trsten,
ihr Gottesbrder!

DER KRANKE:

Ich zeuge fr ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand meiner Wunde lag ich, ein
Siecher, und er hat mich erhoben. Ich zeuge fr ihn, ich zeuge ...

STIMMEN:

Wer ist dieser ... hret ihn an ... Wunder verheiet er, und wir
bedrfen der Wunder ... Trstung will mein Herz ... mich trsten einzig
Zions Tale ... wie kann er trsten ... kann er wecken die Toten, kann er
aufbaun die zederne Burg ... nein, hret ihn ... wehe uns ...

DAS WEIB:

Bileam! Bileam! Bileam! Heil dir, der du kamest zu fluchen Israel, und
dreimal hast du uns gesegnet.

BARUCH:

Meister, sieh ihren Widerstreit! Mache einig ihr Herz, mache fruchtbar
ihre Seelen, hebe auf, hebe auf zu Gott ihre Trauer!

JEREMIAS (aus dem Kreise vortretend an die hchste der Stufen):

Meine Brder, im Dunkel fhle ich eure Nhe und des Dunkels voll eure
Seelen. Aber, meine Brder, warum verzaget ihr, warum klaget ihr?

STIMMEN:

Hrt ihr den Lsterer ... ich habe gewarnt vor ihm ... er hhnt uns ...
er fragt, warum wir klagen ... Salz streut er in unsere Wunden ...
sollen wir jauchzen am Tage unseres Ausgangs ... sollen wir vergessen
der Toten ... er spottet unserer Trnen ... schweige ... nein, hret
ihn ... lasset ihn reden ...

JEREMIAS:

Oh, hret mich, ihr Brder, hret mich an! Ist denn alles verloren, da
ihr klaget? Sehet und fhlt es mit den Sinnen: das Leben ist euch
geschenkt ...

EINE STIMME:

Wehe, welch ein Leben!

JEREMIAS:

Und ich sage euch, wes das Leben ist, dessen ist auch Gott. Nur der
Toten ist es, zu schweigen und zu klagen derer, die zur Grube fahren,
doch der Lebendigen ist es, zu hoffen. Oh, meine Brder, nicht klaget
und verzaget, solange euch Atem vom Munde fliet, nicht tut auf euren
Mund der Emprung und nicht schlieet euer Ohr der Trstung!

STIMMEN:

Ach, Trost der Worte, er wrmet nicht ... willst du uns aufrichten, so
richte auf die Mauern Jerusalems ... baue Zions Burg ... wehe, er sieht
unsere Not nicht ... er erkennet unsere Leiden nicht ...

JEREMIAS:

Ich schaue, meine Brder, in euer Leiden wie in ein geffnet Buch, und
eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; doch, meine Brder, auch
unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe den Gott darin. Seine Prfung
nur ist diese Stunde, so lasset sie uns bestehen!

STIMMEN:

Warum prfet uns Gott ... Warum gerade uns, seine Auserwhlten ... warum
ist so hart diese Prfung ...

JEREMIAS:

Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prfung. Andern Vlkern ist
klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, in Hlzern und Steinen meinen
sie des Ewigen Gesicht zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Vter
Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens
werden wir seiner gewahr, nur in der Prfung tut er sich auf seinen
Erwhlten. Segen, wem sie begegnet, denn was wre Israel unter den
Vlkern, prfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den stt er
hinab in die Tiefe des Lebens, da er ihn erprobe, und, ihr Brder,
immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es hinabgestoen.

STIMMEN:

Ja, er redet recht ... nein, gtig ist Gott ... verstehet ihn recht ...
ja, es steht geschrieben: Selig der Mensch, den Gott strafet, darum
weigert euch der Zchtigung des Allmchtigen nicht ... Ja, ja ... so
steht es geschrieben ... nur die Snder strafet er ... was haben wir
getan ... Vergessen haben wir seiner in Hoffart ... nie rief ich ihn an
wie jetzt in der Not ... wahr redet er ... Trstung ist in seinen
Worten ...

JEREMIAS:

Nur die Geprften hat er erwhlet, und nur den Leidenden gilt seine
Liebe. So lasset uns die Geprften sein und lieben sein Leid, ihr
Brder! Er hat uns brchig gemacht, da er tiefer sich senke in unseres
Herzens Scholle und wir fruchtend wrden seines Samens, er hat uns
geschwchet am Leibe, da er uns strkte in der Seele. Oh, willig lasset
uns eingehen in die Schmelzfeuer seines Willens um der Luterung willen.
Tut, wie eure Vter taten, und weigert euch der Zchtigung des
Allmchtigen nicht!

STIMMEN:

Geben wir uns hin seinem Willen ... gepriesen die Prfung ... ich will
die Klage zerschlagen in meinem Munde ... ja ... auch sie waren in
Knechtschaft, und er hat sie erlset ... auch uns wird er hren ...
ja ... ja ... oh, da er unser sich erbarmte ... sage, du Verknder, wird
er uns wieder aufnehmen ... gibt er uns Erhebung ... erlst er uns von
Babel ... la es uns glauben ...

JEREMIAS:

Glaubet an die Erstehung, ihr Brder, und ihr seid schon erstanden. Denn
wer sind wir, wenn wir nicht glubig sind? Nicht ward uns wie andern
Vlkern Scholle gegeben, daran zu kleben, Heimat, darin zu verharren,
nicht die Rast, darin unser Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir
erwhlet unter den Vlkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mhsal
unser Acker und Gott unsere Heimat in der Zeit. Aber nicht neidet sie
darob, nicht klaget! Lasset den andern ihr Glck und den Stolz, lasset
ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prfen, du
Leidensvolk, und glaube, du Gottesvolk, denn das Leid ist dein heilig
Erbe, und ihm einzig bist du erwhlet um deiner Ewigkeit willen.

STIMMEN:

Oh, Wahrheit des Wortes ... unser Erbe ist das Leid ... ich will es auf
mich nehmen ... ich glaube an seine Barmherzigkeit ... er wird uns
ausfhren, wie er uns fhrte aus Mizraim ... Segen auf dein Wort ...
Gott wird uns erlsen, wie er erlste unsere Vter ...

JEREMIAS:

So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen
Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nten, wie du geschritten
tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um
seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! Selig, da wir alles
verlieren, um ihn zu finden, selig unser hart Schicksal, selig unsere
Plage und Prfung! Denn zur Dauer sind wir erwhlt durch das Leid und
zur Ewigkeit durch die Erneuung! Knige, die uns Herren waren, sind
vergangen wie Rauch; Vlker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten
ihr Samen; Stdte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale
Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das
Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die
Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen
Tiefen hub er uns immer an sein heilig Herz! Gedenket, gedenket der
einstigen Mhsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket
Mizraims, des Diensthauses, der ersten Prfung! Rhmet die Plage, ihr
Geplagten, rhmet die Prfung, ihr Geprften, rhmet den Gott, der uns
ihr erwhlte in alle Ewigkeit!

    (DAS VOLK gert in mchtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen
    heben sich rhythmisch die Chre.)

STIMMEN:

  Knechte Mizraims
  Waren die Vter,
  Eiserne Zume
  Preten und banden
  Israels Stirn.
  Knechte und Vgte
  Schlugen die Klage
  Auf dienendem Rcken
  Mit Peitschen entzwei,
  Schlugen die Kinder
  Mit tdlichem Erz.

HELLERE STIMMEN:

  Doch in dem Dunkel, das uns umwlkte,
  Fand uns Gottes erbarmender Blick,
  Einen Befreier in niederem Schoe
  Weckt' er dem Volke, eh es zerbrach.
  In seine Zunge ergo er die Rede
  Und in seine Hnde der Zeichen Gewalt.
  Aufhub Mose das Volk, das bedrckte,
  Aus seiner Rede glnzte uns Heimat,
  Und wir lieen das bittere Land.

JUBELNDE STIMMEN:

  Und die Siebzig dereinstens gekommen,
  Tausend und Tausend kehrten darwider,
  Gehufeter Habe mit Knechten und Tieren,
  Ein starkes Geschlechte zogen wir aus.
  Sule des Rauchs und Sule des Feuers
  Zogen voran den seligen Blicken,
  Engel des Herrn flogen hell vor uns her.
  Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glckes!
  Oh, erste Einkehr und Wiederkehr!

JEREMIAS:

  Doch neue Nte waren Israel bereitet, Prfung um Prfung!
  Entsinnet sie, entsinnet die brennenden Tage der Bitternis! Entsinnet
  sie!

STIMMEN:

  Hinter uns jagten,
  Schumender Nster,
  Rosse und Wagen
  Pharaos Heer.
  ber uns schollen
  Schon Schreie der Rache,
  Vor uns war Meerflut
  Und hinter uns Tod.

HELLERE STIMMEN:

  Da aber ging Sturm von Gott aus der Hhe,
  Weit voneinander ri er die Fluten,
  Wasser ward Mauer, die Tiefe ward Gang,
  Hausung der Fische, sie ward uns zum Pfade,
  Und wir wandelten trockenen Fues
  Zwischen der Wasser getrmeter Schlucht.

JAUCHZENDE STIMMEN:

  Klirrend folgten die gierigen Feinde,
  Prasselnd jagten sie hin durch die Gasse
  Wartender Wasser, schon fing uns ihr Schrei,
  Da aber fiel Sturmwind des Herren hernieder,
  Brandend zerschumten die wassernen Mauern,
  ber sie strmte das blaue Verhngnis,
  Rosse und Wagen erwrgte das Meer!

ERNSTE STIMMEN:

  So zerbrach der Herr die Gefahren,
  Heil entri er das Volk seiner Haft.
  Oh, groer Anhub der wunderbaren,
  Selig unseligen Wanderschaft!

JEREMIAS:

Doch nochmals und nochmals go er des Todes Bitternis ber uns und der
Prfung Kelch, damit wir geneseten auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet
sie, die heien Tage der Wste, die vierzig Jahre Mhsal vor dem
Gottesland!

STIMMEN:

  Brach die Kehle,
  Leer die Lippen,
  Ausgedrstet
  Und verschmachtet
  Wankten wir
  Im leeren Land.

JAUCHZENDE STIMMEN:

  Da reckte Mose, der Gottesgesandte,
  Den Stab und schmetterte ihn wider den Stein.
  Aufbrachen der Felsen marmorne Flanken,
  Wasser netzte die lechzende Lippe,
  Khlung umsplte den staubigen Fu.

HELLERE STIMMEN:

  Wann wir mdeten, wurde uns Trstung,
  Wunder durchrauschten den brennenden Tag,
  Bittere Bronnen wurden zu sen,
  Wrzige Wachteln herblies der Wind,
  Und als Hunger feurigen Eisens
  Unsere Eingeweide zerri,
  Brach aus dem Morgen blendende Weie:
  Manna fiel nieder, das himmlische Brot!

JEREMIAS:

Niemalens aber war Sicherheit uns gegeben. Ewig warf er uns nieder mit
seiner heiligen Hand! Immer erneute er die Gefahren seinem Volke!
Besinnet sie! Besinnet sie!

STIMMEN:

  Vlker standen
  Auf in Waffen,
  Neid und Habsucht
  Sperrten Wege
  Unsrer Fahrt,
  Stdte schlossen
  Turm und Tore,
  Speere starrten
  Trotz und Tod.

HELLERE STIMMEN:

  Da gab uns Gott Gewaffen zu Hnden
  Und in die Herzen die Schrfe des Schwerts,
  Wider Tausend gab er uns Strke,
  Wider Zehntausend gab er uns Sieg.

JAUCHZENDE STIMMEN:

  Posaunen bliesen, es strzten die Mauern,
  Moab zerknickte, Amalek verging.
  Mit dem Schwerte schlugen wir Wege
  Durch den Zorn der Vlker und Zeiten,
  Bis unser Herz die Prfung bestand,
  Bis wir ihn fanden, den Acker der Ruhe,
  Kanaan, unser verheienes Land.
  Heimat durften die Schweifenden haben,
  Segnend lsten wir Grtel und Schuhe,
  Rebe entgrnte dem Wanderstabe,
  Israel blhte, und Zion erstand.

ALLE STIMMEN:

  Immer waren wir Pflger im Joche,
  Immer gebeugt und in Dienstbarkeit,
  Doch ewig hat er das Joch uns zerbrochen,
  Aus allen Kerkern uns heimbefreit,
  Wo immer sie Not und Drngung uns schufen,
  Immer hat er uns heimgerufen,
  Und unsern Samen zur Blte erneut!

JEREMIAS:

  Und nie wird geschehn, da er unser vergit.
  Bedenket, bedenket,
  Da, wenn er uns niedrigt, da, wenn er uns krnket,
  Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist.
  So beugt euch, ihr Brder, dem Joch in Ergebung,
  Segnet die Schickung, so uns geschah,
  Leiden ist Prfung und Prfung Erhebung,
  Erniedrigung macht uns nur gottesnah,
  Jeder Sturz fhrt hher in seine Reiche,
  Denn nur die Besiegten wissen um ihn:
  Ihr Brder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen!
  Auf, Brder, lasset uns gotteswrts ziehn!

STIMMEN (ekstatisch):

Ja, auf, zur Wanderschaft ... fhre uns an ... wie die Vter wollen wir
leiden ... oh, Auszug und ewige Wiederkehr ... auf ... auf ... hebet
an ... es ist nahe gen Tag ... ziehen wir aus ... ziehen wir aus in die
Knechtschaft ... Gott wird uns erlsen, wie er immer uns erlset ...
Alle wollen wir gehen ... alle ... ja, wir alle ...

DIE STIMME ZEDEKIAS:

Wehe, wehe! Wer wird mich fhren? Nicht lasset mich zurck! Wehe, wehe,
wer hebet mich auf?

JEREMIAS:

Wes Ruf ist dies?

STIMMEN:

La ihn ... er bleibe ... Spreu ist er und verworfen ... Du fhre uns
an, du, Gesegneter ... Du sei uns Herr ... La den Verworfenen ...

JEREMIAS:

Keiner ist verworfen! Wer rufet, mu erhrt werden um unserer aller
willen!

STIMMEN:

Nicht er ... nicht er ... Aussatz ist er unseres Volkes ... alles
Unheils Quelle ... La den Verstoenen Gottes ... La den Verfluchten!

JEREMIAS:

Auch ich war ein Verstoener Gottes, und er hat mich erhrt; auch ich
war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! Wo ist er, der aufschrie
aus seiner Not, da ich ihn trste, wie ich selber getrstet ward?

STIMMEN:

Im Dunkel ist er ... auf den Stufen ... dort, sieh den Gebckten ...
Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut gefallen.

JEREMIAS:

Warum naht er nicht? Warum weilet er abseits?

STIMMEN:

Sieh doch ... seine Sterne sind erloschen ... seine Schritte sind
irr ... er wei nicht seinen Weg mehr, blind ist er, der Verblendete ...

JEREMIAS (nher tretend, in heiem Erschrecken):

Zedekia! Mein Knig!

ZEDEKIA:

Bist du es, Jeremias, der mir nahet?

JEREMIAS:

Ich bin es, mein Knig, dein Knecht und Diener Jeremias! (Er beugt sich
in die Knie vor dem Knige.)

ZEDEKIA:

Wehe, nicht hhne mich, nicht stoe mich fort, wie ich dich von mir
stie! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt, du Gewaltiger, nun schone
mein; nicht wirf mich fort, nicht la mich allein in der Stunde des
Schreckens! Sei bei mir, wie du geschworen vor Gottes Antlitz in der
Stunde, der letzten, die ich schaute auf Erden.

JEREMIAS (zu seinen Fen):

Ich bin bei dir ... mein Knig Zedekia.

ZEDEKIA (nach ihm ins Leere tastend):

Wo bist du? Ich fhle dich nicht!

JEREMIAS:

Zu deinen Fen bin ich, dein Diener und dein Knecht.

ZEDEKIA (zitternd):

Nicht hhne mich vor dem Volke, nicht beuge dich dem Gebeugten! Das
Salbl ward zu Blut auf meiner Stirne und meine Krone zum Staube.

JEREMIAS:

Doch des Leidens Knig bist du geworden, und nie warst du mehr
kniglich! Zedekia, mein Herr und Knig, starr stand ich vor dir, da die
Macht in dir war und die Strke, doch dem Gebeugten Gottes beuge ich
mich, des Leidens niederster Knecht. Der Erste hast du getrunken den
Kelch unserer Bitternis, der Erste wrest du des Duldens, so mgest du
der Erste sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlsung
Anbeginn. Oh, du Knig der Leiden, Gesalbter der Prfung, Israels Herr,
erheb deine Stirne, da sie uns glnze, fhre, der du Gott nur schauest
und nicht mehr die Erde, fhre, fhre dein Volk!

JEREMIAS (aufstehend, zum Volke):

  Sehet, sehet,
  Leidensvolk, Gottesvolk,
  Gott erhrte euer Begehr,
  Er hat euch einen Fhrer gesandt!
  Der Schmerzengekrnte,
  Der Menschenverhhnte,
  Wer mag wie er,
  Knig der selig Besiegten sein?
  Gott hat ihm den irdischen Blick verschlossen,
  Da er besser schaue sein ewiges Reich,
  Oh, Brder, wer war je von Davids Sprossen
  Diesem als Knig der Duldenden gleich?

ZEDEKIA:

Wohin fhrest du mich? Was geschieht mir?

JEREMIAS:

  Hebet ihn auf,
  Den Hingesenkten,
  Ehrt den Gekrnkten
  Mit sorgender Liebe!
  Hllet um ihn
  Knigsgewande
  Und erneuet
  Der Zeichen Gewalt,
  Ehret, oh ehret
  In ihm euer Leiden,
  Als der Erste schreite er aus.
  Zumet die Rosse,
  Rstet die Snfte,
  Frchtigen Armes
  Hebet ihn hoch,
  Denn er ist
  Heiligste Brde,
  Israels Hort und kniglich Haus.

    (EINIGE fhren mit allen Zeichen der Ehrfurcht den Knig hinab und
    betten den Blinden in eine Snfte.)

    (EINE POSAUNE schallt mchtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf,
    der gleichsam von der Stadt selbst auszutnen scheint. Der Tag ist
    inzwischen angebrochen und berleuchtet mit rtlicher Glut die
    geschwrzten Mauern. Eine groe Helle geht, immer sich steigernd,
    vom morgendlichen Himmel aus.)

    (DIE MENGE in mchtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hnde
    gen Osten gereckt, flutet ekstatisch durcheinander.)

STIMMEN:

Die Posaune ... die Posaune ... Gott ruft uns ... der Tag ist
angebrochen ... der Tag unserer Prfung ... die Sonne nahet Jerusalem ...
rstet die Tiere ... rstet die Herzen ... Gott ruft uns ... wir kommen,
wir kommen ... Auszug ... Auszug ... oh Einkehr und Wiederkehr ...
Jerusalem ... Jerusalem!

JEREMIAS (gewaltig auf der Hhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn
sind zurckgetreten, so da er, einsam auf der Hhe, noch gewaltiger
scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in berraschung):

  Auf, ihr Verstoenen,
  Auf, ihr Besiegten,
  Rstet zur Reise!
  Wandervolk, Gottesvolk, welterwhltes,
  Hebe dein Herz!

    (DIE MENGE gert in gewaltige Bewegung.)

JEREMIAS (zur Stadt hingewandt):

  Zum letztenmal glnzen
  Jerusalems Zinnen
  In eure Trnen,
  Leuchtet euch Hhe
  Des heiligen Bergs!
  Einmal noch hebet
  Brennende Blicke,
  Trinket der Heimat
  Verlorenes Bild!
  Trinket die Zinnen,
  Trinket die Mauern,
  Trinket die Trme
  Der ewigen Stadt,
  Trinket das Drsten,
  Sie wieder zu schauen,
  Trinket, oh trinket Jerusalem!

STIMMEN:

Glh ein in uns, da wir entbrennen ... wie knnt ich dich vergessen,
Bild der Bilder ... mge darren meine Rechte, wenn ich dein verge,
Jerusalem ... oh, Heimat unserer Herzen ... Zion, Zion, du heilige
Stadt!

JEREMIAS:

  Einmal noch beuget
  Fromm euch der Erde,
  Einmal noch rhret
  Die Grube der Vter
  Frchtiger Hand!
  Erde, oh Erde, die ich verlasse,
  Du blutgetrnkte,
  Du trnenversengte,
  Sehet, ich fasse
  Sie fromm mit liebenden Hnden an.
  Erde, Erde, ich schlinge dich,
  Erde, Erde, durchdringe mich!
  Bitteren Klo
  Wrg ich die schluchzende Kehle hinab,
  Doch deine Bitternis innen im Leibe
  Entbrenne mir Seele und Eingeweide,
  Da ich ewig deiner gedenke,
  Ewig deiner teilhaftig werde!
  Erde, du heilige Vtererde,
  Schenke
  Mir ewig Begehren und ewigen Brand,
  Ewigen Hunger und Heimverlangen
  Nach Zion, unserm verlorenen Land!

DIE MENGE (sich niederwerfend und wie Jeremias von der Erde einen Klo
schlingend):

Oh, teure Erde, Scholle der Vter ... dring ein in mich ... wrg meine
Seele, wie ich dich wrge ... oh, verloren Land ... Sarg meiner Vter ...
oh, dich lassen ... Erde, Erde, du heilige Erde ...

JEREMIAS (sich erhebend):

  Doch nun du gespeiset
  Bittere Sehnsucht,
  Doch nun du getrunken
  Brennendes Bild,
  Wandervolk, Gottesvolk, hebe dich auf!
  Lasset die Toten,
  Sie haben den Frieden,
  Lasset die Mauern,
  Sie stehen nicht auf,
  Du doch erstehest
  Ewig und ewig
  Aus deinen Tiefen
  In deinem Gott.
  Auf,
  Wandervolk, Gottesvolk, rste zur Reise,
  Blick in die Ferne,
  Blick nicht zurck!
  Die verweilen,
  Haben die Heimat,
  Doch die wandern,
  Haben die Welt!
  Auf, ihr Gebeugten,
  Auf, ihr Besiegten,
  Hebet die Stirnen
  ber die Nte
  Wider die ewigen Morgenrten
  Und der Gestirne
  Wanderndes Zelt.
  Gott hat die Straen,
  Die ihr beschreitet,
  Wissend bereitet,
  Wandervolk, Gottesvolk, auf in die Welt!

    (DIE MENGE rstet ringsum zur Wanderung, Getmmel der Menschen und
    Tragtiere, erregte, eifernde Bewegung.)

EINER (vortretend):

  Doch sage, du Fhrer, dulde die zage Klagende Frage,
  Werden die Tale uns wieder gehren,
  Wird einstens Israel wiederkehren,
  Sag, schauen wir wieder Jerusalem?

STIMMEN:

Ja ... sage ... knde, verknde ... schauen wir wieder Jerusalem?

JEREMIAS:

  Ewig wird inwendig es schauen,
  Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist,
  Und mit dem Ma seines Gottvertrauens
  Die Tiefe allirdischen Leidens durchmit.
  Ihm glnzet urmchtig, am innersten Grunde
  Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde,
  Schner als wir es vordem gekannt,
  Jede Fremde wird ihm das Gottesland!
  Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet,
  Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!

STIMMEN:

Wir glauben ... wir glauben ... ewig werden wir es schauen ... Der
Glaube ist unser Jerusalem!

EIN ANDERER (vortretend):

Doch sage, du Fhrer, wer wird es uns bauen?

JEREMIAS:

  Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker,
  Und das Leiden, das euch gelehrigt hat,
  Ihr selber werdet die heiligen Werker,
  Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt.
  Aus euern Trauern erhebet die Mauern,
  Und je tiefer die Vlker euch niederbeugen,
  Um so hher werden sie gottwrts aufsteigen,
  Um so schner erstehet Jerusalem!

STIMMEN:

Ja, lat es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden ...
lat uns die Steine bebauen unseres Schmerzes ... zu Gott die
Richtschnur erhoben ... bauen wir Jerusalem.

EIN ANDERER:

Doch sage, du Fhrer, wird es dann dauern?

JEREMIAS:

  Steine brckeln, es strzen die Mauern
  Irdischer Werke, die Reiche veralten,
  Stdte verschwemmen im Strome der Zeit,
  Doch was die Seelen in Leiden gestalten,
  Dauert in Gottes Allewigkeit.
  Wer kann sie zerstren,
  Die unsichtbaren,
  Innen geschauten,
  Trnenerbauten
  Zinnen der heiligen Zuversicht,
  Wer kann ihn uns rauben
  Den seligen Glauben,
  Wer strzet des Herzens Jerusalem?

STIMMEN:

Ewig whret Jerusalem ... wer kann es zerstren ... heilig, heilig
unsrer Herzen Haus ... heilig die Sttte unsrer Not ... oh, Trstung ...
oh, Zuversicht ...

EIN ANDERER:

Doch sage, du Fhrer, wo sollen wirs finden, Wo schauet die Seele
Jerusalem?

JEREMIAS:

  Wo immer ihr euch in euch selber aufrichtet
  Und feurig von Furcht und Fremdnis erhebt,
  Da ist es aus Wunsch in die Welt gedichtet,
  Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt,
  An jeglichem Orte,
  Wo euch Glaube inwohnet,
  berwlbt euch hell seine mauerne Krone:
  Wer glht, sieht ewig Jerusalem!

STIMMEN:

Oh, Trstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft ... zerstrt
hat er die Stadt, da sie uns ewig in den Herzen erstehe ... berall
wollen wir sie finden ... lat sie uns aufbauen in den Herzen ... ewig
ist unser Jerusalem ... Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr ...

    (DIE POSAUNE schallt mchtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell
    geworden, offen regt sich der unbersehbare Tumult der
    wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld
    und der Erhebung das Zeichen des Auszuges gren.)

JEREMIAS (hoch ber ihnen):

  Wandervolk, Leidvolk -- im heiligen Namen
  Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang --
  Hebe dich auf, in die Welt zu fahren,
  Rste und schreite unendlichen Gang!
  Wirf deinen Samen
  Willig ins Dunkel der Vlker und Jahre,
  Wandre dein Wandern und leide dein Leid!
  Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare
  Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit!

    (DIE MENGE gert in mchtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein
    ungeheurer Zug. Voran tragen sie den Knig in einer Snfte, dann
    schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die
    geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwrts
    gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste
    Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drngt sich vor, keiner
    bleibt zurck, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und
    schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist,
    als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.)

STIMME DER SCHREITENDEN:

  In fremden Husern werden wir wohnen
  Und brechen ein trnensalzenes Brot.
  Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen
  Und ngstend schlafen an feindlichem Herd.
  Dunkel der Jahre wird ber uns fallen,
  Der Knige Fron und der Herrschenden Haft,
  Doch unsere Seelen entwandern der Fremde
  Und ruhen allzeit in Jerusalem.

ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:

  Aus weiten Wassern werden wir trinken,
  Die bitter brennen dem sehnenden Mund,
  Mit Fremdnis werden uns Bume umschatten
  Und Stimmen des ngstens wehen der Wind,
  Doch keine Fremde wird uns zur Ferne,
  Denn von den Sternen wehet uns Trstung;
  Trume der Heimat enttauchen den Nchten,
  Und unsere Seele erstehet gekrftigt
  Von der heiligen Zehrung Jerusalem!

ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:

  Auf fremden Straen werden wir fahren,
  Durch Land und Lnder stt uns der Wind,
  Heimat um Heimat reien die Vlker
  Uns von den brennenden Sohlen fort,
  Nirgends ist Wurzel dem strzenden Stamme,
  Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt,
  Doch selig, selig wir Weltbesiegten,
  Denn sind wir auch nur Spreu aller Straen,
  Nirgends verschwistert und keinem genehm,
  Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten
  Zu unserer Seelen Jerusalem!

    (EINIGE CHALDER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus
    dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell ber
    das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.)

DER HAUPTMANN DER CHALDER:

Hrt ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag
unter sie, wenn sie trotzig sind!

EIN CHALDER:

Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Gehei! Und sie murren nicht!

DER HAUPTMANN:

Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde.

DER CHALDER:

Herr, sie klagen nicht.

EIN ANDERER CHALDER:

Siehe ... wie sie schreiten ... wie die Sieger gehen sie einher ... es
leuchtet in ihren Blicken.

DIE CHALDER:

Was ist mit diesem Volke ... sind sie die Besiegten nicht ... hat sie
einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung ... hrt, was sagen
sie ... was singen sie ... seltsam ist dies Volk ... unverstndlich in
seinem Trotz und seiner Ergebung ... wer begreifet dies Volk ... in
dieser Milde ist eine Kraft, die gefhrlich ist ... ein Einzug ist dies
eines Knigs und nicht Auszug der Geknechteten ... nie sah die Welt ein
Volk wie dieses ...

STIMMEN (vereint sich ablsend, in immer neuen, weiterschreitenden
Zgen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist):

  Wir wandern durch Vlker, wir wandern durch Zeiten
  Unendliche Straen des Leidens entlang,
  Ewig sind wir die ewig Besiegten,
  Hrig dem Herde, an dem wir ausrasten,
  Niedrige Knechte niedrigen Frons,
  Doch die Stdte, sie sinken, es gleiten
  Vlker ins Dunkel wie strzende Sterne,
  Und die hart unsere Rcken zerschlugen,
  Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht.
  Wir aber schreiten und schreiten und schreiten
  Tiefer hinein in die eigene Kraft,
  Die sich aus Erden die Ewigkeiten
  Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft.

DER CHALDISCHE HAUPTMANN:

Sieh ... sieh ... wie die Tnzer schreiten sie her ... ein Taumel ist
ber sie gekommen ... haben wir sie denn nicht besiegt ... sind sie
nicht in Schande ... warum klagen sie nicht ...

EIN CHALDER:

Ein Geheimnis mu in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares,
das sie verzckt ...

EIN ANDERER CHALDER:

Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... das ist ihr Geheimnis ...

DER CHALDISCHE HAUPTMANN:

Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht
sieht ... ein Geheimnis mu in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ...
man mte es lernen von ihnen ...

DER CHALDER:

Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei
ihr Gott.

DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mchtig erhebend, da nun die Letzten
unter ihnen auszuschreiten beginnen):

  Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden,
  Von Prfung und Prfung zur Luterung,
  Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte,
  Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite,
  Wir ewig Zerstckte und ewig Erneute,
  Wir aller Vlker Spielball und Spott,
  Wir einzig Heimatlosen der Erde,
  Wir wandern in alle Ewigkeiten,
  Die Letztgebliebnen
  Unendlicher Schar
  Heimwrts zu Gott,
  Der aller Anfang und Ausgang war,
  Bis da er uns selber die Heimstatt werde,
  Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren
  Die Welt umwandert und leuchtend umkreist,
  Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren:
  Verlorenes Volk, unsterblicher Geist.

DER CHALDER:

Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf
diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Hupten. Mchtig mu ihr Gott
sein.

DER CHALDISCHE HAUPTMANN:

Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altre zerbrochen? Haben wir nicht
gesiegt ber ihn?

DER CHALDER:

Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen tten, aber
nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie
seinen Geist.

    (DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen
    ber Jerusalem und strahlt b er dem Auszug des Volkes, das aus der
    Stadt in die Zeiten schreitet.)




Alle Rechte vorbehalten. Das Recht der Auffhrung ist durch Felix Bloch
Erben, Berlin-Wilmersdorf, zu erwerben.

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.




INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG


Dichtungen von Stefan Zweig

DIE FRHEN KRNZE. Gedichte. Zweite Auflage. In Pappband M. 3.50.

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Tausend. In Pappband M. 5.--.

DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen. In Leinen M. 4.50.

TERSITES. Ein Trauerspiel. In Halbpergament M. 5.--.

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Halbpergament M. 3.50.

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     Band I. Stefan Zweig: Emile Verhaeren. Geheftet M. 3.50; gebunden
     M. 5.50.

     Band II. Emile Verhaeren: Ausgewhlte Gedichte. Geheftet M. 3.50;
     gebunden M. 5.50.

     Band III. Emile Verhaeren: Drei Dramen. Geheftet M. 3.50; gebunden
     M. 5.50.

Emile Verhaeren: Rubens. Mit 95 Vollbildern, 11. bis 15. Tausend. In
Halbleinen M. 5.--.

Emile Verhaeren: Rembrandt. Mit 80 Vollbildern. 21. bis 25. Tausend. In
Halbleinen M. 5.--.

Emile Verhaeren: Hymnen an das Leben. (Insel-Bcherei Nr. 5.) 36. bis
40. Tausend. In Pappband M. --.90.


_Von Stefan Zweig wurden eingeleitet:_

Charles Dickens: Ausgewhlte Romane. -- Arthur Rimbaud: Leben und
Dichtung. -- Alexandre Mercereau: Worte vor dem Leben.




Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle genderten Textstellen angefhrt, wobei jeweils
zuerst die Stelle wie im Original, danach die genderte Stelle steht.

  Seite 79: jedes Hand gehoben
            jede Hand gehoben

  Seite 139: wie ein Schuldiger schrakst du
             wie ein Schuldiger schreckst du

  Seite 175: weil ich meinete
             weil ich meinte

  Seite 185: sein Antlitz sich hllte seinem Kinde!
             sein Antlitz sich hllte seinem Kindern!

  Seite 196: EINIGE der Beherzteren
             EINIGE der Beherzten






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1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
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1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
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Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
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request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

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that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
