The Project Gutenberg EBook of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel

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Title: Mutter und Kind

Author: Friedrich Hebbel

Posting Date: May 27, 2009 [EBook #4083]
Release Date: May, 2003
First Posted: November 13, 2001

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Mutter und Kind

Friedrich Hebbel



Ein Gedicht in sieben Gesngen.

1859



  Erster Gesang.

  Eben grauet der Morgen.  Noch stehen die zitternden Sterne
  An der Wlbung des Himmels, die kaum am Rande zu blauen
  Anfngt, whrend die Mitte noch schwarz, wie die Erde, herabhngt.
  Frierend kriechen die Wchter mit Spie und Knarre nach Hause,
  Doch sie erlste die Uhr und nicht die steigende Sonne,
  Denn noch ruhen die Brger der Stadt und bedrfen des Schutzes
  Gegen den schleichenden Dieb, den sphende Augen gewhren.
  Wie der Hahn auch rufe, und wie vom Turme herunter
  Auch der hungrige Geier mit ewig brennendem Magen
  Nach dem Frhstck krchze, es kmmert nicht Mensch noch Tiere.
  Nur in den Stllen, die hinter die stattlichen Huser versteckt sind,
  Wird's allmhlich lebendig, es scharren und stampfen die Pferde,
  Und es brllen die Khe, allein die Knechte und Mgde
  Schwren sich blo, zur Nacht die Raufen noch voller zu stopfen,
  Als es gestern geschah, und schlafen weiter in Frieden.
  Nun, man mte sie loben, wofern sie sich rascher erhben,
  Aber, wer knnte sie tadeln, da sie sich noch einmal herumdrehn?
  Ist doch die Klte zu gro!  Der Fu, dem die Decke entgleitet,
  Schrickt zurck vor der Luft, als ob er in Wasser geriete,
  Welches sich eben beeist, auch darf man den Winter nicht schelten,
  Weihnachts-Abend ist da, wie sollt' er nicht grimmig sich zeigen!
  Dennoch lehnt schon am Pfahl der still verglhnden Laterne
  Eine dunkle Gestalt.  Im Licht des flackernden Dochtes,
  Welcher sich selbst verzehrt, des ls allmhlich ermangelnd,
  Kann man den Jngling erkennen, der unbeweglich hinber
  Schaut nach dem Erdgescho des Hauses ber der Strae.
  Wahrlich, es mssen die Pulse ihm hei und fieberisch hpfen,
  Da er um diese Stunde, die selbst im Sommer die Zhne
  Oft zum Klappern bringt und alle Glieder zum Schaudern,
  Hier so ruhig steht, als wr' er in Eisen gegossen.
  Schneidend und scharf, wie ein Messer, zerteilt der Hauch nun die Lfte,
  Welcher die Sonne meldet: den sollen die Fische im Wasser
  Spren und mitempfinden, er aber regt sich auch jetzt nicht.
  Doch, da schreitet er vor und naht sich dem Hause.  Was gibt ihm
  Denn so pltzlich Gefhl und macht ihn lebendig?  Ein Schimmer
  Ward da drunten sichtbar, den eine getragene Lampe
  Zu verbreiten scheint.  Er bckt sich nieder, zu lauschen,
  Spricht: sie ist's!  und tickt mit leisem Finger ans Fenster.
  Drinnen taucht ein Kopf empor.  Die klarste der Scheiben
  Suchend, er findet sie schwer, die meisten sind blind und belaufen,
  Lugt er schchtern hindurch.  Es ist ein blhendes Mdchen,
  Welches sich selber beleuchtet, indem es, die Lampe erhebend,
  Nach dem Klopfenden spht.  Er ruft: mach' auf, Magdalena!
  Und enteilt in das Gchen, das links am Hause sich hinzieht.
  Bald auch ffnet sich seitwrts das Dienerpfrtchen, doch halb nur,
  Und den Fu in der Tr, beim Licht noch einmal ihn prfend,
  Spricht sie: Christian, du?  Was kannst du so zeitig nur wollen?
  La uns hinein--versetzt er--du wrdest drauen erfrieren,
  Und wir sind ja noch sicher!  Sie sperrt ihm noch immer den Eingang,
  Doch er hlt ihr den Pelz entgegen, in den er gehllt ist,
  Und nun tritt sie zurck und geht voran in die Kche,
  Whrend er auf den Zehen ihr folgt.  Schon brennt auf dem Herde
  Hell und lustig ein Feuer.  Sie stellt den Kessel mit Wasser
  Jetzt darber und setzt sich an einer Seite daneben,
  An der anderen er.  Die rtliche Flamme vergoldet
  Spielend beider Gesichter, und gegen sein dunkel gebruntes
  Sticht ihr lilienweies, mit blonden Locken bekrnztes,
  Fein und angenehm ab.  So mut du--beginnt sie--schon wieder
  Auf die Strae hinaus, und das am heiligen Abend?
  Wer dem Fuhrmann dient,-entgegnet er--feiert die Feste
  Selten gemchlich zu Hause, denn immer mangelt dem Kaufmann
  Dies und das im Gewlb', und da die Kunden nicht warten,
  Wartet er selbst auch nicht!  Doch du--erwidert sie leise,
  Fast in Vorwurfes Ton--du knntest es lange schon besser
  Haben, wenn du nur wolltest!-Du meinst, ich knnte beim Kaufmann
  Selber, knnte bei euch sein--versetzt er mit Lcheln--und freilich
  Htt ich's bequemer und drfte, man sieht's ja, zu Tode mich schlafen.
  Aber, das tte nicht gut!-Er springt empor, und die Kche
  Stumm und sinnend durchschreitend und dann ich pltzlicher Wendung
  Vor das Mdchen tretend und ihre Schnheit betrachtend,
  Ruft er aus: Nein, nein, sie soll mir nicht hungern und frieren!
  Voll Verwunderung schaut sie auf und merkt es nun endlich,
  Da er bewegt ist, wie nie.  Was hast du? fragt sie ihn ngstlich,
  Und er streichelt sie sanft und spricht die bedchtigen Worte:
  Wem ein altes Weib fr seinen Groschen das Schicksal
  Aus den Karten verkndigt, der mag noch zweifeln und lachen,
  Aber, wem es der Herr im liebsten Freunde und Bruder
  Dicht vor die Augen stellt, dem ziemt es, sich warnen zu lassen!
  Htte der rmste mich in solchem Elend gesehen,
  Wie ich gestern ihn, er wre wohl ledig geblieben,
  Und sein Beispiel soll--dies wird, so meint er, ihn trsten-
  Nicht verloren sein fr seinen Jugendgenossen!
  Geht es den beiden so schlecht--versetzt sie erschreckend-ich habe
  Anna nicht wieder erblickt, sie ist nicht weiter gekommen,
  Und ich kann das Haus nur selten auf Stunden verlassen,
  Und da hab' ich zu tun und rechne mit Schuster und Schneider.
  Ging's mir anders mit Wilhelm--erwidert er traurig--ich hatte
  Ihn so gut wie verloren, denn ngstlich, wie Snde und Schande,
  Pflegen sich Armut und Not in Ecken und Winkeln zu bergen.
  Seinen eigenen Vetter vermocht' ich nicht zu ihm zu fhren,
  Als er nach Hamburg kam, um Anna endlich zu sehen,
  Und erst gestern zur Nacht bin ich ihm wieder begegnet,
  Aber in welcher Gestalt!  Wie gnzlich verndert!  Du kannst es
  Dir nicht denken!  Ich glaubte zuerst, es wre sein Vater,
  Der noch lebt auf dem Dorf, um seinen Jammer zu mehren,
  Weil er den Greis nicht frder ernhren kann, wie so lange!
  Als ich ihn dann erkannte in seinem gebrochenen Wesen,
  Wollte er mir nicht stehn, wie einer, der giftige Blattern
  Zu verbreiten frchtet, ich aber blieb ihm zur Seite
  Und so nahm er mich mit zum kranken Weib und den Kindern.
  Nun, die dienten zusammen!--Das Mdchen erhebt sich und schliet ihn
  Innig und fest an die Brust.--Sie wohnen im feuchtesten Keller
  Welchen ich jemals sah.  Dem Totengrber gehrig,
  Hat er die nassen Wnde mit Brettern von Srgen beschlagen,
  Wie sie der Kirchhof ihm aus wieder erffneten Grbern
  Fett und modrig liefert.  Die dunsten, da, wer hereintritt,
  Fast erstickt, doch die Miete ist billig, auch jagt sie der Hausherr
  Nicht so leicht heraus, es fehlt am zweiten Bewerber,
  Darum bleiben sie sitzen.  Sie sollen vom Fieber genesen,
  Wo's ein Gesunder bekommt.  Da macht's natrlich die Runde,
  Springt von ihm zu ihr, von einem Kinde zum andern
  Und verlt sie nicht mehr!  Du weinst schon bittere Trnen,
  Nun, ich rede nicht weiter!--Sie trocknet sich pltzlich die Augen,
  Welche ihr lngst schon strmten, und spricht mit krampfhaftem Lachen,
  Ihn bei der Hand ergreifend und ber und ber erglhend:
  Christian, weit du was?  Es ist der heilige Abend,
  Und es wird uns beschert: da wollen wir wieder bescheren!
  Meinen ganzen Weihnacht, und reichlich gibt ihn die Herrschaft,
  Kleider und Tcher und Geld, und was noch etwa hinzukommt,
  Alles trag' ich zu Anna, du machst es auch so mit Wilhelm,
  Und sie knnen den Keller verlassen und wieder gesunden!
  Kind--versetzt er darauf--ich tat zwar gleich, was ich konnte,
  Und der Weihnacht1) ist die Hlfte des Lohnes in Hamburg,
  Aber es sei darum!  Denn, wie kein Engel im Himmel,
  Hat mich Wilhelm gestern fr ewige Zeiten gesegnet,
  Und ich dank' es ihm gern!  Zwar war sie bitter, die Lehre,
  Die ich empfing, als ich sah, da trockenes Brot ihm, wie Kuchen,
  Schmeckte, Kse wie Fleisch, doch werd' ich sie nimmer vergessen.
  Ja, ich hab' es erkannt, und werd' es im Herzen bewahren:
  Wenn der Arme es wagt, nur Gatte und Vater zu werden,
  Ist es sndlich, als dchte der Reiche auf Kaiser und Knig,
  Und es straft sich noch hrter.  So bin ich denn fest auch entschlossen,
  Endlich den Schritt zu tun, auf den ich schon lange gesonnen,
  Denn das Leben ist kurz, und einmal will ich doch wrfeln!--
  Sie erschrickt, doch bald zerschmilzt in freudigem Lcheln
  Ihre Angst, denn er zieht zu ihrem hchsten Erstaunen
  Einen goldenen Ring hervor--er ist in den Handschuh
  Eingewickelt, den sie vermit und den er entwandte,
  Um ihr Ma zu haben--und reicht ihr das funkelnde Kleinod.
  Nimm ihn an von mir--so spricht er--und trag' ihn zu Ehren,
  Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes
  In Geduld drei Jahre, du wirst nicht darber ergrauen,
  Und das Glck hat Zeit, mir einen Finger zu reichen!
  In Geduld drei Jahre!--versetzt sie--und das noch zu Ehren
  Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes?
  Nein, in Liebe und Treue das ganze Leben und keinem
  Mehr zurck Ehren, als dir, du Bravster unter den Braven!
  Kind, ich nehm' es nicht an--entgegnet er ernst--denn es wrde
  Mir das Gewissen belasten, du bist nicht lnger gebunden,
  Wenn die Frist verlief, auch ist sie vllig gengend,
  Und wenn ich dich nicht lse, so magst du selber dich lsen!
  Aber--ruft sie--was knnen so wenige Jahre dir bringen,
  Wenn du das Heil nicht von Alt'na erwartest oder von Wandsbeck2),
  Und du bist wohl der letzte, dein Haus aufs Lotto zu bauen!
  Darauf schwre nur nicht--versetzt er--du wrdest dich tuschen,
  Denn ich rechne aufs Lotto, doch setz' ich nicht Heller und Groschen,
  Nein, ich setze mich selbst.  Ich geh' im Frhling zu Schiffe.
  Schlage nicht gleich die Hnde zusammen und halte die Schrze
  Vor die Augen!  Ich hab' es lange bedacht und erwogen,
  Gestern kam's zum Entschlu!  Die Welt ist anders geworden,
  Als mein Vater sie kannte, und seine goldenen Regeln
  Passen nicht mehr hinein!  Wer bliebe nicht gerne im Lande
  Und ernhrte sich redlich!  Ich sehne mich nicht nach dem Weltteil,
  Wo man Lwen und Affen und Papageien umsonst sieht,
  Nein, ich will das Plsier mit Freuden noch lnger bezahlen,
  Wenn wir ber den Berg3) nach Altona gehn zur Erholung!
  Aber, wer kann, was er mchte!  Wofr mein Vater das Huschen
  Kaufte, miet' ich mir kaum, die Stube, und was fr den Ochsen
  Einst der Schlachter gab, das gibt fr die Haut jetzt der Gerber!
  Sprich, wo wre da Hoffnung!  Es sind der Menschen zu viele
  ber die Erde verst, und statt, wie einst, sich zu helfen,
  Drngen sie sich und stoen und suchen sich neidisch die Bissen
  Aus den Hnden zu reien.  Drum sind auch die schrecklichen Tiere
  Losgelassen, von denen die Offenbarung Johannis
  Prophezeite, sie sollen den Haufen lichten und sichten.
  Bonaparte voran als Tod mit der blinkenden Sense,
  Jetzt die neue Pest, die Cholera, wie sie sie heien,
  Und die Hungersnot wird folgen, sie guckt um die Ecke.
  Fault nicht schon die Kartoffel?  So sagte der Alte aus Bremen,
  Den sie den Mystikus nennen, und der uns Knechten und Mgden
  Seine Gesichte verkndigt, und wahrlich: er hat nicht gefaselt!
  Hre den Orgeldreher, wer will!  Doch sieh wie dein Kessel
  Siedet!  Auch haben die Pferde in meinem Stall wohl gefressen,
  Und je eher daran, je eher davon.  Bis zum Abend
  Bin ich morgen zurck und bringe Wilhelm das Seine,
  Denn du wrdest den Gang, geschweige den Keller nicht finden,
  Drftest dich auch nicht hineinbegeben, er wimmelt von Schiffern
  Und von allerlei Volk, und was sie da suchen, das weit du.
  Heute ist er versehn!--Er reicht ihr die Hand hin zum Abschied,
  Aber sie hlt ihn fest, sie schaut ihm ins Auge und schttelt
  Kindlich den lockigen Kopf, im Anfang leise und schchtern,
  Dann geschwind und geschwinder, und da er noch immer nicht redet,
  Zieht sie den Hochgewachsnen zu sich hernieder und bietet
  Ihm, wie zum Danke, den Mund.  Er aber weigert sich lchelnd,
  Diesen Ku zu nehmen und spricht: Das wr' ein Gelbnis,
  Hier zu bleiben, und dies vermag ich dir nicht mehr zu geben,
  Denn habe den Dienst schon aufgesagt, und ich gehe
  Mit den Gefhrten, dem Schmied und dem Tischler, die lange schon drngten,
  Wenn die Strche kommen, damit wir endlich erfahren,
  Welche Reise sie machen.  Das wenige, was ich ersparte,
  Reicht schon aus fr das Schiff, und warum gingen nur wir nicht,
  Unser Glck zu versuchen!  Zu Tausenden ziehn sie hinber,
  Um nach Gold zu graben im kalifornischen Boden!
  Wre der Himmel geffnet und wrde am Tore gelutet,
  Wie des Abends bei uns zur Zeit der Sperre4), es gbe
  Schier kein grres Getmmel, kein rgeres Rennen und Laufen:
  Musikanten verkaufen die Fiedel, Gelehrte die Bibel,
  Schuster und Schneider den Pfriem und die Nadel und eilen nach Bremen.
  Von dem Bette des Kranken entweicht der gierige Doktor,
  Und sein Koch ist voraus, es stoe im Mrser, wer Lust hat,
  Advokaten und Schreiber verachten auf einmal die Zunge,
  Die sie so lange ernhrte, und rechnen auf Arme und Beine,
  Der Senator bedenkt sich's, ob er denn wirklich zu dick ist,
  Und der Prediger kaum hlt's aus bei seiner Gemeinde.
  Sollte der rmste da fehlen?  Ich dchte doch, diesem vor allen
  Wre der Segen beschert, nur mu er sich freilich auch rhren,
  Denn Sankt Nikolaus schenkt zwar die Kuh, doch nicht auch den Halfter.
  Darum weine mir nicht!  Ich bin ja nicht, wie die andern,
  Unersttlich, und werfe das Brot, das ich habe, zu Boden,
  Um nach dem Kuchen zu schnappen, ich will ja nicht mehr, als ich brauche,
  Um dich mit gutem Gewissen zur Kirche fhren zu knnen,
  Und du bist es wohl wert, da mir dies wenige werde.
  Htt' ich den Dampfer auch schon bestiegen, und wrde ihn willig
  Wieder verlassen, wenn hier noch ein miges Glck sich mir zeigte,
  Aber ebenso sicher vollbring' ich auch, was ich beschlossen,
  Wenn kein Wunder geschieht und an die Heimat mich fesselt.
  Knarrt nicht die Treppe?  Jawohl!  Man kommt!  So trockne die Augen,
  Da sie nicht glauben, wir zankten!  Da rollt schon der Wagen des Nachbars!
  Nun, ich hol' ihn noch ein, denn meine Pferde sind besser.
  Lebe denn wohl!  Sie bringen in Holstein den Pudding nicht fertig,
  Wenn ich nicht mache, es fehlt an frischen Rosinen und Mandeln,
  Und hier brauchen wir Schinken und wohlgerucherte Zungen!
  Heller Tag!  Wie die Zeit verstrichen ist!  Glcklicherweise
  Hat mein Alter die Gicht!  Da schlft er hinein in den Morgen,
  Weil sie ihn zwickt bei der Nacht frs fleiige Schnapsen von frher,
  Sonst erging' es mir bel!  Es hat ihn nicht wenig verdrossen,
  Da ich nicht bleiben will und, selbst nicht offen und ehrlich,
  Glaubt er, ich will den Dienst nur wechseln und nicht mit dem Spaten
  Wirklich die Zgel vertauschen!  Ei nun, er wird es erfahren!
  Keinen Ku?  Doch die Hand!  Auch die nicht?  Du sollst mich noch loben!--
  Damit eilt er hinweg. Sie setzt sich, um Kaffee zu mahlen,
  Doch ihr rinnen die Trnen von neuem, es kann sie nicht trsten,
  Da die Raben noch krchzen und nicht die Strche schon klappern,
  Denn sie wei: Was er sagt, das tut er!  Sie kennt ihn zu lange.


  Zweiter Gesang.

  Whrend dies in der Kche geschah, ist alles im Hause
  Nacheinander lebendig geworden, das fleiige Mdchen
  Hatte zuerst sich erhoben, in ihrer lndlichen Weise
  Nach der Klte nicht fragend, nur nach der Stunde, verdrielich
  Ist ihr nach langer Pause, mit offenen Ohren verdmmert,
  Dann die zweite gefolgt und hat Kamine und fen
  Bis zum Zerspringen geheizt, vom Schlaf erst vllig ermuntert,
  Als ihr auf einmal die Haube zu glimmen begann und ein Lckchen
  Sich entzndete, rasch, wie Hanf, am Feuer verflackernd,
  Und die Augenbraunen, ja selbst die Wimpern ihr sengend.
  Noch viel spter schlpfte der Kutscher in seine Pantoffeln:
  Diesen weckt zwar gewhnlich die Kaffeemhle, doch htet
  Er sich, aufzustehn, bevor sie wieder verstummt ist,
  Denn er kme zu frh, noch wre das Brot nicht gerstet
  Oder die Sahne gesotten, das hat er lngst schon berechnet,
  Und ein verstndiger Mann verachtet nie die Erfahrung.
  Jetzt sogar bleibt ihm noch Zeit, den Thermometer am Fenster
  Um den Grad zu befragen, doch ist's ihm freilich nicht mglich,
  Auch nach der Uhr zu sehn, die ihm zu Hupten am Bett hngt,
  Denn es wird ihm da unten zu still, sie sind schon beim Trinken.
  Endlich huscht auch die Zofe hinab, das Prasseln im Ofen
  Hat sie herausgetrieben, doch sind ihr die Augen noch immer
  Matt, und gleichen den Lichtern, die, nachts in der Klte beschlagen,
  Oder mit Wasser bespritzt, nicht brennen wollen am Morgen.
  Darum bemerkt sie's auch nicht, da Magdalena schon weinte,
  Sondern erkundigt sich blo, ob keiner ihr Traumbuch gesehn hat.
  Nur der Bediente fehlt, der mu die Klingel erst hren,
  Aber er rhmt sich der Kunst, so flink in die Kleider zu kommen,
  Da er, wie schwach sie der Herr auch ziehn mag, immer schon fertig
  In das Zimmer tritt, bevor noch die Glocke verhallte:
  Und da darf er's schon wagen, die Nachricht1) im Bette zu lesen.
  Dennoch irrt er gewaltig, indem er das Knattern des Bodens,
  Welches er ber sich hrt, allein dem Springen der Bretter
  Zuschreibt, wenn sie auch mchtig im klingenden Winter sich krmmen,
  Denn schon lange wandelt der Kaufherr sinnend und schweigend
  In den Gemchern herum, die kniglich weit und geschmckt sind,
  Aber nicht mit Stolz, man sieht es ihm an, und Behagen.
  Vor dem Spiegel flammen in schweren silbernen Leuchtern
  Noch die Kerzen, sie sind zwar nicht mehr ntig, doch mag er,
  Wie er sie angezndet, sie nicht auch selber noch lschen,
  Und noch weniger scheint er den Diener schon rufen zu wollen.
  Jetzt beschaut er die Blumen und fremden Gewchse, sie fllen
  Fast ein ganzes Gemach, und alle Teile der Erde
  Haben ihr Schnstes geliefert, doch fesseln die schwellenden Knospen,
  Die er sonst wohl mustert, als wr' er in Holland geboren
  Und ein Brger der Zeit, wo Zwiebeln die Wechsel vertraten,
  Diesmal ihn nur wenig, ja selbst die geffneten Kelche
  Hauchen ihm heute vergebens die heien Dfte entgegen,
  Welche den Papagei, er schliet vor Behagen die Augen
  Und ist betubt und berauscht, zurck in die Heimat versetzen.
  Jetzt betrachtet er sich die neue chinesische Vase:
  Altoum selbst, der Drachen und Schlangen erlauchter Gebieter,
  Hat sie in Peking nicht reicher, mit Gold gefllt bis zum Rande
  Wre sie kaum bezahlt, so selten und rein ist die Mischung
  Und so brennend die Farbe!  Man stellte in jedem Museum
  Einen Wchter daneben, doch er, in pltzlicher Wendung
  Gegen ein Bild an der Wand, der Morgen beleuchtet's gerade,
  Stt sie vom Tisch herunter, und wenn er erschrickt, so geschieht es
  Blo des Geprassels wegen, das dennoch der trkische Teppich
  Mchtig dmpft, denn er horcht, anstatt die Scherben zu sammeln
  Oder auch nur zu beachten, mit angehaltenem Odem
  Nach der linken Seite hinber, wo ihm die Gattin
  Schlummert im Bett von Damast, und da's dort still, wie zuvor, bleibt,
  Spricht er lchelnd: so war denn doch noch ein Glck bei dem Unglck!
  Und, als htte er nur die Kaffeetasse zerbrochen,
  Tritt er gelassen und ruhig, nicht einmal den fegenden Schlafrock
  Erst um den Leib sich grtend und weiteren Schaden verhtend,
  Vor das Gemlde hin.  Es ist von Rahl2), und es zeigt uns
  Marius unter den Cimbern im grimmigen Wrgen.  Kein Knig
  Hat es beim Meister bestellt, nicht einmal der Knig der Juden,
  Auch kein reicher Prlat, kein Julius oder ein Bembo,
  Noch viel minder ein Junker, was kmmern sie Knstler und Dichter,
  Aber der Handelsherr, obgleich zum Patron nicht geboren,
  Und von manchen bespttelt, die mit ihm rechnen und tauschen,
  Rief's ins Leben, sobald er in Wien die Skizze erblickte,
  Denn er sucht in Venedig und nicht in Karthago sein Vorbild.

  Freilich hlt ihn auch dies, so sehr er es schtzt und bewundert,
  Heute nicht lange fest.  Er nickt zwar, erstaunend, wie immer,
  Dem gewaltigen Stier, der eben den Rmer gespiet hat,
  Und der entsetzlichen Mutter, die ihren eigenen Sugling
  Unter die Feinde schleudert, doch greift er nicht nach der Kerze,
  Um es heller zu sehn, obgleich das goldene Tagslicht
  Wieder verdstert ward durch jenes graue Geriesel,
  Welches nicht Nebel bleibt und auch nicht zu Schnee sich verdichtet
  Und die Finsternis mehrt, die Klte aber nicht mindert.
  Nein, er schreitet aufs neue von Zimmer zu Zimmer und heftet
  Bald auf die Nipse den Blick, die Tische und Schrnke ihm zieren,
  Bald auf Figuren und Bsten und bald auf Stiche und Bcher.
  Alles besieht er und prft's, er spht begierig nach Lcken,
  Aber er findet sie nicht, und wenn sich die Lust des Besitzes
  Auch in seinem Gesicht nicht eben spiegelt, so zeigt es
  Doch auch keinen Verdru.  Da fllt sein schweifendes Auge
  Auf die Dresdner Madonna, mit ihrem lieblichsten Knaben,
  Und den reizenden Engeln, die Raphael malte, und eilig
  Wendet er's wieder ab, als she er, was ihn nicht freute,
  Und sein ruhiger Ernst verwandelt in Schmerz sich und Trauer.
  Wr' nur das Stck kein Geschenk, ich wrd' es noch heute entfernen,
  Spricht er, aber ich darf's nicht wagen, und dennoch vergo sie
  Oft schon Trnen davor, sie kann in der Frstin des Himmels
  Nur noch die glckliche Mutter erblicken und liee ihr willig
  Fr den flchtigsten Ku des Kindes die ewige Krone.
  Wr' doch der Tag erst vorber, besonders der Abend!  Die Domzeit3)
  Macht sie fast immer krank.  Was schelt' ich den gttlichen Knstler
  Und sein kstliches Blatt!  Die quiekendste Weihnachtstrompete,
  In der schmutzigsten Twiete4) vom garstigsten Rangen geblasen,
  Tut ihr ja eben so weh!  Die bunten, beleuchteten Buden,
  Welche den Gnsemarkt den ganzen Advent so beleben,
  Schneiden ihr tief in das Herz.  Sogar die Juden am Steinweg
  Mit den Karren voll Tand entlocken ihr seltner das Lcheln
  Halber Ergtzung, nach dem ich oft Wochen vergebens mich sehne,
  Als den Seufzer des Grams.  Denn neben den scharfen Gesichtern,
  Die das hliche Schreien verzerrt, bemerkt sie noch immer
  Auch die chslein und Esel von Zinn, mit denen sie trdeln,
  Und um die sich begierig die Knaben und Mdchen versammeln,
  Und da kehren sogleich die bittren Gefhle ihr wieder.
  Nun, es geht ja zu Ende!  Wenn nur nicht heute gerade
  Alles so bel sich trfe!  Der Affe ist nicht gekommen,
  Weil das Schiff, das ihn trug, verschlagen wurde, die Vgel
  Freilich sind eingetroffen, doch scheinen sie krank, und ich werde
  Schon zufrieden sein, wenn sie nur leben bis Neujahr.
  Wre die Blumenuhr nicht da, ich mte verzweifeln,
  Denn hier fehlt es an nichts, und alles ist dreifach vorhanden,
  Aber es wird sie zerstreun, es wird sie vielleicht gar erfreuen,
  Wenn ihr die persische Rose, bis auf die letzte Minute
  Fest geschlossen, den Mittag, die trkische Tulpe den Abend,
  und der Jasmin von Athos die Mitternachtsstunde verkndigt,
  Ja, es wird sie erfreun, die Schritte des Tages an Dften
  Abzuzhlen und Farben, die alle Wunder der Ferne
  Vor die Seele ihr rcken!  Er wiederholt es und klingelt
  Endlich dem Diener: ihm folgt sogleich auf dem Fue der Doktor,
  Welcher, des Hauses Freund und alter Vertrauter, sein Vorrecht
  Braucht, und das um so eher, als er schon lange gewartet.

  Ei, da sind Sie ja--ruft ihm der Kaufherr freundlich entgegen--
  Ich bin auch schon bereit, hier liegen in Gold und in Silber
  Ihre Summen, und wollen Sie mehr, so kommen Sie wieder!
  Nun verschonen Sie mich mit Ihren Berichten, ich mag nicht
  Wissen, wo Sie es lassen, ich mag die Perlen nicht sammeln,
  Welche aus Freudentrnen bestehen sollen, ich mte
  Sonst auch den rger verwinden, wenn unser Pfenning nicht wuchert,
  Wie er wohl knnte.  Sie lcheln?  Sie glauben, da ich nur scherze
  Oder mich selbst verleumde, weil jede Erfahrung mir mangelt?
  Freund, ich habe sie nicht aus Grille gemieden!  Sie zweifeln?
  Kennen Sie wirklich das Herz des Menschen so wenig?  Die Bume,
  Welche er pflanzt und begiet und subert von Raupen und Wrmern,
  Werden ihm nimmer zu grn, doch leicht die Armen zu frhlich,
  Und ein Heiliger wird nicht jeder durch Essen und Trinken,
  Welche ein Mrtyrer ist durch Hungern und Dursten und Frieren;
  Wen man aber beschmt, den wird man zugleich auch erbittern.
  Darum soll man die Kluft, die zwischen dem Geber und Nehmer
  Einmal besteht, durch Milde nicht fllen wollen, man kann's nicht,
  Nein, man soll sie mit Nacht, mit heiligem Dunkel bedecken,
  Und, wie der Ewige selbst, ins tiefste Geheimnis sich hllen.
  Denn es ist nicht genug, da blo die Rechte nicht wisse,
  Was die Linke tut, sie soll es auch selber vergessen;
  Reiche den Becher und wende dich ab, so wirst du erquicken!
  Sie verhalten's darnach--entgegnet der Doktor mit Rhrung--
  Sie entkleiden die Pflicht des einzigen Reizes und ben
  Jede um Gottes willen, nur nicht die Stirne gerunzelt,
  Heute mssen Sie's hren, ich heie seit Jahren das letzte
  Unglck aller Heroen, und meine verrufene Zunge
  Schont auch so wenig den Csar, als Bonaparte und Friedrich,
  Oder die hohen Poeten, die immer mit Worten bezahlen,
  Aber wenn ich das Groe in Vlkerwrgern und Knstlern,
  Wie sie auf Ihren Gesimsen zu Hunderten prunken im Lorbeer,
  Auch nur selten entdecke, das Edle vermag ich zu schtzen,
  Und, wer nie noch geschmeichelt, der scheint mir berufen, zu loben.
  Wren Sie nur auch so glcklich, als gut!  Wie ging es denn gestern?--
  Aber der Kaufherr seufzt und spricht mit stockender Stimme:
  Nun, Sie wissen's am besten, wie sehr die Woche der Kinder
  Ihr die Hlle im Busen entzndet, das Schlimmste ist aber,
  Da mit jeglichem Jahre die Qualen sich steigern und mehren.
  Ehmals lenkte sie selbst vom Weihnachtszimmer das Auge
  Auf die Krankenstube, vom Tannenbaum mit den Kerzen
  Auf die Trauerweide hinber und fand sich getrstet:
  Jetzt erblickt sie nur noch die festlichen Rume des Jubels,
  Aber der Kirchhof rckt in immer weitere Ferne,
  Und doch stehen die Srge so nah an den Wiegen und werden,
  Wie wir es selbst schon erlebt, an teuren Verwandten und Freunden,
  Oft aus dem nmlichen Baum vom nmlichen Meister gehobelt,
  Ja, ich frchte fr sie, ich will es nicht lnger verhehlen,
  Und Sie frchten sich auch, obgleich Sie's mir nicht bekennen,
  Und so mag es wohl kommen, da sich der letzte der Bettler,
  Welchen ich heute beschenke, noch glcklicher fhlt, wie ich selber,
  Denn sie ist mir der Mund, mit dem ich esse und trinke.
  Ihrethalben knnte ich wnschen, wir wren katholisch,
  Wenn ich sie hoch auch ehre, die protestantische Freiheit,
  Und ihr gttliches Recht auf jeglichen wahren Gedanken,
  Wie es der zwlfte Apostel, denn Judas hat sich gestrichen,
  Wie es der eiserne Luther mit feuriger Zunge erkmpfte.
  Denn da drft' ich mit ihr von einem Orte der Gnade
  Zu dem anderen pilgern, und erst am heiligen Grabe
  Zu Jerusalem wrde die Hoffnung vllig erlschen,
  Aber da wre zugleich doch auch das Leben zu Ende.
  Was mich selber betrifft, so fand ich mich lngst in mein Schicksal,
  Denn ich hab's nicht verschuldet, es ward mir von oben gesendet,
  Und ich glaube den Finger des Ewigen deutlich zu sehen.
  Sie verwundern sich, Doktor?  Vernehmen Sie, wie ich es meine.
  Wissen Sie, was mich zumeist am groen Brande entsetzte,
  Welcher ein Fnftel der Stadt in Asche legte vor Jahren?
  Nicht die flammenden Straen mit ihren donnernden Husern,
  Welche vor dem Minieren gen Himmel flogen und barsten;
  Nicht der tckische Wind, der, wie ein dmonisches Wesen,
  Immer sich drehte, sobald die Spritzen Meister geworden;
  Nicht die lodernde Brse mit all den Kaisergestalten,
  Die das rmische Reich, doch auch uns Brger bevogtet;
  Nicht die grnlichen Flammen der Trme, welche von Kupfer
  Sich ernhrten und Blei und grlichen Regen verspritzten;
  Nicht der endliche Sturz von Nikolai und Petri5),
  Fast so entsetzlich fr uns, als brche die Erde zusammen;
  Nicht einmal das Geheul der Feuerglocken, die alles
  berwimmerten, selbst die Stunden-Uhren, so da man
  Keine einzige hrte, als wren die Zeiten vollendet,
  Und als mte der Richter nun gleich in den Wolken erscheinen:
  Alles dieses verschwand mir gegen die Hungergesichter,
  Welche mit Ratten und Musen verschchtert zutage sich drngten,
  Ja, sie kamen mir vor, als sollten sie klagen und zeugen
  Und erwarteten nur noch den Engel mit seiner Posaune.
  Welche ein Elend erblickt' ich!  Und tief, wie unter der Erde,
  War es verborgen gewesen, und stahl sich, als wre es Snde
  Gegen die glcklichen Brder, auch jetzt noch zgernd und ngstlich,
  Und vom druenden Tode gejagt, hervor aus den Lchern!
  Mnner, Weiber und Kinder!  Und das im christlichen Hamburg,
  Welches der Armen und Kranken doch wahrlich nie noch vergessen.
  Fast mit Grausen gedacht' ich der eigenen Gter und schmte
  Mich des eigenen Kummers!  Allein nicht lange verharrt' ich
  In dem stumpfen Entsetzen: mir schien auf einmal das Rtsel
  Meines Lebens gelst.  Fr diese strmen die Schtze
  So zusammen bei dir, und wenn es am Erben dir mangelt,
  Ist's der Verzweifelten wegen!  So rief's in mir, und so ruft es
  Bis zur Stunde noch fort!  Ich mchte, wie Fugger in Augsburg6),
  Ein Asyl begrnden, in welchem es nimmer an Mitteln,
  Eher an Drftigen fehlte.  Man spricht von roten Gespenstern,
  Die man mit Pulver und Blei verscheuchen msse.  Sie sind wohl
  Noch viel leichter zu bannen: man gebe ihnen zu essen,
  Und, anstatt die Erde in unersttlicher Goldgier
  Auszuschmelzen und dann als Schlacke liegen zu lassen,
  Wie es ein Rothschild tut, bestelle man Wsten und weise
  Ihnen die cker an!  Das heit, sich selber beschtzen,
  Denn wir besitzen die Habe noch nicht, wie Arme und Beine,
  Die wir freilich mit keinem zu teilen vermgen, und sollen
  Nicht vergessen, was Moses gebot und Christus voraussetzt:
  Frchterlich knnt' es sich rchen!  Ich wrde mit Freuden beginnen,
  Und mir wr' es genug frs Leben und sicher frs Sterben,
  Wenn ich mir sagen drfte: Du wirst bis ans Ende der Zeiten
  Hier die Hungrigen speisen und so den heiligen Frieden,
  Denn ihn bricht nur die Not, auf ewig im Innern besiegeln!
  Ja, mir wr' es genug!  Doch sie ist anders geschaffen,
  Sie entbehrt die Tochter, wenn ich auch den Sohn nicht vermisse,
  Und der heimliche Gram verzehrt ihr leise die Krfte.
  Anfangs freute ich mich, da sie am heutigen Morgen
  Nicht so frh, wie gewhnlich, erwachte, aber es whrt mir
  Jetzt schon wieder zu lange: sie hat die Nacht nicht geschlafen,
  Und ein trauriger Tag wird folgen!  Sie kommen doch abends?
  Sicher!--versetzte der Doktor--und einen eignen Gedanken
  Bringe ich mit: Sie mgen ihn nun als tricht verwerfen
  Oder, wie ich, als trstlich mit einiger Freude begren,
  Immer verdient er die Prfung.  Ich war vorhin in der Kche,
  Und da fand ich das Mdchen vom Lande in bitteren Trnen,
  Das gesunde und frische, das ich dem Hause empfohlen.
  Sie erffnete mir ihr Herz, denn seit ich vom Fieber
  Sie befreite, vertraut sie mir, als wr' ich ihr Vater.
  Ei, wie bunt ist die Welt!  Hier oben fehlt es an einem
  Und dort unten am andern!  Es wre vielleicht noch zu helfen,
  Wenn man die Hnde sich bte.  Denn: Alles beruht ja auf Mischung!
  Sagt Apotheker Franz, der Helgolnder, und kmen
  Mit den Krutern des Berges die Kruter des Tals nicht zusammen,
  Wrde kein bel geheilt!  Ei nun, wir wollen's versuchen.
  Nur nicht zu frh erwarten Sie mich.  Ein glcklicher Schneider,
  Dem sie unter die Arme gegriffen haben, erlaubt sich
  Mit den Seinigen heute den ersten Pudding.  Er lud mich,
  Und ich mchte wirklich das kleine Fest nicht versumen,
  Denn nicht lieber seh' ich den Regenbogen am Himmel
  Als im Menschengesicht die wiedererwachende Freude.


  Dritter Gesang.

  Rasch entfernt sich der Doktor, denn viel noch hat er zu schaffen,
  Auch den Kaufherrn ruft gar manches ab, doch verwundert
  Schaut er dem Alten nach und denkt: was mag er nur meinen?
  Pltzlich fhlt er von hinten sich innig umschlungen, die Gattin
  Hat sich ihm leise genhert, und wie er sich wendet, erstaunt er
  ber den klaren Blick des reinen Auges und freut sich,
  Sie so ruhig zu finden.  Sie kt ihn herzlich und drckt ihn
  Mehrmals gegen die Brust, als wre der Morgen der Hochzeit
  Wiedergekehrt, an dem sie, dem Kreise der Schwestern entschlpfend,
  Die nach in ihr schmckten, und ber die trennende Schwelle
  Ihm entgegenhpfend, an welcher er schchtern und lauschend
  Stehen geblieben war, dem fast Erschreckten bewiesen,
  Da sie nur darum so lange das kargste der Mdchen gewesen,
  Um als reichste der Brute noch in der letzten der Stunden
  Fr die erduldete Strenge ihm berschwenglich zu lohnen.
  Denn, wie mancher Baum, zu dessen Fen die Veilchen
  Schon ihr Leben verhauchen und den die mildesten Lfte
  Unermdlich umschmeicheln, nicht eine einzige Knospe
  ffnet, bevor der Mai den Frhling gttlich besiegelt:
  Also hatte auch sie sogar dem Verlobten noch vieles
  Abgeschlagen, was selbst die sprdeste Sitte gestattet
  Und die sorglichste Mutter nicht rgt, und still sich bescheidend
  Hatt' er's ertragen, obgleich nicht ohne qulende Zweifel.
  Aber, wie solch ein Baum zuletzt die innere Flle
  Auch in heieren Dften und volleren Blten entbindet,
  Als die brigen alle, die nichts zusammengehalten:
  Also hatte auch sie auf diese einzige Stunde,
  Die mit Geben beginnt, um nicht mit Fordern zu enden,
  Alle Wonnen gehuft und ihn im Tiefsten beschwichtigt.
  Unvergelich war ihm der Morgen, doch ward er nur selten
  Wieder an ihn erinnert, und heute am wenigsten htt' er
  Dieses Zeichen der Liebe von ihrer Seite erwartet.
  Feurig erwidert er's ihr, und als sie sich endlich ihm weigert,
  Spricht er: wir stritten uns oft, ob fallende Frchte am besten
  Schmeckten, oder gepflckte, ich hatte soeben von beiden,
  Und ich finde sie gleich.  Du aber sag' mir zuletzt noch,
  Was mir den innigen Gru verschafft hat, den ich so zrtlich
  Nicht erhielt, seitdem ich von Philadelphia kehrte,
  Und auch da wohl nur, weil eine verlogene Zeitung,
  Sei sie noch jetzt mir gepriesen, mich scheitern lie und versinken,
  Als ich die Elbe bereits mit gnstigem Winde hinauftrieb.
  Sanft errtend versetzt sie: Du warst mir wieder gestorben,
  Und so sehr ich den Traum auch hasse, weil er ein Nichts ist
  Und mich dennoch bengstigt: fr diesen knnte ich danken!
  La mich schweigen, ich habe gelobt, nicht wieder zu weinen,
  Und ich mte vielleicht, wenn ich noch weiter erzhlte,
  Aber, du sollst schon sehn.  Jetzt kenn' ich die de, jetzt wei ich,
  Was es bedeutet, allein in weiten Gemchern zu sitzen,
  Alle Stunden des Tages zu zhlen und doch sich bei keiner
  Sagen zu drfen: nun tritt er herein, nun prft er die Mienen
  Deines Gesichtes und beut, sobald sie ihm traurig erscheinen,
  Dir die Rechte als Freund, sobald sie ermunternd ihm lcheln,
  Dir die Lippe als Gatte!  Jetzt hab' ich's in Wahrheit empfunden,
  Nicht aus Grille blo mir eingebildet!  Drum will ich
  Dir in allem auch folgen!  Es gibt der Waisen so viele
  In dem groen Hause, das jeglicher segnet1), der Reigen,
  Welcher zu Pfingsten die Straen durchzieht, da er Brger erfahre,
  Wie man sie kleidet und nhrt, ist jhrlich noch immer gewachsen:
  Nehmen wir eine heraus!  Wir knnten heute noch whlen,
  Wenn du denkst, wie bisher!  Ein Knabe oder ein Mdchen,
  Was dir gefllt, ist mir recht!  Wir machen einen auf Erden,
  Zweie im Himmel glcklich!  Ich werde dich selber begleiten.
  Wiederhol' es mir morgen--versetzt er mit Lcheln--so wollen
  Wir es weiter bereden.  Ich denke es anders zu machen,
  Wenn es dein Wille bleibt.  Warum der sterbenden Mutter
  Nicht sogleich aus den Armen den Sugling nehmen und, gnzlich
  ber sein Schicksal beruhigt, ins Grab sie senden, warum ihn
  Erst von Fremden empfangen?  Doch alles dieses auf morgen!
  Denn wie sehr ich mich auch der schnen Wallung erfreue,
  Welche dich heute bewegt, ich werde sie nimmer mibrauchen,
  Und sie kommt mir zu rasch, als da ich ihr vllig vertraue!
  Damit geht er von hinnen, denn lange schon warteten seiner
  Ungeduldig die Schreiber.  Doch kann er's nicht lassen, noch einmal
  An der Tr sich zu wenden.  Mir lobe noch einer die Mdchen!
  Ruft er dann und enteilt.  Und wahrlich, er durfte es wagen,
  Denn die hohe Gestalt im weien Morgengewande
  Mit den glhenden Augen und reichlich wallenden Locken
  Ist vollendet zu nennen in stolzer Erscheinung, es deutet
  Nichts zurck auf die Jugend, das unentwickelt und unreif
  Nicht zu zeitigen wre, und nichts hinein in das Alter,
  Das sich zu voll schon zeigte, es ist die reizende Mitte
  Zwischen Blte und Frucht, der kstliche Gipfel des Lebens,
  Wo in holdester Pause die endlich gesttigten Krfte
  Ihren Sabbat feiern und nur mit sich selber noch spielen.
  Tief, wie nie noch, ergriffen von ihrer Macht, zu beglcken,
  Sieht sie dem Eilenden nach.  Ein eigener Schauder erfat sie,
  Als sein treues Gesicht, das freilich derb, wie ein Holzschnitt
  Aus den ltesten Zeiten, nur krampfhaft lachen und weinen,
  Aber nicht lcheln kann, mit frhlichem Nicken verschwindet
  Und die Tre sich schliet.  Denn diese hat sie im Traume
  Immer vor sich gehabt und alle Schrammen und Ritzen,
  Welche sogar Magdalenen beim emsigsten Bohnen entgingen,
  Deutlich sich eingeprgt.  Er sollte kommen und kam nicht,
  Aber statt seiner erschien nach langem ngstlichen Harren,
  Whrend es die Minuten vorberkrochen, wie Stunden,
  Schwarz gekleidet der Schneider und fragte mit ernsten Gebrden,
  Ob es ihr jetzt gefalle, die Trauer zu whlen, es warte
  Drauen auch schon der Zeichner mit einem Modell zu dem Denkmal,
  Den sie bestellt, wie ihn selbst, das Werk sei herrlich geraten,
  Ganz besonders die Bste des Abgeschiednen, nicht treuer
  Hnge sein Bild an der Wand vor ihren eigenen Augen,
  Als es sich ber dem Grabe zur grte Zierde des Kirchhofs
  Bald, in Eisen gegossen, erheben werde!  Da war sie
  Vor Entsetzen erwacht und mit unendlicher Rhrung
  Hatte sie durch das Spiel der Glocken hindurch2), wieder es stndlich
  Von den Trmen erschallt in frommen Choralmelodien,
  Seine Stimme vernommen und rasch und still sich erhoben.
  Tief war das Herz ihr beklemmt.  Der Fluch des ganzen Geschlechtes,
  Da es nicht schtzt, was es hat, und berschtzt, was es nicht hat,
  Drckte sie so darnieder, als wre nur sie ihm erlegen,
  Whrend doch alle zusammen den Duft der lockenden Frchte
  Gleich beim Pflcken verwischen, und weil sich zwischen den Fingern
  Freilich das Gold nicht findet, das auf den Zweigen so reizte,
  Neu verlangend den Baum erklettern, um aber und aber
  Ihn zu plndern und sich zu tuschen!  Der bittre Gedanke,
  Ihrem Gatten wohl oft durch ihr verdstertes Wesen
  Stille Freude getrbt und edel verheimlichten Kummer,
  Statt ihn zu lindern, erhht zu haben, verlie sie nicht wieder:
  All die kleinen Momente, an denen das Leben so reich ist,
  Wo ein freundlicher Blick mit einem finstern erwidert
  Wurde, ein herzliches Wort mit einem kalten und leeren,
  Traten in greller Beleuchtung vor ihre gengstigte Seele,
  Und sie fand nicht den Mut, ihm guten Morgen zu sagen,
  Eh' sei ein stilles Gelbde im tiefsten Gemte beschworen.
  Fest auch steht ihr Entschlu, es unverbrchlich zu halten,
  Ja, sie wiederholt's, indem sie der Tre den Rcken
  Wendet, die ihr den Traum so klar ins Gedchtnis gerufen,
  Da sie ihr Auge bisher, wie magisch, an sich gefesselt.
  Als sie ins eigne Gemach zurckkehrt, trifft sie die Zofe
  Eben vorm Spiegel: sie mchte von Magdalenen berichten,
  Die sich bei ihr erkundigt, ob Kalifornien weit ist
  Und ob wirklich die Strae mit Totengerippen gepflastert,
  Wie sie auf ngstliches Fragen bei Hoffmann und Campe erfahren.
  Aber die Trin errtet und schleicht sich davon, als sie pltzlich
  Ihre Herrin, anstatt auf sie zu hren, die Nadel
  Greifen sieht, um vor Nacht noch die lngst begonnene Arbeit,
  Welche schon aufgegeben erschien, fr den Herrn zu vollenden.
  Denn die Neugier will's durch ttige Bue beweisen,
  Da sie verwandelst ist, und wirklich wird sie noch fertig,
  Wenn auch im Laufe der Stunden gar manche ihrer Bekannten
  Prunkend und prahlend erscheinen, gehllt in die neuesten Roben,
  Welche Paris geliefert, und brennend, Neid zu erregen,
  Oder zum wenigsten doch in stiller Bewundrung zu schwelgen.
  Ja, sie werden sogar, obgleich sie nur stren und hindern,
  Besser empfangen, wie sonst, und finden offnere Ohren,
  Fr ihr erstaunliches Glck, das Mode-Journal zu beschmen.
  Denn es will ihr dnken, als htten sie, tndelnd und gaukelnd
  Und die schillernden Flitter aus kindischer Freude am Wechsel,
  Wie die Vgel sich mausern, vertauschend und wieder vertauschend,
  Sich vor Schlimmrem bewahrt, sie schaut nicht mehr mit Verachtung
  Auf die Schwestern herunter, es scheint ihr doch besser, zu spielen,
  Als bestndig zu brten, den Liebsten aber zu qulen.
  So vergeht ihr der Tag in furchtbar-ernster Betrachtung,
  Welche sie ber sich selbst im Geist erhebt und sie krftigt,
  Whrend im zierlichen Flei der Finger das Herz sich erleichtert.
  Und es naht sich der Abend.  Nun gilt's noch, die Gaben zu ordnen,
  Die sie bestimmt frs Haus--seit Jahren tat es die Zofe--
  Dann, sich festlich zu schmcken, und beides dauert so lange,
  Da der Doktor erscheint, bevor sie noch selber gekommen.
  berglcklich begrt der Kaufherr ihn und erzhlt ihm,
  Was am Morgen geschehn, und wie es weiter gegangen.
  Doch der Alte erwidert als Prfer der Herzen und Nieren:
  Einer Genesenden gleicht sie, und alle Genesenden fhlen,
  Wenn sie das bel verlie, sich frei von Wunsch und Verlangen,
  Denn sie haben das Ma des Menschlichen wieder gewonnen,
  Das die Begierde zerbrach, und wollen nur leben und atmen.
  Aber das ndert sich wieder.  Drum mu man die Pause benutzen,
  Und so fatal mir der Pastor mit Sakrament und Ermahnung
  Auch in der Krisis ist, so gern doch seh' ich ihn nahen,
  Wenn ich selbst mich entferne, denn rein ist der Boden von Unkraut,
  Und der gttliche Same mag Wurzel fassen und treiben.
  Also wollen wir's auch mit ihr verhalten, und hat sie
  Selbst den Entschlu gefat, der einzig hilft auf die Lnge,
  Denn, was Juden als Fluch, gilt Christen noch immer als Unglck,
  Und die bittre Empfindung wird wieder und wieder sich regen,
  Nun, so mssen wir sorgen, ihn rasch in die Tat zu verwandeln,
  Und es trifft sich besonders!--Da ffnet sich pltzlich die Tre
  Und im seltensten Putz, sie wei, wie sehr es ihm schmeichelt,
  Wenn sie die eigenen Reize erhht durch seine Geschenke,
  Tritt die Gattin herein.  Er eilt ihr entgegen, der Alte
  Folgt ihm aber sogleich, und zwischen sie tretend und beide
  An den Hnden fassend, beginnt er eifrig von neuem:
  Unten verbringt das Mdchen, das ich dem Hause empfohlen,
  Weinend den ganzen Tag, weil ihr Verlobter im Frhling
  Nach Amerika will, um dort entweder zu sterben,
  Oder so viel zu erwerben, als ntig ist fr die Heirat;
  Hier vermit Ihr das Kind, das jetzt mit leuchtenden Augen
  Und mit glhenden Wangen von einem Tische zum andern
  Hpfen sollte und Euch durch Hndeklatschen und Jubeln
  In die Jugend zurckversetzen!  Da mcht' ich doch raten:
  Gebt das Paar zusammen und macht den Erstling zum Erben!
  Edel sind sie und brav, Ihr werdet es nimmer bereuen,
  Wenn das Wort sich bewhrt, das alte, vom Stamm und vom Apfel,
  Und so sicher Ihr selbst das Kind ins Leben gerufen,
  Ebenso sicher auch werdet Ihr's inniger lieben, wie eines,
  Denn Ihr whlt's Euch nicht aus, Ihr fragt nicht nach Augen und Haaren,
  Wie es doch sonst wohl geschhe, es wird Euch von oben gesendet,
  Wie den Eltern, auch seid Ihr so heilig, wie diese, gebunden
  Und Ihr heit es vielleicht, als wr' es ein eignes, willkommen.
  Ja, es knnte sogar fr Euer eigenes gelten,
  Wenn Ihr wolltet, Ihr nhmet die Mutter mit auf die Reise,
  Welche Ihr jhrlich macht, und kmet ohne sie wieder:
  Sie verg' es ber das zweite und fnde sich glcklich
  Ander Seite des Gatten in Hlle und Flle des Wohlstands,
  Aber es wrde bei Euch auf einmal lebendig und frhlich,
  Denn was die Pendel den Uhren, das sind die Kinder den Husern!
  Sie erwidert dem Alten mit Hast und fiebrisch errtend:
  Dieses wre das Beste, und also mu es auch werden!
  Was sie auch immer verlangen, so werden sie alles erhalten,
  Aber bevor noch der Sugling den Mutter-Namen gestammelt,
  Mu sie sich trennen von ihm, denn mich nur darf er so nennen!
  Da entgegnet der Doktor: So sprech' ich denn gleich mit dem Mdchen!
  Und er verlt das Gemach.  Sie eilt ihm nach bis zur Tre,
  Unwillkrlich gedrngt, ihn umzurufen, doch hlt sie
  Auf der Schwelle noch ein und sagt, zum Gatten gewendet,
  Der sie verfolgt mit dem Blick: Nicht wahr, wir drfen es nehmen,
  Wenn sie selber es geben?  Er holt sie zurck und erwidert:
  Dieses gelt' uns als Zeichen!  Doch, wie sie auch immer sich fassen:
  Wir vereinigen sie!  Das hab' ich schon still mir geschworen.
  Was auch siege im Kampf: der Wunsch, ihr Kind zu behalten,
  Oder es glcklich zu wissen, und glcklich knnen wir's machen,
  Ruhig warten wir's ab, denn wahrlich, ich will sie belohnen.
  Abraham wurde geprft, er sollte den Isaak schlachten,
  Und er fand sich bereit.  Doch nicht, als er trauernden Herzens,
  Aber mit lchelnden Mienen, der Sarah den Liebling entfhrte;
  Auch nicht, als er den Berg mit zitternden Knieen hinanstieg,
  Oder den Opfer-Altar mit bebenden Hnden erbaute;
  Nicht einmal, als er schaudernd dem Knaben das Hlschen entblte,
  Erst, als das Messer schon blinkte, erschien ihm der rettende Engel!
  Diese brauchen nur Nein zu sagen, so ist es bestanden.
  Darum frchte dich nicht der Snde in deinem Gewissen:
  Denn sie gewinnen das Leben und setzen sich selbst die Bedingung.
  Aber nun sieh dich doch um, betrachte die Vgel und Blumen,
  Die dich so freundlich begren und sage mir, ob ich's getroffen?
  Sie entgegnet: ich habe da drben fr dich auch ein Tischchen,
  Wenig zwar liegt nur darauf, allein du bist ja gengsam,
  Und ich kam, dich zu rufen!--Doch viel zu bewegt sind sie beide,
  Um hinber zu gehn, sie scheinen's nicht einmal zu merken,
  Da die trkische Tulpe vor ihren Augen sich ffnet,
  Ja, sie wrden nicht horchen, wenn pltzlich die Sterne erklngen.
  Bald auch kehrt der Doktor zurck mit vergngtem Gesichte,
  Ihn begleitet das Mdchen.  Sie ist, wie zum Tode, erblichen,
  Aber sie lchelt dabei.  Sie mchte reden und danken,
  Doch sie versucht es umsonst; so sinkt sie der Herrin zu Fen.
  Diese erhebt sie und kt sie.  Da schallen Hrner und Zinken
  Fromm von der Strae herauf.  Nun wirft sie sich abermals nieder,
  Aber sie faltet die Hnde und blickt gen Himmel.  Die Gatten
  Knieen neben ihr ihn, und also schliet sich die Weihnacht.


  Vierter Gesang.

  Abend ward es und Nacht, eh' Christian kehrte aus Holstein,
  Denn die grimmige Klte war umgeschlagen, es hatte
  Tchtig geschneit und die Wege verschttet, da galt es, zu schaufeln,
  Aber das tut der Bauer allein fr die Posten des Knigs.
  Endlich rollt ein Wagen, er ist gar leicht zu erkennen
  An dem muntern Geklingel der schellenbehangenen Pferde,
  Vor dem Hause vorbei, und Magdalena, die lngst schon
  Ungeduldig geharrt und gespht durch das niedrige Fenster,
  Ruft ihm, mit hastigen Hnden das eingefrorene ffnend,
  ber die Strae entgegen: Ich mu dich heute noch sprechen!
  Mit der Peitsche knallt er ihr lustig die Antwort herunter,
  Und, durch diese Bewegung die Kruste vom Leibe sich schttelnd,
  Wird er wieder zum Menschen; bis dahin war er ein Schneemann.
  Jetzt auch whrt es noch lange, bevor er kommt, denn die Tiere
  Wollen das Ihrige haben, und nicht dem eignen Besitzer
  Wrd' er sie anvertrauen, er mu sie selber besorgen.
  Aber, nachdem er sie alle mit wrmenden Decken behangen
  Und in die reinlichen Trge den goldenen Hafer geschttet,
  Auch den Wallach, er ist es gewohnt, mit Kmmel erquickt hat,
  Wechselt er rasch die Kleider und eilt, bevor er die Kammer
  Mit dem Weihnachtsgeschenk auch nur betreten, hinber,
  Denn es ist ihm zu neu, sein Mdchen rufen zu hren,
  Um nicht zu brennen, sogleich den Grund zu erfahren.  Er trifft sie
  Ganz allein in der Kche bei ihrer Lampe, die andern
  Sind zum Tanz und die Zofe ist gar, wie sie's nennt, in Visite,
  Und er verwundert sich sehr, sie unbeschftigt zu finden,
  Denn er sieht nicht die Schere und auch nicht die Nadel und dennoch
  Kann sie, das wei er, nicht atmen, so lange die Finger ihr ruhen,
  Und sie beklagt es noch immer, im Hause nicht spinnen zu drfen.
  Aber, wie wchst sein Erstaunen, als sie, die Schmige, Scheue,
  Gleich an den Hals ihm fliegt, und wieder und wieder ihn drckend,
  Spricht: Du darfst mir nicht fort, dich sollen die Bren nicht fressen!
  O, ich wei es gar wohl, was ber dem Meer dich erwartet,
  Wenn du auch Wellen und Winden entgehst, die manchen verschlingen,
  Und den Menschenverkufern, die schlauer, wie ehmals die Werber,
  Ihre Netze zu stellen verstehn, ich hab' es erkundet,
  Denn noch nie ist das Herz mir bedrngt gewesen, wie gestern,
  Und so nahm ich mir Zeit.  Zu Tausenden liegen die Toten
  An der Strae und weisen dich stumm zurck in die Heimat,
  Wenn du sie aber verachtest, die schweigenden Warner, wie viele,
  Und nur Zeichen des Weges in ihnen erblickst, die man ruhig
  Hinter sich lt, wie bei uns die Meilensteine, so wirst du
  Endlich selber zu einem.  Und kmst du auch wirklich ins Goldland,
  Ohne vorher zu verhungern, und wrst so glcklich, die Ader
  In der Erde zu treffen und auszubeuten, so wirst du,
  Eh' du ein Schiff noch erreichst, von Dieben und Rubern erschlagen,
  Denn der Teufel regiert, und einer ttet den andern,
  Um nicht graben zu mssen und dennoch Schtze zu hufen!
  Lache, so lange du willst, du machst mich wahrhaftig nicht irre:
  Kalifornien ist der offene Rachen der Hlle,
  Welcher sich pltzlich geffnet, um Seele und Leib zu verderben,
  Doch, was red' ich, du bleibst, und so ist alles vorber!
  Christian aber erwidert, sich ihren Armen entwindend:
  Immer hab' ich dich sonst gefat und besonnen gefunden,
  Hat denn deine Natur auf einmal sich vllig verndert?
  Gehen werd' ich gewi, doch htt' ich dir's gern noch verborgen,
  Um dir das Fest nicht zu trben, allein der Schmied und der Tischler
  Haben geplaudert, da wr' es dir dennoch zu Ohren gekommen
  Und du httest am Ende geglaubt, ich wollte dich tuschen,
  Darum mute ich's sagen.  Nun aber rede nicht weiter,
  Monde noch nennen wir unser, warum sie sndlich verjammern?
  Nein, wir wollen sie ruhig in Frieden und Freude verbringen
  Und in der Stunde der Trennung dem Vater im Himmel vertrauen,
  Deinetwegen allein wird dieser mich segnen und schirmen!
  Aber sie lchelt und spricht: Du brauchst nicht die Reise zu machen,
  Um es besttigt zu finden, es hat sich schon jetzt so erwiesen!
  Siehe, ich flehte ihn an, die Prfung, wenn auch nicht gnzlich
  Mir vom Haupte zu nehmen, so doch in Gnaden zu wenden,
  Und er hat mich erhrt.  Was sollte ich nun nicht ertragen,
  Da du mir bleibst und mir hilfst!  Es komme, was wolle, ich werde
  Sicher nicht murren und klagen!  Doch diesem wr' ich erlegen.
  Aber du weit ja noch nicht!  Vernimm's und erstaune!  Die Herrschaft
  Steuert mich aus, und sie gibt auch dir ein reichliches Erbe.
  Schttle nur nicht mit dem Kopf, es ist so, wie ich dir sage,
  Haus und Hof sind unser, sobald wir wollen, man wartet
  Oben schon lange auf dich, so geh und hre das Weitre!
  Aber der Jngling versetzt, am Tische sich lehnend, wie schwindelnd:
  Sind denn wirklich die Engel noch nicht von der Erde verschwunden,
  Und was hab' ich getan, da sie um mich sich bekmmern?
  Doch, was frage ich noch!  Nur deinethalben geschah es!
  Soll ich denn alles in allem dir schuldig werden?  Wie vieles
  Hab' ich dir lngst zu verdanken!  Ich fhl' mich nicht besser, wie andre,
  Und ich wrde vielleicht, wie sie, im Taumel mich drehen,
  Bis ich mich selber verlre, wenn du nicht wrest!  Fr alles
  Kommt der Tag der Versuchung.  Das tgliche Leben und Treiben
  Widert jeden, sobald ihn die Hoffnung verlt, und sie wechselt
  Gern, wie der hpfende Vogel, den Baum.  Da greift er zum Glase,
  Um sich selbst zu betuben, und hatten die Karten so lange
  Feurige Rnder fr ihn, die an den Teufel ihn mahnten,
  Der sie zuerst gemalt und herumgegeben, so scheinen
  Sie ihm pltzlich vergoldet und locken durch alle Figuren.
  Siehe, da ist er geliefert, wenn nur noch Gottes Gebote
  Ihm die Strae zur Hlle versperren, wenn Vater und Mutter
  Ruhig im Grabe ihm schlummern, und noch kein sorgliches Mdchen
  An die Stelle der beiden trat.  Die Sterne des Himmels
  Zittert der nicht, zu verfinstern, und wenn sie zu schrecklich ihm funkeln,
  Schaut er nimmer hinauf, allein das Auge der Liebe
  Ist gar leicht zu trben und seinen ngstlichen Blicken
  Kann sich keiner entziehn, da fhlt sich der Mensch denn gehalten!
  So erging's mir mit dir.  Ich hatte die Eltern verloren,
  Und nun war ich gezwungen, an mich zu denken.  Das hatte
  Ich bisher nicht getan, es war mir genug, mit den Segen
  Zu verdienen, mit dem ich als Knabe ihr Httchen verlassen,
  Um dem Bauern das Vieh zu hten, zuerst nur die Gnse,
  Dann die Schweine und Schaft, und endlich die Ochsen und Khe,
  Und ich fhlte mich glcklich, fr sie zu sorgen, auch hielt ich
  Ihnen die Not von der Tr.  Da raffte die tckische Seuche
  Sie hinweg, und auf einmal war alles anders.  Die Groschen
  Blieben mir zwar, und ich konnte allmhlich manches mir schaffen,
  Was ich lange entbehrt, doch boten die Uhr und die Pfeife
  Keinen Ersatz fr das Lcheln der Mutter, womit sie mir's lohnte,
  Wenn ich ihr gegen den Winter mit Bohnen und Erbsen die Truhe
  Fllte, oder im Frhling zur Mastung ein Ferkelchen brachte.
  Da begann ich zu rechnen, und leider mut' ich's bejahen,
  Wenn die Genossen mir sagten, mein Sparen bringe mich einzig
  Um die Freuden der Jugend, und sichre mir doch nicht das Alter,
  Hchstens knnt' ich den Doktor aus eigenem Sckel bezahlen,
  Wenn ich einmal erkrankte, allein das danke mir keiner,
  Den besolde die Stadt.  So warf ich denn wirklich mein Flickzeug
  Eines Sonntags beiseite, denn Sonntags flickte ich wieder,
  Was ich zerri in der Woche, und mischte mich unter die andern,
  Um, wie diese es nannten, doch auch mal den Herrn zu probieren.
  Wohl gekmmt und gebrstet, und blank in der Tasche den Taler,
  Prunkt' ich daher, auch gefiel's mir, zuerst den Hafen zu sehen,
  Wo die Masten so eng und so dicht zusammen sich drngen,
  Wie die Spitzen des Schilfs bei uns in Grben und Smpfen,
  Dann an dem Ufer der Elbe hinab zu spazieren nach Flottbeck1)
  Und die Schiffe zu zhlen, die eben kommen und gehen,
  Oder die Grten, die bunt sich am breiten Flusse dahinziehn.
  Gern bezahlt' ich auch mittags mein Essen, obgleich ich's zu Hause
  Besser und billiger hatte, ich lie mir's sogar noch gefallen,
  Da wir auch Kaffee tranken, ich wollte den Mkler nicht machen.
  Aber, als sie nun riefen: jetzt mssen wir karten und kegeln
  Und den guten Likr daneben versuchen, da sprach ich:
  Weiter halt' ich nicht mit!  und ging, wie sehr sie auch hhnten,
  Denn oft sagte mein Vater, es wrde keiner die erste
  Schenke betreten, der ahnte, in welcher Gestalt er die letzte
  Einst nach Jahren und Monden verlassen wrde, auch schlpfte
  Selbst der Gesunkenste schwerlich des Morgens hinein, wenn er wte,
  Wie er sich abends entfernte, und dieses klang mir im Ohre.
  Nicke mir nicht so freundlich, es wr' wohl noch anders gekommen,
  Denn der Grund, der mich trug, ich fhl' es noch heute mit Schaudern,
  Wankte mir unter den Fen, und Taumelnde knnen auch fallen,
  Doch, ich erblickte dich!--Und wurdest--versetzt sie--mein Retter,
  Als ich mich vor dem Verfolger nicht lnger zu schtzen vermochte.
  Mich auch hatte der Spott, wie dich, vom Hause getrieben,
  Denn ich fhlte mich glcklich, daheim zu sitzen, ich hatte
  Angst vor der groen Stadt, und wnschte mich ebensowenig
  In den Strudel der Menschen, wie in den Strudel der Elbe,
  Wenn sie flutet, hinein.  Da aber hie es bestndig:
  Diese ist wohl in Sachsen vom Baum heruntergefallen,
  Da sie keiner besucht, es kommt nicht Bruder noch Schwester,
  Oder Onkel und Tante, auch hat sie ja keinen Geburtstag,
  Denn ihr wird nicht geschrieben!  Da ging ich denn endlich, als wr' es
  Zu Verwandten und Freunden, allein ich kannte nicht einen
  Von den Tausenden, welche hier wohnen, und all mein Vergngen
  War, die Stunden zu zhlen, mein Kleid im Gedrnge zu schtzen
  Und mir die Straen zu merken, um abends den Rckweg zu finden.
  So gelangt' ich vors Tor.  Da aber gesellte sich pltzlich
  Ein Begleiter zu mir.  Ich hatte ihn niemals gesehen,
  Lang und schmal, wie er war, und prangend in Ketten und Ringen,
  Aber er wollte mich kennen, und grte von Vater und Mutter.
  Als ich ihm sagte, er irre, die lgen schon lange im Grabe,
  Sprach er, er meine die seinen, und blieb mir ruhig zur Seite.
  So gewi ich auch wute, da keiner mich kannte, so wollt' ich
  Dennoch ersticken vor Scham, als wenn es mir mitten im Dorfe
  Unter den Meinen geschhe, und suchte ihm rasch zu entkommen.
  Aber, wie ich auch lief, und wie ich mich drehte und wandte:
  Nichts gewann ich ihm ab, und spttisch rief er am Ende:
  Dirne, ich bin ja der Wind, du willst doch dem Wind nicht entlaufen?
  Nun begann er sogar, von hlichen Dingen zu reden,
  Und je stiller es wurde, je mehr die Menschen verschwanden,
  Um so kecker erging sich seine verworfene Zunge.
  Rennen konnt' ich nicht mehr, und mag man die Augen verschlieen:
  Offen bleiben die Ohren, und herzlich begann ich zu weinen.
  Aber er hrte nicht auf, es wurde je lnger, je rger
  Und zugleich auch die Gegend verlaner und wilder und wilder.
  Da vernahm ich von ferne ein Pfeifen, das frhlich und mutig
  Klang und mir Hilfe verhie, ich schrie, so laut ich's vermochte,
  Und es whrte nicht lange, so wurdest du sichtbar, dich hatte
  Nur ein Knick2) noch verborgen.  Du eiltest herbei, doch der andre
  Lief nicht davon, er besah dich mit seinem vergoldeten Glase,
  Welches an schwarzem Bande ihm baumelte ber der Weste,
  Sprach, er sei kein Ruber, doch ich das albernste Gnschen,
  Und erkundigte sich nach Bauers Garten.--Du aber,
  Mit den Augen mich prfend und ber und ber erglhend,
  Tratest ihm ernst in den Weg und riefst mit donnernder Stimme:
  Herr, das Kind hat geweint, und ich, ich bin aus dem Lande,
  Wo man die zinnernen Krge vor Zeiten, wie lederne Schluche,
  So mit den grimmigen Fusten zusammendrckte und quetschte,
  Da das verschchterte Bier die Decke bespritzte und Lcher
  Machte, als km's aus der Bchse!  Er lachte hhnisch und sagte,
  Leicht in die Tasche greifend und klingelnd mit Gold und mit Silber:
  Hier ist ein Taler, mein Freund, nun fhr' Er die Liebste zu Ahrens,
  Dort wird abends getanzt!  Doch du--Ich mag es nicht denken,
  Aber der Jngling erwidert, die hangenden Locken ihr scheitelnd:
  Kind, ich htte mich selbst des Zorns nicht fhig gehalten,
  Der mich so pltzlich ergriff, und keiner meiner Genossen,
  Denn ich galt fr ein Lamm.  Auch wr' ihm gewi nichts geschehen,
  Htt' er nur mich beschimpft, die seidenen Kleider allein schon
  Htten ihn sichergestellt, ich htt' mich im stillen gergert,
  Auch vor dir mich geschmt, und doch wohl albern gelchelt,
  Denn noch erblickt' ich den Herrn in jedem, welcher den feinern
  Rock auf dem Leibe trug, und lie mich drillen und hnseln.
  Aber, wie ich dich sah und alles, was er geredet,
  Von der brennenden Wange dir ablas, ward ich ein andrer,
  Als ich mich je noch gefhlt im ganzen Leben, und eher
  Htt' ich dich selber verletzt, du wichst zwar bald auf die Seite,
  Aber du faltetest doch die Hnde und schienst mich zu bitten,
  Ihn zu verschonen, als ihm die bndige Probe erlassen,
  Da die Fuste noch immer in Wesselburen gedeihen3).
  Nun, es sei ihm verziehn!  Er wird es nicht wieder versuchen,
  Und ich hab' es am Ende doch ihm allein zu verdanken,
  Da ich dich kennen gelernt, wie htt' ich dich sonst wohl getroffen?
  Und du wrst auch vor mir vielleicht so ngstlich gelaufen,
  Wie nur immer vor ihm, drum wnsch' ich ihm nicht einmal Narben.
  Aber, nun sprich, was es gibt!  Mir dreht sich der Kopf noch im Wirbel!
  Mu ich gewi nicht zu Schiff?  Ich geh' ja nicht gerne, obgleich ich
  Hart am Meere erwuchs!  Ich lieb' es den Wagen zu lenken,
  Oder die Pferde zu tummeln, auch mag ich pflgen und dreschen,
  Aber das Wasser war mir stets zuwider, und nie noch
  Hab' ich den Fischer begleitet, so gern ich dem streifenden Jger
  Mich gesellte, wenn's ging!  Wie ist nicht das eine schon grlich,
  Da man darin nicht blo ertrinken, sondern darauf auch
  Schmhlich verdursten kann!  Mir ward es hinter den Deichen
  Immer schon eigen zu Mut, die gegen Strme und Fluten
  Uns das Lndchen beschirmen.  Das Schrillen und Kreischen der Vgel
  Mit den langen Hlsen und oft noch lngeren Schnbeln,
  Welche im warmen Sande die bunt gesprenkelten Eier
  Hinterlassen, die Muscheln und selbst die fettigen Kruter
  Mit den wolligen Blumen erfllten mich immer mit Grausen,
  Und ich brauchte nicht erst auf Toten-Gebeine zu stoen,
  Wie sie aus Schiffer-Grbern vergilbt und vermorscht wohl hervorschaun,
  Um das Knabengelst nach Bernstein niederzukmpfen
  Und von dannen zu fliehn.  Da magst du dir denken, wie leicht mir's
  Ward, den Entschlu zu fassen, mich dennoch der See zu vertrauen!
  Aber ich war es dir schuldig, und wr' es mir bel ergangen,
  Und ich erwartete nicht, ich darf es dir jetzt ja bekennen,
  Was der Schmied und der Tischler erwarten, so wre ich drben
  Bis an mein Ende geblieben, und wr's auch als Sklave gewesen,
  Um dein Glck nicht zu hindern und andern den Weg zu vertreten.
  Du verfrbst dich?  Was hast du?  O, htte ich Narr doch geschwiegen,
  Diese erzhlte mir Trume, und ich, ich nahm sie fr Wahrheit!
  Aber das Mdchen erwidert: Man schaudert wohl auch bei Gefahren,
  Die man erst vllig erkennt, nachdem sie vorbergegangen!
  Also hatt' ich doch recht, sogleich das rgste zu frchten
  Und mich nicht zu besinnen!  Nun mache nur du es nicht schlimmer,
  Frage nicht, eile hinauf, und wenn ich selbst nur nicht Nein sprach,
  Weil es zu pltzlich kam und mich verwirrte, so zeige
  Du dich dafr als Mann, und gib dein entschlossenes Jawort!
  Haus und Hof sind unser, sobald wir es selber nur wnschen,
  Und wir sollen dafr-- ich wei nicht, ob ich's verstanden,
  Aber dort kommt er selbst, er wird dir's deutlicher sagen!
  Und dem Kaufherrn, welcher die Tr soeben geffnet,
  Tritt der Jngling entgegen und spricht: Ich habe das Mdchen
  Nie als tricht gekannt, und dennoch kann ich's nicht glauben,
  Da ich mir wirklich ihr Stottern und Stammeln richtig gedeutet.
  Wenn es aber so wre, wie sie verkndet, so knnt' ich
  Nur das einzige sagen: ich kenn' und liebe die Wirtschaft,
  Und der jngre Verwalter hat das voraus vor dem ltern,
  Da er sich selbst nicht schont, und nicht mit der Zunge blo ackert.
  Wenn Sie mir also vertrauen, obgleich die Erfahrung mir mangelt,
  Werden Sie, was ich verseh', an Knechten und Pferden ersparen.
  Wahrlich, ich werd' es an Flei nicht fehlen lassen, ich stehe
  Jetzt schon der erste auf und bin der letzte zu Bette,
  Und was einer dem Boden nur abzwingt, sei's an Getreide,
  Sei's an Obst und an Vieh, das werden auch wir schon gewinnen!
  Aber der Kaufherr spricht: Ihr set und erntet euch selber,
  Ich bin hchstens noch da, wenn berschwemmung und Miwachs,
  Brand, Viehsterben und Krieg euch wider Verhoffen betreffen,
  Um euch helfen zu knnen, im brigen seid ihr die Eigner,
  Und verpflichtet euch blo, nicht wiederzukehren nach Hamburg,
  Denn das Gut, das ich meine, liegt fern am Fue des Brockens,
  Und uns das Kind zu lassen, damit wir es christlich erziehen
  Und es zum Trger des Namens, sowie zum Erben ernennen.
  Christian, erst so erstaunt, als wrd' er belehnt mit der Erde,
  Denn er hatte nicht einmal an Pacht, geschweige an Herrschaft
  Sich zu denken getraut bei ihren verworrenen Worten,
  Fhrt zusammen und schaut auf Magdalena, doch diese
  Ruft: So ist's!  Wir geloben's! und hngt mit ngstlichen Blicken
  An dem Munde des Jnglings.  Er schweigt noch lange, doch endlich
  Sagt er: Was du versprichst, das kann ich halten! und bietet
  Nun dem Kaufherrn fest zum Pfand und zum Siegel die Rechte.


  Fnfter Gesang.

  O, wie schn ist die Zeit, wenn schalkhaft hinter dem Winter
  Schon der Lenz sich versteckt, wenn frh am Morgen die Lerche
  Wirbelt, als htte sie lngst das Veilchen gesehen, und dennoch
  Abends gern mit dem Spatz sich unter dem Balken verkrche,
  Wo er im Neste kauert, und wenn die erste der Primeln
  Durch den nmlichen Tropfen, an dem sie sich mittags erquickte,
  Whrend die Sonne so brannte, vor Nacht ihr Ende noch findet,
  Weil er gefriert und sie knickt!  Wie ist sie in Ahnung und Hoffnung
  Jener sptern voraus, wo schleichend hinter dem Sommer
  So der Herbst sich verbirgt!  Die Schauer von Hitze und Klte
  Wechseln zwar ganz, wie jetzt, allein es ziehen die Schwalben
  Und es kommen die Raben, die einen nicht lnger gefesselt
  Von der Wrme, die andern nicht lnger geschreckt, auch erblickt man
  Schon die Erstlingsglieder der traurigen Kette von Blumen,
  Welche, den Duft und die Farbe zugleich allmhlich verlierend,
  Schliet in der strohigten Aster, die selbst der Sturm nicht entblttert,
  Sondern der Schnee begrbt!--Die schne Zeit ist gekommen,
  Und ein glckliches Paar, vom kurzen Tage ermdet,
  Weil es die sprliche Frist, die zwischen den Nebeln der Frhe
  Liegt und den Nebeln des Abends, durch Flei zu verdoppeln gewohnt ist,
  Setzt sich beim Scheine der Lampe behaglich zur dampfenden Suppe
  Und verzehrt sie mit Lust, doch still und ohne zu reden,
  Wie es der Landmann macht, um sich den Genu nicht zu schmlern.
  Dann hebt Christian an: Ich habe die cker und Wiesen
  Heute wieder gemustert und kann es noch immer nicht fassen,
  Da ich auf eigenem Boden mich mde gelaufen.  Er ist zwar
  Nicht so fett, wie bei uns, auch hat man in migen Stunden
  Steine genug zu sammeln, und wird sie sobald nicht vertilgen,
  Weil, wie die Bauern hier sagen, der Teufel sie immer von neuem
  Fallen lt, wenn er nachts mit vollen Scken vom Blocksberg
  Abfhrt, um sich dafr in Holstein Seelen zu kaufen,
  Aber, wie dehnt sich das aus!  Sogar das Eckchen am Berge
  Ist noch unser, ich fragte!  Und Magdalena erwidert,
  Whrend sie einige pfel als unerwarteten Nachtisch
  Bringt und lchelnd verteilt: Ich habe dagegen den Garten
  Nher besehen und kann dir von jeglichem Baume vermelden,
  Welche Frchte er trgt, wieviele, und wann er gesetzt ist.
  Spare die Frage, du Schalk, ich hab's den Rinden der Stmme
  Nicht entnommen, mir hat's der alte Pfarrer verkndet,
  Welcher vorber kam.  Er kann sich der Zeit noch erinnern,
  Wo das Haus nicht stand, und hat den hintersten Birnbaum,
  Den uns der Mond jetzt zeigt, am Tage, wo man's gerichtet,
  Eigenhndig gepflanzt.  Den wollte er eben besuchen,
  Weil er ihn liebt, und ich denke, wir schicken ihm jhrlich ein Krbchen,
  Ganz bis oben gefllt mit allen Sorten zur Labung,
  Wie es die andern getan, obgleich er uns schwerlich die Rede
  Halten wird, wenn wir sterben!  Du glaubst nicht, die edelsten Arten,
  Wie sie der Grtner nur hat, dabei dem Wind, wie entzogen,
  Weil die Hgel uns decken, die lang geschweift sich dahinziehn,
  Und gesucht auf dem Markt, wie keine!  Es wre Verschwendung,
  Selbst davon zu kosten, als Weihnachts-Abend.  Was horchst du?
  Christian tritt zum Fenster und spricht, indem er es ffnet:
  Regte die Kuh sich nicht?  Ich lege mich heute nicht nieder,
  Denn ich traue nicht recht.  Es ist zwar nach dem Kalender
  Auf der Tre am Stall noch eine Woche, doch wei ich,
  Da sich die Knechte verrechnen, indem sie der Striche zu viele
  Oder zu wenige machen, und habe ich, ohne zu murren,
  Oder auch nur aufs Gehei zu warten und Kaffee zu fordern,
  Fremdes Vieh bewacht, wie sollt' ich das eigne vergessen!
  Lachst du nicht mit?  Das eigne!  Ich glaube noch immer zu trumen.
  Magdalena versetzte: Ich hre nicht auf, mich zu wundern,
  Wenn ich so alles bedenke, am meisten aber erstaun' ich
  ber die Trauung selbst.  In stattlicher Kutsche zu fahren,
  Whrend Vater und Mutter zu Fue gingen und triefend
  Vor dem Pastor erschienen, die angesehene Herrschaft
  Und den Doktor als Zeugen zu haben, whrend die Eltern
  Hirt und Wchter dienten und mrrisch das Wetter verfluchten,
  Und am Abend der Schmaus: es war, um den Kopf zu verlieren!
  Wre dir nicht der Hut heruntergefallen, indem du
  Gar zu eilig den Wagen besteigen wolltest, und htte
  Ich nicht die Locken zerdrckt und Kranz und Bnder verschoben,
  Als ich zur Seite rckte: es wre zu prchtig gegangen,
  Und man htt' uns zu stark beneidet, vielleicht gar beredet;
  Aber nun gab's fr die andern in Hlle und Flle zu lachen,
  Und wir beide kamen nicht eher aus dem Errten
  Wieder heraus, als im Dom, wo neue Sorgen begannen,
  Oder erging es dir besser?  Ich zitterte kindisch, zu zeitig
  Oder zu spt mit dem Ja zu kommen, obgleich ich als Kind schon,
  Hinter den Sthlen der Kirche mich mit den Gespielen versteckend,
  Um vom brummenden Kster nicht fortgetrieben zu werden,
  Manche Trauung gesehn und alles gehrig beachtet,
  Was den Bruten geziemt!  Da ist es mir anders gegangen!--
  Sagte Christian jetzt--Sobald ich die Orgel vernehme
  Und den gekreuzigten Heiland mit seinen Wunden erblicke,
  Hab' ich die Welt im Rcken und knnte Knigen selber
  Fest in die Augen schaun!  So recht, noch einige Kltze
  In den Ofen geschoben, damit ich nicht friere.  Wie emsig
  Bist du aber gewesen!  Wie blinken Tiegel und Pfannen,
  Nun sie die Flamme beleuchtet!  So ist der Kessel von Kupfer,
  Statt von Messing?  Wie glnzt er!  Den Spiegel wirst du nicht brauchen,
  Jedes Geschirr ersetzt ihn, wir knnten ihn wieder verkaufen,
  Wenn mein Bart nicht wre, und diesen lasse ich wachsen,
  Wie sie's hier alle tun, die Hirten sogar und die Fischer.
  Was wir aber behalten, das sind die heiligen Bilder
  Von dem verlorenen Sohn.  Mit diesem hab' ich als Knabe
  Oft zu Mittag gegessen.  Mein Vater pflegte zu sagen,
  Wenn es an allem gebracht, sogar an Salz und Kartoffeln,
  Wie sich's im Winter zuweilen begab, wenn Fasnacht vorbei war:
  Heute sind wir bei dem zu Gast gebeten! und zeigte
  Auf die lustige Tafel, sie hing vergilbt und verruchert
  ber dem Ofen und hatte gewi schon den zehnten Besitzer,
  War auch nicht zu verkaufen und galt nicht einmal als Pfandstck,
  Wo der Wstling schwelgt und wo ihn die Dirnen bestehlen.
  Trunken hebt er das Glas, den Wein verschttend, zu Fen
  Liegt ihm ein leckeres Brot, vom Arm heruntergestoen,
  Welches ein Hund beschnffelt, indes er, wenn er sich wendet
  In dem geschaukelten Stuhl, es augenblicklich zertreten
  Oder beschmutzen mu, und dies mu einig geschehen,
  Wenn er nicht strzen will.  Der Tisch ist reichlich beladen
  Mit den erlesensten Speisen und ausgewhlten Getrnken,
  Aber ich wnschte mir nichts vom ganzen glnzenden Gastmahl
  Fr den brennenden Hunger, als dieses Brot, und ich hab' es
  Tausendmal in Gedanken verzehrt und werde auf Erden
  Niemand wieder beneiden, wie diesen Hund, der so satt ist,
  Da er es kaum beriecht.  Nun geh mir aber zu Bette!
  Wenn sich der Wind noch mehr erhebt, so will ich mich freuen,
  Da ich mein Feuer schre und nicht mit dem Schmied und dem Tischler
  Auf dem Ozean schiffe, du aber trume geschickter
  Wie in der letzten Nacht, von Wilhelm und Anne, sie haben's
  Jetzt so gut, wie die meisten, der Weihnacht hat sie gekrftigt!--

  So verstreichen dem Paar die Stunden, die Tage und Wochen,
  Eine der anderen gleich und keine besser und schlechter,
  Wie im himmlischen Reich; sie sprechen zu keiner: verweise!
  Oder: entferne dich rascher!  Denn alle bringen dasselbe.
  Nur die Arbeit wechselt.  Der Pflug geht heute zu Felde,
  Morgen wackelt die Egge ihm nach und ebnet die Furchen,
  Welche er zog in der Erde, und wenn die beiden im Schuppen
  Wieder ruhen, versucht sich die lngst gedengelte Sense
  Schon am ersten Grase.  Indessen folgte der Primel
  Mit dem frhlichen Spatz, der selbst im Winter noch Trotz beut,
  Still das liebliche Veilchen, von Fink und Lerche begleitet,
  Und der heie Hollunder, dem Maienglckchen verschwistert,
  Welcher die Nachtigall durch seine betubenden Dfte
  Aus dem Schlummer erweckt.  Wer schwitzt, der sieht in der Sonne
  Nur noch die Uhr, nicht den Stern, und alle Blumen und Vgel
  Sind fr den Ackrer nicht da.  Doch Samstags bckt er sich gerne,
  Wenn er am Abend die Ochsen zu Hause treibt, um ein Struchen
  Mitzubringen, so gut er's eben findet, das Sonntags,
  Vor den Busen gesteckt, die Liebste ziere zum Kirchgang.
  Dies tat Christian auch, und Magdalena bedankte
  Sich am folgenden Tag durch irgendein neues Gemse,
  Welches der Garten gebracht, sei's nun das zarte Radieschen
  Oder der frische Spinat, und was die gtige Erde
  Weiter bietet.  So sind die frhlichen Pfingsten gekommen,
  Und mit dunkelnder Nacht, es war noch so vieles zu ordnen,
  Um die festliche Rast mit Ruhe genieen zu knnen,
  Tritt er singend ins Haus und bringt ihr den ersten Hollunder.
  Stumm am Herde beschftigt und gegen die Tre den Rcken
  Kehrend, scheint sie ihn nicht zu hren, da tickt er ihr leise
  Mit den tauigen Blumen auf ihren glhenden Nacken,
  Dessen Tuch sich verschob.  Sie fhrt ein wenig zusammen
  Vor der pltzlichen Klte, wie wird ihm aber zumute,
  Als sie, statt sich zu freuen und ihm nach ihrer Gewohnheit
  Aus der dampfenden Pfanne den ersten Bissen zu reichen,
  Da er koste und lobe, den Strau in wilder Bewegung
  Aus den Hnden ihm reit und in die Flammen ihn schleudert.
  ngstlich sieht er sie an, doch eh' er die Lippen noch ffnet,
  Strzt sie ihm an die Brust und weint, als htte sie eben
  Himmel und Erde gekrnkt und knne sich nimmer verzeihen.
  Sie zu beschwichtigen, will ihm lange durchaus nicht gelingen,
  Denn sie bebt vor sich selbst, und er fragt umsonst nach dem Grunde
  Dieser heftigen Wallung.  Sie hatte ihn freilich ein Stndchen
  Frher erwartet zum Essen, und alles war ihr verbraten,
  Doch erklrte das nichts.  Da tritt, um Feuer zu znden,
  Eine Alte herein, die sie verwundert betrachtet,
  Als sie die Trnen erblickt, die immer noch rollen, und der sie
  Hastig erzhlt, was geschehn, damit sie zu Christians Nachteil
  Nicht das Verkehrte glaube.  Die fhrt sie schmunzelnd beiseite,
  Fragt sie manches und lacht.  Dann spricht sie, indem sie sich wendet:
  Ruft mich herber, sobald sich die ersten Halme vergolden,
  Lnger wir's wohl nicht whren, und sorgt indes fr die Hemden.
  Was den Snder betrifft, wo mu er geduldig sich fassen,
  Wenn's auch noch rger kommt, und denken, es zanke sein Kindlein,
  Du gebrauche dein Recht, du darfst jetzt kratzen und beien.
  Als sie sich humpelnd entfernt, will Christian tanzen und jubeln,
  Magdalena jedoch bedeckt ihr Gesicht mit den Hnden,
  Wie am Hochzeitsabend, als alle neckend den Erstling
  Leben lieen, und nicht aus Scham allein und Verwirrung.
  Da besinnt er sich schnell und sagt, um ihre Gedanken
  Abzuleiten: Mich hungert! und als sie essen und trinken,
  Fgt er hinzu: Nun mut du mir morgen gewi auf den Brocken,
  Wie du mir's Ostern versprochen, denn wenn wir's wieder verpassen,
  Wird dir das Steigen zu schwer, und immer wr' es doch schade,
  Wenn der Sommer verginge, bevor wir mit eigenen Augen
  Urians Sitz uns besehn, um nicht zu sehr zu erschrecken,
  Wenn es im kommenden Herbst rumort zu unseren Hupten!
  So beschwichtigt er sie und heiter verstreichen die Pfingsten,
  Denn, vom herrlichsten Wetter begnstigt, erklimmen sie wirklich
  Den verrufenen Berg, vor dem sie als Kinder schon bebten,
  Wenn die Mutter, im Winter, beim Schein der erlschenden Lampe
  Sie entkleidend, die Taten des Besenstieles erzhlte,
  Und der Vater zum Schlu des feurigen Drachen noch dachte,
  Whrend sie, schaudernd vor Angst, wie vor Frost, in die Kissen sich whlten.
  Seltsam starrt er sie an mit seinen Stollen und Schachten,
  Die zur Hlle hinunterzufhren scheinen, und htten
  Sie's auch nie gehrt, da alle Dmonen hier hausen,
  Wrden sie dennoch zittern, dem Teufel hier zu begegnen,
  Wenn die dunkelnde Nacht sie unter den Fratzengestalten
  All der Felsen beschliche, die ringsum drohen und ffen
  Und vielleicht um die Stunde der Geister zum Leben erwachen,
  Um durch die Lfte als Jger auf glhenden Rossen zu strmen,
  Oder als Gnome zu spuken und waschende Mgde zu plagen.
  Drum beeilen sie sich, zurck in die Tler zu kommen,
  Die er nur dann betritt, wenn ein entsetzlicher Frevel
  Ihm den heiligen Kreis der schirmenden Engel geffnet,
  Und beim Sinken der Sonne ihr Drfchen wieder erreichend,
  Wo das Gelut gerade verhallt, geloben sich beide,
  Halb den Schwindel vor Augen und halb die empfundenen Schauer,
  Auch in den Gliedern gelhmt, wie nie, und verlacht von den Nachbarn,
  Keinen Festtag wieder auf diese Weise zu feiern.
  Ihr verbietet sich's auch von selbst, denn ganz, wie's die Alte
  Prophezeite, geschieht's.  So wie die Rosen erglhen,
  Werden die Wangen ihr bleich, und als die Levkojen sich fllen,
  Kann sie sich kaum noch bcken, sie abzupflcken.  Nur eines
  Trifft nicht zu, sie wird nicht launisch, wie andre, die erste
  Heftige Wallung ist zugleich auf die letzte gewesen,
  Aber unendliche Trauer bemchtigt sich ihrer und stndlich
  Gehen die Augen ihr ber.  Er sucht umsonst zu erfahren,
  Was sie drckt, doch er kann sich genau des Tags noch erinnern,
  Ja, der Stunde sogar, wo ihr in pltzlicher Zuckung
  So die ersten Trnen entschossen.  Sie hatte soeben
  Leise gebetet, wie's schien, und hielt die flehenden Hnde
  Noch gefaltet, wie er, durchs Fenster lauschend, bemerkte,
  Denn er kam zum Essen.  Da fuhr sie auf einmal zusammen
  Und begrub ihr Gesicht im Scho.  Er nahte sich hastig,
  Weil er dachte, sie sei vielleicht von Schmerzen befallen,
  Doch sie erhob das Haupt und suchte zu lcheln.  Verwundert
  Sah er sie an.  Da begann sie zu schluchzen und ging in die Kche,
  Um sich auszuweinen.  Er folgte ihr, aber vergebens
  Fragte er, was ihr sei.  Indessen verdrngte den Sommer
  Schon der ergiebige Herbst, und selten noch strotzte sein Fllhorn
  So von allem zugleich, was fr den traurigen Winter
  Keller und Bden uns fllt.  Denn meistens bringt er das eine
  Reichlich, um mit dem andern zu kargen, da Hitze und Klte,
  Nasses und trockenes Wetter fast nie so gnstig gemischt sind,
  Da auf jegliche Frucht nach Art und Ma und Bedrfnis
  Immer das Rechte kme, und keine im Wechsel erfrre
  Oder erstickte.  Die Bume im Garten drohen zu brechen,
  Denn die nchtlichen Frste des Mais vertilgten die Raupen
  So erbarmungslos, da neben Hummeln und Bienen
  Fast der lustigste Schwrmer, der farbige Schmetterling, fehlte,
  Als sie den Raubzug hielten im Reiche der Blumen und Blten,
  Und die hren sind schwer, als trgen sie goldene Krner
  Und zerknicken die Halme, bevor noch die Sichel gewetzt ist.
  Nun gibt's drinnen und drauen zu tun.  Das Obst zu besorgen,
  Fhlt sie sich noch imstand, wenn er's des Abends nur schttelt,
  Was sie selbst nicht vermag.  Sie schlichtet am Tage die Haufen,
  Nimmt das Erquetschte fr sich, wie frher das Wrmergestochne,
  Schickt das wenig Verletzte, das bermrbe und Weiche
  Auf den Markt zum Verkauf und legt das Beste beiseite,
  Um es, wenn Mangel entsteht, zu hherem Preis zu versilbern.
  Er dagegen ist fleiig im Felde und macht die Erfahrung,
  Da der Ttigste selbst fr sich die Krfte noch immer
  Anders braucht, als fr Fremde, denn hat er frher fr zweie
  Schaffen knnen, so kann er's jetzt fr dreie und fhlt sich
  Doch zur Nacht nicht zu mde, um mit im Hause zu helfen.
  Schon sind Roggen und Weizen in sicherer Scheuer geborgen,
  Und so hat denn der Mensch sein Teil, nicht minder die Gerste,
  Welche dem Mastvieh Mark und Fett und schweres Gewicht gibt,
  Und es spritzte von oben nicht eine Wolke!  Es fehlt jetzt
  Nur noch der Hafer des Pferdes, so ist bis auf die Kartoffel,
  Die dem Tier mit dem Menschen gemein ist, die Ernte vollendet.
  Heut soll dieser daran, indes im Garten die Quitten,
  Welche allein noch hngen, den luftigen Platz auf den Zweigen
  Mit der dumpferen Kammer, wo auf der reinlichen Schtte
  Schwestern und Brder schon lagern, vertauschen mssen: die Garben
  Fliegen lustig hinauf zum Wagen, da sieht man den Nachbar
  Hastig nahen und winken mit ausgezogener Weste,
  Weil's ihm am Tuch gebricht.  Mit halb beladener Fuhre
  Jagt ihm Christian gleich entgegen.  Was trifft er zu Hause?
  Eine glckliche Mutter, die unter Lachen und Weinen,
  Rot und wei zugleich, wie Apfelblte, ein Knblein
  Trinken lt.  Sie ist nur kaum ins Bette getragen,
  Denn sie hat es im Grnen geboren, als sie sich bckte,
  Eine vergessene Birne emporzuheben, die gelblich
  Blinkte unter dem Grase.  Er kt sie leise und flstert:
  Siehst du, da man nicht stirbt?  Nun trockne denn eilig die Trnen,
  Sie mich so lange gengstigt.  Sie aber erwidert mit Seufzen:
  Ach, das habe ich nie gefrchtet!  Ich hatte gebetet,
  Da es nicht kommen mchte, doch eh' ich das Amen gesprochen,
  Hpfte es mir zur Strafe im eigenen Schoe entgegen!


  Sechster Gesang.

  Unterdessen erwartet der Kaufherr, welcher die Gattin
  Nach Italien fhrte, in Rom das stille Ereignis,
  Denn es sollte so sein, als htte sie selber geboren.
  Endlich erhlt er den Brief, von auen schon leicht zu erkennen
  An den eisernen Zgen der dennoch zittrigen Handschrift,
  Welcher die Meldung bringt.  Er trgt ihn, ohne zu ffnen,
  Gleich hinber zu ihr und spricht: Es hat sich entschieden,
  Aber nun frage dich eins, bevor das Siegel gelst wird:
  Ist dir jegliches Kind willkommen?  Die wirkliche Mutter
  Unterscheidet nicht zwischen dem einen und zwischen dem andern,
  Ja, es ist so bestimmt durch Gottes ewige Fgung,
  Und den Zug der Natur, da ihr das gebrechliche Wesen
  ber das krftige geht, das krnkliche bers gesunde,
  Aber die Fremde erschrickt vor einem verwachsnen Gebilde,
  Und sie findet das Weinen und Schreien des Buckels abscheulich,
  Was sie dem Engelskpfchen verzeiht und gelassen erduldet.
  Sie erwidert: Das habe ich alles bedacht und erwogen
  Und bin meiner gewi.  Was Gott uns sendet, das werde
  Ich mit Liebe begren.  Und wre das Schicksal der Sarah
  Mir noch am Ende bestimmt, ich machte sie nimmer zur Hagar,
  Nein, ich fhlte mich doppelt beglckt und doppelt gesegnet,
  Und man sollte nicht ahnen, da ich nur eines von beiden
  Unter dem Herzen getragen, so redlich wrde ich teilen,
  Was im Busen mir wohnt, das kann ich dir heilig beteuern.
  Aber erbrich nur den Brief, damit ich vor allem erfahre,
  Wie es ihr selber ergangen, ich habe schon lange gezittert.
  Rasch durchfliegt er den Brief und spricht mit Lcheln: wie Eva!
  Und das Kind ist gesund und wohl gebildet.  Da treten
  Ihr die Trnen ins Auge, und erst zum Himmel die Hnde
  Hebend, dann den Gemahl umarmend, vergeht sie in Rhrung.
  Aber er selber sagt: Ich darf den nackenden Knaben
  Ruhig zum Erben ernennen, mir lebt kein einz'ger Verwandter,
  Welcher mir nher stnde, und heut noch schreib' ich nach Hamburg
  Und bestelle die Taufe zum Mai.  Ich werd' ihn erziehen,
  Da er in jeglichem Armen den Bruder sieht und ihn trstet,
  Und so sorg' ich durch ihn, den Sohn des Volkes, noch immer
  ber das Grab hinaus frs Volk und gebe ein Beispiel,
  Wie man Gespenster beschwrt und doch nicht die Kugeln verteuert.
  Denn dies liegt mir am Herzen.  Es wanken im innersten Grunde
  Alle Staaten der Erde, und wenig wird nur gebessert,
  Ob die Rotten des Pbels den Diener des Frsten erschlagen
  Und die blutige Tat auch blutig ben und shnen,
  Oder noch schlechtere Junker den Mann des Gesetzes erschieen
  Und, dem Richter entzogen, der chtung des Dichters verfallen.
  Alles lebt nur von heute auf morgen, besonders Parteien,
  Und so gewaltig die Kmpfe auch sind, so schrecklich die Siege,
  Die sie im wechselnden Spiel des Kriegs einander entreien:
  Immer mu ich der Knaben am Flusse gedenken, die schaudern,
  Wenn er, von allen Gewssern der ragenden Berge geschwollen,
  Rauscht und sich schumend ergiet, und jubeln, wenn sie ihn endlich
  Wieder gefrieren sehn.  Wer wird sich des Kahns noch erinnern,
  Wenn er den Schlittschuh braucht, und wer des rostigen Schlittschuhs,
  Wenn er im Kahne fhrt?  Warum den einen verzimmern
  Oder den anderen putzen?  Jetzt dauert's ja immer und ewig!
  Geht es fort wie bisher, so werden Stnde die Stnde,
  Vlker die Vlker vertilgen, und in die schweigende de
  Kehren die Tiere zurck, die einst dem Menschen gewichen.
  Aber du weit, wie ich denke, nun eil' ich und schreibe dem Doktor!--
  Also geschah's.  Doch nie erschien ein Winter ihr lnger,
  Als der jetzige, welchen sie unter den Myrten verlebte,
  Denn das muntre Gewimmel der bunten rmischen Feste
  Oder der heitere Chor der ewig lchelnden Musen,
  Welche den zweiten Olymp hier fanden, vom ersten vertrieben,
  War fr sie nicht vorhanden, und wenn sie die Rosen erblickte,
  Die, vom gemilderten Hauch der afrikanischen Wste
  Angeblasen, noch immer die frischen Grten verzierten,
  Konnte sie's kaum begreifen, da ihre Schwestern in Deutschland
  Nur in Kbeln und Tpfen die eingeschlafene Triebkraft
  Fristen sollten, indes des Nordpols wtendste Strme
  Eisig sausten, und Schnee und Regen sich grimmig bekmpften.
  Endlich wird es in Rom so hei, da jeder des Landes
  Hinter den Alpen mit Sehnen gedenkt, denn pltzlich erscheint hier
  Immer der Sommer, der wird nicht sanft vom lieblichen Frhling
  Eingefhrt, er ist da, und gleich verschrumpfen die Wiesen,
  Deren erquickliches Grn im Norden sich ewig erneuert.
  Aber der Kaufherr spricht: Jetzt hngt man die Pelze in Hamburg
  An den Nagel und sucht in Harvstehude1) sich Primeln,
  Darum mein' ich, wir lassen den Knaben allmhlich entwhnen
  Und begeben uns dann, dem Veilchen folgend, verweilend,
  Wo es eben erblht, und scheidend, wo es vertrocknet,
  Auf den Weg nach Hause.  Und also ward es geordnet.
  Aber das junge Paar im Harz verbrachte den Winter
  Froh, wie keinen vorher.  Wer zhlt die Freuden der Eltern
  An der Wiege des Kindes, und wer die Wonnen der Mutter,
  Wenn sie noch alles in allem ihm sein darf, whrend der Vater
  Ihm noch ferne steht, wie Himmel und Erde, und einzig
  Durch die Sorge fr sie, die beide vertritt, wie ihn selber,
  Seine Liebe zu ihm bettigt!  Wer nennt uns die Sprossen
  Dieser goldenen Leiter der reinsten Gefhle, auf welcher
  Sich der Mensch und der Engel begegnen und tauschen, und welche
  Alle Sphren verbindet und alle Wesen vereinigt!
  Welches irdische Glck ist diesem hchsten vergleichbar,
  Das uns ber uns selbst erhebt, indem wir's genieen,
  Und wem wird es versagt, wem wird es gekrnkt und geschmlert?
  Wie der Kelch der Gemeinde auf gleiche Weise an alle
  Kommt und alle erquickt, so kommt auch dieses an alle:
  Frsten empfinden's nicht tiefer, und Bettler empfinden's nicht schwcher,
  Weil die einen den Sugling in Purpur wickeln, die andern
  In die Krippe ihn legen, das gibt kein Mehr und kein Minder,
  Und so ist die Natur gerecht im ganzen und groen
  Und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune!--

  Habt ihr euch je ein Nest mit Kinder-Augen betrachtet?
  So vergrert es euch und setzt zwei glckliche Menschen
  Statt der Vgel hinein und einen lieblichen Knaben
  Statt des piepsenden Jungen, das Atzen und Glustern und Blustern
  Bleibt dasselbe.  Wie wird zuerst darber gestritten,
  Wem er gleicht!  Ein jeder entdeckt die Zge des andern,
  Weil er sie lieber sieht, als seine eignen, doch tglich
  Ist das kleine Gesicht verndert und vllig unmglich
  Scheint es, Frieden zu schlieen.  Es sind am Ende die Eltern,
  Seine, oder die ihren, die auferstehen im Enkel,
  Weil sie, Christian sagt's, vergaen, sich malen zu lassen.
  Welch ein Ereignis ist das erste wirkliche Lcheln,
  Das die Mutter auf sich bezieht und jubelnd berichtet,
  Da er sie nun schon kenne, und, wenn sie gehe, vermisse!
  Dann die zappelnden Arme, die ihren Nacken umklammern,
  Wenn sie sich niederbckt, so wie die beseelteren Blicke
  Und der erwiderte Ku!  Zuletzt die stampfenden Beine,
  Welche die Erde suchen und dennoch scheuen, das Lallen
  Mit gebundener Zunge und ungeduldigen Lippen,
  Und der vernehmliche Laut!  Wie oft mu Christian kommen,
  Um ihn schlummern zu sehn!  Wie gern verlt er die Tenne,
  Wo er drischt, und verdoppelt nachher die gewichtigen Schlge
  Des geschwungenen Flegels, um das Versumte bis Abend
  Wieder einzubringen!  Und ist nicht der Knabe in Wahrheit
  Grer und klger, als andre?  Das Tannenbumchen, zu Weihnacht
  Angezndet, ist zwar noch berflssig gewesen,
  Aber erfreut er sich nicht des lustigen Hahnes zu Lichtme,
  Welcher zuweilen die Stube besucht, des geschttelten Kammes
  Und des pltzlichen Krhens?  Der Hahn macht eben Visite,
  Und das Knblein kreischt und klatscht vergngt in die Hnde,
  Als der rmische Brief, der seine Entwhnung gebietet,
  Eintrifft.  Christian liest und spricht: Jetzt gibt ihm zu trinken,
  Da er ruhe und schlafe, wir haben zusammen zu sprechen.
  Doch sie erbleicht und ruft: Die Ostern sind vor der Tre,
  Und ich wei, was es ist!  Es fhrt mir nur so in die Glieder,
  Da ich ihm nicht die Brust zu reichen wagte, und wenn er
  Hungriger wre, wie je.  Er mu sich heute behelfen!
  Christian aber versetzt: So seid ihr auf immer geschieden,
  Denn die Stunde ist da.  Zu morgen bring' ich dir Wermut,
  Da er von selbst verzichtet, er geht ja bald auf die Reise,
  Und da mu er die Kuh vorher als Amme gewohnt sein.
  Magdalena schweigt, doch wohl bemerkt es der Gatte,
  Da sie weint in der Nacht und auf die leiseste Regung
  In der Frhe das Kind noch einmal stillt.  Es erbarmt ihn,
  Da sie es heimlich tut, als wre es schon ein Verbrechen,
  Und ihn selber mit Angst betrachtet, ob er auch schlafe,
  Und er htet sich wohl, durch irgend eine Bewegung
  Sie zu stren, er lt sogar von ihr sich erwecken,
  Um die letzte Besorgnis in ihr zu ersticken, obgleich er
  Zittert, wenn er sich fragt: wie wird's nur weiter ergehen?
  Aber es scheint, als htte sie ihre Muttergefhle
  Jetzt fr immer bezwungen, denn leichter, als er sich's dachte,
  Reicht sie am folgenden Tage dem strubenden Knaben die fremde
  Nahrung, die er nur selbst beharrlich sich weigert zu nehmen,
  Und ist, wenn auch nicht froh, doch still und in sich beruhigt.
  So verstreicht die Woche, er will sich durchaus nicht gewhnen,
  Doch er fllt nicht vom Fleisch, zu Christians hchster Verwundrung,
  Der ihn nicht essen sieht und dennoch gedeihen und wachsen,
  Und sie selber enthlt sich edel jeglicher Klage.
  Sonntags morgens lt die Mutter ihn tanzen und springen,
  Whrend der Vater pfeift, da lst sich zu beider Entzcken
  Hell das erste Mama von seinen stammelnden Lippen.
  Christian will ihn kssen, doch eh' er sich seiner bemchtigt,
  Reit sie selbst ihn empor und pret ihn gegen den Busen,
  Da er erschrickt und weint, und ruft: Ich lasse dich nimmer!
  Weg mit ckern und Wiesen!  Wir haben Arme und Beine,
  Und wir sind dir nicht Gter, wir sind nur Liebe dir schuldig!
  Da du es weit, mein Freund!  Er hat noch immer getrunken,
  Und es wird ihm kein Tag an seinem Jahre entzogen,
  Hierin bin ich dir fest, in allem andern gefgig!
  Hungern will ich und dursten, wie Vater und Mutter es taten,
  Frieren und nackend gehn und ganze Nchte nicht schlafen,
  Doch ich gebe ihn nicht und mt' ich mich selber verkaufen!
  Christian aber erwidert: Du weit doch, da wir gelobten,
  Weit doch, da ich dir nicht geraten, noch dich getrieben,
  Weit doch, da ich nur zgernd und nicht im Galopp dir gefolgt bin!
  Nun, so wisse noch eins: ich haben, so lange ich lebe,
  Nie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen,
  Drum entwhne ihn morgen, ich bring' dir den Wermut noch einmal.
  Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen,
  Und er schreitet hinaus, er sagt, die Kruter zu pflcken,
  Aber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen,
  Welchen er selber kmpft, und welcher die Seele ihm spaltet.
  Sie hingegen umarmt und kt den Knaben aufs neue,
  Da sie ihn fast erstickt und ruft, als ob er's verstnde:
  Nein, ich lasse dich nicht, es mge kommen, was wolle!
  Und bevor noch der Abend herab auf die Erde sich senkte,
  Ist ihr Entschlu gefat: sie will ihn stehlen und fliehen.
  Still bereitet sie nun das kleine bescheidene Bndel,
  Das ihr selber gehrt, und wenn ihr die Trnen auch reichlich
  Strmen bei dem Gedanken an die so bittere Trennung
  Von dem Herzlich-Geliebten, so fhlt sie dennoch im Innern
  Durch dies schmerzliche Opfer zugleich sich gestrkt und gehoben,
  Und so wie das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hilfe
  Wchst durch dieses Gefhl, so steigt auch die lchelnde Hoffnung
  Leise wieder empor vor ihren verdsterten Blicken,
  Und so sieht sie am Ende der langen Reihe von grauen
  Monden und Jahren ein goldnes und sternengekrntes sich winken.
  Morgen mu es geschehn, denn morgen soll sich die Quelle,
  Welche ihr selber entspringt, verstopfen: wie will sie ihn trnken,
  Wenn sie versiegte?  Ein Dach ist leichter zu finden, es wohnen
  Menschen in jeglicher Htte, und Engel bereiten die Sttte,
  Wenn sich die Unschuld naht, von Reue und Bue geleitet.
  Schchtern erkundet sie nun die nchsten Wege und Stege,
  Denn, vom Lokomotiv entfhrt in brausender Eile,
  Kennt sie die Strae nicht, auf der sie gekommen, und die sei
  Jetzt mit Tritten des Huhns zurckzumessen beschlossen,
  Weil ihr Wilhelm und Anna vor Augen stehen, wie Sterne.
  Als der Tag nun erscheint, da kocht sie dem Gatten zum Abschied
  Noch sein liebstes Gericht, doch kann sie selber nicht essen,
  Denn ihr fiebert der Kopf, sie hat die Nacht nicht geschlafen,
  Und ihr hpfen die Pulse, als wollten die Adern zerspringen.
  Christian merkt es wohl, ihm sind die heimlichen Trnen
  Auch nicht entgangen, doch denkt er: sie will sich endlich bezwingen,
  Und es kostet sie viel!  Da klopft er ihr blo auf die Wange,
  Als er sich wieder erhebt und spricht: wir machen ihn glcklich!
  Um die Dmmerungszeit begibt er sich dann in die Schmiede,
  Wo man die Eisen des Pfluges ihm schrft, nun richtet sie alles
  Fr den Abend und schleicht sich fort, in doppelte Tcher
  Ihren Knaben gehllt und unter dem Arme das Bndel.
  ngstlich spht sie umher und duckt sich hinter die Bsche,
  Wenn sie Kommende hrt, sie stehn war noch nicht im Laube,
  Aber sie decken sie schon, wenn nur der Knabe durch Schreien
  Das Versteck nicht verrt.  Doch geht auch mancher vorber,
  Der mit flchtigem Auge das Reisig streift und sich wundert:
  Keiner der Wenigen ist darunter, welche sie kennen,
  Still auch verhlt sich das Kind, durch leises Schaukeln beschwichtigt,
  Und es senken die Schatten des Abends sich bald so gewaltig,
  Da sie sich eilen mu, um nur die verlassene Htte
  Zu erreichen, in der sie die Nacht zu verbringen beschlossen.
  Einem Jger gehrt sie und liegt im Walde.  Sie kennt sie,
  Weil sie mit Christian einst, den fernsten Acker besuchend,
  Sich vor Regen und Schlossen in ihr geborgen.  Ein Lager,
  Das sie im Innern trifft, aus drren Blttern bereitet,
  Kommt ihr freilich zustatten, doch mchte sie's lieber entbehren,
  Denn sie frchtet, es knnten auch andere Gste erscheinen.
  Doch sie setzt sich und reicht dem Knaben die Brust, die er lange
  Tastend und greifend gefordert, und zieht zur eignen Erquickung
  Einen der pfel hervor, womit sie die Tasche gefllt hat.
  Schmecken will er ihr nicht, sie legt ihn wieder beiseite,
  Als sie eben gekostet, indes der Knabe behaglich
  Trinkt, als wr' er daheim, und in den Pausen des Atmens
  Kichert und endlich versinkt in seinen gewhnlichen Schlummer.
  Brausend erhebt sich der Wind und wirft die trockenen Zweige
  Auf das bretterne Dach und blst, als wollt' er's entfhren,
  Aber sie heit ihn willkommen, obgleich sie bei heftigen Sten
  Immer zusammenfhrt, er scheint ihr die Ruhe zu sichern,
  Und mit den Kleidern des Bndels den Knaben noch sorglich bedeckend,
  Whlt sie sich ein in die Streu und fllt, erschpft von den Qualen
  Dieser Tage, in Schlaf, wie ein Tier, noch eh' sie gebetet.
  Christian kommt indes mit seinem Eisen zu Hause
  Und verwundert sich sehr, kein Licht zu sehen, er hat sich
  Lnger, wie sonst, verweilt, um aus dem Munde des Schmiedes
  Manchen Rat zu vernehmen, denn dieser ist alt und erfahren,
  Aber nicht immer freundlich, und noch viel seltner gesprchig.
  Dennoch verschliet er gelassen den Stall, vergattert den Garten,
  Trgt die Eisen zu Boden, und stellt sie, alles im Finstern,
  Hinter dem Schornstein auf.  Dann lauscht er hinein in die Kche,
  Wo, er hrt's vor der Tr, die Suppe brodelt, und als er
  Magdalena beim Feuer nicht findet, wie er erwartet,
  ffnet er leise die Stube und fragt im Scherz, ob sie schlafe.
  Alles stumm!  Was ist das?  Er tastet sich durch bis zur Wiege.
  Sie ist leer!  Er erschrickt und zndet eilig die Kerze.
  Ein Gedeck auf dem Tisch!  Die Mutter entfloh mit dem Kinde!
  Doch wohin?  Noch nicht weit!  Es sind nur wenige Stunden!
  Rasch zum Jger!  Er borgt mir sicher den eifrigsten Sprer,
  Und das freundliche Tier ist willig, zu folgen, es kennt mich.
  Wo ist ein Tuch von ihr?  Und wo ein Strumpf von dem Knaben?
  Beides ist schwer zu entdecken, doch endlich ist er so glcklich,
  Und nun klopft er den Alten heraus und stottert zusammen,
  Was er selbst nicht versteht, von nchtlichem Gehn und Verirren.
  Dieser bewilligt den Hund, doch zweifelt er an dem Erfolge,
  Weil es zu mchtig strmt, als da er die Spur nicht verlre,
  Wenn sie ein einziges Mal nur gegen den Wind sich gewendet.
  Wirklich dreht das Tier auch lange vergeblich im Kreise,
  Als es die Stube, wohin es gefhrt ward, wieder verlassen,
  Ja, es heult vor Verdru.  Doch pltzlich beginnt es, zu schnffeln,
  Dann zu wedeln und frhlich zu bellen.  Nun schiet es von hinnen,
  Da ihm Christian kaum mit seiner hrnernen Leuchte
  Nachzukommen vermag.  Es geht zuweilen im Zickzack
  Um die Bsche herum, doch nie versagt ihm die Wittrung,
  Bis es die Htte erreicht und anschlgt, um es zu melden.
  Welch ein Schreck fr die Arme, die drinnen kauert.  Was ist das?
  Ist's ein Wolf vom Gebirg'2)?  Sie sollen bellen wie Hunde!
  Oder ist es ein Hund?  Dann kommt er nicht ohne Begleitung!
  Hilf uns, heiliger Gott!  Da wird die gebrechliche Tre
  Aufgestoen und schnoppernd, doch nicht mit glhenden Augen,
  Fhrt's im Sprunge herein.  Sie greift voll Angst nach dem Knaben,
  Welcher, geweckt aus dem Schlummer und seiner behaglichen Wrme
  Ohne Schonung entrissen, mit Hnden und Fen zu stampfen
  Und zu murren beginnt.  So seid Ihr's gewi und wahrhaftig?
  Ruft mit keuchender Brust,--der Hund war grimmig gelaufen,
  Als er der Htte sich nahte, die ihm bekannt und vertraut war,--
  Und die Leuchte erhebend mit ihrem verlschenden Lichte,
  Aus der Ferne der Gatte, das eifrige Bellen verstehend.
  Rasch nun strzt er heran und schliet sie fest in die Arme,
  Streichelt das Tier, das leckend und dieses Dankes gewrtig
  Ihn umschmeichelt, und spricht: So kannst du mich wirklich verlassen?
  Ich vermchte es nimmer und nimmer, von dir mich zu trennen.
  Doch sie erwidert ihm sanft: Ich kann und ich darf ja nicht bleiben,
  Und du darfst mich noch minder begleiten, das fhle ich selber,
  Darum wr's viel besser, du htt'st uns nicht wieder gefunden!
  Aber, erschttert, wie nie, versetzt er mit strmenden Trnen:
  Kehre nur heute zurck, so gehen wir morgen zusammen!
  Sieh, es legt sich der Wind, auch blinken schon einige Sterne,
  Und ich trage den Knaben und diene dir selber zur Sttze!


  Siebenter Gesang.

  Als sie am folgenden Morgen beisammensitzen--die Sonne
  Steht schon hoch, doch sie wrden noch schlafen, htte der Jger
  Nicht geklopft und gefragt, wie alles am Abend gegangen--
  Sagt der Gatte mit Ernst: Es werde wie du beschlossen,
  Denn ich darf dich nicht halten und kann noch weniger dulden,
  Da du bettelst, so lange mir Arme und Beine geblieben,
  Aber wir mssen noch warten, denn als ein getreuer Verwalter
  Will ich zum mindesten gehn, und viel noch gibt es zu pflgen.
  Dann auch mut du mir folgen, wohin ich dich fhre, ich mchte
  Diesem gtigen Herrn nicht wieder begegnen und auch nicht
  Dieser freundlichen Frau, so wie dem redlichen Alten,
  Die uns gewi nicht gezwungen, und die wir dennoch so tuschen.
  ber den Ozean mssen wir flchten, der Schmied und der Tischler
  Sind schon lange hinber, und wenn wir sie finden, so werden
  Sie uns die Wege bezeichnen und vor den Betrgern uns warnen.
  O, ich verblende mich nicht!  Du sagst mit Recht, da das Wetter
  Drben wechselt, wie hier, und da noch keiner das Unglck
  Mit dem Staube der Strae sich von den Fen geschttelt,
  Wenn er zu Schiffe stieg!  Es wimmelt von Schelmen und Dieben,
  Und wo kmen sie her und wagten das Rad und den Galgen,
  Wenn es sich anders verhielte?  Doch darf man immer noch hoffen,
  Whrend der Mensch in Europa fr ewige Zeiten verdammt ist,
  Aus der Hand in den Mund zu leben, und endlich zu darben,
  Da die jngeren Krfte die stumpfen des Alters verdrngen,
  Ehe die Grube sich ffnet, wo mde Gebeine zerfallen.
  Schweres steht uns bevor, und dieses scheint mir das schlimmste,
  Da nicht jedem die Luft bekommt, denn wenn wir erkrankten,
  Wren wir auch verloren.  Doch alles kann ja gelingen.
  Sieh mich nicht fragend an, ich bin nicht minder entschlossen,
  Weil ich wei, was es gilt, und weil die traurigen Bilder
  Meiner drftigen Jugend sich unter die frhlichen mischen,
  Welche die neue Welt in leichten Gemtern entzndet:
  Meine Trume sogar, du weit es, sind immer beklommen,
  Doch ich trug sie noch nie ins Leben hinber und werde,
  Wenn ich auch nicht erwarte, am eigenen Herde, wie heute,
  Wieder zu sitzen und wieder mit eigenen Ochsen zu pflgen,
  Ziehn, als hofft' ich das beste, und nur den Knaben bedauern.
  Ja, du lchelnder Schelm, er fat den Schlfer ins Auge,
  Der sich gerade reckt, du wirst es teuer bezahlen,
  Da du die Milch der Mutter noch trinkst.  In Samt und in Seide
  Knntest du gehen und frh, die Bcher im zierlichen Rnzel,
  Und das Pennal in der Hand, da Johanneum1) besuchen,
  Um Lateinisch und Griechisch und Spanisch und Englisch zu lernen,
  Whrend und jetzt vielleicht, in Lumpen gekleidet, die Schweine
  Hten mut, wie dein Vater, und hchstens die Stimmen der Vgel
  Nachzuahmen verstehst, wenn du dem Metzger die Herde
  Zutreibst gegen den Winter!  Die Handelsschule beziehen
  Und nach einigen Jahren, verbracht auf ntzlichen Reisen,
  An der Brse sich zeigen, um endlich den stolzen Gesichtern
  Dich zu gesellen, auf die der Makler schaut, wie der Ackrer
  Auf die Sonne, damit er das Wetter des Tages erforsche!
  Das ist alles dahin!--Doch Magdalena erwidert
  Glhend: Auch die Gefahr, im Pavillon2) an der Alster,
  Von den andern verfhrt, durch Trinken und Spielen und Fluchen
  Sich hervorzutun, noch ehe der Bart ihm gewachsen,
  Und im zwanzigsten Jahre begraben zu werden, wie mancher,
  Welchem der Rcken schon bricht, bevor er sein Kreuz noch gesehen!
  Denkst du des Sohns nicht mehr, der an der Mutter Geburtstag
  Und, ich schaudre noch heute, vor ihren eigenen Augen
  Sich erscho, weil ihn nichts auf Erden noch lockte und reizte?
  La ihn schwitzen, wie wir, wo wird er gewi nicht verderben,
  Und was Menschen gebrauchen, das knnen sie immer verdienen,
  Wenn sie die Mhe nicht scheun.  Du weit, ich bin nicht so ngstlich,
  Wie du selber, obgleich ich zweifle, ob es den Meinen
  Besser erging, wie den Deinen, was du ja bestndig behauptest,
  Um dir den frhlichen Mut, der mich beseelt, zu erklren.
  Nein, wir haben wohl auch, das glaube, gehrig gehungert,
  Und im Sommer sogar, und ganze Tage die Hoffnung
  Blo auf den Wind gesetzt, ob dieser die Bume des Nachbars,
  Welche die Zweige zu uns herberstreckten, nicht schtteln
  Und uns einiges Obst bescheren werde.  Wir lagen,
  Ich und die Schwester, die lange dahin ist, unter dem Zaune,
  Hielten Gras in die Hhe, die Luft zu prfen, und wagten,
  Wenn kein Halm sich bewegte und immer strker der Magen
  Knurrte, auch wohl den Wurf.  Es mangelt mir nicht an Erfahrung,
  Aber ich frchte mich nicht, ich will dich mit Freuden begleiten
  Und ertragen, was kommt, es wird mich trsten und strken,
  Da ich mein Kind nicht verkaufte.  Ich htt's ja auch nimmer versprochen
  Fr die cker und Wiesen, ich tat's, um dich zu behalten,
  Und ich dacht' es mir nicht so schwer.  Doch seit ich es sehe,
  Ach, was sage ich da, schon seit ich es fhle und spre,
  Ist mir zumute, als sollt' ich mich selber zerreien und teilen
  Und die Hlfte begraben!  Ich habe gesndigt und will es
  Ben, wie du's verhngst, nur eines mut du gewhren,
  Ehe wir ziehen, es liegt mir schon lngst auf dem Herzen, die Taufe,
  Dann hinber mit Gott, und lieber heute als morgen!
  Christian lchelt und spricht: Die Taufe entscheidet auch alles,
  Doch es mge geschehn, so wie die Felder bestellt sind,
  Und du selber dein Haus so blank geputzt wie ein Kstchen!
  Denn wir drfen uns nicht den Wellen und Winden vertrauen,
  Eh' wir die heiligste Pflicht erfllten gegen den Knaben,
  Und ich wag' es nicht frher, als bis wir, zur Reise gerstet,
  Aus der Kirche sogleich fortschleichen knnen zum Schiffe.
  Beide rhren sich nun, wie nie, und schaffen in Tagen,
  Was die andern in Wochen, doch ist die Eile auch ntig,
  Denn es nahen die Pfingsten und mit den Pfingsten der Kaufherr,
  Wenn er nicht frher kommt, gelockt von dem seltenen Wetter.
  Endlich ist es getan, und mit den schwieligen Hnden
  Setzt sich Christian hin und stellt die Rechnung zusammen,
  Zhlt den baren Erls von Obst und Korn bis zum Heller
  Auf und nimmt fr sich selbst den schmalsten Lohn, der dem letzten
  Aller Knechte gebhrt, fr Magdalena desgleichen,
  Was die niedrigste Magd im schlechtesten Dienste bekme:
  Gern erlieen sie's ganz, allein sie mssen ja leben!
  Nun bestellt er die Taufe, er bittet den Jger zum Paten,
  Sagt: wir mssen verreisen, ein frommes Werk zu verrichten,
  Und ersucht ihn zugleich, anstatt den gehenkelten Taler
  In die Wiege zu legen, indes sein Vieh zu besorgen
  Und aufs Huschen zu sehn.  Mit Schmunzeln erwidert der Alte:
  Darum also so eifrig und nicht aus Geiz, wie die Knechte
  Murrten welche sich schmten, den Acker vor dir zu verlassen,
  Und doch fluchten und wnschten, du mchtest die Beine dir brechen?
  Dazu helf' ich mit Freuden!  Denn pfleg' ich auch selber der Andacht
  Leider nur selten, nur dann, wenn mich bei Streifen im Walde
  Irgend ein Kreuz erinnert, fr einen meiner Genossen,
  Welchen der Wildschtz traf, mein Vaterunser zu beten:
  Gern doch hab' ich's an andern, und geh' ich auch kaum noch zu Ostern
  Selbst in die Kirche, so jag' ich doch immer die Knaben von dannen,
  Wenn ich vorberkomme, die whrend der Predigt sich balgen!
  Noch viel williger ist der Pfarrer, die heilige Handlung
  Vorzunehmen, er hat im Scherz schon lange getrieben
  Und im Ernst sich verwundert, da sie nicht von selber sich melden.
  Nun ist alles vollbracht, und gleich der folgende Morgen
  Wird bestimmt fr die Flucht.  Doch Magdalena, die abends
  Spt noch zum Krmer will, erblickt zu ihrem Entsetzen
  Einen Wagen im Tor des Gasthofs, welchem die Herrschaft
  Eben entsteigt, und ruft, zu Hause fliegend, mit Beben:
  Auf!  Sie sind da!  Nur hinaus, so wie wir gehen und stehen!
  Christian sieht auf die Uhr und spricht: Sie werden nicht kommen,
  Ehe der Morgen tagt, doch freilich mssen wir eilen,
  Denn mir mangelt der Mut, den beiden ins Auge zu schauen,
  Und das Kind ist getauft, denn wre das nicht geschehen,
  Wei ich nicht, was ich noch tte, doch jetzt ist alles vorber,
  Darum fort auf der Stelle, der Jger mu uns verstecken!
  Frh erhebt sich am Morgen der Kaufherr samt der Gemahlin,
  Und, am wrzigen Hauch der Lfte sich innig erquickend,
  Lassen sie rasch sich vom Diener des Wirts zum Huschen geleiten.
  Bald auch stehn sie davor.  Wie blank sind Fenster und Lden,
  Und wie sauber und rein die Beete des Gartens gehalten,
  Welcher es zierlich umgibt!  Die Gattin bckt sich im Gehen
  ber den niedrigen Zaun und pflckt sich eine Aurikel,
  Um sie als erste Gabe dem Kinde zu reichen, indessen
  Er mit eiliger Hand die Pforte ffnet und lchelnd
  Winkt, ihm leise zu folgen, denn durch die hintere Tre
  Denkt er das Paar zu beschleichen.  Sie kommen auch leicht in die Kche,
  Und, ein wenig verwundert, das Feuer nicht brennen zu sehen,
  Auf den Zehen ins Zimmer.  Doch alles ist leer und verlassen,
  Und man sieht nicht die Spur des huslichen Waltens.  Der Nachbar,
  Von dem Brunnen, an dem er sich wscht, herbergerufen,
  Ist erstaunt, wie sie selbst, doch lst er ihnen das Rtsel
  Durch ein einziges Wort: er spricht von der gestrigen Taufe,
  Und ein Brief auf dem Tisch, die wohlgeordnete Rechnung
  Und die Lade mit Geld daneben besttigen alles,
  Was sie ahnen und frchten, sowie sie's hren.  Die Gattin
  Ruft, im Tiefsten bewegt: So ist es also gekommen,
  Wie ich's immer besorgt, sie knnen's und wollen's nicht geben!
  Aber ich mu sie darum nur hher achten und lieben,
  Wenn ich auch jetzt errte, indem ich der Fragen gedenke,
  Die mich in Hamburg erwarten, des Zischelns und Tuschelns und Lchelns,
  Und ich werde nicht ruhig, bevor wir sie wieder gefunden,
  Denn sie drfen sich nicht in Not und Kummer verzehren,
  Und sie zittern vor uns und denken, wir knnte es rauben!
  Beide eilen zum Pfarrer, doch dieser weist sie zum Jger,
  Und das geflchtete Paar, versteckt auf dem Boden und sphend,
  Sieht sie kommen und glaubt sich verraten.  Doch leugnet der Alte
  Jegliche Kunde von ihnen, und ihre klopfenden Herzen
  Schlagen schon weniger rasch, da schreit, vom Dunkel gengstigt
  Und vom Rauche geqult, der Knabe.  Man fragt nach dem Kinde
  Und man wnscht es zu sehn.  Der Alte holt es herunter,
  Aber er sagt dabei, es sei sein Enkel, die Mutter
  Liege im Bette krank.  Sie herzen und kssen den Knaben,
  Loben sein lockiges Haar und seine blitzenden Augen,
  Geben ihm die Aurikel, beschenken den Alten und gehen.
  Aber, freundliche Muse, die uns so treulich geleitet,
  Knpfe die Menschen doch gleich in Liebe wieder zusammen,
  Welche so ngstlich sie suchen und wieder so tricht sie fliehen:
  Hat sie das Kind, das sie trennt und eint, doch schon flchtig verbunden!
  Deutest du weiter?  Es sei!  Du fhrst auf lngerem Wege
  Sicher zum schneren Ziel, und willig wollen wir folgen,
  Denn du lchelst und nickst und legst die Hand auf den Busen!

  Christian atmet wieder, und Magdalena erhebt sich,
  Denn sie hatte gekniet, so wie sich die beiden entfernen,
  Aber der Alte spricht: Ich folge ihnen ins Stdtchen,
  Um zu erfahren, was ferner geschieht, und werd' es euch melden.
  Als er zurckkehrt, sagt er: Sie sind beim Richter gewesen,
  Und, ich merkte es wohl, was dieser nur irgend an Sphern
  Aufzubieten vermag, das ist auch heimlich zu Gange,
  Doch ich lache darber, es ward noch keiner ergriffen,
  Welchen der Jger beschtzt, und scheint dies alles auch seltsam,
  Eure Gesichter sind gut, und also helf' ich euch weiter!
  Redlich hlt er auch Wort und schafft sie ber die Grenze,
  Wo er, ohne zu fragen und ohne auch nur zu gestatten,
  Da sich Christian ihm vertraute, wie es ihn drngte,
  Sie dem Himmel empfahl und mit dem Dukaten beschenkte,
  Welchen der Kaufherr ihm gegeben hatte.  So sind sie
  Mit sich selber allein.  Die Berge treten allmhlich
  Mit den Wldern zurck, und offen breitet die Strae
  Durch die Ebne sich aus, doch Christian meidet sie ngstlich,
  Weil ihn neben den Sprern und Streifern zu Fu und zu Pferde,
  Die im Dienst des Gesetzes den Frevel belauern und packen,
  Auch die Zungen der Erde, die Telegraphen, erschrecken,
  Welche Stdte mit Stdten und Lnder mit Lndern verbinden
  Und den Tod, wie das Leben, von einem zum andern befrdern.
  Selten erscheint ihm ein Weg so abgelegen und dster,
  Da er ihn nicht betritt, um diesem in Eisen gegossnen
  Spinnennetz zu entschlpfen, an dem die Knige weben,
  Und so ziehn sie einher, als wren sie Schelme und Diebe,
  Tragen unendliche Last und Mhe bei Tage und mssen
  In den desten Schenken die traurigsten Nchte verbringen.
  Welch ein verndertes Los fr beide!  Wie hart und wie bitter!
  Doch je hrter der Druck, je bittrer so manche Entbehrung,
  Um so ruhiger wird's der flchtigen Mutter im Busen,
  Christian aber fhlt sich getrstet durch den Gedanken,
  Da er doch alles teilt, und da sie nicht ohne ihn irren.
  Sie ist noch immer so reich, ihr hungriges Kind zu erquicken,
  Er noch immer so stark, sein zitterndes Weib zu beschirmen,
  Und so oft es auch scheint, als wre man ihnen im Nacken:
  Immer sind sie so glcklich bei Nebel und Nacht zu entkommen.
  Eins nur peinigt sie noch: Die Summe verringert sich tglich,
  Die sie brauchen in Bremen, um berfahren zu knnen,
  Und sie prfen schon oft die berflssigen Kleider,
  Die sich verkaufen lassen, um dieses Lcke zu decken.

  Eines Abends geschieht es wieder, da flucht's vor der Tre,
  Und mit vielem Gelrm, er konnte die Klinke nicht finden,
  Tritt ein Gesell herein, in dem sie, den Augen nicht trauend,
  Endlich den Tischler erkennen.  So bist du im Lande geblieben?
  Ruft ihm Christian zu.  Zurckgekehrt aus der Traufe
  In den Regen--versetzt er--und habe das Leben gerettet,
  Welches der Schmied verlor.  Es ist noch rger da drben,
  Und wir Deutsche besonders, wir mssen uns ducken und drcken,
  Wie die Hunde bei uns!  Denn wre der Schmied nur ein Franzmann,
  Oder ein Beefsteak-Fresser, so wrden schon ganze Armeen
  ber die See geschickt, doch auf der Leiche des Deutschen
  Legt der Mrder sich schlafen, und keiner strt ihm die Ruhe,
  Wenn er nicht selber niest und sich weckt.  Wir wollten hinber!
  Wirft ihm Christian ein.  So la dich warnen! erwidert
  Lachend der andre und schleudert den Ranzen hinter den Ofen,
  Fordert sich Wein und rckt heran.  Wir haben uns drben,
  Wie in gypten die Juden, vermehrt und werden, wie diese,
  Weil sie uns frchten und hassen, gehetzt und vertilgt.  In Europa
  Mut du stehlen, bevor man dich hngt.  Dort wirst du gehangen,
  Eh' du gestohlen hast!  Und was dich immer auch jage:
  Bleibe daheim.  Es wird bei uns auch, ehe wir's denken,
  Anders werden und besser.  Du blickst erstaunt und verwundert?
  Bruder, das ist nicht geprahlt, ich kehre zwar nackter und rmer,
  Aber auch klger zurck.  Man hat mir vernnft'ger gepredigt,
  Als in der Jugend geschah.  Du weit doch, da man dich einmal
  Schndlich bestahl?  Wo hast du Gter?  Wo stehen die Huser,
  Die du vermietest?  Wo wiehert dein Gaul?  Wo melkst du die Khe?
  Schurken haben dir alles entrissen, noch eh' du geboren
  Wurdest, und halten es fest.  Das hat der klgste Franzose
  Ausgesprt: wer besitzt, ist ein Dieb, und so viele Dukaten,
  Ebensoviele Verbrechen!  Doch wird's nicht lange mehr dauern,
  Denn das jngste Gericht ist nah.  Du mut nicht erwarten,
  Da in den Wolken die Engel mit ihren Posaunen erscheinen,
  Diesen hat man die Flgel gestutzt, wir blasen uns selber,
  Statt des Zeichens zu harren, und schleifen inzwischen die xte!
  Deinen Jungen beneid' ich!  Er wchst ins goldene Alter,
  Wie in den Frhling hinein, und wird nur im Tanze noch schwitzen.
  Aber, wie kommst du mir vor?  Du machst ein Gesicht, wie ein Reicher!
  Bist du's etwa geworden?  Ich hrte so manches in Hamburg.
  Hast du im Trben gefischt, und eilst, dich sicher zu stellen?
  Freund, entdecke dich mir!  Vor einem Jahre noch htt' ich
  Dich beim Kragen gepackt und laut nach dem Bttel geschrien,
  Heute sage ich dir: noch ehe die dummen Gesetze
  Dich erreichen, wonach der Dieb den wahren Besitzer
  Straft, sind alle getilgt.  Das habe ich selber von Weitling3),
  Dem es Christus vertraute, denn der ist lange schon unten,
  Und sie sehen sich oft und sind die besten Bekannten.
  Christian schlgt mit der Faust auf den Tisch, er kann sich nicht halten,
  Aber der andre trinkt und spricht: Ich sollte doch meinen,
  Da ich dir Gutes verknde, du selbst gehrtest ja frher
  Zu den Schluckern, fr welchen die weien Haare des Scheitels
  Hunger und Kummer bedeuten, und dich am wenigsten htt' ich
  Auf der Seite der Schwelger vermutet, doch ganz nach Gefallen!
  Da sie Soldaten haben, das wissen wir alle und machen
  Auf den Kampf uns gefat, doch da sich ihren Soldaten
  Toren mit knurrenden Magen gesellen, um die zu bestreiten,
  Welche das Essen bringen, das hat wohl keiner erwartet.
  Aber, du tust auch nur so, ich wei ja von Wilhelm und Anna,
  Da man dich sucht, und man trifft die Leute mit sauberm Gewissen
  Nicht auf heimlichen Straen, wie arme Teufel vom Handwerk,
  Welche fechten und schnurren, und nicht in Schenken, wie diese.
  Deine besten Bekannten in Hamburg schtteln die Kpfe,
  Und die Feinde und Neider erzhlen sich schlechte Geschichten:
  Sag' doch nur, was es ist, man denkt sich schon lange das rgste!
  Denn ein Millionr verschmerzt die geringen Verlste
  Bis zu Hundert mit Lachen und bis zu Tausend mit Flchen,
  Doch sie haben sich so, besonders die Frau, wie ich hre,
  Euch zu erwischen, als glte es Diamanten und Perlen!
  Christian aber erhebt sich und spricht die gelassenen Worte:
  Wenn es ist, wie du sagst, und wenn sie so wenig uns schonten,
  Da uns die geifernden Zungen den ehrlichen Namen belecken,
  Nun, so geh' ich hinber, und das noch morgen!  Denn nimmer
  Soll man die redlichsten Eltern in ihrem Sohne beschimpfen,
  Oder dem rmsten der Kinder sein einziges Erbe verkrzen,
  Und es komme, wie's will, die Ehre werd' ich mir wahren!
  Was dich selber betrifft und deine verworfenen Lehren,
  So verla dich darauf, ich wrde, wenn Ihr Euch regtet,
  Selbst den Wuchrer beschtzen, und wren wenige Stunden
  Frher mein Weib und mein Kind vor seiner Tr verhungert,
  Und ich htt' nur noch Kraft zu einem einzigen Schlage.
  Denn ihr seid ja rger, als Feuer und Wasser und alles,
  Und wer fragt, wenn es brennt, nach Freunden und Feinden beim Lschen?
  Dieses wre gesagt--und nun fr immer geschieden!
  Aber der Tischler versetzt: Das nenn' ich von oben gesprochen,
  Doch ich glaube dir nicht, und wr' ich, wie du mich schilderst,
  Wrd' ich erwidern: mein Held, ich will dich nach Hamburg begleiten,
  Da du dein Ziel nicht verfehlst, ich habe die Zeit, und ich werde,
  Wenn ich dich bringe, vielleicht noch eine Belohnung erhalten.
  Aber, ich wnsche dir Glck auf allen Wegen und Stegen,
  Die du auch wandeln magst, und werde dir sicher nicht nachsehn,
  Wenn du dich morgen entfernst, wir haben zusammen getrunken.
  Christian schweigt, er fhlt sich von diesen Worten getroffen,
  Doch Magdalena erglht und ruft: Ich will es dir sagen,
  Was uns treibt, da du's weit!  Wir haben fr Mittel zur Heirat
  Ihnen den Knaben versprochen, und fliehen nur darum so ngstlich,
  Um ihn nicht geben zu mssen, denn dieses wrde mich tten.
  Aber der Tischler lacht und spricht: Da sieht man aufs neue,
  Da ihr die Welt nicht kennt!  Wie knnt ihr Toren nur glauben,
  Da man euch zwingen kann?  Doch nun begreife ich alles!
  Hie es ja doch, sie htten den sehnlichst erwarteten Erben
  Endlich in fremden Landen bekommen und wieder verloren
  Und sie gingen in Trauer!  Mich dnkt, ich sehe den Toten!--
  Rasch nun geht es nach Hamburg, und schon in wenigen Tagen
  Sehn sie die Trme der Stadt.  Als Magdalena erzittert
  Und ihn bittet, sie selbst mit ihrem Knaben im Dorfe
  ber der Grenze zu lassen, erwidert Christian ruhig:
  Nein, der Tischler hat recht, uns zwingt kein Gesetz, ihn zu geben,
  Wie ein verhkertes Kalb.  Auch habe ich minder den Richter,
  Als sie selber gefrchtet, sie schienen mir beide so edel,
  Da ich mich meiner schmte, so wie ich ihrer nur dachte:
  Aber, da sie uns wirklich, wie grobe Verbrecher, behandeln,
  Hat das alles ein Ende, und ruhig werde ich fragen,
  Wenn ich sie sehe, und khn dabei die Augen erheben:
  War die Rechnung nicht richtig?  Sie fhlt sich selber ermutigt
  Durch das entschlossene Wesen des Gatten und, ohne zu zaudern
  Oder ngstlich zu tun und hin und wieder zu blicken,
  Folgt sie ihm in das Tor.  Wie jubeln Wilhelm und Anna,
  Als die beiden auf einmal die reinliche Stube betreten,
  Welche sie jetzt bewohnen.  Sie rufen: Nun haben wir hundert
  Taler mehr im Vermgen, denn diese sind uns versprochen,
  Wenn wir verkndigen knnen, wo ihr euch befindet!  Da seid ihr,
  Und nun brauchen wir blo die Tre zu schlieen, so haben
  Wir euch selber gefangen!  Doch seht, noch brodelt der Kessel,
  Und wir wollen uns erst durch einen tchtigen Kaffee
  Fr die Hochzeit bedanken, denn sicher seid ihr doch durstig.
  Christian grollt und spricht: So wurden auf unsere Kpfe
  Auch schon Preise gesetzt?  Das tut man bei Rubern und Mrdern!
  Wenn es euch aber gelstet, das Geld zu verdienen, so haltet
  Nicht beim Feuer euch auf und tndelt mir nicht mit dem Knaben,
  Eilt, so sehr ihr nur knnt, ich kam, mich selber zu melden,
  Und ich hoffe sogar, am Galgen vorber zu kommen.
  Manchen Spher bemerkt' ich und manche verdchtige Schenke
  Hab' ich betreten, und doch entging ich den Fallen und Netzen;
  Wenn ihr mich heute erblickt, so kam ich aus eigner Bewegung,
  Statt mich nach Bremen zu wenden, denn nichts verschlo mir die Strae.
  Wohl dir, da du es nicht getan, entgegnet ihm Wilhelm,
  Nur mit Mhe zum Ernst sich zwingend und feierlich blickend,
  Denn man htt' dich in Bremen nicht fortgelassen, die Hfen
  Waren alle besetzt, und jeglicher wurde gemustert!
  Christian ballt die Faust, doch Anna verschliet ihm die Lippen
  Mit den Fingern und spricht: Es wre doch besser gewesen,
  Wenn du in irgend ein Netz gegangen wrest, du httest
  Weniger Sorgen gehabt, auch wrde der Knabe nicht husten,
  Denn du flohst vor dem Glck, und haben sie Spher gesendet
  Oder Preise gesetzt, so ist das alles geschehen,
  Um dir Kunde zu geben, das haben sie selbst mir beteuert,
  Da sie die Schuld dir erlassen, ich wei nicht, welche sie meinen,
  Aber das Gut dir schenken!  Nun brauch' nach Belieben die Zunge.
  Christian deckt sein Gesicht mit beiden Hnden, ein Zittern
  berkommt ihn, er ist nicht eines Wortes noch mchtig,
  Und ein jegliches Glied will reden; endlich beginnt er:
  Nun, so bin ich nicht wert, da Sonne und Mond mich bescheinen,
  Und ich rufe die Flche, die eben, was sollt' ich's verhehlen,
  In die Kehle mir stiegen, als du den Mund mir verschlossest,
  Auf mein eigenes Haupt herab und vollziehe sie selber!
  Magdalena jedoch, der lngst die Trnen entstrmten,
  Schliet ihn rasch in die Arme und kt ihn und zeigt ihm den Knaben,
  Dem sie die Hndchen gefaltet und dessen verwundertes Lcheln
  ber sich selbst und die Mutter sein Rasen bndigt, so da er
  Sich nicht schlgt und zerrauft, wie er wollte, im Wten der Reue;
  Wilhelm ergriff indes den Hut und eilte von dannen.

  Aber der Kaufherr sitzt mit seiner Gattin beim Frhstck,
  Und sie fragt mit den Augen, doch nicht mit den Lippen, ob wieder
  Keine Kunde gekommen.  Er spricht: Es kann ja nicht fehlen,
  Da wir's endlich erfahren, wie sehr sie sich immer verkriechen!
  Wr's fr den Reichen schon schwer, sich ganz und gar zu verbergen,
  Wenn die Grille ihm kme, so kann es dem Armen noch minder
  Glcken: er mu sich ernhren und also heraus um die Arbeit,
  Und wir wissen's am besten, wie wenig der drftige Pfenning,
  Den sie nahmen fr sich, gengt, sie Monde und Jahre
  Zu erhalten, so trste dich jetzt, was du frher beklagtest!
  Sie erwidert darauf: Und kann der Knabe nicht sterben?
  Oder knnen sie nicht in fremde Lnder entkommen?
  Nein, ich ngstige mich zu Tode!  Je lnger es dauert,
  Um so weniger drfen wir hoffen, sie wieder zu finden!
  Ich vernehme vielleicht, damit mich das Bitterste treffe,
  Wo sie erlagen, und kann die Grber mit Blumen verzieren,
  Aber ich werde sie nicht fr ihre erduldeten Leiden,
  Wie ich hoffte, belohnen, mich wird ein Engel verdrngen.
  O, wie werd' ich gestraft!  Ich wute mein Glck nicht zu schtzen!
  Wie, wer nie noch die Luft auf Augenblicke entbehrte,
  Garnicht wei, was sie ist, und aus dem eitelsten Grunde
  Hab' ich mit drckende Schuld mir die Seele belastet!  Denn nimmer
  Wr' ich dem Doktor gefolgt, auch htt' er's gewi nicht geraten,
  Wenn nicht die trichte Scham vor anderen Mttern, verbunden
  Mit dem sndlichen Neid auf ihre blhenden Kinder,
  Mich seit Jahren besessen und in der versuchenden Stunde
  Mir das Herz in der Brust verhrtet htte!  Mich qulen
  Jetzt die schrecklichsten Bilder, ich sehe die blassen Gesichter
  Ausgewanderter Mdchen und Knaben, wie sie mich frher
  Oft am Hafen entsetzten, und all die vermessenen Wnsche,
  Die ich so lange gehegt im ungeduldigen Busen,
  Lsen sich auf in dem einen: das Kind gerettet zu wissen,
  Das ich frevelnd ins Leben gerufen, doch wird's nicht geschehen!
  Da erschallt vor der Tr die laute Stimme des Doktors,
  Jubelnd tritt er herein und ruft: Gefunden!  Gefunden!
  Und, er hat sie sogleich durch Wilhelm, der's ihm gemeldet,
  Holen lassen, verwirrt und blde folgen die andern:
  Magdalena voran, im Arm den lieblichen Knaben,
  Christian hinterher, die Augen zu Boden geschlagen,
  Wilhelm und Anne zuletzt, und nur bis zur Schwelle sich trauend,
  Jene dem heiligen Paar vergleichbar, diese den Hirten.
  Aber die Gattin faltet die Hnde und hebt sie zum Himmel,
  Pret dann Mutter und Kind ans Herz und schluchzt: Ich geniee
  Jetzt die seligste Stunde des Lebens durch reichste Erfllung
  Meines heiligsten Wunsches und opfre mit Freuden die andern.
  Ja, nun sag' ich mit dir, sie wendet sich innig zum Gatten,
  Unsere Kinder sind die Armen, doch bleibt mir von allen
  Dieser Knabe der nchste, denn ihm verdank' ich den Frieden,
  Den ich nie noch gekannt, und den die Erde nicht mindert,
  Wenn man ihn einmal errang, und selbst der Himmel nicht steigert.
  Doch, was ist das?  Ich konnte bisher vor Trnen nicht sehen!
  Diese lockigen Haare und diese blitzenden Augen
  Soll ich kennen!  Ja! ja!  Das ist der Enkel des Jgers!
  Herr, ich kann dich verstehn!  Du wolltest im Feuer mich lutern,
  Darum durft' ich nicht gleich ihn finden!  Doch schtztest du selbst ihn
  Mit allmchtiger Hand!  Fr alles sei mir gepriesen!












End of the Project Gutenberg EBook of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel

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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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