The Project Gutenberg EBook of Peter Camenzind, by Hermann Hesse

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Title: Peter Camenzind

Author: Hermann Hesse

Release Date: October 14, 2012 [EBook #41051]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski








Peter Camenzind
von
Hermann Hesse


Achtundfnfzigste Auflage




S. Fischer, Verlag, Berlin
1911


Alle Rechte vorbehalten


Meinem Freund Ludwig Finckh




Peter Camenzind




I.


Im Anfang war der Mythus. Wie der groe Gott in den Seelen der Inder,
Griechen und Germanen dichtete und nach Ausdruck rang, so dichtet er in
jedes Kindes Seele tglich wieder.

Wie der See und die Berge und die Bche meiner Heimat hieen, wute ich
noch nicht. Aber ich sah die blaugrne glatte Seebreite, mit kleinen
Lichtern durchwirkt, in der Sonne liegen und im dichten Kranz um sie die
jhen Berge, und in ihren hchsten Ritzen die blanken Schneescharten und
kleinen, winzigen Wasserflle, und an ihrem Fu die schrgen, lichten
Matten, mit Obstbumen, Htten und grauen Alpkhen besetzt. Und da meine
arme, kleine Seele so leer und still und wartend lag, schrieben die Geister
des Sees und der Berge ihre schnen khnen Taten auf sie. Die starren Wnde
und Flhen sprachen trotzig und ehrfrchtig von Zeiten, deren Shne sie
sind und deren Wundmale sie tragen. Sie sprachen von damals, da die Erde
barst und sich bog und aus ihrem gequlten Leibe in sthnender Werdenot
Gipfel und Grate hervortrieb. Felsberge drngten sich brllend und krachend
empor, bis sie ziellos vergipfelnd knickten, Zwillingsberge rangen in
verzweifelter Not um Raum, bis einer siegte und stieg und den Bruder
beiseite warf und zerbrach. Noch immer hingen von jenen Zeiten her da und
dort hoch in den Schlften abgebrochene Gipfel, weggedrngte und gespaltene
Felsen, und in jeder Schneeschmelze fhrte der Wassersturz hausgroe Blcke
nieder, zersplitterte sie wie Glas oder rannte sie mit mchtigem Schlage
tief in weiche Matten ein.

Sie sagten immer dasselbe, diese Felsberge. Und es war leicht sie zu
verstehen, wenn man ihre jhen Wnde sah, Schicht um Schicht geknickt,
verbogen, geborsten, jede voll von klaffenden Wunden. Wir haben
Schauerliches gelitten, sagten sie, und wir leiden noch. Aber sie sagten
es stolz, streng und verbissen, wie alte unverwstliche Kriegsleute.

Jawohl, Kriegsleute. Ich sah sie kmpfen, mit Wasser und Sturm, in den
schauerlichen Vorfrhlingsnchten, wenn der erbitterte Fhn um ihre alten
Hupter brllte und wenn die Bachstrze frische, rohe Stcke aus ihren
Flanken rissen. Sie standen mit trotzig gestemmten Wurzeln in diesen
Nchten, finster, atemlos und verbissen, streckten dem Sturm die
zerspaltenen Wetterwnde und Hrner entgegen und spannten alle Kraft in
trotzig geduckter Sammlung zusammen. Und bei jeder Wunde lieen sie das
grausige Rollen der Wut und Angst vernehmen, und durch alle fernsten
Rfenen klang gebrochen und zornig ihr schreckliches Sthnen wieder.

Und ich sah Matten und Hnge und erdige Felsritzen mit Grsern, Blumen,
Farnen und Moosen bedeckt, denen die alte Volkssprache merkwrdige,
ahnungsvolle Namen gegeben hatte. Sie lebten, Kinder und Enkel der Berge,
farbig und harmlos an ihren Sttten. Ich befhlte sie, betrachtete sie,
roch ihren Duft und lernte ihre Namen. Ernster und tiefer berhrte mich der
Anblick der Bume. Ich sah jeden von ihnen sein abgesondertes Leben fhren,
seine besondere Form und Krone bilden und seinen eigenartigen Schatten
werfen. Sie schienen mir, als Einsiedler und Kmpfer, den Bergen nher
verwandt, denn jeder von ihnen, zumal die hher am Berge stehenden, hatte
seinen stillen, zhen Kampf um Bestand und Wachstum, mit Wind, Wetter und
Gestein. Jeder hatte seine Last zu tragen und sich festzuklammern, und
davon trug jeder seine eigene Gestalt und besondere Wunden. Es gab Fhren,
denen der Sturm nur auf einer einzigen Seite ste zu haben erlaubte, und
solche, deren rote Stmme sich wie Schlangen um berhngende Felsen gebogen
hatten, soda Baum und Fels eins das andere an sich drckte und erhielt.
Sie sahen mich wie kriegerische Mnner an und erweckten Scheu und Ehrfurcht
in meinem Herzen.

Unsere Mnner und Frauen aber glichen ihnen, waren hart, streng gefaltet
und wenig redend, die besten am wenigsten. Daher lernte ich die Menschen
gleich Bumen oder Felsen anschauen, mir Gedanken ber sie zu machen und
sie nicht weniger zu ehren und nicht mehr zu lieben als die stillen Fhren.

Unser Drflein Nimikon liegt auf einer dreieckigen, zwischen zwei
Bergvorsprnge geklemmten schrgen Flche am See. Ein Weg fhrt nach dem
nahen Kloster, ein zweiter nach einem viereinhalb Stunden entfernten
Nachbarort, die brigen am See gelegenen Drfer erreicht man zu Wasser.
Unsere Huser sind im alten Holzstil erbaut und haben kein bestimmtes
Alter, es kommen fast niemals Neubauten vor und die alten Huslein werden
je nach Bedrfnis stckweise repariert, dies Jahr die Diele, ein andermal
ein Stck am Dach, und mancher halbe Balken und manche Latte, die frher
einmal etwa zur Stubenwand gehrt haben, findet man jetzt als Sparren im
Dach und wenn sie auch dazu nimmer dienen und doch noch zu gut zum
Verbrennen sind, so kommen sie das nchste mal beim Flicken des Stalls oder
Heubodens oder als Querlatte an der Haustre zur Verwendung. hnlich ist es
mit den darin Wohnenden selber; jeder spielt so lang er kann seine Rolle
mit, tritt dann zgernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht
schlielich ins Dunkel unter, ohne da viel Aufsehens davon gemacht wrde.
Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts verndert, als
da ein paar alte Dcher erneuert und ein paar neuere alt geworden sind;
die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber es sind andere Greise da,
welche die gleichen Htten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe
dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebahren sich von den
indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden.

Unsrer Gemeinde mangelte eine hufigere Zufuhr frischen Blutes und Lebens
von auen her. Die Bewohner, ein leidlich rstiges Geschlecht, sind fast
alle untereinander aufs engste verschwgert und reichlich drei Viertel
tragen den Namen Camenzind. Er fllt die Seiten des Kirchenbuchs und steht
auf den Kirchhofkreuzen, prangt an den Husern in lfarbe oder in derber
Schnitzarbeit und ist auf den Wagen des Fuhrhalters, auf den Stalleimern
und auf den Seebooten zu lesen. Auch ber meines Vaters Haustr stand
gemalt: Dieses Haus haben gebauen Jost und Franziska Camenzind, doch ging
das nicht meinen Vater, sondern dessen Ahn, meinen Urgrovater an; und wenn
ich auch vermutlich einmal sterben werde ohne Kinder dazulassen, so wei
ich doch, da wieder ein Camenzind das alte Nest besiedeln wird, wenn
anders es bis dorthin noch steht und ein Dach ber hat.

Ungeachtet der scheinbaren Eintnigkeit gab es dennoch in unsrer
Brgerschaft Bse und Gute, Vornehme und Geringe, Mchtige und Niedrige und
neben manchen Klugen eine ergtzliche kleine Sammlung von Narren, die
Kretins gar nicht mitgerechnet. Es war wie berall ein kleines Abbild der
groen Welt und da Groe und Kleine, Schlaumeier und Narren unlslich
untereinander verwandt und vervettert waren, traten sich strenger Hochmut
und bornierter Leichtsinn oft genug unter demselben Dach auf die Zehen, so
da unser Leben fr die Tiefe und Komik des Menschlichen hinreichenden Raum
bot. Nur lag ein ewiger Schleier von verheimlichter oder unbewuter
Bedrcktheit darber. Das Abhngigsein von den Naturmchten und die
Kmmerlichkeit eines arbeitsvollen Daseins hatten im Verlauf der Zeiten
unsrem ohnehin alternden Geschlecht eine Neigung zum Tiefsinn eingegeben,
der zu den scharfen, schroffen Gesichtern zwar nicht bel pate, sonst aber
keinerlei Frchte zeitigte, wenigstens keine erfreulichen. Eben darum war
man froh an den paar Narren, welche zwar noch still und ernsthaft genug
waren, aber doch einige Farbe und einige Gelegenheit zu Gelchter und Spott
hereinbrachten. Wenn einer von ihnen durch einen neuen Streich von sich
reden machte, ging ein frohes Wetterleuchten ber die faltigen, braunen
Gesichter der Shne Nimikons und zur Lust am Spae selber kam noch als
feine pharisische Wrze der Genu der eigenen berlegenheit, welche vor
Vergngen schnalzte im Gefhl, vor solchen Irrungen oder Fehltritten sicher
zu sein. Zu jenen Vielen, die in der Mitte zwischen Gerechten und Sndern
standen und von beiden gern das Annehmliche mitgenossen htten, gehrte
auch mein Vater. Es wurde kein Narrenstreich reif, der ihn nicht mit
seliger Unruhe erfllt htte, und er schwankte alsdann zwischen der
teilnehmenden Bewunderung fr den Anstifter und dem feisten Bewutsein der
eigenen Makellosigkeit possierlich hin und wider.

Zu den Narren selbst gehrte mein Oheim Konrad, ohne da er deshalb etwa
meinem Vater und anderen Helden an Verstand etwas nachgegeben htte.
Vielmehr war er ein Schlaukopf und ward von einem ruhelosen Erfindungsgeist
umgetrieben, um den die andern ihn ruhig htten beneiden drfen. Aber
freilich glckte ihm nichts. Da er, statt darber den Kopf hngen zu
lassen und tatlos tiefsinnig zu werden, immer wieder Neues begann und dabei
ein merkwrdig lebhaftes Gefhl fr das Tragikomische seiner eigenen
Unternehmungen hatte, war gewi ein Vorzug, wurde ihm aber als lcherliche
Sonderbarkeit angeschrieben, kraft welcher man ihn zu den unbesoldeten
Hanswrsten der Gemeinde zhlte. Meines Vaters Verhltnis zu ihm war ein
dauerndes hin und her zwischen Bewunderung und Verachtung. Jedes neue
Projekt seines Schwagers versetzte ihn in eine gewaltige Neugierde und
Aufregung, die er vergebens hinter lauernd ironischen Fragen und
Anspielungen zu verstecken trachtete. Wenn dann der Oheim seines Erfolges
sicher zu sein glaubte und den Groartigen zu spielen begann, lie er sich
jedesmal hinreien und schlo sich dem Genialen in spekulierender
Brderlichkeit an, bis der unvermeidliche Mierfolg da war, ber den der
Oheim die Achseln zuckte, whrend der Vater im Zorn ihn mit Hohn und
Beleidigung bergo und monatelang keines Blickes und Wortes mehr wrdigte.

Konrad war es, dem unser Dorf den ersten Anblick eines Segelboots
verdankte, und meines Vaters Nachen hat dazu herhalten mssen. Das Segel-
und Seilwerk war vom Oheim nach Kalenderholzschnitten sauber ausgefhrt und
da unser Schifflein fr ein Segelboot zu schmal gebaut war, ist am Ende
nicht Konrads Schuld gewesen. Die Vorbereitungen dauerten wochenlang, mein
Vater wurde vor Spannung, Hoffnung und Angst schier zu Quecksilber und auch
das brige Dorf sprach von nichts soviel wie von Konrad Camenzinds neuestem
Vorhaben. Es war ein denkwrdiger Tag fr uns, als das Boot an einem
windigen Sptsommermorgen zum erstenmal in See gehen sollte. Mein Vater, in
scheuer Ahnung einer mglichen Katastrophe, hielt sich fern und hatte auch
mir zu meiner groen Betrbnis das Mitfahren verboten. Der Sohn des Bckers
Fli begleitete den Segelknstler allein. Aber das ganze Dorf stand auf
unserem Kiesplatz und in den Grtchen und wohnte dem unerhrten Spektakel
bei. Seeabwrts blies ein flotter Ostwind. Zu Anfang mute der Beck rudern,
bis das Boot in die Bise geriet, sein Segel blhte und stolz davonjagte.
Wir sahen es bewundernd um den nchsten Bergvorsprung entschwinden und
richteten uns darauf ein, den schlauen Oheim bei seiner Heimkehr als Sieger
zu begren und uns unserer hhnischen Aftergedanken zu schmen. Als jedoch
in der Nacht das Boot zurckkehrte, hatte es kein Segel mehr, die Schiffer
waren mehr tot als lebendig und der Bckerssohn hustete und meinte: Ihr
seid um ein Hauptvergngen gekommen, leichtlich htte es auf den Sonntag
zwei Leichenschmuse geben knnen. Mein Vater mute zwei neue Planken in
den Nachen basteln, und seither hat sich nie wieder ein Segel in der blauen
Flche gespiegelt. Dem Konrad rief man noch lange, so oft er irgend etwas
eilig hatte, nach: Mut Segel nehmen, Konrad! Mein Vater fra den rger
in sich hinein und lange Zeit, so oft der arme Schwager ihm begegnete, sah
er beiseite und spuckte in groen Bogen aus, zum Zeichen unaussprechlicher
Verachtung. Das dauerte so lang, bis Konrad eines Tags mit seinem
feuersicheren Backofenprojekt bei ihm vorsprach, welches dem Erfinder
unendlichen Spott auf den Hals brachte und meinen Vater auf vier bare Taler
zu stehen kam. Wehe dem, der ihn an diese Viertalergeschichte zu erinnern
wagte! Lange spter, als einmal wieder Not im Hause war, sagte die Mutter
einmal so beilufig, es wre doch gut wenn jetzt das sndlich verdubelte
Geld noch da wre. Der Vater wurde dunkelrot bis an den Hals, aber er
bezwang sich und sagte nur: Ich wollt', ich htt' es an einem einzigen
Sonntag versoffen.

Am Ende jedes Winters kam der Fhn mit seinem tieftnigen Gebrause, das der
lpler mit Zittern und Entsetzen hrt und nach welchem er in der Fremde mit
verzehrendem Heimweh drstet.

Wenn der Fhn nahe ist, spren ihn viele Stunden voraus Mnner und Weiber,
Berge, Wild und Vieh. Sein Kommen, welchem fast immer khle Gegenwinde
vorausgehen, verkndigt ein warmes, tiefes Sausen. Der blaugrne See wird
in ein paar Augenblicken tinteschwarz und setzt pltzlich hastige, weie
Schaumkronen auf. Und bald darauf donnert er, der noch vor Minuten unhrbar
friedlich lag, mit erbitterter Brandung wie ein Meer ans Ufer. Zugleich
rckt die ganze Landschaft ngstlich nah zusammen. Auf Gipfeln, die sonst
in entrckter Ferne brteten, kann man jetzt die Felsen zhlen und von
Drfern, die sonst nur als braune Flecken im Weiten lagen, unterscheidet
man jetzt Dcher, Giebel und Fenster. Alles rckt zusammen, Berge, Matten
und Huser, wie eine furchtsame Herde. Und dann beginnt das grollende
Sausen, das Zittern im Boden. Aufgepeitschte Seewellen werden streckenweit
wie Rauch durch die Luft dahingetrieben, und fortwhrend, zumal in den
Nchten, hrt man den verzweifelten Kampf des Sturmes mit den Bergen. Eine
kleine Zeit spter redet sich dann die Nachricht von verschtteten Bchen,
zerschlagenen Husern, zerbrochenen Khnen und vermiten Vtern und Brdern
durch die Drfer.

In Kinderzeiten frchtete ich den Fhn und hate ihn sogar. Mit dem
Erwachen der Knabenwildheit aber bekam ich ihn lieb, den Emprer, den
Ewigjungen, den frechen Streiter und Bringer des Frhlings. Es war so
herrlich, wie er voll Leben, berschwang und Hoffnung seinen wilden Kampf
begann, strmend, lachend und sthnend, wie er heulend durch die Schluchten
hetzte, den Schnee von den Bergen fra und die zhen alten Fhren mit
rauhen Hnden bog und zum Seufzen brachte. Spter vertiefte ich meine Liebe
und begrte nun im Fhn den sen, schnen, allzureichen Sden, welchem
immer wieder Strme von Lust, Wrme und Schnheit entquellen, um sich an
den Bergen zu zersprengen und endlich im flachen, khlen Norden ermdet zu
verbluten. Es gibt nichts Seltsameres und Kstlicheres als das se
Fhnfieber, das in der Fhnzeit die Menschen der Berglnder und namentlich
die Frauen berfllt, den Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt.
Das ist der Sden, der sich dem sprden, rmeren Norden immer wieder
strmisch und lodernd an die Brust wirft und den verschneiten Alpendrfern
verkndigt, da jetzt an den nahen, purpurnen Seen Welschlands schon wieder
Primeln, Narzissen und Mandelzweige blhen.

Alsdann, wenn der Fhn verblasen hat und die letzten schmutzigen Lawinen
zerlaufen sind, dann kommt das Schnste. Dann recken sich berghinan auf
allen Seiten die beblmten gelblichen Matten, rein und selig stehen die
Schneegipfel und Gletscher in ihren Hhen und der See wird blau und warm
und spiegelt Sonne und Wolkenzge wieder.

Alles dieses kann schon eine Kindheit und zur Not auch ein Leben erfllen.
Denn alles dieses redet laut und ungebrochen die Sprache Gottes, wie sie
nie ber eines Menschen Lippen kam. Wer sie so in seiner Kindheit vernommen
hat, dem tnt sie sein Leben lang nach, s und stark und furchtbar, und
ihrem Bann entflieht er nie. Wenn einer in den Bergen heimisch ist, der
kann jahrelang Philosophie oder historia naturalis studieren und mit dem
alten Herrgott aufrumen, -- wenn er den Fhn wieder einmal sprt oder hrt
eine Laue durch's Holz brechen, so zittert ihm das Herz in der Brust und er
denkt an Gott und ans Sterben.

An meines Vaters Huschen grenzte ein umzunter, winziger Garten. Es gedieh
dort ein herber Salat, Rben und Kohl, auerdem hatte die Mutter eine
rhrend schmale, drftige Rabatte fr Blumen angelegt, in welcher zwei
Monatrosenstcke, ein Georginenbusch und eine Handvoll Reseden hoffnungslos
und kmmerlich verschmachteten. An den Garten stie ein noch kleinerer,
kiesiger Platz, welcher bis zum See reichte. Dort standen zwei beschdigte
Fsser, einige Bretter und Pfhle, und unten im Wasser lag unser Weidling
angebunden, welcher damals noch alle paar Jahre neu geflickt und geteert
wurde. Die Tage, an denen dies geschah, sind mir fest im Gedchtnis
geblieben. Es waren warme Nachmittage im Vorsommer, ber dem Grtchen
taumelten die schwefelgelben Citronenfalter in der Sonne, der See war
lglatt, blau und still und leise schillernd, die Berggipfel dnn
umdnstet, und auf dem kleinen Kiesplatz roch es gewaltig nach Pech und
lfarbe. Auch nachher duftete der Nachen noch den ganzen Sommer hindurch
nach Teer. So oft ich, viele Jahre spter, irgendwo am Meere den
eigentmlich aus Wassergeruch und Teerbrodem gemischten Duft in die Nase
bekam, trat mir sogleich unser Seepltzlein vor's Auge, und ich sah wieder
den Vater in Hemdrmeln mit dem Pinsel hantieren, sah die blulichen
Wlkchen aus seiner Pfeife in die stillen Sommerlfte steigen und die
blitzgelben Falter ihre unsicheren, scheuen Flge tun. An solchen Tagen
zeigte mein Vater eine ungewhnlich behagliche Laune, pfiff Triller, was er
vortrefflich konnte, und gab vielleicht sogar einen einzelnen kurzen Jodler
von sich, diesen jedoch nur halblaut. Die Mutter kochte alsdann etwas Gutes
auf den Abend und ich denke mir jetzt, sie tat es in der stillen Hoffnung,
Camenzind mchte diesen Abend nicht ins Wirtshaus gehen. Er ging aber doch.

Da die Eltern die Entwicklung meines jungen Gemtes sonderlich gefrdert
oder gestrt htten, kann ich nicht sagen. Die Mutter hatte immer beide
Hnde voll Arbeit und mein Vater hatte sich gewi mit nichts auf der Welt
so wenig beschftigt als mit Erziehungsfragen. Er hatte genug zu tun, seine
paar Obstbume kmmerlich im Stand zu halten, das Kartoffelckerlein zu
bestellen und nach dem Heu zu sehen. Ungefhr alle paar Wochen aber nahm er
mich abends, ehe er ausging, bei der Hand und verschwand stillschweigend
mit mir auf den ber dem Stall gelegenen Heuboden. Dort vollzog sich
alsdann ein seltsamer Straf- und Shneakt: ich bekam eine Tracht Prgel,
ohne da der Vater oder ich selbst genauer gewut htte wofr. Es waren
stille Opfer am Altar der Nemesis und sie wurden ohne Schelten seinerseits
oder Geschrei meinerseits dargebracht, als schuldiger Tribut an eine
geheimnisvolle Macht. Immer wenn ich in spteren Jahren einmal vom blinden
Schicksal reden hrte, fielen diese mysterisen Szenen mir wieder ein und
schienen mir eine beraus plastische Darstellung jenes Begriffs zu sein.
Ohne es zu wissen, befolgte mein guter Vater dabei die schlichte Pdagogik,
die das Leben selbst an uns zu ben pflegt, indem es uns hie und da aus
heiteren Lften ein Donnerwetter sendet, wobei es uns berlassen bleibt
nachzusinnen, durch was fr Missetaten wir eigentlich die oberen Mchte
herausgefordert haben. Leider stellte dies Nachsinnen bei mir sich nie oder
nur selten ein, vielmehr nahm ich jene ratenweise Zchtigung ohne die
wnschenswerte Selbstprfung gelassen oder auch trotzig hin und freute mich
an solchen Abenden stets, nun wieder meinen Zoll entrichtet und ein paar
Wochen Strafpause vor mir zu haben. Viel selbstndiger trat ich den
Versuchen meines Alten, mich zur Arbeit anzuleiten, entgegen. Die
unbegreifliche und verschwenderische Natur hatte in mir zwei widerstrebende
Gaben vereinigt: eine ungewhnliche Krperkraft und eine leider nicht
geringere Arbeitsscheu. Der Vater gab sich alle Mhe einen brauchbaren Sohn
und Mithelfer aus mir zu machen, ich aber drckte mich mit allen Chikanen
um die mir auferlegten Arbeiten und noch als Gymnasiast hatte ich fr
keinen der antiken Heroen so viel Mitgefhl wie fr Herakles, da er zu
jenen berhmten, lstigen Arbeiten gezwungen ward. Einstweilen kannte ich
nichts Schneres als mich auf Felsen und Matten oder am Wasser
miggngerisch herumzutreiben.

Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzhlten mir und erzogen
mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend Menschen und
Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die ich dem glnzenden See und
den traurigen Fhren und sonnigen Felsen vorzog, waren die Wolken.

Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr
lieb hat als ich! Oder zeigt mit das Ding in der Welt, das schner ist als
Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe,
sie sind Zorn und Todesmacht. Sie sind zart, weich und friedlich wie die
Seelen von Neugeborenen, sie sind schn, reich und spendend wie gute Engel,
sie sind dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes.
Sie schweben silbern in dnner Schicht, sie segeln lachend wei mit
goldenem Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und blulichen Farben.
Sie schleichen finster und langsam wie Mrder, sie jagen sausend kopfber
wie rasende Reiter, sie hngen traurig und trumend in bleichen Hhen wie
schwermtige Einsiedler. Sie haben die Formen von seligen Inseln und die
Formen von segnenden Engeln, sie gleichen drohenden Hnden, flatternden
Segeln, wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der
armen Erde als schne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angehrig
-- Trume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen
Himmel schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens,
Verlangens und Heimbegehrens. Und so wie sie zwischen Erde und Himmel zag
und sehnend und trotzig hngen, so hngen zag und sehnend und trotzig die
Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit.

O, die Wolken, die schnen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein unwissendes
Kind und liebte sie, schaute sie an und wute nicht, da auch ich als eine
Wolke durch's Leben gehen wrde -- wandernd, berall fremd, schwebend
zwischen Zeit und Ewigkeit. Von Kinderzeiten her sind sie mir liebe
Freundinnen und Schwestern gewesen. Ich kann nicht ber die Gasse gehen, so
nicken wir einander zu, gren uns und verweilen einen Augenblick Aug' in
Auge. Auch verga ich nicht, was ich damals von ihnen lernte: ihre Formen,
ihre Farben, ihre Zge, ihre Spiele, Reigen, Tnze und Rasten, und ihre
seltsam irdisch-himmlischen Geschichten.

Namentlich die Geschichte der Schneeprinzessin. Ihr Schauplatz ist das
mittlere Gebirg, im Vorwinter, bei warmem Unterwind. Die Schneeprinzessin
erscheint mit kleinem Gefolge, aus gewaltiger Hhe kommend, und sucht sich
einen Rastort in weiten Bergmulden oder auf einer breiten Kuppe aus.
Neidisch sieht die falsche Bise die Arglose sich lagern, leckt heimlich
gierend am Berg empor und berfllt sie pltzlich wtend und tosend. Sie
wirft der schnen Prinzessin zerfetzte schwarze Wolkenlappen entgegen,
hhnt sie, krakehlt sie an, mchte sie verjagen. Eine Weile ist die
Prinzessin unruhig, wartet, duldet, und manchmal steigt sie kopfschttelnd,
leise und hhnisch wieder in ihre Hhe zurck. Manchmal aber sammelt sie
pltzlich ihre gengsteten Freundinnen um sich her, enthllt ihr blendend
frstliches Angesicht und weist den Kobold mit khler Hand zurck. Er
zaudert, heult, flieht. Und sie lagert sich still, hllt ihren Sitz weitum
in blassen Nebel, und wenn der Nebel sich verzogen hat, liegen Mulden und
Kuppel klar und glnzend mit reinem, weichem Neuschnee bedeckt.

In dieser Geschichte war so etwas Nobles, etwas von Seele und Triumph der
Schnheit, das mich entzckte und mein kleines Herz wie ein frohes
Geheimnis bewegte.

Bald kam auch die Zeit, da ich mich den Wolken nhern, zwischen sie treten
und manche aus ihrer Schaar von oben betrachten durfte. Ich war zehn Jahr
alt, als ich den ersten Gipfel erstieg, den Sennalpstock, an dessen Fu
unser Drflein Nimikon liegt. Da sah ich denn zum erstenmal die Schrecken
und die Schnheiten der Berge. Tiefgerissene Schluchten, voll von Eis und
Schneewasser, grnglserne Gletscher, scheuliche Murnen, und ber allem
wie ein Glocke hoch und rund der Himmel. Wenn einer zehn Jahre lang
zwischen Berg und See geklemmt gelebt hat und rings von nahen Hhen eng
umdrngt war, dann vergit er den Tag nicht, an dem zum erstenmal ein
groer, breiter Himmel ber ihm und vor ihm ein unbegrenzter Horizont lag.
Schon beim Aufstieg war ich erstaunt, die mir von unten her wohlbekannten
Schroffen und Felswnde so berwltigend gro zu finden. Und nun sah ich,
vom Augenblick ganz bezwungen, mit Angst und Jubel pltzlich die ungeheure
Weite auf mich herein dringen. So fabelhaft gro war also die Welt! Unser
ganzes Dorf, tief unten verloren liegend, war nur noch ein kleiner heller
Fleck. Gipfel, die man vom Tale aus fr eng benachbart hielt, lagen viele
Stunden weit auseinander.

Da fing ich an zu ahnen, da ich nur erst ein schmales Blinzeln, noch kein
gediegenes Schauen von der Welt gehabt hatte und da da drauen Berge
stehen und fallen und groe Dinge geschehen konnten, von denen auch nicht
die leiseste Kunde je in unser abgetrenntes Bergloch kam. Zugleich aber
zitterte etwas in mir gleich dem Zeiger des Kompasses mit unbewutem
Streben mchtig jener groen Ferne entgegen. Und nun verstand ich auch die
Schnheit und Schwermut der Wolken erst ganz, da ich sah, in was fr
endlose Fernen sie wanderten.

Meine beiden erwachsenen Begleiter lobten mein gutes Steigen, rasteten ein
wenig auf der eiskalten Kuppe und lachten ber meine fassungslose Freude.
Ich aber, nachdem ich mit dem ersten groen Staunen fertig war, brllte vor
Lust und Erregung laut wie ein Stier in die klaren Lfte hinaus. Das war
mein erstes, unartikuliertes Lied an die Schnheit. Ich war auf einen
drhnenden Widerhall gefat, aber mein Geschrei verklang in die ruhigen
Hhen spurlos wie ein schwacher Vogelpfiff. Da war ich sehr beschmt und
hielt mich still.

Dieser Tag hatte irgend ein Eis in meinem Leben gebrochen. Denn nun kam ein
Ereignis um das andere. Zunchst nahm man mich des fteren auf Bergfahrten
mit, auch auf schwierigere, und ich drang mit sonderbar beklommener Wollust
in die groen Geheimnisse der Hhen ein. Darauf ward ich zum Gaishirten
ernannt. An einer von den Halden, wohin ich gewhnlich meine Tiere trieb,
gab es einen windgeschtzten Winkel, von kobaltblauem Enzian und hellrotem
Steinbrech berwuchert, das war mir der liebste Platz in der Welt. Das Dorf
war von dort aus unsichtbar und auch vom See war nur ber Felsen weg ein
schmaler, blanker Streifen zu erblicken, dafr brannten die Blumen in
lachend frischen Farben, der blaue Himmel lag wie ein Zeltdach auf den
spitzigen Schneegipfeln und neben dem feinen Gelut der Ziegenglocken tnte
ununterbrochen der nicht weit entfernte Wasserfall. Dort lag ich in der
Wrme, staunte den weien Wlklein nach und jodelte halblaut vor mich hin,
bis die Gaisen meine Trgheit bemerkten und sich allerlei verbotene
Streiche und Lustbarkeiten leisten wollten. Es gab dabei gleich in den
ersten Wochen einen herben Ri in meine Phakenherrlichkeit, als ich mit
einer verlaufenen Gais zusammen in eine Klamm abstrzte. Die Gais war tot
und mir tat der Schdel weh, auerdem ward ich jmmerlich geprgelt, lief
meinen Alten davon und ward unter Beschwrungen und Wehklagen wieder
eingebracht.

Leichtlich htten diese Abenteuer meine ersten und letzten sein knnen.
Dann wre dies Bchlein ungeschrieben und manche andere Mhe und Torheit
ungeschehen geblieben. Ich htte vermutlich irgend eine Base geheiratet
oder lge vielleicht auch irgendwo beiseit ins Gletscherwasser gefroren. Es
wre auch nicht bel. Aber alles kam anders und es steht mir nicht zu das
Geschehene mit Ungeschehenem zu vergleichen.

Mein Vater tat jeweils ein wenig kleinen Dienst im Welsdrfer Kloster. Nun
war er einstmals krank und befahl mir ihn dort abzusagen. Das tat ich
indessen nicht, sondern entlehnte beim Nachbar Papier und Feder und schrieb
einen manierlichen Brief an die Klosterbrder, gab den der Botenfrau mit
und ging auf eigene Faust in den Berg.

Nchste Woche komme ich eines Tags nach hause, da sitzt ein Pater und
wartet auf denjenigen, der den schnen Brief geschrieben hat. Mir ward
etwas bnglich, aber er lobte mich und suchte meinen Alten zu bereden, da
er mich bei ihm lernen lasse. Der Oheim Konrad war dazumal gerade wieder in
Gunst und wurde befragt. Natrlich war er sofort dafr entflammt, da ich
lernen und spter studieren und ein Gelehrter und Herr werden msse. Der
Vater lie sich berzeugen, und so gehrte nun auch meine Zukunft zu den
gefhrlichen Oheimsprojekten, gleich dem feuersicheren Backofen, dem
Segelschiff und den vielen hnlichen Phantastereien.

Es ging sogleich an ein gewaltiges Lernen, zumal in Lateinisch, biblischer
Geschichte, Botanik und Geographie. Mir machte das alles vielen Spa und
ich dachte nicht daran, da das welsche Zeug mich vielleicht Heimat und
schne Jahre kosten knne. Das Lateinische allein tats auch nicht. Mein
Vater htte mich zum Bauer gemacht, wenn ich auch die ganzen viri illustres
vorwrts und rckwrts auswendig gekonnt htte. Aber der kluge Mann hatte
mir auf den Grund meines Wesens gesehen, wo als Schwerpunkt und
Kardinaluntugend meine unbesiegbare Trgheit hauste. Ich entrann, wo es nur
gehen wollte, der Arbeit und lief statt dessen den Bergen oder dem See nach
oder lag seitwrts versteckt an der Halde, las, trumte und faulenzte. In
dieser Erkenntnis gab er mich schlielich weg.

Dies ist eine Gelegenheit, ein kurzes Wort ber meine Eltern zu sagen. Die
Mutter war ehedem schn gewesen, davon war aber nur der feste, grade Wuchs
und die anmutigen, dunklen Augen brig geblieben. Sie war gro, beraus
krftig, fleiig und still. Obwohl sie reichlich so klug wie der Vater und
an Krperkraft ihm berlegen war, herrschte sie doch nicht im Hause,
sondern lie das Regiment ihrem Manne. Er war mittelgro, hatte dnne und
fast zarte Glieder und einen hartnckigen, schlauen Kopf mit einem Gesicht,
das von heller Farbe und ganz voll von kleinen, ungemein beweglichen Falten
war. Dazu kam eine kurze, senkrechte Stirnfalte. Sie verdunkelte sich, so
oft er die Brauen bewegte, und gab ihm ein grmlich leidendes Aussehen; es
schien dann, als versuche er sich auf etwas sehr Wichtiges zu besinnen und
sei selber ohne Hoffnung je darauf zu kommen. Man htte eine gewisse
Melancholie an ihm wahrnehmen knnen, aber niemand achtete darauf, denn die
Bewohner unsrer Gegend sind fast alle von einer stetigen, leichten Trbe
des Gemts befangen, dessen Ursache die langen Winter, die Gefahren, das
mhselige Sichdurchschlagen und die Abgeschlossenheit vom Weltleben sind.

Von beiden Eltern habe ich wichtige Stcke meines Wesens bernommen. Von
der Mutter eine bescheidene Lebensklugheit, ein Stck Gottvertrauen und ein
stilles, wenig redendes Wesen. Vom Vater hingegen eine ngstlichkeit vor
festen Entschlieungen, die Unfhigkeit mit Geld zu wirtschaften und die
Kunst viel und mit berlegung zu trinken. Letzteres zeigte sich aber an mir
in jenem zarten Alter noch nicht. uerlich hab ich vom Vater die Augen und
den Mund, von der Mutter den schweren, dauerhaften Gang und Krperbau und
die zhe Muskelkraft. Vom Vater und von unserer Rasse berhaupt bekam ich
ins Leben zwar einen bauernschlauen Verstand, aber auch das trbe Wesen und
den Hang zu grundloser Schwermut mit. Da mir bestimmt war mich lange
auerhalb der Heimat bei Fremden herumzuschlagen, wre es schon besser
gewesen, statt dessen einige Beweglichkeit und etlichen frohen Leichtsinn
mitzubringen.

So ausgestattet und mit einem neuen Kleide versorgt trat ich die Reise ins
Leben an. Die elterlichen Gaben haben sich bewhrt, denn ich ging und stand
in der Welt seither auf eigenen Fen. Dennoch mu irgend etwas gefehlt
haben, das auch die Wissenschaft und das Weltleben mir nimmer einbrachte.
Denn ich kann heute noch wie je einen Berg zwingen, zehn Stunden
marschieren oder rudern und ntigenfalls einen Mann freihndig erschlagen,
zum Lebensknstler aber fehlt mir heute noch so viel wie damals. Der frhe
einseitige Umgang mit der Erde und ihren Pflanzen und Tieren hatte wenig
soziale Fhigkeiten in mir aufkommen lassen und noch jetzt sind meine
Trume ein merkwrdiger Beweis dafr, wie sehr ich leider einem rein
animalischen Leben zuneige. Ich trume nmlich sehr oft, ich liege am
Meeresstrand als Tier, zumeist als Seehund, und empfinde dabei ein so
gewaltiges Wohlbehagen, da ich beim Erwachen den Wiederbesitz meiner
Menschenwrde keineswegs freudig oder mit Stolz, sondern lediglich mit
Bedauern wahrnehme.

Ich ward in blicher Weise mit Freiplatz und Freitisch an einem Gymnasium
erzogen und war zum Philologen bestimmt. Niemand wei, warum. Es gibt kein
unntzeres und langweiligeres Fach und keines, das mir ferner lag.

Die Schlerjahre gingen mir rasch dahin. Zwischen Balgereien und Schule
kamen Stunden voll Heimweh, Stunden voll frecher Zukunftstrume, Stunden
voll ehrfrchtiger Anbetung der Wissenschaft. Zwischenein trat auch hier
meine angeborene Trgheit hervor, trug mir allerlei rger und Strafen ein
und wich dann irgend einem neuen Enthusiasmus.

Peter Camenzind, sprach mein Griechischlehrer, du bist ein Trotzkopf und
Einspnner und wirst dir noch einmal den harten Schdel einrennen. Ich
betrachtete den feisten Brillentrger, hrte seine Rede an und fand ihn
komisch.

Peter Camenzind, sprach der Mathematiklehrer, du bist ein Genie im
Faullenzen und ich bedaure, da es kein niedrigeres Zeugnis gibt als Null.
Ich schtze deine heutige Leistung auf minus zweieinhalb. Ich sah ihn an,
bedauerte ihn da er schielte, und fand ihn sehr langweilig.

Peter Camenzind, sagte einmal der Geschichtsprofessor, du bist kein
guter Schler, aber du wirst trotzdem einmal ein guter Historiker werden.
Du bist faul, aber du weit Groes und Kleines zu unterscheiden.

Auch das war mir nicht extra wichtig. Dennoch hatte ich vor den Lehrern
Respekt, denn ich dachte sie seien im Besitze der Wissenschaft, und vor der
Wissenschaft empfand ich eine dunkle, gewaltige Ehrfurcht. Und obschon ber
meine Faulheit alle Lehrer einig waren, kam ich doch vorwrts und hatte
meinen Platz ber der Mitte. Da die Schule und die Schulwissenschaft ein
unzulngliches Stckwerk war, merkte ich wohl; aber ich wartete auf spter.
Hinter diesen Vorbereitungen und Schulfuchsereien vermutete ich das reine
Geistige, eine zweifellose, sichere Wissenschaft des Wahren. Dort wrde ich
erfahren, was die dunkle Wirrnis der Geschichte, die Kmpfe der Vlker und
die bange Frage in jeder einzelnen Seele bedeute.

Noch strker und lebendiger war eine andere Sehnsucht in mir. Ich wollte
gern einen Freund haben.

Da war ein braunhaariger, ernsthafter Knabe, zwei Jahre lter als ich,
namens Kaspar Hauri. Er hatte eine sichere und stille Art zu gehen und
dazusein, trug den Kopf mnnlich fest und ernst und sprach nicht viel mit
seinen Kameraden. An ihm blickte ich monatelang mit groer Verehrung empor,
hielt mich auf der Strae hinter ihm her und hoffte sehnlich von ihm
bemerkt zu werden. Ich war auf jeden Spiebrger eiferschtig, den er
grte, und auf jedes Haus, in das ich ihn eintreten oder aus dem ich ihn
kommen sah. Aber ich war zwei Klassen hinter ihm zurck und er fhlte sich
vermutlich der seinigen schon berlegen. Es ist nie ein Wort zwischen uns
gewechselt worden. Statt seiner schlo sich ohne mein Zutun ein kleiner,
krnklicher Knabe an mich an. Er war jnger als ich, schchtern und
unbegabt, hatte aber schne, leidende Augen und Gesichtszge. Weil er
schwchlich und ein wenig verwachsen war, stand er in seiner Klasse viel
Unbilden aus und suchte an mir, der ich stark und angesehen war, einen
Beschtzer. Bald ward er so krank, da er die Schule nicht mehr besuchen
konnte. Er fehlte mir nicht und ich verga ihn rasch.

Nun war in unserer Klasse ein ausgelassener Blondkopf, ein Tausendknstler,
Musiker, Mime und Hanswurst. Ich gewann seine Freundschaft nicht ohne Mhe
und der flotte kleine Altersgenosse benahm sich stets ein klein wenig
gnnerhaft gegen mich. Immerhin hatte ich nun einen Freund. Ich suchte ihn
in seinem Stblein auf, las ein paar Bcher mit ihm, machte ihm die
griechischen Aufgaben und lie mir dafr im Rechnen helfen. Auch gingen wir
manchmal miteinander spazieren und mssen dann wie Br und Wiesel
ausgesehen haben. Er war immer der Sprecher, der Lustige, Witzige, nie
Verlegene, und ich hrte zu, lachte und war froh einen so burschikosen
Freund zu haben.

Eines Nachmittags aber kam ich unversehens dazu, wie der kleine Charlatan
im Schulhausgang einigen Kameraden eine von seinen beliebten komischen
Auffhrungen zum Besten gab. Soeben hatte er einen Lehrer nachgemacht, nun
rief er: Ratet wer das ist! und begann laut ein paar Homerverse zu lesen.
Dabei kopierte er mich sehr getreu, meine verlegene Haltung, mein
ngstliches Lesen, meine oberlndisch rauhe Aussprache, und auch meine
stndige Geberde der Aufmerksamkeit, das Blinzeln und das Schlieen des
linken Auges. Es sah sich sehr komisch an und war so witzig und lieblos als
mglich gemacht.

Als er das Buch schlo und den verdienten Beifall einstrich, trat ich von
hinten an ihn her und nahm Rache. Worte fand ich nicht, aber ich brachte
meine ganze Entrstung, Scham und Wut in einer einzigen, riesigen Ohrfeige
prgnant zum Ausdruck. Gleich darauf begann die Lektion und der Lehrer
bemerkte das Wimmern und die rotgeschwollene Backe meines ehemaligen
Freundes, welcher obendrein sein Liebling war.

Wer hat dich so zugerichtet?

Der Camenzind.

Camenzind vortreten! Ist das wahr?

Jawohl.

Warum hast du ihn geschlagen?

Keine Antwort.

Hast du keinen Grund dazu gehabt?

Nein.

Also wurde ich energisch bestraft und schwelgte stoisch in der Wonne des
unschuldig Gemarterten. Da ich aber kein Stoiker noch Heiliger, sondern ein
Schulbub war, streckte ich nach erlittener Strafe meinem Feind die Zunge
heraus so lang sie war. Entsetzt fuhr der Lehrer auf mich los.

Schmst du dich nicht? Was soll das heien?

Das soll heien, da der dort ein gemeiner Kerl ist und da ich ihn
verachte. Und ein Feigling ist er auch noch.

So endete meine Freundschaft mit dem Mimen. Er fand keinen Nachfolger und
ich habe die Jahre der reifenden Knabenzeit ohne Freund verbringen mssen.
Aber ob auch meine Anschauung des Lebens und der Menschen seither sich
einige mal verndert hat, jener Ohrfeige erinnere ich mich nie ohne tiefe
Befriedigung. Hoffentlich hat auch der Blonde sie nicht vergessen.

Mit siebzehn Jahren verliebte ich mich in eine Advokatentochter. Sie war
schn und ich bin stolz darauf, da ich mein Leben lang immer nur in sehr
schne Frauenbilder verliebt war. Was ich um sie und um andere litt,
erzhle ich ein andermal. Sie hie Rsi Girtanner und ist heute noch der
Liebe ganz anderer Mnner, als ich bin, wrdig.

Damals brauste mir die ungebrauchte Jugendkraft in allen Gliedern. Ich lie
mich mit meinen Kameraden in tolle Raufhndel ein, fhlte mich stolz als
besten Ringer, Ballschlger, Wettlufer und Ruderer, und war nebenher
bestndig schwermtig. Das hing kaum mit der Liebesgeschichte zusammen. Es
war einfach die se Schwermut des Vorfrhlings, die mich strker als
andere anfate, so da ich Freude an traurigen Vorstellungen, an
Todesgedanken und an pessimistischen Ideen hatte. Natrlich fand sich auch
der Kamerad, der mir Heines Buch der Lieder in einer billigen Ausgabe zu
lesen gab. Es war eigentlich kein Lesen mehr, -- ich go in die leeren
Verse mein volles Herz, ich litt mit, dichtete mit und geriet in ein
lyrisches Schwrmen hinein, das mir vermutlich zu Gesichte stand wie dem
Ferkel die Chemisette. Bis dahin hatte ich von aller schnen Literatur
keine Ahnung gehabt. Nun folgte Lenau, Schiller, dann Goethe und
Shakespeare, und pltzlich war mir der blasse Schemen Literatur zu einer
groen Gottheit geworden.

Mit sem Schauder fhlte ich aus diesen Bchern mir die wrzig khle Luft
eines Lebens entgegen strmen, das nie auf Erden gewesen und doch
wahrhaftig war und nun in meinem ergriffenen Herzen seine Wellen schlagen
und seine Schicksale erleben wollte. In meinem Lesewinkel auf der
Dachbodenkammer, wohin nur das Stundenschlagen vom nahen Turmgesthl und
das trockene Klappern der daneben nistenden Strche drang, gingen die
Menschen Goethes und Shakespeares bei mir ein und aus. Das Gttliche und
Lcherliche alles Menschenwesens ging mir auf: das Rtsel unseres
zwiespltigen, unbndigen Herzens, die tiefe Wesenheit der Weltgeschichte
und das mchtige Wunder des Geistes, der unsre kurzen Tage verklrt und
durch die Kraft des Erkennens unser kleines Dasein in den Kreis des
Notwendigen und Ewigen erhebt. Wenn ich den Kopf durch die schmale
Fensterluke steckte, sah ich die Sonne auf Dcher und schmale Gassen
scheinen, hrte verwundert die kleinen Gerusche der Arbeit und
Alltglichkeit verworren heraufrauschen und fhlte das Einsame und
Geheimnisvolle meines von groen Geistern erfllten Dachwinkels wie ein
sonderbar schnes Mrchen mich umgeben. Und allmhlich, je mehr ich las und
je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf Dcher, Gassen und
Alltag ergriff, tauchte des fteren zaghaft und beklemmend das Gefhl in
mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete
Welt warte auf mich, da ich einen Teil ihrer Schtze hbe, den Schleier
des Zuflligen und Gemeinen davon lse und das Entdeckte durch Dichterkraft
dem Untergang entreie und verewige.

Schamhaft fing ich an ein wenig zu dichten und es fllten sich allmhlich
einige Hefte mit Versen, Entwrfen und kleinen Erzhlungen an. Sie sind
untergegangen und waren vermutlich wenig wert, bereiteten mir aber
Herzklopfen und heimliche Wonne genug. Nur langsam folgte diesen Versuchen
Kritik und Selbstprfung nach, und erst im letzten Schuljahr trat die
notwendige erste, groe Enttuschung ein. Ich hatte schon begonnen mit
meinen Erstlingsgedichten aufzurumen und meine Schreiberei berhaupt mit
Mitrauen zu betrachten, als mir durch Zufall ein paar Bnde Gottfried
Keller in die Hnde fielen, die ich sogleich zweimal und dreimal
hintereinander las. Da sah ich in pltzlicher Erkenntnis, wie fern meine
unreifen Trumereien der echten, herben, wahrhaftigen Kunst gewesen waren,
verbrannte meine Gedichte und Novellen und blickte nchtern und traurig mit
peinlichen Katzenjammergefhlen in die Welt.




II.


Um von der Liebe zu reden, -- darin bin ich zeitlebens ein Knabe geblieben.
Fr mich ist die Liebe zu Frauen immer ein reinigendes Anbeten gewesen,
eine steile Flamme meiner Trbe entlodert, Beterhnde zu blauen Himmeln
emporgestreckt. Von der Mutter her und auch aus eigenem, undeutlichem
Gefhl verehrte ich die Frauen insgesamt als ein fremdes, schnes und
rtselhaftes Geschlecht, das uns durch eine angeborene Schnheit und
Einheitlichkeit des Wesens berlegen ist und das wir heilig halten mssen,
weil es gleich Sternen und blauen Berghhen uns ferne ist und Gott nher zu
sein scheint. Da das rauhe Leben seinen reichlichen Senf dazu gab, hat die
Frauenliebe mir soviel Bitteres als Ses eingebracht; zwar blieben die
Frauen auf dem hohen Sockel stehen, mir aber verwandelte sich die
feierliche Rolle des anbetenden Priesters allzuleicht in die
peinlich-komische des genarrten Narren.

Rsi Girtanner begegnete mir fast jeden Tag, wenn ich zu Tische ging. Eine
Jungfer von siebzehn Jahren, fest und biegsam gewachsen. Aus dem schmalen,
brunlich frischen Gesicht sprach die stille beseelte Schnheit, welche
ihre Mutter zur Stunde noch besa und welche vor ihr Ahne und Urahne gehabt
hatte. Aus diesem alten, vornehmen und gesegneten Haus war von Geschlecht
zu Geschlecht eine groe, schmucke Reihe von Frauen ausgegangen, jede still
und vornehm, jede frisch, adlig und von fehlerloser Schnheit. Es gibt von
einem unbekannten Meister ein Mdchenbildnis aus der Familie der Fugger, im
sechzehnten Jahrhundert gemalt und eines der kstlichsten Bilder, die meine
Augen gesehen haben. So hnlich waren die Girtannerschen Frauen und so war
auch Rsi.

Das alles wute ich damals freilich nicht. Ich sah sie nur in ihrer
stillen, heiteren Wrde schreiten und fhlte das Adelige ihres schlichten
Wesens. Dann sa ich Abends nachsinnend in der Dmmerung, bis es mir
gelang, ihre Erscheinung mir klar und gegenwrtig vorzustellen, und dann
lief ein ses heimliches Grausen ber meine knabenhafte Seele. In Blde
kam es aber, da diese Augenblicke der Lust sich trbten und mir bittere
Schmerzen machten. Ich empfand pltzlich, wie fremd sie mir sei, mich nicht
kenne noch mir nachfrage, und da mein schnes Traumbild ein Diebstahl an
ihrem seligen Wesen sei. Und eben wenn ich das so scharf und peinigend
fhlte, sah ich ihr Bild immer fr Augenblicke so wahr und atmend lebendig
vor Augen, da eine dunkle, warme Woge mein Herz berflutete und mir bis in
die fernsten Pulse seltsam wehe tat.

Bei Tage geschah es mitten in einer Lehrstunde oder mitten in einem
heftigen Raufen, da die Woge wiederkam. Dann schlo ich die Augen, lie
die Hnde sinken und fhlte mich in einen lauen Abgrund gleiten, bis mich
der Aufruf des Lehrers oder der Faustschlag eines Kameraden erweckte. Ich
entzog mich, lief ins Freie und staunte mit wunderlicher Trumerei in die
Welt. Nun sah ich pltzlich, wie schn und farbig alles war, wie Licht und
Atem durch alle Dinge flo, wie klargrn der Flu und wie rot die Dcher
und wie blau die Berge waren. Diese mich umgebende Schnheit zerstreute
mich aber nicht, sondern ich geno sie still und traurig. Je schner alles
war, desto fremder schien es mir, der ich keinen Teil daran hatte und
auerhalb stand. Darber fanden meine dumpfen Gedanken den Weg zu Rsi
zurck: Wenn ich in dieser Stunde strbe, sie wrde es nicht wissen, nicht
danach fragen, nicht darber betrbt sein!

Dennoch verlangte mich nicht danach von ihr bemerkt zu werden. Ich htte
gern etwas Unerhrtes fr sie getan oder ihr geschenkt, ohne da sie gewut
htte von wem es kam.

Und ich tat auch vieles fr sie. Es kam eben eine kurze Ferienzeit und ich
ward nach Hause geschickt. Dort leistete ich tglich allerlei Kraftstcke,
alles in meiner Meinung Rsi zu Ehren. Einen schwierigen Gipfel erstieg ich
von der steilsten Seite. Auf dem See machte ich bertriebene Fahrten im
Weidling, groe Entfernungen in knapper Zeit. Nach einer solchen Fahrt, da
ich ausgebrannt und verhungert zurck kam, fiel mir ein, bis zum Abend ohne
Speise und Trank zu bleiben. Alles fr Rsi Girtanner. Ich trug ihren Namen
und Lobpreis auf entlegene Grate und in nie besuchte Klfte.

Zugleich bte dabei meine in der Schulstube verhockte Jugend ihre Lust.
Die Schultern gingen mir mchtig auseinander, Gesicht und Nacken ward braun
und berall dehnten sich und schwollen die Muskeln.

Am vorletzten Ferientag brachte ich meiner Liebe ein mhseliges
Blumenopfer. Zwar wute ich an mehreren verlockenden Hngen auf schmalen
Erdbndern Edelwei stehen, aber diese duft- und farblose, krankhafte
Silberblte war mit stets seelenlos und wenig schn erschienen. Dafr
kannte ich ein paar vereinsamte Alpenrosenbsche, in die Furche einer
khnen Fluh verweht, sptblhend und verlockend schwer zu erreichen. Nun,
es mute gehen. Und da denn der Jugend und Liebe nichts unmglich ist,
gelangte ich mit zerschundenen Hnden und krampfigen Schenkeln schlielich
zum Ziel. Juchezen konnte ich in meiner bangen Lage nicht, aber das Herz
jodelte und lrmte mir vor Lust, als ich vorsichtig die zhen Zweige
durchschnitt und die Beute in den Hnden hielt. Zurck mute ich, die
Blumen im Mund, rcklings klettern und Gott allein wei, wie ich frecher
Knabe heil den Fu der Wand erreichte. Am ganzen Berg war die Blte der
Alpenrosen lang vorber, ich hatte die letzten Zweige des Jahres knospend
und zarterblhend in der Hand.

Andern Tags hielt ich die Blumen whrend der ganzen fnfstndigen Reise in
den Hnden. Anfangs schlug das Herz mir mchtig der Stadt der schnen Rsi
entgegen; je ferner aber das Hochgebirge ward, desto strker zog die
eingeborene Liebe mich zurck. Ich erinnere mich so gut an jene
Eisenbahnfahrt! Der Sennalpstock war schon lange unsichtbar, nun sanken
aber auch die zackigen Vorberge einer um den andern hinab und jeder lste
sich mit feinem Wehgefhl von meinem Herzen. Nun waren alle heimischen
Berge versunken und eine breite, niedere, hellgrne Landschaft drngte sich
hervor. Das hatte mich bei meiner ersten Reise gar nicht berhrt. Diesmal
aber ergriff mich Unruhe, Angst und Trauer, als wre ich verurteilt weiter
in immer flachere Lnder hinein zu fahren und die Berge und das Brgerrecht
der Heimat unwiderbringlich zu verlieren. Zugleich sah ich immer das
schne, schmale Gesicht der Rsi vor mir stehen, so fein und fremd und khl
und meiner unbekmmert, da mir Erbitterung und Schmerz den Atem verhielt.
Vor den Fenstern glitten hintereinander die frohen, sauberen Ortschaften
mit schlanken Trmen und weien Giebeln vorber und Menschen stiegen aus
und ein, redeten, grten, lachten, rauchten und machten Witze, -- lauter
frhliche Unterlnder, gewandte, freimtige und polierte Leute, und ich
schwerer Bursch vom Oberland sa stumm und traurig und verbissen damitten.
Ich fhlte, da ich nicht mehr heimisch war. Ich empfand, da ich den
Bergen fr immer entrissen war und doch nie werden wrde wie ein
Unterlnder, nie so froh, so gewandt, so glatt und sicher. So einer wie
diese wrde sich immer ber mich lustig machen, so einer wrde die
Girtanner einmal heiraten und so einer wrde mir immer im Weg und um einen
Schritt voraus sein.

Solche Gedanken brachte ich mit zur Stadt. Dort stieg ich nach der ersten
Begrung auf den Dachboden, ffnete meine Kiste und entnahm ihr einen
groen Bogen Papier. Es war nicht vom feinsten und als ich meine Alpenrosen
darein gewickelt und das Paket mit einem extra von Hause mitgebrachten
Bindfaden verschnrt hatte, sah es gar nicht wie eine Liebesgabe aus.
Ernsthaft trug ich es in die Strae, wo der Advokat Girtanner wohnte, und
im ersten gnstigen Augenblick trat ich durchs offene Tor, sah mich in der
abendlich halblichten Hausflur ein wenig um und legte mein unfrmliches
Bndel auf der breiten, herrschaftlichen Treppe ab.

Niemand sah mich und ich erfuhr nie, ob Rsi meinen Gru zu sehen bekommen
habe. Aber ich war an Flhen geklettert und hatte mein Leben gewagt, um
einen Zweig Rosen auf die Treppe ihres Hauses zu legen, und darin lag etwas
Ses, Traurigfrohes, Poetisches, das mir wohltat und das ich noch heut
empfinde. Nur in gottlosen Stunden scheint es mir zuweilen, als sei jenes
Rosenabenteuer so gut wie alle meine spteren Liebesgeschichten eine
Donquichotterie gewesen.

Diese meine erste Liebe fand nie einen Abschlu, sondern verklang fragend
und unerlst in meine Jugendjahre und lief neben meinen spteren
Verliebtheiten wie eine stille ltere Schwester mit. Immer noch kann ich
mir nichts nobleres, reineres und schneres vorstellen als jene junge,
wohlgeborene und stillblickende Patrizierin. Und als ich manche Jahre
spter auf einer historischen Ausstellung in Mnchen jenes namenlose,
rtselhaft liebliche Bildnis der Fuggertochter sah, erschien mir, es stehe
meine ganze schwrmerische, traurige Jugend vor mir und schaue mich aus
unergrndlichen Augen tief und verloren an.

Indessen hutete ich mich langsam und bedchtig und ward allmhlich
vollends zum Jngling. Meine damals angefertigte Photographie zeigt einen
knochigen, hochgewachsenen Bauernbuben in schlechten Schlerkleidern, mit
etwas matten Augen und unfertigen, lmmelhaften Gliedmaen. Nur der Kopf
hat etwas Frhfertiges und Festes. Mit einer Art von Erstaunen sah ich mich
die Manieren der Knabenzeit ablegen und erwartete mit dunkler Vorfreude die
Studentenzeit.

Ich sollte in Zrich studieren und fr den Fall besonderer Leistungen
hatten meine Gnner die Mglichkeit einer Studienreise erwhnt. All das
erschien mir wie ein schnes, klassisches Bild: Eine ernst freundliche
Laube mit den Bsten Homers und Platos, ich darin sitzend ber Folianten
gebckt, und auf allen Seiten ein weiter, klarer Blick auf Stadt, See,
Berge und schne Fernen. Mein Wesen war nchterner und doch schwungvoller
geworden und ich freute mich des zuknftigen Glckes mit der festen
Zuversicht seiner wrdig befunden zu werden.

Im letzten Schuljahr fesselte mich das Studium des Italienischen und die
erste Bekanntschaft mit den alten Novellisten, deren grndlicheres
Kennenlernen ich mir als erste Liebhaberarbeit fr die Zrcher Semester
vorbehielt. Dann kam der Tag, da ich meinen Lehrern und dem Hausvater Adieu
sagte, meine kleine Kiste packte und vernagelte und mit wohliger Wehmut
abschiednehmend um das Haus der Rsi strich.

Die Ferienzeit, die nun folgte, gab mir einen bitteren Vorschmack vom Leben
und zerri mir die schnen Traumflgel schnell und rauh. Zunchst fand ich
die Mutter krank. Sie lag zu Bett, redete fast gar nichts und machte auch
von meinem Kommen kein Aufhebens. Wehleidig war ich nicht, aber es
schmerzte mich doch, meiner Freude und meinem jungen Stolz gar kein Echo zu
finden. Alsdann erklrte mir mein Vater, da er zwar nichts dagegen habe,
wenn ich nun studieren wolle, da er aber nicht vermge mir Geld dazu zu
geben. Wenn das kleine Stipendium nicht reiche, msse ich eben sehen mir
das Ntige zu verdienen. In meinem Alter habe er schon lngst eigenes Brot
gegessen u. s. w.

Auch mit Wandern, Rudern und Bergsteigen war es diesmal nicht viel, denn
ich mute in Haus und Feld mitarbeiten und an den freien halben Tagen hatte
ich zu nichts Lust, nicht einmal zum Lesen. Es emprte und ermdete mich zu
sehen, wie das gemeine tgliche Leben breitmulig sein Recht forderte und
alles fra, was ich von berflu und bermut mitgebracht hatte. brigens
war mein Vater, als er die Geldfrage einmal vom Herzen hatte, nach seiner
Art zwar rauh und kurz, aber nicht unfreundlich gegen mich, doch hatte ich
keine Freude daran. Auch da meine Schulbildung und meine Bcher ihm einen
stillen, halbverchtlichen Respekt einflten, strte mich und tat mir
leid. Und dann dachte ich auch oft an Rsi und hatte wieder das bse,
rechthaberische Gefhl meines bauernhaften Unvermgens, je in der Welt
einen sicheren und beweglichen Mann abzugeben. Ich besann mich sogar
tagelang, ob es nicht besser sei dazubleiben und mein Latein und meine
Hoffnungen im zhen, trben Zwang des armseligen heimischen Lebens zu
vergessen. Geqult und verdrossen ging ich umher und fand auch am Bett der
kranken Mutter nicht Trost noch Ruhe. Das Bild jener Traumlaube mit der
Homerbste erschien hhnisch wieder und ich zerstrte es und go allen
Grimm und alle Feindseligkeit meines zerplagten Wesens darber. Die Wochen
wurden unausstehlich lang, als sollte ich an diese hoffnungslose Zeit des
rgers und Zwiespalts meine ganze Jugend verlieren.

War ich erstaunt und emprt gewesen, das Leben meine glckliche Trumerei
so rasch und grndlich zerstren zu sehen, so kam ich nun in die Lage zu
erstaunen, wie pltzlich und mchtig auch der jetzigen Qulerei ein
berwinder erwuchs. Das Leben hatte mir seine graue Werktagsseite gezeigt,
nun trat es pltzlich mit seinen ewigen Tiefen vor mein befangenes Auge und
belud meine Jugend mit einer schlichten, mchtigen Erfahrung.

Frh am Morgen eines heien Sommertags litt ich im Bette Durst und stand
auf, um in die Kche zu gehen, wo stets eine Kufe frischen Wassers stand.
Dabei mute ich durchs Schlafzimmer der Eltern gehen, wo mir das sonderbare
Sthnen der Mutter auffiel. Ich trat an ihr Bett, doch sah sie mich nicht
und gab keine Antwort, sondern sthnte trocken und angstvoll vor sich hin,
zuckte mit den Lidern und war blulich bla im Gesicht. Dies erschreckte
mich nicht sonderlich, obwohl mir etwas ngstlich wurde. Aber dann sah ich
ihre beiden Hnde auf den Laken liegen, still und wie schlafende
Geschwister. An diesen Hnden sah ich, da meine Mutter im Sterben lag,
denn sie waren schon so seltsam todmde und willenlos, wie sie kein
Lebender hat. Ich verga meinen Durst, kniete neben dem Lager nieder, legte
der Kranken die Hand auf die Stirn und suchte ihren Blick. Da er mich traf,
war er gut und ohne Qual, aber nahe am Erlschen. Es fiel mir nicht ein,
da ich den Vater wecken msse, der nebenan mit hartem Atmen schlief. So
kniete ich denn nahezu zwei Stunden und sah meine Mutter den Tod erleiden.
Sie litt ihn stille, ernst und tapfer, wie es ihrer Art zukam, und hat mir
ein gutes Vorbild gegeben.

Das Stblein war stille und fllte sich langsam mit der Helle des
heraufsteigenden Morgens; Haus und Dorf lag schlafend und ich hatte Mue,
in Gedanken die Seele eines Sterbenden zu begleiten, ber Haus und Dorf und
See und Schneegipfel hinweg in die khle Freiheit eines reinen
Frhmorgenhimmels hinein. Schmerz fhlte ich wenig, denn ich war voll
Staunen und Ehrfurcht zusehen zu drfen, wie ein groes Rtsel sich lste
und wie der Ring eines Lebens sich mit leisem Erzittern schlo. Auch war
die klaglose Tapferkeit der Scheidenden so erhaben, da von ihrer herben
Glorie ein khlend klarer Strahl auch in meine Seele fiel. Da der Vater
daneben schlief, da kein Priester da war, da weder Sakrament noch Gebet
die heimkehrende Seele heiligend begleitete, empfand ich nicht. Ich sprte
nur einen schauernden Hauch der Ewigkeit durch die dmmernde Stube fluten
und sich mit meinem Wesen vermischen.

Im letzten Augenblick, die Augen waren schon erloschen, kte ich zum
ersten mal in meinem Leben meiner Mutter khlen, welken Mund. Dann berlief
die fremde Khle der Berhrung mich mit pltzlichem Grausen, ich setzte
mich auf den Rand des Bettes und fhlte, da mir langsam und zgernd eine
groe Trne um die andere ber Wangen, Kinn und Hnde lief.

Bald darauf erwachte der Vater, sah mich dasitzen und rief mich
schlaftrunken an, was es gbe. Ich wollte ihm Antwort geben, konnte aber
nichts sagen, sondern ging aus der Stube, kam wie im Traum in meine Kammer
und zog langsam und unbewut meine Kleider an. Bald erschien der Alte bei
mir.

Die Mutter ist tot, sagte er. Hast du's gewut?

Ich nickte.

Warum hast du mich schlafen lassen? Und kein Priester ist dagewesen! Dich
soll doch -- er tat einen schweren Fluch.

Da tat irgend etwas in meinem Kopf mir weh, wie wenn eine Ader gesprungen
wre. Ich trat auf ihn zu und nahm ihn fest bei beiden Hnden -- er war an
Strke ein Knabe gegen mich, und sah ihm ins Gesicht. Sagen konnte ich
nichts, aber er ward still und beklommen und als wir darauf beide zur
Mutter hinber gingen, ergriff auch ihn die Gewalt des Todes und machte
sein Gesicht fremd und feierlich. Dann bckte er sich ber die Tote und
begann ganz leise und kindlich zu klagen, fast wie ein Vogel, in hohen
schwachen Tnen. Ich ging weg und brachte den Nachbarn die Nachricht. Sie
hrten mich an, stellten keine Fragen, sondern gaben mir die Hand und boten
unsrem verwaisten Haushalt ihre Hilfe an. Einer lief den Weg ins Kloster,
um einen Pater zu holen, und da ich heimkehrte, war schon eine Nachbarin in
unsrem Stall und versorgte die Kuh.

Der Hochwrdige kam, und fast alle Frauen des Orts kamen, alles geschah
pnktlich und richtig wie von selber, sogar der Sarg ward ohne unser Zutun
besorgt und ich konnte zum erstenmal deutlich sehen, wie gut es in schweren
Lagen ist, heimisch zu sein und einer kleinen, sicheren Gemeinschaft
anzugehren. Am andern Tage htte ich mir das vielleicht noch tiefer
berlegen sollen

Als nmlich der Sarg gesegnet und versenkt und die wunderliche Schar
wehmtig altmodischer, borstiger Cylinderhte verschwunden war, auch der
meines Alten, jeder in seine Schachtel und seinen Schrank, da wandelte
meinen armen Vater eine Schwche an. Er begann pltzlich sich selbst zu
bemitleiden und hielt mir in sonderbaren, groenteils biblischen
Redewendungen sein Elend vor, da er nun, da sein Weib begraben sei, auch
noch seinen Sohn verlieren und in die Fremde fahren sehen msse. Es nahm
kein Ende, ich hrte erschrocken zu und war beinahe bereit, ihm das
Dableiben zu versprechen.

In diesem Augenblick, ich hatte schon zur Antwort angesetzt, geschah mir
etwas Merkwrdiges. Es erschien mir pltzlich, in einer einzigen Sekunde,
alles das, was ich von klein auf gedacht und erwnscht und sehnlich erhofft
hatte, zusammengedrngt vor einem pltzlich aufgetanen innerlichen Auge.
Ich sah groe, schne Arbeiten auf mich warten, zu lesende Bcher und zu
schreibende Bcher. Ich hrte den Fhn gehen und sah ferne, selige Seeen
und Ufer in sdlichen Farben erglnzend liegen. Ich sah Menschen mit
klugen, geistigen Gesichtern wandeln und schne, feine Frauen, sah Straen
laufen und Psse ber Alpen fhren und Eisenbahnen durch Lnder hasten,
alles zugleich und jedes doch fr sich und deutlich, und hinter allem die
unbegrenzte Ferne eines klaren Horizontes, von treibenden Flugwolken
durchschnitten. Lernen, schaffen, schauen, wandern -- die ganze Flle des
Lebens glnzte in flchtigem Silberblick vor meinem Auge auf, und wieder
wie in Knabenzeiten zitterte etwas in mir mit unbewut mchtigem Zwang der
groen Weite der Welt entgegen.

Ich schwieg und lie den Vater reden, schttelte nur den Kopf und wartete,
bis sein Ungestm ermdete. Das geschah erst am Abend. Nun erklrte ich ihm
meinen festen Entschlu zu studieren und meine knftige Heimat im Reich des
Geistes zu suchen, von ihm aber keine Untersttzungen zu begehren. Er drang
denn auch nicht weiter in mich und sah mich nur wehleidig und
kopfschttelnd an. Denn auch er begriff, da ich von jetzt an eigene Wege
gehen und seinem Leben schnell vollends fremd werden wrde. Als ich heute
beim Schreiben mich des Tages erinnerte, sah ich meinen Vater wieder so wie
er an jenem Abend im Stuhl beim Fenster sa. Sein scharfer, kluger
Bauernkopf steht unbeweglich auf dem dnnen Hals, das kurze Haar beginnt zu
grauen und in den harten, strengen Zgen kmpft mit der zhen Mnnlichkeit
das Leid und das hereinbrechende Alter.

Von ihm und von meinem damaligen Aufenthalt unter seinem Dach bleibt mir
noch ein kleines, nicht unwichtiges Ereignis zu erzhlen. In der letzten
Woche vor meiner Abreise setzte eines Abends mein Vater seine Mtze auf und
nahm den Trgriff in die Hand. Wo gehst du hin? fragte ich. Geht's dich
was an? sagte er. Knntest mir's auch sagen, wenn's nichts Unrechtes
ist, meinte ich. Da lachte er und rief: Kannst auch mitkommen, bist ja
keiner von den Kleinsten mehr. So ging ich denn mit. Ins Wirtshaus. Ein
paar Bauern saen da vor einem Krug Hallauer, zwei fremde Fuhrleute tranken
Absinth, ein Tisch voll junger Burschen spielte Ja und spektakelte
mchtig.

Ich war gewohnt zuweilen ein Glas Wein zu trinken, doch war es nun zum
ersten Mal da ich ohne Not ein Schankhaus betrat. Da mein Vater ein
gediegener Zecher sei, wute ich vom Hrensagen. Er trank viel und gut und
dadurch blieb sein Hauswesen, ohne da er es sonst ernstlich vernachlssigt
htte, immer in einer hoffnungslosen Kmmerlichkeit stecken. Es fiel mir
auf, wie viel Achtung ihm von Wirt und Gsten gezeigt wurde. Er lie einen
Liter Waadtlnder bringen, hie mich einschenken und belehrte mich darber,
wie das zu machen sei. Man msse niedrig einschenken, dann den Strahl mig
verlngern und zum Schlu die Flasche wieder so tief als mglich senken.
Darauf begann er von verschiedenen Weinen zu erzhlen, die er kannte und
die er bei seltenen Gelegenheiten, wenn er etwa einmal zur Stadt oder ins
Welsche hinber kam, zu genieen pflegte. Er sprach mit ernster Achtung vom
tiefroten Veltliner, von welchem er drei Arten unterschied. Hierauf kam er
mit leiserer, eindringender Stimme auf gewisse Waadtlnder Flaschenweine zu
sprechen. Fast flsternd und mit der Miene eines Mrchenerzhlers
berichtete er zuletzt vom Wein von Neuchtel. Von diesem gbe es Jahrgnge,
deren Schaum beim Einschenken im Glase einen Stern bilde. Und er zeichnete
den Stern mit angefeuchtetem Zeigefinger auf den Tisch. Dann versank er in
ungeheuerliche Mutmaungen ber das Wesen und den Geschmack des
Champagners, den er nie getrunken hatte und von welchem er glaubte, da
eine Flasche davon zwei Mann stocksternhagelbetrunken mache.

Verstummend und nachdenklich zndete er sich eine Pfeife an. Dabei bemerkte
er, da ich nichts zu rauchen habe, und gab mir zehn Rappen fr Cigarren.
Und dann saen wir einander gegenber, bliesen uns den Rauch ins Gesicht
und tranken langsam schlrfend den ersten Liter leer. Der gelbe, pikante
Waadtlnder schmeckte mir vorzglich. Allmhlich wagten die Bauern am
Nebentisch sich mit ins Gesprch und schlielich siedelte einer nach dem
andern ruspernd und vorsichtig zu uns ber. Bald kam auch ich in den
Mittelpunkt und es zeigte sich, da mein Ruf als Bergsteiger noch nicht
vergessen war. Allerlei verwegene Aufstiege und tolle Abstrze, in
mythische Nebel gehllt, wurden erzhlt, bestritten und verteidigt.
Mittlerweile waren wir schon fast mit dem zweiten Liter fertig und mir
sauste das Blut in den Augen. Ganz gegen meine Natur begann ich laut zu
prahlen und erzhlte auch die freche Kletterei an der oberen
Sennalpstockwand, wo ich die Alpenrosen fr Rsi Girtanner geholt hatte.
Man glaubte mir nicht, ich beteuerte, man lachte, ich ward zornig. Ich
forderte jeden der mir nicht glaubte, zum Ringen heraus und lie merken,
da ich zur Not sie alle miteinander zu zwingen denke. Da ging ein altes,
krummes Buerlein in die Kredenz, brachte einen groen Steingutkrug und
legte ihn der Lnge nach auf den Tisch.

Ich will dir was sagen, lachte er. Wenn du so stark bist, so hau den
Krug mit der Faust zusammen. Dann zahlen wir dir so viel Wein, als er fat.
Wenn du es nicht kannst, zahlst aber du den Wein.

Mein Vater stimmte sogleich zu. Also stand ich auf, wickelte mein
Taschentuch um die Hand und schlug. Die zwei ersten Schlge taten keine
Wirkung. Beim dritten ging der Krug in Stcke. Zahlen! rief mein Vater
und glnzte vor Wonne, der Alte schien einverstanden. Gut, sagte er, ich
zahl' Wein, soviel in den Krug geht. Wird aber nimmer viel sein. Freilich
fate der Scherben keinen Schoppen mehr und ich hatte zum Schmerz im Arm
noch den Spott. Auch mein Vater lachte mich jetzt aus.

Nun, so hast du gewonnen, schrie ich, schenkte den Scherben aus unsrer
Flasche voll und go ihn dem Alten ber den Kopf. Nun waren wir wieder die
Sieger und hatten den Beifall der Gste.

Derlei starke Scherze wurden noch mehr getrieben. Dann schleppte mein Vater
mich nach Hause und wir polterten aufgeregt und unwirsch durch die Stube,
in welcher vor noch nicht drei Wochen der Sarg der Mutter gestanden hatte.
Ich schlief wie ein Toter und war am Morgen ganz verwstet und zerbrochen.
Der Vater spottete, war munter und heiter und freute sich sichtlich seiner
berlegenheit. Ich aber schwor im stillen, nie mehr zu zechen, und wartete
sehnlichst auf den Tag der Abreise.

Der Tag kam und ich reiste ab, den Schwur aber habe ich nicht gehalten. Der
gelbe Waadtlnder, der tiefrote Veltliner, der Neuenburger Sternwein und
viele andere Weine sind mir seither bekannt und gute Freunde geworden.




III.


Aus der nchternen und drckenden Luft der Heimat herausgekommen, tat ich
groe Flgelschlge der Wonne und Freiheit. Wenn ich sonst im Leben je und
je zu kurz gekommen bin, so habe ich doch die absonderliche, schwrmerische
Lust der Jugendzeit reich und rein genossen. Gleich einem jungen Krieger,
der am blhenden Waldrand rastet, lebte ich in seliger Unruhe zwischen
Kampf und Getndel; und wie ein ahnungsvoller Seher stand ich an dunkeln
Abgrnden, dem Brausen groer Strme und Strme lauschend und die Seele
gerstet den Zusammenklang der Dinge und die Harmonie alles Lebens zu
vernehmen. Tief und beglckt trank ich aus den vollen Bechern der Jugend,
litt in der Stille se Leiden um schne, scheu verehrte Frauen und kostete
das edelste Jugendglck einer mnnlich frohen, reinen Freundschaft bis zum
Grunde.

In einem neuen Bukskinanzug und mit einer kleinen Kiste voll Bcher und
sonstiger Habe kam ich angefahren, bereit mir ein Stck Welt zu erobern und
so bald als mglich den Rauhbeinen daheim zu beweisen, da ich aus einem
anderen Holze als die brigen Camenzinde geschnitten sei. Drei wundervolle
Jahre wohnte ich in derselben weithinblickenden, windigen Mansarde, lernte,
dichtete, sehnte mich und fhlte alle Schnheit der Erde mich mit warmer
Nhe umgeben. Nicht jeden Tag hatte ich etwas Warmes zu essen, aber jeden
Tag und jede Nacht und jede Stunde sang und lachte und weinte mir das Herz,
einer starken Freude voll, und hielt das liebe Leben hei und sehnlich an
sich gedrckt.

Zrich war die erste groe Stadt, die ich grner Peter zu sehen bekam, und
ein paar Wochen lang machte ich bestndig groe Augen. Das stdtische Leben
aufrichtig zu bewundern oder zu beneiden, fiel mir zwar nicht ein -- darin
war ich eben ein Bauer; aber ich hatte Freude an dem Vielerlei der Straen,
Huser und Menschen. Ich beschaute die von Wagen belebten Gassen, die
Schifflnde, Pltze, Grten, Prunkbauten und Kirchen; ich sah fleiige
Leute in Scharen zur Arbeit laufen, sah Studenten bummeln, Vornehme
ausfahren, Gecken sich brsten, Fremde umherschlendern. Die modisch
eleganten, hoffrtigen Weiber der Reichen kamen mir wie Pfauen im
Hhnerhofe vor, hbsch, stolz und ein wenig lcherlich. Schchtern war ich
eigentlich nicht, nur steif und trotzig, und ich zweifelte nicht, da ich
ganz der Kerl dazu sei, dies rege Leben der Stdte grndlich kennen zu
lernen und spter selber einmal meinen sicheren Platz darin zu finden.

Die Jugend traf mich an in der Gestalt eines schnen, jungen Menschen, der
in derselben Stadt studierte und im ersten Stockwerk meines Hauses zwei
hbsche Zimmer gemietet hatte. Jeden Tag hrte ich ihn unten Klavier
spielen und sprte dabei zum erstenmal etwas vom Zauber der Musik, der
weiblichsten und sesten Kunst. Dann sah ich den hbschen Jungen das Haus
verlassen, ein Buch oder Notenheft in der Linken, in der Rechten die
Cigarette, deren Rauch hinter seinem biegsam schlanken Gang verwirbelte.
Mich zog eine scheue Liebe zu ihm hin, doch blieb ich abgesondert und
frchtete mich mit einem Menschen Umgang zu haben, neben dessen leichtem,
freiem und wohlhabendem Wesen meine Armut und mein Mangel an Lebensart mich
nur demtigen wrde. Da kam er selber zu mir. Eines Abends klopfte es an
meiner Tr und ich erschrak ein wenig; denn ich hatte noch nie Besuch bei
mir gesehen. Der schne Student trat ein, gab mir die Hand, nannte seinen
Namen und tat so frei und frhlich, als wren wir alte Bekannte.

Ich wollte fragen ob Sie nicht Lust htten ein wenig mit mir zu
musizieren, sagte er freundlich. Aber ich hatte in meinem Leben nie ein
Instrument berhrt. Ich sagte ihm das und fgte hinzu, da ich auer Jodeln
keinerlei Knste verstehe, doch habe mir sein Klavierspiel oft schn und
verlockend heraufgeklungen.

Wie man sich tuschen kann! rief er lustig. Ihrem ueren nach htte ich
geschworen, Sie seien Musiker. Merkwrdig! Aber Sie knnen jodeln? O bitte,
jodeln Sie doch einmal! Ich hre es ums Leben gern.

Ich war ganz bestrzt und erklrte ihm, da ich so auf Verlangen und in der
Stube drin durchaus nicht jodeln knne. Das msse auf einem Berge oder
mindestens im Freien und ganz aus eigener Lust geschehen.

Dann jodeln Sie also auf einem Berge! Vielleicht morgen? Ich bitte Sie
sehr darum. Wir knnten etwa gegen Abend miteinander ausfliegen. Wir
bummeln und plaudern ein wenig, droben jodeln Sie dann, und nachher essen
wir in irgend einem Dorf zu Nacht. Sie haben doch Zeit?

O ja, Zeit genug. Ich sagte eilig zu. Und dann bat ich ihn, mir etwas
vorzuspielen, und stieg mit ihm in seine schne, groe Wohnung hinunter.
Ein paar modern eingerahmte Bilder, das Klavier, eine gewisse zierliche
Unordnung und ein feiner Cigarettenduft erzeugten in dem hbschen Raum eine
Art von freier und behaglicher Eleganz und wohnlicher Stimmung, die mir
ganz neu war. Richard setzte sich ans Klavier und spielte ein paar Takte.

Sie kennen das, nicht wahr? nickte er herber und sah prachtvoll aus, wie
er so vom Spielen weg den hbschen Kopf herberbog und mich glnzend ansah.

Nein, sagte ich, ich kenne nichts.

Es ist Wagner, rief er zurck, aus den Meistersingern, und spielte
weiter. Es klang leicht und krftig, sehnschtig und heiter, und umflo
mich wie ein laues, erregendes Bad. Zugleich betrachtete ich mit heimlicher
Lust den schlanken Nacken und Rcken des Spielers und seine weien
Musikerhnde, und dabei berlief mich dasselbe scheue und bewundernde
Gefhl von Zrtlichkeit und Achtung, mit dem ich frher jenen
dunkelhaarigen Schler betrachtet hatte, zusammen mit der schchternen
Ahnung, dieser schne vornehme Mensch wrde vielleicht wirklich mein Freund
werden und meine alten, nicht vergessenen Wnsche nach einer solchen
Freundschaft wahr machen.

Tags darauf holte ich ihn ab. Langsam und plaudernd erstiegen wir einen
migen Hgel, berschauten Stadt, See und Grten und genossen die satte
Schnheit des Vorabends.

Und nun jodeln Sie! rief Richard. Wenn Sie sich immer noch genieren, so
drehen Sie mir den Rcken zu. Aber bitte, laut!

Er konnte zufrieden sein. Ich jodelte wtend und frohlockend in die rosige
Abendweite hinein, in allen Tonarten und Brechungen. Als ich aufhrte,
wollte er etwas sagen, hielt aber sogleich wieder inne und deutete horchend
gegen die Berge. Von einer fernen Hhe her kam Antwort, leise, langgezogen
und schwellend, der Gru eines Hirten oder Wanderers, und wir hrten still
und freudig zu. Whrend dieses gemeinsamen Stehens und Lauschens berrann
mich mit kstlichem Schauer die Empfindung, zum erstenmal neben einem
Freunde zu stehen und so zu zweien in schne, rosig verwlkte Lebensweiten
zu blicken. Der abendliche See begann sein weiches Farbenspiel und kurz vor
Sonnenuntergang sah ich aus zerflieendem Gednste ein paar trotzige, frech
gezackte Alpengipfel hervortreten.

Dort ist meine Heimat, sagte ich. Die mittlere Schroffe ist die rote
Fluh, rechts das Geishorn, links und weiter entfernt der runde
Sennalpstock. Ich war zehn Jahr und drei Wochen alt, als ich zum erstenmal
auf dieser breiten Kuppe stand.

Ich strengte die Augen an, um etwa noch einen der sdlicheren Gipfel zu
ersphen. Nach einer Weile sagte Richard etwas, das ich nicht verstand.

Was sagten Sie? fragte ich.

Ich sage, da ich nun wei, welche Kunst Sie treiben.

Welche denn?

Sie sind Dichter.

Da wurde ich rot und rgerlich und war zugleich erstaunt, wie er das
erraten habe.

Nein, rief ich, ein Dichter bin ich nicht. Ich habe zwar auf der Schule
Verse gemacht, aber nun schon lang keine mehr.

Darf ich die einmal sehen?

Sie sind verbrannt. Aber Sie drften sie doch nicht sehen, auch wenn ich
sie noch htte.

Es waren gewi sehr moderne Sachen, mit viel Nietzsche drin?

Was ist das?

Nietzsche? Ja groer Gott, kennen Sie den nicht?

Nein. Woher soll ich ihn kennen?

Nun war er entzckt, da ich Nietzsche nicht kannte. Ich aber wurde
rgerlich und fragte, ber wieviel Gletscher er schon gegangen sei. Als er
sagte ber keinen, tat ich darber ebenso spttisch erstaunt wie er vorher
ber mich. Da legte er mir die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst: Sie
sind empfindlich. Aber Sie wissen ja selber gar nicht, was fr ein
beneidenswert unverdorbener Mensch Sie sind und wie wenig solche es gibt.
Sehen Sie, in einem Jahr oder zwei werden Sie Nietzsche und all den Kram ja
auch kennen, viel besser als ich, da Sie grndlicher und gescheiter sind.
Aber gerade so, wie Sie jetzt sind, hab ich Sie gern. Sie kennen Nietzsche
nicht und Wagner nicht, aber Sie sind viel auf Schneebergen gewesen und
haben so ein tchtiges Oberlndergesicht. Und ganz gewi sind Sie auch ein
Dichter. Ich kann das am Blick und an der Stirn sehen.

Auch das, da er so freimtig und ungeniert mich betrachtete und seine
Meinung herausplauderte, erstaunte mich und kam mir ungewhnlich vor.

Noch viel erstaunter und glcklicher war ich aber, als er acht Tage spter
in einem vielbesuchten Biergarten Brderschaft mit mir schlo, vor allen
Leuten aufsprang, mich kte und umfate und mit mir wie verrckt um den
Tisch herum tanzte.

Was werden die Leute denken! warnte ich ihn schchtern.

Sie werden denken: die zwei sind auerordentlich glcklich oder ganz
auerordentlich besoffen; die meisten aber werden gar nichts denken.

berhaupt schien Richard mir oft, obwohl er lter, klger, besser erzogen
und in allem beschlagener und raffinierter war als ich, doch im Vergleich
mit mir das reine Kind zu sein. Auf der Strae machte er halbwchsigen
Schulmdchen feierlich-spttisch den Hof, die ernsthaftesten Klavierstcke
unterbrach er unerwartet mit vllig kindischen Witzen, und als wir einmal
Spaes halber in eine Kirche gegangen waren, sagte er pltzlich mitten
whrend der Predigt nachdenklich und wichtig zu mir: Du, findest du nicht,
der Pfarrer sieht aus wie ein Kaninchengreis? Der Vergleich traf zu, ich
fand aber, er htte mir das auch nachher mitteilen knnen, und sagte ihm
das.

Wenn es doch richtig war! schmollte er. Bis nachher htte ich es
wahrscheinlich wieder vergessen.

Da seine Witze keineswegs immer geistreich waren, hufig sogar nur auf das
Citieren eines Buschverses hinausliefen, strte weder mich noch andere,
denn was wir an ihm liebten und bewunderten, war nicht Witz und Geist,
sondern die unbezwingliche Heiterkeit seines lichten, kindlichen Wesens,
welche jeden Augenblick hervorbrach und ihn mit einer leichten, frhlichen
Atmosphre umgab. Sie konnte sich in einer Geberde, in einem leisen Lachen,
in einem fidelen Blicke uern, aber lange sich verbergen konnte sie nicht.
Ich bin berzeugt, da er auch im Schlaf zuweilen lachen oder eine Geste
der Heiterkeit machen mute.

Richard brachte mich hufig mit andern jungen Leuten zusammen, Studenten,
Musikanten, Malern, Literaten, allerlei Auslndern, denn was an
interessanten, kunstliebenden und aparten Personen in der Stadt herumlief,
geriet in seinen Umgang. Es waren manche ernste und heftig ringende Geister
dabei, Philosophen, sthetiker und Sozialisten, und von vielen konnte ich
ein gutes Stck lernen. Kenntnisse aus den verschiedensten Gebieten flogen
mir stckweise an, ich ergnzte und las viel nebenher, und so gewann ich
allmhlich eine gewisse Vorstellung von dem, was die regsamsten Kpfe der
Zeit plagte und bannte, und bekam einen wohlttig anspornenden Einblick in
die geistige Internationale. Ihre Wnsche, Ahnungen, Arbeiten und Ideale
waren mir anziehend und verstndlich, ohne da ein starker eigener Trieb
mich gentigt htte, fr oder wider mitzustreiten. Bei den meisten fand ich
alle Energie des Gedankens und der Leidenschaft auf Zustnde und
Einrichtungen der Gesellschaft, des Staates, der Wissenschaften, der
Knste, der Lehrmethoden gerichtet, die wenigsten aber schienen mir das
Bedrfnis zu kennen, ohne ueren Zweck an sich selber zu bauen und ihr
persnliches Verhltnis zur Zeit und Ewigkeit zu klren. Auch in mir selber
lag dieser Trieb noch zumeist im Halbschlummer.

Freundschaften schlo ich keine mehr, da ich Richard ausschlielich und mit
Eifersucht liebte. Auch den Frauen, mit denen er viel und vertraut umging,
suchte ich ihn zu entziehen. Die kleinsten mit ihm getroffenen
Verabredungen hielt ich peinlich genau und war empfindlich, wenn er mich
warten lie. Einmal bat er mich, ihn zu einer bestimmten Stunde zum Rudern
abzuholen. Ich kam, fand ihn aber nicht zuhause und wartete drei Stunden
vergebens auf sein Kommen. Tags darauf warf ich ihm seine Nachlssigkeit
heftig vor.

Warum bist du denn nicht einfach allein rudern gegangen? lachte er
verwundert. Ich hatte die Sache ganz vergessen; das ist doch schlielich
kein Unglck.

Ich bin gewohnt mein Wort pnktlich zu halten, antwortete ich heftig.
Aber freilich bin ich auch daran gewhnt, da du dir wenig daraus machst,
mich irgendwo auf dich warten zu wissen. Wenn man so viele Freunde hat wie
du!

Er sah mich mit malosem Erstaunen an.

Ja, so ernst nimmst du jede Bagatelle?

Meine Freundschaft ist mir keine Bagatelle.

   Dies Wort drang ihm in die Natur,
   So da er schleunigst Bessrung schwur,

zitierte Richard feierlich, fate mich um den Kopf, rieb nach
orientalischem Liebesbrauch seine Nasenspitze an der meinen und liebkoste
mich, bis ich rgerlich lachend mich ihm entzog; die Freundschaft aber war
wieder heil.

In meiner Mansarde lagen in entlehnten, oft kostbaren Bnden die modernen
Philosophen, Dichter und Kritiker, literarische Revuen aus Deutschland und
Frankreich, neue Theaterstcke, Pariser Feuilletons und Wiener
Modestheten. Ernster und liebevoller als mit diesen rasch gelesenen Sachen
beschftigte ich mich mit meinen altitalienischen Novellisten und mit
historischen Studien. Mein Wunsch war, baldmglichst die Philologie
beiseite zu legen und einzig Geschichte zu studieren. Neben Werken ber
Gesamtgeschichte und historische Methode las ich namentlich Quellen und
Monographieen ber die Zeit des Sptmittelalters in Italien und Frankreich.
Dabei lernte ich zum erstenmal meinen Liebling unter den Menschen, Franz
von Assisi, den seligsten und gttlichsten aller Heiligen, genauer kennen.
Und so ward mein Traum, in dem ich die Flle des Lebens und Geistes vor mir
erffnet gesehen hatte, tglich wahr und erwrmte mir das Herz mit Ehrgeiz,
Freude und Jugendeitelkeit. Im Hrsaal nahm mich die ernste, etwas herbe
und gelegentlich etwas langweilige Wissenschaft in Anspruch. Zuhause kehrte
ich bei den heimelig frommen oder schauerlichen Geschichten des
Mittelalters oder bei den behaglichen alten Novellisten ein, deren schne
und wohlige Welt mich wie ein schattiger, dmmernder Mrchenwinkel
umschlo, oder ich fhlte die wilde Woge moderner Ideale und Leidenschaften
ber mich weg rollen. Dazwischen hrte ich Musik, lachte mit Richard, nahm
an den Zusammenknften seiner Freunde Teil, verkehrte mit Franzosen,
Deutschen, Russen, hrte sonderbare moderne Bcher vorlesen, trat da und
dort in die Ateliers der Maler oder wohnte Abendgesellschaften bei, in
denen eine Menge aufgeregter und unklarer junger Geister erschien und mich
wie ein phantastischer Karneval umgab.

Eines Sonntags besuchte Richard mit mir eine kleine Ausstellung neuer
Gemlde. Mein Freund blieb vor einem Bilde stehen, das eine Alp mit ein
paar Ziegen vorstellte. Es war fleiig und nett gemalt, aber ein wenig
altmodisch und eigentlich ohne rechten knstlerischen Kern. Man sieht in
jedem beliebigen Salon genug solche hbsche, wenig bedeutende Bildchen.
Immerhin erfreute es mich als eine ziemlich treue Darstellung der
heimatlichen Almen. Ich fragte Richard, was ihn denn an dem Bildchen
anziehe.

Das hier, sagte er und deutete auf den Malernamen in der Ecke. Ich konnte
die rotbraunen Buchstaben nicht entziffern. Das Bild, sagte Richard, ist
keine groe Leistung. Es gibt schnere. Aber es gibt keine schnere Malerin
als die, die das gemacht hat. Sie heit Erminia Aglietti und wenn du
willst, knnen wir morgen zu ihr gehen und ihr sagen, sie sei eine groe
Malerin.

Kennst du sie?

Jawohl. Wenn ihre Bilder so schn wren wie sie selber, dann wre sie
schon lange reich und wrde keine mehr malen. Sie tut es nmlich ohne Lust
und nur, weil sie zufllig nichts anderes gelernt hat, wovon sie leben
knnte.

Richard verga die Sache wieder und kam erst ein paar Wochen spter darauf
zurck.

Ich bin gestern der Aglietti begegnet. Wir wollten sie ja eigentlich
neulich schon besuchen. Also komm! Du hast doch einen reinen Kragen? Sie
sieht nmlich darauf.

Der Kragen war rein und wir gingen zusammen zur Aglietti, ich mit einigem
inneren Widerstreben, denn der freie, etwas burschikose Verkehr Richards
und seiner Kameraden mit Malweibern und Studentinnen hatte mir nie
gefallen. Die Mnner waren dabei ziemlich rcksichtslos, bald grob, bald
ironisch; die Mdchen aber waren praktisch, klug und gerissen und nirgends
war etwas von dem verklrenden Duft zu merken, in welchem ich die Frauen
gerne sah und verehrte.

Etwas befangen trat ich in das Atelier. Mit der Luft der Malerwerksttten
war ich zwar wohl vertraut, doch betrat ich jetzt zum erstenmal ein
Frauenatelier. Es sah recht nchtern und sehr ordentlich aus. Drei oder
vier fertige Bilder hingen in Rahmen, eines stand noch kaum ganz untermalt
auf der Staffelei. Den Rest der Wnde bedeckten sehr saubere, appetitlich
aussehende Bleistiftskizzen und ein halbleerer Bcherschrank. Die Malerin
nahm unsre Begrung khl entgegen. Sie legte den Pinsel weg und lehnte
sich im Malschurz gegen den Schrank und es sah aus, als verlre sie nicht
gerne viel Zeit an uns.

Richard machte ihr ungeheuerliche Komplimente ber das ausgestellte Bild.
Sie lachte ihn aus und verbat es sich.

Aber Frulein, ich konnte ja im Sinn haben das Bild zu kaufen! brigens
sind die Khe darauf von einer Wahrheit --

Es sind ja Ziegen, sagte sie ruhig.

Ziegen? Natrlich Ziegen! Von einem Studium, wollte ich sagen, das mich
verblfft hat. Es sind Ziegen, wie sie leben, so recht ziegenmig. Fragen
Sie meinen Freund Camenzind, der selbst ein Sohn der Berge ist; er wird mir
Recht geben.

Hier fhlte ich, whrend ich verlegen und belustigt dem Geschwtz zuhrte,
mich vom Blick der Malerin berflogen und gemustert. Sie sah mich lange und
unbefangen an.

Sie sind Oberlnder?

Ja, Frulein.

Man sieht es. Nun, und was halten Sie von meinen Ziegen?

O, sie sind gewi sehr gut. Wenigstens hab' ich sie nicht fr Khe
gehalten wie Richard.

Sehr gtig. Sie sind Musiker?

Nein, Student.

Weiter sprach sie kein Wort mit mir und ich fand nun Ruhe, sie zu
betrachten. Die Gestalt war durch den langen Schurz verdeckt und entstellt,
und das Gesicht erschien mir nicht schn. Der Schnitt war scharf und knapp,
die Augen ein wenig streng, das Haar reich, schwarz und weich; was mich
strte und fast abstie, war die Farbe des Gesichts. Sie erinnerte mich
schlechterdings an Gorgonzola und ich wre nicht erstaunt gewesen, grne
Ritzen darin zu finden. Ich hatte noch nie diese welsche Blsse gesehen und
jetzt, im ungnstigen morgendlichen Atelierlicht, sah sie erschreckend
steinern aus -- nicht wie Marmor, sondern wie ein verwitternder, sehr
gebleichter Stein. Ich war auch nicht gewohnt, ein Frauengesicht auf seine
Formen zu prfen, sondern pflegte in solchen noch in etwas knabenhafter
Weise mehr nach Schmelz, nach Rosigem, nach Liebreiz zu suchen.

Auch Richard war vom heutigen Besuch verstimmt. Desto mehr war ich erstaunt
oder eigentlich erschrocken, als er mir nach einiger Zeit mitteilte, die
Aglietti wre froh mich zeichnen zu drfen. Es handle sich nur um ein paar
Skizzen, das Gesicht brauche sie nicht, aber meine breite Figur habe etwas
Typisches.

Ehe weiter hiervon die Rede war, kam ein anderes kleines Ereignis, das mein
ganzes Leben gendert und fr Jahre meine Zukunft bestimmt hat. Eines
Morgens, da ich erwachte, war ich Schriftsteller geworden.

Auf das Drngen Richards hatte ich, rein als Stilbungen, gelegentlich
Typen aus unsrem Kreis, kleine Erlebnisse, Gesprche und anderes
skizzenhaft und mglichst treu dargestellt, auch einige Essays ber
Literarisches und Historisches geschrieben.

Eines Morgens nun, ich lag noch im Bette, trat Richard bei mir ein und
legte fnfunddreiig Franken auf meine Bettdecke. Das gehrt dir, sagte
er im Geschftston. Endlich, als ich im Fragen alle Vermutungen erschpft
hatte, zog er ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte mir darin eine
meiner kleinen Novellen abgedruckt. Er hatte mehrere meiner Manuskripte
abgeschrieben, einem ihm befreundeten Redakteur gebracht und in aller
Stille fr mich verkauft. Das erste, was gedruckt war, samt dem Honorar
dafr hielt ich nun in Hnden.

Mir war nie so sonderbar zu mut. Eigentlich rgerte ich mich ber Richards
Vorsehungspielen, aber der se erste Schreiberstolz und das schne Geld
und der Gedanke an einen etwaigen kleinen Literatenruhm war doch strker
und berwog schlielich.

In einem Caf brachte mich mein Freund mit dem Redakteur zusammen. Er bat,
die ihm von Richard gezeigten anderen Arbeiten behalten zu drfen und lud
mich ein, ihm je und je neue zu schicken. Es sei ein eigener Ton in meinen
Sachen, besonders in den historischen, deren er gerne mehr bekomme und die
er mir ordentlich bezahlen wolle. Nun sah ich erst die Wichtigkeit der
Sache. Ich wrde nicht nur tglich ordentlich essen und meine kleinen
Schulden bezahlen, sondern auch das Zwangsstudium wegwerfen und vielleicht
in Blde, auf meinem Lieblingsfelde arbeitend, ganz vom eigenen Erwerbe
leben knnen.

Einstweilen bekam ich von jenem Redakteur einen Sto neuer Bcher zum
Rezensieren ins Haus geschickt. Ich fra mich durch und hatte wochenlang
damit zu tun; da aber die Honorare erst zu Ende des Quartals fllig waren
und ich in Aussicht auf dieselben besser als sonst gelebt hatte, sah ich
mich eines Tages der letzten Rappen ledig und konnte wieder einmal eine
Hungerkur antreten. Ein paar Tage hielt ich bei Brot und Kaffee in meiner
Bude aus, dann trieb mich der Hunger in eine Speisehalle. Ich nahm drei von
den Rezensionsbnden mit, um sie als Pfand fr die Zeche dortzulassen. Beim
Antiquar hatte ich sie schon vergeblich anzubringen versucht. Das Essen war
vorzglich, beim schwarzen Kaffee aber ward mir etwas ngstlich ums Herz.
Zaghaft gestand ich der Kellnerin, ich htte kein Geld, wolle aber die
Bcher als Pfand dalassen. Sie nahm eines davon, einen Band Gedichte, in
die Hand, bltterte neugierig darin herum und fragte, ob sie das lesen
drfe. Sie lese so gern, knne aber nie zu Bchern kommen. Ich fhlte, da
ich gerettet sei und schlug ihr vor, die drei Bndchen an Zahlungsstatt fr
das Essen zu behalten. Sie ging darauf ein und hat mir nach und nach fr
siebzehn Franken Bcher auf diese Weise abgenommen. Fr kleinere
Gedichtbnde beanspruchte ich etwa einen Kse mit Brot, fr Romane dasselbe
mit Wein, einzelne Novellen galten nur eine Tasse Kaffee mit Brot. Soweit
ich mich erinnere, waren es meist geringe Sachen in krampfhaft neumodischem
Stil und das gutmtige Mdchen mag von der modernen deutschen Literatur
einen sonderbaren Eindruck erhalten haben. Ich erinnere mich mit Vergngen
an jene Vormittage, da ich im Schwei meines Angesichts schnell noch einen
Band im Galopp zu Ende las und ein paar Zeilen darber schrieb, um ihn zur
Mittagszeit fertig zu haben und etwas Ebares dafr erhalten zu knnen. Vor
Richard suchte ich meine Geldnte sorgfltig zu verbergen, da ich mich
unntiger Weise ihrer schmte und seine Hilfe nur ungern und stets nur fr
ganz kurze Fristen annehmen mochte.

Fr einen Dichter hielt ich mich nicht. Was ich gelegentlich schrieb, war
Feuilleton, nicht Dichtung. Im stillen trug ich aber die geheimgehaltene
Hoffnung, es werde mir eines Tages gegeben werden eine Dichtung zu
schaffen, ein groes, khnes Lied der Sehnsucht und des Lebens.

Der frhlich klare Spiegel meiner Seele wurde zuweilen von einer Art von
Schwermut verschattet, doch einstweilen nicht ernstlich gestrt. Sie kam
zuweilen fr einen Tag oder eine Nacht, als eine trumende, einsiedlerische
Trauer, verschwand wieder spurlos und kehrte nach Wochen oder Monaten
zurck. Ich ward an sie allmhlich wie an eine vertraute Freundin gewhnt
und empfand sie nicht qulend, sondern nur als ein unruhiges Mdesein, das
seine eigene Sigkeit hatte. Wenn sie mich nachts befiel, lag ich statt zu
schlafen stundenlang im Fenster, sah den schwarzen See, die auf den
bleichen Himmel gezeichneten Silhouetten der Berge und darber die schnen
Sterne. Dann ergriff mich oft ein ngstlich ses, starkes Gefhl, als she
all diese nchtige Schnheit mich mit einem gerechten Vorwurf an. Als
sehnten sich Sterne, Berge und See nach Einem, der ihre Schnheit und das
Leiden ihres stummen Daseins verstnde und aussprche, und als wre ich
dieser Eine und als wre dies mein wahrer Beruf, der stummen Natur in
Dichtungen Ausdruck zu gewhren. Auf welche Weise das mglich wre darber
dachte ich niemals nach, sondern fhlte nur die schne, ernste Nacht
ungeduldig in stummem Verlangen auf mich warten. Auch schrieb ich nie etwas
in solcher Stimmung. Doch sprte ich gegen diese dunkeln Stimmen ein Gefhl
der Verantwortung und trat gewhnlich nach solchen Nchten mehrtgige
einsame Fuwanderungen an. Es schien mir, ich knnte damit der Erde, die
sich in stummem Flehen mir anbot, ein wenig Liebe erweisen, ber welche
Vorstellung ich dann selbst wieder lachte. Diese Wanderungen wurden eine
Grundlage meines spteren Lebens; einen groen Teil der seitherigen Jahre
habe ich als Wanderer verbracht, auf wochen- und monatelangen Touren durch
mehrere Lnder. Ich gewhnte mich daran, mit wenig Geld und einem Stck
Brot in der Tasche weit zu marschieren, tagelang einsam unterwegs zu sein
und hufig im Freien zu nchtigen.

Die Malerin hatte ich ber der Schriftstellerei ganz vergessen. Da kam ein
Zettel von ihr: Ein paar Freunde und Freundinnen werden am Donnerstag zum
Tee bei mir sein. Bitte kommen Sie auch und bringen Sie Ihren Freund mit.

Wir gingen hin und fanden eine kleine Knstlerkolonie beisammen. Es waren
fast lauter Unberhmte, Vergessene, Erfolglose, was fr mich etwas
Rhrendes hatte, obwohl alle ganz zufrieden und fidel schienen. Man bekam
Tee, Butterbrot, Schinken und Salat. Da ich keine Bekannten dort fand und
ohnehin nicht gesprchig war, gab ich meinem Hunger nach und a etwa eine
halbe Stunde lang still und ausdauernd, whrend die andern nur erst Tee
nippten und schwatzten. Als diese nun, einer um den andern, auch ein wenig
zugreifen wollten, zeigte es sich, da ich fast den ganzen Schinkenvorrat
allein verzehrt hatte. Ich war des trglichen Glaubens gewesen, es stehe
mindestens noch eine zweite Platte in Reserve. Da man nun leise lachte und
ich einige ironische Blicke einheimste, wurde ich wtend und verwnschte
die Italienerin samt ihrem Schinken. Ich stand auf und entschuldigte mich
kurz bei ihr, erklrte ein andermal mein Abendessen selber mitbringen zu
wollen, und griff nach meinem Htlein.

Da nahm die Aglietti mir den Hut aus der Hand, sah mich erstaunt und ruhig
an und bat mich ernstlich, dazubleiben. Auf ihr Gesicht fiel das Licht
einer Stehlampe, durch den Florschirm gemigt, und da sah ich mitten in
meinem rger mit pltzlich begreifendem Auge die wunderbare, reife
Schnheit dieser Frau. Ich erschien mir auf einmal sehr unartig und dumm
und nahm wie ein gemaregelter Schuljunge in einer abseitigen Ecke Platz.
Dort blieb ich sitzen und bltterte in einem Album vom Comersee. Die andern
tranken Tee, gingen hin und her, lachten und redeten durcheinander, und
irgendwo im Hintergrund hrte man Geigen und ein Cello stimmen. Ein Vorhang
wurde zurckgeschlagen und man sah vier junge Leute vor improvisierten
Pulten sitzen, bereit ein Streichquartett aufzufhren. In diesem
Augenblicke trat die Malerin zu mir, stellte eine Tasse Tee vor mir aufs
Tischchen, nickte mir gtig zu und nahm neben mir Platz. Das Quartett
begann und dauerte lang, aber ich hrte nichts davon, sondern staunte mit
runden Augen die schlanke, feine, schngekleidete Dame an, an deren
Schnheit ich gezweifelt und deren Vorrte ich aufgegessen hatte. Mit
Freude und Angst erinnerte ich mich daran, da sie mich hatte zeichnen
wollen. Dann dachte ich an Rsi Girtanner, an die Besteigung der
Alpenrosenwand, an die Geschichte der Schneeknigin, die mir jetzt alle nur
wie eine Vorbereitung auf diesen heutigen Augenblick erschienen.

Als die Musik zu Ende war, ging die Malerin nicht, wie ich gefrchtet
hatte, wieder weg, sondern blieb ruhig sitzen und fing mit mir zu plaudern
an. Sie gratulierte mir zu einer Novelle, die sie in der Zeitung gesehen
hatte. Sie scherzte ber Richard, um den sich ein paar junge Mdchen
drngten und dessen sorgloses Gelchter zuweilen alle anderen Stimmen
berklang. Dann bat sie wieder, mich zeichnen zu drfen. Da hatte ich einen
Einfall. Unvermittelt fhrte ich das Gesprch italienisch fort und erntete
dafr nicht nur einen frhlich berraschten Blick ihrer lebhaften
Sdlnderaugen, sondern hatte den kstlichen Genu sie ihre Sprache reden
zu hren, die Sprache, die ihrem Mund und ihren Augen und ihrer Gestalt
entsprach, die wohllaute, elegante, raschflieende lingua Toscana mit einem
entzckenden leichten Anflug von Tessinerwelsch. Ich selbst sprach weder
schn noch flieend, doch strte es mich nicht. Andern Tags sollte ich
kommen, um von ihr gezeichnet zu werden.

A rivederla, sagte ich beim Abschied und verbeugte mich so tief ich
konnte.

A rivederci domani, lchelte sie und nickte.

Von ihrem Hause weg schritt ich immerzu weiter, bis die Strae einen
Hgelkamm erreichte und pltzlich das dunkle Land schn und nchtig vor mit
ruhte. Ein einzelnes Boot mit roter Laterne strich ber den See und warf
ein paar flackernde Scharlachstreifen auf das schwarze Wasser, aus welchem
sonst nur da und dort ein vereinzelter schmaler Wellenkamm mit dnnem,
silberfahlem Umri hervortrat. In einem nahen Garten war Mandolinenspiel
und Gelchter. Der Himmel war fast zur Hlfte verhangen und ber die Hgel
lief ein starker, warmer Wind.

Und wie der Wind die ste der Obstbume und die schwarzen Kronen der
Kastanien liebkoste, bestrmte und beugte, da sie sthnten und lachten und
zitterten, so spielte mit mir die Leidenschaft. Auf dem Kamm des Hgels
kniete ich, legte mich auf die Erde, sprang auf und sthnte, stampfte den
Boden, warf den Hut von mir, whlte mit dem Gesicht im Gras, rttelte an
den Baumstmmen, weinte, lachte, schluchzte, tobte, schmte mich, war selig
und todbeklommen. Nach einer Stunde war alles in mir abgespannt und in
einer trben Schwle erstickt. Ich dachte nichts, beschlo nichts, fhlte
nichts; traumwandelnd stieg ich den Hgel hinab, schweifte durch die halbe
Stadt, sah in einer abgelegenen Strae noch eine spte kleine Schenke
offen, trat willenlos ein, trank zwei Liter Waadtlnder und kam gegen
Morgen schauderhaft betrunken nach Hause.

Am folgenden Nachmittag war Frulein Aglietti ganz erschrocken, als ich zu
ihr kam.

Was ist mit Ihnen? Sind Sie krank? Sie sehen ja ganz zerstrt aus.

Nichts von Belang, sagte ich. Mir scheint, ich war heute Nacht sehr
betrunken, das ist alles. Bitte beginnen Sie nur!

Ich ward auf einen Stuhl gesetzt und gebeten, mich ruhig zu halten. Das tat
ich auch, denn ich schlummerte in Blde ein und habe jenen ganzen
Nachmittag im Atelier verschlafen. Es kam vermutlich vom Terpentingeruch
der Malerwerksttte, da ich trumte, unser Nachen zuhaus werde
frischgestrichen. Ich lag im Kies daneben und sah meinen Vater mit Topf und
Pinsel hantieren; auch die Mutter war da und als ich sie fragte, ob sie
denn nicht gestorben sei, sagte sie leise: Nein, denn wenn ich nicht
dawre, wrdest du am Ende der gleiche Lump werden wie dein Papa.

Als ich erwachte, fiel ich vom Stuhl und fand mich mit Erstaunen in die
Werkstatt der Erminia Aglietti versetzt. Sie selbst sah ich nicht, hrte
sie aber im Nebenstblein mit Tassen und Besteck klappern und schlo
daraus, da es Abendessenszeit sein msse.

Sind Sie wach? rief sie herber.

Jawohl. Hab' ich lang geschlafen?

Vier Stunden. Schmen Sie sich nicht?

O doch. Aber ich hatte einen so schnen Traum.

Erzhlen Sie!

Ja, wenn Sie herauskommen und mir verzeihen.

Sie kam heraus, doch wollte sie mit der Verzeihung noch warten, bis ich
meinen Traum erzhlt htte. Also erzhlte ich, und ber dem Traumerzhlen
geriet ich tief in die vergessene Kinderzeit hinein, und als ich schwieg
und es schon vllig dunkel geworden war, hatte ich ihr und mir selber meine
ganze Kindheitsgeschichte erzhlt. Sie gab mir die Hand, strich mir den
zerknitterten Rock zurecht, lud mich ein morgen wieder zum Zeichnen zu
kommen und ich fhlte, da sie auch meine heutige Unart begriffen und
verziehen habe.

In den nchsten Tagen sa ich ihr Stunde um Stunde. Es wurde dabei fast gar
nichts gesprochen, ich sa oder stand ruhig und wie verzaubert da, hrte
den weichen Strich der Zeichenkohle, sog den leichten lfarbegeruch ein und
hatte keine andere Empfindung als da ich in der Nhe der von mir geliebten
Frau war und ihren Blick bestndig auf mir ruhen wute. Das weie
Atelierlicht flo an den Wnden hin, ein paar schlfrige Fliegen sumsten an
den Scheiben und nebenan im Stbchen sang die Spiritusflamme, denn ich
bekam nach jeder Sitzung eine Tasse Kaffee serviert.

Zuhause dachte ich oft ber Erminia nach. Es berhrte oder verminderte
meine Leidenschaft gar nicht, da ich ihre Kunst nicht verehren konnte. Sie
selbst war so schn, gtig, klar und sicher; was gingen mich ihre Bilder
an? Ich fand vielmehr in ihrer fleiigen Arbeit etwas Heroisches. Die Frau
im Kampf ums Leben, eine stille, duldende und tapfere Heldin. brigens gibt
es nichts Erfolgloseres als das Nachdenken ber jemand, den man liebt.
Solche Gedankengnge sind wie gewisse Volks- und Soldatenlieder, worin
tausenderlei Dinge vorkommen, der Refrain aber hartnckig wiederkehrt, auch
wo er durchaus nicht pat.

So ist denn auch das Bild der schnen Italienerin, das ich im Gedchtnis
trage, zwar nicht unklar, aber doch ohne die vielen kleinen Linien und
Zge, die man an Fremden oft viel besser sieht als an Nahestehenden. Ich
wei nicht mehr, welche Frisur sie trug, wie sie sich kleidete u. s. w.,
nicht einmal ob sie eigentlich gro oder klein von Gestalt war. Wenn ich an
sie denke, sehe ich einen dunkelhaarigen, edel geformten Frauenkopf, ein
paar scharfblickende, nicht sehr groe Augen in einem bleichen, lebendigen
Gesicht und einen vollendet schn geschwungenen, schmalen Mund von herber
Reife. Wenn ich an sie denke und an jene ganze verliebte Zeit, dann
erinnere ich mich stets nur jenes Abends auf dem Hgel, wo der warme Wind
seeber wogte und wo ich weinte, jubelte und berserkerte. Und eines anderen
Abends, von dem ich nun erzhlen will.

Mir war klar geworden, da ich der Malerin irgendwie Gestndnisse machen
und um sie werben msse. Wre sie mir fern gestanden, so htte ich sie
ruhig weiterhin verehrt und verschwiegene Schmerzen um sie gelitten. Aber
sie fast tglich zu sehen, mit ihr zu reden, ihr die Hand zu geben und ihr
Haus zu betreten, stets mit dem Stachel im Herzen, hielt ich nicht lange
aus.

Es ward ein kleines Sommerfest von Knstlern und ihren Freunden
veranstaltet. Es war am See, in einem hbschen Garten, ein reifer,
weichlich lauer Hochsommerabend. Wir tranken Wein und Eiswasser, hrten der
Musik zu und betrachteten die roten Papierlampen, die in langen Guirlanden
zwischen den Bumen hingen. Es wurde geplaudert, gespottet, gelacht und
schlielich gesungen. Irgend ein lausiger Malerjngling spielte den
Romantischen, trug ein khnes Barett, lag rcklings am Gelnder
hingestreckt und tndelte mit einer langhalsigen Guitarre. Die paar
bedeutenderen Knstler fehlten entweder oder saen ungesehen im Kreis der
lteren beiseite. Von den Frauenzimmern waren ein paar jngere in lichten
Sommerkleidern erschienen, die andern trieben sich in den gewohnten
saloppen Kostmen herum. Namentlich fiel mir eine ltere, hliche
Studentin widerlich auf, sie trug einen Mnnerstrohhut auf den
verschnittenen Haaren, rauchte Cigarren, trank tchtig Wein und sprach laut
und viel. Richard war wie gewhnlich bei den jungen Mdchen. Ich war trotz
aller Erregung khl, trank wenig und wartete auf die Aglietti, die mir
versprochen hatte sich heute von mir rudern zu lassen. Sie kam denn auch,
schenkte mir ein paar Blumen und stieg mit mir in den kleinen Nachen.

Der See war glatt wie l und nchtig farblos. Ich trieb den leichten Nachen
rasch in die stille Seebreite weit hinaus, und sah immerfort mir gegenber
die schlanke Frau bequem und zufrieden im Steuersitz lehnen. Der hohe
Himmel war noch blau und trieb langsam einen matten Stern um den andern
hervor, am Ufer war da und dort Musik und Gartenlustbarkeit. Mit leisem
Gurgeln nahm das trge Wasser die Ruder auf, andere Boote schwammen da und
dort dunkel und kaum mehr sichtbar auf der stillen Flche, ich achtete aber
wenig darauf, sondern hing mit unverwandten Blicken an der Steurerin und
trug meine geplante Liebeserklrung wie einen schweren Eisenring um's bange
Herz. Das Schne und Poetische der ganzen abendlichen Szenerie, das Sitzen
im Kahn, die Sterne, der laue ruhige See und alles das bengstigte mich,
denn es kam mir vor wie eine schne Theaterdekoration, in deren Mitte ich
eine sentimentale Szene agieren msse. In meiner Angst und beklemmt durch
die tiefe Stille, denn wir schwiegen beide, ruderte ich mit Macht drauf
los.

Wie stark Sie sind! sagte die Malerin nachdenklich.

Meinen Sie dick? fragte ich.

Nein, ich meine die Muskeln, lachte sie.

Ja, stark bin ich schon.

Dies war kein geeigneter Anfang. Traurig und rgerlich ruderte ich weiter.
Nach einer Weile bat ich sie, mir etwas aus ihrem Leben zu erzhlen.

Was mchten Sie denn hren?

Alles, sagte ich. Am liebsten eine Liebesgeschichte. Dann erzhle ich
Ihnen nachher auch eine von mir, meine einzige. Sie ist sehr kurz und schn
und wird Sie amsieren.

Was Sie sagen! Erzhlen Sie doch!

Nein, erst Sie! Sie wissen ohnehin schon viel mehr von mir als ich von
Ihnen. Ich mchte wissen, ob Sie jemals richtig verliebt waren oder ob Sie,
wie ich frchte, dafr viel zu klug und hochmtig sind.

Erminia besann sich eine Weile.

Das ist wieder eine von Ihren romantischen Ideen, sagte sie, sich hier
in der Nacht auf dem schwarzen Wasser von einer Frau Geschichten erzhlen
zu lassen. Ich kann das aber leider nicht. Ihr Dichter seid gewhnt, fr
alles hbsche Worte zu haben und denen, die weniger von ihren Empfindungen
reden, gleich gar kein Herz zuzutrauen. In mir haben Sie sich getuscht,
denn ich glaube nicht, da man heftiger und strker lieben kann als ich es
tue. Ich liebe einen Mann, der an eine andere Frau gebunden ist, und er
liebt mich nicht weniger; doch wissen wir beide nicht, ob es je mglich
sein wird, da wir zusammenkommen. Wir schreiben uns und wir treffen uns
auch zuweilen . . . .

Darf ich Sie fragen, ob diese Liebe Sie glcklich macht, oder elend, oder
beides?

Ach, die Liebe ist nicht da um uns glcklich zu machen. Ich glaube sie ist
da, um uns zu zeigen, wie stark wir im Leiden und Tragen sein knnen.

Das verstand ich und konnte nicht hindern, da mir etwas wie ein leises
Sthnen statt der Antwort vom Munde kam.

Sie hrte es.

Ah, sagte sie, kennen Sie das auch schon? Sie sind noch so jung! Wollen
Sie mir nun auch beichten? Aber nur wenn Sie wirklich wollen --.

Ein andermal vielleicht, Frulein Aglietti. Mir ist heute ohnehin windig
zu mut, und es tut mir leid, da ich vielleicht auch Ihnen die Stimmung
getrbt habe. Wollen wir umkehren?

Wie Sie wollen. Wie weit sind wir eigentlich?

Ich gab keine Antwort mehr, sondern stemmte die Ruder rauschend gegen das
Wasser, wendete und zog an, als wre die Bise im Anzug. Das Boot strich
eilig ber die Flche und mitten in dem Wirbel von Jammer und Scham, der in
mir kochte, fhlte ich wie mir der Schwei in groen Tropfen bers Gesicht
lief, und fror zugleich. Wenn ich vollends daran dachte, wie nahe ich daran
gewesen war den knieenden Bittsteller und mtterlich-freundlich
abgewiesenen Liebhaber zu spielen, lief mir ein Schaudern durchs Mark. Das
wenigstens war mir erspart geblieben, mit dem brigen Jammer galt es nun
sich abzufinden. Ich ruderte wie besessen heimwrts.

Das schne Frulein war einigermaen befremdet, als ich am Ufer kurzen
Abschied nahm und sie allein lie.

Der See war so glatt, die Musik so frhlich und die Papierlaternen so
festlich rot wie zuvor, mir aber schien das alles jetzt dumm und
lcherlich. Namentlich die Musik. Den Sammetrock, der noch immer seine
Guitarre prahlerisch am breiten Seidenbande trug, htte ich am liebsten zu
Brei geschlagen. Und Feuerwerk stand auch noch bevor. Es war so kindisch!

Ich entlehnte von Richard ein paar Franken, setzte den Hut ins Genick und
begann zu marschieren, vor die Stadt hinaus und weiter, eine Stunde um die
andere, bis mich schlferte. Ich legte mich in eine Wiese, wachte aber nach
einer Stunde tauna, steif und frstelnd wieder auf und ging ins nchste
Dorf. Es war frh am Morgen. Kleeschnitter zogen durch die staubige Gasse,
verschlafene Knechte glotzten aus den Stalltren, buerliche
Sommerarbeitsamkeit gab sich allerorten kund. Du httest Bauer bleiben
sollen, sagte ich mir, strich beschmt durchs Dorf und lief ermdet weiter,
bis die erste Sonnenwrme mir eine Rast erlaubte. Am Rand eines jungen
Buchenstandes warf ich mich ins drre Raingras und schlief in der warmen
Sonne bis tief in den Sptnachmittag hinein. Als ich erwachte, den Kopf
voll Wiesenduft und die Glieder so wohlig schwer wie sie nur nach langem
Liegen auf Gottes lieber Erde sind, da kam mir das Fest und die Bootfahrt
und alles das fern, traurig und halbverklungen vor wie ein vor Monaten
gelesener Roman.

Ich blieb drei Tage fort, lie mir die Sonne auf den Pelz brennen und
berlegte mir, ob ich nicht in einem Strich heimwrts wandern und meinem
Vater beim hmden helfen sollte.

Freilich war damit der Schmerz noch lange nicht abgetan. Nach meiner
Rckkehr in die Stadt floh ich anfangs den Anblick der Malerin wie die
Pest, doch ging das nicht lange an, und so oft sie mich spter ansah und
anredete, stieg mir das Elend in die Kehle.




IV.


Was meinem Vater seinerzeit nicht gelungen war, das gelang nun diesem
Liebeselend. Es erzog mich zum Zecher.

Fr mein Leben und Wesen war das wichtiger als irgend etwas von dem, was
ich bisher erzhlte. Der starke, se Gott ward mir ein treuer Freund und
ist es heute noch. Wer ist so mchtig wie er? Wer ist so schn, so
phantastisch, schwrmerisch, frhlich und schwermtig? Er ist ein Held und
Zauberer. Er ist ein Verfhrer und Bruder des Eros. Er vermag Unmgliches;
arme Menschenherzen fllt er mit schnen und wunderlichen Dichtungen. Er
hat mich Einsiedler und Bauern zum Knig, Dichter und Weisen gemacht. Leer
gewordene Lebenskhne belastet er mit neuen Schicksalen und treibt
Gestrandete in die eilige Strmung des groen Lebens zurck.

So ist der Wein. Doch ist es mit ihm wie mit allen kstlichen Gaben und
Knsten. Er will geliebt, gesucht, verstanden und mit Mhen gewonnen sein.
Das knnen nicht Viele, und er bringt tausend und tausend um. Er macht sie
alt, er ttet sie oder lscht die Flamme des Geistes in ihnen aus. Seine
Lieblinge aber ldt er zu Festen ein und baut ihnen Regenbogenbrcken zu
seligen Inseln. Er legt, wenn sie mde sind, Kissen unter ihr Haupt und
umfat sie, wenn sie der Traurigkeit zur Beute fallen, mit leiser und
gtiger Umarmung wie ein Freund und wie eine trstende Mutter. Er
verwandelt die Wirrnis des Lebens in groe Mythen und spielt auf mchtiger
Harfe das Lied der Schpfung.

Und wieder ist er ein Kind, hat lange seidige Locken und schmale Schultern
und feine Glieder. Er lehnt sich dir ans Herz und reckt das schmale Gesicht
zu deinem empor und sieht dich erstaunt und traumhaft aus lieben groen
Augen an, in deren Tiefe Paradieserinnerung und unverlorene
Gotteskindschaft feucht und glnzend wogt wie eine neugeborene Quelle im
Wald.

Und der se Gott gleicht auch einem Strom, der tief und rauschend eine
Frhlingsnacht durchwandert. Und gleicht einem Meere, welches Sonne und
Sturm auf khler Woge wiegt.

Wenn er mit seinen Lieblingen redet, dann berrauscht sie schauernd und
flutend die strmende See der Geheimnisse, der Erinnerung, der Dichtung,
der Ahnungen. Die bekannte Welt wird klein und geht verloren und in banger
Freude wirft sich die Seele in die straenlose Weite des Unbekannten, wo
alles fremd und alles vertraut ist und wo die Sprache der Musik, der
Dichter und des Traumes gesprochen wird.

Nun, ich mu erst erzhlen.

Es geschah, da ich stundenlang selbstvergessen heiter sein konnte,
studierte, schrieb und Richards Musik anhrte. Aber kein Tag ging ganz ohne
Leid vorbei. Manchmal berfiel es mich erst nachts im Bette, da ich
sthnte und mich bumte und spt in Trnen entschlief. Oder erwachte es,
wenn ich der Aglietti begegnet war. Meistens aber kam es am Sptnachmittag,
wenn die schnen, lauen, mdemachenden Sommerabende begannen. Dann ging ich
an den See, nahm ein Boot, ruderte mich hei und mde und fand es dann
unmglich, nach hause zu gehen. Also in eine Kneipe oder in einen
Wirtsgarten. Da probierte ich verschiedene Weine, trank und brtete und war
manchmal am andern Tage halbkrank Dutzendemal berfiel mich dabei ein so
schauderhaftes Elend und Ekelgefhl, da ich beschlo nie mehr zu trinken.
Und dann ging ich wieder und trank. Allmhlich unterschied ich die Weine
und ihre Wirkung und geno sie mit einer Art von Bewutsein, im ganzen
freilich noch naiv und roh genug. Schlielich fand ich am dunkelroten
Veltliner einen Halt. Er schmeckte mir beim ersten Glas herb und erregend,
dann verschleierte er mir die Gedanken bis zu einer stillen, stetigen
Trumerei, und dann begann er zu zaubern, zu schaffen, selber zu dichten.
Dann sah ich alle Landschaften, die mir je gefallen hatten, in kstlichen
Beleuchtungen mich umgeben und ich selbst wanderte darin, sang, trumte und
fhlte ein erhhtes, warmes Leben in mir kreisen. Und es endete mit einer
beraus angenehmen Traurigkeit, als hrte ich Volkslieder geigen und als
wte ich irgendwo ein groes Glck, dem ich vorbeigewandert wre und das
ich versumt htte.

Es kam von selbst so, da ich allmhlich selten mehr allein kneipte,
sondern allerlei Gesellschaft fand. Sobald ich von Menschen umgeben war,
wirkte der Wein anders auf mich. Dann wurde ich gesprchig, aber nicht
erregt, sondern fhlte ein khles sonderbares Fieber. Eine mir selbst
bisher kaum bekannte Seite meines Wesens blhte ber Nacht empor, doch
gehrte sie weniger zu den Garten- und Zierblumen, als in die Gattung der
Disteln und Nesseln. Zugleich nmlich mit der Beredtsamkeit kam ein
scharfer, khler Geist ber mich, machte mich sicher, berlegen, kritisch
und witzig. Waren Leute da, deren Gegenwart mich strte, so wurden sie bald
fein und listig, bald grob und hartnckig so lange aufgezogen und gergert,
bis sie gingen. Die Menschen berhaupt waren mir ja von Kind auf weder
sonderlich lieb noch notwendig gewesen, nun begann ich sie kritisch und
ironisch zu betrachten. Mit Vorliebe erfand und erzhlte ich kleine
Geschichten, in welchen die Verhltnisse der Menschen untereinander lieblos
und mit scheinbarer Sachlichkeit satirisch dargestellt und bitter verhhnt
wurden. Woher dieser verchtliche Ton mir kam, wute ich selber nicht, er
brach wie eine reifende Schwre aus meinem Wesen hervor, die ich lange
Jahre nicht wieder los ward.

Sa ich dazwischen einmal einen Abend allein, dann trumte ich wieder von
Bergen, Sternen und trauriger Musik.

In diesen Wochen schrieb ich eine Folge von Betrachtungen ber
Gesellschaft, Kultur und Kunst unserer Zeit, ein kleines giftiges Bchlein,
dessen Wiege meine Wirtshausgesprche waren. Aus meinen ziemlich fleiig
weiterbetriebenen historischen Studien kam mancherlei geschichtliches
Material hinzu, welches meinen Satiren eine Art von solidem Hintergrunde
gab.

Auf Grund dieser Arbeit erhielt ich bei einer greren Zeitung den Rang
eines stndigen Mitarbeiters, wovon ich nahezu leben konnte. Gleich darauf
erschienen jene Skizzen auch als selbstndiges Bchlein und hatten einigen
Erfolg. Nun warf ich die Philologie vollends ber Bord. Ich war nun schon
in hheren Semestern, Beziehungen zu deutschen Zeitschriften knpften sich
an und hoben mich aus der bisherigen Verborgenheit und Armseligkeit in den
Kreis der Anerkannten empor. Ich verdiente mein Brot, verzichtete auf das
lstige Stipendium und trieb mit vollen Segeln dem verchtlichen Leben
eines kleinen Berufsliteraten entgegen.

Und trotz des Erfolgs und meiner Eitelkeit, und trotz der Satiren und trotz
meiner Liebesleiden lag ber mir in Frhlichkeit und Schwermut der warme
Glanz der Jugend. Trotz aller Ironie und einer kleinen, harmlosen
Blasiertheit sah ich in Trumen doch stets ein Ziel, ein Glck, eine
Vollendung vor mir. Was es sein sollte, wute ich nicht. Ich fhlte nur,
das Leben msse mir irgend einmal ein besonders lachendes Glck vor die
Fe splen, einen Ruhm, eine Liebe vielleicht, eine Befriedigung meiner
Sehnsucht und eine Erhhung meines Wesens. Ich war noch der Page, der von
Edeldamen und Ritterschlag und groen Ehren trumt.

Ich glaubte im Beginn einer emporstrebenden Bahn zu stehen. Ich wute
nicht, da alles bis jetzt Erlebte nur Zuflle waren und da meinem Wesen
und Leben noch der tiefe, eigene Grundton fehle. Ich wute noch nicht, da
ich an einer Sehnsucht litt, welcher nicht Liebe noch Ruhm Grenze und
Erfllung sind.

Und so geno ich meinen kleinen, etwas herben Ruhm mit aller Jugendlust. Es
tat mir wohl, bei gutem Wein unter klugen und geistigen Menschen zu sitzen
und, wenn ich zu reden begann, ihre Gesichter begierig und aufmerksam mir
zugewendet zu sehen.

Zuweilen fiel mir auf, eine wie groe Sehnsucht in allen diesen Seelen von
heute nach Erlsung schrie und was fr wunderliche Wege sie sie fhrte. An
Gott zu glauben, galt fr dumm und fast fr unanstndig, sonst aber wurde
an vielerlei Lehren und Namen geglaubt, an Schopenhauer, an Buddha, an
Zarathustra und viele andere. Es gab junge, namenlose Dichter, welche in
stilvollen Wohnungen feierliche Andachten vor Statuen und Gemlden
begingen. Sie htten sich geschmt sich vor Gott zu beugen, aber sie lagen
auf Knieen vor dem Zeus von Otrikoli. Es gab Asketen, die sich mit
Enthaltsamkeit qulten und deren Toilette zum Himmel schrie. Ihr Gott hie
Tolstoi oder Buddha. Es gab Knstler, die sich durch wohlerwogene und
abgestimmte Tapeten, Musik, Speisen, Weine, Parfme oder Cigarren zu
aparten Stimmungen anregten. Sie sprachen gelufig und mit erknstelter
Selbstverstndlichkeit von musikalischen Linien, Farbenakkorden und
hnlichem und waren berall auf der Lauer nach der persnlichen Note,
welche meist in irgend einer kleinen, harmlosen Selbsttuschung oder
Verrcktheit bestand. Im Grunde war mir die ganze krampfhafte Komdie
amsant und lcherlich, doch fhlte ich oft mit sonderbarem Schauder, wie
viel ernste Sehnsucht und echte Seelenkraft darin flammte und verloderte.

Von all den phantastisch einherschreitenden neumodischen Dichtern,
Knstlern und Philosophen, die ich damals mit Erstaunen und Ergtzen kennen
lernte, wei ich keinen, aus dem etwas Notables geworden wre. Es war unter
ihnen ein mir gleichaltriger Norddeutscher, ein geflliges Figrchen und
ein zarter, lieber Mensch, delikat und sensibel in allem, was irgend
knstlerische Dinge betraf. Er galt fr einen der zuknftigen groen
Dichter und ich hrte ein paar mal Gedichte von ihm vorlesen, die meiner
Erinnerung noch immer als etwas ungemein Duftiges, seelenvoll Schnes
vorschweben. Vielleicht war er der einzige von uns allen, aus dem ein
wirklicher Dichter htte werden knnen. Zufllig erfuhr ich spter einmal
seine kurze Geschichte. Durch einen literarischen Mierfolg scheu geworden,
entzog sich der berempfindliche aller ffentlichkeit und fiel einem Lumpen
von Mcen in die Hnde, der ihn, statt ihn anzuspornen und zur Vernunft zu
bringen, schnell vollends zu Grunde richtete. Auf den Villen des reichen
Herrn trieb er mit dessen nervsen Damen ein fades Aesthetengeflunker,
stieg in seiner Einbildung zum verkannten Heros und brachte sich,
jmmerlich mileitet, durch lauter Chopinmusik und prraphaelitische
Ekstasen systematisch um den Verstand.

An dies halbflgge Volk seltsam gekleideter und frisierter Dichter und
schner Seelen kann ich mich nur mit Grauen und Mitleid erinnern, da ich
erst nachtrglich das Gefhrliche dieses Umganges einsah. Nun, mich
bewahrte mein Oberlnder Bauerntum davor, an dem Tummel teilzunehmen.

Edler und beglckender aber als der Ruhm und der Wein und die Liebe und die
Weisheit war meine Freundschaft. Sie war's schlielich allein, die meiner
angebotenen Schwerlebigkeit aufhalf und meine Jugendjahre unverdorben
frisch und morgenrot erhielt. Ich wei auch heute in der Welt nichts
Kstlicheres als eine ehrliche und tchtige Freundschaft zwischen Mnnern
und wenn mich einmal an nachdenklichen Tagen etwas wie ein Jugendheimweh
befllt, so ist es allein um meine Studentenfreundschaft.

Seit meiner Verliebtheit in Erminia hatte ich Richard ein wenig
vernachlssigt. Es geschah im Anfang unbewut, nach einigen Wochen aber
schlug mir das Gewissen. Ich beichtete ihm, er entdeckte mir da er das
ganze Unglck mit Bedauern habe kommen und wachsen sehen, und ich schlo
mich ihm aufs neue herzlich und eiferschtig an. Was ich damals etwa an
heiteren und freien kleinen Lebensknsten mir erwarb, kam alles von ihm. Er
war schn und heiter an Leib und Seele und das Leben schien fr ihn keine
Schatten zu haben. Die Leidenschaften und Irrungen der Zeit kannte er als
kluger und beweglicher Mensch wohl, aber sie glitten ohne Schaden an ihm
ab. Sein Gang und seine Sprache und sein ganzes Wesen war geschmeidig,
wohllaut und liebenswert. O wie er lachen konnte!

Fr meine Weinstudien hatte er wenig Verstndnis. Er ging gelegentlich mit,
hatte jedoch nach zwei Glsern genug und betrachtete meinen wesentlich
greren Konsum mit naivem Erstaunen. Aber wenn er sah, da ich litt und
hilflos meiner Schwermut unterlag, musizierte er mir, las mir vor oder
fhrte mich spazieren. Auf unsern kleinen Ausflgen waren wir oft
ausgelassen wie zwei kleine Knaben. Einmal lagen wir auf warmer Mittagsrast
in einem waldigen Tal, warfen uns mit Tannenzapfen und sangen Verse aus der
frommen Helene auf gefhlvolle Melodieen. Der rasche klare Bach pltscherte
uns so lange khl verlockend ins Ohr, bis wir uns entkleideten und uns ins
kalte Wasser legten. Da kam er auf die Idee Komdie zu spielen. Er setzte
sich auf einen moosigen Felsen und war die Lorelei, und ich segelte unten
als Schiffer im kleinen Schiffe vorber. Dabei sah er so jungferlich
schamhaft aus und schnitt solche Grimassen, da ich, der ich das wilde Weh
htte markieren sollen, mich vor Lachen kaum halten konnte. Pltzlich
wurden Stimmen laut, eine Touristengesellschaft erschien auf dem Fuweg und
wir muten uns in unsrer Ble eiligst unter dem ausgewaschenen,
berhngenden Ufer verbergen. Als die ahnungslose Gesellschaft an uns
vorberschritt, stie Richard allerlei seltsame Tne aus, grunzte,
quietschte und fauchte. Die Leute stutzten, schauten um sich, stierten ins
Wasser und waren nahe daran uns zu entdecken. Da tauchte mein Freund mit
halbem Leibe aus seinem Schlupfwinkel auf, blickte die indignierte
Gesellschaft an und sprach mit tiefer Stimme und priesterlicher Geberde:
Ziehet hin in Frieden! Sogleich verschwand er wieder, zwickte mich in den
Arm und sagte: Auch das war eine Charade.

Was fr eine? fragte ich.

Pan erschreckt einige Hirten, lachte er. Es waren aber leider auch
Frauenzimmer dabei.

Von meinen geschichtlichen Studien nahm er wenig Notiz. Meine fast
verliebte Vorliebe fr den heiligen Franz von Assisi aber teilte er bald,
obschon er gelegentlich auch ber ihn Witze machen konnte, die mich
entrsteten. Wir sahen den seligen Dulder freundlich begeistert und heiter
wie ein liebes groes Kind durch die umbrische Landschaft wandern, seines
Gottes froh und voll demtiger Liebe zu allen Menschen. Wir lasen zusammen
seinen Unsterblichen Sonnengesang und kannten ihn fast auswendig. Einst, da
wir im Dampfboot ber den See von einer Spazierfahrt zurckkehrten und der
abendliche Wind das goldige Wasser bewegte, fragte er leise: Du, wie sagt
hier der Heilige? Und ich zitierte:

Laudato si, mi Signore, per frate vento e per aere e nubilo et sereno et
onne tempo!

Wenn wir Streit bekamen und uns Schndigkeiten sagten, warf er mir, immer
halb im Scherz, nach Art der Schuljungen eine solche Menge von drolligen
bernamen an den Kopf, da ich bald lachen mute und dem rgernis der
Stachel genommen war. Verhltnismig ernst war mein lieber Freund nur,
wenn er seine Lieblingsmusiker hrte oder spielte. Auch dann konnte er sich
unterbrechen, um irgend einen Spa zu machen. Dennoch war seine Liebe zur
Kunst voll reiner, herzlicher Hingabe und sein Gefhl fr das Echte und
Bedeutende schien mir untrglich.

Wunderbar verstand er die feine, zarte Kunst des Trstens, des
teilnehmenden Dabeiseins oder des Erheiterns, wenn einer seiner Freunde in
Nten war. Er konnte mir, wenn er mich bellaunig fand, ganze Mengen
kleiner anekdotischer Geschichten von grotesker Nettigkeit erzhlen und
hatte dann etwas Beruhigendes und Erheiterndes im Ton, dem ich selten
widerstand.

Vor mir hatte er ein wenig Respekt, weil ich ernster war als er; noch mehr
imponierte ihm meine Krperkraft. Vor andern renommierte er damit und war
stolz einen Freund zu haben, der ihn einhndig htte erdrcken knnen. Er
gab viel auf krperliche Fhigkeiten und Gewandtheit, er lehrte mich
Tennis, ruderte und schwamm mit mir, nahm mich zum Reiten mit und ruhte
nicht, bis ich fast eben so gut Billard spielte wie er selbst. Es war sein
Lieblingsspiel und er betrieb es nicht nur knstlerisch und meisterhaft,
sondern pflegte am Billard auch immer besonders lebhaft, witzig und
frhlich zu sein. Hufig gab er den drei Bllen die Namen von Leuten unsrer
Bekanntschaft und konstruierte bei jedem Sto aus Stellung, Annherung und
Entfernung der Blle ganze Romane voll von Witzen, Anzglichkeiten und
karikierenden Vergleichen. Dabei spielte er ruhig, leicht und beraus
elegant und es war eine Lust ihn dabei zu betrachten.

Meine Schriftstellerei schtzte er nicht hher als ich selbst. Einmal sagte
er mir: Sieh, ich hielt dich immer fr einen Dichter und halte dich noch
dafr, aber nicht deiner Feuilletons wegen, sondern weil ich fhle da du
etwas Schnes und Tiefes in dir leben hast, das frher oder spter einmal
hervorbrechen wird. Und das wird dann eine wirkliche Dichtung sein.

Indessen glitten uns die Semester wie kleine Mnze durch die Finger und die
Zeit kam unverhofft, da Richard an die Rckkehr nach seiner Heimat denken
mute. Mit einer etwas knstlichen Ausgelassenheit genossen wir die
schwindenden Wochen und kamen am Ende berein, da vor dem bitteren
Abschied noch irgend eine glnzende und festliche Unternehmung diese
schnen Jahre heiter und verheiungsvoll beschlieen sollte. Ich schlug
eine Ferientour in die Berner Alpen vor, doch war es freilich noch
Vorfrhling und fr die Berge eigentlich viel zu frh. Whrend ich mir den
Kopf nach anderen Vorschlgen zerbrach, schrieb Richard seinem Vater und
bereitete mir in der Stille eine groe und freudige berraschung vor. Eines
Tages kam er mit einem stattlichen Wechsel angerckt und lud mich ein, ihn
als Fhrer nach Oberitalien zu begleiten.

Mir schlug bang und frohlockend das Herz. Ein seit Knabenzeiten gehegter,
tausendmal durchgetrumter, sehnlicher Lieblingswunsch sollte sich mir
erfllen. Wie im Fieber besorgte ich meine kleinen Vorbereitungen, brachte
meinem Freund noch ein paar Worte Italienisch bei und frchtete bis zum
letzten Tag, es mchte doch nichts daraus werden.

Unser Gepck war vorausgeschickt, wir saen im Wagen, die grnen Felder und
Hgel flirrten vorber, der Urnersee und der Gotthard kam, dann die
Bergnester und Bche und Gerllhalden und Schneegipfel des Tessin, und dann
die ersten schwrzlichen Steinhuser in ebenen Weinbergen und die
erwartungsvolle Fahrt an den Seen hin und durch die fruchtbare Lombardei
dem lrmend lebhaften, sonderbar anziehenden und abstoenden Mailand
entgegen.

Richard hatte sich vom Milaneser Dom nie eine Vorstellung gemacht, sondern
von ihm nur als von einem berhmten groen Bauwerk gewut. Es war
ergtzlich, seine entrstete Enttuschung zu sehen. Als er den ersten
Schreck berwunden und seinen Humor wiedergefunden hatte, schlug er selber
vor, das Dach zu besteigen und sich in dem tollen Wirrsal von Steinfiguren
dort oben umherzutreiben. Wir stellten mit einiger Befriedigung fest, da
es um die Hunderte von unseligen Heiligenstatuen auf den Fialen nicht so
sehr schade sei, denn sie erwiesen sich zumeist, wenigstens smtliche
neuern, als Fabrikarbeit gewhnlicher Art. Wir lagen fast zwei Stunden auf
den breiten, schrgen Marmorplatten, die ein sonniger Apriltag leise
durchglht hatte. Behaglich gestand mir Richard: Weit du, im Grunde hab'
ich nichts dagegen, noch mehr solche Enttuschungen zu erleben wie mit dem
verrckten Dom da. Auf der ganzen Reise hatte ich eine kleine Angst vor
alle den Groartigkeiten, die wir sehen und die uns erdrcken wrden. Und
nun fngt die Sache so freundlich und menschlich-lcherlich an! Dann
reizte ihn das wirre steinerne Figurenvolk, in dessen Mitte wir lagerten,
zu allerlei barocken Phantasieen.

Vermutlich, sagte er, wird dort auf dem Chorturm, als der hchsten
Spitze, wohl auch der hchste und vornehmste Heilige stehen. Da es nun
keineswegs ein Vergngen sein mu, ewig als steinerner Seiltnzer auf
diesen spitzen Trmchen zu balancieren, ist es billig, da von Zeit zu Zeit
der oberste Heilige erlst und in den Himmel entrckt wird. Nun denke dir,
was das jedesmal fr ein Spektakel absetzt! Denn natrlich rcken nun
smtliche brige Heilige genau nach der Rangordnung je um einen Platz vor
und jeder mu mit einem groen Satz auf die Fiale des Vorgngers hpfen,
jeder in groer Eile und jeder jaloux auf alle, die noch vor ihm kommen.

So oft ich seither durch Mailand kam, fiel jener Nachmittag mir wieder ein
und ich sah mit wehmtigem Lachen die hunderte von Marmorheiligen ihre
khnen Sprnge tun.

In Genua ward ich um eine groe Liebe reicher. Es war ein heller, windiger
Tag, kurz nach der Mittagsstunde. Ich hatte die Arme auf eine breite
Mauerbrstung gesttzt, hinter mir lag das farbige Genua, und unter mir
schwoll und lebte die groe blaue Flut. Das Meer. Mit dunklem Tosen und
unverstandenem Verlangen warf sich mir das Ewige und Unwandelbare entgegen
und ich fhlte, da etwas in mir sich mit dieser blauen, schumigen Flut
fr Leben und Tod befreundete.

Ebenso mchtig ergriff mich der weite Meerhorizont. Wieder sah ich wie in
Kinderzeiten die duftblaue Ferne wie ein geffnetes Tor auf mich warten.
Und wieder fate mich das Gefhl, ich sei nicht zum stetig heimischen Leben
unter Menschen und in Stdten und Wohnungen, sondern zum Schweifen durch
fremde Gebiete und zu Irrfahrten auf Meeren geboren. Mit dunklem Trieb
stieg das alte, traurigmachende Verlangen in mir empor, mich an Gottes
Brust zu werfen und mein kleines Leben mit dem Unendlichen und Zeitlosen zu
verbrdern.

Bei Rapallo rang ich schwimmend zum erstenmal mit der Flut, schmeckte das
herbe Salzwasser und fhlte die Gewalt der Wogen. Ringsum blaue, klare
Wellen, braungelbe Strandfelsen, tiefer stiller Himmel und das ewige, groe
Rauschen. Stets von neuem ergriff mich der Anblick der ferne gleitenden
Schiffe, schwarzer Masten und blanker Segel oder die kleine Rauchfahne
eines entfernt dahinfahrenden Dampfers. Nchst meinen Lieblingen, den
rastlosen Wolken, wei ich kein schneres und ernsteres Bild der Sehnsucht
und des Wanderns als solch ein Schiff, das in groer Ferne fhrt, kleiner
wird und in den geffneten Horizont hinein verschwindet.

Und wir kamen nach Florenz. Die Stadt lag da wie ich sie aus hundert
Bildern und tausend Trumen kannte -- licht, gerumig, gastlich, vom
grnen, berbrckten Strom durchzogen und von klaren Hgeln umgrtet. Der
kecke Turm des palazzo vecchio stach khn in den lichten Himmel, in seiner
Hhe lag wei und warmsonnig das schne Fiesole und alle Hgel standen wei
und rosenrot im Flor der Obstblte. Das beweglich freudige, harmlose
toskanische Leben ging mir wie ein Wunder auf und ich war bald heimischer
als ich je zu Hause gewesen war. Die Tage wurden in Kirchen, auf Pltzen,
in Gassen, Loggien und Mrkten verbummelt, die Abende in Hgelgrten
vertrumt, wo schon die Limonen reiften, oder in kleinen naiven
Chiantischenken vertrunken und verplaudert. Dazwischen die beglckend
reichen Stunden in den Bilderslen und im Bargello, in Klstern,
Bibliotheken und Sakristeien, die Nachmittage in Fiesole, San Miniato,
Settignano, Prato.

Nach einer schon zu Hause getroffenen Verabredung lie ich nun Richard fr
eine Woche allein und geno die edelste und kstlichste Wanderung meiner
Jugendzeit, durch das reiche, grne umbrische Hgelland. Ich ging die
Straen des heiligen Franz und fhlte ihn in manchen Stunden neben mir
wandern, das Gemt voll unergrndlicher Liebe, jeden Vogel und jede Quelle
und jeden Hagrosenstrauch mit Dankbarkeit und Freude begrend. Ich
pflckte und verzehrte Limonen an sonnig glnzenden Hngen, nchtigte in
kleinen Drfern, sang und dichtete in mich hinein und feierte die Ostern in
Assisi, in der Kirche meines Heiligen.

Mir ist immer, als seien diese acht Wandertage in Umbrien die Krone und das
schne Abendrot meiner Jugendzeit gewesen. Jeden Tag sprangen Quellen in
mir auf und ich sah in die lichte, festliche Frhlingslandschaft wie in
Gottes gtige Augen.

In Umbrien war ich Franz, dem Spielmann Gottes, verehrend nachgegangen;
in Florenz geno ich die bestndige Vorstellung vom Leben des Quattrocento.
Ich hatte ja schon zu Hause Satiren auf die Formen unsres heutigen Lebens
geschrieben. In Florenz aber fhlte ich zum erstenmal die ganze schbige
Lcherlichkeit der modernen Kultur. Dort berfiel mich zuerst die Ahnung,
da ich in unsrer Gesellschaft ewig ein Fremdling sein wrde, und dort
erwachte zuerst der Wunsch in mir, mein Leben auerhalb dieser Gesellschaft
und womglich im Sden weiter zu fhren. Hier konnte ich mit den Menschen
verkehren, hier erfreute mich auf Schritt und Tritt eine freimtige
Natrlichkeit des Lebens, ber welcher adelnd und verfeinernd die Tradition
einer klassischen Kultur und Geschichte lag.

Glnzend und beglckend rannen uns die schnen Wochen hin; auch Richard
hatte ich nie so schwrmerisch entzckt gesehen. bermtig und freudig
leerten wir die Becher der Schnheit und des Genusses. Wir erwanderten
abseitige, hei gelegene Hgeldrfer, befreundeten uns mit Gastwirten,
Mnchen, Landmdchen und kleinen zufriedenen Dorfpfarrern, belauschten
naive Stndchen, ftterten brunliche, hbsche Kinder mit Brot und Obst und
sahen von sonnigen Berghhen Toskana im Glanz des Frhlings und fern das
schimmernde ligurische Meer liegen. Und wir hatten beide das krftige
Gefhl, unseres Glckes wrdig einem reichen, neuen Leben entgegen zu
gehen. Arbeit, Kampf, Genu und Ruhm lagen so nah und glnzend und sicher
vor uns, da wir ohne Hast uns der glcklichen Tagen freuten. Auch die nahe
Trennung schien leicht und vorbergehend, denn wir wuten fester als je,
da wir einer dem andern notwendig und einer des andern fr's Leben sicher
waren.

                   *       *       *       *       *

Das war die Geschichte meiner Jugend. Es scheint mir, wenn ich es
berdenke, als sei sie kurz wie eine Sommernacht gewesen. Ein wenig Musik,
ein wenig Geist, ein wenig Liebe, ein wenig Eitelkeit -- aber es war schn,
reich und farbig wie ein eleusisches Fest.

Und erlosch schnell und armselig wie ein Licht im Wind.

In Zrich nahm Richard Abschied. Zweimal stieg er wieder aus dem
Eisenbahnwagen, um mich zu kssen, und nickte mir noch, so lange es ging,
vom Fenster aus zrtlich zu.

Zwei Wochen spter ertrank er beim Baden in einem lcherlich kleinen
sddeutschen Flchen. Ich sah ihn nicht mehr, ich war nicht dabei als er
begraben wurde, ich hrte alles erst ein paar Tage spter, als er schon im
Sarge und in der Erde lag. Da lag ich in meinem Stblein auf den Boden
hingestreckt, fluchte Gott und dem Leben in gemeinen und scheulichen
Lsterworten, weinte und tobte. Ich hatte bis dahin nie bedacht, da mein
einziger sicherer Besitz in diesen Jahren meine Freundschaft gewesen war.
Das war nun vorber.

Es litt mich nicht lnger in der Stadt, wo tglich eine Menge von
Erinnerungen sich an mich hngte und mir die Lust raubte. Was nun kme, war
mir einerlei; ich war im Kern der Seele krank und hatte ein Grauen vor
allem Lebendigen. Einstweilen schien die Aussicht gering, da mein
zerstrtes Wesen sich wieder aufrichte und mit neu gespannten Segeln dem
herberen Glck der Mannesjahre entgegen treibe. Gott hatte gewollt, da ich
das Beste meines Wesens einer reinen und frhlichen Freundschaft hingbe.
Wie zwei rasche Nachen waren wir miteinander vorangestrmt, und Richards
Nachen war der bunte, leichte, glckliche, geliebte, an dem mein Auge hing
und dem ich vertraute, er wrde mich zu schnen Zielen mitreien. Nun war
er mit kurzem Schrei versunken und ich trieb steuerlos auf pltzlich
verdunkelten Wassern umher.

Es wre an mir gewesen, die harte Probe zu bestehen, mich nach den Sternen
zu richten und auf neuer Fahrt um den Kranz des Lebens zu kmpfen und zu
irren. Ich hatte an die Freundschaft, an die Frauenliebe, an die Jugend
geglaubt. Nun sie eine um die andere mich verlassen hatten, warum glaubte
ich nicht an Gott und gab mich in seine strkere Hand? Aber ich war
zeitlebens zag und trotzig wie ein Kind und wartete immer auf das
eigentliche Leben, da es im Sturme ber mich kme, mich verstndig und
reich machte und auf groen Flgeln einem reifen Glck entgegen trge.

Das weise und sparsame Leben aber schwieg und lie mich treiben. Es
schickte mir weder Strme noch Sterne, sondern wartete, bis ich wieder
klein und geduldig und mein Trotz gebrochen wre. Es lie mich meine
Komdie des Stolzes und Besserwissens spielen, sah daran vorbei und
wartete, bis das verlaufene Kind die Mutter wieder finden wrde.




V.


Es kommt nun diejenige Zeit meines Lebens, welche scheinbar bewegter und
bunter war als das bisherige und allenfalls einen kleinen Moderoman abgbe.
Ich mte erzhlen, wie ich von einer deutschen Zeitung zum Redakteur
berufen wurde. Wie ich meiner Feder und meinem bsen Maul zu viel Freiheit
gnnte und dafr schikaniert und geschulmeistert wurde. Wie ich darauf den
Ruf eines Sufers errang und schlielich, nach giftigen Hndeln, das Amt
niederlegte und mich als Korrespondenten nach Paris schicken lie. Wie ich
in diesem verfluchten Nest zigeunerte, verbummelte und auf verschiedenen
Gebieten einen starken Tobak rauchte.

Es ist nicht Feigheit, wenn ich den etwaigen Schweinigeln unter meinen
Lesern hier eine Nase drehe und diese kurze Zeit bergehe. Ich bekenne, da
ich einen Irrweg um den andern ging, allerlei Schmutz gesehen habe und
darin gesteckt bin. Der Sinn fr die Romantik der Bohme ist mir seither
abhanden gekommen und ihr mt mir erlauben, da ich mich an das Reinliche
und Gute halte, das doch auch in meinem Leben war, und jene verlorene Zeit
verloren und abgetan sein lasse.

Namentlich Paris war schauderhaft: Nichts als Kunst, Politik, Literatur und
Dirnengewsch, nichts als Knstler, Literaten, Politiker und gemeine
Weiber. Die Knstler waren so eitel und aufdringlich wie die Politiker, die
Literaten noch eitler und aufdringlicher, und am eitelsten und
aufdringlichsten waren die Weiber.

Eines Abends sa ich allein im Bois und berlegte mir, ob ich nur Paris
oder lieber gleich das Leben berhaupt verlassen sollte. Darber ging ich,
seit langer Zeit zum erstenmal, in Gedanken mein Leben durch und
berechnete, da ich nicht viel daran zu verlieren habe.

Aber da sah ich pltzlich in scharfer Erinnerung einen lngst vergangenen
und vergessenen Tag -- einen frhen Sommermorgen, daheim in den Bergen, und
sah mich an einem Bette knieen und darauf lag meine Mutter und litt den
Tod.

Ich erschrak und schmte mich, da ich so lange jenes Morgens nicht mehr
hatte denken knnen. Die dummen Mordgedanken waren vorbei. Denn ich glaube,
da kein ernster und nicht vllig entgleister Mensch fhig ist, sich das
Leben zu nehmen, wenn er je einmal das Erlschen eines gesunden und guten
Lebens angesehen hat. Ich sah meine Mutter wieder sterben. Ich sah wieder
auf ihrem Gesicht die stille, ernste Arbeit des Todes, der es adelte. Er
sah herb aus, der Tod, aber so mchtig und auch gtig wie ein behutsamer
Vater, der ein irregegangenes Kind heimholt.

Ich wute pltzlich wieder, da der Tod unser kluger und guter Bruder ist,
der die rechte Stunde wei und dessen wir mit Zuversicht gewrtig sein
drfen. Und ich begann auch zu verstehen, da das Leid und die
Enttuschungen und die Schwermut nicht da sind, um uns verdrossen und
wertlos und wrdelos zu machen, sondern um uns zu reifen und zu verklren.

Acht Tage spter waren meine Kisten nach Basel abgeschickt und ich wanderte
zu Fu durch ein schnes Stck Sdfrankreich und fhlte von Tag zu Tag die
unseligen Pariser Zeiten, deren Erinnerung mich wie ein Gestank verfolgte,
verblassen und zu Nebel werden. Ich wohnte einer cour d'amour bei. Ich
bernachtete in Schlssern, in Mhlen, in Scheunen, und trank mit den
dunkeln, gesprchigen Burschen ihren warmen, sonnigen Wein.

Abgerissen, mager, braungebrannt und im Innern verndert kam ich nach zwei
Monaten in Basel an. Es war meine erste so groe Wanderung, die erste von
vielen. Zwischen Locarno und Verona, zwischen Basel und Brieg, zwischen
Florenz und Perugia sind wenig Orte, durch die ich nicht zwei und dreimal
mit staubigen Stiefeln gepilgert bin -- hinter Trumen her, von denen noch
keiner sich erfllt hat.

                   *       *       *       *       *

In Basel mietete ich eine Vorstadtbude, packte meine Habe aus und begann zu
arbeiten; es freute mich in einer stillen Stadt zu leben, wo kein Mensch
mich kannte. Die Beziehungen zu einigen Zeitungen und Revuen waren noch im
Gang und ich hatte zu arbeiten und zu leben. Die ersten Wochen waren gut
und ruhig, dann kam allmhlich die alte Traurigkeit wieder, blieb tagelang,
wochenlang, und verging auch bei der Arbeit nicht. Wer nicht an sich selber
gesprt hat, was Schwermut ist, versteht das nicht. Wie soll ich es
beschreiben? Ich hatte das Gefhl einer schauerlichen Einsamkeit. Zwischen
mir und den Menschen und dem Leben der Stadt, der Pltze, Huser und
Straen war fortwhrend eine breite Kluft. Es geschah ein groes Unglck,
es standen wichtige Dinge in den Zeitungen -- mich ging es nichts an. Es
wurden Feste gefeiert, Tote begraben, Mrkte abgehalten, Konzerte gegeben
-- wozu? wofr? Ich lief hinaus, ich trieb mich in Wldern, auf Hgeln und
Landstraen herum, und um mich her schwiegen Wiesen, Bume, cker in
klagloser Trauer, sahen mich stumm und flehentlich an und hatten das
Verlangen mir etwas zu sagen, mir entgegen zu kommen, mich zu begren.
Aber sie lagen da und konnten nichts sagen, und ich begriff ihr Leiden und
litt es mit, denn ich konnte sie nicht erlsen.

Ich ging zu einem Arzt, brachte ihm ausfhrliche Aufzeichnungen, versuchte
ihm mein Leiden zu beschreiben. Er las, fragte, untersuchte mich.

Sie sind beneidenswert gesund, lobte er dann, krperlich fehlt Ihnen
nichts. Suchen Sie sich durch Lektre oder Musik zu erheitern.

Ich lese von Berufs wegen tagtglich eine Menge neue Sachen.

Jedenfalls sollten Sie sich auch einige Bewegung im Freien gnnen.

Ich laufe tglich drei bis vier Stunden, in Ferienzeiten mindestens das
doppelte.

Dann mssen Sie sich zwingen, unter Menschen zu gehen. Sie sind ja in
Gefahr ernstlich menschenscheu zu werden.

Was liegt daran?

Es liegt viel daran. Je grer zur Zeit Ihre Unlust am Umgang ist, desto
mehr mssen Sie sich zwingen Menschen zu sehen. Ihr Zustand ist noch kein
Kranksein und scheint mir nicht bedenklich; wenn Sie aber nicht aufhren so
passiv zu bummeln, knnten Sie schlielich doch einmal die Balance
verlieren.

Der Arzt war ein verstndiger und wohlwollender Mann. Ich tat ihm leid. Er
empfahl mich einem Gelehrten, in dessen Hause viel Verkehr und ein gewisses
geistiges und literarisches Leben war. Ich ging hin. Man kannte meinen
Namen, war liebenswrdig, fast herzlich, und ich kam fters wieder.

Einmal kam ich an einem kalten Sptherbstabend hin. Ich fand einen jungen
Historiker und ein sehr schlankes, dunkles Mdchen; sonst keine Gste. Das
Mdchen besorgte die Teemaschine, sprach viel und war spitzig gegen den
Historiker. Nachher spielte sie ein wenig Klavier. Dann sagte sie mir, sie
habe meine Satiren gelesen, aber gar nicht goutiert. Sie kam mir gescheit,
aber ein wenig allzu gescheit vor, und ich ging bald nach Hause.

Inzwischen hatte man allmhlich herausgebracht, ich se viel in Kneipen
herum und sei eigentlich ein heimlicher Sufer. Es wunderte mich kaum, denn
der Klatsch blhte gerade in der akademischen Gesellschaft unter Mnnern
und Frauen aufs ppigste. Meinem Verkehr schadete die beschmende
Entdeckung gar nicht, machte mich vielmehr begehrt, denn man war gerade fr
die Temperenz begeistert, Herren und Damen gehrten den Komitees der
Migkeitsvereine an und freuten sich jedes Snders, der ihnen in die Hnde
fiel. Eines Tages erfolgte der erste hfliche Angriff. Es ward mir die
Schmach des Wirtshauslebens, der Fluch des Alkoholismus und all das vom
sanitren, ethischen und sozialen Standpunkt zu betrachten nahe gelegt und
ich wurde eingeladen einer Vereinsfeierlichkeit beizuwohnen. Ich war malos
erstaunt, denn von allen solchen Vereinen und Bestrebungen hatte ich bisher
kaum eine Ahnung gehabt. Die Vereinssitzung, mit Musik und religisem
Anstrich, war peinlich komisch und ich verhehlte diesen Eindruck nicht.
Wochenlang wurde mir mit aufdringlicher Liebenswrdigkeit zugesetzt, die
Sache wurde mir uerst langweilig und eines Abends, da man mir wieder
dasselbe Lied vorsang und sehnlich auf meine Bekehrung hoffte, ward ich
desperat und bat mir energisch aus, man mge mich nun mit dem Geplrre
verschonen. Das junge Mdchen war wieder da. Sie hrte mir aufmerksam zu
und sagte dann ganz herzlich: Bravo! Ich war aber zu verstimmt, um darauf
zu achten.

Mit desto grerem Vergngen sah ich ein kleines drolliges Migeschick mit
an, das bei einer gewaltigen Abstinentenfestlichkeit passierte. Der groe
Verein samt zahllosen Gsten tafelte und tagte in seinem Hause, Reden
wurden gehalten, Freundschaften geschlossen und Chre gesungen und der
Fortschritt der guten Sache mit groem Hosianna gefeiert. Einem als
Fahnentrger angestellten Dienstmann dauerten die alkoholfreien Reden zu
lange, er drckte sich in eine nahe Schenke, und als der feierliche Fest-
und Demonstrationszug durch die Straen seinen Anfang nahm, genossen
schadenfrohe Snder das ergtzliche Schauspiel, an der Spitze der
begeisterten Scharen einen frhlich betrunkenen Anfhrer und in seinen
Armen die Fahne des blauen Kreuzes gleich einem schiffbrchigen Mastbaum
schwanken zu sehen.

Der besoffene Dienstmann wurde entfernt; nicht entfernt aber wurde das
Gewimmel menschlichster Eitelkeiten, Eiferschteleien und Intriguen, das
sich innerhalb der einzelnen Konkurrenzvereine und Komissionen erhoben
hatte und zu immer freudigerer Blte gedieh. Die Bewegung spaltete sich,
ein paar Ehrgeizige wollten allen Ruhm fr sich haben und schimpften ber
jeden nicht in ihrem Namen bekehrten Sufer; edle und selbstlose
Mitarbeiter, an denen es nicht fehlte, wurden schnde mibraucht und in
Blde hatten Nherstehende Gelegenheit zu sehen, wie auch hier unter
idealer Etikette allerlei unsaubere Menschlichkeiten zum Himmel stanken.
Alle diese Komdien erfuhr ich so nebenher durch dritte Leute, hatte mein
stilles Wohlgefallen daran und dachte mir auf mancher nchtlichen Heimkehr
von Trinkereien: Seht, wir Wilde sind doch bessere Menschen.

In meiner kleinen, hoch und frei gelegenen Stube ber dem Rhein studierte
und grbelte ich viel. Ich war trostlos, da das Leben so an mir ablief,
da kein starker Strom mich mitri, keine heftige Leidenschaft oder
Teilnahme mich erhitzte und dem dumpfen Traum entzog. Zwar arbeitete ich,
neben dem tglich Notwendigen, an den Vorbereitungen zu einem Werk, welches
das Leben der ersten Minoriten darstellen sollte; doch war dies kein
Schaffen, nur ein stetes bescheidenes Sammeln und gengte dem Trieb meiner
Sehnsucht nicht. Ich begann, indem ich mich an Zrich, Berlin und Paris
erinnerte, mir die wesentlichen Wnsche, Leidenschaften und Ideale der
Zeitgenossen klar zu machen. Einer arbeitete daran, die bisherigen Mbel,
Tapeten und Kostme abzuschaffen und die Menschen an freiere, schnere
Umgebungen zu gewhnen. Ein anderer war bemht, den Hckelschen Monismus in
populren Schriften und Vortrgen zu verbreiten. Andere hielten es fr
erstrebenswert, den ewigen Weltfrieden herbeizufhren. Und wieder einer
kmpfte fr die darbenden unteren Stnde, oder sammelte und redete dafr,
da Theater und Museen fr's Volk gebaut und geffnet wrden. Und hier in
Basel wurde der Alkohol bekmpft.

In all diesen Bestrebungen war Leben, Trieb und Bewegung; aber keine davon
war mir wichtig und notwendig und es htte mich und mein Leben nicht
berhrt, wenn alle jene Ziele heute erreicht worden wren. Hoffnungslos
sank ich in den Stuhl zurck, schob Bcher und Bltter von mir und sann,
und sann. Dann hrte ich vor den Fenstern den Rhein ziehen und den Wind
sausen und lauschte ergriffen auf diese Sprache einer groen, berall auf
der Lauer liegenden Schwermut und Sehnsucht. Ich sah die blassen
Nachtwolken in groen Sten wie erschreckte Vgel durch den Himmel
flattern, hrte den Rhein wandern und dachte an meiner Mutter Tod, an den
heiligen Franz, an meine Heimat in den Schneebergen und an den ertrunkenen
Richard. Ich sah mich an den Felswnden klettern, um Alpenrosen fr die
Rsi Girtanner zu brechen, ich sah mich in Zrich von Bchern und Musik und
Gesprchen erregt, sah mich mit der Aglietti auf dem nchtlichen Wasser
fahren, sah mich ber Richards Tod verzweifeln, reisen und wiederkommen,
genesen und wieder elend werden. Wozu? Wofr? O Gott, war alles das denn
nur ein Spiel, ein Zufall, ein gemaltes Bild gewesen? Hatte ich nicht
gerungen und Qualen der Begierde gelitten nach Geist, nach Freundschaft,
nach Schnheit, Wahrheit und Liebe? Quoll nicht noch immer in mir die
schwle Woge der Sehnsucht und der Liebe? Und alles fr nichts, mir zur
Qual, niemand zur Lust!

Dann war ich reif fr die Kneipe. Ich blies die Lampe aus, tastete mich die
steile alte Wendeltreppe hinab und erschien in einer Veltlinerhalle oder
Waadtlnder Weinstube. Dort empfing man mich als guten Gast mit Respekt,
whrend ich gewhnlich trutzig und gelegentlich sackgrob war. Ich las den
Simplizissimus, der mich jedesmal rgerte, trank meinen Wein und wartete,
bis er mich trsten wrde. Und der se Gott berhrte mich mit seiner
weiblich weichen Hand, machte meine Glieder wohlig mde und fhrte meine
verirrte Seele in das Land der schnen Trume zu Gast.

Gelegentlich wunderte ich mich selber darber, da ich die Leute so borstig
behandelte und eine Art von Spa daran hatte sie anzuschnauzen. In
Gasthusern, die ich fter besuchte, frchteten und verwnschten mich die
Kellnerinnen als einen Grobian und Nrgler, der ewig zu reklamieren hatte.
Geriet ich in ein Gesprch mit anderen Gsten, so war ich hhnisch und
grob, freilich waren auch die Leute danach. Trotzdem fanden sich ein paar
wenige Wirtshausbrder, smtlich schon alternde und unheilbare Snder, mit
denen ich zuweilen einen Abend versa und ein leidliches Verhltnis fand.
Es war namentlich ein ltlicher Rauhbein unter ihnen, seines Zeichens
Dessinateur, ein Weiberfeind, Schweinigel und geaichter Zecher erster
Klasse. Wenn ich ihn abends in irgend einer Schenke allein antraf, setzte
es jedesmal ein scharfes Zechen ab. Erst wurde geplaudert, gewitzelt und
nebenher ein Flschchen Roter gebechert, dann trat allmhlich das Trinken
in den Vordergrund, das Gesprch schlief ein und wir hockten einander
schweigsam gegenber, sogen jeder an seiner Brissago und leerten jeder fr
sich seine Flaschen. Dabei war einer dem andern ebenbrtig, wir lieen
stets gleichzeitig die Flaschen wieder fllen und beobachteten einer den
andern halb mit Achtung und halb mit Schadenfreude. Zur Zeit des Neuen, im
Sptherbst, zogen wir einst gemeinsam durch einige Markgrfler Weindrfer
und im Hirschen zu Kirchen erzhlte mir der alte Knopf seine
Lebensgeschichte. Ich glaube, sie war interessant und absonderlich, doch
verga ich sie leider vollstndig. Geblieben ist mir nur seine Schilderung
einer Trinkerei, schon aus seinen spteren Jahren. Es war irgendwo auf dem
Lande bei einer drflichen Festlichkeit. Als Gast am Honoratiorentisch
verleitete er sowohl den Pfarrer wie den Schulthei vorzeitig zu tchtigen
Ruschen. Der Pfarrer hatte aber noch eine Rede zu halten. Nachdem man ihn
mit Mhe aufs Podium geschleppt, tat er dort ungeheuerliche Sprche und
mute abgefhrt werden, worauf der Schulthei in die Lcke sprang. Er
begann gewaltig aus dem Stegreif zu reden, wurde jedoch durch die heftige
Bewegung pltzlich unwohl und endete seine Ansprache auf eine ungewhnliche
und unfeine Weise.

Spter htte ich diese und andere Geschichten mir gerne nochmals erzhlen
lassen. Es hatte aber bei einem Schtzenfestabend unvershnliche Hndel
zwischen uns gegeben, wir hatten einander die Brte gerupft und waren im
Zorn auseinander gegangen. Von da an kam es einige mal vor, da wir als
Feinde gleichzeitig in einer Wirtsstube saen, jeder natrlich an einem
anderen Tisch; aber aus alter Gewohnheit beobachteten wir einander
schweigend, tranken im gleichen Tempo und blieben sitzen, bis wir lngst
die letzten Gste waren und schlielich ersucht wurden abzuziehen. Zu einer
Vershnung ist es nie gekommen.

Fruchtlos und ermdend war das ewige Nachdenken ber die Ursachen meiner
Trauer und Lebensunfhigkeit. Ich hatte durchaus nicht das Gefhl, fertig
und verbraucht zu sein, sondern war voll von dunklen Trieben und glaubte
daran, da es zur rechten Stunde mir noch gelingen wrde, etwas Tiefes und
Gutes zu schaffen und dem sprden Leben wenigstens eine Handvoll Glck zu
entreien. Aber wrde die rechte Stunde jemals kommen? Mit Bitterkeit
dachte ich an jene modernen, nervsen Herren, die sich durch tausend
knstliche Anregungen zur knstlerischen Arbeit stachelten, whrend in mir
starke Krfte unverbraucht lagen und liegen blieben. Und ich grbelte
wieder, was fr ein Hemmnis oder Dmon mir in meinem strotzend starken
Leibe die Seele stocken und immer schwerer werden lasse. Dabei hatte ich
auch noch den sonderbaren Gedanken, mich fr einen aparten, irgendwie zu
kurz gekommenen Menschen zu halten, dessen Leiden niemand kenne, verstehe
oder teile. Es ist das Teuflische an der Schwermut, da sie einen nicht nur
krank, sondern auch eingebildet und kurzsichtig, ja fast hochmtig macht.
Man kommt sich vor wie der geschmacklose Heinesche Atlas, der allein alle
Schmerzen und Rtsel der Welt auf den Schultern liegen hat, als ob nicht
tausend andere dieselben Leiden duldeten und im selben Labyrinth
herumirrten. Auch da die Mehrzahl meiner Eigenschaften und Eigenheiten
nicht so sehr mir gehrte als Familiengut oder bel der Camenzinde war, kam
mir in meiner Isolierung und Heimatferne ganz abhanden.

Alle paar Wochen ging ich einmal wieder in das gastliche Gelehrtenhaus.
Allmhlich kannte ich ziemlich alle dort verkehrenden Leute. Es waren meist
jngere Akademiker, viele Deutsche darunter, von allen Fakultten, auerdem
ein paar Maler, einige Musiker, sowie ein paar Brgersleute mit ihren
Frauen und Mdchen. Ich sah oft mit Erstaunen diese Leute an, die mich als
seltenen Gast begrten und von denen ich wute, da sie sich untereinander
wchentlich so und so viele mal sahen. Was sprachen und trieben sie nur
immer miteinander? Die meisten hatten dieselbe stereotype Form des homo
socialis und sie schienen mir alle ein wenig mit einander verwandt, kraft
eines geselligen und nivellierenden Geistes, den ich allein nicht besa. Es
waren manche feine und bedeutende Menschen dabei, welchen die ewige
Geselligkeit offenbar nichts oder nicht viel von ihrer Frische und
persnlichen Kraft raubte. Mit einzelnen von ihnen konnte ich lang und mit
Interesse sprechen. Aber von einem zum andern gehen, bei jedem eine Minute
stehen bleiben, den Weibern auf gut Glck Artigkeiten sagen, meine
Aufmerksamkeit auf eine Tasse Tee, zwei Gesprche und ein Klavierstck zu
gleicher Zeit richten, dabei angeregt und vergngt aussehen, das konnte ich
nicht. Schrecklich war es mir, von Literatur oder Kunst reden zu mssen.
Ich sah, da auf diesen Gebieten sehr wenig gedacht, sehr viel gelogen und
jedenfalls unsglich viel geschwatzt wurde. Ich log also mit, hatte aber
keine Freude daran und fand das viele nutzlose Gewsche langweilig und
entwrdigend. Viel lieber hrte ich etwa eine Frau von ihren Kindern
sprechen oder erzhlte selbst von Reisen, von kleinen Tageserlebnissen und
anderen realen Dingen. Dabei konnte ich gelegentlich vertraulich und fast
vergngt werden. Meistens suchte ich aber am Schlu solcher Abende noch ein
Weinhaus auf und schwemmte die Trockenheit im Halse und die faule
Langeweile mit Veltliner weg.

Bei einer von diesen Gesellschaften sah ich das schwarze junge Mdchen
wieder. Es war eine Menge Leute da, sie musizierten und verfhrten ihr
gewohntes Getse, und ich sa mit einer Bildermappe in einem abseitigen
Lampenwinkel. Es waren Ansichten von Toskana, nicht die gewhnlichen,
tausendmal gesehenen Effektbildchen, sondern intimere, privatim skizzierte
Veduten, meist Geschenke von Reisegenossen und Freunden des Hausherrn. Eben
hatte ich die Zeichnung eines steinernen, schmalfenstrigen Huschens in dem
einsamen Tal von San Clemente gefunden, das ich erkannte, denn ich hatte
dort manche Spaziergnge gemacht. Das Tal liegt ganz nah bei Fiesole, aber
die Menge der Reisenden besucht es nie, weil keine Altertmer dort sind. Es
ist ein Tal von herber und merkwrdiger Schnheit, trocken und kaum
bewohnt, zwischen hohe, kahle und strenge Berge geklemmt, weltferne,
melancholisch und unbetreten.

Das Mdchen trat heran und sah mir ber die Schulter.

Warum sitzen Sie immer so allein, Herr Camenzind?

Es rgerte mich. Sie fhlt sich von den Herren vernachlssigt, dachte ich,
und nun kommt sie zu mir.

Nun, bekomme ich keine Antwort?

Verzeihung, Frulein; aber was soll ich denn antworten? Ich sitze allein,
weil es mir Spa macht!

Dann stre ich Sie also?

Sie sind komisch.

Danke; ist aber ganz gegenseitig.

Und sie setzte sich. Ich hielt beharrlich mein Blatt in den Fingern.

Sie sind doch vom Oberland, sagte sie. Ich mchte Sie gern einmal von
dort erzhlen hren. Mein Bruder sagt, in Ihrem Dorf gebe es blo einen
Familiennamen, lauter Camenzinds. Ist das wahr?

Beinah, knurrte ich. Es gibt aber auch einen Bcker, der Fli heit.
Und einen Gastwirt namens Nydegger.

Und sonst nichts als Camenzind! Und die sind alle miteinander verwandt'?

Mehr oder weniger.

Ich reichte ihr die Zeichnung hin. Sie hielt das Blatt fest und ich
bemerkte, da sie es verstand so etwas richtig anzufassen. Das sagte ich
ihr.

Sie loben mich, lachte sie, aber wie ein Schullehrer.

Wollen Sie das Blatt nicht auch ansehen? fragte ich grob. Sonst kann ich
es zurcklegen.

Was stellt es denn vor?

San Clemente.

Wo?

Bei Fiesole.

Sie sind dort gewesen?

Ja, mehrmals.

Wie sieht das Tal aus? Das hier ist ja nur ein Ausschnitt.

Ich dachte nach. Die ernste, herbschne Landschaft trat vor meinen Blick
und ich schlo die Augen halb, um sie festzuhalten. Es dauerte eine Weile,
ehe ich zu sprechen begann und es tat mir wohl, da sie still blieb und
wartete. Sie begriff, da ich nachdachte.

Und ich schilderte San Clemente, wie es schweigend, drr und groartig im
Brand des Sommernachmittags liegt. Nebenan in Fiesole treibt man Industrie,
flicht Strohhte und Krbe, verkauft Souvenirs und Orangen, betrgt die
Reisenden oder bettelt sie an. Weiter unten liegt Florenz und umfat eine
Flut alten und neuen Lebens. Aber beide sieht man von Clemente aus nicht.
Dort haben keine Maler gearbeitet, dort ist kein Rmerbau gewesen, die
Geschichte verga das arme Tal. Aber dort kmpft die Sonne und der Regen
mit der Erde, dort erhalten sich schiefe Pinien mhsam am Leben und die
paar Cypressen fhlen mit hageren Wipfeln in die Luft, ob nicht der
feindliche Sturm nahe sei, der ihnen das karge Leben verkrzt, an dem sie
mit drstenden Wurzeln hngen. Es fhrt zuweilen ein Ochsenwagen von den
nahe liegenden groen Meierhfen vorbei oder eine Bauernfamilie pilgert
Fiesole entgegen, aber sie sind nur zufllige Gste und die roten Rcke der
Bauernweiber, die sonst so flott und lustig aussehen, stren hier und man
vermit sie gern.

Und ich erzhlte, wie ich als junger Mensch mit einem Freunde dort
wanderte, zu Fen der Cypressen lag und mich an ihre hageren Stmme
lehnte; und wie der traurig schne Einsamkeitszauber des seltsamen Tales
mich an die heimatlichen Schluchten erinnerte.

Wir schwiegen eine Weile.

Sie sind ein Dichter, sagte das Mdchen.

Ich schnitt eine Grimasse.

Ich meine es anders, fuhr sie fort. Nicht weil Sie Novellen und
dergleichen schreiben. Sondern weil Sie die Natur verstehen und lieb haben.
Was ist es anderen Leuten, wenn ein Baum rauscht oder ein Berg in der Sonne
glht? Aber fr Sie ist ein Leben darin, das Sie mitleben knnen.

Ich antwortete, da niemand die Natur verstehe und da man mit allem
Suchen und Begreifenwollen nur Rtsel findet und traurig wird. Ein in der
Sonne stehender Baum, ein verwitternder Stein, ein Tier, ein Berg -- sie
haben ein Leben, sie haben eine Geschichte, sie leben, leiden, trotzen,
genieen, sterben, aber wir begreifen es nicht.

Inde ich sprach und mich ihres geduldig stillen Aufmerkens freute, begann
ich sie zu betrachten. Ihr Blick war auf mein Gesicht gerichtet und wich
dem meinen nicht aus. Ihr Gesicht war ganz ruhig, hingegeben und von der
Aufmerksamkeit ein wenig gespannt. Wie wenn ein Kind mir zuhrte. Nein,
sondern wie wenn ein Erwachsener im Zuhren sich vergit und, ohne es zu
wissen, Kinderaugen bekommt. Und whrend des Betrachtens entdeckte ich
allmhlich mit naiver Finderfreude, da sie sehr schn war.

Als ich nicht mehr sprach, blieb auch das Mdchen still. Dann schreckte sie
auf und blinzelte ins Lampenlicht.

Wie heien Sie eigentlich, Frulein? fragte ich und dachte nicht viel
dabei.

Elisabeth.

Sie ging weg und wurde bald darauf gentigt Klavier zu spielen. Sie spielte
gut. Aber da ich hinzutrat sah ich, da sie nicht mehr so schn war.

Als ich die behaglich altmodische Treppe hinabstieg, um nach Hause zu
gehen, hrte ich ein paar Worte vom Gesprch zweier Maler, welche in der
Hausflur ihre Mntel anlegten.

Na ja, er hat sich den ganzen Abend mit der hbschen Lisbeth beschftigt,
sagte einer und lachte.

Stille Wasser! meinte der andere. Er hat sich nicht das Schlechteste
ausgesucht.

Also die Affen sprachen schon darber. Es fiel mir pltzlich ein, da ich,
fast wider Willen, diesem fremden jungen Mdchen intime Erinnerungen und
ein ganzes Stck meines inneren Lebens preisgegeben hatte. Wie kam ich
dazu? Und nun schon die bsen Muler! -- Bande!

Ich ging weg und betrat monatelang das Haus nicht mehr. Zufllig war eben
einer von jenen zwei Malern der Erste, der mich auf der Strae darber zur
Rede stellte.

Warum gehen Sie denn nicht mehr hin?

Weil ich das verdammte Klatschen nicht leiden kann, sagte ich.

Ja, unsere Damen! lachte der Kerl.

Nein, antwortete ich, ich meine die Mnner, und speziell die Herren
Maler.

Elisabeth sah ich in diesen Monaten nur ganz wenige Mal auf der Strae,
einmal in einem Kaufladen und einmal in der Kunsthalle. Gewhnlich war sie
hbsch, doch nicht schn. Die Bewegungen ihrer berschlanken Gestalt hatten
etwas Apartes, das sie meistens schmckte und auszeichnete, manchmal aber
auch etwas bertrieben und unecht aussehen konnte. Schn, beraus schn war
sie damals in der Kunsthalle. Sie sah mich nicht. Ich sa ausruhend
beiseite und bltterte im Katalog. Sie stand in meiner Nhe vor einem
groen Segantini und war ganz in das Bild versunken. Es stellte ein paar
auf mageren Matten arbeitende Bauernmdchen dar, hinten die zackig jhen
Berge, etwa an die Stockhorngruppe erinnernd, und darber in einem khlen,
lichten Himmel eine unsglich genial gemalte, elfenbeinfarbene Wolke. Sie
frappierte auf den ersten Blick durch ihre seltsam geknuelte,
ineinandergedrehte Masse; man sah, sie war eben erst vom Winde geballt und
geknetet und schickte sich nun an zu steigen und langsam fortzufliegen.
Offenbar verstand Elisabeth diese Wolke, denn sie war ganz dem Anschauen
hingegeben. Und wieder war ihre sonst verborgene Seele in ihr Gesicht
getreten, lachte leise aus den vergrerten Augen, machte den zu schmalen
Mund kindlich weich und hatte die berkluge herbe Stirnfalte zwischen den
Brauen geebnet. Die Schnheit und Wahrhaftigkeit eines groen Kunstwerkes
zwang ihre Seele, selbst schn und wahrhaftig und unverhllt sich
darzustellen.

Ich sa still daneben, betrachtete die schne Segantiniwolke und das schne
von ihr entzckte Mdchen. Dann frchtete ich, sie mchte sich umwenden,
mich sehen und anreden und ihre Schnheit wieder verlieren, und ich verlie
den Saal schnell und leise.

Um jene Zeit begann meine Freude an der stummen Natur und mein Verhltnis
zu ihr sich zu verndern. Immer wieder streifte ich durch die wundervolle
Umgebung der Stadt, am liebsten in den Jura hinein. Ich sah immer wieder
die Wlder und Berge, Matten, Obstbume und Gebsche stehen und auf irgend
etwas warten. Vielleicht auf mich, jedenfalls aber auf Liebe.

Und so begann ich diese Dinge zu lieben. Es kam ein starkes, drstendes
Verlangen in mir ihrer stillen Schnheit entgegen. Auch in mir drngte ein
tiefes Leben und Sehnen dunkel empor und suchte nach Bewutsein, nach
Verstandenwerden, nach Liebe.

Viele sagen, sie lieben die Natur. Das heit, sie sind nicht abgeneigt je
und je ihre dargebotenen Reize sich gefallen zu lassen. Sie gehen hinaus
und freuen sich ber die Schnheit der Erde, zertreten die Wiesen und
reien schlielich eine Menge Blumen und Zweige ab, um sie bald wieder
wegzuwerfen oder daheim verwelken zu sehen. So lieben sie die Natur. Sie
erinnern sich dieser Liebe am Sonntag, wenn schnes Wetter ist, und sind
dann gerhrt ber ihr gutes Herz. Sie htten es ja nicht ntig, denn der
Mensch ist die Krone der Natur. Ach ja, die Krone!

Also ich blickte immer begieriger in den Abgrund der Dinge. Ich hrte den
Wind vieltnig in den Kronen der Bume klingen, hrte Bche durch
Schluchten brausen und leise stille Strme durch die Ebene ziehen, und ich
wute, da diese Tne Gottes Sprache waren und da es ein Wiederfinden des
Paradieses wre, diese dunkle, urschne Sprache zu verstehen. Die Bcher
wissen davon wenig, nur in der Bibel steht das wunderbare Wort vom
unaussprechlichen Seufzen der Kreatur. Doch ahnte ich, da zu allen
Zeiten Menschen, gleich mir von diesem Unverstandenen ergriffen, ihr
Tagewerk verlassen und die Stille aufgesucht hatten, um dem Liede der
Schpfung zu lauschen, das Ziehen der Wolken zu betrachten und in rastloser
Sehnsucht dem Ewigen anbetende Arme entgegenzustrecken, Einsiedler, Ber
und Heilige.

Bist du nie in Pisa gewesen, im Camposanto? Dort sind die Wnde mit
blagewordenen Bildern vergangener Jahrhunderte geschmckt, und eines davon
zeigt das Leben der Einsiedler in der thebaischen Wste. Das naive Bild
strmt noch heute mit seinen verblaten Farben den Zauber eines so seligen
Friedens aus, da du ein pltzliches Leid empfindest und da es dich
verlangt, deine Snden und deine Unreinheit irgendwo in heiliger Weltferne
von dir zu weinen und nicht wiederzukommen. Unzhlige Knstler haben so
versucht, ihr Heimweh in seligen Bildern auszusagen, und irgend ein kleines
liebes Kinderbildchen von Ludwig Richter singt dir dasselbe Lied wie die
Fresken von Pisa. Warum hat Tizian, der Freund des Gegenwrtigen und
Krperlichen, seinen klaren und gegenstndlichen Bildern manchmal jenen
Hintergrund vom sesten Ferneblau gegeben? Es ist nur ein Strich
tiefblauer, warmer Farbe, man sieht nicht ob er ferne Gebirge oder nur den
unbegrenzten Raum bedeuten will. Tizian, der Realist, wute es selbst
nicht. Er tat es nicht, wie die Kunsthistoriker wissen wollen, aus Grnden
der Farbenharmonik, sondern es war sein Tribut an das Unstillbare, das
verborgen auch in der Seele dieses Frohen und Glcklichen lebte. So, schien
mir, war die Kunst zu allen Zeiten bemht gewesen, dem stummen Verlangen
des Gttlichen in uns eine Sprache zu schenken.

Reifer, schner und doch viel kindlicher sprach der heilige Franz das aus.
Ihn verstand ich erst damals vllig. Indem er die ganze Erde, die Pflanzen,
Gestirne, Tiere, Winde und Wasser in seine Liebe zu Gott inbegriff,
bereilte er das Mittelalter und selbst Dante und fand die Sprache des
zeitlos Menschlichen. Er nennt alle Mchte und Erscheinungen der Natur
seine lieben Brder und Schwestern. Als er in seinen sptern Jahren von den
rzten dazu verurteilt ward, sich die Stirn mit glhendem Eisen brennen zu
lassen, begrte er mitten in der Angst des gefolterten Schwerkranken in
diesem schrecklichen Eisen seinen lieben Bruder, das Feuer.

Indem ich nun anfing die Natur persnlich zu lieben, ihr zu lauschen wie
einem Kameraden und Reisegefhrten, der eine fremde Sprache redet, ward
meine Schwermut zwar nicht geheilt, aber veredelt und gereinigt. Mein Ohr
und Auge schrfte sich, ich lernte feine Tnungen und Unterschiede erfassen
und sehnte mich, den Herzschlag alles Lebens immer nher und klarer zu
hren und vielleicht einmal zu verstehen und vielleicht einmal der Gabe
teilhaftig zu werden, ihm in Dichterworten Ausdruck zu gnnen, damit auch
andere ihm nher kmen und mit besserem Verstndnis die Quellen aller
Erfrischung, Reinigung und Kindlichkeit besuchten. Einstweilen war das ein
Wunsch, ein Traum -- --, ich wute nicht ob er sich je erfllen knne und
hielt mich ans nchste, indem ich allem Sichtbaren Liebe entgegenbrachte
und mich gewhnte, kein Ding mehr gleichgltig oder verchtlich zu
betrachten.

Ich kann nicht sagen, wie erneuend und trstend dies auf mein verdunkeltes
Leben wirkte! Es ist nichts Adligeres und nichts Beglckenderes in der Welt
als eine wortelose, stetige, leidenschaftslose Liebe und ich wnsche nichts
herzlicher als da von denen, die meine Worte lesen, einige oder auch nur
zwei oder einer diese reine und selige Kunst durch meinen Antrieb zu lernen
beginnen mchte. Manche haben sie von Natur und ben sie ihr Leben lang
unbewut, das sind Gottes Lieblinge, die Guten und Kinder unter den
Menschen. Manche haben sie in schweren Leiden gelernt -- habt ihr nie unter
Krppeln und Elenden solche mit berlegenen, stillen, glnzenden Augen
gesehen? Wenn ihr nicht auf mich und meine armen Worte hren mget, so
gehet zu ihnen, in denen eine begierdelose Liebe das Leiden berwand und
verklrte.

Dieser Vollendung, die ich an manchen armen Duldern verehrt habe, stehe ich
noch heute klglich fern. Aber diese Jahre hindurch entbehrte ich nur
selten des trstenden Glaubens, den rechten Weg zu ihr zu wissen.

Da ich ihn auch immer gegangen wre, darf ich nicht sagen, vielmehr blieb
ich unterwegs auf allen Bnken sitzen und sparte auch manchen bsen Umweg
nicht. Zwei selbstschtige und mchtige Neigungen stritten in mir wider die
echte Liebe. Ich war Trinker und ich war menschenscheu. Zwar beschnitt ich
mein Quantum Wein erheblich, aber alle paar Wochen berredete mich der
schmeichlerische Gott, da ich mich ihm in die Arme warf. Da ich etwa auf
der Strae liegen blieb oder hnliche Nachtstcke verbte, ist allerdings
kaum jemals vorgekommen, denn der Wein liebt mich, und lockt mich nur bis
dahin, wo seine Geister mit meinem eigenen in freundschaftlichem
Zwiegesprch verkehren. Immerhin verfolgte mich lange Zeit nach jeder
Trinkerei das bse Gewissen. Aber schlielich konnte ich meine Liebe doch
nicht gerade dem Wein entziehen, zu dem ich eine starke Neigung vom Vater
ererbt hatte. Jahrelang hatte ich diese Erbschaft sorgsam und piettvoll
gehegt und mir grndlich zu eigen gemacht, also half ich mir nun und schlo
zwischen Trieb und Gewissen einen halb ernsten, halb scherzhaften Vertrag.
Ich nahm in den Lobgesang des Heiligen von Assisi meinen lieben Bruder,
den Wein mit auf.




VI.


Viel schlimmer war mein anderes Laster. Ich hatte wenig Freude an den
Menschen, lebte als Einsiedler und war gegen menschliche Dinge stets mit
Spott und Verachtung zur Hand.

Im Beginn meines neuen Lebens dachte ich daran noch gar nicht. Ich fand es
richtig, die Menschen einander zu berlassen und meine Zrtlichkeit,
Hingabe und Teilnahme allein dem stummen Leben der Natur zu schenken. Auch
erfllte diese mich im Anfang ganz.

Nachts, wenn ich zu Bett gehen wollte, fiel mir etwa pltzlich ein Hgel,
ein Waldrand, ein einzelner Lieblingsbaum ein, den ich lange nicht mehr
besucht hatte. Nun stand er in der Nacht im Wind, trumte, schlummerte
vielleicht, sthnte und regte die Zweige. Wie mochte er aussehen? Und ich
verlie das Haus, suchte ihn auf und sah seine undeutliche Gestalt im
Finstern stehen, betrachtete ihn mit erstaunter Zrtlichkeit und trug sein
dmmerndes Bild in mir davon.

Ihr lacht darber. Vielleicht war diese Liebe verirrt, doch nicht
vergeudet. Aber wie sollte ich von hier den Weg finden, der zur
Menschenliebe fhrte?

Nun, wo ein Anfang gemacht ist, kommt immer das Beste von selber nach.
Immer nher und mglicher schwebte mir die Idee meiner groen Dichtung vor.
Und wenn mein Liebhaben mich dahin bringen wrde, einmal als Dichter die
Sprache der Wlder und Strme zu reden, fr wen geschhe das dann? Nicht
nur fr meine Lieblinge, sondern doch vor allem fr die Menschen, denen ich
ein Fhrer und ein Lehrer der Liebe sein wollte. Und gegen diese Menschen
war ich rauh, spttisch und lieblos. Ich empfand den Zwiespalt und die
Ntigung, das herbe Fremdsein zu bekmpfen und auch den Menschen
Brderlichkeit zu zeigen. Und das war schwer, denn Vereinsamung und
Schicksale hatten mich gerade auf diesem Punkt hart und bse gemacht. Es
gengte nicht, da ich daheim und im Wirtshaus mich mhte weniger herb zu
sein und da ich etwa unterwegs einem Begegnenden freundlich zunickte.
brigens sah ich schon hierbei, wie grndlich ich mir das Verhltnis zu den
Leuten versalzen hatte, denn man kam meinen Freundlichkeitsversuchen
mitrauisch und khl entgegen oder nahm sie fr Hohn auf. Das Schlimmste
war, da ich das Haus jenes Gelehrten, das einzige meiner Bekanntschaft,
fast ein Jahr lang gemieden hatte, und ich sah ein, da ich vor allem dort
wieder anklopfen und mir irgend einen Weg in die hiesige Art von
Geselligkeit suchen msse.

Nun, hier half mir meine eigene verhhnte Menschlichkeit erklecklich. Kaum
hatte ich wieder an jenes Haus gedacht, so sah ich auch im Geist Elisabeth,
schn wie sie vor Segantinis Wolke gewesen war, und merkte pltzlich, wie
sehr sie an meiner Sehnsucht und Schwermut teil hatte. Und es geschah, da
ich zum erstenmal ernstlich daran dachte, ein Weib zu freien. Bisher war
ich von meiner vlligen Unfhigkeit zur Ehe so berzeugt gewesen, da ich
mich darein mit bissiger Ironie ergeben hatte. Ich war Dichter, Wanderer,
Trinker, Einspnner! Jetzt glaubte ich mein Schicksal zu erkennen, das mir
in der Mglichkeit einer Liebesehe die Brcke zur Menschenwelt schlagen
wollte. Alles sah so verlockend und sicher aus! Da Elisabeth mir Teilnahme
schenkte, hatte ich gesprt und gesehen; auch da sie ein empfngliches und
edles Wesen besa. Ich dachte daran, wie bei der Plauderei ber San
Clemente und dann vor dem Segantini ihre Schnheit lebendig geworden war.
Ich aber hatte seit Jahren aus Kunst und Natur einen reichen inneren Besitz
gesammelt; sie wrde von mir das berall schlummernde Schne sehen lernen
und ich wrde sie so mit Schnem und Wahrem umgeben, da ihr Gesicht und
ihre Seele alle Trbungen verge und sich zur Blte ihrer Fhigkeiten
entfalten knnte. Seltsamer Weise empfand ich das Komische meiner
pltzlichen Verwandlung gar nicht. Ich Einsamer und Sonderling war ber
Nacht ein verliebter Fant geworden, der von Eheglck und von der
Einrichtung eines eigenen Hauswesens trumt.

Eiligst suchte ich denn das gastliche Haus auf und ward mit freundlichen
Vorwrfen empfangen. Ich ging mehrmals hin und nach einigen Besuchen traf
ich Elisabeth dort wieder. O, sie war schn! Sie sah aus wie ich sie mir
als meine Geliebte vorgestellt hatte: schn und glcklich. Und ich geno
eine Stunde lang die frohe Schnheit ihrer Gegenwart. Sie begrte mich
gtig, sogar herzlich und mit einer vertrauten Freundschaftlichkeit, die
mich glcklich machte.

                   *       *       *       *       *

Erinnert ihr euch noch des Abends auf dem See, im Boot, des Abends mit den
roten Papierlampen, mit der Musik, mit meiner im Keim erstickten
Liebeserklrung? Es war die traurige und lcherliche Geschichte eines
verliebten Knaben.

Lcherlicher -- und trauriger ist die Geschichte des verliebten Mannes
Peter Camenzind.

Ich erfuhr so beilufig, Elisabeth sei seit kurzem Braut. Ich gratulierte
ihr, ich machte die Bekanntschaft ihres Verlobten, der sie abzuholen kam,
und ich gratulierte auch ihm. Den ganzen Abend lag ein wohlwollendes
Gnnerlcheln auf meinem Gesicht, mir selber lstig, wie eine Maske.
Nachher lief ich weder in den Wald noch ins Wirtshaus, sondern sa auf
meinem Bett, sah der Lampe zu, bis sie stank und erlosch, erstaunt und
verdonnert, bis endlich mein Bewutsein wieder erwachte. Da breiteten noch
einmal der Schmerz und Verzweiflung ihre schwarzen Flgel ber mich, da
ich klein und schwach und zerbrochen lag und da ich schluchzte wie ein
Knabe.

Darauf packte ich meinen Rucksack, ging morgens zur Bahn und reiste nach
Haus. Ich hatte Sehnsucht wieder am Sennalpstock zu klettern, an meine
Kinderzeit zu denken und nachzusehen, ob mein Vater noch lebe.

Wir waren uns fremd geworden. Der Vater sah vllig grau, ein wenig gebckt
und ein wenig unscheinbar aus. Er behandelte mich sanft und mit Scheu,
fragte nach nichts, wollte mir sein Bett abtreten und schien durch meinen
Besuch nicht weniger in Verlegenheit gebracht als berrascht zu sein. Er
hatte das Huschen noch, die Matten und das Vieh aber verkauft, bezog einen
kleinen Zins und tat hier und dort ein wenig leichte Arbeit.

Als er mich allein lie, trat ich an die Stelle, wo frher meiner Mutter
Bett gestanden hatte, und das Vergangene lief wie ein breiter, ruhiger
Strom an mir vorbei. Ich war kein Jngling mehr und dachte daran, wie
schnell die Jahre weitergehen wrden, dann wre auch ich ein gebcktes und
graues Mnnlein und legte mich zum bittern Sterben hin. In der fast
unvernderten, rmlichen alten Stube, wo ich klein gewesen war, wo ich
Latein gelernt und den Tod der Mutter gesehen hatte, hatten diese Gedanken
eine ruhebringende Natrlichkeit. Mit Dank erinnerte ich mich an allen
Reichtum meiner Jugend, dabei fiel der Vers des Lorenzo Medici mir ein, den
ich in Florenz gelernt hatte:

   Quant'  bella giovinezza,
   Ma si fugge tuttavia.
   Chi vuol esser lieto, sia:
   Di doman non c' certezza.

und zugleich wunderte ich mich, Erinnerungen aus Italien und aus der
Geschichte und aus dem weiten Reich des Geistes in diese alte heimatliche
Stube zu tragen.

Darauf gab ich meinem Vater etwas Geld. Am Abend gingen wir ins Wirtshaus
und dort war alles wie damals, nur da jetzt ich den Wein bezahlte und da
der Vater, als er vom Sternwein und Champagner sprach, sich auf mich
berief, und da ich jetzt mehr als der Alte vertragen konnte. Ich fragte
nach dem greisen Buerlein, dem ich damals den Wein ber seinen Kahlkopf
gegossen hatte. Er war ein Witzbold und Kniffgenie gewesen, aber nun war er
lngst tot und ber seine Schnurren begann Gras zu wachsen. Ich trank
Waadtlnder, hrte den Gesprchen zu, erzhlte ein wenig, und da ich mit
dem Vater durch den Mondschein nach Hause ging und er im Rausche weiter
redete und gestikulierte, war mir so sonderbar verzaubert zu Mute wie noch
nie. Fortwhrend umgaben mich die Bilder der frheren Zeit, Onkel Konrad,
Rsi Girtanner, die Mutter, Richard und die Aglietti und ich sah sie an wie
ein schnes Bilderbuch, bei dem man sich wundert, wie schn und
wohlbeschaffen alle Dinge darin aussehen, die in der Wirklichkeit nicht
halb so kstlich sind. Wie war das alles an mir vorbeigerauscht, vergangen,
fast vergessen und stand nun doch klar und reinlich in mir ausgezeichnet:
ein halbes Leben, ohne meinen Willen vom Gedchtnis aufbewahrt.

Erst als wir nach Hause kamen und als mein Vater spt verstummte und
entschlief, dachte ich wieder an Elisabeth. Noch gestern hatte sie mich
begrt, hatte ich sie bewundert und hatte ihrem Brutigam Glck gewnscht.
Es schien mir eine lange Zeit seither vergangen zu sein. Aber der Schmerz
erwachte, vermischte sich mit der Flut der aufgestrten Erinnerungen und
rttelte an meinem selbstschtigen und schlecht verwahrten Herzen wie der
Fhn an einer zitternden und bauflligen Almhtte. Ich hielt es nicht im
Hause aus. Ich stieg durchs niedere Fenster, ging durchs Grtchen an den
See, machte den verwahrlosten Weidling los und ruderte leise in die blasse
Seenacht. Feierlich schwiegen umher die silbrig umdnsteten Berge, der fast
vllige Mond hing in der blulichen Nacht und ward beinahe von der Spitze
des Schwarzenstocks erreicht. Es war so still, da ich den fernen
Sennalpstock-Wasserfall leise brausen hren konnte. Die Geister der Heimat
und die Geister meiner Jugendzeit berhrten mich mit ihren bleichen
Flgeln, erfllten meinen kleinen Nachen und deuteten flehentlich mit
ausgestreckten Hnden und schmerzlichen, unverstndlichen Geberden.

Was hatte nun mein Leben bedeutet und wozu waren so viele Freuden und
Schmerzen ber mich hinweggegangen? Warum hatte ich Durst nach dem Wahren
und Schnen gehabt, da ich heute noch ein Drstender war? Warum hatte ich
in Trotz und Trnen um jene begehrenswerten Frauen Liebe und Schmerzen
gelitten -- ich, der ich heute wieder das Haupt in Scham und Trnen um eine
traurige Liebe neigte? Und warum hatte der unbegreifliche Gott mir das
brennende Heimweh nach Liebe ins Herz getan, da er mir doch das Leben eines
Einsamen und wenig Geliebten bestimmt hatte?

Das Wasser gurgelte dumpf am Bug und trpfelte silbern von den Rudern, die
Berge standen ringsum nahe und schweigend, ber die Nebel der Schluchten
wandelte das khle Mondlicht. Und die Geister meiner Jugendzeit standen
schweigsam um mich her und blickten mich aus tiefen Augen still und fragend
an. Mir war, ich she unter ihnen auch die schne Elisabeth, und sie htte
mich geliebt und sie wre mein geworden, wenn ich zur rechten Zeit gekommen
wre.

Auch war mir als wre es am besten, ich snke still in den bleichen See und
es wrde mir von niemand nachgefragt. Aber dennoch ruderte ich schneller,
als ich merkte, da der schlechte alte Nachen Wasser zog. Mich fror
pltzlich und ich eilte, nach Haus und zu Bett zu kommen. Dort lag ich md
und wach und sann ber mein Leben nach und suchte zu finden, was mir fehle
und was mir ntig wre, um glcklicher und echter zu leben und nher an das
Herz des Daseins zu kommen.

Wohl wute ich, da aller Gte und Freude Kern die Liebe sei und da ich
beginnen msse, trotz meines frischen Schmerzes um Elisabeth die Menschen
ernstlich liebzuhaben. Aber wie? Und wen?

Da fiel mir mein alter Vater ein und ich merkte zum erstenmal, da ich ihn
nie in der rechten Weise lieb gehabt hatte. Als Knabe hatte ich ihm das
Leben sauer gemacht, dann war ich fortgegangen, hatte ihn auch nach der
Mutter Tod allein gelassen, mich oft seiner gergert und ihn schlielich
fast ganz vergessen. Ich mute mir vorstellen, er lge auf dem Totenbett
und ich stnde allein und verwaist daneben und she seine Seele entrinnen,
die mir fremd geblieben war und um deren Liebe ich mich nie bemht hatte.

So begann ich denn die schwere und se Kunst, statt an einer schnen und
bewunderten Geliebten, an einem greisen, ruppigen Trinker zu lernen. Ich
gab ihm keine groben Antworten mehr, beschftigte mich nach Mglichkeit mit
ihm, las ihm Kalendergeschichten vor und erzhlte ihm von den Weinen, die
in Frankreich und Italien wachsen und getrunken werden. Sein bischen Arbeit
konnte ich ihm nicht abnehmen, da er ohne das verwahrlost wre. Auch gelang
es mir nicht ihn daran zu gewhnen, da er seinen Abendschoppen mit mir zu
Hause statt in der Kneipe trank. Ein paar Abende versuchten wir es. Ich
holte Wein und Cigarren, und gab mir Mhe dem alten Mann die Zeit zu
vertreiben. Am vierten oder fnften Abend war er still und trotzig und
klagte endlich, als ich ihn fragte was ihm fehle: Ich glaube, du willst
deinen Vater nimmer ins Wirtshaus lassen.

Keine Rede, sagte ich, du bist der Vater und ich der Bub und wie's
gehalten werden soll, ist deine Sache.

Er blinzelte mich prfend an, dann nahm er vergngt seine Mtze und wir
marschierten selbander zum Wirtshaus.

Es war deutlich zu sehen, da meinem Vater ein lngeres Zusammenbleiben
zuwider gewesen wre, obwohl er nichts darber sagte. Auch trieb es mich,
irgendwo in der Fremde die Beruhigung meines zwiespltigen Zustandes
abzuwarten. Was meinst du, wenn ich dieser Tage wieder abreiste? fragte
ich den Alten. Er kratzte sich den Schdel, zuckte die schmalgewordenen
Achseln und lchelte schlau und abwartend: Je, wie du willst! Ehe ich
reiste, suchte ich einige Nachbarn sowie die Klosterleute auf und bat sie,
ein Auge auf ihn zu haben. Auch bentzte ich noch einen schnen Tag zur
Besteigung des Sennalpstocks. Von seiner halbrunden, breiten Kuppe
berschaute ich Gebirg und grne Tale, blanke Wasser und den Dunst
entfernter Stdte. All dies hatte mich als Knaben mit mchtigem Verlangen
erfllt, ich war ausgezogen mir die schne weite Welt zu erobern, und nun
lag sie wieder vor mir ausgebreitet, so schn und so fremd wie je, und ich
war bereit aufs neue hinberzugehen und noch einmal das Land des Glckes zu
suchen.

Meinen Studien zuliebe hatte ich lngst beschlossen, einmal fr lngere
Zeit nach Assisi zu gehen. Ich fuhr nun zunchst nach Basel zurck,
besorgte das Ntigste, packte meine paar Sachen ein und schickte sie nach
Perugia voraus. Ich selber fuhr nur bis Florenz und pilgerte von dort
langsam und behaglich zu Fue sdwrts. Dort unten braucht man zum
freundschaftlichen Verkehr mit dem Volke keinerlei Knste zu verstehen; das
Leben dieser Leute liegt stets an der Oberflche und ist so simpel, frei
und naiv, da man von Stdtchen zu Stdtchen sich mit einer Menge von
Leuten harmlos befreundet. Ich fhlte mich wieder geborgen und heimisch und
beschlo, auch spter in Basel die wrmende Nhe menschlichen Lebens nicht
wieder in der Gesellschaft, sondern unter dem schlichten Volke zu suchen.

In Perugia und Assisi bekam meine historische Arbeit wieder Interesse und
Leben. Da auch das tgliche Dasein dort eine Lust war, begann mein
schadhaft gewordenes Wesen bald wieder zu gesunden und neue Notbrcken zum
Leben zu schlagen. Meine Hauswirtin in Assisi, eine redselige und fromme
Gemsehndlerin, schlo auf Grund einiger Gesprche ber den Santo eine
innige Freundschaft mit mir und brachte mich in den Geruch eines strammen
Katholiken. So unverdient diese Ehre war, brachte sie mir doch den Vorteil,
mit den Leuten intimer umgehen zu knnen, da ich frei vom Verdacht des
Heidentums war, der sonst jedem Fremden anhaftet. Die Frau hie Annunziata
Nardini, war vierunddreiig Jahr alt und Witwe, von kolossalem Krperumfang
und sehr guten Manieren. Sonntags sah sie in einem geblmten, frhlich
farbigen Kleid wie der leibhaftige Festtag aus, dann trug sie auer den
Ohrringen auch noch eine goldene Kette auf der Brust, an welcher eine Reihe
von Medaillen aus Goldblech lutete und leuchtete. Auch schleppte sie dann
ein silberbeschlagenes, schweres Brevier mit sich herum, dessen Gebrauch
ihr jedenfalls schwer gefallen wre, und einen schnen schwarzweien
Rosenkranz mit Silberkettchen, den sie desto gewandter handhaben konnte.
Wenn sie dann zwischen zwei Kirchgngen in der Loggetta sa und den
bewundernden Nachbarinnen die Snden abwesender Freundinnen aufzhlte, lag
auf ihrem runden, frommen Gesicht der rhrende Ausdruck einer mit Gott
vershnten Seele.

Ich hie, da mein Name den Leuten unmglich auszusprechen war, einfach
Signor Pietro. An den schnen, goldigen Abenden saen wir beisammen in der
winzigen Loggetta, Nachbarn, Kinder und Katzen dabei, oder im Laden
zwischen den Frchten, Gemsekrben, Samenschachteln und aufgehngten
Rauchwrsten, erzhlten einander unsre Erlebnisse, besprachen die
Ernteaussichten, rauchten eine Cigarre oder sogen jeder an einem
Melonenschnitz. Ich berichtete vom heiligen Franz, von der Geschichte der
Portiunkula und der Kirche des Santo, von der heiligen Klara und von den
ersten Brdern. Ernsthaft hrte man zu, stellte tausend kleine Fragen,
lobte den Heiligen und ging zur Erzhlung und Errterung neuerer und
sensationeller Ereignisse ber, unter welchen Rubergeschichten und
politische Fehden besonders beliebt waren. Zwischen uns spielten und
balgten sich die Katzen, Kinder und Hndlein. Aus eigener Lust und um
meinen guten Ruf aufrecht zu erhalten, durchstberte ich die Legende nach
erbaulichen und rhrenden Geschichten und freute mich, neben wenigen andern
Bcher auch Arnolds Leben der Altvter und anderer gottseliger Personen
mitgebracht zu haben, dessen treuherzige Anekdoten ich mit kleinen
Variationen in ein vulgres Italienisch bertrug. Vorbergehende blieben
ein Weilchen stehen, hrten zu, plauderten mit, und oft wechselte so die
Gesellschaft an einem Abend drei, vier mal, nur Frau Nardini und ich waren
sehaft und fehlten nie. Ich hatte meinen Rotwein im Fiasko neben mit
stehen und imponierte dem armen und mig lebenden Vlklein durch meinen
stattlichen Weinverbrauch. Allmhlich wurden auch die scheuen Mdchen der
Nachbarschaft zutraulicher und beteiligten sich am Gesprch von der
Trschwelle aus, lieen sich Bildchen schenken und begannen an meine
Heiligkeit zu glauben, da ich weder zudringliche Scherze machte noch
berhaupt mich um ihre Vertraulichkeit zu bemhen schien. Unter ihnen waren
einige grougige, trumerische Schnheiten, welche aus Bildern des
Perugino zu stammen schienen. Ich hatte sie alle gern und freute mich ihrer
gutmtig schalkhaften Gegenwart, doch war ich nie in eine von ihnen
verliebt, denn die hbschen unter ihnen glichen einander so sehr, da ihre
Schnheit mir stets nur als Rasse und nie als persnlicher Vorzug erschien.
fter stellte sich auch Mattheo Spinelli ein, ein junges Brschchen, Sohn
des Bckermeisters, ein geriebener und witziger Kerl. Er konnte eine Menge
Tiere nachahmen, wute ber jeden Skandal Bescheid und stak zum Bersten
voll von frechen und schlauen Unternehmungen. Wenn ich Legenden erzhlte,
hrte er mit einer Frmmigkeit und Demut ohne gleichen zu, machte sich
nachher aber ber die heiligen Vter in naiv vorgebrachten boshaften
Fragen, Vergleichen und Vermutungen lustig, zum Entsetzen der Obstfrau und
unverhohlenen Entzcken der meisten Zuhrer.

Hufig sa ich auch allein bei Frau Nardini, hrte ihre erbaulichen Reden
an und hatte meine unheilige Freude an ihren zahlreichen Menschlichkeiten.
Ihr entging kein Fehler und Laster an ihren Nchsten, sie wies ihnen im
voraus peinlich abschtzend ihre Pltze im Fegefeuer an. Mich aber hatte
sie ins Herz geschlossen und vertraute mir die kleinsten Erlebnisse und
Beobachtungen offen und umstndlich an. Sie fragte mich nach jedem kleinen
Einkauf, wieviel ich bezahlt habe, und wachte darber, da ich nicht
bervorteilt wrde. Sie lie sich die Lebenslufe der Heiligen erzhlen und
machte mich dafr mit den Geheimnissen des Obstkaufs, des Gemsehandels und
der Kche bekannt. Eines Abends saen wir in der gebrechlichen Halle. Ich
hatte zum rasenden Entzcken der Kinder und Mdchen ein Schweizerlied
gesungen und einen Jodler losgelassen. Sie wanden sich vor Lust, imitierten
den Klang der fremden Sprache und zeigten mir, wie komisch mein Kehlkopf
beim Jodeln auf und nieder gestiegen sei. Da begann jemand von der Liebe zu
sprechen. Die Mdchen kicherten, Frau Nardini verdrehte die Augen und
seufzte sentimental, und schlielich ward ich bestrmt, meine eigenen
Liebesgeschichten zu erzhlen. Ich schwieg ber Elisabeth, erzhlte aber
meine Kahnfahrt mit der Aglietti und meine verunglckte Liebeserklrung. Es
war mir sonderbar, diese Geschichte, von der ich auer Richard niemandem je
ein Wort anvertraut hatte, nun meiner neugierigen umbrischen Gesellschaft
zu erzhlen, angesichts der sdlich schmalen steinernen Gassen und der
Hgel, ber welchen der rotgoldene Abend duftete. Ich erzhlte ohne viel
Reflexion, nach Art der alten Novellen, und doch war mein Herz dabei und
ich hatte heimlich Furcht, die Zuhrer wrden lachen und mich necken.

Aber als ich zu Ende war, hingen aller Augen teilnehmend traurig an mir.

Ein so schner Mann! rief eines der Mdchen lebhaft aus. Ein so schner
Mann, und er hat eine unglckliche Liebe!

Frau Nardini aber fuhr mir mit ihrer weichen, runden Hand vorsichtig bers
Haar und sagte: Poverino!

Ein anderes Mdchen schenkte mir eine groe Birne und da ich sie bat, den
ersten Bi darein zu tun, tat sie es und sah mich dabei ernsthaft an. Als
ich aber auch die anderen beien lassen wollte, litt sie es nicht. Nein,
essen Sie selbst! Ich habe sie Ihnen geschenkt, weil Sie uns Ihr Unglck
erzhlt haben.

Aber Sie werden nun gewi eine andere lieben, sagte ein brauner
Weinbauer.

Nein, sagte ich.

O, Sie lieben immer noch diese bse Erminia?

Ich liebe jetzt den heiligen Franz und er hat mich gelehrt, alle Menschen
liebzuhaben, euch und die Leute von Perugia und auch alle diese Kinder
hier, und sogar den Geliebten der Erminia.

Eine gewisse Verwicklung und Gefahr kam in dies idyllische Dasein, als ich
entdeckte, da die gute Signora Nardini von dem sehnlichen Wunsch beseelt
war, ich mchte endgltig dableiben und sie heiraten. Die kleine Affre
bildete mich zum listigen Diplomaten aus, denn es war keineswegs leicht,
diese Trume zu zerstren, ohne die Harmonie zu verderben und die
behagliche Freundschaft zu verscherzen. Auch mute ich an die Rckreise
denken. Wre nicht der Traum meiner zuknftigen Dichtung und die drohende
Ebbe meiner Kasse gewesen, so wre ich dortgeblieben. Ich htte vielleicht
auch, gerade der Ebbe wegen, die Nardini geheiratet. Doch nein, was mich
abhielt, war mein noch nicht vernarbter Schmerz um Elisabeth und das
Verlangen sie wiederzusehen.

Die runde Witwe fgte sich wider Erwarten leidlich ins Unabnderliche und
lie mich ihre Enttuschung nicht entgelten. Als ich abreiste, fiel mir
vielleicht der Abschied viel schwerer als ihr. Ich verlie viel mehr als
ich je in der Heimat verlassen hatte, und nie war mir bei einer Abreise die
Hand so herzlich und von so vielen lieben Menschen gedrckt worden. Die
Leute gaben mir Frchte, Wein, sen Schnaps, Brot und eine Wurst mit in
den Wagen und ich hatte das ungewohnte Gefhl von Freunden zu scheiden,
denen es nicht einerlei war, ob ich ging oder blieb. Frau Annunziata
Nardini aber gab mir beim Scheiden einen Ku auf beide Wangen und hatte
Trnen in den Augen.

Frher hatte ich geglaubt, es msse ein besonderer Genu sein geliebt zu
werden, ohne selbst zu lieben. Ich hatte jetzt erfahren, wie peinlich eine
solche sich darbietende Liebe ist, die man nicht erwidern kann. Und doch
war ich ein wenig stolz darauf, da eine fremde Frau mich liebte und zum
Manne wnschte.

Schon diese kleine Eitelkeit bedeutete ein Stck Genesung fr mich. Frau
Nardini tat mir leid und doch wnschte ich die Sache nicht ungeschehen.
Auch sah ich allmhlich immer mehr ein, da das Glck mit der Erfllung
uerer Wnsche wenig zu tun habe und da die Leiden verliebter Jnglinge,
so peinlich sie seien, aller Tragik entbehren. Es tat ja weh, da ich
Elisabeth nicht haben konnte. Aber mein Leben, meine Freiheit, Arbeit und
Denkweise blieb mir unverkrzt, und aus der Ferne liebhaben konnte ich sie
ja nach wie vor, so viel ich wollte. Diese Gedankengnge und noch mehr die
naive Heiterkeit meines Daseins in den umbrischen Monaten waren mir beraus
heilsam gewesen. Von jeher hatte ich ein Auge fr alles Lcherliche und
Schnurrige gehabt und mir nur die Freude daran selber durch Ironie
verdorben. Nun ging mir allmhlich der Blick fr den Humor des Lebens auf
und es schien mir immer mglicher und leichter, mich mit meinen Sternen zu
vershnen und mir von der Tafel des Lebens noch den einen oder anderen
schnen Bissen zu gnnen.

Freilich, wenn man von Italien heimreist, ist es immer so. Man pfeift auf
Prinzipien und Vorurteile, lchelt nachsichtig, trgt die Hnde in den
Hosentaschen und kommt sich als durchtriebener Lebensknstler vor. Man ist
eine Weile im wohlig warmen Volksleben des Sdens mitgeschwommen und denkt
nun, das msse zu Hause so weitergehen. Auch mir war es bei jeder Rckkehr
aus Italien so gegangen und damals am meisten. Als ich nach Basel kam und
dort das alte steife Leben unverjngt und unvernderlich antraf, stieg ich
von der Hhe meiner Heiterkeit eine Stufe um die andere kleinlaut und
rgerlich herab. Aber etwas von dem Erworbenen keimte doch weiter und
seither trieb mein Schifflein durch klare und trbe Wasser nie mehr ohne
wenigstens einen kleinen farbigen Wimpel frech und zutraulich flattern zu
lassen.

Auch sonst hatten sich meine Anschauungen langsam verndert. Ich fhlte
mich ohne groes Bedauern den Jugendjahren entwachsen und den Zeiten
entgegenreifen, da man das eigene Leben als eine kurze Wegstrecke
betrachten lernt und sich selbst als Wanderer, dessen Gnge und
schlieliches Verschwinden die Welt nicht gro erregen und beschftigen.
Man behlt ein Lebensziel, einen Lieblingstraum im Auge, aber man kommt
sich nimmer unentbehrlich vor und gnnt sich unterwegs des fteren Mue, um
ohne Gewissensbisse eine Tagesstrecke zu versumen, sich ins Gras zu legen,
einen Vers zu pfeifen und der lieben Gegenwart ohne Hintergedanken froh zu
werden. Bisher war ich, ohne da ich jemals zu Zarathustra gebetet hatte,
doch eigentlich ein Herrenmensch gewesen und hatte es weder an
Selbstverehrung noch an der Miachtung geringerer Leute fehlen lassen. Nun
sah ich allmhlich immer besser, da es keine festen Grenzen gibt und da
im Kreise der Kleinen, Bedrckten und Armen das Dasein nicht nur ebenso
mannigfalt, sondern zumeist auch wrmer, wahrhaftiger und vorbildlicher ist
als das der Begnstigten und Glnzenden.

brigens kam ich gerade rechtzeitig nach Basel zurck, um an der ersten
Abendgesellschaft im Hause der inzwischen verheirateten Elisabeth
teilzunehmen. Ich war vergngt, noch frisch und braun von der Reise, und
brachte eine Menge lustiger kleiner Erinnerungen mit. Die schne Frau
beliebte mich durch eine feine Vertraulichkeit auszuzeichnen und ich freute
mich den ganzen Abend meines Glckes, das mir seinerzeit die Blamage einer
verspteten Werbung erspart hatte. Denn trotz meiner italienischen
Erfahrung hatte ich immer noch ein leises Mitrauen gegen die Frauen, als
mten sie an den hoffnungslosen Qualen der in sie verliebten Mnner ihre
grausame Freude haben. Zur lebhaftesten Veranschaulichung eines solchen
entehrenden und peinlichen Zustandes diente mir eine kleine Erzhlung aus
dem Kinderschulleben, die ich einst aus dem Mund eines fnfjhrigen Knaben
vernommen hatte. In der Kinderschule, die er besuchte, herrschte folgender
merkwrdige und symbolische Brauch. Hatte ein Knabe sich einer allzu
starken Unart schuldig gemacht und es sollten ihm dafr die Hslein
gespannt werden, so wurden sechs kleine Mdchen beordert, den
Widerstrebenden in der zu jener Zchtigung erforderlichen peinlichen Lage
auf der Bank festzuhalten. Da dies Festhaltendrfen als Hochgenu und groe
Ehre galt, wurden nur jeweils die sechs artigsten Mdchen, die zeitweiligen
Tugendausbnde, der grausamen Wonne teilhaftig. Die spaige
Kindergeschichte gab mir zu denken und hat sich sogar ein paar mal in meine
Trume geschlichen, so da ich wenigstens aus Traumerfahrung wei, wie
elend einem in solcher Lage ums Herz ist.




VII.


Vor meiner Schriftstellerei hatte ich nach wie vor selber keinen Respekt.
Ich konnte von meiner Arbeit leben, kleine Ersparnisse zurcklegen und
gelegentlich auch meinem Vater etwas Geld senden. Er trug es freudig ins
Wirtshaus, sang dort mein Lob in allen Tonarten und dachte sogar daran, mir
einen Gegendienst zu leisten. Ich hatte ihm nmlich einmal gesagt, da ich
mein Brot zumeist durch Zeitungsartikel verdiene. Er hielt mich fr einen
Redakteur oder Berichterstatter wie die lndlichen Bezirksbltter sie
haben, und nun diktierte er dreimal vterliche Briefe an mich, in welchen
er mir Ereignisse mitteilte, die ihm wichtig schienen und von denen er
glaubte, sie wrden mir Stoff geben und Geld einbringen. Einmal war es ein
Scheunenbrand, dann der Absturz zweier Bergtouristen und das dritte mal das
Ergebnis einer Schulzenwahl. Diese Mitteilungen waren schon in einen
grotesk tnenden Zeitungsstil gebracht und machten mir wirkliche Freude,
denn es waren doch Zeichen einer freundlichen Verbindung zwischen ihm und
mir und seit Jahren die ersten Briefe, die ich aus der Heimat erhielt. Sie
erquickten mich auch als ungewollte Verhhnung meiner Schreiberei; denn ich
besprach Monat fr Monat manches Buch, dessen Erscheinen hinter jenen
lndlichen Ereignissen an Wichtigkeit und Folgen weit zurckstand.

Es erschienen damals gerade zwei Bcher von Verfassern, die ich als
extravagante lyrische Jnglinge seinerzeit in Zrich gekannt hatte. Der
eine lebte nun in Berlin und wute viel Schmutziges aus Cafs und Bordellen
der Grostadt zu schildern. Der zweite hatte sich in der Umgebung von
Mnchen eine luxurise Einsiedelei erbaut und taumelte zwischen
neurasthenischen Selbstbetrachtungen und spiritistischen Anregungen
verchtlich und hoffnungslos hin und her. Ich mute die Bcher besprechen
und machte mich natrlich ber beide harmlos lustig. Vom Neurastheniker kam
nur ein verachtungsvoller Brief in wahrhaft frstlichem Stil. Der Berliner
aber machte in einer Zeitschrift Skandal, fand sich in seinem ernsten
Wollen verkannt, sttzte sich auf Zola und machte aus meiner
verstndnislosen Kritik nicht nur mir, sondern dem eingebildeten und
prosaischen Geist der Schweizer berhaupt einen Vorwurf. Der Mann hatte
damals in Zrich vielleicht die einzige einigermaen gesunde und wrdige
Zeit seines Literatenlebens gehabt.

Nun war ich nie ein sonderlicher Patriot gewesen, aber das war mir doch
etwas zu stark berlinert, und ich erwiderte dem Unzufriedenen mit einer
langen Epistel, in der ich mit meiner Geringschtzung der aufgeblasenen
Grostadtmoderne nicht gerade hinterm Berge hielt.

Diese Znkerei tat mir wohl und ntigte mich, wieder einmal ber meine
Auffassung des modernen Kulturlebens nachzudenken. Die Arbeit war mhsam
und langwierig und frderte wenig erquickliche Resultate zu Tag. Mein
Bchlein verliert nichts, wenn ich darber schweige.

Zugleich aber zwangen mich diese Betrachtungen, ber mich selbst und mein
lang geplantes Lebenswerk eindringlicher nachzudenken.

Ich hatte, wie man wei, den Wunsch, in einer greren Dichtung den
heutigen Menschen das grozgige, stumme Leben der Natur nahe zu bringen
und lieb zu machen. Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu
hren, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen
Geschicke nicht zu vergessen, da wir nicht Gtter und von uns selbst
geschaffen, sondern Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen
sind. Ich wollte daran erinnern, da gleich den Liedern der Dichter und
gleich den Trumen unsrer Nchte auch Strme, Meere, ziehende Wolken und
Strme Symbole und Trger der Sehnsucht sind, welche zwischen Himmel und
Erde ihre Flgel ausspannt und deren Ziel die zweifellose Gewiheit vom
Brgerrecht und von der Unsterblichkeit alles Lebenden ist. Der innerste
Kern jedes Wesens ist dieser Rechte sicher, ist Gottes Kind und ruht ohne
Angst im Scho der Ewigkeit. Alles Schlechte, Kranke, Verdorbene aber, das
wir in uns tragen, widerspricht und glaubt an den Tod.

Ich wollte aber auch die Menschen lehren, in der brderlichen Liebe zur
Natur Quellen der Freude und Strme des Lebens zu finden; ich wollte die
Kunst des Schauens, des Wanderns und Genieens, die Lust am Gegenwrtigen
predigen. Gebirge, Meere und grne Inseln wollte ich in einer verlockend
mchtigen Sprache zu euch reden lassen und wollte euch zwingen zu sehen,
was fr ein malos vielfltiges, treibendes Leben auerhalb eurer Huser
und Stdte tglich blht und berquillt. Ich wollte erreichen, da ihr euch
schmet von auslndischen Kriegen, von Mode, Klatsch, Literatur und Knsten
mehr zu wissen als vom Frhling, der vor euren Stdten sein unbndiges
Treiben entfaltet und als vom Strom, der unter euren Brcken hinfliet und
von den Wldern und herrlichen Wiesen, durch welche eure Eisenbahn rennt.
Ich wollte euch erzhlen, welche goldene Kette unvergelicher Gensse ich
Einsamer und Schwerlebiger in dieser Welt gefunden hatte und wollte, da
ihr, die ihr vielleicht glcklicher und froher seid als ich, mit noch
greren Freuden diese Welt entdecket.

Und ich wollte vor allem das schne Geheimnis der Liebe in eure Herzen
legen. Ich hoffte euch zu lehren, allem Lebendigen rechte Brder zu sein
und so voll Liebe zu werden, da ihr auch das Leid und auch den Tod nicht
mehr frchten, sondern als ernste Geschwister ernst und geschwisterlich
empfangen wrdet, wenn sie zu euch kmen.

Das alles hoffte ich nicht in Hymnen und hohen Liedern, sondern schlicht,
wahrhaftig und gegenstndlich darzustellen, ernsthaft und scherzhaft, wie
ein heimgekehrter Reisender seinen Kameraden von drauen erzhlt.

Ich wollte -- ich wnschte -- ich hoffte --, das klingt nun freilich
komisch. Auf den Tag, an welchem dies viele Wollen einen Plan und Umri
bekme, wartete ich noch immer. Aber ich hatte wenigstens viel gesammelt.
Nicht nur im Kopf, sondern auch in einer Menge von schmalen Bchlein, die
ich auf Reisen und Mrschen in der Tasche trug und von denen alle paar
Wochen eines voll wurde. Da hatte ich knapp und kurz Notizen ber alles
Sichtbare in der Welt aufgeschrieben, ohne Reflexionen und ohne
Verbindungen. Es waren Skizzenhefte wie die eines Zeichners und sie
enthielten in kurzen Worten lauter reale Dinge: Bilder aus Gassen und
Landstraen, Silhouetten von Gebirgen und Stdten, erlauschte Gesprche von
Bauern, Handwerksburschen, Marktweibern, ferner Wetterregeln, Notizen ber
Beleuchtungen, Winde, Regen, Gestein, Pflanzen, Tiere, Vogelflug,
Wellenbildungen, Meerfarbenspiel und Wolkenformen. Gelegentlich hatte ich
auch kurze Geschichten daraus bearbeitet und verffentlicht, als Natur- und
Wanderstudien, doch alles ohne Beziehungen zum Menschlichen. Mir war die
Geschichte eines Baumes, ein Tierleben oder die Reise einer Wolke auch ohne
menschliche Staffage interessant genug gewesen.

Da eine grere Dichtung, in welcher berhaupt keine Menschengestalten
auftreten, ein Unding sei, war mir schon fters durch den Kopf gegangen,
doch hing ich jahrelang an diesem Ideal und hegte die dunkle Hoffnung, es
mchte vielleicht einmal eine groe Inspiration dies Unmgliche berwinden.
Nun sah ich endgltig ein, da ich meine schnen Landschaften mit Menschen
bevlkern msse und da diese gar nicht natrlich und treu genug
dargestellt werden knnten. Da war unendlich viel nachzuholen, und ich hole
heute noch daran nach. Bis dahin waren die Menschen insgesamt ein Ganzes
und im Grunde Fremdes fr mich gewesen. Neuerdings lernte ich, wie lohnend
es ist, statt einer abstrakten Menschheit Einzelne zu kennen und zu
studieren, und meine Notizbchlein und mein Gedchtnis fllte sich mit ganz
neuen Bildern.

Der Anfang dieser Studien war ganz erfreulich. Ich trat aus meiner naiven
Gleichgltigkeit heraus und gewann Interesse an mancherlei Leuten. Ich sah,
wie viel Selbstverstndliches mir fremd geblieben war, aber ich sah auch,
wie das viele Wandern und Schauen mir die Augen geffnet und geschrft
habe. Und da von jeher eine Vorliebe mich zu ihnen gezogen hatte, gab ich
mich besonders gerne und hufig mit Kindern ab.

Immerhin war das Beobachten der Wolken und Wellen erfreulicher gewesen als
das Menschenstudieren. Mit Erstaunen nahm ich wahr, da der Mensch von der
brigen Natur sich vor allem durch eine schlpfrige Gallert von Lge
unterscheidet, die ihn umgibt und schtzt. In Krze beobachtete ich an
allen meinen Bekannten dieselbe Erscheinung -- das Ergebnis des Umstandes,
da jeder eine Person, eine klare Figur vorzustellen gentigt wird, whrend
doch keiner sein eigenstes Wesen kennt. Mit sonderbaren Gefhlen stellte
ich an mir selber dasselbe fest und gab es nun auf, den Personen auf den
Kern dringen zu wollen. Bei den meisten war die Gallert viel wichtiger. Ich
fand sie berall auch schon an den Kindern, welche stets, bewut oder
unbewut, lieber eine Rolle mimen als sich ganz unverhllt und instinktiv
kundgeben.

Nach einiger Zeit kam es mir vor, ich mache keine Fortschritte mehr und
verliere mich an spielerische Einzelheiten. Zunchst suchte ich den Fehler
bei mir selbst, doch konnte ich mir bald nicht mehr verhehlen, da ich
enttuscht war und da meine Umgebung mir die Menschen nicht gab, die ich
suchte. Ich brauchte nicht Interessantheiten, sondern Typen. Das bot mir
weder das Volk der Akademiker noch der Kreis der Gesellschaftsmenschen. Mit
Sehnsucht dachte ich an Italien, und mit Sehnsucht an die einzigen Freunde
und Begleiter meiner vielen Fureisen, die Handwerksburschen. Mit solchen
war ich viel gewandert und hatte unter ihnen viele prachtvolle Burschen
gefunden.

Es war vergeblich, die Herberge zur Heimat und einige wilde Pennen
aufzusuchen. Die Menge der unstndigen Durchwanderer diente mir nicht. So
stand ich denn wieder eine Weile ratlos, hielt mich an die Kinder und
studierte viel in Kneipen herum, wo natrlich auch nichts zu holen war. Es
kamen ein paar traurige Wochen, da ich mir mitraute, meine Hoffnungen und
Wnsche lcherlich bertrieben fand, mich viel im Freien umhertrieb und
wieder halbe Nchte beim Wein verbrtete.

Auf meinen Tischen hatten sich damals wieder ein paar Ste von Bchern
angesammelt, die ich gern behalten htte, statt sie dem Antiquar zu geben;
doch war kein Raum in meinen Schrnken mehr. Um endlich abzuhelfen, suchte
ich eine kleine Schreinerei auf und bat den Meister, zum Ausmessen eines
Bcherschafts in meine Wohnung zu kommen.

Er kam, ein kleiner langsamer Mann mit bedchtigen Manieren, er ma den
Raum aus, kniete am Boden, streckte den Meterstab zur Decke, stank ein
wenig nach Leim und notierte eine Zahl um die andere behutsam mit
zollgroen Ziffern in sein Notizbuch. Zufllig geschah es, da er bei
seinem Hantieren an einen mit Bchern beladenen Sessel stie. Ein paar
Bnde fielen herunter und er bckte sich, sie aufzuheben. Unter den Bchern
war ein kleines Handlexikon der Handwerksburschensprache. Man findet den
kleinen Kartonband fast in allen deutschen Handwerksburschenherbergen, ein
gut gemachtes und ergtzliches Bchlein.

Der Schreiner, als er das ihm wohlbekannte Bndchen sah, blickte kurios zu
mir herber, halb belustigt und halb mitrauisch.

Was gibt's? frage ich.

Mit Verlaub, ich sehe da ein Buch, das ich auch kenne. Haben Sie das
wirklich studiert?

Studiert hab' ich die Kundensprache auf der Landstrae, erwiderte ich,
aber man schlgt schon gern einmal einen Ausdruck nach.

Wahrhaftig! rief er. Ja sind Sie denn selber einmal auf der Walze
gewesen?

Nicht ganz so wie Sie meinen. Aber gewandert bin ich genug und habe in
mancher Penne bernachtet.

Er hatte unterde die Bcher wieder aufgeschichtet und wollte gehen.

Wo haben Sie sich denn seinerzeit herumgeschlagen? fragte ich ihn.

Von hier bis Koblenz, und spter noch auf Genf hinunter. Es war nicht
meine schlechteste Zeit.

Haben Sie auch ein paarmal gebrummt?

Blo einmal, in Durlach!

Sie mssen mir noch erzhlen, wenn Sie wollen. Sehen wir uns einmal bei
einem Schoppen?

Nicht gern, Herr. Aber wenn Sie einmal nach Feierabend zu mir hereinkommen
und fragen: wie gehts? wie stehts? ist mirs schon recht. Wenn Sie nicht
blo Schindluder mit mir treiben wollen.

Einige Tage spter, es war bei Elisabeth offener Abend, blieb ich auf der
Strae stehen und besann mich, ob ich nicht lieber zu meinem Schreiner
gehen sollte. Und ich kehrte um, lie den Gehrock zu Haus und besuchte den
Schreiner. Die Werkstatt war schon geschlossen und dunkel, ich stolperte
durch eine finstere Hausflur und einen engen Hof, kletterte im Hinterhaus
die Treppe auf und ab und fand schlielich an einer Tre einen
geschriebenen Schild mit des Meisters Namen. Eintretend gelangte ich direkt
in eine sehr kleine Kche, wo ein mageres Weib das Abendessen rstete und
zugleich ber drei Kinder zu wachen hatte, welche den engen Raum mit Leben
und erheblichem Getse erfllten. Befremdet fhrte mich die Frau in die
nchste Stube, wo der Schreiner mit der Zeitung am dmmerigen Fenster sa.
Er knurrte bedenklich, da er mich im Finstern fr einen zudringlichen
Kunden hielt, dann erkannte er mich und gab mir die Hand.

Da er berrascht und verlegen war, wandte ich mich den Kindern zu; sie
flohen vor mir in die Kche zurck und ich folgte nach. Da ich dort die
Hausfrau eine Reisspeise bereiten sah, erwachten in mir die Erinnerungen an
die Kche meiner umbrischen Padrona und ich beteiligte mich an der
Kocherei. Bei uns wird meistens der schne Reis gewissenlos zu einer Art
Kleister verkocht, welcher nach gar nichts schmeckt und widerlich klebrig
zu essen ist. Auch hier war das Unglck schon im Gang und ich konnte eben
noch die Speise retten, indem ich nach Topf und Schaumlffel langte und
mich eiligst der Zubereitung selber annahm. Die Frau fgte sich und war
erstaunt, der Reis gelang leidlich, wir trugen ihn auf, zndeten die Lampe
an und auch ich erhielt meinen Teller.

Die Schreinersfrau verwickelte mich an diesem Abend in so eingehende
Gesprche ber Kchenfragen, da der Mann fast gar nicht zu Worte kam und
wir die Erzhlung seiner Wanderabenteuer auf ein andermal verschieben
muten. brigens sprten die Leutlein bald, da ich nur uerlich ein Herr,
eigentlich aber ein Bauernsohn und Kind des armen Volkes war, und so wurden
wir schon am ersten Abend befreundet und vertraulich miteinander. Denn wie
sie in mir den Gleichbrtigen erkannten, so witterte auch ich in dem
rmlichen Hauswesen die Heimatlust der kleinen Leute. Die Menschen hatten
hier keine Zeit zu Feinheiten, zu Posen, zu Komdien, ihnen war das herbe
arme Leben auch ohne das Mntelein der Bildung und hheren Interessen lieb
und viel zu gut, um es mit schnen Reden zu tapezieren.

Immer fter kam ich wieder und verga bei dem Schreiner nicht nur den
lumpigen Gesellschaftskram, sondern auch meine Traurigkeit und Nte. Mir
war, ich fnde hier ein Stck Kindheit fr mich aufbewahrt und setze hier
das Leben fort, welches seinerzeit die Patres abgebrochen hatten, als sie
mich auf Schulen schickten.

ber eine rissige und schweigelbe Landkarte veralteten Stils gebckt
verfolgte der Schreiner mit mir seine und meine Fahrten und wir freuten uns
ber jedes Stadttor und jede Gasse, die wir beide kannten, wir frischten
Handwerksburschenwitze auf und sangen sogar einmal mehrere von den
ewigjungen Straubingerliedern. Wir sprachen von den Sorgen des Handwerks,
vom Haushalt, von den Kindern, von stdtischen Dingen und ganz allmhlich
geschah es, da der Meister und ich sachte die Rollen vertauschten und ich
der Dankbare, er der Gebende und Lehrende war. Ich fhlte aufatmend, da
mich hier statt der Salontne Realitten umgaben.

Unter seinen Kindern fiel ein fnfjhriges Mdchen durch seine zarte
Besonderheit auf. Sie hie Agnes, doch rief man ihr Agi, war blond, bla
und von schmchtigen Gliedern, hatte schchterne, weite Augen und eine
sanfte Scheu im Wesen. Eines Sonntags, als ich die Familie zu einem
Spaziergang abholen wollte, war Agi krank. Die Mutter blieb bei ihr, wir
andere pilgerten langsam zur Stadt hinaus. Hinter Sankt Margreten setzten
wir uns auf eine Bank, die Kinder liefen Steinen, Blumen und Kfern nach
und wir Mnner berschauten die sommerlichen Wiesen, den Binninger Friedhof
und den schnen blulichen Zug des Jura. Der Schreiner war mde, bedrckt
und still und schien Sorgen zu haben.

Wo fehlt's, Meister? fragte ich, als die Kinder weit genug weg waren. Er
sah mir verloren und traurig ins Gesicht.

Sehen Sie's denn nicht? fing er an. Die Agi will mir sterben. Ich wei
es schon lang und hab mich gewundert, da sie nur so alt geworden ist, sie
hat ja immer den Tod in den Augen gehabt. Aber jetzt mssen wir daran
glauben.

Ich fing zu trsten an, doch hrte ich bald von selber auf.

Sehen Sie, lachte er traurig, Sie glauben ja auch nicht dran, da das
Kind durchkommt. Ich bin kein Stndler, wissen Sie, und geh auch nur alle
Jubeljahr einmal in die Kirche, aber das spr ich wohl, da jetzt der
Herrgott ein Wrtlein mit mir reden will. 's ist ja nur ein Kind, und
gesund ist sie nie gewesen, aber wei Gott, sie war mir lieber als die
andern zusammen.

Mit Gejodel und tausend kleinen Fragen kamen die Kinder dahergerannt,
umdrngten mich, lieen sich die Namen der Blumen und Grser von mir sagen
und wollten schlielich Geschichten erzhlt haben. Da erzhlte ich ihnen
von den Blumen, Bumen und Bschen, da sie gleich den Kindern jedes eine
Seele und jedes seinen Engel haben. Auch der Vater hrte zu, lchelte und
gab je und je seine leise Bekrftigung. Wir sahen die Berge blauer werden,
hrten Abendgelute und gingen heim. Auf den Wiesen lag ein rtlicher
Abendhauch, die fernen Mnstertrme ragten klein und dnn in die warme
Luft, am Himmel ging das Sommerblau in schne grnliche und goldige Farben
ber, die Bume hatten lange Schatten. Die Kleinen waren md und still
geworden. Sie dachten an die Engel der Mohnblten, Nelken und
Glockenblumen, inde wir Alten an die kleine Agi dachten, deren Seele schon
bereit war Flgel zu empfangen und uns kleine bange Schar zu verlassen.

In den zwei nchsten Wochen ging es gut. Das Mdchen schien zu genesen,
konnte fr Stunden das Bett verlassen und sah in ihren khlen Kissen
hbscher und vergngter aus als je. Dann kamen ein paar fieberige Nchte
und nun sahen wir, ohne mehr davon zu reden, da das Kind nur noch fr
Wochen oder Tage unser Gast sein wrde. Nur einmal kam ihr Vater darauf zu
sprechen. Es war in der Werkstatt. Ich sah ihn im Brettervorrat stbern und
wute von selber, da er daran ging die Stcke fr einen Kindersarg
zusammenzusuchen.

Es mu doch nchstens geschehen, sagte er, und da mach ich es lieber
nach Feierabend fr mich allein.

Ich sa auf einer Hobelbank, whrend er an der anderen arbeitete. Als die
Bretter sauber behobelt waren, zeigte er sie mir mit einer Art von Stolz.
Es war ein schnes, gesund gewachsenes, fehlerloses Tannenholz.

Ich will auch keinen Nagel hineinschlagen, sondern die Teile schon
ineinanderpassen, da es ein gutes und dauerhaftes Stck gibt. Aber fr
heute ist's genug, wir wollen zur Frau hinauf gehen.

Die Tage vergingen, heie, wundervolle Hochsommertage, und ich sa jeden
Tag eine Stunde oder zwei bei der kleinen Agi, erzhlte ihr von den schnen
Wiesen und Wldern, hielt ihr leichtes schmales Kinderhndlein in meiner
breiten Hand und sog mit ganzer Seele die liebe, lichte Anmut ein, die bis
zum letzten Tage um sie her war.

Alsdann standen wir ngstlich und traurig dabei und sahen, wie der kleine
magere Krper noch einmal Krfte sammelte, um mit dem starken Tode zu
kmpfen, der sie schnell und leicht bezwang. Die Mutter war still und
stark; der Vater lag ber der Bettstatt und nahm hundertmal Abschied,
streichelte das Blondhaar und liebkoste seinen toten Liebling.

Es kam die schlichte, kurze Feier der Beerdigung, und die beklommenen
Abende, da die Kinder nebenan in ihren Betten weinten. Es kamen die schnen
Gnge auf den Friedhof, wo wir das frische Grab bepflanzten und ohne zu
sprechen beieinander auf der Bank in den khlen Anlagen saen und an die
Agi dachten und mit anderen Augen als sonst die Erde betrachteten, in der
unser Liebling lag, und die Bume und den Rasen, die darber wuchsen, und
die Vgel, deren Spiel ungehemmt und frhlich durch den stillen Friedhof
klang.

Daneben ging der strenge Werktag seinen Lauf, die Kinder sangen wieder,
balgten sich, lachten und wollten Geschichten hren, und wir alle gewhnten
uns unvermerkt daran, unsre Agi nimmer zu sehen und einen schnen, kleinen
Engel im Himmel zu haben.

ber alle dem hatte ich die Gesellschaften des Professors gar nicht mehr
und das Haus Elisabeths nur wenige mal besucht, und dann war mir im lauen
Strom der Gesprche sonderbar ratlos und beklommen zu Mut gewesen. Jetzt
suchte ich beide Huser auf und fand an beiden geschlossene Tren, da alles
lngst auf dem Lande war. Erst jetzt bemerkte ich mit Erstaunen, da ich
die heie Jahreszeit und das Ferienmachen ber der Freundschaft mit dem
Schreinershaus und ber der Krankheit des Kindes ganz vergessen hatte.
Frher wre es mir ganz unmglich gewesen, den Juli und August in der Stadt
zu bleiben.

Ich nahm fr kurze Zeit Abschied und unternahm eine Fureise durch den
Schwarzwald, die Bergstrae und den Odenwald. Unterwegs war es mir ein
ungewohntes Vergngen, den Basler Schreinerskindern aus schnen Orten
Ansichtskarten zu senden und berall mir vorzustellen, wie ich ihnen und
ihrem Vater spter von der Reise erzhlen wrde.

In Frankfurt beschlo ich, mir noch ein paar Reisetage zu gnnen. In
Aschaffenburg, Nrnberg, Mnchen und Ulm geno ich mit neuer Lust die Werke
der alten Kunst und schlielich machte ich noch ganz harmlos einen Halt in
Zrich. Bisher, in all den Jahren, hatte ich diese Stadt wie ein Grab
gemieden, nun schlenderte ich durch die bekannten Straen, suchte die alten
Kneipen und Grten wieder auf und konnte ohne Schmerz der vergangenen
schnen Jahre denken. Die Malerin Aglietti hatte geheiratet und man sagte
mir ihre Adresse. Gegen Abend ging ich hin, las an der Haustr ihres Mannes
Namen, sah an den Fenstern hinauf und zgerte einzutreten. Da begannen die
alten Zeiten mir lebendig zu werden und meine Jugendliebe erwachte halb aus
ihrem Schlaf mit leisem Schmerz. Ich kehrte um und habe mir das schne Bild
der geliebten welschen Frau durch kein unntzes Wiedersehen verdorben.
Weiterschlendernd besuchte ich den Seegarten, wo die Knstler damals ihr
Sommernachtfest begangen hatten, schaute auch an dem Huschen hinauf, in
dessen Mansarde ich drei kurze, gute Jahre gehaust hatte, und ber alle den
Erinnerungen trat mir unversehens der Name Elisabeth auf die Lippen. Die
neue Liebe war doch strker als ihre lteren Schwestern. Sie war auch
stiller, bescheidener und dankbarer.

Um mir die gute Stimmung zu bewahren, nahm ich ein Boot und ruderte
behaglich langsam in den warmen, lichten See. Es wollte Abend werden und am
Himmel hing eine einzige schne, schneeweie Wolke. Ich hatte sie
fortwhrend im Auge und nickte ihr zu, an die Wolkenliebe meiner Kinderzeit
denkend, und an Elisabeth, und auch an jene gemalte Wolke Segantinis, vor
welcher ich Elisabeth einmal so schn und hingegeben hatte stehen sehen.
Die durch kein Wort und unreines Begehren getrbte Liebe zu ihr hatte ich
nie so beglckend und reinigend empfunden wie jetzt, da ich beim Anblick
der Wolke ruhig und dankbar alles Gute meines Lebens bersah und statt der
frhern Wirren und Leidenschaften nur die alte Sehnsucht der Knabenzeit in
mir fhlte -- auch sie reifer und stiller geworden.

Von jeher war ich gewohnt, zum ruhigen Takt der Ruderschlge irgend etwas
zu summen oder zu singen. Ich sang auch jetzt leise vor mich hin und merkte
erst im Singen, da es Verse waren. Sie blieben mir im Gedchtnis und ich
schrieb sie zuhause auf, als Andenken an den schnen Zricher Seeabend.

   Wie eine weie Wolke
   Am hohen Himmel steht,
   So licht und schn und ferne
   Bist du, Elisabeth.

   Die Wolke geht und wandert,
   Kaum hast du ihrer Acht,
   Und doch durch deine Trume
   Geht sie bei dunkler Nacht.

   Geht und erglnzt so selig,
   Da fortan ohne Rast
   Du nach der weien Wolke
   Ein ses Heimweh hast.

In Basel fand ich einen Brief aus Assisi fr mich daliegen. Er war von Frau
Annunziata Nardini, und voll erfreulicher Nachrichten. Sie hatte nun doch
einen zweiten Mann gefunden! brigens tue ich besser, ihn unverndert
mitzuteilen.

Hochgeehrter und sehr lieber Herr Peter!

Erlauben Sie Ihrer treuen Freundin die Freiheit, Ihnen einen Brief zu
schreiben. Es hat Gott gefallen mir ein groes Glck zu bescheren, und ich
mchte Sie auf den zwlften Oktober zu meiner Hochzeit einladen. Er heit
Menotti und hat zwar wenig Geld, doch liebt er mich sehr und hat schon
frher mit Frchten gehandelt. Er ist hbsch, aber nicht so gro und schn
wie Sie, Herr Peter. Er wird auf der Piazza Obst verkaufen, whrend ich im
Laden bleibe. Auch die schne Marietta vom Nachbar wird heiraten, jedoch
nur einen Maurer aus der Fremde.

Ich habe jeden Tag an Sie gedacht und vielen Leuten von Ihnen erzhlt. Ich
habe Sie sehr lieb und auch den Heiligen, welchem ich vier Kerzen zu Ihrem
Andenken gestiftet habe. Auch Menotti wird sehr froh sein, wenn Sie zur
Hochzeit kommen. Wenn er unfreundlich gegen Sie sein sollte, werde ich es
ihm verbieten. Leider hat sich gezeigt, da der kleine Mattheo Spinelli
wirklich, wie ich stets gesagt habe, ein Bsewicht ist. Er hat mir oft
Citronen gestohlen. Jetzt ist er hinweggebracht worden, weil er seinem
Vater, dem Bcker, zwlf Lire stahl und weil er den Hund des Bettlers
Giangiacomo vergiftet hat.

Ich wnsche Ihnen den Segen Gottes und des Heiligen. Ich habe groe
Sehnsucht nach Ihnen.

Ihre untertnige und treue Freundin
Annunziata Nardini

Nachschrift.

Unsere Ernte war mig. Die Trauben standen sehr schlecht, auch Birnen gab
es nicht genug, aber die Limonen waren sehr reichlich, nur muten wir sie
zu billig verkaufen. In Spello geschah ein schreckliches Unglck. Ein
junger Mensch hat seinen Bruder mit einer Harke erschlagen, man wei nicht
weshalb, aber gewi ist er eiferschtig auf ihn gewesen, obwohl es sein
eigener Bruder war.

                   *       *       *       *       *

Leider konnte ich der verlockenden Einladung nicht folgen. Ich schrieb
meinen Glckwunsch und stellte meinen Besuch aufs nchste Frhjahr in
Aussicht. Dann ging ich mit dem Brief und mit einem mitgebrachten
Nrnberger Geschenk fr die Kinder zu meinem Schreinermeister.

Dort fand ich eine unerwartete groe Vernderung. Abseits vom Tisch, gegen
das Fenster hin, hockte eine groteske, schiefe Menschengestalt in einem
Stuhl, der wie ein Kindersessel mit einer Brustwehr versehen war. Es war
Boppi, der Bruder der Meistersfrau, ein armer halb gelhmter Verwachsener,
fr welchen nach dem krzlich erfolgten Tod seiner alten Mutter nirgends
sich ein Pltzchen gefunden hatte. Widerstrebend hatte ihn der Schreiner
einstweilen zu sich genommen und die bestndige Gegenwart des kranken
Krppels lag wie ein Schrecken auf dem gestrten Hauswesen. Man hatte sich
noch nicht an ihn gewhnt; den Kindern graute vor ihm, die Mutter war
mitleidig, verlegen und gedrckt, der Vater offenbar verstimmt.

Boppi hatte auf einem hlichen Doppelhcker ohne Hals einen groen,
starkzgigen Kopf mit breiter Stirn, starker Nase und schnem leidendem
Munde sitzen, die Augen waren klar, aber still und etwas verngstigt, und
die merkwrdig kleinen und hbschen Hnde lagen fortwhrend wei und ruhig
auf der schmalen Brustwehr. Auch ich war befangen und verstimmt ber den
armen Eindringling, und zugleich war es mir peinlich, den Schreiner die
kurze Geschichte des Kranken erzhlen zu hren, whrend dieser daneben sa
und auf seine Hnde schaute, ohne von jemand angeredet zu werden. Krppel
war er von Geburt, doch hatte er die Volksschule durchgemacht und konnte
jahrelang durch Strohflechten sich ein wenig ntzlich machen, bis ihn
wiederholte Gichtanflle teilweise lhmten. Seit Jahren lag er nun entweder
zu Bett oder sa in seinem sonderbaren Stuhl zwischen Kissen geklemmt. Die
Frau wollte wissen, er habe frher viel und schn fr sich gesungen, doch
hatte sie ihn jahrelang nicht mehr gehrt und hier im Hause hatte er noch
nie gesungen. Und whrend all dies erzhlt und besprochen wurde, sa er da
und blickte vor sich hin. Mir ward nicht wohl dabei und ich ging bald
wieder weg und blieb die nchsten Tage dem Hause fern.

Mein Leben lang war ich stark und gesund gewesen, hatte nie eine ernste
Krankheit gehabt und die Leidenden, namentlich Krppel, mit Mitleid, aber
auch ein wenig verchtlich betrachtet; nun pate es mir durchaus nicht,
mein behaglich heiteres Leben in der Handwerkerfamilie durch die
unerquickliche Last dieser elenden Existenz gestrt zu finden. Ich verschob
darum einen zweiten Besuch von Tag zu Tag und sann vergeblich nach, wie ich
uns den lahmen Boppi vom Halse schaffen knnte. Es mute sich irgend eine
Mglichkeit finden, ihn mit geringen Kosten in einem Spital oder Pfrndhaus
unterzubringen. Mehrmals wollte ich den Schreiner aufsuchen, um mit ihm
darber zu beraten, doch scheute ich mich, ungefragt davon anzufangen, und
vor der Begegnung mit dem Kranken hatte ich ein kindisches Grauen. Es war
mir widerlich, ihn immer zu sehen, ihm die Hand geben zu mssen.

So lie ich einen Sonntag verstreichen. Am zweiten Sonntag war ich schon im
Begriff, mit einem Frhzug in den Jura auszufliegen, schmte mich dann aber
doch meiner Feigheit, blieb da und ging nach Tisch zu dem Schreiner.

Mit Widerstreben gab ich Boppi die Hand. Der Schreiner war rgerlich und
schlug einen Spaziergang vor; er war, wie er mir mitteilte, des ewigen
Elends berdrssig und ich freute mich, ihn meinen Vorschlgen zugnglich
zu wissen. Die Frau wollte dableiben, da bat sie der Krppel, sie mchte
mitgehen, da er gut allein bleiben knne. Wenn er nur ein Buch und ein Glas
Wasser neben sich habe, knne man ihn einschlieen und unbesorgt
zurcklassen.

Und wir, die wir uns doch smtlich fr ganz leidliche und gutherzige Leute
hielten, schlossen ihn ein und gingen spazieren! Und wir waren vergngt,
hatten unsern Spa mit den Kindern, freuten uns der schnen goldigen
Herbstsonne, und keiner von uns schmte sich und keinem schlug das Herz,
da wir den Lahmen allein im Hause hatten liegen lassen! Wir waren vielmehr
froh, seiner fr eine Weile ledig zu sein, atmeten erleichtert die klare,
sonnenwarme Luft und boten den Anblick einer dankbaren und biederen
Familie, die Gottes Sonntag mit Verstand und Dank geniet.

Erst als wir am Grenzacher Hrnli zu einem Glas Wein eingekehrt waren und
im Wirtsgarten um den Tisch saen, kam der Vater auf Boppi zu sprechen. Er
klagte ber den lstigen Gast, seufzte ber die Beengung und Verteuerung
seines Haushalts und schlo lachend mit der Bemerkung: Na, hier drauen
kann man wenigstens noch eine Stunde vergngt sein, ohne da er einen
strt!

Bei diesem unbedachten Wort sah ich pltzlich den armen Lahmen vor mir,
flehend und leidend, ihn, den wir nicht liebten, den wir loszuwerden
trachteten und der jetzt von uns verlassen und eingeschlossen einsam und
traurig in der dmmernden Stube sa. Es fiel mir ein, da es nun bald zu
dunkeln beginnen msse und da er nicht im stande sein wrde, Licht zu
machen oder dem Fenster nher zu rcken. Also wrde er das Buch weglegen
und im Halbdunkel allein sitzen mssen, ohne Gesprch oder Zeitvertreib,
indes wir hier Wein tranken, lachten und uns vergngten. Und es fiel mir
ein, wie ich den Nachbarn in Assisi vom heiligen Franz erzhlt hatte und
wie ich geflunkert hatte, er htte mich gelehrt alle Menschen liebzuhaben.
Wozu hatte ich das Leben des Heiligen studiert und seinen herrlichen Gesang
der Liebe auswendig gelernt und seine Spuren auf den umbrischen Hgeln
gesucht, wenn nun ein armer und hlfloser Mensch dalag und leiden mute,
whrend ich davon wute und ihn trsten konnte?

Die Hand eines mchtigen Unsichtbaren legte sich auf mein Herz, drckte es
nieder und fllte es mit so viel Scham und Schmerz, da ich zitterte und
unterlag. Ich wute, da Gott jetzt mit mir ein Wort reden wollte.

Du Dichter! sagte er, du Schler des Umbriers, du Prophet, der die
Menschen Liebe lehren und beglcken will! Du Trumer, der in Winden und
Wassern meine Stimme hren mchte!

Du liebst ein Haus, sagte er, wo man freundlich zu dir ist, wo du
angenehme Stunden hast! Und am selben Tag, da ich dies Haus meiner Einkehr
wrdige, lufst du davon und sinnst darauf mich zu vertreiben! Du Heiliger!
Du Prophet! Du Dichter!

Mir war genau so zu Mute, als wrde ich vor einen reinen, untrglichen
Spiegel gestellt und ich erblickte mich darin als einen Lgner, als einen
Maulhelden, als einen Feigling und Wortbrchigen. Das tut weh, das ist
bitter, peinigend und schrecklich; aber was in diesem Augenblick in mir
zerbrach und Qualen litt und sich verwundet bumte, das war des Zerbrechens
und Untergehens wert.

Gewaltsam und eilig nahm ich Abschied, lie den Wein im Glase stehen und
das angebrochene Brot auf dem Tische liegen und ging in die Stadt zurck.
In meiner Erregung wurde ich von unausstehlicher Angst gepeinigt, es mchte
ein Unglck geschehen sein. Es konnte Feuer ausbrechen, der hilflose Boppi
konnte aus dem Stuhl gefallen sein und leidend oder tot am Boden liegen.
Ich sah ihn daliegen, ich glaubte dabei zu stehen und den stillen Vorwurf
im Blick des Krppels sehen zu mssen.

Atemlos erreichte ich die Stadt und das Haus, strmte die Treppe hinan und
erst jetzt fiel mir ein, da ich ja vor verschlossener Tre stehe und
keinen Schlssel besa. Doch legte sich sogleich meine Angst. Denn ehe ich
noch die Tr der Kche erreicht hatte, hrte ich drinnen Gesang. Es war ein
sonderbarer Augenblick. Mit Herzklopfen und ganz auer Atem stand ich auf
dem dunklen Absatz der Treppe und horchte, indem ich langsam wieder ruhig
ward, auf das Singen des eingeschlossenen Krppels. Er sang leise, weich
und ein wenig klagend ein volkstmliches Liebeslied, vom Blemli wi und
rot. Ich wute, da er lang nicht mehr gesungen hatte, nun rhrte es mich
ihn zu belauschen, wie er die stille Stunde bentzte um in seiner Weise ein
wenig froh zu sein.

Es ist nun einmal so: Das Leben liebt es neben ernste Ereignisse und tiefe
Gemtsbewegungen das Komische zu stellen. So empfand ich denn auch sogleich
das Lcherliche und Beschmende meiner Lage. In meiner pltzlichen Angst
war ich eine Stunde weit ber Feld herbeigerannt, um nun ohne Schlssel vor
der Kchenpforte zu stehen. Entweder mute ich wieder abziehen oder dem
Lahmen meine guten Absichten durch zwei geschlossene Tren hindurch
zuschreien. Auf der Treppe stand ich mit meinem Vorsatz, den Armen zu
trsten, ihm Teilnahme zu zeigen und die Stunden zu verkrzen, und er sa
ahnungslos drinnen, sang und wre ohne Zweifel nur erschrocken, wenn ich
mich durch Schreien oder Klopfen bemerklich gemacht htte.

Es blieb mir nichts brig als wieder fortzugehen. Ich bummelte eine Stunde
durch die sonntglich belebten Gassen, dann fand ich die Familie
heimgekehrt. Es kostete mich diesmal keine berwindung, Boppi die Hand zu
drcken. Ich setzte mich neben ihn, knpfte ein Gesprch an und fragte, was
er gelesen habe. Es lag nahe, ihm Lektre anzubieten, und er war dankbar
dafr. Als ich ihm Jeremias Gotthelf empfahl, zeigte es sich, da er dessen
Schriften fast alle kannte. Doch war ihm Gottfried Keller noch fremd und
ich versprach ihm dessen Bcher zu leihen.

Am nchsten Tag, als ich die Bcher brachte, fand ich Gelegenheit mit ihm
allein zu sein, da die Frau eben ausgehen wollte und der Mann in der
Werksttte war. Da bekannte ich ihm, wie sehr ich mich schme ihn gestern
allein gelassen zu haben und da ich froh wre, manchmal bei ihm sitzen und
sein Freund sein zu drfen.

Der kleine Krppel wendete seinen groen Kopf ein wenig zu mir herber, sah
mich an und sagte Danke schn. Das war alles. Aber dies Wenden des Kopfes
hatte ihm Mhe gemacht und war so viel wert als zehn Umarmungen eines
Gesunden, und sein Blick war so hell und kindlich schn, da mir vor
Beschmung das Blut ins Gesicht stieg.

Nun war noch das Schwerere brig, mit dem Schreiner zu reden. Es schien mir
am besten, ihm meine gestrige Angst und Scham geradeheraus zu beichten.
Leider verstand er mich nicht, doch lie er mit sich darber reden. Er nahm
es an, den Kranken als gemeinsamen Gast mit mir zu behalten, so da wir die
geringen Kosten seiner Erhaltung teilten und mir die Erlaubnis blieb, nach
Belieben bei Boppi ein und aus zu gehen und ihn wie einen eigenen Bruder
anzusehen.

Der Herbst blieb ungewhnlich lange schn und warm. Darum war das erste,
was ich fr Boppi tat, ihm einen Fahrstuhl zu besorgen und ihn tglich,
meist in Begleitung der Kinder, ins Freie zu fhren.




VIII.


Es war immer mein Schicksal, da ich vom Leben und von meinen Freunden viel
mehr empfing als ich geben konnte. Mit Richard, mit Elisabeth, mit Frau
Nardini und mit dem Schreiner war es mir so gegangen, und nun erlebte ich
es, da ich in reifen Jahren und bei hinlnglicher Selbstschtzung der
erstaunte und dankbare Schler eines elenden Krummen werden sollte. Wenn es
wirklich einmal dahin kommt, da ich meine lngst begonnene Dichtung
vollende und weggebe, so wird wenig Gutes darin stehen, das ich nicht von
Boppi gelernt htte. Es begann eine gute, erfreuliche Zeit fr mich, an der
ich zeitlebens reichlich zu zehren haben werde. Es ward mir gegnnt, klar
und tief in eine prachtvolle Menschenseele zu schauen, ber welche
Krankheit, Einsamkeit, Armut und Mihandlung nur wie leichte lose Wolken
hinweggeflogen waren.

Alle die kleinen Laster, mit denen wir uns das schne, kurze Leben
versalzen und verderben, der Zorn, die Ungeduld, das Mitrauen, die Lge --
all diese leidigen schmierigen Schwren, die uns entstellen, hatte ein
langes und grndliches Leiden in diesem Menschen unter Schmerzen
ausgebrannt. Er war kein Weiser und kein Engel, aber er war ein Mensch voll
Verstndnis und Hingabe, der ber groen und schrecklichen Leiden und
Entbehrungen gelernt hatte, sich ohne Scham schwach zu fhlen und in Gottes
Hand zu geben.

Einmal fragte ich ihn, wie es ihm gelnge sich immer mit seinem
schmerzenden und kraftlosen Leibe abzufinden.

Das ist sehr einfach, lachte er freundlich. Es ist eben ein ewiger Krieg
zwischen mir und der Krankheit. Bald gewinne ich eine Schlacht, bald
verliere ich eine, so balgen wir uns weiter, und zuweilen halten wir uns
auch beide still, schlieen einen Waffenstillstand, passen einander auf und
liegen auf der Lauer, bis einer von uns wieder frech wird und der Krieg
aufs neue losgeht.

Bis dahin hatte ich stets geglaubt, ein sicheres Auge zu haben und ein
guter Beobachter zu sein. Boppi wurde aber auch darin mein bewunderter
Lehrmeister. Da er an der Natur und namentlich an Tieren eine groe Freude
hatte, fhrte ich ihn hufig in den zoologischen Garten. Dort hatten wir
ganz kstliche Stunden. Boppi kannte nach kurzer Zeit jedes einzelne Tier
und da wir stets Brot und Zucker mitbrachten, kannten manche Tiere auch uns
und wir schlossen allerlei Freundschaften. Eine besondere Vorliebe hatten
wir fr den Tapir, dessen einzige Tugend eine seiner Gattung sonst nicht
eigene Reinlichkeit ist. Im brigen fanden wir ihn eingebildet, wenig
intelligent, unfreundlich, undankbar und hchst gefrig. Andere Tiere,
namentlich der Elefant, die Rehe und Gemsen, sogar der ruppige Bison,
zeigten fr den empfangenen Zucker stets eine gewisse Dankbarkeit, indem
sie uns entweder vertraulich anblickten oder es gerne duldeten, sich von
mir streicheln zu lassen. Beim Tapir war keine Spur davon. Sobald wir in
seine Nhe kamen, erschien er prompt am Gitter, fra langsam und grndlich
was er von uns erhielt und zog sich, wenn er sah da nichts mehr fr ihn
abfiel, ohne Sang und Klang wieder zurck. Wir fanden darin ein Zeichen von
Stolz und Charakter und da er das ihm Zugedachte weder erbettelte noch
dafr dankte, sondern wie einen selbstverstndlichen Tribut leutseligst
entgegennahm, nannten wir ihn den Zolleinnehmer. Zuweilen erhob sich, da
Boppi die Tiere meist nicht selber fttern konnte, ein Streit darber, ob
der Tapir nun genug habe oder ob ihm noch ein weiteres Stckchen zukme.
Wir erwogen das mit einer Sachlichkeit und eingehenden Prfung, als wre es
eine Staatsaktion. Einst waren wir schon am Tapir vorber, als Boppi
meinte, wir htten ihm doch noch ein Stck Zucker mehr geben sollen. Also
kehrten wir wieder um, der inzwischen aufs Strohlager zurckgekehrte Tapir
aber blinzelte hochmtig herber und kam nicht ans Gitter. Entschuldigen
Sie gtigst, Herr Einnehmer, rief Boppi ihm zu, aber ich glaubte wir
htten uns um einen Zucker geirrt. Und weiter gings zum Elefanten, der
schon voll Erwartung hin und her watschelte und uns seinen warmen,
beweglichen Rssel entgegen streckte. Ihn konnte Boppi selbst fttern, und
er sah mit kindlicher Wonne zu, wie der Riese den geschmeidigen Rssel zu
ihm herber bog, das Brot aus seiner flachen Hand aufnahm und uns aus den
fidelen, winzigen uglein schlau und wohlwollend anblinzelte.

Mit einem Wrter kam ich berein, da ich Boppi in seinem Fahrstuhl im
Garten stehen lassen durfte, wenn ich nicht Zeit hatte bei ihm zu bleiben,
so da er auch an solchen Tagen in der Sonne sein und die Tiere sehen
konnte. Nachher erzhlte er mir von allem, was er gesehen hatte. Besonders
imponierte es ihm zu sehen, wie hflich der Lwe seine Gattin behandelte.
Sobald sie sich niederlegte um zu ruhen, gab er seinem rastlosen
Hinundhergehen eine solche Richtung, da er sie dabei weder berhrte noch
strte noch ber sie hinweg schritt. Am meisten Unterhaltung fand Boppi
beim Fischotter. Er wurde nicht mde, die biegsamen Schwimm- und Turnknste
des beweglichen Tieres zu betrachten und seine helle Freude daran zu haben,
whrend er selbst unbeweglich in seinem Stuhle lag und zu jeder Bewegung
des Kopfs und der Arme Mhe aufwenden mute.

Es war einer der schnsten Tage jenes Herbstes, als ich Boppi meine beiden
Liebesgeschichten erzhlte. Wir waren miteinander so vertraut geworden, da
ich ihm auch diese weder erfreulichen noch rhmlichen Erlebnisse nicht mehr
verschweigen konnte. Er hrte freundlich und ernsthaft zu, ohne etwas zu
sagen. Spter aber gestand er mir sein Verlangen, Elisabeth, die weie
Wolke, einmal zu sehen und bat mich gewi daran zu denken, falls wir ihr
einmal auf der Strae begegneten.

Da das sich nie ereignen wollte und die Tage khl zu werden begannen, ging
ich zu Elisabeth und bat sie, dem armen Buckligen diese Freude zu machen.
Sie war gtig und tat mir den Willen und am bestimmten Tage lie sie sich
von mir abholen und in den Tiergarten begleiten, wo Boppi im Fahrstuhl
wartete. Als die schne, wohlgekleidete und feine Dame dem Krppel die Hand
gab und sich ein wenig zu ihm hinabbckte, und als der arme Boppi aus dem
vor Freude glnzenden Gesicht die groen, guten Augen dankbar und fast
zrtlich zu ihr aufschlug, htte ich nicht entscheiden mgen, wer von den
beiden in diesem Augenblick schner war und meinem Herzen nher stand. Die
Dame sprach ein paar freundliche Worte, der Krppel wandte den glnzenden
Blick nicht von ihr, und ich stand daneben und wunderte mich, die beiden
Menschen, die ich am liebsten hatte und welche das Leben durch eine weite
Kluft von einander trennte, einen Augenblick Hand in Hand vor mir zu sehen.
Boppi sprach den ganzen Nachmittag von nichts mehr als von Elisabeth,
rhmte ihre Schnheit, ihre Vornehmheit, ihre Gte, ihre Kleider, gelbe
Handschuhe und grne Schuhe, ihren Gang und Blick, ihre Stimme und ihren
schnen Hut, whrend es mir schmerzlich und komisch erschien zugesehen zu
haben, wie meine Geliebte meinem Herzensfreund ein Almosen gab.

Inzwischen hatte Boppi den grnen Heinrich und die Seldwyler gelesen und
war in der Welt dieser einzigen Bcher so heimisch geworden, da wir am
Schmoller Pankraz, am Albertus Zwiehan und an den gerechten Kammmachern
gemeinsame liebe Freunde besaen. Eine Weile schwankte ich, ob ich ihm auch
etwas von C. F. Meyers Bchern geben solle, doch schien es mir
wahrscheinlich, da er die fast lateinische Prgnanz seiner allzu gepreten
Sprache nicht schtzen wrde, auch trug ich Bedenken, den Abgrund der
Geschichte vor diesem heiter stillen Auge zu ffnen. Statt dessen erzhlte
ich ihm vom heiligen Franz und gab ihm Mrikes Erzhlungen zu lesen.
Merkwrdig war mir sein Gestndnis, da er die Geschichte von der schnen
Lau groenteils nicht htte genieen knnen, wenn er nicht so oft am Bassin
des Fischotters gestanden wre und sich dabei allerlei fabelhaften
Wasserphantasieen hingegeben htte.

Lustig war es, wie wir so allmhlich in die Duzbrderschaft hinein
gerieten. Ich hatte sie ihm nie angeboten, er htte sie auch nicht
angenommen; so aber kam es ganz von selber, da wir einander immer hufiger
duzten, und als wir es eines Tages merkten, muten wir lachen und lieen es
nun fr immer dabei.

Als der anbrechende Vorwinter unsre Ausfahrten unmglich machte und ich nun
wieder Abende lang in der Wohnstube von Boppis Schwager sa, merkte ich
nachtrglich, da mir meine neue Freundschaft doch nicht so ganz ohne Opfer
in den Scho gefallen war. Der Schreiner nmlich war fortwhrend mrrisch,
unfreundlich und wortkarg. Auf die Dauer verdro ihn nicht nur die lstige
Gegenwart des unntzen Mitessers, sondern ebenso sehr mein Verhltnis zu
Boppi. Es kam vor, da ich einen ganzen Abend vergnglich mit dem Lahmen
schwatzte, indes der Hausherr rgerlich mit der Zeitung daneben sa. Auch
mit der sonst ungemein geduldigen Frau kam er auseinander, da sie diesmal
fest auf ihrem Willen bestand und durchaus nicht dulden wollte, da Boppi
anderwrts untergebracht werde. Mehrmals versuchte ich ihn vershnlicher zu
stimmen oder ihm neue Vorschlge zu machen, doch war nichts mit ihm
anzufangen. Er begann sogar bissig zu werden, meine Freundschaft mit dem
Krppel zu verhhnen und diesem selbst das Leben sauer zu machen. Freilich
war der Kranke samt mir, der ich tglich viel bei ihm sa, dem ohnehin
engen Haushalt eine lstige Brde, aber ich hoffte noch immer, der
Schreiner mchte sich uns anschlieen und den Kranken lieb gewinnen. Mir
war es schlielich unmglich, irgend etwas zu tun oder zu lassen, womit ich
nicht entweder den Schreiner verletzt oder Boppi benachteiligt htte. Da
ich alle raschen und zwingenden Entschlsse hasse -- schon in der Zricher
Zeit hatte Richard mich Petrus Cunctator getauft, -- wartete ich wochenlang
zu und litt bestndig an der Furcht, die Freundschaft des einen oder
vielleicht beider zu verlieren.

Die wachsende Unbehaglichkeit dieser unklaren Verhltnisse trieb mich
wieder hufiger in die Kneipen. Eines Abends, nachdem die leidige
Geschichte mich wieder besonders gergert hatte, verfgte ich mich in eine
kleine Waadtlnder Weinschenke und rckte dem bel mit mehreren Litern zu
Leibe. Zum erstenmal seit zwei Jahren hatte ich wieder einmal Mhe,
aufrecht nach Hause zu gehen. Tags darauf war ich, wie stets nach einer
starken Zeche, bei wohlig khler Laune, fate Mut und suchte den Schreiner
auf, um die Komdie endlich zum Abschlu zu bringen. Ich schlug ihm vor, er
mge mir Boppi ganz berlassen, und er zeigte sich nicht abgeneigt, sagte
auch nach mehrtgiger Bedenkzeit wirklich zu.

Bald darauf bezog ich mit meinem armen Buckligen eine neugemietete Wohnung.
Ich kam mir vor als htte ich geheiratet, da ich nun statt der gewohnten
Junggesellenbude einen ordentlichen kleinen Haushalt zu Zweien beginnen
sollte. Aber es ging, wenn ich auch im Anfang manche unglckliche
Wirtschaftsexperimente anstellte. Zum Ordnungmachen und Waschen kam ein
Laufmdchen, das Essen lieen wir uns ins Haus tragen, und bald war uns
beiden ganz warm und wohl bei diesem Zusammenleben. Die Ntigung, auf meine
sorglosen kleinen und grern Wanderungen knftig zu verzichten,
erschreckte mich einstweilen nicht. Beim Arbeiten empfand ich sogar das
stille Nahesein des Freundes beruhigend und frderlich. Die kleinen
Krankendienste waren mir neu und im Anfang wenig erquicklich, namentlich
das Aus- und Ankleiden: aber mein Freund war so geduldig und dankbar, da
ich mich schmte und mir Mhe gab, ihn sorgfltig zu bedienen.

                   *       *       *       *       *

Zu meinem Professor war ich wenig mehr gekommen, fters zu Elisabeth, deren
Haus mich trotz allem mit stetigem Zauber anzog. Dort sa ich dann, trank
Tee oder ein Glas Wein, sah sie die Wirtin spielen und hatte zuweilen
sentimentale Anwandlungen dabei, obwohl ich gegen alle etwaigen
Wertherischen Gefhle in mir mit bestndigem Spott zu Felde lag. Der
weichliche, jugendliche Liebesegoismus war allerdings endgltig von mir
gewichen. So war ein zierlicher, vertraulicher Kriegszustand zwischen uns
das richtige Verhltnis, und wir kamen wirklich selten zusammen, ohne uns
freundschaftlichst zu zanken. Der bewegliche und nach Frauenart etwas
verzogene Verstand der klugen Frau traf mit meinem zugleich verliebten und
ruppigen Wesen nicht bel zusammen und da wir im Grunde beide einander
hochachteten, konnten wir desto energischer ber jede lausige Kleinigkeit
in Kampf geraten. Mir war es namentlich komisch, das Junggesellentum gegen
sie zu verteidigen -- gegen die Frau, die ich noch vor kurzem ums Leben
gern geheiratet htte. Ich durfte sie sogar mit ihrem Mann necken, der ein
guter Bursche und stolz auf seine geistreiche Frau war.

In der Stille brannte die alte Liebe in mir fort, nur war es nicht mehr das
frhere anspruchsvolle Feuerwerk, sondern eine gute und dauerhafte Glut,
die das Herz jung hlt und an der sich ein hoffnungsloser Hagestolz
gelegentlich an Winterabenden die Finger wrmen darf. Seit vollends Boppi
mir nahe stand und mich mit dem wundervollen Wissen um ein bestndiges,
ehrliches Geliebtsein umgab, konnte ich meine Liebe ohne Gefahr als ein
Stck Jugend und Poesie in mir leben lassen.

brigens gab mir Elisabeth je und je durch ihre recht frauenhaften Malicen
Gelegenheit, mich abzukhlen und mich meines Junggesellentums herzlich zu
freuen.

Seit der arme Boppi meine Wohnung teilte, vernachlssigte ich auch
Elisabeths Haus mehr und mehr. Mit Boppi las ich Bcher, bltterte
Reisealbums und Tagebcher durch, spielte Domino; wir schafften zu unsrer
Erheiterung einen Pudel an, beobachteten den Winterbeginn vom Fenster aus
und fhrten tglich eine Menge kluger und dummer Gesprche. Der Kranke
hatte sich eine berlegene Weltanschauung erworben, eine von gtigem Humor
erwrmte sachliche Betrachtung des Lebens, von der ich tglich zu lernen
hatte. Als starke Schneeflle eintraten und der Winter vor den Fenstern
seine reinliche Schnheit entfaltete, spannen wir uns mit knabenhafter
Wollust beim Ofen in ein heimeliges Stubenidyll ein. Die Kunst der
Menschenkenntnis, nach der ich mir so lang umsonst die Sohlen abgelaufen
hatte, lernte ich bei dieser Gelegenheit so nebenher mit. Boppi stak
nmlich, als stiller und scharfer Zuschauer, voll von Bildern aus dem Leben
seiner frheren Umgebungen und konnte, wenn er einmal angesetzt hatte,
wundervoll erzhlen. Der Krppel hatte in seinem Leben kaum mehr als drei
Dutzend Menschen kennen gelernt und war nie im groen Strome
mitgeschwommen, trotzdem kannte er das Leben viel besser als ich, denn er
war gewohnt auch das Kleinste zu sehen und in jedem Menschen eine Quelle
von Erlebnissen, Freude und Erkenntnis zu finden.

Unser Lieblingsvergngen war nach wie vor die Freude an der Tierwelt. ber
die Tiere des zoologischen Gartens, die wir nicht mehr besuchen konnten,
erfanden wir nun Geschichten und Fabeln aller Art. Die meisten davon
erzhlten wir nicht, sondern trugen sie aus dem Stegreif als Dialoge vor.
Zum Beispiel eine Liebeserklrung zwischen zwei Papageien,
Familienzerwrfnisse unter den Bisons, Abendunterhaltungen der
Wildschweine.

Wie gehts Ihnen denn, Herr Marder?

Danke schn, Herr Fuchs, so leidlich. Sie wissen ja, als ich gefangen
ward, verlor ich meine liebe Gattin. Sie hie Pinselschwanz, wie ich schon
die Ehre hatte Ihnen zu sagen. Eine Perle, versichere ich Ihnen, eine --.

Ach lassen Sie doch die alten Geschichten, Herr Nachbar, Sie haben mir das
von der Perle, wenn ich nicht irre, schon fters erzhlt. Lieber Gott, man
lebt schlielich nur einmal und darf sich das bichen Vergngen nicht noch
verderben.

Bitte sehr, Herr Fuchs, wenn Sie meine Gemahlin gekannt htten, wrden Sie
mich besser verstehen.

Aber gewi, gewi. Also sie hie Pinselschwanz, nicht wahr? Ein schner
Name, so was zum Streicheln! Aber was ich eigentlich sagen wollte -- Sie
haben doch bemerkt, wie sehr die leidige Sperlingsplage wieder zunimmt? Ich
habe da so einen kleinen Plan?

Wegen der Sperlinge?

Wegen der Sperlinge. Sehen Sie, ich dachte mir das so: Wir legen etwas
Brot vors Gitter, legen uns ruhig hin und warten die Kerls ab. Es mte des
Teufels sein, wenn wir nicht so ein Vieh erwischen knnten. Was meinen
Sie?

Vortrefflich, Herr Nachbar!

Also haben Sie die Gte etwas Brot hinzulegen. -- So, schn! Aber
vielleicht schieben Sie es etwas mehr nach rechts herber, dann kommt es
uns beiden zu gut. Ich bin nmlich im Augenblick leider ohne alle Mittel.
So ist's gut. Also aufgepat! Wir legen uns jetzt nieder, schlieen die
Augen -- pst, da kommt schon einer geflogen! (Pause.)

Nun, Herr Fuchs, noch nichts?

Wie ungeduldig Sie sind! Als ob Sie zum erstenmal auf der Jagd wren! Ein
Jger mu warten knnen, warten und wieder warten. Also noch einmal!

Ja wo ist denn das Brot hingekommen?

Pardon?

Das Brot ist ja gar nimmer da.

Nicht mglich! Das Brot? Wahrhaftig -- verschwunden! Da soll doch das
Donnerwetter! Natrlich wieder der verdammte Wind.

Na, ich habe so meine Gedanken. Mir war doch vorher, ich hrte Sie was
essen.

Was? Ich etwas gegessen? Was denn?

Das Brot vermutlich.

Sie sind beleidigend deutlich in Ihren Vermutungen, Herr Marder. Man mu
ja von Nachbarsleuten ein Wort vertragen knnen, aber das ist zu viel. Das
ist zu viel, sage ich. Haben Sie mich verstanden? -- Nun soll ich das Brot
gegessen haben! Was glauben Sie eigentlich? Erst soll ich die fade
Geschichte von Ihrer Perle zum tausendstenmal anhren, dann habe ich eine
gute Idee, wir legen das Brot hinaus --

Das war ich! Ich habe das Brot hergegeben.

-- wir legen das Brot hinaus, ich lege mich hin und passe auf, alles geht
gut, da kommen Sie mit Ihrem Geschwtz dazwischen -- die Spatzen natrlich
auf und davon, die Jagd verhunzt, und nun soll ich auch noch das Brot
gefressen haben! Na Sie knnen warten, bis ich wieder mit Ihnen verkehre.

Dabei gingen Nachmittage und Abende leicht und schnell vorber. Ich war
bester Laune, arbeitete gern und rasch und wunderte mich, da ich frher so
trg und verdrossen und schwerlebig gewesen war. Die besten Zeiten mit
Richard waren nicht schner gewesen als diese stillen, heiteren Tage, da
drauen die Flocken tanzten und am Ofen wir zwei samt dem Pudel es uns wohl
sein lieen.

Und da mute mein lieber Boppi seine erste und letzte Dummheit begehen! Ich
in meiner Zufriedenheit war natrlich blind und sah nicht, da er mehr litt
als sonst. Aber er, aus lauter Bescheidenheit und Liebe, tat vergngter als
je, klagte nicht, verbot mir nicht einmal das Rauchen, und dann lag er
nachts und litt und hustete und sthnte leis. Ganz zufllig, als ich einmal
in der Stube neben ihm in die Nacht hinein schrieb und er mich lngst zu
Bett glaubte, hrte ich, wie er sthnte. Der arme Kerl war ganz erschrocken
und verdonnert, als ich pltzlich mit der Lampe in seine Schlafkammer trat.
Ich stellte das Licht beiseite, setzte mich zu ihm aufs Bett und stellte
ein Verhr an. Lange versuchte er auszukneifen, dann kam es endlich doch
heraus.

Es ist ja nicht so schlimm, sagte er schchtern. Nur bei manchen
Bewegungen das krampfhafte Gefhl im Herzen, und manchmal auch beim Atmen.

Er entschuldigte sich geradezu, als wre sein Krnkerwerden ein Verbrechen!

Morgens ging ich zu einem Arzt. Es war ein schner, frostklarer Tag,
unterwegs lie meine Beklemmung und Sorge nach, ich dachte sogar an
Weihnachten und besann mich, mit was ich Boppi eine Freude machen knnte.
Der Arzt war noch zu Hause und kam auf mein dringendes Bitten mit. Wir
fuhren in seinem bequemen Wagen, wir stiegen die Treppe hinauf, wir kamen
in die Kammer zu Boppi, es begann ein Betasten und Klopfen und Horchen, und
whrend der Arzt nur ein wenig ernsthafter und seine Stimme ein bichen
gtiger wurde, ging in mir alle Frhlichkeit unter.

Gicht, Herzschwche, ernster Fall -- ich hrte zu und schrieb mir auch
alles auf und war ber mich selber erstaunt, da ich mich gar nicht wehrte,
als der Arzt die berfhrung ins Spital gebot.

Nachmittags kam der Krankenwagen und als ich vom Spital zurckkam, war mir
in der Wohnung schrecklich zu mut, wo der Pudel sich an mich drngte und
der groe Stuhl des Kranken beiseite gestellt und nebenan die leergewordene
Kammer war.

So ist es mit dem Liebhaben. Es bringt Schmerzen, und ich habe deren in der
folgenden Zeit viel erlitten. Aber es liegt so wenig daran, ob man
Schmerzen leidet oder keine! Wenn nur ein starkes Mitleben da ist und wenn
man nur das enge, lebendige Band versprt, mit dem alles Lebende an uns
hngt, und wenn nur die Liebe nicht khl wird! Ich gbe alle heiteren Tage,
die ich je gehabt, samt allen Verliebtheiten und samt meinen Dichterplnen,
wenn ich dafr noch einmal so ins Allerheiligste hineinsehen drfte, wie in
jener Zeit. Es tut den Augen und dem Herzen bitter weh, und auch der schne
Stolz und Eigendnkel bekommt seine bsen Stiche ab, aber nachher ist man
so still, so bescheiden, so viel reifer und im Innersten lebendiger!

Schon mit der kleinen, blonden Agi war damals ein Stck von meinem alten
Wesen gestorben. Jetzt sah ich meinen Buckligen, dem ich meine ganze Liebe
geschenkt und mit dem ich mein ganzes Leben geteilt hatte, leiden und
langsam, langsam sterben, und litt an jedem Tage mit und hatte meinen
Anteil an allem Schrecklichen und Heiligen des Sterbens. Ich war noch ein
Anfnger in der ars amandi und sollte gleich mit einem ernsten Kapitel der
ars moriendi beginnen. Von dieser Zeit schweige ich nicht, wie ich von
Paris geschwiegen habe. Von ihr will ich laut reden wie eine Frau von ihrer
Brautzeit und wie ein alter Mann von seinen Knabenjahren.

Ich sah einen Menschen sterben, dessen Leben nur Leiden und Liebe gewesen
war. Ich hrte ihn scherzen wie ein Kind, whrend er die Arbeit des Todes
in sich sprte. Ich sah, wie aus schweren Schmerzen heraus sein Blick mich
suchte, nicht um bei mir zu betteln, sondern um mich aufzurichten und um
mir zu zeigen, da diese Krmpfe und Leiden das Beste in ihm unversehrt
gelassen hatten. Dann waren seine Augen gro und man sah sein verwelkendes
Gesicht nicht mehr, nur den Glanz seiner groen Augen.

Kann ich dir etwas tun, Boppi?

Erzhl mit was. Vielleicht vom Tapir.

Ich erzhlte vom Tapir, er schlo die Augen und ich hatte meine Mhe, zu
sprechen wie sonst, denn das Weinen stand mir fortwhrend nahe. Und wenn
ich glaubte, er hre mich nicht mehr oder schlafe, dann verstummte ich
sogleich. Da machte er wieder die Augen auf.

-- Und dann?

Und ich erzhlte weiter, vom Tapir, vom Pudel, von meinem Vater, vom
kleinen bsen Mattheo Spinelli, von Elisabeth.

Ja, sie hat einen dummen Kerl geheiratet. So geht's, Peter!

Oft fing er pltzlich an vom Sterben zu sprechen.

Es ist kein Spa, Peter. Die allerschwerste Arbeit ist nicht so schwer wie
Sterben. Aber man macht's doch durch.

Oder: Wenn die Qulerei berstanden ist, kann ich schon lachen. Bei mir
lohnt sich das Sterben doch, ich werde einen Schnitzbuckel, einen kurzen
Fu und eine lahme Hfte los. Bei dir wird's einmal schad sein, mit deinen
breiten Schultern und schnen gesunden Beinen.

Und einmal, in den letzten Tagen, wachte er aus einem kurzen Schlummer auf
und sagte ganz laut:

Es gibt gar keinen solchen Himmel, wie der Pfarrer meint. Der Himmel ist
viel schner. Viel schner.

Die Schreinersfrau kam oft und zeigte sich in kluger Weise teilnehmend und
hlfsbereit. Der Schreiner blieb zu meinem groen Bedauern ganz aus.

Was meinst du, fragte ich Boppi gelegentlich, wird im Himmel auch ein
Tapir sein?

O ja, sagte er und nickte noch dazu. Es sind alle Arten Tiere dort, auch
Gemsen.

Die Weihnachtszeit kam und wir hatten eine kleine Feier an seinem Bett. Es
trat starker Frost ein, es taute wieder, und Neuschnee fiel auf das
Glatteis, aber ich merkte nichts von allem. Ich hrte, Elisabeth habe einen
Knaben geboren, und ich verga es wieder. Es kam ein drolliger Brief von
Frau Nardini; ich las ihn flchtig durch und legte ihn beiseite. Meine
Arbeiten erledigte ich im Galopp mit dem steten Bewutsein, jede Stunde mir
und dem Kranken zu stehlen. Dann lief ich gehetzt und ungeduldig ins
Krankenhaus, und dort war eine heitere Stille und ich sa halbe Tage an
Boppis Bett, von einem traumhaft tiefen Frieden umgeben.

Er hatte kurz vor dem Ende noch einige bessere Tage. Da war es merkwrdig,
wie die kaum verflossene Zeit in seiner Erinnerung erloschen schien und er
ganz in den frheren Jahren lebte. Zwei Tage lang sprach er von nichts als
von seiner Mutter. Er konnte ja nicht lang reden, aber man sah auch in den
stundenlangen Pausen, da er an sie dachte.

Ich habe dir viel zu wenig von ihr erzhlt, klagte er, du mut nichts
von dem vergessen, was sie betrifft, sonst gibt es bald niemand mehr, der
von ihr wei und ihr dankbar ist. Es wre gut, Peter, wenn alle Leute so
eine Mutter htten. Sie hat mich nicht ins Armenhaus getan, als ich nimmer
arbeiten konnte.

Er lag und atmete mhselig. Eine Stunde verging, da fing er wieder an:

Sie hat mich am liebsten gehabt von allen ihren Kindern und hat mich bei
sich behalten, bis sie gestorben ist. Die Brder sind ausgewandert und die
Schwester hat den Schreiner geheiratet, aber ich bin zu Haus gesessen und
so arm sie war, hat sie mich's nie entgelten lassen. Du darfst meine Mutter
nicht vergessen, Peter. Sie war ganz klein, vielleicht noch kleiner als
ich. Wenn sie mir die Hand gab, war es gerade so, wie wenn sich ein winzig
kleiner Vogel draufgesetzt htte. Es langt ein Kindersarg fr sie, hat der
Nachbar Rtimann gesagt, wie sie gestorben ist.

Auch fr ihn htte schier ein Kindersarg hingereicht. Er lag so
verschwunden und klein in seinem sauberen Spitalbett, und seine Hnde sahen
nun wie kranke Frauenhnde aus, lang, schmal, wei und ein wenig gekrmmt.
Als er aufhrte, von seiner Mutter zu trumen, kam ich an die Reihe. Er
sprach von mir, als se ich nicht dabei.

Er ist ein Pechvogel, nun freilich, aber es hat ihm nichts geschadet.
Seine Mutter ist zu frh gestorben.

Kennst du mich noch, Boppi? fragte ich.

Jawohl, Herr Camenzind, sagte er scherzhaft und lachte ganz leise.

Wenn ich nur singen knnte, meinte er gleich darauf.

Am letzten Tage fragte er noch: Du, kostet es viel hier im Spital? Es
knnte zu teuer werden.

Doch erwartete er keine Antwort. Eine feine Rte stieg ihm in das weie
Gesicht, er schlo die Augen und sah eine Weile aus wie ein beraus
glcklicher Mensch.

Es geht zu Ende, sagte die Schwester.

Aber er ffnete die Augen noch einmal, sah mich schelmisch an und bewegte
die Brauen so, als wollte er mir zunicken. Ich stand auf, legte die Hand
unter seine linke Schulter und hob ihn sachte ein klein wenig, was ihm
jedesmal wohltat. So auf meiner Hand liegend verzog er noch einmal in
kurzem Schmerz die Lippen, dann drehte er den Kopf ein wenig und
schauderte, als frre ihn pltzlich. Das war die Erlsung.

Ist's gut, Boppi? fragte ich noch. Er war aber schon seiner Leiden ledig
und erkaltete mir in der Hand. Es war am siebenten Januar, eine Stunde nach
Mittag. Gegen Abend machten wir alles fertig und der kleine, verwachsene
Krper lag friedlich und sauber ohne weitere Entstellungen da bis es Zeit
war ihn wegzubringen und zu begraben. Whrend dieser zwei Tage war ich
bestndig darber verwundert, da ich weder besonders traurig noch ratlos
war und nicht einmal weinen mute. Ich hatte die Trennung und den Abschied
so grndlich whrend der Krankheit durchempfunden, da nun wenig mehr davon
berblieb und die schwankende Schale meines Schmerzes langsam und
erleichtert wieder in die Hhe stieg.

Trotzdem schien es mir jetzt an der Zeit, die Stadt in aller Stille zu
verlassen und mich irgendwo, womglich im Sden, auszuruhen und das nur
erst grob angelegte Gefde meiner Dichtung einmal ernstlich auf den
Webstuhl zu spannen. Ein wenig Geld hatte ich brig, also hing ich meine
literarischen Verpflichtungen an den Nagel und richtete mich ein, beim
ersten Frhlingsbeginn zu packen und abzureisen. Zunchst nach Assisi, wo
die Gemsehndlerin meinen Besuch erwartete, dann zu tchtiger Arbeit in
ein mglichst stilles Bergnest. Mir schien ich habe nun ein hinreichendes
Stck Leben und Tod gesehen, um etwa andern Leuten zumuten zu drfen, mich
darber ein wenig rsonnieren zu hren. In wohliger Ungeduld wartete ich
auf den Mrz und hatte vorempfindend schon das Ohr voll italienischer
Kraftworte und in der Nase einen kitzelnd wrzigen Duft von Risotto,
Orangen und Chiantiwein.

Der Plan war tadellos und befriedigte mich, je lnger ich ihn berlegte,
desto mehr. Indessen tat ich wohl daran, mich des Chianti im voraus zu
freuen, denn es kam alles ganz anders.

Ein beweglicher, phantastisch stilisierter Brief des Gastwirts Nydegger
verkndigte mir im Februar, es liege sehr viel Schnee und im Dorfe sei bei
Vieh und Menschen nicht alles in Ordnung, namentlich stehe es mit meinem
Herrn Vater bedenklich und alles in allem wre es gut, wenn ich Geld
schicken oder selber kommen wrde. Da das Geldschicken mir nicht pate und
der Alte mir wirklich Sorge machte, mute ich eben reisen. An einem
unwirschen Tage kam ich an, vor Schneefall und Wind waren weder Berge noch
Huser sichtbar und es kam mir zu gut, da ich den Weg auch blindlings
kannte. Der alte Camenzind lag wider meine Vermutung nicht zu Bett, sondern
sa drftig und kleinlaut in der Ofenecke und war von einer Nachbarin
belagert, die ihm Milch gebracht hatte und ihm soeben ber seinen schlimmen
Lebenswandel grndlich und ausdauernd den Text las, worin auch mein
Eintritt sie nicht strte.

Lueg', der Peter isch cho, sagte der graue Snder und zwinkerte mir mit
dem linken Auge zu.

Aber sie fuhr unbeirrt in ihrer Predigt fort. Ich setzte mich auf einen
Stuhl, wartete das Versiegen ihrer Nchstenliebe ab und fand in ihrer Rede
einige Kapitel, die auch mir nicht schadeten. Nebenher schaute ich zu, wie
mir der Schnee von Mantel und Stiefeln schmolz und rings um meinen Stuhl
zuerst einen feuchten Flecken und dann einen stillen Weiher bildete. Erst
als die Frau ein Ende gefunden hatte, konnte das offizielle Wiedersehen
stattfinden, an welchem sie ganz freundlich teilnahm.

Der Vater hatte sehr an Krften abgenommen. Mir fiel mein frherer kurzer
Versuch, ihn zu pflegen, wieder ein. Das Abreisen damals hatte also nichts
geholfen und ich konnte nun, da es freilich ntiger war, doch noch die
Suppe ausfressen.

Schlielich kann man von einem knorrigen alten Bauern, der auch in seinen
besseren Zeiten kein Tugendspiegel war, nicht verlangen, da er in den
Tagen der Greisenkrankheiten milde werde und dem Schauspiel der Sohnesliebe
mit Rhrung beiwohne. Das tat mein Vater denn auch durchaus nicht, sondern
war je krnker desto widerwrtiger und zahlte mir alles, womit ich ihn
frher je geqult hatte, wenn nicht mit Zinsen so doch glatt und
wohlgemessen heim. Mit Worten allerdings war er sparsam und vorsichtig
gegen mich, aber er verfgte ber eine Menge von drastischen Mitteln, ohne
Worte unzufrieden, bitter und ruppig zu sein. Mich wunderte zuweilen, ob
wohl auch aus mir einmal im Alter ein so fataler und heikler Kauz werden
mchte. Mit dem Trinken war es fr ihn so gut wie vorbei und das Glas guten
Sdweins, das ich ihm tglich zweimal einschenkte, geno er nur mit bser
Miene, weil ich die Flasche stets sogleich wieder in den leeren Keller
zurckbrachte, dessen Schlssel ich ihm nie berlie.

Erst gegen Ende Februars kamen jene hellen Wochen, die den
Hochgebirgswinter so herrlich machen. Die hohen, beschneiten Bergschroffen
standen klar gegen den kornblumenblauen Himmel und sahen in der
durchsichtigen Luft unwahrscheinlich nahe aus. Matten und Halden lagen
schneebedeckt -- mit dem Schnee des Bergwinters, den man so wei und
kristallen und herbduftend in den Tallndern niemals findet. Auf kleinen
Erdschwellungen feiert in der Mittagszeit das Sonnenlicht glnzende Feste,
in Mulden und an Abhngen liegen satte blaue Schatten und die Luft ist nach
wochenlangem Schneefall so ganz gereinigt, da in der Sonne jeder Atemzug
ein Genu ist. An den kleineren Halden frhnt die Jugend der Gimmelfahrt
und in der Stunde nach Mittag sieht man alte Leutchen auf den Gassen stehen
und sich an der Sonne gtlich tun, whrend nachts die Dachsparren im Froste
krachen. Inmitten der weien Schneefelder liegt still und blau der niemals
gefrierende See, schner als er je im Sommer sein kann. Jeden Tag vor dem
Mittagessen half ich dem Vater vor die Tr und schaute zu, wie er seine
braunen und knotig verbogenen Finger in die schne Sonnenwrme streckte.
Nach einer Weile begann er alsdann zu husten und ber die Khle zu klagen.
Das war einer seiner harmlosen Kniffe, um einen Schnaps von mir zu
erlangen; denn weder der Husten noch die Khle waren ernst zu nehmen. Also
bekam er ein Glschen Enzian oder einen kleinen Absinth, hrte in
kunstreicher Abstufung zu husten auf und freute sich hinterrcks, mich
berlistet zu haben. Nach Tisch lie ich ihn allein, band die Gamaschen um
und lief ein paar Stunden bergan, soweit es gehen wollte, und legte den
Heimweg, auf einem mitgenommenen Fruchtsack sitzend, als Rutschpartie ber
die schrgen Schneefelder zurck.

Als die Zeit herankam, in der ich etwa nach Assisi hatte reisen wollen, lag
noch metertiefer Schnee. Erst im April begann das Frhjahr sich zu regen
und es kam eine bsartig rasche Schneeschmelze ber unser Dorf wie seit
Jahren keine mehr gewesen war. Tag und Nacht hrte man den Fhn heulen, das
Krachen entfernter Lauen und das erbitterte Brausen der Sturzbche, welche
groe Felsstcke und zersplitterte Bume mitbrachten und auf unsre armen,
schmalen Grundstcke und Obstwiesen warfen. Das Fhnfieber lie mich nicht
schlafen, Nacht fr Nacht hrte ich ergriffen und angstvoll den Sturm
klagen, die Lauen donnern und den wtenden See an die Ufer branden. In
dieser fiebernden Zeit der schrecklichen Frhlingskmpfe berfiel mich noch
einmal die berwundene Liebeskrankheit so ungestm, da ich mich nachts
erhob, mich ins Trfenster legte und unter bitteren Schmerzen Liebesworte
an Elisabeth in das Getse hinaus rief. Seit der lauen Zricher Nacht, in
der ich auf dem Hgel ber dem Hause der welschen Malerin vor Liebe gerast
hatte, war die Leidenschaft nie mehr so schrecklich und unwiderstehlich
ber mich Herr geworden. Es war mir oft so, als stnde die schne Frau ganz
nahe vor mir und lchle mich an und wiche doch bei jedem Schritt, den ich
ihr nher trte, zurck. Meine Gedanken, mochten sie herkommen von wo sie
wollten, kehrten unabnderlich zu diesem Bilde zurck und ich konnte gleich
einem Verwundeten es nicht lassen, immer wieder an der jckenden Schwre zu
kratzen. Ich schmte mich vor mir selber, was ebenso qulend wie nutzlos
war, verwnschte den Fhn und hatte heimlich neben allen Qualen doch ein
verschwiegenes, warmes Lustgefhl, ganz wie in Knabenzeiten, wenn ich an
die hbsche Rsi dachte und die laue, dunkle Woge mich berlief.

Ich begriff, da gegen diese Krankheit kein Kraut gewachsen war, und
versuchte wenigstens ein bichen zu arbeiten. Ich begann den Aufbau meines
Werkes in Angriff zu nehmen, entwarf einige Studien und sah bald ein, da
dafr jetzt nicht die Zeit sei. Indessen liefen von berall her die bsen
Fhnberichte ein und im Dorfe selbst nahm die Not berhand. Die Bachdmme
waren halb zerstrt, manche Huser, Scheunen und Stlle hatten starken
Schaden gelitten, von der Auengemeinde trafen mehrere Obdachlose ein,
berall war Klage und Not und nirgends Geld. In diesen Tagen war's, da zu
meinem Glck der Schulze mich auf sein Ratsstbchen holen lie und mich
fragte, ob ich willens sei, einem Ausschu zur Abhlfe der allgemeinen Not
beizutreten. Man traue mir zu, die Sache der Gemeinde beim Kanton zu
vertreten und namentlich durch die Zeitungen das Land zur Teilnahme und
Beisteuer zu bewegen. Mir kam es gelegen, gerade jetzt meine nutzlosen
eigenen Leiden ber einer ernsteren und wrdigeren Sache vergessen zu
knnen, und ich ging verzweifelt ins Zeug. In Basel gewann ich durch Briefe
rasch einige Sammler. Der Kanton hatte, wie wir voraus wuten, kein Geld
und konnte nur ein paar Hlfsarbeiter senden. Nun wandte ich mich an die
Zeitungen mit Aufrufen und Berichten; Briefe, Beitrge und Anfragen liefen
ein und ich hatte neben der Schreiberei noch die Gemeinderatshndel mit den
harten Bauernschdeln durchzufechten.

Die paar Wochen strenger, unentrinnbarer Arbeit taten mir gut. Als die
Sache allmhlich in eine geregelte Bahn gebracht und ich dabei minder
notwendig geworden war, grnten ringsum die Matten und blaute der See
harmlos und sonnig zu den vom Schnee befreiten Halden hinauf. Mein Vater
hatte ertrgliche Tage und meine Liebesnte waren gleich den schmutzigen
Lawinenresten verschwunden und zerlaufen. In diesen Zeiten hatte frher
mein Vater seinen Nachen gefirnit, die Mutter hatte vom Garten her
zugesehen und ich hatte mein Auge auf des Alten Hantierung, auf die Wolken
seiner Pfeife und auf die gelben Schmetterlinge gehabt. Diesmal war kein
Nachen zum Anstreichen mehr da, die Mutter war lange tot und der Vater
bockte verdrossen in dem verwahrlosten Hause herum. An die alten Zeiten
erinnerte mich auch Onkel Konrad. Hufig nahm ich ihn, vom Vater ungesehen,
zu einem Glschen Wein mit und hrte zu, wie er erzhlte und seiner vielen
Projekte mit gutmtigem Lachen und doch nicht ohne Stolz gedachte. Neue
machte er zur Zeit nicht mehr und das Alter hatte ihn auch sonst stark
gezeichnet, trotzdem war in seinen Mienen und zumal in seinem Lachen etwas
Knaben- oder Jnglinghaftes, das mir wohltat. Er war oft mein Trost und
Zeitvertreib, wenn ich es zuhaus beim Alten nimmer aushielt. Nahm ich ihn
zum Wein mit, so trottete er hastig neben mir her und bestrebte sich
ngstlich, seine krummgewordenen, mageren Beine im gleichen Schritt mit
meinen zu halten.

Mut Segel nehmen, Onkel Konrad, munterte ich ihn auf, und ber dem Segel
kamen wir dann jedesmal auf unsern alten Nachen zu sprechen, welcher nimmer
da war und den er wie einen lieben Toten beklagte. Da auch mir das alte
Stck lieb gewesen war und nun fehlte, gedachten wir seiner und aller mit
ihm passierten Geschichten bis ins kleinste.

Der See war so blau wie ehemals, die Sonne nicht minder feiertglich und
warm, und ich alter Bursche schaute oft den gelben Faltern zu und hatte ein
Gefhl, als wre seit damals im Grunde wenig anders geworden und als knnte
ich ebensowohl mich wieder in die Matten legen und Bubentrume aushecken.
Da dem nicht so war und da ich ein gutes Teil meiner Jahre auf
Nimmerwiedersehen schon verbraucht hatte, konnte ich jeden Tag beim Waschen
sehen, wenn aus der rostigen Blechschssel mein Kopf mit der starken Nase
und dem suerlichen Mund mich anglnzte. Noch besser sorgte Camenzind
senior dafr, da ich nicht am Wandel der Zeiten irre ward, und wenn ich
ganz in die Gegenwart gerckt sein wollte, brauchte ich nur die klamme
Tischlade in meiner Stube zu ffnen, worin mein knftiges Werk lag und
schlief, aus einem Paket verjhrter Skizzen und aus sechs oder sieben
Entwrfen auf Quartbogen bestehend. Ich ffnete die Lade aber selten.

Neben der Pflege des Alten gab mir das Instandhalten unsres verlotterten
Hauswesens reichlich zu tun. In den Dielen klafften Abgrnde, Ofen und Herd
waren defekt, rauchten und stnkerten, die Tren schlossen nicht und die
Leitertreppe auf den Boden, den ehemaligen Schauplatz der vterlichen
Zchtigungen, war lebensgefhrlich. Ehe hieran etwas getan werden konnte,
mute das Beil geschliffen, die Sge geflickt, ein Hammer entlehnt und
Ngel zusammengesucht werden, dann galt es, aus dem faulenden Rest des
ehemaligen Holzvorrates brauchbare Stcke herzurichten. Beim Reparieren der
Werkzeuge und des alten Schleifsteins ging mir Onkel Konrad ein wenig an
die Hand, doch war er zu alt und krumm geworden um viel zu ntzen. Also
zerschli ich mir meine weichen Schreiberhnde am widerspenstigen Holz,
trat den wackligen Schleifstein, kletterte auf dem allenthalben undicht
gewordenen Dach umher, nagelte, hmmerte, schindelte und schnitzte, wobei
mein etwas ins Feiste gediehener Adam manchen Tropfen Schwei vergo.
Zuweilen hielt ich denn auch, namentlich bei der leidigen Dachflickerei,
mitten im Hammerschlag inne, setzte mich zurecht, sog die halberloschene
Cigarre wieder an, schaute in die tiefe Himmelsblue und geno meine
Trgheit im frohen Bewutsein, da jetzt der Vater mich nimmer antreiben
und schelten konnte. Kamen dann Nachbarsleute vorbergewandelt, Weiber,
alte Mnner und Schulkinder, so knpfte ich zur Beschnigung meines
Nichtstuns freundnachbarliche Gesprche mit ihnen an und kam allmhlich in
den Geruch eines Mannes, mit dem sich ein vernnftiges Wort reden lasse.

Macht's warm heut, Lisbeth?

Allweg, Peter. Was schaffst?

's Dach flicken.

Kann nit schaden, 's hat's allweg schon lnger ntig gehabt.

Wohl, wohl.

Was macht denn der Alte? Er wird leicht seine siebenzig alt sein.

Achtzig, Lisbeth, achtzig. Was meinst, wenn wir einmal so alt sind? 's ist
kein Spa.

Wohl Peter, aber jetzt mu ich weiter, der Mann will's Essen haben. Mach's
gut unterdes!

Adie, Lisbeth.

Und whrend sie mit dem Napf im Tchlein weiter pilgerte, blies ich Wolken
in die Luft, sah ihr nach und besann mich, wie es nur kme, da alle Leute
so fleiig ihren Geschften nachgingen, indes ich schon zwei volle Tage an
der gleichen Latte herumnagelte. Schlielich aber war das Dach doch
geflickt. Der Vater interessierte sich ausnahmsweise dafr und da ich ihn
unmglich aufs Dach schleppen konnte, mute ich ihm ausfhrlich beschreiben
und ber jede halbe Latte Rechenschaft ablegen, wobei es mir auf einige
Prahlereien nicht ankam.

's ist gut, gab er zu, 's ist gut, aber ich htt' nicht geglaubt, da du
dies Jahr noch fertig wirst.

                   *       *       *       *       *

Wenn ich nun meine Fahrten und Lebensversuche beschaue und berdenke, freut
und rgert es mich, die alte Erfahrung auch an mir erlebt zu haben, da die
Fische ins Wasser und die Bauern aufs Land gehren und da aus einem
Nimikoner Camenzind trotz aller Knste kein Stadt- und Weltmensch zu machen
ist. Ich gewhne mich daran, das in der Ordnung zu finden und bin froh, da
meine ungeschickte Jagd um das Glck der Welt mich wider Willen in den
alten Winkel zwischen See und Bergen zurckgefhrt hat, wo ich hingehre
und wo meine Tugenden und Laster, namentlich aber die Laster, etwas
ordinres und hergebrachtes sind. Da drauen hatte ich die Heimat vergessen
und war nahe daran gewesen, mir selbst als eine seltene und merkwrdige
Pflanze vorzukommen; nun sehe ich wieder, da es nur der Nimikoner Geist
war, der in mir spukte und sich dem Brauch der brigen Welt nicht fgen
konnte. Hier fllt es niemand ein, einen Sonderling in mir zu sehen, und
wenn ich meinen alten Papa oder den Onkel Konrad betrachte, komme ich mir
wie ein ordentlich geratener Sohn und Neffe vor. Meine paar Zickzackflge
im Reich des Geistes und der sogenannten Bildung lassen sich fglich der
berhmten Segelfahrt des Oheims vergleichen, nur da sie an Geld und Mhe
und schnen Jahren mich teurer zu stehen kamen. Auch uerlich bin ich,
seit mein Vetter Kuoni mir den Bart stutzt und seit ich wieder Grtelhosen
trage und in Hemdrmeln herumlaufe, wieder ganz ein Hiesiger geworden und
werde, wenn ich einmal grau und alt bin, unvermerkt meines Vaters Platz und
seine kleine Rolle im Dorfleben bernehmen. Die Leute wissen blo, ich sei
Jahre lang in der Fremde gewesen und ich hte mich wohl, ihnen zu sagen,
was fr ein lausiges Metier ich dort betrieben und in wieviel Pftzen ich
gesteckt habe; sonst htte ich bald meinen Spott und bernamen weg. So oft
ich von Deutschland, Italien oder Paris erzhle, blase ich mich ein bichen
auf und komme selbst bei den ehrlichsten Stellen zuweilen in einige Zweifel
an meiner eigenen Wahrhaftigkeit.

Und was ist denn nun bei so viel Irrfahrten und verbrauchten Jahren
herausgekommen? Die Frau, die ich liebte und immer noch liebe, erzieht in
Basel ihre zwei hbschen Kinder. Die andere, die mich lieb hatte, hat sich
getrstet und handelt weiterhin mit Obst, Gemse und Smereien. Der Vater,
wegen dessen ich ins Nest heimgekehrt bin, ist weder gestorben noch
genesen, sondern sitzt mir gegenber auf seinem Faulbettlein, sieht mich an
und beneidet mich um den Besitz des Kellerschlssels.

Aber das ist ja nicht alles. Ich habe, auer der Mutter und dem ertrunkenen
Jugendfreund, die blonde Agi und meinen kleinen, krummen Boppi als Engel im
Himmel wohnen. Und ich habe erlebt, da im Dorf die Huser wieder geflickt
und beide Steindmme wieder aufgerichtet sind. Wenn ich wollte, se ich
auch im Gemeinderat. Es sind aber dort der Camenzinde schon genug.

Nun hat sich mir neuestens eine andere Aussicht erffnet. Der Gastwirt
Nydegger, in dessen Stube mein Vater und ich so manchen Liter Veltliner,
Walliser oder Waadtlnder getrunken haben, fngt an steil bergab zu gehen
und hat keine Freude mehr an seinem Geschft. Er klagte mir dieser Tage
sein Elend. Das schlimmste dabei ist, da wenn kein Einheimischer sich dazu
findet, eine auswrtige Brauerei das Anwesen kauft und dann ist es
verdorben und wir haben in Nimikon keinen behaglichen Wirtstisch mehr. Es
wird irgend ein fremder Pchter hineingesetzt werden, der natrlich lieber
Bier als Wein verzapft und unter welchem der gute Nydeggersche Keller
verpfuscht und vergiftet wird. Seit ich das wei, lt es mir keine Ruhe;
in Basel liegt mir noch ein wenig Geld auf der Bank und der alte Nydegger
fnde an mir nicht den schlechtesten Nachfolger. Der Haken dran ist nur,
da ich zu Vaters Lebzeiten nicht mehr Gastwirt werden mchte. Denn einmal
knnte ich den alten Mann dann nimmer vom Spunden fernhalten und auerdem
wrde er seinen Triumph darber haben, da ich mit allem Latein und
Studieren es zum Nimikoner Weinwirt und nicht weiter gebracht habe. Das
geht nicht an, und so beginne ich auf das Ableben des Alten allmhlich ein
wenig zu warten, nicht mit Ungeduld, sondern nur der guten Sache zulieb.

Onkel Konrad ist seit kurzem wieder in einen aufgeregten Tatendurst
hineingeraten, nach langen still verdselten Jahren, und das gefllt mir
nicht. Er hat bestndig den Zeigefinger im Mund und eine Denkrunzel auf der
Stirn, tut hastige kleine Schritte in seiner Stube herum und schaut bei
hellem Wetter viel ber's Wasser. Ich mein' alleweil, er will wieder
Schiffli bauen, sagt seine alte Cenzine, und er sieht wirklich so lebendig
und khn aus wie seit Jahren nicht und hat so einen schlauen, berlegenen
Zug im Gesicht, als wisse er jetzt genau wie er es diesmal anfangen msse.
Ich glaube aber, es ist nichts damit und es ist nur seine mdgewordene
Seele, welche jetzt nach Flgeln verlangt, um bald daheim zu sein. Mut
Segel nehmen, alter Onkel! Wenn es aber so weit mit ihm sein wird, dann
sollen die Herren Nimikoner etwas Unerhrtes erleben. Denn ich habe bei mir
beschlossen, an seinem Grabe hinter dem Pater her einige Worte zu reden,
was hierorts noch nie passiert ist. Ich werde des Oheims als eines Seligen
und Lieblings Gottes gedenken, und diesem erbaulichen Teil wird eine mige
Handvoll Salz und Pfeffer fr die geliebten Leidtragenden folgen, die sie
mir nicht so bald vergessen und verzeihen sollen. Hoffentlich erlebt es
auch mein Vater noch.

Und in der Lade liegen die Anfnge meiner groen Dichtung. Mein
Lebenswerk, knnte ich sagen. Es klingt aber zu pathetisch und ich sage es
lieber nicht, denn ich mu bekennen, da Fortgang und Vollendung desselben
auf schwachen Beinen stehen. Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, da ich
von neuem beginne, fortfahre und vollende; dann hat meine Jugendsehnsucht
Recht gehabt und ich bin doch ein Dichter gewesen.

Das wre mir soviel oder mehr als der Gemeinderat und als die Steindmme
wert. Das Vergangene und doch Unverlorene meines Lebens aber, samt allen
den lieben Menschenbildern, von der schlanken Rsi Girtanner bis auf den
armen Boppi, wge es mir nicht auf.

Ende




Werke
von
Hermann Hesse


Unterm Rad

Roman. 18. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50

Hier ist etwas Freies, Unknstliches, Naturgewachsenes. Immer, wenn ich ein
Buch von Hesse lese, habe ich die Empfindung, da sich ber mir der blaue
Himmel wlbt, da Bume ringsum grnen und frische Luft weht.

(Die Zeit, Wien)

Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geluterter noch als
der Camenzind, von einer tchtigen Mnnlichkeit durchweht, eine Wohltat
fr den, der ihn liest, treuherzig, berzeugend, von lebhaftem, heiem
Natursinn kndend, frei von sthetischer Krnkelei -- ein klares
Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman.

(Mnchener Neueste Nachrichten)

Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und mit der
Anwartschaft auf Ruhm und Glck ins Leben eintritt und unters Rad kommt und
berfahren wird; ein Buch voll Schwermut und heimlicher, leiser Klage und
auch ein Buch voll Anklage. Schwer und gewichtig in seiner Einfachheit, die
um so tiefer wirkt, als sie das Resultat einer unnachahmlichen sprachlichen
Meisterschaft und stilistischen Adels ist.

(Mnchener Zeitung)

Man wird vielleicht fragen, ob der neue Roman einen Fortschritt gegenber
dem Peter Camenzind bedeutet. Die Frage geht verloren, bei beiden Bchern
steht Hesse auf einem Gipfel, den mit ihm von jngeren deutschen
Romanschriftstellern nur noch Thomas Mann, Emil Strau und die wunderbarste
der Frauen, Ricarda Huch, bewohnen.

(Neue Badische Landeszeitung, Mannheim)


Diesseits

Erzhlungen. 16. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50

Wie lange habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch anzuzeigen! Eine
erlesene Schar der Novellen Hesses, die verstreut in Zeitschriften lagen,
in einem Bande gesammelt in Hnden zu halten, zu eigen zu haben wie
Hausschwalben, die ihr Nest an unserem Dache sich bauen. Es ist ein
stilles, vornehmes und unsglich schnes Buch geworden, das man ehrfrchtig
in die Hand nimmt, ehrfrchtig aus der Hand legt, stillergriffen,
nachdenklich, voll einer Liebe zu dem Menschen, der ein so starkes, reines
Herz hat und es so lauter schenkt. Hermann Hesse bedeutet einen Gipfelpunkt
deutscher Erzhlerkunst.

(Mnchener Zeitung)

Wie man etwa Eduard Mrikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen,
schnen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltglichkeit weit
entrckt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden Natur
lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses neuen
Novellenband Diesseits lesen.

(Neue Zrcher Zeitung)


Nachbarn

Erzhlungen. 12. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50

Was uns das neueste Buch Hermann Hesses besonders liebwert macht, ist die
ruhig vertrumte Art seines Verfassers, zu sehen und zu schildern . . . Die
lichtwonnige, diogenetische Eigenart des Dichters, der wahr und warm, allen
kokettierenden Beiwerkes entratend, Menschen aus kleinen Verhltnissen,
doch darum nicht kleine Menschen, einfach verklrt. Ungeheuchelte
Herzlichkeit, ohne den leisesten Anflug krankhafter Sentimentalitt, werden
den Nachbarn Eingang weniger in die Kpfe der geschworenen
Literaturmenschen, als in die Herzen aller Schnheitsfrohen sichern.

(Berner Tagwacht)

Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fnf
Erzhlungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch zusammengeschweit
erscheinen sie . . . Ruhig, ber allen Dingen schwebend, ohne Leidenschaft
und vollkommen abgeklrt werden uns diese Geschichten erzhlt. Aber in
einer Sprache, die ihresgleichen sucht und die den Stolz in uns aufleben
lt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei Dank, da es eine deutsche Sprache
gibt. Und Dichter, die sie adeln.

(Wrttemberger Zeitung, Stuttgart)

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.






End of the Project Gutenberg EBook of Peter Camenzind, by Hermann Hesse

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER CAMENZIND ***

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