The Project Gutenberg EBook of Amerikanische Wald- und Strombilder.
Zweiter Band., by Friedrich Gerstcker

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Title: Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band.

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: December 9, 2012 [EBook #41585]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Amerikanische Wald- und Strombilder


  Von

  Friedrich Gerstcker.


  Dritte Auflage.

  Zweiter Band.


  Leipzig,
  Arnoldische Buchhandlung.
  1862.




  Inhalt des zweiten Bandes.


                                              Seite
  Ein Versuch zur Ansiedlung, oder, wie's
    dem Herrn von Sechingen im Urwald gefiel    219
  Cincinnati                                    292
  Der wunderbare Traum                          327
  Eine Pantherjagd                              369
  Wandernde Krmer                              380
  Der amerikanische Urwald                      405
  Die Brenjagd am Bayou Meter in Arkansas      430




Ein Versuch zur Ansiedlung,

oder

wie's dem Herrn von Sechingen im Urwald gefiel.


Amerika -- Urwald -- Indianer -- Tomahawk -- Scalpiren --
Schlingpflanzen -- Panther -- Oh, wer doch einmal im Urwald sein und
das Alles so recht in der Nhe mit ansehen knnte -- ruft der entzckte
Leser, whrend vor seinem inneren Auge eine wunderliebliche =Camera
obscura= ihm all die obenerwhnten Sachen klein und zierlich, aber mit
dem vollen Zauber reicher Phantasie bergossen, vorspiegelt.

Da mu ich hin! hatte auch _von Sechingen_, ein junger unabhngiger
deutscher Edelmann gesagt, als er Coopers Ansiedler auf's Sopha warf,
emporsprang, die an der Wand hngende Bchse ergriff und auf einen, im
Geist heraufbeschworenen Panther schnell und sicher anlegte.

Er nahm sich kaum Zeit, das Buch auszulesen; noch in demselben Monat
ordnete er seine Geschfte, und acht Wochen spter trug ihn die wogende,
blaue See hinber zu dem Lande seiner Hoffnungen und Trume. Dort, im
stillen Wald -- im rauschenden Schwanken der Urbume, wollte er
sich seine Htte bauen, den Br und Panther jagen und mit den rothen
Eingeborenen verkehren; dort von allen Sorgen und rgernissen des alten
Vaterlandes entfernt, hoffte er die Ruhe zu finden, nach der er sich
gesehnt, und die Oberlippe warf er stolz und verchtlich empor, als
er jetzt an all das Complimenten- und Etikettenwesen der alten Welt
zurckdachte, was Gott sei Dank nun hinter ihm lag.

Die Reise war hchst glcklich -- nach schneller Fahrt erreichte er
New-Orleans, hielt sich aber hier kaum lange genug auf, die Stadt
flchtig anzusehen, sondern nahm, als am nchsten Morgen ein fr den
Arkansas bestimmtes Dampfboot stromauf lief, auf diesem Passage, und
erreichte neun Tage spter Little Rock, die Hauptstadt des Staates.

Hier nun strmten, wie das stets bei ankommenden Booten der Fall
ist, eine Masse von Menschen an Bord, um vielleicht hie und da einen
Bekannten zu treffen oder Zeitungen und Briefe in Empfang zu nehmen, und
_von Sechingen_, dem das Treiben noch ganz neu und ungewohnt war, konnte
nicht umhin, einen kleinen freundlichen Mann zu bemerken, der, etwa
ein Achtunddreiiger, einen grauen, verschossenen berrock mit
Messingknpfen, ein paar dunkelfarbige Sommerbeinkleider, grobe Schuh,
ein hellblaues Halstuch und einen ziemlich mitgenommenen schwarzen
Seidenhut trug.

Der kleine Mann trat nmlich mit einer unbeschreiblichen,
wohlbehaglichen Sicherheit auf, schien dabei Jeden auf dem Boot zu
kennen, und war auch wirklich von Allen gekannt, denn des Zunickens und
Handdrckens wurde gar kein Ende und wie gehts Charley -- noch immer
munter, Charley? -- =bless me= Charley, wie dick Ihr geworden seid!
tnte fast von jeder Lippe. -- Es war Charles Fischer, dessen Name bei
allen dort gewesenen oder reisenden Deutschen fast unzertrennlich von
dem Namen der Stadt selbst geworden, denn schon seit langen Jahren
wohnhaft in der Stadt, die er, wie er gern erzhlte, noch als ein Dorf
gekannt, hatte er durch Flei und Sparsamkeit (er war ein Tischler)
und besonders durch Glck, bei allen seinen Unternehmungen eine hbsche
Summe gespart, spter ein paar kleine Huser gebaut, dann eine Art
Wirthshaus und Schenkstand angelegt und jetzt steigerte sich mehr und
mehr sein Verdienst, da er Alles, was er brauchte, von New-Orleans oder
Cincinnati -- wo Provisionen wie Getrnke sehr billig sind -- bezog, und
dieses dann in Little Rock zu einem enormen Preis wieder verkaufte. Dazu
als eine gute, harmlose Seele beliebt, und schon so lange an jenem Ort
wohnend, da ihn Hin- und Herreisende immer wieder auf derselben Stelle,
der Erste an Bord jedes anlangenden Bootes, und eine halbe Stunde spter
hinter seinem Schenktisch fanden, wurde Charles Fischer gewissermaen
die Hausnummer, die man auf alle nach Little Rock oder auch ganz
Arkansas addressirten Briefe setzte, wenn man nicht den Ort, wohin Brief
oder Passagier bestimmt war, ganz genau angeben konnte.

Charles Fischer war also, und ist selbst jetzt noch, das Policeibreau
fr smmtliche nach Little Rock kommende Deutsche, auf dem sie sich nach
jedem Interessanten erkundigen knnen, das aber dafr auch Alles, was
den Fragenden angeht, wissen will. Selbst brigens selten oder nie,
seit er in Amerika ist, aus Little Rock herausgekommen, wechselt er auch
seine Ansichten nicht besonders, und wenn Jemand von ihm wissen will, wo
in Arkansas gutes Land liegt, so schickt er ihn seit funfzehn Jahren an
den =Fourche la fave=; wnscht man von ihm zu erfahren, wie die Zeiten
sind, so schimpft er und holt ein Paketchen kleiner Banknoten, die er
mit einem starken Bindfaden in einem Westenknopfloch befestigt hat, aus
der Tasche und sagt man msse in Little Rock das Geld anbinden, sonst
liefe es fort; erkundigt man sich nach seiner politischen Meinung,
so ist er Demokrat mit Leib und Seele -- er liee sich, behauptet er,
lieber todtschlagen, ehe er zu den Whigs berginge, lt sich aber nie
auf nhere Errterungen ein, da ihm der Unterschied zwischen Whigs und
Demokraten noch selbst in vielen Stcken sehr dunkel ist; fragt man ihn
aber, was seine Frau macht, so stt er Einem den Zeigefinger in die
Rippen, blinzt das linke Auge zu, was verschmitzt aussehen soll, und
lacht.

Auer Little Rock existirt weiter keine Welt fr ihn, er verschmht
jede Einladung, einmal auf das Land zu seinen Freunden zu kommen, und
behauptet bei solchen Gelegenheiten stets, sich mit innigem Behagen die
Hnde reibend, es gbe doch nur _ein_ Little Rock, und darin hat er
vollkommen recht, denn es wre frchterlich, wenn auf der Welt noch
solch ein zweiter Platz existirte.

Eben hatte _Charley_, wie er von Allen freundschaftlich genannt wurde,
mehre Briefe vom Buchhalter in Empfang genommen, die zwar an ihn
adressirt, keineswegs aber fr ihn bestimmt waren und wollte das Boot
wieder verlassen, als von Sechingen, der jetzt genug von ihm gesehn und
auch den Namen so oft gehrt hatte, um ziemlich sicher zu sein, wer vor
ihm stehe, auf ihn zutrat, und freundlich grend fragte, ob er das
Vergngen habe, mit Herrn Carl Fischer zu sprechen?

Charley -- =of course= -- gewi -- sagte der Kleine, eben von
Deutschland gekommen, eh? haben Sie dort auch letztes Jahr so nasses
Wetter gehabt, wie wir hier? aber apropos, was ich Sie fragen wollte,
wie weit sind Sie denn bei Stuttgart mit der Eisenbahn?

Es thut mir leid, Ihnen darber keine genaue Auskunft geben zu knnen,
lchelte der Fremde ich komme aber mit einer Bitte um Rath zu Ihnen,
Herr Fischer, indem ich von New-Orleans aus durch einen dort zufllig
getroffenen Freund an Sie gewiesen bin, mir die beste Gegend fr Land
hier in Arkansas zu nennen. Ich beabsichtige mich anzukaufen und wei
selbst noch nicht recht, ob ich meine Nachforschungen von hier aus
beginnen, oder mit dem Boot bis Fort Gibson hinauf gehen soll.

Land kaufen? sagte Charley, wie er sich selber nannte, Land kaufen?
keine bessere Gegend in der Welt, als am =Fourche la fave= --
_Land_ nicht _todt_ zu machen -- _Weide_, unverwstlich -- _Wild_
unmenschlich.

Viel Wild? so? frug der Fremde, und wurde aufmerksamer -- und wo
liegt dieses paradiesische Land?

Etwa vierzig Meilen von hier, ber die Berge fort, Sie gehen jedoch am
Besten mit dem Boot bis an die Mndung des kleinen Flusses selbst,
und dann soll es noch etwa zwanzig Meilen von da bis zu der deutschen
Ansiedlung sein, Sie knnen nicht fehlen, immer am Flu hinauf.

Was fang ich aber indessen mit meinen Sachen an? denn wenn ich eine
Futour unternehmen soll, mu ich _die_ auf jeden Fall zurcklassen.

Knnen Sie zu mir hinstellen, sagte Charley, ich habe ein kapitales
Lokal -- unten ein groes Barzimmer mit einem Schlafkabinet.

Barzimmer? frug der Fremde.

Nun ja -- Barzimmer, ach so, Sie wissen nicht was _Bar_ ist, nun
_Schenk_zimmer, das ist ja wohl deutsch -- eine Treppe hoch habe
ich einen Tanzsaal, sollen einmal den Tanzsaal sehen, wie ich den
herausgeputzt habe -- und auch ein Schlafkabinet, und oben unter dem
Dach noch zwei Schlafkammern, wo, wenn es ordentlich eingetheilt wird,
an die vierzehn Betten stehen knnen.

Aber wo wohnen Sie denn da? sagte erstaunt der Fremde.

Im Sommer wohn' ich im Tanzsaal und im Winter unten, neben dem
Barzimmer.

Und vierzehn Betten in zwei Dachkammern?

Ja, und wie viel meinen Sie, da im letzten Winter, wo ich den groen
Ball hatte, dort oben in eilf Betten Menschen gelegen haben?

Nun vielleicht gar zwei und zwanzig Personen? lachte der Deutsche.

Zwei und zwanzig? rief Charley die Nase rmpfend, wegen denen wren
_die_ Umstnde nicht nthig gewesen -- _sieben und dreiig_.

Aber wie ist das mglich?

Mglich? in Amerika ist Alles mglich, das werden Sie auch wohl noch
erfahren, ehe Sie sechs Monate im Lande sind.

Dann kann ich also Alles zu Ihnen in's Haus schaffen lassen?

Ja wohl -- versteht sich, wollen gleich einen Mann rufen, hey -- Sam!
oh Sam! hierher!

Der Zuruf galt einem groen, breitschultrigen Mulatten, der neben seinem
zweirdrigen Gterkarren am Ufer stand und mit der Peitsche knallte --
hier ist ein Gentleman, der Sachen nach meinem Hause zu schaffen hat.

Ay, ay, Mr. Charley, rief der Mulatte, freundlich grinsend, whrend
er ber die Planke an Bord lief, und in wenigen Augenblicken oben neben
ihnen stand, soll richtig besorgt werden, fuhr er fort, indem er den
getheerten Matrosenhut neben die Peitsche auf das Verdeck legte, aber
_Mister_ Charley, nicht wahr, Sam bekommt dann auch einen Schluck von
dem =Peach brandy=.

Ist der schwarze Teufel schon wieder durstig, rief Charley erstaunt,
hat er nicht erst vorgestern eine halbe Flasch voll ausgetrunken?

Aber Mister Charley --

Nun schon gut, schaff nur die Sachen ordentlich und schnell hinauf --
ich komme gleich mit und da wollen wir sehen.

Drei Koffer, zwei Hutschachteln, mehrere Gewehrfutterale, ein Reisesack
und noch verschiedene andere kleine Kistchen und Kasten wurden jetzt von
dem geschftigen Mulatten in fast unglaublich kurzer Zeit an's Ufer,
zu dem nur wenige hundert Schritt vom Wasserrande entfernten Hause Carl
Fischers befrdert, und der Fremde, nachdem er das Fuhrlohn wie einen
Trunk fr den Karrenfhrer bezahlt hatte, und Alles besorgt sah, wandte
sich hier zu seinem freundlichen Wirth und sagte:

Wenn es Ihnen recht ist, so mchte ich jetzt ein wenig Toilette machen,
denn in diesem Aufzug kann ich doch auf keinen Fall in den Urwald
dringen. Haben Sie Bren hier in der Nhe?

Bren? frug Charley verwundert, die Leute da oben leben von weiter
Nichts als Brenfleisch; wie die Schweine laufen sie im Walde herum,
nach den Hirschen schieen sie gar nicht mehr.

Die Bren?

Die Jger, =of course=!

Nun rief der Fremde, dann werde ich ja auch wohl noch heute Abend zum
Schu kommen, will also doppelte Kugeln einladen.

Sie waren unterdessen in die Wohnung oder vielmehr das Barzimmer
des kleinen Charley, wie es dieser nannte, getreten, und in dem
daranstoenden Kmmerchen verwandelte sich der junge Mann bald, was
wenigstens das uere betraf, aus einem Stutzer in einen Jger,
mit grner Pikesche, ledernen Beinkleidern, hohen Wasserstiefeln,
umgeschnalltem Hirschfnger, gewaltiger lederner Waidtasche, und
schner Suhler Bchsflinte, dabei wohl ausgerstet, was Schrotbeutel,
Pulverhorn, Zndhtchenaufsetzer, Messer, kurz Alles das betraf, was er
nach deutscher, richtiger Waidmannsart fertig gerstet nennen konnte.

Nun kann's losgehen! jubelte Charley und schlug vor Freuden in die
Hnde, als er den Jger erblickte. Da sieht man' s doch auch, da
es ein Jger ist; -- hier zu Lande laufen sie mit ihren langen
Schieprgeln auf der Schulter, den Kolben nach hinten, in alten
ledernen Jacken und wollenen Fracks im Wald herum und haben dnne
hirschlederne Lappen an den Fen, durch die man jedes Sandkorn fhlt.
Ich habe selbst einmal so ein paar Dinger angehabt, bin aber beinah lahm
geworden; wei der Bse nur, wie sie noch 'was schieen, es mu aber
wohl so viel drauen sein, da sie's selbst nicht ndern knnen.

Gehen _Sie_ denn nie auf die Jagd? frug der Fremde.

Ich? nein -- bewahre -- lachte Charley, ich mte mich auch gut mit
einer Flinte ausnehmen; ne, da drauen im nassen Walde herumzukriechen,
den ganzen Tag ein schweres Stck Eisen auf der Schulter zu schleppen
und dann auch noch d'raus zu schieen -- ne -- das ist meine Passion
nicht. Ich habe gern Alles in der gehrigen Ordnung, Abends mein gutes
Essen und ein warmes Bett, und am Tag -- aber sie luten schon wieder
auf dem Boot -- da Sie's nur nicht versumen. Was mir aber noch
einfllt, es wre doch eine Mglichkeit, da Sie sich verliefen, denn
im Walde sieht ein Baum wie der andere aus, und hier neben an wohnt ein
Indianer, wenn Sie dem einen Dollar und einen Schluck Whiskey geben so
geht er mit Ihnen durch's Feuer.

Ein Indianer? rief der Fremde entzckt, o rufen Sie ihn her, ich
will ihm geben was er haben will, der mu mit mir gehen, das ist zu
romantisch.

Wie heien Sie denn eigentlich? frug Charley jetzt, dem der letzte
Ausdruck wahrscheinlich auffallen mochte.

Mein Name ist von Sechingen, erwiederte der Fremde.

Ach Herr von Sechingen, ist mir sehr angenehm Ihre werthe Bekanntschaft
-- aber der Teufel soll mich holen, wenn's da nicht schon zum zweiten
Male lutet -- laufen Sie auf's Boot, ich bringe den Indianer.

Ja -- aber er mu sich doch erst zurecht machen.

Ist immer zurecht gemacht, erwiederte Charley, nur fort, sonst
werden Sie noch zurckgelassen. Also wohl gemerkt -- an der Mndung
des =Fourche la fave= lassen Sie sich aussetzen, und wenn Sie Alles in
Richtigkeit haben, so kommen Sie nur her, und holen sich Ihre Sachen --
apropos -- gren Sie mir die Deutschen oben.

Herr von Sechingen eilte jetzt auf das Boot, es dauerte jedoch gar nicht
lange, bis Charley mit dem versprochenen Indianer nachkam und ihn auch
kaum noch abliefern konnte, denn eben schellte die Glocke zum dritten
und letzten Mal, die Taue wurden eingenommen, ein flchtiges Lebewohl
den am Ufer Bleibenden zurckgerufen, und fort scho der Kolo, das
schwimmende Gasthaus gegen den Strom an, dem fernen, fernen Westen zu.

Der Deutsche versuchte indessen mit dem Indianer ein Gesprch
anzuknpfen, fand diesen aber zu einer langen Unterhaltung keineswegs
aufgelegt, und konnte auf seine Fragen, da dieser noch dazu sehr
gebrochen englisch sprach, nur kurze, und meistens unbefriedigende
Antworten erhalten, so da er seine Erkundigungen endlich einstellte
und bei sich dachte, im Walde wrde der rothe Sohn der Wlder auch wohl
gesprchiger werden.

Dieser rothe Sohn der Wlder sah brigens ganz anders aus, als
sich Sechingen eigentlich die Indianer, jene stolzen, kriegerischen
Huptlinge gedacht hatte. Ein frher einmal blau gewesenes, baumwollenes
Jagdhemd hing ihm lose um die Schultern, die Beine staken in grau
wollenen Beinkleidern, die Fe in mchtigen groben Schuhen, auf dem
Kopf sa ihm, bis tief in die Augen hinein, ein alter zusammengedrckter
Strohhut, unter dem die langen, schwarzen Haare wild und unordentlich
hervorquollen, und im Grtel, der sein Jagdhemd zusammenhielt, stak ein
kurzes, schmales Messer, whrend an seiner rechten Seite eine kleine
lederne Tasche, auf seiner linken Schulter eine zusammengewickelte
wollene Decke hing und eine lange, keineswegs prachtvoll aussehende
Bchse mit Feuerschlo, die Bewaffnung und Ausrstung dieses sonderbaren
Wesens beendete.

Dem jungen Sechingen blieb jedoch kaum Zeit, die Alles an seinem neuen
Reisegefhrten und Begleiter zu bemerken, denn fast smmtliche, sich
auf dem Dampfboot befindenden Amerikaner drngten sich um ihn her und
begannen mit der liebenswrdigsten Unbefangenheit von der Welt seine
Waffen und ganze Ausrstung anzustaunen und zu betrachten. Einer nahm
ihm, mit einem freundlichen =if you please= (wenn Sie erlauben)
die Bchse aus der Hand und knackte unzhlige Male die Schlsser, ein
Anderer zog, _ohne_ zu sagen =if you please,= den Hirschfnger aus der
Scheide und untersuchte die Schrfe desselben, ein Dritter zupfte an dem
Patentschrotbeutel, bis er die Kapsel glcklich herausbrachte und eine
ganze Ladung Schrot auf's Deck streute, kurz es fehlte nicht viel, so
htten sie ihn wie eine Puppe aus- und wieder angezogen.

Von Sechingen lie sich im Anfang wirklich Alles mit vieler
Gutmthigkeit gefallen, es schien sogar seiner Eitelkeit etwas zu
schmeicheln, von Jedem so bewundert zu werden; nach und nach ward ihm
die Sache aber doch ein wenig lstig und er nahm, ohne viele Umstnde,
sein verschiedenes Eigenthum wieder an sich. Die Amerikaner frugen ihn
jedoch fast bei jedem Stck, wie er es verkaufen wolle und wunderten
sich sehr, als er ihnen sagte, da er Nichts von alle dem veruern
wrde. Einer wnschte sogar zu wissen, wie er seine Stiefeln gegen ein
paar andere, erst wenige Wochen getragene vertauschen, d.h. ob er noch
Aufgeld haben wolle, denn da er sie, wenn ihm der Handel gut schiene,
berhaupt vertauschen wrde, verstnde sich, glaubten die Leute, von
selbst.

Sechingen bekam die Gesellschaft schon recht berdrssig, als er endlich
zu seiner Freude den Ausruf des Indianers vernahm, der, mit dem Finger
vorwrts deutend, auf einen Anwuchs niederer Baumwollenholzschlinge
hinwies.

Ist das die Mndung des Flusses, rief er freudig -- nun Gott sei Dank
-- aber werden wir auch halten?

Die Bootsglocke beantwortete seine Frage, der Ruf des Lootsen sandte die
Deckhands oder Matrosen nach der, hinten am Boot befestigten Schaluppe
-- der Deutsche und Indianer sprangen hinein und fanden sich, wenige
Minuten darauf, an der Spitze einer Sandbank, welche gerade berhalb
des Flusses Mndung eine kurze Strecke in den Arkansas hineinlief.
Das leichte Fahrzeug, was sie hierher gebracht, war inde zum Boot
zurckgekehrt -- das Zeichen wurde gegeben, puffend und schnaubend
brauste der schne Dampfer stromauf, und die beiden Mnner standen
allein auf der kleinen, sandigen Landzunge.

Sechingen blickte entzckt um sich her -- Alles -- Alles mahnte ihn
daran, da er jetzt im Begriff sei, zum ersten Mal die Amerikanische
Wildni, den _Urwald_ zu betreten, und von wonnigen Schauern durchbebt,
wandte er sich gegen den dunklen Wald. Zu seiner Linken, am andern Ufer
des kleinen Flusses, thrmten sich schroffe, mit Kiefern und Eichen
bedeckte Hgel empor, rechts von diesen, in der Richtung, die er
einzuschlagen gedachte, lag eine dichte grne Baum- und Laubmasse und
hinter ihm wlzte sich der gewaltige Arkansas dem Vater der Wasser,
dem Mississippi zu, whrend der schmale Sandstreifen, auf dem sie
standen, etwa eine Meile lang bis zu dem wieder steiler werdenden Ufer
hinauflief.

Noch war der Deutsche in staunender Bewunderung des Heiligthums
versunken, das er kaum zu betreten wagte, als der Indianer, dessen
christlicher Robert in den bequemeren Bob umgetauscht worden, das
Schweigen brach und dem jungen Mann mit wenigen Worten andeutete, wie er
nicht gesonnen sei, hier die ganze Nacht auf offener Sandbank halten zu
bleiben.

Wollen gehn -- sagte er, und drehte dabei den Kopf nach allen
vier Himmelsgegenden, um Wolken, Sonne und Luft genau und prfend zu
betrachten -- kaum noch eine Stunde Tag, besser an einen trockenen
Platz vor Abend -- Feuer anmachen -- gro.

Und welchen Weg nehmen wir jetzt? frug Sechingen.

Weg? sagte der Indianer verwundert, kein _Weg_ von hier -- lauter
Wald.

Ha, desto besser! rief der Deutsche, das ist herrlich; lauter
dichter, finsterer Wald, und dann das Nachtlager, -- o das mu kstlich
werden.

Will der Weie die nchste Richtung, ganz durch den Wald gehen, oder
fnf Meilen um, ber die Hgel -- weit oben luft ein gebahnter Weg!
sagte Bob.

Oh unbedingt den nchsten Weg durch den Wald, wie weit ist es wohl?

Funfzehn Meilen -- aber viel na, sagte der Indianer, und zeigte mit
dem Finger gerade auf den Wald.

Ich habe groe Stiefeln an, lachte Sechingen, und wenn _Sie_ sich
nichts daraus machen --

Bob kann schwimmen, erwiederte dieser lakonisch, schritt jetzt, ohne
ein Wort weiter zu verlieren und die dnnen Baumwollenholzbumchen
auseinander biegend, durch diese hinweg und betrat, von dem Deutschen
gefolgt, whrend sie die sandige, angewaschene Landzunge hinter sich
lieen, den eigentlichen dunklen Wald.

Sechingen hatte vom ersten Augenblicke an, als er festen Grund und Boden
unter den Fen fhlte, die Doppelbchse von der Schulter genommen und
zum groen rgerni Bob's, der fortwhrend nach ihm hinschielte, beide
Hhne aufgezogen, ging auch jetzt, stets im Anschlag, vorsichtig und
aufmerksam umhersphend, hinter dem Indianer her, bis dieser endlich,
trotz dem ihm angeborenen stoischen Gleichmuth, das Gefhl nicht
lnger ertragen konnte, in dem dichten Gewirre von Schlingpflanzen eine
gespannte Bchse hinter sich zu haben, und von nun an neben dem jungen
Mann blieb.

Die Sonne sank indessen mehr und mehr und verschwand eben hinter den
gewaltigen Bumen, nur noch hie und da einen der hchsten Wipfel mit
ihrem rosigen Schein bergieend. Im Walde herrschte tiefe Stille, die
nur selten durch das Quaken eines Frosches oder das Gezirpe einer
Grille unterbrochen wurde; es war ein wunderlieblicher, entzckender
Frhlingsabend, dem schnen Wald von Arkansas so eigenthmlich; dennoch
aber schien sich der Herr von Sechingen dieses langersehnten Genusses
nicht so recht zu erfreuen, oder wenigstens keine Zeit dafr zu haben,
denn bald schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn, bald in den
Nacken, bald auf die andere Hand; oder nahm die Mtze ab, mit der er um
sich herumschlug, und endlich blieb er gar in allem Unmuth stehen und
rief aus:

Wo kommen denn nur um Gotteswillen alle diese verwnschten Mcken her?
das ist ja zum Rasendwerden.

Mcken? sagte Bob, was das? _Mosquitos_ meint Ihr; nicht viele hier!
mehr davon weiter vorne; aber lagern jetzt -- gleich dunkel.

Damit, ohne weiter eine Antwort seines Begleiters abzuwarten, warf er
seine Decke und Kugeltasche ab, lehnte die Bchse an einen Baum und
schlug Feuer, das er bald mit Hlfe des drren Laubes zu einer Flamme
anfachte, die, von trockenem Holz genhrt, in wenigen Minuten zur hohen
Gluth emporloderte.

Hier also sollen wir bleiben? sagte Sechingen etwas kleinlaut, indem
er sich an dem Orte, auf welchem sie sich befanden, umsah, ja -- es
wre recht hbsch hier, wenn die verdammten Mcken nur nicht wren.
Also _das_ sind Mosquitos? -- fuhr er fort, als er eben wieder vier mit
einem Schlage auf dem Rcken seiner Hand vernichtet hatte -- nun Gott
sei Dank, es sind doch wenigstens genug von ihnen da, um sich abzulsen,
wenn ein Theil satt oder mde werden sollte.

Fremder legt sich auf diese Seite vom Feuer, unter den Rauch -- keine
Mosquitos! -- bedeutete ihn Bob. Sechingen befolgte auch schnell den
guten Rath, und fand sich hier, in dem weichen, gelben Laub, das mehrere
Zoll hoch den Boden bedeckte, bald von seinen Qulgeistern verlassen,
die durch den ber ihm hinweggehenden Rauch verscheucht wurden. Bob
schien sie gar nicht zu achten.

Lieber ein Dach machen -- kann regnen die Nacht, sagte der Indianer
jetzt.

Regnen? lachte Sechingen, wo soll denn der Regen herkommen? es ist ja
keine Wolke am Himmel?

Schadet Nichts, meinte Bob -- Regenfrosch gutes Zeichen.

Ach nein -- hier ist's herrlich, betheuerte Jener, der, von seinen
Plagegeistern fr den Augenblick befreit, wieder das so lang gehegte und
genhrte romantisch wilde Sehnen in sich erwachen fhlte -- hier
ist's so wundervoll, mit dem grnen Laubdach ber uns, dem blauen
sternbeseten Himmel als Decke, und dem dunkelen, rauschenden Wald
um uns her; wozu da noch ein Dach, was uns doch nur den Anblick des
prachtvollen Firmamentes entziehen wrde; kommen Sie hierher, Bob, legen
Sie sich neben mich und erzhlen Sie mir etwas aus Ihrem Leben.

Bob ist hungrig, war die lakonische Antwort.

Nun ja, da es einmal erwhnt wird, meinte der Deutsche, so wre
mir auch ein Bissen Warmes nicht so unerwnscht, ein Tasse Thee knnte
besonders gar Nichts schaden.

Viel Thee im Wald, sagte Bob.

Thee? grner Thee?

Gewi grner Thee -- will der Weie Thee haben?

Das wre nicht so bel, erwiederte Sechingen, auf alle Flle knnen
wir es versuchen.

Bob ri hierauf einen kleinen, neben ihm wachsenden grnen Strauch aus
der Erde, wischte die Wurzel so rein als mglich mit seinem Jagdhemd
ab, schnitt sie in dnne Sphne, that sie in den Blechbecher, den er an
seiner wollenen Decke hngend trug, fllte diesen dann voll Wasser und
setzte ihn auf die Kohlen.

Und das wird Thee? frug Sechingen unglubig.

Ahem, war Bob's Antwort, der nur mit dem Kopfe nickte.

Es ist aber doch sonderbar, sagte der Deutsche nach einer wohl
viertelstndigen Pause, in der er trumend zu den funkelnden Sternen
hinaufgeschaut hatte, da wir jetzt schon ber eine Stunde durch
den dichtesten Wald gegangen sind, ohne eine Spur von Wild gesehen zu
haben.

Sonderbar? entgegnete die Rothhaut, Bob hat drei Tage hier gejagt und
keine Klaue gefunden.

Das stimmte nun freilich nicht mit Charles Fischers Aussagen berein,
doch blieb ihm fr den Augenblick keine weitere Zeit zu ferneren
Errterungen, denn der Thee war fertig und wurde Sechingen dargereicht.

Etwas Zucker und Milch wre jetzt sehr an seinem Platz, meinte dieser
-- aber halt -- ich habe ja Rum bei mir; der mag den Dienst versehen,
und aus einem kleinen Flschchen, das er aus dem Jagdranzen nahm, go er
etwa ein Spitzglas voll in den Becher, und reichte die Flasche dann an
Bob hinber, der sie schon mit gierigen, verlangenden Blicken betrachtet
hatte und jetzt einen langen, langen Zug that. Mit augenscheinlichem
Widerwillen mute er zuletzt absetzen, um Athem zu holen und Sechingen
schob sie wieder in den Ranzen zurck. Der Thee war indessen etwas khl
geworden, -- aber welch entsetzliches Gebru.

Pfui Teufel! rief der junge Deutsche aus, indem er den Becher
zurckschob und aufsprang. Bob, das knnen Sie allein trinken, das
schmeckt ja abscheulich.

Indianer trinkt nur Thee, wenn krank ist.

Ich bin aber nicht krank, rief Sechingen.

Ich auch nicht, sagte Bob und begann mit groer Ruhe die Lederriemen
aufzubinden, die seine Decke zusammenhielten.

Da mich auch der Bse plagen mute, mit keiner Sylbe an Lebensmittel
zu denken, murmelte Sechingen rgerlich vor sich hin, -- ich glaubte
aber sicher, noch vor Dunkelwerden irgend ein Stck Wild erlegen zu
knnen.

Bob kann warten, brummte dieser und rollte die jetzt gelste Decke
auf.

Nun so erzhlen Sie mir wenigstens etwas, bat ihn der Deutsche, ich
mchte gar so gerne einige Skizzen aus dem Leben der Indianer, von den
Lippen eines Indianers hren, und da wir doch nun einmal im Wald sind,
so lassen Sie mich auch einige Anekdoten von Ihren Jagden mit Bffeln
oder Bren, von den Kmpfen mit anderen Stmmen, dem nchtlichen
berfall, dem Schlachtschrei und den genommenen Scalpen hren -- was
hilft mir denn der Wald und der Indianer, wenn wir schlafen wollen?

Wei Nichts zu erzhlen, sagte Bob, indem er seine Decke nahe zum
Feuer ausbreitete und dieses dann wieder von Frischem aufschrte --
habe nie einen Bffel gesehen und noch keinen Bren geschossen; -- kam
vor sechs Jahren von Georgien mit ganzem Stamm.

Und was haben Sie in den sechs Jahren getrieben? -- Jagd?

Nein -- Schuhmachen!

_Schuhmachen_? frug Sechingen entsetzt -- Schuhmachen? ein Indianer
-- in Arkansas? aber Ihr Vater war doch ein Jger und Krieger? fiel
vielleicht in der Schlacht -- in einem nchtlichen berfall.

Mein Vater starb in Georgien an den Blattern -- war ein Korbmacher.

Bob schien jetzt zu glauben, da er ber sich und seine
Familienangelegenheiten hinlngliche Auskunft gegeben habe, denn er
rollte sich in die Decke, und war wenige Minuten spter, wie sein
lautes, regelmiges Athmen bewies, sanft eingeschlafen. Sechingen aber
spiete, auf den linken Ellbogen gelehnt, mit seinem Genickfnger hchst
mivergngt die vor ihm liegenden, gelben Bltter auf.

Er hatte sich Alles so romantisch gedacht -- das Heulen der Wlfe, das
Geschrei des Panthers, die Erzhlungen eines rothhutigen Kriegers von
Jagden und Kriegszgen, und dazu das Rauschen des mchtigen Urwaldes
-- Ja! Der Urwald umgab ihn, in all seiner Pracht und Herrlichkeit,
mit seinen Riesenstmmen und wild durchwachsenen Dickichten, mit den
gigantischen Weinreben, die sich von Stamm zu Stamm schlangen, und im
unzerreibaren Netze die gewaltigen verbanden, den einzigen Laut aber,
den er vernehmen konnte, war das Summen der Mosquitos, die, von der
khlen Nacht nicht eingeschchtert, nach dem warmen Blute des Fremdlings
lstern, dessen Lager umschwirrten.

Hchst verdrielich schob er sich endlich die Jagdtasche unter den Kopf,
und wollte ebenfalls schlafen, als er, wie von einer Natter gestochen,
wieder emporsprang, und nach der Bchse griff, denn dicht neben ihm
-- es konnte kaum zwanzig Schritte entfernt sein -- vernahm er den
sonderbarsten, wildesten Laut, den sich seine Phantasie nur je gedacht,
nur je getrumt hatte.

Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h! tnte es so klagend, so
schauerlich, da er, sprachlos vor Jagdeifer und innerem Entsetzen, den
Arm seines schlfrigen Gefhrten ergriff, und den Ruhenden mit aller
Macht schttelte, whrend er dabei in der Rechten die schnell gespannte
Bchse fertig zum Schu hielt.

Bob, -- Bob, -- Bob! -- flsterte er dabei mit unterdrckter Stimme --
ein Panther -- _Bob_!

Ein was? rief dieser, und sprang schnell auf die Fe, ergriff seine
Bchse und sah den Fremden gro an. Wo? wo Panther?

Pst! winkte Sechingen -- dort war's -- gleich in dem Busch da -- er
mu auf einen Baum geklettert sein, mir kam es hoch vor.

Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h! riefen die schauerlichen Tne
auf's Neue, diesmal aber auf der entgegengesetzten Seite.

Horch -- horch -- er hat uns umschlichen -- erst war er hier.

Das der Panther? frug Bob.

Nun? was soll es sonst sein? ein Wolf steigt doch nicht auf die Bume?

Eule! sagte Bob, und legte sich wieder, ohne ein Wort zu verlieren,
nieder.

Teufel! murmelte Sechingen rgerlich vor sich hin, indem er den Hahn
seiner Bchse in Ruhe setzte, das nur eine Eule, und hat eine Stimme
wie das strkste, gewaltigste Thier. Bob hatte aber ganz recht, es war
wirklich eine Eule, die ihr einsames Nachtlied krchzte, und unwillig
warf sich der in seinen schnsten Erwartungen Getuschte in das gelbe
Laub zurck.

Durch die ungewohnten Anstrengungen ermattet, schlief er lang und fest,
sein Erwachen war aber ein sehr trauriges, unbehagliches, denn, als er
von kalten Schauern durchschttelt die Augen aufschlug, strmte von
dem dunkelen, nur dann und wann durch einzelne grelle Blitze erhellten
Nachthimmel der Regen in Fluthen hernieder, und fern grollender Donner
murmelte seinen gewaltigen Segen dazu. Das Feuer war niedergebrannt und
ausgelscht, und tiefe Nacht umgab ihn.

Bob? rief er -- Bob! -- Bob! wiederholte er strker und ngstlicher,
als ihn auf einmal der Gedanke durchzuckte, sein rother Fhrer knne ihn
im Stiche gelassen haben -- _Bob_! -- kein Bob antwortete und _Bob_
schrie er jetzt in die Hhe springend aus Leibeskrften, da er selbst
vor dem dumpfverhallenden Nothruf zurckbebte, der gar so schauerlich in
dem den Walde wiederklang.

Ja! sagte der Wilde, der, nur wenige Schritte von ihm entfernt und in
seine Decke gewickelt, unter demselben Baume mit ihm stand -- wir werden
nassen Morgen bekommen.

Warum antworten Sie denn gar nicht? ich glaubte Sie wren fort. --

Und wohin! frug Bob, ein Baum so gut wie der andere -- ich schlief!

Im Stehen?

Bob kann berall schlafen.

Was fangen wir denn jetzt um Gotteswillen an? ich bin durch und durch
na, und mu mich erklten -- wenn ich nur wenigstens eine Decke htte.

Wenn der Weie Bob's Decke haben will, sagte gutmthig der Indianer,
-- so mag er sie nehmen, Bob kann ohne Decke na werden.

Sechingen schmte sich im Anfang, den armen Burschen seines fast
einzigen Schutzes zu berauben, da der dnne Kattunlappen, den jener noch
darunter trug, sicherlich als kein wrmendes Kleidungsstck angesehen
werden konnte, doch berwog bald die Sorge um die eigene Gesundheit jede
andere Bedenklichkeit, und fest in die, wenn auch etwas feuchte doch
warme Umhllung eingeschlagen, warf er sich wieder, die Waidtasche unter
dem Kopf, an der Wurzel der alten Eiche nieder, deren Bltter ihnen,
wenigstens jetzt noch, einigen Schutz gegen die immer strker und
strmischer niedertobenden Schauer gewhrten.

Bob kauerte sich dicht daneben, einen mglichst kleinen Raum einnehmend,
zusammen und lie den Kopf auf die Brust hinuntersinken, wachte aber,
denn dann und wann lauschte er aufmerksam den Athemzgen des Weien,
ob dieser schlafe oder nicht, bis er sich endlich von dessen
Bewutlosigkeit hinlnglich berzeugt zu haben schien, und nun leise an
ihn hinkroch.

Immer tobender raste indessen der Sturm, darum aber ganz unbekmmert,
befhlte Bob mit vorsichtiger Hand und geruschlosen Bewegungen die
Waidtasche, und nach und nach, fast unmerklich seine Finger unter des
Schlummernden Kopf bringend, gelang es ihm nach mehreren Minuten, die
Flasche der Ledertasche zu entrcken.

Wre es Tageshelle gewesen, so htte man des Indianers Gesicht wohl ein
triumphirendes Lcheln berfliegen sehen knnen, als er geruschlos
und mit gebter Hand den Kork abzog, so aber ward nur gleich darauf der
leise, gluckende Laut gehrt, wie der heie erquickende Trank die Kehle
des Durstigen hinunterglitt, und lange, lange sogen seine Lippen an dem
engen Hals der Korbflasche. Endlich war auch der letzte Tropfen geleert,
und Bob setzte, tief Athem holend, ab, versuchte dann zwar noch einmal,
dem Boden einen vielleicht zurckgehaltenen Rest zu entziehen, die
Nachlese fiel aber wenig ergiebig aus, und er bemhte sich jetzt, die
entwendete Flasche wieder an ihren frheren Platz zurck zu schaffen.
Um jedoch keinen unntzen Verdacht zu erregen, schob er sie vorsichtiger
Weise verkehrt, mit der ffnung nach unten, in die Tasche und lie
den Kork daneben in das Laub fallen, dann kroch er auf seinen alten
Standpunkt zurck, und war bald ebenfalls, trotz strmenden Unwetters
und heulender Windsbraut, sanft und ruhig eingeschlafen.

Kalt und schaurig brach der Morgen an, die Gewitter hatten sich
verzogen, aber schwere, dunkele Wolkenschichten schienen in an einander
gepreten Massen auf den Wipfeln der Bume zu ruhen; ein feiner, dnner
Regen stubte nieder und einzelne Windste schttelten in Schauern
die groen Tropfen auf das fest an den Boden geschmiegte gelbe Laub
hernieder.

Sechingen, obgleich schon seit lngerer Zeit erwacht, frchtete fast,
sich in den nakalten Falten der Decke zu bewegen, und lag regungslos in
einander gekrmmt, bis es heller Tag geworden war; endlich ermannte er
sich, sprang, die Hlle von sich werfend, auf die Fe, und schaute mit
trostlosem, mattem Blick auf die ihn umgebende, keineswegs lchelnde
Natur.

Das also ist Urwald! seufzte er leise vor sich hin, indem er einige
der, trotz der khlen Morgenluft auf ihn einstrmenden Mosquitos von
sich abzuwehren suchte -- das ist Urwald? -- eine sehr schne Gegend --
da mich der Bse auch plagen mute, dem Rath des Narren in Little-Rock
zu folgen; der Indianer schlft dabei in seinem dnnen, baumwollenen
Jagdhemd, als ob er im weichsten Federbett lge.

Die Wahrheit zu gestehen, schlief Bob aber eigentlich nicht, sondern
war schon, um sich zu erwrmen, seit einer Stunde hin- und hergelaufen,
hatte sich aber, um wegen der Flasche nicht befragt zu werden, schnell
wieder unter den Baum geworfen, sobald er das Munterwerden seines
Marschgefhrten bemerkte.

Bob! wollte dieser jetzt rufen, aber Du lieber Gott, keinen Ton
brachte er aus der Kehle, der Hals war ihm wie zugeschnrt und er konnte
sich selbst kaum vor Heiserkeit reden hren; nochmals versuchte er
Bob! zu sagen, aber vergebens und seine Worte wurden zu einem kaum
hrbaren Hauch. Er trat daher dicht neben den Indianer, und schttelte
diesen, bis er auf die Fe sprang und sich nun langsam, wie eben erst
aus tiefem Schlaf erwacht, nach den Bumen und Wolken umschaute.

Wie weit haben wir noch bis zum nchsten Haus? frug Sechingen jetzt
mit seiner leisen, rchelnden Stimme.

Knnt laut reden, sagte der Indianer, das Schlo seiner Bchse
abtrocknend und frisches Pulver auf die Pfanne streuend, kein Wild
hier, finden aber welches; dieser Morgen guter Jagdtag.

Ich _kann_ nicht laut reden -- ich habe mich ja erkltet, flsterte
Sechingen rgerlich.

Erkltet! rief verwundert die abgehrtete Rothhaut -- erkltet? was
ist das?

Wie weit haben wir noch bis zum nchsten Haus?

Fnf Meilen! sagte Bob.

So lassen Sie uns wenigstens eilen, da wir dort hinkommen, ich bin
halb todt vor Hunger und Erschpfung -- Pest! rief er aber zu gleicher
Zeit, mit dem Fue stampfend, aus, als er bei diesen Worten in die
Jagdtasche gegriffen hatte, und die jetzt leere Flasche hervorzog, auch
das noch -- ausgelaufen -- bis auf den letzten Tropfen -- die einzige,
letzte Strkung fort.

Wie schade! sagte Bob, und sah traurig die Flasche an. Doch hier half
kein weiteres Besinnen, beide Mnner schulterten also ihre Gewehre, Bob
hing seine alte, nasse Decke, die er jedoch vorher so gut wie mglich
ausgerungen hatte, wieder auf den Rcken, und fort ging's auf's Neue
in den Wald hinein, oder eigentlich, besser gesagt, im Walde fort, denn
unbestreitbar waren sie darinnen.

Hier zeigte sich brigens der Nutzen, den des Indianers Ortssinn, ein
gewisser ihm angeborener Instinkt, dem Deutschen gewhrte, denn ohne
Jenen htte er sich im Leben nicht wieder aus den Dickichten und Smpfen
herausgefunden, die, einander so ganz hnlich, ihn nicht begreifen
lieen, wie man in einem solchen Labyrinth eine wirklich gerade Richtung
beibehalten konnte, ohne bei jeder Wendung irre zu werden. Immer
unwegsamer wurde hier der Wald, hufiger und hufiger kreuzten sie
schmale, kleine tiefe Bche, und standen pltzlich an einem kleinen
Flusse (oder einer _Slew_, wie es der Indianer nannte), der seine
schlammigen Fluthen dem Fourche la fave zudrngte.

Bob! sagte Sechingen erschrocken, als dieser ohne weiter eine Sylbe zu
uern, hineintrat und durchwaten wollte, wobei ihm das Wasser bis unter
die Arme reichte -- ist denn keine Fhre hier? wir sollen doch nicht
mitten durch?

Ist der Weie hungrig? frug Bob, stehen bleibend.

Sehr!

Und na?

Durch und durch!

Bob erwiederte nichts weiter, sondern badete gerade durch, whrend ihm
die Fluth bis zu den Schultern stieg, und war in wenigen Minuten am
anderen Ufer. Wehmthig schaute ihm Sechingen nach, berzeugte sich aber
bald, da hier nichts Anderes zu thun brig bliebe als zu folgen, denn
allein zurck zu bleiben, ging doch auch nicht an. Das also, was er
nicht zu durchnssen wnschte, als Brieftasche, Zndhtchen, Pulverhorn
und Uhr in die Jagdtasche steckend und diese, nebst der Flinte, ber
dem Kopf haltend, trat er seine unfreiwillige Wasserfahrt an, kam
auch glcklich hinber, schttelte sich hier, lie das Wasser aus den
Wasserstiefeln laufen, indem er sich auf den Rcken legte und die Beine
an einem Baum in die Hhe reckte (im Anfang freilich etwas zu hoch) und
folgte dann dem Fhrer, der schweigend voranschritt.

So groen Jagdeifer Sechingen aber beim Anfang ihrer Wanderung gezeigt
hatte, so abgestumpft war er jetzt gegen alles ihn Umgebende geworden
und schaute kaum vom Boden auf, um nicht fortwhrend ber die
unzhligen, berall umhergestreuten ste und Stmme zu stolpern und zu
strzen; die Flinte hing ihm, Hahn in Ruh und Sicherheit aufgesetzt,
ber die Schulter, die Mtze sa ihm tief in der Stirne und der einzige
Laut, den er von sich gab, war dann und wann ein leise gemurmelter
Fluch, wenn ihm die nassen Zweige in's Gesicht schlugen, oder sich
sein Fu, trotz aller Vorsicht und Aufmerksamkeit, in dem dichten
Schlingpflanzengewebe fing, das an vielen Stellen den Boden wie mit
einem festen Netze berzog.

Da blieb Bob pltzlich stehen und hob schnell und lautlos die Bchse
an den Backen, und wie mit einem magischen Feuer durchgo diese einzige
Bewegung den Krper des bis jetzt in fast gnzlicher Apathie versunkenen
Deutschen; blitzschnell ri er das eigene Gewehr von der Schulter
und schaute, hochaufgerichtet, die Augen in dem alten, keineswegs
erstorbenen Jagdeifer erglhend, sphend umher, das Wild zu entdecken,
das der Indianer auf's Korn genommen. Aber erst, als er der Richtung
von Bob's Bchse folgte, von deren Pfanne das Pulver schon zweimal
abgeblitzt war, sah er einen stattlichen Hirsch, der ruhig ste und
die Nhe zweier menschlichen Wesen gar nicht zu ahnen schien. Vor Eifer
zitternd, hob Sechingen das Doppelrohr, das, noch mit guten, deutschen
Zndhtchen versehen, dem Wetter Trotz geboten, und der Schu krachte
drhnend durch den stillen Wald.

Hochauf sprang der Hirsch und setzte ber einen, vor ihm liegenden
Baumstamm, blieb dann aber augenblicklich wieder stehen, ugte
verwundert umher, witterte zu gleicher Zeit die Feinde und sprang eben
in ein benachbartes Dickicht, als ihm Sechingens Rehposten nachsausten.
Wohl schttelte er den schnen Kopf ein wenig, als ihm das Blei um's
Gehr pfiff, unverletzt aber warf er den Wedel in die Hhe und war mit
wenigen Stzen verschwunden.

Ich mu ihn getroffen haben, rief Sechingen, der dem Anschu in wilder
Jagdlust zusprang; Bob folgte ihm jedoch sehr ruhig und bemerkte, die
Fhrten keines Blickes wrdigend:

Hirsch merkwrdig wohl, wenn er den weien Fleck zeigt -- weie Mann
Bockfieber!

Gar sehr wider Willen mute es sich Sechingen zuletzt selbst gestehen,
da er, auf kaum funfzig Schritt, mit beiden Lufen das Wild gefehlt
habe, denn auch nicht ein einziger Tropfen Schwei war auf dem Laube zu
sehen. In hierdurch nicht gerade verbesserter Laune setzten also Beide,
nachdem der Deutsche zuerst wieder geladen, ihren Weg weiter fort, und
erreichten, nach etwa zweistndigem Marschiren, das Haus, von dem Bob
gesprochen, und Sechingen mehr todt als lebendig, begrte mit freudigem
Herzklopfen das trauliche, Schutz und Wrme versprechende Dach, aus
dessen Lehmschornstein eine dnne, blaue Rauchsule emporwirbelte.

Nachdem die beiden Mnner zuerst noch eine niedere, die Wohnung
umgebende Fenz berklettert hatten, nherten sie sich dem Gebude,
dessen Thr, nach Art all der andern fensterlosen Blockhuser, offen
stand, um Licht und Luft zu gleicher Zeit einzulassen, und betraten den
inneren Raum, vor dessen breiten Kamin sie eine, dem Auge Sechingens
wenigstens, sehr sonderbar erscheinende Gruppe versammelt fanden.

Es waren zwei Frauen und drei Kinder, die in malerischen Stellungen
das Feuer umsaen und umlagerten, und durch den Eintritt der Fremden in
ihren verschiedenen Beschftigungen weiter nicht gestrt wurden, als da
die eine der Frauen, wahrscheinlich die Wirthin, mit ihrem Sessel ein
wenig zur Seite rckte und sagte:

Nehmt einen Stuhl!

Nun wre das zwar an und fr sich schon eine recht freundliche Einladung
gewesen, denn das Feuer flackerte mchtig und erwrmend mit rother Zunge
die schwarz gerucherte Esse empor, wenn -- nur ein Stuhl dagewesen
wre, vergebens schaute sich aber der Deutsche nach einem derartigen
Mbel in dem kleinen Raume um, lehnte daher vor allen Dingen die
Bchsflinte in die Ecke, legte die Jagdtasche daneben, welchem Beispiel
der Indianer ohne weitere besondere Einladung folgte, und trat dann in
den fr sie freigemachten Raum an die linke Kaminecke.

Nehmt den Stuhl! sagte die Frau zum zweiten Male, und winkte dabei mit
dem Kopf nach der gegenber liegenden Ecke, aber kein Gegenstand,
der auch nur die entferntere Familienhnlichkeit mit einem derartigen
Hausgerth gehabt, oder zu solchem htte benutzt werden knnen, zeigte
sich dem Auge; die Ecke war, ein schmales, langes Bret was darin lehnte
ausgenommen, leer. Bob schien jedoch mit den Gelegenheiten der Wohnung
und ihren Gebruchen schon etwas besser bekannt, oder ein gewisser
Instinkt mute ihn leiten, denn kaum hatte er sich seiner nassen Decke
entledigt, als er eben jenes Bret vorholte, dieses dann, dicht neben
dem Kamin, zwischen zweien der die Wand bildenden Stmme hindurch, und
auswendig unter den, zu diesem Zweck in einen Pfirsichbaum geschlagenen
Pflock schob, und dem Deutschen mit der Hand zuwinkte, darauf Platz zu
nehmen, was dieser denn auch nach einigen, etwas ngstlichen Versuchen
zwar, befolgte, whrend Bob neben ihm stehen blieb und sich wie ein am
Spiee steckender Braten, langsam vor der Gluth im Kreise herumdrehte,
um seinem ganzen Krper einen gleichen Antheil von Wrme zukommen zu
lassen. Bald stieg von ihren nassen Kleidern der feuchte Dampf wie
eine Wolke zur Decke hinauf und drngte sich dort, durch aufgehangene
Schinken und Speckseiten, in's Freie.

Die Beschftigung der beiden Frauen zog jetzt, als das erste frostige
Schtteln vorber war, was Jeden erfat, der na und kalt zu einem
erwrmenden Feuer tritt, Sechingens neugierige Blicke auf sich. Die
Herrin des Hauses sa nmlich auf einem kleinen Sessel, dem Feuer gerade
gegenber, hatte zwei Karden oder Wollkmme in der Hand, mit welchen sie
die klargezupfte Baumwolle spinngerecht in lange Streifen rollte und nur
dann und wann ihre Arbeit unterbrach, um eine kleine, kurze Pfeife aus
dem Mund zu nehmen und den Kopf derselben, diese am Stiel fassend, durch
die glhende Asche zu ziehen, wonach sie die dadurch herausgehobene
kleine Kohle in die Hhe hielt, und in langen Zgen den verlschten
Tabak wieder zu entznden suchte. In ihrem ganzen Wesen lag aber eine
gewisse Reinlichkeit und Ordnung, die, mit dem freundlichen, offenen
Gesicht der Matrone, einen hchst wohlthuenden Eindruck auf den jungen
Deutschen machte, denn er war durch seine letzte Wanderung besonders
empfnglich fr alles Das geworden, was Behaglichkeit und huslichen
Sinn verrieth. Sie war sehr einfach, aber hchst sauber in selbstgewebte
Stoffe gekleidet, und die grte Ordnung schien auch in dem kleinen,
wenn gleich rmlich ausgestatteten Raume zu herrschen, den sie bewohnte.

Keineswegs so gnstig sprach ihn die Erscheinung der zweiten Gestalt an,
deren Haar, nach Art der irlndischen Frauen, in einem breiten Scheitel
von dem rechten nach dem linken Ohr, quer ber die Stirn hinber gelegt
war, und die durch ihre, nichts weniger als reinliche Kleidung auf
eine um so auffallendere Art gegen die neben ihr sitzende Amerikanerin
abstach. Ihr Anzug bestand aus grell buntem Kattun, der seine besten
Tage schon gesehen hatte, und dessen groe Pfauenaugen wehmthig nach
einer Stange Seife hinber zu blinzen schienen, die auf einem kleinen
Bretchen in der rechten Ecke des Zimmers ruhte. Sie kreuzte den einen
Fu ber den andern und sttzte sich mit dem linken Arm auf das rechte
Knie, mit dem rechten Ellenbogen wieder auf den linken Arm, und paffte,
ohne die eben Angekommenen weiter viel zu beachten, den Rauch aus ihrer
kurzen Pfeife nach Herzenslust in den Kamin hinein.

Desto aufmerksamer wurden aber dafr die beiden feuchten Gste von den
drei Kindern beobachtet, deren ganzes, verwildertes, unsauberes Aussehen
sie als der Irlnderin (denn eine solche war der Gast) zugehrig
bezeichnet htten, wre nicht diese stille Vermuthung Sechingens noch
durch den unwiderlegbaren Beweis eines eben solchen Stckes Kattun,
als Madame zum Kleid verwandt, bestrkt worden, das in verschiedenen
spitzwinkeligen und dreieckigen Stcken die Kehrseite des jngsten
Kindes zusammenhielt.

Mit weit aufgerissenen Augen und Sprech- oder Schreiwerkzeugen starrten
diese, nicht den Indianer, -- denn dergleichen hatten sie schon
genug gesehen, -- sondern den, ihrer Meinung nach, viel wunderbarer
bekleideten Deutschen an, und nur durch verschiedene Ermahnungen der
Wirthin des Hauses -- denn die eigene Mutter schien sich wenig oder gar
nicht um sie zu kmmern -- konnten sie zurckgehalten werden, sich
immer wieder auf's Neue zwischen den Fremden und das diesem so hchst
wohlthuende Feuer zu drngen.

Auf Sechingens Bitte um etwas Warmes zu essen und zu trinken, lie die
Amerikanerin jedoch augenblicklich mit freundlichem Eifer ihre beiden
Beschftigungen, Rauchen und Karden, im Stich und es dauerte gar nicht
lange, bis ein Paar heie Tassen Kaffee, nebst gebratenem Speck und
schnell gebackenem Maisbrod auf dem rohen, aber blank gescheuerten
Holztisch dampften, zu dem sich auch die Zwei nicht lange nthigen
lieen, sondern mit wahrem Heihunger ber die so lang und schmerzlich
entbehrten Lebensmittel herfielen.

Sechingens verwhnter Gaumen mchte freilich, unter anderen
Verhltnissen, mit den vorgesetzten Gerichten schwerlich zufrieden
gewesen sein; er befand sich aber gegenwrtig nicht in der Laune, lange
zu betrachten und zu kosten, _was_ er a, so er nur berhaupt etwas zu
verzehren hatte, und bald waren Teller und Schssel leer und blank.

Whrend der Mahlzeit hatten die Frauen sich nicht weiter um die
hungrigen Gste bekmmert, als da die Wirthin ihnen noch zweimal die
schnell geleerten Tassen mit dem heien, erquickenden Trank fllte; da
sie aber jetzt gesttigt vom Tische aufstanden und wieder an's Feuer
traten, fingen sie an, die mit Schnren und Troddeln besetzte Pikesche
des Deutschen zu bewundern, der, ihnen darin gern gefllig, sich von
allen Seiten genau betrachten und die Arbeit daran untersuchen lie.

Nun hatte aber Sechingen durch diese Aufmerksamkeit die moralische
berzeugung gewonnen, da die beiden Damen von dem zierlichen
Kleidungsstck ganz entzckt seien, und frug daher die Irlnderin mit
freundlicher Stimme, ob sie vielleicht im Sinne habe, ihrem Ehegemahl
eine dieser hnliche anzufertigen; die Frau rief aber verwundert:

Meinem Manne, Sir? Gott segne Euch, fr eine erwachsene Person eine
solche Jacke? nein, aber ein hbsches Rckchen fr das Jngste gb' es.

Sechingen bi sich auf die Lippen und sah von der Seite den Indianer an;
dieser schien jedoch in der Bemerkung nichts Auffallendes gefunden
oder sie gar nicht beachtet zu haben, sondern nahm, als Zeichen des
Aufbruchs, die Bchse wieder zur Hand, und nickte dem Deutschen zu.

Was sind wir Ihnen fr Ihre Gte schuldig? frug also Sechingen jetzt,
da es ihm nach dieser uerung nicht mehr so recht wohnlich bei den
Leuten war.

Oh ich wei nicht -- entgegnete die Amerikanerin, das Wenige, was
ich Euch vorsetzen konnte, war gern gegeben und keiner Bezahlung werth.
Wohnten wir hier an der Strae, dann wr' es etwas anderes, man kann
nicht _alle_ Reisende umsonst beherbergen, wenn man selbst arm ist und
sich seine Lebensmittel schwer verdienen und erziehen mu, so aber
mag's gehen. Wir sitzen hier mitten im Wald, und in Alabama, von wo wir
herkommen, ist es auch nur an wenigen Stellen Sitte, da man Bezahlung
von Reisenden nimmt, also geht mit Gott, Ihr seid Nichts schuldig.

Herzlich dankte ihr Sechingen, nicht allein fr die gegebene Strkung,
sondern auch fr die freundlichen Worte, und bedeutend gekrftigt und
erfrischt, obgleich immer noch sehr durch die nassen Kleider belstigt,
folgte der Deutsche seinem rothen Fhrer einen schmalen Pfad entlang,
der sich von hier aus am Fue einer jetzt erreichten niederen Hgelreihe
hinwand und die Wanderer wenigstens dem niederen Sumpflande entzog,
durch das sie bis dahin ihre Bahn hatten suchen mssen. Nicht viel Worte
wurden zwischen Ihnen gewechselt, denn Sechingen sphte, da sie den
etwas offeneren Wald betraten, scharf nach Wild umher, das der Fhrer
jedoch wenig zu beachten schien, denn er schritt mit gesenkten und fest
auf den Pfad gerichteten Blicken voran. brigens blieb des Deutschen
Aufmerksamkeit hchst nutzlos verschwendet, denn kein einziger Hirsch,
nicht einmal ein Truthahn, lie sich sehen, und hchst mimuthig und
unzufrieden mit der ganzen amerikanischen Jagd warf er sich endlich
die Bchsflinte wieder ber die Schulter und schwur, da -- undankbarer
Mensch -- Charley Fischer ein -- Aufschneider sei.

Nicht mehr weit hatten sie von da aus zu gehen, bis sie zu der kleinen
Lichtung und Blockhtte kamen, die ihm von dem Indianer als die
deutsche Niederlassung bezeichnet wurde, und hier lag wieder, wo
Sechingen allerdings etwas ganz anderes erwartet hatte, ein solches
unausweichbares Blockhaus vor ihm, das keineswegs dem von einer
_deutschen Niederlassung_ entworfenen Bilde glich; dennoch eilte er
mit freudigen und lebhafteren Schritten darauf zu, denn er sollte ja
jetzt Landsleute wiederfinden und durfte hoffen, nach der ausgestandenen
Schreckensnacht seine Glieder in etwas strken und erfrischen zu knnen.

Es ist aber eine eigene Sache mit den Deutschen in Amerika; in Arkansas,
und berhaupt im fernen Westen, mag es noch angehen; selten bekommen sie
hier einen Landsmann zu sehen, und freuen sich wirklich, wenn sie Einmal
einem begegnen, der ihnen etwas Neues aus der Heimath erzhlen kann.
Anders, ach weit anders und weit trauriger ist es dagegen in den
stlichen Stdten, wo alle neue Einwanderer von den, sich schon
dort befindenden Landsleuten als Preisverderber und Eindringlinge
betrachtet werden, wo der schon etwas Amerikanisirte zu stolz ist, den
frheren Freund _deutsch_ anzureden, weil ein zufllig daneben stehender
Amerikaner sonst sogleich wissen wrde, da er ebenfalls ein Dutchman
wre, und wo sich der Deutsche wirklich nur _dehalb_ mit dem Deutschen
einlt, um ihn, sobald sich eine Gelegenheit dazu finden sollte,
tchtig ber's Ohr zu hauen und hinterher auszulachen. Das kannte v.
Sechingen freilich noch nicht, ein ganz anderer Empfang wartete aber
auch hier seiner, und mit offenen Armen und herzlichem, treugemeintem
Gru wurde er von dem biedern Deutschen Klingelhffer, der in der
einsamen Wildni seine Wohnung aufgeschlagen hatte, empfangen.

Er war gerade beschftigt gewesen Feuerholz zum Haus zu fahren, spannte
jedoch augenblicklich aus und fhrte seine beiden Gste in die kleine
Htte, um ihnen dort nach den ausgestandenen Strapatzen jede mgliche
Bequemlichkeit gewhren zu knnen. Der Indianer war auch bald
entschlossen, wenigstens fr diese Nacht sein Quartier hier
aufzuschlagen, und hing deshalb seine Decke ausgebreitet ber die Fenz,
damit sie der Wind, der jetzt recht scharf aus Nordwest zu blasen anfing
abtrocknen knne, whrend Klingelhffer, von Sechingen gefolgt, das
Haus betrat, in welchem ihnen des ersteren wackere Hausfrau, freundlich
grend, entgegen kam.

Vor allen Dingen mute er nun seine nassen Kleidungsstcke ab und
trockene anlegen, und bald verga er bei guter, nahrhafter Kost und
neben einem erquickenden Feuer die berstandenen Mhseligkeiten und
Entbehrungen.

Jetzt bekam er aber auch Zeit, das Innere der einfachen Htte, in
welcher die kleine Familie hauste, zu betrachten, und begriff in der
That nicht, wie Menschen, die frher schon einmal an mehr und grere
Bequemlichkeiten gewhnt gewesen waren, hier und unter solchen
Verhltnissen existiren konnten. Das Haus bestand, nach der gewhnlichen
Bauart des Landes, aus unbehauenen Stmmen, und die Spalten zwischen
diesen waren, um den rauhen Nordwind abzuhalten, an dieser und an der
Westseite mit lang gespaltenen Stcken Holz und Lehm ausgefllt, dadurch
eine feste und ziemlich warme, dem Klima wenigstens angemessene Wand
bildend; die beiden anderen Wnde jedoch lieen Licht und Luft ein,
soviel nur durch die oft handbreiten Ritzen und Spalten einstrmen
konnten. In einer Ecke des Hauses standen zwei Betten, ber denen
ein langes Bret mit -- einem seltenen Artikel in Arkansas -- Bchern
befestigt war, und an der gegenber stehenden Wand befand sich ein
anderer Gegenstand, den der Deutsche hier im Walde am wenigsten gesucht
htte und der auch von dem Indianer mit neugierig staunenden Augen
betrachtet wurde: nmlich ein Fortepiano. Drei oder vier rohgearbeitete
Holz- und Rohrsthle, der Tisch, dessen Platte ein frherer Kistendeckel
bildete, und mehrere Kasten mit Schlssern und Fchern, auf denen das
wenige Kchengerth aufgestellt war, fllten den brigen Raum, und
Sechingen, als er das Alles eine Zeitlang betrachtet hatte, wandte sich
endlich zu seinem Wirth, der eben wieder einen tchtigen, lang gehauenen
Hickoryklotz in's Feuer trug, und fragte, noch immer etwas schchtern:

Ist denn dieses wirklich der einzige Raum, den Sie mit Ihrer ganzen
Familie bewohnen?

Nein, sagte Klingelhffer, hier neben an steht noch ein kleines,
sogenanntes Rauchhaus, wo wir unser Fleisch und Fett, die Kartoffeln,
etwas zu Brod ausgesuchten Mais und andere zum Hausstand nthige Sachen
aufbewahren.

Und hier in diesem einzigen Zimmer wohnen und schlafen Sie?

Nun, ist das nicht genug? lachte der Farmer, da sollten Sie einmal
hier sein, wenn Gerichtstag ist, und wir noch zwei oder drei Nachbarn
und ein paar Advokaten zu bewirthen und unterzubringen haben, dann
geht's freilich eng her.

Die schlafen doch nicht mit in diesem Hause?

Wo denn sonst? Alle mit einander.

Das ist ja aber ganz unmglich!

Unmglich? lachte der Farmer, unmglich? wiederholte er
kopfschttelnd -- das ist ein Wort, was wir hier in Arkansas nicht
kennen; _unmglich_ ist gar Nichts auf der Welt, sobald es nur uns
selbst und unser eigenen Bedrfnisse betrifft.

Sie Beide, mit Ihren drei Kindern (und die beiden Mdchen da drauen
knnen kaum noch Kinder genannt werden), schlafen und wohnen wirklich
fortwhrend in diesem Zimmer? entbehren alle Bequemlichkeiten, die man
sich sonst bei einem Wohn- und Schlafzimmer als _un_entbehrlich denkt,
und existiren so gewissermaen im Freien, auf offener Strae?

Ja, ja, lachte Klingelhffer, und das ist noch gar nichts, jetzt
haben wir doch Dach und Fach, werden nicht na, wenn es drauen regnet,
und knnen, wenn es kalt wird, ein Feuer anmachen, ohne dabei frchten
zu mssen, da uns der Wind die Funken und Kohlen ber das Bettzeug
wegtreibt, wie das im ersten Winter der Fall war, wo wir hierher zogen
und ich das Haus erst aufbauen mute. Meine arme Frau war noch dazu
damals krank und mute viel, sehr viel ausstehen. Doch was man gern
thut, wird Einem auch leicht, und wenn wir viel, ja fast Alles von dem
entbehren mssen, an das wir im alten Vaterlande gewhnt oder durch das
wir _ver_whnt waren, so drckten uns auch keine von den Sorgen, die
wir dort kannten; wir arbeiten Beide, und dafr vermehrt sich auch
unser Wohlstand und ich bin jetzt schon im Stande, das nchste Jahr ein
bequemeres und gerumigeres Wohnhaus aufzufhren; bis dahin mu dies
freilich noch ausreichen.

Ja, da _Sie_ das Alles mit leichtem Muth ertragen knnen, rief
Sechingen finde ich sehr begreiflich! des drckenden europischen
Zwanges enthoben, fhlt sich der Mann, auch wohl unter schlimmeren
Verhltnissen, krftig genug, Alles zu bestehen und zu berwinden, was
ihm hemmend in den Weg tritt. Die schwache Frau aber, zarte Kinder, in
solcher Wildni, den rauhen Strmen der Jahreszeit, all den Entbehrungen
eines Lebens auszusetzen, das doch nur eigentlich fr einen Indianer
passend scheint, da -- da wei ich denn doch nicht, ob ich so etwas
ber's Herz bringen knnte. Wenn nun die Frau krank wird und das Heimweh
bekommt, und sich ewig und ewig fortsehnt, zurck nach den verlassenen,
glcklicheren Verhltnissen?

Lieber Herr von Sechingen, entgegnete ihm freundlich Klingelhffer,
indem er seine Hand ergriff, wenn die Frau ihren Mann recht herzlich
lieb hat, dann wird sie sich schon nicht von ihm fortsehnen, weil
sie Bequemlichkeiten entbehren mu, an die sie frher gewhnt war,
im Gegentheil wird sie bei ihm bleiben wollen und alles das, was er
ertragen mu, Freude wie Leid, _mit_ ihm tragen, wie es _meine_ Frau
gethan; hat sie ihn aber _nicht_ so recht von Herzen lieb, dann bleibt
sich's auch ziemlich gleich, wo er seinen Leidenskelch leert, in der
Stadt, oder im Walde. Mein liebes Weib hier ist nun einmal an mich und
meine Laune gewhnt, Gewohnheit thut viel, sie mchte mich nicht mehr
entbehren, nicht wahr, Alte? und da harren wir denn schon hier im Walde
zusammen aus.

Er reichte bei diesen Worten der lchelnden, jungen Frau die Hand
hinber, und diese erwiederte den herzlichen Druck und lehnte sich
vertrauend mit ihrem Kpfchen an seine Schulter.

Ja, das ist Alles recht gut, meinte Sechingen kopfschttelnd -- Sie
Beide haben sich lieb, wie sich Eheleute haben sollten, und knnen durch
Sparsamkeit und Flei leicht ihr Auskommen, selbst in den widerwrtigen
Verhltnissen finden; _warum aber?_ ich bin fest berzeugt, da Sie
das auch im alten Vaterlande ermglichen wrden, und viele Gensse des
Lebens kennen Sie hier nur dem Namen nach, die dort eine natrliche
Folge Ihres ganzen Wirkens wren.

Noch kennen Sie unser _Land_ nicht, erwiederte ihm der Farmer
freundlich -- Sie sind gewissermaen erst _eine_ Nacht in Amerika, denn
den kurzen Aufenthalt in einem der besten Hotels von New-Orleans, wie
die kurze Reise auf bequemem, selbst mit jedem Luxus ausgestatteten
Dampfboot, drfen Sie gar nicht rechnen; lernen Sie also das Land erst
ordentlich kennen, und ist das geschehen, dann wollen wir weiter ber
dieses Kapitel reden; davon aber sein Sie berzeugt, da es gewaltige
Vortheile sein mssen, die im Stande waren, einen Deutschen zu bewegen,
seinem Vaterlande fr immer zu entsagen.

Nicht alle Menschen lernen brigens diese Vorzge einsehen, und viele
von diesen schleppen dann entweder ein unglckliches Leben in dem
fremden, freundlosen Lande hin, oder sie kehren in die alte, aus Unmuth
oder Vernderungssucht verlassene Heimath zurck; keiner aber, der Sinn
fr Freiheit und Unabhngigkeit in sich trgt, wird, wenn ihn nicht
Familienbande unaufhaltsam dorthin ziehen, weniger erbrmlicher, leicht
zu entbehrender Bequemlichkeiten und Luxusartikel wegen den freien Wald
wieder mit den Ketten des alten Vaterlandes vertauschen. Tht' er es
aber doch, schmiegte er sich blo deshalb wieder unter das, einmal
gemiedene Joch, flg' er wieder in den goldenen Kfig zurck, weil er
sich nicht gern im Walde, in Sturm und Regen sein Futter selbst sucht,
nun dann ist das kein Verlust fr Amerika, solche Leute gehren auch
nicht in den Wald, sie sind Futter fr Blle und Theater.

Ich wei nicht, meinte Sechingen kopfschttelnd, man braucht gerade
kein Anhnger von ppigkeit und Wohlleben zu sein, und mag doch die
berzeugung haben, seine Zeit ntzlicher und angenehmer verbringen zu
knnen, als im Walde bei einem Gewitterschauer. Mir zum Beispiel ist
die Kehle wie zugeschnrt, und ich werde die Erkltung in vierzehn Tagen
nicht wieder los.

Glaub's wohl, lachte Klingelhffer, Sie sind aber auch gleich mit
dem Kopf zuerst in das Schlimmste hineingefahren; was uns hier im Walde
passiren kann: Klte, Hunger und Nsse auszustehen, ist ein freilich
etwas groer Abstand gegen die reich besetzte Tafel und das warme Bett
eines Dampfbootes. Doch jetzt sollen Sie, wie ich hoffe, auch einige von
den Annehmlichkeiten unseres Wald- und Farmerlebens kennen lernen, und
wenn diese Sie dann nicht ganz mit unserer rauhen Heimath ausshnen, so
werden sie wenigstens viel dazu beitragen, Ihnen das Leben hier nicht
allein von seiner Schatten-, sondern auch von seiner Lichtseite zu
zeigen. Es giebt auch im Urwald glckliche Menschen.

Der Urwald verliert aber doch sehr in der Nhe, erwiederte Sechingen,
als er durch eine Spalte der Wohnung hinaus auf die, von grauen,
nassen Regenwolken berhangenen Baummassen blickte, whrend der Wind,
unheimlich pfeifend, durch ihre Wipfel brauste und ihnen die groen,
klaren Tropfen aus den schwankenden Huptern schttelte, ich hatte mir
in mancher Hinsicht ein anderes Bild davon entworfen.

Sie hatten nicht daran gedacht, fiel ihm sein freundlicher Wirth
lachend in's Wort, da die gewaltigen, stattlichen Bume auch im Sumpfe
stehen, oder gar quer ber den Weg hin liegen knnten, und dann
die Passage eher versperren, als verschnern, da nicht allein das
romantische Geheul der wilden Thiere, sondern auch das sehr prosaische
Gesumme der Mosquitos den Wald erfllt, und da sich eine Landschaft, wo
der Sturm auf den Flgeln der Windsbraut die Flche durchsaust, wo tolle
Regengsse aus den Wolken niederfluthen und trockene Wege zu Bchen und
Bche zu Strmen werden, sehr hbsch und interessant auf der Leinwand,
keineswegs angenehm aber im wirklichen Leben, in der nchternen
hausbackenen Wirklichkeit ausnehmen. Ja, das geht Manchem so, das giebt
sich aber, und zuletzt lernen wir selbst die Unannehmlichkeiten eines
wilden Lebens lieb gewinnen. Sehen Sie aber, wie sich der Indianer das
Fortepiano betrachtet, eine solche Maschine hat er im Leben noch nicht
gesehen, ich werde ihm etwas vorspielen.

Damit trat der Farmer zu dem Clavier, ffnete es, und prludirte ein
wenig; gar wunderbarer Weise hatte sich auch das Instrument, einige Tne
abgerechnet, noch ziemlich gut in Stimmung erhalten, trotz der feuchten
Luft, der es fortwhrend ausgesetzt war. Der Deutsche ging also nach
einigen schnell gegriffenen Akkorden zu einem leichten Walzer ber, und
das Erstaunen Bob's, der vom ffnen des Instrumentes an bis jetzt, starr
von berraschung und Verwunderung gestanden hatte, erreichte nun seinen
hchsten Grad. Bei den immer schneller und munterer folgenden Tnen
heiterten sich aber auch seine dunklen, bis jetzt fast ausdruckslos
gewesenen Gesichtszge auf, und ein Paar Reihen Zhne wurden sichtbar,
die an Weie dem frischgefallenen Schnee nichts nachgaben. Endlich
schlo Klingelhffer, und vom Stuhle aufstehend, klopfte er dem Indianer
auf die Schulter und frug: wie das klnge?

=Bless my soul=, sagte dieser, noch immer das frher nie gesehene,
wunderbare Gestell betrachtend -- eine groe Violine mit Zhnen und
Beinen wie ein Br, die das Maul aufmachen kann -- Bob hat noch nie so
ein Ding gesehen!

Und wie gefllt es Dir?

Gut -- unmenschlich gut! sagte Bob, indem er den Mund von einem Ohr
bis zum andern zog.

Sehen Sie, hier haben Sie gleich eine Naturbeschreibung des
Fortepianos, lachte der Farmer, der Bursche wird Wunderdinge davon
erzhlen, wenn er wieder nach Little Rock kommt; aber apropos, da wir
von Little Rock reden, wo haben Sie denn Ihre Sachen gelassen, etwa
dort?

Ja, bei Charles Fischer.

Nun da stehn sie ziemlich sicher, sonst ist dem Neste gerade nicht viel
zu trauen; ich habe allen Respekt vor dieser Hauptstadt von Arkansas.

Haben Sie von dem Staat eine eben solche Meinung, als von der Stadt?

Dann blieb ich hier nicht wohnen, nein, ich halte Arkansas fr den
besten Staat der Union, das heit, er ist mir der liebste, ich mchte in
keinem anderen wohnen, und hoffentlich werden Sie dasselbe sagen, wenn
Sie erst einmal im Lande umhergestreift sind und die verschiedenen
Gegenden selbst besucht haben. Wohin gedenken Sie sich von hier aus zu
wenden?

Aufrichtig gesagt, erwiederte ihm Sechingen, so hatte ich nach dem,
was ich von Herrn Fischer in Little Rock gehrt, groe Lust, mir
irgend ein Stck Land in dieser Gegend auszusuchen, und mich darauf
niederzulassen. Es ist die die Ursache, wehalb ich nach Amerika
ausgewandert bin, ich -- ich hatte ein so gewaltiges Sehnen nach dem
-- nach dem Urwald; seit letzter Nacht hat sich das freilich bedeutend
gegeben, und ich mchte doch nun erst die hiesigen Verhltnisse ein
wenig genauer kennen lernen, ehe ich mich bleibend festsetze. Ist es
Ihnen also recht, mein bester Herr Klingelhffer, und fall' ich Ihnen
nicht zur Last, so bleib ich ein paar Tage bei Ihnen, wir durchziehen
dann die Nachbarschaft ein wenig, und ich kann mich im Laufe dieser
Woche fester und genauer bestimmen.

Von Herzen gern, sagte der wackere Farmer, ihm die Hand reichend, Sie
sind mir so willkommen, wie die Blumen im Mai, und sehen Sie sich das
Land erst einmal an, dann gefllt es Ihnen auch. Wie wr's, wenn wir
Ihre Sachen indessen von Little Rock heraufkommen lieen? Das nchste
Dampfboot kann sie bis Bakers Landung am Arkansas bringen, und dort
holen wir sie in nchster Woche mit meinem Canoe ab.

Wo aber soll ich bei Ihnen schlafen? frug Sechingen mit komischem
Ernst, indem er sich berall im Hause umsah -- wenn Ihre Frau und
Tchter --

Thorheiten, lachte Klingelhffer -- das fllt hier alle Tage vor, wir
machen Ihnen ein Lager auf der Erde -- ein wenig hart wird's sein, doch
daran mssen Sie sich gewhnen; ein Jger darf berhaupt nicht so sehr
viele Bedrfnisse haben.

Jagen Sie viel?

Nein, sehr selten, ich bin kein groer Freund mehr davon.

Es ist wohl viel Wild in der Gegend?

Ja, ziemlich viel Hirsche und Truthhner!

Auch Bren, nich wahr?

Dann und wann kommt uns einmal so ein alter Bursche zwischen die
Schweine, doch sind wir in solchem Falle schnell mit den Hunden dahinter
her, und fangen ihn entweder, oder treiben ihn doch wenigstens aus der
Nachbarschaft.

Dann und wann? frug Sechingen sehr erstaunt, aber Charles Fischer hat
mir ja gesagt, da sie hier fast nur von Brenfleisch lebten.

Dann mten wir bald genug verhungern, lachte der Farmer. --
Speck und Maisbrod, das ist die Kost, selten einmal Hirsch- oder
Truthahnfleisch, denn Bren fangen an zu den Seltenheiten zu gehren --
ich habe in den sechs Jahren, die ich hier bin, erst drei geschossen.

So hat Fischer also wohl auch mit dem Anpreisen des Landes nicht die
Wahrheit gesagt? meinte schon etwas kleinlaut der junge Deutsche.

Das steht auf einem anderen Blatt! rief der Farmer -- davon sollen
Sie sich auch selbst berzeugen, denn wenn er nicht frchterlich
aufgeschnitten hat, so werden Sie Ihre Erwartungen eher noch bertroffen
finden. Auerdem ist die eine Erfahrung, die Sie ebenfalls in Amerika
machen mssen: jeder Farmer preist _die_ Gegend, in der er selbst
lebt, am meisten, und ich sehe nicht ein, warum ich mich allein davon
ausschlieen sollte, da ich noch dazu das gute Recht und vollkommene
Ursache auf meiner Seite habe. Aber wie ist's? wollen wir an Charles
nach Little Rock schreiben, da er die Sachen heraufschicken soll? Der
Indianer knnte den Brief mitnehmen?

Sechingen blickte unentschlossen vor sich nieder; er hatte sich das
Leben im Walde doch ganz anders gedacht -- sollte er hier -- in
einer solchen Wildni von jedem Verkehr mit civilisirten Menschen
abgeschnitten (ein oder zwei Nachbarn hchstens ausgenommen) frmlich
versauern? -- sein Geld an todtes, mit ungeheueren Bumen bewachsenes
Land wenden, das er vielleicht nachher nicht einmal bebauen konnte? --

Hm -- sagte er nach ziemlich langer Pause -- ich wei doch nicht --
wenn ich nun wieder zurckginge nach Little Rock, so --

Ja, wenn Sie darber noch nicht mit sich im Reinen sind, unterbrach
ihn schnell der Farmer, dann lassen Sie's lieber beim Alten -- ich sehe
schon wie's steht -- die Sachen mgen also unten bleiben und gefllt
Ihnen unsere Gegend gut genug, ei nun, dann wird auch Rath werden, die
paar Habseligkeiten mit Allem, was ein Farmer hier sonst noch im Walde
brauchen knnte, heraufzuschaffen. Morgen sollen Sie ein Stck von
unserer Gegend kennen lernen, und da ich Ihnen nicht das schlechteste
zeigen werde, darauf mgen Sie sich ebenfalls verlassen.

Der Indianer, der indessen mit Speise und Trank und einem tchtigen
Glase Whiskey hinlnglich gestrkt war, von Sechingen auch die Bezahlung
fr seine Mhe empfangen hatte, rollte nun die an dem Feuer getrocknete
wollene Decke wieder zusammen, in deren Falten er vorher noch ein paar,
nicht unansehnliche Stcke Maisbrod und Speck barg, warf einen letzten,
sehnschtigen Blick nach der, wieder auf das Wandbret gestellten grnen
Flasche hinauf, murmelte einen kurzen Abschiedsgru und schlug bald
darauf den schmalen, an der Fenz hin fhrenden Fupfad ein, der der
Countystrae zulief. ber die Berge hin war er so im Stande, Little Rock
trockenen Fues zu erreichen.

Sechingen sah sich bald huslich eingerichtet, und wider alles Erwarten
wurde sein, wenn auch etwas hartes Nachtlager, so vortheilhaft, und
selbst dem verwhnten Krper des Europers gengend hergestellt, da er
-- vielleicht auch noch durch die ungewohnten Anstrengungen mehr als je
ermdet -- sanft und ruhig bis zum nchsten Morgen schlief, und sich bei
seinem Erwachen zum ersten Male gestehen mute, es sei doch eigentlich
recht wenig, mit dem ein Mensch glcklich und zufrieden leben knne,
wenn er nur mit sich selbst im Reinen und ein freier Mann, seinem freien
Willen auch frisch und frhlich folgen drfe.

Ein nach amerikanischer Art zubereitetes Frhstck wurde jetzt verzehrt,
und Sechingen glaubte, da sie gleich nach Beendigung desselben
aufbrechen wollten; Klingelhffer hatte aber die Absicht, seinem Gast,
ehe er ihn auf das Land selbst fhre, auch die Schwierigkeiten zu
zeigen, die eine Urbarmachung desselben mit sich bringe. Unter dem
Vorwande also, noch Feuerholz schlagen zu mssen, nahm er den jungen
Mann etwa hundert Schritte mit in den Wald, zeigte ihm eine, hier unter
jenen Stmmen keineswegs stark aussehende Eiche von circa drei Fu im
Durchmesser, und bat ihn, den kleinen Stamm, da er das doch Alles
lernen msse, einmal zu fllen, er wolle dann in einem Viertelstndchen
wiederkommen, um ihn abzuholen.

Von Sechingen, der sich lange danach gesehnt, einmal seine Kraft an den
Riesen des Waldes zu versuchen, griff freudig nach der schweren Axt,
und seine Schlge -- als ihm der Farmer erst gezeigt hatte, wie er das
Werkzeug am vortheilhaftesten halten msse -- suchten sich bald ihr Echo
in den nahen Hgeln.

Klingelhffer, der wohl gemerkt, da dem jungen Mann die Romantik des
Waldlebens noch zu sehr im Kopfe lag, und der ihn daher gern zu der
derben, hausbackenen Wirklichkeit zurck fhren wollte, schritt,
still vor sich hinlchelnd, dem eigenen Hause wieder zu. Was er aber
vorausgesehen, traf auch und zwar in sehr kurzer Zeit ein; Sechingen
hackte allerdings eine ziemliche Weile an dem gewaltigen Baum herum, das
zhe Holz wollte jedoch seinen ungleich gefhrten Hieben nicht weichen,
nur hie und da sprang ein, durch einen Kreuzhieb gelstes Spnchen ab
und er mute sich endlich -- todesmde und die Hnde voller Blasen --
gestehen, das Wort _urbarmachen_ klnge wohl ausgezeichnet und
nehme sich auch sehr schn auf dem Papiere aus, passe jedoch in der
Wirklichkeit ganz und gar nicht fr ihn. So viel sah er ein, und wenn
er den ganzen Tag hier stehen geblieben wre -- den Baum htte er doch
nicht umgebracht.

Klingelhffer fand ihn ziemlich verstimmt am Fu der Eiche sitzen, und
so versunken schien er im Anblick seiner Blut unterlaufenen Hnde, das
er den Kommenden gar nicht hrte, bis er dicht neben ihm stand.
Dieser aber suchte ihn nun auch ber das noch nicht Glcken und
Vorwrtsschreiten der Arbeit zu trsten und meinte, es fiele kein
Meister vom Himmel und gut Ding wolle Weile haben -- solche Arbeit fnde
ein Jeder schwer, der erst in den Wald zge, und selbst Leute, die ihr
Lebelang Nichts gethan htten als schwere Werkzeuge gefhrt, mten
sich an die Fhrung der Axt gewhnen, ehe sie im Stande wren, etwas
Tchtiges zu leisten -- er solle deshalb auch ja nicht muthlos werden,
denn Lust zur Sache sei halb gewonnen Spiel, und wenn ein Mann einmal
recht ernstlich _wolle_, so knne er es auch durchfhren, trotz allen
Schwierigkeiten und Hindernissen.

Das waren eine Menge Thatsachen und unbestreitbare Wahrheiten, die
Sechingen nicht gut weglugnen konnte, das harte Eichenholz stand aber
auch wieder auf seiner Seite als ein _unfllbarer_ Beweis, und nur froh,
fr jetzt durch eine gute Ausrede der fatalen Arbeit enthoben zu sein,
folgte er seinem freundlichen Wirth zum Haus, bestieg eines von den
Pferden und ritt nun mit ihm in den Wald hinein.

Jetzt aber hatte auch das heitere Sonnenlicht all die dunklen, trben
Regenschatten verscheucht und seine behebenden Strahlen fielen frisch
und frhlich durch die glnzenden, glizernden Bltter der leise
rauschenden Wipfel zur Erde nieder -- der ganze Wald duftete so
lieblich, der klare Himmel hing so rein und lchelnd ber der
wunderschnen Welt, da Sechingen schon fast die berstandenen
Mhseligkeiten verga und endlich auch seinem Begleiter nicht lnger
verschweigen konnte, welchen so ganz verschiedenen Eindruck der Urwald
_gestern_ und _heute_ auf ihn gemacht habe.

Das alte Lied, lachte dieser, bei trbem Wetter sehn wir auch die
ganze Welt mit trben Glsern an, und scheint dann die liebe Sonne und
zwitschern die muntern Vgel ihr Lied dazu, dann hngt der Himmel gleich
wieder voller Geigen. Wir wollen die Mittelstrae whlen -- ja -- es ist
schn hier im freien Wald, so schn, da ich glaube, das Herz wrde mir
brechen, mt ich ihm einmal wieder ade sagen, aber -- er hat auch seine
groen Schattenseiten, von denen Sie bis dahin allerdings erst _sehr_
wenige kennen gelernt haben. Vollkommen ist jedoch Nichts auf der Welt,
und so lange die guten Eigenschaften nicht von den bsen berdeckt
werden, ei nun, so lange drfen wir uns dann auch nicht sonderlich
beklagen. Jetzt sehen Sie sich das Land erst einmal ordentlich von allen
Seiten an, und dann knnen Sie sich nach bestem Urtheil frisch und frei
entschlieen, was Sie zu thun beabsichtigen. --

Mehrere Stunden lang ritten die Beiden im Wald umher und Klingelhffer
gab sich besondere Mhe, dem neuen Ankmmling die verschiedenen
Landarten und die Vegetation, durch welche sie sich unterscheiden, zu
zeigen; dieser aber, der sich in seinem ganzen Leben noch nicht um Land
oder Ackerbau bekmmert hatte, widmete dem Gegenstand keineswegs die
Aufmerksamkeit, die er verdiente, und die jener zu finden erwartete,
sondern sah sich jetzt vielmehr fortwhrend nach Wild um und kam dadurch
nicht selten in die unangenehmsten Berhrungen mit vorstehenden sten
und niederhngenden Schlingpflanzen. Dabei bersprang sein kleines
muthiges Pferd alle Augenblicke vor ihnen liegende Stmme und ste, oder
Wassergrben und Sumpflcher, und brachte den Reiter mehrere Male
sogar aus allem Gleichgewicht, da er sich kaum noch im Sattel erhalten
konnte.

Die Mittagszeit rckte so heran, noch immer aber machte Klingelhffer
keine Anstalt heimzukehren, denn er behauptete, und auch ganz mit Recht,
sie wren nun doch einmal drauen im Wald und es sei nicht allein fr
den Fremden gut, das Land und die Vegetation kennen zu lernen, sondern
er selbst wolle auch die Gelegenheit gleich benutzen, nach seinem Vieh
zu sehen, das hier in der Nhe seine Weidepltze htte, denn apart
deswegen hierherzureiten, nhme ihm zu viel Zeit weg.

Sechingen hatte nach und nach einen merkwrdigen Hunger bekommen, und
die Glieder schmerzten ihn ebenfalls von der so ganz ungewhnlichen
Bewegung, Klingelhffer schien aber von dem Allen Nichts zu spren,
ritt durch tiefe Grben, die steilen Ufer hinab und herauf, wich keinem
Dickicht aus, gallopirte an Stellen, wo Sechingen lieber abgestiegen
wre und das Pferd gefhrt htte und zeigte sich hier in dem wilden
pfadlosen Walde so zu Hause, als ob er in seiner eigenen Stube
umherginge.

Da -- er hatte eben davon gesprochen, den Heimweg anzutreten, und der
mde Reiter athmete schon hoch auf -- schlugen nicht weit von ihnen
entfernt die Hunde an und der Farmer, sich hoch dabei im Sattel
emporrichtend, horchte den, ihm so wohl bekannten Tnen mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit. -- Mehre Secunden lang war jetzt Alles
still -- da pltzlich ertnte der Lrm auf's Neue und der Farmer,
der jetzt wute, da seine Hunde irgend etwas im Walde gestellt oder
wenigstens aufgejagt hatten, fhlte im Nu den alten Jagdeifer in sich
erwachen.

Hurrah! rief er, und wandte sich im Sattel nach seinem Begleiter um --
die Hunde sind fleiig, wir wollen die Pferde einmal laufen lassen,
das Bischen Bewegung wird ihnen Nichts schaden. Und ohne weiter eine
Antwort abzuwarten, drckte er dem eigenen Thiere die Sporen in die
Seite und dieses, der Aufforderung nur zu gern Folge leistend, flog in
muthigen Stzen der Richtung zu, aus der das Bellen und Toben der Hunde
jetzt immer deutlicher zu ihnen herberschallte. Sechingen mute, wollte
er hier nicht allein im fremden Wald zurckbleiben, folgen und sein
eigenes Pferd, das schon ungeduldig den Kameraden hatte davon gallopiren
sehen, fhlte kaum den leichten, fast unwillkhrlichen Schenkeldruck,
als es frhlich wiehernd hinten ausschlug und nun in tollen,
unaufhaltsamen Stzen den Spuren des Vorangegangenen folgte.

Nun war Sechingen zwar ein gebter Reiter, und sa besonders schn und
kunstgerecht im Sattel, verstand auch die Behandlung eines zugerittenen
Pferdes aus dem Grunde, durch solch wildverwachsenen Wald aber zu
gallopiren und noch dazu mit allem mglichen Schie- und Jagdgerth
behangen, das war mehr als er je versucht hatte, und bald blieb er
mit dem locker befestigten Pulverhorn, bald mit dem Griff seines
Hirschfngers, bald mit dem Gewehrriemen in den Zweigen und
Schlinggewchsen hngen, und endlich wurde er gar bei einem schnellen
Seitensprung des Pferdes, das einer vor ihm liegenden Schlange
auszuweichen suchte, unter einen vorragenden Ast gerissen und -- mit
Blitzesschnelle aus dem Sattel gestreift. Das Ro, des Reiters ledig,
schien weiter gar keine Notiz von ihm zu nehmen, und von Sechingen
befand sich bald darauf, als auch das Bellen der noch fernen Hunde
nachgelassen hatte, mitten im Wald, ohne Weg, ohne Steg -- jeder
Richtung, jeder Himmelsgegend unkundig -- allein.

Eine volle Stunde wohl irrte er jetzt, mit immer steigender Angst und
jenem entsetzlichen beengenden Gefhl, das sich stets des Verirrten
bemchtigt, in der Wildni umher -- seine feine Tuchpikesche war in den
scharfen Dornen zerrissen, die Pulverhornschnure abgesprengt und das
Pulverhorn verloren, den Hirschfnger hatte ebenfalls wahrscheinlich
irgend eine Ranke erfat und herausgerissen -- die Scheide hing ihm leer
an der Seite -- die Mtze mochte Gott wei wo sein, Gesicht und Hnde
bluteten ihm und die Rippen thaten ihm alle mit einander im Leibe weh.
Erschpft warf er sich endlich unter einer alten Eiche nieder -- er
konnte nicht mehr vorwrts, er _mute_ erst ausruhen.

Und hier soll man den Urwald sehen? rief er endlich in vollem Unmuth
aus -- hier wo man den Kopf nicht heben darf, ohne mit dem Gesicht in
irgend einem verwnschten Dornenbusch hngen zu bleiben -- und die Bume
-- groer Gott, es nhme ja ein Lebensalter, um nur ein halbes Dutzend
von diesen Kolossen umzuwerfen; und dann ist die Erde hier so mit
Wurzeln verwachsen, da man kaum einen Stock hineinstoen, geschweige
denn einen Pflug hindurchziehen knnte. Nein -- ich passe nicht
zu solchem Geschft -- ich habe mir das viel romantischer gedacht.
Blthenbume -- blumige Ranken -- duftenden Wald -- zum Himmel strebende
Riesenstmme -- hol' sie alle mit einander der Teufel -- ich will Gott
danken, wenn ich erst wieder an einem gedeckten Tisch sitze, und eine
heie Tasse Kaffee trinken kann -- und jetzt gar verirrt -- in dieser
frchterlichen Wildni. --

Er sprang in aller Verzweiflung wieder auf, um nur wenigstens einen
gangbaren Pfad zu finden, der ihn zu einer menschlichen Wohnung fhre;
da hrte er pltzlich, nicht weit von sich entfernt, das laute Hallo
Klingelhffers. Vor lauter Freude scho er rasch die Bchse ab, das
verhinderte ihn aber nicht auch seiner, leider schon sehr angegriffenen
Kehle, noch eine letzte, auerordentliche Anstrengung zuzumuthen, um ja
die Stelle anzudeuten, wo er sich befinde.

Klingelhffer stand bald an seiner Seite, und wenn er auch im ersten
Augenblick nicht umhin konnte, recht herzlich ber das tragikomische
Aussehen seines etwas arg mitgenommenen Gastfreundes zu lachen, so that
ihm dieser doch auch wieder, da er ja fremd und ein Neuling im Walde
war, leid, und er bot nun Alles, was in seinen Krften stand, auf, um
ihn zu trsten und ihm Muth einzureden.

Es war ein erster, wenn auch etwas bser Anfang, wie er sagte, und
hatte wenigstens das Gute, ihn alles Nachkommende so viel leichter und
bequemer ertragen zu lassen. Von Sechingen schien brigens gar nicht
geneigt, irgend etwas _Nachkommendes_ abzuwarten, und zum Tode matt
lie er fast willenlos mit sich geschehen, da ihn der Farmer auf sein
eigenes Pferd setzte. Er hatte, seiner Versicherung nach, keinen ganzen
Knochen mehr im Leibe, dafr aber Hunger wie ein Wehrwolf, Kopf- und
Zahnschmerzen und noch auerdem verloren, was an seinem Krper nicht
niet- und nagelfest gewesen.

In Klingelhffers Wohnung endlich angelangt, strkte er seinen
ermatteten Krper durch Speise, Trank und Ruhe. Nichts in der Welt
htte ihn aber am nchsten Morgen vermgen knnen, eine zweite Tour zu
unternehmen, um erstlich die verlorenen Sachen wieder zu suchen und
dann auch, wie der Farmer lchelnd bemerkte, das Land noch etwas besser
kennen zu lernen. Er verschwor sich hoch und theuer, vom Lande mehr
zu wissen, als ihm lieb sei, und war, als der Morgen graute, fest
entschlossen nach Little Rock zurckzukehren. Als Ausrede meinte er
zwar, er wnsche erst die stlichen Stdte und den Osten berhaupt
zu bereisen, ehe er sich ganz fest im Walde niederlasse; was aber die
Ursache dieser schnellen Sinnesnderung gewesen, lie sich wohl leicht
genug erkennen.

Weiteres Zureden blieb auch nutzlos, und Klingelhffer erbot sich also,
ihn wenigstens mit einem Handpferd eine Strecke auf der Countystrae
hin zu begleiten, damit er nicht die ganze Strecke, etwa 44 englische
Meilen, zu marschiren htte. Nach Mittag, als sich sein Gast von den
erduldeten Strapatzen ein wenig erholt, brachen sie auf, und der wackere
Farmer ritt so weit mit ihm, da er eine, am Wege liegende deutsche
Ansiedelung noch bequem vor Dunkelwerden erreichen konnte, und nahm erst
dann, den Dank des Fremden fr die ihm gewordene so freundliche Aufnahme
und Gastfreundschaft leicht bergehend, herzlichen Abschied von diesem.

Leid thut mir's nur, sagte er, als er ihm noch vom Pferde herunter
derb und gutmthig die Hand schttelte, da Ihre Lust zur Ansiedelung
gleich beim ersten Anlauf einen solchen Sto erhalten hat, aber --
ich gebe noch nicht Alles verloren, suchen Sie den schnen Westen doch
spter einmal wieder auf. Von Deutschland gleich ohne weiteres nach
Arkansas hineinzufallen, ist allerdings ein etwas zu groer Abstand,
haben Sie sich aber erst einmal eine Zeitlang in den stlichen Stdten
herumgetrieben, so wird Sie's schon wieder in die gesunde Waldluft
zurckziehen. Vergessen Sie dann nicht, da Sie in meiner Htte immer
herzlich willkommen sind. So leben Sie denn wohl -- gren Sie mir die
Deutschen in Little Rock, und halten Sie sich nicht lnger dort auf als
Sie mssen -- es giebt bessere Pltze in den Vereinigten Staaten.

Damit hatte er den Zgel des Handpferds um seinen Arm geschlungen,
winkte noch einmal einen letzten Gru herber, stie dem eigenen Thiere
die Hacken in die Seite, und trabte pfeifend waldeinwrts.

Von Sechingen blieb aber noch lange sinnend auf dem Wege stehen und sein
Auge ruhte schweigend auf den grnen Waldesschatten, hinter denen sein
Gastfreund soeben verschwunden war. Kopfschttelnd dachte er dabei an
Alles, was er in so kurzer Zeit erlebt, zurck.

Das also, sagte er endlich tief aufseufzend, das ist das
stille freundliche Farmerleben -- _das_ ist die patriarchalische
Zurckgezogenheit der Wlder. Kaum zweimal vier und zwanzig Stunden bin
ich drin, und wie seh ich aus? Meine Kleider sind zerfetzt, den alten
Hut, den mir Klingelhffer zum Nothbehelf gegeben hat, wrde bei uns zu
Hause kein Lumpensammler aufheben, und ich mu noch froh sein, da ich
ihn nur habe und nicht im bloen Kopfe zu rennen brauche; Hirschfnger
-- Taschentuch, Pulverhorn, Zndhtchenaufsetzer -- Alles bin ich
losgeworden, im Gesicht und an den Hnden sehe ich so zerkratzt aus, als
ob ich die Nacht in einer Dornenhecke geschlafen htte. Dazu schmerzen
mich alle Knochen -- ich habe einen frchterlichen Schnupfen, und von
dem harten Lager Hhneraugen am ganzen Leibe. Nein, guter Sechingen, so
viel merk' ich, fr den Wald pat Du nicht -- ja, der Urwald sieht sich
recht gut an -- wenn man sich nicht gerade Bume zum Umhacken aussucht
-- es liest sich auch recht gut darber, schlft sich aber nur hchst
mittelmig darin, und was das Reiten anbelangt, so soll mich Gott vor
einem zweiten Versuch bewahren. Nein, Du _mut_ ja kein Farmer werden --
Du kannst Coopers Romane lesen, fr Indianer schwrmen -- wenn Dir Dein
_Schuster_ nicht die Ideale verdirbt -- und kannst auch meinetwegen --
heit das im Geist -- den wilden Br und Bffel verfolgen -- so lange es
aber keine Chausseeen und Hotels hier giebt, gehe ich nach New-York oder
Philadelphia.

Und meine jetzige Reise? fuhr er leise murmelnd in seinem
Selbstgesprch fort, als er sich langsam dabei wandte und auf der
Countystrae hinschritt -- ih nun -- es war doch immer eine ganz gute
Erfahrung und -- wenn weiter Nichts -- ein _Versuch_ zur _Ansiedelung_.




Cincinnati.


Cincinnati, die Knigin des Westens, wie sie in den Vereinigten
Staaten von Nordamerika allgemein genannt wird, liegt in der
sdwestlichen Ecke Ohio's, dessen schnste und bedeutendste Stadt
sie ist. Erst seit einigen sechzig Jahren entstanden (denn noch leben
Mnner, welche 1791 die erste Blockhtte dort bauen halfen), zhlt sie
jetzt schon ber 100,000 Einwohner und hat im Westen dieselbe Bedeutung
erlangt, deren sich New-Orleans im Sden und New-York im Osten rhmt.
Da Ohio selbst schon seit etwa 30 Jahren besonders von deutschen
Auswanderern angebaut wurde, so breitete sich auch Cincinnati immer mehr
und mehr aus, vertheilte nicht allein von dort die den Mississippi
und Ohio heraufkommenden Fremden in dem Staat, sondern ward auch zum
Mittelpunkt des Binnenhandels, der die Producte des Nordens, als Mais,
Mehl, Whiskey, eingepckeltes Schweinefleisch, getrocknete Frchte,
Kartoffeln etc., nach dem Sden versandte und dafr die Erzeugnisse der
wrmeren Landstriche, als Zucker, Baumwolle, Tabak, Seesalz, Kaffee und
die brigen Frchte der Tropenlnder in Empfang nahm. Zur Erleichterung
dieses Zweckes stand es nicht allein durch den Ohio, einem groen,
schnen Strom, mit dem Osten, sondern auch durch den westlichen Canal
mit Buffalo und den nrdlichen Seen, Erie, Michigan und Ontario in
Verbindung, und gute, nach europischer Art angelegte Chausseen zweigten
sich durch das ganze Land. Durch die Erbauung eben dieser Wege und
Canle, wie durch die gesunde Lage des Ortes selbst, wurde eine sehr
groe Menge von Deutschen, meistens aus den rmern Classen, veranlat,
die blhende Stadt aufzusuchen und sich in ihr oder wenigstens in der
Nhe derselben eine Existenz zu grnden.

Besonders strmten von Norddeutschland, Oldenburg und Hannover dem
Eldorado des Westens Schiffsladungen voll Auswanderer zu. Die natrliche
Folge aber war, da, wo so viele zusammentrafen, die den Platz nur
in der Hoffnung aufgesucht hatten, nicht allein Geld zu verdienen,
sondern auch reich zu werden, der grte Theil derselben sich
getuscht sehen und entweder unter nicht gerade glnzenden Verhltnissen
ausharren, oder weiter westlich einen geeigneteren Wirkungskreis suchen
mute.

Natrlich war ein solcher Zusammenflu von Menschen, die meistentheils
von allen Hlfsmitteln entblt in Cincinnati eintrafen und nun, da sie
ihre Hoffnungen nicht realisirt, sich selbst obdach- und hlflos fanden,
sehr wenig dazu geeignet, den Amerikanern einen guten Begriff von
Deutschen und durch diese von Deutschland selbst zu geben, daher denn
auch wohl mancher, der mit dem schnen Glauben das fremde Land betritt,
schon durch sein Vaterland allein, wenn nicht freundlich angenommen,
doch geachtet zu werden, seinen Irrthum einsehen wird, wenn er findet,
da der Name Dutchman nicht blo bei den niedern Classen ein Spott-,
ja oft Schimpfname geworden. Das kann brigens nur von den Stdten
gelten, wo sich die rohe Hefe des Volkes concentrirte, im Lande selbst
ist der deutsche Landmann wegen seines eisernen, unermdeten Fleies
geschtzt und geachtet, wie denn auch die deutschen Ansiedlungen in den
nrdlichen Staaten fast stets die bessern sind. Und doch mu eben der
Deutsche, selbst wenn er im alten Vaterlande den Ackerbau getrieben hat,
in Amerika wieder von vorn zu lernen anfangen, indem nicht allein Boden
und Erzeugnisse, sondern auch Ackergerthschaften, wie die in jenem
Lande nthigen Behandlungsarten der Felder ganz verschieden von den
unsern sind. Da die Arbeit dort aber leichter, der Humus selbst,
besonders in den westlichen Staaten so viel vorzglicher als in den
alten, seit langen Jahren angebauten Landstrichen ist, so unterzieht
sich der Deutsche auch stets mit Lust und Liebe einer Lehrzeit, die
einen so reichhaltigen Erfolg verspricht, und sieht seinen Flei und
seine Ausdauer, welche letztere dem Amerikaner gnzlich fehlt, in kurzer
Zeit durch blhende Felder und ppige Vegetation belohnt.

Der Amerikaner, d.h. der nrdliche Amerikaner (denn der sdliche
Pflanzer in den Sklavenstaaten ist wieder ein ganz anderer Mensch), ist
auch fleiig, und arbeitet mit einer Schnelle und Gewandtheit, in der
ihm der Auslnder vergebens gleichzukommen sucht, aber nur kurze Zeit
hlt er aus, das Gleichfrmige ermdet ihn, eine schlechte Ernte macht
ihn gegen sein Land mitrauisch; er hrt von fruchtbarerem, ergiebigerem
Boden, von besserer Weide, ppigerer Vegetation und augenblicklich fhrt
er den schnell entworfenen Plan aus. Gerade in dem Zeitpunkt, in welchem
der ruhige Deutsche anfngt, die Frchte seines Fleies zu ernten,
verkauft der Amerikaner den Platz, der seine Heimath war, packt sein
bewegliches Eigenthum auf Karren und Wgen, treibt sein Vieh zusammen
und zieht gen Westen.

Etwas aber ist, was so vielen, ja man knnte sagen fast _allen_
Deutschen den Anfang einer zu grndenden Existenz erschwert: die
zu groen Erwartungen, mit denen sie gewhnlich das neue Vaterland
betreten. Durch Briefe oder Reisebeschreibungen von dem schnellen, fast
fabelhaften Glckswechsel Einzelner in Kenntni gesetzt, malt sich ihre
Phantasie die dortigen Verhltnisse mit den buntesten, heitersten Farben
aus; das Wenige, was von Noth und Sorgen, von getuschten Erwartungen
und vernichteten Hoffnungen zu ihnen herberdringt, verliert durch die
groe Entfernung die scharfen, schroffen Conturen, wird gemildert oder
tritt vielleicht ganz in den Schatten zurck; kein Wunder denn, da
Viele, nach kurzem Aufenthalt in Amerika, von dem sie oft nur eine der
stlichen Stdte gesehen haben, das erste heimwrts segelnde Schiff
benutzen, in ihr altes Vaterland zurckkehren, und nun nicht sich
selbst, sondern das Land anklagen, das so war, wie es einmal ist und
nicht wie sie es sich dachten.

Von den Tausenden aber, die dort zurckbleiben, und hierzu nur zu
oft durch den Mangel an Mitteln, die zweite Seefahrt zu bestreiten,
gezwungen werden, sind doch auch, zur Ehre der Deutschen, recht Viele,
die mit mnnlichem Muthe das ertragen, was ihnen ihr Schicksal oder sie
vielmehr sich selbst aufgebrdet. Der englischen Sprache nicht mchtig
oder wenigstens nicht vertraut genug damit, um ihre Geistesfhigkeiten
geltend zu machen, sehen sie sich gezwungen zu Handarbeiten ihre
Zuflucht zu nehmen, und daher kommt es, da man oft an Canlen,
Chausseen und Eisenbahnen, in Kohlengruben und auf Dampfbooten,
Doctoren und Geistliche, Offiziere und Kaufleute mit Hacken, Spaten
oder Schrstange, mit Schiebkarren und Handtrage beschftigt findet, ihr
tgliches Brod zu verdienen.

In Pennsylvanien hatten sich z.B. in frhern Jahren in einer der
dortigen eintrglichen Kohlengruben viele wissenschaftlich gebildete
Mnner zusammengefunden und duldeten, um die gewhnliche Classe der
Handarbeiter von ihrer Gesellschaft und Unterhaltung fern zu halten,
keinen zwischen sich, _der nicht lateinisch sprach_ oder wenigstens
einige zu diesem Zweck an ihn gerichtete Fragen befriedigend beantworten
konnte. Jene Grube hie in damaliger Zeit die lateinische Kohlengrube!

Sehr natrlich findet sich am leichtesten jene Classe in die neuen
Verhltnisse, die schon im alten Vaterlande durch harte Arbeit ihr Brod
verdienen mute, und nun in den Vereinigten Staaten einen etwas hhern
Lohn so wie bessere Nahrung erhlt und doch freier und selbststndiger
dasteht. Diese Leute sammeln sich durch Flei und Sparsamkeit einige
hundert Dollars, kaufen nachher entweder ein Stckchen Land oder
gerathen in eine der grern Stdte und beginnen hier ihre Carriere als
Schenkwirth und Gastgeber; daher die ungeheuere Menge dieser Trink-
und Wirths-, oder sogenannten Boarding-Huser, von denen man, besonders
in Cincinnati, fast in jeder Strae einige findet, und die, ohne dem
Reisenden oder Fremden die geringste Bequemlichkeit zu bieten, ihm
eigentlich nur des Nachts in einem harten Bett ein Obdach gewhren und
ihn dreimal des Tages zu bestimmten Stunden abfttern.

Da diese Leute nun hauptschlich auf deutsche Einwanderer angewiesen
sind, die, der englischen Sprache nicht mchtig, durch das deutsche
Wirthshausschild angezogen bei ihnen einkehren, so verlieren sie auch
gar bald das Mitgefhl, das sie vielleicht noch fr ihre Landsleute
gehegt hatten; sie fragen nicht darnach, was der Neuangekommene treibt,
was er anzufangen gedenkt, sie wollen nur wissen, ob er noch
genug Eigenthum besitzt, fr die nchste Woche das Boarding-Geld
prnumerando bezahlen zu knnen oder an dessen Statt wenigstens einen
Koffer in Versatz zu geben vermag.

berhaupt irrt man sich in Deutschland gewaltig, wenn man glaubt, der
Deutsche freue sich, im Ausland einen Landsmann zu finden. Im
Anfang, ja; noch nicht an die fremdtnenden Laute gewhnt, klingt die
Muttersprache dem Ohre wie Musik; das verliert sich aber, man lernt
durch einen langen Aufenthalt unter den Fremden mit deren Augen sehen,
mit deren Gefhlen empfinden und legt nur zu oft mit den vaterlndischen
Sitten auch das Gefhl fr die ab, die diesen noch anhngen.

Nirgends zeigt sich aber diese Entfremdung unter Landsleuten strker,
als gerade in Cincinnati, wo der Parteigeist oft in die bittersten
Feindseligkeiten ausartet; und doch sollten sich gerade hier die
Deutschen durch Einigkeit und festes Zusammenhalten enger an einander
anschlieen, da ihnen in jener Stadt die arbeitende Classe der
Amerikaner besonders gram ist, und in ihrer Art und Weise auch wohl
nicht so ganz Unrecht hat, denn die das Land berstrmenden Deutschen,
von denen in jedem Jahre Tausende nach Cincinnati kamen, um dort Arbeit
und Beschftigung zu finden, waren zuletzt genthigt jedes Anerbieten,
das sich ihnen darbot, zu ergreifen, um nur Obdach und Nahrung zu
erhalten, und arbeiteten um einen Lohn, der ihnen zwar, noch mit den
deutschen Preisen im Gedchtni, hoch schien, in der That aber die
bisher gegebenen =wages= oft auf ein Drittel herabsetzte. Statt also
nun in der fremden, sie umgebenden Welt unter Leuten, von denen sie
nicht geliebt werden, brderlich bei einander zu stehen, spalten sie
sich nicht allein in politischer, sondern auch in religiser Hinsicht in
vier Hauptparteien, die selbst wieder unter sich ihre eigenen Zwiste und
Streitigkeiten haben.

Vor allen Dingen trennen sie sich in Katholiken und Protestanten,
und Nord- und Sd-, oder den dortigen Ausdrcken gem, Hoch- und
Plattdeutsche, die dann wieder als Whigs und Demokraten einander
feindlich gegenberstehen, wobei die Protestanten noch ihre besondere
Malice als Lutheraner und Reformierte und Methodisten auf einander
haben, und sich aus diesen allen als letzter Kern ein Hufchen
Rationalisten aussondert. Als Organe dieser verschiedenen Parteien dient
den Katholiken der Wahrheitsfreund, ein cht ultramontanes Blatt, den
Methodisten dagegen der Christliche Apologete, der mit schwrmerischem
Eifer seine Blitze gegen die Anhnger des Papstes, aber auch zu gleicher
Zeit gegen die Protestanten schleudert, aus deren Mitte im Jahre 1840
der Lichtfreund, dem Rationalismus Bahn brechend entstand, und nun
die Zornausbrche des Wahrheitsfreundes sowohl als des christlichen
Apologeten auf sich concentrirte. Selten oder nie religise Gegenstnde
berhrend, vertheidigte indessen das Volksblatt die Sache der
Demokraten und warb mit regem Eifer fr den demokratischen Prsidenten,
bis nahe vor der Wahl die deutschen Whigs, von den amerikanischen dabei
untersttzt, den deutschen Amerikaner herausgaben und augenblicklich
als die erbittertsten Feinde des Volksblattes auftraten. Zu jener Zeit
hatte also Cincinnati fnf sich einander feindlich gegenberstehende
deutsche Zeitungen, doch ging der deutsche Amerikaner nach der Wahl,
die bekanntlich zu Gunsten des Whigprsidenten, General William
Harrison ausfiel, wieder ein. Spter wurde auch der Lichtfreund
wegen bersiedlung des Redacteurs, Herrn Eduard Mhls, nach Hermann in
Missouri verlegt, dafr entstand aber, als Opposition des Volksblattes
der deutsche Republikaner.

Feinden sich aber in Cincinnati die Deutschen gar oft an und schimpfen
und schmhen sie einander, so existiren doch wenigstens nicht jene
Blutsauger unter ihnen, denen der eben von Deutschland Kommende in den
Seestdten nur zu oft in die Hnde fllt. Ich selbst habe whrend eines
sehr kurzen Aufenthalts in New-York mehrere Deutsche kennen gelernt,
welche davon lebten, sich freundschaftlich an die in der fremden
Stadt unbekannten Landsleute anzuschlieen, bis sie entweder den
letztmglichen Cent aus ihnen herausgepret, oder von den wiederholt
Getuschten durchschaut und gemieden worden waren. In Cincinnati gehen
sie offener und ehrlicher zu Werke, entweder mit der Feder oder -- geht
das nicht -- mit dem Munde, denn der Deutsche hat gewhnlich noch vom
alten Vaterlande her eine Aversion gegen das Zuschlagen.

Der spter angelegte Theil Cincinnati's, welchen der westliche Canal
von der eigentlichen Stadt und dem Ohioflu trennt, ist grtenteils
von Deutschen bewohnt und wird auch von den Amerikanern Little Germany
genannt. Fast ber jeder Thr hngen Schilde deutscher Wirthshuser,
Schuster, Schneider und anderer Handwerker, die, wenn sie auch wirklich
dann und wann englisch geschrieben sind, den deutschen Meister doch
stets verrathen. Besonders knnen sich die vaterlndischen Schuster mit
ihrem gemalten Stiefel in der Mitte und einem rothen Schuh an der einen,
einem schwarzen Schuh an der andern Seite nimmermehr verlugnen, eben so
wenig die Leute selbst mit ihren langen, blauen, schmalkragigen Rcken
und den weileinenen Taschen, mit dem hochausgeschweiften Hut und dem
rothgeblmten Halstuch.

Das Elend aber, welches leider so oft unter jenen armen Familien
herrscht, die eben eingewandert, von allen Hlfsmitteln entblt,
in kleinen, nackten, Kmmerchen mit groen Familien zusammengepret,
hungern und frieren, und vergebens nach Arbeit und dem verheienen hohen
Lohn jammern, ist frchterlich. Glcklich noch die, denen ein Freund
oder Verwandter im Anfang das Nothwendigste reichte, da nur zu oft schon
gerade _jene_ Stadt und Staat verlassen muten, um irgendwo anders ein
Unterkommen zu suchen, die solch lockende, einladende Briefe, hufig nur
um zu prahlen, in die Heimath schrieben; der arme Einwanderer, welcher
fest auf die versprochene Hlfe baute, sieht sich nachher in dem fremden
Lande schutz- und freundlos, und ist nicht vermgend, sich selbst, viel
weniger seine zahlreiche Familie vor Mangel und Elend zu bewahren.

Schwere und drckende Noth herrscht dann oft unter den armen Leuten, und
die mag wohl auch die Ursache sein, da die wohlhabenderen Landsleute
endlich abgestumpft gegen ein mit jedem Jahre wiederkehrendes Elend
werden, dem sie doch nun einmal nicht abhelfen knnen. Durch diese
bergroe Anzahl von arbeitsfhigen Mnnern verringert sich natrlich
auch mehr und mehr der Lohn, den die dortigen Ansiedler in frheren
Zeiten gezwungen waren zu geben, weil sie nicht Leute genug bekommen
konnten. Im Jahre 1840 bezahlten die Farmer fnf bis sechs Dollar den
Monat fr einen krftigen Mann, was, wenn man die dortigen Verhltnisse
bedenkt, entsetzlich wenig ist; und dennoch boten sich ihnen viele, sehr
viele an, welche nur um die Kost zu erhalten bei ihnen arbeiten wollten.
Mit dem Kaufmannsstande ist es dasselbe, und am allerschlimmsten
befinden sich Gelehrte, die, vielleicht mit tchtigen Kenntnissen
ausgestattet, geglaubt haben, dort verstanden oder anerkannt zu werden.
Die armen Leute finden sich, besonders in Cincinnati, arg getuscht.

Fr die heimatliche Literatur sterben die Deutschen in Amerika ab. Die
gebildeteren Klassen lernen das Englische, und vernachlssigen schon
aus dem Grunde die Muttersprache, da sie zu selten Gelegenheit bekommen,
deutsche Schriften zu erhalten; die arbeitenden Classen aber lesen
einzig und allein Zeitungen, und nichts ist leichter, als eine solche
Zeitung zu redigiren. Der Redacteur mu nur dann und wann einen
Aufsatz schreiben, in welchem er aus Leibeskrften gegen die politische
Opposition zu Felde zieht; dabei drfen natrlich die Wrter deutscher
Freiheitssinn, deutsche Treue und Biederkeit u.s.w. nicht fehlen.
Um das Blatt nachher zu fllen, erscheint im Anfang irgend ein Gedicht,
sei es von Goethe oder Schiller oder eignes Fabrikat, -- selbst
eingesandte werden mit Dank angenommen, -- dann eine kleine Novelle oder
Erzhlung aus einer alten, vorsndfluthlichen Didascalia, hierauf einige
aus englischen, oder, ist es mglich, auch deutschen Blttern entnommene
Notizen, dann die Marktpreise und Ankndigungen, und die Nummer ist
versehen. Honorar ist nie zu frchten.

Nun ist das Blatt freilich gedruckt, mu aber auch noch an die
verschiedenen Subscribenten herumgetragen werden; zu diesem Zwecke
schliet der Redacteur einen Contract mit irgend einem Mann ab, dem er
wenigstens die einzucassirenden Wochengelder anvertrauen kann, und der
von jeder Zeitung, die er austrgt, etwas Bestimmtes per Woche erhlt,
dessen Vortheil es also neben dem Austragen auch ist, noch so viel neue
Abonnenten als mglich zu seinen alten zu bekommen, indem sich durch
eine Vermehrung des Absatzes auch sein Gehalt oder Einkommen vermehrt,
wobei er fr die tglichen Bltter an jedem Sonnabend, fr die
wchentlichen jeden Monat das Geld eincassirt, weil berhaupt in Amerika
nichtansssige Leute selten lange an einem Platze bleiben, und ein
Verfolgen der Schuldner, da keine Controle weder ber Fremde noch
Reisende gefhrt wird, unmglich ist.

Cincinnati selbst liegt am nrdlichen Ufer des Ohio, der von Pittsburg
aus, wo dieser durch den Zusammenflu des Alleghany und Monongahela
seinen Namen erhlt, sich stlich nach einem Lauf von circa 1000
englischen Meilen in den Mississippi ergiet. Es ist ein stattlicher
Strom, dessen malerische Ufer ihm den Namen des amerikanischen Rheines
gewonnen haben; bei Cincinnati mag er etwa eine englische Meile breit
sein und trgt im Winter und Frhjahr die grten Dampfboote, wird
jedoch im Sommer und Herbst, nicht mehr durch die Bergstrme der
Alleghany-Gebirge genhrt, an mehreren Stellen sehr seicht und die
Schifffahrt hrt dann fr die grern Boote auf. Durch diesen schnen
Strom aber (der indianische Name der Senecas ist Oh-ey-o oder der
schne Strom) erhielt Cincinnati seine Bedeutung und wuchs schnell zu
einer der grten Stdte der Union an; zwar versuchten Speculanten
am gegenberliegenden Ufer in Kentucky am Ausflu des Licking,
Oppositionsstdte zu erbauen, und New-Port wie Covington entstanden:
Cincinnati aber berflgelte sie schnell und wurde die Knigin des
Westens.

Die eigentliche Stadt, -- denn sie zhlt auer dem Stdtchen Mohawk
noch mehrere Anbaue, -- liegt am Fu einer Hgelreihe, die das Thal
des kleinen Miami einschliet, und hat mehrere Eisengieereien; dabei
versorgt sie fast die ganzen Vereinigten Staaten mit geschnittenen
eisernen Ngeln, die berall statt der geschmiedeten gebruchlich sind.
In und um Cincinnati befinden sich auch die bedeutendsten Brauereien und
Whiskeybrennereien Amerika's, besonders aber Schlachthuser, wie sie
auf keinem zweiten Platz in der Welt existiren; denn von hier aus
werden nicht allein die Vereinigten, sondern auch die sdlich gelegenen
Staaten, Texas und Mexico, mit eingepkeltem Schweinefleisch versehen,
das sogar bis nach Sdamerika verschifft wird.

Nichts schildert den Charakter eines Menschen deutlicher als kleine
Anekdoten und Angewohnheiten aus seinem Leben; eben so ist es mit einer
Stadt, die man wohl am leichtesten durch kleinere Zge ihres innern
Treibens und Verkehrs kennen lernt und von denen ich versuchen will, dem
Leser einige, wie sie mir noch frisch im Gedchtni sind, mitzutheilen.


Der Markt.

Durch ganz Nordamerika haben die Marktpltze ein ziemlich hnliches
Aussehen; ein sogenanntes Markthaus bildet den Mittelpunkt und besteht
aus einem auf einer doppelten Sulenreihe ruhenden Dach, unter dessen
Schutz die Fleischhauer oder Metzger den innern Raum einnehmen; um
diesen reihen sich die ein hheres Standgeld bezahlenden Grtner an der
Auenseite, aber ebenfalls noch unter dem Schutz des Vorbaues an. In
Cincinnati sind drei solcher Marktpltze: der obere oder Flymarket,
der mittlere und der untere Markt; Montag und Donnerstag wird auf dem
ersten, Dienstag und Freitag auf dem zweiten und Mittwoch und Sonnabend
auf dem dritten Markt gehalten. Dort prdominiren die Deutschen
besonders, denn sie bilden nicht allein die Mehrzahl der Fleischer,
sondern haben auch mit wenigen Ausnahmen den alleinigen Verkauf der
Gartenfrchte, und zwar schon aus dem Grunde, weil der Amerikaner in
dieser Hinsicht nun einmal ein Vorurtheil zu Gunsten der Deutschen hat,
die, wie er glaubt, Alle geborene Grtner sind. Will ein Amerikaner im
Frhjahr seinen Garten herstellen lassen, so ruft er den ersten besten
Deutschen dazu und bertrgt ihm die Arbeit, er fragt aber nie: weit
du mit einem Garten umzugehen? sondern denkt, das verstehe sich von
selbst. Dabei haben unsere Landsleute das Monopol des Sauerkrautes, mit
dem es ihnen wie den Creolen mit ihrem Lieblingsgericht Gumbo geht: es
ist zum Spottnamen und zur Bezeichnung der Nation geworden, und nicht
selten hrt man unter den niedern Classen der Amerikaner, wenn jemand
eine gemischte Versammlung bezeichnen will, den Ausdruck: Es waren
Amerikaner, Gumbos und Sauerkrauts dort.

Da brigens die meisten der zu Markte Kommenden ihre Producte von
meilenweit entfernten Farmen herbeischaffen, so lassen sie dieselben
auf ihren kleinen einspnnigen, mit Leinwand berzogenen Fuhrwerken,
und fahren diese auf beiden Seiten des Marktplatzes so auf, da die
Einkufer an der Auenseite umhergehend den im Hintertheil des Wagens
ausgelegten Inhalt sehen und prfen knnen. Oft stehen Hunderte
derselben in langer, die Straen weit hinausreichender Reihe beisammen
und geben dem Ganzen ein eigenthmliches Ansehen; was aber dem Europer
besonders auffllt, sind die Einkufer selbst. Wie ich zum erstenmal auf
einen amerikanischen Markt kam, traute ich meinen Augen kaum, als ich
nicht allein anstndige, sondern sogar elegant gekleidete Mnner, oft
in schwarzem Frack, mit Ringen an den Fingern, goldenen Uhrketten und
blendend feiner Wsche gromchtige Krbe am Arm tragend zu Markte gehen
oder gar reiten sah; es war etwas unsern deutschen Sitten und Gebruchen
so ganz entgegengesetztes, da ich nur mit vieler Mhe das Lachen
verbeien konnte. Nichts macht sich dann komischer, als wenn es anfngt
zu regnen und der Gentleman den schon zur Vorsorge mitgenommenen
Regenschirm aufspannt, dem kleinen Poney die Hacken in die Seiten setzt
und mit kurzen Steigbgeln, da die Knie fast den Sattelknopf berhren,
zu Hause galoppirt.

Die Fleischer schmcken besonders bei feierlichen Gelegenheiten, als
am 4. July, dem Tage der Unabhngigkeitserklrung, an Washingtons
Geburtstag, an verschiedenen Dank- oder Butagen etc., ihre Stnde und
das ausgeschlachtete Vieh auf das zierlichste, wobei sie etwas darin
suchen, alle mglichen Fleischarten zum Verkauf auszustellen; daher
findet man nicht selten bei einem Einzelnen neben den gewhnlichen
Thierarten ganze Bren, Hirsche, Waschbren, Opossums und Eichhrnchen,
die durch Blumenguirlanden auf das freundschaftlichste mit einander
verbunden sind.

Den Gemseverkauf besorgen, wie schon gesagt, fast ausschlielich die
Deutschen, denen auch die besten und eintrglichsten Farmen in der Nhe
von Cincinnati gehren und von welchen sogar schon Einige Weinberge
angelegt und einen ertrglich guten Wein gekeltert haben. Die Amerikaner
schaffen hingegen mehr Kse, Eier, Butter und Geflgel zu Markt,
whrend die farbige Bevlkerung von Cincinnati meistens gedrrtes Obst,
Pfirsiche und pfel feil hlt. Im Ganzen ist Cincinnati die billigste
Stadt des Westens, und ein einzelner Mann kann mit 400 Dollars (1 Dollar
1 Thlr. 10 Ngr.) das Jahr anstndig leben.


Boardinghuser.

Das Wort =boarding-house= ist fast das erste, welches der Einwanderer
in Amerika lernt -- er mu ein Obdach und Nahrung haben, und die alles
findet er fr einen verhltnimig billigen Preis in solchen Kost-
oder Boardinghusern. Ich rede hier nicht von den besser eingerichteten
Wirthschaften und Hotels, die dem Reisenden alle mglichen
Bequemlichkeiten bieten, und von denen, in Cincinnati besonders, eine
groe Anzahl existirt, sondern von den Husern, in welchen der Fremde,
dessen finanzielle Umstnde ihm nicht erlauben sechs, acht, ja zwlf
Dollar die Woche fr Kostgeld zu bezahlen, einkehrt, und wo er, wie der
deutsch-amerikanische Ausdruck ist, boardet!

Diese Anstalten werden fast ausschlielich von Deutschen gehalten, sind
sich im Ganzen ziemlich hnlich, und wir wollen dem Leser eines dieser
Kaffeehuser, wie sie sich fast alle nennen, nher vorfhren. Es ist
ein schmales, zweistckiges, grn angestrichenes Brettergebude,
das, selbst etwas windschief, zwischen zwei groe Backsteinhuser
hineingepret, scheinbar von diesen aufrecht gehalten wird. Ein breites
Glasfenster zeigt drei ber einander angebrachte Reihen von Flaschen
mit Liqueur oder wenigstens einer liqueurfarbigen Flssigkeit gefllt,
zwischen denen, um den sonst etwas zu leeren Raum auszufllen, einzelne
Citronen liegen, whrend in der unteren Reihe mehrere Glasgefe mit
Candiszucker und anderen Nschereien prangen. ber der mit einer rothen
Gardine verhangenen Thr steht auf einem grnlackirten Schild mit
grellrothen Buchstaben, da die Augen kaum das Verschwimmen der Farben
ertragen knnen, =Battle of Bunkershill Coffee house=, und darunter
Deutsches Kosthaus von N. N.

Doch wir wollen hineingehen und das Innere des Heiligthums betrachten.
Es ist ein kleines, wahrscheinlich frher zum Vorsaal bestimmt gewesenes
Zimmer, das jetzt aber zur Schenkstube benutzt wird und zugleich das
Entre des Hauses bildet. Rechts sind bis zur Decke hinauf Regale
angebracht, die mit Flaschen, Caraffen, Glsern, Apfelsinen und
Zuckerwerk ausgeschmckt, die eine Wand verdecken, whrend Thr und
Fenster die zweite einnimmt, und riesenhafte Zettel, Ankndigungen von
Seiltnzern und Kunstreitern, mit Abbildungen der merkwrdigen Sachen,
welche diese auszufhren gedenken, die andern beiden berziehen.
Besonders hervorstechend zeigt sich noch, gerade am mittelsten Regale
befestigt, ein kleines Schild, auf dem mit grtmglichen Buchstaben
die Worte =No Credit!= Kein Credit! zu lesen sind, und mit dem eine
zweite unter Glas und Rahmen gebrachte Tafel correspondirt, durch
welche dem Eintretenden in zierlichen Versen kund gethan wird, da der
Eigenthmer seine Weine und Liqueure, seine Flaschen und Glser, ferner
Hausrente und Taxen _bezahlen_ msse, und dewegen unendlich bedaure,
seinen geehrten Gsten unter keiner Bedingung borgen zu knnen. Eine Art
Ladentisch trennt den Ausschenker oder Barkeeper von den Gsten, zu
deren Bequemlichkeit nur eine kurze, grnlackirte Gartenbank an der
gegenberstehenden Wand angebracht ist, die aber fr den Augenblick
leider nicht benutzt werden kann, da ein Irlnder, der ein wenig zu
schwer geladen, langgestreckt darauf liegt.

Wer tractirt? ruft jetzt der Barkeeper, welcher sich schon fast eine
Viertelstunde lang die Anwesenden ungeduldig betrachtete. Wer tractirt?
Boy's -- ihr steht ja so trocken da, wie die Pulverfsser -- wollen wir
drum wrfeln?

Er hat bei den letzten Worten einen kleinen Lederbecher unter dem
Ladentisch vorgeholt und schttelt denselben ein wenig; der Klang wirkt
wie bezaubernd, alle treten hinzu, und die drei niedrigsten Wrfe
mssen den Trunk  Person mit einem Picayune (6 Cent. oder 2 gGr.)
bezahlen. Obgleich der Barkeeper selbst mitspielt, so ist es doch eher
zu erwarten, da der niedrigste Wurf leicht einen der Gste, von denen
sechse gegenwrtig sind, als ihn treffen wird, und schon auf solche Art
und Weise verdienen die Wirthe manchen Dollar. Jetzt ffnet sich aber
die Thr, und ein anstndig gekleideter Mann tritt herein und erkundigt
sich bei dem Ausschenker, ob er hier eine oder mehrere Wochen boarden
knne.

Dieser beschaut ihn zuerst sehr aufmerksam vom Kopf bis zum Fu, und
fragt ihn dann vor allen Dingen, ob er Gepck bei sich habe?

Nichts als dieses! antwortete der Fremde und zeigt auf ein kleines, in
ein rothseidenes Schnupftuch eingeschlagenes Pckchen.

Hm, sagt der Ausschenker, dann mssen Sie prnumerando bezahlen, ich
kann Ihnen nicht helfen!

Und wer hat Ihnen denn gesagt, da ich das nicht werde, entgegnete
pikirt der Fremde.

=Oh well!= sagt der Ausschenker, keineswegs dadurch auer Fassung
gebracht, dann ist alles in Richtigkeit.

Und der Preis? fragt der Fremde.

Drei Dollar die Woche!

Der Mann bezahlt und bittet den Barkeeper nun, ihm sein Zimmer zu
zeigen; dieser steigt mit ihm eine kleine, schmale Treppe hinauf, ffnet
die sich fast an der obersten Stufe befindende Thr, und weist den
Ebengekommenen hinein.

Es ist ein ziemlich groer Raum, der die ganze Breite des Hauses
einnimmt, mit drei Fenstern und einem gewaltigen Kamin an der Seite,
das Ganze hat aber ein unfreundlich kaltes Aussehen, denn in dem Kamin
liegen Stiefeln, Stcke, Hutschachteln, Pfeifen etc. etc., und beweisen
zur Genge, wie wenig von dieser Seite auf ein gutes, erquickendes Feuer
zu hoffen sei. Des Fremden, den Raum schnell durchfliegende Augen zhlen
fnfzehn zweischlfrige Betten, die eines neben dem andern an den
Wnden hin und in der Mitte stehen, und eine ziemlich zahlreiche
Schlafgenossenschaft versprechen. Nur ein Tisch und etwa acht oder
neun Sthle dienen dem Worte Mobilien zur Entschuldigung, und die
umherhngenden verschiedenartigen Kleidungsstcke sind nicht gerade
geeignet, dem Ganzen ein freundlicheres Aussehen zu geben.

Und hier soll ich schlafen? fragt mit gerade nicht freudiger
berraschung der Fremde.

Ja! ist die Antwort -- in diesem Bette hier, mit einem Amerikaner --
es ist ein ganz ordentlicher Mann!

Und kann ich kein Bett fr mich allein bekommen?

Unmglich, wir haben jetzt kaum Platz fr unsere Gste -- alle
Boardinghuser sind berfllt.

Noch steht der Fremde unschlssig am Eingang, er wei aber, da wenn er
auch zu einem andern Hause gehen wollte, sich die Verhltnisse ziemlich
gleich bleiben, wirft sein Pckchen auf das ihm angewiesene Bett und --
ist eingezogen.

Haben Sie denn wohl einen ruhigen Platz, wo ich einen Brief schreiben
knnte? fragt er jetzt nochmals den Barkeeper, der eben im Begriff ist
die steile Treppe wieder hinunter zu klettern.

Unten im Zimmer, wo die brigen sind! sagt dieser, das ist der
einzige Platz im ganzen Haus. In jenes Zimmer fhrt er jetzt seinen
Gast und zeigt ihm in der einen Ecke einen Tisch, an welchem eben ein
freundlicher Oldenburger emsig beschftigt ist, zu dem morgenden Sonntag
seine Stiefeln zu wichsen.

Du mut damit hinausgehen! fhrt er diesen an, das gehrt sich nicht
in der Stube! wir sind nicht mehr auf dem Schiffe! Schweigend rumt der
also Abgefertigte seinen Platz ein und der Fremde sieht sich vergebens
nach irgend einem Gegenstand um, mit welchem er den staubigen Tisch
abwischen knne!

Warten Sie, ich will Ihnen etwas bringen, sagt der Barkeeper und geht
in das Schenkzimmer zurck; unterdessen hat jener aber vollkommen Zeit
den Raum zu betrachten, in welchem er sich jetzt befindet.

Es ist ein gerumiges Zimmer mit einem groen, gueisernen Gestell in
der Mitte, das ein Mittelding zwischen Ofen und Kamin zu sein scheint,
denn es hat wohl die Gestalt des erstern, entspricht aber ganz dem Zweck
des letztern, da es die Hitze nicht erst durch Rhren, sondern gleich
durch die vorn im Rost sichtbaren Kohlen verbreitet. Um dieses haben
sich in allen mglichen Stellungen und Lagen die verschiedenen Gste
des Kaffeehauses zur Schlacht am Bunkers Hill versammelt, und befinden
sich alle in einer sehr heitern Stimmung, lachen und erzhlen und machen
einen Lrm, da die Glser auf dem zweiten Tische zittern. Einige, die
im Anfang gekommen sein mochten, hatten noch Sthle gefunden, die spter
Eintreffenden schon mit zwei grnlackirten Holzbnken, denen hnlich,
die in der Schenkstube standen, vorlieb nehmen mssen, und die letzten
konnten einzig und allein stehend an der Gesellschaft und zu gleicher
Zeit am Ofen Theil nehmen. Unser Gast war gezwungen, sich auf irgend
eine Art einen Stuhl zu verschaffen, und mit den Sitten solcher Huser
schon ziemlich vertraut, blieb er einige Minuten am Feuer, bis einer
der Sitzenden aufstand, welchem er dann ohne weitere Umstnde den kaum
verlassenen Stuhl entfhrte und an seinen Tisch trug. Diesen mute
er brigens, da der Barkeeper nicht wiederkehrte, mit seinem eigenen
Taschentuche abstuben.

Jetzt klingelt es pltzlich im nchsten Zimmer, und der lang ersehnte
Ruf =supper, supper!= (Abendessen) bertnt und erstickt bald den
frhern Lrm; alles strmt in das Speisezimmer und der Barkeeper trgt
den Davondrngenden die zurckgelassenen Sthle nach, da an der Table
d'hote noch einige fehlen. Eine lange Tafel steht dort gedeckt,
an welcher etwa 30 Personen Raum und die mit mehrern Fleischarten,
Kartoffeln, Eiern, Butter und Kse besetzt ist. Jeder Gast findet neben
seinem Teller eine eingeschenkte Tasse Thee, die er, wenn geleert, blo
empor zu heben braucht, um sie augenblicklich wieder von einem jungen
Mdchen, das die Aufwartung besorgt, gefllt zu bekommen; doch sieht es
der Wirth nicht gern, wenn das fter als zweimal geschieht.

Das Essen ist gut und schmackhaft zubereitet, und nach der Mahlzeit,
von der jeder, sobald er fertig ist, aufsteht, ohne sich weiter mit Wort
oder Blick um seinen Nebenmann zu bekmmern, versammeln sich die Gste
wieder um den kaum verlassenen Ofen, an welchem jene jetzt die besten
Pltze einnehmen, die am schnellsten essen konnten.

Die Gesellschaft ist brigens keineswegs uninteressant, denn nicht
allein verschiedene Nationen, sondern auch verschiedene Stnde treffen
sich hier, und die gebildetere Classe der Deutschen, als Advocaten,
rzte, Theologen, Kaufleute etc., die grtentheils wenigstens fr den
Augenblick noch gezwungen waren, eine ihren frhern Beschftigungen
gerade nicht entsprechende Arbeit zu bernehmen, um ehrlich und
ordentlich in der neuen Welt durchzukommen, findet sich bald zusammen
und verplaudert die langen Abende.

Die Zeit des Schlafengehens naht aber jetzt, und hie und da schleichen
einzelne mit abgebrannten Lichtendchen in der Hand die Treppe hinauf,
denen die brigen ebenfalls bald folgen und ermdet das harte Lager
suchen, welches nur aus einer Seegras-Matratze und zwei oder drei
wollenenen Decken besteht. Die Lichter verlschen nach und nach, und
sobald sich die einzelnen Paare und Bettgenossenschaften verstndigt
haben, ob sie doppelt-Adler oder lffel-artig liegen wollen,
herrscht fr wenige Minuten tiefes Schweigen, das aber bald einem von
allen Seiten hertnenden Schnarchen weicht, bei dem sich der daran nicht
Gewhnte oft stundenlang unruhig auf seinem Lager umherwlzt.

Es existiren brigens auch mehrere amerikanische Boarding-Houses in
Cincinnati, wo der Gast fr 5 Dollars per Woche eine reinlichere und
freundlichere Umgebung hat, das Unangenehme des Zusammenschlafens mit
Mehrern findet sich in den meisten.


Money-Brokers.

Die Geldwechsler spielen in allen Stdten Amerika's eine bedeutende
Rolle, denn wo solch' unzhlige Banken und Tausende von verschiedenen
Banknoten und Mnzsorten circuliren, ist es unbedingt nthig, Leute
zu haben, welche nicht allein die chten von den nachgemachten
unterscheiden knnen, sondern auch den Reisenden mit den fr ihn
brauchbarsten Mnzsorten oder Tresorscheinen versehen.

Hunderte von Banken streuen jhrlich ihre Noten unter die Bevlkerung
der Vereinigten Staaten aus; viele bestehen fort und lsen spter das
ausgegebene Papiergeld wieder mit Silber ein, die meisten aber machen
bankerott oder thun wenigstens was gleichbedeutend ist: sie nehmen nicht
einmal mehr ihr eigenes Geld fr den vollen Werth an, so da es 20, 30,
ja bei dem Mississippi-, Arkansas-, Atchafalaya- und Texas-Geld schon
bis zu 70 und 80 Procent gefallen ist. Am schlimmsten stehen sich bei
diesem fortwhrenden Schwanken des Geldcurses die armen Leute, die
Arbeiter und Tagelhner, welche am Ende des Monats ihre paar Thaler in
irgend einem Papiergeld ausbezahlt bekommen, das, wie ihnen der Broker
sagt, gut ist -- und wofr sie auch ihre Bedrfnisse an Kleidern und
Schuhwerk kaufen knnen; morgen aber vielleicht schon heit es -- die
und die Bank hat ihre Zahlungen eingestellt. Niemand nimmt die Noten
mehr zu dem vollen Werth, und der Mann, welcher sich schwer und hart fr
die wenigen Dollars geplagt hat, verliert noch 15 bis 20 Procent daran,
whrend die Bank von ihren eigenen Noten, so viel sie bekommen kann,
schnell zu dem gefallenen Preis aufkauft und nach ein paar Monaten,
nach deren Verlauf sie sich wieder fr zahlungsfhig erklrt, Tausende
verdient hat.

Ein frchterlicher Mibrauch wird mit diesem Papierwesen getrieben,
und daneben existirt fast keine Bank, von der nicht Verflschungen
circuliren, zu deren Entdeckung wchentlich Broschren ausgegeben
werden, welche die Namen der sogenannten =counterfeits= und den
Werth der verflschten Noten angeben. Auch hier ist es wieder der Arme,
welcher durch diese den meisten Schaden leidet, da er die chten selten
von den unchten zu unterscheiden vermag.

Das wenige Silber und Gold hat brigens durch die ganze Union denselben
Werth und dasselbe Geprge, wenn auch hie und da andere Namen, nur
ist Cincinnati die westlichste Stadt, in welcher Kupfergeld circulirt
(Cente, hundert auf einen Dollar); schon in Louisville, 150 Meilen
westlich, kennt man als kleinste Mnzsorte nur Picayunes oder =half
dimes= (6 und 5 Centstcke), die von dort an einen andern Werth
haben, und mit denen gegen die aus den stlichen Staaten ein bedeutender
Handel getrieben wird, indem die =half dimes= dort, selbst noch
theilweise in Cincinnati, nur 5 Cent gelten, und weiter den Ohio
hinunter und am ganzen Mississippi fr 6 angenommen werden.

Die Broker haben ihre kleinen, zierlich ausgeputzten Locale gewhnlich
an Straenecken, um recht in die Augen zu fallen, und suchen etwas
darin, durch in den Fenstern ausgelegte Packete Banknoten und kleine
Haufen von Goldstcken die Augen der Vorbergehenden auf sich zu ziehen.


Auctionen.

In einem Lande, wo so viel und so groartig speculirt wird, wie in
Amerika, ist es eine sehr natrliche Folge, da sich auch Tausende in
ihren Erwartungen und Hoffnungen betrogen finden, deren Eigenthum und
Waare dann den Weg in die zahlreichen, durch die ganze Stadt zerstreuten
Auctionslocale findet, und hier auf eine oft unglaubliche Art unter dem
Werth verschleudert wird.

Eine kleine hellrothe Fahne, ber der Thr aufgesteckt, zeigt am Tage
den Ort an, wo Abends mit dem Glockenschlag sieben der Ausverkauf
beginnen wird, und Kauflustige oder Neugierige treiben sich, einander
ablsend, fortwhrend vor und in diesen Localen herum, um die am Abend
vorkommenden Waaren zu betrachten und zu prfen; mit einbrechender
Dmmerung jedoch, wo die blutrothe Flagge bersehen werden knnte,
stellt sich irgend ein Mann oder Knabe, sehr hufig ein besonders hierzu
gemietheter Neger, mit einer Handglocke vor das Auctionslocal, und
lutet pausenlos auf eine ohrenzerreiende Art, um die Bevlkerung
von Cincinnati darauf aufmerksam zu machen, da die Versteigerung bald
beginnen werde. Es sind wohl zwlf bis funfzehn verschiedene Auctionen
an jedem Abend, und hier kaufen besonders die umherziehenden Krmer
ihre Waaren ein, mit denen sie spter die Farmer im Innern des Landes
beglcken.

Der Auctionator steht auf einer von dem Platz, welchen die Kufer
einnehmen, getrennten hohen Bhne, die es ihm mglich macht, alle
zu sehen, wie von allen gesehen zu werden, und die zu versteigernden
Gegenstnde werden ihm durch einen zweiten von innen hinausgereicht. Von
dem Mittelpunkt dieser Bhne aus luft ein schmaler, langer Tisch
bis fast zur Thr hin, um auf diesem vorkommende Ausschnittwaaren
aufzurollen und den Kauflustigen besehen zu lassen. Die Waaren selbst
sind brigens sehr gemischter Art -- Tuche und Steingut, Bijouterien
und Glaswaaren, Kattune und Bcher, eiserne Gerthschaften und Porzellan,
Schuhe und Hte, Weine, Liqueure, eingemachte Frchte und Austern, alles
wird wild durcheinander feil geboten, wobei sich der Auctionator durch
eine fast fabelhafte Zungenfertigkeit auszeichnet, mit welcher er das
ausbietende und aufmunternde =going, going, going, going=, ruft, da das
Ohr dem Klange kaum zu folgen vermag, bis ein entscheidendes =gone!=
den Bietenden entweder erschreckt oder erfreut.

Allerdings hat man fters die Gelegenheit auf diesen Auctionen Waaren
zu einem Spottpreis einzukaufen, im Ganzen ist es aber doch sehr
gefhrlich, denn entweder wird der mit den Gebruchen nicht Bekannte
angefhrt, oder kauft, durch den anscheinend billigen Preis bestochen,
eine Masse von Sachen, die er mit gutem Gelde bezahlen mu und nachher
nicht gebrauchen kann.


Kleiderladen

sind in Amerika, wo alles so zauberhaft schnell geht und die Menschen
sich fast stets unterwegs befinden, unentbehrlich -- wie htte der
Amerikaner Zeit, sich einen Rock anmessen und nachher machen zu lassen.
Oft Hunderte von Meilen verreisend, nimmt er gewhnlich als einziges
Gepck ein kleines Felleisen mit, in welchem er ein Hemd und mehrere
reine Vorhemdchen und Kragen fhrt, das ist das einzige, was er
waschen lt, alles brige wird, sobald getragen oder zerrissen,
neu angeschafft. Kleiderlden, in denen man jedes zum Anzug Nthige
antrifft, findet man daher auch in jeder Stadt und besonders gleich an
den Dampfboot-Landungen in groer Anzahl, die fast alle, sei es nun im
Norden oder Sden, New-York oder New-Orleans, St. Louis, Cincinnati,
Buffalo oder Charlestown, von deutschen Juden gehalten werden. Wie
die Yankees den fast alleinigen Uhrenhandel an sich gerissen haben, so
verhlt es sich mit den Israeliten und Kleiderlden, in keiner Stadt
aber mehr als in Cincinnati, das gewissermaen den Mittelpunkt bildet,
von welchem sie sich in die ganzen westlichen Staaten zerstreuen, um
als wandernde Krmer mit Tragekasten oder Lastpferd ihre Waaren
feilzubieten, oder auch in der Stadt selbst bleiben und am Werft wie in
den Hauptstraen vor ihren Lden frmlich auf die Vorbeigehenden lauern.
Gnade Gott dem armen Teufel, der mit etwas schbigen Kleidern und einem
sehnschtigen Blick auf die zur Schau ausgehngten Anzge vorber
geht, er ist unrettbar verloren; der Verkufer, ein auf das Eleganteste
angezogener Jngling, der nie deutsch spricht, auer da, wo er sieht,
da der, mit dem er es zu thun hat, auch kein Wort englisch versteht,
strzt auf ihn zu, fat ihn um die Taille, und zieht ihn unter den
zrtlichsten Vorwrfen, da so ein hbscher Mensch solch abgerissenes
Zeug trage, in den Laden; hat dieser dann noch hinlnglich baares Geld,
und sei es nur genug, um ein Taschentuch zu kaufen, bei sich, so kommt
er selten ohne irgend einen aufgedrungenen Artikel fort.

Freilich laufen diese Ladenjnglinge auch manchmal der unrechten
Person in den Weg und ernten Grobheiten oder gar Ohrfeigen fr ihre
Zudringlichkeit; was thut's aber, sie leiden ja fr die heilige Sache,
und der nchste Vorberwandernde entgeht darum seinem Schicksal doch
nicht.

Durch die in den Zuchthusern gefertigten Schuhe und Kleidungsstcke,
wie durch den geringen, wahrhaft grausamen Preis, welchen arme
Nhmdchen fr eine Tagesarbeit bekommen, sind Kleidungsstcke, was
nicht Seide oder Tuch ist, erstaunlich billig geworden, so da man jetzt
selbst in New-Orleans ein baumwollenes Hemd mit leinenem Vorhemd und
Kragen fr Einen Dollar kauft, ebenso recht gut aussehende Schuhe
und Beinkleider, Jacken und Westen fr Einen Dollar das Stck. Wie
nachlssig brigens diese Sachen gefertigt sind, kann man sich denken;
es soll aber alles schnell gehen, die Dauer und Soliditt der Arbeit
kommt nicht in Betracht. So z.B. kndigte eine Wscherin (Mulattin) vor
mehreren Jahren in Cincinnati, in Mainstreet, durch ihr Aushngeschild
an, da sie jedes ihr anvertraute Kleidungsstck in _einer_ Stunde
wasche und trockne; auf welche Art der Stoff dabei behandelt wurde,
lt sich denken.




Der wunderbare Traum.


Im Staat Pensylvanien, dicht am nordwestlichen Fu der Alleghanies,
liegt oder lag vielmehr das kleine Stdtchen Seneka, das damals, als man
es grndete, von Ansiedlern fast berschwemmt ward; denn jeder Einzelne
hoffte goldene Berge in dem neu entdeckten Eldorado zu finden und
Seneka bald als den Brennpunkt des Staates zu sehen, nach dem sich aller
Verkehr, wie die Blumen zur Sonne, hinwenden msse.

Jetzt sind freilich diese schnen Trume grtentheils in ihr
ursprngliches Element _Luft_ zurckverschwommen, und ein allein
und einsam stehendes Farmhaus kndet die Wohnung des _Letzten der
Senekaner_, der hier, allen frheren Plnen und Hoffnungen von
gepflasterten Straen und Gabeleuchtung entsagend, gar ehrsam Ackerbau
und Viehzucht treibt.

Noch vor zwlf Jahren aber, und in derselben Zeit, von der ich hier
erzhlen will, befand sich Alles in seiner Blthe; mehre Wirthshuser
waren angelegt, ein Gerichtshaus und ein Gefngni standen fertig
aufgerichtet und wurden auch schon benutzt, denn es fehlte nur noch das
Dach zu beiden, mehre kleine Stores oder Lden waren etablirt, in denen
der fleiige Stdter Whiskey beim Quart und Kaffee, Zucker und Kattun,
wie Schuh und Stiefel, Ackergerth, Kochgeschirr etc. etc. etc.,
kaufen konnte, und zwei Schul- und Kirchengebude, das eine den
Presbyterianern, das andere den Baptisten gehrig, standen zum frommen
Dienst bereit und wurden von der gottesfrchtigen Gemeinde gar hufig
benutzt.

Wie es nun aber stets bei so neuerrichteten und gegrndeten Stdtchen
geht, so sammelte sich auch dort ein buntes Gemisch von allerlei oft
recht wunderlichen Leuten, und wo viel gute und ordentliche Menschen
sind, da bleibt es fast nie aus, da sich auch ein parr rauhe, wilde
und nichtsnutzige Gesellen mit einschwrzen, die dann so lange mit der
brigen Bevlkerung auf einem Fu stehen und mit ihr gleiche Achtung
und gleiche Rechte genieen, bis sie entweder selbst sehen, da die Zeit
naht, wo sich jeder brave Mann von ihnen fern hlt und sie ihr
Wesen nicht lnger treiben knnen, oder die Gemeinde auch fest und
entschlossen auftritt und sie ausstt.

Ein solcher Bursche, zu allem Schlechten fhig und zu nichts Gutem zu
gebrauchen, war ein junger Kentuckier, Hills, der sich eine Zeitlang
auf dem Monongahelaflu als Flatbootmann herumgetrieben hatte, und nun
einmal versuchen wollte, ob er's nicht schneller und bequemer in der
Stadt zu etwas bringen knne.

Er lebte oder boardete wie man dort sagt, im Hause eines Irlnders,
eines braven fleiigen Mannes, der mit seiner jungen Frau erst krzlich
aus dem alten Vaterlande herber gekommen, und von einem der sogenannten
Landhaye in New-York auch gleich beredet worden war, sich hier in
Seneka, der knftigen Knigin aller westlichen Stdte anzukaufen und
niederzulassen. Hills aber, der an nichts Heiliges, weder im Himmel noch
auf Erden glaubte, fand Gefallen an der jungen Irlnderin und suchte
sich ihr, wenn ihr fleiiger Mann sein kleines Grundstck bearbeitete,
zu nhern und sie sich geneigt zu machen. Diese aber wies ihn ernst und
strenge zurck und drohte endlich, als Alles das nichts half, ihren
Mann von dem nichtswrdigen Betragen seines Hausgenossen in Kenntni zu
setzen.

Eine Zeit lang schchterte das den Kentuckier ein, denn der Irlnder
war ein krftiger Gesell und verstand sicherlich, was seine Hausrechte
betraf, keinen Spa; eines Abends aber, als er der jungen Frau im Walde
begegnete, die gerade eine kranke, nicht sehr entfernt wohnende Freundin
besucht hatte, und nun zu Hause zurckkehren wollte, schlo er sich ihr
an und wurde nach wenigen miteinander gewechselten Worten so frech und
zudringlich, da sie ihm mit lauter Stimme drohte, um Hlfe zu rufen,
wenn er sich nicht gleich entferne, als pltzlich mit zorngertheten
Wangen und finster zusammengezogenen Braunen ihr Mann aus den
benachbarten Bschen sprang und im nchsten Augenblick neben dem
erbleichenden Kentuckier stand.

Was an jenem Abend weiter vorgefallen hat nie ein Mensch erfahren,
am nchsten Morgen aber fand man, durch Blut in der Strae aufmerksam
gemacht, den Kentuckier mit zerschmettertem Schdel im Gebsch liegen.
Er schien schon mehrere Stunden todt, und jede Hlfe kam zu spt. Noch
an demselben Abend wurde er begraben.

Wthend durchtobten aber indessen die Freunde des Ermordeten die kleine
Ansiedlung und forschten nach dem Mrder; ja selbst der stillere Theil
der Bevlkerung, die Baptisten und Presbyterianer, waren entrstet, da
in ihrer ruhigen und frommen Gemeinde so etwas vorgefallen war. Durch
einen kleinen Knaben ward endlich der Verdacht auf den Irlnder gelenkt,
denn dieser hatte ihn noch spt Abends mit seiner Frau zu Hause kommen
gesehen, und zwar gerade aus jenem Weg, neben welchem die Leiche lag
und der kleine Bursche behauptete dabei steif und fest, der Irlnder sei
blutig im Gesicht gewesen.

Man forschte jetzt genauer nach, durchsuchte das Haus und fand --
sorgfltig hinter einer groen Kiste versteckt, eine baumwollene Jacke,
an welcher noch frische Blutflecken nicht zu verkennen waren. Zwar
behauptete Mac Ferson (der Name des Iren), einen Hirsch erst an dem
Nachmittag erlegt und den Kentuckier wohl gesehen, aber keinen Streit
mit ihm gehabt zu haben; in seinem ganzen Wesen lie sich aber dabei
eine gewisse Verlegenheit nicht verkennen, und weder seine Betheuerungen
er sei unschuldig, noch die Bitten seiner Frau halfen ihm etwas; er
wurde gebunden und in das Gefngni -- ebenfalls ein aus starken Stmmen
errichtetes Blockhaus -- abgefhrt.

Dort blieb er den Tag seinen einsamen Betrachtungen berlassen, und
wurde am nchsten Morgen, da gerade Gerichtstag im Stdtchen war, vor
seine Richter, vor die Geschworenen gestellt. Hier aber schien leider
Zeugni auf Zeugni _gegen_ den armen Teufel auftauchen zu wollen, denn
auer dem blutigen Kleidungsstck hatte man noch ganz nahe bei seiner
Wohnung einen ebenfalls mit Blut befleckten schweren Knittel gefunden,
und mehrere Einwohner sagten dabei aus, Mac Ferson habe sich mehre Male
gegen sie geuert, er glaube, seine Frau gefalle dem Kentuckier, und er
wolle sich nur erst Beweise verschaffen, ehe er ihn fhlen lasse, was
es heie, den Rechten eines Irlnders zu nahe zu treten. Mac Ferson
leugnete dies auch nicht, blieb aber bei seiner Behauptung, an dem
Nachmittag keinen Streit mit dem Kentuckier gehabt, ja kein einziges
Wort mit ihm gewechselt zu haben und betheuerte nur in einem fort seine
Unschuld.

Der Staatsanwalt versuchte jetzt ihn durch Kreuzfragen zu verwirren, Mac
Ferson war aber nicht der Mann, der sich, wenn wirklich schuldig, durch
einen Advokaten auer Fassung bringen lie -- er blieb dabei, das an der
Jacke gefundene Blut sei von einem Hirsch, und man sah sich gezwungen,
ihn aufzufordern, die Mnner zu der Stelle hinzufhren, wo er den Hirsch
geschossen habe. Der Ire war auch gern bereit dazu, aber erst seit
kurzer Zeit in Amerika, behauptete er mit dem Wandern im Walde nicht
recht vertraut zu sein, indem er nie genau wisse, nach welcher Richtung
er sich wenden solle, sobald er einmal mitten zwischen den Bumen sei,
den Ort also auch nicht wiederfinden knne, wo er das Wild erlegt und
aufgebrochen htte. Er bat daher die Richter nur, in dieser Gegend herum
mehrere Mnner zu postiren, die dann bald aus dem Flug der Aasgeier
erkennen knnten, nach welcher Richtung zu die im Walde zurckgelassene
Beute lge.

Er war dabei so ernst und ruhig, blieb sich in allen seinen Antworten so
gleich, und widersprach sich nicht ein einziges Mal, so da die Mnner,
die sein Urtheil sprechen sollten, wirklich anfingen, trotz allen
vorliegenden und fast unumstobaren Beweisen, an seine so fest
betheuerte Unschuld zu glauben und den Bitten des Gefangenen
willfahrten. Vergebens aber blieb ihr Suchen; alle Bussards und Adler
schienen die Gegend verlassen zu haben, und erst am dritten Tag, als
man auch noch ein kleines Scalpiermesser bei ihm gefunden hatte, was der
Ermordete an demselben Abend, wo er erschlagen worden, in dem nchsten
kleinen Laden aus der Scheide gezogen, um Brod damit abzuschneiden,
glaubte man hinlngliche Beweise (=circumstantial proofs=) zu besitzen,
ihn auch ohne sein Eingestndni zum _Tode durch den Strang_ zu
verurtheilen.

Er lauschte dem Spruch ruhig und ohne eine Miene zu verziehen, nur nahm
sein Gesicht eine fast noch bleichere, leichenhnlichere Farbe an und er
sagte dann, sich mit leiser aber doch deutlich klingender Stimme an die
Geschworenen wendend, da er sie nicht tadeln knne, sie haben ihre
Schuldigkeit gethan, Alles scheine gegen ihn zu sprechen und die
Menschen mten ihn wohl fr schuldig halten, Gott aber wisse, wie
er schuldlos sei, und wenn es mit seinen weisen Rathschlssen
bereinstimme, so werde er ihn auch wohl noch zu retten und seine
Unschuld dazuthun wissen.

So rckte der letzte Abend heran, und seine Frau, der man den Zutrit
zu ihm natrlich gestattete, blieb mehrere Stunden in der engen Zelle,
hielt sich aber sehr gefat und ruhig und sprach ihm sogar Muth ein --
Gott werde ihn schon nicht in dem fremden Lande verlassen -- er solle
nur auf ihn bauen. Mac Ferson verlangte dann nach dem Priester; es war
aber in der ganzen Ansiedelung kein katholischer Geistlicher, und der
Ire bat dann, ihm einen Prediger der Baptisten zu senden, da er sich
nach dem Trost der Religion sehne, wenn dieser auch aus einem nicht
katholischen Munde kme.

Das freute die Baptisten ungemein und machte ihm ihre Herzen sehr
geneigt. Der Prediger der kleinen Schaar, ein kleiner hagerer Mann, mit
einem etwas abgetragenen blauwollenen Frack, sehr eingefallenen Wangen
und etwas stieren glsernen Augen, auf der scharfgebogenen Nase eine
gewaltige Brille, sumte denn auch nicht lange, und versicherte ihm
nach kurzer Unterredung, da er, sei er nun des angeklagten Verbrechens
schuldig oder nicht, in wenigen Stunden am Throne des Hchsten
Verzeihung fr seine Snden und Gnade in den Augen des Allerbarmers
finden wrde.

Mac Ferson betete wohl bis zwlf Uhr in dieser Nacht mit dem frommen
Manne, beichtete ihm alle seine Snden, gestand auch, wie er schon,
seit er das freie Land Amerika betreten, gewnscht habe dem katholischen
Glauben zu entsagen und sich den Baptisten anzuschlieen, deren einfache
Formen ihm stets am meisten zugesagt, und bewies sich so zerknirscht, so
weich und religis, da der Prediger diesen Augenblick nicht ungentzt
vorber lassen zu drfen glaubte, und dem Verurtheilten noch einmal
dringend an's Herz legte, das letztverbte Verbrechen zu gestehen, damit
er vor Gott Nichts habe, was noch einen schwarzen Schatten auf seine
Seele werfen knne. Hier blieb der Unglckliche aber verstockt und
behauptete nur, der liebe Gott wollte ihn durch diesen unverschuldeten
Tod fr all' seine frheren Snden und Laster strafen, an dem
vergossenen Blute sei er jedoch unschuldig und der Kentuckier msse von
einem Anderen erschlagen sein.

Ich habe einen Verdacht, sagte er dann wie berlegend nach kurzer
Pause, aber er ist zu weit hergeholt, zu unwahrscheinlich, als da
ich es gewagt htte, ihn vor den Geschworenen zu uern; es wrde meine
Sache vielleicht noch verschlimmert haben.

Aber _mir_ knnt Ihr ihn entdecken, armer Mann, sagte der Prediger --
meinem Herzen knnt Ihr ihn vertrauen; wer wei, ob nicht vielleicht
dadurch noch Rettung fr Euch mglich ist.

Ach nein, ehrwrdiger Herr, erwiederte der Ire -- der Verdacht ist
zu wild, zu oberflchlich, doch _Ihr_ sollt ihn hren. Erst vorgestern
uerte der Kentuckier -- wie auch allenfalls meine Frau bezeugen
knnte, denn wir saen zusammen am Tisch -- da er glaube einen Menschen
hier in der Gegend gesehen zu haben, der seinen Wohnort umschliche, und
dessen Anwesenheit er eigentlich frchten solle, da er ihn frher einmal
tdtlich beleidigt habe. Damals achteten wir nicht sonderlich auf die
Worte, jetzt aber, da der Unglckliche erschlagen ist, kann ich kaum
umhin zu glauben, da jener Fremde die That verbt hat.

Aber weshalb erwhntet Ihr diesen so wichtigen Umstand nicht bei Euerem
ersten Verhr? rief der Prediger aus. Man htte in der benachbarten
Gegend nachforschen und den Mrder, wenn es wirklich jener Fremde war,
vielleicht auffinden knnen.

Ich wute nicht gewi, ob Jener der Thter sei, sagte der Ire mit
frommen zum Himmel gerichteten Blicken, und wollte keinen Unschuldigen
in's Verderben bringen.

So lange blieben die beiden Mnner nun noch im Gesprch und Gebet
zusammen, bis der Diener des Herrn fast wirklich von der Unschuld des
armen Irlnders berzeugt war; das einmal gesprochene Urtheil lie sich
aber einer solchen oberflchlichen Vermuthung nach nicht abndern, und
die Stunde rckte heran, in welcher der zum Tode Verdammte die Strafe
fr ein Verbrechen erleiden sollte, das er, wie jetzt ein groer Theil
der Bewohner von Seneka zu glauben anfing, gar nicht begangen. Der
Baptist hatte nmlich seiner ganzen Gemeinde am nchsten Morgen das
in der Nacht erhaltene Gestndni des armen Iren mitgetheilt, wobei
er nicht zu erwhnen verga, mit welch frommem Herzen er sich ihrer
Religion zugeneigt und dem Papstthum entsagt habe, und wer wei, ob
nicht schon aus diesem Grunde eine Art Gnadenakt zu seinen Gunsten
ausgebt wre, htten sich die Presbyterianer dabei nicht in's Mittel
geschlagen, die schon das mit neidischen Augen betrachtet hatten, da
der Katholik die Religion der Baptisten der ihren vorgezogen.

Der Baptistenprediger suchte etwa zwei Stunden vor der Execution den
Verurtheilten wieder auf und frug ihn, ob er vielleicht noch wnsche,
seine Frau vor seinem Tode zum letzten Mal zu sehen; Mac Ferson
verneinte das aber, indem er sagte, er habe schon Abschied von ihr
genommen, und wolle sich das Sterben nicht durch eine zweite solche
Scene erschweren. Sein ganzes Benehmen war aber an diesem Morgen so
sonderbar, so eigenthmlich, da es nicht umhin konnte, dem frommen
Manne aufzufallen, der dann natrlich gar eifrig in ihn drang, ihm das
zu entdecken, was seine Seele noch belaste, damit er rein und sndenfrei
vor den Thron des Hchsten treten knne. Der Baptist glaubte nicht
anders, als Mac Ferson fange an, durch die Nhe seiner letzten Stunde
gengstigt, sein bisheriges verstocktes Leugnen zu bereuen, und wolle
nun bekennen, da er das Verbrechen doch begangen habe.

Mac Fersons ganzes Benehmen schien ihn auch darin zu bestrken, denn
erst war er unruhig, ging mit etwas verstrten Blicken in dem engen
Raume auf und ab, und beantwortete fast alle an ihn gerichteten Fragen
zerstreut und wie mit ganz andern Dingen beschftigt. Der Mann Gottes
bat ihn zwar mehrere Male, seine Blicke nun der Ewigkeit zuzuwenden, an
deren Pforten er in wenigen Minuten stehen wrde; der Ire schien jedoch
das Alles nicht zu beachten, prete aber oft die Hnde gegen die Stirn,
als ob ihn ein wilder Traum schrecke oder irgend ein, vor seiner Seele
ansteigendes Bild ngstige, bis endlich die Stunde schlug, die zu seiner
Hinrichtung bestimmt war, und erst als er den nahenden Sheriff hrte, da
warf er sich auf die Kniee nieder, betete mit leiser flsternder Stimme
ein kurzes Gebet, und gestand nun dem Prediger, er habe einen Traum
gehabt, von dem er nicht wisse, ob er ihm von Gott, oder von dem
Erzfeind, dem Teufel, gesandt sei.

Der Prediger drang jetzt in ihn, ihm den Traum mitzutheilen, der
Gefangene wies aber auf den eben eintretenden Sheriff, der mit zwei
Constablen in der Thr erschien, und flsterte leise:

Es ist zu spt!

Nein Mann -- nein -- es ist _nicht_ zu spt, rief der fromme
Geistliche entsetzt, das wolle Gott verhten, da Ihr in Euerem letzten
Augenblick daran verhindert werden solltet mir mitzutheilen, was Euere
Seele peinigt -- nein -- der Sheriff ist ein braver Christ und wird
sicherlich nicht solche Verantwortung vor Gott auf sich nehmen wollen.

Dieser versicherte auch dem Geistlichen augenblicklich, da er gern
bereit sei, noch eine Viertelstunde zu warten, die Zuschauer wren
aber versammelt, und lnger drfe er den Ausspruch des Gesetzes nicht
verzgern. Er zog sich dann nebst seinen Begleitern zurck und mehre
Sekunden sah ihm Mac Ferson sinnend und ernst nach; dann aber wandte er
sich an den frommen Mann und sagte mit fester, ruhiger Stimme:

Ich sehe, ich darf nicht lnger zgern; der Augenblick, der mich mit
meinem Gott vereinen soll, ist gekommen. Vorher, ehrwrdiger Herr,
erfahren Sie aber noch einen Traum, den ich in letzter Nacht getrumt
und der mir in diesem Moment fast mehr als Traum scheint -- ich habe den
Mrder des Kentuckiers gesehen!

Groer Gott -- wr' es mglich! rief der Prediger, berrascht von
seinem Stuhle aufspringend, htte Euch Gott in seiner unendlichen Gte
den wahren Mrder gezeigt und wret Ihr wirklich unschuldig? Wer war
es?

Ich kenne ihn nicht.

Keiner aus dieser Stadt?

Nein!

Und Ihr habt ihn frher nie gesehen?

Nie!

Aber was, um des Heilandes willen, soll Euch das ntzen? wer wird Euch
glauben? wie wollt Ihr den Mann zur Stelle schaffen?

Ich kenne seinen Aufenthalt --

Ihr? aber woher?

Ich sah ihn im Traum -- doch hrt mich und sagt mir nachher, was ich
thun, ob ich schweigen oder dem Volk den Traum bekannt machen soll.
Mir war, als ob ich langsam, mit meiner Axt auf der Schulter, durch
den Wald, und zwar auf demselben Fahrweg, auf dem der Mord geschehen,
hinschlenderte, als ich pltzlich um eine Ecke bog, die hier durch
dichtes Gestrpp und einige umgestrzte Fichten gebildet wurde. Was ich
dort wollte, wei ich nicht mehr, denn ich bin nie so weit mit der Axt
in dem Walde gewesen, aber mir war wunderbar leicht zu Muthe und ich
htte von der Erde auffliegen und ber die Baumwipfel dahinstreichen
mgen. Es kommt Einem ja manchmal im Traum ein hnliches Gefhl. Da, wie
gesagt, bog ich um jenes Dickicht herum und sah ein Schauspiel vor mir,
das mir das Blut in den Adern zu Eis erstarren machte. Mitten im
Fahrweg lag die groe, krftige Gestalt des Kentuckiers, und ber
sie hingebeugt, eben wieder zu erneutem Schlage ausholend, stand ein
schlanker, schmchtig gebauter Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer
breiten Binde um das linke Auge, die sein halbes Gesicht verdeckte, und
einem gelben, breitrndigen Strohhut auf dem Kopfe. Er trug ebenfalls
einen hellen Rock, und wenn ich nicht irre, blaue Beinkleider und
Schuhe.

Sie erstaunen vielleicht, da ich das Alles so deutlich und genau
behalten konnte, aber als ich den Mrder gewahr wurde, stand er, wie aus
Stein gehauen, mit der gehobenen Waffe ber seinem Opfer, und mehrere
Minuten lang verharrten wir Beide so, starr und regungslos, wie die uns
umgebenden Riesenstmme des Waldes.

Da fand _ich_ zuerst Leben und Bewegung wieder und stie einen lauten,
durchdringenden Hlferuf aus, denn jetzt durchzuckte mich wie mit
Blitzesschnelle der Gedanke: _dort_ steht der wirkliche Mrder und
_Dich_ wird man dafr bestrafen, wenn _Du_ ihn nicht ergreifst und
festhltst. In demselben Augenblick aber begann auch der finstere Fremde
sich zu regen; der schwere, keulenartige Stock fiel noch einmal mit
dumpfem Schall auf den schon zerschmetterten Schdel des unglcklichen
jungen Mannes nieder, und eilenden Laufes entfloh dann der feige Mrder
in das Dickicht. Mir aber ward es in diesem Augenblicke klar. _Er oder
Du!_ rief ich mir zu, und mit einer Schnelle, die ich damals selber
nicht begreifen konnte, folgte ich dem Flchtling in das wildeste
Dickicht der Niederung.

Wohl erinnere ich mich, wie ich dabei ber meine eigene Kenntni der
Waldpfade erstaunte, ich, der ich sonst kaum zwanzig Schritte weit den
gebahnten Weg zu verlassen wagen durfte, aus Furcht, mich zu verirren.
So folgte ich dem Mrder, dessen leichte Gestalt immer in gleicher
Entfernung vor mir blieb, den ich aber nicht zu erreichen vermochte, bis
es mir endlich vorkam, als ob ich ihm, zwar langsam, aber doch sicher,
nher und nher rcke.

Eine Stunde waren wir auf diese Art, wie mir trumte, gerannt, als wir
eine Gegend erreichten, die mir bekannt schien, und ich sah bald, da
wir in einem weiten Bogen Seneka umlaufen hatten. Wir befanden uns nicht
weit von der groen Strae nach Pittsburg, gerade da, wo die beiden
tiefen Hhlen in den Berg hineingehen, und der Verfolgte mute wohl in
einer derselben Schutz suchen wollen, denn ich war ihm jetzt dicht auf
den Fersen und hatte schon die Axt erhoben, um ihn vielleicht zu treffen
und nieder zu werfen -- -- als Sie, ehrwrdiger Herr, an die Thre
klopften. Ich fuhr erschreckt empor und -- erwachte. Der Traum war
verschwunden und anstatt frei im Walde, auf der Spur des wirklichen
Thters, fand ich mich wieder gebunden und eingekerkert, wie ein zur
Schlachtbank bereit gehaltenes Opferthier.

Mac Ferson warf sich sthnend auf sein Lager zurck und der Prediger
stand tief erschttert neben dem Unglcklichen, den er nicht einmal zu
trsten vermochte. Da mahnte ihn das wiederholte Klopfen des Sheriffs an
die ihres Opfers harrende Gerechtigkeit und er schritt schnell zur Thr,
diese zu ffnen. Rasch hatte er aber auch seinen Entschlu gefat, und
dem eintretenden Beamten den Gefangenen berlassend, rief er diesem nur
mit wenigen Worten zu, noch nicht zu verzagen, der alte Gott lebe noch,
und eilte dann flchtigen Schrittes dem Executionsplatz zu, wo schon die
ungeduldig harrende Menge an zu murren, ja an zu toben fing, da man die
versprochene Hinrichtung so lange -- verschiebe. -- Dieselben Mnner,
die noch nicht einmal recht von der Schuld des Verurtheilten berzeugt
waren, murrten, da sie eine Viertelstunde lnger seinen _Tod_ erwarten
sollten.

Da kam schnellen Schrittes der Prediger herbei -- er bestieg das
Schaffot, mit kurzgefaten aber klaren und zum Herzen dringenden Worten
rief er von dem todmahnenden Gerst seine berzeugung herab, da der
Angeschuldigte das Verbrechen _nicht_ begangen, Gott selbst aber ihm
durch einen wunderbaren Traum den Mann gezeigt, ja offenbaret habe, der
schuldig und zum Tode reif sei.

Mit wenigen Worten erzhlte er nun den ganzen Traum Mac Fersons, und
wenn auch zwei gerade anwesende presbyterianische Geistliche sehr
mitleidig darber mit den Kpfen schttelten, so war doch das Volk
selbst nur zu gern bereit, einer so geheimnivollen Enthllung eines
Verbrechens Glauben zu schenken und mit Jubelruf wurde der jetzt
herbeigefhrte Gefangene empfangen. Zwar hielten die Constabel die Masse
zurck und lieen sich den ihnen berlieferten nicht entreien, aber dem
ganzen Andrang der Menge konnten sie nicht widerstehen. Alles tobte und
schrie:

Nach den Hhlen! -- nach dem Schlupfwinkel des Mrders! Gott selber
hat seinen Versteck dem rchenden Arme des Gerichts verrathen! nach den
Hhlen -- fort nach den Hhlen!

Und den Gefangenen in der Mitte, von dem Baptistenprediger angefhrt,
wogte die Menge dem etwa drei Meilen entfernten Gebirgszweig zu, an
dessen Fu sich jene, in der Ansiedlung genugsam bekannten Hhlen
befanden, in die, wie der Traum gesagt, der Verbrecher geflohen war. Die
breitausgehauene Countystrae fhrte auch in kaum fnfhundert Schritten
daran vorber und auf dieser hin wlzte sich der Zug in unaufhaltsamer
Eile. Dort aber angelangt, wo die Mnner die befahrene Strae
verlassen und die pfadlose Wildni betreten muten, hielt sie ein alter
Backwoodsman, ein Freund des erschlagenen Kentuckiers, auf und erklrte,
da sie, wenn sie auf solche Art noch weiter vorrckten, den Flchtling
im Leben nicht einholen wrden, der ja schon eine halbe Stunde vor ihrer
Ankunft den Lrm hren mute, den sie machten, und dann natrlich nicht
warten werde, bis sie herankmen und ihn einfingen. Er schlage daher
vor, da man sechs oder acht Jger voranschicke, die sich anschleichen
und das Terrain vorher recognosciren sollten; bemerkten diese dann vor
den Hhlen und in der Nachbarschaft derselben nichts Verdchtiges, dann
war es ja noch Zeit, die ganze Masse herbeizurufen.

Haben wir nachher den Raum umzingelt, fuhr der rauhe Backwoodsman
in seiner Rede fort, so kann uns nichts Lebendes, was in den Hhlen
steckt, entgehen, denn die mitgebrachten Fackeln werden Licht genug
geben; und finden wir ein solches Subject, wie unser Gefangener hier im
Traum gesehen haben will, nun gut, so mag der seine Stelle einnehmen,
denn wenn er ein gutes Gewissen htte, triebe er sich nicht in den
Schluchten und Felsecken herum. Finden wir aber _Nichts_, wie es mir
fast am wahrscheinlichsten vorkommt, so schlag' ich vor, da wir dann
mit dem Wunder sehenden Mosje keine weiteren Umstnde machen, sondern
ihn an die erste beste Eiche aufhngen, denn umsonst soll er uns doch,
beim Teufel, nicht in den April geschickt haben.

Dieser Plan schien allgemein anzusprechen, schnell und geruschlos
wurden die Mnner ausgewhlt, die den Grund und Boden vorher
recognosciren sollten, und der Sprecher, zum Fhrer ernannt, ordnete
systematisch, wie bei einer Treibjagd, den Plan zum Vordringen.

Nach einigen, mit dem Gefangenen gewechselten Worten, hielt aber der
Baptist die eben aufbrechenden Mnner noch zurck, und schrfte ihnen
besonders ein, den, den sie da treffen wrden, lebendig einzufangen,
da sie sich ja sonst gar nicht von der Unschuld des Verurtheilten
berzeugen knnten; das sahen denn die einfachen Hinterwldler auch
recht gut ein und versprachen, ihr Blei zurckzuhalten, so lange es
ginge. Will er aber =in spite= auskratzen, rief Einer, indem er seine
Bchse schulterte, nun dann will ich von Grashpfern zu Tode getreten
werden, wenn ich ihm nicht eins mit meiner langen Betsy auf den Pelz
brenne; fort kommt er nicht, wenn er Knochen genug zeigt, um darnach
zielen zu knnen.

Im nchsten Augenblick waren die Mnner im Walde verschwunden und Mac
Ferson warf sich auf die Kniee nieder, prete das Angesicht gegen die
Wurzel einer alten hochstmmigen Eiche und betete inbrnstig. Sein
Antlitz hatte eine wirklich unheimliche Leichenfarbe angenommen und
seine blutunterlaufenen Augen starrten, ehe er sich zum Gebet niederbog,
wild von einem der Zurckbleibenden zum andern.

Doch wir wollen indessen den Kundschaftern folgen, die, ihre Bchsen
vorher untersuchend und die Messer in den Scheiden lockernd, langsam
vorrckten, um sich nicht vor der Zeit zu verrathen. Leslie, der Fhrer
der Schaar, gab endlich, an einer kleinen Waldble angelangt, das
Zeichen zum Halten, um seine Leute zu vertheilen, und versammelte diese
nun leise um sich, whrend er, erst nach allen Seiten einen scheuen
Blick hinber werfend, flsternd sagte:

Hrt, Ihr Burschen, mir wird's ganz unheimlich und schauerlich zu
Muthe. -- Hol' mich Dieser und Jener, 's ist doch curios, einem Menschen
nachzujagen, den ein anderer im Traum gesehen hat -- es wird Einem ganz
grauslich dabei.

Der Prediger hat aber doch auch gesagt, da wir gehen sollten,
bemerkte ein Anderer.

O der Prediger mag zu -- Grase gehn! rief Leslie, deshalb thu'
ich's beim Teufel nicht -- ich will nur sehen, ob so ein Schuft noch
da herumkriecht, der heimtckischer Weise einen Mann wie Hills zu
erschlagen gewagt. -- Oder ich will mich wenigstens selber berzeugen,
da _Keiner_ da ist, fuhr er, rgerlich mit dem Fue stampfend, fort,
denn -- Tod und gelbes Fieber -- verdammt will ich sein, wenn ich ein
Wort von dem ganzen Unsinn glaube.

Der alte ehrliche Backwoodsman suchte durch halbunterdrcktes Fluchen
das unheimliche Gefhl zu ertdten, das sich ihm unwillkrlich aufdrang;
er selbst aber zweifelte keinen Augenblick, da hier irgend ein bser
Geist, vielleicht gar der Teufel, sein Spiel treibe, und begriff nur
nicht recht, was die Prediger dabei zu thun htten.

So beschrnkt aber auch seine Ideen in geistiger Hinsicht sein mochten,
so ganz war er am Platz, wo es galt, einen Feind zu beschleichen oder
irgend einen vermutheten Lagerplatz, wie es hier der Fall war, zu
umzingeln. Schnell und umsichtig traf er seine Maregeln. Er kannte auch
das Terrain genau und wute, nach welcher Richtung hin ein Mensch, der
sich hier wirklich verborgen halten wolle, entfliehen knne, sobald er
Gefahr ahne, und nur Einen deshalb auf einem Umwege dem steilen Bergkamm
zusendend, in dessen Fu die Hhlen hineinliefen, postirte er die
brigen in einen weiten Halbkreis und gab, durch tuschend nachgemachten
Eulenruf, das Zeichen zum gemeinschaftlichen Vorrcken.

Er selbst aber glitt, von einem jungen Hinterwldler allein gefolgt, auf
einem schmalen Fupfade, der gerade zu den Hhlen hinfhrte, weiter,
und eine kleine Anhhe bersteigend, sah er pltzlich Rauch von dorther
durch die hohen Kiefernwipfel emporwirbeln.

Ein zweiter Eulenruf fesselte Jeden an die Stelle, auf der er sich
befand, und Leslie kroch nun auf beiden Knieen und auf den linken
Ellbogen gesttzt, whrend er die treue Bchse mit der Rechten fest auf
der rechten Schulter hielt, jenem Orte zu, von woher der Rauch zu kommen
schien.

Der Wald bestand hier grtenteils aus Nadelholz, mit sehr wenig
Unterholz vermischt, der Boden war deshalb auch fast einzig und
allein mit Fichtennadeln bedeckt, und geruschlos -- hier und da die
niedergebrochenen, trockenen kleinen ste und Zweige vermeidend, um sich
nicht durch das Knacken derselben zu verrathen -- schlich der gebte
Jger dem Eingang der ersten Hhle nher und immer nher. Gerade auf dem
Kamm der ziemlich flachen Anhhe lag jedoch eine umgestrzte Fichte, mit
der Wurzel der verdchtigen Stelle zu, und sich vorsichtig um den Wipfel
herumbiegend, glitt er am Stamme hin und befand sich nun hinter dem
Erdwall, der in den durch den Sturz der Riesin mit ausgerissenen Wurzeln
hngen geblieben war. Hier aber kauerte er mehrere Sekunden lang laut-
und regungslos nieder -- das Herz schlug ihm schwer und ngstlich in der
Brust, und er getraute sich kaum den Kopf zu heben, um ber das niedere
Bollwerk hinwegzuschauen. Dort sollte er ja das Wesen sehen, das er, er
wute selbst nicht weshalb, zu den berirdischen rechnete, weil seine
Existenz einem Sterblichen durch ihm unbegreifliche Mittel verrathen
war, und lange konnte er sich nicht entschlieen, das mit eigenen Augen
zu erblicken, was zu glauben sein Verstand sich strubte. Endlich fate
er ein Herz, hob leise den Kopf empor und -- htte vor berraschung fast
laut aufgeschrieen, denn in kaum zweihundert Schritten Entfernung --
das Gesicht ihm zugewandt -- sa -- Zug um Zug -- die von dem Gefangenen
beschriebene Gestalt.

Ein schmchtiger, bleicher junger Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer
breiten Binde um das linke Auge, die das halbe Gesicht verdeckte, und
mit einem gelben, breitrandigen Strohhut auf den dunkeln Locken --
dazu der helle Rock und die blauen Beinkleider -- es war der im Traum
gesehene Mrder, bis auf das Kleinste, Unbedeutendste der Beschreibung
herab. Selbst seine Stellung verrieth die That, die er begangen, denn
ngstlich, halb vorgebeugt sa er, wie zum Sprunge bereit, neben dem
Feuer, und schien die Gegend, in welcher sich Leslie gerade befand, mit
seinem Blick zu berfliegen, als ob er von dorther Jemanden erwarte oder
zu sehen frchte.

Weshalb, um aller guten Geister Willen, lagert das Menschenkind
hier? frug sich Leslie unwillkrlich -- und ist es berhaupt ein
Menschenkind? fuhr er dann leise schaudernd fort. Doch Alles eins --
Mensch oder Teufel -- Du bist der, welcher meinen Freund erschlagen hat,
und fort kommst Du nicht mehr.

Mit dem Adlerblick des Jgers berflog er die ganze Gegend und sah bald,
da der Flchtling, nach dem wie er seine eigenen Leute postirt hatte,
ihnen nicht mehr entgehen konnte. Auf der einen Seite starrte steil
und kahl der nackte Felsenkamm empor, in dessen Fu sich die
Hhlen befanden; zur Linken tobte der kleine, durch die Bergwasser
angeschwellte Strom; und htte er diesen auch durchschwimmen wollen,
so erwarteten ihn doch drben die wackeren Mnner von Seneka, die bei
solchen Gelegenheiten gerade nicht mit sich spaen lieen. Alle andern
Schluchten und Anhhen waren ebenfalls von den Jgern und Backwoodsmen
besetzt, und Leslie, darber beruhigt, schlich nun eben so leise zurck
als er gekommen, lie den jungen Mann, der ihn begleitet hatte, die
brigen von seinem Plane in Kenntni setzen, und auf sein gegebenes
Zeichen brachen von allen Seiten zugleich die in dunkles Hirschleder
gekleideten Gestalten aus dem Dickicht hervor und sprangen, flchtigen
Panthern gleich, mit vorgehaltenen Bchsen auf den Fremden ein. Dieser
aber, durch das Pltzliche des berfalls betubt, stie einen gellenden
Angstschrei aus und warf sich dann, ohne weiter einen Versuch zur Flucht
oder zum Widerstand zu machen, mit dem Antlitz auf die Erde nieder. Er
schien jeder Hoffnung auf Rettung entsagt zu haben und die Mnner,
die ihn zuerst erfaten und vom Boden emporrissen, fhlten, wie seine
Glieder zitterten und seine ganze Gestalt erbebte.

Hund! schrie der krftige Leslie aber jetzt, und hob die eiserne Faust
zum Schlage auf -- Hund -- feiger -- nichtswrdiger Hund, der Du bist
-- Du also hast es gewagt, die Hand an den krftigsten Burschen zu
legen, den je Kentucky's Boden getragen? Du -- Gedanke von einem Manne,
den man erst _trumen_ mu, um seiner habhaft zu werden.

Der Fremde hob die Arme flehend empor und wimmerte Gnade! Leslie
aber schien wenig geneigt, ihm diese angedeihen zu lassen; denn seine
hammerartige Faust sollte eben auf seinen Schdel niederfallen, und
wer wei, ob der Sheriff dann nicht bei der ganzen Verhandlung unntz
gewesen wre; der eine Constabel aber lenkte den Schlag des Erzrnten
zur Seite, da er machtlos an der Schulter des Knieenden niederglitt,
und rief:

Schmt Euch, Leslie -- wollt uns Leute vom Gericht um das Unsrige
bringen -- der ist dem Strick verfallen -- so gnnt ihm den auch.

Ehe aber noch Leslie ein Wort darauf zu erwidern vermochte, drngte
sich die brige Masse der Mnner und Frauen herbei, die es nicht
lnger ausgehalten hatten, das Resultat in Ungewiheit zu erwarten.
Den Gefangenen fhrten sie in ihrer Mitte und schon von weitem riefen
einzelne Stimmen:

Ist er es? ist es der Mrder, den Mac Ferson im Traum gesehen? Kaum
aber hrten sie das antwortende _Ja_ -- das kommt schnell -- wir
haben ihn -- er fleht um Gnade! da stieg ein wildes Jubelgeschrei in
die Luft und Alles drngte jetzt in wilder Eile vor, den zu sehen,
der durch Gott selbst den Gerichten berliefert worden. Den bisherigen
Gefangenen beachtete Keiner mehr; nur ein Knabe von zehn oder eilf
Jahren, auch ein Irlnder, der mit Mac Ferson auf einem Schiff
herbergekommen war, hatte sich bis jetzt dicht zu ihm gehalten, und als
er nun, von Allen zurckgelassen, allein stehen blieb, da ihm seine
auf den Rcken zusammengebundenen Hnde nicht verstatteten, so schnell
fortzukommen, glitt er schnell hinter ihn, schnitt ihm mit einem
haarscharfen Messer die Bande durch, drckte ihm in der nchsten Secunde
den Griff des Stahls in die Hand und folgte dann in flchtigen Stzen
den brigen. Mac Ferson aber, ohne die mindeste Neugierde zu bezeigen,
wie der Mann im wirklichen Leben ausshe, den er schon einmal im Traum
erblickt, warf sich, als er kaum seine Hnde frei und zugleich bewaffnet
fhlte, hinter einem umgestrzten Baumstamm, der ihn den Blicken der
brigen entzog, lief gebckt, aber so schnell er konnte, hinter diesem
hin, kroch ber den Kamm der Anhhe hinweg, bis er diese zwischen sich
und seinen bisherigen Feinden wute, rannte dann, so schnell ihn seine
Fe trugen, den Abhang hinunter in das angrenzende Dickicht, sah sich
hier einen Augenblick etwas ngstlich um, schien aber bald das, was
er suchte, gefunden zu haben -- ein Pferd, das hier gesattelt und
aufgezumt, wie des Reiters harrend, stand, schwang sich auf dessen
Rcken und sprengte, ihm die Hacken in die Seiten bohrend, in vollem
Carriere gen Sden.

Wie eine zrnende Fluth ergo sich jetzt die wogende Menschenmasse der
Stelle zu, wo der so wunderbar Entdeckte noch immer wie in grlichster
Angst und Verzweiflung auf den Knieen lag. Man ri ihn vom Boden auf
und aus den wildverworrenen Fragen, die fast von jeder Lippe an ihn
gerichtet wurden, schien er nicht eine einzige verstehen zu knnen oder
zu wollen, denn er warf zuerst einen scheuen Blick im Kreis umher, und
barg dann auf's Neue das Antlitz in den Hnden.

Der Sheriff drngte die ihm zunchst Stehenden ein wenig zurck, bat
sie ihm Raum zu machen, um den Gefangenen zu examiniren, und das Volk,
willig gehorchend, beobachtete tiefes Schweigen.

Hast Du den Kentuckier erschlagen? war jetzt des Sheriffs erste Frage,
der es nach all dem Vergangenen fr ganz unmglich hielt, da der, den
sie hier so mitten im Walde gefunden, vielleicht gar Nichts von der
Sache wisse. Hast Du den Kentuckier erschlagen? Gestehe es, und
vielleicht kann Dir noch Gnade werden!

Gnade? unterbrach ihn Leslie entrstet, ehe der Gefangene auch nur
eine Sylbe zu erwidern vermochte -- Gnade? den mcht' ich sehen, der
Hills Mrder begnadigen wollte. Tod und --

Ruhe! tnte es von allen Seiten. Strt den Sheriff nicht und lat ihn
thun, was seines Amtes ist -- Ruhe!

Eine augenblickliche Todtenstille folgte dem frheren Lrmen, und der
Sheriff berhrte auf's Neue die Schulter des Unglcklichen und sagte mit
ernster und doch milder Stimme:

Hast Du den Kentuckier erschlagen, so gestehe es -- nur durch ein
offenes Gestndni kannst Du noch auf Gnade oder Mitleiden hoffen. Bist
Du der Mrder?

Gnade -- Gnade! schrie der Knieende und umklammerte die Knie des
Sheriffs -- Gnade -- ich will Alles gestehen.

Ein Wunder -- ein Wunder! riefen die Baptisten im jubelnden Chor, und
der Prediger stimmte mit voller, lauttnender Stimme ein Loblied
des Herrn an, in das smmtliche Mitglieder seiner Gemeinde jauchzend
einfielen.

Wo ist Mac Ferson? sagte jetzt der Sheriff -- -- bringt ihn her, da
wir sehen, ob dies derselbe ist, der ihm im Traum erschienen.

Die Constabel sahen sich etwas verblfft einander an, denn Keiner von
ihnen hatte mehr an Mac Ferson gedacht. Der war ja unschuldig, der in
Erfllung gegangene Traum bewies das so sonnenklar wie nur mglich.
Schnell durcheilten sie jedoch die Menge, den Verlangten aufzufinden
und ihn, eigentlich im Triumph, zu dem hinzufhren, fr dessen Schuld
er beinah htte ben mssen; aber vergebens schauten sie sich zu
ihrem Erstaunen nach dem bisherigen Gefangenen um, der war und blieb
verschwunden und sie sahen sich endlich genthigt, dem Sheriff Anzeige
davon zu machen, der dann augenblicklich nach allen Richtungen hin
Botschafter ausschickte, den vermuthlichen Flchtling zurckzubringen,
ihm aber zu sagen, da er ohne Furcht folgen mge -- er sei frei; der,
den ihm Gott im Traum gezeigt, habe die Schuld schon gestanden.

Alle Wetter! rief da der ehrliche Leslie aus, jetzt luft der fort,
weil er dem Frieden doch nicht so recht traut, und ist ein ehrlicher
Mann und ich habe ihm Unrecht gethan. Nein, Sheriff, der soll nicht
lange in der Welt umherirren und sich frchten, einem ordentlichen Kerl
in's Auge zu schauen -- den mssen wir wieder finden, und mein bestes
Pferd soll er haben, wenn er's annehmen will, nur deshalb, weil ich ihn
fr einen Schurken und Mrder gehalten. Gebt Ihr aber indessen wohl auf
den zitternden Hallunken acht -- gnade Gott dem, der ihn entspringen
lt. Nun fort, Ihr Leute, lat uns Mac Ferson wiederfinden -- er kann
noch nicht weit sein, und drben an der Strae stehen ja alle unsere
Pferde.

Der ehrliche Backwoodsman suchte jetzt, von seinen Freunden gefolgt, den
ganzen Bezirk ab, und bald entdeckten auch ihre scharfen gebten Augen
die Fhrten des Entflohenen; Andere waren indessen nach den Pferden
abgesandt, und Leslie schwang sich bald auf seinen feurigen Rappen und
sprengte mit verhngten Zgeln dem nach, dem er so entsetzliches Unrecht
gethan zu haben glaubte. Die brigen folgten zwar noch ebenfalls eine
Strecke, gaben aber die Jagd bald auf, da sie einsahen, da sie mit dem
besser berittenen Leslie nicht Schritt halten konnten.

Indessen hatte sich um den auf so wunderbare Art gefangenen jungen Mann
eine ganz eigene Gruppe gebildet; noch immer barg dieser nmlich sein
Gesicht in den Hnden und die Frauen, die gar zu gern gewut htten, was
er denn eigentlich fr Augen habe und wie er berhaupt ausshe, drngten
immer nher und nher herzu und hielten den Sheriff und den zitternden
Mrder fast allein umzingelt, whrend die krftigen Gestalten der
zurckgebliebenen Hinterwldler den ueren Kreis um diesen Zirkel
bildeten. Der Sheriff aber winkte jetzt dem einen Constabel, den
Verbrecher aufzuheben, um ihn in die Stadt und seinem richterlichen
Verhr zuzufhren; erst nach langem Struben gehorchte der Unglckliche
aber seinen Wchtern, und mehre Male mute ihm der Baptistenprediger
zureden, sich zu ermannen, seine Snden zu bereuen und Gott wenigstens
mit seinem entsetzlichen Verbrechen auszushnen.

Wo ist Mac Ferson? flsterte dieser endlich mit leiser, kaum hrbarer
Stimme.

Hol' mich der Henker -- ob er den Namen nicht kennt, sagte der
Constabel -- der ist fort, sie werden ihn aber wohl wieder holen!

Fort? rief der Gefangene mit lauter freudiger Stimme und richtete sich
schnell und pltzlich hoch auf -- fort? ist er wirklich fort?

Jesus von Nazareth! schrie die Frau des Presbyterianischen
Geistlichen, die dicht neben dem jungen Manne stand, und sich bis jetzt
vergeblich bemht hatte, sein Gesicht zu sehen, whrend ihr dieser jetzt
starr in's Antlitz sah -- Jesus von Nazareth, das ist ja Missis Mac
Ferson. --

Missis Ferson? rief Alles erstaunt durcheinander; die Frau des Iren?
seine eigene Frau? und das der Mrder?

Judith Mac Ferson aber, denn es war in der That die Frau des jetzt
glcklich Befreiten, sank wieder thrnenden Auges auf ihre Kniee nieder
und sandte zu dem Allerbarmer ein heies Dankgebet empor, da ihr die
Rettung ihres Mannes so glcklich gelungen sei.

Der Sheriff sammelte sich zuerst wieder, denn die brigen standen
wirklich alle so stumm und starr vor berraschung, als ob sie der Schlag
getroffen habe; mit blitzenden Augen trat er der schnen jungen Frau,
die jetzt die entstellende Binde und den Strohhut von der dunklen
Lockenflle abwarf, entgegen und rief mit finsterem Blick und drohender
Stimme:

Unglckliche, Du hast einem Verbrecher zur Flucht verholfen und mut
nun selbst dafr seine Strafe leiden -- Du kanntest die Gesetze des
Landes nicht und bist in Dein eigenes Verderben gegangen. Ich verhafte
Dich hiermit im Namen der Gesetze -- Mrs. Mac Ferson, fuhr er dann mit
ernster, tiefer Stimme fort, indem er seine Hand nach ihrer Schulter
ausstreckte -- Mrs. Mac Ferson -- Sie sind meine Gefangene!

Judith Mac Ferson hatte aber, wenn auch erst kurze Zeit in Amerika,
die Charaktere der Frauen kennen gelernt, unter denen sie lebte und auf
deren Schutz vertrauend sie das gefhrliche Spiel gewagt. Mit schnellem
Druck des Constabels Arm zurckschiebend, trat sie zwischen die erstaunt
zu ihr aufblickenden Frauen und rief:

Weg von mir, Sir -- weg von mir! Ihr habt keinen Theil an mir. Habe ich
ein Verbrechen begangen? Es war mein Mann -- der Vater meines Kindes,
den ich befreite; ist eine hier unter den Frauen von Pensylvanien, die
nicht unter gleichen Verhltnissen ein Gleiches gethan htte? Ist Eine
hier von Mttern oder Weibern, die nicht willig ihr Leben daran setzen
wrde, den Geliebten zu befreien? _Keine_ -- ich wei es, und kein
Gericht des Landes wird mich deshalb strafen knnen. Werden aber die
Frauen von Pensylvanien zugeben, da ich einem Gericht ausgeliefert
werde?

Nein -- nimmermehr -- den wollen wir sehen, der ihr etwas zu Leide zu
thun sollte, rief es von allen Seiten, und um das junge, heldenmthige
Weib schaarten sich besonders die Presbyterianischen Frauen, voller
Freude, da den Baptisten ein solcher Sieg milungen sei.

Ladies -- auf Ihre Verantwortung, rief der Sheriff -- Sie mssen
mir fr die Dame haften, brigens wird ihre Gefangennehmung wohl nicht
nthig sein, denn Leslie ist mit seinem Rappen auf Mac Fersons Fhrten,
und wir kennen Alle miteinander Leslie genug, um nicht zu wissen, da
der nimmer zurckkehrt, ehe er den Flchtigen eingeholt hat. Einen
besseren Renner giebt's in ganz Pensylvanien nicht, als sein Rappe.

Judith erbleichte, die Frauen aber lieen ihr gar keine Zeit sich zu
besinnen, nahmen sie in ihre Mitte und fhrten sie im Triumphe fort. So
eifrig sie frher die Hinrichtung Mac Fersons gewnscht hatten, so
sehr interessirten sie sich jetzt fr seine Flucht, und selbst die
Baptistinnen konnten die Frau nicht tadeln, die ihren Mann befreit habe.

Um so mehr eiferte der Baptisten_prediger_, der jetzt mit mehren
Anderen, mit denen er Mac Fersons Spuren aufgesucht, zurckkehrte,
dagegen. Er sah in dieser lgenhaften Eingebung eines rettenden Traumes,
zu dem sich die beiden Eheleute verabredet hatten, eine Blasphemie
des Gttlichen und forderte ernst und bestimmt die Auslieferung beider
Gotteslsterer. Der eine war aber, Niemand wute wo, und die Andere
wurde, nun sich der Baptist so fest dagegen erklrte, von den
Presbyterianerinnen nur um so mehr vertheidigt und in Schutz
genommen. Bald erreichte man die Stadt wieder, und hier erboten sich
augenblicklich drei junge Leute, Mrs. Ferson mit ihrem Kinde, das
indessen bei einer Landsmnnin geblieben war, hinzubegleiten, wohin
sie gebracht zu sein wnsche. Das nahm Judith mit herzlichem Danke an,
verschwieg aber natrlich den verabredeten Ort, wo sie ihren Mann wieder
zu treffen hoffte, denn der kleine Irlnder, der Mac Fersons Bande
durchschnitten, hatte ihr ebenfalls zugeflstert, wie dieser auf
schnellem Ro seine Flucht bewerkstelligt, und sie verlangte nur an den
Ohioflu gebracht zu werden, von wo aus sie ihre Bahn selbst verfolgen
wolle. Das geschah denn auch noch an demselben Nachmittage, und whrend
der Sheriff mit den zwei Constabeln und dem Baptistenprediger berieth,
was in diesem Falle zu thun sei, und ob man erst die Rckkunft Leslie's
mit dem Entflohenen abwarten solle, sprengte Judith Mac Ferson, auf
einem schlanken Zelter, das Kind im Arm, die Begleiter an ihrer Seite,
die Fahrstrae hinunter, die dem schnen Ohioflusse zufhrte.

Doch jetzt wollen wir Mac Ferson folgen, der, sobald er das Pferd
erreicht und sich hinaufgeschwungen hatte, mit kaum unterdrcktem
Jubelschrei einen kleinen Holzpfad entlang flog, welcher ihn endlich
zu der Hauptstrae fhren mute. Er ritt ein wackeres Thier, und hatte
gegrndete Ursache zu glauben, da der von seinem treuen Weibe so
glcklich erdachte Plan gelingen mte. Einige Meilen vom Ohio noch
entfernt, wollte er nmlich absteigen, das Pferd laufen lassen, um
etwaige Verfolger irre zu fhren, und dann seinen eigenen Weg bis zu
einer Stelle am Ohioflu fortsetzen, wo er frher schon einmal zwei
Nchte mit seiner kleinen Familie gelagert hatte. Dort sollte er Judith
erwarten, und dann konnten sie von da aus leicht eine neue Heimath im
fernen Westen aufsuchen, wohin ihre Verfolger schwerlich vordringen
wrden, selbst wenn sie den Aufenthaltsort erfahren sollten.

Frhlich gallopirte daher Mac Ferson, von diesen Gedanken erfllt,
die Strae entlang, und mochte etwa sechs oder sieben englische Meilen
zurckgelegt haben, als sein Pferd, das ber einen im Wege liegenden,
umgestrzten Baumstamm wegsetzen wollte, in einer trockenen aber noch
zhen Schlingpflanze hngen blieb, strzte, den Reiter weit ab gegen
einen Baum schleuderte und dann, unfhig sich wieder zu erheben, liegen
blieb.

Wie lange diese Bewutlosigkeit Mac Fersons gedauert haben konnte, wute
er selber nicht, als er aber nach ziemlich langer Zeit wieder zu sich
kam, fhlte er, wie ihm Jemand die Schlfe mit kaltem Wasser wusch und
erkannte, als er die Augen aufschlug, _den_ Mann, der, wie er wute,
sein grimmigster Feind war.

Mit einem leisen Schmerzensruf sank er wieder zurck, Leslie aber,
der wohl ahnen mochte, was den Armen erschreckt habe, bog sich zu ihm
nieder, fate seine Hand und sagte:

Frchtet Nichts, Mac Ferson -- wir haben Euch Alle Unrecht gethan; der,
den Euch Gott im Traum gezeigt, hat das Verbrechen gestanden; Ihr
knnt frei zurckkehren, ich selbst bin Euch aber nachgeritten, um Euch
abzubitten, da _ich_, vor allen Anderen, Euch so feindlich gesinnt war;
aber seht, Hills war mein Freund, und wenn auch sonst ein etwas roher
Gesell und vielleicht in manchen Stcken tadelnswerth genug, so mut'
ich mich doch seiner im Tode annehmen, da er ja sonst fast Niemanden in
Seneka hatte, der seinen Mord rchen konnte. Kommt -- steht auf -- gebt
mir Euere Hand und lat uns Freunde sein. Ihr habt Euch doch keinen
Schaden gethan?

Mac Ferson wute kaum, ob er seinen eigenen Ohren trauen sollte. War
dies vielleicht ein Traum, der ihn befangen hielt, oder hatte er den
frheren wirklich getrumt? Die durch den Sturz angegriffenen Sinne
vermochten nicht gleich klar und deutlich seine jetzige Lage zu fassen,
und er schlo wieder auf mehrere Sekunden die Augen, um sich erst ganz
zu sammeln. Mac Ferson war brigens nicht der Mann, einen sich ihm
bietenden Vortheil leicht hintanzusetzen. Leslie wute augenscheinlich
noch nicht, da der vermeintliche, von ihm im Traum gesehene Verbrecher
sein eigenes Weib, und das ganze ein abgekarteter Plan gewesen war;
dieser mute ihn daher auch fr unschuldig halten, und er beschlo nun,
seine Maregeln darnach zu ergreifen.

Er ffnete die Augen, richtete sich mit des Amerikaners Hlfe, indem
er sich schwcher stellte, als er wirklich war, vom Boden auf, und
lie sich nun mit kurzen Worten erzhlen, wie sie den von ihm so genau
bezeichneten Fremden gefunden htten. Ehe er sich aber noch selbst ber
seine eigene Flucht entschuldigen konnte, trat Leslie, der darauf weiter
gar nicht einging, zu Mac Fersons Pferd und fand, da dieses das linke
Vorderbein gebrochen hatte. Jetzt war guter Rath theuer. Der Irlnder
erklrte, er knne keine hundert Schritte weit gehen, alle seine Glieder
seien ihm wie zerschlagen, und ein Haus war ebenfalls nicht in der
Nachbarschaft, wo man vielleicht ein Pferd htte borgen knnen; hier
blieb also keine andere Wahl, Leslie bot dem Irlnder sein Pferd zum
Reiten an, versicherte ihm dabei nochmals, er knne unbesorgt mit ihm
zurckkehren, er wrde von Allen auf das Freundlichste empfangen werden,
und half ihm dann selbst in den Sattel. Ob er aber dem Erschpften doch
noch nicht so recht trauen mochte, oder ob ihm der scheue Blick mifiel,
mit dem sich dieser nach der Strae umsah, als ihm Leslie den Sattel
und Zaum seines eigenen Thieres hinaufreichte, kurz, der Amerikaner nahm
eine lange Leine, die er in der Tasche trug, hervor, befestigte sie in
einer Schlinge um den Hals des Pferdes und trieb dieses nun langsam den
Weg zurck, den er eben gekommen war.

Mac Ferson wute aber, da seine List jetzt entdeckt sein mute --
jeden Augenblick konnte ihnen ein neuer Bote begegnen, der den wahren
Sachbestand verkndete und ihm dann _jede_ Aussicht auf Rettung
abschnitt; sein Entschlu war also auch deshalb schnell und ohne
weiteres Zgern gefat, und eben, als sie auf die oben beschriebene Art
vielleicht eine Meile zurckgelegt hatten und an eine Stelle kamen, wo
der Pfad so schmal wurde, da Leslie nicht mehr nebenher gehen konnte,
sondern voraus mute, wobei er jedoch das Seil nicht loslie, zog Mac
Ferson schnell aber vorsichtig das von dem Knaben erhaltene Messer aus
dem Grtel -- trennte mit raschem Schnitt die hnfene Schnur, die ihn
bis jetzt noch immer zum Gefangenen gemacht, ri in demselben Augenblick
den Rappen auf den Hinterfen herum, und ehe sich der bestrzte
Amerikaner nur besinnen konnte, ob er seine Bchse gebrauchen sollte
oder nicht, war der auf's Neue Befreite schon im dichten Gebsch seinen
Blicken entschwunden.

Acht Tage spter erhielt Leslie, der vergebens den Ruber seines
Eigenthums zu Fu verfolgt hatte und die Fhrte gegen Abend, da ein
ziemlich starker Regen fiel, nicht mehr erkennen konnte, sein Pferd
durch einen, etwa zwanzig Meilen von Seneka wohnenden Farmer zurck, der
ihm auch zugleich einen kleinen Brief von Mac Ferson einhndigte, worin
ihm dieser fr die geleistete Hlfe herzlich dankte, sich aber nochmals
entschuldigte, da er zu einem frommen Betruge seine Zuflucht habe
nehmen mssen.

Da er jedoch, so schlo er seine Zeilen, bei weitem lieber in dem
khlen Schatten der stolzen Eichen des Westens lagere, als -- mit
zugeschnrter Kehle an einem Chestnutast in Pensylvanien hnge -- so sei
ihm das wohl nicht so sehr zu verdenken gewesen. ber den Mord sagte er
weiter Nichts. Sein wirklicher Aufenthaltsort wurde nie nher bekannt,
doch hie es allgemein und vielleicht nicht unrichtig -- Mac Ferson ist
nach _Texas_.




Eine Pantherjagd.


Heulend und bellend liefen und sprangen drei krftige, schlankgebaute
Hunde vom Geschlecht der Bracken, die Nasen im eifrigen Suchen dicht am
Boden haltend, durch den dicht verwachsenen Wald, oft die Spur in
den drren Blttern verlassend und auf umgestrzten Bumen und alten,
halbverfaulten Stmmen schnoppernd, auf denen sie hinliefen und von da
wieder klffend ihre Verfolgung erneuerten; ein sicheres Zeichen, da
ihre Jagd einem wilden Thier, sei es nun Br oder Panther, und nicht
dem schnellfigen Hirsch galt, der sie wohl, wenn er ihre Bahn
durchschnitt, auf kurze Zeit von ihrer Fhrte ablocken, nie aber ganz
der einmal aufgenommenen Spur untreu machen konnte.

Jetzt hatten sie einen Platz erreicht, auf dem ihr Feind offenbar eine
Zeitlang verweilt, und seine Fhrten gekreuzt haben mute, denn heulend
standen sie oft einen Augenblick still und durchsuchten dann, mit
wildem Winseln hin und herspringend, desto eifriger den, von dicht
herabhngenden Schlingpflanzen fast wie mit einer lebendigen Mauer
umgebenen Raum, immer wieder zum Mittelpunkt zurckkehrend, um ihr
Heulen und Wehklagen dort wie frher zu beginnen.

Pltzlich theilten sich die Bsche, und ein junger Mann auf einem
kleinen, schwarzen, indianischen Pony setzte, mit seinem breiten
Jagdmesser, das er blo in der Hand trug, ein paar Schlingpflanzen in
krftigem Zuge durchhauend, die ihn vom Pferde zu reien drohten, gerade
zwischen die Hunde hinein, die bei seinem pltzlichen Erscheinen ihn
fr einen Augenblick freundlich wedelnd umgaben, und dann wieder, mit
erneutem, durch die Nhe ihres Herrn belebten Eifer in ihrem Suchen
fortfuhren.

So recht, meine braven Thiere, rief der junge Jger, indem er sein
Pferd anhielt, das Messer in die Scheide zurcksteckte und die
lange Bchse, die er auf der linken Schulter trug, vor sich auf den
Sattelknopf legte, so recht, -- sucht, sucht -- ihr seid einmal auf der
Fhrte, und ich denke doch, da wir diemal den Ferkeldieb erwischen,
der mir schon so oft entgangen ist!

Huhpih! rief er, sich hoch im Sattel aufrichtend und seinen Jagdruf
ausstoend, als er sah, da der lteste der Hunde pltzlich die wieder
gefundene Fhrte aufnahm und von den andern gefolgt, augenblicklich im
Dickicht verschwand.

Huhpih! und die Bchse zurck auf die Schulter werfend, ergriff er
jetzt mit der rechten den Zgel, rannte dem hochaufbumenden Pony die
Hacken in die Seite, und flog in wilden Sprngen seinen dahineilenden
Hunden nach.

Im Wege liegende Stmme, dicht verwachsenes Gebsch, Sumpflcher und
schlammige Canle, Nichts konnte ihrem Eifer Schranken setzen, vorwrts
ging's, und schnaubend und schumend folgte der Rappe mit seinem in
freudiger Lust hochaufjauchzenden Herrn.

Da hielten die Hunde aufs Neue; diemal hemmte aber nicht Ungewiheit
ber die Richtung des Weges, den der verfolgte Feind eingeschlagen haben
konnte, die Wthenden, nein, bellend und heulend sprangen sie an einer
starken Eiche in die Hhe, und bissen vor Grimm in die Wurzeln und die
rauhe Rinde des mchtigen Baumes, da er ihrem Feinde Schutz verlieh,
und ihn seinen Verfolgern vorenthielt.

Jetzt erschien auch der Jger auf dem Wahlplatz, und sprang, ohne nur
das Anhalten seines feurigen Thieres abzuwarten, mit einem Satz aus dem
Sattel, das seiner Last enthobene Thier sich selbst berlassend; mit
sphendem Blick aber untersuchte er den dichtbelaubten Baum, an dem die
Hunde jetzt wieder jauchzend emporsprangen, und erkannte bald, zwischen
ein paar sten eingeschmiegt, die Gestalt eines lebendigen Wesens, das
dort sich, fest an einen der ste angedrckt, versteckt und unbemerkt
glauben mochte.

Zwar war es im Schatten des dichten Laubes ziemlich dunkel, und ein
weniger gebtes Auge als das unseres jungen Waldbewohners mchte wohl
lange ber den Namen und die Art des Thieres, das sich so angelegentlich
den Blicken der Untenstehenden zu entziehen suchte, in Ungewiheit
geblieben sein; _Wistons_ scharfer Blick erkannte aber bald in der
zusammengepreten Gestalt das Junge eines Panthers, das der lange
Schweif, den es nicht ganz verbergen konnte, leicht verrieth.

Schon hob er die Bchse, um das sich sicher Glaubende aus seiner Hhe
herabzuholen, und athem- und lautlos schauten die Hunde ngstlich
und erwartend bald nach dem Lauf der Bchse, aus dem sie mit jedem
Augenblick den Feuerstrahl herausblitzen zu sehen hofften, bald nach dem
Gipfel der Eiche, in deren Laub sie ihren Feind wuten.

Doch vergebens war diemal ihr leises, flehendes Winseln, mit dem sie
den Schu ihres Herrn zu beeilen glaubten; dieser schien sich pltzlich
anders besonnen zu haben, setzte die Bchse ab, und begann auf's
Neue den Baum, fast mit noch grerer Aufmerksamkeit als vorher, zu
untersuchen.

Nach langem, bedchtigen Ausblicken schien er sich endlich von dem, was
er wissen wollte, berzeugt zu haben, stellte seine Bchse gegen einen
umgestrzten Stamm, der nicht weit vom Baume lag, schnallte seinen
Grtel ab, in welchem Messer und Tomahawk staken, zog sein Jagdhemd
aus und kehrte dann mit dem Grtel, den er in der Hand hielt, zur Eiche
zurck, welche die Hunde, die zwar aufmerksam allen Bewegungen ihres
Herrn gefolgt waren, dennoch nicht aus den Augen lieen.

Ich versuchs, murmelte er endlich vor sich hin, ich versuch's und
fang ihn lebendig; bringe ich den jungen Panther nach Little Rock, so
bekomme ich dort mit Leichtigkeit meine 10-15 Dollars fr ihn, schie
ich ihn dagegen, so ist das Fell keinen Bit werth. Die Alte mu berdie
geflohen sein, denn ich kann sie nirgends im Baume sehen, und fr
10 Dollars lt man sich schon einmal von solch einem jungen Teufel
kratzen; also Pantherchen, pa auf, ich komme!

Mit diesen Worten ging er zu seinem Pferde, das ruhig graste, schlang
einen Strick, der um dessen Hals gewunden war, von demselben ab,
schnallte seinen eigenen Grtel wieder um, in den er das Messer steckte,
den Tomahawk aber zurcklie, und begann den starken Baum, den er nicht
umklammern konnte, zu ersteigen, indem er das Seil, dreifach genommen,
um den Stamm warf, die beiden Enden desselben, und zwar so kurz, als er
sie fassen konnte, ergriff, und dann mit deren Hlfe, indem er bald mit
dem rechten, bald wieder mit dem linken Arme sich bedchtig am Baume in
die Hhe zog, denselben erstieg.

Die Hunde verstanden augenblicklich, was er beabsichtige und umsprangen
winselnd und jauchzend die Wurzeln der Eiche.

Langsam zwar, aber sicher klomm er an dem geraden, schlanken Stamm, wohl
40 Fu empor, ehe er an die ersten ste kam und dort einen Augenblick
Athem schpfen und sich ausruhen konnte; hier fhlte er auch nach seinem
Messer, ob das noch fest stak, blickte zum jungen Panther, der noch
bewegungslos an demselben Ast wie frher angeschmiegt lag, empor,
schlang sich jetzt das Seil, dessen er nun, da er die ste zum Anhalten
hatte, nicht mehr bedurfte, um die Schultern, und stieg, gewandt die
Zweige als Sprossen seiner natrlichen Leiter benutzend, schnell und
leicht zu dem jungen Panther hinauf, der zwar, ohne sich zu regen,
liegen blieb, aber dennoch die glhenden Blicke fest auf den nahenden
Feind geheftet hielt.

Aber noch andere und wildere Blicke beobachteten und bewachten das
Fortschreiten des Jgers, der von solch grimmiger, gefhrlicher Nhe
keine Ahnung hatte, und zwar Niemand anders als die Mutter des Jungen,
die auf einem dicht danebenstehenden verdorrten Baume, dessen Zweige in
die des andern hineinragten, auf einen Ast niedergeduckt, zum Sprunge
fertig da lag und mit dem Schwanze leise wedelnd nur die noch weitere
Annherung des Jgers zu erwarten schien, um mit gewaltigem Satze sich
auf den Khnen, der ihre Brut greifen wollte, zu werfen, und ihn mit
Zahn und Tatze zu vernichten.

Sorglos schwang sich _Wiston_ von Ast zu Ast, und war schon dicht unter
dem Jungen, das sich jetzt leise erhob und nach Art der Katzen den
Rcken biegend auf dem Aste stand und nach dem Jger herunterschaute,
die Gefahr, welche dessen Nhe mit sich brachte, noch nicht so recht
begreifend; da hielt der Jger, wand das Seil von seinen Schultern,
machte schnell eine Schlinge daraus, um sie ber den Kopf des Jungen zu
werfen, und schaute, sich auf zwei anderen sten feststellend, eben
zu diesem empor, um den rechten Zeitpunct abzuwarten, als er, gerade
gegenber, kaum zehn Schritte von sich entfernt, in die glhenden
Augen der Pantherin blickte, die sich eben zum entscheidenden Sprunge
niederbog.

Von Kindheit auf im Walde erzogen und mit den Gefahren, die den
einsamen Jger so oft bedrohen, bekannt und vertraut, behielt er in
dem frchterlichen Augenblick Besinnung genug, schnell und ehe der ihm
gegenber liegende Feind seine Absicht errathen konnte, den Stamm der
Eiche, auf dem er stand, zwischen sich und die Bestie zu bringen, was
ihm durch eine rasche Bewegung gelang; es war aber die hchste Zeit
gewesen, denn in demselben Momente schnellte auch die dunkle Gestalt des
Panthers auf den Platz, den er eben verlassen hatte, herber, und seine
glhenden Augen schauten in die des unerschrockenen Jgers, der den
linken Arm um einen Zweig gewunden, in der Rechten das blanke Messer,
mit jedem Athemzuge erwartete, das gereizte Thier auf sich herabspringen
zu sehen.

Die Pantherin jedoch, durch das Auge, das Jener fest auf sie geheftet
hielt, eingeschchtert, begngte sich damit ihr Junges beschtzt
zu wissen, und jede Bewegung ihres Feindes auf das Aufmerksamste zu
beobachten, whrend sie, kaum sechs Fu von ihm entfernt, mit dem
Schweife wedelnd da lag.

Zuerst glaubte sich _Wiston_ verloren, denn wenn auch sein Messer eine
gute und starke Waffe selbst gegen den grimmigsten Feind sein konnte, so
war doch schon der Platz allein, wo er stand, und wo ihn der geringste
Fehltritt zerschmettert in die Tiefe gesandt haben wrde, nicht zu einem
Kampf mit solchem Feinde geeignet; kaum fand er daher, da sein Gegner
sich damit begngte, ihn zu bewachen, als er schnell, aber vorsichtig
und ohne irgend eine rasche Bewegung zu machen, die das Ungethm htte
reizen knnen, das Messer in die Scheide schob und langsam seinen
Rckzug antrat.

Der Panther, als er sah, da Jener sich mehr und mehr von ihm entfernte,
folgte ihm langsam, und mehreremal zuckte _Wiston's_ Hand nach dem
Stahl, wenn sich die schlanke Gestalt der Katze zum Sprung niederbog,
immer aber konnte sich diese nicht zu einem offenen Angriff, Aug' in
Aug, entschlieen.

So erreichte er den untersten Ast wieder, schlang das Seil um den Stamm,
erfate beide Ende desselben, und glitt bedchtig, aber doch so schnell
als mglich hinab. Die Hunde hatten aber indessen ihren Feind in den
sten bemerkt, wie er ihrem Herrn folgte, und in toller Wuth, fast zur
Verzweiflung getrieben, da sie ihn nicht erreichen konnten, sprangen
sie empor und bellten und heulten auf eine herzbrechende Art.

Endlich gewann _Wiston_ wieder den festen sicheren Boden; seine Kleider
waren zerrissen, das Blut tropfte von seinen Armen, denn die rauhe Rinde
des Stammes hatte sie zerschnitten, seine Krfte waren erschpft und
seine Kniee zitterten; aber nicht einen Augenblick vergnnte er sich
zum Ausruhen, sondern sprang zu dem Ort, wo seine Bchse lehnte, ergriff
diese und hob sie, um den Panther aus seiner sicher getrumten Hhe
herabzuholen; aber vergebens bemhte er sich das schwere Rohr auch
nur eine Secunde lang still und unbeweglich zu halten, seine Glieder
zitterten, und er war genthigt sich niederzuwerfen, um auszuruhen. Aber
kein Auge wandte er von der, jetzt dicht an den Stamm angeschmiegten
Gestalt der Bestie, neben der das Junge, keine Gefahr weiter frchtend,
mit emporgehobenem Schweife, auf einem etwas vortretenden Aste stand,
und sich behaglich an der Mutter strich.

_Wiston_ erholte sich bald, fate noch einmal seine Bchse, zielte lange
und sicher, und donnernd schallte das Echo von fernen Hgeln herber.

Die Bestie, vom tdtlichen Blei durchbohrt, zuckte zusammen, sprang
empor und kletterte in wilder Eile von Zweig zu Zweig in den Gipfel
des Baumes; die dnnen ste schwankten unter ihr; jetzt hatte sie
den hchsten Punct erreicht -- hher hinauf wollte sie; das schwache
Laubwerk gab nach -- sie strzte, fate noch mit den gewaltigen Tatzen
im Herunterfallen nach den Blttern und Ranken und schmetterte, von den
Hunden heulend erwartet, verendet zu den Fen _Wiston's_ nieder.

Zwar stand diesem jetzt kein weiteres Hinderni entgegen, das Junge
lebendig zu fangen, das ngstlich bis zu den niedrigsten sten des
Baumes der Mutter gefolgt war, doch hatte er das erste Mal seine Krfte
zu sehr angestrengt, und vermochte nicht auf's Neue den beschwerlichen
Weg anzutreten; er lud daher seine Bchse wieder und brachte es mit
sicherem Schusse in den Bereich der Hunde, die mit grimmiger Wuth ber
dasselbe herfielen.

In wenigen Minuten waren die Felle abgestreift und auf den Pony
geworfen, und von den Hunden gefolgt, trabte der khne Jger neuer Beute
und neuen Gefahren entgegen.




Wandernde Krmer.


In den Vereinigten Staaten, wo die Farmer und Pflanzer nicht, wie in
Europa, in Drfern und Marktflecken zusammen, sondern vereinzelt auf
ihrem eigenen Lande und von diesem umgeben wohnen, ist natrlich der
Handel und Verkehr zwischen den verschiedenen, isolirt liegenden und
oft meilenweit von einander getrennten Besitzungen, wenn auch nicht
gehindert, doch sehr erschwert, und feststehende Kauflden knnten nur
denen zum Nutzen und zur Bequemlichkeit gereichen, deren Ansiedelung
sich gerade in ihrer Nhe befnden.

Da nun aber der Farmer nicht gern sein Land verlt, an das ihn
dringende Arbeiten fesseln, um irgend einen kleinen unbedeutenden
Gegenstand, den er vielleicht auch entbehren kann, einzukaufen, und
sich lieber einmal eine Zeitlang ohne solche Gegenstnde behilft, die er
sich, wenn er sie eben bei der Hand htte, wirklich anschaffen wrde, so
fanden es die Handelsleute bald fr nthig, anstatt auf seinen Besuch zu
warten, ihn selbst aufzusuchen, und durchzogen nun entweder in eigener
Person mit ihren Waarenpcken das Land oder schickten ihre Leute aus,
whrend sie dem Laden zu Hause vorstanden.

Vorzglich fanden die Deutschen an dieser Beschftigung Geschmack,
besonders unter diesen die Israeliten, (denn von all den wandernden
_deutschen_ Krmern in ganz Amerika sind kaum ein Hundertstel
Christen) und von New-York und New-Orleans, spter von Cincinnati aus
durchstreiften sie mit unermdlicher Ausdauer jeden Winkel der Union.

Der Handel ist das Lebensprincip der Israeliten, davon liefert Amerika
den unlugbaren Beweis; dort wird ihnen keine Schranke gesteckt, in der
sie sich bewegen mssen; dort sind sie durch Vorurtheile oder Gesetze an
keine Beschftigung, an kein Gewerbe gebunden, sie stehen mit der ganzen
brigen Bevlkerung auf Einer Stufe; was sie aber auch im Vaterlande
getrieben haben mgen, welches Handwerk, welche Kunst, es bleibt sich
gleich, in Amerika, wo sie whlen drfen, greifen sie nach dem Handel
und werden mit sehr wenigen Ausnahmen Kaufleute, oder geht das nicht,
Krmer und Hausirer, wie man sie dort nennt, Pedlars. Zwar ist ein
kleiner Theil dieser Pedlar, wie schon gesagt, Christen; doch dieser
sind so wenige und sie verlieren sich so sehr unter der Masse, da sie
kaum einer Erwhnung verdienen, und nur die wirklichen Yankees (die
Bewohner der nordstlichen Staaten der Union) concurriren bedeutend mit
ihnen, und nehmen auch wirklich in diesem Geschftszweig, selbst den
Juden gegenber, den ersten Rang ein. Wir aber haben es hier erst
vor allen Dingen mit den Deutschen zu thun. -- In einem der Seehfen
angekommen besteht die Baarschaft der wandernden Krmer, wenigstens die
der rmern Classe, gewhnlich noch aus wenigen Dollars, mit denen sie
denn auch nicht sumen, ohne weiteren Zeitverlust ein Geschft zu
beginnen. Ein schmaler Korb (zum Umhngen) wird vor allen Dingen
angeschafft, dahinein ein kleiner Vorrath von etwas Band und Zwirn,
einige Kmme und Zahnbrsten, Hosentrger und Zahnstocher, wunderbar
schimmernde Hemdknpfchen und Nh- und Stecknadeln und andere derartige
Sachen gekauft, und der Weg zu ihrem Glck ist gebahnt.

Noch versteht der angehende Kaufmann keine Sylbe von der Sprache des
Landes, das er jetzt zu seiner Heimath gemacht hat, =yes= und =no= und
noch ein paar kleine Hlfswrter, wie =very cheap= (sehr billig)
und =very good= (sehr gut) ausgenommen, mit einer liebenswrdigen
Dreistigkeit aber sucht er vorzglich die amerikanischen Huser auf
(denn die Deutschen selbst sind schlechte Kunden), und knpft hier
mit der Hlfe von solch barbarischen Wrtern und lebensgefhrlichen
Gesticulationen ein Gesprch an, da die Leute, wenn sie nicht den ohne
alles weitere Eintretenden beim ersten Anlauf aus der Thre werfen, sehr
hufig geneigt sind eine Kleinigkeit zu kaufen, die sie natrlich im
Leben nicht benutzen knnen, blos um das Mienen- und Gebrdenspiel wie
die auerordentliche Unterhaltung des jungen Amerikaners eine kurze
Zeit zu genieen.

Das dauert aber nur wenige Monate; in fast unglaublich kurzer Zeit
lernt der Pedlar die Landessprache wenigstens so weit, da er sich
verstndlich ausdrcken kann, und nun beginnt das eigentliche Leben
desselben.

Wie der Schmetterling aus der Puppe, so kriecht er mit seinem mchtigen
Packen und einem tchtigen Wanderstab versehen aus den Straen der engen
Stadt hervor und flattert, wenn man berhaupt mit einem Waarenballen von
einigen 60 Pfund auf den Schultern flattern kann, hinaus ins Weite, den
fernwohnenden Farmern das an Herrlichkeiten zuzutragen, was er entweder
auf Auctionen mit baarem Gelde eingekauft, oder von bekannten Kaufleuten
auf Credit erhalten hat.

In dem Staat, in welchem er Handel treibt, mu er freilich eine
bestimmte Taxe, sogenannte Licence entrichten, weiter ist er aber auch
in nichts gebunden, und kann an Waaren ausbieten, was ihm nur immer
und wo es ihm beliebt; deshalb haben sie sich auch ber die ganzen
stlichen, sdlichen und mittlern Staaten ausgebreitet, und nur die ganz
westlich liegenden grtentheils den Amerikanern berlassen, da dort die
Gegend noch zu unbebaut ist und ihnen der Anblick von wilden Thieren,
die, wenn auch einzeln, doch dann und wann umherstreifen, keineswegs zu
behagen scheint.

Natrlich whlt sich der Pedlar stets _den_ Strich Landes, auf welchem
die meisten Ansiedlungen liegen und der noch am wenigsten von seinen
Collegen heimgesucht ist; dort geht er dann von Farm zu Farm und fragt,
ob die Inwohnenden etwas von Waaren nthig haben. Gewhnlich lautet
die Antwort nein. Da aber der Mann selten zu Hause ist und die Frauen
stets gerne sehen mchten, was der Krmer denn eigentlich in dem groen,
schweren Packen fr Kostbarkeiten verborgen trgt, so erhlt dieser
leicht die Erlaubni seinen Ballen zu ffnen und seine Waaren
auszubreiten. Erhlt er die brigens auch nicht, so bleibt sich das im
Grunde gleich, denn ffnen thut er ihn doch, und seine Sachen zeigt
er auch vor, ehe er geht, Stck fr Stck, ob er nun freundliche oder
mrrische Zuschauer um sich sieht.

Das Ausbreiten der Waaren in einsamer, den Stdten fernliegender Htte,
hat aber seinen doppelten Nutzen; erstlich sehen die Bewohner derselben
so viele Sachen, welche sie gut gebrauchen knnen, ja deren sie wohl gar
nothwendig bedrfen, vor sich und werden dadurch an manche Kleinigkeit
erinnert, die sie sonst vergessen htten; und dann gewinnt auch
die Waare selbst, in der unscheinbaren niedern Htte, auf dem rohen
Holztisch, in der ganzen hausbackenen Umgebung zur Schau gestellt, ein
ganz anderes Ansehen. Wie verfhrerisch glnzen die schildpatthnlich
gemalten Hornkmme von dem schlauen Krmer gegen den dunkeln Scheitel
des neben ihm stehenden errthenden Mgdeleins gehalten; wie feenhaft
zauberisch glitzern die mchtig groen Vorstecknadeln und Ohrgehnge
auf den sauber gebrsteten, schwarzen sammtmanchesternen Kissen und die
goldenen Ringe mit den Brillanten und Rubinen auf der schwarzen Rolle
aufgereiht wie Bretzeln am Fenster eines Bckerladens; welche kaum
geahnte Pracht erffnet sich nicht in den jetzt aufgeschlagenen Stcken
Kattun, dessen wunderliche Muster, mit den blitzhnlichen Zickzacks und
unzhligen Monden und Sternen selbst der ltern Farmersfrau ein
lautes Ach der Bewunderung entlocken; und dann erst gar die seidenen
Halstcher und Bnder, die Perlmutterknpfe und Haarnadeln mit den
kleinen farbigen Glaskugeln oben drauf, die Haarschleifen und Armbnder,
die Ketten und feuerstrahlenden Ohrringe, das alles mu in einem solchen
Blockhaus, mitten im Walde gesehen werden, um ganz den, wenigstens fr
den Verkufer wnschenswerthen und gnstigen Eindruck hervorzubringen.

Der Pedlar lt seine Waaren gewhnlich nur fr baar Geld aus den
Hnden; kennt er aber seine Leute oder sieht er an der ganzen Umgebung,
da er gerade nicht viel zu frchten hat, so creditirt er wenigstens
einen Theil derselben, was ihm zu gleicher Zeit Entschuldigung fr einen
zweiten Besuch gewhrt. Ein anderes ist es mit den Jewelry pedlars
oder denen, die nur goldene Schmuckwaaren, einige Taschenuhren und
_silberne_ Lffel fhren. Diese geben _nie_ Credit, weil sie aus sehr
vernnftigen Grnden nie ein und denselben Ort zweimal besuchen: sie
trauen dem Frieden nicht recht und sind selten geneigt, dem Mann wieder
unter die Augen zu treten, dem sie frher von ihren Waaren verkauft
haben.

Der grte Betrug wird in dieser Hinsicht mit den Argentan-Lffeln
getrieben, die in den Stdten unter dem Namen =german silver=
oder deutsches Silber bekannt sind und wo, besonders in Ohio, den
leichtglubigen Farmern unter dem Vorwande, da _deutsches_ Silber nur
eine andere Art, aber sonst eben so gut sei, das Dutzend Elffel zu
18 und 20 Dollars verkauft wurde. Htten die Gesetze in diesen Fllen
wirklich einschreiten wollen, so wrden sie nichts haben ausrichten
knnen, denn die Waare war unter dem rechten Namen, deutsches Silber,
wenn auch zu einem bermigen Preise, verkauft, die Landleute selbst
aber, welche mit der Zeit, obgleich erst durch Schaden, klug wurden,
schwuren nachher freilich dem Pedlar, sobald er sich wieder blicken
lassen wrde, furchtbare Strafe zu. Dieser jedoch trieb dann schon
in einem anderen Staat, entweder weiter westlich oder sdlich, -- wer
konnte sagen wohin er gezogen, -- sein Wesen, und nur wenige Jahre
bedurfte es, so hatte sich der arme Packtrger ein Pferd oder gar einen
kleinen Wagen angeschafft, auf dem er jetzt seine Waaren, in bedeutend
grerer und besserer Auswahl, durch das Land fuhr.

Louisiana besonders wimmelt von diesen Leuten und es kommt dort vor,
da mehrere derselben zusammenlegen und sich ein Pferd gemeinschaftlich
kaufen, um ihre Waarenballen fortzuschaffen; das arme Thier ist aber
dann wahrlich zu bedauern, denn erstens mu es die sicherlich bermige
Last, und gewhnlich auch noch abwechselnd einen der hoffnungsvollen
Jnger Mercurs schleppen, und nicht selten geschieht es dann, da solch
ein gequltes Geschpf zusammenbricht und nicht weiter kann.

In Louisiana besteht der Hauptnutzen des Pedlars in dem Verkehr mit den
Negern und besonders den Negerinnen, welche, da sie die Plantagen nicht
verlassen drfen, fr alles das, was sie gebrauchen, einzig und allein
auf diese wandernden Krmer angewiesen sind. Den jungen Mulattinnen und
Mestizen fehlt es dabei nicht an Geld, besonders wenn sie schn
sind, und sie wissen den Minnesold natrlich auf keine andere Art zu
verwenden, als da sie Putz und Kleider dafr einkaufen, die ihnen
von den geschftigen Deutschen in reicher Auswahl zugefhrt werden.
Grellrothe Tcher, Glasperlen, auffallend bunte Kattune und alle Arten
von Schmuck finden hier einen ausgezeichneten Markt, und der Nutzen an
diesen Gegenstnden, die spottbillig auf den Auctionen in New-Orleans
eingekauft werden, ist bedeutend. Am meisten verdienen diese Leute aber
mit dem verbotenen Handel, wie das fast stets der Fall ist.

Den Negern drfen sie nmlich keinen Whiskey verkaufen, wie berhaupt
kein Kaufmann in den Sklavenstaaten; und die Strafen, welche fr
bertretung dieses Gesetzes bestimmt sind, werden sehr streng
beobachtet; der Krmer wei aber der Gefahr entdeckt zu werden, sehr gut
zu entgehen; Verrath ist von den Negern selbst nicht zu befrchten und
eine mittlere, doppelte Wand im Wagen birgt den geheimen Schatz, aus dem
sie heimlich die Flaschen der durstigen Sklaven fllen.

Viel bedeutendere Geschfte machen brigens in diesem Artikel die groen
Flat- und Kielboote, welche fr den heimlich ausgeschenkten Whiskey,
wenn sie einmal eine kurze Zeit am Ufer anlegen, Landesproducte
annehmen, als Hhner, Ferkel, Truthhner, Mais und was die Sklaven
sonst selber ziehen oder in der Geschwindigkeit stehlen knnen, welche
Gegenstnde der wandernde Krmer freilich nicht im Handel annehmen kann,
da er keinen Ort hat, an dem es mglich wre, diese Sachen zu verbergen,
auch bliebe ihm, im Fall es entdeckt wrde, kein Weg zur Flucht
offen, whrend die Bootsleute weiter nichts zu thun haben, als ihr Tau
loszubinden, wo sie in wenigen Stunden mit dem Strome hinabtreibend
unter der Masse hnlicher Fahrzeuge verschwinden und vielleicht zehn
Meilen weit unten denselben Handel auf's neue beginnen.

Wunderbar ist es brigens in der That, wie diese Pedlars, besonders in
einigen Staaten noch, ihren Lebensunterhalt verdienen knnen, denn
z.B. Louisiana, Ohio, Pennsylvanien und selbst Kentucky sind mit ihnen
ordentlich berschwemmt; die Amerikaner kennen sie aber schon, wissen,
da es wirklich positive Unmglichkeit ist, einen derselben loszuwerden,
ohne ihm eine Kleinigkeit abzukaufen und fgen sich dann auch meistens
mit vieler Ruhe in das doch einmal unvermeidliche Schicksal.

Hat sich der Pedlar nun endlich nach langen, mhsam und auf der
Landstrae durchlebten Jahren etwas erspart, so giebt er das wandernde
Leben auf und wird Storekeeper, d.h. er miethet sich irgendwo an der
Dampfboot-Landung eines kleinen Stdtchens oder einer Stadt, und ist das
nicht mglich, im Innern des Ortes selbst einen Laden, und beginnt ein
Geschft mit fertigen Kleidungsstcken, inclusive Hten, Mtzen, Schuhen
und Stiefeln, Messern, Pistolen, goldenen Ringen und Vorstecknadeln.
Die smmtlichen Kleiderlden der Vereinigten Staaten (es bestehen deren
Tausende) gehren auf diese Art, mit nur sehr wenig Ausnahmen, deutschen
Israeliten, von denen viele in kurzen Jahren ein recht anstndiges
Vermgen zusammengescharrt haben, und smmtliche Stdte eben dieser
Staaten, die an einem Flu oder sonstigen Wassercours liegen, sind
auf diese Art im wahren Sinne des Wortes mit wehenden und flatternden
Kleidungsstcken garnirt, zwischen denen unter jeder Thr ein mit vieler
Aufmerksamkeit frisirter, sehr elegant gekleideter, und die rothen
Finger mit Ringen, die scheinende Weste mit Ketten und Vorstecknadeln
berladener junger Mann steht und die Vorbergehenden fortwhrend
mit lauter Stimme einladet, sein wohlassortirtes Lager etc. etc.
in Augenschein zu nehmen; ja oft _sogar_ mit wahrer Todesverachtung
besonders rmlich Gekleidete gewaltsam in das Heiligthum seines
Verkaufslocals hineinzerrt, wo er im dstern Schatten einer Unzahl
flatternder Beinkleider das unglckliche Opfer frmlich zu irgend einem
Handel zwingt.

Diese Kaufleute brigens, die einst wandernde Krmer gewesen, geben
ihren rmern, noch umherstreifenden Collegen selten oder nie Credit; sie
mgen wohl wissen, wie sie es selbst in frheren Zeiten getrieben,
und wie oft ein solcher nomadischer Hndler, wenn er eine Zeitlang
Kleinigkeiten im Vertrauen auf seine Redlichkeit erhalten und verkauft,
auch stets richtig bezahlt hat, mit dem ersten greren Waarenballen
spurlos verschwindet, und erst wieder in einem andern Staat, wo mglich
5 bis 600 Meilen von dem ersten entfernt, auftaucht. Ihn durch die
Gesetze zu verfolgen, ist kaum mglich, der angefhrte Kaufmann erfhrt
vielleicht auch den neuen Aufenthaltsort seines Schuldners erst nach
geraumer Zeit, wenn die Schuld selbst schon lange verjhrt ist.

Ich war brigens selbst einst Zeuge, wie mehrere Kleiderhndler in
New-Orleans eine wenn auch komische Art Lynchgesetz in Anwendung
brachten, um einen Pedlar zu bestrafen, der fnfe von ihnen, die sich
spter alle zufllig in New-Orleans zusammengefunden und festgesetzt
hatten, in verschiedenen Stdten der vereinigten Staaten um eine nicht
unbetrchtliche Summe in Waaren betrogen. Die Schuld war verjhrt und
in einer Versammlung vor die er berufen, wurde ihm als Strafe von jeder
Hand (es hatten sich etwa 18 eingefunden, und ich war eigentlich nur ein
zuflliger Zeuge) zwanzig Stockschlge zuerkannt, denen er sich auch im
Gefhle seiner Schuld, geduldig unterwarf. Als aber der vierte, an dem
er vorzglich gesndigt, seinen grern Verlust auch durch strkere
Schlge, als sie der Delinquent wohl erwartet, wieder einzubringen
gedachte, lehnte sich dieser hchst unvorhergesehenermaen gegen die
Gewalt auf, und fate den Strafenden mit so schlauem Griff, da dieser
erschreckt aufschrie, den Stock fallen lie und froh war, dem krftigen
Schuldner wieder entrissen zu werden. Das schreckte die andern ab,
und der Pedlar ward in Gnaden, aber mit entsetzlichen Schimpfworten
entlassen.

Zwei Arten von Waaren giebt es brigens, mit denen sich die Deutschen
nie oder wenigstens sehr selten befassen: es ist dies der Verkauf von
Wand- oder Standuhren und Medicinen. Zum ersten Geschft sind sie nicht
gewandt, zum zweiten nicht unverschmt genug. Diesen Handel haben also
die Amerikaner fast allein an sich gerissen, vorzglich die Yankees,
d.h. die Bewohner der nordstlichen Staaten, als Maine, New-Hampshire,
Connecticut, Vermont, Massachusetts und Rhode-Island, deren Clock
pedlar oder Uhrenkrmer in der ganzen Welt berhmt sind.

Sam Slick hat einen tiefen Blick in ihre Verhltnisse thun lassen und
ich will sie, da sie doch einmal in diese Rubrik gehren, nur kurz
erwhnen.

Mit einem kleinen Wgelchen, vor das ein ziemlich gut aussehendes, sonst
aber gewhnlich hchst nichtsnutziges Pferd gespannt ist, zieht der
Uhrenhndler oder Clockpedlar in die weite Welt, und zwar am liebsten
in die westlichen und sd-westlichen Staaten hinein; sein Zweck und Ziel
ist Uhren zu verkaufen und er verkauft sie auch, mag er nun willige oder
zhe Kufer finden. Leute, die frher nie auch nur an die Mglichkeit
gedacht haben, je eine Summe, die fr sie ein Capital ist, an die
Anschaffung eines so leicht entbehrlichen Gegenstandes zu wenden, finden
sich pltzlich als Eigenthmer eines solchen Werkes, von dem es ihnen
fast wie Zauberei und schwarze Kunst erscheint, wie sie eigentlich und
so ganz gegen ihren positiv ausgesprochenen Willen zum Besitz
desselben gelangt sind. Da steht es aber jetzt, oben auf einem
groben, unbehobelten Bret zwischen dort aufgehangenen Hirsch-
und Waschbrenfllen so ruhig und gemthlich mit seinem stillen,
selbstzufriedenen Ticktack, als sei es etwa 1500 Meilen von dort ganz
besonders zu dem Zweck angefertigt worden, in mglichst kurzer Zeit
hierher geschafft zu werden, und durch die Augen einer holdselig
lchelnden Dame in wunderbar schimmerndem, feuerfarbenem Kleid, die, auf
der Klappe der Uhr befindlich, in der einen Hand eine auergewhnlich
groe Rose, in der andern einen chinesischen Fcher hlt, dem wirklich
verblfften Farmer seine volle Zufriedenheit mit dessen trefflicher Wahl
zu erkennen zu geben.

Der Yankee, eine stets sehr lange und sehr sorgfltig bis hoch hinauf
an die Schlfe rasirte Gestalt mit glatt gestrichenen Haaren und
grauen, lebhaften Augen, etwas vorstehenden Backenknochen und etwas
schiefgezogenen Gesichtszgen, wovon jedoch grtentheils ein in der
linken Backe ruhendes entsetzliches Stck Kautaback die Schuld trgt,
versichert indessen den Farmer schon zum drittenmal, da er ihn erst
binnen Jahresfrist und vielleicht selbst dann noch nicht wiedersehen
solle, lt sich jedoch um Lebens oder Sterbens willen einen kleinen
Wechsel nach Sicht schreiben, setzt sich am nchsten Morgen in sein
kleines, grn lackirtes Wgelchen, nickt noch einmal einen freundlichen
Gru herber und verschwindet in den Biegungen der durch den dichten
Wald fhrenden Strae. Er hlt Wort -- er selbst kommt weder in
Jahresfrist noch jemals wieder in dieselbe Gegend, aber nach zwei
Monaten erscheint sein Partner oder Compagnon, prsentirt den Wechsel
und dringt auf die Bezahlung. Von jhriger Frist wei er nichts,
sein College hat ihm nichts davon gesagt, der Wechsel lautet auf
augenblickliche Bezahlung und mu, wenn er unter 50 Dollar ist, dem
Vorzeiger bezahlt werden. Der arme Backwoodsman wei das und schafft
seufzend Rath, der Pedlar aber, oder Einkassirer vielmehr, zieht
heimlich lachend von dannen.

Die Hinterwldler sind sonst so schlau und gewandt, im Geschft sowohl
wie im wirklichen Leben; in den Hnden eines Yankees aber ist es
ordentlich, als ob sie ihre bisherige That- und Denkkraft verlieren;
sie erkennen seine geistige berlegenheit an und geben sich rettungslos
verloren. Kehrt der Hndler in seine eigene Heimath zurck, so hat
er auch stets ein ausgezeichnet gutes Pferd vor dem Wagen, denn das
vortheilhafte Vertauschen desselben gehrte mit zu seinem Geschft.

Nur ein Beispiel wei ich, wo ein Yankee und noch dazu einer der
pfiffigsten, von einem Backwoodsman mit seinen eigenen Waffen geschlagen
wurde und sehr betrbt abziehen mute. Es war in Arkansas, und Jackson,
ein Ansiedler, der erst krzlich von Tenessee herbergekommen, sein
letztes baares Geld fr 40 Acker Land, zwei Milchkhe und ein Pferd,
da ihm das alte krank geworden und gestrzt war, ausgegeben hatte, sa
Abends in der rmlichen Blockhtte beim frugalen Nachtmahl von Speck,
Maisbrod und Milch, als das kleine Fuhrwerk eines solchen Clockpedlars
vor seiner Thr hielt.

Freundlich lud er den Krmer ein, bei ihm die Nacht und mit seinem
Mahl vorlieb zu nehmen, und dieser lie sich auch nicht lange bitten,
besorgte sein Pferd selbst, trug, wobei ihm Jackson half, die Uhren
unter Dach und Fach und begann hier nun auf den Verkauf einer derselben
hinzuarbeiten; Jackson war aber =an old hand=, wie sie in Amerika
sagen, und durchschaute nicht allein seinen Plan, sondern hatte ihn
schon von dem ersten Anblick an vorausgesehen, sagte daher dem Pedlar
ganz freundlich, er sei zu arm eine Uhr zu kaufen, denn wenn er sie
wirklich kaufen wolle, knne er sie nicht bezahlen. Dies war brigens
eine zu alltgliche Ausflucht, als da sich der Yankee dadurch htte
sollen abschrecken lassen; im Gegentheil gab ihm das ruhige Betragen
des Mannes die besten Hoffnungen zu einem guten Geschft, und nicht eher
ruhte er, bis smmtliche Uhren in Reih und Glied vor dem still vor sich
hin lchelnden Backwoodsman aufmarschirt standen, und jetzt handelte
es sich nach des Krmers Meinung nicht mehr darum, ob er eines der
herrlichen Kunstwerke, sondern nur _welches_ er kaufen solle. Vergebens
erwhnte der Arkansaner, da er arm sei und keine Uhr kaufen knne, der
Pedlar lie nicht locker, und jener richtete sich endlich entschlossen
auf und sagte:

Gut -- ich nehme eine -- Ihr bekommt aber kein Geld.

Im ersten Jahr nicht, lchelte der Krmer, habt die Uhr nur einmal
ein Jahr, Ihr lat sie nicht wieder fort.

So will ich diese whlen -- was ist der Preis?

Achtundvierzig Dollar. (Er wute recht gut, da er bei einer Klage auf
mehr als 50 Dollar Jahre lang hinausgehalten werden konnte.)

Jacksons Frau sah ngstlich zu ihm empor, er winkte ihr aber
lchelnd zu, ruhig zu sein, und lie es, behaglich auf ein Brenfell
ausgestreckt, geschehen, da der Fremde die aufgedrungene Uhr ber dem
Kamin auf einem durch hlzerne Pflcke gehaltenen Bret befestigte und
aufzog.

Ihr bekommt aber kein Geld dafr, sagte er dem Yankee.

Ich wei es wohl, erwiederte dieser, aber doch Euern Wechsel, Ihr
wit wohl, das ist so Sitte.

Gut, dagegen habe ich nichts, den sollt Ihr haben, sagte der Farmer,
und unterschrieb das schnell ausgestellte Papier.

Der Pedlar zog am nchsten Morgen weiter, aber ehe sein Collecteur
mit dem flligen, natrlich nach Sicht ausgefllten Wechsel erscheinen
konnte, hatte Jackson die Uhr auf sein Pferd genommen, nach der nchsten
Stadt gebracht und dort verkauft.

Der Compagnon des Yankees kam endlich nach drei Monaten, und erstaunte
zwar, keine Uhr in der Htte des Farmers zu finden, uerte jedoch
hierber nichts, sondern prsentirte nur seinen Wechsel. Der Farmer
bedeutete ihn aber sehr kaltbltig, da er dem Uhrenhndler aufrichtig
gesagt habe, er bekme nie sein Geld und das wre in der That wahr, denn
er sei nicht allein nicht gesonnen, sondern auch nicht im Stande, die 48
Dollars jetzt oder jemals zu bezahlen; er htte die Uhr nehmen mssen,
um den Krmer nur loszuwerden, und der Collecteur mge ihn jetzt, wenn
er sonst glaubte, etwas dabei verdienen zu knnen, verklagen.

Als dieser endlich wirklich sah, der Farmer sei fest entschlossen, sein
Wort zu halten, so ging er zum nchsten Friedensrichter und klagte; der
gute Mann war jedoch zum erstenmal in Arkansas -- er hatte gut klagen,
das Erlangen seiner Schuld stand aber auf einem anderen Blatt, denn der
Farmer war -- nicht zahlungsfhig.

Vergebens warf der Yankee ein, da er eine Menge Hausgerth, eine
Bchse, ein Pferd und zwei Khe habe, es half ihm nichts; in Arkansas
kann einem Farmer weder die Bchse noch Handwerkszeug, weder zwei Khe
noch zwei Pferde, noch alles nthige Hausgerth als Pfand weggenommen
werden, denn es giebt ein gewisses Eigenthum, welches er besitzen mu,
ehe das Gesetz ein Recht auf das brige erhlt, und da er das, was ihm
der Staat als unantastbar zugestand, noch nicht einmal alles besa,
denn er hatte nur _ein_ Pferd und kaum die Hlfte des ihm verstatteten
Hausgerthes, so war natrlich an eine gewaltsame Bezahlung gar nicht zu
denken. Als dies dem Yankee endlich in all seiner entsetzlichen Wahrheit
einleuchtete, versuchte er die Uhr zurckzuerhalten, aber auch das war
zu spt, und seit jener Zeit ist Jackson nie wieder eine Uhr zum Verkauf
angeboten worden.

Ein anderer Handelszweig und keineswegs der unbedeutendste, mit dem die
Yankees fast gnzlich Monopol treiben, ist der Medicin-Handel. Ein alter
Yankee, der seine Shne in die Welt schickt, damit sie Erfahrungen --
die wichtigste Schule im menschlichen Leben -- sammeln, und einmal
von den Zwiebelbeeten erlst werden, an die sie bis zu ihrem
einundzwanzigsten Jahr gefesselt gewesen, stellt ihnen die Wahl frei,
ob sie Clockpedlar oder -- _Doctor_ werden wollen, und whlen sie
das letztere, so bedarf es noch nicht einmal so vieler Warnungen und
Ermahnungen, als bei dem ersten Geschft, um den jungen Mediciner mit
der Wirkung seiner Heilkrfte, die er in einem kleinen Felleisen bei
sich fhrt, bekannt zu machen.

Die Mittel, deren er sich bedient, sind sehr einfach. Calomel ist die
Hauptcur, und macht, nebst irgend einer gronamigen Patentmedicin, den
Mittelpunkt, um den sich alles brige dreht; sonst gebraucht er noch
etwas Opium (aufgelst), Ricinusl, Glaubersalz, etwas Ipecacuanha,
Chinarinde und Brechweinstein, und er hat alles, was er zu einer
ausgebreiteten Praxis bedarf.

Schon fnf Meilen von seinem Heimathsort, wo er dem ersten fremden
Menschen begegnet, erhlt er den Namen Doctor, und die knnen von
Glck sagen, die noch mit Salz oder andern unschdlichen Medicinen
abgefertigt werden, denn wo der junge Doctor Geld wittert, da mssen die
Leute von seiner Patent-Medicin kaufen, und Gnade ihnen Gott, wenn sie
das rothe, zusammengeknetete Zeug verschlucken. Sind sie vollkommen
gesund, so kommen sie vielleicht mit einer heilbaren Kolik oder einigen
gelinden Krmpfen und einem schwachen Anfall von Apoplexie davon; sind
sie aber ohnedies krnklich, dann ist ihnen selten mehr zu helfen,
und sie vermehren die Zahl der Schlachtopfer, die jhrlich dem so
scheulichen Gtzen Quacksalberei geopfert werden.

Manchmal betreiben auch diese wandernden Krmer oder Doctoren, wie sie
sich am liebsten genannt hren, ihr Geschft humoristisch, im Fall sie
entweder zu gewissenhaft sind, den Farmern ihre Latwergen aufzudringen
oder darin eine leichtere und schnellere Art sehen, Geld zu verdienen;
so durchzogen z.B. im Jahre 1843 zwei Yankees die nrdlichen oder
nordwestlichen Staaten mit solchem Glck, da sie in wenigen Monaten
eine bedeutende Summe Geldes erbrigt hatten. Ihr Plan, oder vielmehr
ihre List, war die folgende gewesen.

Der Eine von ihnen, ohne Waaren oder Gepck, mit nur einer gewhnlichen
amerikanischen Satteltasche von seinem kleinen, feurigen Pferde
getragen, war der erste auf der unter ihnen ausgemachten Marschroute,
und hielt bei jedem Haus, das auf seinem Wege lag, an, stieg ab,
schttelte den Bewohnern desselben sehr freundlich und lang die Hand,
ging an den Wassereimer und trank aus dem langstieligen Flaschenkrbis,
der neben demselben an einem Haken aufgehangen war, unterhielt sich dann
noch eine Weile mit den Leuten, sprach ber dies und jenes, schttelte
ihnen noch einmal zum Abschied die Hand, kehrte wieder um und entdeckte
nun irgend einem der Mnner, den er bei Seite nahm und um Verschweigen
des ihm Anvertrauten bat, da er -- an einer sehr bsartigen
Hautkrankheit leide und frug ihn, ob er nicht irgend eine dieser
abhelfenden Salbe habe. Er hielt dabei die Hand des Farmers fest in der
seinen und sah ihm bittend in's Auge, bis dieser pltzlich den Sinn
der Worte begriff und schnell zurcktrat. Gewhnlich wurde er hierauf
schnell und mit einigen kurzen, nicht besonders freundlichen Worten
abgefertigt; das that aber nichts, er hatte seinen Zweck erreicht,
schwang sich in den Sattel und trabte, wehmthig zurckgrend, langsam
der nchsten Ansiedlung zu, um hier seine List zu wiederholen.

Die Farmerfamilie blieb aber in grter Aufregung zurck -- was muten
hiervon die Folgen sein? Der Mann mit der ekelhaften Krankheit hatte
allen und hchst warm und freundschaftlich die Hand gedrckt, hatte
aus demselben Trinkgeschirr mit ihnen getrunken und es war jetzt fast
unvermeidlich, da sie angesteckt werden muten. Da nhert sich auf
hohem, starkknochigem Ro ein Fremder, hlt und steigt ab; die Familie
ist noch so bestrzt, da sie kaum seiner achtet, er nimmt aber ohne
weiteres das kleine Felleisen, welches er hinter sich am Sattel trgt,
geht in's Haus und fragt, ob niemand etwas von seinen Medicinen bedrfe.

Medicin? das war ein Wink des Himmels -- der Mann kam wie von Gott
gesandt, und welch ein Glck, da er auch eine solche gerade fr diese
Art Hautkrankheiten ntzliche Salbe bei sich fhrte. Es ist seiner
Aussage nach das letzte, und wenn auch etwas viel fr die _eine_
Familie, so kann man ja doch nicht wissen, ob die Krankheit nicht
wirklich zum Ausbruch kommt und wie sie sich zeigen wird, gut oder
bsartig. Auch ist der Preis gerade fr diesen Artikel sehr hoch, aber
was schadet das, beugt man denn nicht damit dem Unangenehmsten vor? Der
schlaue Krmer hat aber in der That seinen Mantelsack _nur_ mit dieser
Arznei gefllt, welcher blos oben darauf zum Schein noch einige andere
beigefgt sind; er streicht daher frhlich das Geld ein und folgt
schnell dem Compagnon, der indessen auf seiner Schrecken verbreitenden
Bahn weiter gegangen ist und neue Opfer gesammelt hat. Da sie ihren Weg
natrlich immer weiter und stets durch fremde Gegenden fortsetzten, so
war auch eine Entdeckung gar nicht zu befrchten, und nie haben wohl
zwei Yankees in so kurzer Zeit solche brillante Geschfte gemacht, als
diese beiden wandernden Medicinkrmer.

Zu dieser Menschenclasse gehren auch noch eigentlich streng genommen
die unzhligen Kiel- und Flatboote, welche mit den greren Strmen
hinabtreiben; nur eine gewisse Art derselben legt aber an den einzelnen
Farmen und Plantagen an, die Mehrzahl schwimmt dem groen Markt des
Sdens, dem gewaltigen New-Orleans zu. Diese Krmerboote zeichnen
sich vor den ersteren Kameraden durch eine kleine Stange und einen
flatternden Wimpel aus; sie landen an jeder greren Ansiedlung und
fhren theils Producte des Nordens, theils Ausschnitt- oder Blechwaaren,
ja manchmal sogar Schaubuden und Theater mit sich. Ist an dem einen Ort
ihr Geschft beendet, so lsen sie das Tau und treiben weiter hinunter
zum nchsten Platz, wobei sie, wie schon oben erwhnt, besonders in den
sdlichen Staaten vorzglich gute Geschfte machen, indem sie heimlich
an die Negersklaven Whiskey ausschenken und dafr von diesen Feldfrchte
und selbstgezogenes oder gestohlenes Vieh eintauschen.




Der amerikanische Urwald.


Der deutsche Jger, der Abends seine Jagdgerthschaften fr den nchsten
Tag in der freundlich-gemthlichen Stube zurechtlegt, Pulverhorn wie
Korbflasche fllt und nun mit Tagesgrauen nichts weiter zu thun hat,
als den Hund zu fttern und fr sich selbst ein Paar Butterbrde zu
schneiden, wenn nicht auch das die Frau schon besorgte; der dann sein
Schiezeug umhngt und mit dem klugen Ponto durch offene Felder sucht,
oder durch lichte Waldung prscht, Nachts aber wieder ruhig in seinem
warmen, weichen Bette liegt: der wei freilich nicht, wie es einem armen
Streifschtzen zu Muthe ist, der, weit von jeder menschlichen Wohnung
entfernt, in Regen und Sturm, vielleicht in Schnee und Eis drauen im
Walde campirt, und hungert und friert.

Das Leben in den amerikanischen Urwldern hat aber stets einen
geheimnivollen Reiz fr den Europer gehabt; schon der Name klingt
romantisch, man denkt dabei an die gewaltigen, riesigen Bume, an das
schaurige Rauschen der mchtigen Wipfel, an die Schlingpflanzen und
an den wilden Wein, der in schweren, dunklen Trauben von den sten
herniederhngt, an das Wild, das leisen, bedchtigen Schrittes
hindurchzieht, an den finstern Bren, den stattlichen Hirsch, die
zahlreichen Vlker wilder Truthhner, vielleicht gar an einen in den
Zweigen lauernden Panther; ja das ist Alles sehr schn und gut --
existirt auch wirklich, nur ist es schlimm, da die Sache, so recht in
der Nhe, aus der Mitte heraus, betrachtet, sehr, sehr viel an Reiz und
romantischem Zauber verliert. -- Es ist damit gerade so, wie mit einer
weidenden Heerde.

Welch einen lieblichen Anblick gewhrt es, wenn man, auf einem Hgel
gelagert, in der Ferne, auf grner blumiger Wiese eine Heerde weiden
sieht, wo die einzelnen buntscheckigen Khe nach dem duftigen Futter
umhersuchen, wo der Hirt, dessen Hund ihn spielend umspringt, an seinem
Hirtenstabe lehnt; wenn man das melodische Luten der Glocken, das
weiche Blken des Viehes selbst, das freundliche Klaffen des Hundes hrt
-- ein unendlicher Zauber liegt ber dem anmuthigen Bilde; -- steigt
man aber von dem Hgel herunter und kommt in die Nhe, so wird aus der
blumigen Wiese ein mit ganz anderen Gegenstnden als Blumen bedecktes
Brachfeld, die Glocken klingen nicht rein, die eine besonders, die einen
Sprung hat, und die man in der Ferne nicht hren konnte, vernichtet
den ganzen gnstigen Eindruck. Der Hund luft Einem schon von weitem
entgegen und weist knurrend die Zhne -- und kommt man nun gar noch
nher -- riecht erst die Heerde -- und den Hirten -- ja dann ist's mit
dem idyllischen Wesen vorbei -- der Zauber schwindet und wir haben eine
Heerde Rindvieh, mit Jrges Gottlieb, der daneben steht und an einem
auergewhnlich schmutzigen Strumpfe strickt.

Nun ist es freilich nicht ganz so arg mit dem Urwald; das einzelne
Schne, aus dem er besteht, bleibt immer, ja gewinnt sogar noch in der
Nhe an Groartigkeit, wenn man es nmlich blos anzusehen brauchte; mu
sich aber der Jger durch die Schlingpflanzen mit Messer und Tomahawk
Bahn brechen, dann findet er zu seinem Schrecken, da jene malerischen
Geflechte voll Dornen und giftiger Bltter sind, die, wenn ihr Saft die
Haut berhrt, Blasen ziehen und das Fleisch entznden; der mit Blumen
und Krutern bedeckte Boden giebt nach, und zher Schlamm umschliet
Fu und Knchel, umgestrzte Riesenstmme versperren den Weg und sie
zu umgehen, ist unmglich, denn in ihrem Sturz haben sie alles
Danebenstehende mit niedergerissen und undurchsichtige Brombeerhecken
sind aus den Wurzellchern aufgewachsen; -- Schaaren von Mosquitos
strmen auf den Geplagten ein, zahllose Holzbcke peinigen ihn auf eine
fast unertrgliche Art, und ist er im flachen Lande -- (denn nur dort
findet er den Urwald noch in seiner ganzen Majestt, da in den Hgeln
das drre, trockene Laub zu oft angezndet wird, was die jungen Bume
tdtet und die lteren im Wachsthum hindert), so darf er den Blick kaum
zu den herrlichen Stmmen aufheben, weil er fortwhrend frchten mu,
auf eine der zahlreichen Schlangen zu treten, die berall dort, wo die
Sonne durch's dichte Laubdach bricht, zusammengerollt liegen und dem
Unvorsichtigen leicht gefhrlich werden knnen.

Im Winter fallen nun allerdings eine Menge dieser belstnde weg,
die giftigen Schlingpflanzen sind unschdlich, die Insekten fort, die
Schlangen liegen in Erdlchern und hohlen Bumen; -- das ist etwas;
-- damit aber der deutsche Jger einen Begriff davon bekommt, wie ein
amerikanischer Urwald im Winter beschaffen ist, so will ich hier ein
Paar Tage, freilich nicht die angenehmsten, aus meinem Jagdleben, aus
den Niederungen von Arkansas, beschreiben.

       *       *       *       *       *

Im Januar 1840 hatte ich den Theil dieses Staates wieder aufgesucht,
der stlich vom Mississippi und westlich vom Whiteriver, zwischen diesen
beiden Strmen einen wohl hundert englische Meilen breiten und viele
hundert langen Landstrich einschliet und von zahlreichen anderen, aber
kleineren Flssen durchschnitten wird. Wild gab es in den mchtigen
Wldern genug, das entsetzlich ungesunde Klima aber hatte mich im Sommer
aus den Smpfen getrieben, wo ich das kalte Fieber nicht los wurde,
jetzt jedoch, bei Frost und Schnee, war das nicht mehr, wenigstens nicht
anhaltend, zu befrchten, und ich beschlo, wo mglich eine Bffeljagd
auf meine eigne Hand anzustellen, denn dort ist der einzige Platz in den
vereinigten Staaten, wo sich noch Bffel aufhalten.

Nun waren die Aussichten zur Jagd freilich nicht die lockendsten, denn
ich bekam die letzten Tage des Januar gar Nichts zu schieen und mute
halb verhungert, als ich endlich nach einer glcklichen Schneenacht
einen Hirsch erlegte, den mich von meiner Beute trennenden, schmalen
Flu durchschwimmen um diese zu erreichen, wo ich dann ein paar Tage
krank oder wenigstens unwohl im Schnee liegen blieb; das ist aber immer
noch nicht das Schlimmste aus jener Zeit, ich hatte wenigstens ein gutes
Feuer, eine wollene Decke und Hirschwildpret -- was will ein Jger mehr?

Am 2. Februar endlich brach ich auf, warf meine Decke zusammengerollt,
ber den Rcken, und schritt sdlich in den mchtigen Wald hinein,
oder besser gesagt, darin fort, denn ich war schon recht eigentlich
im strengsten Sinne des Worts darin. Bald kreuzte ich mehrere
Hirschfhrten; das war aber das Wild nicht, dem ich zu begegnen
wnschte, und ich verfolgte meinen Weg.

Der Wald war in dieser Gegend wahrhaft groartig, die gewaltigen
Riesenstmme, grtentheils sechzig bis achtzig Fu vom Boden gerade
emporsteigend, ehe sie auszweigten, boten mit den schneebedeckten
Wipfeln einen wundervollen Anblick. Es hatte zu schneien aufgehrt, und
eine heilige Stille herrschte rings umher, die nur dann und wann durch
das Herunterbrechen irgend eines zu schwer mit Schnee beladenen Astes,
oder das heisere Krchzen eines Raben unterbrochen wurde. Es lie sich
auch sehr gut marschiren; lange schmale Streifen hohen Landes liefen
zwischen den zahlreichen Bchen und dem berschwemmten Boden der
Niederung hin, und auf diesem standen die meisten Schlingpflanzen und
Dornen; da es aber jetzt stark gefroren und geschneit hatte, so hielt
ich mich fortwhrend auf dem Eis und wanderte so leicht und ungehindert
wie auf einer geebneten Landstrae darauf fort, denn der Schnee hinderte
mich wenig, da ich damals noch meine alten, deutschen Wasserstiefeln
trug. Mehre Male kreuzte ich auch die Spur von Wlfen, sah mich jedoch
nicht einmal darnach um, denn ich wrde keinen Wolf geschossen haben,
selbst wenn er mich darum gebeten htte, weil ich Pulver und Blei mehr
zusammen halten mute. In einer Gegend, wo man seine Ammunition nicht
wieder ersetzen kann, geht man gewi haushlterisch damit um; ich
verlie mich daher auch auf meine Stcken Hirschwildpret und zog an ein
paar Vlker Truthhner ruhig vorber, wobei diese ebenfalls sehr wenig
Notiz von mir zu nehmen schienen.

Nach einigen Stunden vorsichtigen Prschens jedoch, wobei ich immer noch
nicht die stille Hoffnung aufgab, einem alten Bren zu begegnen,
der seine Winterwohnung einmal verlassen haben konnte, obgleich dazu
eigentlich wenig Hoffnung war, erreichte ich pltzlich einen Platz,
wo in der vorigen Nacht etwa zwanzig Bffel gelagert haben muten.
Die Betten waren vom Schnee entblt, die Zweige der Bsche ringsumher
abgenagt und die Fhrten sahen noch so frisch aus, als ob sie eben erst
der weien Schneedecke eingepret worden wren.

Das war Alles, was ich wollte -- Bffel -- und welche Fhrten fand ich?
ein alter Bull besonders mute ein unmenschlich starker Bursche sein.
Natrlich hoffte ich die Heerde, die, meiner Ansicht nach, nicht weit
konnte gewandert sein, in kurzer Zeit beim sen zu erwischen, und
schnell, aber so geruschlos als mglich, folgte ich den breit
ausgetretenen Fhrten eine Strecke am Flu hinunter, und dann wieder,
westlich von diesem ab, als ob sie nach ihrem gewhnlichen Sammelplatz,
den =Cash=- Smpfen, hinber gewollt htten; auf einmal aber nderte
sich ihre ganze Richtung und sie waren wieder nordwestlich hinaufgerannt
und zwar diesmal, wie es schien, in wilder Eile.

Erst konnte ich mir dieses schnelle Wenden nicht erklren, fand aber
bald die Auflsung in einer Masse Wolfsfhrten, die wahrscheinlich die
Heerde, in der Hoffnung, ein Junges zu fangen, angefallen und zerstreut
hatten, obgleich sich der Bffel sonst nicht besonders vor dem Wolf
frchtet. Jetzt ging auch fr mich ein viel beschwerlicherer Marsch an,
denn da sich die schweren Thiere vereinzelt hatten, mute ich mir
selbst meinen Weg hinter ihnen her bahnen. Unglcklicher Weise war
ein Schilfdickicht von ihnen durchbrochen worden und die Folge daher
erschrecklich beschwerlich gemacht, denn nichts ist dem Brenjger
hinderlicher, als eben diese Schilf- oder Rohrbrche, in die sich
besonders der Br augenblicklich flchtet und nur zu oft dadurch
gerettet wird; denn wer einen solchen Bruch nie gesehen hat, kann sich
unmglich einen richtigen Begriff davon machen. Das Schilf selbst ist
hart wie Holz, wird bis anderthalb und zwei Zoll im Durchmesser stark,
und oft dreiig und vierzig Fu hoch, steht auch in dem fruchtbaren
und sumpfigen Thalland so dicht, da man sich kaum dazwischen
hindurchdrngen kann; ein Fortschreiten in diesen Dickichten wird aber
nur zu hufig durch die Unmasse dorniger Schlingpflanzen, die mit einem
festen Gewebe ganze Strecken eng verbinden, fast unmglich gemacht, wenn
der Jger sich nicht, in der Rechten das schwere, breite Jagdmesser,
Bahn haut; kommt er aber zu einem in diesem Gewirre umgestrzten Baum
(und die umgestrzten Bume liegen nicht etwa selten darin), so ist an
ein Weiterdringen in gerader Richtung gar nicht zu denken; junge Bume,
Schlingpflanzen, Rohr und Dornen bilden dann eine Masse, durch die man
sich nicht einmal Bahn hauen kann, und man mu den Platz umgehen.

Wie langsam aber in einem solchen Schilfbruch ein Vorrcken mglich
ist, habe ich einst im Mississippi-Thal erfahren, wo ich drei Stunden zu
einer Strecke von etwa 500 Schritt brauchte. Hier ging es jedoch etwas
besser, die Bffel hatten mir, wenigstens ein wenig, Bahn gebrochen, und
mit dem Messer nachhelfend folgte ich ertrglich rasch. Der Tag war
aber auch jetzt sehr weit vorgerckt und die hereinbrechende Dmmerung
berraschte mich keineswegs angenehm. Das Schilf wollte gar kein Ende
nehmen; wenn ich daher auch, beim hellen Schein des Schnees, der Spur
in der Nacht htte folgen wollen, so wre dies schon wegen des dicken
Rohres nicht mglich gewesen, das, nach allen Richtungen hinaus stehend,
die ganze Aufmerksamkeit des Hindurchdringenden am hellen Tage in
Anspruch nahm, indem man sich bei jedem Schritt die Augen aus dem
Kopfe stoen konnte; daher zndete ich ein Feuer an, was mit Hlfe des
Tomahawks und etwas trockenen Schwammes sehr bald gelang, reinigte einen
Platz vom Schnee und hatte mich bald behaglich genug eingerichtet.

Ich lag gerade auf einer kleinen Erhhung, mitten im Schilf, so da ich
gegen den kalten Nordwind ziemlich geschtzt war; der Platz hatte aber
das Unangenehme, auch nicht die mindeste Aussicht zu gewhren, nicht
zwei Schritte weit konnte ich sehen und fhlte mich durch die Nhe des
Dickichts, von dem ich frmlich umschlossen lag, beengt; die Sache lie
sich jedoch nicht ndern, eine offene Stelle auszuhauen, dazu fhlte ich
mich zu ermdet, Wirthshuser waren auch nicht in der Nhe, also machte
ich gute Miene zum bsen Spiel und bekmmerte mich mehr um mein Feuer
als um das Dickicht.

Weil ich doch noch nicht recht schlfrig war, holte ich, nachdem ich
mein frugales Abendbrod verzehrt hatte, den Compa vor, und denselben
gerade in eine der Bffelfhrten an meiner Seite stellend, vertrieb ich
mir damit die Zeit, zu rathen, auf welchem ganz genauen Strich nun die
Heimath lge, und dabei zu berlegen, wie mich hier, von diesem Punkt
aus, das Abweichen eines 32stel Zolles zur Rechten oder Linken, entweder
in die Wste Sahara oder nach Sibirien hinaufbringen knnte. Diesem
Gedanken gesellten sich andere zu -- was sie jetzt wohl zu Hause
machten, ob sie auch an mich hierher dchten und noch viele, viele Dinge
-- so da ich endlich vom vielen Denken mde wurde und einnicken wollte.
-- Da krachte ein kleiner Zweig -- dicht neben mir; -- zwar war der Laut
gedmpft -- der Zweig mute unter dem Schnee gelegen haben, ich hatte es
aber deutlich gehrt und hob schnell den Kopf, um wenigstens den kleinen
Raum, in dem ich lag, bersehen zu knnen; auch war ich in der Richtung
noch ungewi, instinktartig hatte ich aber das Messer aus der Scheide
gezogen.

Eine Weile blieb Alles ruhig und ich konnte das Schlagen meines Herzens
hren -- da krachte es wieder, ganz nahe; -- was es auch immer sein
mochte, es konnte sich keine zwlf Fu von mir befinden; deutlich
vernahm ich auch jetzt die leisen Schritte im Schnee, wie das Thier trap
-- trap -- trap -- trap -- mich langsam umschlich. O wie ich mir damals
einen Hund wnschte.

Eine Zeit lang schien es still zu stehen, dann hrte ich es wieder in
der anderen Richtung, deutlicher noch als vorher. All' meine Sinne waren
aber jetzt auf das Peinlichste gespannt, denn jeden Augenblick erwartete
ich irgend eine Bestie, ob Panther oder Wolf konnte ich nicht wissen,
aus dem Dunkel hervorblinzen und mich anschnffeln zu sehen. In
dieser angenehmen Hoffnung hatte ich nun freilich den Hahn der Bchse
aufgezogen, aber auch diesmal starb das Gerusch hinweg und das frhere,
lautlose Schweigen herrschte.

Aus allem Vorhergegangenen mute ich nun nach wohl Stunden langem Harren
vermuthen, da mich mein Nachtbesuch verlassen habe, doch war ich zu
aufgeregt, um gleich einschlafen zu knnen und blieb noch lange wachend
liegen, indem ich einen vor mir stehenden alten Baum betrachtete,
der ein gar eigenthmliches Aussehen hatte. Es war ein ungeheuerer
Sassafrasstamm, der, von einem dichten Gewebe von Schlingpflanzen
umgeben, seiner ste und Zweige beraubt, wie eine riesenmige
Sule gegen den dunkeln Nachthimmel emporstarrte. Eine hohe, breite
Schneekappe krnte den Gipfel. Im Sommer, wenn die Schlingpflanzen ihre
grnen Bltter bekommen, sehen diese Baumleichen herrlich aus, denn
dann ist von der alten, vertrockneten Rinde auch nicht die Spur mehr
zu erkennen, und nur die grne, lebendige Sule steht wie ein Denkmal
vergangener Zeiten da, wo noch der Indianer die Wildni durchzog, die
jetzt nur sein Grab umschliet. -- Ich schlief bald darauf ein und der
Morgenruf der Eulen weckte mich erst wieder.

Vor allen Dingen untersuchte ich aber jetzt, wer mein nchtlicher Besuch
gewesen war, und fand auch dicht am Lager, einmal sogar bis auf drei
Schritte, die Spuren eines ziemlich starken Wolfes, was mich um so mehr
befremdete, da der Wolf sonst sehr menschenscheu ist und einem Lager
selten gern naht; -- spter brigens habe ich oft Beweise vom Gegentheil
erhalten, denn einmal, zwei Jahre darauf, holte mir eine solche
Bestie das Jagdmesser fort, das dicht neben mir lag und zerkaute den
schweiigen Griff; ich hatte erst an demselben Nachmittag einen Hirsch
damit aufgebrochen.

Mit neuen Krften verfolgte ich nun die jetzt wieder vereinigten
Fhrten, die an manchen Stellen, wo kein besonderes Futter sie aus der
Bahn lockte, eine frmliche Strae bildeten; aber wie ich auch sphte,
immer noch konnte ich nicht das ersehnte Wild selbst entdecken,
hundertmal wohl lie mich ein niederbrechender Ast, oder ein
aufgescheuchter Hirsch ihre Nhe hoffen, stets sah ich mich aber
getuscht. Meine einzige Hoffnung blieb jetzt, als die Sonne wieder
blutigroth am Horizont verschwand, die Nacht; der Wald war offener als
am vorigen Abend, ich gedachte daher meinen Weg fortzusetzen, da die
Bffel auf keinen Fall nach einbrechender Dmmerung weiter wandern
wrden. Das wre auch recht gut gegangen, denn hell genug leuchtete der
Schnee, um die Fhrten zu verfolgen, wieder aber stellte sich mir ein
solch unglckseliges Schilfdickicht in den Weg, dazu umwlkte sich der
Himmel und ich wurde auf's Neue gezwungen beizulegen.

Mein Nachtlager war ausgezeichnet, denn durch einen umgestrzten Stamm
gegen den kalten Luftzug geschtzt, bei einem herrlichen Feuer, an dem
ein ansehnliches Stck Hirschwildpret schmorte, htte ich mich sehr wohl
fhlen knnen, aber -- aber -- die aufsteigenden Wolken machten mich
besorgt, dazu wurde es merklich wrmer, und mir bangte vor Thauwetter.
Ich war viele Meilen in den Sumpf eingedrungen und die ganze Zeit fast
nur auf Eis marschirt, durfte daher wenig trockenen Boden hoffen, wenn
diese Schneemasse jetzt flssig werden sollte. Doch was konnte ich thun?
ich mute es abwarten, hllte mich also in meine Decke und schlief bald
ein. Die Sonne mochte aber schon lange aufgegangen sein, als ich endlich
erwachte und zu meinem Entsetzen das, was fr mich das Schrecklichste
war, besttigt fand -- es regnete und die Luft war mild und warm wie im
Mai -- o wie ich mich jetzt nach einem tchtigen Nord-Ostwind sehnte.

Mit welchen Gefhlen ich brigens meine nasse Decke zusammenrollte und
mich marschfertig machte, lt sich denken; dabei kamen mir bedeutend
starke Gedanken an Umkehren und Bffel Bffel sein lassen; die Fhrten
sahen aber gar zu lockend aus, noch blieb mir die Hoffnung, sie einholen
zu knnen, ja sogar die Wahrscheinlichkeit war vorhanden, da sie bei
solchem Wetter nicht weiter ziehen, sondern ruhig sen wrden; fest
entschlossen also, da es jetzt doch auf eine Meile mehr oder weniger
nicht ankam, folgte ich auf's Neue den Fhrten und trotzte dem Himmel,
der mir eine Wolke voll Wassers nach der andern auf den Pelz go. Die
Bffel schienen auch ganz in der Nhe zu sein; in den Fhrten stand das
schlammige Wasser, das ihre Tritte aufgerhrt hatten, Losung sogar,
die ich fand, war noch warm -- ich mute sie finden; -- da kam es mir
pltzlich vor, als ob der liebe Gott alle Zapfen aus den Schleuen dort
oben herausgezogen habe -- es regnete nicht mehr, es wasserfallte und
der Erdboden glich einer ungeheuern Eislimonade, nur fehlten Zucker und
Citronen.

Es ist jedoch ein eigenes Ding um das Menschenherz; vor kleinen
Beschwerden und Gefahren bebt es zurck, strmt aber alles wild und toll
darauf ein, kommt ein Schlag nach dem andern; dann wird es verstockt
und strrisch, wie ein wilder Stier, macht die Augen zu und strmt
blindlings gegen Jedes an, was sich ihm in den Weg stellt.

Etwas besser macht ich's doch, die Bume umging ich, aber so erbittert
hatte mich dieser, fr mich wahrhaft frchterliche Witterungswechsel
gemacht, da ich das uerste zu wagen beschlo. Der ganze Wald stand
unter Wasser, d.h. unter geschmolzenem Schnee, und ich mute jetzt
schon auf das hhere, mit Dornen und Schlingpflanzen bewachsene Land, da
sich erstlich die Bffel hierher gewandt hatten und dann auch das Gehen
auf dem Eis fast zur Unmglichkeit wurde, indem es unter dem Schnee
geschmolzen, wenigstens weich geworden war und beim zweiten oder dritten
Schritte stets einbrach. Noch konnte ich die Fhrten erkennen und
folgte, oft bis an den Grtel im Wasser, dem Wild -- ich war gegen Alles
gleichgltig geworden und hatte nur den einen Gedanken noch -- Bffel --
ich wollte Bffel sehen -- ich wollte einen schieen und wre dann mit
dem grtmglichen Vergngen gestorben, um nur nicht wieder den ganzen
Weg, den ich gekommen war, zurck machen zu mssen.

Da wurde der Wald pltzlich licht und nach wenigen hundert Schritten
dehnte sich eine weite, de Flche vor mir aus -- es war ein See --
wenigstens jetzt, er konnte aber nicht gefroren gewesen sein, denn es
lag nur eine dnne Decke geschmolzenen Schnees auf der Oberflche, und
hier -- hier waren die Bffel hindurch. Deutlich konnte ich die langen,
dunkeln Streifen, die sich quer durch zum anderen Ufer zogen, erkennen;
vergebens aber sphte ich nach den Thieren selbst -- eine rthselhafte
Wanderlust trieb sie vorwrts und ich unglckseliges Menschenkind hatte
gerade diesen Zeitpunkt whlen mssen, um Jagd auf sie zu machen; doch
das berlegen brachte mich nicht weiter; auf einem etwas trockenen Fleck
band ich alle meine Habseligkeiten in die Decke zusammen, nahm diese auf
die Schulter und -- folgte den Fhrten.

Noch jetzt, wenn ich an diese Jagd zurckdenke, kann ich nicht anders
glauben, als da ich damals einen gelinden Anfall von Wahnsinn haben
mute, denn wenn ich die Bffel wirklich berholte, so konnte
ich hchstens ein paar Pfund Fleisch und vielleicht ein Horn, als
Siegestrophe, mitnehmen; ich fhlte aber jetzt nur den einen Trieb in
mir, hatte nur das eine Ziel im Auge und fand mich sehr bald bis unter
die Arme im Schneewasser, mitten im See. Als mir das Wasser ber die
Brust stieg, verging mir der Athem, doch war der Boden glcklicherweise
fest, nicht schlammig, wie ich im Anfang gefrchtet hatte, und ich
erreichte das andere Ufer, -- oder, besser gesagt, das hhere Land, denn
von Ufer war keine Rede, -- ohne unterwegs erstarrt zu sein. Hier fand
ich das Wasser doch wenigstens nur knietief und athmete etwas freier.
Zu meiner groen Verwunderung schien es aber Abend zu werden, und kaum
konnte es, wie ich wenigstens glaubte, Mittagszeit sein. Sollten wir
eine Sonnenfinsterni haben? dacht' ich einmal -- das war mglich, aber
immer dunkler wurde es, immer stiller im Wald -- in der Ferne lie sich
ein einzelner Wolf hren -- es war kein Zweifel mehr, die Nacht brach
schon wieder herein, und noch ist es mir unbegreiflich, wie mir die Zeit
an jenem Tage verschwunden sein konnte.

Der Regen, der am Nachmittag etwas nachgelassen hatte, fing wieder von
frischem an zu gieen, und als ich mich, mit gerade keinen freundlichen
Gefhlen, nach einem Platz zum Lager umsah, regnete es, wie man sagt,
Bindfaden; trotzdem gab ich die Fhrten nicht auf -- an Feuermachen war
jedoch gar nicht zu denken; auf dem trockensten Platz, den ich finden
konnte, stand das Wasser anderthalb bis zwei Zoll, und Jedermann wird
eingestehen mssen, da das immer noch _feucht_ war; ich kauerte mich
daher unter einem halbumgestrzten, schrg liegenden Baumstamm, der
wenigstens die frchterlichsten Regengsse von mir abhielt, nieder,
obgleich ich auch schon bessere Dcher, als er war, gesehen habe, und
versuchte zu schlafen. -- Zu schlafen? ja, wenn ich das einen Versuch
nennen will, da ich einige Male die Augen zumachte; an wirkliches
Schlafen war aber natrlich unter solchen Verhltnissen nicht zu denken;
zwar trug ich noch ein Stck gebratenes Hirschwildpret bei mir, fhlte
aber nicht den mindesten Appetit, es zu verzehren, und erwartete sehnend
und vor Frost schttelnd den anbrechenden Morgen.

Mitternacht mochte es sein, als ich, seit der Dmmerung, die ersten
Wlfe wieder hrte -- sie schienen ganz in der Nhe zu sein und heulten
jmmerlich; die armen Bestien mochten wohl auch nasse Fe haben; so
gleichgltig war ich aber gegen ihre Nachbarschaft, so abgestumpft gegen
jede, nur erdenkliche Gefahr geworden, da ich es nicht einmal der Mhe
werth hielt, das Messer aus der Scheide zu ziehen, sondern ruhig sitzen
blieb und abwartete, was sie thun wrden, denn schon der Gedanke, mich
zu bewegen, war mir grlich. Es mochten sechs oder sieben Wlfe sein --
so viel verschiedene Solosnger konnte ich wenigstens unterscheiden und
ich erinnere mich sogar noch recht deutlich, da ich einmal _gelacht_
habe, als ein junger Wolf, mit einer besonders dnnen Stimme, so gar
klgliche Tne ausstie. Immer nher kamen sie, aber, und da es nicht
anders mglich sein konnte, als da sie mich wittern muten, denn der
Wolf wittert, wie bekannt, ungemein scharf, so begreife ich eigentlich
jetzt noch nicht, was sie, wenn es nicht ihre grenzenlose Feigheit war,
abhielt, ber mich herzufallen, da ich ihre dunklen Gestalten deutlich
erkennen konnte, wie sie im Wasser hin und her wateten.

Weil mir ihre Nhe aber doch jetzt fast etwas zu freundschaftlich wurde,
beschlo ich, der Sache auf einmal ein Ende zu machen, nahm die Bchse
an den Backen, zielte auf den grten Krper und drckte ab. -- Ja ich
hatte gut drcken -- es war Alles na geworden; da blieb mir denn weiter
nichts brig, ich lehnte die Bchse neben mich, und schlo die Augen;
die ganze Sache um mich her kam mir so ekelhaft und fatal vor, da ich
sie gar nicht mehr sehen mochte.

Endlich brach der so hei ersehnte Morgen an -- aber wie -- grau und
feucht; der Regen hatte freilich nachgelassen, doch schien das Wetter
noch viel wrmer geworden zu sein -- der Schnee war jetzt vollkommen
geschmolzen und der ganze Wald eine flssige Masse, in der jede Fuspur
zusammenlief -- Bffelfhrten existirten nur noch in der Erinnerung. Da
stand ich nun, mit meiner Bffeljagd -- Gott wei, wie viele Meilen von
irgend einer menschlichen Wohnung entfernt, in einem Wald, in dem sich
ein Frosch htte erklten mssen, mit einem Stckchen kalten, gebratenen
Hirschfleisch und einer Bchse, die nicht losgehen wollte; ich verzehrte
jedoch vor allen Dingen das erstere, wobei ich Pulver statt Salz
gebrauchen mute, und stand dann auf, um meine Marschroute fr diesen
Tag zu beschlieen.

Wie ich damals das Alles ausgehalten habe, ist mir jetzt noch ein
Rthsel; na zum Ausringen, die ganze Nacht im Schneewasser, gekrmmt
unter einem Baumstamm gesessen, von Wlfen umheult, fhlte ich mich
jetzt so wohl und krftig, als ob ich in einem warmen Bette geschlafen
htte, nur waren mir die Kniegelenke etwas steif.

Wenn ich aber auch, zu meiner Zeit, ein so eifriger Jger gewesen
bin, als sich selten findet, so hatte meine Jagdlust durch die letzten
Begebenheiten dennoch einen bedeutenden Sto erhalten, ich sehnte mich
nach Menschen -- nach Brod, nach Bergen -- denn ohne Berge konnte ich
mir gar keine Erlsung aus dieser Wasserwste denken: schnell fate ich
daher meinen Entschlu. -- Ich hatte mein Mglichstes gethan, hatte
bis auf den letzten Augenblick ausgeharrt, und brauchte mir nichts
vorzuwerfen; den Bffeln sagte ich also, mit einem halb traurigen,
halb rgerlichen Blick nach Sdwesten Lebewohl, und schlug die gerade
Richtung nach Nordost ein, um an den S. Francis-Flu, an die breite
Fahrstrae, zu kommen und von dort den Mississippi zu erreichen, auf dem
ich in den Ohio und auf diesem nach Cincinnati zurckkehren wollte.

Meiner Lust nach dem Urwald war fr eine Zeit lang gengt, und ich
kann mit gutem Gewissen fragen, _wer_ htte den Wald, unter solchen
Umstnden, nicht satt bekommen? Das Sattbekommen allein half mir aber
noch nicht heraus und der vor mir liegende Weg erfllte mich mit Grausen
und Schauder. -- Tagelang mute ich noch in dem kalten Wasser fortwaten
und eine einzige Nacht Frost konnte meinen Untergang herbeifhren, denn
wenn sich jetzt auf dem Wasser eine dnne, scharfe Eisrinde sammelte, so
wr' ich verloren gewesen; glcklicher Weise blieb es aber warm und ich
trat meinen Marsch, wenn auch nicht mit Singen und Jubeln, aber doch
mit dem festen Entschlu an, Alles, auch das Schlimmste, ohne Murren, zu
ertragen.

Unmglich wre es jedoch, den Weg zu beschreiben, den ich zu
durchwandern hatte. Nur wenige Streifen trockenen Landes fand ich, und
hielt auf dem ersten, um meine Bchse wieder in Stand zu setzen. Dann
aber durch Sumpf und Moor, durch Flu und seegleiche Wasserstrecken
meine Bahn verfolgend, oft bis unter die Arme im Eiswasser (einige
Male mute ich sogar schwimmen) erreichte ich gegen Abend einen hohen
indianischen Grabhgel und erquickte mich in dieser Nacht wieder bei
einem lodernden Feuer und einem am Spie steckenden Truthahn, den
ich, wenige hundert Schritt von meinem Lager, von einem Baum herunter
geschossen hatte.

Am nchsten Tage blieb mein Marsch nun zwar derselbe -- dieselbe de
Wasserwste, derselbe kalte, nasse Wald, mit seinen ungeheueren Bumen;
doch interessirte mich an diesen jetzt nur noch das Moos, nach dem ich
meine Richtung beibehielt, denn in dem flachen Lande, an den geraden
Stmmen, ist das Moos an der Nordseite (ein klein wenig mehr westlich
als stlich) am strksten, und man kann ziemlich sicher darnach gehen;
ich wenigstens habe meinen Weg stets sehr gut mit der Beobachtung
desselben gefunden. Wer beschreibt aber meine freudige berraschung, als
ich gegen Mittag Spuren eines menschlichen Wesens fand und bald darauf
einen Schu hrte; ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wie ich eilte,
um mich diesem anzuschlieen; nach nicht gar langem Marsch holte ich den
Jger auch ein, wie er eben einen erlegten Hirsch aufgehangen hatte; er
war aber ebenfalls nicht wenig erstaunt, _mich_ und zwar an solchem
Ort und in solchem Aufzuge zu sehen. Wre er nur ein Bischen mit
europischer Civilisation bekannt gewesen, so wrde er mich unbezweifelt
fr einen Weinreisenden gehalten haben, so konnte ich ihm nur
versichern, da ich ein Pech-Reisender sei und mich in den Smpfen
hier zu meinem Vergngen aufhalte; mein Aussehen mute das auch
besttigen.

Ich hatte jedoch nun den schlimmsten Weg berstanden und erreichte
einige Tage darauf die Ansiedelungen; es bedurfte aber langer Monate,
ehe ich diese Jagd vergessen, wenigstens verschmerzen konnte; doch
durfte ich mich gar nicht beklagen; ich lernte dadurch nur _eine_ der
_vielen_ Schattenseiten kennen, die eine jede Sache haben mu, um nicht
durch Einfrmigkeit allen Reiz zu verlieren; fand aber auch zu gleicher
Zeit, da der _Urwald_ trotz all dem Zauber, der schon allein in dem
Worte liegt, recht sehr prosaisch, ja sogar recht sehr langweilig sein
konnte. Sind daher die deutschen Jagden auch weniger gefahrvoll, also
auch weniger interessant, als die amerikanischen, so ist der Jger hier
doch auch nicht solchen erschrecklichen Lagen ausgesetzt, als es nur zu
oft dort der Fall ist, und wo einmal eine Sache Zwang wird, wo der im
Walde Lebende schieen _mu_, wenn er nicht verhungern will, hrt sie
auf Vergngen zu sein.

Drum, -- haben wir auch hier in Deutschland keine Bren- und
Pantherjagden, so sind die Hasentreiben doch uerst gemthlich; und
liefern fette Brrippen und Honig ein sehr leckeres Mahl, so schmeckt
ein gespickter Rehziemer auch nicht so bel.




Die Brenjagd am Bayou Meter in Arkansas.


Eine reine, klare Julisonne sandte ihre glhenden Strahlen auf die
Smpfe herab, welche die Bayou Meter am nrdlichen Ufer des Arkansas
umgeben. Selbst die Frsche schwiegen, wie erdrckt von der schweren
Atmosphre, und nur dann und wann unterbrach ein einzelner Ruf
derselben, oder das Zwitschern eines kleinen Waldvogels, die Stille, die
grabeshnlich auf der Wildni lagerte.

Da schallte aus weiter Ferne das Geheul einer Meute Hunde herber,
schwieg wieder einen Augenblick, und erklang dann lauter und nher als
vorher. Jetzt konnte man schon die verschiedenen, tieferen und hheren
Tne einzelner Braken erkennen, und reiend schnell nherte sich die
Jagd der noch vor wenigen Augenblicken geruschlosen Einsamkeit. -- Ein
Hirsch, der, um den Fliegen und Mosquito's zu entgehen, dicht versteckt
in einem kleinen Schilfdickicht gelegen hatte, sprang auf, streckte und
dehnte sich, horchte einige Sekunden lang dem nher und nher kommenden
Getos der Meute, und sprang dann mit langsamen aber weit gestreckten
grazisen Stzen in's Gebsch, einen stilleren, ungestrten Platz zu
seiner Ruhe zu whlen.

Jetzt schallte das Gebell klar und deutlich, wie nur wenige Schritte
entfernt aus den, mit dornigen Schlingpflanzen dicht durchflochtenen
und durchwachsenen Bschen; drre ste krachten, das trockene Laub
raschelte, das ganze Gewirr von Schlinggewchsen kam in Bewegung,
und heraus strzte mit offenem, dampfenden Rachen, aus dem die rothe,
lechzende Zunge hing, mit zurckgelegten Ohren, mit gestrubtem Haar,
ein gewaltiger Br, und versuchte ber die kleine offene Flche hinweg
das gegenber liegende Dickicht zu erreichen. Ihm auf den Fersen aber
folgten fnf mchtige Hunde, und kaum hatte er die Hlfte der kleinen
Waldprairie durchrannt, als der schnellste und krftigste von ihnen,
ein schwarz und grau gestreifter Bursche mit rothen, glhenden Augen und
frchterlichem Gebi, an seiner Seite war und ihn fate.

Mit Blitzesschnelle wandte sich der Br und versuchte seinen Verfolger
mit der Tatze zu erreichen und zu vernichten. Das kluge Thier aber, mit
dieser Jagd vertraut und die Gefahr kennend die in der, mit furchtbarer
Kraft gefhrten Tatze seines Feindes lag, entging durch einen gewandten
Seitensprung dem wohlgefhrten Schlage. Ehe aber der Br, der sich
augenblicklich wieder zur Flucht wandte, das Zurckprallen seines
Feindes benutzen konnte, das schtzende Waldesdunkel zu erreichen, in
welchem wild ber einander gestrzte Bume der verfolgten Bestie den
grten Vorsprung gegeben haben wrden, berholten die vier anderen
Rden jetzt den Verfolgten und umzingelten im Nu das zur uersten Wuth
gereizte Thier. Vergebens war's, da sich dieses zur Wehr stellte, und
mit einer Gewandtheit, die Niemand dem anscheinend plumpen Geschpfe
zugetraut haben wrde, nach allen Seiten hin gegen die angreifenden
Hunde Front machte und sie zurckschlug; vergebens, da schon drei der
khnsten und unvorsichtigsten ihre Kampflust mit dem Tode gebt, und
erschlagen oder schwer verwundet am Boden zuckten; andere, die der Jagd
nicht so schnell hatten folgen knnen, nahmen die Pltze der Getdteten
ein, und griffen mit immer erneuerter Wuth den vom langen Lauf
erschpften Bren an.

Durch einige wohlgefhrte und todbringende Schlge jedoch, die
wieder zweien der Meute das Leben kosteten, verschaffte er sich einen
Augenblick Luft und stand schnaufend, mit glhendroth unterlaufenen
Augen, die weien Zhne bis ber das Zahnfleisch hinauf entblt, einen
frischen Angriff erwartend, da, whrend die Hunde bellend und heulend
ihn umsprangen. Oft aber, indem sie schon einen raschen Anlauf
versuchten, wurden sie nur durch eine schnelle zuckende Bewegung, ein
Drehen des Kopfes, ein Blinzeln des Auges ihres gefrchteten Feindes
zurckgescheucht, da sie winselnd zur Seite sprangen, gleich darauf so
viel eifriger ihre Angriffe zu wiederholen.

Da erscholl nahe und laut der Jagdruf ihres Herrn, des jungen Lobston.
-- Sie horchten; noch einmal ertnte der ermunternde Zuruf des jungen
Mannes, der seinem Vater, mit dem er die Jagd begonnen, voraus geeilt
war. Sobald er die Hunde hrte, trieb er sie zu neuen Anstrengungen, den
Feind aufzuhalten, bis er selbst mit Kugel und Messer den Gefhrlichen
abfangen und das Land von ihm befreien knne. Schweren Schaden hatte der
Gefrige nmlich den Heerden der Nachbarschaft zugefgt, und mancher
Hund war schon in seiner Verfolgung geopfert worden, wobei er sich bis
jetzt jedesmal durch seine ungemeine Schnelle und frchterliche Kraft
den Feinden entzogen und gewisse, sichere Dickichte erreicht hatte, in
die ihm weder Hund noch Pferd folgen konnte und wollte.

Diemal schien aber sein Schicksal besiegelt zu sein, denn mit Tigerwuth
und alle Gefahr verachtend, warfen sich jetzt die Hunde, von der Stimme
ihres Herrn gestachelt, auf den gemeinsamen Feind. Umsonst wthete er
gegen sie mit Zahn und Tatze, umsonst erfate er den Lieblingshund des
jungen Lobston, gerade als dieser auf dem Kampfplatz erschien, in seine
tdtliche Umarmung, da das gequlte Thier laut aufheulte und seinem
Herrn, den es schon dreimal aus Todesnoth gerettet hatte, wie Hilfe
rufend, entgegen schrie. Fang und Klaue verachtend, bedeckte die jetzt
zu rasender Wuth gereizte Meute den Br, da er mit ihnen, kmpfend und
um sich hauend, zu Boden strzte.

Der junge Lobston war nahe bei dem rollenden, wogenden Knuel, den die
wthenden Thiere bildeten, vom Pferde gesprungen, und hatte mehrere
Augenblicke vergebens gesucht, dem Bren eine Kugel beizubringen. Kaum
hie und da konnte er auf Augenblicke ein Stck von dessen Fell sehen,
so hielten ihn die Hunde bedeckt, und die Bchse hinwerfend, das Messer
herausreiend, strzte er sich gegen den Niedergeworfenen.

In demselben Augenblicke sprang dieser, wie durch Zauberei von den
Hunden befreit, die nach allen Himmelsrichtungen geschleudert von ihm
weg flogen, empor, und das erste, was sich seinen vernichtenden Blicken
zeigte, war sein grimmigster Feind, der mit geschwungenem Messer auf ihn
zustrzen wollte.

Der Anblick des mit Schaum und Blut fast berzogenen Thieres war
frchterlich, und mit solcher schrecklichen Mordgier im Blick sprang es
auf den erschrockenen Jger zu, da dieser, der noch nie einen gereizten
Bren in seiner ganzen Furchtbarkeit geschaut hatte, sich entsetzt
wandte und zu fliehen versuchte.

Nur einen Angstschrei konnte er ausstoen, als ihn die Bestie erreichte
und niederschlug; in demselben Augenblicke aber hatten sich auch die
Hunde wieder gesammelt, kamen ihrem jungen Herrn zu Hilfe, zwangen den
Bren, ihn loszulassen und folgten dem sich langsam Zurckziehenden in
den dichteren Wald.

Da krachten wieder die Bsche und drren ste desselben Dickichts, aus
welchem vor wenigen Minuten der junge Lobston herauskam, und dessen
Vater, ein alter, weihaariger Greis, sprengte auf den Wahlplatz.

Sein Jagdhemd hing in Fetzen an ihm herunter, sein Gesicht war blutig
und zerrissen, und lang flatterten ihm die weien Locken beim scharfen
Ritt um die Stirn. Auf der Hetze hatte er seine Mtze verloren, als
er im rasenden Sprung, bei dem Ro und Reiter in den unzerreibaren
Schlingpflanzen hngen geblieben, ber eine umgestrzte Eiche
hinweggesetzt, gestrzt und gegen einen Baum geschleudert war. Eben
wollte er, seinem Pferde die Hacken in die Seite setzend, ber den
blutigen Fleck hinbersprengen, der Jagd zu folgen, als er seinen Sohn
ohnmchtig, das Gesicht der Erde zugekehrt, am Boden liegen sah, und
mit krampfhaftem Zucken das Pferd zurckri, da es hochaufbumend sich
beinah mit dem wilden Reiter berschlagen htte.

William! rief er mit vor Angst erstickter Stimme, William -- um
Gotteswillen antworte, bist Du verwundet? und alles Andere vergessend,
sprang er vom Pferd, das schnaubend und keuchend stehen blieb, und
versuchte den Sohn aufzurichten.

Dieser holte nur schwach Athem und schlug mit Mhe die Augen auf, den
Vater zu bewillkommnen. Sein Gesicht war todtenbleich und, wie seine
vorn ganz aufgerissenen Kleider, mit Blut berzogen.

Der alte Mann kniete neben ihm und legte den Kopf des Kindes auf sein
Knie, whrend der Verwundete zu lcheln versuchte. Da schlugen, nicht
sehr weit entfernt, die Hunde wieder wie rasend an, und heulten und
jauchzten, da der alte Jger unwillkrlich seinen Kopf hob und den
bekannten Tnen lauschte.

Sie haben ihn auf einem Baume, murmelte William leise.

Ich wei wohl, ich wei wohl, sagte der Alte, aber la ihn da sitzen
und la die Hunde darunter verhungern; ich kann Dich nicht verlassen.

Geh -- geh, bat der Sohn -- o la ihn diemal nicht entkommen.

Aber, William, Du liegst schwer verwundet hier, ich wei nicht einmal
wie schwer und ich sollte Dich jetzt verlassen? nicht um alle Bren in
Arkansas -- la mich lieber sehen, wo Dich die Bestie getroffen hat,
und mit vorsichtiger Hand versuchte er die Kleider zu entfernen, um die
Wunde zu entdecken; aber ein Schmerzensschrei des Kindes hinderte ihn,
und besorgt zog er die helfende Hand zurck.

Es thut wohl recht weh? fragte er ngstlich.

Vater -- schie den Br, bat der Sohn, ich sterbe hier vor Ungeduld
-- hre nur, wie uns die Hunde rufen -- der alte Wolf ruft mich!

Aber soll ich Dich hier allein lassen? fragte der Alte, noch
unschlssig.

Du bist in zehn Minuten wieder zurck, und wenn ich den Knall der
Bchse und den Sturz des Bren hre, werde ich wieder gesund!

Die Hunde heulten jetzt wirklich auf eine herzzerreiende Art, und der
alte Jger, von den Bitten des Sohnes und seinem eignen Wunsche, ein
schwerverwundetes Kind zu rchen, gedrngt, winkte dem ihm freudig
Zulchelnden noch ein kurzes Lebewohl, sprang auf sein Pferd und seinen
Jagdruf ausstoend, der von der Meute jubelnd beantwortet wurde, war er
in wenigen Sekunden im Waldesdunkel verschwunden.

Bald darauf lie das Bellen der Hunde nach, ein Augenblick ngstlichen
Stillschweigens, der frheren Todtenstille hnlich, herrschte, und der
Verwundete hob sich mit unendlicher Mhe etwas auf seinem Ellbogen in
die Hhe, um sein Gesicht nach der Seite hin zu kehren, von welcher
her er den Schu zu hren erwartete. Da krachte der scharfe Knall der
Bchse; die Hunde stieen einen Schrei aus, und gleich darauf schallte
der dumpfe Fall des schweren Thieres, das von seiner erklommenen Hhe
herabstrzte, zu dem jungen Mann herber. Hochauf athmete der, und sank
zufrieden lchelnd auf die Wurzel des Baumes zurck, unter dem er lag.

Wenige Minuten darauf aber sprengte auch schon in vollem Carriere sein
Vater wieder zurck, warf sich vom Pferde und kniete an der Seite des
todtmatten jungen Mannes nieder, der bleich, mit geschlossenen Augen,
aber leise athmend da lag.

William, sagte er, leise seinen Arm berhrend, William -- schlfst
Du?

Nein, Vater, hauchte der Kranke, die Augen aufschlagend und ihn
freundlich anblickend -- hast Du den Br?

Hier ist seine Tatze, sagte der Alte, indem er dem Sohne die blutige,
abgeschnittene Tatze des Ungethms hinhielt -- der ist nicht mehr
schdlich.

Nun sterb' ich gern, hauchte der Jngling, und erfate seines Vaters
Hand.

Sterben, William? Thorheit -- komm, sei ein Mann; steh' auf, komm, ich
helfe Dir, und mit Todesangst im Blick, versuchte er den Verwundeten zu
untersttzen.

Vater, Du thust mir weh! seufzte dieser.

Um Gotteswillen, wo fehlt es Dir denn? fragte der alte Mann, jetzt
wirklich zum ersten Mal die Mglichkeit vor Augen sehend, da sein Sohn
zum Tode verwundet sein knne.

Hier, sagte dieser, indem er auf seine rechte Brust zeigte -- hier --
es ist Alles aufgerissen, im Rcken sticht es auch recht -- und -- die
Mosquito's sind so bs.

William, fragte der Vater in seiner Herzensangst, kannst Du reiten?

Der Sohn schttelte traurig den Kopf.

In Todesangst rang der Vater die Hnde und sthnte endlich mit leiser,
drngender Stimme:

Aber hier kannst Du nicht liegen bleiben, William; die Insekten
brchten Dich um, kein Mensch knnte Dich pflegen und Du mtest
verschmachten, wenn die Sonne morgen wieder so hei wie heute brennt.
Wir sind aber kaum vier Meilen von unserem Haus, Du weit, der Br
wandte sich ganz wieder dem Flusse zu und es kann kaum 200 Schritt bis
zur Bayou sein. Ich will Dich aufnehmen und tragen; ich thue es gewi
vorsichtig!

Ach, ich bin zu schwer fr Dich, Vater! seufzte der junge Mann.

Nein, nein, William, ich habe Dich zu tausendmal getragen. Damals warst
Du freilich noch kleiner und ich war strker, Du bist aber jetzt krank
und ich will Dich schon vorsichtig fortbringen.

Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, beugte er sich nieder, hob leise
und sanft den Verwundeten auf, nahm ihn in seine Arme und wanderte mit
starken Schritten heimwrts, fortwhrend in das bleiche Antlitz
seines Sohnes schauend, das bei jedem Fehltritt, bei der geringsten
Erschtterung schmerzhaft zusammenzuckte und dessen Farbe mit jedem
Augenblicke fahler und bleicher wurde. Zwei Meilen mochte der alte
Lobston den Sohn wie ein krankes Kind also getragen haben, als dieser
flehend bat ihn nieder zu legen und ruhen zu lassen, er knne es nicht
mehr aushalten. Der Vater willfahrte der Bitte und legte ihn in's
Gras, und brachte ihm in seinem Blechbecher, den er am Grtel trug, zu
trinken; dann aber trieb er auch um so mehr, das schtzende Obdach
des Hauses zu erreichen, aus der Nachbarschaft dort weibliche Pflege
herbeizuholen.

Sanft nahm er den Verwundeten wieder auf und trug ihn mit unendlicher
Mhe durch die Unzahl hochaufwachsender Cypressenwurzeln, die den Weg
berall unterbrachen. ngstlich vermied er dabei auch die kleinste
Erschtterung, whrend keiner von ihnen weiter ein Wort sprach, bis der
Vater endlich das, ihm peinlich werdende Schweigen brach und, sich zum
Sohne niederbeugend, lispelte:

Nur noch eine Viertelstunde, mein William, nur noch eine Viertelstunde,
dann lege ich Dich sanft auf Dein Bett und rufe Nachbar Spellens Anna.
Die soll Dich pflegen und dann wird Dir bald wieder besser werden. Zu
Hause nehmen wir auch die blutigen Kleider ab und -- aber William,
unterbrach er sich ngstlich, indem er still stand.

Der Sohn schlug noch einmal die Augen zu ihm auf, ffnete den Mund, als
wenn er reden wollte, streckte sich und athmete tief auf, whrend ein
tiefer Schmerz ihm durch das Antlitz zuckte.

William! rief der Greis entsetzt, William! so antworte doch -- thue
ich Dir weh? --

Der Sohn antwortete nicht mehr -- er war todt.

Der Vater legte den Krper in's Gras, rieb ihm die Schlfe, nahm seinen
Kopf auf den Schoo, erfate seine Hnde; es war nutzlos, sein Kind war
todt.

Da bermannte ihn einen Augenblick sein Gefhl; er warf sich auf den
Leichnam und schluchzte laut; dann aber, sich gewaltsam sammelnd, stand
er ruhig auf, nahm die Leiche wieder in seine Arme, und trug sie, so
sorgfltig als er das verwundete Kind gehalten hatte, dem jetzt nur noch
wenige hundert Schritte entfernten Hause zu. Dort angekommen, legte er
die Leiche auf das Bett, rckte einen Sessel daneben und des Kindes Hand
in die seinige nehmend, legte er seinen Finger auf dessen Pulsader, um
den leisesten Schlag derselben zu vernehmen, das unbedeutendste Zucken
seiner Augenlider zu bemerken. Es war die letzte Hoffnung des Vaters,
dem starren unerbittlichen Tode gegenber.

Ruhig und geduldig, ja vielleicht ohne sie zu bemerken, hielt der Greis
die Stiche von ganzen Schaaren Mosquito's aus, die ihn umschwrmten,
beobachtete sogar mit fieberhafter Spannung die einzelnen der kleinen
Blutsauger, wenn sie sich auf das Gesicht der Leiche niederlieen, zu
entdecken, ob noch nicht aller Lebenssaft aus den Adern des einzigen
Kindes gewichen sei. Die Mosquito's aber senkten ihren Stachel in die
Haut und tauchten umsonst mit der langen Spitze desselben nach der
warmen Nahrung, zogen ihn wieder heraus, versuchten an einer anderen
Stelle und verlieen dann, summend und unmuthig, den blutlosen Leichnam.

So kam die Nacht; der alte Mann stand auf und zndete ein Licht, von
Hirschtalg und Bienenwachs gegossen, an, das er auf den Tisch stellte
und denselben nahe zum Bett rckte. Dann setzte er sich selbst wieder
auf seine alte Stelle, und die Hand des Kindes in der seinigen,
erwartete er das erste Tageslicht. Als nun endlich der Morgen dmmerte,
die Sonne hinter den Baumwipfeln emportauchte, da stand er auf,
ging hinaus, nahm eine Hacke und fing an das Grab seines Erst- und
Einzig-Geborenen zu bereiten.

Als die Grube tief genug war, wickelte er die Leiche in die wollene
Jagddecke, kte noch einmal Lippe und Stirn des Kindes, senkte ihn
sanft hinab, legte dachartig lange Schindeln ber ihn hinweg, da ihn
die Erdschollen nicht berhren konnten und fllte das Grab aus.

Das beendet, rollte er mit unsglicher Mhe einen abgehauenen, zu
Fenzstangen bestimmten Eichenstamm auf das Grab, schlug die Rinde
oben ab, und grub mit seinem schweren Jagdmesser, das er meiselartig
gebrauchte, den Namen seines Sohnes in rohen Buchstaben auf den Stamm.

An demselben Tag noch fing er die beiden Pferde wieder auf, die er an
dem gestrigen Unglcksabend im Walde verlassen hatte, bepackte sie mit
dem Nthigsten, was er bei einer neuen Ansiedelung zunchst zu brauchen
glaubte, und zog ber den Arkansas hinber nach den Masserne-Gebirgen,
dort ungestrt den Tod seines geliebten Kindes beweinen zu knnen.

Das Haus stand verlassen und de, der Stamm aber, der auf dem Grab des
Jgers lag, war jeden Sonntag Morgen mit frischen, bunten Waldblumen
geschmckt. Ein junges Mdchen kniete dann wohl eine Stunde lang, die
Stirne auf die rauhe Rinde gepret, still daneben und netzte mit ihren
Thrnen die rauhe Decke des jungen Backwoodsman.


Druck von _Alexander Wiede_ in Leipzig.




[
Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Grogeschriebene
Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch
,  und  ersetzt. Offensichtliche Wortfehler wurden korrigiert, bei
Zweifeln der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen
nderungen befindet sich hier am Buchende, nderungen in der Zeichensetzung
sind dort nicht aufgefhrt.

Textauszeichnungen wurden folgendermaen ersetzt:
  Sperrung:   _gesperrter Text_
  Antiquaschrift: =Antiquatext=




nderungen

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  im Inhaltsverzeichnis
  Herrn von Sechingen im Urwald gefiel      1
  Herrn von Sechingen im Urwald gefiel    219

  Seite 261
  undankbarer Mensch -- Charleh Fischer ein -- Aufschneider sei.
  undankbarer Mensch -- Charley Fischer ein -- Aufschneider sei.

  Seite 274
  Sie sind mir so wilkommen, wie die Blumen im Mai
  Sie sind mir so willkommen, wie die Blumen im Mai

  Seite 281
  scheint dann die liebe Sonne und zwischern die muntern Vgel
  scheint dann die liebe Sonne und zwitschern die muntern Vgel

  Seite 284
  mit allem mglichen Schies- und Jagdgerth behangen
  mit allem mglichen Schie- und Jagdgerth behangen

  Seite 293
  den Ohio, einen groen, schnen Strom
  den Ohio, einem groen, schnen Strom

  Seite 315
  sich die Verhltnisse ziemlich gleich leiben,
  sich die Verhltnisse ziemlich gleich bleiben,

  Seite 317
  bis einer der Sitzenden aufstand, welchen er dann
  bis einer der Sitzenden aufstand, welchem er dann

  Seite 335
  an's Herz legte, das letzverbte Verbrechen zu gestehen,
  an's Herz legte, das letztverbte Verbrechen zu gestehen,

  Seite 336
  das er glaube einen Menschen hier in der Gegend gesehen zu haben
  da er glaube einen Menschen hier in der Gegend gesehen zu haben

  Seite 366
  Der Irlnder erklre, er knne keine hundert Schritte
  Der Irlnder erklrte, er knne keine hundert Schritte

  Seite 368
  mit zugeschnrter Kehle an einem Chesnutast in Pensylvanien
  mit zugeschnrter Kehle an einem Chestnutast in Pensylvanien

  Seite 388
  In Louisiana besteht der Haupnutzen des Pedlars
  In Louisiana besteht der Hauptnutzen des Pedlars

  Seite 403
  Aus ist der Preis gerade fr diesen Artikel
  Auch ist der Preis gerade fr diesen Artikel

  Seite 404
  Diese Krmerboote zeichnen sich vor den ernsteren Kameraden
  Diese Krmerboote zeichnen sich vor den ersteren Kameraden
]






End of the Project Gutenberg EBook of Amerikanische Wald- und Strombilder.
Zweiter Band., by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AMERIKANISCHE WALD- UND STROMBILDER ***

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