The Project Gutenberg eBook, Sklaven der Liebe, by Knut Hamsun, Translated
by Mathilde Mann


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Title: Sklaven der Liebe
       und andere Novellen: Sklaven der Liebe--Der Sohn der Sonne--Zachus--ber das Meer--Ein Erzschelm--Vater und Sohn


Author: Knut Hamsun



Release Date: January 27, 2013  [eBook #41931]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKLAVEN DER LIEBE***


E-text prepared by G. Decknatel, Norbert H. Langkau, Jana Srna, and the
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Sklaven der Liebe

Ein Verzeichnis
der Werke Knut Hamsuns
findet sich am Schlu
dieses Buches

KNUT HAMSUN

SKLAVEN DER LIEBE

und andere Novellen

Einzig berechtigte bersetzung von *Mathilde Mann*

5. und 6. Tausend







Albert Langen
Verlag fr Literatur und Kunst
Mnchen 1922




Inhalt

                      Seite

   Sklaven der Liebe      1

   Der Sohn der Sonne    17

   Zachus               31

   ber das Meer         61

   Ein Erzschelm        101

   Vater und Sohn       139




Sklaven der Liebe


Geschrieben von mir, geschrieben heute, um mein Herz zu
erleichtern. Ich habe meine Stellung im Caf verloren und meine
frohen Tage.

Ein junger Herr in grauem Anzug kam Abend fr Abend mit zwei
Freunden und setzte sich an einen meiner Tische. Es kamen so
viele Herren und alle hatten ein freundliches Wort fr mich, nur
er nicht. Er war gro und schlank, hatte weiches, schwarzes Haar
und blaue Augen, mit denen er mich zuweilen streifte, und einen
Anflug von Bart auf der Oberlippe.

Nun, er mochte anfangs wohl etwas gegen mich haben. Er kam eine
ganze Woche hindurch ununterbrochen. Ich hatte mich an ihn
gewhnt und vermite ihn, als er eines Abends ausblieb. Ich ging
durch das ganze Caf und sah mich nach ihm um; endlich fand ich
ihn an einer der groen Sulen am anderen Ende; er sa mit einer
Dame vom Cirkus zusammen. Sie trug ein gelbes Kleid und lange
Handschuhe, die bis ber die Ellenbogen reichten. Sie war jung
und hatte schne, dunkle Augen, -- und meine Augen waren blau.

Ich blieb einen Augenblick bei ihnen stehen und hrte zu, wovon
sie sprachen: sie machte ihm Vorwrfe, sie war seiner berdrssig
und hie ihn gehen. Ich dachte in meinem Herzen: Heilige
Jungfrau, warum geht er nicht zu mir?

Am nchsten Abend kam er mit seinen beiden Freunden und nahm
wieder an meinem Tisch Platz. Ich ging nicht heran, wie ich sonst
wohl that, sondern stellte mich, als htte ich sie nicht bemerkt.
Als er mir winkte, trat ich an den Tisch und sagte: Sie waren
gestern nicht hier.

Wie wundervoll unsere Kellnerin gewachsen ist, sagte er zu
seinen Kameraden.

Bier? fragte ich.

Ja, antwortete er. Und im Geschwindschritt holte ich drei
Seidel.

Ein paar Tage vergingen.

Er gab mir eine Karte und sagte: Bringen Sie die hinber zu ...

Ich nahm die Karte, ehe er ausgesprochen hatte und brachte sie
der gelben Dame. Unterwegs las ich seinen Namen: Wladimierz F.

Als ich zurckkam, sah er mich fragend an.

Ja, ich habe sie hingebracht, sagte ich.

Und Sie haben keine Antwort erhalten?

Nein.

Er gab mir eine Mark und sagte lchelnd:

Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Den ganzen Abend blieb er sitzen und starrte zu der Dame und
ihren Begleitern hinber. Um elf Uhr stand er auf und ging an
ihren Tisch. Sie empfing ihn khl, ihre beiden Herren aber lieen
sich nher mit ihm ein und schienen ihn zu foppen. Er blieb
einige Minuten, und als er wiederkam, sagte ich ihm, da in die
eine Tasche seines Sommerberziehers Bier gegossen sei. Er zog
ihn aus, wandte sich hastig um und sah einen Augenblick nach dem
Tisch der Cirkusdame hinber. Ich trocknete ihm den berzieher ab
und er sagte lchelnd zu mir: Danke, Sklavin!

Als er ihn wieder anzog, half ich ihm und strich ihm heimlich
ber den Rcken.

Er setzte sich, zerstreut. Einer seiner Freunde bestellte noch
Bier, ich nahm das Seidel und wollte auch F.s Seidel nehmen. Er
sagte aber: Nein und legte seine Hand auf die meinige. Bei
dieser Berhrung sank mein Arm pltzlich herab, er merkte es und
zog seine Hand sofort zurck.

Am Abend betete ich zweimal vor meinem Bett auf den Knieen fr
ihn. Und ich kte ganz glcklich meine rechte Hand, die er
berhrt hatte.

       *       *       *       *       *

Einmal schenkte er mir Blumen, eine Menge Blumen. Er kaufte sie
bei dem Blumenmdchen, als er hereinkam; sie waren frisch und rot
und fast ihr ganzer Vorrat. Er lie sie bei sich auf dem Tisch
liegen. Keiner seiner Freunde war mit da. Ich stand, so oft ich
Zeit hatte, hinter einer Sule und starrte ihn an, und ich dachte
bei mir: Wladimierz F. heit er.

Es mochte vielleicht eine Stunde vergangen sein. Er sah
fortwhrend nach der Uhr. Ich fragte ihn:

Erwarten Sie jemand?

Er sah mich wie geistesabwesend an und sagte pltzlich:

Nein, ich erwarte niemand. Was fragen Sie?

Ich meinte nur, ob Sie vielleicht jemand erwarteten.

Kommen Sie her, erwiderte er. Das ist fr Sie.

Und er gab mir die Blumen.

Ich dankte ihm, aber ich konnte nicht gleich ein Wort
hervorbringen, ich flsterte nur. Eine blutrote Freude berkam
mich; atemlos stand ich vor dem Buffet, wo ich etwas holen
sollte.

Was wnschen Sie? fragte die Mamsell.

Ja, was glauben Sie? fragte ich. Ich wute es selbst nicht.

Was ich glaube? sagte die Mamsell. Sind Sie verrckt?

Raten Sie einmal, von wem ich diese Blumen bekommen habe.

Der Oberkellner ging vorber. Sie vergessen das Bier fr den
Herrn mit dem Stelzfu, hrte ich ihn sagen.

Ich habe sie von Wladimierz bekommen, sagte ich und eilte mit
dem Bier davon.

F. war noch nicht gegangen. Ich dankte ihm abermals, als er sich
erhob, um zu gehen. Er stutzte und sagte:

Ich kaufte sie eigentlich fr eine andere.

Nun ja. Er hatte sie vielleicht fr eine andere gekauft. Aber ich
bekam sie. Ich bekam sie, nicht die, fr die er sie gekauft
hatte. Und so durfte ich ihm auch dafr danken. Gute Nacht,
Wladimierz.

Am Morgen darauf regnete es.

Soll ich heute mein schwarzes oder mein grnes Kleid anziehen?
dachte ich. Das grne, denn das ist das neueste; das ziehe ich
also an. Ich war sehr heiter.

Als ich an die Haltestelle kam, stand eine Dame im Regen und
wartete auf die Pferdebahn. Sie hatte keinen Schirm. Ich bot ihr
an, mit unter meinem zu stehen, aber sie lehnte es dankend ab. Da
spannte ich meinen Regenschirm auch herunter, whrend ich
wartete. Dann wird die Dame doch nicht allein na, dachte ich bei
mir.

Am Abend kam Wladimierz ins Caf.

Ich danke Ihnen fr die Blumen, sagte ich stolz.

Welche Blumen? fragte er. Ach so: schweigen Sie doch von den
Blumen.

Ich wollte mich dafr bedanken, sagte ich.

Er zuckte die Achseln und entgegnete:

Sie liebe ich nicht, Sklavin!

Er liebte mich nicht, nein. Ich hatte es auch nicht erwartet und
war nicht enttuscht. Aber ich sah ihn jeden Abend; er setzte
sich an meinen Tisch und ich brachte ihm Bier. Auf Wiedersehen,
Wladimierz!

Am nchsten Abend kam er sehr spt. Er fragte:

Haben Sie viel Geld, Sklavin?

Nein, leider nicht, antwortete ich. Ich bin ein armes
Mdchen.

Da sah er mich an und sagte lchelnd:

Sie miverstehen mich. Ich brauche bis morgen etwas Geld.

Ich habe etwas Geld, entgegnete ich. Ich habe viel Geld, ich
habe hundertunddreiig Mark zu Hause.

Zu Hause? Nicht hier?

Ich antwortete: Warten Sie eine Viertelstunde und kommen Sie mit
mir, wenn wir schlieen.

Er wartete die Viertelstunde und ging mit mir.

Nur hundert Mark, sagte er. Er hielt sich die ganze Zeit an
meiner Seite und lie mich weder voran noch hinterdrein gehen.

Ich habe nur eine kleine Kammer, sagte ich, als wir an meiner
Hausthr stehen blieben.

Ich gehe nicht mit hinauf, erwiderte er. Ich warte hier.

Er wartete.

Als ich wieder herunterkam, zhlte er das Geld und sagte:

Das sind mehr als hundert Mark. Ich gebe Ihnen zehn Mark als
Trinkgeld. -- Ja, ja, hren Sie, ich will Ihnen zehn Mark als
Trinkgeld geben.

Und er reichte mir das Geld, wnschte Gute Nacht und ging. An der
Ecke sah ich ihn stehen bleiben und der alten, lahmen Bettlerin
eine Mark geben.

Er bedauerte am nchsten Abend, da er mir das Geld nicht
zurckzahlen knne. Ich dankte ihm dafr, da er es nicht konnte.
Er gestand offen, da er es durchgebracht habe.

Was soll man dazu sagen, Sklavin, sagte er lchelnd. Sie
wissen: die gelbe Dame!

Weshalb nennst du unsere Kellnerin Sklavin? sagte einer seiner
Freunde. Du bist ja mehr Sklave als sie.

Bier? fragte ich und unterbrach sie.

Bald darauf trat die gelbe Dame ein. F. erhob und verbeugte sich.
Sie ging an ihm vorber und setzte sich an einen leeren Tisch,
lehnte aber zwei Sthle umgekehrt dagegen. F. ging sofort zu ihr
hin, nahm den einen Stuhl und setzte sich. Nach zwei Minuten
erhob er sich wieder und sagte sehr laut: Gut, ich gehe. Und ich
kehre nie wieder zurck.

Danke, entgegnete sie.

Ich fhlte vor lauter Freude kaum meine Fe, lief ans Bffett
und sagte etwas. Ich erzhlte wohl, da er nie wieder zu ihr
zurckkehren werde. Der Oberkellner ging vorber; er erteilte mir
einen scharfen Verweis, aber ich machte mir nichts daraus.

Als das Lokal um elf Uhr geschlossen wurde, begleitete mich F.
bis an meine Hausthr.

Fnf von den zehn Mark, die ich Ihnen gestern gab, sagte er.

Ich wollte ihm alle zehn geben und er nahm sie an, gab mir aber
trotz meines Strubens fnf als Trinkgeld zurck.

Ich bin heute abend so vergngt, sagte ich. Wenn ich Sie
bitten drfte, mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur eine
kleine Kammer.

Ich gehe nicht mit hinauf, erwiderte er. Gute Nacht!

Er ging. Er kam wieder an der alten Bettlerin vorber, verga
aber, ihr etwas zu geben, obwohl sie ihm einen Knix machte. Ich
lief zu ihr hin, gab ihr einige Groschen und sagte: Das ist von
dem Herrn, der eben vorber ging, von dem Herrn im grauen Anzug.

Von dem Herrn im grauen Anzug? fragte die Frau.

Von dem mit dem schwarzen Haar, Wladimierz.

Sind Sie seine Frau?

Ich antwortete: Nein. Ich bin seine Sklavin.

Er beklagte sich dann mehrere Abende hintereinander, da er mir
mein Geld nicht zurckgeben knne. Ich bat ihn, mir nicht so weh
zu thun. Er sagte es so laut, da alle es hren konnten, und
mehrere lachten deshalb ber ihn.

Ich bin ein Schurke und ein Spitzbube, sagte er. Ich habe Geld
von Ihnen geliehen und kann es Ihnen nicht zurckgeben. Ich liee
mir die rechte Hand fr einen Fnfzigmarkschein abhauen.

Es schmerzte mich, ihn so reden zu hren, und ich dachte darber
nach, wie ich ihm wohl Geld verschaffen knnte. Aber ich konnte
es nicht.

Er sagte ferner zu mir: Wenn Sie mich brigens fragen, wie es
mir geht, so ... Die gelbe Dame und der Cirkus sind abgereist.
Ich habe sie vergessen. Ich denke gar nicht mehr an sie.

Und doch hast Du ihr heute noch einen Brief geschrieben, sagte
einer seiner Freunde.

Das war der letzte, entgegnete Wladimierz.

Ich kaufte eine Rose von dem Blumenmdchen und steckte sie ihm in
das Knopfloch an der linken Seite. Ich fhlte seinen Atem auf
meinen Hnden, whrend ich es that, und es war mir fast
unmglich, die Stecknadel zu befestigen.

Danke! sagte er.

Ich forderte mir drei Mark, die ich noch an der Kasse gut hatte,
und gab sie ihm. Das war eine Kleinigkeit.

Danke! sagte er abermals.

Ich war den ganzen Abend glcklich, bis Wladimierz pltzlich
sagte:

Fr die drei Mark reise ich auf eine Woche fort. Wenn ich
zurckkomme, sollen Sie Ihr Geld wieder haben. Als er meine
Bewegung sah, fgte er hinzu: Sie allein liebe ich! Und er
ergriff meine Hand.

Ich war ganz bestrzt, da er fortreisen und nicht sagen wollte,
wohin, obgleich ich ihn fragte. Alles, das ganze Caf und die
vielen Gste, tanzte um mich herum; ich konnte es nicht lnger
aushalten und ergriff flehend seine beiden Hnde.

In einer Woche kehre ich zu Ihnen zurck, sagte er und erhob
sich.

Ich hrte den Oberkellner zu mir sagen: Sie verlassen uns also
in vierzehn Tagen!

Meinetwegen, dachte ich bei mir; was macht das? In einer Woche
ist Wladimierz wieder bei mir! Und ich wollte ihm dafr danken,
ich wandte mich um, -- er war schon gegangen.

       *       *       *       *       *

Eine Woche spter fand ich, als ich nach Haus kam, einen Brief
von ihm. Er schrieb so trostlos, er erzhlte, er sei der gelben
Dame nachgereist, er knne mir nie mein Geld zurckbezahlen,
niemals, er sei ganz gebrochen durch die Not. Dann schalt er sich
wieder eine niedertrchtige Seele und unter den Brief hatte er
geschrieben: Der Sklave der gelben Dame.

Ich trauerte Tag und Nacht und konnte nichts weiter thun. Eine
Woche spter verlor ich meine Stellung und mute mich nach einer
neuen umsehen. Am Tage stellte ich mich in anderen Cafs und
Hotels vor; ich schellte auch bei Privatpersonen und bot ihnen
meine Dienste an. Es glckte mir aber nicht. Spt am Abend kaufte
ich dann ganz billig alle Zeitungen und las die Annoncen
sorgfltig, wenn ich nach Haus kam. Ich dachte: vielleicht kann
ich Wladimierz und mich retten ...

Gestern abend fand ich seinen Namen in einem Blatt und las von
ihm. Ich ging gleich darauf aus, durch viele Straen, und kam
erst heute morgens zurck. Vielleicht habe ich irgendwo
geschlafen oder auch auf einer Treppe gesessen, ohne weiter gehen
zu knnen; aber das wei ich jetzt nicht.

Ich habe es heute wieder gelesen; aber gestern abends, als ich
nach Haus kam, habe ich es zuerst gelesen. Ich rang die Hnde;
dann setzte ich mich auf einen Stuhl. Nach einer Weile setzte ich
mich auf die Erde und lehnte mich gegen den Stuhl. Ich schlug mit
den flachen Hnden auf den Fuboden, whrend ich nachdachte.
Vielleicht dachte ich gar nicht; aber es sauste mir so im Kopf und
ich wute nichts von mir selbst. Dann bin ich wohl aufgestanden
und hinausgegangen. Unten an der Straenecke, dessen entsinne ich
mich, gab ich der alten Bettlerin einen Groschen und sagte: Das
ist von dem Herrn mit dem grauen Anzug. Sie wissen ja!

Sind Sie vielleicht seine Braut? fragte sie.

Ich antwortete: Nein, -- ich bin seine Witwe.

Und ich trieb mich bis heute morgen auf der Strae herum. Und
jetzt habe ich es nochmals gelesen. Wladimierz F. hie er.




Der Sohn der Sonne


ber Nacht war der Schnee gekommen. Ein dichter, weier Mantel
lag ber der Erde.

Er war mit der frohen Erinnerung erwacht, da er gestern einen
Brief erhalten hatte, eine berraschende, erlsende Nachricht, er
fhlte sich jung und glcklich, und er fing an, ein wenig zu
singen. Da geschah es, da er ans Fenster trat, den Vorhang
zurckzog und den Schnee sah. Sein Gesang verstummte pltzlich,
ein trostloses Gefhl zog in seine Seele ein, und seine armen,
schrg abfallenden Schultern zuckten.

Mit dem Winter kam eine bse Zeit fr ihn, eine Qual wie keine
andere, und die kein anderer verstand. Allein der Anblick des
Schnees raunte ihm Tod, raunte ihm Vernichtung ins Ohr. Die
langen Abende kamen mit ihrer Finsternis und ihrem dummen,
sinnlosen Schweigen, er konnte nicht in seinem Atelier arbeiten,
seine Seele fiel in Winterschlaf und blieb stumm. Whrend eines
Sommers hatte er in einem kleinen Stdtchen ein helles und groes
Zimmer bewohnt, in dem die untersten Fensterscheiben geweit
waren. Dieser Anstrich von Kalk an den Fensterscheiben erinnerte
ihn an Eis, und er konnte bei ihrem Anblick nicht Herr seiner
Qual werden. Er wollte sich zwingen, er hielt sich mehrere Monate
lang in dem Zimmer auf und sagte tglich zu sich selber, da auch
das Eis seine Schnheit fr viele habe, da Winter und Sommer
beide uerungen derselben ewigen Idee seien und Gott angehrten,
-- aber es half alles nichts, seine Arbeit konnte er nicht
anrhren, und die tgliche Qual zehrte an ihm. -- -- Spterhin im
Leben wohnte er in Paris. Wenn die Stadt ihre frohen Feste
feierte, pflegte er auf die Boulevards hinauszugehen und das
Spiel zu beobachten. Es konnte mitten im warmen Sommer sein, die
Abende waren schwl, und ber der Stadt schwebte der Blumenduft
aus den groen Parks; die Straen schimmerten im Schein des
elektrischen Lichts, lchelnde und jubelnde Menschen wogten auf
und nieder, riefen, sangen, warfen Confetti; alles war eitel
Freude. Er konnte mit dem redlichen Vorsatz ausgehen, sich unter
die Menge zu mischen und mit zu jubeln; aber schon nach einer
halben Stunde hatte er eine Droschke genommen und war wieder
heimgekehrt. Weshalb? Eine Erinnerung hatte aus der Ferne zu ihm
geredet; in dem elektrischen Licht wirbelte die groe Menge
Confetti wie Schnee vor seinen Augen, und sein Vergngen nahm ein
jhes Ende.

Dies hatte sich Jahr fr Jahr wiederholt.

Wo lag die Heimat seiner Seele? Vielleicht in einem Sonnenland,
am Ufer des Ganges, wo die Lotosblume nimmer welkt! -- --

ber Nacht war der Schnee gekommen. Er dachte daran, wie die
Vgel im Walde frieren muten, und wie hart die Wurzeln der
Veilchen in der Erde litten, ehe sie abstarben. Und wovon sollte
der Hase heute leben!

Er konnte nicht mehr ausgehen. Mehrere Monate lang wrde er jetzt
das Zimmer kaum verlassen, sondern nur zwischen seinen vier
Wnden auf und nieder gehen und auf dem Stuhl sitzen und denken.
Niemand verstand, wie er unter dieser Gefangenschaft litt. Er war
jung genug, um am Leben teilzunehmen, es fehlte ihm auch nicht an
Krften dazu; aber durch eine Laune des Frostes, durch eine
zufllige Witterungsvernderung sah er sich pltzlich darauf
beschrnkt, in seinem Zimmer zu sitzen und zu denken.

Seine Vorstellungen wechselten in auffallend kurzer Zeit. Im
allgemeinen war es ihm eine Qual, Briefe zu beantworten, jetzt
eilte er an seinen Arbeitstisch und schrieb eine Menge Briefe an
alle mglichen Menschen, ja, sogar an fremde, denen er keine
Antwort schuldig war, und er hatte dabei ein dunkles Gefhl, da
das Ende, die Vernichtung im Anmarsch wren, und da er durch
diese vielen Briefe nach Sden und nach Norden eine Zeitlang noch
die Verbindung mit dem Leben aufrecht erhalten knne. Auch in
anderer Hinsicht gingen Vernderungen mit ihm vor; sein
Gemtsleben war gestrt, er weinte oft still fr sich, und sein
Schlaf in der Nacht war nur ein Schlummer, den seltsame Trume
beunruhigten.

Dieser Mann, der im Sommer den frhlichsten Sinn hatte,
konnte an kalten, dunklen Wintertagen von einer furchtbaren
Niedergeschlagenheit berwltigt werden. Alle seine bergnge
waren jh, heftig wie ein Unwetter, hin und wieder fiel er vor
seinem jngsten Kinde auf die Kniee und flehte unter heien
Thrnen fr dasselbe zu Gott. Sein Wunsch war, da der Knabe
niemals eine ffentliche Persnlichkeit werden mge, wie er
selber. Bei allen ffentlichen Persnlichkeiten wurden die
Quellen der Seele getrbt, sie wurden dadurch verdorben, da man
sie ffentlich besprach, da das Publikum sie auf der Strae
beachtete, und da sie die Bemerkungen hrten, die Vorbergehende
ber sie machten. Wie wurde nicht ihr Blick, ihr Gang, ihre
Haltung durch diese ewige Ausstellung verflscht! Der Knabe
sollte die Erde besen und den Ertrag der Erde ernten. Es sollte
ihm auch erspart bleiben, jemals fremde Erde zu betreten. Wie
suchte man im fremden Lande vergebens mit seinen Wurzeln nach
einem gnstigen Boden, nach einem Heim! Man verstand nicht alle
die Worte, die gesprochen wurden, nicht die Blicke, nicht das
Lcheln. Der Himmel war ein anderer, die Sterne standen in
umgekehrter Richtung und waren nicht wieder zu erkennen.
Betrachtete man die Blumen, so hatten diese oft eine fremde
Nuance; oft waren es auch nicht dieselben Vgel. Und auf den
Stangen wehten nicht dieselben Flaggen.

Er selber fhlte instinktiv, da er aus seinem Naturzusammenhang
herausgerissen war, er hatte vielleicht einmal in einer fernen
Vergangenheit einer fremden Welt in weiter Ferne angehrt, -- so
sollte denn der Sohn auf demselben Fleckchen Erde, das er whrend
seines Daseins hier auf Erden bestellt und dessen Ertrag er
geerntet hatte, leben und sterben.

  -30 Celsius.

Er merkt mit Entsetzen, da die Klte zunimmt, und da alles Leben
auf dem Felde erstirbt. Sein Fenster liegt nach dem Walde hinaus,
und nach dem breiten Wege, auf dem sich die Menschen von und zu
der Stadt bewegen. Kein Blatt zittert mehr, die Tannennadeln sind
wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bumen. Eine arme,
kleine Meise hat noch Krfte genug, um die Flgel zu bewegen; da,
wo sie geflogen ist, sieht man in der Luft einen dnnen
Dampfstreif. Die Natur hat keinen Atemzug, sie ist ganz still und
kalt, kein Wind bewegt die Luft, alles ist steif und wei wie
Talg.

Da ertnt Schellengeklingel unten auf dem Wege, ein Schlitten
zieht vorber, in dem Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame.
ber dem Pferd und den beiden Menschen lagert whrend der ganzen
Zeit eine weie Wolke, die sich fortwhrend erneuert. Dieser Herr
und diese Dame haben wohl niemals in ihrem Leben eine Weintraube
wachsen sehen, vielleicht haben sie auch noch niemals eine
gekostet. In ihren Mienen gewahrt man keine Unzufriedenheit mit
dem Wetter, sie fahren dahin, um ihr kleines Anliegen in der Stadt
zu erledigen, und sie rufen von Zeit zu Zeit dem Pferde zu, wenn
sie meinen, da es sich in dem wunderlichen Talg zu langsam
bewegt. Ein Mensch aus dem Sonnenlande wrde sich ber diesen
Aufzug totlachen. Ihre Augen sehen ganz offen und ohne Verwunderung
dies entsetzliche, kalte Rtsel an, das sie an allen Seiten
umgiebt, und sie opfern ihm keinen Gedanken, weil sie selber
Kinder des Schnees und im Schnee aufgewachsen sind.

Er sieht seine kleine Tochter drauen auf dem Hof vor den
Fenstern spielen. Sie ist von oben bis unten in dicke, wollene
Kleider gehllt, nur unter den langen Strmpfen aus Ziegenhaaren
liegen lederne Sohlen. Ihre Schritte knirschen schmerzlich im
Schnee, wenn sie den Schlitten zieht. Bei diesem Anblick fangen
seine Schultern an zu zucken, er schliet die Augen, als wre er
ermattet, seine wunderliche Qual treibt ihm den kalten Schwei
auf die Stirn.

Das Kind ruft zu ihm herauf, es wendet sein rotwangiges Antlitz
unbefangen nach oben und klagt, da der Strick an seinem
Schlitten zerrissen ist. Er geht sogleich hinunter und knpft den
Strick wieder zusammen, und er hat keinen Hut auf und keine
dicken Kleider an. Friert dich nicht? fragt das Kind. Ihn fror
nicht, seine Hnde waren warm, nur einen stechenden Schmerz
verursachte die eisgesttigte Luft in seiner Kehle. Aber ihn fror
nie.

Er bemerkt, da die groe, alte Birke vor der Hausthr ihr
Aussehen verndert hat, ihr Stamm ist gerissen. Das hat die Klte
gethan! denkt er mit zitternder Seele.

In der Nacht schlug die Witterung um. Er sa aufrecht im Bett und
wartete auf das milde Wetter, obwohl er wute, da der Winter
wieder von neuem anfangen und noch eine ganze Zeit whren wrde.
Es war, als wenn eine Hoffnung in ihm entzndet werde.

Die Klte nahm bestndig ab, es fing schlielich an, von den
Dchern zu tropfen, und drauen im Weltenraum brauste es wie von
gewaltigem Wellenschlag. Er ging mit greren und greren
Hoffnungen im Herzen einher, dies Brausen in der Luft durchstrmte
ihn wie Musik, es konnte der Frhling sein, der seine goldenen
Trommeln rhrte.

Eines Nachts hrte er ein klatschendes Gerusch gegen sein
Fenster, er richtete sich auf und lauschte, es war der Regen! Eine
wunderliche Freude durchrieselte ihn, er warf die Kleider ber,
eilte in sein Atelier und zndete alle Lampen an. Sein Heimweh
nach dem Sommer schlug in hellen Flammen empor, alle seine
gebundenen Krfte lsten sich, und er strzte sich noch in
derselben Nacht ber seine Arbeit. Gesichte und Stimmen aus warmen
Gegenden strmten aus weiter Ferne her auf ihn ein und erfllten
ihn; da war eine Landschaft, die in einer seltsamen und schnen
Klarheit der Vision vor seinen Augen lag, ein Mrchenthal, und
mitten in dem Thal stand _Der Mensch_, die junge Herrlichkeit, die
zum erstenmal den Blick ber die Erde schweifen lt.

Ein Gott, ein Sieger, der am Morgen des Lebens erblht ist und
sich selber in einer verzauberten Gegend stehen findet. Die
Vegetation ist ppig, da sind berall Palmen und tropische
Gewchse, Schlingpflanzen mit groen, roten Blten, die wie
Fleisch aussehen und zu atmen scheinen, Indigobume, Reis- und
Weinfelder. Unten im Thal weiden Tiere, der Mensch hat sie in
seiner Nhe und hrt, wie sie fressen; oben auf einem Felsen
sitzt eine Schar zwitschernder Vgel, ihre Federn sind steif wie
Schwerter, und ihre Augen gleichen kleinen, grnen Flammen. Ganz
im Hintergrunde liegt wieder eine Palmenlandschaft, die sich in
der Ferne verliert.

ber dieser Landschaft taucht gerade der erste feine Rand der
Morgensonne aus dem Weltall auf und beleuchtet den Menschen vom
Scheitel bis zur Sohle. -- --

Er arbeitet, bis der Morgen graut. Dann schlft er eine Stunde
und beginnt von neuem. Nichts knnte ihn zurckhalten, eine
ungewhnliche Kraft hlt ihn aufrecht, reit ihn fort. Whrend
fnf aufeinander folgender Regentage macht er den Entwurf zu dem
Bilde: _Der Sohn der Sonne_. --

Ein kleiner, brnetter und ganz unansehnlicher Mann, ohne Bart
und mit kahler, kalter Stirn. Er sitzt dort schweigend auf dem
Stuhl und lt die andern reden. Er hustet von Zeit zu Zeit und
fhrt verlegen mit der Hand nach dem Munde. Richtet man ein Wort
an ihn, so zuckt er nervs zusammen und starrt den Sprecher eine
Weile an, ehe er antwortet. Dort, wo er sich hinsetzt, bleibt er
den ganzen Abend sitzen, sein Benehmen ist so unbeholfen, und
sein ganzes Wesen so wenig hervortretend, da sich niemand etwas
daraus macht, sich mit ihm zu beschftigen. Er sieht so aus, als
sei er durch ein reines Versehen in diese Gesellschaft bekannter
Mnner geraten.

Einige Wochen spter stellt derselbe Mann ein Bild aus. Und von
demselben Tage an kennen ihn alle. -- --

Ich habe diese Geschichte von einem Maler erfunden. Vielleicht
mag er hier im Norden in den furchtbaren Wintern leben, und
vielleicht mag er ein solches Bild gemalt haben, das _Der Sohn
der Sonne_ heit.




Zachus


I

Tiefster Friede ruht ber der Prrie.

In meilenweitem Umkreis sind keine Bume und Huser zu sehen, nur
Weizen und grnes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter
Ferne, da sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde
und Leute bei der Arbeit, das sind die Mher, die auf ihren
Maschinen sitzen und das Gras schwadenweise abmhen. Der einzige
Laut, den man hrt, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der
Wind herbersteht, schlgt ausnahmsweise auch wohl einmal ein
anderer Laut ans Ohr -- das klappernde Gerusch der Mhmaschinen
unten am Horizont. Zuweilen hrt man diesen Laut ganz merkwrdig
nahe.

Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten
Westen, ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt,
und es sind mehrere Tagemrsche bis zum nchsten Prriestdtchen.
Die Huser der Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine
Klippen, die aus dem unbersehbaren Weizenmeer aufragen.

Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frhling bis zum
spten Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen
beschftigt.

Drei Mnner arbeiten in der Kche, der Koch und seine beiden
Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel auer den vielen
Pferden; aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige
Frau auf der Billybory-Farm.

Die Sonne glht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern
in dieser groen Hitze, und nicht der geringste Windhauch khlt
die Luft ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer.

Auch bei den Husern ist alles still, nur von dem groen,
spangedeckten Schuppen her, der als Kche und Speisesaal benutzt
wird, hrt man die Stimmen und Schritte des Kochs und seiner
beiden Gesellen, die sich in grter Geschftigkeit regen. Sie
feuern die groen Herde mit Gras, und der Rauch, der aus dem
Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und Flammen vermischt. Als
das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen hinausgetragen und
auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt, und die drei
Mnner fahren mit dem Essen auf die Prrie hinaus.

Der Koch ist ein dicker Irlnder, vierzig Jahre alt, grauhaarig,
von militrischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht
offen, und sein Brustkasten gleicht einem Mhlstein. Er wird von
aller Welt Polly genannt, weil er im Gesicht hnlichkeit mit
einem Papagei hat.

Der Koch ist unten in einem der Forts im Sden Soldat gewesen, er
ist litterarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch
ein Liederbuch mit auf die Farm genommen und auerdem eine alte
Nummer von einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berhren, erlaubt
er keinem der Leute; er hat sie auf einem Bord in der Kche
liegen, um sie in seinen freien Augenblicken zur Hand zu haben.
Und er benutzt sie mit groem Flei.

Aber Zachus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und
eine Brille trgt, hatte sich einmal der Zeitung bemchtigt, um
darin zu lesen. Es ntzte nichts, Zachus ein gewhnliches Buch
anzubieten, die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor
seinen Augen; dahingegen war es ihm ein groer Genu, die Zeitung
des Kochs in der Hand zu halten und bei der groen Schrift der
Anzeigen zu verweilen. Aber der Koch vermite augenblicklich
seinen Schatz, suchte Zachus in seinem Bett auf und ri die
Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein heftiger und
lcherlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Mnnern.

Der Koch nannte Zachus einen schwarzhaarigen Ruber und Hund. Er
schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er
jemals einen Soldaten gesehen habe, und ob er die Einrichtung
eines Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er
sich nur lieber in acht nehmen, wei Gott, er solle sich in acht
nehmen! Und das Maul solle er halten! Was verdiene er im Monat?
Habe er etwa Huser in Washington, habe seine Kuh gestern
gekalbt?

Zachus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den
Koch, da er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin
anrichte. Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit! Er,
Zachus, sei ein rechtschaffener Mann, er wrde die Zeitung
wieder hingelegt haben, nachdem er sie studiert htte. Steh'
nicht da und spuck' auf den Fuboden, du schmieriger Hund!

Und Zachus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in
dem wtenden Gesicht.

Aber seit jenem Tage herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den
beiden Landsleuten. -- --

Die Wagen mit dem Essen verteilen sich ber die Prrie und
speisen jeder seine fnfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von
allen Ecken herbeigelaufen, reien etwas Essen an sich und werfen
sich unter die Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten
whrend der Mahlzeit zu ergattern. Nach zehn Minuten ist das
Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt wieder im Sattel und
kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und die Proviantwagen
fahren wieder nach der Farm zurck.

Aber whrend die Gehilfen des Kochs jetzt die Schsseln und
Kummen nach der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly
selber drauen im Schatten hinter dem Hause und liest zum
tausendsten Male seine Gesnge und Soldatenlieder aus dem teuren
Buch, das er aus dem Fort im Sden mitgebracht hat. Und da ist
Polly wieder Soldat.


II

Am Abend, als es schon zu dmmern beginnt, rollen sieben Heuwagen
mit der Arbeiterschaar langsam aus der Prrie heim. Die meisten
waschen ihre Hnde drauen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot
gehen, einige kmmen auch ihr Haar. Da sind alle Nationen und
mehrere Rassen vertreten, da sind jngere und ltere Personen,
Einwanderer aus Europa und eingeborene amerikanische Landstreicher,
alles mehr oder weniger Vagabunden und verunglckte Existenzen.
Die wohlhabenderen der Bande tragen einen Revolver in der hinteren
Rocktasche. Das Essen wird gewhnlich in groer Hast eingenommen,
ohne da irgend jemand was sagt. Die vielen Menschen haben Respekt
vor dem Aufseher, der selber an der Mahlzeit teilnimmt und ber
die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit beendet ist, begeben sich
die Leute sofort zur Ruhe. -- -- --

Heute aber wollte Zachus sein Hemd waschen. Es war so hart von
Schwei geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf
seinen Rcken brannte.

Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem
groen Schlafschuppen her ertnte nur noch ein gedmpftes Murmeln
in die Nacht hinaus.

Zachus ging nach der Kchenwand hin, wo mehrere Behlter mit
Wasser standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser
sorgfltig whrend der Regentage sammelte, denn das Wasser zu
Billybory war zu hart und zu kalkhaltig, um darin zu waschen.

Zachus bemchtigte sich eines der Wasserbehlter, zog sein Hemd
ab und fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt,
es fror ihn gehrig, aber das Hemd mute gereinigt werden, und er
pfiff sogar leise vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern.

Da ffnete pltzlich der Koch die Kchenthr. Er hielt eine Lampe
in der Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachus.

Aha! sagte der Koch und kam heraus.

Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachus
zu und fragte: Wer hat dir das Wasser gegeben?

Ich nahm es, antwortete Zachus.

Es ist mein Wasser! schrie Polly. Du, schmutziger Sklave, hast
es genommen, du Lgner, du Dieb, du Hund!

Zachus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem
an, seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.

Der Lrm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem
Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und
lauschten mit grtem Interesse dem Wortwechsel.

Polly schrie ihnen entgegen: Ist es nicht groartig von dem
kleinen Ferkel? Mein eigenes Wasser!

Nimm du dein Wasser, sagte Zachus und strzte den Behlter um.
Ich habe es benutzt!

Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: Siehst
du die?

Ja, antwortete Zachus.

Ich will sie dich kosten lassen!

Wenn du es wagst!

Da ertnten pltzlich ein paar schnelle Schlge, die erteilt und
im selben Augenblick zurckbezahlt wurden. Die Zuschauer stieen
ein Geheul ber das andere aus, das war der Ausdruck ihres
Beifalls und Wohlbehagens.

Zachus aber hielt nicht lange stand.

Der blinde, untersetzte Irlnder war wtend wie eine Tigerkatze,
seine Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten
zu knnen. Schlielich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt
ber den Platz und fiel dann um.

Der Koch wandte sich an die Menge:

Ja, da liegt er nun! Lat ihn liegen! Ein Soldat hat ihn
gefllt!

Ich glaube, er ist tot! sagte eine Stimme.

Der Koch zuckte die Achseln.

Meinetwegen! erwiderte er bermtig. Und er fhlt sich wie ein
groer, unberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft
den Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck
verleihen, er wird litterarisch: Ich berlasse ihn dem Teufel,
sagt er. Lat ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel
Webster? Kommt her und will mich lehren, Pudding zu kochen, mich,
der ich fr Generale gekocht habe! Ist er Oberst der Prrie,
frage ich?

Und alle bewunderten Pollys Rede.

Da erhob sich Zachus wieder vom Boden und sagte genau so
verbissen, genau so trotzig wie vorhin: Komm heran, du
Hasenfu!

Die Leute brllten vor Entzcken, der Koch aber lchelte nur
mitleidsvoll und sagte: Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit
dieser Lampe prgeln!

Damit nahm er die Lampe und ging langsam und wrdevoll hinein.

Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder
in ihren Schlafschuppen zurck. Zachus nahm sein Hemd auf, rang
es sorgfltig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter
den andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu
kommen.


III

Am folgenden Tage liegt Zachus drauen auf der Prrie im Gras
auf den Knieen und schmiert seine Maschine mit l. Die Sonne ist
heute ebenso scharf und seine Augen laufen ihm hinter den
Brillenglsern voll Schwei. Pltzlich rckt das Pferd ein paar
Schritte vor, mag es vor irgend etwas gescheut haben oder ist es
von einem Insekt gestochen. Zachus stt einen Schrei aus und
springt vom Boden auf. Eine Minute spter fngt er an, die linke
Hand in der Luft hin und her zu schwingen und mit hastigen
Schritten auf und nieder zu gehen.

Ein Mann, der in einiger Entfernung die Heuharke fhrt, hlt sein
Pferd an und fragt: Was giebt's denn?

Zachus antwortet: Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.

Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachus eine blutige Hand und sagt:
Mir ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem
Augenblick. Suche mir den Finger, ich sehe so schlecht!

Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren
zwei Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus
wie eine kleine Leiche.

Zachus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend
an und bemerkt: Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn
einmal! Zachus zieht sein Hemd heraus und reit zwei Streifen
davon ab; mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern
wickelt er den abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die
Tasche. Dann dankt er dem Kameraden fr die Hilfe und setzt sich
wieder auf die Maschine. -- Er hielt fast bis zum Abend stand.
Als der Aufseher von seinem Unfall hrte, schalt er ihn aus und
sandte ihn nach der Farm zurck.

Das erste, was Zachus that, war, den abgeschnittenen Finger
aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen go er
Maschinenl in eine Flasche, steckte den Finger hinein und
verkorkte den Hals fest. Die Flasche legte er unter den Strohsack
in seiner Pritsche.

Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in
der Hand und mute sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug
sich auf den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Krper und lag
da und litt und grmte sich ber alle Maen. Eine Unthtigkeit
wie diese hatte er noch nie durchzumachen gehabt, nicht einmal
vor einigen Jahren, als die Mine explodierte und seine Augen
beschdigte.

Um seine elende Lage noch unertrglicher zu machen, kam der Koch
Polly selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die
Gelegenheit, um den Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde
lieferten manches Wortgefecht in dieser Zeit, und es geschah mehr
als einmal, da Zachus sich nach der Wand umdrehen und die Zhne
schweigend zusammenbeien mute, weil er dem Riesen gegenber so
ohnmchtig war.

Endlich kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nchte, kamen
und gingen mit unertrglicher Langsamkeit. Sobald es ihm mglich
war, fing Zachus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu
sitzen, und des Tags, whrend der Hitze hielt er die Thr nach
der Prrie und nach dem Himmel offen. Oft sa er mit offenem
Munde da und lauschte dem Ton der Mhmaschinen in weiter, weiter
Ferne, und dann sprach er laut mit seinen Pferden, als wenn er
sie vor sich habe.

Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt
nicht in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Thr vor der Nase
zu unter dem Vorwand, da es ziehe, es ziehe ganz entsetzlich,
und dem Zug drfe er sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachus
auer sich vor Wut aus der Pritsche heraus und sandte ihm einen
Stiefel oder einen Holzschemel nach, und es war allemal sein
brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum Krppel zu machen. Aber
Zachus hatte kein Glck, er sah zu schlecht um zu zielen, und er
traf niemals.

Am siebenten Tage hatte er erklrt, da er in der Kche zu
Mittag essen wolle. Der Koch antwortete, er verbiete sich seinen
Besuch ganz und gar. Dabei blieb es, Zachus mute auch heute
sein Essen auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er sa ganz
verlassen da und krmmte sich vor Langeweile. Jetzt wute er, da
die Kche leer war, der Koch und seine Gehilfen waren mit dem
Mittagessen drauen in der Prrie, er hrte sie mit Gesang und
Lrmen ausziehen, um sich ber den Eingesperrten lustig zu
machen.

Zachus steigt von seiner Pritsche herab und schwankt hinber
nach der Kche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen
an ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder
zurck in den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und
fngt an, die amsanten, groen Buchstaben in den Anzeigen zu
lesen.

Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, -- die Stunden
vergingen jetzt so schnell! Endlich hrte Zachus, da der
Proviantwagen zurckkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs,
der den Gehilfen wie gewhnlich befahl, die Schsseln und Kummen
zu waschen.

Jetzt wute Zachus, da die Zeitung vermit werden wrde, dies
war gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner
Bibliothek begab. Er besann sich eine Sekunde und steckte dann
die Zeitung unter den Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile
holt er schnell die Zeitung wieder heraus und bringt sie auf
seinem bloen Leibe unter. Nie im Leben wollte er die Zeitung
wieder ausliefern!

Es vergeht eine Minute.

Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachus
liegt da und starrt zum Dach empor.

Polly tritt ein.

Wie geht es zu, hast du meine Zeitung? fragt er und bleibt
mitten in dem Raum stehen.

Nein! antwortet Zachus.

Ja, du hast sie! zischt der Koch und tritt nher an ihn heran.

Zachus richtet sich auf.

Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel! sagt er
und wird ganz wtend.

Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fngt an,
die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso
die armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.

Du mut sie haben! dabei blieb er. Und noch, als er gehen mute
und schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von
neuem um und wiederholte: Du hast sie genommen! Aber warte nur,
mein Freund!

Da lachte Zachus herzlich und boshaft ber den andern und sagte:
Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafr, du
schmutziges Ferkel!

Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot und
ein unheilverkndender Ausdruck kam in seinen Kanaillenblick. Er
sah sich nach Zachus um und murmelte: Ja, warte du nur!


IV

Am nchsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strmen flo der
Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die
Huser und fllte die Wasserbehlter des Kochs schon zu frher
Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige
flickten Kornscke fr die Ernte, andere besserten zerbrochenes
Werkzeug oder Arbeitergertschaften aus und schliffen Messer und
Mhmaschinen.

Als der Mittagsruf ertnte, erhob sich Zachus von der Pritsche,
wo er sa und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er
ward indes drauen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein
Essen brachte. Zachus wandte ein, er habe beschlossen, von nun
an mit den anderen zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein
Fieber mehr. Der Koch antwortete, wenn er das Essen nicht haben
wolle, das er ihm bringe, so bekme er gar nichts. Er warf die
blecherne Schale auf Zachus' Pritsche und fragte: Ist dir das
vielleicht nicht gut genug?

Zachus kehrte zu der Pritsche zurck und ergab sich in sein
Schicksal. Es war das richtigste, da er das Essen nahm, das man
ihm gab.

Was fr einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?
knurrte er nur und machte sich ber die Schssel her.

Kcken! antwortete der Koch. Und ein eigentmlicher Blitz scho
aus seinen Augen, als er sich umwandte und ging.

Kcken? murmelte Zachus vor sich hin und durchsuchte das Essen
mit seinen blinden Augen. Den Teufel auch ist das Kcken, du
Lgner. Aber es war Fleisch und Sauce.

Und er a von dem Fleisch.

Pltzlich bekam er ein Stck in den Mund, woraus er nicht klug
werden konnte. Es lt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen
mit zhem Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat,
nimmt er das Stck aus dem Munde und betrachtet es. Der Hund
kann seinen Knochen selber behalten! murmelte er und geht an die
Thrffnung, um es genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es
mehrere Male. Pltzlich eilt er nach der Pritsche zurck und
sieht nach der Flasche mit dem abgeschnittenen Finger, -- die
Flasche war verschwunden.

Zachus schreitet hinber nach dem Speiseraum. Leichenbla mit
verzerrtem Gesicht bleibt er in der Thr stehen und sagt, so da
alle es hren, zu dem Koch: Sag mal, Polly, ist dies nicht mein
Finger?

Damit hlt er einen Gegenstand in die Hhe.

Der Koch antwortet nicht, fngt aber an seinem Tische an zu
kichern.

Zachus hlt einen anderen Gegenstand in die Hhe und sagt: Und,
Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger sa? Sollt'
ich den nicht wiedererkennen?

Jetzt wurden alle Mnner an den Tischen aufmerksam auf die
wunderlichen Fragen des Zachus und sahen ihn staunend an.

Was hast du eigentlich? fragt einer.

Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,
erklrt Zachus. Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem
Essen gebracht. Hier ist auch der Nagel.

Da brach pltzlich an allen Tischen ein brllendes Gelchter los,
und die Leute schrieen durcheinander.

Hat er deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen
gegeben? Du hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du
hast die eine Seite abgenagt!

Ich sehe nicht gut, erwiderte Zachus, ich wute nicht, -- --
ich dachte nicht -- --

Dann aber pltzlich wendet er sich um und geht zur Thr hinaus.

Der Aufseher mute Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich,
wandte sich an den Koch und sagte: Hast du den Finger mit dem
anderen Fleisch zusammen gekocht, Polly?

Nein, erwiderte Polly. Groer Gott, wie knnte ich wohl! Wofr
haltet ihr mich denn? Ich kochte ihn fr sich, in einem ganz
anderen Kessel.

Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen
Nachmittag Stoff zu unerschpflicher Heiterkeit fr die Bande,
man stritt und lachte darber wie die Verrckten, und der Koch
feierte einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.

Zachus aber war verschwunden.

Zachus war in die Prrie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch
immer nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachus
aber wanderte weiter und weiter ber die Prrie hinaus. Er trug
seine kranke Hand in der Binde und schtzte sie, so gut er
konnte, gegen den Regen; im brigen war er von oben bis unten
durchnt.

Er setzt seine Wanderung fort.

Als die Dmmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim
Schein eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg
wieder zurck, den er gekommen ist. Mit schwerflligen,
bedchtigen Schritten geht er durch den Weizen, als habe er die
Zeit und den Weg genau berechnet. Gegen acht Uhr langt er wieder
bei der Farm an.

Es ist jetzt vllig dunkel. Er hrt, da die Leute im Speiseraum
beim Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster
guckt, meint er den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen,
da er sehr guter Laune ist.

Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den
Schutz stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken
schweigen, alles ist still, nur der Regen fllt noch immer und von
Zeit zu Zeit schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel
mitten durch und schlgt weit hinten in der Prrie nieder.

Endlich hrt er, da die Leute vom Abendessen kommen und in den
Schlafschuppen hinbereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um
nicht na zu werden. Zachus wartet noch eine Stunde, geduldig
und eigensinnig, dann begiebt er sich nach der Kche.

Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er
tritt ruhig ein.

Guten Abend! sagt er.

Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schlielich:

Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.

Zachus entgegnet:

Gut! Aber dann gieb mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist
gestern abend nicht rein geworden, ich mu es noch einmal wieder
waschen.

Nicht in meinem Wasser! sagte der Koch.

Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!

Ich rate dir davon ab.

Bekomme ich Seife? fragt Zachus.

Ich will dir Seife geben! schreit der Koch. Hinaus mit dir!

Und Zachus geht hinaus.

Er nimmt den einen der Wasserbehlter, trgt ihn an die Ecke, so
recht mitten unter das Kchenfenster, und fngt an, laut in dem
Wasser herumzupltschern. Der Koch hrt es und kommt heraus.

Er ist heute gro und berlegen wie nie zuvor, und er geht
geradeswegs mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf
Zachus zu.

Was machst du hier? fragt er.

Zachus antwortet: Nichts. Ich wasche mein Hemd.

In meinem Wasser?

Natrlich!

Der Koch kommt nher, beugt sich ber den Wasserbehlter, um sich
davon zu berzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser
nach dem Hemd.

Da zieht Zachus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten
Hand heraus, hlt ihn dem Koch gerade vors Ohr und drckt ab.

Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.


V

Als Zachus zu spter nchtlicher Stunde in den Schlafschuppen
kam, um zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen
Kameraden und fragten, was er so lange drauen gemacht habe.

Zachus antwortete: Nichts. Ich habe Polly erschossen.

Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu
hren.

Du hast ihn erschossen?

Ja!

Das wre doch des Satans! Wo trafst du ihn?

In den Kopf. Ich scho ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach
oben.

Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?

Westlich in der Prrie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hnde.

Hast du das gethan?

Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu
schlafen.

Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: Starb er gleich?

Ja, antwortete Zachus, beinahe sofort. Die Kugel ging durch
das Gehirn.

Ja, das ist der beste Schu, sagt der Kamerad. Geht sie durch
das Gehirn, so ist das der Tod.

Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schliefen -- --
--.

Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die
seit dem Frhling in bung waren; dieser ward jetzt zum Chef
erhht und war herzlich glcklich ber den Mord.

Und alles ging seinen rhrigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht
weiter ber Pollys Heimgang geredet, der arme Teufel war tot, er
lag irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die hren ausgerissen
waren; dabei war nichts mehr zu machen.

Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der
nchsten Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken
und sich dann zu trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere
Freunde denn je zuvor, und sie umarmten und dankten einander und
meinten es ehrlich damit.

Wohin gehst du, Zachus?

Ich gehe etwas weiter westlich, antwortet Zachus. Vielleicht
nach Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum
Holzschlagen.

Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachus! Glckliche
Reise!

Und die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das
groe Yankeeland. Zachus reist nach Wyoming.

Und die Prrie liegt da gleich einem endlosen Meer, ber das die
Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen
gleichen.




ber das Meer

Ein Reisebrief


Jetzt, drei Wochen nachdem ich in Amerika gelandet bin, komme ich
endlich dazu, Ihnen diesen Bericht ber die Reise dahin zu
senden. Ich bedaure, da ich es nicht frher habe thun knnen, --
der Geist ist willig gewesen, aber das Fleisch war schwach. Mitte
August verlie ich Norwegen, wo wir schon seit lngerer Zeit
einen berzieher getragen hatten, und kam drei Wochen spter in
eine Hitze von ber 90 Grad Fahrenheit im Schatten hinein. Dies
griff mich nicht wenig an und strte meine sonst so gute
Septembergesundheit.

Ich will versuchen, aus dem Kopf, ganz nach dem Gedchtnis
zu schreiben. Ich habe auch nicht einen Buchstaben mehr von
allen meinen wichtigen Papieren vom Schiff. Alles ist weg.
Meine smtlichen Notizen sind eines Nachts am Rande der
Newfoundlandsbanks verschwunden. Jeder andere wrde wohl den
Verstand verloren haben, -- mir entfuhr nicht einmal ein Schrei.
Ich setzte mich nur auf meinen gelben Handkoffer und fand mich wie
ein Mann in das Unvermeidliche. Und gegen Vormittag ermannte ich
mich so weit, da ich sogar eine Tasse Thee herunterzuschlucken
vermochte.

       *       *       *       *       *

So lieen wir denn die Brcke von Kristiania hinter uns, nachdem
wir unsere Abschiedsgre geweht, und der Schiffer die Quittung
fr die Emigrantenladung abgelegt hatte.

Kann man jetzt nicht mehr umkehren, fragte mein junger
Reisegefhrte mit weinerlicher Stimme.

Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du nicht thun.

Dann betrinke ich mich und segele viele viele Meilen von der
Heimat fort, schluchzte er.

Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn Jahre alt und war
noch nie von Hause fort gewesen.

Es entstand ein Lrmen und ein Gerusch. Sechshundert Menschen
wimmelten auf Deck durcheinander, schleppten ganze Fuder von
Gepck in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten
Gebirgsbewohner aus unseren Thlern, Bauern von den dnischen
Inseln, grobknochige Schweden, -- Bettler und arme Leute,
bankerotte Kaufleute aus den Stdten, Handwerker, -- Frauen,
junge Mdchen und Kinder. Es war das auswandernde Skandinavien.

Ja, jetzt schwimmen wir, sagte ein Mann neben mir. Sie waren
schon frher drben?

Ja!

Er war ein Mann von dreiig Jahren, fett, sommersprossig und ohne
Bart. Eine blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing ihm von der
Brust herab, um den Hals trug er einen weien, fettigen Schlips.
Er hatte Ohrlcher in den Ohren.

Ein schnes Land, das wir verlassen! sagte er. Das schnste
auf der Erde! -- Seine gutmtigen Augen wurden ganz blank.

Weshalb verlassen Sie es denn?

Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er war Seminarist, war
Lehrer gewesen, hie brigens Nyke, Kristen Nyke. Dann war er in
eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer C. F. Magnus
geraten, und diese Streitigkeit endete damit, da er seine
Lehrerstellung verlor. Er erzhlte von seinem Appell an
die ffentlichkeit, von seinen vier langen Artikeln in der
Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt auf dessen Brief
geantwortet hatte: Herr Bischof, Ew. Hochwrden knnen das
Unmgliche von mir verlangen, erfllen kann ich es aber nicht.

Und um was hat sich denn der Streit gedreht?

Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine unglaubliche
Begeisterung:

Um was sich der Streit gedreht hat? Ich lese viele Bcher, ich
durchforsche Zeitungen und Schriften und werde fr meine
Verhltnisse ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder nach
den Forderungen der Zeit und nach meinen eigenen natrlichen
Vernunftschlssen. Da steht von Noah, da er ein Paar von allen
den Tieren mit sich in die Arche nahm, die nicht im Wasser leben
konnten. Das soll mir jemand einreden! Hatte er etwa ein Paar
Mastodonten, ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten bei sich,
von denen ein einziges Paar gengt htte, um sein kleines
Fahrzeug zu fllen? Auf der anderen Seite: Besa Noah ein
Vergrerungsglas und ein Mikroskop? Ich frage so einfltig, weil
ich es nicht besser wei. Konnte Noah alle die Millionen von
Millionen unsichtbarer Tiere und Gewrm mitnehmen, die dem
menschlichen Auge verborgen sind? Und konnte er sie ohne
Vergrerungsglas untersuchen und ein mnnliches und ein
weibliches Tier von jeder einzigen Art herausfinden?

Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem
eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern,
andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer
Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort,
ber die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu rsonnieren:

Ebenso verhlt es sich mit Jesu Gttlichkeit, sagte er. Vor
der Kirchenversammlung zu Nica stand es jedem frei, darber zu
glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies
geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so
gewesen. Forscht man aber in Bchern und Schriften, findet man
keine Begrndung fr diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in
einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der
flschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will
euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer
gelangen kann; da habe ich eine Menge Bcher.

Oben auf Deck war es jetzt einigermaen ruhig geworden, so da
Herr Nyke ganz ungestrt reden konnte; durch die Luken des
Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den
geschftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten
Fusten verteidigten und ihr Gepck beiseite stauten.

Vier junge Damen in flottgeschrzten Karl-Johann-Toiletten und
blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien
vorber. Sie orientierten sich fr die kommenden Tage an Bord,
starrten mit groen, blauen Augen um sich, redeten jeden
sndhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken ber all das
Gepck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen
Hnde aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von
ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht
vergngliches Leben an Bord.

Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaen
reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein
junger Reisegefhrte schon besorgt; er sa wie ein Kaiser oben
auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje
nehmen wollten, wtende Worte an den Kopf.

       *       *       *       *       *

In der Nhe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine
Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien gewhnliche
Handwerker, sagte Herr Nyke, sie hatten einen gemeinsamen
Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brder zu sein;
der dritte hatte feinere Hnde und ein lustiges, verschmitztes
Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns
whrend der berfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie
seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er
zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig
ber das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine
drollige Mnnchen nur _ein_ Vergngen hier im Leben zu kennen:
nmlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem
Vornamen Kristen nannte, tchtig zu necken, und es kam nur selten
vor, da diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den
Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu
erkundigen, oder er erzhlte ihm, wieviel die Uhr war, whrend
Nyke wtend erwachte und ihm schreckliche Rache fr diesen
Schurkenstreich schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein.

Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen.

Nyke soll drben Pastor werden, sagte der Kaufmann.

Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklrter
Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann
mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehre nicht
zu denen, die krperliche Arbeit verachteten, aber man msse ihm
wohl recht geben, da er die Bedingungen zu etwas anderem in sich
trge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College
gedacht.

Als die Essensglocke ertnte und die groen Eimer mit
Emigrantenspeise auf das Zwischendeck herabgelassen wurden, wurde
das Gedrnge so gro und der Lrm so stark, da ich es fr das
Geratenste hielt, eine Weile auf Deck hinaufzufliehen. Es ging
ber die Glieder der Mitmenschen her. Der Matrose, der als
Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den Zustand derartig,
da auch er es vor seinem Gewissen verantworten zu knnen
glaubte, jetzt seiner Wege zu gehen, -- jetzt, so lange er noch
ohne andere Hilfe gehen _konnte_.

Freie und ledige Leute konnten die Schlacht ja wagen, er aber
hatte Frau und Kinder in Kopenhagen.

Nachdem ich mich auf dem obersten Deck eine halbe Stunde
herumgetrieben und das Getse unten sich ein wenig gelegt hatte,
ging ich wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie mein junger
Reisegenosse von daheim saen alle um eine Kiste herum und
schnitten ein Stck herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach
angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen, in Stcke und
verzehrten es. Und berall in jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel
war man mit dem Mittagsessen beschftigt. Ach ja, der Mensch lebt
_fr_ das, _wovon_ er lebt! Auch nicht _ein_ Gesicht verriet
Spuren von den Thrnen, die fr das Vaterland gefallen waren, das
man verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb sich am
Fuboden und auf den Matratzen herum, Kinder spielten damit,
Jnglinge bombardierten einander damit, man sa da, Speck in den
Zhnen, zwischen den Fingern, auf den Knieen, -- berall glnzte
dieser fette, gelbe Stoff, der berall Flecke hinterlie.

Viele aber langten mit herzerfreuendem Appetit zu. Die
Gebirgsbewohner aus den engen Thlern hatten wohl jetzt zum
ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust in Zukost
zu ihrem Brot zu schwelgen.

Aber mein junger Reisegefhrte, der brigens von ebenso armer
Herkunft war wie ich selber, sollte sein erstes Mittagessen an
Bord eines Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den ganzen
Nachmittag in seiner Koje und befand sich schlecht, und ich
konnte nicht an ihm vorbergehen, ohne da er nicht eine
Unterhaltung ber trockne Schiffszwieback anfing, so recht
trockne, gute Zwieback, auf denen man kauen konnte, oder da er
mich um ein Mittel gegen belkeit um Rat fragte.

Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefhrlichen Grung im
Magen an einer gewissen Verdauungstrgheit. Er nhme die Sache
mit Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas vorzunehmen.
Spterhin am Abend sollte er indessen genug zu thun bekommen. Wir
hrten ihn eifrig nach einem gewissen Schlssel suchen, dessen er
denn schlielich auch habhaft wurde, den er dann aber gar nicht
wieder abgeben wollte, obwohl es der Schlssel zu einer gewissen
Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt haben sollten.

       *       *       *       *       *

Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern ganz vorzglich.
Sie hatten vor Abgang des Schiffes in Kristiania eine grere
Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch einen Schluck in
der Reiseflasche. Nach Tische kamen dann die Handharmonikas auf
Deck und es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz, da
schwache Leute unter die Starken gerieten; einige von den Frauen
flehten sicher aufrichtig um Geduld im Leiden.

Eine kleinere Gruppe von Menschen hatte sich am Vordersteven
gesammelt, dort sang ein schwedischer Methodistenprediger aus
Amerika geistliche Lieder von Sankey und betete um gutes Wetter
fr die berfahrt. Man ist so gottlos als junger Auswanderer --
bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hier waren
es nur ein paar ltere Snder, die in sich gingen, whrend da
unten auf dem Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka
tanzten und sich nicht um den lieben Gott kmmerten.

Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorber. Herr Nyke schimpfte. Er
trug seinen Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes
Blechgef mit einem eisernen Henkel. Es war sehr mitgenommen.

Er hat es gethan! sagte Herr Nyke. Er hat es absichtlich
gethan, sich daraufgesetzt, es zerbrochen. Sehen Sie nur!

Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft zu bleiben. Es sei
versehentlich geschehen, sagte er. Es sei da unten so dunkel
gewesen, da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt.

Und beide gingen weiter und redeten mit lauter Stimme ber die
Sache.

Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend fortgesetzt, wo das Deck
gerumt werden sollte. Das Reglement schrieb vor, da wir
Passagiere vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag
in unserer Koje sein sollten, und sobald der Zeitpunkt gekommen
war, sah man den Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder
mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock, in allen Winkeln
und Ecken herumstbern, um pltzlich einen Lichtstrahl auf ein
versptetes Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasa und
sich in flsterndem Zwiegesprch vergessen hatte. Ein kleiner
erschreckter Schrei, zwei Paar entsetzte Augen starrten die
Laterne an, dann eine hastige Flucht ber das Deck -- in ein
besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen forderten sogar,
das Reglement zu sehen, das ihnen verbieten konnte, auf Deck zu
sitzen, bis der Morgen dmmerte. Das mchten sie sich denn doch
ausbitten!

Und dann bekamen sie das Reglement zu sehen.

       *       *       *       *       *

Wir dampften in die Nordsee hinein.

In Kristianssand waren wir an Bord gewesen und hatten ein paar
Briefe geschrieben, ebare Speisen gekauft, so gut sie zu haben
waren und so weit es unsere Mittel erlaubten, ein wenig Bier
getrunken. Das war das letzte, was wir auf europischem Festland
verzehrten. Jetzt dampften wir in die Nordsee hinein.

Es war am Morgen, rings umher erwachten die Leute, die Uhr war
sieben, in einer Stunde kam das Frhstck. Mehrere von uns hatten
schon Stiefel an.

Ich schlo die Augen wieder. Das Schiff rollte. Die stampfende
Bewegung hatte meinen Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich
schlief wieder ein.

Ich erwachte von einem schallenden Gelchter meiner Kameraden,
die schon unten auf den Kisten saen, im Begriff ihr Frhstck
einzunehmen, und ich richtete mich gerade frh genug auf, um
Herrn Nykes Beine die Treppe zum Deck hinauf verschwinden zu
sehen.

Was gab es denn nur?

Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem Kaffee-Eimer
gefunden, und deswegen war er jetzt auf dem Wege zum Kapitn, um
sich zu beklagen.

Der Haugesunder an meiner linken Seite fragte ghnend, wieviel
die Uhr sei, alle Leute erwachten und sprangen zu beiden Seiten
des Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der Abteilung der
verheirateten Leute drang das unangenehme Gerusch seekranker
Frauen, in meinem eigenen Kopf machte sich ein verdchtiges
Gefhl bemerkbar. Ich zog schnell die Stiefel an und begab mich
auf Deck.

Hier und da, im Schutz gegen den Wind, saen bleiche Menschen,
denen offenbar bel war; einige hingen schon trostlos ber der
Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns gerade entgegen. Die
See wurde immer unruhiger.

Herr Nyke kehrte in hchster Erregung zurck und erging sich
ber den Heringskopf. War das vielleicht mit den modernen
Gesundheitsregeln der Hygiene zu vereinen?

Ein leidender Mitreisender, der offenbar genug zu thun hatte, um
sich auf den Beinen zu halten, mute trotz alledem ber die Wut
des Seminaristen lachen. Er gab sich sogar Mhe, ber die Sache
nachzudenken.

Der Heringskopf ist ein Schelmstck von einem Ihrer Kameraden,
sagte er. Der ist nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen, er
wre gar nicht durch den Gu hindurch gegangen!

Nyke senkte sinnend das Haupt.

Was Sie da sagen, hat etwas fr sich, und ich habe auch schon
daran gedacht. Die ffnung in dem Eimer des Stewarts war wirklich
zu eng dazu. Deshalb bin ich auch nicht zum Kapitn gegangen, das
wre zu dumm gewesen -- Und Herr Nyke meinte, was er sagte. Es
wre doch wirklich ein abscheulicher Scherz. Schlielich sprach
er seine Besorgnis vor einem gewissen Fall aus, der bei ihm
einzutreten pflege, wenn er solchen Schweinkram gegessen hatte.

Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und
mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll
zusammen, und unten in den Kajten der ersten und zweiten Klasse
hatten die dienstbaren Geister genug mit dem Reinigen zu thun.
Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den
strksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch
war ich jetzt ohnmchtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang.
Bis zu der schottischen Kste hielt ich mich einigermaen, dann
lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Hhepunkt erreicht
hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein
paar andern Leidensgefhrten lag, kam mein Kamerad aus der Koje
links, der Haugesunder, vorber, dieser dicke, unbehilfliche
Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat
ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fu, -- ich war nicht
imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu zchtigen.
Er entkam mir. Im brigen war der Haugesunder ein hilfreicher
Mann. Er stahl gelbe Wurzeln fr mich aus einem Vorratsschrank
whrend der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes
Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger ber
die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als
ich alle meine wichtigen Notizen verloren hatte, erklrte er, er
empfinde das als ein persnliches Unglck, das knne ich ihm
glauben.

       *       *       *       *       *

Mein junger Reisegefhrte, Herr Nyke und die beiden Handwerker
saen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der
Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch
genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund,
einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen
begleitet hatte -- und sich nun auf dem Rckwege in ihre ferne
Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie
an Bord umher, zrtlich, sehr empfnglich fr Aufmerksamkeiten;
sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann.
Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie
mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetm, sein kleines,
schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmal geriet
sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das
kleine, feurige Ding pltzlich auf und berschttete ihre
Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen,
die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige
Farben und Gebrden, Worte, die so nackt waren, da es nicht
mglich ist, sie zu wiederholen -- --

Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertnte
hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war
betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen,
glcklichen Lcheln erklrte er, nichts sei so schn, als im Mond
spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten
besten Platz und lallte weiter.

Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und
die Wellen lieen das Schiff erzittern. Die Mden und die Kranken
lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern.
Mein Freund, der Jngling, war auf einem Sack umgesunken, eine
leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker
saen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen.

Ich schttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte
wtend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem
eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Spter
erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklrte, es sei
nicht hbsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hbsch! Wir
seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und
jetzt msse ich diese Schande ber ihn bringen. -- Er litt unter
dem Wahn, da er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er
die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen
hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurckgehalten.

Der Kaufmann kehrte zurck. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke
sei? Er msse ihn sprechen. Er erzhlte weiter, er sei bei seiner
sen Schwarzen gewesen. Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den
Finger gebissen, das infame Frauensmensch! -- Und er zeigte mir
einen blutenden Finger.

Aber ein paar Stunden spter hatten Herr Nyke und mein junger
Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich
nach ihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein
wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschmt mit einem
verlegenen Lcheln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre
Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen mglich war.

Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war
berstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war
achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im
letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Lffeln
Gerstgrtze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde
ich vergessen, wie gut das schmeckte! berhaupt war die
Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine
Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir
uns ein wenig an das Essen an Bord gewhnt hatten, schmeckte uns
das auch so gut, wie wir es nur wnschen konnten. Das Brot war
auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert.
Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.

Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean.

Ein finsterer, fast religiser Ausdruck lag auf den Gesichtern:

Also jetzt! -- In Gottes Namen!

Was meinen Freund, den Jngling betrifft, so erklrte er, da ihm
ganz flau werde, wenn er den unendlichen Gedanken -- der
atlantische Ozean -- denke. Kristen Nyke aber antwortete, da
darber gar nichts zu denken sei, -- das sei ein Gedanke fr
Frauen und Kinder. Ginge die Sache gut, so wre es gut, ginge sie
schief, so strbe man.

Und welche Ansicht haben Sie denn ber den Tod, Kristen? fragte
der Kaufmann.

Meine Ansicht ber den Tod? Sie ist wohl dieselbe wie die
Ansicht anderer gebildeter Menschen. Das Ende des Ganzen, der
Schlu, der Punkt fr alle groen Gedanken. Wenn Sie ein Mann
wren, den so etwas interessierte, wrde ich Ihnen etwas darber
aus einem Werk in meinem Koffer vorlesen.

Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung, dem
Aufenthaltsort der verheirateten Leute und der jungen Mdchen.
Das Zwischendeck war hier in grere Kammern abgeteilt, die
durch die offenen Luken im Oberdeck Licht und Luft erhielten, und
wo die besser eingerichteten Kojen, die Etische und die Bnke
lngs derselben den Aufenthalt fr die Familien ganz gemtlich
machten. Es befanden sich drei solche Kammern im Schiff, und in
ihnen allen war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen Kinder
und die nicht wenigen seekranken Frauen in Berechnung zog. Zwei
Frauen waren miteinander in Streit geraten, aber von Natur
zurckhaltend, wie sie waren, und in christlichen Familien
erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur ein paar Haarbschel
aus, ja die eine von den beiden, eine Witwe, die in Kristianssand
an Bord gekommen war, kmpfte in ihrer Demut am liebsten mit den
Ngeln.

Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine Aufmerksamkeit,
und ich beobachtete, wie ein Passagier aus der ersten Kajte, ein
Schneider aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer dastand und
dem Streit durch die Luke im oberen Deck zuschaute. Er wippte
umher und wechselte fortwhrend den Platz, um besser sehen zu
knnen. Ein paar kleine Kinder dagegen waren ganz teilnahmslos
fr diesen Kampf der Frauen; ernst und nachdenklich saen sie da
und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen ihnen lag und
stieen von Zeit zu Zeit einen unartikulierten Laut aus, wozu sie
die ernsthaftesten Gesichter aufsetzten.

Als ich zu meinen Kameraden zurckkehrte, war Herr Nyke gerade im
Begriff, sich ein wenig einzurichten, wie er es nannte. Er
wollte auf der berfahrt wie ein Mensch wohnen, und wenn sonst
niemand aufrumte, msse er es thun. Zu diesem Zweck hatte er
alle Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt, ein Stck
Gepck ber dem andern, so da in der Mitte ein freier Gang
entstand, -- zum Spazierengehen, erklrte Herr Nyke. Oben auf
dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der Nebel lege sich so
unangenehm auf das Gesicht, der Kohlenstaub aus dem Schornstein
verunreinige auerdem das Gesicht -- war dies da nicht ein guter
Gedanke von ihm, -- ein Boulevard unter Dach und Fach?

Der Haugesunder war der erste, der seinen Koffer an seinem
gewhnlichen Platz vermite, und mit grober Hand ri er Herrn
Nykes Gebude um. Es stand eine kurze Zeit und versank in
Trmmer.

Das Wetter war kalt und na, der Nebel verdichtete sich, vom
Schiff aus war nichts zu sehen. Wohin man sich wandte, hing nur
der graue Nebel schwer ber dem Meer wie ein rauchender Himmel,
der mit der Erde verschwamm. Und jede halbe Minute zog der
wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem starken Instrument,
dessen eiserne Stimme brutal ber das Meer dahinschallte.

       *       *       *       *       *

Und die Tage gingen dahin, die See wurde immer ungestmer, der
Sturm nahm zu, und eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot vor
Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte man einen gesunden
Menschen, den die Seekrankheit verschont hatte. Mein junger
Reisegefhrte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen, er sagte, es
sei unnatrlich zu _stehen_, wenn man sterben solle. Und er
sthnte und gebrdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er jemals
wieder an Land kme, -- was wohl sehr unwahrscheinlich sei, -- so
wolle er nie wieder ber Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust
eines Fingers oder eines Fues klagen, denn dies sei weit
ernster.

Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er schien ein wenig unsicher
auf den Beinen, und er war sehr bla.

Ist Ihnen nicht wohl?

Ach ja, so einigermaen. Aber hier ist zu viel lgeruch,
auerdem wird in der Kombse Fleisch gebraten, der Geruch macht
einen elend.

Nachdem wir aber hinuntergekommen waren und der Kaufmann ihn mit
einer Rolle Kautabak traktiert hatte unter dem Vorwand, da ihn
das kurieren werde, ward Herr Nyke mehr und mehr Leiche, er
lehnte sich hintenber, steckte die Hnde in die Taschen und
schlo die Augen.

Doch nicht Ihr >Fall<? fragt der Kaufmann und sieht ihm
lchelnd ins Gesicht.

Aber das htte der Kaufmann lieber nicht thun sollen, Herrn
Nykes Fall sa zu lose, und der nichts ahnende Spavogel mute
seine Unvorsichtigkeit bezahlen.

Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge hin und wsche sich.

Seit jenem Tage htete Herr Nyke bestndig das Bett.

Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit
jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und
ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er
uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tnte
bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen
ein, die Menschen rollten auf die Erde, mde und seekrank zogen
sie die Decken ber sich, und halbnackend und verfroren, ohne die
Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack
oder einer Kiste elendiglich wieder ein.

Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere
Kojenthr. Sie war mhselig die steile Treppe von dem untersten
Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. Die
Laternen brannten trbe an ihren Haken, der Kopf der Frau
schimmerte so sonderbar in der Lukenffnung.

Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, da da unten am
Boden des Schiffes ein so unheimliches Gerusch ist?

Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken:

Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, da das
Schiff leck ist?

Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurck, indem
sie mit groer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, da das
Schiff geborsten sei.

Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein
einziger, langer Fall. Einer seiner Gefhrten fragte ihn
einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht,
murmelte er.

Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns
herunter, und der Kapitn, dieser ber und ber mit Goldtressen
bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spttischer Miene
begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege
zu gehen, stand nun selber auf der Kommandobrcke. Wir hrten
seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine
Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle
ein Gefhl, da der Kapitn trotz alledem der beste Mann an Bord
wre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen.

In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer
traurigen Verfassung. Der Seegang war nmlich so schwer geworden,
da man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln
mssen. Die meisten lagen im Bett, die Mtter mit den Kindern
eng aneinander geschmiegt, die Mnner mit stumpfsinnigen Augen
und groen Nasenlchern, unfhig zu jeder Bewegung. Ganz
oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische
Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern.
Er stand da mit entbltem Haupt und entblter Brust, wie
versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend
hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu
ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell
wurde und die Leute erwachten, rief er pltzlich mit lauter
Stimme zu uns hinab: Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn! --
Und er fing an mit Bekehrungsworten und Hllenstrafen um sich zu
werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit
sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mdchen waren nach
einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer wei,
vielleicht trumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer
flotten Mazurka. Die Mtter und Vter hatten jeder seine Last zu
tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen.
Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man
vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Snde
besinnen.

Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zndete er sich sogar
heimlich eine ungeheuer belriechende Pfeife an, obwohl es wegen
der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier
unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch
gesprt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafr begann dieser,
seinen Spott mit dem Seminaristen zu treiben, der so bange war.
Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues
Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! -- Nyke aber schwur mit
dem letzten Rest seiner Krfte, da der Kaufmann lge. -- -- --

Da geschah es, da oben etwas mit furchtbarem Getse zertrmmert
wurde.

Ein Krachen, ein ohrenbetubender Donner rollte ber das Schiff
hin, wir fhlten uns mit pltzlicher Gewalt umgerissen, die See
strmte ber die Treppen zu uns herab, von allen Seiten ertnte
Geschrei. Als ich mich endlich selber wiederfand, mit dem Bauch
auf dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell auf und sah
mich nach meinem Reisegefhrten um. Der war aus seiner Koje
geschleudert und lag wie tot mit zusammengepretem Mund und
geballten Fusten. Als ich ihn anredete, antwortete er nicht, als
ich ihn aber wieder auf die Fe gestellt und nach der Koje
zurckgefhrt hatte, stellte es sich heraus, da ihm nichts
fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet. Es ist alles nur
eine Kleinigkeit, sagte er, ein Glied mehr oder weniger. --
Nein, aber die Seekrankheit, -- die Seekrankheit!

Der Kaufmann brllte mir ins Ohr:

Sehen Sie sich doch Kristen einmal an! Liegt er da nicht auf den
Knieen in seiner Koje und kt das Neue Testament!

Die Handwerker, die beiden guten Freunde, lagen in dem nassen
Zwischendeck am Boden, die See flo ber sie hin. In gegenseitiger
liebevoller Umarmung sandten sie weinend der Heimat ein letztes
Lebewohl durch den Orkan hindurch zu. Abermals splte eine
Sturzsee zu uns herunter und fhrte Splitter von zertrmmertem
Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann wollte sich wirklich die
Bemerkung erlauben, da es jetzt anfinge, feucht zu werden! Und zu
Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme und Miene er nachahmte, sagte
er:

Der Tod, was ist der Tod? Nur der Schlupunkt fr die groen
Gedanken!

Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte gehrt, als er sich beeilte,
da Neue Testament unter sein Kopfkissen zu legen und sich in
seine Koje zurckzuziehen. So verlegen war er. -- --

Von nun an nahm aber das Unwetter allmhlich ab. Am nchsten Tage
konnten wir schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen, mein
Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje sitzen, und Herr Nyke
befand sich in guter Besserung. Zwlf Stunden nach dem Orkan war
auf keinem Gesicht mehr eine Spur der ausgestandenen Angst und
der stillen Gottergebung, die einige an den Tag gelegt hatten,
zu entdecken. Man strzte sich dahingegen ber die vollen
Speiseeimer mit einer Gier, wie sie nur von der Seekrankheit
genesene Patienten besitzen.

       *       *       *       *       *

Regen, hoher Wellengang und Sturm waren auf der ganzen Reise
unsere Begleiter gewesen, -- ein Ausnahmewetter im August fr den
Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der Jahreszeit und dem
Himmel entsprechendes Wetter bekamen, waren einige von den
Auswanderern so stolz, da sie sich alle Komplimente verbaten.
Undankbareren Menschen hat der liebe Gott nie seine Wohlthaten
erwiesen. Nur die Seekranken erkannten den Umschlag in der
Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger stand mitten auf dem
Schiff und sang seine geistlichen Lieder, ein Schwarm von vllig
neuen Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre zwlf, vierzehn
Tage in den Kojen gelegen hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch
nur den Kopf zu erheben, wimmelten pltzlich aus dem untersten
Deck herauf, bleich, abgemagert wie Holzpuppen. Jetzt erzhlt uns
die zunehmende Hitze, da wir uns der Kste von Amerika nhern.
Vgel umschwrmen uns, Vgel mit fremdlndischem Aussehen und
sonderbarem Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine
sieht man in allen Richtungen am Horizont, eine norwegische Bark
fhrt auf uns zu und bittet durch Signale um Angabe der Hhe, auf
der wir uns befinden.

Die Handharmonikas, die so lange begraben gelegen haben, werden
wieder hervorgeholt, vergessen sind alle Leiden, alle Angst.
Der Methodistenprediger aber hat eine kleine Schar um sich
versammelt, die am Boden kauert und Gott dankt, weil er unser
Leben geschont hat. Und dazu singt der Koch in der Kombse und
macht einen Hllenlrm mit den Kochtpfen.

Das Schiff war gesplt und ausgeputzt, der Lootse war an Bord
gekommen, die Passagiere gingen in ihren besten Kleidern umher,
und mein Reisegefhrte war wieder auf den Beinen.

Da steigt New-York aus dem Meere auf, schwer, farbenreich,
gigantisch. In dem nebeligen Sonnenlicht zittert die Stadt
marmorwei, ziegelrot, von den tausenden von Schiffen, die in
allen Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her fahren,
wehen Flaggen. Schon erreicht uns das Getse von den Walzen und
Rdern der Fabriken, von den Dampfhammerschlgen auf den Werften,
von den unendlichen Maschinen aller Art, die mit den glatten
Gliedern aus Stahl und Eisen arbeiten.

Zwei Herren steigen von einem kleinen Dampfer zu uns an Bord. Es
ist die Gesundheitspolizei, der wir Zwischendeckspassagiere
unsere Zunge zeigen, und von der wir unsern Puls befhlen lassen
sollen. Abermals steigen zwei Herren von einem anderen kleinen
Dampfer an Bord. Es ist der norwegische Konsul in New-York und
ein amerikanischer Detektiv. Sie suchen nach einem Norweger,
einem gewissen Ole Olsen aus Risr, der Wechselflschungen
begangen hat. Und sie finden den Mann schnell, sein Signalement
ist zu deutlich: er hinkt ein wenig und ist pockennarbig. Er war
auf der ganzen Reise so still und bescheiden gewesen, jetzt stand
er beinahe mit dem Fu auf Amerikas Grund und Boden und wre in
wenigen Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden Herren und
greifen ihn. Ich vergesse nie sein Gesicht, dies entstellte
Gesicht und das hoffnungslose Zittern der Mundwinkel, als der
Konsul ihm den Verhaftungsbefehl vorliest.

Kristen Nyke stand am Vordersteven, er war beiseite gegangen und
konnte sich nicht erholen von seiner Verwunderung ber einen
Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche gefunden hatte, und
der eine ganze Menge Kronen enthielt, wirklich eine nette kleine
Summe in Zehnkronenscheinen, als Geschenk fr den armen
Seminaristen. Er begriff nicht, woher dies Geschenk kam, und
ahnte wohl am wenigsten, da die Hlfte allein von seinem
Plagegeist, dem Kaufmann, stammte.

So glitten wir langsam in den Hafen von New-York hinein.




Ein Erzschelm


Lieber Leser! -- Ich traf diesen Mann auf einem Friedhof. Ich
that nichts, um ins Einvernehmen mit ihm zu gelangen, er aber
legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich nur auf eine
Bank, wo er vor mir gesessen hatte, und sagte:

Stre ich auch?

Da fing er an:

Sie stren gar nicht, sagte er und machte mir Platz. -- Ich
sah nur hier ber all diesen toten Reichtum hin. Er zeigte mit
einer Handbewegung auf die Grber.

Wir waren auf dem Krist-Friedhof.

Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter war es da oben
geworden; Maurer und Arbeiter waren einer nach dem anderen
gekommen, der alte Wchter sa schon in seinem Kiosk und las
Zeitungen. Hier und da sah man Frauen in Schwarz, die Blumen
pflanzten oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu lang
geworden war. Und die Vgel zwitscherten laut in den groen
Kastanienbumen.

Er war mir ganz unbekannt. Es war ein junger Mann,
breitschulterig, unrasiert und in etwas abgetragenem Anzug. Die
Runzeln auf der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit,
nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach, das alles machte ihn,
wie man zu sagen pflegt, alt und erfahren.

Sie sind fremd hier?

Ich bin neun Jahre auer Landes gewesen.

Er lehnte sich zurck, streckte die Beine vor und sah auf den
Kirchhof hinaus. Aus seiner Rocktasche guckten deutsche und
franzsische Zeitungen hervor.

Wie traurig ist es auf einem Friedhof wie dieser hier! sagte
er. So viel Totes auf einem Fleck! So viel Kraft erttet und so
wenig ausgerichtet.

Wie meinen Sie das?

Dies ist der Militr-Begrbnisplatz.

Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir.

Er fuhr fort:

Aber das Schndlichste von allem ist doch dieser Kultus, der mit
den Toten getrieben wird, diese Art und Weise zu beweinen!

Eine fromme Zwecklosigkeit!

Er machte eine hastige Bewegung und richtete sich auf.

Wissen Sie, da ein Vermgen von Granit auf diesen Grbern
steht? Dann streut man kostbare Blumen ber den Sand, schafft
sich bequeme Bnke an, um darauf zu sitzen und zu weinen,
errichtet heilige Gtzensteine aus den Brchen da oben in den
Grefsenbergen, -- ein versteinertes Vermgen. Der Friedhof ist
einer der am wenigsten bankerotten Pltze in der Stadt. -- -- Ja,
nicht wahr, das giebt Ihnen zu denken, fuhr er fort. Einmal
hierhergesetzt, bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist
unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur noch seine
Verwaltung, das heit seine Aufsicht, seine Thrnen, seine
Blumen, die rings umher auf den Sandhgeln liegen und welken.
Krnze bis zu fnfzig Kronen das Stck!

Ein Socialist! dachte ich, -- ein reisender Handwerksbursche, der
im Ausland gewesen ist und den Schrei nach dem Kapital gelernt
hat, -- nach dem Kapital.

Sind Sie auch fremd hier in der Stadt? fragte er.

Ja!

Dann legte er sich wieder zurck gegen die Lehne der Bank,
blinzelte und dachte, blinzelte und dachte.

Ein paar alte Gestalten gleiten vorber, beide mit einem Stock,
krummgebeugt, andchtig, miteinander flsternd, -- vielleicht
Eltern auf dem Wege zu einem Grabe. Ein Windsto fhrt ber den
Friedhof hin, wirbelt Staub und welke Blumenberreste auf und
raschelt leise mit dem gefallenen Laub, das die Gnge bedeckt,
und das von der Sonne getrocknet ist.

Sehen Sie! sagt er pltzlich, ohne seine Stellung zu verndern,
nur mit einer Bewegung der Augen, sehen Sie die Dame, die auf uns
zu kommt? Geben Sie einmal acht, wenn sie an uns vorberkommt.

Nichts war leichter als das. Sie streifte uns fast mit ihrem
schwarzen Kleide, und ihr Schleier berhrte unsere Hte. Ein
kleines Mdchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter ihr her trug
eine Frau Rechen und Giekanne. Sie verschwanden alle drei in der
Biegung, die zu dem unteren Teil des Friedhofes fhrte.

Nun? fragte er.

Nun?

Haben Sie nichts bemerkt?

Nichts ungewhnliches. Sie sah uns an.

Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lcheln und wollen mir die
Versicherung geben, da darber kein Streit zwischen uns
entstehen soll. Die Sache ist die, da sie vor einigen Tagen hier
vorberging. Ich sa hier und sprach mit dem Totengrber, ich war
bemht, ihm ein klein wenig Verachtung fr sein ehrenwertes
Handwerk einzuimpfen. --

Aber weshalb denn nur?

Weil er unntzerweise die Erde aufwhlt zum groen Schaden fr
die Lebenden, die davon leben sollen.

Ein armer, verirrter Freigeist also! dachte ich bei mir; wo
steht es in Gottes Wort geschrieben, da die Leichen nicht in der
Erde bestattet werden sollen? Jetzt fngst du an, mich zu
langweilen.

Ich sa hier und sprach mit dem Totengrber. Es ist unrecht,
sagte ich. Die Dame ging vorber, sie hrte meine Worte und sah
mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos:
haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Giekanne in
den abgearbeiteten Hnden beachtet? Und ihr Rcken, wie gebeugt
der war? Dies Geschpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit
gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens,
aufzuwhlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis
vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe
wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich
nicht. Sahen Sie, was das kleine Mdchen trug?

Blumen.

Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer
Krone das Stck. Feine Blumen, die ein ganz auerordentlich
empfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt,
sterben sie. In vier Tagen werden sie ber das Gitter in die
Grtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.

Da antwortete ich dem Freigeist und sagte:

Die Pyramiden waren doch noch teurer.

Das bte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien
die Einwendung bereits frher gehrt zu haben.

In jener Zeit herrschte keine Armut, sagte er. gypten war
obendrein die Kornkammer des ganzen rmischen Reichs, die Welt
war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden,
wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persnlich habe diese Erfahrung
gemacht, sondern ein anderer. Aber ich wei nur, die Pyramide in
der Wste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist
etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Grbern,
Monumente fr groe Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu
drei Kronen sechzig re die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei
Kronen fnfzig re das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden
von den Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf
steinerne Sulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit,
ausgehauen oder gefgt, rot, wei und grn. Sehen Sie nur einmal
diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengrber
hierber, der Handel damit hat dermaen um sich gegriffen, da
kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie
doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das
Leben!

Da erlaubte ich mir zu entgegnen, da dies Leben nicht aller
Idealitt beraubt werden knne und drfe; es habe doch wohl sein
bichen ethische Bedeutung, da die Menschen noch ein paar
Grassoden fr ihre lieben Toten brig htten. Und der Ansicht bin
ich auch heutigen Tages noch.

Sehen Sie, sagte der Mann heftig, von dem, was tglich hier
vergeudet wird, knnten Familien leben, Kinder erzogen,
schiffbrchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge
Frau da unten und grbt Kamelien in die Erde, die den Wert von
zwei Kinderkleidern reprsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu
so etwas hat, wird er Gourmand.

Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht war er gar ein
Anarchist, dem es Vergngen machte, ernste Dinge auf den Kopf zu
stellen. Ich hrte ihm mit schwindendem Interesse zu.

Er fuhr fort:

Und dann sitzt da oben ein Mann, der Wchter. Wissen Sie, was
der zu thun hat? In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung,
und dann bewacht er die Grber. Es herrscht Ordnung im Kultus der
Toten. Heute, als ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind
she, das hier Blumen sthle, um sich Schulbcher fr den Erls
zu kaufen, ein kleines Mdchen, mager und ngstlich, das eine
Kamelie wegnhme, um Essen dafr zu kaufen, so wrde ich sie
nicht anmelden, ich wrde ihr behilflich sein. Das nenne ich
Unrecht, sagte der alte Wchter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger
Mann hlt Sie eines Tages auf der Strae an und bittet Sie, ihm
zu sagen, wie viel die Uhr ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, --
beachten Sie dann einmal seine Augen! Dann entreit er Ihnen
blitzschnell die Uhr und luft davon. Ihnen bleiben zwei Auswege.
Sie knnen den Raub melden, und dann bekommen Sie ein paar Tage
spter Ihre Uhr wieder, die bei einem Pfandleiher gefunden ist,
und im Laufe von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der Snder zu
folgen. Oder Sie knnen schweigen. Das ist der zweite Ausweg. Sie
knnen schweigen. -- -- Ich bin eigentlich ein wenig mde, denn
ich habe die ganze Nacht gewacht.

So, Sie haben gewacht! Nun der Tag schreitet vor. Ich habe meine
Arbeit.

Ich erhob mich, um zu gehen.

Er zeigte hinab auf die See und die Brcken.

Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen, um ausfindig zu
machen, wie die Not und das Elend des Nachts schlafen. Hren Sie
nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare Dinge! Eines Abends vor
neun Jahren, als ich hier an diesem selben Fleck sa, -- ich
glaube, auf dieser selben Bank -- geschah etwas, was ich nicht
vergessen kann. Es war allmhlich ganz spt geworden. Die
Friedhofbesucher waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer, der
auf dem Bauch auf einer Marmorplatte da hinten lag und die
Inschrift einmeielte, hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog
die Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die verschiedenen
Taschen und entfernte sich. Es fing an zu wehen, die Kastanienbume
rauschten schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz, das
hier in der Nhe stand, -- es ist jetzt, glaube ich, weg --
schwankte ein wenig im Winde. Ich knpfte auch meine Jacke zu und
war eben im Begriff zu gehen, als der Totengrber die Biegung dort
heraufkommt und im Vorbergehen hastig frgt, ob hier ein kleines
Mdchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche vorbergekommen
sei.

Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben. Was fr eine
Bewandtnis hatte es denn mit dem kleinen Mdchen?

Sie hat Blumen gestohlen, sagte der Totengrber und ging
weiter.

Ich sa ganz still hier und wartete, bis er zurckkam.

Nun? haben Sie sie gefunden?

Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.

Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine
Mdchen war sicher noch auf dem Friedhof, und jetzt mute
endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute
die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine
Mdchen, die sehr wohl wuten, da es unrecht war. Wie? Sie
stehlen die Blumen, binden Strue daraus und verkaufen sie. Ja,
nette Kinder! das mute man sagen!

Ich begleitete den Totengrber und half ihm eine Zeitlang, die
Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den
Wchter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing
an zu dmmern und wir gaben das Suchen auf.

Wo ist das bestohlene Grab?

Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?

Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, da ich dies Grab
kannte. Das kleine verstorbene Mdchen hatte ich ganz gut
gekannt, und am nmlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die
Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie
nirgends mehr.

Wir mssen weiter suchen, sagte ich zu den anderen. Dies ist
schndlich!

Der Totengrber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber
er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei
an, von neuem zu suchen. Pltzlich unten an der Biegung des Weges
gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mdchen, das
zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's groer polierter
Grabsule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich
so klein gemacht, da ihr Hals ganz in den Rcken hineingeschoben
war.

Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen.

Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn hier noch so spt?
fragte ich.

Sie antwortete nicht und rhrte sich nicht. Ich hob sie in die
Hhe, nahm ihre Schultasche in die Hand und hie sie, mit mir
nach Hause zu gehen. Klein Hanna mag gar nicht, da du um
ihretwillen noch zu so spter Stunde hier bist.

Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr:

Weit du denn auch, da ein bses Mdchen die Blumen von Hannas
Grab gestohlen hat? Ein kleines Mdchen in gelbem Kleid. Hast du
die nicht gesehen? Nun, wir werden sie schon finden!

Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu antworten.

Da haben Sie sie ja! rief der Totengrber pltzlich. Da haben
wir die Diebin!

Wie?

Wie? Sie halten sie ja an der Hand!

Da mute ich lcheln.

Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin nicht. Dies ist die
kleine Schwester von dem Kinde, das heute begraben wurde. Sie
heit Elina, ich kenne sie.

Der Totengrber aber war seiner Sache sehr sicher. Auch der
Wchter erkannte sie wieder; namentlich an der roten Narbe, die
sie an der einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen von dem
Grabe ihrer Schwester gestohlen, und die rmste konnte nicht
einmal ein Wort zu ihrer Entschuldigung vorbringen.

Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten: ich hatte diese beiden
Schwestern lange gekannt; wir hatten eine ganze Zeit in demselben
elenden Hinterhof gewohnt und sie hatten oft unter meinem
Fenster gespielt. Sie zankten sich oft sehr und prgelten sich
auch, aber es waren ein paar nette Kinder, und anderen gegenber
nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das hatten sie nicht
gut von jemand lernen knnen. Die Mutter war eine schlechte
Person, die selten zu Hause war, und den Vater -- sie hatten,
glaube ich, jede ihren eigenen -- hatten sie nie gekannt. Diese
beiden Kinder hatten ein kleines Loch, in dem sie lebten, und das
kaum grer war als die Grabplatte dort, und da meine Stube der
ihren gerade gegenberlag, stand ich oft am Fenster und sah zu
ihnen hinein. Hanna hatte in der Regel das bergewicht, sie war
auch ein paar Jahre lter und war oft so verstndig wie eine
Erwachsene. Sie holte immer den Blecheimer heraus, wenn sie eine
Schnitte Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es auf dem Hofe
hei war, hatte Hanna den guten Einfall, eine alte Zeitung an das
Fenster zu befestigen, um die rgste Sonne fern zu halten. Oft
habe ich auch gehrt, da sie ihrer Schwester die Schularbeiten
berhrte, ehe sie zur Schule gingen. Hanna war ein verwachsenes,
ernstes Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer.

Lassen Sie uns die Tasche untersuchen, sagte der Totengrber.

Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen. Ich kannte sogar
meine eigenen zwei, drei wieder.

Was sollte ich sagen? Und da stand sie, die kleine Snderin, und
sah uns ganz verhrtet an. Ich schttelte sie und fragte sie aus,
sie aber schwieg. Dann nannte der Totengrber die Polizei und
nahm das Kind mit sich.

Oben an der Pforte ward ihr pltzlich klar, was geschehen sollte,
sie sagte pltzlich:

Nein, wo soll ich denn hin?

Der Totengrber antwortete:

Auf die Polizeistation!

Ich habe sie nicht gestohlen, sagte sie.

Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche,
wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ngstlich,
sie habe sie nicht gestohlen.

In der Pforte hing der Kleiderrmel der kleinen Elina am Schlo
fest, und der dnne rmel wurde beinahe ausgerissen. Und
dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm.

Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden
einige Erklrungen abgegeben, aber so viel ich wei, geschah der
kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder,
denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg.

Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war
ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natrlich
nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan htte? Ich sage
mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehrt, als wie
wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen
verurteilen, wir nahmen sie nur fest und fhrten sie vor das
Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und
kann Sie zu ihr fhren!

Er machte eine Pause.

Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzhlen werde, mssen Sie
zuhren! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so
werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denn
die Lehrerin wird gewi ein Bouquet schicken und Frau Bendiche
sendet vielleicht gar einen Kranz.

Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark
gewachsen, um am Leben bleiben zu knnen, und seither hat die
Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschrft. Wenn sie spricht,
schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt
bemht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die
Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen
Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich
die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit
miteinander hatten, und ihre frheren Streitigkeiten aus frheren
Zeiten auf dem Spielplatz sind lngst vergessen.

Aber die Blumen sind nichts bertrieben Herrliches, fhrt die
Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schn auf
einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch
nicht sehen, und wrmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl
noch an die Schuhe dchte, die sie einmal im Bazar gesehen
hatten? Sie waren warm!

Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu
zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz
genau.

Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das
Fenster zog es so schrecklich, da der Waschlappen dort am Nagel
ganz steif fror. Elina knnte so ein Paar Schuhe bekommen.

Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina ist gar nicht so dumm.

Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und sie verkaufen. Das konnte
sie. Es gingen am Sonntag so viele Leute auf der Strae
spazieren. Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs Land, und
oft sah man Herren mit einer Blume im Knopfloch in einer Droschke
fahren. Sie kauften gewi Blumen.

Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze kaufen knne.

Ja, wenn sie Geld brig behielt. Erst aber sollte sie die Schuhe
kaufen.

Das verabredeten sie miteinander. Niemand hatte etwas darber zu
sagen, die beiden Kinder hatten es unter sich abgemacht. Elina
mute aber acht geben und die Blumen noch am selben Abend
abholen, ehe sie verwelkten.

Wie alt mochte die Kranke wohl sein?

Zwlf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist nicht allemal das
Alter, worauf es ankommt. Ich hatte eine Schwester, sie lernte
Griechisch als sie noch _so_ klein war.

Aber Elina erging es ja nicht gut bei der Sache. Bestraft wurde
sie gerade nicht, aber die Polizei jagte ihr doch einen
unschuldigen kleinen Schrecken ein, und damit war sie
verhltnismig gut davon gekommen. Dann nahm die Lehrerin sich
ihrer an. Sich eines Kindes annehmen, heit es auszeichnen, es
auf die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina wird in den
Pausen herangerufen: Liebe Elina, warte doch einen Augenblick,
ich mchte mit dir sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll und
bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache erinnert, aufgefordert,
Gott um Verzeihung zu bitten.

Da zerbricht etwas in ihr.

Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem Gesicht, vergit
ihre Bcher zu Hause. Verdchtigt, von forschenden Augen
verfolgt, nimmt sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der
Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den Leuten in die Augen
zu sehen. Sie gewhnt sich die verstohlenen, hastigen Blicke an,
die ihr einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann, eines Tages,
wird sie konfirmiert, der Pastor giebt ihr einen Spruch gegen ein
gewisses Gebot, alle Leute machen sich ihre Gedanken ber ihre
Vergangenheit. Und dann verlt sie die Kirche und sie verlt
ihre kleine Stube. Die Sonne scheint golden auf die Stadt hinab,
die Leute schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der Strae
herum, sie macht selber eine Fahrt aufs Land in einer Droschke --
-- --

Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet. Sie wohnt da unten.
Sie stand in einem Thorweg und redete mich flsternd an. Ich
konnte mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehrt, und ich
kannte die rote Narbe. Aber, groer Gott, wie stark sie geworden
war!

Kommen Sie her! Ich bin es! sagte sie.

Ja, ich bin es auch, entgegnete ich. Wie gro du geworden
bist, Elina!

Gro? Was fr ein Schnack war das? Sie hatte keine Zeit zum
Plaudern. Wenn ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte ich
nicht lnger stehen zu bleiben und andere zu verscheuchen.

Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie an den Hinterhof, an die
kleine Hanna, an alles, was ich wute. Lassen Sie uns hineingehen
und ein wenig zusammen plaudern, sagte ich.

Als wir hineinkamen, sagte sie:

Spendieren Sie etwas zu trinken?

So war sie.

Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch hier gewesen wre! Dann
htten wir drei wieder zusammengesessen und ber dies und jenes
geschwatzt.

Sie lachte schrill.

Was schwatzen Sie da fr Unsinn? Sie werden wohl schon wieder
kindisch!

Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna? fragte ich.

Da spie sie wtend vor sich hin.

Hanna und immer Hanna! Ob ich denn glaubte, da sie noch ein Kind
sei? Dies mit Hanna lag viel zu weit zurck, was fr ein
Geschwtz war das doch! Ob sie uns etwas zu trinken holen solle.

Ja, gern.

Sie steht auf und geht hinaus.

Rings umher in den Nebenzimmern hre ich Stimmen, Korkenknallen,
Fluchen, leise Schreie. Thren werden geffnet und wieder
zugeschlagen, hin und wieder wurde drauen auf dem Gang nach
einer Aufwrterin gerufen, die einen Befehl erhielt.

Elina kehrte zurck. Sie wollte bei mir sitzen, auf meinem Scho,
sie zndete sich auch eine Cigarette an.

Warum darf ich nicht bei dir sitzen? fragte sie.

Wie lange sind Sie hier gewesen?

Ich wei nicht recht. Es ist auch einerlei. Prost!

Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne Stimme, den blhendsten
Bldsinn, irgend etwas aus einem Tingeltangel.

Wo haben Sie das gelernt?

Im Tivoli.

Gehen Sie oft dahin?

Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt habe ich aber nie mehr
was. Die Wirtin wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt eine
so groe Abgabe, sie mu wohl so viel Geld haben, -- und dann
bleibt fr uns nichts brig. -- Knntest du mir nicht noch etwas
Geld geben?

Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr geben konnte.

Sie nahm es ohne Dank und ohne alle Bewegung, aber vielleicht
empfand sie doch eine kleine innere Freude. Sie bat mich, noch
eine Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl grndlich
ausgepumpt werden.

Der Wein kam.

Aber nun wollte sie auch Staat mit mir machen. Sie wollte ein
paar von den anderen Mdchen hereinrufen und ihnen von dem Wein
abgeben. Die Mdchen kamen. Sie hatten kurze, gesteifte Rcke an,
die raschelten, wenn sie sich rhrten; ihre Arme waren nackend,
und sie trugen abgeschnittenes Haar.

Elina stellte mich vor, und sie wute meinen Namen noch ganz
genau. Sie erzhlte in blasiertem Ton, ich htte ihr viel Geld
gegeben, ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie knne mich
um so viel Geld bitten, wie sie wollte. Es sei immer so gewesen.

Die Mdchen tranken und wurden nun auch vergngt, sie berboten
sich in unglaublichen Zweideutigkeiten, und krhten allerlei
Lieder gegeneinander auf. Elina wurde eiferschtig, wenn ich das
Wort auch einmal an eine der anderen richtete, sie wurde mrrisch
und unangenehm. Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen,
um Elina zu grerer Mitteilsamkeit zu zwingen, denn ich wollte
gern einen Einblick in ihren Gemtszustand gewinnen. Ich
verfehlte indes meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken und
machte sich etwas zu thun. Schlielich griff sie nach Hut und
Jacke und schickte sich an auszugehen.

Wollen Sie gehen? fragte ich.

Sie antwortete nicht, summte mit berlegener Miene eine Melodie
vor sich hin und setzte den Hut auf. Pltzlich ffnete sie die
Thr nach dem Gang und rief:

Gina!

Das war ihre Mutter.

Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten Pantoffeln schlurfend.
Sie klopfte an, trat ein, blieb an der Thr stehen.

Ich habe dir doch gesagt, da du den Staub von der Kommode jeden
Tag abwischen sollst! sagte Elina sehr bestimmt. Was fr eine
Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen komm mir nicht
wieder, verstehst du! Und die Photographien da hinten sollen auch
jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!

Die Mutter sagte: Ja und wollte wieder gehen. Sie hatte
unzhlige Runzeln im Gesicht und eingefallene Wangen. Sie hrte
die Tochter gehorsam an und sah sie an, um nichts zu berhren.

Ich bitte mir nun aus, da du daran denkst! sagte Elina.

Die Mutter antwortete: Jawohl! und ging. Leise schlo sie die
Thr hinter sich, um kein Gerusch zu machen.

Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich mir zu und sagte:

Ja, es wird wohl am besten sein, wenn Sie jetzt den Wein
bezahlen und gehen.

Vielen Dank! sagten die Mdchen und leerten ihre Glser.

Ich war ganz betroffen.

Den Wein soll ich bezahlen? sagte ich. Warten Sie einmal! Ich
denke doch, ich habe Ihnen das Geld fr den Wein gegeben? Aber
vielleicht habe ich noch etwas. Ich griff wieder in die Tasche.

Die Mdchen fingen an zu lachen.

Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet! Du hattest ja so
viel Geld von ihm bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal
den Wein bezahlen! Hahaha!

Da wurde Elina in ihrer Seele wtend.

Hinaus mit euch! schrie sie. Ich will euch hier nicht mehr
haben! Er hat Geld wie Heu! Hier knnt ihr sehen, was er mir
gegeben hat! -- Und triumphierend warf sie Scheine und
Silbergeld auf den Tisch. -- Er hat den Wein bezahlt und mich
auch, seht nur her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem Haufen
gesehen. Ich kann die Wirtin fr zwei Monate bezahlen, versteht
Ihr mich! Ich sagte es nur, um ihn ein wenig zu rgern, um ihn zu
necken. Ihr sollt aber hinaus!

Und die Mdchen muten hinaus.

Elina aber lachte schrill und nervs auf, als sie die Thr hinter
ihnen abschlo.

Ich mag sie wirklich nicht hier haben, sagte sie
entschuldigend. Es sind im Grunde langweilige Dirnen, mit denen
ich gar nicht verkehre. Fandest du nicht auch, da sie langweilig
waren?

Nein, das fand ich nicht, antwortete ich, um sie noch mehr zu
beschmen. Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, sie
erzhlten mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es waren nette
Mdchen.

Dann kannst du ja auch gehen! schrie Elina mir zu. Geh du
ihnen nur nach, wenn du Lust hast. Ich halte dich nicht. Der
Sicherheit halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie vorhin
auf den Tisch geworfen hatte.

Ich wollte Sie gern noch etwas fragen, sagte ich. Wenn Sie
sich entschlieen knnten, ruhig zu sitzen und mich anzuhren.

Mich nach etwas fragen? antwortete sie hhnisch. Ich habe
nichts mit dir zu schaffen. Du willst wohl wieder von Hanna
anfangen? Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz schlimm und
bel. Davon kann ich nicht leben!

Mchten Sie denn aber nicht aus diesem Leben heraus? fragte
ich.

Sie that, als hre sie es nicht, sie fing wieder an, im Zimmer
herum zu kramen und zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut zu
machen.

Aus diesem Leben heraus? sagte sie und stand pltzlich vor mir
still. Wozu? Wo soll ich hin? Mit wem soll ich mich wohl
verheiraten? Wer wollte wohl so eine wie mich haben? Und dienen
mag ich nicht.

Sie knnten ja versuchen, auer Landes zu gehen und ein ehrbares
Leben anzufangen.

Bldsinn! Bldsinn! Schweig davon! Bist du Missionar geworden?
Wozu soll ich von hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl. Ich
habe nichts auszustehen. Weit du was? La noch eine Flasche
Wein kommen! Aber nur fr uns beide ganz allein. Die anderen
sollen nichts abhaben -- -- Gina! rief sie zur Thr hinaus.

Sie bestellte Wein, trank und wurde immer weniger anziehend. Ein
vernnftiger Bescheid war nicht aus ihr herauszubringen, sie
summte unablssig Bruchstcke von Gassenhauern vor sich hin,
whrend sie dasa und sann. Dann trank sie wieder, und ihr
Benehmen wurde geradezu abstoend. Sie wollte wieder und wieder
auf meinen Scho, sie streckte die Zunge heraus und sagte: Da,
sieh! Schlielich fragte sie geradezu:

Bleibst du bernacht hier?

Nein! antwortete ich.

Dann gehe ich aus! sagte sie. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- --

Der Erzhler schwieg.

Nun? fragte ich.

Was wrden Sie thun, wenn Ihnen eine solche Wahl gestellt wrde?
Wrden Sie bleiben oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage.
Wissen Sie, wozu ich mich entschlo?

Er sah mich an.

Ich blieb! sagte er.

Sie blieben? fragte ich ghnend. Die Nacht ber? Bei dem
Mdchen?

Ich bin eine erbrmliche Seele! sagte er.

Aber um des Himmels willen! Was dachten Sie sich denn dabei?
Waren Sie betrunken?

Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen bin ich nicht weniger
widerwrtig und jmmerlich als andere Menschen, das ist die
Sache. Sie war ein Mdchen, deren Geschichte ich kannte. Es war
mir eine solche Wollust, zgellos zu sein. Knnen Sie das
begreifen? So blieb ich denn. Und in welch ein Meer von
Zgellosigkeit wir versanken!

Der abscheuliche Cyniker schttelte den Kopf ber sich selber.

Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen, fuhr er fort. Es mu
sich noch etwas thun lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die
geeignete Persnlichkeit dazu? Ich bin vielleicht doch nicht so
schlimm wie Sie glauben. Sie denken an die Geschichte von
bernacht. Bedenken Sie, wenn ich nicht geblieben wre, so wre
ein anderer gekommen, und bei einem solchen Tausch wrde sie
voraussichtlich verloren haben. Wenn sie ihren Umgang whlen
knnte, glaube ich, wrde sie unfehlbar mich whlen, ich bin
rcksichtsvoll und habe Verstndnis, ich vergesse auch keinen
Augenblick, ihr zu widerstehen. Aber das Sonderbare ist, da
gerade dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie selber. >Du
widerstehst mir so herrlich!< sagte sie. Was soll man einem
solchen Mdchen gegenber anfangen? Und dann mu man auch
bedenken, da sie einzig und allein um der Blumen willen in ihrem
Herzen so bel zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wre es
erlaubt gewesen, Blumen auf den Grbern zu pflcken, so wre sie
jetzt ein anstndiges Mdchen. Aber da faten wir sie ab, und ich
war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!

Er schttelte von neuem den Kopf und versank in Sinnen.

Endlich erwachte er wie aus einem Traum.

Ich habe Sie gewi aufgehalten. Ich fhle auch selber, da ich
mde bin. Ahnen Sie, wieviel Uhr es ist?

Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich hatte sie nicht bei mir,
ich hatte sie zu Hause vergessen.

Danke, es ist auch einerlei, sagte er und erhob sich, streckte
seine Beine und zog seine Beinkleider herunter. Sehen Sie, da
kommt die vornehme Dame zurck, die Trauer ist beendet, das
kleine Mdchen trgt keine Blumen mehr. Die Blumen liegen wieder
da unten, Rosen und Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt.
Wenn ein kleines Mdchen sich dieser Blumen bemchtigt, um sich
ein Paar Schuhe dafr zu kaufen, so glaube ich, es ist kein
Unrecht! --

Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute an, trat ganz nahe an
mich heran und brach in ein verhaltenes Lachen aus.

Sehen Sie, solche Geschichten mu man erzhlen, sagte er. Fr
die findet man willige Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhrer!

Er nahm den Hut ab, verbeugte sich und ging.

       *       *       *       *       *

Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand zurck. Er hatte mich
mit einem Schlage in einen Wirbel von Verwirrung versetzt und
meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses Schwein! Er hatte
die Nacht bei dem Mdchen zugebracht! Bei dem Mdchen? Eine
verdammte Lgengeschichte! Er hatte mich zum Besten gehabt, seine
erschtternde Erzhlung war eine Erfindung von einem Ende bis zum
andern. Wer aber war denn dieser Erzschelm? Wenn ich ihn noch
einmal wieder treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte
vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig gelernt, sie
gehrte nicht zu den schlechtesten, der Bursche hatte Talent.
Hahaha! Wei Gott, der hat mich an der Nase herumgefhrt!

Ich ging in groer Verwirrung nach Hause. Ich suchte nach meiner
Uhr. Sie lag nicht auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die
Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natrlich hatte er meine Uhr
gestohlen, als er neben mir sa. Ha! Dieser Schlingel!

Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ich konnte eine Anzeige machen und
meine Uhr in ein paar Tagen von einem Pfandleiher wiederbekommen.
Dann wurde der Bursche auch wohl bald hinterher festgenommen.
Oder ich konnte schweigen. Das war der zweite Ausweg.

Ich schwieg.




Vater und Sohn

Eine Spielergeschichte


I

Im letzten Herbst machte ich eine Reise nach dem Sden, weit nach
dem Sden hinab, und kam an einem frhen Morgen mit dem
Fludampfer nach dem Dorf D., einem kleinen Dorf, einem
sonderbaren Dorf, versteckt und vergessen, einem Dorf mit einem
Dutzend Huser, einer Kirche, einem Posthause und einer
Flaggenstange. Der Ort ist Eingeweihten, Abenteurern und
Spielern, feinen Leuten und Vagabunden, bekannt, und whrend
einiger Sommermonate des Jahres herrscht in diesem Krhwinkel
Leben und groer Umsatz.

Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevlkerung der Umgegend war
herbeigekommen; sie trugen Gewnder aus Seide und Pelz mit
Grteln und Schrpen und Geschmeiden, alles nach Stand und
Vermgen. Um die Kirche herum standen Reihen von Zelten, wo
gekauft und verkauft wurde; eins dieser Zelte war blau, -- es war
das Zelt des Pavo aus Sinvara.

Aber ganz in der Nhe der Kirche, mitten zwischen der
Flaggenstange und dem Posthause, lag das Hotel. Das obere
Stockwerk war blau, -- dort verspielten die Spieler ihr Geld.

Man erzhlte im Hotel, heute abend wrde Pavo ganz sicher kommen.
Ich fragte, wer Pavo sei, und man ersah aus dieser Frage, da ich
hier fremd war, sonst kannten alle Pavo. Er war der Mann, der die
Bank dreimal gesprengt hatte, sein Vater war der Besitzer des
grten Gutes in meilenweitem Umkreis, und Pavo selber hatte bei
dem letzten Frhlingsfest sein ganzes Vermgen durchgebracht.
Alle Mdchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn sie am Abend bei
der Pumpe zusammenkamen, und die Frommen beteten fr ihn, so oft
sie an ihn dachten. Kurz, er war der Spieler und der verlorene
Sohn, eine gefallene Gre, ein Ex-Krsus, Pavo aus Sinvara. Er
war der Stolz der Stadt und ihre Schande zugleich.

Und mit Pavos Zelt hatte es die Bewandtnis, da seine gute Mutter
das Zelt fr ihn gekauft, und ihm das Geschft eingerichtet
hatte, um ihn, wenn mglich noch auf den rechten Weg zu bringen.
Es htte ja auch alles gut gehen knnen, wenn Pavo nur htte
Ernst machen wollen, aber das miratene Kind hatte schon in der
nmlichen Woche sein Zelt mit der blauen Farbe der Spielbank
angestrichen, denn sein Sinn war unverndert. Er spielte auch
noch immer. Alles, was er hinter dem Ladentisch verdiente, legte
er auf den Roulette-Tisch, und in der Regel verlie er die Bank
rmer, als er gekommen war. Sein Zelt hatte eine gute Kundschaft;
er verkaufte viele Sachen, weder die Bauern noch die Dorfbewohner
gingen an ihm vorber, alle wollten mit Pavo aus Sinvara handeln.
Und seine Mutter verschaffte ihm immer Waren in Hlle und Flle,
sein Zelt war bis an das Dach vollgepfropft.

Jetzt, heute abend, sollte er kommen. Das ganze Dorf wute, da
er kommen wrde.

       *       *       *       *       *


II

Die Turmuhr schlug, ich hrte den singenden Schlag, der sich in
den brigen Lrm vom Marktplatz her mischte. Pltzlich klopfte
der Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann war sehr erregt.

Denken Sie nur, sagte er, -- der Herr von Sinvara will auch
kommen!

Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten, und ich sagte zu dem
Diener, da besagter Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher
kam er? Der Diener zuckte die Achseln und erklrte, der Herr aus
Sinvara sei kein anderer als der vornehmste Herr der ganzen
Gegend, der reichste Herr, Frst Yariws Freund und Pavos
leiblicher Vater. Und _der_ wrde kommen. Im brigen sei der
Zweck seines Kommens wohl nichts weiter, als da er sich danach
umsehen wollte, wie es mit seinem Sohn stnde; er wollte selber
dies verfluchte Roulette sehen, das sein Kind ruinierte und
dessen Mutter so viel Kummer bereitete.

Alle diese Nachrichten interessieren mich nicht, antwortete
ich dem Diener. Dagegen habe ich um Thee gebeten. Adieu!

Und dann ging der Diener.

Als die Uhr sechs war, entstand groe Bewegung im Hotel, der Herr
war gekommen. Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in heller
Kleidung, er selber in dunkler. Er war ernsthaft und bestimmt. Die
Kirchenglocke lutete, denn schon beim Betreten des Dorfes hatte
der Herr der Kirche eine groe Summe versprochen, die deren
Zukunft vllig sicherte. Er hatte auerdem die Flaggenstange des
Posthauses mit einer neuen Flagge bedacht. Aus diesem Grunde
war das ganze Dorf in gehobener Stimmung. Die Diener erhielten
einen freien Tag, alle Leute waren auf den Straen, und der
Brgermeister ging in einer funkelnagelneuen Uniform umher.

Der Herr von Sinvara war ein wrdiger Mann von einigen sechzig
Jahren, ein wenig korpulent, ein wenig bla und aufgeschwemmt von
dem stillen Leben, das er fhrte, aber mit gewichstem Schnurrbart
und jungen Augen; er hatte auerdem eine lustige, aufwrts
gebogene Nase. Es war allgemein bekannt, da er Frst Yariws
Freund war, er hatte zwei hohe Orden, trug sie aber selten, weil
sein Auftreten auch ohne diese Dekoration hchst respekteinflend
war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete den Hut ab und
antwortete.

Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah er alle die neugierigen
Menschen an, die ihn bis an das Hotel begleitet hatten, und er
gab ihnen allen etwas. Ein kleines Mdchen rief er sogar aus dem
Haufen heraus und schenkte ihr mit eigener Hand ein Goldstck.
Aber das Mdchen war nun freilich nicht so bertrieben klein,
auch war sie nicht mehr unter sechzehn, siebzehn Jahre alt.

Pltzlich sagt er:

Wo ist die Bank? Ich will dahin.

Pavo, der ganz entzckt ber den Einfall des Vaters ist, geht vor
ihm her die Treppe hinauf. Alle folgen ihnen.

Er wurde dadrinnen mit der grten Aufmerksamkeit empfangen. Das
Rad ist in vollem Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein
brnetter Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswrdig
vor seinem Freund, dem groen Herrn von Sinvara Platz.

Im selben Augenblick ruft der Croupier:

Dreizehn!

Er heimst alles Geld ein.

Da lagen Haufen von Silber, viele groe goldene Mnzen und ganze
Packen von Papiergeld auf dem Tisch, alles verschwindet in dem
eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch. Und es wird von
neuem Geld gesetzt, so stillschweigend und ruhig, als sei nichts
geschehen. Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn
einen groen Coup. Aber niemand spricht, das Spiel geht seinen
Gang, das Rad saust herum, wird langsamer, steht still: Wieder
dreizehn!

Dreizehn! ruft der Croupier abermals und heimst das Geld ein.

Diese beiden Coups haben ihn um viele hundert Goldstcke reicher
gemacht, als er war. Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft
eine ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne sie zu zhlen.
Niemand spricht, es ist sehr still rings umher, einer der Diener
stt in seiner Erregung ein leeres Weinglas gegen den Tisch,
ein feines Klirren ertnt und mischt sich in den dumpfen Laut des
Rades, das sich dreht.

Erklre mir doch das Spiel, sagte der Herr von Sinvara.

Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde kennt, teilt ihm alles
darber mit. Der groe Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch
genommen. Er wird sich ruinieren! behauptet er. Und als sei es
sein eigenes Geld, das auf dem Spiel steht, rckt er unruhig auf
seinem Stuhl hin und her.

Der Prinz ruiniert sich keineswegs, entgegnet Pavo. Er
arbeitet nur mit dem Gewinn des Tages. Der versteht zu spielen.

Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte viel gewonnen; ein
Diener stand fortwhrend neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu
reichen, sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es fallen lie,
ihm alle mglichen Dienste zu leisten, alles in der Hoffnung auf
eine gute Belohnung, sobald das Spiel beendet war.

Ein groer, blasser Mann, ein dunkelhaariger Rumnier steht neben
ihm. Er spielt ums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn
hat er eine ungeheure Summe verloren, da er eigensinnig auf seine
eigene, unglckliche Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb
hinter dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand ber dessen
Schulter, wenn er seinen Einsatz macht. Sein Arm zittert.

Der junge Mann ist verloren! sagt der Herr.

Der Sohn, Pavo, nickt und sagt:

Verloren!

Bitte ihn, aufzuhalten! fhrt der Vater fort. Sage es ihm von
mir. Warte, ich will es selber thun.

Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht erlaubt, Ratschlge zu
erteilen, -- ebenso wenig, fgt er verschmitzt hinzu, ebenso
wenig, wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.

Der Vater sieht ihn verwundert an. Er begreift nicht, da in
Pavos Herzen schon die Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen.

Hier stehen ja so viele andere, die auch nicht spielen! wendet
er ein.

Das sind Spieler, die nur darauf warten, da die Reihe an sie
kommt, lgt Pavo.

Da zieht der Herr von Sinvara mit groer Vorsicht sein
Taschenbuch hervor.

So, spiele! sagt er, -- spiele ein wenig, zeige es mir. Aber
ganz niedrig, ungefhrlich.

Gleich darauf aber ergreift er den Arm des Sohnes und verlangt
Aufklrung ber die sonderbare Zahl dreizehn:

Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist das nicht ein Betrug vom
Croupier? Sage ihm das doch!

Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch wieder einzustecken,
als ihm pltzlich ein Gedanke kommt. Er zieht einige Scheine
heraus, schiebt sie Pavo hinber und sagt:

Setze auf dreizehn!

Pavo wendet ein:

Die dreizehn ist zweimal hintereinander herausgekommen.

Der Vater nickt und entgegnet bestimmt:

Ja! Setze auf dreizehn!

Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstck auf Nummer
dreizehn und lchelt nachsichtig ber diese Thorheit.

Verloren! sagt der Vater. Versuche es noch einmal. Setze das
Doppelte!

Pavo machte keine langen Einwendungen. Dies ist zu komisch. Man
wechselt die Pltze am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern
die doppelte Summe, und alle wollen den sonderbaren Spieler, den
Herrn von Sinvara sehen. Er selber ist schon sehr interessiert,
seine lebhaften Augen folgen den Bewegungen des Rades, er rckt
auf dem Stuhle hin und her. Er ballt seine etwas fette Hand, an
dem einen Finger trgt er zwei kostbare Ringe.

Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig statt der erwnschten
dreizehn nennt, ruft er:

Ei was, setze noch einmal auf dreizehn! Setze hundert!

Aber --

Setze hundert!

Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der Zeiger rast zwanzig,
dreiig Mal ber jede Zahl hin, er sucht zwischen allen diesen
Chancen, Rot und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis
siebzehn, von siebzehn bis vierunddreiig, er durchsucht das
ganze System, beschnffelt jede Zahl und bleibt stehen.

Dreizehn! ruft der Croupier.

Nun, Pavo, hatte ich nicht recht? sagt der Herr von Sinvara.
Und er brstet sich und lt alle Umherstehenden hren, was er
sagt: Setze noch einmal, setze hundert auf dreizehn!

Das kann nicht dein Ernst sein, Vater. Dreizehn kommt
wahrscheinlich den ganzen Abend nicht mehr heraus.

Setze hundert auf dreizehn!

Warum willst du das Geld wegwerfen?

Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig, er machte eine Bewegung,
als wollte er dem Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber
und sagte:

Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht htte, die Bank zu sprengen
und das abscheuliche Roulette um einer gewissen Ursache willen zu
zerstren? Setze hundert auf dreizehn!

Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein Lcheln mit dem
Croupier, und der Rumne lachte laut auf. Das Pharaospiel am
Nebentisch hrte gnzlich auf, aller Aufmerksamkeit war auf das
Roulette gelenkt.

Dreizehn!

Was hab' ich gesagt! rief der Herr von Sinvara. Da ist das
Geld. Wie viel soll hier sein? Zhle es nach!

Pavo war ganz bestrzt.

Dies sind drei und halbes tausend, sagte er ganz geschlagen.
Du hast im ganzen fnftausend gewonnen.

Gut, jetzt spiele du! La mich sehen, wie du es machst. Setze
auf Rot!

Pavo setzte auf Rot und verlor.

Der Vater nickte und lchelte den Zuschauern zu.

So also spielst du! Siehst du denn nicht, wohin das fhrt? Man
hat mir erzhlt, du habest die Bank dreimal gesprengt, das war
gut gemacht. Aber warum hast du alles wieder verloren? Setze auf
Gerade!

Wieviel?

Soviel du willst. Setze sechshundert.

Sechshundert ist zu viel.

Ich berlege mir eben, ob du nicht noch mehr setzen sollst. Ja,
ich will es! Setze zwlfhundert auf Gerade.

Gerade verlor.

Da erhob der Herr von Sinvara seinen fetten Finger drohend und
sagte heftig:

Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen zwlfhundert verloren.
Jetzt entferne dich. Ich wnsche es.

Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er lachte, lachte wie ein
Besessener. Ob ich jemals so ein Spiel gesehen htte? Er sitzt
da und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner Dummheit. Gott
halte seine Hand gndig ber ihm. Welch ein Einfall von dem guten
Mann, Roulette spielen zu wollen!

Pavo redete alle an, die er traf und erklrte ihnen unter lautem
Lachen, was fr einen Einfall der Vater gehabt habe.

Spterhin am Abend hrte ich, der Herr von Sinvara habe
neuntausend verloren, ehe er die Bank verlie.


III

Es war zehn Uhr. Ich sa auf dem Balkon des Hotels und rauchte in
Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen.
Pltzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von
Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im
Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu
erteilen, der Russe aber hielt mich zurck. Er war neugierig
geworden.

Geben Sie acht, sagte er. Wir wollen doch sehen, was jetzt
kommt. Er schickt zu nchtlicher Stunde nach Pavo!

Wir saen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der
Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen.

Hr' einmal, sagt er. Ich habe neuntausend bei dem verfluchten
Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich
konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau
die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich mu sie
zurckgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in
Hnden habe. Ich mu nach der Bank zurck.

Pavo steht stumm da.

Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt
kein Wort.

Was stehst du da! ruft der Vater aus. Das Spiel hrt ja nicht
vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. La uns
keine Zeit verlieren.

Und von dannen ging es.

Kommen Sie! sagte der Russe zu mir. Lassen Sie uns
hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.

Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht
naht, wurden grere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der
Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt
Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem
Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles
mit der grten Ruhe, setzt Hnde voll Geld, ohne es jedoch zu
zhlen. Nichts strt ihn, nicht einmal der bleiche, rasende
Rumne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmig und
bescheiden gewonnen hat, wieder anfngt zu verlieren. Auch er
stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es
zu zhlen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um
einen berblick ber den Bestand zu behalten; aber er ist zu
unruhig, seine Hnde zittern, er mu auch die ganze Zeit hindurch
das Rad beobachten, und er giebt es schlielich auf zu zhlen.
Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern,
hlt ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das
nichts aufgeben will. Er wrde vielleicht lieber ohne einen roten
Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben.

Der Prinz wirft einen Blick auf die Thr, als Vater und Sohn
wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er
das Spiel khl und finster fort, vllig kaltbltig. Er scheint
sich eines groen Respekts bei den Spielern zu erfreuen.

Pavo! sagt der Herr von Sinvara, -- du spielst wie gewhnlich,
was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am
meisten Glck mit Rot, setze also auf Rot.

Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militr mit
einem Arm, und dieser teilt ihm mit, da Rot sieben Mal
hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf
Schwarz.

Gerade -- vierundzwanzig -- siebzehn zu vierunddreiig -- Rot!
meldet der Croupier und streicht das Geld ein.

Du fngst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,
sagt der Herr von Sinvara enttuscht. Wie oft soll ich es sagen?
Glaubst du, da ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du
auf Rot!

Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe,
traf das Kreuz des Rumnen und brachte ihn wieder auf die Beine.
Rasend ber sein Unglck, zur Verwegenheit getrieben, hatte er
diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und
von Trotz verfrbt, war es ihm im Augenblick gleichgltig, ob er
gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf
einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmig
den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm,
ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem
mit zitternden Hnden.

Pavo! sagt der Vater wieder, du hast nun abermals verloren. Du
hast gar kein Glck. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und
ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich
bessern. Pavo, hast du mich verstanden?

Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er wei, da
sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfat ist, und
selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen.
Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des
Spiels, bei den groen Chancen stockt sein Blut, er hrt seinen
eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut!

Pltzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam,
geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, da er
-- der hochverehrte Spieler -- gegen sich selber spielt, und er
wundert sich in seinem stillen Sinn ber Pavo. Ich selber werde
darauf aufmerksam, da Pavo einmal ber das andere Geld
zurcknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu
retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernnftig geworden?
Frchtet er das Unglck?

Der Russe aber fhrt mich an ein Sofa am Ende des Saales und
fngt an ber Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, da er
pltzlich sein Spiel vernderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie
ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu
Vater und Sohn hinber und sagte:

Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat
schon gemerkt, da die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er
will ihn zurckhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich
versuchen, den Alten zurckzuhalten. Nicht wahr, das ist
brillant? Es kann Pavo nicht gleichgltig sein, ob sich der Vater
ruiniert.

Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewhnliches
vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn
umringt. Das Pharaospiel hat aufgehrt, selbst die drei
Bergbauern in den groen, grauen Mnteln mit den Metallgrteln
und die alten Zeltkrmer, die unten an der Thr gesessen und
unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen
sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin.

Geben Sie jetzt acht! sagt der Russe. Er ist sehr erregt.

Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn
zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld bernommen
und den Einsatz persnlich besorgt. Seine fetten Hnde whlten in
den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend,
eifrig bemht, es zu zhlen und in Haufen zu ordnen. Er spricht
nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist
sehr finster.

Dreizehn! meldet der Croupier.

Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz
bldsinnig aus. Welch Glck heftete sich doch an dies sinnlose
Spiel! Der letzte Coup bricht eine groe Lcke in die Bank. Der
Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann
setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards
gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt
einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all
sein Geld zusammen, scheidet das Geld von dem Papier und stopft
alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in
einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schliet mit dem
Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und
links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen.

Der Herr von Sinvara aber stt seinen Sohn gegen den Arm und
sieht ihn mit fieberglhenden Augen an.

Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich
spiele euch doch alle unter den Tisch!

Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern
gewendet. Entzckt ber sein Glck wirft er noch eine Summe auf
die dreizehn.

La das da stehen, sagt er, -- la das Geld nur da liegen,
sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.

Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es
zgernd, er htte gewi gern gesehen, da die dreizehn noch
einmal herausgekommen wre, um den reichen Spieler zu ermuntern,
der ja doch frher oder spter seine Beute werden mu.

Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn
von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein.

Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe
auf dieser dummen Zahl genug verloren.

Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird
gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumne erhlt einen bitterbsen
Blick, als er einmal versumt, seinen Gewinn einzuziehen und
dadurch das Spiel verzgert. Der Herr von Sinvara fngt auch an,
sich ber alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwhrend
umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das
junge Mdchen aus der Menge heran und sagte:

Habe ich _dir_ nicht vorhin das Goldstck gegeben?

Das Mdchen errtet und macht einen tiefen Knix.

Ja, Herr! antwortet sie.

Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?

Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug
die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und
reichte ihr noch ein Goldstck.

Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!

Das kleine Mdchen erglhte ber das ganze Gesicht und knixte
voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurck,
lchelte allen zu und ging.

Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu.

Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern, sagte er. Hier ist so
viel, was strt. Jagt die Fliegen hinaus!

Sein Geld schwand stark hin. Der Rumne hatte Glck. Der Herr von
Sinvara beobachtete das Glck mit groem Unwillen.

Siehst du denn nicht, da ich nur noch ein paar elende Scheine
habe? sagte er zu Pavo. Aber ich gebe es nicht auf, ich
verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht
ist das meine Farbe.

Rot gewann.

Vielleicht hat Rot wirklich Glck. Ich setze noch einmal. Es ist
ein Versuch.

Rot verlor.

Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschpft.

Geh! schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. Du bringst mir
Unglck! Kannst du denn nicht sehen, da du mich ruinierst? Ich
mu Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben! Im selben
Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und
er fgte hinzu: Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. -- Ich
will dich bessern.

Ich bin belehrt! murmelte Pavo.

Schweig! du bist nicht belehrt. Du fllst wieder zurck. Ich tue
das alles um deinetwillen. Jetzt mach, da du fortkommst.

Und Pavo erhob sich und ging.


IV

Es war fast zwlf Uhr.

Ein Spieler nach dem andern erhob sich vom Roulettetisch, nur der
Rumne und der einarmige Militr hielten noch stand. Der
weibrtige Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte einen kleinen
Schein, spielte brutal um kleine Mnze und gewann. Er hatte
fortwhrend Glck, aber sein Glck machte ihn nicht khner.

Der Herr von Sinvara operierte auf ganz andere Weise, bei dem
geringsten Glcksfall wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht
alles in allem noch gut tausend brig, als Pavo ihn verlie. In
zwei Zgen hatte er darauf sechshundert gewonnen, die er sofort
einsetzte und verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert und
er erregte auch die Sympathie der Umherstehenden. Der Prinz, der
als Zuschauer in den Saal zurckgekehrt war, holte eigenhndig
ein groes Glas Wein fr den Herrn von Sinvara.

Sie haben Unglck! sagte der Prinz. Halten Sie fr heute abend
auf.

Der Prinz setzte sich ber die Regeln hinweg und erteilte diesen
Rat mit lauter Stimme. Der Herr von Sinvara antwortete nicht, er
sah nur auf, geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch
genommen, und trank den Wein schweigend aus.

Und pltzlich schien das Glck sich ihm zuwenden zu wollen, er
gewann dreimal, Schlag auf Schlag.

So mssen Sie spielen, sagt er munter und liebenswrdig zu dem
alten Militr. Dieser aber hrte nichts, er ist so in Anspruch
genommen von seinem Spiel um den herkmmlichen kleinen Schein.
Der Rumne beobachtet aufmerksam die nervse Erregung, in der
sich der Herr von Sinvara befindet, er wechselt einen Blick mit
dem Croupier und zieht seinen letzten Gewinn ein. Auch er
beschliet das Spiel.

Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank. Sein Geld beluft sich
auf ein paar hundert, die setzt er auf Schwarz und verliert. Er
sieht verwirrt um sich. Er ist sehr bla geworden.

Zum Teufel mit der schwarzen Farbe! rast er.

Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der Croupier lt ihn
nicht aus den Augen; mechanisch bezahlt er dem alten Krieger
seinen Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr von Sinvara
sitzt noch immer regungslos da, er scheint zu berlegen. Warum
geht er denn nicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger,
einen nach dem andern, und reicht sie ber das Rad hinweg dem
Croupier hin. Dieser wirft einen Blick darauf, legt sie ruhig in
sein eisernes Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem Herrn
von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand spricht ein Wort. Er
hlt die schweren Rollen eine ganze Minute in der Hand, er
zittert am ganzen Leibe. Pltzlich macht er eine heftige
Bewegung, er erhebt sich halb vom Stuhl und setzt die Rollen eine
nach der andern auf Schwarz. Die Goldstcke klirren dumpf in den
Papierhllen.

Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht und lautlos, zgert
bald bei dieser, bald bei jener Zahl, hlt endlich an.

Rot!

Der Herr von Sinvara springt auf. Er greift sich mit beiden
Hnden an den Kopf und schreit, stt einen Ruf aus und verlt
den Tisch.


V

Am nchsten Morgen konnte die Klatschbase von Hoteldiener mir
erzhlen, da der Herr von Sinvara am vorhergehenden Abend
vierundfnfzigtausend beim Roulette verloren habe. Pavo
dahingegen war in sein Zelt zurckgekehrt, er, der Diener, habe
ihn bei der Pumpe getroffen, er sei barhuptig dort gegangen und
habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt. brigens
knne kein Priester so predigen wie Pavo, wenn ihm das in den
Sinn kam. -- Fliehe das Verderben! hatte er einmal ber das
andere ausgerufen. Wende dem Versucher den Rcken! Gieb ihm
deinen Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so tief gesunken,
da ich -- dein verlorener Sohn -- dich warnen mu?

Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet, der Diener meinte,
er habe sich die Rede eingebt, die er dem Vater heute morgen
halten wollte.

Der durchtriebene Diener steckte seine Nase in alles und wute
berall Bescheid.

Sie wollen heute abreisen? sagte er zu mir.

Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt und auch nicht um meine
Rechnung gebeten.

Woher weit du das? fragte ich.

Ich wei es nicht, antwortete er. Sie haben aber die
Nachsendung ihrer Briefe im Posthaus bestellt, und Sie haben auch
einen Wagen um fnf Uhr nach dem Dampfer bestellt.

Sogar dies hatte er herausgeschnffelt! Ich hatte ein Gefhl, als
wrde ich von diesem klugen Menschen ausspioniert und ich fhlte
mich sehr von ihm abgestoen. Ein heftiger Zorn erfate mich, ich
konnte seinen unverschmten Blick nicht ertragen; er hatte ein
paar Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger Zugwind.

Mach, da du wegkommst, du Hund! sagte ich.

Er stand ganz still. Der unverschmte Mensch rhrte sich nicht
vom Fleck. Er hielt die beiden Hnde hinter seinem Rcken. Woran
dachte er, und was machte er mit den beiden Hnden auf dem
Rcken? Hatte er irgend etwas vor?

Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid, sagte er endlich.
Weiter sagte er nichts, aber er starrte mich unverwandt an. Ich
trete hinter seinen Rcken, um ausfindig zu machen, was er
vorhatte. Er hatte nichts in den Hnden, er hielt sie gefaltet
und rang sie heftig. Ich trete wieder vor ihn hin. Seine
Schultern beben und seine Augen haben sich mit Thrnen gefllt.
Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben, und ich bin im Begriff,
es wieder gut zu machen, als er pltzlich eine Bewegung auf mich
zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt in seiner Hand, ein
lcherlich aussehender Thrschlssel mit zwei Brten. Er hebt ihn
in die Hhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine Hand sinkt
herab, der dumpfe Schlag hat sie lahm gemacht. Ich bin ganz starr
ber seine Frechheit, ich kann kein Wort sagen und stehe
regungslos auf demselben Fleck. Er legt seine Hnde wieder auf
den Rcken. Nach einer Weile gehe ich an ihm vorber, auf die
Thr zu.

Sie glauben, da ich Sie noch einmal schlagen will, sagt er.
Aber das brauchen Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!

Ich ffne die Thr mit der linken Hand und erwidere khl:

Geh und hole meine Rechnung!

Der Diener verneigt sich tief vor mir und geht. Ich hre ihn
laut schluchzen, als er zur Thr hinaus ist. -- --

Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand schmerzte zu heftig,
und ich fhlte mich ziemlich krank. In meinem Handgelenk
befanden sich zwei tiefe Lcher. Lcher von blutunterlaufenem,
zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis an die Schulter
hinauf an. Welche Roheit von einem Diener! Er schien indessen
seinen berfall sofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus fr den
Arm und legte mir einen Verband um die Wunde; jetzt hinterher
konnte niemand behilflicher sein als er. Er sorgte auch dafr, da
in den Nebenzimmern alles still war, nachdem ich mich am Abend zur
Ruhe begeben hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb.
Einen Haufen betrunkener Bauern, die gegen ein Uhr des Nachts vor
meinen Fenstern stehen blieben und sangen, jagte er wtend weg.
Ich hrte, wie er ihnen Vorwrfe machte, weil sie die nchtliche
Ruhe eines kranken, vornehmen Herrn strten, eines Frsten, der
sein Handgelenk verletzt habe.

Am nchsten Tage schellte ich zweimal, ohne da er kam. Ich war
in gereizter Stimmung und sehr krank, ich zog heftig an der
Glocke und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn die Strae
heraufkommen. Er war ausgewesen. Als er in mein Zimmer kam,
konnte ich mich nicht enthalten zu sagen:

Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich will gern das
Doppelte bezahlen, wenn Sie glauben, da Sie es verdienen.
Bringen Sie mir Thee.

Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten. Er erwiderte nichts,
sondern eilte hinaus, um den Thee zu holen. Ich wurde pltzlich
ganz gerhrt durch seine Geduld und Demut; er hatte vielleicht
nie im Leben ein freundliches Wort erhalten, jetzt war ich auch
unbillig gewesen. Ich wollte mein Unrecht gleich wieder gut
machen. Deswegen sagte ich, als er zurckkam:

Verzeih mir! Ich werde nie so etwas wieder sagen. Ich bin heute
auch krank.

Er schien sehr erfreut ber meine Freundlichkeit zu sein und
entgegnete:

Ich mute vorhin fortgehen. Ich versichere Sie, da es eine
ganz notwendige Besorgung war.

Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert, kam sofort die alte
Geschwtzigkeit wieder zum Vorschein. Er steckte voller
Geschichten und war bereit, mir allerlei aufgesprte Geschichten
ber Dinge und Leute im Hotel zu erzhlen.

Wenn ich es Ihnen erzhlen darf, sagte er, so hat der Herr von
Sinvara in diesem Augenblick einen Mann nach Hause geschickt, um
Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint, er werde sich am Roulette
ruinieren. Seine Ringe hat er noch nicht wieder eingelst.

Es ist gut! sagte ich.

Und das kleine Mdchen, das Sie gestern sahen, ist bernacht bei
ihm gewesen. Sie ist aus den Bergen, sie hat sich eine solche
Erhhung sicher nicht trumen lassen. Selbst ihr Vater wollte es
nicht glauben.

Gegen Abend sa ich wieder drauen auf dem Balkon und beobachtete
den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der
Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem
Buch. Pltzlich sah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, da
der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld
holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit
Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater
habe ihm recht geben mssen. Aber er wolle sich nichts sagen
lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben.
Ob man sich einbilde, da er diesem Komplott von Rubern alles in
allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde berlassen wolle?
Dann irre man sich sehr. Er wolle brigens nicht allein spielen,
um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die
ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten
nur wissen, da er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring
an jeden Finger schenken knne, ohne dadurch arm zu werden.

Und das ist wahr, sagte der Russe, -- er ist schon ein so
eingefleischter Spieler, da es ihm nicht in erster Linie um
seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz,
die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.

Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?

Fliehe das Verderben! hatte Pavo gesagt. Richte dich wieder
auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!

Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen,
und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es
war ein kstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen
Snder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er lngst verlustig
war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu
halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes
willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck
wrde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein
ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater
dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller
Beisein verpfndet. Er, Pavo, habe seine Wrde aufrecht erhalten,
er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe
unberhrt da, er besorge immer sein Geschft. Schlielich habe
Pavo dem Alten mit Frst Yariw gedroht.

Schweig! sagte der Vater. Ich habe mir selber gelobt, dir die
Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun.
Leb wohl, Pavo!

Und Pavo hatte gehen mssen. Aber er war direkt von dem Vater in
die Spielhlle gegangen.

Glauben Sie denn nicht, da es wirklich die Absicht des Vaters
ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?
fragte ich den Russen.

Er schttelte den Kopf.

Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Auerdem ist der
Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.

Jetzt sprachen alle von dem Herrn von Sinvara und seinem Spiel.
Das sei ihm ganz einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch
hher als bisher und machte ein frhliches Gesicht. Hin und
wieder lie er sich zu einem Scherz mit seiner Umgebung herab.

Sie sehen meine Hnde an, sagte er. Ach ja, ich bin sehr arm
geworden, sogar meine Ringe habe ich verspielt! Hahaha!

Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo er kein Geld mehr hatte,
aber er lie sich von den Dienern ber den Gang des Spieles
berichten, wer verlor und wer gewann, wieviel gewagt wurde, wer
am khnsten spielte. Der Russe kam am nchsten Tage und erzhlte
mir, der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang zu Gott um Glck
gefleht; er wolle nur das verlorene Geld wieder haben, dann wolle
er auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter Stimme gelobt und
sogar dabei geweint. Der Russe hatte das von dem Hoteldiener
gehrt, der durch das Schlsselloch geguckt hatte.


VI

Es vergingen drei Tage. Meine Hand schmerzte nicht mehr, ich
hatte beschlossen, am Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um
einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem war ich auf der
Polizei, um meinen Pa unterschreiben zu lassen. Auf dem Rckwege
kam ich an Pavos Zelt vorber. Ich fing schlielich gegen meinen
Willen an, Interesse fr diesen Mann und seinen Vater zu fassen.
Alle Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war voll von
Geschichten ber diese beiden Menschen, ich konnte schlielich
nicht mehr umhin, ebensoviel wie die anderen an sie zu denken und
jeden Tag nach dem Herrn zu fragen.

Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden Abend hatte ich gehrt,
da er eine groe Summe im Pharao gewonnen habe. Er hatte einen
fremden Reisenden seiner ganzen Barschaft beraubt, und ihm dann
hinterher ein paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem
Roulette zugewandt, stets vom Glck begleitet, und die Bank um
ein ganzes Vermgen geschdigt.

Denken Sie nur, sagte Pavo zu mir, sobald ich sein Zelt betrat,
-- denken Sie nur, der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben
hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte seine Ringe
einlsen. Es fllt mir natrlich nicht im Traum ein, eine solche
Dummheit zu begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that mir
leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu mssen. Aber ich habe
es um seiner selbst willen gethan. Ein Sohn mu fr die Ehre der
Familie sorgen. Es mu meinem Vater klar werden, wohin es fhrt,
wenn man sich in Thorheiten strzt. Ich finde, da ich ganz
richtig gehandelt habe. Wie denken Sie darber?

Sein ueres stie mich diesen Augenblick zurck. Er war
selbstbewut und sicher geworden durch das ungeheure Glck des
vorhergehenden Abends, das seine Taschen wieder mit Geld gefllt
hatte. Whrend er sprach, senkte er die Stirn, verbarg sie,
tauchte sie unter, als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen
logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug. Aber er hatte den
schnsten Hals, den man sich denken konnte, und einen feinen,
roten Mund.

Wie denken Sie darber? wiederholte er.

Ich habe kein Urteil darber, entgegnete ich.

Das heit, murmelte er wtend, Sie verstehen die Rede eines
vernnftigen Mannes nicht.

Er zuckte heftig die Achseln und lief vor seinem Ladentisch auf
und nieder. Dann stand er still und fragte:

Womit kann ich Ihnen brigens dienen, da Sie sich die Mhe
gemacht haben, mich aufzusuchen?

Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel, wofr ich aber im
Grunde keine Verwendung hatte. Als ich das Gewnschte erhalten
hatte, entfernte ich mich wieder.

Kaum war ich ins Hotel zurckgekehrt, als der Diener auf mich
zustrzte und mir erzhlte, der Kurier des Herrn von Sinvara sei
mit Geld angelangt. Jetzt se er da, bereit, das Spiel von neuem
zu beginnen, sobald die Bank geffnet werde. Pavo wisse nichts
davon. Pavo solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrcklich
eine Bezahlung dafr erhalten, da er nicht hinlief und es Pavo
erzhlte.

Die Uhr wurde fnf.

Sobald der Spielsaal geffnet wurde, begab sich der Herr von
Sinvara dorthin. Er war in erregter Stimmung, er machte die
eigentmlichsten Handbewegungen, als versichere er etwas, als
gelobe er etwas.

Der Prinz und der alte Militr waren auch zugegen, der Rumne
hingegen nicht, ein paar Fremde fingen auch an zu spielen.
Zuerst lste der Herr von Sinvara seine Ringe aus.

Ich werde heute abend mit den hchst zulssigen Summen
operieren, sagte er zu dem Croupier, ohne ihn aber anzusehen.
Seine Miene war von jetzt an khl und vornehm.

Mchte Ihr guter Stern Ihnen Glck schenken, sagte der
Croupier, indem er sich verneigte.

Das Spiel begann.

Der Herr von Sinvara sah entschlossen aus. Er setzte dreimal
hintereinander auf Rot und gewann. Dann steckte er sein eigenes
Geld in die Tasche und spielte von nun an nur mit dem Gewinn. Er
macht ein paar Mal den Versuch mit dreizehn, verliert aber, der
Wechsel des Glckes reizt ihn, er setzt noch ein paar Mal auf Rot
und gewinnt. Jetzt hat er eine betrchtliche Summe vor sich auf
dem Tisch liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne berlegung, er
wagt khn, und um keine Zeit zu verlieren, bereitet er sich
schon, ehe das Rad still steht, auf den nchsten Einsatz vor. Er
zhlt auch nicht, er spielt in Ekstase. Seine Augen fallen auf
ein schwarzes Quadrat auf dem Tisch, und er setzt eine groe
Summe auf dies Quadrat.

Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam. Dieses schwarze
Quadrat wird eine Goldgrube, aus der er Schtze schpft, und er
nutzt sie aus. Pltzlich besinnt er sich, er hlt einen
Augenblick inne, er atmet tief auf. Das Rad dreht sich herum,
aber der Herr von Sinvara vergit, seinen Einsatz zu machen, er
atmet noch immer tief auf. Sein kleines Mdchen kommt herein.
Lchelnd und rosig nhert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt
ihr ab.

Siehst du, du kommst, und ich verga zu setzen! sagt er. Im
nchsten Augenblick winkt er sie wieder heran. Das Rad ist stehen
geblieben, der Zeiger steht auf Rot, und es war das Glck des
Herrn von Sinvara, da er es diesmal unterlassen hat, auf das
schwarze Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren Ringe
in die Hand des kleinen Mdchens und flstert ihr etwas zu. Und
das kleine Mdchen wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren
eigenen Hals und luft aus dem Saal hinaus.

Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel fort, dummdreist,
vllig mechanisch. Er nimmt mehrere Hnde voll Geld, viele
schwere Rollen und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfat ihn
eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine ngstliche Bewegung
mit der Hand, als wolle er die Summe wieder zurckziehen,
beherrscht sich aber und lt sie stehen.

Das Rad hlt an.

Rot!

Rot! wiederholt der Herr von Sinvara. Und er lchelt den
Umstehenden wieder triumphierend zu und spricht laut: Wieder
Rot! Ja, ich hatte eine Ahnung davon!

Von diesem Augenblick an verliert er die Besinnung. Die Uhr wird
zehn, mehrere Fremde kommen herein, die eigentlichen Spieler,
deren Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt. Unter
ihnen befindet sich der Rumne. Ich verga meine Reise und rhrte
mich nicht vom Fleck, ich folgte den Operationen des Herrn von
Sinvara mit der grten Spannung. Er selber merkte nichts von
allen den neuen Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum, da er
Mitspieler am Tische hatte. Sein Glck halluciniert ihn, und er
arbeitet mit groen Summen auf mehreren Nummern zu gleicher Zeit.
Eine Laune, eine pltzliche Eingebung, veranlat ihn, eine Hand
voll Geld zu nehmen und den hchsten Einsatz auf fnfundzwanzig
zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem Beispiel, alle um
ihn her flstern und warten.

Dreizehn!

Verloren. Der Rumne knirscht die Zhne vor Verzweiflung. Der
Herr von Sinvara hat einen neuen Einfall. Er richtet sich halb
auf seinem Stuhl auf und setzt die hchste Summe auf Null.
Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte Spiel schreckt alle
zurck.

Null!

In dem Getse, das jetzt entstand, hrte ich den Rumnen
frchterlich fluchen. Gleich darauf kam Pavo zur Thr herein, von
dem Hoteldiener gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte. Pavo
ging gleich auf den Stuhl des Vaters zu; ohne etwas zu sagen,
packte er ihn bei der Schulter und schttelte ihn.

Er sah auf, erkannte den Sohn und ergab sich sofort. Er begriff,
da ihm kein Widerstand half, er war auch zu angegriffen.

Wie zornig du bist, Pavo, sagte er nur. Mechanisch zieht er
seinen letzten Gewinn ein, sammelt sein Geld und fngt an, seine
Taschen zu fllen. Er stopft Gold und Papier zusammen in wilder
Unordnung, nimmt dann den letzten Haufen Scheine in die Hand,
steht auf und geht mit Pavo.

Der Croupier sieht den Davonziehenden mit wtenden Blicken nach;
das Spiel gert ins Stocken -- --

Spter erzhlt man im Hotel, der Herr von Sinvara habe nicht nur
seinen ganzen Verlust am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder
eingeholt, sondern auerdem noch eine kleine Summe gewonnen. Man
nannte siebenhundert als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen
darber, ich gnnte ihm den Sieg. Niemand spielte aus ehrlicherem
Herzen als er, und nun wrde er dem Roulette sicher fr ewige
Zeiten den Rcken wenden.

       *       *       *       *       *


VII

Am nchsten Abend war ich reisefertig. Meine Sachen waren nach
dem Dampfer hinuntergeschafft, meine Rechnung war bezahlt und
alles geordnet. Ich stecke dem Hoteldiener einen Geldschein in
die Hand und sage ihm Lebewohl. Er zuckt heftig mit den weien
Augen und fngt an zu weinen. Der arme Teufel kt mir die Hand.

Wollen Sie es wohl glauben, sagt er gleich darauf und trocknet
seine Augen, -- der Herr von Sinvara reist mit demselben Dampfer
wie Sie. Er hat Pavo versprochen, heimzukehren. Und der
allwissende Mensch verfolgt mich bis zum letzten Augenblick mit
seinen Geschichten. Pavo hatte seinem Vater wieder eine Rede
gehalten. Als es nicht half, da er ihm mit Frst Yariw drohte,
hatte er ihm eine kleine, vllig unbrauchbare Pistole gezeigt,
mit der er sich leider erschieen msse, um seine Ehre zu retten.
Da hatte der Vater nachgegeben. Er wollte wirklich Frst Yariws
Freundschaft nicht verlieren. Auerdem hatte er Gott hoch und
teuer gelobt, mit dem Spielen innezuhalten, sobald er sein Geld
zurckgewonnen habe. Kurz: der Herr von Sinvara wollte nach Hause
reisen.

Adieu! sagte der Diener. Sie treffen ihn unten am Dampfer.

Die Uhr schlug fnf.

Im selben Augenblick, als der Spielsaal geffnet wurde, begab ich
mich an den Landungsplatz. Der Dampfer nahm eine Partie
Bastmatten ein. Einige Minuten spter kamen auch wirklich der
Herr von Sinvara und sein Diener, sie waren beide reisemig
gekleidet. Es waren viele Menschen zugegen, Pavo sah ich aber
nicht. Ich fragte einen alten Mann nach ihm, ich sagte:

Weshalb begleitet er seinen Vater nicht an das Schiff?

Pavo ist stolz! antwortete ein junges Mdchen, das gerade
herzukam. Einen Vater, der seine Ringe verspielt, kennt er
nicht. Das sieht Pavo hnlich.

Da stand auch das kleine Mdchen des Herrn von Sinvara. Sie stand
abseits und sah zu, aus der Entfernung, mit gesenktem Haupt.
Der, nach dem sie ausschaute, schenkte ihr keinen Blick.

Ich ging ein paar Mal auf dem Kai auf und nieder, bezahlte meinen
Wagen und gab acht, da alle meine Sachen an Bord gebracht waren.
Der alte Diener des Herrn von Sinvara war schon da, ihn selber
sah ich hingegen nicht. Ich sah mich nach seinem kleinen Mdchen
um, auch sie war verschwunden.

Die letzte Matte wurde in den Lastraum versenkt, und der letzte
Passagier kam an Bord. Pltzlich entsteht ein allgemeines Fragen
nach dem Herrn von Sinvara, der mitfahren wollte. Wo war er
geblieben? Sein alter Diener springt auf. Wo in aller Welt war
sein Herr? Der Dampfer blieb liegen, man konnte doch nicht ohne
den groen Herrn abfahren! Wir durchsuchen alle das Schiff, den
Kai, alle Ecken und Winkel, wir fragen alle Menschen nach ihm,
und niemand vermag uns Bescheid zu geben. War er ins Wasser
gefallen? Hatte er sich hineingestrzt und war in aller Stille
ertrunken? Pltzlich berkommt mich eine Ahnung, ein ganz
sonderbarer Gedanke, ich bitte den Schiffer noch fnf Minuten zu
warten, dann wrde ich vielleicht Auskunft ber den Vermiten
geben knnen.

Ich springe an Land, ich eile nach dem Hotel, strme die Treppe
hinauf, in das blaue Stockwerk. Mit verhaltenem Atem ffne ich
die Thr und sehe hinein.

Zuerst sehe ich das kleine Mdchen des Herrn von Sinvara. Sie hat
ihre errtende Miene wiedergewonnen und sieht glcklich aus. Und
vor ihr auf dem Stuhl sitzt der Herr von Sinvara wieder am
Roulette.

       *       *       *       *       *




Knut Hamsun

Die Knigin von Saba

und andere Novellen

Dritte Auflage


_Hamburger Fremdenblatt_: Wer es noch nicht gewut hat, kann es an
dem neuen _groartigen_ Novellenband Knut Hamsuns wieder empfinden,
da hier eine der merkwrdigsten Dichterindividualitten
der Zeit auf den Plan getreten ist. Hamsun schildert alles _mit
tiefem Seherblick_, seine Menschen sprechen lautere Wahrheit und
bezahlen diese Wahrheit, die sie in der Natur schauen drfen, mit
seelischer Qual. Auch in dem neuen, _auf groer dichterischer Hhe
stehenden Novellenbande_ tritt Hamsun dem Leser wieder in der
Gestalt eines Sonderlings entgegen, zumal in seiner Knigin von
Saba ... Zum Schlusse mchte ich noch auf eine ganz kleine Skizze
hinweisen: Der Ring, die, trotzdem sie nur wenige Zeilen umfat,
_das Werk eines echten Dichters ist_.

_Literarisches Echo, Berlin_: Es ist nicht alltgliches in dem
Buch, es enthlt Dichtungen von beraus apartem Reiz, die uns so
oft berraschen, da sie zu so unvermuteten Ausgngen gefhrt
werden, ohne da diese willkrlich wren. Hamsun versteht es
wunderbar, mit wenigen Worten groe Perspektiven zur erffnen, er
versteht es, den Leser zwischen den Zeilen finden zu lassen, und
gibt ihm mehr zu ahnen, als er enthllt.

_Albert Langen, Verlag in Mnchen_




Knut Hamsun

Pan

Aus Leutenant Thomas Glahns Papieren

Einundzwanzigste Auflage


Irgendwo in einer Waldecke mu man dieses seltsame Buch lesen,
-- schreibt der Hannoversche Courier in einem lngeren Artikel
-- um den vollendeten Zauber seiner poetischen Stimmungen vllig
genieen zu knnen. Der Sturm und die Ruhe des Waldes zugleich
atmen aus diesen Blttern, die Wildheit sommerschwler Trume
wechselt ab mit der _Innigkeit wahrster Empfindung_; Glut und
Klte, hchste Leidenschaft und tiefste Ermattung zugleich
sprechen sich _in Worten von auerordentlicher Formvollendung_
aus.

_Neue Freie Presse, Wien_: _Knut Hamsun_ ist ein merkwrdiger
Schriftsteller, in vielen Dingen wohl der erste unter allen
modernen Norwegern. Sein Roman _Pan_ enthlt viel Wunderliches,
aber ein heller Schimmer von Poesie strahlt aus dem Buche. Eine
so innige Freude an der Natur, ein so unmittelbarer Zusammenhang
mit ihr, ein so meisterhaftes Eindringen in alle ihre Reize und
Geheimnisse ist wenigen gegeben. Hamsun ist ein Landschaftsmaler
ersten Ranges mit der Feder.

_Albert Langen, Verlag in Mnchen_




Knut Hamsun

Victoria

Geschichte einer Liebe

Fnfzehnte Auflage


_Victoria_ oder _Die Geschichte einer Liebe_ kann nicht
besser als mit diesem Untertitel charakterisiert werden. Wie
Hamsun im Pan eine Symphonie ber die _Natur_ schuf, die vor
ihm vielleicht niemals intensiver knstlerisch erfat worden ist,
so hat _Knut Hamsun_ in _Victoria_ das _Hohe Lied der Liebe_
gesungen mit all den Farben und Zwischentnen, mit all der
ursprnglichen Eindringlichkeit und Zartheitsflle, die nur
Hamsun eigen sind.

Victoria oder Die Geschichte einer Liebe ist ein _seltsames,
unendlich feines Buch, warm und leuchtend wie ein Johannisfeuer
in einer stillen Juninacht_.

_Allg. Zeitung, Mnchen_: Was _Hamsun_ auszeichnet und ihm unter
den zeitgenssischen Dichtern einen hervorragenden Platz sichert,
das ist der Scharfblick, mit dem er in die Tiefen der Seelen
dringt, die Meisterschaft, mit der er die feinsten, intimsten
inneren Regungen und Schwingungen zu ergrnden und darzustellen
wei.

_Albert Langen, Verlag in Mnchen_




Einzelausgaben der Werke von _Knut Hamsun_
aus dem Verlag von _Albert Langen_:


  _Hunger_, Roman                                               18. Auflage
  _Mysterien_, Roman                                            12. Auflage
  _Neue Erde_, Roman                                             8. Auflage
  _Pan_ (Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren)                   21. Auflage
  _Redakteur Lynge_, Roman                                       6. Auflage
  _Viktoria_, Geschichte einer Liebe                            15. Auflage
  _Die Knigin von Saba_, Novellen                               3. Auflage
  _Sklaven der Liebe_, Novellen                                  6. Auflage
  _Im Mrchenland_, Erlebtes und Getrumtes aus Kaukasien        3. Auflage
  _Kmpfende Krfte_, Novellen                                   3. Auflage
  _Schwrmer_, Roman                                             3. Auflage
  _Unter dem Halbmond_, Reisebilder                              3. Auflage
  _Benoni_, Roman                                                5. Auflage
  _Rosa_, Roman                                                  3. Auflage
  _Unter Herbststernen_, Erzhlung eines Wanderers               3. Auflage
  _Gedmpftes Saitenspiel_, Erzhlung eines Wanderers            5. Auflage
  _Die letzte Freude_, Roman                                     7. Auflage
  _Kinder ihrer Zeit_, Roman                                    11. Auflage
  _Die Stadt Segelfo_, Roman                                    8. Auflage
  _Segen der Erde_, Roman                                       23. Auflage
  _Die Weiber am Brunnen_, Roman                                15. Auflage
  _Abenteurer_, Ausgewhlte Novellen                            15. Auflage
  _Erzhlungen_, Ausgewhlt und eingeleitet von Walter von Molo 20. Auflage
  _An des Reiches Pforten_, Schauspiel
  _Abendrte_, Schauspiel
  _Munken Vendt_, Dramatisches Gedicht
  _Knigin Tamara_, Schauspiel
  _Spiel des Lebens_, Schauspiel
 _Vom Teufel geholt_, Schauspiel




Druck von Hesse & Becker in Leipzig




       *       *       *       *       *




Die folgende Tabelle enthlt die vorgenommenen nderungen.

  S. 12: .. -> ... (mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur)
  S. 34: spter -> spten
  S. 66: Offentlichkeit -> ffentlichkeit
  S. 66: Christen -> Kristen (hie brigens Nyke, Kristen Nyke)
  S. 68: Karl Johann-Toiletten -> Karl-Johann-Toiletten
  S. 69: Christen -> Kristen (unserer Koje hatten auch Kristen Nyke)
  S. 72: Getose -> Getse (das Getse unten sich ein wenig gelegt)
  S. 79: Offnung -> ffnung
  S. 116: vorzubringen -> vorbringen
  S. 116: Jetzt -> Jetzt (Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten)
  S. 116: gekannt -> gekannt; (lange gekannt; wir hatten eine)
  S. 117: Ubergewicht -> bergewicht
  S. 122: verwelten -> verwelkten
  S. 126: abgeschnittes -> abgeschnittenes
  S. 132: kommen? -> kommen! (La noch eine Flasche Wein kommen!)
  S. 152: einmal -> einmal, (noch einmal, setze hundert auf dreizehn)
  S. 153: Gerade? -> Gerade!
  S. 156: Uberblick -> berblick
  S. 171: Rechnung! -> Rechnung!
  S. 172: Uberfall -> berfall
  S. 184: Rot! ->  Rot! (Wieder Rot! Ja, ich hatte)



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKLAVEN DER LIEBE***


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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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