Project Gutenberg's Die schwarzen Brder. II. (of 3), by Heinrich Zschokke

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Title: Die schwarzen Brder. II. (of 3)
       Eine abentheuerliche Geschichte

Author: Heinrich Zschokke

Release Date: July 9, 2013 [EBook #43164]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWARZEN BRDER. II. (OF 3) ***




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                                 Die
                           schwarzen Brder.


                   Eine abentheuerliche Geschichte
                                 von
                               M. J. R.


                          Zweites Bndchen.
                                1793.




                                 An
                         Herrn und Madame
                               Beneke
                      zu Landsberg an der Warte.



Meine Lieben,

Sagt' ichs nicht gleich voraus, da man mich misverstehen wrde? -- Da
deutelt der eine ber den Zwek meines Bchleins hierhin, der andre dahin,
und keiner hat mich recht verstanden und verstehen wollen. Was in diesen
Blttern mit deutschen, jedermann verstndlichen Worten gesagt worden ist,
sehn die sonderbaren Leute fr Hieroglyphen an, worunter ein verborgner
Sinn liegen msse, der nun seyn mag, wer und wie er wolle.

Sie fragen mich: woher da dieses komme? -- Ich antworte: daher, weil viele
der Herrn Mrchendichter das mysterienschtige Publikum mit ihren
Plaudereien verwhnt haben. Da spricht der eine von einer Gans, und will
darunter einen Frsten verstanden -- der andre von einem Tyger, und will
darunter einen Kriminalrichter gedacht wissen. Das appliziren nun die Leute
allenthalben; und Gott weis es, was sie sich nicht alles schon unter meinem
Herzog _Adolf_, meinem _Florentin_, _Holder_, _Hello_ u. s. f. getrumt
haben.

Viele denken sich unter den _schwarzen Brdern_ nichts geringers, als die
Herrn _Freimurer_, andre wieder einen Orden aus _Kagliostros_ Fabrik; und
beide Theile habens doch nicht getroffen! -- --

Aber wissen Sie, was mich am meisten von verschiednen Lesern gefreut hat?
-- da sie dies Buch nicht ohne Theilnahme gelesen, wohl gar zuweilen die
Richtigkeit meiner Empfindungen mit eignen Thrnen besttigt haben. O,
_der_ Lohn ist mir ssser, als jeder andre; denn die oben erwhnten
Kannegiessereien sind nur eine rgerliche Belustigung! --

Ich wnsche, da Ihnen dies Bndchen viel Vergngen in einsamen Stunden
erwekke, und beherzigen Sie zulezt mit mir und _Florentin von Duur_ die
frchterliche Wahrheit: Selten ist der Mensch in der Gegenwart glklich,
am meisten in der Vergangenheit und Zukunft, in der Rkerinnerung und
Erwartung! --

Ja in der Rkerinnrung bin auch ich jezt glklich! -- Wie gern vertauscht
ich jezt meine Feder mit der bunten Mahlerschrze, um _Burgheims_
originellen Pinselstrich zu belachen -- oder s ich neben meiner Freundin
H**, um in ihrer Gesellschaft eine _Dachspizze_ zu betrachten, -- Behalten
Sie mich lieb und vergessen Sie nicht den

_Verfasser_.




Inhalt
des zweiten Bndchens.


Erster Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Seelengre.                                        1
   Zweites Kapitel. Monolog eines guten Frsten, Glossen darber.
                    -- Abreise.                                        7
   Drittes Kapitel. O, die glkliche Nachwelt!                        13
   Viertes Kapitel. Abschied von der Sorbenburg.                      26
   Fnftes Kapitel. Eine schne Erscheinung.                          29
   Sechstes Kapitel. Aufklrungen.                                    36
   Siebentes Kapitel. Ein Nachtstk.                                  44
   Achtes Kapitel. Freude -- Verdrus -- und Schauder.                 54


Zweiter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Kanella.                                           61
   Zweites Kapitel. Der Landesvater mit seinen Landeskindern.         67
   Drittes Kapitel. Gewitterwollen, die sich zerstreun.               74
   Viertes Kapitel. Das Haus im rothen Walde.                         81
   Fnftes Kapitel. Etwas fr Republikaner.                           95
   Sechstes Kapitel. Die Eremitage.                                  101
   Siebentes Kapitel. Florentin in Kanella                           112


Dritter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Umfat einen Zeitraum von drei Jahren.            153
   Zweites Kapitel. Die Dachspizze.                                  157
   Drittes Kapitel. Florentins Verwandlung.                          169
   Viertes Kapitel. Neue Verwirrungen.                               185
   Fnftes Kapitel. Sturm und Liebesfreuden.                         197
   Sechstes Kapitel. Die schwarzen Brder.                           214
   Siebentes Kapitel. Der Garten von Dosa.                           221
   Achtes Kapitel. Fortsezzung des vorigen.                          229
   Neuntes Kapitel. Sturm in Kanella.                                244


Vierter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Ruhe? -- fr Florentin?                           257
   Zweites Kapitel. Mhvolle Jahre.                                  270
   Drittes Kapitel. Dulli und Ladda.                                 276
   Viertes Kapitel. Der groe Florentin im Vaterlande.               284
   Fnftes Kapitel. Der Kirchhof.                                    289
   Sechstes Kapitel. Die Alpen. -- Epilog an den Leser.              299




Die schwarzen Brder.




Erster Abschnitt.





Erstes Kapitel.
Seelengre.


Ich ri den Faden meiner Erzhlung im vorigen Bande da ab, wo unser
Delinquent entgeistert in des Herzogs Arme strzte; ich knpfe ihn wieder
an, die Geschichte weiter zu spinnen.

_Florentins_ Selbstbewustsein erwachte, aber es war ein frchterliches
Erwachen -- das Erwachen zum Tode. Der Anblik der schwarzen Tapeten des
Zimmers, der matte Schimmer der Wachskerze, welcher zum Theil von den
dstern Wnden eingetrunken wurde, die schrekliche Stille dieser
Mitternacht, die Rkerinnerung an dasjenige Verbrechen, welches ihn hieher
gebracht -- alles das wirkte so sehr auf ihn, da ihm wenig fehlte, um in
eine neue Entgeisterung zurk zu sinken.

Er fand sich von den Armen eines Mannes gehalten, drehte sich um und der
_Herzog_ lies ihn los.

O, gndigster Herr! rief, er, und wollte sich auf die Kniee niederwerfen,
aber der _Frst_ verhinderte es.

Mensch, was haben Sie begangen? fragte _Herzog Adolf_ nach einer Weile
mit frchterlichen, majesttischen Ernst im Ton und Mienen.

Ich weis es, entgegnete der unglkselige _Graf_, der bleichen
Antlizzes, zur Erde gebeugten Blikkes, mit gefaltenen vor sich
niedergestrekten Hnden da stand, als einer, ber welchem das verdammende
Urtheil des Richters herniederdonnert: -- ich weis es gndigster Herr,
ich lugne mein Verbrechen nicht.

Herzog. Sonderbar, wie wrden Sie das auch im Stande sein? Aber fhlen Sie
das ganze, schrekliche Gewicht desselben, Leichtsinniger?

Graf. Ich fhle es. -- Sie, der Sie mich zu den glnzenden Ehrenstufen, die
nur nur je die ausschweifendste Einbildungskraft vorzeichnen konnte, empor
halfen, Sie sind durch mich -- entehrt worden.

Herzog. Warum fhlten Sie das nicht frher, schlechter Mensch?

Graf. O, Durchlauchtigster Herr, es sind Stunden wo -- doch nein, ich kann
mich nicht entschuldigen.

Herzog. Nicht genug, da Sie einen Frstenstamm entehrten, welcher nur
gewohnt ist Knigskronen auf seinen Nebenzweigen zu tragen; nicht genug,
da sie jede Pflicht des Unterthanen vergessen; nicht genug, da Sie die
Wohlthaten Ihres Gnners mit Niedertrchtigkeiten bezahlten -- so haben Sie
auch auf ewig die so seltne husliche Glkseeligkeit einer frstlichen
Familie zerstrt -- haben mich auf meine Lebenszeit misvergngt, elend
gemacht, und meine Schwester, die ich sonst so sehr liebte, gleichfalls.

Graf. Ich bin strafwrdig -- ach, nicht so sehr Ihre Durchlauchte
Schwester. Lassen Sie mich unser beider Vergehen allein abben, sammeln
Sie alle Strafen fr mich allein!

Herzog. Elender, die Zeit ist vorber, wo Ihre Bitten bei mir galten. Jetzt
bereiten Sie sich zu ihrem Urtheil. -- Ich werde Sie verlassen; haben Sie
noch in diesem Leben Ihrer Familie etwas zu vertrauen: so schreiben Sie. In
jenem Winkel liegen Papier, Dinte und Federn auf dem Tische. In zwanzig
Minuten mssen Sie fertig sein.

Der _Frst_ verlies ihn wieder.

_Florentin_ rang die Hnde; Schauer des Todes wehten ihn an.

Ach, so ist denn das Ziel meiner Hoffnungen, meiner Arbeiten, meiner
schlaflosen Nchte? -- Ein unnatrlicher, frher, schndlicher Tod! --
Gott, und dahin konnte _ein_ wollstiger Rausch fhren? -- O mein guter
Oheim, meine Schwester und du mein Holder wtet ihr! -- wtet ihr! -- wo
Florentin stnde! --

Er gieng zum Winkeltischchen, zog die Taschenuhr hervor, legte sie neben
die Papiere, ohne in der Angst nach ihren Minuten hinzusehn, und schrieb
mit kalter bebender Hand:

Freunde,

Ich bin ein Verbrecher. -- Diese Nacht ist die letzte meines Lebens, ich
leide in ihr die wohlverdiente Strafe. -- Verzeiht mir, wie Gott mir
verzeihen wird, zu dem ich hoffe. -- Ich danke Euch fr Eure Liebe.
Erinnert Euch noch zuweilen des unglkseeligen Florentins, wenn er lange
schon im Grabe vermodert ist. -- Bittet dem beleidigten, ehmals so
liebevollen, Herzog, nach meinem Tode noch, in meinem Namen um Verzeihung.
-- Nun lebt wohl, ich getrste mich der sssen Hoffnung, in einer bessern
Welt Euch wieder zu sehn. Lebt wohl.

Florentin.

Der _Graf_ schrieb so langsam, legte so oft die Feder nieder, setzte dann
wieder an, sprang auf, schwankte jammernd durchs Zimmer, setzte sich wieder
hin, um zu schreiben, da er kaum das Billet beendiget hatte, als die
bestimmten 20 Minuten schon vorber waren und der _Herzog_ ins Zimmer trat.

_Florentin_ stand auf, ergriff den Zettel, berreichte ihn dem Frsten,
ohne eine Sylbe zu sprechen.

_Adolf_ wikkelte das Papier ungelesen zusammen, trat _Florentinen_ um einen
Schritt nher, nahm dessen Hand in die seine, und betrachtete so den
Unglklichen lange Zeit mit wehmthigen Blikken.

Noch hab ich, sagte er _keinen Freund_ gehabt, wie dich, das heit, ich,
habe noch keinen Mann so sehr geliebt, wie dich -- o Florentin, da du mich
doch nicht so wieder lieben konntest! Der _Herzog_ spricht jetzt _nicht_
mit dir, sondern dein _ehemaliger vertrauter Freund_!

Florentin. (mit stets niedergeschlagenen Blikken) Mein Frst -- -- --

Herzog. Nicht dein _Frst_, sondern dein _Freund_ spricht jezt mit dir, und
zwar in diesem Leben zum leztenmahle. Der _Herzog_ hat dich gerichtet, und
der _Freund_ nimmt von dir Abschied; -- kmmt, dir das lezte Lebewohl zu
sagen. -- Fhlst du gar nichts mehr fr Adolfen?

Florentin. (bestrzt) Ich verstumme, wie ich --

Herzog. O lieber Florentin, es thut weh, sich trennen zu mssen von dem,
den unser Herz lieb gewonnen.

Die Stimme des guten _Frsten_ zitterte bei den lezten Worten. _Florentin_
verwirrt durch die jhe Verwandlung des zrnenden Frsten in den
mitleidenden Freund, schlug die Augen auf, und gewahrte Thrnen auf der
Wange desselben. Der _Herzog_ drehte sich von ihm ab, gieng an ein Fenster
und rief: ich bin noch zu jung, bin noch nicht eiskalt genug -- meine
Gefhle schweigend zu machen! Aber sag mir, sonderbarer Mensch, wie ist
dir? hast du deine Empfindung ganz verloren?

Florentin. Ganz; nur das Gefhl meines Elendes meiner Reue ist mir
geblieben, und die Hoffnung, Gott werde sich meiner Seelen in der lezten
Erdenstunde erbarmen, -- und droben -- droben wirds besser sein.

Herzog. Du willst sterben?

Florentin. Ich bin bereit.

Herzog. Nein, dein Leben soll dir der Herzog nicht nehmen, aber -- --

Florentin. (erschttert) Mein Frst! (zu seinen Fssen strzend) Mein
Frst!

Herzog. Was machst du? steh auf.

Florentin. Ich kann nicht. Ich habe keine Gnade verdiene, und auch nie
Anspruch darauf gemacht.

Herzog. Bist nicht begnadigt. Du hattest das Leben verwirkt, aber theils
deiner Verdienste um Herzog und Land, theils der Geheimhaltung von der
Schwangerschaft der Prinzein Louise willen, wird dir das Leben geschenkt.
Noch weis niemand am Hofe und in der Stadt von der unglklichen
Begebenheit. Die Prinzein heit es, ist wegen ihrer Krnklichkeit auf
eines ihrer Landgter gereiset, und du bist wichtiger geheimer Geschfte
willen zu mir berufen. -- Deine Strafe ist -- -- _Landesverweisung_. Mehr
konnte die Freundschaft bei der Gerechtigkeit nicht auswirken. So lange
_Herzog Adolf_ lebt und regiert, sollst du nie wieder die vaterlndischen
Fluren erblikken, im Auslande sollst du umherwandeln, von mir vergessen,
keine andere Strafe zu frchten haben, als die, welche dir das zarte
Gewissen eines gefhlvollen Biedermanns auflegen wird.

_Florentin_ umarmte weinend, mit sprachlosen Danke, die Knieen des gtigen
Frsten.

Noch vier Wochen, fuhr lezterer in seiner Rede fort: noch 4 Wochen
hltst du dich in meiner Residenz auf, erscheinst du ffentlich am Hofe, um
dem Volke jeden Verdacht zu rauben, und damit du dich zur Abreise aus
deinem Vaterlande vorbereiten, wie auch die angefangenen Staatsgeschfte
beenden kannst, -- so dann gehst du unter dem Vorwande, da ich dich auf
Reisen schikke, fremde Lnder, Einrichtungen, Sitten, und Verhltnisse zu
studieren, auf ewig aus deinem Vaterlande. Lieest du dich irgend einmahl
wieder in demselben gewahr werden: so stehe ich nicht fr dein Leben. Und
nun, mein lieber ehemaliger Freund, leb wohl! So wie _wir uns jezt sahen_
und sprachen, sehn und sprechen wir uns _nie_ wieder in _dieser Welt_!

_Florentin_ stand auf, der bewegte _Herzog_ sank dem Grafen um den Hals und
weinte. _Florentin_ von zu vielen Empfindungen bestrmt, empfand gar nicht.
Der grosmchtige Frst verzieh ihm diese scheinbare Klte sehr gern, denn
er wute, da _Florentin_ mehr denn zu gefhlvoll war.

Komm, es ist schon spt in der Nacht. Mein Wagen wartet unten auf dich, er
soll dich zu deinem Hause bringen! sprach _Adolf_ nach einer Weile, kte
ihn noch einmal heftig, fhrte ihn selber die Treppen hinab, lie ihn in
die Kutsche steigen und heimfahren.




Zweites Kapitel.
Monolog eines Frsten, Glossen
darber -- Abreise.


_Adolf_ hrte das dumpfe Donnern des Wagens ber die Schlobrkke;
wehmthig flog er in sein Schlafkabinet, vermummte er sein Gesicht in das
Schnupftuch, um keinem lauschenden Ohre seine Seufzer, sein lautes
Schluchzen wahrnehmen zu lassen.

Die tiefste Stille wohnte im ganzen Schlosse -- der Mond schwebte gebrochen
hinter Wolkenstreifen, alles athmete Schwermuth, alles war von dem Pinsel
der Melancholie mit traurigen Farben berkleidet. Kein Wunder, wenn der
gefhlreiche Frst die Mitternacht im Arme des seelnagenden Grames
berwachte.

O wie ich so elend bin! rief er: ich habe alles verloren, denn ich habe
einen _Freund verloren_! -- da fuhr er bin, der unglkseelige Verbrecher,
von mir _verdammt_, der ich ihn doch _liebe_! -- Noch hab ich _keinen_
gehabt, welchen ich so liebte, und nun werde ich nie einen wieder erhalten!
-- O verdammt sei das schnlarvigte Gespenst, _Weiberliebe_, das sich in
den Zirkel unsrer Freuden schleicht, und jede derselben erwrgt! --
Florentin, warum mut ich dich verlieren? --

So klagte ein _Herzog_, und er hatte Recht zu klagen; denn Freundschaft ist
das schnste Blmchen, welches der Sterbliche am Lebenswege pflkken kann.
-- Man klage nie ber die Seltenheit wahrer Freunde. Gotteswelt ist schn,
und fat manches schne Herz in sich; schwarze Seelen sind nur da, den
Glanz von jenem zu erhhn. Wer die Seltenheit _chter Freunde_ beklagt, der
nhrt entweder ein berspanntes Ideal von der Freundschaft, oder ihm
mangelt selber das Wesentliche ein Freund sein zu knnen; ist eher
vielleicht im Stande Freundschaften zu _knpfen_, als zu _erhalten_.
Freundschaft, die bei ihrem Entstehen heftig aufbrauet, tndelt, mit
Kssen spielt, und Umarmungen sich als das hchste Gut derselben
vorschwrmt, ist eben so bald verdnstet, als die, welche beim Weinglase
entspringt, und sich mit dem Rausche verliert.

Der _Frst_ trauerte lange noch um Florentinen, da dieser schon Jahr und
Tag von ihm geschieden war; ein Beweis, da seine Liebe gewis aus lautern
Quellen flo.

Wenn denn _Adolf_ _Florentinen_ so sehr liebte, warum vergab er ihm sein
Verbrechen nicht ganz und behielt ihn nicht an seinem Hofe? So mgten
einige meiner Leser fragen, denen ich zur Antwort gebe, der Frst mute,
als _Frst_, so handeln, er darf mit den Gesezzen keinen Schleichhandel
treiben -- der Freund mute als _Freund_, so handeln, wenn er seinem
Geliebten nicht eine noch schreklichere Zukunft bereiten wollte, weil
Florentins Verbrechen doch gewis einmal offenbart werden konnte, und die
herzoglichen Verwandten dann nicht geschwiegen haben wrden. Der Bruder
mute als _Bruder_, gegen seine Schwester so handeln, um eine Leidenschaft
in ihren Busen zu unterdrkken, die sie nie nhren drfte. --
Landesverweisung war _Florentins_ Strafe, hart fr ihn, aber doch milde!

Unser _Graf_ war einige Tage hindurch unpslich -- die lezten Begebenheiten
des Lebens hatten gleich mchtig auf Seel und Krper gewirkt, beiden stand
eine auffallende Vernderung bevor. Kaum hatte er sich erholt, so erschien
er wieder am Hofe; der Herzog lchelte wiederum gndig auf ihn hin, die
Damen kokettirten von neuem, die Hofschranzen schmeichelten wieder
ffentlich und verfluchten insgeheim. Alles gieng den ehmaligen Gang,
keiner von allen ahndete etwas von dem Vorgefallenen und Zuknftigen,
keiner wute, da Florentins Versendung auf Reisen eine _Landesverweisung_
sei.

Ein Tag vergieng nach dem andern, eine Woche nach der andern und ehe es
_Herzog_ und _Florentin_ vermutheten, rkte die lezte Woche heran.

Gram im Herzen, Gram im Blik nahm der _Graf_ von seinen Freunden Abschied;
er beurlaubte sich von der herzoglichen Familie -- jeder wnschte ihm mit
beklemmter Brust glkliche Reisen, jeder sich selber sein baldigen
Wiedersehn. Nur der _Herzog_ that Angesichts aller kalt, und keiner litte
mehr, als er, in seinem Herzen um _Florentins_ Verlust.

O wie schne Thrnen sah man izt an den seidnen Wimpern manches Mdchens
beben, deren schchterne Liebe nie um Florentins Gegenliebe buhlte! wie
viel niedliche Lippen kten hier den heftigsten Abschiedsku, die sich
sonst sprde dem Munde liebender Jnglinge entzogen! -- der Neid selber
trauerte um Florentins Verlust, denn nun blieb ihm nichts mehr zu beneiden
brig.

Der _Graf_ hatte seine Geschfte in Ordnung gebracht, alles Ueberflige in
Geld umgewandelt, die Bedienten sammt und sonders abgedankt, ausser dem
alten, stummen _Badner_ und seinen Reitknecht, dem frohgelaunten
_Gotthold_.

Der _Graf_ hatte vom _Herzoge_ noch die Erlaubnis genommen, den Rest der
lezten, vierten Woche bei seiner Familie zu genieen. Der Morgen graute fr
ihn zum leztenmale in der Residenz; die Pferde waren gesattelt, die Pilger
in ihr Reisegewand gehllt.

Man wollte aufbrechen; eine groe Menge Volks stand um den ehmaligen
Duurschen Pallast versammelt, den Besizzer desselben noch einmal zu sehen.

Und als _Florentin_ eben heraustrat, sank ein Greis vor ihm nieder, seine
Kniee umfassend. Ein Haufen Kinder drngte sich hinzu, seine Hnde zu
kssen; einige Mnner und Frauen schlossen sich nher an dieselben --
keiner sprach, aber in den Zgen ihrer Gesichter las man die unter allen
Zonen der Erde bekannte Sprache der _Empfindung_.

Bestrzt fragte der _Graf_: was wollt ihr, lieben Leute?

Nichts, nichts! stammelte der _Greis_: Sie haben uns schon so viel
gegeben, wir wollen nichts mehr! -- aber -- sehn Sie nur, lieber Herr, ich
bin noch in meinen alten Tagen durch Sie recht froh, recht glklich
geworden, und meine Kinder auch. Da kommen wir nun und wollen danken, und
Sie noch einmal recht ansehn, um Ihr Bildnis sobald nicht zu vergessen.
Auch, wir haben Sie so lieb, so lieb!

Ja, so lieb! so lieb! lallten einige von den Kindern, die an seinen
Hnden hiengen. Ich bin nunmehro alt und schwach, fuhr der _Greis_ mit
gebrochner Stimme fort: der liebe Gott wird mich bald heimfodern zu sich
und da will ich an seinem Throne fr Sie beten, und der liebe Gott wird
mich gewis erhren. -- Ach, sehn Sie doch um sich, sehn Sie diese Familien,
das sind da meine Kinder, die dort meine Enkel, und ich, ich bin ihr
Grosvater -- und wir alle freuen uns des Lebens, denn Sie habens ja so
herzlich gut mit uns gemeint. Und nun -- und nun ach! -- --

Der _Alte_ schluchzte; die jungen Mnner und Weiber verhllten ihre Augen
in Tcher und Schrzen, die kleinen lrmten lustig an _Florentins_ Seite,
und _Florentin_ -- fhlte alles und nichts, stand da mit dstrer Stirn, sah
umher durch die Menge der Zuschauer, als suchte er einen Mittelsmann,
welcher ihn mit guter Art von diesem schnen Auftritte ablsen mchte.

Die erste traurige Spur von den Wirkungen seiner Schiksale auf sein Herz!
Er war nicht mehr der herrliche, blhende Jngling, voll Hochgefhl fr der
Natur erhabne Szenen; nicht mehr drstend nach den Thrnen des Dankes;
nicht mehr ringend nach Unsterblichkeit seines Namens. Misgestimmt stand er
da unter lieblich gestimmten Seelen, als verstnd' er die Sprache der
Herzen nicht mehr. Das ehrerbietige Schweigen der Menge begeisterte ihn
nicht; das schwimmende Nas in Mnner- und Weiberaugen belohnte ihn nicht,
das Lallen der Unmndigen war ihm keine Harmonie mehr. Er, ehmals mit dem
lieblich schwankenden Karakter, der nach allem sich hinewigte, von einem
Gefhl zum andern, von einer Leidenschaft zur andern berflog, hatte jezt
eine melancholische Festigkeit gewonnen.

Lebt wohl! rief er, ris sich los, schwang sich aufs Ro, sprengte die
noch schlummernden Straen hinunter, _Gotthold_ und _Badner_ ihm nach, und
so zum Thor hinaus.

Lebt wohl! lebt wohl! riefen ihm einige hundert Stimmen nach: lebt wohl!
Gott vergelts! glkliche Reise! Habt Dank! in der Ewigkeit wieder! -- --
--




Drittes Kapitel.
O, die glkliche Nachwelt!


Was soll denn der Kster, Onkelchen? fragte _Rikchen_ den alten _Herrn
von Duur_, der sich voll heimlicher Freude, die Hnde rieb.

Du wirsts ja sehn, du neugieriges Ding! antwortete der _Onkel_, und
schob sich die weie Mtze tief ber die schmunzelnden Augen herunter,
indem er gegen das Fenster gieng.

Aber Sie haben ja heute schon dreimahl zu ihm geschikt?

Ja, ja, das lts vermuthen, da ich jezt eine Sache von Wichtigkeit, die
auch dich interessiren, mu!

Auch mich, Onkelchen?

Auch dich, gndige Frau von Sorbenburg!

Man klopfte an. Der _Kster_ des Dorfes Sorbenburg trat herein, mit drei
respektvollen Verbeugungen. Er war heut ungewhnlich gepuzt; in seiner Hand
hielt er ein halbes Duzzend zusammengelegter Briefe.

Habe die unterthnige Gnade, Ew. Hochgrflichen Gnaden, hier -- habe --
war -- ich machte -- Gnaden -- die Gevatterbriefe. --

Der gute _Custos loci_, welcher sein erlerntes Kompliment so schmlig
vergessen hatte, stotterte, wurde blas, wurde roth, hielt die Papiere hin,
zog sie wieder zurck und kam darber so ausser aller Fassung, da wenig
fehlte und er wre wieder zurck gelaufen, um das Kompliment besser
durchzustudiren.

Gevatterbriefe? fragte _Rickchen_, indem sie von der Seite sah und roth
wurde.

Onkel. (lchelnd) Freilich, Gevatterbriefe, freilich! -- es htte mit ihnen
wohl noch ein paar Monate Zeit gehabt, aber das ist nun so einmahl mein
Fehler, da ich die Zeit nie abwarten kann. Ich mute sehn, wie sich dein
Name auf einem Gevatterbriefe prsentirt. -- Nun und du wirst ja wissen, ob
wir bald Gebrauch davon machen knnen. He, he, he, he!

Kster. (der sich inzwischen zu sammeln suchte) Verzeihen unterthnigst Ew.
Hochgrfl. Gnaden, da wenn -- aber -- ich wollte -- hatte -- hier sind die
Gevatterbriefe.

Onkel. Was fehlt ihm denn, Herr Kster; Er bringt ja kein vernnftiges Wort
heraus? hat Er etwa schon auf baldige Kindtaufe seiner gndigen Frau ein
Schnpschen getrunken? bravo! geb Er die Briefe her.

Kster. (reicht sie dem Grafen) Ew. Hochgrflichen Gnaden
unterthnigstermaaen aufwarten zu thun.

Onkel. (die Aufschriften lesend) Sr. Wohl- und Hochgeboren dem Herrn,
Herrn von Bastholm -- ha, ha, ha, der soll sich wundern! -- Sr.
Grflichen Hochgebornen Gnaden dem Herrn, Herrn von Duur, herzoglichen --
-- allerliebst! nun geh Er, Kster, und la Er sich vor der Hand ein Glas
guten Landwein geben.

Der _Kster_ gieng. _Onkelchen_ ffnete einen der Briefe und las: Nachdem
es nun dem grundgtigen Gott gefallen, was maaen er meine liebe Frau --
Hier hielt ihm _Rikchen_ die Hand vor den Mund und stellte sich lchelnd
bse. Der frohe _Alte_ wollte lesen, _Rikchen_ hinderte es, erwischte die
Briefe und lief zum Zimmer hinaus.

Wart! warte! rief der _Onkel_, indem er aufstand, und sie so eilfertig,
als es seine Wohlbeleibtheit verstattete, verfolgte: warte, das soll dir
durchgehen!

Er schlenderte eben die Hausflur hinunter, als er zu seinem grten
Erstaunen die Briefe zerstreut auf dem Erdboden liegen sah. Er machte
Anstalten sie aufzulesen, als er _Florentins_ Namen unzhlige mahle von
_Rikchens_ Lippen hrte. Frohe Ahndung durchzukte ihn -- rasch lief er der
Stimme nach, und sah -- o Wunder! -- sah den lieben _Florentin_ in den
Armen seiner holden _Schwester_ liegen.

Ihn umarmen, ihn kssen, ihm Vorwrfe machen, war Eins.

Ei du Blizkammerherr, mut du denn immer das Spiel der Ueberraschung mit
uns treiben? rief der frohe Greis: unvermuthet, verschwandst du vor
etlichen Wochen, und unverhoft stehst du wieder hier.

Man begab sich in ein Zimmer. _Florentin_ erzhlte die vorgeblichen
Ursachen seiner plzlichen Ankunft.

Ein paar Tage nur willst du bei uns sein? fragte der _Onkel_ und sah
ziemlich misvergngt aus.

Ein paar Tage nur, sagte _Rikchen_, und es war ihr, als sollte sie
weinen.

Doch nein! hub der _Onkel_ wieder an, da er _Rikchens_ Stimmung gewahrte:
Das ist recht! das ist brav, da dich Sr. Durchlaucht auf Reisen schikt --
Donner, aus dir kann einmal ein ganzer Mann werden. Hre, Florentin, hre,
und hast du denn die lezte Ehrenstufe erklettert, gafft dich
verwundrungsvoll das ganze Herzogthum an, hast du recht viel braves gethan
und bist mde: dann nimm deinen Abschied und ein Weibchen, komm zu uns und
ruhe im Arme deiner guten Freunde von guten Thaten aus. Hrst du? -- o,
wenn ich doch nur die Seeligkeit noch erlebte, dann wollt' ich meinen Kopf
herzlich gern zur ewigen Ruhe niederlegen! --

Alter, guter Mann, wirst sie nicht erleben; wohl dir, da du nicht
allwissend bist! dachte _Florentin_ bei sich selber.

Man konnte sich nicht sobald mde schwazzen, aber weil _Holder_ noch
fehlte, so wollte man Boten ausschikken, ihn herbei zu rufen, denn er war
aufs Feld hinausgegangen. Allein Florentin brachte in Vorschlag, da er
sich die Freude des Ueberraschens nicht rauben lassen, sondern ihn selber
aufsuchen wolle. Wer konnte ihm widerstehn? Er gieng.

_Florentin_, wie war dir, als du jezt vor dir hinwandertest, du zum Dorfe
hinaustratest, und in nachbarlicher Ferne das Duursche Schlo erbliktest,
die frhliche Wohnstatt deiner Jugend? -- In schwermthige Gedanken
verloren, gieng er unwillkhrlich den Weg, welcher dorthin fhrte, und er
wre vielleicht, ohne zu wissen wie, dort angekommen, htte ihn nicht eine
bekannte Stimme aus seinen melancholischen Trumen erwekt. Er blieb stehn,
sah sich um und ward _Holdern_ gewahr, der seitwrts ber eine Wiese zu ihm
herangelaufen kam.

_Florentin_ erschrak, ohne sich angeben zu knnen, warum?

Nun, irrender, in Bann und Acht erklrter, vogelfreier Ritter, wie gehts?
fragte _Holder_ mit einem traurenden Lcheln, und schlo den _Grafen_ in
seine Arme.

Florentin. (mit einem Seufzer) Wie du siehst, es geht alles nach Wunsche.

Holder. Es freut mich, armer _Landesverwiesner_, dich noch einmahl im
Vaterlande zu sehn.

Florentin. (bestrzt) Wie?

Holder. Warum so befremdend, da ich doch um dein Schiksal weis? Sei
zufrieden mit deinem Loose, es ist noch nicht das frchterlichste.

Florentin. Frchterlich genug!

Holder. Der Erdenball ist unser Vaterland; ein Weiser ist an allen Orten zu
Hause, denn allenthalben bietet ihm die Gelegenheit Stoff dar, wodurch er
sich um das Wohl seiner Brder verewigen kann.

Florentin. Und allenthalben Stoff zu neuen Leiden.

Holder. Mensch, wer bist du geworden? Bist du noch Florentin von Duur, er
der ehmals versprach, jeder Gefahr lachend ins Auge zu sehn? Bist du der
Thatenschtige Jngling, der fr das Wohl der Menschen sein Wohl opfern
wollte?

Florentin. (verdrslich) Was willst du?

Holder. Was ich will? -- Erforschen will ich, wer du jezt bist? --
erforschen, ob ich mich schndlich in dir betrog? -- erforschen, ob du auch
der erhabne Mann im Unglkke bist der du im Glkke warst?

Florentin. (wie oben) Wozu das?

Holder. Um danach meine Freundschaft abzumessen? Groe Menschen bedrfen
unsrer grten Freundschaft, kleine Seelen mgen sich mit einem Lcheln,
einem Hndedruk, einem Kus begngen.

Florentin. (ihn um den Hals fallend) O Bruder!

Holder. La uns nach Sorbenburg zurkkehren.

Florentin. Nein, noch nicht. Bleib noch! -- ein Viertelstndchen mu ich
mit dir allein sein!

Holder. Man wird sehnsuchtsvoll auf uns warten.

Florentins. Ich bitte dich, bleib. Ich habe vorher viel mit dir zu
besprechen.

Holder. Das ich nicht wte.

Florentin. Uebermorgen mu ich schon ber die Grnze gehn.

Holder. Ich weis es.

Florentin. Du weit es? -- ist dir alles bekannt, was zwischen mir und dem
Herzog -- --

Holder. Alles.

Florentin. (verwunderungsvoll die Hnde faltend) Ist es mglich? -- Holder,
ich kenne dich noch nicht ganz. Rthsel lse dich mir endlich!

Holder. La uns weiter gehn, der Himmel bezieht sich mit Regenwolken.

Florentin. (ungeduldig) Bleib, wenn du mein Freund bist.

Holder. Rede, was willst du von mir?

Florentin. Aufschlus, und Rath!

Holder. Sprich deutlich.

Florentin. Holder, du der du mir sonst in allem zuvor kamst, Holder, du,
verstehst mich nicht?

Holder. Wie sollt' ich?

Florentin. (ihm nher tretend und ins Auge fassend) Julius, _Regent
Julius_, sprich, hat mich ein Traum belogen?

Holder. Ja, Vinzenz, und nein!

Florentin. (froh auffahrend) Nun, Gott seis gedankt, nein! -- nein, es war
kein Hirngespinnst, Wahrheit ists -- die _schwarzen Brder_ sind vorhanden!
du bist nicht allwissend, wie wolltest du sonst wissen, was ich nur
_trumte_ und noch keinem Sterblichen verrieth? -- du bist der Regent der
Brder, ich bin dein Genosse! --

Holder. (lchelnd) Bist du's?

Florentin. Spotte nicht, um Gotteswillen nicht! ich stehe izt von allen
Verhltnissen und Verbindungen abgerissen, werde aus meinem Vaterlande
verstoen, habe keinen Freund, keinen Bruder. Mein Traum -- nein, Traum
wars nicht! -- hat mich noch gefesselt an diese Welt und an die Lust groer
Thaten. Nimm mir den Traum, und ich bin nichts! gieb mir ihn noch einmal
zurk und ich bin alles was du willst.

Holder. (mit sich aufklrender Miene) Ich spottete dein nicht. -- Bruder,
sei ruhig.

Florentin. Ich ruhe nicht; la mich noch einmal den schreklichen, geliebten
Traum zurktrumen, ich fhl es, er wrde mich wieder erquikken; wrde
meinem Geiste den alten Schwung wiedergeben, und Kraft und Gefhl fr das
Groe. --

(beide schweigen lange.)

Florentin. Warum verstest du mich? -- Bruder, es ist wahr, ich bin ein
Verbrecher, aber die _Unbekannten_ wuten darum, und fanden mich doch
wrdig einer ihrer geringsten Diener zu sein. Und warum verstssest du
mich?

Holder. La uns davon abbrechen. Doch zum Troste sage ich dir dies: Du bist
des Landes verwiesen, und dies ist der erste Schritt fr dich auf einer
gefhrlichen Laufbahn zu einem glorvollen Ziele. Jeder andre, als du, wrde
nun in die weite Welt hineingehn, und der Gelegenheit in Osten und Westen
nachlaufen, sich durch schne Thaten zu vergrssern, aber sie nicht sobald
erhaschen. Fr dich ist sie schon bestimmt. -- Das Gebiet groer Handlungen
liegt offen vor dir da, den nchsten Weg dahin zu gelangen findest du
folgendermaaen. Ohnweit dem Stdtchen _Mungenwall_ liegt ein kleines
Gehlz, der _rothe Wald_ genannt, dahin begieb dich am Tage des _heiligen
Urbanus_ von Mungenwall aus. In der Mitternachtsstunde mut du an der
Landstrae links, ohnweit einem steinernen daselbst aufgerichteten Kreutze
sizzen; Es wird ein Mensch die Landstrae gen Mungenwall herauf kommen,
welcher einen Bndel Reiser auf dem Rkken trgt, und eine Axt unter dem
linken Arm hlt. Grt er dich, so antworte: Gott dank euch, Hugo! fragt
er, warum du da sizzest? so entgegne: Ich sizze zum Feste der Schwarzen.
Nimmt er sodann die Axt und schlgt dreimal wider das steinerne Krucifix:
so folge ihm.

Florentin. Sonderbar.

Holder. Und von nun an, Florentin, falle kein Wort davon weiter, whrend
deines Aufenthalts in Sorbenburg, zwischen uns vor; komm zurk nun, es
regnet schon stark!

Schweigend eilten sie nach Sorbenburg, wo der _Onkel_ und _Rikchen_
indessen mit ngstlicher Ungedult beider Zurkkunft entgegen sahn.

Ach, wie seelig flog das schne Paar dieser Tage vorber! _Florentin_
selber glaubte sich heitrer zu fhlen, von seiner Schwermuth zu genesen --
als der lezte Abend ber diese Glklichen verdmmerte, und der Traum seiner
Freuden zugleich.

   Nur _Trume_ sind des Lebens Gold,
   Nur Trume, die die Brust des Sterblichen beleben,
   Und feuchte Wimpern heben,
   Von welchen noch des Harmes Zhre rollt;
   Nur Trume, die uns hold,
   Im frohen Augenblik vor unsrer Stirne schweben.

Es war der lezte Abend; man nahm sich vor, ihn recht innig zu genieen, und
genos ihn nicht. Man wollte frhlich sein, und trauerte. Seufzer waren die
Aufmunterungen zur Freude; wehmthige Blikke vertraten die Stelle des
Lchelns; die Weinglser standen gefllt da, winkten zum Genus -- und
wurden nicht geleert.

In einer rhrenden Gruppe sas das Vierblatt bei einander, welches sich mehr
mit Blikken, Seufzern, Hndedrkken und Empfindungen ber Florentins
Scheiden, als durch Wortgesprche unterhielt. Selbst der sonst so
wohlgemuthe _Onkel_ konnte nicht sich, nicht seine Lieben aufhellen. In
einem Lehnsessel ruhend, die Fsse bereinander geworfen, sas er da,
dsterstirnigt, mit bebender Lippe, als wollt er das Stillschweigen
unterweilen mit seinen gewhnlichen frohen Einfllen brechen, und doch
wagte ers nicht. Oft zerpret' er mit den Wimpern eine Thrne, die ihm
unwillkhrlich die Augenwinkel fllte. Sorgenvoll stzte sich sein
graubeloktes Haupt auf die Linke, mit der Rechten hielt er des Neffen Hand
auf seinem Schoose fest. _Florentin_ sas in einer hnlichen Attitde, den
Kopf zurkgeworfen und nach einer seiner Schultern hingeneigt, die Augen
starr vor sich aufblikkend, als sh er trumend in die umnebelten Stunden
der Zukunft. _Rikchen_ drkte mit ihrer einen Hand die seinige an sich, mit
der andern umschlang sie _Holders_ Nakken, auf dessen Schoose sie sas, und
auf dessen Achsel ihre Stirn ruhte, an dessen Brust sie ihr nasses Antliz
verbarg. -- _Holder_ mit einem Arme sein Weib, mit dem andern seinen
Schwager umfassend, starrte ernsthaft vor sich hin, als berblikte er Plne
des Schiksals. Zuweilen bi er mit den Zhnen zusammen, wenn Empfindung ihn
bermannte, ihms warm wurde um Herz und Angesicht und ein Thrnenflor sein
Auge bewlkte.

So verflo eine Stunde, wieder eine Stunde und keiner wagte Vernderung. So
htte die Nacht sie berfallen knnen, wenn _Florentin_ nicht aufgestanden
wre, um einiges wegen seiner Abreise zu verordnen.

Wahr ists, und wahr bleibts, rief der _Onkel_, und erhob sich: 's ist
doch des Menschenelendes gar viel in diesem Leben. Und da hab ich mir das
so berdacht in der Stille, und habe gefunden, da doch viele Leiden aus
der vermaledeieten Dependenz entspringen. Sie haben recht, lieber Holder,
die republikanischen Staatsverfassungen sind, mein Seel, die Besten. Htten
wir unsre Htte in einer Republik aufgeschlagen, so wollt' ich doch den
Herzog sehn, der uns Florentinen nehmen und auf Reisen schikken drfte!

Das wrde freilich keiner! antwortete _Holder_, dem die Philosophie des
gutherzigen _Onkels_ ein Lcheln abzwang.

Drum glaub ich auch, kontinuirte jener: da unsre Nachkommen gewi noch
alle Alleinherrschaften in Republiken umschmelzen werden.

Despotien in Republiken! sagte _Holder_ mit einem bedeutenden Tone zu
_Florentinen_ hinblikkend.

Ja, Despotien in Republiken umgemnzt, wirds eine gangbare Waare fr die
freigeborne Menschheit! rief _Florentin_, und ihm wars, als trumte er den
Traum von den schwarzen Brdern, wo sich in seiner Seele das erste lebhafte
Gefhl fr Freiheit, und schwarzer Groll wider Frsten entwikkelte. -- Er
that einen freiern Athemzug -- ihm wars ungewhnlich wohl. Despotien in
Republiken! schallte es immer noch in seinen Ohren: und da wrdest du
_Louisen_ ungestrt lieben drfen, wrdest du nicht ber die Grnze wandern
mssen, um einer frohen Nacht willen! setzte er bei sich stillschweigend
hinzu, und ihn wandelte ein sonderbarer Schauer an; er fhlte sich in
seiner ganzen Gre, sein Odem flog schneller, seine Hnde krallten sich
zusammen, sein Auge blikte funkelnd empor -- sein Geist schwebte auf
strmendem Gefieder der ahndenden Fantasie.

Ich sehe nur nicht ein, warum nicht jezt schon, das alles so ist, wie's
sein soll? warum sich erst knftige Jahrhunderte dieses Glks erfreuen
sollen? -- O, die glkliche Nachwelt! sagte der alte _Graf_ mit einer Mine
der bittersten Unzufriedenheit. Der _Onkel_, der seine Lieblingsgrille,
welche wir schon an ihm kennen[A], zum Stoff der Unterhaltung machte, als
die brigen, schwazten und schwrmten so den Rest des Tages hinweg,
umarmten sich dann noch einmahl und eilten halb traurig und halb getrstet
ihren Betten zu.

[Funote A: Dem etwannigen kurzen Gedchtnis unserer Leser und Leserinnen
zu Hlfe zu kommen, zitirt der Verf. des _ersten Bndchen, 1. Abschnitt, 2.
Kapitel_.]

Man freute sich _Florentinen_ am folgenden Tage noch einige Stunden sehn zu
knnen, und schlief ruhig mit diesem Gedanken ein. Aber, -- Gott! wer
schildert den Jammer dieser liebenden, treuen Seelen, als sie _Florentinen_
am knftigen Morgen nicht mehr erblikten, der sich wahrscheinlich schon in
der Nacht mit seinen beiden Dienern aufgemacht hatte!




Viertes Kapitel.
Abschied von der Sorbenburg.


Mein Bruder hat uns verlassen, ohne uns das Lebewohl zu sagen! rief
_Rikchen_ ihrem _Onkel_ weinend entgegen, der ungewhnlich frh aus den
Federn gestiegen war, um sich noch desto lnger mit seinem Neffen
unterhalten zu knnen.

Dem _Alten_ fuhrs wie ein Donnerschlag durch die Ohren. Uns schon
verlassen? stammelte er, und sein Unwille sprach aus Blikken und
Gebehrden: das war dumm!

_Holder_, welcher noch die meiste Fassung hatte, suchte beide zu beruhigen.
Es gelang ihm nur schwer.

Dumm ists! rief der _alte Graf_: und dumm bleibts. Ich sehe im Grunde
nicht ein, warum der Kammerherr so sehr mit seiner Reise eilt. Ich weis,
der Herzog wrde gewis nicht bse sein, wenn Florentin noch einige Monate,
wenigstens einige Wochen, bei seinen Verwandten geblieben, wre.

Holder. Aber es war ja des Herzogs ausdrklichster Befehl, da Florentin
seine Reise je blder je lieber antreten sollte. Serenissimus bedient sich
ihres Neffen hchst wahrscheinlich in ausserordentlich wichtigen
Angelegenheiten, welches daraus erhellt, da der Zwek dieser Reise so sehr
geheim gehalten wird und der Termin der Abreise sobald angesezt ist.

Onkel. Die vermaledeiete Dependenz!

Holder. Und weil es denn einmahl geschieden sein sollte: so wollte sich und
Ihnen der gute Florentin die Trennung dadurch erleichtern, da er plzlich
verschwand. Sie kennen ja seine Art in diesen Fllen!

Onkel. Jedes andre macht verzeihlich, nur heute nicht. O, mir ahndets, ich
soll ihn nicht wiedersehn auf Erden -- seine Heimkunft nicht erleben.

Rikchen. O doch, Onkelchen! und geben Sie acht, er holt sich gewis die
schne Marinerin aus Italien[A] und feiert hier in Sorbenburg die Hochzeit.
Das ahndet _mir_!

Onkel. Gott weis es, wessen Ahndung trgen wird!

Der _Onkel_ schien so unrecht nicht zu haben, aber _Rikchen_ gewis auch
nicht. Und wenn unser fahrender Ritter auch das schne Mdchen aus _St.
Marino_ nicht mitbrachte, knnte er nicht irgendwo fr sich ein andres
holdes Weibchen auffinden!

Inzwischen verstrichen nach diesem traurigen Morgen Monate nach Monaten, es
wurde ein Jahr daraus; _Florentin_ kam nicht wieder heim in die
vaterlndische Wohnung, und man _verschmerzte_ endlich seinen Verlust.
Zwei, drei, vier Jahre folgten dem ersten, doch man _vergas_ ihn _nicht_!

[Funote A: Siehe im _ersten Bndchen, Abschnitt III. Kap. 1_.]

Graf _Florentin von Duur_, den wir jezt auf seiner Abentheuerjagd begleiten
mssen, denn die Sorbenburgsche Familie werden wir nicht so bald wieder
besuchen knnen, war am Abend seines Abreisetags ber die Grnze des
Vaterlandes mit seinen Gefhrten _Badner_ und _Gotthold_. Es war ihm wehe
und wohl, wenn er hinter sich in die Vergangenheit, oder vor sich in die
Zukunft hinausblikte, sahe was er dort berstanden, und hier noch zu
erwarten hatte! --

Der Winter war vorber, der Frhling begonnen, und die schnen Tage des
Maies erwachten; aber ber seine Seele streute die liebliche Jahrszeit
keine Freuden. Ungewis und unbestimmt, mehr ernst, als froh, kreuzte er
etliche Wochen in den benachbarten Gegenden seines Vaterlandes umher; ohne
sich dessen klar bewut zu sein, wurde er immer noch magnetisch
dahingezogen. Und so rkte der Tag des heiligen _Urbanus_ unvermerkt nher,
an welchem er sich in dem Stdtlein _Mungenwall_ befinden sollte.




Fnftes Kapitel.
Eine schne Erscheinung.


Es war ein herrlicher Sonntagsmorgen, als unser _Graf_ mit seinen Kumpanen
ein niedliches Dorf unten im Thale vor sich erblikten. In angenehmer
Verwirrung lagen die braunen Strohhtten da zerstreut, jede von krausem
Gebsche berwachsen und beschattet. Zur rechten und zur linken sahe man
Grten in todte und blhende Hekken eingefat, und zur rechten und zur
linken tnte der ssse Gesang der Vgel frhlich daher. In der Mitte des
Drfchens ragte ber alles in prachtloser Einfalt die spizze Kuppel des
Kirchenthurmes hervor, dessen hellschlagende Glokke mit silbernen Ton die
frommen Christen zur Andacht in Tempel rief.

_Florentin_ von dieser Gegend berrascht, hielt sein Pferd an, sein Auge
lnger noch an dem Reiz der vollkommenen Natur zu laben. Seine Seele klrte
sich auf; die Stirn entfaltete sich und er wurde zum erstenmahle mit seinen
Gefhrten gesprchig, denn bisher hatte man aus seinem Munde nur kaum ein
andres Wort, als das trockne: Ja oder Nein gehrt.

Wie heit das Drfchen da unten? fragte er ein vorbergehendes junges
Bauermdchen und lchelte einmahl wieder seit langer Zeit freundlich.

Gott gr' euch, meine Herrn, erwiederte die junge _Buerin_, ohne stehn
zu bleiben: _Riedelsheim_! --

Wir wollen in die Kirche gehn, und Gott danken fr den schnen Frhling!
sagte der _Graf_ und trottete den Bergweg hinab ins Thal; _Gotthold_ und
_Badner_ ihm nach.

Leztere bestaunten den Einfall ihres Herrn, eine Dorfkirche zu besuchen;
aber man hatte kaum im Wirthshause gefrhstkt, so sahe man, da es dem
_Grafen_ Ernst sei.

Der Pfarrer zu Riedelsheim bestieg in eben dem Augenblik die Kanzel, als
unser _Graf_ in die Kirche trat. Er sezte sich in einen Winkel auf ein
Bnkchen, um kein Aufsehn zu erregen; hrte andchtig dem lehrenden Greise
zu, fhlte sich durch den herzlichen Vortrag desselben bis zum Weinen
gerhrt, und wrde sehr erbaut von hinnen gegangen sein, wren seine Sinne
und Gedanken nicht mit einem mahle von aller Andacht hinweg und auf einen
andern Gegenstand -- eine weibliche Gestalt gezogen worden.

Er sah hinter einem Gitter, dreiig Schritt ohngefhr von sich entfernt,
ein Frauenzimmer sizzen, dessen Kleidung und Anstand dasselbe auffallend
von Dorfbewohnerinnen unterschied. Der Anzug dieser Schnen war einfrmig,
aber doch mit Geschmack angeordnet; und so viel der obere Theil ihres
Krpers verrieth, denn mehr konnte man nicht von ihr erblikken, mute sie
noch jung sein. Ihr Gesicht war leider verschleiert.

Ich weis selbst nicht, welcher Dmon _Florentins_ Augen auf die Dame
hinlenkte, da er doch seit der unglklichen Liebe _Louisens_ beinahe einer
der rgsten Misopyne geworden war, die nur je die Menschheit des weiblichen
Geschlechts bezweifelten.[A]

[Funote A: Mir kmmts vor, als shen mich einige von meinen Leserinnen
mit groen Augen bei dieser Stelle an. Ja, ja, man war ehmals in der That
so khn oder so verwirrt, wider die _Menschheit der Damen_ zu protestiren.
Schon ums Jahr 590 unsrer Zeitrechnung that dies im Ernste ein heilger Mann
und zwar ein _Bischof_, dem auch sogleich alle unglklichen Liebhaber und
Hagestolze, geplagte Eheherrn u. s. w. so sehr applaudirten, da dem neuen
Lehrer endlich ausdrklich im dritten _Synodo Matisconense_ Schweigen
geboten werden mute (S. _Osiander in Eccl. histor. Cent. VI. L. 4. C. 15.
p. 285._) Mit Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts that ein _Ungenannter_
abermals zum Schrekken der ganzen schnen Welt in einem ausserordentlich
gelahrten lateinischem Traktate, mit vielem philosophischen und
theologischen Argumenten die Nonhumanitt der Weiber dar. Dieser seltsame
Mann, welcher, wie _Chr. Heerdreich_ in den _Pandect. brandenb. T. I. p.
33._ aus dem _Barthio_ und _Thuano_ erwies, der gelehrte Mrker, Valentinus
Acidalius war, machte vieles Aufsehn, und ihn ganz besonders zu widerlegen,
warf sich der Churbrandenb. Hofprediger und nachmahlige Superintendent _D.
Simon Gediccius_ zum Verfechter des schnen Geschlechts auf, der das
_satanische_ _Scriptum_ schnurgeradehin als kezzerisch verdammte und zu den
_libris comestis_ schleuderte. Die Welt mu sehr wahrscheinlich in ihren
Gedanken vom Frauenzimmer schon ganz irre geworden sein, weil man die
Apologie des _Gediccius_ mit Gier verschlang, so da sie mehr als einmal
aufgelegt wurde. Ja, es haben dazumahlen die theologischen Fakultten zu
_Leipzig_ und _Wittenberg_ die studierende Jugend vermahnt, jene verdammte
und lsterliche Schrift nicht einmal des Lesens wrdigen, geschweige denn
das Frauensvolk im Scherze damit zu vexiren, _damit dasselbe nicht in
Zweifel wegen seiner Seeligkeit kommen mgte!_ (_Titius in litt. hist. p.
196._) Der Buchdrukker _Brensprung_ zu Schwerin veranstaltete vor
verschiedenen Jahren eine Uebersezzung der Acidalischen Schrift, aber ihr
Verkauf wurde ihm unter der Hand verboten. Ah, _quel Conte_! mgte man
rufen.]

Unverwandt starrten seine Augen nach dem Gitterstuhle. Er zitterte, wenn
die Dame sich bewegte, und rkte ungeduldig hin und her, wenn sie stille
sas. -- Er selber wute sich seine Empfindungen nicht zu erklren; er
wollte seinem Geiste die verlorne Andacht wiedergeben -- umsonst, seine
Augen glitschten immer von der Kanzel auf den Gitterstuhl zurk, von dem
Munde des Predigers auf den Schleier der Dame.

Eine sonderbare Ahndung berflog ihn. Er glaubte in der Gestalt, in den
Bewegungen der Dame im Gitterstuhle auffallende Gleichheiten mit Louisen zu
entdekken. Seine Fantasie wurde lebhafter; die Mglichkeit stieg in ihm zur
Gewisheit empor.

Plzlich schlug die _Unbekannte_ mit ihrer schnen Hand den Flor vom
Gesichte zurk -- -- o Himmel! und _Florentin_ sah _Louisen_. Ihm wurd' es
dunkel vor den Augen; eine Ohnmacht schien sein ganzes Wesen aufzulsen --
Noch einmahl sah er hin, und -- ach! der Gitterstuhl war ledig, _Louisens_
Bild verschwunden.

In einer sssen Betubung sas er da. Sie ists! sie ists! rief sein Geist
in ihm; dem Unglklichen wird noch einmal das Glk die Geliebte zu sehn!
--

Der Prediger prie die Schnheiten der gttlichen Schpfung; _Duur_
zergliederte sich _Louisens_ Reizze. -- Amen scholl es von der Kanzel, und
der Liebetrunkne strzte zur Kirche hinaus. Er durchreiste das Drfchen,
suchte das verschleierte Gesicht und -- fand es nirgends.

Hinter einer dichten Reihe hoher, breitlaubigter, finsterer Kastanienbume
entdekte er am Ende den Dorfes ein im neusten Geschmack errichtetes,
zweistokhohes Gebude, welches das ansehnlichste in Riedelsheim war. Er
blieb stehn, und maa das Haus mit neugierigen Blicken. Gern wr er
hineingegangen, um auch da der geliebten Schwester des Herzogs
nachzuspren, wenn es ihm nicht die Etikette verboten htte.

Was sollt er thun? -- umkehren und _Riedelsheim_ verlassen, ohne Sie zu
sehn die geliebte Stifterin seines Unglks? -- sie jezt nicht wiedersehn,
die er vielleicht dann nie, weder in diesem, oder jenem Leben wieder zu
erblikken glklich genug sein knnte! -- Unmglich, kein Liebender htte
dies an _Florentins_ Stelle gethan, und _Florentin_ thats auch nicht.

Als er noch unentschlossen da stand, mit einem Stkchen im Staube malend,
zeigte sich seinen Augen ein junger, wohlgekleideter Mann, dessen Aeusseres
viel gutes ahnden lies. _Florentin_ machte sich sogleich an ihn und fragte
nach dem Besizzer des weien Hauses.

Sie sehen ihn vor sich! antwortete jener und _Florentinen_ ward seltsam
zu Muthe durch diese Antwort, denn Mann und Stimme desselben waren ihm sehr
wohl bekannt. Kurz gesagt, die Gestalt und _der_ Ton gehrten in den Traum
von den schwarzen Brdern hin, und zwar dem _Puppenspieler_, der im
Wirthshause die grausamliche Zerstrung Magdeburgs aufgefhrt, und dessen
Kasten unser _Graf_ zertrmmert hatte. Da _Florentin_ durch die frappante
Aehnlichkeit zweier so heterogener Personen etwas bestrzt gemacht wurde,
lt sich denken.

Wen hab' ich dass Glk zu sprechen? fragte er.

Ich hin der *** Prinzenerzieher _Aellmar_, lebe hier durch die Gnade
meines Frsten ein angenehmes Privatleben, und werde mich freuen, wenn Sie
in meiner Wohnung mit einer lndlichen Bewirthung vorlieb nehmen wollen.
Sie sind -- --?

Der Graf von Duur.

Ich kenne Sie schon nher, wie mich ducht.

Und mir ists, als htte ich ebenfalls schon das Glk gehabt Ihre Person
einmahl, aber Gott weis, wo und in welcher Verkappung, zu sehn. Ihre
Gesichtszge -- ihre Stimme --

Vielleicht haben Sie sich nicht geirrt.

Wr es mglich!

Wie befindet sich Herr Holder von Sorbenburg? Wahrscheinlich haben Sie
ihn noch -- --?

So wahr ich lebe, Herr Aellmar, Sie und ein gewisser, schwarzer
Puppenspieler -- --

Ganz recht, Vinzenz!

Gott, ich bin glklich.

Still, wir plaudern nachher mehr. Haben Sie die Gte mein Gast zu sein.

Haben Sie Fremde?

Sie werden niemanden ausser dem Prediger _Leedri_, meinen Schwiegervater,
und seine Tochter, meine Agathe, antreffen.

Wie gern folgte _Florentin_ der willkommenen Einladung des metamorphosirten
_Puppenspielers_! Hier hofte er gewis Aufschlu ber das verschleierte
Frauenzimmer in der Kirche zu empfangen. Er unterlies auch nicht beilufig
zu fragen, ehe sie das Haus erreicht hatten.

Wahrscheinlich meine Frau! antwortete _Aellmar_ und fhrte den halb
unzufriednen _Duur_ in ein Zimmer, worin sich der alte Pastor _Leedri_
allein befand. Man wurde bald bekannt mit einander; sprach, von diesem und
jenem; _Aellmar_ entfernte sich seine Gemahlin herbeizuhohlen, und
_Florentin_ exegisirte ber das Wahrscheinlich des Aellmar.

Wahrscheinlich ist doch nicht gewis; es lt noch immer der Vermuthung
Raum, da der Schleier eben so gut der Prinzein, als der Madame Aellmar
angehren konnte! dachte er bei sich.

Die Thr erffnete sich nach einiger Zeit. Die verschleierte Schne, in
ihrem Anstande, ihrer Gestalt, ihrer Kleidung eben diejenige, welche im
Gitterstuhle sas, trat herein, schlug den gewebten Nebel hinweg von ihrem
Gesichte und machte dem Grafen ihr Kompliment. _Florentin_ der anfangs in
heftiger Bewegung da stand, ward noch verwirrter, als er hier eines der
liebenswrdigsten, sanftesten Weiber -- aber nicht das Idol seiner Seele
sah.

So gut es sich thun lies, verbarg _Florentin_ seinen Mismuth; er mute es
nun einmahl geschehn sein lassen, da er sich getuscht hatte. Eine
freundliche, gewisse Unterhaltung bei Tische war die Wrze der Speisen.
Sobald man von der Tafel aufgestanden war, suchte unser Pilgram, der noch
an eben dem Tage abreisen wollte, um zur rechten Zeit in _Mungenwall_
einzutreffen, den gastfreundlichen _Aellmar_ unter vier Augen zu sprechen.

Es gelang ihm.




Sechstes Kapitel.
Aufklrungen.


Der _Graf_ und sein _Wirth_ entfernten sich von dem alten _Leedri_ und
seiner Tochter, begaben sich in den naheliegenden Garten, wanderten hier
die sandigten Gnge, Arm in Arm, in wichtigen Gesprchen versenkt, einige
Viertelstunden auf und nieder, giengen dann, um desto unbelauschter zu
sein, in ein nettes, bequemes Gartenhuschen, lagerten sich da auf ein
Sofa, und sezten ihre Unterhaltung fort.

Ich bedaure, sagte _Aellmar_ lchelnd: Ich bedaure, da Sie sich durch
den Schleier so verfhren lieen, meine Frau fr Ihre Durchlaucht die
Prinzein Louise zu halten. Zudem, wie sollt ich zu der Ehre gelangen, eine
frstliche -- --

Florentin. Aber wissen Sie gar nicht, wo sich die Prinzein befindet?

Aellmar. Wie sollt' ich? so viel ist gewis, und das wird Ihnen ja besser,
als mir bekannt sein, da die Prinzein Louise, wegen ihrer Krnklichkeit,
auf einem ihrer Landgter lebte. Die Aerzte haben es ihr gerathen;
Vernderung der Luft und des Aufenhalts soll sie bald wieder herstellen.
Die Prinzein, um sich zu gleicher Zeit ein seltneres Vergngen zu
gewhren, macht inkognito, von wenigen Bedienten nur begleitet, kleine
Reisen durchs Herzogthum, so da niemand eigentlich weis, wo sie sich
befindet.

Florentin. (rieb sich die Stirn.)

Aellmar. Dies ist alle Auskunft, die ich Ihnen geben kann, das heit, ich
sage, was man allenthalben spricht. -- Doch lassen Sie uns davon abbrechen.
Sie wollen nach _Mungenwall_ reisen.

Florentin. Wie ich Ihnen gesagt habe.

Aellmar. Und wohin zielt von da Ihre Reise?

Florentin. Wohin mirs gelstet. Des Herzogs Befehl bindet mich an keinen
Ort und keine besondern Geschfte.

Aellmar. So wrd ich mich in Ihrer Stelle um Menschen, Lnder, Politik und
Volkskraft zu studieren, ohne Anstand nach _Kanella_ begeben, wo jezt Volk
und Frst im Proze liegen, Komplote geschmiedet, Plne entworfen und
zerrissen, Kabalen gespielt und Ghrungen erregt und gedmpft werden.

Florentin. (zerstreut) Ich fnd' es selber nicht unangenehm.

Aellmar. Ich witterte diese Unruhen schon vor einigen Jahren, als ich mit
Holdern nach Italien reisen mute, und wir zwei Monate in _Kanella_
hinbrachten.

Florentin. (aufmerksam) _Mute_ Holder nach Italien reisen.

Aellmar. Er mute, und zwar in Geschften der schwarzen Brder.

Florentin. Und Sie begleiteten ihn?

Aellmar. In einer _hnlichen_ Angelegenheit.

Florentin. Darf ich um Holders Geschfte in Italien wissen? Es intereirt
mich zu sehr, um so seltsamer mir damahls seine Entschwindung vorkam, als
er -- --

Aellmar. Ich erinnere es mich noch sehr gut. -- Der Zwek der schwarzen
Brder ist Verbreitung des Guten, Unterdrkkung des menschlichen Elends.
Wir waren es, welche die _Jesuiten_ aus Italien vertrieben hatten, ohne da
diese eben so wenig, als die brige ungeweihte Welt davon ahndeten. Unser
Triumpf war gro. Die Zerstrung der jesuitischen Hierarchie war eine
herrliche That unsers Bundes, lange schon beschlossen in unserm Rathe, und
so meisterhaft ausgefhrt, da niemand dabei unsern Einflu ahndete --
Diese in Heiligenmasken verkappten Teufel aber schlichen sich bald wieder
an einigen italinischen Hfen ein; ihre Fortschritte machten uns besorgen
zu frhzeitig triumfirt zu haben; sie hatten ihre Nezze so fein und so
stark gewebt, da es eben so leicht mglich war, sich in ihnen zu
vergarnen, als unmglich sich denselben wieder zu entwinden. Wir bekamen
Wind davon. Der Plan, die Gespinnste des Jesuitismus ganz zu zerreien,
ward entworfen, ihn auszufhren bedurfte es einen Mannes mit dem
schrfsten, alles umfassenden Blik, mit der feinsten Politik, mit einer
ausserordentlichen Geistesgegenwart begabt. Alles beruhte auf diesen Mann
allein und -- Holder wurde erwhlt.

Florentin. Sie sezzen mich in Erstaunen.

Aellmar. Holder lebte zu der Zeit auf dem Landgute ihres Oheims, wo er von
allem, was geschah, schriftlich und mndlich Notiz erhielt. An 6
verschiedne Herrschaften Italiens wurden einige schwarze Brder verschikt,
die Jesuiten in der Nhe zu beobachten, Holder selber sollte sich dahin
begeben, um die mannigfachen Plne des Ordens der schwarzen Brder, die an
den verschiedenen Hfen realisirt werden sollten, harmonisch zu erhalten,
Maasregeln, die aus der Uebersicht des Ganzen entspringen muten, zu
ertheilen, mit einem Worte alles zu dirigiren. Seine Abreise hing noch von
der Einwilligung eines deutschen Frsten in einen gewissen Vorschlag in
Rksicht der jesuitischgesinnten Italiner ab. Alle hofften wir auf
Entscheidung. Auch ich wurde bestimmt mit Holdern zu reisen, um seinen
Befehlen zu gehorchen. Damahls lernt ich ihn kennen; ich sprach ihn
zuweilen in der Nacht in der Nhe des Duurschen Landgutes, wann er mir und
andern das Signal durch einen Bchsenschu gab. Ich bewunderte schon in
diesen seltnen nchtlichen Konversazionen den schlauen, weisen, ehrwrdigen
Mann. Der deutsche Frst lies uns lange hoffen, Holder wurde beinah
ungeduldig, er liebte Ihre Frulein Schwester und htte sich gern mit ihr
genauer verbunden, wenn nicht die Macht des Ordens auf eine Zeitlang
dawider gestanden. Plzlich erhielten wir Befehl aufzubrechen, ohne
Zeitverlust, ohne Schonung der Geldkosten, so schleunig, als mglich, weil
von unsrer baldigen Ankunft in Italien alles dependirte. Wir gaben Holdern
das Signal. Er erschien; unsre Nachricht dekontenanzirte ihn anfangs --
allein, weil wir schon seit eingen Monaten Befehl hatten, uns in jeder
Stunde zum schleunigsten Aufbruch bereit zu halten, so mute er noch in
eben der Nacht mit uns. Rastlos gieng die Reise durch Deutschland. Wir
kamen nach Italien; zerstreuten uns, jeder an dem ihm vorbestimmten Posten.
Holder zeigte sich hier, als Meister. Er kam zurk zu den Brdern in
Deutschland, die seine bewundernswrdige Thaten, seinen Eifer mit dem Stuhl
des Regenten belohnten. Glauben Sie mir, Herr Graf, es leben eben so viel
groe Mnner _unbekannt_, als bekannt! --

Florentin. Wahrlich ich bin stolz der schwarzen Brder einer zu sein.

Der _Graf_ sprach dies in der That, nicht als ein Compliment, sondern als
Aeusserung derjenigen hhern Empfindung, welche aus dem sssen Bewutsein
quoll, du bist auch einer derselben, die, wie die Gottheit, ungesehn
sichtbare herrliche Thaten ben. Wahr ists, das Schiksal hat mich eben so
sehr ber gewhnliche Menschen emporgehoben, als es mich sinken lies unter
denselben! --

Und auch Sie, lieber Aellmar, fuhr der _Graf_ nach einer Pause fort:
auch Sie haben schon an der allgemeinen Glkseligkeit des
Menschengeschlechts gearbeitet -- und ich -- -- --

Aellmar. Graf, Sie thaten schon ein Gleiches in ihrem Vaterlande. Schon
damahls waren Sie ein Werkzeug der schwarzen Brder, schon damahls zur
Aufnahme bestimmt. Erinnern Sie's sich nicht mehr, wie sich die
_Unbekannten_ Ihnen schon lange bekannt machten? -- Haben Sie die Ihnen
zugesandten Briefe vergessen, welche -- --

Florentin. Wie sollt' ich!

Aellmar. So darf ich Ihnen nichts mehr erklren.

Florentin. Demungeachtet ist mir noch manche Aufklrung nthig. Zum
Beispiel, woher es kam, da man um meine Geheimnisse wute, wute, was in
meinem Herzen, und in meinen vest verwahrten Koffern und Schrnken
vorgieng!

Aellmar. Ein Rthsel welches leicht aufzulsen ist, wenn Sie wissen, wie
ausgebreitet unser Orden ist, und da der meisten Ihrer Bedienten und
Vertraute, so wie die Aerzte am Hofe u. s. f. zur Zahl der schwarzen Brder
gehren.

Florentin. (bestrzt lchelnd) Ha!

Aellmar. Ich habe Ihnen nun so viel anvertraut, als ich darf, und Sie
bedrfen. Jezt erlauben Sie, da wir hievon schweigen.

Florentin. Werd' ich nicht auch zu dieser Kenntnis alles dessen was im
Orden vorgeht, und wie es geschieht, gelangen?

Aellmar. Nicht frher, als Sie sich dazu wrdig gemacht haben; sodann
gehrt die Kenntnis des _was_ und _wie_? zu Ihren Belohnungen.

Hier brach _Aellmar_ das Gesprch ab, nthigte den Grafen sich wieder zu
zerstreuen und -- heilige Verschwiegenheit zu beobachten.

Sie verlieen das Gartenhaus.

Der _Graf_ sonderte sich von seinem neuen Freunde ab, wankte tiefsinnig mit
verschrnkten Armen durch die Gnge des Gartens, und berdachte da die
Worte Aellmars.

Es stiegen sonderbare Empfindungen in ihm auf. Ihm wars, als wre er zu
einer Klasse hherer Wesen gezhlt -- er fhlte sich in ihrer Mitte zu
stehn, unwrdig und kleinlich, und wieder gros, wenn er der Thaten
gedachte, zu welchen der Orden ihm Bahn brche. Seine Fantasie begann
lieblicher um ihn zu spielen; er warf sich halbtrumend in den Schatten
eines Kastanienbaums.

O, werd' ich einst ausgerungen haben, nennt mich die knftige Zeit gros,
rauschet der khlende Lorbeer um meine glhnde Schlfe -- kehre ich heim
aus dem Felde der Thaten und begrsset mich die vaterlndische Flur wieder,
wo ich als Kind tndelte, als reifender Jngling schwrmte, ruhe ich dann
aus in den heimischen Thlern in der Stille des vterlichen Hains, o wie
seelig wird dann mein Loos sein! -- Nein, ich fordre nicht zur Vergeltung
frstliche Pallste, nicht die Freundschaft der Groen, nicht Anbetung vom
Volke und Vergtterung, -- nein ihr Gewaltigen, die ihr euren Arm in den
Mantel der Nacht verberget, gebt mir, wenn ihr es geben knnet, _Louisens_
Liebe in einem entlegnen Winkel der Erde, meinen Tod in Louisens Armen, an
Louisens Busen!

So trumte der gute _Graf_ sich noch manchen angenehmen Traum, von
wehmthiger Sehnsucht nach Ruhe durchwebt; denn Ruhe bedurfte sein
diefleidendes Herz, oder eine ungewhnliche Zerstreuung.

Glklich war _Florentin_ in der Mitte dieser ihn umwallenden Bilder, welche
die Fantasie erschuf; und so ist jeder glklicher in der _Rkerinnrung_
oder Hoffnung, als im _Genuss_ selber!




Siebentes Kapitel.
Ein Nachtstk.


Es war ein schwler Nachmittag; die Luft glhte, der Erdboden schmachtete,
kein Wind wehte Erfrischung; _Florentin_ entschlos sich also leicht,
_Aellmars_ Bitte zu erhren und erst am Abend dieses merkwrdigen Tages
seine Reise zu verfolgen.

Unterdes suchte _Aellmar_ seinem Gaste diese wenigen Stunden so sehr, als
mglich zu verannehmlichen. Weil der Graf, ber dessen Seele ein ewger Gram
brtete, der nur selten und auch dann nur erzwungen, lchelte, jede
Gesellschaft ennuiant fand, wo Scherz und muntre Laune das Herz fr Freude
stimmten, so unterhielten sich beide stets allein.

Unter andern fhrte _Aellmar_ seinen Freund in sein Studierzimmer, welches
rings herum mit vortreflichen Gemhlden ausgeschmkt war. _Florentin_
heftete gleich beim Eintritte sein Auge auf einen mnnlichen Kopf. Er gieng
nher und erkannte bald, da _Holder_ zu demselben das Original sei.

Auffallend hnlich! rief der _Graf_: dies hat ein Meister gemacht!

Es ist sehr wohl gerathen. Erwiederte _Aellmar_ und stellte sich neben
Florentinen.

Ganz seine freie stolze Stirn, welche der Gefahr trozt -- ganz sein
feierlich ernster, majesttischer Blik, der das menschliche Herz
durchspht, und ber die Entwrfe des Schiksals hinblikt, als lebte er mit
demselben in einem hhern Einverstndnis. Sein Mund -- ganz eben der,
welcher sich immer nur zum Wohl des allgemeinen Ganzen zu ffnen scheint,
und nur das _Orakel_ der Weisheit sein kann. Dieser matte Zug um die
Lippen, diese matte Falten der Stirn, welche die stoische Klte, den
strengen oft furchtbaren Ernst des Mannes so karakteristisch mahlt --
Aellmar, ich bin stolz, da Holder mein Blutsverwandter ist, und hasse mich
selber, da ich der Gelegenheiten so wenig vest hielt mich durch diesen
Ausserordentlichen und nach seinem groen Muster zu bilden.

Ich schzze den hher, welcher sich durch die Natur ausbilden lt, und
nicht die Gre eines andern zu seinem Maasstabe macht. Erstere veredelt
den menschlichen Geist, so sehr es ihm seinem innern Gehalte nach mglich
ist, lezteres verzerrt denselben und bringt gewhnlich Karrikaturen zur
Welt. Ich zweifle nicht daran, Herr Graf, da auch Sie ein Holder werden
knnen, wenn sie in Verhltnisse gerathen, wie er; da Sie in der Gefahr so
kalt bleiben, wenn Sie, wie er, zweimal in einem Meersturme scheidern,
oder, wie er, sich durch einen Haufen Banditen schlagen, oder unter
malthesischen Flaggen an einen trkischen Seefahrer entern --

Was sagen Sie mir da? -- Sie scheinen mehr von Holders ehemaligen
Lebensumstnden zu wissen, als ich. Er hat sich in unsrer Familie selten
davon etwas verlauten lassen; nur so viel wissen wir, da er von blutarmen
Eltern am Rheine geboren wurde.

Im Orden, lieber Graf, werden Sie mehr darber erfahren knnen. Nur so
viel ist gewi, da _Holder_ ein grsserer Abentheurer, als irgendein
_Bruder von der Kste_[A] geworden wre, htten die _schwarzen Brder_ ihn
nicht in ihre Plne verstrikt, unter ihre Zahl aufgenommen, und seinem
Genie eine edlere Bahn angewiesen.

Vergebens bemhte sich _Florentin_ _Aellmarn_ mehrere Skizzen von _Holders_
Leben abzulokken, dieser wute immer unter einem artigen Vorwande den
Versuchen des Grafen zu widerstehn.

Schon sank die Sonne mit aller ihrer Pracht hinter den Tannenwipfeln des
benachbarten Forstes unter; schon wurden die Lfte khler und graue
Dmmerung umflog die Landschaft; schon tnte vom Thurme von Riedelsheim die
spte Abendglokke, und das Gerusch der Menschen schwieg und die
Dorfbewohner suchten das Lager, um frher zur Arbeit aufzubrechen, als
_Florentin_ erst von _Aellmar_, dem alten Pastor _Leedri_ und dessen
Tochter _Agathe_ schied, um in der Nacht die versumte Reise des Tages zu
ersezzen.

[Funote A: Siehe des Herrn von _Kozebu's verm. kleine Schriften_ 3ter
Theil. Geschichte der _Flibustier_ nach _Raynal_.]

Der _Graf_ mit seinen beiden Kumpanen trottete langsam zum Dorfe
_Riedelsheim_ hinaus, das Thal hindurch, die Hohlwege hinan. _Florentin_
war im Geiste noch immer um _Aellmar_, hrte ihn noch immer von _Holdern_,
oder der heiligen Bestimmung der schwarzen Brder plaudern; sah noch immer
den verfhrerischen Gitterstuhl in der Kirche, oder die verschleierte
_Agathe Leedri_, Aellmars Weib, darinnen. So schlenderte sein Gaul ruhig
unter ihm den Weg hin, ohne da es einmal die Spornen seines Ritters in den
Seiten fhlte, und _Gotthold_, nebst dem alten _Badner_, der, wie ich
anzumerken vergas, eben so bald zu seiner, des schwazhaften _Gottholds_ und
des _Grafen_ Freude die verlorne Sprache wieder gewann, als er ber die
herzogliche Landesgrnze hinaus war, ich sage _Gotthold_ und _Badner_
trabten, im Mondenscheine vertraulich mit einander plaudernd, bald voran,
bald zur Seite, bald hinterher.

Kopf ab! rief _Gotthold_ nach einer halben Stunde dem _Grafen_ zu, der
sich rasch niederdukte, um nicht mit den Baumsten ber sich in Kollision
zu gerathen, und nun erst bemerkte, da er sich in einem angenehmen
Wldchen befnde.

Dies sehn und den Entschlu fassen eine Strekke Weges zu Fue zu wandern,
war eins. Er stieg ab, reichte _Gottholden_ den Zaum seines Rosses und
trabte frisch voran.

Die Nacht war angenehm, zum Schwrmen reizend, einladend zum Vollgenus
reinerer Empfindungen. Der _Graf_ gieng mit starken Schritten vorwrts,
schwrmte, geno. Er war noch keine Viertelstunde gegangen, als ihn eine
weibliche Stimme, welche durch die tiefe Stille der Mitternacht seitwrts
ertnte, vom Wege ablokte.

Meine Leser, wenn Sie hier ein _gewhnliches Waldabentheuer_ erwarten; so
tuschen Sie sich. Es geschah etwas sehr natrliches, was nur in
_Florentins_ Augen den Anstrich des Wunderbaren trug.

_Florentin_ gehrte eben nicht zu der Gattung neugieriger Lauscher, welche
das Sumsen einer Mkke aufmerksam macht. Es htte vielleicht fr ihn in
jeder andern Seelenstimmung die Weibesstimme ss oder sauer tnen mgen,
sie htte ihn nicht von seinem Wege abgebannt, -- aber jezt. -- Doch um die
Ursachen recht einzusehn, welche ihn reizten den Fusteig zu verlassen,
mssen wir sein unmittelbar vorhergehendes Gedankenspiel wissen.

Die Nacht, wie man weis, war schn;

   Ein wunderbar Gemisch von Licht und Schatten
   Verherrlichte den Wald mit unbekannter Pracht.
   Auf jedem Zweige sahe man die Nacht
   Sich mit des Mondes reinstem Silber gatten.
   Verworren schliefen Hain und Hgel in der Tracht
   Des alten Chaos -- Edens Nchte hatten
   Nicht solchen Reiz gesehn, und solcher Augenlust
   Sind sich die Heilgen kaum im Paradies bewut.

Florentin knpfte an das Bild dieser Nacht das Bild aller ehmals im
Vaterlande genossenen schnen Nchte; natrlich spielte in diesen auch
_Louise_ eine hervorstrahlende Rolle, und, was noch natrlicher war, die
Schnheit der nchtlichen Natur wurde in eben dem Augenblikke ber die
Schnheit der angebeteten Auserwhlten gnzlich vergessen.

   Nun schwamm ihm nur das magische Gebild
   Louisens vor der Stirne;
   Ihm malt der Bach, der von dem Felsen quillt
   In Silberringen seine Dirne.
   Ss haucht ein Zefyr von der hoch umbschten Flur,
   Doch haucht er _ihren_ Namen nur,
   Nur _ihrer_ Wangen Roth zu zeigen
   Entknospen frhe Rosen sich,
   Vor _ihres_ Busens Blenden neigen
   Sich Lilien schamhaftiglich.
   Aus dichtverwachsnen Bschen schlget
   Vergebens schn die Nachtigall.
   In seinem tauben Ohr erreget
   Der Liebeswahn ihm sssern Hall!

Und in diesem Moment hrt er einen Ton, der schlechterdings nur weiblichen
Lippen entfliehen konnte. _Louise ists! Louise ists!_ rief ihm sein
liebendes Herz zu, und alles Blut strmte wilder den Pulsen entgegen, seine
Wangen glhten, seine Augen leuchteten Freude und Hoffnung. Ich mu sie
sehn! dachte er bei sich und schlich behutsam durch das Dikkigt derjenigen
Gegend zu, von wannen ihm die Stimme des Frauenzimmers zugeweht war. Er
hatte kaum einige Schritte gethan, als er, wie angewurzelt, stehn blieb,
und ohnmchtig sich an eine hundertjhrige Eiche lehnte.

Durchs Gebsch sah er in einer migen Entfernung ein schngebildetes
Frauenzimmer. Zwar schien der Mond sehr hell, und des Gebsches Schatten
traf kaum eine Falte vom weien Gewande der _Dame_, demungeachtet htte
jedes andre Auge nichts deutlich an derselben unterscheiden knnen, was der
Blik des sterblich verliebten _Grafen_, oder vielmehr seine dienstfertige
Einbildungskraft, sehr genau sah und unterschied. Und was _Florentin_
erblikte, oder doch zu erblikken glaubte, mute seine Liebe doppelt
anfachen. Es hlt freilich schwer das Fantom eines liebenden Sehers
nachzuzeichnen, indes will ichs einmal wagen, ob ich gleich gewi bin, da
ich mit meiner Beschreibung weit unter dem Ideal bleiben werde, welches der
trunkne Liebhaber sich vorschuf.

Denn nie war Sterblichen noch der Schnheit liebliches Urbild in der Hlle
eines sterblichen Weibes erschienen; nie bis dahin die Begeisterung
heiliger Barden aufgestiegen, und nie ein Bild dem Meiel entsprungen,
welches hier Louisen glich, die Florentin wahrzunehmen whnte. Hier raubt
der zitternde Pinsel tausend Reizze mit jedem vermessenen Auge. Errthend
schweigt die Muse vor dem Werke, welches nur einmal die Natur in ihrer
Zauberflle geboren.

Regellos, doch schn umschwamm, in schimmernden Lokken, goldnes Haar der
Geliebten alabasternen Nakken. Sanft umfieng dasselbe die weie blendende
Stirne in geziemende Grnzen. Ueber die zrtlichen blauen Augen, die der
Liebe begeisternde Sprache verstanden, majesttisch sich wandten, und ein
himmlisches Feuer in des Marmors Busen zu entznden vermgend, wlbten
zartverrinnend sich zwei dunkele Bgen, welche die Schwermuth sich zu ihrem
Throne erlesen. Zwischen den rosig blhenden, schneeummaleten Wangen, von
dem ewigen, sssen Lcheln der Liebe umspielet, stieg, im feinsten
Ebenmaae, lieblich erhht die Nas' empor, und tiefer der schmalen,
purpurnen Lippen schnes elastisches Paar, verfhrend zum tndelnden Kusse.
Ihren Busen umflo des Flores wallender Nebel, welcher in tausend Falten
dem entweihenden Blik des Weibes Heiligthum barg. Und um die gttliche,
weiche Bildung flo der Unschuld weisses Gewand, von dem schwarzen,
silbergestirnten Grtel unter dem Busen geschlossen. -- Aber wer malet nun
den unaussprechlichen Liebreiz, welcher ber diese hehre Gestaltung
gegossen? Jenen rhrenden Zauber in der leichten Bewegung, der die Herzen
verwandelt, die Empfindungen auflt, in die seligste Ohnmacht welche
Seelen verzkket und in den Wsten der Schnheit Altre erbauet?

Unmglich konnte _Florentin_ alles dies mit seinen beiden leiblichen Augen
sehn; das Bild lebte in seiner Fantasie, aber nicht vor seinen Blikken. Er
hatte schon einige Minuten dagestanden an der Eiche, als er erst inne ward,
da die Erschienene unsichtbar geworden sei. Sie aufzusuchen wurde
beschlossen; denn in allen Fllen blieb es ein sonderbares Phnomen, wie
ein Frauenzimmer, es mogte nun sein, wie es wolle, zur Mitternachtsstunde
hieher in das Gehlz gerieth? Wre dies in den Tagen des alten Roms oder
Graciens geschehn: so htte man glauben mssen, _Diana_ habe sich verloren,
einen schlafenden _Endymion_ zu finden; lebten wir in den Tagen _Hons_,
_Rolands_ oder _Doolins_: so wr es vielleicht die Knigin der Elfen, oder
irgend eine gute, schne Fee gewesen; oder wren wir aberglubig, so
muthmaaten wir, _Louise_ habe sich in ihrer Todesstunde _geahndet_. Dies
alles konnte es nicht sein, doch was es mit der Erscheinung eigentlich vor
eine Bewandnis hatte, hegen wir auch nicht Hoffnung so bald zu erfahren,
weil sich dem guten Willen des liebenden _Duur_, die gewhnte _Louise_
auszuforschen, ein breites, sumpfigtes Gewsser entgegenstellte, welches
sich in die Lnge umherzog, und ohne Brkke unmglich passirt werden
konnte.

Eine gute Viertelstunde irrte er an dem morastigen Ufer des Sees oder
Baches umher, allein fruchtlos fr seine Wnsche; fruchtlos rief er fters
den Namen der Geliebten, er verhallte gebrochen in dem krausen Gewlbe des
Waldes und keine Antwort scholl zurk.

Mde endlich des vergeblichen Suchens, kehrte er misvergngt, mit
gewachsener Sehnsucht im Busen, zu den harrenden Kumpanen heim; seufzend
schwang er sich aufs Ro und traurig suchte er wieder die reizenden
Geschpfe seiner Einbildung auf, weil er um Realitten betrogen war.

In der Liebe ssbethrende Trume verloren, flog nun trunken sein Geist
durch die Gefilde des Himmels. Feiernd sangen ihm die Harmonien der Sfren
_Louisens_ Namen entgegen durch die hallende Schpfung. _Louisens_ Namen
malten flammend die irrenden Sterne an die blaue Tafel des unermelichen
Aethers.

Doch ermdet senkte der Einbildung buntes Gefieder wieder herab sich in der
Wahrheit kalte Umarmung. Ach, da entzkte nicht sein Auge das Anschaun der
Geliebten, da umschwebte nicht das Gelispel geistiger Ksse sein Ohr und
nicht der harmonische Wohlklang, den die schpfrische Lieb' um _Louisens_
Namen gewunden.

Doch ich befrchte, zulezt noch aus dem Mrchenerzhler ein epischer
Dichter zu werden, wenn ich mich lnger in Florentins Fantasien eintrume.

Kurz und gut seis denn prosaisch gesagt, da _Duur_ mit _Badnern_ und
_Gotthold_ nach acht Tagen im Stdtchen _Mungenwall_ waren.




Achtes Kapitel.
Freude -- Verdrus und Schauder.


Die Empfindungen der Freude, des Verdrusses und des Schauders sind ziemlich
heterogen; es knnte schier glaublich werden, als habe mir ein muthwilliger
Freund diese Worte zum Text eines Kapitels gegeben, mein Erfindungsvermgen
zu taxieren. Aber nicht also! -- sondern, so wie sich tglich und stndlich
in unsrer Seele die entgegengeseztesten Empfindungen durchkreuzen: so wars
auch bei dem exilirenden _Florentin_.

Zuerst will ich umstndlich erzhlen, wie der Freudenlose endlich einmal zu
einer Freude gelangte.

Er lebte schon seit zwei Tagen im Stdtlein _Mungenwall_ dem Tage des heil.
_Urbanus_ entgegen harrend, als eines Morgens an die Thr gepocht wurde und
der Brieftrger hereintrat. _Florentin_ nahm den Brief, erkannte in der
Addresse eine Frauenzimmerhand, fertigte behende den Postboten ab und
erbrach neugierig das Couvert.

_Lieber Graf_,

Also leben Sie noch? -- o, wohl mir und Ihnen; haben wir das Leben noch
nicht verloren, so ist nur wenig verloren! -- Sind Sie vergngt? doch wie
sollten Sie das, Sie armer, vertriebener Mann? -- aber getrost, ruhig doch?
-- o ja, das mssen Sie sein; ich bins nun auch, ob ichs gleich vor einem
Monate nicht war. Aber so bald ich erfuhr, da Florentin noch auf _einer_
Welt mit mir lebte, war ich zufrieden, war ich gesund. Bist Du's auch?
Florentin, bist Du's auch? --

Ach, lieber Einziger, ich knnte Dich trsten, und warum sollt' ichs
nicht? Warum soll sich die Gattin schmen vor -- ihrem Gatten? --
Florentin, lchelst Du nicht, wenn ich Dir sage, da ich jezt Florentins
Ebenbild stndlich kssen, tglich an den -- -- _Mutterbusen_ drkken kann!
-- Ich werde so roth, indem ich schreibe, und finde doch keine Ursach dazu.
-- O Florentin, wrst du izt bei mir! doch, du darfst es nicht sein.

Ich habe Dich gesehen in der Kirche zu _Riedelsheim_. Ich traute meinen
Augen nicht, schlug den Flor vom Gesichte und sah Dich. Um mich, die ich im
strengsten Inkognito lebte, nicht zu verrathen, begab ich mich eilend in
meine Wohnung. Du kamst zu _Aellmarn_ -- o, httest du's gewut, da wir in
den Mauern _eines_ Hauses beisammen waren -- --! nein, so ists besser. Du
hast mich also in der Kirche erkannt? denn warum drangen Aellmar und sein
gutes Weibchen so sehr in mich, da ich dem leztern meinen Anzug leihen
mute, um dich zu tuschen?

_Aellmar_ hat in einem angenehmen Lustwalde bei Riedelsheim ein schnes
Haus. Hierhin floh ich, damit Du mich nicht entdektest, aber meine Gedanken
begleiteten Dich stets. Ich fantasirte Dich zu mir her, meine
Einbildungskraft trieb ihr Spiel so hoch, da ich zuweilen glaubte, Du
riefest mich laut bei Namen.

Das unstte Herumreisen gefllt mir. Ich bin schon ganz wiederhergestellt;
in der andern Woche mu ich am Hofe erscheinen, aber, ach, Florentin, wie
de ists dort, wenn Du nicht da bist! Mein Bruder, der Herzog soll sehr
niedergeschlagen sein -- ich wnschte die Hlfte Sehnsucht nach Dir, die
mich qult, in seinen Busen und er wrde Dich gewi mit Thrnen der Reue in
sein Land heimrufen. --

Antworten mut Du nie auf meine Briefe. Man hat mir aber versprochen, mich
von allem zu benachrichtigen, was sich mit Dir ereignet. -- Florentin liebe
mich -- bleib mir ewig gut! die Hand, die uns trennte, fhrt uns vielleicht
einst wieder zusammen. Erinnerst Du Dich noch eines Abends, da du im
Schlogarten mir das Strumpfband applndertest?

Florentin lieb ewig

_Louisen_.

Geschrieben im Aellmarschen Waldhause bei Riedelsheim.

Da _Florentin_ beim Lesen und nach Lesung dieses Briefes in eine ihm jezt
sehr ungewhnliche heitre Seelenstimmung versezt wurde, ist leicht zu
errathen. Er kte das Blatt, welches _ihre_ Hnde berhrt, kte die Zge,
welche _sie_ gezeichnet hatten.

Aber die Wonne des _Grafen_ war nicht das liebliche _Rosenroth_ auf die
_grne Farbe_ der Hoffnung hingegossen, um mit Farben _Florentins_
Seelenzustand zu mahlen: sondern ein _dsteres Roth_ auf _schwarzem
Grunde_. Ein unwandelbarer Trbsinn dmpfte jedes aufwallende, frohe
Gefhl, und lie im Freudestrahlenden Auge die Thrne der Schwermuth
blinken.

Gewhnlich glaubt man, da Entfernung von der Geliebten den Schmerz sie
nicht besizzen zu knnen, und am Ende die Liebe selber, mildert, auch der
brave Herzog _Adolf_ gieng wahrscheinlich von diesem Standpunkte aus, da er
_Florentinen_ und _Louisen_ mit weiser Vorsicht trennte -- aber hier fand
das Gegentheil statt. Seine Liebe wurde mit jeder Entfernung von dem
Gegenstande derselben heftiger, und er empfand die traurig angenehme
Wahrheit des _Owenischen_ Spruches an sich, da

   Je mehr man dem Feuer der Liebe entfliehe,
   Je mehr es glhe.

Er htte gern anizt die Pferde satteln und sich im sausenden Gallopp wieder
nach _Riedelsheim_ oder dem Aellmarschen Waldhause zurktragen lassen, um
_Louisen_ zu sehn, zu umarmen, zu sprechen, um sein Ebenbild an das
Vaterherz zu drkken -- aber der _Urbanstag_ war nicht mehr weit, und die
_Prinzessin_, die sogar seine Briefe verbat, konnte vielleicht auf seine
Selbsterscheinung noch ungehaltner werden; berdem war ihr Aufenthalt
usserst ungewi.

Gezwungen also mute er so weise sein, die in ihm aufsteigenden Wnsche
schweigen zu machen. Aber _Aellmarn_ konnte ers lange nicht vergeben, da
er ihn so heimtkkisch hintergangen, und die Anwesenheit der Prinzein in
Riedelsheim nicht verrathen habe. -- Wre _Aellmar_ nicht der schwarzen
Brder einer gewesen, so frchte ich, da _Florentin_ blutige Rache an ihm
genommen haben wrde.

O! rief der betrogne, tiefgekrnkte _Graf_, mehr als einmahl mit wildem
Verdrusse aus: frwahr, spielt man doch mit mir, als einem Kinde. Nein, so
wahr ein Gott ber uns lebt, so wahr ich frei bin und Mann bin, ich will
lnger nicht sein der, welcher ich war. O, Freundschaft, Freundschaft, bist
doch nur eine schne Puppe, welche man fhlenden, reinen Seelen, mit
Kindesunschuld begabt, auf eine Zeitlang zum Tndeln giebt! du selber
reizendes Ideal, Inbegrif jeder Tugend, hast dein Antliz abgewandt von der
entarteten Menschheit, dein Schatten nur schwebt noch auf der Geschichte
der Vorwelt und den Werken des Dichters!

Ich glaube, der _Graf_ wrde nicht unrecht gethan haben, wenn er das
beherzigt htte, was wir oben (Seite 9.) ber den Monolog eines Frsten
gloirten! --

Inzwischen hatte er weder Zeit genug seine Freude, noch seinen Verdrus
lange zu verfolgen, weil endlich der Tag des heiligen _Urbanus_ anbrach und
-- verdmmerte.

Schon vorher hatte der _Graf_ von einem Mungenwallischen Wirthe nthige
Kunde ber den rothen Wald, die Heerstrae, das steinerne Kreuz und
dergleichen mehr eingezogen, wovon ihm _Holder_ sagte, so da er jezt
unmglich irren konnte, da er gegen Abend zum Mungenwaller Thore
hinauswanderte, und dem vor ihm liegenden Gehlz entgegen.

Er trat hinein in den sogenannten _rothen Wald_, der an sich jedem andern
_grnen_ Walde gleich war, nur da mit Anfang des Gebsches auch der
Erdboden in Berg und Thal sich zu verndern anfing, und _Florentins_ Strae
sich in ewgen Krmmungen um Hgel, durch Thler, grausenvolle mit hohen
Rstern berwlbte Hohlwege eine gute halbe Meile hinschlngelte.

Die Mitternachtsstunde nahte. _Florentin_ sah links das steinerne Kreuz auf
einer mit Struchern wildumwachsenen Anhhe. Er lagerte sich am Fue
derselben, harrend der Dinge, welche kommen sollten.

Der Himmel war mit Wolken bezogen; hie und da funkelte ein Stern herab;
dann und wann trat der Mond aus den Nebeln hervor, brigens herrschte
Todesstille im Walde.

Der _Graf_ hatte noch Zeit genug vor sich seine Begebenheiten zu
berdenken, die ihn hieher gebracht hatten.

Wie wunderbar das Verhngnis mit uns spielt! -- dachte er bei sich: wie
htt' ich je glauben sollen, da ich einmal in diesem Walde um Mitternacht
liegen wrde, Abentheuern entgegen zu gehn? -- Sollte man nicht beinahe des
Menschen freien Willen fr ein Selbstgespinst seiner Fantasie halten? Ich
kam an den Hof eines Frsten, wurde sein Vertrauter. Seine Schwester war zu
schn, da ich nicht Liebe fr sie htte empfinden sollen und Sie liebte
mich wieder. Eine glkliche Nacht war die Quelle vieler Unglksflle. Ich
wrde verloren gewesen sein, htte mich nicht die Gte unbekannter Mnner
erhalten; ich wre nicht durch diese so glklich gewesen, htte ein
Ungewitter und ein rother Mantel nicht Holdern mit meinem Onkel verbunden.
Ich stand dem Tode nahe, wurde gerettet -- war dies nicht vielleicht nur
Plan der schwarzen Brder? -- Ungewi ber mein knftiges Leben schweif ich
umher. Ich komme in ein Dorf; der heitre Morgen reizt mich in die Kirche zu
gehn, und dieser Gang ist eine neue Ursach von tausend angenehmen und
widrigen Empfindungen. Knnte der Geist des Menschen die Folgen jeder, auch
der kleinsten, That berschaun, wrd' er wohl je Thorheiten begehn?

Florentin hrte jezt den Futritt eines Wandelnden durch das stille Gebsch
hallen. Er horchte; es kam nher. Ein Mensch wie ihn _Holder_ beschrieben
hatte, gieng die Landstrae nach Mungenwall; einen Bndel drrer Reiser auf
dem Rkken, eine Axt unterm linken Arm tragend. Es war hell genug einander,
wiewohl nur schwach, wahrzunehmen. _Florentin_ wute, was jezt geschehn
wrde.

Der _Fremde_ gieng hart an ihm vorber, ward seiner gewahr und sprach:
Seid gegrt!

Gott dank Euch, Hugo! antwortete der _Graf_ und lauschte.

Es ist kalt, und nicht mehr weit von Mungenwall, warum verweilet Ihr am
Wege hier?

Ich sizze zum Feste der Schwarzen.

Gut! gut! ich verstehe! erwiederte der _Holztrger_, gieng an das
steinerne Kreuz und schlug mit dem Rkken der Axt dreimahl mit solcher
Energie wider das Kruzifix, als wollt' ers mit jedem Schlage zermalmen. --

Was bedeutet dies? fragte _Florentin_, indem er aufstand.

Man soll uns erwarten und verstehn wie wir uns erwartet und verstanden
haben. Folgt mir!

Der seltsame _Holztrger_ wanderte frisch voran, _Florentin_ ihm nach. Sie
giengen einen wenig betretenen Fusteig rechts ins Gehlz hinein, verloren
denselben, drangen durch Buschwerke, sprangen ber Graben, giengen neue
Wege, verloren sie wieder, bis sie nach anderthalb Viertelstunden vor einem
Hause standen, wo man eben niemanden zu erwarten, sondern wo vielmehr alles
ausgestorben zu sein schien. Der _Holztrger_ klopfte dreimahl an. Es wurde
aufgethan.




Zweiter Abschnitt.





Erstes Kapitel.
Kanella.


Unter andern sagte _Aellmar_ zum Grafen _Florentin von Duur_, whrend der
Anwesenheit des leztern im Dorfe _Riedelsheim_:

Volk und Frst liegen jezt zu _Kanella_ mit einander im Prozesse. Um
Menschen, Hofkreaturen, Politik und Volkskraft zu studieren, ist das fr
jezt die beste hohe Schule.

Ich zweifle gar nicht, da sich meine Leser dieser Worte so gut, als ich
mich, zu erinnern wissen. -- Die politischen Romane so wohl, als die
politischen Schauspiele und Staatsakzionen sind ziemlich aus der Mode
gekommen, ich finde auch kein Behagen sie wieder in den alten Flor zu
bringen, aber so viel es zu der Erzhlung unsrer Geschichte gehrt, mu ich
doch der Kanellesischen Unruhen erwhnen.

_Piedro_, Frst von Kanella, war schn gewachsen, in den besten
Lebensjahren, hatte ein niedliches Gesicht, viel Galanterie und hinreiende
Swade. Die aber war die ganze Summe seiner Tugenden! er war der
angenehmste Gesellschafter und der elendeste Regent. Wie man nach
gewhnlicher Art den Frstenpbel erzieht, war er erzogen; Stupiditt,
Wollust, Aberglaube, Prachtliebe, Bigotterie, und Selbstsucht gaben die
Grundlinien seines Karakters an. Er regierte nicht, sondern diejenigen,
welche seine Einfalt vergtterten, seine Leidenschaften kzzelten; und
regierte er: so war er Despot.

Ein unglkseeliges Volk, welches ein solches Unhaupt zum Haupte hat!

Die _Kanelleser_ fhlten _Piedros_ eisernen Zepter und murrten; sein
Prachtaufwand war gro, gro wie ihre Armuth -- sie murrten lauter; ihr
Gewissen selber wurde als dependent von der Laune des Frsten erklrt, die
Freiheit ihres Geistes in Fesseln geschlagen und dies war das Signal zu
thtigen Erklrungen des Volks wider den Frsten.

Vergeuden will er mit seinen Konkubinen unser Hab und Gut! rief hier mit
Thrnen ein Brger aus, der einen Theil seines Silbergerths zu Gelde
gemacht hatte, um die vielen Steuern und Abgaben zu entrichten: mit
Lekkerbissen und Weinen aus allen Welttheilen herbeigefhrt, will er sich
und seine Hofschranzen msten, inde wir seine Brger mit unsern Weibern
und Kindern an Brodrinden knauern und Quellwasser trinken sollen! Nein,
Piedro, frwahr du treibst es nicht lange so!

Ha, des frchterlichen Schlaukopfs! schrie dort ein andrer: wir sind ihm
zu klug, er will uns umschaffen zu Dummkpfen, damit wir ruhiger seine
Tkke dulden, seine Plne nicht sobald durchschauen, und gewahren, wo uns
die Ketten schaben. Darum verdammet er die Aufklrung, darum giebt er uns
bigotte Religionslehrer, darum drfen die Gelehrten auf der hohen Schule
nicht mehr sprechen, wie sie wohl wollten, und die Schriftsteller nicht
mehr schreiben, wie sie gern mgten. O Piedro, es wird dir doch nicht
gelingen!

So dachte man und sprach man leise und laut im ganzen Gebiete Kanellas;
tglich erschienen Pasquille auf dem Frsten, seine Lieblinge und
Ministers, wchentlich traten heimlich gedrukte Schriften ber die
Regierung ans Licht, welche dieselben vor den Augen des ganzen lesenden
Volks in ihrer Ble darstellten.

_Piedros_ Aufwand berstieg beiweiten seine Einnahmen; alle Mittel wurden
hervorgesucht, und waren es die abscheulichsten, um die zerrtteten
Finanzen wiederherzustellen. Eine auswrtige groe Macht, welche schon seit
etlichen Jahren in einen schweren Krieg verwickelt war, verlangte vom
Kanellesischen Hofe Truppen gegen Bezahlung einiger Millionen. Wem konnte
dies Anerbieten willkommener geschehn, als dem _Piedro_? -- die Regimenter
wurden kompletirt, exercirt und in marschfertigen Stand gesezt. Die
Kanelleser murmelten zwar manches von Unrecht, Widersezzen, Aufsagung des
Gehorsams und dergleichen mehr, aber wer hrte auf sie? -- Doch gab dies
den ersten Anla zum ffentlichen Ausbruch des allgemeinen Misvergngens.

Der Kardinal _Benedetto_, _Piedros_ Favorit und Universalminister, hatte
durch seine Spione manches erfahren, was allerdings fr den Hof nicht
allzugnstig ablaufen konnte, begab sich also zum Frsten, und zwar am Tage
vor dem Abmarsch der Regimenter.

Er fand den Landesvater in den Armen der schnen Grfin _Rosaffa_,
wollstig in ihren schwarzen Haarlokken tndelnd. Der _Kardinal_ wollte
zurktreten.

Nicht doch, Herr Kardinal, rief ihm die Geliebte _Piedros_ zu: kommen
sie herein, wir werden nicht gestrt.

Piedro. (lachend) Nein, nein, wir werden nicht gestrt! ha, ha, ha!

Kardinal. Ich habe Ew. Durchlaucht nur _ein_ Wort, aber ein wichtiges Wort
zu sagen.

Piedro. So? reden Sie; Donna Rosaffa darfs ja wohl hren.

Rosaffa. (einen intressanten Blik auf den Kardinal werfend.) Ich bitte
selber darum.

Kardinal. (sie anlchelnd) Ich mu gehorsamen.

Piedro. Was verlangen Sie denn?

Kardinal. Da der Prinz Moriz nicht mit den Truppen Ew. herzogl.
Durchlaucht abgehe -- --

Piedro. Sondern?

Kardinal. Noch eine zeitlang in Kanella bleibe, weil das Volk unruhig
geworden ist.

Piedro. (auffahrend) Unruhig?

Kardinal. Wegen des Abmarsches unsrer jungen Mannschaft.

Rosaffa. Die Burschen werden ihre Mdchen nicht verlassen wollen.

Piedro. Dem ersten, der da mukst eine Kugel vor den Kopf! -- Was soll aber
Moriz hier?

Kardinal. Er ist vom ganzen Volke gefrchtet; ich habe Proben davon
erfahren, die unglaublich scheinen. Er wird am besten Ordnung zu erhalten
wissen -- befehlen Ew. Durchlaucht, da er zurk bleibe.

Piedro. Meinethalben.

Rosaffa. Moriz ist ein frchterlicher Mann; ich glaube seine trozzige Miene
allein schon kann eine Armee in die Flucht jagen.

Piedro. Sind die Unruhen von Bedeutung?

Kardinal. Noch nicht, knntens aber werden. Alles die traurigen Folgen der
Freigeisterei und eingerinen Aufklrungssucht. Wehe, wehe dem Staate, wo
diese herrschen! -- doch ich denke ja mit der Hlfe des Himmels und Ew.
Durchlaucht bald die Kezzereien auszurotten, und Ihre Unterthanen in ein
sanftes, frommes, gottgeflliges Volk umzubilden. Ei, ei, ei, Dero
Durchlauchte Vorfahren haben das Uebel schon zu tief -- --

Piedro. Verbessern Sie, Herr Kardinal. Und, wie gesagt, jedem
widerspenstigen Buben die Kugel oder den Galgen.

Rosaffa. Wenn marschieren die Soldaten aus?

Piedro. Wir sehen sie morgen vor unserm Pallast durchziehen. (er flstert
der Grfin etwas ins Ohr.)

Rosaffa. (beleidigte Schaamhaftigkeit affektirend) Nicht doch!

Kardinal. (empfiehlt sich)

Prinz _Moriz_ empfieng noch an selbigem Tage vom Hofe Befehl in _Kanella_
zu bleiben, weil hier seine Anwesenheit vonnthen sei. Zwar war ihm dies
eine sehr ungelegne Ordre; doch einige Zeilen von _Benedettos_ Hand
beruhigten ihn, machten ihn sogar zufriedner mit seinem Heimbleiben, als
seiner determinirten Abreise.

Ich darf den Karakter _Morizens_ meinen Lesern nicht erst schildern;
wahrscheinlich kennen Sie den Mann noch, nebst seinem getreuen _Flimmer_,
aus seinen Hndeln mit den schwarzen Brdern und den Grafen _Duur_ in
Herzog _Adolfs_ Residenz. Hier am Hofe zu _Kanella_ wurde er, wie man
sieht, ungemein geschzt. Besonders bediente sich seiner _Benedetto_
treflich, weil dieser schlaue Mnch durch ihn manches Plnchen zu
realisiren wute, welches nur durch einen so wilden, rauhen _Moriz_
realisirt werden konnte; denn ausser diesem war das ganze Hofvolk ein Heer
entnervter Wollstlinge, Sodomitten und Tribaden.




Zweites Kapitel.
Der Landesvater mit seinen Landeskindern.


Am folgenden Tage war es schon frh in den Straen von _Kanella_ lebhaft.
Soldaten und Brger, Mnner und Weiber, Hohe und Niedrige rannten
durcheinander, sagten sich das Lebewohl, wnschten sich das baldige
Wiedersehn. Die Rosse schnoben, die Fahnen und Standarten wehten, die
Waffen klirrten, die Trommeln wurden gerhrt, man sties in die Trompeten,
die Compagnien stellten sich, alles zog sich auf dem groen _St.
Dominikusplaz_ zusammen.

Es war ein rhrendes Schauspiel anzusehn, wie sie da standen die Greise,
Mnner und Jnglinge unter ihren Waffen. Verzweiflung und Schmerz malte
sich in ihren Mienen -- ein gebrochnes Jammergetn durchdrang die Luft --
keiner aber sprach. Die Mnner, welche vorbergingen, riefen ihnen ein
banges: Gott mit euch! zu und verbargen die heimlichen Thrnen, welche
sich aus ihren Augen stahlen. Aber die Krieger verbissen ihren Schmerz --
still lchelten sie und drkten einander wehmthig die Hnde.

Mit einemmahle sahe man einen langen Zug von Weibern dem _Dominikusplaz_
entgegen wanken; jedes beinahe fhrte ein Kind an der Hand. Es waren die
Weiber und Kinder der scheidenden Krieger. -- Diese sahen sich, vom Anblik
dieser Szene durchbohrt, an, jedem zitterte eine Thrne vom mnnlichen Auge
und jeder nahm vom Weibe und Kinde den lezten Abschied. Lebet wohl, mein
Vater! riefen die unmndigen Kleinen. -- Lebet wohl! lallte ein
weinender Greis und stmmte sich auf seine Flinte: lebet wohl, ihr kleinen
Engel!

Die Weiber umschlangen ihre Gatten, stammelten ihnen tausend heie Wnsche,
und jeder Wunsch wurde von einer Flut von Thrnen und Kssen erstikt.

Gott ziehe mit dir, mein Einziger! rief ein junges Mdchen und sank
ohnmchtig an den Hals des geliebten Jnglings, und der Jngling
erwiederte: Trste dich unser Gott, meine Traute, wenn ich nicht
heimkomme! In der Ewigkeit sehn wir uns wieder!

Ja in der Ewigkeit sehen wir uns wieder und da soll Gott der Gerechte
richten! heulten einige Weiber, und der Jammer ward allgemein.

Plzlich schwieg alles; Todesschauer fate jeden und jede, denn es hie:
_Moriz_ kmmt! _Moriz_ kmmt!

Der _Prinz_ kam wirklich von einigen seiner Offizieren begleitet zu Pferde
herbeigesprengt.

Allons, weg Weiber und Mezzen von den Soldaten; Memmen sinds ohnedem!
rief er.

Wren nicht Memmen! replizirte hierauf einer der Senatoren von Kanella,
der unter dem Volke stand, so deutlich, da es _Moriz_ hren mute, wenn er
nicht im dem Augenblik mit Taubheit geschlagen gewesen: nicht Memmen,
sobald man sie wider die Feinde ihres Vaterlandes ausschikte!

_Moriz_ stuzte; sein Stolz der hier Angesichts des Volks beleidigt wurde,
wiegelte seinen Zorn auf. Mit frchterlichem Blik sah er um sich und
fragte: Wer spricht das?

Der alte Senator trat aus dem Gedrnge hervor und antwortete: Borsellino,
Prinz, ein edler Kanelleser.

Elender Graukopf, hte dich!

Vor wem? ich bin sicher.

Ich will dir den Lohn deiner Kanellesischen Frechheit auszahlen lassen.

Prinz, ich bin ein Brger Kanellas!

He, Wache herbei!

Herr, ich bin der Senatoren einer!

Wache!

Das Volk strzte zusammen; der Lrmen ward grsser, zwlf junge Edelleute,
verwandt und unverwandt mit dem Hause _Borsellinos_, umringten den Greis,
ihn gegen Gewaltthtigkeiten zu beschirmen.

Die Wache kam. _Moriz_ befahl _Borsellino'n_ zu ergreifen und wegzufhren.
Die zwlf Kanellischen Edeln baten fr ihn, umsonst. Sie drohten; _Moriz_
wurde wthend.

Der neugierige Pbel sammelte sich nher; einige im Volle schrieen:
Borsellino darf nicht angetastet werden, er ist der Senatoren einer! und
pltzlich riefen mehrere Stimmen: Wehe, wehe dem, der den braven Brger
Kanellas mishandelt! und so grif der Tumult um sich, der Pbel lrmte,
alles schrie: Brgerrechte werden zertreten! steht Borsellino'n bei! wer
thut ihm Gewalt?

_Moriz_ sas etliche Minuten durch dies ungewohnte Schauspiel versteinert da
auf seinem Rosse; seine Lebensgeister waren entflohen, aber bald kehrten
sie wieder bei ihm ein und wie es schien in Furien umgewandelt. Er rollte
die Augen frchterlich umher, knirschte laut mit den Zhnen, schumte,
sties grsliche Flche wider die Kanelleser aus und kommandirte das
nchststehende Regiment die Gewehre scharf zu laden und auf seinen Wink
unter das Volk zu feuern.

Beinahe der ganze Adel von Kanella, welcher ausser dem Hofe lebte, war jezt
herbeigeeilt, Morizens Befehl wirkte anfangs allgemeine Bestrzung und
Stille. Aber diese Stille verwandelte sich bald wieder in leises Flstern
und Murren, das Geflster in lauteres Murmeln, das Murmeln wurde strker
und strker und endlich das vorige Schreien und Toben.

Der alte _Borsellino_ inzwischen glich einem Rasenden. Er hrte _Morizens_
Kommando die Gewehre zu laden und Feuer zu geben; dies sezte ihn ausser
sich, er war seiner nicht Mann, zog den Degen, und versuchte sich durch den
Haufen der Edelleute zu drngen. Ungeheuer! rief er mit glhendem
Gesicht: Ungeheuer! ists erhrt, das Blut der Brger von Kanella zu
vergieen? -- Ungeheuer, wag es, _einen_ Schu wage! He! will das unser
Landesherr? -- Ungeheuer, wird das Piedro wollen? --

Man bemhte sich den jhzornigen _Borsellino_ zu berlrmen, zu
besnftigen, aber er ruhte nicht. Lat mich hin zu ihm, lat mich!
Brgerblut will er vergieen -- hrt ihrs denn nicht? Ists nicht genug, da
man uns zu Sklaven machen will, zum Viehe sollen wir noch herabgewrdigt
werden, das man morden darf, nach Herzenslust! -- Lat mich, lat mich! --
Heda, verdammter Fremdling, mit dem Leben der Kanelleser willst du spielen?
ho! ho! -- Brgerblut! Brgerblut! -- Mnner von Kanella ihr schweigt? --
ho! hindurch!

Der _Prinz_ sah den schnaubenden _Borsellino_, hrte seine Worte, hrte des
Volkes verwirrtes Geschrei, aber fhlte nicht, da _er_ es gewesen sei, der
den schlummernden Funken des allgemeinen Unwillens zur lodernden Flamme
angeblasen hatte -- und wurde ob dieser unerhrten Vermessenheit eines
Kanellesischen von Adel dreimahl wilder, als zuvor. Sein Gefolge stmmte
sich ihm entgegen, aber Zwang emprt den Zorn, stillt ihn nicht.

Es war ein entsezlicher Anblik, die beiden Wthenden gegen ber, jeder von
den seinigen umringt und zurkgehalten. Aber unmglich konnte man
_Borsellino'n_ lnger widerstehn, er, in dem die Wuth Riesenstrke und
Feuer der Jugend ausgegossen hatte. Er strmte hervor und sties blindlings
das gezukte Schwerd bis an den Heft dem Rosse des Prinzen in den Leib, und
in eben den Augenblik strzte _Morizens_ Klinge auf _Borsellinos_ Schdel
herab.

Gebt Feuer! schrie der _Prinz_, indem sein Pferd unter ihm sank: Feuer
auf die Hunde! und von verschiedenen Seiten fielen -- einzelne Schsse.

Dies that Wirkung, wie sie _Moriz_ hoffte. Der Pbel flchtete; alles wurde
still. -- --

_Borsellino_ lag ohnmchtig, in eignen Blute sich badend, in den Armen
seiner Freunde. Man trug ihn fort. _Moriz_ gab eiligst Befehl zum Aufbruch
der Soldaten. Es flogen die Rosse, die Fahnen und Standarten wehten, die
Waffen klirrten, die Trommeln wurden gerhrt, man sties in die Trompeten
und so gieng der Marsch durch die Straen von Kanella, an das herzogliche
Palais vorber.

_Piedro_, _Rosaffa_, _Benedetto_ mit verschiedenen Herrn und Damen des Hofs
standen auf den Gallerien und Altanen vertheilt, dem Zuge zuzuschaun.

Aber ehe die verkauften Landeskinder mit klingendem Spiel und fliegenden
Fahnen herankamen, erschien in trauriger Prozeion der blutende
_Borsellino_, getragen von den Vornehmsten von Adel. Nicht ohne Absicht
schleppte man den Verwundeten, der sich etwas erholt hatte, hier vorber.

Der _Frst_ hatte den Lrmen und spter nachher das Schieen gehrt, und
von einem Adjutanten aus _Morizens_ Suite Nachricht darber empfangen.

Wer ist der, welchen Ihr da unten traget? fragte der _Herzog_ mit Neugier
und heimlichen Schaudern.

Der edle Borsellino! scholl die Antwort zurk.

Der Verwundete richtete sich mit dem Leibe empor, schlug die Augen auf,
sammlete alle Krfte und sprach mit matter Stimme: Herzog Piedro, dein
Landeskind! -- Piedro dein Landeskind, erschlagen von dem Fremdling der
nach dem Blute deiner guten Brger drstet! -- Piedro, Rache und Recht,
wenn du Landesvater bist!

_Piedro_ war erschttert. -- _Rosaffa_ schrie hinunter: Schaffet den
abscheulichen Anblik aus unsern Augen! und _Piedro_ das Echo seiner
_Rosaffa_ intonirte sogleich: Schaft ihn fort!

_Borsellino_ seufzte; die ihm umgebenden Edelleute murmelten unwillig unter
sich, und gehorchten der Mtresse ihres Herrn.

Die Truppen marschirten bald darauf vorbei.

Es lebe Piedro! -- es lebe Piedro, die Lust seines Volkes! schrien die
Soldaten, wenn sie nahe am Schlosse waren, und wischten zu gleicher Zeit
die Thrnen vom Auge, und der _Landesvater_ lchelte huldreich auf sie
herab.




Drittes Kapitel.
Gewitterwolken, die sich zerstreun.


Seit diesen Auftritten herrschten in _Kanella_ tiefe Stille und Ruhe; es
kam nirgends zu ffentlichen Hndeln. Aber diese allgemeine Stille glich
der vor einem Gewitter; sie ist schreklich. Die Volksfeste wurden nicht
mehr so lebhaft, als sonst gefeiert; in den Tabagien und Gasthfen lrmte
nicht mehr der frohe Muthwille; die schnsten Spaziergnge wurden seltner
besucht. Gram und Mismuth war auf jedem Gesichte zu lesen; Armuth wohnte
unter den meisten Dchern, Unthtigkeit, Ekel der Arbeit in den meisten
Werkstuben.

Nichts ist fr einen Staat unglkweissagender, als _solche_ Phnomene!
Armuth gebiert Muthlosigkeit, Misvergngen, Widerwillen gegen alle Arbeiten
beim gemeinen Mann, weil er noch nur das wenigste von dem durch seinen
Fleis Gewonnenen fr sich behlt, sondern den grten Theil seines Erwerbs
den Pchtern, Monopolisten, Zllnern, Steuern- und Acciseeinnehmern fr den
Frsten u. s. f. entrichten mu. Trger Mssiggang ist der Vater
gefhrlicher Projekte und Trume, wo man sich denn durch irgend ein Wagstk
in die ehmaligen Glksumstnde wieder hinauf zu schwingen hofft.

Der habschtige _Benedetto_, der schwelgerische _Piedro_ argwhnten von
diesem Erfolg ihrer Unternehmungen zur Verbesserung der Finanzen nicht das
geringste. Nothdurft, -- so machiavellisirten sie -- ist das Triebrad im
Staate, welches Industrie, Knste und Handwerke befrdert. Reichthum der
Landeseinwohner macht sie frech, luxuris, trge. Der Unterthan ist ein
Esel, der nur mit Zwang seine Pflichten erfllt.

Ob _Piedro_ und sein _Universalminister_ richtig argumentirten, wird uns
der Erfolg mit Thatsachen belegen knnen. -- Nur so viel war jezt schon
gewi, da das Gebiet von _Kanella_ um diese Zeiten ungleich mehr verarmte
Familien, Bankeroteurs, Bettler, Beitelschneider, Straenruber, und andres
unnzzes Gesindel aufzuzeigen hatte, als irgend sonst.

Mehr ghrte es in den Kpfen des so oft beleidigten, oft ungerecht
herabgewrdigten Senats und Adels. Der erstere hatte kein anderes
Gesezbuch, als die Laune des _Kardinals_, des _Prinzen Moriz_ und der
_Grfin Rosaffa_, lezterer keine Anwartschaft durch Verdienste sich
emporzuschwingen; Mittel waren nur etwa die Schrze einer frstlichen
Beischlferin, oder eine Brse gepret voller Goldstkken.

_Borsellinos_ Schiksal machte neue Sensazion; dieser unglkliche Greis
starb an seinen Wunden. Vor seinem Ende schrieb er noch an den jungen
_Giovanni_, seinen Sohn, der sich damahls in _Rom_ befand, einen
beweglichen Brief, worin er ihn bat nach _Kanella_ zurkzukommen, um den
Proze auszufhren, welchen sein Mrder wider ihn anhngig gemacht hatte.
-- _Giovanni_, dem der ganze Karakter seines Vaters angeerbt war, kam --
und fand _Borsellinos_ Leichnam im Sarge.

Oh! rief er, und warf sich ber den entseelten Vater, hin: ich bin zu
spt gekommen! -- Gott, mein Gott, da ich ihn verlieren knnte, das wut
ich wohl -- aber so ihn zu verlieren, das vergebe ich dem Mrder nie, wenns
auch der Himmel knnte! -- Erschlagen, meuchelmrderischerweise erschlagen
mein Vater -- nein, das hat er nicht verdient um Kanellas Wohl! --

Es waren viele Edle und Senatoren in dem Trauerzimmer versammelt -- alle
bemitleideten in den zrtlichsten Ausdrkken den leidenden _Giovanni_.

Nein, nein, unterbrach er sie: trstet mich nicht, _das_ Werk der
Barmherzigkeit will ich an mir selber verrichten. Das Blut des Mrders
lschet meine Wuth frh oder spt! -- O, namenloser Verbrecher, o Mrder!
Mrder, verflucht seist du vor dem Schpfer und der Kreatur, verflucht sei
dein Schlaf und dein Wachen, verflucht der Becher, den du leerst, verflucht
sei der Bissen, welcher dich sttigt. -- Es rttle dich aus
mitternchtlichem Halbschlummer Borsellinos Geist, es verjage dir die
Freude des Tages Borsellinos Gespenst! -- Mrder, entsezlicher Mrder,
sichre dich, denn die Rache schlft nicht. -- Verflucht will ich sein vor
dem Weltrichter ewig, wenn ich nicht die Blutsnden abwasche -- verflucht
sei der Gedanke, welcher sich in meine Seele hineinstiehlt, ohne da Rache
ihm dieselbe aufschlo -- es verdorre meine Hand, die sich dir friedlich
darreicht, es verblinde mein Auge, wenn es dich anlchelt. Drkke ich einst
den lallenden Sugling an mein Vaterherz, so sei das erste Gebet, welches
ich ihn lehre, der grslichste Fluch ber dich und deine dann vermoderte
Asche! -- Oh! oh! --

Der ganze Senat, unzhliche vom Adel, zahlloses Volk begleiteten den Sarg
zum Grabe, in einem feierlichen Zuge, desgleichen in Kanella noch unerhrt
war.

Was _Giovanens_ Proze betraf: so wurde vom _Frst_ dahin entschieden, da,
weil _Borsellino_ einen frevelhaften Aufruhr begonnen, derselbe das Leben
gerichtlich htte verlieren mssen, da aber der natrliche Tod seiner
Strafe zuvorgekommen; so wrden die Erben des Delinquenten verbunden sein,
drei Viertel vom Vermgen desselben, als Strafgebhren, zu entrichten. _Von
Rechtswegen_.

_Giovanni_ liebte die schne _Laura_, Tochter des edeln Kanellesers _Eo_.
Viele Wochen verflossen, ehe _Giovanni_ zu seiner Geliebten ging. Er fand
sie das erstemahl, als er sie wieder erblikte, in Thrnen. Nun, trautes
Mdchen, wirst du nie Giovannens Weib -- was soll dir ein armer Edelmann?
sagte er. _Laura_ war untrstlich; der junge _Borsellino_ unerschpflich an
Witz, das arme Mdchen zu foltern. Ich sehe dich gern leiden, denn dein
Leiden qult mich zum Ziele hin, das mir vorgestekt ist. Morizens lezte
Nacht sei unsre Hochzeitnacht! verstehst du mich?

Ich hab' Euch verstanden, edler _Borsellino_, sagte der alte _Eo_,
indem er ins Zimmer hereintrat, und von mehrern Edelleuten begleitet wurde:
seht hier Eure Freunde, die Euch zur baldigen Hochzeit helfen wollen.

_Giovanni_ war bestrzt; er bat um Erklrung des Rthsels und man gab sie
ihm mit den Worten: Wir alle arbeiten an Morizens Fall -- arbeiten an
Aufrechthaltung des Senats, des Adels und der Brgerrechte. Piedro ist ein
schwacher Frst, es gilt _eine_ gewagte That! -- Ihr seid unser Genosse?

Mit Herz und Hand! erwiederte glhend _Giovanni_ und warf sich den
Mnnern in die Arme.

In ftern Zusammenknften entwarf man den Plan, aber die Meinungen waren
bestndig getheilt. Einige drangen nur auf Morizens Wegrumung, andere auf
allgemeine Reform der Regierung.

Man suchte beides zu verbinden -- es gelang; es wurde die lezte nchtliche
Zusammenkunft bestimmt, in welcher die Rollen vertheilt werden sollten.

Die Nacht erschien und jeder der Verschwornen mit ihr im Pallast des _Eo_.
Ihre Zahl war vierzig. Die folgende Nacht wurde zur Ausfhrung des
patriotischen Entwurfs geweiht. Zehn Edelleute sollten nach Mitternacht in
Morizens Schlo eindringen und ihn ermorden oder lebendig fangen. Eben so
viel sollten sich des Frsten und des Kardinals zu gleicher Zeit
versichern; dann sollte mit den Glokken gestrmt, das Volk versammelt und
Freiheit ausgerufen werden. Im Fall einer Widersezzung der
Frstlichgesinnten, msse jeder der Verschwornen Sorge tragen, eine gewisse
Anzahl Brger bereit und unter Waffen zu halten.

Der Plan war in der That sehr unreif, doch die Rache- und Freiheitdurstigen
achteten es fr Feigheit lnger zu projektiren und die Unternehmung
aufzuschieben.

Auf! rief der begeisterte _Giovanni_: lat uns in dieser lezten Nacht
den Bund besiegeln mit Eiden -- Leben fr Leben, Tod oder Freiheit und
Rache!

Leben fr Leben! Kanella frei, oder wir verderbt! schrien alle, und
wilde Schwrmerei umfate sie.

Die Weinbecher wurden gefllt und geleert. Borsellinos Geist umschwebt
uns! rief _Giovanni_: er sieht wohlgefllig unsern Bund! wohlan, lat uns
gehn und ringen, als Brder oder sterben mit Brudertreue. Heda, wir trinken
Bruderschaft, nicht etwa in Wein, sondern in unserm Blute. Auf, folgt mir
nach!

Er ergrif ein Messer, sties es sich in die linke Hand, da das rauchende
Blut in seinen Pokal strzte. Jeder that ein gleiches; ging durch einander
her, lies jedem von seinem blutigen Becher kosten, und trank von des andern
Blut.

Aber mitten in dem Rausch dieser Begeisterung ffneten sich die Thren --
es blizten Gewehre herein -- die Verschwornen erstarrten, die Leibwache
Piedros besezte rings das Zimmer und rief: ergebt euch auf Gnade und
Ungnade!




Viertes Kapitel.
Das Haus im rothen Walde.


Es ist unverzeihlich, da wir _Florentinen_ so lange verlieen, ohne uns
zu bekmmern, wem das Haus im Walde angehrte, wer die Thr fnete, wen
_Florentin_ hier erblikte und welche Miene er annahm, als er wieder
herausging? Was interessirte uns der wollstige, Kabalenschtige Hof zu
Kanella? was jenes unzufriedne feige Volk, das nicht Muth genug hatte seine
Ketten abzuwerfen? was die _Borsellinos_, _Giovanni's_, _Lauren_ und
_Eo's_?

Machen Sie mir keine Vorwrfe, meine Leser! Es ist nun einmal meine
Absicht, mich ungenirt auf meinem wilden Pegasus _Fantasie_ herum zu
tummeln, und ohne mich nach den Launen und der Neugier meiner Beobachter zu
richten, bald in Osten, bald in Westen, bald unter guten, bald unter
schlechten Menschen, bald in den lieblichen Revieren lndlicher Einfalt und
Unschuld, bald an Hfen, wo Kunst die Natur verstmmelt und verzerrt, bald
auf schauerlichen Wahlplzzen, wo ein leidendes Volk verzweiflungsvoll nach
Freiheit ringt, zu schwrmen.

Doch, ohne uns lnger die edle Zeit mit Geznken zu verderben, lat uns mit
_Florentin_ in die ehrwrdige Provinzialversammlung der _schwarzen Brder_
treten. Wahrscheinlich erhlt mancher Leser, welcher nach Aufklrung ber
das Wesen derselben drstet, mit dem grflichen Novitz, Befriedigung.

Wer hauset hier? fragte _Florentin_ den Bruder Holzhakker.

Der Forstmeister _Blattrabe_, ein Schwarzer! antwortete _Hugo_. Dieser
fhrte seinen Mann in ein Zimmer, kleidete ihn da in ein schwarzes Gewand,
ffnete darauf eine Nebenthr und lies den frohbestrzten _Duur_
hineintreten.

Florentin sah sich wieder in der Mitte der Unbekannten, wieder in seinen
Traum zurkgesezt. Es war ein groer, prchtiger Saal, erleuchtet von
unzhligen Wachskerzen, angefllt von einer ansehnlichen Menge schwarzer
Herrn. Viel derselben eilten ihm sogleich entgegen, umarmten ihn, wnschten
ihm Glk zur Aufnahme in den Bund der schwarzen Brder, sprachen mit ihm
von gewissen Szenen seines Lebens so bekannt, so vertraut, als wren sie
Zuschauer und Theilnehmer derselben gewesen.

Man mischte sich brderlich untereinander, fllte die Weinglser, sang
feierliche Bundesgesnge; trank Gesundheiten und rief mehr als einmahl: _es
lebe republikanische Freiheit_.

Aber _Florentin_ wute sich eigentlich noch nicht in diesen Wirrwarr zu
finden; sein Herz sehnte sich nach dem, was _Holder_ ihm verheissen hatte,
und welches er gewi hier antreffen sollte. Doch es vergiengen anderthalb
Stunden, ehe man Miene machte, die Nacht mit etwas anderm, als Singen,
Trinken, freundschaftlichen und politischen Diskursen hinzubringen. -- --
--

Mit einemmahle nderte sich die Szene. Jeder ri den Faden des Gesprchs
ab; dieser sezte das schon zum Trinken aufgehobne Weinglas nieder, jener
verzog sein Lcheln in die Falten des Ernstes. Aufmerksam wandte sich jedes
Angesicht zu einem erhabnen Stuhle, welchen ein Greis so eben in Besiz
genommen hatte.

Einige Minuten herrschte eine ungewhnliche Stille, wie in einer
Todtengruft; alles schien sich zu einer merkwrdigen Sache vorzubereiten.

Nun, Vinzenz, sprach der _Greis_ vom Stuhle herab, indem er dem _Grafen_
mit der Hand winkte: nun tretet mir nher. _Florentin_ gehorchte; er ging
nher zu dem Manne, dessen Anstand, Gebehrden, Sprache und Gesichtszge
ganz dem Ideale entsprach, welches sich unsre Einbildungskraft von
Ehrfurcht erwekkender persnlicher Majestt zu machen gewohnt ist.
_Florentin_ hatte vor Frsten gestanden, aber nie einen solchen Grad der
Hochachtung empfunden als izt.

Wir haben Euch werth gefunden ein Glied in der Kette der schwarzen Bruder
zu werden! fuhr der Mann fort, welcher Verehrung abzwang: Euer Wunsch sei
Euch gewhrt. -- Bruder, unser aller Bruder, bedenket wohl, zu welcher
Menschengattung Ihr gerathen seid! Bedenket wohl, da von nun an das
allgemeine Glk des Menschen euch nher liegt, als sonst -- da Ihr nicht
mehr so sehr fr Euer Interesse allein arbeiten drfet -- da klippenvolle
Umwege knftig Eures Lebens Pfade, Gefahren Eure Fhrerinnen, Mhe und
Sorgen Eure Erholungen, und Undank der Menschen Eure Belohnungen sind! --
Noch einmahl drfet Ihr whlen: bleibt und seid unser Bruder, oder gehet,
und schweiget von dem was zwischen uns vorgefallen ist.

Florentin. (stark) Ich bleibe, bin Euer Bruder.

Greis. Du hast gewhlt, von nun an ist jeder Rktritt unmglich. Du bist
und bleibest unser im Guten und Widrigen; nie werden wir dich verlassen,
aber nie wirst du auch, als Verrther, unserm Arm entwischen knnen, es sei
denn, durch die Pforten des Todes. Hrst du, du bist unser! _ganz unser!_
zerbrochen hast du jezt alle Ketten, die dich an andre Verhltnisse binden,
-- sei _treu_, Vinzenz, um deiner _Wohlfarth_ willen, sei treu! Und bist du
in der Treue bewhrt -- dann mache Ansprche auf unsere Vergeltung deiner
Thaten. Und vergelten wollen wir, so wahr Gott allgegenwrtig ist, der
unser Versprechen hrt, und den Bruch desselben rge in Zeit und Ewigkeit!
-- Auch trume nicht, Vinzenz, schon jezt die _hchste Stufe_ in unserm
Orden erstiegen zu haben, dahin erheben dich erst _Verdienste_. Doch so
viel du als Bundesglied erfahren darfst in deinem Range, wollen wir dir
nicht verheelen.

Der _Greis_ winkte. Einer der _schwarzen Brder_ trat hervor, wandte sich
zum _Grafen_ und redete also:

Unser Bruder! treue Freundschaft ist die Quelle unsers Glks. Disharmonie
zerstrt Staaten. Dies war von jeher der Grund, auf welchen alle Systeme
irrdischer Glkseeligkeit erbaut wurden. Banditen und Ruber verbanden sich
mit einander auf die Ruinen fremden Glks das ihrige zu grnden. Aberglaube
und Schwrmerei verbrderten sich auf das Elend der Zeitgenossen das groe
Gebude einer allgemeinen Hierarchie zu errichten -- warum sollten sich nun
nicht auch _brave_ Mnner mit _denkenden_ Kpfen vereingen, dem allgemeinen
Unwesen, welches die Menschheit unter tausenderlei Verkappungen verheert
und elend macht, _entgegen -- zu arbeiten_? -- Soll ich Euch das
menschliche Elend in seiner ganzen, schauerlichen Gre malen? soll ich
Euch die mancherlei Klassen ffentlicher und heimlicher Bsewichter vom
Thron herab bis zum Bettler durch alle Stnde schildern? -- Fordert Ihrs;
so trage ich Mitleid mit Eurer wenigen Kenntni der Welt, und Eurer
_Stubenweisheit_; Ihr wrt kein Mann fr uns.

Nur Leute vom erprobtesten guten Herzen und gutem Kopfe werden in unsern
Bund aufgenommen, und diese befrdern wir nach allen Krften zu _den
vorzglichern Aemtern_ des Staats, damit sie fr _ihr_ Herz und _ihren_
Kopf den ausgebreitetsten Wirkungskreis auf das _Wohl des Ganzen_ erhalten.
Der Staat gewinnt dadurch Mnner in seine Aemter, wie sie sein _sollten_;
Dummkpfe, die durch Geld, Familienansehen oder andre Schleichwege nach
glnzenden Posten trachten, werden zurkgedrngt. Und finden wir einen
herrlichen Mann auf dem Wege zu solchem Amte; so helfen _wir_ ihm _selber_
empor, und ist er noch der schwarzen Brder keiner, so wird ers dann
_jedesmahl_. -- Daher kmmts, da wir jeden schzbaren Mann, er lebe im
Staate wo und in Dunkelheit gehllt, wie er wolle, auf _unsrer Liste_
fhren und bei Gelegenheit hervorziehn. Auch geringere Leute stehn in
unsern _Sold_, an uns gekettet durch die festesten Banden, und die sind
unsre Spione, nothwendige Helfershelfer -- sie wissen nichts von dem, was
unter uns _Hhern_ vorgeht, und erscheinen seltner in unsern Synoden.

Ungeachtet aber wir einander selber unser zeitliches Wohl befrdern: so
sind Menschen doch immer _Menschen_, oft von schwachen Grundszzen, oder
voll unglaublicher Verstellung. Verschwiegenheit und Treue zu beobachten
werden die Novizen mit einem _Eide_ verpflichtet. Wen Wort und Versprechen
nicht mehr bindet, verdient nicht Mitglied im Orden der redlichen
Menschheit, geschweige in unserm Bunde, zu sein. Doch wollte ein _solcher_
auch nachtheilig fr uns werden, uns _verrathen_: so wird er doch nur
Kleinigkeiten auszuschwazzen wissen, denn er kennet wenige Mitglieder, von
den meisten nur den _angetauften Ordensnamen_ der Bndner und Stdte. Das
Noviziat dauert nach Beschaffenheit der Verhltnisse lnger oder krzer --
Treue, Eifer und groe Thaten weihen erst zum Anschaun tieferer Misterien
ein. Wehe aber dem _Verrther_! unmittelbare Strafe folgt ihm auf dem Fue
nach, die um so furchtbarer ist, je _ausgedehnter_ die Macht des Bundes, je
_unsichtbarer_ die _Rcher_ sind!

Von Seiten der Verrtherei haben wir also wenig nur zu befrchten. Jezt
hrt mehr! Ihr seid knftighin verbunden, wie jedes andre Glied unsrer
Kette _vierteljhrige_ Nachrichten von Euern _Plnen, Thaten,
Familienumstnden, Vernderungen des Aufenthalts, neuen Bekanntschaften u.
s. f._ ohne Heuchelei und Trug an den _Ordensregenten_ Eurer Provinz
einzuliefern, das heit, der _Ordensprovinz_, in welcher Ihr Euch befindet.
Die Regenten haben unter sich wiederum einen _Obern_, der uns allen
unbekannt ist, die wir nie auf dem Regentenstuhle saen. An diesen Obern
flieen die merkwrdigsten Gegenstnde aus der Geschichte des Bundes in
Auszgen von den Regenten aus ihren Provinzialmemoiren geliefert. Dieser
_Obere_ berblikt das _Ganze_; _unbekannt_ wirkt er auf alle; theilt den
Regenten Entschlsse mit; formt Staaten um und hat Kunde von den
Kabinettsgeheimnissen aller Mchte in Norden, Sden, Westen und Osten, --
wo denn _ein_ Federzug von ihm, sobald es der Menschheit heilsam ist,
Kriege, Aufrhre, Staatsumwlzungen und Friedensschlsse verursacht. Er ist
ein _Gott_, welcher ber die Frsten dieser Welt durch die ausgebreitetste,
fein- und festgewebteste, ehrwrdigste Verbindung der besten Kpfe und
Karaktere jedes Reichs, _erhaben_ steht; welcher Potentaten lenkt am
unsichtbaren Faden seiner Macht; ihnen beglkende Plne zuspielt, oder
schlechte zerreit. Ihr staunet? -- Ha, _Vinzenz_, es ist schmeichelhaft,
die Laienwelt unvermerkt hinzudrngen zum Ziele alles Strebens, zum
_allgemeinen Wohl_! -- Es ist schmeichelhaft, mit seinen Augen die Zukunft
guten Theils schon jezt durchschauen zu knnen; Entwrfe in unsern
_Archiven_ zu erblikken, welche diesem oder jenem Monarchen vorgeschrieben
wurden, die er ausfhrte oder noch vollenden soll. Noch ists nicht die
Zeit, aber einst wird sie tagen, wo wir _Urkunden ber die Motive mancher
ehmaligen Begebenheiten_ ausstellen, und die neuere Geschichte der Welt
frchterlich _reformiren_ werden. Wer, meint Ihr, Vinzenz wars, der die
_Jesuiten_ entthronte? wer, der die Befreiung _Nordamerikas_ beschlos und
vollenden half? wer, durch dessen Arm Knste und Wissenschaften in die
nrdlichern unkultivirten Gegenden des Erdbodens verpflanzte? wer, der den
Geist des Freidenkens und Aufklrens ber _Deutschland_ ausgo? -- O,
knnte mancher _Todte_, drfte mancher _Lebende_, von dem man es am
_wenigsten_ erwarten sollte, _reden_! -- Vinzenz -- doch ich schweige!
Aber, wer _Ohren_ hat zu hren, der _hre_! wer _Augen hat zu sehen, der
sehe nun!_ -- Es kann noch kein Jahrhundert verflieen: so wird man nie
getrumte Verwandlungen in den Staatsverhltnissen Europens wahrnehmen;
_Kanella, Holland, Brabant, Frankreich, Pohlen, Ost- und Westindien_ werden
unter den Hnden der schwarzen Brder neue, dem menschlichen Geschlechte
wohlthtige Formen gewinnen. -- Ihr zweifelt?

Ich erstaune! rief _Bruder Vinzenz_, und schlug die Hnde zusammen.

Wenn Ihr wit, da wir aus unsrer Mitte die Mnner liefern, welche die
interessantesten Rollen im Staate zu spielen haben; die Rthe zum
christlichen Ministerio, Konsisiorio, Militair, Schulwesen, und so liefern;
wit, da Schriftsteller, Hofleute, Aerzte, Bischffe, Lehrer,
Prinzenerzieher, Buchhndler, Kapitalisten, Kriegsleute, Schauspieler unsre
Genossen sind, die _eine Kette_ in _vielen_ aneinanderhngenden _Gliedern_
ausmachen, so denke ich, werdet Ihr nicht mehr zum Erstaunen Ursach haben.

Aber wie, entgegnete bestrzter, als je, der _Graf_: wie ists
mglich, da Mnner von so verschiednen Talenten und Launen fr den
schwarzen Bruderbund gewonnen, festgehalten, und an _einem_ Ziele
hingestimmt werden knnen?

Eben ihre _Talente, Schiksale_ und _Launen_ sind es, deren wir uns
bedienen, sie an uns zu ziehn, und festzuhalten! erwiederte der _Redner_:
Denket an _Euch_! _Holder_ lie Euch einen Traum von zween Tagen trumen;
ein Schlaftrunk brachte Euch in unsere Gewalt; berauschende Getrnke
schlossen uns Euern Karakter ganz auf; wir gaben Euch durch mancherlei
Maschienerien diejenige Seelenstimmung, welche wir wollten; wir enthllten
Euch, so viel Ihr anfangs wissen drftet, um lstern nach mehrern
Offenbarungen zu werden. Euer Traum war vorbei. Wir beobachteten Euch nach
demselben; Ihr gewannet unsern Beifall, Euer Schiksal an Adolfs Hofe machte
Euch ganz zu unserm Eigenthum. Jezt seid Ihr unser, so wie wir Euer, Ihr
werdet gern zur Ausfhrung unsrer wohlthtigen Absichten fr die Menschheit
stimmen, wenn Ihr anders das Biederherz in der That besizzet, welches Ihr
zu besizzen durch mehr, als eine, Handlung zu verrathen gabet. -- Und so,
Vinzenz, wie _Ihr_, auch _tausende_. Glaubt mir, _es ist nichts leichter,
als Menschen zu erobern und an Entwrfe festzuschmieden, wenn man ihr
Temperament zur Kette fr sie macht!_

Florentin. Aber wie mag nun dieser ungeheure Kolo zur Bewerkstelligung
_einer einzigen_ groen Absicht hingeleitet werden? Sollten nie
Uneinigkeiten unter Euch herrschen? sollte in Eurem Bunde das Sprchwort
zum erstenmahle lgen: viel Kpfe, viel Sinne?

Redner. Uneinigkeiten sind nach der Einrichtung unsere Bundes _unmglich_.
Die weisesten, edelsten, leidenschaftslosesten Mnner machen das kleine
Corps unserer Obern aus -- und wo die Leidenschaft _schweigt_, findet sich
das _Gute_ und die _Wahrheit_ bald. Sodann gehn die Befehle von dem Munde
der Regenten an die einzelnen Bndner, und zwar so, da jeder _Kopf_ etwas
_seinem_ Sinne behagliches zur Ausfhrung empfngt. Jeder Befehl ist weiter
nichts, als die _besondre_ Aufmunterung zu einer _jezt vorzglich
nothwendigen guten That_. Jeder _Kopf_ wirkt nun nach seinem _Sinn_ wie wir
es wnschen im Staatsrathe, in dem Sinedrio, in Parlamenten, in
Reichsversammlungen, Landtgen, Kirchen, Schulen, Schriften, Schauspielen
-- kurz von allen Seiten her wirkt alles nun nach _einem_ Mittelpunkt hin.
--

Florentin. (begeistert) Man sagt in der gewhnlichen Welt; der Flug des
menschlichen Geistes sei in unsern Tagen khn und erhaben, aber, bei Gott,
hier ducht mir jede groe That, wie Knabentndelei gegen das Werk eines
Riesen.

Redner. Ihr scheint auer Euch zu sein, Vinzenz, schon berauscht zu sein
vom ersten flchtigen Abschlrfen des Bechers, welchen wir Euch reichen --
wie wird es werden, wenn Ihr ihn ganz auszuleeren Erlaubnis und Macht
empfanget?

Florentin. Also harrt meiner noch eine Zeit, welche viel grssere
Geheimnisse abschleiern kann?

Redner. Wohl harrt sie Eurer!

Florentin. Ihr strzt mich von einem Erstaunen ins andre; ich komme nicht
zu mir selber.

Redner. Glaubet mir, Bruder, da zwischen Erd und Himmel noch _Wahrheiten_
und _Mglichkeiten_ im geheimnisvollen Dunkel wohnen, noch _Sinne_ fr
_gewisse Dinge_ vorhanden sind, von welchen der groen Schaar hochgelahrter
Akademisten und Stubengelehrten noch nicht die flchtigste Muthmaaung
angeschwebt ist! -- Doch vor izt habet Ihr genug erfahren; groe Handlungen
bahnen Euch den Weg zu erhabnern Einsichten. Amen!

_Florentins_ Bestrzung lt sich unmglich beschreiben. Man hrte auf zu
ihm allein zu reden, sondern die Unterhandlung wurde wie vorher,
gemeinschaftlicher, lebhafter. Nur _Florentin_, mit unter einander
geschlagnen Armen, in tiefer Betrachtung herabgesenktem Haupte, stand
unbeweglich da auf seiner Stelle, und achtete nicht auf das, was um ihn her
vorging.

Einer der _Schwarzen_, der hhern Ranges im Bunde zu schien, schlos sich
jezt an ihn:

Die Zeit unsers Beisammenbleibens ist kurz; vergrabet Euch nicht in Euch
selber, Vinzenz, sondern benuzzet die flchtigen Minuten!

Florentin. Gott! sollt' es mglich sein alles das, was ich so eben gehret
habe? -- Ist die Gewalt unsers Bundes in der That so gro?

Ein Schwarzer. Unstreitig.

Der Redner. Jeden Zweifel in Eurer Brust zu tdten ist unsre und Eure
Pflicht; unbegrnztes Vertrauen auf die Macht der schwarzen Brder ist Euch
nothwendig. Fordert deswegen von dem Orden ein Beweisstk dessen, was ich
Euch im Namen der Brder vortrug.

Florentin. (zurkgezogen) Ich fodre nicht, -- ich zweifle nicht mehr.

Der Redner. Ihr sollt durch Thatsachen berfhrt werden, da wir nur
Wahrheit reden und nicht prahlen knnen. Wnschet!

Florentin. Ich -- doch nein, jeder Wunsch wrde beleidigenden Verdacht
ussern mssen.

Viele Brder. Verlanget! wnschet! wir bitten Euch.

Florentin. (stokkend) Fhrt mir die liebenswrdige Schwester des Herzog
Adolf, und wenn auch nur auf eine kurze Zeit, zu.

Der Greis. (lchelnd) Mehr nicht?

Florentin. (staunend) Ich befrchtete, um eine Unmglichkeit gebeten zu
haben.

Der Greis. Ihr habt jezt, weil Ihr von allen andern Verbindungen durch Eure
Landesverweisung abgerissen seid, fr den Orden, in Sachen der
_menschlichen Freiheit_, eine ansehnliche, baldige Reise vor Euch. Diese
lt sich unmglich aufschieben -- aber auch in fremden, ziemlich
entfernten Landen soll Euch Euer Wunsch gewhrt werden.

Florentin. Wann -- wann soll ich die Prinzessin Louise sehn?

Der Greis. Dann, Vinzenz, wann Euch Erquikkung nach der Arbeit noth ist. --
Dies knnte wohl bald geschehn!

Florentin. In einem entlegnen Lande die Prinzein wiederfinden? Ist das
mglich?

Der Greis. (ihm die Hand drkkend) Vertrauet uns!

Einige der Schwarzen. Der Morgen graut! lat uns zum Ziele eilen!

Der _Greis_ nahm sogleich seinen Thronsessel von neuem ein; die schwarzen
Brder stellten sich um denselben schweigend hin und der _Redner_ fhrte
abermals den _Grafen_ vor den _Greis_ und die Versammlung.

Laut Nachrichten, die wir von dem Obern empfangen, begann der _Redner_:
beluft sich die Zahl der schwarzen Brder in Kanella nicht hoch. Es sind
ihrer nur zehn; seit dem Tode Borsellinos noch _neun_. Die Zahl derselben
mu vermehrt, und Kanellas despotische Regierungsform umgeschmolzen werden.
Die Brger Kanellas bedrfen eines Anfhrers, um frei zu werden,
loszuschtteln die angelegten Ketten, zu zerschmettern den Thron, um
welchen die Elenden, als Sklaven kriechen. -- Vinzenz, wir haben Euch
geprft! Ihr seid zum Befreier Kanellas berufen?

Florentin. (den Redner anstarrend) Ich _berufen_?

Redner. Verhllt Eure Talente, Eure Wissenschaften, Euern unternehmenden
Geist nicht vor uns in den unnzzen Mantel der Bescheidenheit -- Kanella
hofft von Euch Freiheit.

Florentin. Werd _ich_ sie dem unglklichen Staate geben knnen? -- An Muth
mangelts dieser Brust nicht, ein solches gefhrliches Wagstck zu wagen;
schon der Gedank' ist begeisternd, es zu unternehmen, was nur die grten
Mnner je unternahmen, wenn auch eignes Unglk nothwendig an das Glk
Kanellas gebunden lge -- aber -- -- --




Fnftes Kapitel.
Etwas fr Republikaner.


Ich weis nicht, ob ich nicht mancher meiner Leser -- ermden wrde, wenn
ich ihm von den politischen Plnen der schwarzen Herrn vorplauderte; ich
weis aber auch nicht, ob ich manchem gefallen knnte, wenn ich die Grnde
des schwarzen Bundes zu Staatsreformen verschwiege -- beiden also ein
Genge zu thun, widme ich diesem Stoffe ein eignes Kapitelchen, welches nun
nach Belieben zu lesen oder zu berblttern ist.

_Florentin_, der dstre, wilde _Florentin_, welcher so unglklich war,
Alles zu verlieren, was ihm hienieden Seeligkeit war, eine Geliebte, viele
Freunde und Freundinnen, Verwandte, Vaterland, Aussichten in ein
Thatenreiches Leben zu verlieren; _Florentin_, dessen brennender,
unersttlicher Durst nach Ruhm und groen Handlungen aus jeder seiner
ehmaligen Absichten zu erkennen war, und welcher jezt in der Mitte von
Mnnern, die mit ihm so sehr in diesem Punkte harmonirten, doppelt anwuchs;
_Florentin_, der jedes, auch das geringste Elend des Menschen so innig
mitfhlte, der aus jenem erknstelten, wachendgetrumten Traum einen
frchterlichen Ha wider alle frstliche Despotie eingesogen hatte --
dieser _Florentin_, sage ich, konnte unmglich lnger einem Antrage
widerstehn, der so sehr allen Gefhlen, Affekten und Leidenschaften in ihm
schmeichelhaft klang.[A] -- Er htte lieber aufjauchzen mgen im Hoch- und
Frohgefhl seiner Seele, bei dem Zuruf der _Schwarzen_: seid Kanella's
Retter! als einen unnatrlichen Widerwillen oder Gleichgltigkeit zu
simuliren. -- Er konnte nicht lange diese Maske tragen; er warf sie ab und
alle Anwesende riefen ihm Beifall und Glkwnsche.

[Funote A: Hier hatte der Orden praktisch bewiesen, da nichts leichter
sei, als jemanden am Zaum seiner Neigungen zu einem beliebigen Ziele
hinzuleiten!]

Der _schwarze Redner_ aber reichte ihm ein versiegeltes Paket Schriften,
welches fernerweitige Instrukzionen des Ordens bei dieser seiner Operation
enthielt, welche der _Graf_ zu sich nahm, und worauf jener so eine Apologie
dieser Handlung des Ordens anhub:

Brder, der Zwek unsers alten Bundes wars immer: Befrderung menschlicher
Glkseligkeit, sie zu bewachen in einzelnen Personen und im Ganzen. Der
feinsten Moral wird durch diesen Grundsaz nicht wehe gethan, eben so wenig
durch die Mittel denselben anwendbar zu machen!

Und wenn nun ein ganzes Volk unterm Tyrannenjoche seufzend, seine Rechte
zertreten, seinen Handel und Gewerbe bltenlos, seine Freuden vernichtet
sieht -- sollte solch ein Gegenstand, welcher das Gefhl jedes Menschen
emprt, nicht auch unser Erbarmen rege machen? Freiheit ist nun einmahl der
Natur schnstes Vermchtnis an den Sterblichen, darf ein Mensch dieses dem
andern gewaltsam oder listigerweise rauben? Sklaverei ist der Tod alles
irdischen Glks! --

Zwar hat das Volk seinem Frsten gewisse Rechte zuerkannt, aber nie das
Recht der allgemeinen Freiheitsruberei. Das Volk ist nicht um des Frsten
willen, sondern der Frst um des Volkes willen vorhanden.

Jeder Staat ist an sich eine Republik; brgerliche Ordnung und Sicherheit
zu erhalten mgen _mehrere_, oder _einer_ die Aufsicht ber das gemeine
Wesen haben, -- gleichviel, wenn nur die Beschzzer der Ordnung und Ruhe
ihre Pflicht erfllen, da Gott und Menschheit zufrieden sein drfen. Wie
aber, wenn das Gegentheil eintritt? soll da das Volk verzweifeln und
schweigen? soll der zertretne Wurm sich nicht krmmen drfen unter den
eisernen Fersen der Grausamkeit? soll das freigebohrne Volk seine geraubte
Freiheit nicht wiederfodern drfen?

O, es mssen viele Szenen vorangehn, ehe die Nazionen sich auflehnen, ehe
die Liebe zu ihren Beherrschern ausgetilgt wird! Nur die _Verzweiflung_
wagt erst einen solchen Schritt, aber dieser ist dann auch desto
_frchterlicher_!

Nur erst, wenn jede andre Hoffnung dem bedrngten Volke entschwindet, wenn
eine ganze Reihe von Tyrannen und Tyranneien die Geduld desselben ermdete,
wenn neue Neronen zum Ruin des Landes ausgebildet, die traurigste Aussicht
in die Zukunft darstellen, nur dann erst ist das Volt berechtet,
eigenmchtige Vernderungen in seiner Regierung vorzunehmen.

Brder, sehet auf manche Staaten Europens -- und fhlet Ahndungen. Nicht
vergeblich hat der Orden der schwarzen Brder allenthalben und durch
mannigfache Mittel den Geist der Freiheit auszubreiten gesucht -- nicht
umsonst sind dadurch hie und da kleine Revolten entsprungen; alles dies
geschah die Landesherrn aufmerksamer auf ihr, ihnen vom Volke anvertrautes,
Amt zu machen, wehe ihnen, wenn sie diese unsre Winke miverstehen!

Htten alle Nazionen nur _Josephe_, _Friedriche_, und _Wilhelme_ auf ihren
Thronen, o, so wrde nie ein Miston in die Hymnen derselben auf ihre
Frsten einschleichen! Aber mancher Staat ist unglklich genug, einen
_Piedro_, einen _Ludwig_ als seinen Landesvater verehren zu mssen,
unglklich genug noch eine ganze Reihe von _Piedronen_ und _Ludwigen_
erwarten zu mssen, -- darum, Freunde habet auf die Folgen wohl acht!

Auf, Vinzenz, flieget nach Kanella, feuert den Genius des Volkes wieder
an, gro und liebenswrdig zu sein, wie ehmals; durchsphet die Intriguen
der Mittyrannen Piedros, wiegelt Volk und Frsten gegen einander auf,
verlieret eher Euer Leben, als Euern Muth. Freilich ist der Kampf zwischen
Sklaverei und Freiheit schreklich, er wird mit Brgerblut verbunden sein;
aber der Staat laborirt an einer Todeskrankheit, Ihr seid der Arzt; lat es
immer hin zur furchtbaren Krisis kommen, die Krankheit mu sich brechen.
Eilet hin, _Piedros_ Grausamkeiten ein Ziel zu sezzen, -- ein andrer soll,
spter oder frher _Ludwigen_ ein Gleiches thun![A]

Aufklrendes, herrliches Jahrhundert, du erschienst den Erdbewohnern in
einem glnzenden Gefolge -- fhrst du uns nicht auch die goldne
republikanische Freiheit zu? -- Geht, Vinzenz, wir sehen im Geiste einen
schnen Ausgang Eurer Unternehmungen zuvor. Und sollte Euer Muth
erschlaffen: so suchet in den Jahrbchern der Welt die seligsten Perioden
der meisten Vlker auf, Ihr werdet sie finden unter der Rubrik:
_republikanische Staatsverfassung_. Forschet dann nach den traurigsten
Zustnden der meisten Vlker, Ihr findet sie grtentheils unter der
Regierung monarchischer Despoten. _Rom_ und _Griechenland_ sanken, als sie
nicht mehr frei waren, die _nordamerikanischen Freistaaten_ stiegen empor,
da sie frei wurden!

[Funote A: Die _schwarzen Herrn_ sind frchterliche Worthalter; wem ist
Frankreichs jezzige Lage, _Ludwigs_ mislungene Flucht aus seinem Reiche
unbekannt?]

Gegen einen _Numa, Titus, Mark Aurel, Alraschid, Nusirvan, Heinrich_ IV.
_Friedrich_ II. _Joseph_ II., _Fr. Wilhelm_ II. findet Ihr immer zehn
_Alexanders, Solimanne, Tarquine, Neronen, Kaligulas, Herodesse,
Genserichs, Christierne, Mulei Ismaels, Karl_ XII., _Philippe_ II. u. s. w.
Gelstet Euch zur Belustigung von _Bluthochzeiten_, oder Greueln eines
_Alba_ zu lesen: so forschet in den monarchischen Regierungen nach. Und
erwacht dann nicht Euer Muth, emprt sich dann nicht Euer Herz, erglhet
dann nicht Euer Busen vom Thatenschtigen, Hlfe und Rettung suchenden
Erbarmen: so habt ihr nie an den Brsten einer Sterblichen gesogen! -- Auf,
es lebe die Freiheit, sei es in Demokratien, oder weisen Monarchien![A]

Der _Redner_ riefs, und die Versammlung der _schwarzen Brder_ stimmte
Tutti ein: es lebe die Freiheit! die Glser wurden geschwnkt, Gesnge der
Freiheit wurden gesungen, und, trunken von lieblicher Schwrmerei schied
man beim Anbruch des Morgens auseinander. In einer Chaise des Forstmeisters
_Blattrabe_ traf _Florentin_ an eben dem Tage wieder zu _Munchenwall_ ein.

[Funote A: Meints der schwarze Redner _so_, wer wird da nicht freudig
mitrufen: es lebe die Freiheit!? -- Und wenn er mit dem vorigen sagen will,
da Laune eines Frsten oft _tausende_, dahingegen die Laune eines
republikanischen Volkes nur _einzelne_ Brger elend machen kann: so wird
ihm niemand Unrecht geben.]




Sechstes Kapitel.
Die Eremitage.


Keiner war lustiger, als der ehrliche _Badner_, da er seinen Herrn
wiederkommen sah.

Wars mirs doch schon gewaltig bang' um Sie! rief er ihm entgegen: ich
dachte, hohl' mich, straf mich! unser gndiger Herr hat ein unglkliches
Abentheuer gehabt, siehst ihn gewis nicht vergngt wieder!

Du hast dich diesmahl unnthig gengstet!

Hab ichs? nun, meiner Sixt! das freut mich.

Der alte, gute Mann lief jezt Trepp an, Treppe nieder, seinem Grafen alle
Wnsche zu erfllen, die er nur aus dessen Blicken zu lesen glaubte.
Nachdem sichs _Florentin_ bequem gemacht, und _Badner_ die Schokolate
besorgt hatte, mute sich der leztre zu ihm niedersezzen.

Hre, Badner, _Florentin_: bezahl' unserm Wirthe die Rechnung, sorge fr
alles, was zu einer ziemlich langen Reise nothwendig ist, pakke ein, und
halte alles bereit, damit wir Morgen in der Frhe Munchenwall verlassen
knnen.

Badner. Gehts wirklich schon fort? -- scharmant! mir behagts auch meiner
Treu in diesem Neste nicht mehr.

Florentin. Aber wirds dir auch dort behagen, wohin ich jezt reise, und wo
ich wahrscheinlich mehr als ein Jahr zubringen werde?

Badner. Das ist --?

Florentin. In Kanella.

Badner. Hu, so weit vom deutschen Vaterlande?

Florentin. Meine Pflicht ruft mich dahin.

Badner. Gndger Herr, Sie wissen doch da es dort in jezzigen Tagen ein
unsichers Leben ist?

Florentin. Ich weis es.

Badner. Der Herzog soll ja, wie die Zeitungen lauten, ein leibhaftiger
Behemot sein!

Florentin. Eben deswegen.

Badner. Wie? Sie werden sich doch nicht in die Hndel dort hineinmengen
wollen?

Florentin. Vielleicht.

Badner. Ei! ei!

Florentin. Willst du mit mir? willst du da Glk und Unglk einige Jahre mit
mir theilen?

Badner. (sich hinter den Ohren krauend) Wenns nur im heiligen deutschen
Reiche wre -- aber, meiner Sixt, die Kanelleser sind heuer gar nicht
aufgelegt, einem das Leben angenehm zu machen.

Florentin. Zwingen will ich dich nicht, mir zu folgen. Willst du bleiben im
Vaterlande, so widerstehe ich dir nicht, ich bezahle dir meine Schuld, gebe
dir Empfehlungen, so viel ich geben kann, und scheide von dir, als Freund.

Badner. (bieder) Nein, gndiger Herr, ich folge; und wenn sie zu den
Hottentotten gingen, ich folgte. Verlassen will und kann ich Sie nicht. --
Wollen Sie mich behalten?

Florentin. Eine unnthige Frage, lieber Badner!

Badner. Na, so bin ich der Ihrige mit Seel und Leib bis an mein seelges
Ende. Ich gehe in Gottes Namen mit Ihnen aus Deutschland, -- zurkbringen
werden Sie mich wohl nicht wieder.

Florentin. Frag Gottholden, ob er Lust hat nach Kanella zu gehn, weigert er
sich, so zahle ihm seinen vollen Lohn aus.

Badner. O, der bleibt bei uns! -- na, allons, eingepakt, 's geht risch nach
Kanella!

Der _Alte_ entfernte sich froh gelaunt; _Florentin_ erbrach das Paket,
welches er in der nchtlichen Versammlung der schwarzen Brder empfangen
hatte und las mit Begierde alles darin, was lesbar hies.

Was fr uns beinahe nicht weniger Interesse darunter haben knnte, als fr
_Florentin_, theile ich mit. Erstlich ein Empfehlungsschreiben Sr. Herzogl.
Durchlaucht, _Adolfs_, an den Hof zu Kanella. Dies hatten die _schwarzen
Brder_ vom Herzog _Adolf_ fr den Grafen von _Duur_ ausgewirkt.
_Florentin_ verwunderte sich bas ob dieser Erscheinung, denn dies schien
offenbar zu verrathen, da auch sein ehmaliger frstlicher Freund unter die
frchterliche Anzahl der schwarzen Brder gehre. Und berdies war es an
sich nichts Unmgliches, weil _Adolfs_ politisches Interesse durch eine
solche Verbindung schlechterdings Nuzzen gewann. Und warum htten die
Schwarzen nicht einen so guten Frsten unter sich aufnehmen sollen, und
knnen, da sie hier eine wichtige Stzze erhielten, und es nicht grssere
Mhe kostet einen Frsten in ein gewisses Interesse zu verspinnen, als
einen andern Menschen? Kurz, es war ungemein wahrscheinlich! -- Das
Empfehlungsschreiben mute zu seiner Zeit die gewnschte Wirkung
hervorbringen, um so mehr, da _Adolf_ mit dem Geblte _Piedros_ weitluftig
verwandt war.

Ich knnte hier noch die besondern Instrukzionen des Ordens erwhnen, oder
der Wechselbriefe, welche Florentinen im Fall der Noth zum Herrn
ansehnlicher Summen machen konnten; aber ich schlpfe ber das alles
stillschweigend hin, weil die Folgen der Instrukzion und Wechsel vielleicht
knftig sichtbar werden werden, und gehe zu einem Briefe ber, den Freund
_Holder_ aus Sorbenburg geschrieben, und mit zwei Miniaturgemlden,
_Holdern_ und _Louisen_ vorstellend, beschwert.

_Lieber Graf!_

Ich bin izt von einer kurzen Reise heimgekommen, setze mich sogleich hin
und schreibe dir, weil ich wnsche, da dich dieser Brief noch in
Munchenwall antreffen mgte. -- Du gehst also nach _Kanella_? Glk zu,
Bruder! ich denke du wirst dort in deinem Elemente leben, denke, da die
Zerstreuungen daselbst dich von den melancholischen Anfllen des etwannigen
Heimwehs heilen werden.

Die Rolle, welche du zum Spiel bernommen, ist gefahrvoller, als die
gefhrlichste bisher gespielte. Siehe, dich vor; bewache dein Leben, wenn
du noch lstern bist, mit mir nach einigen Jahrhunderten wiederum einmahl
diese Erdenwelt zu bewandern -- und nirgends steht dein Leben mehr dem Tode
nahe, als zu Kanella. -- Hte dich! --

Gott, wenn wir alle hier in Sorbenburg dich einst, als den Befreier
Kanellas umarmen sollten! -- kannst du dir mit der ppigsten Fantasie eine
wollustvollere Szene vortrumen? -- Geh, junger Mann, sei gros! mut du
gleich einen wichtigen Theil deiner schnsten Lebensfreuden einben, mut
du gleich fern von einer angebeteten Frstin, fern von dem guten Rikchen,
fern von dem braven Onkel und deinem Holder wohnen, o so wird doch die
Nachwelt, werden auch die Zeitgenossen dich seegnen, der du lieber selber
ein Leidender warst, um die Leiden eines Volkes zu enden! --

Aellmar schrieb mir, da du mein Bildnis zu besizzen wnschtest -- ich
schikke dirs, und noch ein andres, welches dir gewis tausendmahl angenehmer
sein mu -- _Louisens_ Bild. Ich habe sie gesehn; Florentin, nein, du bist
kein Snder, da du sie liebtest und liebst! Sie ist zurkgekehrt an den
herzoglichen Hof und wieder, wie einst, die Seele, desselben geworden.
Aber, wie mich dnkt, ists nicht mehr das feurige lachende Mdchen, -- eine
sanfte Schwermuth wohnt in ihrer Seele, strahlt aus ihren Blikken, aus
ihren liebezeugenden Mienen hervor. Weit du's schon -- doch wie solltest
du nicht? -- da sie -- da sie von einem Knaben entbunden worden, dessen
Vater du Ueberglklicher bist? -- Ich habe das Kind gesehn -- Florentin,
ich glaube dich in einen jungen Abkmmling der Menschheit verwandelt zu
erblikken. Es ist dir ganz hnlich, und blht in voller Gesundheit. -- Wenn
du einst heimkehrst ber Jahr und Tag, o Bruder, und der Knabe (_Karl_
heit er) dir entgegenspringt, und dein Onkel, und ich mit meinem Weibchen
dich auf immer in unsre Mitte aufnehmen -- wenn wir dann wieder da liegen
auf dem bekannten Hgel, wo wir sonst den Sonnenaufgang und Untergang
betrachteten, oder wir im Garten, wo du unter dem Fliederbaum so gern
trumtest, umherwandeln, -- -- nein, Florentin, ich breche ab, -- die
Freude ber deine noch so entfernte einstige Wiederkunft macht mich
schwrmen. Leb wohl! -- wir alle sind gesund hier, und glklich, so sehr
wir es ohne dich sein knnen. Noch einmahl, mein Bruder, leb wohl. Die
Zeitungen und Journale werden mir wahrscheinlich bald von dir mehr sagen,
als deine Briefe. -- Nun, es lenke der Arm des Schiksals alles wohl,
gedenke oft deines

_Holder_

Wie wr' es mglich gewesen, da _Florentin_ diesen Brief htte lesen
knnen, ohne von den traurigsten und schmeichelhaftesten Empfindungen
gequhlt und entzkt zu werden? Mit heisser liebender Inbrunst drkte er
wechselsweis _Louisens_ und _Holders_ Bildnisse an seine Lippen, er dachte
sich nun alle Szenen zurk, welche ihm in der Gesellschaft dieser schnen
Seelen verflossen waren, dachte hinaus in die Zukunft, wo er sie vielleicht
nicht wieder genieen wrde, und bermannt von Lust und Wehmuth entquollen
seinen Augen ein paar sprechende Thrnen.

Am folgenden Tage verlie der _Graf_ mit seinen Getreuen das interessante
Munchenwall. Ohne Verzug strich man quer durchs deutsche Land, und gesund
langte man auf die ussersten Grnzen desselben an.

_Badner_ hielt seinen Gaul an, schob sich den runden Hut von der Stirn, und
nahm mit seinen Blikken rhrenden Abschied von den geliebten
vaterlndischen Gegenden. Die Sonne sank unter; die Landschaft war
romantisch schn. Dies bewog auch den _Grafen_ still zu halten,
abzusteigen, einen Felsen hinanzuklettern und da unter einer Fichte sich
hinzulagern, in deren Wipfel feierlich der Abendwind suselte. _Badner_
that desgleichen, kroch zu seinem Herrn hinauf und legte sich neben ihm
nieder. _Gotthold_ blieb allein unten.

Ade, ade! deutsches Mutterland; habs nicht geglaubt, da ich noch hinaus
wandern wrde im Alter ber deine Grnzen, -- aber das Schiksal hat oft
wunderliche Launen! rief _Florentins_ Reisegesell, und murmelte noch
einige Worte vor sich nieder.

Florentin. Sei ruhig, Badner, lacht nicht Gottes Sonne allenthalben schn?
-- Sieh doch hinaus, wie prachtvoll sich jene Gegenden vor uns hinlagern,
jene Gegenden, in denen wir bald heimisch sein werden! Sieh dort die
niedlichen Berggruppen, die schwarzen, buschreichen Thler, und droben ber
den khn himmelangethrmten Felsen das rothflammende Wolkengebrge
schweben.

Badner. Ach, gndiger Herr, ich bitte Sie, sehn Sie doch hinter sich die
Strae hinab, welche wir daherzogen -- das ist noch deutsches Land!

Florentin. Eine traurige, weitluftige, die Augen ermdende Ebne, sandigt
und drr -- nirgends ein Wldchen, nirgends ein Hgel, nirgends -- --

Badner. Ja, ja, Sie haben recht! aber, dort hinten ragt ein einsames
Gestruch hervor, und da mu sichs doch schn drunter ruhen lassen; bei
Gott, schner als in jenen fremden, buschigten Thlern. Der angenehme
deutsche Strauch wrde mir angenehmere Khlung verleihen, es wrde mir
drunter sein, wenn der Wind durch ihn spielte, als sprche er zu mir: ruh
aus alter Badner, du bist ein Sohn meines Landes, schlfst hier sicher! --
bei Gott, so wrde mirs sein.

Florentin. Wir werden wieder heimkehren ins Vaterland.

Badner. Werden! -- und wann?

Florentin. Zu seiner Zeit.

Badner. Zu seiner Zeit! (ernstvoll) zu seiner Zeit!

Indem sie noch mit einander dies und das plauderten, und sie einander ihre
Seelen unwillkrlich trber stimmten, wurden sie gewahr, da _Gotthold_ mit
einem fremden Manne sprach. Sie sahen, da _Gotthold_ nach ihrem Felsen
herauf zeigte, da er heftig mit den Hnden gestikulirte, drohte und mit
dem Fremden in einem unangenehmen Wortwechsel verwikkelt sein msse.

Jach sprangen _Florentin_ und _Badner_ auf; so eilend, als mglich stiegen
sie hinab, nun flogen sie hin zu ihrem Reisegefhrten.

Was ist hier? schrie _Florentin_, indem er herbei kam.

Gotthold. Ein Ruber!

Fremder. (zugleich) Ein Bettler und Grobian!

Gotthold. (aufgebracht) Der Kerl macht Ansprche auf unsre Mundprovisionen.

Fremder. Ich bat darum.

Gotthold. Wills uns mit Gewalt abnehmen.

Fremder. (trozzig) Wird und mu geschehn, wenn man mirs nicht giebt, was
ich will.

Florentin. (mit Ernst) Mensch, was treibt dich uns auf der Landstrae
anzugreifen?

Fremder. Herr, der Hunger.

Florentin. (zu Gotthold) Reich ihm von unserm Speise- und Weinvorrath.
_Hunger_ ist ein frchterlicher Treiber. Wes Landes bist du?

Fremder. Kanella's.

Florentin. Verstehst du kein andres Gewerbe, als Menschen anzufallen?

Fremder: (mit groer Elust die dargebotnen Speisen verschlingend) Ich habe
Hunger.

Der _Graf_ lchelte ber die Sonderbarkeit des Menschen, welcher ihm seine
unzeitigen Fragen so trokken verwies, lies ihn sich sttigen und fuhr in
seiner Unterredung fort mit ihm.

Ich war ehmahls, erzhlte der _Kanelleser_: ich war ehmals ein Brger,
in einer von den Vorstdten Kanellas ansssig, hatte mein Haus und Gut und
ein herrliches Mdchen zur Braut. Die vielen und ewigen Abgaben brachten
mich zurk, ich verlor dadurch einen ansehnlichen Theil meines Vermgens;
ein Kammerdiener des Frsten verfhrte meine Verlobte, -- sie wurde
schwanger, und ich bei der ersten Nachricht davon rasend. Der Schurke,
welcher mir meine _Ladda_ geschndet hatte, kam mir einst auf der Strae
entgegen; jach fuhr ich mit der Hand in die Tasche, ri ein Messer hervor,
und schnitt dem Buben den Anfangsbuchstaben, meiner _Ladda_ ins Gesicht.
Ich wurde gefnglich eingezogen, mein Vermgen verprocessirt, und ich nach
jahrlangem Gefngnis, als ein Bettler, entlassen. So wollten mich meine
Verwandte nicht mehr kennen, -- was sollt ich thun, um nicht vor ihren
Thren betteln zu gehn? -- ich verlies das heillose Kanella, siedelte mich
hier in der Nachbarschaft an, wo ich nun vom Vogelfangen, Quirlschneiden
und Korbmachen lebte. Ein kmmerliches Leben, -- oft fehlt' mirs trokne
Brod, und dann bettl' ich. Heut bettelte ich, bekam nichts, und um nicht
Hunger zu sterben, mut ich Gewalt drohen. Das ist meine Geschichte und
mein Name _Dulli_. --

Der edle _Duur_ mit seinen Dienern hrten mitleidig die Geschichte des
Unglklichen an; jeder von ihnen zog die Geldbrse hervor und jeder gab, so
viel er geben konnte.

Ho! rief _Dulli_: was fehlt mir nun noch? womit soll ich danken?

Florentin. Da du uns den nchsten Weg zum bequemsten Wirthshause zeigest.

Dulli. Wenn Ihr nicht die Nacht hindurch traben wollet; so werdet Ihr
ausser einigen elenden Drfern 3 Meilen in der Runde nichts Gutes finden.
Doch, still, behagts Euch, so nehmt bei mir Herberge in meiner Einsiedelei.
Elust soll Euch da die Speisen wrzen, Mdigkeit und eine weiche Streu
Euern Schlaf. Fr die Pferde ist Grasung noch vorhanden, und fr Eure
Unterhaltung meine Person und die lustige Thalgegend.

Florentin nahm nach einigem Bedenken das Anerbieten an; man sezte sich zu
Pferde und folgte dem Eremiten zu seiner Eremitage nach, die in der That
angenehm umgegnet war, wenn mir der Ausdruk erlaubt ist.




Siebentes Kapitel.
Florentin in Kanella.


Der Abend war schn, die Landschaft begeisternd unterm Rosenscheine, --
_Florentins_ Seele hochgestimmt zu lieblichen Empfindungen; darum blieb er
lange bis in die sinkende Nacht mit dem sonderbaren _Dulli_ vor dessen
Htte sizzen.

Ihr Gesprch bezielte vornmlich die ewigen Unordnungen in Kanella;
_Florentin_ suchte vom _Dulli_ den Geist der Kanelleser zu studieren; er
lies sich Adel und Volk durch einzelne Anekdoten karakterisiren, und erfuhr
aus alle dem so viel, da jenen Unglklichen, welche vom Druk einer ganzen
Reihe Despoten schier zu allem Groen entnervt waren, nur ein schlauer,
kalter Wagehals mangelte, um die Ketten zu sprengen, das Joch abzuwerfen,
den Tyrannen zu strzen.

Florentin. Dulli, begleite mich dahin.

Dulli. (ihn angaffend) Nach Kanella?

Florentin. Nach Kanella.

Dulli. Mag ich nicht. Habt Ihr denn noch nicht genug gehrt, um Abscheu
wider Kanella zu fassen?

Florentin. Nein, ich bin nur doppelt gereizt dahin zu eilen.

Dulli. Bei Gott, das versteh' ich nicht.

Florentin. Kehr' in meinem Gefolge nach deiner Vaterstadt zurk.

Dulli. Nein. Ich hasse die Stadt. Meine Ladda lebt noch!

Florentin. Desto besser.

Dulli. Desto schlimmer.

Florentin. Vielleicht bist du im Stande deinem seufzenden Vaterlande zu
helfen.

Dulli. Helfen? -- hi, hi! schaden wrd' ich, schaden! rchen wrd' ich
mich, wo mir die Gelegenheit auch nur einen Finger, statt der Hand, bte.

Florentin. Desto besser, wenn du mit solchem Plan und solchem Muth nach
Kanella kmest.

Dulli. Was?

Florentin. Mir scheints, als wrd' es bald zu groen Auftritten kommen, als
werde bald Blut vergossen werden, um die alte Freiheit wieder zu erringen.

Dulli. Sagt lieber, um den Strik fester zu drehen, welchen man der Freiheit
an den Hals legt.

Florentin. Ich stehe den Kanellesern wider ihre Tyrannen bei. -- Ich sage
dir, Dulli, komm mit mir!

Dulli. (lachend) Meint Ihr?

Florentin. Ein Mann deines Schlages fehlt mir.

Dulli. Nein, nein, schleppt mich nicht wieder zurk zu jener Schdelstatt
Kanella!

Florentin. Aber wenn du nun hren wirst, wie sich der Staat frei gemacht
hat, wie Piedro, wie Benedetto, wie Moriz und der ganze frchterliche
Anhang geschlagen worden sind -- wenn du nun das hren wirst! -- --

Dulli. Das sollte mich doch rgern, wr ich nicht dabei gewesen.

Florentin. Hast du Muth?

Dulli. Gebt mir ein Messer und ich schlage mich wieder zwei, drei Degen.

Florentin. Bist du treu?

Dulli. Wie Euch Euer Schatten.

Florentin. (ihm auf die Achsel schlagend) Kanella wird frei! (steht auf)

Dulli. (aufspringend) Herr, ich gehe mit Euch.

Diese Worte sprach _Dulli_ mit halben Jauchzen. Seine ganze Seele
schilderte sich in seinen Tnen. Er sprang auf; lief in die Htte; sammelte
seine Kleinigkeiten; schnrte ein Bndel daraus; suchte sein verrostetes
Jagdmesser hervor, schliff es blank auf einem Steine und konnte die ganze
Nacht nicht ruhen.

Der Morgen brach endlich an. _Florentin_, _Badner_, _Gotthold_ und _Dulli_,
welchem man in dem ersten Dorfe ein Pferd erhandelte, sezten ihre Reise
fort.

Ich halte mich nicht mit der Erzhlung von tausend kleinen Merkwrdigkeiten
auf, die abwrts vom Plan meiner Geschichte fhren, sondern eile so sehr
als mglich dem khnen Grafen nach, der, unterstzt durch seine schwarzen
Bndner angeflammt durch die groe wohlthtige Sache, es ber sich nahm,
einem Auslande Rettung und Freiheit zu verschaffen, das bis jezt noch nicht
an sich selber im Stande war, ihm solche frchterliche Verpflichtung
aufzulegen. In der That, es ist noch nicht so gros gehandelt, wenn
Patriotismus, Selbstrache, eignes Elend, und Elend seiner Vertrauten einen
Mann zu dem Entschlu fhrt, solche Riesenthat in begehen, als wenn Ehre,
Gefhl und Mitleid fr die leidende Menschheit einen Fremdling dazu
auffodert und wirken macht. -- Verzweiflung ist gewhnlich die Mutter aller
Revolutionen, nur hier war sie's nicht, sondern _Florentins_ ungewhnliche
Geistesgre und Empfindsamkeit fr alles was Noth duldet, was den Stempel
des Guten trgt.

Und doch zweifle ich sehr, ob je unser guter _Graf_ sich je einer solchen
gefhrlichen Arbeit unterwunden htte, wenn nicht seine Schiksale eben die
dazu erforderliche Stimmung der Seele in ihm erschaffen, nicht mannichfache
Gefahren ihn furchtlos vor denselben, nicht unzhlige Leiden ihn zum
wilden, schwrmerischen Starrkopf gebildet, nicht Erziehung und verlorner
Genu des allgemeinen Ruhmes ihn drstiger nach demselben gemacht htten.

Als er eines Tages mit seinem Gefolge eine Anhhe erreicht hatte, von
welcher man meilenweit umherschauen konnte; als _Dulli_ plzlich und mit
heilsamen Grausen ausrief: dort! seht dort die Thrme von Kanella! -- als
alle bei diesen Worten standen, ihre Augen hinwandten nach der Gegend und:
Kanella! leise stammelten -- da blizte ihm frohe Hoffnung durch die
Seele, die Szenen der Zukunft gruppirten sich prophetisch vor ihm hin, und
er fhlte sich stark genug fr sie. Wer den Mann in diesem Augenblik gesehn
htte, wie er da stand Kanellas Schuzgott, der Freiheit herbeifliegender
Genius, wie seine ganze Seele sich wiederspiegelte in seinen Mienen, wie
die Sonne Glanz der Verklrung ber ihn herabgo, seine Haarlokken
strmisch im Winde rollten; -- frwahr der wrde ihn mit einem Helden der
Vorwelt verwechselt, fr einen _Scipio_, oder _Tell_ gehalten haben.

Sie schritten die Anhhe jenseits hinunter und fanden am Fue derselben
einen Zug von Reisenden, die ihnen theils auf Pferden, theils in Wagen
entgegen kamen, bald darauf, ohnweit einem Wirthshause an der Landstrae
still hielt und sich da voneinander trennen zu wollen schien. Man sahe ein
rhrendes seltsames Schauspiel, indem sich Mnner und Damen wechselseitig
unter einander umarmten, einige laut weinten, andre wieder fluchten und die
Degen zogen und hochschwangen. Ein junges Frauenzimmer sank ohnmchtig
zwischen einem Greise und einem Jngling nieder.

_Florentin_ gab seinem Pferde den Sporn und flog dem Auftritt nher. Er
grte die Personen, welche wir, meine Leser und Leserinnen, schon
grtentheils einmal irgendwo gesehn haben, aber niemand erwiederte
_Florentins_ Gru.

Hilf Himmel! rief _Dulli_ mit einemmale indem er sich einem jungen Manne
nahte: seh' ich recht? Giovanni Borsellino!

Der _Jngling_ drehte sich um; mit rothgeweinten Augen starrte er den
Frager an.

Kennt Ihr mich nicht mehr? fuhr _Dulli_ fort.

Ah, wie sollt' ich nicht, Dulli?

Ihr steht ja so verwildert da? was macht der alte Borsellino, Euer
herrlicher Vater?

Er schlft unter der Erde -- Moriz hat ihn erschlagen, und die feigen
Kanelleser sahen dem ruhig zu.

Und Ihr?

Und ich und jene dort sind Landesverwiesene jezt.

Landesverwiesne!

Wo willst du hin?

Nach Kanella.

Und wer ist dein Herr dort?

Ein deutscher Graf, genannt Florentin von Duur, der Geschfte am Hofe
Piedros hat, werth ist Euer Freund zu sein und vielleicht Eure und Eures
Vaters Schmach rcht.

Borsellino und die brigen hrten nicht sobald _Piedros_ interessante
Worte, als sie sich unserm _Grafen_ nherten, ihn begrten, sich in
Unterredung mit ihm einlieen und ihn liebgewannen.

Ich dchte, sagte der alte _Eo_: wir trten auf ein paar Augenblikke in
jenes Haus. Bei einem Glase Wein liee sich so manches verhandeln, und Ihr,
Graf Fiorentino, ob wir gleich mit Euerm Herzen noch gar wenig vertraut
sind, Ihr drftet es vielleicht nicht bereuen, uns kennen gelernt zu
haben.

Alle stimmten dem Landesverwiesnen _Eo_ bei, und _Florentin_ willigte ein.

Gewi gereuete dem _Grafen_ dieser Gang nicht, so wenig derselbe fr ihn
auch anfangs bedeutend schien; denn nicht genug, da er hier eine kleine
Anzahl merkwrdiger Mnner kennen lernte, welche auch selber in ihrem Exil
auf Kanella's Wohl und Weh Einflus haben konnten; nicht genug, da er die
Lage dieses verunglkten Staats von ganz neuen Seiten zu betrachten
Gelegenheit hatte; nicht genug, da er schon das Volk zu einer groen
Regimentsumwlzung vorbereitet fand, und da allen Entwrfen zu derselben
bisher nur feinere Politur, Reife, und Abwartung eines Zeitpunktes
gemangelt hatte, um sie mit Glk auszufhren: so lernte er jezt auch einen
fr die Folge wichtigen Menschen kennen -- nmlich einen adlichen
Kanelleser, _Borghemo_.

_Borghemo_, welcher nicht selber Exulant war, sondern nur die verwiesnen
Freunde begleitete, wute durch sein Aeusseres einem jeden zu gefallen. Er
war ein schner, junger Mann; stark gebaut und nervigt, wie ein Herkules;
war der Stolz des Kanellesischen Adels, der Liebling der meisten Damen. --
_Borghemo_ wre vielleicht allein im Stande gewesen mit seinem Kopf eine
Revoluzion zu bewirken, Piedros Minen wider ihn selber aufzusprengen, und
den frstlichen Bsewicht mitten unter seinen Schaarwachen zu zchtigen,
htte nicht dieses Halbmuster mnnlicher Vollkommenheit durch einen eben so
vortreflichen als verhaten Karakter sich selber und seinem Vaterlande
geschadet. Stolz war der Grundzug desselben; nur diesem ein Opfer zu
bringen, war er heut ein Engel, morgen ein Teufel; liebte er heute, hate
er morgen. Die sprdesten Vestalinnen waren das Ziel seiner Eroberungen,
die Gefahr hie seine Favorite, Tugend und Laster waren seine Bediente.

Sehr natrlich, da dieser Mann unserm _Grafen_ auffiel, da er sich
vorzglich mit ihm unterredete, und um seine Freundschaft buhlte.

Fiorentino! rief _Borghemo_ und zog ihn mit sich zum Zimmer hinaus, durch
den Hausgarten in ein dicht daran stoendes Gebsch.

Fiorentino, seid wer Ihr wollt, treibt mit unserm Afterfrsten Geschfte,
welche Ihr wollt -- Ihr seid ein Deutscher und das ist genug fr mich. Ich
kann mich unmglich berreden, da Ihr ein Schurke seid, nicht mein Freund
werden werdet. Hrt mich an! -- Ihr habt jezt den wakkern _Eo_, den jungen
_Borsellino_ gesehn, und die andern, welche heut ber die Grnze wandern
werden. Sie zettelten, Kanella von einem Ungeheuer zu erlsen, eine
Konspirazion unter sich an, die mehr ihrem unternehmenden Geiste, als ihrer
Ueberlegung Ehre macht, denn sie wurden verrathen in einer ihrer
Zusammenknfte smmtlich aufgehoben, als Staatsverrther und Rebellen
angeklagt, und, weil sie hartnkkig lugneten, aus lauter Gnaden von
Piedro, Moriz und Konsorten nur aus dem Kanellesischen Gebiete verwiesen.
-- Aber, bei Gott, sie werden dort nicht mssig _Piedros_ Tyranneien
zuschaun, und ich nicht mssig in Kanella umherwandern. Ich -- ich sezze
das begonnene Werk fort! Sagts dem Piedro und seinen Orakeln wieder, ich
strze ihn, oder er mich! -- Seid ihr mein Freund? -- redet! redet, hat
mich Euer Vaterland und Euer Gesicht belogen?

Ich hoff es nicht! erwiederte _Florentin_.

_Borghemo_ fhrte den _Grafen_ in einen abgelegnen dunkeln Winkel, zog ein
Blatt aus seiner Brieftasche, starrte seinen Mann an und schien eine
wichtige Frage vorrthig zu haben.

Fiorentino, hrt mich -- wenn -- nein -- doch es ist mglich! -- knnt Ihr
diese Zeilen lesen? Sie sind in einer abgestorbnen Sprache mit fremden
Lettern geschrieben.

Florentin nahm das Blttchen, las, erstaunte freudig und fuhr mit der
flachen Hand plzlich gegen seine Stirn, _Borghemo_ ward aufmerksam:

Wahrhaftig, ein Schwarzer?

Ein Schwarzer! antwortete _Duur_ leise und zeichnete mit dem Stokke
sieben verschiedne Zge in den Sand. --

_Borghemo_ lag in _Florentins_ Armen.

Das stille Entzkken der neugebornen Freundschaft durchwrmte sie, drngte
ihre hochklopfenden Busen aneinander, lies ihre Arme sich in einander
verschrnken, glhende Lippen an glhenden Lippen sinken und ihre
glnzenden von einer leichten Thrne gebrochnen Augen aufstarren in
seeligen Taumel. Sie empfanden beide das se Vorrecht zarter,
gefhlreicher Seelen, den Kelch der Freude da ganz ausschlrfen zu knnen,
wo andere nur nippen drfen.

Heilig, heilig ist das Band! rief _Borghemo_: heilig das Band, welches
uns zusammenfhrte und uns umschlang, ehe wir gegenseitige Ahndung von
unserm Dasein in der Welt empfanden! Heilig ist der Bund der schwarzen
Brder!

Sie drkten sich noch einmahl Brust an Brust, und kehrten wieder, Arm in
Arm, zur Gesellschaft zurk. Hier herrschte eine traurige Stille; nur
_Giovanni Borsellino_ schien von allen Exulanten noch der zufriedenste zu
sein, weil er an der Seite der geliebten _Laura Eo_ Kanella verlassen
konnte. Jezt bestieg man wieder Pferde und Wagen; die Trennung war
schmerzhaft, die Verwiesnen zogen ber die Grnzen des unglklichen
Vaterlandes; _Borghemo_ mit seinen Freunden aber und _Florentin_ mit
_Gotthold_, _Badner_ und _Dulli_ trafen spt in der Nacht zu _Kanella_ ein.




Dritter Abschnitt.





Erstes Kapitel.
Umfat einen Zeitraum von drei Jahren.


Von drei Jahren! hr ich mir meine Leser unwillig zurufen. -- Freilich,
meine Lieben, eine ansehnliche Lkke, oder vielmehr ein groer Sprung ber
tausend Tage hinweg; doch vergessen Sie auch nicht, da ich nur ein
unterhaltender Erzhler, mit nichten aber ein gewissenhafter Historiograph,
sein will. Dieser wrde ber die meisten von mir hocherwhnten
Begebenheiten, als Bagatellen, hinbergegangen sein; ich hingegen vergesse
alle chronologische, politische, statistische Notizen, die _ihn_
mehrentheils beschftigen, und suche mir aus der bunten Menge der Szenen
nur diejenigen hervor, in welchen sich menschliche Karaktere am
deutlichsten wieder gespiegelt haben.

Florentin von Duur befand sich, wie Sie wissen, in _Kanella_; vermge eines
gewissen frstlichen Empfehlungsschreibens gelang es ihm an Piedros Hofe
eingefhrt zu werden. Sein Aeusseres mute nothwendig den Kanelleserinnen
ersten Ranges gefallen, und gewis wrde er im Zirkel derselben eine
glnzende Rolle gespielt haben, wenn nicht sein ernstes Wesen, seine
unzerstrbare Melancholie, welche durch all seine Blikke, Mienen, Gesprche
und Handlungen hervorschien, eben so sehr zurkgestoen htte, als sein
mnnlicher Reiz anzog. Daher flo die natrliche Folge, da er am Hofe
Kanellas weniger bemerkt wurde; da ihn die Damen bewunderten, aber nicht
liebten; da ihn _Piedro_ zwar seiner Staatskunde und Einsichten in die
Volksregierung willen achtete, nicht selten auch seinen Rath annahm, aber
ihn doch nur ausserordentlich selten hervorzog; da Prinz _Moriz_ und der
Kardinal _Benedetto_ ihn kaum ihrer Aufmerksamkeit wrdigten, besonders, da
er sich in Rksicht dieser beiden Halbungeheuer, stets nach aller
Hofetikette leidend und unterthnig verhielt.

Hiezu kam noch, da _Florentin_, da er kaum ein halbes Jahr in Kanella
figurirt hatte, von einer Krankheit berfallen wurde, die ihn viele Monate
unthtig machte. Nur seine Jugend rettete ihn vom Tode, dessen
Pfortenschwelle er schon betrat. --

Mit einem Worte drei Jahre waren ihm verschwunden wie drei Tage.

Allein mssig konnte ein _Florentin von Duur_ in dieser Epoche nicht sein.
Einen verdorbnen Staat zu reformiren, dazu bedarf es mehr, als
oberflchicher Kenntnis desselben. Sich ganz in diesen neuen, unbekannten
Verhltnissen zu orientiren, alle geheimliegende, verstokte, oder
vergiftete Quellen, aus welchen so vieles Wehe ber Kanellas Brger quoll,
aufzuspren; sich Freunde in der Noth, Anhnger inner- und ausserhalb der
Kanellesischen Grnzen anzuwerben -- dazu waren mehrere Jahre nur kaum
hinlnglich.

Anfnglich versuchte der biedre _Graf_, mit Hlfe des geringen Einflusses,
welchen er sich auf eine verstekte, schlaue Weise in die Regierung zu
verschaffen gewut hatte, das Schiksal Kanellas ertrglicher zu machen. Es
gelang ihm einigermaaen; und hiedurch khn gemacht, schpfte er, jedoch
viel zu voreilig, die befriedigendsten Hofnungen fr die Folgezeit.

Allein, alles war vergebens, dem unglklichen Landeseinwohner die ihm
auferlegte Brde zu erleichtern; vergebens jede Stunde, auf diese Art
aufgeopfert fr das Wohl der leidenden Menschheit. Was _Florentin_ mit
unsglicher Mhe fr Kanellas Heil errang, zerstrte ein einziges Machtwort
des strmischen _Moriz_, ein einziges Achselzukken des listigen Pfaffen
_Benedetto_, ein einziger buhlerischer Ku _Rosaffens_.

Drei Jahre waren vorbergeflogen, und die Kanelleser noch um keinen Schritt
durch den Grafen dem Ziel ihrer Wnsche und Hofnungen nher gefhrt.
_Borghemo_ raste; _Dulli_ fluchte, _Giovanni Borsellino_ bestrmte den
edeln Duur mit Vorwrfen in wchentlichen Briefen; denn alle hatten unsern
Mann jezt genauer kennen gelernt, sich seinen groen Geist vertrauter
gemacht, ihr unbegrnztes Vertrauen auf ihn gesezt -- und alle glaubten
sich in ihm getuscht zu finden, rechneten seine Langsamkeit, sein
Verzgern einer heimlichen Feigheit zu.

Aber wie gesagt, _Florentins_ Zaudern war Weisheit, sein
thatenlosscheinendes Leben eine ewige Kette von Arbeiten. Die Zahl der
_schwarzen Brder_, in _Piedros_ Staat, hatte sich unter ihm zu einer
furchtbaren Menge vermehrt, die er nach dem Modell, der deutschen Logen in
obere und untere Klassen eingetheilt hatte, deren lezte die Brder der
obern nicht kannte, und zu welcher der _Graf_ auch den wilden _Borghemo_,
wegen seines unsteten Karakters gesellt hatte, so sehr er auch sonst diesen
Mann zu achten wute. Jezt durfte nur noch eine bequeme Stunde schlagen und
Piedros _Despotie_ hatte ihre Endschaft, Kanella die ersehnte Freiheit, und
der Wunsch tausend guter Brger seine Erfllung erreicht.

Und die erwartete Stunde nherte sich!




Zweites Kapitel.
Die Dachspitze.


Ein herrlicher Mondscheinabend lokte _Florentinen_ hinaus zu einer
Wanderung durch die Straen der Residenz. _Dulli_ begleitete ihn. Der
_Graf_, versenkt in seelige Trumereien von der geliebten Sorbenburg und
seiner Louise, schlenderte hierhin, _Dulli_ mit dem Bilde seiner Ladda,
welche sich nicht mehr in Kanella befand, beschftigt, schlenderte dorthin.
Beide hingen ungestrt ihren Gedanken nach. Es war eine traurige Stille in
allen Gassen der Stadt; die meisten Familien saen in ihren Zimmern
verkerkert, um sich gemeinsam einander ihre Noth zu klagen; viele
schlummerten schon, um sich von Trumen das vergten zu lassen, dessen sie
sich wachend beraubt sahen.

Unsre Nachtwandler hatten aber kaum eine kleine Viertelstunde mit ihren
Streifereien hingebracht, als sie durch einen ziemlich laut gehaltnen
Dialog aufmerksam gemacht und zum Stillstehn und Lauschen bewogen wurden.

Sie bemerkten einen jungen Menschen, welcher neben einem Mdchen im
Mondscheine sa. Beide schienen fr einander dasjenige Feuer zu fhlen,
welches Jngling und Mdchen von Anbeginn der Welt zu empfinden pflegten,
-- beide umschwebte die heilige Tugend mit ihrer Begleiterin, der Grazie
Schchternheit. -- _Florentinen_ wurd es bang und wohl beim Anschaun dieser
Gruppe; o Louise! dachte er: einst waren wir auch so glklich! -- --
Einst waren wir auch so glklich, schwache, gesunkene Ladda! murmelte
_Dulli_ rgerlich, und ballte die Faust zusammen und drehte das Gesicht
hinweg.

Die Liebenden tndelten froh mit einander, und befrchteten keine
Belauschung.

Gianetta, schne Gianetta! rief der Jngling: nimm herab deinen Hut vom
Kopfe mit den stolzen, schattenden Federn. Am Tage steht er dir schn, aber
Abends verdunkelt er dein holdes Gesicht. Nimm ihn herab, und la den Mond
auf dein Antliz schimmern!

Gianetta lchelte, und lies sich den Hut nehmen. Der Jngling sezte ihn
sich selber auf und schmiegte sich kosend an das Mdchen, indem er mit
einem Handkus Verzeihung erflehte. _Gianetta_ drngte ihn sanft zurk. Der
junge Mann erschrak.

Du scheinst, sagte _Gianetta_ nach einer Weile: du scheinst sehr
vergngt zu sein diesen Abend? Bist du's, Enriko?

Enriko. Wie sollt' ichs bei dir nicht?

Gianetta. Bist du's wirklich?

Enriko. Zweifle nicht, Gianetta.

Gianetta. Was macht dein Vater?

Enriko. (stokkend) Er seufzt im Gefngnis.

Gianetta. Wie lange schlft deine herrliche Mutter den Todesschlaf schon?

Enriko. (niedergeschlagen) Seit fnf Wochen.

Gianetta. Junge, bist du vergngt diesen Abend?

Enriko. (wehmthig aufblikkend zu ihr) Gianetta!

Gianetta. (inniger) Bist du vergngt bei mir?

Enriko. (ihre Hand von seinen Augen drkkend) O, Gianetta!

Gianetta. (kalt) Geh!

Enriko. (weich) Du liebst mich nicht? -- (sie schweigen beide, -- nach
einer Pause) Sieh mich nur noch einmahl an, dann will ich gern gehn!
(abermahliges Stillschweigen unter beiden) Liebst du mich nicht schnes
Mdchen? -- soll ich dich verlassen, Gianetta?

Gianetta. (ein Seufzer hebt ihren Busen. -- Sie sieht den Bittenden an und
spricht langsam, mit zitternder Stimme, zu ihm) Wohin willst du gehn?

Enriko. Von dir hinweg. Will die Nacht durch Stadt und Feld umherschweifen
-- ich mu mich zerstreuen -- ich kann nicht schlafen.

Gianetta. (ihm die Hand drkkend) Ich bin dir gut.

Enriko. Ach, schne Gianetta, wre das wahr?

Gianetta. Gewis, lieber Enriko.

Enriko. (sich niederwerfend vor ihr und ihre Knien umschlingend) O, sags
mir -- sag's mir noch einmahl, da du mir gut bist!

Gianetta. (schmeichelnd den Arm um seinen Hals legend) Lieber Enriko.

Enriko. (sein glhendes Gesicht in ihr Gewand verbergend) Gott, mein Gott!

Gianetta. Empfindsamer Junge, bist du allenthalben so? Ich liebe diesen Ton
und diesen Karakter -- ich mgte dich darum kssen! -- Steh doch auf.

Enriko. (sezt sich neben ihr nieder, schmiegt sich dicht an sie) Gianetta!

Gianetta. (ernsthaft) Wie gehts dem Sekretair _Flimmer_?

Enriko. O, des abscheulichen Bsewichts, ihm wirds nie wohlergehen!

Gianetta. Warum sagst du nicht: _soll's_ nie wohlergehn? das klingt doch
mnnlicher, und giebt dir wenigstens den Schein, als wrdest du dich wider
ihn zum Rcher deiner unglklichen Eltern aufwerfen.

Enriko. Ja, kann ich damit deine Huld erwerben, siehe, so erschlag ich ihm
auf ffentlichem Marke, und den Moriz dazu und selbst den verdammten
Piedro, wenn du willst.

Gianetta. (lchelnd) Frchterlicher Herkules!

Enriko. Du spottest?

Gianetta. Ich bezweifle deine Tollkhnheit nicht -- aber gewis, du wrdest
das Opfer fr Kanellas Wohl werden, wrdest -- nein, eher billige ich in
Aufruhr und Verschwrungen! --

Enriko. Wohlan denn, die Zahl meiner Freunde ist gros -- Verschwrung und
Rebellion! -- Gianetta, wnsche nur den leisesten Wunsch und ich weihe mein
Leben dir und der Freiheit. In einigen Monaten ist der Staat umgestrzt,
oder -- ich ruhe neben meiner Mutter!

Gianetta. (schwrmerisch) Und ruhst du neben deiner guten Mutter, Enriko,
dann folg' ich dir! Enriko dann siehst du mich droben wieder, wo wir nicht
schmachten drfen in Armuth, nicht zittern drfen vor Piedros Einfllen!

Enriko. (mit aufgewandten freudeglnzenden Augen) Gianetta, du willst?

Gianetta. Sei vorsichtig!

Enriko. Die Hand der Vorsehung fhre mich!

Gianetta. Der Tag, an welchen Kanellas Volk seine wieder eroberte Freiheit
feiert, feiern wir unsre Vermhlung! -- (nimmt ihn in ihre Arme) Da, nimm
bis dahin den lezten Ku! Stirbst du, Enriko, -- mein Enriko, so sterb' ich
mit dir! --

(beide umarmen sich -- schweigen lange)

Enriko. (sich loswindend) Ade, Gianetta, ade! doch, gieb mit ein Zeichen,
bei dessen Anblik ich stets dieses heiligen Abends eingedenk sei. Nenn' es
-- sieh umher -- wr es auch nur die Dachspizze deines vterlichen Hauses.

Gianetta. (scherzhaften Tones) Gern htt ich dir mich selber genannt, --
aber du sollst mich von nun an selten, oder gar nicht sehen! -- Wohl -- die
Dachspizze!

Enriko. Ade, schne Gianetta! --

Der Jngling flog davon. Das Mdchen sah ihm lange nach, entfernte sich
dann. _Florentin_ und _Dulli_ kehrten schweigend um und begaben sich nach
Hause.

Der _Graf_ war kaum einige Minuten in seinem Zimmer umhergegangen, als
_Dulli_ hereintrat.

Florentin. Woher, Dulli, so spt in der Nacht?

Dulli. (schlgt die Arme unter einander, seufzt und schweigt.)

Florentin. Gieb Antwort! -- qult dich die Erinnerung an deine Ladda?

Dulli. Qult mich, und qult mich nicht, ich habe sie halb vergessen. --

Florentin. Was willst du?

Dulli. Fort von Euch, heim in meine Eremitage.

Florentin. (verwundert) Mensch!

Dulli. In allem Ernst Herr.

Florentin. Was hat dich auf den Einfall gebracht?

Dulli. (mit einem tiefen Seufzer) die Dachspizze.

Florentin. Wie? -- bist du Zeuge von jenem Auftritt gewesen, dem ich vor
einigen Augenblikken begegnete?

Dulli. Ich bins gewesen.

Florentin. Und willst darum Kanella verlassen?

Dulli. Ja und heim in meine Eremitage.

Florentin. Doch nicht aus Furcht vor _Enrikos_ gedrohter Emprung?

Dulli. Aus Furcht vor der Nichterfllung der Eurigen! -- O, Herr, warum
habt Ihr mich herausgelokt aus meiner Ruhe, wo ich lngst schon Kanella,
Tyrannen und Tyrannisirte vergessen htte? -- Warum habt Ihr mich lstern
gemacht nach Dingen, die eher ein berauschter Liebhaber, -- eher der Knabe
Enriko erfllen wird, als Ihr? -- Bei Gott und dem heiligen Petrus, Herr,
Ihr solltet nur den Jammer nur das Herzeleid sehn, in welchem Kanella
verstoen liegt; -- solltet nur das Winseln brodbettelnder Kinder, und das
ohnmchtige Fluchen der Erwachsenen hren, die kein Brod geben knnen, und
ich will des Todes sein, wenn Ihr nicht Augen und Ohren zupressen und Euch
nach andern Gegenden umsehn wrdet, wie ich.

Florentin. (kalt) Leicht mglich.

Dulli. Nein, unwidersprechlich wahr! -- aber Ihr, gndger Graf, nehmts mir
nicht bel, wenn ichs drr heraussage -- Ihr seid schon leider verpestet
von Piedros Hofluft und Eure prangenden Wnsche sind elendiglich
eingetroknet am Strahl seiner Majestt. O, da, auf den glnzenden
Assembleen und Redouten, und Bllen und Maskeraden, und wie die hllischen
Freuden des Hofes mehr heien, -- da gehts lustig her! da hrt man vorm
Pauken- und Geigenschall das Aechzen der Hungrigen nicht, da sieht man die
Blutthrnen des Unterthanen nicht vor den Reihen der blanken Tnzer und der
geschwungnen Weinbecher! Gott erbarms! -- Ihr seid verpestet!

Florentin. (warm) So wahr ich lebe, Dulli, noch bin ichs nicht!

Dulli. (freudig) Seid _Ihrs noch nicht_? -- wahrlich _noch nicht_? O dann,
Herr, dann steht meinem Vaterlande bei; -- Ihr knnts! Um Gotteswillen,
hastet Euch. -- Seht, sinds nicht schier vierzig Monate, da wir hier
leben? Habt Ihr Euch in vierzig Monaten noch nicht auf das _Wie_? besinnen
knnen? -- O es ist ja so leicht zu erfinden, wenn Ihr nur ein
warmschlagendes Herz besizt! -- Seht, nehmt einen Dolch und stot ihn in
Piedros Wanst, erwrgt seinen Sprhund Benedetto, seinen Mordhund Moriz,
wenn sie von griechischen Weinen benebelt sind, oder sie an der Tafel vom
Mark des Unterthans schwelgen, oder sie am Busen ihrer Huren wollsteln! --
Es ist ja kinderleicht! -- und dann lauf' ich hin auf den Dominikusplaz,
und schreie: Kanella du bist frei! und Tausende werden Freiheit mit mir
rufen und Tausende mit mir ihre Kniee vor Euch beugen! -- Nun, Herr?

Florentin. (ihm die Hand drkkend) Du bist ein vortreflicher Kerl! --

Dulli. Aber -- --?

Florentin. (geht nachdenkend durchs Zimmer, kehrt schnell zurk) Ueberwarte
noch drei Monate, und bist du dann nicht mit mir zufrieden, so nimm alles,
was ich habe und zieh in deine Wste damit!

Dulli. (bedenklich) Noch drei Monate -- noch _zwlf_ ganze Wochen, Gott
weis es, wie viel _hundert Tage_ dazu gehren! -- -- doch ich harre sie
aus.

Florentin. Rufe morgen die alte Wahrsagerin zu mir -- Es ist ein verwegnes
Weib, sie soll Lrmen unter dem gemeinen Volk machen!

Dulli. (horchend) Ein altes Weib mu zu Euern Plnen -- --

Florentin. Alte Weiber und Pamfletenschmierer gehren zu den wohlthtigsten
Uebeln in dieser untermondischen Welt. -- Geh!

Dulli ging mit hoher Verwunderung ab; der _Graf_ aber mas noch lange das
Zimmer mit seinen Schritten. Es kmpfte seine Seele einen schweren Kampf --
und er siegte ob.

So geh es denn, wie es wolle! dachte er bei sich, als zum Resultate
seiner Ueberlegungen: Gute, und schlaue Sanftheit sind vergebens
angewandt, die Hyder auf Kanellas Thron zu zhmen -- sie falle nun! --
Befrdre _ich_ die Rebellion nicht, so werden es mehrere _Enrikos_ und
vielleicht unglklicher, als ich, weil sie im Sturm der Leidenschaft
handeln. Es sei; Kanella, ich reie dir das Joch ab, freigeborne
Menschheit, fhle dich frei und gros. -- Brgerblut wird vergossen werden,
aber auch das Blut der Tyrannen! --

Und du, allgegenwrtiges Wesen, du siehst jezt das Gewebe meiner Gedanken
und Empfindungen, stehe du mir bei, und denen die dich anrufen? Gott, du
siehst ja deiner Kinder Thrnen, hrst ihr flehendes Wimmern -- erbarme
dich ihrer. Verstoe sie nicht aus dem Gebiet der Freude, la sie nicht
ewig schmachten in Verzweiflung. O, Gott, mein Gott -- es ist fr die
schwache Menschheit ein frchterlicher Gang, -- verla uns nicht!

So dachte, so betete _Duur_ in stiller, mitternchtlicher Stunde. Seine
Seele fhlte sich beruhigt; sein Auge glnzte von einer Thrne. Er sprte
heilige Glut durch seine Adern fliegen; ihm wars, als riefe sein Schuzgeist
ihm leise ins Ohr: auf, es wird der guten Sache wohlgelingen! --

In solcher Stimmung sezte er sich nieder, um den Plan der Staatsumwlzung
zu entwerfen.




Drittes Kapitel.
Florentins Verwandlung.


Wie gesagt, ich begreife ihn nicht! antwortete vierzehn Tage spter der
Sekretair _Flimmer_ dem Prinzen _Moriz_.

Ei nun, erwiederte dieser: er wird doch endlich zur Vernunft kommen.
_So_, wie jezt, ist der Kerl auf dem sichersten Wege sein Glk zu
poussiren.

Doch ehe ich die beiden Herrn weiter plaudern lasse, mu ich meinen Lesern
sagen, da _Florentin von Duur_ der Gegenstand ihrer Unterhaltung war.
Dieser durch so manche Erfahrung gewizte, durch so manche Fatalitt stolzer
und khner gemachte, Hofmann hatte in einem Zeitraum von wenigen Tagen,
(nur wenigen wars bekannt, durch welchen Talisman,) sich dermaaen im
Kredit der _Piedronen_, _Benedetten_ und _Morizze_ emporzuschwingen gewut,
da man aus wichtigen Grnden fr seine Tugend und ehmalige
Rechtschaffenheit htte zittern knnen. --

Alle Thren standen ihm offen; kein Kammerdiener, keine Leibwache hielt ihn
von den Kabinetern der Groen zurk; unangemeldet trat er zum Herzoge und
dessen Favoriten ins Zimmer, in deren Gesellschaft er sich von nun an
tglich befand.

Einige riethen hier hin, andere dorthin, um _Florentins_ plzliches Steigen
beim Hofe zu erklren; die meisten deuteten alles auf _Rosaffen_ hin,
welche den schnen _Grafen_ vielleicht genauer ins Auge gefat, und ihn
liebenswrdig gefunden haben konnte. Die Leute hatten in so fern nicht
unrichtig gedeutelt, aber die eigentliche Schnellfeder des Duurischen
Hofglks war ihnen doch unbekannt geblieben.

Was _Rosaffen_ betrift: so hatte sie in der That _Florentinen_ izt erst
schner gefunden, als ers ihr bis dahin geschienen. Alle brige Damen des
Hofes bemerkten in diesen Tagen am _Grafen_ ein Gleiches. Er war bei weitem
nicht mehr der sonstige, schchterne, zurkhaltende, misantropische
Sauertopf, sondern geflliger, kekker, tndelnder, unterhaltender, als
irgend ein unter dem Panier der Venus graugewordner Ritter -- Wo er
hintrat, erschien neben ihm die muthwilligste Freude, wo er einen Zirkel
verlies, schlich die ghnende Langeweile mit allen ihren Foltern ein.

Die schne, wollustathmende _Rosaffa_, welche noch die alten Launen unsers
Grafen kannte, wute jezt ihre Schwchen und Fehler so reizend in die
Glorie der Tugend zu verhllen, da sie dreimahl schner, als vorher war;
Oeffentlich hing sie freilich an _Piedro_; aber wer konnte ihrs verwehren
im Geheimen nach den _Grafen_ hinzuschielen, oder ihm unvermerkt die Hand
zu drkken, oder ihm unterweilen einen von tiefen Seufzern gehobnen Busen
erblikken zu lassen? -- So listig, so erfahren wie sie in der Kunst war
Nezze fr Mnnerherzen zu strikken, waren nur wenige, und eben dies lies
gewis den herrlichsten Sieg ber _Florentin_ fr sie hoffen. Und als sie
schon liebebekennende Erwiedrungen ihrer Blikke, ihrer Hndedrkke, ihrer
Seufzer sprte -- o, welches weibliche Herz htte da noch von
fehlgeschlagnen Wnschen trumen knnen?

So wie in der Damenwelt der Name: _Fiorentino_! _Fiorentino_! allenthalben
die Losung geworden war, eben so auch in der mnnlichen und vorzglich
politischen Welt Kanellas. Ich wag' es nicht zu bestimmen, von welcher
Seite er mehr geliebt und geschmeichelt wurde. Aber so viel ist gewis, da
Florentin bei den Kanellesischen Volkspressern ursprnglich und am meisten
sein Glk gegrndet hatte.

So unwichtig er auch bisher in den Augen des Hofes gewesen war: so zeigte
man sich ihm denn doch mehr, als kaltbltig und gleichgltig, weil er im
Verdacht stand, als hielt er sich mehr zur Volksparthei, denn zum Hofe.
Allein nun war auch der geringste Argwohn von ihm in dieser Rksicht
verschwunden, denn er hatte eine neue, goldhaltige Quelle fr Piedros
Finanzen aufgefunden, die freilich im Herzen des Volks aufgeschlagen werden
mute, aber auch um deswillen desto ergiebiger flo.

Bald darauf rkte er mit mehrern Plnen hervor, die so fein ausgearbeitet
waren, und so lieblich nach Machiavellis Kompendium der Staatskunst
schmekten, da Piedro, Moriz und Benedetto dem erfinderischen Kopf
schlechterdings ihre Bewunderung nicht versagen konnten. Kurz, er hatte
aller Beifall gewonnen; -- eine frchterliche Art Freunde zu erlangen, wenn
das schon gemrterte Volk unter diesen neuen Foltern noch mehr leiden und
Weh' und Jammer ber solchen Bund schreien mu!

Auf alles dies, meine Leser, bezog sich nun das Gesprch des Prinzen
_Moriz_ mit seinen Getreuen. -- _Flimmer_, der vorher nicht wenig
argwhnisch auf den _Grafen_ gewesen war, wurde es durch dessen jhe
Metamorphose noch mehr. Nur _Moriz_, der um die ganze Sache genauer zu
wissen glaubte, schzte _Florentinen_, doch heit das _a la Moriz_!

Ich traue ihm nicht! rief _Flimmer_ einmal ber das andere des Prinzen
tauben Ohren zu.

Du bist ein Narr! war die gewhnliche Replik darauf.

Flimmer. Und gebt acht, gndigster Herr, gebt acht, da Euer Flimmer, der
sich noch so selten betrogen, sich auch diesmahl nicht hintergeht.

Moriz. Sprich, du Erzhase, du furchtsamer Teufel sprich -- hast du je,
binnen der Zeit, da er sich in Kanella befunden, eine einzige schiefe
Handlung von ihm observirt?

Flimmer. Ich mu es eingestehn, keine einzige, ungeachtet ich ihn schrfer
beobachtet habe, als der Satan eine arme Sndersseele -- aber -- --

Moriz. (lachend) Ich kenne meinen Mann von innen und von aussen -- wenn
mancher wte, was ich weis -- ha, ha, ha! er kettet sich nicht so leicht
wieder von uns los -- zum Glk, da er mir diesmal mit seiner
Gipspuppengestalt nicht wieder ins Gehege fllt! -- Na, trink ein Glas
Zyprier! Ich hab' heut Laune.

Flimmer. (trinkt)

Moriz. Kannst dich dem Teufel darauf ergeben, da er sich so sehr vergarnt
hat, -- -- doch, trink! --

Flimmer. (giet ein und trinkt)

Moriz. Weit du sonst irgend etwas aufzutischen? Wie bin ich beim Volke
akkreditirt?

Flimmer. (lchelnd) Wird darum sich ein _Moriz_ kmmern?

Moriz. Ich hab' heut Laune, und frage danach.

Flimmer. Akkreditirt? -- hm, mehr als der Landesherr selber.

Moriz. Und der Kardinal? -- Flle den Becher und trink!

Flimmer. (grinsend) Sr. Eminenz? -- hm, wird allgemein -- -- gehat.

Moriz. (sich mit der Hand bers Gesicht fahrend, um ein Lcheln zu
verwischen) Wirklich? (zukt die Achseln.) Doch von etwas andern. -- Sag
mir, befindet sich noch der alte, stumme Schurke beim Grafen, der ihn
einmal vor Jahr und Tag aus der Welt befrdern sollte?

Flimmer. Freilich! freilich!

Moriz. 's ist mir doch lieb, da mein damahliges Projekt mit dem Gifttrank
scheiterte. Duur soll und wird mir mit seinem Kopf noch wichtige Dienste
leisten.

Flimmer. Aber eben der Badner, und der mit dem Grafen zurkgekommne
verwegne Dulli, dessen Geschichte mit der Ladda -- --

Moriz. Ich weis es ha, ha, ha!

Flimmer. Ich sage, eben diese odieuse Gesellschaft des Grafen erregt in mir
so viel Besorgnisse! --

Moriz. Schweig mit deinen ewigen Besorgnissen! Gesezt auch, der _Graf_
fhre etwas Hinterlistiges im Schilde: so mten du und ich den Kopf
verloren haben, wenn wir nicht bald davon Wind bekmen -- und dann lt man
ihn gefnglich einziehn, oder schikt ihn auf die Galeere, oder geradenwegs
in die andre Welt. --

Flimmer. (am Fenster) Sein Wagen hlt jezt, unten am Schlosse -- er springt
heraus -- --

Moriz. Sein Besuch ist mir willkommen; Ich habe Laune. -- Geh du!

Ehren-Flimmer entfernte sich, halbbenebelt von Zyprier. Der _Prinz_ war
noch keine Minute allein, als _Florentin_ ziemlich eilfertig hereintrat.

Nun, lieber Graf! das gefllt mir; Ihr verget mich doch nicht unter so
vielen andern, die von Euch nicht vergessen sein wollen! Sezt Euch neben
mir nieder und seid vertraulich, wie mit Eurem Busenfreunde.

Florentin. (hflich) Ew. Hoheit machen mich stolz. -- Doch wer wrde sich
solcher Gnade und einer solchen Busenfreundschaft weigern?

Moriz. Na, ich denks auch. Sezt Euch doch. Ich hasse die steife,
vermaledeiete Etikette unter vier Augen. Dort stehn dreierlei Sorten des
kostbarsten Weines -- whlt! -- sezt Euch her und trinkt!

Florentin. (gehorchend) Ihr berhuft mich mit Gnadenbezeugungen,
gndigster Frst.

Moriz. Nicht doch. Hrt, Ihr habt des Herzogs Beifall, und da knnt' Ihr
des meinigen leicht vergessen.

Florentin. (mit einem Blik voller Sprache) Prinz -- Ihr fhlt Euern Werth,
wisset, _wer_ im Lande dominirt -- und das macht Euch so sprechen!

Moriz. (fllt die Glser) Ha, ha, ha! Schelm! (er klingelt. Ein Lakai tritt
herein, zu welchem er sagt) Ich befinde mich nicht wohl -- bin in einigen
Stunden nicht zu sprechen -- selbst wenn Sr. Eminenz der Kardinal, -- oder
des Herzogs Durchlaucht schikt. (der Lakai entfernt sich) Nun, Fiorentino,
wir sind ungestrt. Eure Miene schien mir so etwas zu weissagen -- lat uns
plaudern.

Florentin. Ich bringe Euch dazu einen wichtigen Stoff.

Moriz. Nun?

Florentin. Es herrschen furchtbare Ghrungen im Volk.

Moriz. Volk! Volk! -- pah, was will der Wurm?

Florentin. Es lt sich alles zu einer allgemeinen Emprung an. --

Moriz. (kalt) So?

Florentin. Die Sache ist fr uns um so bedeutender, je geheimer sie
gehalten wird.

Moriz. Woher habt _Ihrs_ denn? (trinkt)

Florentin. Von meinen Spionen. Ja, noch mehr. Einer derselben bringt mir
eine Liste mit den Namen derer, die, im Fall einer Rebellion, massakrirt
werden sollen. Der Eurige steht oben an.

Moriz. (sezt gleichgltig das Glas hin) Ehre dem Ehre gebhrt!

Florentin. (mit Nachdruk) Im Raum dreier Monate soll unsre jezzige
Regierung umgeworfen sein!

Moriz. (die Stirn faltend) Und wer soll herrschen?

Florentin. Das Volk.

Moriz. (bitter) _Wer_?

Florentin. Das Volk!

Moriz. Wer -- _wer_ soll herrschen, wenn Piedros Unvermgen zum Regieren
ffentlich anerkannt worden? -- _Wer_? --

Florentin. (kalt) das Volk!

Moriz. (aufspringend) Und das wird nicht geschehn! oder Moriz mte von
einer _Bettlerfamilie_ stammen -- mte nicht in Kanella sein.

Florentin. (steht auf und geht durchs Zimmer, indem er sich auf den Finger
beit, und eine Miene zieht, als einer, welcher diebischerweise ein
Geheimnis entwendet.)

Moriz. Verdammt! -- da sollts auf diese Gefahr zu einer Rebellion kommen,
und Ihr Schurken von Demokraten solltet _Morizen_ kennen lernen!

Florentin. (sich umdrehend) Ja, gndigster Prinz, ich zweifle, nicht, --
besonders wenn Ihr dies an der Spizze von wenigstens zehn bis zwanzig
tausend Mann sagtet!

Moriz. (starrt lange vor sich nieder, geht dann rasch zum Grafen, legt
vertraulich seine Hand auf dessen Achsel; seine Mienen sprechen, aber --
sein Mund schweigt. Er dreht sich wieder um und pfeift -- geht zum Tisch
und klingelt.)

Florentin. (beobachtet den Prinzen mit scharfen Blikken unverwand, so sehr
er sich auch den Schein des Gleichgltigen giebt)

Moriz. (zum hereintretenden Lakai) Schampagner!

Florentin. (mit Theilnehmung und Ernst) Prinz!

Moriz. (zerstreut) Was ist?

Florentin. Ihr scheint ein groes Geheimnis in Eurer Seele zu fhren;
scheinet -- (abspringend) doch, Ihr kennet mich noch zu wenig, Prinz, ich
verarg' es Euch nicht.

Moriz. (mit untergeschlagenen Armen dicht vor ihm hintretend) Mensch!

Lakai. (sezt den Wein auf, und entfernt sich)

Moriz. (mit verstellter Lustigkeit) Hier die Flasche lat uns umstrzen;
sie wird kstlich sein! (er fllt zwei Becher) Trinkt, Graf! --

Florentin. (schmeichelnd) Gndigster Herr, Ihr seid ein Rthsel, von dessen
Auflsung die Kunst des erfahrensten Menschenkenners zu Schanden wird.

Moriz. (zufrieden lchelnd) Wirklich? -- (den Becher hebend) Auf, es blhe
lang die Schnheit Rosaffens!

Florentin. (sich verwirrt stellend) Sie blhe! (beide trinken)

Moriz. (lachend) Rosaffa! ha, ha, ha!

Florentin. (nimmt den Becher von neuem auf) Es lebe hoch Sr. Durchlaucht
Herzog Moriz von Kanella! (Zerstreuung simulirend) O, verzeiht, ich vergas
mich, ich weis nicht mehr, was ich spreche.

Moriz. (sezt bestrzt das Glas nieder) Was war das?

Florentin. (angenehm) Vielleicht ein gutes Prognostikon!

Moriz. (strenge) Graf, fft mich nicht! -- (beide schweigen und beobachten
sich lange)

Moriz. Graf, Ihr gbet den Mahlern einen treflichen Heiligenkopf ab -- mit
Lust wrde man dazu Eure Mienen kopiren, denn man wrde den Heilgen in
Euch, ohne Heilgenschein, erkennen. -- Lget Euer Gesicht nur nicht?

Florentin. (lchelnd) Ich antworte kein Ja, oder Nein, um wenigstens den
_Mund_ nicht lgen zu lassen.

(abermahlige Pause)

Florentin. Wie ists, mein gndigster Frst, wie ists mit Euerm Entschlu
die Volksghrung betreffend? -- Lat uns den Aufrhrern beizeiten
entgegenarbeiten!

Moriz. Frchtet Ihr denn Gefahr?

Florentin. Allerdings, in so fern weder Ihr, noch des Herzogs Durchlaucht
hinlngliche Sicherheit besizt, noch Kraft einem rebellischen Volke
entgegenzustehn.

Moriz. Woher?

Florentin. Wegen Mangel an Soldaten. -- Es ist nothwendig, da ein Corps
errichtet werde, welches Eure Superioritt bewacht.

Moriz. (nach einiger Stille) Ja, ja, es mu eine groe Werbung angestellt
werden. Das ganze Land soll kontributiren. Wir haben jezt kaum tausend Mann
auf den Fssen.

Florentin. Ist Munition genug vorhanden?

Moriz. Das Kriegskollegium soll mir morgen ein genaues Verzeichnis davon
einliefern. In allen Fllen mu ausser Landes eingekauft werden. --
Wenigstens mssen in zwei Monaten zehntausend Mann da stehn.

Florentin. Und zwar aus Landeskindern gesammelt; denn auf Auslnder ist in
solchen kritischen Zeitpunkten nicht sicher zu rechnen.

Moriz. Aber es ist unmglich aus eitel Landeskindern in so kurzer Zeit
zehntausend Mann herbei zu schaffen; der Staat ist von keiner bermigen
Gre, in welchem berdies mehrere Stdte ein ausschlieendes Recht haben,
von allen Werbungen frei zu sein.

Florentin. Was kmmert uns dies? -- Sie sollen ihre Dokumente und Urkunden
vorweisen, diese mssen erst untersucht werden und ich wte nicht, welcher
Dmon seine Hnde im Spiel htte, wenn wir nicht vermgend wren Worte zu
verdrehn und zu verdeuteln und ihnen einen verlornen Proze an den Hals zu
spielen.

Moriz. (mit geballter Faust auf den Tisch schlagend) Warum haben wir uns
beide nicht frher kennen gelernt! -- (seine Hand ergreifend) Fiorentino!
Fiorentino! Ich htte Euch noch manches -- manches noch zu vertrauen, aber
-- --

So gut als wir, verstand auch _Florentin_ das mistrauische _Aber_, und er
wandte seine ganze Kunst daran den geringsten Argwohn aus dem Gemthe des
Prinzen zu vertreiben. Ob er glklich, ob er unglklich darin war, mag die
Folge aufklren. Was ihre fernern politischen Unterredungen betrift: so
find' ichs nicht behglich meine Leser dieselben lnger anhren zu lassen;
doch die Resultate derselben usserten sich nach etlichen Wochen im Lande.
-- Hatte man vorher geseufzt, so schrie man jezt ber Ungerechtigkeiten; wo
man ehmahls weinte, verzweifelte man jezt. Und _Florentin_, der von seinen
Freunden scharf bewacht wurde, dessen kleinste That ihnen nicht unbemerkt
vorberschlpfte, wurde denselben mit jedem Tage ein dunkleres Rthsel.

_Borghemo_ vorzglich war um deswillen usserst empfindlich. Er suchte
tglich den _Grafen_ in seinem Hause auf, wo er ihn aber nie fand;
aufgebrachter, als vorher, kehrte er dann gewhnlich heim und fluchte ber
das Schiksal und heuchlerische Menschenbrut. -- Dulli nahm sich seines
Herrn noch am meisten an; denn der alte _Badner_ spielte, seit er mit
_Florentin_ in Kanella war, wiederum die Rolle eines Stummen und sogar
Halbtauben, um einen desto geschiktern Horcher abgeben zu knnen.

Gieb deinem Herrn diesen Brief; sagte eines Abends _Borghemo_ zu _Dulli_:
vergi es nicht! sobald er in der Nacht zu Hause kmmt!

Ihr zrnt noch immer auf meinen Herrn?

Mit Recht!

Ihr irrt Euch in ihm!

So irren sich tausende und du allein betrgst dich nicht?

Freilich!

Narr!

Ich verzeih' Euch!

Nun, Schurke, was hltst du denn vom Grafen?

Da Ihr seine Gre nicht fasset, und ich seine Plne nicht durchschaun
kann.

Gieb ihm den Brief!

Der _Graf_ erhielt den Brief, der nichts geringers, als eine Herausfoderung
zum Duell enthielt. _Florentin_ konnte sich des Lchelns nicht erwehren;
_Dulli_ und _Badner_ gaben auf sein Mienenspiel Acht. Er schrieb noch in
der Nacht ein Billet, welches sogleich an Ort und Stelle gebracht wurde;
zwar nicht an _Borghemo_ selbst ging, aber doch die Widerlegung desselben
betraf. --

Was spricht man von mir in Kanella? fragte er _Dulli'n_ und _Badner'n_,
welche ihm vorm Schlafengehn die Geschichte des Tages zu rapportiren
pflegten. Beide bezeugten, wie mit einem Munde, da sein Kredit noch der
alte sei, nur da man vielerlei ber seine Rolle am _Hofe_ kannengiessere.
-- -- -- -- --




Viertes Kapitel.
Neue Verwirrungen.


O! rief _Borghemo_ am folgenden Tage in wilder Wuth, als er sich auf dem
in seinem Billet Florentinen genannten Kampfplazze eingefunden und schon,
seinen Gegner erwartend, einige Gnge auf und ab gemacht hatte: O,
Freundschaft, Redlichkeit, Freiheit -- was seid ihr? Doch nur Ideale,
todte, unnzze Ideale, dem Gehirn der Dichter in schwrmerischen Stunden
entsprungen, welche das schnste Thier in der Schpfung bewundert, aber in
sich zu realisiren weder Muth noch Kraft hat! -- Da ich so belogen werden
konnte, so -- so von einem _Duur_! -- -- Nein, erschien mir jezt ein Engel
vom Himmel, ich wrde seiner Larve und seinen Worten nicht mehr trauen. --
Freundschaft! ist dies nicht heuer ein Modegedanke, worin sich verkrppelte
Seelen verstekken, wie hsliche Gestalten hinter ihren Puz? -- O, verdammt,
von solchem Abentheurer betrogen zu werden! -- --

Borghemo schlug sich mitgeballter Faust vor die Stirn -- ging einige
Schritte vorwrts -- blieb stehn, -- sah nach der Uhr und lachte grlich
auf: Er kmmt noch nicht! pfui, des elenden Feiglings! er, -- er eine
Revoluzion bewirken? -- ha, ha, ha, wahrscheinlich unter den Weibern des
Hofes! er die despotische Regierungsform zerstren, die mit tausend Klingen
verfochten werden drfte, er, der sich vor der meinigen allein schon
frchtet? --

So tobte er eine Viertelstunde hindurch, ohne zu bemerken, da der Plaz,
auf welchem er sich befand, der zwar ein schner Spaziergang vor der Stadt
war, aber doch nur selten besucht wurde, jezt, und zwar zu einer sehr
ungewhnlichen Stunde, denn es war frh nach Sonnenaufgang, ziemlich
lebhaft geworden. Ueberall, wohin er um sich her sah, erblikte er zu seiner
unaussprechlichsten Verwunderung bekannte und unbekannte Mnner, hhern und
niedern Ranges, einzeln und in Gruppen lustwandelnd.

Er blieb eine Weile, wie versteinert, stehn: ging dann zu dem nchsten, ihm
bekannten Mann, um sich ber diese Szene Licht zu verschaffen. Kaum da er
sich diesem nherte, so zogen sich auch alle brige Personen, wie nach
einem verabredeten Signal, um denselben zusammen. _Borghemo's_ Erstaunen
wuchs immer mehr, und noch mehr, da ihm der bekannte Mann folgendes sagte:

Edler Borghemo, Ihr erwartet den Grafen, aber vergebens, denn seine Zeit
ist jezt zu kstlich, als sie mit Euch hier zu versplittern, und die
Gesundheit seiner Gliedmaen ihm fr den Tag der Revoluzion zu theuer, als
da er sie hier Eurer Laune und Eurer aufbrausenden Hizze opfern sollte.
Gesezt, da er bei dem nahen Aufruhr sein Leben nicht einbt, so steht er
euch gleich den folgenden Tag darauf zu Diensten. Dies ists, was er Euch
durch mich sagen lt.

Aber ich begreife nicht -- -- stotterte _Borghemo_ und warf seine Augen
auf die ihn umgebenden Mnner.

Leicht mglich! antwortete man ihm: Was die lieblosen Beschuldigungen
betrift, welche Ihr ihm gestern in dem bewuten Billette machtet, so hrt
dies darauf zur Erwiederung: Duur verdient sie nicht. Da er Eure
Freundschaft _der_, gegen den unglklichen Staat, hintenansezt, werdet Ihr
ihm hoffentlich verzeihen; da er, wie Ihr ihm vorwerfet, seine groen
Versprechungen in Absicht der Befreiung Kanella's vergessen, darber werdet
Ihr in Kurzem vom ganzen Staat die Antwort hren; und da er schon viel
gethan hat, und nicht wenig Anhnger besizt, -- davon knnt Ihr Euch durch
uns berzeugen lassen, indem jeder von diesen bereitwillig ist, sich statt
seiner mit Euch um Leben und Tod zu schlagen, wenn Ihr anders noch nicht
hinlnglich vergewissert seid, wie sehr Ihr dem Grafen _Fiorentino_ Unrecht
gethan habt.

Der gute _Borghemo_ war noch nicht ganz zu sich selber gekommen, und er
stand nahe dabei, alles das, was er sah und hrte, fr ein Gaukelspiel
seiner Einbildungskraft zu halten.

Fiorentino! sagte er: du hast in der That bewiesen, welch' ein
ausserordentlicher Mann du bist; -- ich will gehn und deine verborgnen
Plne im Stillen bewundern!

Wohl!, Fiorentino vermuthete diesen Entschlus von euch, antwortete
einer aus der Menge: kommt mit uns; wir haben Befehl Euch zu uns zu
sammeln.

Wie ein gedankenleerer Trumer folgte _Borghemo_ -- -- den _schwarzen
Brdern_ nach.

Sehnsuchtsvoller selbst als vom rachschtigen _Borghemo_ wurde _Duur_ an
eben dem Morgen von Sr. Eminenz, dem _Kardinal_ erwartet, welcher den
_Grafen_ und sein politisches, raffinirendes Genie nicht weniger zu
schzzen verstand, als der rauhe _Moriz_. Der Favorit lie sich lange
vergebens erwarten. _Benedetto_ war sehr unruhig. Er ging von Zimmer zu
Zimmer; bald hinaus auf den Altan; bald hinaus in den Garten. Es war dieser
Tag fr ihn von groer Wichtigkeit, denn er hatte bei sich beschlossen heut
gegen Florentinen mit einem wichtigen Projekt hervorzurkken. -- Er, der
sonst nie zitterte, der sonst keines Menschen Gewalt befrchtete --
zitterte jezt bei jedem Rauschen der Thren seines Pallastes. Er wnschte
_Duurs_ baldige Erscheinung und doch machte ihm sein bses Gewissen diesen
Mann furchtbar.

Was hilfts? sagte endlich der heilige Mann zu sich trostvoll, indem er
seine drre Gestalt ber ein Faulbett hinlagerte: Es reife endlich, was
reifen soll; lngerer Verzug ist der Tod meiner Hofnungen. Ob nun der Graf
meine Vorschlge acceptiren, meine Entwrfe gemeinsam mit mir ausfhren
wird -- das entscheide dieser Tag. Seine Treue, sein Karakter ist seit drei
Jahren und lnger der Gegenstand meiner Beobachtungen gewesen, ich hab ihn
cht befunden, tuschen, konnt' er mich nicht! -- Und gesezt, da er -- --
nein, unmglich! Er ist durch Rosaffen zu fest an mein Interesse geknpft,
er liebt sie, und sie ist ja, was sie ist, durch mich geworden; sie ist mit
meinen Plnen halbvertraut; ihr ekelt vor Piedro schon und sie kennet ja
seine Untchtigkeit zur fernern Regierung! --

Indem _Benedetto_ also kalkulirte, fand sich _Duur_ ein. Mit welcher
ungewhnlichen Gnade er von dem feinen Mnch aufgenommen wurde, wie
geschmeidig diese steife Eminenz war, wie huldreich lchelnd und
vertraulich dessen sonst ernste, zurkschrekkende Mienen sich zeigten, ist
beinahe unbeschreiblich.

Die Unterredung dieser beiden Hofleute wurde bald sehr intrikant; jeder
horchte, jeder forschte, beide handelten aber aus verschiedenen Absichten.

Ich lugn' es nicht, Fiorentino, ich preis' Euch glklich! sagte
_Benedetto_ unter andern, als Replik auf vorhergehende Reden.

Florentin. Darum, da mich die Grfin Rosaffa wieder liebt?

Kardinal. Eben darum! Es ist noch etwas Niegeschehnes, da Rosaffens Herz
fr irgend einen Mann wrmer geschlagen, als fr den andern. Ihr seid der
erste, und frwahr seid auch der Einzige. -- Sie ist schn, der Liebe des
schnsten Mannes in Europa wrdig; sie ist reich und vom Range. Und nun
denkt Euch im Besiz eines solchen allbeseeligenden, entzkkenden Weibes --
--

Florentin. (einfallend) Im Besiz?

Kardinal. Sie liebt Euch ja!

Florentin. Liebt mich? -- Sei es, ich bezweifle die Wahrheit Eurer Worte
nicht -- aber Besiz? -- Wer besizt sie? Wer? --Ist sie nicht Piedros?

Kardinal. (mit Besinnung) Es ist wahr! --Ich bedaure Euch und -- die
unglkselige Grfin. -- Was seztet Ihr wohl daran Rosaffen zu befreien? --

Florentin. (verwirrt) Eine verfngliche Frage, die ich kaum zu beantworten
weis. -- Doch -- -- Ihr wit, ich liebe sie heftig.

Kardinal. (die Achsel zukkend) Piedro -- -- -- --

Florentin. (mit einem Seufzer) O Gott!

Kardinal. (mitleidig, ernst und aussphend) Piedro -- --

Florentin. Ich bitt Euch, nennt mir diesen Namen nicht; raubt mir nicht die
lezte elende Hofnung.

Kardinal. Euer Leiden thut mir weh. Knnt' ich helfen -- knnt' ichs --
doch aus Liebe fr Euch, mein Bester, wag ich alles. (Er steht auf und geht
umher, indem er sich nachdenkend stellt.)

Florentin. (seufzt ohngefhr so laut, da es den Ohren Sr. Eminenz nicht
unbemerkt bleiben kann.)

Kardinal. (rasch zurkkehrend) Fiorentino, Rosaffa sei die Eure!

Florentin. (aufsprengend mit Aeusserungen des Entzkkens) Wr es mglich?

Kardinal. Wie viel wagt Ihr daran?

Florentin. So viel die verzweifelnde Liebe wagen kann!

Kardinal. (lchelnd) Es soll nicht Tod und Leben gelten, sondern da Ihr,
nchst Rosaffen, mir Eure ganze Zuneigung schenket.

Florentin. O, die war die Eure, ehe ich Rosaffen liebte, und ist noch die
Eure und zwar in solchem Grade, als Ihr es vielleicht selber nicht von mir
erwartet. Ich knnte Euch gewisse Proben davon vor Eure Augen legen -- ich
sage Proben -- -- -- doch davon zu seiner Zeit.

Kardinal. Ich bewunderte von jeher Eure Offenherzigkeit und zugleich Eure
Verschwiegenheit. Wendet diese beiden Tugenden von nun an zu meinem
Interesse an; denn an meiner Glkseligkeit liegt die Eurige durch Rosaffen
unauflslich gefesselt.

Florentin. (mit einem Blik voller Rhrung) Benedetto!

Kardinal. (ihm die Hand und den Mund reichend) Seid mein! -- Jezt bin der
Eurige!

(sie kssen sich)

Kardinal. Und nun zuerst, Fiorentino sag mir, -- bei unsrer Freundschaft
beschwr ich dich -- sag mir, zu welchem Entzwek lt Moriz im ganzen Lande
werben? Ich befrchte Nebenabsichten!

Florentin. (geheimnisvoll) Mit Recht!

Kardinal. Wr es mglich?

Florentin. Dem Herzoge und wahrscheinlich auch Euch ist ein fremder Zwek
vorgespiegelt.

Kardinal. Mir hat man von einer bevorstehenden Revoluzion in Kanella
gesagt, welche Verstrkung der Truppen nothwendig mache.

Florentin. Mir der Revoluzion hat es seine Richtigkeit; in der That mu
sich das Volk in einigen Monaten empren, wovon man die untrglichsten
Spuren vorgefunden. -- Allein Moriz trift keine Gegenanstalten, sondern --
-- doch Euch sind ja Morizens Kabinetsgeheimnisse so wohl, als mir bekannt.

Kardinal. (sich vertraulich an ihn schlieend) Er will die Regentschaft von
Kanella an sich reien, wenn das Volk im Aufruhr Piedron minorenn am
Verstande und der Regierung unfhig erklrt.

Florentin. Ihr habts getroffen.

Kardinal. (hmisch lachend) Ha, ha, ha, ha! (er geht zu einem Pulte und
zieht verschiedene Papiere hervor, die er dem Grafen berreicht.) Seht
hier! Piedros Untchtigkeit zur Staatsverwaltung ist allgemein bekannt --
der Aufruhr des Volks mag vor sich gehn; er ist nothwendig -- aber Kanellas
Heil liegt meinem Herzen zu nahe. Seht hier, und leset, wie lange ich
deswegen schon mit dem Rmischen Hofe korrespondirt habe.

Florentin. (durchfliegt mit froher Bestrzung die Bltter) Ich bin ausser
mir!

Kardinal. (wohlgefllig lchelnd) Und seht nun hier das Finale -- eine
Bulle Sr. pbstlichen Heiligkeit, die mich zum Regenten Kanellas ernennt.

Florentin. (liests) Bei Gott, ja! -- Wohlan, ich sprach vorhin mit Euch von
gewissen Proben meiner Liebe, welche ich aufzuzeigen htte. (Er zieht
Papiere aus dem Busen) Seht hier -- leset dies Bittschreiben von beinah
hundert der vornehmsten Brger Kanellas eigenhndig unterschrieben und an
Ew. Eminenz gerichtet.

Kardinal. (wird beim Lesen aus Freuden halb ohnmchtig -- er reit das
Fenster auf, lehnt sich lange hinaus, troknet sich die Thrne der freudigen
Ueberraschung vom Auge und fllt dem Grafen um den Hals) So hat man mich
denn in der That lieb? verlangt mich in der That an Kanellas Staatsruder?
-- o Fiorentino, Fiorentino! steh mir bei, ich bin zu schwach solche Last
zu ertragen! Aber Moriz?

Florentin. Lat ihn werben, er wirbt vor Euch.

Kardinal. Die guten Brger sollen in weniger Zeit eines groen Theil ihre
ungeheuern Abgaben berhoben werden. Ich wills dahin bringen; notifizirt
ihnen das; sagt ihnen, da es Benedetto nie anders, als wohl mit Kanella
gemeint habe und meinen werde. Ich will mich den Kanellesern von der
blendensten Seite zeigen.

Florentin. Um alles zu verderben?

Kardinal. Wie?

Florentin. Drngt vielmehr die Kanelleser bis zu des Elends ussersten
Gipfel hinan, da sie revoltiren mssen, desto eilender gelangt Ihr zum
Ziele. Gte beruhigt die Leute und zerstrt Eure Plne.

Kardinal. Verzeiht, verzeiht! Ihr habt Recht, die Freude machte mich
wirbeln. Und doch -- o, wr es mglich, da ich jezt ganz Kanella fr mich
einnehmen knnte!

Florentin. Kanella verehrt Euch wie seinen Vater, aber hat den Prinz
Moriz.

Kardinal. Ihr schmeichelt. Aber unterlat auch ja nicht, den vertrauten
Umgang mit Moriz fortzusezzen. Es ist uns nothwendig!

Florentin. Sehr natrlich. Selbst die Morizischen Werbungen empren das
Volk nicht wenig, in eingen Drfern ist es schon zum Aufstande gekommen.

Kardinal. (applaudirend) Bravo! bravo! -- Lat uns alles zur Befrderung
und Beschleunigung der Revolte beitragen. Ich werde Euch die dazu
erforderlichen Geldsummen anzeigen.

Florentin. Ich hege keinen Zweifel am -- glklichen Ausgang dieser
frchterlichen, verworrenen Hndel!

Kardinal. Und Euer ist Rosaffa, Euer das schnste Weib von ganz Kanella,
sobald Piedro enttrohnt ist und Benedetto an seiner Statt herrscht.

Florentin. (im Ausbruch der Freude die drre Kardinalshand kssend)
Benedetto!

Kardinal. (gndig lchelnd) Fiorentino!

Florentin. (auf die Knie niederstrzend vor ihm) Gebt mir -- gebt mir
Rosaffen!

Kardinal. (hebt den Grafen liebreich auf) Ihr seid ausser Euch!




Fnftes Kapitel.
Sturm und Liebesfreuden.


Inzwischen die Kabale und Intrigue heimlich den Hof in Partheien
zertrennte, und Wollust und Zeremoniel ihn ffentlich zu einem harmonischen
Ganzen machte; inzwischen _Piedro_ mit seinem Mdchen und Hofbuben lustig
schwelgte und nichts minder als eine baldige Strung seiner Feste ahndete;
indessen _Rosaffa_ um Florentins Wiederliebe buhlte; _Benedetto_ mit dem
Vatikan wegen seiner Regentschaft briefwechselte, _Moriz_ sich kriegerisch
rstete, die heimlich unterstzte Rebellion zu seinem Vortheil zu lenken,
und beide der _Prinz_ und _Kardinal_ _Florentin_ zu ihrem vertrautesten
Vertrauten machten -- unterdessen Blle, Assembleen, Karnevals,
Geburtsfeste bestndig am Hofe abwechselten und alles in einer frohen
nichtsbesorgenden Stimmung erhielten, wthete Verzweiflung und Hungersnoth
im Volke; zogen sich die Elenden immer genauer an einander; stimmte alles
immer inniger zu einem totalen Aufruhr zusammen; fachten die schwarzen
Brder, im ganzen Lande verstreut, das glimmende Gefhl fr die geraubte
Freiheit immer mehr an, und bestimmte man zulezt einmthig den Abend des
ersten Septembers zum Termin der bisherigen Sklaverei und der zu
erringenden Volksfreiheit. Die Verschwrung der Kanelleser beschftigte
mehr das Herz, als die Lippen; so verschwiegen war noch keine Konspirazion,
und so geheim noch keine Vorbereitung zu derselben gehalten worden. Alles
trug um so mehr den Anschein eines glklichen Erfolgs, da selbst _Moriz_
und _Benedetto_ von allem wuten, selbst den ersten Septemberabend kannten
und dennoch, statt zu verhindern, Unterstzzung leisteten.

Piedro! Piedro! httest du Augen gehabt zu sehn, du wrdest nicht lnger,
hinter Weibern und Flaschen verschanzt, sardanapalisirt haben! denn der
August begann sich allmhlig seinem Ende entgegen zu neigen und das ehmals
trauernde Volk lies nun eine zu rasche Vernderung spren. Geduldig lieen
die Richter ihre Rechte verhunzen von Hofschranzen, denn sie sahen den
ersten Septemberabend schon im Geiste grauen, der ihnen alles zurkgeben
sollte; Stdte lieen sich ohne Murren um ihre lezten Freiheiten plndern,
denn sie hofften in etlichen Wochen sie mit Wucher zurk zu gewinnen;
verarmte Familien aen ihr schimmlichtes Brod, ohne es noch mit Thrnen des
Kummers zu nezzen, die Hofnung strahlte auch ihnen trostvoll entgegen,
welche sie glauben machte, bald ein besseres Schiksal zu empfangen.

Viele von den Groen Kanella's und der Parthei des Herzogs wurden dieser
Phnomene frhzeitig genug inne. Ihre Spione brachten ihnen aus allen
Gegenden der Republik Nachrichten, eine furchtbarer, als die andre; sie
fingen sogar an argwhnischer auf den so fahrlig scheinenden Kardinal zu
werden, und ehe man es erwartete, zogen drei tausend Mann auslndischer
Soldaten, von einem benachbarten kleinen Frsten gemiethet, in Kanellas
Gebiet. Hier handelte _Piedro_ einmahl ohne Mitwillen seiner Beherrscher,
das heit des _Prinzen_ und des _Kardinals_, sondern nach dem Einfall
einiger andern ihm getreuen Rthe. Aber dieser Schritt wurde ihm sehr
natrlich von den beiden Universalministern gewaltig verbelt, und
gemisdeutet. Der Schaz ist grtentheils erschpft, hie es und lies man
im Volke aussprengen: demungeachtet beruft er fremde Soldaten ins Land,
welche den Einwohner noch mehr aussaugen mssen; Er marchandirt mit seinen
Landeskindern, verkauft seine Regimenter, um sich fremde Truppen wieder zu
miethen! o des frstlichen Dummkopfs! --

_Piedros_ Ansehn litte dadurch ungemein, wozu _Moriz_ und _Benedetto_ das
meiste unter der Hand beitrugen. Der Muthwille des Pbels ging so weit, da
sich eines Tages tausende vor dem Herzoglichen Pallast versammelten und
unter frchterlichen Drohungen dem _Piedro_ geboten, die Miethssoldaten aus
dem Lande zu schaffen. Allein ein Detaschement derselben zerstreute das
aufgebrachte Volk, und dieses lies sich willig auseinander treiben, denn
noch war der erste Septemberabend nicht erschienen!

Niemand aber von allen rang und arbeitete mehr, als _Florentin von Duur_,
niemand bedrfte mehrerer Erquikkung und Anfrischung, und niemanden wurde
weniger von derselben zu Theil. Die einzige Erhohlung, welche er sich
gewhrte, war die, da er sich oft Abends hinausschlich aus dem Gewhle des
Hofes und der Stadt, hinaus in einen an die Stadt grnzenden Park, welcher
dem _Herzoge_ zugehrte, aber wegen der seltnen Besuche ganz verwildert
war. Hier lagerte sich dann der ermdete Held entweder in dunkle Nischen
dichtverflochtenen Gebsches, oder an eine kleine Quelle, oder er begab
sich in ein niedliches Landhaus, welches in der Tiefe eines Thales lag und
von einem Paar alter Eheleute bewohnt wurde. Seine Thaten mit froher Seele
berschauend, hinausblikkend in die belohnende Zukunft, wars ihm hier nur
allein wohl, und genos er nur hier die lieblichsten Stunden seiner Tage in
Kanella.

Wer ihn im Park belauscht htte, wrde _Florentinen_, den groen,
hfischen, verwegnen _Florentin_, den ernsten, hochgeachteten Bndner der
schwarzen Brder nicht erkannt, sondern einen sanften, liebesiechen,
schwrmenden jungen Mann gefunden haben. Da stand er oft und schnizte den
Namen, seiner _Louise_ in die Rinde junger Linden; oder er drkte _Holders_
Bildnis an seinen Mund, oder er rief den Namen seiner Schwester
_Friederike_ mit brderlicher Wehmuth aus.

Ungestrt hatte er hier bisher sich so manchen schnen Abend selber leben
knnen, aber -- ein schwarzer Dmon raubte dem guten _Duur_ auch diese
lezten Freuden.

Einsmahls lag er seiner Gewohnheit nach in seiner Lieblingsnische; der
Abend war einer der schnsten des Augusts, die Gegend durch denselben so
reizvoll geworden, das Abendroth zitterte wie in goldnen Tropfen am Halm
und Laub, die Vgel gossen Melodien durch das Gehlz. Plzlich schlug der
Saitenton einer nahen Guitarre sein Ohr; bald darauf mischte sich eine
ssse, klagende Weiberstimme dazu. _Florentin_ horchte betroffen; er hrte
folgenden Sang:

   Dich zu sehn, und dich zu lieben,
   Einziger in der Natur,
   Allgewaltsam hingetrieben
   Auf der Liebe Dornenspur --
   Eine That vom Augenblik
   War mein Leiden, war mein Glk.

   Drft' ich, Trauter, dir bekennen,
   Was mein wundes Herz gefhlt,
   Wie mir Herz und Wangen brennen,
   Nie vom Troste angekhlt --
   O, du wrdest hold und schn
   Auf mein Leid hernieder sehn.

   Wrdest weinend mitempfinden,
   Was ich weinend schon empfand;
   Wrdest mir verzeihn die Snden,
   Da, wenn Gott und Welt verschwand,
   Du vor mir in Liebespracht
   Meine Seele angelacht!

   Da in stillen Mitternchten
   Mir dein ssses Bild erschien,
   Um die Stirne Sternen flechten,
   An den Busen -- Rosmarin;
   Aber ach! ich sah genau
   Auf den Zweigen Thrnenthau!

   Da des Mondes Silberstrahlen,
   Aus des Himmels lichten Hhn,
   Immer mir dein Bildnis malen
   In den Glanz der Heiligen,
   Und ich dann im trben Weh
   Auf zu dir anbetend seh'!

   Ach, du lchelst, thust den Himmel
   Mir in deinen Blikken auf;
   Aus der groen Welt Getmmel
   Ziehst du mich zu dir hinauf --
   Trinkend Paradieseslust,
   Ruhe ich an deiner Brust.

   Selige Gefhle keimen
   Aus der Seele dsterm Raum;
   Drft' ich, Jngling, ewig trumen
   Meiner Liebe schnen Traum? --
   Aber, ach, zu bald, zu bald
   Ist dies Lustgebild verwallt.

   Warum sah' ich dich, mein Leiden
   Namenloser zu erhhn?
   Warum konnt' ich dich nicht meiden,
   Mut' ich deine Schnheit sehn?
   O des Schiksals Eisenhand
   Schlang um uns dies Zauberband!

   _Liebe_ heilet nur die Wunden
   Meines Herzens wieder zu,
   Gieb mir, was du mir entwunden,
   Gieb mir die verlorne Ruh':
   Liebe, Theurer, liebe mich,
   Gott erschuf mich ja fr dich! --

Florentins seltsame Verwirrung lt sich unmglich beschreiben. Ihm wars,
als lebte er in jenen Zeiten des Schferlebens, wo eine schchterne Grazie
einsam fantasirend dem Echo und den Winden ihre unglkliche Liebe
entgegenklagte, oder in jenem romantischen Zeitalter, welches _Wieland_ mit
so unnachahmlichen Schnheiten ausschmkte, wo ein schmachtendes Mdchen in
ihrem bezauberten Thurm dem abwesenden Geliebten Liebe bekennt, die sie ihm
in seiner Anwesenheit lugnet.

Dem _Grafen_ war die Stimme der schwermthigen Sngerin nicht unbekannt,
nur da er des Liedes Inhalt eher von einer liebenden Nonne, als -- einer
frstlichen Mtresse erwartet htte. So unwillkommen ihm diese
Ueberraschung war, mute er sich dennoch der Etikette unterwerfen, sich
wiederum in den tuschenden Mantel der Verstellung vermummen und --
_Rosaffen_ aufsuchen.

Schn wie eine Halbgttin, reizend wie eine Griechin gekleidet, trat sie
jezt aus dem Gebsch ihm entgegen. Sie schien ihm nicht so nahe beahndet zu
haben, denn sein Anblik jagte all ihr Blut hinauf um Wangen und Busen.
_Florentin_ selber bebte zurk; so gewaffnet mit allem Zauber des Schnen,
glaubte er sie noch nie gesehn zu haben, wozu nicht wenig ein gewisses
schwermthiges Etwas, welches in ihren Lineamenten und Tnen und Bewegungen
lag, beitrug. Zwar war die _Grfin_ nichts weniger, als zur Mislaune
gestimmt; allein sie kannte _Florentinen_ zu genau und den Geschmak
gewisser Mnner, welche lieber ihre Damen schwrmen und empfindeln, als
natrlich froh sehn. Sie wute zu gut, wie viel ein solches Madonnengesicht
bewirke; wie leicht die Saite des Mitleids in mnnlichen Seelen
anzuschlagen und wie klein der Sprung vom Mitleid zur Liebe sei.

Drum hatte sie, welche die geheime Retirade des Grafen in diesen Park
ausgeforscht, und sich, Gott weis es, unter welchem Vorwande, auf den
Fittigen der sehnsuchtsvollen Liebe hieher fhren lassen, den Rath des
Dichters benuzt, der da sagte:

   Gern seh ich das Mdchen in Wollust und Scherz,
   Doch lieber die Liebe im weinenden Schmerz,
      Ein Thrnchen im schwimmenden Blaue;
   Denn lchelt die Sonne nicht hinter dem Flor
   Verschleiernder Nebel noch schner hervor,
      Nicht schner die Rose im Thaue?

So ward Ihr, schne Grfin, die angenehme Sngerin selber?

Rosaffa. (sich an seinem Arm stzzend) Schmeichler, war Euch Gesang oder
Sngerin angenehmer?

Florentin. Htt' es das Lied ohne die Sngerin sein knnen?

Rosaffa. Vielleicht doch!

Florentin schwieg; _Rosaffens_ Hand schmiegte sich um die seine -- langsam
schlenderten sie fort, und immer tiefer in das liebliche Gehlz hinein; der
bange _Florentin_ bebte an Rosaffens Arm; sie war zu schn.

Wir verirren uns, sagte er: lat uns einen geebneten Fusteig
aufsuchen.

Um Gotteswillen nicht, damit mich nicht ein Verrther in diesem Park und
Eurer Gesellschaft allein erblikt.

Vor wem darf eine _Rosaffa_ zittern?

Ah, Fiorentino, wr Euch der ganze Umfang meines Elends bekannt! -- Doch,
wir wollen den Fusteig vermeiden; lenkt hier rechts ein.

Seht, wie uneben dieser Weg fr Eure zarten Fsse, die solcher Wanderungen
nicht gewohnt sind! Wohl, so ruhen wir auf diesem Rasenhgel aus. Man
wird uns hier nicht beobachten knnen.

Sie sprachs, und sezte sich nieder. Der _Graf_ gehorchte, halb mit Grauen,
halb mit Lust ihren Wink, und warf sich neben ihr hin.

Sie sprachen lange kein Wort, aber ihre Hnde fanden sich unvermerkt wieder
zusammen.

Sag mir, Fiorentino, wie ists mglich, da Ihr so langes Wohlgefallen an
dem Aufenthalt in Kanella hegen knnet, in Kanella, wo der Sammelplaz so
vieler Unruhen und Unannehmlichkeiten ist?

Hat nicht jeder Plaz auf der Erde sein Angenehmes und Widriges?

Wohl, so frag ich bestimmter: wie ists mglich, da Kanella mehr Reizze,
als Unangenehmes fr Euch haben kann?

_Ihr_ solltet dies nicht fragen, nur _Ihr_ nicht; -- jeder andre knnte
es vielleicht, und vielleicht antwortete ich jedem darauf.

Mir nicht? wie so?

Rosaffa, so unwissend seid Ihr nicht!

Aber wie, wenn ichs nun bin?

So drft' ich der Geliebten des Herzog Piedros nicht antworten.

Ihr seid grausam. Warum lat Ihr -- Ihr es mich und just es jezzo fhlen,
wer ich Unglkliche bin?

Rosaffa!

Fiorentino, bei Gott, ich hab es nicht ganz, und am mindesten um Euch
verdient!

Ich verstehe Euch nicht.

So verstand ich Euch besser, als Ihr es wolltet.

Verzeiht mirs, schne Grfin, wenn ich Euch unwissend krnkte!

Unwissend? o, Fiorentino, heuchelt dies einer andern! -- Unwissend? --
also nur Euch wr' es unbekannt, an welches Ungeheuer mich das Schiksal
verkaufte? Euch nur unbekannt, wie Rosaffa leidet in eines elenden
Wollstlings Riesenarmen? -- Eines Herzogs Geliebte! ach Fiorentino, httet
_Ihr_ nie diese Worte ausgesprochen!

Eben dieser stolze Name, um welchen Euch alle Kanelleserinnen beneiden
--

Eben dies ists, was mein Leiden vermehrt. Die einzige Thrne eines
mitleidigen Freundes ist in der Noth kstlicher, als die Bewunderung von
der halben Welt.

Ihr seid unglklich?

Da Ihr dies fragen knnet! -- (_Rosaffa_ schwieg lange still; Thrnen
stiegen in ihren Augen auf; sie suchte dieselben zu verbergen.) Denkt
Euch, Fiorentino, denkt Euch ein junges, unerfahrnes Mdchen, welches noch
nichts von den Gefhlen der Liebe kannte, welches nur zu tndeln, sich zu
schmkken und zu gefallen verstand; ein Mdchen, welches von seinen eignen
Eltern, von Verwandten und Fremden ihrer Schnheit willen geschmeichelt,
von Dichtern unzhlig oft besungen, von Malern und Bildhauern zu Modelen
ihrer Gttinnen erhoben wurde. Denkt Euch solch ein Mdchen und sagt mir,
wessen war die Schuld, wenn dasselbe so bald verdorben wurde? -- Dieses
Mdchen, angebetet von allen Jnglingen, wurde der Gegenstand von der Liebe
eines Frsten. Er warb um ihr Herz, um ihren Besitz. O, Fiorentino, und
htte auch der Werber selber nicht Reize genug besessen ein schwaches Weib
zu fesseln, wie viel verfhrerische, allgewaltige Mittel sind zu einem
solchen Zwek nicht in den Hnden der Frsten? wie knnte da ein
eitelgebildetes Mdchen lnger widerstreben, wo die Eltern es selbst zu dem
reizenden Schritte zwingen? Fiorentino, hasset mich nicht, denn ich rede
von mir selber.

_Duur_ wute nicht wie ihm wurde. Stiller Mitschmerz beklemmte seine Brust;
er rkte _Rosaffen_ nher, und sah ihr mit weichern Blikken ins Auge.

Wenn nun endlich der Geist des betrognen Mdchens erwacht; fuhr _Rosaffa_
fort: wenn es sichs nun seiner Unschuld, wie in einem Traum, entrissen
findet; wenn nun das reine Feuer der Liebe fr einen Liebenswrdigen zum
erstenmahle in ihrem Busen aufzulodern beginnt -- ach, und keine gtige
Hofnung ihren Wnschen wohlthut; wenn -- -- doch ich breche ab! --
Fiorentino, ich frage dich, zweifelst du noch, ob ich unglklich sei?

Ihr habt mich gerhrt!

Kalter, Gefhlloser -- nur gerhrt? -- o Fiorentino! (mit diesen Worten
sank sie nieder in seinen Arm, und blikte schwimmenden Auges zu ihm auf.)

Rosaffa! stammelte er und drkte sie an sich.

Ich -- liebe dich, Fiorentino! -- bist du diesem Gestndnis bse?

Wie knnt' ich das?

Liebst du Rosaffen -- kannst du Rosaffen lieben?

Herzog Piedro -- -- --

Nur ein einziges, armseliges Ja, oder Nein antworte mir!

Der Herzog -- -- --

Ha, verdammt, mit deinem Herzoge! rief sie und sprang auf: Sich mich an,
Mensch, verblht bin ich noch nicht, und noch nicht deines Ekels werth!

_Florentin_ bestrzt und verwirrt stand auf, und suchte dies gefhrliche
Mdchen zu besnftigen; aber die Kanelleserin hrte ihn nicht. Sie ging
seufzend auf und ab. Nein, sagte sie: du liebst mich nicht, denn die
Sprache des Liebenden tnt anders, als die deine. Und doch, Fiorentino, o
Fiorentino, wr' es nicht mglich, da du mich einst -- -- Aber nein; nur
ausforschen wollt' ich dich -- Mehr wollt' ich nicht. Ein Wort von dir
konnte mir schon zu viel sagen!

Der _Graf_ wollte reden, aber sie hrte ihn nicht. Die weibliche Schaam
bestrmte sie mit hundert Vorwrfen; ihr Stolz emprte jeden Tropfen Bluts
in den Adern; sie wollte sich fassen und vermogt' es nicht. So dauerte es
lange.

Ich bin unglklich! sagte sie nach einer Pause, in welcher der Graf in
keiner geringen Verlegenheit dagestanden: ich bin sehr unglklich, dem
Himmel seis geklagt! -- Geht, und lat niemanden eine Spur von dem, was
unter uns vorfiel, wittern, oder, bei Gott, Ihr lernt eine _Kanelleserin_
kennen! -- Geht, und, um alles in der Welt, _bemitleidet_ mich nur nicht.
Euer Mitleiden ist mir entsezlich; htet Euch! Htet Euch, sagte ich, oder
ich mache Euch in eingen Tagen zum Gegenstand des _allgemeinen_ Mitleids
und Bedauerns. Mir sind gewisse Geschichten bekannt, welche Euch um den
Kopf bringen drften, wenn sie bekannter wrden; gewisse Plne von
Aufruhren, Enthronungen und so mehr! -- Ich wette, Euer ganzer Anhang
drfte sich in kurzer Zeit auf dem Schaffot wlzen! -- Kennt Ihr mich nun?

O, so wahr ich lebe, rief _Duur_ plzlich wider das Weib angeflammt mit
einer wilden, schreklichen Miene: Kanelleserin, ich kenne Euch! -- Aber
bei dem gegenwrtigen Gott seis Euch furchtbar geschworen, der erste
mordschtige Gedanke, welcher in Eurer schwarzen Seele aufschiet, soll
Euch mit selbiger Mnze bezahlt werden. Gelstets Euch den Grafen Duur
kennen zu lernen, so erprobt ihn!

Er sprachs, wandte sich um und lies sie betubt allein dastehn.

So hatte _Rosaffa_ noch nie den _Grafen_ gesehn, noch nie hatte so ein Mann
in Kanella wider sie gestanden. -- Sie bebte; ihr Gewissen schauderte; sie
sah den Frchterlichen zwischen den Bumen verschwinden; Fieberfrost in den
Gliedern und Rache im kochenden Busen verlies sie den Park.




Sechstes Kapitel.
Die schwarzen Brder.


Aber ein schreklicher Tumult erhob sich eines Morgens im herzoglichen
Pallast; alles lief blas und verwirrt durcheinander hin; _Piedro_ rasete
von Zimmern zu Zimmern; der _Kardinal_ und _Moriz_ wurden eiligst
herbeigeschaft; die Hofdamen weinten, und ermannten sich von Ohnmachten, um
in neue zu fallen -- alles lies die grte Bestrzung blikken. --

_Rosaffa_ war ermordet.

Schwimmend in geronnenem Blute, einen Dolch in der Brust fand man sie
entgeistert in ihrem Bette, als sie von ihren Zofen frh besucht wurde. Auf
der Erde lag eine Pergamentrolle, darauf stand mit groen, lesbaren Zgen
geschrieben:

Sie trat das Recht ffentlicher Richter mit Fssen, drum ward sie von uns
gerichtet. -- Auf ihr ruhte das Verderben des Staats; auf ihr der
unschuldige Tod manches Biedern, auf ihr das Elend der Verwiesnen und
Verarmten -- sie ward am Ende dem allgemeinen Wohl gefhrlicher noch, darum
ward sie hingerichtet vom

Gericht der _Unbekannten_.

Niemand war entnervter bei dieser Szene, als der schwache _Piedro_, niemand
ob dieses Zettels bestrzter, als der Prinz _Moriz_, und niemand
verzweiflungsvoller, als -- _Duur_. Mit Grausen standen sie alle da um
_Rosaffens_ Bett, anstarrend die Ueberreste einer so gewaltsam zernichteten
Schnheit. Sie, deren Lcheln noch vor zwlf Stunden den ganzen Hof
entzkken, deren finstre Stirn einen Frsten zittern, ein Herzogthum
schaudern machen konnte, -- sie war jezt ein machtloses, zerstrtes,
unnzzes Prachtstk.

Kniglich waren die Anstalten zu ihrem Begrbnis; drei Tage stand ihr
Leichnam hindurch in einem kostbaren Sarge zur Schau -- aber niemand, auch
kaum ein neugieriges altes Weib, schlich sich herbei die Ermordete zu sehn.
Meister der harmonischen Tonkunst fhrten am Tage ihrer Beerdigung
ffentliche Trauermusiken auf, aber -- kein Auge nte sich. Kanellas
Dichter besangen die Hingesunkene, und keiner las die schwarzbernderten
Bltter.

Elendes Loos der im Leben vergtterten Bosheit! -- der Seufzer _eines_
Edeln ber dem Grabe des Guten ist unendlich kstlicher, als die
kunstgebildete Thrne eines Marmorbildes ber des Snders Gruft, welche die
Flche der Unglklichen umrauschen!

_Moriz_, dessen Gedchtnis die ehmahlige Korrespondenz der _Unbekannten_
mit ihm, und die fatale Begebenheit mit den maskirten Kerln, welche ihn auf
der Strae so unsanft zugesprochen[A], noch nicht verloren gegangen war,
befand sich jezt in keiner angenehmen Lage.

Freilich waren es bis zum entscheidenden Abend des _ersten Septembers_ nur
etwa noch acht Tage hin, -- aber wie viel Querstriche konnten ihm nicht in
dieser Zeit noch von den verwnschten _Unbekannten_ durch seine Plne
gezogen werden? -- Jezt fing er sich an vor _Florentinen_ zu frchten, denn
um seinetwillen hatten die _Unbekannten_ ihn ehmals an Herzog Adolfs Hof so
bel mitgenommen, und seit _Florentin_ in Kanella etwas merkwrdiger
geworden, hub sich auch sogleich das alte Unwesen wieder an.

[Funote A: Siehe des ersten Bandes dritten Abschnitts, Kap. 8. S. 183.]

_Morizens_ Gewissen pochte; es war sich keiner schnen Thaten bewut,
welche sonst die beste Arzenei in kritischen Augenblikken wider das
Herzklopfen sind; berdies hatte _Florentin_ die smmtlichen Papiere von
Sr. Hoheit in den Hnden, worin das ganze Gewebe der schlummernden
Verschwrung und des drohenden Aufruhrs gar deutlich angegeben stand, --
und wie leicht konnte der _Graf_ auf einen bsen Einfall gerathen! -- Der
einzige Trost fr ihn waren die glklich ablaufenden Werbungen, indem jezt
schon nicht mehr, als funfzehn tausend Mann auf den Beinen standen, die
theils in der Residenz, theils in der Nachbarschaft quartirt waren. Zur
grten Sicherheit verstrkte er die Wachen um seinen Pallast.

Aber man denke sich sein Entsezzen, als _Flimmer_ an Rosaffas Begrbnistage
mit der Botschaft zu ihm hereintrat, da er aus sicherm Munde erfahren
habe, Sr. Eminenz der _Kardinal_ _Benedetto_ wisse nicht nur umstndlich
von _Morizens_ Anschlgen, von der Bestimmung der angeworbnen Mannschaften,
von der am Septemberabend bevorstehenden Landesrebellion, sondern habe auch
schon, im Fall der Aufruhr nach Wunsch ablaufe, eine Bulle von Sr.
pbstlichen Heiligkeit in Bereitschaft, vermge welcher er sich zum Vormund
des Piedro und Interimsregenten des Staats aufzuwerfen die Vollmacht habe.

Dem _Prinzen_ wurd' es bei dieser Post dunkel um die Augen; sein braunes
Gesicht wurde blasgelb, und es fehlte wenig, da er vor Schrekken
umgesunken wre.

Was blieb ihm bei solchen Umstnden zu thun brig? -- Hiergegen fruchtet
keine Verstrkung der Leibwache, und _eine_ Bulle konnte leicht dreisig
tausend Mann schlagen!

Flimmer fragte den Prinz etliche mal, aber gewann keine Antwort; erst nach
einer halben Stunde kam dieser wieder zu sich selber. Einige Flche machten
ihm erstlich Luft, dann war seine sehr natrliche Frage: Was soll ich
thun?

Eben das ists, was ich schon lngst gern von Euch erfahren mchte!
entgegnete der _Sekretair_.

Ich werde unsinnig!

Freilich, es ist schmerzhaft solchen Streich leiden zu mssen -- erfahren
zu mssen, da, wo man am sichersten mit seinem Schiffe zu seegeln whnt,
Klippen, Sandbnke und Untiefen den augenbliklichen Untergang drohn. Und
doch ists besser noch zur rechten Zeit die gefhrliche Situazion zu
entdekken, als dem Schiffbruch unwissend mit vollen Seegeln
entgegenzustrzen.

Da hast du Recht, aber das beruhigt mich nicht!

Ihr habt ja einen so wakkern Piloten, gndigster Herr, einen Duur, der
Euch leichtlich retten knnte! sagte _Flimmer_ und grinsete teuflisch
dazu.

Ah, verdammt! wer weis, ob nicht der Schurke selbst mein ganzes Verderben
zubereitet hat!

Aber Ihr selber, mein Prinz, Ihr selber habt mir ja oft die Unmglichkeit
dargethan, da Duur so handeln knne.

Und du elender Bube, willst meiner auch noch spotten? --

Ihr versteht mich nicht.

Augenbliklich schikke einen Boten zum Grafen, da er sogleich zu mir
komme.

Der Bote ging; der Bote kam und brachte statt des _Grafen_ Entschuldigungen
zurk.

Jezt fate _Morizens_ Argwohn Wurzel, und seine Wuth wurde frchterlich.
_Flimmer_ stand rath- und thatlos da, und grbelte und spannte seinen Wiz
auf die Folter, und erfolterte nichts.

Was sinnst du da, Narr! redete ihn _Moriz_ an, der auf ihm zuging und ihn
so vertraulich an die Schulter anpakte, da er gern htte laut aufschreien
mgen: Was sinnst du? -- Wenn die Noth am grten ist, wird doch _Moriz_
nur allein Rath zu schaffen und zu helfen wissen. Sei ruhig, sei ruhig,
armer Gauch! der Kardinal soll sich betrogen haben, entsezlich betrogen
haben. Das sagt _Moriz_! Ich stehe wider den ganzen Sturm; mag er nur
entgegenbrausen -- ich will stehn. Siehe, wenn mein Kopf erkrankt, meine
Autoritt im Volke stirbt, meine funfzehn tausend die Flucht ergreifen,
wenn alles verloren geht, alles: -- so geht auch ein Kardinalsleben zur
Neige. Verstehst du mich? -- Es ruhen schrekliche Mittel in meiner Macht;
ich kann einen Staat umstrzen, wenn auch nicht wieder aufbauen; ich kann
mir Wege ber Leichen bahnen, wo Lebende mir die Huldigung versagen; ich
will ber Trmmern wohnen, wo man mir den Besiz des Pallasts abschlgt.
Folge mir in mein geheimstes Kabinet, vorher aber befiehl, da binnen drei
Stunden kein Mensch sich in der Nachbarschaft desselben gewahren lasse.




Siebentes Kapitel.
Der Garten von Dosa.


Noch war an eben diesem interessanten Tage die Sonne nicht untergangen, als
auch _Florentin_ unruhiger war. -- _Badner_ hatte ihm nmlich einen Brief
gebracht, der abentheuerlich genug klang und in folgenden Worten abgefat
war:

_Vinzenz_,

Habt Dank von uns, da Ihr unsre Hoffnungen nicht zu tuschen vermochtet;
Heil Euch, Ihr seid der grten einer im Bunde! -- Beharrt Euern Plan
getreu. Verherrlicht Euch in der nahen erhabnen That; ein lieblicher Glanz
wird von Euch auf unsern Bund zurkfallen. Wir sind Eurer wohl eingedenk;
den Beweis davon findet Ihr im Stdtlein _Dosa_, an der Kanellesischen
Grnze. Dahin eilet straks nach Empfang dieser Zeilen, es wird Euch nicht
gereuen. Euer Quartier sei das Wirthshaus zum _goldnen Dorn_. Eilet!

_Die schwarzen Brder von Deutschland_.

So wahr, als jeder meiner Leser, durch solchen Brief in Florentins izzigen
Verhltnissen mit Kanella, in Verlegenheit gerathen wre, eben so gerieth
auch _Florentin_ nach Lesung des Schreibens in eine der unangenehmsten. Was
sollt' er thun? -- Kanella verlassen, zu eben der Zeit, da sich der Staat
der lezten, entscheidenden Krisis genahet? Kanella verlassen und zwar in
einem Zeitpunkt wo seine Gegenwart unausbleiblich nothwendig, wo noch einer
der gefhrlichsten Streiche in Rksicht des Prinzen und des Kardinals zu
vollfhren war? --

Er schwankte.

Was hab' ich in Dosa mit den schwarzen Brdern aus Deutschland zu
schaffen? fragte seine Neugier oft, und die thtige Fantasie wute
tausenderlei _Vielleichts_ zu entgegnen. Das lieblichste war Florentinen
das angenehmste, und dieses lies nichts geringers muthmasen als _Holdern_
in Dosa zu finden.

Holder in Dosa! sprach er dann zu sich selber in halbem Entzkken:
Holder in Dosa! o, mein Gott, da ihn nach so langer Trennung wieder zu
finden, wieder zu umarmen! -- Was wird er mir alles zu sagen, ich ihm alles
zu erzhlen haben! -- Da werd' ich von dir hren, gttliche Louise, da von
meinem Erstgebornen, meinem _Karl_! -- da von Schwester _Rikchen_, vom
guten _Onkel_. -- Ach, Gott, ja! ich mu dahin, ich lasse die seligste
Stunde meines Lebens so nicht entstreichen!

Sogleich wurden einige Billette geschrieben, versiegelt und an die
schwarzen Brder in Kanellas verschikt, welche sich um Mitternacht in
Florentins Garten, der an seinen Pallast stie, zu versammeln eingeladen
wurden. _Gotthold_ und _Dulli_ richteten alles zur schleunigen, geheimen
Abreise ein; der _Graf_ selber arbeitete bis um Mitternacht. Er siegelte
zwei ansehnliche Pakete von Schriften und Briefen ein, beide an Sr.
Durchlaucht, dem Herzog _Piedro_ von Kanella addreirt, hchst eigenhndig
von demselben zu erbrechen.

Eine frchterliche Mine sollte zum Wohl der Republik gesprengt, der
Kardinal _Benedetto_ und Prinz _Moriz_ morgendes Tages von ihrer
gefhrlichen Hhe herabgestrzt und zur Revoluzion am ersten Septemberabend
kraftlos gemacht werden.

Lange hatte der _Graf_ hieran gearbeitet; denn nicht umsonst war er in die
Geheimnisse dieser beiden Staatsmnner eingedrungen, hatte er einen schnen
Theil seines Lebens in den ekeln Gesellschaften des Hofes vergehn lassen,
hatte er die unsichre, gefahrvolle Protheusrolle gespielt und oft sein
Leben daran gewagt.

Inzwischen hatten sich die _schwarzen Brder der hhern Ordnung_ im
grflichen Garten versammelt, wohin sie durch eine abgelegne Hinterpforte
unvermerkt gelangen konnten. Es war finstre Nacht, der Himmel umwlkt,
mond- und sternlos. _Florentin_, den Brief der schwarzen Deutschen in der
Hand, trat jezt unter ihnen hin.

Freunde, sprach er: entschuldigt bin ich durch diesen Brief, worin ich
von den deutschen Verwandten unsers heiligen Bundes gen Dosa beschieden
worden, ich sage, entschuldigt bin ich durch ihn, da ich Euch auf eine
Stunde im nchtlichen Schlummer strte und hier versammelte.

Ihr nach Dosa? -- jezt nach Dosa? verlassen wollt Ihr uns jezt in der
Noth? so schollen etliche Stimmen verworren aus der Menge hervor,
indessen andre der Versammelten beim Laternenschein Florentins Brief lasen.

Ja, ich mu Euch verlassen, mu dem Bunde gehorchen; ehe noch der Morgen
graut bin ich ausser Kanellas Mauern. Dosa ist von hier nicht allzu
entlegen; es wird die Reise von etlichen Tagen sein. Der erste September
sieht mich wieder hier.

Warum wollt Ihr jezt hinweg, da die Gefahr vor der Thr liegt? schollen
die vorigen Stimmen, aber schon weniger laut zurk.

Ihr habt meine Antwort gehrt! entgegnete _Duur_ mit ernsterm Ton:
Glaubt Ihr, da ich aus Furcht zu entfliehn, oder mich von der nahen
furchtbaren Szene zu entfernen gedenke? Ha, Brder, kann man mich _einer_
feigen Schurkerei bezchtigen unter Euch? Sezt ich nicht oft schon
Gesundheit und Leben ffentlichen und verborgnen Gefahren um Kanellas Wohl
aus? -- Ich kehre zurk, um am Abend des ersten Septembers an Eurer Spizze
zu stehn, kehr zurk, und wr es auch zum Opfertode fr Eure Freiheit. --

Ihr seid entschuldigt! riefen einige.

Verlangt Ihr, da ich durch einen Eid zeitliches und ewiges Wohl
verpfnde?

Ihr seid gerechtfertigt! Ihr seid gerechtfertigt! riefen mehrere.

Oder will jemand meinen Muth auf dieser Sttte in diesem Augenblick mit
seiner Degenklinge messen?

Still! still! still! riefen alle: kein Mistrauen unter uns!

Wohlan! erwiederte mit sanfterer Stimme der _Graf_: so lat mich ziehn,
und beweiset nun auch Ihr whrend meiner Abwesenheit Muth und Geistesgre.
Habt Acht! kaum werde ich in Dosa angelangt sein, so strzen zwei Mnner
von ihrer schwindlichen Hhe hernieder, die der Volksfreiheit die
gefhrlichsten waren. -- _Moriz_ und _Benedetto_, diese Riesen werden
fallen!

Wie ist es mglich!

Diese Mnner wuten allein am Hofe um die groe Verschwrung; sie wuten
um alles durch mich. Sie selber muten die Hnde anlegen die Schlinge
wieder aufzuknpfen, welche sie despotisch um den Hals der Kanelleser
geworfen hatten; sie selber muten Waffen und Geldsummen liefern, damit wir
den groen Plan mit Nachdruk ausfhren knnten. Ohne ihre Hlfe wrden wir
nichts vermogt haben, darum verzettelt' ich sie selber in das Komplot, und
hielt ich sie fest darin durch falsche Vorspieglungen. Jezt aber ist es
Zeit sie wieder von uns auszustoen; sie gruben der Nazion eine Grube,
darum strz' ich sie selber hinein. Ihre wichtigsten Papiere, und selbst
Benedetto's pbstliche Bulle, welche ihn zum Vormund Piedros und Kanellas
Regenten erkohr, sind in meinen Hnden, und morgen lieset sie der Herzog!
-- Morgen sind Moriz und Benedetto Staatsgefangne! --

Ein frohes, verworrnes Gemurmel erhob sich; die Mnner drngten sich nher
um den Edeln.

Seit ich am Hofe fter und geliebter erschien, werdet Ihr, Brder,
bemerkt haben, da die Kanelleser zehnfach unglklicher geworden, als sie
es vorher waren. Ihr schienet vor mir zu zittern, und mich geheim als den
Urheber dieser allgemeinen Noth anzuklagen. Ja, und ich wars. Ich wars, der
die emprendsten Ungerechtigkeiten wider Kanella bte; ich wars, der die
unseligen Werbungen im Lande veranstaltete; ich wars, der die ltesten
Rechte der Stdte mit Fssen trat -- wars, der die elenden,
bejammernswrdigen Brger oder Sklaven von Kanella bis zur Verzweiflung
trieb, in welcher sie sich izt befinden. Allein so weit mut' es im ganzen
Lande gedeihen, verzweifeln muten die Kanelleser, um fhig zu sein ihr
Joch abzuschtteln, denn Gefhl fr Gre und Freiheit schlief unter ihnen.
Jezt ist eine allgemeine Revolte nothwendig; sie ist nicht mehr zu
verhindern. Ihr indessen wacht jezt mit verdoppelter Scharfsichtigkeit ber
alles, was geschehn knnte; htet das Arsenal, die Magazine; und was sonst
von importanten Plzzen, Gebuden und Wachthusern in der Gewalt der
schwarzen Brder ist, wohl; erhaltet Ordnung, und harret mit Klte und
Geistesgegenwart dem ersten Septemberabend entgegen! -- Lebt wohl!

Der _Graf_ sprachs und wnschte ihnen eine gute Nacht -- Gute Nacht!
riefen die Mnner, und wer da konnte, drkte dem groen _Fiorentino_
dankbar die Hand.




Achtes Kapitel.
Fortsezzung des Vorigen.


Gewis war _Duur_ mit _Dulli_ noch nicht eingetroffen im Dosanischen
Wirthshause zum _goldnen Dorn_, als seine Weissagung zu Kanella schon in
Erfllung gegangen. --

Es bedrfte eben keiner Thron- und Lebensgefahren um einen Schwchling, als
_Piedro_, aus aller Fassung hinauszustrzen. Ein mislungenes wollstiges
Projekt, eine verdorbne Frisur, die Ohnmacht einer Dame, der Tod eines
Schooshundes war allein schon stark genug ihn aus dem Sattel seines
Gleichmuths zu heben. Und nun denke man sich die Lage dieses kleinherzigen
Prinzen beim Empfang der Florentinischen Briefe; denke sich sein Entsetzen,
Schaudern, Verzweifeln whrend des Lesens.

Er sank, wie vom Schlage gerhrt, kraftlos auf das Sofa nieder; Todesblsse
flo ber sein Angesicht, Todesschweis drang in kalten Tropfen aus allen
Poren hervor; die Hnde zitterten wie in einer betubenden, halben Lhmung,
die Knie schlotterten heftig.

So lag er da, ein Gegenstand des Mitleidens, der Erbarmung, lag er da, als
htte ein Donnerschlag seinen Insektenmuth gnzlich vernichtet, und alle
Kraft aus Nerven und Gebeinen verzehrt. Nach Viertelstunden erwachte er
wieder wie von einem Todesschlaf -- Traum wars nicht gewesen, die
grflichen Briefe widerlegten ihn, so gern er sich vom Gegentheil berredet
hatte. -- Er weinte.

Jezt erschien seinem Geiste _Florentin von Duur_ in der erhabensten Gre;
er bewunderte den Mann mit Thrnen, eben den, welchen er einst so sehr
bersah. All sein Vertrauen warf er izt auf diesen Engel; er schikte zum
_Grafen_, wnschte ihn _privatissime_ zu sprechen, allein _Duur_ war lngst
verschwunden.

Zum Erstaunen des ganzen _Kanella_ wurden der Prinz _Moriz_ und der
eminente _Kardinal_ an eben dem Tage unsichtbar; denn _Piedro_ hatte beide
hinterlistig zu sich gebeten, sodann von verschwiegnen, getreuen Offiziren
in abgelegnen Zimmern seines herzoglichen Pallastes gefangen halten und in
der Nacht heimlich auf ein Landschlo transportiren lassen. Ihre Palais
wurden stark bewacht, ihre Gerthschaften versiegelt und eine
Untersuchungskommiion wurde niedergesezt, die den beiden Staatsverrthern
den Proze machen sollten.

Wir lassen jezt _Morizen_ fluchen, _Benedetten_ anathematisiren und
_Piedron_ sich schmeicheln eine Verschwrung zerstrt, einem nahen Aufruhr
vorgebeugt zu haben, und wenden uns zum _Grafen_, der kaum anderthalb Tage
in _Dosa_ war, als er die Ursach seiner Dahinberufung erfuhr.

Ein Mdchen trat an einem Vormittage in sein Zimmer, erkundigte sich nach
ihm und berreichte ihm ein versigeltes Handbriefchen. _Florentin_ stuzte,
erbrach das Billet und las:

_Gndiger Herr_,

Sie werden von einem Landsmanne ergebenst gebeten, diesen Nachmittag ein
Glas Wein mit ihm in seinem Garten vor Dosa zu trinken. -- Ich erwarte sie
gewis.

Ihr Freund.

Der _Graf_ war etwas verlegen. Die _Zofe_ sah ihn unverwandt an und
lchelte.

Wer ist denn dein Herr, liebes Mdchen?

Er hat mirs verboten Ihnen seinen Namen zu nennen! antwortete sie in
deutscher Sprache.

Wie? bist du eine Deutsche?

Freilich; mein Herr hat mich aus Deutschland mit hieher genommen; ich bin
die Gesellschafterin seiner Tochter.

Seiner Tochter! wiederhohlte _Florentin_ langsam, der noch immer im
sssen Wahne gestanden, da _Holder_ ihm den Scherz spiele. Er besann sich
ein Weilchen.

Werden Sie hinauskommen?

Sag mir, mein Kind, ob dein Herr -- --

Ich verrathe Ihnen gewis nichts.

Gesezt aber ich erriethe seinen Namen.

Desto besser fr Sie.

Heit er etwan -- _Aellmar_?

Mit nichten! -- aber werden Sie kommen?

Gewis. Wo liegt der Garten?

Zum Sdthore hinaus, eine Viertelmeile von der Stadt entlegen, am
Dosanischen Gehlz. Sie knnen ihn unmglich verfehlen. Eine hohe
Kastanienallee fhrt Sie da links vom Wege ab; die Gartenpforte steht offen
und ber derselben werden Sie drei Aloeblumen entdekken.

Das Geheimnisvolle deines --

Ihre Dienerin! sagte lchelnd das Mdchen und hui schlpfte sie hinaus
zur Thr.

_Duur_ stand lange verwirrt ob der seltsamen Erscheinung da, doch was sollt
er machen? mit Ungedult erwartete er den Nachmittag und bis dahin suchte er
sich die Langeweile, welche er bis jezt nur dem Namen nach gekannt zu haben
schien, so gut als mglich zu vertreiben, durch Musik und Trumereien.

Aber eben diese versezten ihn bald in eine mehr wehmthige als ernste
Stimmung des Gemths; der Nachmittag erschien, und mit halbem Widerwillen
lies er das Pferd satteln, schwang er sich auf und trabte er langsam der
angewiesnen Strae zum Garten am Dosanischen Gehlz nach. --

Wann werd' ich Euch wieder erblikken, Gespielen meiner Jugend, ihr
Geliebten meines Herzens? schwrmte er vor sich hin: Wann werd' ich euch
wieder erblikken, ihr heiligen Gegenden meines Vaterlandes, worin ich
zuerst des Lebens Werth empfand? Ach, da ich es drfte, wie gern flg ich
Euch jezt entgegen! -- -- Onkel, mein alter guter Onkel, ich will ja gern
in deiner Umarmung alles, alles vergessen, was der Nachruhm herrliches hat;
Will gern bei deinen sssen Plaudereien, o Rikchen, das Jauchzen des
dankenden Volks vergessen; will bei dir, mein Holder, in seliger Ruhe aller
Pracht und Gre entsagen -- ach, ich opferte gern die Unsterblichkeit
meines Namens einigen frohen Augenblikken in eurer Mitte auf! -- O
Schiksal, Schiksal gieb mir Ruhe! -- und du, Bndnis der Schwarzen, wieviel
bist du mir zu geben schuldig!

Inzwischen er so mit sich selber sprach, stand sein Pferd am Ende der
Kastanienallee vor der Gartenthr mit den Aloeblumen.

Er stieg ab, band das Ros an und trat in den einsamen Garten. War es
Ahndung, oder die von den vorigen Bildern aufgeregte Einbildungskraft,
welche in ihn wirkten, weis ich nicht. Ein heimlicher Schauer drang durch
seine Glieder; beklemmt und froh schlug sein Herz einem unbekannten Etwas
entgegen; seine Blikke durchflogen die liebliche Wildnis, wo halbe Kunst
und halbe Natur herrschten.

Niemand, ausser ihm, war im Garten. Er erstaunte. Was soll ich hier?
fragte er sich laut, und leise schien ihm eine innre Stimme zu antworten:
Freund, nicht vergebens bist du hier! -- Er schwankte vorwrts, halb
mivergngt, halb neugierig.

In der Ferne, hinter Gebschen, schien etwas Weises vorber zu schweben.
Mit einer unerklrlichen Unruhe eilte er dahin, je nher er dem Orte kam,
je mehr seine Schritte an Schnelligkeit verloren.

Er stand vor einer verschlossenen Laube. Plzlich flog ein Gewebe von
Ranken zurk, und -- o Gott! -- -- _Louise_ lag in seinen Armen.

Louise! -- Louise! -- angebetete, geliebte Louise! -- rief er bebend;
Seine Knie brachen; er sank auf den Rasen nieder, und sie hieng in seiner
Umarmung fest.

O Louise! rief er, nach einer nur der Empfindung, nicht der Dichtkunst
heiligen Pause, und prete seine Lippen auf ihren Mund: Louise, trum' ich
dich!

Aber _Louisens_ Lippen ffneten sich nicht zur Antwort. Da lag sie
mattathmend, aufgelst in schmerzlicher Wollust, alles- und
nichts-empfindend in seinen Armen. Ihre schnen Augen starrten ihn
unabwendlich an, als wollten sie seine Zge fr eine ewige Trennung
auffassen. Ihr Mund war verschlossen, ihre kippen vergalten keinen Ku; ihr
Ohr schien den Ausrufungen seines Entzkkens taub; ihr ganzer, mit tausend
Reizzen geschmkter Leib schien Kraft und Leben verloren, ihr Geist
berauscht sich hhern Regionen entgegengeschwungen zu haben.

Meine Louise! rief der Liebende und seine Augen zerschmolzen in Thrnen.
Er hob seufzend die schne Leblose zu sich empor, und verbarg sein Antlitz
an ihrem Busen.

Lange verweilten beide in dieser Attitde; keiner sprach; Seufzer traten an
die Stelle der Wrter.

So lohnt die Liebe. So lohnt sie nach berstandnen Leiden; sie schpft ihre
Wonne aus himmlischen Quellen, und beut trstend dem mden Sterblichen
ihren heiligen Kelch. Dann verliert die irdische Herrlichkeit ihren Werth;
dann verschwindet jeder Reiz dieser Erdenwelt, und die Seelen der Liebenden
schweben, entrckt des Staubes Hlle, ber den Sternen hinaus.

Wiederfinden, Wiedersehn nach langer quaalvoller Trennung, wie lieblich
bist du! Bei dir zerschmilzt die heisse Sehnsucht in Ruhe; da zerlst sich
der Harm in ssser Wehmuth; da vergit die Sterblichkeit ihr Loos, und
zerfliet die Sinnlichkeit in Nichts. Da vermhlen sich Seelen mit Seelen
unterm Seegensruf der Ewigkeit; da fhlen Geister ihren gttlichen
Ursprung, und die schweigende Natur feiert die hohe Empfindung. --
Wiedersehn, Wiederfinden nach langer quaalvoller Trennung, wie lieblich
bist du! --

Ach, Florentin! stammelte nach einer halben Stunde _Louise_, und ein
tiefer Seufzer erhob ihren Busen.

Bist es wirklich, Einzige! -- kein Traumbild, kein Fantom! Du bists. Es
ist deine liebende Stimme!

Unglklicher Florentin, du liebst Louisen noch? -- Hast deine Liebe so
schwer ben mssen!

Ewig hngt meine Liebe an dir.

Hast viel gelitten um Deiner Louise willen.

Unendlich viel! -- ich hatte ja alles verloren. -- Ach, seit du an meiner
Brust liegst, hab ich dreifach -- tausendfach mehr dafr wieder gewonnen.
Ich bin zufrieden. Meine Wnsche hren auf.

Florentin, so viel Liebe hab' ich nicht verdient.

Hast sie verdient und mehr. -- Was war ich ehe du mich geliebt? ein
Geschpf sonder Werth! -- durch dich wurd ich alles. -- --

Sie weinten beide. Ihre Sprache verlor sich. Sie umarmten sich lange.

Ah! lispelte _Louise_ und die Seligkeit ihrer Seele mahlten sich in den
schwimmenden Blikken, auf den errthenden Wangen, in den lchelnden Zgen
ihres Angesichts wieder:

Wer htte es im herzoglichen Schlogarten an jenem Abend von uns whnen
sollen, da wir uns hier wieder finden wrden? Erinnerst du dich noch an
das Strumpfband?

Wie knnt' ich den kleinen Urheber all meiner Freuden und Leiden
vergessen? -- Ach preise jene Stunden selig, da eine morsche Bank dein
Thron war und ich zu deinen Fssen lag und dir Liebe gestand. Ich preise
jene Stunden meines Lebens selig, denn ohne sie wrd' ich dich hier nicht
besizzen.

So sprachen, so koseten die _Liebenden_ lange miteinander. Alle frohe und
traurige Szenen der Vergangenheit wurden geschildert und wieder
geschildert; jede Kleinigkeit ward zur Merkwrdigkeit, ein hie und da
verloschnes Bild mit neuen Farben aufgefrischt.

Bald wandelten sie Arm in Arm, Hand in Hand verschrnkt in einsamen Gngen
umher; bald ruhten sie wieder im Schatten hoher Bume; bald genossen sie in
einer angenehmen Grotte Erquikkungen von den auserlesensten Speisen und
Getrnken; bald schwiegen sie Viertelstunden hindurch, Hand in Hand, Blik
in Blik, Seufzer in Seufzer, Seel' in Seele, verloren. Und so entschwand
der Tag, so entfloh der schnste Abend wie die Fantasie eines Augenbliks.
Kein fremdes Auge belauschte die Glklichen; nur die _Zofe_ Louisens, die
bewute Brieftrgerin, sorgte fr die Bequemlichkeiten der geheimen
Liebenden.

Die Nacht zog am Himmel herauf; es war eine begeisternd schne Nacht, war
gewis von allen angenehm durchwachten Nchten des _Grafen_ eine der lezten
fr ihn auf Erden. Hingegossen lag er unter einem Pfirsichbaum; die
schwanweien Arme um ihn geschlagen ruhte die _Frstentochter_ neben ihm.
Ueber und um beiden webte ein Hollunderbusch die niedlichste Laube. Hell
funkelten die Sterne aus der wolkenlosen Luft herunter; verklrt im
Mondlicht schwamm der Garten; sanft rauschte der Abendwind durch die Wipfel
der Bume.

Was fehlt unserer Glkseligkeit noch? fragte _Duur_ und kte _Louisens_
Stirn.

Louise. Die Dauer der Ewigkeit.

Duur. (erschttert) Du hast Recht. O, warum sind die Freuden des Lebens an
den Maasstab der Zeit gebunden? -- Ach, Louise, Louise, wie bald werden wir
uns trennen mssen! (Eine Pause. Er versucht es sich von dem traurigen
Gedanken loszuwinden. Indem er sich ber Louisens Angesicht hinbeugt:) Du
bist mein Weib?

Louise. (schaamvoll zitternd) Ich bin noch -- dein Weib.

Duur. (ihren Worten nachsinnend) Ja, du bists, und wirst nie einem andern
werden.

Louise. (schmeichelnd) Mein Florentin.

Duur. Nie _einem andern_, Louise?

Louise. Florentin, warum fragst du so? -- O, du hast mich zum Weibe -- zur
Mutter gemacht.

Duur. Gott, es ist wahr, und ich konnte unsers Karlchens vergessen? -- wo
ist er -- Mutter, Mutter, wo ist er?

Louise. In Deutschland bei Holder von Sorbenburg. -- Ach, Florentin, wie
gern htt' ich Ihn dir mitgenommen, aber -- ich konnte nicht, durfte nicht!
(schwrmerisch) Es ist ein gttlicher Bube, so schn, so klug, so
schmeichelnd -- Florentin, es ist dein Ebenbild Du solltest ihn sehn -- bei
Gott unter Tausenden wrdest du ihn erkennen. Ich habe ihn oft auf meinem
Schoose getragen; habe oft mit dem verfhrerischen Knaben getndelt; habe
ihn den Mutternamen gelehrt und von seinem lieben Vater ihm erzhlt. Wie
neugierig er dann nach dir fragte, wann du heimkommen wrdest -- ach,
Florentin, die Freuden der Mutter kann kein Mnnerherz nachempfinden! --

Duur. Vortrefliche!

Louise. Du wirst ihn bald sehn knnen: so bald du es willst.

Duur. (entzkt) Meinen Karl sehn?

Louise. Mein Bruder Adolf hat dir verziehen. Schreib an den Herzog, nur
_eine Zeile_ schreib' ihm, und du darfst wieder in dein Vaterland
zurkkehren.

Duur. Friedensbotin, wie dank ich dir?

Louise. Ja, Adolf liebt dich unaussprechlich! er ist nie dsterer, als
dann, wann er an deinen Verlust erinnert wird. Du, du hast ihn mir
geraubt, Schwester sagte er mir oft, und so oft er mir dies sagte,
bemerkte ich Thrnen in seinen Augen. Kehre zurk.

Duur. (betrbt) Bald vielleicht.

Louise. Gieb ihm die alte Frhlichkeit wieder. Zwar ist er unterdes
vermhlt; aber seine Gemahlin kann _die_ Wunde nicht heilen, die dein
Verlust seinem Herzen schlug.

Duur. Ich kehre zurk, so bald Kanella mich lolt. Ich habe dir meine
Lage geschildert; du weit wie sehr ich an Kanellas Wohl gebunden bin, oder
Kanellas Wohl vielmehr an meinem Willen hngt. Du weit, welch ein Tag mir
bald bevorsteht. -- --

Louise. (ihn inniger umschlieend) Bedauernswrdiger Mann!

Duur. Doch sei's. Getrost geh ich meinem Schiksal entgegen. Aber hier, an
diesem Busen, will ich vorher ausruhn von meinen Thaten; von diesen Lippen
will ich mir erst Kraft und Feuer zu neuen sammeln. Hier will ich
Vergangenheit und Zukunft vergessen, um harmlos an der Gegenwart zu
schwelgen. -- O, Einzige, Liebliche, du bist ja mein, -- mein! mehr
verlange ich nicht aus der Flle der Seeligkeiten.

Inbrnstig hingen die Lippen des seligsten Paars aneinander. Schn war die
Nacht, aber schner war der nchtliche Triumf der Liebe.

Der Morgen erschien. Ein halber Tag entflo; bald war ein ganzer dahin. Die
Stunde des Scheidens schlug -- von einander gerissen waren die noch vor
einigen Stunden die Glklichsten der Erde, verweht wie ein Nebel, ihre
Freuden. _Duur_ glaubte aus einem Traum erwacht zu sein, als er sich nicht
mehr im Arm, am Busen _Louisens_, sondern auf seinem Rosse den Weg von Dosa
nach Kanella zurktrabend fand.

Gott, so habe ich nichts, nichts von der Freude genossen; ich habe mich
mit Schattenbildern ergzt! rief er bekmmert aus.

Das ist's Menschenloos nun einmal so! ghnte _Dulli_, der hinter seinem
Herrn ruhig dahin trottete.

Aber doch ist auch ein Traum schn! _Schwarzen Freunde_, ihr habt
ritterlich Wort gehalten, Florentin von Duur wird desgleichen thun.

Morgen ist der erste September! brummte _Dulli_, und ein Schauder flo
kalt ber seine Haut.




Neuntes Kapitel.
Sturm in Kanella.


Ho, Gianetta, schne Gianetta, es ist der Abend aufgedmmert! Gianetta,
die Erlsung Kanellas beginnt! rief der liebetrunkne _Enriko_ vor dem
Gemach seiner Geliebten. Und die Thren sprangen auf; der Jngling flog in
die Arme der stolzen Republikanerin.

Was willst du, Trauter? fragte sie und ihr Auge wandte sich begeistert
von den Waffen des schwrmerischen Enriko hinweg.

Dich noch einmal sehn. O Gianetta, vielleicht, da ich fr die
Vaterlandsfreiheit mein Leben ausblute.

Ksse mich, schner Junge; so liebte ich dich noch nie als in diesem
Augenblik!

Ha, der Ku, und dieser! -- o, noch eine Million derselben und ich fhle
Muth in mir den Erdkreis zu verwsten! --

Ungestm!

Ha, bald schwrzt sich unsre Hochzeitnacht! Gianetta --!

Wie wenns Grab unser Brautbett wrde? -- Enriko, mein Enriko, wie dann?

Wehe, ich mag den Gedanken nicht denken! -- Und nun, ade, ich habe dich
gesehn! ade!

Bleib noch! -- Ist Florentin von Duur schon heimgekommen?

Wahrscheinlich! weis es nicht! -- Ade!

Verweile noch!

Horch, lautet man nicht in der Ignatiuskirche? -- hrst du, sie strmen
mit den Glokken! es ist das Signal!

Man lutet zur Vesper. Bleib noch, Trauter, o, wie wirds mir so bang im
Herzen!

La mich! -- still, das war Trommelschlag! horch, wies die Gasse
hinunterwirbelt. Es ist Zeit!

Ach, einen Augenblik noch! -- Es ist das Wirbeln der Pauken im
herzoglichen Pallast, beim Gastmahl!

Sieh, wie strmt das Volk zusammen! Waffen an Waffen! Gianetta, schne
Gianetta, ade!

Enriko entfloh.

Wohl strmten die Glokken, wirbelten die Trommeln, rasselten die Waffen der
zusammenstrmenden Kanelleser. _Borghemo_ hrte die seltne Musik. Jach
sprang er auf in einsamen Zimmer, haschte er sein Schwerd, und stekte die
Pistolen in seinen Grtel.

Freiheit! Freiheit, du kmmst? rief er entzkt: Ha schwarzen Brder,
frwahr jezt mu ich Eure Macht anerkennen. Borghemo ist Eures Bundes nicht
unwerth; schwarzen Brder, ich leiste meine Pflicht! -- Aber du, groer
Fiorentino, du bist anbetungswrdig! -- o wie konnt ich dich einst
miverstehen Fiorentino, ich wasche in dieser Nacht mit Blut mein Vergehen
rein; Fiorentino, ich streite, siege oder falle unter deinen Augen!

Er riefs, drkte sich den Hut tief ins Angesicht und wollte hinausfliegen,
als sich plzlich die Thr ffnete und _Giovanni Borsellino_ mit mehrern
_Exulanten_ hereintrat.

Heil unserm Vaterlande! riefen die Kommenden, und der Jngling
_Borsellino_ hing am Halse seines Freundes _Borghemo_.

Borghemo. (bestrzt) Wie? woher kommt Ihr Landesverwiesne?

Giovanni. Geradeswegs aus dem Exil. Ha Borghemo, sollt' ich Euch allein in
Kanella die Freiheit erkmpfen lassen? -- Erinnerst du dich nicht, da die
Borsellinen von Anbeginn jedesmahl da standen, wo die Gefahr am
furchtbarsten war?

Borghemo. Wo ist der alte _Eo_?

Giovanni. An der Spizze aller Verwiesnen und Misvergngten im
Kanellesischen Gebiet. Das ganze Land ist in Bewegung.

Borghemo. Herrlich, herrlich!

Giovanni. Bruder, wo find ich den Fiorentino von Duur? Ich mu den Mann
sehen, der die ganze Maschine des verdorbnen Staats mit seiner Riesenfaust
zermalmt.

Borghemo. Den Mann suche da, wo das Gemezzel am wthendsten sein wird.

Einige Exulanten. Lat uns den Helden aufsuchen.

Andre. Das mssen wir; bei Gott, das mssen wir.

Giovanni. Ich begebe mich nach dem Dominikusplaz.

Borghemo. Dort ists schon lebhaft

Einige Exulanten. Auf zum Fiorentino!

Giovanni. Geht, wohin Ihr wollt, ich eile zu der Sttte, welche mir in
dieser Nacht die heiligste ist. Kennt ihr nicht mehr den Dominikusplaz, wo
weiland mein Vater erschlagen wurde? -- da will ich seinem Schatten ein
blutiges Opfer bringen; da will ich morden, und meinen Vater vershnen.
Borsellino! Vater Borsellino, es schwebe dein Geist um mich in dieser
Nacht.

Borghemo. Der Lrmen wchst mit jedem Pulsschlage draussen.

Giovanni. Hui! da fiel ein Schu!

Exulanten. (strmisch) Hinaus! hinaus!

(man hrt rufen: es lebe der Herzog Piedro!)

Borghemo. Was?

Giovanni. (schreiend) Es sterbe der Herzog!

Alle. Es lebe die heilige Volksfreiheit!

Borghemo. Ho! wer strmt in unser Haus?

Etliche. Leibwachen des Herzogs. Zieht die Klingen!

(Geschrei von aussen: Verrther heraus, Rebellen heraus! es lebe Piedro!)

Alle. (sich hinausdrngend mit bloen Degen und Geschrei) Es sterbe Piedro,
es lebe die Freiheit! -- --

Wo sumt denn Fiorentino? sagte _Dulli_ rgerlich und ungeduldig zu sich
indem er seine Klinge wezte: hussah, wie sie haussen wimmeln und lrmen,
und ich darf nicht darunter whlen; mu hier sizzen in der verdammten,
engen Stube und seiner warten. -- _Ladda, Ladda_! heut rch' ich deine
Schande! -- o, arme Ladda, shest du in dieser Nacht deinen Dulli, du
wrdest ihn liebgewinnen! -- Still! Was war das? riefen sie drunten nicht:
es lebe Piedro? (er lehnt sich zum Fenster hinaus) Es sterbe der Bluthund
Piedro und seine hllische Rotte! -- -- Hu, ein dunkler regnichter Abend --
desto herrlicher wird der Morgen anbrechen. Dulli, du erlebst einen Morgen
der Freiheit, oder siehst die Sonne nie wieder aufgehn. Ja, Dulli schwrts
bei seiner unglklichen Ladda!

Inzwischen dieser wilde, mordschtige Mann ungeduldig das Zimmer auf- und
ablief, und _Florentins_ Langsamkeit verwnschte, sa ruhig der _groe
Fiorentino_ da -- und weinte.

_Und weinte?_ -- Ja, meine Leser, er weinte; und Thrnen, wie die seinen,
glnzen als Perlen, in der Ehrenkrone der Menschheit.

Er hrte das Strmen der Glokken, Trommeln und Trompeten; er hrte den
wachsenden Tumult in der Stadt; er hrte das Klirren der Klingen fr und
wider die Freiheit gezogen; hrte endlich auch das Angstgeschrei der Weiber
und unmndigen Kleinen -- und _er_, gro genug einen _Herzog_ vom _Thron_
herabzureien, war auch gros genug alles Elend zu betrauern, welche diese
Rebellion ber manche Familie verschtten mute.

Aufruhr! Kampf der Freiheit! sprach er leise vor sich hin: wie die
Wrter lngst in meiner Seele brannten! -- Jezt beginnt das furchtbare
Schauspiel, und ich -- o drft ich noch einmal den Vorhang fallen lassen!
-- Unerforschliche Hand des ewigen Schiksals, du warst es, die mich
hieherfhrte, du warst es, welche die schreklichen Knoten schrzte, so
diese Nacht auflsen soll -- dir vertrau ich, fhre mich ferner durchs
Dunkel. -- O das Blut der Unschuld bedekke mich nicht; nicht mir gelte euer
Wimmern, lieben Kleinen; nicht mir euer Fluch in der Verzweiflung,
unglkliche Weiber! -- Ach, es ist so schreklich die Lebensfreuden der
Glklichen zu morden -- und doch! -- --

_Florentins_ Seele war bewegt. Er _liebte_, war kaum den Armen einer
Hochgeliebten entwunden -- kein Wunder, wenn er so zart empfand, wenn er
den einzelnen Unglklichen, welche es durch ihn wurden, eine Thrne des
Mitleids weinte.

Aber bald ermannte er sich. Kaum da er die Waffen angelegt hatte, traten
der _schwarzen Brder_ zwanzig bis dreiig zu ihm herein.

Fiorentino, riefen sie halb verzweifelnd: wir verlieren!

Florentin. (kalt) Wer?

Ein Bndner. Wir, wir! des Herzogs Anhang ist gros.

Florentin. Wo stehn unsre Regimenter?

Ein Bndner. In den Straen vertheilt nach Euerm Plan. Sie dekken die
Kirchen, das Arsenal, und die Stadtthore.

Ein anderer. Was ist zu beginnen?

Ein Dritter. Borghemo hohlt jezt aus den benachbarten Drfern die dasigen
einquartirten Truppen! --

Florentin. Ihr scheint muthlos. Erlischt die Flamme des Patriotismus so
bald in Euch?

Alle. (durcheinander lrmend.) Bei Gott nicht! wer spricht das? -- wir
wollen sterben, wenn wir nicht siegen!

Florentin. Still! -- Ein Streich mu gewagt werden, der alles entscheidet.
Hrt an!

Alle. Redet, wir hren.

Florentin. Ist Piedro noch nicht entschlpft?

Einer. Die Thore sind gesperrt, und stark besezt, wie knnt' er?

Ein anderer. Tausend Mann stehn um seinen Pallast und verrammeln den Aus-
und Einweg.

Florentin. Feinde?

Alle. Feinde.

Florentin. Befehlt, da man in der Gegend des Herzoglichen Schlosses laut
aussprenge, auf dem Dominikusplaz werde ein herzogliches Regiment in die
Pfanne gehauen; ruft Hlfe, lokt einen Theil der Wachen des Herzogs vom
Schlosse ab, sodann folgt mir nach; schleppt einige Kanonen herbei, die uns
durch die zurkgelanen Wachen einen Weg bahnen, und dringt dann mit mir
ins Schlo. Piedro mu unser sein. Auf, folgt mir.

Er sprachs.

Schon schwankten die Haufen der zurkgeschlagnen Brger; schon scholl durch
Kanellas Straen das wilde, jauchzende: Piedro lebe! schon strmte
Brgerblut, und erlosch das Feuer der Freiheitssucht in ihm; schon
verzweifelten Mann und Weib den Morgen in einem republikanischen Staat zu
begrssen -- als _Fiorentino_ erschien, und sein Hervortreten den Tumult
erneuerte, und seine Gegenwart neue Raserei verbreitete.

Es strmte von den Thrmen, es strmte durch die Straen. Allenthalben Mord
und Flucht und Sieg. Die Freiheitskmpfer griffen abermals an; laut hallte
der Kanonen-Donner; Prinz _Morizens_ Palais gerieth in Flammen.
_Benedettens_ Schlo loderte ebenfalls auf; -- mit jeder Minute wurde das
nchtliche Spiel frchterlicher.

Plzlich scholls: Hlfe! Hlfe! getreue Kanelleser hin zum Dominikusplaz!
die Rebellen schlagen des Herzogs Regiment! -- Ein Donnerschlag in den
Ohren der Herzoglichen. Alles strzte verwirrt zum Dominikusplaz; halb
verlassen stand Piedros Burg.

Und jach flog _Florentin_ an der Spizze der schwarzen Helden hervor aus dem
Hinterhalte; zahllose Kanelleser umringten das Schlo; die Wachen strekten
das Gewehr -- die Pforten des Pallasts wurden gesprengt; der Graf mit
funfzig Schwarzen durchsuchten das Gebude und zogen den Herzog, mehr einem
Todten als Lebenden hnelnd aus seinem Schlupfwinkel hervor.

_Piedro_ schlug die Augen auf. Beim Schimmer brennender Fakkeln erkannte er
unter den ihn umgebenden Mnnern den _Grafen_.

Piedro. (zitternd -- athemlos) Graf Fiorentino.

Graf. Eure Tyrannei ist zu Ende, Herzog.

Piedro. (beweglich) Fiorentino, auch Ihr?

Graf. Seht, Herzog, seht hinaus; betrachtet draussen den Greuel dieser
Nacht; seht wie Brger wider Brger wthen; hrt das Aechzen der
Erschlagenen, hrt das Winseln der Verwaisten -- Herzog, Landesvater, sieh
das Elend deiner Kinder und rechtfertige Dich.

Piedro. (entnervt) Nehmt -- nehmt alles hin, ich entsage allem -- nur
schzt mein Leben wider die Rebellen.

Graf. Ich selber bin der Rebellen einer.

Piedro. Nein, Graf, unmglich seid Ihr dies.

Graf. Ich bin mehr, bin der Rebellen Anfhrer.

Piedro. (zurktaumelnd) Wehe, auch Ihr!

Graf. (mit Majestt) Piedro, verget in dieser Nacht, da Ihr vor fnf
Stunden noch Herzog waret, und unterwerfet Euch der Rache des Schiksals. --
Kanellas Brger sind fortan nicht mehr Piedros Sklaven; hrt Ihr's? nicht
mehr Eure Sklaven! -- -- Ihr bleibt inzwischen diese Nacht hindurch in der
Bewahrung dieser Mnner, seid ruhig, wenn Ihrs sein knnet und frchtet
nichts fr Euer Leben. --

Piedro. (ergreift bebend die Hand des Grafen) Fiorentino -- --

Graf. (fhrt den Herzog an ein Fenster) Fakkeln leuchtet hinaus! -- Piedro,
ruft den Kanellesern zuerst ihre Freiheit zu!

Piedro. (sich zum Fenster hinauslehnend) Wehe, welch ein Anblik.

Einige der Schwarzen. (hinunterschreiend) Stille unter Euch! der Herzog
spricht! Ruhe! --

(Todtenstille von unten)

Piedro. (dreht sich vom Fenster ab) Fiorentino!

Graf. (mit furchtbaren Ernst) Ihr sumet? Hat Kanella noch nicht lange
genug in Euern Fesseln geschmachtet?

Piedro. (die Hnde ringend) Gott!

Graf. Seht, so triumfirt die Freiheit an der Hand der Verzweiflung. Und
dies alles ist Euer Werk! -- (Pause) Das Volk schweigt.

Piedro. (lehnt sich abermahls zum Fenster hinaus; er ruft weinend) Lieben
Kanelleser, Euer Herzog verkndet Euch -- Freiheit!

Freiheit! Freiheit! schrieen tausend Stimmen durch die benachbarten
Gassen, und: Freiheit! Freiheit! scholls zurk von allen Gegenden der
Stadt.

Ueberwunden strekten die Herzoglichen Soldaten das Gewehr -- die Sonne ging
auf und beleuchtete einen neugebornen Freistaat.

O Gianetta! Frei ist Kanella! rief der heimkehrende _Enriko_, indem er
der Wohnung seiner Geliebten entgegen flog. Aber ach! -- im Blute
schwimmend, erschossen, lag die schne Kanelleserin an der Thrschwelle
ihres Hauses.

Gianetta! Gianetta! stammelte seellos der arme Jngling, und sank mit
diesen Worten auf den Leichnam seiner Angebeteten hinab. Er brannte tausend
Ksse auf ihren kalten Mund; aber umsonst, der schne Geist der Geliebten
war entflohn; er durfte nicht heimkehren aus seinen neuen Wohnungen. Das
Volk umringte dieses unglkliche Paar, die Wuth der ergrimmten Rebellen
zerschmolz bei diesem Anblik in Mitleiden.

Ach, so ists denn vergebens! jammerte _Enriko_! darf ich nicht hoffen
glklich mit dir im freien Kanella zu sein? -- O Himmel und Erde, erbarmt
Euch mein -- ich habe sie verloren; meine Seligkeit, meine Hoffnungen, mein
Einziges verloren! -- Grausames Verhngni, warum ein solches Spiel mit
mir!

Er sank schmerzvoll zu Boden, sein plzliches Schweigen, sein dumpfes
Rcheln machte einige Mnner aufmerksam; man eilte zu ihm; ri ihm vom
Boden auf und fand einen Selbstmrder.




Vierter Abschnitt.





Erstes Kapitel.
Ruhe? -- fr Florentin?


Die Sonne war aufgegangen, den Triumf der Freiheit von Kanella zu
verschnern. Licht und Leben ergo sich durch die groe Natur; Licht und
Leben wohnten nach langen, dstern Zeitrumen endlich wieder im Busen der
Kanelleser.

Berauscht von der Freude, nun am lngst erseufzten Ziele dazustehn,
schwrmte das Volk durch die Straen, mit Jubelgeschrei. Entzkken glnzte
aus jedem Angesicht; neugeboren wankten Greise und Mtter und Vter hervor
sich, als freie Geschpfe, am Strahl der Sonne zu erwrmen, zu jauchzen und
zu hpfen unter Kindern und Kindeskindern; Hohe und Niedre umarmten sich
auf ffentlichen Plzzen, uneingedenk des Ranges und der Wrden, welche sie
sonst unterschied; was sich sonst hate, liebte sich jezt; was sich sonst
nie gekannt, schlos jezt der Freundschaft heiligen Bund miteinander. Alles
war vereint, alles fhlte sich gro, und gut und edel.

Ich bin frei! lallten Greise verjngt. Ich bin frei! riefen die Kranken
und genasen.

Frei sind wir! jubelten Mnner und Weiber, und die Kinder auf den
Straen.

_Duur_ aber befand sich noch immer im Pallast des verunglkten Herzogs.
Hier empfieng er von den schwarzen Brdern aus dem ganzen Staate die
frohsten Nachrichten; hier ertheilte er ihnen seine Befehle; hier gab er
die ersten Gesezze zur Wiederherstellung der alten Ordnung; hier sezte er
vor den Augen Piedros die Stadtobern in ihre ehmahligen Rechte ein.

Freilich erlaubte sich der Pbel, vom Freiheitsrausche benebelt, tausend
Ausschweifungen, lange noch nach diesem Tage dauerten dieselben fort, und
jeder zitterte, da sich Kanellas Brger durch eine frchterliche Anarchie
in grsseres Elend strzen wrden, als dem sie so eben entronnen waren; --
allein _Florentin_ verzagte nicht. Er hatte es vorausgesehn, wie geschehn
wrde, was geschah, und daher befremdete ihn die Wuth und Raserei den
trunknen Vollers nicht. Doch die hchste Gewalt in den Hnden des Pbels
ist Jupiters Donner in den Hnden eines spielenden Kindes. Hier muten
Vorkehrungen dagegen getroffen, muten Schranken wieder aufgebauet werden,
und sie wurden getroffen, und die Schranken wurden erbaut.

Die Sonne gieng unter. Ermdet von den zahllosen Arbeiten begab sich der
edle _Graf_ in seine Wohnung heim; in seinen Mantel vermummt, durch die
einbrechende Finsterni gesichert, erkannten ihn die umherschwrmenden
Haufen nicht, wiewohl sein Name in der Sprache des dankbaren Entzkkens von
ihren Lippen oft erscholl. Er kam an, und _Dulli_ war der erste, so ihm auf
der Schwelle des Hauses entgegen trat.

Florentin. (freundlich) Guten Abend, lieber Dulli! nicht so, Kerl, _die_
Nacht und _der_ Tag spielen wohl in der Geschichte deines Lebens die
glnzendsten Szenen?

Dulli. (bebend, sprachlos sich vor ihm auf die Knie niederlassend) Graf!

Florentin. (verwundert) Was ist dir?

Dulli. (gerhrt) Gott, Ihr fhlt nicht, was ich gern bekennen mgte? --
Graf, groer Graf! -- --

Florentin. Ich verstehe dich nicht, Lieber. Warum auf den Knien?

Dulli. Ach lat mich doch noch lange in dieser Stellung verbleiben -- sie
thut meinem Herzen so wohl! -- -- Graf, ich zolle Euch meinen Dank! --

Florentin. (lchelnd) Du bist ein freier Kanelleser worden und _knieest_
dennoch?

Dulli. Ah, ich liege ja vor keinen Despoten -- ich verehre den grten
Menschen meiner Zeit! -- Lat mich so liegen; Dulli dankt dem Erlser
seines Vaterlandes! (eine Thrne trpfelt aus seinen groen, emporgewandten
Augen.)

Florentin. Du bist ein sonderbares Geschpf; so rauh, und so weich! -- Steh
auf!

Dulli. Nein, nein, beim heilgen Petrus, nein, noch kann ichs nicht! -- O
lat mich so, so ist mirs wohl! -- Wenn ich nichts mehr sagen, nicht mehr
danken kann, dann will ich aufstehn, dann fhr ich Euch zu einem andern
guten Freund.

Florentin. (neigt sich innig bewegt zu ihm herab, und kt, ihn) Ich bin
dir gut!

Dulli. O, das ist auch mein schnster Lohn; nach ihm hab ich geschmachtet.
Ich sah Euch nur in der Nacht kmpfen; den ganzen Tag erwartete ich Euch
vergebens. Wohl schlich ich von Stunde zu Stunde um das herzogliche Schlo
Euch zu erblikken -- aber ich sah Euch nicht. Und nun -- nun bin ich
glklich, Ihr habt den armen Dulli gekt. Und (indem er vorn das Wams
aufreit) seht hier meine Wunden! eins, zwei, drei, -- fnf Wunden -- und
_ein_ Ku von Euch lt mir ihren Schmerz nicht fhlbar werden. -- (er
steht auf.)

Florentin. Ist unser alter Badner auch daheim?

Dulli. Er ists. Er ist der gute Freund, zu dem ich Euch noch fhren wollte.

Florentin. Ich bedarf der Ruhe; la Badnern zu mir in mein Zimmer kommen;

Dulli. Nein, das kann der gute alte Mann nicht. Ihr mt nun wohl zu ihm
gehn.

_Florentins_ Mienen schilderten seine Verwunderung ber _Dulli's_ Worte; er
gieng, wohin ihn _Dulli_ fhrte; sein Herz weissagte nichts Angenehmes.

Er trat in _Badners_ Stube, und fand den guten Greis auf dem Bette liegend.
_Badner_ schien durch das Hereinwandeln der beiden aus einem leichten
Schlummer aufgestrt zu, werden; durch Anstrengung all seiner Krfte erhob
er sich mit dem halben Leibe, den Grafen zu bewillkommen.

Lieber Badner, was ist dir geschehn? fragte _Florentin_ ngstlich, indem
er sich dem Bette nherte.

Badner. (mit matter, oft abgebrochner Stimme) Mein Herr, -- mein lieber
Herr!

Florentin. Um Gotteswillen, wie siehst du so bla, so elend aus!

Badner. Ach Gott, erinnert Ihrs Euch noch, was ich sprach, da wir ber die
deutschen Grnzen ritten?

Florentin. Nein, Badner, so arg ist es noch nicht. Wirst nicht in Kanella
dein Begrbnis finden.

Badner. Ich werd es. -- Ach, lieber -- lieber Herr!

Florentin. (zu Dulli) Was ist ihm wiederfahren?

Dulli. Verwundet ist er in der Nacht, und wie ich glaube, gefhrlich
verwundet. Halbtod schleppte man ihn hieher.

Florentin. Ist kein Wundarzt gerufen worden?

Dulli. Mehr, als einer.

Florentin. Und?

Dulli. (zukt die Achseln)

Badner. Sterben werd' ich, sagen sie. Oh, ich sterbe so gern! Hab ich Euch
doch noch einmal gesehn in dieser Zeitlichkeit, nun bin ich herzlich
zufrieden.

Florentin. (mit feuchten Augen) Nein, mein Badner, nein, du stirbst nicht.

Badner. Ich weis es, ich fhl es -- ich mu scheiden von Euch. -- Ich habe
noch eine Bitte eine groe Bitte an Euch.

Florentin. Was bittest du denn?

Badner. Lat meine Gebeine in der deutschen Muttererde verscharren. --
Wollt Ihr das?

Florentin. Ich will es. Aber -- --

Badner. Nun -- nun gute Nacht

Florentin. (sich mit Wehmuth ber ihn hinbeugend) Mein einziger, lieber
Leidensgefhrte, mein treuer Freund, du willst _gern_ von mir?

Badner. Ich _mu_, und darum -- _gern_. Meine Liebe zu Euch nehme ich mit
ins Grab, mit in jenes bere Leben.

Florentin. Und willst deinen Gefhrten allein da stehn lassen?

Badner. Ach, Lieber, Guter, Seelen, wie die Eurige, finden immer Verwandte
hienieden und droben. -- -- Lieber Herr, ich mu Euch noch Dank sagen fr
Eure Freundschaft; o, wir haben wohl manche Noth, wohl manche frohe Stunde
mit einander brderlich getheilt.

Florentin. (fhlte den nahen groen Verlust seines Badners und er weinte.)
Ich danke -- danke auch dir fr deine namenlose Treue.

Badner. Nun -- Lieber -- gute Nacht! -- Wir haben nichts mehr mit einander.
-- Kommt Ihr jemahls heim ins deutsche Vaterland, so gret den braven
Holder von seinem verstorbnen Freund. -- Oh, oh! -- Eins noch -- Ihr -- --

Florentin. Ruhe, Lieber, ruhe! das Sprechen schadet dir -- --

Badner. (schwach) Wenn Ihr und Holder noch einst -- ber fnfhundert Jahren
auf dieser Erde -- so -- so --

Wie ein hlloses Lampenlicht verklimmt, wie der Hauch des Mundes verrinnt,
wie ein leiser Ton verhallt -- so verschwand Badners Lebenskraft. Er war
hinbergeflohn in jene Welt, zu der wir alle hinber wandeln werden.

Dulli'n schossen Thrnen ins Auge; _Duur_ warf sich schmerzvoll ber die
Leiche seines treuen Dieners, und kte unzhligemahl' die kalten Lippen
des Entschlafenen.

Auch er ist dahin! -- seufzte er: auch mein Badner ist dahin! -- o, ich
glaubte ruhen zu knnen nach berstandnen Gefahren und Leiden -- aber, ach,
_Ruhe_! fr Florentin -- nein sie scheint fr mich bei der Unmglichkeit zu
wohnen! -- Mein Badner, lebe wohl!

Mit einemmahle scholl von der Strae auf ein feierlicher Gesang. _Dulli_
flog ans Fenster; er sah die Gassen von tausend Fakkeln erleuchtet und eine
zahllose Menge von Menschen um Florentins Hause versammelt. Der Gesang
stieg langsam und rhrend-feierlich empor; Trompeten und Pauken begleiteten
ihn. -- Ein Kanellesischer Dichter hatte ihn lngst schon auf die
wiederkehrende Freiheit angefertigt; er lautete so:

   Heilig ist Gott und gro!
   Heilig ist Gott und gndig!
   Heilig ist Gott und gerecht!
      Hallelujah! Hallelujah!

   Ach seufzete das Land,
   Unter der Tyrannenwuth;
   Greise flehten, Kinder flehten:
      Herr erbarme dich unser!

   Aber des lachten die Tyrannen,
   Gott im Himmel und Tugend auf Erden
   Waren ihres Spottes Ziel.
   Blut flo an ihrem Schwerdte,
   Blut trof von ihren Hnden,
   Und ihre Pfade waren Blut.

      Da schrie in dumpfen Klagen
   Die leidende Kreatur:
      Herr, erbarm dich unser!
      Herr, erbarme dich unser!
   Doch Gottes Langmuth, Gottes Gte
   Verzgerte der Frevler Tod.

      Des jauchzten die Tyrannen;
   Mit ungeweihten Hnden;
   Zerstrten sie der Menschheit Heiligthum!
   Und ihrer Snden Maas ward voll,
   Und ihre Bosheit unbegrnzt!
   Da chzte sterbend der Greis,
   Da chzte sterbend der Sugling:
      Herr, erbarme dich unser!
      Herr, erbarme dich unser!
      Herr, erbarme dich unser!

   Und unser erbarmte sich Gott,
   Es rollte in Gewitterschnelle
   Sein Strafgericht hervor;
   Sie sahn's, die Mrder und erbleichten
   Und schaudernd strzten sie nieder --
   Das Sklavenland ward frei!
      Hallelujah! Hallelujah!

Der Gesang schlo sich. _Dulli_ weinte Freuden- und Jammerthrnen
vermischt; _Florentin_ hrte nichts, er sa an Badners Bette: starrte
schwermthig den Leichnam seines Getreuen an und hielt die Hand seines
Lieblings fest in der seinigen verschlossen.

Aber das Volk lrmte unaufhrlich fort, und wiederholte die Worte des
Gesanges: das Sklavenland ward frei! mit dem grten Enthusiasm. -- Ja,
das Sklavenland ward frei! hrte man einige rufen: und frei durch den
Helden Fiorentino! --

Groer Fiorentino wir lieben dich!

Freiheitsbringer, lebe lange!

Fiorentino, lebe hoch!

So schrie man verwirrt durcheinander und _Florentin_ -- achtete des nicht.
Am Lager des Verstorbnen sizzend, hatte sein Leben jeden Reiz verloren. Er
war nun einmal wieder so arm an aller Freude, so arm an aller Hofnung,
jemahls wieder froh werden zu knnen, als er es irgend schon einmahl war.

Freund, Blutsbruder, Vater -- oder welcher Name heiliger ist -- alles das
war ihm der ehrliche _Badner_ gewesen, und diesen sah er jezt fr sich
verloren. -- Wer nun schon einen solchen Freund, Bruder und Vater verlor,
der male sich des armen Florentins Schmerz. Indem sich die Augen _eines
einzigen_ Freundes auf ewig verschlieen, schlieen auch tausend Gtterchen
der Freuden die ihrigen zu.

Hrt Ihrs nicht, gndiger Herr, wie das Volk Euern Namen ausruft sagte
_Dulli_, indem er sich zum _Grafen_ wandte; aber er vermogte es nicht ihn
aus dem Strom seiner Empfindungen hervorzureien.

Die Kanelleser werden ungestm, sie verlangen Euch zu sehn, Euch zu
huldigen! fuhr _Dulli_ nach einiger Zeit fort, inzwischen das Volk auf der
Strae tobte und schrie.

O Kanelleser, erwiederte _Florentin_ traurig: und legtet Ihr mir die
herzogliche Krone zu Fssen -- jezt hb' ich sie nicht auf. -- Geh, Dulli,
sage deinen Landesleuten, da Sie auseinander gehn, und mich nicht sthren
sollen in meinem Schmerz!

Dulli. (zum Fenster hinunter) Freie Kanelleser, sthret den Grafen nicht,
ihm ist sein Liebling ermordet fr Eure Freiheit.

Stimmen von unten. Fiorentino! groer Fiorentino, die Brger Kanella's
wnschen den Heiland ihres Staats zu sehn. Fiorentino tretet hervor!

Dulli. Fiorentino danket Euch fr Eure Huld; aber erscheinen wird er nicht.

Stimmen des Volks. Fiorentino, erhret uns!

Dulli. Gnnet ihm Ruhe, opfert ihm Eure Wnsche auf, da er seine Freuden
fr Euch hingab.

Stimmen. Fiorentino! Fiorentino!

Florentin erschien. Mit nassen Augen stand er da, auf den erhabnen Stufen,
welche zum Eingang seines Pallastes fhrten. -- Man sahe ihn, und wie die
Erscheinung einen Gottes war die seinige; die Luft, vor einem Augenblik
noch vom verworrendsten Geschrei zerrissen, wurde jezt durch einen leisen
Odemzug erschttert.

Fakkeln flogen herbei und umringten ihn; wie in einer himmlischen
Verklrung stand er da vor den Augen des Volks: die ihm nchststehenden
sanken nieder auf die Kniee um den entferntern Zuschauern den Anblik eines
Halbvergtterten nicht zu rauben; alle entblten ihre Hupter in stiller
Ehrfurcht. --

Ruhig war die Nacht; sternenschwer der Himmel; der Mond stieg in dieser
Minute hinter einem Gebirge schimmernder Wolken hervor, die Szene zu
verherrlichen; khl und leise hauchte der Nachtwind ber die Menge des
Volks hin und go ein heiliges Schauern ber sie aus.

_Florentin_ von Wehmuth und Entzkken hingerissen, vermogte lange kein Wort
zu reden. Endlich sprach er:

Brder, -- meine Brder, Ihr seid glklich; aber ich bins nicht, kanns
nicht sein. Ich weis es, da Ihr mich liebet, aber, -- was ich verlor,
knnt Ihr mir nicht wiedergeben. Darum lat mich trauern; lat mich
ungestrt Mensch sein, und einem Freunde den lezten Zoll der Liebe --
Thrnen um seinen Verlust entrichten. Nur der Gedanke an ihn gewhrt mir
Trost. -- -- Gute Nacht, Freunde!

Gute Nacht! unglklicher Mann, gute Nacht! riefen ihm unzhliche
Stimmen in eine verschmolzen nach. Mitleid und Liebe erpreten manchem Auge
Thrnen, -- ach und diese Thrnen waren das Herrlichste in diesem
nchtlichen Triumpfe _Florentins von Duur_!




Zweites Kapitel.
Mhvolle Jahre.


Nur der Gedank' an ihn gewhrt ihm Trost? sprachen am folgenden Tage die
Kanelleser: Lat uns den groen Mann trsten, er hat ja _unsre_ Thrnen
abgetroknet!

Nach einigen Monaten wurde _Florentin_ lieblich berrascht. Eines Morgens
lehnte er sich, nach seiner Gewohnheit, zum Fenster hinaus, und o! wie
staunte er, da er seinem Hause gegen ber eine in der vergangnen Nacht
errichtete State erblikte. Es war _Badners_ Gestalt, _Badners_ Miene; mit
der rechten Hand winkte das Gebild zu ihm herauf, als riefe es leise:
komm' zu mir! -- Drunten standen in Goldschrift die Worte:

_Badner, Liebling des groen Fiorentino_ _von Duur._

Anfangs wollte der _Graf_ seinen Augen nicht glauben; er rieb die Wimpern;
starrte wieder dahin, und gewahrte abermals Badners Gestalt, wie sie
winkend dastand.

Dulli! Dulli! rief er wonnetrunken, und _Dulli_ kam.

Florentin. (frohbebend) Ach, Dulli, sieh hinaus. Sage, was erblikst du?

Dulli. Beim heiligen Petrus, gndiger Herr, Euern getreuen Badner, Gott
hab' ihn selig, wie er leibt und lebt!

Florentin. Nein, soviel hab' ich nicht an Euch verdient, Kanelleser! --
Sage mir, ist ers wirklich? tuscht sich mein Gesicht?

Dulli. Das Bildnis ist ja so gar weit nicht entfernt.

Florentin (ihn umhalsend) O Dulli!

Dulli. Gott, gndiger Herr, wie Ihr nun da seid? Ihr habt Millionen
verspendet und das dankbare Vlklein beut euch dafr einen Heller; -- Ihr
sehet wenigstens, wie werth Ihr den Kanellesern seid.

Florentin. Ich seh's, ich fhls, ich danke! -- Ja, Badner hat's verdient!
--

Dulli. Bei Gott, das hat er.

Florentin. War's noch nicht genug, da man die Asche dieses Redlichen in
feierlicher Prozeion durch Stadt und Land seinem Grabe in Deutschland
entgegenfhrte, mute man ihm noch die Sule weihn?

Dulli. Gndiger Herr, Ihr verdientet einen hhern Lohn, als einen
geschnizten Marmor, darum errichtete man Euch keine State -- diese ist nur
fr Eure Freunde gut.

Kaum eine halbe Stunde war verflossen, als das Volk haufenweis
herbeistrmte und neugierig die Bildsule am Duurschen Pallast umringte.
Das Spiel _jener_ Nacht wurde wiederhohlt; wiederum der hehre
Freiheitsgesang:

Heilig ist Gott und gro! &c. angestimmt; wiederum Fiorentino's Wohl
ausgerufen und dergleichen mehr.

Angenehmer konnte kein Trost erfunden werden fr des _Grafen_ leidenden
Seele; und kein Trost war auch fr ihn von erwnschtern Folgen, als dieser.

Mit verdoppeltem Eifer bemhte sich _Florentin_, nebst den Groen von
Kanella, den errungenen Freiheitskranz nun unentreisbar zu befestigen.
_Moriz_ sowohl als _Benedetto_, welche sich in der ersten Septembernacht
der allgemeinen Verwirrung zu Nuzzen gemacht und die Flucht ergriffen
hatten, arbeiteten freilich an verschiednen mchtigen Hfen, _Piedro'n_
wieder auf den monarchischen Thron zu erhhn, und die alte Staatsverfassung
zu restauriren; suchten freilich die Kanelleser unter einander zu entzwein,
und Contrerevoluzionen anzuspinnen, allein gleich einer unsichtbaren
Gottheit widerstand ihnen der _schwarzen Brder_ heiliger Bund.

Vergebens fachten sie den Argwohn der auslndischen Potentaten an, da die
Freiheitssucht, durch der Kanellesen glkliches Beispiel vergrert, um
sich greifen und auch sie enthronen drfte; vergebens streuten sie durch
elende besoldete Broschrenschmierer den Saamen der Zwietracht unter den
befreiten Brgern aus -- die schwarzen Brder, selber verschiedene
Staaten-Ruder regierend, lschten den aufglimmenden Funken des Argwohns im
Busen der Frsten aus, und zertraten allgewaltig den verseten Saamen der
Zwietracht, da er nicht reifen konnte.

Aber es verflossen Jahre, ehe der Sturm ausgebrauset, die Ghrungen sich
aufgelset, und die Bewohner Kanellas ein neues Staatssystem aufgefhrt
hatten. Doch die _schwarzen Freunde_ des menschlichen Wohles _wollten_, und
Kanella blieb frei! --

Und schon sank, die glnzende, hochgeschwungene Palme in seinen Hnden, den
Frieden herab ber ein neugebornes Volk; schon erndteten die Kmpfer ihres
Sieges Lohn ein; schon fhlten sich alt und jung, Hohe und Niedre selig auf
Erden -- da empfand Florentin, nun erst entlassen von den ffentlichen
Geschften der Republik, mchtiger, als jemahls den sssen Hang,
heimzukehren ins geliebte Vaterland, auszuruhn im Arme der entfernten
Blutsverwandten von seinen Thaten.

Zwar hatte Kanellas Dankbarkeit eine groe lebenslange Pension ihm und
seinen etwannigen Nachkommen ausgesezt; zwar hatte man ihm einen beinahe
frstlichen Hofstaat eingewilligt, ihm den geschmackvollsten Pallast in der
Residenz geschenkt -- aber die Sorbenburg, das lndliche Schlo seines
Onkels lokte ihn mehr, als jede Herrlichkeit Kanellas. Ueberdies besa er
schon seit einiger Zeit mehrere Briefe vom Herzog _Adolf_, in welchen sein
Exil gnzlich aufgehoben, frmliche Vershnung angeboten war -- wie konnte
_Duur_, der weiche, zartfhlende Duur widerstreben?

Wir, meine Leer, begleiten ihn schon durch so viele Szenen, aber immer
erkannten wir in ihm einen und eben denselben. Jezt war er nicht mehr
Jngling -- er war Mann in voller Blthe, oder vielmehr Reife des Lebens.
Ausgebildet, gro, majesttisch an Krper und Geist stand er jezt da; aber
sein Karakter war noch immer der stolze, schwankende, schwrmerische,
welchen er den Kinderjahren abgeerbt hatte -- Jezt sehnte er sich nach
Ruhe. -- Ruhe nach so mhvollen Jahren, auch zu ihr wollen wir ihn
geleiten.

Vielleicht da er sich nicht sobald entschlossen htte den Kanellesischen
Pallast mit dem vaterlndischen Landgute zu vertauschen, wenn ihn nicht ein
unerwartetes Schreiben -- (nicht _Holders_, oder des _Onkels_ oder
_Aellmars_, denn diese schwiegen, als wren sie ausgestorben) nein, ein
Schreiben _Louisens_, der herzoglichen Schwester, von Kanella
hinweggetrieben htte.




Drittes Kapitel.
Dulli und Ladda.


Ists mglich -- ewiger, barmherziger Gott, ists mglich! schrie der
_Graf_, indem er _Louisens_ Brief fallen lies und die Hnde
verzweiflungsvoll ber sein Haupt zusammenschlug.

_Dulli_, der in einem Winkel des Zimmers gestanden und einen mitleidenden
Zuschauer von der Szene abgegeben hatte, da _Florentin_ den Brief las, und
von Minute zu Minute die Farbe des Gesichts nderte, trat jezt hervor und
wollte trsten.

Florentin. (sich ruhig stellend) Nein, lieber Dulli, es hat nichts zu
sagen; ich habe ihn lngst erwartet diesen Streich des Schiksals.

Dulli. Desto besser, desto besser. -- Aber -- --

Florentin. Du willst sagen, ich sei sehr unglklich -- nicht wahr? -- Du
hast wohl recht! --

Dulli. Und, gndiger Herr, Euer Karakter! Ihr seid so zart empfindend; jede
Lust oder Unlust, die euch anweht, reizt Eure Nerven mehr, als her grte
Schmerz, oder das grte Glk einen andern. Und das ist eben die Quelle
Eures Leidens.

Florentin. (eine Thrne erstikkend) Freilich, freilich Philosoph. -- Gieb
Befehl, da man alles zur Abreise anordne.

Dulli. (erschrokken) Im Ernst?

Florentin. Ich scherze nicht; Dulli, die Zeiten sind vorber, da ich
scherzen durfte. --

Dulli. Ihr wollt uns verlassen? doch mich nicht gndiger Herr! Ich folge
Euch nach, gndiger Herr, beim heiligen Petrus, ich folge Euch nach.

Florentin. So lange du noch Hofnungen nhrest hier in dein Vaterlande dein
Seelenglk zu finden, so bleib hier, warum willst du es unter einem fremden
Himmelsstrich suchen.

Dulli. Gndiger Herr, ich wrde, wenn ich Euch verlre, nie wieder froh
sein knnen.

Florentin. Meinst du? -- doch, ich weis schon ein Etwas fr dich, bei dem
Du mein vergessen kannst.

Dulli. (befremdet) Wie?

Florentin. Da du whrend meiner Abwesenheit ber dies Schlo und meine
Einknfte verwaltest, ist das geringste, aber -- -- doch stille deine
Neugier! -- Geh und bereite alles zur Abreise nach Deutschland! --

Dulli. (sich traurig umwendend) Ich gehe.

Florentin. (weichmthig) Dulli!

Dulli. Gndiger Herr!

Florentin. Sei nicht so niedergeschlagen. Es steht in deiner Willkhr, ob
du mich in mein Vaterland begleitest.

Dulli. Werdet Ihr da glklicher sein?

Florentin. (frohglnzenden Auges) Ja, gewi!

Dulli. So bin ichs auch dort.

Florentin. Lade meine Freunde sammt und sonders auf bermorgen zu einem
Gastmahle und Ball ein.

Dulli. Ha, wie werden die Kanelleser bestrzt sein, wenn sie vom
Valetschmaus hren!

Florentin. Geh!

Dulli gieng. _Florentin_ hob zitternd den fatalen Brief auf und berlas ihn
noch einmal.

Geliebter!

Diese Zeilen sind -- zittre nicht -- sind die lezten, welche Louise dir
schreibt. Ich liege zwar nicht auf dem Sterbebett; aber doch fr dich bin
ich hinfort so gut, als verstorben. -- Begnge dich mit den seligen
Stunden, welche meine Liebe dir einst erschuf, geize nicht mehrern nach. --
-- Vielleicht verstehst du mich nicht; vielleicht glaubst du, ich habe
aufgehrt dich zu lieben; allein, wenn dieses wre, so htte ich mir ja
nicht die Mhe genommen dir noch zu schreiben. Nein, Louise wird die
Gemahlin des Erbprinzen von Z**, wird das Opfer des politischen Interesse.

Als wir uns vor einigen Jahren im Garten von Dosa sahn, damahls, mein
Lieber, reiste ich an den Hof, dessen Erbprinzein ich nun bald sein werde.
_Holder_, ein gewisser _Aellmar_, und ein alter Rath am Hofe meines Bruders
lieen mirs wissen, da du mich noch mit aller Liebe liebtest, da ich dir
in der Nhe vorberreisen wrde, da ich dich an einem dritten Orte noch
einmal sehn, noch einmal sprechen knnte, -- ihnen also hast du unsere
Zusammenkunft in Dosa zu danken.

Und nun, Florentin, trste dich. Ein Mann wie du findet leicht mehrere
Louisen, aber ich werde keinen Florentin wieder finden. Der Erbprinz besizt
zwar der mnnlichen Schnheiten manche, aber sie sind doch nur kaum ein
Schatten von den Deinigen. Und vielleicht -- vielleicht sind wir so
glklich auch knftig noch unsrer geheimen Liebe Nahrung zu geben;
vielleicht darf dich auch noch einmal die Erbprinzein umarmen. Leb wohl,
sei heiter und vergi -- oder vergi nicht die ehmalige

geliebte _Louise_.

Ja, ich will deiner vergessen, ehmahlige Louise! sagte der _Graf_: denn
du hast meiner vergessen. -- Freilich wie konnt ich armer Thor es hoffen,
da eine _Frstin_ mir treue Liebe vergelten wrde, und doch war diese
Hofnung so reizvoll fr mich! -- Ach, auch _diese_ Freude ist mir genommen;
o, ich sehe eine Lebensperiode vor mir, die die schreklichste ist, welche
je ein Sterblicher durchwandeln mute. -- Nun lebe wohl, Kanella, durch
mich glklich gewordnes Kanella, lebe wohl; der dir dein Leiden abnahm,
wird elender als er zu dir gekommen, deine Grnzen verlassen!

Nichts liessen die edlen Kanelleser unangewandt den bedauernswrdigen
_Grafen_ bei sich zu behalten. Vergebens boten sie ihm grssere Macht und
hhern Rang an; umsonst flehten ihn weinend die schnsten Damen der
Republik auf dem Balle im Florentinischen Pallast an, da er zurkbliebe --
nichts vermochte bei ihm etwas. Er suchte Ruhe, Ruhe, die er nicht im
glnzenden, geruschvollen Stande zu Kanella, aber vielleicht wohl in den
vterlichen Gegenden, in der Mitte seiner theuern Verwandten, finden
konnte. Hier glaubte er seiner Leiden vergessen, seines Herzens Wunden
heilen, seinen sonstigen Frieden wieder gewinnen zu knnen.

Ah, wr ich ein Kind geblieben, seufzte er: so wr ich glklich geblieben.
Nun wohlan, so lat mich hinziehn in jene Thler, wo ich den Morgen meines
Lebens durchtndelte; lat mich hinziehn zu jenen Hainen, zu jenen Thlern,
wo ich unschuldsvoll am Mutterbusen der gtigen Natur hing und keinen
Schmerz, keinen Seelenharm kannte. Lat mich wiederum werden wie ein Kind,
und meines Daseins Stunden in mir selber verleben. Ja, es ist wahr, und
abermahls wahr: selten, ist der Mensch in der Gegenwart glklich, am
meisten in der Vergangenheit, und Zukunft, in der Rkerinnerung und
Erwartung!

_Borghemo_, _Giovanni Borsellino_, der alte _Eo_, die _schwarzen Brder von
Kanella_, da sie sahen, wie unabnderlich _Florentins_ Entschlu sei,
ergaben sich mit traurenden Herzen in seinen Willen -- alle nahmen sie den
wehmthigsten Abschied. _Duur_, der sich so leicht an gleichgestimmte
Seelen kettete, litte ungemein, da er einen seiner Freunde nach dem andern
von ihm hinweg eilen sah. Nur _Dulli_ wollte nicht von seinem Herrn
ablassen; allein _Florentin_ selber fesselte ihn an sein Vaterland.

Einige Tage vor der Abreise rief ihn der _Graf_ zu sich. _Dulli_ trat
wohlgemuth ins Zimmer, aber erschrokken fuhr er drei Schritte zurk, da er
an der Seite des Grafen seine halbvergene _Ladda_ erblikte.

Sie sehen alle vergangne Szenen der Liebe wieder heim rufen in die Seele,
sprachlos ihr entgegen wanken, Vorwrfe und Verzeihung im Blikke tragen --
war das Werk einer Minute.

Florentin. Nun, Dulli? kennst du dies schne Mdchen?

Dulli. (mit beklemmter Brust und Freudenthrnen) Ach, Ladda!

Ladda. (indem das strmische Steigen und Sinken ihres Busens die Gefhle
des Herzens verrth) Mein lieber -- lieber Dulli!

Dulli. Du hier?

Ladda. Ich suchte dich, und habe dich gefunden.

Dulli. Und hofftest von mir noch Liebe?

Ladda. (mit Seelenruhe im glnzenden Auge) Ich hoffe sie. -- (Pause. Sie
tritt ihm nher) Dulli! (sie ergreift seine Hand und drkt sie weinend an
ihren Mund) Mein Dulli!

Dulli. (ihr an die Brust sinkend) Ach, ja, Ladda, meine Ladda, Dulli liebt
dich noch! --

Mit unbeschreiblicher Wonne lagen sie beide lange einander in den Armen,
kten sie sich der Vershnung sssen Ku, und vergaen sie des _Grafen_,
der ein gerhrter Zuschauer dieses schnen Schauspiels war. Selber ein
Unglklicher in seiner Liebe ward er der Schpfer fremden Liebes-Wohls. --

Viel zu fest waren die Banden, mit welchen _Dulli_ nun an Kanella gebunden
lag, als da er sie htte zersprengen und seinem geliebten Herrn folgen
knnen, der begleitet von den Ersten der Republik, Kanella verlies.




Viertes Kapitel.
Der groe Florentin im Vaterlande.


Md' und Thatensatt eilte _Duur_ in _Gottholds_ Gesellschaft der Heimat
entgegen. Sobald er die deutsche Grnze erreicht hatte, schrieb er sogleich
an seinen Onkel folgenden Brief:

Mein Onkelchen!

Ihr Neffe, Ihr Florentin kmmt, um bei Ihnen, so lange Gott es will, zu
leben. Ich habe manches unterdessen erlitten, manche Thrne unterdessen
geweint, -- verfolgt vom Schiksal, fliehe ich in ihre vterlichen Arme
zurk; da werd' ich sicher ausruhn drfen vom Sturm des Lebens. Nicht wahr,
Sie haben sich eben so oft nach mir gesehnt, wie ich mich nach Ihnen --
jezt werden unsre Wnsche erfllt werden, wird uns beiden wohl sein. --
Hchstens in vier Wochen treffe ich auf Ihrem Landgute ein, hchstens in
vier Wochen k' ich Sie und meine Schwester und meinen Holder! O, ich
zittre so bang, als wrde ich die gttliche Stunde des Wiedersehns nicht
erleben. -- Wie viel werden wir da uns zu erzhlen, wie viel uns da zu
klagen haben! -- Ich stelle mirs schon im Geiste vor, wie sie hervorstrzen
werden aus dem Schlosse, wenn Sie die Hufen meines Pferdes schlagen hren;
wie Rikchen weinend an meinem Halse hngen, Holder mich feurig umarmen
wird. Ich fhle schon alle Freude voraus, die dann -- ach, dann mir allein
angehren werden! --

Hat sich vieles whrend unsrer Trennung auf dem Schlosse verndert? --
lebt der alte Herr von Bastholm noch? Laden Sie ja ihn und den ganzen
benachbarten Adel ein, da nichts in unserm Feste mangle, was ihm Reiz
gewhre. Leben Sie wohl inde; leb' auch du wohl, geliebtes Rikchen, die
ich nun bald umarme; ksse deine Kinder -- wenn du Mutter bist, denn ich
weis ja noch gar nichts von Euern huslichen Umstnden, weil Ihr mir keine
Nachricht gegeben habet, ihr bsen Leutchen! -- und bleibt mir alle
gewogen, Euerm _Florentin_.

Dieser Brief hatte kaum das Duursche Landgut erreicht, als auch unser
_Graf_ schon mit seinem _Gotthold_ daselbst anlangten.

Es war des Morgens. Die herbstliche Sonne hing hinter Nebeln verschleiert;
die Felder standen, ihrer Halme und Goldhren entmht, kahl und reizlos;
die Natur schien sich allmhlig, ihrer Arbeiten mde, zum Wiederschlafe zu
bereiten -- gelb und welk flo das Laub in kalten Morgenduft.

Wir sind zur Stelle, Gotthold! rief der _Graf_, indem er den krummen
Fahrweg zum Dorfe seines Onkels hinuntertrabte.

Gotthold. (freudig) Ja, ja! Sehn Sie nicht dort -- dort wo hinter den Ulmen
die graue Kuppel des Duurschen Schlosses hervorragt?

Florentin. Ich seh's! La uns hier die Pferde ein Weilchen anhalten! -- o
Gott, mein Blut wallt ungewhnlich, ich bin ausser mir!

Gotthold. Ach, da meine Eltern noch in dem Drfchen hier lebten, da war ich
wohl glklich! Sehn Sie, gndger Herr, hier rechts den Hgel hinter den
beiden Scheunen? Sehn Sie die hohe Fichte darauf? -- die hab ich als Knabe
dahin gepflanzt, weil mir der Berg und die Aussicht von ihm hinab so wohl
gefiel.

Florentin. Und bemerkst du nicht drunten den Bach? siehst du den Steig
hinber? Da baut ich meine Khne, als Kind und lies ich meine papiernen
Flotten aussegeln.

Gotthold. Ach, es waren schne Zeiten.

Florentin. Waren schne Zeiten, und sollten sie nicht wiederkehren? -- O,
gewi! gewi!

Gotthold. Aber es ist alles so still!

Florentin. Die Sonne ist kaum aufgegangen. Im Schlosse und Dorfe schlft
noch jedes Auge.

Gotthold. Wenn man wte, wie nahe Sie wren, gndiger Herr -- --

Florentin. Ich kann unmglich sogleich zu meinen Freunden fliegen -- ich
bin so verwirrt, so ngstlich, so froh -- ein Heer von Empfindungen
berwltigt mich. Ich will mich erhohlen. Reite voraus, Gotthold, erwekke
die holden Schlfer aus ihren Morgentrumen, deren Inhalt vielleicht ich
bin. Sag' ihnen meine Ankunft! -- tummle dich! -- --

Der Knecht spornte sein Ros an und flog zum Dorfe hinab, den Steindamm zum
Schlohofe entlang.

Aber der _Graf_ rkte nicht um einen Schritt von der Stelle. Er zitterte.
Sein Blut strmte ungestm durch die Adern hin; der Purpur der Freude
schimmerte ihm auf den Wangen; seine Augen befeuchteten sich in
unwillkhrlichen Thrnen.

Gott! mein Gott! sprach er mit leisem Ton, hoher Andacht, glhender
Inbrunst: gelobet sei dein Name, hochgelobet in Ewigkeit deine Gte! Ich
war ein Kind, und du gabest mir Kinderfreuden zu schmekken; ich war
Jngling und du liessest mich schwelgen in deinen Seligkeiten auf Erden.
Ich bin Mann worden und du hast mich nicht vergessen. Ja, mein Vater im
Himmel, hast mich nicht vergessen, -- du hast mich reinern Freuden
aufgespart, deren Genu mich nun erquikken soll. Vater, es danket dir dein
Kind; mit Thrnen dank' ich dir und Seufzern, da du mich nicht vergessen
hast!

Mehr konnt er nicht lallen. Die Sprache verlor sich, aber die Seele betete
fort.

Einige Minuten verstrichen, ehe er zu sich selber kam; -- er sahe die graue
Schlokuppel hinter den Ulmen und nun flog er der Erfllung seiner
Jahrlangen Schwrmereien und Erwartungen entgegen. Laut pfiff die
Morgenluft durch seine Lokken, hoch hoben sich Staubgewlke um ihn her.

Er stand auf dem Schloshof -- sprang ab vom Pferde, hinauf die Stiege zur
offnen Pforte, wo _Holder_ ihm in die Arme sank.




Fnftes Kapitel.
Der Kirchhof.


Noch einmahl sei Gott gelobet! rief der Freudenberauschte _Graf_: so hab
ich dich wieder!

Holder. (mit bebender Stimme) Mein Florentin!

Florentin. (ihn heftig an sich pressend) Holder, Holder!

Holder. O Gott! -- die Freude tdtet mich!

Florentin. Nun hab' ich ausgerungen.

Holder. Ausgerungen?

Florentin. Nun will ich ausruhn von vielen Kmpfen, vielen Leiden! --
Holder, was macht Onkelchen? -- was dein Weibchen? -- wo ist mein Sohn,
mein Karl?

Holder. Sie schlafen.

Florentin. Sie schlafen? wir wollen sie erwekken, wollen ihnen den
Schlummer von den Wimpern abkssen, sie aus einem Traum in den andern
fhren.

Holder. (lchelt schwermthig) Wollen wir?

Florentin. Du siehst so blas, Holder, so krnklich! was fehlt dir?

Holder. Wenig -- und viel! -- doch davon ein andermahl.

Florentin. Auf -- wo sind die Lieben?

Holder. Du scheinst sehr heiter zu sein.

Florentin. (verwundert) das bin ich, wiewohl ichs sonst nicht war. Aber, um
Gotteswillen, wie gerthst du zu solchen Gedanken anjezt -- anjezt!

Holder. Ich sah deine blhende Gesichtsfarbe, dein muntres Wesen. So warst
du nicht vor Jahr und Tag, als ich dir den Weg zum rothen Walde vor
Munchenwall beschreiben mute.

Florentin. Die Zeiten sind vorber!

Holder. Sind vorber?

Florentin. Was zaudern wir? la uns die Schlfer erwekken. -- Dein kaltes,
trbsinnathmendes Schweigen macht mich zittern -- Holder, Holder, was ist
geschehn? -- ist einer von ihnen krank?

Holder. (ihm auf die Achseln klopfend) Keiner! -- folge mir -- doch eins
noch; wen verlangst du zuerst zu sehn; den Onkel, mein Weib oder deinen
Sohn Karl?

Florentin. (schwankend) Alle zugleich; fhre mich zu allen. Und Karl --
Karl ist hier im Schlosse?

Holder. Ja wohl!

Florentin. O, so fhre mich zu meinem Sohn!

_Holder_, der so gern die frchterlichste Schwermuth hinter seinem Lcheln
und Scherzen verstekken wollte, ergrif die Hand des gerhrten Vaters,
welcher jezt zum erstenmahl die Frucht seiner Liebe umarmen sollte, und
leitete ihn in ein bekanntes Kabinet, wo, halbnakt, blhend, schn und
unschuldig ein Liebesgott auf weichen Pflaum hingestrekt schlummerte.

Dies ist dein Sohn! sprach _Holder_ und zeigte mit der Hand auf das
schlafende Kind.

Der _Graf_ stand frohbestrzt an _Karlchens_ Bett; seine Augen wurden na;
seine Lippen bebten von einem Segensspruch ber den schlummernden Sohn;
bestrmt von den unaussprechlichen sssen Vaterfreuden sank er hin ber den
schnen Knaben, ihn mit tausend Kssen erwekkend.

Karl! mein Karl! jauchzte _Florentin_ mit vterlichem Hochgefhl.

Ein groes liebliches blaues Augenpaar schlug der _Knabe_ auf,
hochverwundert ob der fremden Erscheinung.

Oheim Holder! rief er mit ssser, furchtsamer Stimme: wer ist der Mann?

Dein Vater! entgegnete _Holder_: dein von dir so lange erwarteter,
lieber Vater ists!

Mein Vater bist du? sagte das _Kind_ mit dem anmuthigen Lcheln eines
Engels und wand sich so dicht mit Armen und Fssen um den wonnevollen
_Florentin_, als htte es in der That den traurigen Zustand zu fhlen
gewut, in welchem es sich bisher befand, da es weder seinen Vater noch
seine Mutter kannte.

Ja, theures Karlchen -- ja, mein Alles, mein Sohn, ja ich bin dein
Vater! erwiderte der _Graf_, der nicht wute, wie ihm geschah, als ihm
der ssse Vaternamen zum erstenmahle von den Lippen des holdseligen Buben
entgegen scholl: Ich bin dein Vater, der dich nun nie wieder verlsset.

Liebst du mich denn?

Ja, Karl ist dir recht gut?

Wie sehr liebst du mich denn?

Das Kind antwortete nicht, sondern drkte sich schmeichelnd an seinen Vater
fest an.

Lnger, als eine Stunde, tndelte _Duur_ mit dem Kinde, indem er selbst vor
Freuden zum Kinde ward. Bald wikkelte er die gelben Lokken des Knaben um
seine Hand; bald kt er ihm Stirn', Augen, Mund und Wangen; bald suchte er
_Louisens_ Zge in _Karlchens_ Mienen auf, bald die seinen.

O, Vter und Mtter, die Ihr diese Bltter leset, Ihr nur verstehet mich,
Ihr nur wisset Florentins Tndeleien richtig zu beurtheilen, Ihr nur kennet
die Sprache des zrtlichen Gefhls. Mahlet Euch die Szene mit all den
weichen Farben aus, welche Eure Fantasie Euch beut -- ich schweige.
Schweige, damit nicht kalte Krittler mich langweilig finden, oder
unnatrliche Eltern mich nicht einen empfindelnden Schwzzer schelten
mgen.

Wie gesagt, erst nach einer vollen Stunde fiel es dem _Grafen_ bei auch die
andern Geliebten zu sehen.

Bringe mich zu ihnen! sagte er zur _Holdern_.

Sie schlafen! entgegnete dieser.

Lass' uns sie wach kssen.

Wirst du es?

Ich werd' es. Fort, fort, ich zittre vor Ungeduld meinen alten Onkel,
meine Schwester zu, sehn!

Komm! antwortete _Holder_, dessen Gesichtszge sich plzlich verndert
fanden, dessen Augen in Zhren schwammen, dessen Sprache stokte.

Was ist dir? fragte der _Graf_.

Was soll mir sein? war die Gegenfrage.

_Holder_ fhrte seinen Freund zum Schlosse hinaus, durchs Dorf.

Wohin bringst du mich? fhre mich zum Bette meines Onkels und meiner
Schwester! sagte _Duur_ ngstlich, indem er von schreklichen Ahndungen
angeweht, sich dichter an _Holdern_ schlos.

Ich fhre dich dahin! antwortete dieser, indem er mit seinem Schwager
so eben in den Dorfkirchhof trat, und den guten _Duur_ vor einem
verwitterten Leichensteine stehn lies, an welchem geschrieben war:

   Wandrer, stehe still!
   Allhier
   ruhen die Hllen zweier guten, frommen
   Seelen, die Gebeine
   der
   edeln, vielgeliebten
   _Friederike von Sorbenburg_
   und
   des braven
   _Albertus Daniel von Duur_.
   Wandrer, der du Tugend liebest, weine, denn
   diese sind deiner Thrnen
   werth!

Hilf mir Gott! schrie _Duur_ erblassend und strzte vom Schmerz
entgeistert auf einen Grabhgel.

Holder. (vor sich niederstarrend, mit verschrnkten Armen) Florentin!

Florentin. (nach einer langen Stille in tiefsten Jammer ausrufend) Auch sie
sind dahin -- o mein Gott, auch sie!

Holder. Du bist ein Mann, ich darf dich nicht trsten!

Florentin. (ihn nicht hrend) Auch sie!

Holder. Steh auf, Bruder; die Theuern haben lngst ausgelitten.

Florentin. Lngst schon?

Holder. Kaum wars ein Jahr nach deiner Wanderung aus Deutschland, da starb
mein Weib in Kindesnthen; der Onkel grmte sich um ihren Verlust zu Tode.

Florentin. Grausamer, warum erfuhr ich dies nicht schon lange?

Holder. Nenne mich _gtig_, nicht grausam; solch ein Unglk erfhrt man
jedesmahl nur zu frh; auch die schwarzen Brder verhinderten, da dir
davon Nachricht ward, damit dich der Schmerz nicht groen Thaten entnervte.

Florentin. (jammernd) Schwester, Schwester, o meine Schwester, so seh' ich
dich nie wieder? O, mein alter, ehrwrdiger Oheim, so schlfst du ewig?
erwachst nie wieder, deinen unglklichen Florentin noch einmahl zu segnen?

Holder. (schmerzvoll) Florentin!

Florentin. Ha, Leben, schrekliches Leben, schreklicher Traum, wann werd'
ich von dir erwachen? --

Holder. Hrst du die Stimme deines Holder nicht mehr?

Florentin. Ich hre nichts -- nichts mehr! fr mich ist alles tod. Ich habe
keine Schwester mehr, habe keinen Vater, keinen Badner, keine Geliebte --
-- alles ist dem unglklichen Florentin geraubt. Ausruhen wollt' ich, ach,
und ich darfs nicht. Ich whnte im Hafen des Friedens gelandet zu haben,
wehe mir, und der Sturm des Schiksals schleudert mein zerbrechliches Schiff
weit in den Ozean zurk.

Holder. Deine Seele leidet viel.

Florentin. Leidet unaussprechlich viel; ach, die ganze, frchterliche Summe
des menschlichen Elendes liegt auf sie allein hingebrdet.

Holder. Verzweifle nicht.

Florentin. Verliere deine Bluts- und Herzverwandten, verliere deine lezten
Aussichten, den lezten trstlichen Hofnungsschein, die allerlezte Zuflucht,
verliere alles und fhle die alles -- und sprich dann zu dir: _verzweifle
nicht_! -- Oh, prahlerischer Bund der Schwarzen, ich habe deine Wnsche
gestillt, deine Entwrfe zur Wirklichkeit umgeschaffen -- wo ist mein Lohn?
wo sind die mir vorgespiegelten Freuden? -- tritt her, gesammter, groer
Bund, tritt her, in deiner ganzen Allmacht, und rufe meine Freuden aus dem
Grabe hervor! --

Holder. Wird dein Klagen die Entschlafnen wekken?

Florentin. Wirds freilich nicht! Aber la mich hier liegen auf dem kleinen
Hgel, der die Asche meiner Ewiggeliebten verschliet -- ich bin doch
dieser Asche nher, fhle mich getrsteter. Bruder, o mein Bruder -- ich
bin ja ein Mensch!

Holder. Und bist ein Christ!

Florentin. (mit Bewegung) Ein Christ.

Holder. Und wirst wiedersehen die deiner Seele werth sind nach dieses
Lebens entflohnem Traum.

Florentin. (nachlallend) Werde sie wiedersehn!

Holder. Drum auf, ermanne dich, Florentin, um ein Kleines, und du wirst
Trost gefunden haben!

Florentin. (liegt in dumpfer Betubung auf dem Grabe.)

Holder. Folge mir in unsre Wohnung; abgesondert von der Welt lebte ich dort
lange schon das Leben eines Einsiedlers. Du bist jezt mein Gefhrt. --
Hrst du mich nicht?

Florentin. (schweigt)

Holder. Oeffne dein leidendes Herz fr den Freund. Auf, folge mir nach.

Florentin. (antwortet nicht)

Holder. Vater, Vater, hrst du nicht die Stimme deines Kindes mehr? -- Karl
ruft! hrst du nicht, Florentin?

_Florentin_ sprang bei diesen Worten auf. Er wandte die Augen gen Himmel
und seufzte tief. _Holder_ fhrte den leidenden Mann heim.




Sechstes Kapitel.
Die Alpen. -- Epilog an den Leser.


Vergebens war _Holders_ trstliches Zureden, vergebens _Karlchens_
kindisches Milleiden -- nichts heiterte den _Grafen_ wieder auf; seine
Seele war allen frohen Empfindungen verschlossen. -- Er hatte zu viel
verloren, zu viel Empfindsamkeit fr seinen Verlust; er war zu sehr
getuscht in Erwartungen, welche ihn ehemals zu den gefhrlichsten
Wagstkken Muth und Flgel gaben -- kein Wunder, wenn er mit jeder Woche
dstrer wurde, da jede Kleinigkeit ihn an den traurigen Verlust erinnerte.

Nur _Holder_, dieser seltsame, ausserordentliche Mann blieb sich immer
gleich; er beschftigte sich seit des Grafen Ankunft mehr, als sonst, mit
gewissen chemischen Operazionen, Briefwechseln, und dergleichen mehr.
_Florentin_ achtete nicht darauf. -- _Holder_ machte ein Testament in
seinen und Florentins Namen, worin er den Herzog _Adolf_, als Landesherrn
zum Erben der Sorbenburg und des ganzen Duurschen Vermgens, einige Legate
ausgenommen, einsezte. _Duur_ mute das Testament eigenhndig
unterschreiben, doch keine Frage gieng aus seinem Munde, wegen des
sonderbaren Betragens seines Freundes -- _Holder_ lies Anstalten zu einer
groen Reise machen; _Florentin_ erkundigte sich um diese Zurstungen
nicht.

Eines Tages trat der rthselhafte Mann vor dem _Grafen_ hin; mit vieler
Mhe gelang es ihm denselben in ein Gesprch zu verwikkeln.

Holder. Erinnerst du dich noch der Stunde, Bruder, da ich dir jenes Gelbde
that; du solltest mich ber fnfhundert Jahren wiedersehn in Deutschland?

Florentin. Dunkel.

Holder. Die Welt scheint dir verhat zu seyn.

Florentin. So, da ich einen Selbstmord begehn knnte.

Holder. Spare den Rest deines Lebens fr ein andres Jahrhundert. Ich thue
desgleichen.

Florentin. Ich verstehe dich nicht.

Holder. Du sollst die Erde noch einmahl nach fnfhundert Jahren sehen.
Vielleicht blhen dann fr uns mehr Freuden, vielleicht hat dann die
Vergessenheit einen Schleier ber unsre vergangnen Leiden gewebt. Hast du
Muth genug in meiner Gesellschaft ein halbes Jahrtausend zu verschlafen?

Florentin. (ihn anstarrend) Mensch!

Holder. Vielleicht whnst du, ich scherze, oder rase. Aber bei dem Ewigen,
du irrst.

Florentin. Ist es mglich?

Holder. Wann ertapptest du mich je auf einer Lge? Klage mich vor dem
Richterstuhl Gottes an, wenn ich dich betrog. -- Hast du Muth?

Florentin. Aber mein Sohn Karl -- --

Holder. Wird, unbewut was mit ihm vorgeht, mit uns schlafen.

Florentin. Ich begreife dich nicht. Wann wirst du dich mir endlich
entrthseln?

Holder. Nach fnfhundert Jahren, wenn du willst, dann will ich dir noch in
Deutschland erklren, was ich bin und wer ich war.

Florentin. O, es ist ein schner Traum, die Brger der Erde nach fnf
Jahrhunderten noch einmahl zu erblikken -- allein -- -- --

Holder. Wenn wir dann vielleicht in einer einsamen Htte friedlich
beisammen sizzen und die neuen Menschen erblikken und die Hand Gottes
anstaunen, dann knnte ich dir vielleicht noch manchen Aufschlus ber
manches geben, dann liee es sich so schn von unsern vergangnen Freuden
und Leiden plaudern.

Florentin. Noch einmahl, Holder, du weit mir mit jedem Augenblick
unerklrlicher? -- wie ist es mglich, da Seel' und Krper ein halbes
Jahrtausend unverlezt und sich ihrer bewutlos existiren? --

Holder. Hast du die Geheimnisse der Natur alle erforscht, vermge welcher
der Krper auf Jahrtausende unverweslich erhalten, und das Band zwischen
denselben und der Seele gesthlt werden kann? -- O Bruder, Hamlet hat
Recht, wenn er sagt, wohl liegen unter dem Monde noch gewisse Dinge
vorhanden, von denen sich das menschliche Geschlecht nichts trumen lt!
--

Florentin. (bestrzt) Holder!

Holder. (mit unbeschreiblicher Majestt) Wisse, ich bin der Obern einer im
Bndnisse der schwarzen Brder! -- Eben dies Bndnis sendet mich an die
Brder nach fnf Jahrhunderten, um unsers Ordens heilige Statuten aufrecht
zu erhalten zum Wohl der Menschheit; Ich _mus_ -- _mus_ dahin! willst du
mich begleiten?

Florentin. Wohl, ich schlage ein; denn was hab ich in diesem Leben noch zu
verlieren, oder was noch zu gewinnen?

Holder. Ich habe jede Vorkehrung getroffen, da wir, ohne Unordnungen zu
erregen, aus den jetzigen Verhltnissen heraustreten drfen. Wir reisen nun
nach den Alpen.

_Holder_ hielt Wort. Nach Verlauf weniger Monate standen sie schon beide,
mit dem kleinen Karl, in einer der grausenvollsten, abgelegensten,
unbekanntesten Hhlen des Alpengebrges.

Ein heimliches Schaudern schttelte allen die Haut. _Holder_ zndete Licht
an, welches durch seinen matten Schimmer diesen unterirdischen Aufenthalt
nur noch frchterlicher machte. Sie suchten sich, jeder besonders, ihre
knftige Ruhesttt aus; dann langte der Obere des schwarzen Bundes eine
Flasche hervor, gefllt mit einem unbekannten Getrnk. Er go davon eine
silberne Schaale voll und trank sie rein aus. Er fllte die Schaale zum
andernmahle, und bot sie dem Grafen. Der Graf schauderte und trank. Zum
drittenmahle flo das Getrnk in den Silberbecher, und Karlchen, ohne die
seltsamen Wirkungen zu beahnden leerte das Gef.

Jezt ists vollbracht! rief _Ludwig Holder_ aus: jezt ists vollbracht!
leb wohl fr diesmahl, Welt, nach fnf Jahrhunderten sehe ich dein Licht
wieder!

Sie umarmtem sich. Das brennende Licht verlschte pltzlich. Alle sanken
aufgelt um.

Herr Gott, erbarm dich unser! schrie der _Graf_.

Vater! Vater! lallte das Kind.

Und sie entschliefen! -- -- --

                   *       *       *       *       *

Sie scheinen zu erstaunen, meine Leser und Leserinnen! -- ich erstaune
nicht weniger als Sie selber. Indessen was wahr ist, bleibt wahr. --
_Florentin_ und _Holder_ schlummern ruhig den Morgen eines Tages vom Jahr
2300, nach Christi Geburt, entgegen.

Ich bin berzeugt, da ein volles Drittheil meiner Leser, wo nicht alle, so
gern als Florentin von Duur dem wunderbaren Ludwig Holder von Sorbenburg in
die Alpenhhle nachfolgen wrden, wenn sie Gewiheit htten, nach einem
gewissen Zeitraum wieder zu erwachen. Wie viel Vernderungen haben sich in
der Zeit nicht auf unserm Erdenplaneten ereignet! welche Revoluzionen in
der politischen und Schriftstellerwelt haben sich unterdessen angesponnen
und ausgebildet! -- Wie sehn dann die Staaten, wie sehn dann die Menschen
aus!

Welche Moden werden dann herrschen? fragt mich eine Dame.

Was wird man dann von mir und meinen _operibus_ reden? fragt mich ein
Autor.

Wie stehts dann mit dem _Bunde der schwarzen Brder_? und wird Florentin
mit Holdern und Karlchen glklicher sein?

Wir mchten um alles in der Welt gern Zuhrer von Holdern abgeben, wenn
er seinen Lebenslauf erzhlt in der Htte des vier und zwanzigsten
Sekulums!

Sie haben sammt und sonders, meine Leser, gar nicht unrecht. Allein um
Ihren Zwek zu erreichen, ist es nothwendig, da sie entweder mit Florentin
und Holder fnf Jahrhunderte spter wieder auferstehn, oder da Sie mich
und meine prophetische Muse bitten, damit wir Ihnen den schwarzen von der
Hand des Fatums gewebten Vorhang vor dem Allerheiligsten der Folgezeit ein
wenig lupfen, und Sie in den Gukkasten der Zukunft auf ein Weilchen
hineinblikken.

Geben Sie mir also ein gutes Wort: so erzhle ich Ihnen im folgenden
Bndchen Raritten aus dem vier und zwanzigsten Jahrhundert nach Christi
Geburt! --

Nun? -- -- --

Wegen Entlegenheit des Drukorts vom Verfasser sind manche den Sinn
entstellende Drukfehler in den ersten Theil dieses Buches eingeschlichen.
Vorzglich beliebe man zu verbessern:

Seite 231. _Zweihundert_, lies fnfhundert.

-- 233. _Federn_, lies Ideen.




Anmerkungen zur Transkription


Die krftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des
Originales wurden unverndert beibehalten. Die Seitennummern im
Inhaltsverzeichnis stimmen nicht mit der Seitennumerierung im Buch
berein. Auch dies wurde wie im Original belassen. Lediglich
offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Die schwarzen Brder. II. (of 3), by 
Heinrich Zschokke

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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
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