Project Gutenberg's Jenseits der Schriftkultur - Band 2, by Mihai Nadin

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Title: Jenseits der Schriftkultur - Band 2

Author: Mihai Nadin

Posting Date: August 22, 2012 [EBook #4372]
Release Date: January, 2003
First Posted: January 18, 2002

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JENSEITS DER SCHRIFTKULTUR  ***




Produced by Michael Pullen









Jenseits der Schriftkultur
(C)1999  by Mihai Nadin



Das Zeitalter des Augenblicks

Aus dem Englischen von Norbert Greiner




Inhalt

VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE
EINLEITUNG: SCHRIFTKULTUR IN EINER SICH WANDELNDEN WELT
Alternativen



Jenseits der Schriftkultur


BUCH I.

KAPITEL 1: DIE KLUFT ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN

Kontrastfiguren
Taste whlen--drcken
Das Leben ist schneller geworden
Aufgeladene Schriftkultur
Der Mensch entwirft, der Mensch verwirft.
Jenseits der Schriftkultur
Ein bewegliches Ziel
Der weise Fuchs
"Und zwischen uns der Abgrund"
Wiedersehen mit Malthus
In den Fesseln der Schriftkultur

KAPITEL 2: DIE USA--SINNBILD FR DIE KULTUR DER SCHRIFTLOSIGKEIT

Dem Handel zuliebe
"Das Beste von dem, was ntzlich ist und schn"
Das Rckspiegelsyndrom


BUCH II.

KAPITEL 1: VON DEN ZEICHEN ZUR SPRACHE

Wiedersehen mit semeion
Erste Zeichenspuren
Skala und Schwelle
Zeichen und Werkzeuge

KAPITEL 2: VON DER MNDLICHKEIT ZUR SCHRIFTLICHKEIT

Individuelles und kollektives Gedchtnis
Kulturelles Gedchtnis
Existenzrahmen
Entfremdung von der Unmittelbarkeit

KAPITEL 3: MNDLICHKEIT UND SCHRIFT IN UNSERER ZEIT: WAS VERSTEHEN
WIR, WENN WIR SPRACHE VERSTEHEN?

Besttigung als Feedback
Mndlichkeit und die Anfnge der Schrift
Annahmen
Wie wichtig ist Literalitt?
Was ist Verstehen?
Worte ber Bilder

KAPITEL 4: DIE FUNKTIONSWEISE DER SPRACHE

Ausdruck, Kommunikation, Bedeutung
Die Gedankenmaschine
Schrift und der Ausdruck von Gedanken
Zukunft und Vergangenheit
Wissen und Verstehen
Eindeutig, zweideutig, mehrdeutig
Die Visualisierung von Gedanken
Buchstabenkulturen und Aphasie

KAPITEL 5: SPRACHE UND LOGIK

Logiken hinter der Logik
Die Pluralitt intellektueller Strukturen
Die Logik von Handlungen
Sampling
Memetischer Optimismus


BUCH III.

KAPITEL 1: SCHRIFTKULTUR, SPRACHE UND MARKT

Vorbemerkungen
Products "R" Us
Die Sprache des Marktes
Die Sprache der Produkte
Handel und Schriftkultur
Wessen Markt?  Wessen Freiheit?
Neue Mrkte, Neue Sprachen
Alphabetismus und das Transiente
Markt, Werbung, Schriftlichkeit

KAPITEL 2: SPRACHE UND ARBEITSWELT

Innerhalb und auerhalb der Welt
Wir sind, was wir tun
Maschine und Schriftkultur
Der Wegwerfmensch
Die Skala der Arbeit und die Skala der Sprache
Angeborene Heuristik
Alternativen
Vermittlung der Vermittlung

KAPITEL 3: SCHRIFTKULTUR, BILDUNG UND AUSBILDUNG

Das Hchste und das Beste
Das Ideal und das Leben
Relevanz
Tempel des Wissens
Kohrenz und Verbindung
Viele Fragen
Eine Kompromiformel
Kindheit
Welche Alternativen?


BUCH IV.

KAPITEL 1: SPRACHE UND BILD

Wie viele Worte in einem Blick?
Das mechanische und das elektronische Auge
Wer hat Angst vor der Lokomotive?
Hier und dort gleichzeitig
Visualisierung

KAPITEL 2: DER PROFESSIONELLE SIEGER

Sport und Selbstkonstituierung
Sprache und krperliche Leistung
Der illiterate Athlet
Ideeller und profaner Gewinn

KAPITEL 3: WISSENSCHAFT UND PHILOSOPHIE - MEHR FRAGEN ALS ANTWORTEN

Rationalitt, Vernunft und die Skala der Dinge
Die verlorene Balance
Gedanken ber das Denken
Quo vadis, Wissenschaft?
Raum und Zeit: befreite Geiseln
Kohrenz und Diversitt
Computationale Wissenschaft
Wie wir uns selbst wegerklren
Die Effizienz der Wissenschaft
Die Erforschung des Virtuellen
Die Sprache der Weisheit
In wissenschaftlichem Gewand
Wer braucht Philosophie und wozu?

KAPITEL 4: EIN GESPR FR DESIGN

Die Zukunft zeichnen
Die Emanzipation
Konvergenz und Divergenz
Der neue Designer
Virtuelles Design

KAPITEL 5: POLITIK: SO VIEL ANFANG WAR NOCH NIE

Die Permissivitt der kommerziellen Demokratie
Wie ist es dazu gekommen?
Politische Sprachen
Kann Schriftlichkeit zum Scheitern der Politik fhren?
Die Krabben haben pfeifen gelernt
Von Stammeshuptlingen, Knigen und Prsidenten
Rhetorik und Politik
Die Justiz beurteilen
Das programmierte Parlament
Eine Schlacht, die wir gewinnen mssen

KAPITEL 6: GEHORSAM IST ALLES

Der erste Krieg jenseits der Schriftkultur
Krieg als praktische Erfahrung
Das Militr als Institution
Vom schriftgebundenen zum schriftlosen Krieg
Der Nintendo-Krieg
Blicke, die tten knnen


BUCH V.

KAPITEL 1: DIE INTERAKTIVE ZUKUNFT: DER EINZELNE, DIE GEMEINSCHAFT
UND DIE GESELLSCHAFT IM ZEIT-ALTER DES INTERNETS

Das berwinden der Schriftkultur
Das Sein in der Sprache
Die Mauer hinter der Mauer
Die Botschaft ist das Medium
Von der Demokratie zur Medio-kratie
Selbstorganisation
Die Lsung ist das Problem.  Oder ist das Problem die Lsung?
Der Umgang mit den Wahlmglichkeiten
Der richtige Umgang mit den Wahlmglichkeiten
Abwgungen
Aus Schnittstellen lernen

KAPITEL 2: EINE VORSTELLUNG VON DER ZUKUNFT

Kognitive Energie
Falsche Vermutungen
Netzwerke kognitiver Energie
Unebenheiten und Schlaglcher
Die Universitt des Zweifels
Interaktives Lernen
Die Begleichung der Rechnung
Ein Weckruf
Konsum und Interaktion
Unerwartete Gelegenheiten

NACHWORT: UMBRUCH VERLANGT UMDENKEN

LITERATURHINWEISE

PERSONENREGISTER

BER DEN AUTOR




Vorwort zur deutschen Ausgabe

Unsere Welt ist in Unordnung geraten.  Die Arbeitslosigkeit ist eine
groe Belastung fr alle.  Sozialleistungen werden weiter drastisch
gekrzt.  Das Universittssystem befindet sich im Umbruch.  Politik,
Wirtschaft und Arbeitswelt durchlaufen Vernderungen, die sich nicht
nach dem gewohnten ordentlichen Muster des sogenannten Fortschritts
richten.  Gleichwohl verfolgen Politiker aller Couleur politische
Programme, die mit den eigentlichen Problemen und Herausforderungen
in Deutschland (und in Europa) nicht das Geringste zu tun haben.  Das
vorliegende Buch mchte sich diesen Herausforderungen widmen, aus
einer Perspektive, die die Zwangslufigkeit dieser Entwicklung betont.

Wenn man eine Hypothese vorstellt, bentigt man ein geeignetes
Prffeld.  In meinen Augen ist Deutschland am besten dafr geeignet.
In keinem anderen Land der Welt lt sich die Dramatik des Umbruchs
so unmittelbar verfolgen wie hier.  In Deutschland treffen die Krfte
und Werte, die zu den groen historischen Errungenschaften und den
katastrophalen historischen Fehlleistungen dieses Landes gefhrt
haben, mit den neuen Krften und Werten, die das Gesicht der Welt
verndern, gewissermaen in Reinform zusammen.

An Ordnung, Disziplin und Fortschritt gewhnt, beklagen die Brger
heute eine allgegenwrtige lhmende Brokratie, die von Regierung und
Verwaltung ausgeht.  Frher galt das, verbunden mit dem Namen
Bismarcks, als gute deutsche Tugend, eine der vielen
Qualittsmaschinen Made in Germany.  Im Verlauf der Zeit aber wurde
der Brger abhngig von ihr und konnte sich nicht vorstellen, jemals
ohne sie auszukommen.  Die Mehrheit schreckt vor Alternativen zurck
und mchte nicht einmal ber sie nachdenken.  Geprgt von Technik und
Qualittsarbeit ist die Vorstellung, da das Industriezeitalter
seinem Ende entgegengeht, den meisten eine Schreckensvision.  Sie
wrden eher ihre Schrebergrten hergeben als die digitale Autobahn zu
akzeptieren, die doch die Staus auf ihren richtigen Autobahnen zu den
Hauptverkehrszeiten abbauen knnte--ich betone das knnte.  Noch
immer lebt es sich gut durch den Export eines technischen und
wissenschaftlichen Know-how, dessen Glanzzeit allerdings vorber ist.

Als ein hochzivilisiertes Land ist Deutschland fest entschlossen, den
barbarischen Teil seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen.  Der
Klarheit halber sei gesagt, was ich unter barbarisch verstehe:
Hitler-Deutschland verdient keinen anderen Namen, ebensowenig wie
alle anderen uerungen von Aggression, Antisemitismus und Rassismus,
die noch immer nicht der Vergangenheit angehren.  Aber bis heute hat
man nicht verstanden, da eben jene pragmatische Struktur, die die
industrielle Kraft Deutschlands begrndete, auch die destruktiven
Krfte begnstigte.  (Man denke nur an die Technologieexporte, die
die wahnsinnigen Fhrer lreicher Lnder erst jngst in die Hnde
bekommen haben.) Das wiedervereinigte Deutschland ist bereit, in
einer Welt mit globalen Aufgaben und globalen Problemen Verantwortung
zu bernehmen.  Es setzt sich unter anderem fr den Schutz des
tropischen Regenwaldes ein und zahlt fr Werte--den Schutz der
Umwelt--statt fr Produkte.  Aber die politischen Fhrer Deutschlands
und mit ihnen groe Teile der Bevlkerung haben noch nicht begriffen,
da der Osten des Landes nicht unbedingt ein Duplikat des Westens
werden mu, damit beide Teile zusammenpassen.  Differenz, d. h.
Andersartigkeit, ist eine Qualitt, die sich in Deutschland keiner
groen Wertschtzung erfreut.  Verlorene Chancen sind der Preis, den
Deutschland fr diese preuische Tugend der Gleichmacherei bezahlen
mu.

Die englische Originalfassung dieses Buches wurde 1997 auf der
Leipziger Buchmesse vorgestellt und in der Folge von der Kritik
wohlwollend aufgenommen.  Dank der grozgigen Untersttzung durch
die Mittelsten-Scheid Stiftung Wuppertal und die Alfred und Clre
Pott Stiftung Essen, fr die ich an dieser Stelle noch einmal Dank
sage, konnte dann Anfang 1998 die Realisierung des von Beginn an
bestehenden Plans einer deutschsprachigen Ausgabe konkret ins Auge
gefat werden.  Und nachdem Prof. Dr. Norbert Greiner, bei dem ich
mich hier ebenfalls herzlich bedanken mchte, fr die bersetzung
gewonnen war, konnte zgig an die Erarbeitung einer gegenber der
englischen Ausgabe deutlich komprimierten und strker auf den
deutschsprachigen Diskussionskontext zugeschnittenen deutschen
Ausgabe gegangen werden.  Einige Kapitel der Originalausgabe sind in
der deutschsprachigen Edition entfallen, andere wurden stark
berarbeitet.  Entfallen sind vor allem solche Kapitel, die sich in
ihren inhaltlichen Bezgen einem deutschen Leser nicht unmittelbar
erschlieen wrden.  Ein Nachwort, das sich ausschlielich an die
deutschen Leser wendet, wurde ergnzt.

Die deutsche Fassung ist also eigentlich ein anderes Buch.  Wer das
Thema erweitern und vertiefen mchte, ist selbstverstndich
eingeladen, auf die englische Version zurckzugreifen, in die 15
Jahre intensiver Forschung, Beobachtung und Erfahrung mit der neuen
Technologie und der amerikanischen Kultur eingegangen sind.  Ein
Vorzug der kompakten deutschen Version liegt darin, da die jngsten
Entwicklungen--die so schnell vergessen sein werden wie alle anderen
Tagesthemen--Fortsetzungen meiner Argumente darstellen und sie
gewissermaen kommentieren.  Sie haben wenig miteinander zu tun und
sind dennoch in den folgenden Kapiteln antizipiert: Guildos Auftritt
beim Grand Prix dEurovision (liebt er uns eigentlich immer noch, und
warum ist das so wichtig?), die enttuschende Leistung der deutschen
Nationalmannschaft bei der Fuballweltmeisterschaft (standen sich im
Endspiel Brasilien und Frankreich oder Nike und Adidas gegenber?),
die Asienkrise, das Ergebnis der Bundestagswahlen, der Euro, neue
Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie, die jngsten
Arbeitslosenzahlen, die kosteuer und vieles mehr.  Wer sich der Mhe
einer grndlichen Lektre des vorliegenden Buches unterzieht, wird
sich auf diese Entwicklungen einen eigenen Reim machen knnen, sehr
viel besser als die Mediengurus, die uns das Denken abnehmen wollen.
Zumindest wird er ber die wortreichen Artikel halbgebildeter
Akademiker und opportunistischer Journalisten schmunzeln, die allzeit
bereit sind, anderen zu erklren, was sie selbst nicht verstehen.

Wie in der englischen Version mchte ich auch meine deutschen Leser
einladen, mit mir in Kontakt zu treten und mir ihre kritischen
Kommentare oder Fragen per e-mail zukommen zu lassen: nadin@acm.org.
Im Einklang mit dem Ziel des Buches, fr die Kommunikation jenseits
der Schriftkultur das schriftkulturelle Eins-zu-Viele-Verhltnis
(Autor:Leser) zu berwinden, wird fr dieses Buch im World WideWeb
ein Forum eingerichtet.  Die Zukunft gehrt der Interaktion zwischen
Vielen.

Wuppertal, im November 1998

Mihai Nadin

BUCH II.



Kapitel 1:

Von den Zeichen zur Sprache

Sprachen sind, ebenso wie die jeweiligen Schriftkulturen und die auf
ihnen grndende Bildung, untereinander sehr verschieden.  Die
Unterschiede gehen weit ber Wortklang, Alphabet, Buchstabenfolge und
Satzstrukturen hinaus.  Manche Sprachen weisen nuancierte
Unterscheidungen fr Farben, Formen, Geschlechtsbezeichnungen,
Mengenbezeichnungen und Naturphnomene auf, whrend allgemeine
Aussagen nur schwer in ihnen zu formulieren sind.  Wir wissen aus der
Anthropologie, da eine Sprache die jeweilige Lebenswelt ihres
eigenen Sprachraums lexikalisch differenzierter widerspiegelt als
andere Sprachen.  Die verschiedenen Bezeichnungen fr Schnee in
Eskimosprachen oder fr Kamel im Arabischen sind gelufige Beispiele.
Sprachen kategorisieren die Wirklichkeit.  Und eine Sprache
erscheint umso fremder, je fremder dem Betrachter die in ihr erfate
Wirklichkeit ist.  So fhrt auch die Beherrschung der chinesischen
Sprache (d. h. in ihr gebildet zu sein), zu etwas anderem als die
Beherrschung etwa des Englischen oder eines afrikanischen
Stammesdialekts.  Schon diese Beispiele zeigen, da die praktische
Erfahrung, durch die eine Sprache hervorgebracht wird, Teil des
allgemeinen pragmatischen Handlungsraums des Menschen ist.

Eine abstrakte Sprache gibt es nicht.  Doch trotz der zum Teil
erheblichen Unterschiede zwischen den Sprachen ist die
Sprachfhigkeit der gemeinsame Nenner der Spezies homo sapiens und
ein konstitutives Element der Dynamik dieser Spezies.  Wir sind
unsere Sprache.  Die Feststellung, da die Sprache dem Leben folgt
und es nachbildet, trifft nur die halbe Wahrheit.  Denn zugleich
bildet sich auch in der Verwendung der Sprache das Leben heraus.
Beide beeinflussen sich gegenseitig, letztlich hngt der Mensch von
jenem pragmatischen Handlungszusammenhang ab, innerhalb dessen er
seine biologische Struktur in den praktischen Akt der
Selbstdefinition bertrgt.

Die Grnde fr Vernderungen im dynamischen Zustand einer Sprache
knnen wir aus jenen (biologischen, sozialen, kulturellen) Bereichen
erschlieen, die Sprache hervorgebracht haben, die Unterschiede in
der Sprachverwendung hervorgerufen und die Anlsse fr Vernderungen
der Lebensumstnde gegeben haben.  Die Notwendigkeit zur Vernderung
und die Krfte, die die Vernderung tragen, drfen dabei nicht
verwechselt werden, obwohl die Trennung zwischen ihnen nicht immer
ganz leicht ist.  Vernderte Arbeitsgewohnheiten und Lebensformen
sind ebenso wie die Sprache, die sie ausdrckt, an den pragmatischen
Rahmen unserer bestndigen Selbstkonstituierung gebunden.  Noch immer
verfgen wir ber zehn Finger--eine Strukturgegebenheit des
menschlichen Krpers, die sich in das Dezimalsystem bertragen hat--,
aber das binre Zahlensystem ist heute vermutlich vorherrschend.  Das
besagt nichts anderes, als da neue Wrter immer dann geprgt werden,
wenn die Umstnde dies erfordern, und der Vergessenheit anheimfallen,
wenn sie nicht lnger bentigt werden.  Oft ermglichen neue Wrter
und neue Ausdrucksformen erst neue Lebens- und Arbeitsformen; sie
bilden dann nicht nur Leben ab, sondern ffnen ihm mgliche
Entwicklungswege.

Die Sprache erlaubt dem Menschen erlernbare und kulturell tradierbare
Organisationsformen, die ihn vom instinktiven Verhalten des Tieres
unterscheiden.  ber den Ursprung der Sprache ist damit noch nichts
gesagt, und nichts darber, warum die instinktive und genetisch
vererbte Organisationsform der Tierwelt fr die sprachlich
vermittelte Organisationsform des Menschen weder hinreicht noch
dieser gleichwertig ist.  Sprache ist mehr als ein bloer
Archivierungsort, sie ist ein Mittel zum Entwurf von Wirklichkeit,
ein Instrument zur Hervorbringung neuer Instrumente und deren
Evaluierung.

Doch wir mssen Sprache in einem noch allgemeineren Rahmen betrachten.
Sprachen entwickeln sich wie die Menschen, die sie benutzen.  Auch
das Aussterben von Sprachen gibt Aufschlu darber, wie das Leben
einer Sprache an das Leben derer gebunden ist, die sie entwickelt und
erforderlich gemacht und schlielich durch andere Mittel ersetzt
haben.  Die anthropologische, archologische und genetische Forschung,
die sich mit den vorsprachlichen Stadien menschlichen Lebens befat,
konzentriert sich auf die Gegenstnde, die man fr primitive
Verrichtungen verwendete.  Aus diesem Zusammenhang wissen wir recht
zuverlssig, da vor der Entwicklung relativ stabiler und repetitiver
Strukturen die Menschen Laute und krpersprachliche Formen der Mimik
und Gestik einsetzten, und zwar wohl ziemlich genau so, wie wir es
heute von Kleinkindern kennen.  Aus den frhen Stadien der Menschheit
ist ein reicher Fundus an Handlungsmustern und Verhaltenscodes
berliefert, die durchaus eine gewisse Kohsion aufweisen.  Unsere
Vorfahren aus grauer Vorzeit entwickelten bereits fr den Zweck der
Nahrungsversorgung und als Reaktion auf Vernderungen in den
Lebensbedingungen, die sich auf die Ernhrungs- und Schutzbedrfnisse
auswirkten, bestimmte regelhafte Verhaltensformen.

In vorsprachlicher Zeit fungierten Werkzeuge offenbar auch als
Zeichen und Kommunikationsmittel.  Viele Wissenschaftler glauben
allerdings, da die Erfindung von Werkzeugen ohne Wrter, also vor
der Existenz von Sprache, nicht mglich war.  Ihnen zufolge sind die
zur Herstellung von Werkzeugen und die zur Herausbildung des
werkzeugmachenden Menschen (homo faber) erforderlichen kognitiven
Prozesse sprachlicher Natur.  Das Werkzeug als Verlngerung des Arms
stelle eine Art von Verallgemeinerung dar, die nur durch Sprache
mglich wurde.  Es knnte aber durchaus sein, da natrliche Formen
der "Notation" (Fuabdrcke, Bieindrcke und solche Steingebilde,
die manche bereits fr Werkzeuge halten) der Sprache vorausgingen.
Solche Notierungen drfen auch als Extension der biologischen
Gegebenheiten des Menschen gelten und entsprechen einem kognitiven
Entwicklungsstand und einer Existenzskala, die auf die Herausbildung
von Sprache hinfhrte.

Die vorliegenden Erkenntnisse ber die Entstehung von Schriftsystemen
lassen nachvollziehen, wie sich lautliche und gestische Muster zu
graphischen Darstellungen entwickelt haben, und zugleich auch, wie
mit dem Entstehen der Schrift neue Erfahrungshorizonte und eine
breitere Skala menschlicher Ttigkeit erschlossen wurden.
Entsprechende Rckschlsse knnen wir auch aus aussterbenden Sprachen
ziehen, die weniger wegen ihrer Grammatik oder Phonetik interessant
sind als wegen des erkennbaren Zusammenhangs, der zwischen ihnen und
einer entsprechenden Erfahrungswelt, einer zugrundeliegenden
biologischen Struktur und der Skala der menschlichen Erfahrungen und
ihrer Vernderungen besteht.

Der hier getroffenen Unterscheidung zwischen vorsprachlicher Notation,
Sprachentstehung, Entstehung von Schriftsystemen und aussterbenden
Sprachen entspricht ein Unterschied zwischen Arten und Typen
menschlicher Ausdrucksweise, Interaktion und Interpretation von allem,
was die Menschen zur Anerkennung der sie umgebenden Wirklichkeit
heranziehen.  Auf sich oder andere aufmerksam zu machen erfordert
noch keine Sprache.  Hierfr reichen Laute, Gesten knnen das Signal
verstrken.  In jedem artikulierten Laut und in jeder Geste
projiziert sich der Mensch auf irgendeine Weise.  In Hhe, Timbre,
Umfang und Dauer eines Lautes bleibt Individualitt bewahrt; Gesten
knnen langsam oder schnell, zgernd oder aggressiv oder in einer
Mischung von alldem ausgefhrt werden.  Wird aber ein bestimmter Laut
oder eine Lautfolge bzw. eine bestimmte Geste oder Gestenfolge auf
die Bezeichnung eines bestimmten Gegenstandes festgelegt, so wird aus
diesem stabilisierten Ausdruck das, was wir im Nachhinein ein Zeichen
nennen.


Wiedersehen mit semeion

Das Interesse an menschlichen Zeichensystemen reicht bis weit in die
Antike zurck.  Doch heute verzeichnen wir ein verstrktes Interesse
an Fragen der Semiotik, jener Disziplin, die sich mit Zeichen
(griechisch semeion) beschftigt.  Der Grund hierfr liegt in der
rasanten Zunahme von Ausdrucks- und Kommunikationsformen, die nicht
mehr auf die Mittel der natrlichen Sprache zurckgreifen.  Auch die
Interaktion zwischen Menschen und immer komplexer werdenden Maschinen
hat semiotische Fragen ganz neuer Art aufgeworfen.

Die Sprache--in mndlicher und schriftlicher Form--ist wohl das
komplexeste Zeichensystem, das wir kennen.  Das Wort Sprache bezieht
sich zwar auch auf andere Zeichensysteme, stellt aber keineswegs eine
Synthese aller dieser Zeichensysteme dar.  Den Entwicklungsproze der
Sprachlichkeit knnen wir als eine fortschreitende Projektion des
Individuums auf seine Lebensumwelt verstehen.  Das Zeichen Ich als
Bezeichnung der eigenen Individualitt--die sich von anderen Ichs
unterscheidet, mit denen man kooperiert, konkurriert oder
kmpft--knnen wir wahrscheinlich als erstes Zeichen voraussetzen.
Es bestand zusammen mit dem Zeichen fr das andere; denn Ich kann nur
in Relation zu dem anderen definiert werden.  In einer als das andere
erfahrenen Welt zeichneten sich Einheiten ab, die entweder gefhrlich
und bedrohlich, hilfreich oder kooperativ waren.  Solche
qualifizierenden Eigenschaften konnte man nicht einfach zum
Identifikationsmerkmal machen.  Sie stellten Projektionen des
Subjekts dar, das seine Umwelt erkannte, interpretierte oder
fehldeutete.

Um meine These von der pragmatischen Natur von Sprache und
Schriftlichkeit zu belegen, mu ich mich noch etwas nher mit dem
vorsprachlichen Stadium befassen.  Mein Interesse beschrnkt sich
dabei auf die Natur der Sprache, was indes ihre Entstehung und die
Bedingungen dafr mit einschliet.  Auf das, was wir gemeinhin als
Werkzeug bezeichnen, und auf rudimentre Verhaltenskodes (in Bezug
auf Sexualitt, Schutzbedrfnis und Nahrungssuche) habe ich bereits
hingewiesen.  Es gibt fr dieses Stadium gengend historisch
gesichertes Material und eine ganze Reihe bekannter Tatsachen
(Klimawechsel, das Aussterben von Tieren und Planzen), die sich auf
dieses Stadium ausgewirkt haben.  Schlufolgerungen aus Lebensformen,
die denen hneln, die wir fr die frhen menschlichen Lebensformen
halten, ergnzen unser Wissen darber, wie sich Zeichen als Ausdruck
einer Identitt herausgebildet haben.  Diese Zeichen bilden eine
Objektwelt ab und drcken daneben eine Bewutheit von einer Welt aus,
die durch die biologische Veranlagung des Menschen ermglicht wurde.

Allgemein wird Sprechen verstanden als Erklrung von Gedanken mittels
Zeichen, die fr diesen Zweck entwickelt wurden.  Gleichzeitig wird
das Denken als seiner Natur nach von Wrtern und Zeichen unabhngig
verstanden.  Meiner Meinung nach ist der bergang vom Natur- zum
Kulturzustand, d. h. von Reaktionen auf natrliche Reize zu Reflexion
und Bewutheit, durch Kontinuitt und Diskontinuitt gleichermaen
gekennzeichnet.  Die Kontinuitt liegt in der biologischen Struktur,
die in den Interaktionsraum des Menschen mit hnlichen oder
unhnlichen Einheiten bertragen wurde.  Die Diskontinuitt ergibt
sich aus Vernderungen in der Gehirngre, des aufrechten Gangs und
der Funktion der Hnde.  Das vorsprachliche (prdiskursive) Stadium
ist seiner Natur nach unmittelbar.  Das diskursive Stadium, das den
manifesten Gedanken ermglicht, ist durch Sprachzeichen vermittelt.

Die Zeichen, mit denen die Menschen des vorsprachlichen
Entwicklungsstadiums ihre Wirklichkeit in ihren Existenzrahmen
bertrugen, drckten durch die ihnen eigene Energie und Plastizitt
das aus, was die Menschen damals waren.  Sie brachten vor allem das
zum Ausdruck, was im anderen--in anderen Gegenstnden oder anderen
Lebewesen--als gleich erfahren wurde, und Gleichheit war allen
Zeichen gemein.  Direkte Interaktion und Unmittelbarkeit, Aktion und
Reaktion waren vorherrschend.  Das Unerwartete oder Verzgerte war
das Unbekannte, Mysterise.  Die Skala des menschlichen Lebens war
klein.  Jedes Geschehen, jeder Vollzug bestand aus wenigen Schritten
und war von begrenzter Dauer.  Zeichen der Gegenwrtigkeit, einer
allen gemeinsamen Raum- und Zeiterfahrung, wurden zum Ausdruck der
Interaktion.  Zeichen bezogen sich auf das Hier und Jetzt des
gemeinsam erfahrenen Lebens und drckten auf unmittelbare Weise Dauer,
Nhe und Intervalle aus, lange bevor sich die heutigen Vorstellungen
von Raum und Zeit herausgebildet haben.  Mithilfe solcher
Unterscheidungen durch Zeichen konnte Abwesendes oder Bevorstehendes
angedeutet bzw. die Dynamik sich wiederholender Vorgnge ausgedrckt
werden.  Nach diesen frhen Formen des Selbstausdrucks erst konnte
die Darstellungsfunktion von Zeichen entwickelt werden: ein hoher
Schrei, der nicht nur Schmerz ausdrckte, sondern vor einer Gefahr
warnte, die Schmerz bewirken konnte; ein erhobener Arm, der ber die
Bekundung von Prsenz hinaus Aufmerksamkeit forderte; Farbe auf der
Haut nicht nur als Ausdruck der Freude an einer Frucht oder Pflanze,
sondern als Ankndigung und Antizipation bevorstehender hnlicher
Freuden--kurz, Anweisungen, ja sogar Instruktionen, die man befolgen,
lernen und nachahmen konnte.

Als Teil des auf diese Weise zum Ausdruck Gebrachten entwarfen die
Individuen in der Verwendung des Ausdrucks nicht nur sich selbst,
sondern auch ihre auf diese begrenzte Welt bezogene Erfahrung.
Zeichen, die Bezge zu Ereignissen herstellten (Wolken zu Regen,
Hufschlag zu Tieren, Blasen auf der Wasseroberflche fr Fische),
stellten nicht nur diese Ereignisse dar, sondern drckten
gleichzeitig die mit anderen gemeinsame Erfahrung in der Lebenswelt
aus.  Erfahrungsaustausch ber das Hier und Jetzt hinaus, also der
bergang von direkter und unmittelbarer zu indirekter und
vermittelter Interaktion, bezeichnet den nchsten kognitiven
Entwicklungsschritt.  Er konnte vollzogen werden, als gemeinsam
verwendete Zeichen auf eine allen gemeinsame Erfahrung bezogen wurden
und sich daraus Regeln ergaben, nach denen neue Zeichen fr neue
Erfahrungen erzeugt werden konnten.  Jedes Zeichen ist ein
biologisches Zeugnis ber seinen eigenen Entstehungsproze und ber
die Skala der menschlichen Erfahrung.  Das Flstern erreicht einen,
vielleicht zwei Zuhrer, die nahe beieinander stehen.  Ein Schrei
entspricht einer anderen Skala.  Insofern birgt jedes Zeichen seine
eigene Geschichte in Kurzform und vollzieht den Brckenschlag vom
Natur- zum Kulturzustand des Menschen.

Abfolgen, etwa die Aufeinanderfolge von Lauten oder sprachlichen
uerungen, oder Zeichenverknpfungen wie in Bildern lassen eine
hhere Stufe der kognitiven Entwicklung erkennen.  Die Beziehungen
zwischen solchen Abfolgen oder Verknpfungen und der sie
hervorbringenden praktischen Erfahrung sind nicht mehr intuitiver Art.
Aus dem Verstndnis solcher Zeichenbeziehungen praktische Regeln
abzuleiten, gehrte zu den wesentlichen Interaktionserfahrungen der
Benutzer solcher Zeichensysteme.  An einem spteren Entwicklungspunkt
ist die unmittelbare Erfahrungskomponente nur noch indirekt in der
Sprache gegenwrtig.  Sprache ist nachgerade das Ergebnis dieser
Verlagerung der Aufmerksamkeit vom Zeichen zu den Beziehungen
zwischen Zeichen.  In ihrer primitivsten Form war Grammatik nicht ein
System von Regeln ber die Zusammensetzung von Zeichen (Syntax) oder
darber, wie Zeichen etwas bezeichnen (Semantik), sondern darber,
wie bestimmte Umstnde neue Zeichen entstehen lieen, die ihre
Erfahrungsqualitt beibehielten--also Pragmatik.

Sprache entwickelte sich folglich als eine Vermittlungsinstanz
zwischen stabilisierter Erfahrung (Wiederholungsmuster in Arbeits-
und Interaktionsablufen) und Zukunft (durchbrochene Muster).  Die
Zeichen bewahrten zunchst die Konkretheit des Anlasses, der sie
hervorbrachte.  Mit zunehmender Sprachbenutzung jedoch wurde die
unmittelbare individuelle Projektion aufgegeben.  Der
Verallgemeinerungsgrad der Sprache insgesamt wurde viel grer als
derjenige ihrer einzelnen Komponenten (der einzelnen Zeichen) oder
irgendwelcher anderer Zeichen.  Doch selbst auf dieser allgemeinen
Ebene der Sprache behielt das Zeichensystem seine charakteristische
pragmatische Funktion bei: nmlich die Herausbildung praktischer
Erfahrungen, nicht die Bereitstellung von Mitteln fr die gemeinsame
Kategorisierung von Erfahrungen.  In jedem Zeichen und mehr noch in
jeder Sprache treffen biologische und artifizielle Aspekte
aufeinander.  Dominiert das biologische Element, vollziehen sich
Zeichenerfahrungen als Reaktionen.  Dominiert das kulturelle Element,
wird die Zeichen- oder Spracherfahrung zu einer Form der
Interpretation, also zu einer Fortsetzung der semiotischen Erfahrung.
Jegliche Interpretation entspricht dem unabschliebaren Proze der
ausdifferenzierenden Abtrennung vom Biologischen und ist
gleichbedeutend mit der Herausbildung von Kultur.  Unter dem Begriff
der Kultur verstehen wir die Natur des Menschen und ihre
Objektivierung in Erzeugnissen, Organisationsformen, Gedanken,
Haltungen, Werten und Kunstwerken.

Die praktische Erfahrung der Zeichenbildung--von der Verwendung von
Zweigen, Felsbrocken und Pelzen bis zu den ersten primitiven
Gravierungen (auf Stein, Knochen und Holz), von Lauten und Gesten bis
zur Sprachartikulation--trug zu Vernderungen des Lebensalltags bei
(Jagd, Schutzsuche, gemeinschaftliche Verrichtungen) und damit
letztlich zur Vernderung des Menschen.  In einer von inhaltsschweren
Details gekennzeichneten Welt, in der die Menschen ihre Identitt
durch Kampf um Lebensressourcen und in der kreativen Suche nach
besseren Alternativen fanden, vernderte sich zwar nicht die
verfgbare Information, aber die lebenspraktischen Implikationen der
Details traten zunehmend ins Bewutsein.  Die Aneignung von Wissen
vollzog sich durch dessen Anwendung in der Arbeit; jede daraus
abgeleitete Erfahrung erffnete neue Interaktionsmuster.

Zeichen ermglichten die kollektive Teilhabe an der Erfahrung.  Die
genetische bermittlung von Wissen lief relativ langsam ab.  Sie
beherrschte die Anfangsstadien der menschlichen Entwicklung, als der
Mensch den Mustern seiner natrlichen Umgebung seine eigenen
Handlungsmuster einprgte.  Die semiotische, insbesondere die
sprachliche, Wissensvermittlung verluft schneller, kann indes die
Vererbung nicht ersetzen.  Wir knnen die Spuren des menschlichen
Lebens etwa 2,5 Millionen Jahre zurckverfolgen, die der
Sprachanfnge etwa 200000 Jahre.  Formen der Landwirtschaft als
etablierte Erfahrung und Lebensform entwickelten sich vor etwa 19000,
Schriftformen vor etwa 5000 Jahren (nach Schtzung einiger Gelehrter
vor etwa 10000 Jahren).  Den immer krzeren Zyklen der
Menschheitsentwicklung entspricht dabei die Tatsache, da neben den
genetischen zunehmend auch andere Mittel am Entwicklungsproze
beteiligt waren.  Was wir heute als unsere geistigen Fhigkeiten
bezeichnen, ist das Ergebnis eines relativ kurzen, komprimierten
Entwicklungsprozesses.  Erste Zeichenspuren Zeichen knnen
aufgezeichnet werden--in und auf unterschiedlichsten Materialien; das
gleiche gilt fr die Sprache, die indes nicht in Form eines
Schriftsystems entstand.  Der Ishango Knochen aus Afrika ist einige
tausend Jahre lter als jedes Schriftsystem; mit den Quipu-Schnren
nahmen die Inkas eine chronologische und statistische Erfassung von
Menschen, Tieren und Waren vor; auch in China, Japan und Indien
kannte man Aufzeichnungsmethoden, die der Schriftlichkeit
vorausgingen.

Die polygenetische Herausbildung von Schriftsprache ist in mancherlei
Hinsicht bedeutsam.  Zum einen bot sie eine neue, vom individuellen
Sprecher losgelste Vermittlungsinstanz.  Zum zweiten schuf sie einen
im Vergleich zum mndlichen Ausdruck hheren Allgemeinheitsgrad, der
unabhngig von Zeit, Raum und anderen Aufzeichnungsmethoden war.  Und
drittens trug alles, was in Zeichen und darber hinaus in
ausformulierte Sprache hineinprojiziert wurde, zur Formation von
Bedeutung bei--als Ergebnis des Verstehens von Sprache, das sich aus
ihrer Verwendung ergab.  Erst dadurch erhielt die Sprache ihre
semantische und syntaktische Dimension.

Wenn wir Fragen der Schriftkultur und der Sprachentstehung verknpfen,
dann ist deren gemeinsame Grundlage die Schriftsprache.  Gleichwohl
geben uns Vorgnge, die der Schriftsprachlichkeit vorausgingen,
Aufschlsse darber, welche Faktoren die Schriftsprache erforderlich
machten und warum manche Kulturen niemals eine Schriftsprache
entwickelt haben.  Dies wiederum knnte trotz des weit
zurckliegenden Zeitrahmens (von tausenden von Jahren) erklren,
warum Schreiben und Lesen nicht notwendigerweise unser heutiges und
zuknftiges Leben und Arbeiten beherrschen mssen.  Zumindest knnten
wir das Verhltnis zwischen Mensch, Sprache und Dasein besser
verstehen.  Wir betrachten das Wort als etwas selbstverstndlich
Gegebenes und fragen uns, ob es je einen Menschen ohne Wort gegeben
hat.  Als das Wort aber erst einmal durch die Mglichkeit seiner
Aufzeichnung etabliert war, beeinflute es nicht nur die zuknftige
Entwicklung, sondern auch das Verstndnis der Vergangenheit.

Das Wort bemchtigt sich der Vergangenheit und verleiht den
Erklrungen, die die Existenz des Wortes voraussetzen, ihre
Legitimitt.  Es beruht auf einem Notationssystem, das zugleich eine
Art eingebautes Gedchtnis und ein Mechanismus fr Assoziationen,
Permutationen und Substitutionen ist.  Wenn wir aber die Ursprnge
des Lesens und Schreibens so weit zurckverlegen, dann erweist sich
der Gegensatz von Schriftlichkeit und Schriftlosigkeit als
Strukturmerkmal nur einer der zahlreichen menschlichen
Entwicklungsperioden.  In einer so weiten zeitlichen Perspektive
widerspricht unsere Auffassung von Notation (zu der wir auch Bilder,
den Ishango Knochen, die Quipu-Schnre, die Vinca-Figuren usw.
zhlen) dem logokratischen Sprachmodell.  Ein- und mehrsilbige
Sprachelemente, hrbare Lautfolgen (und entsprechende Atemtechniken,
die Pausen vorsehen und Synchronisierungsmechanismen ermglichen)
sowie natrliche Mnemotechniken (Kiesel, Astknoten, Steingestalten
usw.) sind dem Wort vorausgehende Komponenten einer vorsprachlichen
Notation.  Sie entsprechen allesamt einem durch direkte Interaktion
gekennzeichneten Entwicklungsstadium.  Sie beziehen sich auf eine
kleine Skala menschlichen Handelns, in welcher Zeit und Raum noch in
Form natrlicher Strukturen (Tag-Nacht, nah-fern, usw.) eingeteilt
werden knnen.

Der entscheidende Entwicklungsschritt in der Selbstkonstituierung des
Menschen wurde mit dem bergang von aus der Natur ausgewhlten
Zeichen zum Bezeichnen vollzogen, ein Proze, der zu etablierten
Klangmustern und schlielich zum Wort fhrte.  Diese Vernderung
fhrte lineare Beziehungen in einen sich als zufllig oder chaotisch
darbietenden Bereich ein.  Auch entwickelten sich neue Formen der
Interaktion: Namensgebung (durch Assoziation, etwa wenn Clans die
Namen von Tieren trugen), Ordnen und Zhlen (zunchst die paarweise
Zuordnung der gezhlten Gegenstnde zu anderen Gegenstnden) oder die
Aufzeichnung von Regelmigkeiten (des Wetters, der
Himmelsbeschaffenheit, biologischer Zyklen), soweit sie sich auf das
Ergebnis praktischer Ttigkeiten auswirkten.


Skala und Schwelle

Auf den vorangegangenen Seiten ist der Begriff der Skala als
wichtiger Parameter der Menschheitsentwicklung wiederholt verwendet
worden.  Da er fr die Erklrung groer Vernderungen im menschlichen
Handeln von zentraler Bedeutung ist, soll er etwas nher erlutert
werden.  So geht die Entwicklung von prverbalen Zeichen zu
Notationsformen und in unserer Zeit von Alphabetismus zu einem
Stadium jenseits der Schriftlichkeit (PostAlphabetismus) einher mit
einer Fortentwicklung der (Erfahrungs- und Handlungs-) Skala des
Menschen.  Reine Zahlen--etwa darber, wie viele Menschen in einem
bestimmten Gebiet leben oder in einem bestimmten praktischen
Erfahrungszusammenhang interagieren, die Lebensdauer von Menschen
unter bestimmten Bedingungen, Sterblichkeitsrate,
Familiengre--sagen dabei wenig oder gar nichts aus.  Nur wenn
Zahlen zu Lebensumstnden in Beziehung gesetzt werden knnen, sind
sie aufschlureich.  Der Begriff der Skala drckt derartige
Beziehungen aus.

So brachte die Haltung von Haustieren, die eine entscheidende
Erweiterung der Handlungsskala bedeutete, mit sich, da bestimmte
Tierkrankheiten auf die Menschen bertragen wurden und deren Leben
und Arbeit nachhaltig beeintrchtigten.  Der Schnupfen wurde wohl vom
Pferd auf den Menschen bertragen, die Grippe vom Schwein, die
Windpocken vom Rind.  Auch wissen wir, da sich ber einen lngeren
Zeitraum gesehen Infektionskrankheiten (Gelbfieber, Malaria oder
Masern) negativ auf groe, stationre menschliche Populationen
auswirken.  Wichtige Erkenntnisse liefern uns bisweilen auch jene
isolierten Volksstmme, deren heutige Lebensformen denen aus weit
zurckliegenden Entwicklungsstadien noch weitgehend hnlich sind,
also zum Beispiel die Indianerstmme des Amazonas.  Sie weisen
Anpassungsstrategien auf, die wir ohne Anschauung kaum verstehen
knnten.  Die aus der Beobachtung gewonnenen statistischen Daten
knnen dabei unsere auf dem Wissen um biologische Mechanismen
beruhenden Modelle deutlich verbessern.

Der Begriff der Skala bezieht derartige berlegungen mit ein, denn er
erhellt, da sich die Lebenserwartung in unterschiedlichen
pragmatischen Lebenszusammenhngen drastisch unterscheidet.  Eine
Lebenserwartung von weniger als 30 Jahren (die sich aus einer hohen
Rate der Kindersterblichkeit, aus Krankheiten und den Gefahren der
natrlichen Umwelt ergibt) erklrt sich aus den Umstnden der relativ
stationren Bevlkerung der Jger und Sammler.  Etwa zwanzig Jahre
hher lag die Lebenserwartung in den Siedlungsformen vor den
Stdtegrndungen (die sich zu unterschiedlichen Zeiten in Kleinasien,
Nordafrika, dem Fernen Osten, Sdamerika und Europa entwickelten).
Die Landwirtschaft fhrte zu mannigfaltigeren Ressourcen und setzte
eine Dynamik aus geringerer Sterblichkeitsrate, hherer Geburtenrate
und vernderten anatomischen Merkmalen (hherem Krperwuchs) in Gang.

Im vorliegenden Zusammenhang sind besonders die Ergebnisse der auf
alte Sprachfamilien gerichteten Sprachgeschichte interessant, die
eine Beziehung zwischen der Verbreitung von Sprachfamilien ber weite
Gebiete und einer sich ausweitenden landwirtschaftlichen Bevlkerung
erkennen lt.  Mit der sogenannten neolithischen Revolution
entwickelten sich in manchen Gemeinschaften Methoden der
Nahrungsproduktion, die nicht mehr auf Suche, Jagd und Fallenstellen
beruhten.  Die vernderten Bedingungen begnstigten einen
Bevlkerungszuwachs, der sich wiederum auf die Beziehungen zwischen
den Individuen und kleineren sozialen Gruppen auswirkte.  Einzelne
Gruppen lsten sich vom Stamm los, um nach einem Lebensumfeld mit
geringerem Konkurrenzkampf um Lebensressourcen zu suchen.  Zugleich
aber frderten die neuen pragmatischen Bedingungen eine erhhte
Bevlkerungsdichte, mit der die Natur der Beziehungen komplexer wurde.

Uns interessiert die Richtung, die diese Entwicklung nahm, und das
Zusammenspiel der vielen daran beteiligten Faktoren.  Vor allem
wollen wir wissen, auf welche Weise Skala und Vernderungen in den
praktischen Lebenserfahrungen der Menschen zusammenhngen.  Setzt
eine Entdeckung oder Erfindung eine Vernderung der Skala voraus oder
bewirkt sie, gegebenenfalls im Verbund mit anderen Faktoren, diese
Vernderung erst?  Polygenetische Erklrungen solch komplexer
Entwicklungen wie diejenigen, die neue Erfahrungsebenen, damit
wiederum erhhte Bevlkerungszahlen und diversifizierte
Interaktionsformen ermglichen, fhren viele Variablen ins Feld.
Ausweislich archologischer und sprachwissenschaftlicher Forschungen
sind alle groen Sprachfamilien dort zu verorten, wo der pragmatische
Lebenszusammenhang landwirtschaftlicher Lebensformen nachzuweisen ist.
Zuverlssige Belege finden sich fr zwei Gebiete in China: das
Becken des Gelben Flusses, wo der Anbau von Futterhirse nachgewiesen
ist, und das Yangtse-Becken, in dem Reis angebaut wurde.  Von hier
aus verbreiteten sich die austronesischen Sprachen tausende von
Kilometern weit.  Hieraus ergibt sich die interessante Korrelation
zwischen der Natur der menschlichen Erfahrung, der sie ermglichenden
Skala und der Verbreitung von Sprache.  hnliches gilt fr das Gebiet
von Neuguinea, wo die Verbreitung der Papuasprachen in Verbindung mit
dem Anbau der Taroknolle steht: mit der Suche nach geeigneten
Anbaugebieten und den Auseinandersetzungen mit umherstreifenden
Volksstmmen.

Angeborene Fhigkeiten (Rufen, Werfen, Laufen, Pflcken, Brechen und
Biegen) kennzeichneten ein Entwicklungsstadium, in dem sich der
Mensch in Gruppen oder Gemeinschaften mit begrenzter Skala
organisierte.  Andere, nicht angeborene Fhigkeiten wie Pflanzen,
Kochen, Hten, Singen und die Verwendung von Werkzeugen werden bewut
und aus der Kenntnis ihrer Ursache heraus entwickelt.  Sie ergaben
sich, als Vernderungen der Skala bezglich Bevlkerung und Leistung
neue, der Gemeinschaft angemessene und allein durch die angeborenen
Fhigkeiten nicht zu erreichende Effizienzebenen erforderten.  Solche
Fhigkeiten entwickelten sich schnell.  Die neue Praxis frderte
modifizierte Mittel der Selbstorganisation: rudimentre Formen des
Planens, Reduktionsstrategien zum berleben (Aufgabenteilung beim
Lsen von Problemen) und Koalitionsbildungen, die sich auf immer
hheren Ebenen entfalteten.  An einem bestimmten Punkt der
Skalenentwicklung schlielich ergaben sich differenzierte
Arbeitsablufe und neue kognitive Mglichkeiten zur Bewahrung und
Vermittlung von Wissen, das sich auf diese Arbeitspraxis bezog.

Es bleibt die Frage: Bringen Strukturvernderungen eine neue Skala
hervor, oder bewirkt die Skala Strukturvernderungen?  Der Proze ist
komplex insofern, als die dem menschlichen Handeln zugrundeliegende
Struktur den Bedrfnissen des berlebens angepat und auf die
zahlreichen Faktoren abgestimmt ist, die die individuellen und
gemeinschaftlichen Erfahrungen beeinflussen.  Skala und Grundstruktur
sind voneinander abhngig.  Das ergibt sich schon daraus, da die
Skala sowohl Mglichkeiten als auch Bedrfnisse erfat.  Eine grere
Zahl von Individuen mit einander ergnzenden Fhigkeiten haben bei
komplexen Handlungszielen grere Erfolgsaussichten.  Zugleich nehmen
die Bedrfnisse zu, da diese Individuen nicht nur ihre Person in den
Erfahrungszusammenhang einbinden, sondern auch auerhalb dieser
Zusammenhnge liegende Verpflichtungen.  Die Grundstruktur
menschlichen Handelns umfat Elemente der menschlichen Begabung--die
ihrerseits Vernderungen unterworfen ist, die sich aus neuen
Herausforderungen und Lebensumstnden ergeben--wie auch Elemente der
menschlichen Beziehungen, die wechselseitig die Skala menschlicher
Erfahrung beeinflussen und von ihr beeinflut werden.  Aus der
dynamischen Spannung zwischen Skala und all jenen Elementen, die die
Grundstruktur ausmachen, ergeben sich Vernderungen des pragmatischen
Handlungsrahmens.  Die Entwicklung der Sprache ist ein Beispiel fr
derartige Vernderungen.  Gesprochene Sprache entwickelte sich
zusammen mit den Frhformen der Landbewirtung als Erweiterung der fr
die Jagd und das Sammeln von Nahrungsmitteln erforderlichen
Kommunikationsmittel.  In einem spteren Entwicklungsstadium bildeten
sich Notationssysteme und fortschrittlichere Werkzeuge heraus.  Die
hierdurch ermglichte fortgeschrittenere praktische Erfahrung
frderte handwerkliche Fhigkeiten und damit spezialisiertere
Arbeitsformen.  Notation und Lesefhigkeit als neue kognitive
Erfahrungen fhrten zur Schrift.  Diese wurde erforderlich, als sich
die Lebenspraxis auf Handel verlegte und ber die Unmittelbarkeit des
Hier und Jetzt und des direkten Miteinander hinausging.  Die
Grundstruktur der Schriftlichkeit wurde der Sequentialitt der
allgemeinen praktischen Erfahrungen sowie der Empfindung von
Relationen und Ablufen in hchstem Mae gerecht.

Unterschiedliche Kommunikationsformen entwickelten sich mithin in dem
Mae, in dem sich die Interaktionsskala des Menschen auffcherte.
Die Schriftkultur entsprach dabei einem qualitativ neuen
Entwicklungsstand.  Wenn wir die Sprache jener Skala zurechnen, die
den bergang vom Jger- und Sammlerstadium zur Landbewirtschaftung
markiert, dann mssen wir die Entstehung von Schriftkultur der
nchsten Entwicklungsstufe zurechnen--der Herstellung von
Produktionsmitteln.  Wir knnen in diesem Zusammenhang auf die
Metapher der kritischen Masse bzw. der Schwelle zurckgreifen.  Damit
ersetzen wir nicht den Begriff der Skala, damit definieren wir einen
Wert, eine Komplexittsebene oder einen neuen Attraktor (wie er in
der Chaostheorie genannt wird).  Kritische Masse bezeichnet dabei
eine niedrigere Schwelle--bis zu diesem Wert vollzog sich menschliche
Interaktion optimal mittels referentieller Zeichen, auf Gleichheit
basierender Darstellungen oder Sprache.  Auf der niedrigeren Schwelle
knnen sich Individuen und die sozialen Gruppen, denen sie angehren,
noch kohrent definieren.  Allerdings macht sich eine gewisse
Instabilitt geltend: ein und dieselben Zeichen drcken nicht mehr
hnliche oder quivalente Erfahrungen aus.  Hier bezieht sich
kritische Masse auf Zahl oder Menge (der Menschen, der geteilten
Ressourcen, der ausgebten Interaktionen usw.) und auf Qualitt
(unterschiedliche Ergebnisse im Bemhen der Selbstsetzung).
berkommene Mittel erweisen sich aufgrund neuartiger praktischer
Erfahrungen als unzureichend.  Aus diesen Erfahrungen ergeben sich
neue Strategien, insbesondere die Optimierung der betreffenden
Zeichensysteme (Signale, Sprache, Notation, Schrift).
Notationssysteme wurden erforderlich, als das verfgbare und
aufzubewahrende Wissen (Inventare, Mythen, Genealogien) die
Mglichkeiten der mndlichen berlieferung berstieg. Der Begriff der
kritischen Masse hilft uns zu erklren, warum einige Kulturen niemals
eine Schriftkultur entwickeln muten oder warum eine einzige, allein
vorherrschende Form der Schriftkultur unserer heutigen Zeit nicht
mehr angemessen ist.


Zeichen und Werkzeuge

Auf die Natur gerichtete praktische Erfahrungen beinhalteten die
Erkenntnis von Unterschieden: vernderte Farben zu verschiedenen
Jahreszeiten, die Vielfalt von Flora und Fauna, Vernderungen des
Wetters und der Himmelskonstellationen.  Menschliche Bedrfnisse
objektivieren sich in Jagd und Nahrungssuche, Fischfang und
Schutzsuche sowie in der Suche nach dem anderen, ob aus
Geschlechtstrieb oder dem Zwang zur Kooperation.  Auf die Vielfalt
der Natur reagiert der Mensch mit einer Vielfalt von elementaren
Operationen.  Daraus erwuchs zunchst eine einfache Sprache aus
Handlungen.  Sie kannte keinen wirklichen Dialog.  In der Natur kann
Schreien und Kreischen in einer bestimmten begrenzten Abfolge Gefahr
signalisieren.  Ansonsten kann die Natur menschliche Zeichen, Bilder
oder Laute nicht verstehen.  Zum Anlocken oder Fangen von Beute oder
zur Vermeidung von Gefahren knnen Gerusche, Farben oder Formen
dienen.  Ihre unbegrenzte Variations- und Kombinationsmglichkeit in
einem gegebenen Handlungsrahmen macht sie zu Zeichen.  Vor dem
Hintergrund erkannter Unterschiede wurden auch hnlichkeiten in
Erscheinungsform und Handlungsweisen bewut, was sich in
entsprechenden Interaktionsformen niederschlug.  Sobald sich die
Erfahrung innerhalb einer sozialen Gruppe stabilisiert hatte, wurde
sie ihrerseits zeichenhaft und als solche kohrent in deren
Handlungsrahmen eingebunden.

Elementare Formen der Lebenspraxis bewahrten eine enge Bindung
zwischen dem Individuum und dem Objekt, auf das sich die Handlung
bezog.  Extraktion dessen, was vielen Aufgaben gemeinsam war, fhrte
zu einer Akkumulation von Erfahrung.  Und mit der Erfahrung stellte
sich eine gewisse Distanz zwischen Individuum bzw.  Gruppe und
Aufgabe ein.  Die Sprache aus Handlungen vernderte sich in diesem
Proze unaufhrlich.  Evaluation begann als Vergleich.  Daraus
ergaben sich Vorlieben, Wiederholungsmuster und Auswahlverfahren, bis
sich schlielich eine bestimmte Handlungsvorschrift herausbildete.
Die Interpretation natrlicher Muster bezglich des Wetters (Wechsel
der Jahreszeiten, Sturm, Drre usw.), der gejagten Tiere, der Suche
nach Wurzeln und Knollen oder der Landwirtschaft (wie wir sie im
Rckblick nennen) ergab ein Repertoire der beobachteten Merkmale und
allmhlich eine Beobachtungsmethode.  Die beobachteten Phnomene
wurden auf ihre Relevanz geprft und wurden so zu Zeichen.  Sie
bezogen den Beobachter mit ein, der sie sich einprgte und mit
zweckdienlichen Handlungsmustern assoziierte.  Diese Form des
Lesens--also die Beobachtung aller mglichen Muster und Assoziationen
bezglich der sich stellenden Aufgaben--ging den Notationsformen und
der Schrift voraus und war vermutlich die eigentliche Grundlage fr
deren allmhliche Herausbildung.  Dieses Lesen filterte das Relevante
heraus, jenes Charakteristikum--eines Tieres, einer Pflanze, einer
Wetterlage--, das die erfolgreiche Bewltigung einer Aufgabe
beeinflute.  Die Sprache aus Handlungen gewann folglich an Kohrenz
und entwickelte stndig neue Zeichen.  Rituale stellen eine Art
kollektiven Bewutseins dar, einen Kalender sui generis als Ausdruck
eines impliziten Zeitbewutseins.  Sie sind ein Lernmittel und helfen,
die auf die Arbeit bezogenen Zeichen zu verstehen und unter
vernderten Umstnden die entsprechenden Handlungsstrategien zu
befolgen.  Die Einheit von Natur und Mensch wird im Ritual unablssig
bekrftigt.

Werkzeuge sind "Verlngerungen" der menschlichen Physis.  Sie sind
die entscheidenden Mittel zur Erreichung eines Ziels.  Zeichen
hingegen sind Mittel der Selbstreflexion und ihrer Natur nach
Kommunikationsmittel.  Auch Werkzeuge knnen als Zeichen
interpretiert werden und dadurch die selbstreflektive Natur des
Menschen ausdrcken, allerdings auf andere Weise.  Sie sind ber ihre
Funktion definiert, nicht etwa hinsichtlich der Bedeutung, die sie in
einem Kommunikationszusammenhang heraufbeschwren knnten.

In diesen Frhstadien der Menschheit markierte die Zeichenbenutzung
den bergang vom Zuflligen zum Systematischen.  Die Verwendung von
Werkzeugen und die relativ uniforme Struktur der sich stellenden
Aufgaben fhrte zu einem Methodenbewutsein.  Werkzeuge bekunden den
geschlossenen und homogenen Charakter des pragmatischen
Handlungsrahmens auf dieser primitiven Entwicklungsstufe.  Der
Synkretismus von Werkzeugen und Zeichen findet seinen Nachklang in
der synkretistischen Natur der daraus hervorgegangenen Zeichen der
praktischen Erfahrung.  Was wir heute als Religion, Kunst,
Wissenschaft, Philosophie und Ethik entwickelt haben, ist in nuce auf
undifferenzierte, synkretistische Weise im Zeichen reprsentiert.
Mit der Beobachtung von repetitiven Mustern wurden auch mgliche
Abweichungen erkannt.  Indem die Menschen diese Erfahrung in komplexe
Zeichen bertrugen, wurde sie verstehbar und eindeutig und konnte
ber die Zeiten hinaus bewahrt werden.

Wir sollten uns solche Kategorien wie Synkretismus, Verstndnis,
repetitive Muster als Kategorien des praktischen Handelns
vergegenwrtigen.  Ein Zeichen kann aus einem einfachen Rhythmus
bestehen.  Es sollte selbst unter ungnstigen Umstnden leicht zu
erkennen sein (der Schlag des Donners, der Schrei eines Tieres).  Die
Menschen sollten daraus die gleichen Reaktionen ableiten knnen (Lauf!
sollte nicht mit Halt!, Wirf! nicht mit Wirf nicht! oder etwas
hnlichem verwechselt werden).  Vor allem mu die Eindeutigkeit ber
die Zeiten hinaus erhalten bleiben.  Mit der Mannigfaltigkeit der
praktischen Erfahrungen wuchs auch die Mannigfaltigkeit der
verschiedenen Sprachstufen.  Rhythmus, Farbe, Form, Krperausdruck
und Bewegung als Erfahrungsbestandteile des tglichen Lebens wurden
in Rituale eingebunden.  Gegenstnde wurden als das gezeigt, was sie
sind--Tierkpfe, Geweihenden und Krallen, ste und Baumstmme,
aufgeborstene Felsbrocken.  Sie wurden bearbeitet mit Feuer, Wasser
und scharfen Steinen, die sich zum Hauen und Schneiden eigneten.

Der Mensch wird zum Menschen, indem er seine eigene Natur
konstituiert.  Zu diesem Vorgang gehrt die Externalisierung
bestimmter Charakteristika, damit sie im Rahmen der sich
herausbildenden Kultur von allen geteilt werden knnen.  Wir wissen,
da es eine Trennung zwischen der Welt auf der einen und dem
denkenden Subjekt auf der anderen Seite nicht gibt.  Die Menschen
finden ihre Identitt und die ihrer Gattung durch Vergleich, durch
Erkennen von hnlichkeiten und Unterschieden.  Diese beziehen sich
auf ihre Existenz; die gemeinsame Bewutmachung dieser hnlichkeiten
und Unterschiede ist Teil der menschlichen Interaktion.  Insofern
wird die Welt im Augenblick ihrer Entdeckung konstituiert.  Die
Dynamik zwischen Identitt und Unterscheidung macht auch deutlich,
warum Sprache etwas anderes ist als das "Abbild unserer Gedanken".
Sprache ist auch mehr als der Akt ihrer Verwendung.  Wir schaffen
unsere Sprache genau so, wie wir uns unablssig selbst schaffen.
Dieses schpferische Tun vollzieht sich nicht in einem leeren Raum,
sondern im pragmatischen Handlungsrahmen unserer gegenseitigen
Beziehungen und Abhngigkeiten.  Der bergang von Direktheit und
Unmittelbarkeit zu Indirektheit und Vermittlung und den damit
verbundenen Vorstellungen von Raum und Zeit spiegelt sich in
mancherlei Hinsicht im Entstehungsproze der Sprache.  Die
Herausbildung von Zeichen, ihre Funktionsweise, die Entstehung von
Sprache und die Entwicklung der Schrift verweisen auf die
Selbstbestimmung und die Selbstbewahrung des Menschen, so wie sie
sich im praktischen Akt der Selbstkonstituierung der menschlichen
Gattung ergeben.



Kapitel 2:

Von der Mndlichkeit zur Schriftlichkeit

Wenn wir im Verein mit zahlreichen Sprachhistorikern die Anfnge der
Sprache mit den frhen Formen der Landwirtschaft korrelieren, so
heit das, da wir von einer pragmatischen Grundlegung der Sprache
als Praxis ausgehen.  Sprache ist nicht nur passiver Zeuge bei der
dynamischen Entfaltung der menschlichen Gattung.  Die Vielfalt der
praktischen Erfahrung spiegelt sich in der Sprache und ist durch die
praktische Erfahrung der Sprachbenutzung erst ermglicht worden.  Die
Anfnge der Sprache wie die der Schrift liegen im Bereich des
Natrlichen.  Daher mssen wir auch die biologischen Umstnde, unter
denen der Mensch mit seiner Auenwelt in Beziehung tritt, mit
bercksichtigen.  Die praktische Erfahrung der Selbstkonstituierung
durch Sprache ist zugleich die Grundlage der Kultur.  Der Akt des
Schreibens ist wie der Akt der Werkzeugherstellung grundlegend fr
eine Spezies, die ihre Natur selbst definiert.  Daher mssen wir
neben der biologischen Identitt des Menschen die kulturschaffenden
Aspekte gleichermaen bercksichtigen.

Wir wollen zunchst betrachten, welche Implikationen sich aus dem
biologischen Faktor ergeben.  Wir wissen zum Beispiel, da die Zahl
der Laute, die der Mensch erzeugen kann, sehr hoch ist.  Aus dieser
praktisch unbegrenzten Zahl von Lauten sind indes nur etwa vierzig in
den indogermanischen Sprachen identifizierbar, im Gegensatz zum
Chinesischen und Japanischen.  Es ist zwar nicht mglich, zu zeigen,
wie der biologische Zuschnitt des einzelnen und die Struktur seiner
Erfahrung in das Sprachsystem projiziert sind; dennoch wre es unklug,
diese Projizierung, die sich in jedem Moment unseres Daseins
vollzieht, nicht in Rechnung zu stellen.  Beim Sprechen werden
Muskeln, Stimmbnder und andere anatomische Funktionselemente
aktiviert und entsprechend ihren Merkmalen verwendet.  Zum Sprechen
gehrt das Hren, beim Schreiben und Lesen kommt noch das Sehen hinzu.
Weitere dynamische Merkmale wie Augenbewegung, Atmung und
Herzschlag gehren zu den biologischen Implikationen der
Sprachverwendung.  Was wir sind, tun, sagen, schreiben oder lesen,
steht in einem unauflslichen Zusammenhang.  Die Erfahrungen, auf
deren Hintergund sich die Sprachverwendung vollzieht, und die
biologischen Eigenschaften derer, die in eine Sprache eingebunden
sind, sind dabei so unterschiedlich, da kaum je ein Ereignis, so
einfach es sich auch gestalten mag, von verschiedenen Menschen durch
Sprache (oder durch irgend ein anderes Zeichensystem) auf identische
oder hnliche Weise ausgedrckt wird.

Erste Erkundungen der Geschichte oder das persnliche Fragen nach dem
Verlauf vergangener Ereignisse beruhen auf Mndlichkeit, beziehen den
Mythos mit ein und mnden schlielich in den Versuch, Ereignisse an
Ort und Zeit zu knpfen.  Die ersten Logographen rekonstruierten die
Genealogien von Personen, die in tatschliche Ereignisse verwickelt
waren (Kriege, Grndungen von Clans, Stmmen oder Dynastien) oder in
der zeitgenssischen Literatur hervorgehoben wurden (zum Beispiel den
Epen Homers oder in der Genesis).  Als der Mensch aus dem Stadium der
Erinnerung (mnemai) in das Stadium des fixierten Berichts (logoi)
fortschritt, entwickelte er ein Bewutsein von Zeit und
Geschichtlichkeit.  Der gemeinsame Bezug auf Ereignisse machte dabei
zugleich Unterschiede im Verhltnis zu diesen Ereignissen bewut.

Die Kodierung der sozialen Erfahrung, angefangen bei eher naiven
Formen (Familie, Religion, Krankheit) bis hin zu komplexen
Regelwerken (der Zeremonien, der Machtausbung und des militrischen
Verhaltens) ergab sich aus einer Praxis, die sich unter Mitwirkung
der Sprache zunehmend diversifizierte.  Die Spannung zwischen
Mndlichkeit und Schriftlichkeit drckt dabei die Spannung aus, die
zwischen einer eher homogenen Lebensform und sich bestndig
differenzierenden Lebensformen besteht, welche die ber lange Zeit
hinaus gltigen Grenzen durchbrochen haben.  Im Sprachraum der
zahlreichen chinesischen Sprachen wird dies deutlicher als in den
westlichen Sprachen.  Die ideographische Schrift des Chinesischen,
welche die vielen gesprochenen Dialekte in sich vereinigt, hat ihre
Konkretheit und damit die Tradition als einen bewhrten Zugang zur
Welt bewahrt.  So ist auch die chinesische Kultur vergleichsweise
stark durch Mndlichkeit geprgt.  Die aus einer solchen Sprache
abgeleitete Philosophie verteidigt, durch das Grundprinzip des Tao im
Konfuzianismus, einen etablierten und allen gemeinsamen Mechanismus
der Wissensvermittlung.

Im Gegensatz zur gesprochenen Sprache ist die Schrift relativ jung.
Einige Sprachhistoriker datieren die Anfnge der Schrift auf 4000 bis
3000 v.Chr.; andere gehen bis auf 6000 v.  Ch. oder noch weiter
zurck.  Fr eine Wiederbelebung derartiger Debatten gibt es jedoch
weder neues Material noch neue berzeugende Interpretationen der
vorhandenen Quellen.  Insgesamt sind die Grenzen zwischen den
einzelnen kulturellen Stadien der Menschheit schwer zu bestimmen.
Wir werden vermutlich niemals genau wissen, ob die Bilder
(Hhlenmalereien oder Petroglyphen) den Wrtern vorausgingen oder
deren Folge waren.  Mglicherweise entwickelten sich die Sprachen,
die ber eine Notation, ber Zeichnungen, Gravierungen und
Rituale--einschlielich des umfangreichen Repertoires an
artikulierter Gestik--verfgten, relativ zeitgleich nebeneinander.
Einige Schrifthistoriker vertreten die Meinung, da es Bilder ohne
Worte nicht htte geben knnen.  Andere lehnen das logokratische
Modell ab und glauben, da Bilder nicht nur dem geschriebenen,
sondern vielleicht sogar dem gesprochenen Wort vorausgingen.  hnlich
widersprchliche Theorien setzen die Herausbildung von Ritualen vor
oder nach den Zeichnungen, vor oder nach der Entwicklung der Schrift
an.  Ich glaube, da die frhen menschlichen Ausdrucksformen
synkretistisch und polymorph waren und sich unmittelbar aus einem
pragmatischen Rahmen der Selbstkonstituierung heraus entwickelten,
der durch die Erfahrung der Vielfalt bestimmt war.


Individuelles und kollektives Gedchtnis

Anthropologen haben versucht, die berlieferte Erfahrung zu
kategorisieren, um zu sehen, wie sich Mndlichkeit und spter
Schriftlichkeit (die einfachen Notationsformen) zu den einzelnen
Kategorien verhalten.  Man hat dabei auf die materielle Umwelt
verwiesen--Ressourcen im weitesten Sinn--, auf erfolgreiches Handeln
und auf Wrter in ihrem Bezug zum allgemeineren Rahmen (Zeit, Raum,
Zielsetzungen usw.) Man vermutet, da der Mensch zunehmend von
knstlich erstellten Notationsmitteln abhngig wurde.  In der Folge
aktivierte er in geringerem Ma seine rechte Gehirnhlfte, was zu
einer verminderten Schrfe der entsprechenden Gehirnfunktionen fhrte.
Der durch den berlebenstrieb der Spezies diktierte Drang nach
Stabilitt und Dauerhaftigkeit wurde in Zeichenfolgen
hineinprojiziert, die zunchst noch nicht die sichere Einbindung in
ein Sprachsystem aufweisen konnten.  Dennoch verfestigte sich diese
Erfahrung des Umgangs mit Zeichen und wurde durch die Mglichkeiten
und Zwnge der Mndlichkeit vereinheitlicht.

Sprache ist gleichwohl nicht der unmittelbare Ausdruck von Erfahrung.
Sie ist sogar weniger umfassend als die Zeichen, die zur Sprache
hinfhrten.  Jedem Gesprch geht etwas voraus--eine gemeinsame
Erfahrung als Grundlage des Gesprchs und Hintergrund fr weitere
gemeinsame Erfahrungen.  Alle frhen Formen menschlicher Ttigkeit
und Interaktion wurden zu Zeichen, wenn sie ber die Erfllung des
unmittelbaren berlebenszwecks hinaus praktische Richtlinien des
Handelns und damit Gemeinsamkeit und bereinkunft implizierten.
Diese bereinkunft, die gemeinsame Teilhabe am Zeichen, ist dessen
eigentliches Merkmal, besonders in der Sprache.

Werkzeuge, Hhlenbilder, primitive Notationsformen und Rituale
richteten sich auf ein kollektives Gedchtnis, wie begrenzt auch
immer das Kollektive gewesen sein mag.  Wrter richteten sich an ein
individuelles Gedchtnis und boten die Mglichkeit individueller
Differenzierung.  Individuelle Bedrfnisse und Antriebe mssen in
Beziehung zu denen der sozialen Gruppe gesetzt werden.  Zeichen und
Werkzeuge sind Elemente, die in die Differenzierung mit einbezogen
wurden.  Ein Blick auf die gegenwrtige Erforschung kognitiver
Prozesse und deren Kategorien der verteilten und zentralen Autoritt
kann das Zusammenspiel zwischen beiden erhellen.  Werkzeuge weisen
alle Merkmale der Verteilung auf.  Sie werden durch individuelle und
gemeinsame Verwendung immer wieder getestet und verbessert.  Zeichen
als Ergebnis menschlicher Interaktion sind alles andere als
individueller Natur.  Wir mssen sie daher mit den Anfngen einer
zentralisierten Autoritt in Verbindung bringen.  Diese berlegung
ist natrlich eine konzeptuelle Hypothese ber eine Wirklichkeit, zu
der wir anders keinen Zugang finden.  Doch ohne eine solche Hypothese
wren weitere Schlufolgerungen sinnlos.

Aus dem bisher Gesagten ergeben sich drei Stadien, die wir vor einer
nheren Betrachtung der Sprache abhandeln mssen:
1. die Integration in der sozialen Gruppe durch unmittelbare Formen
der Interaktion wie Berhrung, Austausch von Gegenstnden, Erkennen
bzw.  Wiedererkennen ber Gerusche und Gesten sowie die Befriedigung
von Instinkten;
2. die Bewutmachung von Unterschieden und hnlichkeiten auf
unmittelbarem Weg wie Vergleichen durch Gegenberstellung,
Gleichmachung durch physische Anpassung;
3. Stabilisierung der Ausdrucksformen fr Gleichheit oder
Unterschied durch Einbeziehung in das praktische Handeln.
Von dem Augenblick an, in dem gleich und anders auf einer
allgemeinen Ebene behandelt wurden, verloren sich die Empfindungen
und Lebensformen der Direktheit und Unmittelbarkeit.  Vielfltige
Schichten des Verstehens und Regeln fr die Formung kohrenter
Ausdrucksmittel wurden angesammelt, an zahllosen konkreten
Situationen berprft, mit bereits verwendeten Zeichen (Gegenstnde,
Gerusche, Gesten, Farben usw.) verknpft und von dem Bedrfnis
eindeutiger Bedeutung losgelst.  Alle diese Ausdrucksmittel wurden
im Proze der Produktion (dem Herstellen von Gegenstnden und
Kunstwerken, beim Jagen, Fischen, Pflgen usw.) und
Selbstreproduktion sozialisiert, bis sie sich schlielich zu einer
Sprache formten.  Und nachdem sie einmal zur Sprache geworden
waren--also zu Dingen und Handlungen, ber die gesprochen
wurde--lste sich diese Sprache von den Gegenstnden und den
Produktionsvorgngen.  Durch diese Loslsung aber erschien sie
zunehmend als etwas Gegebenes, als eine Einheit per se, eine
Wirklichkeit, die man frchten oder genieen, die man verwenden
konnte, etwa zum Vergleich seiner eigenen Handlungen mit denen
anderer.  Dieser Entfaltungsproze beanspruchte eine sehr lange
Zeit--einige hunderttausend Jahre.  Er verlief vermutlich simultan
mit der Herausbildung eines greren Gehirns und des aufrechten Gangs.

Doch zurck zur Rolle des Gesprochenen (vor der Entstehung von
Notationssystemen und der Schrift) und seiner kulturellen Funktion im
Leben menschlicher Gemeinschaften.  Die vor der Entwicklung des
Wortes liegende Form des Gedchtnisses beinhaltete Handlungsmuster,
Gesten, Gerusche, Gerche und geschaffene Gegenstnde.  Die
Strukturierung des Lebens war von auen vorgegeben--natrliche
Rhythmen (der Tages- und Jahreszeiten und des Alterns) und die
natrliche Umwelt (Flulandschaft, Gebirgslandschaft, Tler,
Waldgbiete, Grasebenen).  Die Auenwelt lieferte gewissermaen das
Stichwort, auf das hin die Teilnehmer reagierten und ihre Rolle
spielten.  Oder sie reagierten auf Stichwrter, die ihnen die
vorausgegangene Erfahrung vorgab, welche durch direkte berlieferung
von einem zum anderen tradiert wurde.  Lange vor der Astrologie
bestimmte die Geomantik die Art und Weise, wie die Menschen ihre
Umwelt lasen und daraufhin verschiedene Glyphen (Petroglyphen,
Geoglyphen) ausbildeten.  Anfnglich bezog sich die Erinnerung auf
einen Ort, spter auf Handlungsabfolgen.  Erst mit der Sprache
entwickelte sich die Zeitvorstellung.  Das Erinnern war nur minimal
durch den Instinkt veranlat und seiner Natur nach kaum genetisch
bedingt.  Mit der Herausbildung des Wortes, welches zugleich auch die
Mittel fr das Erkennen und schlielich das Aufzeichnen von Wrtern
beinhaltete, trat eine fundamentale nderung ein.  Das Wort bot der
menschlichen Erfahrungswelt ein Zeichen fr Beziehungen an, war ein
relationales Zeichen.  Es brachte Objekt und Handlung zusammen.
Gemeinsam mit den Werkzeugen schuf es Kultur, verstanden als Einheit
von dem, was wir sind (Identitt), was unsere Welt ist (Gegenstand
der Arbeit, der Betrachtung und des Nachdenkens) und was wir tun (um
zu berleben, uns fortzupflanzen und zu verndern).  Dieser
Entwicklungsschritt zu einer menschlichen Kultur und dem Bewutsein
von ihr wirkte sich entscheidend auf die praktischen Erfahrungen der
Selbstkonstituierung des Menschen aus.  Gleichzeitig vollzog sich
eine wichtige Spaltung: das genetische Gedchtnis blieb fr die
biologische Realitt des Menschen verantwortlich, das soziale
Gedchtnis bernahm diese Aufgabe fr die menschliche Kultur.
Gleichwohl existiert keines der beiden unabhngig vom anderen.

Die jeweilige Natur dieser gegenseitigen Abhngigkeit ist dabei
charakteristisch fr die jeweiligen Vernderungen in der Skala des
Menschen, die uns hier interessiert.  Selbst wenn wir beschreiben
knnten, welche Voraussetzungen ntig sind, damit die Menschen sich
zu Gemeinschaften zusammenschlieen knnen, was sie wissen und
verstehen mssen, um jagen, sammeln, Viehzucht und Landwirtschaft
betreiben zu knnen, dann wten wir noch lange nicht, wie gut sie
all dies ausfhren mten.  Rckblickend sieht es so aus, als habe es
fr die Entwicklung aus den primitiven Stadien der Menschheit zu dem,
was wir sind, einen vorbestimmten Weg gegeben.  Auch wenn wir von
einem solchen Weg ausgehen, wissen wir noch immer nicht, zu welchem
Zeitpunkt ein bestimmter Handlungstypus den berlebenserwartungen
nicht mehr gengte und daher andere Wege erprobt werden muten.  Wenn
wir indes das Konzept der Skala in unser Erklrungsmodell einbauen,
knnen wir nicht nur die Phnomene der Mndlichkeit und
Schriftlichkeit besser verstehen, sondern auch den Proze, der zur
Schriftkultur und schlielich zu einem Stadium jenseits der
Schriftkultur fhrte.


Kulturelles Gedchtnis

Das Gedchtnis verdient unsere nhere Aufmerksamkeit, und zwar in
seinen frhen Ausformungen (vergleichbar mit dem Gedchtnis der
Kindheit, am Anfang der menschlichen Kultur) wie auch mit seinen
neuen Funktionen in unserer Zeit.  Wir drfen mit einiger Sicherheit
annehmen, da vor dem Wirken des kulturellen Gedchtnisses das
genetische Gedchtnis (in Form des genetischen Kodes, der inneren Uhr
und homostatischer Mechanismen) die Vererbungsmechanismen beherrscht
hat, die das berleben, die Fortpflanzung und die soziale Interaktion
regeln.  Mit dem Aufkommen des Wortes verlagerte sich das Gewicht von
der Vererbung auf die Vermittlung.  Es vernderten sich die Rituale;
sie integrierten die Sprache und gewannen einen neuen Status als
synkretistische Projektion der Lebensgemeinschaft.  Mithilfe der
Sprache konnten effiziente Handlungswege beschrieben werden.  Auch
lieen sich allgemeine Programme fr die verschiedensten Aktivitten
formulieren, fr Schiffahrt, Jagd, die Unterhaltung von Feuerstellen
und die Herstellung von Werkzeugen.  Sprache vollzog sich in einem
Allgemeinheitsgrad, der weder der direkten Handlung noch dem Ritual
mglich war.

In den Bildern, die den Wrtern vorausgingen, folgten Gedanke und
Handlung einer Kreisstruktur: das eine war in das andere eingebettet.
Die Kreisrelation entsprach der begrenzten Skala der sich
konstituierenden Spezies: kein Wachstum, ein ausbalanciertes
Verhltnis von Input und Output.  Dieser zirkulre Rahmen entsprach
der Identitt, die zwischen dem Ergebnis einer Bemhung und der dafr
aufgewendeten Mhe bestand.  Jagen und Fallenstellen erforderten
groe physische Anstrengung.  Der Lohn bestand allein darin, da der
Hunger gestillt wurde.  Dividieren wir das Ergebnis durch die
aufgewendete Leistung, dann liefert uns das Ergebnis eine sehr
intuitive Darstellung von Effizienz oder Nutzen: in diesem zirkulren
Stadium stehen die beiden Variablen noch dicht beieinander, in einem
Verhltnis von etwa 1:1.

Der Rahmen der linearen Relationen ergab sich, als man sich der
Mglichkeiten bewut wurde, die aufgewendete Leistung zu reduzieren
und den erzielten Nutzen zu erhhen.  Lineare Handlungsfolgen waren
deterministisch miteinander verknpft--je krftiger der Mensch, desto
strker beim Werfen, Stoen und Ziehen; je lnger die Beine, desto
schneller der Lauf.  Sprache entstand, als sich der zirkulre Rahmen
vernderte; gleichzeitig wurde sie zu einem wirkmchtigen Faktor bei
der dynamischen Fortentwicklung auf landwirtschaftliche Arbeits- und
Lebensformen hin.  Mit der Sprache wurde die Kreisstruktur
aufgebrochen, Sequenzen wurden mglich, und der einmal erreichte
Allgemeinheitsgrad schuf weitere Ebenen der Verallgemeinerung.  In
der Entwicklung von der durch Instinkt und biologische Rhythmen
koordinierten direkten Interaktion ber eine durch melodische
Gerusche, Bewegung und Feuerzeichen koordinierte Interaktion hin zu
einer auf Wrtern basierenden Kommunikation fand die Spezies Mensch
zu ihrer Identitt in Bezug auf andere Spezies.  Zugleich erfuhr sie
Kategorien wie Zweck und Fortschritt.

Im Mythos drckt sich ein pragmatischer Handlungsrahmen aus, der
durch Progression gekennzeichnet ist.  Dieser Rahmen erstreckt sich
bis in unsere Zeit, in Formen, die der menschlichen
Skala--Progression von Stammesorganisation zur polis, den Stdten der
Antike--und ihren Aktivitten entspricht.  In der heutigen
Begrifflichkeit wren Mythen Algorithmen des praktischen Lebens.  Im
Ritual konnten die zentralen Erfahrungen wie Geburt, Partnerwahl,
Geschlechtsbeziehung--allesamt bezogen auf Fortpflanzung und
Tod--innerhalb der Zirkularitt von Aktion und Reaktion ausgedrckt
werden.  Im Mythos vermittelt die Sprache eine relativ unpersnliche
Erfahrung, die allen und jedem zugnglich ist.  In ihrer durch
Sprache objektivierten Form nahm diese Erfahrung den Charakter von
Richtlinien an.  Sprache ist ein Hort der Erinnerung, aber auch ein
Mechanismus des Vergessens oder Vergessen-Machens, wenn sich neue
Umstnde fr die Arbeit und das gesellschaftliche Leben ergeben.
Vernderte Erfahrungen spiegelten sich in allem, was bezglich dieser
Erfahrungen in der Sprache aufgehoben war.  Hufig wurden im Akt der
Erfahrungsvermittlung Einzelheiten verndert und Mythen umgeformt.
Daraus entstanden neue Programme fr neue Zielsetzungen und neue
Arbeitsbedingungen.

Die Herausbildung und kulturelle Festigung der Sprache einerseits und
die Statusvernderung des Menschen vom Homo Faber (dem Verwender von
Werkzeugen) zum Homo Sapiens (dem denkenden Wesen) andererseits
entwickelten sich im Rahmen der linearen Beziehungen von Aktion und
Ergebnis parallel.  Die Notwendigkeit, die Inhalte einer
mannigfaltigeren, indirekten und vermittelten Erfahrung zu
beschreiben, zu kategorisieren, aufzubewahren und weiterzugeben wurde
in die Sprachwirklichkeit hineinprojiziert.  Die Bedeutung der
Erfahrung fr die Lsung eines vorliegenden Problems wurde ersetzt
durch die antizipierende Strukturierung zuknftiger Aufgaben mit dem
Ziel, die aufzubringende Leistung zu minimieren und das Ergebnis zu
maximieren.


Existenzrahmen

Mndlichkeit konnte vergangene Vorgnge kaum darstellen.  Wrter, die
in einem unendlichen Jetzt--der impliziten Vorstellung von
Gegenwrtigkeit--eingebunden sind, erfinden offenbar die
Vergangenheit je nach den unmittelbaren Bedrfnissen immer wieder neu.
Im mndlichen Stadium der Sprache war die Vergangenheit eine
spezifische Form der Gegenwart genau wie die Zukunft, da die Sprache
ber keine Mglichkeiten verfgte, das Wort auf eine Zeitachse zu
projizieren.

Mndlichkeit ist daher an festgelegte Existenz- und Lebensrahmen
gebunden.  Die Kultur des geschriebenen Wortes ergab sich aus einem
variablen Existenzrahmen, innerhalb dessen ein neuer pragmatischer
Handlungsraum und die wachsende Skala menschlicher Ttigkeit stabile
Sprachkonturen erforderten.  Wenngleich ber jeweils krzere
Zeitspannen ein solcher Sprachentwurf als fixierter Bezugsrahmen
erscheint, bringt er doch grundstzlich eine mobile, dynamische
Lebenspraxis zum Ausdruck, deren Ertrag sich aus der Dynamik linearer
Beziehungen ergibt.  Arbeit und soziale Interaktion, also die
pragmatische Dimension des menschlichen Daseins, erforderten die
Aufzeichnung der Sprache und prgten deren Linearitt.

Hinter der ber 3500 Jahre alten Keilschrift stehen Sumerer, die beim
Betrachten des Nachthimmels einen Lwen, einen Stier und einen
Skorpion erkannten.  Sie zeigt zugleich, wie die praktische Erfahrung
als kognitiver Filter fungiert: wie sie die Betrachtung unbekannter
Phnomene beeinflut, fr die es keine Begriffe gibt, und wie sie
auseinanderliegende Welten--die irdische Welt und den Himmel--in
diesem Stadium der Sprachentwicklung aufeinander bezieht.  Dies ist
umso bemerkenswerter, als das Sumerische als isolierte Sprache nur in
schriftlicher Form berliefert ist--ein Produkt jener kulturellen
Hochblte im Sdwesten Asiens, wo viele Sprachfamilien ihren Ursprung
haben.

Schrift ist auf einer hheren kognitiven Ebene angesiedelt als die
Artikulation des Wortes oder die Notierung von Piktogrammen.  Sie ist
ein vielfltiges Beziehungsgefge, das Relationen zwischen Wrtern,
zwischen Stzen und zwischen Bild und Sprache ermglicht.  Auch die
Schrift brachte von Anfang an auseinanderliegende Welten in Beziehung,
aber auf einer anderen Ebene als die sumerische Keilschrift.
Schrift ermglicht und erfordert geradezu eine weitere Sprachebene,
den Text: eine Einheit, deren einzelne Teile ihre individuelle
Bedeutung verlieren und als Ganzes eine Botschaft darstellen oder
Bedeutung hervorbringen.  Die Erfahrung, die man in bildlichen
Darstellungen, in Zeichnungen, Felsgravierungen und Holzschnitten,
gemacht hatte, wurde auf das geschriebene Wort bertragen.

Bildzeichen stellten eine komplexe Notationsform dar mit zahlreichen
Komponenten--einige sichtbar (das Schriftbild), andere unsichtbar
(die Phonetik)--und wenigen Kombinationsregeln.  Bildzeichen sind
durchaus in Zeichenfolgen angeordnet; diese erzhlen von Ereignissen
oder Handlungen in ihrem natrlichen Ablauf.  Was in der Zeichenfolge
zuerst erscheint, geht allem anderen tatschlich (zeitlich) voraus
oder nimmt in einer Hierarchie einen hheren Platz ein.  Die
Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen freien Individuen und
Sklaven sowie zwischen Eigenem und Fremdem wurde auf diese Weise
verankert.  Selbst die Schriftrichtung (von links nach rechts, rechts
nach links oder oben nach unten) liefert Aufschlsse ber die
Menschen, die ihre Identitt ausdrcken, indem sie Buchstaben in
Tafeln einritzen oder sie auf Pergament malen.  Die konkreten
Piktogramme erlaubten keine Verallgemeinerungen.  Die Ausdruckskraft
war hoch, Przision indes praktisch unmglich.

Eine ausfhrliche Geschichte der Schrift beansprucht viele Kapitel in
einer Geschichte der Sprache.  Sie ist zugleich eine hilfreiche
Einfhrung in die Wissensgeschichte, in die sthetik und vermutlich
die Kognitionswissenschaft.  In der Geschichte der Schrift erkennen
wir ferner die Prozesse, die zu den Anfngen von Schriftkultur und
darauf basierender Bildung fhrten.Vermutlich liegen zwischen den
Hhlenmalereien und Steingravierungen und den ersten bekundeten
Schriftversuchen mehr als 30000 Jahre.  Aus der Perspektive der
Schriftkultur beinhaltet dieser Zeitraum die Loslsung des Menschen
vom Bildlich-Konkreten und die Einrichtung einer Welt aus
Konventionen und gezielter Verschriftlichung.  Abstraktes Denken ist
ohne die kognitive Untersttzung durch abstrakte Darstellungen und
die darin (teils implizit) enthaltenen bereinknfte und Konventionen
nicht mglich.  Die keilfrmigen Zeichen der Sumerer, die
Zeremonialschrift der gyptischen Hieroglyphen, die chinesischen
Ideogramme, das hebrische, griechische und rmische Alphabet--ihnen
allen ist die Tendenz gemeinsam, die Konkretheit von Erfahrung und
Mitteilung zu berwinden.  Sie bieten ein abstraktes Zeichensystem,
aus dem sich immer komplexere Sprachen entwickeln konnten.

Bis zur Entwicklung der Schrift blieb die Sprache eng an ihre
Benutzer gebunden--an Stimme, Blick, Gehr und Berhrung.  Die
Schrift objektivierte die Sprache und lste sie vom Subjekt und von
der Sinneswahrnehmung.  Die Entwicklung zur geschriebenen Sprache und
von dort zu einer zunchst begrenzten, schlielich allgemein
verbreiteten Schriftkultur begleitet die Evolution des Menschen von
einem Stadium unmittelbarer Bedrfnisbefriedigung (Kreisrelation) zu
einem Stadium, in dem sich Ansprche mittelbarer Art vermehrt
einstellten (Linearfunktion).  Der Unterschied zwischen
Grundbedrfnissen des berlebens und den darber hinausgehenden
Bedrfnissen des Sozialstatus (Macht, Ego, Furcht, Freude, frhe
Stadien des Bewutseins und der Sinngebung ) ist in der Sprache
ausgedrckt, die wir ihrerseits wiederum als Teil der
fortschreitenden Selbstkonstituierung des Menschen in einem
bestimmten pragmatischen Zusammenhang begreifen mssen.


Entfremdung von der Unmittelbarkeit

Unter Entfremdung verstehen wir ganz allgemein jenen Proze, der uns
einen Teil unserer selbst (unseres Krpers, unserer Gedanken, Arbeit,
Gefhle, berzeugungen) als fremd erscheinen lt.  Wenn wir die
Erklrung dieses bedeutsamen Prozesses (und des Begriffes, der ihn
sprachlich darstellt) in die Entstehungs- und Verwendungsgeschichte
von Zeichen einbinden, knnen wir seine pragmatischen Implikationen
besser verstehen.

Zeichen wahrzunehmen heit den Unterschied wahrnehmen zwischen dem,
was wir sind, und der Art, wie wir unsere Identitt ausdrcken.  Wenn
Zeichen irgendeinen Gegenstand darstellen (die Zeichnung eines
Gegenstandes oder einer Person, Name, Versicherungsnummer,
Personalausweis usw.), dann ist der Unterschied zwischen dem, was
dargestellt ist, und seiner Darstellungsform eine Frage der
Angemessenheit (warum nennen wir einen Tisch Tisch oder eine
bestimmte Frau Maria) und der Entfremdung.  Der bewute Gebrauch von
Zeichen ergibt sich vermutlich aus der Erkenntnis, da Gedanken,
Gefhle oder Fragen fast immer ungengend ausgedrckt werden.  Zwei
Dinge geschehen, und zwar vermutlich gleichzeitig:
1. Wenn nicht mehr der direkte Umgang mit einem Gegenstand oder
einer geplanten Handlung, sondern mit dessen Darstellung gegeben ist,
wird es schwieriger, die mit dem Gegenstand verbundenen Erfahrungen
mit anderen zu teilen.
2. Da sich auch die vorzunehmende Interpretation vom Objekt auf
dessen Darstellung verlagert, stellen sich neuartige Erfahrungen und
Assoziationen ein, die teils verwirrend, teils anregend sein knnen.
Das Bild war noch nahe am Gegenstand; Verwirrung stellte sich
hinsichtlich der Handlungsanweisung ein.  Die Schrift ist vom
Gegenstand weit entfernt, wohingegen Handlungen wegen der zeitlichen
Differenzierungsmglichkeiten besser beschrieben werden knnen.
Mittlerweile wissen wir, da sich laufende Bilder oder Photoserien
der darzustellenden Handlung zu diesem Zweck noch besser eignen.

Mit dem geschriebenen Wort knnen Ereignisse berichtet werden.
Ferner knnen Beziehungen und gegenseitge Verpflichtungen unter den
Mitgliedern einer Lebensgemeinschaft dargestellt werden.  Normen
knnen errichtet und auferlegt werden.  Insgesamt schlgt sich in der
Schrift eine fundamentale Vernderung nieder, die sich aus der
erhhten Produktivitt der gerade erst sehaft gewordenen
Gemeinschaften ergab.  Es geht nicht mehr vornehmlich um Arbeit, um
leben (d. h. berleben) zu knnen, sondern um das Leben, welches der
Arbeit gewidmet ist.  Die Schrift entfremdet mehr als alle vorher
gebruchlichen Zeichen die Menschen von ihrer Umwelt und von sich
selbst.  Einige Gefhle (Freude, Trauer) und Haltungen (rger,
Mitrauen) werden selbst zu Zeichen und knnen, einmal ausgedrckt,
niedergeschrieben werden (in Briefen, Testamenten).  Auch die
Gedanken durchlaufen, um von anderen geteilt werden zu knnen, diesen
Proze, wie berhaupt alles, was auf Leben, Tun, Vernderung,
Krankheit, Liebe und Tod bezogen ist.

Da Schrift und Sehaftigkeit des Menschen zusammenzusehen sind,
haben wir schon festgestellt.  Dasselbe gilt fr das Verhltnis der
Schrift zum Warentausch und zu dem, was spter Arbeitsteilung heit.
Whrend nmlich der mndliche Gebrauch von Sprache die
Differenzierung der Lebenspraxis ermglicht, bringt die Verwendung
der Schrift die Teilung zwischen krperlicher und nichtkrperlicher
Arbeit mit sich.  Das Schreiben erfordert bestimmte Fertigkeiten, zum
Beispiel fr die Bedienung von Schneidnadel oder Griffel, spter fr
die Kunst der Kalligraphie.  Zwischen der Fhigkeit zu schreiben und
der Fhigkeit, Felle zu gerben, Fleisch, landwirtschaftliche Produkte
und Rohstoffe zu verarbeiten, besteht ein groer Unterschied.  Der
gesellschaftliche Status von Schreibern belegt, da dieser
Unterschied gengend anerkannt wurde.  Und wir sollten nicht
vergessen, da die wenigen, die das Schreiben beherrschten, zugleich
diejenigen waren, die lesen konnten.  Dennoch belegen einige
historische Quellen eher das Gegenteil: im 13. Jahrhundert wurden
Schreiber bevorzugt, die des Lesens unkundig waren, weil das
ungestrte Abschreiben genauer war.  Ganz hnliches finden wir heute
bei den des Englischen unkundigen Operatoren, die angesammelte
Datenkorpora auf digitale Datentrger bertragen mssen.  Whrend die
Zahl der Lesekundigen stndig anstieg, blieb die Zahl der
Schreibenden, die sich den wirklichen Schriftstellern als Schreiber
zur Verfgung stellten, jahrhundertelang begrenzt.

Schriftlichkeit begann in primitiven Volkswirtschaften als
overhead-Aufwand einer Elite, entwickelte sich zu einer elitren
Beschftigung, die von Vorurteilen und Aberglauben umrankt war,
weitete sich aus, nachdem (rudimentrer) technologischer Fortschritt
ihre Verbreitung ermglicht hatte, und erwies sich schlielich im
Industriezeitalter als Voraussetzung fr gesteigerte Effizienz.
Primitiver Tauschhandel kam ohne das geschriebene Wort aus, obgleich
er fortbestand, auch nachdem sich geschriebene Sprache ihren festen
Platz gesichert hatte.

Die vom Tauschhandel bedingte Form der Entfremdung unterscheidet sich
wesentlich von jener, die von einem auf der Vermittlung des
geschriebenen Wortes basierenden Markt ausgeht.  Mit anderen Worten:
Tausch ist etwas grundstzlich anderes als Kauf und Verkauf.  Die an
den Tauschhandel gebundenen Produkte tragen den persnlichen Stempel
derer, die sie im Schweie ihres Angesichts produziert haben.  Zum
Verkauf stehende Produkte werden unpersnlich; ihre Identitt ist
einzig das Bedrfnis, das sie stillen oder bisweilen hervorrufen.
Der Mythos als ein Satz von praktischen Programmen fr eine kleinere
Zahl rumlich begrenzter Erfahrungen wurde den Erfordernissen einer
Gemeinschaft, die ihre Erfahrungen ausweitete und mit fremden
Gemeinschaften interagierte, nicht mehr gerecht.  Dem Unterschied
zwischen den Marktformen, fr die entweder Mndlichkeit oder eine
frhe Form von Schriftlichkeit charakteristisch ist, entspricht der
Unterschied zwischen einem mndlich berlieferten Mythos und einer
ausgearbeiteten Mythologie, die an die Schrifterfahrung gebunden ist.
Sprache in schriftlicher Form erwies sich als soziales Gedchtnis
sui generis, als potentielle Geschichte.

Das starke Interesse an genealogischen Abfolgen (in China, Indien,
gypten, bei den Hebrern und in nahezu allen mndlichen Kulturen)
verrt ein Interesse am Zusammenhang und Ablauf menschlicher
Entwicklungen, die in einem Gedchtnis mit sozialen Dimensionen zu
bewahren sind.  Auch drckt sich darin ein Interesse an der Dimension
der Zeit aus, denn jede genealogische Abfolge ist ein historisches
Dokument ber Menschen, Handlungen, Folgen und Vernderungen.  In
mndlichen Kulturen dienten Genealogien auch als Erinnerungstechniken,
konnten neuen Lebensbedingungen angepat und so neben einem Dokument
der Vergangenheit auch zu einer Anweisung fr die Zukunft werden.
Anfnglich griffen die genealogischen Aufzeichnungen noch stark auf
Bildmaterial (Stammbaum) und auf das gesprochene Wort zurck und
hielten sich damit die Variabilitt des Mndlichen offen.  Gleichwohl
boten die Strukturen der Schriftsprache neue Mglichkeiten des
gesicherten Ausdrucks, der Aufbewahrung, Uniformitt und des
logischen Zusammenhangs.  Sie entwickelten sich aus den ersten
Versuchen, Gedanken und Begriffe zu formulieren, was schlielich zu
dem fhrte, was wir unter theoria verstehen--die reflektierende
Betrachtung von Dingen und ihre Umsetzung in Sprache.  Diese wiederum
schufen die Grundlage fr die Natur- und Geisteswissenschaften von
gestern, zum Teil auch noch von heute.  In gewisser Hinsicht sind
auch Theorien Genealogien, mit einer Wurzel und mit Zweigen, die die
Hypothesen und verschiedenen Schlufolgerungen darstellen.  Die
geschriebene Sprache sicherte die Dauerhaftigkeit der historischen
Dokumente (Genealogien, Besitzverhltnisse, Theorien) und
erleichterte zugleich ber relativ uniforme Kodes den Zugang dazu.

In den Stadtstaaten des antiken Griechenland wurden sich indes
diejenigen, die an die begrenzte Praxis der Mndlichkeit gebunden
blieben, der Gefahren bewut, die ein neuer Ausdrucks- und
Kommunikationsmechanismus mit sich brachte.  Die Schrift wies ihre
eigenen Formen der Ungenauigkeit auf, sei es aufgrund eines bewuten
Verhltnisses gegenber einer bestimmten Erfahrung, sei es durch den
Wunsch, Zusammenhanglosigkeit zu vermeiden: beides wirkte sich
jedenfalls auf die Darstellung der Tatsachen aus.  Tatsachen sind,
wie wir alle wissen, nicht zwangslufig zusammenhngend.  Daher
wenden wir alle nur denkbaren Strategien auf, sie aufeinander
auszurichten, selbst dann, wenn sie zusammenhanglos sind.  In der
mndlichen Kommunikation wird Zusammenhang dadurch hergestellt, da
man sich unaufhrlich auf den Verlauf des Gesprchs einstellt.  Hier
gibt es eine direkte Form der Kritik, d. h. eine selbstregulierende
Funktion des Gesprchs.  Mithin bedeuten Vollstndigkeit und
Zusammenhang im (offenen) Gesprch und im geschriebenen Text etwas
anderes, und im brigen etwas wiederum anderes in formalen Sprachen.

Auch das Gedchtnis stand zur Debatte.  Als ein alternatives Medium
der Bewahrung und Tradierung lie auch die Schrift Auswirkungen auf
das kollektive Gedchtnis befrchten--auf jenen Speicher von
Tradition und Identitt, ber den ein Volk im Zeitalter der
Mndlichkeit verfgte.  Schrift besitzt einen anderen Ausdruckswert
als das Mndliche und hinterlt einen anderen Eindruck.  Und dadurch,
da die Schrift nur den Lesekundigen zugnglich ist, wirkt sie sich
auf Aufbau und Verfgbarkeit des gemeinsamen Wissensbestandes aus.
Gesprochene Worte sind die Worte dessen, der sie uert.  Ein
geschriebener Text nimmt ein Eigenleben an und erscheint als etwas
von auen Kommendes, Fremdes.  Geschriebenes ist vorgegeben und
nivelliert Unterschiede zwischen den Individuen; Gesprochenes kann
der Situation angepat oder verndert werden, die Kohrenz hngt vom
Dialogverlauf ab.  Noch heute gibt es Volks- oder
Stammesgemeinschaften (die Netsidik, Nuer oder Bassari, um nur einige
zu nennen), die das Gesprochene dem Geschriebenen vorziehen.  In
ihrer Lebenspraxis teilt der leibhaftige Ausdruck eines Menschen, der
seine Worte in Gegenwart anderer uert, mehr an Informationen mit,
als es dieselben Worte in schriftlicher Form tun knnten.

Das kollektive Gedchtnis einer Schriftkultur verliert den Bezug zur
unmittelbaren Erfahrung und wird zu einem Speicher der vielfltigen
Vermittlungen im sozialen Leben einer Gemeinschaft.  Das, was gesagt
wird (legomena), unterscheidet sich von dem, was getan wird (dromena).
Das geschriebene Wort bezieht sich auf andere Wrter, nicht auf das,
was getan wird.  Das Gleiche gilt fr den Satz, wenn er den Status
einer relativ vollstndigen Spracheinheit besitzt.  Die wirkliche
Vernderung vollzog sich durch das Geschriebene, auf Papyrus, Ton,
Pergament oder Schiefertafel, auf Stein oder Blei.  Eine solche Seite
ist auf andere Seiten bezogen und letztlich auf alles Geschriebene.
Das tatschliche Tun verschwindet aus der Geschichte; diese wird zu
einer Sammlung von Schriftstcken, sauber auf Buchregalen
zusammengetragen.  Die Bedeutung der Geschichte drckt sich aus in
der Variabilitt der Beziehungen, die zwischen den einzelnen Texten
bestehen.  Wenn das Hier und Jetzt der dromena verloren ist, bleibt
uns nur das Bewutsein von Abfolgen.  Das ist ein Gewinn, aber auch
ein Verlust: die holistische Bedeutung der Erfahrung ist verloren
gegangen.

Wie relevant der in dieser Kritik betonte Gegensatz zwischen
Mndlichkeit und Schriftlichkeit fr die Phnomene unserer Zeit ist,
bedarf einer ausfhrlicheren Errterung.  Seit der Zeit, in der die
erwhnte Kritik an der Schriftlichkeit geuert wurde, hat sich die
Sprache so sehr verndert, da wir die Texte jener Zeit nur in
kommentierten bersetzungen lesen knnen.  Einige davon muten aus
Texten einer spteren Zeit (d. h. eines anderen pragmatischen
Lebenszusammenhangs) oder aus bersetzungen rekonstruiert werden.
Zwischen der Schriftkultur aus den Anfngen der Schrift und der
automatischen Lektre und Textverarbeitung besteht keine unmittelbare
Beziehung.  Fr einige dieser Texte mssen wir einen Kontextbezug
erstellen, ohne den groe Teile dieser Texte gar nicht verstndlich
wren.  Selbst das geschriebene Wort ist von dem Kontext abhngig, in
dem es verwendet wurde.  Obwohl also die geschriebene Sprache
scheinbar weniger lebendig und weniger einem Wandel unterworfen ist
als das Gesprch, verndert sie sich.  Heute schreiben wir mithilfe
von Textverarbeitungstechnologien, die sich von allen anderen Formen
des Schreibens unterscheiden.

Wir knnen die Kritik aus der Zeit Platons nicht vllig von der Hand
weisen.  Im Medium der Schrift wurde manch eine menschliche Erfahrung
verdinglicht.  Sie ermglichte eine bestimmte extreme Form der
Subjektivitt: Ohne Gesprch und ohne die darin mgliche Kritik wurde
Vergangenheit immer aufs Neue erfunden gem den Zielen und Werten
der jeweiligen Gegenwart, in die der Verfasser eingebettet war.  Im
sozialen Leben einer auf mndlicher Kommunikation beruhenden
Gesellschaft war die Meinung (griechisch doxa) das Ergebnis der
Sprache; diese mute unvermittelt sein.  In der Schrift wird Wahrheit
gesucht und bewahrt.  Die Heftigkeit, mit der sich Sokrates gegen die
Schrift verwahrte (jedenfalls in Platons Dialogen), erklrt sich aus
seiner Einsicht, da man sich damit zunehmend von der Quelle des
Denkens entfernte und somit der untreuen Auslegung Raum gab.
Sokrates frchtete wie Platon die Indirektheit und verlie sich
allein auf Gedchtnis und Weisheit.

So sorgt sich Platon bezglich der Folgen des Schreibens: "Bedenklich
nmlich, mein Phaidros, ist darin das Schreiben und sehr verwandt der
Malerei.  Denn auch ihre Schpfungen stehen da wie lebend,--doch
fragst du sie etwas, herrscht wrdevolles Schweigen."  Als einer der
ersten Philosophen, die sich mit dem Schreiben auseinandersetzten,
konnte Platon noch nicht erkennen, da es sich dabei nicht einfach
nur um eine Transkription von Gedanken handelte (also der Worte,
durch die und in denen Menschen denken), da sich die Gedanken beim
Schreiben anders formen als beim Sprechen und da es sich bei der
Schrift um ein qualitativ neues Zeichensystem handelt, das in seinem
Realittsbezug noch strker vermittelt ist als das Reden.

Mit Blick auf unsere Gegenwart nun ist leicht zu erkennen, da auch
heute das Gedchtnis von entscheidender Bedeutung ist.
Schriftlichkeit erweist sich dabei als groe Herausforderung
bezglich der Zuverlssigkeit des Gedchtnisses.  Einerseits ist das
Gedchtnis der Speicher jener Fakten, mit denen sich die Menschen in
der Arbeitswelt einrichten.  rzte, Juristen, militrische
Fhrungskrfte, Lehrer, Krankenschwestern und Broangestellte greifen
dabei in strkerem Ma auf das Gedchtnis zurck als vielleicht
Fabrikarbeiter am Flieband.  Andererseits aber verringert sich mit
erhhter Berufsqualifikation die Notwendigkeit, auf Schriftlichkeit
zurckzugreifen, abgesehen von den anfnglichen
Bildungsvoraussetzungen, die ber Bcher erworben werden.  Video,
Tonband und Diskette, digitale Speicherung und Netzwerke haben die
Bedeutung der Schriftlichkeit fr die Wissensvermittlung
eingeschrnkt.

Die Faktoren, die die Sprache notwendig haben entstehen lassen,
erklren auch ihre Geschichte und Eigenschaften.  Die Sprache
entstand aus einem allgemeinen Entwicklungsproze heraus, in dem sich
der Mensch in die Praxis seines Daseins hineinprojizierte, zu seiner
natrlichen und sozialen Identitt fand und den Weg des linearen
Wachstums einschlug.  Das Stadium der Mndlichkeit legt dabei Zeugnis
ab fr begrenzte, zirkulre Erfahrungen und entspricht einer noch
nicht zur Sehaftigkeit gefundenen Lebensform, in der der Mensch nach
Wohlergehen und Sicherheit strebte.  Sie beruhte weitgehend auf dem
lebendigen Gedchtnis und schlug sich im Ritual nieder.  Schrift und
Schreiben entwickelten sich im Zusammenhang verschiedener
weitreichender Vernderungen: eine ausdifferenzierte Lebenspraxis,
Sehaftigkeit und ein ber den Tauschhandel hinausgehender Warenmarkt,
wobei diese Faktoren sich gegenseitig beeinfluten.  Am Ende dieses
Prozesses stand die Trennung von geistiger und krperlicher Arbeit.
Sprechen, Schreiben und Lesen--jene Eigenschaften der Schriftkultur,
die uns aus der Sicht unserer heutigen Schriftkulturen gelufig und
selbsverstndlich sind--wurden durch diese Entwicklung logisch
mglich.  Tatschlich war das Schreiben nicht unbedingt der Anfang
von Schriftkultur und Bildung, sondern stellte die Mglichkeit zu
ihrer Herausbildung dar.  Ein Verstndnis der Mechanismen der Sprache
und jener Sprachfunktionen, die mit der Entwicklung der Schrift ein
neues Entwicklungsstadium des Menschen eingeleitet hatten, wird uns
auch zu verstehen helfen, wie die Schrift zum spteren Ideal der
Schriftkultur und Bildung beitrug.



Kapitel 3:

Mndlichkeit und Schrift in unserer Zeit:
Was verstehen wir, wenn wir Sprache verstehen?

Wir sitzen vor dem Computer und sind mit dem World Wide Web verbunden.
Was liegt heute an?  Wie wrs mit Neurochirurgie?  Irgendwo auf
dieser Welt fhrt ein Neurochirurg gerade eine Operation durch.  Wir
knnen einzelne Neuronen auf unserem Monitor sehen.  Oder wir knnen
mitverfolgen, wie der Chirurg die Fhigkeit des Patienten berprft,
bestimmte Muster zu erkennen, damit er eine Karte von den kognitiven
Funktionen des Gehirns zeichnen kann, die fr den Erfolg der
Operation entscheidend ist.  Ab und an wird das Gesprch zwischen
Chirurg und Assistenten durch die Einspielung von Daten auf
verschiedenen Monitoren ergnzt.  Verstehen wir die Sprache, die sie
sprechen?  Knnte ein schriftlicher Bericht ber den Ablauf der
Operation ersetzen, was wir leibhaftig vor Augen haben?  Fr einen
Studenten der Neurochirurgie oder einen Wissenschaftler wird sich die
Frage des Verstehens anders stellen als fr einen Laien.

Nehmen wir ein anderes Beispiel.  Unter einer anderen Internetadresse
findet ein Konzert statt.  Bands aus aller Welt schicken ihre Musik
live an diese Adresse.  Die Zuhrer knnen zwischen den zahllosen
gleichzeitig spielenden Bands auswhlen.  Man singt von
Allerweltsthemen--Liebe, Hoffnung, Verstndnis.  Und dennoch: selbst
wenn wir jedes Wort verstehen knnten, verstehen wir wirklich, was
sich da abspielt?

Anstelle des Internet knnte man eine Fabrik besuchen, eine Brse
oder ein Kaufhaus.  Man knnte sich in der U-Bahn irgendeiner Stadt
wiederfinden, eine Schulklasse besuchen oder in einem Regierungsbro
seinen Geschften nachgehen.  Diese Szenarien verkrpern die
vielfltigen Formen menschlicher Selbstkonstituierung durch Arbeit.
Auf den ersten Blick sprechen alle die gleiche Sprache.  Aber wer
versteht was?  Einfacher gefragt: Was verstehen wir, wenn wir eine
Anweisung lesen oder beilufig oder offiziell ein Gesprch verfolgen?
Der gegebene Kontext ist die heutige Zeit, die sich von jeder
vorausgegangenen Zeit, vor allem aber von einer Lebenspraxis
unterscheidet, die auf Schriftkultur und Bildung grndete.  Die
Antworten auf unsere Fragen sind nicht einfach.  Und die Grundlage
fr die Behandlung solcher Fragen mu breiter sein als die wenigen
angefhrten Beispiele.


Besttigung als Feedback

Das Verstehen der Sprache ist weit mehr als die grndliche Kenntnis
von Vokabular und Grammatik.  Ohne Teilhabe an der Erfahrung jenseits
der Sprachuerung ist sprachliches Verstehen nicht mglich.  Das,
was nicht zum Ausdruck gebracht wird, mu im Hrer, Leser oder
Schreiber prsent sein.  Sprache mu durch die Laut- und Wortfolge,
die gehrt, gelesen oder geschrieben wird, das entstehen lassen, was
durch die wiedererkannten Wrter und die verwendete Grammatik nicht
unmittelbar ausgedrckt wird.  Hinter jedem Wort, das wir verstehen,
steht eine gemeinsame praktische Erfahrung, ein gemeinsamer
pragmatischer Handlungsrahmen oder irgendeine rudimentre Form
gemeinsamen Verstehens als Hintergrundswissen.  "Die Grenzen der
Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt," hat Wittgenstein gesagt.
Ich wrde diese Feststellung neu formulieren und Wissen an Erfahrung
binden: Die Grenzen meiner Erfahrung sind die Grenzen meiner Welt.
Die Selbstkonstituierung durch Sprache ist Teil dieser Erfahrung.

Die erste Ebene der direkten Beziehung zwischen jemandem, der etwas
sprachlich ausdrckt, und jemandem, der das Gesagte verstehen mchte,
lt sich in eine einfache semantische Annahme bringen: Ich wei, da
du weit."  Aber reicht dieses Wissen, um ein Gesprch erfolgreich
fortzufhren?  Reicht es etwa in einem Gesprch ber ein zu jagendes
Tier aus, wenn der Gesprchspartner wei, um welches Tier es geht?
Viele Semantiker wrden sich damit zufrieden geben.  Sie teilen die
von Chomsky getroffene Unterscheidung zwischen Sprachkompetenz
(competence) und Sprachverwendung (performance) und fhren
Kommunikationsprobleme auf die Inkongruenz unserer individuellen
Lexika, und nicht auf die unterschiedlichen praktischen Erfahrungen
der Sprachbenutzer zurck.  Zumindest theoretisch wre demnach die
kulturelle Kongruenz einer Sprachgemeinschaft durch umfassende Lexika
usw. herzustellen.  Heute wissen wir, da die entstehende
Industriegesellschaft zwar eine gewisse Phase relativer kultureller
Kongruenz aufgrund einheitsstiftender Faktoren durchlaufen hat, diese
Kongruenz aber mit der Erweiterung der Skala menschlicher Erfahrungen
aufgehoben wurde.  Die eingangs des Kapitels gegebenen Beispiele
haben dies verdeutlicht.

Sprache wird also nicht einfach nur auf die Erfahrungswelt der
Menschen bezogen, sie wird in ihr und durch sie geschaffen.  Das ist
eine der Haupthesen des vorliegenden Buches.  Sprachverwendung geht
der Sprachkompetenz voraus.  Das Erkennen einer uerung oder eines
Satzes an sich ist bereits eine Erfahrung, durch die sich Individuen
definieren.  Innerhalb einer begrenzten Erfahrungsskala bewirkte die
Homogenitt der Lebensumstnde eine kohrente Sprachverwendung.  Mit
steigender Bevlkerungszahl und diversifizierter Erfahrung lste sich
der homogene pragmatische Bezugsrahmen auf, folglich gab es auch
keine kohrente Sprachpraxis.  Die fortlaufende Diversifizierung der
praktischen Erfahrung fhrte schlielich dazu, da Wrter und Stze
mehrere und unterschiedliche Dinge gleichzeitig bedeuten konnten.
Die Festsetzung und Zuweisung von Bedeutung liegt stets in der
Erfahrung, durch die Individuen ihre Identitt bilden.

Wenn wir die verschiedenen Elemente untersuchen, die den Status der
Schriftkultur in der heutigen Welt fragmentierter praktischer
Erfahrungen beeinflussen, erscheint Sprache in einem anderen Licht.
Aus dieser Perspektive knnen wir beurteilen, wie und wann durch
gleichfrmige Erfahrungen ein einheitlicher Rahmen fr die
Schriftkultur mglich und notwendig gemacht wurde.  Wir knnen
gleichzeitig sehen, von welchem Entwicklungspunkt an diese
Schriftkultur durch andere Formen der Literalitt ergnzt wurde und
wodurch, wenn berhaupt, diese Vielfalt verbunden werden knnte.  Die
beiden zu untersuchenden Stadien sind die der unmittelbaren und der
vermittelten Erfahrung.  Dabei ist jener Sprachstand von besonderem
Interesse, in dem Gesten, Laute und erste Wortgebilde die
unmittelbare Erfahrung beeinfluten.

Indirektheit beinhaltet, da man sich gemeinsamer
Bezeichnungen--Geste, Laut, Wort--bewut ist.  Die Gemeinsamkeit
schliet die Erfahrung mit ein.  Auf dieser Ebene gibt es noch keine
Verallgemeinerung.  Handlungsmuster sind zugleich Muster der
Selbstkonstituierung: beim Jagen projiziert der Jger physische
Fhigkeiten.  In der Beziehung zu anderen Jgern bertrgt er
Fhigkeiten der Koordination, Planung und gegenseitigen Verstndigung.
Dadurch wird eine Ebene der Indirektheit erreicht: die der
Rckbesttigung fr alle biologischen Ablufe, in der Kybernetik
feedback genannt.  Das (stillschweigend vorausgesetzte) anfngliche
"Ich wei, da du weit", wird nun zu, "Ich wei, da du weit, da
ich wei."  Damit kommen Fragen der Koordination und Hierarchie ins
Spiel.  Wollen wir in dieser Erfahrung gar den Anfang von Bedeutung
in der Sprache sehen, wird die Folge der stillschweigenden Annahmen
noch lnger: "Ich wei, da du weit, da ich wei, da du weit."
Wir befinden uns damit auf einer kognitiven Ebene, die sich von
derjenigen der unmittelbaren praktischen Erfahrung vllig
unterscheidet.

Wir sehen, wie sich in unserer dreiteiligen Annahmensequenz Syntax
und Semantik gegenseitig bedingen und wie beide eingebettet sind in
die sie bedingende Lebenspraxis.  bertragen auf unsere Jagdszene
heit das soviel wie: "Ich wei, da du weit, da ich hier bin.  Wir
knnen unsere Handlungen so koordinieren, da wir das Tier tten,
ohne uns dabei gegenseitig zu gefhrden."  Solange die Skala
menschlicher Erfahrung begrenzt war, vollzog sich diese bereinkunft
stillschweigend.  Sie drckte sich in reibungslos ablaufenden
Handlungsmustern aus.  Innerhalb einer erweiterten Skala wurden
Zeichen durch Wrter ersetzt, die die Koordination leisteten.  Die
Schrift ermglichte sodann Bezugsrahmen und Medium fr sehr viel
komplexere Ttigkeiten.  Der Internet Browser schlielich verbindet
eine prinzipiell unbegrenzte Zahl simultan verlaufender
Informationserfahrungen, ohne da die an diesem Proze Teilhabenden
sich begren oder einander zur Kenntnis nehmen.  Hierdurch entsteht
eine virtuelle Gemeinschaft von Individuen, die an der Erfahrung z.
B. einer tatschlich verlaufenden neurochirurgischen Operation
teilhaben.  Solche neuartigen Arbeitsformen charakterisieren in einem
Stadium jenseits der Schriftkultur unseren Arbeitsplatz, unsere
Schulen und die Regierungsarbeit; ihnen allen liegen die gleichen
Kommunikationsannahmen zugrunde.

Der Jger der Frhzeit und diejenigen, die heutzutage ihre Prsenz
durch Namensschild, Mobiltelefon, Zugangskarte, Password anzeigen,
unterscheiden sich hinsichtlich der Formen und Mittel, mit denen man
sich der gegenseitigen Prsenz versichert.  Doch selbst die einfache
Begrung eines Menschen, den wir zu kennen glauben, impliziert die
gesamte oben dargestellte FeedbackAbfolge.  Daraus folgt:
1. Sprache verstehen heit, alle die zu verstehen, mit denen wir die
praktischen Erfahrungen unserer Selbstkonstituierung teilen. 2. Alle
Beteiligten mssen diese stillschweigend vorausgesetzte
Kommunikationserwartung mitbringen.
3. Jeder neue pragmatische Zusammenhang bringt neue Erfahrungen und
damit neue Formen des Kommunikationsverhaltens und ihrer
Bewutwerdung mit sich.
Dieses Sprachverstehen vollzieht sich auf der Grundlage der
ausgefhrten Annahme, "Ich wei, da du weit, da ich wei, da du
weit...", z. B. um welche Jagdbeute es sich handelt, bzw. was eine
Operation ist, was eine bestimmte Ttigkeit in einem
Produktionsablauf fr Folgen hat, welche Funktion eine bestimmte
Regierungsstelle hat.  Andernfalls wrde das Gesprch versiegen, oder
es mte ein anderes Ausdrucksmittel gefunden werden.

Besttigung durch Sprache, Gestik und Mimik signalisiert
erfolgreiches Verstehen.  Wo immer das Verstehen ausbleibt, ist dies
auf fehlende Besttigung zurckzufhren.  Und wenn diese Besttigung
nicht mehr ausschlielich durch Mittel der Schriftkultur geleistet
werden kann--dazu brauchen wir uns nur die moderne Kriegsfhrung, die
Kontrolltechnologie fr Atomreaktoren oder die mannigfaltigen Formen
elektronischer Transaktionen vor Augen zu halten--, dann ist
letztendlich auch die Notwendigkeit der Schriftkultur in Zweifel
gestellt.  Mittlerweile besteht der berwiegende Teil der heutzutage
erteilten Anweisungen aus Bildern (Zeichnungen), einer
Ton-BildMischung (Videobnder) oder einer Kombination verschiedener
Medien: die zunehmende Skepsis gegenber der Schriftkultur, wenn
nicht seitens der Lehrenden, so doch seitens der Lernenden, kommt
also gar nicht so berraschend.  Ihre Lebenspraxis und Erfahrung
liegt bereits jenseits der Schriftkultur und einer darauf beruhenden
Form des Verstehens.  Und das gilt nicht nur fr den Umgang mit dem
Internet, sondern fr Arbeitsplatz, Schule, Regierung und viele
andere Formen der Lebenspraxis.


Mndlichkeit und die Anfnge der Schrift

Neben dem allgemeinen Verstehenshintergrund gibt es zahlreiche Ebenen
des Verstehens, die durch die im Sprechen, Schreiben oder anderen
Ausdrucks- und Kommunikationsformen enthaltenen Hinweise
reprsentiert werden.  So kann z. B. eine Frage durch einen
bestimmten Tonfall als solche identifiziert werden.  Die Schrift hat
je nach Sprache dafr ein bestimmtes Zeichen.  Andere Hinweise sind
tiefer verwurzelt, aber nicht weniger wichtig.  Sie beziehen sich auf
die Intention der Aussage, auf den Sprecher (Geschlecht, Beruf,
Alter), den Gesprchskontext oder Hierarchien (soziale, sexuelle,
moralische).  Viel auersprachliches Hintergrundwissen lenkt das
Verstehen.  Ein Gesprch besteht aus weit mehr als zwei Personen, die
sich Stze zuspielen.  Es ist eine pragmatische Situation, die neben
der Sprache ebensoviel Verstndnis des Gesprchskontextes erfordert;
denn jeder Gesprchsteilnehmer konstituiert sich gegenber dem
anderen.  Die Gesprchssituation macht deutlich, da das
Sprachverstehen eine supra- (oder para-) linguistische Angelegenheit
ist.  Sie setzt voraus, da die innerund auersprachlichen Hinweise
erkannt und zueinander in Beziehung gesetzt werden.  Sie setzt vor
allem eine Rekonstruktion der Erfahrung voraus, die im
Hintergrundwissen verkrpert ist.

Wenn wir Mndlichkeit und die Anfnge der Schrift vergleichen,
erkennen wir, da die Einrichtung von Konventionen sich aus der
Notwendigkeit ergab, die Konkretheit zu berwinden und Zugang zu
einem neuen, durch eine vernderte Lebenspraxis bedingten, kognitiven
Bereich zu finden.  Interessanterweise wurden jedoch Elemente der
Mndlichkeit, die eigentlich einer begrenzteren Erfahrungsskala
entsprachen, in der Struktur der Schrift auf der neuen kognitiven
Ebene beibehalten.  Heute stellt sich die Beibehaltung von
Mndlichkeitselementen weniger dringlich.  Doch man knnte dem
entgegenhalten, da die im Englischen gelufigen Bezeichnungen wie 4
Sale (For Sale) oder Toys R Us in die gegenteilige Richtung deuten.
Derartige Versuche, Sprache zu komprimieren, lassen erkennen, wie
man visuelle Zeichen (Ikonen) schafft, um auf einer synthetischen
Ebene den Informationsaustausch zu beschleunigen.  Die interaktiven
Multimedien oder der rege Kommunikationsaustausch im Internet bieten
viele weitere solcher Beispiele.  Schriftkultur ist hierfr weder
erforderlich noch gefragt.  Es gibt eine ausgeprgte neue Form der
Mndlichkeit, die an einige Merkmale der lange zurckliegenden
Mndlichkeit erinnert.  Das beherrschende Element dieser neuen
Mndlichkeit ist das Visuelle, das neue ikonische Zeichen.  Beispiele
hierfr sind das international gelufige Valentinsherz anstelle des
Wortes Liebe oder die in Europa verwendeten Zeichen fr
Pflegehinweise in Kleidungsstcken.

Die Bezeichnung von Zeitbezgen in Texten erweist sich als besonders
problematisch aufgrund der fr unsere Zeit charakteristischen Ablufe:
zahlreiche simultan laufende Transaktionen, differenzierte
Arbeitsteilung, Vernetzung, rasche Vernderung von Regeln.  Das alles
kann in einem geschriebenen Text nicht mehr angemessen wiedergegeben
werden.  Jetzt bedeutet fr die, die ber viele Zeitzonen hinweg
miteinander verbunden sind und miteinander kommunizieren, jeweils
etwas ganz anderes.  Der Sonnenaufgang, den wir auf der Web Page von
Santa Monica miterleben, kann mit dem Anklicken einer Taste durch ein
entsprechendes Gedicht ergnzt werden.  Die der Sprache eigene und in
der Schriftkultur instrumentalisierte Zeit- und Raumerfahrung wird
durch solche Phnomene nicht unbedingt konsolidiert.

Die Menschheit brauchte einige tausend Jahre, bis sie sich die
Konventionen der Schriftlichkeit angeeignet hatte.  Mglicherweise
wurden einige dieser Konventionen von der Hardware (Gehirn)
absorbiert und in neue Formen der Selbstkonstituierung umgesetzt.
Die Praxis des Schreibens und die Erkenntnis der Mglichkeiten, die
sich dadurch ffneten, fhrten zu neuen Konventionen.  Praktische
Unternehmungen, die sich aus den neuen in der Schrift (und im Lesen)
angelegten Zeit- und Raumkonventionen ergaben, vernderten die
Konventionen ebenfalls.  Die Entdeckung der Fragmentarisierbarkeit
von Raum und Zeit etwa, die sich in einer auf Mndlichkeit
basierenden Kultur vermutlich nicht einstellen konnte, lie neue
praktische Erfahrungen und neue Theorien von Raum und Zeit entstehen.

Nachdem sich Schriftlichkeit als praktische Erfahrung durchgesetzt
und eine allseits anerkannte Wirklichkeit auf einer entsprechend
hheren Ebene der Abstraktheit begrndet hatte, stellte sich auf
verschiedenen Textebenen eine Flle von Assoziationsmglichkeiten ein.
Einige davon waren so unerwartet und ungewhnlich, da ihr
Verstndnis eine Herausforderung fr den Leser darstellte.  Dieses
Verstehensproblem stellt sich offenbar immer dann ein, wenn neue
Ebenen ins Spiel kommen, wie zum Beispiel die der
Selbstreferentialitt, die in der verkabelten Welt der Home Page
allgegenwrtig ist.  Sprache wird zunehmend zu einem Medium, an dem
wir die Beziehung zwischen dem Bewuten, dem Unbewuten oder
Unterbewuten und der Sprache beobachten knnen.  Bei der oben
erwhnten Gehirnoperation wurden bestimmte Neuronen gehemmt und auf
diese Weise das Erkennen von Gegenstnden und Ttigkeiten
eingeschrnkt.

Die unnatrliche, nichtsprachliche Sprachverwendung wird heute von
Psychologie, Neurologie, Kognitionswissenschaft und knstlicher
Intelligenzforschung auf das Verhltnis zwischen Sprache und
Intelligenz hin untersucht.  Die Notwendigkeit, die biologischen
Aspekte der Sprech-, Schreibund Lesepraxis zu behandeln, ergibt sich
aus unserer Prmisse.  Die menschliche Selbstkonstituierung vollzieht
sich, whrend und indem die biologischen Fhigkeiten in Erfahrung
umgesetzt werden.  Die Arbeit mit sogenannten splitbrain
Patienten--Menschen, bei denen die Verbindung zwischen den beiden
Gehirnhlften unterbrochen wurde, um epileptische Anflle zu
verhindern--hat gezeigt, da sogar die scharfe Trennung zwischen
linker und rechter Gehirnhlfte (der linke Teil steuert das
Sprachvermgen) fragwrdig ist.  Es zeigte sich, da bei jeder
einzelnen praktischen Erfahrung des Menschen die biologische
Ausrstung ttig, aber gleichzeitig zum Gegenstand der
Selbstreflexion wird.  Als man das Wort Lach! in den rechten Teil des
Blickfeldes projizierte, fingen die Patienten an zu lachen, obwohl
sie das Wort theoretisch gar nicht htten aufnehmen knnen.  Auf
Befragung erklrten sie ihr Lachen mit Grnden, die nicht in
Beziehung zum sprachlichen Stimulus standen.  hnliches ergab sich
bei der Aufforderung, sich zu kratzen.  Diese und andere klinische
Beobachtungen werden in der Erfahrungswelt der virtuellen Realitt
aufgegriffen und nutzbar gemacht.  In einem gegebenen Umfeld der
virtuellen Realitt ist zum Beispiel das Nichtvorhandene bisweilen
ebenso wichtig wie das, was man vorfindet.  In den
Hintergrundskanlen, die die Interaktionsmuster der virtuellen
Realitt verarbeiten, knnen neben Wrtern auch Reaktionsdaten der
Agierenden (Drehungen des Kopfes, Schlieen der Augen,
Handbewegungen) bertragen werden.  Sie werden im Feedback wieder in
die virtuelle Realitt als deren neuer Bestandteil eingegeben und der
Lage dessen angepat, der sich dieser Wirklichkeit berlt.  Aus
diesem Grund bleiben die Merkmale der mndlichen Kommunikation--des
frhen und des gegenwrtigen Entwicklungsstadiums--von besonderer
Bedeutung.

In der mndlichen Kommunikation ist Hintergrundwissen leichter
verfgbar.  Die grere Nhe zwischen Ding und Wort, die
Gegenwrtigkeit der Kommunizierenden und deren Bereitschaft, die
Beziehung zwischen Wort und Bezeichnetem aufzuzeigen, die allgemeine
Verfgbarkeit der an das Wort geknpften Erfahrung sowie die
Eins-zu-Eins-Relation zwischen Wort und Bezeichnetem erleichtern das
Lesen und bersetzen des Wortes.  In mancherlei Hinsicht macht die
Eltern-Kind-Beziehung dieses Kindheitsstadium der Menschheit
sinnfllig.

In der jenseits der Schriftkultur sich abzeichnenden neuen
Mndlichkeit wird dieselbe Eins-zu-Eins-Relation durch
Segmentierungsstrategien erreicht.  Sprecher und Hrer teilen Raum
und Zeit--und damit Vergangenheit, Gegenwart und bis zu einem
gewissen Grad Zukunft.  Selbst wenn der Gesprchsgegenstand nicht auf
den speziellen Ort und Augenblick bezogen ist, wird ein
Referenzmechanismus in Gang gesetzt dank der Tatsache, da die
Gesprchsteilnehmer die Erfahrung der Selbstkonstituierung teilen.
Entfernt heit entfernt vom Gesprchsort; vor langer Zeit heit lange
vor dem Zeitpunkt des Gesprchs.  Das Erlernen von entfernt, vor
langer (kurzer) Zeit resultiert bereits aus lebenspraktischen
Umstnden, die zu einem hheren Entwicklungsstadium fhrten.  Heute
sind solche Unterschiede fr uns selbstverstndlich, und wir sind
berrascht, wenn Kinder um genauere Angaben bitten oder ein
Computerprogramm nicht funktioniert, weil die Eingaben keinen
ausreichenden Distinktionsgrad aufweisen.

Die Kategorisierung von Zeit und Raum entspricht einem relativ spten
Entwicklungsstadium.  Sie ergab sich aus einer Skala mit linearen
Beziehungen, als Ergebnis wiederholter entsprechender Erfahrungen von
Abfolgen, die sich zu Erfahrungsmustern verfestigten.  Als dieser
Referenzmechanismus fr Raum und Zeit allgemein verbreitet und in
neue Erfahrungen integriert war, versetzte er den Menschen in die
Lage, die Sprache zu vereinfachen und ber das tatschlich Gesagte
hinaus Annahmen und Vermutungen zu ergnzen.  Heute ist unsere
Erfahrung von Raum und Zeit durch Relativitt gekennzeichnet.
Entsprechend bedeutet der Rckgriff auf Mndlichkeit jenseits der
Schriftkultur nicht die Rckkehr zur primitiven Mndlichkeit, sondern
die Erstellung einer Referenzstruktur, die die Dynamik der heute
mglichen Beziehungen besser verarbeitet.  Raum und Zeit in
virtuellen Erfahrungen sind Beispiele dafr, da wir uns von der
Sprache befreit haben, nicht aber von den Erfahrungen, durch die wir
unser Zeit- und Raumverstndnis erworben haben.


Annahmen

Annahmen sind eine wichtige Komponente fr das Funktionieren von
Zeichensystemen.  Ein zurckgebliebener Abdruck kann Sinn ergeben,
wenn er bemerkt wird.  Die Annahme, da etwas erkannt oder bemerkt
wird, ist die minimale Voraussetzung dafr, da etwas als Ausdruck
gilt.  Die mit dem Schreiben verbundenen Annahmen sind andere als die
der Mndlichkeit.  Sie umfassen strukturale Merkmale der praktischen
Erfahrungen, innerhalb derer die schreibenden Menschen ihre Identitt
setzen.  Schriftkulturelle Annahmen sind im Gegensatz zu anderen der
Sprachlichkeit eigenen Annahmen Erweiterungen der linearen,
sequentiellen Erfahrung mit all ihren konstitutiven Teilen.  Sie
schlagen sich im Vokabular nieder, besonders aber in der Grammatik.
Die neue Mndlichkeit hingegen ist eine Erfahrung jenseits des
Bereichs, der durch die Mittel und Methoden der Schriftkultur
bestimmt ist.  Diese neue Kultur stellt die Notwendigkeit und
Berechtigung der schriftkulturellen Annahmen in Frage, und zwar
besonders mit Blick darauf, wie sie sich auf die Effizienz des
Menschen auswirken.

Die heute selbstverstndlichen differenzierten Bezeichnungen fr Zeit
und Raum haben sich nur allmhlich und zunchst in wenig
differenzierter Weise durchsetzen knnen.  Und trotz unseres
ungeheuren Fortschritts mssen wir auch heute noch im Umgang mit Zeit
und Raum auf das Repertoire zurckgreifen, das in den frhen Stadien
der Menschheit entwickelt wurde.  Bewegungen von Hand, Kopf oder
anderen Krperteilen (Krpersprache), Vernderungen des
Gesichtsausdrucks und der Hautfarbe (Errten), Atemrhythmus und
Stimmvariation (Intonation, Pause, Sprachflu)--all dies lt
erkennen, da im Gesprch eine Erfahrung wachgerufen wird, die von
der Sprache allein nicht getragen werden kann.  Und diese
paralinguistischen Elemente sind in den neuen
Erfahrungszusammenhngen interaktiver virtueller Welten nicht weniger
bedeutungsvoll.

Die paralinguistischen Elemente, die in primitiven
Lebensgemeinschaften bewut verwendet werden oder unbewut vorhanden
sind, entziehen sich der nheren Erforschung.  Innerhalb von
Lebensgemeinschaften, deren Angehrige die gleichen genetischen
Voraussetzungen mitbringen, nehmen sie unterschiedliche Formen an.
Sie sind keineswegs auf Sprache beschrnkt, wenngleich sie an die
Erfahrung der Sprachverwendung geknpft sind.  Das gilt zum Beispiel
fr das ausgeprgte Rhythmusgefhl der Schwarzen in Amerika und
Afrika oder die holistische Weltsicht der Chinesen und Japaner.  Wir
knnen lediglich aus Wrtern in den von uns rekonstruierten
Protosprachen oder der vermuteten einheitlichen Muttersprache der
Menschheit (Proto-Welt) folgern, da Wrter in Verbindung mit
nichtsprachlichen Einheiten verwendet wurden.  Ob es eine solche
Muttersprache der Menschheit, eine vorbabylonische Sprache je gegeben
hat, ist eine andere Frage.  In dieser Frage verbirgt sich die Suche
nach einem allen Menschen gemeinsamen Vorfahren und dessen
vermeintlicher Sprache.  Wichtiger ist jedoch, da die praktische
Erfahrung der Herausbildung von Sprache keineswegs alles
Nichtsprachliche eliminiert.  Das paralinguistische Element bleibt
fr die Effizienz menschlicher Aktivitten selbst dann wichtig, wenn
Sprachlichkeit eine so beherrschende Rolle spielt wie im Zeitalter
der Schriftkultur.  Ein Stadium jenseits der Schriftkultur wird nun
nicht notwendig die paralinguistischen berreste zurckliegender
Erfahrungsrume ausgraben.  Vielmehr wird ein Rahmen geschaffen, der
ihre Einbindung in eine effektivere Lebenspraxis ermglicht, in einen
Proze mit technologischen Mglichkeiten, die alle erdenklichen
Hinweise verarbeiten kann.

In einem bestimmten Rahmen von Raum und Zeit werden paralinguistische
Zeichen stark konventionalisiert.  Die Entwicklung des englischen
Wortes I (im Gegensatz zu seinen Entsprechungen in anderen Sprachen:
ich, je, yo, eu, n, ani usw.) oder die Art, wie sich die auf das
Wort two bezogenen Wrter entwickelten (Hnde, Beine, Augen, Ohren,
Eltern), geben hierfr aufschlureiche Hinweise.  Vermutlich trat zum
Beispiel das Paar zunchst als grammatische Kategorie auf und wurde
durch nichtsprachliche Zeichen markiert (Klatschen, Wiederholung,
Aufzeigen).  Einige solcher Zeichen sind noch heute gebruchlich.
Grammatische Kategorie und die Unterscheidung zwischen eins und zwei
hngen zusammen.  Die Aranda in Australien verwenden die Wrter eins
und zwei als Grundlage ihrer Arithmetik.  Ebenso beginnt der Plural
mit zwei.  Das erscheint uns heute als selbstverstndlich, aber
einige Sprachen (z. B. Japanisch) kennen keinen Plural.  Und
schlielich knnen die gleiche Zeichen (das Zeigen mit dem Finger,
Signale der Hand) in verschiedenen Kulturen unterschiedliche
Bedeutungen haben.  Kopfnicken bedeutet bei den Bulgaren Ablehnung,
Kopfschtteln Zustimmung.

Innerhalb einer Kultur wird jedes Zeichen zu einer bedeutenden
Hintergrundkomponente, denn es verkrpert die gemeinsame Erfahrung,
die es hervorbrachte.  Im direkten Gesprch kennen sich entweder die
Gesprchsteilnehmer oder sie lernen sich kennen; was sich in der
skizzierten und weiter kumulierbaren Voraussetzung des "Ich wei, da
du weit, da ich wei, da du weit" ausdrckt.  Sprechen und
Zuhren werden so zu einer Erfahrung des gegenseitigen Verstehens,
vor allem wenn sich das Gesprch in einem nicht-linearen,
unbestimmten Kontext vollzieht, der in Form von Schriftlichkeit nicht
mehr nachgebildet werden kann.  Hierzu zhlen die Kontakte in der
elektronisch vernetzten Welt und extrem schnelle Transaktionen
(Brsenhandel, Weltraumforschung, militrische Operationen), die mit
den begrenzten Mglichkeiten der Schriftkultur nicht zu leisten sind.

Mndlichkeit kann deklarativer, interrogativer oder imperativer Natur
sein.  Mit zunehmend vertiefter Erfahrung im Umgang mit Sprache und
aufgrund der dem mndlichen Sprachgebrauch impliziten Annahmen
entwickelte der Mensch allmhlich seine interaktive Natur.  Diese
ergab sich aus vernderten Lebensbedingungen: in der Natur war
Interaktion auf Aktion-Reaktion begrenzt; im menschlichen Leben
entwickelten sich aus diesem interaktiven Grundmuster
Interaktionsabfolgen, welche die Bereiche des gemeinsamen Interesses
definierten.  Die fortschreitende kognitive Erkenntnis, da die
Ansprache an ein Gegenber dessen Fhigkeit des Verstehens, bzw. bei
unvollstndigem Verstehen die Verpflichtung zur Erluterung
beinhaltet, ist eine weitere Quelle unserer interaktiven Veranlagung.
Fragen bernehmen die Funktion der direkten paralinguistischen
Zeichen und ergnzen die interaktive Qualitt des Dialogs, solange
eine gemeinsame Grundlage besteht.  Diese gemeinsame Grundlage gilt
denen, die an der Schriftkultur festhalten, als notwendige
Voraussetzung jeglicher Interaktion, wird aber unterschiedlich
definiert: einmal beruht sie auf Vokabular und Grammatik, ein anderes
Mal auf Logik, Phonetik, Aussprache oder dem kulturellen Erbe.  Gewi
ist eine gemeinsame Sprache die notwendige Voraussetzung fr
Kommunikation; das heit aber noch lange nicht, da eine solche
Sprache ausreichend oder ausreichend effizient dafr ist.  Die
Interaktivitt, die sich jenseits des schriftkulturellen Modells
etabliert hat, lt es mglich, wenn nicht gar notwendig erscheinen,
da die blichen Spracherwartungen abgelegt und durch variable Kodes
ersetzt werden, wie wir sie im Umgang mit den multimedialen
Einrichtungen oder den Interaktionsablufen im Internet entwickelt
haben.


Wie wichtig ist Literalitt?

In den voraufgegangenen Kapiteln haben wir uns gefragt, was neben
einer gemeinsamen Sprache fr ein sinnvolles Gesprch notwendig ist.
Skala ist hierfr ein weiterer Faktor.  Die Skala, die einen Dialog
bestimmt, unterscheidet sich von der Skala, innerhalb derer sich die
menschliche Selbstkonstituierung einschlielich des Spracherwerbs und
der Sprachverwendung vollzieht.  Skala allein reicht nicht aus, um
einen Dialog zu definieren oder die umfassendere sprachbezogene oder
sprachbegrndete praktische Ttigkeit, durch die der Mensch seine
biologische Anlage und seine spezifisch menschlichen Eigenschaften
realisiert.  Wir haben ausreichende Hinweise darauf, da der Mensch
im frhen Entwicklungsstadium nur homogene Aufgaben lsen konnte.
Innerhalb eines solchen Rahmens war der Dialog Trger von Kooperation
und Besttigung oder von Konflikten.  Mit zunehmender Diversifikation
nahm er eine heuristische Dimension an--die Auswahl des Ntzlichen
aus einer Reihe von Mglichkeiten, selbst wenn dabei Zusammenhang und
Vollstndigkeit aus dem Blick gerieten.  In einer verallgemeinerten,
auf Sprache grndenden Lebenspraxis kam neben der Heuristik ("Wenn es
hilft, tu es") auch die Logik ins Spiel ("Wenn es richtig ist" /
"Wenn es sinnvoll ist"), und durch deren Vermittlung gehrten
schlielich auch Wahrheit und Unwahrheit zum Spektrum der
Spracherfahrung.  Damit wirkt Sprache integrativ.  Dieser integrative
Einflu verstrkt sich in dem Mae, in dem Mndlichkeit durch die
begrenzte Schriftkultur von Schreiben und Lesen ersetzt wird.

Die Schriftkultur der Industriegesellschaft stillte den Bedarf nach
einheitlichen und zentralisierten Rahmen fr die Lebenspraxis
innerhalb einer Skala, der die Linearitt der Sprache auf optimale
Weise gerecht wurde.  Heutzutage konstituieren wir uns und unsere
Sprache durch Erfahrungen, die es in einer solchen Vielfalt bislang
nicht gegeben hat.  Diese Erfahrungen sind krzer und relativ
partiell, sie stellen nur einen kurzen Moment dar in dem
umfassenderen Proze, den sie ermglichen.  Das Ergebnis ist eine
soziale Aufsplitterung.  Sie vollzieht sich selbst innerhalb der
angenommenen Grenzen einer Sprachgemeinschaft, die angeblich eine
Nation ausmachen und die paradoxerweise ihr angekndigtes Ende
berdauern.  In Wirklichkeit gibt es gar keine gemeinsame Sprache
einer Sprachgemeinschaft mehr, zumindest funktioniert sie nicht mehr
so wie gewohnt.  An ihre Stelle treten provisorische Bindungen, die
einen neuen Rahmen fr Ttigkeiten bieten, die man nicht mehr als
eine durch Schriftkultur definierte Erfahrung ausben kann.  Fr jede
dieser schnellebigen und rasch sich verndernden Bindungen entwickeln
sich Teilsprachen von begrenzter Dauer und begrenztem Wirkungskreis.
Sie wiederum sind begleitet von Subformen der Schrift und Bildung.
Eine derartige Erfahrung bietet eine neue Plattform fr vermehrte
Mndlichkeit unter Bedingungen, die nicht mehr der Schriftkultur
eigen sind, sondern aus neuen Technologien jenseits der Praxis der
Schriftkultur hervorgehen und daher eine erhhte Effizienz aufweisen.
Darber hinaus knnen natrliche Zeichen oder Hieroglyphen bestimmte
Anweisungen ebenso gut oder gar besser als die Schrift vermitteln.

Die Schriftkultur legt eine Reihe von stillschweigenden Annahmen nahe:
In der Schriftkultur gebildete Eltern erziehen ihre Kinder zu
entsprechender Bildung.  Gemeinschaftssinn setzt voraus, da die
Mitglieder einer Gemeinschaft von der Zweckmigkeit dieser Bildung
berzeugt sind und an ihr teilhaben.  Religiositt ist an Bildung
gebunden.  Nur gebildete Menschen knnen am gesellschaftlichen Leben
teilnehmen.  Wir sollten uns angesichts solcher Annahmen jedoch
vergegenwrtigen, da der abstrakte Bildungsbegriff, der davon
ausgeht, da eine gemeinsame Sprache automatisch zu gemeinsamen
Erfahrungen fhrt, falsche Hoffnungen weckt.  Die Kinder gebildeter
Eltern sind keineswegs ebenfalls gebildet.  Es ist viel
wahrscheinlicher, da sie wie die Kinder aus anderen Elternhusern
lngst in die jenseits der Schriftkultur angesiedelten Arbeits- und
Lebensstrukturen eingebunden sind.  Das ist weder eine Frage der
individuellen Entscheidung, noch der elterlichen Autoritt.

Auf dem digitalen Highway, auf dem immer mehr Menschen ihre
Koordinaten setzen, etablieren sich Beziehungsgemeinschaften, die an
keine Lokalitt gebunden sind.  Das allenthalben vorherrschende
Zeichen @ trgt dabei allein die ntige Identifikationsleistung.  Die
Teilhabe an solchen Gemeinschaften ist grundverschieden von allen
bisher gelufigen Formen der auf Schriftkultur beruhenden
Gemeinschaft, die von gegenseitigen Abhngigkeiten getragen und durch
Schreibfhigkeit ebenso wie durch Autoritt und an industrielle
Produktionszyklen gebundene Arbeitsweisen gekennzeichnet sind.

In den Kommunikationsformen unserer Zeit ist die Bildungs- und
Schriftkulturkomponente nicht nur zurckgedrngt, sie verzeichnet im
Vergleich zu anderen Kommunikationsformen den strksten prozentualen
Rckgang.  In diesem neuen Rahmen mssen Staatsgebilde und
Verwaltungsapparate um ihr berleben kmpfen.  Doch die dafr
verwendeten Methoden und Instrumente der Schriftkultur haben sich
wiederholt als ineffizient erwiesen.  Solche Feststellungen erbrigen
keineswegs Fragen nach dem Verstehen von Schrift, von welcher Bildung
und Schriftkultur strker abhngen als von gesprochener Sprache.
Doch zu den neuen Fragestellungen dieses Buches gehrt auch, wie sich
Sprachverstehen vollzieht in einem neuen pragmatischen Rahmen, in dem
Sprache von den Beschrnkungen der Schriftkultur befreit ist.


Was ist Verstehen?

Die Anfnge der Schrift hatten piktographischen Charakter.  Der
Vorteil lag im direkten Zugang zur Welt, die unmittelbar und fr alle
gleichermaen zu erkennen war; der Nachteil lag darin, da der
Verallgemeinerungsgrad des Ausdrucks nur potentiell gegeben war.  Die
Notation blieb auf die Dinge, weniger auf die Sprache bezogen.  Diese
bildbezogene Sprache entwickelte sich analog zu einem relativ
einfachen Rahmen der Raum- und Zeitbezeichnung.

Die Alphabetschrift berwindet den auf hnlichkeit beruhenden
Erfahrungsrahmen.  Wenn Zeit nicht ausdrcklich angegeben ist oder
Raumkoordinaten nicht bewut benannt werden, sind Zeit und Raum im
Text und in der Grammatik umgesetzt.  Damit verndert sich die
Kommunikation, sie wird durch abstrakte Gren vermittelt, deren
Bezug zur Erfahrung sich wiederum aus zahlreichen Substitutionen
ergibt, ber die der Leser nicht verfgt.

Hinweise in der Schrift sind zuallererst Hinweise auf Sprache, erst
in zweiter Linie auf menschliche Erfahrung.  Die Lektre eines Textes
erfordert daher die aufwendige kognitive Rekonstruktion der
ausgedrckten Erfahrung und ist stets mit der Unsicherheit darber
verbunden, ob das Verstandene auch angemessen verstanden wurde.  Bei
der Lektre eines Textes gibt es niemanden, den man fragen kann, der
unser Verstehen seinerseits aktiv nachvollzieht oder es bezweifelt.
Der Autor existiert als Projektion im Text nicht anders als der Autor
in den von uns gekauften und verwendeten Waren.  Jeder Text ist eine
Realitt auf Papier oder anderen Speichern und Vermittlungstrgern.
Hinweise knnen aus Autorennamen oder aus historischen Kenntnissen
gewonnen werden.  Niemals aber kann es den gegenseitigen Austausch
eines mndlichen Gesprchs geben, das gemeinsame Bemhen der
gegenwrtigen Kommunikationspartner.

Wie komplex Schrift auch immer sein mag, es fehlt ihr doch die
interaktive Komponente der Mndlichkeit.  Diese Einschrnkung ist
einer der Grnde dafr, da Schriftkultur unsere aus der Praxis der
Interaktivitt hervorgehenden Erwartungen nicht mehr erfllen kann.
Eine metaphorische Verwendung des Begriffs der Interaktivitt, die
die "interaktive" Beziehung zwischen Leser und Text durch Lektre,
Interpretation und Verstehen beschreibt, ist eine ganz andere
Angelegenheit.  Schwierigkeiten beim Sprachverstehen knnen natrlich
berwunden werden, aber nicht mechanisch dadurch, da ich die
Sprachfhigkeit durch das Erlernen von fnfzig weiteren Vokabeln oder
eines weiteren Grammatikkapitels verbessere, sondern nur ber
verbessertes Hintergrundwissen durch Erweiterung der Erfahrung, auf
der dieses gemeinsame Wissen beruht.

Wenn wir indes diesen Weg einschlagen, verlassen wir den
einheitlichen Rahmen der Schriftkultur, innerhalb dessen die
Erfahrungsvielfalt auf Schreiben, Lesen und Sprechen beschrnkt ist.
Wenn diese Beschrnkung nicht mehr leistungsfhig ist--was wir unter
den derzeitigen Existenzbedingungen zunehmend erfahren--, wird auch
das Verstehen von Sprache immer schwieriger.  Andererseits hngt
unsere Selbstkonstituierung von dem Ergebnis unseres Sprachverstehens
ab.  Als einfaches Beispiel knnen uns hier die zahlreichen
Handbcher zur Computer-Software dienen.  Sie sind in einfacher
Sprache abgefat, aber dennoch schwer zu verstehen.  Und sind sie
einmal verstanden, ist der Ertrag mager.  Daher ist man auch dazu
bergegangen, anstelle der schriftlichen Anleitung die ntigen
Anweisungen online zu geben, und zwar durch graphische Darstellung
oder durch einfache bewegte Bilder.  Der vorliegende Rahmen der
Spezialisierung beschrnkt dabei die Anweisung auf das fr die
Aufgabe notwendige Ausma.  Im Rahmen einer derartigen
fortschreitenden Spezialisierung werden dann auch Lesen und Schreiben
zu einem Bereich der Spezialisierung unter anderen.  Schriftkultur
und darauf beruhende Bildung ist damit eine bestimmte, spezifische
Form menschlicher Praxis, und nicht mehr ihr gemeinsamer Nenner.

Das Schreiben als eine eigene spezifische Form der Praxis trgt in
diesem Zusammenhang zur Aufsplitterung der Gesellschaft, statt zu
ihrer Vereinigung bei.  Spezialisierte Formen des Schreibens frdern
die allgemeine Tendenz zur Spezialisierung und rufen spezialisierte
Formen des Lesens hervor.  Das sei etwas nher erlutert.

Selbst wenn Autoren versuchen, ihre Sprache auf ein bestimmtes
Lesepublikum auszurichten, sind sie nur teilweise erfolgreich, weil
die involvierten Erfahrungsbereiche nicht deckungsgleich sind.
Entweder wird der Autor zum Opfer der Sprache (jenem
hochspezialisierten Sprachregister, das auf einen spezifischen
Wissensbereich zugeschnitten ist) und ahmt in Grammatik und Rhetorik
das normale Gesprchsverhalten nach.  Oder aber er bersetzt oder
erlutert, wie in populrwissenschaftlichen Publikationen zu Physik,
Genetik, den Knsten oder der Psychologie.  In diesem
interpretierenden Diskurs werden Einzelheiten ausgelassen oder
ergnzt, um die Wissensgrundlage zu erweitern.  Bestimmte
Ausdrucksmittel wie Vergleiche und Metaphern sollen unterschiedliche
Hintergrnde berbrcken und die Leser zu neuen Erfahrungsebenen
fhren.  Und selbst wenn sich die Leser dieser Mittel bewut sind,
kann das nicht den Mangel an Erfahrung ausgleichen, wodurch allein
ein Text Sinn ergibt.  Ein juristischer Schriftsatz, ein
militrischer Text, eine Investmentanalyse, die Evaluierung eines
Computerprogramms sind Beispiele hierfr.  Sie sind auf Englisch oder
Deutsch geschrieben, aber sie beziehen sich auf Erfahrungsbereiche,
die nur Juristen, Offizieren, Maklern oder Programmierern zugnglich
sind.

Autoren, Redner, Leser und Zuhrer sind sich der Anpassungen bewut,
die zum Verstndnis dieser und hnlicher Texttypen ntig sind.  Ein
direktes Gesprch, fr das man allerdings gemeinsame Zeit aufbringen
mu, kann einen solchen Anpassungsrahmen bieten, eine gedruckte
Textseite sehr viel weniger.  Bestenfalls kann ein Leser seine
Reaktion wiederum zu Papier bringen oder schriftlich um ergnzende
Erluterungen bitten, um auf diese Weise den Geist des Gesprchs zu
treffen.  Die Erfahrung des Schreibens und Lesens hat immer weniger
den Charakter einer allgemeinen Erfahrung und immer mehr den einer
hochspezialisierten Ttigkeit.  Schrift kann von Maschinen gelesen
werden.  Als Hilfsmittel fr Blinde lesen solche Maschinen
Anleitungen, Zeitungsartikel und Untertitel von Videofilmen.
Synthetische Stimme, Auge und Nase, Berhrungssensor oder
Geschmacksbersetzer operieren in einem Bereich, der vllig losgelst
ist von dem Leben, das in den entsprechenden Text (Bild, Geruch,
Textur, Geschmack) eingegangen ist und das der Leser (Zuschauer,
Riechende, Fhlende, Schmeckende) von sich aus hinzuzufgen htte.

Schriftkultur, verstanden als ein universelles und immerwhrendes
Medium fr Ausdruck, Kommunikation und Bezeichnung hat eine
romantische oder auch demokratische Haltung gegenber Kunst, Politik
und Wissenschaft gepflegt.  Sie ging von folgenden Voraussetzungen
aus: da jeder reden, schreiben und lesen sollte, kann und soll ein
jeder reden, schreiben und lesen; kann und soll ein jeder Literatur
mgen, am politischen Leben teilhaben und die Wissenschaften
verstehen.  Das traf in gewissem Mae auch zu, solange Dichtung,
Politik und Wissenschaft mehr oder weniger unmittelbare Bestandteile
der Lebenspraxis waren und der Skala der menschlichen Ttigkeit
entsprachen, die sich in linearen, homogenen Erfahrungen
herausbildete.  Nun, da sich die Skala verndert, die Dynamik
beschleunigt, die Vermittlung vermehrt und Nicht-Linearitt etabliert
hat, stehen wir vor einer neuen Situation.  Dichter, Redenschreiber
und Wissenschaftsautor wenden sich lngst nicht mehr an die gesamte
Bevlkerung; mehr noch, da sie selbst den Prozessen der
Arbeitsteilung unterworfen sind, tragen sie auf ihre Weise zur
Frderung von Teilbildung und Aufsplitterung der Gesellschaft bei,
obwohl sie eigentlich das Gegenteil bewirken wollen.  Als Reaktion
auf die traditionellen Ansprche der Schriftkultur stellt eine
allgemeine dekonstruktivistische Haltung gegenber Texten die
Dauerhaftigkeit der philosophischen Abhandlung, wissenschaftlicher
Systeme, der Mathematik, des politischen Diskurses und vor allem der
Literatur in Frage.  Die Methode ist berall die gleiche: die
Mechanismen aufzuzeigen, die die Illusion von Dauerhaftigkeit und
Wahrheit schaffen.  Texte sind pltzlich nur noch Mittel zu einem
Zweck, der nicht mehr unmittelbar zhlt.  Daraus ergibt sich eine
Beschreibung der Ausdruckstechnologie, die von all jenen begrt wird,
die gegenber der Universalitt von Wissenschaft, Politik und
Literatur skeptisch geworden sind.  Wenn jedes Zeichen (unabhngig
vom Thema) nur sich selbst bezeichnet und die in ihm verkrperte
Erfahrung diejenige seiner Hervorbringung ist, dann htte das Projekt
des Dekonstruktivismus seinen Hhepunkt erreicht.


Worte ber Bilder

Das geschriebene Wort trat fast immer, wie wir wissen, zusammen mit
anderen Bezeichnungssystemen auf, besonders mit Bildern.  Insofern
ist unsere Frage, was wir beim Verstehen von Sprache verstehen, auch
geknpft an die Frage, ob Bilder beim Verstehen von Texten hilfreich
sein knnen.  Zweifellos tragen Bilder (zumindest manche) aufgrund
ihrer kognitiven Merkmale bessere Interpretationshinweise als Wrter
oder Schriftmittel.  Bilder knnen besser als Texte den abwesenden
Autor ersetzen.  Sofern sie den Konventionen der Realitt folgen,
kann ein Individuum mit ihrer Hilfe den Raum- und Zeitrahmen oder
eines von beiden wachrufen.  Andererseits sind Bilder nicht unbedingt
die besseren Informationsvermittler, ihre Vorzge gehen auf Kosten
des Verstehens, der Klarheit oder der Kontextabhngigkeit.

Vor allem kann die Konkretheit des Bildes die Vorteile der
Abstraktion nicht ersetzen.  Das dichte Medium der Schrift steht in
deutlichem Kontrast zum diffusen Medium des Bildes.  Auch ist die
jeweilige Komplexitt nicht vergleichbar.  Im Internet einen Text
herunterzuladen ist etwas ganz anderes, als Bilder darzubieten.  Wenn
allerdings die Komplexitt eines Bildes hoch ist, wird seine
Dekodierung genauso kompliziert wie die eines Textes und das Ergebnis
entsprechend weniger genau.  Daher versucht man es am liebsten mit
einer Kombination aus Bild und Wort.  Wir knnen daraus auch etwas
ber die Strategien fr die Verknpfung von Text und Bild lernen:
Redundanz richtet die Interpretation auf das Wesentliche;
Komplementaritt erweitert den interpretatorischen Blickwinkel;
andere Strategien wie Kontrastierung von Text und Bild,
Paraphrasierung des Textes durch Bilder oder das Ersetzen des einen
durch das andere beeinflussen je auf ihre Weise durch die
Bereitstellung von Erklrungszusammenhngen die Interpretation.
Weite Bereiche unserer heutigen Kultur--von Comics und Bildromanen
ber Werbung und Soap Operas im Internet--greifen auf solche und
hnliche Strategien zurck.

Im vorliegenden Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die Erfahrung,
die wir fr das Verstndnis eines Textes bentigen, durch Bilder
ersetzt werden kann.  Sollten wir sie bejahen knnen, wrden Bilder
fast die Rolle eines Gesprchspartners bernehmen.  Als Produkte der
menschlichen Erfahrung verkrpern Bilder genauso wie die Sprache eben
diese Erfahrung.  Das Verstehen von Bildern ist also nicht
gleichzusetzen mit der bloen Anschauung von ihnen.  Das hat sich
bereits bei geschriebener Sprache gezeigt.  Wrter oder Stze auf dem
Papier zu sehen geht deren Verstehen voraus.  Die Natrlichkeit der
Bilder (jedenfalls solcher, die dem uerlichen Erscheinungsbild
unserer Welt entsprechen) macht den Zugang zu ihnen bisweilen
leichter als den zur geschriebenen Sprache.  Aber dieser Zugang
ergibt sich niemals automatisch und sollte nicht als
selbstverstndlich angesehen werden.  Und whrend das geschriebene
Wort nicht unmittelbar zur Nachahmung einldt, spielen Bilder hier
eine aktivere Rolle und lsen andere Reaktionen als Wrter aus.
Sprachkodes und visuelle Kodes sind nicht aufeinander reduzierbar;
sie besitzen unterschiedliche pragmatische Funktionen.

Vorliegende Forschungsergebnisse erweisen ziemlich eindeutig, da ein
mithilfe von Bildern verbessertes Textverstndnis nicht einfach auf
die Prsenz von Bildern zurckzufhren ist, sondern auf bestimmte
Lesermerkmale.  Das zeigt erneut, wie wichtig ein Hintergrundwissen
fr das Verstndnis von Texten, Bildern und anderen zur Sprache
verfestigten Ausdrucksformen ist.  Die Forschungsverfahren beruhten
dabei auf empirischen Messungen von sogenannten
Textverarbeitungsprozessen bei Lesern.  Bei den Untersuchungen wurden
die Augenbewegungen aufgezeichnet und mit dem Textverstndnis
korreliert, was Aufschlu ber die Interaktion von Text und Bild gab.
So sind Bilder fr sogenannte schlechte Leser eindeutig hilfreich.
Fr erfahrene Leser waren Bilder irrelevant, wenn die Information im
Mittelpunkt stand.  War die Information weniger wichtig,
beeintrchtigten Bilder die Lektre.  Auch zeigte sich, da der
Texttyp--expositorisch, erzhlend--kein besonderer Faktor ist und da
Bilder dabei helfen, Texteinzelheiten zu erinnern.  Das ist
allerdings schon seit mindestens 300 Jahren bekannt.  Im
elisabethanischen Theater lernten die Schauspieler ihre Texte
auswendig, indem sie bestimmte Passagen mit bestimmten
architektonischen Details des Theatergebudes verknpften.
Letztendlich ergaben all diese Untersuchungen, da die Auswirkung von
Bildern auf das Verstndnis geschriebener Texte nicht leicht zu
erklren ist.  Das kann kaum berraschen, wenn man auf
Schriftlichkeit basierende Meverfahren verwendet, um die Grenzen der
Schriftlichkeit zu bestimmen.  Ob zufllig auftretende oder dem Leser
aufgentigte Bilder, ob quasi-lineare oder komplizierte Texte (d. h.
solche, die auf komplexe praktische Erfahrungen zurckgehen)--die
Beziehung zwischen Bild und Text scheint keinem klaren Muster zu
folgen.  Wenn wir die Ursachen und Eigenarten von Leseschwierigkeiten
ergrnden wollen, erweisen sich solche Experimente wie alle anderen,
die auf der Prmisse der Schriftlichkeit beruhen, als untauglich.

Derartige Untersuchungen besttigen eigentlich nur, da es heutzutage
selbst unter Schlern und Studenten viel weniger Gemeinsamkeiten gibt
als zu jener Zeit, in der sich das Schreiben und Lesen herausbildete.
Die Diversifikation unserer Erfahrung vor dem Hintergrund einer
relativ stabilen Sprache, die als allgemeiner Kulturstandard
vorausgesetzt wird, sollte uns veranlassen, eben diese Beziehung zur
Erklrung der vorliegenden Daten und auch zur Erklrung der
ursprnglichen Fragestellung heranzuziehen.  Warum in den
zurckliegenden Jahren das Lesen, Verstehen und Erinnern von
geschriebener Sprache trotz der vermehrten Anstrengungen von Schule,
Elternhusern, Arbeitgebern und Ministerien immer mehr zum Problem
geworden ist, wei niemand zu sagen.  Wie sehr wir uns auch immer
bemhen, das Verstndnis eines Textes durch die Verwendung von
Bildern zu erhhen, die Notwendigkeit von Texten als Ausdruck einer
schriftkulturellen praktischen Erfahrung ist damit keineswegs
gesteigert.  Zu solchen Ergebnissen kommen wir nicht leichtfertig,
denn wir sind noch immer durch die Schriftkultur konditioniert.
Jenseits solcher Konditionierungszwnge stellen sich andere
Erfahrungsinhalte ganz natrlich ein.  So erklrt sich auch, warum im
Internet der Tenor des sozialen und politischen Dialogs viel
vorurteilsfreier ist als das, was wir in Bchern, Zeitungen und
Fernsehsendungen vermittelt bekommen.  Das ist nicht als eine neue
Form von technologischem Determinismus zu verstehen.  Mir geht es um
die neuen pragmatischen Umstnde, nicht um die darin eingebundenen
Mittel.

Vermutlich hat Korzybski recht, wenn er sagt, Sprache sei "eine Karte,
die das verzeichnet, was sich in uns und auerhalb von uns abspielt."
Angesichts des Entwicklungsstandes, den unsere Zivilisation
erreicht hat, ist keine der bislang gezeichneten Karten genau genug.
Wenn wir die fr die gegenwrtige und zuknftige Entwicklung
wesentlichen Einzelheiten abbilden wollen, mssen wir die Vernderung
in der Metrik (d. h. in der Skala der verzeichneten Einheit) und in
der Dynamik bercksichtigen.  Die Welt verndert sich, weil wir uns
verndern, und damit erffnen wir der Welt neue Dimensionen.

Wenn wir hnlichkeiten mit vergangenen Stadien erkennen--also etwa
dem der Mndlichkeit--, gewinnen sie nur dann Bedeutung, wenn wir sie
im angemessenen Kontext betrachten.  Die moderne Technologie hat die
Probleme, die mit der langsamen Geschwindigkeit der Schallwellen
zusammenhingen, gelst und die mndliche Kommunikation ber weite
Entfernungen hinweg (Telekommunikation) zu einer einfachen
Angelegenheit gemacht.  In frheren Zeiten konnten Personen auf zwei
benachbarten Hgeln sich entweder besuchen, sich zurufen oder Feuer-
und Lichtsignale senden.  Heute knnen wir mit jemandem sprechen, der
gerade in einem Flugzeug sitzt, im Auto fhrt, spazierengeht oder den
Mount Everest besteigt.  Auf diese Weise sind wir ber die
Telefontechnologie berall auf der Welt so genau zu orten wie durch
das in Satelliten installierte Global Positioning System (GPS).  Das
Telefon als neues Medium der Mndlichkeit erbrigt jede Form der
physischen Prsenz und kann praktisch berall aktiviert werden.  Auf
diese Weise wurde die heutige Kommunikation revolutioniert und
Mndlichkeit in einem global wirkenden, komplexen und kontrollierten
Handlungsrahmen wiederbelebt und mit neuen Funktionen versehen.  Im
digitalen Netzwerk, das zunehmend zu unserem Medium der
Selbstkonstituierung geworden ist, sind wir gleichzeitig Absender und
Adresse.  Mit einem Tastendruck sind wir, wo immer wir sein wollen,
was wir sein wollen und was wir zu tun vermgen.  Mit einem weiteren
Tastendruck werden wir zum Gegenstand der Interessen, Handlungen,
Nachfragen eines anderen.  Die Verwendung von Bildern gehrt in
diesen weiten Rahmen, ebenso das allgegenwrtige und, wie es manchmal
scheint, allmchtige Fernsehen.  Das hat uns mit der gesamten Welt
verbunden; zugleich aber haben wir die Bindung an uns selbst verloren.
Die Bandbreite fr Interaktionen durch eine Vielfalt von Kanlen
hat sich vom Kupferdraht auf Glasfiber-Datenautobahnen ausgeweitet
und damit eine Struktur geschaffen, die unsere Koordinaten in einer
Welt der global ausgelegten Handlungsrume neu definiert.  Wir setzen
die physikalischen Gesetze auer Kraft und sind gleichzeitig an
mehreren Orten.  Wir knnen auch gleichzeitig mehr als nur eine
Person sein.  Das Verstehen von Sprache wird unter solchen
vernderten Umstnden zu einer gnzlich neuen Erfahrung unserer
Selbstkonstituierung.

Dennoch bedeutet das Verstehen von Sprache immer noch, diejenigen zu
verstehen, die sich durch Sprache ausdrcken, gleich welches Medium
sie dafr verwenden.  Die Schriftkultur ermglichte es, die Sprache
eines Zivilisationsstadiums zu verstehen, dessen Skala der linearen
Natur des Schreibens und Lesens und der in der Sprache angelegten
Wahrheitslogik entsprach.  Gleichwohl weist Schrift keine
heuristischen Dimensionen auf, ist langsam und ermglicht nur
begrenzt Interaktivitt.  Das Irrationale unterwirft sie der
Rationalitt und unser gesamtes Leben ihrer brokratischen Sorge.
Eine allen gemeinsame Erfahrung in einem begrenzten Lebensrahmen, wie
sie fr die Anfnge der Sprachnotation charakteristisch war,
erleichtert die Interpretation.  Divergente Erfahrungen, die dem
Streben nach Ntzlichkeit, Effizienz, Vermittlung entspringen und
weniger Gemeinsames aufweisen, bringen es mit sich, da die Sprache
unserer Selbstkonstituierung in geringerem Mae entspricht und daher
auch schwerer zu verstehen ist.  So gesehen macht die Schriftkultur
alles, was sie umfat, gleichfrmig; deshalb widersetzt man sich ihr.
Sie ist alles andere als eine bloe Fertigkeit; sie ist gemeinsame
Erfahrung, die sich in der Arbeit und im sozialen Leben einstellte.
Vernderungen des pragmatischen Rahmens fhrten zu der Einsicht, da
Schriftkultur sehr wohl dazu dienen knnte, Brcken zwischen den
verschiedenen fragmentarisierten Wissens- und Erfahrungsbereichen zu
schlagen, nicht aber, diese zu verkrpern.  Sie knnte sich durchaus
noch darauf auswirken, wie wir Sondersprachen als Instrumente fr
unsere verschiedenen Zugriffe auf die Welt, fr unsere
Vernderungsversuche und fr die Darstellung der Ergebnisse solcher
Versuche verwenden.  Daraus folgt indes noch lange nicht, da
Schriftkultur der einzig heilbringende Lsungsweg fr Ausdruck,
Kommunikation und Bedeutung bleiben wird oder bleiben sollte.



Kapitel 4:


Die Funktionsweise der Sprache

Funktionieren ist ein Verb, das aus dem Umgang mit Maschinen
abgeleitet ist.  Von Maschinen erwarten wir eine gleichbleibende
Leistung in einem bestimmten Bereich.  Wenn wir diesen Begriff
metaphorisch auf die Sprache anwenden, sollte uns bewut bleiben, da
Sprache aus menschlicher Interaktion erwchst, die mit
Zeichensystemen zu tun hat, besonders mit jenen, die schlielich in
der Schriftkultur gipfelten.  Folgende Probleme sollen behandelt
werden: wir wollen die Sprachfunktionen benennen, die sich in
verschiedenen pragmatischen Zusammenhngen abzeichnen; die Prozesse
vergleichen, in denen diese Funktionen ausgebt werden; und die
pragmatischen Umstnde beschreiben, unter denen bestimmte
Funktionsmechanismen die Praxis nicht mehr mit der Effizienz
untersttzen, die die Skala des pragmatischen Rahmens eigentlich
erfordert.


Ausdruck, Kommunikation, Bedeutung

blicherweise werden Sprachfunktionen entweder mit Gehirnttigkeit
assoziiert oder ber den Bereich menschlicher Interaktion definiert.
Im ersten Fall wird Sprachverstehen, Sprachproduktion, Lese-,
Aussprache- und Schreibfhigkeit untersucht.  Durch nicht-invasive
Methoden versucht der Neuropsychologe aufzuzeigen, wie Erinnerung und
Sprachfunktionen mit dem Gehirn zusammenhngen.  Im zweiten Fall
liegt das Augenmerk auf sozialen und kommunikativen Funktionen, mit
zunehmendem Interesse an unterliegenden Aspekten (die oft an
Computermodellen durchgespielt werden).  Mein Ansatz dagegen verlegt
die Sprachfunktionen in den Bereich der praktischen Erfahrung, in die
Pragmatik der menschlichen Spezies.  Sprachfunktionen werden
zuallererst durch Zeichenprozesse verkrpert.

In einem vorsprachlichen Zustand funktionierten Zeichen auf der
Grundlage ihrer ontogenetischen Bedingungen.  Es waren
zurckgelassene Markierungen--Fueindrcke, Blut aus einer Wunde,
Biabdrcke--, die nur in dem Ma Assoziationen erlaubten, in dem
Individuen ihre Entstehung erfuhren oder nachvollzogen.  Das Erkennen
solcher Zeichen fhrte zu einfachen Assoziationsmustern wie Aktion
und Reaktion, Ursache und Wirkung.  Die Erfahrung, da ein Bi einen
Abdruck hinterlt, ist ein Beispiel dafr.  Hinweise auf Gegenstnde
(abgebrochene Zweige am Weg, Obsidiansplitter an Stellen, an denen
Steine bearbeitet worden waren, zurckgebliebene Asche) und Symptome
(von Strke oder Schwche) sind weniger unmittelbar, aber ebenfalls
noch ohne jegliche Intentionalitt.  Die nichtintentionale
Zeichenerfahrung fand mit der Nachahmung ein Ende.  Bei nachahmenden
Zeichen, die dem Dargestellten hnlich sein sollen, wird das Zeichen
nicht einfach zurckgelassen, sondern gezielt geschaffen mit dem
Zweck, mit anderen geteilt zu werden, also mit-zu-teilen.

Die Funktion, die am besten das Zeichen als Hinweis auf seinen
Verursacher definiert, ist die Ausdrucksfunktion.  Die
Kommunikationsfunktion bringt Individuen ber die Erfahrung zusammen,
an der sie teilnehmen.  Die Bedeutungsfunktion schlielich entspricht
einer Erfahrung, die Zeichen zum Gegenstand hat und auf der
symbolischen Ebene operiert.  Diese Funktion versieht das Zeichen mit
dem Gedchtnis, das den Proze seiner Hervorbringung in der
Lebenspraxis einschliet.  Die Bedeutungsfunktion verweist auf die
selbstreflexive Dimension von Zeichen.  Ausdruck und Kommunikation,
vor allem aber Bedeutung unterscheiden sich in unterschiedlichen
pragmatischen Handlungsrahmen erheblich.

Ausdrucksformen sind gewissermaen Gleichnisse fr individuelle
Eigenschaften und persnliche Erfahrung, sie knnen als bersetzung
dieser Eigenschaften und der Erfahrung, die sie hervorbringt,
betrachtet werden.  Ein groer Fuabdruck verweist auf einen groen
Fu und bestimmt innerhalb einer begrenzten Erfahrungsskala das
lebenswichtige Resultat einer Handlung.  Die Ausdrucksformen der
gesprochenen Sprache sind durch die Gegenwrtigkeit der
Kommunikationspartner gekennzeichnet, deren gemeinsame Raum- und
Zeiterfahrung durch Versicherungen wie hier und jetzt ausgedrckt
wird.  In der Schrift ist die Ausdrucksform an die ueren Merkmale
des Schreiben-Knnens gebunden.  Daher schliet die Graphologie auch
von den ueren Erscheinungsmustern auf psychologische Eigenschaften
des Schreibers.  Die Schriftkultur ist jedoch an derartigen
Ausdrucksformen wenig interessiert, wenngleich sie dazu beitrgt und
natrlich der Graphologie als Medium dient.  Die Schriftkultur
frdert Normen und Erwartungen bezglich des korrekten Schreibens.
Diejenigen, die diese Normen verinnerlichen, wissen, da innerhalb
einer auf Schriftkultur beruhenden Praxis die Effizienz der
Selbstkonstituierung ganz wesentlich durch eine gleichfrmige
Arbeits- und Lebenspraxis erhht wird.

Fr die Kommunikations- und Bedeutungsfunktion gilt das gleiche.
Gemeinsam ist ihnen eine aufsteigende Skala: Bezeichnungen fr
Verwandtschaft, fr grere Gruppen, Kollektivbezeichnungen,
schlielich kraftvolle Ausdrcke, wenn sich der Aktionsradius
erweitert und Individuen allmhlich mit ihren individualisierenden
Merkmalen negiert werden.  Bei der Kommunikation wird das noch
deutlicher.  Familienmitglieder zusammenzubringen ist leichter, als
Stmme, Gemeinden, Stdte, Lnder usw. oder gar die ganze Welt
zusammenzufhren.  Da aber verfgbare Ressourcen nicht
notwendigerweise mit erhhten Bevlkerungszahlen und schon gar nicht
mit wachsenden Bedrfnissen und Erwartungen Schritt halten, ist es
entscheidend, kognitive Ressourcen in die Erfahrungen der
Selbstkonstituierung zu integrieren.  Die an Zeichensysteme gebundene
Kommunikationsfunktion erreichte mit den Mitteln der Schriftkultur
ihre bis dahin hchste Entwicklung.  Neue Erweiterungen der Skala
werden neue Effizienzerwartungen mit sich bringen und damit indirekt
einen Bedarf an neuen Mitteln, die diesen Erwartungen gerecht werden.
Vernderungen--wie der Schritt von vorsprachlichen zu sprachlichen
Zeichensystemen, von Mndlichkeit zu Schriftlichkeit, von der
Schriftkultur zu einem Stadium jenseits davon--finden immer nur dann
statt, wenn die praktischen Erfahrungen komplexer werden und neue
kognitive Ressourcen erschlieen.  Mit anderen Worten: Wenn die
Sprache die Lebenspraxis nicht mehr so trgt, da die der gegebenen
Skala entsprechende Effizienz erreicht wird, werden neue Formen des
Ausdrucks, der Kommunikation und des Bedeutens notwendig.

Unser Thema, die zeitliche Bedingtheit eines jeden Zeichensystems,
besonders das der Mndlichkeit und der Schriftkultur, ist von diesen
berlegungen in zweifacher Hinsicht betroffen:
1. Sie zeigen, da die grundlegenden Sprachfunktionen (Ausdruck,
Kommunikation, Bedeutung) von pragmatischen Lebenszusammenhngen
abhngig sind;
2. Sie zeigen Bedingungen auf, unter denen neue Mittel und Methoden
mit grerer Effizienz diejenigen ergnzen oder bertreffen, die in
zurckliegenden Praxiszusammenhngen entstanden waren.
Wir haben im einzelnen zeigen knnen, wie Lebenspraxis,
Selbstkonstituierung und Identittsbildung in der
Menschheitsentwicklung einhergingen mit der Entwicklung von immer
differenzierteren und abstrakteren Zeichensystemen, die schlielich
in der Schriftkultur und den aus ihr hervorgehenden Errungenschaften
im Produktionsbereich, im sozialen, politischen und knstlerischen
Leben sowie in Bildung und Freizeit gipfelten.

Die Entwicklung von Sprachen auf noch hheren Ebenen und von Mitteln
zur Visualisierung, Animation, Simulation und Modellierung bringt
heutzutage weitere Vernderungen mit sich.  Wir werden ihre Bedeutung
fr unser Leben jedoch nicht verstehen knnen, wenn wir uns nicht
vergegenwrtigen, was sie notwendig gemacht hat.  Das heit, wir
mssen uns wieder mit dem Menschen und seiner dynamischen Entfaltung
befassen.  Dazu mssen wir zuallererst die Beziehung zwischen der
Struktur der Kultur, innerhalb derer Zeichensysteme, Schriftkultur
und Bildung und darber hinausgehende Mittel zu identifizieren sind,
und der Struktur der Gesellschaft, innerhalb derer sich die
Interaktion zwischen den einzelnen Mitgliedern dieser Gesellschaft
vollzieht, verstehen.  Ansonsten geben Erklrungsmodelle jedweder Art
keinen Sinn.  Wir gehen von folgender Voraussetzung aus: Da nicht
einmal die Vter des behavioristischen Modells davon ausgingen, da
die Ursprnge unseres Verhaltens in uns selbst liegen (Skinner hat
das in einem Interview kurz vor seinem Tod noch einmal dargelegt),
drfen wir die zu einer Gemeinschaft findenden Individuen als Ort
menschlicher Interaktion definieren.  Dabei wirkt Sprache lediglich
als eine Integrationskraft unter anderen.  Wir haben gesehen, wie der
bergang vom Natur- zum Kulturzustand, der seinen Hhepunkt in der
Schriftkultur erreichte, einen Wechsel in der Welterfahrung und im
Verhltnis des Menschen zur Welt bewirkte.  Heute sehen wir uns einem
Umbruch ausgesetzt, der auf eine Lebensform jenseits der
Schriftkultur hinsteuert--gekennzeichnet durch vielfltige Schichten
der Vermittlung und Vermitteltheit, Konfiguration, Nichtlinearitt,
Aufgabenverteilung und durch Meta-Sprache.  In diesem Proze
verndert sich die Funktionsweise der Sprache ebenso wie der Mensch,
der sich in grundlegend neuen Erfahrungszusammenhngen und
Praxisformen neu konstituiert.


Die Gedankenmaschine

Das Funktionieren der Sprache kann weder in Rotationen pro Sekunde
oder in verarbeiteten Rohstoffmengen noch mit unseren neuen
Maeinheiten von Bits, Bytes, Flops und dergleichen ausgedrckt
werden.  Die Produkte der Sprache (um in der Maschinenmetapher zu
bleiben) sind Ausdrucksformen, Informationsaustausch und Wertungen.
Noch wichtiger aber ist ein anderes Produkt, das den kognitiven
Aspekt menschlicher Selbstkonstituierung bestimmt: Gedanken und
Vorstellungen.

Wir haben gezeigt, wie sich Sprache von ihrer Bindung an individuelle
Erfahrung loslste, wie diese Entwicklung Interaktionsformen und
Handlungsmuster beeinflute und wie sich schlielich die
verschiedenen Notationsformen aus einer erweiterten Erfahrungs- und
Interaktionsskala heraus zur Schrift hin entwickelten, die ihrerseits
einen ganzen Satz von linearen Konventionen bewirkte.

Die Umstnde, die das Entwickeln und Verstehen von Gedanken
ermglicht haben, lieen den Menschen als einzigartige Spezies unter
allen Lebewesen hervortreten.  Gedanken, wie komplex sie auch
ausfallen, beziehen sich auf Weltzustnde: auf die physische,
biologische oder rumliche Wirklichkeit, die in der
Selbstkonstituierung des Individuums verkrpert ist.  Sie beziehen
sich ferner auf die Geisteszustnde derer, die die Gedanken
formulieren.  Gedanken sind Symptome der menschlichen
Selbstkonstituierung und damit zugleich der Sprachen, die die
Menschen in der Praxis entwickelt haben.  Wir wollen der Frage
nachgehen, ob zwischen Schriftkultur und dem Entwickeln und Verstehen
von Gedanken ein innerer Zusammenhang besteht oder ob Gedanken auch
auf andere als schriftsprachliche Weise, etwa in Zeichnungen oder den
heutigen multimedialen Systemen formuliert und verstanden werden
knnen.

Die Menschen drcken sich durch ihre Zeichensysteme nicht nur anderen
gegenber aus, sie hren sich auch zu und blicken sich an.  Sie sind
gleichzeitig Sender und Empfnger.  Beim Sprechen folgen die Zeichen
in einer Serie von selbstkontrollierten Abfolgen aufeinander.  Neue
Ausdrucksformen entstehen (Synthese), indem das verfgbare Wissen auf
eine neue, den neuen lebenspraktischen Erfahrungen angemessene Weise
geordnet wird; dieser Proze unterliegt der bestndigen
Selbstkontrolle.

Prverbale und subverbale unartikulierte Sprachen (auf der
Signalebene von Geruch, Berhrung, Geschmack oder die kinetischen und
proxemischen Sprachtypen) definieren Empfindungen unmittelbar bzw.
ber rudimentre Kontexte.  Das Verhltnis von artikulierter Sprache
zu unartikulierten subverbalen Sprachen zeigt sich auf der Ebene der
natrlichen wie auch der soziokulturellen Ttigkeiten.  Hierfr ein
Beispiel: Unter den Bedingungen, die allmhlich zur Sprache
hinfhrten, war das Olfaktorische als Geschmackskontrolle in seiner
Bedeutung Sehen und Gehr vergleichbar.  Dies nderte sich, als an
die Stelle der unmittelbaren Erfahrung die sprachlich vermittelte
Erfahrung trat.  Im lebenspraktischen Zusammenhang der Schriftkultur
verlor der Geruchssinn gnzlich an Bedeutung.  Biologische
Kommunikationsformen wurden eingeschrnkt, immaterielle, nicht an
Substanzen gebundene Kommunikation nahm im gleichen Mae zu.  Gewi
knnen Gedanken im strengen Wortsinn nicht durch Geruch ausgedrckt
werden.  Dennoch beeinflussen Geruchs-, Geschmacks- und andere
Sinneserfahrungen Bereiche der Lebenspraxis, die jenseits von
Schriftlichkeit liegen.


Schrift und der Ausdruck von Gedanken

Als das Sprechzeichen ein Sprachzeichen (Alphabet, Wrter, Stze)
wurde, gewann der oben skizzierte Proze an Tiefe.  Das konkrete
(geschriebene, stabilisierte) Zeichen leistete seinen Beitrag bei der
Verallgemeinerung von Erfahrung--mittels der Abstraktheit seiner
Linien, Formen und Verknpfungen, Ton, Wachs und Pergament oder
irgend einem anderen Trger.  Die Abfolge individueller Zeichen
(Buchstaben, Wrter) verwandelte sich in das Zeichen fr das
Allgemeine.  Jahrhundertelang war die Schrift nur ein Behlter fr
Sprache, nicht operationelle Sprache.  Damit widersprechen wir nicht
der noch immer umstrittenen Sapir-Whorf-Hypothese von der
Beeinflussung des Denkens durch die Sprache.  Wir wollen lediglich
klarstellen, da der aktive Einflu auf das Denken nicht unmittelbar
von der Sprache, sondern von einer Abfolge von praktischen
Erfahrungen ausging.  Htte es ein Gert gegeben, die mndliche
Sprache aufzuzeichnen, dann htte die Verwendung von Schrift und die
Notwendigkeit von Schriftkultur ziemlich sicher andere Formen
angenommen.

Die Menschen gehen mit Zeichensystemen nicht um wie mit Maschinen
oder mit irgendwelchen Teilen, die man ansammelt und weglegt.  Sie
waren stets ihre eigenen Skripte und vollzogen in Form von Notationen
tatschliche oder mgliche Erfahrungen.  Das hebrische Alphabet
begann als Kurzschrift aus Konsonanten, die die Schreiber als
Wortwurzeln auf Pergament brachten.  Fr die begrenzte Skala und
gemeinsame Lebenspraxis reichte diese Kurzschrift vllig aus.  Die
Hieroglyphen der Maya, die mesopotamischen Ideogramme und alle
anderen uns bekannten Notationen verfolgten denselben Zweck: Hinweise
zu geben, damit andere die Sprache wiederaufleben lassen konnten.
Eine erweiterte Skala und weniger homogene Erfahrungen veranlaten
die hebrischen Schreiber, diakritische Zeichen zur Andeutung von
Vokalen zu ergnzen.  Ebenso vernderte sich die Schrift der
Mesopotamier und Sumerer mit vernderten pragmatischen Rahmen.

Da das Schreiben zu den Erfahrungen menschlicher
Selbstkonstituierung gehrt, die sich in der Struktur der Gedanken
widerspiegelt, knnte ohne einen Blick auf die biologische Komponente
vielleicht nicht berzeugen.  Derrick de Kerkhove hat darauf
hingewiesen, da alle von rechts nach links geschriebenen Sprachen
nur Konsonanten verwenden.  Die kognitiven Lesemechanismen, die man
zu ihrer Entzifferung braucht, unterscheiden sich also von denen, die
man zur Entzifferung von Sprachen mit Vokalen bentigt, die von links
nach rechts geschrieben werden.  Als die Griechen die ursprnglich
konsonantischen Alphabete der Phnizier und Hebrer bernahmen,
ergnzten sie diese um Vokale und vernderten die
Schriftrichtung--zunchst in Form des pflugartig in beide Richtungen
verlaufenden Bustrophedon.  Spter dann bekam die Schrift ihre
gleichfrmige Richtung, die einer auf Sequentialitt ausgerichteten
kognitiven Struktur entsprach.  Dementsprechend vernderte sich die
Funktionsweise der griechischen Sprache.  Die im Kontext der
vorsokratischen und sokratischen Dialoge stehenden Gedanken haben
einen deutlich deduktiven, spekulativen Charakter im Gegensatz zum
analytischen Diskurs der schriftlich verfaten spteren griechischen
Philosophie.

Der Zusammenhang von Denkstruktur und Schriftstruktur lt sich auch
an den Vorurteilen gegenber der Linkshndigkeit ablesen, die in
vielen Sprachen und den von ihnen geformten Denkweisen verbreitet
sind.  Rechts (Hand und Richtung) scheint eindeutig bevorzugt zu sein:
Wir bezeichnen Dinge als richtig (englisch right), im Deutschen sind
Recht und Richter etymologisch damit verwandt; wir erledigen Dinge
mit der rechten Hand und bevorzugen die rechte Seite.  Vorstellungen
von dem, was richtig oder gerecht ist, die Menschenrechte und vieles
andere stehen in diesem etymologischen Zusammenhang.  In unseren von
Rechts beherrschten Denk- und Handlungsweisen ist dementsprechend die
linke Hand negativ konnotiert mit Schwche, Unfhigkeit und sogar
Snde.  (Beim Jngsten Gericht mssen die Snder zur Linken Gottes
stehen.) Der in diesen Verhltnissen zum Ausdruck kommende
Symbolismus wrde eine nhere Untersuchung verdienen; in unserem
Zusammenhang ist es indes interessant zu vermerken, da die Dominanz
des Rechten in Schrift, Schriftkultur und Bildung verblat.  Die
Effizienz einer auf dieser Norm grndenden Praxis reicht nicht mehr
aus, um den an globale Handlungsrume gerichteten
Effizienzerwartungen zu gengen.  Dieser Proze steht im Zusammenhang
mit allgemeinen Erfahrungen, in denen Schrift zunehmend durch viele
Teilschriften ersetzt wird, die ein Stadium jenseits der
Schriftkultur kennzeichnen.

Da Gedanken im Akt des Sprechens entstehen, hngt ihre Verbreitung
und Bewertung von der Tragbarkeit des Mediums ab, in dem sie
ausgedrckt werden.  Mit dem Aufkommen der Schrift war die
Verbreitung der Sprache nicht mehr an die Mobilitt ihrer Sprecher
gebunden.  Die in der Schrift ausgedrckten Gedanken konnten
auerhalb ihres Entstehungszusammenhangs geprft werden.  Damit
fallen die Funktion der Verbreitung durch Sprache und der Bewertung
in der Lebenspraxis zusammen.  Einer Tafel, einer Papyrusrolle, einem
Kodex, einem Buch oder einem digitalen Vergleich ist gemeinsam, da
sie praktische Erfahrungen aufzeichnen; aber nicht das, was ihnen
gemein ist, erklrt ihre Effizienz, sondern die in den gegebenen
Zusammenhngen gefundene Verbreitungsform, die in der alles
durchdringenden und global prsenten Form der digitalen Aufzeichnung
ihren vorlufigen Hhepunkt gefunden hat.  Fr den Zugang zum in den
elektronischen Netzwerken gespeicherten Wissen bentigen wir nichts
weiter als ein Password.  Damit lsen wir uns von den bekannten
Raumund Zeitkoordinaten.  In diesen erweiterten Parametern kann die
Schiftkultur nicht mehr alle Erwartungen erfllen.  Der Bereich, in
dem sich die Alternativen zur Schriftkultur herausbilden, begrndet
das Stadium jenseits der Schriftkultur.


Zukunft und Vergangenheit

Mssen wir schriftkulturell gebildet sein, um die Zukunft behandeln
zu knnen?  Und umgekehrt, ist Geschichte und Geschichtsverstndnis
das Ergebnis von Schriftlichkeit?  Und ist beides Voraussetzung fr
das Verstndnis der Gegenwart?  Diese Fragen beschftigen uns heute
mehr denn je.  Wir wollen uns zunchst der Zukunft zuwenden, denn an
dieser Frage knnen wir ablesen, welche Voraussetzungen fr die
Auseinandersetzung mit ihr gegeben sein mssen.

Vorahnung ist die natrliche Form einer diffusen Zeiterfahrung.
Diese Erfahrung kann mehr oder weniger unmittelbar sein.  Sie richtet
sich nicht vom Jetzt auf das Gewesene (wie es vielleicht im
Gedchtnis gespeichert ist), sondern auf das Mgliche (etwas ein
Zeichen bevorstehender Gefahr in der natrlichen Umwelt).
Hinweisende Zeichen, d. h. indexikalische Zeichen, solcher Art sind
Fuabdrcke, Federn, Blutflecken.  Sprache macht Vorahnung und Gefhl
explizit, wenn auch nicht vollkommen.  Sie bertrgt akkumulierte
Zeichen (Vergangenheit) in eine Sprache des Mglichen (Zukunft).
Wenn wir die Vergangenheit rekonstruieren, erkennen wir, da jedes
Vergangenheitsstadium einmal eine Zukunft gewesen ist.

Wenn wir bedenken, wie sich unsere Gegenwart in die Zukunft hinein
entfaltet, dann sehen wir schnell, da mit zunehmenden Mglichkeiten
die Zukunft in ihren Einzelheiten immer weniger bestimmt und
bestimmbar wird.  Weder die unkritischen Befrworter der neuen
Technologien, noch die ausschlielich in der Schriftkultur
verhafteten Politiker und Pdagogen haben das begriffen.  Beide
Gruppen verstehen offenbar nicht, wie sich Zukunft in unserer
Sprache--oder einem anderen Zeichensystem--in Form von Plnen,
Vorhersagen oder Antizipationen artikuliert.

Jeder Gedanke drckt eine praktische Erfahrung und die kognitive
Leistung aus, den direkten Eindruck zu verallgemeinern.  Einmalige
Artikulationen auf der Signalebene und ideographische Schrift
erwachsen aus Erfahrungen, die auf der pragmatisch-affektiven
Existenzebene liegen.  Rufe und Schreie oder in Bildern ausgedrckte
hnlichkeiten tragen keine Gedanken und gehen kaum ber die
unmittelbare Empfindung hinaus.  Gedanken ergeben sich aus der
Erfahrung auf der pragmatisch-rationalen Ebene.  Sprache kann dabei
als Medium dienen, Plne explizit zu machen.  Zeichnungen, Diagramme,
Modelle und Simulationen knnen durch Sprache beschrieben werden.
Bevor die Menschen ihre Zukunft verschriftlicht haben, haben sie sie
versprachlicht, und zwar auch mithilfe anderer Zeichen: mit
Krperbewegungen, Gegenstnden, die Gefahr und damit Furcht andeuten,
und erfolgreichen Handlungen, die Zufriedenheit signalisieren.  Mit
der bertragung auf Tontafeln und Papyrus erhielt die auf die Zukunft
gerichtete Sprache einen anderen Status--sie verlor die Flchtigkeit
der ursprnglichen Laute und Gesten.  Schrift begleitet Handlung und
berdauert die darin gemachte Erfahrung.  Damit umgab das
geschriebene Wort eine Aura, die Laute, Gesten oder auch Kunstgebilde
nie erlangen konnten.  Auch Wiederholungsmuster, das wesentliche
Strukturmerkmal von Ritualen, vermochten nicht in dem Mae wie die
Schrift die Empfindung von Dauerhaftigkeit zu vermitteln.  Gordon
Childe stellt in diesem Zusammenhang fest: "Die Verewigung des Wortes
in der Schrift mu als bernatrlicher Proze empfunden worden sein;
es mute magisch anmuten, da ein lngst Verstorbener noch immer von
einer Tontafel oder einer Papyrusrolle sprechen konnte."

Im religisen Zusammenhang verlagert sich die Aura vom
Magisch-Mythischen (bermittelte Hinweise fr erfolgreiches Handeln)
zum Mystischen (eine bernatrliche Autoritt als Hinweisquelle).
Auch die Organisation des gesellschaftlichen Lebens erwies sich ohne
Dokumente mit Vorschriftscharakter als wenig effektiv.  Die ersten
berlieferten Dokumente aus dem alten China tragen dieser Einsicht
Rechnung, gleiches gilt fr Hindu, Hebrer und Griechen sowie fr
viele nachfolgende, oft am Rmischen Imperium orientierten
Zivilisationen.

Natrlich setzt die Verwendung von Sprache fr die Regelung des
Gemeinwesens nicht zwangslufig Schriftlichkeit voraus.  Dies gilt
fr Vergangenheit und Gegenwart.  Es gab Zeiten, in denen man nur von
Fremden den Erwerb von Schreib- und Lesekenntnissen erwartete.  Dem
lag eine praktische Einsicht zugrunde: der Fremde fand auf diese
Weise Zugang zu den ihm ungewohnten Sitten der einheimischen
Bevlkerung.  Mit der Abgabe von Versprechen--die sich ja stets auf
Zuknftiges richten--wurde das soziale Leben zunehmend
verschriftlicht, wenngleich auch dann die Besiegelung oft mndlich
erfolgte, wie die Eidesformeln und -gesten bis in die heutige Zeit
zeigen.  Mit all dem wurden lineare Beziehungen von Ursache und
Wirkung festgehalten und als Mastab (der Rationalitt) in die
Zukunft projiziert.

In unserer heutigen Gesellschaft wird die fr die Vergangenheit
charakteristische Sprache als Dekorum verwendet.  Eine globale Skala
und die gesellschaftliche Komplexitt finden in linearen Beziehungen
nicht mehr ihren angemessenen Ausdruck.  Infolgedessen ist die
Schriftlichkeit der Schriftkultur zuknftig nicht nur eine unter
vielen anderen Sprachen, sondern vielleicht sogar ungeeignet fr die
effiziente Artikulation von Zukunftsplanungen.  Fast alle, die sich
heute mit solchen Planungen befassen, arbeiten mit mathematischen
Modellierungen und Computersimulation.  Die Arbeitsergebnisse
beanspruchen immer weniger Text und werden in dynamischen Modellen
abgebildet, die global verfgbar sind.  An die Stelle von Linearitt
treten nicht-lineare Beschreibungen der zahlreichen miteinander
verknpften Faktoren.  Selbstkonfiguration, Parallelismus und
verteilte Strategien kommen zum Ausdruck bei Simulationen der Zukunft.

Die Geschichte allerdings hat ihren Ursprung eindeutig in der Schrift.
Sie ergibt sich aus der Beschftigung mit universell verfgbaren
Aufzeichnungen, mithin innerhalb des Universums der Schriftkultur.
Wir wissen nicht, ob eine Grammatik die Sprache in ihrem
geschichtlichen Werden zusammenfassend darstellt oder das Programm
fr ihre zuknftige Verwendung entwirft.  Grammatiken gibt es in
verschiedenen Kontexten, offenbar weil der Mensch die einzelnen
Stimmen innerhalb einer Sprache verifizieren mchte.  Aus dem
gleichen Anla gibt es Geschichtsdarstellungen: weniger um
irgendeiner historischen Gre Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,
als vielmehr um einen Zusammenhang aus den Quellen herzustellen, um
sie in einer Stimme sprechen zu lassen und den Zusammenhang zu
erschlieen, aus dem sie entstanden sind.

Die Zukunft und die Selbstkonstituierung des Menschen in neuen
pragmatischen Zusammenhngen stehen in direkter Verbindung; die
Vergangenheit hngt indirekt mit der praktischen Erfahrung zusammen.
Das verbindende Element fr die verschiedenen auf die Zukunft
gerichteten Perspektiven liegt in der neuen Erfahrung.  In
Ermangelung einer solchen verbindenden Perspektive wird
Geschichtsschreibung zum Selbstzweck, ungeachtet der Kraft, die von
Beispielen ausgeht.  Seit dem frhen Mittelalter reichten
schriftliche Aufzeichnungen und die analytische Kraft der Sprache fr
die Geschichtsschreibung und die Schrfung des Geschichtsbewutseins
aus.  Als sich die Methoden der Geschichtsforschung differenzierten,
mglicherweise im Zusammenhang mit der Lebenspraxis, ergaben sich
neue Perspektiven.  Einige waren ganz praktisch ausgerichtet: Welche
Pflanzen wurden in primitiven Gesellschaftsformen verwendet?  Wie war
die Wasserversorgung geregelt?  Wie ging man mit den Toten um?
Andere hatten politische, ideologische oder kulturelle Grundlagen.
Aber in allen diesen aus der Lebenspraxis hervorgehenden Fllen
entzog sich die Geschichte mehr oder weniger den Beengungen der
Schriftkultur.

Spracharchologie, Anthropologie und besonders Paloanthropologie
sowie Computergeschichte sind nur einige Beispiele fr neue Bereiche
der Geschichte und Geschichtsschreibung, die neue Formen jenseits der
Schriftkultur annehmen.  Sie sind gekennzeichnet durch neue
Arbeitsmittel wie Elektronenmikroskop, Computersimulation,
Modellierung knstlichen Lebens und Forschungsergebnisse zur
knstlichen Intelligenz oder Genetik.  Die Memetik untersucht die
Seinsform von Gedanken und deren Bewutwerdung, sie bezieht sich auf
Vergangenheit und Zukunft.  Sie entwickelte sich aus der Genetik und
trgt die Kennzeichen eines Darwinschen Mechanismus.  Sie wurde zum
Schlsselbegriff fr eine Generation, die ohne jeglichen
Geschichtsbezug war und sich nicht minder von einer Zukunft bedroht
sah, die allzu schnell auf sie hereinbrach.  Technologische
Umsetzungen der Memetik (das sogenannte memetic engineering oder die
Memetiktechnologie) bezeugen Effizienzerwartungen, die die Geschichte
des Zeitalters der Schriftkultur niemals beschftigte oder auch nur
anerkennen wollte.

Es sieht also ganz so aus, da die relativierte Bedeutung der
Schriftkultur und der an sie geknpften Ideale von Universalitt,
Dauerhaftigkeit, Hierarchie und Determinismus und das gleichzeitig zu
verzeichnende Aufkommen vieler Schriftlichkeiten, mit den wiederum an
sie geknpften Haltungen der Begrenztheit, Flchtigkeit,
Dezentralisierung und des Indeterminismus parallel verlaufen zu der
abnehmenden Bedeutung von Geschichte und dem Aufkommen vieler
Spezial-(oder Teil-)geschichten.  Der Hypertext ersetzt den
diskursiven Text und ruft eine neue Welt von Verbindungen ins Leben.
Diese neuen Verknpfungen zwischen genau definierten Bereichen der
historischen Aufzeichnung verweisen auf eine Realitt, die sich der
fortlaufenden, zusammenhngenden Darstellung einer einheitlichen
Geschichte entzieht; sie sind aber fr die Gegenwart relevant.  Der
spezialisierte Historiker berichtet nicht einfach ber die
Vergangenheit, sondern ber jene spezifischen Aspekte der
menschlichen Selbstkonstituierung in der Vergangenheit, die fr den
heutigen Erfahrungsrahmen bedeutsam sind.  Bisweilen scheint es, als
erfnden wir die Vergangenheit stckweise aufs Neue, nur um die
gegenwrtige Lebenspraxis zu untersttzen und das Bewutsein von der
Gegenwart zu strken.  Die Sequentialitt und Linearitt jenes
pragmatischen Rahmens, der Sprachen erst entstehen lie und zu einem
spteren Zeitpunkt Schriftkultur und Geschichtsbewutsein notwendig
erforderte, sind nun durch Nicht-Sequentialitt und nichtlineare
Beziehungen ersetzt, die auf die heutige Skala des menschlichen
Daseins besser zugeschnitten sind.  Sie erweisen sich zudem fr die
komplexen Formen heutiger menschlicher Selbstkonstituierung als
besser geeignet.

Als Eintrag in einer Datenbank (von enormem Umfang) verbreitet die
Vergangenheit noch immer ihre romantische Aura, aber sie richtet sich
auf Gegenwart und Zukunft.  Eine Position auerhalb der Schriftkultur,
wie sie sich zum Beispiel in der Unkenntnis der einen groen
Erzhlung (story) von der Geschichte (history) uert, resultiert
nicht aus Unkenntnis im Lesen und Schreiben.  Sie ist auch nicht auf
schlechte Geschichtslehrer oder Geschichtsbcher zurckzufhren, wie
manche glauben.  Sie ergibt sich daraus, da unsere neuen praktischen
Erfahrung der Selbstkonstituierung von den Erfahrungen der
Vergangenheit abgetrennt sind.


Wissen und Verstehen

Das Verhltnis von Wissen und Verstehen ist vermutlich einer der
wichtigsten Aspekte unserer gegenwrtigen Lebenspraxis.  Wir sind in
viele Ttigkeiten eingebunden, ohne die Ablufe wirklich zu verstehen.
Die e-mail erreicht uns und diejenigen, an die wir unsere
Nachrichten versenden, und die wenigsten verstehen, was sich dabei im
einzelnen abspielt.  Unser Postsystem war leichter zu verstehen.  Den
Weg einer e-mail-Nachricht zu bestimmen, ist fr eine programmierte
Maschine trivial, fr einen Menschen fast unmglich.  Mit zunehmender
Komplexitt unserer Ttigkeiten nimmt die Wahrscheinlichkeit, da die
darin eingebundenen Menschen sie und die wirkenden Mechanismen
verstehen, rapide ab.  Dadurch wird die Effektivitt der Ttigkeit
keineswegs geschmlert.

Das gilt mittlerweile fr eine ganze Reihe von Ttigkeiten in der
auerhalb der Schriftkultur stehenden Lebenspraxis.  Trotz komplexer
diagnostischer Hilfsmittel ist--aufgrund spezifischer Eigenschaften
der zu vollziehenden Ttigkeit--der eine Arzt besser als der andere;
trotz Automatisierung vieler Bereiche des Berufslebens--Buchfhrung,
Steuererklrung, Design und Architektur--fhren irgendwelche Merkmale
der zu verrichtenden Ttigkeiten dazu, da die Leistung bestimmter
Menschen besser ist als die fortschrittlichste Technologie.  Obwohl
manche Manager nahezu nichts von den Produkten ihrer Firma verstehen,
kennen sie die Marktgesetze so gut, da ihre Arbeit stets mit Erfolg
gekrnt ist, was immer sie auch vermarkten.  Diese Manager bewegen
sich im Erfahrungsraum einer Sprache--der Sprache des Marktes, nicht
des Produktes.  Wir wollen uns daher die Evolution von Wissen und
Verstehen im Rahmen verschiedener aufeinander folgender pragmatischer
Handlungsrahmen etwas nher anschauen, insbesondere die Rolle, die
die Sprache als vermittelndes Element in jedem dieser Rahmen gespielt
hat.

Das Sprachzeichen besteht aus der kontradiktorischen Einheit von
phonetischen und semantischen Elementen.  Innerhalb einer begrenzten
Erfahrungsskala war Schriftkultur und Bildung gleichbedeutend mit dem
Wissen davon, was sich hinter einem Wort verbarg, mit der Fhigkeit,
es aufleben zu lassen oder gar, dem Wort neues Leben zu verleihen.
Mit der Erweiterung der Skala nahm man das, was sich hinter einem
Wort verbarg, als selbstverstndlich und vorgegeben.  Das setzt
voraus, da Wrterbcher als Bestandsverzeichnisse unserer Sprache,
also auch die persnlichen Wrterbcher, kongruent sind.  Das
Erlernen einer Sprache beschrnkt sich nicht darauf, deren Ausdrcke
auswendig zu lernen.  Der einzig erfolgreiche Weg liegt darin, eine
Sprache zu leben.  Mit dem durch die Sprache erworbenen und
ausgedrckten Wissen stellt sich Verstehen ein.

Der Mensch kommt nicht ohne Erfahrung auf die Welt.  Wichtige
Bestandteile der Erfahrung sind biologisch veranlagt.  Andere werden
durch bestndige Interaktion vermittelt, besonders durch
gegenseitiges Verstehen.  Wir haben an der abnehmenden Bedeutung des
olfaktorischen Elements zeigen knnen, da die Menschen durch die
evolutionren Zyklen bestimmt sind.  Mit dem Rckgang der sinnlichen
Erfahrung verringerten sich auch die an die sinnliche Wahrnehmung
gebundenen Kenntnisse.  hnlich gilt, da Sprachleistungen aus dem
Leben und Ausben einer Sprache hervorgehen.  Das Existieren als
Sprache, die Anbindung des einzelnen an die Welt durch Sprache, ist
Voraussetzung dafr, sie zu kennen und zu verstehen.  Die Sprache
unserer natrlichen Umwelt ist nicht-verbal; sie artikuliert sich auf
der Ebene der elementaren, von auen veranlaten Empfindungen, die
sich einstellen, wenn der Mensch seine Umwelt zu beherrschen oder
verndern versucht.  Nach derartigen Erfahrungen erlebt der Mensch
die Welt als stabilisierte Bedeutung: Wolken knnen Regen ankndigen,
Donner Feuer verursachen; fliehendes Wild verrt die Jger, Eier in
einem Nest deuten auf Vgel hin.  Die Komplexitt unserer Bemhungen,
die Welt zu meistern, nahm im Lauf unserer Entwicklung stndig zu.
So sind die Ttigkeiten in einem Lebensrahmen, der die Schriftkultur
entstehen lie, von einem anderen Komplexittsgrad als die der
Industriegesellschaft und die unserer heutigen Zeit.

Zwischen den Sinnen und der Sprache--und daher auch zwischen
nichtverbalen und verbalen Sprachen--sind zahlreiche Einflsse
wirksam.  Wrter bringen kognitive Bedingungen mit sich, die sich von
Sinneseindrcken unterscheiden und die anders verarbeitet werden.
Die Sprache fgt der Sinnesinformation eine intellektuelle
Information hinzu, und zwar hauptschlich in Form von Assoziationen,
die das Gegenwrtige und das Nicht-Gegenwrtige umfassen knnen.
Interessanterweise wissen wir nicht alles, was wir verstehen; und
ebenso verstehen wir nicht alles, was wir wissen.  Wir knnen zum
Beispiel wissen, da sich in der nichteuklidischen Geometrie
Parallelen treffen.  Oder wir wissen, da Wasser, eine Flssigkeit,
aus Wasserstoff und Sauerstoff, also aus zwei Gasen, besteht.  Oder
auch, da der Gebrauch von Drogen zu Abhngigkeit fhren kann.  Und
dennoch verstehen wir nicht unbedingt die nheren Umstnde, Ablufe
und Zusammenhnge.

In der Schriftkultur gehen wir davon aus, da wir, wenn wir etwas
schreiben knnen, es automatisch kennen und verstehen.  Und sollte
sich zeigen, da unser Wissen unvollstndig, zusammenhanglos oder
nicht dauerhaft, da es in irgendeiner Weise gestrt ist, knnen wir
es durch Lektre vervollstndigen oder durch Vergleich mit dem Wissen
anderer zusammenhngender gestalten.  Die Dauerhaftigkeit und
Stabilitt von Schrift und Schriftkultur kann sich allerdings auch
als Hemmschuh erweisen, den wir in relativ stabilen Kontexten
zunchst nicht oder nur selten als Nachteil erfahren.  Mit
gesteigerten Effizienzerwartungen verkrzen sich indes die Zyklen
unserer Ttigkeit.  Die grere Intensitt, die Variabilitt unserer
Interaktionsstrukturen und die extrem arbeitsteilige Natur unserer
Einbindungen in die Praxis erfordern variable Bezugsrahmen fr Wissen
und Verstehen.  In diesen vernderten Merkmalen unserer Lebenspraxis
zeichnet sich vermehrt ein Hang zu Zweioder Mehrdeutigkeit im
Sprachgebrauch ab.  In Literatur und Theater akzeptabel und
angemessen, im politischen und diplomatischen Leben zweifelhaft,
beeinflut ein solcher Sprachgebrauch nunmehr die schriftliche
Abfassung von Gedanken und Plnen, die sich auf moralische Werte,
politische Progamme und wissenschaftliche oder technologische Ziele
beziehen.

Die oben erwhnten vernderten Umstnde unserer Lebenspraxis
erfordern auch, da wir fr den Erwerb und die Verbreitung von Wissen
andere als nur sprachliche Mittel und deren schriftliche
Funktionsweise einbeziehen.  Ein Wissen, das sich schnell verndert,
kann besser mit Mitteln erworben werden, die dieser Dynamik
entsprechen.  Auch diese Mittel--interaktive Multimedien, Programme
zur virtuellen Realitt oder genetische
Computermodellierung--verndern sich; damit aber impliziert die
Erfahrung des Wissenserwerbs die Einsicht in den transitorischen
Charakter jener Mittel, die das Wissen speichern und darbieten.  Es
gibt heute viele Ttigkeiten, deren Wissensgrundlage nicht mehr die
traditionellen Mittel einschlielich der schriftkulturellen
Vermittlung und Bildung sind.  Moderne Gehirnchirurgie auf neuronaler
Ebene, Entwicklung immenser weltweiter Netzwerke als Grundlage fr
e-mail, Weltraumforschung und memetic engineering, hochspezialisierte
Kanle des Verstehens und eine Unmenge weiterer hocheffizienter
Ttigkeiten auf einer bis vor kurzem noch nicht verfgbaren
Wissensgrundlage kennzeichnen den Handlungsrahmen eines
Entwicklungsstadiums jenseits der Schriftkultur.


Eindeutig, zweideutig, mehrdeutig

Es gibt mindestens 700 knstliche Sprachen.  Hinter jeder von ihnen
steht eine praktische Erfahrung, deren Anforderungen die natrliche
Sprache nicht ausreichend gengen konnte.  Eine dieser Sprachen setzt
sich mit den Vorurteilen bezglich Links- und Rechtshndigkeit
auseinander, eine andere versucht, die geschlechtsspezifischen
Vorurteile umzukehren, wieder eine andere ist nach sthetischen
Prinzipien konstruiert.  Es gibt literarische Kunstsprachen: Tolkiens
Elfisch, die Sprache der Klingons in Star Trek oder das Nadsat in
Burgess Uhrwerk Orange.  Oder es gibt wissenschaftlich begrndete
Anstze: logische Sprachen, an wissenschaftlichen Klassifikationen
orientierte Sprachen.  Auch die in der Vergangenheit entwickelten
knstlichen Sprachen orientierten sich offenkundig an pragmatischen
Funktionen: die von Ramon Llul fr Missionare entwickelte Ars Magna
oder Hildegard von Bingens aus dem klsterlichen Leben erwachsene,
aber weit ber rein liturgische Funktionen hinausgehende Lingua
Ignota.

Sie alle versuchen auf ihre Art, die Leistung der Sprachfunktionen zu
verbessern.  Einige verfolgen das Ziel, die Grenzen zwischen den
Sprachen zu berwinden; andere sollen eine bessere Beschreibung und
damit eine bessere Beherrschung der Welt ermglichen.  Ihnen allen
liegt die Erkenntnis zugrunde, da die Sprache nicht ein neutrales
Ausdrucks-, Kommunikations- und Bedeutungsmittel, sondern mit allen
Eigenschaften unserer Lebenspraxis einschlielich ihrer Vorurteile
aufgeladen ist.  Deshalb beanspruchen sie, allgemein oder in
speziellen Bereichen ein besseres Bild von der Welt zu bieten.
Ungeachtet ihrer Ziele und ihres Erfolgs erlauben uns diese Sprachen,
die kognitiven Bedingungen und ihren Beitrag zur Effizienzsteigerung
in unserer Lebenspraxis genauer zu untersuchen.

Die erhhte expressive Kraft in den erwhnten literarischen
Kunstsprachen ist dabei noch relativ leicht nachzuvollziehen.  Sie
gelten als literarische Konventionen, sind Teil der sthetischen
Erfahrung und Bestandteil der Schriftkultur.  Sie erstreben keine
Przision, sondern Ausdrucksdichte und sind auf eine sublime Art
mehrdeutig.  Przision wird man eher in logischen Sprachen oder in
den Programmiersprachen fr Computer finden.  Programmiersprachen wie
Cobol, Fortran, C, C++, Lisp oder Java werden auf Wegen verbreitet,
die sich den Ansprchen von Schriftlichkeit und Schriftkultur
widersetzen; sie erfllen hchste Effizienzerwartungen und sind wegen
ihrer Funktionalitt anerkannt.  Sie eignen sich zum Abfassen von
Gedichten ebensowenig, wie sich die literarischen Kunstsprachen fr
das Betreiben eines Computers eignen.  Sie zeichnen sich aus durch
ihre konsequente Eindeutigkeit.  In solchen Sprachen knnen wir die
Funktion und die Logik kontrollieren.  Sie sind modulartig konzipiert
und auf die optimale Erfllung ihrer Aufgaben angelegt.  Zu ihren
Funktionen gehren Beweisbarkeit, Optimierung und Przision.  Zu den
verwendbaren logischen Formen gehren u. a. die klassische
propositionale Logik, die intuitionistische propositionale Logik, die
modale Logik und die temporale Logik.

Daneben zeichnet sich noch eine Kategorie von sogenannten
kontrollierten Sprachen ab.  Eine kontrollierte Sprache ist die
Teilmenge einer natrlichen Sprache (begrenzt in Vokabular, Grammatik
und Stil), die auf eine bestimmte Ttigkeit hin entworfen ist.  Alle
erwhnten knstlichen Sprachen orientieren sich an der Funktionsweise
der sogenannten natrlichen Sprache mit dem Ziel, die Leistung der
Sprachmaschine in irgendeiner Weise zu optimieren.  Um diesen Ansatz
noch besser zu verstehen, mssen wir genauer darlegen, wie die
Sprache die in ihr konstituierten Menschen zur Welt, in der sie leben,
in Beziehung bringt.  Wir wollen beginnen mit der Entwicklung des
Wortes und seiner Beziehung zum Ausdrcken von Gedanken, d. h. mit
der Entwicklung vom Eindeutigen (Einszu-Eins-Entsprechung) zum
Mehrdeutigen (Eins-zu-Viele-Relation).

Systeme aus eindeutigen Zeichen haben an der Hervorbringung von
Gedanken nur geringen Anteil.  Als Weiterentwicklung von Signalen
sind ursprngliche Zeichen eindeutig.  Federn stammen definitiv nicht
von Fischen oder Sugetieren, Blutflecken rhren von Wunden her,
Vierfer hinterlassen andere Spuren als Zweifer.  Polysemie
(Mehrdeutigkeit eines Zeichens) hat sich erst allmhlich entwickelt
und zeugt von der Rckwirkung der Bedeutung auf den Bedeutungstrger:
Wrter, Zeichnungen, Gerusche usw.  Eine Tierzeichnung verweist auf
das dargestellte Tier oder auf daran geknpfte Assoziationen:
Fellqualitt, Gefahr, Fleisch.

Philosophie und Literatur (und die Knste allgemein) wurden erst auf
einer bestimmten Ebene der Sprachentwicklung als Ausdruck einer hher
entwickelten Lebenspraxis mglich.  Der Philosoph greift zum Beispiel
auf die gewhnliche Sprache (Verbalsprache) zurck, verwendet sie
aber auf ungewhnliche Weise: metasemisch, metaphorisch, metaphysisch.
Die antike Philosophie, die wir als Zeugnis fr Sprache und
Schriftkultur heranziehen, ist noch so metaphorisch, da man sie als
Literatur lesen kann und tatschlich auch als solche aufgenommen
wurde.  Die moderne Philosophie (nach Heidegger) hat aufgezeigt, wie
die Beziehungen (die sie hervorhebt und behandelt) die
Bezugsgegenstnde in sich aufgenommen haben.  Als formalisierte
Argumentation, frei von den Beschrnkungen der Schriftkultur und
freilich auch weniger expressiv als die im Wort ausformulierte
Philosophie und ihre endlosen Interpretationen, hat Philosophie
nunmehr ihre eigene Veranlassung und Rechtfertigung entwickelt.  Die
praktischen Auswirkungen im Rahmen einer Lebenspraxis, die auf
anderen als schriftkulturellen semiotischen Funktionsweisen beruht,
werden indes zunehmend geringer.

Die Distanz zwischen der Wortform und der Bedeutsamkeit eines
Gedankens wird als solche zum Parameter fr die Weiterentwicklung vom
Natur- zum Kulturzustand.  Wrter wie Raum, Zeit, Materie, Bewegung
wurden erst mglich durch die Schrifterfahrung.  Sobald man sie aber
niedergeschrieben hatte, war nichts mehr brig von der unmittelbaren,
vermutlich intuitiven Erfahrung von Raum und Zeit, von Materie in
ihren verschiedenen Erscheinungsformen oder von Bewegung.  Visuelle
Darstellungen--andere Formen des Schreibens also--sind dem von ihnen
Dargestellten nher: die cartesianischen Koordinaten als Darstellung
des Raumes, die Uhr als zyklische Zeitauffassung und hnliches.  Sie
bringen spezifische Beziehungen in Raum und Zeit oder spezifische
Aspekte von Materie oder Bewegung zum Ausdruck.

Das Wort ist im Vergleich zum darin ausgedrckten Gedanken
willkrlich.  Der Gedanke, geboren aus dem Tun des Menschen, ist in
der Naturordnung oder im Denken praktisch offenbartes Wissen.  Im
Ausdruck des Gedankens treffen rationale Strenge und Expressivitt
aufeinander.  Dieses synthetisierende Herausbilden von Gedanken ist
ein wichtiger Fall menschlicher Selbstkonstituierung.  Gedanken
drcken auch den impliziten Wunsch des Menschen aus, sie zu
veruerlichen (Marcuse sprach von der "imperativen Qualitt" des
Denkens).  In schriftlicher Fassung legen die Wrter indes nicht nur
die Flchtigkeit der Sprachlaute ab, sie werden gleichzeitig offen
fr potentiell konfligierende Interpretationen.  Diese ergeben sich
daraus, da wir Wrter in unterschiedlichen pragmatischen Situationen
unterschiedlich verwenden.

In der Schriftkultur gebildet zu sein heit, die Sprache zu
beherrschen, heit aber auch, in den Erfahrungen der Vergangenheit
verhaftet und ihren Regeln unterworfen zu bleiben.  Jeder Gedanke ist
das Resultat einer Entscheidung zwischen mehreren Mglichkeiten in
einem gegebenen Existenzparadigma.  Er findet seine genaue Bestimmung,
d. h. seinen Niederschlag als Bedeutung, dadurch, da er einem
pragmatischen Kontext zugeordnet wird.  Verndert sich der Kontext,
kann der Gedanke besttigt werden, auf Widerspruch treffen (er wird
zweideutig) oder sich vielen Interpretationen ffnen (er wird
mehrdeutig).  Ein Beispiel: Der Begriff der Demokratie durchlief alle
Stadien von seinen ersten Erwhnungen in der griechischen Kultur bis
zur liberalen Ausdeutung--und Selbstverleugnung--im Stadium jenseits
der Schriftkultur.  Er bedeutet eines--die Macht des Volkes--, ist
aber kontextabhngig, je nachdem, was man unter Volk verstand und wie
man Macht ausbte.  In seinen neuen Kontexten bedeutet er so viel
Verschiedenes, da sich manche fragen, ob er berhaupt noch etwas
bedeutet.

Schriftkultur bot den geeigneten Rahmen und die angemessenen Mittel
zur Kommunikation von Ideen.  Wenn aber Ideen in immer schnellerem
Rhythmus zum Ausdruck kommen und in immer krzeren Zyklen von
Eindeutigkeit zu Mehrdeutigkeit bergehen, dann wird Schriftkultur
und Schriftlichkeit entweder nicht mehr deren praktischer Funktion
oder der Dynamik individueller Selbstsetzung gerecht.  Es sieht sogar
so aus, als wrden Ideen als solche, in ihrer Leistung als Mittel
menschlicher Projektion, immer weniger wichtig.  Was wir einstmals
als den Hhepunkt menschlicher Leistungsfhigkeit angesehen haben,
betrifft die heutige Gesellschaft immer weniger.  Unsere Welt ist
beherscht von Methoden und Produkten, und Ideen haben allenfalls
kulturelle Bedeutung.  Wissen ist heute auf Information reduziert;
Verstehen ist lediglich operational.  Immer mehr knstliche Sprachen
werden entwickelt und zunehmend auf Methoden und Produkte
ausgerichtet.  In der vernetzten Welt der digitalen
Informationsverbreitung brauchen wir kein Esperanto, sondern Sprachen,
die die grenzenlose Vielfalt der Gerte und Programme vereinen, mit
denen wir unsere neuen Erfahrungen im World Wide Web machen.  Auch
Effizienz bezieht sich in dieser Welt auf Transaktionen, in die nicht
mehr unbedingt Menschen als handelnde Personen eingebunden sind.
Innerhalb dessen, was sich als Netconomy etabliert, betreiben
unabhngige Agenten, d. h. autonome Programme, die geschftlichen
Transaktionen und maximieren den Profit (weil es jeder wnscht).
Diese Agenten sind mit Regeln fr Reproduktion, Bewegung und Fairness
versehen und knnen auch kulturell identifiziert werden.  Netconomy
ist bislang allerdings mehr Verheiung als Wirklichkeit.  Das
Funktionieren solcher Agenten zeigt uns allerdings, wie die Metapher
vom Funktionieren der Sprache in unserer Welt jenseits der
Schriftkultur zu ihrer wrtlichen Bedeutung zurckfindet.  Die
Visualisierung von Gedanken Das mindeste, wofr das geschriebene
Zeichen--Wort, Satz oder Text--steht, ist das Sprachzeichen.
Allerdings mute die Schrift eine lngere Entwicklungsphase
durchlaufen, bevor sie diesen Stand erreicht hatte.  In ihren
vorsprachlichen Formen hatte die graphische Darstellung ihren
Bezugsgegenstand in der Wirklichkeit--sie re-prsentierte das, was
nicht prsent war.  Das Prsente braucht nicht reprsentiert zu
werden.  Die Richtung, die der visuellen Reprsentation eingeprgt
ist, weist von der Vergangenheit zur Gegenwart.  Das, was aufgehoben
werden mu, liegt dem Akt der Entfremdung von der Unmittelbarkeit als
ursprngliche Motivation zugrunde.  Die frhen Formen der
Reprsentation, insgesamt Teil eines recht primitiven Repertoires,
besitzen nur Ausdrucksfunktion.  Sie bewahren vom Nicht-Prsenten
(was nicht gesehen, gehrt, gefhlt, gerochen werden kann) die
relevante Information fr die zuknftigen Beziehungen zwischen
Menschen und deren Umwelt auf.  Das Bild gehrt zur Natur.
Mitgeteilt wird die Art des Sehens oder Erkennens, nicht das
tatschlich Gesehene.  Der Vollzug des geschriebenen Zeichens
hingegen ist nicht Informationsvergabe, die dann zur Verfertigung von
Gegenstnden fhren kann, sondern das, was es bedeutet.  Eine relativ
geringe Zahl von Zeichen--das Alphabet, Zeichensetzung und
diakritische Zeichen--ist an der immanenten Unbegrenztheit der
Kompetenz des Schreibens beteiligt.

Wie immer wir menschliches Denken definieren, seine Festlegung hat es
erst in der Schrift gefunden.  Die in der Schrift festgehaltene
Gegenwart verliert ihren Charakter als unmittelbarer Vorgang.  Kein
geschriebenes Wort ist je zum Vorschein gekommen, das nicht auch
geuert und gehrt, d. h. empfunden worden ist.  Die Bedeutung
(intendierte und zugewiesene) ergibt sich aus der Einrichtung der
Sprache in der Lebenspraxis.  Nicht zufllig haben sich die rumliche
Einrichtung des Menschen (in drflichen Siedlungsformen) und die
Einrichtung der Sprache als Schrift (ihrer Natur nach ebenfalls
rumlich) gleichzeitig vollzogen (vgl.  Leroi-Gourhan).  Eine dritte
Komponente gehrt allerdings auch in diesen Zusammenhang, nmlich die
Sprache von Zeichnungen, die, so primitiv sie auch gewesen sein mgen,
bei der Anfertigung von Schutz- und Arbeitsvorrichtungen dienlich
waren.

Dieser allgemeine Kontext fhrte schlielich hin zum groen
historischen Moment der griechischen Philosophie, die wir im
zeitlichen Zusammenhang sehen mssen mit der Alphabetisierung und im
allgemeineren kulturellen Zusammenhang mit der Entwicklung mancherlei
handwerklicher Knste, allen voran die Architektur.  Sokrates, der
das Denken und die Wahrheit im Gesprch suchte, verfocht die
Mndlichkeit.  Das ist zumindest das Bild, das uns Platon von ihm
vermittelt.  Die groen Handwerker seiner Zeit teilten diese
Einstellung.  Zum Bau von Tempeln und der Herstellung von Werkzeugen
und anderen ntzlichen Gerten war nicht unbedingt Schrift vonnten.
Die heuristischen und meutischen Methoden, mit deren Hilfe der
Mensch seine Handlungsalternativen und neuen Optionen berprft und
berdenkt, sind im wesentlichen mndlich.  Sie setzen die physische
Prsenz des Philosophen oder des Architekten voraus.  Eigentlich hat
sich bis heute nicht viel daran gendert, wenn wir uns vor Augen
halten, wie Design oder Ingenieurwissenschaften auch heute noch
unterrichtet werden.  Aber das ndert sich: gerade diese Bereiche
beziehen immer mehr die digitale Verarbeitung mit ein.
Computationale praktische Erfahrungen, die diese digitale
Datenverarbeitung einbeziehen, genetic engineering, d. h. die
Gestaltung und Erzeugung neuer genetischer Produkte, oder Memetik
sind nicht mehr nur Fortentwicklungen jener Erfahrungen, die auf
Schriftkultur grnden, sondern ganz anderer Natur.


Buchstabenkulturen und Aphasie

In der Kulturgeschichte hat es wiederholt kritische
Auseinandersetzungen mit der Schriftkultur und Schriftbildung gegeben,
deren bekannteste nach Platon wohl die von Marshall McLuhan ist.
Buchstabenkulturen, so seine Position in Gutenbergs Galaxy (1964),
haben die Welt uniformisiert, fragmentarisiert und auf logische
Abfolgen hin ausgerichtet, was berzogenen Rationalismus,
Nationalismus und Individualismus gezchtet habe.  Vernunft sei mit
Schriftkultur und Rationalismus mit einer einzigen Technologie
gleichgesetzt worden.  Solche Attacken haben nun allerdings--soweit
wir das aus unserer heutigen Sicht beurteilen knnen--nicht dazu
gefhrt, da die Schriftlichkeit und ihr Einflu abgenommen haben.
Aus anderer Perspektive hat im brigen Roland Barthes (1970) die
Notwendigkeit einer mndlich-visuellen Kultur hervorgehoben.

Ohne Frage gehren alle Plne, die je von Architekten, Handwerkern
oder Designern entworfen worden sind, einer Praxis an, die mndliche
(Anweisungen zur Umsetzung des Plans in ein Produkt) und visuelle
Kulturformen verbindet.  Viele solcher Plne mit Gedanken und
Konzepten, die vielleicht genauso khn sind wie die, die in
Manuskripten und spter in Bchern aufgezeichnet wurden, sind
verloren gegangen.  Einige Werke haben die Zeiten berdauert.  Die
Tatsache, da die Dominanz des geschriebenen Wortes die immense
Bedeutung von Zeichnungen in den Hintergrund unserer Wahrnehmung
verdrngt hat, kann jedoch nicht darber hinwegtuschen, da durch
sie unsere Erfahrung nachhaltig geprgt und wichtiges Wissen
bermittelt wurde.  Zeichnungen sind holistische Einheiten, deren
Komplexitt nur schwer mit der eines Textes verglichen werden kann.

Die Bedeutung, die durch die Schrift vermittelt wird, vollzieht sich
in einem Proze der Verallgemeinerung und Reindividualisierung.  Was
bedeutet es fr ein Individuum, sie zu lesen und zu verstehen?  Es
durchluft den Weg, der vom Sprechen zum Schreiben, vom Konkreten zum
Abstrakten und von der analytischen zur synthetischen Funktion der
Sprache fhrte, in umgekehrter Richtung.  Zu jedem beliebigen
Zeitpunkt verfgen wir einerseits ber die begrenzte Wirklichkeit der
Zeichen (Alphabet, Wrter, Idiome), und andererseits die praktisch
unbegrenzte Wirklichkeit, die in den zum Ausdruck gebrachten
Sprachsequenzen und Begriffen verkrpert ist.  Daraus ergibt sich die
Frage nach dem Ursprung der Gedanken, bzw. der Begriffe und dem
Verhltnis zwischen Zeichen (vor allem Wrtern) und der ihnen
zugewiesenen Bedeutung, bzw. dem Inhalt, der durch Sprache
weitervermittelt werden kann.  In westlichen Kulturen wird Bedeutung
durch additive Mechanismen hervorgerufen, vergleichbar mit dem
Anmischen von Pigmenten.  In stlichen Kulturen beruht Bedeutung auf
substraktiven Mechanismen, vergleichbar mit der Mischung von Licht.

Obwohl Buchstabenschrift einfacher und stabiler als ideographische
Schrift erscheint, ist sie doch schwieriger.  Das liegt am hheren
Abstraktionsgrad.  Daher mu der Leser eines Buchstabentextes die
groe Kluft zwischen dem graphischen Zeichen und dem Bezeichneten mit
seiner eigenen Erfahrung berbrcken.  Die praktische
schriftkulturelle Erfahrung geht von der Annahme aus, da die Bildung
in Form von geschichtlichem und kulturellem Bewutsein diesen
Referenzbezug ersetzt.  Die Leser von ideographischen Texten haben
den Vorteil einer greren Konkretheit der Darstellung.  Da also jede
Sprache ihre eigene Geschichte in sich trgt, gewissermaen als
Zusammenfassung der sie hervorbringenden Lebenspraxis, impliziert das
Lesen in einer anderen Sprache zugleich die Konfrontation mit einer
fremden Erfahrung und damit die Notwendigkeit, diese Schrift Schritt
fr Schritt fr sich neu zu erfinden.

Die Aphasieforschung der letzten 15 Jahre hat gezeigt, da ab einem
bestimmten Stadium eine Regression von der Schrift- zur Bildlektre
(piktographisches, ikonisches Lesen) zu verzeichnen ist.  Buchstaben
verlieren ihre sprachliche Identitt.  Der aphasische Leser sieht nur
Linien, Unterbrechungen, Formen.  Begriffe und Gedanken brechen im
wahrsten Sinn des Wortes zusammen.  Erkennbar bleibt einzig die
hnlichkeit zwischen konkreten Formen.  Der Niedergang vom Abstrakten
zum Konkreten kann als soziokultureller Unfall vor dem Hintergrund
eines natrlichen (biologischen) Unfalls gedeutet werden.

Heutzutage verzeichnen wir hnliche Symptome, die auf eine Art
kollektiver Aphasie in gegenteiliger Richtung hindeuten.  Schrift
wird dekonstruiert und zur Graffiti-Notation, zu kurzschriftartigen,
von Sprache und Schriftkultur befreiten Statements.  Eine Zeitlang
waren Graffiti kriminalisiert.  Spter wurden sie zur Kunstgattung
erhoben und vom Markt absorbiert.  Dabei sind wir uns vermutlich nie
des Ausmasses bewut geworden, in dem gerade auch Graffiti durch eine
Form von Alphabetismus gekennzeichnet ist, haben wir uns kaum
Klarheit verschafft ber deren Ursprnge, ihre Verbreitung und die
"aphasischen" Implikationen ihrer Ausbung.  Nicht nur die New Yorker
U-Bahn wurde in eine bewegliche Zeitung verwandelt, die so oft
erschien, wie man die Aufsicht tuschen konnte.  Ein groer Teil der
ffentlichkeit lehnte Graffiti ab, denn es widersetzte sich der
legitimierten Kommunikation und zugleich der Aura von Ordnung und
Korrektheit, die der Schriftkultur zugrunde liegt.  Viele andere
fanden ihre Freude daran.  Die Rap-Musik ist das musikalische
Gegenstck zum Graffiti.  Die Botschaften, die heute auf den
Datenautobahnen ausgetauscht werden, weisen oft Merkmale der Aphasie
auf.  Konkretheit steht an erster Stelle. :-) (der smiley im
Internet) z. B. erbrigt jeden anderen Ausdruck von Freude.  Fr den
stupenden Informationsaustausch in den digitalen Netzwerken ist
solche kollektive Aphasie symptomatisch fr Vernderungen der
kognitiven Voraussetzungen derer, die in diese Erfahrungen
eingebunden sind.  Weder opportunistische Begeisterung noch
dogmatische Ablehnung knnen uns helfen, die Notwendigkeit dieser
Entwicklung und ihre Nutzanwendung zu verstehen.  Viele private
Sprachen und unzhlige Kodes zirkulieren als Kilo- und Megabytes
zwischen den Kommunikationspartnern und entziehen sich jeglicher
Regulierung.

Die digitalen Netzwerke haben sich als ein Handlungsrahmen erwiesen,
der die heutigen Erwartungen angemessen erfllt; die traditionelle
Form der Schriftkultur sieht sich dabei herausgefordert durch
flchtigere, auf Teilbereiche beschrnkte Sondersprachen.  Der
Allgemeinheitsanspruch der Schriftkultur ist unhaltbar, wenngleich
sie als ein Ausdrucks- und Kommunikationsmittel bestehen bleibt.
Aber manch einer hat erfahren, da sie fr den praktischen und
geistigen Erfahrungshorizont einer Menschheit, die aus allen ihren
alten Kleidern, Spielzeugen, Bchern, Geschichten, Werkzeugen und
sogar Konflikten herausgewachsen ist, nicht mehr ausreicht.

Es drngt sich als Anschlufrage auf, ob die schriftkulturelle
Erfahrung des Wortes zu dessen stetig abnehmender Bestimmtheit
beigetragen hat oder ob die Kontextvernderungen dessen
Interpretation, will sagen: die semantische Verschiebung von bestimmt
zu vage, verursacht.  Vermutlich spielen beide Faktoren dabei eine
Rolle.  Einerseits erschpft die Schriftkultur ihre eigenen
Mglichkeiten.  Andererseits beschrnken neue Kontexte ihre
Leistungsfhigkeit als das beherrschende Medium fr den Ausdruck, die
Kommunikation und die Bezeichnung von Gedanken.

Wir alle kennen Versuche, Sprache so kontextfrei wie mglich zu
verwenden--die Verallgemeinerungen jeglicher Demagogie (liberaler,
konservativer, linker oder rechter, religiser oder emanzipierter)
knnen als Beispiel dienen; aber auch die vielen Formen des Lesens
der Zukunft aus Glaskugeln, Handflchen, Tarotkarten, die in den
vergangenen Jahren vor dem Hintergrund zunehmender Illiteralitt
entstanden sind.  Nichts davon ist neu; neu ist nur, da dieser Markt
voller Unbestimmtheit und Ambiguitt, der abweichende Funktionsweisen
der Sprache erkennen lt, in voller Blte steht.  Dies alles sind
Symptome fr eine Vernderung unserer Lebenspraxis, wie sie im
vorliegenden Buch dargelegt ist.

Wir mssen allerdings die Vernderungen der Sprachfunktionen noch
genauer erlutern.  Wir wissen heute, da die ltesten berlieferten
Hhlenzeichnungen indexikalische Hinweiszeichen aus einem mndlichen
Kontext, und weniger Darstellungen von Jagdszenen sind (wenn sie auch
oft so interpretiert werden).  Sie zeugen mehr von denen, die sie
gezeichnet haben, als von dem, was gezeichnet ist.  Die berholte
Schriftlichkeit mystifizierter Botschaften fungiert auf hnliche
Weise.  Sie sagt mehr aus ber ihre Verfasser als ber ihren
Gegenstand, ob dieser nun Geschichte, Soziologie oder Anthropologie
ist.  Die gestiegene mndliche und visuelle, technologisch optimierte
Kommunikation nun definiert die jenseits der Schriftkultur liegende
neue kognitive Dimension des Menschen.  Der bergang vom Sprechen zum
Schreiben entspricht dem bergang von einer pragmatisch-affektiven
Lebenspraxis zu einer pragmatisch-rationalen Ebene mit linearen
Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer Umwelt.  Sie vollzieht
sich im Zusammenhang der Evolution vom Synkretistischen zum
Analytischen.  Der neuerliche bergang von Schriftkultur zu einer
Vielzahl von Alphabetismen wiederum entspricht einer Lebenspraxis,
die sich durch nicht-lineare Beziehungen auszeichnet und die einer
fortschreitenden Entwicklung vom Analytischen zum Synkretistischen
entspringt.  Diese Bemerkungen beziehen sich auf die europischen
Kulturen und ihre Ableger.  Die ostasiatischen Sprachen weisen eine
Tendenz zum Aufzeigen statt zum Erklren auf.  Die analytische
Struktur des logischen Denkens (die wir spter eingehender errtern)
wird in der Satzstruktur der Sprache gebildet, die in diesen beiden
Kulturbereichen grundlegend anders ist.  Die imperative Energie des
Ausdrucksvorgangs verleiht z. B. der chinesischen Sprache einen
permanenten Hervorbringungscharakter (Sprechen im Vollzug, im
Entstehen).  Die hervorgehobene Rolle dieses Vorgangs in der
asiatischen Kultur spiegelt sich in der zentralen Position des Verbs.
Die Anordnung der Satzteile um das Verb herum lenkt das Denken auf
die Beziehung zwischen Bedingung und Bedingtem.

Die fr den europischen Kulturkreis charakteristische Form der Logik
(unter dem deutlichen Einflu der klassischen griechischen
Philosophie) spiegelt sich in der hervorgehobenen Position des
Substantivs.  Es ist freier und stabiler als das Verb und kann
Identitt, Invarianz und das Allgemeine wiedergeben.  Die auf dieser
Voraussetzung grndende Logik sucht die Einheit zwischen Spezies und
Genus.  Die Schrift der europischen Kulturen und die ideographische
Schrift des Orients haben beide auf ihre Weise Logik, Rhetorik,
Heuristik und Dialektik zu definieren versucht.  Aus historischer
Sicht sind sie komplementr.  Mit Blick auf die Geschichte des Wissen
und auf die Geschichte als solche knnte man sagen, da das
europische Abendland Wissen und Weltkontrolle, der Orient
Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle erlangt haben.  Es wre utopisch
(und mit vielfltigen historischen, sozialen, ideologischen und
politischen Implikationen verbunden), sich eine Welt vorzustellen,
die beides harmonisch vereinigt.  Voraussetzung hierfr wre im
brigen, da sich der jeweilige Status der Schriftkultur in beiden
Kulturkreisen vernderte.  Eben solche Vernderungen in Richtung auf
eine Konvergenz der Sprachen in den erwhnten Kulturkreisen knnen
wir indes derzeit beobachten.

Schriftlichkeit ist nicht nur ein Instrument der Vermittlung zwischen
Kulturen, sie zieht auch Grenzen.  Das gilt fr westliche und
fernstliche Kulturen (und alle anderen) gleichermaen.  So hlt
Japan zum Beispiel trotz der spektakulren Leistungen bei der
Aneignung und Fortentwicklung neuer Technologien innerhalb seiner
Grenzen an einem Rahmen fest, der seiner traditionellen Schriftkultur
und Bildung entspricht.  Auerhalb seiner Grenzen kann es sich auf
andere Schriftkulturen und Bildungsformen hervorragend einstellen.
Auf andere Weise trifft dies auch auf China zu.  Innerhalb seiner
Grenzen baut es ein internes Netzwerk auf (Intranet), ohne dies
jedoch an das allumfassende Netz (Internet) ganz anzubinden, das uns
in einigen Bereichen die Erfahrung der Globalitt erffnet.

Die hierarchische Organisation, mit der man sich im Westen den
ehemaligen wirtschaftlichen Erfolg Japans zu erklren versuchte, ist
letztlich auf die Einheit semmai-kohai, d. h. senior-junior,
zurckzufhren.  Diese Unterscheidung entspricht einer spezifischen
Logik und Ethik, die vom Vorrang des Alten ber das Junge ausgehen
und die pragmatischer Natur sind.  Anerkannt werden damit Erfahrung
und Leistung, die im Japanischen in den Kategorien kyu, d. i.
Tchtigkeit und Gebtheit, und dau, etwa Erfahrung, ausgedrckt
werden.  Diese Systematik wirkt sich auf das Wirtschaftsleben, auf
Kalligraphie, japanischen Ringkampf (sumo), Blumenschmuck (ikebana)
und die gesellschaftliche Ordnung aus.  Auch dieses System ist von
der Dynamik der gegenwrtigen Vernderungen nicht unberhrt geblieben.

Mit Blick auf die Leistungen der Sprache mssen wir feststellen, da
Nationalsprachen zur Abkapselung fhren, angenommene Sprachen
hingegen--hier besonders Englisch--als Bindeglied zur brigen Welt
dienen knnen.  Auch die japanische Gesellschaft sieht sich einer
zunehmend global organisierten Welt gegenber und damit der
Notwendigkeit ausgesetzt, neue, dieser globalen Welt angemessene
Ausdrucks-, Kommunikations- und Bedeutungsmittel zu entwickeln.
Einerseits zeigt sich Japan als eine an den Vorurteilen der
Schriftkultur und traditionellen Bildung ausgerichtete Gesellschaft,
streng hierarchisch organisiert, frauen- und fremdenfeindlich,
dogmatisch; andererseits, trotz der gegenwrtigen Krise in Japan,
beweist es eine erstaunliche Fhigkeit, sich auf die vernderten
Bedingungen der Lebenspraxis und der Selbstsetzung als Japaner und
zugleich als integrierte Mitglieder der Weltgemeinschaft einzurichten.
Folglich entwickeln sich auch in dieser so homogenen Kultur neue
Formen der Schriftlichkeit und Bildung, die wir im brigen auch in
China, Korea, Indonesien und den arabischen Lndern feststellen
knnen.  Und dieser Proze weitet sich allmhlich, wenn auch
langsamer als von einigen erwartet, auf die afrikanischen und
sdamerikanischen Lnder aus.

Die globale Wirtschaft erfordert neue Beziehungsformen zwischen den
Staaten und Kulturen, und diese Beziehungsformen mssen der Dynamik
der neuen Lebenspraxis angemessen sein.  Die zwanghafte Suche nach
Identitt, die sich in den multikulturellen Tendenzen unserer Tage
ausdrckt, wird in der Vergangenheit keine hinreichenden Argumente
finden.  Den besten Beleg hierfr liefern die Aktivisten dieser
Bewegung mit ihren Fehldarstellungen von historischen Ereignissen,
Fakten und Zahlen.  Multikulturalitt entspricht der Dynamik, die
sich jenseits der Schriftkultur entwickelt: sie verlagert den Akzent
von der Einmaligkeit und Universalitt einer einzig vorherrschenden
Kultur und Kulturform auf eine Pluralitt, die keine ethnische Gruppe,
keinen Lebensstil, keine Kultur ausgrenzt.  Wer Multikulturalitt
heute als eine Frage der Rasse oder Feminismus als eine Frage des
Geschlechts (vor dem Hintergrund der Geschichte) behandelt, wird
keine wirksame Strategie fr diejenigen entwickeln knnen, deren
Andersartigkeit heute anerkannt ist.  Andersartigkeit bringt andere
Fhigkeiten mit sich und andere Wege, die jeweilige Identitt zur
Geltung zu bringen.  Die Vergangenheit ist unbedeutend geworden; die
Zukunft hat uns zu beschftigen.



Kapitel 5:


Sprache und Logik

Etwa zu der Zeit, in der Computer zum alltglichen Bestandteil
unseres Lebens wurden, entwarf ein relativ unbekannter
Science-Fiction-Autor eine utopische Welt, die er non A (A) nennt.
Sie ist auf unserem Planeten im Jahr 2560 angesiedelt, und non A
bezeichnet eine Form der nicht-aristotelischen Logik, die in ein
Computerspiel eingebettet ist, das die Welt beherrscht.  Gilbert
Gosseyn (im Englischen Go Sane ausgesprochen, was im Deutschen soviel
wie "werde gesund", "werde vernnftig" heit), der Protagonist dieser
Welt, entdeckt pltzlich, da er mehr ist als nur eine Person.

Jeder, der ein wenig mit der Geschichte der Logik vertraut ist, wird
hier an Levy-Bruhls umstrittenes Gesetz der Mitbeteiligung denken,
das von der folgenden Annahme ausgeht: "In den kollektiven
Darstellungen einer primitiven Mentalitt knnen Gegenstnde,
Lebewesen und Phnomene auf eine Weise, die wir nicht begreifen
knnen, gleichzeitig sie selbst und etwas anderes sein."  Die relativ
undifferenzierte, synkretistische Erfahrung, die den Anfangsstadien
Notation und Schrift zugrunde lag, kannte offenbar vielfltige, uns
ungewhnlich erscheinende Verbindungen.  Bei der Erforschung der von
primitiven Stmmen hervorgebrachten Produkte hat sich gezeigt, da
einerseits das visuelle Denken vorherrscht, und andererseits die
Funktionsweise des Menschen in einem Zusammenhang gedacht wird, den
wir heute multivalente Logik nennen wrden.

Obwohl die Welt von non A in ferner Zukunft liegt, beschreibt sie
doch eine Logik, die wir mit einem lange zurckliegenden Stadium der
menschlichen Entwicklung verbinden.  Aus der Anthropologie wissen wir,
da es noch heute in den Regenwldern des Amazonas und in entlegenen
Eskimo-Gebieten Stmme gibt, deren Angehrige sich nicht nur als sie
selbst begreifen, sondern zugleich als etwas anderes, als Vogel,
Pflanze oder als vergangenes Ereignis.  Hierbei handelt es sich nicht
nur um eine andere Sprachverwendung, sondern um eine andere Form der
Identittsbildung.  In diesem pragmatischen Zusammenhang bersteigt
der logische Schlu die Grenzen, die ihm die aristotelische Logik mit
ihrem Dualismus von wahr und falsch setzt.  Mglicherweise ist der
Begriff der multivalenten Logik eine gute Bezeichnung fr diese Art
von Schlufolgerung; er liefert indes keine Erklrung dafr, warum
die Selbstkonstituierung auf solche Mechanismen zurckgreift und wie
sie funktionieren.  Selbst wenn wir eine Antwort darauf finden wrden,
mten wir uns doch fragen--da sich unsere Selbstsetzung nach einer
anderen Logik vollzieht--, welche Beziehung zwischen der
Spracherfahrung und dem logischen Rahmen jener Menschen besteht, die
in der non-A-Welt vergangener Zeiten lebten.  Der in solchen Stmmen
vorherrschende Umgang mit Bildern erklrt, warum es ein logisches
Kontinuum anstelle der scharfen Trennung zwischen wahr und falsch,
gegenwrtig und abwesend gibt.  Mehrwertige Logik in den
verschiedensten Ausprgungen und pragmatischen Zusammenhngen wurde
zurckgedrngt, als Sprache ihre schriftliche, auf einem Alphabet
basierende Form annahm und das Denken sich in schriftlichen
Ausdrcken stabilisierte.  Die Bewutmachung von Verbindungen, die
dezidiert in die Erfahrung eingebunden sind und in einem Korpus
intelligiblen Wissens quantifiziert werden, klren den logischen
Horizont.  Mit der Unterdrckung einer multivalenten Logik wurden
Einheiten nur als das konstituiert, als das sie die Erfahrung
erscheinen lie, und nicht mehr als viele Dinge gleichzeitig.

Der Wechsel von der Mndlichkeit zur praktischen Erfahrung der
geschriebenen Sprache wirkte sich auf viele Aspekte der menschlichen
Interaktion aus.  Die Schrift brachte einen Referenzrahmen mit sich,
Mglichkeiten des Vergleichs und der Bewertung, und damit berhaupt
eine Vorstellung von Wert, als Ergebnis einer Wahl unter einer
begrenzten Anzahl von Optionen.  Mndlichkeit wurde von denen
kontrolliert, die sie ausbten.  Die durch Zeichen auf einer
beschriebenen Oberflche stabilisierte Schrift ermglichte eine neue,
analytische Form des Fragens.  Im Verlauf der Zeit ergaben sich in
der geschriebenen Sprache eine Reihe von Assoziationen, einige aus
dem visuellen Aspekt der Schrift, andere aus bestimmten
Schriftmustern, Wiederholungsformen und hnlichem.  Schrift regte zum
Vergleich von Erfahrungen der Selbstkonstituierung an, indem sie den
Vergleich verschiedener Aufzeichnungen ermglichte.  Die Erwartung,
da alles Aufgezeichnete akkurat aufgezeichnet ist, ist der
Schrifterfahrung implizit.  Die skeletthafte Form der Anfnge der
Schrift bot sichtbare Verbindungen, die innerhalb der Mndlichkeit
verblaten.

Logik ist, sehr allgemein definiert, die Disziplin der
Zusammenhnge--"Wenn das eine, dann das andere."  Diese Denkfigur
kann auf vielfltige Weise ausgedrckt werden, formale Ausdrcke
eingeschlossen.  Die in der Mndlichkeit gegebenen Zusammenhnge
waren spontan.  Mit der Schrift gingen die Stabilisierung der
Erfahrung und ein methodisches Versprechen einher.  Die Methode
besteht in den Schlufolgerungen, die sich aus den Verknpfungen
ergeben.  Das besagt nichts anderes, als da die der Mndlichkeit
innewohnende Logik eine natrliche Logik ist, die natrliche
Zusammenhnge wiedergibt, welche von den sich in der Schrift
niederschlagenden Verknpfungen unterschieden sind.  Die Schrift
liefert gewissermaen das Rntgenbild eines nur schwer fabaren
Erfahrungsschatzes, in dessen Tiefen sich Verknpfungen und ihre
praktischen Implikationen abzuzeichnen begannen.

Das Bewutsein von Zeit und Raum wird relativ langsam gewonnen.
Dementsprechend drckt es sich aus als ein allmhlich sich
einstellendes Bewutsein davon, wie Zeit und Raum das Ergebnis
praktischer Ttigkeiten beeinflussen.  Wie die Zeichen ist auch die
Logik in der Praxis menschlicher Selbstkonstituierung verwurzelt und
entwickelt sich sehr wahrscheinlich gemeinsam mit ihnen.  Gemeinsame
Gegenwrtigkeit, d. h.  Ko-Prsenz dessen, was unterschiedlich oder
hnlich ist, Inkompatibilitten, Ausschlieungen und hnliche Zeit-
oder Raumsituationen werden von Handlungen, Gegenstnden und Personen
losgelst und bilden eine wohl definierte Erfahrungsschicht.  Aus
einfacheren Konfigurationen oder Verknpfungssequenzen ergeben sich
Mechanismen der Schlufolgerung, die man aus Gegenstnden, Handlungen,
Personen, Situationen usw. ableitet.  Zur Festmachung solcher
Schlufolgerungen eignet sich die Schrift sehr viel besser als
Rituale oder mndliche Ausdrcke, womit allerdings nicht gesagt ist,
da sie damit auch die gemeinsame Teilhabe an diesen
Schlufolgerungen erleichtert.  Was an Breite gewonnen wird, geht an
Tiefe verloren.

Die Lebenspraxis wird damit nicht nur effektiver, sondern auch
komplexer.  An die Stelle physischer Leistungen treten zunehmend
kognitive Leistungen.  Komplexere Erkenntnis und Erfahrung ergeben
sich aus erweiterten Handlungsradien und knnen nur noch in der
skeletthaften, abstrakten Form der Verschriftlichung vermittelt
werden; damit verliert die Erfahrung die reichhaltigen individuellen
Merkmale derer, die sich in ihr identifizieren.  Aus dem
Verknpfungsreichtum ergibt sich Handlungslogik.  Der Akzent liegt
dabei auf Zeit und Raum, bzw. auf dem, was wir rckblickend Bezge,
bzw.  Referenz nennen.  In dem Mae, in dem die Schrift die in der
Zeit verlaufenden Ausdrucks- und Kommunikationsmittel (vor allem
Rituale) ersetzt, verliert auch die zeitliche Logik an Bedeutung.
Mit der Vernderung des pragmatischen Horizonts knpft die
Schriftkultur in Verbindung mit der ihr innewohnenden Logik ihr
unsichtbares Netz, ihre eigene Metrik.  Alles, was nicht in
irgendeiner Weise auf diese schriftkulturelle Selbsterzeugung des
Menschen bezogen ist, bleibt auerhalb unserer
Verstehensmglichkeiten.  Die Sprache der Schriftkultur erweist sich
als eine reduktionistische Maschine, mittels derer wir der Welt aus
der Perspektive unserer eigenen Erfahrungen begegnen.  Sobald wir uns
bewut werden, da es andere Erfahrungen gibt oder da sie doch
mglich sind, versuchen wir, sie zu verstehen; wir wissen aber, da
wir dadurch, da wir sie in unsere eigene Spracherfahrung einbinden,
die Bedingungen ignorieren, unter denen sie gewonnen wurden.
Mndliche Erziehung beruhte auf der zusammenhngenden Einheit von
Eltern und Kind, und Erinnerung, d. h.  Erfahrung, wurde auf
unmittelbarem Wege bertragen.  Die Schriftkultur setzte an die
Stelle dieser zusammenhngenden Einheit die Mittel, Diskontinuitten
und Unterschiede zu erkennen und festzumachen.  In irgendeiner Form
der Aufzeichnung speicherte sie alles, was sich auf die gesamte
menschliche Erfahrung bezog.  Aber mit der Aufzeichnung stellte sie
auch eine neue Form der Erfahrung mit eigenen Werten dar.

Wir haben behauptet, Schriftlichkeit sei eine reduktionistische
Maschine; sie reduziert Sprache auf einen Korpus von allgemein
akzeptierten Weisen des Redens, Aufzeichnens und Lesens, die zwei
Arten von Regeln entsprechen muten: solchen der Zusammenhnge
(Logik) und solchen der Grammatik.  Im Rckblick auf diese
Entwicklung knnen wir verstehen, inwiefern die Schrift die Erfahrung
menschlicher Selbstkonstituierung durch Sprache beeinflut hat.
Insofern teilen wir auch nicht die Meinung derer, die in der
Nachfolge des jungen Wittgenstein eine der Sprache immanente Logik
fr gegeben halten und ihre Aufgabe darin sehen, das ans Licht zu
bringen, was die Sprachzeichen verbergen.  Sprache besitzt keine
innere Logik; jede praktische Erfahrung bezieht Logik und
kontaminiert alle menschlichen Ausdrucksmittel durch die
Schlufolgerung aus dem, was mglich ist, auf das, was ntig ist.


Logiken hinter der Logik

Die im Sprachgebrauch angelegte Koordinationsleistung hat sich im
Verlauf der Sprachverwendung fortentwickelt.  Unverndert blieb
allerdings die Struktur der Koordinationsmechanismen.  Logik, wie wir
sie heute kennen, also eine Disziplin, die durch den schriftlichen
Gebrauch der Sprache legitimiert ist, beschftigt sich mit den
strukturalen Aspekten verschiedener Sprachen.  Wenn wir den
Koordinationsmechanismus von Schrift und Schriftkultur, der die Logik
mit einbezieht, auf diese aber nicht allein reduzierbar ist,
begreifen, knnen wir auch besser verstehen, wie und warum sich jene
Bedingungen herausgebildet haben, die zur Schriftkultur fhrten.
Dieser Koordinationsmechanismus bestand aus Regeln fr den korrekten
Sprachgebrauch (Grammatik), aus der Bewutwerdung der fr die
Lebenspraxis spezifischen Zusammenhnge (Logik), aus
berredungsmitteln (Rhetorik), der Wahlmglichkeit zwischen
verschiedenen Optionen, Erfindungskunst (Heuristik) und der
Argumentation (Dialektik).  In ihrer Gesamtheit lassen sie erkennen,
wie komplex der Vorgang der Selbstkonstituierung ist; einzeln
betrachtet erhellen sie die fragmentierten Erfahrungsbereiche des
Sprachgebrauchs, nmlich Rationalitt, berzeugung, Auswahl, Handeln
und Glauben.  Jedem (relativ) normalen Geschehensablauf liegt eine
Logik zugrunde, ebenso jeder Krise, wenn wir den Begriff der Logik so
weit fassen wollen, da er die rationale Beschreibung und Erklrung
der Faktoren, die zu einer Krise gefhrt haben, mit einschliet.  Und
dieser Logik wiederum liegen andere Formen der Logik zugrunde.  Die
Logik der Religion, die Logik der Kunst, der Moral, der Wissenschaft,
der Logik selbst, die Logik der Schriftkultur: allesamt Beispiele fr
die vielfltigen Interessensgegenstnde des Menschen, anhand derer er
die jeweilige Logik dem Test der Vollstndigkeit (bezieht sie sich
auf alles?), der Folgerichtigkeit (ist sie widersprchlich?) und
bisweilen der Transitivitt unterzieht.

Unabhngig vom Gegenstand (Religion, Kunst, Ethik, eine exakte
Wissenschaft, Schriftkultur usw.) richten die Menschen die jeweilige
Logik als Netzwerk gegenseitiger Beziehungen und funktionaler
Abhngigkeiten ein, anhand dessen man die (religise, knstlerische,
ethische usw.) Wahrheit zu ergrnden sucht.  Diese Logik, die ihren
Ursprung in der anfnglichen Bewutheit von Zusammenhngen hatte,
entwickelte sich zu einem formalen System, von dem manche Philosophen
und Psychologen noch immer glauben, da es in irgendeiner Weise dem
Gehirn (oder dem Geist) zugehrig ist und dessen korrekte
Funktionsweise garantiert.  Erfolgreiches Handeln wurde in diesem
Zusammenhang als Ergebnis der Logik interpretiert, hard-wired, d. h.
fest verdrahtet, als Bestandteil der biologischen Anlage.  Andere
Forscher begreifen Logik als Produkt unserer Erfahrung, besonders
unseres Denkens, das sich auf unsere Selbstsetzung in der natrlichen
und der von uns geschaffenen Welt bezieht.  Als Regelwerk und
Kriterienraster bezieht sich Logik auf Sprache, aber es gibt auch
eine Logik der menschlichen Handlungen, eine Logik der Kunst, der
Moral usw., die jeweils durch Regeln beschrieben werden, mit deren
Hilfe wir Unwidersprchlichkeit erzielen, Integritt bewahren,
Kausalzusammenhnge erkennen und andere wichtige kognitive
Operationen wie Hypothesenbildung und Schlufolgerungen durchfhren
knnen.

In diesem Zusammenhang drngt sich eine alte Frage auf: Gibt es eine
universelle Logik jenseits der Unterschiede in den Sprachen und in
den biologischen Merkmalen, jenseits aller Unterschiede zwischen den
Menschen?  Die Antwort hngt davon ab, wen man fragt.  Aus unserer
Perspektive ist sie eindeutig zu verneinen.  Wir heben ja gerade
Unterschiede hervor, eben weil sie sich auf unterschiedliche Formen
der Logik erstrecken, welche sich wiederum aus unterschiedlichen
praktischen Erfahrungen ergeben.  Aber die Antwort fllt
mglicherweise angemessener aus, wenn wir uns vor Augen halten, da
die Hauptsprachsysteme unserer Welt unterschiedliche logische
Mechanismen verkrpern, die sich auf die Koordinierungsfunktion der
Sprache auswirken.

Wir mssen diese logischen Systeme kurz betrachten, weil sie auch die
Bedingungen erhellen, die die Schriftkultur notwendig gemacht hat und
unter neuen pragmatischen Bedingungen weniger notwendig, wenn nicht
gar berflssig, macht.  Vor allem mssen wir fragen, ob in einer
globalen Welt vereinheitlichende Krfte oder heterogene und
diversifizierende Krfte, wie sie in den verschiedenen
Schriftkulturen und den daran gebundenen logischen Formen verkrpert
sind, wirksam werden.  Aristoteles gilt gemeinhin als Begrnder der
im westlichen Sprachsystem angelegten Logik.  Die griechische Schrift
bot das geeignete Medium fr seine Logik der richtigen
Schlufolgerung aus in Stzen ausgedrckten Prmissen.  Die
Schriftkultur wurde das Haus dieser Logik und verlieh ihr zugleich
eine Gltigkeit und eine Dauerhaftigkeit, die sie noch heute
unantastbar macht.  In den stlichen Sprachsystemen finden sich
hnlich bedeutende Beitrge in den philosophischen Hauptschriften des
alten China und des alten Japan sowie in Hindu-Texten.  Anstelle
eines zwangslufig oberflchlichen berblicks mchte ich ein Zitat
des Fung Yu Lan zum Wesen der chinesischen Philosophie (das zugleich
reprsentativ fr den gesamten Fernen Osten ist) heranziehen:
"Philosophie darf nicht nur Gegenstand der Erkenntnis sein, sondern
mu auch Gegenstand der Erfahrung werden."  Aus der Begrndung der
chinesischen Philosophie in der Erfahrung ergeben sich nicht nur die
Unterschiede zur indischen Philosophie, sondern auch zu den
philosophischen Prinzipien der westlichen Welt.

Die in den indoeuropischen Sprachen zum Ausdruck kommende Logik
grndet auf einer Unterscheidung zwischen Gegenstand und Handlung,
die sich sprachsystematisch in den Kategorien von Substantiv und Verb
ausdrckt.  ber 2000 Jahre lang hat diese Logik die Struktur der
Gesellschaft bzw., wie Aristoteles sagen wrde, der Polis beherrscht
und gesttzt.  Aristoteles definierte den Menschen als
gesellschaftliches Wesen, als zoon politikon, und seine Logik ist der
Versuch, jene kognitive Struktur herauszuarbeiten, die den richtigen
Schlu aus in Stzen ausgedrckten Prmissen erlaubt.  Er versuchte
dabei, die Logik so unabhngig wie mglich von der verwendeten bzw.
von der jeweiligen in anderen Lebensgemeinschaften gesprochenen
Sprache zu sehen.  Ganz hnliche Ziele verfolgen diejenigen, die
heute formale Sprachen entwerfen.

Neben der sprachlichen Behausung der aristotelischen Logik gab es ein
anderes Sprachsystem, in dem das Verb (das sich auf die Handlung
bezieht) im Objekt assimiliert war, nmlich Chinesisch und Japanisch.
Jede Handlung wurde substantivisch ausgedrckt (das Jagen, Rennen,
Sprechen), so da auf diese Weise ein nicht-prdikativer Sprachmodus
entstand.  Eine aristotelische Konstruktion sieht folgendermaen aus:
Falls a gleich b ist (der Himmel ist bedeckt), und falls b gleich c
ist (das, was ihn bedeckt, sind Wolken), dann ist auch a gleich c
(ein bewlkter Himmel).  Nicht-prdikative Konstruktionen kommen
nicht zu derartigen Schlufolgerungen, sondern gehen von einer
Bedingung in die andere ber wie etwa in der folgenden Weise: bedeckt
sein, Bedeckung in Wolkenform, Bewlkung assoziiert Regen, Regen...
Es handelt sich hierbei also um nach hinten offene Verknpfungen im
status nascendi.  Wir sehen, da die aristotelische Logik die
Wahrheit des Schlusses aus der Wahrheit ihrer Prmissen entwickelt
und dies auf eine formale Relation grndet, die von beiden unabhngig
ist.  In einer nicht-prdikativen Logik verweist die Sprache
lediglich auf mgliche Relationsketten, wobei sie implizit anerkennt,
da gleichzeitig auch andere mglich wren.  Direktes Wissen wird
hier nicht abgeleitet, und ebenso wenig werden die Schlufolgerungen
einem formalen Test auf ihre Wahrheit oder Unwahrheit unterzogen.
Der abstrakten und formalen Darstellung der Schlufolgerung auf
Wissen stellt dieses Logikmodell eine konkrete und natrliche Form
der Darstellung gegenber, in welcher Unterschiede bezglich der
Qualitt wichtiger sind als Quantittsunterschiede.

Aus unseren Ausfhrungen ber die Natur der ideographischen Schrift
drfte hervorgehen, da sich eine derartige Schrift nicht fr jene
Art des logischen Denkens eignet, wie es von Aristoteles und seinen
Nachfolgern entwickelt wurde und das seinen Hhepunkt im westlichen
Wissenschaftsverstndnis und im westlichen Wertesystem fand.  Die
Entdeckung fernstlicher Darstellungsformen und der aus den ganz
anderen Denkweisen hervorgehenden Philosophie sowie das zunehmende
Interesse an den diesen Kulturen eigenen und unserer Kultur fremden
Subtilitten hat zu mancherlei Versuchen gefhrt, die Grenzen
zwischen diesen beiden fundamental verschiedenen Sprachkulturen zu
berwinden.  Sollte dies gelingen, so wrde unsere Sprache und damit
unser intellektuelles und emotionales Leben um Dimensionen
angereichert, die den Strukturen unseres westlichen Existenzrahmens
diametral entgegengesetzt sind.

Wir whlen hierfr als Beispiel die Logik des
Abhngigkeitsverhltnisses.  Ausgedrckt im japanischen Konzept des
am umfat es ein ganzes Beziehungsgefge und eine daraus abgeleitete
Logik des Handels, unterschiedliche Denkmodi und unterschiedliche
Wertesysteme.  Die uns bekannten, immer wiederkehrenden
Miverstndnisse zwischen der westlichen Welt und Japan (aber auch
anderen, in gleicher Weise geprgten asiatischen Lndern) lassen sich
teilweise darauf zurckfhren.  Grob vereinfacht knnte man z. B.
sagen, da es sich auch im Verhltnis zwischen einem Unternehmen und
seinen Angestellten ausdrckt: Wenn beide Seiten dieses Prinzip
akzeptieren (was sie auch tun, weil das Prinzip des am im Leben
dieser Menschen struktural verankert ist), ergibt sich fr beide
Vertragspartner daraus die Verpflichtung zur bedingungslosen Treue.
Am kann sich allerdings auch auf die gegenseitigen Beziehungen
innerhalb einer Familie (einschlielich aller Vorurteile) oder auf
die Beziehungen zwischen Freunden beziehen.  Dieser Begriff
bezeichnet eine praktische Erfahrung, die weit ber die genannten
Beispiele hinausgeht: Sie konstituiert einen Handlungsrahmen, der
nicht nur bestimmte (logisch gerechtfertigte) Entscheidungen
ermglicht, sondern den Kontext fr das Denken, Fhlen, Handeln und
Bewerten der in diesen Rahmen eingebundenen Menschen abgibt.  Er
betrifft das Verhltnis zur Sprache ebenso wie das Bildungssystem,
die diese Form der Abhngigkeit als eine logische Form verinnerlicht
hat, die ber jegliche Individualitt Prioritt gewinnt.  Die einzige
Mglichkeit, die Logik des am in unsere Logik zu integrieren--sofern
wir dies fr richtig und fr mglich hielten--lge darin, die in
diesem Prinzip zum Ausdruck gebrachte praktische Erfahrung
nachzuvollziehen.  So scheint am auf Grenzen in unserer Sprache
hinzuweisen, tatschlich aber offenbart sie Grenzen in unseren Formen
der Selbstkonstituierung, Grenzen bezglich der Formen, mit denen wir
unsere gegenseitigen Beziehungen als Teil unserer Erfahrung
definieren.

Im brigen gilt natrlich in umgekehrter Richtung genau das Gleiche.
Auch hier ergab sich aus der Erkenntnis dieser Grenzen ein stark
gewachsenes Interesse an der westlichen Kultur und der Wunsch, sich
einiges davon in Vokabular und Verhalten anzueignen.  Eine wiederum
andere Faszination bte die indische Welt ber den in den vedischen
Texten ausgedrckten Mystizismus und allgemein ber die
nachdrckliche Beschftigung mit den Daseinsbedingungen des Menschen
aus.  Das hat bekanntlich dazu gefhrt, da viele Menschen unseres
Kulturkreises in jener Kultur eine Alternative suchen zu dem, was sie
als berkonditionierte Existenzform, als Leistungs- und
Konkurrenzdruck empfinden.  Der bewute Ausstieg aus der
Schriftkultur und berhaupt aus der Kultur, die Suche nach Befreiung
(mukti), der Ausstieg aus einer auf Ntzlichkeit und Logik
ausgerichteten Welt ist auch heute fr viele "Aussteiger" ein
erstrebenswertes Ziel.  (Dieser Aussteiger mu dabei die von ihm
bewunderte alternative Existenzform keineswegs wirklich verstanden
und vollkommen angenommen haben; in vielen Fllen kopiert man
lediglich einen Lebensstil und gibt sich einem exotischen Eskapismus
hin; junge Israeli drften hierfr ein geeignetes Beispiel sein).

Kurz: Aus der Entwicklung von Sprache und Logik innerhalb der vielen
uns bekannten Kulturen knnen wir die sehr komplexe Beziehung ablesen
zwischen dem, wer wir sind und was wir sind: zwischen unserer Sprache
und der Logik, die die Sprache ermglicht und spter verkrpert.
Jger in europischen Lndern und Jger in fernstlichen Lndern, in
Afrika, Indien und Papua, Sammler, Fischer, Landwirte--sie alle
entwickeln eine je unterschiedliche Beziehung zu ihrer Umwelt und zu
den Fhrungsgestalten in ihrer jeweiligen Lebensgemeinschaft.  Die
Art und Weise, in der ihre relativ einfachen Erfahrungen in Sprache
und andere Ausdrucksformen gekleidet sind, spielt eine wichtige Rolle
fr die Art und Weise, wie gemeinschaftliche Erfahrung, Religion,
Kunst, die Errichtung eines Wertesystems, spter Erziehung und
Identittswahrung organisiert sind.  Es gibt allerdings auch etwas
ihnen allen Gemeinsames, und das bezieht sich in aller Regel auf jene
Beziehungen, die sich im Arbeitsproze abspielen und die sich auf die
Effizienz auswirken.  Diese Gemeinsamkeiten sind entscheidend fr
unser Verstndnis der Rolle, die die Sprache und die Logik in den
verschiedenen Stadien der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Entwicklung gespielt haben und heute spielen.


Die Pluralitt intellektueller Strukturen

Angesichts der Bedeutung, die die Skala bei der Selbstkonstituierung
des Menschen durch Sprache spielt, liegt es nahe zu fragen, inwieweit
auch die Logik durch die Skala beeinflut ist.  Auf den ersten Blick
hat Logik mit Skala nichts zu tun.  Schlsse bleiben gltig
unabhngig davon, wie viele Menschen sie gezogen bzw. nachvollzogen
haben.  Das ist aber nur die universalistische Sehweise.  Wenn wir
die Herausbildung von Logik betrachten und sie auf die praktische
menschliche Erfahrung zurckfhren, welche sich aus dem Bewutsein
von Verknpfungen ergibt, dann ist es nicht mehr so sicher, ob Logik
wirklich von Skala unabhngig ist.  Einige Erfahrungen wren
tatschlich ohne das Erreichen einer kritischen Masse gar nicht
mglich gewesen, und die Beziehung zwischen einfach und komplex ist
nicht nur rein progressiver Art.  Sie ist eine multivalente Relation,
natrlich auch mit zuwachsenden Elementen.

Die praktische Erfahrung einer Stammesgemeinschaft, z. B. in Afrika,
Nordamerika oder Sdamerika, ist definiert durch die Skala der
Beziehungen innerhalb dieses Stammes sowie der Beziehungen zwischen
diesem Stamm und einem relativ begrenzten Daseinsumfeld.  Die dieser
Skala eigene Logik (im Sprachgebrauch einiger Anthropologen sollten
wir von Pr-Logik sprechen) ergibt sich dabei aus der Vorherrschaft
der Instinkte und Intuitionen und drckt sich hauptschlich in
visuellen Mitteln aus, wie wir sie als fr primitive
Mentalittsstadien typische Ausdrucks- und Kommunikationsmittel
erkannt haben.  Die Erinnerung scheint dabei eine wichtige Rolle zu
spielen.  Die unterscheidende Kraft der Sinne (Sehen, Hren, Riechen
usw.) ist besonders stark ausgebildet; die Anpassungsfhigkeit ist
sehr viel grer als bei den Angehrigen moderner Gesellschaften.
Die Stmme leben in getrennten, voneinander abgeschlossenen Gruppen,
sind sich der biologischen Gemeinsamkeiten untereinander nicht bewut
und in ihren berlebensstrategien auf sich selbst beschrnkt.  Wenn
solche Gruppen zueinander in Beziehungen treten, diversifiziert sich
ihre Lebenspraxis, Zusammenarbeit und Austausch jeglicher Art nehmen
zu, die Sprache in ihren vielfltigen Ausdrucksformen wird wichtiger
Teil der Selbstsetzung.

Wir haben gesehen, da Sprache an die frhen Zentren
landwirtschaftlicher Lebensformen gebunden war.  Hier konnte sich die
Bevlkerung vermehren, weil die an diesen Orten gefundene
Lebenspraxis effektiv genug war, um eine grere Anzahl von Menschen
zu unterhalten.  Mglicherweise waren es diese frhen Formen der
Landwirtschaft, in denen die Skala ein Schwellenstadium erreicht
hatte und sich unter dem Einflu der neuen praktischen Erfahrungen
der Sprache eine neue Qualitt des pragmatischen Handelns
herausbilden konnte.  Diese Ttigkeit hatte dann auch eine sehr
przise Logik aufzuweisen, das Bewutsein von einer Vielfalt von
Ebenen, deren Verknpfungen sich entscheidend auf die Ergebnisse
dieses Handelns, also auf das Wohlergehen der Handelnden, auswirkte.
Die Logik gestaltet vor allem die Beziehungen zwischen den
praktischen Ttigkeiten des Menschen und dem Ort, auf den sich diese
Ttigkeiten beziehen und dessen Sakralitt im lateinischen Wortstamm
(Agrikultur--Kultur--cultus) zum Ausdruck kommt.  Logik ist auf
vielfache Weise kulturgebunden und kulturgestaltend--von der
Sequenzierung eines Handlungsablaufes ber die Verwendung der
verfgbaren Ressourcen bis hin zum Entwurf von Plnen, Werkzeugen usw.
Logik und Kultur bedingen sich gegenseitig: diese Abhngigkeit nahm
im Verlauf der Zeit zu und resultierte in den heute entwickelten
logischen Maschinen, die eine Kultur definieren, welche sich von der
Kultur mechanischer Gerte deutlich unterscheidet.  Wir sollten
Unterschiede im Bereich der Intelligenztypen anerkennen, und wir
sollten Unterschiede in Betracht ziehen, die sich aus der Vielfalt
der natrlichen Zusammenhnge des praktischen Lebens ergeben.
Gemeinsamkeiten in der berlebenserfahrung und die Weiterentwicklung
sollten auch in die Dynamik der menschlichen Selbstkonstituierung mit
einbezogen werden.

Allerdings zeigt sich aus heutiger Sicht, da in den
lebenspraktischen Zusammenhngen des postindustriellen Zeitalters die
Logik, die aus den praktischen Erfahrungen der Selbstkonstituierung
in der Welt bezogen wird, und die Logik, die sich bei unseren
Versuchen, die menschliche Welt zu definieren, einstellt, zunehmend
unterschiedlicher Art sind.  Wir lesen nicht lnger die Logik der
Sprache und schlieen von da auf die Erfahrung, sondern projizieren
unsere eigene Logik (selbst ein praktisches Ergebnis unserer
Selbstkonstituierung) in die Erfahrung in dieser Welt.  Booles
Algebra des Denkens ist hierfr ein Beispiel, aber keineswegs das
einzige.  Allenthalben werden heute Sprachen geschaffen, die eine
Vielfalt logischer Systeme untersttzen, unter anderem
autoepistemische, zeitliche, modale und intuitionistische Systeme.

Man knnte fast so etwas wie eine universale Logik und eine
Universalsprache erwarten--in der Vergangenheit und in der Gegenwart
gibt es ausreichende Versuche fr einen derartigen Universalismus.
Leibniz verfolgte Visionen einer idealen Sprache, einer
characteristica universalis und eines calculus ratiocinator.  Viele
hnliche Versuche folgten, aber alle bersahen, da mit zunehmender
Diversifikation der menschlichen Erfahrungen solche Visionen immer
utopischer wurden.  Parallel hierzu trennen wir uns von solchen
Formen der Logik, die wir als geistiges Erbe tradiert haben.  Die
Logik, die in zahlreichen autarken, primitiven Erfahrungen
verschiedenster Bevlkerungsgruppen Asiens, Afrikas und Europas
eingebettet ist, verkrpert heute wenig mehr als kulturelle
Erinnerung.  Die Skala, die in solchen Erfahrungen zum Ausdruck kommt,
und die dieser Skala angemessene Logik wird in der sehr viel
umfassenderen Skala der global agierenden Wirtschaft aufgehoben.  Die
Logik magischer Erfahrungen knnen wir nicht mehr aufdecken und
nachvollziehen, nicht einmal jene rationalen oder rationalisierbaren
Aspekte, die sich auf Pflanzen, Tiere und Mineralien beziehen, die
den uns vorhergegangenen Vlkern als Heilmittel gedient haben.

In unserer heutigen Zeit rcken die Kulturen, die fast allesamt das
Heilige durch das Profane, das Primitive durch das berentwickelte
ersetzen, dichter zusammen.  Dies geschieht nicht etwa, weil jeder es
so mchte, und nicht einmal, weil alle davon profitieren (viele geben
dafr ihre Identitt preis).  Nein, hinter diesem Proze steht die
Notwendigkeit, solche Effizienzebenen zu erreichen, die der neuen
Skala der Menschheit angemessener sind.  Innerhalb dieser Skala
werden die verschiedenen Menschengruppen zuallererst als menschliche
Wesen (nicht als Stmme, Nationen oder Religionsangehrige)
integriert; daraus erwchst allmhlich ein pragmatischer Rahmen,
dessen Kennzeichen die erhhte Integration der Menschen ist.

Die eurozentrische Vorstellung, da alle Typen der Intelligenz sich
auf den westlichen Typ (und damit auf die westlichen Formen der
Sprachpraxis, die in der Schriftkultur kulminierten) entwickeln, hat
sich als Irrtum erwiesen.  Statt dessen machte sich eine Vielfalt
intellektueller Strukturen geltend, leider fast immer auf
demagogische Weise oder als Lippenbekenntnis gegenber der
Vergangenheit, niemals jedoch als eine ffnung auf die Zukunft hin.
Die Schriftkultur hat aus guten Grnden--jenen der industriellen
Revolution--Heterogenitt und damit die Vielfalt der menschlichen
Erfahrungen und Formen der Identittsfindung ausgelscht.  Wenn sich
die Grnde hierfr erschpft haben, weil neue Lebens- und
Arbeitsbedingungen eine neue Logik erfordern, erweist sich
Schriftkultur als ein Hemmschuh, ohne da sich dies allerdings auf
die ihr eigene Logik auswirken mu.

Die Skala des menschlichen Lebens und der menschlichen Handlungen und
die damit verbundene Projektion von Erwartungen jenseits des bloen
berlebens der Selbsterhaltung fhrt nicht zu einer universalen
Schriftkultur, sondern zu zahlreichen unterschiedlichen Alphabetismen
und zu einer Vielfalt logischer Horizonte.  Da die
Koordinationsmechanismen aus Logik, Rhetorik, Heuristik und Dialektik
bestehen, frdert die neue Skala u. a. auch neue rhetorische Mittel.
Wir brauchen uns nur zu vergegenwrtigen, wie sich berredung auf der
Ebene des globalen Dorfes uern knnte oder auf der Ebene des
Individuums, das in diesem globalen Dorf durch die Mechanismen der
Netzwerke und der multimedialen Interaktivitt beeinflut ist.  Die
logischen Mechanismen der Massenkommunikation werden ersetzt durch
berlegungen darber, wie die individuelle Kommunikation intensiviert
werden kann.  Man halte sich nur die neuen heuristischen Verfahren im
World Wide Web oder in der Marktforschung oder den elektronischen
Transaktionen der Netconomy vor Augen.  Faszinierende Forschung im
Bereich der multivalenten Logik, der Fuzzy Logic (der Alternative zur
Logik der scharf definierten Mengen), der temporalen Logik und in
vielen anderen logischen Anstzen, die sich auf Computer, knstliche
Intelligenz, Memetik und Vernetzung beziehen, erffnen einen Weg in
die Zukunft, der weit ber das hinausgeht, was in der
Science-fiction-Welt von non A entworfen wurde.  Die Logik von
Handlungen Zwischen den relativ monolithischen und uniformen Idealen
einer schriftkulturell gebildeten Gesellschaft, die von den Tugenden
der Logik berzeugt ist, und der pluralistischen und heterogenen
Wirklichkeit partieller Schriftkulturen, die die Logik auf Maschinen
bertragen, kann man leicht einen Richtungsunterschied ausmachen.
Personen mit angemessener schriftkultureller Bildung, die im Geist
der Rationalitt und klassischer oder formaler Logik erzogen worden
sind, stehen den Sub-Alphabetismen spezialisierter Arbeitsprozesse
oder den unlogischen Schlufolgerungen, die innerhalb der neuen
Bereiche der menschlichen Selbstkonstituierung getroffen werden,
hilflos gegenber.  Wir wollen uns deren Haltung etwas genauer
betrachten.  Beim bergang von einem Entwicklungsstadium in das
andere erfuhren die Menschen, da tradierte Verhaltenskodes erodieren,
und sie projizieren ihre neuen Lebensumstnde in neue
Verhaltensmuster.  Der in dem berholten Verhaltenskode zum Ausdruck
kommende Typus der Kohsion wurde durch einen anderen und die eine
sich diesem Kode unterwerfende Logik durch eine andere ersetzt.  Wann
immer sich eine Interaktion zwischen Gruppen mit verschiedenen
Kohsionstypen ergab, war auch die Logik ernsthaft auf die Probe
gestellt.  Manchmal setzte sich eine Form der Logik durch; in anderen
Fllen wurde ein Kompromi gefunden.  Primitive Entwicklungsstadien
erweisen sich als erstaunlich anpassungsfhig.

Unser heutiges Entwicklungsstadium, das in mancherlei Hinsicht vom
Ursprung weit entfernt ist, zeichnet sich durch ein Umfeld aus,
innerhalb dessen ein auf hohe Effizienz ausgerichteter pragmatischer
Rahmen geschaffen werden soll.  Logik, Rhetorik, Heuristik und
Dialektik sind innerhalb dieses Rahmens eng aufeinander bezogen.  Mit
anderen Worten: Der Mensch hat eine Entwicklung vollzogen von der
sinnlichen Verankerung in der natrlichen Welt hin zur artifiziellen
(d. h. vom Menschen geschaffenen und gestalteten) Welt, die der
konkreten Wirklichkeit bergelegt wurde--und die sich im brigen
ausweitet auf ein knstliches Leben hin, wie man eine der jngsten
Forschungsrichtungen bezeichnet (ALife).  Innerhalb dieser neuen Welt
beschrnken die Menschen die Projektion ihrer natrlichen und
geistigen Bedingungen nicht mehr auf ein umfassendes Zeichensystem
(oder nur wenige).  Im Gegenteil, alles zielt auf Segmentierung ab,
das Ziel liegt nicht in einer globalen Kohsion, sondern in einer auf
den Einzelfall bezogenen Kohsionskraft, die zur Optimierung des
gegebenen Problems beitrgt.  Komplexitt und Natur dieser
Vernderungen innerhalb des Systems rufen nach einer Strategie der
Segmentierung und einer diese untersttzenden Logik (oder mehreren
Formen der Logik).  In dem Zusammenspiel zwischen Sprache und den
sich in ihr konstituierenden Menschen sind logische Konflikte nicht
ausgeschlossen.  Die Logik der Lebenspraxis, die auch durch die
Heuristik beeinflut wird, und die der Schriftkultur und Bildung
eigene Logik sind nicht unbedingt identisch.

Handlungen implizieren Handlungstrger und verweisen damit auf die
Logik, die in Werkzeuge und die von Menschen geschaffenen Gegenstnde
eingeprgt ist.  Die Annahme, da die in der Sprache zum Ausdruck
kommende Logik sich auch in dem ausdrckt, was zur Herstellung von
Werkzeugen und anderen auf die menschliche Ttigkeit bezogenen
Gegenstnde fhrt, blieb lange Zeit unangefochten.  Auch heute noch
werden Designer und Ingenieure in ihrer Ausbildung einem Ideal von
Bildung und Schriftkultur unterworfen, dessen Rationalitt man in
ihrer Arbeit zu erkennen glaubt.  Dabei haben aber neben der
Entwicklung der menschlichen Sprachen stets auch Zeichnungen als
Anweisung fr die Anfertigung von Gegenstnden und die Ausfhrung
bestimmter Ttigkeiten gedient.  Jede Zeichnung verkrpert auf ihre
Weise die Logik des zuknftigen, mit ihrer Hilfe hervorgebrachten
Gegenstandes, ganz gleich wie ntzlich oder unbedeutend dieser sein
mag.  Unsere Schriftkultur weist einen umfangreichen Korpus von
Texten auf, aus dem die logischen Aspekte des Denkens abgeleitet
werden knnen.  Dem stehen nur ein relativ geringer Bestand von
Zeichnungen und nicht allzuviele Gegenstnde gegenber, die bis in
unsere heutige Zeit berdauert haben.  Produkte werden stets fr
genau bestimmte praktische Erfahrungen entwickelt und haben diese
Erfahrungen oder die Personen, die sie verkrperten, selten
berdauert.  Natrlich berdauerten Straen, Huser, Gerte und
andere Gegenstnde, aber erst mit der Erfindung besserer
Zeichengerte und eines besseren Papiers wurde eine Bibliothek des
Ingenieurwesens mglich.  Zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt,
unterwirft sich die hybride Form der Ingenieurwissenschaft der Logik
wissenschaftlicher Erkenntnis nur in einem bestimmten Ma und
balanciert diese gegen die Logik der sthetischen Wahrnehmung aus.
Im pragmatischen Rahmen jenseits der Schriftkultur spielen die
Ingenieurwissenschaften hinsichtlich der menschlichen
Selbstkonstituierung in sprachgebundenen praktischen Erfahrungen eine
herausragende Rolle.  Sie wirken sich nachhaltig auf die Effizienz
der praktischen Erfahrungen und auf ihre fast unbegrenzte
Diversifikation aus.

Wenn bestimmte Mittel (wie z. B. Sprache oder die heute von
Designern und Ingenieuren verwendeten Visualisierungsmittel)
berkommene Mittel ersetzen oder gar berflssig machen, gibt es eine
Phase des Konflikts, eine Phase der Anpassung und eine Phase der
gegenseitigen Ergnzung.  In der heutigen Zeit mit ihren
distributiven Transaktionsformen, ihrer Heterogenitt und den
Interaktionsformen, die weit ber die Linearitt einfacher Abfolgen
hinausgehen, geraten die strukturalen Merkmale der Schriftkultur mit
der Dynamik einer neuen Entwicklungsphase, die durch leistungsfhige
Technologien mit einer Vielfalt logischer Mglichkeiten getragen wird,
in Konflikt.  Anders ausgedrckt: Wir beobachten, wie die der
Schriftkultur und Bildung eigene Logik mit den neuen Formen der Logik
(die sich in der Tat als eine Vielzahl prsentieren) im derzeitigen
pragmatischen Handlungsrahmen in Konflikt gert.

Innerhalb der Logik des schriftsprachlichen Diskurses, der wir nolens
volens auch in diesem Buch folgen, ist der Versuch, die Schriftkultur
zu bewahren, gleichbedeutend mit dem Versuch, lineare Relationen,
Determinismus, Hierarchie (von Werten) und Zentralisierung aufrecht
zu erhalten, und dies in einem Rahmen, der Nichtlinearitt,
Dezentralisierung, verteilte oder distribuierte Erfahrungsformen und
nicht fixierte Werte verlangt.  Diese beiden Rahmen sind logisch
inkompatibel.  Das heit natrlich nicht, da Schriftkultur,
Schriftlichkeit und Bildung vollkommen aufgegeben werden mssen oder
da sie gar vollends verloren gehen, wie dies mit den Hieroglyphen
oder der piktographischen Schrift geschah, oder da an ihre Stelle
Zeichnungen oder computergesttzte Sprachverarbeitung tritt.  Das
Prinzip der Linearitt wird auch weiterhin eine groe Zahl
praktischer Ttigkeiten bestimmen; das Gleiche gilt fr
deterministische Erklrungen und fr verschiedene Formen des
Zentralismus (politisch, religis, technologisch usw.) und selbst fr
einen elitren Wertbegriff.  Aber es wird nicht mehr ein universeller
Standard sein oder gar ein allgemeinverbindliches Ziel (das alles
Nichtlineare dem Versuch der Linearisierung unterzieht, alles auf
eine Abfolge von Ursache und Wirkung zurckfhrt, alles einem Zentrum
zuordnet und Zentralismus ausbt); es wird vielmehr Teil eines
komplexen Systems von Relationen sein ohne jegliche Hierarchie--oder
zumindest eingebunden in rasch wechselnde Hierarchien--wertfrei,
anpassungsfhig, stark verteilt.

Das Gleiche gilt auch fr den Typ der Logik (und damit der Rhetorik,
Heuristik und Dialektik), der in der Sprache angelegt ist, d. h. der
aus dem Universum der menschlichen Selbstkonstituierung in das System
der Schlufolgerungen, des Wissens und des Bewutseins
hineinprojiziert ist.  Die in unserer Sprache zutage tretende Logik
ist dualistisch, auf dem Gegensatzpaar von wahr und falsch aufgebaut
und untersttzt eine Erfahrungsform, die den abstrakten Charakter
logischer Rationalitt trgt.  Sie wird ergnzt von einem logischen
Symbolismus und einem logischen Kalkl, der diesen Dualismus
formalisiert und andere, dieser dualistischen Struktur nicht
entsprechende logische Modelle ausschliet.

Die bivalente Logik--etwas ist geschrieben oder nicht geschrieben,
das Geschriebene ist richtig oder falsch--gehrt zu den unsichtbaren
Grundlagen der Schriftkultur.  Erst sehr spt, mit dem logischen
Formalismus, konnten sich multivalente Schemata geltend machen.  Wenn
nun der effiziente Rahmen der postindustriellen Lebenspraxis auf
Nichtlinearitt und Vagheit (fuzziness) angelegt ist, dann erweist
sich unsere Schriftkultur als eine schlechte Grundlage fr eine
multivalente Logik.  Auch einige der Teildisziplinen, die sich aus
der Schriftkultur ergaben und als ihre Erweiterung verstehen
(Geschichte, Philosophie, Soziologie), sind nicht in der Lage, eine
Logik aufzunehmen, die sich von derjenigen unterscheidet, die in der
praktischen Erfahrung des Lesens und Schreibens ihren festen Sitz hat.
Das weist die Computerwissenschaft als einen neuen
wissenschaftlichen Horizont aus, innerhalb dessen eine multivalente
Logik auf dem Computer simuliert werden kann, obwohl dessen Struktur
eine andere Logik (diejenige Booles) aufweist.  Die wissenschaftliche
Diskursform der Schriftkultur und der multimediale, nichtlinerare
heuristische Zugang zur Wissenschaft sind fundamental unterschieden.
Sie setzen eine unterschiedliche Form der Logik voraus und bringen
unterschiedliche Formen der Interaktion hervor zwischen denen, die
ihre Identitt in der Ausfhrung wissenschaftlicher Experimente, und
jenen, die ihre Identitt durch die Beteiligung daran finden.

Die Welt der prdikativen Logik und die auf die analytische Kraft
bauende Wissenschaft taten sich schwerer, eine Logik der Vagheit (
fuzzy logic) zu akzeptieren und sie in neue Produkte einzubauen, als
z. B. die Welt der nichtprdikativen Logik und die auf die
synthetische Kraft gesttzte Wissenschaft.  In der Welt der
nicht-prdikativen Sprache ist die Logik der Vagheit in den Entwurf
von Kontrollmechanismen fr Hochgeschwindigkeitszge und der neuen
effizienteren Toaster eingegangen.  In Japan wurde eine auf der Basis
dieser Logik arbeitende Waschmaschine 1993 auf den Markt gebracht,
als man diese Logik in der westlichen Welt noch heftig diskutierte.
Diese Tatsache ist mehr als nur ein einfaches Beispiel im Rahmen von
berlegungen, die die Implikation einer globalen Wirtschaft fr die
verschiedenen Sprachsysteme und die in ihnen verkrperten logischen
Koordinationsmechanismen behandeln.  Der Fortschritt im Verstehen und
in der Weiterentwicklung des menschlichen Denkens weist eine
fortlaufende Entwicklung auf von einem Modell, das auf
Schriftlichkeit und Schriftkultur basiert, zu einem Modell, das in
einem vllig neuen pragmatischen Rahmen wurzelt.  Regelbasierte
Muster-Matching-Systeme verallgemeinern den Prdikaten-Kalkulus;
neuronale Netzwerke ahmen in einer synthetischen
Neuron-plex-Anordnung die Gehirnfunktionen nach; Fuzzy Logic setzt
sich mit den Grenzen des Boolschen Kalkls und den neuronalen Netzen
auseinander und versucht, Ungenauigkeit, Ambiguitt und
Unentscheidbarkeit in dem Mae zu modellieren, in dem diese Phnomene
in der neuen Lebenspraxis des Menschen an Bedeutung gewinnen.


Sampling

Im Rahmen der Schriftkultur vollziehen sich Erinnern und Besinnen und
die daran geknpfte Logik hauptschlich durch Zitieren.  Etwas zu
wissen, heit hier, darber schreiben zu knnen und auf diese Weise
die Logik der Schrift zu bekrftigen.  Lebenswege werden in der
Erinnerung aufbewahrt, Tagebcher sind auf einen intendierten Leser
hin (Geliebter, Kinder, Nachwelt) interpretierte Lebenswege.  Die
schriftkulturellen Mittel, ber aufeinander abfolgende praktische
Erfahrungen gemeinsam zu verfgen, beinhalten die entsprechende Logik
und beeinflussen Erfahrung und deren Kommunikation.  Alles scheint
sich aus demselben Zusammenhang zu ergeben: aus dem Wissen um die
Mittel, die die Erfahrung nacherleben lassen.  Die auf Schrift
basierende Erkenntnislehre mit der ihr impliziten Logik grndet
darauf, die Erfahrung als Spracherfahrung bestndig neu zu schaffen
und nacherleben zu lassen.  Deshalb ist jede Form des Schreibens auf
der Grundlage der in der Schriftkultur verkrperten Struktur
(literarisch oder philosophisch, religis, wissenschaftlich,
journalistisch oder politisch) in Wirklichkeit ein Nachschreiben
(rewriting).

Hingegen ist in einem Stadium jenseits der Schriftkultur das Prinzip
des Sampling--ein Begriff, den wir aus der Genetik
kennen--vorherrschend.  Wir wollen Zitieren und Sampling kurz
miteinander vergleichen.  Die schriftliche Aneignung in Form des
Zitierens vollzieht sich innerhalb der schriftkulturellen Strukturen.
Schriftsprachliche Abfolgen sind so ausgelegt, da sie die Worte
eines anderen ohne weiteres integrieren knnen.  Ein Zitat
signalisiert zugleich die gewnschte Hierarchie, sei es durch
Anrufung, sei es durch Infragestellung der zitierten Autoritt.
Autorenschaft wird ausgebt, indem ein Kontext fr die Interpretation
und zugleich schriftkulturelle Regeln fr deren Vermittlung
geschaffen werden.  Insofern erfllen auch die Interpretationen die
Erwartungen, da mit ihnen die deterministische Struktur der
Schriftkultur, ihre innere Logik, reproduziert wird.  Zugleich
untersttzt das Zitat eine zentralistische Sichtweise, indem es sich
als Interessens- und Verstehenszentrum setzt.

Die jenseits schriftkultureller Verfahren liegende Aneignung
widersetzt sich der Hierarchie und der Sequentialitt, widersetzt
sich dem Gedanken der Autorschaft und den Regeln des logischen
Schlusses.  Sie kennt keine elementaren bedeutungstragenden Einheiten
und geht mit ihren Auswahlverfahren weit ber wohlgeformte Stze,
ber Wrter, Morpheme oder Phoneme und die formale Logik hinaus.  Die
Techniken des Sampling gehen bis zur Rckgngigmachung.  Die
Aneignung kann sich auf Wortrhythmen beziehen oder auf Satzstrukturen,
auf das Feeling eines Textes oder auf die vielen anderen
nicht-schriftlichen Ausdrucksformen.  Alles, was sich auf einen
geschriebenen Satz bezieht--und im brigen auch alles, was sich auf
Musik, Malerei, Geruch, Textur, Bewegung (von Personen, Bildern,
Baumblttern, Sternen, Flssen usw.) bezieht--kann ausgewhlt, in
Einheiten jeder gewnschten Gre aufgelst und als ein Echo der in
ihr verkrperten Erfahrung angeeignet werden.  Genetische
Konfigurationen, wie sie sich bei Pflanzen oder anderen lebendigen
Einheiten finden, knnen ebenfalls vom Sampling erfat werden.  Durch
das genetische Splicing wird die Relation zur umfassenderen
genetischen Textur von Pflanzen oder Tieren aufrecht erhalten.  So
werden auch Wrter, Stze oder Texte durch Splicing an die allgemeine
Erfahrung rckgebunden, in der sie konstituiert wurden.

Derartige Relationen sind stark relativiert und unterliegen einer
Vagheitslogik.  Wenn sie sich auf das beziehen, was wir schreiben,
werden sie durch emotionale Komponenten angereichert, die die
schriftkulturelle Erfahrung aus dem schriftlichen Ausdruck verdrngt
hatte.  Wo sich frher die Strenge und die Logik des guten Schreibens
gegen alle denkbaren Strfaktoren zur Wehr setzten, ist nun Platz fr
Variation, fr Spontaneitt, fr das Zufllige.  Wenn sich diese
Beziehungen auf biologische Strukturen erstrecken, betreffen sie
spezielle Eigenschaften wie Komposition oder Verderblichkeit.  In
dieser Kultur des Sampling gibt es keinen allgemeinverbindlichen
Korpus schriftkultureller Texte und damit verbundener Logik; die
vorherrschende Dynamik dieses Entwicklungsstadiums betrachtet die
Vergangenheit allenfalls als ein erweitertes Alphabet, aus dem man
zufllig oder systematisch diejenigen Buchstaben auswhlen kann, die
zum jeweiligen Vorgang passen.  Diese Buchstaben bilden ein Alphabet
sui generis, verndern sich gemeinsam mit den praktischen Erfahrungen,
auf die sie sich beziehen, und interagieren mit zahlreichen
logischen Regeln fr ihren Gebrauch oder fr das Verstndnis ihrer
Funktionsweise.  Hierbei wird Interpretation nicht nur ein Akt der
Sprachverwendung, sondern der Hervorbringung von Sprache.  Das
biologische Sampling und das damit zusammenhngende Splicing
betrachtet auch das Lebendige als einen Text.  Beide Verfahren
bearbeiten die ausgewhlten Komponenten, um ihren Geschmack, ihr
Aussehen, ihren Nhrwert usw. zu verbessern.  Darin liegt das
eigentliche Ziel der genetischen Steuerung; in dieser Erfahrung hat
die Logik des Lebens, wie sie sich in den DNA-Sequenzen und
Konfigurationen ausdrckt, die Oberhand ber die Logik von Sprache
und Schriftkultur gewonnen, auch wenn die in der Genetik noch so
prominente Textmetapher dabei eine so wichtige Rolle spielt.  Es sei
in diesem Zusammenhang daran erinnert, da das Wort Text vom
lateinischen Wort fr weben kommt und erst spter auf
zusammenhngende geschriebene Satzgebilde angewandt wurde.

Nicht alles, was durch Sampling zusammenkommt, wird in eine graue
Informationsmasse umgewandelt.  In ihrer Lebenspraxis tragen die
Menschen Gefhle und Empfindungen zusammen, Lebensmittel im
Supermarkt, Unterhaltungsprogramme, Kleidung und sogar Partner (fr
bestimmte Gelegenheiten oder als Lebenspartner, als Geschftspartner
und vieles andere mehr).  Im Gegensatz zum Zitieren fhrt das mehr
oder weniger ungesteuerte Zusammentragen zu einer Trennung von dem,
was die Schriftkultur als Tradition und Kontinuitt gepriesen hat.
Vor allem stellt sie den Begriff der Verfasserschaft in Frage.  In
dem Mae, in dem das Sampling in unserer Erfahrung Raum greift,
gewinnt der Mensch eine sehr spezifische Freiheit, die innerhalb der
Grenzen der schriftkulturellen Erfahrung nicht mglich war.
Tradition wird ergnzt durch Innovationsformen, die ein durch
Progression und dualistische (wahr--falsch) Erfahrung
gekennzeichneter pragmatischer Rahmen nicht kannte.  Besonders
deutlich wird das daran, da auf das Sampling stets die Synthese
folgt, die weder wahr noch falsch, sondern (bis zu einem gewissen
Grad) angemessen ist.  In der Musik wird fr diesen Zweck ein Gert
verwendet, das man Sequencer nennt.  Das Zusammengesetzte, das
Komponierte, ist synthetisch.  Das ermglicht eine neue Erfahrung,
die formal gesehen den sogenannten Ad-hoc-Sprachen und ihrer
Verwendung entspricht.  Der Mix Master ist eine Maschine fr das
Recycling von willkrlich definierten Kompositionseinheiten wie Noten,
Rhythmen oder Melodiemustern, die aus ihrem pragmatischen
Zusammenhang genommen wurden.  All dies gilt auch fr den
biologischen Text, auch fr die Biologie des Menschen.  In gewisser
Weise gewinnt die Genmutation den Status eines neuen Verfahrens, mit
dessen Hilfe man neue Pflanzen und Tiere, auch neue Materialien,
synthetisch gewinnen kann.

Die Collagetechnik in der Kunst grndet auf einer hnlichen
Auswahllogik, die ber die realistische Darstellung hinausgeht.
Logische Gesetze der Perspektive werden durch Gesetze der
Gegenberstellung aufgehoben.  Als knstlerische Technik antizipiert
die Collage die Stadien des Sampling und der erwhnten
Kompositionsform.  Mit all diesen Entwicklungen wird aber unsere
Vorstellung von geistigem Eigentum, Markenzeichen und Copyright
verndert, die allesamt einer Logik entspringen, welche an die
Erfahrung der Schriftkultur gebunden ist.  Der Begriff der
Autorschaft ist berholt; sobald etwas in die ffentlichkeit geraten
ist, ist es Gemeinbesitz.

Auch postmoderne Literatur und Malerei kennen die Technik des
Sampling--mit einer Offenheit fr alles, was unser heutiges
Alltagsidiom der Maschinen und Verfremdung zu bieten hat.  Auch das
Sampling bei Pflanzen, Frchten oder Mikroben ist nicht auf die
Bewahrung ursprnglicher Identitt gerichtet, sondern auf die
Hervorbringung neuer Identitten, die ihren Platz in unseren neuen
Erfahrungen der Selbstsetzung zugewiesen bekommen.  Unter dem
Gesichtspunkt der Logik ist das Verfahren insofern interessant, als
es neue Bereiche der logischen Angemessenheit einrichtet.  Logische
Identitt wird aus einer dynamischen Perspektive neu definiert.
Unter pragmatischem Gesichtspunkt knnen z. B. bestimmte Erfahrungen
durch Anwendung einer bestimmten Form von Logik maximiert werden.  In
anderen Fllen knnen komplementre Formen der Logik--die sich so
ergnzen, da eine jede auf einen bestimmten, genau definierten
Aspekt des Systems bezogen ist--fr bestimmte Strategien des
gestaffelten Managements, fr bestimmte Ablufe oder fr parallel
verlaufende Ablufe in Frage kommen.  So verbinden z. B. Strategien
zur Maximierung wirtschaftlicher Transaktionen verschiedene
entscheidungstragende Schichten, derer jede einzelne eine andere
logische Voraussetzung hat.  An die Stelle eines einzigen,
festgelegten logischen Rahmens auf der Grundlage der Schriftkultur
tritt eine Vielzahl logischer Rahmen, die sich auf die Vielfalt
unserer neuen Lebenspraxis einstellt.

Wir wollen einen letzten Gedanken verfolgen.  Reicht es festzustellen,
da die Sprache die ideologische und soziale Identitt des Menschen
ausdrckt?  Die Auseinandersetzung mit der Sprache, genauer: mit der
Verkrperung der Sprache in der Schriftkultur, ist eine
Auseinandersetzung mit allen bio- und soziologischen, politischen und
kulturellen Aspekten, die die Spezies Mensch ausmachen.  Dabei
erweist sich der logische Aspekt offenbar als grundlegend:
bio-logisch, sozio-logisch usw.  Daraus ergibt sich eine Hierarchie,
die mglicherweise nicht jedem einleuchten wird, nimmt doch die
Sprache in diesem System einen hheren Platz zwischen allen am Proze
der menschlichen Selbstsetzung beteiligten Faktoren ein.  Um als zoon
politikon, als homo sapiens, als homo ludens oder als homo faber zu
gelten, mu der Mensch zu all jenen Interaktionen befhigt sein, die
jeder dieser Begriffe beschreibt: auf der biologischen Ebene, auf der
gesellschaftlichen Ebene, innerhalb von Interessensstrukturen, die er
mit anderen Menschen teilt, im Bereich seiner eigenen Anlagen.  Eben
deshalb definiert sich der Mensch durch ein praktisches Handeln, das
die Verwendung von Zeichen wesentlich mit einbeschliet.

Der Mensch gewinnt seine Identitt auf den verschiedenen Ebenen, auf
denen solche Zeichen hervorgebracht, interpretiert, verstanden und
zur Erstellung neuer Zeichen verwendet werden.  Felix Hausdorf hat
deshalb den Menschen auch als ein zoon semeiotikon, als ein
semiotisches, ein Zeichen verwendendes Wesen bezeichnet.  Charles
Sanders Peirce hat im brigen die Semiotik als eine Logik der
Unbestimmtheit verstanden.  Die Zeichen--Bilder, Laute, Gerche,
Texturen, Wrter (oder Wortkombinationen)--die einer Sprache, einem
Diagramm, der mathematischen oder chemischen Formelsprache, einer
neuen Sprache (etwa in der Kunst, der Politik oder im Bereich des
Programmierens), einem genetischen Code usw. zugehren--sind auf den
Menschen bezogen, nicht abstrakt, sondern konkret an unserem Leben
und an unserer Arbeit beteiligt.


Memetischer Optimismus

John Locke hat bereits erkannt, da jegliches Wissen aus der
Erfahrung hergeleitet ist.  Bezglich der Logik oder der Mathematik
war er sich dessen nicht so sicher.  Wenn wir aber Erfahrung als
praktisches Handeln des sich damit selbst setzenden Menschen
definieren, als ein Handeln, aus dem sich die vernderbare Identitt
von in diese Erfahrung eingebundenen Einzelnen oder Gruppen ergibt,
dann leitet sich auch die Logik wie alles Wissen und wie die Sprache
aus der Erfahrung her.  Damit siedeln wir die Logik nicht auerhalb
des Denkens an, aber in der Erfahrung; aufgeworfen ist damit die
Frage nach der logischen Replikation.  Dawkins hat den Replikator als
ein biologisches Molekl definiert, das "die auerordentliche
Eigenschaft hat, von sich selbst Kopien anzufertigen".  Eine solche
Einheit verfgt offenkundig ber Fruchtbarkeit, Treue und
Langlebigkeit.  Auch die Sprache ist ein Replikator; genauer: ein
replikatives Medium.  Die Frage ist, ob Verdoppelung nur kraft der
eigenen strukturellen Merkmale mglich ist oder ob man z. B. die
Logik als Replikationsregel in Erwgung ziehen mu.  Vielleicht ist
ja sogar die Logik ihrer Natur nach replikativ.

Solche berlegungen gehren in den weiteren Rahmen der Memetik.
(Memetik soll den Begriff Genetik anklingen lassen und als
Forschungsgegenstand die Meme, nicht die Gene, haben.) Sie geht von
der Annahme aus, da Meme, die geistigen quivalente zu Genen, auch
Evolutionsmechanismen unterworfen sind.  Im Gegensatz zur natrlichen
Evolution vollzieht sich memetische Evolution in effizienteren
Grenordnungen und mit viel grerer Geschwindigkeit.

Zur Erklrung von kultureller bertragung oder des kulturellen
Erbes--seien sie nun genetischer oder memetischer Natur oder eine
Verbindung aus beiden--wurde bisweilen auf die Existenz eines
Bedeutungsgens geschlossen.  Wrde ein solches Gen existieren, wrde
das nicht heien, da Signifikation durch memetische Replikation
bertragen wird, sondern da die praktischen Erfahrungen der
Selbstkonstituierung des Individuums den Akt der
Bedeutungsherstellung in der Verkleidung verschiedener auf
Zeichenprozesse bezogener Logikformen einschliet.  So verstanden
wre Replikation nicht eine Replikation von Information, sondern von
fundamentalen Prozessen, zu denen u. a. die Konstituierung von
Bedeutung gehrt.  Die Evolution der Sprache und die Evolution der
Logik gehrt zur allgemeinen kulturellen Evolution.  Die Mutation von
Memen und die Erweiterung einer begrenzten Skala, etwa die Skala
begrenzter knstlicher Sprachen und begrenzter logischer Regeln, kann
in Beschreibungen wiedergegeben werden, die den genetischen
Gleichungen hneln.  Wenn sich aber die Skala verndert, drfte sich
die daraus resultierende Komplexitt in solchen Formalisierungen
nicht mehr ausdrcken lassen.

Wie dem auch sei, Ausdruck, Kommunikation, Signifikation und die
fundamentalen Funktionen jedes Zeichensystems sind, unabhngig von
der ihnen eigenen Logik, mit replikativen Qualitten versehen.  Logik
verhindert Entstellung oder stellt doch zumindest die Mittel bereit,
solche zu identifizieren.  Zum besseren Verstndnis dieser Behauptung
brauchen wir uns nur die Replikationsformen vor Augen zu halten, die
bei der Behandlung von Daten in einem Computer im Spiele sind.  Die
Botschaft Error signalisiert den falschen Umgang mit Daten und deutet
mithin auf einen falsch verlaufenden Replikationsproze hin.  Wie
jedes Beispiel hinkt auch dieses: Es knnte ja sein, da diejenige
Logik, nach dessen Gesetzen die Replikation berprft wurde, sich fr
Replikationsprozesse, die ihrer Natur nach anders sind, nicht eignet.
Wenn wir z. B. die der Schriftkultur eigene Logik fr semiotische
Prozesse heranziehen wrden, die fr unser Stadium jenseits der
Schriftkultur charakteristisch sind, wrde der Error-Hinweis, der uns
einen falschen Umgang mit Daten signalisiert, berall auf dem Monitor
aufblinken.  Womit auch immer wir es in der praktischen Erfahrung der
elektronischen Datenverarbeitung zu tun haben und was auch immer
Virtualitt definiert, alles bezieht sich auf einen logischen Rahmen,
der in keinerlei Hinsicht als memetische Replikation der
aristotelischen Logik oder irgendeines anderen in die Schriftkultur
eingebetteten logischen Systems verstanden werden kann.  Meme knnen
repliziert werden, gleich ob sie in neuronalen Strukturen, als Muster
von Rinnen, auf einer CD-ROM, oder in einem HTML- (hyper text markup
language-) Web-Format existieren.  Die Interaktionen zwischen den
Trgern solcher Meme (zwischen natrlichen und/oder knstlichen
Gehirnen) entsprechen einem anderen dynamischen Bereich, dem ihrer
gegenseitigen Identifikation.




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Personenregister


Aristoteles Buch II, Kapitel 5
Barnard, F. R. Buch IV, Kapitel 1
Barthes, R. Buch II, Kapitel 4; Buch IV, Kapitel 6
Barzun, J. Buch III, Kapitel 3
Baudrillard, J. EINLEITUNG
Bayer, H. Buch III, Kapitel 1
Beethoven, L. van Buch V, Kapitel 1
Bell, A. G. Buch I, Kapitel 2; Buch IV, Kapitel 5; NACHWORT
Benn, G. Buch I, Kapitel 2
Berlin, I. Buch IV, Kapitel 5
Bloom, A. Buch I, Kapitel 1
Brown, J. C. Buch I, Kapitel 2
Burgess, A. Buch II, Kapitel 4
Carpenter, E. Buch I, Kapitel 1
Childe, G. V. Buch II, Kapitel 4
Chomsky, N. Buch II, Kapitel 3; Buch III, Kapitel 2; Buch V, Kapitel
1
Chruschtschow, N. Buch IV, Kapitel 5
Clausewitz, Carl von Buch IV, Kapitel 6
Conway, J. H. Buch V, Kapitel 2
Cooper, P. Buch I, Kapitel 2
Darius Buch IV, Kapitel 6
Dawkins, R. Buch II, Kapitel 5
Descartes, R. Buch IV, Kapitel 3
Dewey, J. Buch I, Kapitel 2
Dijkstra, E. Buch III, Kapitel 2
Durkheim, E. Buch IV, Kapitel 3
Edison, T. A. Buch I, Kapitel 2; Buch IV, Kapitel 5
Einstein, A. Buch IV, Kapitel 3; Buch V, Kapitel 2
Emerson, R. W. Buch I, Kapitel 2
Engels, F. Buch IV, Kapitel 5
Enzensberger, H. M. EINLEITUNG; Buch I, Kapitel 1
Epaminondas von Theben Buch IV, Kapitel 6
Faberg, P. C. Buch IV, Kapitel 4
Faulkner, W. Buch I, Kapitel 2
Feyerabend, P. K. Buch IV, Kapitel 3
Galileo Galilei Buch IV, Kapitel 3
George III. (Knig v.  England) Buch I, Kapitel 2
George, H. Buch III, Kapitel 2
Gestetner, S. Buch IV, Kapitel 4
Grotius, H. Buch I, Kapitel 1
Gutenberg, J. Buch II, Kapitel 4
Guttman, A. Buch IV, Kapitel 2
Hasan, B. Buch IV, Kapitel 2
Hauben, M. Buch V, Kapitel 1
Hausdorf, F. Buch III, Kapitel 1
Hawthorne, N. Buch I, Kapitel 2
Hegel, G. W. F. Buch IV, Kapitel 3
Heidegger, M. Buch II, Kapitel 4
Hemingway, E. Buch I, Kapitel 2
Heuss, T. Buch IV, Kapitel 6
Hildegard von Bingen Buch II, Kapitel 4
Homer Buch V, Kapitel 2
Huxley, A. Buch IV, Kapitel 5
Illich, I. EINLEITUNG
Irving, W. Buch I, Kapitel 2
James, H. Buch I, Kapitel 2
Jefferson, T. Buch I, Kapitel 2
Jewtuschenkos, J. A. Buch IV, Kapitel 5
Kant, I. Buch IV, Kapitel 3
Kerkhove, D. de Buch II, Kapitel 4
Kluge, J. NACHWORT
Korzybski, A. Buch II, Kapitel 3
Krause, K. NACHWORT
Lakatos, I. Buch IV, Kapitel 3
Lakoff, G. EINLEITUNG
Lanier, J. Buch IV, Kapitel 1
Le Corbusier Buch IV, Kapitel 4
Leibniz, G. W. EINLEITUNG; Buch II, Kapitel 5; Buch IV, Kapitel 1;
Buch IV, Kapitel 3
Lenin, V. I. Buch IV, Kapitel 5
Leo der Weise Buch IV, Kapitel 6
Leonardo da Vinci Buch IV, Kapitel 1
Leonidas Buch IV, Kapitel 6
Lindendorf, E. Buch IV, Kapitel 6
Llul, R. Buch II, Kapitel 4
Locke, J. Buch II, Kapitel 5
Longfellow, H. W. Buch I, Kapitel 2
Lotman, J. M. EINLEITUNG
Lukrez Buch IV, Kapitel 3
Malthus, T. R. Buch I, Kapitel 1; Buch III, Kapitel 2
Marx, K. Buch IV, Kapitel 3; Buch IV, Kapitel 5
Maturana, H. R. EINLEITUNG; Buch V, Kapitel 1
Maurice (byzant.  Herrscher) Buch IV, Kapitel 6
McLuhan, M. EINLEITUNG; Buch II, Kapitel 4
Moltke, H. von Buch IV, Kapitel 6
Neumann, J. von Buch IV, Kapitel 6
Newton, I. Buch IV, Kapitel 3
Octavian Buch IV, Kapitel 6
Orwell, G. Buch V, Kapitel 2
Otto, N. O. Buch IV, Kapitel 5
Peirce, C. S. EINLEITUNG; Buch I, Kapitel 2; Buch II, Kapitel 5;
Buch IV, Kapitel 3
Platon Buch II, Kapitel 2; Buch II, Kapitel 4; Buch IV, Kapitel 3
Postman, N. Buch I, Kapitel 2
Proust, M. Buch V, Kapitel 2
Pythagoras Buch III, Kapitel 3
Ramses II Buch IV, Kapitel 6
Reich, R. B. Buch III, Kapitel 1
Remington, F. Buch IV, Kapitel 4
Remond, N. de Buch IV, Kapitel 1
Rogers, W. Buch I, Kapitel 1
Royce, J. Buch I, Kapitel 2
Sanders, B. EINLEITUNG; Buch II, Kapitel 5
Schwartzkopf, N. Buch IV, Kapitel 6
Searle, J. Buch I, Kapitel 1
Shakespeare, W. Buch IV, Kapitel 4; Buch V, Kapitel 2
Smith, J. Buch I, Kapitel 2
Snow, C. P. EINLEITUNG
Sokrates Buch I, Kapitel 2; Buch II, Kapitel 4; Buch IV, Kapitel 3
Spencer, H. Buch IV, Kapitel 3
Steiner, G. EINLEITUNG; Buch I, Kapitel 1; Buch V, Kapitel 2
Sterne, L. Buch IV, Kapitel 3
Tesla, N. Buch IV, Kapitel 5
Tiffany, L. C. Buch IV, Kapitel 4
Toqueville, A. de Buch I, Kapitel 2
Toulouse-Lautrec, H. Buch III, Kapitel 1
Turing, A. M. Buch IV, Kapitel 6
Twain, M. Buch I, Kapitel 1
Tzu, S. Buch IV, Kapitel 6
Van Gogh, V. Buch V, Kapitel 2
Vitruvius Buch IV, Kapitel 4; Buch V, Kapitel 2
Wiener, N. Buch I, Kapitel 1
Winograd, T. EINLEITUNG
Wittgenstein, L. Buch II, Kapitel 3; Buch II, Kapitel 5; Buch IV,
Kapitel 3
Zadeh, L. EINLEITUNG



ber den Autor

MIHAI NADIN, geboren 1938 in Brasov (Kronstadt), doppelt
promoviert--in sthetik und Computerwissenschaften--und zweifach
habilitiert--fr sthetik in Bukarest, fr Philosophie, Logik und
Wissenschaftstheorie an der Universitt Mnchen mit einer Arbeit ber
die Grundlagen der Semiotik--, lehrte seit 1977 u. a. in Braunschweig,
Mnchen, Essen, Providence (RI), Rochester (NY), Columbus (OH) und
New York.  Seit 1994 ist er Inhaber des Lehrstuhls fr Computational
Design an der Universitt-Gesamthochschule Wuppertal.  Seine 18
Buchverffentlichungen und mehr als 140 Aufstze, CD-ROM- und
Internet-Publikationen weisen ihn als einen der weltweit fhrenden
Autoren aus, die die gegenwrtige wissenschaftlich-technologische
Revolution und die damit erffneten Mglichkeiten von Kommunikation
und Wissensproduktion sowohl theoretisch reflektieren als auch in der
Praxis vorantreiben.




End of Jenseits der Schriftkultur
(C)1999 by Mihai Nadin











End of Project Gutenberg's Jenseits der Schriftkultur - Band 2, by Mihai Nadin

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JENSEITS DER SCHRIFTKULTUR  ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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