Project Gutenberg's Das hllische Automobil, by Otto Julius Bierbaum

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Title: Das hllische Automobil
       Novellen

Author: Otto Julius Bierbaum

Release Date: October 8, 2013 [EBook #43914]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HLLISCHE AUTOMOBIL ***




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                           Otto Julius Bierbaum


                          Das hllische Automobil

                                 Novellen


               Bibliothek moderner deutscher Autoren Band 6


                    Wiener Verlag Wien und Leipzig 1905


               Der Verleger behlt sich smtliche Rechte vor

                         Umschlag von Richard Lux

    Druck der k. und k. Hofbuchdrucker Fr. Winiker & Schickardt, Brnn.




                              _Vita autoris._


                          =Otto Julius Bierbaum=

erblickte das Licht dieser Welt am 28. Juni 1865 zu Grnberg in
Niederschlesien als der Sohn eines eingebornen Konditors und einer
schsischen Bergmannstochter. In der vterlichen Familie waren zwei
Berufszweige erblich: Ein ser: die Zuckerbckerei, und ein saurer: die
protestantische Theologie. Otto Julius hatte aber wohl einen besonders
starken Gemtseinschlag von der mtterlichen Familie her (in der einmal,
zur Zeit Napoleons, ein franzsischer Tambour eine Gastrolle gegeben
haben soll) und so fand in ihm weder die se noch die saure
Familientradition ihre Fortsetzung. Doch blieb ihm Zeit seines Lebens
von Abstammung wegen ein ausgesprochener Sinn fr bessere Kuchen und
Edelmetalle im Blute, ohne da er ihn indessen immer befriedigen konnte.
Dieses Unvermgen kommt aber eben daher, weil er, statt das Se oder
das Saure oder sonst was Ordentliches zu lernen, sich von Jugend auf
dem Laster des Versemachens und Fabulierens hingegeben hat. Was hat er
davon? --: Ein immer zweifelhaftes Budget und die Ungnade des
Literaturaufsehers Bartels in Sulza bei Weimar -- O, da doch dieses
gewi grliche, aber leider nicht unverdiente Schicksal abschreckend
auf alle unerfahrenen Jnglinge und Jungfrauen wirken mchte, die
in dem Wahne leben, das Dichten sei eine eintrgliche Beschftigung
und mache wohlgelitten bei ernsten Kunstwrtern und gelehrten
Literaturbeaufsichtigern! In Wahrheit fhrt es, wenn man sich ihm nicht
auf der Basis einer =sehr= anstndigen Rente hingibt, direkt ins
Versatzamt und erregt, wenn es nicht so vorsichtig ausgebt wird, da
alles Vergngen daran zum Teufel geht, nur Unwillen.

Dieser Unwillen steigert sich zur Emprung, wenn der Unbesonnene, der
ihn hervorgerufen hat, statt sich durch weise Beschrnkung auf ein
bestimmtes Fach der Dichtkunst wenigstens zum Spezialisten auszubilden,
auch noch einen Mangel an =Charakter= offenbart, indem er halt- und
ziellos in allen Fchern der Poeterei herumfhrt und, wie _iste_
O. J. B., auer Gedichten jeder Art und Unart auch noch Novellen, Romane,
Operntexte, Dramen, Balletts, Reisebeschreibungen, Mrchen und allerhand
Aufstze ber allerhand Menschen, Dinge und Ideen von sich gibt. Dies
ist ein so grober Versto gegen das moderne Gesetz von der Teilung der
Arbeit, da man nicht energisch genug dagegen Front machen kann. Warum,
so fragen wir mit Nachdruck, hat sich O. J. B. nicht damit begngt,
den 'Lustigen Ehemann' zu verfassen? Wie klar umrissen stnde
dann sein Bild im Herzen der dankbaren Mitwelt, whrend es jetzt
unruhig und fatal hin- und herzittert in den verschiedensten Kapiteln
der Literaturkunde, vergleichbar den lebenden Photographien der
American-Biograph-Gesellschaft, G. m. b. H., Berlin.

Da er auch noch Zeitschriften grndete, mag ihm verziehen werden, weil
sie (Pan und Insel) eingegangen sind, und weil es sich schlielich, Gott
sei Lob und Dank, doch herausgestellt hat, da die aufregenden
Nachrichten ber seine schmachvoll hohen Redaktionsgehlter nur die
Phantasiegebilde einiger erfindungsreichen Kpfe waren. Auch seine
lngere Reise im Automobil hat ihren Stachel verloren, seitdem man wei,
da sie nicht auf eigene Kosten unternommen worden ist.

ber seine Mitschuld am berbrettl gehen die Meinungen auseinander.
Einige Passagen im Stilpe belasten ihn zwar schwer, aber das Programm
seines Trianon-Theaters (einmal und nicht wieder!) wird immer als
besinnungslos rein lyrisches Entlastungsdokument angefhrt werden
knnen.

Sonst ist O. J. B. harmlos. Sein Krpergewicht (815 Kilo, die
Kleider nicht mitgewogen), sowie seine untersetzte, deutlichen
Fettansatzes nicht ermangelnde Statur, reihen ihn unter die
Korpulenzen ein, die eher zum Phlegma, als zu kriegerischem
Angriffe neigen. Doch scheint er es sich nicht abgewhnen zu knnen, ber
gewisse Charaktereigentmlichkeiten erbost zu werden, als da sind: Neid,
Lgenhaftigkeit, Tratsch- und Verleumdungssucht und aufgeblasener
Dummstolz. (Woraus deutlich hervorgeht, da man ihn mit Unrecht unter
die Humoristen rechnet.) Durch Radfahren und elektrische Massage
versucht er es brigens, seine Taillenweite dem erwnschten Normalmae
anzunhern, wie er denn auch den Fettbildner Alkohol mit einer
Konsequenz meidet, die ihm sonst nicht eigen ist. Lawn Tennis mute er
leider wegen Mangels an englischen Sprachkenntnissen aufgeben. Die
Pflege des nationalen Skat hinwiederum ist ihm wegen eines
mathematischen Defekts versagt.

Hunde, Katzen, Blumen; Horaz, Shakespeare, Goethe; Gluck, das
'wohltemperierte Klavier', Mozart; Drer, Ludwig Richter, Chodowiecki;
Bttenpapier, Seide und Ceylontee liebt er sehr. Schiller geniet er
einstweilen lieber in der Form Dehmel. -- Fr die grten unter den
modernen Dichtern gelten ihm Dostojewski, Nietzsche und Gottfried
Keller. -- Th. Th. Heine ist ihm lieber, als Max Klinger. -- Ein
rechtschaffenes Biedermeier-Kanapee zieht er ebensowohl einer _sella
curulis_ wie jeder streng modern konstruktiven Lsung des Sitzproblems
vor. Van de Velde verehrt er aus scheuer Entfernung und mit aller
gebotenen Vorsicht. Der wahrhaft aus modernem Bedrfnis und aus der
klaren Tiefe der Zeitseele geborene Nachttopf scheint ihm einstweilen
nur in ornamentalen Anstzen von verdienstlichem Zielbewutsein
vorhanden zu sein. An Buchschmuck hat er sich fr eine Weile
sattgesehn, sowohl an dem botanischer, zoologischer und mineralogischer,
wie an dem rein geometrischer Herkunft. Seine Snden auf diesem Gebiete
bereut er herzlich und hat sich dafr als freiwillige Bue die
vollkommenste Enthaltsamkeit von allen Kopf-, Rand-, Zwischenleisten,
Frontispicen, _culs de campe_ &c. &c. auferlegt. Doch zweifelt er
keineswegs daran, da die Bltezeit des Jugendstiles noch eine hbsche
Zeit andauern wird. -- Was die moderne Musik angeht, so fhlt er keinen
Beruf, sich an dem Gesellschaftsspiele der Auslosung des neuen Messias
zu beteiligen. Er ist dazu musikwissenschaftlich nicht gebildet genug
und mu zufrieden sein, da es ihm beschieden ist, zuweilen moderne
Musik zu hren, die ihm angenehm eingeht, ohne da er zu sagen wei
warum. Im Grunde ist er wohl auch zu frivol dazu, was schon daraus
hervorgeht, da er nicht gerne eine Offenbachsche Operette versumt.

Moderner Bcher liest er nicht gar viele, doch lt er sich von
Liliencron, Dehmel, Wedekind und Gerhard Ouckama Knoop keines entgehen.
In alten Briefwechseln, Tagebchern und Memoiren zu lesen ist ihm ein
groes Vergngen. Den grten Genu auf diesem Gebiete bereiten ihm die
Briefe und Tagebcher Friedrichs v. Gentz, den er berdies fr einen der
besten Prosaisten in deutscher Sprache hlt.

Seine Kenntnis der Weltvorgnge bezieht er aus den Mnchner Neuesten
Nachrichten und dem Simplizissimus. Zu einem Abonnement auf die
Woche hat er sich noch nicht entschlieen knnen, doch lt er sich
eigens zu dem Zwecke allwchentlich einmal die Haare kruseln, um bei
seinem Friseur den Anschauungsunterricht zu genieen, den dieses
vorzgliche Organ der Volksaufklrung gewhrt. brigens photographiert
er, wie jeder Kunst- und Naturfreund, selbst und hat es darin zu einer
Vollkommenheit gebracht, die ihm auer seiner Frau niemand bestreitet.

Religis ist er Eklektiker. Vom Judentum hat er die Psalmen, vom
Protestantismus eine ziemliche Anzahl Gesangbuchslieder, vom
Katholizismus die Instrumentalmusik und verschiedene Bestandteile der
sakralen Garderobe, vom Buddhismus die schne Pose des Sitzens auf einer
Lotosblte, vom Konfuzianismus das Prinzip der groen Wurstigkeit, vom
Taoismus die hchst angenehme Mystik ahnungsvoller Wortverknpfungen in
seine Privatkirche bernommen, deren Hauptlehre brigens lautet: 'Halte
dir alles Gesindel vom Leibe, denn es hindert dich, in deinen Himmel zu
kommen!'

Wollte man ihn nach seiner politischen Meinung fragen, so wrde man ihn
in Verlegenheit setzen. Es kommt das vielleicht daher, weil er keine
Leitartikel liest und Bismarck tot ist.

Exlibris und Ansichtspostkarten sammelt er nicht; dafr alte
Vorsatzpapiere, Glser und Fayencen; Autogramme gibt er nur in schwachen
Momenten ab; jungen Damen und Herren zu sagen, ob sie Talent zur
lyrischen Poesie haben, erklrt er sich fr inkompetent.

Vorbestraft wegen Krperverletzung in idealer Konkurrenz mit einer
bertretung ortspolizeilicher Vorschriften ber das Halten von groen
Hunden.

                     *       *       *       *       *




                                  Inhalt

                Das hllische Automobil                  17

                Der mutige Revierfrster                 63

                Patsch und Tirili                        83

                Die Weihnachtsbowle                     101

                Schwarz-Rot-Gold und Grn-Wei-Rot      123


                     *       *       *       *       *




                          Das hllische Automobil

                                Ein Mrchen
  fr smtliche Alters- und Rangklassen nach einer Idee =Alf Bachmanns=.


Der Riese Rumbo konnte die Menschen nicht leiden, weil sie neben ihm so
lcherlich klein erschienen, aber doch klger waren als er, und weil es
ihm, wegen seiner unmigen Gre und Ungeschlachtheit, nicht mglich
war, mit ihnen zusammen zu wohnen, -- was er doch von wegen Kartenspiel
und anderer Lustbarkeiten, die man nicht allein besorgen kann, ganz
gerne gemocht htte. Wie htte er aber mit jemandem Skat spielen oder
sonst etwas Vertrauliches treiben sollen, da er so gro war, da er
selbst die grten Huser der benachbarten Residenzstadt nicht einmal zu
Leibsthlen bentzen konnte, weil sie dazu zu niedrig gewesen wren?

Daraus knnt ihr euch wohl ungefhr ein Bild machen, wie ber alle
Mastbe und Begriffe ausgedehnt dieser Kerl war.

Mein Onkel, der doch auch ein Mann von gutem Gardemae und berdies
Pfarrer, also gewhnt war, seinen Blick immer aufs Hchste zu richten
hat mir mehr als einmal beteuert, da Rumbo alle seine Begriffe von
Lnge und Breite bertroffen habe. brigens ist es dieser mein Onkel,
der mir diese Geschichte erzhlt hat, was zu bemerken ich nicht zu
ermangeln will, weil man sonst denken knnte, sie htte keine Moral. Die
Wahrheit ist, da sie mehr Moral hat, als selbst der aufmerksamste
Zuhrer beim ersten Male merken kann. Man mu sie sich also ein paarmal
erzhlen lassen. Es verlohnt sich.

Ich selbst habe sie =sehr= oft gehrt, nmlich immer, wenn mein Onkel
meinen Vater zu besuchen kam, um, wie er sagte, nach dem Rechten zu
sehen. Es scheint aber, da das Rechte sich bei uns im Keller aufhielt.
Denn dorthin begaben sich bei solcher Gelegenheit die beiden Brder
sogleich, wenn der ltere beim jngeren zu Besuch angekommen
war. -- Dies nebenbei und ohne eigentliche Beziehung zu Rumbo.

Der war also nach der berlieferung meines Onkels ein =ber=gewaltiger
Geselle. -- Ich wnschte sehr, seine Gre in Metern angeben zu knnen,
aber in dieser Hinsicht hat es mein Onkel an Exaktheit fehlen lassen.
Statt einfach zu sagen: so und soviel Meter oder meinetwegen bayerische
Ruten war er lang, liebte er es, die Ausdehnung des Riesen durch
Vergleiche oder Bilder anzudeuten, wobei es mir nicht entging, da dabei
nicht immer das gleiche herauskam. Machte ich ihn darauf aufmerksam, so
pflegte er zu sagen: Mein lieber Junge, bei ganz groen Gegenstnden
irrt sich selbst die Bibel. Fr das, was das gewohnte Ma malos
berschreitet, haben wir Menschen nicht einmal die Fhigkeit, in Bildern
ordentliche Mastbe zu finden. Kehre dich nicht daran, wenn ich dir
=einmal= sage: Rumbos Beine waren so dick und lang wie die Trme der
Frauenkirche zu Mnchen, und ein =andermal:= Rumbos Nasenlcher waren so
breit und lang wie der Tunnel durch den St. Gotthard. Das stimmt
freilich nicht; aber aufs Stimmen kommts auch nicht an, wo sichs um
Riesen handelt. Sei froh, zu wissen, und la es dir gengen, da Rumbo
auf alle Flle erstaunlich gro war; -- wenn du Lust hast, seiner Gre
noch ein paar Kilometer hinzuzusetzen, so tu dir keinen Zwang an.
Meinetwegen kannst du ihn dir auch ein bichen kleiner vorstellen, wenn
er dir dadurch nher kommt, aber, versteht sich, immer noch so riesig,
da du dich selber darber wundern mut. -- =Darauf= kommt es an.

Ich empfehle euch, es auch so zu halten.

Da Rumbo nicht unter Menschen wohnen konnte, lebte er stndig auf dem
Lande, und zwar in der Nhe der Stadt Kndelimkraut, die sich einer sehr
waldigen Umgebung erfreut. Dort war aber auch wirklich ein Mordstrum von
einem Walde, der fr ihn pate, als wenn er ihm angemessen worden wre.
Tannen wuchsen darin, so dick, da ein Mensch, der um eine htte
herumgehen wollen, dazu eine gute Stunde gebraucht haben wrde.
(Wirklich wahr!) Er htte aber gar nicht drum herumgehen knnen, weil
die Wurzeln dieser Bume wie Gebirge ber die Erde hervorstanden, und
weil das Moos, das auf ihnen wuchs, selber wieder so hoch und dicht war,
wie das Gebsch in einem gewhnlichen Walde.

Fr Rumbo aber war der Wald eben darum gerade recht; und er verlie ihn
nur einmal in der Woche, nmlich am Sonnabend, wo er sich seine Mahlzeit
holen mute. Denn er a nur einmal in der Woche, am Sonntag. Das kam
daher, weil fr ihn eine Woche so viel war, wie fr uns ein Tag.
(Inwiefern? -- das wute sogar mein Onkel nicht zu erklren, dem doch
selbst in der Offenbarung Johannis keine Zeile dunkel war. -- Ihr tut
also gut, euch nicht den Kopf darber zu zerbrechen, was zu unterlassen
brigens auch anderen Problemen gegenber ratsam erscheint, da ein Kopf,
auch wenn er hohl ist, nicht eigentlich die Bestimmung hat, zerbrochen
zu werden. Und =eure= Kpfe, meine Lieben, sind berdies =nicht=
hohl, -- wie wrdet ihr sonst =meine= Zuhrer sein?)

In der Hauptsache bestand seine Mahlzeit aus Gemse. Birkenbume waren
fr ihn Spargel, Eichenbume Spinat, aus jungen Tannen machte er sich
Sauerampferbrei. Kuchen und andere se Speisen konnte er sich nicht
verschaffen, auer wenn er gerade einmal bei einem Bienenzchter
vorbeikam. Da fra er dann gleich smtliche Bienenstcke mit dem Honig,
aber auch mit den Bienen auf, und wenn ihn die Bienen im Munde und im
Magen stachen, sagte er: Ei, das prickelt recht angenehm. Sonst
bestand seine Nachspeise immer aus einem Menschen, und er meinte, das
Menschenblut sei ser als aller Honig; nur schade, da man nicht viel
davon vertragen knne, weil es dusselig mache. Soviel von seiner
Speisekarte.

Da Rumbo dumm war, war er auch faul, und so kam es, da er meistens der
Lnge lang auf dem Boden lag und schlief.

Wie er nun einmal so da lmmelte, fhlte er ein Jucken in seiner Nase
und mute niesen; -- hatzi! flog ein Mensch aus seinem Nasenloch und
mitten auf die ganz mit zottigen Haaren bedeckte Brust.

Hahaha! lachte der Mensch; da bin ich aber mal schn weich gefallen.

Was! Du lachst noch? brllte Rumbo, dich werde ich bermorgen
fressen.

Mich? rief der Mensch, -- dazu bist du ja viel zu dumm. Ehe du mich
ergreifst, bin ich schon ganz wo anders.

Und richtig, wie Rumbo nach ihm fassen wollte, sa der Mensch schon in
seinem linken Ohre und schrie hinein: Du groer Esel!

Rumbo begriff, da das eine Majesttsbeleidigung war und wollte ihn sich
mit seinem kleinen Finger (Klein! -- Du lieber Gott! Er hatte die
Ausdehnung von Frau Klara Ziegler!) aus dem Ohre trillern, aber da war
der Mensch schon lange weg. Und wo sa er? Im Winkel des linken Auges
und kitzelte den Riesen.

Geh weg! schrie Rumbo, das kann ich nicht leiden. (Es war ihm, wie
wenn uns eine Mck ins Auge gekommen ist.)

Der Mensch aber sagte: Nicht eher, als bis du mir versprichst, mich in
Ruhe zu lassen.

Ja doch, ja doch, brllte der Riese, mach nur, da du aus meinem Auge
'rauskommst. Das ist zu widerwrtig.

Siehst du wohl? sagte der Mensch, was Kleines kann auch unangenehm
werden, und er setzte sich auf eine Warze, die sich wie ein mit Gras
bewachsener Hgel, ber und ber mit Haaren bedeckt, auf des Riesen
Nasenspitze erhob.

Das ist ein angenehmer Aussichtspunkt, sagte er, wie er dort sa,
indem er vergnglich mit den Beinen baumelte und sich eine Zigarre
anzndete. Ich habe zwei Seen vor mir, die von Tannen umgeben sind, und
dahinter ist ein Gebirge mit vielen Schluchten, und hoch oben ein Wald
von roten Bumen. Diese Landschaft verdient einen Stern im Bdeker; ich
werde hier ein Aktienhotel grnden.

Na ja: Meine Augen, meine Stirne und mein roter Haarschopf, sagte der
Riese geschmeichelt; aber was ist dir denn eingefallen, da du in meine
Nase gekrochen bist? Dort zieht es doch?!

Eben darum, es ist infam hei heute und ich dachte es mir gleich, da
in diesem Blasebalgfang ein guter Wind ginge, antwortete der Mensch.

Ja, hast du denn keine Furcht?

Vor wem denn?

Na, vor mir!

Vor dir? Dazu bist du mir zu dumm.

Da merkte der Riese, da dieser Mensch, wenn nicht gar ein Genie, so
doch ganz gewi ein brauchbares Talent war, und er sprach:

Du gefllst mir, Mensch, du kannst als Gehilfe bei mir eintreten. Wie
heit du denn?

Frechdachs, antwortete der Mensch.

Das ist ein schner und passender Name fr einen Menschen von dieser
Begabung, meinte der Riese; also, willst du?

Meinetwegen, sagte Frechdachs, wenn es nur was Ordentliches zu tun
gibt und nicht so gewhnliche Hantierungen wie in der Stadt. Dort haben
sie nichts mit mir anfangen knnen und wollten mich deshalb ins
Gefngnis sperren. Ich bin aber ausgerissen.

Na, dann pat du ja famos zu mir, Frechdachs! sagte Rumbo. Du sollst
dich nicht zu beklagen haben. Bei mir gibt's nur solche Sachen zu tun,
die in der Stadt verboten sind.

Das kann ich mir denken, sagte Frechdachs, denn du selber wrdest in
der Stadt verboten werden, wenn sie dich verbieten knnten. -- Aber sag
mal, wozu brauchst du denn einen Gehilfen, du groer Schuft und
Schlagtot? Ein Kerl, wie du, braucht ja blo irgendwo hinzufallen, und
gleich liegt rechts und links von ihm, was er braucht.

Das verstehst du nicht, sagte Rumbo. Ich bin =zu= gro. Erstens werd'
ich zu schnell bemerkt; dann sind meine Bewegungen zu langsam; und
schlielich kann ich so kleines Zeug, wie ihr Menschen seid, nicht gut
anfassen. Entweder zerquetsche ich so eine Made, oder sie rutscht mir
durch eine Fingergelenksfalte weg. Ich sage dir: ich mte verhungern,
wenn ich mich von euch Marschiermcken nhren mte. Zum Glck brauche
ich das zweibeinige Milbenvolk nur als eine Art ser Verdauungspillen.
Aber dazu seid ihr Zappelgemse mir unbedingt ntig. Und deshalb ist es
mir sehr angenehm, einen Menschen als Gehilfen zu haben, denn niemand
kann einen Menschen besser fangen, als ein Mensch. Im Grunde knnt ihr
ja auch nichts, als das. -- Ich habe darum von jeher und immer Menschen
als Gehilfen gehabt, aber leider, leider waren es regelmig
unvorsichtige Burschen, die allzubald auf irgendeine Weise bei mir
zugrunde gingen. Der eine fiel mir ins Ohr und brach das Genick auf
meinem Trommelfell; der andere verlief sich im Dickicht meiner Haare und
verhungerte; ein dritter ertrank in einem Schweitropfen von mir; ein
vierter, der Korpsstudent gewesen war und sich das Trinken nicht
abgewhnen konnte, hielt in der Betrunkenheit, als ich einmal ghnte,
meinen Mund fr einen Weinkeller, lief hinein und erstickte, wie ich den
Mund zugemacht hatte, in einem hohlen Zahn; -- und so weiter, und so
weiter. Du siehst also, da du gut aufpassen mut.

Mir passiert so was nicht; verla dich darauf, meinte Frechdachs; ich
bin daran gewhnt, aufzupassen, wie ein Luchs, denn ich gehre zu den
Vogelfreien, die auch unter Menschen immer auf der Hut sein mssen. Blo
die Kfigmenschen, die Mastgimpelnaturen, die den Frekober stets bei
sich am Halse tragen, drfen es sich erlauben, ohne besondere
Aufmerksamkeit ihrem Tagwerke nachzugehen. Wir, die wir nicht so
tugendhaft und stte sind, sondern immer tapfer und resolut auf Taten
ausziehen, fr die man frher geadelt wurde, jetzt aber ins Kittchen
gesperrt wird -- wir mssen immer die Ohren steif und die Augen offen
halten. Meinetwegen kannst du also ganz ruhig sein. -- Aber: Was krieg'
ich denn als Lohn?

Was? Lohn willst du auch noch? brllte Rumbo, der in seinem
Souvernittsgefhle beleidigt war. Sei froh, da ich dich nicht zum
Nachtisch einnehme. Nein, mein Lieber, Lohn gibt's nicht. Hchstens
einen Titel. Wie willst du lieber heien: General oder Hofmarschall?

Gar nichts will ich heien, sagte Frechdachs; Lohn will ich haben.

Also, wie viel denn? fragte Rumbo.

Kein Geld, antwortete Frechdachs, das kann ich mir stehlen; du sollst
mich zu einem Riesen machen, wie du selber einer bist.

Das kann ich nicht, sagte Rumbo.

Doch kannst du's, erwiderte Frechdachs, mach keine Flausen; ich bin
nicht so dumm, wie du aussiehst, und wei ganz gut, da du's kannst.
Aber du willst nicht, weil du Angst hast, da ich dich dann totschlage,
du Feigling.

Na, also gut, Frechdachs, sagte Rumbo, dem bei so viel Intelligenz
angst und bange wurde, ich mache dich zu einem Riesen, aber erst, wenn
du mir hundert Menschen gebracht hast. ('Nach dem Neunundneunzigsten
fre ich ihn auf,' dachte er sich.)

Abgemacht, sagte Frechdachs. Und was soll ich zuerst tun?

Hm, ja, warte mal, berlegte der Riese eine Weile; da ist drben in
der Wassermhle der junge Mller Bartel Klippklapp, der ist wei wie
sein Mehl vor lauter Fett und mu allerliebst nach Korn schmecken. Den
hol mir! Aber er ist schlau, weit du. Du mut es klug anstellen.

Wenn's weiter nichts ist, sagte Frechdachs, rief seinen Rappen, der in
der Nhe weidete, schwang sich in den Sattel und ritt davon.

Schon nach fnf Stunden kam er wieder und schleppte den jungen Mller an
einem Stricke erwrgt hinter sich her.

Sieh mal an! lachte der Riese, da hast du ja den Bartel Klippklapp,
der so schlau war. Bist wohl noch schlauer gewesen?

Frechdachs antwortete: Dazu hat nicht viel gehrt. Der dumme Kerl stand
gerade in seinem Garten und las Raupen vom Kohl. 'Du, Bartel,' rief ich,
'was machst du denn da?' 'Raupen lesen,' sagte Bartel. 'Was machst du
denn mit den Raupen,' fragte ich. -- 'Was soll ich denn damit machen?'
antwortete er; 'tot machen tu' ich sie; sie fressen mir sonst meinen
Kohl.' -- 'Na, hre mal,' sagte ich, 'das ist aber lieblos; die armen
Tierchen wollen doch auch leben.' -- 'Bist du so ein Esel,' erwiderte
Bartel, 'da du dir deinen Kohl von Raupen fressen lt?' -- 'Nein,'
sagte ich, 'ich habe gar keinen Kohl, aber Hunger. Gib mir einen
Kohlkopf, Bartel.' -- 'Hast du Geld?' fragte der Mller. -- 'Nein,'
sagte ich, 'du sollst mir ihn schenken.' -- 'Du kannst meine Rckseite
bewundern,' rief er da, lachte und drehte sich um. -- 'Wart,' dachte
ich, 'alter Geizkragen, fr meinen Meister Rumbo sollst du auch bald
eine Raupe sein,' warf ihm die Schlinge meines Strickes um den Hals,
zog sie fest an, und ritt hui, hussa, hop, galopp mit dem Anhngsel
davon. Da hast du den Mehlwurm!

Der Riese war sehr zufrieden mit dieser Leistung und lobte seinen
Gehilfen, fand aber, da der Mller zu mehlig schmeckte. -- Bring mir
was Pikanteres das nchstemal, befahl er.

Frechdachs machte sich auf und berlegte: 'Wen soll ich bringen? Pikant,
das ist leicht gesagt, aber wo gibt es heutzutage Menschen von pikantem
Geschmack, die noch =geniebar= sind? Wenn ich den Doktor Schwalbendreck
erwischte, dem vor Brotneid das Blut sauer geworden ist und der infolge
seiner krankhaften Begierde, ble Gerchte zu verbreiten, einen netten
kleinen Herzkrebs von zweifellos schwefligem Geschmacke acquiriert hat,
so wre das ja am Ende ein gefundenes Fressen fr meinen Herrn und
Meister, der berdies, so viel ich wei, noch keinen Dramatiker gegessen
hat, aber erstens wird es schwer sein, dieses Herren habhaft zu werden,
der sehr vorsichtig geworden ist, seitdem ihm jemand von ferne eine
Pistole gezeigt hat, und dann frchte ich, da er schlielich =zu=
penetrant schmeckt. Vergiften darf ich meinen verehrten Giganten doch
auch nicht gleich. Sonst brauchte ich ihm ja nur ein Gnseweisauer von
verleumderischen Klatschbasen zu servieren, deren ich einige in der
Stadt Kndelimkraut recht gut kenne.... Halt! Wie wrs mit dem dicken
Literaten, der frher Pastor war!? In ihm vereinigt sich ein Restchen
pfffischer Heimtcke mit journalistischer Giftdrsenhypertrophie, --
eine angenehme Mischung, sollte ich meinen.... Aber diese Art Leute sind
schwer zu fassen. Es gibt keinen Strick, aus dem sie sich nicht zu
winden vermchten. Ich spare ihn mir fr ein andermal auf!' -- So ritt
Frechdachs in ziemlicher Verlegenheit durch Flur und Auen. Da begegnete
ihm in seiner Kutsche der Doktor Rasso Schneidebein, der zu einer armen
alten Frau gerufen worden war.

He, Herr Doktor, Herr Doktor! rief Frechdachs, bitte, kommen Sie doch
gleich zu meinem Meister, der sich bergessen und Bauchkneipen hat, und
geben Sie ihm was ein.

Hat dein Meister Geld? fragte Doktor Schneidebein.

Na, ich danke, sagte Frechdachs, Geld wie Heu! Sie kriegen zehn
Taler.

Zehn Taler? dachte sich der Doktor, das ist ein hbsches Stck Geld,
und von der Alten krieg' ich blo ein Vergeltsgott. Mag sie meinetwegen
ohne mich sterben!

Also schn, sagte er, ich komme mit; es mu aber auch etwas
Ordentliches zu essen geben.

Einen fetten Braten, sagte Frechdachs und sah dabei den Doktor an, der
in der Tat sehr fett war.

Als sie in die Nhe des Waldes kamen, wo der Riese wohnte, wurde es dem
Doktor unheimlich zumute.

Das ist ja der wilde Wald, wo der Menschenfresser haust, rief er;
bist du wahnsinnig, da du mich dorthin fhrst?

Wieso denn, sagte Frechdachs, es ist ja der =Menschenfresser=, dem Sie
etwas eingeben sollen, weil er Bauchweh hat.

Um Gottes willen, schrie der Doktor, was soll ich denn dem Riesen
eingeben?

Sich selber sollen Sie ihm eingeben, denn Sie stecken ja voll von
Medizin, sagte Frechdachs.

Nein, nein, nein, das will ich nicht, rief der Doktor; ich mu zu
einer alten Frau, die im Sterben liegt. Umkehren, Kutscher, umkehren!

Das httest du frher sagen sollen, alter Schuft, rief Frechdachs,
schlug dem Doktor den Schdel ein, legte ihn quer vor sich auf den
Sattel und galoppierte davon, ehe der Kutscher seinem Herrn htte zu
Hilfe kommen knnen.

Auch mit dieser Leistung war Rumbo sehr zufrieden, zumal der Doktor in
der Tat sehr pikant nach Karbol, Jodoform und anderen Medizinen
schmeckte.

Du bist ein verflixter Kerl, Frechdachs, sagte er, und verstehst
Abwechslung in meinen Nachtisch zu bringen. -- Was gibt's denn =nchsten=
Sonntag?

Einen Pfarrer, antwortete Frechdachs.

Ah, schmunzelte Rumbo, einen Pfarrer! Das ist eine ganz herrliche
Idee! Such aber einen recht fetten aus, ja?

Ich wei schon einen, sagte Frechdachs, und dachte an den, der ihm in
der Christenlehre immer so heftig ins Gewissen geredet hatte, weshalb er
ihn aufrichtig hate. Ging also zu ihm und sprach: Lieber Herr Pfarrer,
ich soll Euch zu einer Gastmahlzeit bei meinem Herrn, dem reichen
Gutsbesitzer Jrg Maulvoll, einladen fr nchsten Sonntag. Mein Herr
wrde glcklich sein, einen so heiligen Mann nach Verdienst mit den
herrlichsten Speisen und Weinen zu bewirten.

Und fgte noch viele grobe Schmeicheleien und Erzhlungen hinzu, was fr
schne und gute Dinge es geben werde.

Der Pfarrer war aber wirklich ein frommer Mann und sprach: Am Sonntag
habe ich keine Zeit, viel zu essen und zu trinken, da mu ich meine
Predigt halten. Komm du in meine Predigt, Bursche, und dein Herr auch,
das ist =meine= Einladung. Leb wohl!

'Au weh,' dachte sich Frechdachs, 'bei dem bin ich schief angekommen.
Wenn die Pfarrer alle so sind, kann sich Rumbo den Mund wischen.'

Es waren aber nicht alle so. Schon beim nchsten glckte es.

So, sagte der, gefllten Truthahn, eingemachte Hammelnieren,
Erdbeeren mit Schlagrahm, Apfelsinentorte und Muskatwein? Hm, hm! Und
Herr Maulvoll ist ein Mann, der einen heiligen Lebenswandel schtzt?
Gut. Gut. Ich komme. Ich komme gleich mit.

Whrend er sich reisefertig machte, kam ein Bote und meldete, da ein
armer Taglhner am Sterben sei und gerne noch mit dem Herrn Pfarrer
beten wolle.

Ich habe eine wichtige Abhaltung, sagte der Pfarrer; so schnell
stirbt sich's nicht; er soll bis morgen warten.

'Du wirst gleich sehen, wie schnell sich's stirbt,' dachte sich
Frechdachs, half dem dicken Pfarrer in die Kutsche, setzte sich auf den
Bock und fuhr los. Die Pferde liefen wie der Wind, die Kutsche sprang
und tanzte nur so ber Stock und Stein.

Nicht so schnell, nicht so schnell, rief der Pfarrer; das Essen wird
mir nicht bekommen, wenn ich so durchgerttelt werde.

Aber mrbe wirst du werden! rief Frechdachs.

Mrbe? Wieso? Was heit das? keuchte der Pfarrer.

Das heit, da du ein zher Heuchler bist. H! Rappen! H! Rumbo hat
Hunger.

O Gott! O Gott! O Gott! sthnte der Pfarrer. Der Teufel sitzt auf dem
Bocke.

Nein, des Teufels Kster sitzt in der Kutsche, sagte Frechdachs,
kehrte die Peitsche um und schlug mit dem dicken Ende den schlechten
Pfarrer tot.

Wie Rumbo diesen dicken Mann sah, lief ihm das Wasser im Munde zusammen,
und er wollte sich gleich ber ihn hermachen.

Nein, Meister Rumbo, damit wollen wir noch ein bichen warten, sagte
Frechdachs. Ich habe mir einen herrlichen Spa ausgedacht. Den Pfarrer
soll der Teufel verspeisen, Ihr aber den Teufel!

Du bist selber des Teufels! rief Rumbo. Wo denkst du hin! Der Teufel
ist strker als ich.

Ja, wenn er keinen Pfarrer im Leibe hat. Von dem da aber kriegt er das
Bauchgrimmen von wegen der Geweihtheit, und dann werden wir seiner fix
Herr.

Hm. Das lt sich hren. Wie willst du aber den Teufel herbekommen?

Das lat nur meine Sorge sein!

Frechdachs, wie ihr wohl schon bemerkt habt, verstand sich auf
Teufeleien, und so ist es kein Wunder, da er sich auch auf den
Charakter des Teufels und seiner Gromutter verstand.

Er ging zu einer Felsenspalte, wo, wie er wute, der Teufel oft
herauskam, Kienpfel zu suchen, die er zur Heizung der Hlle brauchte.

He, rief er da, Herr Baron! Herr Baron!

We...we...wer ruft denn da? meckerte es aus der Felsenspalte. Mein
Enkel hat keine Zeit. Er macht sich eine Klaviatur aus Geizhalsknochen.

Ah, rief Frechdachs, hochwohlgeboren die Frau Teufelin-Gromutter!
Nein, was fr eine schne Stimme! Sie sollten die Knigin der Nacht
singen! Ich hab' mein Lebtag keinen solchen Sopran gehrt.

Des Teufels Gromutter hatte ein Gefhl, als wrde sie mit altem
Dachsfett eingerieben, so angenehm fuhr ihr diese Schmeichelei ber die
runzelige Haut. Sie erschien sofort in der Spalte.

Jeder andere Mensch wrde vor ihrer Hlichkeit in Ohnmacht gesunken
sein. -- Ihre Nase war ein Schweinsrssel; ihr Mund eine grne gezackte
Furche, die von Ohr zu Ohr reichte; ihre Ohren aber waren zwei alte,
feuchte graugelbe Waschlappen. Von Zhnen hatte sie nur zweie, die aber
standen wie die Hauer einer Wildsau krumm empor, ganz braun, und der
eine wackelte. Ihre Augen saen wie Krebsaugen an Stielen und waren gelb
und fransig wie Pfifferlinge. Anstatt Haaren hatte sie graugrne
Tannenflechten, die mit schmutzigem Harz verklebt waren. Zwei grliche
braune, mit gelben Adern berzogene Krpfe baumelten ihr wie groe
Flaschenkrbisse am Halse. Als Kleidung trug sie lederne Hosen und eine
Jacke aus demselben Stoffe, beides Stcke der Ausrstung eines eben in
der Hlle angekommenen Automobilisten, der als Klecks an einer
Gartenmauer geendet hatte, nachdem unter seinem Mordwagen zwanzig
Menschen umgekommen waren. Auch die Lrmtrompete dieses Straenmrders
trug sie am Grtel, und es machte ihr Spa, zuweilen auf den Gummiball
zu drcken, da es nur so tutete.

Frau Baronin beherrschen auch noch dieses modernste aller
Musikinstrumente? rief Frechdachs, den ihre Erscheinung durchaus nicht
auer Fassung gebracht hatte. Nein, wie talentvoll Sie sind! Und wie
Sie aussehen! Wie Sie aussehen! Die ewige Jugend! Wirklich, es ist ein
Verbrechen, da Sie sich der Bhne entziehen!

Des Teufels Gromutter wand sich vor Entzcken, da alle ihre Knochen
knackten, und sprach: Sie haben viel Lebensart, mein Herr, und ich
hoffe, Sie bald bei uns begren zu knnen. Aber was wnschen Sie
eigentlich?

Ach, antwortete Frechdachs, eine Kleinigkeit. Mein Meister, der
berhmte Rumbo, mchte eine Menschendrrmaschine anlegen, weil er das
rohe Fleisch nicht mehr vertrgt, und da es dafr keine Installateure
gibt, mchte er den Herrn Baron, Ihren Enkel, bitten, die Anlage zu
bernehmen. ber den Preis werden sich der Herr Baron und mein Meister
schon einigen.

Gewi, gewi, mein Herr. Mein Enkel arbeitet zwar sonst seit den Zeiten
der Inquisition nicht mehr auer Hause, mit Ausnahme der
Automobilbranche, aber er wird mir zuliebe schon eine Ausnahme machen.
Was krieg' ich denn fr meine Frsprache?

Einen Ku! sagte Frechdachs, machte ohne Zaudern einen Schritt
vorwrts und kte die Alte auf ihre grne Furche.

Darauf mute er, wieder zu Hause angekommen, sich zum erstenmal in
seinem Leben die Zhne putzen.

Ihr knnt euch denken, was fr Augen Rumbo machte, als er hrte, da der
Teufel selber ihn besuchen wollte. Er war auer sich vor Freuden
darber, denn er zweifelte gar nicht mehr daran, da es ihm gelingen
werde, den Teufel zu verspeisen.

Denke dir blo, sagte er zu Frechdachs, indem er sich fortwhrend die
wulstigen Lippen mit seiner breiten Zunge ableckte, ich werde den
Teufel als Nachtisch genieen, als Pille einnehmen, als Bonbon
schlucken! Das wird nicht blo ein groes Vergngen fr mich, sondern
das erste Verdienst sein, das ich mir um die Menschheit erwerbe. Pa
auf, sie werden mir in einer schnen Hurrah-Allee neben lauter Kaisern,
Knigen, Herzogen, Prinzen, Generalen und Diplomaten ein zuckerblankes
Denkmal setzen und darauf schreiben: 'Ihrem groen Wohltter Rumbo, der
den Teufel gefressen hat, die hochachtungsvoll dankbare und ganz
ergebene Menschheit.' -- Ha, und wie er nach Pech und Schwefel schmecken
und wie hei sein Blut sein wird! Wahrhaftig, Frechdachs, du bist ein
Hauptkerl! Komm her, ich mu dir einen Ku geben!

Lieber nicht! sagte Frechdachs, es knnte leicht passieren, da du
mir vor lauter Zrtlichkeit dabei den Kopf abbissest, und ich habe mir
sagen lassen, da das ein unangenehmes Gefhl ist. Wir wollen uns lieber
darber einigen, wie hoch du mir den Teufel anrechnest. Denn das ist
doch wohl klar, da er mehr gilt als ein Mensch.

Das versteht sich, sagte Rumbo, alles, was recht ist: Der Teufel mu
mehr gelten, als ein Mensch. Darber sind sich die Gelehrten einig.

Na, das freut mich, da du das einsiehst, obwohl du viel dmmer bist
als lang und breit, meinte Frechdachs, den seine Erfolge noch
unverschmter gemacht hatten als er von Natur schon war, aber nun
wollen wir mal sehen, ob du dir auch einen Begriff machen kannst, =um wie
viel= der Teufel mehr gelten mu als der Mensch.

Ich glaube, sagte Rumbo nach einigem Nachdenken, wir knnen ihn fr
fnf Menschen rechnen.

Warum gerade fr fnf? fragte Frechdachs.

Wenn fnf Menschen ihren Verstand zusammentun, antwortete Rumbo, sind
sie imstande den Teufel zu betrgen.

Das ist richtig, sagte Frechdachs, aber der Verstand ist auch des
Teufels schwchste Seite. Du mut mehr sagen, Rumbo!

Hm, sann der nach, hm, warte mal: Sagen wir zehn!

Warum zehn? fragte Frechdachs.

Wenn zehn Menschen, antworte Rumbo, ihre Bosheit zusammentun, ist es
so viel Bosheit, wie der Teufel allein besitzt.

O, meinte Frechdachs, da irrst du dich. Wenn es auf die Bosheit
ankme, brauchten wir den Teufel nicht hher zu berechnen als einen
Menschen, denn ein Mensch hat fr sich allein mehr Bosheit im Leibe als
der Teufel und seine Gromutter zusammen. Trotzdem ist aber zehn eine zu
=niedere= Zahl; du mut schon noch was drauf legen.

Hr mal, sagte Rumbo, du bist doch wirklich ein Frechdachs. Du tust
gerade so, als wenn ich ein kleiner Junge wre, und ich se bei dir in
der Rechenstunde. Sage mir lieber gleich, wie hoch ich dir den Teufel
anrechnen soll.

Du sollst ihn mir, sagte Frechdachs, fr =hundert= Menschen anrechnen,
denn der Teufel ist hundertmal =ehrlicher= als ein Mensch.

Ich denke, er ist der Vater der Lge? meinte Rumbo.

Das schon, erwiderte Frechdachs, aber er leugnet das auch gar nicht.
Er lgt immer und ewig, nur in einem nicht. Er sagt nicht: 'Ich bin die
Wahrheit,' wie er auch nicht sagt, 'ich bin die Liebe,' oder: 'ich bin
die Gte.' Nein, der Teufel ist die Lge, der Ha, die Bosheit, aber das
bekennt er auch, whrend die Menschen sich immer besser stellen, als sie
sind, und keiner treffgenau das ist, was er scheinen mchte. -- Aber, um
das zu kapieren, bist du wirklich zu dumm, Rumbo, denn nicht einmal die
Menschen, die doch im allgemeinen klger sind, als du, wollen das
einsehen. Gib dir weiter keine Mhe, das Rechenexempel zu fassen, und
nimm es einfach fr richtig an. So hast du am wenigsten Schererei und
darfst dabei die angenehme Empfindung haben, an eine groe Wahrheit
wenigstens zu =glauben=, wenn du sie auch nicht begreifst.

Von diesen Bemerkungen ward es dem Riesen in seinem drftigen Gehirne
schwindelig, und er sagte, um nicht weiter denken zu mssen: Also ja,
meinetwegen, lassen wir ihn fr hundert gelten. --

Am nchsten Sonntag machte Frechdachs aus dem Pfarrer ein schnes
Ragout, das er, da er den Geschmack des Teufels kannte, sehr stark
pfefferte. Rumbo a nichts davon, weil er sich den Geschmack nicht
verderben wollte, denn, sagte er sich, ein schlechter Pfarrer ist zwar
ein Teufelsbraten, aber der Teufel selber ist doch noch eine grere
Delikatesse.

Punkt zwlf Uhr kam der Teufel in einem feuerroten Automobil angefahren,
das aber nicht mit Benzin betrieben wurde, sondern mit der Speiwut
verleumderischer Menschen, deren Seelen im Kraftbehlter eingesperrt
waren und einander gegenseitig zum Explodieren brachten. Infolgedessen
lief das Automobil in der Stunde tausend Kilometer, doch stank es dafr
auch noch hundertmal mehr als ein gewhnlicher Motorwagen. Es hatte vorn
eine groe und etwas weiter hinten an der Seite zwei etwas kleinere
Laternen. Die vordere brannte so entsetzlich stechend grn und grell,
da alle Blumen, die ihr Schein traf, verwelkten. Es war nicht Azetylen,
was darin leuchtete, sondern der Neid. Die rechte Seitenlaterne hatte
ein rotes zuckendes Licht, das eine groe fressende Hitze ausstrahlte.
Es war der Ha, der in ihr brannte. Die linke Seitenlaterne gab ein
fahles, blaues, kaltes Licht, in dem alles tot, erbrmlich, winzig
aussah. Dieses Licht war die Verkleinerungssucht. -- Als Bremsleder
hatte der Teufel unzhlige bereinandergeprete Hute von solchen
Menschen verwendet, die, auf kein anderes Recht fuend, als das der
Majoritt der herrschschtigen Dummkpfe, Zeit ihres Lebens mit Erfolg
bestrebt gewesen waren, die Arbeit heller und heiterer Kpfe zu stren.
Diese Bremsleder funktionierten mit unfehlbarer Sicherheit; doch hatten
sie einen Nachteil: sie schnurrten und brummten entsetzlich, wenn sie in
Ttigkeit waren. -- Luftschluche verwandte der Teufel an den Rdern
seines Automobiles nicht. Er hatte sich aus den Gehirnen von Hflingen
und Demagogen eine Masse konstruiert, die so elastisch und nachgiebig
war, da sie jeden Sto aufhob. -- Die Laufmntel aber waren aus einer
Paste geknetet, die im wesentlichen aus dem Rckenmark von Menschen
bestand, die whrend ihres Lebens keine hhere Wollust gekannt hatten,
als sich aus trotzigem Eigensinn beharrlich gegen jede bessere Einsicht
zu sperren. Es war eine beraus zhe Paste, mit der man ruhig ber
Granitsplitter fahren konnte. -- Als Polster auf den Sitzen seines
Laufwagens verwandte der Teufel Luftkissen, die aber nicht mit
gewhnlicher Luft, sondern mit dem blauen Dunste utopistischer Ideen
gefllt waren. Besonders bequem sa sich auf dem einen Kissen, das der
Teufel das Egalit-Kissen nannte.

Der hllische Baron sah in seinem Chauffeurkostm sehr schick, also sehr
scheulich aus. Er trug, das Fell nach auen, einen zottigen, rostroten
Gorillapelz als Joppe und schwarze Bockslederhosen, die unten von
Elchledergamaschen umschnrt waren. Seine Fahrbrille hatte natrlich
rote Glser, und in seiner Mtze waren zwei Lcher fr die Hrner
angebracht, welche sich fr das Automobilfahren als besonders praktisch
erwiesen, weil sie ein Sturmband ersetzten. Statt der Hubbe bentzte der
Herr Baron von Pechheim auf Schwefelhausen eine der Posaunen des
jngsten Gerichtes, die bei ihm in Versatz gegeben sind bis zu dem
Augenblick, wo man ihrer bentigt.

All Unheil! rief der Teufel, als er angekommen war, da bin ich! Ich
komme direkt aus der Mandschurei, wo ich jetzt los bin. Viel Zeit habe
ich nicht; da oben gibt's jetzt alle Hnde voll fr mich zu tun. -- Aber
zuerst was zu essen, wenn ich bitten darf; dann will ich gleich den
Menschendrrapparat aufstellen. brigens haben die Menschen schon selber
genug solcher Apparate konstruiert, in Fabriken, Bureaus, Schulen und so
fort, aber ich sehe ein, Sie brauchen einen, der schneller arbeitet. --
Also schnell, schnell, einen Happen-Pappen!

Frechdachs rannte in die Kche und trug, die Serviette unterm Arm, das
klerikale Ragout auf.

Was ist das, wenn ich fragen darf? sagte der Teufel.

Ein kleines _Ragout fin aux fines herbes pastorales_ als Vorspeise,
antwortete, die Schssel prsentierend, Frechdachs, whrend Rumbo, auf
dem Bauche liegend, den Teufel so mit seinen Blicken verschlang, als
gensse er ihn in der Phantasie bereits leibhaft.

Die ganze Szene war von Frechdachs so arrangiert, da Rumbo in der Tat
blo zuzuschnappen brauchte, -- wohlgemerkt, wenn der Teufel vorher
gefesselt war, und zwar =kreuz=weis, denn so lange der Teufel nicht das
Zeichen des Kreuzes in fester Verknpfung von hanfenen Seilen an sich
sprt, ist er von niemand zu fassen und zu fangen. 'Ihn kreuzweise zu
fesseln,' dachte sich Frechdachs aber, 'wird nicht weiter schwer sein,
wenn erst das Magenweh nach genossenem _filet de cur_ eingetreten ist.
Der Teufel wird sich an den Leib fassen, sobald ihm von dem geweihten
Fleische bel wird, und in diesem Augenblick der Schwche werde ich ihm
kreuzweise die Schlinge ber Hnde und Bauch werfen. Und dann, hurra!
hinein mit dem Schwefelfritzen in den offenen Rumborachen.' (Denn die
Tafel stand direkt vor dem Maule Rumbos, mit der angenehmsten Aussicht
auf das Dolomitenpanorama der Zhne des Riesen.)

Man sieht, alles fute auf der Voraussetzung, da den Teufel, da er ja
kirchlich Geweihtes durchaus nicht vertragen kann, vom Fleische des
Pfarrers bligkeit und Schwche anwandeln werde. (Ist es ja doch
bekannt, da allein der Wind, der durch das Umblttern eines Mebuches
entsteht, ihn tausend Meilen weit wegzutreiben vermag, und wenn er sich
gleich in einen zwei Zentner schweren Viehhndler verwandelt htte!)

Indessen: Frechdachs hatte eines vergessen: da nmlich der von ihm
erschlagene Pfarrer ein ganz gottloser und schlechter Pfarrer war, bei
dem die Weihe lediglich am priesterlichen Gewande, nicht aber an der
Person haftete. So kam es, da der Teufel das Ragout bis auf den letzten
Rest verspeiste, ohne das mindeste Bauchweh zu verspren. Wischte sich
mit Behagen den Mund und sprach: Gut gewesen, das Ragoutchen; ein
bichen weichlich zwar und mit einem ganz leisen, etwas widerlichen
Geschmacke wie Weihrauch, aber sonst: mein Kompliment! Nun, bitte, die
nchste Platte!

Frechdachs stand fassungslos hinter des Teufels Stuhle, das Seil, zum
Wurf bereit, in der Hand, und stammelte: Gleich, Herr, gleich ...
ich ...

So wirf doch, brllte Rumbo, wirf doch! Ich halt's nicht mehr aus.
Und er klappte seine Kiefer zu, da es nur so krachte; ri sie aber
gleich wieder auseinander in hchster Frebegierde.

'Holla!' dachte sich der Teufel, 'da ist was los!' drehte sich um, sah
Frechdachs hinter sich mit dem Seil stehen, und lachte: Gucke mal an!
Das Brschchen da wollte den Teufel fangen. Respekt! Und das groe Maul
da wollte ihn vermutlich fressen? Ausgezeichnete Idee! Ihr zweie gefallt
mir. Ihr sollt der Ehre gewrdigt sein, auf eine noch nie dagewesene
Manier von mir geholt zu werden. -- Na? Ihr bettelt ja gar nicht?

Wenn es einige Aussicht auf Erfolg htte, wrde ich es gewi tun,
sagte Frechdachs, der schon wieder seine Fassung gewonnen hatte. Aber
so weit bin ich denn doch in die Geheimnisse der Dmonologie
vorgedrungen, da ich wei: Betteln hilft nicht bei Seiner hllischen
Majestt; es macht ihm zwar Vergngen, es anzuhren, aber er steckt
einen doch in seinen Wurstkessel. Bitte sich zu bedienen! Ich stehe dem
Herrn Baron zur Verfgung. Bin neugierig, auf was fr eine neumodische
Manier er mich holen wird.

Diese Frechheit imponierte dem Teufel.

Du gefllst mir, Halunke! sprach er. Deine Seele ist so ausgepicht,
da es mir schwer fallen drfte, dir hllische berraschungen zu
bereiten. Du hast ganz das Zeug dazu, ein Dienstteufel zu werden. Ich
mache dich zu meinem Leibchauffeur. Einige Unbequemlichkeiten sind mit
dem Amte ja immerhin verbunden, denn mein Verfluchter-Seelenmotor hat
manchmal seine Mucken, und du wirst beim Umdrehen oft genug Gelegenheit
haben, zu bereuen, da du dich bei Lebzeiten zu schlecht aufgefhrt
hast, als da du nach dem Tode der bequemen Ehre httest gewrdigt
werden knnen, als Tugendtenor in der himmlischen Vokalmusik
mitzuwirken. -- Damit gab er Frechdachs einen Tritt in die Magengegend.
Frechdachs sthnte: Verdammt nochmal! und war tot. Der Umstand, da er
nicht oben, sondern unten die Probe auf das Exempel der Unsterblichkeit
machen sollte, uerte sich darin, da seine Seele ihren Ausweg nicht
durch ein oberes, sondern durch ein unteres Krperventil suchte und
fand, und da sie dem entsprechend nicht nach Lilien duftete, wie es der
Fall beim letzten Entweichen tugendhafter Seelen ist. Der Teufel machte
eine Bewegung, als finge er eine Fliege in der Luft, und da hatte er die
Frechdachsische Seele auch schon. Statt sie aber in sein Portemonnaie zu
stecken, wie er sonst zu tun pflegte, rieb er die Leiche des
verschiedenen Frechdachs in der Nabelgegend damit ein, worauf dort wie
in blauer Ttowierung das Monogramm des Teufels (er benutzt neuerdings
eines in van de Veldescher Unleserlichkeit) erschien und Frechdachs als
Dienstteufel zu einem neuen Leben erwachte. Es war ihm in den paar
Minuten auch schon ein niedliches Hrnerpaar aus der Stirnwand
gesprossen, was sich gar nicht bel ausnahm, und hinten wackelte
dienstbeflissen schmeichlerisch ein kleines, recht artiges Schwnzchen,
das den Hosenboden offenbar ohne viel Mhe perforiert hatte. In einem
Dialekte, der wie englisch ausgesprochenes Latein klang, aber das
Hllenvolapk war, sprach er: Befehlen Eure Satanitt, da ich den
Motor andrehe?

Ja, tu das, mein Sohn, antwortete der Teufel durchaus freundlich,
aber erst sag mir mal: Was ist denn mit diesem Rumbo los, da er immer
noch mit offenem Maule daliegt? Hat er etwa =auch= keine Angst?

Aber Meister! sprach Frechdachs, seid Ihr wirklich ein so schlechter
Psychologe? Ihr solltet Euch auf Seelen doch von Berufs wegen verstehen.
So dumme Kerle haben natrlich =nie= Angst. Die Stupiditt ist durch
passive Courage vor allen anderen Lebewesen ausgezeichnet.

Bei meinem Schwanz! Das hatt' ich ganz vergessen, sagte der Teufel.
Und es ist doch, weiderhole, eine Wahrheit von vielen Karaten.
Indessen soll dieser Held der Dmligkeit einmal keinen Orden kriegen fr
seinen heroischen Mangel an Einsicht, sondern in seinem letzten
Stndchen doch noch lernen, da Kreaturen nicht zum Vergngen auf der
Welt sind. Wir wollen in seinem Rachen ein bichen Automobil fahren.

Rumbo hatte in der Tat durchaus nicht begriffen, was los war. Die
Einbildung, da er dazu auserlesen sei, den Teufel als Pille
einzunehmen, hatte so fest von ihm Besitz ergriffen, da ein anderer
Gedanke jetzt unter keinen Umstnden bei ihm Eingang finden wollte. Er
lag also noch immer auf dem Bauche, das Maul weit aufgerissen, die Zunge
lechzend lang heraushangend.

Diesen Umstand machte sich der Teufel zunutze.

Jetzt pa auf, sagte er zu Frechdachs, der den Motor nach
dreitausendsechshundertundfnfundachtzig Kurbelumdrehungen endlich zum
Laufen gebracht hatte (wobei auch sein Schwei, sowie sein Zungenwerk
ins Laufen geriet, denn er triefte und fluchte dabei erklecklich) jetzt
pa auf: Du sollst gleich das erstemal ein kleines Meisterstckchen im
Fahren leisten drfen. Du siehst diese von zu vegetarischer Kost etwas
belegte und infolge von Appetitsphantasmagorien reichliche Feuchtigkeit
absondernde Zunge des gewaltigen Hohlkopfes aus dem Rumbonischen Maule
gleich einer Zugbrcke auf das Erdreich niederhangen. Diese glitschige,
aber sonst keineswegs glatte, vielmehr von unzhligen Furchen
durchzogene Brcke mssen wir hinauffahren. Es ist keine kleine Sache,
Frechdachs, denn die Steigung ist betrchtlich; und sie wird, weil das
Terrain, wie ich schon bemerkte, feucht und uneben ist, doppelt schwer
zu nehmen sein. Es wird sich nur mit der kleinsten Geschwindigkeit
machen lassen, und du darfst ja nicht vergessen, beide Rcklaufstreben
hinunter zu tun, sonst rutschen wir womglich rckwrts, und das wre,
Gott verdamme mich noch einmal, nicht blo gefhrlich, sondern auch
blamabel.

Machen wir! rief Frechdachs, trat den Gehhebel nieder, und
tff -- tff, sauste die Explosionskarre los, scharf auf die
Zungenspitze Rumbos zu. --

'Ah! Ich soll alle =zweie= haben?' dachte sich der und bekam vor
unaussprechlicher Wollust butterig glnzende und gleich riesigen
Kirschen heraustretende Augen.

Indessen fuhr des Teufels Laufwagen unter angestrengtem Gekeuche des
Motors, dem in der Tat ein bichen =sehr= viel zugemutet wurde, die Zunge
hinauf, da der Speichelsaft des Riesen rechts und links nur so
wegspritzte. Frechdachs hatte alle Hnde und Fe voll zu tun, da er
bald einer Furche auszuweichen, bald ein Ausglitschen zu parieren, bald
eine andere Geschwindigkeit einzuschalten hatte, aber es ging ganz
gut, -- bis zu dem Augenblick, wo sie schon ganz nahe am Zpfchen Rumbos
waren, das gleich einem umgekehrten Kirchturm herabhing und den Eingang
zum Schlund versperre. Dort aber war der Motor am Ende seiner Krfte
angelangt. Er hustete, rasselte, rumpelte noch, vermochte jedoch den
Wagen weder weiter zu ziehen, noch auch nur auf der erreichten Hhe
festzuhalten. Kein Zweifel, da das hllische Automobil sofort
zurckgerutscht wre, wenn sich jetzt nicht die beiden riesigen eisernen
Rcklaufstreben mit ihren ankerscharfen Widerhaken tief ins
Zungenfleisch des Riesen gebohrt htten, der seinerseits bisher nur
deshalb nicht zugeschnappt hatte, weil er felsenfest glaubte, das
Automobil werde von selbst seine Insassen in seinem Magen abladen. Wie
er aber die beiden eisernen Haken in seiner Zunge sprte, brllte er
tobend auf: Das kratzt ja! und schnappte in sinnloser Wut zu.

Darauf hatte der Teufel nur gewartet. In diesem Augenblick suggerierte
er den im Bassin befindlichen Neider- und Verleumder-Seelen, smtliche
Parlamente der Welt htten beschlossen, die Unanstndigkeit der blen
Nachrede mit Prgelstrafe zu belegen, und brachte sie dadurch in eine
solche Wut, da sie, einander berrasend, eine Gesamtexplosion aller
Niedertrachtsgase erzeugten. Diesem Knalleffekte war auch das Interieur
und die knochige Umwandung des Rumbomaules nicht gewachsen: Es platzte.
Gleichzeitig fuhren smtliche schuftige Seelen in den Magen des Riesen
und erfllten ihn so mit Gift und Stank, da auch er entzweiging.
-- Rumbo war tot.

Seinem linken Nasenloche entstieg der Teufel, dem rechten Frechdachs.
Sie waren ber und ber voll von Ru und fanden, da das ihnen sehr gut
stnde.

'Schade, da das Automobilchen mit hin ist,' meinte der Teufel, 'aber
ein guter Spa ist's doch gewesen. Ich werde mir jetzt eins mit einem
Konfessionszankmotor made in Germany konstruieren. Der wird noch
rasender gehen. -- Frs erste wollen wir jetzt nur noch schnell die
Seele des groen Lmmels fangen. Da bei ihm alles langsam vonstatten
gegangen ist, wird sie eine gute Weile zum Entweichen brauchen.'

Es dauerte auch noch richtig eine Viertelstunde, bis sich aus der Gegend
von Rumbos Hinterquartier eine Art gelben Staubdunstes erhob, wie von
einem zertretenen Bovist.

Der Teufel fing das Zeug in die hohle Hand, betrachtete es aufmerksam,
roch daran und sprach: Zu schlecht fr meine Domne. Dann blies er es
von seiner Hand weg mit den Worten: Nichts als Dummheit, Gefrigkeit
und blder Dnkel, aber guter Kunstdnger fr knftige Ernten an Bosheit
und Niedertracht. Sie sind mir sicher.

Der gelbe Dunst flog nach allen vier Windrichtungen auseinander.




                         Der mutige Revierfrster


Knig Leberecht, der schon in vorgerckten Jahren befindliche, aber
immer noch recht rstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der
mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Bchse im Arm, auf hohe
Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel Mhe
und Kunst in die unmittelbare Nhe seines Feuerrohres brachte.

Auf diesen Jagdzgen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte,
weil er wohl wute, da es fr Frsten nicht gut ist, allein zu sein,
nicht nur eine Schar bevorzugter Mnner des Hof- und Staatsdienstes,
sondern auch eine wohlausgewhlte Mustergarnitur solcher Leute, die sich
durch sachgeme berdeckung grerer Leinwandflchen mit Farbe oder
durch andere Hantierungen von gewissermaen knstlerischem Charakter in
der Leute Mund gebracht und berdies durch die Annahme des Titels von
Professoren bewiesen hatten, da sie, obwohl keiner ernsthaften
Beschftigung obliegend, doch Sinn fr das brgerlich Reputierliche
besaen. Es war, und dessen war sich ein jeder in des Knigs Jagdgefolge
wohl bewut, eine groe Ehre, mit Seiner Majestt durch die Felder und
die Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der
Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint, dem
Menschen einen Begriff davon zu geben, wie groartig die Welt ist.
Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen und
Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien den
lteren Ministern, vortragenden Rten, Kammerherren und Kunstprofessoren
als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelbung.

Denn, abgesehen davon, da der knigliche Bergsteiger schon an und fr
sich in seiner Eigenschaft als Frst jenen elastischen und lebhaften
Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem in
Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war Knig Leberecht auch
noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines Lebens die
meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschfte lieen,
hauptschlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden wie
vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wre, wenn ihm die
Schicksalsgttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des
Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt htten, zweifellos ein
ebenso vortrefflicher Bergfhrer geworden, wie er nun in Wirklichkeit
ein scharmanter Knig geworden war.

Aber die bse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des Untertanen
den trainierten Beinen des Souverns in gleichem Schritt und Tritt zu
folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung jener
ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten Bder, die
die hchst badelustige Majestt auf luftigster Hhe im schneekhlen
Gewsser munterer Gebirgsbche zu nehmen liebte, und von denen sich
keiner ihrer Begleiter ausschlieen konnte, da sich der Wasserscheue
sonst dem Verdachte ausgesetzt htte, da er nicht unter allen Umstnden
gesonnen sei, seinem hchsten Herrn berallhin zu folgen.

Wie viele ministerielle, geheimrtliche, kammerherrliche,
kunstprofessorale Schnupfen die Erfllung dieser harten
Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darber besteht
keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, da ihrer viele und
die meisten davon hartnckiger Natur waren. Denn nicht jeder vertrgt
zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalitt ist willig, aber das Fleisch
ist schwach.

Nach einem solchen Bade in der Hhe von 1500 Metern bei entsprechender
Wassertemperatur begab es sich nun einmal, da der Knig, dem von der
genossenen Wasserkhle selber die Finger etwas klamm geworden waren,
seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu
Ende fhrte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder nur
von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwrme durch
allseitig luftdichten Verschlu der Kleider wieder in die Hhe zu
bringen. Als sich aber spter die knigliche Jagdgesellschaft auf einem
angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den
kleinen, aber durch seine rtlichkeit fatal aufflligen Mangel wahr.

Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewhnlichen Menschen, wenn
der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen
Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache
auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche
Gefhl zu verletzen, um einen _dolus eventualis_ auf dem besonders heiklen
Gebiete der Erbsnde sozusagen. Indessen, schlielich gibt sich doch
immer einer den gewissen Ruck, nimmt den Betreffenden (in den meisten
Fllen ist es ein alter Professor oder ein Dichter) beiseite und
flstert (wenn er das Wort geradezu im Wappen fhrt): 'Sie, Ihr
Hosentrl ist offen,' oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen
orientierenden Blicke: 'Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.' Ja, es
gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu frivolen
Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: 'Sie, verlier'n
S' sei' nix!'

Kann man aber so etwas einem Frsten, einem Knige sagen? Nein: Man kann
=nicht=! Der hfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus
keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestten, die
es ermglichte, derlei vor ein allerhchstes Ohr zu bringen, als ber
welchem bei feierlichen Anlssen nur durch ein paar Zentimeter getrennt
eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen
hfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister
Baron von Belodeur, der doch eine anerkannte Autoritt auf dem Gebiete
hfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die
schwierige Mission bernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als
kniglicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben,
erklrte, dies berschreite seine Fhigkeiten, dieser Fall sei von einer
Heikligkeit, da man seine Lsung nicht einer Menschenzunge, sondern der
Vorsehung selber berlassen msse, die brigens, so fgte er mit
anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, da sie ber das
knigliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin (er liebte
dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht entgehen, und
sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu beheben, ohne da
sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen brauche.

-- Das ist alles sehr schn und sehr gut, und ich bin schon von
Ressorts wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,
bemerkte der Kultusminister, dem es trotz eines kaum berstandenen
Schttelfrostes jetzt sehr hei zumute wurde, aber sie mte =uerst=
schnell eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, da uns am Fue dieses
Berges eine Deputation der lndlichen Bevlkerung erwartet, darunter
vier weigekleidete Jungfrauen, von denen die jngste ein
Huldigungsgedicht auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, da die
Jungfrau aus dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufllig auf die
derangierte Gegend fllt, und diese infamen Bauernlackel werden dem
hchsten Herrn smtlich, ich sage Ihnen: =smtlich= nicht ins =Gesicht=
sehen, sondern -- ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist
von einer mrchenhaften Scheulichkeit. Wir knnen uns, so gern wir
sonst dazu bereit sind, hier nicht auf hhere Mchte verlassen; wir
mssen =selber= handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie
sofort versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tckischen Zufall
bedrohte Wrde des Knigtums zu retten! _Hic Rhodus! Hic salta!_ Walten
Sie Ihres Amtes!

Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewut hatte, in
Anwesenheit des Knigs Schwei abzusondern, war nicht imstande, die
plebejische Feuchtigkeit zurckzudrngen, die ihm angesichts dieser
grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fhlte die ganze
furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation
aufbrdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung
wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem
inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der
Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemt und scho molkig
zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, da seine Stellung
auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel gehrte in
=sein= Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war.

Sollte er vielleicht doch?... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem
Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hften wiegend, an den Knig
heran treten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: 'Majestt
haben allerhchst geruht, zu vergessen, sich die ...'

Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das =geht= ja doch nicht! Niemals
noch, so lange es Zeremonienmeister gibt, haben Zeremonienmeisterlippen
derartiges zu einem Knig zu sagen sich erkhnt.

In seiner fassungslosen Verwirrung berfiel ihn die phantastische Idee,
zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor Seine Majestt
postierend, an sich selbst, gewissermaen wie an einem Lehrphantom,
=scheinbar= die Handlung vorzunehmen, die der Knig an seiner Kleidung
tatschlich unterlassen hatte.

Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso htte er direkt
hingehen und, an das respektive Kleidungsstck der allerhchsten Person
Hand anlegend, den Mangel _brevi manu_ reparieren knnen, -- eine
Vorstellung, bei der er fast in Trnen der Verzweiflung ausgebrochen
wre.

Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrcken, in welchem
Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemt befand. Er war der
Auflsung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die
immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund
klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle dieser
unsglich grausamen Prfung fr ihn war. Gewaltsam mute er seine Blicke
von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu lassen. --

Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen wrde?

An die Staats- und Hoffunktionre sich zu wenden, war ganz aussichtslos,
das fhlte er mit der Gewiheit des Erfahrenen. Aber vielleicht einer
dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch sonst zu seinem
Entsetzen oft genug gegen den hfischen Ton verstieen, mute doch einer
zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder einen Auftrag oder
schlielich den persnlichen Adel versprach, das unerhrte, kaum
auszudenkende Wagstck unternahm.

Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hnde, versprach
schlielich den gebhrenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der
Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft,
-- nichts half. Alle erklrten, lieber tglich eine Literflasche
Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen.

Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefhl, da der jngste
Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren drhnten deutlich die Posaunen.
Da fiel sein Blick auf den Revierfrster Meier, der hinter einem Baum
sa und mit Mimut konstatierte, da sein Enzianschnaps zu Ende war.

Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im
Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des hfischen Parketts
trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem er
sich bemhte, durch leise Dialektfrbung seiner Sprechweise etwas
Volkstmliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhngnisvollen
Verlegenheit, hinzufgend, da er, der biedere Mann aus dem Volke,
allein befhigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu
retten, indem er den Knig auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen
Punkt ...

Das Hosentrl? Wenn's weiter nix is?! meinte Meier.

Aber Sie drfen natrlich nicht so geradezu, lieber Meier, flsterte
der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen
Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bren ... Sie mssen
durch die Blume gewissermaen ... von hinten herum sozusagen ...
abstrakt ... Er fand durchaus nicht die populren Akzente. Das lag zu
weit weg von seinem Ressort.

Versteh schon! Natrlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseite
heranprschen mu ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentrl ins Haus
fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn mu man so was. So, in =der= Art,
da der Knig meinen knnt', es wr' einem andern sein Hosentrl!...
Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Fchse gefangen.

Nach diesen Worten berzeugte sich der Revierfrster nochmals, da
seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen
Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig nachdenkt
und zu allem entschlossen ist.

Der Zeremonienmeister sah ein, da dieser Mann, wenn nicht vorher der
Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis machen
werde. Ihm ward zumute, als ob pltzlich der feste Boden unter ihm zu
wanken begnne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und fhrte
ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen, das
irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er bemerkte,
da der Revierfrster sich in Bewegung setzte, fhlte er alle Schrecken
der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen Schleier,
einen gelbgrauen Nebel sah und hrte er, was sich nun begab.

Der Revierfrster Meier ging gerade auf den Knig zu, sah ihn aus seinen
katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins
Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrn
gewesenen Hut ab und -- machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er
seinen Hut wieder auf und stand stramm.

Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte Knig
Leberecht, da dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund in
etwas Besonderem haben msse, und er fragte mit dem huldvollen Tone, der
das erste ist, was ein jeder richtige Knig sich anzueignen keine Mhe
und bung scheut:

Na, Meier, was gibt's?

(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen
Ruck, und er sah sich direkt vis-a-vis dem Rachen des Ungeheuers, das
ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein
berlebensgroer Kndel kroch in seiner Speiserhre in einer unangenehm
schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch den Atem.
Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von dem er
schon lange trumte. Dann: Nacht und Vernichtung.)

Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen
Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt: Ich
mchte blo die hohen Herrschaften was fragen.

Alles war starr. Keiner begriff. Auch Knig Leberecht nicht. Aber sein
Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: Fragen Sie nur zu,
Meier.

Und Meier lie seine Stimme frhlich erschallen und sprach: Wie wr's
denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentrln
zumachten?

Eine Reflexbewegung seiner Hnde belehrte den Knig ber den Sinn dieser
rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte dann so
herzlich laut auf, da seine Umgebung berzeugt sein konnte, es sei
durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte. Und da es
zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes,
drhnendes, herzerfreuendes Lachen.

Selbst die Spechte, die die hohen Stmme der Fichten bepochten, hielten
mit Hmmern inne und lachten mit.

Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des
Vergngens zu neuem Leben und fand sogleich, da es unschicklich sei,
in der allerhchsten Nhe zu wiehern, wie unerzogene Rsser. Wre ihm
nicht gleichzeitig jener fatale Kndel gottlob zergangen und
verschwunden, so da er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze seiner
Kontenanz fhlen konnte, htte er noch einen schlimmeren Vergleich
gewhlt.

Knig Leberecht aber sprach, indem er dem Revierfrster eine Zigarre
anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, da
sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten
aufbewahrt): Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, da ich Sie nicht
in der Regierung verwenden kann. -- Ja, meine Herren, und damit wandte
er sich zu den brigen: das Volk, das Volk!... Es ist eine schne
Sache um das Volk!...

Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen
versunken, den Berg hinab, an dessen Fue ihn ein junges Mdchen in
weien, gestrkten Kleidern mit den Worten begrte:

                    Wir jauchzen laut mit Herz und Mund
                    In dieser gnadenvollen Stund',
                    Wo uns das Glck geschieht,
                    Da seinen Knig Leberecht
                    Das biedre Landvolk, treu und echt,
                    In seiner Nhe sieht.

                    Es steht sein hochberhmter Thron
                    Seit mehr als tausend Jahren schon
                    In unserer Mitte fest.
                    Drum lieben wir ihn auch so sehr,
                    Wie wenn er unser Vater wr',
                    Der keinen je verlt.

                    Er wei, da in der Landwirtschaft
                    Beruht des Staates strkste Kraft,
                    Drum liebt ihn fr und fr
                    Der schwergeprfte Bauersmann
                    Und hlt als treuer Untertan
                    Ihm =offen jede Tr=.

Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestt eine Ideenassoziation
ein, die ein Lcheln des kniglichen Mundes zur Folge hatte, woraus alle
anwesenden Gemeindevorstnde aufs neue die berzeugung gewannen, da
der hohe Herr nach wie vor den Interessen des Nhrstandes seine
besondere Huld zuwendete.




                             Patsch und Tirili


Als ich Patsch das erste Mal bestieg, erfllte mich ein Hochgefhl. Das
ist doch Rasse, sagte ich mir; man sprt die adlige Herkunft und sichere
Tradition; kein aufdringliches Gerusch, kein saloppes Wackeln; alles
sitzt fest, hat die richtige Spannung, aber auch die entsprechende
Federkraft; er gehorcht dem leichtesten Druck mit ebensoviel Folgsamkeit
wie Intelligenz; was etwa noch fehlt, wird ihm ein bichen Erziehung
sicher beizubringen wissen.

Ich hatte damals freilich nur bse Erfahrungen hinter mir. Das klapprige
Ding, dem ich mich als banger Eleve hatte anvertrauen mssen, war durch
schlechte Behandlung vllig verdorben und um alle Seele gebracht worden.
Man htte es eine Maschine nennen knnen, wenn es nicht zuweilen doch
noch Spuren von Charakter gezeigt htte. Freilich von schlechtem. Es war
boshaft, heimtckisch, niedertrchtig. Im allgemeinen heuchelte es
Phlegma -- wenn es nicht einfach Faulheit war -- und tat so, wie wenn
es nichts knnte, als stumpfsinnig seinen Trott gehen, geduldig,
sanftmtig, schwerfllig, aber verlssig. Doch pltzlich, whrend man
sich keiner berraschung versah, fiel es ihm ein, Mtzchen zu machen.
Wie von einem bsen Geist besessen, begann es zu rennen, zu rasen und
hrte mit diesen infamen Tcken nicht eher auf, als bis es mich gegen
eine der Sulen, die recht berflssiger Weise in der Radfahrschule
herumstanden, geworfen hatte. Dann lag es wie ein Bild hilfloser
Unschuld neben mir, und nur seine Pedale zitterten vor innerem
Triumphgefhl ber den glcklich gelungenen Streich.

Dabei will ich gar nicht davon reden, da es ein wahres Jammerbild und
in jeder Hinsicht verkommen war. Ich finde zu seiner Kennzeichnung nur
das eine Wort: gemein, und man wird es verstehen, wenn ich bekenne, da
ich dieses Wesen aus voller Seele gehat habe. Es war besserer Gefhle
ebensowenig wrdig wie fhig. Genug von ihm.

Ich sagte schon, da Patsch mir nach dieser Kreatur, deren Namen ich
nicht einmal wei, einen blendenden Eindruck machte. Da er von guter
Herkunft, Cleveland, Mittelsorte, ist, so kann das nicht weiter in
Erstaunen versetzen.

Das Jahr 1898 war berdies ein besonders guter Jahrgang fr die
Clevelands. Aber das will im allgemeinen doch nicht viel sagen. Gewi,
der Durchschnitt dieser Rasse ist immer gut, trefflich, in einem
gewissen Sinn tadellos -- aber auch nicht mehr. Die Clevelands sind im
allgemeinen wie gut gedrillte Soldaten; sie leisten das und das, und
zwar nicht wenig, was ihnen eben beigebracht worden ist, immer ungefhr
einer wie der andere ohne viel individuelle Einzelzge -- es sind
Amerikaner. Selten, da ein niedertrchtiges Subjekt unter ihnen
vorkommt, selten aber auch, da besondere Persnlichkeiten hervorragen.
Ich halte das natrlich fr einen Vorzug der Rasse, aber immerhin, nicht
wahr, wenn einem gerade ein besonders begabtes Individuum zufllt, so
ist das nicht unerfreulich.

Nun! Patsch war so ein Individuum. Er war entschieden ber den
Durchschnitt begabt, und ich wrde vielleicht berschwenglicher ber ihn
urteilen, wenn ich nicht das unerhrte Glck gehabt htte, nach ihm
Tirili zu erwerben.

Ich htte Patsch nicht aufgegeben, wenn ihm nicht ein Malheur passiert
wre, an dem eine Schwche von ihm schuld war, die ich lngst erkannt
hatte: seine Bremse taugte nicht viel. Es war so eine geistlose, platte
Druckbremse, an der nichts bewundernswert war, als die Prtension, ein
laufendes Rad zum Stehen bringen zu wollen. Also gut! Ich fuhr eines
schnen Tages auf ihm am badischen Ufer des Untersees entlang, und zwar
war die Situation so: ich kam aus einem Walde heraus, der hochgelegen
war, und fuhr eine Weile planeben, wie mir schien; in Wahrheit aber fiel
der Weg bereits ein wenig, was ich aber nicht bemerkte, weil ich eben
eine Siziliane dichtete, eine Strophe, die italienischer Herkunft ist,
weshalb sie immer zwei Reime mehr erfordert, als man im Deutschen leicht
findet. Nun knnen Sie sich denken, da man nicht zugleich Reime fangen
und auf den Weg achtgeben kann, und mir war natrlich der Reim
wichtiger, als der Weg -- denn es gibt berhaupt nichts Wichtigeres auf
der Welt als gute Reime. So kam es denn, da ich, just als ich meinen
Reim gefunden hatte, die Pedale verlor, weil es pltzlich in einem ganz
unmglichen Winkel bergab ging. Ich fhlte deutlich, wie Patsch von
einem Todesschrecken durchrieselt wurde, als seine Pedale keine Leitung
mehr fhlten und sich in einem wahnsinnigen Tempo wirbelig drehten, und
ich selbst hatte auch die deutliche Empfindung, da ich in wenigen
Sekunden irgendwo in der Tiefe fragmentarisch anlangen wrde. Also
_ultima ratio_: die Bremse. Lcherliche Illusion! Zwar verbreitete sich
augenblicks ein penetranter Geruch von hei gewordenem Kautschuk, aber
das Tempo der Abfuhr verminderte sich so gut wie nicht. Dafr kam mir
ein Ochsenfuhrwerk gemchlich, aber sicher entgegen, und ich vermochte
mir, phantasievoll wie ich nun einmal bin, mit Blitzesschnelle
auszumalen, wie in fnf Sekunden Patsch an der Gabeldeichsel, ich aber
am Horn eines der Ochsen hngen wrde. Mein letzter Gedanke war der eben
gefundene Reim: Karbatschen, den ich als Befhigungsnachweis fr die
Seligkeit mit in die Ewigkeit hinbernehmen wollte, die sich meinen
angstvoll aufgerissenen Augen wie ein Tor mit durcheinanderkreisenden
Feuerrdern auftat -- da machte Patsch einen Riesensatz nach rechts und
raste auf einen Steinhaufen los. O du Patsch der Ptsche, o du Wunder
von einem Patsch! Das war meine Rettung, aber dein Ruin. Der brave
Clevelnder hatte sich, ein leuchtendes Beispiel von Dienertreue, fr
mich aufgeopfert. Er nahm den Steinhaufen, torkelte noch ein Stck der
dahinter liegenden Bschung hinan, dann fiel er erschpft und ohnmchtig
um, und ich lag, die Hnde in seine Speichen gekrampft, auf ihm. Wie es
sich gebhrt, sah ich erst nach, was ihm fehlte. Nun: er hatte seinen
Knacks weg. Das eine Pedal war ganz ab, das andere baumelte nur noch;
die Lenkstange hatte sich vllig verdreht; die Pneumatiks waren
zerschlitzt.

Der arme Kerl tat mir furchtbar leid, obwohl ich vollkommen Ursache
hatte, mir selbst leid zu tun, denn auch meine Pedale, sowie die
vorstehenden Teile des Gesichtes befanden sich in einem mehr
pathologischen als sthetischen Zustande. So hinkten wir beide nach
Hause.

Bei Patschs guter Clevelandkonstruktion versteht es sich von selbst, da
er wiederhergestellt werden konnte. Und er wurde wieder hergestellt.
Aber er blieb fr mein Gefhl doch ein Krppel, ein miliebiger Anblick.
So sind wir Menschen. Dankbarkeit und Treue sind bei einem anstndigen
Subjekt von Rad fter zu finden, als bei uns. Ich beschlo, ihm zwar das
Gnadenl zu geben, mir aber doch ein neues Rad anzuschaffen.

Ich htte fr diese Herzlosigkeit verdient, ein ganz niedertrchtiges
Wesen aufgehngt zu bekommen, das sein Geschlecht an mir mit tausend
Tcken gercht htte, und siehe da -- was ist das fr eine
Weltordnung! -- ich bekam, als sollte meine Gemtsroheit auch noch
prmiiert werden, das Rad der Rder, das berrad: Tirili.

Auch Tirili entstammt der Clevelandfamilie, doch gehrt sie deren
adeligem Zweig an, der Baronlinie der Luxusmodelle. Es wre
Vermessenheit, wollte ich versuchen, ihr ueres zu schildern. Sie ist
einfach ein Erzengel an Schnheit und dabei hat sie einen Kettenschutz
aus Hartgummi und lt sich selbst.

Ich will Ihnen lieber eins der Begebnisse erzhlen, die ich in letzter
Zeit mit ihr erlebte; daraus werden Sie am besten ersehen, welch edle
Seele ihr innewohnt, welch adlige Eigenschaften sie besitzt, von welcher
Flle aller Reize sie umflossen ist. Der alte, gute, treue Patsch
erscheint mir neben ihr ganz einfach als Omnibus -- ich kann mir nicht
helfen, so frevelhaft undankbar das auch klingen mag.

Gewi, er berragte den Durchschnitt; er war ein Talent; aber Tirili ist
unendlich viel mehr, Tirili ist ein Genie, ein Wunder. Man sollte von
ihr nur in Versen reden oder, besser noch, man mte nur Herrn Stephan
George darber in Versen reden lassen, denn nur das erhabene Lallen ist
die kongeniale Ausdrucksweise fr Tirili.

Nun lcheln Sie natrlich alle und finden, da ich berschwnglich bin.
Aber Sie werden gleich anders denken, wenn Sie hren, was mir krzlich
mit Tirili passiert ist.

Es war ein schner Herbstmorgen und die Luft so klar, da die bayrischen
Alpen wie zum Greifen nahe vor mir lagen. Trotzdem gedachte ich nur ins
Dachauer Moos hinaufzufahren, wo, wie Sie wissen, die Wiege des
malerischen Mnchner Naturalismus stand, weshalb einige Piett und ab
und zu eine Radpartie wohl geboten erscheint. Gleichzeitig wollte ich
bei dieser Gelegenheit den letzten Akt eines Dramas dichten, das Sie
hoffentlich nicht aus Emprung ber diese Geschichte auspfeifen werden,
wenn es aufgefhrt wird. Denn ich dichte immer, wenn ich auf Tirili
sitze, es sei denn, da mir durchaus nichts einfiele. Sie meinen: ich
sollte lieber lenken? Da kennen Sie Tirili schlecht. Das gute Mdchen
wrde es als eine Beleidigung auffassen, wollte ich die Lenkstange auch
nur angreifen. Sie liest offenbar Gedanken, denn bis jetzt hat sie mich
immer dorthin gefhrt, wohin ich wollte, oder wohin meine Gedanken sich
richteten.

Also gut. Ich ttschelte Tirili freundlich sowohl auf die vordere als
auf die hintere Pneumatik, freute mich, wie drall und prall das alles
war, und heidi ging es hinaus, die Nymphenburger Allee entlang. Schon
am Fenster der hbschen Nhmamsell links kam der Geist ber mich, und
ich begann ein so heies Dichten, da ich weder vorwrts, noch rechts
und links, sondern nur immer in mich hineinsah, wo sich der letzte Akt
meines Dramas glatt und _con amore_ abspielte. Dieses Schauspiel
interessierte mich riesig, und ich sah nicht eher aus mir heraus, als
bis die Heldin so tot war, wie es nur eine Heldin sein kann, die es nach
gttlichem und menschlichem Recht verdient, tot zu sein. Wer beschreibt
aber mein Erstaunen, als ich, wie ich mich nun befriedigt umsah, mich
nicht etwa in Dachau, sondern auf dem Gipfel eines Berges erblickte, den
ich dank meiner Vorbildung auf einem deutschen Gymnasium sofort als die
Zugspitze erkannte? Du lieber Gott, sagte ich zu mir, die Zugspitze ist
doch 2974 Meter hoch und ganz voll Eis und Schnee, und der Arzt hat mir
ausdrcklich verboten, grere Steigungen zu nehmen und mich Erkltungen
auszusetzen -- da ging es auch schon wieder abwrts, und nur mit Hilfe
der wunderbaren Rllchenbremse gelang es mir, einige Wnde ohne Unfall
hinabzukommen. Aber bei allem Bremsen mute ich doch in einem ganz
unerhrten Tempo begriffen sein, denn nur dies vermag den Umstand zu
erklren, den ich Ihnen sofort und ohne viele Worte berichten will.

Ich sause also hinunter und komme pltzlich in eine Klamm, die, rechts
und links von senkrecht aufragenden Felsen eingeschlossen, nur oben Raum
fr einen ganz schmalen, berdies vllig beeisten Weg bot. Ich hatte
meine Beine auf die Lenkstange gelegt und hielt die Arme verschrnkt,
wie ich immer zu tun pflege, wenn ich mir sagen mu: hier kann nur
Tirili allein helfen.

Da, denken Sie sich meinen Schreck, sah ich am Ende der Klamm einen
dicken Bauern auf mich zukommen, dessen breite Figur den Weg vllig
einnahm. Einen Moment kam mir der idiotische Gedanke, zu luten, aber da
war ich auch schon -- ja, wie soll ich nun sagen: ber den Bauern weg
oder durch den Bauern durchgefahren? Ich mu unbedingt an die letztere
Mglichkeit glauben, denn ich bin mir durchaus nicht bewut, da wir,
Tirili und ich, ber ihn weggesprungen sind. Andrerseits war freilich an
mir und dem Rad nicht das geringste zu sehn, das darauf htte hindeuten
knnen, da wir durch einen leibhaftigen Bauern hindurchgefahren waren.
Aber, wenn Sie die Schnelligkeit bedenken, mit der dies offenbar
geschehen war, so ist dieser Nebenumstand ja nicht weiter verwunderlich.
Auf alle Flle ersuche ich Sie, nicht auf die Idee zu verfallen, ich
htte den Bauern berfahren. Einen so hlichen Gedanken mte ich auf
das bestimmteste zurckweisen; ich berfahre nie jemand, sei es Brger,
Bauer oder Edelmann.

In weniger Zeit, als Sie gebraucht haben, dieses kleine Abenteuer
anzuhren, befand ich mich danach auf der Landstrae zwischen Planegg
und Mnchen, und zwar der Stadt schon sehr nahe. Tirili verlangsamte
ihre Gangart, und wir bummelten in dem Tempo dahin, das ich immer fr
das beste zum Dichten von Elegien erfunden habe. Ich begann sofort eine
in sechsfigen Jamben auf das goldene Haar meiner Geliebten. Schon war
ich am Ende des Gedichts angelangt, an diesem hchst wirkungsvollen
Schlu, wo ich es mir als seligsten Tod wnsche, mich an diesen goldenen
Strhnen aufzuhngen -- da kommt mir dieselbichte Geliebte hchstselbst
entgegen, und zwar auf einem schneeweien Zelter -- ich darf in diesem
Zusammenhang dieses poetische Wort anwenden. Sie knnen sich meinen
sen Schrecken denken! Aber kaum hatte ich sein holdes Rieseln durch
das Rckenmark gekostet, da kam ein gallebitterer Schrecken hinterdrein:
Hlle und Teufel -- ein Galan ritt neben ihr, ein schwarzes,
hakennasiges Herrchen in einer grnen Weste auf einem riesigen Fuchs.
Meine Eitelkeit zischelte mir zu: welche Figur wirst du neben der
Hakennase spielen, die auf einem hohen Gaul sitzt, whrend du auf einem
Rad hockst, und wre es auch Tirili, die Unvergleichliche. Und ich
gedachte, mich rechts in die Bsche zu schlagen. Aber da waren die
beiden auch schon da, und ich mitten zwischen ihnen, und ich reichte
meiner Knigin die Hand.

Wie ist das nur mglich, dachte ich mir, da ich diese holde Hand im
grauen Reithandschuh von Tirilis Sattel aus so leicht erreichen
konnte -- da merkte ich, da ich mich mit der Hakennase in gleicher Hhe
befand, und das Herrchen sagte etwas von einer famosen Isabelle, auf der
ich ritte. Der Mensch sah Tirili fr eine falbe Stute an! Das mu von
der Farbe der Spelgen Tirilis herkommen; anders kann ich es mir nicht
erklren. Aber die Hhe! Die Hhe! Und Tirili kann doch nicht wiehern!
Mir war zumute, wie wenn ich der Held in einer Geschichte von E. T. A.
Hoffmann wre, und ich freute mich, als die beiden sich mit den Worten
verabschiedeten: Mit Ihnen kommt man ja doch nicht mit! Kaum waren
diese Worte verklungen, da sah ich, da ich an meinem Hause angekommen
war. Es war genau eine Stunde seit Beginn meiner Ausfahrt vergangen, und
man sah Tirili durchaus nicht an, da wir auf der Zugspitze gewesen
waren.

Sind Sie paff? Ich bin es nicht. Ich erlebe tglich solche Sachen mit
Tirili. Pegasus mit den Gnseflgeln war ja zu jenen zurckgebliebenen
Zeiten ein ganz passables Reitpferd fr Dichter, aber wenn Pindar heute
nochmals geboren wrde -- auch er wrde einen Clevelnder vorziehen.
Meine Tirili kriegt er aber nicht.




                            Die Weihnachtsbowle


Graf Beisersheim, ein Herr von unbestimmbarem Alter dem ueren nach,
der aber nur ein paar Stze zu sprechen brauchte, um allen, die ihm
zuhrten, die berzeugung beizubringen, er msse wenigstens zweihundert
Jahre alt sein, -- so angefllt mit wohlabgelagerter Kenntnis der Welt
und der Menschen war seine Rede, -- Graf Beisersheim hatte sich in einer
Anwandlung von seltsamer, gewissermaen hautgout-rchiger
Sentimentalitt einen Christbaum angeputzt.

Sich und einigen Freunden, die er nun zur Bescherung einlud.

Das Haupt- und Mittelstck davon, ja wohl der eigentliche Sinn der
ganzen Veranstaltung war eine ostpreuische Bowle von vielen Graden, vor
der selbst Willibald Stilpe, der doch (siehe das dritte Kapitel des
dritten Buches seiner lehrreichen Lebensbeschreibung) in alkoholischen
Dingen eine anerkannte Autoritt war, ein Gefhl von Respekt empfunden
haben wrde. Burgunder, Sekt, Sherry, Porterbier, Rum vereinigten sich,
nach den besten Grundstzen gemischt, in der gewaltigen silbernen
Terrine, aus der das erlauchte Geschlecht der Beisersheims schon seit
Jahrhunderten seine schwersten Rusche bezog, zu einem neuen
Kraftorganismus, der imstande war, einen Vollmatrosen auf Anhieb unter
den Tisch zu strecken. Nicht aber auch den Grafen, der ihn ins Leben
gerufen hatte und trotz seines knickebeinigen, kontrakten Gestelles, das
kaum einem ordentlichen Novemberwind standzuhalten vermochte, im Kampf
mit alkoholischen Gewalten so widerstandsfhig war, wie nur irgendeiner
seiner in Eisen geschienten Vorfahren auf dem Turnier- oder
Schlachtfelde.

Seine Freunde, zumeist Schriftsteller und Knstler oder Angehrige von
Kreisen, die aus geschftlichen oder anderen Interessen engere oder
weitere Beziehungen zu Literatur und Kunst pflegten, waren zwar auch
trinkfeste Herren, einer so krftigen Ostpreuin aber doch nicht
vollkommen gewachsen.

Es dauerte nicht gar lange, und der redelustige Graf verschwendete
seine aufs schrfste geschliffenen, in tausend Facetten von Witz und
geistreicher Schndigkeit blitzenden Bosheiten an eine Korona von
Schlummernden. Gleich ihnen, die in den breiten ledernen Klubsthlen
mehr lagen als saen, waren auch die Christbaumkerzen in sich
zusammengesunken, und nach und nach lschte eine nach der anderen
knisternd aus, als letztes Zeichen einer verglhten Existenz einen
dnnen Rauchfaden in das grne Gest sendend. Schlielich erhellten nur
noch die dicken Wachslichter in den breiten messingenen, mit dem
Beisersheimschen Wappen gezierten Wandleuchtern den von Zigarren- und
Zigarettenrauch massig durchschwadeten Raum, dessen Luft schon so voll
von Alkoholdnsten war, da man allein davon einen ansehnlichen Rausch
htte bekommen knnen.

Der Graf, der es in seinen Dramen (denn auch er hatte ein Verhltnis mit
der Muse der Dichtkunst, und noch dazu ein ernsthaftes, das nicht ohne
Folgen geblieben war) aus prinzipiellen Grnden von unerschtterlicher
Festigkeit nie ber sich gewonnen htte, eine seiner Personen in
Monologen reden zu lassen, wandte seine knstlerischen Prinzipien im
Leben selber insoferne nicht an, als er, gewohnt und geschickt, viel und
witzig zu reden, in gewissen Zustnden auch dann sprach, wenn niemand da
war, der ihm htte zuhren und antworten knnen. In einen solchen
Zustand geriet er jetzt, als er langsam Glas auf Glas der schweren
ostpreuischen leerte und eine russische Zigarette nach der anderen dazu
rauchte.

Eine sehr stimmungsvolle und durchaus dem Sinne des Festes
entsprechende Weihnachtsfeier, bemerkte er, indem er seine kleinen,
grau-grnen Augen ber die Reihe der Schlafenden schweifen lie. Nur
schlafend knnen sie das Fest der Liebe feiern, denn, wenn sie wach
wren, wrden sie reden, und wenn sie redeten, wrden sie irgendeine
Reputation zerreien.

In diesem Augenblick tat ein rot und gelb bemalter Nuknacker, der am
Baume hing und einem engeren Konkurrenten des Grafen, auch einem
dramatischen Schriftsteller (dem er brigens hnlich sah), zugedacht
war, die hlzernen Kinnladen auseinander und sprach in einem aus
erklrlichen Grnden etwas harten Dialekt, wie folgt: Und du? Warum
schlfst dann =du= nicht? Du hast es doch besonders ntig?! Jungchen,
Jungchen! Du denkst natrlich an meinen neuen Herrn. Aber so boshaft wie
du, Menschenskind, ist nicht einmal er.

Pih, pih, machte da eine kleine Balleteuse, die sich der Graf selber
geschenkt hatte und die, ein niedliches Figrchen aus Porzellan und ber
und ber mit Spitzen und Rschchen bedeckt, unter dem Nuknacker hing,
pih, pih, reit der das Maul auf! So schreien kann ich freilich nicht,
aber das mchte ich denn doch bemerken: Der Unterschied zwischen meinem
und deinem Herrn besteht blo darin, da meiner mit Geist boshaft ist
und deiner blo mit Grobheit. Denn meiner ist ein Graf und deiner ein
Bauer.

Whrend sie dies mit einer sen, aber doch etwas spitzigen
Porzellanstimme sprach, warf sie recht zierlich bald das eine, bald das
andere Bein ber sich, da ihr seidenes Tanzrckchen nur so raschelte
und ein jeder sowohl ihre Waden wie ihren Mechanismus bewundern konnte.

Der Nuknacker geriet auer sich, denn er besa an Stelle von Beinen,
mit denen er htte schlenkern knnen, nur einen gespaltenen Stumpf, der
seinen Kinnladen die Knackekraft verlieh. Dieses Umstandes aber bediente
er sich aufs heftigste und schrie: Mein Herr ist ein Dichter mit
Tantiemen, Sie leichtfertige Ratte, Sie! Wenn Sie nur eine Spur von
Ehrfurcht in Ihrer flitterhaften Psyche htten, wrden Sie von einem
Manne, der selbst von seinen durchgefallenen Stcken leben knnte,
whrend Ihrem Herrn nicht einmal seine erfolgreichen etwas Ordentliches
einbringen, mit =Respekt= reden. Aber natrlich, wer nichts als Grazie
besitzt, wie knnte der fr ernsthafte Werte Sinn haben?!

Die Balleteuse wollte sogleich replizieren, aber in diesem Augenblicke
erwachte der Herr des Nuknackers fr ein paar Sekunden und sprach:
Machen Sie keinen Unsinn, Mann -- fnfzehn Prozent, oder ich schliee
mit Ihrem Konkurrenten ab!

Jetzt aber fuhr die Balleteuse los, indem sie vor Erregung Chaht
machte: Mein Graf hat das Dichten berhaupt nicht ntig. Mein Graf ...

I, du verflixte Mamsell! rief der dazwischen, der sich gar nicht zu
wundern schien, da das Christbaumvolk sich so unwahrscheinlich
gebrdete, willst du wohl aufhren, auf meiner Grafenkrone
herumzureiten? berhaupt sind das recht unpassende Gesprche. Redet doch
lieber ein bichen von der Menschenliebe heute. Dafr ist dieser Tag
reserviert.

Kaum, da er diese Worte gesprochen hatte, erhob sich aus der dunkelsten
Partie des Christbaumes ein unendlich zartes und mitleiderregendes
Gewinsel, wie von einem ganz, ganz kleinen jungen Hunde, und
gleichzeitig kleckerten winzige Wachstrpfchen durch die Zweige auf das
Tischtuch herab. Der Graf erhob sich, um zu sehen, was denn los sei, und
entdeckte, da das Gewinsel von einem schwarzen Chenillepudel herrhrte,
der seinem wehvollen Herzen aber nicht nur phonetisch Ausdruck verlieh,
sondern auch dadurch, da er Wachs weinte. Denn seine treuen Hundeaugen
waren aus gelben Wachskugeln hergestellt.

Der Graf begriff sofort, da das eine verhngnisvolle Art zu weinen sei,
und er bemerkte daher: Es ist zwar anerkennenswert und verdient Lob,
wenn ein Pudel aus Chenille Gemt zeigt und es seinem Schpfer, dem
Menschen, nachzutun trachtet, indem er Trnen vergiet; wenn aber dabei
das einzige an ihm, das nicht Chenille ist, sich auflst und kaput geht,
so mu doch gesagt werden, da das eine unkonomische Manier ist, Trauer
an den Tag zu legen. Wenn unsere Augen dabei kaput gingen, Freund Pudel,
wrden wir Menschen gewi keine Trnen vergieen. Wir leisten uns diese
effektvolle Ausscheidung nur, weil sie uns nichts kostet.

Aber der Chenillene hrte nicht auf, Wachs zu weinen; doch zu winseln
hrte er auf. Denn er sprach (wie Weinende zu sprechen pflegen, unter
hufigem schluchzenden Aufstoen): Und wenn meine Augen mir auch ganz
davon rinnen und frderhin in meinem Antlitze nichts Gelbes mehr
abstechen soll gegen das glnzende Schwarz meiner Chenille: Ich werde
doch nicht aufhren, Trnen zu vergieen ber das tragische Geschick,
da ich mich meines Schpfers nicht als eines =vollkommenen= Wesens
erfreuen soll. Das hat mir, der ich kein wirkliches Knochengerst
besitze, bisher eine Art ideellen Rckgrates gegeben, da ich des festen
Glaubens lebte, meine Gtter, diese machtvollen Wesen, die selbst
Chenillepudel zu erschaffen vermgen, seien reine, fleckenlose
Lichtgestalten, lebend und webend in einem ewigen Glanze von allgtiger
Liebe, und nun mu ich es erfahren, da sie fr diese hchste Tugend nur
einen Tag unter dreihundertfnfundsechzig reserviert haben, und auch den
augenscheinlich nicht immer ganz in diesem Sinne hinbringen. Wenn ich
nicht schon aufgehangen wre, wrde ich mich jetzt aufhngen. Denn ein
Idealist, der selbst seine Gtter als mangelhaft erkannt hat, kann sich
begraben lassen.

Bei diesen Worten rann das letzte bichen Wachs aus seinen Augenhhlen,
und er war so ausschlielich nur noch Chenille, da Graf Beisersheim mit
Recht bemerken durfte: Jetzt, mein pudelnrrischer Ideologe, bist du
nur noch als Tintenwischer zu gebrauchen, und nichts mehr an dir wird
deinen Herrn, den vielgebietenden Theaterdirektor, daran gemahnen, da
es Ideale auf der Welt gibt. Schade. Gerade er htte einen Idealisten in
seiner Umgebung so ntig gehabt.

Mit diesen Worten begab er sich zu seinem Stuhl zurck und verschwand
wie ein Hufchen Pergament in dem gepolsterten Leder.

Nur seinen Kopf, der in dieser schummerigen Beleuchtung ganz wie ein
verwelktes Haupt Blumenkohl aussah, hob er etwas in die Hhe, als jetzt
vom Wipfel des Christbaumes eine dnne Blechtrompetenfanfare
erklang -- so dnn und jmmerlich, da daneben das Winseln des Pudels
vorhin ein walkrisches Hojotohoh htte genannt werden knnen.

Es war der ferkelrosig geschminkte Weihnachtsengel, der also musizierte
und dabei seine beiden mit Rauschgold berzogenen Papierflglein
erzappeln lie. Wie er sein trbseliges Blechgeschmetter beendet hatte,
sang er mit einer stark belegten und ganz schadhaft gewordenen
Phonographenstimme billigster Nummer: Friede auf Erden! Friede auf
Erden! Friede auf Erden!

Aber nicht einmal der Chenillepudel applaudierte. Es herrschte vielmehr
ein hchst beklommenes Schweigen, das erst nach einer Weile der Graf mit
der tiefsinnigen Bemerkung unterbrach: Das kommt davon, wenn ein Engel
durchs Zimmer geht oder die Trompete blst. Wir sind keine Engel mehr
gewhnt.

Hren Sie mir, bitte, von Engeln auf, ertnte hier in schnellem
Einfall eine volle Mnnerstimme. Ich bin, glaube ich, neben meiner Frau
der einzige Mensch, der wirklich mit einem Engel in fhlbare Berhrung
gekommen ist, und ich denke, meine Frau ist in diesem Falle einmal
meiner Meinung, wenn ich erklre: Wir haben dabei die fatalsten
Erfahrungen gemacht. Gelt, Eva?

Na, das will ich meinen, erwiderte eine angenehme Frauenstimme: eine
Roheit war's. Mich hat er alleweil mit seinem Sbel in den Rcken
gepufft.

Aha, sagte der Graf. Adam und Eva werden auch munter. Ich bin doch
gespannt, ob sie im Stile ihres neuen Herrn immer aneinander vorbeireden
werden. (Die beiden Buchsbaumfiguren waren nmlich das Geschenk fr
einen Dichter, dessen Spezialitt in einem Dialog bestand, dessen
Gegenreden sich nie berhrten, sondern einander wie zwei Parallelen erst
im Unendlichen trafen -- worauf man aber im Verlaufe eines Theaterabends
nicht warten kann.)

Ach, du lieber Gott, antwortete darauf der schne Adam, das brauchten
wir nicht erst von dem zu lernen. Das ist bei uns vom Anfang an so
gewesen. Denn, red' ich hh, so red't sie hott, und sprech' ich von
Kindererziehung, so spricht sie von einem neuen Hut, und bring' ich das
Gesprch auf den bewuten Apfel, so biegt sie in das Gebiet des
Frauenstudiums ab. Das ist sogar schon vor der Apfelspeise so gewesen.
Dazu war nicht einmal der sogenannte Sndenfall ntig. Man sollte
meinen, sie wre aus der Rippe von jemand ganz anderem gemacht. Ich hab'
so meine Gedanken darber.

Gedanken hat er! rief die rundliche Eva aus und bewies damit, da sie
doch auch auf Adams Worte einzugehen wute, wenn's ihr gefiel.
Gedanken! Als ob ein Mann jemals Gedanken htte! Die Gedankenarbeit
fngt berhaupt erst jetzt an, seitdem wir studieren drfen. Ich
schreibe jetzt an einer Geschichte des Paradieses, Herr Graf, und ich
will nicht Eva heien, wenn ich nicht quellenmig nachweise, da dieser
Tolpatsch da an dem ganzen Unglck schuld ist. Nmlich, wissen Sie, die
Schlange und ich, wir hatten uns die Geschichte so gedacht ...

O Gott, o Gott, o Gott, jetzt fngt =das= wieder an, rief Adam voller
Schrecken. Ich bitte Sie, Herr Graf, schenken Sie meiner Frau was
Hbsches um den Hals, damit sie auf andere Gedanken kommt, sonst kriegen
wir ihre ganze Doktordissertation zu hren.

Der Graf, galant wie alle seines illustren Hauses, erhob sich, so schwer
es ihm auch wurde, sogleich, brachte das windschiefe Wrack seiner
Leiblichkeit nach einigen erfolglosen Bemhungen schlielich wirklich in
Bewegung, da es in einem skurrilen Zickzack zum Christbaum hinber zu
kreuzen vermochte, und legte sein goldenes Armband um den Hals der
niedlichen Eva, die von nun an ganz in der Betrachtung des Geschmeides
aufging und kein Sterbenswrtchen mehr sprach.

Dafr bemerkte der Graf zu Adam: Sie mssen ein guter Kunde fr die
Goldschmiede sein, Herr von Adam!?

Ach Gott, ja, erwiderte der, die Hauptsache aber sind doch
Goldschmiede=worte=. Sehen Sie: die Frauen, wir wollen es uns nur
gestehen, sind doch das Beste, was wir auf dieser Erde haben, seitdem
man es fr richtig befunden hat, uns aus dem Paradiese auszuweisen -- wo
es brigens, nebenbei bemerkt, lange nicht so amsant war, wie sich das
die Theologen vorstellen. Die Frauen, frs Eskamotieren von Natur aus
begabt, haben auch aus dem Paradiese das Wertvollste eskamotiert: so
einen gewissen Abglanz, oder wie soll ich nur sagen: eine Art
Versprechen und Zuversicht des Vollkommenen, Ursprnglichen, Kindlichen.
Wir legen ihnen davon vielleicht etwas mehr unter, als sie wirklich
haben -- aber etwas davon ist doch in ihnen. Jedenfalls reizen sie uns
immer, es in ihnen zu suchen und es durch die Verbindung mit ihnen zu
gewinnen. Aus diesem Reize kommt und in dieser Verbindung ist aber die
Liebe. Und dafr, Herr Graf, nicht wahr, fr diesen ewigen, aller Wunder
vollen Schatz mssen wir ihnen wohl viel nachsehen, was uns, weil wir ja
so anders sind, als sie, manchmal an ihnen geniert, und dafr mssen wir
ihnen mit dem danken, was ihnen das Wertvollste an uns dnkt: mit immer
bereiter, nie ermdender Zrtlichkeit, Aufmerksamkeit, Gtigkeit. Es ist
fast, als ob ihnen der uere Ausdruck, das Zeigen der Liebe wertvoller
erschiene, als deren Vorhandensein selbst. Zu wissen, da der Mann sie
liebt, gengt der Frau nicht, sie will die Liebe fortwhrend, und auch
im Kleinsten, immer und immer wieder dokumentiert sehen. Wir knnen ja
vielleicht finden, da das etwas uerlich ist, und wir sind manchmal
geneigt, uns sehr groartig vorzukommen, weil wir es uns im Grunde am
Bewutsein der Liebe gengen lassen, aber eigentlich ist es doch sehr
gut, da die Frauen so -- uerlich sind. Denn schlielich ist aus dieser
weiblichen Art ein gut Teil unserer Gesittung entstanden.

Der Graf, der, wie die meisten Leute, die mehr Geist als ihre Umgebung
haben, auf artiges Zuhren nicht trainiert war, bemerkte: Was mu ich
denn =Ihnen= schenken, damit ich um =Ihre= Dissertation herumkomme?

Man sieht, erwiderte Adam, da Sie ein Junggeselle sind, denn sonst
wrden Sie sich mehr fr diese goldenen Grundregeln der andauernden
Liebe interessieren. berdies komme ich aber jetzt auf einen Punkt, der
zu dem Feste, das Sie auf so absonderliche Art feiern, eine sehr nahe
Beziehung hat. -- Haben Sie sich schon einmal berlegt, warum der Tag
vor dem Christfeste Adam und Eva heit?

Ich wei nicht einmal, da das so ist, antwortete der Graf etwas
schlfrig.

Adam aber erwiderte: Und doch ist das ein sehr glcklicher Einfall der
Kirche, wenn wir ihm auch besser eine andere Auslegung geben, als es
nach ihrem Wunsche sein mag. Sie, die berhaupt nicht gut auf uns zu
sprechen ist, weil wir uns nicht haben kirchlich trauen lassen und blo
ziviliter verheiratet sind, meinte, mir und meiner Frau mit dieser
Postierung vor das Christfest eins auszuwischen. Sie hat diese nmlich
in dem Sinne vorgenommen: direkt vor die Erlsung das zu rcken, wovon,
nach ihrer Meinung, die Menschheit zu erlsen war: die Erbsnde. Sie
werden es mir nachfhlen, wenn ich diesem Gedankengange, der mich und
meine Eva zu Schwerverbrechern stempelt, wo wir doch blo taten, was ihr
uns alle so gerne nachmacht, nicht gerne folge und es vorziehe, die
Sache anders auszulegen. Nmlich so: Ich meine, es ist damit ganz
einfach die irdische und die himmlische Liebe kalendarisch benachbart
worden als ein Sinnbild dafr, da der Mensch die eine so ntig hat wie
die andere. Denn selbst Sie, Herr Graf, der Sie doch eigentlich nicht
mehr ganz komplett sind, kommen ohne ein bichen Erbsnde nicht aus, ganz
zu geschweigen von Ihren Kameraden da, die in diesem Punkte allen
Ansprchen vollkommen gengen. Ich gnne es Ihnen und ihnen, freue mich
darber und mchte nur wnschen, da sie (und Sie!) auch sonst mehr nach
mir geraten wren. Denn, abgesehen davon, wie Sie (und sie!)
aussehen, -- =das= mchte ich Ihnen bei dieser Gelegenheit doch bemerken:
=Ich= habe =niemals= Theaterstcke geschrieben und nie Leute ausgerichtet!

Weil du kein Talent dazu hast und keine Leute da waren, warf Eva
schnippisch ein.

Was?! rief Adam aus, ich kein Talent? Ich, der ich tglich zwlf
Gedichte auf dich gemacht habe, damals, als ich noch nicht wute, wie du
dich auswachsen wrdest? Und keine Leute? Ist der liebe Gott etwa
nichts? Htte ich nicht den lieben Gott ausrichten knnen und dich und
die Schlange? Ich sage dir, mein Kind, diese Herrschaften hier wrden,
wenn jeder von ihnen allein auf der Welt lebte, ihren Stiefelknecht
verleumden, ihrer Zahnbrste ein schmutziges Verhltnis mit ihrer
Seifenschale andichten und ihrem Sacktuche unehrenhafte Handlungen
nachsagen.

Der Graf, weit entfernt davon, Widerspruch zu erheben, bemerkte
seelenruhig: Sie sind von Ihrem Thema abgekommen, Herr von Adam.

Richtig, antwortete der, und das tut mir leid, denn ich wollte von
=guten= Dingen reden; und =das= wars, was ich sagen wollte: Ihr solltet am
heutigen Tage recht fleiig auch an Adam und Eva denken, und der Gedanke
wre, obwohl die Beiden, Gott sei Dank, keine Heilige waren, so wenig
sndig wie der Gedanke an Raffael oder Mozart oder Goethe oder sonst
einen der Herrlichen, die die Erde mit ihrem Leben und Schaffen
geschmckt haben. Denn der Gedanke an uns leitet auch in diesem Sinne
hinber zu dem Gedanken an den, dessen Tag dem unseren folgt, -- nicht
wie der Tag der Nacht, sondern wie ein Feiertag dem anderen Feiertag.

                     *       *       *       *       *

Der Graf war schon lange eingeschlafen, als Adam sein letztes Wort
sprach. Auch die Kerzen in den Wandleuchtern verlschten. Die Dichter
und ihre Verleger und Theaterdirektoren schnarchten in einer Harmonie,
die sonst selten zwischen ihnen bestand.




                    Schwarz-Rot-Gold und Grn-Wei-Rot

                         Eine Studentengeschichte


Franz Zoller und Karl Jost waren Freunde von Kind an.

Selten sind solche Freundschaften. Denn es war bei ihnen viel mehr als
Gewohnheit. Sie hatten sich wirklich von Wesensgrund aus gern. Schon die
Zuckertte des ersten Schulgangs teilten sie miteinander.

Ich habe lauter Schokolade, Franz, sagte Karl, und ich lauter
Zuckerzeug, entgegnete der, und sogleich schtteten sie Zucker und
Schokolade zusammen und zhlten ab und teilten.

In der Brgerschule sowohl wie im Gymnasium machten sie Klasse fr
Klasse miteinander durch, hielten sich auch durchweg auf derselben Bank,
ja zumeist nachbarlich zusammen, gewissenhaft auch darin abwechselnd,
da bald der eine, bald der andere den hheren Platz einnahm, denn, wie
sie einander in der Begabung die Wage hielten, so auch im Fleie.

Im Charakter hnelten sie sich gleichfalls.

Es waren beide gute, muntere, aufrichtige Jungen, harmonisch angelegte
Naturen von einer glcklichen Mischung der Gemtsgaben: Nicht
berbegehrlich nach irgendeiner Richtung hin, aber auch in keinem
Betracht stumpf und den jeweiligen Genumglichkeiten des Lebens
abgewandt. Nicht etwa geradezu Musterknaben, aber durchaus wohlgeratene
Burschen. Niemals Spielverderber, auch dann nicht, wenn es sich um
verbotene Spiele handelte, aber immer masicher dabei. Und dies nicht
etwa aus Berechnung oder frhreifer Lebensklugheit, sondern ganz von
Gnaden eines unbeirrbaren Instinkts fr die gute Mitte, die berhaupt
das wesentliche an ihnen war.

Kein Wunder, da ihre Eltern rechte Freude an ihnen hatten.

Franz war der Sohn des ersten Arztes der Stadt, Karls Vater
war ein pensionierter Offizier, der sich aus Liebhaberei mit
kriegsgeschichtlichen Studien beschftigte. Beide Familien waren
wohlhabend, nicht reich, und jede hatte auer dem einen Sohn noch eine
jngere Tochter.

Unser Quartett, sagten die Alten, wenn sie die vier beieinander
sahen -- und die beiden Mtter dachten sich wohl noch etwas Extras dazu.

Eigentlich waren die Eltern erst durch die Kinder einander nahe
gekommen, obwohl sie Haus an Haus drauen in der kleinen Villenvorstadt
des Stdtchens wohnten. Denn im Grunde stand mancherlei einer
Freundschaft zwischen dem Doktor Zoller und dem Rittmeister a. D. Jost
entgegen.

Vornehmlich der Unterschied in der politischen Meinung.

Der Doktor war ein alter Achtundvierziger, was er noch immer durch einen
Heckerbart mit dazu gehrigem breiten Schlapphut auch uerlich an den
Tag legte; der ehemalige Rittmeister aber pflegte sich konservativ bis
in die Knochen zu nennen.

Diesen politischen Standpunkten entsprachen die Universittserinnerungen
der beiden Herren.

ber dem Schreibtisch des Doktors hing ein schwarz-rot-goldenes Band,
ber dem des Rittmeisters, der erst nach einer ziemlich frhlichen
Studentenzeit ins Heer getreten war, ein grnwei-rotes, das Zeichen
seiner Angehrigkeit zu einem Korps der benachbarten Universittsstadt.
Und sonderbar: Die politische Meinungsverschiedenheit gab nicht so oft
Anla zu Mihelligkeiten, wie der Unterschied in ihren Sympathien fr
die verschiedenen Universittsverbindungsrichtungen.

Sie sind und bleiben ein verbohrter Bxier, Doktor; mit Ihnen ist
berhaupt nicht zu reden; Sie sind durch die Buxenschaft heillos
verdorben! pflegte der Rittmeister immer auszurufen, wenn sie ber
irgend etwas miteinander ins Gestreite gekommen waren. Und:
Korpserziehung, das ist's, was Ihnen fehlt; stramme Zucht und das
Gefhl fr die notwendigen Schranken. Aber natrlich: Eine Verbindung,
die ein politischer Debattierklub ist -- daraus wird immer blo
Jakobinertum.

Der Doktor aber lie sich solche Belehrungen nicht willig eingehen,
sondern ri an seinem wilden Bart und replizierte krftig genug: Da
ich nicht lache! Korpserziehung! Ah bh kann am Ende jeder Idiot auch
sagen und Stege an den Hosen (er dachte an seine Zeit) sind schlielich
auch nicht die Gipfel der Kultur. Erziehung zur Freiheit,
Mannhaftigkeit, berzeugungstreue, Vaterlandsliebe, das ist mehr wert,
als den jungen Leuten beizubringen, da ein glatter Scheitel und glatte
Redensarten bei den Vorgesetzten beliebt machen. Der Korpsier ist die
Karikatur des deutschen Studenten, von dem =wir= sangen: Frei ist der
Bursch! --

Nach solchen Diskursen schieden die beiden mit roten Kpfen voneinander
und pflegten zu ihren Eheliebsten zu bemerken: Schade um den guten
Zoller (oder Jost); er ist im Grunde ein prchtiger Mensch, aber sein
ewiges Buxentum (oder seine ewige Korpssimpelei) ist ganz und gar
unausstehlich. Das eine aber wei ich: Unser Junge wird Burschenschafter
(oder Korpsstudent)!

Die beiden Jungen aber, wenn ihre Alten ihnen auch, als sie sich der
Prima des Gymnasiums nherten, oft genug ihre schwarz-rot-goldenen oder
grn-wei-roten Ideale predigten, hatten und zeigten wenig Sinn dafr.

=Ich= springe mal =nicht= ein, Karl, erklrte Franz, und Karl pflichtete
bei:

Sollte mir gerade einfallen, mich als Korpsfuchs schurigeln zu lassen.

Diese Abneigung gegen das studentische Couleurwesen kam einesteils
daher, da beide einander viel zu gern hatten, als da sie es htten
wnschen knnen, auf der Universitt die feindlichen Brder zu spielen,
dann aber war sie auch eine Folge gewisser anderer Neigungen, denen sich
die beiden Gymnasiasten schon von Obersekunda an mit gleicher Strke
hingaben.

Sie waren durch einen Kameraden, dem sie neidlos hhere Begabung
zuerkannten und durch dessen Belesenheit in moderner Literatur sie sich
gerne imponieren lieen, auf die Beschftigung mit der zeitgenssischen
Dichtung hingefhrt und so in einen Anschauungskreis gebracht worden, in
dem kein Raum fr die blichen Burschenideale war. Nicht, als ob sie
sich von gewissen, zwar verbotenen, aber darum erst recht ausgelassen
lustigen Zusammenknften der brigen ferngehalten htten, in denen
verschiedene Prrogative des Studententums feuchtfrhlich vorweggenommen
wurden, aber sie bildeten dabei mit noch einigen eine Art stilleren
Extrawinkels fr sich, und schlielich tat sich dieser zu einem
literarischen Krnzchen zusammen, in dem man die damals gerade
einsetzende moderne literarische Bewegung aufmerksam verfolgte und nicht
weniger laut ber Naturalismus und Idealismus debattierte, als es in den
damals florierenden Literaturkampfblttern geschah. Wenn sich Franz und
Karl dabei, auch hierin einmtig wie sonst, fr M. G. Conrad,
Liliencron, Conradi erhitzten und in einem gewaltigen Abscheu vor Paul
Heyse erglhten, so konnten sie unmglich noch Elan genug fr Korps oder
Burschenschaft aufbringen.

Im brigen lagen sie nach wie vor ihren von der Schule gebotenen Studien
fleiig ob und begannen auch nach und nach der Frage ihres zuknftigen
Universittsstudiums nherzutreten.

Dabei stellten sich aber schon Schwierigkeiten mit den beiderseitigen
Eltern ein. Der alte Rittmeister wnschte seinen Sohn einmal als
Juristen in Amt und Wrden zu sehen, der Doktor konnte sich den seinen
nur wieder als Mediziner denken, aber die beiden Literaturverehrer
fanden, da nur ein irgendwie literarisches Studium imstande sein werde,
sie ganz auszufllen.

Franz gedachte sich fr romanistische, Karl sich fr germanistische
Philologie zu entscheiden.

Dummes Zeug, erklrten die beiden Vter, die sich hier einmal in
vollster Harmonie der Meinungen trafen und auch oft gemeinschaftlich
miteinander zu Rate gingen, was wohl am besten zu tun sei, um die beiden
Jungen, die sich jetzt zum erstenmal schwierig zeigten, auf den rechten
Weg zu leiten.

Das war zur Zeit, als die beiden in Unterprima saen und der Wohltat der
ersten Tanzstunde teilhaft wurden.

Um diese Zeit begab es sich, da Franz die Bemerkung machte, er sei in
Karls Schwester Anna verliebt, und Karl gegenber Klara, der Schwester
Franzens, derselben Gefhle inne wurde.

Zuerst gestanden sie es einander und erteilten einander sogleich auch
den brderlichen Segen.

Sodann ging ein jeder zu seiner Schwester, des Freundes Brautwerber zu
machen.

Und es ergab sich alles (woran auch keiner gezweifelt hatte) nach
Wunsch. Das Quartett der heimlichen Liebe war fertig und stimmte aufs
beste.

Die Alten taten, als merkten sie nichts, freuten sich aber im stillen
herzhaft ber die heimliche Hausmusik, von der sie ja ganz sicher sein
konnten, da sie nichts Unziemliches ben und produzieren wrde.

Die beiden Mtter, bisher in den Meinungsverschiedenheiten zwischen
Vater und Sohn zuwartend neutral geblieben, aber im Innern durchaus der
berzeugung sicher, da das klgere Alter ganz gewi nicht blo das
Rechte wollte, sondern auch erkannte, fanden es nun an der Zeit,
ihrerseits sanft leitend einzugreifen, und zwar eben im Hinblick auf das
gute Zusammenspiel des Quartetts. Denn sie sagten sich mit mtterlicher
Psychologie: Jetzt, wo die Jungen ein Geheimnis mit sich herumzutragen
glauben, von dem sie nicht wissen, welchen Eindruck es hervorbringen
wird, wenn sie es einmal enthllen mssen, jetzt werden sie fgsamer
sein als je.

Und sie irrten sich nicht.

Wie die Jungen merkten, da von ihrem Nachgeben bei der Wahl des
zuknftigen Studiums es abhinge, ob die gestrengen Alten in der Wahl der
zuknftigen Braut Nachgiebigkeit an den Tag legen wrden, waren sie bald
entschlossen, die romanistische und germanistische Philologie zu opfern
und in die sauren pfel der Juristerei und Medizin zu beien, wenn ihnen
dafr die sen pfel aus dem Liebesgarten in greifbare Nhe gerckt
wrden.

Das war freilich nicht sehr berzeugungstreu gehandelt und eigentlich
Felonie gegen das literarische Krnzchen, aber wenn man neunzehn Jahre
alt ist und im Feuer der ersten Liebe steht, darf man fr solche
Abtrnnigkeit wohl mildernde Umstnde zugebilligt erhalten.

Weit du, Franz, erklrte Karl, als er, etwas zaghaft, seinen
Treubruch bekannt hatte, ich mute doch auch an deine Schwester denken,
und da ich als Jurist viel bessere materielle Aussichten habe.
Jedenfalls knnen wir viel frher heiraten.

Karl fand diese berlegung durchaus weise und wurde durch sie der
Notwendigkeit berhoben, auch seinerseits Entschuldigungen vorzubringen.
Dafr bemerkte er, da man ja auch als Arzt und Jurist der schnen
Literatur alle mglichen Opfer an Hingabe und Frderung bringen knne.

Nur vor ihrem literarischen Mentor, jenem Kameraden, der ihnen den
Geschmack an Literatur beigebracht hatte, hatten sie ein bichen Angst.
Der aber zeigte sich, wie immer, auf der Hhe der Situation, indem er
uerte: Ihr konntet keinen vernnftigeren Entschlu fassen: Wenn
jeder, der sich fr Literatur interessiert, Literat werden wollte, wrde
die Literatur schlielich blo noch Interessenten und kein Publikum
haben. Mir persnlich habt ihr berdies einen Stein vom Herzen genommen
durch eure Entschlieung, denn ich habe mir schon manchmal Gedanken
darber gemacht, ob ihr auch begabt genug dazu wret, euch aktiv in
Literatur zu bettigen.

Die guten Jungen fhlten sich durch dieses Verdikt sehr beruhigt und
begannen nun, wie es ihrer gesunden, resolut aufs Reelle gerichteten Art
entsprach, sich rechtschaffen mit ihrem ganzen Wesen auf ihren
zuknftigen Beruf einzustellen, indem sich ein jeder dessen schne
Seiten und Mglichkeiten bewut werden lie.

Die Mtter triumphierten, und die Vter waren zufrieden.

Nun, so dachte ein jeder von ihnen fr sich, werd' ich den Bengel schon
auch noch fr meine alten Studentenideale einfangen.

Indessen, da wollte sich der gewnschte Erfolg durchaus nicht
einstellen. Allen noch so begeisterten Schilderungen, noch so
nachdrcklichen Zureden setzten die Jungen halsstarrig das eine
entgegen: Es gehe und gehe nicht, -- schon wegen ihrer Freundschaft. Sie
seien nun einmal ein Herz und eine Seele und wollten in allen Lagen des
Lebens immer und ausnahmslos bleiben, was sie von jeher waren:
Engverbundene Kameraden.

Vergeblich deklamierte der Doktor: Ehre! Freiheit! Vaterland! Vergeblich
wies der Rittmeister darauf hin, da nur der zur Elite der
Studentenschaft gehre, der Mitglied eines Korps sei. Vergeblich
betonten beide, da es zu ihren innigsten Herzenswnschen gehre, den
Sohn mit demselben Band geschmckt zu sehen, das sie einst selber
getragen hatten.

Es ntzte alles nicht; die beiden Oberprimaner, deren Abgang von der
Schule schon in ein paar Monaten eintreten mute, blieben standhaft bei
ihrem _non possumus._

Die Lage schien verzweifelt.

Da erschien wiederum der mtterliche Sukkurs auf dem Plan. Aber diesmal
mute er sich einer komplizierteren Taktik bedienen, und die beiden
Hilfstruppen muten gemeinsam vorgehen.

Sie pflogen Kriegsrat mit einander und einigten sich ber die folgende
Gefechtsidee: Diesmal mssen wir die Mdels bange machen. Wenn ihr,
mssen wir sagen, euren Bruder dahin bringt oder wenigstens den Anschein
erweckt, als ob ihr ihn dahin gebracht httet, nach Vaters Willen zu
handeln, so wird der, seid sicher, zum Dank dafr euren Herzenswnschen
so gewi geneigt sein, wie er jetzt darin ungewi ist. -- Nun werden die
Mdels freilich sagen: Der Bruder denkt ja gar nicht daran, auf uns zu
hren.

Dann mte man eben das junge Volk ein bichen auf eine andere
Mglichkeit stoen.

Wofr sind wir die Alten, Erfahrenen? Es geht ja um einen guten Zweck,
und so drfen wir wohl andeuten, da, wenn auch der Bruder am Ende nicht
hren wrde, der Freund des Bruders um so gewisser alle beide Ohren
aufmachen wird. Geschieht das nun aber auf beiden Seiten, so ist genau
das selbe erreicht, wie wenn ihr den Bruder berredet httet, d. h. der
Vater ist zufriedengestellt.

Die mtterliche Doppelintrige, von den Tchtern sofort aufs gelehrigste
erfat und so geschickt ins Werk gesetzt, wie man es von jungen
verliebten Mdchen nur voraussetzen kann, fhrte noch kurz vor
Torschlu, nmlich in der Muluswoche der beiden Freunde, zum gewnschten
Ziele.

Natrlich handelten Franz und Karl im Einverstndnis miteinander.

Nun mssen wir also auch noch Komdie spielen wegen der Mdel, so
fate Franz die Sachlage in Worte. Du mut dich als Korpsier, ich mich
als Burschenschafter verkleiden, und wir mssen drei Semester lang so
tun, als verachteten wir einander grimmig. Es ist zum Totlachen! Wir
werden uns wie ein heimliches Liebespaar nur verstohlen treffen knnen
und auf der Strae aneinander vorberschreiten, als kennten wir einander
gar nicht. Blo in den Ferien wird Gottesfriede herrschen. Was wollen
wir aber dann auch miteinander vergngt sein, Karl! Wie wollen wir dann
lachen ber die Mummerei! --

Ja, das wollen wir, war Karls Antwort, aber, weit du, die Sache hat
doch auch eine ernste und gerade darum erfreuliche Seite: Es ist die
erste Prfung, die unsere Freundschaft zu bestehen hat. Ich zweifle
natrlich so wenig wie du daran, da sie sie bestehen wird; das versteht
sich ganz von selber; aber immerhin, eine Probe aufs Exempel bleibt's,
und das ist gut.

In dieser Stimmung traten sie ein jeder in die Verbindung ein, der sein
Vater frher angehrt hatte. --

Sie htten keine jungen deutschen Studenten sein mssen, wenn nicht das
mancherlei Schne, Frische, Lustige auf sie gewirkt htte, das dem einen
das Korps, dem andern die Burschenschaft bot. Franz war ein ebenso
forscher Arminenfuchs wie Karl, in _S. C._-Redeweise gesprochen, eine
brauchbare Korpsrenonce. Und wie jeder seine drei Mensuren hinter sich
hatte, wurde der eine wie der andere ein tadelloser Bursch, der es nach
dem besonderen Sinne seiner Verbindung an nichts fehlen lie. Denn die
beiden zeigten sich auch hierin von dem guten Schlage, der allewege
ordentlich treibt, was er einmal bernommen hat.

Trotzdem gehrten sie mit ihrem innersten eigentlichen Wesen ihren
Verbindungen doch nicht an. Wie htte Karl so ganz Korpsstudent sein
knnen, um z. B. auf jeden Burschenschafter wie auf einen minderwertigen
akademischen Brger herabzublicken?

Und wie htte Franz es vermocht, so ganz Burschenschafter zu sein, da
er im Korpsstudenten schlechthin nichts gesehen htte, als eine Art
studentischen Gecken von beschrnktem Geist, aber unbeschrnktem
Hochmut?

Nein, es blieb im Grunde doch eine Verkleidung, wenn sie sie beide auch
nach auen hin glnzend durchfhrten, und wenn auch schlielich gewisse
Eigenheiten des Korps- oder Burschenschaftsangehrigen an ihnen haften
blieben.

Ganz von selbst verstand es sich, da sie alle Zeit, die ihnen das Korps
oder die Burschenschaft zur freien Verfgung lie, miteinander
verbrachten -- in der Tat verstohlen wie ein heimliches Liebespaar.

Mtze, Band und Bierzipfel wurden abgelegt, ein Hut aufgesetzt, der
Rockkragen aufgeschlagen und, womglich im Schutze der Dunkelheit, zum
Freunde geeilt.

Anfangs teilten sie einander noch ihre speziellen Verbindungserfahrungen
mit, erheiterten sie sich gegenseitig durch die Wiedergabe jener
Charakterisierungen, wie sie der Korpsstudent dem Burschenschafter, der
Burschenschafter dem Korpsstudenten angedeihen lt, aber schlielich,
als sie nun doch ihren Verbindungen endgltig angehrten, lieen sie das
als unschicklich und eine Art Hinterlist sein und begngten sich damit,
von Dingen zu reden und zu schwrmen, die ihnen beiden ganz gemeinsam
waren, vor allem von ihren Mdchen.

Denn aus der Primanerpoussasche war bei einem jeden eine rechte, feste
Studentenliebe geworden, von der der eine wie der andere herzlich gewi
war, da sie eine Liebe frs Leben bleiben werde.

Auch unterlag es gar keinem Zweifel mehr, da die beiderseitigen Eltern
einer spteren Verbindung der Liebespaare ihre Einwilligung geben
wrden.

Eine Verlobung hatte, als zu frh einerseits, anderseits aber auch als
frs erste berflssig, nicht stattgefunden. Es bestand aber ein
stillschweigendes Einverstndnis aller Beteiligten, wovon sich auch die
Vter nicht ausschlossen.

Der Rittmeister fand, da der Burschenschafter Franz sich ganz wie ein
richtiger Korpsstudent ausnhme, und der Doktor erklrte, da der
Korpsbursch Karl in seinem ganzen Gehaben einen so frischen,
ungeknstelten, heiteren Eindruck machte, da man ihn ebensogut fr
einen forschen Burschenschafter htte nehmen knnen. Und so war, wie
innerlich bei den Shnen, so uerlich bei den Vtern das
schwarz-rot-gold dem grn-wei-rot so nahe wie nur mglich gekommen, und
die Alten trafen sich recht oft in dem Gedanken, wie nrrisch es doch
eigentlich von ihnen gewesen sei, jenen Unterschieden eine wesentliche
Bedeutung beizulegen: Zwei Strmungen im deutschen Studentenleben, jede
in ihrer Art gleich bewut und sicher, wenn auch unterschiedlich in
belanglosen Einzelheiten, demselben Ziele zustrebend, aus den jungen
Leuten in einer heiteren, formvollen Freiheit tchtige Mnner frs Leben
zu bilden. Wirkliche Gegenstze bestehen eigentlich gar nicht zwischen
ihnen. Und so kreuzen sie sich ja auch schon lngst nicht mehr.

                     *       *       *       *       *

Just an demselben Abend und genau zur selben Stunde, als die beiden
Alten, die am nchsten Tag ihre Shne zum Ferienbesuch erwarteten, in
diesem Sinne beim Wein miteinander redeten und die Glser aneinander
klingen lieen mit einem: Prost das Korps! Prost die Burschenschaft!
begab sich in einer Bierwirtschaft der benachbarten Universittsstadt,
die von Couleurstudenten nur nach Schlu des Couleursemesters besucht
werden durfte, folgendes.

In dem berfllten, vollgequalmten Raum, in dem eine Biermusik einen
greulichen Lrm verbte, sa nahe der Tr eine Schar angetrunkener
Studenten, die das instrumentale Getse der Kapelle mit nicht minder
turbulenter Vokalmusik begleiteten. Da ffnete sich die Tr, und ein
Schwarm anderer Studenten trat herein, nicht weniger betrunken als die,
an deren Tische sie vorbei muten.

Der erste von den Eintretenden, dessen Augenglas von der Hitze des
geschlossenen Raumes angelaufen war, stie im Vorbeiwanken an den
zunchst stehenden Stuhl und schob sich ohne Entschuldigung weiter.

Da wandte sich der, der mit dem Stuhle auch einen Sto erhalten hatte,
halb um und rief, nach Art eines stark Angetrunkenen etwas lallend:
Kann der Prolet nicht Pardon sagen?

Kaum, da diese Worte gefallen waren, fhlte er auch schon die Hand des
also Apostrophierten, der sich mit einem Ruck umgewandt hatte, auf
seiner Wange.

Seine Kameraden sprangen auf, er strzte sich auf den, der ihn
geschlagen hatte, aber dessen Begleiter warfen ihn zurck.

Eine Weile Tumult, erhobene Arme, Geschrei, Kreischen der
Kellnerinnen, -- dann wurden die eben Angekommenen auf die Strae
geschoben, gefolgt von einem vom Tische des Geohrfeigten, der dessen
Karte dem, der den Schlag gefhrt hatte, bergab und dafr dessen Karte
erhielt.

Na, Karlemann, da httest du dir ja noch vor Torschlu die obligate
Pistolenkiste bestellt, rief einer von dessen Begleitern, whrend
dieser die empfangene Karte vor die noch immer undurchsichtigen
Klemmerglser hielt.

Spar dir die Lektre zum Frhstck, Jostchen! Wie der Mann heit, dem
ein Loch in die Hose geschossen werden soll oder mu, ist ohnehin
gnzlich irrelevant, bemerkte ein anderer.

Karl Jost steckte die Karte in die Westentasche. Die Gesellschaft
entfernte sich unter Gelchter und dem Gesange: 'Kauf dir, mein Freund,
ein Pistolet!'

                     *       *       *       *       *

Als Karl am nchsten Morgen erwachte, gab sein wirrer Kopf zunchst
keine weitere Erinnerung her, als ein wstes Durcheinander von
unzusammenhngenden Einzelheiten und ein Gefhl, da irgend etwas
Dummes, ihm im hchsten Grade Fatales passiert sei.

Karl Jost hatte sich bisher, so gut es eben mglich gewesen war, auch
vor dem Zuviel im Trinken gehtet, und so genierte ihn schon der
Gedanke, besinnungslos betrunken gewesen zu sein. 'Franz wird mir eine
nette Pauke halten,' dachte er sich, 'wenn ich's ihm berichte. Aber
schlielich: Der erste Tag der Inaktivitt!'

Denn es war der Abschied von den Korpsbrdern gewesen, den man,
allerdings nicht ganz auf solenne Manier, gefeiert hatte, da Karl, mit
Schlu des Semesters inaktiv geworden, im nchsten Semester eine andere
Universitt besuchen wollte.

Franz, der im gleichen Falle war, wrde wohl auch entsprechend
gesndigt haben, trstete er sich. Es war ja bisher fast immer so
gewesen, wenn einer dem anderen was zu beichten gehabt hatte, da der
Beichtabnehmer an die Absolution selber auch eine Beichte fgen mute.

Karl stand auf und begrte, wie immer, zuerst das Bild seiner Braut,
das drben auf dem Schreibtische stand. Da fiel ihm ein weies Krtchen
in die Augen, das vor der Photographie lag, und sofort trat das
Geschehene in lebhafter Erinnerung vor ihm hin.

Das war ja die Karte des Menschen, den er geohrfeigt hatte!

Was fr dumme Geschichten! Wie unwrdig und widerwrtig!

Und dazu die Konsequenzen, wenn der Geschlagene honorig dachte, was ja
durch die Auswechselung der Karten wahrscheinlich erschien....

Karl wurde ernst bei diesem Gedanken.

Er hatte durchaus nichts vom Raufbold in seiner Natur und hatte nie
anders als auf Bestimmung mit Angehrigen der anderen Korps gefochten.
Der Gedanke an einen ernsthaften schweren Ehrenhandel war ihm, der jede
Herausforderung sowohl wie jeden Anla, herausgefordert zu werden, immer
vermieden hatte, schon an sich zuwider, aber nun gar die sichere
Aussicht auf eine Pistolenmensur mit einem ihm ganz gleichgltigen
Menschen, von dem er nicht einmal wute, wie er aussah, und gegen den er
sich ttlich vergangen hatte, ohne zu wissen, was er tat....

Karl htte nicht der gesund empfindende und verstndig denkende Mensch
sein mssen, der er war, wenn ihm das ruchlos Widersinnige einer solchen
Notwendigkeit nicht schwer auf die Seele gefallen und als eine absurde
Scheulichkeit erschienen wre. Trotzdem suchte er auch nicht eine
Sekunde der berzeugung auszuweichen, da, wie nun einmal der Ehrenkodex
in allen Fllen ttlicher Beleidigung bestimmte, nur ein Austrag mit der
Pistole erfolgen konnte. Er wute, da der _S. C._, fr den Fall, da
jener andere einer solchen Austragung wrde ausweichen wollen, ihn sogar
moralisch dazu zu zwingen versuchen wrde. An eine Mglichkeit fr ihn,
Karl, die Sache auf vernnftige Weise durch eine Erklrung des
Bedauerns aus der Welt zu schaffen, war gar nicht zu denken, nach dem
unumstlichen Satze aus der Logik der Ehre: Eine Realavantage kann (und
mu) man zwar immer bedauern, aber niemals zurcknehmen. Und auch der
Umstand der beiderseitigen Betrunkenheit konnte nicht ziehen, weil
durch die Auswechselung der Karten ja dokumentiert worden war, da beide
die Tragweite des Geschehenen erkannt hatten.

Auch jetzt, wie Karl alles dies mit ernstem Bedauern bedachte, galt sein
nchster Gedanke dem Freund: 'Was wird Franz zu dieser heillosen
Geschichte sagen! Und wenn es tausendmal gegen den Komment verstt: Das
kann ich nicht vor ihm geheimhalten!'

Er trat an den Schreibtisch und ergriff die Visitenkarte. Aber im selben
Augenblicke lie er sie auch schon wieder fallen und griff sich mit
beiden Hnden nach der Stirn. Auf der Karte stand: Franz Zoller, _stud.
med._ ...

Aber um Gottes willen! rief er laut aus, das ist ja doch ... und
tastete nochmals nach der Karte.

Dann fiel er auf einen Stuhl hin und starrte ins Leere.

Es war ihm unmglich, einen Gedanken zu fassen. Er fhlte nur immer
wieder das eine: Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn!

Da klopfte es an die Tre. Er ffnete: Im dunklen Flur stand Franz. Aber
im nchsten Augenblicke war er auch schon im Zimmer und lag dem Freunde
an der Brust.

Zum ersten Male geschah, was nie geschehen war bisher, sie kten sich.
Dabei rollten Karl die groen Trnen ber die Backen.

Franz aber lachte munter und sprach: Aber Karl! Trnen? Von wegen ein
paar Pistolen?

Karl ri die Augen auf und rief: Ja denkst du denn, wir sollen uns
wirklich....?

Aber natrlich, Karl! Wir werden uns doch nicht exkludieren lassen und
am letzten Tage unserer groen Komdie aus der Rolle fallen?

Ich begreife dich nicht. Die Sache ist, wei Gott, zu ernst, um Witze
zu machen.

Die Witze macht das Schicksal, nicht ich. Das Schicksal will, da wir
unsere Komdie mit einem Knalleffekt schlieen. Also: Knallen wir!

Franz, ich bitte dich!

Du scheinst mir einen netten Kater zu haben, mein Lieber, da du
absolut nicht kapierst. Bitte, wozu ist die Natur da, wenn man nicht ein
paar Lcher hineinschieen kann? -- Na, siehst du wohl? -- Wirklich, es
ist das Einfachste und Schmerzloseste. Fordere ich dich nicht, werde ich
exkludiert. Nimmst du nicht an, wirst du exkludiert. Sentimentalitten
-- gilt nicht. Aber Komdie spielen, das gilt. Wer A sagt, mu B sagen.
Sollen wir diese drei Semester so brav bei der Stange geblieben sein, um
genau im letzten Augenblicke durchzugehen? Unsinn! Wir sind nicht die
ersten, die mit ernsten Mienen die Atmosphre durchlchert haben. Die
Pistole ist das harmloseste Instrument von der Welt, wenn man einen
vernnftigen Gebrauch von ihr macht. Ich werde drei Meter hoch ber
deine werte Schdeldecke weg ins himmlische Blau zielen, und du wirst
die Blmlein auf der Au mit dem todbringenden Blei ldieren. Vorher aber
bitte ich dich um eine Liebe.

Was denn?

Bitte, sage zu mir: Du alter, ekliger Prolet du!

Jetzt bist aber wirklich verrckt, mein Junge.

Ach so, du weit wahrscheinlich gar nicht, da ich dich einen Proleten
genannt habe?

Mein Gott, das hast du? Gottvoll!

Allerdings, das habe ich, und dafr mu ich gezchtigt werden. Also,
los!

Na, ja! Du alter, ekliger Prolet du!

So, und jetzt gestatte, da ich meinerseits, damit wir quitt werden,
dir eine kleine niedliche Ohrfeige verabreiche. Weit du, nur, um mir
nicht sagen lassen zu mssen, da mich ein Korpsstudent ungestraft
gemaulschellt hat.

Aber natrlich, bitte, bediene dich!

Und Franz gab dem Freund einen leisen Patsch auf die Wange. Dann lachten
beide recht herzlich und verabschiedeten sich, weil jeden Augenblick
Franzens Korpsbrder in der wichtigen Mission bei ihm erscheinen
muten, die ihnen nun der Komment auferlegte.

                     *       *       *       *       *

Schon am nchsten Morgen trafen sich die beiden Parteien in einem
Gehlze nahe der Stadt.

Die Forderung war auf einmaligen Kugelwechsel bei ziemlich weiter
Entfernung gestellt und angenommen worden, und die Sekundanten suchten
die Entfernung durch phantastisch groe Schritte beim Abmessen noch zu
vergrern.

(Diese ganze Knallaktion geht ja nur vor sich, damit das Kind einen
Namen hat, meinte Franzens Sekundant, um zu kennzeichnen, da die Sache
nicht gerade um Tod und Leben ging.)

Immerhin merkte man allen Beteiligten eine gewisse Aufregung an.

(Kurios, meinte Karls Sekundant, was so ein paar glatte Pistolenlufe
fr eine Suggestion ausben. So eine Pistolenchose macht sich doch immer
recht dekorativ.)

Als die Gegner einander gegenbertraten und sich nach der Sitte mit
einer Neigung des Kopfes begrten, htte ein genauer Beobachter
bemerken knnen, was fr ein seltsames Leuchten in ihren Augen war.

Dieses Leuchten sprach einen ganzen Satz aus: Du alter lieber Kerl
drben, gelt, du fhlst wie ich, da wir diese Komdie nicht um ihrer
selbst und aus einer frivolen Lust spielen, sondern, weil es uns nun
einmal von einem wunderlichen Schicksal bestimmt ist, einen Mummenschanz
zu treiben, damit ein paar gute alte Leute ihr Vergngen haben. Dies
aber, gottlob! ist die letzte Szene der Komdie.

                     *       *       *       *       *

Das Kommando fiel. Wie aus =einer= Pistole geschossen krachten
gleichzeitig zwei Schsse.

Da, ... heiliger Himmel, ... was ist das?...

Karl sinkt in die Kniee, greift sich mit beiden Hnden an den Leib und:
Karl! Karl! schreit Franz und strzt hinber, dicht neben ihn hin,
verzweifelten Antlitzes totenbleich dem Freunde in die Augen sehend, die
mit einem frchterlichen Ausdrucke von Schmerz hin und her irren und
sich pltzlich verschleiern.

Karl! Karl! Ich .... um Gottes willen .... was ist denn?.... Doktor,
Doktor!

Karl, hinten vom Doktor gesttzt, lt den Kopf sinken.

Tot? Tot? Franz schreit, brllt, chzt es. Sein Sekundant, in einem
blden Nichtbegreifen, will ihm zureden, ihn wegziehen.

Er stt mit beiden Fusten nach ihm und starrt nur immer in das
entseelte Auge des Freundes.

Wie aus einer unendlichen Ferne hrt er, in einem seltsam hhnischen
Tonfall, so scheint es ihm, die Worte des Arztes: Scheulich! Die Kugel
mu von einem Stein abgeprallt sein; sie ist von unten, offenbar ganz
deformiert, in den Leib gedrungen; eine greuliche Fetzwunde. Hier ist
alles vorbei.

Franz sinkt bewutlos neben dem Freunde hin.

                     *       *       *       *       *

Die Burschenschaften und die Korps geleiteten zwei Tage spter in einem
Zug vereint die Leichen der beiden Freunde zu Grabe.

Franz hatte sich noch am Abend des Duelltags erschossen.

                     *       *       *       *       *

Die beiden Alten nahmen ihre Verbindungsbnder von der Wand weg. Auch in
ihren Herzen waren fortan nicht mehr die Farben schwarz-rot-gold und
grn-wei-rot. Aber sie schlossen sich noch enger aneinander, denn einem
jeden von ihnen war zumute, als knne er keinen Weg mehr ohne Sttze
gehen.

Und die armen Frauen....

Die Geschichte ist zu Ende.

                     *       *       *       *       *




Von $Otto Julius Bierbaum$ sind u. a. frher erschienen:


                                 $Romane.$

            $Pankrazius Graunzer.$ 6. Aufl.
            $Stilpe.$ 5. Aufl.
            $Die Schlangendame.$ 4. Aufl.
            $Das schne Mdchen von Pao.$ 3. Aufl.


                                $Novellen.$

            $Studentenbeichten.$ _I._ Reihe. 5. Aufl.
            $Studentenbeichten.$ _II._ Reihe. 4. Aufl.
            $Kaktus und andere Knstlergeschichten.$ 2. Aufl.
            $Annemargreth und die drei Junggesellen.$ 2. Aufl.
            $Die Haare der heiligen Frigilla.$ 1.-3. Tausend.


                                $Gedichte.$

            $Irrgarten der Liebe.$ 26.-31. Tausend.
            $Das seidene Buch.$ 2. Aufl.


                              $Dramatisches.$

            $Lobetanz.$
            $Gugeline.$
            $Pan im Busch.$
            $Stella und Antonie.$
            $Zwei Mnchner Faschingsspiele.$
            $Die vernarrte Prinze.$


                               $Sonstiges.$

            $Eine empfindsame Reise im Automobil.$
            $Franz Stuck.$
            $Hans Thoma.$

                     *       *       *       *       *


                            Hans von Kahlenberg

                                  Nixchen

     Ein Beitrag zur Psychologie der hheren Tochter. 50.-60. Tausend.

                          M. 1.50, geb. M. 2.50.

                 Dieses Buch ist in Deutschland verboten.

$Der Tag$: Gegen Hans von Kahlenberg schwebt ein Untersuchungsverfahren.
Grund: Eine in mehreren Auflagen erschienene Novelle Nixchen.

Nixchen ist die Tochter eines preuischen Geheimrates; Beamter vom
alten Schlag, -- Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Sie wohnen im
Berliner Westen; Geld ist knapp; Gesellschaften mssen sein; die Mdel
heiraten, wen sie kriegen; die eine einen Offizier; die andere einen mit
Draht; Nixchen, ehe sie den wohlhabenden Achim von Wustrow nimmt, einen
schwerflligen Gutsbesitzer, erlustigt sich durch hufige Besuche bei
einem fesselnden Mann mit Glatze, der unterkittige Geschichten schreibt.
Sie gibt ihm .... _tout, excepte a_ (wie die Formel in Frankreich heit).
Und das wird beschrieben. Nixchen ist die rgste nicht; denn ihre
Freundin Daisy Grimme ist weit rger. Nixchens andere Freundin ist die
Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzugiges
Plaudertschchen. Also: Ein deutsches Seitenstck zu den _Demi-Vierges_
des welschen Windhundes Prevost. Das Ganze -- vielleicht nichts zum
Fortleben fr die Literaturgeschichte; aber sehr unterhaltende
Sittenstudie. Mit groer Verve geschrieben, voller Leben. Und eine Masse
Ehrlichkeit drin, -- neben dem dicken Raffinement der etwas fatalen
Technik. Zwei Freunde schreiben einander Briefe, der Gutsbesitzer und
jener kahlkpfige Herbert; der eine schreibt: ich liebe einen Engel;
gleichzeitig der andere: ich habe zufllig gestern eine Bekanntschaft
gemacht; die Bekanntschaft ist natrlich der Engel. Und so Schritt vor
Schritt weiter, in grobem Parallelismus.... Aber es soll meine Tugend
sein, das lebendige Buch nicht bergenau zu rezensieren. Denn es handelt
sich nicht darum, ob sich knstlerische Einwnde erheben lassen. Sondern
darum: Ob das Ganze als Kunstwerk zu betrachten ist (nicht als Machwerk
zur Verbreitung von Unzchtigem). Die Antwort ist ein zweifelloses Ja.
Damit mu die Entscheidung des Prozesses gegeben sein. Kommt er
zustande, dann ist der Verfasserin (nach dieser sechsten Auflage) die
fnfundzwanzigste verbrgt. Sie hat Glck, da sie -- schon vorher
gelesen -- nun eintritt in die Reihe der vordersten Bekanntheiten
unserer Literatur. Dem beamteten untersuchenden Cato hinwiederum sei
gesagt: Solche Prozesse haben bekanntlich stets einen Mierfolg fr den
Staat oder den Anwalt des Staates, der sie macht. Man kann zuletzt doch
nicht die deutsche bertragung der Rousseauschen Bekenntnisse verbieten,
auch nicht den Dekamerone, und die Lucinde ist fr zwanzig Pfennige zu
haben. Keine Darstellung aber mit Kunstmitteln kann so verfhrend wirken
wie Dinge, die jeder jeden Tag sehen kann. Mein Lieblingsargument ist
das blonde Mdel mit wehendem Haar, das ber die Strae rennt, die Rcke
zusammenrafft. Der Staat mte solche blonde junge Mdel verbieten, die
zum Bcker laufen. Eher hren Regungen und Empfindungen nicht auf, die
schon unsere gottverdammten Vter gehabt, -- da sie unsere Vter geworden
sind. Schwieriger Fall! Wenn der Gerichtshof diesmal verdonnert, so wird
Norddeutschlands oberste Klasse, die vor Nixchen geschtzt werden
sollte, doch wieder in der Verfasserin getroffen, -- als welche nicht
die Tochter eines Feldwebels ist, sondern eines lebenden preuischen
Oberstleutnants.

                                                          =Alfred Kerr=.

                     *       *       *       *       *


                             Arthur Schnitzler

                                  Reigen

         Zehn Dialoge. -- 20.-25. Tausend. M. 3.50, geb. M. 5.--.

$Mnchner Neueste Nachrichten$: Es ist das Buch der Saison, das
Schnitzler geschrieben hat. Es ist ein scharmantes Werk, voll Anmut und
Grazie.... Das scheint schon ein gewichtiges Lob und doch erklrt es
noch nicht, warum diesen zehn Dialogen ein Massenerfolg beschieden war.
Reigen ist ein gewagtes, ein frivoles Buch und sein Erfolg ist ein
Pikanterie-Erfolg. Damit soll beileibe nicht der Dichter getadelt
werden, sondern das Publikum. Die knstlerischen Qualitten der
Gesprche haben mit dem Aufsehen, das sie erregen, nichts zu tun. Da
sich hinter den erotischen Ereignissen dieser Szenen eine beinahe
berfeinerte Psychologie und eine vornehme lchelnde Menschenverachtung
bergen, merkt auch die in der Kunst stets am Stoffe klebende Menge
nicht. Wie wren sonst die zahlreichen Entrstungen eifriger Moralisten
zu erklren, die es wagten, den Dichter als skandalschtigen
Zotenreier hinzustellen! Es sei ohneweiters den nach Polizei
schreienden Tugendwchtern zugegeben, da die Khnheit der Dialoge
etwas Herausforderndes hat. Es sind zehn kleine Komdien des
Geschlechtstriebes, in deren Hhepunkten der Dichter stets zu schweigen
und die Interpunktion zu reden beginnt. Dirne und Soldat, Soldat und
Stubenmdchen, Stubenmdchen und der junge Herr, der junge Herr und die
junge Frau, die junge Frau und der Ehegatte, der Ehegatte und das se
Mdel, das se Mdel und der Dichter, der Dichter und die
Schauspielerin, die Schauspielerin und der Graf bilden einen Reigen, der
sich mit der Vereinigung des Grafen und der Dirne schliet. Die Vorhnge
der verschwiegensten Alkoven ffnen sich, und die geheimsten Geheimnisse
drfen wir hren. Die Liebe in ihrer konkretesten Form ist das einzige,
zehnmal variierte Thema des Buches und trotz der auerordentlichen
Wahrhaftigkeit des Tones, in dem die Gesprche gehalten sind, fllt kaum
ein unzartes Wort. Vielleicht noch nie sind die femininen Listen
sicherer beobachtet und diskreter nachgezeichnet worden. Ein Chirurg der
Seele zeigt uns ihre verborgensten Verrichtungen und dringt hier in
Gebiete, die bisher der Kunst _terra incognita_ waren.

                     *       *       *       *       *


                             Raoul Auernheimer

                      Rosen, die wir nicht erreichen

                           Ein Geschichtenband.

                    2. Auflage. M. 2.--, geb. M. 3.--.

$Hamburger Fremdenblatt$: Der Wiener Verlag, der uns bereits die
Kenntnis einer Anzahl wirklich guter und origineller Bcher vermittelt
hat, lt mit seinen Rosen, die wir nicht erreichen, abermals ein
gediegenes Werk in die ffentlichkeit hinausgehen. Der Erzhler dieser
kurzen Geschichten aus dem Leben erfreut sich einer Frische und
Selbstndigkeit der Anschauung und dabei eines Stiles von so
bestrickendem Reiz, da man den Autor ohneweiters in die erste Reihe der
modernen Erzhler zu stellen hat.

$Berliner Nationalzeitung$: (Welt am Montag.) Wer Raoul Auernheimer, der
jedem auf literarischem Gebiet Versierten wohl schon begegnet ist, noch
nicht kennt, der sollte diesen Geschichtenband zum Vermittler einer
zweifellos sehr genureichen Bekanntschaft machen. Auernheimers
Geschichten werden alle ohne Ausnahme von einem feinen Humor und einer
noch feineren Satire getragen. Der Dichter schaut von hoher Warte auf
Welt und Menschen herab......

                     *       *       *       *       *


                             Raoul Auernheimer

                                Lebemnner

                Novelle. 2. Auflage. M. 1.--, geb. M. 2.--.

$Neues Wiener Tagblatt$: Eine feine Studie aus dem Alltags- und
Liebesleben, deren Held Konrad Spreckelmayer heit, seines Zeichens
Doktor ist und aus der altertmlichen Stadt Prag stammt. Das letztere
ist nicht unwichtig. Um in Wien den erotischen Entwicklungsgang zu
nehmen, der Spreckelmayer beschieden ist, mu man aus Prag kommen -- das
knnen manche besttigen.

Und der Sprosse der wackeren Moldaustadt kommt nach Wien, aus einer Art
Bibelluft nach der Babel-Atmosphre, und hier wird er auf dem
allergewhnlichsten Wege ein Lebemann! Ihn und seine Kameraden
zeichnet nun Auernheimer in ebenso scharfer wie delikater Weise, mit
etwas Ironie, aber ohne Forcierung, ohne zolaistische Dsterheit, ohne
Schwermutsfrivolitt, ohne bacchantische Hypertrophie. Das wirkt sehr
sympathisch an diesem Buche und wieder einmal haben wir -- wir wollen es
dreimal und fter betonen -- Gelegenheit davon zu sprechen, da das
junge, frische Wien (wenige Ausnahmen abgerechnet) viel dezenter ist als
das junge, greisenhafte Berlin. Da haben wir einen eleganten Satiriker
vor uns, der sich das Rckertsche Diktum stets vor Augen hlt: Ich
lehre dich, mein Sohn, nie ber das, was ber Ma das ist; denn berall
von bel ist das ber! Und solch eine Eigenschaft kann bei einem jungen
Autor nicht genug gerhmt werden!

                     *       *       *       *       *


                               Felix Salten

                    Die Gedenktafel der Prinzessin Anna

                           Novelle. 3. Auflage.

                          M. 1.--, geb. M. 2.--.

Hofrat =Dr. Max Burckhardt= schreibt in der $Zeit$: Die soeben im Wiener
Verlag erschienene Novelle Saltens ist von einer ganz ungewhnlichen
Frechheit. Sie ist aber nicht nur frech, sie ist auch gut, die Frechheit
sinkt nicht herab zur lsternen Zote, sie erhebt sich zu blutiger
Ironie. Parabasco, Herzog von Riavenna, betritt, da er nchtlicherweile
eben selbst von einem Liebesabenteuer kommt, seine Schwester Anna, wie
sie heimlich aus einem Pfrtchen des Palazzo Gembi huscht. Da er sich
berzeugen mu, da der junge Gembi sein zartes Geheimnis nicht fr sich
allein behalten hat, entschliet er sich resolut, allem geheimen
Gezischel und Getriebe dadurch vorzubauen, da er eine Gedenktafel am
Palazzo Gembi anbringen lt, auf der mit drren Worten der
ffentlichkeit mitgeteilt wird, was Prinzessin Anna in diesem Hause
erlebt hat. Welche Folgen diese Tat des Herzogs hat, wie insbesondere
das gute Volk die Prinzessin als Wohltterin von Riavenna im Triumphzug
durch die Stadt fhrt und ihr angesichts der Gedenktafel eine
begeisterte Huldigung darbringt, und wie zum Schlu der Herzog an sich
selbst erfhrt, welche Nutzanwendungen ein einfaches Mdchen aus dem
erhabenen Beispiele der verehrten Frstin zieht -- das mge jeder in dem
Bchlein lesen. Es knnte in der besten Zeit der Renaissance geschrieben
sein.

                     *       *       *       *       *


[Illustration: BIBLIOTHEK MODERNER DEUTSCHER AUTOREN]

   1. Bd.: $Arthur Schnitzler.$ Die griechische Tnzerin.
   2. Bd.: $Hugo von Hofmannsthal.$ Das Mrchen der 672. Nacht.
   3. Bd.: $Georg Hirschfeld.$ Erlebnis.
   4. Bd.: $Otto Ernst.$ Die Kunstreise nach Hmpeldorf.
   5. Bd.: $Felix Salten.$ Der Schrei der Liebe.
   6. Bd.: $Otto Julius Bierbaum.$ Das hllische Automobil.
   7. Bd.: $Johannes Schlaf.$ Die Nonne.
   8. Bd.: $Anton v. Perfall.$ Er lebt von seiner Frau.
   9. Bd.: $Siegfried Trebitsch.$ Das verkaufte Lcheln.
  10. Bd.: $Hans von Kahlenberg.$ Jungfrau Marie.

                 Preis jedes Bandes M. 1.--, geb. M. 2.--.

                  Durch alle Buchhandlungen zu beziehen.

                     *       *       *       *       *




Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), fett gedruckter
Text mit Dollarzeichen ($Text$) und Text in Antiqua mit Unterstrichen
(_Text_) markiert.

Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

  Kapitel Lebenslauf: zu Grneberg -> Grnberg
  Kapitel Lebenslauf: befriedigen knnte -> konnte
  S. 22: der Stadt Kndelmkraut -> Kndelimkraut
  S. 24: bist du ja veil -> viel
  S. 32: Du, Bartl -> Bartel
  S. 32: sagte Bartl -> Bartel
  S. 35: Also schn, -> schn,
  S. 35: dorthin fhrst? -> dorthin fhrst?
  S. 52: Ihn kreuzweise -> 'Ihn kreuzweise
  S. 52: zu fesseln, -> zu fesseln,'
  S. 52: wird nicht -> 'wird nicht
  S. 53: ich .. -> ich ...
  S. 69: Stil versag -> versagt
  S. 101: Weihnachts-Bowle -> Weihnachtsbowle
  S. 148: Sekunde der Uberzeugung -> berzeugung
  S. 153: dekorativ.). -> dekorativ.)
  S. 155: und starrt unr -> nur
  S. 157: Zwei mnchner -> Mnchner
  S. 163: Gembi huscht -> huscht.
  Anhang S. 3:  in grobem Parallelismus... -> Parallelismus....





End of Project Gutenberg's Das hllische Automobil, by Otto Julius Bierbaum

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HLLISCHE AUTOMOBIL ***

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