Project Gutenberg's Die drei Sprnge des Wang-lun, by Alfred Dblin

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Title: Die drei Sprnge des Wang-lun
       Chinesischer Roman

Author: Alfred Dblin

Release Date: October 21, 2013 [EBook #43987]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DREI SPRNGE DES WANG-LUN ***




Produced by Jens Sadowski








                           Die drei Sprnge
                             des Wang-lun


                          Chinesischer Roman
                                  von
                             Alfred Dblin




                                 1917
                      S. Fischer, Verlag, Berlin




        Alle Rechte vorbehalten, besonders die der bersetzung;
      fr Ruland auf Grund der deutsch-russischen bereinkunft.
              Copyright 1915 S. Fischer, Verlag, Berlin.






Zueignung


Da ich nicht vergesse --.

Ein sanfter Pfiff von der Strae herauf. Metallisches Anlaufen, Schnurren,
Knistern. Ein Schlag gegen meinen knchernen Federhalter.

Da ich nicht vergesse --.

Was denn?

Ich will das Fenster schlieen.

Die Straen haben sonderbare Stimmen in den letzten Jahren bekommen. Ein
Rost ist unter die Steine gespannt; an jeder Stange baumeln meterdicke
Glasscherben, grollende Eisenplatten, echokuende Mannesmannrhren. Ein
Bummern, Durcheinanderpoltern aus Holz, Mammutschlnden, gepreter Luft,
Gerll. Ein elektrisches Flten schienenentlang. Motorkeuchende Wagen
segeln auf die Seite gelegt ber das Asphalt; meine Tren schttern. Die
milchweien Bogenlampen prasseln massive Strahlen gegen die Scheiben, laden
Fuder Licht in meinem Zimmer ab.

Ich tadle das verwirrende Vibrieren nicht. Nur finde ich mich nicht
zurecht.

Ich wei nicht, wessen Stimmen das sind, wessen Seele solch tausendtnniges
Gewlbe von Resonanz braucht.

Dieser himmlische Taubenflug der Aeroplane.

Diese schlpfenden Kamine unter dem Boden.

Dieses Blitzen von Worten ber hundert Meilen:

Wem dient es?

Die Menschen auf dem Trottoir kenne ich doch. Ihre Telefunken sind neu. Die
Grimassen der Habgier, die feindliche Sattheit des blulich rasierten
Kinns, die dnne Schnffelnase der Geilheit, die Roheit, an deren Geleeblut
das Herz sich klein puppert, der wsserige Hundeblick der Ehrsucht, ihre
Kehlen haben die Jahrhunderte durchklfft und sie angefllt mit --
Fortschritt.

O, ich kenne das. Ich, vom Wind gestriegelt.

Da ich nicht vergesse --.

Im Leben dieser Erde sind zweitausend Jahre ein Jahr.

Gewinnen, Erobern; ein alter Mann sprach: Wir gehen und wissen nicht
wohin. Wir bleiben und wissen nicht wo. Wir essen und wissen nicht warum.
Das alles ist die starke Lebenskraft von Himmel und Erde: wer kann da
sprechen von Gewinnen, Besitzen?

Ich will ihm opfern hinter meinem Fenster, dem weisen alten Manne,

_Li Dsi_

mit diesem ohnmchtigen Buch.




Erstes Buch

Wang-lun


Auf den Bergen Tschi-lis, in den Ebenen, unter dem alles duldenden Himmel
saen die, gegen welche die Panzer und Pfeile des Kaisers Khien-lung
gerstet wurden. Die durch die Stdte zogen, sich ber die Marktflecken und
Drfer verbreiteten.

Ein leiser Schauer ging durch das Land, wo die Wahrhaft Schwachen
erschienen. Ihr Name Wu-wei war seit Monaten wieder in allen Mndern. Sie
hatten keine Wohnsttten; sie bettelten um den Reis, den Bohnenbrei, den
sie brauchten, halfen den Bauern, Handwerkern bei der Arbeit. Sie predigten
nicht, suchten niemanden zu bekehren. Vergeblich bemhten sich Literaten,
die sich unter sie mischten, ein religises Dogma von ihnen zu hren. Sie
hatten keine Gtterbilder, sprachen nicht vom Rade des Daseins. Nachts
schlugen viele ihr Lager auf unter Felsen, in den riesigen Waldungen,
Berghhlen. Ein lautes Seufzen und Weinen erhob sich oft von ihren
Raststtten. Das waren die jungen Brder und Schwestern. Viele aen kein
Fleisch, brachen keine Blumen um, schienen Freundschaft mit den Pflanzen,
Tieren und Steinen zu halten.

Da war ein frischer junger Mann aus Schan-tung, der das erste Examen mit
Auszeichnung bestanden hatte. Er hatte seinen Vater, der allein im
Fischerboot ausgefahren war, aus schwerster Seenot gerettet; ehe er dem
Vater nachfuhr, gelobte er, den Wu-wei-Anhngern zu folgen. Und so ging er,
kaum da die freudevollen Examensfeiern vorbei waren, still aus dem Haus.
Es war ein ehrerbietiger, etwas scheuer Jngling, mit eingekellerten Augen,
der sichtlich schwer unter seinem seelischen Zwiespalt litt.

Ein Bohnenhndler, ein rippendrrer Mann, lebte fnfzehn Jahre in
kinderloser Ehe. Er grmte sich tief, da niemand nach seinem Tode fr ihn
beten wrde, seinen Geist speisen und pflegen wrde. Als er fnfundvierzig
Jahre alt wurde, verlie er seine Heimat.

Tsin war ein reicher Mann vom Fue des Tschan. Er lebte in dauernder Wut,
weil er, wie sehr er sein Geld schtzte, alle Monate bestohlen wurde, wenn
auch nur um Kleinigkeiten. Dazu kamen Erpressungen durch die Polizisten,
Steuerbeamten; mehrmals brannten Huser von ihm ab, von Bswilligen
angesteckt. Er frchtete, da er eines Tages ohne Habe und Gut dastehen
wrde. Er fhlte sich macht- und rechtlos. Da verschenkte er sein ganzes
Geld an blinde Musikanten, alte Hurenwirtinnen, Schauspieler; zndete
selbst sein Haus an und ging in den Wald.

Junge Wstlinge zusammen mit Dirnen, die sie aus den bemalten Husern
befreit hatten, wanderten herzu. Oft sah man die Dirnen, die zu den
verehrtesten Schwestern gehrten, in eigentmlichen Verzckungen unter den
purpurnen Kallikarpen, in den Hirsefeldern, und hrte sie unverstndlich
stammeln.

Sechs Freundinnen vom nrdlichen Kaiserkanal, die man als Kinder
verheiratet hatte, sprangen in dem Monat, in dem sie in das Haus ihrer
Gatten gebracht werden sollten, mit einer Pferdekette aneinandergebunden,
unterhalb ihrer Heimatstadt in den Kanal. Sie wurden, da sie beim
Hineinstrzen sich an den Ufermauern verletzten, hngen blieben und laut
schrien, gerettet von einigen vorberziehenden Karrenschiebern, welche sie
auf das nchste Polizeigewahrsam transportierten, nachdem sie die ganz
willenlosen Mdchen mit Kleiderfetzen zur Not verbunden hatten. Als sie,
auf dem Amt freundlich verpflegt, sich erholten und zurecht machten, kamen
ihre Vter drauen angestrzt. Die Mdchen hrten die lrmende
Auseinandersetzung mit den Wachen, stiegen durch ein hinteres Fenster
hinaus und entkamen. Sie schlugen sich von Ortschaft zu Ortschaft durch,
hielten sich in einer geschtzten Berghhle verborgen, verschafften sich
durch Aushilfsarbeit auf den umliegenden Gehften, in den Mhlen Nahrung.
Die Jngste von ihnen, ein fnfzehnjhriges blhendes Mdchen, die Tochter
der Nebenfrau eines alten Lehrers, starb da, indem ihr ein Ruber Gewalt
antat und sie dann erwrgte. Der Ruber trat nicht viel spter zusammen mit
den Mdchen einer Gruppe der Sektierer bei.

Im nordstlichen China, in den Provinzen Tschi-li, Schan-tung, Schan-si, ja
in Kiang-su und Ho-nan, in groen Stdten mit hunderttausenden von
Einwohnern, in den tchtigen Arbeitsdrfern wie in den Spelunkennestern kam
es alle paar Tage vor, da einer auf den Markt ging und vor irgendeinem
Betrger, vor einem Bettelpriester, vor einem lahmen Kind, in einen
Eselstrog sein Geld und seine Wertsachen ausschttete. Da Ehemnner aus
kinderreichen Familien verschwanden; man traf sie nach Monaten in
entfernten Distrikten, mit den Vagabunden bettelnd. Es ging hie und da ein
unterer Beamter wochenlang wie benommen und trge herum, antwortete bissig
auf jede Frage, zuckte frech mit der Achsel bei einer Rge; dann beging er
pltzlich ein erstaunliches Verbrechen, unterschlug ffentliche Gelder,
zerri wichtige Aktenbndel oder griff einen harmlosen Menschen an und
zerbrach ihm Rippen. Verurteilt ertrug er seine Strafe und Schande
gleichmtig, oder entwich aus dem Gefngnis, ging in den Wald. Dies waren
die Leute, denen die Trennung von Familie und Besitz am schwersten wurde
und die sich nur durch ein Verbrechen von ihnen ablsen konnten.

Sie trugen nichts vor, was man nicht schon wute. Eine alte Fabel, die sie
erzhlten, ging von Mund zu Munde:

Es war einmal ein Mann, der frchtete sich vor seinem Schatten und hate
seine Fuspuren. Und um beiden zu entgehen, ergriff er die Flucht. Aber je
fter er den Fu hob, um so hufiger lie er Spuren zurck. Und so schnell
er auch lief, lste sich der Schatten nicht von seinem Krper. Da whnte
er, er sume noch zu sehr; begann schneller zu laufen, ohne Rast, bis seine
Kraft erschpft war und er starb. Er hatte nicht gewut, da er nur an
einem schattigen Ort zu weilen brauchte, um seinen Schatten los zu sein.
Da er sich nur ruhig zu verhalten brauchte, um keine Fuspuren zu
hinterlassen. --

Ein Seufzen prete das Land aus. Man hatte so glckverschleierte Augen nie
gesehen. Ein Zittern ging durch die Familien. Und wenn abends wieder von
den Wahrhaft Schwachen und der alten Fabel gesprochen wurde, sah einer
den andern an und morgens forschten sie, wer verschwunden sei.

Ein geheimes ses Leiden schien besonders die jungen krftigen Mnner und
Frauen befallen zu haben. Sie schienen fortgezogen zu werden von einer Art
brutlichem Schmerz.

                   *       *       *       *       *

Wang-lun war das Haupt der Bewegung.

Er stammte aus Schan-tung, aus einem Kstendorfe namens Hun-kang-tsun, im
Distrikt Hai-ling; der Sohn eines einfachen Fischers. Er erzhlte spter in
beilufigen Wendungen, sein Vater sei der erste der dortigen Fischerzunft
gewesen; an der Wand des Zunfthauses stnde noch der Name seines Vaters,
des Begrnders dieses Hauses. Aber in ganz Hai-ling gab es kein Gildenhaus.
Die zweihundertzwanzig Familien des rtchens schlugen sich mhselig durch.
Die Mnner schwammen zum Fang auf dem Meere; die Frauen bestellten die
wenigen Felder. Der Boden war so knapp, da man knstliche cker auf den
breiten Terrassen der Kalkfelsen anlegte, welche dicht an den Strand
traten. Mhsam schleppte Mann und Weib die lockere Erde auf Holzmulden
herauf, ber die schmalen Serpentinen, Mulde nach Mulde, dann warfen sie
den sprlichen Dnger, trockene Krebsschalen und Menschenkot.

Dort ber dem Meere wirtschafteten Weiber, Kinder und alte Mnner tagsber;
Geplrr und dumpfes Rumoren scholl herunter in das leere Dorf. Es hatten
frher hier mehr Familien gewohnt. Aber ber fnfzig Huser waren eines
Tages von einem vorberziehenden plndernden Haufen, der von Tschi-fu
herkam, in Brand gesteckt worden. Dem alten Dorfschulzen hatten sie
zwischen zwei Gneisblcken die Fe gequetscht, als er nicht die
zweihundert Tael zahlte, die sie verlangten, dann ihm mit einem
Balkenschlag den linken Arm zermalmt und ihn, nachdem sie ein breites Loch
in das Eis geschlagen hatten -- es war Winter --, in einen Tmpel
geschleudert. Das stoweise Gebrll der sechs Mann, die den jammernden
Schulzen immer wieder mit Brettern niederdrckten, das Klatschen der
Planken auf der Eisflche, das laute Schlingen und Wasserspeien des
Ertrinkenden, dazu das ungeduldige Wiehern ihrer gestohlenen Pferde, war
eine der wenigen Kindheitserinnerungen Wang-luns.

Mit Sonnenaufgang fuhr der alte Wang in den beiden heien Monaten aufs Meer
hinaus, auf einer zweimastigen Dschunke, die am Bug aus zwei groen grnen
gemalten Glotzaugen sphte. Zu fnfen saen die Fischer drin. Die Segel
schwellten; sie legten die Ruder hin; gleichmig glitten sie einher ber
dem dunklen Pei-ho neben der Nachbardschunke. Sie warfen drauen das
verschlungene scharfriechende Netz aus, spannten es von Dschunke zu
Dschunke. Die Drehrollen, die das Netz senkten und zogen, knarrten,
heulten, standen fest.

Die Mnner blieben bis zum spten Nachmittag drauen. Die Sonnenhitze fiel
wie ein trockener sengender Regen ber Mensch und Getier. Dickwanstig sa
der alte Wang unter seinem tellerfrmigen riesigen Strohhut auf der
Ruderbank und warf mit spitzen Steinen nach den Seemwen, die hinter den
Dschunken aus der flimmernden Luft tauchten. Whrend die andern Bootsleute
im Schiff die Pfeife rauchten oder Tabak kauten. Sobald Wang seine
Schleuder ordnete, setzte sich ein kleiner Bootsmann vor ihn an den
hinteren Mast, rauchte sorglos, holte vorsichtig einen elastischen
Weidenstock unter dem Tauwerk hervor. Die Schleuder knarrte, der Kleine
reckte sich mit tnendem Ghnen, die Schleuder wickelte sich um seinen
Stock und ausgestreckten Arm, knallte mit dem Stein unfehlbar dem gespannt
wartenden Wang vor die Brust oder auf die Beine. Betrbt sah er seiner
schwirrenden Mwe nach. Das Boot schwankte unter dem Lachen der vier, die
sich auf die nassen Bretter legten.

Wang torkelte grospurig durch die Teestuben, bewarb sich einmal, eines
unbeschftigten Morgens aus seinem Bohnenfeldchen aufstehend, um die Stelle
eines Ortsvorstehers auf dem Amt, zur weinenden Wut seiner abgerackerten
Frau, die den Spott ber Wang voraushrte. Gern lag er im Sande, neben den
Becken, die seine beiden Shne mit Holzkohlen fllten zum Trocknen der
Tintenfische. Zndeten sie um die Zeit der Ebbe die Becken auf der Dschunke
selbst an, so trabte er zum Strande und hockte sich hin. Da lagen halb
umgestlpt die leeren Fischkrbe, ausgebreitet im Sande die gedrrten
Tiere, die in der Sonne sich schn frbten. Sie fhlten sich glhend an.

Der Dickwanst stocherte in den Schlammlchern herum, zog lange Sandwrmer
heraus, von denen er die Hlfte seiner Frau zum Trocknen und Verkauf gab.
Er selbst behielt sich abseits ein groes Ma, trocknete sie heimlich und
schlrfte seine herzhaft kstliche Suppe hinter den Krben.

Dann kamen nach einer Weile die beiden Knaben von der Dschunke herber,
wickelten ihm, da er schwitzte, seine Beinbinden los. Sie kauerten ernst
vor ihm mit ihren kleinen Rattenschwnzen, den Zpfchen und legten die
Hnde auf den Scho. In hochmtig nselndem Tone, laut, da ihn die
Nachbarn hrten, redete Wang ber sie hinweg, den feisten Rumpf
aufgetakelt, rckwrts gesttzt auf den Ellenbogen; das nannte er seine
Unterrichtsstunde. Er kannte in der Tat die Fibel, das Buch der
tausendachtundsechzig Worte des Tscheou-hing-tse; bis auf einige Fehler
kannte er es auswendig; es schien auch, als ob er aus dem Frauenbuche
einige Stze gelernt htte. Immer wieder erklrte er den Kindern, da er
bedaure, nicht streng genug zu ihnen zu sein; Strenge zu ihnen sei seine
heilige Pflicht, denn -- und die Kinder fielen singend ein: Erziehung ohne
Strenge ist des Vaters Trgheit.

Und alle paar Tage hrte der knftige Lehrer dreier Provinzen, da Freude,
Zorn, Kummer, Furcht, Liebe, Ha und Begier die sieben Leidenschaften
seien. Nicht oft konnten die Kinder ihn unbeschftigt anhren. Wang-luns
Gesicht war schwarzbraun und viereckig, breit; krftige Linien holten ein
reges, verschlagenes Gesicht aus. Die zarte mehr gelbe Tnung der Haut
seines gleichaltrigen Bruders nahm trotz aller Meeresgluten keinen tieferen
Schatten an; der Knabe blieb elastischer, weicher und ernster als Wang-lun,
der wegen seiner bsartigen Spe unter den Spielgefhrten wenig beliebt
war, auch wenig Verstndnis fr einen der Stze seines Vaters hatte: da zu
den fnf hchsten sittlichen Beziehungen die Bruderliebe gehrte.

Munter, mehr spielend als ttig, saen sie rotkppig auf den kantigen
Steinen des Strandes an dem groen Fischnetz. Auf einer grasbewachsenen
Dne hinter ihnen zehn Mnnerschritte entfernt lagerte der unfrmige alte
Wang; die nackten, dunkelbehaarten Beine aufgestellt und bereinander
geschlagen, kratzte er sich die kleinen eingetretenen Muscheln von der
klobigen Fusohle ab. Er hielt in seiner liegenden rechten Hand ein Ende
des Netzes, das die Knaben mit dem dickflssigen Saft der Mandarinenschale
frbten. Er rckte sich hher; die Kinder schnalzten musikalisch, er
spuckte und grunzte. Drhnend entfuhr ihm von Zeit zu Zeit eine Belehrung,
zum Beispiel: Der Krbis gilt seit altersher als Zeichen der
Fruchtbarkeit. Bis ihm ein Windsto scharfen Sand ins Gesicht wehte, er
sich hustend aus seiner Grube herauswlzte und ihre Farbschssel umwarf.
Mit klglich bettelndem Blick sagte er, sie htten wohl nicht den richtigen
Ort zum Frben gewhlt. Und sie wickelten ihm seine Binden wieder um und
zogen ein paar Schritt weiter.

Das grte Ereignis im Leben von Wang-luns Vater war, als der Alte zu
seinem Bruder reiste, zur Hochzeit seines Neffen, dreihundert Li entfernt
von Hun-kang-tsun. Der Alte sah drei Wochen den Strand und die mageren
Bohnenfelder nicht. Ein Barbier, der nebenbei Zauberer war, wohnte im Hause
seines Bruders; Wang-schen sa abends viel mit ihm zusammen.

Und am Morgen, nachdem er zurckgekehrt war, ging er mit langsamen
Schritten zu einem Manne, der Tischlerarbeit verstand, versprach ihm ein
Ma getrockneter Sandwrmer, entsprechend einem Wert von vierhundertfnfzig
Ksch, wenn er ihm ein rotes hohes Schild schnitzte mit der Inschrift:
Wang-schen, Schler des berhmten Zauberers Kwoai-tai aus Lui-hsia-tsun,
Wind- und Wettermeister. Als es dunkel geworden war, nach sechs Tagen,
holte er das blanke Schild, schwarze Charaktere auf himbeerrotem Grunde,
blau gerndert, mit seinem ltesten Sohne ab, band es mit zwei
Fischertauen, auf das Dach seines Hauses steigend, am vorspringenden
Firstbalken an, whrend seine Frau schlief, so da da ber den Torweg frei
ein Schild herabhing: Wang-schen, Schler des berhmten Zauberers
Kwoai-tai aus Lui-hsia-tsun, Wind- und Wettermeister.

Die Frau bekam am Morgen, als sie das prunkende Schild sah und ihren noch
schlafenden Mann geweckt hatte, ihren Nervenanfall, den sie seit Jahren
nicht gehabt hatte. Sie hatte damals, als einer der Brandstifter zum
Fenster hereinrief, ob auer ihr noch jemand in der Wohnung wre, voll
Entsetzen die beiden einjhrigen Kinder zwischen ihren weiten Pluderhosen
festgehalten, dabei mit dem Nein scharf den Kopf nach rechts geworfen.
Jetzt wogte ihr etwas Grnes durch den Kopf, die beiden Taue des Schildes
wuchsen breit wie Bltter, sgten ihr zwischen den Augen; ein blauer
gelenkloser Arm langte zwischendurch, eine Hand strmte ihre Finger auf sie
zu. Im Takt warf die Frau ihren Kopf von links nach rechts, von rechts nach
links, ihre Beine schlugen zusammen, sie tanzte wie die Figur eines
Puppenspielers; die Kinder versteckten sich vor ihr auf dem Ofenbett.

Und hell schrien sie auf und rasten auf die Dorfstrae zwischen klffende
kleine Hunde, als aus dem Hof Wang, der alte elefantenbeinige Klumpen, in
das rucherige Zimmer drang, mit einer Tigermaske hin und her stapfte und
dabei schnaufend sang, ber die Frau, die hingesunken war, strich,
flsterte. Nach einer halben Stunde schlief die Frau. Eine Menge von
Kindern und Weibern stand an der Tr, schwieg auf dem Hof, stob vor der
nahenden Tigermaske schnatternd auseinander.

Dieser Tag war eine Wendung im Leben Wang-schens. Seine Frau sagte kein
Wort ber das rote Schild, ja sie wurde wortkarg im Umgang mit dem Mann,
schlich ihm aus dem Wege.

Er gab sich jetzt nicht mehr als kleiner Gelegenheitslehrer. Er studierte
emsig im Hofe unter einer Erle die sonderbaren Zeichen auf einer
Bambustafel, die er von dem Zauberer mitgebracht hatte, ging zwischen dem
Misthaufen und Gerteschuppen gehobenen Hauptes auf und ab, zitierte laut:
Acht mal neun gleich zweiundsiebzig. Zwei regiert das Paar. Durch Paar
vereinigt man das Unpaar. Das Unpaar regiert den Zodiak. Der Zodiak
beherrscht den Mond. Der Mond beherrscht die Haare. Daher wachsen die Haare
in zwlf Monaten. Verblfft sah er von Zeit zu Zeit auf die Tafel; sann,
ber sich selbst beschmt, nach, befreite sich durch eine rasche
niederwerfende Geste. Er ging mit krauser Stirn zwischen den eifrig
arbeitenden Fischern am Strand abends herum, ugelte versunken mit den
violetten Wolkenballen, blieb vor dem kleinen Pudel eines Korbarbeiters
lange nachdenklich stehen, sagte trumerisch, als wenn er mit sich sprche:
Sieben mal neun gleich dreiundsechzig. Drei beherrscht den Polarstern.
Dieser die Hunde. Daher werden die Hunde in drei Monaten geboren.

Nur in der ersten Zeit lachte man hinter ihm, dann brgerte sich die
Auffassung ein, da er wahrhaft das Zeug zu einem taoistischen Doktor habe,
dieser ehemalige Clown des Dorfes. Er wute so vieles: da die Schwalben
und Sperlinge ins Meer tauchen und zu Eidechsen werden; er konnte den
tausendjhrigen Fuchsdmon, den neunkpfigen Fasanendmon und den
Skorpiondmon benennen; und niemand verstand, was er vom Yin und Yang, dem
lichtvollen Mnnlichen und dem finsteren brtenden Weiblichen sagte.

Er fuhr auf See. Als er eines Morgens versuchsweise nicht zu den Dschunken
herabgegangen war, stand seine Frau still vor ihm am Ofenbett. Er erkannte
zwischen den zwinkernden Augenlidern, da sie ihn wie sonst mit einem
Faustschlag in die Seite wecken wollte, aber dann ging sie, weckte den
fnfzehnjhrigen Lun und den Bruder. Und jeden Morgen vor Sonnenaufgang
weckte sie die beiden Burschen; oben schnarchte einer behaglich im
Halbschlaf.

Wang-schen ging vormittags zum Nachdenken in den kleinen Tempel des
Medizingottes, im vorletzten Gebude des Dorfes. Da er mit jedem im Dorf
und in der Nachbarschaft bekannt war, nahmen die Leute viel seine
eigentmlichen Dienste in Anspruch, seine Kunst, den Teufelssprung zu
ben, besonders aber, die Schwangerschaft zu brechen. So nannten die
Bewohner dieses Teils von Schan-tung eine sonderbare Sitte. Man frchtete,
wenn sich in der Nhe einer schwangeren Frau alte Mnner oder krnkliche
Kinder fnden, da sie in den Leib der Schwangeren einziehen knnten,
vielleicht um sich so gesund und wieder jung zu machen. Wang-schen tobte
bei solcher Not in seiner weien Tigermaske vor der hockenden Frau im
Zimmer herum, feite ihren Leib, indem er ihn mit Schilfstrngen schlug,
stie schwitzend unkenntliche Silben aus. Bisweilen brachte er tausend
Ksch von diesen bungen nach Hause.

Aber einmal kam er von einer Austreibung ber die Straen, sachte, in
seiner quer ber das Gesicht gezogenen Maske, gelaufen, in seinen Hof, vor
seine Stubentr, wo er plump hinfiel. Die Frau ri ihm das Holzbrett vom
bleischwarzen Gesicht. Er keuchte. Aus seiner Brust pfiff es; er wlzte
seinen Leib und griff um sich. Die Frau rannte nach Krutern, machte zwei
Ziegelsteine fr seine Fe hei. Ein kleines Mdchen schickte sie; das
mute betteln, als htte es keinen Ksch, um Geld fr ein Bambuslos im
Medizintempel. Der Krmer und Dorfapotheker gab den Absud, den die
Losnummer bezeichnete. Wang spie ihn wieder aus.

Dann erhob sich nachmittags Lrm von vielen Stimmen vor dem Hause.
Unaufhrlich Gongschlag auf Gongschlag; Klingeln, Rufe von weither. Schwere
Trgerschritte drhnten vom Hof herein in das stickige Krankenzimmer. Der
Medizingott kam selbst, eine rohbemalte Holzsule, zu seinem Schler, die
Diagnose zu stellen, die Heilung zu bringen. Die Mutter rief dem
Schlafenden in die Ohren: Zeige dich, zeige dich doch! Sie sttzten den
Halbblinden, der murmelte und ghnte. Im Zimmer war es wieder still.

Drauen schritt der Gott zum Apotheker; die Trger schwankten in den Laden
mit ihren Stangen, der Stab des Gottes zeigte an die unterste Ecke des
Regals. Heimlich und entsetzt machte der junge Apothekergehilfe, den Rcken
gegen sie gekehrt, das Abwehrzeichen des Tigers; der Stab hatte den Trank
des schwarzen Wassers bezeichnet.

Und dem Kranken half nichts mehr.

Der Gott stand schon allein in seinem verfallenen rmlichen Huschen am
Ende des Dorfes. Es war finster geworden. Sein dicker Schler, der tapfere
Dmonenzwinger, wlzte sich um die dritte Nachtwache hastig auf den Rcken.
Die Frau fragte ihn, was er wollte. Sie konnte ihm nur noch die Schuhe
anziehen, mit denen man den Totenflu berschreitet, die Schuhe bestickt
mit Pflaumenblte, Krte und Gans, und mit einer weien offenen
Wasserlilie.

                   *       *       *       *       *

Der Alte hatte gewnscht, da sich Lun zum ersten Examen vorbereite. Aber
dessen Talente lagen anderswo und waren ganz besonders. Man bemerkte schon
beim Scheren und Rasieren seines kugelrunden Kopfes ein lngliches
schwarzbraunes Mal auf der rechten Schlfenschuppe, das sein Vater als die
Perle der Vollkommenheit deutete.

Wang-lun wuchs heran, gewandt und riesenstark. Unter seiner Roheit und
Hinterlist hatten Esel, Hunde, Fische und Menschen zu leiden. Zum Diebstahl
wurde er als sechsjhriger Junge von seinem Vater selbst angeleitet, auf
merkwrdige Weise. Es war im Dorf blich, um die Festzeit im ersten Monat,
besonders aber am fnften Tag des ersten Monats, aus fremden Grten und
ckern Gemse zu stehlen, weil dieses Gemse Glck bringt. Es durfte
niemand einen Eindringling an diesem Tage, sofern er ortsansssig war,
verjagen; die Besitzer selbst pflegten vorher alles wertvolle Gewchs
beiseite zu stellen und zu berdecken.

Als Wang-lun auf solchem gesetzmigen Diebeszuge begriffen mit seinem
Bruder und Vater sein Heil versuchte, erging es ihm schlecht; ein paar
vertrocknete Erdnsse klaubte er aus dem Boden. Er trottete wtend hinter
den andern her; lief nach Hause, setzte sich still, an einem Salzkrebs
lutschend, in die niedrige Stube neben seine Mutter, die ihn lobte, weil er
Dummheiten nicht mitmachte.

Er aber sa still zu Hause aus einem anderen Grunde; er hatte eine sehr
einfache kurze berlegung angestellt: wenn man etwas Schnes stehlen will,
so ist der fnfte Tag des ersten Monats der ungeeignetste Tag dazu; es ist
lcherlich und absurd, gerade an einem Tage stehlen zu gehen, an dem alle
stehlen und alle ihre Sachen verstecken.

Er versprach sich, den fnften Tag des ersten Monats ein andermal zu
feiern, diesen Tag absatzweise ber das Jahr zu verteilen, denn ein Tag hat
vierundzwanzig Stunden, die er unterbringen mute; er mute das Jahr ber
die erlaubten vierundzwanzig Stunden stehlen.

Und so stahl der gewandte schlaue Bursche berschlagsweise vierundzwanzig
Stunden im Jahr und jeder Diebstahl hatte den Schein des Erlaubten, und ihn
begleitete das angenehme Gefhl, das Dorf bertlpelt zu haben; es war
genureich zu stehlen.

Ja einmal, im letzten Lebensjahre des Alten, richtete Wang-lun seine
ruberische Logik gegen seinen Vater; er nahm ihm die dnne Bambustafel
weg, die tiefbraun und unleserlich geworden war. Den weibrtigen
Wang-schen erfllte tiefer Schmerz, als er Lun im Hof sitzen sah, die lange
vermite Tafel auf den Knien, sie nach allen Seiten drehend, sie
mitrauisch beschnffelnd. Lun lief in groen Stzen mit der Tafel weg; der
Alte weinte, ber die Tafel und ber den Sohn.

Im Dorfe wagten wenige, mit dem rohen Patron anzubinden; seinen Bruder
hatte er ganz in der Gewalt.

Man war sehr glcklich, als er, gelangweilt von dem Fischfangen, Drren,
Netzeflicken, unzufrieden mit der rmlichkeit seines Heimatortes, aus dem
auch durch den raffiniertesten Betrug nicht mehr als dreiig bis vierzig
Tiau zu holen waren, eines Tages mit ein paar Kupferksch an der Schnur aus
Hun-kang-tsun losmarschierte, ziellos die groe Strae nach Tsi-nan-fu.

Es war Frhling. Erst lief er allein. Dann, als die Sure ihm in den Mund
stieg, schlo er sich den Karrenzgen an, die aus den Tpfereien Waren in
die Drfer schleppten, und verdiente ein paar Cent. Er stieg, grimmig ber
die geizige Bezahlung, aus dem grnen Tal des Wei-ho auf in die wilden
Berge; hinter den einsamen Husern lauerte er mit einem Beil, einem grnen
Sandsteinstck an einem Sandelholz, den Bewohnern auf, entri ihnen, was
sie gerade bei sich trugen, und floh. Auf den furchtbaren Felswegen, die er
kletterte, war nichts vom Frhling zu merken. Die Bche rauschten in den
eingeschnittenen Tlern, reiend nach der Schneeschmelze; der zerlumpte
Strolch ging nicht zum Waschen herunter zu ihnen; er war feige. Tagelang
trug er in seinem Kittel zwanzig kostbare Schnupftabakdosen aus feinstem
Glase; a die rotgelben Kakis, die sen getrockneten pfel, rasierte sich
nicht, band seine schmutzklebenden Haare nicht zusammen: er hatte auf der
Flucht ein kleines Mdchen bei einer Karawanserei berrannt, das Kind war
im Fallen ber einen Hang gerollt, dann einen Grat abgestrzt. Wang wagte
sich nicht ins Tal aus Furcht vor dem Geist des Kindes.

Auf den letzten westlichen Auslufern des Tai-ngan-schans, angesichts der
reichen bltenberschwemmten Ebene des Ta-tsing-ho, blieb er fast einen
Monat liegen, unter den Bettlern und Lumpen dieses Striches, die in
klglichen Htten zusammenhockten. War abgemagert, fhlte sich elend;
seinen Lebensunterhalt verschwieg er den faulen Gesellen, mit denen er
abends Geduldspiele aus Quarzstckchen zurechtsetzte. Er stieg um Mittag
einen Felspfad aufwrts, durchkletterte eine kahle Schlucht; dann kam er an
die Rckwand eines verrufenen Wirtshauses, das drei mongolische Khe besa.
Dem aufpassenden Burschen hatte er das erstemal einen Genicksto gegeben
und mit dem Beil gedroht, als er sich einen halben Eimer Milch nahm; jetzt
erwartete ihn der Junge alle drei Tage, steckte ihm alten Reiskuchen zu,
rohe Eier, lie ihn melken, soviel er wollte.

Als der Junge eines Tages verschwunden war und zwei bissige Hunde um den
Stall liefen, kletterte Wang langsam und hungrig den mhseligen Weg zurck,
die Schlucht hindurch, den Felspfad herunter. Erst wollte er zu den
Bettlern zurck und irgendeinen von ihnen erschlagen; dann sonnte er sich
die letzten Tagesstunden, blieb schlafend auf dem Gneisschutt liegen und
stieg mit dem ersten Morgenschimmer die Berge abwrts ber die sanften
Hgel, die flachen Kalksteinerhebungen. Die wasserreiche Ebene dehnte sich
unabsehbar aus. In dem blendenden Abendlichte sah er vor sich die starke
Mauer und die mchtige Stadt, Tsi-nan-fu.

                   *       *       *       *       *

Das war ein unermeliches Wachsen um Tsi-nan-fu.

Diesseits und jenseits des lehmfarbenen breiten Flusses standen die
Hirsefelder schon bermannshoch, die starren Halme und Rohre mit ihren
grnen scharfen Blattscheiden und braunen Kolben, die sich schwer umbogen
und sanken wie Puschel von Kriegspferden und Helmwedel, berflockt von
feinen Hrchen. Wenn der warme Wind von den Bergen ber sie fuhr, ging ein
Scharren durch die Felder, als liefen die Halme davon, und alle warfen sich
zum Anlauf vornber. Ganz junge Pflanzen standen an den schmalen Fupfaden,
die Wang-lun am nchsten Morgen trottete; er ri ein paar aus, steckte die
dnnen zarten Seidenwedel in den Mund und sog an ihnen. Drosseln und groe
Raben jagten sich schreiend ber dem feuchten Boden, saen auf den
schlanken Sophorenbumen, in deren breiten Kronen die Zwitterblttchen ein
Schwanken und Schwirren begannen, als ob die Bume ein krampfhaftes Lachen
unterdrckten.

In einem fliegenden Barbierladen noch vor dem Tor lie sich der
verwahrloste Mann fr seine Glasflschchen waschen, rasieren und billig
einkleiden. Dann spazierte er lchelnd und die feisten Torwchter vertraut
grend in die Stadt hinein, in einem blauschwarzen Obergewand, auf neuen
Filzsohlen, am grnen etwas faserigen Grtel den leeren Tabaksbeutel, als
kme er eben aus einem der vielen kleinen Teepavillons vor der Stadt, in
denen sich Dichter und galante Jnglinge ergingen.

Gro und unbersehbar war das Gewirr der Straen. Kaufladen stie an
Kaufladen, Garkchen, Herbergen, Teehuser, berladene Tempel; an der Mauer
klingelten die Glckchen zweier schner Pagoden, die den Weg der
obdachlosen Geister ablenkten. Wang lie sich willig von dem Menschenstrom
tragen, sphte listig und vergngt um sich, schob in einer engen Strae
eine wartende Snfte samt den beiden Trgern beiseite.

Und nachdem er die beiden an die Erde gelegt hatte, hatte er sich in ihnen
die ersten Freunde in Tsi-nan-fu erworben, die ihn nach einer Stunde in ihr
Logierhaus nebst Garkche fhrten, ein offnes luftiges Bretterhaus in der
Einhornstrae. Ein Flgel des Hauses enthielt die rmliche Garkche, deren
Duft und Rauch aber auch den andern Flgel durchzogen, die nach der Strae
offene Terrasse fr Teetrinker und die Schlafkammern; das waren Verschlge
im Hintergrund des Teeausschanks, niedrig, schmal, mit einer Bank zum
Liegen und einem Schemel. Wang warf nur einen Blick in seine Kammer, dann
strich er durch die Nachbarstraen, ersphte Gelegenheiten. Er hatte keinen
Ksch.

Hinter zwei Hkerfrauen, die zusammen einen Korb trugen, ging er in ein
Haus, ber einen weiten Hof, in einen halbdunklen Raum, den er erst an dem
dicken slichen Geruch als Tempelhalle erkannte. An der rund
ausgeschnittenen Tr sa ein alter krftiger Mann in einem hellgrnen
weitrmeligen Gewand, den Zopf auf dem Scheitel aufgebunden; er sa vor
einem kleinen Tischchen mit Rucherkerzen, Papierfiguren und machte ein
salbungsvolles Gesicht, indem er die Lippen schnauzenfrmig abwrts zog,
die Hnde mit eigentmlicher Fingerkrmmung vor sich hinlegte und die Augen
schlo. Die Frauen hatten von ihm sechs Kerzen gekauft, steckten sie vor
einer bunten Holzstatue im Hintergrund an, vor einem sitzenden Gott, neben
dem Trommeln, Mandolinen und Pansflten an der leeren Wand hingen.

Wang ging an dem Korb der Frauen, der in der Mitte des Raums stand, vorbei,
sah seitwrts, wie jetzt der Bonze die paar Ksch von Hand in Hand zhlte
und sie lautlos in einem Kasten an der Trwand verschwinden lie, wieder
die salbungsvolle Fischschnauze zog. Es war ein Tempel Hang-tsiang-tses,
des Patrons der Musikanten.

Als Wang sich zu der Tr wandte, stand der Bonze auf, verneigte sich vor
ihm, schwang die gefalteten Hnde, pries die Frmmigkeit seines hohen
Besuchers, mit einem durchgesiebten gleichmigen Schwall von Worten. Auch
Wang verneigte sich hflich. Zum Schlu fragte der Priester, ob die
Subskriptionsliste fr eine Wassermesse schon in den Palast seines Gnners
getragen sei; es seien fnf arme blinde Musikanten auf einem Boot
ertrunken, als sie aus dem jenseitigen Dorf zurckkehrten. Die Messe fr
die Seelen der Ertrunkenen beginne in zwei Tagen. Wang gab einen falschen
Namen und falsche Wohnung an, bat, seinen Namen schon jetzt in die
Geberliste einzutragen, die an der Tempelwand angeschlagen war.

In der Dunkelheit brach er dann ohne Mhe in den Raum ein, erbeutete ber
siebenhundert Ksch.

Er lebte zufrieden ber eine Woche in der Herberge, als ein Zufall ihm den
Bonzen auf der sehr belebten Weiegrberstrae in den Weg fhrte. Es war
schon zu spt sich zu verstecken, als er das hellgraue Priesterkleid sah.
Zu seinem Erstaunen ging aber der Mann grinsend unter Winken an ihm
vorber.

In derselben Nacht brach er bei dem Bonzen ein. Der Geldkasten war
verschlossen, aber leer. Wang tastete sich im Dunkeln an den Opfertisch;
auch unter der Opferasche lag kein Geld. Erst als er das weiche Tuch des
Achtgenientisches verzog, klirrte etwas: unter dem Tuch ausgebreitet lagen
einige Handvoll Kupferpfennige.

Er arbeitete in den nchsten Tagen, als das Geld vertan war, bald hier,
bald da als Kohlentrger, Lufer in einem Jamen; aber der niedrige Lohn
reizte ihn zur Wut, auch vertrug er sich nirgends. Sein prahlerisches
Wesen, seine Hitzigkeit zusammen mit seiner Riesenstrke rissen ihn berall
zu Gewalttaten hin.

So brach er nach zwei Wochen wieder in den Tempel des Musikantengottes ein.
Vorher sann er nach, wo der Bonze seine Tageseinnahme versteckt hielte. Da
er sie nicht in seinem Bette und Schlafraum hatte, war Wang klar; der Bonze
wute zweifellos, da Wang es war, der ihn bestahl, und in seinem
Schlafzimmer frchtete er sicher fr sein Leben. Fast eine Stunde suchte er
vergeblich in dem Raum herum, beklopfte Wnde und Boden. Schlielich
stellte er den Schemel des Bonzen auf den Altaropfertisch, betastete die
Statue des schweigenden Hang-tsiang-tses. Am Halse des Gottes klang es
hohl; er klomm hoch und auf dem Schenkel des Musikfrsten stehend ffnete
er das leicht zugngliche Kstchen; drei Hnde voll Ksch glitten in den
Beutel an seinem Grtel.

Als er sich herunterlassen wollte wieder auf den Schemel, bemerkte er, da
jemand an seinem Zopf zog, nein, da sein schn gebundener Zopf an der
Decke und Rckwand des Zimmers festsa. Er tapste mit der freien linken
Hand nach oben und hinten; eine dicke teerartige Masse klebte da; mit Mhe
bekam er seine Hand frei; er frchtete mitsamt der schweren Bildsule
vornber zu kippen. Schmerzvoll und unter Verlust vieler Haare rupfte er
seinen Zopf aus der klebrigen Galerte. Leise klffend ber den Bonzen
schlich er auf die Strae. Der Stoff klebte harzig an seiner schn
rasierten Kopfhaut; wohin er mit seiner linken Hand griff, blieb er hngen.

Seine Freunde in der Einhornstrae schabten ihn am Morgen unter groen
Qualen sauber, mit scharfen Holzstbchen; seine Haut blutete. Sie lachten
nicht ber ihn, sie frchteten und liebten ihn, sie bewunderten seine
Khnheit. Auch teilte er den Gewinn mit ihnen.

Nach dieser Nacht hatte Wang-lun, der geschundene Dieb, nur einen Wunsch:
sich an dem Bonzen zu rchen. Der Mann schien seine Wohnung zu kennen;
wenige Tage nach dem Ereignis traf er den grauen Mantel langsam in der
Einhornstrae spazieren. Das faltige Gesicht lchelte nur wenig, als Wang
sich ber die Balustrade der Teeterrasse herunterbeugte; es verzog sich zu
einem schmerzlichen Bedauern vor dem bewickelten Schdel Wangs. Oft sah
sich der Bonze um nach dem armen Dieb, der hinter ihm Grimassen schnitt.

Nun gab Wang seinen beiden Freunden nichts von der letzten Beute; er legte
fast alles seinem Wirt hin, damit er selbst ungestrt seine Plne ausfhren
knnte. Es lief auf einen Wettstreit zwischen ihm und dem Bonzen hinaus.

Noch war sein Kopf bewickelt, da ging er an einem Nachmittag in das Haus
des Bonzen. Der sa an seinem Platz in weihevoller Haltung; es waren Fremde
aus Wu-ting-fu da, die seinen Tempel besichtigten. Als er den gleichgltig
stolzierenden Wang erkannte, lief er entzckt herbei, dankte fr die
reichliche Gabe bei der jngsten Wassermesse, fragte nach dem Befinden
seines offenbar leidenden Gnners. Mit ernster Stirne fgte er hinzu, da
sein Tempel in vielen Sorgen schwebe. Ein schlaues Diebsgesindel mache sich
in diesem ruhigen Stadtviertel breit und brandschatze den armen
Hang-tsiang-tse und seinen bescheidenen Diener Toh-tsin; dies war sein
Name. Wang hrte ihn von oben herab interessiert an und fragte nach einer
nachsinnenden Pause, welche Vorsichtsmaregeln der weise Toh-tsin getroffen
habe gegen die Verbrecher.

Nun fhrte Toh, der lebhaft und wiederholt fr sein grenzenloses Wohlwollen
dankte, den ernsten Mann herum, der mit den prfenden Augen eines Beamten
alles betrachtete. Toh lie ihn den alten leeren Wandkasten sehen, zeigte
Fuangeln, die er abends an der Tre auslegte, wies auf die vertrocknete
Teermasse an der Hinterwand der Bildsule. Wang gab Ratschlge; ob es sich
nicht empfehle, die Tageseinnahmen am eigenen Krper zu tragen. Toh
replizierte mit dem Hinweis auf die Gefhrlichkeit der Halunken, die sogar
--. Wang brauste auf, wies den Ausdruck Halunke zurck, erklrte auf den
lchelnd fragenden Blick des andern, da seinen Ohren so heftige Ausdrcke
bse klngen, da er gerade dieser Feinhrigkeit wegen tiefe Verehrung fr
den Musikfrsten hege.

Sie gingen, sich gegenseitig musternd, einige Male zwischen den andchtigen
Fremden aus Wu-ting-fu hin und her. Dann verabschiedete sich Wang
herablassend von dem Priester, der hingerissen dankte fr das Vertrauen des
erleuchteten Gastes.

In dieser Nacht ging der Fischersohn aus Hun-kang-tsun ratlos vor dem
Tempel auf und ab. Er wute nicht, wie er es anfangen sollte. Er frchtete,
sich vor dem alten Spottvogel zu blamieren. Ihn ganz in Ruhe zu lassen war
unmglich nach dem letzten Triumph dieses hinterlistigen Betrgers. Manchen
Augenblick dachte Wang ernstlich, er mte den Toh-tsin wecken, verprgeln
und der Polizei bergeben.

Dann fhlte er sich ber den stockfinstern Hof. In einem Winkel des
seitlichen Schuppens blieb er stehen, um seine Augen an die Dunkelheit zu
gewhnen. Da sah er dicht neben sich quer vor der Haupttr eine lange
Leiter am Boden liegen.

Er rhrte sie nicht an; er berlegte. Das war eine List Tohs; die Leiter
stand sonst in einem Winkel des Hofes. Andererseits gab es im Innern des
Tempels kaum noch einen Fleck, wo Toh seine Tageseinnahme unterbringen
konnte. Wang umging vorsichtig die Leiter, versuchte mit einigen Sprngen
den niedrigen Dachfirst zu erwischen, aber langte nicht herauf und es gab
zu viel Lrm. Dann hangelte er sich mhselig und immer wieder abgleitend an
einem feuchten Pfeiler des Schuppens herauf, schwang sich auf das Dach. Es
whrte ber eine Stunde, bis er auf das Tempeldach selbst herberkam; er
frchtete, wenn er sich aufrichtete, von der Strae gesehen zu werden.

Und so kroch er geduckt und legte sich bei jedem Trenklappern,
Trommelschlag der Nachtwchter platt auf den Bauch, immer in Gefahr
abzurutschen von dem schrgfallenden Geblk. Er schimpfte, da er gezwungen
sei, von dem Gelde eines solchen alten Schuftes zu leben. Dachrippe nach
Dachrippe wurde abgetastet; langsam lie sich Wang zu der Kriegerfigur an
der Traufe herunter, die ein blankes Schild hob. Hinter dem Schild am Arm
des Ritters hing etwas und baumelte schwarz, als die Traufe sich unter
Wangs Gewicht bog. Es war der Geldbeutel. Seine klammen Finger knoteten ihn
ab, eine schwere halbe Stunde folgte, bis Wang wieder auf der Strae stand,
frierend und das schmutzige Gesicht zornverzerrt ber die Hinterlist des
Alten.

Um die Mittagszeit, als er nach dem Essen tabakkauend auf der Terrasse
stand, kam der flinke Wirt angeschnattert, brachte ihm die lange Visitkarte
Toh-tsins. Der erkundigte sich nach dem Befinden seines Wohltters, zeigte
sich erfreut, da seine Kopfwunden zuheilten, besah sich gerhrt die
zerrissenen Hnde Wangs: es gbe so schwere Gewerbe in Tsi-nan-fu. Als sie
ihre Tasse Tee ausgetrunken hatten, zahlte Wang offen aus dem Beutel seines
Gastes, begleitete ihn in den Tempel, um festzustellen, was es mit der
Leiter auf sich habe. Sie hegten groe Sympathien freinander, besonders
Wang fr Toh, weil er sich ihm berlegen fhlte und der andere dies
zuzugeben schien. Toh hob auf den Wunsch seines Gastes die Leiter aus dem
Winkel, legte sie an das Dach an, kletterte ein paar Sprossen hinauf. Wang,
verblfft, kletterte nach ihm bis auf das Dach.

Fest stand in Wang: die Sache, bei der er immer gleichzeitig gewann und
verlor, sollte heute ausgetragen werden.

Mit lahmen Beinen, schwachem Rckgrat schlich er bei Anbruch der Nacht
hungrig und aufgeregt in den Hof Tohs, hob die Leiter, die wieder quer lag,
auf, legte sie an den Dachfirst und kletterte mit Herzklopfen hinauf. Ein
Beutel hing richtig wieder an dem Arm des Kriegers. Besorgt blieb er
buchlings auf dem Dach liegen; es schien sich etwas im Hofe zu regen, die
Leiter schwankte einmal. Er kletterte rasch wieder herunter, ohne
Zwischenfall.

Da blieb er angewurzelt unten vor der Leiter stehen. Er konnte nicht von
der Stelle. Seine Filzschuhe waren in einen dicken Brei eingetreten, der
bis ber seine Knchel quoll. Er chzte; arbeitete sich, an der Leiter
klimmend, hoch, indem er seine Schuhe stecken lie. Seine Wut machte ihn
zh bei der Anstrengung und fast sinnlos. Als er in bloen Fen mit
verklebten Hosen frei im Hofe stand, warf er den Beutel mit Gewalt an die
Tr der Kammer des Bonzen. Er schrie durch die nchtliche Stille laut zu
dem Klingeln der rollenden Ksch: Da hast du deinen Dreck, du Sohn einer
Schildkrte. Trommelte gegen die dnne Holzwand des Hauses mit den
Fusten, bis sich eine sanfte Stimme drin vernehmen lie: Was will denn
der Liebling? Womit beschenkt er den Sohn einer Schildkrte zur Nacht?

Heraus soll der Sohn einer Schildkrte, heraus soll er kommen. Ich will
ihm zeigen, was Gemeinheit und Niedrigkeit ist. Du sollst mir meine Schuhe
bezahlen und meine Hosen.

Aber der strmische Liebling hat schon den Preis bekommen fr seine Schuhe
und seine Hosen.

Komm heraus, sage ich, du Schwtzer, du Dicker, du Gauner, ich will dir
zeigen, was bezahlen heit bei mir!

Whrend noch der frierende Wang-lun im Hofe tobte, kleidete sich Toh-tsin
feierlich an bei einer llampe, steckte den Teekessel an, ffnete die Tr
nach dem Hof mit groer Ruhe. Wang wollte gegen ihn anstrmen, konnte wegen
seiner verklebten Hosen nur in Schrittchen und unter Schmerz vorwrts. Toh
leuchtete ihm mit der Lampe entgegen, verbeugte sich unaufhrlich. Dem
groen Burschen, der die Lcherlichkeit seiner Lage fhlte, standen vor Wut
und Schmerz die Trnen in den Augen. Toh wich vor ihm aus, wies auf das
warme Ofenbett, auf das sich Wang wimmernd legte.

Eine Tasse heien Tee, die ihm sein Wirt unter vielem Zeremoniell bot, soff
er in zwei Zgen aus, whrend Toh seinen Priestermantel zurckschlug, einen
Zeugbausch mit einer stark duftenden Flssigkeit trnkte und langsam die
Pechmasse von Wangs Beinen abrieb. Zwischendurch lief er auf den Hof mit
der Lampe. Es knnte doch ein Dieb kommen und uns unser Geld stehlen,
meinte er, als er mit dem Beutel zurckkam und wieder die Tre schlo. Er
bot Wang ein paar Hosen und gute Filzschuh. Der Fischersohn aus
Hun-kang-tsun sa am Tisch des freigebigen Mannes, hieb in Wassermelonen
und schluckte Tasse auf Tasse. Es wogte in ihm auf und ab, aber der Tee war
hei und die Melonen saftig.

Toh-tsin entpuppte sich im Gesprch als eben so groer Menschenkenner wie
Schelm. Sein besiegter Gegner legte den verpflasterten Kopf bald auf eine,
bald auf die andere Seite in Bewunderung dieser mannigfaltigen
Durchtriebenheit. Toh-tsin hatte sich wie berechnet einen zuverlssigen
Gehilfen gefangen.

                   *       *       *       *       *

So waren die merkwrdigen Beziehungen zwischen beiden in Freundschaft
ausgeartet.

Das Geschft Toh-tsins war sehr einfach. Er hatte zur Verwaltung den Tempel
einer sehr armen Gesellschaft, der Musikanten. Sie bezahlten ihm fr seine
Dienste einen unbedeutenden Betrag und stellten ihm die Kammer zur
Benutzung; er mute sich im Grunde seinen Unterhalt durch Verkauf von
Rucherwerk, Messenlesen selbst verdienen, und alles war auf seine
Tchtigkeit gestellt. In einem anderen Stadtteil Tsi-nan-fus befand sich
noch eine Halle fr den Musikfrsten; und wenn Tohs Gott den Leuten ihre
Wnsche nicht erfllte, so zogen sie schmhend und beschwerdefhrend in die
andere Halle und brachten Tohs Gott in Mikredit.

Wang-lun und Toh-tsin trieben jetzt das Geschft gemeinsam. Wang wurde
Ausrufer und Zeuge des Bonzen. Wenn sie zusammen vormittags durch die
Straen und ber die wimmelnden Mrkte zogen, ging der riesige Wang im
grnen Kittel dem Priester voran, trug die beiden meterlangen Posaunen an
ihren Schlnden; in die Mundstcke blies von Zeit zu Zeit Toh-tsin hinter
ihm; zwei brllende tiefe Tne fuhren schrecklich aus den Schlnden unter
die auseinanderweichenden Menschen. Vor den Brsen der Seidenhndler, der
Porzellanverkufer priesen sie laut die enormen besonderen Fhigkeiten
ihres Gottes; die Lose in seiner Halle gaben die sichersten Rezepte bei
allen Krankheiten; eine Messe vor ihm gelesen sei ebenso wirksam wie
billig. Es galt den Heiligen von Zeit zu Zeit aufzufrischen, ihm neue
sensationelle Fhigkeiten zuzuschieben; so riefen sie den Sprsinn des
Musikfrsten bei der Aufdeckung von Verbrechen, Diebsthlen aus. Wurden sie
dann wirklich irgendwo hinzugezogen, so forschten sie beim Herumtragen
einer kleinen Statue des Hang-tsiang-tses nur die Gelegenheit aus, stahlen
etwas spter und gruben mit Hilfe des Sprsinns Hang-tsiang-tses an einem
entfernten Platze den grten Teil der Beute wieder aus. Es versteht sich,
da bei ertragreichen Diebsthlen der Gott sie im Stich lie.

Da Toh Wangs Neigung zu Narrenstreichen und bermut kannte, schenkte er ihm
eine schne Hirschmaske mit prchtigem schnen Geweih, eine Maske, wie sie
lamaistische Pfaffen bei ihrem Tsamtanze zu benutzen pflegen. Wang-lun
freute sich kindisch ber das Stck, tollte im Tempelhof und auf der Strae
gemeinschaftlich mit den beiden Snftentrgern herum, erschreckte, verjagte
Besucher.

Von seinen Possenstreichen war die halbe Stadt erfllt. Wie er sich
irgendwo auf der Strae mitten in einen Rudel wilder Hunde setzte, den
Hirschkopf berzog, die Hunde angrunzte, dann vor ihnen ber belebte Pltze
jagte: ein Gellen der Weiber und Kinder, ein Auseinanderstieben, ein
Springen, Bellen, Umrennen, und die Hetze verschwand in einer Gasse, wo er
die anjaulenden Hunde mit einem Futritt in irgendein Papierfenster, eine
Snfte befrderte, und ausrufend weiterzog.

Berchtigt machte ihn eine Sache, die mit einem ernsten Hintergrund sich in
ihren Folgen schwer an ihm auswirkte.

Es hatten sich chinesische Volksstmme in Kan-suh, die dem mohammedanischen
Glauben anhingen, trotzig und aufsssig benommen. Sie nannten sich die
Salarrh mit den weien Turbanen, waren uneins unter sich; man hatte sie mit
Gewalt beruhigt.

Es sollte jetzt alles, was mit ihnen in Verbindung und Verwandtschaft stand
in den anderen Provinzen, festgestellt, verbannt oder ausgerottet werden,
nachdem ihr Fhrer schon lngst sein Leben gelassen hatte mitsamt seinem
Anhang. Der Boden schwang schon unter den Fen der Geheimbnde, die gegen
den Kriegskaiser und die fremde Mandschu-Dynastie wteten, aber man achtete
in der stolzen Roten Stadt nicht auf dies dumpfe Gerusch, das seine Stimme
spter mit dem Schwirren der Pfeile, dem Zischen der krummen Sbel, dem
unheimlichen Gesang der rotweien Feuersulen, dem Knarren und Bersten der
einstrzenden Giebel verstrken sollte.

In Tsi-nan-fu lebte unter andern mohammedanischen Familien die Familie
eines gewissen Su. Dieser stellte aus Pflanzenmark Dochte her; er war ein
angesehener wrdevoller Mann, der den untersten literarischen Grad erreicht
hatte. Das Familienhaus der Sus stand in der Einhornstrae, schrg
gegenber der Herberge Wang-luns, und Wang schtzte den klugen, wenn auch
eingebildeten Mann sehr.

Der Tao-tai von Tsi-nan-fu ermittelte, da Su-koh der Oheim eines Mannes
war, welcher in Kan-suh die ersten Unruhen gestiftet hatte. Die Hscher
nahmen den Dochtfabrikanten fest, brachten ihn samt den beiden Shnen in
das Stadtgefngnis, wo er tglich unter Foltern vernommen wurde.

Er sa ber drei Wochen in Haft, als Wang in seinem Gasthof davon erfuhr.
Dem fuhr der kalte Schreck durch die Knochen. Er stellte sich den ernsten
teilnahmsvollen Su-koh vor, fragte einmal ber das andere: Warum denn?
Warum denn aber? kam nicht zur Ruhe, bis er selbst festgestellt hatte, da
Su-koh wirklich samt seinen beiden Shnen im Gefngnis sa und unter
Foltern tglich vernommen wurde. Und zwar, weil jener Aufrhrer sein Neffe
war, welcher in Kan-suh zuerst laut aus einem alten Buche vorgelesen hatte.

Wang setzte sich mittags mit seinen beiden Freunden und drei Bettlern in
der Herberge zusammen und beriet mit ihnen, was geschehen sollte. Er
schttelte in der ihm eigenen Weise die beiden offenen Hnde vor seinem
Gesicht und sagte: Su-koh ist ein tchtiger Mann. Seine Freunde und
Verwandten sind nicht hier und schon ohne Kopf. Su-koh darf nicht im
Gefngnis bleiben.

Der einugige Bettler erzhlte, er htte am Jamen des Tao-tai gehrt, da
in drei oder vier Tagen der Provinzialrichter aus Kwan-ping-fu eintreffen
werde, um ber Sus Familie rechtzusprechen. Wang forschte ihn mit erregten
Worten aus, wer es gesagt habe, wieviele es gehrt htten, ob schon
Vorbereitungen zum Empfang des Nieh-tai, des Richters, getroffen wren,
wieviele den Nieh-tai herbegleiteten. Als er hrte, da es ein alter,
besonders fr diesen Zweck ernannter, hier noch unbekannter Nieh-tai sei,
leuchteten seine schmalen Augen hhnisch, dann grinste er, lachte nach
einer Pause heraus, da die Estbchen vom Tisch fielen und die fnf
mitlachten, sich anstieen und jeder melodisch das Lachen des andern
nachsang. Ein Kopfzusammenstecken, rasches Hin- und Herreden folgte, ein
hufiges wtendes Auftrumpfen Wangs. Jeder ging seiner Wege.

Nach zwei Tagen wuten alle Jamenlufer in Tsi-nan-fu und damit die ganze
Stadt, da der Nieh-tai zur Entscheidung der schwebenden politischen
Prozesse morgen in Tsi-nan-fu eintreffen wrde, rascher, als man erwartet
hatte.

Wang-lun hatte mit zwanzig schnell aufgetriebenen Nichtstuern und Gaunern
aus der Stadt nicht weniger als drei Brcken, die der Sendling passieren
mute, unbrauchbar gemacht, hatte sich und seinen Spiegesellen Festkleider
aus einem Pfandhaus entliehen, das ihm und dem Toh wegen mancher billig
erworbener Versatzstcke verpflichtet war, und rckte mit seinem sich
bertrieben ernst gebrdenden Zuge am angegebenen Tage durch dasselbe Tor
in die mchtige Stadt, durch das er wenige Monate vorher allein gependelt
war, lchelnd, die feisten Torwchter vertraut grend, als kme er eben
aus einem der vielen Teepavillons vor der Stadt, in denen sich Dichter und
galante Jnglinge ergingen.

An diesem heien Morgen des achten Monats schlugen ehrfurchtheischend Gong
auf Gong vor ihm. Zwei der verbrderten Lumpen ritten mit Hellebarden dem
Zuge voraus auf klapprigen Braunen, auf denen sie unsicher saen. Es
folgten die beiden gongschlagenden Knaben mit drohenden Stirnen, vier
Unterbeamte mit den frischlackierten Zeichen der oberrichterlichen Wrde.
Und in dem blauen Tragstuhl sa hinter geschlossenen Vorhngen ein
trumender ehrwrdiger Greis mit einem weien Bart, der rechts und links
von Backen und Kinn in dichten Schwanzquasten herunterfiel auf das schwarze
glatte Seidenkleid und fast das wunderschne Brustschild bedeckte mit dem
gestickten Silberfasan: Wang-lun selbst. Die runde schwarze Mandarinenmtze
schmckte die Kugel aus Saphir.

Ein kleiner Trupp Soldaten hinter einem Offizier schlo den Zug, Soldaten
der Provinzialarmee von der grnen Standarte. ber die Pltze und
menschengestopften Mrkte, die Sttten seiner ehemaligen Wirksamkeit, zog
Wang zwischen Mauern von verstummenden Brgersleuten; die Tore des Jamens
standen weit offen.

Nur einen halben Tag hielt sich der Nieh-tai in der Prfektur auf. Er
beschlo, die politischen Gefangenen aus der Suhfamilie nicht gleich
abzuurteilen, sondern sie mit sich nach Kwan-ping zu nehmen, dort die
Antwort des Kaisers auf seinen Bericht abzuwarten.

Ohne in der Stadt zu bernachten, schon gegen Abend, verlie der hohe
Blauknopf die aufgeregte Stadt; auf einem Karren unter den Soldaten seines
Zuges stand ein schmaler Holzkfig; in dem saen, die Hlse durch einen
einzigen Holzkragen gezogen, Su und seine beiden Shne.

Am Abend des folgenden Tages kamen die Lufer des echten Nieh-tais an, die
zugleich Beschwerden des Richters berbrachten ber die schlechte
Wegeverfassung und Polizei im Distrikt. Die ungeheuerliche Nachricht
erfllte dann, aufgedeckt, die ganze Stadt mit Entsetzen.

Es war mit dem Namen der hchsten juristischen Behrde gespielt worden. Der
Tao-tai samt seinem Beamtenstab war verloren; die mohammedanischen
Einwohner sahen einer summarischen Bestrafung entgegen; die Tter muten
aus ihren Kreisen stammen. Es war vorauszusehen, da der Stadt das Recht,
zu den Prfungen zugelassen zu werden, kaiserlicherseits auf Jahre entzogen
wrde.

Wang hatte sich inzwischen mit seiner Gesellschaft demaskiert in einer der
Schluchten des Gebirges. Su-koh und seine Shne, die schon dem Tode
verfallen waren, verbrderten sich mit Wang; es war bei aller schreckhaften
Freude kein lauter Jubel in der Schlucht; die drei waren unter den Foltern
hinfllig geworden.

Wang kehrte am nchsten Tage in die Stadt zurck zu Toh-tsin, den er ins
Vertrauen zog.

Der Nieh-tai blieb noch fnf Tage zur Untersuchung in Tsi-nan. Nach seiner
Abreise bei Anbruch der Nacht wurde der Priester des Musikfrsten durch
leises Pochen an der Kammertr geweckt. Die gesetzliche Frau des Su-koh
schlpfte in die Kammer, verhllte weinend ihr Gesicht mit einem dicken
weien Schleier und setzte sich, ohne Worte zu finden, auf den Boden.
Su-koh war mit seinen Shnen bewaffnet nach Hause zurckgekehrt, weigerte
sich, sich zu verstecken und gab an, da er jeden, der in sein Haus
eindringen wrde, ihn zu fangen, niederschlagen wrde mit Hilfe seiner
Shne und Sippengenossen. Sie beschwor auf der Diele den Bonzen und
Wang-lun, sich mit ihr zusammenzutun, damit der Mann und die Kinder wieder
ins Gebirge zurckgingen.

Die Frau blieb bei dem Bonzen, Wang lief in das Haus der Sus. Er fand den
Vater gekrftigt, ruhig, wrdevoll wie sonst, aber in einer entschlossenen
Bitterkeit. Su-koh erklrte, er wrde die Stadt und Provinz verlassen, aber
erst in Ruhe seinen Besitz verkaufen, seine Schulden bezahlen, seinen
Priester befragen, welchen Wohnsitz er whlen solle. Wang, indem er den
Kopf zwischen die Schultern zog, bot ihm an, den Verkauf und die Lsung der
Verbindlichkeiten zu leiten, auch den Verkehr mit dem mohammedanischen
Priester zu vermitteln. Su-koh lehnte alles ab.

Da beschlo Wang-lun, sich an seine Fersen zu heften und ihm zu helfen.

Su-koh ging schon am frhen Morgen durch die entsetzten Huser, verlangte
seine Schulden und die, welche seine Frau in seiner Abwesenheit gemacht
hatte, zu bezahlen. Er erkundigte sich, ob man wisse, wo er sein Haus zu
einem angemessenen Preise verkaufen knnte. In der Menschenmenge, die dicht
hinter ihm folgte, sprang der ffentliche Spamacher, der Gehilfe
Toh-tsins, des Bonzen, der riesengroe Wang-lun, schwatzend und aufgeregt.

Nach kurzer Zeit kamen die Polizisten angerannt. Aber Wang und seine Helfer
wuten es einzurichten, da die Menschenmenge sich mit Kindern und Frauen
vor den Su drngte und drohte. Der Alte hatte seine Geschfte schon
erledigt, ging, unbeirrt durch das Geschrei der Leute und Bekannten, die
auf ihn einredeten, in sein kleines Haus. Dann erfolgte ein Trommeln und
Blasen. Blaujackige Soldaten sperrten die Strae bis auf eine kleine
Durchgangspassage, trieben Herumstehende in die Huser. Ein hagerer
Tou-ssee, ein Hauptmann, befehligte sie.

Barhuptig trat Su-koh aus seinem Hause, verneigte sich hflich vor dem
Offizier und wollte, ohne einen Blick auf die Soldaten zu werfen und ohne
Erstaunen ber die Umgebung, an der Hausmauer entlang gehen, um ein paar
Huser entfernt eine Besorgung zu machen. Der knochige Tou-ssee sprang
hinter dem langsamen, wohlbeleibten Mann her, stie ihn mit dem Sbelknauf
ins Kreuz, ri ihn bei der Schulter herum, schreiend: ob er Su-koh, der
entwichene Dochtfabrikant, wre. Su verschrnkte die Arme und sagte, er
wre das; aber wer er, der Tou-ssee, wre; ob er ein Wegelagerer und Ruber
wre und wie er die Dreistigkeit so weit treibe, einen schuldlosen Mann am
hellen Tag mit dem Degenknauf zu stoen und ihm aufzulauern.

Noch ehe Su zu Ende gesprochen hatte, hatten der Offizier und zwei
herbeigesprungene Soldaten ihn mit einigen Sbelhieben an der Mauer
niedergemacht.

Wang schrie hell mit den andern auf, die von den Ecken der Straen dies
angesehen hatten. Er wollte zuspringen, aber er zitterte, konnte nicht von
der Stelle, seine Glieder waren pltzlich von einer Schwche und Lhmung
befallen. Er trieb mit der Menschenflut im Zickzack ber die Pltze, seiner
nicht ganz bewut. Seine Blicke liefen hilflos ber die Gesichter, die
Gnsekiele und die Ladenschilder, die goldbemalten. Er erkannte keine
Farben. Eine immer wachsende ngstlichkeit trieb ihn vorwrts. Fnf Sbel
fuhren dicht nacheinander durch die Luft, zehn Schritte vor ihm, wohin er
sah. Und dann ein graues Durcheinander. bereinander.

Su-koh, sein ernster Bruder, lag ungerettet auf der Strae.

Su-koh war sein Bruder.

Su-koh war ungerettet geblieben.

Su-koh lag auf der Strae.

An der Mauer.

Wo ist denn die Mauer?

Es drngte ihn zu der getnchten kleinen Mauer. Su-koh wollte doch nur eine
Besorgung machen. Das Haus war noch nicht verkauft; der Priester mute
befragt werden; wegen des neuen Wohnorts mute der Priester befragt werden.
Er mute doch an der Mauer entlang gehen. Warum hatte man seinen Bruder
Su-koh daran gehindert, an der Mauer entlang zu gehen. Oh, ihm war so hei
und ihn fror so.

Er trottete zitternd in die Kammer Toh-tsins, der ihn schon erwartete.

Als er Wang verfrbt ankommen sah, fate er ihn, der sich willenlos fhren
lie, geqult seufzte, mit den Fingern spielte, um den Leib, zog ihn in den
Tempel. Da ffnete er neben dem Standbild des Musikfrsten eine klinkenlose
Tr; sie kamen auf einen Platz mit Schutt und Backsteinen, saen an der
offenen Strae in einem Wegeschrank fr obdachlose Geister, ein viereckiges
steinernes Bauwerk, in dessen Inneren eine Hhlung ausgemauert war, so
gro, da zwei Menschen geduckt drin kauern konnten. Nach der Strae zu
stand die breite Opferschale fr Gaben; vom Bauplatz stiegen sie durch ein
mit Brettern verstelltes Loch ein.

Im Finstern, in der stickigen Luft saen sie lange, bis der Feuerstein Tohs
gezndet hatte und das kleine llicht brannte. Toh war erregter als Wang,
der mit sich tun lie, den Bonzen umarmte, den Kopf an seiner Schulter
hngen lie. Der verstrte Mann erzhlte dann von der Niedermetzelung
Su-kohs, weinte wie ein strrisches Kind, sprach von den fnf Sbeln, und
Su-koh sei totgeschlagen worden. Er beruhigte sich unter den Worten des
andern, atmete tiefer und langsamer und schwieg nachsinnend eine geraume
Weile.

Wo bekam man ein Mittel her, da Su-koh, sein Bruder, wieder aufstand und
herumging, und alles fr seine Abreise richtete? Dieses Blitzen war dran
schuld, da es kein Mittel gab, da er, der noch eben ernst die Arme
verschrnkte, an die Erde scho und wie eine Katzenleiche herumgezogen
wurde. Jetzt erschlug man wohl seine Shne. Was tat man Su-koh an? Htte er
laut aus dem alten Buch gelesen wie sein Neffe, wre es kein Verbrechen
gewesen; man hatte aber nie etwas von ihm gehrt. Darum wirft man seinen
Bruder hin, lt seinem Geiste keine Ruhe. Der Tou-ssee hat Unrecht an ihm
getan. Der Tou-ssee hat ihn mit dem Sbel erschlagen.

Wang warf sich an der Seite des Bonzen halb herum, flsterte, er wrde
fliehen jetzt; nur ab und zu wrde er nachts kommen, sechsmal an seine Tr
klopfen. Toh war glcklich.

Wang flossen, als er drauen das Tageslicht wieder sah, die Trnen ber das
Gesicht. Er weinte verzweifelt auf dem Platz zwischen den zerbrochenen
Backsteinen und dem Schrein fr obdachlose Seelen; er lste seinen Zopf
auf, ri an seinem grnen dnnen Kittel, knabberte gedankenlos an den
Kncheln seiner eiskalten Hnde herum. Den Beutel mit Kupfergeld, den Toh
ihm gab, schob er zurck; klammerte sich an die Kanten des Schreins,
schwang sich ber die Latte, lief davon, ohne sich abzutrocknen.

Wang trieb sich sechs Tage bald in der Ebene, bald an den Randbergen der
Stadt herum. In der Nacht des sechsten Tages erschien er bei dem Bonzen,
fragte nach seinem Hirschgeweih. Toh suchte es heraus; war glcklich,
seinen ehemaligen Gehilfen zu sehen, freute sich an seinem entschiedenen
Ernst. Wang nahm die Maske in die Hand, streichelte sie, legte sie an sein
Gesicht; der Bonze sah, wie sehr sich sein Schler verndert hatte. Die
entschlossene niedrige Stirn stand ber Augen, die meist traurig und voll
Unruhe blickten, aber dann wieder ganz ohne Maen wild und blind zankten.
Und der breite burische Mund mit der aufgeworfenen Unterlippe war nicht
anders: fter wie in einem Heihunger geffnet, meist schlaff, ergeben. Die
listigen Linien um die Mundwinkel schwammen leer und zusammenhangslos
dazwischen.

Der Priester, dieses verlogene betrgerische Wesen, wurde weich und fromm
vor seinem Schler und ertappte sich dabei, wie er ihn in einem
hingenommenen Gefhl segnete.

So sa Toh noch den Rest der Nacht in seiner Kammer wach und dachte an
Wang, der schon lange mit seinem Hirschgeweih sich in dem Wegeschrank
versteckt hatte, ohne zu sagen, was er vorhatte.

Die Nacht ging hin. Als auf dem Wan-kingplatze die Soldaten sich im
Bogenschieen bten, standen Haufen von Gaffern und Miggngern an dem
Zaune; der Staub wehte wie eine hohe lose Gardine ber den baumlosen Platz.
Nach den Bogenschtzen traten Turner und Springer an.

Da blfften mit einmal die Hunde, die Menschen stoben auseinander; ber die
niedrige Umzunung setzte ein tobender Mensch mit einer Hirschmaske, rannte
gerade in einen Trupp Soldaten, der aufgelst vor einer Sprungleine stand,
beobachtet von einem hageren Tou-ssee. Die Hunde, dreiig Stck, strmten
zwischen den Beinen der barfigen Soldaten hindurch, die lachend
auseinanderliefen, sich fluchend der bissigen Tiere erwehrten. Der Tou-ssee
rannte brllend hinter der Hirschmaske her, die mit einer Rinderpeitsche
ihm um die Ohren schlug, dann nach einem erstaunlichen Satze sich neben ihn
stellte, ihm die Maske berstlpte, ihn an sich drckte und an die Erde
legte.

Auf dem Platz war es merkwrdig still in diesem Augenblick, alle hrten ein
entsetzliches Sthnen und Schnarchen. Schon raste der grauenvolle
barhuptige Mensch in die Zuschauer hinein; ein paar Klffer folgten,
blitzschnell war er verschwunden. Die groen Hunde liefen winselnd auf dem
sandigen Boden um den zuckenden Krper des Tou-ssee, beschnupperten ihn.
Die Soldaten verjagten sie mit Steinwrfen. Sie rissen dem Tou-ssee das
schwere Geweih ab.

Sein Gesicht war schwarz und gedunsen. Er war erdrosselt; die
Halswirbelsule war ihm umgedreht.

Die Peitschenhiebe der Soldaten unter den Zuschauern nutzten nichts; in den
Nachbargassen liefen die Hunde herum. Die Mtter versteckten ihre Kinder,
die den Sand siebten, vor den rennenden Soldaten.

Das Hin- und Herrennen nutzte nichts. Das Drohen in die Huser hinein
nutzte nichts. Schlielich fand ein Soldat eine Kinderpeitsche; aber das
half nichts; man brachte ihm aus andern Husern solche Peitschen, mit denen
die Kinder ihre Holzesel antrieben.

Um Mittag lief es ber alle Marktpltze, durch alle Lden und Gassen, in
die Teestuben, Weinschenken und Herbergen, in die weiten Hfe der
Regierungsjamen Tsi-nan-fus, durch die vier Tore in die Hirsefelder,
Gemsegrten, ber den lehmfarbigen Ta-tsing-ho auf die dunklen Hgel, da
Wang-lun, der Fischerssohn aus Hun-kang-tsun, der Stadtschelm von Tsi-nan
es war, der den alten Su-koh und seine beiden Shne in der Maske des
Provinzialrichters von Schan-tung befreit hatte, der den Prfekt betrogen
hatte mit einem Zug von Lumpen und Verbrechern aus den Tai-schanbergen, mit
lackierten Schildern aus einem Pfandhaus, da Wang-lun jetzt seinen Bruder
Su-koh gercht htte an dem Hauptmann der Exekutionstruppe. In der
Hirschmaske, mit der er die Marktweiber sonst erschreckte, hatte er auf dem
offenen Wan-kingplatze den Tou-ssee der Provinzialtruppen vor seinen
Soldaten erdrosselt.

                   *       *       *       *       *

Der Mann, von dem die Stadt schnarrte, kletterte um diese Mittagsstunde
trge ein paar Felswege in den Bergen. Dann lag er jenseits einer
unzugnglichen Schlucht auf dem Gneisschutt ausgestreckt auf dem Rcken,
ohne Gefhl fr die spitzen kantigen Steine. Er lag regungslos, ohne die
schweren Hnde zu heben, in dem Sonnenbrand. Im Grunde wartete er und
befhlte sich innerlich, ob nun alles gut sei, ob er nun alles gut gemacht
htte.

Die Pein der letzten Woche war unertragbar gewesen. Es trieb ihn umher von
einer Htte auf den nchsten Kamm; vier Tage a und trank er nichts: er
verga das Essen ber dem Laufen, Augenschlieen, Herumwlzen. Wenn das
Durstgefhl zunahm, merkte er nicht, da es Mangel an Wasser war, was ihn
lechzen lie; er glaubte, das Unglck in ihm wuchs und sengte. Es kam ihm
oft vor, als ob er sich neue Sachen kaufen msse, weil man ihm Kleider und
Haut abgerissen hatte. Da er auf einmal furchtbar schwer und furchtbar
gro war. Es qulte ihn auerordentlich, da er so unbeweglich war, sich
gar nicht von der Stelle schieben lie, wlzen lie. Nicht anders war ihm,
als wenn er badete an dem fernen Strand von Hun-kang-tsun bei Beginn der
Ebbe: eben trugen ihn noch die starken Wellen, dann schleiften sie ihn
wiegend ber den Sand; mehr und mehr trat das durchsichtige Wasser zurck;
seine braungelbe Brust lag trocken, die Zehenspitzen sahen aus dem Wasser.
Das Meer schlte seine Arme und Schenkel blo: er lag tropfend
schwergewichtig auf dem feuchten Boden und mute sich stemmen, um nicht in
die Flut zu rollen.

Ihn trug nichts mehr. Er hob hundertmal wiegend die Arme; sie lieen sich
nicht schwingen.

Dazwischen kam das Glitzern der Sbel, war so intensiv, da er mit den
Augen zwinkerte.

Er versteckte sich vor den Bettlern, Dieben und Hehlern. Er konnte mit
ihrem Anblick nichts anfangen.

Su-koh war erschlagen: das hatte man ihm angetan.

Dabei fhlte er den berwltigenden Druck des Leidens, im Hinterkopf, auf
der Zunge, in der Hhlung der Brust. Und es war eine gewaltsam freiwillige
Richtung, die er seinen Gedanken gab, als er sich auf Rachevorstellungen
versetzte, Vorstellungen ohne Leidenschaft, erfunden, um ihn zu heilen, zu
befreien. Er jammerte sich vor: es wre Grund sich zu rchen. Aber er
glaubte sich nicht, und konnte sich nicht glauben.

Und die Verzweiflung bei diesem Ringen wurde immer mehr zu einer Wut auf
den Tou-ssee, der das alles angerichtet hatte. Er frchtete den Tou-ssee,
wie er sich ngstigte vor dem Blitzen seines Sbels. Aber die Wut auf den
Tou-ssee setzte sich siegreich durch, gewaltsam durch, setzte von Stunde zu
Stunde mehr ber die Angst weg. Das Sthnen des sinnlosen Leidens
verwandelte sich in ein Sthnen des tastenden, suchenden, sicheren Hasses.
Die endlosen Tage wurden krzer, und eines Nachts lief er durch die stummen
Straen Tsi-nan-fus und sa bei Toh in der Kammer. Dachte noch nicht an
sein Hirschgeweih, als er an die Kammer pochte. Aber wie er die Schwelle
berschritt, wurde ihm warm. Die lustige Maske fiel ihm ein, und da dies
alles vorbei sei; und im selben Moment hatte er eine Bewegung in seinen
Muskeln gefhlt: die Maske gefat und ber den Kopf des Tou-ssee gestlpt,
erdrosselt, weggeworfen. Dies war gut. Er war glcklich. ber den Kopf
stlpen die Maske dem Tou-ssee, und dann weg. ber den Kopf des Tou-ssee
gestlpt, dann weg, weg.

So war der Mord geschehen unter seinen freudigen, delirierenden Hnden und
Armen.

So lag er auf dem Gneisschutt, befhlte sich mitrauisch und abgekhlt, ob
nun alles gut sei, ob nun genug geschehen sei.

Als er nach Stunden aufstand, fand er sich ruhig. Wie wenn in seinem
Brustkorb irgend etwas eingeschlafen sei, umstellt von hohen Spinden und
Tischen.

Es dunkelte. Die Mondsichel stand ber den scharfen Klippen der Schlucht.
Da trabte er aufwrts und sa in einer Halunkenhtte, ein halb umgesunkenes
Holzwerk unter einem berhngenden Felsen. Die Htte war leer.

Bald kamen fnf mit Laternen angeschlichen. Sie wuten von der Tat Wangs,
waren stolz, da er zu ihnen zurckkehrte. Ein krummbeiniger Strauchdieb
bot ihm den ganzen Krug des herzerfreuenden Ginseng an, der ihm um den
kropfigen Hals hing. Sie krhten von dem hageren Tou-ssee, mimten Wang mit
Sprngen vor, wie sie sich die Erdrosselung dachten. Er trank mit
verstopften Ohren. Dann berschrie er sie und bat ihm zu helfen. Sein
Blutsbruder Su-koh sei nicht beerdigt worden, sein Leib in Stcke
zerschlagen. Er, Wang, msse in der nchsten Frhe weg; sie sollten ihm
helfen, noch jetzt in der Nacht eine Beerdigung fr seinen ruhelosen
Blutsbruder zu feiern.

Sie liefen in Gruppen, es kamen neue Vagabunden von tieferen Htten herauf.
Huschen der weien Papierlaternen. Sie benahmen sich leise, als wren sie
in einem Totenhause und geboten sich Ruhe. Dazwischen tranken sie.

Mit eingesunkenem Rcken, starren Blicken, wie eine Witwe, sa Wang auf dem
Lehmboden neben dem niedrigen Holzgestell, einer Bahre, auf der ein
zusammengebundener Zeugklumpen, eine rohe Puppe lag. Wang hielt sein Messer
in der Hand, schnitt sich aus dem aufgelsten Zopf eine Strhne ab, legte
sie auf den Zeugklumpen. Der lteste der Strolche, ein schwachsinniger
gutmtiger Taps ohne Zhne, ein Ausbund von Schmierigkeit, trippelte aus
dem Haufen an die Bahre, legte ein Teeblatt in einem Stckchen roten Papier
der Puppe auf den Mund. Er wickelte einen langen Schal aus einer
zerrissenen Hose um die Beine der Leiche, damit sie nicht aufspringen mge
und ruhen bleibe. Von drauen hrte man in dieser Stille ein Knarren,
Scharren und Rauschen; vor der Htte schwang einer ein riesiges Sacktuch an
einer Latte wild und unaufhrlich durch die warme Luft, das Seelenbanner;
er lockte den Geist des Toten aus der nchtlichen Luft her.

Der kleine dumme Tapps verneigte sich zahllose Male nach den vier
Himmelsrichtungen, rief unter Sprngen und Hndeaufheben Kuei-wang, den
Knig der Unterwelt, an, empfahl ihm den neuangekommenen Geist. Und alle
zusammengewrfelten jungen und alten Landstreicher dachten in dem
Augenblick an das Fest am fnften Tag des siebenten Monats, an dem ein
kleines Schiff mit dem Kuei-wang den Flu herunterzieht, der Dmonenherr in
schwarzer Jacke mit dem Kragen aus Tigerfell, dem Schurz und den Stiefeln
aus Tigerfell, den Dreizack in der Hand; seine schwarzen Haarbschel
wulsten sich unter dem Diadem weit hervor. Und hinter ihm stehen steif die
kleinen drolligen Dmonen, mit der viereckigen Mtze, der mit dem
Rindskopf, der mit dem Pferdemaul und die zehn pausbckigen, puterroten
Hllenfrsten und lassen sich angucken.

Sie trugen vorsichtig zu vieren die Bahre mit der Puppe heraus, Wang voran;
die andern torkelnd, umschlungen hinterher, mit den Laternen ber einen
kurzen Weg zu dem steinigen Acker, nach rechts und links Mehlkgelchen
streuend fr die hungernden Geister. Versenkten die Figur in ein flaches
Grab. Kleine Papierstckchen glimmten auf, Geld fr den Toten; bel
qualmten Lumpen und Lappen, seine Anzge.

Mit leeren Holzbrettern zogen sie grunzend aufwrts. Die Laternen
schwankten. Der Morgen graute ber Tsi-nan-fu. Als sie oben in die Htte
stampften, war Wang verschwunden.

                   *       *       *       *       *

Aus Furcht vor den Hschern und aus Furcht vor den Schrecknissen von
Tsi-nan-fu floh Wang-lun nach Norden. Er berschritt die Grenzen von
Schan-tung, durchquerte die Ebene von Tschi-li im Herbst und erreichte, dem
schmalen Hun-ho folgend, unter heftigen Schneestrmen den Schutz der
Nan-kuberge im nordwestlichen Tschi-li. Er mied jede Stadt. Meist war er
allein. Er hungerte viel; verdiente, wenn die Not gro wurde, durch
Lastentragen, Kohleschleppen, ein paar Cent; aber er hielt es nirgends aus.
Auch widerte ihn jede lngere Arbeit an. Er kannte von Haus aus nicht die
pflanzliche Geduld seiner Landsleute. Er bettelte.

Als es kalt wurde und der Herbstregen durch seinen zerfetzten Kittel
sickerte, tat er sich mit zehn Wegelagerern zusammen; sie warteten drei
Tage und Nchte vor der Kreisstadt Tu-ngan, bis eine wenig bedeckte
Karawane mit Ziegeltee ganz in der Frhe ankam. Sie zogen den brllenden
Kaufleuten die wattierten berjacken aus, lieen sie sonst mit hflichem
Spott weiter ziehen.

Den ganzen Winter verlebte er auf diesem Gebirge. Es wimmelte von
Einsiedeleien, kleinen und greren Klstern; der heilige Berg Wu-tai-schan
war nahe. Den ganzen Winter ber herrschte ein lrmendes Treiben auf den
breiteren Straen und den schmalen Wegen. Von den nrdlichen Pssen
strmten die Menschen mit Pferden, Packeseln, Kamelen. Sie brachten
Geschenke, Opfergaben nach dem sdlicher gelegenen Berg, dessen Klster
sich auf gewaltigen kahlen Felsmauern erhoben; die gelben Steinwnde fielen
schroff ab; auf ausgehauenen Serpentinen wanden sich die Zge hinauf in die
dnne Luft.

An einem nicht breiten Flu mit tobenden Schnellen hielt sich Wang-lun die
harten Monate auf. Der Flu durchbrach die Granitmassen, ungeheure braune
Flchen stiegen senkrecht nieder; vor dem gebieterischen Wasser legten sie
sich in sanfter Neigung um. Wenig Gerll ragte ber der schwarzen Flche
hervor; darum kreiselten die Wellen wei mit Gischt. Weiter nach Osten, wo
der Flu der empfangenden Ebene zudrang, wichen die Felsen auseinander, mit
neuen Vorlagerungen; ganz fern senkte sich alles.

An einer Felsstrae, unter einem berhngenden Block, dessen Rcken mit
immergrnen Tannen bestanden war, wohnte Wang-lun bei einem Einsiedler.
Kein Regen, kein Schnee fiel in ihre geschtzte Htte; die eisigen Winde
glitten pfeifend aus den Schlnden vorbei. An wrmeren Tagen ging er tiefer
herunter, wo an dem Flu die kleinen Wassermhlen arbeiteten, Pochwerke, in
denen Sandsteinhmmer in feste Mrser fielen, um das Holz und den Talkstein
fr Kerzen zu pochen. Da unten saen Bettler, entlaufene Verbrecher,
Faulenzer, Wegelagerer. Wang fhrte ein Doppelleben. Er ging unruhig hin
und her und sa, auf irgend etwas wartend, bald hier bald da. Nur
sekundenweise, mit einem Zusammenpressen des breiten Mundes, einem Runzeln
der niedrigen Stirn, dachte er an Tsi-nan-fu, an die mauerumzogene Stadt
der Tausende. Nur in dem eindringlichen Blick, der oft ganz inhaltslos
haftete, stand etwas von einer kleinen getnchten Mauer, einem
Sbelblitzen, einem langen langen Sitzen in einem finsteren Wegeschrein fr
obdachlose Geister. Sein rechtes Auge, das sich unter einem auffllig tief
hngenden Oberlid bewegte, drehte sich in leichten Zuckungen und schielte
nach auen.

Im brigen hatte er schon in der Ebene seine freche, unbehinderte
Lustigkeit wiedergewonnen. Er trug sich vorbergehend mit dem Plan, in die
Gilde der Dachdecker einzutreten. Er erlangte bei seinen Gefhrten am
Pochwerk leicht die Oberhand. Da er krftig und unverbraucht war, htte
ihm in diesem gewaltttigen Kreise allein nicht viel geholfen. Den
Ausschlag gab seine spielende Art Menschen zu behandeln. Er hatte dies bei
seinem alten Toh gelernt: demtig und schmeichelnd zuzuhren,
unaufdringlich auszuforschen, leicht schon im Wiederholen das Gehrte zu
retuschieren, unmerklich und mit wunderlicher Offenheit, die eine
Ehrlichkeit vortuschte, eigene Wnsche zu unterschieben.

Die Strolche, mit denen er tagelang hockte, schwankten in ihrer Auffassung
ber ihn. Ein paar jngere nahmen ihn nicht fr voll; sie hielten ihn fr
einen Halbnarren mit entsetzlicher Gewandtheit, eine Art Affenmenschen.
Wang wurde bsartig, wenn man seine Spe miverstand, lie seine
Liebenswrdigkeit wie eine Maske fallen, stie schlimme Drohungen aus; da
er aber dann sich finster zurckzog, tagelang die Gesellschaft mied, bewies
ihnen seine Verworrenheit. Die lteren scheuten ihn. Sie nrgelten nicht an
seiner kindischen Verspieltheit; ihnen fielen die nicht seltenen Minuten
seiner unheimlichen Entrcktheit auf. Sie hatten ein Gefhl von Ehrfurcht
vor solchen Dingen. Sie sprten ein schweres Leiden in ihm, und sie hielten
Leiden fr eine Fhigkeit, eine Gabe. In den niedrigen Leuten schwang der
alte Geist des Volkes; mehr als in den Literaten strmte in den
Gestrandeten, viel Erfahrenen das tiefe Grundgefhl: Die Welt erobern
wollen durch Handeln, milingt. Die Welt ist von geistiger Art, man soll
nicht an ihr rhren. Wer handelt, verliert sie; wer festhlt, verliert
sie. Wang bot ihnen ein heimatliches Gefhl. Sie hingen ihm auf ihre Art
an, besorgten sich um ihn brderlich, um den Strksten unter ihnen fast
mtterlich.

Das feine Klappern der Pochhmmer, das gleichmige Gischen des Flusses
scholl zu der Einsiedelei hinauf. An der Bergstrae, in deren Wand bei
jeder Biegung des Weges eine fromme Inschrift eingegraben war, sa Wang-lun
bei Ma-noh.

Zu Ma-noh war er eines Tages betteln gegangen. Wang hatte geglaubt, einen
brtigen Mann in Nachsinnen zu finden, der ihm mit sanften Worten von
seinen Vorrten abgab. Statt dessen prallte eine hohe Stimme gegen ihn, wie
er die Stiege betrat. Am Eingang der Htte ri eine Hand an seinem rmel,
zog ihn herum. Ein spitzes Gesicht fuhr dicht an seines, in einem schwer
verstndlichen Dialekt wurde gefragt was er wolle. Seine scharfen Augen
konnten sich inzwischen an das Halbdunkel gewhnen. Ma-noh trug einen
Mantel aus kleinen bunten Flicken, die wie Fischschuppen bereinander
standen. Es war ein kleiner etwas gebckter Mann, der sich wie ein
verschrobener Alter gebrdete, ein verblffend junges frisches Gesicht
zeigte, schlanke gebogene Nase, feiner Mund mit Rednerfalten, unsichere
Augen, die vor jedem Gegenstand zurckwichen wie aufschlagende Gummiblle.
Er pfiff mehr als er sprach. Beim Anblick der Umgebung klopfte Wang das
Herz; sie erinnerte ihn an den dunklen Tempel des Musikfrsten
Hang-tsiang-tse in einer fernen Stadt. Als er ein paar demtige Phrasen
leierte, Ma-noh ihm ein Stck Ziegenkse in die Hand drckte, stand er noch
gefesselt herum, tat Fragen nach den Gtterbildern, die auf einem kleinen
Regal standen. Ma stellte sich mit dem Rcken vor sie, sprach hastig, was
Wang nicht verstand. Der neugierige hfliche Bettler fragte gelassen
weiter, erzhlte eine erlogene Geschichte von einem Priester in Ki; der
Einsiedler sprang, machte eine verwunderte Miene ber die Kenntnisse des
Strolches. Schlielich erzhlte Wang, er sei eine Stunde von hier ansssig,
bei einem Pochwerk beschftigt, bat den weisen Herrn, ihm von der Kraft
seiner Gtter Kunde geben zu wollen, denn er sei mit seinen Gttern
unzufrieden. Widerwillig lud Ma-noh den ungewhnlichen Gast zum Teetrinken
ein.

Und dies war der Anfang ihrer Bekanntschaft.

Der unruhige Mann, der spter mit dem Flchtling aus Schan-tung sein Haus
teilte, war ein Mnch, aus Pu-to-schan entwichen, jener herrlichen Insel im
Sden.

Stumm und mild saen seine Buddhas im Hintergrund der Htte. Die Ohrlappen
bis auf die Schultern gezogen, unter dem blauen aufgeknoteten Haar die
runde Stirn mit dem dritten Auge der Erleuchtung, weite Blicke,
aufgehelltes, fast verdunstendes Lcheln ber dem vollen glatten Gesicht,
ber den aufgeworfenen Lippen, feine Hnde prezis zur Brust erhoben,
hockend auf runden schlanken Schenkeln, Fusohlen nach oben gedreht wie das
Kind im Mutterleib. Ma gab den Buddhas, oder wie Wang sagte, den Fos
verschiedene Namen; sie sahen sich alle hnlich. Nur ein Buddha war anders,
dessen Name schon nach Schan-tung gedrungen war, eine Gttin, die Kuan-yin.
Aus Bergkristall stand sie inmitten der andern, mit unzhligen Armen, die
sich wie Schlangen aus den Schultern rangen und einem Mund, der sich so
zart verzog, wie wenn ein leichter Wind ber eine Weidenpflanzung fegt.

Und mit einer aufschlieenden Erschtterung hrte Wang, was diese Fos
lehrten: da man keinen Menschen tten drfe. Ma-noh war verblfft ber
Wang; er lachte ber ihn; dies lehrten doch eigentlich schon die Richter.
Wang, betreten, sagte ja; aber dann schossen seine Brauen hoch, das rechte
Auge drehte sich in Zuckungen und schielte nach auen. Er nickte mit dem
Kopf: Die Fos lehren gut. Die Richter lehren gut. Aber nur deine Fos haben
recht, Ma.

Ma liebte ohnmchtig die Buddhas. Zu einer Zeit schrie er ihnen seine
ehrgeizigen Wnsche, und was sie ihm nicht erfllt hatten, in die riesigen
Schalltrichter ihrer Ohren und stellte sich blkend vor sie. Zu anderer
Zeit berwltigte ihn die Hoffnungslosigkeit, ohne Sinn streckte er sich
auf dem blanken Steinboden. Sie blickten ber ihn weg mit dem Lcheln, das
fast verwehte. Er mhte sich um sie, fhlte sie als Herren; und sie wurden
ihm nichts, wie er sich um sie bemhte.

Und doch war ihm zu keiner Zeit der Gedanke gekommen, den Wang einmal
vorschlug, als er wieder dicken Staub auf den Gesichtern der
Allerherrlichst-Vollendeten fand: die Bildsulen auf einen Karren zu laden,
nach der Nordseite der Strae zu fahren, und vorsichtig die Fos einen nach
dem andern in die Stromschnellen zu schtten.

Ma hate seinen Gast wegen dieses Gedankens. Er fhlte sich durchschaut,
weil Wang zu wissen schien, da er es nicht konnte. Und ganz inwendig war
er neidisch auf diesen Gast, der so einfach einen ungeheuren Plan hinwarf
und bereit schien, das Unerhrte sofort auszufhren. Er verfluchte Wang
laut vor dem Regale, auf der Kniematte liegend, da der Amithaba es hrte:
wie schlimmes jener geredet hatte und wie er sich jetzt bezwang, sich
niederzwang, und seine Zuflucht nahm zu dem Gesetz, zur Lehre, zur groen
frommen Genossenschaft, wie die Formel lautete. Er stellte sich ein,
unaufhrlich den Namen Omito-fo murmelnd, und ging entzckt ber sich wie
eine Schleichkatze den Pfad; er sah den Pfad dnn sich hinschlngeln, einen
Faden, der ihn nachzog, ber die ersten Erhebungen, dann ber die vier
Stufen zur Seligkeit. Nun in die Strmung eingegangen, nun einmal
wiederkehrend, nun keinmal wiederkehrend, nun Archat, Lohan, sndenlos
Wrdiger, der mit demselben Blick Gold und Lehm, den Katalpabaum und die
Mimose, den Sandelbaum und die Axt betrachtet, mit der er gefllt wird. Und
oben die Freudenhimmel, wo sich voneinander trennen, wie durch Strahlung
voneinander weichen, die sonst zusammenflieen wrden: Geister des
begrenzten Lichts, die Bewutlosen, die Schmerzlosen, die Bewohner des
Nichts und schlielich jene, welche da sind, wo es weder Denken noch
Nichtdenken gibt.

Stumm und mild saen die Buddhas auf dem Regale; die Ohrlappen bis auf die
Schultern gezogen, unter dem blauen aufgeknoteten Haar die runde Stirn mit
dem dritten Auge der Erleuchtung, weite Blicke, ein aufgehelltes, fast
verdunstendes Lcheln ber den aufgeworfenen Lippen, hockend auf den runden
schlanken Schenkeln, wie die Kinder im Mutterleib die Fusohlen nach oben
gerichtet. Es fllte eine stundenlange Stille die finstere Htte des Ma.
Wre sein Abt, der Chan-po, hereingetreten und htte ihn wie frher an den
Schultern gefat und mit den kalten Augen das spitze entrckte Gesicht
betrachtet, so wre wieder das stille zornige Lachen erfolgt, das Ma oft
gehrt hatte. Bevor er noch seinen weisen Lehrer fragen konnte, ging der
Alte immer mit Kopfschtteln hinaus. Und Ma, frierend, zerschlagen,
beantwortete sich willenlos seine Fragen selbst, whrend er sich die
blaugefrorenen Finger rieb: man fliegt nicht in den Gtterhimmel; die Shne
Cakyas gehen den Grat hinauf, ber die vier Stufen, die vier schweren
Stufen.

Ma konnte nicht gehen, nicht mehr von dem Augenblick an, da er wute, wohin
der Weg ging. Auf Pu-to, der Insel, in der Halle der Versenkung, hatte ihn
nach Schlu einer Schiffermesse das Gefhl heimgesucht, das weich und
streng zugleich ihn wie ein Balken durchdrang und sich um ihn langsam
drehte; und darauf kam eine schmerzliche bittere Hingerissenheit, und
darauf ein doppeltes Winken von seidenen Tchern, rot und gelb, von zwei
Seiten her. Die Tcher, gro wie Laken, schlossen sich unaufhrlich
rollend, bewegt zusammen; in der Mulde, in dieser mittleren Mulde glitt er
hin. Seine Fe waren wie die eines Toten mit Binden umwickelt. Der Luftzug
von den Tchern hob ihn etwas an, und doch glitt er in einer Linie weiter.
Eine Fcherpalme kam. Etwas Graues, Groes schnellte nher, ein Ei, eine
riesige graue Perle. Bei ihrem Anblick wallte es in ihm wahnsinnig; er
chzte, richtete sich auf, lief ber die hren eines Feldes, schwamm
hnderingend um die Perle, gegen die er sich in einer zngelnden Welle
verlor.

Ma wute nichts von seinem Traum, als er aufwachte. Sein chzen war das
einzige, was ihm ins Ohr scholl. Mit solchen Trumen aber schlug die Welle
von Unruhe in ihn hinein. Er fing an, Maregeln der Klosterdisziplin zu
kritisieren. Statt Versenkung nach Versenkung, berwindung nach berwindung
zu klimmen, wie die Lehre fordert, wartete er auf die letzten hchsten
Zustnde, wie ein Verliebter auf das Rendezvous. Und wute dabei mit
schneidender Deutlichkeit, da er sich in jeder Versenkung betrog, da die
goldenen Buddhas ihm so fern, so undurchdringlich waren.

Und doch mute er sie erreichen, wenn er nicht endlos wiedergeboren sein
wollte; er mute das Ufer der Rettung erreichen, wenn er nicht ertrinken
wollte; so peitschte das Tha-mo ein, das gute Gesetz von den Welten, den
atmenden Wesen, der Zerstrung und Erneuerung der Welten. Er lief eines
Tages an den Strand; ein Bootsknecht setzte ihn ber; seine Wanderschaft
fing an. Es hatte sich nichts whrend der zehn Wanderjahre durch die
Provinzen Ngan-wei, Kiang-su, Ho-nan in ihm gendert.

Ma-noh betrat kein Kloster mehr. Er verschrullte, wo er wie ein Kakihndler
seinen Karren mit den Buddhas schob und sich zuletzt an der Bergstrae auf
Nan-ku ansiedelte. Er umschlich den heiligen Wu-tai-schan, konnte sich
nicht losreien von diesen Dingen, an die ihn nur seine Unzulnglichkeit
bannte. Der Fischersohn von Hun-kang-tsun wurde ihm rasch zu einer tieferen
Quelle des Nachsinnens als die hundertacht Figuren auf der Fusohle des
Cakya-muni und die achtzehn Bedingungen der Unabhngigkeit. Dieser Bursche,
der ihn auf Schritt und Tritt belog, gehrte ohne Zweifel zu den Strolchen,
mit denen das entlassene Heer die Provinz berschwemmte. Er drngte sich
seinem Wirt auf. Seine Fragen, seine haftenden Blicke beleidigten ihn. Am
meisten aber beleidigte es Ma, wie Wang mit den fnf Buddhas umsprang,
zuerst wie jeder rohe Chinese, als htte er Angestellte oder Rechtsanwlte
vor sich, die man nach Erfolg lobt oder wegschickt. Spter mit einer
zudringlichen Nhe, die Ma qulte. Und darum qulte, weil er fhlte, da
alles Verleumden nichts half, da Wang unerklrliche Fhlung zu diesen
stummen milden Wesen gewann. Ma schlo neidisch tagelang seine Klause, lie
den bekannten Gast nicht ein, ahmte drin vor dem Regale Wangs Mundspitzen,
Kopfsenken, stilles Schielen nach. Wenn ihn nichts von Ruhe berkam, bewarf
er Wang mit Vorwrfen, spuckte sich auf die Fe, weil er so dumm war, die
Eiferschteleien des Klosters wieder einzulassen. Ja dieser Netzflicker
kniete auf der Bambusmatte vor dem Regal, als wre Ma-noh nur sein
Tempelverwalter, vor den Buddhas, die Ma zehn Jahre vor sich geschleppt
hatte durch die endlosen Provinzen Ngan-wei, Kiang-su, Ho-nan, der
Strauchdieb, der sicher einen Menschenmord auf dem Gewissen hatte.

Es gab ein Ringen zwischen ihm und Wang, Wiederkauen der Vorwrfe,
langsames Vollaufen von Unwillen. Wang kam ununterbrochen, konnte sich an
Sutren und Sentenzen aus den heiligen Bchern nicht sttigen; Ma-noh mute
ihm widerstrebend mehr geben; der groe Mensch nickte dazu, als htte er
dies und jenes schon erwartet. Schamlos erschien dies Ma-noh, und er rang
die mageren Hnde, gab sich in seiner eigenen Wohnung verloren, war
gehemmt, vor Wang die Tr zu verriegeln. Wenn der Strolch auf der
schmutzstarrenden Matte kauerte, Lehren auf seine plumpe Art wiedergab,
setzte sich der kleine Mnch atemlos neben ihn, fhlte sich ngstlich an
ihn heran, beschnffelte ihn. Zweimal wies er Wang in einer Aufwallung die
Tr.

Ein stiller Augenblick, der das Gebirge um Ma-noh weit werden lie, war es
dann, als sich Ma einmal abends nach Wangs Fortgang vor seiner Tr bei
etwas Merkwrdigem ertappte: wie er in einer zerflieenden Versunkenheit
den schneeschweren Himmel betrachtete und dabei klar wute, da er Wang
unterlegen sei und nicht litt. Pltzlich in der folgenden Nacht trat vor
ihn die Erinnerung an diese Versunkenheit. Dumpfes Staunen hinter diesen
Zustand: Und nicht litt. Er war Wang unterlegen und litt nicht. Das
Gefhl zog sich eng ber seine Haut, machte das Herz zu einer Feder; zart
und schlecker dachte es in ihm hin zu Wang unter kniebrechender Knechtung:
O wie gut ist es, Ma-noh zu sein.

Nur Minuten.

Dann wehrte er sich, knirschte alles bedchtig herunter, legte sich vorn
ber seinen Leib und zersprengte das Gefhl.

Erschrak zum Schlu ber sich und das ganze Geschehnis. Zerrte sich in den
Schlaf.

Konnte in den nchsten Tagen Wang nicht unter die Augen treten; schmte
sich vor ihm, und sich selbst stach und bi er. Unberhrt aber verharrte
dieses Gesicht in ihm: Schneeschwerer Himmel, und ich bin Wang
unterlegen. Es trat aus seiner Brust heraus und zog ihn hinter sich,
wachsend, wachsend. Er berlegte manche Nacht, ob er nicht wieder wandern
sollte. Blieb zu seinem eigenen Staunen. Nherte sich leidend Wang. Ihre
sonderbaren Gesprche nahmen einen Fortgang. Es folgten die Tage, wo Ma-noh
ungeduldig wurde, wenn der Strolch nicht hereintrampelte, wo er sich
erkundigte, was er vorhatte, auf das Halunkenpack hetzte.

Der Priester belehrte den Strolch mit einer Empfindung von Angst. In ihm
rstete sich alles, die Waffen zu strecken.

                   *       *       *       *       *

Eine eisige Klte stellte sich zu Beginn des neuen Jahres ein. Die
Felsenwege wurden ungangbar unter der Gltte. Auf hheren Partieen des
Gebirges lag der Schnee wie Daunen meterhoch geschichtet. Trat man in die
weien Massen, so schrumpften sie nicht weich zusammen; es gab ein zartes
Klirren wie von tausend Schieferplatten, der Schnee ri Wunden in die
Hnde. Die Luft, zuerst von einer tiefgrnen Durchsichtigkeit, nahm einen
grauen Ton an.

Eine mongolische Karawane, die von den nrdlichen Pssen herberkam, zog
dicht bis an die Nan-kuberge. In einer Nacht erfroren fnfunddreiig
Maultiere; zwei Bren saen am hellen Morgen unvertreibbar mit rot
unterlaufenen drohenden Augen bei einem Pferde, von dem man nicht wute, ob
es erfroren oder lebend zerrissen war. Die Tee- und Seidenballen, die
mchtigen Pelze blieben auf dem letzten Pa liegen, die Pilger
berwinterten in einem rckwrts gelegenen Dorfe.

Nach dieser Karawane kam niemand mehr ber die Straen zum Wu-tai-schan. Es
sollten die Menschen zur Erstarrung, die Berge zum Springen gebracht
werden. Die Pochwerke hatten ihre Arbeit eingestellt. Der Flu, schmaler
als sonst, blies durch die Tler seine Luft, die von der Klte zum
Ersticken verdichtet war.

Die Wegelagerer und Verbrecher hatten sich zu einem kleinen Teil in die
Drfer geschmuggelt, welche westlich und stlich der Berge lagen. Die
brigen warteten eine kleine Zeit auf die Pilgerzge, von denen sie lebten.
Dann schlossen sich berall grere und kleinere verzweifelte Haufen
zusammen. Die Wege, hinter die sich die Hhlen und Htten der Heimatlosen
verkrochen, muten bald unbersteigbar werden; dann gab es kein Hin und
kein Her.

In mehrere gewundene schmale Hhlen, die vor dem Wind geschtzt waren auf
der Strae oberhalb Mas Einsiedelei, hatte sich der Haufen geflchtet, zu
dem auch Wang hielt, etwas ber fnfzig Mann. Aber nach zwei Tagen, als
fnf nach verhungernden, erfrierenden Genossen suchen gegangen waren auf
den zugnglichen Straen, Abhngen, Tlern, waren es achtzig geworden. Es
gab keine lange Beratung. Die neun Geachtetsten unter ihnen bestimmten, da
das etwa sechs Stunden entfernt gelegene Drfchen Pa-ta-ling gleich
geplndert und eingenommen werden sollte.

Unterwegs whrend des Abwrtskletterns kamen einzelne berein, und es
verbreitete sich unter die andern, da von den Bewohnern des Drfchens
niemand entweichen drfe; man mte sie entweder einschlieen oder
niederschlagen. Es gab beim Abwrtsrennen der Mnner, zu denen kurz vor dem
Dorfe noch ein kleiner Haufen von dreiig Ratlosen stie, ein
unaufhrliches Schreien, Zusammensinken, Wimmern um Mitnehmen. Die
Krftigen hielten vor Hunger den Mund offen und bissen in den Wind; sie
liefen besinnungslos. Sie trugen abwechselnd die lteren und leichten
Vagabunden auf dem Rcken. Sie liefen den letzten Rest des Weges durch ein
welliges Tal vllig schweigend in einer langen Linie, die nach hinten
breiter wurde; die Starken wie Windhunde voran, ohne Gedanken an die
Folgenden.

Das Dorf hatte fnfzig Huser, die an einer einzigen Strae lagen bis auf
vier Huser, die um einen immergrnen Eichbaum beim Eingang der Strae von
den Hgeln her standen. Von diesen Husern sahen die Leute zuerst das
Springen von Menschen ber die Schnn-i genannten Felsenklippen, das Fallen
und Aufraffen immer neuer Menschen. Sie nherten sich rasch ber den
weiblauen Schnee, es schien als ob sie verfolgt wren. Ihre Zpfe flogen
wagerecht; man sah sie ber die Schultern wie Peitschen schwingen.

Die Frau des Bauern Leh gellte zuerst auf dem Hofe: Banditen, Banditen,
Banditen! Es rannten Frauen, Kinder, zuletzt Mnner, Betten hinter sich,
die Dorfstrae herunter, schlugen an Hoftore, verschwanden in den Husern.
Winseln, Kreischen wirbelte ber den Hfen, von Dach zu Dach getragen,
zitterte ber der leeren Landstrae.

Von den Hgeln her kam das Trappen, das ungleichmige Knistern und
Knarren, weitausgreifendes Bewegen, das nicht einmal zu atmen schien.
Gebleichte Gesichter mit reglosen Zgen, Hnde, die im Schwung wie Keulen
hin und her schaukelten. Krper, die empfindungslos liefen. Rmpfe, die
steif auf Schenkeln saen, welche wie Pferde ritten. Hinter der langen
Linie der Einzellufer schwammen schwarze Gruppen, Hand an Hand gefat.
Aufgelste Nachzgler schleuderten die Arme wie Hmmer, um vor sich Lcher
in die Luftmauern zu schlagen.

Die wenigen auf dem Dorfe, die vor ihrer Tre standen und den
langgestreckten Keil heransausen sahen, sahen auch die schwarzen
krchzenden Vogelschwrme, die mit den Vagabunden die Berge verlassen
hatten.

Die ersten Ruber warfen sich mit Steingewicht gegen die Tore. Sie prallten
hintereinander auf, drangen ein. Die nchsten an die folgenden Tore. Sie
berrannten einander. Das Kreischen lie nach; die Berglufer in den
Husern strmten Eisklte aus und das Grausen von Sterbenden; sie konnten
ihre Kiefer nicht ffnen; ihre Augen zwinkerten nicht. Die letzten Huser
waren verrammelt. Ein Heulen entstand drauen, ein Gebrll verwundeter
Tiere, da sich die Frauen verkrochen. Die Lebenden drauen hoben die
Krper der Hinstrzenden auf, rannten mit den kopfschttelnden Rmpfen
gegen die Holzpfosten an. Dann ffneten pltzlich die Bauern die Tore,
fllten die Wimmernden mit Beilen, liefen in die Nachbarhfe, hackten in
die keuchenden Mnder. Nachzgler, die Strksten, mit den Lahmen auf den
Rcken, hetzten ins Dorf, warfen ihre Last in den ersten Hof, folgten dem
Schreien, zerquetschten die Bauern wie Geschosse, wrgten sie,
zerschmetterten ihre Kinder auf der Dorfstrae, wortlos ohne die Mienen zu
verziehen.

Die Toten froren dnn und steif auf dem Wege.

Die Lumpen drngten sich zitternd in den Husern. Die rohen Gesellen
umarmten und streichelten sich. Die Starken und Schwachen befiel ein
Schtteln. Sie brachen in ein dumpfes Greinen aus, von dem sie sich nach
Stunden noch nicht erholten. Sie schlangen flennend herunter, was sie
vorfanden. Es wurde keiner in den Husern angerhrt von ihnen.

Als die Dunkelheit herunterfiel, gingen zwanzig von den jngeren Burschen
von Haus zu Haus, verteilten Beile, Dreschflegel, bestimmten Nachtwachen.

                   *       *       *       *       *

Es wurde von der Bande geplant, solange die hrteste Klte anhielt, im Dorf
zu bleiben, dann gemeinsam auszuziehen. Die Hausbewohner wurden davon
verstndigt; an den Ortsvorsteher konnte keine Nachricht erfolgen; er war
mitsamt seiner Familie erschlagen.

Man hatte nichts zu frchten von Verrat whrend dieser Zeit, der nchste
Ort lag sechs Stunden entfernt, und der Weg ungangbar.

Einen ganzen Monat lag das Dorf von jedem Verkehr abgeschnitten. Eine
Verbrderung fand unter den Banditen statt. In der Zeit erlangte Wang ber
die hundert Mnner die Gewalt, die ihm die Rolle des Bandenfhrers
aufntigte. Bei den tglichen Streitigkeiten, der Regelung des Verkehrs mit
Ansssigen, der Beaufsichtigung, dem notwendigen Kundschafterdienst setzte
sich seine Krperstrke und schonende Diplomatie durch; die Achtung der
lteren Leute schob ihn vor.

Schon nach zwei Wochen besprachen die Wegelagerer unter sich, nach Auszug
aus dem Dorf nicht auseinanderzugehen, sondern ein bequemeres Leben unter
Wangs Hauptmannschaft weiterzufhren. Wang trennte sich eines Morgens von
ihnen, verschwand auf zwei Tage ins Gebirge.

Er lief zu Ma-noh, fand ihn munter, unter Massen Decken und Werg vergraben,
in einer Ecke seiner Htte grinsend liegen, brachte ihm Reis, Bohnen und
Teebltter.

Nach seiner Rckkehr sprach er Tage und Nchte viel mit den lteren. Da
sie arme ausgestoene Menschen seien. Da man ihnen nichts tun drfe, wie
sie selbst keinem etwas tten. Da nichts schrecklicher sei, als wenn
Menschen sich tteten, und der Anblick nicht zu ertragen. Ma-noh, der
Einsiedler aus Pu-to-schan, habe ihm viel Gutes und Kostbares von den
goldenen Buddhas erzhlt, besonders von der Frau Kuan-yin, welche tausend
Arme an beiden Schultern htte und den Weibern Kinder schenkte. Sie seien
seine Freunde und sollten tun wie er. Soviel Leiden bringe schon das
Schicksal allein, soviel Leiden; warum sie der Himmel hasse, wer wisse das?
Er werde, wenn das strenge Wetter nachliee, durch die Drfer gehen und
allen Leuten, auch den Mandarinen sagen, was er denke; dies sei er fest
entschlossen.

Die Vagabunden, die ihn von den Pochwerken her kannten, erstaunten
keineswegs, als sie Wang so reden hrten; sie hatten solche Gesprche aus
seinem Munde erwartet. Sie dachten nicht daran, sich von ihm abzuwenden;
seine Meinung stimmte vllig mit ihrer berein; der Himmel hate sie; man
durfte es nicht schlechter machen.

Sie waren gesellige Menschen mit besonderen Vorstellungen ber allerhand
Dinge, mit groer Lebenskenntnis, in vielen Dingen berlegen dem
Durchschnitt ihrer Volksgenossen. Es gab kaum fnf unter ihnen, die sich
nicht verjagt und getreten vorkamen und den Eindruck hatten, ein unfreies,
gezwungenes Leben zu fhren.

Manche waren die Opfer eines starken Triebes geworden, den sie nicht
beherrschen konnten, auch nicht beherrschen wollten, die alle Schlauheit in
sich aufboten und schrften, um diesem Triebe zu dienen, mit dem sie sich
gleichsetzten. Einige Opiumraucher, Spieler von feinerem Gesichtsschnitt,
ltere Leute. Nicht wenige, die ein Gewerbe trieben, ab und zu betrogen,
entdeckt und bestraft wurden, nun sich schikaniert von den Polizisten
fhlten, Schabernack auf Schabernack, Gehssigkeit auf Gehssigkeit folgen
lieen, die Grenzen berschritten, und im Grunde froh waren, mit einem
Schlage vogelfrei zu werden, der brtenden Gesetzlichkeit entflohen. Dies
waren die Glcklichen, die wenig Bitterkeit in ihrer Freiheit fhlten.

Am schlimmsten waren die Hitzkpfe, die Rachschtigen, die Zgellosen dran.
Sie hatten sich, meistens jung, wegen eines Ehrgeizes, einer Verliebtheit,
einer Eifersucht, zu einem verhngnisvollen Schritt reien lassen, standen
auerhalb ihrer Familie, Sippschaft, Heimat, in deren Rahmen ihre Triebe
wie ihr Verbrechen sinnvoll wurden, gingen mit bsen Blicken herum,
verfluchten sich, kauten an dem unzerreibaren Gummi ihrer Leiden. Ihnen
ntzte nichts; sie waren zu allem fhig; man durfte sie nicht anrhren. Sie
waren nicht mitteilsam, berall dabei, wo etwas vorging und geplant wurde,
machten ihrer Grausamkeit Luft, wo sie konnten, wurden von den Kameraden
scharf beobachtet.

Dann kamen viele, die warteten, die sich angeschlossen hatten, nur um
irgendwo in den achtzehn Provinzen zu hausen. Das waren die entlassenen
Soldaten, die noch ihre zerrissenen blauen Kittel trugen und auf neue
Anwerbung hofften. Krppel, die aus kleinen Ortschaften stammten, wo man
sie nicht ernhren konnte, und die nun die Wallfahrtswege belagerten.
Tchtige ernste Menschen, die ihre Familien durch berschwemmungen verloren
hatten; solche, bei denen der Miwachs auf den ckern ein jhrlicher Gast
war; solche, die erst vorbergehend aus Scham in die fernen Berge zum
Betteln liefen, dann schwer loskamen und keinen Ausweg sahen.

Es gab besondere auffallende Erscheinungen, unter ihnen Wang-lun; unruhige
Geister, die es nirgends hielt, die hier wie berall unter Vertrauten
auftauchten und verschwanden; derartige Menschenwellen wogten in dem
ungeheuren Reiche viel.

Den harten und unbeweglichen Kern aller Berglufer bildeten die vier, fnf
alten Verbrecher, welche seit Jahren die Plage der Psse und hheren Wege
ausmachten. Sie waren freundliche, etwas falsche Gesellen, die viele
Anekdoten zu erzhlen wuten, gutmtig die andern aushorchten, ber die
jngeren grobe Spe machten. Einer hatte in seiner Krperflle das
Aussehen eines wrdigen Mandarins; es fehlte ihm an seiner Mtze nur der
Knopf. Er hielt sehr auf respektvolle Behandlung und bediente sich eines
komischen Hflichkeitszeremoniells bei den kleinsten Dingen im Verkehr,
wobei gestrt er in unsglich gemeines Schimpfen ausbrechen konnte. Er war
Hypochonder, uerst wehleidig und verbrachte das meiste Geld, das er durch
Diebstahl und Raub erwarb, bei kleinen Wurzelfrauen, Hkerinnen in den
Nachbarorten, bei denen er nach Medikamenten ein und aus ging. Er hatte
eine Masse Eigenheiten, schnitzte sehr gewandt Tabaksdosen mit
Blumendeckeln, suchte bei jedem frisch Ankommenden zu erfahren, was es fr
Neuigkeiten darin in den Stdten gbe, bemhte sich auf die furchtbarste
Art, wenn er es wollte und es fr ihn ntig wurde, die Muster zu
beschaffen. Er seufzte seinen Hkerfrauen vor, die ihn als feinen Herrn
behandelten, wie ein armer Mensch seine Haut zu Markte tragen msse, um
auch nur eine Spielerei zu erwerben. Wenn er einbrach, war er der zhste,
sicherste Mensch, mit Muskeln von Stahl, einer unbezwinglichen Geduld und
Klte. Vor Leuten, besonders jungen Mnnern, die ihn berraschten und die
er angreifen mute, hatte er einen Ekel, wenn sie sich nicht wehrten oder
um Schonung bettelten, nachdem er sie gefat hatte. Er hatte zwei
Kaufmannsgehilfen einmal, die vor Entsetzen auf ihrem Ofenbett laut
schrien, als er in ihr Zimmer nachts eindrang, mit einem Eisenstck erst
betubt, dann aber, als die krftigen Menschen trotz seines Befehls unter
ihrer Decke weiter wimmerten, sie mit der ersten besten Schnur einen nach
dem andern erwrgt, war toll, ohne etwas zu nehmen, in die Berge
zurckgerannt. Er fhrte seitdem den Namen Seidenschnur.

Ein anderer dieser fnf Gesellen war ein groer hagerer Kantonese mit einer
Hornbrille. Dieser liebte weder Totschlag noch Einbruch, er war Gelehrter
und verfate Gedichte, gesellschaftliche und sittenfrdernde Abhandlungen,
Betrachtungen ber allerhand Themata, auch aus der Tierwelt, Geologie,
Astrologie. Sein Wesen blieb den meisten der Vagabunden dauernd fremd. Er
hielt sich vllig fern von ihnen; sie kamen in seine Hhle, um sich ber
vielerlei Dinge, besonders Krankheiten und gnstige Tage, Rats zu erholen.
Es war ein Mann von einer gewissen Bildung, der viele Dichter abschrieb und
saubere Charaktere malte. In diesen groen ruhigen Menschen kam alle paar
Monate eine Vernderung. Die ihn besuchten, merkten das vorher; er hrte
ihnen nicht mehr geduldig zu; es herrschte Unordnung in seiner sonst
ziemlich gerichteten Wohnung im Felsen. Er erklrte selbst, wenn ihn einer
fragte, da er jetzt viel mit eigenen Sachen beschftigt sei, nur diese
Tage; sie sollten sich nicht abstoen lassen; er wrde ber die Sache, die
sie ihm vortrgen, spter noch genau nachdenken und ihnen Auskunft geben.
Dann kamen die paar Tage, wo die Banditen sich nicht von ihrem Gelchter
erholten. Wo der gelehrte Mann schmierig und zerfetzt von oben bis unten
ber alle Wege kletterte, bei allen Bekannten vorsprach in diesem Aufzug
unter einem Schwall hochtrabender unverstndlicher Worte und Brocken,
dazwischen mit kolossalen Schlpfrigkeiten, die an ihm sonst unbekannt
waren, um sich warf, und selbst aus dem Lachen nicht herauskam, das sein
Gesicht unter tausend trockenen Fltchen vergrub. Auf diesem Hin und Her,
bei dem er sich keine Ruhe gnnte, kaum ein paar Stunden tags schlief, ohne
sich zu erschpfen, versteckte sich die hagere Gestalt auch gelegentlich
hinter einem Block bei Mondlicht an einer Straenbiegung, fiel mit lautem
Geschrei ganze Karawanen an, die nicht selten auseinanderstoben vor ihm,
stie einen einsamen Pilger, nachdem er lange hinter ihm her mit Wutblken
geschlichen war, unter einem Freudenjuchzer in den Abgrund, verging sich
bei Marktflecken in viehischer Weise an Frauen und Kindern. Nach ein paar
Tagen sa er wieder in seiner Hhle, zeigte ernst seinen Gsten die
Schrunden und Beulen, die er davongetragen hatte. Er behandelte diese
Verletzungen in den ersten Tagen wie eine heilige Sache, kam rasch in das
alte Geleise, in die gelehrte Arbeit, bei der ihn keiner, unter schwerster
Gefahr, an die unruhigen Tage erinnern durfte. Der Einflu dieser Mnner
auf die andern war gering; schon unter sich kannten sie sich wenig; unter
den andern allen galten sie als gefhrliche Sonderlinge, die zu keiner
gemeinsamen Sache zu bewegen waren.

Die Vagabunden sprachen geheimnisvoll ber Wang-lun in den berhitzten
Stuben des Drfchens. Seine langen Besuche bei dem Zauberer Ma-noh brachten
sie zum Erschauern; alle gaben zu, da dahinter etwas stecke. Er war ein
Verfolgter, der nicht zur Ruhe kam. Ein Buckliger in dem Hause, das auch
Wang bewohnte, schlug auf den Tisch: Diesem Wang ist in Schan-tung etwas
passiert, er will Gespenster bannen lernen, um sich an jemand zu rchen.
Auf dem Liang-fu-schan sitzt einer, der hat in Krgen die Dmonen der
ganzen Provinz gefangen. Ein anderer stimmte bei: Ma-noh wohnt schon
lange oben; er kennt alle Berggeister. Was soll Wang von ihm wollen? Der
Bucklige: Ich habe ihn einmal an der Pochmhle sitzen sehen; er schlug mit
den Hnden an seinen Augen vorbei. Warum? Er hat Dmonen gesehen und wollte
sie zerquetschen. Ein Alter legte sich ber den Tisch und grinste: Ein
Gelehrter ist Wang-lun. Er trgt etwas mit sich herum. Was ist dabei
wunderbar, wenn er zaubern kann? Wer eins kann, kann das andere.

In Wang berwucherte unter dem Einflu der Gesprche mit Ma die
Versonnenheit und der Ernst. Er beruhigte sich. Die Wnde und Vorhnge, mit
denen sich etwas Dunkles in ihm umstellt hatte, fielen; er ebnete und
bewltigte sich in der grten Heimlichkeit. Der Zickzack in ihm kam nur
gelegentlich zum Vorschein; in Possenstreichen, die andere vor den Kopf
stieen, in stundenlanger grundloser Gleichgltigkeit, in vorbergehender
Bswilligkeit, Widerspenstigkeit. Die lteren Vagabunden wuten, da etwas
Heiliges dahinter steckte, wenn er Spe machte; da dies nicht anders war,
als ob er sich in einem Krampf wlzte.

Gegen Ende ihres Aufenthalts in Pa-ta-ling stampfte Wang eines Abends
kltegeschttelt in die Stube; er lachte, brllte, sprang an den Wnden
herum. Er htte auf einem frischen, vllig frischen, eben gefallenen weien
Schneehaufen, sie sollten einmal denken und sich das vorstellen, einen
groen verschlossenen Lederbeutel mit dem kaiserlichen Kriegssiegel
gefunden; und wenn er in den Beutel griffe, htte er lauter runde
Goldkugeln in der Hand. Er warf einen schwarzen Beutel auf den Tisch. Zehn
glattrasierte bezopfte Kpfe stieen ber dem Beutel zusammen, ein
freudiges erschrecktes Schnattern erhob sich. Einer griff und hatte dicken
Kohlestaub bis an den Ellenbogen; ein anderer fate vorsichtig hinein, es
ging ihm ebenso. Und so zwei andern. Sie sahen sich verblfft ber dem
Tisch mit der llampe an, schwiegen betreten, blinzelten gegen den langen
Wang, der ruhig am Ofenbett stand, sahen sich wieder einer nach dem andern
an, schttelten die Kohle von den Hnden. Ein feister hellfarbiger hielt
den Beutel hoch gegen sein Ohr, schttelte ihn, horchte. Auch die vier, die
in den Beutel gefat hatten, drngten sich durch und legten den Kopf an den
Beutel. Der erste stellte den Beutel auf die Tischplatte, wich von dem
Tisch zurck, sagte, ohne Wang anzublicken, mit einem bestrzten
Gesichtsausdruck: Er hat recht. Wang hat recht. Er war so fassungslos,
da er nicht tat, was einem andern, dem Buckligen, nach einer Pause
einfiel: nmlich, ohne den Beutel zu berhren, Wang zu bitten, ihnen das
Siegel des Kaisers zu zeigen und zu fragen, ob es das Siegel Khien-lungs
oder eines frheren Kaisers sei. Wenn er es ihnen aber nicht zeigen wolle,
ihnen doch etwas noch zu sagen ber das Siegel; auch ber die vielen
Goldkugeln. Sie seien zwar erschreckt, sehr erschreckt, er auch, aber sie
wrden es doch gern hren und den andern sagen.

Der lange Wang-lun hatte inzwischen lngst aufgehrt zu lcheln. Mit einer
Miene, die immer ngstlicher wurde, stand er am heien Ofenbett; seine
linke weite Hose schwlte am Rost, ohne da er es merkte und den feinen
sengenden Rauch beachtete. Er ging langsam und ganz unsicher von einem zum
andern, zog ihn an der Hand zur Lampe, sah ihm suchend ins Gesicht: Was
ist denn? Was ist denn? Was meint ihr denn? Er stemmte beide Hnde auf die
Tischkante auf, hinter dem Tisch stehend, beugte den Beutel von allen
Seiten, bckte sich, strich furchtsam ber ihn. Dann umspannte er ihn mit
der linken Hand, ging mit ihm in die Nachbarkammer, immer Blicke nach
rechts und links auf die Mnner werfend, als erwarte er Schlge von ihnen.
Eine dnne Spur des Kohlenstaubs rieselte hinter ihm her. Die Kammertr
versperrte der lange Wang und hockte am Boden in dem engen Raum, in dem nur
Krge, leere Tonnen und Ackergerte herumstanden, drehte eine Holzhacke in
der rechten Hand, legte sie vorsichtig neben sich. Dann hob er den fast
ausgelaufenen Lederbeutel, auf beide ausgebreitete Hnde gelegt, an sein
schweitriefendes Gesicht und fiel mit dem Kopf so auf seine aufgestellten
Knie. Er sagte mit klappernden Zhnen laut, da die nebenan es hrten: Was
ist denn? Was wollen sie von mir? Die Kleider klebten ihm an den Gliedern.
Er stand auf, besah das Loch in seiner Hose. Es befiel ihn eine so lautlose
schwindelnde Angst, da er sich im Kreise drehte, auf die Holzdiele unter
seinen Filzsohlen blickte, den Boden befhlte mit der Hand, die krummen
Finger gegen die Wand drckte.

Er stand, mit dem runden Rcken in einen Winkel gelehnt, die Arme unter den
weiten langen rmeln ineinander verschrnkt, sann mit hervortretenden
Augen, was ihm passiert war. Pltzlich erstarb alles in ihm. Er ging ruhig
zwischen dem Gertekram an das offene Fenster. Die schneidende Luft wehte.
Wang-lun, den Kopf hinaus in die Dunkelheit gesteckt, wute nicht, was er
hier blickte. Die kleinen Huser drben standen sehr fern, die Finsternis
des Himmels stand nicht ferner. Er betrachtete alles mit Befremden.

Er mummelte sich in seinen Kittel, zog den Kopf zwischen die Schultern,
ging in das Nachbarzimmer, wo fnf der Vagabunden saen und mit Figuren
spielten. Ihnen fiel auf, wie stier sein Blick und wie ausdruckslos sein
Gesicht war. Er blieb am Tische stehen. Er sagte leise zu dem Buckligen,
den er umfate, ohne aber den Blick hher auf ihn als bis zu den Schultern
zu richten, da er noch einmal durch das Dorf gehen wolle.

Und dann ging er durch die leere Strae; kehrte um, ging hgelwrts weiter.
Lief, indem er die Schwrze der Nacht Schale um Schale, Panzer um Panzer,
durchbrach. Ehe er verstand, was geschah, hatten seine Arme das Schwingen
der Keulen angenommen, war eine Sichel aus seiner Stirne gewachsen, mit der
er die Nacht durchschnitt. Er sprang ber die Schnn-i genannten Klippen.
Sein Krper lief schon empfindungslos weiter; er ritt ruhig atmend auf
federnden Schenkeln. Er freute sich, da etwas ihn mitgenommen hatte und
mit ihm davonlief. ber die Hgel, auf die Felsen. Zu Ma-noh, zu Ma-noh.
Der mute die Gemse hren, die zu seiner Htte heraufkletterte aus der
liegenden Nacht.

Es war noch kein Zeichen des Morgens am Himmel, als Ma-noh seinen Namen
rufen hrte, die Stiege zu seiner Htte hinuntersprang.

Der trbe Docht blakte. Stumm und mild saen die Buddhas im Hintergrund;
die Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, blauer Haarknoten, weite
Blicke, ein verschwimmendes Lcheln um die prallen Lippen, auf runden
glatten Schenkeln hockend. Wang lag mit der Stirne vor der tausendarmigen
Gttin aus Bergkristall, anklagend, bettelnd, verwirrt. Gewillt, hier
liegen zu bleiben, nicht fortzugehen. Durcheinander stammelnd, was ihm
geschehen sei.

Was Su-koh geschah, ist nichts gegen dieses. Su-koh haben sie mit fnf
Sbeln niedergeschlagen an der kleinen Mauer. Sie haben ihn gefangen
genommen und dann ber den Nai-ho geschickt. Mich haben sie verlockt, in
ihre Mitte geschlossen, bezaubert. In meine Brust wollen sie einen Dmon
zaubern, der Bucklige will das, alle wollen das. Ich bin gut zu ihnen
gewesen, habe jeden Zank ausgewischt. Mancher von ihnen lebte nicht mehr
ohne mich. Ich bin die Dorfstrae heruntergegangen. Es war Kohle in dem
Beutel. Ich kann nichts dafr, es war nur Kohle. Und es ist doch kein Gold
und kein Siegel. Warum soll es Gold sein, wie soll das Siegel des Kaisers
in den Lederbeutel kommen? Warum verlangen sie das von mir? Sie sollen es
nicht wollen; sie sollen es nicht wollen. Sie sollen mich wieder gehen
lassen; ich habe nichts gesagt von dem Lederbeutel. Ich bin der Wang-lun
aus Hun-kang-tsun. Ich bin ein Mrder; kein Mandarin hilft mir jetzt. Ich
lasse mich nicht verhetzen. Ihr sollt mir helfen, ihr fnf Fos; Ma-noh,
hilf mit; bete mit mir; hilf mir sie bezwingen.

Er richtete sich auf den Knien auf, hielt Ma-noh an der Brust fest, der
sich schon neben ihn geworfen hatte. Oder bin ich schon verzaubert? Sag,
Ma-noh? Es kommt schon zu spt bei mir, nicht wahr, ja, es kommt schon zu
spt.

Heulend stie er, von den Buddhas abgewandt, lange Schreie aus, ffnete
immer die Arme und schlug sie wieder zusammen. Was soll geschehen, Ma-noh?
Was soll mit Wang-lun geschehen? Die bsen Geister haben ihn befallen.
Wang-lun haben die bsen Geister befallen.

Ma-noh drckte Wangs verklammerte Finger von sich ab, lie ihn auf den
Boden rutschen, legte einen dnnen gelben Mantel mit roter Borte ber sein
Flickkleid, setzte die viereckige schwarze Mtze auf, das Dach des Lebens,
schlug den Rasselstab, schttelte die Klapper. Die pfeifenden Worte, die er
ausstie, gingen unter in dem blechernen Geklirr; und whrend er die eklen
Schlangengtter mit Flchen anrief, die Nagas, die Lus und ihre Knige,
whrend unter dem Drhnen der Klapper die Garudavgel gebannt aufschwirrten
aus dem Kreise, die grnschwingigen Garudas mit roten Menschenbrsten,
weiem Bauch, auf ihren schwarzen Vogelkpfen standen zwei Hrner, zitterte
in Ma-noh das Herz vor Glck. Er tanzte, selbst trumend und hingerissen,
um Wang, der den Kopf duckte; er verstand alles, was Wang sagte; er bckte
sich, strich ihm ber die Schultern, den Scheitel, und htte sein Knurren
und Zischen in Lachen verwandeln mgen. Wang dachte an seinen Vater und
seine Mutter, und wie seine Mutter eingeschlafen war, als der Vater unter
Hundegeklff in einer Tigermaske hin und her sprang vor der Frau und ber
die Hingesunkene schnaufte und flsterte. Ihn fror pltzlich sehr unter der
Achsel, an den Knien, an den Fersen.

Er lag schwindlig, lang auf den Leib gestreckt am Boden. Ma hufte Decken
ber ihn, drckte das Licht aus. Eine weie Helligkeit trat durch die
verklebten Fenster. Ein Scharren und Kratzen an der verriegelten Tr, Fe
und Schnbel von hungrigen Krhen. Dann lief es einmal weich ber die
Stufen, kroch ber das niedrige Dach, schnuppernd, schlpfte wieselartig
ber Balken weg. Alle Augenblicke krachte es ganz weit; fernes Schieben,
Schurren, Poltern folgte. Schneemassen kamen ins Rollen, strzten in die
Schluchten.

Ma-noh, in der schwefelgelben Kutte, mit roter Schrpe, auf dem Schdel die
vierzipflige Mtze, ffnete die Tr. Brausen des Flusses drang in das
dumpfe Zimmer, in dem die Klapper nicht mehr lrmte. Blendende Weie warfen
die Schneemassen herein. Ma pfiff und gluckste. Er hielt die groe
Almosenschale in der Hand, mit Krnern und Brocken gefllt. Die Krhen
stieen wtende Schreie aus. Er hielt die zudringlichen Vgel mit spitzem
Lachen zurck. Weit ber die Stiege, in den hohen Schnee der Strae flogen
die harten Stcke.

                   *       *       *       *       *

Obwohl Wang schon am ersten Abend unruhig drngte, hielt Ma-noh ihn ber
drei Tage auf dem Berge fest. Am Morgen des vierten klopften Mnner an Mas
Tr, fnf Ruber aus dem Dorf. Sie hatten Wang gesucht und brachten die
Nachricht, da sie verraten seien, da gestern nachmittag dreiig
Berittene, abgeschickt aus der Unterprfektur Cha-tuo, unter einem riesigen
Pa-tsoung in das Dorf einfielen. Sie htten, untersttzt von Dorfbewohnern,
die Soldaten verjagt, ein Pferd lahmgeschlagen; es konnte aber nicht
verhindert werden, da vier ltere Wegelagerer, darunter ein Kranker, von
den Soldaten ergriffen und auf den Pferden mitgeschleppt wurden. Als sie
den Raub bemerkt htten, waren die Reiter schon im Galopp und schossen mit
Pfeilen nach rckwrts. Die Brder drngten sehr fort, berichteten sie.
Auch die gutmeinende Dorfbevlkerung bte, rasch abzuziehen, weil sonst
beide, Banditen wie Drfler, verloren seien. Alle Wege wren gut
passierbar, das Wetter ertrglich, es werde ein rasches Frhjahr geben.

Von den Mnnern, die zu der Einsiedelei geschickt waren, gehrten drei zu
den engeren Freunden Wangs von den Pochwerken. Es waren die erfahrensten,
zuverlssigsten Mnner.

Auf das erregte Bitten Wangs blieben sie fast einen halben Tag gemeinsam in
Ma-nohs Htte.

Wang konnte sich schwer bezwingen. Er ging ratlos in einem Durcheinander
von Empfindungen an den niedrigen glhenden Herd, ber dem der Wassertopf
an einem rohen, schlecht geschnittenen Eichmast hing. Sein breites Gesicht
schrumpfte unter der Hitze. Er wandte sich und streifte mit den fliegenden
rmeln die goldenen Buddhas, die ihre bezaubernde, flimmernde, irisierende
Miene zuwandten dem stummen Ma-noh, der ihre Blicke aufzufangen suchte, dem
Wanderer Wang, den hockenden fnf Vagabunden, die die Kpfe
zusammensteckten, teeschlrfend die Nachbarorte durchhechelten. ber und
ber waren sie bepackt mit zerlumpten Kitteln, Tuchfsser, schwer
bewegliche Fleischpakete.

Wang schwankte unter einer Aufwallung und einem unertragbaren Sieden in der
Brust die Stiege herunter, und seine schrgen schmalen Augenschlitze
kniffen sich zu, geblendet vom Wei, das entgegenprallte. Er stand am Rand
der Bergstrae. Aus dem Flutal schleiften Nebelschlieren. Von einem
drehenden Windsto gerafft zogen sie sich schlangenartig rasch hoch und
pufften, breitschleiernd, ber Wang und die lange Bergstrae. Das Rauschen
der Schnellen klang unglaublich nah. Das Tal kochte kalt und war
verschttet in den brodelnden Dunst. Muskellose weiche Schneearme streckten
sich herauf.

Sie berieten in der kaum mannshohen Htte unter dem Felsen. Ma-noh mit
welkem spitzen Gesicht, im bunten Flickmantel und aufgewundenen Zopf,
hflich, leicht gndig, im Inneren aufgeblht, erwartungsvoll erregt. Wang,
zwischen den andern am Herd, bog den Rcken rund; seine Blicke wanderten
von einem Augenpaar zum andern.

Er fing an zu sprechen, die Hnde auszustrecken, die Freunde zu beschwren:
Die vier Alten haben die Reiter mitgenommen, und man wird sie ins
Gefngnis werfen und ihnen die Kpfe abschlagen. Sie konnten nicht so
schnell laufen wie ihr. Den Lahmen hab ich auf meinem Rcken getragen, als
wir vom Berg herunterliefen. Es wird ihnen keiner glauben, wie elend wir
sind und da der Frost so schlimm war. Der Lahme mu daran glauben, da ihm
ein Bootsmann das Bein zerschlagen hat. Sein Unglck ist gro, man wird ihn
an einem ungnstigen Ort verscharren, sein Geist mu betteln, wie im Leben
hungern, frieren. Sein Bein war zu kurz und die Soldaten hatten Pferde. Uns
nimmt man alles. Wir sollen in den leeren Bergen erfrieren, die Raben sind
mit uns ausgezogen, keiner konnte mehr leben, keine Karawane gab zu essen.
Unsere armen Brder nimmt man uns. O, wir sind arm.

So jammerte Wang-lun, blickte ihnen allen in die traurigen gesenkten
Gesichter und litt. Mit einmal kam die Angst wieder und die Befremdung vor
ihnen. Er wandte sich, schluckte an dem Klo hinter seinem Gaumen. Er
prete es gewaltsam herunter, hielt seine eiskalten schwitzenden Hnde ber
den Herd. Sie taten ihm nichts, sie wollten nichts von ihm, es war nur ein
Gerede gewesen, er wollte sie gar nicht fragen. O, war das Leben schwer.
Dazu blitzte es ihm vor den Augen; bald schienen es von dem Herd verwehte
Funken zu sein, bald fuhr es so rasch und glatt zusammen, fnf Sbel und
eine kleine getnchte Mauer.

Ein breitschultriger alter Mann unter den abgesandten, ein Bauer, dem sein
Land mitsamt seiner Familie fortgeschwommen war, vernderte seine
entschlossene Miene nicht bei den zitternden Worten Wangs: Wir mssen
unsere Brder wieder holen. Wenn du ihn in das Dorf getragen hast, Wang,
mut du ihn zurckbringen. Htten wir Pferde und Bogen wie die Soldaten,
wre nichts geschehen. Der Unterprfekt von Cha-tuo soll ein kluger Mann
sein aus Sze-chuan. Aber er ist zu feingebildet fr uns in Nan-ku. Sag
selbst, Chu, Ma-noh, wir mssen mit unserer Sprache herauskommen.

Der Unterprfekt Liu von Cha-tuo, fiel ein jngerer groer neben ihm ein,
auffallend helle Gesichtsfarbe, groe scharfe Augen, der ist aus Sze-chuan
gekommen, aber der klgliche S wei, woher Liu seine Tls genommen hat. Er
hat sie nicht aus den kanonischen Bchern herausgelesen, die Lieder des
Schi-king sollen keine Goldschnre um den Hals tragen. Ich habe gehrt von
einer groen Stadt Kwan-juan, als ich einmal ber den Ta-pa-schan
herberwanderte. Da kam in das Jamen des glanzvollen Unterprfekten ein
Kurier vom Vizeknig von Sze-chuan; es sollten neue Steuern fr den Krieg
mit dem und dem erhoben werden auf das und das. Der klgliche S wei die
Antwort, die der glanzvolle Liu an den erhabenen Vizeknig zurcksandte,
weil er nmlich dem heimwandernden Kurier einen Strick um die Beine legte,
um ein paar Ksch beim Betreten einer so groen Stadt zu besitzen. Liu,
besorgt um die Stadt, wie ein echter Vater, lehnte die Steuer ab fr
Kwan-juan: Die Stadt ist zu arm, die schwarzen Blattern grassieren, die
Reispreise unerschwinglich fr den kleinen Mann. Aber als ich selber nach
zwei Tagen entzckt ber solche Landesliebe in die glcklichen Mauern
eintrat, klebten schne lange Zettel an jeder Wand mit dem Stempel des
glanzvollen Liu, in deutlicher wrdevoller Sprache. Er gab dem mchtigen
Vizeknig zuerst das Wort: Himmelssohn, Krieg mit dem und dem. Und zum
Schlu Steuern auf das und das, fr jeden eine Gabe, diese Gilde jene
Gilde. Die guten Leute wuten auf einmal, wie unbezahlbar bei ihnen in den
Mauern alles war, das und das und das. Sie waren sehr glcklich und priesen
Liu, der sich um die Hebung ihrer Stadt so wohl verdient machte, priesen
seine Eltern und Groeltern und zahlten drei Jahre die Likinabgaben fr --
Liu, den weisen Unterprfekten.

Der hellfarbene Mann lachte wie berauscht. Ma sah ihn streng an; Wang
erkannte, da S nicht zu halten war. Einer neben Wang stie seinen
Nachbarn an, dessen Gesicht glhte von dem heien Wasser, flsterte, er
solle doch reden; das sei besser, als halblaut fluchen vor den Fenstern
anderer Leute.

Wang wurde von seinem Schmerz gefat und mit eisernen Hnden unter ein
dickes dunkles Moor zum Ersticken gehalten. Er keuchte. Das war alles
falsch, was hier gesprochen wurde.

Whrend die zwei neben ihm verlegen gestikulierten und heftig auf sich
einsprachen, S prahlerisch eine neue Geschichte schmetterte, fing Wang an
zu klagen, Ma-noh neben sich auf den Boden zu ziehen. Er redete hilflos
schnappend, drehte den Kopf, seine Lippen bebten: Ma, bleib sitzen hier.
Seid nicht aufgeregt, liebe Brder. S, du bist gut, es ist richtig, was du
sagst. Ich will euch ja nicht langweilen, aber mir fiel etwas ein, wie S
erzhlte von dem Unterprfekten aus Kwan-juan in Sze-chuan, der uns die
vier Armen hat rauben lassen. Wir wollen sie ihm gewi nicht lassen, liebe
Kinder. Habt mich nicht im Verdacht, liebe Kinder, als ob ich das tun
wollte. Mir fiel nur ein von Schan-tung etwas, als ich in der Stadt
Tsi-nan-fu war, in dem groen Tsi-nan-fu und bei einem Bonzen diente; er
hie Toh-tsin. Ihr werdet ihn nicht kennen, es war ein guter Mann, der mich
sehr geschtzt hat. Da war mein Freund ein Mann, den sie auch totgeschlagen
haben. Ich will euch alles erzhlen von Su-koh, so hie er. Ihr werdet mir
glauben, da ich unsere armen Vier nicht dem Unterprfekten lassen werde.
Nachdem mir das passiert ist in Tsi-nan-fu, und sie mir meinen Freund
Su-koh totgeschlagen haben. Er war ein Anhnger des westlichen Gottes
Allah, der seinen Anhngern vieles erfllen soll. Aber in Kan-suh fingen
Unruhen an, als diese Leute pltzlich laut beten wollten, und Su-kohs Neffe
las zuerst aus einem alten Buch laut vor, und sie haben ihn in Stcke
geschlagen mit seiner Familie. Dann haben sie nach meinem Freund in
Tsi-nan-fu gesucht, er war ein so wrdiger ernster Mann, er htte die
hchsten Prfungen bestanden. Es kam, wie es will. Sie haben ihn wieder
gefat, als ich ihn schon herausgeholt hatte mit seinen beiden Shnen. Er
sagte, sie drften ihm nichts anhaben, er wolle schon auswandern, erst
msse er seine Schulden bezahlen und sein Haus verkaufen und sein Priester
msse ihm einen gnstigen Tag angeben. Aber es gab ein Trommeln. Eine
Eidechse, ein weier Tiger, ein dnnbeiniger Tou-ssee gab ihm einen Sto
von hinten mit dem Degenknauf, neben seinem Haus an einer kleinen
getnchten Mauer. Dann haben sie ihn eben, wie er sich umdrehte, mit fnf
Sbeln totgeschlagen. Ihr mt nicht lachen, weil ich nichts dabei getan
habe. Sein Geist, der eben aus ihm geflogen war, mu in meine Leber
gefahren sein, denn ich war besessen die Tage darauf. Und dies ist mir in
Tsi-nan-fu an meinem eigenen Freunde passiert. Der Tou-ssee lebt nicht
mehr, ihr werdet es mir glauben. Aber es ist zum Weinen, um selbst ber den
Nai-ho zu gehen: sie kommen immer wieder und nehmen etwas weg. Sie geben
keinen Frieden und keine Ruhe. Sie wollen mich und euch und uns alle
ausrotten und nicht leben lassen. Was wollen wir machen, liebe Kinder? Ich,
euer Freund Wang aus Hun-kang-tsun, bin schon wie weich gerittenes Fleisch,
wie stinkende Zeugmasse. Ich kann nur weinen und jammern. Wang hatte die
Haltung eines kranken Kindes angenommen vor Ma-noh, und in einem Sthnen,
Keuchen und Schluchzen arbeitete seine Brust.

Das Wasser strzte ihm aus Auge und Nase, sein breites derbhutiges Gesicht
war ganz klein und mdchenhaft. Er lehnte gegen Ma-noh in einer Art
Betubung.

Er log nicht von Su-koh. Man hatte ihm in Su-koh einen Freund weggerissen.
Wang, der Gassenlufer und Ausrufer in Tsi-nan-fu, war in der Herberge dem
Mohammedaner begegnet. Das ernste gelassene Wesen fesselte ihn stark. Es
zog ihn intensiver an, als er sich bewut wurde in dem unruhigen Treiben
der Stadt. Er hatte rasch das vllig unklare Gefhl, hier etwas
Verhngnisvolles zu treffen, etwas so Tiefes, da er sich davon abwenden
mte. Er kam wenig mit Su-koh und seinen Shnen zusammen; ihre Gesprche
betrafen tgliche Dinge. Dann kam die Verhaftung Su-kohs, und sie deckte
ihm die Strke seiner Beziehungen zu dem Mann mit Furchtbarkeit auf. Nicht
kam er zu einer Vorstellung, worum es sich handelte zwischen ihm und dem
Mohammedaner; er merkte nur die Hingerissenheit und unbedingte Teilnahme an
Sus Schicksal. Wang hatte das schwerlastende Empfinden, da man ihn selbst,
etwas in ihm von einer schaurigen Verborgenheit, angriff. Und es war nicht
die Roheit des Eingriffs, die ihn erschreckte, sondern das Entsetzen vor
dem Verborgenen, das ihm vor Gesicht kam, das er nicht sehen wollte, nicht
jetzt schon, vielleicht spter, viel viel spter. Die fnf Sbel und die
kleine Mauer fuhren vor seinen Augen zusammen, immer erneut, jede Stunde
jede Minute; es war nicht zu ertragen, es mute berdeckt, vergraben
werden. Und so kam die Rache fr Su als etwas Erdachtes, Erzwungenes. Erst
als er sein Hirschgeweih in Hnden hatte in der Kammer des Bonzen, als er
sich flchtete zu den Erinnerungen an die Spe, die mit dem starken Geruch
des Geweihs in ihm aufstiegen, an die Jagden ber Marktpltze, Jonglieren
ber Dcher, da wute er sicher, da er den Tou-ssee tten wrde, mit der
Maske glatt und fest alles zustlpen wrde. Diese Bewegung machte ihn
damals glcklich und sicher: zustlpen. Er wollte sich noch einmal
wegtuschen ber die Zukunft, vor der er sich schmte und graute. Es war
schon nicht mehr ntig, da er am Morgen aus dem Wegeschrank aufstand und
auf den bungsplatz lief: er hatte in der Nacht schon zehn, fnfzigmal den
Hauptmann erstickt unter der Maske, es war schon alles geschehen. Aber er
lief hin; er mute sich dabei sehen, es sich tief einprgen. Und so geschah
der Mord, als ein Opfer, das er sich brachte. So rchte Wang den
Mohammedaner, seinen Freund.

Die scharfe nchterne Stimme des Mannes, den vorher Wangs Nachbar gedrngt
hatte, bertnte das Durcheinander von gezischelter Wut und Drohworten. Er
rief, es mchte derjenige, welcher am nchsten der Tre sitze, die Htte
umgehen und nachsehen, ob einer drauen sei; er wolle dann sprechen. Als
die Tre aufgestoen wurde und ein langer Bursche mit vorgestrecktem Kopf
aus der Htte verschwand, war es fr eine Minute still in der Htte, so da
man zum erstenmal das Gerusch des Flusses und der strzenden Schneemassen
hrte. Der Bursche kam grinsend zurck: es htte nur etwas Totes neben der
Htte gesessen. Und er zog das Fell einer graubraunen Zibetkatze aus seinem
Kittel hervor. Ma-noh schttelte sich vor Abscheu; er wollte den Burschen
davonjagen, bezwang sich und schnffelte erregt, als er die andern
berernsten Gesichter sah.

Der Mann am Herd, dem unter dem Kinn ein kleiner grauer Bart wuchs, stand
auf, stellte sich an die Tr, die er mit seinem Rcken versperrte, sprach
leise scharf; fuchtelte sonderbar in der Luft, als ob er Fliegen fange. Er
zupfte seinen Bart. Sein altes Gesicht mit den groen Augenscken war
lebendig wie eines schnurrenden Katers. Die schlaffe Haut tat dem Spiel
seines Ausdrucks keinen Eintrag; es kruselte, blitzte, rollte ber das
platte Gesicht mit dem weit vorgeschobenen Unterkiefer. Er klappte oft laut
die Zhne zusammen, man sah seine dnne rosa Zunge spielen, er bog den
dickgepolsterten Rcken, machte dies und dies Knie krumm. Von dem Mann
wute man, da er ohne Grund aus seiner Heimat aufgebrochen war in
geachteter Stellung. Er hauste seit Jahren in den Nan-ku-Bergen, tat in
Drfern ehrbare Dienste. Leute aus seiner Heimatstadt, die von dem
neugierigen Gesindel nach ihm ausgefragt wurden, berichteten
kopfschttelnd, da er ohne mindeste Veranlassung alles habe stehen und
liegen lassen. Sie waren berzeugt, da der Alte der Aufdeckung eines
Verbrechens zuvor gekommen sei, das aber dann nicht aufgedeckt wurde, eine
Geschichte, die sie viel belachten und zur Beleuchtung seines ebenso
furchtsamen wie geheimtuerischen Wesens benutzten.

Chu sprach leise: Da niemand vor der Tre horcht, will euer Diener reden.
Wir mssen verschwiegen darber sein, werte Herren, nicht meine ich aus
Angst und Besorgtheit, die gar nicht angebracht ist bei Leuten, welche
nichts zu besorgen haben, sondern aus Grnden. Euer Diener Chu hat viele
Grnde, leise zu sprechen und die Tre zu versperren, und wenn die werten
Herren ihn ruhig angehrt haben und ihm zustimmen sollten, so werden sie
wie er leise sprechen. Ich habe gute Beziehungen zu Po-schan, meiner
Heimatsstadt in Schan-tung, wo meine Neffen und Geschwister meinen Besitz
verwalten. Was der geliebte Bruder Wang erlitten hat und was die Einwohner
Kwan-juans erlitten haben, ist uns vielmals begegnet da. Schne Sachen sind
uns begegnet, schne Sachen, aber das Kind, das vor euch steht, will nicht
vor alten Kennern schwatzen. Seht einmal: wie oft tritt in den sdlichen
reichen Provinzen der Gelbe Flu ber die Ufer, und wie oft wirft sich das
Meer mit einer weien Brust ber das Land und erdrckt Huser und Mann und
Frau und Kind? Wie oft luft der Taifun die wimmelnde Kste herunter, tanzt
ber das gelbe Meer, und alle Dschunken, Boote, groen Segler bekommen
pltzlich Beine und tanzen mit ihm auf eine barbarische grausige Art mit.
Und das kleine Kind will gar nicht sprechen von den bsen Dmonen, die den
Miwachs auf den ckern bringen, da die Hungersnte ausbrechen. Aber seht,
die Menschen wollen es den groen Gewalten nachtun; und wer ein groer Herr
ist, will ein grerer sein. Und da treiben Menschen, von Mttern geboren,
in den achtzehn Provinzen herum, die die Macht in Hnden haben, und werfen
sich wie die finstere See ber das flache, sorgsam bebaute Land hin und
quetschen mit ihrem breiten Leib den Reis und alle Frchte zusammen. Da
gibt es Herren, die drehen sich wie die dunkelfarbigen Sandstrme ber
ganze Stdte und bewohnte Drfer und reien im Drehen soviel Sand wie
Menschen mit, da alle das Atmen vergessen. Und am schlimmsten wtet eine
Springflut, die vor langer Zeit ber das kostbare Land, ber die Blume der
Mitte, gefallen ist, ihr die Bltter und Blten abreit. Von Norden ist die
Springflut gekommen und brandet ber unsere fetten cker und Stdte. Sie
hat den Schlamm und das spitze Gerll auf unsere fetten cker und
friedreichen Stdte geworfen, und sie nennt sich Tai-tsing, die reine
Dynastie. Und von ihr will ich etwas erzhlen.

Wang hatte sich lngst hochgerichtet, sah den Alten mit aufgerissenen Augen
an, stellte sich ihm gegenber. Die andern reckten die Hlse, rckten nher
an die Tr; die Pulse rollten voller durch ihre Schlfen; sie sahen den
Alten, sie waren seine Beute.

Ich will euch nichts von ihr erzhlen, denn die alten Herren wissen alles
selbst. Wenn der Tiger heult, dringt der Wind in die Tler. Die Mandschus,
die harten Tataren, die aus ihren nrdlichen Bergen geradewegs von der
Fuchsjagd ber unser schwaches Land gefallen sind, werden nicht bis zum
Eintritt der Ewigkeit ber uns leben. Unser Volk ist arm und schwach, aber
wir sind viel und berleben die strksten. Ihr wit, was man macht, wenn
man am Meere wohnt und die sieben ruhigen Jahre sind vorbei, die Regenzeit
und der Nordweststurm ist vorbei, das Unglck ist geschehen, was man macht,
wenn man noch lebt? Bauen, Dmme bauen, Tag und Nacht, Pfhle rammen, den
Lehm hufen, Ruten, Stroh dazwischen, Weiden anpflanzen. Die klugen Mnner
werden mich unbescheiden nennen, wenn ich sie in dem fremden Hause frage,
welche Dmme sie gebaut haben, weil sie sich doch vor der Springflut
frchten und weil sie die Wasser aus dem Lande zurckdrngen wollen? Aber
andere haben langsam und leise den Lehm in den Hnden zusammengetragen,
haben Stroh gestohlen von dem und dem, zu einer Zeit, wo keiner auf sie
achtete, haben heimlich feine Weidenschlinge gesetzt und sie geschtzt.
Es gehen schon unsichtbar Wlle und Dmme durch das Land, mit Schleusen und
Abzgen, die wir schlieen, wenn der Augenblick gekommen ist: das Wasser
kann nicht zum Meer zurck, das Land ist nicht ersoffen; wir verdunsten
unter dem Feuer langsam das Wasser wie die Salzpfnner und behalten die
Krner zurck. Ich bin aus Po-schan; wir haben nicht soviele Fruchtbarkeit
wie am gelben Sandflu; aber bei uns blht zwischen den Kohlen seit langer
Zeit eine Blume, heimlich, aber wohl geschtzt: die Weie Wasserlilie.

Keiner der Mnner sa mehr an der Erde; die Weie Wasserlilie stieen sie
erregt aus, um Chu sich stellend, klopften ihm freudig die Hnde, blitzten
ihn aus ihren schwarzen Augen an. Sie waren entzckt ber die Verwandlung
des trotteligen Katers. Sie lachten mannigfach, befriedigt leise, meckernd
und mit Herausforderung, wie Hornsignale klar und triumphierend; Ma-noh
glucksend, aber unsicher. Ihre Lippen waren na, die Mnder voll Speichel.
Unter ihren Backen glhten dnne Heizplatten. Der Magen schlingerte sanft
hin und her.

Wir sind, alte Herren, zur Beratung hier. Jeder kann beitragen, soviel er
im Kopf hat. Wang hat geredet, was ihm mit einem ernsten Su-koh in
Tsi-nan-fu begegnete. Ich bin nicht weit her von Tsi-nan, aus Po-schan. Ich
habe nicht gewartet, bis mich ein flinker Freund rchen brauchte, und htte
vielleicht nicht gleich einen so raschen gefunden. Steht hinter meiner
Strae auch schon die kleine getnchte Mauer, die fr mich bestimmt war.
Hat die leblose Hand des Himmelssohns schon den roten Todeskreis hinter
meinen Namen gemalt. Das Urteil war schon fertig, das ntig gewesen ist,
meinen Mund zu versperren.

Der Alte wollte weiter stammeln; Wang unterbrach ihn. Er nahm ihn stark bei
der Schulter, prete ihn neben sich auf den Boden. Wang streichelte dem
Alten die Wangen und die knotigen Hnde, bot ihm heien Tee. Der schluckte
noch, schnappte, schlug mit dem Unterkiefer, sah aus gerteten Augen
geradezu, hatte gellende Ohren.

Die Vagabunden, von Grimm ausgehhlt, schluchzten ihren Ballast von sich.
Die Arme wurden in einem Wirbel herumgerissen. Die heie Wut wurde in die
Hlse gepret, ber einen blechernen Resonanzboden geledert, und
schnarrend, tremolierend weg in die Luft geprustet. Sie kamen sich
blogelegt bis auf die Blutrhren, die Lungenblschen, vor, ihr Rtsel war
von Chu gelst: sie waren Ausgestoene, Opfer; sie hatten einen Feind und
waren glckselig in ihrem schumenden Ha.

In dieser Minute gab sich Ma-noh an Wang verloren. Ma erlebte die
mitleidigen, umdunkelten Blicke Wangs, fhlte, wie Wang innerlich diese
rasenden Tiere an sich zog, furchtlos begtigte und kte; und jh ri ein
Faden in ihm. Was kam nun? In ihm war keine Besinnung. Was lag an ihm! Was
lag an dem Prior, an den Buddhas, an den Freudenhimmeln! Versagen aller
Bremsen, Niederschmettern aller Widerstnde. Verchtliches Lippenzucken
ber die Vagabunden; ihre Not belanglos gegen das, was in Wang vorgeht.
Frsteln. Eine sthlerne fremde Sicherheit, von innen heraus zielend.
Schwindelloses Fallenlassen in einen Schlund. Schwaches federleichtes
Hinlegen vor Wangs Fu.

Wang bemhte sich stumm, traurig um den Alten. Er sah schon sie alle mit
Messern zwischen den Zhnen den Berg herunterlaufen. Sie entglitten ihm.

Er sprach erst, als sie unruhig seine vernderte abwesende Miene bemerkten.
Sein Gesicht war noch na von den Trnen. Er redete mde, er murmelte vor
sich hin, zuckte oft zusammen: Das nutzt alles nicht. Das nimmt kein Ende,
und wenn wir zehnmal hundertmal so viel wren als wir sind. Was sind wir?
Weniger als die Freunde frher des Chu, und Chu sitzt bei uns und mu sein
Herz aufreiben. Eine Schar von Bettlern aus den Nan-kubergen. Es wird Mord
auf Mord kommen. Der listige Erzhler von Kwan-juan berschrie ihn. Seine
vorhin hhnende harte Stimme klang bewegt, weich und leicht zornig. Wang
und er rangen mit den Blicken. Sie seien keine faulen Bettler. Wer dies
erlebt htte, was sie, sei kein bloer Wegelagerer. Ja, sie seien arme
ausgestoene Menschen, die kaum mehr widerstreben knnten, halbtote, denen
man rasch einen Schluck Wasser einfle und die man dann mit Fusten
aufjage, rasch, damit sie nicht vor der Tr strben. Ihre vier Brder seien
verloren, bald kme die Reihe an sie. Wieder funkelten seine Augen.

Wang zog seine Beine an, ging vorsichtig zwischen ihnen durch, umfate
vorbergehend Ma-noh und blieb ganz im Hintergrund an der Wand stehen, wo
man ihn kaum sah; nur wenn die dunkle Glut auf dem Herd heller aufschlug,
erkannte man, da er mit gesenktem Kopf stand, mit den Hnden nach
rckwrts die Bildsule eines Buddha berhrte. Ma-noh neben ihm. Wang
fhlte sich schwimmen auf einem tobenden Meer. Es schien ihm, als ob er,
schwankend zu sterben oder zu leben, pltzlich die Arme niedergeschlagen
htte auf ein Flo, sich mit dem Leib drber wegzog und zu Ertrinkenden
sprach, mit den Beinen sein steinsicheres Flo an Land steuernd.

Man hat nicht gut an uns getan: das ist das Schicksal. Man wird nicht gut
an uns tun: das ist das Schicksal. Ich habe es auf allen Wegen, auf den
ckern, Straen, Bergen, von den alten Leuten gehrt, da nur eins hilft
gegen das Schicksal: nicht widerstreben. Ein Frosch kann keinen Storch
verschlingen. Ich glaube, liebe Brder, und will mich daran halten: da der
allmchtige Weltenlauf starr, unbeugsam ist, und nicht von seiner Richtung
abweicht. Wenn ihr kmpfen wollt, so mgt ihr es tun. Ihr werdet nichts
ndern, ich werde euch nicht helfen knnen. Und ich will euch dann, liebe
Brder, verlassen, denn ich scheide mich ab von denen, die im Fieber leben,
von denen, die nicht zur Besinnung kommen. Ein Alter hat von ihnen gesagt:
man kann sie tten, man kann sie am Leben lassen, ihr Schicksal wird von
auen bestimmt. Ich mu den Tod ber mich ergehen lassen und das Leben ber
mich ergehen lassen und beides unwichtig nehmen, nicht zgern, nicht
hasten. Und es wre gut, wenn ihr wie ich ttet. Denn alles andere ist ja
aussichtslos. Ich will wunschlos, ohne Schwergewicht das Kleine und Groe
tragen, mich abseits wenden, wo man nicht ttet. Ja, dies will ich euch von
der Kuan-yin und den anderen goldenen Fos sagen, die Ma-noh verehrt; sie
sind kluge und gereifte Gtter, ich will sie verehren, weil sie dies gesagt
haben: man soll nichts Lebendiges tten. Ich will ein Ende machen mit dem
Morden und Rchen; ich komme damit nicht von der Stelle. Seid mir nicht
bse, wenn ich euch nicht zustimme. Ich will arm sein, um nichts zu
verlieren. Der Reichtum luft uns auf der Strae nach; er wird uns nicht
einholen. Ich mu, mit euch, wenn ihr wollt, auf eine andere Spitze laufen,
die schner ist als die ich sonst gesehen habe, auf den Gipfel der
Kaiserherrlichkeit. Nicht handeln; wie das weie Wasser schwach und folgsam
sein; wie das Licht von jedem dnnen Blatt abgleiten. Aber was werdet ihr
mir darauf sagen, liebe Brder?

Sie schwiegen. Chu seufzte: Du mut uns fhren, Wang. Tu, wie du willst.

Wang schttelte den Kopf: Ich fhre euch nicht. Wenn ihr meinen Willen
habt, will ich euch auch fhren. Ihr mt mir zustimmen, gleich und in
diesem Augenblick. Und ihr werdet nicht zgern, und die im Dorfe sind,
werden nicht zgern, denn im Grunde spricht ja keiner von euch anders. Ihr
schumt nur noch so, wie ich selber frher, liebe Brder. Geht mit mir. Wir
sind Ausgestoene und wollen es eingestehen. Wenn wir so schwach sind, sind
wir doch strker als alle anderen. Glaubt mir, es wird uns keiner
erschlagen; wir biegen jeden Stachel um. Und ich verla euch nicht. Wer uns
schlagen wird, wird seine Schwche fhlen. Ich will euch und mich schtzen;
ich werde nach Schan-tung wandern und den Schutz der Brder von der Weien
Lilie erbitten, wie Chu will. Aber ich beschtze keine Ruber und Mrder.
Wir wollen sein, was wir sind: schwache hilfsbedrftige Brder eines armen
Volkes.

Ma-noh hielt den groen Wang an den Schultern umschlungen; er flsterte
hei: Und ich will mit dir wandern; ich will ein schwacher armer Bruder
sein unter deinem Schutz. Die andern hatten still dagesessen, sich lange
angeblickt. Dann warfen sie sich, erst Chu, darauf die vier vor Wang mit
der Stirn an den Boden.

                   *       *       *       *       *

Die Htte des Ma-noh leer.

Die Krhen und groen Raben hpften ber die Stiegen durch die offene Tr,
saen auf dem Herd, der noch warm war, zerrten mit ihren Schnbeln an den
dicken Binsenmatten. Zwei graue Zibetkatzen lieen sich an den Schwnzen
vom Dach herunter, warfen sich mit einem Schwung langgestreckt mitten in
die aufgehuften Tuch- und Pelzlagen, whlten unter ihnen herum; unter den
Reflexen des Abendlichts blitzte ihr glanzvolles fleckiges Fell. Ein dicker
Rabe schaukelte auf dem leeren Regal und sah nach unten; als die grere
der beiden Katzen an die Wand gedrckt kurzbeinig sich in die Hhe zog,
rauschte er unter ngstlichem Flgelschlagen und grellem Krchzen auf, an
die Decke, zur offenen Tre hinaus.

Im Dorfe gingen um dieselbe Abendstunde die Wegelagerer einer hinter dem
andern in das Haus des Bauern Leh, das zu den vier Husern gehrte um die
Eiche am Eingang des Dorfes. Auf dem hinteren Hofe stand eine weite leere
Scheune, die von den Bauern zu Versammlungen benutzt wurde. Die offenen
breiten Tore an den Lngsseiten lieen weite Lichtmassen herein.

Was auf dieser Versammlung besprochen wurde, in der Scheune, in welcher ein
schwerer Geruch von verfaultem Stroh, muffigen Menschenkleidern und
Ochsenmist herrschte, ist kurz berichtet. Wang war nicht anwesend; Ma-noh
hatte ihn den langen Weg, wo sie zusammen die goldenen Buddhas und die s
lchelnde Kuan-yin aus Bergkristall heruntertrugen, nicht allein gelassen;
sie saen in jener Gertekammer zusammen und sprachen.

Ma-noh war von einer Kette losgebunden; berglcklich, ungeschickt und
possierlich. Seine alte Gereiztheit klang peinlich in seiner Stimme; er
hatte einen Kampf zu bestehen mit seinen Grimassen, seiner Redemanier,
pltzlichen Affekten, die bodenlos geworden waren, und die er mit sich
herumschleppte, wie ein krankes Tier seinen Winterpelz in das Frhjahr. Er
kannte mit dem feinsten Gefhl seine Aufgabe, Wang zu beobachten; sah mit
Angst die Gefahren, die Wang drohten; sah im Hintergrund die Furcht Wangs
vor der Anbetung der Vagabunden. Sie blieben bis in die Nacht in der
dunklen kalten Kammer. Ma-noh konnte mit Freude verfolgen, wie sich in Wang
das vterliche und herrschaftliche Gefhl fr die Brder, die ihm
vertrauten, fest und fester setzte.

In der Scheune berichteten die fnf Abgesandten, was sie mit Wang-lun
beraten htten und was ihnen Wang gesagt htte. Vermochten fast Wort fr
Wort zu wiederholen. Sie standen in der Mitte des zugigen Raums; die Mnner
drngten sich um sie. Was die Boten berichteten, wirkte ungeheuer.

Neuer berfall, Bogenschsse in ihre Masse hinein htten nicht so stark
erregen knnen. Bei einigen, die sich abseits von den brigen zu bewegen
pflegten, kamen hohnvolle Bemerkungen auf von Bonzenwirtschaft; sie hielten
sich geduckt, als sie sich umringt fanden von leidenschaftlichen Gebrden,
stillem Vorsichhinstarren, hastigem Ausfragen, gedankenvollem Hin- und
Herspazieren.

Die von Ma-nohs Htte herunterkamen, strmten eine unablenkbare Sicherheit
aus; sie standen eingekeilt; aus dem Haufen klang immer ihr: Wang hat
recht. Diese Boten, vom alten Chu bis zu dem ungeschlachten langen
Burschen, welcher das blutige Fell in Ma-nohs Htte getragen hatte, wurden
angestarrt, umgangen von ihren Bekannten; man fate sie an die Hnde, man
lechzte sie aus, staunte ihre Ruhe an. Wang, der ein paar Huser entfernt
in der Kammer hockte, an die jetzt alle dachten, rief man nicht; man htte
ihn ungern gesehen; er sollte dies alles nicht ansehen, dieses Herumgehen,
dieses Zweifeln, diese Ratlosigkeit; man frchtete das Auslschen aller
Lampen durch ihn.

Den meisten kam Wangs Plan wie ein Rausch, dessen man sich erwehrt. Es war
eine Generalabsolution, die ihnen erteilt wurde. Sie sollten, geschtzt
einer durch den andern, durch die Provinz wandern, betteln, arbeiten, an
keinem Ort sich lange aufhalten, in keinem geschlossenen Hause wohnen,
keinen Menschen tten; sie sollten niemandem wehtun, keinen betrgen, nicht
rachschtig sein. Wer will, solle die mildesten Gtter anbeten, die Gtter
des Cakya-muni, die Ma-noh und Wang vom Berge heruntergetragen htten. Man
wrde Groes, so Groes erreichen durch dies alles, da es gar nicht
ausgesprochen werden knne: die Augen der fnf Sprecher wurden klein vor
berschwenglichkeit und Heimlichkeit. Besonders der ungeschlachte Bursche
hatte jetzt etwas Hlzernes, Ungelenkes in seinem Wesen, sprach abgerissen,
war stark gebunden in seiner Haltung, als wre er pltzlich versunken,
fnde sich in seiner Haut nicht zurecht. Die andern fragten, was man denn
erreichen werde, nicht neugierig oder skeptisch, sondern lstern,
aufgewhlt; aber die Boten Wang-luns schnitten darauf nur ein befangenes
Lcheln; es schien sich um Geheimnisse zu handeln, in die auch sie noch
nicht eingeweiht waren oder die so stark waren, so stark. Die Frager
schwiegen selbst, im Gemt bengstigt und zugleich erschauernd.

Sie hatten das Gefhl der Rckkehr und zugleich des Abkettens. Die sich
nicht beherrschen konnten und Opfer ihrer Begierden geworden waren, diese
verbrauchten Weltverchter und kalten Ironiker, wurden am ehesten gepackt
von dem Plane. Sie waren leer, trieben und rollten sich durch ein
wechselvolles erbrmliches Leben, gutmtig, an vielem interessiert. Diese
waren einer Bannung am ehesten zugnglich, denn sie verloren und gewannen
nichts, waren vllig widerstandslos, da sie nichts beschftigte. So tapfer
sie sich in den furchtbarsten Lagen benahmen, so unerschrockene Beschtzer,
Angreifer sie waren, so waren sie am wehrlosesten, wo sich eine
ernsterstarrte Miene zeigte und ein Gefhl strmte. Es wickelte sie ein;
sie liefen ihm nach, sie bettelten hinter ihm her; sie tobten in Wut und
glaubten sich um ihr Eigentum betrogen und verloren, wenn es vor ihnen
auswich. Sie waren die verlssigste Avantgarde jeder, jeder Lehre. Sie
gingen in der Scheune herum, witzelten unverndert. Sie konnten kaum die
Worte der Boten lange hren, sie waren so innig gefangen, geqult von jedem
Zuviel; sie schmten sich ihrer Vernderung.

Die Glcklichen, die aus dem Drangsal des Brgerlebens geflohen waren,
hrten erregt, da man zurckkehren wolle. Sie sollten verzeihen, sie
wurden gedrngt, sich zu erinnern. Sie waren es, die tief beschftigt
herumgingen, oft zuhrten, oft sich umsahen und die Stirnen falteten. Sie
empfanden ganz leise einen Puff: man drngte sie. Der wste Schwall ihrer
Erlebnisse und Verwicklungen stand vor ihren Augen; sie hatten einen Ekel
davor wie vor einer Schlangengrube. Sie sollten verzeihen, niemandem
wehtun: das sollte die ganze Wirrnis lichten. Sie hielten sich an die
Boten, sie hingen an ihren Lippen, klagten innerlich. In ihnen tauchte das
Rachegefhl auf, heilend, vershnte sie mit sich und den andern; sie wrden
durch die alten Gassen gehen, Brder eines geheimen Bundes, furchterregend,
ohne wehezutun. Es zog sie in dem Augenblick, wo sie daran dachten, an die
Orte hin, sie sahen sich wandern; die Rolle des Anklgers verlockte sie.
Sie sollten zurckkehren; das gab ihnen den Schwung der Erwartung; sie
hielten sich an die Boten, hingen an ihren Lippen, sehnten sich.

In den Ecken standen mrrische Gesichter; junge und ltere, die miteinander
nicht sprachen, an den Kncheln kauten, Stckchen Stroh vom Boden aufhoben
und zwischen die Lippen zogen. Solche finsteren Gruppen bildeten die
verjagten Gesellen, welche sich elend unter den Vagabunden fhlten, denen
sie sich notgedrungen anschlossen und die bsartig unter ihnen geworden
waren. Ihnen konnte man eine offene Quelle zeigen, und sie wagten nicht
durstig sich hinzustrzen, sooft waren sie schon zerschlagen worden; sie
sahen in einer gewohnheitsmigen Verbissenheit ruhig zu, wie die andern
tranken, sie, unter den Ausgestoenen Ausgestoene. Sie wuten nicht ob sie
mitgalten, ob sie Brder von Brdern sein drften. Erst als sich die
lchelnden verschmten Witzbolde unter sie mischten, wo sie sich am
sichersten fhlten, lsten sich ihre Mienen. Es gab unter allen, die in der
Scheune Wangs Botschaft, diese alten herzlichen Dinge, hrten, keinen,
dessen Herz sich mit ihrem an Verlassenheit und Weiche htte vergleichen
lassen. Wo man an ihre Herzen mit einer Nagelspitze ritzte, sprang alles
Blut hervor. Sie waren unendlich verschchtert. Sie schmolzen unter Wangs
Worten; es gab unter ihnen einige ltere, die sich umarmten und mit ihrem
Schluchzen die tnende Scheune erfllten. Mit einer jungfrulichen Zagheit
lieen sie zu, da die andern sich ihnen nherten, und hatten noch spter
eine erinnerungsschwere Scheu vor ihren neuen Brdern. Einige von ihnen,
auer sich ber das, was ihnen zuteil wurde, knieten vor den Boten nieder,
nachdem sie sich durch den Knuel geschoben hatten, bogen die Leiber zur
Erde, sprachen unverstndlich. Die Verzckung befiel sie, wo sie Brder,
schwache hilfsbedrftige Brder schlimmer Vagabunden sein durften.

Die Wartenden, die Verfhrten, die Heimatlosen und Krppel aen Worte und
Mienen wie ein ses Gebck. Sie fhlten sich wohlgeleitet; sie fhlten,
ihnen geschhe Recht und man fhre ihre Sache wrdig vor aller Welt. Sie
waren es, die schon lange am innigsten zu Wang standen und am meisten von
ihm erwarteten; er war, wie sie glaubten, ihr Bruder mehr wie der der
andern. Sie trumten mit offenen Augen und frohlockten innerlich.

Kein einziger von den vier, fnf Raubtiermenschen, die mit ihnen auf den
Bergen gehaust hatten, befand sich mehr im Dorfe. Sie waren einzeln, sobald
es wrmer geworden war, nach oben geschlichen, trabten auf den verschneiten
Wegen, gruben ihre Hhlen und Htten frei und warteten, warteten.

                   *       *       *       *       *

Als die fnf Boten spt in der Nacht in Wang-luns Haus traten, und ihm in
der warmen Wohnstube, derselben, in welcher er mit dem Lederbeutel
gescherzt hatte, zu erzhlen anfingen von der Versammlung und dem Verlauf,
sank Wang zitternd gegen den Tisch, hrte ohne zu fragen einen nach dem
andern an.

Er sagte ihnen dann, was er vorhtte und was sie in den nchsten Wochen tun
sollten. Er wrde allein nach Schan-tung wandern; es wrde Wochen,
vielleicht einen Monat dauern, bis er sie wiedersehe. Prgte ihnen ein,
sich zu zerstreuen, nur an einem oder dem andern Tage zusammenzukommen,
sich nirgends lange aufzuhalten, aber immer voneinander zu wissen. Es
stnde ihnen frei, andere, die ihresgleichen wren und sich zu ihnen
hingezogen fhlten, aufzunehmen in ihre Gemeinschaft; aber darauf sollten
sie keinen Wert legen, neue Brder zu gewinnen. Sollten keine Frchte von
den Bumen reien; sollten warten, bis sie selber fallen. Nur um sich
sollten sie sich kmmern, dies knnte er ihnen nicht tief genug einprgen.
Und dann sprachen sie den Rest der Nacht, ehe sie schlafen gingen, noch
Geheimes und Himmlisches.

Es war keine Besprechung mehr. Nach den Erregungen des letzten Tages saen
sie in dem halbdunklen niedrigen Zimmer um den leeren Holztisch herum, die
Arme aufgestemmt, mit dem Kopf ermdet nach vorn bergesunken, starrten vor
sich hin, atmeten. Sie schwiegen, und dann redete einer fr sich, spann
seine dunklen Gedanken aus, schwieg. Sie hatten manches gehrt auf ihren
Fahrten; es hielt sie wach, kundschaften zu gehen auf dem neuen Gebiet.

Einer erzhlte von den groen Meistern Tung-gin und Ta-pe, welche auf
Wolkenwagen stiegen, auf dem Regenbogen gingen und dann sich verirrten im
Scho des Nebels. Sie erreichten den Scheitel des Weltalls, ohne eine
Fuspur zu hinterlassen im Schlamm und Schnee, sie warfen keine Schatten.
Sie schritten ber Berge und Felsen, bis sie zum Kun-lungebirge kamen, an
die Pforte des Himmels; sie drangen in seine Umzunung ein, sahen den
Himmel ber sich, einen Baldachin, die Erde unten, eine Snfte.

Geheimnisvoll fing Wang selber an, leise zu sprechen von den Spitzen der
Welt und den drei Juwelen. Er verstummte bald, wandte den Kopf wie beirrt
suchend zur Seite zu Ma-noh. Ma-noh im Klostersingsang: Cakya beschtzt
alle; der Maitreya kommt nach ihm, den erwarten die Frommen, des kostbaren
Mondes weien, majesttisch stillen Knig. Er summte entrckt von den
Verwandlungen.

Jeder sa mit sich beschftigt.

Als es hell am Morgen geworden war, nahm Wang Abschied nur von Ma-noh. Er
lehnte ohne Begrndung ab, sich begleiten zu lassen. Vor Ma tat Wang in der
engen leeren Kammer das schweigende Gelbde; lie sich die Scheitelhaare
sengen, hielt seine Finger ber eine Flamme, warf sein letztes Geld auf den
Boden.

                   *       *       *       *       *

An demselben Tage, an dem die Bettler das Dorf verlieen und sich nordwrts
zerstreuten, trat Wang-lun seine Reise nach Schan-tung zu den Brdern von
der Weien Wasserlilie an. Er wanderte ununterbrochen, oft sechzig bis
siebenzig Li den Tag. Ein furchtbarer Schneesturm hielt ihn zwei Tage im
Gebirge fest, ehe er in das Hgelland und die Ebene eintreten konnte.

Auf seiner beschwerlichen Wanderung brach dann der Frhling an. Die Stadt
Yang-chou-fu sah den Bettler und beachtete ihn nicht; sie sah nicht lange
spter Anhnger dieses Mannes Entsetzliches in ihren Mauern leiden, fiel
halb in Schutt. Er setzte ber groe Flsse, ber den Kaiserkanal und
bernachtete einmal in Lint-sing, der Stadt, in der er sterben sollte.
Whrend es Frhling wurde, nherte er sich den reichen, ihm wohlbekannten
Gefilden am Westfu des Tai-ngan. Man schlte noch auf den Winterckern die
Binsen ab, zog die langen Markstangen heraus; er dachte an Tsi-nan-fu, das
nicht mehr fern war, und an Su-koh. Als der erste Regen fiel, begannen sie
die Aussaat auf den Feldern, warfen Raps, Bohnen, Weizen. Das Brllen der
starken Pflugtiere, die nahen und weiten Lieder der Saatwerfer begleiteten
Wang. Er zog weiter, sdlich und stlich, umging das brausende Tsi-nan.

Seine Nahrung gewann er durch Betteln, Trgerdienste; auf dem Felde half
er. In den greren Drfern und Stdten trat er als Geschichtenerzhler
auf, trug das Weckholz, den Wrfel in der Hand, das ihm ein groer Lehrer
namens Ma-noh verliehen habe; er hrte die Leute aus, warf seine Saat mit
groer Kraft.

Er hatte Tschi-li verlassen, war wieder in Schan-tung, dem Lande, das den
groen weisen Kung-fu-tse geboren hatte, den Wiederhersteller der alten
Ordnung, die sthlerne Mittelsule des Staatsgebudes; dem Lande, das auch
durch Jahrhunderte die Geheimbnde hervorbrachte, welche Kaiser strzten
und furchtlos das notwendige Gleichma wiederherstellten, dessen dies
Gebude bedurfte. Das Land hatte einen ungeheuren Toten geboren, bot nun
unablssig Lebendige auf, um zu bewirken, da sein Fleisch, seine
riesenhaften Knochen die Erde dngten, nicht breit auf dem kostbaren Boden
laste. Die Geheimbnde waren die Spitzhacke, die Schaufel, die Barke der
Provinz. Sie berlebten Regierungen, Dynastien, Kriege und Revolutionen.
Sie schmiegten sich elastisch und windend allen Vernderungen an, blieben
vllig in jeder Drehung unwandelbar und dieselben. Die Bnde waren das Land
selbst, das sich mit blinden Augen lang hinstreckte; die Leute schacherten
oben, feierten ihre Feste, vermehrten sich, besnftigten ihre Ahnen,
Heerfhrer kamen, Soldatenvlker, kaiserliche Prinzen, Feuersbrnste,
Schlachten, Sieg, Niederlage; nach einiger Zeit, einer unbestimmten Zahl
von Monaten zitterte das Land in kleinen Schwingungen, Vulkanaugen warfen
flammende, nicht zrtliche Blicke, Ebenen senkten sich; ein breitmuliges
Donnern; und das Land, beunruhigt, hatte sich auf die andere Seite zum
Schlafen gelegt; es war alles wieder gut geworden. Es waren Jahrhunderte
her, als die Mingherrschaft, die vom Volk getragene, echt chinesische,
schwcher wurde, sich drehte, langsam verzuckte. In die schwere Zerrttung
des Reiches, bereitet durch Verbrderung von Ohnmacht, Verbrecherwesen,
Eunuchentum, griffen die Bnde ein; sie nahmen eisig den Hohn der Hflinge
hin, die einen Knaben auf den Thron setzten. Dann erklrten sie ihm
ffentlich den Krieg, bemchtigten sich des Landes; erschreckend wei
schimmerte in die Provinzen hinein die Wasserlilie Schan-tungs. Die Bnde
hatten die glckliche Zeit der Mingkaiser nicht vergessen in den
Jahrhunderten. Sagen schlangen sich um ihre Namen. Die Mandschus drckten
nicht schwer; sie lieen das Volk gehen, wenn es sich nur beherrschen lie.
So groe Kaiser die Mandschus dem Reiche gaben, die Unvergngliches schufen
und untersttzten, so blieben sie den starren Genossenschaften Fremde, die
nicht Recht haben durften. So milde, liebevoll und selbstvergessend die
starken Fremden sich um das Volk bemhten, sie vermochten kein aufrichtiges
Lcheln auf den Lippen der Frau zu erwecken, die sie auf Tod und Leben in
den Armen hielten. Die Mandschu muten erkennen, da ihnen diese Herzen
verschlossen waren. Es kam zu keiner Rachsucht. Sie hielten das Volk unter
dem Schwert. Es fing an Gewalt mit Gewalt zu ringen. China, die Witwe, die
sich in einer aussichtslosen Sehnsucht verzehrte, sammelte Freunde gegen
den ernsten Gemahl. Zur Khle trat Zorn, zur Enttuschung trat Zorn.

Wang umging die grnen Weinberge am Westflu des Tai-ngan. Als er die
ersten Hgel des Gebirges hinter sich hatte, rastete er bei seinen alten
Freunden aus der Tsi-nanzeit einige Tage. Einen verschmitzten jungen
Tpfer, den er bei ihnen vorfand, schickte er nach Tsi-nan herunter mit
einem Gru an den Bonzen Toh, den Verwalter des Tempels des Musikfrsten
Hang-tsiang-tse. Die Rckkehr des Boten konnte Wang dann nicht mehr
erwarten. Der Tpfer fand den Bonzen nicht im Tempel; er hatte nach Wangs
Mord an dem Tou-ssee seine Kammer verlassen und hielt sich in der Stadt
verborgen, erst in den grnen Husern, wo ihn eine Wang befreundete Dirne
aufnahm, dann in einem Drfchen jenseits des Flusses, wo er seine Fhigkeit
des Ziselierens an Zinngefen auszuben begann. Hier traf ihn der gewandte
Tpfersmann. Der Schreck und die Freude bei der Nachricht lie Toh den
Stahlgriffel aus der Hand fallen. Er forschte bei versperrter Tr den
jungen Menschen aus, der von Wangs ernstem, ja ehrfurchtgebietenden
Auftreten berichtete und dessen Mission in Schan-tung ahnte. Beide, Toh und
der Tpfer, gingen frhmorgens aus dem Drfchen heraus. Als sie im Gebirge
eintrafen, waren vier Tage seit der Abreise des Tpfers verstrichen und
Wang einen Tag weitermarschiert, ohne zu sagen wohin. Erst viel spter, in
den Zeiten der letzten Not, sah Wang noch einmal seinen Lehrer und lernte
noch einmal seine Anhnglichkeit kennen.

Die Birken und das lichte Haselgehlz in der schnen Berglandschaft, die
der Mann aus den Nan-kubergen durchwanderte, schlugen aus. Kraniche
segelten durch die Luft. Das Stoen und Verhalten des Windes nahm ab; die
Felsen wurden hher und kahler. Das Kohlengebiet von Po-schan kam nher. Ab
und zu begegneten ihm lange endlose Zge von Maultieren, die kandierte
Datteln, die sen roten Frchte, in die Ebene hinunter schleppten.

Dann verbreiterten sich die Wege; auch die Berge traten auseinander. Dunkle
weite Felder dehnten sich mit unregelmigen Lchern, Pngen, in denen die
abgebaute Kohle zu Tag lag. Die Luft wurde, selbst bei Sonnenlicht, dichter
und dunkler. An vielen Orten stiegen Rauchsulen in die Luft, wie Balken,
die das Gebiet abgrenzten und eingitterten. Die Strae war hart; runde
Granitblcke lagen herum. Der Boden ging wellig. Auf der nackten steinernen
Ebene stand die groe Stadt Po-schan.

Wang hatte von Chu die Adresse eines reichen Grubenbesitzers erhalten. Er
traf den Mann in seinem ungeheuren festen Hause nicht an; er bereiste zu
Handelszwecken, hie es, die Nachbarschaft. Wang mute seine Rckkehr
abwarten. Er ging hinaus und vermietete sich als Arbeiter bei einer Grube.
Sie standen zu fnf und zehn an den tiefen Schachten, mit geschwrzten
Oberkrpern, zogen an mchtigen Winden. Im Takt, Hand hinter Hand an dem
schlpfrigen Lederriemen, zogen sie; ihr Gesang fiel gleichmig von Hhe
zu Tiefe und stieg an, wie der Eimer mit Wasser und Kohle. Sie wohnten in
der Ebene dicht zusammen in Lehmhtten.

Abend um Abend ging Wang herber in die Stadt. Zwischen den Kohlenhaufen
mute er sich durchwinden, die wie spitze Hte aussahen. Dann kamen leere
abgezunte Flchen, ber denen ein erstickender Suregeruch stand; hier
kristallisierte in groen Gefen das Schwefeleisen an der Sonne, das sie
aus einer Lauge von Schwefelkies gewannen. Am sechsten Tage traf der
Besitzer ein, er hatte schon von dem fremden Arbeiter gehrt, der Tag fr
Tag nach ihm fragte.

Chen-yao-fen war gro und breitschultrig, mit starkknochiger Stirn; hatte
ein energisches Wesen, sprach in den kurzen dringlichen Stzen der
vielbeschftigten; seine Fragen griffen unmittelbar an. Wang hatte solchem
Manne noch nicht gegenber gestanden. Er schwankte im Beginn des
Gesprches; seine Sicherheit verlie ihn einen Augenblick; einige dunkle
Erinnerungen aus seiner Betrgerzeit in Tsi-nan berhuschten ihn; er kam
sich ertappt vor. Erst als er den Namen Chus ausgesprochen hatte, der
Kaufmann verblfft an ihn herantrat, und er, Wang mit Chen zu verhandeln
anfing, schwieg alles unter kalter aufmerksamer Ruhe. Chen stand geraume
Zeit, die linke ringgeschmckte Hand am Mund, still da, von dem Schicksal
Chus erschttert. Dann versperrte er die Tre, hie den Gast, dessen
Wnsche er nicht begriff, sich an einem kleinen Tisch vor dem Hausaltar
setzen, bot ihm seine eigene Teetasse an. Wang, dessen Gesicht und Ohren
Reste von Kohlenstaub bedeckten, trug sein Anliegen vor, knapp und einfach;
welche Not sie in den Nan-kubergen gelitten htten diesen Winter, wie sie
in das kleine Dorf eingedrungen wren, wie die Bettler sich verbrdert
htten und ihm folgten, was der Unterprfekt von Cha-tuo gegen sie
unternommen htte. Sie wrden untergehen, bten um den Schutz der
Vaterlandsfreunde, denn sie seien schuldlos, wie Chu.

Der Kaufmann, der die aufgerissenen Augen nicht von dem Mann lie, welcher
mit hngenden Armen und geschwollenen Fusten dasa und seine Sache
hersagte, wie wenn es sich um eine Schale Reis handle, fragte nur, welcher
Art der Schutz sei, den man ihnen gewhren sollte. Er erhielt zur Antwort:
Druck auf die Behrden; im Notfall unmittelbare Aufnahme der Verfolgten und
Eintreten fr sie. Dann bat er schon mit leisen Worten Wang zu gehen, um
keinen Verdacht zu erregen; morgen wrden sie bei den Laugetpfen, an denen
er ein neues Verfahren ausprobe, das er auf seiner Reise kennen gelernt
habe, sich in Ruhe weiter sprechen knnen. Wang verneigte sich und schwang
die Hnde, nachdem er auf das stndlich Dringende seiner Sendung
hingewiesen hatte.

Der Kaufmann keuchte, als er allein war. Er verstand dies alles nicht,
verstand nicht, warum Chu, der Schweigsamste von allen, der Hab und Gut
liegen gelassen hatte, ohne ein Wort zu verlieren, sich diesen Vagabunden
offenbart htte, sie alle verraten htte. Er warf sich in der Nacht. Als er
sich morgens ankleidete, steckte er ein kurzes breites Messer in seinen
Tabaksbeutel am Grtel; wenn es sein mte, wollte er den Sendboten bei den
Laugetpfen beseitigen. Chen war nichts weniger als totschlaglaunig; diese
Sache erforderte ein augenblickliches Eingreifen. Um keinen weiter zu
belasten, suchte er seine Freunde und Gildengenossen nicht auf. Er zndete
Rucherkerzen an vor der Ahnentafel in seinem Wohnzimmer, gelobte hundert
Tls zum Bau einer Pagode beizutragen, wenn diese Angelegenheit gut
abliefe, rief seine Trger.

Seine Snfte trug ihn bis an die Abzunung der Felder. Dann schleppten die
Trger zu zweien groe eigentmlich geformte Tonkrge mit einer
bleischweren Masse gefllt hinter ihm her, setzten sie auf seinen Ruf neben
eine der flachen Laugeschalen ab, die gro wie ein Zimmer war. Eine
schwarzbraune Flssigkeit bedeckte ihren Boden, atmete einen
zusammenziehenden tzenden Dunst aus. Die Trger schickte Chen weg mit
einer Handbewegung.

Wang kam, hockte auf Chens Wink neben ihn vor der Schale nieder. Beide
wanden sich dnne Seidenschals, die neben Chen lagen, vor Mund und Nase.

Wieviel sie auf den Nan-kubergen seien?

Hundert, als er wegging, jetzt vielleicht vierhundert, vielleicht tausend.

Warum so ungewi, vielleicht vierhundert, vielleicht tausend? Wodurch
knnten sie sich so rasch vermehren?

Sie seien einer Ansicht. Sie litten alle viel. Sie beschtzten sich
gegenseitig.

Noch einmal, wer er sei, woher er stamme, welche Rolle er bei ihnen spiele?

Er heie Wang-lun, sei der Sohn eines Fischers, aus Hun-kang-tsun im
Distrikt Hai-ling, Schan-tung, gebrtig. Er fhre sie; er htte ihnen
geraten, nichts zu tun gegen Bedrckungen, sondern als Ausgestoene zu
leben ohne Widerstand gegen den Weltlauf.

Was er damit bezwecke, der Fhrung, dem Raterteilen, was er mit alledem
bezwecke? Warum sie sich denn nicht einfach in die acht Himmelsrichtungen
zerstreuten, so lebten, ganz so lebten, wie er meine und wie es ja wohl
entsprechend sei; statt sich zusammenzutun, die Aufmerksamkeit der
Ortsbehrden auf sich zu lenken, Schutz fremder Genossenschaften zu
verlangen und all das.

Wer sich zerstreue, verkme, meinte Wang. Auch er hielte es fr gut, da
die Brder zusammenhielten; sie wren sonst in Krze wieder Mrder,
Seeruber, Frauenschnder, Einbrecher. Es sei nicht genug, Wegelagerer zu
sein, sondern man msse wissen, auf welchem Wege man zu lagern habe.

Jetzt erst befiel den entschlossen dasitzenden Kaufmann ein Erstaunen. Er
betrachtete den Mann neben sich, der ruhig Antwort erteilte und immer in
die schwarzbraune saure Galerte blickte.

Du hast deine Lauge vier Tage lang stehen, Chen. Es gengt nicht, da du
den Kies, den wir aus der Grube holen, wschst. Du hltst die Lauge
tagelang unter dem Sonnenlicht. Ein Kristallschwefel nach dem andern
schiet auf, je mehr das Wasser abdunstet. Gie deine Lauge in einen Bach:
es wchst kein Kristall, Chen.

An den nchsten Tagen stundenlange Unterhaltungen der beiden. In der
letzten spielte Wang seinen Trumpf aus; da er wohl den Schutz der Weien
Wasserlilie fr seine Brderschaft erbitte, aber nicht mit leeren Hnden
komme. Denn er bringe dem Bund ein stndig wachsendes Heer, auf das Verla
sei. Wenn man die Saiten des Juch-kin zu stark spanne, hren sie auf zu
klagen und zu tnen, springen wie ein Schwrmer um Neujahr dem Spieler an
die Wange, pfeifen eine blutige Strieme hin.

Schwer entschlo sich Chen am Sptabend des vierten Tages Freunde zu sich
einzuladen zu einer Mahlzeit auf den folgenden Tag. Und nachdem sie,
sechzehn an der Zahl, drei Stunden diniert hatten, viele seltene Gemse,
Krebsschwnze, Pasteten, Hahnenkpfe, Hammelklchen, gednstete Nudeln,
nachdem das zarte Gebck, die Weine, Likre und der Essig von den kleinen
Tischen gerumt waren, mute Chen seinen rauchenden Freunden von dem
seltsamen Bettler aus den Nan-kubergen in Tschi-li erzhlen.

Er erzhlte erst scherzweise, anekdotenhaft von ihm, dann als die Gste auf
andere Dinge bergehen wollten, hielt er fest, und pltzlich war der Ton
ihres Gesprches, nach ganz unmerklichen Wendungen, gendert, und das
Gurgeln der Wasserpfeifen lie nach. Es trat alles ein, was Chen gefrchtet
hatte. Es gab Lachen, Entrstung, Befremdung ber seine Rolle; bei manchen,
den klgeren, Angst und Versteinerung.

Sie saen um die kleinen, dicht aneinander geschobenen Tische in dem
prunkhaft erfllten Wohnzimmer. Bunte Teppiche und Bambusmatten wrmten den
Fuboden. Dunkel gebeizte Holzsulen, zwei Reihen, sttzten eine fein
gefelderte Decke, von der eisengetriebene Lampen und Laternen
herunterhingen an den Fen von Greifen, aus den Mulern von Drachen.
Fleckige Orchideen lagen an jedem Platz. Ein ausgezogener prachtvoller
Wandschirm verkleidete den Achtgenientisch an der Hinterwand des Hauses vor
dem Hausaltar. Ein ungeheurer meterhoher Prunkspiegel war nach der Wand zu
gedreht und zeigte auf seinem glanzigen schwarzen Holz Reiher, die ber
Wellen hinziehen, auf Felsen am Ufer sitzen, ganz klein am Firmament gegen
Sonnenstrahlen auffliegen.

Chen-yao-fen sa in einfachem schwarzen Seidengewand unter seinen bunt
geschmckten Gsten. Sie naschten Sigkeiten, schluckten aus winzigen
Teetassen, brachen Nsse. Sie genossen die Weichheit und Leichtigkeit der
Stunde, warteten auf die Schauspielerinnen, die Chen aus der Stadt zu
mieten pflegte, und waren gar nicht geneigt, an Bettler aus den fernen
Nan-kubergen zu denken. Als dann der Name Chus fiel, und da Chu in den
Nan-kubergen anscheinend von ihnen gesprochen hatte, wurde die Erregung,
das Aufspringen, das Drngen um Chen allgemein. Das Klappern der feinen
Bonbonschlchen hrte auf. Sie scharten sich an dem Wandschirm vor Chens
Hausaltar zusammen.

Pelien-kao, die Weie Wasserlilie, tagte.

Die Flche auf Chu wurden laut. Man wollte Nheres, Nheres, Nheres
wissen. Was denn, wie denn, warum denn? Die Erklrungen Chens wiederholten
sich; man sollte die Anhnger der Wasserlilie in Tschi-li orientieren, auf
die Entwicklung der Dinge aufmerksam machen, sie veranlassen, ihren Einflu
geltend zu machen, da nichts gegen den neuen Bettlerbund geschehe, die
Bettler im schlimmsten Fall selbst aufnehmen und verbergen.

Durch den heftigen Widerspruch der andern wurde Chen, der nicht ganz sicher
sprach, gereizt, sprach mit groer Kraft und nicht ohne Spitzen. Man
trennte sich auf das Verlangen vieler, die sehr bestrzt waren, kam
berein, sich abends noch einmal zu treffen.

Es war Furcht, was die meisten dieser sechzehn Mnner beherrschte. Ihre
Sache sollte pltzlich ein Gesicht bekommen. Pltzlich: das war das
Wesentliche; ohne Not, ohne Grund. Die Regierung Khien-lungs dauerte lange.
Der Kaiser hatte eine harte, nicht ungerechte Hand. Es war gefhrlich,
aussichtslos gegen ihn Aufruhr zu erheben. Es war nicht die Zeit.

Abends flackerten die bunten eisengetriebenen Laternen und Lampen von der
getfelten Decke. Die Vorwrfe, die einzelne gegen Chen vorbrachten, waren
heftiger als mittags. Da er sich eingelassen htte mit diesem Sendling,
statt einem raschen Mann fnf Schnre Ksch zu geben, dazu ein kleines
scharfes Messer. Einer jammerte, weinte, gab sich und seine Familie
verloren.

In der Finsternis schlug mit einem verabredeten Zeichen Wang an die
Hintertr des Hauses. Neben dem Altar kam der groe lumpenbekleidete Mensch
hinter dem Wandschirm hervor, stand unter den erregten Kaufleuten. Er sagte
fast wrtlich, was er Chen erzhlt hatte. Als sie in ihn drangen,
berichtete er, wie sie vom Berg laufen muten, die armen und kranken
Mnner, die mit ihm auf dem kahlen Nan-kugebirge wohnten. Er sprach, als ob
es ihn nicht betrfe. Einigen von den stolzen Kaufleuten kam der Gedanke:
man fttert diesen verhungerten Burschen aus und schickt ihn mit ein paar
Tls nach Hause. Sie beruhigten sich bei seinem Anblick, den sie genossen.
Er sah wahrhaft nicht ngstlich aus, sie lchelten leise und nickten sich
mit den Kpfen zu. Es mag sein, da es ihm und den andern schlecht ging;
die armen Teufel sollten nicht verkommen, keineswegs. Aber wozu dieser
Lrm? Wegen ein paar Hungerleider bemht man nicht Kaiser und Zensoren;
wenn der Hwang-ho bertritt, kommen in einer Stunde zwanzigtausend Menschen
um, und das Reich zittert nicht, und der Himmelssohn fhrt sich nur einmal
fragend ber die Stirn. Es war ein Irrtum Chus, die Weie Wasserlilie fr
eine Wohlttigkeitsanstalt zu halten. Wer wute, was Hunger und entartete
Gesellschaft aus ihm gemacht haben.

Die Erregung flaute ab, das Kopfschtteln wurde allgemein. Sie unterhielten
sich miteinander, whrend Wang diesem und jenem Auskunft gab. Es war
lcherlich dieses Argument, da sich ihnen Scharen krftiger Menschen
anschlssen, wo sie doch nicht wuten, was mit ihnen tun. Man lie sich
nicht von hundert, von tausend Menschen hinreien zu Dingen, die man nicht
billigte.

Wang schwitzte, wischte sich nach Bauernart mit dem Handrcken Nase und
Stirn, verbreitete unter die exquisiten Parfme den beleidigenden Geruch
der Landstrae. Er begriff die Lage vllig. In Chen, der gewohnt war zu
befehlen, stieg der Zorn ber seine Brder auf, die sich in einer ihm
unfalichen Weise abwandten, als bestnde keine Gefahr fr sie,
untereinander schon plauderten und herumgingen, als berlieen sie den Mann
und seine Sache ihm. Wangs und Chens Blicke begegneten sich.

Pltzlich lchelte der groe zerlumpte Mensch, als er ber die feinen
Konfitren auf den fnf runden Tischchen inmitten des Saals blickte.
Pfiffig verbreiterte sich sein Mund, die gelben Zhne traten hervor; er
drehte grinsend den Kopf nach beiden Seiten, indem er langsam unter
hflichen Verneigungen die plaudernden Herren zerteilte und mit der Hand
ber eine gefllte Porzellanschale fuhr, wie man das nackte Kpfchen eines
Suglings streichelt. Er hockte auf einem geflochtenen Schemel neben den
Tisch nieder, a mit feuchtem Schmatzen die Schale leer. Die Herren hinter
ihm gurrten, kicherten, lispelten, stellten sich in kleinen Gruppen um ihn
herum, boten ihm von einem Nachbartisch eine neue Schale, die er dankend
abnahm. Er erzhlte, wie schn und ausgewhlt der Geschmack dieser Bonbons
sei, nahm auf den Rat der Herren besondere Stcke aus der Schale und a.
Chen stand am Wandschirm still; die Blicke der lchelnden Herren kreuzten
sich; man blinzelte sich an; es wurde vergnglich.

Dann lie Wang seine Beine herunter, ging um sein Tischchen herum und
ntigte einen feinen Herrn, der ihm am freundlichsten Stcke angeboten
hatte, -- es war der jngste, eben der, welcher sich ber die neuste
Wendung der Sache herzlich freute --, sich auf seinen strohgeflochtenen
Schemel zu setzen. Der Herr ging amsiert mit um das Tischchen, drehte aber
vor dem Schemel, stehen bleibend und sich verfinsternd, den Kopf zur Seite
und wandte Wang den Rcken. Der sprang vor ihn unter vielen Verbeugungen,
wies mit unverndertem Lcheln auf den besetzten Tisch, pries die
auserwhlten Sigkeiten. Als der Herr kalt ein paar Schritte an ihm
vorbeiging, folgte Wang mit entzcktem Kopfnicken, bot ihm den Arm zur
Sttze und die Schultern, um ihn zu dem Platz zu fhren an dem Tisch mit
den ganz unbertrefflichen Bonbons. Der streifte wortlos mit einer raschen
Handbewegung Wangs Ellenbogen. Da umfate ihn seufzend der knochige Bettler
aus den Nan-kubergen von hinten, trug ihn unbekmmert um sein kinderhaftes
Schreien und Strampeln an den Schemel, setzte ihn mit einem Krachen darauf,
drckte ihm die aufstrebenden Schultern herunter. Mit dem linken Arm
umschlang er dem Herrn von hinten den Hals. Er wandte das wutkalte Gesicht
nach allen Seiten, in Fischerplatt drohend, hielt in der rechten Hand das
schmale fein ziselierte Messer, das der Herr zum Schmuck an seinem Grtel
getragen hatte, im Kreis um sich schlagend. Immer wieder lud er den jungen
Herrn ein, zu fressen; bis der, gedrngt durch die halblauten Zurufe der
andern, einen Bonbon nahm und schluckte. Wang zog seinen Arm von dem Hals
des Mannes, rekelte sich offen und ghnte. Er spuckte einem fettleibigen
lteren Herrn, der in der Mitte des Saales ganz allein erstarrt stand, den
halbzerkauten Rest einer Dattel auf die bemalten Schuhe. Er begrte unter
Totenstille den Hausherrn, den hohen ernsten Chen-yao-fen im schwarzen
Seidenkleid, verneigte sich grinsend, versprach morgen wieder die Ehre des
Empfanges zu erbitten, schlich um den Wandschirm und war zur Tr hinaus.
Das Messer des angefallenen Herrn klirrte, geworfen gegen den
Ebenholzrahmen des Wandschirmes.

Chen war der einzige, der whrend des Spiels alles erfat hatte; aber auch
die andern, sofern sie nicht vor Bestrzung ohne Gedanken dastanden, wuten
etwas Neues, was nicht sich deckte mit ihren Gesprchen. Es krachte im
Zimmer, ein dumpfes Aufwuchten; der junge Herr war von dem Schemel, auf dem
er noch hockte, ohnmchtig hintenber gefallen; der umgestrzte Schemel lag
halb unter seinen Beinen. Man lief zusammen, bemhte sich um den
Bewutlosen, der pltzlich erbrach, bald die Arme bewegte, sich hoch
richtete und die trben Augen zwinkerte. Es kam zu keinem lauten Gesprch.
Die reichen Herren stellten, als wren keine Diener im Haus, peinlich die
Ordnung im Zimmer wieder her, beseitigten mit seidenem Schal das
Erbrochene. Man ging hin und her.

Chen-yao-fen, mit energischer klarer Stimme, sagte, es wrde ihn beglcken,
wenn die kostbaren Herren morgen oder in den nchsten Tagen wieder den Fu
ber seine verwahrloste Schwelle setzen wrden; heute bte er sie nur noch,
bei ihm zu speisen. Einer nach dem andern dankte; man konnte sich schwer
trennen, schurrte zerstreut zu den Snften.

Wang berhrte mit keinem Wort den Vorgang in Chens Wohnung, als er den
Kaufmann am folgenden Tag auf den Schwefelfeldern traf. Er setzte ihm
auseinander, da kein Miverstndnis darber herrschen mge: die Brder aus
den Nan-kubergen bten um keinen Schutz, sondern um Anerkennung und
Brderschaft. Sie seien an sich stark, aber sie knnten gefhrlich werden:
und dies sollte verhindert werden. Whrend sie Zustze zur Lauge in die
Pfannen gossen, drang Chen tiefer in die Vorstellungen Wangs ein; seine
Ansichten ber die Armut, sein Glauben an die goldenen Buddhas wurde ihm
deutlicher; er dachte, whrend er sich vor den blauen Dmpfen das Gesicht
mit dem Schal einhllte, ber das Tao, jenen starren unbiegsamen Weltlauf
nach, der Anfang und Ende von Wangs nicht ganz klaren Gedanken war. Es
waren Schwrmer, die unter der Not, den Behrden, den stolzen
Kung-fu-tseanhngern bald Entsetzliches leiden wrden. Das heimische alte
Tao klang ihm so freudig aus Wangs Gesprchen entgegen.

Als sie nach stundenlangem schweigenden Dahocken und Rhren aufstanden und
Chen die Hnde schwang, wute Wang, da er die Weie Wasserlilie gewonnen
hatte.




Zweites Buch

Die Gebrochene Melone


Durch das westliche Tschi-li puffte der Name Wu-wei sanft wie ein
Schwrmer; Schwirren, Verhallen zwischen Bergtlern.

Durch das westliche und sdliche Tschi-li ging ein Ziehen, ein
rheumatisches Unbehagen, im Arm, in der Schulter, ber den Furcken,
schmerzhaftes Zucken in einem Zahn, Nervenstechen ber dem linken Auge.

Das westliche und sdliche Tschi-li fhlte in diesem Frhjahr den warmen
beunruhigenden Dampf um die Nan-kubettler.

Aus den Hundert, die das Drfchen Pa-ta-ling verlieen, waren nach ein paar
Wochen mehrere Tausend geworden. Was man Vagabunden, Straendieben,
Verunglckten zutrug, war nichts als das Eingestndnis der Not. Es hie
nicht mehr wie in den Nan-kubergen: Wang-lun, der lange gefhrliche Kerl
aus Hun-kang-tsun in Schan-tung, hat sonderbare Sachen von den goldenen Fos
erzhlt; er hilft uns, er kann zaubern, wir wollen mit ihm zusammengehen.
Die Menge predigte fr sich. Entfernter wohnende Dorfleute, Pilger bis in
die Ebene hinein hrten von den vielen Menschen, die Pa-ta-ling nach dem
strengen Frost verlassen htten und sich bettelnd, arbeitend, betend nach
Sden vorschoben. Zuerst wurde behauptet, es handle sich um die Vagabunden
und Strolche, welche die Psse zum Wu-tai-schan unsicher machten; rasch
verschwand dieses Gerede. Von Wang-lun erzhlte man, er sei nach dem
Kun-lungebirge auf einem blauen Pferde geritten, um der Kaiserin des
Westlichen Paradieses die Grndung ihres Bundes anzuzeigen. Er sei nach
Schan-tung gewandert, um das Goldwasser und die Perlen des ewigen Lebens zu
holen. Diese Meinung erhielt sich am lngsten. Man entwarf nach den
Erzhlungen der lteren ein sonderbares Bild von ihm. Man stellte ihn sich
vor als einen sanftmtigen Mann, der mit ungeheurer Krperkraft begabt war,
mit der er nichts anzufangen wute. Von Zeit zu Zeit befielen ihn starke
Dmonen, die er zu bezwingen gelernt hatte, da er eine furchtbare
Zauberformel brauchte. Er hatte ein gutes Herz fr die armen Ching-yin, sie
sollten alle an seinen fabelhaften Gaben teilhaben.

Wang-lun hatte seinen Schatten hinterlassen, in dessen Dunkel der Bund lag.
Ganz von selbst wurden ein paar Mnner in den Vordergrund geschoben, an die
sich die Menge hielt. Zwar schwang sich einer und der andere auf, aber dies
geschah nebenbei. Jeder empfing seine Rolle.

Ngoh, aus Ta-ku in Tschi-li gebrtig, war durch seine Geschicklichkeit im
Reiten und Bogenschieen und ein feines Wesen trotz seiner dreiig Jahre
schon zum Jo-ki einer oberen Bannerschaft aufgerckt. Er trug mit Stolz,
ohne zu prunken, den Mondstein auf der Mtze, die Tigerkatze im
Brustschild; wenn er beim Schachspiel die weiche rechte Hand hob und der
Perlmutterring am Daumen matt schimmerte, so wuten seine Mitspieler nicht,
welche starke Seele ihnen gegenber sa. Er hielt jahrelange Freundschaft
mit einem weibisch geschminkten Schauspielerknaben, einem jungen Herrchen,
wie man sich ausdrckte. Der Kaiser schtzte Ngoh sehr, wie Khien-lung
berhaupt eine Vorliebe an den Tag legte fr feine elegante Mnner, die
nicht widersprachen, gut turnen und schieen konnten, Sprdigkeit und Hrte
besaen.

Infolge der Unerschrockenheit, die Ngoh bei einem damals vielbesprochenen
Vorfall zeigte, kam er in den inneren Hflingsbetrieb der Roten Stadt zu
Pe-king hinein. Er war mit seiner Abteilung gegenber dem oberen Stadttor
stationiert, wo auf den breiten Wassergraben, der die Kaiserstadt umzieht,
das Tor des Wu-ti fhrt. Dicht an diesem Teil der Mauer, so da Ngoh und
seine Mannschaften von ihren Wachtrmen herberblicken konnten, lagen die
Palste der kaiserlichen Frauen und der Nebenfrauen. Es verbreitete sich
einmal im Herbst, zu einer Zeit, wo das Wasser des Grabens mit Frschen,
Fliegen bedeckt ist, das Gercht, da das kleine Kind einer Nebenfrau an
Krmpfen gestorben sei, und ihr anderes Kind, ein junger Sugling schon
krank liege. rzte und Priester bemhten sich, den Fieberdmon aus dem Kind
zu bannen, das viel weinte, aber nicht den Namen des Dmons verriet.

Durch ein lautes Geschrei mehrerer Frauen wurde eines Nachts die Wache
Ngohs alarmiert; in die Grten eindringend bis vor den Pavillon der
Nebenfrau, hrte Ngoh, da man im Pavillon eben den Dmon des kranken
Kindes gesehen htte in Gestalt einer kleinen Fledermaus, welche der Mutter
ins Haar scho, dann ber das hitzige Gesicht des Kindchens flatterte und
zur Tr hinausfuhr. Ngoh erkannte aus der Beschreibung, an der Gre des
Tiers, der weilichen Bauchfrbung und aus der Richtung des Fluges, da es
sich um einen Schatten handele, den er selbst fter an dem Wassergraben
beobachtet hatte, in Gesellschaft einer Libelle und zweier brauner Krten.
Er postierte vor das Tor des Wu-ti zu Einbruch der nchsten Nacht sechs
beherzte Mnner seiner Truppe, die er mit Schilden, Pfeil und Bogen
bewaffnete; er selbst stellte sich vor den Eingang des bedrohten Pavillons
mit einem nackten Schwert.

Am Ende der ersten Nachtwache sahen die sechs Mnner etwas aus dem Wasser
aufschwirren; sie schossen ihre Bogen ab; die Frauen, durch den Lrm
gengstigt, lieen Brander auf Brander los, um das Gespenst zu
verscheuchen; wei und grn strahlten die Raketen durch die finsteren
Grten. Der Dmon, nur geblendet, drang durch, umflog die Zypressen; Ngoh
sah ihn in dem Licht eines Branders wie betubt heranflattern. Er hieb auf
ihn zu; man hrte ein Quaken und Kreischen. Die Bestie wandte sich, flog
zurck. Ngoh verfolgte sie brllend, mit dem Schwert fechtend; sie kamen
vor das Haus des kaiserlichen Musikmeisters, eines Eunuchen; im Nu war die
Bestie ber der Mauer des Hauses verschwunden. Als noch die Frauen
angelaufen kamen und das Licht der zitternden Lampions zunahm, erwachte
drin der Beamte, trat im Nachtgewand erstaunt vor die Tr, fragte, was
geschehen wre. Ngoh schrie: Der graue Fledermausdmon ist hinter deine
Mauer geflogen. Entsetzt lief der schwerfllige Mann mit Ngoh und anderen
in das Haus hinein; als sie schon in alle Winkel geleuchtet hatten, schlug
sich der Musikmeister vor die Stirn, flsterte, sie sollten einmal rasch
neben dem Ofen im Wohnzimmer suchen.

Und da sa ein kleines Weib mit grnen Augen, der das Blut aus der Brust
tropfte, mit dem Gesicht eines Affen. Sie war grau und sagte, sie wte
nicht wie alt sie wre. Man fragte sie nher aus, hielt sie an den Hnden
fest. Tu-schi, der berhmte Beschwrer der Roten Stadt, der sich diese
Nacht bei dem bedrohten Pavillon aufgehalten hatte und mit in das Haus
gedrungen war, gab ein Warnzeichen den Leuten, welche die graue Hexe
hielten; aber es war zu spt. Sie hatte sich in eine schwarze Katze
verwandelt, zerkratzte den Mnnern Hnde und Arme. Tu-schi warf sich ber
sie; im Augenblick, als er ber sie fiel, hatte er sich durch einen Blick
in seinen achteckigen Handspiegel in einen weien Tiger verwandelt, zerri
die Katze. Blutend schlugen und bissen sie sich am Boden unter dem Geheul
der Weiber; da schlug Ngoh der Hexe den Kopf ab.

Er stand lachend da, freute sich blutrnstig ber die schmale rote Lache am
Boden, whrend die andern durch die finstern Gnge liefen, sich zu waschen
und von dem Anblick des toten Dmons zu befreien.

Das Kind der Nebenfrau war gerettet. Ngoh erhielt vom Kaiser ein
Pfefferminzsckchen geschenkt.

Bei seiner nun folgenden Ttigkeit im inneren Hofdienst wurde Ngoh den
Waffen rasch entfremdet; er mute sich in die Intrigen, die
Klatschtrgerei, die Eunuchenatmosphre einfgen. Er hatte schon eine
gewisse spielerische und leidenschaftliche Richtung in sich, der er nun
ausgeliefert wurde. Er verliebte sich in den vierzehnjhrigen Jungen einer
armen Grtnerswitwe, namens King-tsung, stattete den Jungen vllig aus,
nahm ihn zu sich in seine Wohnung, machte viele und feine Gedichte auf ihn.
In den Zimmern des ehemaligen Soldaten lagen Schminktpfe, Parfmflaschen,
gestickte berwrfe herum; der eitle Knabe, der ein weibisches Wesen hatte
und nicht ohne gewisse Grazie war, lag auf den Knien des Dmonenbezwingers
und lie sich lchelnd von dessen demtigen Lippen kssen und Konfekt
reichen.

Sie liebten sich, bis der Junge, der in seidenen Kleidern wie ein Prinz
stolzierte, behauptete, Ngoh schenke einem andern Knaben mehr als ihm und
davonlief. Tagelang weinte Ngoh fassungslos auf seinen Zimmern; die
Grtnersfrau brachte den Knaben zurck, der bse Streiche bei ihr gemacht
hatte. Ngoh verzieh ihm, auch als er gestand, da ein Eunuch ihm nachstelle
und da er schon Geschenke von ihm angenommen habe. Nach und nach erfuhr
Ngoh Einzelheiten von dieser Freundschaft, erfuhr, um wen es sich handle
und wurde darber so betrbt und angeekelt, da er wieder anfing, zu
bitten, man mchte ihn zum Wachdienst auf der Mauer zulassen. Er war dabei
keineswegs bse ber den Jungen; aber der merkte eine Vernderung in der
Art seines Freundes.

Und ob er nun durch den lngeren Umgang mit Ngoh feiner und empfindsamer
geworden war, er wurde zusehends stiller, verfiel in Schwermut, a
wochenlang kaum, lag in dauernder Abwesenheit. Der Hauptmann verzehrte sich
an dem Bett seines Lieblings vor Schmerz, verlie die langen Wochen der
Krankheit die Wohnung nicht. Endlich genas der Knabe. Ihre Freundschaft
glhte, sie waren sich zugetan wie nicht zuvor. Man bersah zwar in diesem
eigentmlichen Kreis die Merkwrdigkeiten der Menschen, aber ber die
Verliebtheit des tapferen ernsten Ngoh lachte man allgemein. King-tsung war
ein groer verzrtelter Bursche; der Hauptmann behandelte ihn, als wre er
empfindlich gegen einen Windsto, fuhr ngstlich bei dem bitteren Blick des
Knaben auf.

Nicht dem Hauptmann, der zu sehr in seine Empfindungen versunken war, fiel
das Nasermpfen der Umgebung auf. Der Knabe, noch von seiner Krankheit
reizbar, geriet in Zorn ber Ngoh, der ihn zum Gelchter machte, beschlo
sich von ihm zu trennen, lie sich willig von einem andern Hauptmann, der
mit ihm ber Ngoh spottete, kapern. Ngoh wanderte ohne Besinnung auf den
Mauern der Tatarenstadt, fiel im Palast in eine lange Ohnmacht, raste;
Freunde hielten den Mordlustigen zurck. Sie beruhigten den Mann schwer,
dem noch nicht die Augen ber sein sentimentales Verhalten aufgegangen
waren.

Als er seine Verzweiflung heruntergedrckt hatte, sann er, was tun fr
sich. Heer und Soldatentracht war ihm verleidet; in der Roten Stadt mochte
er nicht bleiben. Er lie sich an das Flutransportamt zu Sen-kwa am
Yang-ho versetzen. Hier brachte er in eifriger Ttigkeit, mit Reiten,
Segeln, Versemachen seine Zeit hin, wurde auf seinen Wunsch weitere drei
Jahre da belassen, rckte in eine hhere Stelle auf, steigerte den Verkehr
und die staatlichen Einnahmen whrend seiner Amtszeit nicht unerheblich.

Nach Schlu seines Dienstes in Sen-kwa machte er noch eine kleine Reise
zum Besuch eines Oheims in Ta-tung; von dieser Reise kehrte er nicht
wieder; man mute ihn, nachdem er ein halbes Jahr gesucht war, aus den
amtlichen Listen streichen. Es wurde ein Verbrechen der Nan-kuruber
angenommen. Aber Ngoh war zu den Wahrhaft Schwachen gegangen, eben in dem
Augenblick, als sie aus dem Drfchen zogen und Wang-lun sie verlie.

Dies war fr die sonderbare Gesellschaft, die um die Schnn-i genannten
Klippen herumpilgerte, um ostwrts nach dem berhmten Nan-kupa zu wandern,
der erste Augenblick des Schreckens und Staunens, als ein einsamer
eleganter Mann auf seinem Maultier hinter ihnen trabte und mit zweien von
ihnen zu plaudern anfing. Sie zogen durch das lange schmale Tal; der Reiter
folgte. Ngoh folgte in einem unsichern Gefhl; es war im Grunde der Anblick
eines jungen Burschen, den er mitten in dem Zug bepackter und zerlumpter
Vagabunden erblickt hatte, der ihn fesselte und beunruhigte. Er wute
nicht, da dieser Bursche eine hnlichkeit mit seinem treulosen Freund in
der Roten Stadt hatte. Die Mnner erzhlten vieles; es schienen Sektierer
zu sein, die den Behrden zur Last fallen wrden. Mittags lagerte er,
lachend ber sich, aber irgendwie froh, hoffnungsfroh, unter den Gesellen,
die ihn wie ihresgleichen behandelten.

Es war eine tolle Umgebung, in der er sich befand, er war beruhigt, in
nicht fabarer Weise angelangt. Sein Oheim in Ta-tung drngte nicht; man
mu die Fische fangen, wenn sie kommen; und das Wetter war voll Pracht,
schwer von Schnee, wie wenn ein Kind sich ber einen Abgrund bckt, seine
seidenen berhnge, dnnen Schals werden bauschig von dem Wind aufgeblht,
ber seinen Kopf weg, man sieht nur die wallenden Schleifen, Tcher, bunten
Schwellungen, glaubt dazwischen lustige verschmitzte Augen zu sehen,
schlagende Hnde, und ab und zu weht wirklich ein Ingwerduft herunter an
eine saugende Nase.

Ngoh in der Mandarinenmtze, braunem dicken Pelzwerk, pelzbesetzten Schuhen
kauerte neben einem Teekessel am Boden; sein Maultier neben ihm; eine
einzige Tasse wanderte in dem Kreise der sechs Mnner; Ngoh trank mit einem
starken Vergngen. Ehe es dunkel wurde und sie in Hhlen Feuerchen
schlugen, sagte er mit leiser Stimme, da er bei ihnen bleiben mchte.

An dem nchsten Tage trat die Notwendigkeit an ihn heran, sich zu
entscheiden. Ma-noh erklrte ihm vorsichtig, da sie die Geschenke aus dem
Dorf aufgezehrt htten; es msse jeder fr sich und fr einige Schwache
sorgen; ob er sein Pelzwerk verkaufen und gegen Reis und Bohnen eintauschen
wolle in dem nchsten Dorfe, wenn er bei ihnen bleiben wolle. Der Priester
berlegte dabei, wie der vornehme Mann mit den khnen Augen auf dem
Maultier aussehen wrde, wenn er in dickwattierten Kitteln wie sie ginge
und die Almosenschale ausstreckte.

Ngoh sagte nicht nein; er bat sich einen Tag Bedenkzeit aus. Er verlangte
nur einen Tag Bedenkzeit, weil er das Gefhl hatte, als ob er ein
Nachdenken ber seine Situation nicht lnger ertragen knnte; er wollte
hindurch durch diese Wand. Er zog sich dumpf in sich zusammen. Die
Gelehrsamkeit des Menzius hatte ihm nichts gentzt, die Lieder des
Schi-king kannte er auswendig mit ihren Kommentaren. Sie hatten nicht
verhindert, da ein grougiger Knabe mit schlanken Beinen ihn verriet, ihn
verhhnte.

Brllend brach es da wie ein Tiger in ihm aus, lief auf dem Wege vor ihm
her; er knnte in starrer Wut zuschlagen, wenn er nur ein Schwert in den
Hnden htte. Es sprang ihn wie ein Tiger an, den er mit gespreizten
Fingern erwrgte, eine halbe Stunde als Leiche vor sich in den Hnden hielt
und schlenkerte. Ein grougiger Knabe mit rotgeschminkten Backen;
King-tsung. Er rang mit ihm, legte sich atemlos an die eisige Erde. Man
lie ihn still liegen.

Er kaute heftig, kaute mit zusammengeschlagenen Kiefern, so da er das
Spiel seiner Backenmuskeln fhlte, betrachtete angestrengt zwei grne
kantige Steine, die aussahen wie rohe Jade.

Aber es war doch unwahrscheinlich, da sich hier rohe Jade auf dem Wege
finden lie; vielleicht hatte sie einer verloren.

Aber es war rohe Jade; hier handelte auch niemand mit rohen Jadesteinen.

Ngoh griff vorsichtig an seinem Mund vorbei nach einem und dann nach dem
andern, fhlte sie in der geschlossenen Hand ab, wollte sie jedenfalls
aufbewahren, in Sen-kwa, wo gute Steinschleifer wohnten, bearbeiten
lassen.

Wenn sie gerieten, knnte er sie an einer Grtelschrpe anbringen lassen in
einer Weise, die er sich schon vor einigen Jahren ausgedacht hatte,
zwischen einer grnen und lila Stickerei.

Ja, das konnte man mit diesen merkwrdigen Steinen machen.

Die beiden letzten Mnner des Zuges bogen um eine Ecke der winkligen
Strae, sie lieen sich beim besten Willen nicht mehr erblicken. Sie gingen
jetzt vielleicht geradeaus, dann rechts und links, rechts und links.

Ngoh suchte.

Sie gingen vielleicht rechts und links.

Diese schneeschwere Luft, dieses neblige Grau an den kahlen Hngen,
fuderhoch ber dem Gerll, ber das man trat, diese weiche gespenstige
Masse, die sich nicht ausschtten und reinigen wollte. Man konnte sie mit
den schaufelnden Armen nehmen, sich an die Ohren drcken.

Pltzlich fiel ihm ein: Lotosblumenlampen, Lotosblumenlampen, heute znden
wir euch an, morgen seid ihr abgetan. Das Kinderlied flimmerte beharrlich
in ihm und ermglichte ihm, den linken Arm aufzustemmen, die Knie zu
biegen, das linke Bein vorzustellen, zu gehen. Und schon bog er selbst um
die Ecke des Weges, lief, so rasch er konnte, hinter dem Zuge her.

Er schlo sich vier Mnnern an, von denen einer, ein buckliger mit sehr
klugem mageren Gesicht, vorgewlbten Augen, aus einer Sutra vorlas,
langsam, so gut er bei seiner Atemnot konnte. Ngoh hrte auf das alberne
Gewsch. Die vier Mnner kniffen aufmerksam Stirnen und Lippen zusammen.
Der Fremde mischte sich nicht ein. Zwei grne kantige Steine drehte er in
den Hnden her und hin, hob sie vor den Buckligen mit dem Sutrablatt,
fragte, ob er glaube, da dies Jadesteine wren. Der sah ihn an, dann
prften die vier ernst die Stcken, rieben sie gegeneinander, leckten mit
der Zungenspitze daran. Sie schttelten nacheinander die Kpfe; der
Bucklige gab mit Ausdrcken des Bedauerns die Steine zurck.

Ich wollte mir, sagte Ngoh nachdenklich mit ihnen marschierend, eine
Schrpe mit grnen und blauen Stickereien machen lassen; daran sollten die
Steine angebracht werden in einer Weise, die ich mir vor einigen Jahren
ausgedacht habe. Aber wenn ihr meint, da es keine echten Jade sind, so
werde ich mir keine Schrpe machen lassen.

Der Bucklige hob sein Sutrablatt, strich ein Quadrat in der Gebetspyramide
darauf mit Holzkohle aus. Wir wollen noch einmal die Sutra lesen von der
Kleinen berfahrt.

Ngoh lie den Tag bis auf den letzten Tropfen der Wasseruhr verrinnen.

Es war ein schner, einhllender Abend.

Er gelobte die Armut, die Ruhe, das Nichtwiderstreben. Verlangte keine
Versuchszeit, flsterte, er schlsse sich ihnen an; dabei machte er eine
khle abweisende Bewegung, eine einsargende glttende Bewegung.

Der sehnige Mann stand am nchsten Tage um dieselbe Zeit des
Sonnenuntergangs dreiig Li von der Felsenkammer entfernt, in der Ma-noh
ihm seine zobelverbrmte Mandarinmtze abnahm, den kostbaren langen
Pelzmantel auszog. Er sah rmlich aus wie alle. Die Mnner kauerten auf dem
grasbewachsenen weichen Waldboden; sie schpften Hirse und Hundereis aus
Kesseln, tunkten in Npfe mit Essig.

In zwei drei Tagen war die Ebene erreicht; da mute man sich trennen bei
Tag, betteln. Die Stdte kamen, Pe-king kam.

Ngoh hrte auf das metallene Klappern der Npfe, Gefe, Estbchen.

Er schlo mit einem harten Ausdruck die Augen. Er schnappte krampfhaft
Luft, sa gerade da.

                   *       *       *       *       *

Die aufflligste Wandelung der nchsten Wochen bewirkte der Zustrom von
Frauen und Mdchen, der bald, nachdem man in die Ebene stieg, einsetzte.
Wang-lun hatte gesagt, es sollte niemand, der Mensch war, von ihnen
zurckgewiesen werden; wenn Frauen kmen, sollten sie getrennt von ihnen
sich aufhalten, getrennt lagern; man sollte sich nicht durch Lste in das
Fieber des Daseins stoen lassen; geschhe das fter, so sei es besser, man
schliee die Frauen aus. Dies war klar, und daran hielt man sich. Es war
niemand gezwungen, bei den Wahrhaft Schwachen zu bleiben; wer glaubte, die
Wanderung ber die Erde ohne ihre kurzen glhen Sigkeiten nicht zu
ertragen, durfte umkehren.

Jenseits des Liu-li-ho kam Liu, ein tchtiger etwas zappliger junger
Mensch, der ein schwatzhaftes gutmtiges Wesen hatte, mit einer lteren
Frauensperson nach einer zweitgigen Abwesenheit an. Man wollte fr ein
paar Tage in dieser sanftwelligen Gegend bleiben, traf sich abends in den
verlassenen Stllen eines reichen Stierbesitzers unfern einer schlecht
gepflegten Pagode. Da ein Weib da war, sprach sich herum; da Liu es
mitgebracht hatte, erregte allgemeines Schmunzeln; zweifellos hatte sie ihn
bewogen, sie zu heiraten.

Es war die kinderlose Witwe eines Teewirtes, die mit ihren schwarzen
Pumphosen, schmutzigem Kittel und einem vergrmten breiten Gesicht vor der
Stalltr erschien, nach allen Seiten Verbeugungen machte, sliche Mienen
zog. Sie hatte sich einsam gefhlt. Als ihr Liu unaufgefordert bei der
schweren Arbeit half, beim Wasserschpfen und Eimertragen, glaubte sie, er
mache sich lustig ber sie, war dann geschmeichelt, hrte sein maniriertes
Gerede an von Wang-lun, von den Nan-kubergen, und da sie in keine Klster
gingen, sondern berall auf den Straen und Feldern wohnen wrden. Und
welch Zauberer Wang-lun sei; sie htten so viel, so viel zu erwarten.

Die Witwe sah den jungen Liu, klagte ihr Los; Liu half, redete dies und
das. Sie gab ihm ihr Zimmer zur Nacht, indem sie erzhlte, sie htte ein
anderes; sa die Nacht auf dem Feld ihres Herrn in einem Schober, dachte,
ob sie versuchen sollte, ihn zur Heirat zu bewegen.

Verfhrungsknste, die sie am nchsten Morgen beim Betreten ihres Zimmers
bte, milangen; Liu merkte nichts; sie kam sich dumm vor.

Dann gab es ein Wetteschnattern zwischen beiden; sie fragte nach allen
Mnnern an der Pagode, Liu antwortete, sie fragte, wiederholte, Liu
wiederholte.

Als der zapplige Junge abends mit einem kleinen Reissack am Arm gehen
wollte, nahm sie einen zweiten Reissack, sagte, sie wrde mitkommen.
Worber Liu nicht erstaunt war, sondern erklrte, dies sei sehr schn, dann
knne er ihr ber Ngoh und Chu noch weiter erzhlen; Ngoh sei nmlich ein
erstaunlicher Mensch und werde bald mit Ma-noh Fhrer ihres Bundes sein.

Die Witwe war froh. Unter den Mnnern tat man gleichgltig und zuvorkommend
zu ihr; Liu, der sich nicht um die Frau kmmerte, erwarb sich allgemeines
Lob, worber er sich freute. Die Frau pflegte in der nchsten Zeit zwei
Kranke, denen die Fe erfroren waren, zimmerte einen Karren fr sie,
dessen Teile sie zusammenbettelte.

Nach vier Tagen ging sie in das Dorf herber, half einem Schreiner beim
Sgen den hellen Tag fr ein paar Ksch, erzhlte Bekannten von ihrem neuen
Leben, kam mit ihrer fnfzehnjhrigen schnen Nichte und einem dicken
asthmatischen Weib, der Ehefrau eines Schmiedes, zurck. Auch diese blieben
bei den Wahrhaft Schwachen.

Die Frau des Schmiedes war kinderlos, die Nebenfrau hatte sich vllig zur
Herrin des Haushalts aufgeworfen; die rechtliche Frau fhlte sich ihres
Lebens nicht sicher. Sie meinte, da die Nebenfrau ihr eines Nachts einen
Werwolf aufs Bett geschickt htte; von der Zeit rhre ihre Atemnot her. Es
kam ihr berhaupt nicht geheuer in dem erbrmlichen Hause vor, das nur aus
einem stallartigen Zimmer hinter der Schmiede bestand. Da das Kind der
Nebenfrau nicht von dem Schmied herrhrte, sondern von irgendeinem
abscheulichen Wesen, dessen Natur sie noch nicht genau kannte, war ihr
sicher. Die fnfzehnjhrige Nichte jener Witwe war gut befreundet mit
dieser jugendlichen Nebenfrau des Schmieds. Als die Witwe kam, von den
Brdern erzhlte, die Schmiedfrau hoch erregt hrte, welchen krftigen
Zauber diese Mnner verstanden, verabredeten sie und beschworen sich
gegenseitig, da sie sich nicht verlassen wollten; die Frau wollte aus der
Wohnung heraus, die unter bsen Einflssen stnde, spter zurckkehren,
wenn sie starke Beschwrungsformeln gelernt htte bei den Brdern. Fest
entschlossen sich so zu rchen stand das dicke Weib auf. Sie erklrte aber,
als sie schon an der Hinterwand der Schmiede abends standen, die Nichte
ihrer Freundin msse mit. Sie se oft sehr lange mit der Nebenfrau
zusammen; aber unter der Diele des Wohnzimmers scharre eine groe Ratte,
und man knne nicht wissen, was in diesem Hause entstehe zwischen dem
begehrlichen Tier und dem arglosen Mdchen.

So nahm denn die Witwe, beunruhigt und kurz entschlossen, ihre Nichte, die
sich strubte, aus dem Dorf, und sie zogen zu dritt nach der Pagode. Es war
in den Scheunen schon ganz still; die drei legten sich in eine Ecke auf
Bettzeug, das das junge Mdchen hatte unter beiden Armen mitnehmen mssen.
Frhmorgens sammelte die Schmiedfrau seufzend und zerdrckt ihre Knochen;
die Nichte kraxelte wie ein Hhnchen hinter ihr her, die sich resolut bei
diesem und jenem Mann erkundigte, wer am strksten von ihnen sei und was
sie tun sollte. Ein zittriger Mann, der mit einem Stock in dem Sandboden
stocherte und sich ein Loch fr seinen Wasserkessel whlte, gab ihr am
umstndlichsten Bescheid, ohne sie nur einmal anzublicken. Sie fhlte sich
sehr angezogen durch das gelassene Wesen des Mannes, der ihr berall
beistimmte. Er sagte, es wrde wohl bald zu Ende sein mit den Werwlfen,
Nachtmahren, wenn erst viele recht tchtig gegen sie vorgingen. Die
Wahrhaft Schwachen htten ja noch zu ganz andern Sachen Beziehung; sie
werde schon noch hren, fr die Bndler sei alles nur eine Kleinigkeit,
zweifellos Werwlfe seien eine Kleinigkeit. Zum Beispiel Wang-lun --. Er
trat ihr auf den Fu und bat sie weg zu gehen, weil er Platz brauche.

Die Frau, hoch befriedigt, hrte zu. Ihr gefiel besonders, da offenbar
jeder einzelne, Mann oder Frau, ohne Vermittlung eines kostspieligen Wu das
Ntige bewirken knne.

Die Nichte kkelte steifbeinig, mit scheinheiligen uglein hinter der
Schmiedfrau, ratschlagte, wann sie fortlaufen sollte. Wenn sie nur nicht zu
Hause saftige Schlge erwartet htten. Vielleicht verjagte oder verkaufte
man sie. Chu sah sie im Vorbergehen mit ihren trnenschwitzenden Augen,
einen Schleier vor dem flennbereiten Mund. Er lachte ber dies wuschlige
widerspenstige Mitglied. Sie vertraute sich ihm an, um ihn auszuhorchen. Er
gab ihr Bescheid, da sie keiner holen wrde. Sie ging mit drei Mnnern
schmunzelnd fort, die er beauftragt hatte.

Nonnen, Pilgerinnen, Bettlerinnen, Verunglckte jeder Art nahm der Bund in
groer Zahl auf. Um die Zeit, als Wang-lun den Westfu des Tai-ngan umging,
die Binsenruten auf den Winterckern geschnitten wurden und der erste Regen
fiel, wlzte sich der Strom der Wahrhaft Schwachen in mehreren Betten durch
die westliche und sdliche Ebene von Tschi-li.

Aber weder die Aufnahme der Frauen, noch die Zersplitterung wurde von so
groer Bedeutung fr das Schicksal der Wahrhaft Schwachen, wie die
Vernderung, die Ma-noh erlitt. Dieser ehemalige Fopriester von der Insel
Pu-to-schan, Sonderling und Krhenfreund auf Nan-ku, hob sich drauen mit
einer frstlichen leidenschaftsvollen Gebrde auf, begrub unter dem Wallen
und Stampfen seines entfesselten Stolzes einen groen Haufen der Wahrhaft
Schwachen und sich selbst in der nrdlichen Ebene von Tschi-li.

In Pa-ta-ling hielt Ma-noh nur gefesselt, was in Wang vorging. Ein Gefhl
aus mtterlicher Angst, Ehrfurcht, Entzcken fllte den kleinen hageren
Mann. Als Wang seufzte am Morgen und allein fortzog, blieb Ma-noh in
vlliger Ratlosigkeit. Er sa in der kahlen Gertekammer, betrachtete seine
aufgetriebenen Fingergelenke, die Buddhas, die er vom Karren hereingetragen
hatte, die armgroe Kuan-yin mit den tausend Gliedern aus Bergkristall, die
auf dem Fensterbrett stand. Strolche, Diebe und Mrder waren seine
Gesellschaft; es hie wandern, wandern. Vielleicht sah man ab und zu eine
Zibetkatze, gleich der fetten alten, die jeden Abend mit der gepolsterten
Schnauze gegen seine Tr stie und wie ein Sperling piepste; sie lief jetzt
wohl in seiner Htte herum, schnffelte, oder es nistete ein Strolch
drinnen, pelzte dem verdutzten Getier Steine auf. Krhen gab es berall,
man wird andere Krhen sehen. Was sollte er unter den Wegelagerern? Wang
war nicht mehr da. Es hie wandern, nicht widerstreben, wahrhaft: nicht
widerstreben. Das Wort hatte keinen Sinn ohne Wang. Hohl blaffte die Lehre
Wangs: Was ntzt alles Toben und Ankmpfen, wenn das Schicksal seinen Gang
geht? Was ntzt alle Anspannung, wenn das Schicksal mit Glck, Erfolg,
Krankheit, bersttigung nichts als ersticken kann? Das war ein
sonderbarer Feiertagsstaat fr Bettler!

Mitrauisch, in sich versunken ging er mit den andern. Er sprach an dem
Tage wenig. Ihm fiel, whrend er trumte, die letzte Nacht ein, und er
htschelte eine schlimme Sehnsucht nach der tiefen, harten Stimme Wangs.
Erst schob er selbst den kleinen Karren mit seinen berdeckten Buddhas,
lehnte es bissig ab sich helfen zu lassen. Nach ein paar Li als es aufwrts
ging, erlahmten seine drren Arme, er mute die Deichsel abgeben. Die
Mdigkeit steigerte seine Ungeduld, die ganz klein, qulend rasch an seinen
Muskelbndeln wie an winzigen Gitarren zupfte. Er setzte sich auf einen
runden Granitblock mitten auf den Weg.

Der Zug staute sich. Ma-noh merkte nach einer kleinen Zeit, da er mit den
Blicken immer stier den Schneeboden schaufelte, da alle haltmachten. Er
wollte gereizt aufspringen, den Mann an seinem Karren anfahren, wurde durch
die ernsten erwartungsvollen Mienen entwaffnet, sah um sich. Er gurgelte
rasch: Weiter. Rmpfte beschmt die Nase. Es war lcherlich: diese Leute
warteten auf seine Befehle, durchtriebene Gesellen warteten auf den Wink
eines Fopriesters, um zu wandern. Wie wrde der groe Prior auf Pu-to
lachen! Er Bandenfhrer, Ruberhauptmann.

Erst jetzt fiel ihm ein, da er an Wangs Stelle stand. Aber das wollte er
nicht, er brauchte selber Wang. Im Augenblick ergriff das Ich will nicht,
das Verlangen nach Wang auf eine gewaltsame Weise seine Drme, quetschte
seinen Schlund hoch, melkte seinen Speichel. Verzweifelt drckte er die
Arme vor die Brust. Er kam sich rettungslos verloren vor. Sein Gehirn
schwindelte, seine Haut kochte bei der Vorstellung, da Wang auf einmal weg
sei und alles sinnlos geworden, die freudige Niederlage unter ihm, der
Abstieg ins Dorf, die Wanderung der Massen vom Pa. Alles durchlcherte,
entleerte seine Brust, pfhlte seine Wirbelsule.

Er stand an Stelle Wangs: diese starklaunige, pltzlich anspringende
Vorstellung schttelte an ihm.

Er roch mit einer wabbligen belkeit im Munde sein altes Leben. Wang konnte
ihm entgleiten: was sollte er tun? Er frchtete sich, er greinte.

Nur sich besinnen, nur sich besinnen! Wo war Wang-lun? Die Strolche und
Bettler um ihn debattierten. Ma hrte die heiligen Gedanken, die Wang aus
ihm gesogen hatte. ber den einfltigen Mnnern lag der Rausch des
gestrigen Tages und der Nacht. Er sah sie an, von seinem Trbsinn
verschluckt; er arbeitete sich heraus, in Furcht zurckzufallen. Die weiche
Stunde zwang er sich vor Augen, in der er den schneeschweren Himmel
betrachtete und Wang zum erstenmal liebte. Er wollte das noch einmal
erleben, nur dieses Erlebnis hatte Schwingen.

Den Strolchen nherte er sich; wieder sah er sich mit leiser Qual in der
Rolle des Lauschers, im Anschmiegen, Anlehnen. Wie sollte er Wang finden?
Sie marschierten, ihnen war der Fischersohn nicht fortgegangen. Ma mischte
sich schamlos unter sie. Er schmeichelte ihnen, simulierte, damit die
Strolche nichts merkten. Und unversehens atmete er ruhiger, unversehens
hatte ihre freudige Sicherheit die Lcher seiner Seele verkleistert. Er zog
seine schwarze Mtze aus Katzenfell ber die Ohren.

Das unsichere Gefhl, da die Mnner, die er fhren sollte, mehr von Wang
besaen als er selbst, verlie ihn in den nchsten Wochen nicht. Er war
bisweilen nicht zu bewegen, eine Auskunft zu erteilen; es versenkte ihn in
eine zahnwetzende Wut; ihm schien, als ob man ihn in Versuchung fhren
wolle. Man wollte ihm vorhalten, wer er war. Und wieder mute er sich
zwingen und zu seinem Erstaunen gewahren, da die Brder an nichts dachten,
ihm vertrauten. Ja lcherlicherweise eine Ehrfurcht vor ihm hatten, die
sich nicht viel von ihrer Empfindung gegen Wang unterschied. Er antwortete
ihnen unter schmerzvoller Hemmung. Sie wollten, so schmhlich es war,
ersichtlich nichts zwischen ihm und sich; Wang-lun stand nicht zwischen den
Bettlern und ihm. Sie boten sich selbst, freiwillig, drngend als Objekte
an. Er empfand es als Unsauberkeit, da er diese Mnner anwies, als
Schndung Wangs. Mit einer peinlichen gezwungenen Lsternheit bewegte er
sich unter ihnen.

Er gewhnte sich. Das tgliche Handeln schliff berscharfe Empfindungen ab.
Gentigt, sich stndlich zu uern, zu entscheiden, kam er rasch in die
Nhe zu den Brdern, die sie brauchten, in die des Fhrers. Er wirkte. Mehr
als Nachdenken befreite und lste das. Er schwamm ber Widerstnde. Er
fhlte sich gesttigt, ber Zweifel gehoben. Die Stunden von Nan-ku fingen
an zu verdunkeln. Hart modellierten die neuen Aufgaben an ihm.

Die Lehre Wangs sprhte Klte. Manche Charaktere, ber die sie zuerst
geworfen war, muten aufs Heftigste gegen sie rebellieren. Ungeschickte,
die jede Handfertigkeit verlernt hatten bei ihrem Gewerbe auf Nan-ku, in
armen Gegenden nicht das Notdrftigste erbettelten, geschlagen, tagelang
eingesperrt wurden: sie fanden sich mhselig, mimutig zurck, waren schwer
zu bewegen, unter Menschen zu gehen. Ihre schiefen Blicke sagten, da sie
bald an die Arbeit gehen wrden, die sie gut verstanden. Ma-noh nahm sich
ihrer an; es konnte nicht im Plane Wang-luns liegen, die Hnde in den Scho
zu legen, unbarmherzig verderben zu lassen. Scharf waren andere zu
berwachen: der wanderte freudig herum, zog morgens munter ab, stellte sich
abends ein, belebt, vergngt, zu vergngt; er hatte einen Sippengenossen in
einer nahen Ortschaft gefunden, geno in Ruhe seine Gastfreundschaft. Ins
Riesenhafte wuchs die Arbeit, als der Zustrom schwoll und man kaum erfuhr,
wer kam, Namen, Schicksal, ob der Neuling nicht gegen die drei kostbaren
Regeln verstoe, die Armut, Keuschheit, Gleichmut, was er erhoffe von dem
Bund der Wahrhaft Schwachen. Damals traten ohne weiteres ausgebrochene
Verbrecher in den Bund, um sich zu verkriechen; man mute sie sich vom
Leibe halten oder aufnehmen, je nach ihrer Art, verstecken oder verjagen.
In dem einen Falle hatte man ihre Rache zu gewrtigen, im andern
Nachforschung der Ortspolizei, der Prfekturbeamten. Gelegentlich
bemchtigte sich die Polizei kurzweg einiger Mnner und Frauen, die sie
verdchtigte, Verbrecher zu beschtzen.

Es wuchs der Ring der Frommen, wie man sich unter den Brdern ausdrckte.
Diese eigentmliche Vorstellung hatte die Masse selbst aufgebracht. Man
meinte, man knne allmhlich in dem geschlossenen Ring der Wahrhaft
Schwachen durch die Gewalt der Versenkung jenes Letzte erreichen, das man
bald das Westliche Paradies auf dem Kun-lun nannte, bald den fnften
Maitreya, bald das Kin-tanpulver, welches ewiges Leben gewhrt.

Ma-noh wurde heftig aus sich herausgerissen. Er wuchs in seine Aufgaben
hinein. Schwer gelang ihm die Besinnung auf den Nan-kupa. Nan-ku war der
Geburtsort des Bundes; es waren erst Wochen um, seitdem der Fischersohn aus
Schan-tung von dem alten Wu-wei gesprochen hatte. Ma ging straffer in
seinem langen geflickten Priestermantel. Sein kleines spitzes Gesicht
hnlich dem Antlitz einer Krhe. Unheimlich lebendig zuckte es ber seine
niedrige, schrgfliehende Stirn, fuhren Gedanken um seinen liniendnnen
Mund. Whrend er mit mageren Hnden gestikulierte, schlangen seine Blicke
Taue, die nicht loslieen. Er redete hastig wie frher, aber mehr dringend
und gehalten. So sah das Boot aus, auf dem viele die Groe berfahrt
antraten.

                   *       *       *       *       *

Mit einer Gruppe von zweihundert Mnnern und Frauen trennte Ma-noh sich von
einer nordwrts wandernden. Sie waren nicht weit entfernt von Tschn-ting,
einer mittleren Stadt am Huto-ho, dessen Lauf sie dicht von seinem Austritt
aus dem Wu-taigebirge gefolgt waren. Ma-noh wollte sehen, mglichst bald
sdlich von Tschao in die einsame Gegend des Sumpfes von Ta-lou zu kommen.
Ihn drngte es aus Grnden, die er nicht fate, in eine sehr ruhige
Landschaft. Bei Tschn-ting vergrerte sich Mas Gruppe um eine Anzahl
Mnner und Frauen.

Die junge Frau Liang-li, die gesttzt auf zwei Dienerinnen angetrippelt
kam, die schnste Frau der Stadt, stammte aus dem berhmten
Tseu-Geschlechte, dem unter anderm der groe Zensor Tseu-yin-lung
angehrte, der zur Zeit des Mingkaisers Schi-tsung wirkte. Frau Liang, als
sie noch Mdchen war, hing sehr an ihrem Vater, der hohe Staatsmter
bekleidet hatte, dann als reicher Mann in Tschn-ting seinen Ahnen und
seiner Familie lebte. Die zarte Mutter Liangs, Tseus rechtliche Frau,
krnkelte jahrelang. Die sehr energische Tochter lie die beiden
Nebenfrauen nicht aufkommen, sie besorgte die jungen Geschwister zusammen
mit ihren Dienerinnen, stand dem Vater zur Seite in der Verwaltung seiner
groen Gter. Tseu liebte sehr seine feine Frau, fr deren Heilung er sein
halbes Vermgen hingab. Jeder Wu, jeder Exorzist, der neu in die Stadt kam,
erfuhr, da er sich seine ersten Taels bei Tseu verdienen konnte. Ganze
Prozessionen veranstaltete Tseu zur Heilung seiner Frau, die zunehmend
schwcher und heller wurde, ab und zu tagelang aus Mund und Nase blutete
und dabei ngstlich jammerte. Sie blieb auf einmal weg, und kein Brennen
der Fusohle, keine Nadelstiche unter die Fingerngel weckten sie.

Es mag wohl der furchtbare zhe Vampyr, der die Frau aussog, noch nicht
genug gehabt haben; jedenfalls wurde der sehr frische Mann, ein
vorzglicher Boxer und Ringkmpfer, nach dem Tode seiner Frau in einer
nicht natrlichen Weise traurig. Und es geschah etwas, das ber die Tore
des Tseuhauses hinaus nicht ruchbar wurde: der Witwer suchte sich in einer
Mondnacht, nachdem er seinen Ahnen Kerzen angezndet hatte, in einem
kleinen Teich zu ertrnken. Unruhig gemacht durch den nchtlichen
Kerzengeruch warf sich Liang einen langen Mantel um, rannte vergeblich
durch das Haus nach dem Vater, strzte in den Park. Sie zog den Vater aus
dem Teich. Tseu genas vllig unter der Pflege seiner Tochter.

Aber seit dem schrecklichen Ereignis in dem Park vernderte sich sein
Verhltnis zu der schnen Liang. Es kam etwas Gedrcktes in sein Benehmen.
Er wich ihr aus, hngte sich an die beiden jungen Nebenfrauen, deren Reize
der Witwer erst jetzt zu empfinden schien. Der Mann, der in der Mitte der
fnfziger Jahre stand, betubte sich an der Schnheit dieser Frauen. Die
Tochter verfolgte ihn. Ihr Ha auf die beiden Frauen schwoll ber jedes
Ma. Sie verleumdete sie bei Tseu, setzte durch, da er die jngere, ein
harmloses, sanftmtiges Wesen, verjagte.

Aber es kam nicht zum Frieden. Liang legte die Trauer nicht ab um die
Mutter. Sie trug die Halskette, die Perlenschnre der Toten. Die beiden
seidenen Beutelchen, die Lotosblattschchen hngte sie sich an den Grtel.
Zwei goldene Ringe, zwei silberne Ringe, Verlobungsgeschenke Tseus an seine
Frau, nahm sie aus dem Kstchen, schob sie sich ber die Finger. Tseu wich
aus dem Hause. Er besuchte die Theater, besiegte ffentliche Preisringer.
Es sprach sich in der Stadt herum, da er eine Geliebte in den bemalten
Husern htte. Ehe es mit ihm zu Ende ging in dieser verzweifelten Weise,
erschien sein Bruder, der damals als graduierter Literat in Ta-ming wohnte,
in Tschn-ting, um den schlimmen Gerchten ber seinen Bruder
nachzuforschen.

Er hielt dem zehn Jahre lteren Mann die Schande vor, die er auf das
Tseuhaus werfe, bewirkte bei einer erregten Bootfahrt, da Tseu zugestand,
die Familie an der Aufsicht ber die Liegenschaften zu beteiligen,
schlielich die verjagte Nebenfrau, die ihm drauen einen Knaben geboren
hatte, zur rechtlichen Frau zu erheben. Als die Brder ernst im Hause
erschienen und der schnen Liang dies mitteilten, verneigte sie sich,
nachdem sie an ihren Ringen gespielt hatte, vor ihrem Vater, nahm
Halskette, Perlschnre ab, legte sie vor Tseu an den Boden, bat, ihr vor
der Hochzeit des Vaters einen Gemahl zu whlen. Das war Hu-tze, der schon
nicht mehr hoffte, Liang zu besitzen.

Die beiden Hochzeiten gingen vorbei. Liang wohnte im Hause des Hu-tze, der
seine junge Frau innig verehrte. Der kluge khle Mann vermochte nicht ihr
finsteres Wesen zu bannen. Zuerst lebte Liang ganz zurckgezogen und schien
gewillt, die Liebe des Hu-tze anzunehmen. Sie gebar ihm aber kein Kind. Da
glaubte er, es sei besser, wenn sich Liang in Gesellschaft begebe; auch
gewisse Steine vom Wege und Blumen lie er in ihren Zimmern aufstellen,
damit sie sie gelegentlich berhre, denn in ihnen wohnen die Geister
ungeborener Kinder. Die junge Frau lachte ber alles und folgte ihm.

Sie ging in die Wohnung ihres Vaters. Bei diesem Besuch traf sie ihn nicht
an. Sie trippelte in die wohlbekannten Zimmer, nahm aus einem Kasten, den
sie aus einer verhngten Truhe holte, die Andenken an ihre Mutter heraus,
die Verlobungsgeschenke des Vaters, die Perlenschnre, das
Lotosblattschchen. Dafr warf sie hhnisch lachend den Stein in den
Kasten, den Hu-tze ihr hatte bringen lassen. Sie war viel freudiger in den
folgenden Monaten, von einer hinterhltigen samtenen Zutraulichkeit zu dem
Mann, dem sie einen Knaben brachte. Beim Anblick des Kindes weinte die
schmalwangige Wchnerin hilflos, verfiel in ein widerspenstiges finsteres
Wesen, mit hufigem Schluchzen, Fusteballen, Wutausbrchen, da sie
verloren sei.

Sie lie sich, sobald sie hergestellt war, in das Haus des Vaters tragen.
Ohne ihren Gatten zu sprechen, hatte sie sich in Hochzeitsschmuck geworfen,
aus Laune, wie sie ihre Dienerschaft beruhigte. Den langen Schleier trug
sie, Ringe, Armspangen, Blumen aus Federemail. So trat sie vor ihren Vater,
wie ihre Mutter in jungen Jahren anzusehen, im entschlossenen Gesicht die
scharfen Zge der Krankheit, verneigte sich und sagte, sie wre da. Tseu
hie sie willkommen und war entsetzt. Sie nahmen nebeneinander Platz zum
Essen.

Liang sa in glcklicher Laune neben ihrem Vater, dem das Herz zu zucken
begann, der von Schmerz, Sehnsucht, Grauen zerrissen war. Wie Mann und Frau
gingen sie durch die Zimmer; Tseu lie seine schne Tochter gewhren; sie
umarmte, kte ihn. Sie umschlang seine Schultern ohne Scham. Sie
spazierten durch den dichten Park. Da lief Liang im Gestrpp ihrem Vater
voraus, raffte den grnen Schleier, den sie sich um den Hals wand, warf
sich rckwrts, das Gesicht nach dem Vater zu, die Arme gegen ihn
aufgehoben, in den Weiher. Tseu brauchte lange Zeit, ehe er mit Hilfe des
herbeigeholten Grtners die Frau herauszog; sie kam nach Stunden wieder zu
sich. Sie soll dann ihren Rettern geflucht haben, an der Brust des
trostlosen Tseu in Weinen, Vorwrfe und verwirrtes Geschrei ausgebrochen
sein. Sie lie ihn nicht los, bis er sie willenlos umfate und unter Kssen
flsterte, er wolle mit ihr sterben. Auf seinem Scho streckte sie sich im
Zimmer; da schlo sie gegen Abend still die Augen, richtete sich auf und
sagte abwesend, da sie nach Hause zu Hu-tze msse. Die Snfte Liangs ist
nie in den Hof Hu-tzes gekommen. Es kam nur, von einem fremden Lufer
getragen, am Morgen ein Brief von ihr bei Hu-tze an, da sie sich wohl
befinde, da es ihm und seinem Knaben, den zu gebren sie das Glck hatte,
wie sie hoffe, auch gut erginge; und sie werde ihm auch in der Zeit zugetan
bleiben, wo sie nicht bei ihm wohne.

Dann ist sie, verlockt von der Lehre des Nichtwiderstrebens, zu Ma-nohs
Gruppe vor Tschn-ting gestoen, um arm, keusch und gleichmtig zu leben.

Dies war die schne Liang-li, die sich im Lager von ihren Dienerinnen
trennen mute. Denn hier war keiner Diener des andern. Sie ging, wie alle
lilienfigen Frauen, von einigen Mnnern oder krftigen Frauen begleitet,
zu betteln, singen, Kranke zu heilen.

Frau Ching sa im hohen Kaoliang neben ihr. Dies war eine einfache
Gemsehndlerin, die in uerlich ertrglichen Verhltnissen lebte; sie war
seit einem Jahre Witwe, besa einen greren Jungen von zwlf Jahren, dazu
ein verwachsenes skrophulses, auch bsartiges Kind. Nach der Geburt des
unglcklichen Wesens htschelte sie ihren lteren Liebling nicht mehr
lange. Sie wurde vllig von dem Kinde, das der Vater sein Grovterchen
nannte, in Anspruch genommen, je mehr sich seine Eigentmlichkeiten
herausstellten. Trotzdem sie berzeugt war, da die hexende Hebamme an
allem schuld hatte, denn dies war schon das zweite unglckliche Kind, das
in der Strae von der Hebamme gebracht war, und trotzdem sie alle Aschen,
Wasser, Brandmale anwenden lie, hegte sie ein Mitrauen gegen sich selbst;
ob sie irgend etwas in der Schwangerschaft oder vorher versehen htte, ob
sie sich vielleicht zu wenig aus einem zweiten Kind gemacht htte, oder was
sonst. Sie beobachtete unausgesetzt das Kind. Von dem lteren wollte sie
kaum etwas wissen; sie meinte mignstig, da er gerade Beine hatte; und
damit sei es ja gut. Sie bekam Znkereien mit ihren Nachbarinnen, weil sie
glaubte, da man sich ber das Grovterchen mokierte; es kam zu
Streitigkeiten, weil Frau Ching schlielich fremde Kinder prgelte, die von
dem Kleinen beim Spiel gebissen oder gekratzt wurden. Denn das liebte das
Grovterchen sehr.

In der ersten Zeit, als das Kind zwei Jahre etwa alt war, versteckte sie es
in der Wohnung; sie hatte eine grenzenlose Liebe zu dem Wesen, bettelte es
in der stillen Wohnstube an, es mchte doch vernnftig sein, versuchte auf
eigene Faust absurde Heil- und Zauberpraktiken; das waren schne Wochen,
wenn sie etwas Neues bei dem Kind anwandte und nun von Tag zu Tag
hoffnungsfreudig ihre Beobachtungen machte, sich hier betrog, da betrog.
Dann wurde sie, enttuscht, wtend auf sich, da sie wegen dieses Krppels
mit aller Welt sich zerwerfen mute, lie das Kind herumliegen. Sie
schimpfte hart auf den Teufel, den man ihr aufgehalst habe.

Immer gewann ihre Besorgtheit die Oberhand. Sie brachte das Kind unter
Gespielen, bewirkte durch ihr abschreckendes Auftreten, da keiner das
Grovterchen zu foppen wagte, ja, da man Angst vor ihm hatte, sich von
ihm mannigfach tyrannisieren lie, wodurch seine Unarten sich ppig
entwickelten. Es wre beinahe dazu gekommen, da sie sich des Kindes wegen
ganz isoliert htte, wenn die Nachbarinnen nicht einsichtig gewesen wren.
Frau Ching nahm ein herausforderndes Wesen an; sie duldete kein Gesprch,
keine Andeutung auf ihr miratenes Kind. Sie lebte sich in eine schroffe
Abwehrhaltung hinein, die nicht nur die Dinge um das Grovterchen betraf.
Ihre Gesprchigkeit, derbe Laune, verschwand unwiederbringlich. Sie war
eine jhzornige, wenig umgngliche Frau geworden.

Damals kam das groe Gercht von den neuen mchtigen Zauberern, die aus den
Nan-kubergen nach Sden und Osten herumzogen. Die Berichte huften sich.
Ein heller Blitz fuhr in die Frau; sie lief in die Jamenhfe, auf die
Marktpltze, wo man Geschichten erzhlte, sog die Nachrichten ein, trug sie
mit sich nach Hause. Sie htschelte das Grovterchen und den lteren
Jungen, sprach aufgeregt mit allen Bekannten ihrer Strae; bergab den
lteren Knaben, dazu ihre ganze Wirtschaft, als die Wahrhaft Schwachen sich
Tschn-ting nherten, dem Besitzer des Nachbarhauses zur Pflege, sagte, da
sie auf ein paar Tage verreise, und wanderte in das Lager des Ma-noh. Es
erbrigt sich, zu berichten, wie es ihr und andern drauen erging. Sie
fanden nicht, was sie suchten und bemerkten schlielich, da sie alles
Erdenkliche erreicht hatten. Man erfllte ihnen keinen Wunsch; man entzog
ihnen jeden Wunsch.

Ma-nohs Haufe lagerte in dem ppigen Gelnde westlich des groen Sumpfes
von Ta-lou.

Schon war der fnfte Monat gekommen.

Solche Milde und Se wehte in der sommerlichen Luft. Gegen Abend schwommen
von den Blumenhngen um das Sumpfufer verwirrte Gerche herber, mit dem
Windhauch abreiend, klangartig; eine Schar betubter versunkener Geister
flog in Phosphorfunken herber, dunkelte ber den Boden hin, suchte sich an
Menschen festzuhaken. Weit voneinander ab standen prchtige Katalpabume
auf den langgestreckten Hgeln. Die dicken braunen Knorren schwellten in
buschigem grnen Zweigwerk auf, so dicht und reich, als knnten die Bume
nicht genug auf einmal einatmen von dem blauen Wind, nicht breithndig
genug die goldigen heien Tropfen des Yang auffangen. Jedes der
herzfrmigen Bltter trug ein glnzendes Grn zur Schau, zeigte ohne Scham
das engmaschige Aderwerk seiner Eingeweide. Wenn die Lfte vom Sumpf
herberkamen, tremolierten die nackten Blttchen, schnellten an, warfen die
Geisterchen platt mit der Zunge beiseite, drngten sich verliebt
aneinander. Aus der schwebenden grnen Masse, dem hngenden grnen
Erdboden, hingen an Stengelchen brunliche Fden herunter und klappten ins
Gras, wie brunliche sich windende Regenwrmer, die vom Fall erschlagen
wurden und das schne Moos befleckten. Wo die Hgel abflachten und in die
Talmulden bergingen, wucherte der ornamentale Mikanthus, der mannshohe
starre Halm, die zebraartig quergestreifte Staude, unbewegliches sich
verjngendes Gelb und Grn, an dem sich die Kugeln der blassen Regentropfen
mit ihren Spektren aufspieten.

Auf dem fetten Boden, den man von Westen her anfing zu brechen, lagerte in
Ruhe die Truppe Ma-nohs. Man erwartete die Ankunft Wang-luns, der schon die
stlicher vorgerckte Schar Chus seit einer Woche erreicht hatte.

Es war am siebenten Tage des fnften Monats, da man einen jungen schwachen
Bruder herantrug, den man auf offnem Wege bewutlos aufgefunden hatte. Das
fnftgige Fasten, das er sich freiwillig aufgelegt hatte nach einer
Entrckung, bekam ihm nicht. Den leichten langen Menschen, der eine Art
Kutte mit Strick trug quer ber beide Arme gelegt, schleppte ein
baumstarker Mann im Soldatenkittel; der Mann bckte sich mit dem
schweitropfenden Kopf weit nach vorn, um den Schatten seines riesigen
Strohhuts ber das Gesicht des jungen Menschen zu werfen. berall waren
Htten und Zelte wie bei einer Armee aufgeschlagen; Ma-noh lie zwanzig
Mnner abwechseln, Bretter auf Segelkarren fahren hinter und vor dem
Haupttro, weil die Klte- und Feuchtigkeitserkrankungen unter den Brdern
und Schwestern berhand nahmen. Unter den khlen Katalpabumen legte der
Soldat, Deserteur der Provinzialtruppen, den Kranken vor ein Zelt in das
trockene Moos, tropfte aus einem winzigen schwarzen Glasflschchen eine
grne Flssigkeit auf die borkigen Lippen des Bewutlosen, setzte je zwei
Tropfen hinter seine Ohren. Der Kranke seufzte, suchte die Tropfen hinter
den Ohren abzuwischen, kaute mit den Lippen, schlug die Augen auf. Der
Soldat sah ihm zu, kommandierte, er solle den Atem verhalten, jetzt langsam
atmen, jetzt den Atem verhalten.

Die Sonne war untergegangen. Ma-noh lehnte, bis die graue Dmmerung
heraufzog, gegen die Bretterwand seiner Htte, zhlte, rechnete, blickte
durch die hohle Hand nach den Sternen, griff sich an die Brust, lag mit der
Stirn am Boden: morgen war der Tag der Vollendung Cakya-munis, des Reinen,
des Schwerttrgers der durchdringenden Weisheit.

Als Ma sich aufgerichtet hatte und in dem warmen Moos hockte, fing er
nachdenklich zu lcheln an, von der dunklen Luft eingerundet. Seine Augen
zwinkerten; gelblich standen sie in den schmalen Spalten, wie junge Hunde,
die aus einem halboffenen Koffer herausschnappten. Man ging mit
Papierlaternen an ihm vorbei, ein vielstimmiges glckliches Singen klang
aus dem Frauenlager von dem stlichen Hgel herunter. Von Zeit zu Zeit
harte gleichmige Mnnerrufe. Irgendwo betete man. Der undurchdringliche,
schwere, dickleibige Himmel drngte sich eng an die Erde, die ihm, wo ihn
die Sonne verlassen hatte, verwandt vorkam; mit Millionen blinkender Sterne
lispelte er ngstlich nach etwas Nahem, bettelte bei der Erde, die er sonst
mit kaiserlichem Gleichmut um seine geschwollenen Fe laufen lie. Es
blkte ein klgliches W w, nherte sich, umschwirrte, dumpfte gegen die
Holzlatten. Aus dem Bambusdickicht schwirrten Vgel herber, flogen dicht
an Mas Zelt vorber in die Mikanthusfelder. Ma schlo die Augen; er sah die
Satyrhhne, wie sie im Sommer auf Nan-ku und durch die sdlichen Gebirge
flogen: trkisblaue Hrner, runde dunkle Augen in einem schwarzen Kopf;
feurig schwollen Brust und Bauch; auf braunem Mantel und braunen Schwingen
des kleinen Fliegers flimmerten die augenfrmigen Ringe. Wie sie bellten.

Morgen wird man den Tag der Vollendung des herrlichen Cakya-muni feiern. Ma
bewegte sich nicht. Hier hielt man sich an ihn, vertraute ihm. Ihr Wohl lag
in seinen Hnden. Er schmeckte eine Bitterkeit an seinem Gaumen und
schluckte. Es wird alles rudern, schwimmen, fliegen zu den Inseln im groen
Ozean, es wird alles gut geraten und ist alles gut geraten: die Boote
gerichtet, die Ruder bereit, das Steuer fest eingespannt. Kuan-yin hie die
Schiffergttin, die die berfahrt leitete, am Bug stehend, dem Wind die
Richtung weisend. Sie lasen vor ihren Zelten, die Frauen sangen, lagen alle
gut im Schatten der Kuan-yin. Er der Bootsknecht, der treue Steuermann.
Sein Wohl lag in ihren Hnden; er suchte sich zwischen ihren Handflchen,
wie er zermalmt, zerrieben, ins Gras gestreut wrde. Der weise Prior von
Pu-to hatte ihm einmal die Schule nicht gegeben, den Unterricht der
Novizen, den er wnschte; es war ein weiser Prior; jetzt hatte er Novizen,
so viel er wollte, sie gingen mit ihm, wohin er wollte, und er war schon
nicht mehr stolz.

Ma-noh verbarg, ber sich gebckt, sein kaltes Gesicht in den Hnden. Und
er verbarg sich auch, da er sie leise, scharf hate, in einem tuckenden
unheimlichen Schmerz, den er hinter dem Brustbein sprte. Wang-lun,
seufzte er. Ma-noh sah ihn schon wie die andern, mythisch gro. Wang-lun,
Wang-lun, wimmerte Ma-noh; er fhlte in sich unklare Dinge regsam,
Wang-lun konnte alles schlichten. Was war dies fr eine grausame Reise nach
Schan-tung zu der Weien Wasserlilie, und er kam nicht, und er kam nicht
zurck.

Und er kam zu spt zurck. Wohin sollte das gehen? Sie wurden alle still
und klar, hoffnungsfreudig auf eine besondere Art. Nichts wurde aus ihm.
Seine goldenen Buddhas, die kristallene tausendarmige Gttin fuhr man im
Karren hinter ihm her als eine Speise, von der er nie a. In der tglichen
Arbeit fr die Brder gab es keine Versenkung, keine berwindung. Die vier
heiligen Stufen berhrte er mit keinem Fu mehr: nun in die Strmung
eingegangen, einmal wiedergeboren, keinmal wiedergeboren, Archat, Lohan,
sndenlos Wrdiger, ja, der mit demselben Blick Gold und Lehm betrachtet,
den Sandelbaum und die Axt, mit dem er gefllt wird. Nichts, nichts mehr
von den Freudenhimmeln, wo sie auseinander weichen, die Geister des
begrenzten Lichts, die Bewutlosen, die Schmerzlosen, die Bewohner des
Nichts und jene, die sind, wo es weder Denken noch Nichtdenken gibt. Mild
und stumm saen auf dem Nan-kupasse die goldenen Buddhas vor ihm, die
Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, unter dem blauen aufgeknoteten
Haar die runde Stirn mit dem dritten Auge der Erleuchtung, weite Blicke,
ein aufgehelltes, verdunstendes Lcheln ber den aufgeworfenen Lippen, auf
den runden schlanken Schenkeln hockend, die Fusohlen nach oben gerichtet
wie die Kinder im Mutterleib. Nichts mehr von dem. Und auch nichts von
Wang, von Stille, Gleichmut; er nahm nicht teil an dem wachsenden Ring der
Frommen. Und nichts von anderem, anderem.

Morgen wird man den Tag der Vollendung des herrlichen Cakya-muni feiern.

Ma-noh nahm seine zitternden heien Finger vom Gesicht, legte die Hnde vor
der Brust aneinander, brachte die Finger in die heilige Mudrastellung,
bannte sich in der dunklen sen Sommerluft.

Er erhob sich, schlug fr seine Papierlaterne Licht, ging in die Htten
einiger Mnner, denen er mit einer starren Ruhe sagte, da morgen der Tag
der Vollendung des Allerherrlichsten Buddhas wre; sie sollten zur Feier
eine Barke der Glcklichen berfahrt bauen. Als er zum Lager der Frauen
hinber ging, bewegten sich rasch und durcheinander die bunten Laternen
nach dem andern Hgel hinauf, wo die Bretterstapel der Brder lagen, die
zum Httenbau nicht bentzt waren. Zwanzig Schritt vor dem ersten Zelt der
Frauen blieb Ma-noh am Abhang stehen, schwang seine Laterne, sagte sehr
leise, als drei Frauen zu ihm liefen, morgen wre der Tag von Cakyas
Vollendung; die Brder wrden eine Barke der Glcklichen berfahrt zimmern;
er bte die Schwestern, an die hilfreiche Gttin der berfahrt zu denken.

Am Morgen tuteten Muscheltrompeten vom Hgel der Brder, fnf Ste. An
dnnen Tauen zogen die Mnner eine lange rohgezimmerte Barke aus dem Dunkel
der Katalpen hervor, schoben sie sachte, seitwrts und hinten sttzend,
herunter mitten zwischen die Mikanthusstauden, die das Schiff wie Wellen
teilte. Eine lange Reihe von Mdchen und Frauen tauchte in den scharf
scharrenden Halmen auf; voran gingen junge Weiber, auf deren ausgestreckten
Armen eine riesige bunte Zeugpuppe lag. Sie drangen vor Ma-nohs Zelt.

Ma-noh stand im Freien, sehr schweigsam, im vollen priesterlichen Ornat,
mit der schwefelgelben Kutte und prchtiger roter Schrpe, die schwarze
vierzipflige Mtze auf dem Schdel; den Kopf gesenkt, die Hnde in
Mudrastellung. Die Frauen mit der Puppe knieten hin. Es bedurfte einer
langen Zeit, bis er sie ansah. Sie baten, ihrer Puppe vom Geist seiner
Gttin aus Bergkristall abzugeben, ihrer Gttin das Licht zu ffnen. Ma-noh
schien bernchtig; er sprach matt. Er lag geraume Weile im Zelt, wo man
die Puppe neben die Kuan-yin an die Erde gestellt hatte; es schien, da er
betete. Dann kamen die Frauen herein; eine hielt eine kleine Holzschale mit
einem roten Saft, in dem ein Stengel schwamm. Ma nahm den Stengel,
zeichnete der Puppe rote Klexe: Augen, Mund, Nasenlcher, Ohren; nun konnte
die Puppe sehen, schmecken, riechen, hren, hatte eine Seele, war eine
Kuan-yin, Gttin der Barke.

Zehn Mnner und zehn Frauen gingen an diesem Tage in die Nachbarschaft zu
heilen, zu arbeiten, zu helfen, zu betteln. Man betete lange Stunden auf
dem Mikanthusfelde in einer Reihe die Mnner, in einer Reihe die Frauen;
vor dem Schiff Ma-noh. Eine Handglocke klingelte, man fiel auf die Stirn;
der Priester las eintnig vor; von Zeit zu Zeit fielen die Hrer ein. Als
die Sonne nicht mehr senkrecht strahlte, setzten sich Mnner und Weiber
gemeinsam um das Schiff, an dessen Mast die bunte Gttin angelehnt stand,
zum Mittagessen hin.

Auf der Riesendschunke unter dem Zeichen des kaiserlichen Drachens segelten
sie frher. Zwergteufel, Schatten, harmlose Katzen mit vertauschten Seelen
kletterten frher an den Strickleitern und Masten herauf, sprangen an
Schiffsbord, strzten sie, von hinten anstoend, ins Wasser. Ertranken
nicht, wurden in ein anderes sehr stilles Land geschwemmt, zimmerten sich
eine Barke, an deren Mast Kuan-yin stand. Mnner und Frauen lsten sich in
Gruppen, saen und lagen im Gras, unter den Bumen. Geschichtenerzhler
gingen herum, Springer und Gaukler zeigten Knste, ein paar ehemalige
Kurtisanen, die an verschiedenen Teilen des Tales musizierten, taten sich
zusammen, sangen, auf die Barke tretend, um die Kuan-yin ziehend Hand in
Hand, das Freudenlied von dem grnen Felsen; vielstimmig tnte das se
feine Lied, oft wiederholt, ber die niedrigen Hgel, von den Bumen
zurckgeworfen.

Man glttete einen aufgeworfenen Erdhaufen auf der Hhe des Frauenhgels,
indem man rasch mit Brettern auf den Boden schlug, lud einen jungen
Eunuchen und eine grougige schlanke Kurtisane ein, zu tanzen. Dann trat
zuerst der junge Eunuch auf den Platz, allen im Mikanthusfeld und auf dem
Abhang des Mnnerhgels sichtbar, mit den Gliedern einer Gazelle, aus
stolzen schwrmerischen Augen um sich blickend. Er trug einen gewhnlichen
losen Kittel und lockere Hosen von schwarzer Farbe; jeder wute, da er
eine groe Kleiderkiste aus Pe-king nahm, als er zu Ma-noh floh. In seinem
schwarzen lockeren Anzug, den Zopf im Knoten aufgebunden und nun die
leichten Arme angehoben, tanzte er.

Er ging, zappelnd im Kniegelenk, auf und ab, knixte langsam ein, bis er auf
seinen Hacken sa, zog sich ruckweise hoch und schlug die Arme, mit den
Handflchen nach auen, dichter und dichter ber dem Kopf zusammen. Dann
stand er still, drehte das Gesicht zur Seite, so da man sein strahlendes
Lcheln sah, und fing an, ein Bein vor das andere gestellt, sonderbare
Bewegungen mit Rumpf und Armen auszufhren. Er beugte sich weit nach
rechts, legte die Arme vor die Brust zusammen, beugte sich weit nach links,
fhrte den Rumpf im Kreis herum; lste nun, den Rumpf festgestellt, die
Arme, lie sie seitlich flattern, ringeln, haschen. Er schwang die Arme
scharf herum, und wieder flatterten sie sanft, ringelten, haschten. Nun
stellte sich rasch ein kleiner Fu vor den andern, trippelte auf der
Stelle, dabei flogen die Arme nach einer Seite und bis in die gestreckten
Finger hinein folgte die Bewegung; es sah aus, als wre der Krper gebannt
und suchte vergeblich, den Hnden, Fingern nachzulaufen. Die Bewegung der
Fchen wurde immer wilder, zuckend, springend, bis es dem Tnzer gelang,
sich in einem groen Satz nach rechts, in einem groen Satz nach links vom
Fleck zu lsen, und bis er in glcklicher Raserei hoch und nieder hpfte,
seitlich ganz auf den Boden umsinkend, und sich in einem Tremolieren wieder
zurckzwang auf den Fleck. Schon glitt die grougige Kurtisane neben ihn,
die niedrige runde Stirn frei, die schwarzen Haare im Chignon der dreizehn
Windungen aufgebunden, ein fettes wohlmodelliertes Gesicht; ein hemdartiger
langer Kittel von hellgrauer Farbe ber der kleinen Figur; aus den
violetten Beinkleidern quollen an den Kncheln weie Spitzen hervor. Den
grasgrnen Grtel hielt sie in der linken Hand. Sie fing mit kurzen
Kopfbewegungen nach beiden Seiten an, dann kam ein Nicken, Heben, behaglich
langsames Kreiseln des Kopfes. Als das Rucken wieder losging, traten die
Hnde in Ttigkeit, die schlaff an angepreten Armen hingen, sie klappten
vor den violetten Beinen erst unmerklich, dann heftiger auf und ab, rissen
die Unterarme hoch. Beide Arme ausgestreckt; unter wirbelnden Handdrehungen
zuckte sie schroff seitlich mit den Hften; und die Bewegung bertrug sich
abwrts in die Beine. Erst wurden sie von dem Hftenschwung mitgezogen,
dann schwangen sie, angesteckt, gereizt, enthusiasmiert, mit ihrer Zuckung
mit, nach rechts, nach links und traten, schlenkerten, zitterten in eigener
Weise. Die starken Oberschenkel preten sich zusammen; die Unterschenkel
rhrten sich umeinander, schnellten in den Knien auseinander, klappten
zusammen. So sprang das Mdchen, den Grtel auf beiden Armen balancierend,
um den abgegrenzten Platz und den jungen Eunuchen herum, der sie in einem
unbersehbaren Rhythmus mit Kopf- und Handbewegungen begleitete. Sie
tanzten beide umeinander, nebeneinander. Der Eunuch sank auf die Erde und
schob, die Arme im Rhythmus hochgeschleudert, langsam und gewaltsam seinen
zarten Krper aus dem Boden auf; die Kurtisane stand steif ber ihm, die
Arme quer vor die Stirn gelegt. Als er zum letzten Wurf die Arme schwang,
strzte sie auf ihre Fersen nieder, und nun lockte er, mit den gespreizten
Fingern ihren begegnend von oben, sie hoch. Als wenn sie Fische wren,
schwammen sie mit ausgebreiteten Armen, geraden Fingern gegeneinander.

Sie tanzten vor den unersttlichen Zuschauern in den Maskenkostmen des
jungen Eunuchen den Tanz der Pfauenfedern, der roten und schwarzen
Bandstreifen. Man unterschied nicht Mann und Frau. Mit Anbruch des Abends
belebten sich alle. Die Barke mute mit der scheidenden Sonne ihre Fahrt
antreten. Die Frauen hockten beratend zusammen; sie hatten lange bunte
Papierstreifen ber ihren Knien; sie kritzelten ihre Namen und die
geliebter Seelen darauf; malten Bannformeln gegen Gespenster, Krankheiten,
liefen nach der Barke und warfen die Zettel vor die Puppe. Die Barke hatten
Mnner am spten Nachmittag prchtig mit rotem Papier geschmckt, lange
Wimpel an den Mast gesetzt, kleine Segel an Schnre gezogen, sie mit
tausend roten Augen besetzt. In dichtem Haufen umstanden alle das Schiff;
die Handglocke klingelte. Jetzt blitzte Feuer auf, brennende Papierstreifen
flogen auf die Planken, ber Deck. Man wich zurck. Das Schiff fing an
Steuer und Bug Feuer; eine hellrote Flamme huschte ber Segelleinen, fra
Segel, und im Nu brannte die ganze Takelung unter blendendem Licht auf. Ein
Ahi des Entzckens; sie hoben die Hnde. Das Licht erlosch. Die Gttin
stand; die Bodenbretter, auch das Seitenholz brannte qualmend, knackend,
Funken spritzend. Man warf sich hin, unablssig ngstlich betend, da die
Gttin die Wnsche auf ihre Reise mitnehmen mchte. Der Qualm wurde
dichter, das Krachen des Holzes lauter; die Flamme arbeitete tchtig. Ein
weilicher Schein, der an Helligkeit rasch zunahm, manchmal verschwand, um
zaghaft wieder aufzutauchen, durchbrach den Qualm. Schon stand der Mast und
die Gttin im Rauch; man erkannte noch etwas Stilles, Braunschwarzes.
Breiter und hher wuchsen die Flammen; whlten wolkenartig ineinander. Sie
traten wie dnner Sand zwischen den Fugen der seitlichen Bretter heraus,
griffen mit tropfenden Hnden nach den schn geschnittenen Rudern, rhrten
sie als muskulse Bootsleute. Prchtiger als rotes Papier wehten die
feurigen Wimpel. Dann verlor der Schein alles Rtliche; ein weies
gleichmiges Licht blendete und nun --. Alle fuhren zurck. Zischen,
bluliches Dampfen mitten in dem weien Meer; lange bewegungslose
Rauchlinie ber den Gluten.

Als das Geheul der Flammen nachlie, war Kuan-yin verschwunden. Durch den
schweren Rauch drangen sie von allen Seiten an die Barke. Es verbrannte die
Oberschale mit den Zetteln; sie stocherten glcklich, vergeblich nach
Papier auf dem glimmenden Holz; die Gttin hatte eine freudenreiche
berfahrt angetreten. Mit leisem Plaudern ging man auseinander.

Die Nacht kam. Auf den Hgeln, unter den Katalpen, im Moos, im
Mikanthusfelde schlief man. Durch die unregelmigen Zeltreihen kletterte
vorsichtig ein aufgeschossener Mann im Dunkeln ohne Laterne, rutschte ein
Stck des Hgels herunter, stolzierte im Tal: dies war der Nachtwchter der
Truppe. Er ging in der vlligen Finsternis, sphte rechts, sphte links;
trug ein kleines Kfferchen an der Hand. Er nannte sich der
Dmmerungsmensch; seinen wirklichen Sippennamen wute man nicht; sehr
geachtet in der Truppe war dieser ltere Mann, der ein paar Li hinter
Tschn-ting sich dem Zuge angeschlossen hatte. Es gab Tage, wo er sehr
erregt war, brllte, der Karawane mit einem kleinen Metallspiegel in der
Hand nachlief, sie wie ein Hund beklffte, Zurckbleibende verdrngte,
warnte, schreiend auf seinen Spiegel wies. Unter dem Kittel hing an seinem
Hals ein Schwert, geflochten aus Pferdehaaren, lang und dnn, von einem
Stck Holz gehalten, mit kleinen Haarzpfchen besetzt; dem Schwert sollte
groe Gewalt innewohnen. In dem Kfferchen trug er den Knig der linken
Seite: dies war ein Schatten von ihm, den ihm einmal ein niedertrchtiger
Betrger entwendet hatte. Der Dmmerungsmensch stellte den Schatten eines
spten Nachmittags, als er ihn gerade wieder foppte, sperrte ihn in das
Kfferchen ein, das er mit Vorbedacht bei sich trug. Er ffnete den Koffer
nie; wenn der Knig der linken Seite entwischte, war sein triumphierender
Besitzer nicht mehr des Lebens sicher.

Abends schlief der Mann nur wenige Stunden. Er suchte nachts einen Schatten
von sich, der Hai-ling-tai hie und nur in dickster Finsternis unter
besonderen Vorkehrungen sichtbar wurde.

Der Dmmerungsmensch ging auf den Zehen um die verbrannte Barke zwischen
den Stauden, bog sachte Halm um Halm beiseite, kauerte mit angespannter
Aufmerksamkeit hin. Ab und zu nickte ein breiter Halm, dann griff er ihn
beim Fu, betastete ihn mitrauisch, lauerte. Als die Nacht vorrckte hrte
er unmittelbar hinter sich ein Rufen: Dmmerungsmensch, Dmmerungsmensch!
Er blieb angewurzelt stehen, tastete nach seinem Zopfschwert. Nach einem
Schweigen murrte es wieder: Dmmerungsmensch! Er erhob sich, steppte, den
Kopf zwischen die Schultern eingezogen, dem Ruf nach; Hai-ling-tai wollte
mit ihm unterhandeln.

Glitt auf einen schmalen Gang zwischen zwei Httenreihen. Da blinkte auf
einem Stocke eine unbedeckte Laterne; ein kleiner Mann stand auf dem Gang,
rief: Dmmerungsmensch. Es war Ma-noh, gegen den der alte Wahrsager
anlief. Ma-noh flsterte, er mchte diese Nacht vor seiner Htte wachen.
Sobald der Morgen anbrche, mchte er hereinkommen; der Dmmerungsmensch
sollte einen kleinen Auftrag fr Ma-noh ausfhren.

Whrend drauen das Umsichsphen, Schlagen durch die Luft wieder anfing,
vollzog sich drin das Ereignis, das das Schicksal der Schlafenden auf den
beiden Hgeln und dem Tale entschied.

Als der Dmmerungsmensch einen grauen Schimmer am Himmel entdeckte,
marschierte er steif in die Htte, wo Ma-noh auf einem Strohsack lag und
sich aufrichtete. Er umarmte den Alten und hielt sich an seiner Brust fest.
Der lchelte drohend ber dem gebckten Schdel, schwang abschreckend sein
Schwert nach den acht Himmelsrichtungen. Der kleine Priester brummte:
Dmmerungsmensch, du wirst deinen Bruder erfreuen. Geh in alle Htten und
Zelte der Mnner, weck sie einzeln. Ma-noh lt sie bitten, auf dem freien
Platz, wo wir den vollendeten Buddha feierten, sich zu versammeln. Sie
mchten gleich kommen. Noch bevor die Sonne aufgeht, lt sie der arme
Bruder bitten.

Von dem Hgel krochen sie herunter. Gewimmel von Laternen zwischen
kohlschwarzen Stmmen. Klappern, halblautes Sprechen, Ghnen, lahme
Knochen, Drngen, Trappeln. Als sie auf dem freien Platz im Tal standen,
schlug und krachte es hlzern; die Reste der Barke strzten, von den
schiebenden Menschen angerhrt. Der halbverkohlte Mast sauste seitwrts,
die Splitter flogen, rissen Lcher in Laternen. Die Mnner stapelten die
Bretter, hockten herum, warteten.

Ma-noh kam im zerrissenen bunten Mantel. Hinter ihm stolzierte der
feierliche Dmmerungsmensch; er schwenkte auf dem Arm Ma-nohs
Priestermantel, Schrpe und Mtze. Als man Ma einen erhhten Platz auf dem
Bretterstapel einrumte, legte sein Begleiter die Kleider neben ihn,
nachdem er in die acht Himmelsrichtungen mit dem Zeigefinger gestochen
hatte. Gequollen und rot waren Mas Augen; sein farbloses Gesicht gedunsen
vom Weinen; auf Hnden und Unterarmen blutige Kratzstriemen.

Die vielen Mnner und ihr Fhrer, der unberwindliche Zauberer, saen sich
stumm gegenber, Mauer gegen Mauer. Die Nchstsitzenden blickten auf
Ma-nohs Schrpe. Ihre Unruhe bertrug sich auf die Entfernteren. Man weckte
ihn, rief ihn an. Er solle sprechen.

Er stand auf, drehte die Priestermtze in den Hnden. Er erzhlte stockend,
da er auf dem Nan-kupa jahrelang den goldenen Buddhas vergeblich gedient
htte. Der Mann aus Han-kung-tsun kam da, er lebte nun richtig. Aber
Wang-lun sei jetzt monatelang weg, er kme nicht zurck, er kme nicht
zurck und wenn Wang-lun jetzt zurckkme, so kme er zu spt. Dies wolle
er ihnen sagen.

Ma-noh fiel in sich zurck. Wenn er die Lider raffte, blickte er erschpft,
aus bergroen einschlafenden Augenkreisen. Seine Stimme klang vllig
verndert, weich, nahe, wie die eines Wohlbekannten.

Was ist geschehen? Hat dich einer verletzt? Was hat man dir getan?

Er wiederholte dreimal, fnfmal, zehnmal, da er zu ihnen sprechen wolle,
verschluckte sich, verschrnkte die Arme, wandte sich von einer Laterne ab,
die man ihm ins Gesicht hielt, flsterte: Omito-fo, Omito-fo, Omito-fo.
Und dann rief er laut mit der Stimme, die ins Herz schnitt: Ich will fort.
Von ihr, die ber das schaumvolle weie Meer fhrt, ist mir nichts zuteil.
In den wachsenden Ring der Frommen bin ich nicht aufgenommen. Ich mu mich
opfern fr euch, ich wei, da ich es mu, weil mir anderes versagt wurde.
Aber euer armer Bruder, der nicht euer Bruder ist, kann nicht mehr leben.
Ich will fort. Schmht mich nicht oder schmht mich. Euer armer Bruder ist
rettungslos auf das Rad des Daseins geflochten und weint darum vor euch.

Die Mnner beteten. Die klaren Kpfe wurden von einer strkeren Bestrzung
befallen.

Was willst du?

Du brauchst uns nicht mehr zu fhren. Wir wollen uns abwechseln.

Hab doch Geduld, Ma-noh. Wang-lun steht nur zweihundert Li hinter uns.

Ma, dich hat ein Dmon befallen. Glaub es mir. Das ist ein Dmon.

Du bist unser Bruder. Wir sind nicht reiner als du. Du mut verzweifeln.
Bleibe hier, bleibe bei uns, Ma!

Was willst du?

Mas Erregung wuchs. Die Zurufe erreichten ihn nicht.

Ich will fort. Ich bin an das Rad des Daseins geflochten. Es will mich
schleppen durch alle unreinen Tiere und Kruter. Ich widerstrebe nicht,
nein, ich widerstrebe nicht, nicht mehr. Ich habe widerstrebt dem Schicksal
bis zu diesem Augenblick, wo ich den Dmmerungsmenschen im Mikanthus nach
dem Hai-ling-tai suchen hrte. Meinen Schatten hat man mir gestohlen. Ich
war nicht so schlau wie der Dmmerungsmensch. Ich habe kein so gutes
Schwert wie er. Ich habe keinen Koffer wie er. Ich bin nicht so wachsam wie
er. Mein Schatten ist nicht der Knig der linken Seite, ich habe auch den
Hai-ling-tai verloren, und den Lu-fu und den Soh-kwan und den Tsao-yao. Wer
alle Schatten verloren hat, mu sie suchen oder mu sterben. Verzeiht mir,
Brder, da ich nicht mehr widerstreben kann, da ich mein Schicksal ber
mich ergehen lasse. Nicht mit Stillschweigen, denn das kann ich nicht,
sondern mit Greinen, Heulen, Zerfleischen meines Lebens. Ich mu in das
Licht gehen, das mich beleuchtet. Verzeiht mir, Brder.

Die Mnner saen dumpf da. Ma schlug mit Keulen auf sie. Die Kpfe der
meisten senkten sich, sie hielten den Atem an.

Ich habe euch rufen lassen, bevor es hell wird, denn ich will mit mir noch
an diesem Tag der Vollendung des herrlichen Cakyasohnes fertig werden.
Nicht vollenden will ich mich, nur beenden. Euer armer Bruder glaubt nicht
mehr an eine Vollendung fr sich. Er hat der hundertarmigen Frau keinen
Zettel mit seinem Namen in die Barke geworfen, denn er wei schon lange,
da sie ihn nicht mitnimmt. Seht mich, einen Menschen, der seufzt und
sthnt, und so in -- die Freiheit geht.

Er verzog seinen geschwollenen Mund, so da er zu lcheln schien. Er bckte
sich, suchte mit den Hnden auf den Brettern, zog seine gelbe Kutte empor,
wiegte sie ber den Armen. Ma-noh war besessen von Schmerz. Ich wre
glcklich, wenn ich Wang-lun nicht gesehen htte. O htte ich Wang-lun
nicht gesehen, meine gelbe seidene Blte! In meiner Htte auf Nan-ku hab
ich mich angespieen, hier mu ich meine Eingeweide zerreien.

Nahm einem Manne neben sich die Laterne aus der Hand, leuchtete vor sich,
ber sich, streckte sich vor, horchte ber die schwarze lautlose Masse hin.
Kraniche flogen vom Sumpf herber. Dann schwang er mit beiden Armen die
Kutte wie ein Banner herum und rauschte: Wit ihr, wohin er geht, Ma-noh,
der Priester der Kuan-yin auf Pu-to-schan, der Freund des Wu-wei, der
Lehrer der kostbaren Regeln? Wohin er strzt? Ich sage es euch gern, was
ich schon seit Wochen gewut habe, als mich Wang-lun hat gehen lassen mit
euch. Als er mir den Kessel und die Bohnen gab und nicht mehr Zeit fand zu
sagen, wie ich kochen sollte. Er hat mich verlassen. Er darf nicht bse
Geister auf mich hetzen, wenn ich ihn verlasse. Yen-lo-wang, der Frst der
Unterwelt, wei, wie bitter mir schmeckt Wang zu verlassen. Wit ihr, in
welche Freiheit Ma-noh geht? Dmmerungsmensch, weit du es nicht? Sui,
Twan, Chang, keiner von euch?

Jetzt lachte er hitzig, leicht wie eine Seifenblase platzend, trllernd mit
dem weichen Tonfall, den er an diesem Tage zum erstenmal fand: Ich gehe --
-- zu einer Frau auf dem andern Hgel, die mich vielleicht schon erwartet,
liebe Brder. Nun wit ihr's. Und nun ist alles aus.

Ein Schluchzen und Brllen von der furchtbaren Art des Weinens lterer
Menschen klang eruptiv aus der dunklen Masse. Niemand regte sich, hob den
Kopf. Der kleine Priester tappte die Bretter herunter. An der vorderen
Reihe der Hockenden ging er vorber, keiner sah ihn an. Am hinteren Ende
der Barke, wo das umgebrochene Steuer lag, zupfte ihn einer am Mantel. Ma
blieb stehen. Aus dem Dunkel wackelte ein riesiger Mensch auf, sagte
herunter mit harter Stimme: Bruder, du mut an den nchsten Ast.

Ma ri verchtlich seinen Rock los. Zehn Hnde griffen nach dem Riesen, der
mit kalter Stimme drhnte: Er will uns verraten. Keine Regel hat hier
Geltung. Er mu an den nchsten Baum, Brder.

Zwei Mnner verstellten ihm den Weg, kaltbltige Bauern, die eine Woche bei
der Truppe waren. Sie schleuderten seine Hand ab: Du bist kein Richter.
Wir sind Brder zueinander. Wenn du Ma angreifst, werden wir dir die Hnde
abschlagen.

Indem sie der Riese noch fixierte, packten sie ihn bei den Beinen,
kenterten ihn auf die Erde, stemmten ihn nieder. Er heulte, klammerte sich
an die Hosen der Bauern. Fackeln, Holzstcke flogen von hinten ber sie.
Man drngte sich um die Ringenden, sperrte sie auseinander. Sie keuchten.

Das entsetzliche Weinen krampfte aus der schwarzen Masse.

Wo ist Wang-lun? Warum kommt Wang-lun nicht zu uns?

Ich will beten, liebe Brder, sang jemand laut, unser Ring wird sich
zusammenschlieen. Die Zeit des Maitreya ist noch nicht da. Ich mu beten.
Wir sind verloren.

Die Mnner krmmten ihre Wirbelsulen, rieben ihre Schlfen an dem feuchten
Moos. Die bittende Sutra der berwindung schauerte aus tausend Mndern ber
das graue Feld.

Ein junger Mensch, der Ziseleur Hi, gewhnliche Gesichtszge, breiter
vorgeschobener Unterkiefer, sprang langbeinig durch die Reihen, stieg
ungeschickt ber die Rcken einiger Mnner, pflanzte sich auf dem
Bretterstapel auf, kreischte in Ekstase, mit den Hnden fuchtelnd: Es
hilft uns nur das Beten. Maitreya kommt. So mu die Stunde, der Ort
beschaffen sein, wenn Maitreya kommen soll. Beten, um aller fnf
Kostbarkeiten willen, beten. Bleibt nicht liegen. Schliet den Ring. Ihr
seid meine Brder. Steht mir bei!

Er grimassierte fort, warf die Arme wie Mhlrder umeinander, wlzte sich
schumend auf den Brettern, von denen er bei einer Streckung
herunterpolterte.

Das dumpfe Weinen in der Masse vertiefte sich zum Sthnen, zum hilflosen,
stoweisen chzen. Die Hlse reckten sich weit vor nach dem krampfenden
Ziseleur. Die Augen rollten, je lnger sie hinaussahen; das Feld und der
graue Hgel verschwamm. Ihr Mund klaffte. Sie lchelten alle seltsam und
machten Gesichter, als ob sie neugierig gespannt wren. Der Speichel
tropfte ihnen ber die Unterkiefer, sie schnffelten, sie stimmten ohne es
zu merken in das Grhlen zur Rechten und Linken ein. Dann wollten sie noch
einmal rasch Hi etwas fragen. Aber beim Aufrichten befiel ihre Unterarme,
Knie und Nacken ein Zittern. Ein Schtteln, Schleudern der Glieder, Starre,
Rckwrtsbeugung der Nacken, ihr Lcheln wurde strker. Schon zuckte es
wohlig ber die Schenkel, die Bauchwand, in den Flanken, warf sie herum.

Die rote Welle schlug ber das Tal.

Der Dmmerungsmensch und zehn andere wanderten her und hin durch das Feld
mit Binsenruten, dornigen Zweigen. Sie sprangen den Befallenen auf die
Brste, strichen ihre Hnde und Mnder, fchelten die gefhrliche Luft von
ihnen weg, stachen ihnen mit den Dornen unter die Brustwarzen, ber die
Scheitel, plappernd, sich wehrend, wendend, anspringend.

Der kleine gebckte Mann am zerbrochenen Steuer der Barke drehte den Kopf
nach allen Seiten, blickte lange Zeit den und den an. Er dachte nicht. Er
strahlte. Warum sie nur alle hinfielen, wie gewandt dieser da sprang. Man
mte Nadeln glhend machen und ihnen unter die Fungel stecken, damit sie
erwachen. Als er neben sich das Schluchzen hrte, hob sich sein Brustkorb,
wie ein Berg unter einem Erdbeben, seine Kehle wurde hei, eine glatte Hand
strich an seiner Speiserhre wie an einer Wurst auf und ab, verschob eine
Walze; er weinte mit ihnen. Leise und glucksend, bemht nicht aufzuhren,
immer flieen zu lassen diesen unbekannten warmen Quell, der ber seine
Lippen, Fingerspitzen, Ngel rieselte, mit dem er sich Schlfen und Ohren
betupfte, die Hnde wusch und wusch.

Das steinerne Brllen im Tal verlor sich. berall riefen sie sich heiser
an, schoben sich voneinander. Sie hatten sich quer bereinander gewlzt.
Einer richtete sich auf und rieb seine gequetschten Schienbeine. Einer sa
und betrachtete, als ob es Edelsteine wren, die verkohlten Holzstcke
unter seinen Knien, prfte einen Splitter an der Lippe, leckte mit der
Zungenspitze. Sie scheuerten sich den Speichel vom Kinn mit langsamen,
unterbrochenen Bewegungen, ghnten, rlpsten, spien aus. Die stumpfen
Krper brteten nebeneinander, zogen finstere Stirnen. Pltzlich, wie
angeweht, zielten sie mit den Augen aufeinander, erkannten sich, buckelten
sich hoch.

Sie schnurrten, fragten hastig: Ma-noh will fort. Da am Steuer sitzt er
und weint. Einige wollten sich vor ihn hinwerfen, er solle bleiben,
verzweifelt. Aber das waren nur kurze Zuckungen, Muskelphantasien.

Die Masse hielt wieder erschreckend an sich, in groer drngender
Erwartung. Jede Handbewegung, jedes beobachtende Schielen, jedes Ruspern
konnte die Wage zum Ausschlag bringen. Mehrere ertrugen die Spannung nicht;
noch schwach von der vorangegangenen Erregung suchten sie die Last
irgendwie von sich abzuwlzen. Es war das Beste, das Fong-schui zu
befragen, Konstellation von Tag, Stunde, Ort, Wind, Wasser, Bodenschwingung
zu bestimmen, aus dem Werfen der kleinen Holzstbe Klarheit zu gewinnen.
Ein Mann suchte aus seinem Grtel nach den Stben inmitten der stummen
Masse; andere sahen es, standen gleichzeitig auf, wollten sich absondern.
Andere miverstanden dies Aufstehen und Gehen, als ob die Zukunftsbefrager
sich fr Ma-noh erklrt htten und sich zu ihm setzen wollten. Sie
schlossen sich ihnen an. Man hielt sie unsicher fest, man rief: Beraten,
sprechen! Sagt, was ihr wollt! Sprechen!

Der kleine Nan-kupriester merkte erst halb was vorging. Er hatte
gezweifelt, ob man ihn nicht schmhen und schlagen wrde. Da man aber
nicht daran dachte, von ihm zu lassen, von ihm, dem kleinen miratenen
eingestndlichen Tier, von ihm, der die Weihen von sich warf und zugab,
rettungslos in den Kreis der Wiedergeburten gebannt zu sein, dies konnte
nicht bald an ihn heran. Und als es herankam, schmetterte es ber ihn. Es
sprengte seine Brust mit Ellenbogen von innen, schwoll von den Eingeweiden
ber das Herz, das still stand, in tollem Takt wuchtete, Glocken drhnte,
Gericht posaunte, breitete sich ber die Arme und Kehle aus, und wie es um
die Mundwinkel laufen wollte, nickte sein Kopf und baumelte vor der Brust.
Er war ohnmchtig geworden, kam langsam, die Ohren voll Hymnen, zu sich,
hing an dem Dmmerungsmenschen. Er strahlte. Das warme Wasser quoll ihm
wieder ber das Gesicht.

Er lie den Alten los, kletterte auf den Bretterstapel: Brder, sind wir
frei? So stammelte er, schluckte an den Trnen. Ich habe mich bis zu
diesem Tag mit einem Stein geschleppt, mit einem bsen widerspenstigen
Geist, der mich bestahl. Ich bete zur Kuan-yin, die mich nicht erhrt hat,
ich rufe zum Maitreya, der auf mich hren wird; ich will arm bleiben,
klein, ein Wahrhaft Schwacher, der das Schicksal nicht beugt; ich will
keine Dmonen in mir nhren und Opfer der Werwlfe sein. Ich will ein armer
Sohn der armen achtzehn Provinzen bleiben. Ihr schmht mich nicht; ach, ihr
schmht mich nicht; ihr seid gut. Ich wei nicht, was ich spreche. Ich
kenne mich nicht vor Dunkelheit. Wer die Seele frei hat, kann das Westliche
Paradies finden. Ich habe mich nicht in Gelste geworfen; ich habe mich
gereinigt fr einen Freudenhimmel; ich habe meine eingesperrten Seelen auf
den Pfad des hchsten Kaisers gezwungen und will sie gehen lehren und mit
ihnen laufen. Und die Zauberschlssel finden zum Kun-lun. Mit euch, meine
Brder.

Er jauchzte noch viel in dieser Weise. Das morgenliche Feld war ganz leer.
Ein Knuel von Mnnern umgab ihn, umschlang ihn, kte seine Fe, fetzte
seinen Mantel herunter.

                   *       *       *       *       *

ber die stlichen schwarzen Wolken fuhren blendende Streifen. Das
allgemeine rauchartige Grau lichtete sich schnell. Es wurde von innen
aufgeworfen, gesprengt und weggeblasen. Die blhende Landschaft weitete
sich. Es blitzte von kleinen Weihern auf. Im Sdosten, am Sumpfe von
Ta-lou, stand schon ein magerer fadendnner Schein; jetzt bohrte sich die
Sonne ein Loch, ein Rohr, einen Trichter, und von da prallten die langen
Strahlen her, unter denen sich das Grn der Grser und Bume heftiger und
heftiger entzndete.

Die Blicke der jngeren Mnner flimmerten auf den Halmen, auf dem
Frauenhgel. Unsere Schwestern, unsere Schwestern, sagten sie, sahen sich
zweifelvoll, mit schwindligen Knien an; viele umschlangen sich zitternd,
blieben stehen, beruhigten einander, als wenn ein Unglck geschehen sollte.

Ein gigantischer Dorfschullehrer streichelte den knabenhaften Menschen, der
an seinen rmeln nestelte. Tsi, die Pfirsichblte, flsterte der Lehrer,
wirst du suchen.

Tsi --, ich will sie nicht suchen, ich will nicht. O was geschieht uns.

Einige lagerten ihre Leiber ins Gras; sie warfen sich auf das Gesicht,
kauten an den Halmen; Mienen gefhrlich; sie schlugen sich mit aufgedeckten
Erinnerungen herum; warteten geduldlos auf das Strmende, das sie wieder zu
Sinnen brchte.

Auf die Hhe des Mnnerhgels waren manche gestiegen und kollerten
nebeneinander unter den grnen Wolken der Katalpabume; lchelten, beteten,
trumten; lieen keinen Blick von dem Frauenhgel. Reichtum aufgehuft!
Eine Welle schlug herber an Brste, gegen Hften.

Von ihnen standen welche auf, als es auf dem Frauenhgel leise klingelte.
Sie sprachen nichts zueinander, einer folgte dem andern, indem sie sich oft
umblickten nach den brigen. Sie erreichten in halbem Laufe den Fu des
Hgels. Im hohen Gras schwarze Klumpen, mit Kleidern, Kpfen, Knien,
wlzten sich sthnend, rissen, schlossen die Augen. Sie liefen mit der
Sicherheit von Waldtieren. Ihre Blicke reizten. Sie riefen die Klumpen bei
Namen, zeigten ihre verheienden Gesichter; sie lchelten, da den andern
das heie klopfende Blut in Schlfen, Augen, Fe scho.

Der Ziseleur Hi lief den andern voraus auf einem Weg, der um einen Weiher
fhrte und die Lagerstrae vermied. Nicht weit vom Fu des Frauenhgels
ballten sie sich zusammen. Hi rief: Was wollen wir tun? Wir wollen sie
tuschen, Brder. Wir beten mit ihnen zusammen.

Schickt einen zu ihnen, sie mchten sich versammeln.

Man hrte, wie einer rief: Dies ist frchterlich, einer drngte sich
durch die brigen, es war der junge Mensch, er lief davon. Hi gurrte: Ich
will sie rufen, kommt hinter mir. Whrend er vorber zackte, wallten die
Brder demtig, Arme verschrnkt, gesenkte Kpfe, bezopfte Kugel bei Kugel,
den Hgel hinauf; das scharfe Zirpen der Grillen begleitete ihr Gemurmel:
Omito-fo, Omito-fo!

Sie standen auf dem Frauenhgel unter dem schweren Laubwerk. Unter dem
Laubwerk wimmelte jene Masse, bei deren Anblick sich die Herzen der Brder
tiefer und langsamer zusammenkrampften und die so volle Pulse durch sie
trieb, da langsam der weiche Waldboden unter den Fen mitschwang, jede
Welle rollend weitertrug. Da blickten mit neugierigen und verwunderten
Augen entwichene Ehefrauen den Brdern entgegen; sie schienen noch immer
bedrckt, da ihnen die Luft so ungehindert ins Gesicht schlug und jeder
ihren Mund sah. Zwischen blinden Bettlerinnen, Marktweibern schoben sich
grazis die galanten Mdchen, die hellen Tupfen auf dem strahlenden
Blumenfeld, die Glckbringerinnen, Hoa-kueis; ihr Ernst ohnegleichen; um
ihr sanftes Wesen schwebte der Hauch des Pavillons der Hundert Dfte. Im
Moos bogen verschchterte Tchter angesehener Familien ihre behteten
kleinen Krper; sie nestelten an ihren Rosenkrnzen, hauchten ihre Andacht,
als wenn es sich um eine furchtbedrohte Schulaufgabe aus dem San-tse-king
handele.

Unterhalb der laubdunkeln Hgel ging Ma-noh durch die Lagergasse. Eine
breite Hand schob mit einer abweisenden Geste die grauen Dmmermassen am
Himmel beiseite. Feierlich zogen die weien Schwne des Lichts am Himmel.

Wie da der Frauenhgel zu zittern anfing.

Ein tausendfltiges Schreien und Kreischen sich ber das Tal schwang und
vom andern Hgel zurckgeworfen wurde.

Wie das Entsetzen verzehnfacht sich wiederholte, ein tiefes Grollen,
Knacken, Brllen sich unter die scharfen Stimmen mischte.

Ein augensperrendes Grausen aus dem Katalpaschatten zu entwischen versuchte
und zurckgerissen wurde.

Wie nach dem minutenlangen Rasen weie und bunte Kleider auf dem Hgelkamm
vorspritzten, niederfielen, in das Moos tauchten, ohne Laut
herunterrollten.

Auf dem Hgel eine sonderbare Stille eintrat, unterbrochen von langen,
sakkadierten Schreien, katzenhaft durchdringendem Winseln, Musik zu
atemloser Ohnmacht, die sich in die Finger beit, die Seelen wie in Essig
einschrumpfen lt, zur Besessenheit der Verzweiflung, die Krper um sich
wirbelt.

Dann drhnten Mnnerstimmen ins Tal: Ma-noh, Ma-noh, der Drachen fliegt!
Ma-noh, unsere Schwestern!

Unten brandete es ber die schmale Lagergasse; man horchte hinauf, sah
einander an; man stopfte sich die Ohren, trommelte die Brste. ber Ma-noh
schmetterte es zusammen. Es schien ihm, wie man um ihn raste, lnger als
einen Augenblick, da er ein Frst der Unterwelt wre, mit hundert Armen,
Geieln, Schlangen, und hetzte fiebrige Seelen zwischen die Wandungen der
Eishlle, immer in das fressende Scheidewasser hinein, von den glasglatten
Wandungen herunter; sie knarrten und grinsten, er barst vor Freude,
schwenkte die Schdelschale. Blutgerinnend drang es auf ihn ein. Schon
pinselte eine Schwche die ganze Innenwand seines Kopfes. Im halben Sinken
fhlte er, was vorging, chzte, stemmte sich hoch, balancierte die Last.

Er blickte mit einer kalten Glut um sich. Besinnung, Ruck, mit dem ein
gleiendes Machtgefhl aus ihm heraussprang, um sich schlug, kalt ugte.

Es ist gewollt. Dieses nehme ich auf mich.

Zwei tiefe Atemzge. Er drehte sich betubt um; das Tal blhte wie vorher.
Er empfand mit verstecktem Entsetzen, da etwas Unbekanntes aus ihm
hervorgetreten war und herrschte. Da er Wang-lun berwunden hatte. Eine
rauschartige Angst flo herunter durch das Mark seiner Knochen.

Zwischen den Mikanthus lag man verwirrt. Schwache Hilferufe vom
Frauenhgel. Ma-noh hatte sie falsch gefhrt.

Mit einem leeren, meilenfernen Blick irrte Ma-noh ber sie, wandte sich ab.

Sie drckten ihre Leiber an den Boden. Der Hgel knisterte sie gegen sie
her.

Reglosigkeit, stundenlang, sonnenbeschienene Wildnis. Aus den Htten des
Frauenhgels stieg ungehrt das entzckte Seufzen, stahl sich schwach durch
die Bretter, kruselte wie Rauch, abirrender Blick, Ausklang eines Tamtams
gegen das allgemeine grne Dach.

Als die Sonne heier schien, bliesen im Tal die Muscheltrompeten vor Mas
Htte, fnfmal hintereinander fnf Ste: das Zeichen zur gemeinsamen
Versammlung.

Stauden schwankten, Bschel drngten sich zusammen, Rcken krmmten sich,
Kpfe tauchten hervor.

Lange bewegte sich nichts auf dem Frauenhgel. Dann schimmerten weie,
bunte Tupfen zwischen den Stmmen. Rennen schattenschwarzer Mnner,
Vermischen der Farbenflecke, Hndewrfe von Geruschen, Sprechen, Rufe in
Fetzen, Schwall von Lrm. Bunte Schwestern umarmten sich im Herabgleiten,
Brder Hfte an Hfte. Eine jubilierende lichtgetrnkte Wolke senkte sich
in das Tal.

Im Nu verstreuten sich die Schwestern, lachend, mit springenden Bewegungen,
unter die Ernsten, fllten im weiten Bogen den Raum, auf dem noch die
verkohlten Bretter der Barke in die Luft spieten. Ma-noh, schwefelgelb und
rot, trat rasch fest in das brausende Gewimmel, das alle in sich sog.

Er verzog keine Miene, als von irgendwo angestimmt, von Frauenstimmen
getragen, laut, klar und s ein Freudenlied ber das blhende Feld scholl,
ein Lied, allen wohl bekannt, von den zarten Bewohnerinnen der bemalten
Huser gesungen, wenn sie einladend auf ihren geschnitzten Booten ber die
Teiche fuhren.

Ma-noh redete: Es mu Friede zwischen uns sein, liebe Brder und
Schwestern. Es soll uns nichts belasten, die wir nach den goldenen Inseln
segeln. Wir wollen den alten Frieden zwischen Yin und Yang schlieen. Ich
bin glcklich, da ihr mich angehrt habt, und will es euch nicht
vergessen, wenn ich im Besitz der fnf Kostbarkeiten wre. Wahrhaft
Schwache werden wir bleiben. Wir werden dem Tao nachgehen, seine Richtung
erlauschen. Bleibt unermdlich im Gebet, so werdet ihr die groe
Wunderkraft erlangen, die euch nicht entgehen kann. Ihr baut nicht
vergeblich hlzerne Pferde wie der Alte aus dem Staate Lu, die von
metallenen Sprungfedern gestoen wurden, Mnner und Wagen zogen. Solche
hlzerne Pferde werdet ihr aus euren Seelen nicht machen, aus den Seelen,
die in euren Lungen, eurem splenden Blut, euren schaukelnden weichen
Eingeweiden wohnen. Ihr blast im Lande die Flte und macht die Luft wrmer,
so da das Korn aufschiet. Ja, ihr werdet die Wolken im Nordwesten
aufsteigen lassen, das Rohr blasend; Regen wird flieen, Taifune stehen.
Acht Rosse sind bereit, sechzehn Stationen macht die Sonne, ihr bereist sie
an einem Tage.

Bleibt arm, seid frhlich, enthaltet euch keiner Lust, damit ihr sie nicht
vermit und so unrein und schwer werdet. Euch, meine Schwestern, sehe ich,
euch, ihr Kniginnen des sanften Vergngens, ihr habt viel dazu getan, da
unsere Dinge diesen Lauf genommen haben. Habt verhindert, da die ffnungen
unserer Herzen ins leere All mnden. Ich war ein schlechter Sohn der
achtzehn Provinzen, da ich der Weisheit des fremden Cakya-muni vertraute,
und seine Freudenhimmel mit eurem, mit unserem blumigen eintauschte. Wir
stehen auf den Stufen zum Westlichen Paradies. Was ihr Gebrochenen Melonen
uns geschenkt habt, nehmen wir an. Wir danken euch, wir danken euch. Ich
nenne mich mit euch Gebrochene Melone. Und so wollen wir alle am Sumpf von
Ta-lou heien.

Das lufterschtternde Jauchzen und Klatschen, Zubodensinken, Umschlingen.
Das mauerdichte Umdrngen Ma-nohs, dessen rtselhaft gleichgltige Miene
keiner sah. Aus ihm tnten die Worte, wie Stimmen eines versteckten
Singvogels hinter einem umsinkenden Tempel. Eine neue hnlichkeit hatte
sein Gesicht angenommen, mit dem Ausdruck eines fliegenden Tieres, das
seine Kopfform, Augen, Federn ganz vom Wind, den es durchfhrt, modellieren
lt; auf einem Ast sitzend hat es ein unbegreifliches Aussehen: weil der
Wind und der Flug fehlt.

                   *       *       *       *       *

Um Mittag. Sie zerstreuten sich, die Wankelmtigen, die Ernsten, die
Freudigen, die Hochgemuten, die Blinden, Schwachen, die krftigen Mnner,
die leichten Tnzerinnen, die inbrnstigen Propheten.

Abends umschlossen zum ersten Male die Zelte und Bretterhtten, die sich
zusammengetan hatten. Sie beteten nebeneinander, ihre Gebete verwirrten
sich im Dunkeln. Es waren keine Schmetterlinge, die sich aus dem Gras
erhoben, sondern zwei Fden, die sich nach oben gerade zogen, jetzt sich
verknulten und zu keiner Weberei mehr taugen konnten. Ihre verschrnkten
Arme wichen schwach auseinander, sie tasteten im Finstern mit den feuchten
Hnden nacheinander, glitten ber die elektrisch zuckenden Gesichter. Da
wurde aller Stolz gebrochen, alle Unruhe hingelegt. Diejenigen, die starr
und aufrecht in dem Ernst der Wahrhaft Schwachen gegangen waren, bogen sich
unter dem Glck; der Sommerwind wehte als ein Banner, das aufgepflanzt war
auf einer Etappe zum Kun-lun. Wie im Dunkel der Htten unter den Katalpen
die Gesichter gleichmig milde wurden, Geister und Leiber aufgelockert
wurden von einer breiten gewaltigen Egge, die ber die ganze Erde rollte
und wuchtete, grub in der Nacht.

In dem Sumpf von Ta-lou wuchsen die Lotosblumen; mit grnen tellergroen
glatten Blttern deckten sie das unbewegliche Wasser, rote Blten tauchten
zwischen ihnen ein; lange Stengel, die mit dickgederten Blttern ber die
verwesenden Muscheln griffen; an jedem Stengel garnten dnne Algenfden,
die sich in der Tiefe verfilzten; grne behaarte Kpfe hingen herunter.
Unergrndlich stand der Sumpf und dnstete.

Diese Nacht verging nicht ohne ein schreckliches Ereignis. Einige Mnner
hrten in der Stille mehrmals das heftige Schelten des Dmmerungsmenschen.
Sie beachteten es nicht, da sie glaubten, da er sich mit einem seiner
Schatten schlge. Aber er schrie unaufhrlich, und es fiel einigen, die aus
den Htten herauskamen, auf, da der Dmmerungsmensch nicht herumging und
das Rufen immer von einer einzigen Stelle des Mnnerhgels kam. Sie
frchteten, da er vielleicht wirklich einen Schatten gestellt hatte;
grauten sich vor dem Anblick des Kampfes. Aber endlich blickten sich fnf
Mnner beunruhigt an, faten Mut, liefen durch das Feld den Hgel hinauf
mit Laternen. Als sie an den Ort des Geschreis kamen, lag der
Dmmerungsmensch arbeitend im Gras und unter ihm ein Mann, der sich nicht
bewegte, ber dessen gequollenem Gesicht der Dmmerungsmensch mit seinem
Schwerte fuchtelte. Er rief den Bewegungslosen bei Namen, hielt einen
Spiegel an sein Ohr. Die Mnner beugten sich ber den Stummen, leuchteten
ihm auf die glotzenden Augpfel. Es war jener verzagte junge Mensch, der
sich an einem Baum aufgehngt hatte. Der Dmmerungsmensch war gegen die
Leiche gelaufen und hatte sie abgebunden. Einer der Mnner nahm einen
spitzen kleinen Stein, ritzte sich die Haut seines Armes, tropfte dem
jungen Menschen das heie Blut in den krampfhaft geschlossenen Mund, dessen
Kiefer zwei Mnner gewaltsam sprengten. Es half nichts mehr; der Krper war
steif. Er hatte Tsi, die Pfirsichblte, nicht gesucht. An diesem Abend, als
er mit ihr zurckkehrte und vor ihrer Htte stand, hatten sich die beiden
ernst angesehen; die Pupillen ihrer hochgeschwungenen Augen erweiterten
sich, aber sie blieben beide ruhig und trennten sich nach einem kurzen
Dastehen. Der Jngling schien sich erst im Mikanthus verkrochen zu haben;
dann schwankte er aus dem Feld auf den Mnnerhgel, wobei ihn der
Dmmerungsmensch traf, dem er sagte, er msse sich unter einen Baum
schlafen legen. Er hngte sich aber an seinem Grtel auf.

Den Gipfel der Kaiserherrlichkeit erreichte er nicht; er war einen anderen
Weg gegangen.

                   *       *       *       *       *

Nach drei Tagen stie Wang-lun zu ihnen.

Ma-noh war unschlssig gewesen, ob er Wang selbst die Vernderung in seinem
Haufen mitteilen sollte. Dann schickte er fnf Mnner als Boten, die alles,
was sie wuten, Wang-lun, der anderthalb Tagereisen entfernt stehen sollte,
berichten sollten. Er ging mit einigen Erfahrenen zu Rat und horchte sie
vorsichtig aus. Aber es gelang Ma-noh nicht, sie auf den Gedanken zu
bringen, da Wang die nderung ihrer kostbaren Grundstze ablehnen knnte.
Sie waren von der Heiligkeit und Tragfhigkeit ihrer neuen Ideen rapide
durchdrungen; es konnte nur die Sache einer Besprechung sein, meinten sie,
Wang zu berzeugen und mit ihm auch die entfernten Haufen der Wahrhaft
Schwachen zu bekehren. Von Wang, den niemand von ihnen gesehen hatte, ging
ein derart starker Einflu aus, da sie berhaupt nicht vermochten, gegen
diesen Mann zu denken. Sie wrden geglaubt haben, dem Tode zu verfallen,
wenn sie etwas gegen ihn unternhmen. Ma-noh sprach einiges von ihrer
Fhrerrolle bei den Gebrochenen Melonen; sie faten, da er unentschlossen
redete, nicht, wo er hinauswollte; es gelang nicht, sie zu locken.

Wang-lun hatte der Boten nicht bedurft; vorher war ihm das Gercht
zugetragen worden. Er kam mit den Boten zusammen in Mas Lager an. Als er
von Laternentrgern gefhrt bei Nacht in Ma-nohs Htte trat, wollte er mit
einer Handbewegung die junge Frau aus dem Raum weisen, die neben dem
ehemaligen Pu-topriester auf der Matte hockte. Aber Ma griff die Schwester
bei der Hand, fhrte sie in die Nachbarhtte, kehrte allein zurck.

Eine winzige llampe brannte am Boden; an der rechten Wand des kaum
mannshohen Raumes raschelte auf dem Moosboden ein Strohsack; Lumpen,
Tcher, Kittel daneben. An die linke Wand war der seitlich umgekippte
Karren Mas geschoben; unsicher darauf balancierten, von ein paar
Streiflichtern getroffen, die goldenen Buddhas; die tausendarmige Kuan-yin
aus Bergkristall stemmte den Kopf gegen die Wand, sttzte das weiche
zerschrammte Gesicht an einen splittrigen Bambuspfosten.

Still sa Wang-lun, als Ma zurckkehrte, auf dem Rand des Karrens und
blickte ins Licht. Der Priester sah zu seinem Schrecken, da Wang ein
groes Kriegsschwert trug und es mit beiden Hnden vor sich gestellt hielt.
Wang-lun war gealtert; sein Blick reglos. Er rieb sich das Knie, und als er
spter aufstand, sah Ma-noh, da er links hinkte.

Der Mann aus Hun-kang-tsun brummte, er sei jenseits des Hu-toflusses von
benden Soldaten gesehen und erkannt worden, er habe ber den Flu
schwimmen mssen und sich beim Sprung ber die Uferfelsen das Knie
zerschlagen. Es war nicht ganz richtig; er hatte sich zwar bei dieser Jagd
das Knie zerschunden; aber die Hauptverletzung zog er sich zu, als er sich
der Sumpfgegend nherte. Er begegnete Anhngern Mas mit einigen Mdchen auf
der Strae; niemand erkannte ihn. Als sie ins Gesprch kamen, erfuhr er zum
ersten Male, da diese Bndler sich Gebrochene Melonen nannten; er fhrte
das Gesprch mit dumpfer Erregtheit weiter, griff, als die Bndler sich
betrbt abwandten, einen von ihnen an, hetzte die Mdchen fort. Auf das
Hilferufen trat ein rodender Bauer aus dem Bambusgehlz, warf quer ber die
Strae nach Wang einen Wurzelkloben, zerschmetterte ihm fast das Knie, an
dem er schon litt. Dann floh auch der Bauer, der bei Ansichtigwerden des
Schwertes glaubte, einen kaiserlichen Soldaten verwundet zu haben. Wang
trug einen blauen Kittel mit roten Aufschlgen, den ihm ein desertierter
Soldat aus der Truppe Ngohs geschenkt hatte.

Wang, unbeweglich auf dem Karren sitzend, fragte Ma-noh, ob sie auch viel
unter den Verfolgungen von Truppen zu leiden htten. Ma wollte, als dicke
schwarze Blutstropfen durch Wangs Hosen quollen, ihm Wasser und ein
stillendes Pulver bringen; aber Wang hielt ihn kopfschttelnd zurck und
meinte, indem er zu sprechen fortfuhr, es sei ja gleich, von wem die Brder
und Schwestern zu leiden htten, von den Tao-tais oder von anderswo. Oder
was Ma-noh meine? Das Schicksal sei hart und nicht zu beugen. Es sei gut,
die Brder zu lehren, den Weltlauf unangetastet zu lassen; aber dies sei
nicht so gemeint gewesen, selber das Schicksal zu spielen und andere und
die Brder und Schwestern es ertragen zu lassen. Diejenigen, die glaubten,
auch dann noch unangetastet zu bleiben, knnten sich in schweren Irrtmern
wiegen. Ja, sie mten und sollten sich in einem Irrtum wiegen, der sie
mehr als einen blutigen Tropfen kosten knnte.

Ma-noh, sich auf die Matte kauernd, hrte ihn ohne aufzublicken an. Er sah
den ungeschlachten Bauernburschen vor sich, der eines Wintertags auf dem
Nan-kupa die kleine Stiege zu seiner Felsenhtte heraufkam; er bettelte
und ging nicht von seiner Tre weg, fragte nach den goldenen Fos auf dem
Regal.

Er wurde von einer heien Liebe zu Wang erfllt, wollte sich einer
Empfindung hingeben, die unter dem rauhen, wohlbekannten Schan-tungdialekt
Wangs aufatmete mit einem Endlich! aber blieb still sitzen, sann und
wunderte sich nicht einmal, da er nachdachte.

So verndert habe ich mich, dachte Ma-noh. Die Tler und Berge der achtzehn
Provinzen sind breit und unermelich weit, den Schlssel zum Westlichen
Paradies trage ich; Wang-lun und ich mssen in Frieden voneinander lassen.

Er sagte, Wang-lun sei sehr lange fort gewesen; der Schutz der Weien
Wasserlilie sei wichtig, aber wichtiger die Leitung der Brder und
Schwestern, auch schwieriger vielleicht. Wang-lun mge nicht bitter werden;
man knne Regeln leicht und in Menge aufstellen; es htte sich gezeigt, da
die Regeln des Nan-kugebirges bei aller Kostbarkeit sich nicht allen
Verhltnissen anpaten; man htte sie ndern mssen, Wang-lun knne sich
berzeugen, da man im Wesen gleich geblieben wre, als kme man eben um
die Schnn-i-Klippen herum. Wang-lun gelte als ein vollendeter Heiliger; er
mge sich nicht in Zorn ber sie ergehen.

Es war Ma-noh unverstndlich, was ihn trieb, Wang zu qulen, und ihn einen
Heiligen zu nennen. Er konnte sich nicht verhehlen, da er die Wendung auf
der Zunge wie eine se Dattel zerdrckte und mit kaltem Vergngen
schmeckte.

Wang stand in Schmerzen; er stocherte mit seinem Schwert in dem Moos. Dies
hatte er nicht geglaubt, nicht dies. Dieser Mann schien ihn anwerfen zu
wollen.

Er glitt leidend auf die Matte neben Ma; der Priester streifte ihm gegen
seinen Willen die Hose auf, holte einen Krug und Leinen, wusch das Knie.

Wang beobachtete ihn: Ma, wir haben einmal auf dem Nan-kupasse
nebeneinander gesessen; das waren wir doch, du und ich? Oberhalb der
kleinen Pochmhlen wohntest du. Wir waren miteinander befreundet?

Wir sind in die Felder und Wlder von Tschi-li hinausgegangen, Wang.
Tausende sind aus den Stdten, aus allen Prfekturen, Distrikten zu uns
gekommen, um unsere Freiheiten und wahrhaftigen Unabhngigkeiten zu kosten.
Wir haben Gefngnisse mit List, Geld, Betrug ffnen mssen, um Brder von
uns zu befreien. Keiner von ihnen wre gekommen und wir htten umsonst
gearbeitet, wenn wir nur ein anderes Gefngnis gebaut htten, aus alten
trockenen Worten, verhrteten Regeln. Das war nicht deine Absicht. Und wenn
es deine war, so wre sie es nicht geblieben, wenn du uns begleitet httest
vom Nan-ku herunter bis an den Sumpf von Ta-lou.

Wang griff nach Ma-nohs Kinn.

Ma-noh, wer, sagst du, htte seine Absicht gendert, wenn er mit euch, die
sdwrts gezogen sind, vom Nan-ku bis zum Sumpf von Ta-lou gewandert wre?
Wer hat sie denn gendert? Wie viele und wie gute waren das? Ma, es gibt
zweierlei Arten von Menschen; die einen leben, und wissen nicht, wie sie es
machen sollen, die andern wissen, wie sie es machen sollen. Das sind wir,
die kein Recht haben zu leben, die fr die andern da sind, jawohl, Ma-noh,
selbst um den Preis, die hchsten Khihs zu verlieren. Jedem ist sein Amt
vorgeschrieben. Was dir und mir vorgeschrieben ist, haben wir auf deiner
Htte ber den kleinen Pochwerken gewut. Es brauchte keine Wanderung durch
Tschi-li fr dich und keine Begleitung fr mich, um das zu lernen. Du
sollst nicht deinen Bohnenbrei essen und dich neben ein Weib werfen und
nach dem Westlichen Paradiese laufen. Ich dachte, das wtest du schon. Uns
ist das alles versagt. Uns ist etwas anderes gegeben, nmlich dies alles zu
wissen. Aber ich will nicht zornig werden, mein Bruder Ma-noh.

Du wirst nicht zornig werden, Wang.

Du weit nicht, warum ich nicht zornig werde. Vorhin, bevor ich in euer
Tal einbog, bin ich ber ein Feld mit Thymian gegangen. Ich fand nicht
gleich zurecht, deine Boten waren vorausgelaufen, mein Knie schmerzte, ich
konnte nicht rasch nachkommen. Ich sa einen Augenblick auf einem
Maulwurfshgel. Was nun kommen wrde, unser Gesprch, unser Wiedersehen,
verwirrte mich etwas. Einen Moment schien es mir, ich mte einem
Feldschatten verfallen, der mir hier aufgelauert hatte. Wie ich wieder die
Augen aufmache, sehe ich eine breite Lichtschnur in lauter bogigen
Windungen quer ber das Feld. Dicht bei meinem Maulwurfshgel fing es an,
ein kleines niedriges Flimmern, das nicht stillstand. Das waren
Leuchtkferchen. Die Natur ist nicht gegen uns. Ich will heut nacht warten,
ob mir der Knig der Leuchtkferchen im Traum erscheint und will mich bei
ihm bedanken. Vielleicht waren es hilfreiche Geister aus dem Sumpf, die
mich sahen, wie ich hinfllig war; sie sind selbst so arm. Das Flimmern
fhrte bis in dein Tal. Ich bin nicht zornig; ich bin nicht verlassen.

Wang, du wirst dich nicht gegen mich wenden. Vor wenigen Wochen dachte ich
ja wie du: sie die Krner, wir die Wurfschaufel, sie der Kopf, wir die
Mtze, sie der Fu, wir der Pfad. Dann sind Dinge gekommen, deren ich mich
schwer entsinne, -- da sich der Hut, wirst du sagen, des Kopfes bemchtigt
hat, und der Weg vor dem Fu davongelaufen ist. Ich wei, da ich dir
Rechenschaft schuldig bin dafr, ja, lehn es nicht ab, bin dir Rechenschaft
schuldig. Aber ich kann dir keine geben, denn ich vermag mich nicht, auch
wenn ich mich anstrenge, nicht darauf zu besinnen. Es ist vor mir
ausgewischt, wie eine Tusche vom Regen.

Die schlechte Tusche, unterbrach ihn Wang, der lchelte. Und wie heit
der Regen, lieber Bruder?

Nicht Untreue.

Der Regen heit Eitelkeit und Herrschsucht; Eitelkeit und Herrschsucht
wollte ich sagen.

Wang hielt Ma-noh, als sie so nebeneinander kauerten, bei den Schultern und
prfte unsicher Mas drres Gesicht. Sie sahen sich zum erstenmal voll an.
Wang schien ernster und trauriger zu werden; er hielt vertieft den Kopf
schrg; nahm in einer mitleidigen Aufwallung Mas Hand und streichelte sie:
Wie heit der Regen, Ma-noh? Was ist dir begegnet?

Du warst so lange fort. Wir haben als Wahrhaft Schwache gelebt. Die Frauen
sind gekommen. Was den andern Brdern begegnete, wei ich nicht. Ich wute
von einem Tag an, da ich -- nicht mehr -- ohne Begierde -- war. Ich wollte
es wieder sein. Das Leben ist ja kurz. Man darf nicht zu lange falsch
gehen, man kann nicht die Tage wie Kupferksch zhlen und fr Reis und
Hirse eintauschen. Nun bin ich wieder ohne Begierde, ich habe mich
gesttigt, mu mich immer wieder sttigen; ich wei, du brauchst es nicht
zu sagen, es ist endlos: aber ich kann frei und rein beten und hoffe, da
mein Einsatz schwer genug wiegt auch mit den Gelsten. Schimpfe nicht,
Wang. Ich wei, da mich niemand verachtet.

Das waren die Frauen. Bruder Ma-noh, ich verachte dich nicht darum. Aber
du bist noch nicht zu Ende, du wolltest wohl noch weiter reden. Du liefest
zu der Frau, nach der dich hungerte. Dann nahmst du sie und gingst deiner
Wege, nach Nan-ku zurck, oder in ein Dorf, eine Stadt? Niemand wird
gezwungen, zu uns zu kommen. Jeder kann gehen, wenn es ihn drngt. Nicht
wahr, so tatest du?

Ma-noh, mit halbem Gehr folgend, redete grbelnd weiter: Was Begierden
sind, habe ich vor langer Zeit gewut. Aber was Frauen sind, war mir
unbekannt. Frauen, Frauen. Du bist nicht, Wang, wie ich, von Kindesbeinen
in der Schule des Klosters gewesen. Man seufzt, und wei nicht warum. Man
wirft sich im Mondschein in vieler Unruhe, und schlielich seufzt man nach
der -- Kuan-yin, ngstigt sich um die -- zwanzig heiligen Bestimmungen. So
vergit man sich. Jetzt sind die Frauen gekommen. Ich glaube, sie haben
mich manchmal vom Morgen bis Abend umschlungen, geweint, mich um wunderbare
Formeln gebeten. Bis ich sie beruhigt hatte und sie unsern Weg wuten,
vergingen Wochen, und dann kamen neue. Sie gingen meinen guten Weg,
schlielich. Mir lieen sie einen Druck zurck auf der Schulter, ein dnn
gequetschtes japsendes Herz, ein Schwitzen an den Hnden. Ich ging ihren
Weg. Es sind Strkere zu dieser Arbeit ntig, mich hat Pu-to-schan
verdorben. Da sieh, neben uns auf den Karren, wer da steht! Stehen sie
noch? Dieser Ratterkasten ruht von seiner zwanzigjhrigen Wanderschaft, die
Gtter drcken ihn im Schlaf.

Ma-noh griff, ohne sich aufzurichten, neben sich an die Deichsel des
Karrens, ruckte daran. Die goldenen Buddhas wackelten, strzten nach beiden
Seiten an den Boden, purzelten ber- und nebeneinander. Zuletzt fiel mit
einem scharfen Gerusch die Kuan-yin aus Bergkristall hintenber. Sie
sprang, hart auf einen abgebrochenen Buddhakopf schlagend, mitten entzwei;
ihre Arme splitterten.

Wang suchte Ma-nohs Gesicht. Aber der hatte sich ber sich gebckt und
redete, als wre nichts geschehen.

Obwohl es mir so ging, wollte, konnte ich dich nicht verlassen. Es ist
sinnlos, mich zu bestrafen, nein, mich auszustoen fr die Ewigkeit, weil
ich so schlecht aufgezogen bin. Es mu ein Ende nehmen damit. Die heiligen
Bcher knnen nicht gelten. Es mu eine Lsung geben. Ich wute die Lsung.
Die Keuschheitslehre ist ein Wahnsinn, keine kostbare Regel, eine Barbarei.
Die Brder und Schwestern haben mir zugestimmt.

Wang zuckte. Er warf sich halb nach der Wand zu, so da ihn Ma-noh im
Schatten nicht erkennen konnte. Sein riesiges Kriegsschwert lag schrg ber
dem Knie, dessen dnner Verband hellrot durchblutet war.

Das Schwert hatte ihm Chen-yao-fen in Po-schan gegeben, als er sich
verabschiedete. Es hie der Gelbe Springer. Es vererbte sich in der
Chenfamilie und forderte den Besitzer auf, an die Traditionen der Weien
Wasserlilie zu denken.

Eine gerade doppelschneidige Klinge; in ihrer Oberflche sieben runde
Messingscheibchen eingelegt; dicht an der Wurzel unterhalb eines
Sternmusters Lotosbltter. Der goldbeschlagene Griff nach der Mitte zu
anschwellend; beiderseitig die Charaktere der Mings, Sonne und Mond, aus
feinem Silberdraht; die Parierstange mondfrmig. Der Knauf prchtig endend
in einen zngelnden Drachenknopf.

Wang sagte nicht, was ihn bewog, sich nach einem Schweigen aufzurichten
und, das Schwert wegschiebend, Ma-noh hart und unbarmherzig die wagerecht
gestreckten Arme wie Balken ber die Schultern zu wuchten und den Bruder in
einer Klemme zu halten. Wangs Zhne klapperten; ein stoweises Zittern warf
seine Hnde, die nach dem Schwertknauf greifen wollten, um Ma-noh die
Klinge in den zugekniffenen Mund zwischen die Lippen zu zwngen, sie rasch
im Schlund umzudrehen, zu bohren, herauszuziehen und ber die ledernen
Backen zu schlagen.

Ma-noh sank vornber unter dem Druck. Er erwartete finster, was weiter
geschehen wrde. In einem bsen gehssigen Gefhl blieb er sitzen, als Wang
die Arme abhob und seufzend das kranke Knie streckte.

Wang fing einen giftigen Blick Mas von unten auf. Sein Gesicht wie unter
einer federnden Polsterung schwoll hoch. Er zog sich mhsam an seinem
Schwert auf, die blutunterlaufenen Augen flackerten. Er zeigte mit beiden
Hnden auf Ma herunter: Du, du bist der Verrter, du bist ein Betrger,
ein Verfhrer, bleib nur ruhig sitzen, das ist statt langer Erklrungen
alles und jedes in einem Wort. Ich htte es dir schon vor drei Tagen
gesagt, als ich von euch hier gehrt habe. Du httest die Lsung in deiner
jmmerlichen Not nicht suchen brauchen; ich htte dir gleich sagen knnen,
da du alle Welt, jeden Freudenhimmel und jede Seligkeit verraten wrdest,
um neben deiner Frau auf dem Stroh zu liegen. Denn du bist giftig, ein
Skorpion von Natur; ich bin schuld daran, allein ich, der dich gewhren
lie unter den Wahrhaft Schwachen. Ich bin die Sule, die alle tragen mu,
ich bin der Himmel, der undurchbrechbar ber den Armseligen ruht und selbst
nichts hat von seiner Sonne und den Gestirnen. Ich habe mich entschlagen
von mehr, als du weit, Ma-noh, von mehr als einem Weib und tausend
Weibern; von mir selbst hab ich mich abtrennen mssen, von meinen Armen,
meinen Beinen, von meiner Geburt und Vergangenheit, hab meine eigenen
weien Drme in ihre Buche gewhlt und mich ausgeblutet. Mit Gewalt hab
ich das tun mssen.

Die glcklichen Inseln werde ich nicht erreichen, das Chikraut kann blhen
wo es will, nichts ist jetzt mehr, nichts darf mehr sein, was ich erlebt
habe. Unbeerdigt ist der ernste Su-koh gestorben. Die obdachlosen Geister
mssen vor mir abweichen, denn ich bin selbst leer, ein vergilbtes Blatt,
ein Drache aus Papier, bunt bemalt und mit einer Heulsirene im Maul, wie
ihn die Leute im Sden vor Leichenzgen tragen. So bin ich, da ich selbst
Schrecken vor mir erlebe, wenn man mich ruhig auf einem Stein sitzen lt,
da ich mich fr einen schwirrenden Kwei halte, der einen frischen
Menschenkrper sucht.

Aber du, Ma-noh, bist nichts von dem. Wohl dir. Ja, dir blitzt die Hoffnung
aus den Augen, und in deinen Eingeweiden sitzt das Vergngen. Du bist
kleiner als ich, du bist drftiger als ich, trockener als ich, aber prahlst
vor mir mit deinem Leben.

Ich bin dir begegnet, Ma-noh, vor zwei Tagen. Du warst es, nicht wahr,
gestehe es, du warst es! An einem Weiher, zwischen zwei Weidenbumen ist es
gewesen. Du warst der Kranich, der nicht von mir abweichen wollte, der vor
mir ab und auf spazierte mit stolzen Beinen, mit scharlachroten Beinen, und
Frsche spiete. Du trugst ein weies Kleid und blicktest listig mit gelben
Augen aus deinem blutroten Kopf heraus. Und dann, nachdem du vor mir
gefressen hast und ich dich in Ruhe gelassen habe, hast du dich erhoben in
die Luft und deinen schwarzen Mist auf meinen Kittel und meine Sohlen
fallen lassen.

Du bser Schatten, du Kwei, du wirst mich nicht zunichte machen, sag ich
dir. Das wirst du nicht, sag ich dir! Der Kwei wird an mir vorberhuschen
mssen.

Wang, das kranke Knie angezogen, fuchtelte mit seinem Schwerte herum. Er
flsterte scharf, mit Abscheu dem kauernden Priester in das ihm
entgegengehobene Vogelgesicht. Jeden Satz warf er mit Genugtuung
besinnungslos auf den Priester wie eine Handvoll gestoenen Pfeffer. Durch
das, was er sagte, klang die eiserne Wut.

Ma-nohs Ha auf diesen Mann stieg ins Malose. Ab und zu spitzte er hhnend
seinen Mund, spannte sich zu einem todesmutigen Sprung, fiel traurig
zurck, hrtete sich kalt. Er rhrte sich nicht, beschlo, sich nicht vom
Fleck rhren zu lassen.

Wenn mein Bruder Wang heute nacht dem Knig der Leuchtkferchen im Traum
begegnet, so wird er nicht ntig haben, ihm zu danken. Ein weiser alter
Mann aus der Hanperiode lehrte: der Weg im Zorn beschritten wird vergeblich
sein. Mein Bruder Wang trgt ein Kriegsschwert an der Seite. Er sagt, er
msse ein Kriegsschwert fhren und drfe sich nicht dem heiligen Tao
nhern. Mein Bruder mag an meiner klglichen Ruhe merken, da ich mehr dazu
neige, geschlagen zu werden als zu schlagen. Sein Schwert scheint mir eine
besessene Seele zu haben, die ihren Herrn verfhrt in einen Sumpf. Wie auch
immer: dieser Ma-noh aus Pu-to-schan wird niemals ein Schwert berhren, und
es wird ihn nie jemand dazu reizen knnen. Denn er ist zu schwach fr den
tobschtigen Geist eines Schwertes. Ma-noh geht dem Tao nach, als kme er
eben um die Schnn-i-Klippen herum, -- als wenn er eben erst die Worte
eines Mannes hrte, der wie ein Boddhisatva sprach, Wang-luns Worte: 'Ein
Frosch kann keinen Storch verschlucken. Gegen das Schicksal hilft nur eins:
Nicht widerstreben, schwach und folgsam wie das weie Wasser sein. Wir
wollen auf eine Spitze laufen, die schner ist, als die ich sonst jemals
gesehen habe, auf den Gipfel der Kaiserherrlichkeit.' Auf diese Spitze
luft unbeirrt Ma-noh. Und weil Ma-noh nicht ohne Gelste nach den Frauen
blieb, so luft er mit den Frauen. Aber auf den Gipfel mu er gelangen,
wird er gelangen. Du magst dich abwenden von mir, Wang-lun; s sind mir
die Frauen, mein Auge hngt an ihnen wie an den Farben der Orchideen, ich
habe niemals so rein gebetet wie seit dem Augenblick, wo eine auf diesem
Strohsack neben mir lag. Keine Versenkung auf Pu-to-schan, die ich sah und
die ich erlebte, keine Entrckung ist so voll Macht gewesen wie meine seit
diesem gemeinen Augenblick. Der Durst meiner Kehle ist so wenig bse wie
das Gelste meiner Hnde und meines Schoes. Cakya-muni hat sich geirrt.
Mir steht das fest. Wenn ich dir auf Nan-ku anderes von den goldenen milden
Buddhas erzhlte und du es aufnahmst, so habe ich dich Schlechtes gelehrt,
und es ist nur recht, da es auf mich zurckfllt, wenngleich es mich nicht
beirren wird, Wang-lun. Wir gehen nicht mehr gemeinsam, Wang-lun. Qule
dich nicht und qule mich nicht.

Wang-lun sa in steinerner Ruhe auf dem Karren. Das lange Schlachtschwert
lag im Moos auf zerbrochenen Buddhakpfen. Es war Wang klar, was geschehen
mute; es war Ma-noh klar. Darum sprachen sie nicht mehr.

Er bat Ma-noh, ihm kaltes Wasser fr sein Knie bringen zu wollen und morgen
einen Arzt zu bestellen. Ma schleppte mit zwei andern Mnnern Haufen von
Gras in die Htte. Sie sahen sich, bevor sie sich schlafen legten, ernst an
und grten einander. Sie standen nebeneinander. Dann warfen sie sich hin.

                   *       *       *       *       *

Wang blieb vier Tage bei den Gebrochenen Melonen, die sich rsteten weiter
sdlich zu wandern. Er beobachtete sie, lernte die Mehrzahl dieser Anhnger
kennen. Er widersprach ihnen nicht, redete wortkarg und sehr versunken von
dem schweren Weg der Wahrhaft Schwachen. Als sie ihn fragten, warum er, der
sich widerstandslos wie sie dem Schicksal beugen wolle, die Jacke eines
Soldaten und ein Schlachtschwert trage, antwortete er lchelnd, da sich
viele Leute maskieren, um Bses abzuschrecken. Am Tage des Ch-juan, am
fnften Tag des fnften Monats wten die fnf giftigen Tiere, die Schlange,
der Skorpion, Tausendfu, die Krte und Eidechse; da reiben die ngstlichen
Mtter den Kindern Schwefelblte mit Wein in Ohr und Nase und malen das
Zeichen Tiger auf die Stirnen; aber sie wollen damit nicht sagen, da
ihre Kinder wilde Tiger seien.

In ihm war seit dem Tage, wo er das Nan-kugebirge unter Schneestrmen
verlie, bis zu diesem Sommermonat eine Umwlzung vorgegangen. Ma-noh
bemerkte schon, als sie in der Gertekammer zu Pa-ta-ling saen, wie sich
in Wang ein erbarmendes Gefhl fr die Brder festsetzte, die ihm
vertrauten. Wang machte die wechselvolle Reise durch Tschi-li und
Schan-tung. Je mehr er litt, um so mehr drngte es ihn heraus aus der Rolle
des friedlichen Wahrhaft Schwachen, der seiner Seele ein reines Kleid
bereiten will. Es befestigte sich in ihm die Haltung des Verteidigers
seiner Brder. Er mute kmpfen fr die Ausgestoenen seines Landes.

Dicht bei Tsi-nan-fu trat die Versuchung an ihn heran. Er konnte seinem
Drange, der sich schmerzlich und glckselig durch seine Brust senkte, nicht
widerstehen, stieg, das Gesicht mit Kohle beschmiert auf die Landstrae,
die von Osten nach Tsi-nan-fu fhrte. Trabte einige Zeit allein, wartete
auf einen Wagenzug, mit dem er sich in die Stadt einschmuggeln knnte. Es
kam keiner um diese Tageszeit, denn lwagen, Frucht-, Gemse- und
Kohlenzge pflegten schon in den ersten Morgenstunden in Tsi-nan
einzufahren. Ehe sich Wang in einem sonderbaren Leichtsinn ganz dem
stlichen Stadttor genhert hatte, wurde er von zwei Polizisten beobachtet,
die ihn an seiner groen Figur, seinem schaukelnden Gang erkannten, ihm
folgten und mit einem Torwchter festnahmen, wie er gerade, als wre er
Brger von Tsi-nan-fu, gleichmtig und langsam durch das Osttor segelte.

Wang sah durch das handgroe Gitterfenster des Kellers, in den man ihn
geworfen hatte, die breite gewundene Handelsstrae mit den Lden, den
lrmenden Ausrufern und dem vielfarbigen Gewimmel, unter dem er selbst
seine Spe, Knste und Betrgereien gebt hatte. Zur linken Hand mute der
Markt liegen, auf den die Strae mit dem Tempel des groen Musikfrsten
Hang-tsiang-tse fhrte. Geradezu war die Richtung zur Herberge, zu Su-kohs
Haus, das eingeschert lag. Dann der bungsplatz der Provinzialtruppen.

Und jetzt berfiel Wang die Versuchung: hier zu bleiben, die
Gerichtsverhandlung abzuwarten, die Strafe des Zerschneidens in Stcke zu
erdulden. Er konnte sich keine Rechenschaft darber geben, warum ihn dieses
leidenschaftliche Verlangen berfiel. Er wollte, im Gewimmel dieser
feilschenden Menschen, zwischen all dem Klappern, den Gongschlgern, den
Ausruferstimmen sterben, hier in seiner Heimat. Er dachte in diesem Keller
ber seine vernderte Lage nach. Wie er vor Monaten die Nan-kugefhrten
verlie, wie er an Chen-yao-fens prachtvoller Tafel vor kaum zwei Wochen
speiste, und wie der Tou-ssee umgekommen war und Su-koh, und wie er
betrogen, gewtet, gestohlen hatte. Und das schien ihm alles unertrglich,
und wohltuend, ein Glck, hier viel zu erdulden, alles bis zu Ende
auszuerdulden.

In der Eile seiner Verhaftung hatten die Polizisten und der Torwchter ihn
eingesperrt, ohne ihm sein Schwert abzunehmen. Die drei waren froh, als sie
den berchtigten Mrder im Keller hatten. Erst als die beiden Polizisten
schon ins Jamen und auf die Stadtkommandantur liefen, um dem Tao-tai und
dem General die auerordentliche Verhaftung mitzuteilen und sich
Belohnungen zu sichern, fiel dem alten Torwchter auf seiner Bank ein, da
Wang ein Schwert bei sich trug. Er nahm eine kleine Keule von seinem
Fensterbrett, die ein Viehtreiber morgens hatte liegen lassen, versteckte
sie unter seinen rmel und ging auf bloen Sohlen hinunter; er wollte Wang
das Schwert stehlen; wenn es kostbar war, verkaufen, sonst es nur auf der
Prfektur vorzeigen und sich seinen Mut belohnen lassen.

Er ffnete das Vorhngeschlo des Kellers. Die Muse liefen ihm zwischen
die frostkranken nackten Fe, hpften an seinen Hosen hoch. Wang sa drin
auf dem Boden und sah dem alten Mann zu. Der Wchter trat nher, fragte,
wie er sich fhle, ob er krank sei, prfte seinen Gesichtsausdruck. Das
Schwert lag in den Raum geworfen weit von Wang entfernt nach der Tr zu.

Wang dankte; er freue sich, wieder in Tsi-nan zu sein. Und wie es dem
Herbergswirt gehe und welcher Markt jetzt am meisten besucht sei.

Dem Herbergswirt ginge es erfreulich gut, -- jetzt erkannte der Wchter das
Schwert, rutschte seitlich davor, tastete mit den Hnden rckwrts nach dem
Knauf, -- und von dem ehemals so beliebten Goldblttermarkte sei die
Blumenherrlichkeit verschwunden, seitdem die Gilde der Blumenverkufer die
hohe Platzmiete verweigert htte. Alles spiele sich jetzt in dem weiten Hof
ihres eigenen Gildenhauses ab.

Es sei erstaunlich, meinte Wang, wie rasch sich die Stadt verndere. Aber
die Torwchter blieben doch gleich. Sie stehlen, was ihnen in die Hnde
fllt. Nur dies Schwert mchte er nicht stehlen, sofern er die Gnade htte,
es zu unterlassen. Denn es sei Eigentum eines Mannes im stlichen
Schan-tung, dessen Namen er ihm nennen werde, wenn er verschwiegen sei und
gegen eine hohe Summe das Schwert dem Besitzer zurckbrchte.

Der Wchter, katzebuckelnd vor dem Gefangenen, flsterte schon, man knne
sich auf ihn verlassen. Und wenn Wang auch eine ehrenvolle, wenngleich
heimliche Beerdigung wnsche an einem leidlich gnstigen Ort, so mchte er
es ihm nur sagen, bevor die Polizisten mit dem Transportkfig kmen; er
htte schon vielen geholfen.

Man hrte drauen lautes Klagen und Keifen. Wang sah durch das Gitter. Ein
Bettelvogt schlug auf zwei Arme mit einem langen Stab ein. Ein Mandarin mit
Blauknopf sah aus einer Snfte zu und wies auf die beiden, die betrgerisch
in seinem Hause, in einem fremden Bezirk und zweimal am Tage gebettelt
htten.

Wang seufzte, kauerte hin, sagte nachdenklich, die Stadt htte sich doch
wenig verndert. Schttelte sich resolut, und nun ging er auf den
Torwchter zu, den er bei den Schultern anhob. Als der Alte ihm die Keule
gegen die Brust schlug, meinte Wang, es sei doch besser sich nicht
anzustrengen, legte den kreischenden Mann auf das Gesicht, drohte am
offenen Tor drauen, in die Stadt hineingellend, dem Bettelvogt und dem
Blauknopf mit der geschwungenen Waffe, verschwand von Tsi-nan-fus Mauern.

Es hat keinen Sinn zu sterben. Man kann es nicht laufen lassen. Der Vogt
hat unrecht und die Bettler haben unrecht. Sie weichen beide vom Tao ab.
Einer mu anfangen mit dem rechten Weg.

Nun folgte das Hin und Her der Wanderschaft. Wang suchte auf geradem Wege
in die Gegend sdlich der Nan-kuberge zu gelangen. Aber das Gercht von ihm
verbreitete sich.

Man veranstaltete Treibjagden auf ihn, nachdem seitens des Tsong-tous von
Schan-tung angeordnet war, da die Prfekten derjenigen Bezirke, die Wang
passierte ohne ergriffen zu werden, hohe Strafen zu zahlen htten.

Gehetzt und erst allmhlich der Gefhrlichkeit seiner Lage bewut,
insbesondere als er merkte, da der Ruf der Wahrhaft Schwachen sich ber
Tschi-li und Schan-tung verbreitet hatte, und jedermann wute, da er sich
mit den nordwestlichen Brdern vereinigen wollte, begann Wang die Taktik
des Alleinwanderns aufzugeben. Er betrachtete es als seine Aufgabe, sich
wie auch immer in die nrdliche Ebene durchzuschlagen. Eine aberglubische
Regung verband ihn mit dem Schwerte; der Gelbe Springer sollte ihn tragen.
Es gab zwei Lnder auf der Welt: das eine war die kleine Ebene sdlich
Nan-ku, das andere war eben alles andere Land, war Wasser, durch das er
schwamm auf dem Rcken des Gelben Springers.

Er setzte, als er einmal zwei Tage sich nicht aus einer Hhle herauswagen
konnte, in Furcht, von den Bauern, die ihn kannten, gefat zu werden, vor
sich fest: Was auerhalb des Bereichs meiner Brder geschieht, unterliegt
anderen, eigenen Gesetzen. Ich bin arm, leidend, nur unter ihnen, ich mu
zu ihnen. Diesem Lande, diesen Wellen versage ich meine Gesetze.

Schlug sich dicht vor den Toren zu einer Bande schlimmer Gesellen, die es
sich zum Geschft machten, ganze Ortschaften zu brandschatzen, Geiseln zu
rauben und Lsegeld zu erpressen; die wie die mandschurischen Chungusen im
Sommer allenthalben auftauchten, im Winter sich in die Stdte verstreuten.
Es wollte das sonderbare Geschick, das ber diesem schicksalsreichen
Menschen waltete, da er um dieselbe Zeit eine gefhrliche Bande anfhrte
und mit ihr von Ort zu Ort vordrang, als im westlichen Tschi-li in die
idyllischen Trume seiner Brder ebensolche Horden die erste Angst
hineinjohlten.

Anderthalb Monate begrub er die Erinnerung an die eisigen Wintertage;
inmitten des sanftesten Frhlings zog er von Verbrechen zu Verbrechen.
Keine Unruhe befiel ihn. Als drei Tagereisen von einem Wald entfernt, wo
die erste Truppe der Wahrhaft Schwachen lagerte, die wilden Burschen ihn zu
einem berfall auf einen reichen Wanderer, den gelehrten Chu-tuk-tu
aufforderten, der grade mit groem Pompe eine Inspektionsreise ber die
lamaischen Klster Tschi-lis machte, entschlo sich Wang, sich von ihnen zu
trennen.

Er weigerte sich, an dem Unternehmen teilzunehmen. Sie umringten ihn, es
war frhmorgens in einem schnen Flutal, stellten ihn zur Rede, warfen ihm
Feigheit vor. Er machte sich mit ruhigen Bewegungen den Rcken frei,
erklrte, da er in drei Tagereisen seine Freunde erreichen wrde, lehnte
ab, sie mitzunehmen. Dies waren die Wellen, er wollte Land. Sie fingen an,
das weichliche Wesen der Brder zu verspotten, fragten Wang, wo die
Almosenschale wre, sie wollten etwas hineinlegen, lachten.

Wang ging von ihnen. Nach zwei Li versperrten ihm fnf von ihnen den Weg,
begannen das Hhnen wieder, indem sie zugleich verdchtig mit ihren Bogen
hantierten. Als ihm einer in der fettigen Mtze einen abgeschnittenen Zopf
zum Andenken hinreichte, hielt es Wang fr richtig, mit einem groen Satz
an Land zu kommen.

Er fluchte auf das Land, das er verlie, spie sein Schwert an, wie einen
Toten, den man zum Leben erwecken will, hob es mit beiden Armen hoch auf,
krachte dem Gabenverteiler in die Brust. Als er den Knauf loslie, stand er
allein mit dem Toten am Wege. Er zog die Schneide zwischen die Lippen; das
Land, das er verlie, spritzte hei nach ihm; er leckte das
glckverheiende Blut.

Lief stundenlang ohne Unterbrechung, der Gelbe Springer ihm voraus. Bis der
Abend kam, und er sich ohne Hunger im Walde niederlegte. Nach zwei Tagen,
in denen dem Verwahrlosten ngstliche Frauen, die ihm begegneten, Frchte
und rohen Reis reichten, umging er bei Anbruch des Abends eine Wiese, aus
der ihm das Singen und Rezitieren von Sutras entgegenscholl. Er erkannte
neben einem Feuer den jungen Buckligen aus Nan-ku. Es war eine groe
Truppe.

                   *       *       *       *       *

In der Nacht, bevor er Ma-nohs Haufen verlie, kamen zwei Mdchen in sein
Zelt. Sie leuchteten mit gelben Papierlampions an Bambusstben ber sich,
lehnten die Lampions heimlich in eine Ecke. Sie whlten den schlafenden
Mann aus dem Strohhaufen heraus, rieben ihm die Augen, sahen nebeneinander
kauernd aufmerksam zu, wie er sich aufrichtete, vorsichtig sein krankes
Knie herumbewegte und langsam anfing zu lcheln.

Er trug einen langen braunen Kittel, seine groben Fe waren blo. Jedes
Mdchen nahm eine Hand von ihm und zog ihn in die Hhe, so da er jetzt
beide in die Arme nahm und sich auf die nachgiebigen runden Schultern
sttzte. So gehalten, die Kpfe aneinander gedrckt, warfen sie sich
furchtsame Blicke zu. Die Jngere im linken Arm zitterte und suchte die
Finger der anderen zu fassen. Sie dachten beide, der schreckliche Zauberer
wrde mit ihnen durch das Zeltdach fahren oder als Schlange sich um ihre
Hlse ringeln.

Aber Wang lie sie los, strich ihnen nacheinander die geradegeschnittenen
Ponys auf den Stirnen glatt. Sie waren entzckt. Die Jngere schttelte
sich und knirschte mit den Zhnen. Sie kniffen in seine Arme, die er
ausgespannt zwischen ihnen hielt. Sie tasteten rechts und links seine
Muskeln ab, schoben sich an seinen Ellenbogen hoch, schwebten, indem die
ltere noch rechtzeitig den Brustausschnitt von Wangs Kittel erwischte, als
die Jngere schwankend an ihrer Schulter zottelte. Pltzlich bckte sich
die Jngere, die ber Wangs Vorderarm schaukelte und mit den Fingern seine
Brusthaut kratzte und klpfelte, vornber, wobei sie die andere mit
herunterzerrte, bi in den Vorderarm dicht am Handgelenk wie ein junger
verspielter Hund in einen Knochen, rutschte interessiert auf die Fe und
stand nun kauend und schnappend da vor Wangs unbeweglichem gelbbraunen
linken Arm. Sie blickte schief auf in das Gesicht des Mannes, wartend, da
er einmal zuckte, erschreckt, da er noch immer nicht zusammenfuhr. Die
Hrte schmerzte ihre Zhne. Sie schmatzte ermdet mit den Lippen und
beleckte sich.

Sie war aus Schen-si gebrtig, klein, flink, geschwtzig. Man konnte sie
fr einen Pudel halten oder fr ein Kaninchen. Sie log gern und viel, auf
eine gewisse dumme Weise, wie es ihr gerade einfiel. Sie war mit der
anderen als Haussklavin auf dem Landsitz einer Familie bei Kwan-ping ttig
gewesen, floh, als im Zimmer ihrer Herrin durch ihre Unvorsicht Feuer
ausbrach, wagte nicht zurckzukehren, lie sich vergngt von drei
bettelnden Schwestern zum Lager der Gebrochenen Melonen fhren. Sie war
faul, sagte ja zu allem, lie sich nicht belehren.

Die andere, nicht grer als sie, aber voller, mit einer lngeren Nase,
viel feiner als die Jngere, log nicht weniger, mehr in einer
grosprecherischen prahlerischen Art. Sie neigte leicht zur Sentimentalitt
und zur Eigenbeweihrucherung. Von Zeit zu Zeit litt sie unter
eigentmlichen Verstimmungen Monate hindurch, trug sich mit abenteuerlichen
Vorstellungen und mit Selbstmordgedanken, schon von ihrem zwlften
Lebensjahr an. Spter nahm sie, als htte sie etwas Groartiges erlebt,
gern eine Mrtyrermiene an, gestand aber leicht, wenn man auf sie eindrang,
da sie ohne Heimat, ohne Eltern und Sippe sich sehr qule unter der Leere
und Aussichtslosigkeit ihrer Existenz. Sie hielt sich fr etwas Besonderes,
hing innig, ja leidenschaftlich mit ihren Freundinnen zusammen, vertrug
sich nur auf Wochen, galt als klug, schn und znkisch. Wre sie nicht in
das Haus ihres ehrenwerten Herrn, sondern eines geschftskundigen Mannes
gekommen, so wre sie lngst an eine Theatertruppe verkauft, wo sie sich am
glcklichsten entwickelt htte.

Wang fuhr in seine Hosen und Sandalen. Die Mdchen wollten ihm helfen. Sie
arbeiteten plappernd an ihm herum. Die Jngere bot sich ihm in Erregung an,
indem sie zwischen allerhand Gefrage erzhlte, da sie ber fnfzehn Jahre
alt wre und froh sei, auf einen so furchtbaren Dmonenbezwinger gestoen
zu sein. Ach, sie wollte so gerne Blumen mit ihm pflcken. Wang meinte, er
wolle darber nachdenken, stie, als sie ihn umsprangen, eine nach der
andern hin. Der Jngeren platzte am Hals und unter den Achseln der Kittel.
Sie zeigte Wang erfreut und verschmt die armseligen Rundungen ihrer Brust.
Die Sentimentale stand schmollend, da die Kleine sie immer mit der Schulter
anwippte, sie weggehen hie, ihr von rckwrts ber die Nase patschte.

Als nun Wang die Kleine bei den Schultern ergriff, sie ber den Moosboden
herumwirbelte, das Mdchen schwindlig wurde und losgelassen hinschieend
sich ihre zu straffe Hose aufschlitzte, schimpfte die Sentimentale; das
htte sie nicht in dem Hause ihres ehrenwerten alten Herrn gelernt. Wang
nahm auch sie bei den Schultern. Sie ri sich aber los, sagte mit
niedergeschlagenen funkelnden Augen, sie wolle einen Vorschlag machen. Sie
wolle mit der Kleinen ringen oder Steine heben oder was die Kleine meine.
Sie wollten sich messen. Der Mann hetzte sie aufeinander, dann setzte er
sich in das Stroh. Sie muten neben ihn kauern, er begtigte sie, liebkoste
ihre glhenden Gesichter, die sich noch immer verbittert voneinander
abwandten.

Er erzhlte ihnen unter Getndel Geschichten, die er noch in Tsi-nan-fu
gehrt hatte.

Die ofenschwarzen Massen der Nacht lockerten sich. Ein graues dnnes Gas
fugte sie auseinander und verteilte, verflchtigte sie in groe Rume. Der
Katalpawald, abgedeckt, trat wie ein Bock hervor mit gesenkten Hrnern.

Wang legte den blauen Kittel an, hing sein Schwert um den Hals. Sie sollten
laufen, ihre Almosenschalen und was sie sonst htten, holen; sie mten
zusammen aufbrechen. Als er neben ihnen marschierte, langsam und mit
Schonung des Knies, sagte er ihnen nicht, warum er so heimlich aufbrche
und wohin sie gingen.

Er wanderte drei Wochen durch das mittlere Tschi-li, schickte Boten in
viele grere Ortschaften und Stdte, die schon von Schan-tung her
benachrichtigt waren, da die Wu-wei unter Wang-lun aus Hun-kang-tsun zu
den Vaterlandsfreunden der Weien Wasserlilie gehrten und auf jede
erdenkliche geheime Weise zu untersttzen seien. Wangs Boten liefen als
Feigenverkufer; in ihrer schmalen langen Kiste lag zwischen einer Schicht
von Feigen das Erbschwert Chen-yao-fens, der Gelbe Springer mit einem Brief
Wangs in der verabredeten Schreibweise der Weien Wasserlilie, in der je
nach einem mndlich zu bermittelnden Zeichen nur der dritte und dann der
siebente Charakter gelesen wurde; von einem bestimmten Zeichen an jeder
zweite und dann der vierte. Die Geheimhilfe der Weien Wasserlilie wurde in
kurzer Zeit mobil gemacht; es herrschte unbedingtes Vertrauen auf das
Komitee in Schan-tung.

Zugleich nderte Wang-lun seine Anordnungen fr die Lebensweise der Brder
und Schwestern; er duldete und wnschte in rmeren Gegenden die vollkommene
Auflsung und Zerstreuung der Brder und Schwestern in Ansiedelungen,
Drfer, Stdte. Wang gab darin dem Wunsche zweier Mitglieder des Pelien-kao
nach, die ihm antworteten, sie billigten nicht den strengen Abschlu der
Wahrhaft Schwachen, ihr eulenhaftes Wesen; es sei ntig, da man sich nicht
nur brieflich verbnde; unter der Sigkeit der Feigen liege doch kein
Schwert. Aber Wang gab zugleich den Angesehenen aller Haufen heimliche
Weisung, die Brder und Schwestern vor ihrem Eintritt in menschliche
Siedelungen zu warnen, sich den Brdern der Weien Wasserlilie
gleichzustellen. Vaterlandsfreunde seien alle, aber die Wu-wei nur
friedlich und leidend, die echtesten Kinder ihres armen Volkes, das niemand
wahrhaft in Krieg verwickeln knne, weil es wie das Wasser immer flsse und
die Form jedes Gefes annehme.

Nachdem Wang-lun im mittleren Tschi-li solchermaen fr die Sicherheit der
Brder und Schwestern gewirkt hatte, wre er frei von Ttigkeit gewesen und
htte sich seiner eigenen Vorbereitung fr die groe himmlische Reise
widmen knnen. Aber ein Pferd mit einem Pfeil im Schenkel kann nicht
grasen, und ein Wind, der gegen den Bannerpfahl rennt, schweigt nicht. Es
gab Abende fr Wang in diesem Sommer, wo er in einer verlssigen Teestube
sitzend, auf dem Wege durch einen Wald, von dem Gedanken an Ma-noh
berfallen wurde und von diesem Gedanken niedergekrampft wurde. Eines Tages
berwand er sich und schickte einen Boten, einen raschen jungen Mann mit
einem Brief an Ma-noh, in dem er ihn bat, ihre Begegnung zu vergessen und
ihm die Seelen wieder herauszugeben, die jetzt berauscht wren, und selbst
mit ihnen zu ihm zu kommen. Nicht einmal der Bote kehrte wieder.

                   *       *       *       *       *

Es geschah, wie Ma-noh gesagt hatte: nie war unter den Brdern und
Schwestern die Inbrunst der Andacht, Weichheit des Gefhls, die Sigkeit
der Lebensempfindung grer, als seit dem Morgen, wo man sich laut zur
Gebrochenen Melone bekannte. Nach ein paar Monaten weilte niemand mehr von
ihnen auf dieser Seite des Daseins; in den Landschaften, die sie durchzogen
hatten, ging noch das leise Gerede von ihnen und da ber ihnen das hchste
Glck gestanden htte.

Als die Gebrochene Melone noch nicht die Abhnge des Tai-han-schans
nrdlich Schun-ts erreicht hatte, griff eine Ruberhorde den endlosen Zug
der Brder und Schwestern an. Sie wanderten eines regnerischen Nachmittags
ber die monotone Llandschaft. Der Tro schleppte Karren, breite Wagen;
ber diese fielen die bewaffneten Strolche, an der Zahl achtzig, her in der
Meinung, Beute zu machen. Als sie nur Bretter, wenig Reis, Bohnen und
Wasser fanden, dazu eine nicht kleine Anzahl von Kranken, warfen sie die
Wagen um, verunreinigten die Wassertonnen, nahmen die Scke mit
Lebensmitteln an sich. Die meisten Brder des Nachtrabs waren geflohen;
sechs beherztere, die sich der Kranken annehmen wollten, wurden mit
Fusten und flachen Sbelhieben verjagt. Einem, der auf die Verbrecher
einzureden versuchte, wurde unter allgemeinem Gelchter die Zunge
abgeschnitten und an die Stirn gebunden. Die Ruber, die jetzt merkten, mit
wem sie es zu tun hatten, machten eine lustige Hetze auf einige Schwestern.
Unter dem brllenden Gesang eines frommen Liedes, das eine Schwester in
ihrer Todesangst angestimmt hatte, als man sie auf den Boden warf, zogen
sie mit elf entkleideten gefesselten Mdchen ab.

Die Bndler schoben sich inzwischen nach vorn um Ma-noh und die lteren.
Hier verdichtete sich der Wirrwarr von Aufschreien, von ratlosen Grimassen,
von einknickenden Knien. Sie suchten die Gruppe der Fhrer von rckwrts zu
umfassen und zum Stehen zu bringen. Die schlten sich heraus, streiften mit
Gewalt die Arme zurck, die sich ihnen vorstreckten, schttelten die Kpfe,
drangen weiter, indem sie die Berhrungen von ihren Schultern und Rcken
abstrichen.

Was wollten die Brder und Schwestern! Ob sie nicht wten, wie die
kostbare Lehre ihres Bundes hiee! Nicht widerstreben! Ob sie das nicht
wten?

Auf die Kalkweien sauste erst jetzt die Furchtbarkeit, das grausig Einsame
ihrer Lehre nieder. Sie flatterten umeinander, rissen ihre krampfenden
Blicke von dem Nachtrab ab, zwangen ihre Fe auf die Spuren Ma-nohs. Sie
kehlten, sich windend unter den Schreien, ein berschlagendes Lied, nur fr
ihre eigenen Ohren bestimmt. Sie riefen heimische Geister an, trsteten
einander.

Ma-noh wanderte langsam mit den lteren unter dem tropfenden Regen. Die
lteren rangen flsternd die Hnde, warfen sich Blicke zu, blieben stehen,
wnschend, da sie der Erdboden verschlinge. Ma ri die Augen auf; ein
starrer Wutausbruch. Warum sie nicht zu Dolchen und Messern griffen? Der
Unterschied zwischen diesem Leiden und jedem anderen, worin liege er? Der
Unterschied, worin er liege? Ja, man msse sich zwingen, dies gut zu
finden, ja sehr gut, dies anzubeten, denn dies sei das Schicksal. Genau
dies sei es.

Und er zwang sie und sich, umzukehren, ber die Llandschaft weg die
Gewalttaten der Ruber an den Brdern und Schwestern zu betrachten und dies
Gift zu schlucken. Den Brdern verwies er das freche dumme Singen. Sie
warfen sich an den nassen Boden, lauschten zerschnitten herber. Die
Bndler scharten sich um die feierlich kniende qualheischende Gruppe der
Fhrer.

Atemlose Stille. Offene Bhne. Kreischen der gebundenen Schwestern,
Entblen der zarten Leiber, knallende Stockschlge auf die Kpfe der
Brder, Gebrll, trappelnde Pferde, unsicheres Wimmern der Kranken, leere
Ebene, Regen.

Um die Wagentrmmer ballte sich alles. Als die wassertriefenden Kranken zu
jammern begannen, konnten sich die Brder nicht in die Gesichter sehen. Als
der Verstmmelte rchelte und sein blutender Mund klaffte, wandten sie sich
ab.

Bei der Besprechung abends in der Nhe eines Marktfleckens blieb Ma-noh
unerschttert. Man redete nicht viel. Sthnend, mit schmerzstrengen Mienen
trennte man sich. Dumpfe grende Unruhe bei den Brdern und Schwestern.

Fnfzig Brder taten sich in der Nacht zusammen, forschten in dem
Marktflecken nach den Rubern. Sie stellten fest, da diese Ruber in einem
Drfchen, weit nach rckwrts von dem Flecken gelegen, hausten, da es
Behrden wie Privatpersonen bislang nicht mglich war, das Nest auszuheben.
Man erfuhr auch von Landbewohnern, da drei der geraubten Mdchen sofort
nach Schun-t verschleppt seien, acht im Dorf festgehalten wrden.

Die Brder drangen in der Nacht darauf in die ihnen bezeichneten Huser des
Dorfes, schlugen sich mit den Verbrechern herum, die einen militrischen
Angriff vermuteten und sich bemhten zu entwischen. Die Schwestern wurden
wiedergefunden und befreit, zwei Verbrecher und drei Brder blieben tot im
Dorf liegen auf der mondbeleuchteten Strae.

Die Verwegenheit der Brder wuchs so sehr, da sie noch am nchsten Tage in
der Stadt den Aufenthalt der Mdchen auskundschafteten, welche in einem
obskuren Freudenhause wohnten. Sie besuchten abends in Gruppen zu dreien
und fnfen das Haus, hielten sich bis zur dritten Nachtwache auf, erbrachen
dann ohne Schwierigkeit die Tren, versteckten sich einen ganzen Tag bei
den Bettlern in der Stadt, gelangten nach einer Woche auf groen Umwegen zu
dem Halteplatz Ma-nohs an den blhenden Abhngen des Tai-hans.

Ma-noh, unterrichtet von dem Vorgefallenen, trug sich damit, sie
auszustoen. Es war inzwischen schon die Mehrzahl der Bndler zu der
Auffassung bekehrt, da das Wu-wei Mittelpunkt und Rettung sei, Mittelpunkt
und Rettung bleiben msse. Die Befreier kamen beschmt. Wo die Trauer
aufrichtig schien, verzieh Ma. Fnf, die sich einsichtslos rhmten, wurden
verstoen.

Es entspann sich ein erbitterter heimlicher Kampf zwischen Ma-noh und den
Widersachern im Bund. Der bald zutage tretende Sieg Mas zeigte die
ungeheure Gewalt, ber die der vllig umgewandelte Mann verfgte.

                   *       *       *       *       *

In der fruchtbaren dichtbevlkerten Gegend am Fue des Tai-hans entwickelte
sich aus dem Scho des Bundes die heilige Prostitution.

Die Schwestern hatten sich schon nach dem Aufenthalt am Sumpfe von Ta-lou
gewhnt, sobald sich ihnen auf der Wanderschaft, in einsamer Gegend,
Bergstrae, Wald, Mnner nherten, zu ihnen heranzugehen, mit ihnen
freundliche Worte zu wechseln; auch Liebkosungen konnten sie sich nicht
entziehen, ohne Gefahr zu laufen. Diese Gepflogenheit wurde nach dem
berfall vor dem Tai-han-schan allgemein.

Die Schwestern rsteten sich, einen Wall von Sanftheit um die Gebrochene
Melone aufzuwerfen. Sie gingen nicht in dem lumpigen Bettlerinnenzeug,
suchten sich mit Hilfe der Brder bunte Kleider zu beschaffen, schn
bemalte Schirme, feine Haarkmme. Alle Tage fanden sie sich abends
zusammen, und die kundigen lehrten sie die entzckenden Liebeslieder der
bunten Quartiere singen, die Pipa zupfen. Wo die Arbeiter am Wege standen
und die kaiserlichen Straen ausbesserten, an den Erdnusuchern, die im
Acker whlten, wichen sie nicht mehr ngstlich vorber; sie kmpften mit
den Frauenwaffen, glitten vorbei. Es waren unter den bald fnfhundert
Frauen an zehn, die die Situation des Bundes Ma-nohs durchschauten, ihr
Schicksal an die Gebrochene Melone knpften, mit Klugheit und
Entschlossenheit zur Festigung des Bundes beitrugen. Die jngeren Schnen
bildeten die heilige Prostitution. Es wrde sie niemand, so sagten sie,
hindern, den ebenen Weg zum Westlichen Paradiese einzuschlagen, jetzt, wo
sie alles, alles mit jedem teilten.

Es geschah etwas Befremdliches am Tai-han-schan, etwas Mrchenhaftes,
Naives, von der Art eines Liedes. Die Bettlerhtten waren aufgeschlagen,
die Mnner gingen in die Berge hinein, wo Ansiedlung an Ansiedlung stie.
Die Mdchen liefen umschlungen ber die schachbrettartig geteilten Felder.
Auf den schmalen Pfaden zwischen den Reis- und Weizenfeldern zerstreuten
sie sich. Der fauligweiche Boden dellte sich unter den leichten Fen der
Glckbringerinnen. Zwischen dem Grn der Halme blitzte grelles Rot, auf
kindshohem Stengel eine straffgewlbte Blte, seidenglnzendes Purpur: der
Mohn. Die Ponys der Mdchen klebten fest an den niedrigen Stirnen. An
bunten Grteln trugen sie Almosenschalen. Diese und jene, nicht gewhnt zu
gehen, bewegte einen Stab mit Messingbehang, den Rasselstab in der Hand.

Wenn eine Glckbringerin eine arbeitende Frau oder ein Mdchen traf, so
grte die geschmckte Bettlerin sie, nannte sich beim Namen, sagte, da
sie zu dem Bund der Gebrochenen Melone gehre, erzhlte, nahm teil,
schenkte, wenn sie sich verabschiedete, ein kleines Tuchsckchen mit Asche
oder ein Papieramulett mit Charakteren.

Ein Arbeiter fragte sie nach der Gegend, nach Richtung der Geisterpulse des
Bodens; sie lie sich beschenken von dem ehrerbietigen, setzte sich mit ihm
hin an einen Feldrain, unter einen Sophorenbaum, a, was er ihr gab, und
whrend er ihr entzckt zusah, erzhlte sie von den wunderwirkenden frommen
Mnnern, denen sie zugesellt sei, von dem schweren Schicksal, das sie
erlitten habe. Und damit trippelte sie davon, indem sie sich oft umwandte
und zum Gru verneigte. Wen die heilige Prostituierte neben sich zittern
und ngstlich blicken sah, trstete sie, indem sie sich entfernt von ihm
setzte und ein paar kleine fremde Lieder sang. Sie lftete am Halse ihren
losen Kittel, zog ein rotes Tuch heraus, band es sich um das Gesicht.
Hinter dem Tuch klang ihr Lachen, und so gnnte sie dem Beglckten alles,
was er wnschte. Kam wieder den Weg, bis sie aus der Gegend verschwand.

Rasch flog das Gercht von dem neuen Bunde in die Stdte, die bunten
Quartiere, in die Theater, die Teehuser. Sklaven und Sklavinnen,
Schauspielknaben und bemalte Damen entwichen. Vergebens taten sich die
Besitzer der Huser zu Verbnden zusammen, appellierten an die Behrden,
verweigerten Konzessionsgebhren, um einen Druck zu ben.

In aller Munde war die Geschichte des jungen Fruleins Tsai aus
Tschian-ling und wie sie entfloh. Sie war ganz jung verkauft worden an ein
wenig renommiertes Haus.

Als sie den Restaurationsbetrieb geleitet hatte im Innern des Hauses und
infolge des unausgesetzten Genusses von heiem Wein magenleidend geworden
war, -- ein Wein, der mit den liebeanregenden Zustzen gewrzt wurde --,
berlegte sie in einem nchternen Augenblick, ob es nicht besser wre, zu
hungern und zu frieren, als dauernd zu erbrechen, sich schlagen zu lassen
von der Besitzerin und an Lastentrgern, lhndlern, Schiffziehern
Liebeshandlungen zu verrichten.

Da sie in keiner Weise geschont wurde und sich vllig ruiniert fhlte,
sprang sie aus ihrer offenen Snfte, deren Trger sie reich bestochen
hatte, in das Magistratsjamen, wurde sogleich verhaftet, nach Aburteilung
ihrer viehischen Wirtin in das Rettungshaus gebracht, welches die Stadt
neben dem Gefngnis unterhielt. Sie lernte in den kurzen Wochen ihres
Aufenthalts dort ntzliche Dinge, man hngte ihr Bild in den Glaskasten an
dem Eingang des Hauses fr Mnner, die sich hier eine Frau suchten.

Sobald nun ihr Bild ausgehngt und allen sichtbar war, berichtete dies ein
Bote der bestraften Wirtin, welche sich noch nicht von ihren hundert
Bambusschlgen erholt hatte; die Frau veranlate einen Neffen von sich,
einen Herumlungerer, den sie aushielt, sich an den Direktor des stdtischen
Rettungsheims zu wenden, ihm erlogene Garantien fr seine Person zu geben
und das Mdchen zur Frau zu verlangen. Nachdem der Bursche sich noch
heuchlerisch nach den guten Eigenschaften seiner zuknftigen Braut
erkundigt hatte, erklrte er, sie zu heiraten, holte sie in eine gemietete
Wohnung fr ein paar Wochen ab und brachte sie dann seiner Tante zurck.

Das unglckliche Mdchen zerqulte sich den Kopf, um der Polizei den Betrug
zu melden; man kam ihr auf die Schliche, nahm ihr jegliches Geld weg,
sperrte sie ein, tglich schlug sie die Frau, bis sie nachgab und versprach
sich zu fgen. Wieder fing das zerrttende Trinken an; mit
blutunterlaufenen Augen ging das Mdchen herum, vllig matt, sich tief
verneigend, wo sie immer die Wirtin sah, froh, da man ihre Hnde und
Fusohlen ausheilen lie.

Dann erzhlte ihr eines Tages ein frisch angekommenes Mitglied des Hauses,
der dieses Leben nicht gefiel, da sie einen Melonenkernverkufer kennen
gelernt habe, der sich in sie verliebt htte und ihr helfen wolle. Das
vielgehetzte Mdchen wurde halb widerwillig verleitet; sie setzten
gemeinsam mit drei andern Insassen des Hauses, die man ins Vertrauen
gezogen hatte, eine lange Klageschrift gegen die Wirtin und den Neffen auf;
die Novize bernahm es, das Blatt ihrem Verehrer zu bergeben; er sollte es
den ordnungsmigen Weg an die Behrde leiten. Der Melonenkernverkufer
brachte auch den Brief an die richtige Stelle; aber ehe Beamte ins Haus
kamen zur Untersuchung der Angelegenheit, hatte der Neffe durch einen
untergeordneten Diener des Jamens, der die Schreibstuben ordnete, Kenntnis
von der Beschwerde erhalten.

Die Mdchen hrten ngstlich eines Abends durch den Fuboden seine erregte
Debatte mit der Wirtin im Empfangssalon unten, wegen der Manahmen, die man
treffen sollte. Da griffen die fnf kompromittierten gefhrdeten Geschpfe
zu einem Gewaltmittel; sie banden die Frau, welche auf dem Korridor die
Aufsicht ihrer Zimmer fhrte, nachdem sie ihr mit Papier den Mund verstopft
hatten; lieen sich an falschen Zpfen und ihren eigenen, die sie rasch
abschnitten und schnrten, an der Hinterseite des Hauses herunter, liefen
Hals ber Kopf durch die Straen, versteckten sich bis zum Morgen hinter
der Stadtmauer und schlpften, nachdem sie ihre eleganten Kostme gegen die
Lumpen von Bettlerfrauen eingetauscht hatten, welche an den Mauern in
berdeckten Erdlchern bernachteten, aus dem Tor eine nach der andern
hinaus.

Sie htten es nicht ntig gehabt, sich zu berstrzen, denn die Wirtin und
ihr Neffe waren nach dem ersten Schreck froh, da die fnf Anklgerinnen
verschwunden waren, und schickten ihnen jeden Segenswunsch auf den Weg.
Aber den fnf Mdchen peitschte die Todesangst den Rcken; sie liefen
gedankenlos Li um Li; warfen sich bei jedem Lrm von rckwrts lang auf den
Boden; schlielich, als sie einen Berg erklommen hatten und auf einem
unbetretenen Steinacker saen, weinten sie sich zusammen ruhig.

Der weitere Verlauf dieser recht gewhnlichen Angelegenheit lie an
Banalitt nicht zu wnschen brig. Am Ende des ersten Tages trennten sich
zwei von den Mdchen ab, die vor Aufregung, Hunger und Furcht nicht
weiterkonnten, und blieben auf dem Magistrat des Drfchens, das sie
erreichten, mehrere Tage, wartend, da die benachrichtigte Wirtin sie
wieder holen sollte. Diese aber beschuldigte die Mdchen des Diebstahls und
der Verleumdung. Der sehr gutmtige Brgermeister hielt ihnen nach ein paar
weiteren Tagen im Drfchen dies vor und empfahl ihnen, lieber keinen Wert
darauf zu legen, in die Stadt zurckzukehren, weil sie ja tatschlich
Kleidungsstcke entwendet hatten. Und so arbeiteten die verwhnten Kinder
um kargen Lohn drauen auf den ckern und in Stllen, verwnschten die
ganze Sache.

Die drei anderen Mdchen erreichten Ma-nohs Truppe nach fnf Tagen, welche
sie auf den Tod erschpfen lieen, nach ununterbrochenem Wandern, Frieren,
Dursten. Man nahm sich ihrer sehr an. Aber zweien von ihnen behagte bald
das strenge stille Leben nicht. Man beachtete ihre Fhigkeiten und
Schnheit nicht genug. Die Gedankengnge unter den Schwestern und Brdern
schienen ihnen langweilig, auch komisch. Die eine heiratete einen Bruder,
dem es ging wie ihr. Die andere, eine geschickte junge Person, lie sich
von einem entlaufenen kaiserlichen Schauspieler ein paar der bei Hofe
beliebten Tnze einstudieren, lernte ihm Phrasen und hfische Interna ab
und wurde rasch als bedeutende Acquisition von dem Besitzer eines Teehauses
mit Varietee engagiert. Er lie reklamehaft ausstreuen von Intrigen, denen
sie am Kaiserhofe erlegen sei und so weiter.

Nur die Blutarme, Gehetzte, die sich halb willenlos hatte mitziehen lassen,
blhte auf unter den Gebrochenen Melonen. Sie htte dieses Glck nicht fr
mglich gehalten. Zum ersten Male strahlte wieder etwas wie Hoffnung aus
ihren eingesunkenen Augen. Aber sie war diesem Leben am wenigsten
gewachsen. Ein fliegender Shi, wie sich die Kundigen der Bndler
ausdrckten, bohrte sich durch ihre Haut und Eingeweide. Sie erbrach Blut
und konnte nicht weiter. Man beschaffte fr sie aus einer Dorfapotheke die
lebenerneuernden Pillen aus dem Mutterkuchen einer erstgebrenden Hndin.
Aber im schnen sommerlichen Feld blieb sie tot liegen und war ihr
jmmerliches Dasein los.

Der Ruf der heiligen Prostitution verbreitete sich weit in diesen
Landschaften. Vielleicht trug nichts so dazu bei, die Sekte bekannt zu
machen. Die Behrden und die hetzenden Literaten in den Kung-tse-tempeln,
durch nichts gehemmt, konnten doch zu keinem Entschlusse kommen ber die
Manahmen. Man konnte nicht die vielen hundert, zu denen entartete
Angehrige der ltesten Familien gehrten, durch Polizei und
Provinzialtruppen niedermetzeln lassen; das Schauspiel der Abschlachtung
von Wahnwitzigen, die sich mit keiner Handbewegung wehren wrden, wagte man
nicht.

Man suchte durch Milde und sanfte Gewalt die Bndler zu bewegen, sich zu
zerstreuen. Als jedem Versuch ein rundes Nein entgegengestellt wurde,
verboten die Prfekten allen Ortschaften und Ansiedlungen, denen sich die
Bndler nherten, die Gewhrung von Speise und Trank an sie. Einzelne
Prfekten arrangierten auf eigene Faust, untersttzt von ihren Behrden,
Unternehmungen gegen die Bndler. Sie bedienten sich des Aberglaubens der
Bevlkerung; streuten Gerchte aus, da die Bndler schne Frauen aus
einzelnen Drfern mit Gewalt entfhrten, da sie im Besitz
lebenverlngernder Pulver seien, die sie fr sich behielten. Auf Grund
solcher Gerchte erfolgten kleine berflle auf Bndler, die sich eben von
dem Lagerplatz entfernt hatten. Man zog sie nackt aus, verbeulte sie. Die
geheimen Veranstalter hofften durch solche Angriffe den Zulauf zum Bund zu
mindern und ber die Bndler Angst zu werfen. Unvermindert blieb die Ruhe
der Gebrochenen Melonen, unverndert wirkte die Suggestivkraft des
Westlichen Paradieses, das sie dem verhieen, der ohne Unruhe und von
keinerlei Begierde getrbt dem Tao folgte; nur sie wten das reine echte
Tao, und sie wrden sich jener Krfte bemchtigen knnen, von denen die
alten Lieder singen.

Als solche Angriffe auf die Bndler wenig Erfolg hatten, zogen sich die
Prfekturen von der Angelegenheit zurck, erstatteten den
Provinzialbehrden Berichte, warteten ab.

Eifrig wurde in den Kung-tse-tempeln geschrt. Die Literaten, ehemaligen
Regierungsbeamten, die zur Disposition Gestellten, ihre Freunde, alles
Offizielle im westlichen Tschi-li betrachtete die Gebrochenen Melonen als
persnliche Feinde, die man um so heftiger bekmpfen mute, als der
Regierung offenbar noch die Hnde gebunden waren. Hier hatte man nur Furcht
vor dem schlimmen Eindruck einer Niedermetzelung auf das Volk, sonst wre
lngst alles erfolgt.

Bis eines Tages ein alter Militr, vom Rang eines Ti-tu in Schun-t, dem
religise Streitigkeiten zuwider waren und der sich nach Pe-king beliebt
machen wollte, vorschlug, er wolle die Vernichtung der Gebrochenen Melone
bernehmen auf eigene Verantwortung, wenn man ihm eine grere Geldsumme
zur Einstellung einer Anzahl ehemaliger Soldaten, wahrhafter
Vaterlandsfreunde, zur Verfgung stellte. Die Summe durch rasche
Subskription der erfreuten Verschwrer zusammengebracht, machten sich eines
Nachts zweihundert Mann von Schun-t auf, um noch vor Morgen im raschen
Marsch die Bndler zu erreichen, ehe sie ihr Lager verlieen; der Ti-tu
unter ihnen. Am frhen Morgen kam es dann zu dem berchtigten Blutbad bei
einem Dorf, nchst dem sich das Lager der Gebrochenen Melonen befand.

Das Gercht von der Ankunft einer bewaffneten Bande hatte schon tagelang
vorher die Bewohner dieser Gegend alarmiert; man zweifelte an der
Mglichkeit eines Vorgehens gegen die harmlosen Menschen. Immerhin hatte
das Auftreten des Bundes und die heilige Prostitution bereits hinreichend
gewirkt, um eine groe Anzahl von Bauern in der Morgenfrhe dieses Tages
auf die Beine zu bringen. Sie liefen in Haufen von allen Seiten an, als
Wehegeschrei aus dem friedlichen Lager scholl. Am Eindringen wurden sie
durch flchtige Brder und Schwestern gehindert. Dann Keule gegen Keule.
Sensen rissen schwertschwingende Hnde weg. Spitze Bambuslanzen bohrten
sich durch anrennende Leiber. ber Rcken meuchelnder Soldaten wuchteten
Balken und Wurzelkloben. Maulaufreien, chzen, Dumpfen, Knallen.
Schweidampf, dnne Blutsulen, unregelmiger Rhythmus von Stille und
Gebrll. Kuan-yin hilf! Nach einer halben Stunde war der Dmon des Orts
gesttigt. Hundert Soldaten blieben liegen, ber zweihundert Schwestern und
Brder, vierzig Bauern.

Die Bndler sammelten sich. Rasende Flucht entfernte sie von dem Platz.

Gegen Abend erreichten sie in nrdlicher Richtung einen groen See, den die
Anwohner See der Eintracht nannten, hielten, entsetzt, da man die
Einsargung und Beerdigung der Toten den Bauern hatte berlassen mssen. Ma
besnftigte. Er habe schon auf dem Wege von einer wissenden Stelle die
uerung empfangen, da die toten Schwestern und Brder wohlvorbereitet
gestorben seien; ihre Geister schwebten nach den erstrebten Bezirken auf.

Am mondhellen See beriet er mit acht Brdern, was geschehen solle. Man
konnte sich nicht hinmorden lassen. Mit gemachter Entschiedenheit erwiderte
Ma, es sei gleich, an welchem Tage man sterbe; es kme nur auf die
Bereitschaft des Geistes an. Er redete flau und fhlte, da er nicht das
Richtige fr die ungeheure Lage traf. Er konnte nichts erwidern auf die
Frage, ob man nicht sehen msse, sich gut vorzubereiten, statt in den Tod
zu rasen.

Hunderte ber hunderte rotteten sich zusammen unter dem Banner der
Gebrochenen Melone; aber keine berfahrt in die ersehnte Heimat bereitete
man ihnen, keinen Hafen fr die Verdorbenen und Verunglckten. Nicht anders
als Betrug konnte man es nennen, Schndung ohne Gewissen. Zur Schlachtbank
fhrte man sie, zur Schlachtbank und nicht zum Westlichen Paradies.

Zu der Musik der scharrenden Schilfrohre flsterten sie. Ma-nohs trostloser
heier Blick haftete fast irre an der groen Klosteranlage auf der anderen
Seite des Wassers. Er konnte in der Helligkeit des Himmels alle
Einzelbauten der Lamaserie erkennen, die vielen Kapellen, die groe breite
Gebethalle, die Wohnhallen der Mnche. In solchem stillen Hause wohnte er
lange Jahre. Jetzt lag er ausgestoen mit vielen hundert Menschen wieder
vor seinen Toren. Durch einen See getrennt.

Die Brder wrgten sich verzweifelte Entschlsse ab. Der Bund sollte
aufgelst werden. Die grauenhafte Verantwortung wollte keiner tragen. Sie
flehten Ma an: Was tun, was tun? Morgen, bermorgen, in einer Woche
kommen die Provinzialtruppen, umstellen die Gebrochene Melone,
zerschmettern Brder und Schwestern. Kein Zweifel; noch heute Bericht von
Ortsbehrden an Prfektur, Tsong-tou; Friedensbruch in der Provinz;
baldiger Eingriff der Regierung. Was hat die Gebrochene Melone verschuldet,
da das geschah? Alles Klagen hilft nichts. Was soll geschehen? Die teuren
Brder tot, die feinen Schwestern, die frommen Wanderinnen tot. Blutsulen,
zerspaltene Stirnen, willig hingehaltene Hlse: unausdenkbar das alles,
berqualvoll, zermalmend, zwischen saurem Schweidampf und hetzendem
Grhlen Aufstieg in die Westlichen Bezirke. Der Bund, der Ring zerbrach.

Ma-noh sa still, horchte auf sich. Er erinnerte sich auf einmal jener
ersten Unterredung der Nan-ku-Bettler mit Wang-lun in seiner Htte. Man
drngte Wang um Schutz von der Weien Wasserlilie. Fr die Gebrochene
Melone gab es keinen Schutz, sie war ohne Freunde, Wang-lun hatte sich
erhoben mit seinem langen Schlachtschwert, in der Nacht das Lager seiner
ehemaligen Brder verlassen.

Ein siedender Ha auf Wang-lun bergo Ma. Sein Arm wurde von innen
geschttelt, seine Zhne geknirscht. Ein Entschlu strmte durch seine Knie
in seine Zehen, rttelte an seinem Zwerchfell, so da sein Atem still
stand; wie von Blitz und Donnerschlag war er widerhallend durchrollt.

Die schmalen bunten Gebetswimpel auf den platten Dchern drben schaukelten
im Wind, stellten sich auf.

In stummer Frhe lie Ma den Lagernden ein Zeichen geben. Man rauschte um
den See. Rasch waren die Klosteranlagen von den Menschen umfat, bevor die
drei ersten Ste des Muschelhorns die Brder drin zur Frhandacht weckten.

Ma schlug mit der Faust an das Tor. Fnf seiner Brder folgten ihm ber den
Hof in das hochgelegene Zimmer des Chan-pos. In dem kahlen hohen Zimmer, in
das ein paar Stufen vor einen verhngten Raum herunterfhrten, stand der
Chan-po vor einem prachtvoll geschnitzten Wandtisch, der die Bilder
Verehrungswrdiger trug; ein noch junger Mensch mit ruhigen geistvollen
Zgen. Ma-noh in seinem Flickkleid hatte sich nicht von dem Pfrtner
abweisen lassen; der Prior wartete zu hren, was so drnge. Er schien nicht
gewillt, die sechs Fremden ohne weiteres als Gste zu betrachten; nach der
Begrung schwieg er.

Ma nannte seinen Namen und die der Begleiter, erklrte mit kalter
Beherrschtheit, da er mit dem Prior ber eine wichtige Angelegenheit
verhandeln wolle.

Der entgegnete, da die Almosenverteilung Sache eines Bruders sei, zu dem
sie der Pfrtner fhren wrde; der wrde sie auch ber rztliche
Hilfeleistungen und Stillung augenblicklicher Not beraten.

Ma-noh wollte den Chan-po sprechen.

Er lud sie zgernd zum Sitzen auf den Kniehockern ein, mit dem Hinweis, da
die Frhmesse bald beginne.

Ma-noh, hinkauernd, erklrte, da ihre Zeit sich auf die Zeit zwischen zwei
Atemzgen beschrnkte und sie bald zu Ende sein wrden. Ob der grndliche
Kenner der heiligen Saktastexte aus den Gttergesprchen magische Formeln
gelernt habe, mit denen man Menschen vor der vlligen krperlichen
Vernichtung retten knne.

Der Prior staunte den kenntnisreichen Bettler an und sagte langsam, er
wte einige schtzende Silben, indem er seine gelben Augen auf den Mann
richtete.

Ob, fragte Ma weiter, der wissende Prior den schtzenden Silben so
vertraue, da er sich selbst mit ihnen in Gefahr begeben wrde.

Der Chan-po, tiefer erstaunend, erklrte, er vertraue diesen Silben und
manchen anderen; aber ob der Frager vielleicht ein verkleideter Ge-long
sei, wozu er ihn aufsuche und examiniere; was dies bedeute und wer sie
wren.

Ma-noh, mit ihm zusammen aufstehend, meinte, es sei kein Anla, die
Unterhaltung, die eben beginne, bald am Ziel sei, schon abzubrechen; und
eine verlorene Frhmesse wiege fr die Heiligkeit nicht so viel wie der
Mord an tausend Mnnern und Frauen. Denn sie knnten ohne Umschweif und
Hflichkeit verhandeln; ob der erleuchtete Chan-po mit seinen fnfhundert
Mnchen gleich in die Ebene hinuntergehen wrden, von Verbrechern verfolgt,
aber vertrauend auf die Tantrasformel? Ob der erleuchtete Chan-po sich
herablassen wrde, einen Blick zum geffneten Fenster hinauszuwerfen und zu
sehen, was die Nacht drauen verndert htte. Der Abt mit zwei Schritten
gegen das Fenster, ri es auf; Murmeln der Mnche ber den Hof, das
schimmernde Seeufer, soweit man sehen konnte in dem Morgennebel,
geschwrzt, eingefat von hunderten sich regenden Menschen, Mnnern und
Frauen, Wagen, Karren; sie hielten sich so still, da nicht einmal die
Mnche drauen, die zur Messe gingen, etwas ahnten.

Das Gesicht des Abtes, viereckig, gefroren, wandte sich nicht um; er
gurgelte: Sind das die Verbrecher, die uns verfolgen?

Ma-noh, neben ihn tretend, schlo vor seinem Gesicht rasch das Fenster;
dies seien die Verfolgten, die von ihm Schutz verlangten. Aber niemand
knne freilich sicher sagen, wann aus Verfolgten Verfolger und Verbrecher
wrden. Sie seien die Gebrochenen Melonen; ein unkeuscher Name fr das
keuscheste Ding; sie seien heute morgen massakriert worden; ihre Toten
lgen noch einen Tagesmarsch hinter ihnen auf dem freien Felde; jetzt
verlange er, Ma-noh, fr seine gehetzten Menschen Wohnung, Mauer und
Schutz.

Es klopfte gegen die Tr; der Abt drehte den Kopf. Er knne nicht kommen
zur Andacht; man mchte ihn vertreten; man mchte nicht zu langsam lesen
und bald den vertretenden Bruder Ge-long zu ihm heraufschicken.

Was, mit geraden Worten, Bruder Ma-noh, willst du von mir?

Du sollst uns aufnehmen in dein Kloster, Mnner und Frauen, und dann die
Tore verschlieen, groer Chan-po.

Wie kann ich euch schtzen? Ist der Schutz von verfolgten Heeren Sache der
Klster? Wer im Freien steht und den Blitz auf sich zieht, warum schilt der
auf den Blitzschlag?

Niemand schilt. Wir brauchen keine Belehrung. Wir brauchen Schutz. Wenn
der groe Chan-po mit seinen Mnchen nicht Platz genug fr uns im Kloster
hat, so wird der groe Chan-po mit seinen Mnchen das Kloster verlassen
mssen. Auf ein paar Wochen. Bis es besser fr uns geworden ist. Hier gibt
es keine Wahl fr uns Gehetzten. Dies ist die gerade Antwort. Und auch fr
den Chan-po gibt es keine Wahl; wenn er nicht in zwei Tagen mit unserem
Blut befleckt dastehen will und seinen schrecklichen Wiedergeburten
nachweinen wird. Auf seinen Schultern die Last von hundert unbefreiten
Menschen.

Ma-noh wartete mit den fnf Brdern in einem Zimmer des Erdgeschosses; sie
tranken seit langer Zeit wieder den feinen heien Tee aus bemalten Tassen.
Die Stimmen des Abtes und seines Stellvertreters klangen abgerissen
herunter. Nach einstndiger Beratung lie der Abt sie wieder rufen. Er
hielt mit erblichenem Gesicht noch das schmuckreiche schwarze Gebetszepter
in der Hand; neben ihm stand sein Stellvertreter, ein scharfer grauer Kopf
mit mongolischen Zgen. Eindringlich sanft bat der Abt Ma-noh, das Kloster
mit allen Schtzen gut zu verwahren; er mchte ihm Boten schicken in das
kleine Kloster jenseits des Flusses, wohin er selbst zge, und ihm
mitteilen, wann die Gefahr fr sie vorber sei und sie das Kloster
verlieen. Beim Amithaba habe er gebetet, da die Seelen der unglcklichen
Verfolgten gerettet wrden.

Ma ging mit straffen Schenkeln ber den Hof, der von aufgeregten Mnchen
wimmelte. Die Tore ffneten sich; man umringte ihn drauen. Dann erhob sich
das Jauchzen, das sich lauffeuerartig fortpflanzte.

Als die heie Sonne eben im Mittag stand, schoben sich die mchtigen
Torflgel auf. Man sah aus vielen Hfen die Mnche zusammenstrmen, sich
hintereinander ordnen, sich um liegende Gerte mhen. Der Auszug des
Chan-po mit der gesamten Mnchsschaft vollzog sich. Die Menschenmassen vor
dem Tore teilten sich.

Die Geistlichkeit, das allerhchste Gut der Welt, erschien inmitten der
Armen, die einen dilettantischen, viel krzeren, schmerzensreichen Weg nach
den ewigen Freudenhimmeln einschlugen. Voran junge Novizen mit leeren
Hnden, unbedeckten Kpfen; die Ban-dis, kahle runde Schdel mit einem
kleinen Haarbschel auf dem Scheitel.

Zu fnf nebeneinander Mnche mit langen braunen Kutten bis zu den Fen;
viele hatten die rote Priesterbinde von der linken Schulter zur rechten
Hfte umgeschlungen; manche trugen berwrfe, weite gelbe Mntel, die die
rechte Schulter nackt lieen. Alle unter schwarzen vierzipfligen Mtzen.
Murmelton. Zu zweit trugen sie rote Paniere mit andachtgebietenden
Inschriften. In Snften zuletzt die Priester aller Weihen, unter ihnen in
einer gelb ausgeschlagenen Snfte der Chan-po. Zwischen den hchsten
Priestern Lehrlinge mit Polstern in den Hnden, darauf die Altarstcke und
die sieben Kleinodien, kunstreich geschnitzte, gegossene Tiere; Elefant,
Goldfisch, Pferd, Opferschalen aus Silber, gebuckelte Teller, Giekannen,
Metallspiegel, heilige Symbole der fnf Sinne. Auf bedeckten Karren fuhr
man fort das umfassende Buch, die Mutter genannt, zwlf schwere Bnde in
holzgerahmten Seiten. Vor, neben der Snfte des Chan-po krachten Mnche von
Zeit zu Zeit in die Gongs, pumpten ihre Lungen in die ungeheuren Posaunen,
die auf den Schultern der Vorangehenden ruhten.

Auf breiten Bahren schwankten die Bildsulen der groen Gtter vorber;
unverhllt blickten die wesenlosen Gesichter ber die erregten Menschen,
ertrugen den frischen Duft des Sees. Da sa der Beryllglanzknig auf dem
Lotosthrone; in der herabhngenden Rechten hielt er die mystische
goldfarbige Myrobalane; die beiden Buddhas mit der Lwenstimme und der
Kostbaren Kopfzier begleiteten ihn. Das furchtbare Bild der Heilspendenden
Gttin, die auf einem Blutmeer reitet, tauchte aus dem Dunkel ihrer Kapelle
in die warme helle Himmelsluft hinein; ihre blitzschieenden drei Augen,
ihre brennenden Augenbrauen vermochten nichts gegen das gleichmig heitere
Sonnenlicht, das in unverminderter Kraft ber ihr schlangenbefangenes
Gesicht fuhr. Zuletzt schleppte der Pfrtner seinen abgestandenen,
verkmmerten Leib an, gab Ma-noh, trbe Gebete keuchend, das unfrmige
Vorhngeschlo des Tores.

Das Blasen der Posaunen tnte noch von der rechten Seite des Sees; ab und
zu puffte ein Gongschlag. Da strmte jubelnd, weinend, ernst der absurde
Tro der armen Gebrochenen Melonen in die leeren Hfe, die schlammbedeckten
Mnner, die Verwundeten, die Blutbespritzten, die Mdchen mit den bunten
Kitteln und trockenen Blumen im wirren Haar, die Sngerinnen, die vor Angst
lachten, die stammelnden plappernden Blinden und Krppel. Sie drangen in
die Hfe, die Kapellen, die Gebetshallen, aus denen die berirdischen
Gtter ausgezogen waren, fllten jeden Winkel und jeden Raum bis zu den
bemalten Decken mit ihrem Elend.

                   *       *       *       *       *

Man richtete sich in dem Kloster ein. Whrend die Handwerker die Hhe und
Festigkeit der Ziegelmauern bewunderten, Lahme und Wundgeschlagene auf die
roten Diwane in der Gebetshalle gebettet wurden, Schwestern Bohnen und
Hirse aus den Vorratskammern schleppten und in den noch heien Kesseln
kochten, saen Ma-noh und seine Vertrauten in dem Zimmer des Chan-po,
sannen nach. fter sahen sie sich betreten an; man hatte Reichtum und
Schutz; aber dies war nicht gut. Sie saen mit feuchten Kleidern in dem
gepflegten geschmckten Hause; auf Holzboden sickerten Schmutzlachen von
ihren Schuhen und Kitteln. Der scharfe und muffige Dunst stieg aus den
durchnten Stoffen, stach ihnen in die Nasen; ihre Augen trnten. In
unwillkrlicher Bewegung seufzte der jngere ernste Liu, fragte: Wollen
wir nicht hinuntergehen, auf dem Hofe fr uns Zelte schlagen?

Ma-noh ging mit ihnen; er sagte nicht nein, nicht ja. Metaphysische
Gesprche schwebten in den niedrigen Holzkorridoren, die sie durchgingen.
Hier war noch nie die Rede gewesen von Hunger, Totschlag; das Holz des
Hauses war getrnkt mit Gedanken von der Erbauung und Vernichtung der Welt.
Ma-nohs Freunde sprten nichts von dieser Luft. Er schlrfte gebunden
hinter ihnen her; ihn erregten diese Zimmer und Gnge, als wenn sie mit
kleinen Geistern, rufenden stichelnden Geistern angefllt wren.
Teilnahmslos erledigte er Besprechungen. Aus den alten Brettern schlugen
die Leute unten Htten, Zelte auf den Hfen, um die Hallen unbewohnt zu
lassen. Er ging langsam wieder auf das Zimmer des Chan-po, konnte sich
nicht losreien. Allein in dem groen leeren Hause hockte er im Zimmer des
Chan-po vor dem leeren Buddhaaltare, durch die Finger zog er einen
Rosenkranz, der neben einem Kniepolster lag, zhlte die Perlen. Der muffige
Dunst von Kleidern konnte den weichen Weihrauchgeruch nicht verdrngen.
Ma-noh, der geweihte Mnch von Pu-to-schan, sitzt wieder in einem
Kloster, sagte er sich laut vor. Er fhlte, da er ausruhte und es fr ein
paar Augenblicke gut sein lassen wollte. Befleckt sa der Mnch im Kloster,
und schmte sich nicht, frchtete sich nicht. Die Schreie der Ermordeten
hallten noch in seinen Ohren. Er atmete nach dem Blutbad, erinnerte sich,
da er lebte. Rosenkrnze, Buddhasulen, die kostbaren Altarstcke, die
Kleinodien, sie konnten alles mitnehmen; man lebt, man atmet, findet sich
zurck. Den Elefanten hatten sie getragen, die Symbole der fnf Sinne;
Ma-noh verzog hhnisch sein Gesicht: dies war alles falsch, damit ist es
nicht getan. Eine neue Methode, ein anderer Weg! Klingeln, ruchern, beten;
sie sollten die armen Schwestern winseln hren! Sie manvrierten mit den
altersgrauen Tieren, den verstiegenen Reflexionen eines fremden Landes.
Alle heiligen Berge, alle massiven Klosterkomplexe standen nutzlos auf dem
Boden herum; mit dem Rcheln eines Bruders konnte man sie umwerfen. Wie
ehrfurchtfordernd der Chan-po eben dagestanden hatte; und jetzt trug man
ihn in irgendeine kleine Kapelle und er, Ma-noh, der hergelaufene
Einsiedler von Nan-ku, sa auf seinem Platze, lachte drohend die leeren
Altartische an; die Gtter rissen bei seiner Ankunft aus. Was sind Klster?
Orte, an denen man trumt und seinen Weg verfehlt. Nur die Mauern sind gut;
die Dcher sind gut. Sie schtzen gegen Regen und nchtliche Strme; sie
versperren Geistern den Weg; der Winter hockt vor der Tr.

Schutz gegen die Verbrecher. O, Klster lohnten schon. Kein bswilliger
Halunke konnte einbrechen und Spiee in fremde Rcken bohren. Wie hat man
Brder und Schwestern heute morgen hingemordet; zu Dutzenden fielen sie, so
ergeben haben sie gebetet. Wenn nicht die Bauern gekommen wren, so htten
die viehischen Burschen, hinter denen ein Prfekt steckte, die ganze junge
Ernte niedergetrampelt. Schufte, Schufte! Er mute zusehen, wie man seine
Leute hinschmetterte, wehrlos war er gegen die Schufte; er wollte ja
wehrlos sein. Irgendwo in Nordtschi-li ging jetzt Wang-lun herum, den
Gelben Springer an seiner Seite; er nahm Mord und Totschlag auf seine
Seele; die Wahrhaft Schwachen dehnten sich. Nur die Gebrochenen Melonen,
seine traurigen armen Schwestern und Brder, waren heimatlos, pfadlos.

Sollte man denn sterben, sollte man wirklich die groe Lehre so verstehen:
das Schicksal kommt von irgendwo, man stellt sich ihm in den Weg und lt
sich kpfen? Sollte man sterben? Sollte man sterben?

Ma-noh wandte sich vom Boden ab, auf den er seinen Rumpf tief gebckt
hatte; bemerkte den Rosenkranz in seiner Hand, legte ihn beiseite, rieb
seine Hnde, rieb seine Schlfen.

Es wre gut zu sterben. Warum nicht? Es kam nicht darauf an zu leben,
sondern gut gerstet, mit beladenen Armen an die Pforten jenes stillen
schnen Paradieses zu kommen. Jahre frher, Jahre spter, das konnte nichts
bessern.

War man gerstet? Aber war man gerstet?

Ma-nohs Hand tastete nach dem Rosenkranz. Er richtete sich hoch, ging die
Stufen zu dem verhngten Schlafzimmer des Chan-po hinauf; zog den Vorhang
weg, warf sich, den Rosenkranz ber die Brust gelegt, auf das Bett. Das
ungewohnte Klappern scholl durch das Haus; im Hof schlug man Bretter
zusammen; ein tiefes Singen wie aus dem Innern einer Blechkanne surrte aus
einer Halle.

Man war nicht gerstet. Man brauchte Ruhe, Zeit, Eindringen, Vertiefung,
Mauern, Mauern! Bretterschlagen nutzte nichts; damit war es nicht getan.
Morgen war man totgeschlagen; und es war nichts erreicht. Trappelten nicht
schon die Fe der Verfolger? Voller Lrm das Leben, voller Ha und Angst:
so ging es nicht. Mauern, Mauern! Hier waren Mauern, hier, hier!

Eine strmische Freude ber die Masse, die drauen ber die Hfe wogte,
durchdrang Ma-noh. Seine, seine Brder und Schwestern, sie sollten den
guten Weg gehen; seine Menschen. Besser als die Cakyashne.

Nachdem eine Stunde verstrichen war, kamen Mnner vor das Zimmer, klopften
an, ohne eine Antwort zu erhalten. Sie fanden Ma, den kleinen drren Mann,
auf dem Bett eingeschlafen, er schien sehr entzckt zu trumen. Er sprang
auf, als sie leise wieder die Stufen heruntergingen.

Er war sehr still, lie sich von ihnen die Htte zeigen, die man fr ihn
bestimmt hatte, bezog sie.

An diesem Tage und am folgenden kamen keine Angreifer; die Gebrochenen
Melonen zogen in gewohnter Art aus. Als schon fnf Tage verstrichen waren,
hatte Ma-noh kein Wort darber verlauten lassen, was weiter geschehen
sollte. Er wartete. Wenn er die Hfe abging, war seine fliehende Stirn in
Falten gelegt; man strte ihn nicht; sein Ausdruck war gefhrlich. Ma mute
an sich halten; er sah die Grenzen seines Vermgens; der Bund strzte in
Abgrnde und er konnte es nicht hindern. Zhneknirschend mute er warten,
bis die Brder zu ihm kamen, selbst um Mauern bettelten. Er wagte diesen
Vorsto gegen ihre Freiheit nicht; er hatte Widersacher; man wrde ihm
nicht folgen. Sie genossen ihre Sicherheit. Sie wollten das Schicksal
herausfordern; es sollte sich nur entladen!

Juen mit einem fast quadratischen Gesicht, einer auffllig plattliegenden
Nase, kalten Blicken, einem Schdel fast ohne Hinterhaupt, hatte eine sehr
wechselnde Art zu sprechen; meist sprach er hingehalten, klebend; ab und
zu, es konnte sich um belanglose Sachen handeln, erging er sich in einem
rapiden, scheinbar unmotivierten Ausbruch, mit hitziger Mimik und Geste, so
da man im ganzen die Vorstellung einer erheblichen Selbstbeherrschung des
Mannes gewann. Im Grunde konnte davon keine Rede sein; er beherrschte sich,
aber er beherrschte keine besondere Leidenschaft. Anfang dreiig, aus
Sze-chuan gebrtig, Sohn eines reichen Federhndlers, im untersten Examen
durchgefallen, ehrgeizig ohne Gaben. Er war bald trge, matt, bald wild;
meist wild, er frchtete seine Unklarheit vorzubringen. Er suchte unter die
Bndler einzudringen, sich Ansehen zu verschaffen, indem er mit dunklen
Worten in Erregung um sich warf, Worte, ber die er selbst spter
nachdachte, weil er annahm, da jede Gedankenarbeit in solcher Blindheit
geleistet wrde.

Die beiden Vettern Liu mehr banalen Charakters, Fanatiker, sehr hnlich in
ihrer Denkweise, etwa gleichaltrig; der kleinere Liu, der sich nach seinem
Kindsnamen das Dreierlein nannte, zwar sanguinisch wie der andere, dabei
aber zweifelschtig, frchtend, da nichts aus allem Gehofften wrde, durch
seine fatale Zweifelsucht selbst viel bedrckt. Sie arbeiteten frher in
einem Porzellanwerk, dann ohne Beschftigung verfielen beide aufs
Goldmachen, das ihnen ein frecher Bonze beibringen wollte. Auch jetzt
schleppten sie noch kleine Zinnoberkrgchen mit sich herum; sie erwarteten
Groes von den Krften, die ihnen das Wandeln im Tao verleihen wrde:
vielleicht wrde ihnen die unsterblich machende Pille gelingen.

Juen verwickelte zuerst den Fhrer ihres Bundes in ein Gesprch darber,
was nun geschehen sollte. Er fgte sofort hinzu, da nach seiner Ansicht es
gar nicht ntig sei, das Kloster zu verlassen. Die Priester wrden sich
schwer hten, einen ttlichen Angriff zu inspirieren; und ob die Regierung
ihnen helfen wrde aus freien Stcken, drfte sehr zweifelhaft sein.

Ma-noh zeigte sich interessiert, legte ihm nahe, herumzuhren, was man
dchte ber die Zukunft des Bundes.

Die beiden Liu waren bei allem Fanatismus tatsachengeschulte Kpfe. Sie
hatten unter sich oft die Frage ihres Bundes diskutiert. Fr sie stand im
Vordergrund: der Bund dehnt sich aus, er wird von wahrhaft ernsten Gedanken
getragen, man mu ihm Zeit zur vlligen Reife lassen; aber sobald es Winter
wurde, in ein paar Monaten, mute es zu Ende sein mit der Gebrochenen
Melone. Sie hatten von Ma-noh einmal die entsetzliche Geschichte der
Berglufer von Nan-ku bei einem verschwiegenen Spaziergang gehrt; sie
zweifelten beide nicht daran, da das Winterschicksal der Gebrochenen
Melone an Grausigkeit nicht zurckstehen wrde.

Was sie eigentlich genauer und przis beschrieben mit der vlligen Reife
des Bundes meinten, wuten sie so wenig wie die meisten anderen, die
hnliche Wendungen gebrauchten. Es war eine zu intensive Suggestividee, die
jeder Zergliederung spottete, die bei der Berhrung Schrecken einflte.
Die Idee ruhte im Hintergrunde, man konnte sich auf sie verlassen, man
vernachlssigte sie, man lebte den vorgeschriebenen Regeln nach und war
gewi, da automatisch zu einer gewissen Zeit die Dinge, welche die Idee
verhie, sich erfllen wrden.

Beide stimmten ohne weiteres Juen bei, da man das Kloster behalten msse.
Nur das Dreierlein fing zu nrgeln an. Ob wirklich die Regierung nicht
angreifen wrde, und dann sei der Platz fr die Dauer zu klein, und woher
fr immer die Nahrung.

Zu ihren Debatten zogen sie einen sehr phantastischen professionellen
Geschichtenerzhler namens Cha hinzu, der immer mit nacktem Oberkrper
ging, um mglichst viel von dem wirksamen Prinzip der Sonne, dem Yang, in
sich aufzunehmen. Ein gutmtiger Kauz mit schnen lebendigen und jungen
Augen, ein Mann, dem alle vertrauten, die mit ihm in Berhrung kamen.

Ferner nahm Teil an den Unterhaltungen ein groer ernster Mensch, der
vielleicht in der Mitte der vierziger Jahre stand, Namen und Herkunft nicht
angab. Ma-noh wute allein sein Schicksal. Er war hager, trug einen
ungepflegt hngenden Kinn- und Schnurbart, war von einer auerordentlichen
Gte und Hflichkeit gegen jedermann, dabei von einer ebenso groen Scheu
und Passivitt. Vielleicht war niemand unter den Bndlern so korrekt in den
Gebeten und in der Wachsamkeit ber seine Gedanken, so behutsam in der
Beachtung der Regel, nichts, weder Pflanze, noch Tier, noch Mensch unntig
zu verletzen. Man nannte ihn die Gelbe Glocke, weil er fast bestndig in
einer bestimmten Tonlage sprach, die dem Grundton Gung des ersten
Tonleiterrohrs entsprach, und dieses Rohr hie Huang-dschung oder die Gelbe
Glocke. Die Gelbe Glocke war, das wute man allgemein, der vertraute Freund
der schnen Liang-li, die ihr herrisches, leichtaufbrausendes Wesen in
seiner Gegenwart wunderbar beruhigte. Man zog diesen unbekannten Menschen
auch darum viel zu wichtigen Besprechungen zu, weil man Frauen zwar nie an
Beratungen teilnehmen lie, aber Liang gern mittelbar hren wollte.

Der alte Cha uerte sich negativ. Dieser Mrchenerzhler wute aufs
schrfste Mrchen und Wirklichkeit zu trennen. Er stimmte den Grnden des
kleineren Liu bei und zwar mit strenger Bestimmtheit, machte Juen Vorwrfe,
wie er auf so niedrige Gedanken kommen knne, das Kloster den frommen
Mnchen mit Hinterlist abzunehmen. Er eiferte sich in eine groe Erregung
mehrere Male hinein. Bei diesen Erregungen verlor er den realen Boden,
watete in Wut, kmpfte gegen kolossale Gren, gegen Mammuts der Phantasie,
die gar nicht in Frage kamen. Endete so, da er nur an seiner drohenden
Kopfhaltung und dem schmetternden Tnen seiner Stimme erkannte, da er sich
gegen etwas gewandt hatte; wartete eine Entgegnung ab.

Die Gelbe Glocke suselte monoton; er wich aus, um nicht zu widersprechen.
Beschftigte sich damit, den alten Cha erschreckt anzusehen und ihm einige
verbindliche Redensarten zu machen ber die Strke seiner Vorstellungskraft
und seine Gesinnung. Nach seiner Meinung gefragt dankte er fr die Gte,
ihn fr urteilsfhig zu halten. Er fhle sich diesen wichtigen
Entscheidungen nicht gewachsen, vertraue dem Beschlu der andern vllig und
unbedingt. Schlielich rckte er mit seiner eigenen Ansicht heraus, von der
er aber ausdrcklich bemerkte, da sie nur die Richtschnur fr sein
privates Dasein abgebe und da er nie und um alles in der Welt nicht wolle,
da andere sie fr eine wirkliche Meinung ansehen. Und schlielich uere
er sie nur, weil die Herren es wnschten und er die Herren nicht verletzen
wolle.

Er knne sich nur der Ansicht des weltkundigen Herrn Cha anschlieen. Ja
wenn er es recht erwge, knne und msse er noch weitergehen, wenigstens
was ihn anlange. Man msse sehen, wie man dem Winter und dem Hunger in der
alten Weise widerstnde. Wenn es aber sehr schlimm ginge, so msse man
sterben, denn das sei das Schicksal. Und sie wrden ja auch sterben, denn
sie begehrten alle nur nach dem Tao und nicht nach dem Leben. Wenn sie den
Frhling erlebten, so sei dies etwas Wunderbares und kaum Glaubliches.
Schlielich wte er nicht einmal, ob man dafr danken solle, denn jeder
Tag frher am Ziel sei wahrscheinlich verdienstlicher als jeder Tag spter.
Doch dies alles wten ja die alten Mnner besser als er, und er verletze
sie nur durch den Vortrag gedankenloser Banalitten.

Damit hatte die Gelbe Glocke getnt. Der groe stille Mensch sah beschmt
auf den Boden, die uerung bereitete ihm Pein.

Ma-noh hockte eines Morgens mit den vier Mnnern auf einem inneren Hof, der
weit nach hinten gelegen steil anstieg und zu den Grbern der Mnche
fhrte. Dicht wucherte hier das Gras zwischen den Steinen, der Hof war mit
alten Ulmen bepflanzt. In ihrem Schatten saen die Mnner, auch die schne
Liang sa hier, in einem gelben durchlcherten und geflickten Kittel. Ihr
hartgeschnittenes Gesicht war magerer geworden, die frher energischen
Bewegungen hatten eine gewisse sanfte Rundung angenommen, ihre schmalen
Augen warfen das alte schwarze Feuer.

Ma-noh war von ihnen zu dieser Unterredung gebeten worden. Juen erzhlte
von ihren Sorgen und Besprechungen. Ma-noh stimmte bei, man msse sich
Sorgen machen. Aber die Meinungen wichen ab, berichtete Juen, der sich als
Wortfhrer benahm, und lud mit einer Handbewegung den jngeren Liu ein zu
reden.

Ma lie diese Reden ber sich ergehen. Er wute, es wrde keine Klarheit
erzielt werden. Wang-luns lngst widerlegte Gedanken waren zu krftig in
diesen Leuten.

Das Schicksal mute deutlicher reden. Er wand sich unter den Dingen, die er
kommen sah und die sich nicht abwenden lieen. Er litt unter seiner
Ohnmacht.

Die schne Liang-li, zum ersten Male zu einer Unterredung zugezogen,
blickte ihn an. Sie hatte zunchst ber dem Herzen ein Gefhl von
schweigendem Zorn gegen Ma-noh. Aber nur einen Augenblick. Dies war kein
Mann wie die andern, wie ihr Vater, ihr rechtlicher Gemahl, ihre Freunde
vom Bund, die Gelbe Glocke. Diesem war sie nicht dadurch gleichgestellt,
da sie neben ihm beraten durfte und ihm ins Gesicht blickte. Es war schwer
zu denken, da von diesem Mann die Bildung ihres Liebesbundes ausgehen
sollte. Und sie erfate in einer unklaren Weise, da fr Ma-noh ihr Bund
etwas anderes war als fr sie, da keine Herzlichkeit dahintersteckte,
sondern etwas wrgend Qualvolles, etwas Gefahrdrohendes, ein Steinschlag.

Sie erschrak, erinnerte sich ihrer ersten Vorstellungen von ihm: als eines
unheimlichen, abgewandten Mannes, der seine finstere Berghhle verlassend,
den groen wahren Weg ging und mit Leichtigkeit diejenigen mitri, die sich
an ihn hngten. Man durfte ihn nicht hemmen. Der Gedanke war
unwahrscheinlich und entsetzlich, da er sich beirren lie.

Ma-noh redete in unverstndlicher Ruhe. Der Bund wrde bald zugrunde gehen.
Entweder wrden die Provinzialtruppen anmarschieren oder der Winter kme.

Es wrde noch ein paar Monate so gehen, dann wrden alle auseinanderlaufen
zu ihren Sippen oder auf die Landstraen oder vor die kaiserlichen
Reisverteilungsstellen. Man knne nicht erwarten, da ein Blutbad wie
neulich ohne Einflu auf die Haltung einer groen Menge bliebe. Der Zustrom
werde von jetzt ab aufhren. Und welchen Schlu sollte man daraus ziehen?
Da man alles seinen Lauf nehmen lasse wie es wolle. Er sei vllig ohne
Hoffnung fr den Bund. Bald wrde man Hetzjagden auf sie veranstalten, das
sei nur eine Frage der Zeit. Bleibe jeder fr sich. Finde sich jeder ein in
das starre Schicksal.

Dies klang dem groen fremden Menschen, der Gelbe Glocke genannt wurde,
angenehm in die Ohren. Er summte vor sich hin, da das Schicksal seinen Weg
gehe; es fiele jeden Menschen auf eine besondere Art an. Man msse sich
ablsen von rechts und links, um seinem Schicksal nicht auszuweichen.

Juen und die beiden Liu zogen die Beine hoch, schielten auf den Boden. Juen
stand auf; das ginge nicht, das ginge nicht. So dchten nicht einmal die
Einsiedler der Buddhareligion, denen die Gemeinschaft der Frommen noch ein
heiliges Gut bedeute. Er war trotz seiner berlegten Worte erregt und
giftig. Die Gelbe Glocke liebte er nicht. Juen mute sich zusammennehmen,
um nicht zu hhnen.

Den feinen Kopf gegen Juen gehoben, fragte Liang, wie sich der kluge Lehrer
aus Sze-chuan das Schicksal der Gebrochenen Melonen denke; ob sie ewig
leben sollten, als htten sie schon das dnne Jadepulver gefunden.

Ma-nohs Lcheln in diesem Augenblick war von so bestimmtem Hochmut, da
Liang mit offenem Munde von ihm abrckte und die Blicke der vier andern auf
Ma-noh lenkte. Dessen Lcheln blieb unbeweglich, starr vor aller Augen,
stehen und verwandelte sich erst, als der ltere Liu ihn anrief, was er
denke, in ein runzliges Grinsen.

Ma sagte: Mich freut die Klugheit unserer Schwester Liang-li. Schne fen
haben einige Dichter die Frauen genannt; aber Juen denkt dies wohl jetzt
nicht mehr, nachdem ein kleiner Funke aus dem schnen Ofen ihn gesengt hat.
Wie heit brigens der wundervolle Vers, Juen, den du mir neulich sagtest,
von dir selbst oder von einem Dichter der Tangdynastie?

Juen verneigte sich geschmeichelt; er zitierte: Es ist ein Vers Tu-fus,
des unglcklichen Zensors unter dem Kaiser Schn-tsung: Das Tor des
Panglaipalastes ist gegen den Sdberg gerichtet. Himmelan reckt sich der
eherne Sulenschaft mit den Schalen, in denen sich der Tau sammelt.
Westwrts liegt der Jaspissee, zu dem die Knigliche Mutter hinabsteigt.
Liang hob die linke Hand gegen Juen auf: Und ein anderer Vers lautet, er
ist von Juen-o-tsai: Verflogen ist das bunte Wolkenspiel, ehe noch die
gelbe Hirse gar gekocht.

Die Gelbe Glocke platzte da mit einem Gelchter heraus, das aus
Ochsenstllen, Soldatenhorden zu schallen schien, aber gar nicht zu ihm
pate, und ohne da sich sagen lie wie, etwas von seiner Vergangenheit zu
enthllen schien. Er bat schon in einer unsglich gequlten Weise um
Entschuldigung. Er wre in Gedanken versunken gewesen, sein Lachen habe mit
den uerungen irgendeines Anwesenden nicht das Geringste zu tun. Immerhin
machte dieser grobe pltzliche Ausbruch einen derart unangenehmen Eindruck
auf die andern, da sie schwiegen, aneinander vorbei sahen und Liang Ma-noh
fragte, ob er nicht lieber herumgehen wolle oder auf einer Matte sitzen, da
er so zusammenschauere.

Aber Ma-noh, der wirklich aufstand, setzte sich nur neben die Gelbe Glocke,
die er beruhigte. Der kluge Mann sagte, indem er alle anlchelte und sich
zu Juen umwandte, da offenbar das Leben nicht ohne Einflu auf sie
geblieben sei. Man erleidet soviel und wird immer unfhiger, sich zu
entschlieen:

Wir sind Fliegen, denen Kinder die Beine und Flgel ausgerissen haben.

Juen zuckte die Achseln, zappelte, verschwand, um wieder strahlend die
Hallen zu inspizieren, die Kapellen zu bewundern.

Liang ging neben der Gelben Glocke und Ma-noh nach dem offenen Klostertor
ber die lichtbeschienenen gewundenen Hfe. Ma hatte das Gefhl, da er
diese beiden wie einen Steinsack auf seinem Rcken schleppte. Die Gelbe
Glocke war der furchtbarste Mensch unter allen Bndlern. Er htte ihn
fallen lassen knnen, aber sein Ehrgeiz verlangte diesen Mann; er mute
ihn, er mute ihn bewltigen.

Der schnen Liang bangte um ihr Schicksal. Das hochmtige Lcheln Mas
konnte sie nicht aus der Erinnerung wischen. Es war wie der Blick eines
weien Tigers von einem Felsen herunter auf den Menschen, der ahnungslos um
die Ecke bog. Was hatte dieser Mann vor?

Bei den strengen Blicken Mas auf die stumme Gelbe Glocke besann sich die
schne Liang. Sie steuerten nach den glcklichen Inseln. Der Steuermann auf
so furchtbarer Fahrt mute furchtbar sein. Die Gelbe Glocke ging gelassen
neben ihr.

                   *       *       *       *       *

Und in aller Ruhe hatte sich jener Wink vorbereitet, den Ma-noh ahnte. Als
am siebenten Tage ein Zug von sechzig Landleuten an Ma-nohs Klostertor
klopfte, erreichte der Wink die Gebrochene Melone.

Der Bund hatte seinen Wohnsitz in einem der reichsten Distrikte
Westtschi-lis; es wurde hier Baumwolle gepflanzt, die Seidenraupenzucht
stand in hoher Entwicklung.

Eine Eigentmlichkeit des Landes bildete das Vorkommen wirklicher
Salzbrunnen. Man hatte im Laufe der Jahrzehnte eine groe Menge gebohrt und
ganze Erwerbe hingen mit den Brunnen zusammen. Man grub zur Salzgewinnung
ein meterweites trichterfrmiges Loch, bis man auf Wasser stie. Unten lie
man die Lauge sich sammeln, abdunsten; sie wurde mit Eimern nach oben
geschafft. Wie am Meere teilten sich in die weitere Verarbeitung die
Salzsieder, Salzpfnner und Stapler. In riesigen Kesseln und Pfannen jagten
die Salzsieder das Wasser aus der Mutterlauge. Das Gras zum Heizen der
Kessel lieferten reichere Steppen- und Landbesitzer, welche meist
gleichzeitig das Salz aufstapelten, den Transport bernahmen, die
vorgeschriebene Menge an den kaiserlichen Hauptstapelplatz abfhrten. Wer
von den Brunnenbohrern gengend Land besa, konnte rascher arbeiten, das
salzhaltige Grundwasser ber abgedichtete Erdflchen flieen lassen, die
Verdunstung an der Sonne beschleunigen. Der Transport der gewonnenen
steuerpflichtigen Salzmassen erfolgte fast nur auf dem Wasserwege; eine
nicht zu groe Strecke mute man das Produkt zum nchsten Flu oder Kanal
transportierten auf Mauleseln, Karren, Ochsenwagen.

Nun war vor neun Jahren der Vater eines Mannes namens Hou in diesem
Distrikt von den schwarzen Blattern hingerafft worden. Es war ein anerkannt
tchtiger Justizbeamter, von der grten Schlichtheit und Strenge, wegen
seiner Krze und Bndigkeit im Rechtsprechen sehr gefrchtet. Durch kluge
Berechnungen beim Ankauf von Reis, den er wieder an die Regierung verkaufen
lie, hatte es der Mann zu groem Reichtum gebracht. Er kaufte sich weite
Lndereien. Nachdem er den vierten Grad erreicht hatte, zog er sich zurck,
machte der kaiserlichen Privatschatulle Geschenke, spekulierte umsichtig
weiter und kam eines Tages von einer berlandfahrt matt zurck; man mute
den schwerleibigen Mann aus der Snfte heben; er starb bald.

Sein ltester Sohn, der jetzige Besitzer Hou, als Kind durch Krnklichkeit
die Sorge der Familie, stand an Schlauheit hinter seinem Vater nicht
zurck; aber whrend der Alte die Menschen benutzte, wie sie sich ihm
anboten, war er ohne Motiv hart und kalt gegen jedermann. Die uere
Gestalt hatte er vllig von dem Vater, die Plumpheit der Glieder, die
Schwerflligkeit, das vertrauliche Platt des Dialekts. Er prunkte nicht,
hielt die vorgeschriebenen Riten streng inne, fhrte ein musterhaftes
Familienleben. Trotz aller Hrte im Handeln atmete er eine gewisse
Jovialitt, so da manche der niedrigen Leute, die nicht geschftlich mit
ihm zu tun hatten, ihm aufrichtig anhingen. Er mehrte seinen Besitz, obwohl
ihm der Weitblick des Vaters nicht gegeben war.

Zwei Jahre nach der Beerdigung des Alten begann Hou das Unglck zu
verfolgen. In einem Monat starben ihm zwei Shne an einer unbekannten
Krankheit, bei der sie tagelang steif dalagen, den Kopf verdrehten, zu
toben anfingen und zugrunde gingen, ehe man den fraglichen Dmon
festgestellt hatte. Bei einigen waghalsigen Spekulationen, die nach Art der
vterlichen erfolgten, lie ihn sein bester Freund im sdlichen Tschi-li im
Stich; Hou hufte groe Massen von Reis in seinen Speichern an; durch
raschen Wegtransport der Reislager des Freundes sollte es im sdlichen
Distrikt zu einer knstlichen Preissteigerung kommen, die Hou benutzen
wollte. Aber angeblich konnte der Freund die bestellten groen Khne nicht
zur Zeit erhalten; Hou sa mit riesigen Vorrten fest. Es erfolgten zweimal
in kurzen Abstnden Brandstiftungen auf seinen Gtern mit schweren
Verlusten. Da trat eine Wendung ein.

Hou hatte schon oft mit einer peinlichen Empfindung den Kanal, der vor
seiner Villa vorbeizog, betrachtet; die langen Khne, die den
Salztransport, auch den Transport von Trauben, Pflaumen, Birnen besorgten,
die Schreie der Schiffszieher, das Knarren der Taue an dem Kanalbord; man
konnte von hier rasch hinauffahren zu einem breiten Seitenarm des
Kaiserkanals.

Ein Astrologe besuchte ihn damals aus Pe-king, der wegen seiner
Unwissenheit aus dem Dienste des Ritenministeriums entlassen war. Da dieser
nicht in die Geheimnisse der Berechnung wichtiger Ereignisse eingedrungen
war, hatte er sich auf ein schimpfliches Gewerbe gelegt, das ihm durch
seine wrdevolle Gestalt, sein vertrauenerweckendes zurckhaltendes
Benehmen erleichtert wurde; er wurde zum Kommissionr fr umfangreiche
Kinderverkufe nach den sdlichen Provinzen, dem Nachwuchs fr die
Freudenhuser und Theater. Dies geschah unter der Maske der Adoption oder
Beschaffung von Adoptionen; gelegentlich besorgte er auch Apothekern oder
sehr reichen Kranken kleine Kinder, deren Augen, Lebern und Blut
verarbeitet und benutzt wurden. Nebenbei war dieser Mann ein sehr
geschtzter Heiratsvermittler.

Als er mit Hou in einem Pavillon des Gutes bei dem kleinen Kanal sa und
der schwer heimgesuchte Freund ihm seine Leiden erzhlte, saen sie eine
kleine Weile die Wasserpfeife rauchend da und betrachteten drben das
Arbeiten der Schiffzieher, die eine Fahrrinne in das gefrorene Wasser
schlugen.

Der Astrologe fragte, ob Hou auch das Land jenseits des Kanals gehre und
wie weit, und was fr Waren hier transportiert wrden.

Nach ein paar gurgelnden Pfeifenzgen meinte dann der Besucher, der Kanal
msse geschlossen werden.

Hou begriff sofort, lachte, mahnte leise zu sprechen. Es wre ja gut, wenn
der Kanal geschlossen wrde, aber gar nicht mglich, das zu erreichen;
freilich wenn es auf irgendeine erdenkliche Weise sich machen liee, wrde
er seinen Freund natrlich nicht vergessen. Der Kanal sei wichtig fr die
und die und die; wenn man ihn schlieen knnte, so wrde dabei ein enormer
Gewinn heraussehen.

Der wrdige, einfach schwarz gekleidete Astrolog dankte fr die eventuelle
Gewinnbeteiligung; davon spter. Er sa nachdenklich, sprach pltzlich
schwermtig von dem Tod des alten Hou, den der Kaiser hoch geschtzt habe,
und wann man ihn beerdigt htte, wer den Ort bestimmt htte. Dann ging er,
ohne Hou aufzuklren, wehklagend ber den frhen Tod des Hou, dieses
wahrhaften Freundes des Landes, in das Wohnhaus mit seinem Freunde, zndete
Kerzen vor der Ahnentafel des Hauses an. Er verabschiedete sich und zog
sich zum Nachdenken, wie er sagte, in das ihm angewiesene Gastzimmer
zurck.

Am nchsten Morgen lie er sich, begleitet von dem triefugigen stieseligen
Ortsastrologen, nach der Grabsttte des alten Hou tragen, ausgerstet mit
den Arbeitsinstrumenten, dem Kompa, der Tiertafel, der Windrute. Nach
dreitgigen Untersuchungen stellten die beiden vergleichende Berechnungen
umfangreicher Art an und kamen zu dem Resultat, da die Grabanlage durch
die Fhrung des Kanals gestrt wrde. Es war angesichts der Enge der
rtlichkeit nicht einmal mglich, die Grabruhe des Geistes zu verbessern
durch eine abwehrende Pagodenerrichtung. Daher also das Unglck im Hause
des Hou nach dem Tode des Alten.

Hou verstand den raffinierten Astrologen nicht. Als der zu jammern anfing
ber das Los des verdienstvollen Mannes, warf sich Hou heulend auf den
Boden, wute sich keinen Rat. Er rannte vor die Ahnentafel; er wollte
dieses Vergehen nicht auf sich nehmen, er mute dem Toten mitteilen, da er
nicht Schuld an dieser Grabanlage sei, nicht er; wie sollte er doch, der
dankbare tglich opfernde Sohn, auf den schauerlichen Gedanken kommen, den
toten Vater ruhelos herumzuhetzen. Den Astrologen umschlang er
hilfeflehend, und da sah er zu seinem Erstaunen in ein verschmitzt
schiefes, fettpralles Gesicht. Der Astrolog schnaufte, von den dicken Armen
gedrckt, schob seinen Freund zurck, beendete die Rucherung, und sie
gingen langsam in den Gartenpavillon am Kanal. Der phlegmatische Mann aus
Pe-king sagte mit einer ministerialen Stimme: Wir drfen den schwer
beleidigten Geist deines Vaters nicht noch mehr krnken und das Grab
verlegen. Dies wre der Gipfel der Miachtung. Die Richtung des Kanals mu
gendert werden. Dieser Kanal ist schleunigst zu schlieen. Leidend
grunzte der dicke Hou: Ja, ja,, und dann nach einer Pause, whrend der
sie sich ernst ansahen, mit einer helleren Stimme: Ja, ja.

Den nun folgenden monatelangen Schriftwechsel mit den Provinzialbehrden
und dem kompetenten Ministerium der Riten nahm der Astrolog dem betrbten,
fassungslosen Sohne vllig ab. Es vergingen Wochen, da Gutachter des
kaiserlichen astrologischen Bros mit Abfassung eines Immediatberichts
beauftragt worden waren, nachdem die nachgeordneten Instanzen das Gesuch
Hous wegen seines volksschdlichen Ansinnens erst zurckgewiesen hatten.
Khien-lung aber, selbst informiert, erklrte kurzer Hand: Ein Kanal kann
anders gezogen werden; bis zum Bau eines so kleinen Kanals, der
beschleunigt werden soll, existieren andere provisorische Transportmittel.
Es ist niedrig, einen Toten von dem bleibenden Verdienst Hous aus der Ruhe
aufzujagen wegen lokaler vorbergehender Unbequemlichkeiten.

Damit war der Fall erledigt. Und ohne da die Gilden der Schiffzieher,
Salzsieder, Lastentrger, Karrenverleiher in den westwrts gelegenen
Drfern orientiert wurden, schlo man die Schleusen in hchster Eile,
leitete das Wasser in einen See ab, zu dem Hou schon in whrender
Verhandlung einen Verbindungsarm hatte graben lassen. Der Warentransport
mute auf eine ganz andere Weise erfolgen; es mute umgeladen werden, eine
Strecke von einer Tagelnge ging der Transport auf dem Landwege ber Hous
Liegenschaften weiter, bis an das nunmehrige Endstck des Kanals. Den
ersten Lastentrgern, Karrenfhrern verwehrte Hou den Eintritt in sein
Gebiet. Schleunige Interventionen bei der Prfektur bewirkten, da ein
vorlufig unentgeltlicher Durchzug gestattet wurde; Hou wurde
anheimgestellt, sich mit den in Frage kommenden Gewerkschaften ins Benehmen
zu setzen, eiligst eine Durchgangsstrae zum Kanal anzulegen.

Er fgte sich ohne weiteres, erhob aber fr die Bentzung seines
Grundstcks mit baldiger Genehmigung der Behrden einen kleinen Zoll,
errichtete aus freien Stcken fnf Lagerschuppen an der Strae, half den
Transportarbeitern, indem er groe Aushilfswagen und Ochsen zu ihrer
Verfgung hielt. Der Gewinn war enorm; es kam hinzu der Gewinn aus
Diebsthlen, die bei dem hufigen Umladen, Aufspeichern sich nicht
vermeiden lieen; schlielich lief es darauf hinaus, aus seinem Grundstck
den naturgemen Hauptstapelplatz fr Salz zu machen, indem Hou nmlich
Leuten, die anderswo stapelten, den Durchzug schikans erschwerte.

Wochenlang blieb es still; ununterbrochen besprachen sich die Gilden in dem
betroffenen Distrikt. Es regnete in der Prfektur Eingaben. Die
Schiffzieher, unbeschftigt, arbeiteten bei den Salzpfnnern; diese selbst,
soweit sie nicht an Hou Gras lieferten, verloren Einnahmen aus dem Rckgang
der Stapelgebhren. Die Erregung wuchs.

Da legte sich ein frisch angekommener Prfekt ins Zeug in einer Weise, die
ihm fast den Kopf kostete. In den westlichen Departements war der Fall Hous
nichts Absonderliches. Ungeheuerliche Steuerhinterziehungen wurden von den
groen Grundbesitzern seit Jahrzehnten getrieben; Seidenspinnereien,
Mhlenbesitzer bezahlten nicht mehr Steuer als ein unbedeutender Handlanger
in ihrem Betriebe. Im Register des Steueramts standen diese reichen Herren
mit einem winzigen ckerchen eingetragen, eben dem Besitz, den ihre Vter
und Grovter zum Ausgang genommen hatten; man hatte es durch gute
Beziehungen zu Steuerdirektoren und Prfekten verstanden einzurichten, da
sich die Anfangsangaben in den Registern unerneuert forterbten; mit
Falschmeldung von Brachland, berschwemmungsgebieten half man nach.

Der genannte junge Prfekt fuhr, sobald ihm einige Flle dieser Art
hinterbracht waren, feierlich in das nchste kaiserliche Hauptsteueramt, wo
die Listen auslagen, und berichtete dem Steuerdirektor mndlich im offenen
Jamen in Gegenwart vieler Zuhrer, was ihm mitgeteilt sei, wies mit lauter
Stimme auf den Gegensatz, der bestnde zwischen den Daten der Liste und dem
tatschlichen Besitz. Als er wieder in seine grne Snfte stieg, sahen sich
seine Vorlufer und Trger betrbt an, sie trabten und schttelten die
Kpfe. Was die Diener im Hause des jungen Prfekten bei ihren flsternden
Gesprchen voraussagten, trat ein.

Der alte Steuerdirektor, ein beliebter, wegen seiner Ortskenntnisse in
Tschi-li und Schan-tung bei der Regierung geschtzter Mann, lie sich zehn
Tage vertreten. Whrend dieser Zeit reiste er, wie er meldete, in den
Kreisen seiner Besteuerungszone herum, um den Befund aufzunehmen, besuchte
die gewerblichen Anlagen, die Gter. Die vom Prfekten aber gleichzeitig
mit dem mndlichen Vortrag abgelassene Eingabe an die Zentralbehrde hatte
er nicht aufhalten knnen; und schon bei seiner Rckkehr fand der graue
Mandarin eine dringende Aufforderung vom Finanzministerium in Pe-king vor,
Bericht ber die Angaben des beigelegten Memorandums zu erstatten.

Whrend abendlich der jugendliche noch unverheiratete Prfekt am Teich der
roten Lotosbltter lag und das Spiel der schwimmenden Bltter spielte mit
seinen Freunden, rangen seine ortskundigen Diener die Hnde ber seine
Kurzsichtigkeit; sie hatten von Mistimmungen gehrt, die im Lande gegen
den Prfekten herrschten.

Es erhoben sich unvermutet kleine Unruhen bei Gefangennahmen von Dieben und
ffentlichen Bestrafungen; grere folgten und begannen den Prfekten
lebhafter zu beschftigen. Schlielich kam es in mehreren bis da ruhigen
Drfern zu einem Angriff auf kaiserliche Beamte und Huser. Eine scharfe
Verfgung von oben wies ihn an, die Bewegung zu unterdrcken. Es gelang
nicht; seine Polizei erwies sich als ohnmchtig. Als nachts ein vom Kaiser
einer tugendhaften Witwe gesetzter Ehrenbogen auf offenem Markte abbrannte,
schien die Stunde des Prfekten geschlagen.

Da lud ihn der dicke Hou zu einer Besprechung ein, die der Prfekt wegen
der Transportstrae schon geplant hatte. Und jetzt lste sich die Krise auf
die einfachste Weise. Der Prfekt hatte keine Wahl; er mute an die Schande
denken, die auf seine noch lebenden Eltern und auf seine Ahnen fallen
wrde, wenn man ihn degradierte; von seiner trostlosen Zukunft nicht zu
reden.

Die Familie des Hou zeigte sich hochgeehrt durch seinen Besuch. Der rohe
kriecherische Hou bot dem Prfekten, als er von den noch lebenden Eltern
seines hohen Gastes hrte, einen Sommerwohnsitz auf einem seiner Gter fr
die betagten Leute an; er zwitscherte mit Ausdrcken grten Bedauerns von
den augenblicklichen Schwierigkeiten in der Prfektur, stellte dem Beamten
seine eigene vorzglich geschulte und bewaffnete Gutspolizei zur Verfgung.
Der eisige Prfekt antwortete nicht.

Vor seiner Ahnentafel opferte er und betete; sprach zwei Tage mit keinem
seiner Freunde. Dann nahm er an.

An diesem Nachmittag erfolgte der glanzvolle Gegenbesuch des Hou in der
Prfektur und dann in der Familienwohnung, zur aufrichtigen Freude der
Anwohner und Diener des Hauses, die den Prfekten als weisen alten Mann
priesen. Man klrte mit Leichtigkeit alle Miverstndnisse auf; es zeigte
sich, da Irrtum ber Irrtum gehuft war, bertreibungen, Verwechslungen.
Der glckliche Beamte konnte in weniger als zwei Wochen von der
Zentralbehrde die Anerkennung dafr erhalten, da es seiner Energie und
Klugheit gelungen sei, die drohende lokale Rebellion zu unterdrcken. Nach
einigen erfolglosen Exzessen der durch Hous Manahmen betroffenen
Dorfbewohner wurde alles still.

Damals im Hochsommer verbreiteten sich hierher die Gerchte von den frommen
Bettlerbnden; einzelne Mnner verlieen ihre Heimat und suchten die
Gebrochene Melone auf. Man hrte von den Intrigen und Angriffen, die auf
die ruhigen Mnner gerichtet wurden; dann kam das groe Blutbad, die Mnche
zogen aus dem lamaistischen Kloster; der eingeschreckte Haufe Ma-nohs
versteckte sich hinter die festen Mauern.

Von einigen hier ansssigen Anhngern Mas wurden die Gilden und
Sippengenossen ber das Wesen und Schicksal des Bundes aufgeklrt.
Sympathie mit den Vertriebenen, ein Gefhl von Solidaritt mit ihnen setzte
sich sofort fest. Zu dem neuen Kanal war noch kein Spatenstich getan,
angeblich mangelte es infolge der Kriegsausgaben in den kaiserlichen Kassen
an Geld; die Familien vieler Arbeitslosen wanderten nordwrts aus. Einige
wste Gerchte trug man sich in den notleidenden Ortschaften von der
Gebrochenen Melone zu; es sei ein verkappter politischer Bund, der mit der
Weien Wasserlilie unter einer Decke stecke; sie gingen wehrlos durch die
Landschaften und lieen sich niedermetzeln; das geschhe, um das Volk
aufzureizen und zu zeigen, da man lahm, verkrppelt und widerstandslos
sein knne und doch den Gewaltttigkeiten der kriegerischen Mandschus und
der betrgerischen Mandarine ausgeliefert.

Hufige Besprechungen zwischen den Insassen der verschiedenen Ortschaften
fhrten zu dem Resultat, da sich aus den Vertretern der einzelnen Gilden
und Ortschaften eine Gruppe konstituierte, die, von den Staatsbehrden
vernachlssigt, zu der Gebrochenen Melone unter Ma-noh zu wandern beschlo.
Unklare Gedanken bei heftiger Erregung trieben diese Mnner; man wollte
sich mit Ma-noh, der schon in den Besitz eines Klosters sich gesetzt hatte,
zusammentun und gemeinsam etwas zur Verbesserung der Zustnde unternehmen.

Dies war der Zug regellos daherkommender Bauern und Arbeiter, vor denen
sich die Tore des Klosters rasch verschlossen und rasch wieder ffneten.
Als einige Brder zu Ma-noh in die Htte gestrzt kamen und ihm meldeten,
da eine Schar Bauern und Gewerkschaftler von freundlicher Gesinnung in das
Kloster gezogen wre und mit ihm zu sprechen begehrte, hielt Ma es nicht
fr wnschenswert, seine Vertrauten zu dieser Unterredung hinzuzuziehen,
lie fnf der Mnner in das Zimmer des Chan-po fhren und erschien dann
selbst.

Sie behandelten ihn wie einen Mchtigen, fielen vor ihm auf die Stirn; er
mute sie in Scham und Furcht, da man dies she, bitten, ihn wie
ihresgleichen anzusehen; er sei ihresgleichen, ein armer Sohn des
schwarzhaarigen Volkes der hundert Familien. Und was sie also wollten, wer
sie schickte.

Sie lchelten sich auf die Frage an; auf eine Bewegung Mas kauerten sie im
Halbkreis am Boden hin. Dann schwiegen sie, weil sie nicht wuten, wer
sprechen sollte.

Es waren fnf ltere Mnner, drei Salzsieder, einer der verarmten
Salzpfnner, ein Karrenfhrer; in Beratungen zu Hause leisteten diese
gescheiten Kpfe Vortreffliches; hier drckte sie das Gefhl, mit einem
Manne von dem Rufe Mas zusammenzusitzen, und auch ihre Unklarheit ber die
Ziele dieses Mannes. Der Salzpfnner, der gebildetste von ihnen, ffnete
den Mund, sah alle nacheinander an und erklrte lchelnd und sich
verneigend, da keiner ihm zu widersprechen scheine, so wolle er reden. Und
er erzhlte mit ein paar hingeworfenen Stzen, wer sie einzeln wren, wo
sie wohnten, da sie von den groen Landbesitzern und den Mandarinen
schlecht behandelt wrden.

Der Karrenfhrer, der ihm gespannt zuhrte und bei jedem Wort zustimmend
nickte, fuhr unmittelbar fort: Und dies ist die Hauptsache. Und darum
dreht es sich. Wir knnen nichts machen. Die Prfektur gibt keine Antwort
auf unsere Eingaben. Wer bist du nun, Ma-noh? Woher stammst du, wo wohnen
deine glckgesegneten Eltern? Vor allem: was soll geschehen?

Darum dreht es sich, wandte sich einer der Salzsieder mit einer brummigen
Stimme an den flinken Karrenfhrer, die Hauptsache bleibt und ist, wie ich
immer gesagt habe: was soll geschehen? Und wie soll man es machen?

Der Karrenfhrer begtigte ihn mit Handbewegungen und zwinkerte Ma an: Er
meint es nicht so. Wir streiten uns manchmal, weil unser beider weiblicher
Hausjammer sich nicht vertrgt. Wenn ich sage: 'Wie soll man es machen?'
sagt er, das sei falsch; man mu fragen, wie es am besten vorangeht; und
wenn ich 'Hott' sage, findet er mich ungebildet und geschnattert, und
entschliet sich dann zu einem 'H'. Das ist in unserem Dorf bekannt und
noch weiter weg, er ist ein guter Junge, nicht wahr?

Er fragte den Pfnner, der viel hustete und krchzte und sich die Nase
rieb; unwillig wies er den Mann zurck: Macht das ab, wo ihr wollt; ich
habe zwischen euch beiden nicht zu entscheiden. Wir sind hier nicht einen
halben Tag hermarschiert, um zu entscheiden, ob es besser ist, 'Hott' oder
'H' zu sagen. Worum es sich dreht, es bleibt dabei, das ist die
Hauptsache.

Der Karrenfhrer streckte erstaunt die Hnde aus, als wollte er sagen: Das
mein' ich doch auch, und stie den verstimmten Salzsieder an, der aber
abwinkte.

Also, wandte sich der erkltete Pfnner an Ma, kommen wir zu dir, um
dich anzuhren. Sechs meiner Dorfgenossen sind zu deinem Bunde gegangen,
und sie haben uns von dir und den andern erzhlt. Ihr nennt euch ja Brder
und Schwestern, was wir alle sehr freundlich fanden. Willst du uns auch
helfen?

Oder willst du etwas mit uns zusammen tun gegen die Besitzer und den
Prfekten, die unter einer Decke stecken? Dies sprach ein anderer
Salzsieder, ein langer drrer Mensch, der in einem lehrerhaften Tone mit
gehobenem Zeigefinger sprach, wir werden gegen sie etwas tun in den
nchsten Wochen, aber wir haben noch keinen Plan.

Der Plan, der Plan, nrgelte der Pfnner, was ihr alle fr Einflle
habt. Einen Plan werde ich euch schon verschaffen. Man mu nicht zu viel
von einem Plan halten. Ich habe schon Leute gesehen mit den schnsten
Plnen und es ist doch nichts aus ihnen geworden. berhaupt soll uns Ma-noh
erst die Frage beantworten, ob er sich uns kurz gesagt anschliet oder
nicht?

Oder hilft oder nicht, vervollstndigte der flinke Karrenschieber.

Ma lauschte atemlos dieser simplen Unterhaltung. Ihn beunruhigte nur, da
zwei Salzsieder sich nicht an dem Gesprch beteiligt hatten; aber sie sahen
schlielich nicht anders aus als ihre Gefhrten. Dies war der Wink, den er
erwartet hatte. In Ma ging es anders zu als in Wang-lun: whrend Wang es
ngstlich vor sich verborgen htte, da zum Erschrecken etwas eintraf, was
er voraussagte, fuhr es Ma mit einer warmen fllenden Sattheit in den
Schlund und Bauch.

Ma hatte das Gefhl, da das Schicksal sich unter ihm bog, er flatterte
unsicher an der Vorstellung vorbei, die so lcherlich war, da zauberisch
sich sein Weg und das Tao bereinanderlegten. Whrend die Gewerkschaftler
vor ihm diskutierten, sa er geblendet und schwitzte aus allen Poren in
einer Art Rausch; er suchte seiner Herr zu werden.

Er sagte, er htte keine Truppen, um ihnen zu helfen. Sie wten ja selbst,
da man die Gebrochene Melone verfolge und am liebsten ganz vernichten
wolle. Geschlagen seien Drfler und Gebrochene Melone. Man litte unter
groen gewaltttigen Herren.

Eben darum kommen wir in das Kloster her zu euch, stie der Pfnner
zurck, wir Drfler wissen uns eben bald keinen Rat mehr. Du bist sehr
klug und kennst die Bcher und Berechnungen.

Der lange Salzsieder, der in lehrhaft eindringlicher Weise zu reden
pflegte, hob seinen Zeigefinger: Dir ist noch etwas zu melden, Ma, weil du
so ruhig einen nach dem andern anhrst. Es geht dich und die Brder und
Schwestern alle etwas an. Ich sage: alle geht es euch etwas an. Ein Neffe
von mir ist Filzsohlenarbeiter in einem Dorf eine halbe Tagereise von hier;
er wohnt jetzt in meinem Hause als Gast. Ein Arbeitskamerad hat ihn gestern
aus seinem Dorf besucht und erzhlt, da fnfzig oder hundert
Landpolizisten bewaffnet hinter euch her sind wegen des schrecklichen
Gemetzels vor einer Woche. Sie sind schon unterwegs hierher und werden eher
heute als morgen da sein. Was sie euch fragen werden und wie sie euch
fragen, das werdet ihr schon sehen. Ich sage, wenn ihr so klug seid und
einen nach dem andern anhrt: es geht euch etwas an.

Darauf lchelte Ma-noh: Meine Schwestern und Brder sind verloren vor den
Menschen. Wer hilft uns? Wie lange Stunden werden meine willkommenen Gste
warten knnen auf einen Rat ihres Freundes Ma-noh aus Pu-to-schan?

Sie sahen sich an, der Pfnner krchzte: Wird es unserm klugen Freund
gengen fr seine Berechnungen, wenn wir bis mittag warten oder eine Stunde
spter? Unser Heimweg ist nicht sehr kurz, wirklich nicht, und wer wei,
was zu Hause angestellt wird.

Bis mittag.

Sie trabten aus dem Zimmer. Ma-noh sa die lange Stunde allein vor dem
leeren Buddhaaltare; zu denken vermochte er nicht.

Die Blendung verlie ihn nicht.

Das Schicksal bog sich unter ihm.

Keine Niedermetzelung mehr! Der Weg gesichert. Die strmische Liebe zu den
Brdern und Schwestern, die blhende Hoffnung auf alle Herrlichkeit, das
strahlende westliche Tor! Ihn packte das Glckgefhl so, da er um Hilfe
rufen wollte. Er lachte vor sich hin, leise, welche Aufgabe diesen fnf
Boten gegeben war, diesen schamlosen kindischen, die ihr Leiden um Fressen
und Saufen mit dem seiner Brder und Schwestern verglichen. Aber sie
sollten gesegnet sein! Wozu anders sollte man diese Bande von Salzsiedern,
Lastentrgern verwenden, als zum Herumstellen, zu dienen als wandelnde
Ziegelsteine, elastische Grben, vortrefflich schlieende Tore fr die
Gebrochene Melone!

Eine Stunde nach Mittag traten die fnf Leute in das Chan-pozimmer, wollten
sich niederwerfen, rutschten zgernd auf die Kniepolster.

Ma-noh forschte den Salzpfnner noch einmal aus, wer sie geschickt htte,
wieviel Drfer sie vertrten.

Der antwortete mit der ungeduldigen Gegenfrage, was die Berechnungen
ergeben htten und wie es mit dem Rat stnde. Da meinte Ma, indem er einem
nach dem andern scharf ins Auge sah, da er einen Rat nicht geben knne,
aber sobald sie nach Hause aufbrechen wrden, wrde er sich mit ihnen auf
den Weg machen und es kmen noch zwei, drei seiner Brder und Schwestern
mit. Er wolle an Ort und Stelle berechnen. Was ntig wre und sich aus der
Zeit, dem bereinstimmen der Tiere und Metalle folgern liee, wrde sich
dann ergeben.

Der Karrenfhrer staunte; er hielt dies fr eine Entscheidung, die ganz
auerordentlich den Kernpunkt der Sache trfe. Der gelehrte Salzsieder
drehte den Kopf nach den Kameraden, als erwarte er eine Anerkennung, dann
stand er auf, stellte sich neben Ma-noh und sagte leise zu ihm: Ich will
dir nmlich sagen, Ma aus Pu-to, da der dumme Salzsieder, der neben dir
steht, dasselbe vorhin auf dem Hof gedacht hat, wie du. Nur faten die
andern es natrlich nicht auf, sie lassen einen auch nicht zu Worte kommen.
Ich habe es dann schlielich ganz fr mich behalten. Man wei ja allein,
was man wert ist.

Und er berhrte vertraulich Ma bei der Schulter.

Der Pfnner konnte nicht gleich ins Reine kommen: Also einen Rat, direkt
so wie: 'Geh dahin, geh dahin, hier vorbei, da herunter', gibt es offenbar
nicht dabei. Es ist immer etwas Neues zu lernen. In den verschiedenen
Sachen ist es ganz verschieden. Man sollte das gar nicht glauben. An Ort
und Stelle mu auch berechnet werden, was man anfangen soll. Es hat etwas
fr sich. Es ist zweifellos; ich will es ja nicht leugnen.

Und er fiel mit groben Worten den eitlen Krrner an.

Whrend die Boten auf den Hfen mit ihren Heimatsgenossen sich besprachen,
umlagert von unruhigen Brdern und Schwestern, hatte Ma-noh mit seinen
Vertrauten auf dem abgelegenen Grberhof eine kurze und heftige
Unterredung. Ma wnschte die Begleitung dieser Vertrauten.

Er wollte mit seiner Taktik des Wartens brechen. Er wnschte unbedingte
Zustimmung, Unterwerfung unter das, was er plante. In einem herrisch
knappen Tone brachte er seinen Wunsch vor, ihn in das Aufstandsgebiet zu
begleiten.

Nur Juen wollte ihn begleiten; die Lius, besonders die Gelbe Glocke lehnten
ab, sich in Kriegsdinge einzumischen. Die schne Liang-li starrte Ma-noh
an. Ihr graute je lnger je mehr vor diesem Mann.

Da schlug Ma, der zwischen den Weidenstmmen hin und her ging, vor der
Gruppe seiner Berater, einen ungemein erregten harten Ton an; er
beschuldigte sie, da sie ihn im Stich lieen, da sie ihn, der schon ohne
Mut sei, zu Boden stieen. Sie htten kein Herz fr die Brder und
Schwestern, die verjagt von Sippe, Gilde und Volk, bei ihnen Zuflucht
suchten und wie Ratten, die man mit vergiftetem Mais fttert, hier in ein
paar Tagen verrecken wrden. Seine Vertrauten seien sie; aber statt ihm
beizustehen, belasteten, erstickten sie ihn.

Die Gelbe Glocke wurde von einem heftigen Zittern bei diesen Anklagen
ergriffen; er unterbrach schon manchmal mit einem Ausruf Ma; dann rang er
nach Worten: Du redest ungebhrlich zu uns, Ma. Was diese Brder hier
erdulden wollen von dir, wei ich nicht; du darfst nicht ungebhrlich zu
mir sprechen wie zu einem Haussklaven. Wir haben nichts verschuldet an dir.
Du kamst kurz und ohne deine weise Haltung an. Du tobst. Dies haben wir
nicht verdient. Das darfst du nicht wagen gegen uns.

Er zitterte so stark, da er, am Boden sitzend, nach vorn berfiel; ber
seine mageren braunen Backen liefen Trnen.

Aus Liangs Augen blitzte die Entrstung; sie kam zu keiner uerung; der
jngere Liu, das zweifelschtige Dreierlein, stellte sich vor Ma hin; ruhig
sagte er: Wir Lius sind aus grberem Metall als die Gelbe Glocke; wir
weinen nicht. Ma behandelt uns jetzt nicht als Vertraute; warum will er mit
den Bauern mitgehen, warum sollen wir ihn begleiten? Wenn wir nichts
erfahren, wird er begreifen: wir Lius ertragen das Schimpfen; im brigen
tun wir, was wir fr recht halten.

Ma zwang sich. Ihr, die Gelbe Glocke auch, werdet sofort begreifen, da
ich tobe, und werdet das Anklagen gegen mich unterlassen und mich nicht mit
Trnen krnken: es sind Provinzialtruppen hinter uns her, die Bauern haben
es mir berichtet. Diesmal sind es nicht gekaufte Banditen, ja gewi, jetzt
seht ihr mich an. Aber ihr seid ohne Vertrauen in mich. Was ich nicht
ausschle wie einen Zwiebelkern, habe ich erlogen, und wenn ich in Zorn
darum gerate, so werdet ihr mich noch eines Tages totschlagen. Wie viel
Tage also, lieber Liu, liebe Schwester Liang, Bruder Gelbe Glocke, wird es
noch dauern bis zur Groen, Groen berfahrt?

Juen war der ngstlichste von ihnen; seit dem berfall schlief der Mann
wenig, trumte wild und schrie im Schlaf; in der Gefahr selbst benahm er
sich in der Regel auffllig sicher und flte durch seine Haltung anderen
Mut ein. Ihm scho das Blut in den Kopf, als er von dem drohenden Angriff
hrte; er rief die beiden Lius an: Kann es da noch einen Widerspruch
geben? Will denn einer Betrger gegen die hunderte drauen heien? Wir
mssen uns beeilen, beeilen und nochmal beeilen. Das ist der Schlu der
ganzen Unterhaltung. Was sitzen wir noch lange!

Lange sitzen wir, entgegnete Liang, wer Angst um seinen Krper hat, soll
in den Stdten bleiben, Verse machen, in der Snfte liegen.

Juens hellfarbiges Gesicht wurde dick; sein Hals schien verschwollen, so
kloig und kehlig sprach er mit einmal: Das Geschwtz von Weibern berhrt
den Gebildeten nicht. Ebenso wenig wie das Geheul erwachsener Mnner eine
ernsthafte Debatte aufhalten sollte. Es ist einer erregt, es ist einer
nicht erregt; was macht das aus? Ihr sitzt da und sitzt bis zum Abend, und
wenn die hunderte, die mit uns laufen, den Sbel zwischen den Schultern
fhlen, ist es vorbei. Aber es soll nicht vorbei sein. Darber habt ihr
nicht mit Herumhocken zu entscheiden. Es ist meine Sache wie eure. Ma soll
reden, Ma-noh soll Recht behalten.

Er schwieg, weil ihn inzwischen schon das groe Gesicht der Gelben Glocke
angelchelt hatte auf eine so freundliche Weise, da er beirrt seine Stimme
sinken lie und aufhrte.

Die Gelbe Glocke redete ihm zu: Hr doch nicht auf zu sprechen, Juen; es
verargt dir niemand, wenn du alles sagst, was dir auf dem Herzen liegt. Er
schwang die Hnde gegen Ma und Juen zum Grue; sie erwiderten zgernd und
hflich.

Liang sa zuletzt allein am Boden, blickte in das Gras. Das Dreierlein
sprach sie mitleidig an; er hob sie auf; sie ging mit gesenkter Stirn auf
Juen zu, vor dem sie tiefe Verbeugungen machte, bis er ihren Gru
erwiderte; dann senkte sie ihre schmalen Schultern vor Ma, den sie vor den
andern umfate, redete mit trauriger Stimme: Hilf, Ma-noh. Bring alles zu
einem Ende. Du hast in jedem recht. Kein Gemetzel, la das nicht geschehen.
Rette wen du kannst, uns mit, mich mit.

Nach einer Stunde zogen Ma und seine Vertrauten mit den fnf Boten der
Drfler ab; die Mehrzahl der andern Drfler blieb im Kloster zurck, auf
das Zureden des angesehenen Salzpfnners, der sie fr die bedrohten Bndler
sorgen hie. Es zeigte sich unterwegs, da die Gelbe Glocke sich noch nicht
beruhigt hatte; in der Nacht, die man im Freien zubringen mute, hrte man
ihn sthnen an der Seite Liangs, die ihn zu trsten versuchte. Morgens wich
er unter einem Vorwand ab und kehrte nach dem Kloster zurck.

Man kam am nchsten Vormittag in ein Dorf, das grte dieser Gegend, in
welchem der Pfnner sein Grundstck hatte. Rasch besichtigte Ma, was ihn
interessierte, hrte Haufen Menschen an, auf Maultieren ritt man eine Weile
durch neue Drfer; Massen von Unbeschftigten kamen aus den Husern heraus,
starrten den sonderbaren Zug an, fielen auf den Boden.

Vor Anbruch des Abends besprachen sich die Bndler kurz; man fieberte unter
der Vorstellung, da eben jetzt die kaiserlichen Soldaten das Kloster
erreichten.

Dann trugen Maulesel die Erschpften zurck; ber hundert ihrer neuen
Freunde begleiteten sie erregt; sie liefen durch das hohe Kao-liang; eine
Rast von einer Stunde nachts gnnte man sich; frhmorgens nherte man sich
dem See.

Ein blasser Flammenschein stand jenseits des Wassers. Man kam zu spt. Der
Angriff auf das Kloster schon erfolgt; das Kloster in Brand gesteckt von
den Soldaten. Hunderte umgekommen. Die Soldaten, von den zurckgebliebenen
Bauern wenig aufgehalten, waren geflohen, nachdem sie sich bemht hatten,
die in Kapellen eingeschlossenen Schwestern aus dem Feuer zu retten. Sie
waren wie Besiegte in aberglubischer Furcht Hals ber Kopf davongelaufen.

Als Ma mit den wtenden Bauern durch das geborstene Tor eindrang, sa die
Gelbe Glocke auf der Schwelle, rief Ma, der bergesunken an dem Hals des
grauen Tieres hing, Heil und Triumph zu.

Ma schttelte wortlos die Fuste ber ihm. Auch die schne Liang wandte
sich schluchzend von ihm ab.

                   *       *       *       *       *

Der weitere Verlauf ist bekannt. Die Gebrochene Melone verlie das Kloster,
die Bevlkerung dieser Distrikte erhob sich gegen die kaiserlichen Beamten.
Strme auf die Gefngnisse, Vertreibung der Magistrate folgten, von den
ungeheuren Liegenschaften verjagte man die Besitzer, verbrannte ihre
Huser. Tagelang stapelte dicker Rauch ber den Gtern. Es wurden weder die
Grber noch Ehrenbogen noch Pagoden geschont.

Die ersten Manifeste ergingen von einem Komitee, dem der Salzpfnner
prsidierte. Man erklrte darin die vertriebenen Besitzer ihres Eigentums
fr verlustig; die Herrschaft der fremden Mandschudynastie, der Tai-tsing,
nannte man erschlichen, nicht volkstmlich und darum abgeschafft.

Nach Nordost dehnte sich der Aufstand rapid aus. Von hier stieen zwei
Haufen von je dreihundert Mann, welche zu den Wahrhaft Schwachen Wang-luns
gehrten, zu den Aufstndischen, suchten nach den Brdern, denen sie helfen
wollten.

Von der zweiten Woche ab unterzeichnete Ma-noh alle Proklamationen,
Anschlge und so weiter. Er schickte Boten in die nchstliegenden Stdte,
die nachts an die ueren Mauern einen Brief Mas an den Kaiser Khien-lung
anhefteten. Darin erklrte sich Ma-noh bereit, die Herrschaft der Reinen
Dynastie anzuerkennen, sofern das gesamte im Aufstand befindliche Gebiet
von der Zentralverwaltung gelst und durch einen eigenen Frsten verwaltet
wrde.

Nach einer weiteren Woche erfolgte der wichtigste Schritt: die besetzten
Distrikte wurden zu einem geistlichen Land mit dem Namen Insel der
Gebrochenen Melone umgewandelt nach dem Vorbild von Tibet. Die Pflege der
paradiesischen Hoffnungen wurde als die Aufgabe des neuen Staates
bezeichnet. Ma-noh ernannte sich zum Priesterknig dieses geistlichen
Landes; eine Kommission von drei Mnnern stand ihm unter dem Namen der
Gesetzesknige zur Seite. In der einzigen mittelgroen Stadt der besetzten
Distrikte residierte Ma-noh. Hier wurden Plne zur Befestigung der Insel
entworfen, die Anlegung groer Doppelmauern mit Wachtrmen um das gesamte
Gebiet, etappenweise Wachtrme auf allen greren Landstraen. Etwa tausend
Mann der Ortsansssigen blieben unter Waffen, fr die brigen lagerten in
der Hauptstadt Waffen.

Es gab zweierlei Bevlkerung auf der Insel: die alten Bewohner in ihren
Husern, Lden, auf den ckern, Bergen, in den Obstgrten; und die Brder
und Schwestern, bei Tag ttig unter ihnen, im brigen abgeschlossen von
ihnen, viele in Htten, die meisten auf den Feldern in der Nhe der
krftigen Bodengeister. Die Bndler erwarben keinerlei Besitz, schoben
jeden Gewinn, der nicht dem Augenblick diente, der kniglichen Kasse zu.

Die Zeit am Sumpfe von Ta-lou hatte an Reiz, Erregung und Glck das
Erdenkbare gegeben. Hier auf der Insel war man geborgen. Es war ein
Meisterstck Ma-nohs. Alle und jegliche Last hatte er der Gebrochenen
Melone abgenommen; die Mauer, die er gewnscht hatte, umgab die Brder und
Schwestern lebendig. Der Weg der ueren Befreiung seiner Anhnger, den er
am Sumpf von Ta-lu eingeschlagen hatte, war zu Ende gegangen. Sie waren
sicher vor Zerschmetterung durch das blinde Schicksal.

Ma-nohs Hrte in dieser Zeit wuchs. Von dem Augenblick an, wo er
Priesterknig des Gebietes war, umgab ihn eine Strenge, die an Grausamkeit
grenzte und den erfahrenen Schler der asketischen Mnche erkennen lie. Ma
verwandelte sich nicht, sondern fand sich in dem Augenblick wieder, wo nur
sein Wort galt. Das Feuer des Klosters, in dem Brder und Schwestern vor
seinen Augen verkohlt lagen, brannte in ihm nicht aus. Er empfand kein
Rachegefhl, sondern nur die Empfindung, da Dinge, die so eingeleitet
waren, nicht lppisch enden durften. Er nahm keinen Rat seiner Vertrauten
mehr entgegen. Das Mitleid fr die Halbtoten, Angespieten auf den Hfen,
in allen Korridoren ttete ihn fast. Er sank von dem Gipfel herunter, stand
unter den armseligen, verwirrten, aberglubischen seiner Menschen, wand
sich unter ihren Qualen, und war eins mit diesem Volk.

Keinen seiner Vertrauten kannte er mehr. Auf dem raschesten Wege strebte er
danach, die Herrschaft an sich zu reien, weil er fhlte, sonst der
Verantwortung zu erliegen. Das Schicksal des ganzen Bundes war
gleichgltig, wenn er erst alles fr den Bund geleistet hatte, dann stand
und fiel er gleichmtig mit den andern. Kein Feuer berhrte ihn dann mehr.

Ma-noh, ein unkenntlicher Mann, sa auf dem Thron der Insel. Kein Gtze
konnte blinder blicken als er. Sein Glaube an das Westliche Paradies war
vorher eingewickelt in ein Entrckungsgefhl, ein berschwengliches Sehnen;
jetzt sa Ma ernchtert da, hielt den Glauben mit eisernen Griffen gepackt
vor sich hin. Er sehnte sich nicht nach diesem Paradies, er begehrte,
heischte kalt den Eintritt fr sich und seine Bndler. Es handelte sich
nicht mehr um ein traumhaftes Gut, dem man sich langsam stufenweise
entgegenhob, sondern um etwas Nahes, wie die enge Holzbrcke, ber die er
jeden Tag ging, zu der er ging, wann es ihm beliebte, etwas Erkauftes,
etwas Gekauftes und zehnfach berbezahltes, das ihm keiner vorenthalten
konnte. Es war nicht mehr diskutabel, ob das Westliche Paradies real
existierte oder nicht; die Ereignisse hatten es mit den notwendigsten
greifbarsten Zeichen der Wirklichkeit ausgestattet.

In ihm aber irrte manchmal eine Angst auf und ab, da er noch einen Preis
draufzahlen mte, da durch irgendeinen Umstand noch ein Preis wie der
vorige verlangt werden knnte, und darum verlangte er keine lange Dauer des
Lebens mehr, sondern einen kurzen dringenden Beschlu, ja den raschen
Untergang dieser Insel, die er mit dem Namen seiner Brder und Schwestern
geschmckt hatte. Er war durch seine Klugheit, Entschlossenheit, kraft der
unheimlichen Einflsse, die man ihm zuschrieb, Herrscher dieses Landes
geworden, dessen Bewohner er verachtete, deren Berhrung ihn anwiderte. Es
bedeutete ihm eine Qual, da er sich schmutziger Dinge bedienen mute, um
der Gebrochenen Melone zu helfen. In keiner Zeit war sein Ha auf Wang-lun
so stndig gewesen, der dies alles hatte geschehen lassen und mit einer
kleinen Bewegung seines Willens htte verhindern knnen.

Ma diente in der ersten Zeit nach den Umwlzungen am Sumpfe von Ta-lou mehr
seinen Bndlern, als er glaubte. Er hatte gedacht, sich zu sich selbst
zurckzufinden aus dem Kram der tglichen Fhrerschaft. Aber erst der
Klosterbrand leistete wirklich diese Zurckfhrung. Ma war wieder
Einsiedler geworden, ohne da er sich dessen in seiner Knigsrolle bewut
wurde. Er gewann Fhlung mit den ihm entschwundenen Vorgngen auf dem
Nan-kupasse. Durch seine Trume liefen die Zibetkatzen, saen auf dem
Buddharegale, Haufen groer Krhen erwarteten seine Brocken vor der Stiege;
und Ma-noh wunderte sich ber das Auftauchen der Erinnerungen. Der
ungeschlachte Wang-lun besah sich die goldenen Buddhas, die lngst
zerschlagenen, fragte ohne Ende nach einer hundertarmigen Kuan-yin aus
Bergkristall, deren Splitter in dem Mikanthustal Wanderern in die Sohlen
schnitten. Gegen das Schicksal gab es keine Rettung als Nichtwiderstreben;
das Gemetzel am Fu des Gebirges, der Klosterbrand hatte alles wieder
gezeigt. Ma fhlte, da die Gre dieser Idee und die Frucht dieser
Tatsachen ber seine Kraft ging.

Die Bndler waren zusammengeschmiedet durch das Schicksal. Das Glck der
Sommermonate leuchtete nicht mehr ber ihnen. Des furchtbaren Ernstes ihres
Bundes wurden viele sich erst jetzt bewut. Ma strahlte eine finstere Glut
aus, die sich ihnen mitteilte. Juen lag, bei den Kmpfen um die Gter
erschlagen, unter der Erde. Die Lius schwiegen vor der Gewalt Mas. Die
schne Liang bebte beim Anblick des erstarrten Menschen und pries sich
glcklich, ihm gefolgt zu sein. Die Gelbe Glocke war verschwunden.

Noch einmal zitterte der Krper des Bundes unter einer inneren Krankheit.
In einem Dorfe, das kaum acht Li von der Hauptstadt lag, lebte unter den
Gebrochenen Melonen ein junger fremdartig schner Bruder, der, obwohl
Kohlenbrenner von Beruf, eine beneidenswerte Feinheit seines Benehmens und
seiner Hilfsbereitschaft zeigte. Er hatte, wie nicht wenig andere, seine
Familie verlassen aus kindlicher Anhnglichkeit, wegen eines Gelbdes gegen
einen wandernden Bruder, da er selbst zur Gebrochenen Melone gehen wrde,
wenn der Bruder seinem kranken Vater hlfe. Nun war er, herausgerissen aus
der vertrauten Umgebung, mit den andern auf der Fahrt zum Westlichen
Paradies.

Aber er wurde durch eine hitzige Leidenschaft zu einer Frau in der Reinheit
und Ruhe seiner Empfindung gestrt. Diese Frau war zwar eine Schwester,
aber sie rang noch mit sich, um ihren Geist sicher nach dem klar erkannten
Ziel einzustellen. Von einer mdchenhaft weichen Schnheit, einer stets
heiseren Stimme, trumerisch schielenden Augen, wurde sie aus dem Haus
ihres Vaters zuerst neben einen vierzigjhrigen groben Pelzhndler gefhrt,
vor dem sie nach zwei Jahren floh, weil sie glaubte, da er ihre Untreue
entdeckt hatte. Der Mann holte sie zurck, sie hinterging ihn dann wieder
und mute nun ihre Heimatstadt verlassen. Sie war glcklich, bei den
wandernden Brdern und Schwestern unterzukommen, sie konnte der Wildheit
ihres Leibes, unter der sie selbst litt, frnen, ohne Todesgefahr zu
laufen; sie stie schon fast ihre Begierden mit den Fen.

Da begegnete sie jenem Kohlenbrenner; sie versagte sich ihm nicht, aber
bald zog er sich von ihr zurck, begehrte sie nicht mehr; wurde finster. Er
erklrte ihr eines Morgens, als sie an seinen dunstumgebenen Platz vor dem
Dorf herunter kam und sang, da er keinen Gedanken seit langen Tagen mehr
nach den berirdischen Dingen trage, da er sich qule und sie bte, bei
ihm zu bleiben und ihm zu gehren. Die junge Frau verhllte schon weinend,
als er zu sprechen anfing, ihr wohlgeformtes Gesicht, denn sie wute
vorher, was er sagen wrde. Als er aber ausgesprochen hatte, sah sie sich
um, ob ihr keiner zuhrte, setzte sich an eine qualmende Stelle neben ihn,
umhalste ihn, so da neben seinem abgewandten glatten Schdel ihre vollen
Wangen und ihre ungesttigten Lippen standen, und benetzte mit Trnen und
Kssen seinen Zopf. Ob er nicht wte, da er gegen die kostbaren Regeln
verstoe mit seinem Wunsch, und was er zu tun gedenke, wenn man erfhre,
was er tat.

Nung drehte ihr langsam sein ovales Gesicht zu, das unter dem Schmerz alle
Ebenmigkeit verlor; das, was geschehen sollte, wenn man ihn entdeckte,
wisse er nicht; er wolle nicht gegen die kostbaren Regeln verstoen, denn
das wre eine Snde gegen seinen Vater; aber er wisse sich nicht zu helfen.
Der ekelhafte Selbstmorddmon mit den weiten Hosen htte ihn schon
angefallen, diese Nacht und drei Abende zuvor. Was soll man tun, liebe
Schwester? Was soll dieser Bruder Nung tun gegen sich? Nun saen sie still
und ohne berlegung in dem blen Rauch; seine ruigen Hnde griffen in ihre
schwarzen, kunstvollen Haarwindungen.

Die junge Frau, obwohl um sich selbst besorgt, folgte ihm, wie er
verlangte. Sie zog mit ihm in eine Wohnung zu dem Kohlenbrenner, der Nung
beschftigte. Der baumstarke, duldsame Mann warnte die jungen Leute, die
ihm aber auswichen.

Inzwischen war das Jahr weit vorgerckt; die Bewohner der Insel rsteten
sich zum Ching-ming-Fest, dem Allerseelentag. berall im Freien errichtete
man Schaukeln, an denen bunte Schnre wehten. Das welke Laub der
Rokastanien flatterte herum. Man hufte frische Erde auf die Grber. Das
bliche leckere Schmausen fing an. Auf allen Wegen gingen die Frauen mit
Weidenktzchen hinter den Ohren, um nicht als gelbe Hunde wiedergeboren zu
werden. Die Mnner stolzierten in den Alleen, saen in den Teeschnken bei
Wrfel- und Dominospielen mit golddurchwirkten Jacken und Grteln.

In der Nhe der Tempel fr die Stadtgottheit lagen die Begrbnissttten fr
die Dirnen; die Frauen der Gebrochenen Melone lieen dorthin nach der Stadt
auch ihre Toten bringen in einem groen Stolz und Mitleid. Als sie nun --
denn Ma-noh duldete das Beibehalten aller volkstmlichen Sitten -- am
Ching-ming-Feste morgens in Scharen auf den Friedhof strmten, begegneten
der verliebten jungen Frau, die Nungs Freundin war, andere Schwestern am
Eingang zum Dirnenbegrbnis, verwehrten ihr den Eintritt. Es fiel kein
Schmhwort; die Schwestern bedeuteten ihr nur, da sie sie nicht mehr zu
sich rechnen knnten, seitdem sie wie eine Ehefrau mit Nung zusammenwohne.

Die Schwester lief in Scham nach Hause, erzhlte Nung, dem die Knie zu
zittern begannen, da ihr Geist, wenn sie strbe, keine Ruhesttte bei den
andern Schwestern finde, weinte, da sie aus dem Ring ausgestoen sei, da
sie nicht mehr so leben knne und sie mte zu den Schwestern zurck. Der
Wirt, der lange gebeugte Kohlenbrenner, hrte ihr zu und brummte: Das wird
wohl so sein mssen.

Nung von ihr allein gelassen, wirtschaftete ohne Bewutsein tagelang
zwischen seinen Kohlen und im Garten herum. Nachts warf er sich in Kleidern
auf die Erde, sein Gesicht wusch er nicht, seine Eschalen lie er stehen.
Er ging eines Morgens an die Mauer des Dirnenfriedhofs und wartete auf die
junge Frau. Als sie am regnerischen Abend mit einem Bruder zusammen
vorberkam, -- sie atmete schon wieder auf, weil sie sich nicht in
grenzenloses Elend gestrzt hatte -- fiel Nung sie an, stie den Bruder vor
die Brust, zerrte die Kreischende an den Zpfen hinter sich her. Dorfleute
rannten herzu, rissen die Schwester los, verprgelten den Mann.

Nung, ganz auf der falschen Bahn, rollte nun glatt weiter. Die kostbare
Regel, die den Besitz einer Frau verbot, fiel noch manchem im Bunde schwer.
Offen am Tage nach dem vergeblichen Angriff unter seinen vielen Freunden
darber redend, verstand er es, sie mit sich eines Sinnes zu machen.
Arbeitskameraden aus dem Dorf gesellten sich hinzu. Man schickte, hinter
einer Weidenpflanzung lagernd, einen Boten an Ma-noh, Abweichungen von der
kostbaren Regel zu gestatten. Die drei Gesetzesknige lieen den Boten ins
Gefngnis werfen.

Verbohrt, die junge Frau zu besitzen, die in die Hauptstadt zu Ma-noh
geflchtet war, sammelte Nung in vier Tagen Anhnger aus Drflern, denen er
den Knig als unduldsam und gewaltttig schilderte, und aus Brdern, die
nicht besser waren als er. Sie rotteten sich morgens auf den Straen der
Hauptstadt zusammen, um Ma-noh zu ihren Forderungen zu zwingen. Aber der
Priesterknig und sein Beirat warnten Nung und hieen die Mnner die Stadt
verlassen und um sich sorgen.

Da drang der junge Nung, schmutzig, barfig, in zerrissenen Kleidern in
das Jamen ein, das als Knigspalast diente. An der Schwelle der offenen Tr
stehend, whrend sein aufgelster Zopf ihm von rckwrts ber den Schdel
wehte, rief er in den dunklen Saal hinein, in dem Ma mit den drei
Gesetzesknigen an der Wand sa, ob man die Wnsche bewillige oder er den
Bogen spannen solle. Auf das Schweigen trieb er das erstemal einen Pfeil
dicht ber Mas Kopf in die Holzwand, beim zweitenmal durchbohrte er einem
Gesetzesknig den Arm, dann wurde er selbst von hinten in die Schulter
getroffen. Der Pfeil zitterte im Fleisch, Nung brllte. Die Brger hatten
auf den Straen den grten Teil von Nungs lrmenden Anhngern vertrieben,
das Jamen umstellt, ihn selbst mit einigen andern im Hofe eingeschlossen.
Der um sich beiende Nung wurde in den Holzkragen gelegt, im Stadtgefngnis
eingesperrt. Die Gesetzesknige verurteilten ihn, als Ma teilnahmslos die
Sache von sich abwies, zur Todesstrafe mit Zerstckelung.

Nung wute, da sein Geist verloren war. Er gebrdete sich als ein der
Unterwelt zustrebender Dmon, schmhte Brder und Schwestern, die ihm auf
dem Wege zum Richtplatz vor der Stadt begegneten, lachte ber seinen Vater,
fr den er sich geopfert htte und hhnte auf der Totensttte den heiligen
Bund so, da der Henker nicht die Strafe des verlngerten Todes ben
konnte, sondern auf Drngen der emprten Zuschauer den Ruchlosen
erdrosselte.

Die schwere Bestrafung und Vertreibung der beteiligten Brder und ihrer
Helfer folgte. Dieser Aufruhr und seine hlichen tobenden
Begleiterscheinungen brachen ber die Gebrochene Melone wie ein schweres
Unglck herein. Es kam manchen Bndlern vor, als sei ihnen verhngt, sich
nach dem erduldeten Leiden noch selbst zu zerfleischen. Viele schlichen
entmutigt herum, dachten an verzweifelte Flucht in die alte Umgebung
drauen, waren sinnlos lebensberdrssig. Andere hielten den Aufruhr fr
einen Reinigungsvorgang, der einer jungen Sache nicht erspart bliebe,
trsteten sich und die andern, versuchten heller zu blicken.

Man erlebte auf den Mrkten der Drfer und der Hauptstadt rhrende Szenen.
Es wiederholte sich auf dem Hof des Knigsjamens dieser Vorgang: ein
zweirdriger Karren fuhr vor, eine Dame stieg mhsam aus, trippelte an das
Gong neben der Treppe und warf sich zu Boden. Vor Ma oder einen der
Gesetzesknige kniete sie, klagte sich an, beschuldigte Heimat und Sippe,
und dann legte sie unter Verwnschungen vor allen Zuschauern einen Schmuck
nach dem andern auf die Stufen, Spangen, Ketten, Ringe, Federn, zog die
bemalten Seidengewnder ab, ri die Unterkleider in lange Stcke, lie sich
die Haarwindungen lsen von den Schwestern, die sie umarmten.

Wenn Ma solchen Szenen beiwohnte, bedeckte er seine Augen mit der linken
Hand. Bisweilen wenn drauen das Gong brummte, strzte er hinaus, ehe ihn
ein Bote gerufen hatte, und suchte auf dem Hof unter den inbrnstigen
Menschen. Er suchte Wang-lun und die Gelbe Glocke.

                   *       *       *       *       *

Als ein Monat nach der Errichtung des Knigtums verstrichen war,
veranstaltete man in der Hauptstadt ein Fest. Dieses Fest ist vielfach
beschrieben worden; es wurden Gedichte darber gemacht, auch Khien-lung
nahm in einigen spteren Versen Bezug darauf. Es liegen fast nur
phantastische Entstellungen des Vorgangs vor.

Die Arbeit, bis auf den Kriegsdienst an der Grenze, ruhte sechs
Doppelstunden. Auf den Straen der Hauptstadt bliesen morgens die Posaunen.
Es waren tiefe grauenvolle erschtternde Tne, jedes musikalischen Klanges
bar, drngende Schreie gengstigter Schatten, Hilferufe von Verstorbenen an
Lebende, mit einer zunehmenden Wucht vorgetragen, da es schien, als wrde
sich das Rufende in jedem Augenblick verkrpern und feucht den
Vorberlaufenden um die Schultern hngen. Die Tne kamen nher, gingen
ferner, stiegen aus allen Orten auf, es schien als ob die Stadt von ihnen
umstellt sei.

Aus den Seitengassen schlichen sonderbar vermummte Wesen an. Sie tauchten
mit einmal, aus dem Boden gewachsen, mitten unter den geputzten
Spaziergngern auf, huschten an den Husern entlang, kauzten vor den
Snften nieder, stumm den Durchgang verwehrend. Es gab pltzlich ein
Gelchter, wenn die affenartigen braunen und schwarzen Geschpfe ernsten
Mnnern auf die Schultern sprangen, die drren Beine ihnen vor der Brust
kreuzten, und mit einem lauten Blken befriedigt nach einem niedrigen
Dachfirst griffen und sich schaukelten.

Auf der groen Strae, welche die Gelbbalkenstrae hie, promenierten die
Brger. Brder und Schwestern nahmen die Mitte des leeren Marktplatzes ein
und fingen ein sanftes Musizieren an. Das feine kreischende Gerusch der
Juchkinsaiten klang mit einer hypnotisierenden Sigkeit und Monotonie in
der Herbstluft; das Suan-kin, die achteckige Gitarre, fiel ein; ein Zirpen,
dann gleichmig abgerissene Akkorde, die wie dnne Goldspangen eine Kette
schlossen, wie lose Reiskrner auf den weichen Boden flatterten.

Whrend die Schwestern vielstimmig an- und abschwellend dazu sangen,
verwandelten sich ernste Spaziergnger, die grend aus Snften stiegen, in
spielerische blaue und rote Lwenhunde, liefen vierbeinig die andern an,
balgten sich auf den Fahrdmmen und jaulten komisch zu der festlichen
Musik. Irgendwo standen eben noch zwei zusammen und unterhielten sich
hflich, lehnten Schulter an Schulter vor einem Laden; da sank einer
pltzlich zusammen, berzog sich mit einer Schildkrtenschale und
watschelte davon. Unbeirrt klang die Musik. Die Bambusflten bliesen; im
Liede heit es: Die Tne zogen sich gedehnt, schmiegsam wie Seidenfden.

Auf den Straen quirlten umeinander Jongleure, Athleten, Zauberknstler,
groteske Masken. Klappern, Knarren, nselnde Hrner. Ein zopfloser hagerer
Mann, ganz wei geschminkt, in einem langen enganliegenden weien Mantel
mit schwarzer Schrpe, hockte versunken auf seinem Schemel. Um ihn kauerten
drei weie ausgewachsene Tiger, die er an bloen bunten Leinen hielt. Die
Bestien rekelten sich, scharrten den Boden mit den Pranken. Pltzlich gab
es einen Schrei, ein Auseinanderstrmen der Menschen. Die Tiger fuhren in
groen Stzen davon, zogen den weien Mann an ihren Leinen hinter sich her.
Er schwankte halb durch die Luft und machte vor Angst einen kreisrunden
Mund. Vor einer Tigersule an einer Straenecke kletterten sie an,
schnffelten, saen eins neben dem andern nieder, blieben ruhig sitzen, als
ein paar mutige Burschen sich anschoben, platteten sachte Rcken und Bauch
ab, ihre Beine schnurrten ein, bis sie eine breite, weie schwarzgetpfelte
Lage bildeten -- aus Papier vor ihrem weigeschminkten Herrn mit der
schwarzen Schrpe, der sein unheimlich bewegliches Maul ganz allmhlich zu
einem schiefen Rssel drechselte und mit einer Backe heftig zuckte, so da
es wie ein Gelchter in Fleisch aussah.

Whrend die Jongleure sich um Stangen wanden, die frei in der Luft standen,
Athleten glockenbehngte Banner auf den Zhnen balancierten, Schwertkmpfer
in Spiegelbuden aufeinander losgingen, sich Hnde und Kpfe abschlugen, mit
zappelnden Hnden im Mund blutgierig herumliefen und drauen unter
zrtlichen Verneigungen Geld einsammelten, blickte ein pfiffiger Knabe mit
hohem roten Kppi in seinen Holzbauer, zeigte unentwegt auf den kleinen
polierten Kasten drin, vor dem ein Kanarienvogel trillerte und auf Anruf
seines Herrn eine winzige Schatulle mit dem Schnabel aufschlo, Briefchen
herausholte und brachte.

Die Hampelmnnchen, Marionetten tanzten auf glatten Brettchen vor den
harmlosen Landleuten, welche mit unfrmigen Fchern und Bambusschirmen in
die Stadt hereinspaziert waren. Sie gafften vor den fhnchenbehangenen
Gestellen, auf denen dressierte Muse und Ratten ber teppichbelegte
Treppen, Leiterchen krochen, sich im Drehrad zu zweien schwangen, durch
Schaukelringe sprangen, Klppel gegen Blechgongs rhrten.

Ein wildes Getmmel herrschte um abgezunte Rume auf den Mrkten; hinter
den Seilen standen Haufen kleiner irdener Tpfe mit Schlitzen; in der Mitte
solcher Stapelpltze wurden Grillenkmpfe vorgefhrt, erregte Wetten auf
die Tierchen abgeschlossen.

Allen Geistern, von denen man sich Gutes versprach, opferte und rucherte
man in den Husern und kleinen Tempeln; drohend schmetterten die Gongs,
krachten die Trommelwirbel; die Stadt blhte sich auf, blies die bsen
Geister und hungrigen Dmone mit einem Hauch von sich weg. Vor den Tren
hingen die langen roten Zettel mit beschwrenden Figuren, Boten trugen
Glckwnsche von Sippe zu Sippe. Endloses, unruhiges, aufgejagtes Treiben.
Ernste Komdien wurden in den groen Tee- und Freudenhusern gespielt.

Den Brdern und Schwestern war fr diesen Tag jede Freude und ppigkeit
gestattet. Sie tafelten bei den Familien in vielen Husern; die gewandteren
unter ihnen saen auf den ffentlichen Pltzen, vor den Tempeln, hatten
neben sich groe Menge schneeweien Reis in Schalen, Tee, Ginseng, Nudeln,
Pasteten, erzhlten ihren Zuhrern wunderbare Geschichten und bewirteten
sie. Die jngeren wohlgeformten Schwestern legten bunte und kostbare
Seidenbrokatstoffe an, die ihnen begterte Stdter schenkten; ihre
Gesichter waren herrlich geschminkt; sie spielten in den Theatern, fhrten
fremde Tnze auf, in den bemalten Husern gingen sie freiwillig herum
zwischen ihren dienenden Schwestern.

Es wurde Nachmittag. Da rumten die Budenbesitzer, Gaukler, Straenhndler
die Mrkte. Auf dem Tsuplatz an der Peripherie der Stadt, wo innerhalb der
Mauern ein Fichtenwald gegen die Huser vorrckte, war eine viereckige
Hgelflche abgeerdet. Hier, wo ein dunkles Tempelchen fr einen alten
tchtigen Mandarin verfiel, wollten sich die Brder und Schwestern der
Gebrochenen Melone zusammenfinden. Wieder schrieen die Posaunen, immer
lauter, immer dringender. Die Straen wurden leer, die schrecklichen Tne
verhallten im Winde, keine Rettung, kein Mitleid; in starre Steinwnde die
Stadt eingemauert.

Vor dem schwarzen Hintergrund der Nadelbume spielte sich die Zusammenkunft
der Brder und Schwestern ab. An der Lehne der Stadt, das Gesicht den
Bumen zugewandt saen in langen Reihen die Bndler; hinter, ber ihnen die
Brger und die zahllosen Bauern. Auf den platten Dchern drngten sie sich;
ihre Fcher und Schirme winkten aus den hochgelegenen Fenstern und Tren.
Wirres Rufen, dichtes Summen; von der Stadt her vereinzelte grelle
Gongschlge; vor allen die schwarze Verschwiegenheit des Fichtenwaldes.
ber den grauen Himmel weie Wolkenzge.

Der Boden fing an zu schwingen. Zwischen den Bumen brachen in langer Linie
Berittene hervor; sie nherten sich, in brausendem Galopp aufwachsend,
einem flachen Hgel vor der Stadtlehne, teilten sich in zwei Haufen,
sprengten gegeneinander. Man erkannte rasch unter den Zuschauern, da die
eine Truppe die Staffierung und Waffen einer kaiserlichen Bannerschaft
trug; die Farben gelb mit Bordre, von einem hohen Offizier gefhrt,
Lanzentrger mit meterhohen Bambuslanzen und dreieckigen Feldfhnchen. Man
zeigte sich auf den Dchern die echten Brustschilde der Offiziere,
Leoparden und Bren; einige riefen sich zu, es seien erbeutete Waffen und
Kleider, viele jauchzten, sogar die Trger selbst seien erbeutet; es seien
allesamt Gefangene von der Grenze; man erregte sich ber das Schicksal
dieser Mnner. Es war in der Tat eine gefangene kaiserliche Kompagnie. Die
andern Berittenen in simpler Bauernkleidung; Strohhte von ungeheurem
Umfang, Strohsandalen, graue Kittel; durcheinander trugen sie Schwerter,
Sensen, Dreschflegel. Die Zahl dieser Reiter war wohl zehnmal grer als
die der Mandschuren. Erst mischten sie sich lautlos durcheinander, trennten
sich, sprengten drohender aufeinander, schmhten sich im Vorberreiten,
dann trieben in einem pltzlichen Ansturm die Bauern ihre Feinde nach dem
Wald, der auch von rckwrts mit berittenen Bauern umstellt war. Aufgelst
schwrmten die erhitzten Reiter ber das Feld, schwangen ihre Schwerter,
liefen neben ihren Pferden her und warfen sich mit einem berschlagenden
Luftsprung auf die Sttel.

Mitten in ihr buntes Treiben hinein platzten die mandschurischen
Gefangenen. Jetzt sprangen von den Sitzen der Brder zwanzig, dreiig,
fnfzig dnn bekleidete Mnner auf, schienen den versunkenen Ma-noh etwas
zu bitten, der sie nicht anhrte, dann die Gesetzesknige, die ihnen nach
ein paar Worten zunickten. Es waren Brder, die sich inbrnstig zum Opfer
anboten, die ihre Seelen nicht mehr halten konnten. Sie wanden blitzschnell
ihre Zpfe auf, liefen zwischen die Bauern; an dem Zaumzeug der Pferde
hielten sie sich fest. Wieder mischten sich berhrungslos die Truppen, aber
die Brder rissen schon an den Lanzen der Mandschuren; einige von den
Laufenden wurden durch Hufschlge niedergeschmettert und lagen verzuckend
auf dem Feld. Ein gelles Rufen aus den Fenstern und von den Dchern
schaukelte ber das Feld und kam im Echo von dem Wald zurck; Schirme,
Mtzen, Grtel, Schrpen wurden geschwenkt; man hrte den entsetzten
Aufschrei von Mnnern, die in ihrer Erregung fehltraten und Treppen
herunterstrzten. Frauen kreischten, verlangten nach den Feinden. Das
Lrmen der Masse verdichtete sich zu einem wirren Gebrll, das wie ein
betubender Nebel in das Feld herunterwallte.

Jetzt hielten an beiden Seiten des Karrees die Haufen. Die Bannerschaft
hatte sich in einem Kreis formiert; die Mandschuren gestikulierten wild und
schrien sich an; hhnisches Lachen und Streitworte; man sah, wie zwei ihre
Pferde nebeneinander drngten, ihre Lanzen hinwarfen, ber die Sttel weg
rangen, herunterkrachend sich auf dem Boden wlzten. Als die brllenden
Schmhrufe von der Stadt herunterklangen, wie Eisenstangen, mit denen man
in Kfige langt, drohten einzelne ihre wutgedunsenen Gesichter nach der
Stadt, steiften sich in den Steigbgeln auf, schttelten die Lanzen zum
Wurf.

Die Brder liefen ber das Feld, schleppten rasch die Zertrmmerten
rckwrts in den Hintergrund, tanzten unbewaffnet barhuptig, barfig
unter dem regnenden abwehrenden: Nein, nein, nein! der Zuschauer gegen
die wartenden Mandschuren. Die ersten der Brder sprangen auf die Pferde,
suchten den Menschenbestien oben die Lanzen zu entwinden; man knallte sie
mit Fusten und Fausthieben beiseite. Als sie an dem Zaumzeug zerrten, so
da die Pferde sich bumten, gaben die beiden Offiziere kurze Kommandos;
das gedrngte Karree lste sich. Riesenstarke Mandschu hoben Brder an den
Hlsen hoch wie Eimer am Henkel, schleuderten sie im Trab vor sich hin und
berritten sie. Keiner von diesen anbrausenden Mnnern kannte jetzt den
andern; sie warfen, hingen sich mit ihren Lanzen weit ber Kpfe und Mhnen
der weit ausgreifenden Pferde.

Eine tobende, blutdrstige, mordlustige Horde, Muler, Lungen, Kehlen,
Arme, aufgerissene Augen, Pferdegeifer wlzte sich ihnen entgegen; das
tausendfache fieberhafte Geheul der Stadt brach erstickend ber ihre
Schultern. Blitzen von Schwertern, krachende Dreschflegel, langgezogenes
Sthnen der Gespieten, Leiber, die durch die Luft flogen, schon trumende
Brder, Bauern bei der Arbeit, Rcheln, Wiehern, stumme Grimassen, eiserne
Hnde von Sattel zu Sattel, Schwei, Staub, nasses Blut vor geblendeten
Augen, Pfeile von der Stadt her. An den Fenstern der Huser, auf den
Dchern, an der Stadtlehne willenloses Schluchzen, atemloses Keuchen,
Wutausbrche, Umarmungen, Hinsinken. Dann sa keiner der Mandschuren mehr
auf seinem Pferd.

Einer der Gesetzesknige, ber seine Knie gebeugt, gab ein Zeichen.
Trommeln wirbelten vor seinem Platze; aus dem schwarzen Hintergrund
schwollen die Posaunentne; groe Massen Ochsenwagen fuhren knarrend ber
das Feld heran. Der Kampf war zu Ende. Man rumte auf, trieb die Pferde
zusammen.

Eine Stunde verstrich; man atmete ruhiger. Auf den Gesichtern der Brger
lag Befriedigung. Da begann auf dem flachen Hgel, der wie eine Bhne
inmitten des Feldes lag, eine friedliche stille Musik zu spielen; eine
Melodie, die frei ausgesponnen immer wiederkehrte. Bambustuben und
Pansflten trugen sie ernst vor, fter rauschten Zimbeln dazwischen und
schlug die Bronzeglocke an; Schlaghlzer begleiteten. Ein langer Zug
Schwestern nach einer Weile, kostbar geschmckt, mit weit flatternden roten
Schnren an den enganliegenden Zeugmtzen, trat zwischen den Mnnern
hervor; die Seide ihrer Oberkleider scharrte; sie schwangen Rosenkrnze,
Zauberschwerter und besnftigten die rasenden Geister des Feldes. Vor dem
Hgel stellten sie sich auf; die Gesichter der Stadt abgewandt, sangen sie
zu dem Orchester.

Hingerissen hrten alle Brder, Schwestern und Stdter auf den Gesang und
lieen die Seelen von der sen Schwermut gltten. Man lauschte gespannt
der Musik; wenigen fiel, whrend sie entzckt die Augen senkten, der
drhnende vorige Tumult ein. Man lie die Hnde voneinander, setzte sich
hin, den Rcken gegen das Feld, sttzte die Kpfe. Weich schlug die
Bronzeglocke an.

Ein Rufen gab es; die Versunkenen richteten sich auf. Dem Hgel nherten
sich Masken. Ein neues Spiel begann. Unter den Brdern und Schwestern auf
der Stadtlehne entstand Murmeln; die Worte wurden nach oben getragen. Es
waren die acht Genien, die heranschritten.

Die Brder, die die Rollen spielten, hatten sich nicht umstndlich
vermummt; einige trugen zu der Gesichtsmaske und den Emblemen ihre
verschlissenen Kittel und gingen barfu. Es waren alte Mnner, die den
Hgel erstiegen, mit einer blechernen Spange um die Stirn statt des
Heiligenscheins.

Chung-li-kan, der weibrtige, hielt ein ungeheures Holzschwert, dessen
Ende zwei kleine Knaben schleppten; ein altes buckliges Weib wehte ihm Luft
mit einem Fcher, der so gro war wie ein geffneter Schirm. Der alte Mann
hatte das Elixier der Unsterblichkeit erlangt, in vielen Gestalten erschien
er, er konnte ber Wasser laufen; seinen Fcher und sein Schwert lie er
nicht.

Da ging der alte Herr L, genannt der Gast der Hhle; seine Maske ein
wohlwollendes lchelndes Gesicht; er zog einen Karren hinter sich her, auf
dem ein niedriger Stuhl stand, und ein Gestell mit einem roten Handtuch,
einem schaukelnden Porzellanbecken, einem breiten Schabemesser.

Tsao-kuo-kiu und die brigen folgten; die beiden letzten ritten seitlich
auf Maultieren.

Sie stellten sich auf der Ebene des Hgels im Kreise auf, winkten der Musik
und den Brdern und Schwestern zu; einige der zitternden alten Mnner
rutschten in den Sand.

Ein freudiges Gemurmel von der Stadt. In schlankem Galopp setzte aus dem
Wald ein Fllengespann an; in dem zweirdrigen Wagen, der wie ein
ausgehhlter grner Jadestein aussah, sa ein brtiger Zwerg mit der
Lenkleine; und hinter ihm trabte ein zweites Fllengespann, das langsam
fuhr; aus dem Muschelwagen blickte ein kleines Mdchen, das sorglos einen
hohen Stengel, einen Halm, wie grner Seetang, hochhielt, eine lange
Blattscheide senkte sich nach unten.

Bei diesem Anblick brauste das Gemurmel auf, ein lautes Rufen, ein Ah das
ber die Sitzreihen lief, sich in die Fenster schwang, ber den Dchern
rollte; das war das Chikraut, das die Unsterblichkeit verlieh. Die Stdter
und Bauern schwankten aufgestachelt hin und her zwischen dem Schauspiel und
dem Anblick der Bndler unten; sie begriffen, da deren eigenste Sachen auf
der hgeligen Flche sich abspielten; sie suchten sich das Gefhl der
Heiligkeit durch den Anblick der Brder und Schwestern zu verstrken.

In denen ging alles gegenwrtig und ohne Spiel vor. Sie lachten und
streckten die Hnde aus; sie schmachteten, die Trnen standen in ihren
Augen. Die Genien winkten von dem Hgel herber.

Jetzt hrte die Musik auf; gleich darauf begann sie mit einer eigentmlich
springenden, jubelnden Weise; Tamtam und Becken traten hinzu. Und unter
dieser Musik nherte sich vom Walde ein feierlicher Aufzug. Zahllose
gelbjackige Vorlufer, Tafeltrger, Gongschlger. Auf den Schultern von
acht Trgern ruhte eine drachengeschmckte bannerprunkende Snfte, die
gelben Vorhnge fest geschlossen; zwei kleinere Snften und ein Nachtrab
folgten.

Die Knigliche Mutter des Westlichen Gebirges trug man in ihr Reich.

Auf dem Hgel, an den Sitzreihen herrschte tiefstes Schweigen; dann ein
allgemeines Scharren und Rauschen; die Rcken und Zpfe der zahllosen
Menschen, die mit ihren Stirnen zwlfmal den Boden berhrten.

Kein Ende nahm der Zug der Kniglichen Mutter. Hinter der Snfte jubelten
Mnner, Frauen; sie schwangen rote Schnre, barfu liefen sie herum ohne
Ordnung, sprangen durcheinander, tanzten, wlzten sich bermtig in dem
Sand, trugen einander auf Schultern, Mnner umschlangen Frauen, Mnner
trugen Knaben auf den Armen. Erst schien der Gesang unregelmig,
durcheinander; dann erkannte man, als er nher kam, da es Dirnenlieder
waren, die die Schwestern oft lockend zum Juch-kin trllerten.

Man sprang von den Sitzen der Brder und Schwestern auf, man stie sich an,
rief sich zu mit berschlagenden Stimmen, zeigte mit den Hnden, rief
Namen, Namen von toten Bekennern, Bekennerinnen, die bei den berfllen,
beim Klosterbrand umgekommen waren. Diese waren es, ihre Masken, man
erkannte sie alle und einzelne; man jauchzte ihnen zu, die zurckjauchzten,
rief sie an, lockte sie. Die Schwestern lsten ihre Haare auf und winkten
mit den Bschen. Die Brder, auer sich, schlugen die Hnde vor die
Gesichter, weinten umschlungen, schleuderten ihre Kittel, ihre Sandalen,
ihre Hte herunter, um jene zu erreichen. Unten, die Masken der toten
Brder und Schwestern, sammelten sich um die Snfte der gelben Knigin des
Westlichen Paradieses, die die Vorhnge zurckgezogen hatte, nach allen
Seiten das bemalte hoheitsvolle Gesicht zeigte.

Ein ungeheurer Schrei von Zehntausenden ri sich aus der Stadt los; die
Augen aller oben sperrten sich auf, man suchte mit den fuchtelnden Hnden
den purpurroten Schleier abzureien, den die Erregung blendend ber die
Blicke legte. Man seufzte angstvoll auf.

Da schleppten die letzten Brder unten etwas auf den Armen, was lange
schwarze Blutspuren hinter sich lie, andere Brder jagten zurck in den
Wald; auf den Armen neue reglose steife Menschenkrper; sie taumelten mit
ihrer furchtbaren Last den Hgel herauf. Es waren die sterbenden und toten
Brder, die sich eben freiwillig geopfert hatten.

Und als sie singend zur Musik im Gedrnge ihre grauenvolle todesschtige
Last vor der Snfte der herrlichen Knigin niederlegten, die sich von ihrem
Sitz erhoben hatte, als die Musikanten fassungslos ihre Instrumente
hinwarfen und sich zu Boden streckten, da konnte sich Ma-noh nicht halten.
Laut weinte er auf, ffnete die Fuste nach dem Hgel, lief den Hang zu der
Ebene herunter. Die Brder und Schwestern erhoben sich von ihren Sitzen, im
Nu waren die Sitze, die Fenster, Tren, Dcher der Stadt leer. Man strmte
den Abhang herunter, ri sich um und lie sich treten, ohne es zu merken.
Sie sprengten das eiserne Gitter, in voller Breite hoben sie es aus;
losgelassen fluteten die Brder, Schwestern und Stdter ber die
blutgesttigte Ebene hin zu dem Hgel, den sie unter besinnungslosem Rufen
umgaben; wie Ertrinkende zogen sie sich an ihm in die Hhe, wie
Ertrinkende, die aus dem Meere noch auftauchen wollten zu dem milden
Lcheln der Knigin des Westlichen Paradieses.

                   *       *       *       *       *

Dieser erregungsvolle Tag sah an der Nord- und Ostgrenze des kleinen
Knigtums schwere, folgenreiche Ereignisse: den sieggekrnten Angriff der
Provinzialarmee.

In der Nacht flchteten die Landbewohner nach der Hauptstadt. Bei einem
neuerlichen Kampf nach einigen Tagen, zu dem sich die zersprengten
kniglichen Truppen vor der Stadt stellten, wurden sie vollkommen
aufgerieben. Unmittelbar an diese Schlacht schlo sich der Sturm auf die
Stadt, welche von Soldaten entblt war. Die Stdter und Bndler wlzten
sich aus der brennenden Stadt in regelloser Flucht sdwrts; dezimiert
kamen sie in einer Zahl von etwa viertausend vor der ummauerten Stadt
Yang-chou-fu an.

Den verzweifelten Waffentrgern gelang es, die Torwache zu berrumpeln, die
ahnungslose Besatzung von zweihundert Mann niederzumachen und sich eines
besonderen Teils der Stadt zu bemchtigen, der innerhalb der Mauern
gelegen, durch eine Mauer von der brigen Stadt abgegrenzt war, das
berbleibsel einer ehemaligen Mongolensiedlung. Hier verbarrikadierte sich
der Rest der Geschlagenen.

Das heilige Knigreich war verloren. Die Brder und Schwestern gingen in
die eigentliche Stadt herunter, und einem Aufflackern der Sympathien fr
die Gebrochene Melone verdankten die Eingeschlossenen es, da sie von der
Stadt verproviantiert wurden, wenngleich man ihnen keine
Waffenuntersttzung zuteil werden lie und jede Aufnahme in die Huser der
unteren Stadt versagte.

Whrend die Formationen der Provinzialarmee die weitere Verfolgung
aufnahmen und langsam sich um die Stadt Yang-chou-fu konzentrierten, liefen
die Boten Wang-luns, die Feigenverkufer, in die Zelte der Generle der
kmpfenden Truppen. In allen Briefen stand: er sei Wang-lun, der Fhrer der
Wahrhaft Schwachen, welche der neuerlichen Rebellion fernstnden. Er bte
die Generle fr ein zwei Tage ihr Vorgehen zu verzgern und ihn, Wang-lun
aus Hun-kang-tsun, zu einer wichtigen Besprechung zu empfangen. Er wrde
ganz allein kommen. Zur Legitimation wrde er in das Zelt der versammelten
Generle sein Schwert schicken, den Gelben Springer, der an seiner Klinge
sieben eingelegte Messingscheiben trge und unterhalb des Knaufes eine
Lotosblume aus eingelegtem Silberdraht. Die Generle zeigten sich die
Briefe, rieten herum, worum es sich handele und kamen berein, dem
berchtigten Mann die Unterredung zu gewhren, gleichzeitig aber Vorkehrung
zu treffen, ihn fr den Fall eines blen Ansinnens auf dem Heimwege
niederzumachen. Am Tage der Unterredung kamen noch rechtzeitig an die
Generle von befreundeter Seite, die sie ins Vertrauen gezogen hatten,
Warnungen, sich an dem Mann zu vergreifen und dringendes Zuraten, auf
eventuelle Plne, die er vorbrchte, einzugehen; der Hinweis auf geheime
Korporationen, die hinter Wang stnden, verstrkte den Rat.

Die vier Generle wohnten bei dem Magistrat eines Dorfes vor Yang-chou; im
rmlichen Jamen empfingen sie am Mittag, wie verabredet, das Schwert in
einer Feigenkiste, von einem ortsansssigen Hndler einem Trhter
berreicht. Eine Stunde drauf meldete der Trhter, es stnde ein ziemlich
zerlumpter Mann drauen in Soldatentracht, der behaupte, seine Visitenkarte
vor einer Stunde abgegeben zu haben. Die Generle, nachdem sie Auftrag
erteilt hatten, den Mann auf Waffen zu durchsuchen, lieen ihn herein.

Wang-lun, ein Riese, erschien in seinen dnnen Kleidern, seinen leer
herabhngenden Hnden noch hher in dem Zimmer, in dem die Generle wie
Richter hinter einem Tische saen, ohne ihrem Gaste entgegenzukommen. Sein
hartgeschnittenes ernstes Gesicht leuchtete einen Augenblick auf; er lehnte
am Trpfosten, zog die Tre zu, sagte in einem schlauen Tone: Dies ist
Wang-lun aus Hun-kang-tsun; und Ihr seid die Generle des Himmelssohns;
eins, zwei, drei, vier. Ich begre die alten Herren. Es ist sehr weise
gedacht, da sie Wang-lun nicht entgegenkamen; denn schlielich sind die
alten Herren Gste in diesem Land, und Wang-lun bedauert, den alten Herren
nicht schon bei ihrem Eintritt in sein Land begegnet zu sein und Ehrfurcht
gebracht zu haben.

Setz dich neben uns, Wang, la die Tre frei; wir sind ohne Lauscher.

O, ich frchte mich nicht, denn die Mnner, die lauschen, sind meine
Brder.

Du hast uns Feigenkisten geschickt und Briefe hineingelegt. Wir haben dir
Briefe geschrieben. Du hast dich durch dein Schwert legitimiert. Was willst
du?

Ich irre mich doch nicht, Generle, wenn ich zu wissen glaube, was Ihr
wollt. Hier im Distrikt. Ihr wollt nach Yang ziehen, nachdem Ihr gesiegt
habt, und wollt die Gebrochene Melone und meinen frheren Bruder Ma-noh
ausrotten und vom Boden vertilgen.

Dies wird noch vor dem Vollmond geschehen sein.

Wang zweifelt nicht an der strategischen Tchtigkeit der alten Herren und
der Kriegsbereitschaft ihrer Truppen. Er glaubt an das Schicksal, das
Ma-noh herausgefordert hat und das sich an ihm entladen wird. An ihm und
nicht weniger an Euch, ein Jahrzehnt frher, ein Jahrzehnt spter. Ihr
werdet also die Gebrochene Melone und Ma-noh ausrotten?

Du hast es gehrt. Der hfliche Mann, der bedauert, uns nicht bei unserem
Eintritt in seine Heimat begrt zu haben, hat noch nicht erklrt, warum er
sein Schwert und Briefe geschickt hat.

Ihr werdet also die Gebrochene Melone und Ma-noh ausrotten. Sie sind zwar
besser als ihr und werden euch in hheren Gestalten bei den Wiedergeburten
berleben. Aber das nutzt fr den Augenblick nichts. Ihr seid fnftausend
Mann, tragt starke Waffen; sie rhren keinen Bogen, keinen Stock, keinen
Stein an. Ihr habt den Mut, die wehrlosen Brder und Schwestern
niederzumachen, wo sie ihre Verbrechen hundert- und tausendfach gebt
haben. Ihr wit, wer schuld daran war, da sie das Kloster beim See
einnahmen; es ist den kundigen Herren nicht unbekannt, wer die Mrdertruppe
ausgerstet hat, die die Gebrochene Melone am Tai-han berfiel. Auch ist
den hohen Feldherren nicht unbekannt geblieben, welcher Prfekt es war, der
die Polizeimannschaften und Gendarmerie hinter der Gebrochenen Melone her
nach dem Kloster zu schickte, um, ja warum? Denn die Brder und Schwestern
haben keinen berfallen. Sie haben den Hals hingehalten fr die feigen
Schwerter. Und so haben sie in den Gebetshallen des Klosters gesessen, das
der Chan-po freiwillig berlassen hat angesichts ihrer Not, und haben sich
schmoren, braten, rsten, sieden lassen von den Polizeimannschaften, welche
der Prfekt zur Aufklrung des Blutbades am Tai-han abgesandt hat. Was soll
nun jetzt geschehen? Sie haben sich von den Rebellen im Distrikt fortreien
lassen; sie htten nicht verzweifeln sollen, sie htten sich morden lassen
sollen, denn die Verzweiflung lockt noch das Schicksal herbei. Sie haben es
ben mssen. Ich denke, Wang-lun aus Hun-kang-tsun denkt, es ist nun
genug. Es ist genug Schicksal gespielt, weise Herren. Ketzereigesetze
begrnden keinen Mord und Totschlag, begrnden sie nicht ausreichend. Das
Land ist friedlich, sucht euch Feinde, wo ihr wollt, nicht in meiner
Heimat, meine Herren Gste.

Unser gtiger Wirt hat gewi eine groe Armee hinter sich, da er so
absprechend ber uns Fremde redet. Aber er berschtzt uns noch. Wer sind
die winzigen Tiere, die vor ihm sitzen? Sie haben Befehle vom Ministerium
in der kaiserlichen Stadt, sie haben Auftrge vom Tsong-tu von Tschi-li.
Sie knnten alles billigen, was der gtige Wirt sagt, der uns nicht ehren
will, indem er sich zu uns setzt. Sie haben jeder beschriebene Papiere in
der Tasche, die einen strkeren Pulsschlag treiben als ihr eigenes
lebendiges Herz.

Die Herren sind nicht kriegerisch, Wang-lun ist nicht kriegerisch, nur die
Papiere sind kriegerisch. Aber ich wei, da auch die Papiere nur
kriegerisch sprechen gegen Feinde. Wenn also die Gebrochene Melone aufhrt,
Feinde eurer Papierstreifen zu sein --.

Das werden sie in dem Augenblick sein, wo sie aufhren zu existieren.

Oder wo sie sich auflsen und sich vom Volk nicht unterscheiden. Dazu habe
ich meine Boten mit den Feigenkisten an die alten Herren geschickt. Ich
will euch fragen: habt ihr Befehle in euren Grteln zu siegen oder die
Gebrochene Melone auszurotten?

Nach unserem Papier und unserer eigenen Meinung ist das noch immer
dasselbe.

Ich will mich nicht zu euch setzen, damit ihr nicht glaubt, ich kme in
Freundschaft zu euch und bte euch um etwas. Es ist eben nicht dasselbe,
wie euer vorgerckter Scharfsinn erkennen mu. Ich bin nicht befreundet mit
der Gebrochenen Melone; aber ich will den Gehetzten, Irregeleiteten das
uerste von euren Metzgersoldaten, euren privilegierten Henkern ersparen.
Sie sollen aufhren zu sein. Sie sollen die hheren und hchsten Dinge
nicht erreichen, nachdem sie sich haben irreleiten lassen. Und euch mu es
damit genug sein.

Woher hat Wang-lun die Kraft das zu tun, was er verspricht? Und wenn er
die Kraft hat, warum hat er sie nicht frher angewendet? Dann htte er
nicht jammern brauchen ber das Blutbad, den Klosterbrand, htte uns die
Anklagen ersparen knnen.

Ich stehe nicht ber dem Schicksal. Ich verspreche euch nicht zu viel und
nicht ber mein Vermgen: ich kann jetzt, in diesem Augenblick, eingreifen.
Ihr werdet sehen, wie es ablaufen wird. In drei Tagen will ich den Weg
meiner Kraft abgemessen haben. Ich werde dann wieder vor den vier alten
Herren, meinen willkommenen Gsten, an dem Trpfosten hier stehen und
berichten.

Solange werden wir jeden Truppenmarsch verzgern, willst du? Man hat uns
berichtet, Wang-lun, da du groe, das Volk sagt berirdische Mchte
besitzst. Wie diese sich bettigen knnen bei der Niederlegung einer
Festung, soll die gebten Soldaten interessieren. Ich werde dir unsere
Beschlsse mitteilen. Wir werden an dich keine Zeit verlieren. Das knnte
uns den Kopf kosten, und der ist uns mehr wert als das Westliche Paradies.
Wir werden bis zu einem bestimmten Punkt, den du in zwei Tagen erkennen
wirst, die verfgbaren Truppen rings um Yang-chou-fu ziehen, wir werden
aber nicht vor Ablauf des dritten Tages zum Sturm bergehen. So haben wir
dir und uns nichts vergeben. Stehst du am vierten Tage an diesem Trpfosten
da und berichtest uns, was wir dann schon wissen, so werden wir etwas
gelernt haben.

Wang-lun hat von den alten Herren nicht mehr verlangt. Er wnscht, da man
ihm am ueren Tor sein Schwert in einer Feigenkiste zurckgibt.

Die Generle standen auf. Wang machte mit seinen langen Armen eine
ablehnende Bewegung und sprang die Treppe hinunter.

                   *       *       *       *       *

Das Tor der mongolischen Stadt von Yang stand den Tag ber sechs
Doppelstunden offen. Das Haus des Ma-noh lag in einem Winkel des riesigen
grasbewachsenen Marktes. Am Abend des zehnten Tages ihres Aufenthaltes in
Yang, einem regnerischen Sptherbsttage, bckte sich der wachetuende Bruder
unter den Trrahmen, rief in das reglose Haus hinein, ein Mann wolle Ma-noh
sprechen.

Wang-lun warf im halbdunklen Zimmer Strohhut und Strohmantel auf die Erde,
halste sich das Schwert ab, begrte mit Verneigung und Hndeschwingen
Ma-noh, der auf einem Schemel sa und ihm gleichmtig zunickte.

Ich komme zu dir, Ma-noh. Wir haben uns seit dem Frhling nicht gesehen.

Frhling?

Dieses Jahr Frhling.

Am Sumpf von Ta-lu. Diesmal hast du keine Leuchtkferchen gebraucht, um zu
mir zu kommen. Du konntest dich auf deine Nase verlassen, diesmal. Auch die
Toten, die in der Hoffnung auf das Paradies gestorben sind, stinken.

Als ich das letztemal bei dir Gast war, litt ich an meinem Knie. Das ist
geheilt. Wie geht es meinem Wirt?

Genau so wie es jemand geht, der auf einem Spazierweg, einem nicht ganz
harmlosen Spazierweg ein Knchelchen nach dem andern, ein rundes Ma Blut
nach dem andern, einen Fetzen Haut nach dem andern verliert. Wahrscheinlich
wird mich mein Gast jetzt fragen, wie ich mich dabei fhle. Angenehm,
behaglich: das ist ja nicht anders zu erwarten, wenn man mit so wenig
Gepck reist. Und es einem ordentlich leicht beim Gehen wird.

Ihr wart sehr viele, als ihr von Schn-ting nach Sden zogt.

Dann bin ich nach Norden gezogen. Wir sind mehr und mehr geworden. Ich bin
Knig eines Reiches geworden, dessen Gte nur durch eines bertroffen
werden konnte, nmlich durch seine Schwche. Dann bin ich hierhergezogen.
Du hast noch nicht alle Toten mit der Nase gezhlt von den Brdern und
Schwestern. Wir haben je zweihundert in fnf Grbern eingeschaufelt. Jetzt
sind wir wenig. Und jetzt sitzt Wang-lun neben mir, um den Strich unter
seine Rechnung zu ziehen.

Ich rechne nicht, Ma. Du mut mich nicht verantwortlich machen fr das
Schicksal.

Und du mich nicht.

Das mag sich Ma-noh selbst beantworten. Wer einen Baum fllen will, kann
dabei erschlagen werden. Ich will vor meinem Lehrer nicht weiter davon
reden; ich will von mir erzhlen, wenn er es mir erlaubt. Was ich dir sagen
will, ist vor mir selbst schon dunkel und entbehrt in mir jedes Gefhls. Du
kennst es auch schon. Ich habe auf meiner Wanderschaft von Hun-kang-tsun
nach dem westlichen Schan-tung hungern und drsten mssen, viele Schande
ertragen. In Tsi-nan-fu, der groen Stadt, habe ich als Gehilfe des Bonzen
Toh betrogen, gestohlen, geschndet. Durch Tschi-li bin ich herumgestoen
worden, auf dem Nan-kupa hast du mich gesehen, es ging mir nicht gut. Ich
habe mich gebeugt, ihr habt mir geschworen: wir wollen dem Schicksal nicht
widerstreben; es soll genug damit sein. Zu diesem Ziel war ich fr mich
gelangt. Viele hatten schon Gleiches erduldet und Gleiches gedacht; ich
habe sie zum Entschlu gebracht. Jetzt bin ich zu Ende mit meiner
Erzhlung. Du hast mit deinem unwissenden Herzen geschworen. Jetzt wo
Ma-noh die Hand vor den Augen hlt, sieht er nicht mehr so aus, als ob sein
Herz nicht schon beinah alles wte. Was, Ma-noh, sag mir, wenn du mich
einmal lieb hattest, -- was soll jetzt geschehen?

Ma-noh nahm die Hand von den Augen und sah Wang, der ihm nher rckte,
lange an.

Es besteht ein gewisser Unterschied zwischen meinem lieben Freund Wang,
als er auf dem Nan-kupa zu einem Entschlusse kam, und mir.

Welcher? Es gibt keinen Unterschied da. Nur den, den ich mir damals
sehnlich und mit ganzer Seele gewnscht hatte: da jemand wie ein
Doppelgnger von mir, neben mir stnde und mir alles erleichterte. Ich
greife jetzt nach dir. Ich verstehe dich. Ich bin ein weiter Beutel, in den
du werfen kannst, was du willst.

Ich bedarf keines weiten Beutels.

Du bist mein Bruder, Ma-noh. Du, nur du bist mein Bruder geworden. Wenn
ich an Su-koh zurckdenke: was ist mir Su-koh gegen das, was ich gegen dich
empfinde. Du peitschst mich, du drosselst mich, wenn du dich von mir
abwendest. Wo gab es, Bruder Ma-noh, zwei Menschen, die so hnliches
erlitten haben wie du und ich? Wenn du meiner nicht bedarfst, so bedarf ich
deiner, der dich liebt. Du sollst nicht so still vor dich hinbrten, -- o
das hab ich auch getan --, du sollst nicht so mit deinen Fingern zucken. Du
sollst dich zu mir kehren, Bruder Ma-noh, und mich ansehen. Ich bin der
einzige Mensch, der deinen Blick ertragen kann. Ich bin dein Gast, ich will
zu dir! Wie soll ich glaubhaft zu dir sprechen? Wie kann ich bewirken, da
du mir vertraust?

Wang hatte sich auf einen Schemel neben Ma-noh gesetzt, den Arm um Mas
Schulter geschlungen. Auch Ma legte seinen Arm ber Wangs Schulter und sa
unbeweglich. Dann sagte er mit langsamer, unterdrckter Stimme:

Ich htte nie gedacht, Bruder, lieber Bruder Wang, da du mir so wohltun
knntest. La mich nur einen Augenblick denken. -- Ich sagte von dem
Unterschied, ja von dem Unterschied. Den mu ich dir erklren. Wenn es dir
damals so schlecht ging, so geht es mir offenbar noch schlechter, und du
bist doch glcklicher gewesen. Du hattest eine Wahl, du kamst zu einem
Entschlu. Ich bin schon jenseits dieses Punktes. Ich habe keine
Entschlumglichkeit mehr. Mit mir ist schon alles geschehen. Es ist in und
um diese Stadt herum schon alles abgelaufen. Es fehlt nur noch eine uere
Bewegung, eine Gebrde, ein Siegel. Etwas Belangloses ist das einzige, was
hier noch geschehen kann.

Wang-lun hat seinem Bruder noch nicht gesagt, warum er ihn in der
Mongolenstadt aufgesucht hat.

Du bietest uns Hilfe an.

Vielleicht Hilfe, Ma. Ich habe mit den Heerfhrern verhandelt, die gegen
Yang-chou heranziehen und euch schon umzingeln. Man wird fr drei Tage
nichts Unmittelbares gegen euch unternehmen. Fr diese drei Tage habe ich
freie Hand, mit dir und euch zu verhandeln.

Ich bin der undankbaren Aufgabe dankbar, weil sie meinen Bruder Wang zu
mir fhrte.

Ich will nicht dulden, da die Henkersknechte und Blutsoldaten ber euch
herfallen und ihre viehische Grausamkeit an euch befriedigen. Ihr wart
meine Brder und Schwestern, du bist es mir von Herzen wieder geworden. Ihr
sollt nicht in diese Hnde fallen. Ihr werdet euch zerstreuen, dies hab ich
dir zu sagen und zu raten. Du wirst nicht darum in Zorn verfallen. Du
sollst hingehen und die Glocke anschlagen lassen und sagen: das furchtbare
Schicksal hat uns so angegriffen, da wir uns nur noch wie die Grillen in
Tpfen regen knnen. Es hat niemand zu urteilen, ob wir recht gegangen
sind. Wir sind recht gegangen. Jetzt mssen wir uns trennen und wandern, um
nicht wie die Klber abgestochen zu werden. Du lt sie alle; sie werden
aufatmen, wenn du es ihnen sagst und keiner sie hindern wird am Gehen. Und
wohin du selbst gehrst, Bruder Ma-noh, das weit du doch jetzt.

Ma-noh lchelte friedlich.

Willst du nicht die Glocke selbst anschlagen und zu den Brdern und
Schwestern reden?

Sie sind deine Anhnger.

Nicht mehr. Geh doch einmal auf den Markt, ruf sie zusammen, rede, es wird
dich belehren. Sie wollen keine Stimme wie ich selbst. Sie sind rund und
nett -- verloren. Wie ich selbst.

Du bist versunken, Ma. Ihr seht alle kraftlos und hinfllig aus. Ich bitte
dich, ich flehe dich an, Ma-noh, lieber Bruder, ich lege mich vor dir auf
die Stirn: geh mit mir auf den Markt, schlage die Glocke an, rede und zeige
auf mich. Ich habe euch alle lieb; was du mir bist, habe ich dir vielleicht
mit zu schwachen Worten geschildert. Ich habe die langen Monate dieses
entsetzlichen Jahres um dich gelitten und nach dir verlangt, wie kein
Verliebter nach seinem Knaben. Du kannst dies nicht ber mich verhngen,
da du mich hier wegschickst und alles kommt, wie du weit: die viehischen
Horden schlachten die guten hoffenden Brder und Schwestern, -- sind sie
denn vorbereitet, Ma, sind sie vorbereitet? Du selbst wirst mir geraubt,
der mein Juwel in der Seele war. Mich schickst du hoffnungslos im Lande
herum, und habe nicht genug Hnde, um fr euch alle zu opfern. Steh nicht
so schlaff da, tu mit mir, komm mir doch einmal zu Hilfe.

Wie du in mich drngst, Wang. Wie du mich ehrst. Als ich Knig meiner
schnen, schnen, schnen Insel war, habe ich nichts empfangen, was mich so
ehrte. Da ich dich gewonnen habe, tut mir sehr wohl. Aber ich vermag
nichts, Wang.

Warum vermag mein Bruder nichts?

Die tausend erschlagenen Brder und Schwestern erlauben es nicht. Das
wissen wir alle. Wir htten keine ruhige Stunde vor den betrogenen
Geistern. Wenn sie nicht vorbereitet waren, -- wir sind es. Wir machen
alles wieder gut. Wir locken sie, nehmen sie mit von den Wegen. Und wir
knnen nicht mehr anders enden. Ich will nicht anders enden. Wir sind zu
einem Ring zusammengeschmiedet, lieber Bruder Wang.

Wang warf sich fassungslos schwer auf den Boden.

Was soll ich von dir bestellen im Westlichen Paradiese, Wang? Da du uns
geliebt hast, da du uns den Weg gezeigt hast.

Du sollst nichts von mir bestellen. Du sollst hier bleiben, ihr sollt alle
hier bleiben.

Wir frchten uns vor den Horden nicht.

Die Soldaten --!

Wang krmmte sich hoch, in seinen starren Augen blitzten Pnktchen. Er
stand und sah heftig atmend auf den Boden. Dann stie er heiser hervor:
Ich will gehen -- du hast vielleicht recht. -- Habe ich mein Schwert? Wo
habe ich, lieber Bruder, meinen Gelben Springer hingeworfen?

Ma hob ihn auf, hing das Schwert Wang um den Hals.

Dies, Bruder Wang, werde ich nicht bestellen, da du hinter einem Gelben
Springer herrennst.

Sie umschlangen sich. Ma lchelte immer.

Und wie lange wird es dauern, bis ich meinen lieben Bruder Wang aus
Hun-kang-tsun im Westlichen Paradiese sehe?

                   *       *       *       *       *

Als Wang allein auf dem finsteren Markte stand und er sich umblickte, war
ihm klar: die Soldaten der Generle des Tsong-tous von Tschi-li werden die
Mauern der Mongolenstadt nicht berennen.

Er tastete sich durch Straen, bis er die uere Stadtmauer erreicht hatte;
in den kleinen offenen Hof eines vllig eingesunkenen Huschens schlich er,
warf sich in einem Schuppen zum Schlaf hin. Ganz frh, nach einer
furchtbaren Nacht, verlie er die Stadt.

Unter den zusammengeschmolzenen Bewohnern des einstmaligen Knigtums, die
sich in dem Mongolenviertel von Yang-chou-fu drngten, befanden sich
dreihundert Bauern und Stdter. Die Mauern und Wachtrme der Stadt waren in
einem trostlosen Zustand, aber die Leute machten sich in Eile daran, unter
Gewinnung sippenverwandter Arbeitskameraden aus der unteren Stadt, Lcken
des Bauwerks auszufllen, den vllig ausgetrockneten Graben vor der Mauer
zu vertiefen und mit Wasser zu fllen, Bogen, Pfeile, Holzschilde zu
besorgen und auf den Wachtrmen aufzuhufen. Hinter die eisenversteiften
Torflgel schichteten sie seitlich riesige Mengen von Steinblcken auf, die
sie aus dem ein Li von Yang gelegenen Dorf heranschafften, um im Sturmfall
das Tor undurchgngig zu machen.

Unter diesen fleiigen, gar nicht abenteuerlichen Mnnern und Burschen
herrschte kaum bertrieben groe Kampfbegier; sie hatten ja im Grunde
keinen Anla, sich mit den Bndlern in der Stadt einschlieen zu lassen,
aber sie liefen mit ihnen in einer gewissen frommen Besorgtheit um sich
selbst. Da sich Provinzialtruppen an Bndlern vergriffen, schien ihnen
ungeheuerlich; ein furchtbares Strafgericht konnte nicht ausbleiben. Es
konnte nach ihrer Auffassung nur eine Sache der Zeit sein, bis die aufs
uerste gequlten Brder und Schwestern ihre unheimlichen unterirdischen
Krfte losbinden wrden. Inzwischen mute man es nicht verderben mit ihnen,
sich seinen Teil an ihrer Macht sichern. Hinzu kam das Gefhl der
Wichtigkeit ihrer Rolle, das sie anspornte. Sie besprachen offen die
Mglichkeit, unter Umstnden das alte oder ein neues Knigreich wieder zu
gewinnen. Es kme nur darauf an, den Himmelssohn von der Niedertracht des
Tsong-tus zu berzeugen oder weite Kreise des Volkes aufzulockern. Denn
wenn etwa der Himmelssohn das Vorgehen des Tsong-tus billige, sei vor aller
Welt die vielbehauptete Volksfeindlichkeit der Reinen Dynastie bewiesen.

Whrend diese Mnner, die ehemaligen Salzsieder, Krrner, Trger, mauerten
und schaufelten und die untere Stadt durch ihr entschlossenes Auftreten auf
ihre Seite zogen, erholten sich die Brder und Schwestern von ihrem
Schrecken. Ihre Wunden schlossen sich, die Starre ihrer Verzweiflung
schmolz. Sie besannen sich nach den grauenvollen Hieben, die sie empfangen
hatten, versuchten sich aufzurichten. Sie waren, da sie nicht ausschwrmen
konnten, zu vlliger Unttigkeit gezwungen. Saen auf den Straen, den
Pltzen, in einem groen schnen Tempel der Pockengttin, an den
Mauerarbeiten, warteten. Vormittags und abends versammelten sie sich auf
dem Markte.

Ma-noh stand in einem lehmfarbenen Kittel vor ihnen. Der kleine reglose
gebckte Mann mit der fliehenden Stirn. Sie beteten. Eine abgttische
Verehrung warf die Menge wie ein bindendes Seil um Ma-noh. Er schien ihnen
kraftgeladen, ein Brge dessen, was kommen mute. Wang-luns Name klang hier
verschollen; man wute nicht, ob er lebte.

Die schne Liang-li hatte die Flucht berlebt. Sie bat Ma-noh schon lange
innerlich viel ab. Sie suchte mit Gewalt ihre Gedanken von allem
Menschlichen abzuspannen, sich unmittelbar an die heiligen Dinge zu
pressen. Es huschte immer etwas dazwischen, es klaffte in ihr etwas auf:
eine Leere, eine Beklemmung in der Magengrube, ein schluckendes Ghnen und
Wrgen nach abwrts. Sie dachte an die heiligen Dinge nur durch das Medium
eines Menschen. Sie kam nur auf diesen Rdern zu ihnen. Sie schttelte
sich, lief vor sich davon, ringelte sich um Ma-noh.

Der Vorgnge in ihrer Heimatsstadt erinnerte sie sich nun auf einmal, tief
verblfft, vllig verstndnislos. Sie htte sich verschworen, da sie das
nicht war. Ihr Vater, ihr Kind, ihr Mann dmmerten ihr, Erinnerungen, die
auch aus einem Geschichtenbuch stammen knnten, nur mit dem Eigentmlichen
behaftet, da sich Liang dumpf gepeinigt abwenden mute, sobald sie bla
auftauchten. An einem Ziehen in ihren Zhnen, einem rundherum laufenden
den Gefhl in ihrem Unterkiefer merkte Liang, da sie auftauchen wollten.

Seit den Tagen am Ta-lusumpfe hatten Brder und Fremde die Versenkung in
ihr Blut begehrt, und sie hatte sich ihrer heiligen Pflicht nicht entzogen.
Sie besa keine lsternen Organe. Seit dem Brand des Klosters aber, wo sie
mit Ma-noh zusammen geritten war, umschlang sie, einer Unruhe ihres Krpers
folgend, fter einen Bruder und schaffte sich vorbergehende innere
Gelassenheit. In der Mongolenstadt wuchs ihre Heftigkeit ungestm; sie
erinnerte sich ihrer Krankheit nach der Geburt des Kindes, fand sich nicht
zurecht zwischen einem Drange zu weinen, die Arme zu werfen, unwillkrlich
zu chzen und herumzuwandern. Sie verlangte fter in ihre Heimat zurck,
widerrief es. Die Gebetsformel zu sprechen, sich in die vorgeschriebenen
Ekstasen zu versenken, ekelte sie, wie sie ohne Scham tausendmal laut am
Tage und jammernd in der Nacht erklrte. Mit Trnken, Aschen, Beschwrungen
suchte man sie zu heilen. Dann zerrte die Schreiende ein derber Bauer, an
den sie sich in diesen Tagen gehalten hatte, aus einer gesichterquellenden
Nacht zu Ma-noh. Dem mit wenigen Worten und Handstrichen ber Mund und
Brust alles gelang. Sie berwand die Krise. Ganz besnftigt, bla und dnn
nahm sie manches Besondere von Ma-nohs Haltung wie einen krperlichen
Talisman an, seinen abwesenden Blick, die schtzende Bewegung der linken
Hand vor die Augen, seine erstickt schnappende Mundffnung.

Ein Liu, der ltere, lebte noch. Das zweifelschtige Dreierlein hatte sich
bei dem hauptstdtischen Feste in einer unhemmbaren Aufwallung jenen
Brdern beigesellt, die sich von den Mandschugefangenen niedermetzeln
lieen. Den lteren Liu hatte das Unglck zu einem Spavogel gemacht. Sein
Zinnoberkrgchen schleppte er noch am Grtel herum, zeigte es jedem, den er
sah, verspottete sich. Wenn durch die Gchen der Mongolenstadt
Gelchterste hallten, so stand vor einer Tr Liu mit einer toten Ratte,
einer abgefallenen Filzsohle zwischen zwei Fingern und hielt komische
Leichenreden. Oder er schaukelte sich quer ber die Strae an einem
vornberhngenden lockeren Dachsparren und knpfte daran seine Gleichnisse.
Es war diesem Mann sicher, da sie sich in einem neuen Knigreich noch
prchtiger als vorher festsetzen wrden und da ihre Geister in einem
einzigen riesigen Schwung nach dem bergigen Paradies gelangen wrden. Die
Verfolgungen, die sie erlitten, waren vom Neid diktiert; man konnte dem
Kaiser den Neid nicht verdenken, und die Bndler hatten keinen Grund sich
zu beklagen: wer mit einer hellen Laterne geht, zieht die Ruber herbei.

In dem Winkel des leeren Marktes, in dem kleinen Hause sa Ma-noh.

Er war ganz in sich eingesponnen. Sein Hochmut schmetterte Posaunen, mit
der drohenden Strke, die den Boden aufwhlt. In ihm entfaltete sich ein
kaiserlich rauschendes Banner. Um dieses Banner wanderte Ma herum. Er lie
keinen zu sich, um das Banner immer zu hren. Wang-lun hatte geglaubt, Ma
wre reif geworden fr die schwere Schicksalslehre. Aber das Schicksal
griff den Priester nicht an. Er zog selber das Unglck mit greifenden Armen
an sich wie ein Irrsinniger, der nicht Speise und Gift unterscheiden kann.
Er schluckte hhnisch das Unglck, das ihm nichts anhaben konnte. Er
knulte sich nicht auf. Er war ein Fleischbndel und sonnte sich. Die
Dinge, die an ihm vorberliefen, hatten keinen Geruch und keinen Ton. Im
Hintergrund warf und whlte sich etwas: das Westliche Paradies, nach dem er
seine vertrocknete Hand ausstreckte. Er ging seine Schuld unbarmherzig und
glatt einziehen.

Versteinert blieb er. Wie ein kaiserliches Banner rauschte sein Stolz. Er
glaubte, Wang-lun htte sich zu ihm bekehrt. Das blumige Land der vier Seen
hat nichts erblickt, was der Gebrochenen Melone gleichkam.

Dazwischen heulten die Minuten der entsetzlichen Selbstzerfleischung, wo er
sich entlarvte als den miratenen Mnch von Pu-to-schan, den heftigen
korrekturbedrftigen Ekstatiker. Er lederte sich die Haut ab, drehte die
weien Nervenbndel heraus, schnitt ein grausames Resumee seines Lebens:
Stehenbleiben auf einem unsicher schwappenden Fleck, Whlen um den eigenen
Schdel herum nach Sicherung, -- unter Menschenopfern, Zertrmmern ganzer
Stdte. Es war nichts ausgerichtet, er ri sie mit sich zugrunde. Pu-to
stand noch wie eine Festung, die er nicht besiegte, als er an ihr
vorberjappste. Das Grauen dieser Vorstellung brauste ber ihm. In das
Schicksal hatte er eingegriffen. Es war nichts in allem, was geschehen war,
nichts zu suchen als Unrat, Verderbtheit, eitle Spekulation. Die Tausende
drauen: beliebig Verunglckte; tausend Bettler und Verbrecher mehr in dem
riesigen Lande. Und er wie sie: ausgerutscht, in die Grube geplantscht,
Mist geschlrft bis in die Bronchien, -- so dumm, so dumm, kaum zu
bemitleiden, zum Auslachen.

Mit solcher Angst schlug sich Ma-noh schweigebadete Minuten herum. Dann
schreckten seine Arme und Knie zusammen unter einem Hmmern drauen,
Trappeln des Trhters, Aufzischen eines Branders von der unteren Stadt. Er
keuchte aus seinem Brten auf, schleifte sich auf den Markt. Die Schwestern
sangen. Die Frauen blickten ihn ehrfurchtsvoll an; ruhige vertrauende
Augen. Es gab keine kostbaren Schmucksachen mehr, keine hochzeitlichen
Blumen. Die Geigen und Gitarren zertrampelt in einem Morast. Die Mdchen,
die armen, stlpten nicht mehr ihr Inneres um und breiteten sich aus: sie
hatten nichts fr sich behalten und die Gefahr war doch nicht abgewendet
worden. Den Hals hatten sie sich bewahrt; der mute durch. So wollte es das
Schicksal und so war es gut. Sie sind wie das Wasser gewesen, das sich
jedem Gef anpat. Sogar damit war zu wenig getan, um leben zu knnen.

Ma-noh schlrfte an den Brdern vorber, die aus stumpfem Herumhocken
aufsprangen, ihm ihre lehmigen, ausgemergelten Gesichter zukehrten, ihn
anbetend umringten. Was fr Nachtschatten ihn befielen. Pu-to mit seinen
knechtenden Vorstellungen hatte sich in sein Gehirn eingearbeitet, es lie
nach Jahrzehnten seinen Diener nicht los. Man ging hier strengere Wege,
einen harten Weg ohnegleichen. Die nackte ttende Furchtbarkeit der
Existenz war ihnen aufgezwungen worden; sie hatten sie auf sich genommen,
ohne sich zu verstecken, alles selbst, wie der heilige Siddharta, der
Kronprinz, alles durchversucht. Wenn das Westliche Paradies geffnet wurde,
so ihm und diesen. Die kaiserliche Fahne wehte ber ihren Weg. Sie rannten
auf den Gipfel wie Pfeile.

Er sank auf der breiten Mauer mit den Schultern ber sich. Irgendwo
streifte jetzt Wang-lun in dieser Ebene. Der, seiner eigenen Lehre
verloren.

Hier gischte Brandung. Man lie sich treiben, man schwamm nicht einmal
mehr. Es triumphierte das Wu-wei.

Alles gehuft ber die kleine Mongolenstadt. Banner ber Banner!

Die Geisterpulse pochten durch die kleine Stadt.

Den Schlssel zu den goldenen Toren prete man in den Hnden. Krper saen
unbeweglich wie Leichname herum. Ein Hauch, sie fielen um. Wer das Tao in
sich hat, will nicht sehen, nicht schmecken, nicht hren. Dreht seinen
Krper heimtckisch zur Seite. Fliegt.

Und in der Tat. In einem finstern, heien Gebetsrausch lag die
Mongolenstadt. Besessene starre Rmpfe kauerten auf den Gassen, taub,
blind.

                   *       *       *       *       *

Am Tage, nachdem Wang-lun die Mongolenstadt besucht hatte, arbeiteten in
einem groen Dorfe sdlich der Stadt die beiden Apothekergehilfen auf dem
langen Hof ihres Hauses. Der ltere, unfern dem Tor, schob Holzkohlen in
einen kleinen eisernen Ofen. Eine breite, tiefgebauchte Porzellanschale
dampfte oben. Der feine weie Kohlendunst entwich seitlich durch einen
Schnabel; der Medizinofen, rauchend, erschien wie eine vergrerte
Teekanne. Der Gehilfe drehte langsam auf einem schwchlichen niedrigen
Krper einen schn gewlbten Schdel. Er hatte dicke Hngebacken, zwischen
denen die Nase versank. Die Lippen suchten darunter mit Wlsten
hervorzuquellen. Dieses war ein verschlossener Mann, von dem der Besitzer
viel hielt. Er gehrte zu den Anhngern Wang-luns, die sich nicht zu dem
Wanderleben verstanden. Sein Gesicht war stumpf, aber wenn er phlegmatisch
von seiner Arbeit aufsah, verriet er sich; man sah, da in ihm eine
Bewegung mit groer Beharrlichkeit erfolgte und nicht ruhte.

Abgewandt von der Richtung des Dampfes ritt an der Hauswand der jngere
Gehilfe auf einem Schemel, trat das Rad einer Tretmhle; das Rad
zerquetschte in der flachen Holzschssel trockene Kruter zu Pulver.

Der ltere Apotheker schlenderte in das Haus, um sich ein feines Haarsieb
zu holen, er wollte aus Hasenleber einen Trank gegen Vollbltigkeit und
Wutzustnde herstellen, als das Tor schleuderte, und ein langer Bettler vor
dem Medizinofen stehen blieb.

Der Gehilfe rief, er mchte drauen warten; der Mann trat dicht auf ihn zu,
strich den Strohhut zurck, griff dem Gehilfen schon besnftigend an die
Schulter, als der, Wang erkennend, sich vor ihm verneigen wollte. Sie
flsterten zwei Worte; mit lauten Segenswnschen dankte der zudringliche
Bettler fr den Ksch, den der Gehilfe aus dem Grtel zog.

Nach einer Stunde wanderte der Gehilfe mit Wang-lun die westlichen wild
bewachsenen Hgel und Tler bei dem Dorfe ab; Wang lie ihn allein. Der
Apotheker suchte.

Die Landschaft war sumpfig; weite Torfmoore grenzten an. Auf den niedrigen
Hgeln vergilbten Kaoliangstauden und gespreizte Farne; der Weg ber die
hheren Hgel war finster, so dicht drngten sich die immergrnen Eichen.
Engmaschiges Strauchwerk hinderte am Gehen. Hier war das Revier der kleinen
bunten Knaben, so genannt nach der ppigen farbenreichen Pilzvegetation.

Zwischen den massiven Stmmen lugte am Boden der Wulstling mit
grnlichweiem Hute; schner weier Kragen fiel schlaff am Hals herunter;
um nicht den quellend feuchten Boden zu berhren, trug der Fu eine zarte
Kappe, einen Schuh dnn wie Haut. Der kleine Apotheker, die breite blaue
Sammeltasche vor der Brust, schurrte einen Abhang herunter, wo es rot
blitzte und die purpurne Wrde des Fliegenpilzes prunkte. Mit kleinen
Warzen waren viele Hte besetzt, weien Tpfelchen, aus denen Zhes,
Glasiges heraustrat. Viele von ihnen brach der Sucher ab, warf sie in seine
Trommel. Nicht weit im Kraut blhten die Reitzker; mit breiten ziegelroten
Mulden bedeckten sie ihre Kpfe; von ihren Hten wehte der braunweie
Schleier, der aussah, als wre er vom Winde zerfasert. Als er die Stmmchen
umbrach, quoll schleimiger Milchsaft hervor, der an seinen Fingern klebte.
Er stopfte seine eifrmige Tasche voll, bis der Presaft vorn
durchsickerte.

Kam am Nachmittag in die Apotheke, wo er sich in seine Kammer zurckzog.
Dann schleppte er mit dem Kameraden den kleinen Ofen ber die Treppe in die
Kammer herauf und begann zu arbeiten bei geschlossener Tr, wenig
geffnetem Fenster.

Er warf in das siedende Wasser der Schale eine Handvoll Pilze, die er in
kurze Stcke zerschnitten hatte; nach einer kleinen Zeit, die er genau an
einer Sanduhr ablas, fate er die Schale mit Holzgriffen, go die zhe
brunliche Brhe mit den Pilzstckchen durch ein enges Sieb in einen
Holzeimer. Die zurckgehaltenen Stcke warf er in einen zweiten Eimer.
Wieder brachte er Wasser in der Schale zum Sieden, zog Pilzsaft aus,
siebte. Als er alle mitgebrachten Pilze verarbeitet hatte, begann er die
zurckbehaltenen Stcke im Eimer mit einem Holzmrser zu zerquetschen und
zermantschen; splte sie in die Schale, verkochte sie lange und filtrierte
wieder. Den Rckstand des Siebes stopfte er noch in ein dnnes Beutelchen,
das er in den groen Holzeimer mit dem Absud ausprete. Dann klatschte er
den fasrigen Matsch im Beutelchen in einen Abfalleimer.

Nun begann die langwierige Arbeit an dem Absud. Auf Ofen wie Herd in der
Ecke der Kammer, wo ein Kessel von einer Eisenstange herabhing, wurde die
brunliche Flssigkeit langsam eingedampft. Er schrte, den Atem oft
einhaltend, ein kleines Feuer im Ofen und unter der Herdplatte; dann
trappte er, nachdem er das Fenster weit aufgestoen hatte, herunter in die
Apotheke an seine Arbeit, zum Mischen der offizinellen Pillen. Von Zeit zu
Zeit stieg er breitbeinig zurck, go neue Flssigkeit aus dem Eimer zu in
Schale und Kessel. Hantierte in der Apotheke unten und in seiner Kammer die
Nacht durch bis zum Morgen. Als der Absud stark wie Sirup eingeengt war,
entleerte er den Inhalt des Kessels in die Schale. Erst frhmorgens, als er
zuletzt die dampferfllte berhitzte Kammer betrat, war der Inhalt der
Schale gediehen; der Saft war klebrig, tiefbraun geworden, zog Fden beim
Eintauchen der Rhrkelle.

Lange musterte und roch der Gehilfe daran herum; dann holte er aus der
Apotheke eine Tte schwarzer gepulverter Holzkohlen und eine weiliche Erde
herauf, schttete sie rhrend hinein, schichtete heies Wasser ber und
fllte die schwarze Flssigkeit in einen hohen Glaskrug. Nach kaum einer
Stunde hatte sich in dem Krug eine weiliche und eine schwarze Schicht an
den Boden gesetzt, darber stand leicht braunes durchsichtiges Wasser, das
der Gehilfe mit Vorsicht ber eine schmale Holzrinne in zwei
Krbisflaschen, hohe dickbuchige Gefe, berfllte. Ihren Inhalt
verteilte er nach einigem Nachdenken in sechs kleine Tonkrge, die er fest
verschlo, sich an Stricken um die Schulter hngte. Noch in der
Morgendmmerung knarrte das Hoftor. Der Gehilfe verlie mit den Krgen Haus
und Dorf.

Whrend der Apotheker im Revier der kleinen bunten Knaben still
botanisierte, ratterte es ununterbrochen durch das nrdliche und westliche
Tor der unteren Stadt von Yang-chou. Schubkarren zogen in langer Folge ein,
Handelsleute mit Weib und Kind zu Fu, breite gedeckte Reisewagen, ein
Segelkarren, der eine weite Reise hinter sich hatte. Tuten, Gongschlge:
das Tor wurde eine kurze Zeit gesperrt; langsam trug man die grne Snfte
eines Mandarins mit groem Gefolge heraus; der hohe Beamte lie sich in der
schnen Herbstluft spazieren fahren. Die Torwchter schlugen mit kurzen
dicken Kntteln auf groe halbnackte Jungen, die hinter dem Gefolge betteln
liefen.

Noch vor der Mittagszeit trabte eine Schar Hndler herein, katzebuckelnd
vor dem stmmigen Torwchter, der eine sichelartig gebogene Hellebarde
trug. In der Stadt trennten sie sich nach ein paar Straen.

Der eine trug ein Galgengestell, an dem Zopfschnre baumelten; um die Brust
hielt er eine blaue Leinewand gewunden, auf der in schwarzen Charakteren
die Vorzge seiner bewhrten Zopfschnre gerhmt wurden.

Ein paar verkauften unter dem Lrmen von Holzklappern Betelnukuchen, die
sie in Kstchen vor dem Bauche trugen und tafelweise abschlugen.

Andere schleppten Narzissen in Eimern mit sich.

In einer vielbesuchten Bouillonschenke neben einem groen Verleihinstitut
fr Snften, Hochzeitsgegenstnde trafen sie nacheinander ein und saen
zusammen. Ein groer, etwas gebckter Mann, dessen Schdel schlecht rasiert
war, setzte sich zu ihnen; er stellte seinen glockenrunden Holzkasten, der
mit schwarzen Strhnen bemalt war, vor sich unter den Tisch; er handelte
mit Menschenhaar. Dieses war Wang-lun.

Sie lieen sich aus der riesigen Porzellankanne das Ca-tang-pang, eine
heie Brhe, in die flachen Schalen gieen. Als man ihnen warme Mehlkuchen
servierte, stand Wang und der Schnurhndler auf. Sie mischten sich unter
die Gste, die sich an dem Eingang zur Kche drngten, unterhielten sich
hflich; sie orientierten sich ber die Absatzmglichkeit ihrer Artikel in
der Stadt, fragten nach den andern Betrieben, Gilden. Wang erinnerte sich
eines alten Freundes, der in dieser Stadt einmal als Wassertrger schnes
Geld verdient htte und sich spter in Pe-king als Bootsverleiher
niederlie; er fragte gelegentlich nach den Quartieren der Wassertrger und
wo man einen von ihnen sprechen knne. Nachdem Wang und der Schnurverkufer
festgestellt hatten, da die Wassertrger sich in einer Bouillonschenke
zwei Huser entfernt trfen, verabschiedeten sie sich von ihrem Tisch und
gingen herber.

In dieser Schenke ging es still zu, denn um die Mittagszeit waren die
Wassertrger am strksten beschftigt. Wang und sein Kamerad setzten sich
in die Mitte des Lokals, schmausten Fleischpastetchen und tranken dnnen
Tee. Der hfliche Wirt stellte sich neben sie, erkundigte sich nach ihrem
Befinden, dankte fr die Ehre des Besuches.

Whrenddessen stampfte schon einer der Stammgste ber die Holzdielen, drei
andere hinter ihm her. Sie klatschten beim Eintritt in ihre Hnde, schlugen
sie ber die Schultern zusammen; vom Halten der Pferdeleine wurden ihnen
die Finger klamm. Der Wirt wollte die Gste placieren, aber Wang stand als
Fremder auf, stellte sich und seinen Kameraden vor, lud die Wassertrger
ein, an seinem Tisch Platz zu nehmen; erzhlte von seinem Freund, den
keiner von ihnen kannte; nur einer erinnerte sich dunkel, von einem
Arbeitsgenossen gehrt zu haben, der spter in Pe-king oder bei Pe-king
Bootsverleiher wurde; aber das msse schon lange her sein. Im Laufe der
Unterhaltung erkundigten sich die beiden Fremden, die ersichtlich viel
herumgekommen waren, nach der Regelung des Wasserverkaufs unter ihnen, ob
die Verdienste nicht sehr variierten nach der Verkaufsgegend. Sie erfuhren,
da dies natrlich so sei; in einzelnen Stadtteilen respektive
Straenbezirken htte man seine Plage durchzukommen; die zehn zum Beispiel,
die jetzt die obere Stadt versorgten, wo es doch keine Brunnen gbe,
knnten sich vor Arbeit nicht halten auf den Beinen, ihre Pferde seien bald
schlapp, und der Verdienst? Man wechsele alle zwei Tage ab unter den
Wassertrgern, weil die Leute oben so unglaublich arm seien; verdursten
knne man sie nicht lassen, obwohl eigentlich der Magistrat schon gemunkelt
htte, es knne den Wassertrgern spter schlecht ergehen fr ihre
Wohlttigkeit.

Zu seinem Vergngen erfuhr Wang, da zwei seiner Tischgenossen zu den
Arbeitskolonnen gehrten, die heute und morgen den Wasserdienst in der
Mongolenstadt versahen. Er hngte sich mit dem Schnurhndler an sie, als
sie neben ihren Gespannen zu dem ummauerten Brunnen zogen, aus dem sie das
Wasser in riesigen Eimern schpften. Die acht brigen Wagen quietschten
schon gefllt die Strae herunter. Wang erfuhr Namen und Wohnungen der
brigen Wassertrger, erklrte, whrend er seinen neuen Bekannten beim
Schpfen zusah, da er ihren Beruf doch schn und ruhig fnde gegen seinen
jmmerlichen, bei dem er sich herumzuschlagen habe mit jedem Barbier, mit
protzigen Blumendamen, die keinen Ksch spter, wenn sie zahlen sollten,
htten und alles vernaschten. Ihm kme sein Freund, der Bootsverleiher in
Pe-king, nicht aus dem Sinn. Er wolle einmal mit seinem Freund sehen, ob
sie sich fr den Beruf eigneten; er wolle es einmal versuchen, einen Tag
ber; vielleicht sei die Sache nicht so einfach, wie er sie sich denke.

Die beiden Wassertrger lachten laut ber den Vorschlag; und wer ihnen denn
den Verdienst bezahlen sollte, der ihnen fr diesen Unterrichtstag
entginge?

Das sei, sagte Wang, natrlich seine Sache; er wolle ihnen doch fr ihre
Unterweisung und ihr Entgegenkommen keinen Schaden zufgen;
selbstverstndlich, wenn sie darauf eingingen, was ja ein auerordentliches
Entgegenkommen gegen einen armen Mann sei, wrde er ihnen die
Durchschnittstagessumme bezahlen, wobei sie freilich bedenken mten, da
er selbst arm sei und nicht viel berflssig habe. Aber schlielich sei
doch ihr Verdienst sicherer als sein trauriger.

Nach langem Hin- und Herreden einigte sich Wang mit ihnen; man hielt es fr
das Einfachste, da er sich mit den andern acht Wassertrgern in Verbindung
setzte, die den fast unbezahlten Dienst in der Mongolenstadt heute und
morgen tten. Sie wrden Wang und seine Landsleute ber die Arbeit,
Bedienung, Ftterung der Tiere, Stlle unterrichten; er htte vorher eine
Summe zu erlegen, die dem gemeinsamen Durchschnittsverdienst in der unteren
Stadt, wohlgemerkt in der unteren Stadt, entsprche und msse den morgigen
Wasserdienst in der Mongolenstadt ganz auf sich nehmen. Er mache sich fr
jede Beschdigung der Wagen, des Zaumzeugs, der Tiere haftbar. Das alles
natrlich nur, wenn die andern acht damit einverstanden wren.

Wang wand sich ber die Hhe des Preises hin und her, konnte sich mit ihnen
ber den eventuellen Schadenersatz nicht verstndigen, weil sie ihm
vielleicht brchige Wagen stellen wrden, die er dann bezahlen mte.

Die schon abfahrenden Leute blieben unerbittlich. Da sagten die beiden zu.
Als die Wasserkarren um die Ecke fuhren, hrte Wang die Trger laut
losplatzen ber diese Bauern und Dummkpfe.

Die Verstndigung mit den andern acht verlief glatt; nur glaubte jeder von
ihnen sich verpflichtet, noch besondere Schwierigkeiten zu machen, damit
die Bauern den Betrug nicht merkten. Ein einziger lterer Mann lehnte den
ganzen Handel ab. Er erklrte, seine Arbeit ruhig weitermachen zu wollen,
das brauche er zum Leben; und mit den armen Leuten oben habe er sich
angefreundet, so da er sich freue, wenn er zu ihnen kme ohne bei der
Polizei Verdacht zu erregen. Nichtsdestoweniger bezahlte Wang die ganze
verabredete Summe an die sieben Wassertrger, die mit ihm abends in der
Bouillonschenke zusammenkamen. Er erklrte in einer gewissen
enthusiastischen Weise, da er schon jetzt eine gewisse Freude am
Wassertragen habe; es liee sich da noch auf verschiedene Weise Geld
machen, wenn zum Beispiel die Gilde selbstndig Brunnenbauten bernhme
oder Privatbrunnen pachte. Er gefiel den trgen Burschen nicht schlecht.

Er verlie noch vor Torschlu allein die Stadt; seinen runden Kasten mit
Menschenhaaren lie er in der Schenke. Es war eine Vollmondnacht. Breit
dehnte sich die Ebene vor den Mauern; kleine Bodenerhebungen warfen auf die
vllig unbewachsene weie Flche tiefschwarze Schlagschatten. Hinten zog
sich eine Kiefernpflanzung, die das Mondlicht nur an den Wipfeln berhrte.

Die Bauern, die die Mongolenstadt bewachten, bemerkten dort drben um die
Zeit, als die Nachtwchter die zweite Wache trommelten, ein eigenartiges
Blitzen; es bewegte sich am Rand des Kiefernwaldes entlang. Dann trat ein
Mann in den hellen Mondschein; drei der Wchter erkannten in dem Mann mit
dem groen Hut und dem herunterhngenden blitzenden Schwerte Wang-lun.

Sie riefen einander an, zeigten auf ihn, der sehr deutlich in dem
blendenden Licht zu erkennen war, waren wach und berglcklich. Er war da;
er hatte sie erreicht. Auf ihn konnte man sich verlassen. Die Weie
Wasserlilie war da. Man lief in einen Wachturm. Es war Wang-lun, der allein
dort sa gegenber der Mongolenstadt; nach einer langen Zeit glitzerte
wieder sein Schwert; er tauchte in das schwarze Dunkel des Waldes zurck,
rasch, wie verschluckt.

Als Wang, der keinen Schlaf fand, ein paarmal durch den totenstillen Wald
geirrt war und, von Unruhe getrieben, sich der Ebene zuwandte, sah er durch
die schlanken Stmme am Randweg einen Reiter traben, dem zwei andere
folgten. Er lief ihnen in dem Dunkel voraus, erkannte an der Kleidung einen
hohen Offizier der Provinzialarmee und zwei Diener. Sie ritten langsam an
der Mongolenstadt vorbei. Als sie dem Weg folgend eine Strecke zwischen die
Stmme einbiegen muten, trat Wang an den hageren groen Offizier heran,
der einen langen Kinn- und Schnurrbart trug und fragte, ob er ihm Auskunft
geben knne ber den Weg nach einem Dorfe.

Der Offizier wies mit der Hand sdostwrts.

Wang ging ruhig neben dem Braunen einher; der Offizier hielt an; ob der
Fremde noch etwas verlange.

Nach der Erde zu sprechend wnschte Wang, der Offizier mchte einen
Augenblick seine beiden Diener ein paar Schritt abreiten lassen, damit er
etwas fragen knne.

Vllig gelassen wies der Reiter die beiden zurck und bckte sich zu Wang
herunter, um ihn in dem Dunkel gut zu erkennen.

Was also der Offizier hier zu suchen habe; es sei noch fr einen vollen Tag
und einige Stunden jede Feindseligkeit zwischen der Mongolenstadt und den
Truppen eingestellt, wie er als Trger des Saphirknopfes wissen knnte.

Der lange Reiter sprang vom Pferd, fixierte den Mann unter dem riesigen
Strohhut, in dem dichten Strohmantel, den er mit einer Hand vorn
geschlossen hielt. Was er denn hier zu suchen htte; wer ihm das gesagt
htte von der Einstellung von Feindseligkeiten. Ob er ein Wchter der
Eingeschlossenen sei.

Wang bckte sich wieder zur Erde, sagte ja und ffnete seinen Mantel, so
da sein Schwert sichtbar wurde. Er sei ein Freund des Ma-noh, der die
Eingeschlossenen fhre, ein naher Freund.

Der Offizier sah ihm ins Gesicht; er redete sehr leise: Du bist kein
Freund des Ma-noh. Mas Freunde tragen keine Schwerter.

Das waren die frheren Freunde Mas.

Seit wann ist der fremde Wchter ein naher Freund Mas?

Seit dem Untergang der Insel der Gebrochenen Melone. Auf der Flucht habe
ich mich ihnen angeschlossen.

Und die Freunde Mas, viele Freunde Mas tragen jetzt Schwerter?

Viele Freunde hat Ma nicht.

Der Offizier ging langsam mit Wang zurck, gab einem Diener den Zgel
seines Pferdes; sie stellten sich, aus dem Dunkel hervortretend, gegen zwei
Kiefernstmme, standen sich stumm gegenber. Der gelbe Strohmantel Wangs
schimmerte in dem Lichte; am Grtel des sehr langsamen, ruhigen Reiters
bewegte sich ein goldener krummer Prunksbel.

Wenn du ein Wchter und Freund Ma-nohs bist, so bitte ich dich, mir von
ihm zu erzhlen, wie es drben in der Mongolenstadt geht, was Ma tut und
spricht, wer seine Vertrauten sind.

Der mit dem Leoparden Geschmckte ist kein Feind der Gebrochenen Melone?

Ich heie Hai, bin Oberst eines Kavallerieregiments. Vor ein paar Monaten
trug ich nicht das Brustschild mit dem Leoparden. Ich ging hnlich wie du,
war ein Bruder unter ihnen drben. Sie nannten mich wegen meiner Sprache
die Gelbe Glocke. Du hast vielleicht den Namen gehrt.

Ich habe deinen Namen nicht mehr gehrt. Es sind die meisten tot, die dich
gekannt haben. Auch haben uns viele verlassen wie du.

Die Gelbe Glocke lchelte traurig, drehte den groen Kopf nach den Mauern,
auf denen man die schwarzen Punkte der Wchter sich bewegen sah.

Mich hat keine Gefahr erschreckt, als ich fortging; aber ich will nicht
darber zu dir sprechen, der du noch Bruder des heiligen Bundes bist und in
so schlimmer Zeit Bruder bist. Ich mchte von dir hren, wie es Ma-noh
geht, wie die Geister in der Stadt gerichtet sind.

Sprich nur. Du verwirrst mich nicht. Wir sind ruhig, unbeirrbar ruhig.

In einer freudigen Bewegung legte die Gelbe Glocke eine Hand an Wangs
Brust: Ihr seid ruhig, ihr seid nicht in Angst? O, ist das schn, o, bin
ich dem Fremden dankbar, da er mir das sagte. Ihr weint nicht, ihr gebt
euch nicht verloren! O, ist das schn. Ich bin nur darum hierher geritten,
um dies von jemand zu hren. Ma-noh ist nicht von Ha geladen, er wtet
gegen niemand.

Da du unser Bruder warst, weit du ja, da das Schicksal uns nichts
anhaben kann. Eure Truppen und wer sonst kommt qulen uns nicht.

Ihr redet wie frher. Aber Ma-noh wtet nicht! Er widerstrebt nicht!

Du bist wieder Soldat geworden. Du hattest kein Vertrauen auf unsere
kostbaren Regeln.

Ich vertraute auf die kostbaren Regeln. Und vertraue noch. Sieh mich nicht
an. Ich wre hier nicht in der Nacht hergeritten, wenn zwischen Ma-noh und
mir nichts mehr wre. Ma-noh ist der Mrder der Gebrochenen Melone, das
wei er. Ich war in den Tagen um ihn, als er es wurde. Er htte lnger und
vorbereitet mit allen Brdern und Schwestern leben knnen, wenn er sich
nicht von den tollen Salzsiedern htte verleiten lassen. Er war stolz, er
war ehrgeizig, er trug im Geiste Pfeil, Bogen und Schwert; er war kein
Wahrhaft Schwacher, kein Bruder der herrlichen Gebrochenen Melone. Darum
habe ich ihn verlassen, der ich Reinigung und Frieden fr meinen Geist
brauchte. Aber das gehrt nicht hierher.

Das wilde Tier auf deinem Brustschild blickt nicht friedlich.

Auch dein Schwert sieht nicht nach Frieden aus. Und doch stehen wir beide
vor dieser selben Ebene und sehen durch den Mondschein nach der
Mongolenstadt -- nicht mit feindlichen Gefhlen. Ich habe mich nicht
verndert. Aber die Gelbe Glocke singt jetzt einen andern Ton.

Es scheint so. Aber sie scheint auch nicht dasselbe Lied zu singen.

Die Gelbe Glocke hat den Brand des Klosters angesehen; die Schwestern
lieen sich rsten in den Kapellen; den Brdern schlug man Kpfe und Hnde
ab. Man kann sich nicht vorbereiten von heute auf morgen, von einem Jahr
auf das nchste; ein langes Leben gehrt dazu, glaube ich. Die ganze Saat
ist umsonst hingemht worden; die feinen, tiefen, starken Brder und
Schwestern haben ihre Geister verloren, ich glaube, ich werde den Gedanken
nicht los, als wenn sie gelegentlich erschlagen wurden; eben erschlagen,
wie wenn ich hier zufllig von dir erschlagen wre, weil du schon dein
Schwert entblt trgst und ich erst den Zgel hinwerfen und meine Klinge
freimachen mu. Durch solchen Tod haben sie nichts gewonnen. Aber ich trage
jetzt einen Sbel.

Warum? Gegen wen? Dein Sbel ist eine Lcherlichkeit. Du httest ruhig
deinen Sbel in der Truhe bei deiner Sippe liegen lassen sollen, wo du ihn
hingelegt hattest. Keiner von euch wird ihn anrhren, solange ich bin.
Lchle nicht; ich sage dir das. Gegen wen trgst du deinen Sbel? Wang
griff nach dem Sbel.

Nicht gegen Ma-noh, wie du glaubst. Der wird doch bald sterben,
gelegentlich. Und Liang-li. Wehe mir, wehe mir.

Gegen wen trgt der Mann mit dem Leoparden seinen Sbel?

Die Gelbe Glocke rang mit sich. Er sah in den Wald zurck. Gegen die
Mandschus, denen ich jetzt diene, fr die da drben, die du bewachst, die
in zwei drei Tagen in Schuttgrber gescharrt werden. Aber ich bin
glcklich, da du mir so Gutes von ihnen drben erzhlst. Es wre nicht
ntig gewesen das alles.

Das Schicksal ist immer ntig, Gelbe Glocke, mein Bruder.

Wenn du Ma-noh siehst, erzhl ihm nicht von mir. Erzhl keinem von mir.

Wir wollen uns trennen. Deine Diener kommen. Wohin wirst du weiter gehen
von den Mandschus?

Wir sammeln Menschen, Truppen, viel Waffen. Uns ist das Westliche Paradies
nicht gegeben, uns noch nicht, lieber Bruder. Ich will dann Wang-lun
aufsuchen, der ein Schwert tragen soll wie du. Nur das hilft, weiter
nichts. Da du jetzt ein Schwert trgst, hilft nichts mehr. Sei nicht
zornig, weil ich anders denke als du. Geh in die Stadt hinein oder fliehe
wie ich.

Wo stehen deine Truppen? Ich will mich deiner Worte erinnern.

Bei Pe-king. O, welch schnen Weg, lieber Bruder, gehen unsere Schwestern
und Brder drben. Ich bitte nichts dringender, als da sie zum Jaspissee
hinfinden und von der Kniglichen Mutter aufgenommen werden. Das Mondlicht
ist so hell. Mgen sie den Weg leicht finden. Leicht finden.

Die Gelbe Glocke trat von dem Stamme zurck. Sie verneigten sich
voreinander, berhrten sich an den Schultern.

Wieder irrte Wang, ohne Schlaf zu finden, zwischen den Kiefern.

                   *       *       *       *       *

Am grauen Morgen holten die Gefhrten Wangs die zweirdrigen Wasserkarren
aus den Hfen ihrer Besitzer ab, schirrten die Pferde an, trabten zum
Brunnen. Nachdem es nicht gelungen war, den alten widerspenstigen Trger zu
bewegen, sein Gefhrt fr den Tag abzugeben, hatten zwei der Helfer Wangs
den Mann, als er aus seinem Hause in der Dunkelheit trat, ergriffen, seinen
Mund mit Werg verstopft, ihn geknebelt, in eine Kuhhaut gebunden und auf
einem gestohlenen Karren in ein abseits gelegenes verfallenes Haus
gefahren, wo sie ihn in einen Winkel warfen.

Bei der ersten morgendlichen Fahrt in die Mongolenstadt begleiteten die
Wassertrger ihre Schler, spter gingen sie nach Hause, streiften durch
die Schenken. Das Fehlen des alten Mannes fiel nicht auf, da der Sonderling
nicht regelmig fuhr.

Es war ein warmer Tag. Bei den Fahrten am Sptnachmittag zeigten sich die
Gefhrten Wangs besorgt um die Bottiche, die offen auf den zweirdrigen
Karren standen. Sie gingen klopfend an den leeren Gefen vorbei, bckten
sich tief hinein, wobei sie den Inhalt ihrer Flaschen unbemerkt auf den
nassen Boden gossen.

So fuhr der entsetzliche Zug der Wahrhaft Schwachen zum letztenmal mit den
wassergefllten Wagen durch die Mongolenstadt, Wang an der Spitze, kehrte
mit geleerten Bottichen durch das Tor herunter, das hinter ihnen
geschlossen wurde. Rasch splten und wuschen sie die Bottiche aus, brachten
die Karren zurck. Einer lief in das Haus, wo der alte Mann lag, schnitt
ein Loch in die Kuhhaut, so da sich der Hilflose befreien konnte.

Auf den Mauern herrschte bei den Bewaffneten noch bis in den Abend hinein
rege Ttigkeit. Es hie, da Wang-lun mit einer groen Heeresmacht ihnen zu
Hilfe kommen wrde; ber die Zahl der Entsatztruppen stritt man sich, aber
sie war jedenfalls ungeheuer, viel grer, als der Tsong-tu der Provinz aus
eigener Kraft aufbringen konnte. Unterhalb der Mauern, innerhalb der Stadt
hatten sich die Bewaffneten, die Mitlufer Ma-nohs, eine Reihe von flachen
Htten aufgeschlagen aus dem Fachwerk der angrenzenden Huser, die ihnen
nicht geheuer waren. Hier lagen groe Schutthaufen, Backsteine; tiefe
Gruben hatte man geschaufelt, in die man Wasser laufen lie, soweit man
welches heranschaffen konnte, um Lehm zu bereiten. Binsen und Schilf
lagerte in hohen Schichten in den anstoenden Straen. Man schleppte die
Fuder heran, um Lcken in den Mauern zu dichten, Lehmmassen zu sichern. An
diesem Abend wuchs der Lrm der Arbeiter auerordentlich. Eine riesige
Mauerlcke, die man aus Mangel an Zeit nur oberflchlich mit Backsteinen
verdeckt hatte, sollte ausgefllt werden. Die ganze Tiefe war schon mit
losem Gerll, Sand- und Lehmmassen, Halmen verstopft. Das Tor nach der
unteren Stadt war geschlossen, mit Querstangen verdeckt. Die Stdter
verrammelten das Tor auch von auen, um einen Kampf zwischen den
Provinzialtruppen und Belagerten auf die obere Stadt zu beschrnken.

Die Mnner liefen im Halbdunkel durcheinander. Ihr Arbeitsdrang war
unbezhmbar. Halb nackt, mit strammgegrteten Hosen rannten sie vor dem
groen Mauerloch, strzten mit kleinen Schilfbndeln hinein, glitten
aneinander vorber. Einer schrie, warum der andere so wenig nehme; der
schulterte sein Bndelchen hoch: ob das nicht genug wre. Sie schleppten
auf Holzmulden ungeheuerlich getrmte Steinmassen, die ihnen wie Wellen
ber Kpfe und Fe rasselten. Sie rannten unermdlich mit anscheinend
malosen Krften herein, heraus, polterten hin, bluteten.

Auf der Mauer neben dem Durchbruch wurde ein starker Arbeiter mde; er
klatschte einem langen Maurer eine Hand Lehm auf den Buckel. Sie schwatzten
und kicherten schon seit einer Stunde ber einen Maultiertreiber, der heute
morgen statt getrockneter Datteln Scke voll Sand in die Neustadt
geschleppt hatte; erst auf dem Markt bemerkte er, da er unterwegs
bestohlen und betrogen war. Als sich der Maurer umdrehte, platzte ihm aus
zwanzig Mulern ein brllendes Gelchter entgegen. Sie kugelten hin,
wlzten sich auf die Seite, um in Ruhe das Gelchter an ihren Buchen
massieren zu lassen, die Beine in die Luft zu stochern und das Zwerchfell
zu schwingen. Andere rttelten die Leitern hinauf, schrien mit: Wie sieht
der aus! Wie sieht der aus! Und gurrten ber sein sonderbar geschwollenes
Gesicht, seine kolbenfrmige Nase.

Der Lange fixierte den vierschrtigen Tischler, wischte ein paarmal ber
die Nase, schimpfte auf die elenden Zwiebeln, die sein Freund ihm in den
Bohnenbrei getan htte; davon wrden ihm die Augendeckel und die Nase dick.
Und er schlug bekrftigend dem Tischler, der das Schlucken bekommen hatte,
in die Weiche.

Der bog sich zusammen auf diesen Hieb; sie fingen an, sich bei Hlsen und
Hften zu kriegen. Erst hetzte man; als die beiden sich ringend ber den
Rand der Mauer wiegten, raffte man sie tumultus auseinander: Es mu
entschieden werden. Vors Gericht! Sie mssen es austragen. Vors Gericht!
Vors Gericht!

Drngten die Leitern herunter, als gbe es in der Mongolenstadt ein Gericht
fr sie.

Auf dem Wege durch die anliegenden Gassen wurde ihr Haufe grer. Ein
gellender Lrm wlzte sich mit ihnen; sie hatten kein Ma fr die Strke
ihrer berschlagenden Stimmen. Einige von ihnen schleppten Balken hinter
sich. Man stolperte darber, aber sie zogen sie fest hinter sich her, um
sie gelegentlich fallen zu lassen, ohne es zu merken. Andere steiften die
Rcken und trieben die Schulter hervor unter ihrer leeren Holzmulde, die
sie mit fest zupackenden, steinharten Muskeln drckten, fluchten ber den
raschen Schritt der andern, und sie knnten nicht mit.

Zwei ltere Handwerker, mit nacktem schwarzbraunen Oberkrper, betasteten
an einer Straenecke die Balken, die liegen geblieben waren. Ein Balken war
ber einen breiten Stein gefallen. Die beiden grinsten sich an, von
entgegengesetzten Seiten an dem Holz entlang suchend, bis sie dicht
nebeneinander standen, ihre Hnde sich berhrten und sie nun, den Balken
zwischen den Beinen, Platz nahmen, sich schaukelten und dabei fortwhrend
sich ehrerbietig voreinander verbeugten und sich pathetisch Glck wnschten
zu der Begegnung. Sie baten einander vorlieb zu nehmen mit den
gegenwrtigen Umstnden, sanken, als sie die Hnde beteuernd schwingen
wollten, seitlich ab und lagen da, der eine quer ber den Beinen des
andern, schmerzlich sich entschuldigend fr die Unvorsichtigkeit, tasteten
sich an den Hosen des andern entlang.

In dem Haufen, der sich auf kleinen Pltzen fter ganz auflste, wuchs die
Verwirrung. Einzelne ergriff eine ausgelassene Frhlichkeit. Ein ehemaliger
Salzpfnner geriet in Wut. Er sagte, er ginge nicht mehr mit. Liu sei ein
bser Dmon, er liefe doppelt im Zuge, ein Liu ginge drben an den Husern,
ein anderer neben ihm. Dann treffen sie immer zusammen, prallen voneinander
zurck, als wenn man ins Wasser sinkt. Die vor ihm marschierten, gondelten
bei seinen Klagen rckwrts, nahmen ihn in ihre Mitte, grunzten heiser,
fielen ihm unsicher um den Hals.

Ein junger Mensch drngte sich zwischen sie, brllte: Der Schuft, der. Er
macht selbst solche Spe. Habt ihr nicht gesehen? Eben steht er hier und
jetzt sitzt er auf dem Dach. Was hat er zu schimpfen auf Liu? Sie kniffen
ein Auge zu, zwangen Liu und den Pfnner sich rasch nebeneinander zu
stellen. Ein paar visierten breitbeinig aufgepflanzt nach ihnen durch den
gekrmmten Finger, visierten nach dem Dach. Inzwischen zerstreuten sich die
meisten, torkelten unter zufriedenem Gegrhl hinter dem Hauptzug her, der
sich nach dem groen Markt bewegte.

Aber der Zug kam nicht so weit. Man hatte lngst vergessen, was man wollte.
Man buddelte zwischen den Straensteinen. Man krhte, leckte sich schlfrig
die Finger, kreiste die Arme. Die Kpfe baumelten, fielen in den Nacken.

Von anderen Teilen der Mauer waren die Mnner schon vorher in die Stadt
gedrungen. Die Lungen waren ihnen sonderbar gefllt. Ihnen schauderte unter
einer Hitze, die fingertief unter ihrer Haut flammte und erlosch. Das Blut
sprhte in ihren Kpfen. Der Rumpf fiel ihnen weg. Sie setzten die Schritte
so vorsichtig, da sie frchteten, mit ihren Strohsandalen in Glas zu
treten; immer fein traten sie mit den Zehenspitzen auf, immer fein mit den
Zehenspitzen. Man ging sicherer, wenn man die Sandalen auszog. Und so
balancierten manche im Gnsemarsch durch die Gassen, in den wagerechten
Armen ihr Schuhwerk.

Weiter innerhalb der Stadt stiegen sie hier, da ber einen Menschen, sie
flsterten einander Vorsicht zu mit signalisierenden Armen, versuchten
mehrmals ber denselben Krper wegzutreten. Der lag schnarchend da, die
Beine an den Leib gezogen, die Stirne kraus.

Vor manchen Husern standen die Menschen angewurzelt. Sie lehnten mit
blauen Lippen an den Pfosten. Ihnen wurde der Atem mit einem heftigen Ruck
aus der Brust gerissen. Sie sthnten, pfiffen und schnaubten wie
Blaseblge. Brder legten sich unsicher mit dem Leib ber Bnke; alle
Bilder, Huser, Menschen, das Dunkle des Himmels sauste in einer
Spiraldrehung herum, die Erde vertiefte sich unter ihnen zu einem groen
umgestlpten Spitzhut. Sie zogen zum Sprung unbehilflich die Kittel aus,
keuchten, warteten was kommen wrde. Ihre Rippen traten wie Schnallen
hervor; sie prusteten im Flug.

Hunderte versteckten sich in den Husern, auf den Korridoren, unter den
Tischen, denen eine Presse die Drme, die Milz und den Magen
zusammenschnrte, dann wieder loslie. Die Traubenpresse arbeitete an ihnen
in einem Rhythmus, der immer schneller wurde. Sie wrgten die gelbe Galle
heraus, ihr Darm verspritzte sich und suchte zu entweichen. Ihre Gesichter
verlngerten sich. Grne Tiere liefen an ihren Gesichtern vorbei nach
rechts, dann kehrten die Tiere um; die ganze Reihe lief nach links herber.

Mnner taumelten nach dem Tor, nach der Mauer. Aber sie stiegen zwischen
den Sprossen hindurch beim Besteigen der Leiter, arbeiteten sich vergeblich
heraus, strzten die Leitern ber sich um. Einem gelang es nach oben zu
kriechen. Man hrte wie er ging, da kippte er nach auen ab in den Graben
und muckste noch.

Die schwarze Nacht. Das Wasser strmte vielen die Flanken entlang. Ein
kleines Rad drehte sich vor ihnen, wurde immer weiter, es war ein Nadelhr,
ein Maulwurfshgel, eine Hhle. Sie verdrehten die Augen, blieben in einer
Radspeiche stecken.

In den dumpfen Zimmern die Brder schraken bei den Schreien und Strzen
drauen zusammen. Sie hockten ber sich gebckt. Sie stutzten pltzlich,
blitzten heftig atmend um sich, als wenn sie etwas hrten, standen
schwankend auf, richteten immer wieder den Oberkrper gerade, der ihnen
wegsank: Die Soldaten kommen! Es ist alles verloren! Wang ist mit
zehntausend Mann erschlagen! Sie machten Front gegen die stillen
Zimmerecken, sie schmetterten Sthle in die Winkel, flohen die Kpfe
duckend ins Freie, griffen im Finstern der Straen nacheinander. Hier und
da erdrosselten sich zwei. Sie dumpften unter Verzweiflungskrchzen
nebeneinander hin. Sie schwangen im Traum Beile, kneteten und erwrgten den
dicken Kot, der zwischen ihren Fingern durchquoll.

Auf den Dchern, die flach aneinander stieen, sangen einige. Sie sangen
von der Groen berfahrt. Ihre Hnde bewegten getrumte Gebetsklingeln. Sie
predigten zueinander herber. Sie schrieen nach den glnzenden Spitzen der
Kaiserherrlichkeit, die sie sahen; ganz nahe daran waren sie. Und wenn
einer die bellenden Stimmen jenseits der Strae hrte, seufzte er:
Bruder!, mit trnenden Augen, entzckt. Sie erhoben sich und zersprengten
ihre Schdelkapsel auf der Strae, zermorschten im Fall einen Sterbenden.

Als die Nacht vorrckte und viele auf den Gassen, in den Erdlchern, unter
den Dchern phantasierten, blies ihnen etwas streifig Helles, Weies,
Spitzkhles in den Nacken ber den Hinterkopf herauf. Sie wurden, wenn sie
sich umwandten, von einem unsichtbaren Dmon ergriffen; auf einen Schrei
ri etwas ihren Krper zuckend in die Lnge, streckte ihn in einer Spannung
hin, als sollten Fe, Hnde, Kopf vom Rumpf dehnend abgerissen werden. Und
dann schleuderte es die Glieder hin und her, rollte den Leib wie einen
zerflieenden Kuchenteig. Wenn sich die Menschen schweitriefend von dem
Kampf erholten, schrien sie ber die Feigheit des Dmons. Er mchte einmal
wieder herankommen, sich nicht verstecken. Sie stierten mit glasigen Augen,
speiend, um sich. Und er kam wieder. Mit einem Ruck hatte er sie gefat.
Sie grtschten und schnellten, wie vom Katapult geschossen, zusammen. Bis
die lange Starre ihre Sehnen eisenhart anfate, in schwerster Wut nicht
loslie. Und wenn sie sie loslie, so blinzelten sie noch sonderbar und
vergaen zu atmen.

Als Abends von den Mauern aus ein Lrm in die Mongolenstadt hinein sich
fortpflanzte, fuhren die Nachtwchter eilig in der unteren Stadt schwere
Holzblcke auf Ochsenwagen heran, huften sie vor dem Tore nach der oberen
Stadt auf. Sie durften keinen Eingeschlossenen herauslassen. Es schlug von
innen gegen das Tor.

Das Toben drin nahm von Augenblick zu Augenblick zu; bald mute die ganze
untere Stadt geweckt sein.

Nun wirbelten drei Wchter ihre Trommeln durch die Straen, weckten die
hundert ehemaligen Provinzialsoldaten, die ber die Stadtteile verstreut,
noch Waffen bei sich hatten; sie sollten kommen, um einen Ausbruch der
offenbar angegriffenen Sektierer nach der unteren Stadt zu verhindern. Wie
die Soldaten anliefen, die Wachtrme der Stadt erstiegen, lag das Feld bis
an die Kieferwaldung im umwlkten Mondlicht regungslos da; vllige
Finsternis in den Straen der Mongolenstadt, in der das tausendfltige
Gebrll, Kreischen und Heulen brodelte. Der Feind mute schon in der Stadt
sein. Aber das Unheimliche: man hrte keine Waffen schlagen, keine Bogen;
kein Haus brannte.

Drin raste man. Und jetzt war es klar, da die bsen Dmonen, die die
Brder und Schwestern bisher bezwungen hatten, sich losgemacht hatten und
ber sie selber hergefallen waren. Man weckte Priester und Bonzen der
Stadt.

Drin hrte man Leitern an das Tor anstellen; gedmpft knirschende Krper
purzelten herunter.

Mit einmal schauten dicht nebeneinander zwei gedunsene verzerrte Gesichter
ber das Tor, Schaum vor den Mndern, wie die Pferde geifernd. Die Priester
wirbelten ihre bronzenen Weihrauchbecken, hohen Rauchfsser und knallten
sie ihnen ins Gesicht. Aus den zerbrochenen Fratzen tropfte dickes Blut
herunter auf die Wchter, die entsetzt zurckwichen. Die Priester richteten
Brander ber die beiden oben, die sich hher zogen. Pltzlich bumte sich
der eine und krachte herunter. Der andere grhlte unmelodisch zum
Nachthimmel, wlzte die zottige Brust ber den Torrand; dann strzte innen
seine Leiter um; er sackte abwrts; seine Hnde blieben am Tor hngen; die
Soldaten hieben ihm die Finger ab; er plumpste schwer und lallte lange an
der Erde.

Kein Brger der unteren Stadt wagte sich auf die Strae. Gegen Morgen legte
sich das Geschrei. Ein gelegentlicher geller Ruf wehte herunter. Den
letzten Teil der Nacht schmachtete aus einem Haus der Strae, die parallel
dem Tor lief, eine einzelne Stimme, eine Mdchenstimme; sie sang Verse
eines unfltigen Liedes; dazwischen lockte sie, rief Mnnernamen, rchelte.

In der grauenden Dmmerung wurden die ueren Stadttore geffnet. Die
Hndler, Gemseverkufer, zahllose Karren bewegten sich die Straen herauf,
die Wassertrger kamen. Wagen stauten sich vor dem Tor der Mongolenstadt.
Man machte Platz fr die grne Snfte des Tao-tai. Der Befehlshaber der
ehemaligen Provinzialtruppen, jetzigen Stadtgarde, ein baumlanger Mensch,
gab Befehl zum ffnen des Tores. Die Balken wurden weggerumt; die
Querbume gelst; die Soldaten schoben die Flgel zurck.

Im Augenblick, wo sich das Tor ffnete, sauste von dem Torbogen ein
abgelstes Mauerstck herunter, hllte den Eingang in dicken Staub. Man
mute mit Gewalt die beiden Trflgel verschieben, die inneren Querriegel
umbrechen, bis der Eingang frei war.

Drin hatten die Eingeschlossenen vor Anbruch der Nacht als Barriere einen
schweren Eisenstab noch zwischen den Steinwall geklemmt; an dem lehnte
gebckt eine ganze Reihe Menschen; als man die Schranke abhob, strzten die
Krper den Eindringenden entgegen, krachten mit den Gesichtern vornber
zwischen sie hin. Einzelne von diesen lebten und riefen die Stdter mit
schwachen Stimmen an. Die Soldaten zogen voran. An einer Straenecke
standen schrg gegeneinander zwei Mdchen; eine den Kopf auf der Schulter
der andern; sie fielen erst um, als man der einen die Arme von der Hfte
ihrer Freundin losri. Hier und da bliesen Sterbende die Backen auf in
langen Pausen. In mehr als zwanzig Husern, auf Treppen fand man Frauen in
Blutlachen; sie hatten in den Krmpfen entbunden; in den Krmpfen hatten
sie sich Nabelschnur und Mutterkuchen aus dem Leib gezerrt, waren rasch
verblutet.

Auf der Treppe eines Hauses, das in einem Winkel des Marktes stand,
zappelte eine mit Narzissen geschmckte junge Frau; sie gellte: Ich bin
Liang-li; ich will zu meinem Vater nach Schn-ting. Als man sie an den
Fen herunterzerrte, schlug sie um sich und war tot.

Man drang in die Zimmer des Hauses. Ein kleiner Mensch hockte auf dem
Ofenbett in einer Ecke des wsten Zimmers. Er maulte, als die Soldaten
eintraten.

Er starrte sie an, den Kopf balancierend, von den beschlagenen Augen mhsam
die Lider hebend. An seinen Mundwinkeln zhe Schleimklumpen. Seine Lippen
hellgelb; sein Gesicht von einer dicken wchsernen Haut berzogen; Lcher
in den Schlfen. Schnarchen, Nseln: So kommt sie doch; die Knigliche
Mutter kommt selber. Lchelte stolz wie ein Befehlender.

Der vorangehende Soldat erkannte den Fhrer der Rebellen, nahm ein rotes
Papier in den Mund, um den Dmon nicht an sich zu locken. Er ri erst
Ma-noh mit der Spitze eines Pfeils einen Schmarren ber Mund und Kinn. Der
runzelte die Stirn, schob sich an der Wand in die Hhe, krchzte tierisch:
Pfui, ah, pfui! torkelte in Wut und Grauen nach vorn. Der Soldat fing ihn
an der Brust, drckte ihn wrgend vom Ofenbett auf die Diele.




Drittes Buch

Der Herr der Gelben Erde


Khien-lung, der groe Kaiser, der das Reich der Welt von der sich
umwlzenden Natur und dem Himmel erhalten hatte, tauchte aus den nrdlichen
Steppen auf von seinen Jagden und Vertiefungen, kehrte nach Mukden zurck.

Er hatte wieder die ungeheuren Tatarenlandschaften gesehen. Wenige Tage war
die tiefe Stille durchbrochen worden durch Tributtrger. Die Tiger liefen
aus den Wldern hervor. Von Woche zu Woche kamen Ergebenheitsbriefe der
kaiserlichen Prinzen und hohen Wrdentrger, fragend nach seinem Befinden.

Den gealterten Kaiser begleitete kein groes Gefolge: zweihundert Mann
seiner Leibgarde, eine rein mandschurische Kompagnie, eine kleine Anzahl
Vertrauter, Freunde, Sklaven, schlielich die erlesene Musikkapelle. Er
jagte im Randgebiet der Mongolei auf dem Hochland stlich von Kalgan. Helle
kalte Luft, freies weites Grasland, Gebirgsschluchten, zerrissener
Durchblick. Im muldenfrmigen Tal bei Sen-hwan-fu hielt er sich auf. Die
Huser waren in die Lerde gegraben mit Stuben, Gewlben, Gngen. Auf den
dnn belebten Flchen tummelten sich braune langhaarige Pferde. Teebeladene
Kamele schwankten vorber. Die nomadisierenden Horden lagerten in weiten
kreisrunden Filzzelten. Plattgesichtige braune Mongolen mit bunten Gehngen
warfen sich hin.

An der Grenze schlo sich dem kaiserlichen Zug der Kommandeur der
Grenzsoldaten an in roter Pelzkappe und rotem Flgelkragen. Dann
berschritt man die Randketten des groen Chin-gan, stieg herunter nach
Mukden.

Die Blicke des Kaisers waren fremd, seine Mienen von einer furchtbaren
Klte. Unter den hohen Weidenbumen tauchten die seltsamen Husergruppen
auf. Nach langen Windungen der Felswege betraten sie die niedrigen Hgel
und sahen Laubbume, die Frauen mit den Pfeilen im Haar und den frischen
Blumen. Von den acht Trmen der Mauer Mukdens schollen die Kanonenschsse.
Sie zogen durch die graden Linien der Stadt, hinter ihnen die Mongolen auf
niedrigen Ponys, bis sich die Dcher mit den gelben glnzenden Ziegeln in
der Mitte der Stadt zeigten. In seinem Palast blieb Khien-lung fnf Tage.

In dem herbstlichen Park an einem Teiche sa der Kaiser allein auf einem
Schemel und hielt grne Salatbltter im Scho. Vor ihm schlief eine
ungeheure Schildkrte.

Sie trug ein Rckenschild von schwarzer Farbe mit gelben Riefen. Die breite
Mittelleiste des Rckens war gelb gefeldert mit tiefen Kerben. Die plumpen
Vorderfe ragten seitlich heraus wie Schwimmflossen, mit Zehen wie Stifte,
die man in die Fe eingeschlagen hat. Die Hinterbeine eingezogen unter dem
Panzer. Der Kaiser im schwarzen Seidenkleid und Seidenmtze ohne Schmuck,
schlug auf das Tier mit einem dicken Ast, an dem Tannenzapfen hingen.

Und dann kam aus dem Gehuse das graue hornige Haupt, das wunderliche
leidenschaftslose Haupt an einem faltigen Hals, der wie getrocknete
Fischhaut glnzte. Wie eine Knigsmumie: der lang sich reckende verwelkte
Hals, in spttischer Ruhe den dreieckigen Schdel wendend. Die Kiefer fest,
mit Lineal und Hobel streng gearbeitet. Die Nstern mit dem Lochbohrer
eingeschlagen. Zur Seite, lidlos, unbeweglich, kluge weise Augen, Fenster
eines erkhlten Gehirns.

Langsam hebt sich das Schild von einer Seite auf, senkt sich, schiebt sich
vor. Es ist der mhselige Gang eines behenden doch gichtischen uralten
Mannes, der den Stei anhebt, das Knie nicht beugt, die Beine seitwrts
steif herumschleift, sich langsam um Kanten windet. Die Vorderflossen
schwimmen, rechts, links, stoen ab. Der Panzer senkt sich, weit strecken
sich die Hinterbeine und folgen. Ein hohes Schnaufen, ein sanftes Zischen
kommt aus den gestanzten Nstern. Wieder hebt sich der Stei an, die
Vorderflossen schleifen vor. Es ist ein Klettern ber den Boden.

Der Kaiser sa mit seinem Tannenzweig auf dem Schemel. Er suchte der
Schildkrte nachzukommen, ihr nachzuahmen, und sann darber nach. Im
Vorberschieben richtete sie scheinbar die Augen auf ihn. Er glitt langsam,
seinem Zweig nach, auf die Erde, lag auf den Knien hinter dem Tiere, das
sich von ihm entfernte nach dem Teich. Aus irgendeinem Grunde beugte er
sich hinter dem Tiere.

Sehr langsam, so wollte Khien-lung, rckte der Zug weiter. Breite
Sandflchen wechselten ab mit Feldern der Wassermelone. Der Liau-ho rollte
schwarze breiige Wassermengen, in denen grne Streifen auftauchten. Man
wartete zwei Tage, um dem Flugeist zu opfern, einem uralten
Verkehrsdirektor aus Niu-tschwang, bis man die Fhre mit dem stillen Kaiser
dem Wasser anvertraute.

Seine Umgebung kannte die Zustnde schwerster Versunkenheit und
Erschlaffung an ihm. Sie stellten sich mit dem hheren Alter ein. Man mute
mit dem sonst energischen, ganz beherrschenden Manne alles tun, ihn fhren,
setzen. Das Gesicht des groen Frsten war, als sie die viele Li lange
Verkaufsstrae von Hsin-mit-sun ohne Laut durchschritten, bengstigend in
seiner unglaublichen Willenlosigkeit, der gummiartigen Weiche und
Stumpfheit der Augen. Seine Lippen hingen, er brummelte nichtssagend. Wie
die acht Trger auf dem welligen Sandboden langsam marschierten, ffnete
sich seine Snfte von innen, er stieg aus, whrend die vorderen Trger sich
erstaunt umwandten, und pendelte allein neben einem alten
Hellebardentrger, der ihn nicht erkannte. Als hinten die Zeremonialmeister
entsetzt aus ihren Snften sprangen, vor ihm hinfielen, ihn bei den Hnden
zu seiner Snfte fhrten, schwankte er mit, hob seine gequollenen Lider
schwerfllig, sah sie unsicher fragend an. Seine Augen trnten. Sie
wischten ihm, ehe er in die Snfte stieg, den Speichel aus seinem grauen
Kinnbart. Sie gingen neben seiner Snfte einher. Jenseits des Ta-ling-ho
kam man auf kaiserlichen Weidegrund. Aus den hohen Wachtrmen im Zentrum
von Kint-schu-fu schollen wieder die grenden Bllerschsse.

Die Behrden standen vor der verschlossenen Snfte. Sie lagen im Staub vor
seinem schlafenden Krper. Der teilnahmslose Zustand besserte sich, als man
sich der Groen Weien Wand, der Groen Mauer, nherte. Eine leichte
Erregung befiel den Kaiser. Er a viel, weigerte sich in der Snfte zu
liegen, ri Blumen am Wege aus. Die Reise mute beschleunigt werden. Ohne
zu sprechen, winkte er, wenn man sich nach seinem Befinden erkundigte, mit
seinem Fliegenwedel ab. Halb verwirrt stieg er einmal whrend dieser Tage
auf einen Gneisblock, der seitlich der Strae lag, und strzte. Aber er
wurde sichtlich zugnglicher, beobachtete die Arbeit auf den Feldern,
befahl seinen Reisebibliothekar neben sich, den er aber nichts fragte. Man
war glcklich zu sehen, da er wieder seine eisigen Blicke warf.

Eine warme Luft wehte. Die Vorhnge seiner gelben Snfte hatte er
aufgezogen. Am Sptnachmittag spazierten vor der kaiserlichen Snfte der
Direktor des Ritenministeriums Song und Hu-chao, der Oberaufseher der
kaiserlichen Eunuchen. Song, ein gebckter Mann, der in seinem faltigen
kleinen Gesicht eine Hornbrille trug und aus seinen verkniffenen Augen
vergeblich die landschaftliche Schnheit zu erblicken suchte, die ihm Hu
warm schilderte. Hu, der wohlbeleibte Herr mit aufgeschwemmten Backen,
griff im Eifer seiner Beschreibung fter nach der Hand des wrdigen Song
und drckte sie, so da wenigstens so der begierige Minister etwas von der
allgemeinen Hingerissenheit empfand.

Sie plauderten ber die Zartheit, mit der ein junger eben aufkommender
Dichter die Schwermut der Silberpappeln behandelt habe und wie ihm ein paar
interessante Verse geglckt seien ber das alte Thema einer Mondscheinfahrt
auf dem Weiher. Hu, obwohl nicht gebildet wie der Akademiker Song, erging
sich in Lobsprchen ber die strenge Form dieses Gedichtes, ber die
wunderbaren, zum Teil neuen Charaktere, die der Dichter gemalt htte. Sie
atmeten den starken Dunggeruch der cker.

Da wehte ein feines Parfm neben ihnen. Ein seidenes Rauschen. Zwischen
ihnen ging ein mittelgroer krftiger Mann, der sie schon, als sie sich
hinwerfen wollten, bei den Zpfen packte und mit ihnen weiterspazierte, die
Arme auf ihren Schultern. Die leise harte Stimme Khien-lungs klang zwischen
dem gemessenen Fistelton Songs und dem enthusiastischen Drhnen des dicken
Hu.

Der Kaiser lchelte, als sie sich betreten anblickten, weil er eine Wendung
ihres Gesprchs aufgriff: Sprich nicht auf der Strae, sagt man zwischen
den vier Seen; unter dem Pflaster sind Ohren. Exzellenz Hu meinten, in wie
wundervollen Charakteren der junge Verfasser das Gedicht niedergeschrieben
htte. Ich hatte vor Monaten in Pe-king das Vergngen, einen Missionr der
Jesureligion zu sprechen. Die rothaarigen Vlker sind barbarischer, als man
bei uns wei. Sie erzhlten mir in ihrer aufdringlichen Hndlerart vieles;
auch von ihren Dichtern. Diese Herren schreiben, wie es ihnen gefllt. Die
Handschrift ist fr die Dichtung belanglos. Dichter kann sogar ein
schreibunkundiger Bauer sein.

Es ist lcherlich, Majestt, meinte der greise Song, die westlichen
Langnasen sind eben, -- die Ameise htte bald gesagt: Strolche. Wie
einsichtslos berhaupt, uns von ihren sogenannten Dichtern zu erzhlen.

Durchlaucht Song haben ja von mir manches gelesen.

Alles, Majestt.

Nun alles. Ich will nicht geschmeichelt sein. Auch Exzellenz haben manches
von mir gelesen?

Hu marschierte unruhig; er begeisterte sich zwar leicht, machte einen
aufrichtigen Bewunderer und Beschtzer der Knstler, doch lie seine
Sachkenntnis zu wnschen brig.

Der Esel hier, Majestt, hat in der Tat manches aus dem kaiserlichen
Pinsel gelesen --

Aber nicht verstanden; keinen Vorwurf darum, Hu. Wird auch kein Urteil
verlangt. Was ich meine, ist ja etwas anderes. Eine Bauersfrau, wie die
dort drben, wirft das weie Korn in den Boden; ein Knabe fhrt eine Karre
hinter ihr her mit Jauche. Lerchen singen, Herbst. Man hat keinen Anla,
diesen Anblick -- zu dichten; er ist unbertrefflich vorhanden. Immerhin
knnte ich in die Versuchung kommen ihn zu dichten, aber dann bernehme ich
eine Verpflichtung gegen -- den Anblick.

Sehr fein, Majestt.

Noch nicht, Durchlaucht. Nmlich die Verpflichtung, ihn ehrerbietig zu
schonen, den Geist dieser Minute unberhrt zu lassen, ihm als irdisches
Geschpf zu opfern. So denke ich mir, wenn ich in der Schreibstube sitze,
das Dichten. Ich, das kleine Menschenkind, sitze in meiner Schreibstube,
und vor fnf Tagen lebte der Geist einer verehrungswrdigen Minute: das
sind zwei Dinge. Ich opfere dem himmlischen Geist in der Weise eines
reichen Mannes und mhe mich, dem Geist der ehrungswrdigen Minute zu
gefallen. Das kann ein Bauer, ein Bettler gar nicht; fr den sind auch
andere Geister da. Das schnste weicheste Papier mu dienen; fr den Pinsel
steht Tusche aus tiefstem Rot und Schwarz bereit. Und jetzt male ich die
Charaktere. Das sind keine Mitteilungen, obwohl sie doch auch zu
Mitteilungen dienen; runde beziehungsvolle Bilder, Anklnge an die Bcher
der Weisen, schn in sich, schn gegeneinander. Diese Bilder sind selbst
kleine Seelchen, und das Papier nimmt an ihnen teil.

Noch immer fein, Majestt, fistelte Song, ich Dummkopf habe mir von
unserem Astronomen, dem Portugiesen, gleichfalls sagen lassen, da man im
Westen schreibt wie man spricht. Was natrlich ebenso bequem wie einfltig
ist. Aber, wenn die Allerhchste Majestt mich einer Gnade wrdigen will,
mchte ich eine Bitte vortragen.

Durchlaucht?

Mich setzen zu drfen in meine Snfte oder am liebsten in ein Zelt hier
auf der Wiese, um Eure Majestt noch zu hren, so lange sie es mir gewhrt.
Die alten Fe des Sklaven Eurer Majestt versagen.

Der Minister gab auf das Kopfnicken Khien-lungs zwei Lanzentrgern vor ihm
kurzen Befehl; der riesige Zug hielt unter dem freien Himmel. Whrend das
gelbe kleine Reisezelt des Kaisers mitten auf einer Wiese aufgeschlagen
wurde, die Lanzentrger das Feld von den Bauern suberten, stand er selbst
vor dem schmerbuchigen Hu und dem Minister, dessen Gelehrtengesicht
Zeichen von Mdigkeit trug, lie die Hnde schlaff fallen und seufzte.

Aber die beiden hohen Beamten, die sich bestrzt ansahen, hatten unrecht;
Khien-lung dachte an Pe-king und seufzte vor Ungeduld.

Der Kaiser wnschte noch zwei Tage zu reisen.

Der Aufschub der Heimreise erregte im ganzen Zuge Freude. Der ungewohnte
Anblick des Himmelssohnes, der in voller Elastizitt nach seiner Art sich
bewegte, belebte alle Mitreisenden. Stundenlang disputierte der Kaiser bald
mit Song, dessen Gelehrsamkeit er auerordentlich schtzte, bald mit dem
derben untersetzten General A-kui, den er selbst aus einem gemeinen
Soldaten zum Offizier befrdert hatte. Das schlagfertige Wesen A-kuis
erfrischte ihn; die Drolerien dieses ungebildeten Mannes bildeten eine
Quelle des Vergngens fr die ganze kaiserliche Umgebung.

Man rckte lngs des Chao-ho vor, berschritt auf der grauen Steinbrcke
den Pai-ho. Jenseits des Dorfes Niu-lang-schan bog der Zug westlich von der
Strae ab, um auf eigens angelegten Chausseen zu den Bergen nordwestlich
der Residenz zu gelangen, wo Lustschlsser des Kaisers standen.

In der nrdlichen Tatarenstadt Pe-kings suberte und glttete man die
Strae, die der Zug passieren mute; man vernagelte den Zugang der
Querstraen mit bemalten Brettern; verbot das Verlassen der Huser und
Kasernen fr die Vormittagsstunden bei Todesstrafe: Gongschlger und
Trommler riefen den ganzen Tag aus. Da die Astrologen im kaiserlichen Zuge
nicht rechtzeitig die Stunde des Einzugs in die Rote Stadt berechnen
konnten, verzgerte sich der Einzug ber den Vormittag, obwohl die
Reisegesellschaft einen ganzen Tag auf den nordwestlichen Bergen lag, die
Landleute die wunderbare Musik der Hofkapelle hrten, die fast
ununterbrochen spielte ber dem blanken See Kun-ming-hu.

Auf dem Gipfel des Wan-wu-schan, in den Hainen der weirindrigen Fichten
verlebte der Kaiser den letzten Tag vor der Heimkehr; bevor es dunkelte,
ging er zum stlichen Seeufer herunter; ber die siebzehnbogige
Marmorbrcke wandelte er auf die kleine Insel, welche einen Tempel trug,
den nur er betreten durfte; stumm stand eine Bronzekuh am Eingang. Im
Tempel sprach der Kaiser mit seinen Ahnen.

Die Wasseruhr zeigte die Doppelstunde des Drachens, als der Kaiserzug
morgens das Dorf Hai-tien passierte. Auf dem Steinwege kam man an das
nrdliche Tor der Mandschustadt Pe-kings, Te-schang-man. Die
Schlangendoppelstunde brach an, als der Himmelssohn die purpurnen Mauern
erblickte.

Kia-king war ein Sohn Khien-lungs, der Sohn der legitimen Gemahlin des
Kaisers; Kia-king war der einzige, der Khien-lung auf den Spaziergngen
durch die Grten der Roten Stadt begleiten durfte. Der Kaiser bersprudelte
von Lebendigkeit, unter den ungeheuren Zypressen blieb er stehen, redete
auf seinen schwerflligen Sohn ein, der ihn um einen Kopf berragte. Der
Prinz, noch nicht vierzig Jahr alt, hatte ein schwammiges faltiges Gesicht,
ein Lcheln fand auf dieser breiten aufgeschwommenen Fleischmasse keinen
Platz. Wenn der hochgewachsene Mann, der den kugelrunden Kopf stark in den
Nacken drckte, sich freute, entstand ein Flimmern und Flirren um den
kleinen prallen Mund; die Linien, die aufschlngelten, wurden von den
unbeweglichen Wangen zurckgeworfen, und so zappelte das Lcheln wie auf
einer Insel um seine Lippen. Die wulstigen Augenlider hingen. Das linke
Auge konnte er nur wenig ffnen. Krankhaft hell war seine Hautfarbe. Seine
Hoheit war unsglich, keiner kam ihm wirklich nahe; vor der krperlichen
Nhe der meisten Menschen seines Umgangs hatte er geradezu Angst. Der Prinz
hrte unentschlossen und gleichgltig seinem Vater zu. Er hing an seinem
Vater wie an einer gesegneten Sache, die man nicht beschnffelt, mit
Dankbarkeit empfngt. Sie sprachen von den mohammedanischen Unruhen.
Kia-king lenkte ab auf seine und des Kaisers Neigung, die Menagerien. Ein
grnschillernder Pfau stolzierte ber die Marmorbalustrade einer weien
Brcke. Ein ganz leichter Wind verzog das Bild der Brcke, das sich in dem
dunklen Wasser spiegelte. Er hob den Saum des gelben kaiserlichen Mantels
wenig an und schlenkerte Kia-kings goldene Grtelquaste.

Schon in der Nacht trat Regenschauer und Khle in die Purpurstadt. Zwei
Tage gnnte sich der Gelbe Herr Ruhe. Er sa morraspielend in der
Sulenhalle des kaiserlichen Wohnhauses. Dicht hinter ihn rckte man seinen
Schreibtisch aus massivem Gold, niedrig. Die Platte ruhte auf dem Rcken
eines Elefanten, dessen plumpe Beine die Sulen des Tisches bildeten; von
dem langen Gesicht des Literatengottes, der vor einer zierlichen Pagode
inmitten des Tisches stand, und von den Gewandfalten pflegte Khien-lung
seine Gedichte abzulesen. A-kui, sein Spamacher, der biedere Draufgnger,
kauerte dem Kaiser gegenber an der Ebenholzplatte. Ein untersetzter
kurzbeiniger Mann mit vierkantigem Gesicht und steifem Nacken. A-kui war
immer gleichmig; man konnte ihn in eine Ecke stellen und wieder
hervorholen: er bewegte sich, als wre nichts geschehen. Seine
Rauhbeinmanieren, heiseres Lachen, grobe Wendungen, galten als
sanktioniert, wurden gepflegt am Roten Hofe. Er selbst schien sich dessen
nicht bewut, zeigte sich unglcklich ber jede Verletzung der Etikette,
machte sich durch gelegentliche Versuche zur Vorsicht noch komischer. Er
spielte glnzend Morra, der Bauer, besser als Khien-lung. Bei einigen
verlautete, A-kui sei nicht nur geizig und habgierig, sondern direkt
unzuverlssig; er sei ein Intrigenflechter, ein Klatschtrger, der seine
Tolpatschigkeit krftig ausntze. Freilich bildete sich solch Gerede leicht
um hervorragende Hofmnner; die groen Verdienste A-kuis in dem schweren
Feldzug gegen die Miao-tses lieen anderen keine Ruhe. Wenn der graue
kaprizise Herrscher mit A-kui vor den Spielbrettern sa, lachten die
eleganten und hochgebildeten Herrschaften, die sich auf der
Fischfangterrasse damit vergngten, Drachen steigen zu lassen; sie glaubten
zu wissen, da der Kaiser seinen dummen Spavogel schnattern liee;
ernsthaft gehre er ihnen. Aber der Kaiser gehrte ihnen auf der
Fischfangterrasse und A-kui und andern; er brauchte vieles zu seinem Leben
und ging an allen vorber.

Am Morgen des zweiten Tages ritt Chao-hoei durch das Mittagstor und machte
den neunfachen Fufall vor Khien-lung im Palast der Hchsten Eintracht. Der
Gelbe Herr bestieg sein Pferd; es ging zum westlichen Blumentor hinaus und
in migem Trab um die drei Seen herum, Chao-hoei neben dem Kaiser, auf den
vogelzwitschernden Kohlenberg. Der hagere elastische Mandarin war nicht nur
berhmt durch seine unvergleichlichen Verdienste im Feldzug gegen die
Dsungaren an der Nordwestgrenze des Reiches; niemand verga, was der
elegante Mann geleistet hatte am grnen Ili; das knochig ausgearbeitete
Gesicht Chaos hatten die Schneestrme gebeizt; seine kleinen wenig
geflteten Ohren hatten mehr Todesschreie einlassen mssen, als irgendein
Mensch seiner Zeit. Chao-hoei, der den Titel: Bewacher eines Tores von
Pe-king erhielt, dem der Kaiser nach der Niederwerfung der Dsungaren mit
einer Teetasse an der Tr des Sommerpalastes entgegenkam, war auch berhmt
durch seine rechtliche Frau. Ihre Gedichte, ihre strmische und doch
gehaltene Prosa las Khien-lung oft. Hai-tang hie sie; sie war die Tochter
des ehemaligen Statthalters von An-hui. Als sie heirateten, erlangten sie
durch kaiserliche Dotation groe fruchtbare Lndereien im Hia-ho, dem
sdlichen Gebiet am Jang-tse-flu; noch jetzt sangen die Literaten dort am
Muschelkanal unter dem warmen Himmel von Hai-tangs Klugheit und
Lieblichkeit, von ihrer hohen Bildung, auch von ihrer Unbezhmbarkeit. Ihm
waren die berchtigten Ilitruppen, die Mordbrenner vom Ili unterstellt; man
hatte nicht gewagt diese Bestien zu entlassen; sie standen in Tschi-li als
Reservegarde.

Man ergtzte sich zwei Tage an dem Spiel der Kampfvgel, der Wami und
Chuschitscha, ruderte ber die knstlichen Lotosteiche. Kia-king, der
Thronfolger allein spazierte die Ufer entlang; er bestieg kein Boot; er
konnte die Ruderer nicht in seiner Nhe ertragen; er machte, eingeladen,
stets seine typische Bewegung: das abwehrende Aufstellen beider Hnde vor
der Brust; schon die Einladung bengstigte ihn und man mute ihn zu Hause
beruhigen, mit seidenen Tchern Gesicht und Hals abreiben.

Dann deckten den Gelben Herrn die schweren heiligen Laken der
Vergangenheit. Er tauchte in die grauenhafte Hhe, das abgttische Licht
seines Ranges ein; er fand sich an seinem bereiteten Platz. Mit keiner
Fingerbewegung rhrte er an die strengen Riten. Ohne den geheiligten Ritus
zersprang die Welt: die Erde lag fr sich da, die Menschen rannten
gegeneinander an, Luftgeister rasten, der Himmel rollte sich ein; alles
fiel sich an. Der Zusammenhang mit dem Himmel und der Unterwelt mute
festgehalten werden. Das Altertum und seine glanzvolle Blte, Kung-tse,
erkannte, da durch jede Bewegung des scheinbaren Alltags das Blut des
Himmels flieen msse; nichts war bedeutungslos. Darum entzog sich
Khien-lung rdernden Zeremonien nicht. Er war sich nicht zu gut dafr; er
pries sich glcklich, Trger dieser von Menschen unabhngigen furchtbaren
Dinge sein zu drfen.

Wenn er am Tage vor dem Himmelsopfer fastete und aus seinem reglosen
Gesicht die scharfen Augen blitzten, so wuten seine Diener so gut wie die
Priester, die Vertrauten des Gefolges, da dieser Mann nichts uerliches
tat. Das Mechanische ihrer Handlungen war durch einen einzigen Blick seiner
Augen aufgedeckt. Khien-lung betete wahrhaft, zum Erschauern echt, als Sohn
des Himmels.

Eines finsteren Herbstmorgens trug man den Gelben Herrn in den Ahnentempel.
Wie er die letzte Stufe stieg, prasselte ein Stein keine Handbreit vom
Kaiser entfernt auf die Plattform und zerspritzte. ber das bse Vorzeichen
verwirrt, ging der Kaiser hinein an die Tafeln, verrichtete die Gebete. Man
sah ihn im Wohnpalast in groer Zerstreutheit auf und ab gehen. Die Ahnen
lasteten auf Khien-lung; sie peitschten ihn. Der hitzige rastlose Mann
vermochte, je lter er wurde, seinen Vorfahren nicht gerecht zu werden. Ihn
schttelte, da er in die furchtbare Verantwortung des Nachfolgers geboren
war.

Dies war der Tag, an dem ihm der Bericht von der Mongolenstadt und dem
Untergang Ma-nohs vorgelegt werden mute. Ein Unterdrcken oder Verzgern
war nach dem erfolgten Einlauf der vizekniglichen Akte unmglich. Der
ersuchte Astronom berichtete nach einer Doppelstunde, da der gefallene
Stein ein Meteorbrckel war; unbewegt nahm der graue Herrscher die Meldung
an. Da man das kaiserliche Signum dieses Tages auf die Akte erhalten mute,
wandte sich der stellvertretende Vorsitzende des Hohen Rats an Kia-king.
Der, angewidert von der Feigheit des Menschen, bernahm den Vortrag. Der
Bericht des Tsong-tous war nackt; er begann mit dem Hinweis auf die
eingeleitete militrische Aktion gegen die Reste der Sekte, beschrieb die
eingeleitete Zernierung von Yang-chou, den letzten Stand der Truppen unter
den namentlich aufgefhrten Generlen, dann den Befund beim Anmarsch des
Heeres, wobei man die gesamte eingeschlossene Bevlkerung tot vorfand;
Wang-lun wurde als Mrder bezeichnet, das Gercht von einem Untergang durch
Dmonen nicht unterschlagen.

Kia-king, dem das Schaudern ber den Rcken lief, wog die Rolle in der
Hand. Wre er Kaiser, so wren innerhalb eines weiteren Tages der Vizeknig
von Tschi-li und smtliche beteiligten Generle hingerichtet worden, mit
Einschlu des Trgers der Botschaft und der Kuriere. Er bestellte fr den
Nachmittag drei Subdirektoren der Enzyklopdie zum Vortrag bei dem Gelben
Herrn, darunter den geistvollen Khui, der den Kaiser stets zu fesseln
verstand. Auf der Fischfangterrasse trug erst der stellvertretende
Vorsitzende des Hohen Rats Neuigkeiten vor von den Rstungen gegen Birma;
Khien-lung fragte lebhaft; Khui wurde vorgeschickt. Dann Kia-king. Der
Kaiser war noch halb versunken im Nachdenken ber die Zitate Khuis, als er
sein rotes Signum auf die Rolle zeichnete. Die Knaben sangen aus dem
dreidchrigen Pavillon der Instrumente im Wechselgesang mit zwei Chren im
Boot. Der Kaiser pltzlich wieder zerstreut schob eine Vase aus dem
Porzellan der blauen Familie zurck; er wollte Khui noch etwas fragen.
Dann: nicht Khui; er verstnde schon die Anspielung. Vielmehr was da
berichtet sei von den --. Kia-king in Unruhe meldete Details von den
Birmanen. Der Kaiser verblfft fragte, woher er die Details wte.
Kia-king: es sei doch eben vorgetragen worden. Und was ihn denn die
Birmanen interessierten neuerdings, da er so die Details behielte;
brigens dies sei es nicht; vielmehr htte doch Khiu --. Nach lngerem Hin-
und Herfragen und -blicken blieb der Kaiser an Kia-king haften: was er sich
nur fr Politik interessiere und was Kia-king selbst vorhin vorgetragen
habe, diese Lokalangelegenheit aus Tschi-li. Er wolle ihm einmal
demonstrieren, mit was fr Dingen man einen Kaiser belaste, was fr
Lappalien vor ihn kmen. Also die Akte. Der Thronfolger kniete neben dem
Kaiser, der ihm mit einem kleinen roten Stbchen Zeile nach Zeile des
Berichts vorlas. Schon nach dem ersten Drittel legte er das Stbchen hin,
las stumm, dann hie er Kia-king etwas von ihm entfernt hinzuknien. Und
eine Viertelstunde lang schwiegen die zehn Menschen um den lesenden Gelben
Herrn; den Gesang schien der Kaiser nicht zu hren, denn er verbot ihn
nicht. Ohne einen Blick auf einen einzigen des Gefolges zu werfen, erhob
sich der Kaiser rasch, die Rolle in der Hand, bestieg seine Snfte.

Was an diesem Tage abends sich weiter in der Purpurstadt begeben hat, ist
in Details nicht bekannt. Der Kaiser verblieb den Abend mit A-kui allein
auf dem Zimmer, nachdem ein Teil der Vertrauten das Zimmer aus
irgendwelchen Grnden, anscheinend wegen eines pltzlich ausbrechenden
Erregungszustandes des Kaisers hatten verlassen mssen. Weinend und
fassungslos soll Khien-lung drin ein wunderbares seltenes Gef zerschlagen
haben, das auf einer Porphyrsule stand: ein altes tellerfrmiges
Bronzegef, ein Lotosblatt, das von dem Rcken einer Blindschleiche
abglitt. Spt abends wurden zwei Astrologen in den dunklen Wohnpalast erst
gerufen, dann weggeschickt. Erst als die Obersten der Leibgarde unruhig
sich vor den kaiserlichen Fenstern bewegten, weil es drin zu lange still
blieb, schlug das Gong Khien-lungs an. Der sa in einer gezwungenen Haltung
vor den Trmmern der Schale; A-kui berbrachte mit drohendem Ernst den
Befehl, fr morgen den besonderen Staatsrat zusammenzurufen, sogleich fr
eine Reise nach dem Sommerpalast zu rsten. Die Majestt verlange in ihre
Schlafrume. Die Fackeltrger erschienen.

                   *       *       *       *       *

Am folgenden Nachmittag fand eine Beratung statt, in der der Zensorenhof
zur Untersuchung der Angelegenheit Ma-noh aufgefordert wurde. Den Morgen
darauf verlie der Gelbe Herr mit kleinem Gefolge fluchtartig die
Purpurstadt. Auf Booten fuhren sie ber die knstlichen Seen bei den
kaiserlichen Palsten, durch die nrdliche Stadtmauer den Abflu des
Kun-ming-husees hinauf. Keine Flten spielten auf den gelbbewimpelten
Booten: der frische Herbst griff in die Pinien der prchtigen Ufergrten,
lutete die feinen Glckchen, die zu Tausenden an den geschwungenen Dchern
der eleganten Lusthuser, der versteckten Pavillons hingen; aus den Booten
traf sie kein Blick. Die Ruder knarrten in den Gabeln, gleichmig schlugen
sie ein, man glitt unter die eisig weien Marmorbrcken, von Kao-liang-kao
bis herauf zur prunkvollen Buckelbrcke, lief in den Kun-ming-hu ein. In
der herrlichen Umgebung schien sich der Kaiser zu beruhigen. Die Zensoren
kamen herber aus Pe-king.

Viel mehr als die Unterhaltungen darber, ob in der Geschichte des Reiches
irgendwann Dmonen derart massenweise Menschen umgebracht htten, frderte
der Bericht der kommandierenden Generle die Einsicht: da sich ein
berchtigter Ruber, namens Wang-lun, der mehrere Morde begangen hatte, wie
man nachtrglich erfuhr, angeboten hatte, die Sekte innerhalb dreier Tage
zum Verschwinden zu bringen auf irgendeine Weise; dies zusammen mit
eigentmlichen Vorfllen in der bewohnten unteren Stadt Yangs vor dem
Untergang lege die Vermutung nahe, da Wang-lun sich der Brunnenvergiftung
mit noch unbekannten Helfershelfern schuldig gemacht hatte. Die Spuren des
in Schan-tung und Tschi-li berchtigten Mannes, der bei dem gemeinen Volk
als Zauberer in ganz ungewhnlichem Ansehen stehe, wurden zur Zeit
verfolgt.

Khien-lung schlotterte und fror vor Entsetzen. Er meinte zu Chao-hoei, es
sei unmglich, sich in solch Ungeheuer hineindenken; das seien in der Tat
Handlungen, die man nicht messen knnte. Er verfgte mit einer gewissen
Lauheit, einer rtselhaften Nachdenklichkeit die mglichst rasche Festnahme
des Mrders, sofortiges Transportieren nach Pe-king; keine Vernehmung; die
einzige Vernehmung Wang-luns werde er selbst vornehmen. Niemand durfte den
Namen Kia-kings erwhnen.

Fr die Minister war mit der Entscheidung die Sache zu Ende. Der Kaiser
aber wlzte sie in sich. Der eben genesene Mann war mehr als je geneigt,
auf Dinge von auen zu achten, zusammenzufahren beim Klirren unbekannter
Ereignisse. Wund, gereizt lie er nicht los. Er schnffelte nach
Zusammenhngen, Winken, Stimmen.

Blieb in Jan-ming-yuen nicht lange; schon nach einem Monat brach der
kaiserliche Hofstaat nach dem sdwestlich von Pe-king gelegenen Dorf
Ko-lo-tor auf, wo sich das Kloster Tsiu-tai-tse, eine riesige Anlage, in
der bergigen Fichtenwaldung dehnte. Dies war Khien-lungs
Lieblingsaufenthalt; der ungehinderte Blick auf die tausenddchrige Stadt
fand Sttigung; die feinen Pavillons auf dem Kohlenberg blitzten auf;
weies Schimmern der Lou-kou-kiao-Brcke; dicht vor den Fen die Wellen
des grnlichen Hun-ho.

Whrend der alte Herrscher auf der Terrasse sann und sann und Pe-king wie
ein Vertriebener mied, sprhte das freche Vergngen in der Roten Stadt; der
dicke Kia-king benahm sich wie ein Aufsssiger. Jenen stellvertretenden
Vorsitzenden des Hohen Rates lie er gelegentlich eines Etikettenverstoes
ohne Ermchtigung des Kaisers durchpeitschen. Dem Gelben Herrn drohte er
Rache, weil er es wagte mit ihm umzuspringen. Mit einem Ruck, zu dem ihn
die Angst vor Beunruhigung drngte, machte er sich entschlossen von der
erschtternden Sache los. Er strich besnftigend an sich herum, gab sich
gute Worte. Am Hofe inszenierte er Spe, Roheiten. Aufzge veranstaltete
er, die sich zu Travestien hoher und hchster Personen auswuchsen. Als
verlautete, da der Gelbe Herr zurckkehre, entwich er mit seinen Gauklern
und Musikern nach dem Wan-wu-schan, wo auf dem Berge der Nephritquelle sein
Haus stand, unter dem Schutz einer hohen Pagode aus der Zeit des groen
Mandschukaisers Khang-hi.

                   *       *       *       *       *

An Khien-lung entwirkte sich ungehindert, whrend an den Grenzen des
Reiches ungewohnte Ruhe herrschte, mehr und mehr jenes grausige Ereignis.
Er begriff die Nachdenklichkeit der Hofastrologen, die vielfache
Zerstreutheit seiner Zensoren; sie erwogen, was mancherlei, das sie nicht
sagten, vor allem dieser Untergang, dieses unerhrt scheuliche Unglck
bedeute, welche Instanz verantwortlich gemacht werden mte. Der Kaiser
wollte dem Lanzensto nicht ausweichen; er war der Lenker des Reiches; der
Himmel redete, was er redete, nur zu ihm.

Drei Zensoren trieb er, auffahrend aus unzugnglicher Stummheit, noch
einmal im Winter zur Untersuchung des Falls nach der Mongolenstadt
Yang-chou. Sie kamen kopfschttelnd zurck: es handle sich um eine der
vielen verbotenen Sekten, die den Geist der kleinen Leute verwirren und die
Provinzen verarmen.

Khien-lung hhnte ber diese ablenkende Erklrung; Vorgnge von solcher
Ungeheuerlichkeit konnte man nicht rationalistisch erklren.

Im zehnten Monat des Jahres liefen die kaiserlichen Kuriere eines Tages
nach Pe-king hinein, in dieses ummauerte Areal, das neben Wiesen,
Brachland, auch eine Stadt trug, die sich auf Stunden zu einem
berschlagenden Geschrei aufqulte. A-kui wurde zu Khien-lung geladen, der
treue Chao-hoei, Song, der Geschichtskenner, und einige andere.

In der Halle des Geistigen Wachstums, dem Yang-hsin-tien, empfing sie der
Kaiser, in einem hohen schmalen Raum, der nur zu geheimen Vorberatungen
diente. Eine absolute Stille herrschte, nachdem der Kaiser erschienen war
und die Gste sich niedergeworfen hatten; dann nahmen sie auf ein Wort des
Herrschers Platz. Mit einem riesigen gelben Seidenstoff war die Decke der
kleinen Halle bespannt; ein mchtiger Drache, in Gold, blau und rot
gestickt, rauschte ber die gleichmig gerafften Seidenfalten, die in der
Mitte der Decke sich zusammenschlossen. Die Fenster waren verhngt trotz
des Tageslichts; schwere Bronzeampeln, an Ketten hngend, durchbrachen die
seidene Decke, warfen ihr rtliches llicht ber die teppichbekleideten
Stufen, den Herrn in der gelben Jacke und die prunkenden stillen Gste.
Lautlos bewegten sich oben und unten die jungen Eunuchen, trugen auf den
goldenen Servicen Tee auf. Khien-lung hielt, das Tchen ber seine Gste
schwingend, sein Porzellanschlchen noch lange in der Hand und las den
Vers, der auf dem Tchen stand, den er selbst gedichtet hatte: ber ein
gelindes Feuer setze einen Dreifu, dessen Farbe und Korn seinen langen
Gebrauch zeigen, flle ihn mit reinem Schneewasser, koche es so lange, als
es erforderlich wre, Fische wei und Krebse rot zu machen. Gie es auf die
zarten Blten von erlesenem Tee in eine Tasse von Ju-eh. La es so lange
stehen, bis der Dampf in einer Wolke emporsteigt und auf der Oberflche nur
einen dnnen schwimmenden Nebel zurcklt. Trink diese kstliche
Flssigkeit, wie es dir bequem ist; so wirst du die fnf Ursachen des
Mimuts vertreiben. Ich kann diesen Zustand der Ruhe nur schmecken und
empfinden, nicht beschreiben.

Die harte leise Stimme des Gelben Herrn tnte. Die Umtriebe im Lande,
besonders die nrdlichen Provinzen erfordern verschrfte Aufmerksamkeit.
Die sogenannte Wu-weisekte sei gebildet von einem Manne namens Wang-lun;
Zwistigkeit unter den Anhngern habe zur Ablsung einer Gruppe gefhrt, die
sich den schimpflichen Namen Gebrochene Melone gab und offene Rebellion
trieb. Die Wu-weisekte sei selbst scheinbar vom Boden verschwunden, ebenso
Wang-lun; man msse den Leuten nachspren, die sich in die groen Stdte
und Landbevlkerung eingegraben htten.

Song erklrte, es sei Chen-yuen-li, der Tsong-tou von Tschi-li, ebenso
S-tsi, Gouverneur von Schan-tung, orientiert worden. Der geheime
Beobachtungsdienst in den Stdten wre vermehrt; die Kontrolle ber
pltzliche Todesflle, unerklrliche Angriffe, erfhre mehrfache
Verbesserungen; die Aufsicht ber Zuzug und Abwanderung sei auf Drfern wie
Stdten der beiden bedrohten Provinzen in strengster Weise geregelt, die
Oberaufsicht und Listenfhrung absolut zuverlssigen Beamten anvertraut.

Der Kaiser sprach: Ich habe verboten, da die Elitetruppen der Exzellenz
Chao-hoei vor meinem besonderen Befehl aufgelst werden. Ich behalte mir
vor, diese Truppen gegen die Aufrhrer zu verwenden; schon jetzt ordne ich
an, Exzellenz Chao, da Sie mit Ihren kriegsmig ausgersteten
Mannschaften sich nrdlich von Pe-king konzentrieren. Die lokalen Behrden
mgen bekannt machen durch Maueranschlge und Ausrufer, da von
Zivilmanahmen abgesehen werden wird; die siegreichen Elitetruppen der
Exzellenz Chao werden ermchtigt, unter Mitwirkung des Tsong-tous
unmittelbar gegen verrterische Ortschaften vorzugehen.

Liu-ngoh, ehemaliger Vizeknig von Tschi-li war anwesend; gebeugte groe
Gestalt mit langem Kinnbart; erschreckt wie die andern warnte er vor
scharfen Drohungen, die eine unerwartete Wirkung ben knnten; der
antidynastische Charakter der Wu-weisekte stnde nicht fest, nicht einmal
das Vorhandensein dieser Sekte sei erwiesen; man knne mit den Drohungen
etwaige berreste der Sekte strken, unruhige Elemente zusammenfhren.

Chao-hoei, die Spannung in dem kaiserlichen Gesicht erkennend, replizierte;
er wies auf das Faktum hin, da vor einem Monat vierzig Mnner und Frauen
im Distrikt Ta-ming ergriffen seien, zugestandene Anhnger Wang-luns, die
unter den Provinzialtruppen agitierten gegen den Krieg und die kriegerische
volksfeindliche Reine Dynastie.

Khien-lung fixierte eisig den alten Vizeknig. Was will man gegen die
Reine Dynastie? Meine Ahnen sind nicht freiwillig in das Land der blumigen
Mitte heruntergestiegen. Wenn wir Tai-tsings nicht gekommen wren, wo wre
dies Land heute?

Nach einer Pause hitzigen Vorsichhinstarrens fuhr Khien-lung fort: Die
Herren, die zu begren ich die Ehre hatte, sind keine Astrologen. Meine
Astrologen sind gewissenhafte Gelehrte; sie brauchen viel Zeit, um ein
Resultat herauszurechnen. Jetzt sind sie mit einer Vermutung sehr rasch
gewesen; sie haben eine Vermutung ausgesprochen, bevor ich eine Frage
gestellt habe. Auch die drei Zensoren, die diesen Winter gereist sind, um
das Unheil in der Mongolenstadt Yang-chous aufzuklren, haben mir eine
verste Vermutung zurckgebracht. Wenn irgendwo ein Haus, ein Theater, ein
Regierungsgebude brennt, so gilt dafr verantwortlich, neben dem
Stadtgott, der Tao-tai bis zum Feuerlschmann und Polizisten. Die alten
Bcher sagen, da dies Verfahren nicht auf einen auergewhnlichen Vorgang
anzuwenden sei: das weitere knnen sich meine Herren Berater denken. Nach
Vermutung, zehnfach verheimlichter, eingewickelter, kandierter Vermutung
der Astrologen und Zensoren soll ich mich an die Stirn fassen und in den
Himmelstempel gehen, mich rechtfertigen, Shneopfer bringen, fragen.

Ketzereigesetze, begann A-kui mit ungelter Stimme, sind notwendig. Sie
sind nicht erst von Eurer Majestt erfunden und angewandt. Das Handeln der
Wu-weileute und der unfltigen Sekte fllt unter die Bestimmungen dieser
Gesetze.

Folglich, schlo Chao-hoei, liegt hier ein ordnungsmiges Ereignis vor
mit sachlichem Abschlu.

Die achtzehn Provinzen, Tibet, Ili, die Inseln fasse ich nicht mehr. Ein
kleines Ereignis wahrscheinlich, die Tat dieses Wang-lun kommt mir zu
Ohren: was hre ich alles nicht? Und nichtsdestoweniger hat man mich
hingesetzt auf den Drachenthron, damit ich sehe, aufnehme, lenke, dem
Himmel verantworte. Woher soll ich die Kraft nehmen! Und wie kann ein
einzelner gebrechlicher Krper die Foltern tragen, die ihm auferlegt werden
mssen fr so viel Fahrlssigkeit, Nachlssigkeit. Da man mir nicht
beisteht, entschuldigt mich nicht. Sie klagen mich nicht an. Sie leisten
mir nicht viel. Wang-lun luft noch im Lande herum. Die Sache hat eine
Stimme, die ich deutlich, deutlich schreien und warnen hre, und Sie
bleiben meine Lobredner.

Chao-hoei wollte bitten, etwas sagen zu drfen; er trat vor Song, der schon
den Teppich mit der gelehrten Stirn drckte, zurck: Die Dinge, die Eure
Majestt berhren, sind in der Tat zu fein, um nur von politisch und
militrisch geschulten Mnnern beraten zu werden. Ich mchte den Vorschlag
unterbreiten, eine Kommission zu ernennen aus den fnf ltesten Astrologen
und drei politisch orientierten Dienern Eurer Majestt. Mag diese
Kommission befhigt sein, den Fall allseitig und grndlich klar zu stellen
und Bericht an Eure Majestt und den Zensorenhof zu erstatten.

Chao-hoei, der weichlicher war als er erschien, bat mit zitternder Stimme:
Wie immer Eure Majestt sich entschliet, wollen Sie nicht Abstand nehmen
von Ihrem ersten Befehl: die nrdliche Residenz militrisch zu schtzen.

Khien-lung suchte langsam mit den Augen einen nach dem andern ab. Dann
nickte er, streckte den fein geformten Kopf vor, als wenn er etwas mit
Nachdruck sagen wollte; er redete leiser als sonst: Veranlassen Sie die
Einsetzung der gemischten Kommission. Der Direktor der westlichen Wege der
Provinz hat mir berichtet, da der Winter dieses Jahr kurz und sanft zu
verlaufen scheint; die Wege von Tibet werden schon in den Talpartien frei.
Ich hoffe noch auf einen andern, auerordentlichen Ratgeber. Ich drste
nach dem Ozean der Weisheit, dem Taschi-Lama Lobsang Paldan Jische. Dies
wollte ich Ihnen sagen. Denken Sie nach, Durchlaucht Song, Exzellenzen
A-kui, Chao-hoei, mit meinen Astrologen; ich habe Sie zwar ausgezeichnet,
aber Sie sind mir noch mehr, viel mehr schuldig.

                   *       *       *       *       *

Und dies war in der Tat schon vor der Beratung in dem Palast des Geistigen
Wachstums geschehen: Khien-lung hatte einen Brief an jenen Mann
geschrieben, an jenen Weisheitsozean. In einer unsicheren Scham verschwieg
es der Kaiser. Dreimal hatte der Gelbe Herr ihn in frheren Jahren zu sich
gebeten; der Taschi-Lama, Lobsang Paldan Jische, tibetanischer Papst der
lamaischen Kirche, Stellvertreter des unmndigen Dalai-Lama lehnte ab; er
fhle sich in seinem hohen Alter der Reise nicht gewachsen; im Grunde wute
der weise Mann, da er als Vasall und Tributtrger vor den stlichen
Herrscher treten solle. Jetzt ergriff den Kaiser auf eine leidenschaftliche
Weise der Wunsch nach dem ungeheuren Menschen im Westen. Der Brief, in
einer groen Hoheit geschrieben, bemht keine Hilflosigkeit durchscheinen
zu lassen, wies erst politisch auf die Freundschaft, die der Taschi-Lama
dem Georg Bowle bei dessen Besuch in Taschi-Lunpo erwiesen hatte, dem
Gesandten der Englnder aus Indien, dem fremden Mann. Khien-lung billige
diese Freundschaft, denn er erkenne daran, wie weit sich der Einflu
lamaischen Wissens erstrecke und da auch barbarische Vlker durch den
Papst Anschlu an das beschtzende Reich der blumigen Mitte suchten. Er
sehne sich danach, persnlich den Mann zu sprechen, der stndlich zeige,
da er den Buddha Amithaba verkrpere. Ich bin jetzt so alt, und die
einzige Wohltat, die ich genieen kann, ehe ich das Leben verlasse, wird
die sein, Sie zu sehen und mit dem gttlichen Taschi-Lama gemeinsam zu
beten.

Der Taschi-Lama Lobsang Paldan Jische war wenig jnger als der Kaiser. Er
zgerte lange mit der Antwort auf die Einladung Khien-lungs. Der Mann,
dessen Augen so dunkel blitzten wie der trkisblaue See Tsomawang, in dem
sich der ungeheure Kailasberg spiegelt und der Gott Schiwa wohnt, wartete
zwei volle Tage beklommen, bevor er aus den Hnden des chinesischen
Residenten den eigenhndigen Brief des stlichen Weltbeherrschers
entgegennahm. Er fastete diese beiden Tage, verlie seine Zelle nicht, im
Labrang, seinem Kloster gegenber der weidchrigen Stadt Schigatse im
Flutal des Ngang-tschu.

Die Ringmauern der Klosterstadt waren am Morgen des dritten Tages mit einem
Reif bedeckt; der goldene berzug der prunkvollen Grabkapellen frherer
Lamas war erblindet; der weie Wollschal, den der Grolama am Fenster
sitzend um den Hals geschlungen hatte, spielte mit seinen Fransen ber den
schwarzen massiven Fensterrahmen, tastete, im scharfen Wind zuckend, ber
die verwitterten Steine der Fassade.

Erst da verwandelte sich die Botschaft des Kaisers vor dem versunkenen
Manne, wich von ihm ab.

Paldan Jische war ein fleischerner Mensch gewesen; etwas Sterbliches,
Kleinliches hatte aus einem Winkel durch die Gewlbe seines Geistes
geblasen. Whrend der zwei Tage des Zgerns bedeutete ihm der stliche
Kaiser Khien-lung etwas.

Jische hatte fr sein Fleisch gefrchtet.

Die Augen des unvergleichlichen Mannes blickten wieder warm, mitleidsvoll;
in einer leisen Scham trat er vom Fenster zurck.

Der Gesandte Khien-lungs mchte kommen; es wrde ihm eine tiefe Freude
sein, den Brief des stlichen Herrschers zu lesen. Viel spter darauf
erfolgte die Zusage, nachdem fast einen Monat hindurch seine Umgebung in
ihn gedrungen hatte abzulehnen. Sie konnten die Ruhe des Heiligen nicht
mehr stren; er sah in den Gesichtern seiner Schler, bte, Doktoren,
Gelehrten dieselbe Angst whlen, die seinen Leib zwei Tage geknetet hatte.

Lobsang Paldan Jische stammte aus der sdlichen Provinz Tibets; sein Vater
war der tchtigste Zivilverwalter des Schneelandes gewesen, die
unentbehrliche Sttze des gelehrten und trumerischen Chu-tuk-tu, dem die
Provinz bergeben war. Als der Taschi-Lama starb, sein Vorgnger, war
Paldan Jische drei Jahre alt.

Drei schne kluge Knaben standen vor dem alten Dalai-Lama unter der
goldstrahlenden Kuppel seines Labrang in Lhassa. Zusammen mit den hchsten
bten betete er inbrunstvoll vor dem hundertarmigen Buddha, dessen
Verkrperung er selbst war. Als er sich lchelnd nach den Kindern umsah,
traf sein Blick zuerst die dunkelbraunen Augen des kleinen Jische, der in
einem rtselhaften Ernst seinen Blick ertrug. So wurde in dem Kinde die
wandernde Seele des Taschi-Lama erkannt.

Er wurde seinem Vater entrissen, einsam gehalten die folgenden Jahre;
kannte keine Spiele, keine Spaziergnge durch die belebten Straen, sah
keinen Knaben, kein Mdchen. Die Welt trat vor ihn nur in den Pilgerzgen,
die in den Hfen Lhassas eintrafen, um einen kleinen Moment den Dalai-Lama
zu sehen, der rasch und freundlich nickend in seine Kapelle oder zu einer
Doktorpromotion ging. Immer geschah dasselbe: Gebete, Niederwrfe,
verzckte Gre.

In diese Gleichmigkeit wuchs Jische hinein, ohne Erregung und Ablenkung.
Er mute den Kopf neigen wie der Dalai-Lama. Alte Mnner, Bettler, hohe
Priester krmmten den Rcken vor ihm; mit seiner Person wurde ein
grausiger, unirdischer Ernst verknpft; Jische kannte und sah nichts
anderes.

Er erschrak nicht vor sich. Er lernte die ungeheuren Zusammenhnge der
Welten und ihre starre Verflochtenheit kennen. Die Weltalter dreier Buddhas
waren ehemals, das Weltalter des Cakya-muni bestand; der Maitreya sollte
kommen. Ein weltbefreiender Geist, der Buddha Amithaba wuchs in ihm; er
durfte nur sorgsam auf die Regungen des Wandernden lauschen, sich jeder
eigenen Bewegung entschlagen.

Jische reifte. Seine Weisheit war umfassend. Er lebte schon wie der
Dalai-Lama in dem tiefen Glcksgefhl, der reinen Erkenntnis und dem
schweren Mitleid. Den Platz, den er im Weltensystem einnahm, kannte er. Da
wurde er nach Taschi-Lunpo gefhrt als Lehrer der groen Theorien.

Die Jahrzehnte verstrichen. Mit dem Alter wuchs in dem Ehrwrdigen der
Reinen Andacht das Gefhl der Gre seiner Aufgabe. Das Leiden, das er in
Nhe und Ferne sah, erschtterte ihn gewaltsam. Dies war in der Tat die
Welt, auf die noch die Welt eines Maitreya folgen mute; die Buddhas dieser
Epoche und ihre Emanationen reichten nicht aus fr die niederringende,
niederklafternde Last des Leidens und Verderbens.

Monate vor dem Aufbruch richtete sich der Strom der frommen Bettler, Pilger
und Pilgerinnen aus allen Provinzen und der Mongolei auf Taschi-Lunpo.
Viele, die die golddchrige Priesterstadt erreichten, begannen den Weg, den
der Heilige gehen sollte, in ihrer Weise abzuwandern: sie warfen sich lang
hin, zeichneten mit einem Stein die Stelle ihrer Stirn, traten auf den
Strich, warfen sich hin und maen so die Strecke mit ihrem Leib.

Von Lhassa zogen Karawanen sdwestlich nach Lunpo; sie schwenkten auf den
Reiseweg des Lamas ein; die Strecken, die sie gegangen waren, erkannte man.
Zahllose Gebetswimpel hingen an Schnren von Baum zu Baum, von Stange zu
Stange: Steinhaufen mit den beseligenden sechs Silben om mani padme hum
wlzten sie auf. Auf den Pssen und Bergen legten sie Schulterbltter von
Schafen nieder. Sie rissen sich Zhne aus und stopften sie zum Opfer in die
Ritzen der Felsblcke; schnitten sich die Haare ab, banden sie mit Schnren
zusammen, lieen sie flattern neben bunten Lappen.

Dann erfllte der Zug die engen Straen, verlassend die Klosterhuser mit
den karmesinfarbenen Brustwehren, dem Purpur der Erker, den steilen Wnden,
dem Drber und Drunter der Felsentreppen, Dcher und Zellen. Das
goldprunkende Labrang blickte aus seinen schwarzumrandeten Fenstern hinter
der heiligen Karawane her, wie eine Witwe, der die Trnen erfrieren. Bunte
Wimpel huschten, Posaunen schrieen. Lobsang Paldan Jische, der Ozean an
Weisheit und Gte, hatte sich auf den Weg nach Pe-king gemacht.

Es war Winter geworden. Das ungeheure Aufgebot, das den lamaischen Papst
begleitete, rckte schwerfllig vor. Baumlose Steppen nahmen kein Ende. Auf
dem harten Boden standen Dornenstruche, kmmerliche Kiefern und Fichten.
Kalte Luft wehte. In kostbarer geschnitzter und bemalter Snfte mit gelben
Seidenvorhngen trugen vier Mnche den Heiligen, der mit untergeschlagenen
Beinen reglos auf dem roten Polster hockte mit bloem kahlgeschorenem Kopf.
Seine Ohren waren gro, lang ausgezogen; er trug ein schwarzes
blaubesticktes Seidenkleid mit weiten Pelzrmeln. Bltter aus dem
Kan-dschur vor ihm.

Im Gewimmel um ihn die Lehrlinge, die Geweihten, Doktoren, Magier,
Mediziner, die ausgewhlt waren. Der Zug vergrerte sich im Vorrcken;
Gelehrte der Mongolei und aus Indien schlossen sich an.

Die ganze finstere Heiligkeit der Tempel begleitete den Lama. Priester
schwangen auf den Wegen, die sonst Karawanen mit Ziegeltee und Seidenballen
zogen, die furchtbaren Handtrommeln: zwei Menschenschdel, mit den
Scheiteln aneinander geschlossen und fellberspannt.

In der Snfte des Papstes zu seiner Rechten eine herrliche Schdelschale in
Gold gefat mit gebuckeltem Golddeckel; sie ruhte auf einem dreieckigen
Untersatz aus schwarzem Marmor; an den drei Ecken sttzten die gelbweie
Schale kleine steinerne Menschenkpfe, in rot, blau und schwarz.

Von Zeit zu Zeit, wenn man zur Andacht haltmachte, bliesen die Trompeten
aus Menschenknochen; in einem Bronzeansatz mit weiten Nstern endeten sie;
ihr Tnen erinnerte an das Wiehern jenes Pferdes, das die Geister in die
Freudenhimmel trgt.

Vor den wandernden Doktoren, die in spitzen, gelben Filzhten gingen, auf
deren Rckseite flauschige Kmme in die Nacken liefen, zogen riesige Jaks
die ungeheuren und beispiellos kunstvollen Gebetsmhlen auf Karren.

Einheimische Tunguten in kleiner Zahl, dazu fnfzehnhundert kaiserliche
Soldaten deckten den Zug. Nordstlich schob man sich vor, an dem blauen See
vorbei, dem Tsomawang, auf dessen Grund der Gott in einem Trkiszelt haust.

Ungeheuer ragte der Eisgipfel des heiligen Kailasberges herber. Nach
vielen Tagereisen kam man auf die Schneefelder und Berge, die zum Kukunor
fhren. Jetzt setzten die gefrchteten Nordstrme ein. Der heilige Zug,
sich in Tler senkend, ber Bergrcken windend, begegnete auf allen Wegen
den Spuren des weien Todes, Tierleichen, Menschengebeinen. Hier waren auf
jedem Pa bittende Fhnchen, Knochen hingelegt fr die furchtbaren Gtter.

Und die furchtbaren Gtter gaben auch den gnadenvollen Wanderern von
Taschi-Lunpo das Geleite. Jamantaka, der grausigste der Gttergespenster,
schrie gefrig im Sturm ber die grenzenlose Einsamkeit der Wege und fiel
die Jaks, die Maulesel und Menschen an, er mit dem Stierkopf und der
Pyramide von neun Kpfen, sechzehn Beinen, vierunddreiig Armen. Aus den
schwingenden Armen sausten die eisernen Speere, er zerfleischte die
Menschenkrper, fra ihre Herzen, soff ihr Blut, er, der das Entsetzen
verbreitete aus seiner Feste, die er durch sechzehn Tore verlassen konnte.
Den Geweihten und Heiligen vermochte er nichts anzutun; die Dragsed,
hllische Weiber kmpften gegen ihn, von den Magiern beschworen.

In den grausigen Bezirken rckte man langsam vor. Man betrat unter
Dankgebeten die Provinz Am-do, die dicht an der Grenze der kaiserlichen
Provinz Kan-su gelegen war. Dann traf man in der herrlichen talversenkten
Klosterstadt Kumbum ein. Das Haus des Erneuerers der Gelben Kirche, des
heiligen Tsonkapa, des Lehrers der Tugendsekte, trumte noch unter dem
schnen Sandelholzbaum. Nach Osten ein Wall von Eis und Schnee.

Der gelbe Gott verharrte hier den Winter hindurch. Die Welt hatte einen
neuen Mittelpunkt. Die Strme der Wallfahrten und Karawanen endeten hier.
Ein mongolischer Huptling, dessen Scheitel Paldan Jische berhrte,
schenkte ihm dreihundert Pferde, siebzig Maulesel, hundert Kamele, tausend
Stck Brokat, einhundertfnfzigtausend Mark Silber. Fr rmste und Arme
legte er tglich an tausendmal seine Hand auf safranbestrichenes Papier.
Das Land schlrfte glckselig an dem Gott, der sich verschwendete.

                   *       *       *       *       *

Dann war der Winter und erste Frhling vergangen. Eine Ehrenwache von
zehntausend Mann zog dem heiligen Tibetaner entgegen; es dauerte noch
sechzig Tage, bis die wundertragende Karawane unter dem Geleit kaiserlicher
Prinzen und des lamaischen Erzbischofs des Reiches, des Tschan-tscha
Chu-tuk-tu, die westlichen Provinzen, die groe Mauer, Dolonor berwunden
hatte und sich dem marmorstrahlenden, gesangerfllten Lustschlo Jehol
nherte. Der Grolama bedurfte seines Schirmtrgers nicht nach dem Eintritt
in den kaiserlichen Garten; es waren an niedrigen bemalten Stangen
Seidengewebe, bauschige gestickte Kostbarkeiten aufgehngt ber den Weg,
den der Hochwrdige ging zwischen den schwarzen himmelhohen Zypressen und
schlanken Thujen. Rote und weie Lotosblten lagen auf der schimmernd
braunen Erde, die seine Sohlen betreten sollten.

Aber an dem eisernen Gitter blieb der Taschi-Lama stehen. Er weigerte sich,
die Blumen zu zermalmen. Er blieb in der warmen Luft fast eine halbe Stunde
vor dem offenen Eingang stehen. Alles verzgerte sich; man rumte hastig
drin von den Gngen die Blten weg; wehmtig verfolgte Paldan Jische die
Arbeit; auch die bte und Doktoren hinter ihm standen mit gesenkten Kpfen
da, peinlich betroffen von diesem barbarischen Empfang.

Und als dann der tibetische Papst auf seinem Wege seitlich neben einem
Zypressenstamm einen kleinen Haufen der zusammengefegten Lilienleichen sah,
konnte er sich nicht enthalten, in einer Art Grauen stehen zu bleiben, zu
dem Hgelchen hinberzugehen und in Gegenwart des goldberladenen
Hofstaats, der singenden, fhnchenwedelnden Chre auf der bloen Erde
hinzuknieen, Blte um Blte mit den segnenden Hnden zu berhren.

Eine breite Allee fhrte gerade auf das Schlo. Als von der Schloterrasse
der Zug sichtbar wurde, die Gongschlger und Posaunenblser voraus, ging
ein einzelner Mann im gelben Seidenkleide rasch die drei Marmorstufen
herunter; das Gefolge wich auseinander bis vor dem Taschi-Lama; zwischen
zwei der riesigen Zypressen wurden Khien-lung und Lobsang Paldan Jische
einander ansichtig, der schlanke graubrtige Herr der Gelben Erde und der
groe etwas fette Papst, dessen Gesicht einen Schatten von Trauer trug. Er
hatte die hohe Mitra auf dem Kopfe; sein goldfarbener Goldmantel war ber
und ber bestickt mit Buddhafiguren und anbetenden Heiligen. Vor der Brust
trug er zwei ausgestopfte rmel, mit knstlichen weien Hnden, die sich
falteten; Jische verkrperte einen vielarmigen Buddha.

Vierzig Schritte kam Khien-lung dem bronzefarbenen Mann mit den weichen
Lippen und den glnzenden stillen Augen entgegen; sie verneigten sich
gegeneinander; die Musik schwieg.

Leise, seufzend pries sich der Gelbe Herr, da ihm der Himmel das Glck
dieser Minute verliehen habe vor dem Sterben, hie den Heiligen willkommen,
wollte sich tief vor ihm bcken.

Aber der Hochwrdige hielt ihn bei den Ellenbogen, trat, um weiterzugehen,
neben den Kaiser. Der war verwirrt und stand noch lippenbewegend da. Sie
gingen dann beide, nur von den Fchertrgern begleitet, ber die drei
Marmorstufen und die Terrasse in die Zimmer, die dem Geistlichen Herrscher
bestimmt waren, wo sich Khien-lung rasch verabschiedete.

Tage wurden ausgefllt mit Besuch, Gegenbesuch, Festmhlern,
Geschenkaustausch. In einem Seitenflgel des Palastes war eine Halle
hergerichtet worden, ganz gesondert fr sich, nach drei Seiten freistehend,
nur durch die Trwand mit dem Hauptgebude verbunden; in diesem luftigen
Raum, in dessen Mitte sich drei Sessel auf schwerem Teppich erhoben, fanden
die Unterredungen des Heiligen mit dem Gelben Herrn in Gegenwart des
Tschan-tscha Chu-tuk-tu statt, zweimal ohne seine Anwesenheit.

Ein Altar mit der riesengroen Statue eines sitzenden Buddhas aus Gold
blickte zu den drei Pltzen hin, auf dessen erhhtem mittleren der
Pantschen Rinpotsche, das hochwrdige groe Lehrerjuwel vom Gnadenberg in
Tibet, sich bald nach rechts, bald nach links neigte und dem Kaiser und dem
Kardinal geheimste religise Worte ins Ohr flsterte. Eines Tages riefen
mongolische Karawanen, die bis dicht vor Jehol gereist waren, den
Tschan-tscha ab, um Streitigkeiten bei ihnen in letzter Instanz zu
schlichten; dies war heimlich von Khien-lung veranlat worden. Die beiden
Tage, an denen der eine Sessel leer blieb, konnte sich Khien-lung ergehen.

Wie immer bei den Unterhaltungen war die Halle auf dreiig Schritt von der
kaiserlichen Leibwache umstellt; die drei anstoenden Zimmer wurden
verschlossen, Posten vor die Tre des entferntesten Zimmers gestellt.
Khien-lung rckte seinen Sessel halb von dem mittleren ab, so da er dem
Pantschen Rinpotsche schrg gegenber sa und dem Altar an der Fensterwand
leicht den Rcken kehrte. Paldan Jische lie nachdenklich seinen Kopf auf
die Brust sinken, zog den Rosenkranz durch die Finger der rechten bloen
Hand, kleine unregelmige weie Kugeln aus Menschenknochen mit Edelsteinen
besetzt.

Bevor er aus seiner Kontemplation auftauchte, fing Khien-lung, der die Arme
verschrnkte, zu reden an: Eure Heiligkeit haben mir Unwrdigen so viel
gegeben; meine Seele glttet sich. Ich bin zwar Kaiser, aber nur ein
Mensch. Ich bin der Sohn des Himmels, aber vor der Innigkeit Ihrer
Beziehung zu den groen Weltherrschern schauere ich. Manchmal schrieb ich
Gedichte; meine Akademie, der glnzende Pinselwald, lobte sie; ich vermag,
vergeben es Eure Heiligkeit, zu Ihnen kaum eine menschliche Stellung
gewinnen. Mgen in Ihrem Lande der Grser und schwarzen Zelte die Leute
gewhnt sein an Sie, an Ihre Milde, Ihre berwltigende Gesinnung; ich
vermchte weder Sie persnlich, noch was Sie mir sagten, zu trumen, zu
dichten.

Die Majestt beschtzt mein kleines, armseliges Schneeland. Wir nehmen ein
Winkelchen ein in dem Haus, das Eure Majestt beschtzt. Cakya-muni hat
seine Laufbahn in dem sdlichen Lande beendet; meinem eisigen
verschlossenen Lande ist die Pflege seiner ewigen Lehren berlassen
geblieben. Die Geister sind bei uns; die Wiedergeburten der kostbarsten
Buddhas erlebt das kahle Gebirge, das den Tod speit und die Klte haucht
wie eine der verheienen Eishllen.

Die Erde bebt nicht unter dem Atem. Alle Mnder schnappen nach dieser
Luft, die vom todspeienden Gebirge ausgeht.

Eure Majestt ist ein weiser frommer Krieger. Sie suchen die Lnder, die
Ihnen zustehen, zu gewinnen. Tibet hat mit der Reinen Dynastie frh innige
und friedliche Fhlung gehabt.

Ich bin nicht fromm. Ich habe mich viel bemht, zu denken, wie Eure
Heiligkeit sprach. Es wurde mir schwer; man kann nicht Kaiser und fromm
sein. Lassen Sie; ich versichere Sie, es ist so. Man htte mich lngst
ermordet, wenn ich auch nur eine halbe Stunde fromm in Ihrem Sinn gewesen
wre. Ich bemhe mich. Und darum habe ich Sie gebeten, zu mir alten Manne
zu kommen.

Ich bin dem stlichen Herrn zugetan. Die Verstrickungen, in die er fllt,
sind gro. Ich weine mit ihm, wenn er sich ngstigt.

Pantschen Rinpotsche, wie hie jener reiche indische Almosenverteiler, von
dem Sie dem gelehrten Chu-tuk-tu und mir gestern erzhlten? Der fromme Mann
kam dem Siegreich-Vollendeten entgegen, lie ihm ein Kloster bei Sche-wei,
der Stadt des Hrens, bauen; unzhlige heilige Bcher, sagten Sie, schrieb
dort der Sohn des Cakya.

Ich sprach von Sudatta.

Ich heie Khien-lung, und bin tausendmal reicher als Sudatta bei Sche-wei.
Sie werden meinen Besitz nicht nachprfen knnen. Ich lege Ihnen hin,
Pantschen Rinpotsche, was Sie wollen. Ich baue Ihnen Klster, wie Sie nie
gesehen haben; meine Baumeister, Architekten, Maler sollen ihr Letztes
hergeben. Ich verleihe Ihnen den Besitz der benachbarten Stdte, der ganzen
Provinz, in der Sie wohnen. Bleiben Sie eine kleine Zeit in meinem Lande.
Ihr Tibet kann Sie entbehren; dies Land wird noch vor Heiligkeit bersten;
andere, die Sie brauchen, leiden Hunger. Ich brauche Ihnen nicht die
Schnheit meiner Provinzen zu schildern. Sie sind selbst alt, Pantschen
Rinpotsche; der Lobsang Paldan Jische, den Sie jetzt bewohnen, mag sich im
Lande des stlichen Drachensohnes wrmen. Der siegreich vollendete Gautama
hat solches Geschenk nicht verschmht; ich denke wie Ihre Glubigen, wenn
ich sage: Eure Heiligkeit segnet mich, indem Sie mein Geschenk annehmen.

Was will der stliche Kaiser von dem Krper Paldan Jische?

Blicken Sie nicht finster, Pantschen Rinpotsche. Es handelt sich nicht
darum, Sie gefangen zu nehmen. Meine Regierung ist fest berzeugt von der
guten Gesinnung in Ihrem Lande. Es ist nicht Politik; glauben mir Eure
Heiligkeit.

Ich habe Vertrauen zu der Duldsamkeit Khien-lungs.

Der Kaiser sah auf das blarote Teppichmuster. Der warme Blick des Heiligen
ruhte ber seinem Gesicht, unter dessen Linien die Abgrnde klafften.

Setzen Sie sich aufrecht, Khien-lung; sprechen Sie deutlicher.

Es ist leicht gesprochen. In den achtzehn Provinzen gibt es Betrger wie
berall. Ein Mann aus Schan-tung, ein Fischersohn aus einem Seedorf, hat
eine Sekte gestiftet, die er Wu-wei nennt. Dieser Wang-lun ist ein
mehrfacher Verbrecher, Mrder, Ruber. Er entzweit sich mit einem Teil
seiner Anhnger, die sich einen frechen Namen beilegen, in einer nrdlichen
Provinz eine Rebellion erheben, zum Teil niedergeschlagen werden, zum Teil
sich in den Vorort einer westlichen Stadt einschlieen lassen. Hier ist
nun, Paldan Jische, Pantschen Rinpotsche, das Verbrechen geschehen, unter
dem ich noch bebe, noch keine Ruhe finden kann. Bevor die Truppen vor der
Stadt ankamen, sind in einer Nacht die tausende Menschen, Mnner und
Frauen, mit einem Schlage in der Altstadt umgekommen, auf eine so
grauenhafte Weise, wie die Geschichte dieses stlichen Landes nicht kennt.
Wie es nun ist, ob sie durch Wasser vergiftet sind, oder Dmonen ber sie
herfielen, ich komme nicht zur Besinnung darber. Der Verbrecher Wang-lun
scheint seine ehemaligen Anhnger umgebracht zu haben, in einem Gemisch von
Rachegefhl und Hochmut; meine Beamten haben den unerhrten Menschen nicht
ergreifen knnen. Ich mu mich aber fragen, was ich getan habe, da solches
Ungeheuer am Abend meiner Regierung sich zeigt. Ich mu erkennen, wessen
ich bezichtigt werde durch eine so offensichtliche Anklage.

Khien-lung, Sie sind alt geworden. Frher hat der Todessturz ganzer Vlker
nicht Ihr Ohr erreicht; jetzt gengt schon das Schreien und Sterben einiger
tausend Menschen, um Sie schlaflos zu machen.

Ich will keine Anklage von Ihnen hren.

Ich klage Sie nicht an. Sie leben in der Welt der Gelste; es ist mir eine
Freude zu hren, da Sie keinen Schlaf finden.

Damit helfen Sie mir nicht, Pantschen Rinpotsche. Sie drfen es nicht
genug sein lassen mit solchen Worten. Ich bin der Kaiser des mchtigsten
Weltreiches; ich habe nicht wie eine Puppe auf dem Thron gesessen, sondern
mich bemht um den Ruhm und Reichtum meiner Dynastie. Man mu mich nicht
fr einen Menschen wie diesen und jenen nehmen, mich auf gewhnliche Wege
zerren wollen. Hilfe will ich von Ihnen, Pantschen Rinpotsche. Sie stehen
mit den tiefsten und furchtbarsten Dingen der Welt, in einer Verbindung von
unbegreiflicher, unsagbarer Nhe; in Ihnen herbergt der Geist eines Buddha;
Sie sind der einzige, den ich greifen, fassen, sehen, hren kann, und zu
dem ich Zutrauen habe, nachdem mein bester Sohn von mir abgefallen ist.
Denken Sie, da ich unverndert Kaiser des Reiches der Mitte bin, legen Sie
mir nicht Unmgliches auf.

Majestt, das klingt alles so gut, was Sie sagen. Sie bedrfen der Hilfe
des zeptertragenden Lamas nicht. Sie tauchen aus dem Sansara auf, nachdem
Sie den Ruf gehrt haben.

Ich bin Kaiser und lebe in keinem Sansara. Ich will keine Wege zum Buddha
gehen; mein Reich ist gut, es war mir nie, auch jetzt nicht eine Hlle.
Paldan Jische, seien Sie nicht taub. Ich bettle doch.

Seien Sie nicht taub, Khien-lung! Wie soll die Erweckung im Menschen
erfolgen, wenn nicht so, durch Unruhe, Bengstigungen, im nchtlichen
Umherwandern, Hnderingen, Hilferufen in die vier Gegenden.

O sind Sie grausam. Ich habe Sie fr einen Ozean der Milde gehalten und
mich getuscht.

Lassen Sie mich weinen mit Ihnen. Und lassen Sie mich beten, da Sie stark
bleiben und da es nicht von Ihnen ablt.

Khien-lung war fassungslos mit der Stirn gegen die goldene Lehne seines
Sessels aufgeschlagen. Seine Schultern und Arme hoben sich stoweise unter
der drhnenden Erweiterung seines Brustkorbes. Der Anwesenheit des
Taschi-Lamas achtete er schon nicht. Das Gefhl der grauen Verlassenheit
berwltigte ihn.

Der Heilige nahm seine Mitra vom Kopf; der kahlgeschorene Schdel war mit
feinen Schweitrpfchen besetzt. In dieser nur von dem schnaufenden Atem
des Gelben Herrn unterbrochenen Tonlosigkeit wuchsen die Minuten zu
gedehnten Stunden. Die Stille war nur durch eine kleine Hlle, dnn wie
eine Gummihaut, geschtzt; dahinter spannte sich ein Luftgemisch, das jeden
Augenblick brllend die Hlle zu durchreien drohte. Der Pantschen
Rinpotsche rauschte an den Altar, nahm das Gebetszepter in die Hand, warf
sich nieder. Als er sich erhob und umdrehte, war der stechende trbe Blick
Khien-lungs auf ihn gerichtet. Der Heilige scharrte stockend zurck; die
bildgeschmckte Mitra hob er sich langsam auf den Schdel. Er verneigte
sich vor dem steifsitzenden Gelben Herrn, dessen Gesicht den groen
Kriegskaiser zeigte, sagte: Wenn es Eurer Majestt gefllt, will ich jetzt
zur Andacht gehen.

Ich bitte Eure Heiligkeit, mich morgen einer Unterweisung zu wrdigen.

Ich werde Auftrag geben und den hohen Tschan-tscha Chu-tuk-tu anflehen,
sich auch morgen um die mongolische Karawane zu bemhen.

Um dieselbe Nachmittagsstunde des nchsten Tages traten Khien-lung und
Paldan Jische in die Halle der drei Sessel. Ein umfangreiches Schmuckstck
prunkte vor dem Sitz des Heiligen. Schwarzer glatter Dreifu aus Holz mit
kreisrunder grnbemalter Platte, breit wie ein ausgestreckter Mnnerarm.
Auf der Platte hatte eine wunderbare Miniaturkunst eine Stadt aus
blitzendem Metall, Edelsteinen und bunten Stoffen gebaut. Innerhalb der
Randmauer, der Ringmauer drngten sich die Huser mit geschwungenen
Dchern. Die Ehrenbgen, Tempel; breite Alleen teilten die Stadt, in der
ein hohes Fest gefeiert wurde, viele Banner wehten von den bemalten
Stangen, prchtige Gebetsmhlen hatte man auf die Wege geschleppt. Das
Zentrum buckelte eine Halle aus, die eine glatte Kristallkuppel trug; vier
Stufen fhrten in den atemlosen, sulenumstellten Raum; ein goldener Gott
schwieg in der Mitte. Dies war ein Abbild der Gtterstadt auf dem
Weltenberge Sumeru.

Nach Austausch der Begrungs- und Dankformeln saen die beiden Herrscher
nebeneinander. Das gelbe Sonnenlicht fiel schrg durch die Halle.

Der Gelbe Herr erschien lebendig, aufgerumt. Paldan Jisches Brustschmuck
glitzerte, ein kalmykisches Geschenk, eine halbmondfrmige blaue Agraffe;
Kettchen, die von ihr herunterhingen, hielten zwei runde Platten aus Silber
mit eingelegten Korallen, Bergkristall und kleinen Perlen; die Kettchen
endeten in langen Seidenpuscheln, die auf den Scho des Grolamas fielen.

Der Pantschen begann zu reden: Der gelehrte Tschan-tscha Chu-tuk-tu klagt,
da seine Amtsttigkeit ihn auch heute von der Zusammenkunft mit Ihnen und
mir fernhlt.

Khien-lung lachte: Ich finde es recht despektierlich von dem gelehrten
Chu-tuk-tu; fr die Karawanen und Viehherden findet sich vielleicht noch
ein anderer geistlicher Richter. Lassen mich Eure Heiligkeit mein Beileid
aussprechen zu einem so anmalichen Diener, der in meinem Lande sich eine
zu groe Selbstndigkeit angewhnt hat. Wenn Sie anordnen, werde ich seine
Bestrafung verfgen.

So hat der Tschan-tscha Chu-tuk-tu nicht sicher gefhlt, als er Sie und
mich allein lie?

Eure Heiligkeit kennen Khien-lung nicht. In einer Hinsicht bin ich noch
kein Jahr gealtert: in meiner Vorliebe fr das schne helle Sonnenwetter.
An solchen Tagen fhle ich nur den Himmel ber mir, und ich habe die
berzeugung, da er es mit mir gut meint. Paldan Jische, an solchem Tage
braucht Khien-lung keinen Rat; er ist heute nur berstrmend froh, ihn mit
der Blte des Schneelandes gemeinsam zu verleben.

Ich zweifle, was ich Eurer Majestt sein kann. Die Sonne und die hellen
Tage sind schn, aber sie sind berflssig. Sprechen Majestt nicht so zu
mir.

Wie soll ich zu Eurer Heiligkeit sprechen? Soll ich anfangen, wie gestern,
die Bengstigungen meiner Nacht in den schnen Tag hineinzerren? Sie werden
mich anblicken, mitleidig, aber: 'Gut, gut, noch mehr!' dazu sagen. Da Sie
nicht verstehen wollen, da ich alter Mann keine neue Weisheit mehr lernen
kann. Der Tag ist schn; ich bedaure aufrichtig, den weisen Chu-tuk-tu
nicht zu empfangen; belehren Sie mich allein, Pantschen Rinpotsche.

Wo ein Flu das Ufer unterwhlt, wird man ungern eine Pagode errichten.

Ich wnschte, Pantschen Rinpotsche, der Chu-tuk-tu wre hier und hrte
Ihnen zu. Sind Sie nicht Mrder in Ihrem Mitleid um mich, in Ihrem
Verlangen mich zu retten? Ich lobe diesen Tag, der mich aufrichtet und
wieder glcklich macht nach Ihrem harten 'Nein' von gestern. Aber die Sonne
soll nicht wrmen und die Lerchen sollen nicht singen, weil sie fr Sie
berflssig sind. Wissen Sie, Pantschen, was Sie mir bedeutet haben, wie
ich Sie die letzten Monate erwartet habe! Ihr Anblick im Garten hat mich
erschttert; mir ist zumute gewesen, als sollte eine Art Gericht ber mich
hereinbrechen. Ich habe mich getuscht und will tun, als htte ich nur den
Besuch des Herrschers von Tibet empfangen, der im Begriff ist, mich unmig
zu beschenken.

Schlagen Sie gegen mich.

Ich will unverndert bleiben wie ich bin. Meine Vter haben wie ich
gedacht. Sie beten wir an, ohne die Kraft zu haben Ihnen zu folgen, ja, es
ist ein Eishauch um Ihre Lehren.

Ich habe zum Amithaba fr Sie gebetet. Wenn ich das Lichtlein, das in
Ihnen brennt, anfachen wollte: verzeihen Sie mir. Seien Sie der kleine arme
Mensch, Khien-lung, der Kaiser des mittleren Reiches.

Ich bin Herrscher des grten Reiches der Welt, und ich verlange keine
Verwandlung. Ich bin als Sohn des Himmels geboren und werde auf dem
Drachenthron sterben.

Wenn Sie dieser schne Tag nicht reut und ich Ihnen das warme Sonnenlicht
nicht verdunkle, will ich Eure Majestt fragen nach den Dingen, die Sie
gestern berhrten. Warum haben die Soldaten Eurer Majestt jene tausend
Menschen in die Mongolenstadt getrieben, in der sie untergegangen sind?

Diese Menschen waren Rebellen, Paldan Jische, die meine Dynastie
schmhten, ein eignes Knigreich in meiner nrdlichen Provinz grndeten.

Sie hatten eine verlogene Art, das heilige Wu-wei, das Nichtwiderstreben
des Lao-tse in die Praxis berzufhren. Sie streiften, statt die Felder zu
bestellen und Kinder zu erzeugen, in den Distrikten einher; bettelten,
beteten wenig, hofften auf das Westliche Paradies. Da sie sich rhmten,
durch Vereinigung mit dem Schicksal in den Besitz bernatrlicher Krfte zu
gelangen, strmten ihnen tausende tchtige Mnner, auch zahllose Frauen aus
allen Gegenden zu. Es ging nicht an, da meine Beamten da zusahen. Sie
suchten sie zu zerstreuen; auch einige Schichten der Bevlkerung empfanden
das Bedrohliche der Bewegung. Und dies war der Anfang von ihrem Ende.

Ich wei noch nicht gut den Anfang. Aber das Ende wei ich: da Khien-lung
ruhelos geworden ist. Wer hat fr gut befunden, die Sektierer anzugreifen?
Da sie doch selbst, wie Eure Majestt bemerkten, nicht angriffen.

Der Name dieses Mandarins ist mir nicht genannt worden.

Es kommt darauf nicht an.

Dies ist kein Verbrechen, Eure Heiligkeit: Mnner, die ihre Frauen und
Kinder verlassen, in ihre Huser zurckzutreiben, Shne, die den Dienst der
Ahnen vergessen, zur Besinnung zu peitschen. Die cker mssen gepflgt,
best werden; die Steuern zur Erhaltung des Gesamtreiches mssen
aufgebracht werden. Wenn Frauen, die ein Schatten und Echo im Hause sein
sollen, unter Sektierer laufen, so soll man sie auf kleinen Ketten knien
lassen; die unzchtigen Frauen und Nebenfrauen, die ihre Wohnungen
verlassen, um unter Leuten, die sich schamlos 'Brder, Schwestern' nennen,
Dirnendienste zu tun, mag man bestrafen, wie es in den einzelnen Gegenden
Brauch ist: lebendig vergraben, in Scke einnhen und ertrnken, mit acht
Schnitten tten.

Dies alles ist Recht. Ich schweige schon. Ich vermag nicht zu fassen, wie
aus solch prunkendem Anfang das bejammernswerte Ende entstehen soll.

Nein, Pantschen Rinpotsche, dies bleibt rtselhaft. Genau soll man tun mit
den Verbrechern, wie ich sagte. Und doch ist das wie ein Kopf, der eben
noch ernst, wrdevoll blickte, und pltzlich das Maul und die Augen wie ein
Tiger aufreit und brllt. Was ist dieser Kopf, Pantschen Rinpotsche? Warum
ghnt er mich an?

Lassen Sie ab, Khien-lung. Schlieen Sie Ihre Seele ein. Ich hebe mein
Zepter. Der Buddha Cakya-muni hat die Ursachen des Daseins und ihre
Verknotung enthllt; zurzeit der Morgendmmerung vor seiner Erhhung wurde
dem Knigssohn von Kapilevastu die Erkenntnis. Sie hkelten Ursache mit
Ursache zusammen; ich nehme den Faden, lse die Naht auf. Die Sekte
wanderte im Dunkeln, suchte den Buddha und htte ihn gefunden. Sie sind
ber die Mnner und Frauen gefallen. Sie haben tausend ruhelose Geister
geschaffen. Sie haben die Kette ihrer Wiedergeburten unnatrlich
verlngert. Man kann nicht schlafen, wenn es nachts mit tausend jammernden,
anklagenden Geisterkncheln gegen Tren und Pfosten klopft. Khien-lung, Sie
halten Ursache neben Ursache.

Was soll ich tun, um die Kette zu zerreien? Ich wei, meine Ahnen haben
hier etwas nicht gebilligt. Aber ich kann die Menschen nicht wieder zum
Leben bringen. Ich kannte diese Sektierer nicht; ich werde fr sie opfern
lassen.

Der Heilige lchelte; er streichelte die Seidenpuschel seines
Brustschmuckes nachdenklich: Lnder und Menschen sind grundverschieden;
zehn Tagereisen nach Osten von Tibet hat sich alles verndert und man wei
weder von den Weltumwlzungen noch von dem Kreislauf der Geburt und des
Todes. Hundert Familien nennen Sie sich; nicht einmal der Tod bricht die
Familien in Stcke; Ihre Ahnen bleiben bei Ihnen. Wie abgeschliffen glatt
ist das, huslich, ber den Boden gebckt. Eine Rucherung vershnt fr den
Sturz in die Kaskaden der Wiedergeburten; ein Tpfchen Butter will eine
Seele fr die jahrtausend verlngerten Qualen entschdigen. So lassen Sie
fr die Geister dieser Toten in Ihrer Weise opfern; errichten Sie ihnen
Wegschreine. Die Reste der Wu-wei-Sekte schonen Sie.

Mein Kopf ist leer, fat keine Grnde. Sie wollen mir helfen, Sie wollen
mir helfen!

Wieder ist der Tag schn. Milde sein, still sein heit die Hand, die alle
Riegel hebt. Kommen Sie zu mir, alter Mann, finden Sie sich, bevor Sie
sterben.

Der alte Gelbe Herr starrte vor sich hin: Der Hochwrdige vom Gnadenberg
hat eine leichte sanfte Art, die Fden zu lsen. Ich werde meinen Ahnen
Shneopfer bringen; ich werde nach Mukden an die Grber gehen. Fr Wang-lun
und seine beladenen Anhnger Vershnungen ersinnen. Kang-hi, Jang-tsing
wollen es.

Khien-lung steifte die Wirbelsule. Der Papst der Gelben Kirche zog die
Knochenkette durch die rechte Hand; sein Gesicht war dem Kaiser zugewendet.

Den Kaiser umringten die Schatten seiner starken Ahnen; sie drckten auf
seine hochgezogenen Schultern; sie musterten ihren hinsinkenden Nachkommen.
Der Kaiser bumte sich; dies waren Kang-hi, Jang-tsing, die ihn in ihren
stillen Kreis aufnehmen sollten. Durch ihren Nebel leuchtete das bronzene,
freie Antlitz des Heiligen von Taschi-Lunpo.

In einer Verwirrung und Erschtterung schlotterte der Gelbe Herr vor dem
fremden Mann hoch, berhrte seine seidenen rmel: Sie sind, Paldan Jische,
der zeptertragende Lama. Khien-lung frchtet sich; haben Sie ihm gut
geraten?

                   *       *       *       *       *

Wang-lun hatte man nur eine Woche nach dem Fall Yang-chous zu verfolgen
vermocht. Der Verbrecher lief am hellen Tage durch die westlichen Flecken;
niemand wagte sich an ihn heran. Ahnungslose warf der riesenstarke Mensch
zur Seite; Angriffen mehrerer entzog er sich auf eine schlaue Art. Zuletzt
wurde er um die Zeit des ersten Schneefalls in Ho-kien, westlich des
Kaiserkanals, gesehen, vor der Mauer dieser volksreichen Stadt.

Seit da hatte ihn niemand in den Provinzen des Nordens gesehen, weder im
Winter noch im folgenden Sommer hrte man von Wang-lun. Auch unter den
Brdern und Schwestern gingen nur unsichere Gerchte ber ihn. Ngoh, der
ehemalige kaiserliche Hauptmann, schien am meisten Kenntnis ber Wangs
Aufenthalt zu haben; Ngoh war es, mit dem Wang vor den Mauern Ho-kiens
zusammengetroffen war. Von ihm erfuhr man, da Wang lebte; er gab manchmal
in zgernder Weise zu, da Wang auch bald wieder kommen wrde, aber sobald
die Rede auf den Grnder des Wu-weibundes kam, verstummte Ngoh, blickte zur
Seite und war schwermtig.

Wang-lun hatte vllig die nrdlichen Provinzen verlassen, zwei Tage,
nachdem er von Ngoh Einzelheiten des Untergangs der Gebrochenen Melone
erfahren hatte. Das Gercht war rascher als Wang gewesen, der einen ganzen
Tag sich hatte verstecken mssen. Der sehnige Ngoh wute nicht viele
Vorgnge; einige, die man ihm mitteilte, verga er unter der grausigen
Wucht des Ganzen.

Als Wang vor ihm stand, mit eingefallenem Gesicht, blutunterlaufenen Augen,
verwandelt in einen Kriegs- und Rachedmon, nur Gehirn und Arm zu seinem
berchtigten Gelben Springer, erschrak Ngoh derart, da ihn Wang an dem
Wams festhalten mute.

Sie gingen an der Mauer entlang; in einen zerbrochenen Hockkfig, der von
Bettlern als Nachtlager benutzt wurde, setzten sie sich; Wang wartete, bis
sich Ngoh beruhigt hatte. Dann gab Ngoh Antwort auf die Fragen des Mannes,
leise, vor seiner eigenen Stimme sich entsetzend, fter fragend: Was soll
mit dir geschehen, Wang?

Ngoh konnte von dem nchtlichen Tumult in der Mongolenstadt berichten, von
den Versuchen einzelner Brder, aus der Stadt zu entkommen, vom Todessturze
ber die uere Mauer. Mehr Einzelheiten wute er von dem Eindringen der
Brger in die Stadt bei Anbruch des Morgens; auch die Namen des Fhrers der
ehemaligen Stadtsoldaten und anderer, die Namen der beschwrenden Bonzen
waren ihm bekannt. Als Wang erfuhr, da kein einziger der Eingeschlossenen
die Nacht berlebt hatte, atmete er auf, schlug sich drhnend gegen die
Brust, sa aus Erz da.

Dann fragte Wang, whrend sie stoweise der Wind mit lockerem Schnee von
den Latten des Kfigs berschttete, wessen Schicksal besonders bekannt
geworden.

Ngoh schwieg zuerst, erzhlte einige Vorkommnisse, ohne die Namen der
Betroffenen angeben zu knnen, schilderte, wie man die schne Liang-li
aufgefunden, noch lebend; er redete sich in groe Erregung hinein und
endete klagend mit dem Tode Ma-nohs.

In ein gellendes Geheul brach Wang-lun aus; er hielt sich an Ngoh fest,
stopfte sich die Ohren zu, wand sich.

Er rannte aus dem Kfig hinaus, durch den weichen Schnee an der Mauer
entlang, Ngoh hinter ihm her. Unaufhrlich gellte Wang, warf sich, die Erde
mit Fusten bearbeitend, auf den Boden, raffte sich wieder auf; schlielich
liefen sie hintereinander auf eine kleine Anhhe. Der schreiende
speichelnde Mann setzte sich in den Schnee, hielt sein Schwert mit beiden
Hnden hoch, schwang es gleichmig durch die fallenden Flocken von rechts
nach links, von links nach rechts. Er zog es herunter, kte sthnend die
Klinge, betrachtete mit fremden Blicken den ratlosen Ngoh. Er wlzte sich
auf der Erde, rollte den Hgel herunter, malte eine lange hellrote Spur in
den weien Schnee mit der blutspritzenden Hand, die am Gelenk geschlitzt
war. Ngoh fiel in sein Wimmern ein; er rttelte an dem Mann, hob ihn auf,
prete Schnee gegen die Wunde, zerrte Wang hinter sich her, der den Kopf
mit dem verzerrten Gesicht im Kreise drehte, mit der rechten Hand sein
abgerissenes Schwert hinter sich schleifte wie ein Kind sein rollendes
Wgelchen.

Dicht vor einem Tor fhlte sich Ngoh an der Schulter gepackt; Wang stie
ihn schnaubend mit wilden Blicken von sich, blieb zuckend stehen,
betrachtete, sein Schwert hinwerfend, die breite Schnittwunde am linken
Handteller, wehrte dem unaufhaltsamen Wimmern Ngohs ab. Der ri sich einen
Lappen aus seinem Mantel, band die rote Flche zu. Rasch entfernte sich
Wang, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich umzusehen.

Am zweiten Tage hatte das zarte Schneegestber aufgehrt; durch die
blendende Landschaft zitterte das Klingeln der Lustschlitten, das
glckliche Kichern. Die Ebene vor dem Tore war mit spazierenden Mnnern und
Kindern schwarz betupft. An der Mauer drckte sich Ngoh mit Wang-lun
entlang unter den Bettlern, die in Reihen lagen, ihre verstmmelten Glieder
zeigten, den Hundereis, den ihnen die Wohlttigkeitsanstalten schickten,
aus Kbeln schpften. Jenseits des Hockkfigs wurde es stiller; sie
schlenderten ohne zu sprechen am Fu der Mauer weiter.

Ein Pfeifenverkufer, ein langer Mensch, ging an ihnen vorbei; seine
Bambusrohre, die er auf der Schulter trug, streiften Wang mit ihren
weikupfernen Saftstcken am Hals; Wang fuhr hastig zusammen und drehte
sich um. Er warf einen bsen Blick auf den Hndler, der gemchlich im
Schnee vorantrabte. Auf der Anhhe, die sie neulich im Gestber erstiegen,
standen viele Kinder, Knaben mit bunten Kappen; das Schlagen eines
Tamburins scholl herber; im Kreise der Kinder sprang ein Mann mit einem
angeketteten schwarzen Br; der Mann klirrte seinen runden fellbezogenen
Rahmen ber den Kopf, auf den Rcken, wirbelte sich herum; der Br umging
ihn sachte, aufrecht, suchte mit den Vorderpfoten die Schultern des Herrn
zu berhren, die Kinder kreischten.

Wang, in sichtlich groer Erschlaffung, sagte, die Nachricht vom Schicksal
Ma-nohs sei auf ihn doch tiefer eingedrungen als er geglaubt htte. Es
komme ihm vor wie ein Steinschlag in den Brchen, den er einmal gesehen
htte; zwei berlebende Leute htten dagesessen und immer gelacht. So ginge
es ihm wirklich auch. Er redete in dieser Weise weiter, in einem
unnatrlich gleichmtigen berichtenden Tone.

Als Ngoh, der wieder ngstlich wurde und sich Erregungen nicht gewachsen
fhlte, fragte, was Wang vorhabe, lchelte der groe Bettler eigentmlich
traurig und sah leer vor sich hin. Sie kehrten um. Und als sie schon in der
Hhe des lustigen Kinderhgels waren, umhalste Wang seinen Bruder und sie
spazierten umschlungen.

Es htte sich alles so unbersehbar gewendet, meinte Wang, da er keine
Lust habe, mehr etwas zu ndern oder herbeizufhren oder berhaupt irgend
etwas von Belang zu verrichten. Er fhrte Ngoh, der unruhig folgte und ihn
nicht verstand, auf den Hgel, um dem Brentanz zuzusehen. Beim Anblick der
beiden Zerlumpten stoben die Kinder lautlos auseinander; der
Tamburinschlger zerrte sein widerspenstig brummendes Tier hinter sich her.
Die Mnner machten abwinkend kehrt.

Ja, er sei frhlich, fuhr Wang fort. Es sei alles unbersehbar, aber
schlielich htte Ma-noh recht behalten. Der warnte am Ta-lousumpfe davor,
den Gelben Springer zu gebrauchen; es wre ein Versto gegen die Lehre des
Nichtwiderstrebens. Weil er, Wang, nicht dieser Meinung war, htten sie
sich getrennt. Das Unglck in der Mongolenstadt wurde heraufbeschworen. Zum
Schlu pralle das Schwert gegen seine Brust zurck: es geht nicht an zu
widerstreben. Ma-noh prophezeite sein Schicksal, und er habe versagt.

Ngoh wendete ein: was denn dabei fr ein Grund wre zu lachen und sich zu
freuen.

Soviel Grund, sagte Wang mit aufleuchtenden Augen, wie einer hat, der ganz
unerwartet, ganz pltzlich ber sich belehrt wird von Grund aus, als ob ihm
das Fell vom Leib abgezogen wrde. Man ist zufrieden. Man fhlt einen Boden
unter den Sohlen. Man wei, woran man mit sich ist.

Wang war ersichtlich zu zerstreut, gut aufgelegt, rechts und links
abgelenkt, um viel zu sprechen. Spter schwatzte er, aber so eigentmlich
Belangloses, da Ngoh erstaunte. Wang zeigte Interesse an den einfahrenden
Schlitten, mokierte sich ber die wackelnden Damen und die hinter ihnen
schwnzelnde Eleganz, erzhlte Gauneranekdoten. Ngoh konnte erkennen, wie
aus dem erschlafften Gesichte Wangs sich neue verblffende Zge
herausarbeiteten. Ein burischer Spamacher, ein anderer Mensch mit anderer
Stimme schlenkerte neben ihm.

Sie setzten sich auf einen pltzlichen Einfall Wangs zu ein paar
Bettlergruppen am Tor, wrfelten mit ihnen. Ngoh erwartete von Wang eine
auffllige Gebrde, einen schmerzlichen Blick. Aber der Trger des Gelben
Springers schien sich immer mehr wohl unter dem habgierigen faulen
unfltigen Gesindel zu fhlen. Er war heiter ohne Krampf, rekelte sich und
beachtete Ngoh nicht mehr.

Als er ein schmutzstarrendes Mdchen, den Gemeinbesitz dieser Bande, zu
sich auf den Scho nahm, stand Ngoh angeekelt auf. In einer whlenden
Verwirrtheit schlich er nach dem Tore.

Am Eingang erreichte ihn Wang mit dem Mdchen. Beide schttelten sich vor
Lachen. Wang hatte dem Mdchen erzhlt, da der Hauptmann wegen eines
Lustknaben den kaiserlichen Dienst quittiert htte. Die Dirne konnte fast
platzen vor Vergngen ber den verrckten Kerl und fragte quietschend Ngoh
nach dem Namen des Knaben, indem sie mit dem Zeigefinger ihre Stirn
berhrte. Rasch ging Ngoh in die Stadt hinein. Er hrte noch, wie Wang
hinter ihm herrief: Lebe wohl, alter Bruder! Ein Wiedersehen im Westlichen
Paradiese. Und wie er zur Freude des Mdchens die Torwache anrempelte.

Nach diesen Ereignissen verschwand er den Brdern vllig aus dem Gesicht.
Ngoh schwieg ber die Begegnung. Als die kaiserlichen Erlasse erschienen
und Wang-lun aus Hun-kang-tsun, Hai-ling, Schan-tung vllige Straffreiheit
verhieen und Duldung seiner Lehre, sa der ehemalige Bandenhuptling auf
seinem kleinen Acker im Hia-ho, fuhr mit den Kormoranen auf Fischjagd,
seine Frau kannte ihn unter dem Namen Tai. Er war ein gewiegter Mann,
ehrerbietig gegen den Magistrat, kameradschaftlich, nicht ganz zuverlssig
im Umgang. Mit dem Glauben hielt er es wie alle Bauern: betete zu den
Gttern, die ihm am meisten Gewinn versprachen. Unter den Zuwanderern des
letzten Jahres nach Sicherung des Groen Dammes gegen Springfluten war Tai
der meistgeschtzte.

                   *       *       *       *       *

Nach ein paar Wochen erfuhren die Prfekten der Distrikte und Stdte
Tschi-lis und Schan-tungs, in wie sonderbarer Weise sich die Untat in
Yang-chou-fu an dem Gelben Herrn ausgewirkt hatte.

Die weitere Verfolgung der Sektenanhnger wurde durch das Tribunal der
Riten, die Zivil- und Militrbehrden gleichzeitig verboten. Ein
kaiserlicher Erla an die Tsong-tous und die Prfekten der Kreise belegte
den vlligen Sinnesumschwung der hchsten Instanz ber das Ereignis.
Magistratsbeamte und Literaten der westlichen Provinz Tschi-li wurden mit
empfindlichen Geldstrafen und Degradierung bestraft, weil sie falsche
Mitteilungen ber das Wesen der Sektierer gemacht htten. Es verlautete aus
dem Astrologenhof der Roten Stadt, da sich aus der Untat in Yang-chou
schwere Konstellationen fr den Gelben Herrn ergeben htten.

In den Literatenzirkeln, in den Tempeln des Kung-tse sa man
niedergedonnert beieinander. Bestimmter drang durch, da der
Sinnesumschwung des Kaisers datiere von dem Besuch des Lamas Paldan Jische
beim kaiserlichen Hof in Jehol. Die nicht ordnungsmige Begrndung des
Abweichens vom Ketzereigesetz fiel auf; nichts verlautete von Eingaben des
Zensorenhofes; das Nachschleppen des astrologischen Bureaus sprach nicht
fr eine Initiative dieser Instanz. Der Lamaismus am Hofe, dieses alte
verhngnisvolle Lrmwort erschreckte die konservativen Elemente; sie
erregten sich; von den trben Zustnden des alten Herrschers raunte man,
von einem Mibrauch finsterer Altersstimmungen durch mystische Pfaffen.

Hetzereien gegen die Wahrhaft Schwachen setzten mit auerordentlicher Wut
ein. Der Erla wurde kaum in dem vierten Teil des Landes zur Kenntnis des
Volkes gebracht, zum Schein ber Nacht an Mauern angeschlagen, von
gemieteten Strolchen abgerissen. Es erfolgten erbitterte Zusammenknfte,
Beratungen, Beschlsse der Kung-tsefreunde. Im Westen Tschi-lis erfolgten
die ersten Zusammenste. An mehreren Orten wurden Brder niedergeschlagen
und gefoltert. Sie zerstreuten sich oft; das Martyrium lockte neue
Bekenner.

In der verhngnisreichen Gegend des Ta-lousumpfes standen zwei Trupps, die,
umzingelt von ihren gehssigen Verfolgern, von einigen Verzweifelten
mitgerissen, sich zur Wehr setzten, ja in einem blinden Aufwallen den
Angreifern ein regelrechtes Gefecht lieferten, das fr die Bndler
siegreich verlief. Dies war der Anfang einer besinnungslosen Hetze auf die
Vaganten in dieser Gegend. Im Norden Pe-kings, im sdstlichen Tschi-li
ging es ebenso; unabhngige Ortsbehrden organisierten Angriffe auf sie.
Hier und da wurden lamaische Priester angefallen.

Kia-king, der starke frstliche Kia-king zweifelte nicht an dem Wahnsinn
seines Vaters, an einer Betrung durch den heimtckischen Taschi-Lama. Eine
Abschrift des kaiserlichen Vershnungserlasses zerri er in seinem Palast
vor den Augen Chao-hoeis und Songs, die ihn besuchten. Als die Nachrichten
von dem Umsichgreifen der Rebellen kamen, funkelten seine Augen vor Freude.
Man hetzte ihn Partei zu ergreifen; er konnte des Anhangs aller Freunde des
Kung-tse aller wahren Patrioten sicher sein, die mit Abscheu den Sieg der
Gelbmntel am Hofe verfolgten. Er hielt an sich; aber die Schlssel zu
seiner Schatzkammer warf er nach einer solchen zornigen Unterhaltung dem
Aufseher seiner Grten zu. Jetzt geschah etwas Erstaunliches: der
Widerstand der Behrden hrte in den Provinzen rasch auf; dafr wuchs der
Anhang der Sekte zu einem unerhrten Umfang, und die Anhnger schien alle
zusammen ein Taumel von Wut, ein Rausch von Kampflust zu ergreifen, der wie
ein Meer alle Sanftheit mit einer einzigen Flut ertrnkte. Es waren von der
Eunuchenumgebung Kia-kings unbedenklich mehrere Tausend entlassener
Soldaten an verschiedenen Orten angeworben worden, die den Auftrag
erhielten, den Wahrhaft Schwachen zum Schein beizutreten, im brigen
Befehle aus Pe-king entgegenzunehmen. In einigen Wochen vollzog sich eine
entsetzliche Umwandlung des Bundes.

Zwei Greueltaten wurden von Pe-king aus mit feinstem Geschick arrangiert:
ein Attentat auf den einzigen Sohn Chao-hoeis, des Lieblingsgenerals
Khien-lungs, und ein Scheinangriff auf Mukden, wo der Kaiser sich eben
aufhielt. Lao-s hie der Sohn Chao-hoeis; bei Schan-hai-kwang stand sein
Wohnhaus auf den nordwestlichen Abhngen der Magnolien. Whrend der junge
Lao-s mit einem Freund eines Abends durch die dunklen Straen der Stadt
spazierte, um zu scherzen, sie trugen elegant Gardenien in den Hnden und
liefen mit dem tnzelnden knickenden Schritt der Gaukler, wenn sie auf
Bambusstben jonglieren, fielen Kerle im Finstern ber sie her, schlugen
ihnen mit Holzkloben ber den Kopf, rissen ihnen das mandschurische
Brustschild aus dem Oberkleid. Sie schleppten die beiden Besinnungslosen
vor das Tor eines verfallenen Hauses, malten ihnen mit Erde das Zeichen der
fnf bsen Dmonen auf die Stirn. Chao-hoei, der bei Khien-lung weilte,
brach hin ber die Schmach, die man seinem Hause angetan hatte; Lao-s
heilte schwer. Neben den Kaiser her schleppte der General sein Unglck.

Unmittelbarer Teilnehmer an einem Exze der Bndler wurde der versunkene
Kaiser in Mukden; er sah vom Garten aus die zngelnden Flammen, welche eine
Pagode und einen Ehrenbogen ergriffen, die er selbst zu Ehren seiner Mutter
errichtet hatte. Er hrte auch die Todesschreie der Bndler, armer
Soldaten, denen man eine groe Geldsumme fr ihre Familie gegeben und eine
kostbare Beerdigung versprochen hatte.

Er verlie die Mandschugrber, reiste nach Jehol. Widerstrebend ffnete er
die Berichte, die von den Tsong-tous eingelaufen waren: Rebellion, offene
Rebellion war im Lande.

Todesstille in dem kaiserlichen Wohnhaus, als dem Himmelssohn die Berichte
vorgelegt waren. Er hielt sich eingeschlossen. Am Mittag des folgenden
Tages stieg er gebckt allein in die Ahnenhalle, wo er bis zum Abend blieb.
Khien-lung fhlte sich schlaff und elend. Er frchtete, sein Tod knnte
jede Stunde eintreten. Das grausige Gespenstergesicht aus der Mongolenstadt
hatte seine Zge nicht verndert. Er konnte es nicht ndern. Er konnte
seine Ahnen nicht vershnen. Sein Leben endete schmhlich. Der Himmel hatte
dies ber ihn verhngt. Es sollte nicht anders enden.

Und in diesen Tagen, wo der alte Gelbe Herr auf sich eindrang, um seiner
Seele einen Zornesausbruch abzuringen, traf ihn ein Schlag, der aus seinem
eigenen Hause auf ihn gerichtet war.

                   *       *       *       *       *

In einer Clique, die sich in einem Pe-kinger Hause zur Pflege von Klatsch,
Intrigen, Veranstaltung von Theaterauffhrungen zusammenfand, spielte eine
groe Rolle eine Dame namens Pei, deren Vergangenheit den meisten der
vornehmen Besucher des Hauses unbekannt war.

Die Dame Pei behauptete selbst die Tochter eines westlichen Mhlenbesitzers
namens Pei-sih-fu zu sein; frh verwaist wre sie nach einer Vorstadt
Pe-kings geschickt worden, wo sie ein im Ruhestand lebender Mandarin
adoptierte und erzog. Die elegante Person hatte unzweifelhaft die Allren
der gebildeten Gesellschaftsklasse, sprach das reinste Kuan-ha, beging nur
fter Schnitzer in elementaren Sachen, miverstand literarische
Anspielungen. Das traf sich gelegentlich, da sie sich sonst
auerordentlicher Zurckhaltung befleiigte. Es htte niemand aus der
Vorstadt Pe-kings, in der sie wirklich erzogen war, in der auffallenden
und klugen Dame Pei die kleine Haussklavin eines verwitweten Barbiers Yeh
wiedererkannt, bei dem sie in einem unsauberen Haushalt den Schmutz
vermehrte, tglich von den verwahrlosten Barbierkindern geprgelt wurde und
fast verhungerte. Sie lief weg und es scheint, als ob sie in einem der
bemalten Huser am Kanal erst Kchendienste tat, dann unterrichtet, selber
die hheren Weihen empfing und in die Versammlung der Mandarinenten
aufgenommen wurde.

Sie avancierte aber in dem Viertel, in dem sie wohnte, nicht zur Knigin
des strahlenden Blumenfeldes. Denn mit achtzehn Jahren befiel sie eine
Augenkrankheit und obwohl sie der sonst zuverlssigen Gttin des
Augenlichtes viele Geschenke machte, silberne Brillen mit Elfenbeinstben
brachte, heilte nur das rechte Auge, auf dem linken blieben groe weie
Flecken zurck, welche den Kurswert des Frulein Pei sehr erniedrigten.

Sie vermochte nun durch ihre ganz raffinierte Anschmiegsamkeit einen
reichen Justizbeamten zu veranlassen, sie zur Nebenfrau zu nehmen. Sie
wollte aus dem bemalten Hause heraus. Schon nach zweieinhalb Jahren verlie
sie die Wohnung des Richters, nachdem ihr von der rechtlichen Frau eine
Abstandssumme gezahlt war.

Die Dame Pei bewohnte jetzt mit mehreren Dienerinnen ein kleines Haus,
lebte zurckgezogen, empfing hie und da Besuche, verkehrte nur in Familien
mit groem Namen. In ihrem Zimmer pflegte sie die alten Erinnerungen. Sie
hatte mit einer gewissen Neigung die Galanterien in dem bemalten Pensionat
vollzogen. Duftende Rucherpfannen stellte sie auf, in denen jeden Tag
Ambra, der Drachenspeichel brannte. Morgens lffelte sie den gewohnten Napf
Ingwersuppe. Sogar den heien Wein trank sie allein, Wein auf Wein,
Trunkenheit auf Trunkenheit, wie man zu sagen pflegt. Das Gesinde begriff
nicht, was die Dame auf ihrem verschlossenen Zimmer den halben Tag trieb.
Da man sie drin leise trllern und das Juch-kin greifen hrte, wurde man
neugierig.

Wie dann die Dame zum Schminken und Ankleiden fr die Nachmittagsbesuche
klatschte und man sie oft trotz aller Wrde leicht erregt, freudig, noch
unruhig fand, kam man auf Gedanken. Gesprche mit der Nachbarschaft
bekrftigten diese Vermutungen, welche auf nichts weniger hinausliefen, als
da die Dame Pei ein weiblicher Wu, eine Zauberin wre, die auf ihrem
Zimmer mit Gespenstern kose.

Die junge Frau bemerkte das scheue Tuscheln der Mdchen. Eine
Blumenverkuferin trug ihr das Gerede zu und Frau Pei wurde nachdenklich.
Sie nahm unbeschftigt aus Laune den sonderbaren Wink an, ging zu einem
berhmten Wu, der sich vor Lachen heiser krhte: sie diene ihren sanften
Erinnerungen vom Blumenfelde, und man hielte sie fr eine ttige Wu. So
zrtlich nhme doch niemand Schatten auf! Sie bat, sie in den Beschwrungen
und Gebruchen der Zauberer auszubilden, nur wenig; sie wolle damit nur den
andern Schrecken einjagen; vor der wirklichen Zitierung eines Schattens
frchte sie sich. Da sie eine runde Summe vorbezahlte, ging der
geschftskundige Wu auf den Handel ein, versprach, ihr nicht den geringsten
Schatten zu zeigen, ihn nur dicht heranzuzwingen.

So lernte sie die verschiedenen Sorten Geister, Gespenster, Dmonen
benennen, ihre Merkmale unterscheiden, die Umwandlung in Werwlfe, Fchse,
Rattendmonen, die Art ihrer Fesselung und Entlarvung, die Handhabung der
Aschen, Amulette, Papiere, Schwerter, Wasser.

Zwischen Schauern und Zrtlichkeiten schwebend blieb sie die junge wrdige
Dame Pei, die reich genug war, um ihren Launen nachzugehen. In den Zirkeln
ihres Verkehrs widersprach sie niemals dem geheimnisvollen Reden hinter
ihrem Rcken. Sie war geduldig, wartete auf die Gelegenheit ihre Krfte zu
zeigen, denn sie hungerte nach Einflu in diesen Sphren.

Nun nahm an den Damenunterhaltungen auch eine bildschne Frau Jing teil,
welche Dienst bei einer kaiserlichen Prinzessin tat; so zierlich und
ebenmig die Person war, so dumm war sie auch. Die Dame Pei hielt sich von
ihr fern, weil sie in der Nhe von Schnheiten bitter wurde. Frau Jing ri
staunend den Mund auf, als sie die abenteuerlichen Mchte der Dame erfuhr;
sie drngte sich an die berraschte heran, fragte sie aus, besuchte sie in
ihrer Wohnung, bewarb sich sichtlich um die khle Pei, die mit ihr spielte
und sie von oben herab behandelte.

Aber im Augenblick nderte die Pei ihr Benehmen, als eines Tages Frau Jing
entzckt aus ihrer Snfte stieg, sie umarmte und eine Einladung der
Prinzessin berbrachte zu einer kleinen Tasse Tee. Mit Herzlichkeit
erwiderte jetzt die Pei die strmischen Liebkosungen der jungen Jing, die
sich in der Nhe einer Wu glcklich und geborgen fhlte. Auf die erste
Hflichkeitsvisite bei der Prinzessin folgten intimere Besuche, und die
schmutzige Haussklavin des Vorstadtbarbiers stand im Beginn ihrer
glnzenden Karriere.

Sie war am Hof der Roten Stadt unter Weiber und Eunuchen hineingeraten, die
im Schwall aberglubischer Verworrenheiten versanken. Hier zentrierte sich
in kurzer Zeit alles um die geschickte Dame Pei. Einige Prinzen fanden sich
bei den Konventikeln ein; die dunklen Seancen wurden im verschlossenen
Zimmer abgehalten, Damen und Herren standen rasch unter der Suggestion der
sich elegant und sicher bewegenden Frau, die heimlich selbst nichts mehr
frchtete, als da eins ihrer Experimente gelnge.

Der Gnstling Khien-lungs, der Prinz Pou-ouang, war ein freier dreister
Knabe; seine Schwester wnschte ihn zu bekehren; schnell strte er die
geheimnisvollen Arrangements der Dame Pei, die er wegen ihres angeblich
bsen Blicks nicht leiden mochte. Seine Zhmung gelang leicht; die sanfte
und scheue Prinzessin, schokiert durch sein Auftreten und in Schmerz um die
betrbte Pei, drang in die Zauberin, den Prinzen durch eine
Handgreiflichkeit zu berzeugen. Sie bot ihr an, gar keine Mhe an den
Jngling zu verwenden, ihn zunchst auf einen groben Betrug hereinfallen zu
lassen. Und halb widerwillig mute die entzckte Frau darauf eingehen, dem
lchelnden Pou-ouang eine morgendliche Begegnung zu prophezeien, fr deren
Ausfhrung die Prinzessin in einem Pflichtgefhl gegen ihren gekrnkten
Gast sorgte. Die Verblffung des Prinzen war nicht geringer als seine
folgende Demut und Unsicherheit vor dem Schtzling seiner Schwester.

In seinem Eifer brachte der Knabe den berchtigten Prinzen Mien-kho in den
magischen Kreis, dem auch der Obereunuch angehrte. Mien-kho,
breitschultrig, gedrungen, immer in Generalsuniform mit dem Lwen im
Brustschilde, ein bramarbasierender tollpatschiger Mensch, fhlte sich
auerordentlich geehrt, in diese ungewhnliche Gesellschaft aufgenommen zu
sein, sa in dem Balkonzimmer, das fr die Sitzungen diente, mit
geschwollenem Kopf und offenem Munde. Khien-lung hate diesen Sohn, der
durch sein rohes Wesen auffiel und in den Hintergrund gerckt wurde. Als
dieser breitbeinige, von sich eingenommene Mann die Knste der Dame Pei
wahrnahm, lehnte er nicht ab wie der junge Pou-ouang, sondern zeigte sich
bei den gemeinschaftlichen Rckwegen aus dem Boudoir schweigsam, finster
erregt, so da Pou-ouang noch mehr von der wunderbaren Frau berzeugt war.

In dem wirren Gehirn des Kriegsmannes setzte sich eine Idee fest: sich der
Dame Pei zu bemchtigen und sie zu zwingen, ihre Fhigkeiten ihm zur
Verfgung zu stellen. Die junge Frau Jing, die vor ihrer Verheiratung seine
Konkubine war, und der Obereunuch Schang erschraken, als der Prinz sie auf
dem Wege zur Frau Pei einholen lie durch seine Lufer, sie in seine eigene
Snfte einlud und durch die Straen spazierend ihnen ohne Umwege sagte, da
die Dame Pei ihm ihre Dienste angeboten htte und er von ihren dunklen
Krften Gebrauch machen wolle. Frau Jing und Herr Schang mten ihm
behilflich sein, sich der Dame zu versichern. Es sollte nicht zum Schaden
der beiden Herrschaften sein. Festnehmen aber msse man die Zauberin, denn
es sei absolut ntig, sich vor Verrat zu schtzen.

Den Einwand des Herrn Schang, da man ja bei der Bereitwilligkeit der Wu
nichts zu frchten htte, wies der heisere Prinz, der aus gequollenen
Bullenaugen blickte, zurck. Man msse alles mit Entschiedenheit und Gewalt
machen. Auf ein Gespensterweib sei kein Verla; wozu die entschlossene Frau
Jing nickte.

So geschah an diesem Nachmittage das Seltsame, da die geschmckte Dame Pei
von Herrn Schang und Frau Jing abgeholt in der Snfte des kaiserlichen
Prinzen Mien nach einem abgelegenen Haus der Verbotenen Stadt gebracht
wurde, wo sie angekommen in ein Hinterzimmer gefhrt von dem hlichen
Prinzen angefallen, gefesselt und auf den Boden gesetzt wurde. Das
Seidentuch nahm er ihr aus dem Mund, als die fast Erstickende durch wildes
Kopfnicken erklrt hatte, nicht zu schreien. Whrend sie nun in ihrem
prchtigen pelzgeschmckten Kleid an der Erde sa, leise weinend und fr
ihr Leben frchtete, drhnte Mien vor ihr auf und ab, prasselte den
Prunksbel hin und erklrte sich fr ihr Leben und ihre Sicherheit
einzusetzen, wenn sie sich ihm ohne Einschrnkung zur Verfgung stelle.

Die Dame Pei mute sich an die Wand lehnen. Sie glaubte, der schwarze Prinz
htte sie entlarvt, und statt dessen -- begehrte er sie. Das war ein Raub
nach seiner Draufgngerart. Sie tat beschmt, wies auf ihre gute Familie
hin. Der massive Mann stemmte sich auf seine Waffe und resmierte roh: Ja
oder nein? worauf sie, trotzdem sie sein Gesicht nicht sonderlich schn
fand, ein zrtliches Ja hauchte, wieder leise weinte und zu ihm
hinschielte.

Er erklrte in demselben mrrischen Tone, sie wrde fr einige Zeit jetzt
hier wohnen, das Haus nur in verschlossener Snfte in Begleitung der
Herrschaften Schang und Jing verlassen. Sie drfe keine Geister beschwren,
Schatten zitieren, Krankheiten in der Entfernung heilen oder erzeugen,
sondern sich ganz ihm zur Verfgung stellen. Was sie mit seufzender
Zustimmung beantwortete.

Frau Jing erstaunte nicht wenig, als sie am Abend bei ihrer
eingeschlossenen Freundin erschien und diese ihr lachend um den Hals fiel.
Die Dame Pei meinte, sie wrde sich rasch in die neuen Verhltnisse
einleben. Erst htte sie sich vor dem wilden Prinzen gefrchtet, aber im
Grunde sei nur sein Benehmen so frchterlich. Was er von ihr verlange,
wrde ihr zwar einige Schwierigkeiten seelischer Art bereiten, aber --. Und
Frau Jing nahm glcklich das Aber auf, redete ihr zu, doch alles in Frieden
und ohne Lrm hinzunehmen. Der Prinz schwre auf sie, aber es mte alles
geheim bleiben.

Erst der nchste Morgen versetzte die liebeshungrige Pei in eine schwierige
Lage. Sie mute, vom Prinzen aufgeklrt ber seine gar nicht
leidenschaftlichen Absichten, ihre Enttuschung verbergen und in der
Verwirrung seinen Plan anhren. Der schlimme Plan Miens bestand darin,
einen bestimmten Mann auf sympathischem Wege zu einer gewissen Zeit
erkranken und nicht lange darauf sterben zu lassen. Frau Pei hatte sich
mehrfach bei der Prinzessin in Miens Gegenwart solcher Fhigkeit gerhmt,
die jedem vielerfahrenen Wu innewohnt. Jetzt weinte die Dame Pei aufrichtig
und konnte von dem Prinzen nicht beruhigt werden; sie weinte ber ihre
verlorene Schnheit und wie schmhlich alles verlaufe. Es fehlte nicht
viel, da sie aufsprang, dem gewappneten Mann ins Gesicht schlug und ihre
Unfhigkeit herausschrie. Das ganze Manver zeigte den Prinzen in einer
Dummheit, vor der sich die verwhnte Frau ekelte. Sie weinte wtend weiter,
erinnerte sich ihrer Kindheit im Hause des Barbiers und beruhigte sich sehr
langsam. Der Prinz, der sie verlassen hatte, kam nach zwei Stunden wieder;
sie bat ihn um Verzeihung, ein weibliches Herz knne sich nicht leicht
neuen Dingen anschlieen; Mien fragte sie genauer aus nach den Methoden,
mit denen man Entfernte behext, umbringt; sie hielt es fr das einfachste,
ihm einen Trank zuzuschicken, was Mien nach einigem berlegen ablehnte;
diese Methode schien ihm zu gefhrlich. Ob sie im Hause, ohne sich aus dem
Zimmer zu rhren, seine Absicht ausfhren knne. Nach einigem Nachsinnen
meinte die Dame Pei aufleuchtend, da dies ginge. Sie schlug vor, den Geist
des zum Tode Verurteilten in eine Puppe zu zwingen, die Puppe an der
Schwelle der Wohnung des Menschen zu vergraben; in kurzem wrde dann der
Mensch verwirrt werden, sich umbringen oder auf andere Weise rasch sterben.

Dazu schwang Mien die Arme; dies sollte ausgefhrt werden. Er nahm ihr
nochmals das Gelbnis des Schweigens und der Konzentrierung ihrer Kraft ab;
sie wrde, wenn alles glcke, belohnt werden wie sie wnsche; nichts wrde
ihr abgeschlagen werden.

Und so war die Dame Pei, in dieser Weise gefangen, nur wenig erschreckt,
als der ungeheure Mensch sich zu ihr waffenklirrend bckte und ihr ins Ohr
flsterte, nachdem er die Perlschnre beiseite geschoben hatte, die ihr vom
Kopfputz herunterhingen, es handle sich um den Kaiser, den sie verzaubern
solle.

Das Vertrauen, das man ihr in diesem Kreise schenkte, hatte sie schon
frher erregt; jetzt scho ihr eine Wut in den Kopf, eine Blendung fiel
ber ihre Augen; sie nahm sich vor, zu knnen und zu herrschen.

Auer Frau Jing, dem Eunuchen, die fr die Geheimhaltung des Aufenthaltes
der Pei raffiniert sorgten, wurde in das Geheimnis ein Steinschneider
einbezogen, der mit dem Eunuchen befreundet fter in den Palsten der Roten
Stadt arbeitete. Er erhielt vom Prinzen Mien viertausend Taels und ein
goldenes Amulett, den Gott des langen Lebens darstellend. Frau Pei
beauftragte ihn, mit mglichster Sorgfalt eine armgroe Statue des Kaisers
in Jade zu schneiden; er solle den Kaiser liegend nur mit einem Leinenrock
bekleidet darstellen; die weitere Ausstaffierung der Puppe wrde sie
bernehmen.

Lnger als fnf Wochen dauerte es, bis dieser Bildhauer, der geheim
schaffen mute, seine Arbeit fertig hatte und abends eine fein gebeizte und
geschnittene Bchertruhe vom Karren hob und aufgeschultert in das Haus
brachte, welches die Dame Pei bewohnte.

Die Puppe aus grnem Nephrit hnelte erschreckend dem Himmelssohn.
Schlafend lag der Kopf auf die rechte Seite gedreht; der Mund atmend leicht
offen; ein dnnes Kleid wallte bis auf die bloen Fe und war in der
Schlafunruhe von der rechten Schulter her verzogen, ber den linken starken
Knchel verschoben; die Hnde fielen dickgedert schwer zu beiden Seiten.
Der glasig grne Stein gab dem Bild eine Leichennhe und gleichzeitig eine
unirdische Bewegtheit, die von innen aus dem Stein heraus geradezu
sprechend gegen den Tod sich wehrte.

Die Verschwrer standen um das Bild herum. Mien mit siegesgewisser Freude
umarmte den einfachen jungen Steinschneider, der mit stolzen Blicken sein
Machwerk prfte und eine Falte anders gelegt haben wollte.

Frau Jing weinte, wich in eine Ecke, wo man sie schnauben hrte; auch der
Dame Pei, die erst die Puppe mit einer gemachten Ruhe fixiert hatte, wurde
bel; sie seufzte, lief in Angst aus dem Zimmer und mute von Frau Jing auf
das Gehei des Prinzen zurckgerufen werden.

Die weitere Arbeit lag der Dame Pei ob. Als sie sich von der Gesellschaft
ihrer Gste befreit hatte, brauchte sie mehrere Tage, ehe sie sich der
Puppe gelassen nhern konnte; dann gab ihr der Prinz Gelegenheit,
Khien-lung zwischen den Magnolien und Lotosteichen der Purpurstadt
spazierend zu sehen. Und immer wieder sog sie mit beschwrenden Gesten
etwas von der Seele des wandelnden Mannes ein, heute die Geister der fnf
Eingeweide, der Leber, Milz, Lungen, Herz, Nieren, dann den Geist der
Augen, des Hirns; jedesmal trug sie einen kleinen Gegenstand in der
geschlossenen linken Hand, das Organ, dessen Geist sie bannte; aus blauem
Holz die Leber, aus weiem Metall die Lungen, aus feuerroter Seide das
Herz; zu Hause prete sie die eifrmigen Stoffe der trumenden Puppe auf
den Leib, die Brust, die Stirn; unter Brennen des Weihrauchs, Abdunkeln der
Fenster. Wie ein Schwamm nahm die Puppe die Geister auf; der Stein begann
sich dunkler zu verfrben, die Figur wurde undurchsichtig, braune Kerne
bildeten sich in ihrem Innern, von denen sich feine Linien und Sprnge wie
Adern in die Glieder senkten und ber die Haut sprossen.

Nachdem die Dame Pei in einer letzten schmerzvollen Zusammengerissenheit
den Lebensgeist des Kaisers heimgebracht hatte, verschlo sie ber fnfmal
fnf Tage die Truhe, in der die Bildsule ruhte. Gegen Ende dieser Zeit
sthnte und stocherte es in dem Kasten vernehmlich; der schwarze Prinz
Mien, der Steinschneider und die schne Frau Jing bckten sich ber den
Kasten, als die Pei, die ihre Kniee bezhmt hatte, im gelben
rotberflammten Wukostme mit krftigem Anstemmen der Arme den Deckel
sprengte. Ein warmer Dunst schwlte mit faulig fadem Geruch aus dem Kasten.
Vor dem Gesicht trug die Dame Pei eine schlangenzngelnde, goldverzierte
Gttermaske; ihre lebendigen, rotgeschminkten Hnde ergriffen die Puppe,
die sie rasch wie eine wilde Katze gegen ihre Brust anprete.

Sie sahen alle, die Zauberin umringend, da der Kopf der Bildsule leicht
nach der Mitte zu gedreht war; das rechte Auge hatte blinzelnd das Oberlid
angezogen; die Gewandfalten lagen glatt; die Puppe hatte sich gestreckt.
Auf dem schwarzgefilzten Tisch neben der llampe lagerte die Frau
vorsichtig die Figur, einen Finger immer gegen sie andrckend; die
zitternde, nervs rlpsende Frau Jing, die ohne es zu merken oft wimmerte,
brachte ein zierliches weies Trauerkostm, mit dem die Zauberin rasch die
Gestalt bekleidete.

Es war Nacht; der dicke Nebel flo ber die stillen Palste der
Purpurstadt; vor die Glckseligkeitshalle, in der der Kaiser schlief,
tasteten sich die vier Verschwrer an einen uralten Thujabaum, unter dem
Khien-lung zu sitzen liebte. Rasch gruben der Prinz und der Steinschneider
mit einer bereitgelegten Schaufel ein oberflchliches Loch, versenkten die
zwischen zwei Bretter eingeklemmte Puppe. Die Zauberin stammelte ein paar
Worte hinunter; ein Kratzen kam herauf; die Erde wurde bergeworfen.

Man trennte sich; es war geschehen.

Die Puppe wrde in Erstickungskmpfen des letzten Restes der Seele
Khien-lungs sich bemchtigen; der Kaiser mute sterben; die Puppe war
gefesselt, konnte nicht aufstehen.

Diese Ereignisse fielen in das Jahr der Gebrochenen Melone. Wenig hielt
sich der Kaiser in der Purpurstadt auf; die Angelegenheit rckte nicht vor.
Die Dame Pei wohnte schon wieder in der Stadtwohnung. Der Prinz Mien
besuchte sie nicht selten; er wurde bald erregt und drohend zu ihr, da er
berzeugt war, da sie aus Angst vor dem Kaiser nicht alle Knste spielen
lie. Er schlug die emprte Dame einmal so heftig auf den Schdel, da ein
Arzt ihre Kopfgeschwulst behandeln mute.

Sie klagte ihre Not der Dame Jing und dem Steinschneider, die bei ihr aus-
und eingingen. Die Jing freute sich ersichtlich ber das Unglck, denn sie
war eiferschtig auf die Pei geworden.

Der Steinschneider war ein verschlagener, geldgieriger Mann, der dem
Prinzen groe Summen in dieser Sache erprete. Als er den Eindruck gewann,
wie schwierig die Angelegenheit war, begann er an dem Erfolg des
Unternehmens zu zweifeln, hielt die Pei fr eine Geldschneiderin wie sich
selbst und suchte sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Die Dame Pei
krmmte sich vor Wut, als er vorschlug, den Prinzen noch einmal grndlich
anzuzapfen, dann wolle er sie heiraten und mit ihr in seine Heimat nach
Schan-si gehen. Zurckgewiesen und hart vor den Kopf gestoen plante er
Rache.

Bei der Herstellung einer steinernen Girlande an der Front eines Pavillons
am sdlichen Lotosteich vermite er angeblich eines Tages ein Stck Jade
von bedeutender Gre. Er erstattete dem Oberaufseher der Bauarbeiten
Meldung, der die Untersuchung energisch in die Hand nahm. Der
Steinschneider erklrte, es wre mglich, da der Stein schon seit Monaten
verschwunden sei. Da erhielt er auf der Stelle Prgel fr seine
Unachtsamkeit, und nun erst in seinem Schmerz bemerkend, wie dumm er die
Sache angestellt hatte, so da er schon im Beginn bestraft wurde, gestand
er schreiend die ganze Verschwrung.

Die Jadepuppe wurde ausgegraben unter dem Entsetzen der Hofbeamten, die die
Sache zu vertuschen suchten.

Den Erdboden unter der Thuje fand man gelockert; wenig tiefer dringend
stie man auf eine eigentmliche Hhlung wie eine Luftblase und auf deren
Grund lag die Puppe; die Bretter in der Mitte gesprengt und nach oben
verbogen; die Puppe, die Hnde vor den Mund geschlagen, sitzend vornber
gekrmmt. Weie Maden bedeckten sie, als wenn sie ein Leichnam wre.

Man fahndete nach den Damen Pei und Jing. Beide waren flchtig.

Den Prinzen Mien traf man in seinem Palaste an; auch er suchte zu
entkommen. Nachdem ihm von dem Minister der Strafen, der die Untersuchung
bernommen hatte, bedeutet war, da er sich bis zum Entscheid des Kaisers
in seinem umstellten Palaste aufzuhalten habe, brllte er, fast platzend
vor Wut, von wem der Minister zu solcher Manahme gegen einen kaiserlichen
Prinzen autorisiert sei. Auf die kalte Antwort des Ministers, er bernehme
die Verantwortung, hieb der tobende Mann ihm mit seinem Prunksbel gegen
den Kopf, so da die Mtze mit der Pfauenfeder herunterfiel. Die
Palastwachen stellten sich vor den Angegriffenen; der Prinz trat,
beschimpfte sie in widerlicher Weise, ohrfeigte andrngend den Hauptmann,
der sich nicht wehrte. Dann zum Fenster hinausblickend und die starke
Besatzung vor seinem Haus bemerkend, zog er sich still mit giftigen Augen
in sein Schlafzimmer zurck, atmete Goldplttchen ein und erstickte.

Zur Zeit, als Khien-lung den Taschi-Lama in Jehol empfing, kam der Prinz
Mien-kho so um. Die Untersuchung wurde auf Befehl des Kaisers weitergefhrt
und ergab den dringenden Verdacht einer Beteiligung der Prinzessin und des
Prinzen Pou-ouang.

Diese Nachricht war es, die den Kaiser, dem die Beruhigung seiner Ahnen
durch Shnung des Verbrechens von Yang-chou fehlgeschlagen war, in Jehol
erreichte und seiner Seele einen grausamen Sto gab. Briefe von Kia-king
kamen an, in denen der Prinz ihn trstete, von seiner grenzenlosen
Zugeneigtheit zu seinem Vater sprach, bat, bittere Miverstndnisse
aufklren zu lassen oder zu vergessen. Khien-lung, von der Idee besessen,
bald sterben zu mssen und ungereinigt vor seinen Ahnen zu erscheinen,
erreichten diese Trstungen nicht. Er rang um seine Stellung unter seinen
Vtern wie nie um ein Land. Er sah sich von rechts und links verlassen;
manchmal glaubte er vom Lande ausgespieen zu sein; meistens stand er allein
auf einem mchtigen Steinacker und kmpfte gegen die Gespenster, vor denen
alle flohen.

Er erfuhr, da Tschi-li in Flammen stand unter dem Aufruhr. Er sah der
Emprung mit einer kalten Ruhe ins Gesicht. Was er wollte, erfuhren seine
Begleiter spter als die Hofbeamten in Pe-king, wohin Khien-lung Briefe
schickte, auch einen khl dankenden an Kia-king: der Kaiser verlangte rasch
nach Pe-king zurck, um den Taschi-Lama vor seiner Heimreise nach Tibet
noch einmal zu sprechen.

                   *       *       *       *       *

In einem kleinen Fichtenwald nrdlich der Tatarenstadt Pe-kings lag das
Kloster Kuang-tse. Hier wohnte der Heilige aus Tibet.

Sein Zug von Jehol nach Pe-king war auf einer einzigen Triumphstrae
erfolgt. Die Vgel der Anbetung rauschten in schwarzen Scharen um seine
Mitra. Als er sich in das kleine Kloster Kuang-tse gesenkt hatte, schienen
tausend magnetische Arme ber die Klostermauern nach auen zu wachsen und
die Anbeter herbeizuziehen. Auf kaiserlichen Befehl umgab bestndig eine
Kompagnie des Roten Banners den Wohnort des hohen Gastes; sie vermochten
den Andrang nicht zu regeln.

Unbersehbare Menschenstrme; Wagen, Karren, Reiter, Mtter mit Suglingen,
Bettler, Frsten, Vagabunden; ein Zusammenschlagen und Vereinigen aller
Blicke; ein Brechen aller Knie vor dem hlzernen Zepter, das der ernst
lchelnde starke Lama an der Hoftr hob.

Aus Hintertren verlie Paldan Jische, der zu Fu ging, an Vormittagen in
Begleitung zweier Gelehrter das Kloster, spazierte wie ein einfacher
gelbrockiger Lama im spitzen Hute. Er besuchte das stliche Tung-huang-tse,
das Kloster des Tschan-tscha Chu-tuk-tu, machte in der Snfte einen groen
Ausflug nach dem Jagdpark Hung-schan, westlich des Kun-ming. Die herrlichen
Waldungen der Ulmen, Maulbeerbume durchschritt er in einem strahlenden
Entzcken; Marmorbrcken fhrten ber Schluchten und grne Bche; die
schlanken Rehe jagten dicht vorber.

Die Tauperlen des Waldes hingen noch an seinem Hute, als er das Kloster der
fnfhundert Lohans betrat, von dem niederstrzenden Abt und dem groen
Mnchskapitel empfangen. Mit hoher Pracht schimmerten hier in einer Grotte
die achtzehn Martern und neun Belohnungen aus Ton geformt.

Eine Nacht verbrachte der Heilige in dem seitlich versteckten Kloster des
Liegenden Buddhas; er war, als der Abend kam, schon seit Stunden in
Kontemplation vor der Kolossalstatue versunken; als er sich losgerissen
hatte, geno er den Anbruch der weichen, warmen Nacht unter den
Rokastanien des Parkes, zwischen der gebrenden Feuchtigkeit der Teiche.

Dieses stliche Land war gesegnet. Die Menschen erfllten es; das gute
Gesetz machte unter ihnen Fortschritte. Mit fremden freudigen Augen
betrachtete der Taschi-Lama die bergehoch gehuften Schnheiten der
Gebiete, ohne Begier, wie ein Spender, Gnner, der still lchelt und
Vergngen aus der fremden Freude gewinnt. Die Gebete und Bitten, die
heimlichen Klagen der Frsten klangen zu ihm; auch die warme Luft besserte
nichts, die Marmorbrcken waren leicht wie ein Atemzug, die hohen
Sorghofelder, die Reispflanzungen mit aller ppigkeit verschwanden, wenn
man die Hand vor die Stirn legte. Welch gutes, tchtiges, maskenfrohes Volk
spielte hier; wie es herrisch die Nachbarvlker bedrckte. Aber selbst der
Kaiser, der Herr der Gelben Erde, wute, wie wenig das bedeutete, zehn
Jahre, fnfzig Jahre, hundert, tausend Jahre, klagte. Es regte sich hier im
Lande von dem reinen, sen, bewltigenden Geiste des
Allerherrlichst-Vollendeten; noch war nicht die Zeit, wo das Reich des
Cakya-muni sich erfllen sollte, erst mute die Bedrngnis der heiligen
Lamas, so lautete die Weissagung, bis ins Unertrgliche wachsen.

Was hatten die Stillen zu leiden, die Trger des Wu-wei, von denen
Khien-lung klagte, deren Untergang schwere Zeichen begleiteten. Arme
Suchende; Buddha wrde ihnen ihren Platz unter den Wiedergeburten geben.
Grauenvoller Widerspruch; der Kaiser ahnte, wie er ein Nichts wre, und
lie die morden, die es noch tiefer ahnten, die es inniger bekannten.

Rettungsloses Wuchern der Geburten aus allen Teichen, Verzehnfachen,
Vertausendfachen der Welt in einem Augenblick.

Wre der Weltenberg Sumeru nicht von sieben Meeren und sieben Felsgrteln
umringt, so wrde die Wildheit der Gelste alle Grenzen sprengen und
berfluten, in das Leere eindringen, aufrauchen in die Glanzhimmel der
Formen und Formlosigkeit.

Wie dem Einhalt gebieten, wie nicht erschrecken, den Atem verlieren und
keuchend auf die Stirn fallen -- vor Angst und Ohnmacht.

Die Lamas lebten, Pfhle in dem Morast, Inseln in der erregten See,
Glcksblicke des Lichtes, Beender des Kreislaufs, Ringlser.

Mehr Hilfe, mehr Kerzen.

Und es brannten nur so fein in der Finsternis die kleinen wandelnden
Kerzen, die Wahrhaft Schwachen, die Laienbrder, die Toten dieser
Mongolenstadt.

Ein leises, zunehmendes Plrren, Quaken von Frschen lie sich vernehmen;
ein breitsitzender, behbiger Chor blies sich im Wasser auf.

Einmal lie sich der wunderbare Mensch auch herbei, zu den Frauen des
kaiserlichen Harems zu gehen. Unter einem Schirm von gelber Seide sa er in
der offenen Snfte; er hielt die Blicke gesenkt, um sich nicht zu besudeln
durch das Anschauen der schnen Weiber; sie erschauerten unter seinen
segnenden Hnden und kten sich, als er sie verlassen hatte, glcklich ihn
gesehen zu haben.

Die Zeit des Aufenthalts in Pe-king neigte sich zu Ende. Da bemerkte man,
wie der Wanderer vom Gnadenberge stiller und zurckhaltender wurde. Eine
Mdigkeit lastete auf ihm. Er seufzte viel; aus seinen Versenkungen erhob
er sich mit leeren, eingesunkenen Augen. Man fragte ihn nicht, in keiner
Weise lie man erkennen, da man eine Vernderung seines Zustandes merkte.
Es wre auch gegen die geistliche Einsicht gewesen, zu trauern, da es ja
dem lebenden Buddha freistand, seinen leiblichen Wohnsitz zu wechseln. Man
wurde von einer menschlichen Angst um den gnadenspendenden Mann ergriffen.
Ihn schien etwas zu drcken. Er rckte mit einer uerung zu dem
Tschan-tscha Chu-tuk-tu heraus, zu diesem Bcherwurm, der ihn
beschnffelte, registrierte; es sei das heie Klima und die eigentmliche
Feuchtigkeit des Landes vielleicht ungnstig; er habe Verlangen nach den
schwarzen Filzzelten und den Schneesteppen. Das war nur eine einzelne
Bemerkung; der Pantschen Rinpotsche schwieg sich ber sich aus.

Er war nicht von der Art der Frommen, die eine Leichtigkeit, Frhlichkeit
durch die Existenz begleitet; er schlo sich wenig an Kinder und harmlose
Naturen an. Beim Anblick der runden Kinderaugen fror ihn. Wo die schweren
Seelen waren, bettete er sich. Da wurde ihm leicht, er fhlte sich in guter
Luft; lie sich gehen, lie sich strahlen. Er kannte von klein auf nur die
hrtesten und furchtbarsten Dinge, sah sich von Schicksalgeschlagenen
umringt.

Und nun, in dieses kaum vorbereitete Riesenreich verschlagen, trmte und
wackelte es von allen Seiten ungeheuer ber ihn her. Ohne Ende streckten
sich die Lnder und Menschen. In einer Verwirrung beugte er sich. In dieser
Verwirrung erschien er sich als ein Bauer, der dieses Land der achtzehn
Provinzen bepflgen sollte, allein bepflgen sollte. Ein unsicheres
Zittern, Schwirren, tiefinneres Schwindeln berhrte seine Kopfhaut, fllte
sein Gehirn wie ein Schwamm. Eine groe Ermdung fhlte er im Kreuz; sein
Herz und seine Lungen schienen wie aus Holz in ihm zu hngen und
gelegentlich zu klappern.

Vier Tage waren schon die Tore und Hfe des Klosters Kuang-tse geschlossen.
Paldan Jische war krank. Er erinnerte sich in manchen Augenblicken des
Klosters, das er zuletzt besucht hatte, mit dem Liegenden Buddha. Das Bild
hatte sich seinen Augen sehr eingeprgt. Er lchelte; er konnte sich mit
den Beinen nicht aus dieser Stellung herausfinden. Die rzte, die ihn
begleiteten, tibetanische und mongolische, waren noch nicht zu einer
Diagnose gekommen; fnfstndlich wurde einem andern die Gnade zuteil den
Puls des Kranken zu betasten.

Bis am fnften Tage das Fieber ausbrach, im Gesicht des Heiligen kleine
Bltchen, zarte Pusteln erschienen und mit Entsetzen von dem rztekollegium
des Klosters die schwarzen Blattern erkannt wurden.

Mit einmal war das Licht aus der Menge der Kardinle, Priester und Frommen
gerissen. Die Hochbetitelten, die Magister, die berstrmenden, die
Gesetzesfrsten, liefen durcheinander, Sandkrnchen und rollten nur,
rollten. Aus den weihrauchdampfenden Korridoren lief das schreckliche
Gercht, wie eine schwarze Katze schleichend, heimlich sich an die Wnde
zur Seite drckend, die Hfe kreuzend, dann mit einem klatschenden Absprung
der Hinterpfoten hoch, in eine beschwingte Fledermaus verwandelt, breiter,
ein gelles Pfeifen ausstoend, als klumpige, schwefelhelle Wolke am
Horizont fliegend, den Himmel bedeckend.

Kia-king wechselte mit anderen kaiserlichen Prinzen am Krankenbett in
Kuang-tse ab; der Kaiser selbst, schon unterwegs, lie durch Eillufer
anordnen, dreihunderttausend Taels unter die Armen der Stadt zu verteilen.
In Kuang-tse, dicht am Lager des vom Fieber Verbrhten, hrten die Messen
nicht auf. Die Hfe klangen noch unter den Festpauken, den Zinken, weien
Trompeten, Glckchen, Gongs, der blauweie grelle Prunk der heiligen
ausgestellten Gefe lockte das Licht und die Menschenblicke an. Die Mnche
zogen einen Wall um das Kloster mit Andachtswimpeln, Segensbumen,
Glcksschrpen. Die Menschenstrme, von auen gegen das Kloster anbrandend,
warfen Mauern aus Gebete tragenden Steinen um die Klosterwnde aus.

Drin war es still. Der Buddha rang mit der Pockengttin. Die spitzhtigen
Bischfe und Wrdentrger, in Brokat und bunten Stiefeln, liefen matt und
bernchtig umeinander; ein Fasten hhlte ihre Leiber aus.

In der kleinen Kuppelhalle des Tempels schauerten jeden dritten Tag
Sodschongs, die groen Opferfeiern. Whrend auf den Klang der Posaune des
Gesetzes sich vor der Klostermauer die Menschenmassen von Osten nach Westen
in Bewegung setzten, schwerfllig vorrckten um die Mauern unter dem
Scharren des Sandes, dem Klappern der Rosenkrnze, dem gewitterartig
anschwellenden Om mani padme hum, zerquetschten die Geweihten in der
Kuppelhalle ihre Knie, lastend auf den Matten in langen Reihen, Gelbmantel
hinter Gelbmantel. Murmeln, Glckchenklingen, Vorbeten, Hndeklatschen,
brausende Instrumente. Schwermtig nahm der Tschan-tscha den kleinen
Goldspiegel vom Altar, hob ihn. Der lteste Chan-po schwenkte das
schnablige Weihwassergef, hielt in der Linken einen gebuckelten Teller.
Und whrend der Tschan-tscha den Spiegel drehte, so da der Schatten
Buddhas hineinfiel, go der Chan-po. Die Gemeinde hingesunken. Das
zuckerse Wasser lief ber das Gesicht des Spiegels, tropfte in den
Teller. Der leise Gesang bebte, von Hand zu Hand wanderte der gefllte
Teller. Die Priester bestrichen sich Scheitel, Stirn, Brust, und weinten.

Paldan Jische delirierte. Die Geschwre krochen ber seine Bronzehaut;
flossen zusammen. Erst fllte sie eine gelbe Flssigkeit, dann begann sie
zu dunkeln, dickrtlich, schwarz zu werden.

Kia-king sa stundenlang am Fenster der Zelle und betrachtete das
verschwollene, unkenntliche Gesicht, das dem weisesten Menschen angehrte,
das Gesicht, in dem manchmal zwei ganz unirdische Augen sich von dem
Verschlu hartkrustiger Lider befreiten und khle helle Blicke an die blaue
Decke sandten, wie die kristallenen Springbrunnen unter den Ulmen von
Kun-ming-hu. Der feiste Prinz empfand einen stechenden Neid auf den
Taschi-Lama, der sein Nachfolger im Vertrauen Khien-lungs geworden war.
Aber er wurde wehrlos gegen den Fremden beim Beobachten dieser befreiten
Blicke. Bis zu der Krankheit mied der Prinz nach der einmaligen Visite den
Tibetaner, den er als gefhrlichen Parasiten ansah, als Knig der gelben
Pfaffen. Die Hingeworfenheit des Kranken machte den Prinzen geneigter; er
beschnffelte ihn, schlielich zitterte Kia-king unter dem Gedanken, da
sein Vater auch diesen Mann verlor. Kia-king tat Gelbde, damit Paldan
Jische leben bliebe.

Die rzte bestrichen den Leib des Kranken mit Safran; sie banden seine
Hnde zusammen, hielten seine Ellenbogen und brannten siebenmal seine
rechte und linke Seite mit dem trockenen Stengel von Moxaholz, das sie in
Hanfl tauchten. Die Papierfenster bekritzelten sie mit roten Zeichen, die
Wnde, die Schwelle. Als die Krankheit zunahm, auch im Mund die Geschwre
platzten, duldeten die Doktoren, da die sechs Tschokjong, naive
volkstmliche Zauberer, denen der Taschi-Lama wohlwollte, eingelassen
wurden.

Im Federfell, mit Vogelklauen, unfrmigen Helmen, an denen der fnffache
Totenkopf grinste, hpften sie zu dritt im Zimmer vor dem Halbbewutlosen
herum, flsternd, berzeugt, heute ihr Meisterstck zu verrichten. Sie
riefen den furchtbaren Takma an.

Sie warfen das Bett umkreisend ein dnnes Pulver in die Luft.

Sie hielten eiserne Rasseln in den Hnden; mit leisem Schttern fuhren sie
ber den Kranken: Die fnfundfnfzig, die auf der Stirn zusammenkommen,
sollen alle verschwinden wie die Blasen der Blattern. Die siebenundsiebzig,
die auf dem Hals zusammenkommen, sollen alle verschwinden wie die Blasen
der Blattern. Die neunundneunzig, die auf der Brust zusammenkommen, sollen
alle verschwinden wie die Blasen der Blattern. Sie wirtschafteten geraume
Zeit in ihrer halsbrecherischen Art herum; trabten hintereinander heraus,
ber die Schwelle noch zu einer krausen Malerei hinkauzend.

In der Tat wurde der Heilige in den nchsten Tagen freier, er konnte den
Mund mehr ffnen, schluckte kalten Tee.

Da langte Khien-lung an.

Auf dem Fensterplatze, den Kia-king eingenommen hatte, wartete der groe
Kaiser und rang um die Seele des Sterbenden.

Fr Khien-lung gab es keine Zensoren, keinen Astrologenhof mehr; mit einer
greisenhaften Einengung der Gedanken hielt er an dem Pantschen Rinpotsche
fest, den er verantwortlich machte fr den Aufruhr in den Nordprovinzen und
der mit der Wahrheit, der eigentlichen Wahrheit zurckhielt. Ja, nur Paldan
Jische konnte helfen.

Mit unbeweglichem Gesicht sa der Gelbe Herr hinter dem rotbemalten
Papierfenster, wartete auf das Erwachen des Heiligen. Khien-lung, die Hnde
auf dem Scho gefaltet, verfolgte jede Regung im Zimmer mit stummen Augen.
Er war ohne die geringste Ungeduld. Paldan Jische konnte ihm nicht
entgleiten.

Am folgenden Tage kam er wieder und wartete.

Am Nachmittag des dritten Tages hielt Paldan Jische die braunen Augen lange
offen, unter der Maske der schwarzen Blatternkrusten hervorblickend,
erkannte Khien-lung und bewegte die Lippen. Er erkannte auch die sechs
Bischfe, die in Bettlerkleidern an den Wnden standen und keinen
Augenblick das Zimmer verlieen, um beim Eintritt des Todes zugegen zu
sein.

Khien-lung beugte sich zum Ohr des Kranken: Ich traure, Eure Heiligkeit,
da Sie leiden in meinem Lande.

Paldan Jische schien lcheln zu wollen. Er schttelte den Kopf und
gluckste.

Unbeirrt um das ungeheure Ereignis, das sich hier vorbereitete, die
Trennung des Buddhas von seinem jngsten Krper, redete dann der alte
Kaiser. Er fragte oft, ob ihn der Kranke verstnde. Der nickte deutlich.
Mit einer harten Bestimmtheit trug Khien-lung die letzten Ereignisse vor,
den Aufruhr, die Ruchlosigkeit Miens. Paldan Jisches Augen wurden lebendig,
whrend Khien-lung flsterte. Der Heilige war in seinem Element, unter den
schweren geworfenen Seelen. Als Khien-lung zu Ende war, sah er die Glocken
der braunen Augen sich bewegen, aber die Lippen des Kranken zuckten ohne
ein Wort zu bilden.

Der Kaiser richtete sich auf, warf den Kopf mit Strenge zurck.

Am nchsten Nachmittag sa er wieder am Bett des Heiligen. Die sechs
Bischfe standen unbeweglich in Bettlerkleidung an den Wnden, warteten.
Dringlicher flsterte der Kaiser, wiederholte den Bericht, fate den
Kranken bei den Handkncheln, verlangte neuen Rat, versprach der Gelben
Kirche Klster in jeder Provinz neu zu bauen.

Der Kranke mhte sich nach Worten, lchelte. Nur der Blick sprach, schwieg.
Der Zorn verzerrte das Gesicht des Kaisers.

Als der Kaiser am nchsten Nachmittag eintrat, fand er den Heiligen sitzend
im Bett. Es standen nur vier Bischfe barfu an der Wand in braunen Kutten.
Zwei sttzten den Heiligen, der die Augen geschlossen hielt und sie unter
der kissenartigen Schwellung von Wangen, Lidern, Stirn, nicht mehr ffnen
konnte. Die beiden Kahlkpfe hielten ihn, denn er hatte Zeichen gegeben,
da er wandern wolle. Eine schwere Weihrauchwolke hllte den Raum ein. In
dem Nebel blieb der Gelbe Herr erstarrt stehen. Keinem Blick begegnete er.
Der Heilige war mit dem Gesicht nach Westen gedreht worden. Khien-lungs
Snfte kehrte rasch zurck.

Zwischen dem Zickzack der Delirien, Verschleierungen, bunten Wirrsalen
wachte und trumte Paldan Jische. Ein fleischschnrender Krampf, ein hohler
Schwindel ber Schlnden, eine klare federnde Helligkeit wechselten. Die
groe Ermdung verdunstete. Die weien Mauern des Labrang tauchten auf, die
Dcher leuchteten in dem matten Gold. Der tote Dalai-Lama erschien und ging
rasch unter seinem Schirm vorber. Die Bilder bewltigen, Besinnung,
Besinnung! Kurze Rast in weien Slen. Menschen, wieviel Menschen, auf
Kamelen, Karren, tauchende sinkende Menschen. Hoftren, Snften, Gongs.
Hilfe ber dem Meere, groe Boote, kleine Boote. Er schleifte riesengro,
unkrperlich seinen Glanzleib mit einer phosphoreszierenden Schleppe, war
ein himmelhoher Pfeiler, der sich rund drehte. Ihn befiel kein Zittern. Er
wute nicht, ob es sein Empfinden war, das er empfand, ob es anderer,
vieler, zahlloser Empfindungen waren. Schwebend. Schwebte geheimnisvoll
zwischen sechs geheimnisvollen Silben.

Drei Tage und zwei Nchte hielten die sechs Bischfe den Heiligen, der als
Buddha sterben mute. Sie stemmten sich zu zweien von hinten gegen seinen
Rcken, der sich immer wieder rundete. Einer umfate den Kopf und trieb ihn
hoch. Einer prete die schilfernden Hnde gegen die Brust und drckte oft
die winkelspitzigen Ellenbogen dicht an den Leib. Einer schlug die Beine
des Sterbenden bereinander. Der sechste bog die Sohlen, die flammendrot
waren, nach oben um.

Am Morgen des dritten Tages verlie Amithaba den Krper Lobsang Paldan
Jisches. Der tote Leib erstarrte in der Stellung des betenden Buddhas.

Wochen vergingen, bis der Leib Jisches die Rckreise nach Tibet antrat,
Monate, bis er in Taschi-Lunpo, der trnenflieenden Stadt eintraf. Der
Geist des Buddha wanderte schon lngst ber die geliebten Schneefelder,
Grassteppen, streichelte die zottigen Yaks, irrte herum, suchte das Kind,
in dem er seine neue Wohnung nehmen wollte.

Die Menschen in Pe-kings Kloster Kuang-tse umschlangen den ausgeglhten
Leib des Lobsang Paldan Jische, Sohnes jenes tibetanischen Zivilbeamten.
Sie balsamierten ihn ein.

Am Vormittag nach dem Tode hallten die kaiserlichen Gongs vor dem Kloster.
In der weien Totenkleidung stand Khien-lung ohne Grtel, ohne Ring, mit
kahlem Schdel vor der Samtbank, auf dessen Violett im gelben ppstlichen
Ornat ein furchtbarer Buddha die Schenkel kreuzte, thronend in einer
grausigen Ruhe.

Schwarze brandige Borken hingen in Fetzen von einem geblhten Gesicht
herunter. Ein blutiger Schleim tropfte von Minute zu Minute aus dem Munde.
Dicke runde Wlste durchquerten statt Lippen die untere Gesichtshlfte. Die
Lider geschlossen; aber in eigentmlicher Weise hatte sich ihre Schwellung
verloren, so da neben der klofrmigen Nasenwurzel zwei grnlich
schimmernde Hhlungen sich in den Schdel senkten. Die Mitra mit den fnf
edelsteinbesetzten Buddhabildern rutschte auf dem Kopf schief vor. ber den
bestickten Goldbrokat der Brust sickerten die Schleimtropfen und rannen
hinter die angelegten rmel.

Rechts und links von dem thronenden Buddha standen auf Tischchen die Opfer
fr den Toten, niedrige Reis- und Tonpyramiden. Rucherstbchen brannten.
Die Bischfe, der Tschan-tscha stopften ihre Mnder auf die Dielen.

Khien-lung verharrte minutenlang ohne Bewegung. Sein Blick schweifte nach
dem Fensterplatz, auf dem er das Erwachen des Heiligen erwartet hatte, nach
der Ostwand, wo sich am Boden die Holzkltze des Sterbebettes erhoben. In
einer kalten Gelassenheit prfte er die Zge des emporgestiegenen Lamas.
Keinen Abscheu sprte er, verfolgte die langsame Entwicklung einer
Blutblase auf der Unterlippe der Leiche und wie die ekle Flssigkeit
abquoll.

Dieser Mann war mit Recht gezeichnet. Sein Krper zerplatzte aus
Eitergeschwren. Er war nicht besser als die betenden Pfaffen. Sein
Schicksal bewies es klar. Hier die Mongolenstadt, da die Blattern: man
konnte es auf eine Wage legen. Der hingeraffte Pfaffenknig vermochte nicht
zu raten trotz der Bcherhaufen Kand-schur und Tand-schur.

Und da wurde Khien-lung unsicher. Seine Klte zerbrach. Er fiel vor der
thronenden Leiche auf die Knie und weinte, aber niemand im Zimmer wute,
da er vor Wut ber den Lama weinte, in tobenden Anklagen, weil der
prunkende Weise ihn betrogen hatte. Khien-lung hatte sich in Verblendung
auf das Eis dieses Betrgers locken lassen. Und der Gnadeberflieende war
ihm entwischt, ehe er ihn gestellt hatte. Blut hatte der Tote speien
knnen, Trostblicke werfen, aber der hohnvolle Priester entschlo sich zu
keiner Silbe.

Einen Sarkophag in Gestalt einer Reliquienpyramide befahl Khien-lung aus
Gold herzustellen. Da hinein versenkte man den Krper Paldan Jisches. Die
leer bleibende Hhlung und den Krper berschttete man mit weiem Salz.

Es kamen die hundert Tage fr Seelenmessen, an denen die nrdlichen
Provinzen, die ganze Mongolei teilnahmen. Ein ganzes Volk zerbrach in
Schmerz um den entschwundenen Buddha. Und noch war man nicht in Tibet.

Der endlose Trauerkondukt setzte sich in Bewegung, nicht nach Norden,
sondern Westen. Man drang mhsam durch die westlichen Provinzen; die
Menschen schlossen sich um die goldene Stupa zusammen und hielten sie fest,
als wre sie eine Pagode, die den Ort beschtzt. Weder Tag noch Nacht
berhrte der schwere Schrein mit der Leiche den Boden; von Schultern glitt
er auf Schultern. Nachdem er in Kuang-tse unter Drhnen der ungeheuren
Posaunen aufgehoben war vom Boden, sank er in Taschi-Lunpo herunter, im
weien jammerberstenden Labrang, nach sieben Monaten und acht Tagen. Bei
Kuang-tse wuchs im selben Jahre der Marmorobelisk, den Khien-lung dem
Andenken des Heiligen widmete; der Stein von der goldenen Papstmitra
gedeckt; der Opferaltar an einer Seite, umweht von langen Seidenwimpeln.

                   *       *       *       *       *

Zwei Tage nach dem Tode Paldan Jisches saen in der kleinen Empfangshalle
vor der Estrade des Himmelssohnes die Vertrauten Khien-lungs. Er selbst
blickte viel zu den weitgeffneten Fenstern hinaus. A-kui kauerte unten
neben Chao-hoei, Song; auch Kia-king, dessen Hflichkeitsbesuch der Kaiser
angenommen hatte, den er zu Audienzen berief, ohne ihn eines Gesprches
unter vier Augen zu wrdigen.

An kleinen Tischen gruppierten sich die zwlf Herren, lackierte viereckige
Tische, um die schwarze Holzhocker standen, mit gelben und roten Kissen
belegt. Ein grerer runder Tisch in der Mitte der unteren Halle trug die
Platten mit Obstsorten, Melonen, Salat, gesalzenen Enteneiern. Die
Schlchen mit den zahllosen Suppen verdrngten sich auf den Tischen,
Schwalbennester, Haifischflossen mit Pilzen, Meerwrmer, Wurzeln des
Nenuphar, Bambusschlinge; Entenbraten mit Wallnssen, gersteter
Schweinebraten in Stckchen. Mit Sigkeiten, Mandeln, Melonenkernen schlo
man. Die kaiserlichen Diener huschten mit Tchen und Weinkannen.
Allgemeines Verneigen, Schwingen der Tchen, gemeinsames Setzen, Murmeln.

Die Saitenmusik begann. Es wurde gebeten, sich des Fchers zu bedienen. An
der Lngswand der Halle, gegenber der kaiserlichen Estrade, war eine
kleine Bhne geffnet. Zu den nselnden Tnen unter Zutritt von
Holzschlgern stiegen Tnzerinnen auf die Bhne; so feine schlanke Leiber
sie hatten, es waren Eunuchen. Aus weichen Augen verhaltene verstummende
Blicke; Wangen, Mnder, Augenbrauen unter der Schminke geformt; Percken
und klingelnder schaukelnder Silberbehang der schwarzen Haare; schwarze
Seidenkittel in bauschigen Falten, lockere gelbe Hosen, in grnen hohen
Stiefeln aus Atlas belebte Fchen. Nur ab und zu wrdigte sie einer der
Gste eines Blickes. Sie stellten, zu Paaren tanzend, Pfauenfedern auf die
Bhne, wanden sich blitzschnell hindurch, zerrten sich grazis zueinander,
wippten in die Hhe ber eine Feder weg und erstarrten auf einen spitzen
Fu aufspringend, drehten sich langsam auf den Zehen um sich selbst,
whrend ihre winkligen Arme in die Hhe rangen, sich suchten und
verschlangen.

Sie tanzten lautlos, ein Schattenspiel. Khien-lung richtete oft die Augen
auf Kia-king, der wie immer allein sa und trumte.

Eine zarte Frauenstimme sang zur Geige und Laute hinter der Bhne. Wie es
in dem alten Liede heit: mit Tnen gedmpft, von Traurigkeit verschleiert,
die tiefen Saiten wie die Flut rauschend, die oberen flsternd, und als die
Tne lebendiger wurden, glaubte man einen Perlenregen zu hren, der auf
eine Marmorplatte fiel. Die klagende Stimme sang das Lied Tu-fus: Ich bin
bewegt von tiefer Traurigkeit und lasse mich in das dichte Gras nieder. Ich
beginne, mein Schmerz tnt. Trnenberstrmt, trnenberstrmt. Ach, wer
knnte lange wandeln den Weg des Lebens, den jeder fr sich durchluft?
Und wie es in dem alten Gedicht heit: das Ende des Spiels glich einem
zerbrochenen Gef, aus dem das Wasser hervorstrmt; und zum Schlusse fuhr
der Bogen ber die Saiten, die unter einem einzigen Strich erzitterten, wie
wenn man ein Stck Zeug zerreit.

Khien-lung nickte. Der thronende blatternbeste Buddha aus Tibet stand vor
seinen Augen; Fetzen schwarzer brandiger Haut hingen von gedunsenen Backen;
die sonst platte gerade Stirn beulte sich wie bei einem Wasserkopf. Als
lebender Buddha von Taschi-Lunpo nach Jehol gewandert, als geschwriger
Fleischklumpen von Kuang-tse aufbrechend.

Geige, Laute und Frauenstimme sangen auf den Wunsch des Gelben Herrn noch
dreimal das Lied Tu-fus von der Vergnglichkeit.

Dann erhob sich Khien-lung. Ein Eunuch stand neben Kia-king und flsterte
ihm ins Ohr. Tanz, Gesang, Schmauserei wurden unterbrochen vom feierlichen
neunmaligen Berhren des Fubodens.

Whrend in der Halle die Frhlichkeit zunahm, die wilden Bndertnze zu der
stachelnden Musik geschwungen wurden, Spieler in grnen und roten Scken
auftauchten, sich sonderbar umringten, gegeneinander whlten, schritt der
Gelbe Herr hastig neben Kia-king unter der unnahbaren Schwrze der
Zypressen, die ihre finsteren Flammen, Sule neben Sule, zu dem rosigen
Abendhimmel rauchten.

Khien-lung verlangte von seinem Sohne, dessen schokoladenbraunes Obergewand
bei dem raschen Vorwrtsschreiten brandrote Falten warf, sich ber das
Vorkommnis zu rechtfertigen, das er kenne.

Kia-king seufzte, er antwortete nicht gleich; drckte seine Gereiztheit und
Ungeduld herunter, wies leise auf seine Briefe hin, die er nach Jehol bei
dem Hochverrat Mien-khos gerichtet hatte.

Das gengte Khien-lung nicht; er verlangte mndliche Rechtfertigung; das
Wort Entschuldigung entfuhr ihm und gab Kia-king einen Wink.

Der Kaiser wollte Frieden. Kia-king staunte. Es lag etwas Peinigendes in
der Vorstellung, da Khien-lung sich schwach fhlte.

Kia-king bertrieb seine Hflichkeits- und Ergebenheitsuerungen, erklrte
sich schlicht schuldlos, ohne den geringsten bitteren Ton anzuschlagen.

Der Kaiser brach in wilde Vorwrfe aus; sie seien hier in der Purpurstadt
eine saubere Gesellschaft; nach dem Leben trachteten ihm seine Kinder, alle
Ehrfurcht vor den Eltern sei hin; er knne Kia-king nicht stark genug
versichern, wie genug er davon htte, Vater von Shnen zu sein, die die
Gesellschaftsordnung kaum dem Namen nach kannten. Das Alter kme an ihn
heran, sie htten es richtig beobachtet. Das Verhalten seiner Kinder ekle
ihn; er schme sich fr seine Kinder.

Ohne auf die Anklagen einzugehen, seufzte Kia-king, er habe gehofft, dem
toten Paldan Jische sei es gelungen, die Unruhe des Vaters zu beheben. Ob
nicht das groe Lehrerjuwel ihm in Jehol geleuchtet htte und den Weg
beschienen htte.

Den Weg beschienen! Kia-king, wir sind keine jungen Knaben. Sieh einmal
hin, wie mir dieses Juwel geleuchtet hat, bevor es erloschen ist: ja, hat
es mich nicht betrogen, dieses Lehrerjuwel, bevor es erlosch? Die Prfekten
schicken mir Berichte auf Berichte vom Aufruhr; ich freue mich, da es so
schn brennt. Und das ist Paldan Jische gewesen, der Pantschen Rinpotsche,
der Weisheitsozean, die Kostbarkeit vom Gnadenberg. Es wre dazu nicht so
viel Weisheit ntig gewesen.

Kia-king flsterte, vorsichtig sondierend: Der fremde Mann kennt nicht die
Bodengeister unseres Landes. Er redet und erwgt mit Weisheit. Man kann
kaum mit tibetanischer Weisheit stliche Menschen beruhigen.

Khien-lung streifte seinen Sohn mit einem fremden Blick; er wurde finster,
als er sich wieder den Zypressen zuwandte. So fremd ging er neben dem
Kia-king, unter dessen Abwesenheit er gelitten hatte. Sie nahmen zum
Entsetzen Kia-kings auf jener Bank unter der Thuje Platz, in deren Erde die
Gespensterpuppe Mien-khos und der Dame Pei begraben war. Der Kaiser lie
sich wuchtig auf die kleine Holzbank fallen, streckte das Kinn vor, blickte
auf die Erde, die er mit seinem Fcher anwehte, sprach weiter, whrend er
Kia-kings Augen nicht loslie.

Du sollst mein Nachfolger sein, Kia-king. Ich gebe die Hoffnung auf, einen
besseren Nachfolger zu finden. Ich mag nichts mehr hoffen, ihr habt mir das
vergllt. Hier, sieh, diesen kleinen Schlssel, der zu meinem Schreibtisch
pat; wenn mich der Himmel rufen sollte, so wirst du meinen Schreibtisch
ffnen und ein Schreiben im Buche Li-king finden, das dich zum Thronerben
ernennt.

Er fixierte immer weiter Kia-kings feistes gleichmtiges Gesicht. Kia-king
blickte traurig vor sich hin; in seinem schlaffen linken Augenlid zuckte
es: Ich mchte nicht Ihr Nachfolger sein, Majestt. Ich sehe keinen
Unterschied in Ihrer Art, Pou-ouang nach dem Ili und mich auf den Thron der
Tai-tsings zu schicken. Sie klagen mich an. Ich habe es nicht verdient.

Beide schwiegen. Das feine Singen aus der Halle der Gste tnte herber:
Ach, wer knnte lange wandeln den Weg des Lebens, den jeder fr sich
durchluft.

Der Kaiser schien das Gesprch vergessen zu haben. Kia-king war tief
erstaunt ber den auerordentlichen Wechsel im Gesichtsausdruck des Vaters;
es gab ein Hin und Her von krftigster Anspannung und vlliger
Erschlaffung. Da Khien-lung eingefallene Schlfen von Jehol zurckgebracht
hatte, einen Mund, dessen Bewegung und Linien die Schrfe verloren hatte,
merkte Kia-king erst jetzt. Zunchst schien der Kaiser die alte
Impulsivitt zu besitzen, aber es brach aus den Augen fter etwas
Hilfloses, Jammerndes, ngstliches, das an Khien-lung neu war. Besonders
erschreckte Kia-king jetzt ein manchmal auftretender lauernder, gehetzter
Ausdruck, der sich regelmig vor der Apathie einstellte. Den Prinzen
lhmte dieser Ausdruck selbst so, da er sich kaum erwehren konnte, in
seinem unklaren Unglcksgefhl davon zu gehen.

Er fragte, als er merkte, da Khien-lung dauernd dem fernen Gesang
lauschte: Mein Vater hat lange Tage die Weisheitssprche des Westens hren
drfen. Sie wollten davon sprechen.

Von Paldan Jische?

Ja.

Oder von dieser Bank? Sie gefllt mir mehr als Paldan Jische. Du kennst
doch diese Bank? In einer Neumondnacht sind hintereinander diese drei, vier
geschlichen: die halbblinde Dame Pei, der dicke Mien-kho, Pou-ouang, ein
Kind mit einem Verbrecherherzen, die Frau Jing, die ich nicht kenne. Ich
war der fnfte, Kia-king. Ich sa zwar in Jehol, oder in dem Kloster
Ko-lo-tor und schlief; aber die Dame Pei hatte mich bezwungen, whrend ich
schlief. Das ist mglich, daran ist nicht zu zweifeln; ich kenne es von
meinen Krankheiten her, wenn ich mich verliere fr ganze Wochen und mich
wiederfinde. In die kleine Jadepuppe hat sie vermocht mich hinein zu
quetschen, mich weggezaubert mit einer Handbewegung so oder so oder so; und
dann trugen sie mich Lebendtoten hier vorbei an der Bank, hier herunter in
die Erde. Damit der Vampyr eingesperrt, halberstickend an mir gut reien
knnte, was das Weib mir noch brig gelassen hatte. Dabei stand Pou-ouang,
mein Sohn, und Mien-kho, mein Sohn; ihre Augen glitzerten schon vor
hungriger Freude, der kleine Pou-ouang, das Vieh Mien. Ich kann mir diese
Nacht gut vorstellen. Wo warst du denn in dieser Nacht, Kia-king.

Bei der Nephritquelle am Wan-schou-schan.

Du warst in Wan-schou-schan. Ja, Ihr seid gut um mich, wo ich Euch
brauche. Wenn die Toten nicht wren, wren wir ganz verlassen. Sie sind
meine einzigen Freunde; ich hoffe auf sie noch immer. Die Schatten sind
meine einzigen Freunde.

Ich frchte, der Besuch des Tibetaners hat Eure Majestt sehr angestrengt.
Sie blicken so erschpft; Ihre Arme zittern.

Das war die Dame Pei, und Mien-kho, und Pou-ouang, die ganze Sippe. So
weit haben sie es doch gebracht. Halb verrckt haben sie mich gemacht, da
ich vor Paldan Jische bettelte um einen Rat, und mich glcklich pries ihn
zu empfangen, ich hier auf der Bank, mit den zitternden Armen, der Sohn
Jong-tsings, der Enkel Kang-his. Das ist die Lsung dieses west-stlichen
Rtsels. Ja, Pantschen Rinpotsche, dein hlzernes Zepter macht mich nicht
beben, deine schwarzen Borken, deine Hutung ist mir viel interessanter.
Entlarvt. -- Ich zittere wohl viel, Kia-king?

Es mag an dem spten Nachmittag liegen. Wenn wir in die Halle zu den
Gsten zurckgehen, wird meinem Vater besser werden. Oder wenn wir zu den
Orchideen hinbergehen. Sie hatten frher eine Vorliebe fr meine
Orchideen. Wollen Sie sich erheben? Sie wrden mir das grte Glck geben
mit Ihrem Vertrauen, Vater. Ich habe nichts unterlassen und will nichts
unterlassen Sie zu verehren. Wollen Sie sich erheben?

Nein, bleibe noch hier.

Suchen Sie etwas an der Erde? Ist Ihnen etwas hingefallen.

Khien-lung hatte sich vornber gebckt und whlte mit seinem
edelsteinbesetzten Fcher in der Erde.

Nichts. Nichts ist hingefallen. Ich will dir nur zeigen, da ich keine
Angst habe. Mit der Dame Pei und dem schlimmen Mien kann ich es aufnehmen.
Vor der Nacht frchte ich mich nicht. Gestern nacht httest du mich sehen
mssen. Wie ich an den Wachen vorbei aus der Tr gegangen bin. Durch den
Garten; keiner hat mich gesehen. Es brauchen nicht vier Menschen zu sein,
um eine Puppe zu tragen; man hlt sie in einem Leinentuch auf dem Arm wie
ein Kind. Sie ist etwas schwerer, etwas klter. Ich habe Pou-ouang selber
oft so getragen; ich liebe Kinder sehr. Solche Puppe schreit auch nicht.
Siehst du, Kia-king, ich habe die Stelle.

Er bohrte mit Anstrengung in dem Boden; einige Stangen seines weien
Fchers zerbrachen und hingen lose beiseite. In dem Loch mute er etwas
erkannt haben; er griff hinein, rttelte. Die Erde lockerte sich. Er zog
ein weies Tuch hoch an einem Ende; etwas schwarzes kam mit hoch; pltzlich
rollte es auf dem Tuch fort. Kia-king sprang gleichzeitig mit dem Kaiser
auf, der die Puppe von der Erde aufraffte und sie dem zurckweichenden
triumphierend zeigte.

Hab ich nun Furcht, Kia-king, oder hab ich keine Furcht? Du brauchst dich
nicht zu ngstigen; das bin ich ja selbst; ich hab niemanden andern
bezaubern wollen. Es liegt mir nicht daran, Euch, wie Ihr heit, zu
bezaubern; mit Euch werde ich schon fertig. Wie schn man mich hier
ausgestattet hat. Die Dame Pei mu eine vorzgliche Schneiderin sein, da
sie meinen Kittel, mein Obergewand, meinen Grtel, meinen Fcher, ja sieh,
meinen Ring so genau nachmachen konnte. Wenn ich ein Dmon wre und nicht
wte, wer Khien-lung ist, wrde ich mich selber verlaufen in dieses Ding
hier. Schn ist die Figur, kostbar; Brderchen, Brderchen, bist du schn,
lebendig! Kannst du mir deinen Ring schenken; wir wollen uns doch begren,
altes sptgeborenes Brderchen aus Jade.

Kia-king chzte und schauderte. Er frchtete sich die Figur in dem
Leichentuch anzufassen und mute sie Khien-lung entreien.

Vater, was soll das. Geben Sie mir die Figur. Es ist nicht recht, mit der
Figur zu spielen. Tun Sie es mir zuliebe, Vater; man wird Sie und mich von
der Halle aus sehen.

Die feinen Geigentne wehten wieder durch die Zypressen herber. Der Gelbe
Herr, mit freudig verzogenen Mienen, lie nicht ab, die Puppe zu
betrachten, an sich zu drcken: Tu-fu hat unrecht, Kia-king. Zu guter
Letzt hat Tu-fu unrecht, das freut mich. Wer knnte lange wandeln den Weg
des Lebens, den jeder fr sich durchluft. Ich kann ihn wandern, denn ich
habe einen Kameraden gefunden, aus Stein. Ich wei bald nicht, ob er es
ist, der hier steht, oder ich es bin, der da gelegen hat. Wir beide, das
ist sicher, halten zusammen, die Puppe und ich, Kia-king. Und finden den
Weg des Lebens so ertrglich. Opfere fr uns, Kia-king, mein lieber Sohn,
verehre uns gemeinsam. Und begleite uns beide nach meiner Wohnung herber,
nach unserer Wohnung.

Es gelang Kia-king, dem Kaiser die Puppe aus dem Arm zu drehen, sie in das
Loch fallen zu lassen.

Der Kaiser machte ein feierliches Gesicht, ber das sich eine Erwartung
spannte. Er sah gerade aus zu den Marmorpfosten seines Palastes herber,
ein verzcktes Hinhorchen, ein dankbares Neigen des Ohrs zu schwer hrbarem
Gerusch.

Er wiederholte flsternd: Begleite uns herber, lieber Kia-king, in unsere
Wohnung. Wir werden deine Freundlichkeit nicht vergessen.

Sie wechselten kein Wort mehr. Sie schlugen die Richtung nach dem Wohnhaus
des Kaisers ein ber die Marmorbrcke. Khien-lung aber wandte sich
pltzlich nach der tnenden Gstehalle. Auf halbem Wege kehrte er um und
folgte Kia-king.

Immer langsamer ging der Kaiser, je nher sie seinem Palaste kamen, vor dem
die weien und gelben Laternen brannten. Des verwirrten Kia-king
Abschiedsgru und Verbeugungen bersah er. Auf der Schwelle bckte sich
Khien-lung, als wenn er unter etwas hindurchginge.

                   *       *       *       *       *

In dieser Nacht, die wieder eine Neumondnacht war, schlief Kia-king
unruhig. Er trumte so wild, da er schon um die dritte Nachtwache es auf
dem heien Ofenbett nicht mehr ertragen konnte, heruntertaumelte und sich
in einer halben Schlaftrunkenheit ankleidete im vllig finsteren Zimmer.
Erst als er vllig angezogen war und im Zimmer, auf den Tischen nach seiner
Mtze suchte, kam er vllig zu sich, im Gefhl eines klebrigen zu hohen
Gaumens, an dem er schnalzte, stand da und wunderte sich, warum er sich
mitten in der Nacht angezogen hatte.

Er sa eine kleine Weile so im Finstern, ging ein paarmal zwischen Vasen,
die am Boden standen, hin und her, verlie in einer pltzlichen Unruhe das
Zimmer, und stand auf dem vorderen Hof.

Im Wachtelstall, dessen Umrisse er unsicher erkannte, gurrte und scharrte
es, ein feuchter kalter Nachtwind fegte von Zeit zu Zeit durch die weiten
Parkanlagen der Roten Stadt, die in einer solchen furchtbaren Dunkelheit
lag, wie Kia-king nie gesehen hatte.

Sein Herz klppelte und fauchte dnn; er wute nicht, warum er hier stand
und warum er die Baumwipfel betrachtete.

Er drehte sich langsam, um in sein Zimmer zurckzugehen, aber nach ein paar
Schritten bemerkte er, da dies nicht sein Plan war und da er lieber
hinausgehen wollte in den Park unter die Wipfel, um sich von seiner Unruhe
zu entlasten.

Er schlurrte langsam durch das Hoftor auf den Weg. Die Kiesel knirschten
unter seinen weichen Sohlen; er ging seitwrts auf den Rasen, um kein
Gerusch zu machen; denn seine Schritte ngstigten ihn. Es ngstigte ihn,
da hier im Finstern einer ohne Begleiter schlich; und er wunderte sich
dabei, wie es kam, da dieser sich keinen Begleiter mitgenommen hatte.

Kia-kings Unruhe wuchs beim Vorwrtsschreiten; sie nahm bei jeder Wendung
des Weges zu. Er wute selbst nicht, nach welchen Grundstzen er den Weg
whlte. Er glaubte bei jedem Huschen, das zwischen den Bumen auftauchte,
da zu sein; er wute nicht recht wo, aber er war noch nicht da. In seiner
groen Erregung seufzte er und rieb sich mit beiden Hnden die Backen.

Die Wege lichteten sich; an riesigen schwarz fingernden Brunnen tastete er
sich entlang. Da stand er pltzlich in sich geduckt da, die Arme wie ein
Schwimmer zum Hals angezogen, die Augen zusammenkneifend.

Eine schwarze Erscheinung kam rasch ber den Weg hergelaufen, er konnte sie
nur an der gleitenden Bewegung erkennen; sie wollte an ihm vorber, sie war
schon vorbei. Da lief er hinter ihr her, erreichte sie in vier Sprngen,
hielt sie fest.

Es war eine Frau mit aufgelstem Haar, die den Kopf gegen seine Brust
stemmte, um ihn wegzustoen.

Sie flsterte: Was hab ich dir getan?

Er schlug ihr ins Gesicht, rang mit ihr zu Fen einer Zypresse. Jetzt
erkannte Kia-king, da er in die unmittelbare Nhe des kaiserlichen
Wohnhauses gekommen war.

Er keuchte ihr zu: Dmon, wo warst du? Was hast du vollbracht? Nenn deinen
Namen!

Sie bi ihn in den Finger, sah ihn tckisch von unten an. Er warf das
Gespenst gegen eine Baumwurzel; ohne da es ein Gerusch gab, sie hielt
sich an seinen Beinen fest.

Er konnte sie nicht bewltigen, und wie er ihr tckisches Lcheln bemerkte,
fuhr ihm ein Grauen ber den Rcken, da er sich mit wilden Futritten von
ihren Hnden befreite, die Frau warf sich kreischend beiseite. Kia-king
fate nach ihrem Grtel, da hatte sie einen festen Strick hngen, den sie
ihm zu entreien suchte. Aber rasch hatte er sie aufgestellt, ihre Hnde in
einer Schlinge gefangen und rannte in groen Stzen, die leicht wimmernde
Frau hinter sich, nach dem kaiserlichen Wohnhaus, das in die tiefste
Finsternis eingesunken war, band sie, die sich strubte und geiferte, mit
Hnden und Fen an den Steinpfosten fest, die zum Fesseln der Elefanten
dienten, blieb zitternd an der Tre stehen.

Er schob sich ber die Schwelle. Ihm fiel ein, wie merkwrdig sich der
Kaiser, diese schlanke kleine Gestalt unter dem hohen Torbogen gebckt
hatte. Er mute sich selber so bcken.

Khien-lung war an dem Abend nicht schlafen gegangen. Nachdem er auf seinem
Schreibzimmer Bltter durchgesehen, Korrekturen an seinem groen Gedicht
auf die Stadt Mukden angebracht hatte, a er wenig zur Nacht. Aber es fiel
den Hofmarschllen auf, wie viel Wein der Kaiser trank, da er nach
Beendigung der Mahlzeit stumm an der Tafel sitzen blieb, keine Kapelle,
keinen seiner Vertrauten zum Morra befahl.

Verschlossenen Mundes, als sh er sie nicht, ging er an den
purpurgekleideten anmutigsten Schnen seines Harems vorbei, die Hu zur
Erheiterung der kaiserlichen Stimmung herbeigerufen, an die Tr des
Speisesaals gestellt hatte. Die niederstrzende Reihe der Eunuchen und
Dienerinnen passierte er mit raschen, dann wieder zgernden Schenkeln.
Einmal hob er zu dem folgenden leuchtenden Kammerdiener die Hand, stie
hervor A-kui, besann sich, winkte ab.

Bei der llampe versuchte er in seinem Schlafzimmer zu lesen; es war ein
Werkchen, das ihm Paldan Jische geschenkt hatte, eine tibetanische Schrift,
die ins Mandschurische bersetzt war, mit dem Titel: Das von dem Abgrunde
des Zwischenzustandes befreiende Gebet.

Er streckte sich auf ein Polsterbett, nachdem er die Diener entlassen
hatte, schlief kurze Zeit mit den holzgerahmten Blttern ein, sah sich
aufgewacht in dem breiten hohen Zimmer um, das von Ambragerchen erfllt
war. Sein Kinnbart war zerdrckt und zusammengeklebt, eine Wange glhte,
ihn fror an Hnden und Fen. Er schnffelte. In seiner Kehle steckte eine
heie Bitterkeit.

Kein Gerusch drauen, es mute schon spte Nacht sein. Khien-lung tappte
von dem Polster an die Kante des offenen Bettes; sein Grtel drckte ihn;
er schnrte ihn auf und lie ihn mit dem zerbrochenen Fcher und klirrenden
Behngen auf den roten Teppich sinken, dessen goldene Orchideen am Boden
Sterne aufblitzten, wie matte Scheiben hingedrckt ihre Flche deckten.

Er bemerkte, da er laut sthnte und da er wohl wieder krank wrde, aber
nur in manchen Augenblicken bemerkte er das. Dann wirtschaftete der
taumlige Mann zwischen Schrnken, Spiegeln und Vasen, suchte in Ecken,
tastete mit den Fingern den Teppich ab, kratzte mit dem Daumennagel die
eingelegten Blten, machte, hingekniet, die Hand hohl und wollte die
aufschimmernden Goldsternchen einfgen oder quetschen, um sich die Zunge
mit ihnen abzureiben.

Eine kleine Bronzekuh in einem Winkel zupfte Gras. Khien-lung legte gebckt
den rechten Arm, dessen rmel er hochstlpte, auf den eisigen Metallrcken,
bewegte ein Bein und wippte an, als ob er das Tier besteigen wollte.

Die Bltter des tibetanischen Buches hob er auf. Auf den Polstern sitzend,
drehte er die Tafeln um und um und wieder um, drckte sie laut wimmernd
gegen seine Brust, so da die Rahmen zerbrachen und seine Halskette abri.
Lauter winselnd whlte er das Papier an sein Gesicht, schluchzte Paldan
Jische, Paldan Jische, und fhlte, den Kopf so in den linken Arm
verbergend, mit den blinden Fingern der rechten Hand nach den Perlen, die
nacheinander von seiner Kette rannen, ihm ber den Scho liefen.

Der alte Herr suchte sie, hingleitend, auf dem Boden; kaum er eine Handvoll
gefunden hatte, steckte er sie an die Stelle seines Grtels, so da sie
sanft abrollten.

Versunken richtete er sich auf, schlrfte ber den Teppich, murmelte:
Beten, beten. Paldan Jische, beten. Man bestiehlt mich. Beten, Paldan
Jische.

Er drngte sich am Fuende seines weien Bettes gegen die Wand. Die Mauer
war schrankartig vertieft; ein kleiner Aufbau mit der Ahnentafel fllte
diesen Raum. Khien-lung rutschte seitlich vor dem Aufbau um; sein Winseln
und Sthnen, von der Hhe zur Tiefe gehend, klang wie der monotone Gesang
eines Gefolterten. Der Kaiser, mit stumpfen Augen, trnentriefend, wandte
sich nach seinem Bett, zog eine purpurne Decke herunter, zerrte sie
hinterher nach der Wandvertiefung. Er stolperte, sich in das Tuch
verstrickend, und hielt zweimal inne, weil unter seinen Sohlen Perlen
knackten. Dann hob er das purpurne Laken auf und hing es mit unsicheren
schttelnden Hnden ber den Aufbau, stopfte es fest um die silberne
Ahnentafel.

Er seufzte und lie sich auf einen Hocker fallen, wo er still blieb,
whrend ihm der Kopf auf die Brust sank und er von Zeit zu Zeit die Stirn
runzelte und die Lider hoch zog. Er bewegte oft die Lippen.

Gleich nachdem der Wirbel der zweiten Nachtwache verklungen war, schwankte
die Tr. Khien-lung beobachtete es angestrengt, ohne den Kopf anzuheben. Er
hatte geglaubt, die Tre wre geschlossen. Aber sie mute offen sein, denn
sie schwankte sichtlich. Auch die lockere Seidenspannung des hohen
Wandschirms neben der Tr blhte sich. Zwei Perlen, dicht zu seinen Fen,
rollten weiter, von dem Schirm rollte eine groe Perle weg. Als hinter
seinem Rcken etwas klapperte, drehte sich der Kaiser um.

Eine schlanke Frau in rauchblauem Mantel lie sich von einer unbeleuchteten
Ampel herunter und konnte nicht gleich mit den Fen den Boden finden. Von
der Decke kam ein Luftzug; die Frau war von der Decke eingestiegen.

Mit zerzausten Haaren schwebte das Gespenst auf Khien-lung, der sich erhob,
und schrie ihn, sich gegen seine Brust drngend, an: Warum stehst du auf?
Warum hilfst du mir nicht?

Der Kaiser wich ngstlich zurck, bat um Entschuldigung, er kenne sie
nicht.

Sie schlug ihren Mantel zurck; da hing an ihrem Grtel ein Bndel dnner
Seile. Lauf nur weg, schrie sie weiter, du kennst mich nicht? Auf wen
wartest du denn hier. Mein Mantel ist zerschlitzt.

Sie huschte, sich im Zimmer umsehend, an die Wandvertiefung: Meine Kmme
habe ich verloren.

Sie zerrte das rote Laken von dem Aufbau herunter, der alte Herr lief
bettelnd herbei.

Ein feines Klappern erhob sich in der Ahnentafel. Wimmernd suchte
Khien-lung sie bei den Hnden zu fassen. Unter hhnischem Lachen und Blken
der Zunge warf das Gespenst ein Seil um die Bronzeketten der Ampel,
schleifte die rote Decke hinter sich, so da Khien-lung auf dem gleitenden
Stoff fehl trat und zu Boden dumpfte, verschwand durch den Trspalt.

Der Kaiser wlzte sich mhsam hoch, hinkte hustend, speiend, seine Brust
haltend, an die Ampel, stieg auf einen Hocker, wand sich unter Schwanken
den Strick um den Hals und stie, die Schultern anziehend, den Stuhl mit
schlagenden Beinen beiseite.

Als Kia-king in das trb erleuchtete Zimmer kam, hing der Kaiser, mit den
Fen den Teppich streifend, an der Ampel. Die Tr war offen, eine rote
Decke lag auf dem Gang vor dem Zimmer, mit einem Zipfel ber der Schwelle.
Die Schlinge war nicht fest geknotet. Der Krper sank durch seine Schwere,
das gedunsene Gesicht mit dem schumenden aufgesperrten Mund, den
glotzenden Augen fhlte sich warm an. Ehe Kia-king in dem verwsteten
berheizten Raum eine Schere fand, plumpste der Krper auf den Teppich, mit
dem Gesicht nach unten.

Kia-king troff der Schwei juckend hinter den Ohren, um den Hals. Er
knotete das Seil unter Khien-lungs Kinn auf, wlzte den Krper auf den
Rcken, knetete die offene Brust, go Wasser aus einem Weihbecken ber die
Stirn. Ein Spiegel, den er dem Kaiser vor den Mund hielt, berzog sich mit
einem dnnen Hauch. Knistern und Rcheln stieg ganz von innen aus
Khien-lungs Bronchien. In den hochgezogenen Lidern zuckte es; die
hervorgequollenen Augen traten zurck und bekamen einen blanken Schimmer;
das Herz, das nicht aufgehrt hatte, langsam zu schlagen, verfiel in ein
mrderisch berstrztes Tempo ohne Kraft.

Als Kia-king mit trnenschwimmenden blden Blicken in einer Erschpfung
ber den Teppich sank und das Morgengrauen im Zimmer die Rte des
lflmmchens umstellte, sttzte sich der Gelbe Herr mit beiden Armen auf,
keuchte, hustete, stammelte. Er stand ganz auf, torkelte an das Fenster,
wobei er sich mit den Hnden seinen zerschnrten Hals hielt und rieb,
knickte auf das Polsterbett, unsicher und unausgesetzt den ausgestreckten
Kia-king betrachtend mit blutunterlaufenen Augen. Er rasselte strmischer.

Den wollte er in der Nhe ansehen, den Menschen, der da feist schlief auf
seinem Teppich; ei, der sich gefangen hatte, der Fuchs mit dem lahmen Bein.
Der hatte sich gut gefangen; nicht einmal die Wachen hatten etwas bemerkt.

Stier und vorsichtig auf Kia-king losschleichend hielt er vergeblich seinen
Atem fest, der kollerte und sgte. Da dunkelte ein Schwindel ber seinen
Rcken, zwischen die Schulterbltter gegen den Hinterkopf. Er segelte
langsam um auf die Hnde.

Kroch auf den vieren weiter, mit hllischem Vergngen, schadenfroh, als er
mit dem linken Daumenballen etwas Knackendes zerprete und die Hand aufhob.
Er hielt sie dicht an das Auge, leckte den Perlensplitter mit der Zunge
weg, spuckte ihn aus. Den Kopf schaukelnd duckte er sich eine Weile ber
den Splitter. Eine groe Perle blinkte gerade vor ihm auf dem Teppich.
Khien-lung verlngerte das Gesicht, ri den Mund auf. Er fuhr mit der
Hohlhand sachte von oben ber die Perle, als wenn er Fliegen fing, zog sich
nach vorn, glotzte sprachlos abwechselnd auf den dicken Kia-king und die
Hand unter sich. Dann tastete er zweifelnd mit der Linken nach seiner
zerrissenen leeren Kettenschnur. Und breitbeinig, mit horizontalen Armen
balancierend schwankte er aufrecht gegen Kia-king vor, die eine Perle in
der Faust, die Brust kochend, raffte im Vorbergleiten von einem Tischchen
einen zerbrochenen Buchrahmen, schlug hinstolpernd mit Fluchen, dumpfem
Geschrei auf Kia-king ein. Kia-king schnellte hoch, kreischte; sie rangen.

Der Gelbe Herr brllte heiser: Der hat meine Perlenkette zerrissen, der
Schuft, der Mrder, der dicke Dieb.

Verzweifelt krchzte er, als ihn Kia-king umlegte: Alle hat er
zertrampelt. Meine schnen Perlen. Wache! Wache! Meine Halskette wirst du
mir wiederbringen. Mord!

Auf den Korridoren rumorte es; Lichtschimmer durch die Trspalte.
Waffenklirren. Aufspringen der Tre. Der anschwingende Eunuch ri sie
auseinander, lste ihre Finger, hob Kia-king an und fuhr ihm mit der
geballten Faust in den Rachen. Zurckprallend beim Blick der erstickenden
Augen erkannte der Mann Kia-king. Um Khien-lung, der sich wlzte, zwei
Wachen. Der Prinz, chzend, orientierte sie mit atemlosen Silben.

Der Kaiser brllte auf dem Teppich, mit den Armen nach Kia-king greifend,
schluchzte, jammerte, zeigte seine zerrissene Perlschnur: Mrder! Meine
Halskette wirst du mir wiederbringen. Haltet ihn fest!

Schnappend tastete sich der Prinz an die khle Luft.

An dem Steinpfeiler fand er den Strick angebunden, genau solch Strick, wie
Khien-lung um den Hals trug; in der Schlinge steckte ein trockener
vielzweigiger Baumast. Der Dmon hatte sich schon verwandelt.

Der krankhafte Zustand, in den Khien-lung verfallen war, dauerte zwei
Wochen. Whrend dieser Zeit wurde der Knebelbart des Kaisers vllig wei,
sein Gesicht wie eine Mumie.

Als er genas, sa Kia-king bei ihm; der Kaiser erinnerte sich nicht an die
Vorgnge der Nacht.

Der Schnee tanzte ber der Purpurstadt; der Kaiser nahm wieder die
Regierung in die Hand. Da sprach er in einem der riesigen Treibhuser
unerwartet einmal ber die Sektenangelegenheit mit seinem Sohne.

Kia-king, vllig ber die Entwicklung des letzten Sommers orientiert,
schwoll von Vorwrfen gegen die Bndler ber, die das Land zerrtteten und
verarmten.

Khien-lung uerte mit der Apathie eines Verfallenen, da sich die Ahnen
schlecht ber ihn ausgesprochen htten, da der lamaische Papst nicht htte
raten knnen und wie schwer die Angelegenheit sei.

Da beschwor der Prinz seinen Vater, indem er ihn aus der Nhe des heien
Ofens fhrte, sich zu erinnern, wodurch sich das Reich unter seiner
Regierung ausgedehnt htte, ob durch Milde oder kriegerische Strenge, da
Kung-tse und andere Weisen Duldung empfohlen htten, nicht aber gegen
Rebellen. Ja es mache sich der Herrscher eines Verbrechens gegen seine
Untertanen schuldig, der nicht Rebellen, welcher Art sie seien, mit dem
Schwert und Beil niederschlge.

Khien-lung stand mit dem abgefleischten Gesicht gegen eine Fcherpalme und
pellte einen langen Rindenstreifen ab. Worber also, meine Kia-king, seien
die Ahnen erbost und htten ihre Zeichen gegeben?

ber die Schwche im Angriff, ber die Nachlssigkeit der beteiligten
Behrden; eine Warnung sei das Ereignis gewesen; eine Mahnung, an das
Schicksal der achtzehn Provinzen zu denken, welches unabwendbar
heraufziehe, wenn Neuerer, Schwrmer, Halbnarren und Schwindler ungestrt
das kenntnislose Volk beirrten. Und mit blitzenden Augen sprach Kia-king
auf den Gelben Herrn ein, der fter mit abwesenden Blicken das pralle
mienenbewegte Gesicht seines Sohnes streifte. Es wrde der ganze Westen
ber das Blumenland strzen. Statt da Tibet ein Tributreich des Ostens
sei, unterliegen die achtzehn Provinzen den Hirngespinsten phantastischer
roher Pfaffen. Die Lamas bedienten sich feiner Waffen. Und wie lange wrde
es dauern, dann wrden die langnasigen Weien aus Indien sich einstellen,
und die rotborstigen Barbaren mit Knuten von den nrdlichen Grenzen. Die
klare uralte Weltregelung des Weisen von Schan-tung ginge verloren unter
dem Schwall ungezgelter Trumerei westlicher Barbaren. Kung-tse msse
geschtzt werden. Das Schwert msse rechtzeitig gehoben werden.

Sie schleppten zwischen den Palmen und Kakteen ihre Leiber schwer atmend
auf und ab. Ein Silberfasan stolzierte vor ihnen auf den wasserbetropften
Marmorplatten; seine roten Fe setzte er mit einem pltzlichen gndigen
Entschlu; geziert bog er seinen blauschwarzen Hals, um den Glanz seiner
Federn aufleuchten zu lassen. Vor dem bebuschten runden Stamm eines lbaums
trennte sich Khien-lung von seinem Sohne. Die eingesunkenen Augen
Khien-lungs, fltchenumrahmt, blickten unruhig. Er sagte zu Kia-king, dem
er einen Arm auf die Schulter legte, er mchte sich zu den folgenden
geheimen Beratungen einfinden.

                   *       *       *       *       *

In den folgenden Besprechungen, bald mit Kia-king, bald mit A-kui, Song,
Chao-hoei, wand und bog sich der alte Kaiser, wie ein Lebensmder, den man
retten will. Er wollte diesen blitzartig erleuchtenden Vorschlag Kia-kings
nicht annehmen; er hatte sich tief in hoffnungslose Verworrenheiten hinein
verloren, es war eine heimliche selbstqulerische Freude, die ihn hier
festhielt. Schwer wurde der Entschlu zu hoffen. Eine dunkle Scham kam
hinzu, die des geretteten Selbstmrders vor dem Leben.

Die Deduktionen keiner Beratung htten das vermocht, was dem feinen Takt
Kia-kings gelang. Der Prinz schwieg ber die frheren Ereignisse, lie
seine ganze Schlaffheit sinken, warb um den Kaiser, den er anbetete um
dieses inneren Zwistes willen.

Als Khien-lung, halb geneigt zu folgen, heimlich erfreut ber seinen Sohn,
mitrauisch wurde, griff Kia-king zu einem Gewaltmittel. Er zeigte sich
betroffen ber den Widerstand seines Vaters, stimmte ihm bei, verlie bei
einem Besuch den aufgewhlten Kaiser mit nervsen Worten, unsicheren
Bewegungen, blieb in seiner Wohnung.

Dem Kaiser, der ihn bald aufsuchte, gab er sich trostlos, weil es also wahr
wre, da ihre glanzvolle Dynastie von den Ahnen verlassen sei. Der Gelbe
Herr, unglubig, starr, aufgespalten von einem Beilwurf, suchte sich
angstvoll jammernd den Rest von Hoffnung zu retten, hielt stotternd
Kia-king dieselben Argumente vor, mit denen ihm Kia-king gekommen war. Der
feiste Prinz nselte, grapste trnenselig an den Grnden herum,
beschnffelte sie, vom Kaiser in jedem Atemzug, Wimpernschlag belauscht.
Sie schoben sich chzend hin und her, Khien-lung jeden Augenblick sein
Todesurteil frchtend, beide gegeneinander minierend und sich hitziger
aufstachelnd, sich Entschlsse abringend. Der Kaiser bot seine ganze blau
und grn gewordene Verzweiflung auf. Er mute das trge bockige Flennen
seines Sohnes berwltigen. Bis Kia-king nachgab und sich gekrnkt umwarf.

Das Spiel war gewonnen. Der Kaiser fhlte sich an Kia-king in einer dunklen
Beziehung gekettet. Khien-lung grollte noch tagelang; man durfte mit nichts
Politischem kommen.

Dann hatte er angebissen. Als wenn es von ihm kme, schleuderte er mit
einem rauchenden Zorn den Wunsch einer gewaltsamen Unterdrckung der
Rebellion in den Hohen Rat.

Drei Wochen vergingen nach jener Nacht. Da trugen Kuriere in die
winterlichen Landschaften den Erla des Kaisers hinaus, der unter
Mitwirkung des gesamten Ministeriums, unter Hinzuziehung der ltesten
Prinzen und aller Zensoren formuliert war.

Die Kundgebung bestimmte die Anwendung des Ketzereigesetzes in
verschrfter, genau angegebener Strenge auf die Sektierer der nrdlichen
Provinzen. Jeder Widerstand sollte als Rebellion gefat werden. In dem
Erla klagte der Kaiser, auf wie schlechten Boden seine frhere Milde
gefallen sei. Die sofort einzusetzenden militrischen Manahmen zur
Unterdrckung des Aufruhrs wrden erfolgen unter Chao-hoei, dem besondere
kaiserliche Vollmacht und der Oberbefehl ber die Provinzialtruppen der
beteiligten Gebiete verliehen sei.

Das Land mge sich nicht beunruhigen.

Der Drachenthron wrde die Lehren Kung-tses und des Himmels verteidigen.




Viertes Buch

Das Westliche Paradies


Die Verffentlichung des winterlichen kaiserlichen Erlasses stie auf
keinen strkeren Widerstand. Wenige stliche und sdliche Prfekturen in
Tschi-li unterschlugen die Befehle. Im brigen brauste der Erla als ein
Kampfruf ber die nrdlichen Provinzen.

Chao-hoeis Truppen, die gefrchteten Mordbrenner vom Ili, rckten in die
nrdliche Provinz ein. Ein paar hundert herumstreifende Brder und
Schwestern, auf die man in Rotten stie, wurden ergriffen, nach ihrer
Vernehmung hingerichtet, kleine Trupps, die Widerstand gegen die
Gefangennahme leisteten, waren rasch umstellt, niedergeschlagen, nach
Folterungen in Stcke zerschnitten. Es bedurfte zu diesen Ereignissen nur
weniger Wochen, dann ghnte Chao-hoei in der nrdlichen frierenden Provinz,
konnte nicht nach Pe-king Unterwerfung melden und konnte nicht angreifen.
Die Wahrhaft Schwachen waren vom sichtbaren Erdboden verschwunden.
berflle auf gefangene Boten, Briefe bewiesen, da sich die Geheimbndler
in die Stdte und Drfer verschoben hatten, da die Bevlkerung sie
aufgenommen hatte und da mit einem Schlage riesige Massen hinter den
Wahrhaft Schwachen schwelten. Die Weie Wasserlilie tauchte auf wie das
Gespenst einer brutalen undurchdringlichen Menschenwand. Weder Chao-hoei,
noch die Tsong-tous von Tschi-li und Schan-tung trauten sich zu prfen, wie
diese frchterliche Freimaurerverbindung zu den Wu-wei-leuten stnde. Ein
eisiger Winter brach an.

Es war nach dem letzten Kampf einer Bndlerrotte mit den Regulren, als
sich fnf Hndler aus jenem Dorf, bei welchem der Kampf stattgefunden
hatte, aufmachten und mit ihren Segelkarren nach Sden zogen. Dieses waren
entschlossene Brder, welche Wang-lun holen wollten. Hochgetrmte
einrdrige Karren lieen sie im frostprustenden Wind vor sich laufen, ber
den gefrorenen Schnee rollten sie wie auf Schienen. Nur zwei von ihnen
verstanden den Dialekt der sdlichen Provinz, in die sie reisten; aber die
drei andern waren krftige Burschen, die sich auf Schlagen und
Landstraenwlzen verstanden. Tang, einer von ihnen, war, als Ngoh
anordnete, man solle sich verstecken, mit einer Anzahl anderer auf die
Drfer gelaufen, suchte Rebellion gegen die Mandschus zu schren, erlahmte
bei diesem Treiben. Er fate es als ein Zeichen auf, da er der letzten
Umzingelung durch die Kaiserlichen entrann, berredete rasch seine
Begleiter, mit nach Sden zu reisen zu Wang-lun. Er wute von Ngoh den
Aufenthaltsort Wangs. Nach einer Tagereise kehrten sie um; Tang suchte sich
eine Legitimation zu verschaffen fr Wang-lun. Bei dem Dorf wieder
angelangt, fand man aber den alten Chu nicht mehr, der, wie er oft
erzhlte, auf den Nan-ku-bergen die Geburtsstunde des Bundes miterlebt
hatte; bei der Plnderung des Dorfes hatte er sich verdchtig gemacht und
nun lag der alte Fanatiker, dem bei dem zudringlichen Ausfragen die Galle
bergelaufen war, neben einem geborstenen Maulbeerbaum im weichen Schnee
und hielt seinen steifgefrorenen Kopf zwischen den Fen. Sie warteten die
Nacht ab, begruben den Krper hinter der Mauer des Magistrats, damit er der
verrterischen Behrde Unglck bringe, wlzten den klebrigen Kopf in einen
Salzeimer, den Tang an der Lenkstange seines Karrens fhrte und hatten nun
die Legitimation, die sie brauchten. Viel ist spter ber die Fahrt dieser
fnf einfltigen Brder nach dem Hia-ho, wo Wang-lun wohnte, gefabelt
worden. Wahr ist sicher, da man in allen Stdten und Orten hinter ihnen
tuschelte; die Zopfschnre, Lampen, Dochte, Federblumen, Seidentcher,
Tabaksdosen, die sie verkauften, warf man nach ein paar Tagen weg in Angst
behext zu werden; die, welche Sigkeiten von ihnen gekauft hatten,
behaupteten, Kriebeln in den Fingerspitzen zu spren, Absterben der Zunge,
und gaben sich Mhe zu erbrechen. Man erschrak ber das rasche Erscheinen
und Verschwinden der Hndler; der enorm niedrige Preis, zu dem sie
verkauften, erregte hinterher Verdacht, dazu der grimmige tiefsinnige
Gesichtsausdruck Tangs, der ber den Tod des alten Chu trauerte; auch die
sonderbare ngstlichkeit der fnf Wanderer. In ganz anderer Weise sollte
drei Monate spter Tang mit Wang-lun dieselben Ortschaften durchwandern;
freudig still neben dem freudigen und stillen Wang-lun, beide im
herrlichsten Frhling in die Mntel taoistischer Doktoren gehllt; sie
schoben abwechselnd einen kleinen Handwagen mit geweihtem Zauberwerk; auch
an der Deichsel dieses Wagens schaukelte der Salzeimer mit dem Kopfe des
toten, hitzigen Chus, den sie neben seinem Krper vergraben wollten. Die
Provinzen Tschi-li, Schan-tung und Kiang-su durchhetzten die fnf Hndler,
sie hielten sich an die Richtung des Kaiserkanals; das reiche Tiefland
dehnte sich unermelich nach allen Seiten. Den Jubel des Neujahrsfestes,
Lrmen, Knattern der Bambushlzer erlebten sie in Schan-tung; jeder Festtag
lie sie das Vorrcken der Zeit empfinden, blies in ihre Segel, kniff in
ihre Waden. Tang trug viel Geld bei sich, das er unter Drohungen einem
Kaufmann in Tschi-li abnahm, bevor er auf die Drfer lief, sechs starke
Barren Hacksilber, die er in den Boden seines Karrens versteckte unter
einer Bretterlage. Sie muten viermal ihre Warenbestnde erneuern, sich
selbst zweimal einkleiden auf dem Wege, um als Hndler der Gegend zu
erscheinen, die sie durchfuhren. In Kiang-su war es schon Frhling
geworden. Zuletzt mute man sehr langsam reisen, weil Chen, ein
Natternhndler, einer der sprachkundigen des Zuges, beim Fang eines Tieres
in den Hacken gebissen war; die feine Riwunde flammte auf, heilte nicht,
ja an manchen Tagen blhte das ganze Bein schwellend wie ein Kuchenteig.
Die Huser wuchsen hher, hatten weie Stirnen, waren umrankt von Efeu,
Krbis, seltsamen breitblttrigen Pflanzen. Die Dachverzierungen wurden
prchtiger. Dunkle Menschen begegneten ihnen, die sehr rasch, auffallend
laut und weich sprachen. Auf vierrdrigen Bffelwagen holperten Bauern
vorbei; breite Flsse, welche die Einwohner verschieden benannten,
schaukelten Stdte von Booten, in denen die Menschen wohnten. Der
schreckliche Hwang-ho wurde berschritten; ber den Hwai-ho setzend, bogen
sie stlicher ein. Sie nherten sich dem Hia-ho, dem seenreichen Gebiet
nrdlich vom Jang-tse-kiang, das sich in fruchtbarer Niederung vom Damm des
Kaiserkanals bis an den meerabwehrenden groen Damm Fang-koung-ti
erstreckte. In dem Marktflecken Fou-ngan, an der sdlichen Grenze des
groen Damms, sollte ein Mann namens Tai wohnen. Dies war Wang-lun. An den
Grundstcken der groen Salzsieder knarrten die fnf Hndler vorbei, ein
reger Wasserhandel wurde hier getrieben. Auf dem Damm wogten die
Pflanzungen von Baumwolle, lbohnen, Mais.

An einem strmischen Mittag langten sie in Fou-ngan an, krochen in ihre
Herberge, schliefen bis zum lichten Morgen. Tang machte sich an den Wirt,
einen lteren schlauen Gesellen, der leise herumging, fragte ihn nach den
Ortsverhltnissen, nach kaufkrftigen angesehenen Leuten, erfuhr dabei die
Wohnung Tais, der eine Baumwollpflanzung besitzen sollte, zurzeit auf
Fischjagd lag.

Die zunehmende Erkrankung des glcklosen Natternhndlers, sein
berkochendes Fieber erbrigte eine Begrndung fr ihr langes Verweilen am
Ort. Sie brachten ihre Karren in der Herberge unter, Tang schob seinen
kostbaren Karren durch die lange Dorfstrae, die drei andern Mnner liefen
hinterdrein. Sie kauerten am Ufer des Jang-tse hin, der breit wie ein See
in wilder Strmung nach dem Meere rollte. Sie hatten bis zum Abend lange
Stunden Zeit, das schlammige gelbe Wasser zu betrachten. Wie in Tschi-li
flogen die Tauben in Schwrmen ber ihnen, tnend wie olsharfen; wunderbar
fein klangen die Pfeifchen in ihren Schwanzfedern, wenn sie sich nherten.
Niedrige Felsklippen faten beiderseits dem Meere zu den Flu ein, an den
Felsbuchten gab es ein Schweben und Senken der Mandarinenten. Im Rcken der
vier trumenden Hndler tappste der Lrm, Wassertrger schrieen, die Saat
wurde auf die Felder geschleppt, Bootzieher trabten nach den Querkanlen.

Gegen Abend sprangen die vier auf und rieben die Knie. Eine Flotte von
vierzig flachen Dschunken nherte sich dem Dorf, legte an. Die
Tschi-li-lufer stellten sich in die Gruppe der ausgestiegenen Fischer, die
Krbe und Netze von den Fahrzeugen trugen. Frauen und Kinder zwitscherten
den Damm herunter. Der Himmel schwankte und schwappte wie ein bervoller
Bottich von Purpur, hochgelb, violett. Der Name Tai wurde von Trgern
gerufen, ein riesengroer Mann mit magerem Gesicht antwortete, der Korb
nach Korb von den rttelnden Planken eines Schiffes rumte. Die vier
Tschi-li-lufer stieen sich im Gedrnge. Sie legten einander die Arme um
die Schultern und ihre beweglichen Augen glnzten. Lauter wurden die
Schreie, das Scharren durcheinander, als die Fischer in die langen,
schmalen Gehege uferentlang ihre Beute hoch aufgeschultert stampften. Tang
stand schon mit seinen Freunden an dem Gehege des knochigen Mannes, wartete
bis zum Ende des Verstauens. Sie folgten Tai, als er ber eine
sonnenbeschienene Bodenerhebung mit baumelnden, groen Hnden allein ins
Dorf stieg. Der Karren des breitschultrigen Tang querte seinen Weg. Tang
bot dem wassertriefenden Barfler im Vorberrollen einen groen roten
Frauenschal an. Der Fischer: Heb ihn hoch, sonst wird er na.

Tut nichts, meinte Tang.

Aber unser Boden wird rot, grinste der Kncherne strker, schlrfte an
dem Karren vorbei. Sie fuhren hinter ihm her. Tang sauste quer ber den
Weg, der zwischen steile Tung-chu-bume fhrte. Tai stehen bleibend, schrie
dem ungeschickten Hndler ein wtendes Ho-oooh! zu. Der Hndler aber
seinen Karren festhaltend, der ihm im Schwung fortrollen wollte, ri mit
der freien linken Hand den Salzeimer von der Deichsel: er wolle ihm noch
etwas anderes anbieten; vorher htte er sich vergriffen; dies hier frbe
auch rot. Die schnffelnde Nase des Fischers fuhr zurck vor dem auf der
rosigen Salzkruste herausragenden Halsstumpf. Die drei andern Mnner
trollten herzu, hielten den zappelnden Karren. Tang stellte sich hflich
neben den Fischer, dessen kleine Augen von einem zum andern hpften. Den
Eimer auf den Boden gesetzt, zog er am Stumpf den Kopf des alten Chu
heraus, drehte noch im Eimer das Gesicht nach oben. Tai bckte sich tiefer,
tiefer herunter, hockte ohne Wort neben dem Eimer, die Hand des Tang
fortstoend. Er schien Merkmale von dem stinkenden schwarzbraunen
Leichengesicht abzuzhlen: den kleinen zusammengeklebten Kinnbart, die
geriefelte Haut, die dicken Augenscke, den vorragenden Unterkiefer. Dann
blickte er an dem Holz des Gefes entlang, stubbte den Leichenkopf zurck,
sprang auf, wischte sich die Hnde im Sand und ging, mit den Fusten den
vier drohend, die er Strolche angiftete, mit langen Schritten zum Dorf
hinber.

In ihrer Herberge unterhielten sich die fnf in der Kammer des
Natternhndlers. Tang mute die andern beruhigen. Ob sie geglaubt htten,
die Sache wre mit vier krummen Buckeln und einem Grinsen abzumachen.

Der Wirt wute schon, da sie sich mit Tai unterhalten hatten, da er ihnen
aber nichts abgekauft hatte. Er riet ihnen, sich ganz frh bei der Abfahrt
der Kormoranfischer am Flu einzufinden. Da strmten Frauen und Mnner
zusammen. Ihnen lge doch nicht gerade an Tais verschlossenem Beutel.

Als der scharfe Morgenwind ber den Gelben Flu seine prallen pfeifenden
Luftscke entleerte, standen die vier unter den rstenden Leuten. Dutzende
lange Fle schwankten auf dem Wasser, schmal, vorn wenig aufgebogen. Eine
Anzahl glitt im weigrauen Morgenlicht stromabwrts, von Mnnern, die auf
dem Vorderteil des Schiffs mit Ruderstangen liefen, gefhrt. Als Tai ber
den Sand drei lange Schiffsstangen hinter sich schleifte, lste sich aus
der Gruppe der vier Hndler Tang gegen ihn zu. Gleichzeitig sah der Fischer
sie an und rief. Sie sprangen zu. Nachdem sie Stangen und Netze auf sein
Flo geworfen hatten, das eine groe Breite aufwies, stiegen sie mit ihm
auf das Flo. Er gab jedem der Mnner, langsam um sie herum gehend, einen
Platz und eine Stange. Vor jedem Platz auf den schwankenden Brettern stand
ein hoher Korb, auf dem hinteren Flo schrieen und hpften die
abgerichteten Vgel, die Kormorane.

Whrend die Fischer der Strmung folgten, um Klippen und Sandbnke glitten,
tauchten die Vgel, watschelten vor dem Flo, brachten feuchtigkeitsprhend
Fische im Schnabel an, die sie in den Korb fallen lieen, nach ihnen
hackten. Die rudernden Mnner, torkelnd, breitbeinig, sprachen im
Tschi-li-dialekt miteinander, ohne sich umzudrehen. Tai fragte, wo sie im
Dorf wohnten und wo der Eimer wre. Als Tang geantwortet hatte,
unaufgefordert vom Tode Chus prludierte, Wang-lun gleichmtig ihn hie,
seine Arbeit zu tun, dann wrde es ihm gut gehen, schwieg ihre
Unterhaltung. Langsam schwammen sie, von Wang gesteuert, gegen eine
schwarze senkrechte Uferklippe, lieen die brigen Fle vorber. Das gelbe
Element schumte, rieselte unter ihren nackten Fen, die Vgel flatterten.

Wang-lun drehte sich um: Ich habe euch schon gestern gedroht. Ihr habt
hier nichts zu suchen, mit dem Kopf des alten Chu. Ich werde euch ins
Wasser werfen.

Tang erwiderte, es sei einer von ihnen in der Herberge, sie frchteten sich
nicht.

Verchtlich fixierte ihn der Fischer, hieb abstoend in die Klippe. Sie
schwammen weiter ber den Strom. Als sie ruhiger arbeiteten, schrie einmal
Wang pltzlich: es sei eine Kinderei, eine Niedrigkeit, den Kopf des alten
Chu durch alle Provinzen zu schleppen. Wozu? Wem sie damit einen Gefallen
tten? Chu sei alt, erfahren, htte genug Provinzen durchwandert, sie
htten ihm Ruhe gnnen knnen.

Tang erwiderte, Chu sei noch zuletzt unter die Kmpfer gegangen; er habe
gewnscht, ruhelos weiter gegen die Fchse, die Pelzdiebe, die Mandschus zu
kmpfen, und das wre ihm jetzt gegnnt.

Wodurch? fragte Wang.

Tang trat einen Schritt nher: Das weit du selbst. Er wirbt zum Kampf.
Tangs Augen blitzten.

Wang-lun drohte: Ich werde euch ins Wasser werfen.

Tang hhnte: Die Kormorane werden uns wieder in deinen Korb legen.

Wang-lun: Fressen werden die Haie euch.

Wang-lun und Tang taumelten sich auf dem Flo mit geschwungenen
Ruderhlzern entgegen. Tangs Holz sank. Der Mann warf sich auf die Knie:
Ich will ins Wasser springen. Verlangst du?

Als der Fischer drohend verharrte, der Hndler an den Rand des Floes trat,
schwirrten die Kormorane an und der Kncherne kehlte dem Hndler zu: Geh
an deinen Platz. Einige Vgel fraen die zappelnden Fische im Flug; die
Ruten pfiffen auf ihre Rcken; krchzend rissen die Kormorane die Schnbel
auf, die Fische schnellten blutend in die Krbe. Die Strmung ri heftiger
an dem Flo; die Ruderer bremsten und rangen mit dem Wasser. Wangs Flo
drehte langsam bei zu der brigen Flottille, die vor einer eben mit platten
Dchern auftauchenden Ansiedlung lag. Whrend sie mit den langen Stangen
sich gegen den Fluboden stemmten, scho der lange Fischer unter seinem
ungeheuren Strohhut wilde Blicke auf die arbeitenden Hndler.

Tang, der ihm am nchsten stand, rief er an:

Wer hat euch auf mein Boot mitgenommen?

Du selber.

Wang raste. Seine Steuerstange glitt seitwrts. Sie schwammen weiter.

Ihr lgt, ihr seid allesamt Betrger, Nichtstuer, Lungerer. Gesteht es
doch. Was kommt ihr zu mir Arbeit suchen? Euere Krbe sind halbleer. Seht
doch hin, wie die Kormorane schmausen, ihr Affen. Solche Leute brauche ich
nicht. O, solche Halunken muten mir in den Weg kommen; es gibt hier so
viele tchtige Leute.

Er verga in seiner Wut vllig zu steuern, der junge Tang balancierte
heran, bckte sich nach der Steuerstange, wurde von dem Fischer an der
Schulter gepackt und hingeworfen. Triefend, wortlos schleifte Tang an
seinem Korb, fing an zu zittern.

Wang fhrte sie wieder langsam an die Flottille heran. Ein Gewitter war mit
blauem Wolkenschiefer, batief orgelnd, heraufgekommen. Die Wellen duckten
sich eigentmlich flach. Pltzlich keifte der gezchtigte Tang, der die
Fassung zu verlieren schien:

Wenn es doch herunterfhre, alles zerschlge! Es mte alles zerschlagen,
ins Wasser gestopft werden. Das wnschte ich.

Mit glsernen Augen beobachtete ihn Wang:

Du auch? Wir fahren an Land. So rasch geht nichts, Tang. Der Drache lt
dich los. Das sind so ausgerechnete Geschichten, ich kenne das. Nichts
wnschen, nur nichts wnschen.

In der Schenke, die sie in der kleinen Ansiedlung aufsuchten, stellte Wang
die vier als seine Landsleute aus Schan-tung vor. Wang, wie die andern an
einer Tasse Fleischbouillon hngend, vertiefte sich im Gesprch in die
Details einer verschimmelten lokalen Streitigkeit. Er spann sich in groe
Behaglichkeit ein, erzhlte von dem Vater seiner Frau, der ihm den
fettesten Teil seiner Maisfelder billig verkaufen wolle.

Ein alter Mann, Freund Wangs, steuerte das Flo am Sptnachmittag zurck
mit der Muskelkraft der vier Hndler. Wang selber fuhr mit einem Nachbarn,
einem wohlhabenden Fischer, der ihn nicht losgelassen hatte.

Den Abend verbrachten die Fremden in dem alten Huschen Wangs. Er
prsentierte ihnen seine junge Frau, ein kleines, lchelndes Wesen, das die
Fremden verwundert ansah, zweimal besorgt nach ihren Absichten fragte, sich
zurckzog.

Als Wang, der sie zrtlich bei den Hnden herausgefhrt hatte,
wiederkehrte, blieb er am Trpfosten stehen vor ihnen, die nebeneinander
auf der Bodenmatte hockten und Tee schlrften, streckte berkreuz die Arme
vor:

Also?

Da sie sich nicht regten, ihn nur anblickten:

Ihr habt nichts mitgebracht? Schade.

Die Arme sanken:

Es wre einfacher gewesen, mich binden und wegschleppen. Statt langer
Unterhaltung. Ihr seid aber sehr sicher. Es geht auch ohne Stricke.

Die Matte raschelte, er sa vor ihnen, sie glucksten schweigend.

Sagt mir nun eure Namen noch einmal, und woher ihr stammt. Erzhlt mir
weiter gar nichts. Es ist nicht ntig.

Sie nannten sich leise.

Jetzt kenne ich euch. Ihr vier oder fnf kommt euch wohl sehr rhmlich
vor, da ihr von Tschi-li durch Schan-tung, Kiang-su bis hier an den groen
Damm gedrungen seid? Ich bin auch einmal so nach Schan-tung gefahren.
Besonders du, Tang, machst ein schlaues Gesicht. Es ist eine rechte
Heldentat. Es liegt nicht daran, Tang, da du den Eimer mit Chus Kopf da
bei deinem kranken Freund stehen gelassen hast. Der Wirt hat den Kopf schon
lngst gesehen. Aber du verspekulierst dich, wenn du glaubst, ich bin nun
mit euch verraten und mu weg aus dem Hia-ho. So fngt man mich nicht, ihr
zahmen Kaninchen. Erzhl doch mal, du mit der lahmen Schulter, wie bist du
an die Wahrhaft Schwachen geraten?

Einer der sprachkundigen Tschi-li-lufer, dem eine Schulter hing, verneigte
sich:

Es fehlte mir in meiner Heimat nichts. Meine Sippe ist nicht arm. Du bist
ein groer Wundertter.

Ja, ich wei schon. Es ist richtig so. Als wenn ich Gift um mich gespritzt
htte. Es geht immer so weiter. Nun redet doch. Wie kommt ihr euch also
vor, wo ihr so dasitzt? Ihr braucht keine Furcht vor mir zu haben. Ich bin
nicht verstockt wie mein toter Bruder Ma-noh war, als ich ihm zuredete. Wie
ich euch am Ufer hab stehen sehen, hab ich alles gewut. Mein Schicksal,
mein ganzes Schicksal, das Schicksal meiner Frau. Ich hab euch erwartet,
ihr, seit Monaten gefrchtet! Weil mir alles entzwei geht. Gefrchtet, o.

Wei Wang-lun, fiel nach einer Stille Tang ein, da er das Brllen eines
Lwen ausstt, eines trgen Lwen, den man aus seinem Kfig jagt?

Fr euch hab ich zu viel getan, so viel. Nicht einen Ksch gebt ihr mir
zurck. Ihr blitzt mich nur mit solchen Worten an, feilt an mir herum. Ihr
grabt mich aus. Ihr wollt mich nach Tschi-li ziehen, damit ich an der
richtigen Stelle geopfert werde, oder nach Schan-tung. In Tsi-nan-fu mu
ich geopfert werden. Was macht ihr fr Wesen um die Dinge. Wie viele hat
der Kaiser Khien-lung von euch wieder morden lassen? Sagt rund tausend,
zehntausend, zwanzigtausend. Ihr werdet gar nchstens noch Menschen zhlen,
ein paar mehr, ein paar weniger. Die Weiber auf den Schiffen drcken alle
Tage einem kleinen Wurm den Schdel ein, darum werde ich nicht behelligt,
darum wandert keiner von euch nur von hier bis an den Ofen. Es ist gleich,
es bringt mich in Wut, was der Kaiser macht oder die Weiber machen oder das
Darmfieber macht, es geht mich nichts an. In keinem Buch steht, da man
mich auch totschlagen soll, wenn zehntausend, hunderttausend in Tschi-li
totgeschlagen sind. Was lauft ihr mir wie Gespenster nach? Ich bin euch
nichts schuldig. Ich kann nichts, ich kann nichts dafr. Es war ganz
dunkel. Auf dem Fuboden saen sie mit baumelnden Kpfen, erkannten sich
nicht.

Was habe ich schon alles geopfert, was hat man mir weggenommen? Ja, zu mir
kommen sie mit solchen Sachen. Mit erwrgten Freunden. Mit abgedrehten
Kpfen. Als wenn ich eine Jahrmarktbude, ein Schaukabinett wre und sie
mich fllen mten. Ich bin froh, da Vater und Mutter tot sind, sonst
liefen der und der hin und schlgen sie rasch tot, brchten mir ein bequem
transportables Bein, ein eingesalzenes Gesicht, ein sauber verpacktes Stck
Brust von meiner Mutter. Um mich zugnglicher zu machen. Das ist mein Los.
Ich wei schon. Ich werde euch folgen. Eine Frau hab ich, ein Gut,
Baumwolle, ein Flo, man ehrt mich. Man hat mir einen versalzenen Kopf im
Eimer vorgesetzt und daran mu ich fressen und alles hier lassen.

Wang tappte im Zimmer herum. Ein Feuerzeug schlug an, die kleine llampe
brannte oben auf dem Ofenbett. Wang tappte weiter, sackte neben sie, einen
langen bastumwickelten Gegenstand ber den Knien. Als er den Bast
abgehalftert hatte, blitzte das lange blanke Schwert. Sie duckten wieder
rasch die Kpfe. Wang-lun wiegte den Gelben Springer in den Armen.

Am nchsten Morgen fuhren die Karren in der ersten Frhe aus der Herberge,
der Natternfnger hinkte und lie sich sttzen, sie verlieen das Dorf nach
Norden. Hinter dem Dorf holte den langsamen Zug der fnf Hndler die groe
gebckte Gestalt im Strohhut ein.

Wang-lun fauchte, warum sie heimlich aufbrchen, so da erst der Wirt
jemand schicken mte, um ihm die Reise seiner Landsleute anzuzeigen. Die
Hndler sahen sich bedrckt an, der mit der schlaffen Schulter schniefte
unter der Nase:

Wir haben uns geschmt. Es tat uns leid, da wir hergekommen sind. Wir
wollen an dem nicht schuld sein, was du gesagt hast.

Wir sind Brder, gab Tang von sich, wir wollen dich nicht zwingen.

Wang-lun drngte an Tang, berfuhr ihn mit Zorn: Ihr seid feige, ihr
schmt euch, wollt nicht schuld sein! Warum nicht?

Was ntzt das Schimpfen?

Kaum hab ich euch angeblasen, seid ihr fortgelaufen. Ihr seid Boten. Man
flchtet nicht, sag ich euch, und man frchtet sich nicht. Warum denn nicht
zwingen, du Schlaukopf, warum denn nicht schuldig sein? So sehen meine
Wahrhaft Schwachen aus! Wahrhaft, wahrhaft Schwache!

Wang-lun drngte sie zum Weiterfahren, man knnte sie im Morgengrauen vom
Dorf sehen. Sie erlebten an dem letzten Wegstein zum Dorf Wangs
Abschiedsschmerz; er schied von dem Land, von seiner Frau. Dann fuhren sie
getrennt, Wang-lun mit Tang. Wang war nicht mitteilsam; mit Laufen,
Verstecken, heimlichen Einkufen und Betteln von Reis, Melonen und Wasser
wurden die Tage zugebracht. Tang konnte den Eindruck nicht verlieren, da
er einen Gefangenen mit nach Tschi-li brchte. Wang, der fters nachts
leise mit sich sprach, schien sich herumzuschlagen mit sich und sich
niederzuhalten. Auffiel dem klugen Tschi-li-lufer, da das einzige, was
sich der unheimliche Mensch immer wieder erzhlen lie, brnstig, gierig
danach schnappend, Bluttaten der Ili-Truppen waren, grausame Mihandlungen,
Qulereien der Brder, da er sie mit Vergngen einsog. Bruchstcke solcher
Erzhlungen hrte Tang ihn sogar nachts sich vorsprechen. Der junge Hndler
fhlte sich neben seinem Begleiter seines Lebens nicht sicher. Vorwrfe
lie Wang gelegentlich gegen ihn los und beteuerte grimmig, da er sie
schon lange mit Grauen erwartet htte. Aber sie sollten ihn haben. Sie
sollten ihn haben. Vor sich jammerte der junge Hndler, was er angerichtet
hatte, berlegte wegzulaufen, aber es war augenscheinlich, da Wang-lun ihn
beobachtete. Er wagte nicht, den Fischer zu fragen.

Bis sich diese Spannung zwischen ihnen jenseits des Hwang-ho langsam lste,
wo Wang anfing, sich fr die Bewohner zu interessieren, Wettlufe mit Tang
anstellte und nachdem er sich in den gelben Brokatmantel eines taoistischen
Wanderdoktors geworfen hatte, mit einer eigentmlichen Heiterkeit
stolzierte. Sie genossen den Frhling, den angehenden Sommer. Die freie
Stimmung erstarb bei Wang, eine Unruhe, Ungeduld schmachtete um ihn. Je
nher sie den Bergen Schan-tungs kamen, um so weniger konnte er sich
beherrschen. Er ri sich hinter einem Dorf das Taoistenkleid ab, zog sein
graues, zerrissenes Bettlergewand mit Ausrufen des Glcks an; sein Schwert
hing ihm an einem Seil um den Hals. Er fragte unermdlich seinen Gefhrten
nach den Ereignissen der letzten Jahre aus, forschte in den Drfern.
Nachdem er schon halbe Tage den heimkehrenden Tang allein gelassen hatte,
verschwand er vor Tsi-nan-fu vllig. Nur den Auftrag hatte er Tang
hinterlassen, er mchte berall bei den Brdern und Schwestern verbreiten,
da sie sich nicht verlieren sollten. Es wrde ein Umschwung eintreten.

                   *       *       *       *       *

Wang lief wie vor Jahren die harte Kohlenstrae von Schan-tung.
Rauchsulen, dunstige Pfeiler in der Luft. Welliger Boden; auf der nackten
steinernen Ebene die groe Stadt Po-schan. Chen-yao-fen hatte den Besuch
Wang-luns lange erwartet. Den Kaufmann hatte das Unglck in der
Mongolenstadt mit ungeheurer Ehrfurcht vor seinem ehemaligen Gast erfllt.
Whrend des Winters und bis zuletzt fanden Beratungen der Hupter der
Weien Wasserlilie statt; ungeteilt war die Emprung ber die Manahmen des
Kaisers, der den fremden Lamaismus begnstigte und die volkstmliche
Bewegung mit Waffen niederschlagen lie.

Als Wang-lun sich durch die Hintertr des Hauses drckte und neben dem
Altar hinter dem Wandschirm hervorkam, schlang Chen-yao-fen seine Arme um
die Schultern des groen lumpenbekleideten Bettlers und prete ihn an sich.
Wang fragte, ob sie allein wren und ob er nicht die andern holen wollte.
Der Kaufmann gongte. Sie saen in der Halle unter der gefelderten Decke, an
der eisengetriebene Vgel und Drachen die Lampen und Laternen hielten. Der
Bettler wies den Tee zurck, zeigte dem Kaufmann, seinen Mantel
zurckschlagend, mit stolzer Mimik den Gelben Springer. Chen, das Schwert
anhebend und mit einem Blick auf die eingelegten Schilder, erzhlte von
einem Offizier, der angab zu den kaiserlichen Bannertruppen zu gehren,
viermal selbst in Po-schan erschien und bei Chen sich nach Wang-lun
erkundigte. Er nannte sich Hai, wollte Oberst eines Kavallerieregiments
sein, ein uerst hflicher, hagerer Mann mit hngendem Kinn- und
Knebelbart. Wang fragte erregt weiter. Ja, der Mann nenne sich auch die
Gelbe Glocke, er htte Chen beschworen, sich Wangs anzunehmen, der
wahrscheinlich verzweifelt ber den Tod Ma-nohs herumirre, und ihn in eine
bestimmte Kaserne nach Pe-king zu wenden, wo Hai sein Jamen htte. Chen
htte zwar alles versprochen, aber nichts begriffen, da der Mann sich
ausschwieg und vielleicht ein Spitzel war. Von Wang aufgeklrt wanderte
Chen, die Arme verschrnkt, auf den Teppichen. Er war verblfft; das
Gesicht der ganzen Sache vernderte sich. Auch Wang-luns Augen glitzerten.

Die Snften hielten vor dem Haus; die Vorhnge rauschten. Verwunderung der
reichen Kaufleute beim Anblick des zerlumpten Mannes, den sie nicht
erkannten, dann freudiges Hndeschwenken und Geflster.

Luft! schrie Wang, Luft, Luft! und umarmte Chen, der mhsam an sich
hielt. Mit groer Klte sprach Wang vor den zwanzig eleganten Herren, die
ihn in einem Gemisch von Grauen und Ehrfurcht anschauten; sie traten vor
ihm zurck. Naive Wendungen gebrauchte er; er uerte seine Absicht, es
nicht beim alten bleiben zu lassen, er brauche Geld, um Mnner zu bewaffnen
und zu bezahlen. Das sei schmhlich, aber es werde aufgentigt. Seine
Brder und Schwestern htten vielleicht nicht Gewhnliches, berliefertes
getan, aber ihre Ausrottung wolle er nicht ansehen. Das drfte die Weie
Wasserlilie auch nicht. Sie htten Schutz versprochen; jetzt komme er, um
ihn zu holen.

Die Herren fragten. Man schwankte, ob man alle Saiten spielen lassen sollte
und den glimmenden allgemeinen Volksaufstand anfachen. Der Anla war zu
klein, die ganze Angelegenheit betraf nur zwei nrdliche Provinzen; der
ungeheure Sden wute nichts. Man wollte wagen, was sich wagen liee. Der
Kaiser Khien-lung hatte Bewunderung, nie Sympathien gehabt; mit der
Begnstigung des Lamaismus, den furchtbaren Verfolgungen hatte er Ha
gest. Die Feigheit, Besorgtheit der Kaufleute war lngst zurckgetreten.
Chen, von Wang mehrfach unterbrochen, gab die Besuche der Gelben Glocke und
ihre Bedeutung preis. Man fate sich bei den Schultern, Zpfen, umdrngte
Chen.

Die Mandschus vertreiben, wurde geflstert. Das Geschlecht gezeichnet,
der Kaiser halb irr, die Shne verbrecherisch, ohne Ehrfurcht.

Die Bannertruppen fallen ab, rief man sich lachend zu. Was fr ein Hohn
fr die Provinz, die bluttriefenden Totschlger vom Ili vor die Stadttore
zu stellen. Der Kaiser liebt das Volk nicht.

Eisig fuhr es den Herren in die Glieder, als Wang in schwerer Bewegung
erklrte, da die Wahrhaft Schwachen selbst sich beim Beginn der Kmpfe
bewaffnen wrden; es sei fr die Anhnger des Wu-wei Notwendigkeit da, sich
des Schwertes zu bedienen. Sie mten alle ihre Reinheit und Hoffnungen wie
schne Kleider und Weihrauch auf einen Altar von sich entfernen und vor ihm
opfern. Kaiserliche Truppen mten sie opfern, die letzte Dynastie, sich
selbst; es bliebe nichts brig. Als Wang dies hervorbrachte, sahen die
Herren von ihm weg, beherrschten sich mhsam.

Chen gestikulierte im Gesprch. Ringgeschmckte Hnde, warme Luftwirbel,
Tuscheln. Wang atmete heftig, seine stark gefltete Stirn zuckte. Die
Herren sollten beraten, ob sie ihm Geld geben wollten fr Waffen und
Soldaten. Ihre Anhnger an seine Seite neben die Wahrhaft Schwachen
schicken. Man knne nicht wissen, wie es ausginge. Sie selbst sollten nicht
zu viel dran setzen, damit nicht alles fr spter verloren sei, wenn es
nicht gut verlaufe. Mit heftiger Stimme, die tief hinter der Brustwand
hervorschwoll, endete er: nur zusehen knne er nicht mehr, seine eigene
Aufgabe sei ein fr allemal festgelegt; rasch, in ein paar Tagen mten sie
sich entscheiden, damit die Sache noch vor Beginn des Winters zum Austrag
gebracht wrde. Wieder wurde das Gesprch auf die Gelbe Glocke gelenkt.
Chen zog Wang beiseite an den groen Wandschirm. Flsternd sa man um die
Tischchen, kauerte in den Ecken.

Der Ausgang der durch zwei Tage gefhrten Unterhaltung war:
Vertrauenspersonen, deren Namen Wang-lun genannt werden, erhalten
Anweisungen, ihm jede geforderte Summe aufs rascheste bereit zu stellen;
der Einflu der Weien Wasserlilie in den nrdlichen Provinzen wird
mobilisiert, die Gilden zu aktiver Beteiligung bei ausbrechendem Kampfe
angewiesen; Aufruhrplne fr die einzelnen Stdte sind rasch zu entwerfen;
wo Beteiligung nicht tunlich oder sinnlos ist, mu von Fall zu Fall
entschieden werden. Man riet, jeweils die Situation zu benutzen, um
miliebige, ungerechte, bestecherische Mandarine zu beseitigen.

In der Hitze staubte Wang-lun die Kohlenstrae zurck, das Gebirge, das ihn
schon oft verborgen hatte, nahm ihn auf; als die Ebene von Tsi-nan-fu
aufschimmerte, hatte er keinen Blick fr sie, lief achtlos nach Nordwesten;
Schafherden, Kao-liangfelder, Reismhlen, ausgetrocknete Kanle,
Truppenpatrouillen. Kein Bettler auf den Landstraen; gefangen, erdrosselt,
in Stdte verdrngt. Keine Brder, keine Wahrhaft Schwachen! Das Bndnis
mit den Geistern des Wassers, des Bodens, der Bume aufgehoben, alle ohne
Gnade zum Verwelken zwischen die Lehmmauern getrieben!

Wang reiste noch als taoistischer Doktor mit dem unruhigen Tang durch
Kiang-su, als die Gelbe Glocke, auf der Suche nach Wang-lun an Ngoh
gewiesen, mit seinen beiden Dienern in Ho-kien einritt und im Sippenhaus
einer befreundeten Familie Wohnung nahm. Die beiden gewandten Diener, ihrem
gromtigen Herrn unbedingt ergeben, in der Frhlingsluft auf den Pltzen,
an der Mauer herumtreibend, stberten den ehemaligen Hauptmann auf, der
Turn- und Schielehrer einer Gesellschaft stdtischer Beamter geworden war,
im Hause eines hheren Revisors unbemerkt lebte. Ngoh, verschlossen, schon
halb von der Wu-weisache abgefallen, sa mit der Gelben Glocke an vielen
Abenden in einem Pavillon des Revisorgrundstckes. Die Gelbe Glocke
erklrte, fr den Fall, da Wang-lun nicht bald auftauchte, zusammen mit
Ngoh den Widerstand gegen die Regierung organisieren zu wollen. Er knne
fr seine Regimenter, denn es htten sich schon andere Offiziere
angeschlossen, brgen; die Organisierung der Volksmassen msse einem andern
berlassen bleiben.

Ngoh, lange lau, unter der Erinnerung an Wangs Abschied leidend, gesundete
unter der ruhigen Entschiedenheit der Gelben Glocke. Als die Gelbe Glocke
auf seinem Schimmel durch das Stadttor hinausritt, von seinen Dienern
gefolgt, Ngoh neben dem Schimmel schreitend im schwarzen Brgerkittel,
schlossen sich ihnen Bettler, Brder an, die den vermiten Ngoh strmisch
begrten und klagten. Die Gelbe Glocke, in Erinnerung an Ma-noh und die
schne Tote Liang-li, wandte trnend den Kopf ab, dann rief er die Bettler
leise an als Brder. An dem Hgel, den der tobende Wang-lun in seinem
Schmerz um Ma-noh heruntergewlzt war im Schnee, vermochte Ngoh nicht
vorber zu gehen; er verabschiedete sich von der Gelben Glocke, der sich in
den Bgeln aufrichtete, mit seinem langen Sbel grte, davon trabte unter
wei blhenden Bumen.

In Ho-kien verbargen sich Massen der Wahrhaft Schwachen; die Weie
Wasserlilie herrschte. Ngoh sprang hetzend an.

Die Gilden der lhndler, der Lastentrger und Schmiede besaen ein
gemeinsames Klubhaus in der Stadt. Das unansehnliche Gebude, mit
Restaurationshallen, kleinem Theatersaal, nahm in zahllosen Zimmern die
werkttigen Menschen auf, die aen, sprachen, sich abtrennten, schliefen,
Musik hrten, rauchten. Das Gercht von Wang-luns Wiederauftauchen schlug
ein. Zwischen die Mitteilungen von Truppenbewegungen unter Chao-hoei
schwirrten die Aufforderungen des Schan-tungkomitees, keine
Truppenbergriffe zu gestatten. Im Klub schrie man sich an. Ein alter
Schmied, dem sein kleines lndliches Besitztum bei der Stadt Lint-sing
verbrannt war, schttelte in einer abendlichen Beratung sthnend die Arme,
verfluchte die Dynastie, verglich sie einer Schmarotzerpflanze. Li hie der
angesehenste der Lastentrger, ein robuster gerader Mann, der zu den
Wahrhaft Schwachen gehrte, seit dem Sommer der Gebrochenen Melone in der
Stadt wohnte. Whrend der Beratung kam ein junger Mensch aus seinem
Nachbarhause in das lange Zimmer, hielt sich keuchend die Hand vor den
Mund, berichtete stoweise mit verstrt geisternden Blicken, die Herren
sollten aufpassen: Polizisten mit einer Rotte Soldaten durchsuchten das
Haus, in dem Li bei Sippenverwandten gewohnt hatte; der Lastentrger selbst
--. Als der junge Mensch hier nicht weiterkam, die zusammengedrngten
Arbeiter ber ihn herfielen, der Schmied ihm den Rcken klatschte, machte
der atemlose verwirrte eine Handbewegung nach seinem Halse.

Da schlichen schon zwei ltere Gildengenossen herein, sperrten die Tr ab,
japsten, Li sei ergriffen worden; Polizisten seien von Soldaten begleitet,
die den Kopf Lis in einem Kfig auf ihren Lanzen trgen; die
Sippenangehrigen des Toten wrden eben ins Gefngnis transportiert. Der
junge Mensch nickte weinend. Das flsternde Durcheinander nahm ein Ende,
das Durcheinander von Furcht, Wut und Drohung: jeder wollte in sein Haus.

Li war auf die Nachricht von Wang-luns baldigem Eintreffen aus
sdwestlicher Richtung dahin aufgebrochen, mit zwei langen Messern und
einem versteckten Dolch; als Bettler an einer Soldatenrotte vorbeigehend,
nicht weit von der Stadt, fiel er durch seine Ruhe auf; sie stellten ihn,
er gab Auskunft ber Person, Wohnort; das weitere verlief wie bei dem alten
Chu und zahllosen anderen. Nach Zugehrigkeit zu den Wahrhaft Schwachen
gefragt, meinte er, er sei Bettler und ginge seinen guten Weg; angefat zur
Durchsuchung setzte er sich zur Wehr, kam rasch um, sein Kopf kehrte nach
Nordosten zurck.

Der Soldatentrupp lagerte in einem alten Regierungsjamen innerhalb der
Mauern. Die Nachtwchter trommelten die erste Nachtwache; die
Gildengenossen hockten in dem langen Zimmer des Klubhauses bei verhngten
Fenstern. Als einer auf das verabredete Klopfen die Tr ffnete, wand sich
ein einzelner schlanker unbekannter Mann herein, wurde rasch festgehalten;
man leuchtete ihm ins Gesicht, das berut war; es war Ngoh. Mehrere
pfiffen, was er hier suche; seine Whlereien in befreundeten kleinen
Genossenschaften waren bekannt. Er bat hflich um Schutz; er frchte sich,
da der Revisor ihn gewarnt htte und er warne sie selbst; es verlaute, da
man in der Stadt auf grere Truppenmassen warte, um ber verdchtige
Gilden zu fallen. Die ngstlichen, um den niedrigen Tisch mit Teetassen
gehend, riefen, er brauche sie nicht zu warnen; was er hetzen wolle?

Ngoh entblte seinen rechten Arm, zeigte drei groe strahlige Brandnarben,
die ihm Ma-noh beigebracht hatte auf seinen Wunsch:

Meine Arme sehen nicht schn aus. Erst habe ich dies als Male meiner
eigenen Befreiung aufgefat; jetzt als Male meiner Fesselung. Wenn ihr mich
schimpft und wartet, werdet ihr andere Fesseln tragen, liebe Herren. Die
Fasane schreien, die Leoparden, Lwen brllen; ihr wit schon, welche
Goldfasane ich meine; die Panther von Chao-hoeis Soldaten, die
Literatenlwen. Aber schimpft!

Du warst selbst Panther! Sieh deine Hnde; so weiche Finger hat keiner aus
dem Volk!

Warum bist du aus deinem Kfig ausgebrochen, Ngoh?

Er glaubt er ist besser, als die Soldaten drben.

Schimpft nur, ich will die Male nicht beflecken, indem ich sie von euch
begaffen lasse. Wenn ich Panther bin, seid ihr Hunde und Katzen. Es tut mir
leid, da ich euch gestrt habe. Oder: Hunde ist zu gut gesagt; Hasen,
Bohrwrmer, Maden.

Hetzer!

Es scheint, als ob hier nur Schreihlse und Mnner ohne Leber sich
vordrngen.

Der Schmied streifte Ngohs rmel auf:

Haltet die Muler! Ich nehme mir solch Mal, drei Brenner untereinander.
Ihr Schreihlse werdet am Arm kein Mal gebrauchen; man wird euch schon die
Stirn brennen und die Kpfe abschlagen.

Was nutzen die Vorwrfe, Schmied? Wie sollen wir uns helfen? Wir werden
nicht ber die Truppen herfallen, damit es mit uns eins, zwei, drei hopp
geht. Der Heuchler, Hetzer!

Er ist ein Narr, ein Fopriester!

Er hat Li verfhrt; jetzt kommt er und prahlt mit seinem Kopf.

Lat mich sein, was ich will. Ihr seid nicht meine Brder.

Einer sprang besessen um den Tisch und klatschte in die Hnde: Wir wollen
nicht deine Brder sein, wir wollen nicht deine Brder sein. Hrt ihn nicht
an, werft ihn heraus, er ist gefhrlich, er bringt uns alle, alle ins
Unglck. Ich habe einen Vater und drei kleine Kinder!

Ngoh soll reden, was er zu reden hat. Ngoh, sprich los.

Brder, ich steh hier, ich geh nicht hinaus, bring euch nicht ins Unglck.
Lscht das Licht aus; man erkennt Schatten von drauen.

In das finstere lebendige Zimmer sahen die zwei kleinen quadratischen
Papierfenster, die der weie Mond beschien, als erschrockene Augen hinein.
Scharren, Murren an den Wnden.

Er bringt uns ins Unglck!

Ich halte eure Schimpfworte aus, weil ihr mir leid tut. In ein paar
Wochen, Monaten wird alles geschehen sein. Wang-lun ist unterwegs; die
Weie Wasserlilie, euer Bund, hat euch aus Schan-tung benachrichtigt, was
geschehen wird. Man hat euch den Halskragen noch nicht bergeworfen; eure
Huser stehen noch. Jetzt liegen schon die Soldaten in der Stadt. Ich
spreche doch nicht erregt, wie ein Verfhrer. Wir Wahrhaft Schwachen finden
unseren Weg ohne alle Hilfe; wir knnen ihn nicht verfehlen.

Trume nicht, Ngoh; sprich weiter, weiter.

Von unserem Westlichen Paradies will ich euch nichts erzhlen. Die
Wahrhaft Schwachen sind nicht schtig nach dem schwarzen Flu, man soll uns
nicht wie Unkraut totschlagen drfen. Ich kann von keinem Feind reden; aber
wenn es einen gibt, so haben wir einen gemeinsam. Und darum spreche ich zu
euch; und darum mt ihr mich anhren, denn euch liegt am Leben, an Eltern,
Shnen.

Der Schmied zischte: Es ist keine Gerechtigkeit fr uns niedrige Menschen,
keine Gerechtigkeit. Es gibt keine Gtter, die auf uns hren, nur die
Spione des Totengottes; alle sind auf uns los: der Kaiser ist der Sohn des
Himmels, alle Geister der Stdte und Mauern, Flsse, cker sind ihm
untergeben. Freut euch doch, da Gewalt kommen soll gegen die Verrter des
Bodens. Ich freue mich, seht ihr!

Ngoh klapperten die Zhne: Wir sind aus der Bahn geworfen; wir knnen
nicht unsere Brder und Schwestern meucheln lassen. Wir wimmern alle und
jammern, wie ich es tue. Ich bin kein Hetzer; ich bin traurig, weil ihr das
glaubt von mir. O was tut ihr, da ihr uns fortstoen wollt! Wie soll ich
das Blutbad mit ansehen, das man anrichten wird unter uns und euren
zahlreichen Sippen. Habt ihr von Ma-noh gehrt? Schweigt doch nicht, hrt
den Schmied; war euch Li nicht lieb, dessen Geist jetzt hier an der Tre
huscht? Ich bring euch kein Unglck; von Eltern, Ahnen, Ehren hab ich mich
losgesagt; glaubt ihr, ich hab das fr nichts und nichts getan? Ihr seid
erbarmungslos, sinnlos, ich bin nicht anders. Ich rei die Tre auf, ich
rei das Papier von den Fenstern ab und schreie auf die Strae: da ich
Ngoh bin, der ehemalige Hauptmann der Kaiserlichen Garde, dem der Kaiser
ein Pfefferminzsckchen verliehen hat, da ich ein Freund Wang-luns, des
toten Ma-nohs, des erschlagenen Lis bin, hier im Gildenhause sitze,
verlassen von den Gilden, die zu mir halten sollten, aus Feigheit nicht zu
mir halten. Ich schreie es ber die Straen, da die Geister, bse,
ruhelose Seelen, im Straenkot zwischen den sten es hren. Sie haben
keinen Platz auf der Erde wie wir Wahrhaft Schwachen, keine Schonung,
keinen guten Blick, keinen Weihrauch, sie werden mich hren. Helft mir,
helft mir, bse, liebe Geister!

Und schon sprudelte er die Namen der verruchten Dmonen heraus, deren
Nennung schon den Tod bringen kann; gleichmig bewegte der alte
Dmonenbezwinger den Kopf hin und her, rief die unseligen Namen. ngstlich
drngten sich Gildengenossen in den Ecken zusammen, stopften sich die
Finger in die Ohren, rangen die Hnde. Dem Schmied riefen sie zu, er soll
den Ngoh binden, in eine Kammer sperren. Der Schmied und Ngoh flsterten
zusammen. Gemeinsam scharten sich alle pltzlich um die beiden, hockten
hin, flsterten, Pupillen und Nstern weit in Erregung ber den
Geisterherrn. Ngoh, wieder langsam atmend, starrte vor sich, verbeugte
sich.

Am Marktplatz stand das prchtigste Haus des ganzen Viertels, der Tempel
des Stadtgottes. Zwischen Lden und Buden war es eingebaut; weit war das
Hinterland, ein Park mit schnen Blumenanlagen und einem Treibhaus.
Ungeniert warfen die Markthndler ihren Abfall und Kehricht vor der
hlzernen rotbemalten Torhalle auf; bisweilen konnten Gaukler so hoch
springen, da sie mit der Hand die grnen Bschel der hngenden Lampions
berhrten. In Herden trieben sich die Bettler und blinden Musikanten
zwischen den beiden steinernen Lwenhunden zu den Seiten des Eingangs
herum; die grauen Tiere, deren Augen gleich Eiern hervortraten, hielten
ihre Schwanzhaare gestrubt, wie einen Fcher der eine, wie einen
entfalteten Pfauenschweif der andere. Die hohen Doppeldcher schwangen sich
wie Schiffskiele; von ihren schwarzen Rippen blitzten herunter die
gepanzerten Reiter, die Hellebarden, die geschwungenen Schwerter und
Dolche. Auf dem hchsten Dachfirst trabte ein silberner Krieger zwischen
zwei schildbewhrten Bogenschtzen, die herunterzielten. Durch die Torhalle
schoben sich die Menschen; drngten sich zu Theatervorstellungen auf dem
Tempelhof. Barbiere rasierten in dem Durchgang, Narzissenverkufer
schrieen; Straenreiniger, ffentliche und private, gingen auf und ab,
sammelten mit Harke und Schippe den Kot; bestaubte Kinder spielten
Ziegelwerfen.

Vor der Gebetshalle inmitten des riesigen Hofes stand allseitig frei die
Bhne. ber sie hatte der Erbauer jeden Pomp gehuft, den Glanz
hochgetrieben gegen die gehaltene Pracht des Tempels; sie erhob sich vom
Boden wie eine Tnzerin, die mit ihrem gerundeten Blick die Welt zum
Verschwinden bringt. Acht glatte Holzpfeiler warfen das Dach hoch, dessen
vier Kiele, gewaltsam nach oben gezerrt, ber der Traufe endeten, als
sollte die Bewegung, die von oben lautlos herunterrollte, mit einem Anprall
wieder in die Hhe. Rotblaue Puschel, Fhnchen, Glocken von der Traufe.
ber die schwarzen Dachrippen trappelten die weien Pferdchen, klirrten die
metallenen Behnge, Rstungen der wilden Kmpfer. Dicht unter das Dach
kroch ein Tier pfeileraufwrts, schmiegte sich mit gestrecktem Bauch an,
dicht unter dem Dach lockerte es die schillernden Flgel, grub den weien
Schnabel in das Holz, rotgold glitzernde Rcken: Vogeltier, der Phnix.

Erst jenseits der Bhne, so hoch, da sich sein Dachfirst nicht vom Hof
blicken lie, ragte der Tempel. Nicht breitbeinig wie ein Bauer, sondern
sein Geheimnis war, da er dem buckligen Zikadenfnger glich, von dem
Li-dsi erzhlte: er balancierte Erdkgelchen auf der Leimrute; als er fnf
Kgelchen nebeneinander halten konnte, war er reif und konnte die Zikaden
nur so abpflcken, hielt seinen Arm wie einen drren Ast, seinen Krper wie
einen Baumstrunk; sein Wille hatte sich ohne Zerteilung verdichtet.
Machtvoll stand der Tempel, hrte nicht die Musik der Spieler, er verhehlte
die Bewegung des Stolzes, lie spttisch wenig Licht fallen in die
Versammlung der Geister, Gtter, die er deckte. Das Unglck lag ber ihm.
Die hlzerne Bildsule des Stadtgottes, vor einem Monat noch reich
bekleidet, im Besitz eines Siegels, lehnte geschndet in dem Dunkel des
Raumes. Man hatte einen Unwrdigen zum Stadtgott gemacht; als die Unruhen,
berflle, Feuerbrnste kamen, lie ihn der Magistrat nackt ausziehen, zur
Verschrfung der Strafe vor die Torhalle schleppen, Ketten um den Hals
hngen. Als sich Ruhe einstellte, fuhr man ihn wieder an seinen Platz,
bekleidete ihn mit billigen Kitteln und Rcken; geschwrzt vom Sonnenlicht
und Anwrfen schwieg er in dem totenstillen Raum. Keiner der vielen bunten
Gehilfen, die ihn umgaben, seine Sekretre, Spione, Henker, Spitzel,
Polizisten zweifelten daran, da der zerqulte, willensstarke Gott bald das
uerste wagen wrde. Einen Dmon hatte sich die Stadt gezchtet.

Und dicht neben dem Eingang zum Tempel lag der Geheimeingang des groen
Pfandhauses, das den Gilden, Geheimbnden zu Beratungen diente. Die
Rebellen fanden den Ort neben der Wohnung des Beschtzers der Mauern und
Wallgrben am sichersten. In dem langgestreckten niedrigen Speicher
stapelten Wohnungseinrichtungen, Kleiderballen, Theatergarderoben,
Schmucksachen, Snften dicht gereiht. Aus Ballen und Kisten stieg ein
liger Geruch. Hier liefen durch viele Tage nur Ratten und Muse. Am
dritten Tage nach Ngohs Besprechung im Gildenhause hockten hier, es war
nach Ende des Marktes, schweigend und wartend mehr als dreihundert
Menschen. Sie saen berall herum; meist gewhnliche Trachten. Gre,
Winke, sonderbarste Posituren; fast alle kannten sich, Ausschsse der
fhrenden Genossenschaften, Brder, Schwestern der Wu-weisekte, der
verschlossene Ngoh. Der Schmied rief gedmpft einen weibrtigen Mann an:

Will der alte Lehrer den Gsten nicht sagen, was sie hren mchten?

Die wohllautende Stimme des Lehrers:

Lat euch ehrerbietig gren. Der kenntnislose Knecht wagt nicht, euch zu
belehren. Sein wackelnder Kopf wei nichts mehr. Danken will der halb Tote,
da er euch alle sehen durfte!

Viele setzten sich um ihn; man schob ihm eine niedrige Leiter zu. Ngoh
verneigte sich tief: Der alte Herr mge uns belehren; andere riefen
dasselbe. Der Lehrer lchelte nach allen Seiten, pappelte mit dem zahnlosen
Mund, er trippelte zwei Stufen hinauf:

Ich bin aus dem Dorf in Schan-tung, wo der Weise Lo-hwai geboren ist. Er
ist unser groer Lehrer; diesen Schuppen mit Kleidern, Ballen htte er
recht gefunden fr eine fromme ernste Zusammenkunft. Groe Mchte und
Krfte gibt es; aber, ob ihr dem Wang-lun folgt oder ihm nur Freunde seid,
wit ihr, da wir keine tausend Buddhas wie die Bonzen und Fopriester
anbeten, den Taschi-Lama und den Dalai-Lama berlassen wir dem Kaiser
Khien-lung. Unser, unser Buddha blickt uns aus Himmel, Bergen und Bchen
an; die Donnerschlge gren ihn besser als Pauken und Gongs; sein
Weihrauch sind Wolken und Wind; er trinkt seinen Tee aus den fnf Seen und
den vier Meeren und horcht auf das Rauschen der Wipfel und ste, das
Rauschen seiner geschwungenen Banner. Wir haben keinen Buddha, als warmen
Wind und Regen, keinen Buddha, o weh, als die Taifune, die an den Ksten
entlang laufen; niemand ist mit uns, im Sden, Westen und bei uns; wir
schwarzhaariges Volk der Shne Hans sind allein geblieben. Wir sind gelb
wie die Erde, das Wasser. Die im weichen Sden leben, schwemmen auf,
tnzeln in bunten Kleidern; am schwarzen Drachenflu ist das Land so hart
wie die Menschen. Und darum knnen sie alle leben. Unmerklich wie
bodenstndige Kresse wachsen unsere Huser von der Erde ab, achten die
Geisterpulse und Luftstrmungen; so machen wir uns hnlich dem Tao, dem
Weltlauf, versagen uns ihm nicht. Wir, die den Wang-lun aufgenommen haben,
sind nicht mit Halskragen und Beinstricken an das Schicksal gebunden. Wie
die alten Worte lauten: schwach gegen das Schicksal sein ist der einzige
Triumph eines Menschen; zur Besinnung mssen wir kommen vor dem Tao, uns
ihm anschmiegen: dann folgt es wie ein Kind. Der alte Speichler redet ohne
Zusammenhang, o, er schmt sich seines Schwachsinns.

Der Greis stieg eine Stufe herunter, kauerte, ein weier Pavian, hin und
schlo die Augen. Vertieft saen viele der starkknochigen Mnner in den
Gngen; Gruppen kauerten auf den riesigen Zeugballen und sahen herber,
drckten die Ballen platt.

Ein fein gekleideter junger Mensch, der seinen Fcher ffnete, richtete
sich auf einem wackligen Achtgenientisch auf, schrg gegenber der Leiter
des Alten; man drehte sich nach ihm um, als der Tisch knarrte; er kehlte in
einer hastigen Art.

Der alte Herr und die werten Genossen wollen es mir nicht mignnen zu
tnen. Ich will nicht wetteifern mit dem alten Herrn. Wir haben keine
prchtigen Tempel, keine Klster, die der Drachensohn ausschmckt und mit
Goldbarren beschenkt. Fr uns beten keine Bonzen in Seide, die stliche
Kinder und Mdchen verfhren. Fr die fremden Altre haben wir nur Lachen,
Achselzucken. Auch ich gehe den reinen Weg und will zu den Kihs. Dem Gipfel
der Kaisergewalt werden wir und unsere Nachkommen uns nhern. Aber wie ihr
andern, die es nicht mit uns Wu-wei-freunden haltet, ber uns denken mget:
wir sind stlich und nicht die gelben Bonzen, wir sind Kinder der hundert
Familien, und nicht der Heilige und Growrdige vom Gnadenberge, den der
Kaiser in einem Siegeszug empfangen hat. Von Tibet ist der
herbergestiegen, ist bei Kuang-tse gestorben, in einer goldenen Stupa
heimgesandt worden. Die Fremden halten zueinander, die Mandschus und die
Lamas. Die Lamaserien fressen das weiche, warme Gekrse des Landes auf; sie
drfen das; uns, ja, uns schlgt man die Kpfe, die wir nichts verlangen,
keinen stren. Wir tausende, aber ihr kennt uns doch, liebe geehrte Brder,
ihr Herren Lasttrger, von den Dschunken und die andern. Wir sind auf der
gelben Erde geboren und wollen uns nicht, da wir friedlich sind, von
fremden Priestern und Kaisern ausrotten lassen. Wir mten gebieten ber
die achtzehn Provinzen, ber achtzehn Provinzen von Liao-tung bis zu den
Miao-tse. Was haben wir getan? Toll gewordene Strolche in Soldatenuniformen
preschen mit Hellebarden ber unsere Mrkte; wen wird man heute fesseln und
wem die Zunge abschneiden, wen wird man morgen stupen? Wir sind in dieser
Provinz geboren und drfen uns friedlich darin ergehen.

Ein allgemeines Gemurmel: Gut, gut.

Der junge erregt auf dem Tisch zappelnde Mann sprach mehr, der Alte suchte
ihn durch Zurufe zu besnftigen.

Wit ihr, wer unsere giftigsten Feinde sind? Ganz und gar unsere und eure?
Wie unser Feind heit? Der Stein, der Baumstrunk, die zerbrochene Laute?
Kung-tse!

Weiter lief es ber die Gnge: Die Mandarinen, die Literaten, Kung-tse,
Kung-tse! Ein allgemeines: Kung-tse! Ein zhneknirschendes: Die
Erpresser, die Mandarinen! Ein hetzendes: Kung-tse!

Von dem zitternden Achtgenientisch krchzte es weiter:

Wer ist Kung-tse, was will er? Das dritte bel! Er hat gelehrt den Mund
aussplen, die Haare kmmen, vor Frsten buckeln, vieles Gute, vieles
Schlechte. Fr uns armen Leute ist er schon lange tot und sagt kein Wort
mehr. Mandschus, Lamas und Mandarinen beten ihn an, darum knnen wir ihn
nicht anbeten, sie haben ihn uns weggeschnappt, haben weggenommen, was gut
an ihm war fr uns. Sein Geist soll sich bedanken in Pe-king, da wir ihm
nicht ruchern und ihn von unseren Schwellen blasen mit hlichen Worten.
Ich hasse ihn, wir hassen ihn, den leeren Messingtopf. Der alte kluge Herr,
der vor mir redete, hat recht gesprochen: schwach mssen wir sein gegen das
Schicksal, es bleibt uns nichts weiter. Wir sind arm; gut tut, wer alles
hinwirft, und selbst wenn er alles hinwirft, verliert er den Kopf beim
Spaziergang wie Li. Unterdrcker, fremde Wlfe, Krokodile, Fchse sind
unser Schicksal. In den mtern spreizen sich die Mandschus, bei den
Prfungen lgen sie sich vorwrts, auf der Strae werfen sie unsere Wagen
und Snften um, treten die Wege breit mit ihren breiten Fen. Die
verruchte, gottlose Dynastie! Ihr Schicksal wird sich erfllen, vor
unserem, nach unserem. Die Langnasen werden das Land vernichten und Schuld
hat Kung-tse. Uns bleibt nichts brig als die Schwche!

Er hatte sich selbst ruhig gesprochen, eine hhnende Agitationsschrfe in
Stimme, Geste, Mimik gelegt. Frauen gingen schluchzend auf und ab. Erregte
Gruppen ballten sich, lsten sich; neue strmten zusammen. Der junge
Sprecher, die blasse Stirn mit Schweitropfen, schlenderte straff Schulter
an Schulter mit Ngoh durch einen Gang. Auch Ngoh waren wider seinen Willen
Trnen in die Augen gerutscht. Das Zauberwort Ming lag in der Luft. Es
erschien in allen Versammlungen der Weien Wasserlilie, oft in den der
Wahrhaft Schwachen, wie in anderen das Chihkraut, die stlichen Inseln, das
Westliche Paradies.

In die langgestreckte Halle leuchteten viele kleine Papierfenster. Es
dunkelte. Das Klappern, Rasseln, Pauken, Ausrufen, Kreischen auf dem Markt,
im Tempelhof lie nach. Durch die Fenster der Schmalseite des Raums, von
dem Hof her prallten breite blendende Lichtgarben auf Krbe, Gerte. Man
hrte whrend der Rede des jungen Menschen leise Musik, feinen Gesang,
jetzt Deklamation: Theater hatte angefangen.

Whrend man sich durcheinander schob, Stirnen runzelte, Schweigeruch von
sich gab, griffen zwei ltere Mnner von der Lasttrgergilde einen kleinen
schmerbuchigen Herrn bei den Armen, suchten ihn nach der Leiter zu
bewegen. Dieser sauber gekleidete, fettglnzende Herr war ein gebildeter
Mann, der ein Gut und eine Windmhle zum Enthlsen von Reis besa, und wie
viele andere aus Ehrfurcht vor den Vtern die Mingtradition hielt.

Er schmatzte, von freudigen Stimmen bergossen, auf der Leiter, verneigte
sich, man schlo sich um ihn. Der Kopf sa ihm tief zwischen den runden
gepolsterten Schultern. Whrend der Herr sprach, schwang er die dicken
Pftchen possierlich nach oben und unten, links, rechts. Er lchelte. Es
war eine Paraderolle, ein Schlager, was er vortrug. Er sagte, sein Organ
war weich und dunkel: Es lebte einmal ein Abt, manche unter den Zuhrern
sangen es nach, eingelullt, zeigten entzckt das Zahnfleisch. Der Herr nahm
seinen Zopf ber die Schulter vor, streichelte ihn wie ein Kind:

Es war einst ein Abt. Er lebte in seinem Kloster zufrieden. Als eines
Mittags die Sonne sehr warm schien, legte der Abt seine Mtze auf das
Gesicht, schlief ein. Er trumte. Vom Rat der Gtter trumte er. Die drei
groen Reinen sah er an einem Tisch, dabei den Nephritherrn, den
mildttigen Sohn des Knigs Lautertugend und der Knigin Mondglanz. Ich
erzhle euch ein halbes Mrchen. Da beugte sich der Nephritherr zu dem Abt
herunter, hob die Schultern geheimnisvoll und sagte: 'Ich will in dein
Kloster eine Frau wandern lassen, die wird einen groen Kaiser gebren.
Unter meinen Zeichen, Sonne und Mond wird sie ihn gebren.' Als der Abt
aufwachte, fragte er den Pfrtner, ob eine Frau gekommen sei. Keine war
gekommen. Alle Zellen und Hallen durchging der fromme Mann, auf den Berg,
in die Hhlen kletterte er. Kein Kind schrie. Am Abend kam mit seinem
Trdelkarren ein Hndler vor das Tor, seine gesegnete Frau begleitete ihn,
in Lumpen waren beide gekleidet. Traurig gab der Abt ihnen Pillen, damit
die Geburt gut vonstatten ginge. Im Kloster schlief alles. Morgens kam das
Kind. Leise Musik von Geigen und Pansflten war in der Luft, die Vgel
pickten das Papier von dem Fenster, wo die Mutter lag. Dicht saen sie wie
auf Leimruten und sangen schmetternd zu dem Wimmern des Kindes. Um die
Sonne erschien ein Hof. So arm war der Vater, da er den Flu hinauf ging
und einen Fetzen rote Seide fischte. Da hinein schlugen sie das Kind. Den
kleinen Tsi-juen, das zitternde Wrmchen Tsi-juen schlugen sie ein in einen
Fetzen rote Seide. Und als er nun grer wurde, mute er mit den Kuhjungen
auf das Feld. War selbst Kuhjunge. Und als sie eines Tages zu fnf auf dem
Feld waren, wollte er sie bewirten. Er ging hin, schlachtete ein Klbchen,
den Schwanz klemmte er in eine Felsspalte. Tsi-juen klemmte den
Kalbsschwanz in eine Felsspalte. Und da nannten sie ihn ihren Hauptmann.
Aber der Mann, dem das Kalb gehrte, suchte das Tierchen, fand den Schwanz.
Nahm eine Rute, und zwei Ruten, und betrbt floh der Knabe. Ging Tsi-juen
hungernd ber die Felder. Aber die Sonne zeigte den Weg, Mond fhrte
weiter. Ein Klosterbruder nahm ihn bei der Hand, geleitete ihn in seine
Hhle, schor ihm den Kopf. Wurde Tsi-juen, Zwerglein Tsi-juen mit
geschorenem Kopf Kchenjunge im Kloster. Die Lampen mute er anbrennen im
Haus, Weihrauchnpfe schwingen, schwere Npfe fr die feine Hand, viele
Kruter drren, die Klingel rief den ganzen Tag. Er war in dem Kloster, in
dem ihn seine Bettelmutter geboren hatte. Sie schlugen ihn, neckten ihn im
Haus herum, auch der Abt, dem der Nephritherr die Prophezeiung gegeben
hatte. Aber wie der Abt einmal den Knaben ansah, hatte der einen rosa
Flammenschein um das Gesicht. Angst bekam der Abt. Er schickte ihn in einen
Wald, jenseits des Sumpfes Brennholz zu holen zu einer feinen Sauce.
Tsi-juen lief eilig, sank, als er an den Sumpf kam, ein, sank ein. Tsi-juen
sank bis an die Schultern ein, bis an den Hals, bis an den Mund. Und da
kam, als er erbrmlich schrie und im Moor wie eine Krte whlte, schrie
nach seinem lieben Vater, nach seiner lieben Mutter, kam aus dem Wald eine
goldene Fee. Ei, ich erzhle euch ein Mrchen, ein schnes Mrchen, das hat
mir mein Grovater erzhlt. Die Fee zog ihn an den Fingern heraus. Da war
er kein Kchenjunge mehr. Das Wasser hatte lauter weie Perlen um seinen
Hals gelegt, mit Purpur und Brokat war er bekleidet, wo er in das Moor
getaucht war; Grtel und Jadespangen trug er. So berst mit Prunk
spazierte Tsi-juen anmutig wie ein kaiserlicher Prinz in das Kloster
zurck. Und der Abt wute gleich seinen Namen.

Sie stieen sich an, die an seinen Lippen hingen, stieen bekrftigend
heraus: Ming, es war Ming.

Sie gingen lchelnd herum. Der Schmied rief, whrend gegen die Fenster
Regen prasselte: Eine Mauer brauchen wir, eine weie Wand um Pe-king
herum!

Ach, warum sind die Mings gestorben! Warum hat das Volk sie verlassen!

Es leben noch Mings, am Jang-tse sollen welche leben!

Wang-lun soll ein Ming sein. Darum hat ihn der Kaiser so.

Das ist's ja eben. Darum versteckt er sich. Er wei schon warum. Sobald
der Kaiser ihn erwischt, ist er hin.

Oder der Kaiser ist hin.

Wang-lun wei, da er ein Ming ist und da der Kaiser sich htet.

In Ngohs feinem Gesicht zitterte es; auch der junge Agitator und der Lehrer
schmunzelten. Der alte Herr zwinkerte Ngoh an, schttelte den Kopf: Sie
haben unrecht und nicht unrecht. Wang-lun ist ein Ming und mehr als ein
Ming. Ngoh trumte mit verschlossenen Augen. Ich mchte Wang-lun bald
sehen. Ja, Ngoh, wir brauchen ihn alle. Ngoh seufzte: Ich bin der Sache
nicht gewachsen. Wenn nicht einer mir die Sache abnimmt, werde ich das
erste Opfer des Krieges sein. Auch die beiden andern senkten die Kpfe.

Der Alte und der Agitator trennten sich von dem stummen Ngoh. Sie nahmen
teil an dem Strahl der Gesichter, dem Hndeschwingen, dem Promenieren,
Schlingern durch die Gnge. Scharren, taktmiges Trampeln, Kichern
durchdrang die gedmpfte Unruhe. In einen Seitengang war einer gesprungen,
erging sich in absonderlichen Grimassen, sich plusternd, den Kopf werfend.
Zwei andere pfauchten vor ihm: Platz fr den Tao-tai! pufften nach vorn
und seitlich, immer in Stzen auf die Nchststehenden zufahrend. Er trug
ein grobes Sacktuch statt eines Obergewands; auf dem glattrasierten Schdel
hatte er ein Stckchen Krbis liegen, das den Mandarinenknopf vertrat.
Schnitt unheimliche Gesichter, schritt lcherlich groartig hinter seinen
Lufern her, setzte sich unversehens auf eine niedrige Holzbank, die er aus
einem Stapel herauszog, und ritt auf ihr Galopp, stie schrille Rufe aus.
Eine Anzahl andere Mnner suchten hinter ihm seinen Schritt nachzuahmen;
sie konnten aber vor Lachen nicht Haltung bewahren, torkelten; bis der
reitende Tao-tai sich auf seiner Bank umdrehte und mit einem Sbelhieb
einen von ihnen so zu sagen umbrachte. Die ganze Gesellschaft schttelte
sich; auch der weise Alte war auf einen Prunkschrank gekrochen und grinste
herunter. Der Niedergeworfene fate den Tao-tai bei den Schultern, schlug
auf ihn ein; die Nachbarn beteiligten sich vergngt am Dreinschlagen; der
Reiter wehrte sich, kroch zur brllenden Freude der Zuschauer unter seine
Bank, die sie umwarfen, ihn mit den Fen stieen. Der Alte schrie von
seinem Schrank herunter; sie sollten ihn zur Wut bringen. Man zerteilte
sich langsam, als sich der Reiter aufrichtete und an der Wand vor sich
hinblickte; man klopfte ihm auf die Schulter. Die Vertrauensmnner der
Ausschsse berieten in einer Ecke des dumpfen Speichers. Die Versammlung
schien aufgelst. In Einzelgruppen wurden Reden gehalten. An die
Vorstandsgruppe im Saalwinkel liefen Mnner, baten um Feststellung, wer
hier sei; welche Gilden vertreten seien, wer sprechen wrde. Sie erhielten
zur Antwort, da man warten msse; es wrde bald Bescheid ergehen. Das
Wang-lun mu kommen hatte sich der ganzen Gesellschaft mitgeteilt. Das
goldene Wort Ming tnte aus vielen Gruppen. Das Getse nahm ab, als die
Vertrauensmnner mit Ngoh sich erhoben, sich durch die Gnge drngten, der
alte Lehrer auf die Leiter stieg. Der Ernst schlug durch. Der Alte sprach
wie ein Rechner. Wieder wurden die Anklagen gegen den Kaiser, die
Mandarine, die Soldaten auf die Versammlung losgelassen. Die Wahrhaft
Schwachen seien Vertreter, Kinder des Volkes; entstammten einer Bewegung,
die nur in einer Zeit der Unterdrckung mglich sei; das Unglck sei ihr
Schicksal. Und hier blhe die Weie Wasserlilie. Der Schrecken der
Fremdherrschaft, die Niedrigkeit der Mandarinen vereinigte sie, und so
htte auch das Komitee in Schan-tung geurteilt. Es sei beschlossen worden,
freinander einzustehen, und den Beschlu des Poschan-Komitees anzunehmen.
Man msse das Land von den Mandschus befreien und die lgnerischen,
betrgerischen Beamten ausrotten. Die Mings! riefen zwei, drei Stimmen
aus der Versammlung. Das Gesicht des Alten verklrte sich; ja, diese Zeit
der Mings msse man wieder vorbereiten; wie die Wahrhaft Schwachen nach dem
Westlichen Paradiese suchten, so mten die Freunde der Weien Wasserlilie
und des Wang-lun gleichermaen das Zeitalter der goldenen Mings erstreben.
Kummervoll bewegte er den Kopf: man wrde noch warten mssen, bis Wang-lun
selbst kme, noch eine, zwei Wochen. Bis dahin knnte manches Unglck sich
ereignen. Aber ihnen verbliebe Ngoh, und es sei sicher, da in Pe-king
selber Kaiserliche Truppen sich ihnen anschlieen wrden.

Die Gruppen gemauert. Der Alte war von der Leiter gestiegen. Keine
Beschlsse fassen? scholl ber ihn. Die Theaterlampen brannten noch. Die
Namen Wang-lun und Ming klingelten. Die Masse lockerte sich. Man schob
sich in Abteilungen durch die Tren, auf den grundlosen flieenden
Tempelhof, auf eine unbelebte Seitenstrae, auf den verregneten Park, der
zum Tempel gehrte. Manche blieben in dem Speicher, knallten Fenster auf,
rollten sich auf die weichen Ballen und schnarchten.

                   *       *       *       *       *

Wang lief nach einem kleinen Dorf bei Ho-kien, das fast nur seine Anhnger
und Freunde der Wasserlilie beherbergte. In einer knappen Woche stand er
mit achthundert leidlich gersteten Soldaten hinter dem Ort. Schwere
Erregungen, leidenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinen Anhngern,
die sich an anderen Stellen wiederholten, waren der Einstellung Wahrhaft
Schwacher als Soldaten vorausgegangen. Die Verwandlung der friedlichsten
Menschen -- denn hier war man durch keinen bergriff direkt gereizt worden
-- in eine Schar todspendender und todgewillter Krieger vollzog sich unter
Schmerzen. Ohne kaiserlichen Truppen zu begegnen, rckte Wang-lun auf
Ho-kien zu. Und vier Wochen, nachdem die Gelbe Glocke Ngoh aufgesucht
hatte, drei Wochen nach der Versammlung im Pfandhaus, warf sich Wang mit
seinen Soldaten gegen die Stadtmauern; Torwachen, Polizisten wurden
niedergemacht; die Besatzung der Regierungsarmeen erst eingeschlossen, dann
mit Pfeilschssen ber die Mauern gejagt; die Beamten mitleidlos der
Volkswut preisgegeben. Die groe Stadt war schrankenlos Wang-lun
zugefallen. Die Menschen jubelten auf den Straen. Wie eine klirrende Schar
Bestien waren Wang-luns Soldaten eingebrochen: bissig unter der
Vergewaltigung ihrer Seelen, jetzt wirklich rachedrstig. Der Sieg
bedeutete ihnen nichts; sie muten fort und alles verrichten, zu nichts
weiter, um wieder ruhige Bettler, stille Handwerker und Arbeiter zu werden.
Chao-hoei konnte aufatmen; der Rauch verzog sich; die nackten, sgenden
Flammen brachen hervor.

Auf dem Hof des geschlossenen Magistratsjamens saen am Morgen nach der
Einnahme der Stadt Wang-lun und Ngoh. Sie saen in einem Holzverschlag, den
die Bittsteller aufzusuchen hatten. Das Treiben der Straen rumorte,
Freudenschsse, Gongschlge der Umzge. Wang, im grauen, hngenden Kittel
ohne Grtel, den breiten Strohteller auf dem Kopf, schlug die Beine
bereinander; seine Stimme hatte einen militrisch hellen, scharfen Klang
angenommen. Wenn er lachte, so ratterte und kolkste es brusttief wie das
Wiehern aus einem Pferd. Er blickte sicher, gerade, rechts, links,
forschend, kontrollierend und uerte sich willkrlich, erweckte den
Eindruck, als ob er auf eine verdeckte Art befehle, entschiede, Aufklrung
gebe. Er betrachtete Ngoh gutmtig: Bist du noch schlecht gelaunt von
damals da drben? Ngoh antwortete mit einem schwarzen Blick von unten,
strich sein einfaches Obergewand: Gewesen, Wang. -- Ist auch recht,
Ngoh. Es war ein etwas kaltes Bad fr mich, was du mir damals brachtest,
von Ma-noh. Hab's zuerst nicht gut vertragen. Und dabei bellte er so laut,
frei, ungeniert, da es Ngoh eben an das Gelchter Wangs mit der Dirne
unter dem Torweg erinnerte. Holter polter den Berg runter, durch den
Schnee; mein Gelber Springer mitten dabei, vergngt. Htte mir
zwischendurch die Hand abgeschnitten. Ngoh, was waren das fr Zeiten!

Mag sein, tolle Zeiten. Wang, ich habe mich wenig verndert seit den
tollen Zeiten.

Tausend Li Entfernung, Hia-ho, Kormoranjagden beruhigen. Was hast du?
Ngoh!

Trauer, Wang-lun.

Das seh ich.

Nun also.

Du machst mir Vorwrfe?

Nicht doch, Wang. Ich halte nicht Schritt mit der Zeit.

Meine Soldaten haben es besser verkniffen. Bogen in die Hand, Pfeile vor,
und es wird geschossen. Dazwischen nur der Gedanke: treffen! Wer einen
andern Gedanken hat, den kann ich nicht brauchen, der Mann ist mir zu gut.

Das Hia-ho hat dir wohlgetan; ich beneide dich.

Wang federte hoch, er zog Ngoh an den Hnden mit hoch: Ngoh, aufgepat.
Aufgepat, berlegt und geantwortet. Wenn ich die Soldaten, meine Wahrhaft
Schwachen so verleite: Bogen anlegen, zielen, schieen und immer treffen,
habe ich recht damit oder unrecht? Gut berlegt, Ngoh.

Ngoh wiegte den Kopf: La doch meine Hnde. Ich bin froh, da du da bist.

Das mag sein. Aber: wer bist du, was mach ich mit dir?

Setzen wir uns. Ich bin nicht so weit wie du, am liebsten mchte ich mit
Ma-noh nach der Mongolenstadt gegangen sein und dein Gift getrunken haben.
Dann wre ich geblieben, wo ich bin und sein wollte. Es ist die Blte
deines Bundes, Wang, glaub mir, die in der Mongolenstadt umgekommen ist.
Die Gelbe Glocke geht anders, du gehst anders, viele gehen anders; ich kann
nicht mit. Ich hng dir an und kann dir das Unglck Ma-nohs verzeihen; nur,
was jetzt kommt, verstehe ich nicht und kann ich nicht mitmachen. Ich bin
ein Wahrhaft Schwacher, will mich dem Tao anhnlichen, dem Schicksal
niemals widerstreben, bei keinem Schlag, den ich erleide. Auf dem Pferde
hab ich gesessen, bevor ich zu euch auf die Nan-ku-berge kam, geschossen,
das Schwert, die Lanze geschwungen. Was ich damals erduldet habe und weil
ich damals so viel erduldet habe, bin ich fortgeschlichen von den Pferden
und Waffen und habe mich auf deine gute, o so gute, nochmals gute Lehre
gebettet. Frei sein, frei bleiben, was kann mir geschehen, welcher Knabe,
welcher hoffnungslose Wunsch wird mich qulen! Du hrst es an meiner
geschwtzigen Stimme: du hast uns nicht enttuscht. Unsere Seele
zermergelte sich nicht nach Reichtum, langem Leben. Das Unglck fiel uns
mit einem Seufzer zu. Das trschleichende Unglck, das angebetete,
totgestoene Kind fand bei uns Einla. Wang-lun, das kann alles nicht das
Hia-ho fortgenommen haben von dir. Die Flsse und das Meer sind so wild;
der groe Damm hlt nicht stand, aber sie knnen nicht das Sicherste,
Unverrckbare in dir fortgerissen haben. Ich selbst, Wang, habe ja mit
halbem Herzen das vorbereiten helfen, was nun gekommen ist. Die Gelbe
Glocke redete mir zu; wer krank ist, hlt sich an das Nchste, das er
findet. Aber ich wei jetzt schon besser: es wre besser gewesen, wir
gingen alle unter wie die hunderte, die Chao-hoei schon gettet hat. Das
ist zehn-, tausend-, endlose Male besser, glaub mir, Wang-lun, bitte, glaub
es mir doch, als da du in die Stadt einziehst, mordest, bestenfalls ein
neues Knigreich aufrichtest, das bald so schlecht sein mu wie alle
andern.

Ngoh, mit gelster Mimik, blickte Wang aus berzeugungskranken Augen an.

Er berhrte den tiefbraunen Mann nicht: Es ist gut, Ngoh, da du zu mir so
geredet hast. Ich werde dir antworten. Auch viele meiner Soldaten haben zu
mir gesprochen.

Ja, antworte, erzhle. Du wirst mich heilen, wenn du zu mir sprichst, wie
auf den Nan-ku-bergen zu den Bettlern. Und schlielich, es macht mich
ruhig, du bist ja derselbe, immer Wang-lun, auf den alle bauen, ich gebaut
habe und baue.

Wang wippte auf, setzte sich erst, whrend er sprach; er redete in dem
harten, berrennenden Tone: Da der Kaiser ein Edikt erlassen hat, uns
auszurotten, weit du. Wer ist der Kaiser? Ja, wer ist das, 'Kaiser'? Ich
kenne Blitze, die Menschen an Flssen, auf dem Wasser, unter Buchen
erschlagen; man kann von einem Bergsturz zerquetscht werden;
berschwemmungen gibt es, Feuer und wilde Tiere, Schlangen. Auch Dmonen.
Die knnen uns alle umbringen. Es gibt kaum eine Rettung dagegen. Wer ist
'Kaiser'? Die unerhrt schamlose Anmaung des Kaisers, uns umzubringen,
worin liegt die begrndet? Er ist ein Mensch wie du, ich, die Soldaten.
Weil sein Ahne, der tote Mann aus der Mandschurei, hier anmarschierte und
das Mingreich eroberte, hat der Kaiser Khien-lung das Recht, die Wahrhaft
Schwachen und mich umzubringen. Diese Tat seines Ahnherrn setzt ihn den
berschwemmungen, Bergstrzen, Schlgen gleich? Das sollst du mir beweisen,
Ngoh. Solange du mir nicht den toten Chu widerlegst, der in den Kaisern
Einbrecher und Massenmrder sah, bestreite ich, da sie das Schicksal der
Gebrochenen Melone und der Wahrhaft Schwachen sind. Ich vergifte mich nicht
freiwillig. Ich weise sie zurck, wohin sie gehren. Unser Bund lebt auf
der Erde, die ihm gehrt.

Das ist ganz neu, das hab ich von dir noch nie gehrt, Wang, ich finde
mich darin nicht zurecht.

Ist eilig, sich zurecht zu finden, lieber Bruder.

Tiefer erstaunte Ngoh: Glaub es, glaub es. Was soll ich tun? Das sind ja
Stze, die ich selbst gesprochen habe -- zu andern.

Wang hob die Hnde: So sind wir ja eins.

Ngoh, sich bewegend mit unsicherer Stimme: Was soll das heien, Wang, wir
sind eins? Worin sind wir denn jetzt eins?

Was willst du von mir? Warum bedrngst du mich? Bin ich dein Schuldner?
Habe ich dir etwas gestohlen? Der Kaiser ist ein Einbrecher, Chu hat das
gesagt; damit mut du dich abfinden, Ngoh. Da lt sich weiter nichts
sagen.

Ngoh ri die Lider bis zur Stirn hoch; Wangs Augen wanderten ber den
leeren Hof. Sie schwiegen. Wang schlug sich aufs Knie.

Auch die andern haben sich damit abgefunden.

Eine ganze Zeit stummes Lauern und Visieren. Als ein Umzug am Jamen gongte
und Ngoh, der bei jedem Trommelschlag zusammenfuhr, mit den Blicken nach
der Tr suchte, stampfte Wang verchtlich auf, ging mit pltzlich
zorngedunsenem Gesicht in dem Bretterverschlag hin und her, pflanzte sich
vor Ngoh auf, stlpte ein Knie auf die Bank:

Es ist mir alles gleich. Du kannst dich entscheiden, wofr du willst. Ich
will keine Menschen sehen, die nicht Vertrauen zu mir haben. Ich will dich
gar nicht; es kommt nicht an auf einen Menschen. Will mir abzwingen, wei
ich was.

Der schlanke Ngoh stand mde auf; klares Gesicht, klare Stimme: Ich geh
schon, Wang.

Das sag ich ja; will mir abzwingen, was er kann. Aber kein Vertrauen.
Nein, keine Spur von Vertrauen. Was hab ich euch gegeben: unbesiegbar hab
ich euch gemacht; gerettet seid ihr worden aus --. Aber nichts, wenn ich
einmal komme, als weie Wnde, Holzstcke. Fragen, warum, warum, warum? Es
gengt nicht, da ich komme und sage, so und so und so; es mu auch bar auf
den Ksch bezahlt werden, begrndet von fnf Seiten, da nur nichts
verloren geht. Ha, ich kenne euch, nicht wahr?

Zu wem du sprichst, wei ich nicht.

Zu Ngoh.

Wang, ich hnge an dir; ich frage dich eben, weil ich keine tote Wand bin.
Ich kann nicht in diesen Kampf, ich bin geflohen davor. Du hast mir ein
paar Jahre Ruhe gegeben, tausende sind gestorben, weil sie nicht zurck
wollten, und jetzt kommst du selber, willst mich wrgen, der ich noch lebe,
und ich soll dich noch nicht einmal bitten drfen.

Bitten drfen, fragen drfen. Ich sage ja, sprich doch nur wieder aus:
Warum! Du hast mich einmal in Erregung gebracht. Sprich nur weiter. Gestern
bin ich in die Stadt gedrungen; wir haben uns die letzten Tage
herumgeschlagen. Du solltest mich schonen. Der Kaiser, sag ich, ist ein
Einbrecher. Der Kaiser Khien-lung hat kein Recht gegen uns, Edikte zu
erlassen. Das mut du verstehen. Er ist ein Henker und kein Schicksal. Und
da gibt es nichts nachzurechnen.

Ich rechne schon nicht mehr nach, Wang, verzeih mir doch, halte doch an
dich.

Du rechnest mir doch nach, du. Du rechnest alles zweimal nach. Ich sag dir
auch alles, damit du es auch weit. Da hast du's, da, pack es an.

Es -- ist -- uns -- nicht -- beschieden --, Wahrhaft Schwache zu sein, --
es ist -- uns -- nicht beschieden; ich will mich ganz fr dich auspressen.

Fnfmal hab ich es getrumt von der Mongolenstadt, dann hab ich es gewut.
Ja, du sollst alles hren, speichle nicht dazwischen. Darum bin ich nach
dem Hia-ho geflohen, darum hab ich dich ausgelacht, euch mit den Fen
fortgestoen. Ich hab mich geirrt auf den Nan-ku-bergen; das Schicksal
schlgt nach uns, mit dem Huf, wo wir uns sehen lassen. Ein Wahrhaft
Schwacher kann nur Selbstmrder sein. Und sie sind's gewesen, und ich hab's
gesehen in der Mongolenstadt und die kaiserlichen Generle haben's gesehen.
Und das ist Unsinn, Ngoh, und das kann ich nicht mit anschauen und darum
bin ich wieder hergekommen, weil ich schuld daran bin, und es kann doch
nicht so endlos weitergehen. Es sollen alle zu Grunde und auf einmal
hingeschlagen werden, und ich mit ihnen auf einem Haufen. Ja, die
Mongolenstadt war noch besser! und so soll's mit uns werden und schlimmer.

Ngoh kam mit zitternden Knien auf Wang gegangen, der gegen die Wand des
Verschlages seine Stze schumte und dessen weie Lippen troffen, betastete
seinen schlenkernden Arm: Es ist ja nicht wahr, Wang-lun, es ist ja nicht
wahr.

Als Wang aufrchelte, lie Ngoh den Arm; Wang zerrte sich den Strohhut
herunter, sackte auf die Bank hin, sthnte: Es ist gemein, es ist gemein!

Er rieb den Schdel rckwrts gegen die Bretter; sein verbissenes starres
Gesicht schattete geradeaus: Geh, ich will nichts wissen von dir, Ngoh.
Mach mich nicht ungeduldig. Lauf weg, Ngoh, lauf weg, ich frchte mich fr
dich, ich bitte dich. Geh rasch hier weg.

Der verwirrte Ngoh pendelte automatisch an das Holztor.

Als das Tor hinter ihm knarrte, trommelten Wangs Fuste gegen die
Holzverschalung. Seine blutdurchwirbelten Klauen wuchteten die Bank los,
auf der er gesessen hatte, zerknickten und zerschleuderten sie. Er
arbeitete erbittert gegen die hinfllige Bude, wtete ber den sonnenhellen
Hof: Schurken, Schurken sind hier, Halunken, Mrder! Ich bin in eine
Schlangengrube gefallen. Rannte mit anstemmendem Rcken, Knieen gegen den
schwankenden krachenden Verschlag: Ich kann mich umbringen.

Nach zwei Stunden schmauchte Qualm aus den Fenstern des Jamens; die beiden
vorderen Gebude quietschten, zeterten, heulten maulvolle Flammen. Als man
das Hoftor erbrechen wollte, polterte es, von innen geffnet. Wang-lun
knirschte durch den Spalt; kranke waffenprahlende Blicke: das Jamen solle
abbrennen; man achte auf die Nachbargrundstcke.

Am Abend dieses Tages fand militrische Beratung im Stadtgott-Tempel statt.
Dreiig Mnner trafen ein; zwanzig Fhrer der bisherigen Truppen, zehn aus
der Stadt, von den Gilden prsentiert. Ngoh, auf Wang-luns Wunsch
eingeladen, erschien. Die Debatte, die bis in die Nacht whrte, behandelte
die Organisation der Stadtjugend und ihre Bewaffnung. Zum ersten Male
tauchten hier Vorschlge auf, Wang zum Knig zu machen. Wang-luns Plan,
nach Vorbereitungen direkt auf Pe-king loszugehen, nachdem man sich mit den
abtrnnigen Garden vereint hatte, fand Billigung. Es sollte proklamiert
werden: der Drachenthron wird der Mingdynastie wiedergewonnen.

Am nchsten Mittag, nach dem Turnen und Ringbungen der Soldaten, nherte
sich Ngoh dem rasch ausschreitenden Wang, der sich den Schwei abwischte.
Sie gingen durch morastige Seitengassen nach dem Innern der Stadt.

Das feine Gesicht des ehemaligen Offiziers vibrierte, es wurde einen
Farbenton blasser: Ich will mich nicht darum biegen; ich habe dich um
Entschuldigung zu bitten.

Wang, ablehnende Fingerbewegung ohne Blick: Arbeiten, Ngoh. Nicht reden.

Das soll geschehen. Ich habe mir alles berlegt, Wang.

Mit dem Kaiser?

Auch mit dem Kaiser. Ich bleibe bei dir. Ich werde mit gegen Pe-king
reiten. Wer wird Knig werden?

Was soll das? Vielleicht du, oder -- ja, ein Mingprinz aus den sdlichen
Provinzen.

Du nicht. Ja, ja, das ist gut, Wang. Ich bleibe bei dir. Wir wollen ber
die alten Sachen nicht reden.

Wang prfte Ngoh mitrauisch von der Seite: Du wirst mitreiten?

Ich rede etwas matt, meinst du. Das wird sich schon verlieren. Ich habe
ein groes Verlangen, mit dir zu reiten. Nach Nordwesten, Pe-king. Die
Mauern der Roten Stadt brechen wir ein; ich bin gut orientiert ber alles,
was wir brauchen. Huser, Mauern, Grten, Palste werden wir hinlegen; es
soll nichts stehen bleiben von der Roten Stadt, mchte ich.

Alles zerstren?

Ngoh leidenschaftlich: Ich kann nicht mitreiten, wenn ihr die Rote Stadt
nicht hinlegt, Wang. Das mu mit ihr geschehn; so reite ich gern mit.

Gut, wie du willst; es kommt darauf nicht an; es kommt auf ein paar Huser
nicht an.

Sie bogen um eine Ecke, standen am Marktplatz vor einem schmalen Haus, in
dem Wang sich einquartiert hatte; Wang machte, berlegend, kleine Augen;
dann lud er Ngoh ein. Eine Frau kam gestelzt; die beiden Mnner saen in
einem verrucherten Zimmer auf der Matte, schluckten Tee.

Wang nach einer Pause, versunken: Ich lebe noch, wie du siehst. Das Jamen
ist heruntergebrannt.

Wir wollen nicht davon sprechen.

Das Leben dreht sich wie eine Mhle; man wei nicht, welche Seite man
gerade erwischt hat. Jetzt bin ich wieder einmal -- nicht verbrannt.

Ngoh sehr leise: Es geht uns allen so.

Seufzen kann man, wten, brllen, wenn man nur wei, wo man hlt. Es kann
mich einer umbringen, ohne da ich wte, ob er recht oder unrecht tut.

Ich habe das nicht verschuldet, Wang.

Im Hia-ho, was machen sie jetzt? Meine Frau -- wohnt bei ihrer Sippe;
meinen Namen wird sie schon wissen; sie wird nicht viel nach mir jammern.
Das ist noch gut. Sonst liegt auch im Hia-ho etwas, das nach Jahren kommt
und sagt, ich msse kommen, weil irgend etwas von mir noch nicht fertig
ist. Immer liegt irgendwo so Wolken, Wasser, Unbestimmtes, das nach Jahren
sich besinnt und mich haben will.

Wang, hat dich einer geholt?

Es ist gleich; ich bin gekommen. Die Mhle stand so. Ma-noh hatte es noch
nicht fertig gemacht. O wie habe ich diesen Mann beneidet; er war kein
Priester; er hatte viel mehr Mut als ich, obwohl er kein Schwert angerhrt
hat. Ich diene. Er hat rasch alles getan, whrend ich lief, Hilfe suchte,
die Wasserlilie anrief. Seinen Bund geschlossen; gelitten, was ich voraus
wute; dann den Sprung getan, sein Knigreich gegrndet. Es ist schon alles
geschehen.

Wir werden alle untergehen und unsere Westliche Heimat gewinnen.

Ich mchte noch einmal nach Nan-ku gehen oder nach Tsi-nan-fu und mich
besinnen.

Wang blitzte Ngoh an: Oder ich versuch es doch? Wer wei vorher, was
mglich ist? Die Fische springen eben hoch und gleich ersticken sie im
Netz. Ma-noh war vielleicht nicht gut; man mu Waffen tragen, Pferde haben,
Stdte haben.

Ja, so, so hast du recht, Wang. Wolken und Wasser sind Unglck. Wir
brauchen Hoffnungen.

Wangs Oberlippe zuckte bse. Feinde brauche ich, Ngoh, -- will ich, will
ich. Ich ersticke noch nicht im Netz. Ich tu dem Kaiser nicht die Freude.
Der Kaiser ist der Feind. Man luft nicht nach dem Westlichen Paradies wie
ins Theater. Ich hab es mir zu leicht gedacht. Die Westliche Heimat liegt
auf dem Kun-lungebirge hinter Klippen und Eis, oberhalb aller Wolken und
Wasser!

Ja, das ist alles gut.

Nher trommelte das Lachen unter Wangs Stimme. Hinter Pe-king liegt das
Westliche Paradies. Wir sind so viele, das ist unser Unglck gewesen. Wren
blo du und ich und zehn andere, so wre uns nichts geschehen. So waren wir
Tausende und Tausende sind schon tot, und der Kaiser hat Angst vor all den
Schatten. Da sich aus seinen Provinzen Tausende zusammenballen und dem
Wu-wei angehren wollen, frit ihm an der Milz. Und mir speist es das
Herz.

Er prustete schadenfroh, schallend heraus. Er stocherte dem trumerischen
Ngoh vergngt in die heien Backen, unter die ratlosen Augen, sang aus
offenem Halse durch das Haus.

Bei den folgenden Kmpfen wurden die Wu-wei-Anhnger rasch dezimiert. Diese
Wahrhaft Schwachen waren die tollkhnsten Soldaten, die ihrem Drange zu
sterben nicht widerstehen konnten. In whrender Schlacht erschlug Wang
ngstliche. Sie dngten den Boden fr das heilige Reich.

Wang schwankte nicht; kalt und sicher ging er vor; nur hintertrieb er an
manchen Tagen, an denen er ohne Spannung schien, die Aufnahme anziehender
Haufen ohne Grund, um seine Anordnung freilich spter zurckzuziehen. Ein
Mdchen, das ihm bei einem Dorf das Leben rettete, indem sie ihn auf einen
Bauer aufmerksam machte, der aus einem Fenster nach ihm seinen Bogen
richtete, nahm er auf seinen weiteren Zgen mit. Ob sie seine Geliebte
wurde, wute man nicht. Das angenehme, nicht gerade schne Bauernmdchen
hatte eine naive Zutraulichkeit. Wang schien sich sicherer zu fhlen, wenn
sie in der Nhe war. Man wunderte sich zwar ber diese Regung, aber er
erklrte mehrmals, er msse etwas fr sich tun, um die nchsten Monate
durchzuhalten; sie sei sein Amulett. Aber einige behaupteten doch bald, da
er schwach gegen sie war. Man wute in diesen Wochen nie recht, wessen man
sich von ihm zu versehen hatte; der Wind blies aus dieser, aus jener Ecke.

Sechstausend Mann zogen aus Ho-kien unter Wang-luns Fhrung, Reiter und
Fusoldaten. Und whrend sie, von dem Volk auf den ckern gegrt,
nordostwrts gegen eine groe Abteilung Chao-hoeis marschierten, stieen
starke Haufen von Sden und Norden zu ihnen.

Wang-lun schwang entzckt die Hnde: Sie kommen wie die Ratten aus ihren
Lchern heraus, sobald die Trommeln von weitem sich nherten, ich habe
eine Tasse Wein umgestoen; jeden Tropfen hol ich mir wieder. Ich habe
einen schuppigen groen Drachenleib, den ich hundert Li weit hinter mir
herziehe. Bis ich meine schne warme Hhle gesucht habe!

Der Ungestm ihres Angriffs bei Pau-ting war beispiellos. Hunderte Frauen,
meist Schwestern, mischten sich in den Kampf, schossen Pfeile, hetzten,
warfen brennende Scheiter, gossen Eimer siedenden ls. Sie liefen mit
groen schwarzen Fahnen, die das Mingzeichen trugen, ber die Grber und
Bodendeckungen hinauf; die Kaiserlichen muten sie wrgen, gliedweise wie
Eidechsen von sich abschlagen. Sobald man in Nahkampf kam, war die Schlacht
entschieden, die Ilisoldaten fanden ihre Meister. Das war ein schauerliches
Wten. Diese Wahrhaft Schwachen schlugen sich entmenscht; das Bestialische
ihres Aussehens, ihrer Katzen-, Tigermalereien flte Entsetzen ein. Als
das Dorf, das den Rcken der Kaiserlichen deckte, pltzlich helles Feuer
schnaubte, ohne da eine Umzinglungsmannschaft bemerkt war und das heisere
Kreischen der Weiber auch vom Dorf anraste, wurden die Kaiserlichen
zwischen zwei Mhlsteine gequetscht und bis auf wenige von den Katzen,
Tigern und Weibern zerrissen.

Bei dem Schmaus nach der Schlacht toste statt der Lieder rauchendes
Gelchter auf Gelchter. Die Mnner ahmten das Kreischen der Weiber nach,
die Weiber schrien, kochten und aen die Lebern von Brdern und Feinden, um
sich Mut zu erhalten.

Die Woge dieser Menschen hob sich vom Boden und wollte auf Pe-king rollen.
Der Kern von Chao-hoeis Truppen stand nrdlich der Hauptstadt; ihre
Heranziehung vor dem Andringen der Wahrhaft Schwachen war nicht mehr
mglich. Die nrdliche Residenz mute sich auf ihre Bannertruppen
verlassen.

                   *       *       *       *       *

Khien-lung hatte Boten an Chao-hoei, an den Tsong-tou von Tschi-li
geschickt. Die ahnungslosen Leute wurden von den Rebellen abgefangen, die
zu einem Teil sich nicht der Hauptmasse Wangs anschlossen, sondern von den
Fhrern der anmarschierenden Armee orientiert den Nordwesten und Nordosten
auf eigene Faust unsicher machten. Der Krieg unterschied sich in keiner
Weise von frheren Rebellionen; die Grausamkeiten auf beiden Seiten
berboten sich; nur die Raschheit des revolutionren Vorgehens und der
Umstand, da berall zuerst die Behrden abgeschlachtet wurden, war
einigermaen bemerkenswert.

Die wichtige Verbindung zwischen der Rebellenarmee und den heimlich
revolutionren Garden bei Pe-king wurde von Ngoh hergestellt. Der Kriegsrat
drang zwar darauf, da Wang-lun sich seiner unvergleichlichen Gewandtheit
zu dieser Aufgabe bedienen sollte, aber nach einigem Zgern lehnte Wang es
ab. Wie berhaupt bei ihm eine gewisse Lssigkeit und Schwerflligkeit, die
freilich nur der Nherstehende bemerkte, deutlich hervortrat und einige
Gildenfhrer irre machte. Sie konnten nichts damit anfangen, da Wang sich
manchmal mit einer trben gelangweilten Miene von den bungen der Truppen
entfernte, den Befehl einem der signierten Offiziere abgab und sich selbst,
die Wasserpfeife rauchend, nervs mit anderen in ein Zelt zurckzog. Er
erzhlte seinen Freunden schmachtend in ewigen Wiederholungen von Ma-noh,
wie gro der angestiegen wre, in der Tat bis zu seinem Ende ein Wahrhaft
Schwacher; er unterschlug die sichere Tatsache, da Ma-noh von einem
gemeinen Soldaten erwrgt war, und rhmte, wie rasch der Tod alle
hingerafft htte. Welcher Wahrhaft Schwache wohl jetzt noch den Mut htte,
das zu ertragen, was die Brder der Gebrochenen Melone erduldet htten. Wie
unverstndlich, bewundernswert war die Sicherheit Ma-nohs, ja bis zu seinem
Ende. So und hnlich redete Wang fter. Und dann trumte er pfeiferauchend.
Die kleine Geliebte mute vor ihm die Laute schlagen oder ihn angaffen; er
duldete nicht, da man sie wegwies; sie mute, so peinlich es den Fhrern
war, auf einen Einfall Wangs bisweilen whrend einer Beratung in das Zelt
oder Haus gerufen werden und sich ihm gegenber setzen.

Ngohs Unterhaltungen mit der Gelben Glocke wurden unbemerkt bei Pe-king auf
dem schnen Begrbnisplatz der Prinzessin Fo-schon-kung-chu am Kanal
gefhrt. Ngoh und der Offizier promenierten harmlos unter den Menschen
zwischen den weien Stmmen der Fichten. Wo die Allee der marmornen Tiere
und Mnnersulen zum Mausoleum der Prinzessin fhrte, bogen sie um.

Die Gelbe Glocke hatte die Raschheit und den Umfang des schon errungenen
Erfolges nicht erwartet; aber es war innerhalb der Roten Stadt und
auerhalb alles von ihm vorbereitet. Er verlangte begierig, mit Wang-lun
zusammenzutreffen; Ngoh empfand wieder die groe schlichte Sicherheit, die
der Offizier ausstrmte, deren Ungebrochenheit noch Wangs zu bertreffen
schien.

Ngoh erfuhr aus dem Bericht der Gelben Glocke, mit welcher Berechnung er
sich der Leute bedient hatte. Da war die Frage der ffnung der beiden
Westtore der Purpurstadt schwierig gewesen; die beiden hier wachthabenden
Offiziere, selbst einer kaiserlichen Nebenlinie entstammend, konnten mit
den revolutionren Plnen in keinem Fall vertraut gemacht werden. Die Gelbe
Glocke hatte beide Soldaten ber ihre Liebe zu Weibern stolpern lassen.

Es hatte sich ihm nmlich ein auerordentlich kluges und schnes Frulein
aus dem Hause eines Richters genhert, der ihm verwandtschaftlich nahe
stand. Das unverlobte Mdchen lie dem schweigenden, stets ernsten Offizier
in nicht hergebrachter Art Briefe und Bcher durch ihre Dienerin
berreichen, bei ihren Ausfahrten mit der Dienerin wute sie, die sonst die
grte Zurckhaltung beobachtete, es einzurichten, da ihre Snfte in die
Nhe des Jamen der Gelben Glocke kam, dem auch dies nicht entging. Das
Frulein, die Enkelin jenes Richters, war nach dem Tode ihrer Eltern von
ihm zu hchster Sittenstrenge, zu einer eisigen Klte erzogen worden. Da
der einsame Beamte wnschte, die Enkelin bei sich zu behalten zu seiner
Pflege, hatte er ihr von frh auf eine tiefe Abneigung gegen junge Mnner
eingeflt. Er lie sie sorgfltig unterrichten, hielt sie aber auch von
Altersgenossinnen fern, so da sie aufblhend zu einer aparten Schnheit
nur Bediente des Hauses und fnf, sechs Herren und Damen kannte. Sie
lchelte eitel, wenn sie mit ihren Puppen und Tieren spielte, lebte ganz in
Musik, in Bchern, in der Ehrfurcht vor ihrem Grovater.

Die Gelbe Glocke, von dem alten Beamten oft empfangen, und ihr begegnend,
setzte sie in Verwirrung. Eine intensivere Beschftigung mit den Puppen,
eine leidenschaftliche Vertiefung in philosophische Literatur folgte.
Unaufgefordert dankte sie oft ihrem Grovater fr die gute Erziehung. Es
wechselten die Neigung zur Einsamkeit und zu weiten Ausflgen; sie fhrte
einen unverhohlenen Stolz spazieren; sie blickte hinter ihren Schleiern und
Tchern aus der Snfte auf andere Damen und fhlte ein Gemisch von Abscheu,
Ha und Spott. Sich selbst betete sie an, ja in dem kleinen Silberspiegel,
den ihre Mutter zurckgelassen hatte, schaute sie sich mit Entzcken und
fieberhafter Erregtheit an; sie streichelte ihr Haar, kte sich im
Spiegel, ja sie warb um sich, erhrte sich, lehnte sich ab. Sie fhrte
Wiedersehens- und Abschiedsszenen vor dem Spiegel auf, bei denen sie in
heftiges Schluchzen ausbrach, so da ihre Dienerinnen davon dem Richter
mitteilten, dem sie erzhlte, sie trauere um die tote Mutter, die ihr
manchmal erschiene. Der alte Herr schttelte dazu den Kopf, sprach von
einer absurden Mdchenschrulle und veranlate die Dienerinnen, oft mit ihr
Boot zu fahren, ins Grne zu gehen, die Theater zu besuchen.

Sehr widerstrebend lie sie sich zu solcher greren Lebendigkeit bringen;
aber sie entwickelte bald auf ihren Ausflgen ein derart unterhaltsames
Wesen, da die Dienerinnen dem Richter die freudigsten Berichte machen
konnten. Das Frulein bte eine sehr spitze Zunge; sie mokierte sich ber
all und jedes und uerte sich in einer Form, so da die Begleiterinnen
nicht aus dem Lachen herauskamen. Sonderbar war, wie fein das junge Mdchen
den Dienerinnen ihre grobe Ausdrucksweise abhorchte, wie sie auch auf den
Spaziergngen mit besonderem Behagen die primitiven uerungen des Volkes
am Wege beobachtete und aufnahm, ihre witzigen bissigen Reden mit so
gefundenen vulgren Derbheiten untermischte. Vor dem Grovater schwieg sie
von solchen Dingen oder verteidigte eine ihr gelegentlich entfahrene
Wendung, so da er sich den Bart strich und lachte. Sie kte sich nach der
Heimkehr von den Ausflgen vergngt und herzhaft im Spiegel ab; es geschah
aber dabei, da sie sich bespttelte, verrckt schalt, tiefsinnig
berlegte, wie merkwrdig Menschen sein knnen. Sie sann halbe Stunden lang
vor sich hin und trauerte nun wirklich pltzlich um ihre Mutter, die eine
ruhige gute Frau gewesen sein mute. Sie geriet in den Drang, von der
lngst toten Frau zu erfahren. Sie erforschte einiges ber sie bei dem
Grovater; als der aber nur Banales und nichts Gnstiges erzhlte,
belstigte sie ihn nicht wieder damit, war beleidigt und verehrte ihre
Mutter heimlich um so andchtiger. Unter diesem Gefhl nahm sie eine
gemessenere Haltung an, witzelte auf den Ausflgen von oben herab, wiegte
sich in elegischen und pathetischen Empfindungen.

Um diese Zeit wurde die Gelbe Glocke wieder fter Gast im Hause des
Richters. Das Frulein nahm mit einem gewissen Mitrauen gegen ihn an
manchen Unterhaltungen teil. Er sprach nicht viel, immer in seiner
gewhlten Hflichkeit; wenig Notiz nahm er von der jungen Dame; denn die
schne Liang-li aus Schn-ting war tot und er war ohne sie.

Da drang eines Tages nach einem Besuche das Frulein strmisch auf den
Richter ein, verlangte, die Gelbe Glocke in Zukunft abzuweisen, er sei
schamlos zu ihr gewesen. Auf die erstaunte Frage des Mandarins, wo und wann
und womit, antwortete sie eben, bei dem Besuch, durch seine ganze Art. Die
Gelbe Glocke tue blo traurig und streng; der Mann sei hinterlistig, so
viel Menschenkenntnis htte sie schon; er suche sich durch sein Auftreten
in besonderes Licht zu stellen; sie empfnde dies Verhalten als frech und
wolle ihn nicht mehr sehen. Der Mandarin wies sie energisch zurck,
freilich freute er sich innerlich, weil seine Enkeltochter so groe
Abneigung gegen Mnner offenbare, und lud die Gelbe Glocke nur noch in
Abwesenheit des Fruleins zu sich.

Als diese aber sah, da sie ihren Willen durchgesetzt hatte, fand sie ihren
Groll auf die Gelbe Glocke nicht nachlassen, stellte es in Gesprchen mit
ihren Dienerinnen so dar, als ob er sich vor ihr geflchtet htte -- aus
einem Grunde, den sie nicht angab; und kam bei ihren Ausflgen auf den
Gedanken, ihm nachzustellen, ihn durchzuziehen und ihr Mtchen an ihm zu
khlen. Die Vorstellung: ihn durchzuziehen war in ihr besonders lebendig,
wobei sie sich die Gelbe Glocke vorstellte als einen Aal, den sie mit der
Hand am Kopfe fate und rasch ber einen sumpfigen Boden zog. Sie erzhlte
einmal, der Offizier htte ihre Mutter beleidigt; man solle es ihr glauben;
sie wrde ihn dafr hassen.

Die mannigfachen mdchenhaften, oft boshaften Scherze, die die Gelbe Glocke
nun jetzt von ihr erfahren mute, berhrten ihn wenig. Er htte nicht
gedacht, wie wenig Sorgfalt der alte Mandarin auf die Erziehung seiner
Enkeltochter legte. Erst als die Spitzen manche Feinheit erkennen lieen,
er Bcher ber vorgeschriebene Gesellschaftsformen empfing, ihm zugleich
auffiel, da das Frulein sich nicht mehr an den Empfngen beteiligte,
wurde er nachdenklicher. Dies war die Zeit, wo er sich mit Ngoh zum
erstenmal ber den Beginn der Rebellion unterhielt und in der Umgebung der
Hauptstadt Manahmen traf.

Die Spe des sonderbaren Mdchens reizten und beschftigten ihn. Er konnte
nicht leugnen, da er, inmitten der gefhrlichen Vorbereitungen, mit einer
gewissen Teilnahme ihre Sprnge verfolgte. Er pflegte seine Mahlzeiten, da
er unverheiratet war und keiner Pe-kinger Sippe angehrte, an wechselnden
Orten einzunehmen, in stdtischen Restaurants, bei schner Witterung auf
den Blumenbooten, in Wohnungen befreundeter Offiziere. Das Treiben der
Besucher ffentlicher Lokale, die spielerischen und zweideutigen
Unterhaltungen mit den bedienenden Mdchen, stieen ihn ab.

Eines Tages bemerkte er in einem eleganten ffentlichen Restaurant die
besondere Lebhaftigkeit der Gste, das helle Lachen und Schwatzen,
erblickte drei neue Dienerinnen, erkannte zu seinem Schreck die junge
Enkeltochter des Richters, die seit Wochen geschwiegen hatte, und ihre
beiden Begleiterinnen. Sie tat, als she sie ihn nicht, bediente ihn nicht
und dann aus dem Schwarm der kokettierenden Herren zu ihm hinspringend,
fragte sie ihn barsch nach seinen Wnschen, mit einem wilden Blick ber ihn
fahrend. Er bestellte seinen Wein; sie schickte ihm Kanne und Tasse durch
eine Dienerin, schkerte weiter mit einer Gewandtheit, als wenn sie tglich
den Umgang junger Elegants geniee, verabschiedete sich aber pltzlich
nervs von den verblfften Herren, denen der Wirt erklrte, da sie nur
gelegentlich zur Aushilfe einspringe.

Die Gelbe Glocke, schwermtiger als sonst, kehrte noch zweimal an den
nchsten Mittagen hier ein. Am zweiten Tage setzte er sich allein in einen
abgeteilten Winkel des Restaurants, sie stolzierte; er bestellte Wein fr
sich und eine Dame. Sie blieb starr am Tisch stehen, beugte sich ber die
Platte zu ihm herber, fragte noch einmal: Eine Dame? Dann halb
ohnmchtig, whrend ihre Augen erloschen: Pfui, pfui. Und wollte zu ihrer
Snfte strzen, zu Hause ihre Wut und Scham auswrgen, ihren Spiegel
zerschmettern und reuevoll sich vor den Grovater hinwerfen. Aber die Gelbe
Glocke hielt den rmel ihres grnen Obergewandes; sie zitterte, weinte,
sank hilfewimmernd, bittend, ihr nichts zu tun, auf die Bank neben ihm, wo
er lngere Zeit freundlich und sanft zu ihr sprach; ihr fein bemaltes
Gesicht lag auf der hlzernen weinbefleckten Tischplatte.

Sie ging schlielich, sich mhsam schleppend, gebrochen hinaus, mit
schlaffen leeren Gesichtszgen.

In dem Restaurant traf der Offizier sie nicht mehr. ftere Besuche bei dem
Richter waren erfolglos; sie zeigte sich nicht. Die Empfindung der
Gerhrtheit ber das kaprizise kleine Wesen bedrckte ihn; die geheimen
kriegerischen Vorbereitungen lieen alles zurcktreten.

Und mitten, whrend er in der schwierigsten Arbeit der Gewinnung neuer
Offiziere stand, erschien sie auf der Bildflche mit hhnischen Briefchen.
Seine erste Verstimmung ber diese unerwartete Art der Annherung berwand
er. Als ihre Snfte sich in der Nhe seines Jamens zeigte, ritt er heran,
ging, abgesessen, grend und plaudernd neben der jungen Dame, die sich
drin auf den Polstern witzelnd und lachend rekelte, dabei ihn dauernd
scharf beobachtete. Die Gelbe Glocke steckte schlielich den Kopf hinter
den roten Vorhang, flsterte, indem er die Zurckprallende ernst anblickte,
er msse sie unbedingt und eilig sprechen; er htte sie um Hilfe zu bitten;
es handle sich um eine Sache von der grten Wichtigkeit fr ihn.

Bei dem heimlichen Besuch, den sie bei Anbruch der Nacht in seinem Jamen
machte in Begleitung ihrer Dienerinnen, erklrte er ihr ohne Umschweif
seine revolutionren Plne, zeigte seine Kartenskizzen, den Gang der
Operationen. Das Frulein, mit groem Ernst folgend, tat sachgeme Fragen.
Er entwickelte ihr die Schwierigkeit des Eintritts in die Rote Stadt durch
die Tore von Westen; und man knne nur durch diese Tore eindringen, weil
der Eintritt durch die stlichen und sdlichen Tore eine Umzinglung der
gesamten Purpurstadt ntig mache, was eine Zersplitterung der nicht sehr
zahlreichen Mannschaften zur Folge habe. Auf die beiden Wachtoffiziere
kommend, erzhlte er mit Vorsicht von deren Eigenheiten, der Unmglichkeit,
sie in die Revolutionsplne einzuweihen; bemerkte nebenbei, wie eitle
Gesellen das wren, Schrzenjger schlimmster Sorte. Das Frulein,
nachsinnend, lchelte bald, und er nahm ihr Lcheln auf, und so brachen
beide in vergngtes Lachen aus, sie schmetternd, er weich unter Dmpfung.

Aber es gab dann eine groe Pause, wo sie mit trnenden Augen auf ihrem
Stuhl sa, nicht antwortete und nur bat, sie hier sitzen zu lassen. Der
Offizier ging von Wand zu Tisch, von Tisch zu Wand, machte sich Vorwrfe
ber seine Roheit, nahm entschlossen die Papiere weg, erklrte ihr leise,
er htte sie nicht krnken wollen, dies alles solle nicht geredet sein. Das
Frulein stand ernst auf, lehnte solch Miverstehen ihrer begreiflichen
Ermdung ab; sie fhle sich bermig geehrt durch sein Vertrauen, dessen
sie sich wert zu erweisen hoffe; fragte wieder nchtern nach Einzelheiten,
nach den Wahrhaft Schwachen, Wang-lun, sagte, sie wolle sich noch morgen
einen Plan aushecken und lie den unruhigen Offizier, der nicht mit sich
fertig wurde, allein.

Und schon am nchsten Tage begegnete er wieder ihrer Snfte. Sie prunkte in
einem reichen, mit Fasanen bestickten blauen Kleid, Bnder aus grner Seide
fielen von den Schultern und aus dem Grtel; auf dem klugen Kopf erhob sich
das helmfrmig getrmte schwarze Haar. Ihre Augen trauerten ihn an; sie
wolle ihm beweisen, da sie auch anderes leisten knne als zynische Briefe
schreiben. Es gelang ihr in der Tat, in wenigen Tagen das Entzcken der
beiden Offiziere zu gewinnen. Einmal war sie Tnzerin, das anderemal
verlassene Ehefrau; das Frulein hielt die beiden verliebten Gesellen
vllig in der Hand.

Nachdem Ngoh von der Gelben Glocke ber den Stand der Vorbereitungen
orientiert war, Plne ber die gemeinsame Besetzung Pe-kings ausgetauscht
waren, gaben sie ihre Spaziergnge unter den Fichten des schimmernden
Begrbnisplatzes auf. Ngoh riefen Eilboten zurck. Die Heere der Weien
Wasserlilie und Wahrhaft Schwachen setzten sich in Bewegung.

Glhende Hitze in den nrdlichen Provinzen, als sich die rachegeschwellten
Massen der Rebellen gegen Pe-king anwlzten. Die Drre verbreitete
Entsetzen. Auf ihrem Wege begegneten sie Prozessionen von Bauern, die aus
den Drfern ins Freie zogen, um Regen zu erbitten. Vor den kleinen
Bauerntrupps lief ein Mensch, der einen grnen Helm bis ber den Schdel
gestlpt hatte, ein grnes Holzschild auf dem Rcken trug. Von Zeit zu Zeit
machten alle Halt auf den graubepuderten Feldern. Der kostmierte Mann, der
den Regengott darstellte, sttzte sich wie erwischt auf zwei kolbige Stbe,
hnlich den Fhlhrnern einer Schnecke. Und nun berfielen die Wtenden
ihn, berieselten ihn mit Wasser aus Giekannen, mit Jauche, schlugen auf
das krachende Schild mit Flegeln und Mistgabeln. Manche solcher
Bauernhaufen zogen direkt von der Prozession in den Aufruhr, sie gaben dem
Kaiser die Schuld fr die schwere Drre.

Kanle schlngelten sich wie leere Drme, mit trockener, schmierigfauler
Hhlung durch die Landschaft. Die Bltter der Laubbume rollten sich,
hingen braun, fahl ber den tonig zerriebenen Feldern, es dampfte aus
brhwarmen Bchen, auf denen sterbende Fische trieben, Maul und Kiemen
sperrend.

Die erhitzte Platte der Felder dumpfte unter den Schritten der Soldaten.
Die bunten Schwrme hasteten aufgelst ber die tote Ebene. Voran flohen
die schwarzen anklagenden Fahnen. Das heie Element berholte sie; ringsum
stiegen die Huser in Flammen auf. Hingeworfen lagen die Soldaten vor
Pe-king sdlich des Flchens Liang-choei. Das herrliche Kloster
Tsin-tai-tse jenseits des Hun-ho, den Lieblingsaufenthalt des Gelben Herrn,
erfllten sie, grhlten ber die roten Mauern nach Pe-king herber,
zwischen den Eichen und Ligustern des alten Jagdparkes suchten sie
Schatten.

Chao-hoei rckte in Eilmrschen nher. Der kleinste Teil seiner Soldaten
kam von der Stelle, kein Proviant zu beschaffen, Wege verbarrikadiert,
durch Steingerll, Rebellenhaufen tglich im Rcken und in den Flanken.

An dem Tage, an dem die Mauern der sdlichen Stadt Pe-kings von den
siegreichen Truppen Wang-luns erstrmt wurden, saen Khien-lung und
Kia-king im Tsien-tsang-kung, dem privaten kaiserlichen Palast der Roten
Stadt, und hrten schweigend die unerhrte Musik der brllenden Schreie aus
dem Chinesenviertel.

Khien-lung, abgemagert, leicht gebckt im gelben Kleid auf den Ruhepolstern
am offenen Fenster: Als der Taschi-Lama riet, die religisen Sekten zu
dulden, Schonung zu ben, wute ich nicht, ob ich recht tun wrde im Sinne
meiner Ahnen. Als die Minister und Zensoren zusammenkamen und die Prinzen
der ersten Ordnung neben mir standen, verfaten wir das Edikt, das die
Sekten zerschneiden sollte.

Kia-king, den Blick auf dem Boden, murmelte: Es ist recht. Wir haben gute
Mauern. Chao-hoei ist bald da.

Die Schreie kommen ber die Mauern. Es mu Gerechtigkeit geben, Kia-king.
Es liegt nicht an meinem Leben. Ich mu gerecht sein. Wre es vielleicht
besser nachzugeben?

Wenn ich meinen Vater anflehen knnte, sich nicht wieder und wieder in die
Beklemmungen zu strzen.

Ich bin ganz ruhig, Kia-king. Wir wollen das nur einmal durchsprechen, es
wird dich belehren.

Mein Vater hat dem Himmel zu jeder Zeit geopfert, den groen Ahnen
nachgeeifert, ihnen geruchert an den vorgeschriebenen Tagen, das Volk ist
aufgeblht.

Das Volk ist nicht aufgeblht. Mein Volk ist nicht mehr friedlich, denn es
ist nicht mehr glcklich. Sieh die Flammen nrdlich dem Ackerbautempel: so
schlimm opfert mir das Volk. Das Volk lieben --?

Sie haben fr das Volk so Ungeheures, Beispielloses getan, da ich nicht
den Mut habe, eine Regierung, die kommen wird, mit Ihrer zu vergleichen.

Worte, Kia-king, Worte. Die Masse denkt anders. Ich habe das Gesicht
verloren. Meine Zeit ist um.

Der Mrder Wang-lun bringt die Mings wieder herauf, die Mings!

Das ist lachhaft. Du wirst nach mir regieren. Ich frage nur, ob ich dem
Augenblick genug tue, wenn ich, ich zurcktrete?

Vater, ich habe Sie angefleht. Wie soll ich nach Ihnen regieren knnen,
ich ohne Verdienste, ohne Geist, ohne literarische Ehren, unfhig den Bogen
zu spannen, das Pferd zu besteigen, nach Ihnen, und Sie sollen nicht gengt
haben.

Wie diese Chinesen brllen.

Es scheint Jubel zu sein. Das sind Bllerschsse. Da -- Raketen.

Damit wir sehen, Kia-king. Ein tolles Volk. Kein Gehirn.

Ich werde die Fenster schlieen, die Vorhnge ziehen, Vater.

La nur, mich strt das nicht. Es ist lehrreich. Du mut diesen Augenblick
gut miterleben. Wir kommen nicht oft in die Lage, den Menschen so nah ins
Gesicht zu sehen. Es werden die Mings nicht kommen. Ihr -- ihr Dummkpfe.
Man wrmt keine Kaiser auf. Wie gut, wie zehnmal gut, da die reine
Dynastie gekommen ist mit den Mandschus. Eisen gehrt ber euch. Fr dieses
Volk gibt es keine Freiheit. Nur Liebe, die durch die Straen marschiert
mit dem krummen Sbel am Grtel.

Khien-lung stand am Fenster mit drohend vorgestoener Faust, Kia-king erhob
sich. Nach einer Pause Kia-king: A-kui hlt die Tatarenstadt. Unsere Wlle
und Mauern sind gut besetzt.

Ich wei, du meinst, sie sind nicht gut besetzt. Es sind genug fr die
da.

Ob es nicht besser wre, Vater, vielleicht mehr Truppen von dem
mandschurischen Banner, von den Bogenschtzen aus Kirin in die Rote Stadt
zu werfen. Es laufen Gerchte von der Unsicherheit einiger Regimenter der
anderen Banner.

Unsere Banner sind alle gut. Von wo hast du Gerchte?

Ich konnte nichts festes ermitteln. Mein Diener gab mir eine verdchtige
Wachstafel mit Geheimzeichen, verloren in einer Bannerkaserne. Ich habe
herumgefragt, man hat mir sagen knnen, da schon sonst gemunkelt wird.

Khien-lung feixte ihn an: Gemunkelt. Eine verdchtige Wachstafel gefunden.
Bannerkaserne. Meine Eunuchen sollen besser aufpassen. Weibergeschichten.
Weiter nichts.

Immerhin, es beunruhigt --

Das merke ich. Es beunruhigt dich.

Die Prinzessin und andere Prinzen haben von den Gerchten gehrt. Wenn wir
uns frchten --.

So ist das eure Sache, Kia-king. Prinzessinnen haben sich um die
Verteidigung der Roten Stadt keine Gedanken zu machen. Die Dynastie liegt
auf meinen Schultern.

Knallte das Fenster zu: Schlie die Vorhnge, Kia-king. Hitze schlgt
herein. Das Lrmen ist langweilig. Erzhl mir von deinen Pfauen.

Kia-king blickte ihn fragend an.

Wieviel hast du jetzt? Hat sich dein Wrter bemht, Zuchttiere vom Wang
von Turfan zu bekommen? Ich habe sechs auerordentliche.

Kia-king schwieg. Der Kaiser deklamierte gleichmtig mit strafferer Haltung
auf den Polstern: Du interessierst dich nicht fr Pfauen? Oder jetzt
nicht? Das ist unrecht. Tiere und Bcher sind gleichmig gut; sie wechseln
nicht. Die drauen werden schon aufhren zu schieen. Die groen Bewegungen
werden am ehesten matt. Das ist eine rechte Bewegung, dieser Mingaufstand.
Mach dir keine Sorgen, Kia-king.

Der alte Herrscher ging mit etwas steifen Knien im Zimmer hin und her. An
einem Tisch, der mit Bogen und Bchern bedeckt war, griff er nach einem
Buch, bltterte; seine Stirnfalten stellten sich auf; sein viel
verrunzeltes Gesicht nahm rasch einen vertieften Ausdruck an.

Lesend setzte er sich wieder an das Fenster: Ja, es ist so. So ist es. Wie
gut, da es Bcher gibt, die ich selbst geschrieben habe. Ich kann mich
vergleichen, suchen, finden. Ich mchte hin nach Mukden. Wie schn ist es;
ich hab es so beschrieben wie ein Jngling, der sich die Reize seiner
Geliebten aufzhlt; die Berge, die Forsten, die zahllosen Fische in den
Flssen, der Ta-ling-ho. Die Jagden; ja Tai-tsung sagte: 'Gehen wir
kmpfen! Das ist die einzige Erholung der Mandschus; unsere Gebirge geben
uns eine neue Art Feinde; die Jagd mu uns ein Bild des Krieges geben.' Er
las weiter; Kia-king leise erhob sich, tastete sich zum Ausgang. Khien-lung
rief ihn an, er lchelte: Bleib bei dem alten Mann. Er beruhigt dich
vielleicht. Geh nicht zu den Frauen, sonst verlierst du die Haltung.
Kia-king kauerte hin; der Kaiser betrachtete ihn lchelnd.

Whrend Kia-king beim Kaiser sa und ihn von neuem vergeblich zu einer
Heranziehung starker Garden nach der Purpurstadt zu veranlassen suchte,
kalt hingehalten und bespttelt von Khien-lung, herrschte Unruhe zwischen
den Palsten. Das ungewohnte Gemisch von Eunuchen und Soldaten wogte an den
Mauern durcheinander. Die Eunuchen zhlten die Soldaten, verstopften sich
die Ohren bei jedem neuen Jubelschrei aus der brennenden Chinesenstadt,
liefen in das Innere der Stadt, um den ngstlichen Damen und Wrdentrgern,
die sich hatten einschlieen lassen, zu berichten. Viele der
aufgeschwemmten Eunuchen saen beieinander, angstvollen Herzens,
schwerbewaffnet unter Helmen, Schwertern, Schilden. Manche der lteren
Wrdentrger trugen die seidene Schnur oder die feinen Goldplttchen bei
sich, um den leichten Tod zu sterben. Hie und da lief ein gutgelaunter
Soldat mit einem lebenden schwarzen Hahn unter dem Arm herum, zeigte den
schreienden Vogel den rennenden Eunuchen mit der Trstung, sie sollten
unbesorgt sein; er wrde von dem Kammblut dieses dreijhrigen Tieres
opfern, um ihre Seelen auf dem Grabweg zu strken; was sie ihm dafr im
voraus bezahlten? Gegen Abend vor Anbruch der Dunkelheit trug man
Khien-lung an die Mauerstraen der Purpurstadt; er inspizierte hier eine
Stunde lang die Verteilung der Mannschaften und die Besetzung der
Torwachen. In einer grausamen Ruhe bewegte er sich. Fr die Nacht war
Kia-king zum Kaiser befohlen. Fast weinend und auer sich flehte der Prinz,
aufs rascheste mehr Truppen in die Palaststadt zu werfen. Khien-lung wurde
ungeduldig und bemerkte, man drfe sich nicht vor dem Schicksal verstecken,
wenn es komme, um die Reine Dynastie aufzusuchen. Ob der Prinz daran
zweifle, da die Mingphantasten sich die Stirne einrennen mten, mten!
Und dann qulte er Kia-king mit der Aufzhlung der Mannschaften, die so
gering waren.

Wie erwartet begann mitten in der Nacht der Angriff der entfesselten
Rebellen auf die Tataren- und Rote Stadt. Es schien keinerlei Ordnung in
diesem Angriff zu liegen; zu gleicher Zeit hallten die Sturmschreie vor den
beiden Nordtoren, den Toren Te-cheng und An-ting, und vor den drei
sdlichen Schun-tschi, Ha-ta und Tschien, das das Einfallstor der groen
Kaiserstrae war. Der Elan des rebellischen Sturms war auerordentlich.
Brechen der Tore, Niederschlagen und Verdrngen der Torwachen beanspruchte
ziemlich kurze Zeit. Auf das anfngliche Zurckweichen der Mandschutruppen
folgte hartnckiges und erbittertes Festsetzen in Straen, Kasernen.
berflutend, ertrnkend drangen ber Haufen der Gefallenen Rebellenschwrme
durch die angelweiten Tore der Sdstadt. Die Massen untermischten sich mit
Hndlern, Kaufleuten des Chinesenviertels, die rasch dem siegreichen
Mingbanner folgten.

Die kurzbeinigen plumpschultrigen Mandschusoldaten schlugen sich mit den
riesigen Bauern der nrdlichen Ebene, die Rache fr die Drre heischten, in
Kasernenfenster kaltbltig einstiegen, mit wetzenden Dengeln, zischenden
Dreschflegeln, von irgendwoher erschossen wurden. Die gesonderten Gruppen
der Brder und Schwestern spieen Tod und wrgten ihn herunter.

Das blendende Weirot des Feuermeers im Osten der Tatarenstadt trug in das
Bild die Durchschneidung der Helligkeiten und schwerer Schatten ein. Das
nrdliche neue Kornmagazin loderte. Von dem Funkenregen wurde das sdlicher
gelegene unermeliche Reislager befruchtet und gedieh in Minuten zu einer
im Wind tosenden flammenden Riesenmohnblte. Unter diesen feierlichen
Lichtern whlten die zuckenden Massen ineinander. Groteskes Zappeln,
Verrenken, Armschwingen, Hpfen von Silhouetten, gespensterhaftes Rennen
ber verschattete Kasernenhfe und Gassen. Schwirren, Platzen, Prasseln in
berhitzter Luft von allen Seiten, berschttend die herkmmlichen
Gerusche des Frage- und Antwortspiels zwischen dem Tod und dem
menschlichen Leben.

ber eine Doppelstunde rang man, dann kollerten Mandschus und Rebellen in
die stinkenden nrdlichen Grben vor der Purpurstadt, die kohlschwarz
bewegungslos hinter ihren Mauern wartete.

Die abweisende Starre, in der sie lag, lste sich in dem Augenblick, als
Bllerschsse vom oberen Nordtor krachten, und als das grelle Licht des
Feuers nicht mehr die Wipfel der Thujen und Zypressen erhellte, sondern
nach Minuten des Schweigens dieser Schein hinkroch zwischen den
angeprallten Stmmen ber den Boden, dicht, nah zwischen den Treibhusern
des nrdlichen Blumengartens wanderte. Die Rebellen hatten das obere
Nordtor gebrochen. Sie ergossen ihre verzerrten Gebrden, den Gestank der
Grben und Gassen in die strenge Kaiserstadt.

Die Karrees der sicheren Garde finsterten hier. Leere Frauenpavillons
bebten unter dem Gestampf der feindlichen Zerstrer. Das kleine stliche
Schatzhaus wurde erbrochen; hier spritzten die Silberbarren, Truhen,
Seidenstoffe die Treppen herunter, die Vasen zerscherbelten ihre gewlbten
Buche.

Eingekeilt zwischen der Nordmauer und einer Querwand, welche die
kaiserlichen Wohnungen beschtzte, bissen sich die Gegner ineinander fest.
Aus der brennenden Tatarenstadt drang keiner in den vollgestopften Raum.
Kampftolle Weiber erstickten im Torweg.

In die Garden ri voran Wang-lun klaffende Lcher. Er sthnte, mit seinem
langen Schwert um sich wuchtend. Er arbeitete fast nackt in einer halben
Bewutlosigkeit, ohne Gefhl seiner automatisch gehobenen und hmmernden
Arme. Von Zeit zu Zeit drngte er sprengend nach hinten, stand, den Kopf
nach vorn gesenkt, schweitrufelnd, beweglos wie ein Bronzestier, in einer
Menschenwoge, die er zerteilte, die Augen blutunterlaufen, die Hnde dick
wie in Handschuhen, das Gesicht verschwollen unter einer Lehmmaske. Dann
bogen sich die Scharniere der eisernen Knie, Schultern und Ellenbogen
keilten die Massen auseinander. Der Gelbe Springer blitzte, mischte Blut
mit Blut in dem Mrser des kaiserlichen Blumengartens.

Ngoh, blutbergossen nicht weit von ihm, bohrte mit dem kurzen
zweischneidigen Schwert, zerschmetterte die vorragenden Spielanzen. Ritze
neben Ritze hieb er in die weiche lebende Mauer, die Krper sprudelten.

Von der Palastmauer flatterten die schlanken Schmetterlinge, die Pfeile
ber die Rebellen, setzten sich auf ghnende Wangen, Schultern, Hlse;
schmckten Taumelnde, Leerlchelnde.

Whrend in der Tatarenstadt ber den weiten Pltzen die Kehlen tobten,
klang zwischen den beiden Mauern nur gelegentlich ein geller Ruf. In dieser
wenig von Licht zerfetzten Finsternis pfauchte, ratterte, stampfte eine
Maschine. Zhne malmten. Die Karrees der Garden schmolzen. Das Einfallstor
in die verbotene Stadt mute bald frei sein. Ein Winseln erhob sich unter
den Verteidigern. Da flogen die kaiserlichen Soldaten seitlich auseinander,
der Pfeilregen von der Mauer hrte auf. Aus der inneren Stadt fegte
donnerklatschend ein frisches Regiment durch das Tor, spiete sich in die
prallen Rebellenhaufen, die barsten.

Jh wich in der Tatarenstadt das Jubeln zurck vor dem durchdringenden
Pfeifen der Mandschureiter, dem bodenschwingenden Trappeln von Pferden. Der
zehntausendfache Wehe- und Wutschrei zwischen den beiden Mauern.
Schrittweises Zurckkeuchen hinter Pyramiden von Leichen. Das obere Nordtor
prete die Fliehenden zusammen und zermanschte sie. Die Kaiserstadt erbrach
die Rebellen. Die Grber rollten sie kopfber herunter. In die Tatarenstadt
geschoben wurden sie den Hufen der braunen Pferde preisgegeben. Von zwei
Seiten gefat posaunten sie Todesschreie zum Himmel. Stirn und Rcken
zerfleischten die krummen Mandschusbel.

Dann kam ein Zittern in die willenlose Masse.

Ein tiefes, ausholendes Atmen.

Das Platzen eines Kessels.

Die Front der Berittenen im Nu zerrissen.

Der Elan der letzten Wut zerstob die Mandschus. In einer unduldsamen
Bewegung schleuderten sich die Rebellen hinter die brennenden Speicher
durch die beiden verlassenen Osttore Tong-chi und Tschi-hoa, aus der
Tatarenstadt heraus, aus Pe-king heraus.

Ein Flug trug sie in die stumme nachtkhle Ebene, legte sie vor die kleinen
Drfer.

Pechschwarz die Purpurstadt. Khien-lung seufzte am Fenster seines Palastes,
eine trbe llampe auf dem schmalen Tischchen neben sich. Sein Loblied auf
Mukden hielt er noch in der Hand. Kia-king betete, hingeworfen vor einer
niedrigen Kung-fu-tse-statue auf einem Bronzesockel. Der Kaiser beobachtete
ihn eisig. Als sich der Prinz erhob, klatschte der spttische Greis in die
Hnde, flsterte den Eunuchen etwas zu. Kia-king sah auf zwei Holzschsseln
die Kpfe der beiden verrterischen Wachoffiziere.

                   *       *       *       *       *

Die schwarzen Fahnen der Weien Wasserlilie und der Wahrhaft Schwachen
wehten nordwrts und ostwrts. Das Versagen der rebellischen kaiserlichen
Regimenter war bald aufgeklrt. Khien-lung hatte, unterrichtet, die
verdchtigen hheren Offiziere am vorangehenden Abend festnehmen und in der
Roten Stadt einsperren lassen. In dem nrdlichen Bezirk, der dem Angriff
ausgesetzt war, untergebracht, waren sie smtlich whrend der Schlacht
befreit worden, fnf gefallen, vier andere, darunter die Gelbe Glocke, von
der Flucht mit fortgerissen. Die eingeschchterten rebellischen Truppen
hatten in der Nacht ihre Kameraden angegriffen und besiegt. Die beiden so
kunstreich gewonnenen Wachoffiziere waren, wie es schien, von Khien-lung in
kurzem Verfahren beseitigt worden.

Die drei Hauptfhrer, Wang-lun, Ngoh, die Gelbe Glocke, trafen rasch
zusammen. Wang tobte gegen seine Truppen. Eine nicht kleine Zahl seiner
Anhnger lie er unterwegs enthaupten, weil sie erwiesenermaen Panik
verbreiteten. Die ganze Hitze seiner Wut war gerichtet auf die geschlagenen
Truppen. Nur seinem steinernen Wesen war es zu verdanken, da die Heere
schon nach zwei Tagen in geschlossener Ordnung nach Nordosten, unmittelbar
gegen den heranziehenden Chao-hoei sich richteten. Sechstausend Mann unter
Ngoh blieben als Rckendeckung zurck. Man kam in Fhlung mit den
irregulren Haufen, gewann sie zu planmigen Plnderungen und berfllen.

Chao-hoei lehnte jede Untersttzung der Provinzialarmee ab. Auf die
Nachricht von der Niederlage der Aufstndischen in Pe-king peitschte er
alle zurckbleibenden verfgbaren Mannschaften zusammen.

Unter dem Donnern und Leuchten des ersten Gewitters dieses Sommers, zehn
Gluttage nach der Flucht aus Pe-king, trafen sich die Heere an den Hgeln
von Ying-ping. Das Schnauben und mhnenschttelnde Grunzen am Himmel, das
Zhnefletschen, Schwanzschlagen, Augenrollen fand keine Beobachter auf der
Hgelplatte. Aus schwarzer Luft hing an unsichtbarer Leine ein Riesengong
ber den Armeen, dessen Schlge hetzten. Zwei weie Panther bersprangen
sich. Die Ilisoldaten wanden sich in der Wollust des gesttigten
Blutdurstes. Die Bndler lieen sich umklammern von ihren heiesten
Feinden, zerkrachten ihnen das Rckgrat.

Chao-hoei schaukelte auf seinem Schimmel, oben auf dem Hgel. Wang-lun
rollte seine Walze auf der Chaussee, mahlte sein Korn. Dann ri die
Schwrze des Himmels auseinander, Hagelschlossen strzten aus dem Schlitz,
tanzten auf den Schdeln. Die Wahrhaft Schwachen kmpften in dem blendenden
Gewhl des Unwetters mit eisiger Gelassenheit. Keine Wunde berhrte sie. Es
war gleich, ob sie starben oder lebten. Das Feuer der Ilisoldaten fra sich
nicht durch, fing an zu rauchen, zu flackern. Kein strmischer Angriff
erfolgte von den Rebellen: still, weniger drngend als von ungewollter
Notwendigkeit gedrngt berwanden sie die Feinde.

Als Chao-hoei sich mit seinen zertrmmerten Soldaten wandte, hingen sich
die Rebellen, gezogen, an seine Spuren. Beides Verfolgte. Liefen davon,
lieen die zerbrochenen Menschen, Wagen mit Stieren, muskellose Schwerter
und Beile, als wre es Jauche.

Der geschlagene kaiserliche General lie sich in der Stadt Schan-hai-kwang
einschlieen.

                   *       *       *       *       *

Die Gelbe Glocke und Wang-lun umritten den westlichen meerabgewandten
Stadtteil.

Der rote Palast des Generals blitzte wie eine aufgestellte Hellebarde,
sdlich spreizte das graue Ehrentor die Beine; die Tafeln an seiner Stirn
priesen Siege ber alte Mongolenfrsten.

Man konnte von dem hher gelegenen Auengelnde das schlammgelbe Meer
liegen sehen, die weien Segel der Dschunken schmeichelten sich ber das
Wasser. Die Stadt glitt ins Meer; sie berschttete die Flumndung und
geschtzte Kste mit Hausbooten; wre nicht die meterbreite Mauer mit den
Wachtrmen, diese steinharten, quetschenden Kiefern der Stadt, konnten die
Rebellen die kaiserlichen Truppen in einem Anlauf ins Meer jagen.

Die Gelbe Glocke sah trumerisch die grauen Dcher, ber die die schwachen
Sonnenstrahlen spielten. Er erinnerte an die Nacht, in der der Vollmond
schien, und sie am Rande eines Gehlzes vor einer zerfallenen Stadt
standen. Das Blatt hatte sich gekehrt. Wie lange noch, wrden diese Mauern
ihr Schicksal erleben.

Wang betastete seinen Arm. Wenn es auf ihn ankme, mchten sie die Stadt
bald haben. Aber wie stark und kostbar waren die Brder und Schwestern in
der Mongolenstadt, wie stark waren sie!

Weit du, Gelbe Glocke, wie das Schicksal aussieht? Wie eine Leiche; sie
lt sich nicht ansprechen, nicht besnftigen, nicht erzrnen; du kannst
nach ihrer Seele mit Tchern wedeln in Grten, auf dem Dache, vor der Tr,
im Hof!

Wie viele leben noch von den Brdern aus Nan-ku? Zu keiner Zeit, glaube
ich, hat die Erde rasch so viele kostbare Krieger aufgenommen; von den
sen Geistern duftet das Land. Und ich bin noch brig, und soll zum Sieg
fhren. Und was tu ich jetzt weiter und weiter? Verschlingen, den Boden
sttigen mit kostbaren Krpern; hinter Ho-kien in Pe-king, bei Ying-ping.
Mich haben sie nicht mitnehmen wollen. Vor mir hufen sich die Opfer, ich
bin selbst schon eine Leiche, nach der der Boden nicht schnappen will, um
mich fernzuhalten von den teuren Geopferten. So werde ich noch eine
Zeitlang auf der Erde herumrasen; der Name Wang-lun wird den Klang eines
Hllengottes bekommen; ich werde irgendwo irgendwann einschlafen, ohne zu
wissen, warum das alles gewesen ist.

Sie stiegen in einer Ulmenpflanzung ab, banden ihre Pferde fest, saen im
Moos.

Die Gelbe Glocke streichelte mit schmerzlichem Ausdruck Wangs Schultern:
Was ist das? Was ist das?

Wir mssen das Reich fr uns erobern. Die Mingkaiser, die unsere Kaiser
sein sollen, mssen wir einsetzen. Das darf nicht ber mich fallen, da
alles nichts gewesen ist. Ma-noh sagte, seine Brder und Schwestern seien
zu einem Ring zusammengeschmiedet; er wollte sich nicht von mir retten
lassen. Und so sage ich auch. Wir drfen es uns nicht entreien lassen,
dieses durch keine Niederlage, da wir das Kaiserreich der Mings
aufrichten. In mir, lieber Bruder, schwirrt es auf und ab. An dieser
eisernen Stange bei ich mich fest; der Weg ist vorgeschrieben; ich komme
nicht in Frage.

Was willst du damit sagen, Wang, da du nicht in Frage kommst?

Wang drehte sich geheimnisvoll zu dem langen Offizier: Es ist ein
Unterschied zwischen dir und mir. Ich bin der Boden, auf dem das Wu-wei
gewachsen ist, das einen Teil meines Geistes mit sich fortgenommen hat.
Frher glaubte ich, ich mte dem Wu-wei eine schne, reiche, weiche
Wohnung unter den Menschen Tschi-lis bereiten, bin mit dem Gelben Springer
hin und her gelaufen; jetzt hat das Wu-wei eine Stimme und tnende Kehle
fr sich bekommen, seufzt deutlich, es wre ein Geist meines Krpers und
ich sollte ihm Obdach und Ruhestatt in mir bestellen. Es lacht ber mich,
wie Ma-noh gelacht hat. O, Ma-noh, der auf Nan-ku mich belehrt hat ber die
milden, wegschauenden Buddhas, kommt so viel ber mich. Jetzt richtet sich,
lieber Bruder, alles auf mich, und nimmt ein so sonderbar gequltes Gesicht
an. Meine Frau sitzt im Hia-ho und weint nicht ber mich; aber mein Sohn,
den ich ohne Frau gezeugt habe, das Wu-wei winselt nach mir. Du weit ja
selbst, was ich sagen will. Mein Sohn kann winseln. Ich mu die Brder und
Schwestern beschtzen, wie ich's schon immer getan habe. Wir mssen das
Kaiserreich der Mings aufrichten . . .

Der Offizier blickte seitlich, ohne sich zu einer uerung zu sammeln,
dann: Du bist anders, als Ma-noh, du bist ganz anders. Mein Bruder
Wang-lun geht einen guten Weg mit -- Angst und Widerangst. Die Gelbe Glocke
hat nicht viel erfahren von dem harten Schicksal Wang-luns. Die Gelbe
Glocke denkt, man mu khn werden, mit der Welt streiten. Wir sind Kinder
der hundert Familien, ich sage auch: was kommt es auf mich an? Unser Haus
wollen wir reinigen, damit es uns gut geht, Wang, lieber Bruder.

Wang berhrte ihn zrtlich an der Hand: Komm weiter, Bruder. Ich bin,
seitdem ich aus dem Hia-ho kam, zum Lachen verwirrt. Ich wei nur, da ich
aus Hun-kang-tsun stamme, so starke Knochen und solch Maul habe; sonst wei
ich nichts von mir. Einmal kannte ich einen Mohammedaner und einen Bonzen.
Das waren frher meine Gesellen. Du mut nicht so darauf hren, was ich
sage. Auch Ngoh hat den Kopf geschttelt.

Sie ritten fast auf Pfeilschunhe an die Mauer, auf der eine Abteilung der
eingeschlossenen Soldaten patrouillierte. Sie konnten noch ber die Mauer
wegsehen, die vollgestopften Straen erkennen, die unttigen Rotten auf den
Mrkten zwischen den Hndlern unterscheiden. Wang-luns Pferd tnzelte; auf
dem Gesicht des Reiters markierte sich eine freudige Neugier; die listigen
Augen zerlegten die ganz kleinen Gruppen drben. Auf einen Ruf der Gelben
Glocke ri er sein Pferd um; die Patrouillen spannten ihre Bogen. Sie
sprengten weiter um die Stadt.

Blitzschnell war vor Wang alles Qulerische versunken. Ma-noh und die
Gebrochene Melone hatte er ausgelscht in der Mongolenstadt, wie mit einem
Strich unter eine verlorene Rechnung. Er war Ma-noh gefolgt, der ohne ihn
alles verwirklichte von der Wu-wei-lehre; mit Spannung und Grauen sah Wang
die Entwicklung und Beendigung; der letzte Schlu lag ihm ob in dieser
Sache, die im Grunde seine Sache war; die Gemeinheit durfte nicht in das
Sterben dieses Traums hineinjohlen. Er schleppte noch in einer Art
Rachsucht sein Schwert, lief todverheiend von dem Totenfeld, aber heimlich
erkannte er schon, da hier eigentlich nichts zu rchen war, da kein Feind
da war, gegen den er sein Schwert erheben sollte, weil alles dies Ende
nehmen mute. Und als Ngoh ihm vom Tod Ma-nohs erzhlte, wurde die Decke
der Rachsucht mit einem grausamen Ruck weggezogen; besiegt war er,
vernichtet, schlimmer erwrgt als der Tu-ssee. Der Ekel kam, zu Ende war es
mit dem Wu-wei! Das Hia-ho mit seiner entschlossenen Versenktheit tauchte
auf, die erprete Ruhe einiger Monate; der Bauer in Wang schien langsam
hervorzutreten. Inzwischen fra seine Lehre in Tschi-li um sich; er konnte
sich nicht lange taub und blind stellen, seine Vergangenheit wie Staub von
sich abschtteln; der Grimm ber den Kaiser entkorkte ihn wieder; das
Wu-wei, zwar fortgeschleudert, war seine eigenste herzlichste Sache. Halb
gestoen kehrte er zurck, die strmische Bewegung ri ihn dann mit sich;
er selbst wute oft nicht, was er sollte, dachte an die Sanftheit des
Nichtwiderstrebens und sah sich in einem endlosen, hoffnungslosen Morden.
Er fand nicht zu sich. ber die Mauer von Schan-hai-kwang blickend, sah er
das lebendige Gewimmel der Mrkte, Straen; eine freudige Erregung
berwltigte ihn blitzschnell; Entschlsse, ein Drang unbegrndeter Art
wurden in ihm ausgehebelt: Da hinein, da hinein, ohne Waffen! Er wute
nicht, da das Bild des alten Tsi-nan-fu vor ihm stand, da das Wu-wei ihm
aus allen Poren schwitzte. Dulden, dulden, leiden, ertragen! Nicht
widerstreben! Su-koh! Zum ersten Mal liebte er wieder das Leben. Er hob
jauchzend seine Arme gegen die Stadt. In einem Gefhl von Schwche begehrte
er wieder Stadtnarr zu sein.

Das Heer der Bndler hatte seine anfngliche Zweiteilung vllig aufgegeben;
die Waffenbrderschaft hielt die Weie Wasserlilie und die Wahrhaft
Schwachen unlslich gebunden. Die starken Mnner und Frauen rannten,
schlugen Zelte, fuhren Proviantkarren, schwangen Beile und Schwerter; die
schwarzen Fahnen klatschten; das weitere stand nicht vor Augen. Man mute
siegen, Mandschus vertreiben, goldene Mings wieder einsetzen. Die Wahrhaft
Schwachen unterschieden sich nicht von den Geheimbndlern, nur da sie
stolzer waren, in den Schlachten Berserkerstcke verrichteten, in den
Lagern zum Sport gefhrliche Zwei- und Vierkmpfe ausfochten, eine drohende
Zuversichtlichkeit zur Schau trugen.

Man lagerte im weiten Umkreis um Schan-hai-kwang, ruhte von den letzten
Schlachten, erwartete die Hilfstruppen, die aus Schan-tung und Kan-su im
Anmarsch waren. Aus Tschi-li und den Nachbarprovinzen verlautete die
Sammlung von Provinzialheeren; Zulufer wollten so wissen, da die
Provinztruppen zu groen Kontingenten angewachsen seien. Jede Nachricht
wurde mit Gelchter und Wonne aufgenommen.

Auf die Kunde von der Ausdehnung der Rebellen kamen aus Nan-king zwei
Mnner gewandert, die behaupteten, Nachkommen des alten Minggeschlechtes zu
sein. Sie stieen zu den Bndlern am Tage nach der Niederlage in Pe-king,
kmpften sogleich mit grter Bravour beim Zusammensto mit Chao-hoei. Sie
waren Vettern, der ltere ein Bauer in den fnfziger Jahren, der Jngere
etwa in den Zwanzigern. Sie fielen durch Ernst und sympathische, zweifellos
vornehme Haltung auf. Sie vermochten sich natrlich nur durch Erzhlungen
sehr phantastischer Art zu legitimieren, fanden allgemeinen Glauben. Von
seinem Ritt um die Stadt zurckkehrend, fragte Wang den Jngeren der
Mingvettern, ob er verheiratet sei. Der verneinte. Da betrachtete Wang den
zarten, tiefbraunen Jngling, meinte, es sei vielleicht zu erwgen, ob er
sich nicht verheiratete. Der schlanke Mensch drehte sein lngliches Gesicht
lchelnd beiseite; er freue sich ber Wangs gute Laune; er htte fr Wang
ein kleines Kistchen kandierter Datteln aufbewahrt und sie wollten zusammen
Spe machen. Der andere lobte das, und wo er denn die Datteln htte. Vor
einem Zelt lutschend und spuckend, sahen sie sich vergngt an. Er htte
solche kandierte Datteln schon lange nicht gegessen, sann Wang, zuletzt in
Schan-tung; es sei schon lange her. In Po-schan sei er einmal eingeladen
gewesen bei einem Kaufmann, der die Weie Wasserlilie fhrte; da htte er
viele davon essen mssen und seinen Spa gehabt. Ja, erwiderte der Ming,
sie seien ziemlich rar in dieser Gegend, besonders jetzt. Ob er also
wirklich nicht verheiratet sei, fuhr der andere fort; in Kriegszeiten sich
verheiraten, zeuge von groer Vorsicht; denn man knne vielleicht einen
Sohn bekommen und dann strbe man ruhiger. Ja, er brauche ihn nicht so
anzusehen. Also kurz und bndig: ob der junge Ming sich mit der Tochter des
Mandschugenerals Chao-hoei verheiraten wolle. Wenn er wolle, brauche er nur
zugreifen; Wang werde den Vermittler spielen. Der junge Mensch verneigte
sich sehr ernst vor Wang; er wolle Wang nicht verletzen; aber solche Spe
verdiene er nicht; er lege keinen Wert auf seine Mingabstammung in diesem
Moment. Unbeirrt wiederholte Wang: es handle sich um Dinge, die so klipp
und klar wren; gebe Chao-hoei seine Tochter her, so htte man den General
mitgewonnen; gebe er sie nicht, dann, nun dann wrde man ja sehen. Die
Mings sollten nicht trotzig auftreten, durch Ruhe entwaffnen, diplomatisch
denken. Verwirrt, errtend stammelte der Ming etwas. Jedenfalls bliebe es
dabei, bestimmte Wang, bevor sie an das Kochen von Hirse gingen, da er,
der Ming, unverlobt, Wang zur Vermittlung ermchtige. Er solle ihm sogleich
Geburtstag, Jahr, Monat, Stunde fr die spteren Berechnungen aufschreiben.

In der Stadt gab es Anhnger der Bndler. Die Belagerer suchten mit ihnen
in Verbindung zu treten. Die anfnglichen Bemhungen, Nachrichten und
Verabredungen auf Papier in hohlen Lanzen zu befrdern, scheiterten; die
Zettel kamen berhaupt nicht an oder an falsche Adressen; man erschwerte
durch jeden miglckten Versuch den Brdern drin die Arbeit.
Aussichtsvoller war der Wasserweg.

Zwei Tage nach der Zernierung der Stadt langte eine groe Flotte stark
bemannter Schiffe drauen an; sie kamen vom Sden herauf. Die Belagerer,
die zuerst jubelten, weil die Schiffer keine kaiserliche Tracht trugen,
sondern ersichtlich Seeruber waren, wurden bei dem ersten
Annherungsversuch schwer enttuscht; die Rebellendschunken wurden von zwei
der groen Schiffe einfach berrannt. Es waren Seeruber, die von dem
Tsong-tou von Tschi-li geworben waren und deren Anfhrer der Kaiser zur
Belohnung eine Pfauenfeder im voraus verliehen hatte. Sie schwammen stolz
auf dem Wasser, kaperten verdchtige Boote, verpraten in der Stadt und
benachbarten Kstenorten ihr Geld und begnnerten Chao-hoei.

Wang-lun ging mit fnfzig seiner verwegensten Leute in eins der
Kstennester. Er sagte seinen Mnnern, sie wollten die Stadttore von innen
ffnen. Stark bewaffnet nherten sie sich dem Fischerdorf, in dem die
Mannschaften dreier groer Schiffe saen. Lrmend zogen sie aus einer
sdlichen Seitenstrae in die auf einer Dnensenkung kriechende
Hauptstrae. Die berraschten Piraten, mit Strohhten und geflochtenen
Strohmnteln, traten aus den Husern auf die Strae. Wang stieg zu einer
Schenke herauf, vor der eine Rotte stand, fragte, wem die Schiffe drauen
gehrten.

Einer, der Wangs Gre hatte, zweifellos aber nicht Fhrer war, drngte
sich nach vorn und sagte, das ginge Wang nichts an. Wang schob ihm den
breiten Strohhut aus dem Gesicht; das solle er nicht so sagen; wenn die
Schiffe keinem sicher gehrten, dann wolle er sie mit seinen Kameraden
nehmen. Die Piraten brllten vor Vergngen, sicher gehrten die Schiffe
keinem; aber inzwischen gehrten sie ihnen, und da sei es nichts mit dem
Wegnehmen.

Dann sei er ganz zufrieden, meinte Wang; das htte er ja nur wissen wollen.
Dann sei es eben nichts. Aber ob sie nicht irgend wo anders kleinere
Schiffe, Segeldschunken gesehen htten, die man wegnehmen knne. Er und
seine Kameraden wollten zu Schiff gehen, weil es mit dem Lande nichts wre.

Das meinten die Piraten auch, beschauten die Ankmmlinge, zufrieden als
Besitzer, sagten spttisch, Dschunken wrden sich schon irgendwo finden;
sie seien ja rstige Burschen, die wohl gut schwimmen knnten. Als neulich
das groe Hagelwetter war, seien sechzig kleine Dschunken und fnf groe
Schiffe vielleicht sechs Li vor der Kste gekentert; die knnten sie bequem
holen, die gehrten jetzt keinem und seien vorzglich ausgerstet. Wenn sie
gut tauchen wrden, knnten sie die Schiffe nicht verfehlen; es sei da
hinten, in sdlicher, etwas stlicher Richtung.

Wang fand diesen Rat auerordentlich; die genaue Ortsangabe wrde er sich
gut merken. Freilich seien seine Kameraden ebenso wie er selbst noch zu
wenig an das Wasser gewhnt, um gleich so anstrengende Tauchbungen zu
machen. Da die Sache nach ihrer Beschreibung so einfach sei, so wrde aber
ihnen beiden bald geholfen sein. Er werde sich mit seinen Begleitern der
drei Schiffe drauen bemchtigen, an diese Arbeitsweise seien sie als
Landbewohner gewhnt, sie sollten dann neben den Schiffen schwimmen; er
werde sie sicher zu der Stelle hingeleiten, sechs Li vor der Kste, wo die
sechzig kleinen Dschunken und fnf groe Schiffe auf sie warteten.

Schweigen und Flstern bei den Piraten, prfende Blicke auf beiden Seiten.
Der Strand war leer; alle Seefahrer schoben sich vor der Schenke; sie sahen
die xte, Dolche, Bogen der Fremden.

Als sie schwiegen, sagte Wang, sie sollten sich die Sache ruhig berlegen;
er werde inzwischen mit seiner Horde schon an den Strand gehen und die
Schiffe besichtigen.

Nach einem Hin und Her zwischen den untersetzten Mnnern, welche die Fhrer
zu sein schienen, kam einer von diesen, der eine gespaltene Oberlippe
hatte, auf Wang zu und fragte hflich, wer sie wren. Auf dem
verschlossenen Gesicht des braunen Fremdlings spielte ein bedauerndes
Lcheln; er knne sich die Brust zerschlagen, da er verga, dieser
einfachen Anstandspflicht nachzukommen; man gewhne sich auf den
Landstraen schlechte Manieren an. Sie seien aus verschiedenen Drfern
Nordschan-tungs, htten sich zusammen getan, um sich durchzuschlagen in ein
fruchtbareres Land; nichts sei ihnen geglckt; bei Pe-king htten sie sich
den Rebellen anschlieen mssen, aber die seien geschlagen, ein paar Tage
htten sie Hundereis gegessen im Institut der Groen Menschlichkeit zu
Pe-king, nun wollten sie es mit dem Wasser versuchen.

Warum denn so Starke Waffen trgen.

Um nicht mehr bitten zu mssen.

Nach dieser Unterhaltung zog sich der Unterhndler wieder zurck unter
tiefen Verneigungen; Wangs Leute sperrten zu beiden Seiten die Strae; die
Situation war fr die Piraten aussichtslos.

Da kamen sie mit einem Vorschlage zu Wang, den sie mit mehreren anderen in
die Schenke ntigten. Sie sagten, da sie mit ihren Schiffen vom Kaiser zum
Schutz von Schan-hai-kwang geworben seien; ob sich die Fremden ihnen
anschlieen wollten gegen hohen kaiserlichen Sold.

Wang erklrte: gern, wenn der Sold fr ihn und seine Leute hoch genug wre.

Freilich, es kmen auf jeden Mann zwei Taels fr zwei Monate.

Die Fremden besprachen sich; ihr Fhrer antwortete, es sei zu wenig,
auerdem, welche Sicherheit gegeben wrde; sobald sie alle im Hafen der
Stadt wren, wrde man sie auslachen und ans Land setzen.

Nach lngerem Feilschen kam man berein: die bewaffneten Fremden besetzten
zwei Schiffe zur Sicherheit; das dritte Schiff fhrt in den Hafen,
verschafft die Hlfte des Geldes; alsdann fhrt man gemeinsam vor die
Stadt; kommt das dritte Schiff mit Polizei zurck, soll das als Verrat
gelten und an der Besatzung der zurckgebliebenen Schiffe gercht werden.

Der Plan wurde ausgefhrt; Wang empfing das Geld, sie setzten sich auf die
Schiffe, ankerten vor der Stadt. Als sie an Land gingen, wozu sie die
Piraten eingeladen hatten, war dieses Abenteuer rasch zu Ende; denn hinter
ihren Booten scholl das Hohnlachen der Seeleute, denen ihr Streich gelungen
war; die Schiffe, die zu den andern in See stachen, waren Wang und seinen
Leuten verloren.

Wang ging mit mehreren Begleitern wegen der andern Hlfte des Geldes
klagend in die Stadt; die Mandarine wiesen ihn ab, fr solche Vertrge gbe
es kein Recht; die Piraten seien nicht zu fassen, und in diesem Augenblick
Freunde des Himmelssohnes. Er suchte seine Anhnger in der Stadt auf;
kleidete sich um, spazierte auf den Mrkten und Straen. Mehrere Tage
unternahm er nichts als Flanieren, Besuchen der Tempel, Anhren des
Klatsches, Feilschen mit Pfeifenhndlern, Lungern in den Teestuben. Es war
frisches schnes Sommerwetter; um seine Begleiter kmmerte er sich in
diesen Tagen nicht. Dann versammelte er sie in dem Hause eines
Gefngnisaufsehers; seine Absicht war, Dinge besonderer Art in der Stadt zu
veranstalten, darauf Revolte, wobei sich das weitere ergeben sollte.

Chao-hoeis Palast stand einsam hinter der Stadt auf den nordwestlichen
Abhngen der Magnolien. Der besiegte General verlie selten sein Haus;
wanderte von einem Zimmer ins andere, aus dem Hof in den Garten. Er stand
nicht mehr an dem Fenster, das nach dem Meer blickte; der Triumphbogen am
Ausgang der Hon-pun-strae strte ihn nicht; nur da dort das Meer lag, an
das ihn die Rebellen gedrngt hatten, ergrimmte ihn, da seine Soldaten und
sein Feldherrnglck nichts waren und er wie eine Katze, die man ertrnken
wollte, am Wasser hin und her jaulen mute.

In seinem friesumzogenen Arbeitszimmer sa er viel, blies die Wasserpfeife
und grbelte. Er war ein sonderbarer Torhter Pe-kings; durch eine
rtselhafte Wendung des Kampfes war Pe-king noch im letzten Augenblick
gerettet worden; ihn setzte man ans Wasser; wo war sein Kriegsruhm, was
dachte Khien-lung? Er konnte nicht mehr A-kui und kundige Eunuchen
anklagen, da sie ihn auf den verlorenen Posten geschickt htten. Kampf war
da, und Niederlage war da. Der junge unerfahrene Tsong-tou von Tschi-li
Chen-juen-li wird sich ein Vergngen daraus machen, die Stadt zu entsetzen;
auch der Herr von Schan-tung und Pi-juen von Ho-nan werden sich Ehren
gewinnen, an ihm, dem Verunglckten. Er hatte das Gesicht verloren. Schande
ber sein Haus, Schande ber seine Ahnen.

Die jugendliche Hai-tang, seine rechtliche Frau, trstete den
Melancholischen; sie trieb den ergrauten Mann aus dem Hause heraus, damit
er die Mauern inspiziere, die Zucht in der Stadt kontrolliere. Aber Chao
hatte einen Widerwillen gegen diese Stadt, die er einmal geliebt hatte; ihn
ekelte es vor den zweideutigen Brgern, er begegnete mit Widerwillen dem
betrgerischen Tao-tai, Tang-schao-i, der sich beim Einzug der Truppen in
die Stadt bedankt hatte, da ihm das schlimme Schicksal der benachbarten
Magistrate erspart blieb, freilich durch das Unglck seines verehrten
Freundes Chao-hoei. Die Wunden seines Sohnes Lao-s waren lngst geheilt;
unttig sa der General mit ihm beim Morraspiel, hockte in den
Frauengemchern, hrte seiner Frau zu, die die zarte Nai, die
fnfzehnjhrige Tochter, im Spiel der Pipa unterrichtete.

Eines Vormittags, whrend die gesamten Truppen auf den Hgelflchen
zwischen Mauer und Stadt exerzierten, zog aus einer Gasse im Nordwesten der
Stadt, wie aus dem Boden auftauchend, eine feierliche prunkvolle Prozession
geradeswegs ber die Chaussee auf das Wohnhaus Chao-hoeis zu. Es mute sich
um ein freudiges Ereignis handeln; die Mnner, die zwei goldgeschmckten
Snften folgten, trugen lange rote Schrpen ber ihren schwarzen Gewndern.
Mit Gongschall und Platzrufen marschierte man unter dem warmen
Sonnenlicht; der Zug schlngelte sich rasch den einsamen Magnolienhgel
hinan. Das Vterchen ohne Zunge, Chaos Haussklave, nahm unter grotesken
Verbeugungen die riesige rote Visitenkarte entgegen, die ihm aus einer
Snfte gereicht wurde. Der schlanke Mandarin im Haus legte seine
Perlenkette um, ging an der Tre des Saales der zwlf grnen Sulen seinen
Gsten entgegen. Ein unbekannter mandschurischer Name hatte auf der
Visitenkarte gestanden. Sechs der Fremden, in ernster Haltung, starke
ausdrucksvolle Gesichter, traten in die Halle; Wang-lun und fnf Gefhrten.
Wang stellte sich zuerst vor unter dem mandschurischen Namen der
Visitenkarte, mit frei erfundenen die andern, dann setzte man sich auf
Einladung des Wirtes an einen kleinen Tisch zwischen zwei Pfeilern und
schwieg. Chao-hoei schlug in die Hnde nach Diener und Tee; das Blut stieg
ihm ins Gesicht; es kam niemand. In Scham bat er seine Gste um
Entschuldigung, er klatschte nochmal, vor Erregung zitternd. Aber die
Fremden lenkten begtigend ein, sie seien geschftlich anwesend, zu Schiff
eingetroffen, wrden nur kurze Zeit verweilen; auf das Gesinde sei nirgends
Verla.

Man sah sich prfend an. Chao-hoei wollte in einer pltzlichen Regung sich
erheben, um nach den Dienern zu sehen, aber wiederum baten die Fremden,
sich nicht anzustrengen; sie wrden ja in Raschheit ihre Angelegenheit
erledigt haben.

Wieder schwiegen sie. Wang, in einem schwarzen Gewand, das ihm nicht den
Knchel bedeckte, zog den Fcher aus dem Grtel, prete das Gesicht
zusammen, sagte mit kaltem, festem Blick, er und seine Begleiter kmen als
Brautwerber in das Haus des ruhmreichen Generals; er htte bei einem
Aufenthalt im Hia-ho von der gebildeten und kunstverstndigen Hai-tang, der
Tochter des ehemaligen Tsong-tous von An-hui, Hwang-tsi-tung, gehrt; von
der Feinheit und Wohlerzogenheit der Tochter spreche die Stadt; so
ungewhnlich das Vorgehen sei, so bliebe doch seinem Herrn, in dessen
Auftrag er erschiene, keine andere Mglichkeit, die Verbindung anzuknpfen.
Er reichte mit seinem langen Arm ein groes rotes Kuvert mit dem
Personalschein ber den leeren Tisch.

Der General steif, zuckte mit den Mundwinkeln. Wang sprach ruhig weiter,
lud ein, das Kuvert zu ffnen; das Volk singe: Wie fngt man an, Holz zu
spalten? Ohne ein Beil kann es nicht geschehen. Wie fngt man an, eine Frau
zu nehmen? Ohne eine Mittelsperson kann es nicht geschehen.

Als der General mit einem Blick auf die Visitenkarte die Lippen bewegte,
den Mund ffnete, tonlos fragte, wer er sei, antwortete der Gast, die
Visitenkarte sei zur Tuschung der Dienerschaft gegeben; er sei Wang-lun,
ein Anfhrer der Belagerer; er werbe fr einen der Mingprinzen, der den
Thron besteigen solle; freilich, es handle sich um einen Chinesen; aber so
niedrig achte kein Chinese die Mandschus, da er nicht die wohlerzogenen
Mandschutchter zu rechtlichen Frauen werben mchte.

Der Mandarin, aufgesprungen, strzte an das Gong, schrie: Diener!
Tai-tsung! Tai-tsung!

Die Fremden erhoben sich im Tumult, als der Mandarin an ihnen vorbei ans
Fenster strzte; zwei deckten das Fenster; Chao-hoei ausgleitend,
hinfallend, wurde von ihnen gehoben, unter Verneigungen, mit eisernen
Hnden an seinen Platz gedeichselt.

Wang lauschte an der Tr, am Fenster; im Nu stand er vor dem heftig
sthnenden General, dessen Augen entgeistert blickten. Der groe
Personalschein sei gebracht; die Werbung vorgetragen; den Schein der Braut
zu bringen und das Glck und Unglck der acht Ehezeichen bestimmen zu
lassen, lge dem General ob. Sie wrden sich Antwort holen.

Der General schlug auf den Tisch, explodierte: Verbrecher! Schurken! Vier
hielten ihn, banden mit roter Schrpe Arme und Beine, legten ihn auf den
dunklen Gang vor der Tr. Wang flsterte: berlegen Sie, General. Wir
kommen wieder. Und er malte mit dem breiten Tuschpinsel, den er von einem
Wandregal nahm, auf den polierten Boden des Saals die drohenden Zeichen der
Mingdynastie. Schon bestiegen zwei der Mnner drauen im Hofe die Snften;
Gongs, Platzrufe; blitzrasch setzte der Zug den Magnolienhgel herunter,
verschwand in einer Seitengasse.

Fnf Offiziere, die zum Mittag bei Chao-hoei eingeladen waren, fanden eine
halbe Stunde spter zwei Haussklaven im vordern Hof geknebelt im Schmutz.
Das Vterchen, befreit, rannte heulend ins Haus; das Haus drhnte vom
Geschrei. Die Frauen kamen aus den Gemchern, als das Vterchen flennte.
Der Schwarm suchte mit Angstrufen nach dem General, ber den man stolperte.
Im hellen Empfangssaal hielt Hai-tang seinen besudelten Kopf; er seufzte;
man flte ihm Wein ein; er betrachtete bla die vielen, die sich um ihn
drngten. Die Offiziere nahmen mit den Dienern die Spuren der Fremden auf;
es dauerte Stunden, ehe man ermittelte, in welche Gasse der Zug
verschwunden war. Die militrische Durchsuchung aller Huser des Viertels
ergab nichts Verdchtiges; die wenigen Bewohner der Gasse wurden sofort
ausgepeitscht; das Ergebnis der Untersuchung, das am Abend Chao-hoei
vorgetragen wurde, lautete: die Belagerer mssen in der Stadt viele Freunde
haben. Da ein Eindringen der Rebellen von der Mauer aus unmglich ist,
mssen die Fremden vom Meere gekommen sein; die Polizei am Seezollamt ist
zu verstrken; auf die befreundeten landenden Seeruber und Schiffer, die
Proviant bringen, ist ein wachsames Auge zu richten.

Man stberte in der Stadt alle Keller, verfallenen Huser nach Wang und
seinen Begleitern auf. Chao-hoei ging im Zimmer der Hai-tang; er ri sich
von ihr los: Was bleibt, Hai-tang? Du bist so klug und verstehst nicht,
was so klar ist. Ich bin zum Gesptt der Stadt geworden, zum Gelchter der
Feinde.

Deine Feinde sollen nur lachen, sie werden bald kreischen, wie sie in
Pe-king gekreischt haben. Den teuren Lao-s haben sie geschlagen, dich
haben sie hingelegt, nach der feinen Nai wollen sie greifen. Die
Seidenschnur gehrt nicht dir, sondern den Stadtbehrden, dem Prfekten
Tang-schao-i und den andern. Rche dich, Hoei!

Es ntzt nichts; wir werden uns nicht halten knnen. Sie dringen vom Meere
ein. Sie laufen auf der Strae, auf dem Markte zwischen uns herum;
vielleicht gren sie uns, wir erkennen sie nicht. Sung hat recht: wenn die
Sandkrner gegen die Menschen sind, sollen die Menschen weggehen. Wir
Mandschus werden gehat. Mich machen sie zum Gesptt.

Wenn Hai-tang in dir wre, Hoei! Es ist dein und mein Kind, das man
bespeit. Ich will das nicht hinnehmen. Wenn du nicht Rache willst: ich will
sie.

Was redest du, Hai-tang? Hier im Haus haben sie gesessen, jetzt sind sie
-- wo? Rche dich, wenn du im Kfig sitzst.

Tang-schao-i ist ein Betrger. Er glaubt nicht an dich; er frchtet fr
sich; er hat den Rebellen diese Schandtat ermglicht, mit dir will er es
nicht verderben. Die seidene Schnur ist fr ihn.

Chao ffnete das Fenster; die Ulmen standen mit sprlichem Laub gegen den
roten Himmel; laue Luft wehte herein; pltzlich ses Singen aus dem
Garten.

Hai-tang trippelte neben ihn an das Fenster: Das Kind singt, sie bog
entzckt den Kopf auf die linke Schulter. Warum haben wir die Zeit der
Pfirsichblte versumt, als Juen-chings Eltern fragten wegen der Heirat?
Sie wre nicht mehr bei uns.

Ich will das zarte Kind noch behalten.

Aber jetzt wnscht Chao-hoei auch, er htte sie verheiratet zur Zeit der
Pfirsichblte. Sie werden noch kommen, die Verbrecher, dich fesseln, die
Sklaven fesseln, mich fesseln, das Kind entfhren. Sie wollen sie stehlen,
sie werden sie stehlen, o wenn Nai nicht mehr bei uns wre!

Still, Hai-tang, das Kind hrt dich. Sie singt wieder. Das Haus ist
gesichert. Meine Wache verdoppelt. Die tollen Hunde werden nicht noch
einmal auf meinem Hofe bellen. Ich werde Tang-schao-i einsperren lassen.
Das Grinsen werde ich dem Gauner vertreiben.

Was ntzt Tang-schao-i mir? Wenn du siebzig einsperren lt, kommen
siebenhundert neue. Das Kind singt. Wie lange wird es singen? Wo soll ich
es hinbringen? Hoei, was soll mit meinem Kind geschehen?

Hai-tang sa auf der Matte, wiegte sich weinend. Die Trnen verwischten die
roten Schminktupfen ihrer runden Wangen. Gefrbte Trnen tropften schmierig
vom Kinn auf das hellblaue Oberkleid: Fr wen hat Wang-lun geworben?

Wang-lun? Fr einen Mingprinzen, es ist lcherlich, den er nicht beim
Namen nannte. Er gab zu verstehen, welche Gnade der Mingprinz be, indem er
eine Mandschutochter heiraten wolle. Wir wollen nicht davon sprechen.

Ich wei nicht, was an den Mandschus und den Chinesen schlecht ist. Aber
wret ihr nicht ungerecht gewesen, wre es nicht zu diesem Aufstand
gekommen. Sieh Tang-schao-i an; in allen Stdten solche Gauner. Mute es
nicht zum Aufstand kommen? Und wir haben zu leiden. Es ist ein Zeichen von
eurer Schwche und Unklugheit, da im Lande Rebellion entsteht; werft die
Bndler nur hin; nach zehn Jahren kommen sie wieder. Wie helf ich Nai? Wo
ist Juen-ching?

Juen-ching tut Dienst an der Mauer.

Ich mchte ihn gerne sehen. Du mut jemand schicken und ihn auffordern
lassen, zu uns zu kommen.

Er kann in den nchsten Tagen nicht fort; ich wei auch nicht --

Aber ich wei. Ich will mit ihm reden. Ich will ihn sehen. Ich will seine
Eltern sprechen. Wir mssen beraten, was mit Nai geschehen soll. Wir haben
es abgeschlagen, im Frhjahr sie wegzugeben; jetzt ist Not.

Es wird keine guten Zeichen geben.

Du brauchst nicht zu sagen, es wird keine guten Zeichen geben, du brauchst
mich nicht noch unglcklicher zu machen, Hoei. Es ist unser Kind, und wir
knnen nicht am Fenster stehen und zuhren, wie sie singt, und singt und
nichts wei. Was wird diese Nacht bringen, was wird morgen der Tag bringen?
Sie mu mit ihren Dienerinnen in meinem Zimmer schlafen. Ich will
Juen-ching sehen, ich will mit seinen Eltern sprechen. Oder, ich will dir
sagen, wenn Wang-lun wieder kommt, er kommt wieder, verla dich drauf, er
kommt wieder, will ich dabei sein. Ich will ihn sehen, ich will ihn fragen,
fr wen er wirbt. Der Prinz soll zu uns kommen, wenn er kein schlechter
Mensch ist. Und er soll Nai haben. Ja, Hoei, die Chinesen sind nicht
schlimmer als die Mandschus; es wird gut tun, wenn wir uns vershnen. Ich
will mein Kind nicht wegen eurer Laster verlieren.

Jetzt, liebe Hai-tang, weit du nicht, was du sprichst. Nein, du weit es
nicht. Weit du, was fr ein Schurke dieser Wang-lun ist. Ein Mingprinz! Er
will uns zeigen, wie gefhrdet wir sind und was er mit uns machen kann.

Ich will Juen-ching sprechen. Er mu fr einen Tag, fr morgen, vom
Wachdienst befreit werden. Nein, lache nicht, Hoei. Ich kann nicht leben.
Wenn ich ein Weib bin, brauchst du nicht zu lachen. Ich hab den ganzen
Jammer zu tragen; wenn dich ein Spott trifft, greifst du nach der seidenen
Schnur. Hilf mir, Hoei, hilf der Hai-tang, die du einmal geliebt hast.

Die Verhandlungen der beiden Familien verliefen rasch. Inzwischen, da das
Belagerungsheer noch nicht zum Sturm vorgehen konnte, seine Ergnzung sich
langsam vollzog, weil Detachements der Provinzialtruppen die Verbindung
sdlicher Rebellen mit dem Tschi-li-heere verhinderten, ging Wang in dem
Treiben der Stadt auf. Er imitierte fast mit Bewutsein seine Jugend in
Tsi-nan. Als der Tao-tai Tang-schao-i aus seinem Jamen geholt, im
Halskragen auf den Markt gefhrt wurde, stand Wang mitten unter den
Gaffern, die das Schild lasen, das dem giftig schielenden Beamten auf Brust
und Rcken gebunden war: da alle in der Stadt sich ein Beispiel an dem
Tao-tai nehmen sollten, die direkt oder indirekt Sympathien mit den
Aufrhrern uerten und versumten, Verdchtigen nachzuspren. Wang war der
erste, der das scheue Umschleichen und Flstern um den mchtigen Mann
beendigte, indem er von dem Boden faulige Krbisreste aufhob und sorgsam
nach dem Gesicht des Mannes zielte, ohne zu schleudern. Als die Ladung dann
in die Augen des Gefesselten feuerte, hrte das allgemeine Hhnen, Hnseln,
Anspeien erst auf nach dem Einschreiten des lahmen Aufsehers, der im
schwarzlackierten Strohhelm mit schwarzer Hahnenfeder hockend, von einem
toten Fisch an der Hand getroffen wurde und brllend mit dem kurzen Bambus
unter die Menge schlug.

Bei einem Bonzen in dem schmierigen Tempelchen einer kindergewhrenden
Kuan-yin lungerte er ein paar Tage; er fhlte sich gnnerisch in die
bescheidenen Betrugsmanver dieses pulverbereitenden harmlosen Geizhalses
hinein, dann flanierte er mit falschem, grauen Bart herum, schkerte mit
Kindern, denen er spannende und drollige Geschichten erzhlte. Nur
gelegentlich sprach er bei den Freunden vor, um Neuigkeiten von der
Reorganisation des Heeres zu hren. Er gurgelte seine Pfeife stundenlang
auf einer sonnenbeschienenen Veranda eines Restaurants, in seinem
Dahinbrten vermite er nur das Bauernmdchen, das im Lager geblieben war.
Am Meer nrdlich der Anlegestelle lagerte er sich in den steinigen Sand. An
manchen Morgen blickte ihn die See giftig an aus gelben lehmigen Augen,
spie klumpigen Schleim aus, murrte. Dann wieder war ihr Aussehen wechselnd
zwischen grauschwarz und purpur, von einer kaiserlichen Pracht. Unter dem
frischen Wind stolzierten lange Wellenzge, Karosserien mit blitzendem
Geschirr an das Gestade. Die Ruhe des hnderieselnden Sandes. Hier eine
Mulde, da eine Dne. Auftauchen und Hinschwanken der Segel. Anklimmen
groer Dschunken die Kugel des Meeres herauf ber die verschwebende
Horizontlinie. Hun-kang-tsun lag sdstlich. Kleine schlfrige Augen machte
Wang-lun, wand seinen Zopf auf.

Am zehnten Tage nach dem Erscheinen der Ruber im Hause des Generals
verlautete, die Hochzeit der Tochter mit ihrem Verlobten, dem jungen
Juen-ching, wre vorbereitet. In dieser Nacht erwachte die Braut, weckte
Mutter und Dienerinnen, die in demselben Zimmer schliefen. Auffahrend im
Dunkeln hrten auch sie auf dem Gang drauen sonderbares Scharren und
Rumoren. Geraume Zeit wagten die Frauen sich nicht zu bewegen. Als das
Gerusch fortdauerte, stie Hai-tang ein Fenster auf, gellte Angst in den
hinteren Hof, wo die Bewachung schlief. Fast im Nu flogen die Fackeln ber
die dunkle Flche her, das Haus scholl. Hai-tang lftete die Tre und wich
zurck. In dem hellen Fackellicht stand ein breiter Tisch vor der Tr, der
aus dem Empfangssaale geholt sein mute; die verblfften Kpfe der Mnner
steckten sich zusammen ber dem feinen Zepter aus Gold, den silbernen
Ringen, den beiden Beutelchen aus Seide, dem Kstchen der gedoppelten
Glckszeichen. Ein Scharren tnte ganz nah; die Mnner leuchteten unter den
Tisch; da schnatterten in einem Holzkfig zwei rotbemalte Gnse und
schlugen mit den Flgeln, vom Licht geblendet, gegen die Leisten. ber
Nacht hatte jemand heimlich Brautgeschenke ins Haus gebracht; die schwarze
an der Wand stehende Fahne mit den Mingzeichen sagte, wer.

Die Diener erschraken nicht weniger als Hai-tang, die man dann ohnmchtig
in ihr Zimmer trug. Ihr Schluchzen und das Jammern der Tochter erfllten
die Frauengemcher bis zum Morgen, wo sie sich ankleiden und schmcken
muten fr den Hochzeitstag. Chao-hoei fragte nicht, als die Soldaten und
Diener in der Nacht zurckkamen vom Durchsuchen des Gelndes in der
Nachbarschaft; er wute schon, da sich nichts finden wrde.

Die besten Astrologen der Stadt hatten sich widersprochen in der
Festsetzung des Termins, ja in der Frage, ob die Ehe dieser beiden zu
billigen sei; von fnf Astrologen fanden drei Tag, Stunde gut fr die
Verbindung, ein vierter las aus den acht Schriftzeichen von Geburtsjahr,
Monatstag, Stunde der Verlobten das zweifelhafte Ehebndnis dritter Klasse;
der fnfte warnte dringend vor dem geplanten Termine; die Verlobten
gehrten zwar zu den harmonischen Elementen Metall und Wasser; aber die
Hochzeit erfordere einen Monat unter den Zeichen des Pferdes oder der
Ratte, nicht in dem verhngnisvollen Hundemonat. Die schreckliche Ehe der
fnf Dmonen msse er berechnen.

Eine nebelverschleierte Sonne beleuchtete den Hochzeitstag. Von dem
hinteren Balkon des Hauses Chaos hing reglos eine Fahne aus roter Seide
herunter, bestickt mit den Charakteren: Drachen und Phnix verknden
Glck. Die Ehrendame, eine ltliche Verwandte Hai-tangs, rmelloses Gewand
und roter Schleier, bestieg am Nachmittag die einfache Snfte; man trug sie
durch die Straen, die eine grere Unruhe als sonst zeigten, weil Fischer
soeben berichtet hatten, da ein Truppenkontingent aus vereinigten
Provinzialsoldaten Tschi-lis und Schan-tungs kaum eine Tagereise hinter der
Stadt stnde und in der Belagererarmee groe Bewegung herrsche. Im Hof der
Sung-Familie war ein Zelt errichtet; drin speisten die Herren; die
Ehrendame im Hause weihte mit dem Duft von neun Rucherkerzen den
rotseidenen Brautschleier, fllte eine Vase mit Hirse, Weizen, Bohnen,
richtete das Brautbett. Unter dem Schall der Pauken, Trompeten und Gongs
legte ein Kind vier pfel auf die Ecken des Bettes, schtzte das Zimmer mit
zwei Stckchen Holzkohle auf der Schwelle. Schon glitt die Dame wieder
hinaus, bestieg den Maultierkarren, gelangte im Geleit von Vorreitern,
Weghtern und Treibern weit vom Magnolienhgel im schweigenden starren
Hause des Zolldirektors Chao-sin, eines Vetters des Generals, an.

Hierhin hatte man in der grauen Frhe die Braut und ihre Angehrigen
getragen, um die Hochzeit in Heimlichkeit zu begehen. In der Snfte flehte
Hai-tang den General an, die Hochzeit einen Tag zu verschieben nach dieser
grausigen Nacht. Aber Chao-hoei sagte mit drohenden Augen: Nein. Hai-tang
wute, wie schwer sie ihm schon die Heimlichkeit der Hochzeit abgerungen
hatte, schwieg, wand die Hnde.

Die zarte Nai stand vor ihrer Mutter, ein goldenes Wunder, bewegte sich
nicht in der berirdischen Kostbarkeit, die Hai-tang ber sie gehuft
hatte, purpurnes Hochzeitskleid mit den weiten rmeln, metallblitzendes
Diadem auf dem hochgetrmten Haar; die blauen Orchideen blhten auf den
rmeln, das zauberische Einhorn lief ber die vorquellenden blaugrnen
Untergewnder, zwei Enten schwammen eintrchtig ber einen Teich; hell
zwitscherte der aufstrebende Phnix. Hai-tang herzte die Hnde ihrer
Tochter, die aus ngstlichen Augen blickte; sie spielte lachend mit dem
duftenden Brautschleier, den die Ehrendame ihr gab; sie plauderte, sang der
Tochter das Lied vor, das sie neulich aus dem Garten gehrt hatte. Da
nherte sich Musik; die acht Herren, die die Braut holen sollten, fuhren
vor. Laternentrger, Schildertrger, Musikanten voraus; sie trugen lustige
grne Rcke mit roten Tupfen und flache Filzhte. Viele Kinder sprangen auf
dem Hof herum; sie sperrten mutwillig vor den Herren das Tor; die klopften,
warfen ihnen Geldmnzen hinein, bis das Tor sich unter dem Kreischen und
Jauchzen der Kinder ffnete und die Musikanten eindrangen. Chao-hoei hatte
die berwachung des Zuges in eigene Hand genommen trotz der Warnung
Hai-tangs, die gegen alle militrischen Manahmen war. Nachdem er im
Empfangssaale des Hauses mit den acht Herren gespeist hatte, ging er
hinber in die Frauengemcher, in denen die Braut Abschied von ihrer Mutter
nahm, mit zuckendem Gesicht, fliegenden Lippen herumtrippelte und nicht zu
weinen wagte. Teppiche waren ber die Stufen des Hauses in den Hof gelegt;
auf dnnen Sohlen rauschte die kindliche Braut neben ihrem Vater, der die
kaiserliche gelbe Ehrenjacke mit der Perlenkette trug; die Pfauenfeder
schwankte an der Mtze; in schwarzseidenen Stiefeln trat er auf. Vor den
Stufen umschlang er seine Tochter, trug sie auf den Armen herunter in die
geschlossene rote Snfte; das Kind sah ihn demtig an. Ein Trompetensignal;
die Snftentrger in blauen Jacken, gelben Hosen hoben an, langsam
schritten sie vorwrts; der Zug formierte sich und die helle Musik klang im
Echo von dem stolzen Hause nieder, das dster ber die abendliche Stadt
blitzte. Chao-hoei folgte getrennt vom Brautzug in geschlossener Snfte.

Zunehmendes Gewimmel in den Straen. Dreiig Soldaten, zehn Berittene, die
Leibwache des Generals, eskortierten ihn mit Hellebarden. Es wurde dunkler,
whrend man sich ber die Straen schlngelte, durch die Mrkte whlte.
Laternen flammten. Die Trompeten wechselten ab mit dem Fltengesang.

Ohne Zwischenfall erreichte man das rasch aufgesperrte Tor des Juenhauses,
an dessen Eingang die festlichen Herren warteten. Aus der Mitte des Hofes
stieg weilicher Rauch: ber die glhenden Kohlen hoben die Snftentrger
die feine Braut.

Da, whrend Diener im Begriff waren die Tore zu schlieen, entstand ein
Getmmel der zuschauenden Menschenmasse, die stark mit Soldaten gemischt
war. Das Gedrnge schleuderte ein paar vornstehende Frauen und Mnner in
den Hofraum hinein. Sie versuchten, in den Haufen zurckzuschlpfen,
wurden, da sie andere stieen, geschlagen. Heftiges Zanken und Kreischen
erhob sich am halbdunklen Tor, die Menschen schoben sich, indem sie sich
einmischten, in Erregung und Neugier ber den Hof. Die Snftentrger hatten
die Braut noch nicht an die Schwelle des Wohnhauses getragen, da
berfluteten die sich schlagenden gedrngten Mnner den ganzen
teppichgeschtzten Platz, keilten die Snfte ein, rissen eine Anzahl der
geschmckten, vor der Tr harrenden Herren seitlich fort. In das strmende
Durcheinander hieben unter Platzrufen Soldaten und Polizisten mit Stcken
und Peitschen. Viele drehten sich um, stolperten ber die Teppiche, wurden
umgeworfen, glitten unter die Fe der Menge. Ein langer Soldat, der mit
seinem Stab blind auf Mtzen und Schdel trommelte, wurde von zwei Mnnern
angegriffen. Man wand ihm den Bambus aus der Hand, mit spitzen Fingern
stachen ihm einige in die Augen. Auf den dumpfen Schrei: Mord! Mord!
bemchtigte sich einer gewissen Zahl der Menschen sinnlose Angst. An
mehreren Stellen sowohl der Strae wie des Hofes begannen Soldaten und
Brger zu ringen, sich die Kleider abzureien. Waffen kamen bei Fischern,
Lasttrgern, gutgekleideten Spaziergngern zum Vorschein.

Die Berittenen und Soldaten des Hochzeitszuges, zusammen mit Chao-hoei an
die Hinterwand des Hofes gedrngt, dessen Tor zum zweiten Hof sie nicht
ffnen konnten, fllten luftschnappend ihre Hellebarden bajonettartig. Die
Berittenen spornten die Flanken ihrer geputzten Pferde, die von dem Gejohle
scheu gemacht, sich auf den Hinterbeinen aufrichteten, mit ihren Hufen die
Menschen niederschmetterten, auf den Krpern ausglitten, niederstrzend
Mnner begruben. Im Moment war der leere Raum von fallenden, anklammernden,
brllenden Menschen bedeckt. Vor den Hellebardensten suchten die
vordersten auszuweichen. Auf die rckwrtsstehenden aufgemauert krmmten
sie sich, die Leiber einziehend; sie wurden von der Menschenmenge, die sich
wie eine Gasblase ausdehnte, auf die Spiee geschoben, wenn sie sich nicht
hinwarfen und von dem Zentnergewicht der Pferde und Menschen ersticken und
zersplittern lieen.

Chao-hoei kehlte heiser im Winkel nach der Snfte seiner Tochter. Der
letzte Berittene rief zurck, da er einen roten Tuchhaufen und zerbrochene
Holzstangen in der Mitte des Hofes she, bevor er die Arme aufwarf,
seitlich mit seinem von unten aufgeschlitzten Tiere abkippte. Die
Hellebarden der Soldaten niedergetreten, die Blaujacken umfat und
verschlungen, zerrieben von der mit sich ringenden Menge.

Mit Krach barst das berlastete hintere Tor. Die Eingeklemmten, Chao-hoei,
taumelten, flogen rcklings ber den zweiten Hof.

Auf der Strae, in der Mitte des Vorderhofes, bekamen die Mnner die Arme
frei. Jetzt sah man zwischen sich die Zertretenen und Erstickten.

Horden von krftigen Mnnern, an mehreren Stellen im Gedrnge arbeitend,
schrien mit verbissenen Gesichtern: Auf die Prfektur! Die Soldaten
nieder! Dolche, Messer, Schwerter schwangen sie. Sie spannten und knickten
die Menge auseinander auf der Strae: Die Soldaten morden uns!

Brger, der Liegenden, Niedergeschlagenen, Aufgespieten ansichtig,
stimmten, die Augen verdeckend, besinnungslos in den Ruf ein. ber die
Nachbarstraen flackerte das entsetzte Geschrei. Gruppen rennender und
tobender, blutender, zerrissener, wutgetragener Mnner und Frauen schlossen
sich zusammen. berall krachten die eingetretenen Haustore auf unter den
Fusten der Mord! Die Soldaten morden uns! Heulenden.

Die Straen lagen im Dunkeln.

Aus allen Straen schumte es.

Die fernere Stadt erwachte. ber den Prfekturmarkt hallten die Schreie
zuerst. Einzelne Menschen schossen wie Blle aus den Seitengassen. Dann
warfen die Straen grere Fetzen einer Menschenmenge ber den ungeheuren
Platz. Schlielich stand diese Menge selbst, gleichzeitig aus allen
umliegenden Straen aufwachsend, ein tausendarmiger Buddha schwarzen
Gesichts vor der stummen Prfektur, dem Gefngnis, der Stadtkaserne.

Trbe Laternen glommen verstreut, schwammen wie Boote ber eine Brandung.
Die stummen Gebude umgrteten den rotugigen Buddha, dessen Leib schwoll;
sie stachelten in seine Haut. Die Fackeln nherten sich, gierige Wlfe den
Hfen, den Torhusern der Prfektur.

Bevor noch die Flamme, die im Jamen schmauste, den weien Kopf aus dem
Fenster steckte, hatte man das Gefngnis erbrochen, die Eingesperrten
losgerissen.

Tang-schao-i erkannt, im Nu erwrgt und zerfleischt.

Das wollstige Juchzen, das die unsichtbaren Mrder anstimmten, den Kopf
des Tao-tai auf eine Polizeistange gestoen, hetzte die entfernteren, die
ungesttigt im Chor Feuer! Niederschlagen! riefen. Als der weie
Flammenbogen ber das Prfekturdach und den Torweg des Gefngnisses stieg,
tanzte der besessene Riese, johlte gleichmig, verzckt, brnstig: Feuer!
Feuer! Niederschlagen! Zerreien! Mit den Armen rissen sie aneinander,
kletterten sich auf die Schultern.

Frauen, aufgesogen von dem vorberspritzenden Menschenstrahl, verdrehten
die Augen, zerrten sich Kmme aus den Haaren, rchelten, suchten sich zu
entkleiden, zogen einen weien Schaum durch die mahlenden Zhne. Ihre
Pupillen wurden klein wie Punkte. Sie hantierten an den Schultern und
Nacken von Brllenden, die sich mechanisch abwischten. Hie und da hing sich
ein schlanker Mann, ein zarter, erschreckter einem Fremden um den
schweiigen Hals, seufzte widerstrebend, als die blaugrne Flamme in
breiter Ausdehnung aus den Brsten der Menge brach: Wie schn, wie schn.
Schon flackerten seine Arme wie der hitzige Schein. Er war mit walzendem
Gehirn in den steifen strengen Drang hineingenommen.

Die Luft ber den Kpfen brodelte.

Innerhalb der westlich auf dem Platz gelegenen Kaserne sperrten zweihundert
alarmierte Soldaten den Torweg. Beim Knistern der Holzspalten dicht ber
sich schmissen sie Bogen und Sbel hin, sprengten gegen den Ruf der
Offiziere die Tr. In dem schmalen Eingang entspann sich das Wrgen. Die
Menge schraubte sich auf die Hfe.

Von Zeit zu Zeit verhllte der Qualm das groe Licht der Dcher. Dann
leuchtete die Flamme, pltzlich den grauen Mantel ablegend, ber den Markt,
entlarvte die tausend verzerrten Tiergesichter, die die schwarze Nacht
versteckte.

Sechs Rotten strmten die breiten Straen nach Norden herauf; von dem Lager
und der Mauer trommelten die Kompagnien herunter. Trompetenste,
Handgemenge in finsteren Straen. Von Dchern und nahen Hgeln hauchende
Pfeilschsse, sausende Speerwrfe in die gebumte tolle Menge. Die Massen
stauten sich. Neue Kompagnien bullerten von Norden her, pfhlten sich in
die Aufrhrer, schwangen sich auf die niedrigen Dcher, schossen in langen
Reihen, Strae ber Strae bildend auf den Markt. In die krzeren Pausen
des Johlens klang ein fernes, wildes Blasen, Schurren, Rumoren; ein
Bergrutsch: die Rebellen drauen berannten die Tore. Unbarmherzig drngte
die Masse nach Norden, zerrieb sich an der Barriere der Soldaten.

Als das blitzartige Hinsinken der Pfeilgetroffenen begann, spie man in die
Richtung der Soldaten. Dann dehnte man sich unter Wutgeheul nach den
sdlichen Ausgngen, zertrmmerte, was in den Weg kam. Verwundete
brckelten ab, von der Masse losgelassen. Sie warteten nicht, bis der
Hauptzug, von den Kompanien zurckgeschlagen, ber den qualmdicken Markt
zurckhetzte, und das Brausen der Soldatenrufe und die steinernen
Trommelwirbel das Grhlen, die Hetzrufe, Pfeifen berschallten.

Der Kampf von Gruppen auf Markt und Seitenstraen dauerte eine Stunde. Die
Kaiserlichen, im Besitz der nrdlichen Stadt und des Marktes, protzten auf
vor den verrammelten sdlichen Zugngen. Heftiger krawallte es von der
westlichen Mauer.

Am nchsten Morgen schwangen die siegreichen Belagerer auf dem grten
Umfang der Mauer die schwarzen Fahnen, in ihr eigenes Lager marschierte
aber die Vorhut der Provinzialarmee ein. Der entscheidende Kampf dieses
Tages vollzog sich in den ersten Vormittagsstunden. Die an Zahl schwcheren
Aufstndischen wurden von den frischen regulren Truppen nach dem hrtesten
Ringen geworfen. Sie flohen sdstlich, gefhrt von Wang-lun und der Gelben
Glocke.

Am Nachmittag fand ein wenig rhmlicher Kampf zwischen den alten
Ilisoldaten, die durch Provinzialmannschaften verstrkt waren und den
stdtischen Aufrhrern statt. Auch die Piraten nahmen an dieser Phase der
Schlacht teil, indem sie zunchst die Dschunken der Flchtigen zum Kentern
brachten, dann an Land steigend einen kleinen Teil der verzweifelt
Kmpfenden umstellten und gefangen nahmen.

Chao-hoei wurde bei diesem nachmittaglichen Endgefecht von
Provinzialsoldaten im zweiten Hof des Juen-Hauses aufgefunden. Er lag in
einem Schuppen auf dem Gesicht, mit Quetschwunden beider Arme und Hnde, in
einer Art Schlummer oder Verwirrtheit. Er kam zu sich. Man trug ihn durch
die verwsteten Straen in einer Mietssnfte in sein Haus.

Wenige Stunden spter brachte man auf grauverdeckter Bahre die Leiche der
jungen Nai, die erstickt, dann zur Unkenntlichkeit zertreten war.

Das Kampfgetse entfernte sich von der Stadt.

Rote Fahnenstangen grub man in die Erde vor Chaos Haus, die totenlockenden
Seelenbanner spannte man daran auf. Auf dem Podium des berdachten vorderen
Hofes stand der offene Sarg mit der Leiche. Blaue Schuhe, bestickt mit
Pflaumenblte, Krte, Gans, sahen unter der kostbaren gelben Decke hervor,
die das zerschmetterte Gesicht bedeckte. Die Gebetsformeln des Stoffes
berschtteten die Tote. Um den Hals unter dem Leichentuch hatte ihr
Hai-tang eine goldene Kette mit einem winzigen Glaskrug geschlungen, ein
Briefchen in den Krug geschoben; in dem nannte sie den Namen der Liegenden,
ihrer Sippe, ihr Alter. Sie beschrieb die Schnheit, Wohlerzogenheit und
Unschuld, das Schicksal, das sie erlitten hatte. Die Geister mgen sie
herzlich aufnehmen und mgen sich nicht beklagen, da sie nicht mehr den
Boden des mittleren Blumenreiches betrten.

Die weigekleideten Gste erschienen am Nachmittag, warfen sich vor dem
Libationstisch am Fuende des Sarges dreimal nieder auf die Stirn; Pfeifen
schrillten, der Gast spendete den Wein, Paukenschlag, Klirren eines
einzelnen Gongs, Stille. Zwei lamaische Priester im gelben Mantel,
goldgeschmckte Tiaren auf den Schdeln, sangen Litaneien, Weihbecken
schwingend. Vor dem Magnolienhgel verbrannte man abends die schnen
papiernen Snften, den Silberschrein, die Flitterkleider, das Schatzhaus,
Lauten und Geigen, die Lieblingsbcher der Braut, damit sie sie ber den
Nai-ho mitnehmen knnte.

Als der dritte Tag nach dem Tode gekommen war, wo die Seele noch einmal
zurckkehrt, hasteten Chao-hoei und Hai-tang lange Stunden unter den Ulmen,
lpften die Ecken, wippten die ste auseinander, riefen die Entschwundene
bei allen Kosenamen, jammerten, schrien, fielen sich in die Arme,
klammerten sich lauschend an die Gartenpfoste, liefen sthnend jedem
Vogelruf nach, stiegen auf das Dach des Hauses. Sie solle wiederkommen, die
schlimmen Menschen seien fort, ihr Brutigam erwarte sie. An ihrem Zimmer
sei nichts verndert, Bcher und Lauten lgen herum, die Freundinnen
weinten und wollten sie wiederhaben; die Feinde seien alle geschlagen und
nun zgen sie wieder nach dem sonnigen Hia-ho. Oh die Thujen da, die
Ziwitbume, die Fcherpalmen, wenn sie daran dchte, die weiche warme Luft,
und die Bananenstauden. Kein Mosquito wrde sie beien. Boot, kleines
buntes Boot sollte sie fahren, wenn sie bei ihrer Mutter bleiben wollte; ja
sie knnte bleiben, sie msse bleiben, sollte nur wiederkommen. Um Hing-hoa
stnden sie, Seen voller Rosen, die blhten und dufteten; man wolle wieder
fort von hier, kommen, kommen, kommen sollte sie! Zu ihrem Vater! Zu ihrer
Mutter! Nai! Ob ihr Seelchen in das Haus kommen wollte, oder unten in den
Garten oder wohin? Nai! Nai!

Die Mdigkeit lhmte die Knie; sie tasteten sich in ein Zimmer, sanken auf
eine Bank. Wieder rafften sie sich auf, schleppten sich fort, suchten,
wehten mit Puppenfhnchen, reckten die Hlse, schrien, schluchzten.

Mit winselnden Pfeifen, monotonen Trommeln zogen am Morgen des Begrbnisses
die Knaben vor das stolze Haus; Musik raschelte an den Mauern wie die
unsicheren Hnde eines schwindschtigen Fieberkranken; ein berlauter
Gongschlag warf sie immer hin.

Zwlf Sargtrger, wesenloses Grau und Wei huschten heran, bemchtigten
sich still des mit weien Tchern und Bndern berhuften Sarges.
Wehklagen, Kreischen, Sthnen der Gste im Hof. Das Haus verlassen, das
Podium leer. Das lange blaue Seidenbanner der Sippe Chaos fhrten
vierundzwanzig Trger; durch das Tor schlpften noch hinterher die Trger
der Schirme, der viereckigen Mondfcher, der Fhnchen und Hellebarden. Die
Mehlkgelchen fr die obdachlosen Geister flogen in den Staub am Weg.

Hai-tang spielte mit der Pipa der kleinen Nai im Zimmer der Toten. Ihre
Haare hingen. Das Gesicht ungeschminkt. Sie drehte das Instrument hin und
her.

An denselben Tagen fuhr man auf groen Lastwagen die gefangenen Bndler vom
Markt auf die Richtsttte vor die Stadt. Die kleine Nai lag schon in ihrem
Hgel, als die Soldaten auf schweren braunen Pferden dem unabsehbaren Zug
der schwankenden Delinquenten voranritten, durch die Mauer in den sandigen
Talkessel. Posaunenste vom Markte. Die Wahrhaft Schwachen und die
Anhnger der Weien Wasserlilie, fast hundertundfnfzig, trugen hlzerne
Fufesseln; auf ihre Rcken waren Kaoliangrohre gebunden, mit Papier
umwickelt, die die Namen des Verbrechers anzeigten. Die Ochsenwagen
ratterten durch die Straen; die Brder lchelten herunter und winkten mit
den Hnden den Stdtern zu, die ihnen Reisschalen, Tassen mit Wein
hinaufreichten. Sie sangen vom Westlichen Paradies. Von allen Seiten lief
man hinzu, zeigte sich die Freunde, Bekannten, weinte und wagte nicht zu
fluchen auf die Sieger. Drauen umwogte den Richtplatz eine ungeheure
Menschenmenge, die Reiter mit flachen Sbeln und Polizeistcken in Ordnung
hielten.

Die Ochsenwagen fuhren an; der Gesang verstummte. In Reihen zu zwanzig
hpften sie hintereinander.

Schon tauchte in ihrem Rcken der Henker auf mit nacktem Oberkrper; den
Knauf des zweischneidigen Richtschwertes mit den Hnden umschlieend,
schwang er es hoch, da sich sein Krper auf den Zehen erhob;
niederschmetternd, sich krmmend und von der Wucht seitlich fortgezogen,
trennte er Kpfe von Rmpfen.

Zwei senkrechte armdicke Blutquellen; der Kopf rollte, zwinkerte mit den
Augen. Der Mund schnappte. Der noch knieende Rumpf schnellte mit einem Satz
nach vorn, fiel hin.

Die Soldaten im weiten Umkreis spannten ihre Bogen teils auf die Rebellen,
teils auf die finstere Menschenmenge.

                   *       *       *       *       *

Auf die Meldung des groen Sieges erhielten die Gouverneure von Tschi-li
und Schan-tung die zweiugige Pfauenfeder. Mit den Dekreten Khien-lungs
traf sein eigenhndiger Brief an die Fhrer ein, in dem er die vollkommene
Ausrottung der Rebellen und Ketzer befahl. Wie groes Gewicht Khien-lung
auf die grndliche Erledigung der Angelegenheit legte, erhellte aus den
Ernennungen, die er fr den zweiten Teil des Feldzuges anordnete; er
stellte den Feldherren den Prsidenten des Zensorenhofes, Sza-hoh, und den
kenntnisreichsten und belesensten seiner Schwiegershne
Zoh-wang-tao-roh-tsi als Berater zur Seite. Ferner lie er in Solon und
Kirin tchtige mandschurische Bogenschtzen in groer Zahl anwerben, die
nach ihrer Aushebung sofort auf den Kriegsschauplatz rckten.

Die geschlagenen Bndler flchteten durch das sdliche Tschi-li, traten in
das Bergland von Schan-tung, sammelten sich an mehreren Gebirgsorten, wo
sie neuen Zustrom erfuhren. Sie stiegen geordnet in die Ebene des groen
Kanals, den sie berschritten. Die kaiserlichen Truppen, nrdlicher und
stlicher stehend, konnten nicht verhindern, da Wang-luns Anhnger in
einer blinden Zerstrungswut die Stadt Sou-chong nicht ganz zwei Wochen
nach dem Fall Schan-hai-kwangs ansteckten, zwei weitere Distriktsstdte
besetzten, schlielich die ummauerte Stadt Tung-chong belagerten und
einnahmen. Diese Orte grenzten dicht an Tschi-li; ihre Eroberung gefhrdete
die Grenzdepartements Kwan-ping und Ta-ming; der Tsong-tou erhielt Befehl,
diese Gegend zu decken.

Wang-lun lag in Tung-chong am Kaiserkanal. Alle Rebellentruppen waren
konzentriert in einem Umkreis von zwei Tagesmrschen. Der sengenden Hitze
folgten Regentage, Sturm. In dem prasselnden Wetter warfen die Bauern die
zweite Saat. Der Handel dieser reichen Gegend stand still, der Verkehr auf
dem Kanal abgeschnitten. Die Rebellen in einer rasenden Betriebsamkeit
zndeten alle umliegenden Drfer in Brand. Den kommenden Anmarsch der
Regulren hemmten sie durch das Ziehen mchtiger Querwlle, in die sie
Kanalwasser leiteten. Die Hauptstrae unterwhlten sie; haushohe Hecken-,
Bambus- und Sandbarrieren richteten sie von Strecke zu Strecke auf. Die
Wachtrme, die durch aufsteigenden Rauch Signale geben konnten, trugen sie
ab. Bauern, deren Anwesen sie nicht zerstrten, leisteten Frondienste.

Vormittags sa Wang im Magistratsjamen von Tung-chong und hielt Gericht.
Die letzten Siege hatten das Heer erfrischt; man lebte im Kriege, man wog
Siege und Niederlagen. Glck und Unglck hing an den schwarzen Mingfahnen;
mit Zrtlichkeit und Entschlossenheit hielt die Masse des Heeres zu ihnen.

In diesen Tagen bot Wang-lun, sitzend auf dem Ofenbett des Gerichtszimmers
im Jamen von Tung-chong, seiner regsamen Umgebung ein vielfach wechselndes
Bild von Heiterkeit, Entflammtheit und Entrckung. Man kannte dies
Verhalten an ihm schon seit der Pe-kinger Schlacht, nur da die
Aufflligkeiten des Zustandes zunahmen; einige behaupteten sogar, da er
mitten in den Kmpfen den Ernst verliere, Soldaten der Feinde die Mtzen
abrisse, sie auf seinen Gelben Springer stecke, mit den Angreifern wie eine
Katze spiele, unbekmmert um den Stand des Gefechtes. Wie sehr er in die
Eigentmlichkeiten des Kriegslebens versank, zeigte auch seine
Ungeniertheit im Verkehr mit den Weibern der eroberten Stdte. Wang nahm
sich, was ihm gefiel, whrend er strenge Zucht ber die Wahrhaft Schwachen
bte. Er bat oft einen oder den andern seiner Freunde um Entschuldigung
wegen seiner Liederlichkeit; sein Verhalten sei vielleicht lcherlich, aber
man solle nicht schlecht davon denken; es solle sich niemand einfallen
lassen, schlecht davon zu denken. Er fhle sich eigentlich recht glcklich
und zuversichtlich; er hoffe, es werde alles noch besser gehen; lngere
Gesprche mied er; er mied auch die Unterhaltung mit der Gelben Glocke.
Ngoh, der Sou-chong hielt, ekelte und graute vor Wang; sie hatten,
abgesehen von den dienstlichen Mitteilungen, keinen Verkehr miteinander.
Oft bemhte sich die Gelbe Glocke, Aufklrung von Wang zu bekommen. Als ihm
Wang auswich, ging er in schwerer Beklemmung, in heftiger Trauer umher. Er
hatte den unklaren Wunsch, Wang zu trsten und vor irgend etwas zu
bewahren. Die Besorgnis der Gelben Glocke um Wang war so stark, da er
einige zuverlssige Leute beauftragte, den eigentmlichen Mann zu
beobachten und ihm zu berichten; aber er konnte diese peinlichen Berichte
nicht anhren und wute sich in seiner Angst und seinem Mitleid nicht zu
helfen.

Einmal brachte man vor Wang in das Jamen einen Ruber, einen zerlumpten,
finster blickenden Halunken, der sich als Wahrhaft Schwacher vor Bauern
ausgegeben hatte und dann, eingelassen, ber die Wehrlosen hergefallen war;
vielleicht zehn Flle schweren Raubs in der nchsten Umgebung Tung-chongs
waren ihm nachgewiesen. Wang fragte den starkknochigen, nicht mehr jungen
Gesellen, woher er stamme. Der kniete und schwankte viel seitlich, weil man
ihn, um Gestndnisse zu erzwingen, nachts einige Stunden auf sechs dnnen
Kettchen hatte knien lassen. Er seufzte und bat, ihn freizulassen; er sei
unschuldig, man habe ihn verwechselt. Dann, den vertieften Blick seines
Richters auf sich gerichtet sehend, bat er dringender mit Hndeausstrecken,
ohne Wangs Fragen zu beantworten. Schlielich sagte er, er sei der Sohn
eines Pastetenbckers aus Tiang-chong; frh wre er dem weggelaufen, weil
er sich nicht fr die Bckerei geeignet htte, er knne nmlich keine Hitze
vertragen, auch jetzt nicht; es sei ein unglckliches Geschick. Und dann
log er weiter, bis er schlielich von der Rebellion sprach, wie er mit den
Bndlern sympathisiere; er verplapperte sich, indem er angab, da ihn
manche Bauern fr einen frommen Bruder gehalten htten. Er mute auf den
Wunsch des Richters aufstehen und von einem der Hscher gefhrt in der
Halle auf und ab spazieren. Mit schiefen Blicken, oft zusammenknickend,
beobachtete der Verbrecher seinen sonderbaren Richter, der ihm unverwandt
nachblickte.

So alt wie dieser war Wang auch; dieses Schicksal also htte er gefunden
ohne den und jenen Zwischenfall, ohne Su-koh in Tsi-nan, ohne das Elend auf
Nan-ku und anderes. In Tsi-nan ging er herum wie dieser; jetzt schleppte
man den Halunken hier; er htte es vielleicht nicht so dumm gemacht wie
der, aber einmal, einmal wren auch ihm die dnnen Kettchen unter die Knie
ausgebreitet worden.

Wenden! rief Wang, weitermarschiert!

Ein verhungerter Bursche mit Klauen und Armen, wie ein Affe, zahnloses
Maul, drre Waden; er konnte klettern wie er lgen konnte. Sein Bruder,
sein Bruder! wie gelogen, so wahr geredet; kein Wahrhaft Schwacher, aber
sein Bruder.

Erstaunt besah sich Wang den Mann, sah sich nicht satt an seinen Lumpen,
verglich seine eigenen Hnde mit denen des Strolches; beobachtete ganz
insgeheim den Hscher, ob die etwas merkten und sich auch wunderten, da er
hier oben sa und nicht selber da unten ging. Nein, man merkte nichts. Ob
man nicht die Rollen vertauschen sollte, war der Halunke nicht zu beneiden?
Verflucht sollten Su-koh und Nan-ku und alles sein, da sie ihn bezwungen,
weggerissen von seinem Wege htten. Wer solch groes Maul haben und so
scheel blicken knnte!

Nachdem der Verbrecher mehrmals vor dem Ofenbett auf und ab geschleift war,
lie Wang den Glcklichen, ununterbrochen sich Verneigenden ohne Strafe ins
Gefngnis zurckschaffen.

Bei Einbruch der Dunkelheit schlich Wang in den Gefngnishof, wies die
Aufseher beiseite, setzte sich neben den grinsenden Mann, der an den Fen
gekettet freudig seinen Gast umhpfte. Statt ihn auszufragen, fing der
Richter im Gaunerkauderwelsch mit ihm zu flstern an, so da der Gefangene
erst stumm, erschreckt zurckwich, dann vergngt einfiel, denn er wute
schon, wie gemischte Elemente zu den Wahrhaft Schwachen strmten. Der
Gefangene erzhlte witzige Geschichten von den singenden Brdern und gar
den aberdummen Schwestern, die die unglaublichsten Tiere seien; sie faten
zusammen einen Plan zu fliehen, den einen jungen Aufseher zu bestehlen und
zunchst drauen den Bauern einen Denkzettel zu geben, die den Verbrecher
festgenommen htten. Der Gauner kam ins Schwatzen und Wang hrte zu; sie
schlugen sich flsternd die Schenkel. Sie muten sich beiseite setzen, die
andern Gefangenen kamen angehpft und wollten an der Unterhaltung
teilnehmen. Als Wang die zudringlichen Fratzen der Mnner sah, die
verstmmelten Nasen, Ohren, wurde er rasch stiller. Er hrte ber das
hastige Geplapper seines Nachbarn weg, starrte die grausigen, lachenden,
struppigen Kpfe an. Bengstigt stand er auf, gab dem Verbrecher ein paar
gute Worte, ging auf die Strae. Ihm fror der Magen; seine Drme stiegen
ihm zum Zwerchfell. Durch die morastigen Straen, in denen selten eine
Laterne vor einem Hause brannte, hastete er; kleine Patrouillen liefen an
ihm vorbei.

Nicht Verbrecher sein, kein Mord, kein Mord! Wie soll man das ertragen, zu
morden! Helfen den andern, verstmmelten, helfen! Ihre Gesichter wieder
gutmachen! Nan-ku, widerstreben, nicht widerstreben, das Schicksal
besnftigen! O, diese waren schlecht und arm, sie sollten zu ihm kommen;
dann brauchten sie nicht auf Ketten knien, nicht in ihrem Kot liegen, nicht
die lange Rute dulden. Sein Bruder, seine Brder, o, so wre er geworden!
Nicht morden, nicht morden!

Er gab am nchsten Morgen Befehl, keinen gefangen zu nehmen, auch die
Gefngnisse alle zu entleeren. Wer von Verbrechern, die ergriffen wrden in
den Stdten und der Umgebung, sich bekennen wrde zum Wu-wei und gegen die
Mandschus kmpfen, sollte in den Bund aufgenommen werden. In lebhafter
Unruhe herumgehend schickte er mittags zu der Gelben Glocke, der eilig kam.

Wang erwartete den graubrtigen Offizier vor der Tr seines Jamens, zog ihn
in das Haus, griff wortlos nach seinen Hnden, umarmte ihn: Wre Ma-noh
noch am Leben, wrde ich zu ihm schicken; du mtest dabei sein. Ich will
dir bekennen: heute nacht habe ich die armen Verbrecher im Gefngnis
besucht, aber ich kann nicht mehr Verbrecher sein. Ich hoffte es noch
manchmal, aber es ist ein Irrtum von mir; das sind alte Geschichten, man
wird nicht wieder jung. Ich habe sie im Gefngnis gesehen mit den
abgeschnittenen Nasen, Ohren; sie haben nach mir gespuckt; o, giftig
blicken sie. Du hast das noch nicht gesehen, Gelbe Glocke. Such dir einen
aus, sieh ihn dir an, dann wirst du, wirst du mir recht geben, da diese
Menschen schrecklich, schrecklich sind. Ich wei nicht, wie man schlafen
kann, wenn man denkt, da es so schreckliche Menschen gibt. Und wie ich es
selber ber mich brachte, einmal zu morden. O, sind dies Unglckliche,
lieber Bruder, sind dies Arme; vom Mord laufen sie ins Gefngnis, vom
Diebstahl legt man sie an Ketten, schlgt ihre Fusohlen, schneidet ihnen
Stcke Fleisch aus, brennt ihre Ohren ab; und wenn sie dann leben bleiben,
dann rauben sie wieder, und sie wissen gar nicht, was man von ihnen will,
wie das enden soll, warum alles so sonderbar zugeht: Mandarinen da, und da
Kaiser, und da Bauer, und da Verbrecher. Ja wie soll das enden? Ich habe
mein Wu-wei beschworen, damit ich mir und ihnen helfe; es sollte dann gut
sein; alle auf Nan-ku haben es mir geglaubt und es ging vielen so gut. Ich
will doch kein Knigreich grnden; stoen, schlagen knnte ich mich, so
vergelich bin ich. Fr sie und mich ist das Wu-wei gestiftet, und ich will
uns untergehen lassen.

Die Gelbe Glocke nahm Wangs Arm von seinen Schultern; sie hockten zusammen
auf eine schmutzige Binsenmatte an der Tr; Wang hob die Arme nach den
Wnden: Die goldenen Buddhas mten hier stehen, wie bei Ma-noh in der
Htte; die milden Gtter sagen alles und nur gutes. Bin ich nicht wieder
auf Nan-ku? Ich mchte wieder ganz in Weichheit, in Ruhe auf Nan-ku sein
unter den Brdern.

Die Gelbe Glocke sprach mit einer zitternden Stimme:

Hat es sich so gewendet in dir, Wang? Ich habe so um dich gefrchtet. Du
konntest uns leicht verloren gehen, dachte ich. Ich dachte es nur. Ich bin
ja glcklich fr dich und fr mich. Was fehlt dir noch?

Alles, lieber Bruder. Ich habe dich darum rufen lassen! Was hab ich nun,
sag mir, inzwischen getan, seit ich von Nan-ku herunterkam? Ist das gut
gewesen? Wie soll ich mein Leben verstehen?

Ich wei es nicht, ich hab nicht alles gesehen, was du getan hast.

Das Wu-wei ist gut. Das kann mir niemand entreien. Ich habe solche Angst
um mich, Gelbe Glocke, da ich den Weg verfehle. Und die Gefangenen sollen
alle mit mir kommen, ich mu fr sie sorgen.

Der andere begtigte Wang; er mute den Mann in der Halle herumfhren; das
Schicksal des Heeres sei gleich, das Wu-wei wrde nicht untergehen.

Als sie wieder auf der Matte saen, schwieg auch Wang bald, der sich
anklagte. Nach einer Pause sagte die Gelbe Glocke leise, aus einer
Versunkenheit auftauchend, er wolle seinem Bruder eine Geschichte erzhlen.

In einem Dorf der Provinz Tschi-li soll einmal eine Familie Hia gelebt
haben. Hr mir ruhig zu, Wang, es ist eine Geschichte, die dich angeht; sei
ruhig, lieber Bruder, ich will dir ganz meine Meinung sagen und dir helfen.
Die Frau tat ihre Arbeit auf dem Feld, sie ging mit den Ochsen in der Frhe
hinaus und pflgte. Ihren Mann liebte sie. Eines Morgens, bevor sie
aufstand, kam aus der Wand ein scharfes Flstern: 'Dein Mann trinkt Wein in
der Schenke; er hintergeht dich mit deiner Nachbarstochter; er mchte sie
zur Nebenfrau.' Ihr Mann nahm sie in die Arme, bevor sie aufs Feld ging,
und kte sie; sie fate ihre beiden Kinder bei den Hnden an und sie saen
mit ihr auf dem Feld. Die Ochsen brllten; die Frau spielte mit den Kindern
und ging nicht an den Pflug. Um Mittag wanderte sie mit den Kindern wieder
nach Hause; leidenschaftlich herzte sie ihren Mann, sagte, da sie sich
krank fhle. Er mute sich die Schrze umbinden, den Strohhut aufsetzen und
pflgen. Sie setzte sich auf ein verfallenes Grab hinter dem Haus, dachte,
wie die Mnnerliebe von Reisig und Stroh sei, weinte erbrmlich, und sann
auf Trost. Mit entschlossener Miene erhob sie sich: 'Tu mir ein Liebes an,'
betete sie zu einem Buddha, 'rette mich.'

In der finsteren Nacht schlpfte sie von ihrem Lager herunter, nahm mit
Winken der Hnde Abschied von dem schlafenden Mann, mit Streicheln von den
leise atmenden Kindern, ging in die blaue Nacht hinein, ber ein breites
Kohlfeld, und hinter einem weiten Brachacker stand ein Berg, in dessen
steile Seitenwand die Treppe eingeschnitten war, auf der man in bestimmten
Monaten zum Buddha kommen konnte. Es muten schon andere aus dem Dorf diese
Nacht hinaufgestiegen sein, denn whrend sie kletterte, bemerkte sie
frische, erdige Futapfen. Ihr graute, weil die Treppe kein Ende nahm und
sie frchtete schwach zu werden. Sie trat und trat; sie holte andere ein;
mit einem Mal glitten sie eine kleine Strecke tiefer und wurden dann von
einem Schwung hher und hher getragen, ohne die Fe auseinanderzunehmen.
Auf der Plattform sa der Gott mit angezogenen Knien auf einem Esel; zwei
Mnner mit Schirmen, Fchern und Laternen standen hinter ihm, und hielten
den Esel beim Zaum, machten freundliche Gesichter. Auch der Gott lchelte;
er hatte ein schmalausgezogenes Gesicht mit einem Ziegenbart; die Fe
versteckte er in seinem grauen Obergewand. Die Frau stellte sich ganz
zuletzt und wartete gesenkten Gesichts. Als die Mnner ihr zuwinkten,
schlich sie zgernd nher in den Lichtkreis; der Gott legte seine dnne
Hand, die wie aus weier Jade vom Laternenlicht durchschienen wurde, auf
ihr Haar und fragte sie, indem er sie aufforderte, den Rcken ihm
zuzuwenden und dann zu sprechen. Stockend redete sie, wobei ihr wurde, als
ob auch sie aus durchsichtiger Jade war. Sie kehrte sich dem Gott wieder
zu; er bckte sich, flsterte ihr ein sonderbares Wort ins Ohr, sagte
leise, nun knne sie wieder nach Hause, es sei gut. Sie legte die Hnde vor
das Gesicht, stand eine Weile, bis einer der beiden Mnner sie an die
Treppe fhrte.

Nun verging ein ganzer Sommer, bis die Frau, die nur manchmal noch aufs
Feld ging, sich hufiger abermals auf das Grab setzte, ihre Kinder an sich
zog und schlielich am Ende der Ernte wieder nach der Treppe wanderte. Das
Steigen tat ihr wohl; ihre Fe schmerzten, das machte ihr Behagen; es
schien ihr, als ob sie die ganze Nacht in die Hhe stieg. Sie ging ganz
allein; es war nicht der Monat, in dem man den Gott aufsuchen durfte, aber
sie sah dem ernsten alten Wchter oben ins Gesicht und verlangte zugelassen
zu werden; sie habe ein Recht dazu, das ihr niemand bestreiten drfe. Er
fhrte sie traurig auf die dunkle, ungeheure Plattform, sagte, der Gott
wre da, sie sollte nur sprechen. Sie schrie sofort, nannte ihren Namen,
klagte den Gott an, da er ihr nicht geholfen habe. Er antwortete von
ferne: 'Was willst du von mir, Frau?' Da rief sie: 'Nicht du hast zu
fragen, sondern ich. Ich wollte sterben. Aber du hast mir ein Trostwort
gegeben, hast mein Leben verlngert. Was willst du von mir? Darum komme ich
zu dir. Ich bin die ganze Nacht gelaufen, um dich dies zu fragen.' Hart,
ganz in ihrer Nhe fragte die Stimme: 'Wo hast du deine Kinder? Wer hat
dein Hirsefeld im Sommer bestellt?' 'Mir sollst du helfen; meinen Kindern
geht es gut; mein Hirsefeld kmmert nur mich.' 'Das Wort hat dir nicht
geholfen, weil du widerspenstig warst, Frau.' 'Du hast mich an der Nase
herumgefhrt im Sommer, du bist ein sauberer Gott.' 'Frau, du hast deinem
Mann und dir nicht helfen wollen.' Sie brach in Gelchter aus: 'Und das
nennst du noch Trost?' Sie sprach kein Wort weiter. Vor einem Runzeln
seiner schmalen Stirne, die sich dicht vor ihr aufstellte, schrumpfte sie
zusammen, sauste als ein zackiger Stein den Abgrund herunter bis zum Beginn
der Treppe, wo sie aufprallend in die Wolken stieg. Sie tauchte zwischen
den Sternen unter, schwirrte als ein Meteor mit den Schwrmen heimatlos vor
den Wolkentren. -- Hast du mich verstanden, Wang-lun?

Der sa mit gesenktem Kopf und nickte: Ich habe einen Wink bekommen und
soll ihn annehmen. Ich schlage dem Schicksal nicht ins Gesicht; aber glaube
mir, Gelbe Glocke: Entschlsse helfen dem Menschen nichts, wenn er unruhig
ist. Man bezwingt mit Entschlssen nichts in sich. Es mu alles von selber
kommen.

Er hob pltzlich sein ernstes Gesicht zur Gelben Glocke: Du freust dich
ber mich. Und ich freu mich, weil ich heute diesen Wink bekommen habe und
weil es mir wieder gut gehen wird. Ich fhle, lieber Bruder, es wird mir
wieder gut. Ich fange wieder an Menschen zu lieben. Was fr ein
Durcheinander habe ich erlebt, jetzt kann ich wieder aufstehen und ruhig
gehen und unser Wu-wei auf den Hnden tragen.

Weh uns, Wang, da wir es auf den Hnden tragen mssen, mit Schwertern,
mit Beilen. Weh ihnen, die uns Arme, Gute angreifen.

Es soll uns nicht kmmern, lieber Bruder. Sie machen das Wu-wei nicht
schlecht. Wir, nur wir gehen den richtigen Weg, der auf den Gipfel der
Kaiserherrlichkeit fhrt. Ich will leben, so lang ich darf unsere gute
Lehre verteidigen. Diese Nacht wollte ich euch verlassen mit dem
Verbrecher. Ich will diese Nacht nicht vergessen, in der ich zum zweiten
Male auf dem Nan-ku-pa gesessen habe.

Die Gelbe Glocke hielt immer streichelnd Wangs linke Hand: Dies bist du,
so wollte ich dich kennen, so bist du, lieber Bruder. Das Fieber hat dich
verlassen. Man kann uns erschlagen; wer kann uns etwas anhaben?

Sie erhoben sich; auf Wangs Bitte begleitete ihn die Gelbe Glocke durch die
Straen. Als sie eine Stunde gegangen waren, kamen sie an einen niedrig
bewachsenen grnen Anger, der von einem seichten Bach durchrieselt wurde.
Stmmig und breit schritt Wang-lun aus; es hing sein Gelber Springer an
einem Strick um seinen Hals; er baumelte blank ber dem blauen,
kurzrmeligen Kittel; ein spitzer Strohhut bedeckte seine Stirn, die von
einer roten Narbe durchschrgt war; herrische Augen in einem tiefbraunen
Gesicht blinzelten gegen die Sonne. Die Gelbe Glocke machte mit langen
Beinen weite Schritte; er ging gebckt, grauer Kittel und graue Hosen, auf
Strohsandalen wie Wang; eingefallene Schlfen, tiefliegende Augen mit einem
schwarzen Strahl, flatternder Bart. Die Lerchen und Finken sangen ber
ihnen.

Wang zeigte mit dem Finger nach der Mauer, lchelnd: Nach Nan-ku kommen
wir heute nicht.

Sie streckten sich an dem Bchlein hin, schwiegen. Die Gelbe Glocke
murmelte: Ich werde nicht mehr viele solche Tage haben. Ich werde nicht
mehr lange im Kao-liang liegen. Vor Schn-ting habe ich mit Ma-noh gelegen;
im Lamakloster war eine schne Sonne. Die Salzsieder klopften an die Tr,
wir erschraken. Liang-li sa neben mir.

Du hast diese Schwester nie vergessen, Bruder Gelbe Glocke.

Der Offizier hob abwehrend den Arm: Wenn die Sonne scheint, denkt die
Gelbe Glocke an Liang-li aus Schn-ting; wenn sie nicht scheint, wundert er
sich, warum sie nicht scheint und warum er Liang vergessen hat.

Sie ist in der Mongolenstadt gestorben.

Wang, sie ist im Westlichen Paradies. Hinter den weien westlichen Wolken
erkenne ich manchmal ihr feines, kluges Gesicht.

Das Tuten, Klappern von den Husern herber. Ohne Unterla zwitscherten die
Vgel, die ganz hoch schwrzliche, regsame Klmpchen waren. Wang, liegend,
zog die Beine an, warf sich um auf den Leib, kroch hoch und beobachtete die
Vgelchen, wie sie fielen und stiegen, und den kleinen Bach. Er nahm seinen
Strohhut ab, zog seinen Kopf aus der Schlinge seines Schwertseils, dann
stach er das Schwert in den weichen Boden, stlpte den Hut ber den Knauf,
schwang die Arme und setzte die Beine, als wenn er Anlauf nehme:
Aufgepat, Bruder Gelbe Glocke, ich mache Sprnge.

Mit einem Satz stand er jenseits des Bchleins: Jetzt bin ich auf Nan-ku.
Ma-noh tut, was ich tun will. Es wird alles schlecht. Ich mu weiter
springen.

Er sauste neben sein Schwert; der Hut flog vom Luftzug herunter: Jetzt im
Hia-ho. Eine schne Zeit, Gelbe Glocke. Der Damm, der Hwang-ho, der
Jang-tse; eine Frau hatte ich. Das Wu-wei kommt zu mir gewandert, noch bin
ich nicht da, ich kann nicht so rasch folgen. Schlachte, mein gelbes
Schwert! Und jetzt --

Er hob sich im dritten Sprung ber das Wsserlein: Wo bin ich? Auf Nan-ku
wieder, bei dir, Gelbe Glocke. Der Wink war gut. Die Verbrecher waren gut.
Ich bin wieder zurckgekehrt aus dem Hia-ho, ich bin wieder zu Hause, in
Tschi-li. Komm zu mir herber, lieber, lieber Bruder: bringe meinen Gelben
Springer mit, denn hier mu gekmpft werden. Die Gelbe Glocke stand neben
ihm.

Sie umschlangen einander die Schultern, sahen in das rieselnde, flinkernde
Wsserlein: Der Nai-ho, lachte die Gelbe Glocke. Beide hielten sich
fester. Wang senkte den Kopf, seufzte leise: Der Nai-ho. Es kann anders
nicht kommen. Auch die Gelbe Glocke zitterte leicht: Ich hatte ein gutes
Schicksal gehofft fr uns. Die blumige Mitte mu ich ungern verlassen.

Am Abend dieses Tages der drei Sprnge lieen sich zwei Damen aus der Stadt
zu Wang fhren. Eine elegante, schlanke Dame betrat zuerst das stille
Jamen, in dem Wang auf der Matte sitzen blieb. Sie hob das Lid des linken
Auges selten; dann und wann erkannte man auf dem Augapfel groe, weie
Flecken. Eine rundliche, sehr schne Frau folgte, die sich weniger sicher
bewegte als jene elegante. Die erste Dame nannte sich Pei, die andere Jing.
Auf der Matte sich niedersetzend erwarteten sie Wangs Begrung. Die ltere
lie sich aber nicht aus der Ruhe bringen, als der Mann sie barsch nach
ihren Wnschen fragte. Sie kmen aus der Roten Stadt. Sie htten noch vor
der Belagerung flchten mssen. Sie bten den Bndlern ihre Dienste an. Die
Dame Pei erzhlte in Breite ihr Schicksal, endete mit der Erklrung, da
sie imstande sei, noch jetzt in die Rote Stadt einzudringen und die Hupter
der Mandschudynastie mit einem Zauber umzubringen. Wang war einiges von der
Angelegenheit dieser Zauberfrau zu Ohren gekommen. Eine kleine Zeit blieb
er stumm auf seinem Platz. Dann stieg er herunter, dankte den Damen, bat
sie, ihm ihre Adressen zu hinterlassen, schickte zwei Soldaten zu ihrem
Schutz mit. Wang kam an dem Abend nicht zur Ruhe unter dieser Sache. Erst
sandte er nach der Gelben Glocke; dann mute der Bote zurckgeholt werden.
Er wollte allein zu einem Beschlu kommen. Im Hof des Jamens trabte er
herum. Das war ein neues Zeichen. Unerwartetes Ende der Mandschus. Sollte
man zugreifen, mute man nicht? Noch nicht der Nai-ho! Aber der anfngliche
Widerwille kehrte zurck. Irgend etwas war unertrglich an dem Vorschlag.
Er war ekel, das Ganze war sinnlos, es kam von auen her, war kein Wink, es
strte nur den Verlauf. Was er mit der Gelben Glocke an dem kleinen Wasser
erlebt hatte, war endgltig und da sollte niemand eingreifen. Nicht morden.
Die Wege lagen alle eben da.

Und noch ehe die Nacht kam, schickte er vier Soldaten zu den Damen, die sie
unter Aufsicht eines Offiziers aus der Stadt geleiteten. Man drohte ihnen
Rutenhiebe an, wenn sie den Wahrhaft Schwachen wieder unter die Augen
trten.

Es ist beschlossen, vollendet, jauchzte Wang. Glcklich schlief er ein. Im
Traum stand er unter einer Sykomore, an deren Stamm er sich hielt. ber
seinen Kopf wuchs der Wipfel des Baumes in die grne Breite und Hhe, so
da er, als die schweren ste sich senkten, ganz eingehllt und versunken
im khlen Blattwerk war und niemand ihn mehr sehen konnte von den vielen
Menschen, die vorberspazierten und sich an dem unerschpflichen Wachstum
ergtzten.

                   *       *       *       *       *

Nachdem die gesamten Provinzialtruppen des Tsong-tous von Tschi-li
Chen-juen-li vor Tung-chong aufmarschiert waren, wurden die Bndler zum
Ausfall gereizt und besiegt. Chen-juen-li zog sich darauf zurck. Der
Tsong-tou von Schan-tung mit Bannertruppen unter Chao-hoei stellte sich den
flchtigen Bndlern am westlichen Damm des Kaiserkanals entgegen. Der
General des Tsong-tous kam in ein hitziges Gefecht mit den tollkhnen
Rebellen, welche ber den Kanal flohen, den weiteren Angriff in der Ebene
vor der Stadt Lint-sing, stlich des Kanals, erwarteten. Hier entspann sich
die groe Schlacht, in deren Verlauf der Rest der Bndler in die Stadt
getrieben wurde. Sie hatten sich vorsorglich der Mauern und Tore
versichert, so da nunmehr die regulren Truppen zu einer Belagerung
Lint-sings gezwungen waren.

Die Zahl der Bndler betrug nicht mehr als Ma-nohs, kaum fnfzehnhundert
Menschen, darunter viele Frauen. Wang-lun und die Gelbe Glocke hatten nur
leichte Sbelhiebe erlitten. Ngohs rechter Arm war bis auf die Schulter
zerschmettert. Der feine Mann hielt sich mhselig aufrecht, suchte sich fr
den Endkampf zu ben im Schwingen des Beils mit der linken Hand.

Unbeschreiblich innig hingen Brder und Schwestern zusammen. Die Freunde
von der Weien Wasserlilie schienen verschwunden; unter der Schwere der
letzten Ereignisse hatten sie sich aufsaugen lassen von den Wahrhaft
Schwachen. Die frommen Lieder von der Fahrt zum Westlichen Paradies
schallten ber die Mauern. Es wogte die freudige Stimmung.

Unter den Frauen befanden sich manche, die glaubten, die Entsetzen einer
Schlacht nicht noch einmal ertragen zu knnen. Diese waren es, die sich
feierlich auf dem Markte erhngten, am zweiten Tag der Belagerung.

Der Geist einiger Brder verwirrte sich, als sich erkennen lie, da die
Umzingelung der Stadt durch unermeliche Truppenmassen vollkommen war und
da es auf ihre Ausrottung ging. Sie tanzten nackt auf den Straen,
jauchzten mit markerschtternden Stimmen. Sie wten den wahren und guten
Weg und den tanzten sie. Geheimnisvoll schlichen sie sich ber die Pltze,
sanken mit geschlossenen Augen ber den Boden und rchelten im Delirium.
Manche von diesen Mnnern brachten sich Wunden an den Armen und Lippen bei
mit spitzen Steinen wie Fopriester; faten, mit weien Augpfeln wandelnd,
trumende Frauen bei den Hnden an, und unmittelbar an Entrckungen, in
Entrckungen erfolgte die Brunst der Umarmungen, die niemand verachtete.

Ein kleiner Teil der Eingeschlossenen sah schief, mitrauisch, gehssig auf
die andern, konnte sich nicht zur letzten Hingerissenheit entschlieen,
dachte irgendwie zu entweichen, die Bndler zu verraten. Dies waren die,
welche viel auf den Hfen weinten, alle Stunden auf die Mauern krochen,
gramvoll winselnd die Bewegungen der Kaiserlichen verfolgten. Dann horchten
sie wieder alle aus, stopften sich in das Gedrnge der Mrkte und qulten
sich ber ihre zuckenden Gesichter die festliche Ruhe der andern zu
spannen.

Hie und da vollendete sich in aller Raschheit ein Sonderschicksal. Ngoh
hatte das Wu-wei gesucht, um fr sich Frieden zu gewinnen. Es bedeutete ihm
Qual, als die Verfolgungen begannen, da er sich an der Fhrerschaft
beteiligen mute. Mit halbem Herzen ging er in die Schlachten und war
glcklich in der Betubung des Gewhls. Seine Abneigung gegen die Rote
Stadt verdichtete sich mit dem Ha auf die Mandschus, die ihm die Kmpfe
aufzwangen. Kaum einer aller Wahrhaft Schwachen hegte zuletzt einen so
unbndigen Ha auf den Kaiser als der ehemalige Hauptmann Ngoh. Allein
gelassen, von seinem Ha befreit, da der Untergang herannahte, sa er in
Lint-sing. Er hrte trbe die abgestandenen Lieder seiner Freunde, sah sie
in einer groen Entfernung von sich gehen. Die Erinnerung an den Kaiser, an
die Wanderung mit Ma-noh, an seinen geliebten Knaben wachte auf und alles
ohne Gefhl. Sein rechter Arm war zerschlagen; er bte den linken und
bemerkte heimlich, da es gleich war, ob er mit dem Beil gegen Holzpfosten,
gegen Kaiserliche oder gegen sich selbst schlge. Die Gesprche und
Gesellschaft der Brder suchend fand er nicht zurck. Er fragte sich, ob es
nicht eben so gut gewesen wre, seinen Knaben weiter zu lieben und neue zu
lieben, und fhlte sich so heftig in diese Vorstellung hinein, da er in
getrumter Zrtlichkeit zerflo, ja mit einer angstvollen Begierde sich
diesen beglckenden verschollenen Gestalten nherte, bittend ihm zu
verzeihen, weil er so lange ferngeblieben war, keine Parfms, kein Konfekt
brachte. Er dmmerte so ganze Tage herum. Die Gelbe Glocke fand ihn matt
und in hohem Fieber. Der Offizier ging in Erschtterung von dem Kranken;
diese Blicke tauchten schon in die letzte Dunkelheit ein. Als Ngoh in dem
leeren Zimmer, das man ihm eingerumt hatte, sterben sollte, tastete er
schon zwischen den Frsten und Farbenblitzen nach den feinen Knien und
Ohren seines Knaben, sperrte sich gegen das rieselnde Wu-wei mit
krampfenden Kiefern, suchte sich bald mit Skepsis, bald mit Ungeduld
zurecht zu finden, irrend, stammelnd, ganz still.

Das Heer, dezimiert, gnzlich erschpft, war verloren. Dieser Rest durfte
die letzten Tage Wang-luns miterleben. Von Nan-ku klang unter diesen
Bndlern kaum noch ein Gercht. Als Wang ihnen sagte, da er von einer
groen Wanderung zu ihnen zurckgekehrt sei, von Nan-ku ber das Hia-ho
nach Lint-sing, da wuten sie gut, wer er war und da es sich lohnte, fr
das Wu-wei gelebt zu haben und in das Westliche Paradies einzugehen.

In der ersten Stunde des Nachmittags, an dem sie in die Stadt getrieben
waren, zog Wang-lun, blutend am Hals, schweitriefend, zitternd die Gelbe
Glocke in den leeren Hof eines Hauses, umarmte ihn strmisch, stotterte
auer sich, mit leuchtenden Augen: Bruder, wir sind besiegt. Es ist zu
Ende. Bruder, die Tore sind zu. Wem soll ich danken?

Die Gelbe Glocke sthnte: Wir sind besiegt.

Glaubst du? Ich sterbe gern. Es bleibt dabei, was ich in Tung-chong sagte:
es kann anders nicht kommen. Der Nai-ho ist schlammschwarz. Aber ich bin
bei euch, bei euch allen, hier ist das Einzige, was ich in meinem Leben
geliebt habe: Nan-ku. Ich komme wieder zu euch. Die Tore sind zu. Wir
drfen beten; wir drfen uns freuen. Wir sind alle auf einmal frei.

In den nchsten Tagen ffnete sich Wang ganz. ber die Pltze und Straen
stieg er ununterbrochen. Er suchte jeden einzelnen der Bndler kennen zu
lernen, lie sich Schicksale erzhlen. Er weinte mit ihnen ber die toten
Freunde, denen man ein gemeinsames Brandopfer auf dem Markt brachte,
entschuldigte die Kaiserlichen, gegen die man hatte kmpfen mssen. Die
Zeit, wo alle den reinen Weg gingen, sei noch nicht da. Nur durch die
Ergebung und Sanftmut knnte man die Furchtbarkeiten des Lebens, die
Eisenhiebe des Leidens verwinden.

Bei den Andachten auf dem Markte kletterte der barfige Barhuptige auf
die queren Planken einer Verkaufsbude. Er erzhlte von seiner Wanderung
nach dem Hia-ho, und wie sie ihm nicht genutzt htte, von den tausenden
glckseligen Brdern und Schwestern, die Ma-noh nach dem Kun-lungebirge
gefhrt htte. Er nannte viele bei Namen, beschrieb sie. Andere Male, und
dies geschah mit groer Eindringlichkeit, lobte er das Schicksal. Die Worte
von Nan-ku fand er wieder; wie klein die Menschen wren, wie rasch alles
verginge und wie wenig der Lrm ntze. Die Kaiserlichen und Mandschus
knnten siegen; was wrde es ihnen helfen? Wer im Fieber lebt, erobert
Lnder und verliert sie; es ist ein Durcheinander, weiter nichts. Die Wlfe
und Tiger sind schlechte Tiere; wer sich diese zum Vorbild nehme, fresse
und werde gefressen. Die Menschen mten denken wie der Boden denkt, das
Wasser denkt, die Wlder denken: ohne Aufsehen, langsam, still; alle
Vernderungen und Einflsse nhmen sie hin, wandeln sich nach ihnen. Sie,
die wahrhaft schwach gegen das gute Schicksal waren, seien gezwungen worden
zu kmpfen. Die reine Lehre drfte nicht ausgerottet werden, gelscht wie
eine schlechte Tusche. Nun sei alles Kmpfen fr sie vorbei, sollte vorbei
sein; Beile, Schwerter, Sensen brauchten sie nur noch einmal zu nehmen. Das
Wu-wei sei eingegraben in die Geister der hundert Familien. Es wrde sich
nach ihnen ausbreiten in heimlicher, wunderstrotzender Weise, whrend sie
auf den weien Wolken des Westlichen Paradieses spazierten und bis an die
Lenden in dem schnen Ambraduft versnken. Von Leichnamen seien sie
umgeben; Schatten und Skelette griffen sie an, der strkste Zauber knne
diese Bsen nicht bezwingen. Nur das Wu-wei vermchte es; das trenne Leben
von Tod mit so einfachem Griff. Das wuten schon die grauen Alten, von
denen man spricht. Schwach sein, ertragen, sich fgen hiee der reine Weg.
In die Schlge des Schicksals sich finden hiee der reine Weg. Angeschmiegt
an die Ereignisse, Wasser an Wasser, angeschmiegt an die Flsse, das Land,
die Luft, immer Bruder und Schwester, Liebe hiee der reine Weg.

Er pltscherte von dem Traum, der ihm Nacht um Nacht erschiene: er stnde
an dem Stamm; erst sei es wie eine Sykomore. Allmhlich finge der Baum an,
so schlank und gleichzeitig so zottig um ihn zu wuchern, ihn wie eine
Trauerweide schwelgerisch zu berhngen, wie ein grner Sarg zu
umschlieen. Manchmal beim Aufwachen nehme sein Kopf den Traum mit und dann
kme ihm vor, da sich der dnne Baumstamm nach Art eines saftigen
Schmarotzers um seine Beine, seinen Leib und Arme gestengelt habe, so da
er sie nicht herausziehen konnte aus dem wsserigen Mark und ganz
aufgesogen wurde von der reichen Pflanze, an deren Anblick sich alle
beglckten.

Ekstasen schumten und klatschten auf diese Reden Wangs. Oft kam es vor,
da sich Haufen zusammentaten, an den Toren versammelten und umnebelt
hinausziehen wollten, um die Feinde zu belehren und ihnen zuzureden. Man
drngte in Wang, in die Gelbe Glocke, man wolle Feste feiern. Und eines
Tages fltete der Jubel eines Festes durch die Stadt, bei dem man das
holzgeschnitzte Bild einer Gttin, der kniglichen Mutter des Westlichen
Paradieses, aus einem prchtigen Tempel holte, auf einen freien Platz
auerhalb der Huser trug, vor ihr rucherte, sprang. Brder schritten hier
mit bloen Sohlen ber ein Feld glhender Kohlen, die man vor die Bildsule
der Gttin geworfen hatte, lachend und triumphierend zu der kniglichen
Mutter hin. Die Brder und Schwestern lieen nicht ab, Wang zu bitten, zu
ihr Geister zu schicken, die sich vor sie hinwerfen sollten und sie
lobpreisen fr alle, die das heilige Wu-wei verehrten. Sie warfen Stbe und
losten. Fnf mal fnf Mnner und Frauen schleppten Balken und lose Bretter
ber das Kohlenfeld. Und als das Holz in ganzer Breite loderte, rasselten
sie unter den frenetischen Rufen der Menge hintereinander, bereinander,
glucksend, belfernd in die blhenden Flammen vor dem sanften Bild, wie
Kcken unter die Flgel der Henne.

Chao-hoei fhrte den Oberbefehl ber eine beinah zehnfach dem Feind
berlegene Truppe. Man erwartete tglich das Eintreffen jener
mandschurischen Bogenschtzen, deren Verwendung der Kaiser angeordnet
hatte. Ein junger Offizier stand bei der Bannermannschaft des Generals:
Lao-s, Chaos und Hai-tangs Sohn. Wie Hai-tang erst Chao-hoei aus dem Hause
gedrngt hatte, um die zarte Tochter zu rchen, so bald danach den
eleganten Flaneur, der sich nach dem Tode seiner Schwester rasch
vernderte. Er htte des Wunsches seiner Mutter kaum mehr bedurft.

Lint-sing gliederte sich in Altstadt und Neustadt. Nur die Neustadt war
stark ummauert und von einem besonderen Erdwall umgeben; die Mauer der
Altstadt war nicht ganz gediehen, von ihren Wachtrmen nur zwei
gebrauchsfertig. Yin-tsi-tu, ein Hauptmann von Chaos Banner, nahm, noch
bevor die Bogenschtzen eintrafen, zweihundert Mann, fiel in das Osttor der
Neustadt, erstrmte die kaum verteidigte Mauer, machte die schlecht
bewaffneten Rebellen nieder. Bei diesem Handstreich kamen nur vierzig
Kaiserliche um, whrend man zweihundertdreiig tote Brder und Stdter
zhlte.

Tags drauf glhte eine rote Sonne. Als sie erlosch, gab Wang in der
Altstadt allen, die Waffen besaen, Auftrag, sich zu rsten und die
schlecht verschliebaren Huser zu verlassen. Sie sollten sich in mglichst
groen Husern auf den engsten Straen aufhalten. Kleine Trupps von
Bogenschtzen und Steinwerfern htten sich auf den Mauern an bestimmten
Punkten aufzustellen, sobald die Nacht anbrche. Die militrischen
Anordnungen fhrte die Gelbe Glocke mit kalter Routine durch; seine Ruhe
nahm dem Augenblick alles Unheimliche.

Wie es finster geworden war, kam jemand vor das Haus, das Wang bewohnte,
gab, als man auf das Klopfen das Tor ffnete, eine Vase ab und sagte, man
solle sie nicht ffnen. Der Mann, der das Tor geschlossen hatte, stand noch
zweifelnd da und wollte fragen, da war der Bote verschwunden. Der Mann
verriegelte unsicher das Tor, trug die verschlossene Porzellanvase, die
nicht schwer wog, auf das Zimmer Wangs, stellte sie auf die Matte. Kurz
darauf langte die Gelbe Glocke vor dem Haus an, um Wang zu sprechen. Er
ging auf das Zimmer und sah Wang bei der llampe am Tisch sitzen, den
Rcken nach der Tre gewandt; er schien zu lesen. Da rief der Pfrtner vom
Hofe, die Gelbe Glocke solle nach oben gehen; Wang-lun se im ersten Stock
bei den Brdern und frage nach ihm. Erschreckt stolperte die Gelbe Glocke
die Treppe hinauf; aus dem Zimmer oben tnte lautes Sprechen und Rumoren;
Wang verteilte den Mnnern Spiee und kurze Dolche. Die Gelbe Glocke rief
Wang an, der auf den entsetzten Blick des Offiziers die Dolche fallen lie,
mit ihm die Treppe hinunterstrzte, leise an die Tre trat. Die Erscheinung
las noch am Tisch, Wang rief sie an, sie drehte sich um, sah Wang, der sich
an den Hals fate, mit seinen eigenen Blicken an, bewegte sich nach der
Matte, verschwand. Die beiden gingen zgernd nher. Die Vase stand da,
verschlossen. Die Gelbe Glocke hielt Wang, der schwankte, bei den
Schultern. Weit du, Gelbe Glocke, was das war?

Die Gelbe Glocke schwieg und schlo die Augen. Wang schlotterte:

Das heit, da ich morgen sterben mu.

Hastig und verstrt gab Wang dem Pfrtner Auftrag, die Vase vorsichtig
hinauszutragen. Nach einem kurzen Vorsichhinstarren stieg er mit der Gelben
Glocke hinauf.

Die Berennung der Tore begann kurz vor Sonnenaufgang von der Neustadt her.
Der tapfere riesenstarke Yin-tsi-tu war der erste, der durch das gebrochene
Tor in die Stadt strmte; er suchte Wang-lun, den er mit eigener Hand
erwrgen wollte. Dicht hinter ihm rannte Lao-s mit einem roten
Helmbuschel, ohne Schild, in jeder Faust ein langes doppelschneidiges
Messer. Die Sprengung der sdlichen Tore durch die Provinzialtruppen, denen
sich die Bogenschtzen angeschlossen hatten, erfolgte nicht viel spter,
weil im Augenblick, wo Yin-tsi-tu vom Osttor in die Stadt drang, alle
Verteidiger sich von der Mauer in die Straen und Huser zurckzogen. Auf
der sdlichen Mauer stand eine gueiserne Kanone, welche die Angreifer mit
dem Blut einer Jungfrau, die sie in der Nacht vor dem Sturm abgestochen
hatten, fllten und in die Stadt schossen, um die Luft von den Geistern der
gefallenen Rebellen zu reinigen. Weiber strzten den Soldaten mit
grauenhaftem Jubel und Gekreisch aus den Gassen entgegen; sie versperrten
die Zugnge der besetzten Straen; dickes besessenes Menschenfleisch, das
man wegrumen mute. Von der Peripherie der Stadt ritten die Flammen der
brennenden Huser an.

Der tobende Straenkampf begann. Die Brder lieen sich nicht in den
Husern halten, ein Haus nach dem andern machte Ausflle. Die Stadt bebte
Mord. Die Straen fllten sich mit wrgenden Soldaten. Immer neue drngten
von den Mauern her, fletschten die Zhne und waren nicht zu bndigen. Aus
der Mitte der Stadt schwoll zwischen dem tobenden Gebrll, den langen
spitzen Schreien das heisere Grhlen und Jauchzen der Rebellen, erstickt,
wieder aufbrausend.

In einer mit Weiberleichen bepflanzten Strae, die auf den Markt fhrte,
sahen Brder, wie sie die Tore ihres Hauses zum Ausfall ffneten, Wang-lun
in groen Stzen vom Markt herlaufen, barhuptig, sein Schwert ber die
linke Schulter geschwungen. Er rannte an ihnen vorbei, sein
schweibergossenes Gesicht eingesunken und unkenntlich; seine Augen leer,
Yin-tsi-tu und Lao-s hinter ihm an der Spitze von Bogenschtzen und
Lanzentrgern. Die Brder hielten den Ansturm der Soldaten aus. Wang
verschwand in ein groes leeres Haus am Ende der Strae. Eine kleine Schar
Bndler mit Dolchen lief die Huser entlang, strzte sich auf die
Bogenschtzen vor dem letzten Torweg. Yin-tsi-tu hob, von Lao-s gedeckt,
sthnend die Torflgel aus. Wang keuchte an der Hofmauer. Yin-tsi-tu
parierte mit seinem Schwert den Schlag Wangs; sie rangen; der Hauptmann
entwand dem Rebellenfhrer den Gelben Springer. Einem Dutzend Bndler
gelang es, in den Hof einzudringen. Sie stieen Lao-s mit ihren Messern
nieder, befreiten Wang und krochen mit ihm zusammen in das obere Stockwerk
des Hauses. Hier stapelten Bretter von Kampferholz; sie verbarrikadierten
die Treppen mit dem umgeworfenen Stapel, mit Schrnken und Tischen. Whrend
die Bogenschtzen von Kirin Pfeil auf Pfeil in die Fenster jagten, legten
sie oben Feuer an und verbrannten, ehe nur ein einziger Soldat die Treppe
erstiegen hatte.

Yin-tsi-tu toste die Strae herunter nach Rebellen; den Gelben Springer
schleuderte er um sich; an zwanzig Schwestern und Brder erschlug er.

Im sdlichen Stadtteil hielt die Gelbe Glocke am lngsten sein Haus. Als es
von brennenden Pfeilen angezndet war, stieg er mit seinen vierzig Mann auf
die Strae. Er focht mit grter Vorsicht gegen die kaiserlichen
Bannersleute, die zurckwichen, als sie den in den Kasernen verehrten
Offizier erkannten. Die ganze Stadt wand sich schon in den Hnden der
siegheulenden Regulren, da kmpfte er noch, mit einem hohen Schild sich
deckend, hinter der vorderen Hofmauer. Eine Lanze in den Hals klafterte ihn
um; seine letzten Leute wurden durch Beilwrfe gefllt. Die hundert Mnner
und Frauen, die unter Singen waffenlos auf den Markt gezogen waren, um sich
niedermetzeln zu lassen, wurden umstellt, gebunden, zu Paaren in das Lager
vor der brennenden Stadt geschleppt.

                   *       *       *       *       *

Die abschlieenden Regierungsmanahmen in dieser Angelegenheit dauerten
einen Monat. In dieser Zeit wurden die Gefangenen nach Pe-king
transportiert; Khien-lung hrte sie grtenteils persnlich aus, um
Begnstigungen der Behrden, Saumseligkeit der Verfolgung zu ermitteln.
Dann wurden die Brder und Schwestern vor Pe-king im Angesicht eines groen
Volkes abgeurteilt nach den Bestimmungen des Ketzereigesetzes. Ihre
Familien und die der bekannten Rebellen verbannte man nach dem Ili und der
Mongolei; es waren etwa zweitausend Menschen. Das Dorf Hun-kang-tsun wurde
vllig eingeschert; die Leichname der Eltern Wangs ausgegraben,
zerstckelt; smtliche Einwohner des Dorfes vertrieben, ihr geringes
bewegliches Besitztum konfisziert. Die Leichen der Rebellen verwesten auf
den Straen Lint-sings, vergifteten die Luft, so da die wenigen Insassen
der Stadt sich an den Prfekten wandten. Ein Dekret Khien-lungs ordnete
dann an, da die Kadaver gesammelt und vor die Mauern nchst dem Kanal
geschafft wrden. Man schaufelte zwei breite flache Grber fr die Mnner
und Frauen am Fludamm, an einer Stelle, wo bse Geister sich versammeln.
Hier hinein stlpte man die Karren mit den Kadavern, warf den Abraum der
verbrannten Huser und Balken hinzu. Vom Kanal sahen die beiden langen
gewlbten Grber und Schutthgel aus wie die Buckel zweier riesiger
Maulwrfe, die sich aus der Erde aufwhlen.

Khien-lung sonnte sich. Dem Hohen Rat gab er bekannt, da er Kia-king,
seinen Sohn, der ihn mit seinen Ahnen vershnt hatte, zu seinem Nachfolger
ernenne. Die Offiziere, Generle, hohen Beamten, Ratgeber, die sich an der
Niederwerfung der Rebellion beteiligt hatten, erhielten Ehrentitel,
Lndereien. Mit fester Hand schrieb Khien-lung am Tage des Dankfestes in
der hinteren Halle des Kung-fu-tsetempels an: 'wenn Kung-fu-tse hier wre,
er wrde nicht grndlicher vorgegangen sein als ich.'

Als noch die Leichen der Rebellen auf den stillen Straen, in den Husern
Lint-sings faulten, der verkohlte Leib Wang-luns, welcher als Fischerssohn
geboren, als Verbrecher gelebt, das Wu-wei gestiftet hatte fr die
Unglcklichen der achtzehn Provinzen und dafr unter das Ketzereigesetz
gefallen war, der durchlcherte Krper der Gelben Glocke, der der feinste
und weichste der Brder war und in tiefer Seelenruhe seinen Speer empfing,
gegen eine weie schne Wolke zrtlich aufwallend, Ngoh, der schwchste von
allen, von seinem Elend langsam zermahlen, die zahllosen Brder und
Schwestern, die unter dem Frieden des Wu-wei geblht hatten, fuhr auf einem
groen Trauerschiff Hai-tang, umgeben von ihren Frauen, nach ihrer
sdlichen Heimat die Kste entlang.

Chao-hoei, den gebrochenen Sieger, hielt Khien-lung am Hofe fest. Hai-tang
wollte allein fahren; sie sagte zu Chao-hoei, als er sein Haus in
Schan-hai-kwang verkauft hatte, er solle sich eine Nebenfrau nehmen, damit
er von ihr einen Sohn bekomme.

Der sanfte Herbst kam. Das Schiff glitt die sdliche Kste entlang. Aus den
Stdten schrillte Musik; die Ernteprozessionen auf den Feldern bllerten;
die Dschunken flitzten spielerisch ber das dunkle Wasser. Totenstille auf
dem schweren breiten Schiff der Hai-tang. Sie segelte nicht gleich in ihre
Heimat, das Schiff landete vor der Insel Pu-to-schan. Hai-tang wollte gehen
vor die gnadenreiche Kuan-yin, das Gebet der frmmsten Mnche fr sich
erwirken.

Besonnte Zacken der Granitberge. Trumerische Landschaften eingesenkt.
Schlanksulige Fcherpalmen mit hellen Stimmen. Kamelien hunderttausend.
Hauchende Teiche, schwimmende Lotos. Zwischen Hecken, hinter steinigen
Wegen Tempel am Fue des Hanges. Starrgespannter Himmel.

Von zwei Frauen gesttzt, knisterte Hai-tang hinauf, in faltenreichen
grauen Gewndern, grauer Schleier vor dem Gesicht. Sie gingen durch die
Eingangshalle, ber die mchtige Terrasse und Plattform vor der
Gebetshalle. Hai-tangs Augen erduldeten an der steilen Brstung der
Terrasse die Reliefs, welche die kindliche Liebe verherrlichten. Vor dem
Altartisch qualmte im geschnitzten Holzgehuse die ewige Lampe. Vorhnge,
Flickteppiche, Standarten, Pauken, Weihrauch.

Riesengro hinter allen Kuan-yin. Sie sa an der Wand in einem weien
Kleide da, die linke Hand fein angehoben; ihr Gesicht war golden; eine
Krone von fnf Lotosblttern trug sie; ein Diadem fate ihren blauen
Haarknoten zusammen. Mit schlanken Hften, starken Beinen sa sie, den Kopf
leicht zurcklehnend, auf Marmorsockel; violetter Brustlatz, weies
Seidentuch flo ber ihre engen Schultern. Die Lider unter den schwarzen
Augenbrauen hielt sie gesenkt; aber die gelblichen Wimpern, die schmal
geffneten Lippen schienen leicht zu zittern. So milde schwieg sie; so
versunken hrte sie und gab sie. Tafeln und Banner priesen: Kuan-yin, die
groe Freundin. Ihr gnadenreiches Boot trgt alle hinber. Die Gnade ist
gro wie die Wogen der See. Fr alles Volk ist sie erstanden. Ein
mtterliches Herz. Ihr goldener Krper wird nicht vergehen.

Die Mnche in braunen Mnteln vor ihr rieben die Stirnen am Boden; Murmeln,
Klingeln, dumpfes Liturgieren. Hai-tang knllte ihren Schleier, sie atmete
strmisch und lchelte, ber die Mnche wegsehend.

Es war spter Abend. Die Insel verschwand im Finstern. Mit Laternen zogen
hundert Mnche aus ihren Zellen und Kapellen ber die steinigen Wege.
Hai-tang hatte eine ungeheure Summe gespendet, damit die Geweihten bei der
Gttin fr sie beteten. Sie sa an einer Biegung des Weges unter einem
Granitblock. Der Zug murmelte an ihr vorber, die Arme verschrnkt, Kutte
nach Kutte. Sie zhlte die Mnche, kam nicht zu Ende. Stolz, triumphierend
berblickte sie diese grenzenlose Menge: es mute ihr gelingen, die Gttin
zu berwltigen. Ruhe, Ruhe wollte sie; Wang-lun nahm ihr ihre beiden
Kinder; die Rache war nicht geglckt; und wenn sie geglckt war, so gab sie
keine Hilfe. Ruhe fr sich, Frieden fr die toten jungen Kinder, endlose,
immer erneute Folter ber Wang-lun! In ihr wurde es still, als die Fackeln
unter Singsang in den Tempel verschwanden. Sie schlrfte die warme Luft;
jetzt sollte sich die Gttin wehren, jetzt drangen die Mnche auf sie ein,
rangen mit ihr -- fr sie. Die Dienerinnen erhoben sich. Hai-tang ging auf
das Schiff fr die Nacht.

Am folgenden Abend sa sie wieder unter dem Granitblock. Die Fackeln
schwankten an ihr vorbei. Sie drohte im Finstern mit siegesheiem,
haverzehrtem Gesicht nach dem schwarzen Tempel. Sie schttelte ber die
Kpfe der Mnche ihre Arme.

Am dritten Abend schickte sie die Dienerinnen fort. Das Gemurmel des Zuges
erfllte die Wege. Hai-tang starrte in das blendende Fackellicht. Sie fiel
nieder, schrie, zerri ihre Brust. Die Gttin war strker; die Mnche
vermochten nichts. Sie konnten beten und beten und beten. Wer hatte die
Kraft, wer rettete sie?

Da war ihr, als ob die Mnche schon wieder zurckkehrten. Es rauschte. Ein
Licht flo ber den Boden. In dem Schein des eben vortretenden Mondes
schritt schmalhftig Kuan-yin, die Perlmutterweie, an ihr vorbei. Das
Diadem auf dem geringelten Haar blitzte grasgrn bei der Drehung des
schrggelegten Kopfes. Sie lchelte, sah Hai-tang an, sagte: Hai-tang, la
deine Brust. Deine Kinder schlafen bei mir. Stille sein, nicht
widerstreben, oh, nicht widerstreben.

Hai-tang blickte weiter in den grnschleppenden Mondschein. Sie setzte sich
auf, schob die Schaufeln ihrer Hnde ber das kalte Gesicht: Stille sein,
nicht widerstreben, kann ich es denn?

_Ende_

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden, zum Teil unter Hinzuziehung spterer
Ausgaben, korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [p. 26]:
   ... Hinter zwei Hckerfrauen, die zusammen einen Korb trugen, ...
   ... Hinter zwei Hkerfrauen, die zusammen einen Korb trugen, ...

   [p. 79]:
   ... erstenmal des Gerusch des Flusses und der strzenden Schneemassen ...
   ... erstenmal das Gerusch des Flusses und der strzenden Schneemassen ...

   [p. 80]:
   ... geheimtuerischen Wesens benutzen. ...
   ... geheimtuerischen Wesens benutzten. ...

   [p. 149]:
   ... Ring wird sich zusammenschlieen. Die Zeit des Maytreya ...
   ... Ring wird sich zusammenschlieen. Die Zeit des Maitreya ...

   [p. 152]:
   ... Wasser, Bodenschwingung zu bestimmen, aus den Werfen der ...
   ... Wasser, Bodenschwingung zu bestimmen, aus dem Werfen der ...

   [p. 154]:
   ... ihr Gemurmel: Omito-fo, omito-fo! ...
   ... ihr Gemurmel: Omito-fo, Omito-fo! ...

   [p. 200]:
   ... die Hfe und Festigkeit der Ziegelmauern bewunderten, ...
   ... die Hhe und Festigkeit der Ziegelmauern bewunderten, ...

   [p. 242]:
   ... Ein wildes Getmmel herrschte um abgezumte Rume auf ...
   ... Ein wildes Getmmel herrschte um abgezunte Rume auf ...

   [p. 247]:
   ... den Enblemen ihre verschlissenen Kittel und gingen barfu. ...
   ... den Emblemen ihre verschlissenen Kittel und gingen barfu. ...

   [p. 300]:
   ... Roten Stadt begleiteten durfte. Der Kaiser bersprudelte von ...
   ... Roten Stadt begleiten durfte. Der Kaiser bersprudelte von ...

   [p. 316]:
   ... In diese Gleichmgkeiit wuchs Jische hinein, ohne Erregung ...
   ... In diese Gleichmigkeit wuchs Jische hinein, ohne Erregung ...

   [p. 318]:
   ... an den drei Ecken sttzten die gelbweien Schale kleine steinerne ...
   ... an den drei Ecken sttzten die gelbweie Schale kleine steinerne ...

   [p. 321]:
   ... von den Gngen die Blten weg; wehmtig verfolgte Paladan ...
   ... von den Gngen die Blten weg; wehmtig verfolgte Paldan ...

   [p. 328]:
   ... in dem atemlosen, sulenumstellten Raum; ein goldener Gott ...
   ... in den atemlosen, sulenumstellten Raum; ein goldener Gott ...

   [p. 343]:
   ... hheren Weihen empfing und in die Versammlug der Mandarinenten ...
   ... hheren Weihen empfing und in die Versammlung der Mandarinenten ...

   [p. 390]:
   ... Lampen, Dochte, Federblumen, Seidentcher, Tabekasdosen, ...
   ... Lampen, Dochte, Federblumen, Seidentcher, Tabaksdosen, ...

   [p. 397]:
   ... stellte Wang die vier als seine Landsleute aus Schantung ...
   ... stellte Wang die vier als seine Landsleute aus Schan-tung ...

   [p. 406]:
   ... in Ho-kien eintritt und im Sippenhaus einer befreundeten Familie ...
   ... in Ho-kien einritt und im Sippenhaus einer befreundeten Familie ...

   [p. 407]:
   ... kleines lndliches Besitztum bei der Stadt Lin-tsing verbrannt ...
   ... kleines lndliches Besitztum bei der Stadt Lint-sing verbrannt ...

   [p. 430]:
   ... Ngoh, und da kann ich nicht mit anschauen und darum bin ...
   ... Ngoh, und das kann ich nicht mit anschauen und darum bin ...

   [p. 431]:
   ... Peking loszugehen, nachdem man sich mit den abtrnnigen ...
   ... Pe-king loszugehen, nachdem man sich mit den abtrnnigen ...

   [p. 444]:
   ... Besetzung Pekings ausgetauscht waren, gaben sie ihre Spaziergnge ...
   ... Besetzung Pe-kings ausgetauscht waren, gaben sie ihre Spaziergnge ...

   [p. 444]:
   ... der Soldaten. Die bunten Schwrme hasteteten aufgelst ber ...
   ... der Soldaten. Die bunten Schwrme hasteten aufgelst ber ...

   [p. 445]:
   ... Pekings von den siegreichen Truppen Wang-luns erstrmt ...
   ... Pe-kings von den siegreichen Truppen Wang-luns erstrmt ...

   [p. 448]:
   ... Jagd mu uns ein Bild des Krieges geben. Er las weiter; ...
   ... Jagd mu uns ein Bild des Krieges geben.' Er las weiter; ...

   [p. 463]:
   ... Nordschantungs, htten sich zusammen getan, um sich durchzuschlagen ...
   ... Nordschan-tungs, htten sich zusammen getan, um sich durchzuschlagen ...

   [p. 465]:
   ... dort das Mer lag, an das ihn die Rebellen gedrngt hatten, ...
   ... dort das Meer lag, an das ihn die Rebellen gedrngt hatten, ...

   [p. 476]:
   ... abendliche Stadt blitzte. Cha-hoei folgte getrennt vom Brautzug ...
   ... abendliche Stadt blitzte. Chao-hoei folgte getrennt vom Brautzug ...

   [p. 478]:
   ... Chao-hoei kehlte heier im Winkel nach der Snfte seiner ...
   ... Chao-hoei kehlte heiser im Winkel nach der Snfte seiner ...

   [p. 484]:
   ... Zug der schwankenden Deliquenten voranritten, durch die ...
   ... Zug der schwankenden Delinquenten voranritten, durch die ...






End of Project Gutenberg's Die drei Sprnge des Wang-lun, by Alfred Dblin

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DREI SPRNGE DES WANG-LUN ***

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